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Inhalt:

Jahrbücher

des

Vereins für meklenburgische Geschichte
und Alterthumskunde,

aus

den Arbeiten des Vereins

herausgegeben

von

G. C. F. Lisch,

Großherzoglich meklenburgischem Archivar und Regierungs=Bibliothekar, Aufseher der großherzoglichen Alterthümer= und Münzensammlung zu Schwerin,
auch
Ehrenmitgliede der geschichts= und alterthumsforschenden Gesellschaften zu Stettin, Halle Kiel, Salzwedel, Voigtland, Leipzig, Sinsheim, Berlin, Kopenhagen, Hamburg, Breslau, Würzburg, Riga, Leiden, Regensburg, Meiningen, Lübeck, Cassel, Christiania, Reval, Königsberg und Dresden
als
erstem Secretair des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde.


Funfzehnter Jahrgang.


Mit sechs Holzschnitten.


Mit angehängtem Jahresberichte.

Auf Kosten des Vereins.

Vignette

In Commission in der Stillerschen Hofbuchhandlung zu Rostock und Schwerin.


Schwerin, 1850.

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---------------------------------------   
Gedruckt in der Hofbuchdruckerei in Schwerin   

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Inhaltsanzeige.


A. Jahrbücher für Geschichte.

Seite
I. Geschichte der Besitzungen auswärtiger Klöster in Meklenburg, vom Archivar Dr. Lisch.
Geschichte der Besitzungen des Klosters Arendsee: 1
1) des Dorfes Wargentin bei Basedow 1
2) des Dorfes Rögelin 15
II. Zur Genealogie der Grafen von Schwerin und über den Verkauf der Grafschaft Schwerin:
1) Beiträge vom Archivar Dr. Lisch 23
2) Beiträge von E. F. Mooyer zu Minden 36
3) Beiträge vom Pastor Masch zu Demern 38
III. Ueber die Gefangennehmung des Fürsten Albrecht von Meklenburg durch den Grafen Günther von Schwarzburg im J. 1341, vom Archivar Dr. Lisch 43
Nachtrag S. 173, Nr. 16.
IV. Beiträge zur Geschichte der Vitalienbrüder und der Landstädte am Ende des 14. Jahrh. von demselben 51
Beilagen:
1) Die Preen auf Davermoor 63
Nachtrag S. 181, Nr. 10.
2) Die Gamm auf Bülow 66
V. Ueber das Dorf Zweendorf oder Wozezekendorf, Albertsdorf, Abtsdorf und Woabstorf, von demselben 70
VI. Ueber wendisches Recht im Mittelalter, von demselben 74
VII. Ueber die rechtliche Stellung der Bauern im Mittelalter, von demselben 76
Nachtrag S. 173, Nr. 5.
VIII. Autobiographie und Testament der Herzogin Sophie von Lübz, von demselben 79
IX. Ueber das Compositionen=System und das Strafrechtsverfahren in Meklenburg im 16. und 17. Jahrh., vom Archiv=Registrator Glöckler zu Schwerin 99
X. Zur Geschichte des Klosters und der Kirche zu Tempzin, vom Archivar Dr. Lisch 150
und der Filial=Präceptoreien:
1) Mohrkirchen in Schleswig 157
2) Frauenburg in Ermeland 157
3) Lennewarden in Livland 158
XI. Zur Geschichte des Schlosses zu Schwerin und dessen Bauperioden, von demselben 159
XII. Miscellen und Nachträge:
1) Ueber die Inschrift von Althof, vom Direktor und Professor Dr. Wiggert zu Magdeburg 166
2) Zur Geschichte des Bisthums Schwerin, über den Bischof Albrecht von Sternberg und den Dompropst Heinrich Gherwe, von demselben 168
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3) Ueber das Patriciat in den meklenburgischen Landstädten, vom Archivar Dr. Lisch 170
4) Zur Geschichte der Deutsch=Ordens=Comthurei und des Patriciats zu Wismar 171
5) Ueber die rechtliche Stellung der Bauern im Mittelalter, vom Archivar Dr. Lisch 173
6) Ueber das Schloß Ranis, von denselben 173
7) Ueber die Insel Lieps in der Ostsee 174
8) Ueber Geldbußen im 15. Jahrhundert, vom Archivar Dr. Lisch 175
9) Ueber die Herzöge Johann Albrecht, Ulrich und Christoph im Verhältnisse zu Leonhardt Thurneisser, vom Bibiothekar Dr. Friedländer zu Berlin 178
10) Ueber die Burg Davermoor, vom Archivar Dr. Lisch 181
XIII. Urkunden=Sammlung, vom Archivar Dr. Lisch 183
A. Urkunden zur Geschichte des Klosters Arendsee 185
B. Urkunden zur Geschichte der Grafen von Schwerin 200
C. Urkunden zur Geschichte der Präceptorei Temzin 208
D. Vermischte Urkunden 234

B. Jahrbücher für Alterthumskunde.

Seite
I. Zur Alterthumskunde im engern Sinne. 261
1) Vorchristliche Zeit. 261
a. Im Allgemeinen 261
b. Zeit der Hühnengräber 263
c. Zeit der Kegelgräber 265
Mit 2 Holzschnitten.  
d. Zeit der Wendengräber 273
e. Alterthümer gleich gebildeter europäischer Völker 275
α. der Deutschen 275
β. der Römer 276
2) Neuere Zeit 278
II. Zur Ortskunde. 281
III. Zur Baukunde. 283
1) Mittelalter 283
a. Kirchliche Bauwerke 283
Ueber die Kirche und das Kloster zu Rehna, vom Archivar Dr. Lisch 287
b. Weltliche Bauwerke 316
Ueber die meklenburgischen Ziegelbauten, vom Archivar Dr. Lisch 316
Ueber das Mauerwerk des Mittelalters, von demselben 324
IV. Zur Münzkunde 334
Ueber den Münzfund von Rüst und die Wittenpfennige des 14. Jahrh., vom Pastor Masch zu Demern 335
V. Zur Wappenkunde 355
Ueber das alte Siegel der Stadt Stavenhagen, vom Archivar Dr. Lisch 355
Mit 1 Holzschnitt.  
VI. Zur Rechtskunde 357
Ueber die eiserne Jungfer, von demselben 357
Mit 3 Holzschnitten.  
VII. Zur Naturkunde 362

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Inhalt:

A.

Jahrbücher

für

Geschichte.


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I.

Geschichte
der

Besitzungen auswärtiger Klöster

in Meklenburg,

von

G. C. F. Lisch.


Geschichte

der

Besitzungen des Klosters Arendsee.

1. Das Dorf Wargentin.

D as ganze Mittelalter hindurch hatte die Cistercienser=Abtei Doberan einen bedeutenden Einfluß auf die Cultivirung des Landes. Das Kloster Amelungsborn hatte diese Abtei gegründet, übte fortwährend die Oberaufsicht und Visitation aus und stand dadurch in der engsten Verbindung mit Meklenburg; daher hatten die Landesherren dieses Kloster, aus welchem auch der Obotriten=Apostel Berno hervorgegangen war, schon früh mit den beiden Höfen Satow und Dranse beschenkt 1 ); Doberan ward aber wieder das Mutterkloster vieler anderer Stiftungen. Es fehlt uns aber bisher an einer Nachweisung über den Ursprung der großen


1) Vgl. Jahrb. XIII, S. 116 flgd.
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Cistercienser=Nonnenklöster Meklenburgs, welche ebenfalls ein Mutterkloster haben mußten. Die Cistercienser=Mönchsklöster wirkten nicht so sehr auf die Gesittung der höhern Stände, als vielmehr auf die landwirthschaftliche Ausbildung des Landvolks, da die Mönche selbst die Landwirtschaft übten. Daher sehen wir selten Personen aus den hohem Ständen in den Mönchsklöstern; am häufigsten waren die Mönche Bürgersöhne aus den Städten oder Söhne kleinerer Landbesitzer, welche nicht dem ritterschaftlichen Stande angehörten. In Meklenburg waren viele fremde Mönche aus den überelbischen Ländern, "Sachsen" genannt, in den Klöstern Doberan und Dargun, welche mit den einheimischen Mönchen aus den Hansestädten, "Wenden" genannt, in kalten Verhältnissen, .ja oft in offenbarer Feindschaft standen 1 ). In den Cistercienser=Nonnenklöstern ging es dagegen ganz anders her. Die Cisterciener=Feldwirthschaft ward zwar von den männlichen Beamten geleitet; aber die Mehrzahl der Nonnen gehörte den adeligen Geschlechtern Meklenburgs an, die übrigen stammten aus den reichen und vornehmen Patricierfamilien der Hansestädte, namentlich Lübeks und anderer Städte. Die Cistercienser=Nonnenklöster waren häufig Zufluchtsörter für die unvermählten Fürstentöchter. Die Nonnenklöster wirkten daher bedeutend auf die Gesittung der höhern Stände durch die Pflege weiblicher Bildung, theils mittelbar durch den ganzen Einfluß, den sie durch das in ihnen herrschende Leben übten, theils unmittelbar, indem sie Erziehungsanstalten waren und den Landesfürstinnen und deren weiblichen Umgebungen sehr häufig auf ihren Reisen und sonst einen angenehmen und veredelnden Aufenthalt gewährten 2 ).

Schon vor dem J. 1178, also sehr bald nach der Stiftung der Mönchsklöster Doberan und Dargun, hatte der Bischof Berno ein Nonnenkloster zu Bützow gestiftet, welches aber nach Pribislav's Tode 1179 von den Wenden wieder zerstört und seit 1233 zu Rühn wieder aufgerichtet ward 3 ). Ein gleiches Schicksal hatte ein zweites zu Parkow bei Bukow gestiftetes Nonnenkloster. Dieses stellten im J. 1219 die Landesfürsten und der Bischof Brunward auf der fürstlichen Domaine Kussin wieder her und nannten es das "Neue Kloster Sonnenkamp", nach einer Uebersetzung des wendischen Wortes Parkow 4 ); so ward Neukloster das älteste, angesehenste und reichste Cistercienser=Nonnenkloster im Lande und ohne Zweifel das Mutterkloster der übrigen Cistercienser=Nonnenklöster.


1) Vgl. Jahrb. VII, S. 39 flgd.
2) Man vgl. sehr viele Urkunden des Klosters Neukloster in dem ganzen II. Bande von Lisch Meklenb. Urk.
3) Vgl. Jahrb. VIII, S. 1 und 6.
4) Vgl. Meklenb. Urk. II, S. 1 flgd.
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Mehr als wahrscheinlich ward Neukloster von dem Nonnenkloster Arendsee in der Altmark bei Salzwedel gestiftet. Arendsee, im Bisthum Verden, war um das J. 1184 gegründet und das älteste Nonnenkloster in der Mark Brandenburg und wohl in den wendischen Ostseeländern überhaupt. Einen Fingerzeig für diese Annahme, welche sich freilich durch keine Urkunde direct beweisen läßt, giebt der Umstand, daß eines der ältesten Güter des Klosters Sonnenkamp, an der Ostsee bei Neu=Bukow, neben dem Gebiete der Abtei Doberan, den Namen Arendsee führte. Aus dieser Stellung des Klosters Arendsee erklärt es sich denn auch, daß die Priorin Adelheit und der ganze Convent des Klosters Arendsee ("Arenze") am 16. Mai 1394 den Ritter Segheband Thun, dessen Frau und Kinder und den Knappen Otto Thun und dessen Schwester in die Marienbrüderschaft 1 ) des Klosters Arendsee aufnahm und mit Ablaß beschenkte, und die darüber ausgefertigte Urkunde zu Wismar ausstellte; vielleicht waren die Abgeordneten des Klosters Arendsee zur Visitation des Klosters Neukloster nach Meklenburg gekommen.

Deshalb gewann auch wohl das Kloster Arendsee schon früh Besitzungen in den meklenburgischen Wendenländern, da gewöhnlich nur diejenigen Klöster, welche besondere Verdienste um gewisse Länder hatten, in diesen Landgüter geschenkt erhielten, theils zur Belohnung für die Arbeiten, theils um einen bequemen Aufenthalt bei den jährlichen Visitationen und andern Geschäften im Lande zu haben. So erhielt denn auch das Kloster Arendsee schon sehr früh das Dorf Wargentin bei Basedow in der Nähe von Malchin geschenkt, und mit der Germanisirung dieses Dorfes beginnt die Geschichte jener schönen, in alter Zeit aber sehr dunklen Gegend. Die durch ihr Alter und ihre Vollständigkeit seltenen Urkunden bewahrt sämmtlich das reiche Archiv des Herrn Grafen Hahn auf Basedow, des jetzigen Besitzers der ehemaligen wargentiner Güter, welcher mit bereitwilliger Wissenschaftlichkeit die vollständige Benutzung der Urkunden gestattete. Früher waren diese Verhältnisse durchaus unbekannt 2 ) und die öffentlichen Archive besitzen keine einzige


1) An der Original=Urkunde vom 16. Mai 1394 hängt ein parabolisches Siegel, auf welchem dargestellt ist, wie eine auf der Mondsichel stehende Maria ihre Arme über viele, um sie her knieende Gläubigen ausstreckt; die Umschrift dieses Siegels lautet:
Umschrift
Auch in der Urkunde wird gesagt, daß die Thun aufgenommen seien "in almam nostram fraternitatem."
2) In allgemeinen Umrissen ist die Geschichte von Wargentin schon mitgeteilt in Lisch Geschichte und Urkunden des Geschlechts Hahn, I, S. 78 flgd.
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Nachricht über diese Güter. Die Stiftungsurkunden gehören zu den schätzbarsten Kleinodien der vaterländischen Geschichte und sind wohl die ältesten Urkunden, welche ein norddeutsches Privatarchiv besitzt.

Am 15. Junii 1215 schenkte Kasimir II., der Pommern und Leutizen Herzog, dem Kloster Arendsee das Dorf Wargentin (Wargutin), mit allem Rechte und allen Zubehörungen, mit dem halben See, an welchem das Dorf lag (malchiner See) und welcher in die Pene ausfließt, mit den Fischwehren, mit allen Aeckern und Wäldern von dem Flusse Zuziza bis an die Fuchsgruben in dem Eichenwalde zwischen Wargentin und Malchin 1 ). Gegenwärtig waren bei dieser Schenkung zu Demmin: der Abt Sueno von Eldena, der Propst Robert von Demmin, der Domherr Wastrad von Jerichow, welcher vielleicht der Vermittler dieser Schenkung war, der Pfarrer Gozwin von Levin, der Kapellan Arnold von Demmin und 8 Edle des Hofes mit dem Burghauptmann Rochil an der Spitze. Nach der Bestätigung dieser Schenkung durch die werleschen Fürsten vom J. 1233 und nach einer andern Urkunde vom 2. Oct. 1314 hatte auch Kasimirs Sohn Wartislav seine Zustimmung zu derselben gegeben, vielleicht durch spätere Anhängung seines Siegels oder durch eine eigene Urkunde, welche jedoch nicht mehr erhalten ist. Gleichzeitig wird aber diese Zustimmung nicht gewesen sein, da Wartislav im J. 1215 kaum geboren sein konnte und erst mit dem J. 1225 unter Vormundschaft handelnd auftritt. Wollte man eine gleichzeitige Zustimmung annehmen, so wurde allerdings die Angabe des J. 1215 nicht richtig sein. Es ist jedoch nicht nöthig, Zweifel in diese Angabe zu setzen.

Diese Schenkung geschah schon ein Jahr vor der Wiederherstellung des von den Wenden zerstörten Klosters Dargun 2 ). Die Gegenwart des Pfarrers von Levin bei der Ausstellung der Urkunde ist dadurch von geschichtlicher Bedeutung, daß er derjenige Pfarrer ist, welcher am frühesten in diesen Gegenden vorkommt. Er wird in den Urkunden des Klosters Dargun viel genannt 3 ) und hatte ohne Zweifel bedeutenden Antheil an der Germanisirung der Gegend.

Das Kloster schritt sogleich zur Colonisirung der Gegend und zum Bau einer Kirche, über welche es das Patronat erhielt. Nach der Urkunde vom 10. Mai 1335 4 ) bestätigte der Bischof Conrad von Camin dem Kloster die Stiftung und deren Patronat. Leider ist die Urkunde verloren gegangen und es läßt


1) Vgl. Urk.=Samml. Nr. I.
2) Vgl. Lisch Mekl. Urk. I, S. 19.
3) Vgl. das. Register.
4) Vgl. Urk.=Samml. Nr. IV.
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sich daher nicht beurtheilen, ob es Conrad II. oder III. war, welche auf einander folgten, Conrad II. 1217-1233 und Conrad III. 1233-1248. Jedenfalls aber ward die Kirche zu Wargentin früh gegründet, vielleicht zugleich mit den Kirchen zu Malchin und Basedow 1247 bestätigt 1 ). Daß Conrad IV. 1317-1322 gemeint sei, ist nicht wahrscheinlich, und ist das in der Urkunde gebrauchte Wort Vorgänger (antecessor) wohl im weitern Sinne zu verstehen.

Die Gegend von Malchin, also auch Wargentin, lag im Lande Circipanien 2 ), welches sich zwischen der Reknitz und den Quellgebieten der Flüsse Nebel und Pene westlich bis Güstrow erstreckte 3 ). In den verwüstenden Bekehrungskriegen gegen die obotritischen und wilzischen Völkerschaften hatten sich die Fürsten von Pommern in den Besitz der Länder Circipanien und Stargard gesetzt und behaupteten diese eine ziemlich lange Zeit, wie wir aus den Stiftungen zu Dargun und Wargentin sehen. Mit dem Beginne der Ausbildung deutscher Cultur in dem jetzigen Meklenburg nach dem Tode der beiden Borwine ereignete sich aber eine wichtige Begebenheit, welche das Land Circipanien wieder unter die meklenburgischen Fürsten zurückbrachte. Nach den Stiftungs= und Bestätigungs=Urkunden aus dem 12. Jahrh. sollte der Sprengel des Bischofs von Schwerin über das Land Circipanien 4 ) nach Pommern hinein bis an das Meer reichen. In den Zeiten der Unterdrückung der westwendischen Herrschaft hatte aber auch der pommersche Bischof von Camin die Gunst der Zeiten benutzt und seinen Sprengel so weit ausgedehnt, als damals das Gebiet seiner weltlichen Landesherren reichte, also auch über Circipanien. Der Bischof Brunward von Schwerin hatte vergeblich sein Recht auf dem Wege der Güte gefordert. Als nun die beiden Borwine gestorben und die vier jungen meklenburgischen Fürsten kaum zu ihren vollkommenen Jahren gekommen waren, erreichte es Brunward leicht, daß sie mit den Waffen in der Hand ihr eigenes Land und seine Zehnten aus Circipanien wieder forderten 5 ). Die Fürsten hatten auch schon im Anfange des J. 1236 ihr Land wieder gewonnen; der Bischof aber verlor dennoch den reichen Theil seines Sprengels, und seine Nachfolger mußten nach vielfachen Verhandlungen im J. 1260 endlich ihr Recht aufgeben. In demselben J. 1236


1) Vgl. Lisch Gesch. u. Urk. des Geschl. Hahn, I, B, Nr. 14.
2) Auch Gilow bei Malchin lag noch im J. 1228 urkundlich im Gebiete der Herzoge von Pommern; vgl. Mekl. Urk. I, S. 39.
3) Vgl. Jahrb. XII, S. 31 flgd.
4) Ueber die Grenzen des Landes Circipanien vgl. Jahrb. XII, S. 34.
5) Vgl. auch Boll Gesch. des Landes Stargard, I, S. 43 flgd. Lisch Mekl. Urk. III, S. 32.
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verloren die Herzoge von Pommern durch den Vertrag von Kremmen auch das Land Stargard an die Markgrafen von Brandenburg, von welchen es nach 65 Jahren wieder an Meklenburg überging.

Nachdem die jungen Fürsten, vorzüglich wohl durch die kräftigen Edlen ihrer Herrschaft, wieder zum Besitze des Landes Circipanien gelangt waren, theilten sie sich alle vier in dasselbe 1 ) und suchten es baldmöglichst zu cultiviren: erst mit der Regierung der eingebornen Fürsten beginnt die Cultur des Landes. Sie veranlaßten neue Stiftungen, bestätigten die alten und suchten Ritter aus den westlichen Landestheilen, namentlich aus den Ländern Gadebusch und Wismar, in diese Gegenden zu ziehen. Im J. 1238 machten sie auch dem Kloster Dargun die ersten Schenkungen und der Herzog Wartislav von Pommern entsagte dadurch seinen landesherrlichen Rechten an dem Kloster und dessen Gebiet, daß er die Verleihungen der vier meklenbnrgischen Fürsten anerkannte und bestätigte 2 ). In dieser Zeit bestätigten die meklenburgischen Fürsten auch die Schenkung des Dorfes Wargentin an das Kloster Arendsee. Die Bestätigungs=Urkunde 3 ) ist von den Fürsten "Nicolaus und Heinrich von Rostock, am 20. Juni 1219, zu Güstrow" ausgestellt. Das Datum kann aber unmöglich richtig sein. Borwin I, der Großvater der Fürsten, starb erst am 28. Jan. 1227, nachdem ihr Vater Borwin II. schon am 4. Juni 1226 gestorben war; in der Urkunde sind drei Domherren von Güstrow: Gottfried, Theodorich und Reiner 4 ) Zeugen, und das Dom=Collegiatstift zu Güstrow ward am 3. Juni 1226 errichtet, nachdem die Stadt Güstrow erst im J. 1222 gegründet war; die vier jungen Fürsten standen bis in das Jahr 1229 unter Vormundschaft und theilten in diesem Jahre ihre Länder, deren Regierung sie nach und nach, so wie sie volljährig wurden, antraten, und zwar so, daß die beiden älteren Brüder eine Zeit lang paarweise mit einem der jüngern Brüder regierten: der zweite der Brüder, Nicolaus, welchem später das Land Werle und von Circipanien das Land Malchin 5 ), also auch Wargentin, zufiel, regierte zuerst mit dem dritten der Brüder, Heinrich, später Borwin genannt, zusammen, beide unter dem Titel der Herren von Rostock, und zwar sicher bis zum J. 1233; im J. 1236 trat "Borwin von Rostock" schon allein


1) Vgl. Mekl. Urk. I, Nr. 20, 21, 26, 27, 28.
2) Vgl. Das. I, Nr. 20, 21, 22.
3) Vgl. Urk.=Samml. Nr. II.
4) Gottfried und Theodorich waren nach andern Urkunden z. B. im J. 1229 die beiden ersten Domherren zu Güstrow; Theodorich war noch im J. 1238 Propst und Reiner noch im J. 1243 Dechant.
5) Vgl. Mekl. Urk. I, Nr. 26, vgl. Nr. 53.
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selbstständig auf 1 ). Die Bestätigungs=Urkunde kann also nicht vor dem J. 1229 und nur zwischen den Jahren 1229-1233 ausgestellt sein; wahrscheinlich ward sie im J. 1233 ausgestellt, und hiezu stimmt auch die 6 Indiction, welche neben dem Jahre nach Christi Geburt angegeben ist. Diese Forschung wurde das wichtige historische Resultat geben, daß die Eroberung Circipaniens schon im J. 1233 statt fand. — Das offenbar falsche Datum 1219 ist ohne Zweifel ein Schreibfehler. Die in dem gräflich=hahnschen Archive zu Basedow befindliche Urkunde ist ohne allen Zweifel gleichzeitig, aber sie ist eben so sicher kein Original 2 ), wofür ich sie früher gehalten habe, sondern nur eine durch Anhängung von Siegeln beglaubigte Abschrift. Die Einrichtung der Urkunde ist sehr interessant: es stehen die beiden Urkunden, die Schenkungs=Urkunde vom 26. Juni 1215 und die Bestätigungs=Urkunde vom 20. Juni (1233) auf einem Blatte Pergament neben einander, und an denselben hangen 4 Siegel; diese Siegel gehören aber nicht den ausstellenden Fürsten, sondern, so dunkel sie auch sind, den beglaubigenden Personen, welche die Beglaubigung durch bloße Anhängung der Siegel vollzogen; diese Personen waren wohl die Klostervorsteher zu Arendsee und die Behörden zu Salzwedel, welche Mitvorsteher des Klosters waren: auf zwei Siegeln sind Reste des Namens Salzwedel mit Sicherheit zu erkennen. Dennoch ist das Versehen, wenn man nicht lieber das J. 1229 annehmen will, etwas stark.

Von Wargentin ist keine Spur mehr vorhanden. Nach der Urkunde und nach spätern Nachrichten erstreckte sich die Besitzung am rechten Ufer des malchiner Sees und der aus demselben fließenden Pene von dem Flusse Zuziza bis an den Eichenwald zwischen Wargentin nnd Malchin, welches damals noch keine Stadt war; der Fluß Zuziza ist ohne Zweifel der von Lupendorf herabkommende Bach zwischen Basedow (oder Wargentin) und Rothenmoor, welcher am 6. Jan. 1404 die "Lubenbek" genannt wird, als Lüdeke Hahn den Besitz des halben wargentiner Sees von der Lubenbek bis an die Pene zugesichert erhielt; der Eichenwald zwischen Wargentin und Malchin stand wohl an der viel jüngern Landwehr der Stadt Malchin, an welcher noch heute Eichen stehen. Das Dorf Wargentin erstreckte sich also von den Grenzen von Malchin an dem malchiner See und der Pene entlang und ward an der andern Seite von Basedow


1) Ueber alle diese Vormundschafts= und Landestheilungs=Verhältnisse vgl. Jahrb. X, S. 1 flgd.
2) Vgl. Lisch Gesch. und Urk. des Geschl. Hahn, I, B, Nr. 1 und 2. Vgl. Jahrb. X, S. 13, Not. 1, wo ich als frühestes Datum das Jahr 1229 angenommen habe, welches aber nicht zu der Indiction und nicht zu der Geschichte der Zeit paßt. Vgl. Beyer in Jahrb. XI, S. 44.
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begrenzt. Daher ist es erklärlich, daß das sonst so reizende Schloß Basedow nicht höher und nicht näher am See liegt. Das Dorf Wargentin, dessen Feldmark die Felder Basedow's von der Seeniederung abschnitt, lag in ziemlich grader Richtung zwischen Basedow und der See= und Pene=Niederung; das Dorf ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach und nach verfallen, und seine Feldmark ist in die Feldmark von Basedow aufgenommen; von der Kirche liegen auf freiem Felde, dem basedowschen Ackerschlage am See, auf einer erhöheten Stelle noch Fundamente und Trümmer unter dichtem Dornengebüsch. Es standen hier allerdings zwei Kirchen möglichst nahe bei einander, indem am 14. Jan. 1247 auch zu Basedow eine Kirche gegründet ward, welche in frühern Zeiten Tochter der Kirche zu Malchin war 1 ).

Wargentin erlangte als die früheste Colonie in diesen Gegenden eine gewisse topographische Bedeutsamkeit. Daher heißt der jetzige malchiner See, welcher durch seine reizenden und reichen Umgebungen berühmt ist, in ältern Zeiten immer nur der wargentiner See; das der basedowschen Seite zugewandte Thor der im J. 1236 gegründeten Stadt Malchin heißt noch heute das wargentiner Thor und die zu demselben führende Straße die wargentiner Straße; der jetzige Tiergarten von Basedow hieß noch bis zum Ende des 18. Jahrh. das wargentiner Holz.

Die Feldmark Wargentin lag nach dem Stiftungsbriefe ohne Zweifel an dem rechten Ufer der Pene. Nun entstand, dem zum Kloster Arendsee gehörenden Dorfe gegenüber, am linken Ufer der Pene sehr früh ein zweites, jetzt ebenfalls untergegangenes Dorf Wargentin, welches Wendisch=Wargentin genannt ward, wohin wohl die alten wendischen Bewohner der Feldmark übergesiedelt wurden, und nicht weit davon ein drittes Dorf Wendisch=Hagen oder bloß Hagen genannt, welches, nach dem Namen Hagen zu schließen, von sächsischen Colonisten aus Waldgrund urbar gemacht ward. Im Gegensatze zu Wendisch=Wargentin ward das alte, jetzt vom Kloster Arendsee germanisirte Dorf Deutsch=Wargentin genannt. Von Wendisch= nach Deutsch=Wargentin ging seit alter Zeit ein Damm durch den Pene=Grund und an diesem lag die Feste Knipenburg.

Das Kloster Arendsee erhielt nach den Urkunden nur das Dorf geschenkt, welches später Deutsch=Wargentin genannt ward. Das Dorf Wendisch=Wargentin mit dem Hagen aber ward schon früh an rittermäßige Personen zu Lehn gegeben. In


1) Vgl. Lisch Gesch. u. Urk. des Geschl. Hahn, I, B, Nr. 14.
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dem Verleihungsbriefe an das Kloster Arendsee ist nur von Einem Dorfe Wargentin die Rede; vielleicht ward auch in den frühesten Verleihungen von Wendisch=Wargentin kein Unterschied zwischen Deutsch= und Wendisch=Wargentin gemacht. Daher entstanden schon früh Uebergriffe, namentlich von Seiten der ritterlichen Besitzer von Wendisch=Wargentin und selbst der Landesherren. Schon der Fürst Heinrich I. von Werle (1277-1291) hatte dem Ritter Johann von Geetz 1 ) das Dorf Wargentin, d. h. wohl nur die landesherrlichen Gerechtsame an denselben, verpfändet und das Kloster Arendsee hatte den Besitz von den Erben des Ritters mit seinem eigenen Gelbe wieder einlösen müssen. Daher verliehen am 2. Oct. 1314 die Fürsten von Werle dem Kloster das "Dorf Wargentin" mit der höhern und niedern Gerichtsbarkeit, mit der großen und kleinen Bede und mit der Befreiung vom Burgdienst und bestätigten dem Kloster das Dorf eben so und mit denselben Worten, wie die pommerschen Fürsten es demselben verliehen und die Fürsten von Rostock die Verleihung bestätigt hatten 2 ).

Im Anfange des 14. Jahrh. 3 ) hatten aber die Klöster durch die aufgeregten politischen Verhältnisse viel zu leiden. Auch das Kloster Arendsee ward wohl hart mitgenommen, da es klagte, daß seine Einkünfte zur Erhaltung seiner Bewohner nicht ausreichten. Deshalb vereinigte der Bischof Friederich von Camin, um nach Kräften die Einkünfte des Klosters verbessern zu helfen, am 10. Mai 1335 die "Pfarrkirche zu Wargentin" mit dem Kloster, dem das Patronatrecht zustand, dergestalt, daß er dem Kloster die Pfarre mit allen Einkünften zuschrieb und demselben die Erlaubniß gab, die Pfarre durch einen passenden Klosterbruder oder durch einen Vikar verwalten zu lassen 4 ), wodurch die Einkünfte der Pfarre dem Klosterconvente zu gute kamen. Dabei aber blieb es noch immer Pflicht des Klosters, dem Bischofe den Pfarrverwalter zu präsentiren; so ist z. B. noch eine Urkunde vorhanden, durch welche das Kloster am 18. April 1478 dem Bischofe Ludwig von Camin den Priester Martin Soben an die Stelle des verstorbenen Pfarrers Reinold Krämer zu der erledigten Pfarre Wargentin präsentirte 5 ). Durch die In=


1) Ueber den Ritter Johann von Geetz und dessen nicht oft vorkommende Familie vgl. Jahrb. XII, S. 333, Urk. Nr. X.
2) Vgl. Urk.=Samml. Nr. III.
3) Nach einem Siegel an einer Urkunde vom 11. Nov. 1329 mit der Umschrift:
Umschrift
(vgl. Lisch Maltzan. Urk. I, S. 455) war Wargentin damals im Besitze der Moltke, wenn hier nicht Varchentin zu verstehen ist, was sich jetzt noch nicht entscheiden läßt.
4) Vgl. Urk.=Samml. Nr. IV.
5) Vgl. Urk.=Samml. Nr. V.
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corporirung der Pfarre mit dem Kloster, dem Besitzer des Dorfes, erklärt es sich auch, daß es den spätern Besitzern des Dorfes, den Hahn auf Basedow, leicht ward, die Pfarre Wargentin, welcher wohl kein anderer Dorf eingepfarrt war, durch die benachbarte Pfarre Basedow verwalten zu lassen.

Bald aber ward der ganze Besitz des Dorfes Wargentin schwankend. Am 3. Mai 1337 wurden die vier Brüder Nicolaus, Eckhart, Mathias und Nicolaus Hahn zu gesammter Hand mit Basedow belehnt, welches am 11. November 1349 dem ältesten der Brüder, Nicolaus III. d. ä., mit großen Freiheiten allein für sich und seine Nachkommen übertragen ward; dadurch ward das angesehene und reiche Haus Basedow gegründet, welches bis heute geblühet hat. Ungefähr um das J. 1337 ward auch Nicolaus Hahn mit dem Dorfe Wargentin belehnt; die Verleihungsurkunde ward den Hahn schon im 14. Jahrh. gestohlen, und die Belehnung ist nur durch den erneuerten Lehnbrief vom 6. Jan. 1404 bekannt geworden. Wahrscheinlich war bei dieser Belehnung unter Wargentin nur Wendisch=Wargentin verstanden; auch erhielt Nicolaus Hahn im J. 1344 das Dorf Wendisch=Hagen zu Lehn. Die Hahn zu Basedow erbaueten nun sowohl zu Wendisch=Wargentin als zu Wendisch=Hagen Ritterhöfe, welche oft von einzelnen Gliedern der Familie bewohnt wurden. Um das J. 1380 wurden die Güter der Linie Basedow getheilt und es entstanden nun das Haus Basedow, am rechten Ufer der Pene, und das Haus Wargentin, welches die Güter am nördlichen und linken Ufer des Sees und der Pene besaß, nämlich Wendisch=Wargentin, Wendisch=Hagen, Remplin, Lilienberg und Bristow und Jahmen, Wozeten und Kl. Wardow bei Lage, nebst dem Patronat der Kirche zu Panstorf. Das hahnsche Haus Wargentin, mit den Rittersitzen zu Wendisch=Wargentin und Wendisch=Hagen, bestand bis zum J. 1466, wo es ausstarb und die Güter wieder an das Haus Basedow zurückfielen.

Kurz vor einer Erneuerung der Belehnung und einer Theilung des Hauses Wargentin ließ sich Lüdeke Hahn auf Basedow im J. 1404 von den Landesherren seine alten Besitzungen bestätigen. Er erreichte es dabei auch, daß ihm am 6. Jan. 1404 ein neuer Lehnbrief auf Wargentin gegeben und dieser auf Deutsch=Wargentin ausgestellt ward, obgleich das Dorf im Besitze des Klosters Arendsee war; die Landesherren versprachen in dem erneuerten Lehnbriefe ausdrücklich, den Lüdeke Hahn gegen das Kloster Arendsee Gewähr zu leisten und falls er das Dorf von diesem kaufen würde, ihn in derselben Weise damit zu belehnen, wie er mit Basedow belehnt sei. Bei derTheilung vom J. 1380 war besonders der Fall berücksichtigt, daß derjenige, welchem

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Basedow zufiele, das Dorf "Deutsch=Wargentin" von dem Kloster kaufen würde. Die Hahn nahmen also das Lehnrecht an dem Dorfe Deutsch=Wargentin in Anspruch, wenn sie auch dem Kloster Arendsee den Besitz nicht streitig machen konnten. Zugleich bestätigten die Fürsten von Werle am 6. Jan. 1404 dem Lüdeke Hahn den halben wargentiner oder malchiner See von der Lubenbeck bis an die Pene und die halbe Pene bis an die Feldscheide von Malchin, also dieselben Gewässer, welche das Kloster geschenkt erhalten hatte; schon im 14. Jahrh. ward dieser Theil des Sees das Hahnenwasser genannt.

Mit Verlangen sahen die Hahn nach dem Dorfe, welches ihre Besitzungen allerdings sehr unvortheilhaft zerschnitt und die beiden Gebietstheile auf unbequeme Weise von einander trennte. Dem Kloster Arendsee lag auch nicht besonders viel an der Besitzung, da sie zu weit entfernt lag, als daß es dieselbe nach damaliger Wirthschaftsart vorteilhaft hatte benutzen können. Jedoch kam es noch lange nicht dahin, daß die Hahn das Dorf vom Kloster kauften.

Am 20. Nov. 1415 producirte der Propst des Klosters, Johann von Königsmark, auf dem bischöflichen Schlosse zu Witstock vor dem Fürsten Balthasar von Werle die fürstlich=werlesche Bestätigungs=Urkunde vom 2. Oct. 1314 und ließ sich den Inhalt der Urkunde beglaubigen und die Prodiucirung derselben bezeugen 1 ).

Dies vermochte aber das Kloster nicht viel zu schützen. Das Fürstenhaus Werle starb im J. 1436 aus. Die Zeiten änderten sich im 15. Jahrh. bedeutend; viele alte Rechte kamen gegen das Ende des Jahrhunderts in Vergessenheit und manche alte Kraft ward wankend; die Hahn, welche immer mehr an Ansehen und Reichthum wuchsen, suchten ihre verbrieften Rechte auch geltend zu machen. Auf dem zwischen den brandenburgischen und meklenburgischen Räthen zur Schlichtung vieler Streitigkeiten und Fehden am 17. April 1404 zu Witstock gehaltenen Tage brachten die brandenburgischen Räthe auch vor:

   "Furpringen vnnd clag der abtissin von Arentse.
Auch von wegen Bargentin beclagten sie sich, das her Claus Hahn gerechtigkeit und gericht daselbst zu haben vnndtersteend, sie auch mit diensten vnnd anderm groflich besweret, vnnd doch vormals von seinen voreltern nach laut ains entschaids begeben."

Aus dieser Klage geht hervor, daß die Hahn auf Basedow allen Beschwerungen des Klosters entsagt hatten; leider ist die Urkunde verloren gegangen.


1) Vgl. Urk.=Samml. Nr. III.
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Als nun beim Hereinbrechen der Reformation die Gefahr des gänzlichen Verlustes des Gutes ziemlich nahe kam, so traten die Vorsteher und die Abgeordneten des Klosters Arendsee mit den Hahn auf Basedow, unter Beistand der Flotow auf Stuer, am 10. Nov. 1532 im Kloster Stepenitz zusammen 1 ) und beredeten den völligen Verkauf des Dorfes Wargentin an die Hahn auf Basedow: das Kloster Arendsee verkaufte hierauf die ganze Besitzung, welche sie nicht ohne Gefahr und Schaden gebrauchen konnte, mit Pächten, Kirchenpatronat und allen Herrlichkeiten für 800 Gulden gangbarer meklenburgischer Münze an die Hahn auf Basedow. Das Kaufgeld ward am 20. April 1533 zu Stuer ausgezahlt 2 ) und dabei die Besiegelung eines Kaufbriefes urkundlich versprochen, welcher denn auch ausgefertigt und auf den 2. April 1532 zurückdatirt ward 3 ), da sich das Kloster die Zahlung der Pächte von Ostern 1532 bis zur Zahlung des Kaufgeldes ausbedung, nachdem es schon im J. 1532 das Dorf abgetreten hatte.

Seitdem ward Wargentin ein Bestandteil von Basedow und ging allmählig ganz ein. Am Ende des dreißigjährigen Krieges lebten in Wargentin nur 4 Personen, obgleich es früher 6 Bauern und 7 Kossaten gehabt hatte; jedoch hatte das Dorf im J. 1703 schon wieder 75 Einwohner 4 ). Im siebenjährigen Kriege wurden aber durch das Gefecht bei Basedow am 24. Dec. 1761 einige und in den nächsten Zeiten mehrere Bauerwohnungen von fremden Truppen zerstört, und das Dorf verödete immer mehr. Die Kirche, welche im J. 1659 noch ziemlich erhalten war, hatte im J. 1761 so sehr gelitten, daß sie abgetragen werden mußte; es kam jedoch der Kirchen= und der Kirchhofsraum, als geweihet, bis heute nicht unter den Pflug. Ungefähr um das J. 1788 ging das Dorf ganz ein, und die Feldmark ward, in dem Jahrhundert der Bauernlegung, der Feldmark Basedow einverleibt, deren Zierde sie bildet.

Ueber die Pfarrverhältnisse sind nur dürftige Nachrichten vorhanden, um so mehr, da die Kirchen=Visitations=Protocolle erst mit dem J. 1648 beginnen und auch nicht reichhaltig sind. Die Kirche zu Basedow ward am 14. Jan. 1247 der Kirche zu Malchin als Tochterkirche zugeschrieben (vgl. Lisch Urk. des Geschl. Hahn I, B. Nr. XIV). Die Kirche zu Wargentin war dagegen eine selbstständige Pfarrkirche, welche, wenn auch am 10. Mai 1335 dem Kloster Arendsee incorporirt 5 ),


1) Vgl. Urk.=Samml. Nr. VII.
2) Vgl. Urk.=Samml. Nr. VIII.
3) Vgl. Urk.=Samml. Nr. VI.
4) Vgl. Jahrb. VI, S. 136.
5) Vgl. Urk.=Samml. Nr. IV.
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doch immer einen Pfarrer hatte, wie die Urkunde vom 18. April 1478 beweiset 1 ). Nachdem die Hahn auf Basedow im J. 1532 das Dorf Wargentin mit den Kirchen=Patronat gekauft hatten 2 ), ward, bei der großen Nähe beider Kirchen, in der Reformationszeit die Kirche zu Basedow wohl Hauptkirche, indem mit dem Patronat die Pfarre hierher versetzt ward. Schon im J. 1648 wird Wargentin als Tochterkirche von Basedow aufgeführt und im Visitations=Protocolle von 1662 heißt es bei Basedow;

"Filia Wargentin. In dieser Filial=Kirche hat der Pastor vor diesem alle Sontage predigen müssen, itzo aber nicht, sondern es gehen die Einwohner nacher Basedow zur Kirche."

2. Das Dorf Rögelin.

Das Dorf Wargentin bei Malchin, welches das Kloster Arendsee das ganze Mittelalter hindurch besaß, lag innerhalb der Grenzen des meklenburgischen Landes. Nicht so unbestritten war die Landeshoheit über das Dorf Rögelin, in welchem das Kloster Arendsee schon früh einen bedeutenden Theil erwarb und welches es mit der Zeit ganz gewann.

Das Dorf Rögelin grenzt östlich an die meklenburgischen Enclaven Netzeband und Rossow; es lag also an der südlichen Grenze zwischen den Ländern Lieze, welches bis Rossow und Netzeband hinaufreichte, und dem Lande Turne, welches noch das weite Gebiet von Zechlin umfaßte 3 ), und gehörte ohne Zweifel noch zum Lande Litze. Beide Länder wurden zum größten Theile an geistliche Stiftungen weggegeben z. B. an die Johanniter=Comthurei Mirow, an die Klöster Doberan, Dobbertin, Eldena, Alten=Camp, Amelungsborn, Arendsee, Dunamünde, deren Besitzungen zum großen Theile das Bisthum Havelberg mit der Zeit an sich brachte. Die Landeshoheit der meklenburgischen Fürsten über diese Länder in den frühesten Zeiten unserer Geschichte ist eben so unzweifelhaft, als es dagegen gewiß ist, daß sie in allen Zeiten vielfach angefochten ward. In Beziehung auf die Besitzungen des Klosters Arendsee in Rögelin erging es den meklenburgischen Fürsten eben so, wie in Beziehung auf den Hof Dranse des Klosters Amelungsborn 4 ).


1) Vgl. Urk.=Samml. Nr. V.
2) Vgl. Urk.=Samml. Nr. VI.
3) Vgl. Jahrb. II, S. 92 flgd., XIII, S. 135 flgd. und XIV, S. 70 flgd. und Boll Gesch. des Landes Stargard I, S. 49 flgd.
4) Vgl. Jahrb. XIV, S. 71 flgd.
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Schon vor dem J. 1232 hatte das livländische Kloster Dünamünde von den edlen Herren und Brüdern Johann und Gebhard von Plote, den Stiftern und Besitzern von Kiritz und Wusterhausen, 30 Hufen in Rögelin und 30 Hufen in Trampitz erworben; am 6. Jan. 1238 verliehen die Markgrafen Johann und Otto von Brandenburg, von denen die Brüder Plote die Dörfer Rögelin und Trampitz zu Lehn trugen, dem Kloster Dünamünde das Eigenthumsrecht an diesen Dörfern 1 ). Diese Urkunde ist also nicht, wie man wohl irrig angenommen hat, die erste Verleihungsurkunde über die Dörfer, sondern nur eine spätere Urkunde über die Verleihung des landesherrlichen Eigenthumsrechts; denn als im J. 1232 das Kloster Arendsee seine Besitzungen in Rögelin erwarb, hatte das Kloster Dünamünde schon seine Besitzungen in demselben Dorfe.

Am 2. Mai 1232 verliehen nämlich die Brüder Johann und Gebhard von Plote dem Kloster Arendsee 42 Hufen, welche zwischen Netzeband und den Besitzungen des Klosters Dünamünde am Flusse Temnitz lagen ("XLII mansi jacent inter Nyzzebant et dominum abbatem de Dunamunde super Timenitze fluuium") 2 ), also ebenfalls ohne Zweifel auch auf der Feldmark des Dorfes Rögelin 3 ).

Damals also waren diese Dörfer im Lehnsbesitze der Edlen Herren von Plote gewesen und die Markgrafen von Brandenburg maßten sich die Landesherrschaft an. — Uebrigens darf die Menge der Hufen in Einem Dorfe nicht auffallen; noch am 28. Nov. 1662 sagte die brandenburgische Kammer aus: "das Dorf Rögelin sei vor diesem mit einem "Schulzen, 21 1/2 Bauern und 3 Kossaten besetzt gewesen."

Das Kloster Dünamünde legte auf seinen Besitzungen auf der Feldmark Rögelin einen Hof an und nannte diesen Dünamünde 4 ); als es später diese Besitzungen 5 ) an den Bischof von Havelberg veräußerte, ging dieser Hof Dünamünde wieder ein 6 ).


1) Die Urkunde ist gedruckt in Dreger Cod. dipl. Pomer. I, p. 190, und Riedel Cod. dipl. Brand. 1, 2, S. 305.
2) Die Urkunde ist gedruckt in Riedel Cod. dipl. Brand. I., 1, S. 366; vgl. Riedel Mark Brandenburg, 1, S. 376.
3) Wenn Riedel in Cod. dipl. Brand. I, 2, S. 305, welcher selbst I, 1, S. 366 den Verleihungsbrief an das Kloster Arendsee mittheilt, bemerkt, daß es noch nicht aufgeklärt sei, wie diese (?) Besitzungen des Klosters Dünamünde in der Folge wieder dem Kloster Arendsee gehören konnten, so fällt dieser Zweifel durch die Thatsache weg, daß beide Klöster auf derselben Feldmark neben einander Besitzungen hatten.
4) Ueber den Hof Dünamünde bei Rögelin vgl. Riedel Cod. dipl. Brand. I, 2, S. 327, und Jahrb. XIV, S. 71.
5) "Im J. 1285 versicherte der Papst Honorius dem Kloster Dünamünde das diesem Stifte von den Markgrafen Otto, Albert und Otto verliehene Patronat über die Kirche zu Tramnitz und das Mühlenwerk zu Tornow". Riedel Cod. dipl. Brand. I, 2. S. 304.
6) Vgl. Riedel Cod. dipl. Brand. I, 2, S. 327.
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In der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. sehen wir das Land Lieze unter der Landeshoheit der Herzoge von Meklenburg=Stargard. Im J. 1353 verlieh der Herzog Johann von Meklenburg=Stargard dem Henning Bere das erbliche Obermarschallamt des Landes Stargard und legte dazu als Diensteinkommen alle landesherrlichen Gefälle von der "ganzen Lieze" 1 ), welche damals in das Ober= (südliche) und Nieder= (nördliche) Liezländchen getheilt ward. Bald nach dem J. 1360 gerieth der Ritter Henning Bere in eine heftige Fehde mit dem Bischofe von Havelberg, welchem der Graf von Lindow Helfer war; Henning Bere war wegen dieser Fehde in den Bann gekommen, und der Bischof versprach bei der Aussöhnung 2 ) im J. 1363, ihm Bittschreiben an den Papst zur Lösung vom Banne zu geben. Aus einer Klageschrift des Ritters Henning Bere 3 ), gegen den Grafen von Lindow, welche sicher aus dieser Zeit stammt, ersieht man, daß Henning Bere damals in dem Besitze von Netzeband mit den dazu gehörenden Dörfern Drusedow, Grüneberg, Darsekow und Rotstil war 4 ); er klagt ausdrücklich:

"dat se my auebranden myn dorp tu Necebant, — — dar se my afgebrandt hebben myne tymmere to deme dorpe, dar se my auebranden myne kerke vnde myne kerckhoff also spiker vnde grouen vp myn klochus vnde voreden wech myne klocken, des ich ny heren horede dun."

In derselben Klage wird auch ausdrücklich gesagt, daß ihm die Bede aus dem Dorfe Rögelin, welche ihm als Erblandmarschall von der Lieze zukam, entzogen sei:

"Vortmer so clage ik, dat se my hebben genamen mine bede to deme dorpe tu Rogelin dre iare, des iars sos punt brandenburgischen geldes."

Henning Bere veräußerte bald darauf seine Güter auf der Lieze, denn im J. 1387 erklärten die Brüder Bere auf Röddelin, daß ihr Vetter Henning Bere vor Jahren die Güter Netzebant, Dargitz, Drusedow und Grüneberg zuerst an Hermann


1) Vgl. Boll Gesch. des Landes Stargard I, S. 148, Jahrb. VII, S. 280, und XIV, S. 71.
2) Vgl. Riedel a. a. O. I, 2, S. 465.
3) Vgl. Riedel a. a. O. I, 2, S. 309.
4) Wenn v. Raumer in v. Ledebur's Archiv VIII, S. 320 behauptet, daß nach Riedel's Mark Brandenb. I, S. 376, Netzeband im 13. Jahrh. dem Kloster Dünamünde gehört habe, so steht dies nicht hier, sondern nur das, was oben angegeben ist. Es fehlt uns bisher ganz an andern alten Nachrichten über Netzeband; wahrscheinlich aber ist, daß es, wie vom 14. Jahrh. an, auch früher immer Ritterlehn war.
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Gadow, diesser sie aber bald wieder an die Rohr verkauft habe 1 ), welche in jenen Zeiten immer mächtiger in diesen Gegenden wurden. Seitdem waren die Rohr im Besitze der netzebanter Güter. Am 19. Nov. 1418 belehnte der Herzog Heinreich d. ä. von Meklenburg=Stargard die Brüder Otto und Meineke Rohr mit der Veste Netzebant mit allen Zubehörungen, mit ganz Drusedow, ganz Grüneberg, mit 18 Hufen und aller Freiheit und Gerechtigkeit in Darsekow und mit dem See zu Plauen; diese Belehnung erneuerten im J. 1478 die Herzoge Albrecht und Magnus und im J. 1511 die Herzoge Heinrich und Albrecht von Meklenburg.

Neben den Rohr brachten in diesen Gegenden die Bischöfe von Havelberg, welche ihre Residenz in ihrem weiten Domainen=Amte in der Stadt Witstock hatten, ihre Besitzungen zu einer bedeutenden Ausdehnung. Schon im J. 1320 hatten sie die Güter Zechlin 2 ) gekauft, welche im J. 1237 dem Kloster Doberan geschenkt und von diesem im J. 1306 an den Fürsten Heinrich von Meklenbnrg vertauscht waren. Im J. 1430 verkaufte das Kloster Amelungsborn seine Güter auf der Lieze um den Hof Dranse an den Bischof von Havelberg 3 ). Ferner kaufte der Bischof im J. 1438 das westlich an Rossow grenzende, bekannte markgräfliche Schloß Friedrichsdorf oder Fretzdorf, mit 13 dazu gehörenden Dörfern 4 ), unter denen auch Rögelin und Tramnitz genannt werden. Das Schloß Friedrichsdorf mit dem halben Dorfe Kl. Dosse verlieh der Bischof im J. 1439 an Lütke von Warnstaedt.

So war das Dorf Rögelin hin und her geworfen und ward von einer Menge Herren und einer noch größern Menge von Herrendienern geplagt, so daß dem Kloster Arendsee der sogenannte Besitz wohl verleiden mußte.

Die Herzoge von Meklenburg machten aber immer das Recht auf die Landeshoheit über Rögelin geltend. Auf dem zwischen Brandenburg und Meklenburg gehaltenen Tage zu Witstock am 17. April 1404 erhoben die brandenburgischen Räthe gegen die meklenburgischen Landesherren:

   "Furpringen vnnd clag der abtissin vonn Arentsee.
Bracht der merckisch canntzler von irn wegen fur die meynung vnnd sagt, sie wurden von


1) Vgl. Boll a. a. O. 1, S. 149.
2) Vgl. Riedel a. a. O. 1, 2, S, 315 flgd.
3) Vgl. Jahrb. XIII, S. 138 flgd.
4) Vgl. Riedel a. a. O. 1, 2, S. 300) flgd.
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meinem g. bernn beschwert vnd vmb stewr, schatzung vnnd anders angelanngt, desgleichen auch ir arme leut zu Rogelin."

Mit dem Ende des 15. Jahrh. begannen die vielfachen und vieljährigen Grenzstreitigkeiten zwischen Meklenburg und Brandenburg 1 ), aus denen freilich Brandenburg durch zähes Festhalten fast überall siegreich hervorgegangen ist.

Wir besitzen ein von dem Canzler Caspar von Schöneich geschriebenes Verhör des Curt Rohr, in welchem es heißt:

   "Anno etc. VIII am montag in pfingsten.
Curt Rhoer hat bekant — — — — — — — — — — — — — — — Rogelyn ist meckelburgisch, dem closter Arnsehe zcugehorig, stost auch in die Temnitz."

So sehr dem Kloster auch der Besitz von Rögelin verleidet ward, so konnte es sich doch nicht so leicht zum Verkaufe des Dorfes entschließen, wie es im J. 1532 Wargentin verkaufte. Um viele Irrungen mit den von Warnstaedt auf Fretzdorf beizulegen, entschloß es sich zu einem Vergleiche 2 ) mit denselben, welchen der Bischof Busso von Havelberg am 13. Jan. 1534 folgendermaßen vermittelte und ausführte: das Kloster Arendsee soll fortan alle jährlichen Pächte und Zinse, die von Warnstaedt dagegen eine Menge namentlich aufgeführter Dienste im Dorfe Rögelin behalten; außerdem sollen die Bewohner den vonWarnstaedt die von Alters her gebräuchliche Abgabe von Roggen und Heringen und die Anfuhr von ruppinschem Bier bei Hausfesten unweigerlich leisten; auch ward die Abhaltung der Gerichte festgesetzt.

Nach dem Tode des letzten Bischofs Busso II. im J. 1548 wurden die Güter der Bischöfe von Havelberg eingezogen, zu Domainen gemacht und in die Aemter Witstock und Zechlin getheilt. "In Folge der wenige Jahre nach dem Vergleiche von 1534 erfolgten Einziehung mehrerer Klostergüter Arendsee's wurden die grundherrlichen Rechte im Dorfe Rögelin dem Amte Zechlin beigelegt, und in der Folgezeit ließen die Gebrüder Thomas und Hans von Warnstaedt auf Fretzdorf sich auch geneigt finden, mittelst eines am 16. Febr. 1620 documentirten Vertrages, ihre zum Hause Fretzdorf gehörigen dienstherrlichen und gerichtsherrlichen Rechte in Rögelin dem Amte Zechlin abzutreten 3 )."


1) Vgl. Jahrb. XIII, S. 140 flgd.
2) Die Vergleichsurkunde ist gedruckt in Riedel a. a. O. 1, 2, S. 313 flgd.
3) Vgl. Riedel a. a. O. 1, S. 303; vgl. S. 352.
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Das Dorf Rögelin bestand im 16. Jahrh. aus 6 Feldmarken: Rögelin, Wüsten=Rögelin, Priebitz, Dünamünde, Pritzechen und Rodenschlebe 1 ).

Die Heerzoge von Meklenburg hatten es wegen der Landeshoheit über Rögelin nun mit den Kurfürsten von Brandenburg zu thun, welche allerdings gefährlichere Gegner als die sonst mächtigen Geistlichen waren.

Am 11. Aug. 1557 hatte der Herzog Johann Albrecht Erasmus Behm, Christoph Peckatel und Eitel Schenck zu Balthasar Rohr nach Netzebant abgesandt, um sich wegen der Landesgrenzen zu erkundigen und B. Rohr darüber zu vernehmen. Balthasar Rohr sagte aus:

"Daß Dorff Rochelin, daß zwei Meilen hinder dem Zechelin gelegen, gebe alle Jahr ahm Pfingstage auffs Hauß Bredenhagen vier Tonnen Saltz vnd bier und auff Michaelis ein Dromptt Saltz ken Wesenbergk, sonst geben sie zum Closter Arntsehe vnd den Warnstedenn auch etwas, daß hett sein vetter Curt Roher nu ahn sich gebrachtt, der wurde woll wissen, von wehme he derhalben die Lehen suchen solde."
"So wehre Drußedum, die wuste Feltmarck Nitzebant vnd Grunebergk sein. Die hette er von den Hertzogen zu Meckelnburg zu Lehen vnd hett Nitzebant, das wuste gewest, von grunde new erbauett, vnd legeNitzebant zwischen dem felt Rochelin vnd Katerbow, ginge die Greinitz von Nitzebantt ahn die Temnitzs, auff jensit der Temnitzs wehre stifftesch vnd Reppinsch. Es wehre aber deß orths die Temnitz kaum eine halbe Meile eine scheide, denn sie entsprunck kaum eine halbe Meile von Nitzebant vnd verlore sich halt wider vnder der Molle, do flusse sie nach dem Lande Reppin etc. . Es hette aber sein Vetter Curdt Roher auch deß orths ahn seinen Feltmarckenn drei andere Feltmarken, als schonebergk (das nu Curdt Roher angefangen zu erbauen), Rossow vnd daß felt zu Schaffe, daß sich streckett an die Brucke zu Fretzdorff, welchs den wernsteden zugehort, vnd ist Fretzdorff styfftesch."
"Desse obengenannte sechs Feltmarcken, die he vnd sein Vetter Curdt Roher hettenn, wehren Meckeln=


1) Die vielschichtigen Verhältnisse des Dorfes Rögelin sind auseinandergesetzt in Riedel a. a. O. 1, 2, S. 303-304.
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burgische, wo aber die Grentze furder ginge nach Reinsperge, aber Furstenberge, wuste he nichtt. Aber daß holtz auff jensit Reinsperge hieße man die flache Heide, da hette woll ehr Hertzogk Heinrich gejagett vnnd ann dem Beltz Sehe die Netze ahngebunden, Es hettenn auch woll deß orts der Graff von Reppin gejagt: wehr erst kommen, der hett erst gejagett."

In der "Articulierten Landtgrentze zwischen der Mark zu "Brandenburgk vnnde dem lande zu Mecklenburg" vom J. 1564 heißt es:

"Jtem wahr das von dem Swartzenn sehe die lanndtgrentze sich strecke bis an das feldt Rochelin, welches itzt Kor Rohr gebauwet."
"Jtem wahr, das das Dorf Rochelinn tzur rechtenn hannt ist meklenburgisch."

Noch im J. 1568 führte die Bauerschaft bei den Herzogen von Meklenburg darüber Klage, daß Hans Rohr sie mit vielfältigen Diensten, ungewöhnlichen Auflagen und andern Neuerungen beschwere; da er "endlich diese Bauern, welche doch ohne alle Mittel auf meklenburgischem Grund und Boden besessen seien, dadurch in die Mark zu ziehen Vorhabens sein solle," so verbot ihm der Herzog Carl am 3. April 1568 jeden Uebergriff.

Und damit hörten denn alle Verhandlungen auf. Rögelin blieb unter der Landeshoheit der brandenburgischen Kurfürsten; jedoch wurden noch einige Zeit lang mehrere außerordentliche Lieferungen an die meklenburgischen Aemter gethan.

Das Dorf Rögelin hatte nämlich zu leisten:

1) an das Amt Wredenhagen:

4 Tonnen ruppinsch Bier auf Pfingsten;

2) an das Amt Wesenberg:

1 Drömt Salz, und zwar 6 Scheffel auf Walpurgis und 6 Scheffel auf Dionysii, Morgens vor Sonnenaufgang einzubringen.

Das Bier war im J. 1654 1 ) seit 1637 und das Salz im J. 1661 seit 1635 nicht geliefert. Man fing in den Jahren 1654-1659 an, diese Abgaben wieder in Erinnerung zu bringen. Aber in Rögelin wohnten im J. 1662 nur der Schulze, fünf Bauern und zwei Kossaten, welche dazu verarmt waren; der übrige Acker war mit großen Fichten bewachsen. Die brandenburgische Kammer bat, die Herzoge möchten der Dorfschaft die Leistungen so lange erlassen, bis das Dorf wieder besetzt sei.


1) Vgl. Jahrb. XIII, _Urk. Nr. XXX, S. 311.
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Bei fernerer Verhandlung im J. 1663 kam denn zum Vorschein, daß die "kurbrandenburgischen Beamten zu Zechlin sich geweigert, die Rögelinschen zu fernerer Lieferung anzuhalten."

Diese Abgaben wurden von der zwischen Rögelin und Rossow liegenden wüsten Feldmark Pribiß gegeben, welche die Einwohner des Dorfes Rögelin im J. 1428 von Rossow auf Wiederkauf erworben hatten. Da nun die Abgaben nicht geleistet wurden, so machten die Beamten zu Wredenhagen im J. 1665 den Vorschlag, daß die Bewohner von Rossow die Feldmark Pribiß von den rögelinschen Bauern wieder kaufen und so wieder an Meklenburg bringen sollten.

Aber Rögelin blieb brandenburgisch!

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II.

Zur Genealogie der Grafen von Schwerin

und

über den Verkauf der Grafschaft Schwerin.


1. Beiträge
von

G. C. F. Lisch.

D ie Geschichte der Grafschaft Schwerin, eines sehr wichtigen Theiles des jetzigen Meklenburgs, ist immer sehr vernachlässigt gewesen. Chemnitz brachte zuerst die Ausüge der Grafenurkunden, so weit sich diese ohne tiefere Studien überblicken ließen, zusammen; Rudloff, welcher zuerst die Geschichte der Grafen im Zusammenhange auffaßte, folgt ihm größtentheils mit Zuversicht. Es ist daher noch viel zu thun übrig, um so mehr da noch nicht einmal das Gerippe der Grafengeschichte feststeht. Es folgen hier einige Forschungen, deren Veröffentlichung am dringlichsten zu sein scheint.


1. Graf Nicolaus I. von Schwerin=Wittenburg und dessen Familie.

Der würdige Graf Gunzelin III. (1228 † 1274), welcher in fast fünfzigjähriger Regierung alle Länder der Grafschaft zusammenhielt und allein regierte, war im Herbste des J. 1274 gestorben. Seine drei ihn überlebenden Söhne theilten die Herrschaft so, daß Helmold II. Boizenburg, Gunzelin IV. Schwerin und Nicolaus I. Wittenburg erhielt; durch diese Theilung stifteten die drei Brüder drei Linien, welche bis zu ihrem Aussterben von einander gesondert bestanden und sich auch durch das Wappen, wenn auch nicht ganz scharf, doch bemerkenswerth, aus einander hielten, indem die Grafen von Boizenburg den queer getheilten Schild, die Grafen von Schwerin das schreitende, ungesattelte Pferd, die Grafen von Wittenburg zwei Lindwürmer an einem Baume, das alleinige Wappen der alten Grafen, am meisten und vorherrschend gebrauchten.

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Der Graf Nicolaus I. (1274 † 1323), welcher ebenfalls beinahe ein halbes Jahrhundert regierte, wird sehr häufig, in Urkunden und in Chroniken, schlechthin Graf von Wittenburg, auch Graf von Schwerin und Wittenburg genannt; er residirte in Wittenburg, wo er wohl ein Schloß und eine Residenz einrichtete, und datirte seine meisten Urkunden von Wittenburg. Die Stadt Wittenburg hat auch zum Andenken an die Grafen zwei Lindwürmer auf einem Stadtthore im Siegel.

Nicolaus I. hatte eine zahlreiche Familie, welche in mancher Beziehung interessant ist. Er starb im J. 1323; Rudloff sagt nur, daß er, nach seiner letzten Urkunde, nach dem 11. Nov. 1322 gestorben sei; aber in Detmar's lübischer Chronik steht ausdrücklich:

"1323. Dor starf greve nicolaus van wittenborch; twe sone he leth, gunceline vnde nicolawese, gheheten pyst."

Am 15. Aug. 1324 nennt sich seine zweite Gemahlin Merislave schon Wittwe ("Myroslava relicta quondam domini Nicolai comitis de Wittenborch") 1 ).


Elisabeth,
des Grafen Nicolaus I. von Schwerin-Wittenburg
erste Gemahlin.

Der Graf Nicolaus I. von Wittenburg war zwei Male vermählt. Seine erste Gemahlin hieß sicher Elisabeth und war nicht lange vor dem 14. Aug. 1284 gestorben; an diesem Tage stiftete nämlich der Graf 2 ) aus besonderer Liebe zu seiner geliebten Gemahlin Elisabeth seligen Andenkens und aus Zuneigung gegen das Nonnenkloster Zarrentin, wo sie begraben lag, mit 7 1/2 Hufen des Dorfes Wendisch=Welzin, (A. Schwerin?), eine Vicarei zur Feier von Seelenmessen für seine verstorbene Gemahlin, ihn selbst, seine Aeltern und alle seine Erben. Woher diese Gräfin Elisabeth stammte, wissen wir noch nicht. Rudloff (Mekl. Gesch. II, S. 245 und Stammtafel) hat sie zu einer Gräfin von Cesse gemacht; aber abgesehen davon, daß Grafen von Cesse nicht bekannt sind und man bei Vermählung regierender Landesherren im 13. Jahrh. schon immer nach bestimmten, bekannten Fürstenfamilien fragen kann und muß, beruht diese Ernennung zu einer Gräfin von Cesse durch Rudloff auf einem Irrthume, der noch mehr Wunder nehmen müßte, wenn


1) Vgl. Urk. Schlesw. Holst. Urk. Sammlung II, 2, S. 160, Nr. 136.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. IX.
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es sich nicht täglich klarer herausstellte, daß Rudloff nur zu sehr den Urkunden=Auszügen oder der sogenannten Chronik von Chemnitz gefolgt ist: Chemnitz nennt in seiner Chronik des Grafen Nicolaus I. "verstorbene Gemahlinne Fraw Elisabeth Gräffinne von Ceße."

Die Ernennung der Elisabeth zu einer Gräfin von Cesse ist aus der oben angeführten Urkunde vom 14. Aug. 1284 hergenommen; in derselben sagt der Graf Nicolaus wörtlich, daß er in dem Kloster Zarrentin eine Vicarei stifte aus besonderer Liebe zu "seiner geliebten Gemahlin seligen Andenkens, der verstorbenen Gräfin Elisabeth:

vxoris nostre dilecte sancte recordacionis Elizabet comitisse decesse.

Decesse oder decessae ist nun das Particip von dem zusammengesetzten Worte decedere in der bekannten mittelalterlichen Bedeutung = sterben, mit Tode abgehen (affgân, mid dôde affgân). Dies heißt nun wörtlich:

unserer geliebten Gemahlin seligen Andenkens Elisabeth der verstorbenen Gräfin.

Chemnitz und nach ihm Rudloff, welcher die Original=Urkunde nicht verglichen haben wird, haben aber das Wort decesse (verstorben) getrennt und de Cesse=von Cesse, gelesen und haben so eine Person in die Geschichte gebracht, welche nie existirt hat und nirgends zu finden ist.

Wir haben also bis jetzt nichts weiter gewonnen, als daß die erste Gemahlin des Grafen. Nicolaus I. Elisabeth hieß. Aus welchem Hause sie stammte, wissen wir nicht. Vielleicht gelingt es einmal durch Entdeckung bisher unbekannter Urkunden oder durch die Namen ihrer Kinder ihre Aeltern zu erforschen. Es scheinen Gunzelin VI., Nicolaus III., Audacia, Kunigunde und Agnes ihre Kinder gewesen zu sein. Gunzelin und Nicolaus hatten ihre Namen von ihrem Großvater und Vater; von den Töchtern, welche alle drei Nonnen des Klosters Zarrentin waren, führte Audacia den Namen ihrer Großmutter väterlicher Seite; es blieben also nur Kunigunde und Agnes übrig, welche Anhaltspuncte geben könnten.


Merislave,
des Grafen Nicolaus I. von Schwerin-Wittenburg
zweite Gemahlin.

Eine andere Gemahlin des Grafen Nicolaus I. von Wittenburg war Merislave, eine Tochter des Herzogs Barnim I.

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von Pommern= Stettin († 1278). Sie war schon am 28. Jan. 1304 mit dem Grafen Nicolaus vermählt und hatte schon damals zwei Töchter in das Kloster vor Stettin gegeben 1 ). Sie erscheint in meklenburgischen Urkunden 1317, 1319 und zuletzt als Gemahlin des Grafen Nicolaus am 11. Nov. 1322, endlich als Wittwe desselben am 15. Aug. 1324, und zwar mehrere Male unter Anhängung ihres sehr großen Siegels. Die Gräfin Merisleve führt nämlich ein großes, rundes Siegel 2 3/4" im Durchmesser, mit folgender Bildung: auf einem Sessel sitzt eine weibliche Figur, welche mit der rechten Hand einen vorwärts gekehrten Helm mit graden Reiher (?)= Federn über den queer getheilten gräflich=schwerinschen Schild und mit der linken Hand einen rechts gekehrten Helm mit einem großen Pfauenwedel über den pommerschen Schild mit dem rechts ansteigenden Greifen hält, mit der Umschrift:

Umschrift

Bemerkenswerth ist, daß auf dem Siegel dieser Gräfin 1319 zuerst der queer getheilte Schild der Grafen von Schwerin vorkommt, während die ältern Grafen und noch der Graf Nicolaus I. zwei Lindwürmer am Baume im Siegel führen.

Die Herkunft dieser Gräfin Merislave ist ganz sicher gestellt. Am 28. Jan. 1304 hatte die Herzogin Mechthild, Mutter des Herzogs Otto I. von Pommern= Stettin, eines Sohnes des Herzogs Barnim I., zwei Töchter (Mechthild und Beatrix) des Grafen Nicolaus von Schwerin, Schwagers des Herzogs Otto I., in das Cistercienser=Nonnenkloster vor Stettin gegeben und zu ihrer Erhaltung die Einkünfte von 8 Hufen des Dorfes Daber bei Stettin ausgesetzt 2 ), und am 15. Aug. 1306 schenkte durch eine besondere Urkunde die Herzogin Mechthild von Pommern=Stettin, unter Zustimmung ihres Sohnes Otto, diese 8 Hufen in Daber dem Kloster vor Stettin zu Gunsten der zwei Töchter Mechthild und Beatrix ihrer Tochter Merislave, Gräfin von Schwerin 3 ). Nach diesen beiden neu entdeckten, interessanten Urkunden waren die sichern Verwandtschaftsverhältnisse der Gräfin Merislave folgende:


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. X, und Nr. XI.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. X.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. XI.
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Stammbaum
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Aus dieser mächtigen Verwandtschaft, welche manches Ereigniß in jener merkwürdigen Zeit aufzuhellen vermag, geht unbezweifelt hervor, daß Merislave, des Grafen Nicolaus L von Schwerin=Wittenburg Gemahlin, eine Tochter des Herzogs Barnim I. von Pommern=Stettin war.

Bei dieser Gelegenheit wird es passend sein, einen unzweifelhaften Fehler in der pommerschen Geschichte zu rügen: es soll

Elisabeth,
des Herzogs Otto I. von Pommern=Stettin Gemahlin,

eine Gräfin von Schwerin und zwar des Grafen Nicolaus I. von Wittenburg Tochter gewesen sein. Als solche wird sie überall aufgeführt und Oelrichs z. B. sagt, es gelte bei den pommerschen Geschichtschreibern als gewiß, daß sie des Grafen Nicolaus von Schwerin Tochter gewesen sei 1 ). Elisabeth hieß sie, da ihr Sohn, Barnim III. der Große, im J. 1343 dem Kloster Colbaz ihre Mühlen bei der Stadt Demmin giebt, und dafür ewige Lichter und Seelenmessen in dem Kloster bedingt, und unter diesen die neunte zum Andenken an seine Mutter Elisabeth 2 ) und seine Schwester Mechthild:

"Nonum in anniversario generose ducisse Elizabeth matris nostre, dilecte et amantissime sororis nostre Mechthildis, quod precedente die beate Praxedis virginis est agendum."

Ob Elisabeth aber eine Tochter des Grafen Nicolaus I. von Schwerin gewesen sei, darüber dürften keine urkundliche Beweise vorliegen; es ist nicht einmal wahrscheinlich, da Nicolaus I. eine Schwester des Herzogs zur Frau hatte und Otto I. sein Schwager war; ein älterer Graf Nicolaus von Schwerin existirt aber nicht. Vielleicht ist diese Folgerung durch ein Mißverständniß aus den oben erwähnten Urkunden vom 28. Jan. 1304 und 15. Aug. 1306 3 ) gezogen, in denen viel von der Verwandtschaft des Herzogs Otto mit dem Grafen Nicolaus die Rede ist, freilich auf die oben dargelegte Weise.



1) Vgl. Oelrichs in Sacrum saeculare quintum templi collegiati b. Mariae dicti, Stetini, 1763, p. VII.:

"Hoc nondum ad liquidum perductum, vtrum Otto I. duas habuerit uxores? quum de una tantum Elisabetha, Nicolai comitis Suerinensis Megapolitani filia, historicos inter nostros certo constet."

2) Die Urkunde ist gedruckt in v. Eickstedt Urk. Samml. zur Gcschichte des Geschlechtes der von Eickstedt, I, 1838, S. 203.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. X, und XI.
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Kinder
des Grafen Nicolaus I, von Schwerin-Wittenburg.

Rudloff giebt 7 Kinder des Grafen Nicolaus I. an: Gunzelin VI., Anastasia, Nicolaus III., Barnim, Audacia, Kunigunde und Agnes; diese werden alle in Urkunden des schweriner Archivs genannt.

Wahrscheinlich waren von den Söhnen Gunzelin und Nicolaus, von den Töchtern Audacia, Kunigunde und Agnes Kinder erster Ehe. Diese drei Töchter waren Nonnen im Kloster Zarrentin, dem Lieblingskloster der Grafen von Schwerin, in welchem auch ihre Mutter Elisabeth begraben lag; Audacia lebte sehr lange und war an 40 Jahre Aebtissin dieses Klosters. Die Namen dieser Töchter werden vielleicht einst auf die Spur leiten, woher ihre Mutter stammte.

Barnim, welcher nur ein Mal, im J. 1322, genannt wird, war dem Namen nach zuverlässig ein Sohn zweiter Ehe; er führte seinen Namen von seinem Großvater mütterlicher Seite; es stellt sich nämlich immer mehr mit Sicherheit heraus, daß die Enkel den Namen der Großältern führen, und dann weiter der Aeltern und der Urältern. Daher möchte ich denn auch die Anastasia für eine Tochter zweiter Ehe des Grafen Nicolaus I. halten, da ihr Name in der pommerschen Herzogsfamilie gebräuchlich war. Sie war, nach Rudloff, an den Grafen Gerhard von Holstein=Plön vermählt. Hier ist aber die Angabe Rudloffs wieder mangelhaft. Anastasia ward zuerst im J. 1306 in zweiter Ehe an den Grafen Waldemar von Jütland († 1311) vermählt; in der Fortsetzung der Chronik des Albert von Stade 1 ) heißt es nämlich:

"1306. Eodem anno Waldemarus dux Jutie, defuncta filia ducis Saxonie, secundas nuptias celebravit cum filia Nicolai comitis de Wittenborg."

Die Anastasia ist hier freilich nicht mit Namen genannt, wenn auch deutlich genug bezeichnet; diese Vermählung wird jedoch durch die folgenden Verhandlungen außer Zweifel gesetzt. Anastasia heirathete nämlich im J. 1313 zum zweiten Male den Grafen Gerhard IV. von Holstein=Plön, welcher bis dahin Dompropst zu Lübeck gewesen war, wie sein Schwager Graf Gunzelin VI. bis zu eben dieser Zeit Domherr zu Schwerin gewesen war. Hierüber redet nicht nur Detmar's lübische Chronik:


1) Vgl. Contin. Alberti Stad. ad a. 1306; v. Kobbe Gesch. des Herzogthums Lauenburg, II, S. 12; Lappenberg: Die Elbkarte des Melchior Lorichs, Stammtafel zu S. 136.
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"1312. Gherd vom Holsten — — nam hertoghen woldemers wedwen graven nycolaus dochter van wittenborch."

Diese, mit Aufnahme der Jahrszahl, richtige Angabe wird durch eine Reihe von Original=Urkunden bestätigt. Am 30. Juli 1313 schloß der Graf Gerhard IV. den Vertrag mit dem Grafen Nicolaus von Schwerin über die Vermählung mit der Tochter des letztern, in welchem es heißt:

"primo filiam eius Anastasiam ducemus matrimonialiter in uxorem."

Am 21. Oct. 1313 verschrieb der Herzog seiner Gemahlin Anastasia ("dominae Anastasiae nostrae legitimae") ihr Leibgedinge und am 21. Dec. 1313 quittirte er den Grafen Nicolaus über die Hälfte der Mitgift seiner Gemahlin 1 ). Daß die Anastasia Wittwe war, wird auch dadurch angedeutet, daß sie in den Urkunden nie "Jungfrau" genannt wird, wie gewöhnlich, sondern Frau ("domina"). Daß die Anastasia Gemahlin des Herzogs Waldemar von Jütland gewesen war, geht ferner auch daraus hervor, daß der Graf Nicolaus von Schwerin die Mitgift von 1200 Mark reinen Silbers auf den Herzog Erich von Jütland, den Sohn Waldemar's, anwies; diese Summe war also wohl die erste Mitgift, welche Anastasia nach dem Tode ihres ersten Gemahls von dessen Erben zu fordern hatte. Uebrigens war die Anastasia bei ihrer zweiten Vermählung noch jung. Nehmen wir an, daß des Grafen Nicolaus I. Gemahlin Elisabeth im J. 1284 starb und er im J. 1285 die Merislave wieder heirathete, da war die Anastasia bei ihrer ersten Vermählung im J. 1306 ungefähr 20 Jahre und bei ihrer zweiten Vermählung im J. 1313 erst 27 Jahre alt.

Außer diesen Kindern hatte der Graf Nicolaus I. von Schwerin=Wittenburg aber noch zwei Töchter zweiter Ehe,

Mechthild und Beatrix,

welche ihre Großmutter Mechthild von Pommern=Stettin nach den oben behandelten Urkunden im J. 1304 wahrscheinlich noch jung in das Cisterzienser=Nonnenkloster vor Stettin gegeben hatte. Hiernach dürften sich die Kinder des Grafen Nicolaus I. von Schwerin=Wittenburg in folgende Reihe stellen:


1) Die im Geh. und H. Archive zu Schwerin aufbewahrten Urkunden sind gedruckt in Schlesw. Holstein. Urk. Samml. II, 2, 1818, S. 219 flgd.
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Kinder des Grafen Nicolaus I. von Wittenburg.
Kinder des Grafen Nicolaus I. von Wittenburg

Merislave,
des Grafen Nicolaus II. von Schwerin-Boizenburg
Gemahlin.

Bei dieser Untersuchung ist es nothwendig, von der zweiten Gemahlin des Grafen Nicolaus I. von Schwerin=Wittenburg eine andere schwerinsche Gräfin Merislave zu scheiden, welche mit jener zu gleicher Zeit lebte. Dies war die Gemahlin des Grafen Nicolaus II. von Schwerin=Boizenburg († 1316), wie es heißt, eine Tochter des Fürsten Wizlav III. von Rügen, mit dem im J. 1325 der rügensche Mannsstamm ausstarb. Ihr einziger Sohn Nicolaus IV. war der letzte der boizenburger Linie der Grafen von Schwerin. Am 19. April 1326 zog sich dieser einstweilen auf 10 Jahre von der Regierung zurück und ließ seinem Vaterbruder Heinrich III., der zu Neustadt residirte, die Lande und Städte Boizenburg und Crivitz erbhuldigen, wofür er sich für sich selbst freien Unterhalt mit fünf Begleitern und für seine Mutter Merislave den Hof zu Bantschow und 400 Mark wend. Pf. Geldes, mit aller Gerechtigkeit, die sie bisher gehabt hatte, versichern ließ. Zu gleicher Zeit mit ihm regierte zu Wittenburg Graf Nicolaus III., dessen Stiefmutter ebenfalls Merislave (von Pommern) hieß. Beide sind aber durch die Siegel klar und bestimmt von einander zu unterscheiden. An der eben erwähnten Urkunde vom 19. April 1326 hangen noch die Siegel der Merislave, Wittwe des Grafen Nicolaus II. von Boizenburg, und ihres Sohnes Nicolaus IV. Das Sigel dieser Merislave ist ein kleines, rundes Siegel, von 1 1/8 Zoll im Durchmesser, auf welchem ein Baum mit verschlungenen Aesten steht, an denen links der gräflich=schwerinsche queer getheilte Schild,

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rechts ein Schild mit einem rechts gekehrten, aufsteigenden Greifen hängt; die Umschrift lautet:

Umschrift

Der Greif auf dem Schilde, eigentlich das pommersche Wappenzeichen, ist durchaus klar zu erkennen, und muß die Untersuchung über diese auffallende Erscheinung einer andern Untersuchung vorbehalten bleiben. Das an derselben Urkunde hangende Siegel ihres Sohnes Nicolaus IV. ist parabolisch, 2 Zoll hoch, und enthält im gegatterten Felde den rechts gelehnten, queer getheilten gräflich=schwerinschen Schild unter einem vorwärts gekehrten Helme, hinter welchem eine viereckige Helmdecke ausgespannt ist; die Umschrift lautet:

Umschrift

Dieses Siegel ist sehr klar zu erkennen, indem ess das einzige von parabolischer Form ist in der Familie der Grafen von Schwerin. Der Graf Nicolauss IV., der ess führt, wird 1326-1332 beständig und öfter domicellus oder juncherre genannt, weil er noch nicht Ritter war. In dem vorliegenden Falle ist er mit seiner Mutter sehr bestimmt zu erkennen, indem er (Clawes junchere tu Zwerin) in dem Verzicht auf Boizenburg vom 10. April 1326 die Merislave ausdrücklich seine Mutter nennt (vnse moder vor Meritzslawe), und beide die Urkunde durch Anhängung ihrer so eben beschriebenen Siegel bestärken.

Eine dritte

Merislave,
Tochter des Grafen Nicolaus II. von Schwerin-Boizenburg

und der eben genannten Merislave, ward im Jahre 1327 mit dem Grafen Johann III. von Holstein=Plön vermählt 1 ). Bei dieser Gelegenheit verzichtete ihre Mutter Merislave auf den ihr am 10. April 1326 verschriebenen Hof zu Bantschow mit der Hebung von 400 Mark.

Nachdem diese Personen von einander geschieden sind, bleibt es noch übrig, eine andere neue Person in die Familie der Grafen von Schwerin einzuführen.


1) Die darüber redenden, im Geh. und H. Archive zu Schwerin aufbewahrten Urkunden sind gedruckt in Schlesw. Holstein. Urk. Samml. II, 2, Nr. 179-181, S. 223 flgd.
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2. Graf Gunzelin VI. von Schwerin=Wittenburg und dessen Gemahlin Rixe.

Rudloff 1 ) sagt, indem er von der Merislave von Pommern, Gemahlin des Grafen Nicolaus I. von Wittenburg redet, sie habe im J. 1326 ihr Leibgedinge Hagenow, welches damals noch ein Dorf war, dem Grafen Heinrich von Schwerin abgetreten; mit dieser Angabe verlängert er die Geschichte der Merislave fast um zwei Jahre. In der hierüber ausgestellten Original=Urkunde 2 ) nennt sich aber die von ihm gemeinte Gräfin nicht Merislave, sondern Rictze. Diese Namensform muß Rudloff für eine Abkürzung des Namens Merislave genommen, oder auch falsch gelesen haben, indem er wahrscheinlich Merictze statt Wy Rictze las. Diese Abkürzung ist aber wohl nicht leicht möglich. Der Name Rixa, Richissa, Richenza oder Richardis ist ein uralter, deutscher Name, neben dem männlichen Namen Richard stehend. Und so (Rixe) wird der Name sowohl in Urkunden, als auf Siegeln stets geschrieben. Der Name Merislave ist dagegen wendisch, wird immer und häufig in dieser vollen Form gebraucht und läßt nicht die Abkürzung in Rixe zu, gewiß schon nicht um die Verwechselung mit dem im Norden sehr häufig in den fürstlichen Familien vorkommenden Namen Rixe zu vermeiden. Auch redet in Beziehung auf die hier behandelten Personen das Siegel der Rictze gegen die Annahme, daß sie mit der Merislave dieselbe Person sei. Freilich ist kaum noch die Hälfte des Siegels der Rixe vorhanden, aber doch noch so viel von demselben, um die völlige Verschiedenheit von den Siegeln der beiden Merislaven zu erkennen. Die Gräfin Rixe führt ein kleines, rundes Siegel mit dem Bilde einer sitzenden Frau, welche in der rechten Hand den queer getheilten gräflich schwerinschen Schild hält, und mit der Umschrift:

Umschrift

Leider fehlt ihr Name und ihr Vatersschild ganz.

Es ist nun die Frage, wohin die schwerinsche Gräfin Rixe gehört. Es ist freilich nur eine Vermuthung; aber wir glauben, daß sie die Gemahlin des Grafen GunzelinVI. von Wittenburg, des ältesten Sohnes des Grafen Nicolaus I., war, dessen Gemahlin bisher noch nicht bekannt gewesen ist. Sie hat die Urkunde auf dem Schlosse zu Wittenburg aus=


1) Vgl. Rudloff Mekl. Gesch. II, S. 246.
2) Vgl. Urk.=Samml. Nr. XII.
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gestellt, und ihre Enkelin heißt ebenfalls Richardis. Diese Zeichen und der Umstand, daß sie nirgends anders hinzubringen ist, hat uns zu unserer Annahme geführt.

Eine viel wichtigere und für unsere Geschichte überhaupt sehr wichtige Frage ist endlich die, woher diese Gräfin Rixe stammte. Im J. 1358 verkauften die Grafen von Schwerin ihre Grafschaft Schwerin an den Herzog Albrecht von Meklenburg und nannten sich Grafen von Teklenburg. Diese wichtige Begebenheit des Ueberganges der Grafen von Schwerin in die Grafschaft Teklenburg ist bis jetzt völlig dunkel. Die bisherigen meklenburgischen Geschichtschreiber sagen darüber nichts und eben so schweigsam sind die Urkunden unserer Archive; v. Lützow Mekl. Gesch. II., S. 191, führt eine reiche Litteratur über diese Begebenheit auf, kann aber eben so wenig eine aufhellende Tatsache beibringen, als die frühern Schriftsteller, irrt jedoch, wenn er sagt, daß "Rudloff sogar mit völligem "Stillschweigen darüber hinweggehe."

Rudloff sagt nämlich Mekl. Gesch. II, S. 282:

"Graf Gunzelin von Wittenburg kommt nun (nach 23. Apr. 1338) auch nicht, weiter vor: sein ältester Sohn Otto folgte ihm in der wittenburgischen Regierung; der jüngere Nicolaus hingegen nannte sich Graf von Tekeneburg, und es wird daher wahrscheinlich, daß dessen unbekannte Mutter ihrem Gemahl diese Grafschaft zugebracht und auf ihren Sohn vererbt habe."

Und diese Ansicht muß auch ich einstweilen, bis das Ausland uns mehr sichere Kunde bringt, festhalten und sie dahin erweitern, daß des Grafen Gunzelin VI. bisher "unbekannte" Gemahlin Rixe geheißen habe und die Tochter und Erbin des Grafen Otto VII. von Teklenburg gewesen sei. Nach dem folgenden, von dem Herrn E. F. Mooyer zu Minden, unabhängig von den vorstehenden und nachfolgenden Forschungen, für unsern Verein gütigst ausgearbeiteten und auf urkundliche Beweise gegründeten Stammbaum der Grafen von Teklenburg, so weit er für unsere Geschichte von Wichtigkeit ist, ging die Grafschaft Teklenburg durch Erbschaft an den Grafen Otto V. von Bentheim über; diese Grafen von Meklenburg aus dem bentheimschen Stamme blüheten bis auf die Gräfin Richardis oder Rixe, die letzte dieses Stammes, welche durch ihre Vermählung die Grafschaft Meklenburg an den Grafen Gunzelin VI. von Schwerin brachte, dessen Söhne die Grafschaft Schwerin verkauften und die Grafen von Teklenburg fortsetzten. Dazu

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stimmen denn auch die Namen in der Familie der letzten Grafen von Schwerin. Rixe, Gunzelin's VI. Gemahlin, und Rixe, Gunzelin's VI. Enkelin, führten diesen Namen von ihren Großmüttern, und der Graf Otto I. von Schwerin führte seinen Namen von seinem Großvater mütterlicher Seite, wie sein Bruder Nicolaus VI., der erste Graf von Teklenburg aus schwerinschem Stamme, von seinem Großvater väterlicher Seite.

Stammbaum

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2. Beiträge

von

E. F. Mooyer zu Minden.


Urkundlicher Stammbaum der Grafen von Teklenburg
aus der Zeit 1250-1350.

Stammbaum
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Stammbaum
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3. Beiträge

von

G. M. C. Masch.


Beate,
Gemahlin des Herzogs Albert von Sachsen=Lauenburg,

und
Rixe,
Gemahlin des Herzog Waldemar von Jütland,

Töchter der Grafen Gunzelin VI. von Schwerin =Wittenburg.

Beate.

Beate, die erste Gemahlin des Herzogs Albert IV. von Sachsen=Lauenburg, wird von keinem der ältern Genealogen gekannt, wie denn überhaupt die lauenburgische Genealogie bis in die neuesten Zeiten die allerdunkelste und verwirrteste war; sie kommt aber in zwei Urkunden ihres Gemahles vor. In der ersten, ausgestellt in Mölln den 14. August 1336 1 ), verkauft der Herzog Albert

de consensu et beneplacito uxoris nostre domine Beate
d. i. mit Zustimmung und Willen unserer Gemahlin Frau Beate

an Albert Witte, Vicar der Capelle zum heil. Geist in Mölln, und an Nicolaus, Kirchherrn zu Nusse, Decan der Kalandsbrüder daselbst, 10 Mk. lüb. Pf. Rente, die von den Aufkünften der Schleuse auf der Stekeniz bei der Steinburg jährlich erhoben werden soll, für 130 Mk., die zu seinem und seiner Gemahlin Nutzen verwandt sind, und soll letztere, so lange sie lebt, das Patronat haben. Ihre Zustimmung zu allem diesen gab die Herzogin


1) Schlesw. Holst. Lauenb. Urkunden=Sammlung II, 1. N. LXXXIII. p. 95.
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Beata dei gracia ducissa Saxonie, Angarie et Westphalie, uxor illustris principis Alberti ducis Saxonie predicti

und hing zum Zeugniß ihr Siegel an.

In der zweiten 1 ), in Mölln am 3. Sept. 1340 ausgestellten Urkunde giebt Herzog Albert der Kirche zu Ratzeburg 6 Mk. lüb. Pf. jährliche Hebung aus der Schleuse über die Stekeniz zum Seelenheil des Bischofs Ludolf von Ratzeburg, seines Vaters des H. Johann von Sachsen, seiner Mutter Elisabeth, ehemals Königin von Dänemark, und der Beate, ehemals seiner Gemahlin,

Beatae quondam uxoris nostrae.

Aus diesen beiden Urkunden ergiebt sich nun, daß Beate 1336 noch lebte und daß sie vor dem 3. Sept. 1340 gestorben ist. An der ersten hat sich ihr Siegel erhalten; es ist rund, 1 1/2 Zoll im Durchmesser und hat die Umschrift:

Umschrift

Die Fürstin, das Haupt mit einem Schleier bedeckt, sitzt auf einem Stuhle und hält mit der Rechten über den sächsischen Rautenschild den sächsischen Helm, mit der Linken über einen getheilten Schild einen Helm mit einem offenen Fluge, also vollständig das gräflich=schwerinsche Wappen, wie es damals geführt ward, und ihre Herkunft aus diesem Hause ist erwiesen 2 ).


Rixe.

Richardis oder Rixe war die Gemahlin des Herzog Waldemar V. von Jütland (Schleswig). Seine Geschichte kommt hier nicht in Betracht 3 ); es ist bekannt, wie er nach Entsetzung des Königs Christoph II. 1326 zur dänischen Krone durch Wahl gelangte, die Constitutio Waldemariana wegen des Verhältnisses von Schleswig zu Dänemark gab, doch schon 1330 den Königstitel ablegte und Herzog von Südjütland ward, wo er bis 1364 regierte und gestorben ist. Der Name seiner Gemahlin Rigizza ist bekannt; sie wird eine weise und beredte Dame genannt, als sie dem König Waldemar, der Sonderburg belagern wollte (1357), entgegen ging und ihn mit freundlichen Worten um Gnade bat 4 ). Huitfeld (I, 515) scheint zuerst die


1) Vgl. Urkunden=Sammlung Nr. XIII.
2) v. Kobbe lauenb. Gesch. II. S. 58, N. 15, hat bereits diese Bemerkung benutzt.
3) Vgl. Dahlmann Gesch. v. Dänemark II, S. 464 flgd.
4) Vgl. Michelsen und Asmussen Archiv II, S. 217, wo die Annales Danorum den Namen nicht nennen, den aber Christiani Gesch. v. Schlesw. und Holstein II, S. 438, hat.
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Meinung aufgebracht zu haben, daß sie eine lauenburgische Prinzessin gewesen sei; als solche, und zwar als Tochter des H. Erich, wird sie von Gebhardi 1 ) aufgeführt; Suhm und andere sind ohne Kritik der Huitfeldschen Annahme gefolgt.

Von ihr sind 2 Urkunden, deren Originale sich im geheimen Archiv in Kopenhagen befinden, veröffentlicht worden; in der ersten vom 19. Juni 1358 bezeugt Richardis,

Rikardae, dei gracia ducissa Sleswicensis,

daß ihr der König Waldemar von Dänemark Alsen und Sundewith unter gewissen Bedingungen eingeräumt habe 2 ), und in der zweiten vom 1. Januar 1373 erklärt

vrowe Rixe hertoginne to Sleswich,

daß sie den König Waldemar zu ihrem Vormund und Vertreter erwählt habe 3 ).

Beide Urkunden tragen noch das Siegel der Fürstin und zwar hat das an der Urkunde von 1358, 2 Zoll im Durchmesser, die Umschrift:

Umschrift

Die gekrönte Herzogin, welche einen Schleier unter der Krone und neben sich an jeder Seite des Hauptes einen sechsstrahligen Stern hat, steht und hält in der rechten Hand einen Helm, auf dem eine unkenntliche mondförmige Figur liegt, darüber ein Balken und darüber ein Pfauenwedel an einem Schafte, über den schleswigschen Schild mit den beiden Löwen, in der linken Hand aber einen Helm mit 2 Flügeln über einen getheilten Schild, dessen obere Hälfte schraffirt ist. Das Siegel an der zweiten Urkunde von 1373 ist größer, 2 1/2 Zoll im Durchmesser, und hat in einem doppelten geperlten Rande die Umschrift:

Umschrift

Die gekrönte Frau, mit fliegendem Haar, steht zwischen zwei großen, vierblättrigen Rosen, die aus dem untern Rande des Siegelfeldes an Stielen hervorkommen, und auf deren jeder ein links gekehrter Vogel sitzt, und hält in der rechten Hand den Schild mit den 2 Löwen, in der linken einen getheilten, oben schraffirten Schild, beide ohne Helme 4 ). Also in beiden Siegeln erscheint als Wappen ihres Hauses der Schild der Grafen von Schwerin und es bedarf demnach keiner Widerlegung der oben angeführten Angabe, welche sie dem sächsischen Fürstengeschlechte zuweiset.


1) Genealog. Erläuterungen I, t. 75.
2) Schlesw. holst, lauenb. Urk. Samml. II, 2, S. 235, N. CLXXXVIII. und schon früher gedruckt in Suhm XIII, p. 831.
3) Schles. holst. lauenb. Urk. Samml. das. S. 288, N. CCXXVI. nach Carstens in der Schrift der Kiobenh. Selskab. X. p. 127.
4) Ich verdanke die Mittheilung dieser Siegel dem Herrn Dr. Ostwald in Kopenhagen.
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Nachdem nun die Siegel, deren Bedeutsamkeit für genealogische Forschungen sich hier so recht deutlich zeigt, das Haus der beiden Fürstinnen festgestellt haben, kommt es darauf an, das Verhältniß derselben zum schwerinschen Grafenhause zu ermitteln. Dazu bieten denn folgende 2 Urkunden hinlängliche Auskunft dar.

Graf Otto von Teklenburg sagt in einer zu Lynghen 1386 am 6. Mai ausgestellten Urkunde: 1 )

Wy Otte — greve to Thekeneuborch dot wytlik, — dat wy vnseme leven ome, deme olderen hertoghe Erike to Sassen hebbet ghegheuen — macht — to donde — wes em nutte vnd ghud dunked wezen uth to manende vnd to vorderne — al vnse del, dat vns anvalt vnd tohoren mach van al deme dat vnses vaders zuster vor Rychardis hertoghinne to Sleswyk den beyden got gnedich sy — — — —

Herzog Erich von Sachsen zu Nigenhuze am 18. October 1393 läßt sich also vernehmen: 2 )

Wy Erik — hertoghe thu Sassen — de oldere bekennen — dat wy — all vnze rechticheit de vns, vnzen erven und unzeme oeme greven Otten van Tekkeborch vnd sinen erven anestorven is, beide van vnzer medderen wegen vrowen Rixen hertoginne thu Sleswig saliger dechtnisse — —

Aus diesen beiden Urkunden ergiebt sich nun das verwandtschaftliche Verhältniß der beiden Aussteller zu der bereits verstorbenen Herzogin Rixe von Schleswig. Graf Otto von Teklenburg nennt sie ausdrücklich seinesVaters Schwester und Herzog Erich der ältere seine Medderen, was bekanntlich Mutter=Schwester bezeichnet. 3 )

Graf Otto II. von Teklenburg (und Schwerin bis 1359 März 31.) war der Sohn des Nicolaus VI. Grafen zu Teklenburg, welcher zu Wittenburg von 1349 April 3., zu Schwerin von 1357-1359 März 31. regierte, und Nicolaus war der Sohn des Grafen Gunzelin VI. von Schwerin in Wittenburg, welcher nach 1338 starb. 4 ) Es ist also klar, daß Richardis die Schwester des Grafen Nicolaus IV. und eineTochter des


1) Schlesw. holst. Urk. a. a. O. S. 351 N. CCLXXV., auch gedruckt in Michelsen polem. Erört. S. 67.
2) Daselbst N. CCXCIII. S. 373, und Michelsen S. 73.
3) Vgl. Gatterer Genealogie, S. 56.
4) Vgl. Rudloff, mecklenb. Gesch. II, S. 338.
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Grafen Gunzelin VI. gewesen ist, welche mit ihrer Mutter den gleichen Namen führte.

Herzog Erich der ältere von Sachsen zu Mölln und Bergedorf ist derjenige, welcher in der Reihe der sächsischen Herzoge als der III. dieses Namens bezeichnet wird. Es ist eine Abweichung von der Zählung, wenn die Herausgeber der Urkunden=Sammlung ihn als den IV. bezeichnen; denn Erich IV. ward erst nach dem Tode des vorhin genannten († 1401) als der ältere bezeichnet 1 ), und der kommt hier gar nicht in Betracht, da er ein Sohn Erich's II. und der Agnes von Holstein war. - Unser Erich der ältere ist ein Sohn des Herzogs Albrecht IV. zu Bergedorf 2 ), und der nennt in den angegebenen Urkunden seine Gemahlin Beate, welche, wie nachgewiesen, eine Gräfin von Schwerin war. Wenn nun Erich in der Urkunde von 1303 die Rixe seiner Mutter Schwester nennt, so ist klar genug, daß Beate die andere Tochter des Grafen Gunzelin VI. von Schwerin gewesen ist und daß Herzog Erich und Graf Otto Geschwisterkinder waren, wozu auch das Wort oeme ganz gut paßt, da es auch dieses Verhältniß oft genug bezeichnet und nicht als Vaters oder Mutter Bruder gefaßt werden muß, was hier ja ganz unstatthaft sein würde.

Die Genealogie stellt sich nun nach diesen Ermittelungen also:

Stammbaum
Vignette

1) Vgl. v. Kobbe, lauenb. Gesch. II, S. 96.
2) Vgl. v. Kobbe a. a. O. S. 56.
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III.

Die Gefangennehmung des Fürsten Albrecht
von Meklenburg

durch

den Grafen Günther von Schwarzburg
im J. 1341,

von

G. C. F. Lisch.


A lle meklenburgischen Geschichtschreiber berichten, daß der Fürst Albrecht im J. 1342 von einem Grafen von Schwarzburg gefangen genommen sei; auch Rudloff Mekl. Gesch. II, S. 284 sagt:

"Vielleicht war es auch eine schwedische Angelegenheit, in welcher Albrecht eine persönliche Reise an den kaiserlichen Hof unternahm, worüber er aber unterwegs in Thüringen von einem Grafen von Schwarzburg aufgehoben und, wegen einer rückständigen väterlichen Schuld, fast ein halb Jahr in Verwahrung gehalten ward."

Aehnliches berichtet v. Lützow Mekl. Gesch. II, S. 176, mit dem Hinzufügen, daß

"die Geschichte die Veranlassung dieses Ereignisses nicht aufbewahrt habe."

Das Ereigniß ist merkwürdig und für die Geschichte wichtig genug, um darin eine Veranlassung zu genauerer Forschung zu finden. Auffallend ist es, daß bisher nirgends Urkunden aufgefunden sind, welche über diese Begebenheit irgend eine Andeutung machen. Es ist daher ein wertvolles Geschenk, wenn der Freiherr von Freyberg, Vorstand des königl. baierischen Reichsarchives zu München, in seiner beurkundeten Geschichte Herzogs Ludwig des Brandenburgers, München, 1837, die Vergleichs=Urkunden 1 ) über die Freilassung des Fürsten Albrecht aus der Gefangenschaft vom 25. Mai 1342 mittheilt. Hiedurch ist die


1) Vgl. Urkunden Sammlung: Vermischte Urkunden.
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Thatsache außer Zweifel gestellt, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß diese Urkunden nicht viel mehr Licht über die Veranlassung der Gefangennehmung verbreiten, als die Chroniken; es ist übrigens jede urkundliche Bereicherung aus jenen Jahren von Wichtigkeit, da die urkundlichen Quellen aus dieser Zeit ungewöhnlich spärlich fließen. Da nun aber die Thatsache festgestellt ist, so verdienen die Chroniken um so viel mehr Glauben, als sie mit den urkundlichen Angaben übereinstimmen.

Die älteste chronistische Quelle ist Detmar's lübische Chronik, welche, nach Grautoff's Ausgabe, sagt:

"1342. By der tyd do wolde de edele here albrecht van mekelenborch then to deme keisere unde wart in doringhen vanghen van deme greven van zwarceborch, de ene helt wol en half iar vor ghut, dat sin vader eme sculdich blef."

Der wohl unterrichtete Detmar, dem noch zuverlässige Nachrichten zu Gebote standen, deutet auf die Veranlassung der Gefangenschaft hin. Die jüngere Chronik Corner's (in Eccard II, p. 1058) nennt, nach der wendischen Chronik, die Veranlassung der Reise des Fürsten Albrecht und die bei der Gefangennehmung betheiligten Personen mit Namen:

"Albertus dominus de Mykelenburg in legatione Magni regis Sweorum ad Lodowicum imperatorem missus, tanquam paranymphus pro quodam conjugio sociando, in Thuringia a Gunthero comite de Swartzeburg cum omnibus suis est captivatus, secundum chronicam Obotritorum, sed tandem per Lodovicum imperatorem potenter est liberatus et cum gloria in patriam suam est remissus, negotio suo peracto."

Albert Crantz (Vandalia VIII, cap. XXI.) berichtet nicht mehr, als was diese beiden Chroniken sagen. Dagegen weiß Marschall Thurius (in Annales Herulorum L. VIII, cap. 1, und in Chronicon rythmicum, cap. LXVII.) viele Dinge, von denen einige sicher ungegründet sind.


Der junge Fürst Albrecht von Meklenburg erreichte seine Volljährigkeit (mit 18 Jahren?) um Ostern des J. 1336. Darauf vollzog er alsbald, Pfingsten d. J., zu Rostock seine Vermählung mit der ihm früh verlobten Euphemia, Schwester des Königs Magnus von Schweden, und segelte mit seiner jungen Gemahlin nach Stockholm zur feierlichen Krönung seines Schwa=

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gers, von wo er im Juli 1336 nach Meklenburg heimkehrte. Hier suchte er sich zuerst durch Bündnisse seiner nächsten Verwandten zu stärken, bändigte im Anfange des J. 1337 seine widerspenstigen Vasallen, ordnete die inneren Angelegenheiten seiner Herrschaft reisete im ganzen Lande umher, beschwichtigte den überall gährenden Zwiespalt und stärkte die Städte, denen er sich späterhin vorzüglich hingab, durch Rath und Beistand. Darauf ging er an das große Werk der Befestigung der Achtung gebietenden städtischen Mächte, indem er am 11. Jan. 1338 zu Lübeck das große Landfriedensbündniß der norddeutschen Fürsten mit den großen Hansestädten vermittelte 1 ) und dadurch in der That den Grund zu dem großen Ansehen und Einflusse der nordischen Hanse legte. Die Entwickelung dieser Landfriedensbündnisse und des Flors der Städte, welche im 14. Jahrh. auch den Gipfel ihrer Macht erreichten, war das Hauptstreben des großen Fürsten, der ein halbes Jahrhundert hindurch auf dem Throne seiner Väter saß. Aus den nächstfolgenden Jahren haben wir ungewöhnlich wenig Urkunden des jungen Fürsten; wir sehen ihn nur einige Male in Schweden für das Wohl der Städte und sonst hin und wieder im Lande wirken. In der zweiten Hälfte des J. 1341 gerieth er, kaum 24 Jahre alt, in die Gefangenschaft des Grafen Günther von Schwarzburg.

Es ist interessant, zu wissen, welcher Günther von Schwarzburg der Feind Albrecht's war. Es war ohne Zweifel der nachmalige Kaiser Günther († 1349), ein Sohn Heinrich's († 1324), ein "tüchtiger, wackerer, starker, aber unruhiger" Mann. Er wird in der Vergleichsurkunde vom 25. Mai 1342 beständig "Graf Günther von Schwarzburg auf Arnstadt" 2 ) ("Gunther graue von Swartzburg des Arnstete ist") genannt; und so heißt auch der nachmalige Kaiser in den Urkunden 3 ) über seine Kaiserwahl ("Gunther greue zu Schwartzburgk her zue Arnstede, Guntherus comes de Swartzburg dominus in Arnstete"); auch wird er der ältere ("graf Günther von Swartzburg der elter, herre zu Arnsteth") genannt, im Gegensatze zu einem jüngern Grafen, der auf der Wachsenburg saß ("graf Günther von Swartzburg, herre zu Wassenburg, graf Günther von Swartzburg des Wachsenburg ist"), der in derselben Urkunde über die Kaiserwahl neben dem ältern Grafen aufgeführt wird. Dieser jüngere Graf Günther war ein Brudersohn des ältern Günther, ein Sohn Heinrichs († 1336). Ein Sohn


1) Vgl. Jahrb. VII, S. 1-50.
2) Vgl. Riedel cod. dipl. Brand. II, 2, Nr. 866, 867, 872, 873, S. 234-239.
3) Vgl. daselbst Nr. 867, S. 235, vgl. Nr. 667.
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des ältern Grafen war vielleicht der Graf Günther von Schwarzburg auf Spremberg 1 ) und Landsberg. Diese Ansicht, daß der nachmalige Kaiser Günther der Feind Albrecht's war, wird noch mehr bestärkt durch die öfter erwähnte Vergleichsurkunde vom 25. Mai 1342, in welcher ausdrücklich gesagt wird, daß der Graf Günther von Schwarzburg auf Arnstadt den Fürsten gefangen genommen habe, daß aber Graf Günther sein Vetter ("greve Günther sin vettir"), der den Fürsten Albrecht des Verraths am Reiche beschuldigt habe, sein Geleitsmann in der Gefangenschaft gewesen sei ("want er des [gevenknusses] ein geleidisman sal sin gewest"). Und dies wird auch Marschalk, der sicher noch Urkunden gesehen hat, gewußt haben, da er ebenfalls sagt:

Der herre der graff (Günter) blieb aldo,
Sein vettir der greiff bey Blankenberg noh
Den herrn mit allem seinen gefehrte.

Die Veranlassung der Gefangennehmung des Fürsten Albrecht wird verschieden erzählt. Die lübecker Chronik erzählt, es sei geschehen wegen "Gut, welches der Fürst seinem Vater schuldig war", also wegen einer alten Geldschuld. Andere meinen, es sei aus Rache geschehen, weil Albrecht's Vater, Heinrich der Löwe, seinen Vater gefangen genommen habe. Die Vergleichs=Urkunde vom 25. Mai 1342 giebt als Grund der Gefangennehmung nur an den "Schaden, der dem Grafen und dessen armen Leuten (d. i. Unterthanen) von dem Fürsten von Meklenburg und den Seinen geschehen und der doch groß sei." Können wir nun auch den in der Urkunde angegebenen Grund als zuverlässig, im Allgemeinen als richtig annehmen, so ist doch die eigentliche Veranlassung nicht ganz klar zu erkennen. Möglich ist es, daß ein alter Groll zwischen beiden Häusern herrschte, weil der Vater des Grafen von dem Vater des Fürsten in der großen, den Brandenburgern unheilvollen Schlacht von Gransee im J. 1316 (vgl. Jahrb. XI, S. 212 flgd.) gefangen genommen war. Aber die Veranlassung lag wohl sicher in dem Verhältnisse der Schwarzburger zu den Markgrafen von Brandenburg. Die Grafen von Schwarzburg standen den Markgrafen in jener Zeit sehr nahe, waren oft Hauptleute in den Marken und hatten oft märkische Güter zu Pfande; und so mag es denn bei den damals herrschenden, unaufhörlichen Reibungen zwischen Meklenburg und Brandenburg wohl geschehen sein, daß die Grafen von Schwarzburg von den


1) Vgl. Riedel cod. dipl. Brand. II, 2, Nr. 818, 841; Lentz Marggräfl. Urk. S. 288.
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meklenburgischen Fürsten auf irgend eine Weise verletzt wurden. Irgend eine Gewaltthat des Fürsten Albrecht muß übrigens geübt sein, da auch des Grafen Vetter Günther, nach der Vergleichs=Urkunde, ihn "wegen derselben Sache vor das Reich geladen und ihn beschuldigt hatte, daß er sich am Reiche vergangen habe ("er habe an daz riche geraden").

Als Veranlassung zu der Reise des Fürsten Albrecht wird seit Corner allgemein angegeben, der Fürst habe im Auftrage seines Schwagers, des Königs von Schweden, zum Kaiser reisen wollen; ja es wird sogar angegeben, die Reise sei wegen einer beabsichtigten Vermählung geschehen.

Der Kaiser Ludwig war damals in Kärnthen, als der Fürst Albrecht seine Reise antrat. Der Fürst reisete im Geleite des Kaisers. Er ging über Erfurt, wo er von dem Rath und der Stadt feierlich empfangen und zwei Tage lang festlich bewirthet ward, weil er sein Land rein von Raubgesindel hielt. Dies erzählt nur Marschalk, jedoch so ausführlich, daß wir annehmen müssen, Marschalk, der früher Professor in Erfurt war, habe alte ausführliche Chroniken und Urkunden vor sich gehabt; er sagt:

Und als er kam gegen Erfurth ein,
Der rath schenket ihm futter und wein,
Zwene tage ihm thaten freud und ehre;
Denn von ihm sagt man süsse mähre:
Er hielt sein strass von placken rein;
Der kaufmann lobt das rüchte gemein.

Der Graf von Schwarzburg soll auch in Erfurt gewesen sein. Daß er aber sein "Geleitsmann" gewesen sei, wie Marschalk sagt, ist sicher Sage; denn in der Vergleichsurkunde steht ausdrücklich, der Graf habe versichert und solle bei den Heiligen erhärten, daß ihm nicht kund gethan von irgend jemand, daß der Fürst in des Kaisers oder des Markgrafen Geleit gereiset sei, er auch von Niemand gebeten sei, den Fürsten zu geleiten oder durch sein Land zu führen.

Nach Marschalk's Erzählung blieb der alte Graf in Erfurt, als Albrecht abzog. Unterweges aber, im Thüringer Walde, in der Grafschaft Schwarzburg, nicht weit von Blankenberg, griff der jüngere Graf Günther, der Vetter des ältern Grafen, den Fürsten mit seinem ganzen Gefolge und führte ihn in die Gefangenschaft nach der Burg Blankenberg, welche Greifenstein heißt, "der Wiege des unglücklichen Kaisers Günther", von der über der Stadt Blankenburg, im Schwarza=Thale zwischen Schwarzburg und Rudolstadt, noch die malerischen Trümmer stehen. Marschalk sagt:

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Von Schwartzburg graff Günther was
Sein geleitsmann. So zog er fürbass
Der herre. Der graffe blieb aldo.
Sein vetter der greiff bei Blankenberg noh
Den herrn mit allem seinen gefehrte.
Von Blankenberg satzte [er ihn] zu Ranis harte.

Dieser Bericht Marschalk's hat allerdings viel Wahrscheinlichkeit. In der Vergleichsurkunde wird derjenigen, die der Graf mit dem Fürsten gefangen, öfter gedacht; bei Blankenburg stand das Hauptschloß der arnstädter Linie der Grafen von Schwarzburg; des Grafen Vetter Günther d. j. hatte den Fürsten, nach der Vergleichsurkunde, wegen Verbrechen gegen das Reich angeklagt und war mit in den Vergleich begriffen.

Marschalk berichtet ferner, der Graf habe den Fürsten mit der Zeit von Blankenberg nach Ranis bringen lassen. Hier steckt wahrscheinlich ein Schreibfehler, da Marschalk die Gegend in Thüringen ohne Zweifel genau kannte. Eine Feste Ranis im Schwarzburgischen ist nicht bekannt, und das Amt und Schloß Ranis im Burggrafenthum oder Herzogthum Magdeburg wird nicht gemeint sein; wenigstens liegt dazu bis jetzt keine Veranlassung vor, auf diesen Ort zu rathen. Sollte Konitz, bei Saalfeld, zu lesen sein? Aber Marschalk nennt sowohl in seinen Ann. Herul. als in seinem Chron. Rythm. das Schloß Ranis.

Wenn nun ferner Marschalk sagt, der Graf habe in der Folge die Begleiter des Fürsten bei dieser Versetzung der Haft entlassen, so ist dies nicht im vollen Umfange wahr, indem in der Vergleichsurkunde auch über die Befreiung derjenigen verhandelt wird, die "der Graf mit ihm gefangen hatte."

Nach Marschalk war des Fürsten Kanzler, damals Barthold Rode, vor seinem Herrn der Haft entlassen. Dieser wandte sich selbst, mit Briefen des Herzogs Rudolph von Sachsen versehen, nach Meran an den Kaiser, um die Befreiung des Fürsten zu erreichen.

Der Kaiser Ludwig und sein Sohn, der Markgraf Ludwig von Brandenburg, vermittelten "auf dem Tage zu Würzburg" 1 ) eine Aussöhnung und sorgten in der Weise für die Befreiung des Fürsten, daß sie zu München, der Vater am 3. April, der Sohn am 25. April 1342, den Erzbischof Heinrich von Mainz zum Schiedsrichter in dieser Angelegenheit einsetzten. Am 9. Mai 1342 unterwarf sich auch der Graf Günther dem Ausspruche dieses Schiedsmannes. Hierauf söhnte der Erzbischof am Sonnabend nach Pfingsten (25. Mai) 1342 zu


1) Nach v. Freiberg a. a. O. S. 52.
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Nürnberg die Parteien aus, indem er urkundlich aussprach: 1 )

1. daß der ältere Graf Günther den Fürsten und seine Gefährten "wider Ehre nicht gefangen habe", da es ihm nicht bekannt gewesen sei, daß der Fürst in des Kaisers oder seines Sohnes Geleite reise, er auch von keinem um Geleitung des Fürsten gebeten sei, und dies zu seiner Sicherheit eidlich ("zu den hiligen") erhärten solle;

2. daß der jüngere Graf Günther, des ältern Grafen Vetter, der den Fürsten um derselben Sache willen vor das Reich gefordert und ihn des Verrathes am Reiche beschuldigt habe, vor dem Kaiser und öffentlich bekennen solle, daß er es damit nicht böser gemeinet habe, als er durch die Gefangennehmung des Fürsten, deren "Geleitsmann" er gewesen, an den Tag gelegt habe;

3. daß der Graf Günther der ältere auf die Ersetzung des Schadens, der ihm durch das Gefängniß des Fürsten und ihm und seinen Unterthanen ("armen luten") sonst durch den Fürsten von Meklenburg und die Seinen geschehen, der "doch groß sei", dem Kaiser und dem Erzbischofe zu Ehren verzichten solle;

4. daß auch der Kaiser, sein Sohn und der Fürst von Meklenburg auf Ersetzung alles Schadens den sie von des Gefängnisses wegen gehabt haben, verzichten sollen;

5. daß damit alle Dinge gesühnt sein und ferner alle Bestimmung binnen acht Tagen ausgeführt werden sollen;

6. daß endlich die Gefangenen und die Ihrigen Urfehde schwören sollen.

Nach dieser Vermittelung wird der Fürst seiner Bande auf friedlichem Wege ledig geworden sein. Er hatte nach den Chroniken "wohl ein halbes Jahr lang" in der Gefangenschaft geschmachtet. Am 27. Sept. 1341 war noch in Neu=Brandenburg 2 ), am 25. Mai 1342 sprach der Erzbischof Heinrich von Mainz die Sühne aus.

Nach Marschalks Bericht setzte der Fürst seine Reise zum Kaiser fort und ging über Nürnberg, wo er sich wieder neu rüstete:

Zu letzt so wart der herre loss,
Wie wohl sein niederlagen schaden gross
Ihm bracht. Er liess die reise nicht nach.
Stadt Nürnberg sah sein ungemach;
Er wart daselbst von neuem gerüst.


1) Vgl. Urk. Samml. Vermischte Urkunden.
2) Vgl. Lisch Urkundl. Gesch. des Geschlechts von Oertzen, I, B, S. 121.
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Er setzte darauf seine Reise nach Kärnthen fort, sah hier einen herrlichen Empfang, erreichte seinen Zweck und ward ehrenvoll in sein Heimathland entlassen.

Darauf soll der Fürst Albrecht zu seinem Schwager nach Schweden gegangen sein, aber nicht "zu dessen Krönung im J. 1341," wie Marschalk berichtet, da diese schon im J. 1336 geschehen war.

Marschalk berichtet endlich zwei Male, der Kaiser habe darauf Rache an dem Grafen Günther genommen, und entwirft von der Execution eine gräßliche Beschreibung:

Den Kayser verdross des herren unlust.
Dem marggraffen von Meissen die rach befohlen,
Der brand die gegend schwarz als kohlen ,
Die von Erfurth thaten mit das beste,
Sie brachen ihm abe borg und veste;
Man siehet die zeichen noch zur zeit.
Vil gutes selten bringet der streit.

(Id quoque (Albertus) consequutus, ut Marcomannus Bryzanus ex caesaris decreto retalitionem de comite sumeret, id quod ruinae etiamnum vastae declarant.

Dennoch mag diese Angelegenheit die entferntere Veranlassung zu einem Kriege gegen den Grafen Günther gewesen sein, der wirklich im J. 1342 aufbrach. "So brach ein Krieg aus 1 ) "im Jahre 1342 zwischen Günther und seinen Freunden, dem von Mainz und Honstein, gegen Friedrich von Thüringen, welcher Günther auf dem Rathhause zu Erfurt gehöhnt. Es wurde viel Land verwüstet. Der Kaiser brachte es zu einem Frieden. Aber bald darauf neuer Krieg und Schlacht bei Arnstadt, wo der Landgraf verwundet wurde."

Am 17. Aug. 1342 lag der Graf von Schwarzburg vor Lübeck 2 ) zur Vermittelung des Friedens zwischen der Stadt und den Grafen von Holstein.

Dies sind die Grundzuge einer interessanten Begebenheit, welche sowohl aus schwedischen, als aus mittel= und süddeutschen Chroniken und Urkunden wohl noch mehr Aufhellung erhalten kann. Es schien aber nöthig, die vorstehende Entwickelung der Begebenheiten als gesicherte Thatsachen in die meklenburgische Geschichte einzuführen.

Vignette

1) Vgl. v. Freiberg a. a. O. S. 51 flgd.
2) Vgl. Schlesw. Holst. Urk. Samml. II, S. 108 flgd.; Riedel Cod. dipl. Brand. II, 2, Nr. 777, S. 158.
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IV.

Beitrag zur Geschichte

der

Vitalienbrüder und Landstädte

am Ende des 14. Jahrhunderts,

von

G. C. F. Lisch.


D ie Geschichte der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in den einzelnen Hauptrepräsfentanten dieser Zeit, den Fürsten, den Städten und der Ritterschaft, vermag mehr, als die Geschichte jeder andern Zeit, den eigenthümlichen Entwickelungsgang des deutschen und skandinavischen Nordens aufzuhellen; namentlich ist es das Leben der sogenannten Vitalienbrüder, 1 ) welches uns tiefe Blicke in jene bewegte Zeit gönnt, wenn man die einzelnen Ereignisse, Perioden und Personen scharf von einander sondert und beleuchtet. Namentlich ist es von der höchsten Wichtigkeit, die einzelnen Personen, welche in dem ungewöhnlichen Schauspiele wirken, klar zu erkennen. Wir können daher der Darstellung Voigts nicht ganz beistimmen, wenn er das Treiben der Vitalienbrüder aus allgemein menschlichen Neigungen, der Liebe der Meerstrandsbewohner zum Seeleben und dem Reize dieses Lebens, zu entwickeln sucht; vielmehr glauben wir in der Geschichte der Vitalienbrüder bedeutende politische und sociale Elemente zu erkennen.

Die wendischen Hansestädte entwickelten sich unglaublich rasch zu einer unerhörten Macht und Bedeutsamkeit; es war kaum ein Jahrhundert seit ihrer Gründung vergangen und schon gehörten sie zu den bedeutendsten Mächten des Nordens. Das erste Zeichen ihrer Bedeutsamkeit lag in der Abschließung des rostocker Landfriedens vom 13. Juni 1283, des ersten


1) Wir besitzen über die Vitalienbrüder eine neuere, umfassende Darstellung von Johannes Voigt in Fr. v. Raumer historischem Taschenbuche, Neue Folge, II, 1841, S. 1-159.
Gleich darauf sind noch schätzenswerte Beiträge geliefert über Klaus Störtebeker von Laurent und Lappenberg in der Zeitschrift des Vereins für hamburgische Geschichte, II, 1, 1842, S. 43-99.
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großen Bündnisses zwischen den Fürsten und Städten, und in Folge dessen im J. 1291 die Brechung der lauenburgischen und ratzeburgischen Raubschlösser. Im Gegensatze zu der Macht der Städte entwickelte sich jetzt dennoch immer mehr das Ansehen der Ritterschaft, theils aus innerer Kraft, theils aus dem Kampfe gegen die Fürstengewalt und die Städtemacht. Die Städte griffen aber schon im Anfange des 14. Jahrhunderte zu übermüthigen Handlungen über, während innerhalb ihrer Mauern die Revolution einer zügellosen Demokratie aufloderte. Da erhielt Meklenburg einen Fürsten, der fast das ganze 14. Jahrhundert hindurch alle Gewalten des Nordens in gleicher Waage hielt: Albrecht der Große (1329-1370), der Landfriedensstifter, vermochte es durch seine Klugheit, sein Ansehen und seinen gewaltigen Einfluß, die ganze Maschine in der strengsten Ordnung zu halten; durch unmittelbar fortgesetzte Landfriedensbündnisse 1 ) seit dem großen norddeutschen Landfrieden von Lübeck vom 11. Januar 1338 verwirklichte er in den deutschen Ostseeländern ein Leben, wie es sich wohl selten geregt hat. Von dieser Seite steht Albrecht unübertroffen da. Die Städte gelangten zu einem Glanze, der uns noch heute Bewunderung abnöthigt: alle die erhabenen und herrlichen Bauten, die uns noch jetzt in Erstaunen setzen, stammen aus seiner Zeit. Handel und Gewerbe, und in Folge dessen Reichtum, blüheten üppig empor und die Gesetzgebung entwickelte sich in freier Bewegung mit Tiefe und Nachdruck. Albrecht schützte vor allem die Städte und stützte seine ganze Macht auf sie, wie sie wiederum sich ihm ganz hingaben. Vorzüglich durch ihren Einfluß gelangte sein Sohn Albrecht im J. 1363 auf den schwedischen Königsthron und erhielt sein Enkel Albrecht die Aussicht auf die dänische Krone.

Albrecht der Große starb nach einer fünfzigjährigen, ruhm= und segensreichen Regierung im J. 1379, und mit seinem Scheiden floh der Engel des Friedens aus dem Lande. Die Ritterschaft, auf den Glanz und den Einfluß der Städte eifersüchtig und der Segnungen des Friedens müde, fing an, von dem damals geltenden Fehderechte oft eigenmächtig und ungerechter Weise Gebrauch zu machen; die Städte, auch die Landstädte, der Plackereien ungewohnt, griffen zu den Waffen und übten oft harte Selbsthülfe und Gewalt.

Zwar suchte Albrecht's ältester Sohn Heinrich dem Unwesen zu steuern und führte das Schwert der Gerechtigkeit nicht


1) Vgl. Albrecht der zweite, Herzog von Meklenburg, und die norddeutschen Landfrieden, von G. C. F. Lisch, 1865, und Jahrb. VI. S. 1 flgd., S. 49 flgd., S. 281.
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umsonst: er ließ jeden Gewalttätigen ohne Ausnahme und ohne Gnade henken und soll oft selbst auf den Landstraßen die Schlinge um den Hals der eingeholten Verbrecher geworfen haben, weshalb er auch der Henker genannt wird; aber seine unerbittliche Strenge that nicht gut, und der Tod raffte ihn schon im J. 1383 dahin.

Schon während dieser Zeit erblicken wir den nordischen und norddeutschen Adel, durch die Verbindung mit Schweden an das Seeleben gewöhnt, öfter auf dem Meere und hier nicht selten das Gewerbe der Seeräuberei treiben; der Adel übertrug sein Fehdeleben vom Lande auf die See. Die Eifersucht des Adels gegen die Städte war ohne Zweifel die Veranlassung zu dem feindlichen Benehmen des Adels zu Lande und zur See und namentlich zu der ungewohnten Erscheinung, daß der Adel auf See ging. Die lübische Chronik von Detmar, herausgegeben von Grautoff, I, S. 373, sagt bei der Beschreibung der Feste nach der Befreiung des Königs Albrecht ganz klar:

In dem vastelavende dessulven iares 1396 do helt de koning van Sweden enen groten hoff to Zwerin. — — In deme hove was grot vroude unde hoverent, als de wise is in vorsten hoven; ok wart dar vele quades betrachtet up der stede arch, also men dat wol na bevant.

Nach Heinrich's des Henkers Tode war Meklenburg sehr übel berathen. Die im Lande residirenden Fürsten waren theils zu alt, theils zu schwach, theils zu jung, um das Staatsruder zu lenken, und der König Albrecht von Schweden war zu kraftlos, um sich gegen innere und äußere Feinde behaupten zu können. Er verlor in der Schlacht von Axenwalde am 24. Febr. 1389 Krone und Freiheit an die Königin Margarethe von Dänemark und mußte seine politische Leichtfertigkeit bis zum Sept. 1305 mit dem Verluste der Freiheit büßen.

Die Befreiung des gefangenen Königs Albrecht war nun mehrere Jahre hindurch die Losung zur allgemeinen Bewegung in Norddeutschland; theils war es das eigene Interesse, da die Seestädte ihre wichtigsten, kaum erworbenen Handelsprovinzen und die Ritter einen glänzenden Hof verloren hatten, theils war es politische Begeisterung für die deutsche Monarchie, die im Norden eine Zeit lang so glänzende Eroberungen gemacht hatte, welche eine seltene, allgemeine Erhebung hervorrief. Noch war nicht Alles verloren: dem Könige Albrecht war die Hauptstadt Stockholm treu geblieben, wo seines verstorbenen

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Bruders Magnus Sohn, der junge Herzog Johann, die königliche Regierung fortführte, jedoch von der Königin Margarethe belagert war. Der greise Herzog Johann von Meklenburg=Stargard, der Vaterbruder des Königs, der sich der Regierung der verlassenen meklenburgischen Lande angenommen hatte, suchte auch in Schweden zu retten, was möglich war: er unternahm zwei Male einen Seezug, um Stockholm zu entsetzen, beide Male ohne Erfolg.

Da griffen die Seestädte Rostock und Wismar zu dem letzten Mittel, den dänischen Feind zu vernichten, nämlich ihn durch ein Uebermaaß kleiner Plackereien und Ueberfälle zu entkräften. Noch war die politische Begeisterung wach und bei allen Ständen die Neigung lebendig, den durch ein Weib an Meklenburg verübten Schimpf auszulöschen. Die Städte Rostock und Wismar gaben im J. 1392 Kaperbriefe aus, d. h. sie verkündeten allen Partheigängern, die sich auf eigene Gefahr gegen die drei nordischen Reiche ausrüsten wollten, Sicherheit für ihre Schiffe und die von ihnen geraubten Güter. Alsbald wimmelte die See von Kaperschiffern, die mit herzhaften, kühnen Gesellen bemannt waren und jedes Schiff aufbrachten, das nur einigermaßen mit den nordischen Reichen in Verkehr zu stehen schien; gegen Lübeks Flagge war die Kaperei nicht weniger gerichtet, da man Lübek eines heimlichen Einverständnisses mit der Königin beschuldigte und man, wohl nicht ganz mit Unrecht, annahm, daß diese Stadt besondere Verbindungen mit Skandinavien anknüpfen wollte. Diese politischen Freibeuter bildeten "bald unter einem neuen Namen eine politisch anerkannte Macht." Man nannte sie Vitalienbrüder 1 ), weil sie zunächst besonders das belagerte Stockholm mit Vitalien, d. i. Victualien oder Lebensmitteln, versehen wollten: "Vitalien" ist in alter Zeit eine bekannte und allgemeine Form der Benennung für Lebensmittel; man nannte sie auch Likendeler, d. i. Gleichtheiler, weil sie die Beute unter sich zu gleichen Theilen theilten. Diese Vitalienbrüder waren in den ersten Jahren nur "ordentliche Kriegsleute", welche zur See den Krieg eben so führten, wie er damals zu Lande geführt zu werden pflegte: das Hauptgeschäft im Kriege war die Dörfer niederzubrennen, das Gut zu rauben, Menschen als Gefangene und Vieh als Beute wegzutreiben, freilich unterschied sich diese Art Kriegsführung von Räuberei nur dadurch, daß sie offen und von ehrlichen Leuten und so lange geschah, als


1) Die Handlungen der Vitalienbrüder sind weitläuftig beschrieben in Reimar Kocks Chronik, im Auszuge gedruckt in den lübischen Chroniken, herausgegeben von Grautoff, I, S. 493 flgd.; jedoch leidet die Darstellung dieses Chronisten etwas an zu allgemeiner Auffassung der Seeräuberei.
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die Fehde angesagt und noch kein Friede geschlossen war. So lange also der Krieg mit Schweden dauerte, waren diese Züge der Vitalienbrüder nach damaligen Ansichten ganz in der Ordnung. In Detmar's lübischer Chronik, herausgegeben von Grautoff, werden die ersten Vitalienbrüder ganz treffend geschildert:

In demsulven iare 1392 warp sik tosamende en sturlos volk van meniger iegen, van hoveluden, van borgeren ute velen steden, van amptluden, van buren, unde heten sik vitalienbroder. Se spreken, se wolden teen up de koninghinnen van Denemarken t o hulpe deme koninghe van Sweden, den se hadden gevangen, ene los to ridende, unde nemande nemen scolden noch beroven, sunder de dar sterkeden de koninghinnen mit gude edder mit hulpe. So bedroweden se leider de gansen see unde alle koplude unde roveden beide uppe vrunt unde viande, also dat de sconesche reise wart nedderlegget wol dre ioar.

Aber es war ein schlechtes Beispiel gegeben, der Gewinn lockte, und so ward, als die Zeiten sich verschlimmerten, das Unwesen allgemein und nach der Freigebung des Königs nichts anders als gemeine Seeräuberei. Mit dem Anfange des 15. Jahrh. begann nämlich zu Lande eine allgemeine Räuberei, namentlich aus der Mark gegen Meklenburg, so daß man später die erste Hälfte des 15. Jahrh. als die bekannte Zeit bezeichnete, "in welcher man aus der Mark zu rauben pflegte"; dazu kamen in dieser Zeit die wilden und blutigen demokratischen Revolutionen in den Hansestädten.

Es ist nun eine Hauptfrage für die Geschichte, wer jene ersten Vitalienbrüder waren, so lange der Krieg mit der Königin Margarethe und die Gefangenschaft des Königs Albrecht währte. Die Masse des Schiffsvolks bestand natürlich aus gewöhnlichen Kriegs= und Seeleuten; aber es ist die Frage, wer die Anführer und Hauptleute waren. Die Frage ist sehr schwer zu beantworten, da es bei dem unstäten Seeleben der Leute natürlich an urkundlichen Nachrichten fehlt; die Geschichtsforscher haben sich mit der Beantwortung dieser Frage nicht beschäftigt, theils aus dem angeführten Grunde, theils weil sie selbst die alten Vitalienbrüder nur für gemeines Raubgesindel hielten. Auch Voigt geht, wohl aus dem letztern Grunde, auf diese Frage nicht ein, sondern sagt (a. a. O. S. 42) nur von Rambold Sanewitz und Bosse von Kaland, wie es scheint etwas spöttisch, daß "sich beide Ritter genannt."

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Wir kennen glücklicherweise eine Urkunde 1 ), welche den Weg zu weiterer Forschung zeigt. Am Johannistage 1394 stifteten nämlich zu Stockholm Herr Rambold Sanewitz, Herr Bosse von Kaland, Ritter, Arnd Stük, Claus Mylges, Marquard Preen, Hartwig Seedorf, Lippold Rumpshagen, Heinrich Lüchow, Bertram Stockeled und der Schiffsherr Joseph, Knappen, in Vollmacht und auf Rath der "guten Leute", die sich mit ihnen hatten belagern (bestallen) lassen öffentlich in dem Eise auf der "Vörde(?) bei Dalerne, in Hoffnung auf die Bestätigung ihres lieben Herrn des Königs Albrecht und dessen, der nach ihm möchte König werden, mit ihrem eigenen Gute und mit "guter Leute Hülfe", eine ewige Messe zu Ehren Gottes, des heiligen Kreuzes, des heiligen Blutes, des h. Georg, der h. Gertrud und aller Heiligen in einer der Kirchen (buykerke) zu Stockholm, weil Gott sie mit seiner Gnade beschirmte und bewahrte vor ihren Feinden, und bestellten zugleich den Priester Johann Osterburg, um die Messe zu halten und zu beten für ihren lieben Herrn den König, für die Seinen, für sie allesammt und für alle, welche die Messe bessern und stärken würden mit Worten, mit Willen und mit Werken.

Dies sind die Hauptleute der Vitalienbrüder, die uns auch sonst noch genannt werden. sie waren fast alle dieselben, welche ihren Mittelpunkt in Wisby hatten und in Reval einfielen, hier alles verheerend: es werden genannt 2 ) Henning Manteufel, Zickow, Berkelink, Kraseke, Kule, Marquard Preen, Olav Schutte, Heino Schutte, Arnold Stuke, Nicolaus Mylges u. a. Ja, mehrere von diesen, namentlich Arnold Stuke, Nicolaus Mylges, Marquard Preen und einige andere 2 ) wagten es im J. 1392 sogar, den Bischof Tordo von Strängnäs an den Seen bei Stockholm zu überfallen, auszuplündern und mit seinem Hofgesinde gefangen nach Stockholm zu führen, wo er, an Händen und Füßen gesesselt, der Bewachung des Herzogs Johann von Meklenburg überliefert ward und so lange im Kerker saß, bis er durch ein bedeutendes Lösegeld seine Freiheit erkaufte. Der über die Vitalienbrüder deshalb ausgesprochene päpstliche Bann wirkte natürlich gar nichts. Die in der Urkunde vom 24. Juni 1304 genannten Hauptleute 3 ) waren es auch, welche im Winter 1393-94 das bekannte und noch jetzt viel er=


1) Vgl. Urk. Samml. Vermischte Urkunden.
2) Vgl. Voigt a. a. O. S. 27.
2) Vgl. Voigt a. a. O. S. 27.
3) Vgl. Voigt a. a. O. S. 41. Die Begebenheit kann wohl nicht "gegen den Ausgang des Jahres 1394" geschehen sein, da die Messe für die Errettung Johannis im Mittensommer 1394 gestiftet ward.
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zählte Abenteuer auf der See bestanden. Als nämlich Stockholm von den Dänen strenge belagert ward und schon große Hungersnoth in der Stadt herrschte, schickten die Städte Rostock und Wismar acht mit Lebensmitteln beladene Schiffe durch die Hauptleute der Vitalienbrüder nach Stockholm. An der Küste von Schweden trat aber plötzlich eine so heftige Kälte ein, daß die Schiffe einfroren. Da nun ein stürmender Angriff der Dänen zu befürchten war, so gingen die Vitalier zur Nachtzeit ans Land, fällten hier Bäume, baueten damit um die Schiffe einen großen Wall, den sie mit Wasser begossen, und sägten und brachen das Eis umher ein. Als nun die Dänen zum Sturme heranrückten, brach unter ihnen das Eis ein und alle sanken in die Tiefe. Die kühnen Seeleute und Krieger blieben aber verschont, bis sie bei eintretendem Thauwetter in den Hafen von Stockholm einlaufen konnten. Dieses Abentheuer ist ohne Zweifel dasselbe, dessen in der Stiftungsurkunde der Messe gedacht wird. Der Plan und die Anführung wird einem wismarschen Hauptmann Hugo zugeschrieben, der jedoch in der Urkunde nicht genannt wird; vielmehr werden hier die öfter genannten Hauptleute der Vitalianer aufgeführt.

So viel ist von den namhaften Hauptleuten der Vitalienbrüder bekannt. Fragt man nun darnach, was es für Leute gewesen seien, welche die Züge der Vitalienbrüder anführten, so läßt sich im voraus nach allgemeinem Ueberblicke die Antwort geben, daß es meklenburgische Edelleute waren, welche die Titel Ritter und Knappe nicht aus Anmaßung führten.

Von einem der Hauptleute läßt sich durch mehrere urkundliche Entdeckungen eine sichere Nachweisung und Geschichte geben, von dem Knappen Marquard Preen. Marquard Preen gehörte zu der bekannten, alten, meklenburgischen, adeligen Familie, welche noch jetzt blüht. Er war der Sohn des Henneke Preen, der seinen Rittersitz zu Davermoor hatte; das Gut Davermoor lag südlich von Gr. Brütz in der Grafschaft und Vogtei Schwerin, eine Meile westlich von der Stadt Schwerin, und ging am Ende des 14. Jahrh. unter; das Feld gehörte seitdem zwei Jahrhunderte als wüste Feldmark zum Dorfe Gr. Brütz und nahm seit dem Anfange des 17. Jahrh. einen neuen Rittersitz auf, welcher den Namen Gottesgabe erhielt 1 ). Die Linie der Preen auf Davermoor war stets kampflustig und gerüstet, so lange sie sich verfolgen läßt. Kaum hatte der Graf Otto von Schwerin im Anfange des J. 1357 die Augen geschlossen und der Herzog Albrecht von Meklenburg gegen den


1) Vgl. Beilage Nr. 1.
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Grafen Nicolaus von Teklenburg und dessen Sohn Otto seine Ansprüche an die Succession in die Grafschaft erhoben, als schon am 27. Juli 1357, nach einer Original=Urkunde, "Henneke und seine Söhne Johann, Heinrich und Gottschalk, Knappen, geheißen Preen von dem Davermore", welche bisher Vasallen der Grafen von Schwerin gewesen waren, "mit allen ihren Verwandten (frunden), die sie bestimmen konnten (de wy vormoghen), auf Rath ihrer nächsten Angehörigen (negesten) sich dem Herzoge Albrecht zu Dienste gaben und setzten, also daß sie ihm dienen und helfen wollten mit ihrer ganzen Macht gegen jedermann, namentlich gegen den Grafen von Teklenburg und die Schwerinschen und ihre Helfer.

Marquard Preen muß damals entweder außerhalb Landes oder noch ein Knabe gewesen sein, als sein Vater mit seinen erwachsenen Söhnen sich für die meklenburgischen Herzoge erklärte; er erscheint aber schon nach zehn Jahren auf dem Schauplatze. Unter dem Herzoge Albrecht hatten die von ihm so sehr begünstigten Städte ungewöhnliche Kraft, Selbstständigkeit und Bedeutsamkeit gewonnen, und das Gefühl derselben hatte sich auch andern Städten mitgetheilt, die nicht grade unter seiner Herrschaft standen; namentlich übten die werleschen Städte, je mehr sie häufig von schwachen Fürsten vernachlässigt wurden, nicht selten eine scharfe, eigenmächtige Justiz. So hatten die Bürger der Stadt Güstrow den Hans Preen, einen Sohn des Henneke Preen auf Davermoor, wir wissen nicht bei welcher Gelegenheit, aber wahrscheinlich anf einem Raubzuge gefangen und demselben vor Güstrow den Kopf abgeschlagen. Am 29. Jan. 1367 mußten sein Vater Henneke Preen und dessen Sohn Marquard Preen, die wahrscheinlich auch gefangen gewesen waren, dem Fürsten Lorenz von Werle und dem Rath und der Bürgerschaft der Stadt Güstrow Urfehde schwören 1 ) und geloben, wegen dieser Angelegenheit nimmer gegen den Fürsten und besonders gegen die Stadt Güstrow Ansprüche oder Gewaltthat zu erheben; für die unverbrüchliche Haltung dieser Sühne mußten alle ihre "Vettern" und Verwandte, welche in zahlreichen Linien namentlich aufgeführt sind, bürgen; Henneke und Marquard Preen führten das bekannte v. Preensche Siegel mit drei Pfriemen (plattdeutsch=prên) im Wappen.

Hiemit ist die Stellung des Marquard Preen genau und bestimmt nachgewiesen. sein Vater ist wohl ohne Zweifel derselbe, welcher sich 1357 zu dem Herzoge Albrecht wandte, und sein kurz vor dem J. 1367 geköpfter Bruder Hans der älteste


1) Vgl. Urk. Samml. Vermischte Urkunden.
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Sohn Henneke's, welcher 1367 Johann genannt wird; von den beiden andern Söhnen Hennekes, von Heinrich und Gottschalk, ist nicht weiter die Rede.

Darauf erscheint Marquard Preen, dessen Vater sich so früh und kräftig dem Fürstenhause Meklenburg angeschlossen hatte, als Hauptmann der Vitalienbrüder, so lange diese noch die Befreiung des Königs Albrecht und die Verproviantirung der Hauptstadt Stockholm zum Zweck hatten: 1392 vor Oesel und Reval, 1393 vor Stockholm, 1394 in Stockholm. Mit der Befreiung des Königs verschwindet nicht allein Marquard Preen aus der Geschichte, sondern auch die ganze Linie seines Geschlechts, deren Rittersitz Davermoor wohl ohne Zweifel bald darauf zerstört ward, da er schon im J. 1425 als wüste Feldmark genannt wird. Marquard Preen wird in der Fremde oder auf der See sein Leben beschlossen haben.

Marquard Preen war also ohne Zweifel, nach urkundlichen Aussagen ein meklenburgischer Edelmann. Aber auch von andern seiner Genossen läßt sich dasselbe nachweisen.

Der Ritter Bosse von Kaland war ebenfalls ein Meklenburger. Die Familie von Kaland war eine alte, jetzt ausgestorbene, meklenburgische adelige Familie, welche von der meklenburgischen Stadt und Fürstenburg Kaland, oder jetzt Kahlen oder Kahlden, den Namen trug. Der Vorname Borchard, oder das Diminutiv desselben Bosse für Knappen, war in der Familie sehr gebräuchlich. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. theilte sich die Familie in drei Linien nach den Gütern Rey, Sukow und Vinkenthal, welche alle in der Nähe der stadt Kalen und des Klosters Dargun liegen; das Gut Rey war noch am Ende des 17. Jahrh. im Besitze der Familie. In der Linie Sukow lebte im J. 1360 ein Knappe Borchard von Kalant und in der Linie Vinkenthal im J. 1392 ein Knappe Bosse von Kaland; der letztere wird der Hauptmann der Vitalienbrüder sein, da er sich um diese Zeit seiner Güter entäußerte und durch seine Frau Geld aufnahm. Am 4. Nov. 1387 verkaufte, nach einer ungedruckten Urkunde, "Bosse von dem Kalande, Hermann's Sohn, der zu Vinkenthal gewohnt hatte, seines rechten Vaters Erbe (mynes rechten vader erue), zwei Hufen zu Vinkenthal." Am 10. sept. 1392 ertheilte der Herzog Johann von Meklenburg, zu Wismar, auf Rath der Räthe des Königs Albrecht, welcher ihm die Regierung des Landes übertragen hatte, "dem Busse von dem Kalande" die Freiheit, das halbe Gut Stove, welches seiner Ehefrau, Gottschalk's von Stove Tochter, aus der väterlichen Erbschaft zugefallen war, nach seinem Belieben zu verpfänden oder zu verkaufen, und am 2. Oct. 1392 bezeugt

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der Herzog Johann, daß Sigrit, "Busse von Kaland's Weib", vor ihm aufgelassen habe ihr väterliches Erbe, nämlich die Hälfte des Dorfes und Hofes Stove, welches sie an Johann Bassewitz und Bernd Dume zum brauchlichen Pfande überlassen hatte 1 ). Aus allen diesen Veräußerungen geht hervor, daß Bosse von Kalant zu besondern Unternehmungen Geld gebrauchte und aufnahm und sogar seine Frau ihr Erbtheil verpfänden mußte; er scheint bei dieser Verpfändung schon außerhalb Landes gewesen zu sein. Wann und wo er Ritter geworden ist, ist nicht bekannt; um Michaelis des J. 1392 war er es noch nicht, wenigstens war es im Lande nicht bekannt, da es sonst in den Urkunden sicher ausgesprochen sein würde.

Eben so waren die meisten andern Hauptleute der Vitalienbrüder meklenburgische Edelleute.

Lippold Rumpeshagen, von dem bei Penzlin belegenen Gute gleiches Namens so genannt, war ein Glied einer bekannten rittermäßigen Familie Meklenburgs, welche jedoch nicht sehr ausgebreitet war und im 17. Jahrh. ausgestorben ist.

Arnd Stük, nach dem Gute gleiches Namens in der Nähe von Schwerin, gehört einer alten meklenburgischen Ritterfamilie an, welche schon im J. 1171 genannt wird und im 15. Jahrh. ausstarb. Die Hauptfeste der Stük war Kützin (Pf. Körchow, bei Wittenburg), welche im J. 1349 zugleich mit den v. Züleschen Festen Neuenkirchen, Tessin und Camin von den Lübekern gebrochen ward: "1349 wunnen se de vestene Koessyn, de horde to dem van Stuken (Detmar Lüb. Chron.). Das Gut Stük war schon 1440 im Besitze der Familie Raven.

Heinrich Lüchow, von dem Gute gleiches Namens bei Kaien, war ein Glied einer meklenburgischen rittermäßigen Familie, welche wenig genannt wird und mit dem Ende des 14. Jahrh., vielleicht mit diesem Heinrich, ausstarb.

Bertram Stokeled (Stokvlet?) wird auch aus einer meklenburgischen Familie stammen, da der Name einige Male in der meklenburgischen Ritterschaft genannt wird.

Henning Manteuffel gehört zu der noch blühenden Familie, welche im Mittelalter ihre Wohnsitze im Lande Stargard hatte.

Kule gehört auch einer meklenburgischen Familie an, welche jedoch nicht sehr verbreitet war.

Moltke, der im J. 1395 von den Stralsundern gefangen


1) Diese beiden Urkunden sind gedruckt in Pötker Sammlung Meklenburg. Urkunden. V, S. 28.
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und enthauptet ward, war ein Glied, der bekannten großen meklenburgischen Familie, die schon im 14. Jahrh. auch in Dänemark ansässig war und hier in großem Ansehen stand.

Andere lassen sich mit geringerer Sicherheit nachweisen, wie die Schütte, Seedorp, jedoch klingen die Namen sehr meklenburgisch und kommen öfter unter verschiedenen Verhältnissen in Meklenburg vor.

Einige Hauptleute, wie der Ritter Rambold Sanewitz, lassen sich noch nicht nachweisen; es mögen aber auch einige Namen falsch gelesen sein.

Es ist also keinem Zweifel unterworfen, daß bei weitem die Mehrzahl der ersten Hauptleute der eigentlichen Vitalienbrüder meklenburgischen rittermäßigen Familien angehörte. Alle diese Hauptleute der Vitalienbrüder wirkten so lange, als die Gefangenschaft des Königs Albrecht dauerte: mit dem J. 1395 verschwinden sie aus der Geschichte.

Mit dem J. 1394 traten 1 ) zuerst jene berüchtigten Seeräuber auf, namentlich Claus Störtebeker, welche so viele Jahre die See völlig unsicher machten und deren Zweck allein Raub war. Diese bloßen Seeräuber sind mit den Vitalienbrüdern nicht zu verwechseln, wie es von den Chronisten wohl öfter geschehen ist. Claus Störtebeker war wahrscheinlich ein Einwohner der Stadt Wismar 2 ).


Ein anderes wichtiges Element in der Bewegung von der Mitte der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. lag in der Erstarkung der Städte, welche bei dem regen Leben oft in gewaltthätigen Uebermuth und in eigenmächtige Selbsthülfe ausartete. Es waren nicht allein die Seestädte, sondern auch die Landstädte, welche ihre Kraft oft auf eine etwas ungemessene Weise äußerten, namentlich die Städte des Fürstenthums Werle, welches häufige Landestheilungen und oft schwache Fürsten hatte. So hatten z. B. die Bürger der Stadt Malchin im J. 1372 das dortige fürstliche Schloß gebrochen und die Fürsten mußten die Schloßstätte an die Stadt verkaufen 3 ); im J. 1385 vereinigten sich die Seestädte mit dem Könige Albrecht, um die gefährlichsten Ritterburgen zu brechen, unter diesen auch die Burg Schorssow: bei dieser Gelegenheit erschlugen die malchiner Bürger den Maltzan anf Schorssow zu Faulenrost 4 ).


1) Vgl. Laurent a. a. O. S. 47-48.
2) Vgl. Jahrb. III, S. 157-158.
3) Vgl. Lisch Maltzan. Urk. II, Nr. 293, S. 245.
4) Vgl. Lisch Maltzan. Urk. II, Nr. 337-345.
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Dergleichen Beispiele kommen in dieser Zeit öfter vor. Die Entdeckung einiger interessanter Urkunden im Archive der Stadt Güstrow giebt mir die Gelegenheit, bei der Untersuchung über die Herkunft und die Stellung der Vitalienbrüder hier einige bisher unbekannte Beispiele in die Geschichte einzuführen, um so mehr als sie mit der obigen Darstellung in gewissem Zusammenhange stehen.

Im J. (1366) hatten die Bürger der Stadt Güstrow einen Strauß mit den fehdelustigen Preen auf Davermoor gehabt und dem Hans Preen, einem Bruder des nachmaligen Vitalienbruderhauptmanns Marquard Preen, vor Güstrow den Kopf abgeschlagen; am 29. Jan. 1367 mußte der Vater Henneke Preen auf Davermoor mit seinem Sohne Marquard der Stadt Güstrow und dem Fürsten Lorenz von Werle Urfehde schwören und sämmtliche Vettern der Familie mußten Bürgschaft dafür leisten 1 ). Im J. 1373 hatten die Bürger der Stadt Güstrow dem Bernd Gamm seine Burg Bülow 2 ) bei Güstrow "zerhauen und zerbrochen" und ihn selbst gefangen genommen; auch er mußte am 11. Sept. 1373 der Stadt und dem Fürsten Urfehde schwören 3 ).

Solche Beispiele, die in jener Zeit nicht sehr selten sein werden, werfen ein sehr helles Licht auf die damaligen Rechtszustände und geben den Beweis, daß es gegen das Ende des 14. Jahrh. auf dem Lande nicht viel sicherer war, als auf der See.



1) Vgl. Urk. Samml. Vermischte Urkunden, und oben s. 58.
2) Ueber die Burg Bülow bei Güstrow vgl. Beilage Nr. 2.
3) Vgl. Urk. Samml. Vermischte Urkunden.
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Beilage Nr. 1.

Die Preen auf Davermoor.

Das Gut Davermoor war bisher nur aus Einer Urkunde bekannt, nach welcher der Ritter Ludolf Maltzan am 27. April 1282 mit den Hebungen aus drei Hufen in dem Dorfe "Dauermor" eine Vikarei im Dome zu Schwerin stiftete. Rudloff (Urk. Lief. Nr. XL, S. 110) übersetzt den Namen "Davermor" durch "Dannenmoor" und erklärt ihn in einer Parenthese durch "Dümmer." Da diese Erklärung in sich grade nicht viel Unwahrscheinliches hat und der Ort Davermoor weiter nicht vorgekommen war, so nahm ich (Maltzan Urk. I, Nr. XXV, S. 52) Rudloff's Deutung als richtig an, um so mehr da sich keine Unterstützung für eine andere Erklärung finden wollte. Mit der Zeit wurden jedoch mehrere neue Urkunden entdeckt, in denen der Name Davermoor beständig in derselben Form geschrieben war.

Am 27. Juli 1357 verpflichteten sich Henneke Preen und seine Söhne Johann, Heinrich und Gottschalk auf "Dauermore" dem Herzoge Albrecht zum Dienste mit ganzer Macht gegen die Grafen von Teklenburg und die Schwerinschen und ihre Helfer. Am 29. Jan. 1367 gelobten Henneke Preen auf "Dauermůre" und sein Sohn Marquard der Stadt Güstrow Urfehde 1 ), nachdem Henneke's Sohn Hans vor Güstrow enthauptet worden war.

Diese Gleichmäßigkeit in der Schreibung des Namens mußte Verdacht gegen die von Rudloff versuchte Deutung erregen, um so mehr da schon in dem Zehntenregister des Bisthums Ratzeburg (um das J. 1230) 2 ) der Name des Dorfes Dümmer in der Form "Dummere" aufgeführt, also in dieser wohl ursprünglich ist. Davermoor konnte also wohl nicht gut Dümmer sein.

Die Aufklärung fand sich in dem "Verzeichniß der Vicarien zu Schwerin Einkommen, 1553", in welchem es heißt:


1) Vgl. oben S. 62.
2) Vgl. das Zehntenregister des Bisthums Ratzeburg, herausgegeben von Arnd, 1833, S. 16; X mansi. Dammere dim. dec. habet Coruus.
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"Laurentius Fetting,
custos in arre Swerinensi et etiam ecclesiae cathedralis.
Beneficium der Moltzan in Grubenhagen.

Die börunge belegen:
Zum Dauer=Mohr bey Grossen=Brütze:
   III Hufen dar belegen;
   Darvon gibt Achim Halverstadt II marck XII ß.,
   und ist I 9 1/2 marck und IIII witte vorhin gewesen.
   Restat annuatim VI mark IIII ß."

Und wirklich giebt die große Schmettausche Charte von Meklenburg. noch hinreichende Aufklärung. Grade südlich von und neben Gr. Brütz liegt unmittelbar neben dem Hofe des Gutes Gottesgabe das "Dabel=Mohr". Es ist also außer Zweifel, daß Gottesgabe dasselbe Gut ist, welches früher Davermoor hieß. Eine kurze Geschichte des Gutes wird diese Ansicht noch mehr bestätigen.

Am Ende des 13. Jahrh. besaß das Gut die Familie Maltzan, da der Stammvater aller jetzt noch blühenden Linien des Geschlechts, der Ritter Ludolf Maltzan, im J. 1282 drei Hufen des Gutes zur Stiftung einer Vicarei im Dome zu Schwerin hergab. Die den Maltzan stammverwandte Familie Hasenkop befaß zu derselben Zeit das benachbarte Gut Driberg 1 ). Im 14. Jahrh. saß eine Linie der Familie Preen auf dem Gute und hatte hier einen Rittersitz; hiefür zeugen ausdrücklich die angeführten Urkunden von 1357 und 1367. Außerdem hatte diese Linie noch andere Besitzungen in der Nähe von Davermoor; am 31. Mai 1361 belehnte der Herzog Albrecht von Meklenburg, der in den ersten Zeiten nach der Erwerbung der Grafschaft Schwerin viele Veränderungen in derselben vornahm, den Knappen Johann (d. i. Henneke) Preen mit 4 Hufen in dem an Kl. Brütz grenzenden Dorfe Gotmansvörde, welche zur Grafschaft Schwerin gehört hatten (prout ipsi ab antiquo ad comiciam Zwerinensem et nunc ad nos pertinere dinoscuntur), die er aber von dem Knappen Babbesin, der sie zu Pfande besaß, einzulösen hatte. Eine andere Linie der Preen besaß das benachbarte Gut Steinfeld mit Antheilen in Warnitz und Rugensee, bis Volrath Preen auf Grantzow im J. 1516 diese Besitzungen an die Herzoge verkaufte; daß die Preen auf Steinfeld eine von den Preen auf Davermoor verschiedene Linie gewesen sein müsse, geht daraus hervor, daß in der Urkunde vom 20. Jan. 1367 "Volrat Preen van deme Stênvelde" als Bürge für "Henneke Preen tu deme


1) Vgl. Lisch Maltzan. Urk. I, Nr. XVIII und XXIV.
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Dauermůre" unter den übrigen vielen Preen namentlich aufgeführt wird.

Die Linie der Preen auf Davermoor scheint mit dem Vitalienbrüderhauptmann Marquard Preen in der Fremde erloschen zu sein. Im 15. Jahrh. wird weder des Rittersitzes Davermoor als eines solchen, noch der Preen auf Davermoor gedacht, und das Gut erscheint im Anfange des 15. Jahrh. in andern Händen. Nach einer verloren gegangenen Urkunde des Bisthums Schwerin, von welcher jedoch Dan. Clandrian in den Regesten derselben den Inhalt aufbewahrt hat, verpfändet am 18. Jan. 1425 der Burgmann Reimar von Bülow zu Gadebusch aus

"zwei Hufen auf dem Felde zu Davermore in zwei Bauern, die da wohnen zu Gr. Brusewitz in der Vogtei Schwerin"

3 lüb. Mark an den Vikar Johann Lomesen zu Neu=Bukow.

Im J. 1497 existirte das Gut Davermoor nicht mehr, da nach einem Contributions=Register von diesem Jahre

das Kirchspiel Groten Brüsewitze:
   das Dorf Groten Brüsewitze,
   Lütken Brüsße,
   Grambow,
   Rosenhagen,

umfaßte. Es existirte also Davermoor nicht mehr und Gottesgabe noch nicht. Nach dem Vicareien=Verzeichnisse von 1553 gehörte die Feldmark Davermoor damals zu Gr. Brütz und der Familie von Halberstadt auf Brütz. So blieb es das ganze 16. Jahrh. hindurch, bis mit dem Anfange des 17. Jahrh. das Gut Gottesgabe an der Stelle von Davermoor und die Familie von Halberstadt 1614-1674 im Besitze desselben erscheint.


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Beilage Nr. 2.

Die Gamm auf Bülow.

Die Familie Gamm gehört zu den ältesten adeligen Familien Meklenburgs; ihr Stammvater hat bedeutenden Antheil an der ersten Einrichtung des Landes, und doch ist fast nichts über die ältesten Wohnsitze der Familie bekannt. Seit dem 14. Jahrh. erscheinen die Gamm mit großem und festem Güterbesitze auf den alten Familiengütern Alt=Schwerin am plauer See und Göhren am Flesen=See, beide bei Malchow, nach denen sich die beiden alten Hauptlinien des Geschlechts benannten. Die ältesten Güter der Familie sind aber noch unbekannt und ebenso die Besitzer derselben, deren Namen auch in den Stammtafeln fehlen.

Als der Stammvater des Geschlechts erscheint Heinrich Gamme oder Gammo, Gamma, Gamba, Gambe, auch schlechthin ohne Vornamen Gampa genannt, in der Reihe der alten wendischen Dynastengeschlechter. Er tritt zuerst 1218-1226 am Hofe des alten Borwin I. und seiner Söhne und darauf 1226-1231 als Mitglied der Vormundschaft für die Söhne des früh gestorbenen Fürsten Heinrich Borwin II. als Hoftruchseß oder nach neuern Begriffen als Hofmarschall (dapifer oder dapifer curiae) 1 ) auf. Nach Vollendung der ersten Landestheilung erscheint er 1232-1240 als der älteste und erste Rath am Hofe Nicolaus I. von Werle zu Güstrow, zuletzt noch einmal wieder als Hoftruchseß 2 ).

Aller Wahrscheinlichkeit nach besaß er Güter und Burglehen in der Nähe der Stadt Güstrow. Und wirklich finden wir die Familie ungefähr 150 Jahre später noch im Besitze des früh untergegangenen Dorfes Glin, dessen Feldmark in unmittelbarer Nähe der Stadt Güstrow begann und sich an der Nebel entlang bis gegen den parumer See erstreckte. Im J. 1375 verkauften die Fürsten von Werle das Dorf an die Stadt Güstrow, nachdem sie es von Heinrich Gamm gekauft hatten, und die Stadt legte es zur Stadt=Feldmark 3 ); wahrscheinlich ist der Acker der Bülower Burg ganz oder theilweise ein Theil des ehemaligen Dorfes Glin, dessen Nebelwiesen im Lande wegen ihrer Fettigkeit berühmt sind. Im 13. Jahrh. reichten noch zwei andere Feldmarken, die der Dörfer Glewin und Tebbezin, bis an die


1) Vgl. Jahrb. XIII, S. 92 flgd. und X, S. 6.
2) Vgl. daselbst S. 103 flgd.
3) Vgl. daselbst X, S. 6, und Franck A. u. N. M. VI, S. 301.
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Thore der Stadt Güstrow 1 ); auch diese waren im Besitze ritterlicher Familien gewesen, z. B. der von Geez auf Karcheez, d. i. Kark (=Kirch)=Geez 2 ).

Das Dorf Glin war aber mehr als wahrscheinlich ein Bauerdorf. Der alte Rittersitz der Familie Gamm war das Landgut Bülow 3 ) bei Güstrow, welches westlich an die Feldmark des Dorfes Glin grenzte. Im J. 1373 hatten die Bürger der Stadt Güstrow die Veste Bülow gebrochen und den Bernd Gamm gefangen genommen; zu seiner Befreiung mußte dieser mit seinem Sohne Bernd am 11. September 1373 Urfehde schwören 4 ).

Ungefähr seit dieser Zeit verlor sich das Rittergut Bülow nach und nach aus dem Besitze einer bisher unbekannten Linie der Familie Gamm, während diese Linie selbst schon früh erlosch. Nach ungedruckten Urkunden gestaltete sich dieser Hergang folgendermaßen. Am 21. Dec. 1371 verpfändete die Frau des Henneke von der Böken, Namens Slaweke, eine Schwester des Bernd Gamm 5 ) auf Bülow, an diesen ihren Bruder Bernd und dessen Frau Anneke, welche wahrscheinlich eine geborne von Bülow 6 ) (von Gülzow?) war, alle ihre Besitzungen im Dorfe Bülow, namentlich 3 1/2 Bauernhufen, 1/2 Kathenland und 12 Morgen Herrenland, mit der versessenen Pacht von 9 Jahren 7 ). Am 11. Sept. 1373 schwur Bernd Gamm mit seinem Sohne Bernd der Stadt Güstrow Urfehde nach der Brechung seiner Burg Bülow; es bürgten für sie die drei Verwandten: Danquard Axecow, Thydeke von Bulow auf Gülzow und Heinrich Gamm auf Schwerin. Seit dieser Zeit beginnt die Zerstückelung und Veräußerung der Feldmark Bülow. Am 2. Febr. 1402 ver=


1) Vgl. Jahrb. XII, S. 5 flgd.
2) Vgl. daselbst S. 12 flgd.
3) Dieses Landgut Bülow bei Güstrow hieß in den ältesten Zeiten Byliewe (vgl. Mekl. Urk. III, S. 80); dieser Name kommt wahrscheinlich von der slavischen Wurzel bjely (oder bel) = weiß. Das Dorf Bülow bei Rhena, von dem die Familie von Bülow den Namen hat, hieß von alter Zeit her immer Bulowe.
4) Vgl. Urk. Samml. Vermischte Urkunden.
5) Das Siegel der Slaweke v. d. Böken, geb. Gamm, enthält eine weibliche Figur, welche in der rechten Hand den v. Gamm'schen Schild mit drei schräge links gestellten Sternen, in der linken Hand einen Helm hält; die Umschrift lautet:
Umschrift
6) Der erste Zeuge dieser Urkunde ist der Ritter Danquard von Bülow, die folgenden sind die Knappen Heinrich und Godeke von Bülow, Brüder, und Danquard von Axecow; auch in der Urk. vom 11. Sept. 1373 ist Danquard von Axecow Bürge. Danquard von Axecow ist, nach dem Vornamen, wahrscheinlich ein Enkel des Danquard von Bülow, wie Danquard Gamm (4402), wahrscheinlich ein Sohn der Slaweke.
7) Der Name Slaweke, der sich bis 1371 erhielt, deutet wohl noch darauf hin, daß die Familie Gamm eine ursprünglich wendische war.
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kaufte Danquard Gamm, unter Zustimmung seines Schwagers Hermann Steinbek, seine Besitzungen in Bülow, namentlich auch den Besitz von 12 Morgen Herrenlandes, so wie er diese Besitzungen von Vaters und Mutter wegen besessen hatte, an Henning Barold; Danquard Gamm war also wohl ein Sohn des Bernd Gamm d. j. und seine Mutter eine geborne von Bülow. Am 18. Nov. 1403 verkaufte Hermann Steinbek mit seiner Frau Adelheid eine halbe Hufe und mehrere Pächte und Hebungen aus dem Dorfe Bülow ebenfalls an Henning Barold.

Die vermählte Adelheid Steinbek war also eine Schwester des Danquard Gamm, wie auch in der folgenden Urkunde vom J. 1422 ausdrücklich steht, wo sie aber irrtümlich Anneke genannt und mit ihrer Mutter verwechselt wird. Am 16. Oct. 1422 verkaufte Heinrich Barold, "Bürger zu Güstrow", an die Brüder Claus von Restorf auf Bolz und Johann, Domherrn zu Güstrow, 2 1/2 Hufen, das Herrenland und ein Kathenland in und bei dem Dorfe Bülow, wie seine Vorfahren (olderen) diesen Besitz geerbt und sie und Danquard Gamm und dessen Schwester, Steinbeks Frau, gehabt hatten.

Seit dieser Zeit wird der Besitz des Dorfes sehr wandelbar und dunkel. Am 2. März verpfändete der Herzog Heinrich d. j. alle seine Rechte an dem Dorfe "Bülow, belegen bei Güstrow", namentlich Bede, Hundekorn, Burgdienst und das höchste Gericht, an seinen Rath Claus von Oldenburg auf Gremmelin. Mit Danquard Gamm scheint die Linie der Gamm auf Bülow erloschen zu sein, wenigstens werden sie nie wieder genannt; vielmehr treten die Gamm auf Alt=Schwerin und Göhren im Anfange des 16. Jahrh. als Lehnsfolger mit Anrechten an Bülow auf. Im J. 1513 geriethen diese beiden Linien der Familie in Streit vor dem Hofgerichte über einseitige Verpfändung mehrerer Pächte aus Bülow. Die Hebungen, welche die Gamm im 16. Jahrh. aus dem Dorfe Bülow bezogen, waren aber nicht bedeutend; der Besitz des Dorfes war schon fast ganz von den Landesherren erworben. Am 20. Jan. 1594 verkauften die Gamm, nämlich Moritz d. ä. auf Alt=Schwerin zur Hälfte, die drei Brüder Christoph, Dethlof und Otto auf Alt=Schwerin zum Viertheil und die beiden Brüder Joachim und Johann und Moritz d. j. auf Göhren zum Viertheil, alle Gerechtigkeit, Pacht und alle andern Herrlichkeiten, wie ihre Vorfahren sie bisher an dem Dorfe Bülow gehabt, des Betrages von 31 Gulden 4 ßl. Pacht, für 500 Gulden an Joachim v. Bülow auf Karcheetz.

Weil aber der Herzog Ulrich seinen Consens zu dieser Veräußerung nicht geben wollte, weil er in dem Dorfe Bülow alle andere Gerechtigkeit zum Schlosse Güstrow bereits

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gehabt, so sah Joachim v. Bülow sich genöthigt, dem Herzoge den mit den Gamm geschlossenen Kauf=Contract gegen Wiedererstattung des Kaufgeldes zu cediren.

Genealogie der letzten Gamm auf Bülow.
Genealogie
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V.

Ueber
das Dorf Zweendorf im Amte Bukow,

oder

Wozezekendorf, Albertsdorf und
Abtsdorf,

letzteres mit

der wendischen Bezeichnung Woabstorf,

von

G. C. F. Lisch.


D ie genannten Dörfer bereiten nicht selten große Verdrießlichkeiten bei der Forschung in der meklenburgischen Geschichte, um so mehr, als die Dörfer Wozezekendorf, Albertsdorf und Abtsdorf nicht mehr existiren und man nach Zweendorf in alter Zeit vergeblich sucht.

Vorzüglich war es das Dorf Wozezekendorf, dessen Auffindung bedeutende Schwierigkeit machte und mich noch in Maltzan. Urk. I, 1842, s. 142, auf Irrwege führte. Im J. 1290 kaufte das Kloster Rehna 8 Hufen in Gostorf, 8 Hufen in Wocecikendorf und 2 Hufen in Martensdorf. Am 5. März 1307 verkaufte das Kloster Rehna diese 8 Hufen in Wocezekendorp wieder an das Kloster Doberan 1 ), ohne Zweifel, weil das Dorf dem Kloster Rehna für die eigene Bewirthschaftung zu ferne lag. Am 9. März 1306 hatte der Fürst Heinrich von Meklenburg dem Kloster 8 1/2 Hufen in Wozcecekendorp und am 20. Mai 1306 das Eigenthumsrecht der Dörfer Wocezekendorp und Albertesdorp verkauft. Ich rieth (in Maltzan. Urk. a. a. O.) auf Wokendorf, jetzt Wakendorf bei Rehna, entschied mich jedoch für Wodorf (früher Wodarge) in der Nähe von


1) Vgl. Lisch Maltzan. Urk. I. Nr. 58, S. 140.
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Wismar bei den alten doberaner Klostergütern Farpen und Redentin: diese Annahmen sind jedoch alle falsch.

Im J. 1257 gab der Fürst Johann von Meklenburg dem Kloster Doberan das Dorf Albertsdorf zur Freiheit des Cistercienser=Ordens; das Kloster hatte dieses Dorf von mehrern Besitzern so eben gekauft, nämlich den Haupttheil, gewisse Lehngüter im Lande Bug (oder Bukow) (bona quaedam in Buch sita"), von den drei Söhnen des verstorbenen Ritters Albert von Bug (oder vom Buge), sonst Rode genannt (Alberti militis fidelis nostri de Buch, cognomento Ruffi), zwei Hufen von dem Fürsten Johann und eine Hufe von den Söhnen eines gewissen Boldewin, Namens Ulfing und Heinrich. Bei der Uebertragung des ganzen Dorfes an das Kloster Doberan bestimmte der Fürst Johann, daß das ohne (Zweifel von dem Ritter Albert vom Buge so genannte) Dorf Albertsdorf (villa Alberti) fortan Abtsdorf (villa abbatis) heißen solle 1 ). Diese Umwandlung des Namens hat aber nie recht lebendig werden wollen.

Albertsdorf lag nun sicher im Lande Bug, wie noch heute von den Seeleuten das vorspringende Land bei Bukow genannt wird. Da nun Wozezekendorf immer neben Albertsdorf genannt wird, so wird auch jenes neben diesem gelegen haben. Ein fürstlicher Vertrag über die Theilung der Vogtei Bukow vom J. 1412,, welcher die Dörfer zuerst neben einander nennt, giebt ihre Lage in der kleinen Pfarre Russow bei Neu=Bukow an, indem der Vertrag aufzählt:

"in deme kerspele to Russow den hof to Rogghow, Wetzesekendorpe, Aluerstorpe.

Eben so drückt sich eine Urkunde vom J. 1421 aus, in welcher zugleich diese zwei Dörfer zuerst "zu den Zween Dörfern" (to den twên dorpen), d. i. Zweendorf, genannt werden. Am 25. Jan. 1421 verpfändete nämlich der Herzog Johann von Meklenburg, unter Zustimmung seines Bruders Albrecht, dem Bürger Curt Pegel

"in Alberstorpe vnde Wotzezekendorpe, ghehêten to den twên dorpen, belegen in deme kerspele to Russowe, veer vnde twyntich mark lubisch."

Das jetzige Gut Zweendorf besteht also aus den zwei Dörfern Wozezekendorf und Albertsdorf. Zu den beiden Dörfern ward nämlich schon früh ein Wirthschaftshof gebaut und dieser to den twên dorpen benannt; daher hieß zuerst der Hof so, später wurden auch die beiden Dörfer so genannt, nach=


1) Vgl. Schröder P. M. I, S. 664.
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dem sie schon fast ganz untergegangen waren. Noch heute giebt es Hof und Dorf Zweendorf.

In der Berechnung der Landbede aus der Vogtei Bukow vom J. 1430 heißt es noch:

     Parrochia Russowe.
Alberstorp dedit XI mr.
Weszezekendorp dedit XIII mr.

Weiter ist kein Dorf in der Pfarre Russow aufgeführt und Zweendorf wird in der Rechnung von 1430 nicht genannt.

Dagegen wird in den Rechnungen von 1441 Twedorpe und 1488 to Twendorpen allein genannt und Wozezekendorf und Albertsdorf fehlen.

Dennoch wurden auch noch später die Dörfer noch bei ihren alten Namen genannt. so lautet es in der Berechnung der Landbeden aus dem Amte Bukow vom J. 1552:

     "Kerspel Russow.
Seskendorp.
Aluerstorp.
Russow."

Dgegen heißt es im bukower Landbuche von 1586:

     "Zweidorff.
"Dieß ist ein dobberanisch Dorf und dem Amte Bukow zugelegt."

Der Name Abtsdorf kam, trotz der fürstlichen Bestimmung, gar nicht zur allgemeinen Geltung; er ward nur in der Abtei Doberan gebraucht. In allen Registern der Vogtei Bukow werden immer Wozezekendorf und Albertsdorf neben einander genannt, dagegen in den Registern der Abtei Doberan immer nur Wozezekendorf und Woabstorf, z. B. in dem Amtsbuche und dem Inventarium von 1552, dem Landestheilungsregister von 1557 [SYmbol etc]. In dem doberaner Amtsbuche und Inventarium heißt es:

"Wotzetzkendorp etc. . — — dem Huse Doberan thogehorich; — — wowol se dem Huse Doberan de denste vormals gethan hebben vnd dorch de vagede von Bukow darhen gebracht, dat se de denste jegen Bukow hebben don mothen, vnd wanen in dessem dorpe VI Bowlude."
"Uth dessen beiden vorgeschreuen dorpen, alse Woabstorp vnd Wotzetzkendorp geuen se ock semtlick m. g. h. jegen Bukow XVI s. lüb. Stolbede vnd etc. . afflegger."

Auffallend ist es, daß das eine Dorf hier noch einen andern Namen, nämlich Woabstorf statt Abtsdorf erhält;

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denn offenbar soll Woabstorf das Dorf Abtsdorf oder Albertsdorf bezeichnen. Es ist augenscheinlich, daß die Sylbe Wo — dem Namen Abtstorf vorgesetzt ist. In dem Namen Wozezekendorf gehört die Sylbe Wo= wohl zur Wurzel des Namens, in dem Namen Woabstorf ist sie aber nur Vorsylbe, welche sonderbarer Weise hier vortritt, während sie dort wegzufallen anfängt. Wo ist nämlich eine wendische Präposition mit der Bedeutung: "um, an, von," und würde hier am besten durch "zu" übersetzt werden, wie es ja immer heißt: "to der Wismar, to den Twendorpen (zu den zwei Dörfern), to der Oedeskirchen oder Oeskirchen (Dreweskirchen). Wo-Abtsdorf würde also: "Zum Abtsdorfe" heißen. Wäre diese Vermuthung richtig, so hätten wir hier wieder einen seltenen Ueberrest von wendischer Eigenthümlichkeit gefunden.

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VI.

Wendisches Recht

im Mittelalter in Meklenburg,
von

G. C. F. Lisch.


E s ist häufig die Frage aufgeworfen, ob und etwa wie langeS wendische Eigenthümlichkeit in Meklenburg nach der Bekehrung der Bewohner zum Christenthume bestanden habe. Für das Fortleben der Sprache in einzelnen Theilen des Landes bis zum 16. Jahrh. sind in den Jahrbüchern hin und wieder Beweise beigebracht; aber über alles Andere fehlte es bisher an jeder urkundlichen Bestimmung. Die Benennung "wendisch" leitete irre, denn "wendische Pfenninge" waren nur solche Münzen, welche in den ehemaligen Wendenländern geprägt und in Geltung waren; "wendische Dörfer", z. B. Wendisch=Mulsow, Wendisch=Wehningen (noch heute so genannt) etc. ., deren es sehr viele im Lande gab, waren nur solche Dörfer, welche bei der Germanistrung den Wenden zur Bewohnung angewiesen waren, über deren Bevölkerung aber keine Nachricht weiter existirt; "wendische Mönche" im Kloster Doberan während des 14. Jahrh. waren nur solche Mönche" welche aus den Städten der ehemaligen Wendenländer, namentlich den Städten der "wendischen Hanse" gebürtig waren und nur im Gegensatze gegen die Ausländer, die überelbischen Sachsen, so genannt wurden, u. s. w. Alles dies giebt keinen Haltpunct für die Beantwortung der Frage, namentlich nicht dafür, ob auch in Meklenburg noch längere Zeit wendisches Recht gegolten habe.

Es ist mir endlich gelungen, eine Urkunde vom J. 1315 zu entdecken, in welcher unverhüllt vom alten wendischen Rechte die Rede ist; aber jede andere, viele Jahre lang fortgesetzte Forschung nach einer Unterstützung dieser vereinzelten Angabe durch andere urkundliche Zeugnisse aus derselben oder aus noch jüngerer Zeit ist bisher vergeblich gewesen, und so müssen wir uns wohl mit dieser Einen Angabe begnügen und froh sein, daß wir überhaupt eine Andeutung haben.

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Am 30. April 1315 schenkte nämlich der Fürst Heinrich der Löwe von Meklenburg 1 ) dem Kloster Doberan zum Seelenheile seines verstorbenen Vaters 2 ), des Pilgers, der in der Kirche zu Doberan begraben lag, und seiner verstorbenen Erben, so wie zur Vergütung für die Schäden, welche er dem Kloster zugefügt, die gesammte Gerichtsbarkeit und das Eigenthumsrecht mit den Beden und Diensten in den bei Doberan liegenden

"wendischen Dörfern Stülow und Hohenfelde"
("in villis slauicalibus Stulowe et Hogenvelt"),

machte dabei jedoch die Bedingung, daß die ganze Verwaltung der Rechtspflege ("iurisdictionis"),

"nach wendischem Rechte geschehen solle, wie die Wenden es von alter Zeit her gehabt hatten"
("jure slavicali, prout antiquitus Slavi usi fuerunt").

Hier ist offenbar und unzweifelhaft der Beweis, daß ungefähr 100 Jahre nach der Germanisirung Meklenburgs in den wendischen Klosterdörfern noch altes wendisches Recht galt.

Die Veranlassung zu dieser Schenkung dürfte folgende sein. Durch die Schwäche des letzten rostocker Fürsten Nicolaus des Kindes war Heinrich in ernste Verwickelungen mit der Stadt Rostock gerathen, in welcher im J. 1312 eine heftige Revolution 3 ) ausbrach, welche zu einem blutigen Kriege mit Rostock führte. Die Revolution ward zwar durch den Fürsten Heinrich unterdrückt, welcher darauf im Herbste des J. 1313 auf die Wallfahrt nach Roccamadonna in Frankreich 4 ) ging. Kaum hatte er aber den Rücken gewandt, als die Revolution gegen die Rathsgeschlechter wieder ausbrach, welche der Fürst jedoch nach seiner Heimkehr wieder stillte. In diesen Kriegen wurden die Güter des der Stadt Rostock benachbarten Klosters wohl oft hart mitgenommen, und daher mußte sich der Fürst wohl zur Entschädigung 5 ) verstehen.

Nach diesen Begebenheiten und als eben der große Krieg mit Brandenburg begann, ging der Fürst nach der Abtei zum Grabe seines Vaters und bewilligte hier dem Kloster den Ersatz für die demselben zugefügten Schäden.

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1) Vgl. Urk. Sammlung: Vermischte Urkunden.
2) Die Fürstin Anastasia war damals also noch nicht todt; vgl. Jahrb. VI, S. 103.
3) Vgl. Jahrb. XI, S. 175 flgd.
4) Vgl. Jahrb. VIII, S. 225.
5) Vgl. Jahrb. II, S. 8 flgd.
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VII.

Ueber

die rechtliche Stellung der Bauern

im Mittelalter,

von

G. C. F. Lisch.


D ie rechtliche Stellung der meklenburgischen Bauern im Mittelalter ist schon häufig der Gegenstand der Forschungen gewesen, und doch haben wir noch keine übersichtliche und urkundliche Darstellung der Verhältnisse der frühern Bauern. So viel hat sich bis jetzt schon herausgestellt, daß der Stand der Bauern im Mittelalter bis in das 16. Jahrh. viel zahlreicher, freier und selbstständiger war, als in den folgenden Zeiten, daß dagegen der Tagelöhnerstand der neuern Zeiten im Mittelalter auf dem Lande noch nicht existirte.

Einige besondere Rechtsverhältnisse sind bis jetzt jedoch schon genugsam erhellt worden, so z. B. die Handhabung der Volksgerichte, von Beyer in Jahrb. XIV, S. 106 flgd.; die Behandlung der Besitzverhältnisse, von Masch in Jahrb. II, S. 141 flgd. und in vielen Urkunden: selbst Lehnleute mußten das von ihnen verkaufte Bauererbe in ihren eigenen Bauerdörfern vor dem Schulzen und den Bauern verlassen; ganze Dorfschaften kauften Communal=Eigenthum und bewahrten ihre Urkunden bei den Dorfschulzen auf; vgl. Jahr. II, S. 294-296 Not. und XIV, S. 197-198 Not.

Einen interessanten Seitenblick eröffnet jedoch eine Original=Urkunde 1 ) des großherzogl. Archives zu Schwerin, aus welcher hervorgeht, daß die Bauern auch Siegel führten. Zwar wohnten diese Bauern, welche eigene Siegel führten, in den Dörfern des Lübecker Hospitals zum Heil. Geist auf der Insel Pöl, und sie mochten etwas freier stehen, als die Bauern in den ritterschaftlichen Dörfern; immer aber bleibt diese Erscheinung sehr


1) Vgl. Urk. Samml. Vermischte Urkunden.
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merkwürdig. Am 22. Jan. 1349 verkaufte nämlich der Bauer Nicolaus Elers zu Weitendorf mit seinen Söhnen Nicolaus und Heinrich und unter Zustimmung seines Bruders Johann und seines Enkels Erich dem Heil. Geist=Hospitale zu Lübeck seine Hufe (unum meum mansum) in dem Dorfe Weitendorf, und seine Söhne Nicolaus und Heinrich, sein Bruder Johann Elers und sein Enkel Erich, so wie Johann von Pöl (Bürger der Stadt Wismar), Peter von Malchow (auf Pöl, Bauer?), Henneke Ulrichs (Bauer zu Malchow auf Pöl), Henning Kros von Timmendorf und die Brüder Nicolaus und Barthold Schulte (Bauern auf Pöl) leisteten bei der Verlassung des Erbes vor dem Bischöfe von Lübek zu Lübek einfache ("redende") Bürgschaft für den Verkäufer. Mit Ausnahme des Verkäufers und seines ältesten Sohnes besiegeln alle genannten Personen mit eigenen Siegeln die Urkunde.

Der Verkäufer wird Nicolaus Elers (Eleri, d. i. des Eler Sohn) Bauer (villanus) in Weitendorf genannt; eben so heißt unter den Bürgern sein Bruder auch Johann Elers (Johannes Eleri); daß der lateinische Ausdruck villanus = Bauer bedeute, ist sicher, wie villicus = Schulze bedeutet. Daß Nicolaus Elers ein Bauer war, geht nicht allein daraus hervor, daß er so (villanus) genannt wird, sondern auch daraus, daß er nur "eine" Hufe besaß, welche er "seine" Hufe (unum meum mansum) nennt. Obgleich nun die beiden Brüder sich mit Zunamen Elers nennen, so heißt doch auf den Siegeln ihr Zuname Weitendorf: ein Beispiel, wie noch in der Mitte des 14. Jahrh. Zunamen von dem Grundbesitze entstehen. Die drei Glieder der Familie Elers, nämlich Heinrich, Johann und Erich, welche die Urkunde besiegeln, führen im Siegel:

einen Schild mit einer heraldischen Lilie, unter welcher drei kleine Kugeln stehen.

Alle drei nennen sich in den Umschriften der Siegel nur: Heinrich Weitendorf, Johann Weitendorf und Erich Weitendorf.

Der wismarsche Bürger Johann von Pöl, nach dem Namen wohl ohne Zweifel aus Pöl stammend und wahrscheinlich ein Verwandter des Verkäufers führt nur ein gewöhnliches Hauszeichen im Siegel.

Hauszeichen
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Dagegen führen die pöler Bauern Peter von Malchow und Henneke Ulrichs ein Zeichen im Siegel, das man eher für ein Wappenzeichen, als für ein Hauszeichen halten sollte; da beide dasselbe Siegelzeichen führten, so waren sie wohl mit einander verwandt:

Hauszeichen

Henneke Kros führt ein redendes Wappen, drei Krüge (plattdeutsch=Krôs) auf einem Schilde.

Hauszeichen

Die 3 Elers oder Weitendorf und Nicolaus Schulte führen also förmliche Wappen mit Schilden im Siegel: das Wappen der Elers ist den Wappen der v. Kamptz und v. Schack, das Wappen des Schulte den Wappen der Negendank und v. Parkentin gleich, nur mit dem Unterschiede, daß die Bauern in ihren Siegeln Nebenstücke (drei Kugeln und drei Herzen) unter dem Schildzeichen haben.

Jedenfalls ist diese Erscheinung sehr beachtenswerth; zufällig wird und kann sie nicht sein, da verschiedene Glieder einer Bauerfamilie dasselbe Schildzeichen führen. Die Siegel sind also nach einem gewissen Plane angefertigt und rechtlich geführt, da sie vor dem Bischofe von Lübek gebraucht wurden.

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VIII.

Autobiographie und Testament
der

Herzogin Sophie von Lübz,

Gemahlin des Herzogs Johann VII. von Meklenburg,
mitgetheilt
von

G. C. F. Lisch.


U nter allen Gestalten der Geschichte des Ueberganges zur neuern Zeit ist eine der hervorragendsten und bezeichnendsten "Sophie von Lübz", Gemahlin des Herzogs Johann VII. von Meklenburg, eine (1560) geborne Herzogin von Holstein. Jung (1588) vermählt, ward sie früh (1592) Wittwe und trug bis zu ihrem Tode (1634) mit seltener Kraft und Umsicht in verhängnißvollen Zeiten die schwere Last eines trüben Wittwenstandes. Ihr Gemahl hinterließ ihr nach seinem schrecklichen Ende drei unmündige Kinder: zwei Söhne, Adolph Friederich und Johann Albrecht, und eine Tochter, Anna Sophie. Schwäche der Regierung, Aermlichkeit der Zeit, Ränkesucht und Eigennutz vieler Beamten und andere Vorläufer des unglückseligen dreißigjährigen Krieges beschäftigten sie neben der Sorge für ihre Kinder dermaßen, daß sie fast in einem beständigen Kampfe lebte. Kaum waren ihre Söhne zur Regierung herangewachsen, als sie von der Schroffheit Adolph Friederich's und der Schwäche Johann Albrecht's viel zu leiden hatte. Und als sie endlich hoffen durfte, alle Wege zum Frieden und zur Ruhe geebnet zu haben, da brach der Sturm des gewaltigen Krieges herein, der ihre Kinder von dem Throne in die Verbannung trieb. Sophie blieb aber dem eisernen Wallenstein gegenüber standhaft und erreichte es durch ihr zähes Festhalten, daß sie während der Verbannung ihrer Kinder auf ihrem Wittwensitze Lübz im Lande blieb. Hier vereinigte sie alle Fäden des Gewebes zur Wiederherstellung ihrer Söhne, und es ist ihre aufopfernde Sorgfalt in diesen trüben

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Zeiten eben so bewundernswerth, als ihre kluge Standhaftigkeit dem großen Manne gegenüber. Zwar erlebte sie noch den Tag der von ihr vorbereiteten Rückkehr ihrer Söhne; aber sie schloß bald darauf ihr müdes Auge, das sich nach Ruhe sehnte, im noch kräftigem Lebensalter.

Sophiens Leben bezeichnet am klarsten sowohl die schwache Zeit von dem Tode der beiden wackern Fürsten Johann Albrecht I. von Schwerin und Ulrich von Güstrow, als auch die Zeit der Herrschaft Wallensteins über Meklenburg; ihre zahlreichen Briefe, Tagebücher und andere Schriften geben das klarste Bild jener Zeiten. Dabei war sie eine vollendete Hausmutter, wie keine andere. "Ueberall thätig und umsichtig, immer zum Besten rathend, tröstend und heilend, in jeder Lage beharrlich, Hülfe abringend und dabei ächt weiblich und im höchsten Grade häuslich, war ste allein oft die Stütze des wankenden Hauses. Und in jeder Bedrängniß ließ sie nicht ab, überall selbst zu wirthschaften, um oft wenigstens das Unentbehrliche für das Leben der Ihrigen zu gewinnen" 1 ). So finden wir sie stets rastlos thätig, bald im Hause wirtschaftend, bald auf Reisen auf ihre Leibgedingsämter und Meierhöfe, wo sie bald Rechnung aufnimmt, bald Leinewand zuschneidet, Kohl schneiden oder Johannisbeeren pflücken läßt u. dgl., bald persönlich für die Armen sorgend. Zur wallensteinschen Zeit sehen wir sie bald Kinderzeug und Wiegen, Brot und Schinken ihren Kindern in die Verbannung nachschicken, bald geheime und wichtige Ratschläge und weit verbreiteten Briefwechsel zur Wiederherstellung ihrer Söhne führen. Kurz, es giebt keine Thätigkeit und Sorge, in welche diese kräftige Frau nicht eingeweihet gewesen wäre. Zwar gefiel dem etwas starren Herzoge Adolph Friederich in seiner Jugend das herrische Walten seiner Mutter nicht recht und er schreibt von ihr in seinem Tagebuche 2 ) "sie will allezeit Recht haben; es ist böse mit ihr disputiren", und "meine Frau Mutter viel Stichelreden ausgeworfen; man muß bösen Weibern viel zu "gut halten:" aber Adolph Friederich überzeugte sich bald eines Bessern, nachdem er in ihr die wahre Freundin in der Noth kennen gelernt hatte.

In der Kirche zu Lübz 3 ), vor deren Altare ihre Ruhestätte ist, sehen wir die Bildsäule der merkwürdigen Frau: eine


1) Vgl. Jahrb. VII, S. 66.
2) Vgl. Jahrb. XII, S. 60 und 63.
3) Ueber das Begräbniß und das Epitaphium der Herzogin Sophie vgl. Jahresber. VIII, S. 134 flgd. und Jahrb. IX, S. 456 flgd. und XII, S. 475 flgd. — Der Wohnsitz der Herzogin zu Lübz ist abgebildet in Lisch Meklenburg in Bildern Jahrg. IV und beschrieben daselbst S. 16-20.
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ungewöhnlich kräftige, entschiedene Gestalt, mit gefaltenen Händen, in denen sie, nach der Sage der Lübzer, früher sehr bezeichnend ein Bund Schlüssel getragen haben soll.

Wir sind so glücklich, aus jener verhängnißvollen Zeit sehr merkwürdige Schriften gerettet zu haben: wie den Gesandtschaftsbericht über den Hof des Herzogs Johann Albrecht II. zu Güstrow in Jahrb. VI, S. 144 flgd. und die Tagebücher des Herzogs Adolph Friederich I. von Schwerin in Jahrb. XII, S. 59 flgd. Wir theilen hier das eigenhändig geschriebene Testament der Herzogin Sophie mit, dem sie einen kurzen Abriß ihres innern Lebens voraufgeschickt hat: ein ehrwürdiges Denkmal nicht allein zur Beurtheilung ihrer Zeit, sondern zur ernsten Betrachtung für alle Zeiten; denn die Menschen bleiben im Wesentlichen zu allen Zeiten gleich.

Um eine Einsicht in das tägliche, gewöhnliche Leben der Herzogin zu gewähren, lassen wir hier zunächst noch einen kurzen Abschnitt aus ihren Tagebüchern 1 ) folgen.

Auszug
aus den Tagebüchern der Herzogin Sophie.
1625.

Den 1. Juni nach Chritzaw nach dem Sehe. Den 2. 3. 4. still.

S. Den 5. 6. 7. ist bernt pleß hir gekommen, bin ich zu Chritzaw nacht gewest.

Den 8. 9. 10. 11. still.

S. Den 12. bin ich zu gottes disch gewesen.

Den 13. montag stil, den 14. noch, den 15. auch.

Den 16. wieder nach Chritzaw, ist daß hauß follents abgebrochen vnd hereingeführett.

Den 17., den 18. ist Jochem Moltzan vnd Hanß Holstein hir gekommen vnd bin ich bey dem Suckower sehe gewesen, habe die Koppeln zu mahen angeordnett zu kritzaw von baumgartten biß an den zaun, dar nach eine kleine, noch 3 biß an den sehe, darnach einer biß an die weidenkoppel.

S. Den 10. stil.

Den 20. ist hartich bulow vnd Jochem moltzan hir gekommen.

Den 21. sind sie mit mir biß an den sehe vnd zu Chritzaw gewesen.


1) Ein Auszug aus diesen Tagebüchern für besondere Zwecke ist schon mitgetheilt in Jahrb. VII, S. 112 flgd. und die Bemühung der Herzogin um die Eisengewinnung auf ihren Gütern geschildert daselbst S. 66 flgd.
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Den 22 mittwochen ist Jochem weggezogen vnd habe ich Rechnung vom ambt R[ehn] genommen.

Den 23. bin ich nach woten gewesen.

Den 24. stil.

Den 25. ist gotlib von hagen mitt seiner frawen hir gekommen.

S. Den 26., 27. still.

Den 28. ist Christen vnd ihr man wieder weg gezogen.

Den mittwochen ist wilhelm ferber nach lübeck. gezogen vnd habe ich Rechnung vom küchemeister genommen zu lüptz.

Den 30. ist kruhl mitt der frawen nach hamburgk gezogen.

Den 1. Juli bin ich wieder nach Chritzaw gewesen. Ist Jochem moltzan hir gekommen vnd peckatelsche.

Den 2. ist moltzan hir wieder weggetzogen.

S. Den 3. ist peckatelsche wieder weg gezogen.

Den 4. bin ich nach bentzin gewesen.

Den 5. ist wintterfeldtsch weg gezogen, vnd ich biß woten.

Den 6. nach Rehn.

Den 7. 8. 9. still.

S. Den 10. noch still.

Den 11. biß wedendorff.

Den 12. biß lüptz.

Den 13. ist Daniel mahler gekomen, vnd ist die gantze nacht ein gar böses Donnerwetter gewesen.

Den 14. 15. nach Chritzaw.

Den 16. in des Secretari hauß.

Den 17. 18. stil, ist Siuertt petersen nach Dennemarck getzogen.

Den 19. 20. 21. 22. 23. bin ich nach Chritzaw vnd hobbesin gewest vnd hatt der küchemeister zu wittenburgk seine Rechnung abgeleget vnd habe ich schreiben von meinem bruder wegen h. angnuß gehatt vnd wieder abgefertiget.

S. Den 24. 25. 26. still. Den 27. 28. 20. still, 30. still.

S. Den 31. bin zu woten.

Den 1. augusti. Den 2. 3. 4. 5. 6. still.

S. Den 7. 8. nach woten.

Den 9. 10. 11. 12. nach Chritzaw vnd die Johannesbehren abplucken lassen.

Den 13. habe ich daß fieber bekommen.

S. Den 14. 15. 16. ist. h. hanß vnd sein gemahl hir gekommen. Den 17. stil. Den 18. wieder weg.

Den 19. 20. still.

S. Den 21. ist adolff mitt s. gemahl vnd sohn hir gekommen. Den 22. vnd 23. hir stil. Den 24. wieder weg gezogen.

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Den 25. 26. 27. still.

S. Den 28. 29. 30. ist der dockter wieder weg getzogen.

Den 31. bin ich erst wieder in die kirche gangen.

Den 1. September bin ich wieder im gartten gewest, den Freitag im gewelbe.

Den 3. ist Matthias auß schweden von Jacob von Dussin kommen.

S. Den 4. 5. ist der Secretaries weg gezogen.

Den 6. bin ich nach Chritzaw gewesen.

Den 7. 8. still. 9. ist ehr wieder gekommen.

Den 10. bin ich wieder sehr kranck gewesen.

S. Den 11. ist es markt gewesen.

Den 12. 13. 14. 15. 16. Den 17. ist die h. von Curlantt hir gekommen.

S. Den 18. still, ist hertzog hanß vnd sein gemahl hir gekommen.

Den 19. stil. Den 20. alle wieder weg.

Den 21. 22. 23. 24.

S. Den 25. bin ich zu gottes disch gewesen.

Den 26. 27. nach woten.

Den 28. 29. still.

Den 30. nach ruten beim kohl.

S. Den 1. October.

Den 2. 3. beim kohl zu ruten.

Den 4. stil.

Den 5. 6. nach retzaw. bin wieder krank geworden.

Den 7. 8. ist der dockter wieder gekommen vnd ist wilhelm Ferber von güstraw nach rostock gezogen.

S. Den 9. 10. 11. 12. habe ich den Kindern im knütterhause linenzeuge schneiden lassen 14 metgen vnd 4 jungens, jeder 2 hemde, den metgens 2 linwants schurtzen vnd ein taschen, 2 kregen jder.

Den 13. habe ich zwei betten geschnitten und 2 schlaffbenk vor die gemecher, 2 pfühl hatt die hofmeisterin dar zu gedahn, habe 30 hölde hanthwelen geschnitten, sint inß gewelbe. Den 13. der altfrawen 26 hölde hanttücher new gethan vnd 15 par drellen.

Den 14. den hollender angenommen.

Den 15. daß silber probirtt.

S. Den 16. stil. Den 17. Johan abfertiget in Holstein.

Den 18. bin ich im gildegartten gewest, habe den kohl auffschneiden lassen.


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Autobiographie und Testament
der

Herzogin Sophie von Meklenburg.

1632.

H ilff Gott zu einem Seligen Ende.

Nachdem von Gottes Gnaden ich Sophia geborn zu Schleßwig Holstein, Hertzogin zu Meckelnburgk wittwe Reiflich bey mir bewogen die nichtigkeitt des menschlichen lebenß, daß Niemantt eine stunde für den todt vergewissert, in Sonderheitt die ihre Jahre erreicht haben stundtlich einen Seligen abtritt auß diesem betrubtten Jammerthal mussen erwartten, So achte ichs darfur, daß einer, der seiner sachen richticheitt gemacht vnd geordenett, viel sanfter einschlaffen vnd diese welt gesegenen könne, So habe ich mich vorgenommen, itzo in meiner gesunden lebens zeit, da ich noch bey gutter vernunft von dem lieben gott gefristet, ein richtiges testament vnd ordenung zu setzen, wie ich es auff meinen todesfahl, den der Almechtiger Gott nach seinem vetterlichen willen schicken wirdt, es mitt meiner verlassenschaft, welches zwar wenig, doch durch gottes segen vnd meinen fleiß vnd muhe zusamen gespartt vnd gebracht, sol gehaltten werden, zwischen meinen lieben kindern, als beide Söhne vnd tochter, vnd sonsten, damitt aller zweyspalt vnd streitt, so dahero entstehen möchte, abgeschaffet vnd verhütet werde. Weil aber die zeitt ich in Meckelnburgk gewesen beides in der Ehe vnd witwenstande zugebracht, wenich auff Rosen gegangen, sondern viel falschliches nachreden von einem vnd andern erfahren, viel vnd mancherley wiederwillen, daß got bekant ist, dardurch mir nicht wenich trehnen auß den augen gebracht worden, erdulden müssen, Muß mich dahero befürchten, daß es an leichtfertigen, verlogenen Meulern, die gott wol finden wirtt, nicht mangeln werde, die mir auch nach meinem tode mit ihren Teuffelszungen zu uerleumden vnd vmbzutrageu vnd meistern sich nicht schemen dörffen, daß ich nicht mehr hinderlassen, vnd nicht ansehen werden, waß mein leibgedinge zuuor getragen vnd nu drecht, vnd was es gekosttet, ehe es so weitt ingerichtett, so habe

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ich mich vorgenommen, den gantzen verlauff, wie es mir hir im lande vom anfangk ergangen, erst zu beschreiben, darauß meinen kinder den wol mag genung ingebildett gewesen sein, vnd auch ander vieleicht zu ersehen haben, waß ich gehatt vnd waß daruon zu verubern gewesen, wen ich mich nach meinem stande doch ohn vppigkeitt habe haltten sollen.

Anno 1588 den 17. Februari,

damahls Sonabent vor Faßnacht, Bin ich meinem Gotseligen hern in der trawr wegen meines Gotseligen hern uatters vnd brudern hertzog Friederich getrawett zum Reinebeck. Da bey der hochtzeitt gewesen Meine Fraw Mutter, beide bruder h. Philip vnd Johan adolff, nu alle in gott ruhent, so wol auch h. Sigemundes Augustus vnd hertzog Vlrich von Meckelnburgk gesandter Jochem von der luhe. Waß geschenckt, soll auff einer verzeichnuß mit A gesetzet befunden werden. Den 21. bin ich mitt meinem gottseligen hern nach mullen getzogen, den 22. biß Rehn, den 23. biß Schwerin, da meines hern Fraw mutter vorgefunden, vnd sindt folgenden tag als zu der heimführung gekommen h. vlrich zu Meckelnburgk, h. Frantz zu Sachsen. Ist zu der zeit meinett halben so großer vncostung nicht auffegewantt, den von den meinen niemants mit mir gekommen ist. Den 15. decembriß ist Mein Sobn adolff F. Geborn zwischen 10 vnd 11 vhr anff einen Sontag abent zu Schwerin.

Anno 580 den 2. Februarii ist ehr getauft vnd gefattern gewesen h. vlrich zu Meckelnburgk vnd sein gemahl, Meines hern Fraw mutter vnd mein Fraw mutter, die ist aber kranck vnd nicht zur stelle gewesen, hertzog Sigesmundes augustus, Meine beiden bruder hertzog Philip vnd Johannes adolff, der nicht zur stelle, sondern den thumdechant geschickt hatt, hertzog Christoffer zu Meckelnburgk sein gemahl, die stete lubek, lunburgk, rostock, wißmar, 4 landrette, warner han, Jochem kruse, Johan Cramon, hanß Linstaw, Jurgen blanckenburg der eltter, altte Jochem von der schulenburgk, albrecht von qwitzaw, 3 Frawen: ölgart von qwalen, vlrich pentzen wittwe, ficke örtzen wittwe. Daß gefattern gabe ist so groß nicht gewesen, wie die verzeichnuß anß= weisett mit B.

Anno 90 den 5. Maij zwischen 2 vnd 3 vhr in der Nacht ist hanß albrecht geboren zu wahren, vnd weil ehr zu zeittig gekommen vnd schwach gewesen, ist ehr also balt getauft, vnd zu gefattern gebeten den marschalk adam von bulaw, hinrich von stralendorff, den hofemeister Jochem wangelin, Jochem belaw, mein hofmeisterin margrete Rantzaw. Die gefattern gäbe ist in der vorigen verzeichniß.

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Anno 91 den 20. Septembriß ist mein tochter Anna Sophie geborn des morgens zwischen 4 vnd 5, damals den montag, zu Schwerin.

Den 23. Octobriß ist sie getauft worden, sindt geuattern gewesen an fürstlichen persohnen hertzog Carhl zu M., h. wilhelm zu kurlandt, hertzog hanß von holstein zu Sundrburgk mitt seiner gemahl, meine schwester damahlß F. Christina, Adam von bulaw haußfraw, Clauß vnd vitt lutzawen frauens, henning halberstat fraw. Es sindt aber keine furstliche persohnen zur stete gewesen, als hertzog Cahrl vnd h. Wilhelm, der zu Rostock studirt vnd mein herr S. Ihm mitt seinen eigen wagen vnd pferden holen ließ. ging auff die kinttauff auch nicht viel. Daß geschenk wirtt auff den vorigen zettel auch befunden.

Den 24. Februari anno 92 sindt mein herr vnd ich mitt den kindern nach stargartt gezogen.

Den 8. Martzij wie wir etliche tage bey hertzog Sigeßmunduß angustus zu Isenach gewesen und des abents in vnser Wiederkunft erfharen, daß h. Christoffer zu Meckelnburgk so schleunig gestorben, entzette sich mein herr so sehr, daß es allen wunder nam, den sie niemals eines wehren vnd h. Christoffer meinen h. S. allen verdruß tete. S. L. wahren fast den abent sehr trawrich, gingen wol zu tische, essen aber gar nichts, gingen vmb neun vhr zu bette, wahr sonst noch so ziemlich zu frieden, redete mitt den Retten den gantzen abent, spielett noch mitt hinrich stralendorff vnd Jochem wangelin in der kartte. Da ehr den gutte nacht geben, hatt ehr gesagt: ich folge meinem vettern balt; hetten sie gesagt: Da soltte gott vor sein; sein gemahl, kinder vnd daß gantze landt köntten ihn nicht missen. Wahr er lachen geworden: Ja, sie müssen mich wohl missen. Hette gesagt: der kopf wehr ihm so seltzam, muste von dem ifenackischen drinken sein. Legten vnß beide zu bette. Ich schliff so feste, denn ich wahr nicht wol auf vnd auch müde von der vnruhe; hatte die vorige nacht auch nicht geschlaffen, da sich S. L. ingebildet, sein brnder wollte ihn gefangen nehmen, wollte ihm den kopf abhawen lassen. Solcher seltzamen rede wahr ich woll gewohnett; wen ehr vol wahr, so pflag er solche Rehden woll zu fhuren; wen ihm waß zu wiedern wahr, pflag er auch wol von vmbbringen zu sagen. Hette solchs vor eine gewonheitt gehatt, da ehr noch bey dem preceptor gewesen, welchs ich von seiner Fraw mutter vnd andem, die ihn damahls gekant vnd mitt ihm vmgegangen, woll gehorett, daß es sein gebrauch von iungk auff zu reden gewesen. Aber den abent, da ehr es leider zu werck gerichtet, habe ichs nicht gedencken gehorett. Nu war es leider zwischen 12 vnd einß, da ehr sich stach sieben wunden. Ich hörete seine

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stimme oft im schlaffe, konnte mich nicht ermunttern, eehr ehr mich bey namen rieff; da sach ich auff, daß ehr all vol bluttes wahr, hub ich an zu ruffen: Hilff Jesus Christus. Da warff ehr den pock wech. Ein ider kan leichtlich gedenken, wie mir zu sinne gewesen, spranck vom bette, wollte hülfe ruffen, lieff die treppe hinauff vnd rieff vber Junffern vnd megde. Mir wahr leide, daß ehr todt bleiben solt. Da lieff ehr hinder mir her mit dem lichte; halb auff der treppe viel ihm das licht auß der hant, da meine Junffer armgartt von anselt ihm entgegen kam, der viel ehr in die armen vnd sagett: Ach armgartt, waß habe ich gethan! Da brachten sie ihn auff daß bette, bekantte seine Sunde vnd wahr ihm hertzlich leitt, kam fein wieder zu sich selbst, tadt seine bekentniß fein verstendich gegen dem prediger, entpfingk daß Sacramentt. Den tag wahr es zimlich, aber gegen den abent hatte ehr wieder angefangen, begertte, man soltte seinen Sohn adolff zu ihm bringen. Da man ihn brachte, sagete ehr, nu die Mutter todt ist, soltte man daß kindt auch nur vmbringen. Sein bruder Sigesmundus, den ich holen ließ, sagete: Behutt gott, bruder, wo kombstu zu den reden; dein gemahl stehett ja hier, die Fraw mutter ist nicht todt. Ja, sagt ehr, ich weiß woll, daß sie todt ist; da ich mich stechen wollte, da wollte sie mir wehren, da stach ich sie dodt; ach, wie vbel habe ich an ihr gethan! Waß man sagete, bleib ehr bey seinen reden vnd meinung vnd war alle seine Rede mitt den predigern vnd dienern, sie sollten sich auch nur umbringen. So bracht ehr halt 14 tage zu, nacht vnd tag. Gott im himmel ist es bekant, wie mir die Zeitt zu sinne gewesen; habe mitt keinem mehr zu zeugen, den sie alle todt. Es hatt mich manch erlich mensch zeugniß geben mussen meines leits. Die 7 wunden, die sich mein herr gestochen, wahren heil. Den tag zuuorn, eehr ehr verscheidete, wahr der 22. Martzi, den abent zwischen 5 vnd 6 vhr, kam er fein wieder zu sich selbst, nam einen sanften todt, wil nicht zweifeln, daß ehr bey gott ewig lebett.

Diß ist mir keine Freude zu beschreiben gewesen vnd weiß gott meine gröste betrübnuß, habe es aber darumb tuhn wollen, daß ihr, meine kinder, den rechten verlauff wissen sollett. Ich weiß wol leichtfertiger böser leutt plaudern, die mich auß ihrem hertzen gerichtet haben. Gott als ein erbarmer aller hertzen vnd dem nichts verborgen vnd ein gerechter richtter ist, der wirtt sie wol wissen zu finden, wie es vielen bereits belohnet, mehr als ich es begerett habe. Hette auch mein herr seine vernunft vnd verstandt behaltten vnd nicht der sinnen beraubt gewesen wehr, So wehre es zu dem vngelück nicht gekommen. Es hatt es der liebe Gott mir zu einem großen Creutz vnd hertzleidt verhengt

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vnd zugelassen, dessen willen nicht wieder zu streben ist, habe alles mitt gedult verschmertzen mussen. Gott ist es bekantt, in welchem elent ich mitt den dreien kleinen kindern bin nachgeblieben, ohn ratt vnd trost von menschen. Meines hern bruder Seliger gunnete mir wol alles guttes, aber Radt wahr auch sehr gering bey ihm. Cantzeler vnd andere Rette dorfften auch wieder andere nichts sagen: die sagten, wie ihr herr gestorben, wehren sie ihres Eides loß, außgenommen adam von bulaw vnd hinrich stralendorff nahmen sich meiner vnd meiner kinder so trewlich an, daß ichs inen mein lebetage dancken muß vnd den ihren nach vermugen vnd der damahls getanen Zusage noch genissen lassen will, weil ich das leben habe.

Den 5. Mai ist meines herrn begrebnu gewesn zu Schwerin. Den tag zuuorn ist h. Christoffer begraben worden. Den dritten tag nach der begrebnuß sindt die furstlichen vnd greflichen persohnen alle weggezogen, ohn h. vlrich vnd sein gemahl vnd h. sigesmundes. Ob sie wol angefangen zu infentiren, haben sie doch nicht mit fertig werden können, sind noch zwey tage zu schwerin geblieben, alles infentiren und versiegeln lassen, habe nichts daruon gesehen, waß vorhanden gewesen. Hatt h. vlrich alle schlüsseln zu kisten, kasten vnd zu den gewelben oder losementer, da daß zeuge vnd Siegel vnd briefe in gewesen, mitt sich genommen, haben ich vnd meine tochter daß geringste nicht dauon bekommen an golt vnd silber, ohn eine kleine kette, hatte 104 goltgulden, daß wartt von Jurgen warnstete, damahls kammerjuncker, erinnert, daß mein herr mir die kette geben, vnd lach noch in seiner lade, vnd mein trawringk krech ich auch wieder, sonst nicht daß geringste. Habe seit der zeitt wol sehen, was andere wittwen bekommen, vnd mir auch woll geburett hette. Ich war im 23. iar, in fruchtten erzogen vnd mein leben in trübsal so weitt zugebracht, durfte nichts fordern, verstundt es selbst nicht, hette auch niemandts bey mir, die mir raten kuntten. Meine eltesten bruder waren todt, die andern waren junck, so hatte ich niemandts, dem ich vmb radt fragen köntte, der den gebrauch wuste. Vmb ein iar oder 4, auff erinnerung hertzog vlrichs gemahl, theten sie mir meines hern kleider, auß der meinung, daß sie verderben würden, vnd weil die kinder noch klein, köntte man sie noch gebrauchen, wahren nicht viel von werden, wie daß Inuenentarium woll außweisett.

Den 27. Maij bin ich von Schwerin nach Rehn mitt meinen kindern gezogen auff mein leibgedinge, darnach von dar auff wittenburgk vnd luptz, da ich den allerwegen einen gar geringen zustandt gefunden vnd keinen vorrath, alte bawfellige heuser, höfe, scheffereien, mühlen, daß ich alles habe bawen

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mussen auß meinem beutel, geringe viehe. Alles waß noch in vorraht gewesen an körn, biehr vnd vicktualy, welches mir auch geburett hatte, nahmen detloff warnstete vnd andreas Meier weg, die damahls daß gantze Regiment hatten, sageten, sie hettens gegen die grebnuß auff Schwerin bringen lassen. Es ist alles, was noch in voratt vorhanden gewesen, daß iar zuuor, da meines hern frawmutter starb, zu Luptz inuentierett worden, ist auch an haußgeradt, bettgewantt vnd alles im Inuentarium geblieben, aber, wie vorgedacht, haben sie es wehgenommen. Fant zum ersten mal wie ich nach luptz kam, etliche gardinen vnd dischteppich, die schloß ich in ein losement, nam die schlussel mitt. Da ich weg wahr, kamen warnstete vnd Meiehr darhin vnd lissen die kammer vnd kiste aufbrechen vnd nahmens darauß. Ob sie von allem richtige Rechnung getan haben, daß mach gott wissen, sie hatten ihr teil darfür; ich habe es mit meinen ohren gehörtt, daß es h. vlrich befahl mir wieder hin zu bringen, aber ich wartt so lange vertröstet, daß ich müde darauff wartt. Kann es woll mitt wahrheitt schreiben, daß ich eitel alt zurissen linnen gerete vnd betzeug gefunden habe.

Bin so auff daß leibgeding vnd von Schwerin gezogen, daß ich nicht mehr als 200 Fl. gehatt, die mir der Rentmeister als auff ostern mein betagetes hantgelt geben. Wie elende ich mitt meinen kindern sas vnd wie ungewohn mir die genawe haußhaltung vorkahm, ist got bekant. Voratt vnd gelt wahr nicht viel vorhanden. Ich wuste mich nicht zu raten, als daß ich zu gott schreitte vnd weintte; doch sage ich dem lieben gott danck, der mich biß an itzo noch so gnedich durchgeholffen vnd noch alle wege gutten radt geschaffet, daß ich im von hertzen zu loben vnd dancken pflichtschuldig bin. Der liebe gott schickte mir die beiden noch zu mit trewem radt vnd hulffe, die mir gelt vorstreckten vnd sonst vorthulffen, wo sie konnten. Ich hette noch tausent thaler im lant zu holstein, die hatte mein herr uatter mir geben, ich soltte ketten darvon machen lassen vnd bremen sie auff einen Rock, wie es damahl gebreuchlich wahr; Dieweil aber mein herr uatter s. starb vnd die hochtzeitt in der trawr wahr vnd mich deuchtte, daß ich in Meckelnburgk mitt zu vielen fremden kam, ließ ichs mitt den ketten bleiben vnd behillt das gelt auff zinse; aber daß muste ich auß nott damahls abnehmen, wolt ich kauffen, waß mir vnd den kindern nott wahr, vnd mich ein wenig nach meinem stande haltten. Ich muste habern, butter, alles kauften, die embter trugen nicht viel, wie die Register außweisen, es wahr alles zu nichte vnd verdorben. Ich wahr des kümmerlichen lebens in meines vatern hause nicht gewonett, wahr noch jungk vnd der haußhalttung vnerfharen, wuste mich

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nicht dar in zu schicken, muste viel mitt schaden lernen, wie daß pflegett zuzugehen: so dancke ich doch gott, der mich meinen feinden vnd verfolgern nicht hatt zu spott werden lassen, sondern noch altzeitt gnedich außgeholffen, besser als ich gedacht vnd mir von den bösen, verlogen Meulern ist gegunnett. Ich weiß, daß es außgesprengett, auch wol von meinen eigen kindern, die es von leichtfertigen, verlogen leutten sich mögen haben bereden lassen, als habe ich bey meines heren leben, auch seidt der zeitt, vrsach geben zu meiner kinder schulde: solchs wirtt kein erlicher mensch mir mitt Wahrheitt nachreden können. Daß mein herr das geringste an mich gewantt, daß ehr vor mich gekauft oder gelt außgeben, daß wirft man auß des kammerschreibers Rechnung wol sehen, alle einnahmen vnd außgaben. Er hatte seltten gelt in der kammer; wen ehr dar einen schilling von außgab, daß pflag mein herr wol genaw anzuschreiben, wilchs noch wol wirtt vor handen sein. Er meinete ja alle seine sachen so genaw in zu zichen, daß ehr wollte auß den schulden kommen. Ich kan wol vor gott mitt gutem gewissen sagen, daß ich nichts wuste in den 4 jaren, die ich im Ehestande mitt ihm gelebt, daß ehr vor mich gekauft, als 18 ellen schwartzen Sampt vnd 15 E. weissen atlasch zu rockken, die hatt ehr mir zu zwey mahlen geben: den weissen, wie mein Sohn adolff Friedrich jung geworden, den andern, wie anne Sophia jungk geworden. So wollte ehr mich auch einmahl ein spiegel kauffen vor 60 thaler, da nam ich daß gelt vnd liß dem Cramer den spigel. Nu weiß ich wol, daß viel im halben jar mehr bekommen, als ich in den 4. Ich hatte alle jar 400 fl., da muste ich mein frawenzimmer vnd megde von haltten, so wol selbst schu vnd strumpe vnd waß ich zu meiner nottorft haben muste, vor kauffen. Hette wol nicht mitt zukommen können, wen mein Frawmutter seliger mir nicht außgeholffen, die mir kleidung zu den junffern gegeben vnd sonsten linwantt vnd gelt mitt abzulohnen. Daß leste jar ehr mein herr starb, wartt erst ein Ordnung gemacht, daß S. L. vntterschrieben, aber ich habe nie nichts darauß empfangen. Wen ich zu gefattern oder auff hochtzeiten gebeten wardt, muste ich sehen, wo ichs krech. Es wehr wol viel daruon zu schreiben. Es wirdt kein erlich mensch sagen können, daß bey meiner gotseligen heren lebenzeitt viel auf mich vnd die meinen gegangen ist oder meinetthalben schult gemacht, sondern wirtt nnr von leichtfertigen verlogen leutten geredet sein, die nichts daruon gewust oder auch nur auß ihrem bösen hertzen zu verunvergelimpffen sindt bedacht gewesen, mach auch wol von den gescheen sein, die es woll besser genossen, als ich, vnd woll hetten eins teils gallgen vnd ander straffe woll werdt gewesen, dar zu ich sie

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woll hette bringen können, wen ichs nicht vmb gottes willen gelassen. Ist inen nu alles verzeihen. Gott hat sie selbst gefunden. Ist mir zu der zeitt nicht einmahl wiederfahren, waß mir wol von rechts wegen, als andere meines standes gebürete. Wen mein g. h. vnd ich zu gefattern gebeten worden von furstlichen persohnen, muste ich daß geschenk außthun, sollte es wieder haben, lautt der vertzeichnuß mitt C, ist nicht geschehen. Waß ich an kleider, kleinodien vnd Silbergeschir mitt inß lant gebracht, ist hirbey auß der verzeichnuß zu ersehen, waß mein frawmntter hatt verzeichnen lassen. Waß ich bey meines hern leben bekommen, ist daroben gedacht. Nach S. L. todt weiß es auch gott vnd mannich erlich Mensch, daß ich kein vrsach zu der schult geben, habe daß geringste nicht von meiner kinder Embter, meines wissen kein hun oder Ei genommen, daß ich nicht betzahlt, als wen ich ein ander wegen gekauft hette. Ich habe von dem ihren oder waß mein herr S. nachgelassen, nicht daß geringste bekommen, als die kette, so oben gedacht, vnd darnach nam ich auß der lade in beysein h. vlrich vnd h. Siegsmunt wol 7 oder 8 Jar nach meines herren tode 2 portegelöser, 6 billigen gulden, 6 dubbelde duckaten, 1 krone ,3 Waehrung silber, daß kam zu den zubrochnen schüsseln, die ich vmmachen ließ, da meine kinder auß dem lande kehmen. Ob ich wol daß golt noch in verwahrung, so thette ich, nach dem es darnach galt, an werde mehr silber vnd golt, darfur. Es wirtt daß golt vnd silber wol in dem Inuentarium stehen; ist mehr darauß genommen, mussen es die getahn haben, die zuuorn die schlüsseln gehatt vnd mehr als mich vertrawett wahr. Wie sie es gemacht, laß ich sie vor gott verantwortten; ich aber bin gewiß vnschuldich daran. Wie es auch mitt hertzog Sigsmunduß verlassenschaft zugangen, wirtt man, dencke ich, auß des Rentmeisters Meier seine Rechnung wol gesehen haben. Die wittwe krech das meiste; daß vberige an silbergeschir soltte verkaufft werden, da nam ich etlichs daruon, betzalt es dem Rentmeister mitt bahrem gelde. Ich saß ja nach meines hern todt stracks stil auff meinem leibgeding, kehrt mich nirgents an meiner kinder sachen, ließ die heren vormunder darfur raten, die es auch ja durch Detleff warstete vnd andreas Meier alles regieren lissen, da man nichts wieder sagen muste oder durfte. Wie sie regirtt haben, werden sie vor gott verantworden müssen. Wen dar daß geringste von mir oder andern ehrlichen leutten darwieder geredt wartt, muste man ihr liegen vnd verleumdung hinderrucks vor lieb nehmen; dazu die beide so gutt, als man welche finden köntte, als sie sich in ihrem gewissen befinden, so muste sich ein ander von ihnen richten lassen. Man kann nicht sagen, daß viel auf mich vnd meine kinder ge=

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gangen ist. Waß in andern fürstlichen heusern der gebrauch, daß den kindern sonderlich zu ihrem vntterhalt gegeben wirtt, ist mir in der erst auch nicht wiederfharen in etlichen jaren. Darnach wie es mir waß lang wartt vnd mehr volcks bey den kindern haben muste, hilt ich bey den h. vormunder darum an; Da wartt mir geordenett wochentlich auff jeder kintt 2 fl., auff jeder persohn, so bey inen gehaltten wartt, 33 ß., wie des Rentmeisters Rechnung außweisen wirtt. Es soltten die kuchemeister vnd ander ambtsdiener, wen sie auch bey iren eiden mochtten gefragett sein, nicht sagen mitt wahrheitt, daß ich das geringste habe von den Embtern holen oder nehmen lassen, ich habe es denn mitt bahrem gelde betzalt; bin auch auff ihre Embter nicht gekommen bei h. Vlrichs leben mehr als ein mahl zu Newstad, da ehr gejagtt, ist von dar auff Schwerin gezogen, von dar auff Crivitz, vnd da ich meinen sohn kranck von braunschweig hollet, war ich zu Dombtz vnd Newstatt, vnd wie h. S. begrebnuß wahr ich auch mitt zu Schwerin. Bin alwege zu Schwerin in der stadt gelegen, wenn mein weg darhin gefallen, daß ich nicht wollte, daß meine kinder vnkostung meinent halben haben soltten, den auf ausrichtung lest sich viel anschreiben. Es gingk doch auff die jagten vnd ander zehrung genung vngelegenheitt, da man nicht wieder sagen dorfte. Wie aber von allen meinen kindern nutz (?) vnd beßer bedacht vnd gesetzt ist, gedencke ich besunder, wie die schulde anno 92 gestanden, da mein s. her gestorben, daruon ist die verzeichnuß hierbei mitt D getzeichnett; solchs habe ich mich damahls durch radt adam von bulaw vnd hinrich stralendorf aufzeichnen lassen, nicht ohne Saur sehen. Von der zeitt an wirtt der Rentmeister Rechnung gethan haben, da man wol gesehen, wie es sich gebessertt hat. Anno 604 wie hertzog vlrich gestorben vnd hertzog Carhl die vormuntschaft allein gehatt vnd ein jder genung zu sagen wuste in vnd ausserhalb landes, wie vbel der Rentmeister vnd beambtten haußhiltten, da wurden keine Zinsen geben, sowol innerhalb als ausserhalb landes kamen klagen, die in zwey oder 3 jaren keine Zinse bekommen hetten, sagten die gelder auff vnd hörett man viel verdrießliches, da sprach mich h. Cahrl an: es wehren ja meine kinder, den es treffen würde; ihr zeittliche wohlfartt wehr daran gelegen, ich möchte michs doch selber annemen, weil ich nicht gedachte zu freien; wehr ich doch meiner kinder oberste vormunt. Ich möchte michs doch selber annehmen vnd dem Rentmeister vnd den beambtten waß auff die hende sehen, daß sie so gar nach ihrem gefallen nicht regirten. S. L. könte es vor sein persohn nicht wartten, weil ehr ohn daß mitt der lantregirung genung zu thun krege. Ehr woltte mir mitt radt vnd

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hulffe wol beyspringen, wo ehr sonst küntte vnd möchtte. Es wehr vor gott vnd meinen kindern nicht zu ueranttwortten, daß vom gantzen lande ihres teils die Zinse nicht köntten gehaltten werden, ob ich mich woll viel entschuldigte vnd wol bedachtte, daß nicht allein darbey viel mühe, der ich mich, wen es den meinen zum besten gereichen köntte, nicht so sehr beschweren wollte, sondern auch viel vndanck vnd nachrede darbey wehre. Wie ich mich befürchttet, ist es auch gangen, habe es genung von falschen, gotlosen leutten vorlieb nehmen müssen, die daß mauhl vber mich gebraucht, als sollte ich viel zu mir gezogen haben, vnd wehre die schult ihmmer grösser geworden in der zeitt ichs in den henden gehatt. Es wahren 4 jare, so weiß es auch manch erliches hertz, wie die embter ingerichttet wehren vnd weisens die register vnd qwitung auß, waß ich von den embtern entpfangen, so ist auch eine rechnung vorhanden, worhin es gewendet vnd qwittungen darbey, außgenommen die qwittungen auff daß gelt, welchs mein Sohn h. adolff in Frankreich auff wechsel geschickt, habe ich keine qwittung von Samuel behren bekommen können, zweifei aber nicht, ehr wirtt wol rechnung seinem herren daruon gethan haben. Ich bezeuge es mitt gott, daß ich nichts anders weiß, als waß die rechnung mitt bringett, vnd darbey vor mein persohn mehr schaden, als fromen gehatt, daß meine an betten vnd anderm gelde mitt darauff gangen.

Da mein Sohn hertzog adolff zu der Regierung kam, wahr daß der rechte griff der vntrewen haußhaltter, daß sie mich ihm zuwiedern machten, daß ehr vnd ich in dreien jaren nicht zusamen kahmen vnd sie ihm wol inbilden kontten, waß sie wollten, daß ehr mich nicht geleubtte, damitt ich ihm nichts von ihren anschlegen zu wissen machte. Ich geleube nicht, daß es mitt seinem vorteil zugangen vnd daß gott ein gefallen daran hatte. Es brachtte mir wol hertzleitt genung, klagete es gott vnd ließ es gehen; der hatt mir alle auß dem wege gereumett, die solchs zu wege brachten. Mein sohn war daß mahl noch jungk, verstundt es damals noch nicht, darumb wirtt es ihm gott nicht zurechen, weiß daß es auß seinem bösen hertzen nicht kam.

Mitt h. hanß albrecht machtten es die Calumisten auch so. Da sie ihn auff den teufelschen irweg bringen wollten, muste er in dreien jaren nicht zu mir kommen. Darnach da ich daß nicht endern kontte vnd wieder zu ihm kahm, bildeten sie ihm noch starker lügen gegen mich in, daß sein erste gemahl, an der ichs doch nicht verschuldet, auß vnwarhaftigem, falschem hertzen mich der Dieberey beschuldigeten, welches ich gott dem

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gerechtten richtter befohlen, der alles zum besten weiß. Da kamen wir auch zwey jar nicht zusamen. Ob es die hertzogin in ihrem schreiben wieder leuchnete, welchs noch wol vorhanden, so reumbte sie doch gott auch auß dem wege, daß ich sie nicht wieder zu wartten krech. In den zweien jaren habe ich genung bey dem Ruisch (?) sein tafel mehr sein mussen vnd ist wol fiel vorlauffen, daß sich ihm nicht geburett hette; aber ich habe es dem befholen, der die mutter wil von den kindern gehortt haben vnd sich ein vater der weisen vnd Richter der wittwen nennett, der hatt es gewiß gesehen vnd gehörett. Gott, der ein erkenner aller hertzen ist, weiß, wie mütterlich ich es mitt meinen kindern gemeint, als nur es auch von gottes wegen gebürett, Wie ich nu bey diese verwalttung meiner kinder gütter gekommen, ist hiruor gedacht, daß es h. Cahrl vor nötig achtet vnd es von mir hat haben wollen, so habe ichs mich entlich doch auf vorgehabtem radt guter, wol meinender leutt vnterstanden vnd die aufsicht angenommen. Es hatt aber andreas Meier, weil ich sein verlogen maul wol kantte, die innahmen vnd außgaben noch ein jar behaltten vnd das erste jar berechnen müssen; da ist die schult mir zugeschlagen befunden nach beygelegtem zettel mitt E darbey. Ich verkaufte meine ketten, meiner seligen schwester der grefin von Frißlandt versetzte Silbergeschir vnd kleinodien, daß ich gelt zusamen brachte, damitt ich die versessene zinse richtig machte vnd die Summen, die ausserhalb landes loßgekündigett, etlich erlegete vnd die andern behandelte. Zuuor wahr der Credit ganz weg. Meier muste es zu Register setzen vnd ich befahl es, wem ehr es geben sollte, biß ich befandt, daß er doch so vntrewlich handelte, wenn er von mir gelt entpfing, daß ehr solte an zinsen oder wechselgelder, daß meine kinder ausserhalb landes aufgenommen, der Diener besoldung, arbeitsleutten oder sonsten außgeben soltte, so gab ehr es zu seiner gelegenheitt seiner eigen schulden auß vnd muste ichs den noch einmahl außgeben, vnd batt ehr vor vnd nach gott, man möchte zufrieden sein. Daß wehret so lange, daß ehr lautt beygelegter seiner eigen hantt mir schuldich geworden, welches mitt F gezeichnett; darauff habe ich 6000 fl. wieder entpfangen, daß ander ist im lauff geblieben, ob wol seine versicherung auff alle seine güter lautet. Must ichs doch gescheen lassen, daß mein Sohn adolff Friederich mit vermeinttem grösserm recht die heuser vnd den hoff an sich nahm vnd verkaufte, wiewol es von meiner kinder wegen die schult herr kam; ich hette sonst mitt dem rentmeister nichts zu thun gehatt, so mochte ich doch mitt meinem Sohn nicht lange disputiren oder rechtten vmb Friedens willen. . . . . . Wie ich es nu mitt dem Rentmeister nicht so genaw

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wahren kontte, daß ehr nicht vnrecht handelfte, da nahm ichs gar von ihm biß es anno 608 mein sohn h. adolff Friederich von mir nahm [Randbemerkung: hertzog hanß gab mir seine verspreche nach, wie wol ich groß recht darzu.] vnd in der eil abfordern ließ, wie ich leider in schweden wolltte vnd allerley zu thun hatte, mitt meinem grossen schaden, da wahr die Rechnung durch nachlessigkeitt meines damahligen Secretarien Jost brun noch nicht geschlossen, daß ich nur die vornemsten poste aufsetzen ließ. Da ich nu die Rechnung schlissen ließ, blieben mir meine kinder noch schuldich lautt beygelegter Rechnung vertzeichnett mitt G, wie mitt dem Register zu beweisen, die alle in der eisern lade liegen. Waß diß aber mir vor ein schade zu missen gewesen ist zu rechnen; weil ich aber bedachte, daß es auff meinen Fahl doch alles meinen kindern gehörett, habe ichs so stehen lassen vnd nicht fordern wollen, doch geleich wol die Zinssen darauff gerechnett, darauß zu ersehen, wie hoch ich es hette bringen können, wenn ichs bekommen vnd zu gebrauchen gehatt. Da ich etliches nu wieder habe vertzinsen müssen, wen daß gerechnett wirtt vnd waß mir der Rentmeister schuldich geblieben, welches ich meiner kinder halben hab müssen missen, so ist mir auch ein erlichs auff die schwedische Reise gegangen, mehr als ich gedencken will, waß ich an gelde gegen der schwedischen reise auffgenommen lautt vertzeichnuß hirbey mit H getzeichnett, — vnd sonsten hin vnd wieder vnkosten auffgelauffen, auch waß in dieser betrübten kriges zeitt vor schaden vnd grosse beschwer vnd trübnuß vnd hertzleitt gehatt, ist manchem erlichen menschen bekant; so gehörett mir mehr danck als schmeen hinder dem Rücken; aber vndanck ist der welt lohn. Ich wil alles gott befehlen, was mir in dieser mühseligen welt ist widerfahren, nicht mehr gedencken, sondern daß mir daß alles von dem lieben gott gekommen und meiner grossen Sünden straff gewesen. So sage ich doch dem lieben gott hohes lob vnd danck, der mich noch alle tzeitt mit den augen seiner barmhertzigkeitt angesehen hatt vnd allwege nnch hindurch geholffen, meine sachen besser als ich gedacht hinaußgefürett vnd auß vielen hohen trübsaln vnd gefhar gerettet. Der liebe gott gebe mir die vberige zeitt, die ich noch leben vnd in dieser mühseligen welt wallen sol, nur Friede vnd gute Ruhe, daß in gedult nach gottes willen mach christlich leben, vnd wen es ihm gefelt, bereitt sein, selich zu sterben.

Diß ist geschrieben den 27. Januari A. 632.


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Weil ich ihm anfange gedacht, daß ichs ordentlich setzen, wie es nach meinem tode soll gehaltten werden, wen nu der almechtiger gott nach seinem gnedigen willen mich auß diesem jammertahl abfordertt, befehl ich ihm meine Sehle, wie ehr die durch seinen bittern todt erworben hatt, daß ehr sie auch möge zu sich nehmen biß an den jüngsten tag, da sie mitt dem leibe wieder vereinigett ihn vngetzweifelt wirtt ewich sehen, rühmen vnd preisen. So sollen nach meinem seeligen abscheidt meine kinder meinen leib christlich vnd erlich zur erden erstatten; sonderlich befehl ich meinem Sohn h. adolff Friederich, daß es möge nach alttem fürstlichem gebrauch vnd mitt den seremonien geschen möge dartzu ich hoffe mehrenteils selbst zu uerschaffen. Vnd ob ich wol hette wollen bei meinem gotseeligen hern in der schwerinschen begrebnuß stehen oder gesetzt werden, so hatt mich doch diese betrübte zeitt, weil meine söhne auß dem lande wahren, darzu gebracht, daß ich meine begrebnuß nu hir zu Lubtz in der kirchen habe machen lassen, darin sie mich nu bringen sollen vnd ich meine Ruhstete haben wil, doch ohne alle vppigkeit vnd pracht. Es soll, hoffe ich alles in meinem hause gefunden werden daß meiste waß dartzu gehörett; möchte etwaß mangeln, wirtt mein sohn meine vertzeichnuß sehen mitt eigener hantt getzeichnett vnd das vberige von meiner verlassenschaft dartzu verschaffen. Daß vberige sollen meine beiden sohne vnd tochter zu sich nehmen als meine rechten erben, doch auff die artt vnd weise, wie ichs in diesem testament vertzeichnet.

Als erstlich gebe ich hirmitt meinem sohn h. adolff Friederich frey vnd vnbehindertt vor alle ansprache alles, waß ich an gebäw vnd besserung angewendett an meinem gantzen leibgedinge, allen dreien embtern, an heusern, höfen, schefereien, mühlen oder wie es nahmen haben mag, nichts außbescheiden, woran ich gebessert oder waß Newes angerichtet zur besserung der embter, alles waß ich darzu gekaufft ohn den hoff Chritzaw, habe ich seinem Christian geben, den sol mein Sohn wol bey dem ambte behaltten, aber waß ich darbey vertzeichnen werde in meinem schultbuch, soll ehr herausser geben. Alles waß auff dem luptz vnd zu wittenburgk ist an haußgeratt vnd in den gemechern gehörett vnd auff den höfen ist, lautt dem Inuentarium, an gardienen, betten, linnen vnd wollen tappetzerey, zinnen, messing, kupfer, beweglich vnd vnbeweglich, ohn waß auff dem grossen sahl ist, daß mir gehörett, vnd auff der Cammer vber dem sahl, sol alles h. hanß albrecht haben; darbey wirtt eine vertzeichnuß sein mitt meiner eigen hantt. Es sol auch h. adolff zu den höfen vnd embtern behaltten alles viehe vnd fharendt, groß vnd klein, wie es nahmen haben mach, nichts außgenohmen, ohn

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daß viehe auff dem Rehnschen bawhofe behelt anne Sophia im gebrauch, so lange als sie lebett. Es soll h. adolff seinem bruder vnd der schwester jdern 3000 fl. heraußgeben vor daß viehe, daß auff den embtern nu mehr ist, als lautt dem Inuentarium ich damahls gefunden, vnd vor gebew vnd besserung. Meine schulde sol ehr auch richtich machen, wo ehr meine gesunde hantt vnd siegel sieht, wie ich es selbst in einem kleinen weissen buch vertzeichnett habe vnd auch woruon es soll betzalt werden, darbey gesetzt. Waß ich ihm nu an golt vnd silbergeschir geben, darbey ist eine vertzeichnuß im gewelbe, da sichs finden wirtt im fordersten schapp. So soll auch mein sohn allen vorradt auff dem kornboden vnd sonsten alle Restantten bey den bawern nehmen vnd meine diener wol ablegen, so wol auch daß Frawenzimmer, jungfrawen vnd megde, hoffe daß so viel wirtt vorhanden sein, daruon man es nehmen kan; wen meine begrebnuß richtig gemacht vnd meine schulde betzalt, sollen, waß vberbleiben möchte am gelde, meine drey kinder gleich teilen.

Mein sohn hanß albrecht gebe ich hirmitt, waß in vorratt an penssion negst folgents nach meinem tötlichen abgangk von antony bis trinitatiß biß auf antonii, die erstfolgende penßion zu wittenburgk vnd alle Restantten an Eisenwerck, waß bey dem hohen ofen, hammermühl, an stein vnd kalck auff dem ziegelhofe vorhanden vnd waß daran verkauft vnd nachstehett, daruon der haubtmann vnd küchenmeister Rechnung thun müssen. Waß ehr an golt vnd silbergeschir haben soll, ist im gewelbe vor dem fenster in zweien schappen mitt eigener hant getzeichnett zu finden. Alle junge pferde vnd wilden auff den höfen, wen auff jderm hofe 4 bleiben, soll ehr auch behalten.

Meiner tochter anne sophia gebe ich hirmitt alles, waß auff dem hause Rehn in voratt ist, lautt dem Inuentarium, an allem haußgeratt, bette, linnentzeuge, seiden vnd wullen tappetzerey, alles waß auff dem hause befunden wirdt, als korn aller artt auff dem boden, mühlen vnd Restantten, wein, biehr, butter, speck vnd wie es nahmen haben mag. Die 3000 fl. vor die besserung soll ehr ihr vertzinsen, so lange sie lebett, vnd ihr teil von meinem brautschatz, auch waß mich ihre brüder schuldich geblieben, daruon ihr tritte theil, wie ichs im schultbuch gesetzt, sol ihr auch vertzinset werden, vnd sol sie macht haben, von ihren brüdern oder deren kindern zu geben, wem sie wil vnd der es mitt ihr darnach machett, weil sie auch von ihres hernuattern Mobilien nichts bekommen, sondern haben es die brüder daß meine mitt dem ihren behaltten vnd getheilett, so gebe ich ihr nu alles, waß ich an meinem leibe getragen, an kleider, kleinodien, perlen, golt, alles waß in nieinen teglichen losementern,

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kleider= vnd silberkammer gefunden wirtt, waß nicht sonderlich getzeichnett, daß ichs andern geben habe; waß sie von dem silbergeschir im gewelbe haben sol, ist im schapff am finster nach der müllen, darbey eine vertzeichnus laut meiner eigen hantt, soll sie alles haben, meine beiden besten wagen, einen junferwagen, 10 von meinen pferden, einen rüstwagen.

Meines sohns tochter sophia angnuß hatt mir ihr h. vatter vnd frawmutter zugetrawett, habe sie bey mir gehatt seidt sie ein jar alt gewesen, hatt mich geehret vnd mehr geliebet, als ihr eigen eltern, so habe ich sie geliebett vnb gehaltten als meine leibliche tochter, so gebe ich ihr nu zur gedechtnuß lautt der vertzeichnuß an silbergeschir, waß im gewelbe in dem kleinen buntten schapfe ist, vnd sonst waß in ihrem Cafenett soll auch vngehindertt ihr bleiben so wol als in ihrem losament, kammer vnd schull, darauff gebrantt 4 mahl HS.

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IX.

Das Compositionen=System

und
das Strafrechtsverfahren in Meklenburg
im 16. und im Anfange des 17. Jahrhunderts,
von

A. F. W. Gloeckler.


1. Grundzüge der strafrechtlichen Zustände in Meklenburg, in der Zeit vom J. 1500-1560.

A uch in Meklenburg war dem Strafrechte, noch um das J. 1520 der altdeutsche privatrechtliche Charakter entschieden aufgeprägt. Dem durch das Verbrechen unmittelbar Verletzten oder dessen Erben kommt eine Entschädigung zu, die der Verbrecher in Geld oder in Geldes Werth zu entrichten hat. Dies ist die Buße, "Sune" (=compositio). Wie es scheint, haben in Meklenburg für die Bußen seit Alters Taxen normirt, welche in den Städten, wo lübisches Recht galt, mehr oder minder altstädtischen Mustern dieses Rechtes entnommen, für das platte Land aber aus den Satzungen des Sachsenspiegels hergeleitet waren 1 ). Diese älteren Taxen liegen nicht codificirt vor und eine nur einiger Maßen vollständige Uebersicht derselben dürfte kaum herzustellen sein.

Gewiß ist, daß in Meklenburg noch während des 16. Jahrh. solche Taxen der Bußen galten, welche theils nach dem Stande des Verletzten (Wehrgeld), theils nach der Größe der Verletzung (Wundenmaaß) festgesetzt waren. Wenngleich damals die letztere Norm schon als die hauptsächliche, stets vorwiegende erscheint, so läßt sich doch auch die noch herrschende Rücksicht auf


1) Conf. de Behr, de rebus Meklenburg. Lib. IV, cap. 5. Sachsen=Spiegel, Buch III, Art. 45.
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den Stand des Verletzten nach den drei Lebenskreisen, welche der grundbesitzende Adel, der Bürger= und Bauernstand bildeten, nicht verkennen. Für die Tödtung eines Edlen, eines Lehnmannes, ward damals noch eine ungleich höhere Buße, als für die eines Colonisten in Anspruch genommen; die Vasallen hatten unter den Laien so zu sagen noch das höchste Wehrgeld, indem hinsichtlich fürstlicher Personen, denen sonst ein höheres zukam, die altdeutschen Grundsätze von der Sühne längst antiquirt waren.

In sehr vielen Fällen fiel jedoch bei Bestimmung der Bußen das Meiste der Vertragsmäßigen Uebereinkunft der Parteien anheim. Selbst in den Städten, wo damals fast überall geschriebene, und ziemlich genaue Satzungen über die Bußen vorlagen, pflegten die Parteien zunächst eine Vertragshandlung zu versuchen und häufig begnügten sich die Verletzten mit einer geringeren, als der gesetzlich festgestellten Entschädigung. Ganz dasselbe tritt in den Kreisen des niederen Landvolkes häufig hervor; ohne Zweifel ward es hier wie dort oftmals schon durch die nahe liegende Rücksicht auf das Vermögen des Verbrechers herbeigeführt, wenn nicht noch andere Gründe, wie Furcht und Besorgniß hinsichtlich der Stellung, des Einflusses oder Charakters des Uebelthäters und ähnliche Umstände mitwirkten.

Mit den Sühnegeldern verbunden finden sich in Meklenburg religiöse Gelübde der Büßenden häufig bis um das J. 1520, wo auch bei uns die ersten Wirkungen der Reformation eintreten. Diese Gelübde waren unverkennbar ein Ausfluß der bisher herrschenden kirchlichen Satzungen und der priesterlichen Wirksamkeit. Sie beruheten auf der doppelten Grundansicht, daß das Verbrechen, besonders der Mord, zugleich ein Vergehen gegen die Kirche sei, und sodann, daß die Kirche Macht habe, von den Sünden zu entbinden, wenn der Sündige durch gute Werke sich der Vergebung theilhaftig mache, wie durch Wallfahrten, Messen und Anderes der Art.

Außer der Buße an den unmittelbar Verletzten muß aber der Verbrecher auch das Gesetz sühnen, für den Bruch desselben ein Strafgeld an die Obrigkeit zahlen. Dies ist die "Broke" oder Wedde (= mulcta), welche gleichsam als Ersatz für den Bruch des Friedens, für die Störung der öffentlichen Sicherheit wahrgenommen wird. Diese Strafgelder sind in Meklenburg seit Alters Gegenstand vielfacher urkundlicher Bestimmungen 1 ), indem auch bei uns die Gerichtsbarkeit wenigstens bis zu


1) Die "compositio, pecuniaria satisfactio, datio in sonam" kommt schon in den J. 1221 (Bisthum Schwerin), 1238 und 1290 (Kloster Dargun) vor. Lisch, meklenburg. Urkunden, Bd. III, S. 70, Bd. I, S. 52, 54; Jahrbücher des meklenburg. Vereins, XI, S. 276. Ebenso die Theilungen der Strafgefälle, zB. 1272 und 1275 (Kloster Neukloster), Lisch, a. a. O. II, S. 53, 57, 59.
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einem gewissen Umfange, als ein auf dem Grundbesitze, mag dieser nun dem Landesherrn, den Corporationen oder den Einzelnen zustehen, ruhendes, durch landesherrliche Oberaufsicht beschränktes Hoheitsrecht angesehen ward, so daß die Strafgefälle als Entschädigung für die Last der Rechtspflege nothwendig betrachtet werden mußten. Indessen dürfte für Meklenburg eine allgemein praktische Bedeutung der Patrimonial=Gerichtsbarkeit für die früheren Zeiten des Mittelalters schwerlich zu erweisen sein; jeden Falls hat eine Erwerbung der höheren Criminal=Gerichtsbarkeit, durch die Privat=Grundbesitzer erst später und auch dann nicht allgemein stattgefunden 1 ).

Die Bedeutung der Brüche wird in Meklenburg während des 16. Jahrh. noch öfter ausdrücklich als Strafe des Friedensbruches bezeichnet. Zuweilen wird auch von den Landesherrn bei Bestimmung von Bruchgeldern, wie z. B. im J. 1514, als Johann von Parkentin durch die von Plessen erschlagen war, bemerkt: es habe zu Abschreckung anderer Missethäter füglich ein noch höherer Abtrag von der Obrigkeit gefordert werden können.

Was das Maß dieser Brüche oder Strafgelder anlangt, so wurden dieselben in den meisten Städten nach geschriebenen Taxen erhoben, welche bei manchen Vergehen sowohl die Strafsätze für die Bußen an die Verletzten, wie für die der Obrigkeit zu zahlenden Brüche enthielten. Für manche, namentlich geringere Vergehen findet sich aber überhaupt nur eine Strafsumme angegeben, ohne weitere Bestimmung, ob diese Summe zwischen Obrigkeit und Partei getheilt werden soll oder ob beide dieselbe Summe erhalten sollen. Die letztere Annahme wurde aber, wenn man die genau bestimmten Taxen für schwerere Verbrechen zur Vergleichung heranzieht, anscheinend auf zu hohe Strafgelder hinausgehen. Diese städtischen Taxen weichen zwar hin und wieder im Einzelnen ab, stimmen aber doch hinsichtlich der ungefähren Größe der hauptsächlichsten Strafsätze so wie darin überein, daß sie alle auf den altdeutschen Grundsätzen des Wundenmaßes, des Hausfriedens, des Befriedetseins gewisser öffentlicher Gebäude und Plätze und auf sonstigen verwandten Rücksichten beruhen. Das Bereich der Strafgelder war sehr umfassend, ja es gab nur wenige Ver=


1) Vgl. Jahrbücher des Vereins für meklenb. Gesch. Jahrg. XIV, S. 109, 110. Schon der Revers der Fürsten Heinrich und Johann von Werle vom 12. Novb. 1276 gesteht den Vasallen des Landes Gnoien anscheinend die volle Criminal=Gerichtsbarkeit, über ihre Dienstleute (und Colonisten?) zu. Es heißt hier: wer einen "subditus vasallorum" wegen irgend eines Delicts anklagen will, der soll dies "corum domino suo" thun. Lisch, meklenburg. Urkunden, Bd. I, S. 156.
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gehen, welche von den Reicheren nicht mit Gelde zu sühnen gewesen wären. Die Erhebung der Brüche war demnach in den großeren Städten damals von wesentlicher finanzieller Bedeutung; und da sich eigentlich nur die Seestädte Rostock und Wismar von der Jurisdiction, oder doch der Concurrenz landesherrlicher Vögte in der Gerichtsbarkeit, im Laufe des Mittelalters ganz befreiet hatten, so standen die meisten Landstädte hinsichtlich der gerichtlichen Strafgefälle unter landesherrlicher Controle, wie denn noch ziemlich umfängliche Bruchregister von manchen Städten, schon um die Mitte des 16. Jahrh. beginnend, im großherzogl. Archive zu Schwerin aufbewahrt werden.

Auf dem platten Lande scheinen geschriebene Taxen für die gerichtlichen Strafgefälle weniger gekannt zu sein, obgleich einzelne Fälle aus dem Bereiche der Domanial= und geistlichen Besitzungen auch hier auf genau bestimmte und weit verbreitete Satzungen hindeuten. Vielfach verfuhr man nach überlieferter Ueblichkeit des Bezirkes oder Ortes der That. Gewisse in den Städten geltende Grundzüge der Bruchtaxen, wie der Unterschied der großen Brüche für Tödtung, Gliederbruch und Lähmung, auch für Ehebruch und die meisten Fälle von Unzucht, und der kleinen Brüche für leichtere Wunden, Rauferei, öffentliche Excesse, Schmähung u. s. w., sind auch auf dem platten Lande Meklenburgs mit Sicherheit zu erkennen. Sodann tritt auch darin eine ziemliche Uebereinstimmung des Strafrechts in Stadt und Land hervor, daß hier wie dort die Strafsätze der Bußen denen der Bruchgelder gewöhnlich entsprechen, so daß z. B. der Verbrecher in den meisten Fällen von Tödtung, dieselbe Summe einmal den Erben des Erschlagenen und sodann der Obrigkeit zu zahlen hat, wie dies die unten folgenden Thatsachen darthun. Auch hier giebt es indessen Ausnahmen. Einzelne Verbrechen, wie Raub, Diebstahl, Notzucht, Mordbrand, Sodomie, Landes=Verrath und Zauberei, waren auch in Meklenburg seit Alters der Regel nach von dem Kreise des Compositionen=Systems ausgeschlossen 1 ), indem sie gewöhnlich mit den härtesten Strafen der Landesverweisung oder der Hinrichtung durch Schwert, Feuer oder Strang abgebüßt wurden. Für Diebstahl an Feldfrüchten und an grünem Holze kommt indessen in Meklenburg, während des 16. Jahrh. häufig genug die Buße vor, wie z. B. in den Bruchregistern der Aemter Wittenburg, Gadebusch, Wredenhagen u. A. um das J. 1533.


1) Aus Gnaden ließen die Fürsten auch hier bisweilen die Composition zu und behielten sich bei Verleihungen dies Recht bevor, wie z. B. im J. 1238 beim Kloster Dargun. Lisch, meklenburg. Urkunden, Bd. I, S. 52. 54.
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Die auf dem platten Lande besonders hervortretenden, dem Stande des Verletzten entnommenen Normen der Strafgelder lassen hier in dieser Beziehung einen sehr großen Unterschied in den Brüchen für dasselbe Vergehen gewahren, so daß noch um die Zeit des J. 1530 die Brüche für Tödtung von 7 oder 8 Gulden bis zu 200 Gulden hinaufsteigen, je nachdem die Parteien dem Stande der miethsweise Dienenden, der Colonisten, freien Gewerbsleute, der Beamten oder Vasallen angehören.

Die Erzielung und endliche Beitreibung der Buße und der Brüche war verschieden. Die Bußen wurden der Regel nach auf dem Wege der Klage von Seiten des einzelnen Verletzten oder seiner Erben alsdann beigetrieben, wenn man auf dem Wege des Vertrages nicht zum Ziele hatte gelangen können. Zugleich tritt aber auch noch eine Nachwirkung des Fehderechts unverkennbar darin hervor, daß die verletzte Partei noch öfter zunächst zur Selbsthülfe durch Feuer und Schwert sich geneigt zeigte oder nach dem Mißlingen des ersten Versuches, in Güte die hohe Geldbuße beizutreiben, zu Raub und Plünderung gegen den Verbrecher auszieht. Namentlich war dies unter den kriegsgewohnten, jetzt aber mehr einem schlemmerischen Stillleben anheimgefallenen Lehnleuten der Fall, wie denn sichere Thatsachen in dieser Richtung noch aus der Zeit um das J. 1560 vorliegen.

Die Brüche dagegen wurden von den Obrigkeiten gewöhnlich von Amtswegen beigetrieben, sobald die That als notorisch oder durch Eingeständniß feststand. In den Städten geschah die Vollstreckung hinsichtlich der Strafgelder durch die Rathsdiener oder dazu deputirte Bürger gewöhnlich mit ziemlichem Erfolge, da hier fast niemals Zweifel über die gerichtliche Competenz und keine hemmende Entfernung hinsichtlich des Wohnortes des Verbrechers vorlag, man auch in der Regel die Vermögenskräfte desselben kannte oder doch ziemlich zu übersehen vermochte. Indessen stellt sich auch in den Städten, besonders bei größeren Strafgeldern, ein oft sehr kleinliches Handeln zwischen Obrigkeit und zahlender Partei heraus, indem zuerst an der Hauptsumme gefeilscht, hernach aber auch noch im Laufe der Zahlungsfristen durch Vorstellung von Unvermögen etc. . abermals etwas abgedingt wird. Wo man notorisch wohlhabende Bürger fassen konnte, ließ man freilich selten etwas von der vollen Summe ab. Auf dem platten Lande wurden die Brüche durch die Schulzen und die Amtsunterbedienten beigetrieben, wobei sich jedoch oft eine noch größere Berücksichtigung der Zahlungsfähigkeit der Verbrecher, als dies in den Städten der Fall war, vernothwendigte. Die Bruchregister verschiedener Aemter aus der

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Zeit um d. J. 1540, bevorworten häufig die anzuführende Bruchsumme mit der Bemerkung: "vt. Gnaden affgedinget." Bisweilen fiel aus dieser Rücksicht alle Strafe weg, in welchem Falle die Amtsregister besagen: "is Armodes willen nahgegeuen." Das Abhandeln der Strafgelder kommt jedoch in Meklenburg auch noch in späterer Zeit und in höheren Kreisen vor, wie z. B. um das J. 1580 und um 1620, wo die Landesherrn die alten Brüche als nunmehrige fiscalische Strafen, namentlich in Beziehung auf Verbrechen von Lehnleuten, sehr bedeutend (bis zu 2000 Thlr.) zu steigern versuchten.

Für unversehentlich zugefügte Todtschläge oder schwere Verletzungen, wurden zuweilen Bußen und Brüche gefordert und wirklich erhoben. Mitunter geschah nur das Eine, oder das Andere und jeden Falls fehlte es in dieser Beziehung an Gleichmäßigkeit des Verfahrens, wie an durchgreifenden Grundsätzen überhaupt.

Auch für mehr polizeiliche Vergehen fast aller Art wurden damals Brüche erlegt und zwar in den Städten, wie auf dem platten Lande. So z. B. in den Städten für Beschädigung der Mauern und Thürme, für eigenmächtige Nutzung von Stadteigenthum, für Beschimpfung der Obrigkeit, Lärmen auf den Straßen u. s. w.; auf dem platten Lande für Verweigerung oder Versäumniß des Herrendienstes, gewaltsame Befreiung von Pfandstücken, unerlaubte Umzäunung, Bier holen aus verbotenen Krügen u. a. m. In der Regel waren hier die Strafen geringe und zu den kleinen Brüchen gehörig. Justiz= und Polizei=Gewalt flossen wesentlich in Eins zusammen; besondere Polizei=Behörden waren noch ebenso unbekannt, wie selbständige Criminal=Gerichte.

Allgemein üblich war um diese Zeit in Meklenburg noch die Landflucht und das Geleitsrecht des Verbrechers, jene aus dem Prinzipe der Geschlechtsrache und der Selbsthülfe hervorgegangen, dieses ein Ausfluß der mit dem Grundbesitze verknüpften Gerichtsbarkeit und ein Gegenstand häufigen Mißbrauches, besonders von Seiten der kleineren Gerichtsherrn, indem oft nach Einflüssen von Geld, Verwandtschaft und Freundschaft, Geleitsbriefe ertheilt wurden.

Es sind nun zunächst diese Andeutungen über Buße, "Broke" und Geleitsrecht durch eine Reihe von Thatsachen in gedrängter Kürze und zu veranschaulichen 1 ).



1) Ueber die bisher angeführten Grundzüge der strafrechtlichen Zustände in Meklenburg während des ersten Reformations=Zeitalters, vgl. Grimms Deutsche Rechtsalterthümer, Buch V, Cap. 1-3. Pohle, Versuch einer Darstellung des mecklenburg=schwerinschen Criminal=Prozesses, S. 69-73.
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2. Die Bußen, vornämlich nach Landrecht, bis um 1560.

Im J. 1507 erschlug Michael Teller am Hofe des Herzogs Heinrich z. M. den Hans Moller. Beide gehörten vermuthlich der Classe der niederen Hofdiener an. Jener sühnte den Mord durch Zahlung von 10 Goldgulden an des Erschlagenen Freundschaft; überdies verpflichtete er sich zu drei Wallfahrten und gelobte das Land auf ewig zu meiden. Als gleichzeitig der Vasall Achim Lützow seinen Standesgenossen Hans Pentz getödtet hatte, ließ Herzog Heinrich einen Vertrag zwischen jenem und den Erben des Andern dahin vermitteln, daß ihnen der Mörder 300 Gulden rheinisch zahlte, 50 Frauen und Jungfrauen von Adel zum Leichenbegängniß stellte, auch 30 Pfd. Wachs und 30 Paar Schuhe nebst 2 Stück Tuch den Armen gab und endlich eine Wallfahrt nach Einsiedeln für das Seelenheil des Erschlagenen ausrichtete. Fast ganz dieselbe Buße übernahm um diese Zeit Heinrich Preen, der seinen Vetter erschlagen hatte, nur daß er neben 25 adelichen Frauen eben so viel "gude Manne" zum Leichenpompe verschrieb und sogar drei Wallfahrten gelobte, nach Einsiedeln, Wilsnack und Sternberg. Ebenso gelobten im J. 1514 Volrath und Sievert v. Plessen wegen Ermordung des Johann Parkentin, dessen Angehörigen 300 rhein. Gulden nach meklenburgischer Währung; 3 Wallfahrten, 50 Seelenmessen, 100 Männer und Frauen von Adel, um die dem Todten abgelöste Hand zu Grabe zu tragen und mehrfache Gaben an die Armen. Im J. 1525 erboten sich die Gevettern v. Plessen auf Bruel, die damals den Vasallen Raven Barnekow auf Gustävel getödtet hatten, zu einer Buße von 200 Gulden (meklenburgischer Währung) an dessen Familie, und behaupteten dabei, daß dies seit undenklichen Zeiten die höchste landübliche Buße in solchen Fällen gewesen sei. Zu derselben Zeit erließ Herzog Heinrich zu Meklenburg ein Rescript an den Lehnmann Jaspar Fineke wegen geschehener Tödtung eines seiner Angehörigen des Inhalts: weil Hans Mundt nicht Willens ist, wieder unter Dach zu ziehen und erbötig, sich mit Dir nach seinem Vermögen zu vertragen, so wollest Du einen ziemlichen Abtrag, der ihm leidlich und erreichbar ist, von ihm empfangen, damit er nicht landflüchtig zu werden brauche. — Nach der Berechnung eines Klosterprobstes über das Blutgeld des Colonisten Jacob Lorenz, der damals den N. Kroger erschlagen hatte, zahlte Jener den Kindern des Ermordeten 12 Gulden und 1 Ort und zwar in Kühen, Pferden, Schafen, Kesseln und Grapen. Im J. 1536 tödtete Achim Voß zu Lupelow den Lehnmann Achim Kamptz auf Dratow in einem Gefechte auf der

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Landstraße und zahlte an dessen Verwandte "zu einer Sune" 200 Gld. Münze. Georg Bischwang auf Körchow mußte sich um diese Zeit wegen Tödtung des Buchmachers Meister Hans zu Crivitz sogar zu einer Sühne von 300 Gld. Münze an dessen Freundschaft verpflichten. Um das J. 1544 hatte Achim Stralendorf zu Karstorf "auf einem Kindelbier" bei Hermann Kardorf zu Granzow den Hans Lowtzow im Zweikampf erstochen, da beide vom Weine erhitzt waren. Der Mörder vertrug sich unter Vermittelung der Landesherrn mit den Erben des Getödteten dahin: 25 Gulden zu milden Sachen und 450 Gulden zum "Sonegelde" in zwei Terminen zahlbar, zu entrichten. Valentin Speckin zu Kaemerich erschoß im J. 1561 zu Güstrow unvorsätzlich den anscheinend aus einem Vasallen=Geschlechte stammenden Bürger Hans Schütze daselbst und mußte dessen Erben 550 Mk. lübisch als Abtrag entrichten. Als Jven Below 1569 seinen Unterthan Busse Wolter im Dorfe Kl.=Niendorf tödtlich verwundete, fand er sich mit diesem durch Zahlung von 7 Gulden ab.


3. Die Brüche, vornämlich nach Landrecht, bis um 1560.

Der Herzog Heinrich zu Meklenburg erklärte im J. 1514 dem Bischofe von Schleswig, der sich für seinen Diener Volrath von Plessen wegen der demselben auferlegten Geldbuße verwandt hatte: die Ermordung des v. Parkentin durch den v. Plessen, sei nicht aus Notwehr geschehen und die Buße "in Ansehung seines Unvermögens, auch vmb seines Herkommens vnd seiner Freunde Bethe willen aufs geringste gnediglich gemäßiget wurden."

Im J. 1525 beschweren sich die v. Plessen auf Brüel bei den meklenburgischen Ständen wider die Landesherrn darüber, daß diese von ihnen für die Tödtung des Vasallen Raven Barnekow ein Bruchgeld von 2000 Mk. begehren, "da es doch zu allen Zeiten der Gebrauch vnd Gewohnheit gewest, das man aufs allerhöchst dem Landsfursten II C Gulden (lübisch) pflegt zu geben vnd darmit Genad zu erlangen." Jacob Lorentz, ein Colonist, zahlt 1527 als Broke für einen an einem andern Colonisten verübten Todtschlag dem Klosterprobste 13 Gulden, welche er, wie den Betrag der Buße, großen Theils durch Hergabe von Vieh und Hausgeräth aufbringt.

Claus Below auf Below, der um das J. 1525 einen reisigen Knecht erschlagen hatte, zahlte dieserhalb an Broke 15 Gld.; eben so viel Peter Marin in einem ähnlichen Falle. Im J.

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1533 zahlten im Amte Wittenburg der Bauer Achim Rodebart, der einem andern Colonisten ein Auge ausgeschlagen hatte, 15 Mk.; Jacob Jancke, der den Achim Wulf verwundete, und ihm 2 Zähne auswarf, 1 Gld. und eben so viel der Schulze zu Karft für ein "Blutloß, an deme Papen tho Zygelmarckhe gedan". Für ein Durchstechen der Schulter mußte ein Bauer 15 Mk. erlegen. Dagegen mußte sich der Vasall Georg Bischwang auf Körchow im J. 1534 wegen Tödtung des Tuchmachers Meister Hans zu Crivitz zu einer Broke von 400 Gulden Münze "vmb Fristung seines Lebens" an den Landesherrn verpflichten.

Im J. 1535 forderten die Landesherrn als "Broke" für die Tödtung eines Vasallen durch einen Nichtedlen 200 Gulden. Dagegen erstrecken sich nach gleichzeitigen Amtsregistern (z. B. von den Aemtern Wittenburg, Gadebusch, Goldberg, Lübz u. A.) die in der Masse des niedern Landvolkes damals üblichen Bruchgelder für leichtere Wunden, Raufereien mit "Erdtfall" u. s. w. gewöhnlich nur von 6 und 8 ßl. bis zu 2 Fl.; so "braun und blau" 6 bis 9 ßl. lub.; "blutloß" eben so viel; "fulbotene Wunden" 1 bis 2 Gld.; "Feldgewalt vnd ringeste Gewalt" 1 Gld. bis 30 ßl. lüb. Im Amte Gadebusch ward 1533 ein armer Einwohner wegen Todtschlags in 12 Mark lüb. verurtheilt, von denen er jährlich 1 Mark auf Lichtmessen abtragen sollte. Herzog Heinrich z. M. bemerkte in seinem Memorialbuche beim Jahre 1535: "Jtem Meister Hans Brandt, Balbirer, szo zu Parchim in der Newenstadt gewant, hat Jacob Belowen erschlagen; zu fordern von ime den Bruche, als der einen Edelmann erschlagen." Joachim Voß, der Achim Kamptze erschlug, zahlte 1536 den Landesherrn nahe an 200 Gulden Bruchgeld, indem ihm etwas an der vollen Summe nachgelassen war.

Hans Dechow, ein Bauer zu Bandenitz und Unterthan des Domcapitels zu Schwerin, hatte 1537 durch eineUnvorsichtigkeit sein eigenes Kind getödtet. Nach Vermittelung guter Freunde vertrug er sich Pfingsten 1538 mit dem Capitel, indem er sich in drei Terminen 30 Mk. lübisch als Broke zu zahlen verpflichtete. Als dagegen Valentin Speckin im J. 1561 unversehens den Hans Schulze zu Güstrow getödtet hatte, ward, allem Anschein nach, gar kein Bruchgeld obrigkeitlich von ihm gefordert, obgleich er die Buße an die Verwandte erlegte. Als einige Zeit hernach in Meklenburg, unfern der lauenburgischen Grenze von einem umherstreifenden Schwachsinnigen, dessen Eltern in Braunschweig angesessen waren, ein Todtschlag verübt ward, konnte die bei dem jenseitigen Landesherrn intercedirenden meklenburgischen Fürsten weder ein Sühngeld noch eine Broke erwirken, weil, wie es hieß, der Thäter nicht zurechnungsfähig sei.

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Um das J. 1530 kosteten auf dem platten Lande ziemlich gleichmäßig Lähmung, Glieder=Zerstörung und schwere Wunden 15 Mk.; Hausgewalt ward mit 60 ßl. lüb. geweddet. Außer der eigentlichen Broke wird in einzelnen Aemtern bei manchen Vergehen der "Fagedes=Gulden" erlegt, wie z. B. im Amte Gadebusch um des J. 1530.

Ueber die Unthaten, welche man "Gewalt" nannte, kommt in einigen Aemtern des platten Landes um 1530 anscheinend als eine Strafskala vor: "sydesteWalt, rynsche Walt, hogeste Walt." Eine genaue Abgrenzung der Begriffe liegt nicht vor; für "hogeste Gewalt" wird auf 60 Mk. lüb. erkannt; Hausgewalt wird hier gewöhnlich nur mit 15 Mk. lub. gebüßt.

Im J. 1571 geriethen die Kruse auf Varchentin in Streit mit dem Amte Stavenhagen über die Erhebung von Bruchgeldern hinsichtlich einer Schlägerei im Dorfe Varchentin, wo eine getheilte Gerichtsbarkeit herrschte. Hier behaupteten die Kruse unter Andern: bei der Rauferei seien wederTodtschlag noch Lähmung vorgekommen, so daß sich die zu erhebenden Bruchgelder jeden Falls nicht über 18 Schilling Lübisch erstrecken könnten.


4. Das Geleitsrecht des Verbrechers.

Auch in Meklenburg galt das Recht des "Geleites" durch das ganze 16. und 17. Jahrhundert hindurch. Der Verbrecher wird nämlich bei schweren Vergehen, zumal aber in Fällen der Tödtung, zunächst landflüchtig — ganz wie in den ältern Zeiten Griechenlands und Skandinaviens — um nicht der Verfolgung und Rache der "Freundschaft" des Erschlagenen oder der Obrigkeit zu verfallen. Um mit beiden sich ungefährdet verständigen oder um seine Unschuld darthun zu können, sucht er einen Geleitsbrief von der Obrigkeit nach. Der Regel nach muß ihm auch, wenn er sich zu Recht erbietet, das Geleite zu Theil werden. Außerdem wurden auf Gesuch der Angeschuldigten nicht ganz selten noch nach dem J. 1550 herzogliche Mandate an die Blutsfreunde der Erschlagenen dahin erlassen: sich "in wehrendem Handel" an dem vermeinten Mörder oder dessen Familie nicht zu vergreifen.

Ein Erlaß des Herzogs Heinrich z. M. an den Stadtvogt zu Neubrandenburg vom J. 1512 giebt diesem auf: er solle dem Hans von der Osten, "der sein ehelich Hausfraw entleibt, das Geleit so er von vns durch vngegrunt Angeben ausbracht, vffsagen." Als die meklenburgischen Landesherrn im J. 1525

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die Plessen zu Brüel wegen des, durch Todtung Raven Barnekows, gebrochenen Landfriedens verfolgten und ihnen das freie Geleite verweigerten, stellten dieselben am 20. Mai d. J. unter Andern folgenden Frageartikel für ein Zeugenverhör in ihrer Sache: "Ob der Zeuge nicht wisse, das im Land zu Meckelburg sey eine alte hergebrachte Gewonheyt vber hundert Jar gehalten, wenn Ener, sy eddel oder vneddel, vor eynen Dothschlag sick siner Genaden (den Landesherrn) vele vnd hoch verbuth, so hier geschehen, kan mit Geleyde beholden werden vnd by dat Sine widerkomen." Heinrich Levetzow auf Markow, der den Bruder des Berthold Sandow entleibt hatte, bittet im J. 1532 den Herzog Heinrich um eine kleine Geduld, indem dieser ihm jüngst auferlegt hatte, nunmehr Abtrag zu thun "von den Broke," sonst werde ihm das Geleite entzogen werden. Die meklenburgische Polizei= und Landordnung vom J. 1562 schreibt im Titel: "Von Todtschlag" vor: "Da aber vber vleissig Aufsehen vnb Nacheilen die Thetter entkemen vnd fluchtig wurden, fallen dieselbigen durch keine Obrigkeit in Jar vnd Tage auch volgends ohne vnser Vorwissen vnd des Entleibten Freunde Bewilligung vorgleitet vnd die Sachen burglich gemacht werden." Valentin Speckin, der doch nur einen unvorsätzlichen Mord begangen hatte, ward 1565 landflüchtig und weist später nach, daß er "bei den Fursten viel Fodderung vmb die Vergleitung gethan" und viele Reisekosten deshalb habe aufwenden müssen. Lüder Barse zu Stieten wandte sich 1567 wegen der ihm angeschuldigten Ermordung des Peter Bützow zu Poppendorf durch zwei Freunde direct an die Blutsverwandten des Erschlagenen mit dem Gesuche um sicheres Geleite zum Gerichte. Da er kein Geleite bekam, hielt er sich nirgends sicher im Lande und entwich von seinen Gütern. Erst am 20. Sept. d. J. ertheilte ihm Herzog Johann Albrecht auf Ansuchen einiger Herrn und Freunde "ein frei vhelich Gleitt vnd Sicherheit zu Recht vor vnrechmessiger Gewalt vff vier Monat von dato an zu erbottener Ausführung seiner angezeigten vnd gerumbten Unschuld", unter der Bedingung, daß er seiner Seits "sich gegen Menniglich vnuorgreifflich gleidtlich halten vnd erzeigen soll." Jven Below war noch im J. 1569 so besorgt vor der Rache der Familie seines von ihm erschlagenen Unterthanen, daß er bei dem Herzoge Johann Albrecht I. um ein beständiges Geleite gegen jene nachsuchte.

In Folge jener Bestimmung der Polizei=Ordnung vom J. 1562, so wie der sich nun mehr und mehr entscheidenden Geltung der kaiserl. peinlichen Halsgerichts=Ordnung in den meklenburgischen Hofcanzleien kamen strengere Grundsätze über die straf=

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gerichtliche Rechtspflege zur Anwendung. Aus Anlaß häufig vorkommender und landrüchtig werdender Mordtaten 1 ) ward um das J. 1570 das Geleite der Todtschläger Gegenstand landtägiger Verhandlungen, namentlich auf den beiden Landtagen zu Güstrow im Januar und März 1572.

Die Stände hielten nämlich zwar für billig, daß vorsätzliche Mörder "in Jahr vnd Tag" nicht geleitet würden, und daß nur denen, so "aus Ungeschick vnd Unfall oder aus rechter Nothwehr" Todtschläger geworden, das Geleite zu verstatten sei. Indessen hofften sie zugleich, daß wenn Todtschläger (aller Art) sich "nach Langheit der Zeit" mit des Erschlagenen Blutsfreunden ausgesöhnt hätten und sich sodann auch mit den competirenden Gerichtsherren — hier die Ritterschaft und die Städte — vertragen wollten, die Landesherren "solche Gerechtigkeit vnd Freiheit" Jedermann ferner vergönnen würden 2 ).

Die Landesherren gestanden im März 1572 den Ständen zwar das Geleitsrecht in Fällen des Unfalls und der Nothwehr für "jede Herrschaft des Ortes, so über das Blut zu richten vnd mit der hohen Bothmäßigkeil belehnet oder selbige von Alters unstreitig hergebracht" habe, zu, wenn die berichteten Umstände für glaubwürdig zu halten seien. Dagegen erklärten sich die Landesfürsten gegen jede "Vergleitung vnd Aussöhnung muthwilliger vorsetzlicher Morder nach Jahr vnd Tag". Sie verboten ein solches Geleite bei Verlust der Jurisdiction, und gestatteten nur denen, die ohne Vorsatz oder aus Notwehr Mordthaten begangen, ihre Unschuld darzuthun und sich Aussöhnung zu erwirken. Zugleich untersagten sie den Mißbrauch, nach welchem einzelne Gerichtsherren um des Geldes willen auch solchen Todtschlägern, welche in fremder Gerichtsbarkeit gefrevelt hatten, Geleite ertheilt oder ihnen sonstigen Schutz und Schirm hatten angedeihen lassen 3 ).


5. Bußen und Brüche in den Städten um die Mitte des 16. Jahrhunderts.

Aus vielen meklenburgischen Städten liegen bestimmte Statute so wie Bruchregister vor, welche eine ziemliche Ueberein=


1) Vgl. Jahrbücher des Vereins für meklenb. Gesch. Jahrg., VIII, S. 99, wo ich die Bemühungen des damaligen Canzlers H. Husan für die Hebung der Rechtspflege in Meklenbung berührt habe.
2) Vgl. Spalding's meklenburg. öffentl. Landesverhandlungen, Bd. I, S. 43 (unter 8 a.).
3) Vgl. Spalding's meklenburg. öffentl. Landesverhandlungen, Bd. I, S. 58.
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stimmung in den strafrechtlichen Satzungen unzweifelhaft darthun. Um die Mitte des 16. Jahrh. wird der Werth der Verletzungen noch sorgfältig nach den Gliedern und nach der Größe der Wunde bemessen.

So galten Parchim als Maaß der Bußen und Brüche um 1550 nach lübischer Münze: braun und blau 12 ßl.; eine Blutung 21 ßl.; leichte Wunde 40 ßl.; Lähmung 15 Mk.; Beinbruch 15 Mk.; Todtschlag 30 Mk. und der Obrigkeit eben so viel.

Zu Rostock um dieselbe Zeit nach sundischer Münze an den Kläger: Rauferei mit Erdfall 20 ßl.; Beinbruch 21 Mk.; Lähmung 30 Mk.; schwere Wunde 30 Mk.

Zu Schwerin nach lübischer Münze: braun und blau 12 ßl. der Obrigkeit; Haarzug 12 ßl.; Rauferei mit Erdfall 3 Mk.; Backenstreich 4 ßl. und eben so viel dem Kläger; Beinbruch 10 Mk. der Obrigkeit, 5 Mk. dem Kläger; Lähmung 15 Mk., 10 der Obrigkeit und 5 dem Beschädigten; schwere Wunde, "dar Knochen auskommen", 15 Mk.; Ausschlagen eines Zahns und "Schampfirung des Angesichts 15 Mk.; Wunde eines Nagels tief und eines Gliedes lang 60 ßl. der Obrigkeit, dem Kläger 24 ßl.

In dem Städtchen Schwaan nach lübischer Münze: Lähmung 30 Mk.; Beinbruch 30 Mk., die Hälfte der Summe in beiden Fällen der Obrigkeit; braun und blau 1 Mk. 8 ßl.; Rauferei mit Erdfall eben so; Hausgewalt 60 Mk.; Feldgewalt 15 Mk.

Aehnliche Bestimmungen gelten in den meisten meklenburgischen Städten und erhielten sich guten Theils bis in die Zeiten des 30jährigen Kriegs. Hiebei sind nicht zu übersehen die Einwirkung der verschiedenen Münzsorten und des Wechsels im Geldwerthe, ferner die von den Magistraten einseitig oder mit Zuziehung der Bürgerschaft zeitweise vorgenommenen Aenderungen in den Statuten und endlich für bestimmte einzelne Fälle in den Bruchregistern das Handeln zwischen Obrigkeit und Parteien, wie zwischen diesen unter sich.

Es sind demnach für das Wundenmaaß in Meklenburg, und vornämlich in den Städten, drei größere Abstufungen wahrzunehmen:

1) "Vlethe, Lemnuß, Beenbroke," d. h. schwere, hohen Bußen unterliegende Verletzungen, (= kampfbare Wunden,) die entweder eine gewisse Tiefe und Breite haben und an gefährlichen Leibestheilen zugefügt sind, oder welche die Knochen. des Körpers wesentlich verletzen, oder endlich, welche ganze Glieder des Körpers zerstören oder doch lähmen.

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2) "Fahrwunden, vollbohten Wunden," welche ziemlich erheblich sein können, aber doch die Knochen nicht verletzen; Wunden, welche an sich weder Todesgefahr noch Lähmung herbeiführen.

3) "Braun vnd blau, blutlos, Haarzug, Erdfall" u. s. w.

Hinsichtlich der an leblosen Gegenständen geschehenen Gewalt waren nach dem Obigen alle am Hause verübten Gewaltthaten ungleich höher verpönt, als die im freien Felde geschahen. Für Haus= und Feldgewalt galten in manchen Städten höhere Strafsätze, als auf dem platten Lande.

Wenn im Allgemeinen ein Hauptmangel des altdeutschen Strafrechts darin gefunden wird, daß es dem Richter in vielen Fällen die schreiendste Willkühr gestattet, so tritt dies vorzugsweise in den Städten hervor, wo Diebstahl, Unzucht und andere Vergehen, für welche genauer bestimmte Strafen in den meisten Statuten nicht festgesetzt waren, nothwendig sehr häufig vorkommen mußten 1 ). Besonders gilt dies von den Seestädten, welche frei von fürstlichen Stadtvögten waren und in denen der Einfluß der Rathsgeschlechter vorherrschte. Daher findet man denn auch, wie dies z. B. die in ziemlich reichem Umfange erhaltenen Proscriptions=Bücher von Stralsund, Rostock, Wismar, Lübeck u. A. in auffallender Uebereinstimmung nachweisen, die Strafe der Verweisung aus der Stadt (Verfestung = proscriptio) für die schwersten wie für ganz geringe Verbrechen im Laufe des Mittelalters gleichmäßig angewandt. Eben so klar weisen die Urkunden, Acten und Chroniken mancher norddeutschen Städte auch noch für diese späteren Zeiten die nicht seltenen Fälle nach, in denen der reiche Verbrecher, der mit Rathsgliedern nahe verwandte oder sonst in Gunst des Rathes stehende Uebelthäter straflos oder mit gelinden Opfern an Geld und Bequemlichkeit davon kommt. Fälle dieser Art treten auch in Meklenburg in einzelnen größeren Städten, wie besonders in den beiden Seestädten, in Parchim und in Neubrandenburg noch im Laufe des 16. Jahrh. öfter hervor.



1) Vgl. S. F. Fabricius, die Einführung der Kirchen=Verbesserung in Stralsund (1835. 8.) S. 37, wo er die strafrechtlichen Zustände in den pommerschen Städten um d. J. 1520 schildert; ein Bild, welches auch noch für die Mitte dieses Jahrhunderts ziemlich zutrifft. Mit Recht hebt er hervor die Härte der Strafen für Diebstahl und Gewalt oder Selbsthülfe, das zahllose Aufhängen und Verfesten, die leichtfertige Willkühr in Anwendung der Folter, das entsetzliche Gewicht des Ergreifens auf frischer That und die große Bevorzugung des reichen Verbrechers, dem man gewöhnlich die Sühne durch Geld gestattete.
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6. Die Uebergangszeit.

Die Umwandlung des Strafrechts und des strafrechtlichen Verfahrens in Meklenburg ward um die Mitte des 16. Jahrh. durch den Einfluß der kirchlichen Reformation und die staatsmännische Wirksamkeit solcher Männer vermittelt, die nach römischem und kaiserlichem Rechte, so wie durch die reichsgerichtliche Praxis gebildet waren.

Schon um das J. 1520 scheint in so ferne eine Einwirkung der kirchlichen Bewegung erkennbar zu werden, als die bei den Bußen bisher üblichen religiösen Gelübde, die Wallfahrten, die Seelenmessen und die feierliche Ausstattung der Leichenbegängnisse der Erschlagenen nun aufhören 1 ). Entschiedener tritt aber dieser Einfluß hervor, nachdem die neue Lehre einen tieferen Halt in der Gesinnung und Bildung des Volkes gewonnen hat. So wendet sich z. B. im J. 1557 ein Bürger zu Güstrow, Joachim Voisan, dessen Bruder daselbst von Jost vom Stein erschlagen war, an die gerade dort anwesenden Kirchenvisitatoren mit der Bitte um Belehrung, um Lösung seiner Gewissenszweifel. Man hatte ihn bereden wollen, die peinliche Klage fallen zu lassen, um nicht blutgierig zu erscheinen; selbst die herzoglichen Räthe hatten in diesem Sinne gesprochen. Aber es war sein "hertliche schwere Bedenkent : dwil Godt ewich is, so is sein Gebot ock ewig; wer Minschen Blot vorgut, sin Blot soll wedder vorgaten werden; wen die Ouericheit szodane boße Daet nicht straffet, straffet Godt gewiß; szo ich durch mein Nhagenent worde vorhindern Gottes Ordel vnd Beuhel, so muste ich de Straffe von Gott gewarten." Diese Ansicht trat bald immer entschiedener auch in den Hofcanzleien und bei dem Hof= und Landgerichte hervor. Namentlich dadurch, daß in Fällen vorsätzlichen Mordes nunmehr die Geldbuße nicht mehr zugelassen ward, zumal bei Uebelthätern aus dem geringen Volke. Als im J. 1568 ein Knecht des v. d. Lühe zu Buschmühlen einen Mühlenknecht des nahen herzoglichen Amtes erschlug, zahlte er an die Verwandte des Getödteten eine Büße und glaubte sich sicher. Allein auf Anzeige des Amtes ließ die Landesherrschaft diese Sühne auf ihren "Werd vnd Unwerd beruhen", wandte sich, da der Thäter ent=


1) "Von Wallfahrten, so eines Todtschlages wegen geschehen" vgl. Schröder's Wismarsche Erstlinge, beim J. 1508; unter den fürstlichen Zeitgenossen war der im J. 1507 verstorbene Herzog Balthasar "ein Liebhaber der Wissenschaften, des Gottesdienstes und der Reisen nach heiligen Oertern; daher er den besten Theil von Europa gesehen hatte." Franck, A. u. N. Meklenburg, Buch IX, Cap. 3, S. 23.
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floh, an den v. d. Lühe und befahl ihm bei 1000 Thlr. Strafe, den Knecht binnen Monatsfrist zu peinlichem Rechte zu stellen. Zu derselben Zeit hatte Hans Bolle, eines Bauern Sohn zu Holthusen, den Colonisten Heinrich Wend erschlagen und war landflüchtig geworden. Der Vater handelte nun mit den Freunden des Getödteten und vergnügte sie durch eine Geldbuße, so daß sie erklärten, wenn der Herzog dem Mörder das Leben schenken würde, so wollten sie seines Blutes auch nicht begehren. Der Vater bat alsdann, da der Sohn inmittelst wieder heimgekehrt war, den Herzog Johann Albrecht um Begnadigung des Sohnes und wollte das landübliche Bruchgeld für ihn erlegen. Als aber der nun verhaftete Thäter den Mord mit erschwerenden Nebenumständen eingestand, ließ ihn der Landesherr am Orte der That mit dem Schwerte hinrichten und Haupt und Körper auf ein Rad heften.

Bei den Untergerichten behielten die alten strafrechtlichen Ansichten noch längere Zeit eine gewisse Geltung. Als 1572 Achim Reinecke aus Spornitz einen Bauern aus dem Amte Neustadt beim Zechgelage in der Heuwerbung erschlug, ließ ihn das Amt Neustadt gefänglich einziehen. Das Amt forderte die "Freundschaft" vor und fragte sie, ob sie den Mörder wollten richten lassen oder was sie mit ihm vorzunehmen gedächten. Die Verwandten erklärten: es wäre ihnen mit seinem Blute nicht gedient, denn der Andere wäre doch todt; auch hätten sie nicht das Vermögen, ihn richten zu lassen; sie begehrten aber, daß er möge verwiesen werden, "das sie in nicht mehr segen". Das Amt schlug nun (1572) bei der Hofcanzlei vor, den Mörder auf einige Zeit nach Dömitz zur Zwangsarbeit bei dem dortigen Festungsbau zu senden und ihm dann das Leben zu schenken. Allein der Herzog Johann Albrecht befahl, den Thäter, "der aus lauterm boshaftigen Vorsatz den ytzigen Todtschlagk begangen", vom Leben zum Tode mit dem Schwerte richten zu lassen.

Auch in Beziehung auf manche andere Verbrechen ward von den Hofcanzleien damals schon nach den Grundsätzen der Carolina erkannt. Im Februar 1569 hatte eine Magd zu Pieverstorf im Amte Gadebusch nach verheimlichter Schwangerschaft ihr neugebornes uneheliches Kind ausgesetzt und dadurch getödtet, nachdem von der Mutter der Magd eine Austreibung der Leibesfrucht durch gesottenes Kraut vom "Sadebaum" versucht war. Das Amt erholte sich Raths bei der schweriner Hofcanzlei, welche dasselbe anwies, zunächst ein vollständiges Bekenntniß, allenfalls durch Anwendung der scharfen Frage, zu erzielen. Die Delinquenten bekannten vollständig. Die Hofcanzlei verurtheilte so=

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dann — mit Beziehung auf Cap. 131 der Carolina — die Magd zur Ersäufung; die Mutter aber sollte lebendig begraben und ihr ein Pfahl durch den Leib geschlagen werden.

Fast in allen diesen Fällen waren es vom Auslande stammende und dort gebildete Gelehrte, wie Heinrich Husan, Hubertus Sieben und Andere, welche als nunmehrige Räthe der Hofcanzlei die oben angeführten Entscheidungen beschlossen und gewöhnlich selbst, mit Bezugnahme auf die meklenburgische Polizeiordnung vom J. 1562 (und hernach von 1572), Titel: von Todtschlag, der in seinem Schlusse auf die Carolina hinweist, abfaßten.


7. Die Reception der Carolina in Meklenburg.

In den meklenburgischen Reichstagsacten, namentlich aus den J. 1521, 1530 und 1532, finden sich weder corrigirte Entwürfe noch einfache Abschriften der Carolina. Eben so wenig deuten diese Acten auf irgend ein selbstständiges demnächstiges Aufgreifen der neuen Strafgesetzgebung in Meklenburg hin.

Meklenburg hat sich vielmehr, wie viele andere Reichsstände, hinsichtlich des neuen Strafrechts in Gemäßheit der "salvatorischen Clausel" verhalten, welche von den auf die kaiserliche Macht eifersüchtigen und für ihre Sonderinteressen besorgten Reichsfürsten dem Regensburger Reichstagsabschiede 1 ) vom 27. Juli 1532 eingefügt ward und welche demgemäß in die kaiserliche Publication der Carolina aufgenommen werden mußte. Die Reception der Carolina in Meklenburg läßt sich genau nachweisen. Sie geschah allmälig und gleichsam stückweise.

Die erste offizielle Bezugnahme auf die Carolina geschah bei uns in der, im J. 1549 zwischen Kurbrandenburg, Meklenburg und Pommern, in Maßgabe des kaiserlichen Landfriedens geschlossenen Einigung gegen Befehder, Räuber und Mordbrenner. Dieses norddeutsche Landfriedensgesetz ward auch in Meklenburg im Laufe des J. 1550 publicirt 2 ). Im Eingange heißt es:


1) Abschied des Reichstags zu Regensburg vom 27. Juli 1532, Titel: Halsgerichtsordnung: Man einigt sich nunmehr zu dem Beschlusse: "das gedachte Ordenung in Druck geben vnd in das Reich publicirt vnd vorkundt werde, — doch Fursten vnd Stenden an ihren alten wohlhergebrachten, billigen Gepreuchen nichts benommen."
2) Schreiben des Herzogs Heinrich zu Meklenburg an den Herzog Philipp von Pommern vom 8. Januar 1550: — er sei mit dem Entwurfe des Gesetzes zufrieden "vnd nochmals des Erbietens, das wir, wils Got, noch vor Lichtmeß uns mit dem Drucke fertigen wollen."
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"Vnd sie — Kurfürst Joachim und die Herzoge von Pommern — sich wiederum mit uns vorglichen, abermhalen den Keyserl. Landtfrieden vnd was von den Vorbrechern desselbigen — inn dem Landtfrieden, der Keyserl. peinlichen Halsgerichts= auch Cammergerichts=Ordnunge gesetzt, zu publiciren vnd im Druck ausgehen zu lassen."

Weiterhin führt dieses Gesetz die Art. 34-41, 51, 128, 129 und 132 der Carolina über die Bestrafung der Räuber, Mörder und Befehder ausführlich mit auf.

In der meklenburgischen Polizei= und Landordnung v. J. 1562 wird nur an einer einzigen Stelle auf die Carolina verwiesen, nämlich in dem Titel: von Todtschlag, Ehebruch, Copplerei vnd Hurerey", wo gegen das Ende gesagt wird:

"Gleicher Gestalt wollen wir, das die lose leichtfertige Personen, so die Leute zusamen beruffen, coppeln, oder in ihren Heusern solliche Vnzucht zu treiben auffenthalten, mit Verweisung oder aber nach Gestalt der Verhandlung vermuge der Keyserl. peinlichen Halsgerichtsordnung an dem Leibe ernstlich sollen gestraffet werden."

Außerdem ist noch die in eben diesem Titel enthaltene Bestimmung, welche die ohne Concurrenz der Obrigkeit geschlossenen Sühne=Verträge in Fällen absichtlicher Tödtung ("Todtschleger") für nichtig erklärt, sehr wichtig für das Strafrecht, weil hiemit das alte Compositionen=System, wenn nicht aufgehoben, so doch gesetzlich wesentlich eingeschränkt ward. Die Bestimmung lautet:

"Da sich auch gleich vber das der Thetter mit des Entleibten Freunden ohne vnser vorwissen vertrüge, so soll er doch nichts desto minder, wo er bekommen, vermuge der Rechte, am Leben gestraffet werden."

Auch in die Polizei=Ordnung vom J. 1572 ist die vorliegende Fassung des Titels: vom Todtschlag etc. . mit Ausdehnung der obrigkeitlichen Concurrenz auf die Obrigkeiten insgesammt, übergegangen.

Daß schon um diese Zeit in den meklenburgischen Hofcanzleien zu Schwerin und Güstrow und bei dem damals noch ambulirenden (höchsten) Hof= und Landgerichte die Grundsätze der Carolina durch einzelne gelehrte Beamte halbwegs Eingang gefunden hatten, wird durch actenmäßige Verhandlungen, namentlich aus den J. 1560-1568, außer Zweifel gesetzt, wie dies bereits im vorigen Abschnitte durch einzelne Thatsachen dargethan ist.

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Die von dem Canzler Johann v. Lucka verfaßte (erste) meklenburgische Landgerichts=Ordnung v. J. 1558 (Rostock, bei Ludwig Dietz. 4.) erwähnt der Carolina, wie überhaupt des Verfahrens in peinlichen Sachen nicht.

Dagegen ist in der von dem Rathe und nachherigen Canzler Heinrich Husan — der in Frankreich und Italien als Romanist und zu Speier für das kaiserliche Recht gebildet war — redigirten Hofgerichtsordnung v. J. 1568 (Rostock, durch Jacob Siebenbürger. 4.) die erste förmliche und umfassende Reception der Carolina ausgesprochen. Dies Gesetz enthält am Schlusse einen eigenen Titel: "Von peinlichen Fellen vnd wie es damit gehalten werden soll", in welchem, weil damals in Strafsachen "allerhands Verordnung vnd Vnrichtigkeit gebraucht" wurde, bestimmt wird:

"das hinfuro der publicierten Keyserl. peinlichen Halsgerichtsordnung vnd derselbigen Prozessen an vnsern Vntergerichten in allen zutragenden peinlichen Sachen nachgegangen werde bey Verlierung der Gerichte vnd anderer Pene. — Da auch einiger Zweifel bey den Untergerichten in solchen Fellen entstehen würde, sollen die Gerichtshalter daruon vndertheniglich berichten 1 ) vnd sich Bescheids bey uns darüber zu erholen haben."

Die meklenburgische Hofgerichtsordnung v. J. 1570 wiederholt diese Bestimmungen wörtlich, ebenso die Polizeiordnung vom J. 1572 in dem Titel: "Von Todtschlag, Ehebruch" die oben angeführte Hinweisung auf die Carolina. Hinsichtlich der schon im J. 1562 ausgesprochenen Nichtigkeit der einseitig, ohne Vorwissen der Obrigkeit abgeschlossenen Sühneverträge heißt es hier im Titel: von Todtschlag:

"Da sich auch gleich über das der Thäter (der nach Art. 150 der Carolina etwa Geleit von der Obrigkeit erhalten) mit des Entleibten Freunden ohne unser in unsern Aembtern, oder einer jeden andern Obrigkeit, darunder solches geschehen, Vorwissen vertrüge, so soll er doch nichts desto minder, wo er bekommen, vermöge der Rechte, am Leben gestrafft werden."

Seit dieserZeit ist die Carolina 2 ) bis auf den heutigen Tag die Grundlage des meklenburgischen Strafrechts und Strafprozesses geblieben, wenngleich durch stückweise neuere Gesetzgebung


1) Diese Bestimmung ward später oftmals vor großer Bedeutung, namentlich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh., wo die Untergerichte in zahllosen Hexenprozessen an die Justizkanzleien recurrirten und hier fast immer im Sinne eines sehr schroffen Inquisitions=Verfahrens beschieden wurden.
2) Ueber deren Reception vgl. Pohle, a. a. O. S. 73, 74.
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mehr oder minder modificirt; auch ist die Carolina noch später mehrfach recipirt worden, wie in der zweiten Schweriner Justiz=Canzleiordnung vom 25. Aug. 1637 und in der Güstrower vom 2. März 1669.


8. Fortbestand der Bußen und Brüche, besonders der letztern und deren Steigerung nach der Reception der Carolina; (1562-1630).

Das Compositionen=System ist in Meklenburg nicht mit einem Schlage, wie etwa durch die förmliche gesetzliche Aufnahme der kaiserlichen Halsgerichtsordnung im J. 1568, aufgehoben worden. Vielmehr sind "Sune vnd Broke" in vielen Fällen noch lange bei Bestand geblieben. Die privatrechtliche Abfindung durch eine Geldbuße an den Verletzten wird zwar in Fällen schwerer Verbrechen, wie namentlich der vorsätzlichen Tödtung, seit dieser Zeit in der Regel nicht mehr zugelassen, besonders bei dem niedern Volke; in manchen anderen Fällen jedoch, wie bei Verwundungen, Unzuchts=Vergehen, Injurien etc. ., dauern die Bußen in der früheren Weise fort. Noch viel auffallender tritt aber die fortwährende Geltung der "Broke" hervor, welche jedoch nun in vielen Fällen die Form der fiskalischen Strafe annimmt. An die Obrigkeit werden nach wie vor für Vergehen fast aller Art, nur etwa den vorsätzlichen Mord, so wie Raub und Diebstahl, Nothzucht und Zauberei der Regel nach ausgenommen, übrigens unter den verschiedensten Umständen, Strafgelder von Missetätern erlegt, und zwar beim Sinken des Geldwertes einer, und der formell anerkannten gesetzlichen Schärfung der peinlichen Strafen andrer Seits, oftmals zu einem bisher unerhört hohem Betrage. In dem abgelegenen stillen Lande hielt es, wie in den meisten hergebrachten Dingen, so auch in Strafsachen ungemein schwer, die "landübliche Gewohnheit" plötzlich und in allen Fällen zu verlassen. Die Rechtslehrer der hohen Schule zu Rostock erkannten noch vorherrschend die altdeutschen und landesüblichen Grundsätze in peinlichen Sachen an, wie dies aus mehreren Erachten der dortigen Juristen=Facultät aus dem J. 1581 über Fälle von Tödtung klar erhellt, indem diese Erachten die Gültigkeit von "Broke und Sühne" entschieden ausdrucken 1 ). Hiezu kam ein dringendes finanzielles Bedürfniß der Landesherrn, die überschuldet waren und von den Ständen stets nur langsame und noth=


1) Selecta juridica Rostochiens. fasc. I, spec. 7, quaest. 1; spec. 22, quaest. 1.
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dürftige Hülfe und auch diese nur gegen große Opfer erlangen konnten, indem der Staat noch aus einem Gemisch von verschiedenen Privatmächten bestand und der Grundsatz der Verpflichtung Aller zu Staatszwecken noch unbekannt war; sodann kamen hinzu der Eifer der nun stehend auftretenden, aber schwach besoldeten Fiskäle und die Kostbarkeit des nun schriftlich und weitläuftig werdenden Prozesses; endlich die der Carolina eigene Unbestimmtheit hinsichtlich des Strafmaßes für manche Verbrechen und die in verschiedenen Artikeln derselben, wie in den Art. 104 und 105, enthaltene Hinweisung auf die "gute Gewohnheit eines jeden Landes, das Rathspflegen der Richter und Urtheiler, die Erkenntniß und Ermäßigung verständiger Richter."

Zunächst treten die den Lehnleuten, den "Standespersonen" und Reichen seit dieser Zeit auferlegten hohen Geldstrafen für Vergehen auch solcher Art, die man heut zu Tage gemeine Verbrechen nennt, stark hervor, welche Strafen nun der Regel nach nicht mehr direkt von den Landesherrn erkannt und beigetrieben werden, sondern gewöhnlich auf Antrag der Fiskäle durch gerichtliche Erkenntnisse ergehen. Sehr kläglich bittet im J. 1572 der Vasall Adam Preen zu Nutteln, der um das J. 1566 eine ledige Magd geschwängert hatte, um Erlaß oder Ermäßigung der ihm dieserhalb landesherrlich abgeforderten Strafe von 200 Thlr. Henning Holstein zu Zahren, der im J. 1565 einen v. Peckatel erstochen hatte, ward 1569 von seinem Halbbruder Philip Holstein während des Landtages zu Güstrow getödtet. In diesen Sachen ward ein Strafgeld von 3000 Thlr. begehrt; fast gleichzeitig von Wigand Maltzan wegen gebrochenen Landfriedens die Summe von 6000 Thlr., wobei jedoch landesherrlicher Seits im Voraus ein etwaiger bedeutender Erlaß dieser Summen den Räthen und Fiskälen anheim gestellt ward. Christoph Maltzan auf Grubenhagen ward 1572 wegen Unzucht mit Margaretha v. d. Osten und wegen versuchter Abtreibung ihrer Leibesfrucht angegeben und zur Haft gebracht. Er bot 1573 der Geschwächten 500 Gulden als Buße an, welche diese jedoch nicht annahm; jedem der Landesherrn mußte er 1000 Gulden Strafgeld erlegen, für dessen vollständige Auskehrung seine Frau Katharina v. d. Schulenburg mit ihrem Vermögen sich verbürgte 1 ). Dieterich von Plessen auf Zülow ward 1596 wegen Tödtung des Vogtes Achim Schmidt fiskalisch angeklagt. Im Laufe des Prozesses brachte der Fiskal beweislich vor, daß


1) Christoph Maltzan mußte überdies Urfehde schwören, ebenso die Geschwächte, welche des Landes verwiesen werden sollte, wogegen jedoch deren vier Brüder sich beschwerend und anscheinend mit Erfolg, an den Herzog Johann Albrecht wanden.
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die Freunde des Mörders der Frau des Vogtes 300 Gulden geboten hatten: "das sie nicht klagen, sondern sagen solte, das der Junker iren Man nicht gestochen, sondern daß derselbe in den Spieß gefallen." Im J. 1601 ward der Angeklagte "wegen begangenen Excessus" zu einer Geldstrafe von 300 Thlr. verurtheilt, wie in Erstattung aller fiskalischen Kosten. Siegfried v. Oertzen verwundete im J. 1618 den Nicolaus von Peckatel tödtlich mit einem Dolche. Er ward zur Erlegung einer Geldbuße von 600 Thlr. und in sämmtliche Kosten verurtheilt. Gegen den v. Stralendorf auf Möderitz ward gleichzeitig wegen verübter landfriedensbrüchiger Gewalt gegen die Stadt Ribnitz, eine fiskalische Strafe von 1000 Thlr. und eventuell Landesverweisung erkannt. Im J. 1621 hatte sich Hans v. Plessen zu Dönkendorf mit des Adam Lützow zu Lützow Tochter "zue nahe ins Gebluete vnd Freundschaft befreiet." Der v. Plessen ward dieserhalb von den Landesherrn, anscheinend ohne gerichtliche Cognition, in eine Geldstrafe von 2000 Thlr., der Vater Adam Lützow zur Erlegung von 1000 Gulden verurtheilt. Diese Strafgelder wurden wirklich erlegt und die Landesherrn theilten sich in deren Genuß, indem die Ritterschaft beiden Landesherrn gemeinsam verpflichtet galt.

Auch die Bruchgelder für Vergehen im Bürger= und Bauernstande werden in der Zeit von 1570 bis um 1620, welche Epoche durch den Segen des Friedens und die ruhige Entwickelung mancher staatlichen Einrichtungen bei noch vorherrschendem Wohlstande in der Mehrzahl des Volkes beglückt war, oftmals zu einer bisher unbekannten Höhe hinaufgetrieben. Namentlich in den Städten von größerer bürgerlicher Wohlhabenheit war die Erhebung der Bruchgelder für Unzucht, Verwundungen, Tumulte und viele andere Vergehen noch sehr beträchtlich. Die Bruchregister gerade aus dieser Zeit sind in manchen Städten sowohl hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Vergehen, wie der finanziellen Erheblichkeit von besonderem Interesse. Dabei werden in den meisten Städten die Brüche noch ohneVermittelung von Fiskälen und gewöhnlich ohne weitschichtigen schriftlichen Prozeß von den städtischen Gerichten und Obrigkeiten selbst erkannt nnd beigetrieben. Fast durchweg geht hier noch der Unterschied zwischen großen Brüchen für Todschlag, Ehebruch, schwere Wunden etc. ., von 10 bis zu 30 Gld., aber auch bis zu 200 Thlr. und darüber, und kleinen Brüchen für geringe Wunden, Injurien und kleine Polizei=Vergehen, gewöhnlich nur bis zu 2 Gld. hinaufsteigend. Ein Bemessen der Brüche nach dem Vermögen des Zahlenden tritt jedoch dabei in vielen Fällen unzweifelhaft hervor.

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Herrmann Muchow, ein wohlhabender Bürger und Ehemann zu Parchim, schwängerte im J. 1572 seine Magd, Anna Rosin, welche ihr heimlich geborenes Kind tödtete. Auf Vorbitten seiner Ehefrau wird er vom Herzog Johann Albrecht mit einer Buße von 200 Thlr. "begnadiget", in 4 Terminen zahlbar, so daß er am 13. Juni d. J. die erste Rate mit 33 Gld. 8 ßl. auszahlt. Der Schmid Thomas Gödke zu Friedland wird 1580 wegen Unzucht mit einem Weibe flüchtig; 1584 wird er auf Ansuchen seiner Frau landesherrlich geleitet und mit einer Buße von 25 Gld. begnadiget. Der Bürger Balthasar Wüstenberg zu Friedland erschoß 1584 unvorsätzlich einen Tuchmacher aus Treptow. Er vertrug sich mit des Entleibten Freunden um eine leidliche Sunnne; zugleich zahlte er dem Herzoge Ulrich 7 Gld. 12 ßl. Bruchgeld.

Der Bauer Paul Riebestall aus Koblank bringt 1584 dem Bauern Chim Adler aus Zierzow in einer Schlägerei zwei schwere Wunden bei; er zahlt jedoch nur 4 Gld. als "Broke." Andere aus dem Landvolke dieser Gegend zahlen damals für eine mäßige Kopfwunde 2 Gld.; für eine Armwunde 1 Gld. 8 ßl.

Um das J. 1580 war ein Bauer auf der Dorfstraße zu Marin von einem benachbarten Colonisten erschlagen, welcher 15 Gld. als Strafgeld bei dem ältesten Schulzen des getheilten Dorfes niederlegte. Im J. 1588 treten bei Gelegenheit der Tödtung einer Magd zu Raddenfört im Amte Dömitz durch einen Knaben ganz die altüblichen Ansichten und Satzungen von der Buße und Sühne, der Beschreiung des Entleibten, dem Anklage=Verfahren und dem "Vorstand=Machen" durch den Kläger, wie von der Kostbarkeit des "Richten lassen" und der gütlichen Abfindung der Parteien hervor.

Im J. 1594 muß Joachim Schulz, der Sohn des Burgemeisters zu Parchim, der den Ulrich Meidtmann bei Nachtzeit auf der Heerstraße schwer verwundet hat, den Bruch mit 15 Gld. gutmachen; Lucas Rohrdanz, Bürger zu Parchim, verwundet 1598 den Burger Curd Feuerborn daselbst und muß 30 Gld. Bruchgeld entrichten. Jacob Kluth daselbst, der einen Jungen in das Haupt sticht, zahlt nur 5 Gld. Der Schweinschneider Christoph Warneborch zu Parchim muß 1602 für seinen 10jährigen Sohn, der kürzlich zur Winterszeit die als Hexe anrüchige "Schefe=Eva" niedergeschlagen hatte, so daß sie auf der Straße erfroren war, 20 Gld. Bruchgeld entrichten. Im J. 1599 zahlt der Bäcker Joachim Ulrich daselbst wegen zu klein gebackenen Brotes und Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit, 50 Glg.; bald darauf ein Anderer, der "in den heiligen Weihnachten ein Parlament angerichtet 2 Gld. Strafe an die Obrigkeit. Uebrigens

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kommen noch sehr spät im 17. Jahrb. einzelne Fälle vor, die ganz dem alten Compositionen= System entsprechen, wie denn z. B. Hans Dietze (zu Parchim? im J. 1639 einen Todschlag an dem Bauern Chim Jacobs aus Granzin begeht, der mit einem Bruchgelde von 50 Gld. an die Landesherrn gesühnt wird, nachdem der Thäter sich mit der "Freundschaft" des Erschlagenen durch eine Buße abgefunden hat.

Ueber die Theilung der Sühnegelder unter den nächsten Verwandten sind die damals geltenden Hauptgrundsätze nachzuweisen. In der Regel erhielten, wo Descendenten und Ascendenten concurrirten, nur die ersteren das Sühngeld; die Kinder des Erschlagenen hatten auf dasselbe immer das nächste Anrecht. Ebenso schloß die Ehefrau in den meisten Fällen die Concurrenz der Blutsverwandten auf das Sühngeld aus 1 ). Wo Geschwister und Ascendenten concurrirten, ward bisweilen nach Kopfzahl oder nach sonst vereinbarten Portionen getheilt; 2 ) die halbbürtigen Geschwister wurden dabei, wie es scheint, ausgeschlossen 3 ).

Daß in den meisten Nachbarländern Meklenburgs den hier dargelegten ganz ähnliche strafrechtliche Zustände bestanden, wird durch vielfache uns vorliegende Verhandlungen außer Zweifel gestellt. So finden sich in den Correspondenzen mit Pommern während des 16. Jahrh. wiederholt Gesuche der dortigen Landesherrn zu Gunsten einzelner ihrer Unterthanen, welche an Meklenburger wegen erlittener Tödtung oder schwerer Beschädigung von Angehörigen Ansprüche machen. Gewöhnlich lauten die Gesuche dahin, daß der Uebelthäter angehalten werde: "der Fruntschop Lik vnde Wandel tho don, dat se wegen eres unuorschuldet afgemordetn Fruntes neuen Unwillen mer myt en hebben darf." Mit Brandenburg fand ein ähnliches nachbarliches Verhältniß statt. Im J. 1540 vertrug sich der Bürger Achim Wardenberg zu Pritzwalk mit dem meklenburgischen Vasallen Achim Barnekow zu Gustävel, der einen nahen Blutsverwandten des Erstern getödtet hatte, dahin, daß dieser ihm 40 Gld. Münze und außerdem 5 Mk. lübisch "zur Bestettigung des Entleibten Handt" zahlte. Charakteristisch ist der folgende Fall. Im J. 1554 klagt Heinrich Broylam, Bürger zu Stralsund, bei dem Herzoge Johann Albrecht von Meklenburg: sein Bruder Hans Broylam sei von dem liefländischen


1) Selecta jurid. Rostochiens. Fasc. I, spec. 22, qu. 1. (additament. de 22. Oct. 1585.)
2) Ibidem, Fasc. I, spec. 22, qu. 1. "so seid ihr mit des Entleibten Vattern vnd Brudern euch zu vorgleichen — schuldigk; — ad hanc pecuniam concurrebant pater, fratres et ex fratre nepotes."
3) Ibidem, Fasc. I, spec. 7, qu. 1.
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Edelmanne Waldemar Uxkull erschlagen; der Stadtschreiber Erasmus Schröder zu Malchin sei zur Beitreibung der Buße bevollmächtigt. Dieser habe einen armen Malchiner Bürger, Jürgen Videler, nach Reval geschickt, wo derselbe ein Sühngeld von 150 Thlr. von W. Uxkull wirklich erhoben habe. Nach seiner Rückkehr habe nun dieser Videler das Sühngeld mit der Wittwe des inzwischen verstorbenen Stadtschreibers Schröder getheilt, und sie, die Broylam, seien leer ausgegangen. Der Barbier und Burgemeister Martin Ruche zu Damgarten erschoß daselbst im J. 1588 vorsätzlich und hinterlistig, da er sich zu einem redlichen Zweikampf besprochen hatte, den Barbier Levi Zimmermann. Dessen Bruder Valerius ließ sich bereden, den peinlichen Prozeß gegen den Mörder fallen und ihn zu einer Sühne auf 100 Thlr. kommen zu lassen. Zwei Schwestern des Erschlagenen concurrirten bei Erhebung dieses Blutgeldes zu gleichen Theilen mit dem genannten Valerius. Im J. 1574 hatte ein Bauvogt des Herzogs Johann Albrecht aus Unvorsichtigkeit das Kind eines lauenburgischen Bauern erschossen. Er vertrug sich mit den Eltern um eine mäßige Geldbuße, ward aber außerdem von dem lauenburgischen Amte mit der Forderung eines Bruchgeldes (Wedde) von 40 Mk. heimgesucht, so daß er seinen Landesherrn kläglich um Vertretung bat. In den Lübecker Hospitalgütern konnten noch um 1550 Mord und Todtschlag durch Erlegung des Blutgeldes von 60 Mk. an die klagenden Verwandten und von anderen 60 Mk. an die Grundherrschaft (Obrigkeit) gesühnt werden 1 ).


9. Gerichtliches Verfahren in Strafsachen. Gerichtspersonal. Anklage=Prozeß. Oeffentlichkeit und Mündlichkeit. Peinliches Halsgericht. Fahrgericht. Blutgericht mit der Beschreiung.

Das in Meklenburg so lange vorherrschende Compositionen=System mußte notwendig auf den Umfang und die Ausbildung des gerichtlichen Verfahrens in Strafsachen einwirken, indem da, wo Buße und Wedde zugelassen wurden, ein solches Verfahren gar nicht oder der Regel nach nur in einer Beziehung — als "Fahrgericht" — stattfand. Es hat zwar an oft schmachvollen Hinrichtungen, wie zu allen Zeiten des Mittelalters, so auch im 16. Jahrh. uns nie ganz gefehlt. Ein weitläuf=


1) Vgl. Dittmer, das heilige Geist=Hospital und der St. Clemens Kaland zu Lübeck, (das. 1838. 8.) S. 292.
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tiges, vorsichtiges, im heutigen Sinne des Wortes gründliches Verfahren in Strafsachen war aber in jenen Zeiten unbekannt. Außerdem läßt der Mangel an genauen Aufzeichnungen über Vorgänge des strafrechtlichen Verfahrens in der ersten Hälfte des 16. .Jahrh. nur eine beschränkte Erkenntniß der damals herrschenden Normen zu.

Es steht indessen so viel fest, daß auch in Meklenburg damals noch der Strafprozeß den Grundsätzen des altdeutschen gerichtlichen Verfahrens im Wesentlichen entsprochen hat. Denn derselbe beruhte noch auf einer Theilnahme des Volkes am Gerichte durch freie, selbstständige Männer, so wie auf einer Trennung und Theilung der gerichtlichen Thätigkeit zwischen dem Richter, der da leitet und vollstreckt, und dem Urtheiler, (Schöffen, Findesleute), der die Rechtsweisung findet und einbringt. Das Verfahren ist der Regel nach noch ein mündliches und öffentliches.

Das Gerichtspersonal bei dem herzogl. Landgerichte bestand um das J. 1520 aus dem vorsitzenden Richter und aus "beisitzenden Räthen". Das Richteramt ward hier altem Herkommen gemäß noch vorherrschend von den Landesherrn persönlich geführt, welche jedoch auch die Befugniß übten, Stellvertreter zu ernennen. Die beisitzenden Räthe waren keine stehenden gelehrten Richter, sondern theils Lehnleute, zu deren Pflichten seit Alters die Raths= und Schöffen=Dienstpflicht gehörte, theils Mitglieder der städtischen Magistrate, besonders der Seestädte. Das herzogl. Landgericht war damals noch ein wandelndes. Ziemlich oft ward es der Zeit zu Wismar gehegt, wo der Regel nach Rathsmitglieder unter den Beisitzern fungirten. Auch zu der im J. 1521 gegen die ausschweifenden Vasallen berufenen "Ritterbank" verschrieb Herzog Albrecht z. M. Leute aus dem Rathe der beiden Seestädte, um als Beisitzer das Urtheil finden zu helfen.

Eine Anzahl qualifizirter Beisitzer war bei dem herzogl. Landgerichte seit Alters namentlich auch in peinlichen Sachen erforderlich. So bringt in einem beim Landgerichte wegen Todtschlags geführten Prozesse des Reimar v. Plessen wider Joachim v. Stralendorf der Procurator des Erstern am 3. Juli 1561 unter Andern eine Verwahrung für den Fall vor: "wenn das peinliche Gerichte etwa nicht nach beschriebenen Rechte vnd Landesgewohnheit besetzt sein sollte." So läßt auch Herzog Ulrich z. M. seinem Bruder, dem Herzog Johann Albrecht am 9. Juli 1563 in Beziehung auf die Untersuchung und Bestrafung eines von Lüder Lützow verübten Todtschlags unter Andern schreiben: "Wir kommen in glaubwürdige Erfahrung, welcher Gestalt E. L.

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das Gerichte zu Schwerin durch die Schoppen widder vnsern Lehnmann Lüder Lutzowen sollen haben bestellet, vnd sich die Jurisdiction allein unternehmen", und schließlich hiergegen Verwahrung einlegen.

Bei den Niedergerichten in den Städten und Aemtern bestand das Gerichtspersonal in peinlichen Sachen ebenfalls der Regel nach aus einem Richter, dem Stadtvogte oder dem Gerichthsherrn, und aus Beisitzern, Findesleuten, Schöffen. So heißt es in den Bruchregistern der Städte Fürstenberg, Friedland, Strelitz und anderer aus der Zeit um das J. 1533 mehrmals ausdrücklich: "gerechtuerdiget dorch den Stadtuoget vnd borch de Schepen; dorch Richter vnde Schepen; dorch de swaren Schepen". Ganz bestimmt tritt das Finden des Urteils durch Schöffen aus der Mitte der Bürger z. B. in Güstrow im J. 1557 bei Verhandlung einer Klage wegen Todtschlages hervor. Die geringeren Strafsachen wurden gewöhnlich noch in den Stapelgerichten verhandelt und die Brüche von den Bürgern erkannt.

Ebenso werden hinsichtlich des platten Landes in Bruchregistern und sonstigen Acten der Aemter Crivitz, Gadebusch, Meklenburg, Wittenburg u. m. a. um 1530 neben dem Vogte oder dem als Richter fungirenden Beamten namentlich die Dorfschulzen öfter als Dingleute oder Schöffen bezeichnet, sowohl bei ordentlicher Verhandlung peinlicher Fälle, als bei Fahrgerichten und peinlichen Halsgerichten. Bisweilen wurden auch die Dingleute damals noch schlechtweg aus der Mitte des Volkes erwählt oder vom Richter berufen. Am längsten erhielt sich die Mitwirkung der Schulzen und Bauern bei den Gerichten in den geistlichen Besitzungen, namentlich den Bistümern.

Außerdem treten sogenannte "Fürsprachen" bei fast allen Niedergerichten auf. Zunächst waren dies gleichsam öffentliche Personen, die vom Gerichtsherrn oder in dessen Namen bestellt waren, um das Gericht hegen zu helfen. Diese erhielten eine Art Besoldung, damals gewöhnlich in Naturalien, je nach ihren Leistungen, aus den Mitteln der Gerichtsherren. Außerdem kommen aber auch bisweilen Fürsprachen der Parteien vor, von denen sie als rechts= und lebenskundige Männer zum Beistande mit in das Gericht gebracht wurden.

Früher wurden auch die peinlichen Sachen des Landvolkes der Regel nach vor die allgemeinen ungebetenen Gerichte, die Landdinge der einzelnen Gebietstheile, gebracht. Ueberreste dieser Landdinge kommen noch um das J. 1550 actenmäßig vor, wie in den Aemtern Crivitz, Grevismühlen, Rehna und Wreden=

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hagen 1 ). Der Regel nach wurden aber um diese Zeit die Criminal=Sachen des platten Landes vor den Amts= und sonstigen grundherrlichen Gerichten mit dem angedeuteten Personal verhandelt. In solchen Bruchsachen, in denen bloß die Feststellung und Erhebung einer der Amtsobrigkeit zu zahlenden Geldstrafe ohne Partei=Verhandlung vorlag, mögen häufig die Küchenmeister und Amtsschreiber oder die sonstigen Obrigkeiten allein das richterliche Personal gebildet haben.

Die gerichtlichen Verhandlungen wurden in Meklenburg bis um die Mitte des 16. Jahrh. in bürgerlichen wie peinlichen Sachen bei allen Gerichten im Wesentlichen noch mündlich geführt. Aus vereinzelten Actenstücken peinlicher Prozesse, so wie aus dem reicher vorhandenen Material über Civilsachen, welche um das J. 1520 beim herzoglichen Landgerichte geführt wurden, geht hervor, daß zwar damals schon das Verfahren bei diesem höchsten Gerichte in so ferne ein gemischtes war, als Schriftsätze neben mündlicher Verhandlung zugelassen wurden. Die Zahl solcher vorhandener Schriftsätze aus dieser Zeit ist aber selbst in Civil= und Lehnsachen sehr geringe, während die der noch vorliegenden gleichzeitigen Erkenntnisse sehr groß ist. Auch aus dem Grunde können Schriftsätze noch nicht die Regel gebildet haben, weil es noch einzelne Protocolle aus der angedeuteten Zeit giebt, welche eine summarische Aufzeichnung der Partei=Anträge durch einen Gerichtsschreiber, bisweilen noch durch den Kanzler, enthalten und die dem Erkenntniß zu Grunde liegende Uebersicht des Prozesses bilden, — welche Protocolle ohne Zweifel das altherkömmliche Verfahren dieses Gerichtes anzeigen.

Noch bestimmter wird in den Protocollen einzelner vor dem J. 1550 beim herzoglichen Land= und Hofgerichte erhobener und bis um das J. 1580 fortgeführter Prozesse in Beziehung auf die Unvollständigkeit der älteren in dieser Sache vorliegenden Acten bemerkt: in der Zeit der Entstehung des Prozesses sei noch Vieles bloß mündlich bei dem Landgerichte verhandelt. Daß das mündliche Verfahren beim Landgerichte in peinlichen Sachen noch um 1550 zulässig, wenn auch nicht mehr eigentlich üblich war, geht endlich mit Sicherheit unter Andern aus dem Prozesse des Reimar v. Plessen auf Bruel, Klägers, wider den Joachim v. Stralendorf auf Trams, Beklagten, wegen Tödtung des Helmuth v. Plessen im J. 1559, hervor. Hier ließ nämlich der Kläger am 3. Juli 1561 seine Klage durch einen Procurator vor dem Landgerichte


1) Vgl. Jahrbücher a. a. O. XIV, S. 111, 121.
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auf dem Rathhause zu Güstrow mündlich vortragen. Als der Beklagte die Einlassung deshalb verweigern will, weil die Klage nicht schriftlich übergeben, sondern nur vom Gerichtsnotar protocollirt sei, wird er hiermit durch einen gerichtlichen Bescheid vom 5. Juli 1561 vollständig abgewiesen und zur Einlassung angehalten.

Wenn sonach bei dem höchsten Gerichte, welches schon dem Einflusse der Reichs=Kammergerichts=Ordnung und dem auf schriftliche Verhandlung hinstrebenden Wirken der gelehrten Räthe der Hofcanzleien zugänglich geworden war, das mündliche Verfahren um das J. 1550 noch zugelassen wurde, so mußte dies noch entschiedener bei den Niedergerichten der Fall sein, welche dem Volke näher standen und ihre alte volkstümliche Verfassung in Beziehung auf die Mündlichkeit schon deshalb länger erhielten, weil die Schriftlichkeit in der Regel die Verhandlungen nothwendig kostbarer und langwieriger machen mußte. Dem entsprechend sind auch fast gar keine in Partei=Schriftsätzen verhandelte peinliche Prozesse aus dem Bereiche der Städte vor der Mitte des 16. Jahrh. nachzuweisen. Bestimmt wird aber auch noch in der Rostocker Gerichtsordnung v. J. 1574 das mündliche Verfahren als das in der Regel statt findende bezeichnet; ganz allgemein endlich wird den meklenburgischen Untergerichten noch in den Landgerichts=Ordnungen der J. 1558 und 1568 ein in der Hauptsache mündliches Verfahren ausdrücklich vorgeschrieben, wie weiter unten auszuführen sein wird.

Daß dem meklenburgischen Strafprozesse dieser Zeit das altdeutsche Anklage=Verfahren zum Grunde liegen mußte, geht schon aus den Nachweisungen über das Compositionen=System und aus einzelnen weiter angeführten Thatsachen hervor. Das Inquistions=Verfahren hat auch in Meklenburg bei den geistlichen Gerichten frühzeitig Anwendung gefunden und sich in Hexensachen bereits gegen das Ende des 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. auch auf die weltlichen Gerichte übertragen, so daß es uns leider an Beispielen der Tortur und des Feuertodes aus dieser Zeit schon nicht fehlt. Allein als die Regel in peinlichen Sachen ist das Inquisitions=Verfahren erst viel später, nämlich gegen die Mitte des 17. Jahrh. bei uns ausgebildet. Alle noch vorhandenen Actenstücke in peinlichen Sachen aus dem Bereiche des herzoglichen Landgerichts aus der ersten Hälfte des 16. Jahrh. weisen auf das Anklage=Verfahren hin, wie z. B. ein Zwischen=Erkenntniß in Sachen des (Bauern?) Jacob Snokel, Klägers, wider Joh. v. Bülow, Beklagten, wegen eines angeblich an des Klägers Bruder auf dem Hofe zu Basse verübten Todtschlags. Der angeführte Prozeß des von Plessen wider den von Stralen=

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dorf, wegen Tödtung des Helmuth von Plessen, begann im J. 1561 und beruhte lediglich auf der Anklage des Verletzten. Dieser Prozeß zeigt auch das dem Anklage=Verfahren, in Gemäßheit alten Herkommens und der Bestimmungen der Carolina, noch eigenthümliche Cautions= und Haftsystem, indem der oben erwähnte gerichtliche Bescheid vom 5. Juli 1561 am Schlusse sagt:

"Beclagter soll auch schuldig sein, mittler Weile vnd hinfurther in getaner Verpflichtung vnd Hafftung szowoll als der Ankleger zu bleiben."

Nach anderweitigen, fast gleichzeitigen peinlichen Fällen war die Stellung der Bürgschaften beim herzoglichen Landgerichte zulässig und gewöhnlich. Ein Gleiches wird z. B. in der Rostocker Gerichtsordnung vom J. 1574 vorgeschrieben; bei den Amtsgerichten kommen die Bürgschaften sowohl zur Abwehr der Haft des Beklagten, wie zur Sicherung für erkannte Strafen vor, häufig mit der Formel: "dat he van Herrn vnd Richte scheden wil; — vom Richte tho scheden". Daß auch bei den Niedergerichten durchweg, namentlich den Stapel=Gerichten in den Städten das Verfahren in peinlichen Sachen damals noch regelmäßig von der Anklage des Verletzten ausging, geht, abgesehen von den Hof= und Landgerichts=Ordnungen, aus actenmäßigen Fällen, z. B. aus den Städten Neubrandenburg, Güstrow, Parchim und Rostock, der Zeit von 1550-1570 angehörend, mit Sicherheit hervor.

Zu weiterer Erläuterung möge hier zunächst noch das Verfahren eines gleichzeitigen außerordentlichen Gerichtes angeführt werden.

Im J. 1521 bestellte Herzog Albrecht z. M. wegen der "vnerhorten bosen vbermessigen Untaten und geschwinden geuerlichen Handlungen", besonders von Seiten der Lehnleute, zur Hegung einer (in Meklenburg sonst nicht üblichen) Ritterbank die Beisitzer aus dem Stande derLehnleute und aus den Magistraten zu Rostock und Wismar mit der Formel: "Du wollest mit vns neben anderen vnseren Reihen solch Ritterbank vnd Recht helffen zu hegen vnd zu besitzen." Das Gericht ward zu Wismar öffentlich gehalten und Jedermann aufgefordert, der Beschwerden über Gewalt und Unrecht vorzubringen habe, daselbst als Kläger "mit notturfftigem Furpringen — zu Sterckung vnd Handthabung der Gerechtigkeit" zu erscheinen. Der Herzog sandte seinen Amtmann zu Lübz, der statt seiner als öffentlicher peinlicher Kläger auftrat und mündlich klagte; die Erkenntnisse ergingen sofort am Orte des gehegten Gerichtes von "Richter vnd Beisitzern."

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Das in den meisten Städten Meklenburg's um die Mitte des 16. Jahrh. in Strafsachen, besonders in Fällen des Todtschlags, übliche gerichtliche Verfahren wird in einem Berichte des Joachim Voisan, Bürgers zu Güstrow, dessen Bruder von Jost vom Stein erschlagen war, im J. 1557 dahin beschrieben 1 ): Der Kläger überbringt den von ihm ergriffenen Mörder dem Gerichte zur Haft und bittet um einen Rechtstag; bei Hegung des Gerichts wird die Bank geschlossen; die Richter und Schöffen schwören, gewissenhaft zu richten; der Mörder, der entwichen ist, wird dreimal beschrieen; der Richter schilt den Theilsmann zu den als Schöffen berufenen Bürgern, um das Urteil von ihnen einzuholen, welches er dann einbringt und worüber schließlich eine Urkunde ergeht.

In den größern Städten, wie zu Rostock, Wismar, Parchim, Schwerin, ward nachweislich während des 16. Jahrh. das Gericht in peinlichen Sachen entweder in der Halle (" Laube") des Rathhauses, sonst "in offener Rathsbode" gehalten, so daß Richter und Urtheiler durch eine Schranke oder Bank von den Parteien und dem zuschauenden Volke geschieden waren, oder es fand als peinliches Halsgericht oder Fahrgericht unter freiem Hunmel auf öffentlichen Plätzen und Straßen statt. So heißt es z. B. von Rostock:

"Den 6. Dezember 1565 wardt ein Bürger mydt Namen Joachim Gylow, eyn von den 60, vpt Market gestellet vor dat Maleuidzt=Recht vnd verordelt" 2 ).

In einzelnen Städten, wie zu Neubrandenburg, ward das Gericht in peinlichen Sachen "Hegeding" genannt. Als im J. 1573 ein Bürger daselbst von einem Mitbürger des Diebstahls bezüchtigt war, kündigte er dem Injurianten "drey peinliche Gewaltklagen" an und forderte ihn vor "Hegeding". Auch die gleichzeitige Bürgersprache von Neubrandenburg unterscheidet: "für Gerichte oder Hegedinge" 3 ).

Das Verhör der Sache, die Verhandlung der Klage geschah in den großen Landstädten bei wichtigeren Fällen der Regel nach vor zwei Gerichtsherrn und dem Stadtvogte, bisweilen schon gleich Anfangs unter Zuziehung von einigen Bürgern, als Beisitzern, welche letztere jeden Falls bei Fällung des Urtheils, zumal in Sachen auf Hals und Hand, zugezogen wurden. Nach


1) Ist wörtlich mitgeteilt bei Pohle, a. a. O. S. 79, Note 19; Jahrbücher des Vereins für meklenb. Geschichte, Jahrg. XIV, S. 160.
2) Handschriftl. Chronik der Stadt Rostock auf der Regierungs=Bibliothek zu Schwerin, auf Papier in 4., beim I. 1565.
3) Vgl. v. Kamptz, Civilrecht der Herzogth. Meklenburg, Codex dipl. S. 287.
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der rostocker Gerichtsordnung v. J. 1574 gab es dort beim Untergerichte "neben zween des Radts" (Richteherrn) vier vom Rathe "verordnete Personen", qualificirte vnd erfahrene Bürger, welche die Urtheilsfinder, die Beisitzer oder Dingleute waren und "auf der Richthern vleissige Erinnerung all der Partheien Fürbringen vleissig erwegen vnd bei ihren Eidten vnd Pflichten ein rechtmessiges Vrtheil darauff verfassen vnd dasselbe im Gerichte absagen" sollen. Dabei war ferner bestimmt: "Vor dem Vndergericht sollen erörttert werden alle peinliche vnd Injurien=Sachen, so nicht bürgerlich geklaget; keine Appellation soll verstattet vnd zugelassen werden in peinlichen Sachen; vnd würde Jemand den Andern peinlich anklagen vnd Ankleger dem Gericht Bürgen stellen, — so soll der Angeklagte in Gefenknis gelegt vnd daselbst bis zu der Sachen Außtrage verhalten werden".

Im Allgemeinen hat sich das altübliche Verfahren in peinlichen Sachen in den Seestädten und in den stargardischen Städten später und unverfälschter als in den übrigen Landstädten Meklenburgs schon deshalb erhalten, weil jene von der fürstlichen Vogteigewalt befreiet, durch eigene gewählte Richter die Rechtspflege handhabten. In diesen ist die volksthümliche Gerichtsverfassung schon in der Zeit vom J. 1580 bis 1640 ganz zu Grunde gegangen.

Das mündliche Verfahren wird übrigens den Untergerichten des ganzen Landes in den drei ältesten gedruckten Landgerichtsordnungen aus den J. 1558, 1568 und 1570 gleichmäßig dahin vorgeschrieben:

"der Kleger soll seine Klage müntlich vor Gericht einbringen; die Richter sollen allen Vleis furwenden, daß die Sachen auffs schleunigste ihre Entschafft erreichen; alle, so den Gerichten vorstehen, sollen verfügen, daß in allen Sachen vber zehen Gülden belangd Klage, Antwort, Beweisung, Ein= vnd Gegenrede vnd alle Handlung mit VIeis auffgeschrieben vnd in allen Gerichten ein Schreiber gehalten vnd mit Eide eingenommen werde; in Sachen aber zehen Gülden oder weniger betreffend, soll auff das wenigst Klage, Antwort vnd Beweisung auffgeschrieben vnd das ander Fürbringen summarie verzeichnet werden."

Ebenso wird in der rostocker Gerichtsordnung v. J. 1574 ausdrücklich gesagt:

"wir achten es dafür, daß keiner einen schriftlichen Prozeß begeren wirt; da aber je so wich=

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tige Sachen fürfallen, in welchen die Parteien in Schrifften gegen einander verfahren wollten, wollen wir nach Befindung der Sachen Wichtigkeit vnd aller Vmbstende auff der Partheien Ansuchen den schriftlichen Prozeß derogestalt zulassen" etc. .

Daß bei den verschiedenen Niedergerichten des platten Landes gegen Ende des 16.Jahrh. noch das altübliche volksthümliche Verfahren sich in einzelnen Grundzügen erhalten hatte und auch in peinlichen Sachen beobachtet ward, geht aus bestimmten Thatsachen hervor. Noch im J. 1570 berichtet der herzogliche Küchenmeister zu Crivitz über ein in Strafsachen zu Raduhn von ihm gehaltenes Gericht, welches öffentlich gehegt ward, in welchem die Bauern als Dingleute erkennen und wo Ankläger und Beklagter gleichmäßig in Sicherheits=Haft kommen 1 ). Noch in den J. 1583 und 1585 hielt der Hofmeister des Klosters Reinfelden in den Dörfern Uelitz und Wittenförden in peinlichen Fällen öffentliche Rechtstage, entbot dazu alle betreffenden Insassen, gebrauchte bei der Hegung den Fürsprachen und ließ die aus dem Volke genommenen Beisitzer in die Findung gehen 2 ). Auch selbst in den Patrimonial=Gerichten der Lehnleute ward noch ähnlich verfahren. Christoph Raven zu Stück hielt um das J. 1570 mehrere "Rechtstage in Kegenwart etzlicher von Adell vnd sonst der Pastoren auch Stadtvogts, vnd ander guter Leute, auch des Caspels, wie gebreuchlich". Eben so ließ Achim Halberstadt zu Brütz im J. 1573 wegen eines böslich erstochenen Pferdes "einen Rechtsdag binnen der Klinken holden", wo das Erkenntniß den Parteien durch "ein gantzes Caspel thogefunden" ward.

Bestimmt ausgebildet und stets öffentlich war in Meklenburg seit Alters das feierliche Schlußverfahren mit dem todeswürdigen Verbrecher, das peinlicheHalsgericht, der einzige Theil unseres Strafverfahrens, der bis in die neuesten Zeiten öffentlich geblieben ist. Der Hinrichtung des Verbrechers ging ein feierlich gehegtes Gericht vorauf, gehalten am hohen Tage und der Regel nach unter freiem Hinimel, unter Zuziehung von Schöffen oder Beisitzern. Die dabei üblichen Formen wurden nicht bloß in den Städten nach jeden Ortes Herkommen sorgsam beachtet, wie denn z. B. in Parchim um das J. 1580 "das Blutgerichte zum Thodte von einem Richter vnd einem Fursprachen bei Sonnenschein geheget vnd gefellet" ward; auch auf dem platten Lande mußte das peinliche Halsericht von den


1) Jahrbücher des Vereins für meklenb. Gesch. Jahrg. XIV, S. 132.
2) Jahrbücher, a. a. O. S. 136, 137.
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Patrimonialrichtern 1 ) mit herkömmlicher strenger Förmlichkeit gehalten werden. So beschweren sich im J. 1551 die Flotow auf Stuer im Namen eines ihrer Hintersassen, dessen Vater die Linstow auf Gaarz hatten hinrichten lassen, über das Unförmliche und Nichtige der dabei stattgefundenen Prozedur. Die Handlung, sagen sie, sei nämlich geschehen: "im versperrten Hoffe zu Gartz frue Morgendes, als die Sonne nun hatt auffgehen wollen, durch unverständige darzu gedrungene Leutte, ohne gehegetes Recht vnd ohne Vorlesunge des Bekenntnisses, widder Recht, Pillicheit vnd Ordnung."

Zu Rostock wird im Laufe des 17. Jahrh. die Hegung des peinlichen Halsgerichts durch den Fiskal geleitet, der bei den Theilsleuten die Entfesselung des Uebelthäters und die Verlesung der Urgicht desselben, und sodann, nach erfolgtem öffentlichen Geständniß, das Erkennen einer Klage und eines Urtheils gegen ihn beantragt, welches der älteste Theilsmann verkündet. Darauf wird der Thäter neuerdings durch den Fronen gebunden und endlich dem Scharfrichter übergeben, der das schließliche Erkenntniß publicirt und vollzieht [ 2 ). Bei den Patrimonial=Gerichten ward das peinliche Halsgericht in diesen Zeiten gewöhnlich schon durch die gelehrten Gerichtshalter der Gutsherrn, bisweilen unter deren Vorsitz, gehalten. Noch um das J. 1700 haben sich z. B. in Neuenkirchen bei Neubrandenburg die alten Formen des Verfahrens im Ganzen erhalten, nur daß die Theilsleute schon verschwunden sind und der Scharfrichter die Rolle des Fiskals oder öffentlichen Anklägers durchführen muß 3 ).

Als besondere Theile der Strafgerichtsbarkeit erscheinen in Meklenburg 1. das Fahr= oder Nothrecht, welches vornämlich in Fällen der Tödtung durch Selbstmord, Unfall oder blinde Naturgewalt gehalten ward, hauptsächlich um die Thatsache amtlich festzustellen und um das Jurisdictions=Recht des Grundherrn zu wahren; 2. das Blutgericht mit der Beschreiung, welches in solchen Fällen des Todtschlags und Mordes, wo der Thäter entkommen war, zu dem Ende stattfand, daß der Thäter friedlos gemacht und den Verwandten des Erschlagenen das Recht, die


1) Wie oft und in welchem Grade namentlich Vasallen die Gerichtsbarkeit zu Zeiten mißbrauchten, und wie andrer Seits ein Recht der Oberaufsicht und der Bestätigung von den Landesherrn stets dabei ausgeübt ward, wird durch Angaben, wie die folgende, ins Licht gesetzt. In einem Memorial=Buche des Herzogs Heinrich zu Meklenburg heißt es beim J. 1535 unter Anderm: "Jtem Achim Leuetzouen zu Lunow zu schreiben: Abetracht zu thuen, das er seinen eigen Vettern ane der Fursten Willen vnd Befelich hat richten lassen. — Jtem ein Vrtheil holen zu lassen vff die zwe Bauren, ßo die Blankenborge vmb drey Stucke Holzes haben richten lassen."
2) Neue wöchentliche RostockscheNachrichtenund Anzeigen, Jahrg. 1839, Nr. 10.
3) Jahrbücher des Vereins für meklenburg. Gesch. Jahrg. IX, S. 490 flgd.
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Buße oder Strafe des Verbrechens zu erwirken, durch eine gerichtliche Handlung gesichert werde. Die Beschreiung ward bisweilen, zumal auf dem platten Lande, mit dem Fahrgerichte verbunden, wenn man nämlich sichere Zeichen des Mordes an dem Körper des Todten gewahrte. In solchen Fällen wird noch nach dem J. 1650 bisweilen in den Acten ausdrücklich von einem "gehaltenen Fahrgerichte vndt Beschreyung" gesprochen. Das Fahrrecht ward da gehegt, wo die That begangen oder wo der Körper des Entleibten gefunden war, immer unter freiem Himmel und so, daß der todte Leib gesehen ward. Dieser ward geprüft, "der Fall kürzlich untersucht und schließlich Recht gesprochen."

Im J. 1520 erschlug der Bauer Chim Ahrensdorf den Heinrich Walter am See des Dorfes Chemnitz. Der Schulze daselbst hielt mit 4 andern Schulzen aus benachbarten Dörfern das Blutgericht vor dem Schulzenhofe zu Chemnitz bei der hohen Linde; dem Erschlagenen ward die Hand abgelöset, der flüchtige Mörder aber aus dem Dorfe Chemnitz verfestet.

Als um das J. 1540 ein Kind in dem Bache bei der Wokrenter Mühle, unferne von Wismar, ertrunken war, mußte Herrmann Facklam, Schulze zu Karow, im Namen des Herzogs Heinrich zu Meklenburg das Fahrgericht "darüber sitzen." In dem Wismarschen Gerichtsbuche heißt es beim J. 1541: "Jtem Jochim Brandt iß dot gesteken buten dem roden Dohre vp dem Damme vnd man weth nicht, wer idt gedahn hefft. Vnd ist dat Recht darauer geseten vnd de Handt affgeledet, wo Recht iß; vnd de ersamen Herren Her Jürgen Grotekorth vnd Her Otto Tancke, beide Richtevogede, seten dat Gerichte vp dem Damme, dar de Dode lach." Ferner beim J. 1556: "Jtem Hinrich Marqwart tho Zesendorp iß beschriet vnnd fredelos gelecht, darumme, dat he Pagell Wildenn tho Weitkow hefft alhier by dem Damme ein bludt ein blaw ein Behenbrock vnd ein Fahrwunde des Leuendes geslagen, darauer he vom Leuende thom Dode kamen; vnd dat Recht darauer geseten vnd de Handt affgeledet; de Richteheren Her Barthelt Sandow vnd Her Gorries Juhlle." — Und endlich beim J. 1562: "Vmme Petri vnd Pauli iß ein Man sehr verwundet dot gefunden buten dem roden Dohre an dem Stadtgrauen. Auerst des Doden Nhame, ock deß Dederß Nhame vnbewnßt; vnd de Richteheren Her Frantz vom Haue vnd Her Brandt Hoppenacke aldar von wegen eines Erbaren Radeß datt Vahrrecht auer den doden Corpus tho hegende gekamen — vnd hebben dohn dat Recht darauer geseten vnd hefft Ordel vnd Recht gegeuen: so man kan den Deder befragen vnd anerkamen, so schall man Lubsch Recht mit

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ehme brukenn." Als im J. 1567 der Sohn des Schulzen zu Rosenthal auf der Brücke bei Wokrent mit einem Beile tödtlich verwundet und drei Tage hernach gestorben war, "ist also der Tode wiederumb vff die Brucken gebracht wurden, darselbst Peter Tunnich, Kuchmeister zu Mekelborgk, mit den eldesten Schultzen des Ampts gekommen, das Gerichte darüber sitzen zu lassen." Genau bekannt ist das Verfahren, welches zu Rostock in Fällen des Mordes, da der Thäter entflohen war, bei Beschreiung der Entleibten im 16. und 17. Jahrh. stattfand 1 ). Der Körper des Todten wird nämlich vor das öffentlich gehegte peinliche Noth= und Halsgericht gebracht. Daselbst bittet der Fiskal den Sarg zu öffnen, damit Jeder sehe, daß ein todter Körper darin vorhanden. Dann bittet er ferner, die Gichtung, d. h. die Beschreibung der Wunden, zu verlesen und die Beerdigung des Körpers zu gestatten, welches "durch die Theiler des Rechtens erkannt wird", und darauf, daß dem Thäter eine Klage gesprochen werde: "es solle ihm seit und weit, in Rusch und Busch, in Kirchen und Häusern nachgetrachtet werden", damit er zur Haft und Strafe gebracht werden möge. Nachdem dies erkannt, tritt einer der Theilsleute mit bloßem Schwerte zu Füßen des Leichnams und thut dreimal das Zetergeschrei über den Mörder und berührt jedesmal, den Körper mit der Spitze des Schwertes. Dann stellt der Fiskal die Klage an, heischet zu dreien Malen den Uebelthäter aus dem Frieden in den Unfrieden "und legt damit die Verfestung zu." Ostern 1653 ward zwischen Metelsdorf und Schulenbrook im Amte Meklenburg ein erschlagener Bürger aus Wismar gefunden. Auf Ansuchen der Wittwe lieferte das Amt gegen einen Revers des Rathes zu Wismar über die unverletzte herzogliche Gerichtsbarkeit den Leichnam aus, doch erst "nach gehaltenem Fahrgerichte, wobei nach altem Gebrauche das Zetergeschrey von dem Henker verrichtet worden." Noch im J. 1717 berichtet das Amt Grevismühlen: am 19. Jan. seien drei russische Soldaten und eine Bauersfrau auf dem Warnower See ertrunken; die Leichen seien Tags darauf unter dem Eise hervorgesucht, auch gefunden "und folglich das gewöhnliche Fahrrecht darüber gehalten worden." Die "Formula, wie das Fahrgericht zu Wismar zu halten" 2 ), vom J. 1686, sagt in der Einleitung: es kämen viele Selbstmorde und Todt=


1) Neue wöchentl. Rostocksche Nachrichten und Anzeigen vom J. 1839, Nr. 10.
2) Liegt in einem gleichzeitigen Abdruck in 4. vor. Pohle, a. a. O. S. 77, verweist irrthümlich auf die Neuen wöchentl. Rostockschen Nachrichten vom J. 1839, Nr. 10, wo sich nur der oben erwähnte: "Kurze Prozeß, so zu Rostock bei Beschreiung der Entleibten gehalten wird", mitgetheilt findet.
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schläge vor, wobei nach altem Herkommen ein Fahrgericht und nach Befinden die Beschreiung zu halten sei, und bestimmt in §. 4 und 5: wenn der Tod ohne Schuld und Vorwitz des Gestorbenen erfolgt sei, solle sofort das Fahrgericht gehalten werden; und in §. 8 und 9: bei Anzeigen des Todtschlags solle das Gericht vor öffentlichem Stapel die Beschreiung halten und die Verdächtigen bei der Leiche inquiriren; bei allen Fahrgerichten führe der älteste Gerichtsherr den Vorsitz, zeige den Fall und die Ursache an und fordere Procuratoren und Ankläger zur Rede auf.


10. Uebergang zum amtlichen Untersuchungs=Verfahren. Einfluß der Hexen=Prozesse. Bestellung und Wirksamkeit der Fiskäle. Frühzeitige Inquisitions=Fälle.

Das altdeutsche Privat=Anklage=Verfahren in peinlichen Sachen erlosch in Meklenburg gegen Ende des 16. und in der ersten Hälfte des folgenden Jahrhunderts, nicht eigentlich gesetzlich, aber doch factisch. Es ward allmälig durch das amtliche Anklage= und Untersuchungs=Verfahren verdrängt. Nächst den allgemeinen, auch hier einwirkenden Zeitumständen sind die Verbreitung des Hexen=Prozesses und das Institut der Fiskäle hier zumeist in Betracht zu ziehen.

Schon gegen Ende des 15. Jahrh. wirkten die Erfindung der Presse und die Verallgemeinerung der Schreibekunst, das Sinken der kaiserl. Macht und die Entwickelung der Landeshoheit, endlich die Vermehrung der Hochschulen und die Verbreitung des römischen Rechts auf den gesammten deutschen Rechtszustand wesentlich ein. Ganz klar tritt dies bei dem höchsten Reichsgerichte selbst hervor. Als das Reichs=Kammergericht 1495 zu Wetzlar ständig ward, gestattete es zuerst in seiner damals erlassenen neuen Gerichtsordnung die Zulassung des schriftlichen Prozesses, wenn eine oder beide Parteien ihn wünschten. Seine verbesserte Gerichts=Ordnung v. J. 1500 setzt schon das schriftliche Verfahren als das bekannte und regelmäßige voraus und die neue Gerichtsordnung desselben v. J. 1507 schreibt bloß schriftliche Verhandlung vor. Der Einfluß dieses Vorganges auf die deutschen Territorien konnte um so weniger ausbleiben, als sehr viele Rechtsgelehrte damals und später zu Wetzlar sich praktisch ausbildeten. Die Ansicht von der Nothwendigkeit

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ständiger höherer Gerichte, gelehrter Beisitzer und schriftlicher Verhandlung ward nun bald allgemein verbreitet.

Nicht geringer aber ist die Bedeutung, welche in dieser Beziehung dem kanonischen Rechte, dem geistlichen Gerichtsverfahren und insbesondere der im 16. Jahrh. stattgefundenen Verbreitung des Hexen=Prozesses zuzuschreiben ist. Die Satzungen der christlichen Kirche und des römisch=deutschen Kaiserrechts nahmen frühzeitig gewisse Verbrechen, wie Entheiligung des Festtages und Ketzerei, Majestäts=Beleidigung und Landes=Verrath von jeder Composition aus. Bei den geistlichen Gerichten herrschte ferner seit Alters das schriftliche Verfahren vor, da es ihnen nie an schreibkundigen Leuten fehlte. Die geistlichen Gerichte bedienten sich auch frühzeitig — der damaligen Rohheit des Eifers für Ausbreitung des Christenthums und Erhaltung der Rechtgläubigkeit entsprechend, — des inquisitorischen Verfahrens in Glaubenssachen, besonders in Fällen der Ketzerei und fügten diesem Verfahren, bei dem häufigen Mangel im Beweise, die Anwendung von Mitteln der Bedrohung und des Zwanges (Tortur) hinzu.

Bei der allgemeinen Verbreitung des Glaubens an überirdische Wesen guter und böser Art — außer einem höchsten Wesen — erhielt sich der in dem geistlichen Ketzer=Verfahren des Mittelalters als eine Hauptgattung ausgebildete Hexen=Prozeß fast überall in Europa, auch nach Erfindung der Presse und nach der Reformation, ja derselbe ist seitdem in manchen protestantischen Ländern häufiger und mißbräuchlicher vorgekommen, als in einzelnen altkatholischen. Die Reformatoren und die sonst gelehrtesten Zeitgenossen waren selbst noch befangen im Teufels= und Hexen=Glauben. Viele Gebildete gaben sich in noch späterer Zeit den magischen und astrologischen Künsten hin. Die uralte, auf Unwissenheit oder doch auf mangelhafter Erkenntniß beruhende Neigung der germanischen Stämme, manche Naturerscheinungen als Teufels= und Hexen=Werk zu betrachten, so wie die Ansicht, nach welcher die Frauen, das schwächere Geschlecht, der Verführung böser Geister besonders zugänglich seien, mögen diese an sich sehr merkwürdige Thatsache erklären.

Auch in Meklenburg kommen schon im Laufe des Mittelalters Ketzer= und Hexen=Prozesse vor; frühzeitig sehen wir solche in der Nähe von Klöstern, wie z. B. Doberan im J. 1336 1 ), dann in Form von Verfolgungen der Juden, wie zu Güstrow 1330 und Sternberg 1492 2 ), im 15. Jahrh. schon häufiger


1) Jahrbücher des Vereine für meklenb. Gesch. VII, S. 41, 42.
2) Jahrbücher XII, S. 208, 211 flg.
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als eigentliche Hexen=Prozesse in den beiden Seestädten Rostock und Wismar (1403, 1417, 1496) 1 ). Auf der hohen Schule zu Rostock gab es unter den Lehrern der Theologie besondere Wächter der Rechtgläubigkeit ("inquisitores hereticae pravitatis"). Entschieden überhand nahmen aber die Hexen=Prozesse in Meklenburg, zuerst in der zweiten Hälfte des 16.Jahrh. Die hierüber ziemlich zahlreich und umfänglich vorliegenden Acten ergeben, daß diese Prozesse häufig aus üblen Nachreden und Pöbel=Gerüchten entstanden, in den Städten öfter auch aus besondern böswilligen Anklagen durch Einzelne, und daß sie im letzten Grunde theils auf dem schändlichsten und abgeschmacktesten Aberglauben, theils auf Neid, Habsucht und Unzucht beruheten, ferner daß in ihnen schon mehr oder minder entschieden inquisitorisch und oft mit leichtfertiger und grausamer Tortur, besonders in der Zeit von 1560-1590 zumal bei den Niedergerichten verfahren ward, und endlich, daß die Entrüstung und der Eifer edler und gebildeter Staatsmänner, wie der Räthe Bouke, Husan, Krause, Stelbag, Sieben und Anderer gegen dieses Unwesen von nur geringem Erfolge war. Besonders einige kleine Landstädte, wie z. B. Sternberg und Crivitz, zeigten ihr sonstiges Elend auch in der schmutzigsten Hexen=Verfolgung, gewöhnlich unter Sorge und Streit über die Hinrichtungs=Kosten. In der Regel waren Weiber die Angeber und Weiber die Beklagten; der Feuertod war die gewöhnliche Strafe; zu Rostock wurden im Aug. und Sept. 1584 siebenzehn Hexen und nur ein Zauberer verbrannt. 2 ) Eine Nachwirkung des auf solche Weise immer häufiger werdenden "peinlichen Verhörens" und der Anwendung der Tortur konnte in Meklenburg nicht ausbleiben. Dieselben Richter der Hexen=Prozesse leiteten ja auch das Verfahren in andern peinlichen Fällen; überdies spielten Aberglaube und irgend eine Abart von Hexerei fast in jedem größern Criminal=Prozesse der Zeit eine Rolle mit.

Ein besonderer Umstand wirkte hier noch ein; dieses war die Mangelhaftigkeit der Beweisführung des altdeutschen Strafverfahrens. Fast Alles beruhte hier auf dem Ergreifen auf handhafter That und auf Zeugen=Aussagen. Bei den meisten Verbrechen aber waren beide Beweise nicht zu führen. Den Ankläger traf aber Strafe, wenn er nicht beweisen konnte; gewöhnlich mußte er auch eben so wie der Beklagte sich in Haft begeben. Auch die Carolina, welche noch vom Anklage=Verfah=


1) Vgl. Krey, Beiträge, Bd. I, S. 339, Bd. II, S. 21; Bd. III, S. 3; v. Rudloff, meklenb. Geschichte, Bd. II, S. 704; Schröders Beschreibung von Wismar, S. 240, 242.
2) Rostocker Nachrichten und Anzeigen v. J. 1840, Nr. 52.
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ren ausgeht, kannte als regelmäßige Beweismittel nur Geständniß und Zeugen=Aussagen. Daher kam es, daß bei den Richtern der Hexen=Prozesse, in welchen sie durch Inquisition und Tortur oftmals rasch zum Ziele — dem Geständnisse des Angeklagten — gelangten, die Neigung, ein solches Verfahren in peinlichen Fällen überhaupt anzuwenden, sich sehr verbreiten mußte.

Daß damals bei den geistlichen Gerichten in Meklenburg ein schriftliches und inquisitionsmäßiges Verfahren auch in manchen peinlichen Fällen, welche nicht Glaubens=Sachen betrafen, vorkam, geht aus bestimmten Nachrichten hervor. So fordert der Bischof Peter von Schwerin im J. 1511 Rostocker Wächter wegen Verwundung von Studenten durch eine förmliche Citation zur Untersuchung nach Bützow 1 ); so wird im J. 1541 in demselben Bisthum gegen den Magister und Canonicus Dethlev Danqvardi "aus vielerlei wichtigen vnd nothwendigen Ursachen, in Sachen inquisitionis", unter gefänglicher Einziehung, verfahren.

Nächstdem hat das Institut der Fiskäle 2 ) zu der Herbeiführung des Inquisitions=Verfahrens in peinlichen Dingen wesentlich beigetragen. Das Amt der Anwalte zur Vertretung des Fiskus vor Gericht ist schon im römischen Kaiserrechte ausgebildet. Mit den Grundsätzen über den Fiskus ging auch das Amt des Fiskals allmälig in das deutsche Gerichtswesen über. Im Laufe des 16. Jahrh. erweiterte es sich zu der Stellung eines wichtigen öffentlichen Beamten, der fast alle Hoheitsrechte und Finanzansprüche des Staats vor Gericht zu vertreten hatte. Mit der Entwickelung der Landeshoheit nämlich und der monarchischen Gewalt in dieser Zeit trat ein ungleich größeres Bedürfniß der öffentlichen Sicherheit und einer überall eingreifenden Strafgewalt ein, als bisher; die Verbreitung der neuen religiösen Ansichten und kirchlichen Satzungen, die Errichtung neuer Staatsbehörden, die rasch wachsende Ausdehnung der Handels= und gewerblichen Thätigkeit, die beginnende allgemeine Gesetzgebung und Besteuerung: — Alles das mußte auch zu einer größeren Bethätigung der Strafgewalt des Staates hinwirken. Da sich nun in Deutschland damals noch der Anklage=Prozeß erhielt, so fiel auch die wichtige Pflicht des öffentlichen Anklägers wesentlich den Fiskälen zu und ward besonders dadurch bedeutungsvoller, daß sich in den meisten Territorien auch nach dem Falle des Compositionen=Systems für manche Verbrechen die altherkömmlichen, der Obrigkeit zu zahlenden Strafgelder unter dem Namen der


1) Vgl. Pohle, a. a. O. S. 82.
2) Vgl. hierüber Buddeus in der Encyclopädie von Ersch und Gruber, Sect. I, Th. 24, S. 372 flg. — Pohle, a. a. O. S. 81.
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fiskalischen Strafen erhielten. Ja diese letztern wurden bei dem Fallen des Geldwertes durch die Vermehrung der edlen Metalle und bei der Erweiterung der Begriffe von der landesherrlichen Gewalt in Beziehung auf Begnadigung und Abolition in peinlichen Fällen oft zu sehr hohen Summen gesteigert. Auch durch die vielfachen Geldbedürfnisse, welche das neue staatliche Leben so wie die politischen Zeithändel den meisten deutschen Landesherrn zu Wege brachten, wurden diese zu einer strengen Anweisung und Ueberwachung der Fiskäle hinsichtlich der Verfolgung der Verbrechen und der Beitreibung von irgend bedeutenden Strafgeldern veranlaßt; nicht minder galt dies in soferne auch von den Fiskälen selbst, als diese häufig, ja in der Regel für ihre eigenen Einnahmen auf einen Antheil an den Strafgefällen und auf die von den peinlich Angeklagten im Falle der Ueberweisung zu zahlenden Kosten und Entschädigungen angewiesen waren. So erhielt sich denn ein gewisser Eifer der Fiskäle, öffentliche Verbrechen und Vergehen bei den Gerichten anzuzeigen, eine Untersuchung auf dem Wege der Klage einzuleiten und über die Vollstreckung der Strafe zu wachen. Durch eine solche Stellung und Wirksamkeit der Fiskäle, die als öffentliche Beamte und Vertreter des landesherrlichen Interesses in Verfolgung der Verbrechen oftmals Haß und Anfeindung erfuhren, aber auch immer den Schutz und die Beihülfe der Staatsbehörden ansprechen konnten und im Laufe der Zeit als eigentliche Beamte der höchsten Landesgerichte auftraten, ist in Verbindung mit dem Einflusse der Hexen=Prozesse eine Annäherung, ein Uebergang zu dem officiellen Unteruchungs=Verfahren in Strafsachen herbeigeführt worden.

Auch in Meklenburg hat eine solche Entwickelung der Dinge stattgefunden, welche hier durch geschichtliche Nachweisungen über die Bestellungen und die Wirksamkeit der Fiskäle in dem entscheidenden Zeitraume von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrh. näher zu begründen ist.

Ständige Fiskäle der weltlichen Landesherrn kommen in Meklenburg während der ersten Hälfte des 16. Jahrh. nicht vor; im Bisthume Schwerin scheint nach einzelnen Erlassen um d. J. 1540 eine und dieselbe Person als "bischofflicher Fiskal" in mehreren peinlichen Sachen thätig gewesen zu sein. Die weltlichen Landesherrn verwandten um d. J. 1564 einzelne ihrer gelehrten Hofräthe oder Räthe von Haus aus, wie den Dr. Erasmus Behm, nach Zeit und Umständen auch zur Betreibung von fiskalischen Sachen. Dieses Verhältniß leuchtet noch aus den ältesten vorhandenen Bestallungen der Fiskäle hervor. Zuerst nämlich war es der Herzog Johann Albrecht I. von Meklen=

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burg=Schwerin, der, bei Gelegenheit seiner Fahrt nach Speier und vermuthlich durch ähnliche Vorgänge in andern deutschen Ländern angeregt, Pfingsten 1568 den Dr. Sebastian Stelbage zum Hofrath auf 5 Jahre und insonderheit zum "Fiskal=Prokurator in allen fiskalischen Sachen" verordnete. Unter diesen zählt die Bestallung namentlich auf: "die Einbringung der verwirkten Bußen vnd Geldtstraffen", die Handhabung und Verfolgung der Amtsgrenzen und aller Regalrechte, der einschlagenden Lehnsfälle, der herrenlosen Güter, der betrügerischen Beamten, und fährt dann fort: "Und da sich auch Todtschläge, Ehebruch, Diebstal, Raub, oder ander dergleichen peinliche Felle zutragen, soll er mit allem Vleiße daran sein, daß dieselbigen gerechtfertiget, auch die Theter in den Embtern zu Hafften vnd geburlichen Straffen durch seine Ansuchung, Befurderung vnd rechtliche Verfolgung gebracht werden vnd zu der behuff dem peinlichen Procuratori oder Bluetschreier, den wir zu solchen Fellen zu bestellen willens, seine Anklage vnd fernere rechtliche Notturfft stellen und ime dazu als der Advocat vnd Ratgeber informiren" 1 ). Stelbage erhielt an Besoldung 250 Thlr. Gehalt, freie Wohnung, Kleidung und Unterhalt für 2 Personen bei Hofe, Holzgeld und nach 5 Jahren ein Gnadengeschenk von 1000 Thlr. Bald darauf, im J. 1572, bestellten beide Landesherrn Joh. Albrecht I. und Ulrich den Dr. Michael Graß zu Rostock als Fiskal beim Consistorium und beim Hof= und Landgericht und überwiesen ihm "alle Sachen, daran vnser vnd vnsers Fisci Interesse gelegen, vnd wir ihme befehlen oder die ihme sonstig aus gemeinem Gerucht vnd glaubwürdiger Nachricht furkommen mochten." Er erhielt 200 Thlr. Besoldung aus den fiskalischen Aufkünften und klagte übrigens 1587 dem Herzoge Ulrich: sein Amt sei "bei Menniglichen sehr verhaßt vnd mit nicht geringer Ungelegenheit verbunden". Weiter bestellten die genannten Landesherrn im J. 1573 den Dr. und Professor der Rechte Johannes Albinus zu Rostock zum "Procurator Fiscalis", namentlich beim "Landt= vnd Lehn=Gerichte", in der Art, wie den Michael Graß. Er erhielt anfänglich nur 100 Thlr. Besoldung, erst seit 1588 das Doppelte und zwar immer aus dem Ertrage der Strafgefälle, so wie 30 Gld. statt gewisser Naturalien. Für ihn scheinen zuerst eigene landesherrliche Schutzbriefe gegen "allerhandt Ungunst, Widerwärtigkeit vnd thetliches Fürnehmen", so wie Fuhr= und Ausrichtungs=Briefe an die Aemter ausgefertigt zu sein. Er erhielt nämlich freie Ausrichtung zum Besuche der Rechtstage und sonst


1) Der "Bluetschreier", welcher nun eigentlich nur ein Figurant war, kommt seitdem bei uns in Acten nur selten vor.
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so oft er erschien, freien Aufenthalt am Hoflager. Zugleich ward damals bestimmt, daß die fiskalischen Sachen auf den Rechtstagen immer zuerst vorzunehmen seien und daß der Fiskal nach Beendigung seiner Geschäfte als Beisitzer des Hof= und Landgerichts mit zu fungiren habe. Allen bisherigen Fiskälen war auch der Betrieb von privaten Partei=Sachen verboten, doch anscheinend nicht ganz erfolgreich.

Im J. 1602 bestellten die Landesherrn (Herzog Ulrich für sich und als meklenburg=schwerinscher Vormund) den Dr. Nicolaus Weselin als Fiskal mit 200 Thlr. Besoldung "aus dem Kasten der fiskalischen Gefälle", 30 Gld. statt Naturalien und mit freier Fuhr und Zehrung auf Reisen. Auch ertheilten sie ihm gleich Anfangs einen Geleits= und Schirmbrief. In der Bestallung des Weselin fallen zuerst die beiden frühern Bestimmungen hinweg: 1. daß der Fiskal nach Beendigung seiner Official=Sachen beim Hof= und Landgericht auch als Beisitzer fungiren soll; 2. das Verbot, außer den fiskalischen Sachen keinerlei Partei=Sachen und Privat=Procuraturen zu übernehmen. Wesentlich in derselben Weise ward im J. 1622 der jüngere Dr. Albinus und nach dessen Tode im J. 1626 der Dr. Nicolaus Wasmund als Fiskal bestellt. Besoldung, Geleitsbriefe u. s. w. sind die früheren. Die vorliegenden Dienstreverse dieser Fiskäle gehen wesentlich dahin: unpartheiisch gegen Jedermann die Dienstpflicht zu üben, von Niemandem Geschenke zu nehmen, alle Amts=Geheimnisse bis an die Grube zu bewahren. Der genannte Wasmundt scheint übrigens zuerst durch den Präsidenten des Hof= und Land=Gerichts im Namen der Landesherrn an sein Amt gewiesen und beeidigt zu sein; auch lautete seine Bestallung wie damals bei den Gerichts=Subalternen üblich war, auf 6 Jahre.

Wallenstein stellte (1630) den Licentiaten Kaspar Koch als Fiskal an und verwies ihn in der Bestallung ausdrücklich auf die neue Hof= und Landgerichts=Ordnung vom 2. Juli 1622, welche zuerst einen eigenen Titel: "Von des Fiskalis Ambte" enthält. Koch erhielt auch zuerst eine reine Besoldung von 400 Gld. aus der herzogl. Renterei, so daß alle übrigen Emolumente wegfielen 1 ). Dasselbe wiederholt sich im J. 1635 bei Bestellung des Dr. Theodor von Ose und bis über die Grenze unsers Zeitraums hinaus. Es bleibt nur übrig zu bemerken, daß beim Consistorium und später bei den Justiz=Canzleien ganz ähnliche Verhältnisse hinsichtlich der Fiskäle sich gestaltet haben.


1) Wallenstein hatte auch im Juli 1629 der herzoglichen Kammer befohlen, aus Mitteln des Amtes Sorge zu tragen, "nachdeme vnderweilen Gefangene ex officio eingebracht werden", diese zu beköstigen.
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Entsprechend den oben im allgemeinen und dann durch die Bestallungen der Fiskäle gegebenen Andeutungen zeigt sich in gleichzeitigen Acten die praktische Stellung und Wirksamkeit der Fiskäle in Meklenburg.

In den J. 1563 und 1565 wird in Schriften, welche von Lüder Lützow und Jürgen v. Bülow verübte Todtschläge betreffen, eines Fiskals überall nicht gedacht, sondern über Geleite, Erlassung von Strafgeldern, Begnadigung anf Fürbitten von Potentaten und peinliche Anklage durch eine der Parteien verhandelt; ja Herzog Ulrich selbst fordert in dem Falle des H. v. Bülow die Familie des Getödteten zur peinlichen Anklage auf.

Aber schon nach einigen Jahren, im Oct. 1568, tritt auf dem Rechtstage zu Wismar der Dr. Behm als herzoglicher Fiskal auf und sagt beschwerend: "das Morden will fast eine unstrafbare Gewohnheit werden; Todtschläge und Ehebrüche bleiben der Geschenke und der Privatpersonen Einmischung wegen ungestraft." Im J. 1568 beantragt auch schon der Fiskal gegen den flüchtigen Totschläger Levin Morin eine Art von Contumacial=Verfahren und verlangt insbesondere "annotationem bonorum". Hiergegen beschweren sich aber die Angehörigen des Morin als "des Furstenthumb Meckelnburg Gewonheit zuwidern". Gleichzeitig führen noch die Barsse mit den Bützow beim Hof= und Landgericht einen Diffamations=Prozeß wegen Todtschlags durch alle Stadien des damals bei den Obergerichten üblichen artikulirten schriftlichen Prozesses bis zum J. 1571 ohne Einmischung des Fiskals hindurch. Aus dem J. 1575 liegt ein "Vortzeichnus der newen fiscalischen Sachen jegen den Rechtstag den 4. October 1575" vor, welches der Herzog Joh. Albrecht, wie es scheint, auf dem Rechtstage mit eigener Hand fortgeführt und erweitert hat. Die meisten Schuldigen sind Lehnleute und bei Vielen ist als Vergehen der Todtschlag ("puncto homicidii") oder "vnbefugte Jagd" bezeichnet, gewöhnlich auch, ausgenommen bei manchen flüchtigen Todtschlägern, die Strafsumme, welche der Fiskal beitreiben soll, angegeben. Die meisten Fälle lauten so:

"Heidenreich Bibow in pto. 200 Thlr. verwirkter Peen; Reimar von Plessen in pto. 200 Thlr. Peen; Chim Hanen zu Baszdow von wegen unbefugter Jagd vnd 200 Thlr. Peen; Joachim Finecke in causa homicidii, wird persönlich citiret in contumaciam; Andreas von Kalen in pto. homicidii, fiscalis petit annotationem bonorum; Merten Ror vff 400 Thlr. Peen; Christoph Vierecke in pto. 600 Thlr. Peen."

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Es werden auch viele Partei=Sachen angeführt, bei denen sich wahrscheinlich durch Ungehorsam gegen den Richter oder Uebertretung landespolizeilicher Vorschriften, ein fiskalisches Interesse ergeben hat, z. B.

"Die Bibow ctra. die Bülow zur Siemen, 200 Thlr. poena, halff dem Part, halff dem Fiskal; Hans Brockhorst ctra. Cristoph Vierecke halff dem Part, halff dem Fisco."

Das Hervortreten der Fiskäle in den einzelnen Fällen scheint damals seltener aus eigener Bewegung, als auf landesherrliche Erlasse hin, welche gewöhnlich noch aus den Hofkanzleien auf Beschluß und unter Gegenzeichnung des Canzlers ergingen, erfolgt zu sein, wie denn solche Erlasse ziemlich häufig vorkommen.

Das Verfahren der Fiskäle, besonders in schweren peinlichen Sachen, geht aus einzelnen größeren Prozessen ziemlich klar hervor. So geschah in Sachen der Tödtung des Valentin Voß auf Rumpshagen, welche angeblich durch einen Wildschützen auf Anstiften des Pastors Elias Aderpful zu Flotow, des Buhlen der Engel Drake, des Ermordeten Ehefrau, geschehen war, die erste Anzeige durch die Verwandten des Getödteten im Oct. 1575. Herzog Ulrich erließ sogleich Steckbriefe gegen die Angeschuldigten und erwirkte deren Verhaftung. Sie wurden zuerst durch einen Notar über eine Reihe von Anzeigen, in General= und Spezial=Artikeln, verhört. Sodann trat der Fiskal ein, erklärte die Indicien für genügend zur peinlichen Belangung, klagte beim Hof= und Landgericht, übergab Peremtorial=Artikel über die Anzeigen, dann eigentliche Beweis=Artikel u. s. w. Gegen flüchtige Verbrecher stellten die Fiskäle ein Contumacial=Verfahren an. So klagte um 1578 der Dr. Michael Graß den flüchtigen Christoph Halberstadt wegen Todtschlags beim Hof= und Landgerichte an, ließ ihn mehrmals öffentlich citiren, führte den förmlichen Beweis, namentlich durch Zeugen=Aussagen, gegen ihn und erwirkte endlich im J. 1580 die gerichtliche Erkennung der Mordacht, welche in Patent=Form gedruckt und öffentlich angeschlagen ward.

Im Allgemeinen erscheint übrigens dieses Anklage=Verfahren der Fiskäle als sehr langwierig und mißlich; oftmals blieb es ganz unfruchtbar. Durch geschickte Advokaten der peinlich Beklagten, ferner bei dem noch herrschenden Quatember=System des höchsten Gerichts, (welches nur vierteljährlich 2 Rechtstage hielt), und bei der häufigen Schwierigkeit der dem Fiskal obliegenden Beweis=Last wurden manche wichtige Sachen furchtbar verschleppt und endlich ganz vergessen. So war eine ziem=

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lich klare Anklage=Sache des Fiskals wider Busse Pentz wegen Todtschlags v. J. 1589 bis zum J. 1614, also 25 Jahre, beim Hof= und Landgerichte anhängig. Zuerst nämlich blieb der Angeklagte aus, begab sich nach Holstein und verhehlte seine Güter. Der Fiskal hat im Juli 1590 die Mordacht gegen ihn purificirt. Als endlich die Verwandten des Erschlagenen ein Mandat an den Fiskal erwirken, die Execution in die Güter des Geächteten zu vollziehen und als nach neuer Zögerung hierzu endlich Anstalt gemacht wird, erscheint im J. 1605 der Angeschuldigte in Person, erklärt sich zur Prozeß=Führung bereit und weiß sich in Freiheit zu erhalten. Nun beginnt das eigentliche Verfahren im Wechsel von Satzschriften von Neuem und dauert fort bis zum J. 1614, wo Busse Pentz stirbt; — so daß es schließlich im Protocolle heißt: "mors". Ebenso ward eine Klage des Fiskals wider Dietrich v. Plessen auf Zülow wegen Tödtung des Vogtes Achim Schmides durch Fristgesuche, artikulirte Satzschriften ("libellus articul., responsiones singul., defensionales artic., respons. singul. ad defensionales, commissio et rotulus testium , articuli additional. et nova commissio, exceptio et reprobatio, conclusio Fiscalis et petitio, conclusio des Angeklagten") so wie durch Acten=Versendung und Rechtsbelehrungen von Fakultäten vom J. 1596 bis zum J. 1601 hingehalten, wo der Angeklagte in eine fiskalische Pön von 300 Thlr. und in Erstattung aller Kosten des Fiskals (44 Gld. 20 ßl.) verurtheilt wird. Gleichmäßig verlief vom J. 1597 bis zum J. 1602 die Klagesache des Fiskals wider Hans Valentin Vieregge auf Barentin wegen Tödtung eines Knechts beim Bankette, in welcher Sache der Angeklagte schließlich (durch Belehrung der Fakultät zu Helmstadt) wegen begangenen "excessus" in 100 Gld., an die Armen oder an den Bruder des Entleibten zu zahlen, condemnirt ward.

Ueblich war bei diesem Verfahren damals noch die Ertheilung von herzoglichen Geleitsbriefen ("fur Unrecht vnd Gewalt zum Rechten vnd nicht weiter") an den regelmäßig persönlich citirten Angeklagten, so wie persönliche Haft desselben, von welcher er sich durch Caution oder Bürgschaft, auch wohl eidlichen Revers befreien konnte. Dagegen fällt begreiflich die frühere Gegenhaft des Anklägers bis zu erwiesener Sache hier in Hinsicht auf den anklagenden Fiskal schon gänzlich weg.

Wo Privat=Aussöhnung und verdeckte Composition der Parteien in Todtschlags=Sachen noch vorkommt, läßt sich doch auch gewöhnlich — zumal bei wohlhabenden Parteien — der Fiskal mit vernehmen. So hatte David Hahn 1589 in der Trunkenheit den Andreas Marin erschlagen und war landflüchtig

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geworden. Er that später an der märkischen Grenze dem Henning und der Catharina Marin Abbitte, verhieß ihnen 800 Thlr. "ad pios usus" und außerdem "auch den Fiskum auf ferneres Anhalten zu vergnügen." Ebenso mußte Christoph Vieregge auf Wustrow am 26. Juni 1615 zu Schwerin wegen schwerer Verwundung des fürstlichen Küchenschreibers zu Bukow sich zu einer Zahlung von 500 Gld. ad fiscum reversiren, unter Verpfändung aller Güter.

Jm Laufe der Zeit erweiterte sich der Betrieb der Fiskäle und dehnte sich auch auf mehr geringfügige Sachen aus. Manche Verzeichnisse "der straffwürdigen Personen, so wider J. F. G. Mandata vnd Citationes gesündiget" weisen nur unerhebliche Strafsummen auf, wie z. B. ein solches Verzeichnis aus dem J. 1585 an 18 Fälle aufführt, von denen keiner über 25 Thlr. beträgt, so daß die gesammte Summe nur 226 Thlr. ausmacht. Oefter wurden auch erkannte Strafen für Ausbleiben vom Termine, Nichtachtung von Erkenntnissen, so wie für Gewaltthaten bei Grenzirrungen, Pfändungen u. s. w., hinterher wesentlich ermäßigt, bisweilen ganz erlassen.

Um das J. 1620 waren wieder viele bedeutende Prozesse der Fiskäle beim höchsten Gerichte anhängig, namentlich wegen Totschlags, Landfriedensbruchs, Jagdfrevel u. s. w., so daß der jüngere Albinus wie auch der Dr. Jacob Heine überreichlich beschäftiget waren. Die meist von Vasallen, wie den v. Bassevitz, Hahn, Holstein, Kamptz, Lützow, Maltzan, Moltke u. A., beizutreibenden Strafgelder erreichten einen sehr hohen Betrag. Gleichzeitige Klagen der Fiskle über erfahrene Bedrohung und über die mit ihrem Amte verbundene vielfache Anfeindung, sind bezeichnend für diesen Zeitraum.

Inmittelst waren aus den Hofcanzleien abgezweigte und mehr selbstständige Justiz=Canzleien erwachsen, bei denen die Landesherrn nun gleichfalls eigene Fiskäle ernannten, deren Stellung indeß in Beihalt der Bestimmungen des Titel 5, Th. I. der Hof= und Landgerichts=Ordnung v. J. 1622 ("Von des Fiscalis Ambte") theils minder bedeutend, theils mit mehr Schwierigkeit und Mühe verbunden sein mochte, als die des Fiskals beim höchsten Gerichte. Gewiß ist, daß die Landesherren an dem Betriebe der Canzlei=Fiskäle, zumal sich die Justiz=Canzleien an Ort und Stelle der herzoglichen Hoflager befanden, besondern Antheil nahmen. Dies tritt merkwürdig um das J. 1634 hervor, wo mitten in der unheilvollen Kriegszeit und kurz nach der Befreiung vom Wallensteinschen Regimente sehr wenig Thätigkeit im fiskalischen Betriebe herrschte. Am 17. Oct. 1634 erließ Herzog Adolph Friedrich ein sehr ernstes Mandat an den Schweriner Canzlei=Fiskal Joh. Ludeking wegen seiner amtlichen großen

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Versäumniß: "solcher eur Vnfleiß — sagt der Herzog — gereicht Vns zu merklichem Schaden, indeme keine Straffgelder einkommen, zumaln auch die schleunige administratio justitiae dadurch gehindert wird." Eine regelmäßige Einreichung von Verzeichnissen aller laufenden fiskalischen Sachen ward um diese Zeit den Fiskälen von den Landesherrn zuerst aufgegeben oder doch besonders eingeschärft. Aufklärend endlich ist noch ein Rescript des Herzogs Adolph Friedrich an die Justiz=Canzlei zu Schwerin vom 28. Dec. 1636, die Beförderung des Betriebs der fiskalischen Sachen betreffend, welches dahin geht: es wurden den fiskalisch Beklagten zu "viele vnd lange dilationes zu Einbringung ihrer Notturfft eingereumet, fortan sollten "vnnötige dilationes nicht verhenget, auch den Beklagten keine so gar weite terminos" verstattet werden. Die Canzellisten sollten die fiskalischen Sachen, als des Herzogs eigene Sachen, fleißiger, als bisher, schreiben; der Amts=Notar solle für die armen Parteien die Zeugen unentgeldlich abhören; der Fiskal solle zu Haltung eines tüchtigen Schreibers 100 Gld. Zulage erhalten und zwar von den einkommenden fiskalischen Strafgeldern; der Botenmeister solle in den fiskalischen Sachen eigene Boten zur Insinuation der Mandate abschicken und den Botenlohn aus den Strafgeldern nehmen. Dann folgt eine spezielle Anweisung über das weitere Verfahren des Gerichts in einer Reihe genau bezeichneter fiskalischer Prozesse.

Schließlich mögen hier noch einige Nachweisungen über die frühzeitige Anwendung des Inquisitions=Verfahrens in Meklenburg Platz finden. Dasselbe fand nämlich seit der Mitte des 16. Jahrb., abgesehen von den Hexen=Prozessen, besonders in solchen Fällen statt, welche unter den Begriff der Majestäts=Verbrechen fielen, wobei zu bemerken, daß dieser Begriff damals in einem ziemlich weiten und unbestimmten Umfange genommen ward. Gegen den bekannten Urkunden=Fälscher, Notar Wilhelm Ulenoge, der auch manche landesfürstliche Siegel und Schriften nachgeahmt hatte, ward im Dec. 1569 der Prozeß mit gefänglicher Einziehung und geheimer Abhörung durch den Canzler Husan und einige fürstliche Räthe, auf vorher entworfene peinliche Fragen, begonnen. Auch das weitere Verfahren gegen ihn war durchaus inquisitionsmäßig, ohne Zuziehung des Fiskals, mit Anwendung der Folter. Gegen seine Mitangeschuldigte, die Wittwe des Vasallen Carin Moltke auf Tützen, ward anfangs auch mit Verhaftung und Abhörung durch die fürstlichen Räthe begonnen, hernach aber der Fiskal Dr. Stelbage, mit Führung des Anklage=Prozesses beauftragt. Aehnlich wie gegen Ulenoge ward in den J. 1615, 1616 gegen den zu

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Schwerin gefangenen Emanuel Phocas verfahren, der sich für einen Abkömmling der griechischen Paläologen und für ein Opfer des türkischen Fanatismus ausgab, als welcher er längere Zeit Bettelei und Glücksritterei in den meklenburgischen Landen betrieben hatte. Auch der seit dem J. 1620 gegen Anna von Cramon, des Joachim v. Bülow auf Karcheez Wittwe, wegen angeschuldigter Lebens=Nachstellung und insbesondere versuchten zauberischen Giftmordes gegen den dänischen Prinzen Ulrich, Administrator des Stifts Schwerin, geführte peinliche Prozeß ist in dieser Beziehung lehrreich. Anfänglich geschah die Verfolgung nur durch den Fiskal des Stiftes, hernach ward auch hier inquisitorisch von einer Untersuchungs=Commission zu Rostock verfahren. Solche und ähnliche Fälle betreffend, heißt es in Gutachten, welche aus der Zeit um 1620 vorliegen, wörtlich: "Erstlich, weil die furgenommene inquisition nunmehr anstadt der accusation gelten vnd gebrauchet werden soll, so wird zu betrachten sein, ob sichs nicht geburet, daß dem Angeklagten copia articulorum wehre zugeschicket" etc. .

Das inquisitorische Verfahren kam ferner nachweislich, außer in Fällen von sogenannter Hexerei und Majestäts=Verbrechen, in Meklenburg auch noch sonstig in dem Zeiträume von der Reception der Carolina bis um d. J. 1650 vor. Es geschah dies sowohl bei den herzoglichen Aemtern, wie besonders in den Städten. Die Grundlagen zu einem amtlichen Untersuchungs=Verfahren, auch durch die Niedergerichte, waren in der Carolina selbst gegeben: zunächst in Art. 8, der da nachweist, wie bei offenbar vorliegenden schweren Verbrechen zur peinlichen Frage geschritten werden soll; sodann in Art. 219, welcher die Richter zur Raths=Erholung anweist in dem Falle, "wo die Obrigkeit ex officio wider einen Mißhendler mit peinlicher Anklage oder Handlung vollenführe"; und besonders in Art. 214, welcher bestimmt, daß Niemand, der in Fällen von Raub oder Diebstahl auf gütlichem Wege seine Habe wieder erlangt, zum Klagen soll genöthiget werden, und so schließt: "Und wo der Beschädigte nicht peinlich klagen wollte, so soll dennoch die Obrigkeit den Thäter nichts desto weniger von Amtswegen rechtfertigen und nach Gelegenheit straffen lassen".

Auch die meklenburgische Gesetzgebung wies schon in der Polizei= und Land=Ordnung (1562, 1572) Titel: "Von Todtschlag", so wie in der Hof= und Land=Gerichts=Ordnung vom J. 1570, Titel: "Von Peinlichen Sachen" auf die Strafen und das Verfahren der Carolina hin. Nicht minder ward wohl auf das amtliche Untersuchungs=Verfahren durch eine Bestimmung der

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neuen Hof= und Landgerichts=Ordnung vom J. 1622, Titel:"Von des Fiscalis Ambte" hingewirkt, welche so lautet:

"sondern der Fiskal soll auch insgemein embsiglich dahin trachten, daß alle maleficia vnd Mißhandlungen, darin vns auch ohne einigen Ankleger vnsers landesfurstlichen Ambts zu gebrauchen oblieget, zur gerichtlichen Cognition vnd Bestraffung mugen gezogen werden. Und soll er in solchen Fällen zu einem jeden actu von vns keinen sondern Befehl gewarten, sondern die dazu gehörige nothwendige inquisitiones vnd andere process auf vorgehende gnugsame indicia vnd erlangten glaubhafften Bericht fürnehmen vnd fortsetzen."

Unmittelbar darauf ergeht dann die Weisung an alle Niedergerichte, dem Fiskal alle die Gerichtsbarkeit des höchsten Gerichts angehende Verbrechen von Amtswegen "nebenst einer darüber von ihnen aufgenommenen genugsahmenKundschafft" zu vermelden.

Gemäß dieser gesetzlich eingeschlagenen Richtung, wie überhaupt der damaligen Entwickelung des Staatslebens finden sich schon um das J. 1570 hin und wieder Verhandlungen bei den Amtsgerichten über ein ex officio eingeleitetes peinliches Verfahren, namentlich gegen offenbare Diebe und Räuber, oder Personen, welche dieser Verbrechen dringend verdächtig waren. Die Gefangenen wurden gewöhnlich in Beisein des Hauptmanns und Küchenmeisters, auch wohl des "Richtehern vnd Stadvogedes" vom Amtsnotar über Artikel abgehört; oder es wird ihr Geständniß, wenn sie "alsfort vngepeinigt guttlich bekennet", zu Protokoll genommen. Ausdrücklich wird zuweilen bemerkt, daß solchen "Jnquistten" gleich anfänglich "der Scharffrichter furgestellet" sei. Gewöhnlich ward dann eine Belehrung aus der Hofcanzlei eingeholt und nach deren Eintreffen rasch mit der Execution vorgegangen.

Noch entschiedener machte sich in den größeren, verkehrreichen Städten Meklenburgs 1 ) seit der Mitte des 16. Jahrh. das allgemeine Interesse an der Sicherheit von Person und Eigenthum auch in Beziehung auf das peinliche Verfahren geltend. Es kam das Streben der Obrigkeit hinzu, die bei der Ungunst der Zeiten gefährdeten Stadteinkünfte durch eifrige Beitreibung von Strafgefällen (Bruchgelder) zu verbessern. Deshalb stand man in Fällen offenbarer Verbrechen, besonders wo Todtschlag, Raub und Diebstahl vorlagen, nicht an, auch ohne Ankläger ein amt=


1) Vgl. Pohle, a. a. O. S. 82, 83.
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liches Verfahren der "Untersuchung des Casus" zu beginnen, wie denn dies auch bei andern Vergehen geschah wenn sie durch die Stadt=Statuten besonders verpönt waren oder die Sicherheit der ganzen Stadt zu bedrohen schienen. Im Wesentlichen bestand das Verfahren dabei in einer inquisitorischen Voruntersuchung, welche aber eigentlich die Sache schon erschöpfte, und sodann in einem schließlichen, das heißt, vor der Hinrichtung stattfindendem öffentlichem und mündlichen Anklag=Verfahren, bei welchem, namentlich in den Seestädten, Fiskal, Frohn, Scharfrichter mitwirkten und welches jedenfalls mehr den altüblichen Formen ein Genüge thun, als dem Interesse des Angeschuldigten dienen sollte.

Uebrigens liefen in Meklenburg das inquisitorische und das fiskalische Verfahren bis in ganz neue Zeiten neben einander fort, ohne daß eine scharfe Scheidung und Begrenzung derselben stattgefunden hätte, so jedoch, daß das hergebrachte fiskalische Verfahren als der ordentliche peinliche Prozeß betrachtet ward; — ein Verhältnis, welches eine gedeihliche Entwickelung der peinlichen Rechtspflege wesentlich gehemmt hat. So wird in der Verordnung des Hz. Gustav Adolph vom 6. Juni 1663 zur Verhütung von Meineiden bestimmt, daß künftig in Criminal=Fällen mit den "Beschuldigten und Inquirendis keine eidliche responsiones" vorzunehmen seien. So berichtet die Güstrower Justiz=Canzlei in einer fiskalischen Sache wider den Rittmeister von Zülow, wegen tödtlicher Verwundung des v. Restorff auf Pritz, unter dem 20. Juli 1747 an die Regierung: daß "in hoc casu wohl nicht inquisitorie, doch aber per processum fiscalis accusatorium, hinc ordinarium verfahren" sei. Am 16. Nov. 1710 fragt die Schweriner Justiz =Canzlei bei dem Hz. Carl Leopold an, wie sie sich bei den jetzigen Zeiten, namentlich bei den vielen Exzessen der Edelleute "in der Handhabung der Criminal=Jurisdiction zu verhalten habe"? und weist dabei auf die üblen Folgen hin: "wann eclatiren sollte, daß wir weder Leute, noch Gefängnisse, noch Mittel zu den Unkosten in Criminal=Sachen haben".

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X.

Zur Geschichte

des Klosters und der Kirche zu
Tempzin,

und
der Filial=Präceptoreien
Mohrkirchen, Frauenburg und Lennewarden,

von

G. C. F. Lisch.


I m Jahresberichte III, S. 155, ist über die Kirche zu Tempzin und die noch stehenden Klostergebäude ein Bericht gegeben, welcher noch etwas unbestimmt gehalten ist, da es damals noch an Material zu der Geschichte des Baues fehlte. Nachdem aber in neuern Zeiten sehr versteckt gewesene, wichtige Nachrichten entdeckt sind, ist es möglich geworden, die interessante Geschichte nicht allein des Kirchenbaues, Sondern auch des Stiftes selbst in klaren Umrissen darzustellen. Die wichtigste Entdeckung ist ein Notariats=Instrument 1 ) vom 5. Aug. 1470, in welchem die damaligen Brüder des Hauses, nämlich Johann Brand, Johann Hagenow, Henning Röpke, Eberhard Eberhardi, Johann Dule, Barthold Ponnick und Johann Möller, vor Notar und Zeugen eine Darstellung der Schicksale der Präceptorei geben, um dadurch den Zustand der Stiftung vor Augen zu legen.

Die Antonins=Präceptorei Tempzin war im J. 1222 von dem Fürsten Borwin I. gestiftet 2 ) und die Stiftung von der im J. 1103 gegründeten Präceptorei Grünberg, im jetzigen Großherzogthume Hessen=Darmstadt, veranlaßt. Zu Grünberg hatte der General=Ppräceptor des Ordens für die deutsche Zunge 3 ) seinen Sitz; diese Stiftung war von der Mutter=Präceptorei zu


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XVII.
2) Vgl. Rudloff Urk. Samml. Nr. II.
3) Der Präceptor von Grüneberg heißt "preceptor generalis domus et balliuie sancti Anthonii in Grunenberg".
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Vienne in Frankreich ausgegangen, welche unmittelbar unter dem Papste stand. Die Antonius=Präceptoreien waren hauptsächlich Hospitale zur Krankenpflege 1 ) und wurden großen Theils durch Almosen erhalten, welche die Brüder einsammelten; außerdem hatten diese Klöster den vollen Gottesdienst anderer Klöster.

Schon vor der Stiftung des Hauses zu Tempzin hatte der Präceptor von Grünberg Brüder zum Almosensammeln in die eben bekehrten Wendenländer geschickt. Da aber die Entfernung zu weit war und die "Wunder 1 ) sich mehrten", so ward unter dem zweiten schweriner Bischofe Brunward die Stiftung des Hauses zu Tempzin oder Tunischin durch dem Fürsten Borwin veranlaßt.

Es wurden Wohnungen gebauet und von den Mutterstiften Vienne und Grünberg Brüder nach Meklenburg gesandt. Das Stift erhielt vom Papste Erlaubniß, die 5 Bisthümer Schwerin, Lübeck, Ratzeburg, Havelberg und Camin zum Almosensammeln durchwandern zu lassen; das Stift, im Bisthume Schwerin, lag nur wenige Meilen von den Grenzen der übrigen Bisthümer.

Die Stiftung zu Tempzin war aber lange Zeit sehr unsicher. Die Präceptorei Grünberg behandelte die Stiftung zu Tempzin nur als ihr Nebenhaus für das Unterkommen der Brüder und Vorsteher, die sie lange Zeit hindurch nach Meklenburg sandte und nach Belieben zurückrief, und eignete sich sämmtliche Ueberschüsse der Einkünfte und wohl noch mehr zu. Es ward freilich einige Zeit nach der Stiftung bestimmt, daß von den Ueberschüssen eine steinerne Kirche und dauerhafte Wohnhäuser für die Priester des Ordens und die notwendigen Wirtschaftsgebäude gebauet werden sollten; aber die beständig zu= und abgehenden Brüder von Grünberg schleppten Alles aus dem Lande, was nur irgend aufzutreiben war, und setzten sogar des Ordens Zwecke ihrem eigenen Vortheile hintenan; sie sollen ungeheure Summen Geldes aus den Wendenländern nach Hessen entführt haben. Die Franzosen, welche aus dem Kloster zu Vienne auch nach Tempzin kamen, waren völlig unbrauchbar, da sie die deutsche, zumal die niederdeutsche Sprache nicht verstanden. Diese heillose


1) Auf die Krankenpflege bezieht sich noch die Sage von der Heilkraft einer Quelle nicht weit von dem Hofe und der in der Urkunde von 1222 angegebene Name des Baches: Tepenice (=Warmwasser). Auch der Herzog Christoph ließ auf dem Heiligenberge bei Tempzin nach Mineralien graben, wohl durch alte Sagen veranlaßt; vgl. Jahrb. VII, S. 61. Der unter den Urkunden Nr. XX. mitgetheilte Ablaßbrief des Bischofs Martin von Camin vom 22. Febr. 1507 hebt es besonders hervor, daß die Präceptorei besondere Heilmittel (singularia corporum remedia) für Sieche und Kranke habe.
1) Auf die Krankenpflege bezieht sich noch die Sage von der Heilkraft einer Quelle nicht weit von dem Hofe und der in der Urkunde von 1222 angegebene Name des Baches: Tepenice (=Warmwasser). Auch der Herzog Christoph ließ auf dem Heiligenberge bei Tempzin nach Mineralien graben, wohl durch alte Sagen veranlaßt; vgl. Jahrb. VII, S. 61. Der unter den Urkunden Nr. XX. mitgetheilte Ablaßbrief des Bischofs Martin von Camin vom 22. Febr. 1507 hebt es besonders hervor, daß die Präceptorei besondere Heilmittel (singularia corporum remedia) für Sieche und Kranke habe.
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Wirthschaft dauerte an 150 Jahre und Tempzin hatte kaum eine hölzerne Kapelle und einige ärmliche Wohnungen.

Da ward von Grünberg der Ordensbruder Petrus Barlonis (1390- 417) als Vorsteher nach Tempzin geschickt, ein äußerst verdienstvoller, kräftiger Mann, welcher nicht allein die Selbstständigkeit der Präceptorei Tempzin errang, sondern auch alles schuf, was zu einem geordneten Kloster nöthig war. Er erhielt endlich vom Papste Johann 23. am 3. März 1415 das Privilegium, Ordensbrüder anzusetzen 1 ) (privilegium creationis fratrum) und richtete einen vollständigen Klostergottesdienst ein, in Folge dessen sich die Altäre und frommen Stiftungen für die Kirche mehrten. In Uebereinstimmung mit den Landesherren erbauete er auch eine steinerne Kirche und führte passende Klostergebäude auf. Peter Barlonis war gewissermaßen der Gründer der Präceptorei Tempzin, deren Geschichte eigentlich erst mit ihm beginnt. Die Präceptoren von Tempzin gehörten seitdem zu den landständischen Prälaten und saßen häufig im Fürstenrathe. Nachdem Peter Barlonis festen Fuß gefaßt hatte, war er nicht zufrieden mit dem Glanze seiner eigenen Stiftung, sondern sandte auch Ordensbrüder nach Holstein, Dänemark, Schweden und Norwegen. Diese Missionäre und Almosensammler stifteten ein neues Ordenshaus zu Môrkerke, d. i. Mohrkirchen 2 ) in Schleswig, im Amte Gottorf; dies geschah ungefähr um das J. 1400.

Peter Barlonis regierte an 30 Jahre und starb nach einem segensreichen Wirken wahrscheinlich im J. 1417; am Sonntage nach Ostern 1418 wird seiner als eines Verstorbenen gedacht.

Nach diesen Nachrichten läßt sich nun der Bau der Kirche genau bestimmen. Die jetzige Kirche besteht aus zwei ganz verschiedenen Theilen: einem einfachen oblongen Chor ohne Seitenschiffe, und einem Schiffe mit zwei weiten Seitenschiffen. Der Chor, in einem ernstern, strengern Style, ist unter Peter Barlonis (1390-1417), also ohne Zweifel in den ersten Jahren nach 1400 gebauet. Im J. 1406 verlieh der Bischof von Ratzeburg der Kirche einen Ablaß; damals war also die Kirche wohl noch im Bau begriffen. Im J. 1411 war sie aber schon fertig, da der Präceptor Petrus Barlonis am 18. Aug. 1411 zwei Priester zu einem neu gestifteten Altare in dem neuen Hospitale (in novo hospitali) zu Tempzin bestellte 3 ).


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XV. Diese wichtige Urkunde ist nur in einer von dem Concepte genommenen Abschrift erhalten.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. XVII.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. XIV.
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Man bemerkt den Anbau des jüngern Schiffes an der äußern Nordwand ziemlich klar. Es mögen Pfeiler und Mauern von dem alten Schiffe aus dem J. 1400 in den neuern Umbau hinübergenommen sein; aber das Schiff in seiner jetzigen Gestalt stammt aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts.

Nach ihm wurden zwei Präceptoren von Grünberg gesandt, welche vielleicht noch toller wirtschafteten, als es vor Peter Barlonis geschehen war, und nicht allein wieder große Summen aus dem Lande schleppten, sondern auch alle wohlthätigen Einrichtungen ihres Vorgängers zerstörten.

Der erste war Heinrich Slitze, welcher (Hinricus Slydze canonicus monasterii sancti Antonii, ordinis sancti Augustini, Viennensis diocesis, praeceptor domus sancti Antonii in Temptzin, Zwerinensis diocesis) zuerst im J. 1419 auftrat. Er sammelte große Schätze und schleppte nicht allein diese, sondern auch die Urkunden der Präceptorei, namentlich das privilegium creationis fratrum nach Grünberg. Er erscheint zuletzt im J. 1430 und war im J. 1437 todt.

Ihm folgte Johann Marburg, welcher zuerst 1434 genannt wird. Dieser wirthschaftete noch toller und raffte nicht nur alles vorhandene Geld zusammen, sondern machte auch Schulden, wo er konnte. Als er genug Geld zusammengescharrt hatte, resignirte er im J. 1444 und ging mit den Schätzen nach Grünberg.

Ueber diese Wirthschaft war ein edler Mann schon lange entrüstet: Heinrich Hagenow, wahrscheinlich ein Meklenburger, ein reicher Mann, Official der Propstei zu Schwerin. Dieser entsagte seinem Amte und trat in den Orden. Nachdem Johann Marburg resignirt hatte, ward er Präceptor und gab dem Kloster alles, was er hatte. Die Schuldenlast der Präceptorei betrug 30,000 rhein. Goldgulden. Als Johann Marburg mit den Schätzen entwichen war, verbreitete sich schnell das Gerücht von der Verschuldung der Stiftung, und jeder forderte oder kündigte seine Darlehen. Hagenow befriedigte im ersten Jahre mit seinem Gelde die hartnäckigsten und bedürftigsten Gläubiger. Da aber seine Mittel nicht ausreichten, alle Gläubiger zu befriedigen, so entstand Volksaufruhr gegen ihn und das Stift, und seine Priester wurden von den Städten Lübeck, Schwerin, Rostock und Wismar und andern Orten ausgeschlossen und verfestet. Hagenow trug Undank und Schmach mit Standhaftigkeit und wirkte unermüdlich fort. Er bezahlte die Schulden bis auf 7000 Gulden, verschaffte sich aus Rom beglaubigte Abschriften von allen Privilegien, namentlich von dem privilegium creationis, und stellte die von Peter Barlonis geschaffene Klosterordnung und

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den Gottesdienst wieder her. Johann Hagenow regierte 34 Jahre und starb im J. 1474.

Nach ihm ward Gerhard Schütte (oder Sagittarius) 1475 von dem grünberger General=Präceptor Conrad Angerbach als Präceptor eingesetzt. Kaum hatte er drei Jahre gesessen, als Angerbachs Nachfolger, Girinus Martini, welcher auch päpstlicher Protonotar war, in Abwesenheit der auf Reisen befindlichen Brüder nach Tempzin kam, um das Stift zu visitiren. Er drohete dem Präceptor Schütte mit dem Banne, zwackte ihm 300 Goldgulden, die dieser zu Lübeck leihen mußte, für die Visitation ab, drängte ihn zur Abdankung, setzte seinen Bruder Gerhard Martini ein und nahm die von Hagenow angeschafften Privilegienabschriften, und wiederum auch das privilegium creationis, mit sich fort. Am 26. Oct. 1478 bestätigte der Abt von Vienne die Einsetzung des Gerhard Martini.

Gerhard Martini, beider Rechte Doctor, saß aber nur kurze Zeit in Tempzin; er ward im Anfange des J. 1481 Präceptor zu Memmingen und entsagte der Präceptorei Tempzin. Sein Nachfolger zu Tempzin ward Jacob Ebelson, Bruder des Klosters zu Grünberg, nach dem Namen wahrscheinlich ein Schleswiger aus Mohrkirchen, dessen Tugenden in den Urkunden seiner Vorgesetzten sehr gerühmt werden. Am 26. Jan. 1481 bestellte der General=Präceptor Girinus Martini den Jacob Ebelson zum Präceptor von Tempzin. Bei dieser Gelegenheit sprach der General=Präceptor die Behauptung aus, daß Tempzin zur Präceptorei Grünberg gehöre ("quod preceptoria domus sancti Anthonii in Temptzin domui et preceptorie in Grunenberch sit immediate subiecta, cujus cura, collatio, administratio et prouisio et quelibet alia dispositio, tam in spiritualibus, quam in secularibus, ad domum Grunenberch pleno iure dinoscitur spectare).

Aber Ebelson war auch nicht lange Präceptor. Der unter dem Präceptor stehende Procurator, damals Johann von Avignon(?), resignirte auch. Und nun gab der General=Präceptor Girinus Martini am 25. April 1482 die Präceptorei Tempzin wieder seinem Bruder Gerhard Martini, welcher zugleich Präceptor zu Memmingen war.

Bald nach der ersten Bestellung des Gerhard Martini zum Präceptor traten die oben genannten 7 Brüder der Präceptorei, die nach und nach wieder heimgekehrt waren, zusammen, um das vom Anfange her von der Präceptorei Grünberg beobachtete Verfahren öffentlich bekannt zu machen und gegen dasselbe zu protestiren, da es sich ganz darnach anließ, daß die Präceptoren das alte Spiel wieder beginnen wollten, nachdem die Schulden bezahlt

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und die Güter gebessert und vermehrt waren. Am 5. Aug. 1470 ließen sie die Geschichte ihres Klosters und das eigenmächtige Verfahren der Präceptorei Grünberg vor Notar und folgenden Zeugen abfassen, nämlich dem Propst Nicolaus Kummerow von Neu=Kloster, dem Thesaurarius und Domherrn Dietrich Knolle, dem Pfarrer Bernhard Kolbow von S. Georg zu Parchim, dem Vikar Heinrich Mögeköp von Brüel und dem Burgemeister Barthold Bornehöved von Schwerin, bejahrten, ehrenwerthen und anständigen Männern, welche alle erzählten Umstände selbst erlebt hatten, da sie in ihrer Jugend als Priester im Dienste der Präceptorei gestanden hatten, und die völlige Wahrheit der ganzen Aussage versicherten 1 ). Der General=Präceptor schickte einen fremden Bruder nach dem andern als Präceptor ins Land; aber der Convent des Klosters beharrte bei seinem Rechte und Gerhard Schütte blieb bis zu seinem Tode Präceptor bis zum J. 1490.

Erst unter den folgenden Präceptoren nahm das Kloster den ihm gebührenden Rang ein und hob sich in kurzer Zeit sichtlich wieder.

Barthold Ponnick (1490-1500), einer der protestirenden Brüder von Tempzin, war der nächste Präceptor. Dieser, welcher ein etwas verschwenderisches Regiment führte, bauete im J. 1496 das große, massive Wirtschaftsgebäude 2 ) im Spitzbogenstyl, dessen Ringmauern noch stehen.

Ihm folgte Johann Kran (1500-1518), ein hoch verdienter Mann, der auch als meklenburgischer Prälat und fürstlicher Rath in Landesangelegenheiten vielfach thätig war.

Dieser Präceptor hat ohne Zweifel das Schiff der Kirche gebauet, oder doch mit zwei Seitenschiffen und dem Thurme erweitert, wie es noch heute steht. Die in die Seitenwand des Schiffes eingemauerte Inschrift 3 ) auf 7 Ziegelsteinen:

Inschrift

bezieht sich ohne Zweifel auf den Neubau des Schiffes; vielleicht fehlt ein Stein am Ende mit der mindern Zahl, da der Bau im ersten Jahre der Regierung des Präceptors wohl kaum so weit gediehen sein konnte; jedoch kann die Inschrift auch vollständig und nachgesetzt sein, um das Anfangsjahr des Baues für die Geschichte aufzubewahren. Für den Kirchenbau zeugen auch die Ablaßbriefe, welche die Bischöfe von Ratzeburg 4 ) am


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XVII.
2) Vgl. Jahresber. III, S. 158.
3) Vgl. Jahresber. III, S. 157.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. XVIII.
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14. Sept. 1504, von Havelberg 1 ) am 18. Febr. 1507 und von Camin 2 ) am 22. Febr. 1507 der Kirche verliehen, ohne Zweifel, wie gewöhnlich, zur Unterstützung eines Kirchenbaues. Namentlich hebt der Ablaßbrief des caminer Bischofs es besonders hervor, daß er zur Herstellung und Erhaltung der Gebäude der Präceptorei und überhaupt zum Bau gegeben sei. Das Schiff der Kirche ist also seit dem J. 1500 sicher in dem ersten Jahrzehend des 16. Jahrh. erbauet und also eine der jüngsten Kirchen im Lande.

Johann Kran resignirte im J. 1518, im 18. Jahre seiner Regierung, und starb im J. 1524. Der ausgezeichnet schöne Leichenstein des verdienstvollen Mannes ist zum Leichensteine für die Herzogin Sophie von Lübz benutzt 3 ) gewesen und liegt in der Kirche zu Lübz.

Kran's Nachfolger, Johann Wellendorf (1518-1529), regierte nur ungefähr 10 Jahre. Er bauete das Thorhaus 4 ) und vollendete damit das Kloster, welches jedoch schon seinem Untergange entgegenging.

Sein Nachfolger Gregor Detlevi (1529-1552) fristete in der schon lutherisch gewordenen Zeit nur eine Scheinregierung. Im J. 1552 ward das Stift säcularisirt, im J. 1554 erhielt Detlevi zur Abfindung den Kloster=Hof Blankenberg auf Lebenszeit und im J. 1557 ward das alte Klosterhaus abgebrochen 5 ), um die Materialien zum Schloßbau in Schwerin zu benutzen. In der Renterei=Rechnung vom J. 1557 heißt es:

"5 Thaler walmeister zu abbrechung des alten Hauses zu Temptzin, Swerin den 7. September."

Der Präceptor des Stiftes Tempzin hieß: magister oder praeceptor, oder deutsch: meister oder bedeger. Unter ihm zunächst stand ein Vorsteher, welcher in den Zeiten der Vacanz der Präceptorei oder der Abwesenheit des Präceptors die Regierung führte; dieser hieß: procurator oder locumtenens, oder deutsch: vorstender 6 ). Ein solcher "Vorsteher" war während der Sedisvacanz nach Peter Barlonis Tode und unter Heinrich Slitze der "vorstander" oder "vorstender" Heinrich von Grobe oder de Grobis.


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XIX.
2) Vgl. daselbst Nr. XX.
3) Vgl. Jahrb. IX, S. 457.
4) Vgl. Jahresber. III, S. 158.
5) Vgl. Jahresber. V, S. 50.
6) Vgl. z. B. Urk. Samml. Nr. XVI.
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Die Präceptoren des Stiftes Tempzin.
Petrus Barlonis 1390 † 1417 (1418 Ostern war er todt).
Heinrich Slitze 1419-1430 (1437 war er todt).
Johann Marburg 1434-1444 (resignirt).
Heinrich Hagenow 1444 † 1474.
Gerhard Schütte 1475 † 1490.
(Gerhard Martini 1478-1481.)
(Jacob Ebelson 1481-1482.)
(Gerhard Martini 1482- — —.)
(Gerhard Schütte  — — † 1490.
Barthold Ponnick 1490-1500.
Johann Kran 1500-1518 (resignirt, † 1524).
Johann Wellendorf 1518-1529.
Gregor Detlevi 1529-1552 (säcularisirt).

Die Filiale der Präceptorei Tempzin.

Die Präceptorei Tempzin ward unter den bessern Präceptoren auch für entferntere Gegenden ungemein wohlthätig, indem sie nicht allein ununterbrochen ihre Brüder aussandte, sondern auch neue Hospitalhäuser stiftete.

1) Die Preceptorei Mohrkirchen in Schleswig.

Nachdem der erste tüchtige Präceptor, Petrus Barlonis (1390-1417), selbstständig festen Fuß gefaßt und vom Papste das Privilegium erhalten hatte, selbst die Brüder anzusetzen, sandte er die neu erwählten Apostel in die nördlichen Reiche Holstein, Dänemark, Schweden und Norwegen, und diese stifteten hier, ungefähr um das J. 1400, ein neues Ordenshaus zu Moorkerke, jetzt Mohrkirchen, in Schleswig, im Amte Gottorf. Wir wissen über diese Stiftung nicht mehr, als was darüber in der Urkunde vom 5. Aug. 1479 1 ) gesagt ist.

2) Die Präceptorei zu Frauenburg in Ermeland.

Später wird die Präceptorei Tempzin ein neues Ordenshaus zu Frauenburg, an dem Sitze des Bischofs von Ermeland, gestiftet haben. Denn als sie im J. 1514 in Livland eine neue Präceptorei zu Lennewarden gründete, setzte der Erzbischof Jaspar von Riga am 18. Junii 1514 den Präceptor Ludolf von Barth ehemaligen Präceptor des Antonius=Hauses zu Frauenburg in der Diöcese Ermeland, als Abgeordneten des Ordens, in den Besitz der Gü=


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XVII.
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ter 1 ) zu der neu zu errichtenden Präceptorei Lennewarden. Weiter ist uns auch über die Präceptorei zu Frauenburg nichts bekannt.

3) Die Präceptorei Lennewarden in Livland.
(Nachtrag zu Jahrb. XIV, S. 1 flgd.)

Bekannter ist die Präceptorei Lennewarden in Livland, welche im J. 1514 durch den Tempziner Präceptor Johann Kran gestiftet ward. Der Erzbischof Jaspar und das Domkapitel zu Riga schenkten zu dieser heilsamen Stiftung das alte und verlassene Schloß Lennewarden an der Düna mit den zu demselben gehörenden Gütern und der Pfarrkirche daselbst. Schon am 18. Juni 1514 hatte der Erzbischof Jaspar dem Frauenburger Präceptor Ludolf von Barth, in den Besitz der Güter gesetzt 2 ) und am 18. Aug. 1514 stellten der Erzbischof und das Domkapitel den feierlichen Stiftungsbrief 3 ) aus, nach welchem der Erzbischof dem von dem Tempziner Präceptor Johann Kran gesandten und bevollmächtigten tempziner Bruder Marquard Stoltenberg die Stiftung übergab. Der Bischof übergab der Präceptorei Tempzin das Superiorat über diese neue Stiftung und reservirte für sich und sein Dom=Capitel nur gewisse Ablager und den etwanigen Heimfall, so wie die Holzungen für die Unterthanen der Stiftung. Mit der Stiftung dieser Präceptorei steht es ohne Zweifel in Verbindung, daß der Erzbischof Jaspar von Riga, am 12. Mai 1520 dem Kloster Tempzin das Patronat der nicht weit von Tempzin belegenen Kirche zu Zittow, welches das Erzbisthum seit dem 13. Jahrh. besessen hatte, überließ 4 ); damals war noch der Priester Marquard Stoltenberg als Bevollmächtigter des Präceptors in Riga. Lange wird diese Präceptorei nicht bestanden haben, da die Reformation bald hereinbrach. Diese Stiftung ist aber ein Beweis mehr für den wohlthätigen Einfluß Meklenburgs auf die Germanisirung Livland s. (Vgl. Jahrb. XIV, S. 1 flgd.)

Vignette

1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XXI.
2) Vgl. daselbst Nr. XXI.
3) Vgl. daselbst Nr. XXII.
4) Vgl. Jahresber. XIV, S. 65 und S. 268 flgd. Urk. Nr. LXIII.
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XI.

Zur

Geschichte des Schlosses zu Schwerin,

von

G. C. F. Lisch.


I n unsern Jahrbüchern V, S. 1 flgd., 1840, ist eine Geschichte des Schlosses zu Schwerin mit einem Grundrisse mitgetheilt, welche sich in vielfacher Hinsicht sehr nützlich gezeigt hat. Seitdem ist beinahe das ganze Schloß abgebrochen und großen Theils neu wieder aufgeführt; es ist nur die Kirche G, welcher jedoch auch ein Durch= und Anbau bevorsteht, unberührt und von den Hauptgebäuden A und E, welche in dem aus dem J. 1555 stammenden Renaissance=Style mit Thonreliefs wieder hergestellt sind, nicht viel mehr als die Außenmauer nach der Hofseite stehen geblieben, weil das Mauerwerk sehr hinfällig befunden ward: alles Uebrige ist von Grund aus abgebrochen. Der Neubau schreitet gegenwärtig seiner Vollendung entgegen.

Für den Neubau ward der ganze Grund aufgegraben. Bei dieser Arbeit bin ich mehrere Jahre hindurch fast täglich zugegen gewesen und habe dabei die Geschichte des Schlosses von der ältesten Zeit an genau beobachten können. Nach diesen Erfahrungen läßt sich jetzt die Geschichte des Schlosses nach den Haupt=Perioden der Geschichte in chronologischer Folge ziemlich genau darstellen.

Gefunden ist bei dem ganzen Bau nichts von Bedeutung, etwa mit Ausnahme eines goldenen Armringes von zweifelhaftem Ursprunge. Leider sind sehr wenige Münzen gefunden, und was am meisten zu bedauern ist, keine schweriner Münzen, deren Auffindung zu erwarten stand; die wenigen Münzen, welche gefunden wurden, sind alle aus neuerer Zeit und völlig werthlos.

Dagegen wurden für die Geschichte bei den Aufgrabungen sehr wertvolle Entdeckungen gemacht. Das Schloß steht auf

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einer kleinen Insel zwischen dem großen und dem Burg=See und ist auf einem nicht hohen, schon dem äußern Ansehen nach aufgeschütteten Burgwalle aufgeführt. Die Beobachtung der Aufschüttung und die zu erwartende Bestätigung der Vermuthungen erregte daher die größte Theilnahme.

1) Die Grundlage des Burgwalles ist eine natürliche Insel. Man war einige Male genöthigt, mit den Aufgrabungen bis unter den Wasserspiegel des Sees hinunterzugehen und konnte dabei die Bildung genau wahrnehmen. Der Urboden unter dem Seespiegel besteht aus Sand; auf demselben liegt im Seespiegel eine Schicht Kalk, auf welchem eine Schicht Torferde liegt, die jedoch sehr zusammengedrückt war. Dies ist die Bildung des westlichen Ufers des schweriner Sees bis zu den Höhen der zickhuser Forst, welche sich namentlich bei der Anlegung des Paulsdammes durch den großen See am Werder entlang durch das wickendorfer Moor deutlich zeigte. Es unterliegt also keinem Zweifel, daß das Schloß auf einer natürlichen Insel steht.

2) Diese Insel war schon in den aller ältesten Zeiten, in der dunklen Hünenzeit, bewohnt. Bei den erwähnten einzelnen Aufgrabungen fanden sich auf der Torfdecke der Insel mehrere Dolche aus Feuerstein, von der bekannten künstlichen Arbeit der Steinperiode.

3) Aus der darauf folgenden Bronze=Periode ward nichts gefunden, wenigstens nichts, was man mit Bestimmtheit derselben zuschreiben könnte. Vielleicht gehört dahin aber ein goldener Armring von reinem Golde, wie es in den Kegelgräbern gefunden wird; jedoch ist die Form ganz eigenthümlich und läßt sich nicht durch Vergleichungen erklären. Der Ring ist von Goldblech, rund, als wäre das Blech um einen dicken Drath gelegt, offen und an einem Ende mit einem kleinen, aufrecht stehenden Hahn verziert; am andern Ende ist die Verzierung abgebrochen. Es ist jedoch auch möglich und wahrscheinlich, daß dieser Ring der Grafenzeit angehört; leider ließ es sich nicht ermitteln, in welcher Schicht des Burgwalles er gefunden ward.

4) Die Wendenzeit war dagegen klar zu erkennen. Schwerin war schon in den ältesten Zeiten eine Burg der Obotriten=Könige. Thietmar erzählt, im J. 1018 hätten die Leutizen (oder Wilzen, im Stargardischen und Vorpommern) den König Mistislav d. ä. überfallen und in seine Burg Zuerin gedrängt. Bekannt ist es, daß Niclot im J. 1160 seine Festen Schwerin, Meklenburg, Dobin und Ilow, die er erst kurz vorher befestigt hatte, vor den andrängenden Sachsen in Brand steckte und sich nach Werle zurückzog, wo er den Heldentod fand. -

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Die wendischen Festen waren Erdwälle, welche in Wasser oder Sumpf aufgeschüttet waren: so auch zu Schwerin. Auf der natürlichen Insel war ein Wall aus Erde von verschiedener Art, etwa bis zur Hälfte der Höhe des jetzigen Walles, vom Wasserspiegel bis zum Steindamme des Schloßhofes, aufgeschüttet. Auf diesem Erdwalle lagen zahllose Scherben von Töpfen aus der Wendenzeit, von derselben, mit Granitgrus durchkneteten Masse und mit ganz denselben wellenförmig eingekratzten Verzierungen, wie sie auf allen wendischen Burgwällen, z. B. Meklenburg, Dobin, Ilow, Werle u. s. w., in zahlloser Menge liegen und welche das unzweifelhafte Kennzeichen der letzten wendischen Jahrhunderte sind. In dieser und der nächstfolgenden mittelalterlichen Schicht wurden auch so viele Thierknochen gefunden, daß sie gesammelt wurden und einen Nebengewinn für sämmtliche Arbeiter abwarfen. Zuerst wollten sich diese Scherben nicht erkennen lassen; die nächst folgende Schicht enthielt große Massen von Holzmoder, welcher den obern Theil der darunter liegenden Schicht durchdrungen und alles in derselben gleichmäßig schwarz gefärbt hatte. Als aber ein Theil ausgebracht und vom Regen durchspült und darauf ausgefroren war, lagen die bekannten Topfscherben in der gewöhnlichen Menge zu Tage; nun ließ sich die Scherbenschicht auf dem wendischen Erdwalle fortwährend deutlich verfolgen.

5) Auf diesem wendischen Burgwalle stand, eben so hoch als dieser Erdwall, die Erhöhung des Burgwalles aus der Grafenzeit. Diese Erhöhung war ganz eigenthümlich: sie bestand nämlich aus horizontal aufgeschichteten, dünnen Baumstämmen ("Schleten"), auf denen die alten Gebäude ohne besonders starke Fundamente aufgeführt waren. Die Stämme waren von sehr verschiedenen Holzarten; vorherrschend waren Ellern und Eichen. Das weiche Holz war zu einem schwarzen, fetten Moder vergangen, der mit dem Spaten leicht ausgestochen werden konnte; das Eichenholz aber war eisenhart und von dem Moder durch und durch kohlschwarz gefärbt, so daß es, gedrechselt und polirt, zu trefflichen kleinen Mobilien, Thürgriffen u. dgl. verwandt werden kann. Diese Methode, auf horizontal liegenden "Schleten" zu bauen, statt auf senkrecht eingerammten Pfählen oder tiefen Steinfundamenten, war im Mittelalter wohl nicht selten. So heißt es in Johann Berckmann's Stralsundischer Chronik, herausgegeben von Mohnicke und Zober, S. 186: "Jm suluen jahre (1446) do leeth herr Euerdt van Hudessen den runden thorne buwen by dem buten=thorne vnd ock dat Küterdore binnen der mure, wente de gantze Franckenmuhre de steidt vp ellern schlete twers (queer) vnder=

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gestrecket." — Unmittelbar auf diesen Hölzern lagen an vielen Stellen auf dem Schloßhofe in einer Erdschicht unzählige Scherben, von den bekannten festgebrannten, blaugrauen Töpfen und weißgelben Krügen aus dem Mittelalter. Ueber diesen Topfscherben lag eine Schicht von verschiedener Erde und Schutt, einige Fuß dick, in welcher sich auch hin und wieder einige Steindämme über einander fanden; diese Schicht war wahrscheinlich allmählig, namentlich bei den Bauten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh., entstanden, da ihre Oberfläche zu den Pforten der Gebäude aus dieser Zeit stimmte, ist jedoch bei dem gegenwärtigen Bau wieder abgetragen, da der Schloßhof wegen der wieder eingerichteten Durchfahrt niedriger gelegt ist.

6) Als mittelalterliche Gebäude aus dem Ende des 15. oder dem Anfange des 16. Jahrhunderts, aus der ersten Herzogszeit, zeigten sich das Zeughaus B und das daran stoßende Brau= und Backhaus rechts an der Auffahrt. Der Giebel des Zeughauses zeigte, nachdem das Brau= und Backhaus weggebrochen war, 5 hohe und schmale spitzbogige Nischen. Dieses Gebäude hatte fast gar kein Fundament; es lagen unter dem Mauerwerk nur wenige Steine auf den "Schleten". Es bestätigte sich also, daß der Herzog Johann Albrecht dieses Gebäude im J. 1553 nur restauriren ließ. Auch das Brau= und Backhaus hatte noch mehrere Thüren und Fenster im weiten Spitzbogenstyl des 15. Jahrhunderts.

Als am 26. Mai 1843 die beiden Glocken vom Schloßthurme herunter genommen wurden, fand es sich, daß beide alt waren:

Die kleinere Glocke hat um den Helm die Inschrift (ohne Puncte):

Inschrift

Auf dem Mantel steht in erhabenen Linearumrissen an einer Seite Maria, an der entgegengesetzten Seite Johannes der Evangelist. Diese Glocke mag die Zeit eines frühern Capellenbaues bezeichnen.

Die größere Glocke hat um den Helm die Inschrift (mit Lilien statt der Punkte):

Inschrift

Darunter steht auf dem Mantel mit kleinerer Schrift:

Inschrift
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Diese Glocke ist ohne Zweifel für die vom Herzoge Heinrich neu erbauete Schloßkapelle (Jahrb. V, S. 48) gegossen, welche im J. 1507 geweihet ward und im J. 1508 die neue Orgel erhielt. Der Glockengießer Heinrich von Kampen lebte sicher 1507-1517 als Stück= und Glockengießer zu Gadebusch (vgl. Jahresber. III, S. 194); im J. 1508 goß er auch eine Glocke für die Kirche zu Klütz (vgl. Jahresber. VIII, S. 142).

Vor dem "neuen Hause Herzogs Heinrich" oder dem "Hause mit der Schloßuhr" D, also an der Stelle, an welcher früher die Schloßkapelle stand, der jetzigen Schloßkirche und der hintern Schloßbrücke gegenüber, lag in dem Walle eine starke Brandschicht an dem Gebäude.

7) Die Hauptgebäude, "das lange Haus" A. 1., und das "Bischofshaus" A. 2. der Herzoge Magnus und Ulrich, welche der Herzog Johann Albrecht restauriren und mit Thonreliefs im Renaissance=Style verzieren ließ, ebenso die von Johann Baptista Parr unter dem Herzoge Johann Albrecht I. aufgeführten "Gebäude über der Schloßküche" E. 1. und 2. zeigten sich nur sehr leicht gebauet und mußten zum großen Theile abgetragen werden.

Das beste Gebäude von diesen war das "Bischofs=Haus" A. 2; es zeigte sich beim Abbruche der angrenzenden Mauern als ein eigener mit den andern nicht zusammenhangendes und als das tüchtigste Gebäude im ganzen Schlosse, und hat zum größern Theile erhalten werden können. Nachdem der im J. 1651 vorgebauete verdeckte Gang abgebrochen war, war der Zugang klar zu übersehen. In das Gebäude führte eine enge, mit Thon=Reliefs verzierte Pforte, über welcher folgende bis dahin vermauert gewesene Inschrift stand:

TERRA DOMVS NON EST
ANIMIS ACCOMMODA NOSTRIS
ALTIVS IT NOSTRAE
CONDITIONIS HONOR.

Durch die Pforte trat man in eine gewölbte Halle, welche in den letzten Jahrhunderten als Speisekammer benutzt war. Im Kellerraume war es gegen den Wall hin mit zwei Spitzbogen geöffnet, welche zu den Fundamenten eines Gebäudes führten, auf denen später das Badehaus H. 5., in neuern Zeiten zur Conditorei eingerichtet, aufgeführt ward. An diesem Bischofshause entlang, von dem Burgverließe unter der ehemaligen Bleikammer (welches erhalten und in die Souterrains des neuen Baues aufgenommen ist) schloßgartenwärts vor dem Badehause

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entlang, vorzüglich da, wo jetzt der große, neue Schloßthurm seewärts steht, lag dicht an den Mauern eine Brandschicht, welche tief hinab ging. In dieser Brandschicht fanden sich viele zerbrochene, grün oder gelb glasurte Ofenkacheln mit sehr guten Reliefs, auch vielen Portraits, z. B. des Kaisers Carl V, des Kurfürsten Johann Friederich von Sachsen und anderer Zeitgenossen derselben, aus der ersten Hälfte des 16. Jahrh. In der Nähe waren die Befestigungsmauern gesprengt und die Gewölbe in den Souterrains eingestürzt. Es ist also wahrscheinlich, daß das ganze alte Gebäude an der Stelle des Bischofshauses abbrannte und bei dem Neubau die Grundmauern sowohl des Bischofshauses, als des Badehauses stehen blieben.

In einem gemauerten Abzugs=Kanale fanden sich viele große steinerne Kugeln.

Zu den neuen Bauten des Herzogs Johann Albrecht wurden viele alte Bau=Materialien verwandt (vgl. Jahrb. V, S. 50), namentlich von abgebrochenen Kirchen= und Klostergebäuden, welche jetzt zum dritten Male vermauert sind.

Auf dem Fundamente eines pfeilerartigen Thurmes (Aborts), welcher an dem neuen Gebäude des Herzogs Johann Albrecht I., der Schloßgartenbrücke gegenüber stand, lag ein großer, sehr verwitterter und in mehrere Stücke zersprungener Leichenstein mit folgender Inschrift:

Umschrift

Mit dem Worte eis hört die Inschrift auf und das übrige Ende der langen Seite des Steines ist leer; auch hatte der Stein kein Bild im innern Raume. Am 15. März 1471 kommt in einer Urkunde "Johannes Hane sacre theologiae licenciatus facultatisque artium decanus" vor.

Zum Bau des Schlosses in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. wurden viele alte Leichensteine verwandt; so steht z. B. das Portal der Schloßkirche (Jahresber. II, S. 122) und der Altar in derselben Kirche (Jahresber. V, S. 125) auf Leichensteinen; eben so steht ein Gewölbepfeiler des Kellers unter der Schloßkirche auf einem Leichensteine, auf welchem jedoch nur die Jahreszahl 1401 zu erkennen ist.

Der vorstehend beschriebene, so wie die Leichensteine am Altare stammen aus Rostock.

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8) Die Grundarbeiten des Baumeisters Gert Evert Piloot aus dem J. 1617 zu dem damals beabsichtigten großen, neuen Schloßbau zeigten sich durchweg als sehr tüchtig; wenn es passend war, so konnten Pfahlwerke und Grundwerke von Piloot ohne Bedenken benutzt werden, während die Werke der übrigen Baumeister selten einen Aufbau zuließen.


So läßt sich denn die uralte Geschichte des Schlosses jetzt klar übersehen und den übrigen geschichtlichen Begebenheiten des Landes zum Grunde legen.

Vignette
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XII.

Miscellen und Nachträge.


1.

Ueber die Inschrift von Althof.
(Nachtrag zu Jahrb. II, S. 29.)

D ie in Jahrb. II, S. 20 flgd. mitgeteilte und erläuterte Ziegelinschrift aus der Capelle zu Althof, eines der ältesten und ehrwürdigsten Denkmäler unserer Geschichte, hat Wichtigkeit genug, um sie fortwährend im Auge zu behalten und an ihrer Wiederherstellung zu arbeiten. Die noch vorhandenen Bruchstücke geben freilich das sichere Resultat, daß Pribislav's Gemahlin, die Stammmutter des fürstlichen Hauses Meklenburg, Woizlava hieß, das erste christliche Gotteshaus zu Alt=Doberan, die jetzige Kapelle zu Althof, gründete und hier begraben ward; aber die Form der Inschrift ist noch keinesweges mit Zuverlässigkeit hergeste