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Inhalt:

Jahrbücher

des

Vereins für meklenburgische Geschichte
und Alterthumskunde,

aus

den Arbeiten des Vereins

herausgegeben

von

G. C. F. Lisch,

Großherzoglich meklenburgischem Archivar und Regierungs=Bibliothekar, Aufseher
der Großherzoglichen Alterthümer= und Münzensammlung zu Schwerin,
auch
Ehrenmitgliede der deutschen Gesellschaft zu Leipzig und des voigtländischen alterthumsforschenden Vereins, correspondirendem Mitgliede der alterthumsforschenden Gesellschaften zu Stettin, Halle Kiel, Salzwedel, Sinsheim, Berlin und Kopenhagen
als
erstem Secretair des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde.


Zehnter Jahrgang.


Mit Holzschnitten.


Auf Kosten des Vereins.

Vignette

In Commission in der Stillerschen Hofbuchhandlung zu Rostock und Schwerin.


Schwerin, 1845.

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Gedruckt in der Hofbuchdruckerei in Schwerin.

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Inhaltsanzeige.


  Vorwort.
A. Jahrbücher für Geschichte. Seite.
I. Ueber die meklenburgische Hauptlandestheilung vom J. 1229, vom Archivar Lisch zu Schwerin 1
II. Die Siegel der Fürsten von Parchim=Richenberg, von demselben 23
III. Das Schloß Richenberg, von demselben 30
IV. Das Land Ture, von demselben 33
V. Das Land Kutsin oder Kutin, von demselben 36
VI. Sophia von Rostock, des Fürsten Borwin III. von Rostock Gemahlin, von demselben 42
VII. Historische Nachrichten von dem lübeckischen Patriciat, vom Dr. Deecke zu Lübeck 50
VIII. Liscows Leben, vom Archivar Lisch 97
IX. Miscellen und Nachträge: 180
1) Das Slaventhum der Ostseeländer, von demselben 180
2) Die Stiftung des Klosters Rehna, von demselben 180
3) Die Stiftung des Klosters zu Neubrandenburg, von demselben 182
4) Der Hof des Klosters Doberan zu Lübeck, von demselben 184
5) Die Stiftung der Stadt Güstrow, von demselben 185
6) Die Stiftung der Stadt Neustadt, von demselben 188
7) Gude Manne, von demselben 190
8a) Landtag vom J. 1488, von demselben 191
8b) Fehde der Stadt Friedland mit den von Schwerin, von demselben 193
9) Zur Geschichte der Bisthümer Ratzeburg und Schwerin, vom Archivar Dr. Lappenberg zu Hamburg und Dr. Deecke zu Lübeck 194
10) Das fürstlich-stargardische Archiv, vom Archivar Lisch 196
11) Der Lange Stein bei Wittenburg, vom Pastor Ritter zu Vietlübbe 197
12) Ueber die Verbindung der Ostsee mit der Elbe, vom wail. Dr. Burmeister zu Wismar 198
13) Das Grab des J. Freder, von demselben 201
X. Urkunden-Sammlung 203
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B. Jahrbücher für Alterthumskunde.
I. Zur Alterthumskunde im engern Sinne
1) Vorchristliche Zeit. Seite
a. Im Allgemeinen 237
Untersuchungen über die heidnischen Grabgefäße, vom Archivar Lisch 237
b. Zeit der Hünengräber 262
c. Zeit der Kegelgräber 271
d. Zeit der Wendengräber 290
e. Vorchristliche Alterthümer auswärtiger Völker 297
2) Mittelalter 299
II. Zur Baukunde.
1) Mittelalter. 299
a. Weltliche Bauwerke 300
b. Kirchliche Bauwerke 300
2) Neuere Zeit 320
III. Zur Münzkunde.
Die neuern meklenburgischen Denkmünzen, vom Pastor Masch zu Demern 321
IV. Zur Geschlechter- und Wappenkunde.
1) Zur Geschlechterkunde 369
2) Zur Wappenkunde 373
V. Zur Sprachkunde 375
VI. Zur Schriftenkunde.
1) Urkunden 379
2) Bücher 382
VII. Zur Buchdruckkunde 383
VIII. Zur Rechtskunde.
Ueber die Straßengerechtigkeit in Mecklenburg, vom Archiv=Registrator Glöckler zu Schwerin 386
Ueber die Aussteuer der Töchter aus dem Lehn, vom Archivar Lisch 417
IX. Zur Erd- und Naturkunde 418

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Inhalt:

A.

Jahrbücher

für

Geschichte.


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I.

Ueber die

meklenburgische Hauptlandestheilung

vom Jahre 1229

und

den Regierungsantritt der vier Söhne des Fürsten Heinrich Borwin II. von Meklenburg,

von

G. C. F. Lisch.


E ine der wichtigsten Begebenheiten in der meklenburgischen Geschichte ist die Hauptlandestheilung in die Herrschaften Mecklenburg, Werle, Rostock und Parchim=Richenberg unter die vier Söhne des Fürsten Heinrich Borwin II. in dem zweiten Viertheil des 13. Jahrhunderts, wie überhaupt ungefähr um diese Zeit die genauere Geschichte mancher norddeutscher Staaten mit der Theilung größerer Ländergebiete beginnt. Obgleich diese meklenburgische Hauptlandestheilung die Grundlage aller politischen Eintheilungen (und theilweise Veranlassung zu Titel und Wappen der Landesherren) bis auf den heutigen Tag geworden ist, so gehört sie doch noch zu den dunkelsten Theilen unserer Geschichte und ist in den letzten Jahrhunderten vorzüglich nur durch den Bericht von Chemnitz verbürgt und im Allgemeinen dadurch unterstützt, daß die verschiedenen Fürsten zu verschiedenen Zeiten sich Namen von verschiedenen und besondern Ländertheilen beilegen. Die Stellen in Chemnitz handschriftlicher Chronik, oder vielmehr Urkunden=Relation, aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts lauten also:

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"Anno Christi 1229 haben Herr Johannes Theologus vnd seine Herrn Brüder die semptliche Lande in zwey gleiche Theile von einander gesetzet, also das der eine theil das Land zu Meckelnburg vnd der ander das Land zu Rostock, wie vor, genennet worden, vnd darumb geloset, da ist Herrn Johanni vnd seinen jungsten Brudern Herrn Pribislao dem dritten das Land zu Meckelnburg, Herrn Nicolao dem fünften aber vnd Herrn Henrico Burwino dem dritten das Land zu Rostock gefallen, haben dahero in gemeinen brieffen diesen titul geführet: Johannes et Pribislaus de Magnopoli, Nicolaus et Henricus de Rostoc fratres et domini.
-----------------
-----------------
Weil nun nichts desto weniger vnter diesen herrn wegen der getheilten lande einige misverstande vorfiehlen, als haben sie Anno Christi 1234 die Theilung des Landes anderweit vorgenommen," u. s. w.

Einige eigene Betrachtungen abgerechnet, wird Chemnitz diese Erzählungen zum Theil aus Beobachtung der Urkunden=Eingänge construirt haben. Außerdem scheint er aber auch eine andere archivalische Quelle benutzt zu haben, welche bis auf die neuesten Zeiten vernachlässigt ist; dies ist die doberaner Genealogie 1 ) aus der Mitte des 14. Jahrhunderts in dem Copialbuche des Klosters Doberan. Diese berichtet ebenfalls eine zweimalige Landestheilung, wie Chemnitz, jedoch ohne Zeitangaben, in folgenden Worten:

"Post hec iste Hinricus iunior accepta vxore genuit qatuor filios: Johannem, Nicolaum, Hinricum, qui et Burwinus dictus est, mutato fortassis proprio nomine in confirmacione, et Pribizlaum. Isti - - principatum seu dominium paternum primo sic diuiserunt, quod Johannes et Pribizlaus in Magnopoli, Hinricus vero et Nicolaus in Rozstok dominium tenuerunt. Postremo vero aliter diuidendo ordinauerunt, quod Johannes in Magnopoli et Mychelenhorgh, qui et knese Janeke est dictus, Hinricus,


1) Vergl. Jahrb. II, S. 9-10.
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qui et Burwinus, in Rozstok, Nicolaus in Gustrowe, scribens titulum dominii sui de castro Werle, et Pribizlaus, qui de castro Rychenberg, quod exstruxerat, titulum dominii sui accepit".

Dies ist die älteste, heimische chronistische Nachricht über die Landestheilung, nicht viel über hundert Jahre älter, als die Theilung selbst. Leider giebt sie keine Jahreszahlen. Ihr scheint Kirchberg in seiner Reimchronik aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. gefolgt zu sein, wenn er Cap. CXXVI sagt:

Do man nach godes geburt schreib gar
czwelfhundert eyn vnd driszig iar,
-----------------
-----------------
dy sone Hinrich Burwini
den waz grosze czwitracht by,
daz sy sich hattin geteylet schire
irs vatir wendische rich in vire
nach irs vatir tode gar.
Iglicher namsyns teyles war,
so daz Johan der eldiste kurg
hielt furstentum zu Mekilnburg;
du wart Gustrow also
sinem brudere Nycolao;
syme dritten brudere Burwyn
wart Rodestock vnd Kyssyn;
du wart dem vierden Pribisla
Richenberg zu teile da;
iglich teyl sunder schande
hielt gliche vil der lande.

Alle diese Angaben, so richtig sie in der Hauptsache sein mögen, ermangeln doch bisher einer urkundlichen Begründung und einer festen Zeitbestimmung; es ist daher nöthig, sämmtliche Beweise zusammenzustellen und neue Entdeckungen zu Hülfe zu rufen.

Der letzte Wendenkönig Pribislav starb am 30. Dec. 1178 1 ). Der alleinige Erbe seines Reiches war nach einiger Zeit sein Sohn Borwin I. Gegen das Ende seiner fast funfzigjährigen Regierung, welche die letzten Kämpfe mit der wendischen Bevölkerung und die sichere Begründung des christlich= germanischen Zustandes umfaßt, räumte er (um das Jahr


1) Vergl. Jahrb. II, S. 18-20.
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1218) seinen beiden Söhnen Heinrich, auch Borwin (II.) zugenannt, und Nicolaus Theile seines Reiches zur Verwaltung ein, und Heinrich nannte sich Herr von Rostock oder Werle und Nicolaus Herr von Gabebusch 1 ). Der ältere Sohn Heinrich Borwin II. starb noch vor dem Vater am 4. Jun. 1226 2 ) und der jüngere Nicolaus war nicht lange vorher seinem Bruder vorangegangen 3 ). Auch der alte Borwin I. trug den Schmerz über den traurigen Verlust nicht lange: er starb am 28. Januar 1227 4 ). Mit dem Tode dieses alten Kämpfers ging sein Reich auf seine vier Enkel, Kinder seines ältern Sohnes Heinrich Borwin II., über, auf die Fürsten Johann, Nicolaus, Heinrich und Pribislav, welche von der Hauptburg des Landes Herren von Meklenburg genannt wurden (fratres domini Magnopolenses). Am 3. Dec. 1227 besaßen sie das ganze Erbe ihrer Vorfahren zur ungetheilten Herrschaft:

"tota iurisdictio ac hereditas progenitorum nostrorum ad nos deuenit" 5 ).

Es ist nun die Frage, wie dieses dunkle Verhältniß der gemeinschaftlichen Regierung der vier Söhne Heinrich Borwins II. gedacht werden müsse, wie die Regierung geführt worden sei und welche Gründe die Landestheilung veranlaßt haben. Volles Licht hierüber giebt die Entdeckung einer Urkunde des Klosters Dargun vom 22. Februar 1261 6 ), welche ganz neue Ansichten in die älteste Geschichte Meklenburgs einführt, nämlich:

die vier Fürsten der meklenburgischen Länder: Johann, Nicolaus, Heinrich und Pribislav, waren bei dem Tode ihres Großvaters und ihres Vaters, im J. 1227, noch minderjährig und standen unter Vormundschaft.

In der erwähnten Urkunde, vom 22. Februar 1261, sagt nämlich der Fürst Nicolaus von Werle: als er, mit seinen


1) Vergl. Lisch Geschichte und Urkunden des Geschlechts Hahn, I. A, S. 7 flgd.
2) Vergl. Jahrb. III, S. 35, und I, S. 434. Zwar wird in der Bestätigungsurkunde des Fürsten Borwin I. über den Dom zu Güstrow vom 10. Aug. 1226 (in Franck's A. u. N. M. IV, S. 99) der Fürst Heinrich Borwin II. als noch lebend erwähnt; aber wahrscheinlich ist diese Urkunde früher geschrieben und erst später ausgefertigt, da sie datirt ist: "Acta sunt hec anno domini MCCXXVI. Datum in Rozstock IIII. iduum Augusti".
3) Vergl. Jahrb. I, S. 134.
4) Vergl. Jahrb. III, S. 35.
5) Vergl. Mirowsche Urkunde vom 3. Dec. 1227 im Jahrb. II, S. 214.
6) Abgedruckt in Lisch Meklenburgischen Urkunden I, S. 117, Nr. LIII.
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Brüdern, im Jünglingsalter unter Vormündern gestanden habe,

"nos una cum fratribus in juvenili etate sub tutoribus constituti",

sei dem Kloster Dargun, nach dem Rathe ihres vormundschaftlichen Beistandes,

"ex quorundam sapientum nostrorum consilio",

von dem Gute Gilow, welches dem Kloster am 5. Aug. 1228, unter Beistimmung des Herzogs Wartislav von Pommern, von dem Ritter Jeneke von Verchen geschenkt 1 ) und am 12. Aug. 1240 von ihm, dem Fürsten Nicolaus von Werle, bestätigt war 2 ), ein Theil abgerissen und aus diesem das Dorf Moyzle gebildet; nachdem er aber zu seinen männlichen Jahren gekommen sei:

"cum ad virilem venissemus etatem",

so erkenne er, auf Bitten des Klosters und auf Nachforschung der Großen seines Landes,

"ex inquisitione seniorum terre nostre",

seinen Irrthum, bereue den unrechtmäßig und gewaltsam erlangten Besitz und restituire dem Kloster das entwehrte Eigenthum.

Dieses Bekenntniß läßt keinen Zweifel über die Art der Landesverwaltung in den ersten Jahren nach dem Tode der Borwine übrig:

das Land ward während der Minderjährigkeit der meklenburgischen Fürsten durch einen Rath von Weisen und von Großen oder Edlen 3 ) des Reichs regiert;

denn nobiles (Edle), majores (Große), seniores (seigneurs, Herren), sapientes (Weise), alles gleichbedeutende Ausdrücke, bezeichnen Edle aus alten Geschlechtern oder Dynasten 4 ). Dies ist zugleich das erste Beispiel einer Vormundschaft im meklenburgischen Fürstenhause. Die


1) Vergl. Lisch Mekl. Urk. I, Nr. XIII.
2) Vergl. daselbst I, Nr. XXVI. Der Fürst Nicolaus bestätigte diese Schenkung am 12. Aug. 1240, nachdem das Land Malchin an ihn gekommen war (cum terra Malchin ad nos devenisset). Vergl. Lisch Urk. des Geschl. Hahn I. B, Nr. I. u. II.
3) Auf ähnliche Weise redet der Bischof Brunward in einer Urkunde vom 5. Aug. 1236 über die Erlangung der Zehnten von dem Lande Tribsees:
"nobilis dominus Johannes Magnopolensis zelo iusticie ductus et a senioribus terre sue et scriptis nostris sufficienter instructus".
Vergl. Lisch Urk. des Geschlechts Maltzan I, Nr. IV, und Geschichte und Urk. des Geschlechts Hahn, I. B, Nr. VI.
4) Vergl. Lisch Geschichte des Geschlechts Hahn, I. A, S. 10 flgd. und S. 95 flgd.
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Vormundschaft wird während ihrer Dauer zwar nirgends besonders und ausdrücklich erwähnt, jedoch läßt sie sich aus den Zeugen der während der vormundschaftlichen Regierung ausgestellten Urkunden erkennen, da die Zeugen immer ungefähr dieselben und eben die Vormünder sind. Nach den Datirungen der Urkunden war der Sitz der Vormundschaft die Stadt Güstrow, die neue, vorzüglichste Residenz des Landes Werle, und zwar um so passender, als es ja Söhne eines Fürsten von Werle waren, für die gesorgt werden sollte. Nach den aufgeführten Zeugen waren Mitglieder der Vormundschaft vorzüglich werlesche Hofbeamte und Burgmänner zu Güstrow und Prälaten des Landes, und namentlich vorzüglich der Truchseß Heinrich Gamm 1 ), der nachmalige Truchseß Conrad und die Ritter Heinrich Grube, Barold und Jordan, neben welchen außerdem noch die Ritter Gotemar und Johann von Havelberg genannt werden; von dem Stande der Prälaten sind gewöhnlich die Domherren von Güstrow und auch der Propst von Dobbertin und der Abt von Doberan gegenwärtig; der Geschäftsführer war der alte Hofschreiber und Notar Magister Conrad zu Güstrow.

Diese Entdeckung wird durch eine zweite im Felde der wichtigen Siegelkunde kräftig unterstützt:

die Vormundschaft führt nämlich während der Zeit ihrer Regierung über das ganze Land, oder über einige Theile desselben nach der Volljährigkeit der ältern Fürsten, ein eigenes Vormundschaftssiegel,

aus dessen Gebrauch allein die Dauer ihres Regiments zu erkennen ist 2 ). Von dem Stammvater Pribislav ist keine Urkunde und kein Siegel bekannt; die beiden Borwine führten den Greifen, das allgemeine und uralte Symbol slavischer Herrschaft 3 ), in einem großen Siegel. Auch die Vor=


1) Die Gamm besaßen das Dorf Glin bei Güstrow, welches im J. 1375 zur Feldmark der Stadt Güstrow gelegt ward; vergl. Franck A. u. N. M. VI, S. 301.
2) Ein ähnlicher, für die Landesgeschichte ebenfalls höchst wichtiger Fall fand hundert Jahre später während der Vormundschaft für den Fürsten Albrecht (1329 bis 1336) statt; vergl. Jahrb. VII, S. 1 flgd.
3) Die pommerschen Herzöge, ebenfalls Herren Slaviens, führen auch einen Greifen im Wappen, so auch die Ritter von Slawe (von deer Stadt Slawe oder Schlage in Pommern?). Slava heißt, nach Hanka's Mittheilung, Ruhm, von slovu: ich bin berühmt. Nicolaus von Meklenburg, Heinrich Borwin's Bruder, führt zuerst einen Stierkopf im Siegel, und von diesem scheint der Stierkopf in die Siegel der meklenburgischen Landesherren, mit Ausnahme der Fürsten von Rostock, welche den Greifen beibehielten, übergegangen zu sein.
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mundschaft führte in einem Siegel, welches kleiner ist, als gewöhnlich die fürstlichen Siegel aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, den Greifen

Siegel

mit der Umschrift:

Umschrift

d. i. sigillum fra[trum] dominorum magnopolensium.
= Siegel der Brüder Herren von Meklenburg.

Daß die Ergänzung des Wortes FR A TRVM richtig sei, beweiset nicht nur der in den Urkunden selbst gebrauchte, mit der Siegelumschrift übereinstimmende Titel, sondern auch eine Aeußerung des Archivars Samuel Fabricius aus dem Ende des 16. Jahrhunderts: "Die beiden Brüder Johannes et Nicolaus haben in irem sigel gefurt ein aufgerichten greif mit diser Umschrift: Sigillum fratrum dnorum Magnopolensium".

Allen von der Vormundschaft ausgestellten Urkunden ist immer nur ein und dasselbe Siegel, und zwar das eben beschriebene Vormundschaftssiegel mit dem Greifen, ein oder zwei Male, je nach der vorgenommenen Theilung, angehängt.

Nimmt man hiezu noch die Eingangsformeln und die Aussteller der Urkunden unmittelbar nach dem Tode der Borwine in Ueberlegung, so wird sich der Zusammenhang der Sache leicht finden lassen.

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In den ersten Jahren der Vormundschaft sind die Urkunden ausgestellt unter dem Titel der vier minderjährigen Söhne Heinrich Borwins:

Johannes, Nicolaus, Hinricus et Pribizlaus fratres domini Magnopolenses.

Von Originalurkunden aus dieser Zeit ist bisher nur eine bekannt geworden:

1227. Dec. 3. Bestätigung der Johanniter=Comthurei Mirow 1 ),

deren Original im königlich preußischen Geheimen Staats= und Cabinets= Archive zu Berlin aufbewahrt wird; das Siegel war bei der Hervorholung der Urkunde aus dem alten Sonnenburger Archive und bei der Entfaltung derselben im J. 1834 zwar zerfallen, jedoch hing an derselben nur ein einziges kleines Siegel von der beschriebenen Form, auch waren nicht mehr Siegel angehängt gewesen, obgleich die Urkunde von allen vier Brüdern ausgestellt ist.

Viele Schwierigkeiten hat die Feststellung der von den drei Brüdern Johann, Nicolaus und Heinrich ("Johannes, Nycolaus, Hinricus, fratres, domini de Rozstoch")

1226. Febr. 15. der Stadt Lübeck ertheilten Zollfreiheit gemacht. Die Urkunde ist in Ungnaden Amoenitates, S. 659, abgedruckt und hier vom J. 1226 (MCCXXVI. XV kal. Mart.) datirt. Andere Abschriften haben bald das Jahr 1223, bald das Jahr 1227; das Jahr 1227 ist im Durchschnitt im Allgemeinen angenommen 2 ), weil die beiden Borwine am 15. Febr. 1226 noch lebten und man die Ausstellung der Urkunde durch die drei Brüder bei Lebzeiten des Großvaters und Vaters nicht für wahrscheinlich hielt und weil der Graf Heinrich von Schwerin den Lübeckern ein ähnliches Privilegium ertheilte, welches nicht datirt ist, jedoch auch die willkürlich angenommene Jahreszahl 1227 erhalten hat 3 ). Der neue Abdruck der Urkunde nach dem Originale im Urkundenbuche der Stadt Lübeck I, Nr. XXXIII, hat das Jahr 1226; in einer Note wird gesagt, daß die letzte Ziffer der Jahreszahl als III oder als VI gelesen werden könne; da jedoch die Söhne Borwins II. erst nach dem Tode ihres Vaters im J. 1226 zur Regierung gelangt seien, so müsse die Urkunde in dieses Jahr gesetzt werden. Heinrich Borwin starb nun zwar im J. 1226,


1) Gedruckt und beschrieben in Jahrb. II, S. 213.
2) Vergl. Rudloff Mekl. Gesch. I, S. 222.
3) Vergl. Ungnaden Amoen., S. 659, und Urkundenbuch der Stadt Lübeck I, S. 53.
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lebte aber noch am 15. Febr. 1226. Noch mehr verdunkelt wird diese Erläuterung durch die ausnahmsweise hinzugefügte, nicht ausreichende Siegelbeschreibung: "mit wohlerhaltenem Siegel Heinrichs" (des dritten der drei jungen Fürsten?!)

Zur wichtigen und einflußreichen Lösung dieser Räthsel bot unser wackerer Freund Deecke freundlich und mit wissenschaftlichem ernste die Hand und durchforschte nicht nur unter fortgesetzter Correspondenz, welche alle Zweifel löste, das Original und die beglaubigten Abschriften, sondern verglich auch nach ihm gesandten Zeichnungen das Siegel und schaffte einen Abdruck, desselben nach dem Originale.

Das Ergebniß dieser Forschungen ist Folgendes.

Die lübecker Zollfreiheit ist ohne Zweifel vom 15. Febr. 1226 ( M°.CC° XXVI°.XV° kal. Marcii ) datirt.

Oberflächlich betrachtet, sehen die beiden letzten. Ziffern der Jahreszahl wie III aus; daher hat auch ein Transsumt aus der Zeit 1260-1263 die Jahreszahl 1223, welche sonst in Lübeck durch Dreyer angenommen war. Aber genau angesehen, steht unzweifelhaft die Jahreszahl 1226 ( m°cc°xxvj ) da. Die völlige Entscheidung mußte das Siegel geben.

Das der Urkunde angehängte Siegel ist ohne Zweifel das Siegel des Fürsten Heinrich Borwins II., des Vaters der drei ausstellenden jungen Fürsten.

Siegel

Das Siegel ist nämlich, nach Vergleichung der Originale, dasselbe Siegel des Fürsten Heinrich Borwin II., welches

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an der Stiftungsurkunde der Stadt Parchim 1 ) (ungefähr vom J. 1218) hängt.

Die Umschrift lautet:

Umschrift

Schon diese Umschrift beweiset, daß das Siegel keinem anderen, als dem Fürsten Heinrich Borwin I. angehören kann.

Die geschichtliche Folgerung hieraus ist:

daß die vier jungen wendischen Fürsten schon bei Lebzeiten ihres Vaters und ihres Großvaters, über ein Vierteljahr vor ihres Vaters und fast ein Jahr vor ihres Großvaters Tode, unter Leitung der fürstlichen Räthe, welche später die Vormundschaft übernahmen, Staatsurkunden ausstellten und mit ihres Vaters Siegel besiegelten, daß im Anfange des J. 1226 die beiden Borwine wohl schon so schwach waren, daß sie ihre Söhne und Räthe zu Staatsverhandlungen aussenden mußten,

da die Urkunde vom 15. Febr. 1226 vor Lübeck ("apud Lubeke") ausgestellt ist. Der jüngste Bruder Pribislav war wohl noch so jung, daß man ihn noch nicht auf Reisen schicken konnte, wenigstens noch nicht zeugenfähig, d. h. 12 Jahr alt; daher hat er auch die Urkunde nicht mit ausgestellt.

An alten Abschriften von Urkunden aus der Zeit von 1227 bis 1229 findet sich noch

1228. Oct. 25. Bestätigung der Verleihung des schwerinschen Rechts an die Stadt Güstrow durch die vier Brüder 2 )

("ego Johannes, ego Nicolaus, ego Hinricus et Pribislaus fratres Magnopolenses, - - cum progenitorum nostrorum totius hereditatis nostre ac feudi nostra plena jurisdictio ad nos deuenerit hereditaria successione"), nach einer Bestätigungsurkunde des Fürsten Nicolaus von Werle vom J. 1305.

Eine Urkunde vom Jahre

1229 über die Gründung der Kirche zu Dreveskirchen ist vom Bischofe Brunward, dem Fürsten "Johannes und dessen Brüdern"

ausgestellt gewesen 3 ).


1) Vergl. Clemann's Gesch. der Vorderstadt Parchim, S. 94.
2) Gedruckt in Besser's Beitr. zur Geschichte der Vorderstadt Güstrow, S. 243.
3) Vergl. Lisch Mekl. Urk. III, S. 77.
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Mittlerweile waren die beiden älteren Brüder Johann und Nicolaus mündig geworden 1 ), wenn sie auch noch nicht zu ihren männlichen oder "vollkommenen Jahren" gekommen, d. h. volljährig geworden sein mochten.

Johann und Nicolaus theilten daher (im J. 1229) die ganze Herrschaft Meklenburg in zwei Theile,

so daß der ältere Johann den jüngsten seiner Brüder, Pribislav, Nicolaus seinen zunächst auf ihn folgenden Bruder Heinrich zu sich nahm. Die Theilung geschah so, wie der alte Heinrich Borwin I. sie für seine beiden Söhne gemacht hatte: in die Herrschaften Meklenburg und Rostock.

Johann nannte sich Herr von Meklenburg,
Nicolaus nannte sich Herr von Rostock.

Es steht also den Angaben der älteren meklenburgischen Historiker, daß die durch die ältesten doberaner Chroniken verbürgte erste Theilung im J. 1229 geschehen sei, urkundlich nichts entgegen; im Gegentheil reden alle urkundlichen Zeugnisse dafür, daß eine solche Theilung wirklich stattgefunden habe. Schon im J. 1229 stellte der Fürst Johann von Meklenburg den Bürgern von Wismar eine Urkunde über die Verleihung eines Landgebietes aus und bekräftigte dies zugleich für seinen Bruder Pribislav 2 ); und nach einem im Archive zu Schwerin aufbewahrten alten Urkunden=Inventarium des Stifts Schwerin schenkten im Schlosse Gadebusch am 29. April 1230 "Johannes und Pribezlaus Hern zu Mekelnburg dem Bischof zu Zwerin die Helffte des Zehenden im Lande Warnow an beiden seiten der Eldene und im lande "Brenitz 3 )". Von der andern Seite verliehen am 1. Junii 1229 die beiden Brüder Nicolaus und Heinrich, Herren von Rostock (domini dicti de Rostock), jedoch unter Zustimmung ihrer Brüder Johannes und Pribislaus, dem Kloster Michelstein die Dörfer Rosin bei Güstrow, nach einer Urkunde im Archive zu Schwerin.

In den nächsten Jahren sind alle Urkunden so ausgestellt, daß fortan immer die Namen der Brüder paarweise, Johann und Pribislav, Nicolaus und Heinrich, an der Spitze derselben stehen:


1) Schon im März 1233 war der Fürst Nicolaus vermählt, als er dem Kloster Amelungsborn den Hof Dranse schenkte: "de Pleno consensu et uoluntate uxoris mee Jutte ac fratrum meorum Johannis videlicet et Heinrici ac Pribizlai"; vergl. Riedel Codex dipl. Brandenb. I, S. 446.
2) Gedruckt in Schröder's Wismar. Erstlingen S. 69.
3) Vergl. Lisch Mekl. Urk. III, S. 78.
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Johannes et Pribizlaus de Magnopoli, Nicolaus et Heinricus de Rozstoc, fratres et domini,

oder

Johannes de Magnopoli et Pribezslaus, Nicolaus et Hinricus de Rozstoch, principes et fratres,

oder eines von diesen Paaren allein, oder eines der beiden älteren Brüder, Johann oder Heinrich, unter Zustimmung der übrigen drei oder des ihm anvertraueten einen Bruders. Der glänzendste Beweis hiefür ist, daß sich die Vormundschaft im Interesse der jüngeren minderjährigen Fürsten ihres Rechtes nicht begab und, ungeachtet der Volljährigkeit der älteren Brüder, noch eine Zeit lang die Urkunden mit dem alten Vormundschaftssiegel beiegelte, und zwar mit Einem Siegel, wenn die Urkunden von einem, mit zwei Abdrücken desselben Siegels, wenn die Urkunden von zwei Brüderpaaren herstammen. Eigene Siegel der volljährigen Fürsten erscheinen erst einige Jahre später.

Von Original=Urkunden, welche in diesen Zeitraum von 1229-1231 fallen, sind folgende bekannt geworden:

1230. Oct. 30. Friedens=, Grenz= und Vermählungsvertrag der beiden älteren Brüder Johann und Nicolaus mit dem Grafen Guncelin von Schwerin 1 ),

(inter nobiles uiros dominum Johannem Magnopolensem, dominum Nicolaum de Roztoch et fratres eorum, ex una parte, et Guncelinum comitem de Zuerin, ex altera), dessen Original im großherzoglichen Geheimen und Haupt=Archive zu Schwerin aufbewahrt wird und dasselbe Vormundschaftssiegel zwei Male trägt, wahrscheinlich in Folge der ersten Theilung, durch welche das Land in zwei Theile getheilt ward.

1231. April 29. Verleihung des Dorfes Nakenstors an das Kloster Sonnenkamp (Neukloster) durch die Fürsten Johann und Pribislav 2 ),

("Johannes et Pribezlaus domini Magnopolenses"), dessen Original im großherzoglichen Geheimen und Haupt=Archive zu Schwerin aufbewahrt wird und das Vormundschaftssiegel ein Mal trägt, weil es eine Güterverleihung in dem einen Hauptlandestheile betrifft.

1231. Oct. 29. Bestätigung der Privilegien des Klosters Doberan durch die beiden Brüderpaare


1) Gedruckt und beschrieben in Lisch Geschichte und Urkunden des Geschlechts Hahn I. B., Nr. IV, und gedruckt in Rudloff Urk. Lief. Nr. Va.
2) Gedruckt und beschrieben in Lisch Mekl. Urk., II, Nr. III.
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("Johannes et Pribizlaus de Magnopoli, Nicoles et Heinricus de Roztoc fratres et domini"), dessen Original im großherzoglichen Geheimen und Haupt=Archive zu Schwerin aufbewahrt wird; leider sind die Siegel von dieser Urkunde abgefallen, aber nach den noch vorhandenen Siegelbändern ist die Urkunde überhaupt nur durch zwei Siegel bekräftigt gewesen.

Außer diesen Original=Urkunden giebt es noch mehrere Urkundenabschriften und Auszüge, welche mit der Fassung der Originalurkunden übereinstimmen und die Zeitabschnitte genauer begrenzen helfen können, z. B.

(1229.) Junii 20. Bestätigung des Dorfes Wargentin an das Kloster Arendsee durch die beiden mittleren Brüder,

("Nicolaus et Heinricus fratres et domini de Rozstoch"), nach einer gleichzeitigen beglaubigten Abschrift 1 ).

1230. April 29. Ueberlassung der Hälfte der Zehnten von den Ländern Warnow und Brenz an den Bischof von Schwerin

durch Johannes und Pribislav hern zu Mekelnburgk 2 ).

1230. Oct. 18. Privilegium des Bischofs Brunward für das Kloster Doberan

unter Anführung der beiden Brüderpaare als Zeugen ("Johannes de Magnopoli et Pribizlaus, Nicolaus et Hinricus de Rozstoch principes et fratres").

So viel ist daher gewiß, daß

bis gegen die Mitte des Jahres 1231 die Vormundschaft für die jüngeren Brüder bestanden

hat und in ihrer Wirksamkeit über das ganze Land sehr einflußreich gewesen ist; bis dahin reicht auch sicher

die erste Theilung des Landes vom J. 1229 in zwei Theile.

Es wird nun aber auch eine politisch noch heute wirksame zweite Tbeilung des Landes in die vier Länder Me=


1) Gedruckt und beschrieben in Lisch Gesch. u. Urk. des Geschlechts Hahn I. B., Nr. I und II. Die Urkunde, welche dort für eine Originalurkunde gehalten ist, ist ohne Zweifel eine von dem Kloster und dem Magistrat zu Salzwedel, welcher Mitvorsteher des Klosters war, nicht lange nach der Ausstellung angefertigte beglaubigte Abschrift (vergl. daselbst I, A, S. 100). Aus inneren Gründen kann das Jahr der Urkunde 1219 nicht richtig sein, da sie von den beiden mittleren Söhnen Heinrich Borwin's unter Zeugenschaft der bekannten Vormünder und zwar in der erst 1222 gestifteten Stadt Güstrow ausgestellt ist. Es ist daher ohne Bedenken 1229 (MCCXXIX, statt MCCXIX) zu lesen, obgleich dann auch die Indiction noch nicht richtig ist.
2) Nach einer Regeste, im Archive zu Schwerin, gedruckt in Lisch Mekl. Urk. III, S. 78.
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klenburg, Werle (oder Wenden), Rostock und Richenberg (oder Parchim) angenommen. Wann sie geschehen sei, ist bisher noch dunkel geblieben. Die doberaner Genealogie giebt kein Jahr an; Kirchberg datirt sie vom J. 1231, Chemnitz vom J. 1234, ohne daß diese ihre Quellen angeben. Es ist aber noch die Frage, ob überhaupt eine zweite Landestheilung vorgenommen ist. Es ist nicht einmal wahrscheinlich, daß in so kurzer Zeit ein so wichtiges Geschäft, wie eine Landestheilung, zwei Mal geschehen sei, und es läßt sich kein bestimmter Grund und keine urkundliche Thatsache dafür angeben.

Es ist vielmehr wahrscheinlich und wohl gewiß, daß es

nur Eine Landestheilung vom J. 1229 giebt,

ferner daß

bei dieser die einzelnen Landestheile abgegrenzt und bestimmt und einstweilen in zwei Hauptgruppen verwaltet wurden,

endlich daß seit dem J. 1231

die einzelnen fürstlichen Brüder sich zur eigenen Regierung der ihnen bestimmten Landestheile nach und nach von der gemeinschaftlichen Verwaltung abzweigten, so wie sie volljährig wurden,

ohne daß man deshalb neue Landestheilungen anzunehmen braucht.

Diese Abzweigung aus dem gemeinsamen Verbande wird sich aus dem selbstständigen Auftreten der einzelnen Fürsten, aus ihrer Titulatur und ihren Siegeln 1 ) erkennen lassen und es wird dadurch vielleicht möglich sein, annäherungsweise ihre Volljährigkeit und ihren selbstständigen Regierungsantritt in den ihnen zugefallenen Landestheilen zu bestimmen. Es wird daher am passendsten sein, die Curialien der vier Brüder einzeln zu beleuchten.

I. Der Fürst Johann tritt in dem J. 1229 als Herr von Meklenburg selbstständig für sich und im Namen seines Bruders auf, für den jedoch die Vormundschaft noch zwei Jahre ihren Einfluß, im Namen des jüngsten Bruders Pribislav, in gemeinschaftlicher Regierung geltend machte. Bald tritt jedoch Johann allein mit einem eigenen Siegel auf:


1) Die Erforschung dieser Verhältnisse und die Abbildung der Siegel ist deshalb von so großer Wichtigkeit, weil die ältesten Siegel, welche allein Kunde von inneren Verhältnissen geben, nur noch in Einem, höchstens in einigen Exemplaren vorhanden und dem Untergange nahe sind. Zugleich sind diese Siegel die einzigen Kunstdenkmäler jener Zeit außer den Bauwerken.
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mit einem großen runden Siegel mit einem vorwärts schauenden Stierkopfe, welcher zwei abwärts gerichtete, hauerartige Verzierungen am Maule hat 1 ),

Siegel

mit der Umschrift:

Umschrift

1) Diese feste Einführung und Ausbildung der Wappenzeichen für die verschiedenen Landestheile geschieht unter den ersten Fürsten nach der Landestheilung. Von dem Stammvater Pribislav existirt keine Urkunde und kein Siegel. Sein Neffe Nicolaus ("princeps Slavorum") zu Rostock führt ein Reitersiegel, das einzige Reitersiegel, das in der Heraldik der meklenburgischen Fürsten vorkommt. Pribislavs Sohn Borwin I. führt einen Greifen und dessen älterer Sohn Heinrich oder Borwin II. von Rostock, so wie die Vormundschaftsregierung seiner Söhne ebenfalls einen Greifen im Siegel, als allgemein wendisches Sinnbild. Borwins I. jüngerer Sohn Nicolaus von Meklenburg führt einen Stierkopf (jedoch ohne weitere Abzeichen, als mit einem einfachen Reifen um die Stirne), als obotritisches, vielleicht germanische Symbol. Der Greif blieb bei der Landestheilung Wappenzeichen des Hauses Rostock: Borwin III., Waldemar und Nicolaus führen alle einen Greifen von derselben Gestalt. Die anderen drei Brüder nahmen den Stierkopf. Pribislav I. von Richenberg setzte aber bald seine eigne thronende Gestalt ins Siegel; ihm ahmte darin sein Sohn Pribislav II. nach, der die Linie beschloß. Die beiden älteren Brüder Johann I. von Meklenburg und Nicolaus I. von Werle wählten den Stierkopf; Johann fügte hauerähnliche Verzierungen hinzu. Auch der Stierkopf auf des Fürsten Nicolaus Siegel hat, was bisher noch nicht bemerkt ist, dieselben Verzierungen, so lange er sich noch Herr von Rostock nennt. In seinem neuen (  ...  )
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Dieses Siegel erscheint zuerst an der Originalurkunde des Klosters Dobbertin über die Verleihung des Patronats der Kirche zu Goldberg, vom 9. Julii 1231 1 ), und bald darauf an einer neuklosterschen Original=Urkunde vom 11. Februar 1232 2 ), und an den zunächst folgenden Urkunden bis zum J. 1246 3 ). Noch am 29. April 1231 siegelte die Vormundschaft mit ihrem Siegel. Nach diesen Thatsachen, nach welchen der Fürst Johann etwa um Pfingsten des J. 1231 (etwa beim Ritterschlage an dem großen Feste?) selbstständig ward, scheinen die früheren Historiker das Jahr der zweiten Landestheilung in das J. 1231 gesetzt zu haben. Schon im Februar 1235 belehnte der Kaiser den Herrn Johann von Meklenburg mit Land und Leuten 4 ).

II. Der Fürst Nicolaus nannte sich seit der Landestheilung im J. 1229 Herr von Rostock. Von dieser Theilung bis zur selbstständigen Abtrennung der Herrschaft Meklenburg von dem ganzen Lande im J. 1231 tritt er nicht allein, sondern nur in Gemeinschaft mit einem oder mehreren seiner Brüder auf, siegelt auch nicht mit einem eigenen Siegel. Im J. 1232 scheint aber auch er volljährig geworden zu sein. Nach einer alten Regeste einer nicht mehr vorhandenen Urkunde des Bisthums Schwerin, d. d. Güstrow d. 27. März 1232, traten die Herren Nicolaus und Heinrich von Rostock noch gemeinschaftlich dem Bisthum ihre Rechte an das Land Bützow ab 5 ). Am 10. März 1233 trat er schon allein und selbstständig auf und war schon vermählt 6 ) und im J. 1235 erscheint von ihm an einer Urkunde des Klosters Sonnenkamp


(  ...  ) Siegel, welches er sich als Herr von Werle nach der Abzweigung von seinem Bruder Borwin stechen ließ, sind die Hauer fortgelassen. Das Wappenzeichen der Linie Werle blieb von nun an unverändert ein vorwärts schauender, gekrönter Stierkopf, ohne Halsfell, Nasenring und aufgerissenes Maul, etwa mit ausgeschlagener Zunge im Verlaufe der Zeit. Johann von Meklenburg ließ auf einem jüngern Siegel auch die Hauer weg und führte ebenfalls einen nackten Stierkopf, eben so sein Sohn Heinrich der Pilger in den ersten Zeiten seiner Regierung; am Ende seines Lebens führte dieser einen Stierkopf mit dem Halsfell. Sein Sohn Heinrich der Löwe führte ein ganz ähnliches Siegel mit einem Stierkopfe mit Halsfell und unter der Vormundschaft seines Sohnes Albrecht (1329-1336) ward der Stierkopf mit Halsfell u. s. w. so ausbildet (vergl. Jahrb. VII, Lithograpie), wie er bis auf den heutigen Tag geführt ist. Die ausgeschlagene Zunge ist an allen Stierköpfen mit dem Anfange des 14. Jahrh. allgemein geworden.
1) Gedruckt und beschrieben in Lisch Gesch. u. Urk. des Geschl. Hahn, I. B, Nr. V, und gedruckt in Rudloff Urk. Lief. Nr. VI.
2) Gedruckt und beschrieben in Lisch Mekl. Urk. II, Nr. V.
3) Dieses Siegel führt der Fürst Johann bis ins J. 1246. Bald darauf kommen auch andere Siegel von ihm vor.
4) Vergl. Rudloff Urk. Lief. Nr. VII.
5) Vergl. Lisch Mekl. Urk. III, Nr. XXV.
6) Vergl. Riedel Cod. dipl. Brand. I, p. 446.
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das erste Siegel: ein schildförmiges Siegel mit einem vorwärts schauenden Stierkopfe, ebenfalls mit Hauern,

Siegel

mit der Umschrift: 1 )

Umschrift

Dieses Siegel allein ist entscheidend; denn er nennt sich zwar bis zur Selbstständigkeit seines Bruders Heinrich im J. 1236 vorherrschend und häufig noch Herr von Rostock (Nicolaus dominus de Rozstok), aber es kommen auch Fälle vor, daß er sich während dieser Zeit Herr von Werle (dominus de Werle), und nach dieser Zeit, als er Herr von Werle und Güstrow war, wieder Herr von Rostock nennt, ein Schwanken, welches auch in der Titulatur seines Vaters bemerkt wird. Grade in der erwähnten ersten Urkunde, welche er mit seinem Siegel als Herr von Rostock besiegelte, nennt er sich: dominus de Werle, und als sicher sein Bruder Heinrich schon als Herr von Rostock siegelte, in den Jahren 1240 und 1241, nennt er sich noch: dominus de Rozstok 2 ). Er stellte in diesem Zeiträume mehrere Urkunden


1) Vergl. Lisch Mekl. Urk. II, Nr. VIII.
2) Vgl. die mirowschen Urkunden Nr. II und III in Jahrb. II, S. 216 flgd.
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in seinem Namen aus, zu denen sein Bruder Heinrich oder auch einige seiner Brüder nur ihre Einwilligung gaben oder als Zeugen hinzutraten.

Nachdem Nicolaus sich mit seinem Bruder Heinrich auseinander gesetzt hatte, nannte er sich vorherrschend Herr von Werle oder Güstrow (dominus de Werle, dominus de Guzstrowe) und siegelte mit einem neuen Siegel, dem frühern fast ganz gleich,

Siegel

jedoch mit der Umschrift 1 ):

Umschrift

Das Siegel als Herr von Rostock führte er noch im Juli 1238 2 ) das Siegel als Herr von Werle im August 1240 3 ).

III. Der Fürst Heinrich oder Borwin war in den ersten Jahren nach der ersten Landestheilung seinem nächst ältesten Bruder Nicolaus anvertraut und trat bis zum Antritt


1) Vgl. Lisch Mekl. Urk. I, Nr. XXI, XXVI, XLIV und XLV, und Zusätze und Verbesserungen.
2) Vgl. daselbst Nr. XXI.
3) Vgl. daselbst Nr. XXVI. Merkwürdig ist, daß das Original der in Besser's Beitr. zur Gesch. der Vorderstadt Güstrow S. 122 gedruckten Urkunde vom J. 1248 noch mit dem ersten Siegel mit der Umschrift: Sigillum domini Nicolai de Rozthok, besiegelt ist. Vgl. unten Urk.=Sammlung.
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einer Regierung nur in Gemeinschaft mit demselben oder mit allen seinen Brüdern auf. Mit seiner Confirmation ("mutato fortassis proprio nomine in confirmacione"-nach der doberaner Genealogie) nahm er den Namen Borwin an, und hiemit ist ein Hülfsmittel mehr zur Erkennung seines Regierungsantrittes gegeben. Im J. 1235 bei Ausstellung des Privilegiums der Stadt Plau tritt er, in Gemeinschaft aller seiner Brüder, dominorum de Werle, noch mit dem Namen Heinrich auf (vgl. Westph. Mon. ined. IV, p. 928). Er erhielt in der Theilung die Herrschaft Rostock und nannte sich seitdem: Borwinus dominus de Rozstok. Schon am Anfange des J. 1236 1 ) erscheint er unter diesem Namen und Titel, wenn sich auch sein Bruder Nicolaus noch fernerhin Herr von Rostock nennt; am 15. Februar 1237 besiegelte er schon selbstständig auftretend eine (unten in der Abhandlung über die Fürstin Sophie von Rostock mitgetheilte) doberaner Urkunde mit seinem großen, runden Siegel, welches er fortan beständig führte: mit einem rechts hin schreitenden Greifen

Siegel

und der Umschrift:

Umschrift

1) Dies ist eine bisher unbekannte, unten in der Urk.=Sammlung mitgetheilte Urkunde des Klosters Rehna v. 12. Mai 1236 von "Johannes Magnopolensis (  ...  )
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Zeugen dieser Urkunde sind: "domini Johannes Magnopolensis et Nicolaus de Werle". Zu derselben Zeit war er schon sicher mit seiner Gemahlin Sophia, welche am 24. April 1241 nicht mehr lebte, vermählt, wie unten 1 ) klar dargethan werden wird. Mit dem J. 1240 ist die Selbstständigkeit seiner Regierung völlig geordnet und außer allem Zweifel 2 ). - Es scheint hiernach, daß er, nach der Tradition, ungefähr im J. 1234 oder 1235 mündig geworden sei und seine Regierung in dieser Zeit angetreten habe, da einige ältere Geschichtschreiber die zweite Landestheilung in das Jahr 1234 setzen; dies würde aber vielmehr eine dritte Theilung, nämlich die Auseinandersetzung der Fürsten Nicolaus und Heinrich (oder Borwin) sein.

IV. Der Fürst Pribislav, der jüngste der vier Brüder, welcher zuerst dem ältesten seiner Brüder, dem Fürsten Johann, anvertraut war, kommt in den Urkunden am wenigsten vor. Nachdem die Vormundschaft nach den Landestheilungen und Verwaltungen aufgehört hatte, erscheinen zwar die drei Brüder Johann, Nicolaus und Borwin öfter bei einander, z. B. im J. 1236 bei der Stiftung des Klosters Rehna und im J. 1237 bei einer Verleihung an das Kloster Doberan; aber der Fürst Pribislav scheint von seinen Brüdern immer entfernt gehalten zu sein. In der Theilung erhielt er die Herrschaft Parchim oder die mittlern Länder des südlichen Theiles des Landes, namentlich das Land Warnow bis an den Bogen der obern Warnow, zu welchem noch Sternberg gehörte, und nannte sich deshalb seit seiner Volljährigkeit Herr von Parchim (dominus de Parchim). Urkundlich erscheint er als solcher, als er im J. 1238 zu Parchim die Privilegien dieser Stadt confirmirte 3 ), in demselben Jahre, als auch die Fürsten Johann und Nicolaus dem Kloster Dargun Verleihungen erteilten 4 ), und im J. 1240, als er der Stadt Parchim die Gerichtsbarkeit über das Dorf Bicher schenkte 5 ). An


(  ...  ) dominus", in welcher als Zeugen auftreten: "dominus Nicolaus de Werle, Boruwinus de Roztoc". In der bischöflichen (Confirmation des Klosters Rehna vom 26. Dec. 1237 (vgl. Lisch Gesch. des Geschl. Hahn I. B, S. 23) werden, als einziges Beispiel, die vier Brüder noch: "nobiles domini de Slavia, domini Johannes, Nicolaus, Heinricus, Pribizlaus fratres" genannt. Die Canzlei des Bischofs Ludolph von Ratzeburg war mit den neuen Verhältnissen des Landes Meklenburg wohl noch nicht ganz vertraut. - Auch in dem Vertrage des Bischofs Brunward mit dem Fürsten von Rostock über die pommerschen Zehnten vom 5. Februar 1236 (in Lisch Mekl. Urk. III, S. 81) wird er schon "dominus Borewinus de "Rozstok" genannt.
1) Vgl. Lisch Mekl. Urk. I, Nr. XXX.
2) Vgl. daselbst Nr. XXVII.
3) Gedruckt in Cleemann's Chronik von Parchim, S. 101.
4) Vgl. Lisch Mekl. Urk. I, Nr. XX und XXI.
5) Vgl. Cleemann's Parch. Chron., S. 221.
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der Verleihungsurkunde, welche das Kloster Dargun im J. 1241 von ihm erhielt, hängt sein erstes, von ihm bekanntes Siegel, welches ohne Zweifel einen Stierkopf mit einem Ringe zwischen den Hörnern als Wappenzeichen führte 1 ).

Siegel

Später, sicher seit dem J. 1249, nannte er sich nach der von ihm an der Warnow bei Kleefeld und Kritzow erbaueten Burg Richenberg: Herr von Richenberg, und seit dieser Zeit führte er auch ein neues Siegel, ein Majestätssiegel, mit seiner eigenen thronenden Person im Bilde 2 ).

Siegel

1) Vgl. Lisch Mekl. Urk. I, Nr. XXVIII.
2) Ueber die Siegel der Pribislave von Richenberg vgl. die folgende besondere Abhandlung Nr. II.
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Wann er zur Volljährigkeit und Regierung gelangt sei, läßt sich schwer bestimmen. Möglich, ja wahrscheinlich ist es, daß er bei der letzten Landestheilung oder vielmehr bei der Thronbesteigung des Fürsten Heinrich oder Borwin von Rostock sein Erbtheil angewiesen erhielt; denn es existirt im großherzoglichen Archive zu Schwerin in Abschrift eine von dem Fürsten Heinrich von Meklenburg im J. 1256 transsumirte, bisher unbekannte Urkunde über die Kirchen= und Pfarrgüter von Raden vom 25. Jun. 1234, in welcher er sich schon Herr von Richenberg (Pribislaus dei gratia dominus in Richenberch) nennt, wenn es anders mit dem Datum ("Acta sunt hec in Sterneberg anno domini millesimo ducentesimo tricesimo quarto, in crastino Johannis baptiste") seine Richtigkeit hat, wogegen jedoch mit Grund nichts vorgebracht werden kann.


Aus dem Vorgetragenen ergiebt sich nun im Allgemeinen, daß

die vier Söhne des Fürsten Heinrich Borwin II: Johann, Nicolaus, Heinrich oder Borwin und Pribislav, bei dem Tode ihres Vaters, 1226, und Großvaters, 1227, minderjährig waren,

daß

während der Minderjährigkeit das Land von einer Vormundschaft von Prälaten und Edlen des Landes verwaltet,

daß

im Anfange des J. 1229 das ganze Land in die vier Herrschaften Meklenburg, Werle, Rostock und Parchim=Richenberg für die vier Brüder getheilt ward,

daß

der Fürst Johann von Meklenburg im J. 1231,
der Fürst Nicolaus von Werle im J. 1232,
der Fürst Borwin von Rostock im J. 1234,
der Fürst Pribislav von Richenberg nach dem J. 1234
die Regierung selbstständig antraten.

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II.

Die

Siegel der meklenburgischen Fürsten
von Parchim=Richenberg,

von

G. C. F. Lisch.


D ie Kenntniß der Siegel der Fürsten von Parchim=Richenberg ist für die Geschichte dieser Linie unsers Fürstenhauses von so großer Wichtigkeit, daß diese ohne dieselbe kaum mit Sicherheit dargestellt werden kann. Die Kenntniß derselben ist aber ohne Abbildung der noch vorhandenen Abdrücke kaum zu erlangen. Es ist daher hier Hauptzweck, um der Geschichte des Hauses Parchim=Richenberg eine festere Grundlage zu geben, Abbildungen der Siegel dieser Fürsten mitzutheilen und dieselben mit einigen historischen Erläuterungen zu begleiten. Außerdem werden diese Abbildungen endlich die Heraldik des meklenburgischen Landeswappens säubern, welche in frühern Zeiten durch neu erfundene richenbergische Wappen so sehr verunstaltet ist.

Als Heinrich Borwin I., nach seinem ihm vorangegangenen Sohne Heinrich Borwin II., am 28. Januar 1227 starb, waren seine vier Enkel, die Fürsten Johann, Nicolaus, Heinrich und Pribislav von Meklenburg, noch minderjährig. Die Vormundschaft für diese jungen Fürsten besiegelte ihre Urkunden mit einem gemeinschaftlichen Siegel, welches einen Greifen zum Wappenzeichen hatte 1 ). Das gesammte Erbe der Borwine ward unter die jungen Fürsten vertheilt und Pribislav, der jüngste der Brüder, erhielt den Theil des Landes, dessen Hauptstadt Parchim war; daher nannte er sich auch Herr von Parchim. Er ward erst spät volljährig; wenigstens tritt er erst im J. 1238 selbständig als Herr von Parchim auf, wenn auch


1) Ueber diese Verhältnisse vergl. man die voraufgehende Abhandlung: Ueber die meklenburgische Hauptlandestheilung.
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Spuren von dem frühern Eintritt seiner Volljährigkeit (im J. 1234) vorhanden Sein mögen.

Die Geschichte des fürstlichen Hauses Richenberg liegt noch sehr im Dunkeln (vgl. noch v. Lützow Mekl. Gesch. II, S. 15) und wartet einer ausführlichen, begründeten Darstellung, zu welcher die Archive noch viel wichtigen Stoff enthalten. Die folgende kurze Darstellung enthält die Hauptbegebenheiten der Familie. Als nach seiner bekannten Fehde mit dem Bischofe von Schwerin im J. 1256 nicht nur dieser, sondern auch der Graf von Schwerin die Hände nach seinem Reiche ausstreckte, ja selbst seine Brüder zulangten, um das väterliche Erbe nicht in fremde Hände gerathen zu lassen, ging er zu dem Schwiegervater seines Sohnes Pribislav, einem Herzoge von Pommern, und erwarb hier die Herrschaft Wollin; er trug zwar mit seinem Schwager Richard, Herrn von Frisack, im J. 1261 die Stadt Parchim dem Markgrafen von Brandenburg auf, damit dieser ihm seine Güter wieder verschaffe; jedoch waren alle Bemühungen vergeblich. Er starb nach dem J. 1270. Pribislav, der letztlebende von seinen Söhnen, erwarb durch seine Gemahlin Catharine, eine pommersche Fürstentochter, die Länder Daber und Belgard in Hinterpommern. Auch er verpflichtete sich im J. 1285 den brandenburgischen Markgrafen zum Dienst und nahm im J. 1287 mit den Herren Heinrich und Richard von Frisack von denselben seine Länder zu Lehn. Jedoch auch seine Bemühungen waren fruchtlos und im J. 1315 starb mit ihm seine Linie aus.

Höchst wichtig für die Ergründung der Geschichte Pribislavs und seiner Herrschaft Parchim sind nun die Siegel, welche er und sein Sohn führten. Ohne die bisher angenommenen Siegelbilder kritisch zu prüfen, möge hier zuvor eine Darstellung des Wirklichen Raum finden.

So lange Pribislav minderjährig war, wurden die für ihn ausgestellten Urkunden der Vormundschaft auch mit demselben Vormundschaftssiegel besiegelt, welches für alle vier Brüder gebraucht ward.

Nachdem er nach erlangter Volljährigkeit, als Herr von Parchim (dominus de Parchem), im J. 1238 seine Herrschaft Parchim angetreten hatte, wählte er sich, wie seine Brüder, ein eigenes Siegel und führte zum Wappen einen vorwärts schauenden Stierkopf mit einem schwebenden Ringe zwischen den Hörnern. Von diesem Siegel ist nur noch ein Fragment von einem einzigen Exemplare vorhanden, welches an der Urkunde des Klosters Dargun (vgl. Lisch Meklenb. Urk. I, S. 65 und 66) vom J. 1241 hängt;

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auf diesem Fragment, welches noch jetzt, jedoch sehr zersplittert, an der Urkunde hängt,

Siegel

ist noch das rechte, kräftige, nach innen gebogene Stierhorn und der Ring in der Krümmung desselben klar zu erkennen. Der Archivar Schultz im Anfange des vorigen Jahrhunderts kannte es noch unverletzt und hat von demselben eine etwas verkleinerte Zeichnung, die jedoch, da er nicht Zeichner war, zur Abbildung nicht zuverlässig genug ist, im Archive hinten lassen.; nach dieser hatte das Siegel die Umschrift:

Umschrift

Auch Westphalen Mon. ined. IV, Tab. 8, Nr. 6, hat das Siegel, angeblich nach dem Originale, wahrscheinlicher aber nach Schultz's Ueberlieferung oder nach eigenem Entwurfe, abbilden lassen, jedoch ohne Umschrift und überhaupt schlecht, wie alle, von ihm gelieferten Siegel= und Münzenabbildungen. Rudloff und Evers d. A. kannten (nach Rudloff II, S. 128 und 129) das Siegel wahrscheinlich auch noch vollständig, wenn nicht auch in ihren Angaben die Schultzsche Abbildung das Original hat vertreten müssen 1 ); dergleichen kommt freilich auch noch im vorigen Jahrhundert vor. Die Existenz eines Siegels Pribislavs mit einem Stierkopfe, so lange Pribislav sich noch vorherrschend Herr von Parchim nannte, ist jedoch außer allem Zweifel.

Nachdem Pribislav sich, sicher seit dem J. 1249, an der nordwestlichen Grenze seines Reiches auf den hohen Ufern der Warnow, zwischen Kritzow und Brahlstorf oder Kleefeld, nicht weit vom Ostufer des schweriner Sees, die Burg Richenberg hatte erbauen lassen 2 ) und sich nach derselben vorherrschend Herr von Richenberg nannte, ließ er sich ein neues Siegel


1) Daß, nach Rudloff, dieses Siegel an einer Urkunde von 1244 gehangen haben soll, ist jedenfalls ein Druckfehler; es existirt aus diesem Jahre keine Qriginal=Urkunde von Pribislav im Archive, dagegen hängt das Siegel an einer Urkunde vom J. 1241.
2) Vor dem Jahre 1249 ist nur Eine Urkunde, über die Kirchen= und Pfarrgüter von Raden, vom 25. Junii 1237, in den Archiven, in welcher er sich Herr von Richenberg nennt, wenn anders das Datum richtig ist, da die Urkunde nur in einer Abschrift vorhanden ist.
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stechen. Dies ist ein großes, rundes Siegel, wie ein sogenanntes Majestätssiegel: auf einem Throne mit einer Säule an jeder Seite ist des Fürsten eigenes Bild sitzend dargestellt, wie er mit der rechten Hand ein entblößtes Schwert auf dem Schooße hält und die linke Hand, wie gebietend, erhebt; ein Wappen fehlt auf diesem Siegel ganz. Von diesem Siegel sind noch vier, wenn auch zerbrochene, alte Original=Exemplare vorhanden, aus denen sich das Siegel bis auf einige Buchstaben der Umschrift wieder herstellen läßt.

Siegel

Die Umschrift lautet:

Umschrift

Da der Fürst selbst auf diesem Siegel abgebildet ist, so fehlt auch das Wort SI G ILLVM und die Umschrift besagt, daß der thronende Fürst PRIBIZL A VS selbst sein soll.

Dieses Siegel hängt in Bruchstücken noch:

1) an einer Urkunde der Kirche zu Parchim vom J. 1249, nicht gedruckt;

2) an einer Urkunde des Klosters Doberan vom J. 1253, gedruckt in Westphalen Mon. ined. III, p. 1496;

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3) an einer Urkunde der Kirche zu Wahmkow vom J. 1256, nicht gedruckt;

4) an einer Urkunde über die Vereinbarung mit dem Grafen Guncelin von Schwerin vom J. 1270, gedruckt in Rudloff Urk=Lief. S. 59 und Cleemann's Chronik von Parchim S. 116.

Als Pribislav nach den trüben Erfahrungen, welche er in seiner Fehde mit dem Bischofe Rudolph von Schwerin gemacht hatte 1 ), die Regierung seines Landes aufgab (1257) 2 ) und sich nach Pommern zurückzog, nannte er sich Herr zu Wollin, genannt Herr von Wendenland (dominus de Wolin, dictus de Slavia). Auch als solcher führte er noch sein großes Siegel, welches er als Herr von Parchim und Richenberg geführt hatte; er besiegelte noch im J. 1270 damit die Acte, durch welche er sein Land Parchim den Grafen von Schwerin überließ 3 ). Die Ueberreste, welche von diesem Original=Siegel noch vorhanden sind, gehören ohne Zweifel zu dem abgebildeten Siegel dieses Fürsten.

Pribislavs I. von Parchim=Richenberg Sohn Pribislav II. lebte in Pommern; sein Schwiegervater, Herzog Mestwin, hatte ihm die Herrschaft Daber und Belgard in Hinterpommern zum Besitz gegeben. Nachdem der Sohn vermählt und ansässig geworden war, entsagte der Vater für sich und seine Erben den Ansprüchen an Parchim. Pribislav II. scheint nach seinen Knaben= und Jünglingsjahren gar nicht in Meklenburg gewesen zu sein; er erscheint in meklenburgischen Urkunden nur ein Mal, nämlich als er am 30. April 1289 zu Colberg zu Gunsten des Klosters Dargun den Ansprüchen entsagte, welche er an den in seines Vaters ehemaliger Herrschaft belegenen Klostergütern hätte haben können 4 ). Gewöhnlich nennt er sich Herr von Daber und Belgard: dominus de Belgard, auch: dominus de Belgard et Doberen, auch wohl: Pribizlaus de Slavia dominus terrae Doberen et terrae Belgard in Cassubia. Als solcher führt er, wie sein Vater, ein großes, rundes Siegel, mit seinem eigenen Bilde in weitem Gewande, auf einem Throne sitzend, mit der rechten Hand ein bloßes Schwert über die Schulter haltend, mit der linken


1) Vergl. Rudloff M. G. II, S. 43.
2) Vergl. Lisch Urk. zur Gesch. des Geschlechts Maltzan I, Nr. VIII.
3) Vergl. Rudloff Urk. Lief. Nr. XXII.
4) Vergl. Lisch Mekl. Urk. I, S. 185 flgd. Zu der Zeit war der Abt von Dargun mit mehreren Mönchen seines Klosters zu Colberg und ließ sich dort zu größerer Sicherheit diese Urkunde ausstellen. Dargunsche Mönche waren öfter in Hinterpommern (man vergl. die folgende Urkunde, d. d. Cöslin 18. Sept. 1289, S. 187), wahrscheinlich in Angelegenheiten des Filialklosters Bukow.
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einen Wappenschild, auf welchem ein gekrönter Stierkopf steht, neben sich auf die Erde stützend;

Siegel

Die Umschrift lautet:

Umschrift

Dieses Siegel hängt an der erwähnten dargunschen Urkunde vom J. 1289 im Archive zu Schwerin und an einer Urkunde vom Weihnachtstage 1291 im Archive zu Stettin, in welcher Pribislav II. als Zeuge auftritt 1 ).

So sind die Siegel der beiden Pribislave von Parchim=Richenberg völlig klar, und die Geschichte beider ist nach ihren Siegeln und Titeln zu scheiden; desto größer ist die Verwirrung, welche bisher in der Beschreibung derselben geherrscht hat. Westphalen hat in Mon. med. IV zu p. 1254, Tab. 7 und Tab. 8, die Siegel Pribislavs I. in Kupferstich gegeben, und zwar nach Urkunden ("fide diplomatum"), wie er sagt. Zuerst giebt er Tab. 7, Nr. 4, das Vormundschaftssiegel für ein Siegel Pribislavs allein aus und bezeichnet es, mit einem verhunzten Greifen, als "sigillum Pribislai domini Megapol."


1) Von diesem vollständigen Abdruck hat der Verein einen Lackabguß durch die Güte des Herrn Oberlehrers Dr. Hering zu Stettin erhalten.
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"1231 inter diplomata Sonnenk. et Neukl.", mit der Umschrift: SI G ILLU M . PRIBISL A I . DO M . M e c KL e N B, - einer Umschrift, welche rein erdichtet ist, wie man sich aus dem oben mitgetheilten Vormundschaftssiegel, welches grade an der Sonnenkampschen oder Neuklosterschen Urkunde von 1231 hängt, überzeugen kann. Auf Tab. 8 theilt er das Siegel Pribislavs mit dem Stierkopfe mit ziemlichen Freiheiten nach Schultz's verkleinerter Handzeichnung mit, jedoch ohne Umschrift. Die meiste Verwirrung haben jedoch die großen Siegel der beiden Pribislave mit ihrem eigenen Bilde hervorgebracht. Nach Kirchbergs Chronik Cap. CXXIX soll Pribislav I. ein Jungfrauenbild im Siegel geführt haben. Kirchberg sagt:

her vurte eyn jungfrowin bilde
gemalt an syme schilde.

Hiernach führte er aber auf seinem Schilde ein gemaltes Jungfrauenbild; von einem Siegel ist hier gar nicht die Rede; Kirchberg mag übrigens auch das Siegel Pribislavs gemeint und in dem thronenden Herrscher mit dem lockigen Haupte ein Jungfrauenbild erkannt haben. Der sogenannte Heraldiker Rixner, der sich um das J. 1530 in Meklenburg aufhielt und hier eine rein erdichtete meklenburgische Heraldik schrieb, die leider lange genug als Quelle gebraucht ist, malte nun flugs auf einem möglichst schlecht gestalteten Schilde ein splitternacktes, stehendes Weibsbild mit einem fliegenden Schleier um Hand und Hüften als Landeswappen für die Herrschaft Parchim. Für eine weibliche Figur nahm man nun, verführt durch die unklare Angabe Kirchbergs, das thronende Bild Pribislavs mit weitem Gewande, und auf die, vielleicht archivarische, Versicherung, daß dem wirklich so sei, bemühete man sich nicht weiter um Aufsuchung der Originalsiegel, sondern nahm die Zeichnung Rixners für Wahrheit an. Daher ließ Westphalen a. a. O. Tab. 8, Nr. 11, dieses Rixnersche Gebilde ("fide diplomatum"!) in Kupfer stechen und nannte es: "Sigillum Pribislai dni. in Parchim. Dipl. Parch. 1273". Schon Chemnitz nahm dies für Wahrheit und stellte weitläuftige Untersuchungen über dieses Nebelbild an und sagte von Pribislav II.: "und hat er mit seinem Herrn Vatter ein Siegel und Wappen geführt". Selbst Rudloff (Mekl. Gesch. II, S. 128-129) kann sich von diesen Rixnerschen Traditionen noch nicht losmachen, und wenn er auch auf die wirklichen Darstellungen hindeutet, so redet er doch bei Pribislav I. noch von einer "sitzenden nackenden Person" und bei Pribislav II. von einem "nackenden weiblichen Fußsiegel".

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III.

Das Schloß Richenberg,

von

G. C. F. Lisch.


S chon einige Male ist der ehemalige Sitz der fürstlichen Linie Richenberg Gegenstand der Schilderung gewesen; da aber diese Schilderungen entweder sehr alt sind, oder auch nach diesen alten Schilderungen ohne persönliche Gegenwart zusammengestellt und aufgeschmückt wurden und von den gröbsten Entstellungen wimmeln, so begaben der Herr Geschichtsmaler Schumacher und der Referent sich im Sommer 1834 persönlich nach der Richenberger Mühle, um die Oertlichkeit genau zu untersuchen.

Eine ausführliche Geschichte der ganzen Fürstenlinie Richenberg und ihrer Wohnsitze muß für eine andere Zeit aufgespart bleiben; hier sollte zur Sicherung der Nachrichten über die Ueberreste der Stammburg nur eine Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes für die Zukunft, wenn vielleicht keine Spur mehr zu finden ist, niedergelegt werden. Nur die alten Archivnachrichten über den Ort Richenberg mögen hier eine Stelle finden. Am 26. Julii 1317 bahnte der Fürst Heinrich von Meklenburg die Familie von Critzow mit dem Kirchspiele Cladow und dem Hofe Critzow und mit den bei diesen Gütern liegenden Mühlen 1 ), zu denen auch die Richenberger Mühle gehört. Die Belehnung geschah vielleicht, weil Pribislav II. im J. 1315 ohne Erben gestorben und das Privatgut seiner Linie ohne Zweifel heimgefallen war. Genannt wird die Richenberger Mühle zuerst in einer Urkunde vom 1. Febr. 1447, durch welche der Herzog Heinrich d. A. dem Heinrich von Bü=


1) Vergl. Jahrb. III, S. 232.
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low dieselben Güter Cladow und Critzow und die "Mole thom Richenberge" verleiht 1 ). Daß Richenberg zum Hofe Critzow gelegen ist, beweisen die Lehnacten des Gutes vom J. 1550, in welchen genannt werden:

"Die Mole vnd felt zum wusten Richenberge."

Die früheste Nachricht aus der neuern Zeit giebt Chemnitz im Anfange des 17. Jahrhunderts, wenn er sagt:

"Richenberg, nicht weit von dem schwerinschen See bei Critzow, der Bülowen rittersitze gelegen, davon noch jezo rudera vorhanden sein."

Diese Nachricht ist wahrscheinlich Veranlassung zu manchen übertriebenen, ohne persönliche Anschauung gemachten Beschreibungen der neuesten Zeit geworden.

Obgleich die richenberger Mühle mit dem wüsten Felde Richenberg in alter Zeit zu dem zur Pfarre Cladow gehörenden Dorfe Critzow lag, so gehörte sie doch zur Pfarre Zittow, welche in alten Zeiten 4 Filiale (Zaschendorf, Langenbrütz, Cambs und die im 17. Jahrhundert baufällig gewordene Kirche zu Brahlstorf bei Kleefeld) hatte. Nach einer "Restauration" der Mühle im J. 1695 war sie auf die andere Seite der Warnow, aus der Pfarre Zittow in die Pfarre Cladow, verlegt und der Müller hatte sich zur Kirche nach Cladow gewandt; nach langen Streitigkeiten ward er jedoch an seine alte Pfarre Zittow und Langenbrütz zurückgewiesen.

Die alte Burg Richenberg stand allen Nachrichten infolge in der Nähe der jetzigen Richenberger Mühle an dem Wege zwischen Kritzow und Kleefeld oder Brahlstorf an der Warnow. Hier erhebt sich unmittelbar bei der Mühle am rechten Ufer der Warnow, über der Mühle und dem genannten Wege, eine sehr steile Anhöhe, deren Ansteigung jetzt mit Buchen bewachsen ist; die Erhebung über dem Spiegel der Warnow mag ungefähr 80 Fuß betragen. Diese Anhöhe wird von den Bewohnern der Gegend nach alter Tradition noch heute der "Schloßberg" genannt. Ist man oben angekommen, so zeigt sich die Anhöhe als eine viereckige Hochebene, deren eine grade Seite die erwähnte Bergwand ist. Dieses Plateau hat die Gestalt eines ziemlich regelmäßigen von S. gegen N. gerichteten Rechteckes, welches in W. und N. von einem Kniee der Warnow begrenzt wird; rings fällt es in die Tiefe ab: gegen W. und N. zur Warnow, gegen O. in ein Bruchgehölz, gegen S., am geringsten, in ein Ackerfeld. Die


1) Vergl. Rudloff Mekl. Gesch. II, S. 119.
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Länge des Plateau's von S. nach N. beträgt etwa 225 Schritt, die Breite etwa 170 Schritte. Am südlichen Ende erhebt sich das Plateau am höchsten; diese Erhebung scheint zum Theil künstlich und zur Stelle eines Thurms benutzt gewesen zu sein. In der Mitte ist eine Senkung, welche ebenfalls zum Theil künstlich zu sein scheint. Gegen O. nach Müsselmow hin senkt sich der Blick in einen tiefen, schönen Thalgrund, gegen W. in das schöne Warnowthal; gegen NO. erhebt sich der Kleefelder Bergwald, der weit hin sichtbar ist. Die ganze Gegend ist sehr bergig und voll enger Thalschluchten.

Von der ehemaligen Burg ist sehr wenig vorhanden, am wenigsten "Trümmer und Zinnen." Am Fuße nämlich ist das Plateau an den am meisten zugänglichen Seiten gegen N. und O. von einem Steinwalle von Feldsteinen umgeben. An der ganzen Nordseite nach Kleefeld hin liegt im Fuße des Berges, etwa 170 Schritte weit, in grader Richtung eine Schicht von dicht gelegten, sorglich gefügten Feldsteinen, welche mit einer dünnen Erd= und Moosdecke belegt sind; diese Fügung hat ganz das Ansehen des Fundamentes einer Mauer. Dieser Theil des Burgwalles ist noch unangerührt. Eben so ist es am östlichen Fuße des Berges gewesen; hier aber sind die Steine in neuern Zeiten ausgebrochen und in das angrenzende Bruchgehölz geworfen, mit Ausnahme einiger Stellen, wo noch Spuren der Umwallung sichtbar sind. An derselben östlichen Seite, ungefähr in der Mitte des Abhanges, liegt noch eine große Gruppe von Feldsteinen, wie Trümmer; die Stelle ist mit Buschholz bedeckt. Die Steine liegen hier hohl und mehr lose auf einander gehäuft; nach der Aussage der Bewohner soll man hier zu Zeiten mit einer Stange zwischen den Steinen hindurch in einige Tiefe dringen können: allem Anscheine nach stand an dieser Stelle ein Thor= oder ein Kellergemäuer, an der Stelle, wo der Berg am bequemsten zu ersteigen ist.

Dies ist Alles, was an diesem Orte an ehemalige Bauten erinnert, aber auch noch so klar ist, daß sich eine künstliche Arbeit durch Menschenhand nicht abweisen läßt.

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IV.

Das Land Ture,

von

G. C. F. Lisch.


Z u dem Lande Richenberg=Parchim, welches im Allgemeinen die späteren Vogteien Parchim, Lübz, Plau, Goldberg und Sternberg umfaßte, gehörte auch das Land Ture. Häufig sind neben einander die Länder Turne und Ture genannt, nicht weniger häufig sind sie mit einander verwechselt, da eine genauere Begrenzung derselben früher fehlte. Dem Lande Turne ist in Jahrb. II, S. 87 flgd. seine Lage angewiesen; das Land Ture hat dagegen einer bestimmtem Bezeichnung seiner Ausdehnung bisher entbehrt. Mußte die Lage des Landes Turne durch weit reichende urkundliche Forschungen mühsam von außen her gesucht werden, so läßt sich dagegen die Lage und Ausdehnung des Landes Ture nach vollständigen Beschreibungen von innen heraus genau construiren. Im großherzoglichen Archive finden sich nämlich Register über eine Reichssteuer, die Königs= oder Kaiser=Bede genannt, welche noch in jüngeren Zeiten nach den alten "Ländern" erhoben ward; in diesen werden die Dörfer, welche zur Ture gerechnet wurden, vollständig aufgezählt. Von diesen Registern, welche aus dem Ende des 15. Jahrh. stammen, ist vorzüglich eines, welches wahrscheinlich vom J. 1496 ist, bestimmt und sicher; mit diesem stimmen mehrere andere überein. Es lautet:

Keisers boringe von der Ture.
I. Kreien (Kreien).
Carbow (Karbow).
Wilsen (Wilsen).
Retzow (Retzow).
Quatzelin (Quaßlin).
Dartz (Darz).
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Walstorp (Wahlstorf).
Borkow (Barkow).
Broke (Brook).
Bentzin (Benzin).
II. Werder (Werder).
Lateran (Lutheran).
Grantzin (Granzin).
Tor Wothen (Woeten).
Lentzkow (Lenschow).
Cotzebade (Kossebade).
Grabow (Grabow).
Burow (Burow).
Szolkow (Zolkow).
Cladrum (Kladrum).
Badegow (Badegow, im ritterschaftl. Amte Crivitz).
Runow (Runow).
Niendorp (Niendorf).
III. Jnwanre Lübtze (Einwohner der Stadt Lübz).
to Bobtzin (Bobzin).

Die Ture bildete also das jetzige Amt Lübz: noch heute gehören sämmtliche aufgezählte Dörfer, mit Ausnahme von Lenschow und Badegow, zum Domanial=Amte Lübz, und dasselbe Amt enthält jetzt nur wenig Dörfer mehr, als die alte Ture 1 ).

Auch die Stadt Lübz lag in der Ture; noch im Anfange des 14. Jahrhunderts war Lübz ein Dorf, bei welchem die Burg Eldenburg erbauet war: im J. 1308 nennt der Fürst Heinrich von Meklenburg, in einer Verpfändungs=Urkunde an die von Plessen:

"hus to der Eldeneborch mit deme dorpe unde vorwerke to Lubitze mit vnseme dêle der Thure."

So wird Lübz im 14. und noch im 15. Jahrhundert öfter genannt; die Stadt ist wohl erst am Ende des 14. Jahrh. erbauet, jedoch fehlen bis jetzt genauere Nachrichten über die Zeit der Gründung derselben.

Nachdem im Laufe der Zeit die Stadt Lübz entstanden und in dieselbe eine fürstliche Vogtei gelegt war, wurden die Ortschaften der Ture so geschieden, daß die unter I aufgeführten Dörfer noch in Jüngern Zeiten mit dem alten Namen der Ture


1) Es gehören außer den aufzählten Dörfern jetzt zum Amte Lübz nur noch die Dörfer: Grebbin, Kritzow, Lanken, Ruthen, Schlemmin, Wangelin und Wessentin. Die von Cleemann vermuthete größere Ausdehnung des Landes Ture und die Verwandtschaft der Namen Ture und Stur (im Lande Malchow) bleibt reine Hypothese; vergl. Cleemann's Parchimsche Chronik S. 270 und 245.
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belegt wurden; die unter II genannten Ortschaften bildeten speciell die Vogtei Lübz; zu diesen Dörfern kam denn seit dem 14. Jahrh. III die Stadt Lübz.

Das Land Ture lag also in langer Ausdehnung von NW. gegen SO. zu beiden Seiten der Stadt Lübz, und ward gegen W. in gleicher Richtung von dem Lande Parchim (oder Warnow, vergl. Jahrb. II, S. 104) und gegen O. in gleicher Richtung von dem Lande Kussin (Kutin) oder Plau, in der Folge zum Lande Werle gehörend, begrenzt. Die Gaue Brenz, Parchim, Ture und Kussin mochten aber das Land Warnow (vergl. Jahrb. II, S. 104) bilden, welches gegen Osten hin an das Land Müritz (mit den Gauen Malchow, Röbel und zuweilen Vipperow) stieß.

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V.

Das Land Kutsin oder Kutin.

von

G. C. F. Lisch.


D ie Bestimmung der Lage des Landes Kussin, welches nach der ersten Landestheilung zum Fürstenthume Richenberg=Parchim gehörte, hat ein vielfaches Interesse und kann selbst wichtigern Untersuchungen in der Landesgeschichte zur Unterstützung dienen, des archäologischen Interesses kaum zu gedenken, indem dieses Land in dem später lange Zeit hindurch traditionell gewordenen Titel der Obotritenfürsten (rex Kissinorum et Kussinorum) das ganze Mittelalter hindurch eine Rolle spielt. Die Erforschung der Lage dieses Landes ist aber nicht allein durch sich selbst schwierig, sondern wird noch mehr dadurch erschwert, daß es mehrere, ebenfalls nicht unwichtige Ortschaften und Länder mit ähnlich klingenden Namen in Meklenburg giebt, deren Lage auch noch nicht bestimmt ist. Es gab nämlich ein Kissin, ein Kussin und ein Kutsin. Zur sichern Beglaubigung kommen alle drei Ortschaften in der Fundations=Urkunde des Klosters Sonnenkamp (Neukloster) vom J. 1219 1 ) vor:

"villa Kuszin, ubi locus idem fundatus est, qui nunc Campus Solis vocatur; - - ecclesia quoque Kiszin et villa Rokentin;-- in terra Cutsin villa, quae dicitur Techutin".

Wo des Fürsten Borwin Domaine oder Privaterbtheil ("de nostro patrimonio", nach der eben erwähnten Urkunde) Kuszin lag, unterliegt also keinem Zweifel, da das Kloster Sonnenkamp oder Neukloster an der Stelle dieses


1) Vergl. Lisch Mekl. Urk. II, Nr. I und II.
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Ortes erbauet ist, wie es auch der Bischof Brunward in zwei Confirmations=Urkunden, von 1219 und 1235 1 ), wiederholt ausspricht.

Der Ort Kissin lag nach vielen Anzeichen ohne Zweifel in dem später so genannten Lande Rostock 2 ) und ist wohl sicher das jetzige Kirchdorf Kessin in der Nähe von Rostock. Das Kloster Sonnenkamp erhielt schon bei seiner Gründung die Kirche zu Kissin und das dazu gehörende Dorf Roggentin, welches bei Rostock liegt; der alte Tempelort Goderac oder Godhardsdorf (villa S. Godehardi) lag an der untern Warnow 3 ), in dem Lande Kytin (in terra Kytin), wo freilich Kytin statt Kyszin steht, was allerdings eine Variante zwischen hochdeutscher und niederdeutscher Aussprache sein kann; das Land Kissin grenzte an das Land Circipene. Zeichen genug für die Behauptung; doch bedarf die Lage dieses Landes noch einer genauern Nachweisung, wenn sie auch aus vielfachem Vorkommen und allen Verhältnissen der letzten Glieder des obotritischen Fürstenhauses im Allgemeinen nicht zweifelhaft sein kann.

Ueber das Land Kutsin herrscht aber noch völliges Dunkel, ja man hat es nicht selten mit den Ländern Kizsin und Kuzsin verwechselt. Zuerst kommt das Land Kutsin oder Kutin in der Confirmationsurkunde des Kaisers Friederich für das Bisthum Schwerin vom J. 1170 vor 4 ). Nachdem die nördlichen, dem Bisthume zugetheilten Provinzen aufgezählt sind:

"Castrum Magnopolense, Sverin, Kutin, Kissin",

d. h. in richtiger geographischer Aufeinanderfolge von O. gegen W.

"Meklenburg, Schwerin, Kutin (d. i. Kuzsin oder Sonnenkamp) und Kissin" (bei Rostock)

werden auch die südlichen Provinzen des Bisthums genannt:

"Parchim quoque, Kutin et Malchow, cum omnibus villis ex utraque parte alvei, quae dicitur Elde, ad ipsa castra pertinentibus".

Das Land Kutin oder Kutsin, nach der dazu gehörenden Burg so genannt, lag also zwischen den Ländern Par=


1) Vergl. Lisch Mekl. Urk. II, Nr. II und VII.
2) "Wurle, situm iuxta flumen Warnou, prope terram Kicine". Helmold I, 87, 3. - Werle lag bei der Stadt Schwaan; vgl. Jahrb. VI, S. 88 flgd.
3) Vgl. Jahrb. VI, S. 70 flgd.
4) Vgl. Lisch Mekl. Urk. III, Nr. I.
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chim und Malchow und umfaßte hier die Dörfer an beiden Ufern der Elde.

Es ist auch möglich, zwei ziemlich weit von einander entfernte Puncte in der Längenausdehnung dieses Landes anzugeben.

Das Kloster Sonnenkamp erhielt bei seiner Gründung im J. 1219 zwanzig Hufen zu Techentin im Lande Kutsin:

"in terra Cutsin in uilla, que dicitur Techutin, XX mansos";

und der Bischof Brunward bestätigte im J. 1235 dem Kloster:

"in prouincia Cuscyn Techentyn".

Dieses Dorf, welches das Kloster bis zu seiner Säcularisirung besaß, ist das Dorf Techentin bei Goldberg. Nicht lange nach der Zeit der ersten Geschichte Meklenburgs war das Land Kutsin 1 ) zum Lande Parchim geschlagen, indem es in einer päpstlichen Confirmations=Bulle für das Kloster Sonnenkamp vom J. 1267 2 ) heißt:

"Tehghentin in terra Parchem".

Im J. 1271 schenkte auch der Fürst Heinrich von Mecklenburg demselben Kloster das Dorf Niendorf (Par. Wahmkow) im Lande Parchim (Niendorp in terra Parchem) 3 ).

Ohne Zweifel umfaßte das Land Kutsin gegen Südost hin noch den plauer See. Die Urkunden des Bisthums Schwerin werden auch hier wieder vermißt; jedoch können die noch vorhandenen alten Regesten aushelfen. Als am 26. April 1232 die fürstlichen Brüder Nicolaus und Heinrich, Herren von Rostock, dem Stifte Schwerin ihre Rechte am Lande Bützow abtraten, verliehen, sie 4 ) demselben auch die Hälfte der Wasserverbindung zwischen dem malchower (d. i. Flesen=) See und dem plauer See:

"Obgemelte hern geben auch in disem brieffe dem Bischoffe vnd seiner Kirche zwei Dorffer, die sechtszig hufen haben, auch den halben teil des wassers, so von Malechowe heruntergeht in den See Cuzhin, vnd die andern Wasser, so weit sich das


1) Die Varianten des Namens können nicht irre machen, wenn die Identität des an den verschiedenen Orten genannten Landes außer Zweifel gesetzt ist. Im J. 1170 heißt der Ort Kutin, im J. 1181 Kitin, im J. 1219 Kutsin, im J. 1235 Kuscyu. - Auch bei Wittenburg (Par. Körchow) lag ein Kutsin (vgl. Ratzeburger Zehnten=Register), welche jetzt Kützin heißt.
2) Vgl. Lisch Mekl. Urk. II, Nr. XXI.
3) Vgl. das. II, Nr. XXIII.
4) Vgl. das. III, Nr. XXV.
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landt daran erstreckt des dorffs Crazneierst; das ander dorf seind sie ihnen gleichßfalß einzuantworten verpflichtet".

Der hier genannte See Cuzhin oder Kuzin, in den von Malchow her ein Gewässer fließt, kann kein anderer sein, als der plauer See. Das bischöfliche Dorf Crazneierst, welches an dieser Wasserverbindung lag, ist das später sogenannte Dorf Bischofsdorf, jetzt Biestorf 1 ). Freilich lagen im 12. Jahrh. des schwerinschen Bischofes zwei Dörfer im Lande Müritz und im Lande Warnow. In den Fundations= und Confirmations=Urkunden des Bisthums Schwerin aus dem 12. Jahrhundert werden aber nur die beiden größern Länder Warnow und Müritz im Süden des bischöflichen Sprengels aufgeführt, an deren Stelle unmittelbar darauf im 13. Jahrhundert oft die kleineren Länder oder Vogteien: Brenz, Parchim, Ture, Kuszin, Malchow, Vipperow genannt werden 2 ). Es ist nicht unwahrscheinlich, daß in ältester Zeit die Vogtei Kuszin ganz oder theilweise der westlichste Theil des größern Landes Müritz war, oder daß die Grenze zwischen den Ländern Müritz und Warnow östlich am plauer See war, so daß von zwei neben einander liegenden Dörfern (Biestorf, und Petersdorf?) das eine im Lande Warnow, das andere im Lande Müritz lag. In der Urkunde des Papstes Alexander III. vom J. 1177 3 ) werden die beiden Dörfer als am "Sturichze" liegend aufgeführt; der "Sturich=zê, d. i. stursche See kann aber wieder kein anderer sein, als der plauer See.

Diese Nachricht von der Lage des Sees Cuzhin wird noch im J. 1295 durch eine Urkunde bestärkt, in welcher dem Kloster Neuenkamp der Aalfang in den Gewässern des plauer Sees bestätigt ward; hier wird eine Stelle bei Plau am See, nördlich vom Ausflusse der Elde aus diesem See,

"Cutzinerorth"

genannt. Das deutsche Wort "ort" heißt: "Spitze, Ecke". Das erste Glied dieser Composition trägt offenbar den Namen Cutzin (Cutzin-er-orth = Kutziner Ecke, wie Klützer Ort = Ecke des Landes Klütz) 4 ). Diese Stelle kann nun von


1) Die Lage des bischöflich=schwerinschen Dorfes Bischofsdorf, jetzt Biestorf, ist in Jahrb. II, S. 147, und V, S. 219 nachgewiesen.
2) Ueber die Lage der Länder Warnow und Müritz vgl. Jahrb. II, S. 103.
3) Vgl. Lisch Mekl. Urk. III, S. 35.
4) Beim Cutzinerorth lag im J. 1295 auch noch ein Sonnenberg ("locus qui uocatur Sunnenberge").
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dem Lande oder dem See Kutzin den Namen haben oder auch von einem Dorfe Kutzin, auf dessen Feldmark diese Stelle lag und welches späterhin bis heute Qetzin genannt ist, wenn nicht grade dieser Ort Quetzin das alte Cutszin oder Kutin ist und das Land und der See Kutsin wieder von diesem Dorfe den Namen tragen, was allerdings am wahrscheinlichsten ist.

Ja noch im J. 1331 verpfändete, nach den Regesten der bischöflich=schwerinschen Urkunden, der Bischof Johann mehrere bischöfliche Tafelgüter und namentlich "in Cussin Jabel" (nördlich am Cölpin=See). Jabel dürfte also einer der südöstlichsten Puncte des Landes Kuszin sein.

Das Land Kutsin lag also ohne Zweifel, wie das Land Ture, in der Richtung von NW. gegen SO., zu beiden Seiten der Stadt Goldberg, zwischen den spätern Städten Sternberg und Plau, und ward gegen W. von dem Lande Ture, gegen O. von den Ländern Werle und Malchow begrenzt und bestand ungefähr aus den jetzigen Aemtern Goldberg und Plau. Schon im 13. Jahrh. ward das Land Kutsin, wie das Land Ture, zum Lande Parchim gelegt. Die alte südwestliche Grenze des Landes Werle bildete die Mildenitz (von Goldberg bis Sternberg); nach dem Untergange des Hauses Richenberg=Parchim kam jedoch das Land Kutsin an Werle, indem fortwährend Techentin von Werle, dagegen Niendorf (im Lande Parchim) von Meklenburg confirmirt ward. Hat diese Lage des Landes Kutsin ihre Richtigkeit, so lagen auch Wahmkow, Pritz und Karow, ebenfalls Endpuncte, in dem Lande Kutsin, da sie 1254 und 1256 im Lande des Fürsten Pribislav lagen.

Wo die fürstliche Burg Kutsin lag, von welcher das Land den Namen hatte, läßt sich wohl schwer bestimmen. Möglich und wahrscheinlich ist es, daß sie an der Stelle des jetzigen Dorfes Quetzin bei Plau stand; möglich wäre es freilich, daß die borwinsche Domaine Kuszin, auf welcher das Kloster Sonnenkamp erbauet ward, die alte Burg Kutsin gewesen sei, aber wahrscheinlich ist es nicht; denn schwerlich wird das Land Kutsin so weit gegen NW. gereicht haben, des Umstandes kaum zu gedenken, daß in der Fundations=Urkunde des Klosters Sonnenkamp ausdrücklich und gesondert Kuszin neben Cutsin genannt wird. Es ist also einstweilen am gerathensten anzunehmen, daß die Burg Kutsin an der Stelle des Dorfes Quetzin gelegen habe. Dies scheint dadurch bekräftigt zu werden, daß noch in den J. 1264 und 1271 ein

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Burgwall zu Quetzin existirte; es heißt nämlich in zwei Urkunden von den genannten Jahren, die Kirche zu Quetzin besitze:

"duas kotas in villa Quitzin sitas ante Borchwall;"

auch die Waldung, welche bis an den Cutzinerorth ging, hieß der Wald Quitzin. Ja noch in den Jahren 1348 und 1355 existirte, nach Urkunden:

"de borchrûm, dat man den borchwal nometh, to endest deme dorpe Quitzyn belegen".


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VI.

Sophia von Rostock,

des Fürsten Borwin III. von Rostock Gemahlin,

von

G. C. F. Lisch.


U eber die Gemahlin des Fürsten Borwin von Rostock ist zu allen Zeiten vielleicht mehr geschrieben, als über irgend eine andere meklenburgische Fürstin bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, theils weil vielleicht einige Dunkelheiten und Widersprüche in den alten Nachrichten zur Forschung gereizt, theils weil die verwandtschaftlichen Verbindungen der fürstlichen Häuser Dänemark und Rostock stets einen Einfluß auf die Geschichte beider ausgeübt haben; ja es ist in neuern Zeiten über die Sophie eine eigene Schrift von Becker 1 ) herausgegeben.

Trotz aller Forschungen, welche Becker vollständig angeführt hat, sind bisher alle Lebensumstände dieser Fürstin durchaus dunkel und unzuverlässig, ja unrichtig. Nach unerwarteten Entdeckungen ist es auch nicht nöthig, die frühern Angaben zu prüfen oder zu widerlegen. Es lassen sich alle Lebensverhältnisse in einigen Hauptgrundzügen nach der folgenden Urkunde fest und unzweifelhaft bestimmen.

Der Fürst Borwin von Rostock verleiht der Abtei Doberan Privilegien über Gerichtsbarkeit und landesübliche Dienste.

D. d. Rostock. 1237. Febr. 15.

In nomine sancte et indiuidue trinitatis. Borwinus dei gratia dominus de Rozstok vniuersis


1) De Sophia, Henrici Burwini III. domini Rostochiensis uxore. Commentatio historica, quam in auditorio collegii medicei defendere studehit P. W. Becker, theologiae candidatus. Hafniae, 1830. - Vgl. Werlauff in Jahrb. IX, S. 122, Not. 30, 5.
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Christi fidelibus presens scriptum inspecturis in perpetuum. Ne firmis et rationabilibus actibus hominum presentis temporis maliciosa posteritatis in aliquo possit derogare inuidia, scripturarum solent adhiberi remedia, ut, que in statu cupiunt persistere solido, scriptis commendata maneant firmiora. Ea propter noticie tam futurorum, quam presentium uolumus adherere, quod nos uexationes et incommoda declinare cupientes et tranquillitate concordie gaudere, ut omnis rancoris de cetero sopita sit controuersia, que inter ecclesiam Doberanensem et nos super aduocatie disceptatione emerserat, de consilio fidelium nostrorum sub hac forma compositionis elegimus concordare. De beneplacito enim domini abbatis et fratrum suorum, immo ipsorum ad nos accedente petitione huiuscemodi decreuimus ordinationi firmiter inherere, uolentes omni grauamini et incommodo sane prouidere, ecclesie indempnitati per hoc consulendo: si quos capitalis sententia publico facto uel fuga non aliqua sinistre suspitionis fama reos condempnauerit, quales sunt fures, furto suo ualorem octo solidorum excedentes, incendiarii, homicide, manu tantummodo mortua presente, violentie illatores oppressione mulierum seu raptu uirginum, ita duntaxat si in ipso instanti uiolentia passa clamore ualido per uicinos fuerit attestata, quiquid in tales agere uoluerimus siue pecuniaria satisfactione, siue mortis condempnatione, ad nostre iurisdictionis spectabit ordinationem; si autem abbatie homines iudicio astantes uadiauerint et quicquid cause infra terminos eiusdem abbatie ortum fuerit, nichil nostrum exinde uendicamus, sed concessa eis sollempniter a primis fundatoribus et deinceps iudiciaria potestate abbas per aduocatum suum omnes alias causas emergentes

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iudicabit, et quicquid uadiatum fuerit, domino abbati et monasterio pertinebit. Nos etiam paterne deuotionis imitatores esse cupientes et meritum aliquod in prefata ecclesia nobis comparare desiderantes, omnes donationes et libertates eidem loco a progenitoribus nostris indultas confirmamus, ratum habentes videlicet, quod tam ipsi fratres, quam fratrum homines liberi sint et immunes ab omni infestatione aduocatorum et iudicii, ab urbium, pontium, aggerum exstructione, a uectigalium et theloneorum extorsione, necnon ab omni expeditione, nisi in terre defensione, cum uidelicet terra ab extraneo domino impetitur, seu etiam qualibet secularis iuris exactione, ita ut nemini nisi soli deo et monasterio teneantur. Ne autem ab heredibus nostris vel a quoquam alio iam sepedictis fratribus ulla in posterum oriri possit calumpnia, quod absit, presentem paginam testium annotatione et sigilli nostri impressione, ut iugiter inconuulsa permaneat, roboramus. Testes autem hii sunt: Alexander abbas in Nouo Campo, Thidericus prepositus, Syfridus decanus, Rodulfus scolasticus, Laurentius custos, Ouo et Wernerus canonici Zwerinenses, Adam prepositus in Campo Solis, Thedelinus prepositus in Rune, Walterus et Gerhardus plebani in Rozstok; milites: Thitleuus de Godebuz, Johannes de Snakenburg, Heinricus Gamme, Nicolaus dapifer, Walterus de Penz, Baroldus, Heinricus Grube, Bernardus de Wygenthorpe et alii quam plures, tam clerici, quam laici. §. Ego Brunwardus dei gratia Zwerinensis episcopus ordinationem huius rei, cui interfuimus, banno nostro confirmantes, ad ipsius facti corroborationem sigillum nostrum vna cum sigillis dominorum videlicet Johannis Magnopolensis et Nicolai de Werle apponi fecimus. Acta sunt hec anno

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gratie M °CC°XXX°VII°, indictione decima. Datum in Rozstok, XV kalendas Martii.
Siegel

Vorstehende Urkunde, welche auch in Westphalen Mon. ined. III, p. 1481, gedruckt ist, ist in einer schönen, festen Minuskel geschrieben. Eingeschnitten sind vier Doppellöcher zur Einhängung von Siegeln:

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1) an erster Stelle hing an einer Schnur von rother Seide ein Siegel, welche abgerissen ist (des Bischofs Brunward);
2) an zweiter Stelle hängt an einer Schnur von grüner Seide des Fürsten Johann von Meklenburg Siegel, S. 15;
3) an dritter Stelle fehlt das Siegel ganz (des Fürsten Nicolaus);
4) an vierter Stelle hängt an einer Schnur von rother Seide das Siegel des Fürsten Borwin von Rostock mit dem Siegel seiner Gemahlin Sophie auf der Rückseite, beide oben abgebildet.
Beide angehängte Siegel sind mit braunem Firniß überzogen.

An dieser Urkunde hängt an letzter Stelle das Siegel des Fürsten Borwin, welches, was bisher nicht bemerkt ist, auf der Rückseite das Siegel seiner Gemahlin Sophie als Rücksiegel trägt, mit der Umschrift:

Umschrift

Auf dem hier getreu abgebildeten Siegel befindet sich das stehende Bild der Fürstin, welche mit jeder Hand einen Schild hält: der Schild an der rechten Hand ist im Wappenzeichen verletzt, hat aber nach den Umrissen nur eine einzige Figur, wahrscheinlich den Greifen von Rostock, geführt; der Schild an der linken Hand ist wohl erhalten und führt, wenn auch durch den bedeckenden Firniß etwas unklar, doch sicher drei rechts schreitende Thiere über einander, von denen sich das mittlere als schreitender Löwe oder Leopard klar genug erkennen läßt. Die Fürstin führte also sicher den bekannten dänischen Königsschild mit drei Leoparden als Familiensiegel.

Es ist daher nicht zu bezweifeln, daß

die Gemahlin des Fürsten Borwin III. Sophia hieß, aus dem dänischen Königshause stammte und schon am 15. Februar 1237 vermählt war.

Die Urkunde ist wahrscheinlich zu Schwerin vor einer großen Versammlung ausgefertigt, da der Bischof Brunward von Schwerin, welcher sie bestätigte, in den allernächsten Zeiten darauf starb, und zu Rostock von dem Fürsten Borwin und nach der ganzen Beschaffenheit des Siegels zugleich von seiner Gemahlin, welche wohl wegen ihrer Leibgedingsgüter Zustimmung gab, besiegelt, also originalisirt ("Datum in Rozstock").

Borwins Vermählung wird also mit seiner Volljährigkeit zusammen und in das Jahr 1236 fallen; denn seit dieser Zeit erscheint er mit seinem neuen Namen und Titel selbstständig wirkend 1 ), wenn auch die vorstehend abgedruckte Ur=


1) Vgl. oben S. 19.
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kunde die erste von ihm besiegelte ist, welche von ihm bekannt geworden ist.

Daß dies alles seine Richtigkeit habe, wird durch eine im großherzogl. Archive zu Schwerin im Original aufbewahrten Urkunde des Klosters Dargun 1 ) bewiesen, nach welcher

des Fürsten Borwin III. Gemahlin Sophie am 24. April 1241 schon gestorben war,

indem Borwin dem Kloster Dargun eine Schenkung macht

zum seligen Andenken seiner verstorbenen Gemahlin, einer Tochter des Königs von Schweden,
("pro felici memoria quondam vxoris nostre domine Sophie, filie regis Swetie").

Wahrscheinlich wird Sophie nicht lange vor dem 24. April 1241 gestorben sein, da solche Gedächtnißfeiern gewöhnlich bald nach dem Tode der Hingeschiedenen gestiftet wurden.

Hiemit stimmen auch die übrigen Familienverhältnisse und Nachrichten, indem Borwin III. vier Kinder hatte, welche ganz gut in der Zeit 1236- 1241 geboren sein konnten, und Waldemar von Rostock führt am 13. Februar 1268 seine Mutter Sophie und seinen Bruder Johann als verstorben 2 ) auf; die beiden andern Söhne Borwins, Heinrich und Erich, starben ohne Zweifel sehr jung.

Es ist nun die Frage, wessen Tochter Sophia war. Urkundliche Nachrichten sind nicht mehr vorhanden. Ueber die Fürstin giebt es außer den Urkunden nur noch eine alte Quelle, Kirchbergs Chronik von 1378, zu welcher die Klosterquellen benutzt sind; jedoch steht sie schon zu ferne, als daß sie für die ältern Zeiten in schwierigen Dingen ohne Verdacht der Unvollständigkeit sein könnte. Kirchberg sagt:

Nu tu wir vurbaz sage schyn,
wy von Rodestog her Burwyn,
der dritte son waz wirdiglich
geboren von Burwyne Hinrich.
Der nam des koniges tochtir da
von Denemarkin, dy dar na
von godis genaden im gebar
dry sone, der hiez eyn Waldemar,
vnd den andirn Hinrich,
den dritten der hiez Erich.

Cap. CLXXXII.


1) Gedruckt in Lisch Mekl. Urk. I, S. 69.
2) Vgl. doberaner Urkunde in Westphalen Mon. ined. III, p. 1511: "pro salute-- matris nostre domine Sophie et fratris nostri Johannis".
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und

Do man schreib zwelfhundirt iar
vnd eyn vnd funftzig sundir spar
-  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -
-  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -
dar nach yn dem nehisten iar
frow Sophia starb virwar,
Swedisch geborn von koniges lib,
des iungen Hinrich Burwins wib,
vnd wart mit vngehabin
zu Doberan begrabin.

Cap. CLXXXI.

Kirchberg widerspricht sich hier darin, daß er die Sophia ein Mal aus Dänemark, das andere Mal aus Schweden stammen läßt. Man sollte fast vermuthen, daß er, wie wir, die eine Nachricht vom Kloster Doberan, die andere vom Kloster Dargun erhalten habe; in der Jahreszahl ihres Todes wird er sich aber wahrscheinlich versehen und 1251 statt 1241 geschrieben haben: denn von zwei Gemahlinnen Borwins ist in den Quellen nirgends die Rede. Nach ihrem Siegel war Sophia sicher eine dänische Königstochter; der Verfasser der darguner Urkunde vom J. 1241 muß sich also versehen und den Namen Schweden (Swetia) überhaupt für die nordischen Reiche genommen haben.

Aus diesem Gewirre von Nachrichten hat man nun eine Geschichte construirt, ohne sie durch Urkunden beweisen zu können. Man hat dem Fürsten Borwin zwei Gemahlinnen gegeben, bald Margaretha und Sophia, bald beide Sophia genannt, hat die eine 1241, die andere 1251 (nach Kirchberg) sterben lassen; Rudloff hat im Gegensatze dieser unbegründeten Darstellungen nur Eine Gemahlin Borwins: Sophia, welche "vor 1251 vermählt und vor 1268 gestorben" sein soll, freilich nach Urkunden, jedoch sehr weit von der Wirklichkeit entfernt.

Sophiens Vater wird nirgends mit Namen genannt; er muß also aus den damaligen Verhältnissen herausgefunden werden. Im Allgemeinen hat man den König Abel von Dänemark für den Vater der Fürstin Sophia ausgegeben und zwar aus dem Grunde, weil er in einer Urkunde vom J. 1251 1 ) den Fürsten Borwin seinen Schwiegersohn (dilectum generum nostrum dominum Borwinum) nennt. Hiergegen wird im Allgemeinen vorgebracht, daß gener nicht immer den "Schwiegersohn", sondern oft nur eine Verwandtschaft bezeichne.


1) Gedruckt in Nettelbladt Hist. dipl. Abhandl. Beil. Nr. XIV., und Rostock. Nachr. u. Anz. 1752, S. 97; vergl. v. Lützow Meckl. Gesch. II, S. 17 u. 20.
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Zwar ist es nicht zu leugnen, daß gener im Mittelalter zuweilen nur irgend ein, nicht immer bestimmtes, näheres Verwandtschaftsverhältniß bezeichnet, wie durch patruus sehr häufig jedes weitere Verwandtschaftsverhältniß (Vetter) ausgedrückt wird. Aber in der Urkunde vom J. 1251 werden andere Verwandtschaftsverhältnisse bezeichnet und der König nennt neben seinem Vater und Bruder seinen "geliebten Schwiegersohn" so daß sich aus dieser engen Zusammenstellung wohl auf eine sehr enge Verwandtschaft schließen läßt.

Die dänischen Schriftsteller, namentlich Becker 1 ) und Werlauff 2 ), stimmen gegen die Annahme, daß Sophia Abels Tochter gewesen sei, weil Abel nur Eine Tochter, Sophia, gehabt habe, welche um das J. 1240 geboren und im J. 1258 an den Fürsten Bernhard von Anhalt verheirathet worden sei. Diese Sophia ward also vermählt, als Sophia von Rostock starb. Beide Schriftsteller machen es dagegen, mit Latomus, wahrscheinlich, daß Sophia von Rostock die Tochter des Königs Waldemar III. († 1231) gewesen sei. Aber Waldemar III. vermählte sich mit Eleonore um das J. 1228, und beide starben im J. 1231. Sophia, welche im J. 1236 vermählt ward, kann also die Tochter dieses Fürstenpaares auch nicht sein. Daß ein Waldemar Sophiens Vater gewesen sei, möchte sich daraus schließen lassen, daß einer ihrer Söhne auch Waldemar hieß.

Man wird daher, da Sophiens Vermählung und Tod urkundlich bedeutend weiter hinauf gerückt ist, am Ende zu der Annahme gezwungen werden, sie für eine Tochter Waldemars II. zu halten, so daß Abel Borwins Schwager war. Genauere Erforschungen über die Herkunft der Sophia müssen wir jetzt aber dänischen Forschern überlassen, nachdem es zur Gewißheit erhoben ist, daß

der Fürst Borwin III. von Rostock im Anfange des J. 1237 mit einer dänischen Prinzessin Sophia vermählt war, welche im Anfange des J. 1241 mit Hinterlassung mehrerer Söhne gestorben war.

Vignette

1) Becker a. a. O., S. 20.
2) Werlauff in Jahrb. IX, S. 122.
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VII.

Historische Nachrichten

von

dem lübeckischen Patriziat,

vom

Dr. E. Deecke zu Lübeck.

Mit Beilagen.


M an hat vom lübeckischen Patriziate oft geredet, und mit Recht. Denn es hat der alten Stadt Ruhm und Ehre im deutschen Vaterlande erworben; es hat aber auch zweimal die heftigsten Erschütterungen ihres ganzen Gemeinwesens veranlaßt, und endlich hat es durch seine Beseitigung und Ausscheidung wesentlich die Gestaltung ihrer Zustände zur Folge gehabt, in der wir sie noch heute erblicken.

Aber man hat über Entstehung und Wesenheit desselben auch verschiedene Ansichten geäußert. Die gewöhnlichste ist die, daß man seinen Ursprung wirklichen Edelleuten zuschreibt.

"Dasselbe Bedürfniß, - hat man gesagt, - welches die Hanse in's Leben rief, führte den kampflustigen Adel nach Lübeck. An Edelleuten, welche die Gelegenheit gern ergriffen, im Dienste der emporblühenden Stadt Ruhm und Beute zu gewinnen, fehlte es nicht. Tausende von ihnen, die im 12. und 13. Jahrh. in den Dienst der Städte traten, gehörten den irrenden Rittern an, denen oft keine andere Wahl gelassen war, als entweder selbst zu rauben, oder Räuber zu bekämpfen. Manches edle Geschlecht war auch der beständigen Fehde und des Geräusches der Waffen überdrüssig geworden und zog es vor, die Sicherheit und das Wohlleben der Städter zu theilen.

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Auf den Römerzügen, welche fast alle Kaiser unternahmen, hatten die deutschen Edelleute die Entdeckung gemacht, daß der Edelgeborene Ehre, Ansehen und Vermögen gewinnen könne, ohne dem Kriege und seinen rohen Gewohnheiten zu huldigen. In Italien lernten sie einen Adel kennen, welcher, ohne die Waffen an die Seite zu legen, all das Wohlleben genoß, welches der Friede erzeugt. Dort gab es Patrizier, als in Deutschland die Städte sich zu bilden anfingen. Nach dem Muster italienischer Städte bildeten sich die deutschen. Lübeck war nicht die letzte unsers Vaterlandes, wohin sich der Adel wandte; es scheint auch nicht zu den undankbaren Republiken gehört zu haben. Mit Enthusiasmus empfingen Rath und Bürgerschaft den Krieger, welcher mit Ruhm und Sieg gekrönt in die Vaterstadt zurückkehrte. Eine Erwählung zu Rath entging dem verdienst= und hoffnungsvollen Adeligen fast niemals. Als aber die Geschlechter einmal einheimisch im Rathhause geworden, da war auch die Bahn des lübeckischen Patriziats gebrochen. Doch bei weitem nicht alle Familien, welche später in den Reihen der patrizischen aufgeführt werden, gewannen durch die kriegerischen Thaten ihrer Vorfahren Ansehen und Einfluß. Die eingewanderten Edelleute traten frühzeitig in eine enge Verbindung mit den Klassen, welche Geld und Geldeswerth besaßen. Bald war das Band zwischen älteren und jüngeren Patriziern so fest geschlossen, daß es dem Historiker fast unmöglich gemacht ist, mit einiger Sicherheit zu entscheiden, ob sich die einzelnen Geschlechter durch Geburt oder Geld das Bürgerrecht unter den lübeckischen Patriziern erworben haben."

Solche Ansicht nun hat auf den ersten Blick manches für sich, ja sie findet eine bedeutsame Stütze in der Geschichte mancher süddeutschen und ausländischen Städte. Anders jedoch waren die Verhältnisse in Norddeutschland, namentlich in den später angelegten Städten, zu denen auch Lübeck gehört.

Ich setze als bekannt voraus, welche Stellung im deutschen Reiche der hohe Adel einnahm und wie sich ihm gegenüber Ministerialen und Ritter zu Gut und Recht und Ansehen emporrangen, ja einen neuen Adel bildeten. Ich übergehe auch, welches diese Güter, diese Ehren etc . waren.

Nur daran erinnere ich, daß, bei den großen Rechten und Gunsten, die der Adel besaß, er an sich keinen Antrieb fühlen konnte, in die Städte überzugehen und sich bürgermäßig anzusiedeln. Weit eher vielmehr hatten die Bürger Veranlassung, aus den Mauern ihrer Städte auf's Land zu ziehen, wo sie als Nichtadlige zu manchen Diensten nicht verpflichtet waren und doch in rittermäßigem Ansehen leben konnten. Und so

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geschah es auch; grade in unsern Gegenden sind manche jüngere Rittergeschlechter aus sogenannten Knappen oder Junkern hervorgegangen, wie man Freie der Art gewöhnlich nannte, wenn sie zu größerem Grundbesitze gekommen und ehe sie zu gelegener Zeit wirkliche Ritter geworden waren.

Dennoch schlossen sich, außer Personen, wie sie eben bezeichnet sind, und die ja z. B. in Folge von Erbfällen in die Städte wieder überzugehen genöthigt sein konnten, auch wirkliche Ritter den Bürgergemeinden an; ja sie bildeten integrirende Theile derselben, wie z. B. in vielen Städten des Südens und Westens. Aber dies gab auch zu manchen Unordnungen Veranlassung. Den andern Bürgern wollten solche Personen nicht gleich geachtet und in den Leistungen gleichgestellt sein, und doch auch nicht lediglich die Wechselfälle des Kriegs= und Lehndienstes tragen. Für manche Oerter war daher verordnet, die Söhne eines Ritters sollten vor Ablauf eines gewissen Lebensjahres wieder Ritter werden oder von der Stadt völlig als ihren Bürgern zugehörig betrachtet und behandelt werden. In andern Städten war zur Erwerbung des Bürgerrechts die Verehelichung mit einer Bürgerwittwe oder Tochter zur Pflicht gemacht. Noch anderswo war den Rittern die Wohnung in der Stadt und deren Weichbilde gradezu untersagt. So in Lübeck. Unser altes Recht gebot auch, daß, wer in den Rath gewählt habe, kein Amt von Herren tragen dürfe; es gebot, daß, wenn eine ehrbare Frau oder Wittwe einem diesen Stand Ergreifenden ihre Hand reichte, sie nichts als ihre fertigen Kleider mitnehmen, ihre übrige Habe dagegen den nächsten Erben lassen solle. Desgleichen war Gesetz, daß kein Bürger Rittern oder Ministerialen in irgend welcher Weise ein Erbe verkaufen dürfe; wer das brach, verlor sein Erbe und zahlte der Stadt 50 Mark Silbers. Und dieses Gesetz kam noch in später Zeit zur Anwendung. So geschah es, daß der Rath ein Haus, welches das doberaner Kloster in der Mühlenstraße besessen und 1551 verkauft hatte, als es 1586 an die v. Qualen und von diesen an die v. Blomen überging: daß, sage ich, der Rath solches Haus, trotz aller Fürsprache des Dänenkönigs, wegnehmen und für Rechnung der Betheiligten verkaufen ließ.

Konnten nun unter solchen Umständen ritterliche Familien sich in unserer Stadt nicht gut ansiedeln, so erwarben doch auswärts Mitglieder der lübeckischen Familien die Ritterwürde. Ich kann als solche, unter andern, 1286 Johannes Clok, 1296 Marquard vamme Hagen, 1303 Hildebrand van Möln, 1306 Gottschalk van Segeberg, 1317 Gö=

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dere van Vifhusen, 1326 Otto van Bocholte, 1349 Gottschalk van Warendorp urkundlich nachweisen. Diesen sind späterhin andere gefolgt; ich erinnere nur an den berühmten Nicolaus Bröms, den Kaiser Karl V. zum Ritter machte. Uebrigens geschah dergleichen schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrh. Kaiser Friedrich II. erklärt: daß er aus seiner Machtvollkommenheit einem Manne gestatte, - trotz dem, daß sein Vater kein Ritter gewesen sei, und kaiserliche Verordnungen dergleichen verböten, - der Ehre der Ritterwürde theilhaft zu werden. Ohne Einfluß auf Bildung des Junkerstandes blieben solche Umstände gewiß nicht.

Warum man aber - in Rücksicht auf die Verhältnisse jener Zeit - nicht unrichtig verfuhr, wenn man so behutsam in Aufnahme von Rittern in die Stadt war, ist unschwer zu erklären. Ein anderes Interesse hatte der Ritter, dessen Ehre und Ansehen in meisterhafter Führung der Waffen, in ständigem Besitz von Land und Leuten, in dem Adel der Herkunft lag; - ein anderes der Kaufmann, dem nur die Noth das Schwert umgürtete, der mit Land und Leuten bloß Verkehr suchte, dessen Herkunft binnen Jahr und Tag für sein Fortkommen gleichgültig war. Wie leicht hätte jener zum Stadtregiment gelangen, das Gemeinwesen in nutzlose und kostspielige Kämpfe verwickeln, ja die Früchte der Mühen und Gefahren, die der Bürger bestand, für sich ernten können! Und Lübeck war von jeher Gegenstand des Neides; in fast alle bürgerliche Unruhen waren Fremde, Könige, Fürsten, Herren oder Ritter, verwickelt; bei der Verschwörung von 1384 hatten Ritter die Leitung des Unternehmens. Selbst noch in später Zeit, als unsere Patrizier wirklich für Adlige galten: welchen Zwist erregten sie als Landbegüterte; welche Vorrechte nahmen sie in Anspruch; welcher Hochmuth kam da den Bürgern gegenüber zu Tage! Das lehrte aber schon im Mittelalter manche Stadt, namentlich seitdem das kaiserliche Ansehn sank, und lübecker Bürger besuchten und kannten manche. Mußten doch die Reichshäupter selbst gegen die widerspenstigen Ritter mit Feuer und Schwert ausziehen! Mußten doch unsere Vorfahren selbst die Ritterburgen in diesen Landen oft und gewaltsam genug heimsuchen. Und einem Stande, der sich dem friedlichen Verkehr und dem ruhigen Fleiße kaufmännischer Gemeinden so ungünstig erwies, hatte man die Häuser, den Rathsstuhl, die Geldbeutel, die Herzen geöffnet?

Die Aristokratie, welche sich in Lübeck erhob, war vielmehr eine anderartige. So schwer es nämlich auch halten mochte, seine herkömmliche Freiheit zu behaupten: so wurden doch bei

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weitem nicht alle freien Männer Vasallen oder Höflinge, sondern ein großer Theil bewahrte seine Freiheit inmitten einer größeren Genossenschaft, in einer anerkannt freien Gemeinde. Sie hießen schöffenbar Freie, und wurden, wenn sie ihre Freiheit nur einige Generationen zurück darthun oder durch das Zeugniß ihrer Standesgenossen eidlich erhärten konnten, jenen Lehensträgern und Amtlingen als ebenbürtig geachtet, durften auch ein Wappen führen und nach der Ritterwürde streben. Schon 1187 schloß Kaiser Friederich Rothbart nur die Söhne der Geistlichen und Bauern von derselben aus. Ebendahin rechnete man aber in jener Zeit auch die Handwerker und anfänglich alle gewerbtreibenden Bürger, bis allmälig die Kaufmannschaft, zumal der kaiserlichen und freien Reichsstädte, zu solchem Ansehn, Besitzthum und Einfluß gedieh, daß man ihr die Anerkennung nicht versagen konnte. Erst in späteren Tagen, nachdem die Zunftverfassungen eingeführt waren, und als man keine vollkommene Freiheit, sondern nur Dienstadel anerkennen wollte, traten Bürger und Ritter mehr auseinander. So ward unter andern den Patriziern selbst die Turnierfähigkeit streitig gemacht.

In Lübeck war, nach der Anordnung Heinrichs des Löwen vom J. 1163, rathsfähig: wer von freiem Stande, keines Herrn Eigen oder Dienstmann, von gutem Gerüchte, echt und recht und frei geboren, in der Stadt erb= und eigenthümlich angesessen, nicht eidbrüchig geworden und nicht durch offenbares Handwerk begütert war, auch nicht schon einen Bruder im Rathe hatte. Festgesetzt war zugleich, daß man die Rathswürde nur zwei Jahre hindurch zu bekleiden verbunden sei; im dritten konnte man austreten, es sei denn, daß Vorstellungen und Bitten zu längerem Bleiben bewögen. Sichtlich war solche Satzung darauf berechnet, daß es den Kaufleuten, welche den eigentlichen Kern der Bürgerschaft bildeten, möglich blieb, ihren Geschäften mit Erfolg und Nachdruck vorzustehen, zumal da die Verhältnisse jener Zeit unendlich viel kritischer und schwieriger waren, als in unseren Tagen. Je lebhafter und ausgebreiteter aber das kaufmännische Geschäft, und je größer die Stadtgemeinde, und je mannigfaltiger die städtischen Verhandlungen wurden: um so mehr mußte die Rathswahl Personen treffen, die sich öffentlichen Angelegenheiten ohne Behinderung ihrer eigenen widmen konnten. Der sogenannte gemeine Kaufmann, der mit seinen Waaren die Meere, die Länder durchzog, oft Jahre lang in der Fremde zubringen mußte, konnte nicht dazu gehören, gesetzt auch, daß er von Handhabung des Rechts und gemeinheitlicher Verhältnisse so viel verstehen mußte, um sich auf den Faktoreien und Handelscontoren tüchtig zu erweisen.

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Wir finden denn auch in einer Reihe von Urkunden diejenigen, welche die Rathswürde bekleidet hatten, immer noch in politischen Geschäften thätig, und, was besonders wichtig ist, mit dem eigentlichen Rath in der innigsten Verbindung.

Ihnen zunächst standen solche Bürger, die, wenn noch nicht in den Rath gewählt, doch vermöge ihrer Umstände und Verhältnisse besonders dazu geeignet waren. Man nannte sie anfänglich die Reichen oder Reichsten, d. h. die Besitzenden, im Gegensatz zu den noch Erwerbenden oder nach Besitz Ringenden. Allein sie begnügten sich darum nicht mit dem Genuß ihrer Zinsen; ja, nicht Stadtämter allein übernahmen sie, sondern auch Kriegsdienste. Schon die lübischen Bürger, welche im J. 1190 zur Stiftung des deutschen Ritterordens Veranlassung wurden, waren schwerlich bloße Kaufleute: die religiöse Begeisterung bewegte in jenen Tagen manches Herz nicht minder, als der ledigliche Eifer für das Geschäft. Unter den Kreuzfahrern, die im Sept. 1196 vor Akko landeten, waren, wie der älteste Chronist unserer Stadt sagt, 400 der Tapfersten aus Lübeck, nicht Arme allein, sondern auch Reiche. So zogen fernerhin, wie die Urkunden darthun, tüchtige Männer der Art nach Livland, nach Preußen, und erlangten dort für ihre Kriegsdienste Eigenthum und Lehen, und es mag mancher lübische Bürger dort eines ritterlichen Geschlechtes Begründer geworden sein. Besonders jüngere Mitglieder begüterter Familien setzten in Kriegsthaten eine gewisse Ehre.

Seitdem nun zu dem Reichthum die Erfahrung und wirkliches Verdienst kam, ward der Einfluß und das Ansehn jener Bürgerklasse natürlich noch größer. Ausdrücklich ward sie von den andern Bürgern, selbst bei amtlichen Verhandlungen, durch die Benennung unterschieden. Man nannte sie die Namhafteren, die Einsichtigeren, die Höheren, die Aelteren, als Vertreter der Kirchsprengel auch die Geschworenen, die Kirchspielsverordneten. Auch im gewöhnlichen Leben kamen sie als ehrbare Bürger, ja als Bürger par excellence vor. Insbesondere standen sie den Kaufleuten, Handwerkern und Verlehnen gegenüber und erscheinen vorzugsweise als freie Grundbesitzer in der Stadt und deren Gebiete, und in Geldgeschäften thätig.

Endlich trat die Macht der Herkömmlichkeit dazu. Gelang es solchen Bürgern auch nicht, für sich und die Ihrigen ausschließlich den Besitz des Rathsstuhls oder anderer Stadtämter zu erlangen, wovon bei uns kein Beweis ist: so ward man doch im Laufe eines Jahrhunderts gewohnt, einigen Namen besonders guten Klang, einigen Familien besondere Befähigung zuzugestehen. Diese setzten auch, in Zeiten, wo schon die Dauer

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gewisse Würde gab, die man kaum noch zu kennen scheint, eine Ehre darein, zu erhalten, was sie erworben, und durch eine, wenn auch gemessene, doch liberalere Erziehung und tiefere Einsicht zu sichern. Durfte doch bald selbst eine höhere Bildung nicht ausgeschlossen bleiben! Dies war namentlich der Fall, nachdem die Leitung der hansischen Angelegenheiten in die Hände des lübischen Rathes gekommen war und die wichtigsten und mannigfaltigsten Verhandlungen mit Fürsten und Herren zu pflegen standen, die - was wohl zu beachten ist - gerade zu derselben Zeit größere Selbstständigkeit erlangten und eine eigenthümliche Politik annahmen. Da galt es, besondere Klugheit, schärferen Blick, freiere Ansichten der Dinge, lebhafteren Sinn, größere Gewandtheit im Verhandeln, gründliches Verständniß des Verhandelten zu bewähren: die Gewiegtheit der Väter konnte aber den Söhnen auf die einfachste Weise zu Hülfe kommen. Indessen reichten Gesinnung und Rede nicht immer aus und waren nicht überall das Entscheidende: auch das Schwert mußte in die Wagschale geworfen werden. Krieger nun ließen sich wohl erlangen; aber die Anführer, namentlich im Seekriege, mußten schon der Sicherheit wegen Einheimische sein: die fremden Rotten und ihre Hauptleute hätten ja nicht bloß der Stadt, sondern der ganzen Hanse gefährlich werden mögen.

So war es den Umständen gemäß, daß sich im Laufe des 14. Jahrh., wo der Rath, durch weitreichende Thätigkeit und glückliche Erfolge nach außen, größere Selbstständigkeit und Auctorität gewann, auch die zum Rathsstuhl vorzüglich befähigten und würdigen Familien sich von den bloß begüterten absonderten, und hervorragendes Ansehn und gewisse Sonderinteressen in Anspruch nahmen. Es bildete sich die Klasse der von altersher guten, ehrbaren und freien Geschlechter.

Zwar urkundlich und kaiserlich bestätigt ist sie nicht, wie es in anderen Städten notwendig ward, wo über Recht, Würde, Freiheit und Adel der Geschlechter Streit entstand. Nicht einmal die Confirmation dessen war hier nöthig, was man anderswo schon im 13. Jahrh. von den Kaisern sich feierlich verbriefen ließ: daß nämlich Bürger der Art Lehngüter erwerben, Lehen empfangen und geben, und daß sie in weltlichen Gerichten neben Adel und Rittern zu Rechte sitzen dürften. Ohne Zweifel ist dies den Bürgern einer so angesehenen Stadt, wie Lübeck damals war, nie streitig gemacht; übrigens ist auch in unsern Gegenden während des Mittelalters die Trennung der Stände nie so scharf und vollständig gewesen, wie z. B. noch im Laufe des vorigen Jahrhunderts. Beabsichtigte man aber eine Abson=

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derung nach einer bestimmten Politik, so galt es, sie wohl verborgen zu halten, oder sie so allmälig erfolgen zu lassen, daß sie nicht einmal auffällig, viel weniger drückend ward. Nun hatte auch in jener Zeit Lübecks Industrie alle Hände voll zu thun und in allen Ländern den reichsten Gewinn zu erwarten; es ließen sich's aber auch die Rathmänner sauer genug werden, Mittel und Wege dafür nicht bloß zu erhalten, sondern auch zu vermehren und zu erweitern. Selbst an großen Calamitäten, welche nicht selten in Folge von außerordentlichen Maßregeln manche Abänderung der bestehenden Ordnung notwendig machen, fehlte es nicht. Der mehrmals wiederkehrende, fürchterlich wüthende schwarze Tod, vor dem ganze Städte, ja Landschaften verödeten, verschob und verrückte manche Grenze; zum Streiten und Widerstreben ließ er keine Zeit. Die Reaction blieb freilich nicht aus; sie kam, wenn auch erst später; eine Reihe von Empörungen erhob sich in den wendischen Städten; acht Jahre lang war Lübeck seines alten Raths und seiner Geschlechter beraubt: - allein grade damit schwand alles klare und deutliche Bewußtsein früherer Zustände vollends, oder doch in dem Grade, daß manche lediglich herkömmliche Verhältnisse gesetzliches Ansehen erhielten.

Solcher Stand der allgemeinen Noth, da weder reich noch arm verschont blieb, - an einem Tage starben, nach völlig beglaubigten Nachrichten, in unserer Stadt 500 Menschen, - führte aber auch die zu einander Gewöhnten und Gehörigen enger zusammen. Der Tod mit allen seinen zeitlichen Schrecken und ewigen Gerichten und Strafen; der Gedanke, daß ein Kameel leichter durch ein Nadelöhr gehe, als ein Reicher ins Himmelreich komme, - trieb zu Errichtung von Brüderschaften, deren Mitglieder einander thätige Theilnahme und gute Werke und inständige Fürbitten im Leben und im Tode zusicherten. Ja, je mehr man des Guten in diesem Leben genossen, je mehr seines Lohns man dahin hatte: um so ängstlicher blickte man auf den unerbittlichen Ausgleicher der Verhältnisse und um so eifriger war man bemüht, ihm abzuringen, was man vermochte.

Ich muß indessen bemerken, daß ich nur von Lübeck und dessen Patriziat rede; anderer Orten hat sich alles ganz anders begeben und gestaltet.

Wirklich werden auch gleich nach jener Schreckenszeit unsere Junker, oder, wie sie auch heißen, Konstavels, d. h. berittene, schwerbewaffnete Krieger, zuerst erwähnt, und diese Namen zeugen zugleich von einem Anspruche auf höhern, ja gradezu auf den ritterlichen Stand, als wenn etwa nur noch der Brief oder die Weie gefehlt hätte.

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Bestärkt ward solche Ansicht durch den glänzenden Besuch, welchen Kaiser Karl IV. im J. 1375 unserer Stadt machte. Hier waren es nächst dem Rathe die Junker, welche ihm und seinem Gefolge die herrlichste Aufnahme bereiteten. Der Kaiser selbst wohnte im Hause des Junkers Gerd von Darsowe in der Königsstraße. Vor seiner gütigen Herablassung und dem freundlichen Entgegenkommen seiner Begleiter schwand mancher Zweifel, mancher Anstand: es war eine Zeit, wo die Kaiser nur noch in den Reichsstädten eine sichere Stütze erkannten. Nun war der Kaiser so artig, den Rathmännern das Prädikat Herren beizulegen und sie den Räthen der 4 Städte beizuzählen, denen von Alters her die Auctorität gegeben sei, in des Kaisers eigenem Rathe Sitz und Stimme zu haben. Natürlich wirkte das auf die Geschlechter, denen seit einem Jahrhundert fast alle Rathsmitglieder entsprossen waren, zurück. Wir sehen sie denn auch zunächst von den bloß begüterten Familien sich entschieden trennen; diese bildeten die Klasse der riken Koplüde, auch wisen Koplüde, oder, wie sie bald nachher hießen, der Renthener, und begründeten der Gechlechtsaristokratie gegenüber eine Geldaristokratie, welche beide die eigentlich bürgerliche Freiheit mannichfach bedrohten.

Das fühlte die übrige Bürgerschaft wohl, die damals schon zahlreich und kräftig und auch einsichtig genug war, um zu erkennen, was ihr bevorstand. Schon im J. 1376 erhoben sich die Handwerker gegen den Rath und zogen bald auch andere Companien in ihr Interesse, zumal da grade außerordentliche Abgaben gezahlt werden sollten. Für dasmal zwar ward der Sturm beschwichtigt; aber es war vorauszusehen, daß die Ruhe nicht von langer Dauer sein könne. Man fühlte das Bedürfniß engerer Vereinigung und eines geschlossenen Widerstandes. Schon im J. 1378 traten deshalb die Mehrzahl der Kaufleute im Schonenfahrer=Schütting zusammen, um, wie sie ausdrücklich erklärten, ihre Cumpanei fester zu machen; auch wählen sie, zu den zwei Schaffern, die sie bisher gehabt, vier Haupt= oder Aelterleute, die des Schüttings Rath sein und ihm aufs beste vorstehen sollten. - Ihnen folgten im J. 1379 die Junker und gründeten die sogenannte Zirkelbrüderschaft.

Zwar diese Verbrüderung war an sich kein politischer Verein, wie ihn die Kaufleute offenbar geschlossen hatten: sie war vielmehr, ihrer Begründung nach, eine religiöse Gesellschaft, eine geistliche, und nur insofern eine ordensmäßige, als sie, zur Ehre der heiligen Dreieinigkeit gestiftet, ihren Mitgliedern die Tragung eines besondern, beständigen Ordenszeichens zur Pflicht machte.

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Auch erwarben die Zirkelbrüder eine Capelle von den Mönchen zu St. Katharinen, stifteten gewisse Präbenden und Almosen, richteten jährliche Festversammlungen ein und verpflichteten sich zum Trost der Seelen aller aus ihrer Mitte Verstorbenen, d. h. zur Erlösung derselben aus dem Fegefeuer. Jedoch ist nicht zu übersehen, wie auf solche Weise einerseits eine Verbindung mit der im Volke höchst einflußreichen Geistlichkeit, namentlich den meist beliebten Franziskanern, begründet ward, und wie andrerseits allen Rathsmitgliedern, die den Geschlechtern angehörten, möglich, ja natürlich und anständig, blieb, mit diesen im innigsten Zusammenhange zu verharren.

In dem Jahre nach Stiftung der Zirkelbrüderschaft, nämlich 1380, rührten sich die Aemter; auch ihnen genügte nicht mehr an der bisherigen Verfassung; sie verlangten bestimmte und genaue Rollen, die ihre Gerechtsame enthielten. Als sie ihre Absicht nicht erreichten, vielmehr für angestellten Unfug und Ungebühr dem Rathe öffentlich Abbitte leisten mußten, bildete sich die bekannte Verschwörung von 1384. Auch diese ward mit Energie unterdrückt; doch gestattete der Rath dem angesehensten der Aemter, den Brauern, im J. 1386, aus Gnaden, und so lange es ihm behaglich wäre, sich vier Aelterleute zu wählen und somit eine besondere Zunft zu bilden. Aber Friede ward auch dadurch nicht. Seit 1403 brach der Zwist in helle Flammen aus; fünf Jahre lang widerstanden Rath und Geschlechter; dann mieden sie, von der Uebermacht gedrängt, die Stadt; nur die Rentenirer noch hatten sich zu ihnen gehalten. Es läßt sich denken und ist auch naturgemäß, daß unter solchen Verhältnissen die Companien eine ganz andere Bedeutung bekamen, als sie früher hatten: Reibungen, die über 30 Jahre lang fortdauerten, mußten Gedanken, Pläne, Anstalten herbeiführen, auf die man in Tagen der Ruhe gewiß nie gekommen wäre; vor allem aber ward die verfolgte und gedrängte Parthei, nämlich Rath und Geschlechter, zu engerer Vereinigung und innigem Zusammenhalten gezwungen.

Es folgte, was ich hier nur andeuten kann, eine ins achte Jahr dauernde völlig demokratische Zunftherrschaft, die jedoch der Stadt überall nicht wohl that. Im J. 1416 ward vielmehr der alte Rath vollkommen restituirt, den Bürgern allen aber nicht allein der strengste Gehorsam anbefohlen, sondern auch alles untersagt, was zur Verkleinerung der Obrigkeit oder deren Macht und Freiheit irgendwie beitragen könnte. Und 113 Jahre lang war nun so tiefe Ruhe, daß, als König Erich von Dänemark die Bürgerschaften der wendischen Städte durch heimlich zugetragene Briefe aufzuregen suchte, und in

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Hamburg, Wismar, Rostock, Stralsund die Empörung blutigroth aufloderte, die Lübecker überall begütigend und vermittelnd auftraten. Mit dem Rathe war übrigens auch das Patriziat in alle seine früheren Verhältnisse wieder eingetreten, die nun, durch kaiserliches Ansehn, wenn nicht ausdrücklich, doch factisch zu recht= und gesetzmäßigen wurden. Fortan bildete sich die Zirkelbrüderschaft zu einer förmlichen Junkergilde aus; es sonderten sich aber in ihr die Herren, d. h. die Rathsmitglieder oder sonst Beamteten, auch die wirklichen Ritter, von den Brüdern oder eigentlichen Zirklern und den Gesellen d. h. den jüngeren oder ledigen Aspiranten. Fortan ward jeder nur mit Einwilligung der zur Gesellschaft gehörigen Bürgermeister vorgeschlagen, und, ehe gestimmt ward, untersucht, wiefern sein Geschlecht ihn würdig mache, den Zirkel zu tragen. Der Rath selbst ward eine rein aristokratische Behörde; fast alle seine Mitglieder waren oder wurden Zirkler, und die Verbindung zwischen beiden so eng, daß einige Chronisten im Ernst behaupten, die Zirkelbrüder hätten im Rathsstuhl mitgesessen. Mochte sich, wie es einmal dem Gange menschlicher Dinge gemäß ist, ein Zwiespalt regen: so sah man sich doch genöthigt, au niveau des schon bestehenden Vereins zu bleiben. So entstanden unter andern die Companie der Rentenirer oder Kaufleute 1450 und die Greveraden=Companie 1493. Sie waren oder wurden nur Pflanzschulen der Zirkelbrüderschaft; ja man konnte endlich Mitglied aller drei Vereine sein. Zur Zirkelgesellschaft nämlich qualificirte der Adel des Geschlechts; zur Kaufmannsbrüderschaft das Renteniren; in der Greveraden=Companie scheint ein, wiewohl nicht gelungener, Versuch gemacht zu sein, einer einzelnen Familie ein gewisses Uebergewicht zu verschaffen, jedoch unter dem scheinbaren Vorwalten besonderer kirchlicher Elemente.

Noch einmal erhob sich zu Lübecks großem Unglück die Demokratie in den Jahren 1529-1535. Auch dasmal ward durch des Kaisers Auctorität dem Rathe sein vollkommenes Regiment und Ansehen wiedergegeben, ja dasselbe ausdrücklich wie 1416 hergestellt. Allein die Treue, mit der die Geschlechter der katholischen Kirche zugethan waren, ließ sie nicht wieder emporkommen: die Veränderung der kirchlichen Verhältnisse führte, auch ohne ausdrückliche Verletzung der kaiserlichen Gebote, eine größere Theilnahme aller Bürger am Gemeinwesen mit sich; überdies zogen viele Familien ihres Glaubens wegen in die Fremde. Die Greveraden=Companie erlosch; die Zirkelbrüderschaft löste sich auf; die Junker aber, welche blieben, bildeten einen politischen Verein, eine Zunft, wie die Rentenirer;

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ihre kirchliche Macht und Bedeutsamkeit war vorüber. Als Junkercompanie trat sie fortan zur Bürgerschaft und kommt als bürgerliches Collegium ausdrücklich vor. In 138 Jahren, nämlich von 1531 bis 1669, saßen nur 7 Junker auf der Bürgermeister= und 27 auf der Rathsbank; die übrigen rathsfähigen Collegien dagegen lieferten 31 Bürgermeister und 88 Senatoren. Eine eigentliche Klage also über aristokratische Präponderanz konnte man nicht führen. Aber es traten allerdings im J. 1580 elf Patrizier zur Erneuerung der alten Brüderschaft in der Zirkelgesellschaft zusammen, und die Rentenirer folgten ihnen darin 1581, machten auch gleich ihnen die Aufnahme von Geburt und Herkommen abhängig. Doch sprachen die letzteren nur den bloßen Stadtadel, das eigentliche Patriziat, an: die Zirkler dagegen wollten für durchaus adlig gehalten sein. Als man ihnen diese Ansicht, wie namentlich zwischen 1630 und 40 geschah, verkümmerte, ja sie öffentlich und heimlich deßhalb verspottete und höhnte: erwirkten sie sich bei Kaiser Ferdinand III. im J. 1641 eine ausdrückliche Bestätigung ihrer Rechte, in der es heißt: "daß sie, laut beigebrachter glaubwürdiger Documente, von mehreren Jahrhunderten her adelige Freiheit und Gerechtsame genossen, und, wie ihre Vorfahren, sowohl sie selbst, als ihre Nachkommen inskünftige in Turnier= und Ritterspielen, hohen geistlichen Stiftern und ritterlichen Orden ohne Jemandes Widerrede, wie alle andern des heil. Röm. Reichs rittermäßige Personen, fähig, tauglich und geschickt sein und verbleiben sollten, auch die vor Jahren von ihnen geübten Ritterspiele zu Roß und Fuß nach Belieben wieder anstellen und aufrichten möchten". - Aber dadurch war kein Dank mehr zu erlangen. In die Stellen, welche die Zirkler früher eingenommen, war bereits die Kaufleutecompanie eingerückt, und bildete, mittels Verwandtschaft und Verschwägerung, einen so undurchdringlichen Phalanx, daß selbst die Ritter zu Roß und zu Fuß, mit Schimpf oder Ernst, nicht durchzudringen vermochten. In 150 Jahren, von 1580 bis 1730, traten ihnen daher lediglich 8 Familien bei.

Nur die eiserne Noth vereinigte beide Companien noch einmal, als ein geschlossener Angriff gegen sie von den andern Kollegien her erfolgte. Eine Aristokratie war den Grundgesetzen allerdings gemäß; aber eine Oligarchie, wie sie nun factisch bestand, schien den Zünften mit Recht unerträglich. Dazu wirkten die traurigen Folgen des dreißigjährigen Krieges, der

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jähe Sturz und die verderbliche Uneinigkeit der Hansa, die völlige Niederlage des Handels und mancherlei Willkürlichkeiten, denen sich gebildete Bürger nicht mehr unterwarfen. Doch wollte der Rath, so mangelhaft er auch gewesen sein mag, fremden Machtbefehlen sein Ansehen nicht aufs neue verdanken: er räumte der Bürgerschaft aus freien Stücken Theilnahme an der Finanzverwaltung ein. Kaum aber war dies erfolgt, als dieselbe nun auch Abschaffung der aristokratischen Verschwägerungen und Berücksichtigung aller commercirenden Zünfte bei Ergänzung des Raths, oder wenigstens bei der Wahl von kaufmännischen Senatoren das Präsentationsrecht einer Anzahl Aspiranten verlangte. Jetzt ließ man es auf eine kaiserliche Commission ankommen. Aus Gründen, deren Erörterung hier zu weit führen würde, entschied diese- oder vielmehr, was dabei entscheidend war, eine subdelegirte fürstliche - im Ganzen zu Gunsten der Bürgerschaft. Der Bürgermeister David Gloxin setzte diese Entscheidung im Rathe durch. Am 9. Jan. 1669 kam der bekannte Receß zu Stande, auf dem Lübecks heutige Verfassung beruht, und durch welchen der Einfluß der beiden aristokratischen Collegien - man kann namentlich mit Bezug auf die Zirkler sagen - vernichtet ward. Es half nämlich den Junkern auch das nicht, daß der Kaiser, nach gehöriger Information, im Jahre darauf gerade die sie betreffenden Beschränkungen wieder aufhob. Konnten doch selbst die Rentenirer sich nur dadurch behaupten, daß sie, wie auch der Name Kaufleutecompanie sagte, fortan ein wirklich commercirendes Collegium bildeten.

Das Patriziat erlag; - ob man sich unbedingt darüber freuen durfte, ist die Frage. Bei richtigem politischen Bewußtsein und gehörig begriffener Freiheit hätte es noch die herrlichsten Früchte bringen können. Gerade damals erhob sich die Autokratie der Fürsten und das Hofregiment. Wie wichtig mußte es da sein, Männer benutzen zu können, die vermöge vornehmer Herkunft, liberaler Bildung, höfischer Erziehung und Sitten, umfassender Reisen und Bekanntschaften, unabhängiger und sicherer Stellung sich ganz vorzüglich den Staatsgeschäften widmen konnten, zumal in Tagen, wo dieselben eine Bedeutung, einen Umfang, eine Tournure erhielten, die man früher kaum geahnt! Wie konnte, ja wie mochte man von den Fachgelehrten und Geschäftsmännern jener Zeit auf solchem Felde Erfolg zu hoffen auch nur wagen! -

Während des 18. Jahrh. ward die Zirkelgesellschaft immer schwächer; die fähigsten Mitglieder wurden ihr meistentheils durch Erwählung zu Rath entzogen. Im J. 1800 war nur

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ein actives Mitglied übrig. Dann completirte sie sich noch einmal bis zum J. 1809. Ein Vorschlag, Gelehrte zu wählen, kam nicht zur Ausführung. Seit der Zeit ruht ihr Votum.

Das Versammlungshaus der Zirkler war anfänglich die Olavsburg, die, nach Einigen, zwischen dem Burg= und Hüxterthore, nach anderen, zuverlässigeren Nachrichten, zwischen dem Hüxter= und Mühlenthore in der Waknitz gelegen haben und mit einer Zugbrücke versehen gewesen sein soll: wahrscheinlich der heutige Kaninchenberg. Im J. 1510 soll das letzte Gelag dort gehalten sein. Während des Wollenweberschen Aufruhrs ward sie zerstört. 1479 war aber schon das Companiehaus in der Königsstraße gekauft, welches 1582 umgebaut, jetzt dem Ober=Appellationsgerichte eingeräumt ist.


Beilagen.

A.

Aeltestes Memorial des Schonenfahrer=Schüttings, Pergamenthandschrift von 173 Folien, fol. 2 a :

Anno domini m ccc l xx viij jare . . . . . . . . . do worden de bedderve lude des to rade, de hir vore gescreven stan, unde andere bedderve lude, de se dar to nemen, van den wisesten, dat se desse kumpanye vaster wolden maken vnde dat desse kumpanye de bet vorstan worde, unde koren veer houetlude myt eyner gantzen eendracht, de vor dessen schuttingh raden scholen, vnde scholen den vorstan . . . .

B.

Vritze Grawert's, Rathsverwandten zu Lübeck († 1538), Zirkelbuch, fol. 19:

In de Ere der hilligen Drefaldicheit wart disse Selschop der Circkeler erst begunt, alse men schreff na Gades Bort XIII c vnde LXXIX Jare, alse de Breue wol clerliken vormelden vnde vtwisen, de de Monneke to sunthe Katherinen desser Selschop dar vp gegeuen vnde besegelt

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hebben. Dit synt de Fundatores, de desse Selschop erst begunden, also: Her Gherd Darsowe, Hermen Darsowe syn broder, Marquart van Damen, Jacob Holk, Hermen Moer, Boldewyn Spegeler, Johann vnde Hinrik brodere geheten van Meteler, Arendt van der Brügge. Desse negen Personen stan aldus geschreuen in der monneke breue.

C.

Testament Peter Smylow's vom J. 1386:

Vortmer, den Junchern, de den Cyrkel draghet, gheue ik C Mark Lub. also beschedeliken: isset dat se kopen wyllen eyn Hus, edder maken ene dechtnysse, vnde wyllen myne wapene laten henghen by der anderer Juncheren Wapene in sunte Katherinen Kerken, vnde dar to in der Cappellen.

D.

Abschrift eines Briefes, den der Minoriten=General den Zirkelbrüdern 1393 ertheilt:

Venerabilibus in Christo Dominis et Domicellis omnibus et singulis de Societate Circuliferorum Civitatis Lubicensis presentibus et futuris, et eorum consortibus et proli, Frater Hinricus, Ordinis Fratrum Minorum Generalis Minister et Servus, cum oracionum suffragio salutari omnium incrementa virtutum, Sincere dilectionis et devocionis attendentes affectum, quem ad nostrum Ordinem geritis, more venerabilium progenitorum vestrorum, sicut multiplicia beneficia ipsi Ordini liberaliter impensa probant et ostendunt. Ne igitur tantorum beneficiorum una cum fratribus mihi commissis immemor seu ingratus existam, licet non quantum debeo, sed prout valeo, debitas vicissitudines rependere cupiens, dona spiritualia pro temporalibus tribuendo, vos ad universa et singula nostre Religionis suffragia in vita recipio pariter et in morte, plenam vobis imparticipationem bonorum omnium tenore presencium conferendo, que per fratres nostros et sorores

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sancte Clare, ubicunque terrarum morantur operari dignabitur clemencia Saluatoris. Datum Colonie, ipso tempore nostri generalis Capituli, anno Domini millesimo tricentesimo nonagesimo tercio, in festo Pentecostes inibi celebrato.

E.

Memorialbuch der Zirkelbrüderschaft von 1429:

Int Jar vnses leuen Heren Jesu Cristi XIV c vnde XXIX vppe den hilligen Drefaldicheit Dach wort dit Bok vorramet to holdende by der gemenen Selschop der Cirkeler, de vp der Tidt vp der Oleuesborch to hope weren, myt erer aller Vulbort vnde Willen, in de Ere der hilligen Drefaldicheit vnde to Troste alle den Selen, de vdt desser Selschop vorstoruen synt.
Int erste scholen de Schaffers vppe der hilligen Drefoldicheit Dach der Selschop schaffen twe Maltiden, des Morgens vnde ok des auendes, vnde geuen des Morgens Schynken, vnde dre Richte darto, unde des Auendes dre Richte, vnde nycht mer, vnde elk man, de idt vormach, sal komen des Morgens to teygen, vnde des auendes to vyuen, by ver Schillynge brokes, vnde men sal des Morgens nenen Gast mede bryngen, men wert dar we des Morgens in de Selschop entfangen, den mach he des Auendes mede bryngen.
Item, offte jument in vnser Selschop were, de Vründe hadde, de he gerne in desse Selschop hadde, de schal gaen to den Schafferen des Morgens vor der Maltidt, offte des Dages dar bevorne, vnde geuen en to erkennende, we de Persone is, so scholen de Schaffere gaen vor der Maltidt to den Borgermesteren, vnde geuen en to kennende; wille de Borgermesters vnde de Schaffers dar mer vth der Selschop by hebben, dat moghet se doen, vnde wes de Borgermestere myt den Schafferen vnde der Selschoppe ens werden, dat solen de Schaffers deme genen wedder seggen, de de vmme synen Vrunt gespraken hefft, offte he vmme synen Vrunt weruen sal edder nycht.

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Item, so solen de Schaffere des Morgens vmme gaen lang de Tafelen; were den welke mang, de den Cirkel nycht by eme drege apenbare, de sal IIII Schillynge gebraken hebben, unde to der Auent maltidt solen de Schaffere seggen lanck der Tafelen, vnde dergelick solen de Schaffere vorbaden laten de dar nycht en eten, de in de Selschop horen, Vrowen vnde Wedewen, den ere Mans affgestoruen synt, de in desse Selschop horden, de sick nycht vorendert en hebben buten der Selschop, dat se solen komen to sunthe Katherinen des Mandaghes Morgens to achten in de Klocken, vnde offeren to der Selemyssen, to Troste den Selen, de vth desser Selschop vorstoruen synt. De des nycht en dede, sal braken hebben en Punt Wasses, nycht to latende.
Item, wan de erste Maltidt vppe der hilligen Drefaldicheit dach gedaen is, so solen de olden Schaffere, de dat Jar to vorne afgyngen, Rekenschop doen vor der gemenen Selschop, wes se entfangen vnde vtgegeuen hebben, vnde wan dat geschen is, so solen de Schaffere, de de Kost doen, de Selschop bidden, dat se twe nye Schaffere kesen, de dar vellich to syn, ere Tidt sy vte. So sal man twe andere kesen, to den twen, de to Jare karen worden, dat alle Jar twe Schaffere solen wesen dat Jar ouer, dat de ene den anderen anwise, vnde vmme dat ander Jar sal man enen Heren vtme Rade to Schaffere kesen, dat alle Wege manck dessen Schafferen en Here vt deme Rade wesen sal, vp dat alle der Selschop doende de bet vorwaret, vnde Gades denst mede vormeret werde, to Eren der hilligen Drefaldicheit.
Item, wan de Rekenschop gedaen is, vnde de Schaffere gekaren synt, vornehmen de Schaffere, dat dar frame Lude syn, de desser Selschop begeren, so solen se idt demen Borgermesteren vormanen, dat se de Selschop vragen, offte se ok wer frame Lude hebben willen, unde wert es de gantze Selchop eyns, dat se de Selschop vormeren wyllen, so mogen degenne vmme eren Vrunt spreken, den de Schaffere

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tosecht hebben, dat se vmme eren Vrunt spreken mogen, vnde wan de Selschop dar vmme spreken willen, so solen de genne vtgaen, de darumme woruen hebben, vnde ok de genne, de den gennen to behoren, dar vmme woruen wert, de solen ok vtgaen, vnde de denne in desse Selschop entfangen wert, dea sal de genne, de vmme en spraken hefft, des Auendes to der Auent Maltidt mede bryngen, vnde he sal myt eme bryngen X Mark Lub., de sal he doen den Schafferen, de denne de Koste doen.
Item, so solen de Schaffere bestellen, dat des Sondages, des Auendes na der Maltydt, de Vrowen, de ere Manne in desser Selschop hebben, vnde in de Selschop horen, vp de Oleuesborch kamen danssen unde sik vrolik maken.
Item, so scholen de Schaffere des Mandaghes na der hilligen Drefaldicheit dage de Boren kleden laten mit deme Stucke, vnde darvmme setten de Luchtere vnde Lichte, vnde bestellen dat myt den Monneken to sunthe Katherinen, dat se de Myssen syngen vppe deme Kore, vnde dar solen de Schaffere twe dreigede Lichte to maken laten, elck Licht von eneme Punde Wasses, dar de Schafferschen de Selemyssen mede wynnen solen.
Item, des Mandages na der hilligen Drefaldicheit Dage, so solen de Schaffere der Selschop schaffen twe Maltidt, des Morgens vnde des Auendes, vnde solen geuen des Morgens Schynken, vnde dre Richte darto, vnde des Auendes dre Richte, vnde nycht mer, vnde dar solen eten alle, de in de Selschop horen, Man, Vrowen vnde Wedewen, der ere Man vte desser Selschop vorstoruen synt, de sik nycht vorandert en hebben buten desser Selschop, vnde de Schaffere vnde de Schafferschen solen dat myt enem jewelken bestellen, dat se vp de Oleuesborch kamen, vnde des Morgens to sunthe Katherinen, to der Selemyssen.
ltem, des Dynxtedaghes na der hilligen Drefaldicheit Dage, so scholen de olden Schaffere myt den nygen Schafferen vppe der Oleuesborch eten, was dar auer blifft; dar solen se

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to hebben sos Stoueken Wynes, vnde maken sik vrolick. Der mede schal gene Kost mer wesen, vnde wes dar auer bliuet, von Allemyssen vnde van Bere, dat sal man geuen to sunthe Jurgen den armen Seken, dat se vor de Selen bidden, de vth desser Selschop vorstoruen synt.
Item, des ersten Mandages in der Aduente, so sal men began to sunthe Katherinen de Selschop to deme anderen male, to Troste den Selen, de vth desser Selschop vorstoruen synt, vnde de Schaffere solen de Boren kleden laten myt deme Stucke, vnde dar vmme setten de Luchtere myt den Lichten, vnde bestellen dat myt den Monneken to sunthe Katherinen, dat se de Mysse synghen vp deme Kore, vnde de Schaffere solen maken laten twe dreigede Lichte, dar de Schafferschen de Selemyssen mede wynnen solen, vnde dar to solen de Schaffere vorboden laten Man vnde Vrowen vnde Wedewen, de in de Selschop horen, dat se dan kamen to achten in de Klocke, vnde offeren to der Selemyssen; de idt nycht en dede, sal braken hebben en Punt Wasses, nycht to latende. Ellik gedreiget Sele-Licht sal en Punt Wasser hebben.
Item, wanner en vt desser Selschop vorsteruet, idt sy Man, Vrouwe, effte Wedewe, de in desse Selschop horet, den sal nument to Graue dregen, he en sy in vnser Selschop, de buten Rades syn, de idt vormogen, vnde we des doden Vrunde dar to bidden; de idt vormach, de sal idt doen, vnde nycht weygeren by IIII Stoueken Wynes, nycht to latende, vnde dat solen de genne, de de bidden, den Schafferen, de dat Jar Schaffere synt, to kennende geuen, we idt nycht doen en wolde; vnde de Schaffere solen de ver Stoueken Wynes manen, vnde dat sal comen to der Koste to hullepe. Vnde welde de genne, de braken hefft, dat Gelt nycht vtgeuen, so solen dat de Schaffere der gemenen Selschop to kennende geuen, wan se Rekenschop doen.
Item, wan de Vrunde des vorstoruen doden

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wyllen ene began hebben to sunthe Katherinen so solet se dat den Schafferen to kennende geuen; so solen de Schaffere gaen to den Borgermesteren, vnde werden des myt en ens, vp wat dach idt wesen schal; so solen de Schaffere den Vrunden to kennende geuen, vppe wat dach idt wesen sal; so solen de Schaffere de Boren cleden laten myt deme Stucke, vnde dar vmme setten de Luchtere myt den Lichten, vnde bestellen dat myt den Monneken to sunthe Katherinen, dat se de Mysse syngen vppe deme Kore, vnde dar solen de Schaffere to vorbaden laten Manne vnde Vrowen vnde Wedewen, de in desse Selschop horen, dat se dar camen to achten in de Klocke, vnde offeren to der Selemyssen: de des nycht en dede, sal gebraken hebben I Punt Wasses, nycht to latende; vnde de synen Vrunt begaen let, de sal de Sele-Lichte suluen betalen, vnde nycht mer sal he vt geuen.
Item, wan de Schaffere to sprekende hebben, dar der Selschop Macht ane licht, so mogen de Schaffere de Selschop vorbaden laten to sunthe Katherinen to kamende, by ver Schillinge Lub.
Item, wor Broke vppe Was steit geschreuen, dat solen de Schaffere hartliken unde ernstliken inmanen, vnde myt desseme Wasse sal man de Lichte mede staende holden, de vmme de Boren staen; vnde were we, de idt den Schafferen nycht geuen wolde myt wyllen, dat solen de Schaffere der Selschop to kennende geuen, wan se Rekenschop doen.
Item, so sal elk, de in desse Selschop horet, den Cyrkel by em dregen, offte twe andere, de in de Selschop horen, de den Cyrkel by en hebben, mogen den panden, de en nycht by sik en hefft, vppe eyn halff Stoueken Wynes, also dicke vnde vaken, alse he mede bevunden wert, dat he den Cirkel nycht by ene hefft.
Item, wan ein Man vt desser Selschop vorsteruet, de sal geuen der Selschop II Mark, ene Vrowe ene Mark, vmme syner Sele wyllen, in de Ere der hill. Drefaldicheit, dat men Gadesdenst mede staende holt; de ok mer gheuen wil, de mach dat doen.

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Item, so scholen de Schaffere laten maken de Lichte, de vppe deme Altare staen in der Cappellen, vnde de Tortsigen vnde de Lichte, de men vmme de Boren settet, dat se jo vorbetert werden, vnde nycht vorgaen, to Eren der hill. Drefaldicheit, vnde to Troste den Selen, de vt desser Selschop vorstoruen synt.
Item, solen de Schaffere alleDynck bewaren in der Cappellen, also dat alle Ornate gebetert werden vnde nycht vorgaen, alse Myssegewede, vnde alle doent, dat deme Altare to behort, to Eren der hilligen Drefaldicheit.
Item, so hebben de Selschop der Cirkeler de Cappellen gekofft van den Monneken to sunte Katherinen; dar sal men alle Dage Mysse inne lesen, des Werkeldages de leste Mysse, vnde des hilligen Dages de erste Mysse na deme Sermone. Hir synt Breue vppe van den Monneken besegelt, vnde ok andere breue. Item so syngen de Monneke to sunthe Katherinen des Dynxtedaghes ene Mysse vp deme Kore vnde vp den Orghelen, van der hilligen Drefaldicheit, dar vor sal man den Monneken geuen twolf Mark. Item solen de Monneke de Lampen bernende holden, de dar henget vor der Cappellen, Dach vnde Nacht, dar vor sal me en geuen viff Mark, vnde vp de Myssen vnde vp de Lampen en syn gene Breue.
Item so gyfft me den Pyperen X Mark, dar vor solen se der Selschop denen, wen se to hope syn, vnde vppe deme Raethuse vnde ok anderwegen, woer me erer behoef heft. Wen se der Selschop to unwyllen weren, so sal men andere Pyper nemen. Item so gyfft me der Kokenbeckerschen ene Mark.

F.

Ordnung von 1477 (nach einer Abschrift des 16. Jahrh.).

In Gades Namen.     Amen.

Hirna steit beschreuen dat Reskoppe behörende in de Companie, de men des wynters hölt von S. Marten bet up palmdach, dat en schaffer dem anderen auerantwordet.

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Dre taffelen, und ene lange tafel van 3 stucken, de men to hope föget.
Ver par taffel schragen unde ver par benke schragen.
Twe brandtroden, ein forcke, ein isern schuffel, ein roste.
4 gratias berkannen, 2 berkannen, ein van stöveken, de ander van 1/2 stöveken, 1 Flasko van ganzen, vnde 1 van halven stoveken.
2 Handvate, 1 Handbecken, 4 Luchter, 2 Scheren, 1 Bohr.
2 Windfänge.
3 Fleuten in ein Foder.
1 Bunze mit 2 stocken.
1 Brodtkorff.
2 hangende Cronen, de en mit S. Jurgens, de ander mit S. Magdalenen bilde.
Ene Vastelavens borch mit aller tobehorunge.
En schlot mit twe slotelen.
En stande Brandrode.
Twe soltvate.

1. Men schall huren en hus, dat belegen is igliken als men beste kan vnde mit provit kalen vnde holt darinnen kopen to tiden na den gemenen provit vnde darna dat men macht hefft. Dat gelt scholen de Schaffers verleggen van allen, dat man den winter over darin benödiget is, sunder der selschop schaden, vnde dat gelt wedder entfangen wenn da gerekenet is von iglichen sinen dehl, vnde men schal dat hus vpsluten, darin gahn vp s. Martens auendt, de erste Koste to holden sunder jennigerlei bikoste vor der tidt darin to holdende.

2. Wen wy erst henne gahn, so scholen de Schafferen ersten schenken beth to den Sunnauendt, vnde den vor dat de Klocke viue sleit, kenen schenken kesen. De ersten schölen sin de olden Schaffere, de des jares to voren schaffeden, vnde dar na de anderen, de dar sin. Na viff uhren auerst schal man de nien kesen, de sik iglichen gegen den Sundach darup reden mag, vnde wat se uns thom inbitt na de vesper geuen, daran schal sik iglich an dem Sundage an nögen laten, darvan idt iglich vormach, idt sin mettwüste, edder anders wat godes. Wer vns dat beste deit, deme danken wi up dat beste. Wen man upsluten let, so darf man nichtes geven; de schenken hebben den noch

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to bestellen, vnde de dat fruenlach nich mede holden, de gahn den balde to hus.

3. De schenken, de men keset, de schall men kesen na vordehl, vnde nich na frundschop, vnde dar na se schaffet hebben, olde vnde lange darin gewesen sin, vnde en van den schenken schall des avens de weke över darin bliuen, bet dat de keller geslaten is, ok mit to vure vnde lichte sehn, dat dar kehn schade gesche, idt si imme huse, imme Keller, edder wor idt is. Isset dat iemandt tor aventmaltidt blifft, so scholen de schaffere mede bliuen, wo se van nodtsaken edder warues wegen nich bliuen könen, so mogen se enen andern cumpaniebroder vor sik bidden, de idt dohn wil; dar na schall he quit sin. Wenn de schenken den willkam van sik drinken, dat scholen desulven don sunder hulpe, vnde kene knechte vor se; hebben se auerst notsake, so mach idt en Cumpaniebroder vor em don. Man schal vp den groten vastelaventsauent kenen schenken kesen ut denen, de den vastelauent holden bi der borch. Wer notsaken hefft, de mach enen andern vor sik bidden, den keller des auendes to sluten von unsen bröderen.

4. De vastelauents dichter scholen de schaffer kesen binnen den twolften na vordehl vnde nich na fruntschop, ut denen, de plegen den vastelauent to holden vnde dar to geschicket sin. Wen de schaffere iemant verschonen wulden, vnde enen anderen vor eme kesen, de idt vaken gedan hadde, dat schall nich sin, vnde schal an der menen selschop stan wer idt don schal; vnde den idt to dohn gebören wurde, vnde he wolde idt nich dohn, vnde sede, dat he idt vaken gedan hadde, dat schal he bewisen mit weme, vnde vp wat tidt, vnde in wat hus, vnde mit weme men darna ene vaken schreuen findet mank den vastelauensdichtern, de schal idt na gan, vnde de schaffere schölen vastelauent mit holden, vnde deme man idt nich verdenken wil, de schall sin auer föfftig jaren.

5. De schaffere schall man kesen des ersten Sundages in der vasten, vnde wen de middagesmaltidt gedan is, scholen des schenken iglichen dersulven so geschaffet hebben, in der donsen effte in de Kamer föhren; de noch nich geschaffet hebben, scholen dar buten bliuen. Van denen schal men kesen, de der

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selschop nutt vnde framlich sin. Were van denen iemandt nich jegenwardich effte buten desser stat muren, vnde men sik vermodede, dat he nich auer sen noch sond dat iar buten bleue, so mach man em so wol kesen effte he jegenwardich were. De schaffere scholen de taffelen des middages decken, de schenken des Auens, vnde wer to win in der cumpanie nich is, de schal geuen 1/2 stöueken wins, dat scholen de schaffere entgangen. Des auens schall men fruens hebben, vnde de schaffere scholen win geuen den ganzen dag.

6. Des andern sundages in der vasten scholen de schaffere de taffel decken vor de Klocke 5, vnde da schal kamen vnser selschop alle vor de Klocke 5, bi strafe enes stoueken wins sunder gnade, de scholen de schaffere entfangen vnde bereken der selschop tom besten. Wenn men schenket hedde vnde wi van de taffel gegan sin bi dat fur, so scholen de schaffere seggen wat dar auer blifft, da scholen denne de Companiebroder vmme spreken, wor men dat keren schal. Ere Rekenung scholen se schriuen in en bok, up dat en ander sik na der rekenschop regeren mach, wes man des winters auer van noden hefft. Wan dar gerekent is, so schal jeder de schaffere vruntlich betalen, vnde de schaffere scholen win vnde Kröpel geven.

7. So idt enem edder twen effte mer in vnse selschop ginge, als idt in vorleden tiden geschen is, dat God affkere, deme sin Got entginge, vnde de schaffere dat besorgeden vnde fruchteden vor quadt, vnde dat de ganze selschop idt mit dregen schulde, dat schal nich sin. De schaffere sehen to, dat se eres godes wisse sint, vnde wer dat gelt entlanget. De mene selschop schal dar nich to antwerden vnde sunder schaden bliuen.

8. Wen gegeten vnde gerekent is, so scholen beide, olde vnde nie schaffere, spreken vmme de hoiken, de wi scholen dregen, vnde wat men ens wart, dat schal men don. Hebben de olden mit den jungen, nemandes utbescheden, to don effte to laten, de hoiken to dregen, so schall men twe ut der selschop kesen, de se ermanen, de hoiken to dregen, se mogen se maken laten wor se willen. Wi scholen se dregen ouer alle, nemandt utbescheden, sunder list. Were dat en edder mer en jar um dat ander ut der selschop bleue, unde

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dat twe enen hoiken dregen, dat schal nich wesen. Ilk en schal sinen egen hoiken hebben, vnde wen de ander wedder in de Selschop kummt, so schal he betalen, wat de selschop darup settet, so ferne eme lustet, selschop to holden. De hoiken schal man dregen dat ganze iar bet meidach.

9. De borch scholen de schaffers antwerden den vastelauensdichtern mit aller tobehoringe, als se de entfangen hefft vor den fastelauent, als en dat bequeme is, unde schal dar wat an gebetert werden, scholen idt de schaffere vorbetern. Den dichters scholen de schaffere geuen to hulpe to der borg van wegen der menen selschop 5 mark vnde nich mer, vnde den dregern 8 sch. vnde nich mer. Wen de vastelauent ut is, so scholen de dichter den schafferen de borch antwerden mit aller tobehorunge.

10. De Kokenbeckerschen schall men geuen dar na dat de winter lank is vnde se vaken kumpt vnde got brot gebacken hefft, tor tidt II schill.

11. Der stad trumpetter schall men geuen dar na se uns den winter denen. A. 1438 gaff men enen 1 rihnschen fl.

12. Denen pipern scholen de schaffers geuen vor ere denste 10  , wen da gerekent is, unde laten se gan. De fastelaventsdichter scholen em geuen 3 effte 4 dage, de se upgebrocht hebben, vnde men em nich schuldig is, 1  . Idt scholen de piper kamen, wen men erer behoff is, uns to denen, sonderlick in deme feste winachten unde de tidt auer. Were, dat se orloff beden van den schafferen, so scholen de schaffere idt maken, dat wi se krigen könen, up de tidt wen wi erer behoff hebben; sunderlick wen wi in den winkeller gan, so scholen se nene nodsake maken. Is iemandt krank, so schicke he enen anderen in sine stelle.

13. Wen men schaffere keset, wil men den anderen losen spelluden wat geuen, so kan men idt don; men gaff a. 1436 igliken enen witten, denen anderen jeden 6  , darna se weren.

14. Item im namen gades, als dat en erlike wise is, dat wi des dinxtedages to vastelauent gan in den winkeller, da scholen vns bestellen de schaffere de Rosen, dar wi van oldinges her pleggen to sitten bi gunst vnser heren, vnde dar to reine hölte, witte bekere unde guden rinschen win jegen dat wi dar kamen.

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Vnse schaffere schullen ok bestellen bi den vastelavensdichteren, dat se vor achten in de cumpanie kamen, we ok alle olden, de kenen vastelauent holden. Den scholen wi alle in den winkeller gan mit vnsem vullen schale, iglick ene bernende tortizie in siner hant dregend, Burgermestere, ratmanne unde alle, de vnse companie mit holden, nemant utgeslaten. Wan wi dar kamen vnder der Rosen, so dohn wi vnse tortizien na older wonheit van vns vnsen knaben se bernend to holden, mit apener dore, dewile wi dar sitten vnde idt den oldesten god danket. Den scholen wi upstan vnde wedder weggan ut deme winkelre vnde scholen nich scheden vor dat wi vor de companie kamen; dat schal voregan, de schaffere achter, vnde iglick mach sine torticie mit sik na hus nemen. De schafferen geven den piperen 1 qwarter wins, deme cumpanieknecht 1 qw. vnd der menen selschop koken.

15. De in unse selschop kumpt, de schal schaffen vnde schenken, wen sin tidt is vnde he dar to kamen wert, als andere vor eme gedan hebben. Dat erste iar is he des schaffens vrig. Vnsen Borgermesteren to bewisen, dat se unse gode olde wanheit holden, vnde kene schedung van uns hebben, schicken wi up palmdage to der auentmaltidt 1 stoueken wins. Willen se der selschop ferner ehre don, wan se bursprak spreken, dat licht an enen.

16. Wen men enen broder keset, dat schal geschen up enen fridach edder andern fasteldach, da idt der selschop god dunket vnde de meiste, edder io de twede dehl der selschop kegenwardig sy. Sunsten schal men idt to kennen geuen den oldesten enen dag vorher, offte de persone ok willekamen were der selschop, vnde off men ene wol vorslagen konde. Is iemend in der selschop, dar he hader up hedde, mit deme schal he sik vordragen, ehr he darin kamen schal. De darum waruet, de schal utgan, wen men sprickt, unde den schal men endrechtichlik daröver spreken, als dat am aller nuttesten vnde framlikesten is. Wan he ingehalet wert, so scholen de schaffere eme seggen, dat he holden mut, wat in unsen bökeren steit schreuen. Schal he nicht ingehalet werden, so scholen de schaffere up dat nie nich darum kloppen, idt si den, dat idt der menen selschop will is, vnde nich na 1. 2 edder 3 willen, da scholen de schaffers kelm ungunst um hebben.

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17. Were iemend van unser selschop, de uns vorsmede, unde sik in andere cumpanie kesen let, vnde darin queme, vnde dan wedder in vnse cumpanie gan wolde, dat schal nich sin. He schal darum vp nie waruen laten. Der gelik he anderwegen waruen let, vnd he vorsmadet wurde, na deme he uns vorsmadet, vnde se em, so schal he nich wedder vor en broder in unse selschop gan; he schal erst darum waruen laten. Wen he sik en jar to hus sunder ander cumpanie geholden, so mag he kamen wen he wil, vnde idt steit an der selschop, offt se en wedder entfangen willen edder nich, daran de sake gelegen is.

18. So iement buten vnse selschop so lange bleue, dat men twiuelde, offt he geschaffet hadde edder nich vnde wedder to uns queme, vnde uns vroet maken wolde, dat he in olden tiden schaffet hadde, dat schal he bewisen mit twe ut vnse selschop, de men so kennet, dat se eme dat nich to gode dohn, up wat iar, in wat vor en hus vnde mit weme. Kan he dat nich don, so schal he schaffen lik andere.

19. Also vele unwill van seggen kumpt, so schall gehn knabe in den schorsten stan, noch in der donsen stedes sinen mester upwaren; de schenken unde Cumpanie knecht schall dat vorrichten. De hir wedder deit, den schal de cumpanieknecht heten henut gan, wil he nich der Schenken knecht is, welcke de cumpanie knecht helpen schal. Dat schal ok sinen Junker nich towedder wesen; wert he tornich darum, so schal de selschop eme tospreken.

20. So iement unser bröder in der cumpanie mit enem andern broder sik schellen wurde, derwegen schal de ene deme andern de companie nich vorbeden, den he hefft in der cumpanie kene macht allene, ok do he in de selschop quam, wert he van genen allene ingewelet, sunder van der ganzen selschop, unde kunde sulkes deme anderen in tokamenden tiden to groter vornichtinge vnde vnruste kamen. Hebben se wat to hope to don, dat scholen ere vrunde efft de selschop gutlik vorgeliken, idt were den dat broke der ganzen selschop vorfallen, dar scholen se manniglik darum spreken vnde gutlik mit umgan, darna de sake gelegen is, vnsen heren er gnadig recht vorbeholden.

21. Effte iement van vnsen broderen mit deme anderen schellinge effte vorborgen hat hefft, vnde dat

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an eme reken wulde binnen edder buten der cumpanie, vnde he em sultst nicht don wulde, sunder enen anderen up em to schundende eme to vorhonen, edder mit begripinge siner rede in ungeluck to bringen, vnde dat queme vor geestlike efft werltlike personen buten vnse selschop, de schal weten dat de cumpanienbrodere vnde sine vrunde sin to hope gekamen, nic en up den anderen mit wonden to steken; so se im rechte wat to donde hebben, so moget se er recht utstan, vnd leiden; auerst in de cumpanie scholen se personlik vorfriget sm, beholdende iglik sine sake to verforen in deme rechte; averst de selschop will frede hebben.

22. Effte en denre in unse selschop volgede sinem meistere, vnde enen van unse selschop vorhonede, vorschonede sinen meister, de neme idt up sik. De sulke stucke offte stanck mit willen maken, dessen meister scholen de schaffere gutliken underwisen, darmede vnsen broderen gelik gesche, vnde he idt namals late. Kan he dat nich don, vnde wil de Knabe sik nich underwisen laten, so schal men upmarken, vnde do idt des Knaben schuld is, so schal he nich mehr in vnse companie volgen, vnsen vorgeschreuen broder to troste, unde he mach em dohn alles wat he kan mit rechte. Is idt averst sines meisters schult, da schal de selschop umme spreken, wo idt darumme gan schal, unde dar na he idt verbroken hefft.

23. Wen men upsteit, schal ken Knecht mit Krösen ber ut den Keller mechtich wesen to dragen, noch to vorschenken, sunder der Selschop unde Cumpanien Knecht. Will wol van den bröderen iement, schenken vnde dat kros, so eme auerantwerdet is, twei brochte, vnde en so god in de stede wedderkopen wil, gelik ok ander reschop, schege deme knechte nich darin to nahe, dar ouer scholen de schaffere mit der selschop richten.

24. Wol einen erliken gast in vnse cumpanie biddet, de schal vor em den schaffers betalen thom vorlage 1 schill., dergeliken to der anlage. Blifft he to der maltidt, so schal he sin winlag betalen, vnde nich dat nalag.

25. Aldewilee vele twedracht wert twischen unsen jungen luden um dat utreient in den dagen to deme vastelauende, als dat iglik na sinen willen vor effte achter wil danzen, unde wo he erst efft lest wil sin in

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deme lage, dat schal nich sin. De Vastelauensdichter scholen dar to sen, wer dan to ilker tidt jemant fällig ist, den scholt se de torsen antwerden vor to dansen, den andern de torsen achter to danzen, unde de sullen an unde ut danzen, als idt eme de vastelauensdichter heten unde beuelen rechtwis um dat ene lag nich mer to scheven als dat ander. De mit der beugen effte worden iement rebell makede, de schal brokegelder den vastelauensdichteren upsetten. Gelikerwise de to lat effte nichten kumpt. De vastelauend holden, scholen sik nogen taten an den rimen, de enen de vastelauensdichter geuen, wat he in deme schale wesen schal, vnde wan eme de rimen geuen werden des sundages vor der lutken vastelauent, vnde offt de vastelauensdichter nicht konen umme dat dichten vordragen, so scholen twe van enen dichten edder dichten laten, de andern twe scholen de borch bestellen, ok scholt se darum dobbelen edder loten; wat ilk del geboret to don, dat schal he don, sunder iennige insage.

27. a. 1477 den ersten sundach in der vasten is dit beleuet worden van den samtliken cumpaniebröderen in der cumpanie, ok dat iglik broder, de to der stelle is, deme idt nene redliche nodsake weren, de cumpanie mede holde, he queme vor winachten edder na winachten. De ene broder schal so vele gelden als de ander wen de schaffers reken. Is idt sake, dat en broder buten bleue enen winter ouer vnde wolde den den andern winter wedder in gahn vor enen broder gelik he to vore dede, dat schal nich sin, he schal sik up dat nie wedder inweruen laten.


a. 1478 hadden de Junckeren in der Compagnie 3 Nöte, weren so god als 40  ; de nam Hans Luneborch tho sik, vnde gaff den Bröderen darvor 12 suluerne bekere, de men in der Companie bruken schal, unde wegen 6 lodige Mark min 2 Loth.

a. 1479. vocem jucunditatis lib. 8. fol. 192 Jacobi. Hermen Bere Juncker hefft gekofft van Hern Diderich Basedouwen unde Hans Luneborge Junckeren semptlik en hus belegen in der koningstraten, by Tym Ewinghusen sinem huse, welck em de Rad hefft heten thochriuen.

a. 1491 quemen over en de Bröder der selschop der Junkeren, dat wol van den Companien bröders in

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de Companie enem andern broder geue scheldworde effte honlike worde, dat bewislik were, de em in sine ere efft geruchte gingen, de schal in der selschop braken hebben sunder gnade to betalende 10  .

Item, efft forder ein Companie-Broder up den andern sin mest toge efft blotete in ernst efft quaeden modes, dat bewislik were, de schal in der selschap braken hebben to betalende 20  .

a. 1499. quemen in der Junckercumpanie de brodere över en, dat 12 der jungesten broder scholden dat vastelauentspil holden.

Item quem et, dat en Companienbroder toge buten landes und wolde den namals wedder in sine vörige stede treden, dat schal nicht sin; he schal van nien spelen lik enem jungesten broder.

a. 1528. am donrestage na der hill. drier koninge dage de beleuen vnd sloten eindrechtichlik de brodere der Junckercompagnie, dat en jeder, so na disser tyt ein nie broder der Compagnie wurde, scholde geven 15  unde sedan geld scholde he geven sunder jennige vertögeringe.

G.

Bestätigung der Brüderschaft durch Kaiser Friedrich IV. 1485.
(vidim. Copie.)

Wir Friderich von Gottes Gnaden Römischer Kayser etc. etc. - - bekennen offentlich mit diessem Brieff vndt thuen kundt allermanniglich, dass vnss vnsser vndt des Reichs lieben getreuwen die Gesellschaft der heyligen Trivalticheit zu Lübek, die mann nennet die Zirckelbrüder, haben fürbringen lassen, wie sy vndt ihr vorvordern, so bissher in derselben Ihrer Gesellschaft, gewessen sein, mit einander ein Gesellschafft mit nahmen [- hier fehlt offenbar etwas, doch hat keine Copie es ergänzt -] einen Ring, der vnten einstheils offen sey, darinn in mitte einen auffgethanen Circul, ohn allermanniglichs irrung vndt hindernuss getragen, geführt vndt gebraucht hetten: vndt vnss darauff demütiglich anruffen vndt bitten lassen, dass wir Ihnen solch Ihre Gesellschafft alss römischer Keysser zu confirmiren vndt bestetten genädiglich geruheten, dess halben wier angesehen solch Ihr diemütig ziemlich bete, auch die annemen vndt getreuwen dienst, So Sy Vnss vnd dem

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heyligen Reich bisshero gethan haben vndt hinfür in kümfftig Zeit wol thuen mögen vndt sollen; vndt darum mit wolbedachtem Muhte, gutem Rate vndt rechter wissen denselben Zirkul Brüdern die vorberürt Ihr Gesellschafft mit dem gemelten Ring vndt Zirkul alss Römischer Keysser gnädiglich confirmirt vndt bestett vndt Ihnen dazu diesse besondere gnadt vnd freyheit gethan vndt gegeben, auch gegonnet vndt erlaubet, confirmiren, bestetten, thuen, geben, gönnen vndt erlauben Ihnen auch von Römischer Keysserl. Machtvollkommenheit wissentlich in krafft diesses Brieffs, Alsso dass die so iezo in der obgemelten Gesellschafft sein, vndt alle andere die fürbass hin zu Ewigen zeiten zu Ine in die Gesellschafft kommen, vndt sich der annehmen werden, den obgemelten Ringk mit einem Zirkul allein, oder der mehre soviel sie wöllen, vndt zwischen Jedem Ring einen Adler Schwanz, in einer Gesellschafft oder Halssbandtweisse, vndt vorn herab an einem Adler Schwanz die heylich dreyfaltigkeit, zu vnterst auch ein Ringk mit einem Circul hangende, alss den solches in mitte

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einem Jeglichen füglicher ist, an allen enden vndt stetten auch in allen vndt Jeglichen Ehrlichen vndt redlichen Sachen vndt Händeln tragen führen vndt gebrauchen sollen vndt mögen, von allermänniglich vnver-hindert. Vndt gebietten darauff allen vndt Jeglichen Vnssern vndt des heyl. Reichs Churfürsten vndt Fürsten, Geistlichen vndt weltlichen, Prälaten, Graffen, Freyen Herren, Rittern, Knechten, Hauptleuten, Vizdompen, Vögten, Pflegerin, Verwessern, Amptleuten, Schultheissen, Burgermeistern, Hoffrichtern, Landrichtern, Richtern, Rähten, Künigen der Wappen, Ehrholden,

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Perseuandten, Burgern vndt Gemeinden, vndt Insonderheit anderen Vnsern vndt des Heyl. Reichs Vnterthanen vndt getreuwen, in wess würden States oder Wessens die sein von oberürter Römischer Keysserlicher machtvollkommenheit ernstlich vndt vestiglich mit diessem Brieve vndt wöllen, dass Sie der obgenandten Cirkul-Brüder, So ietzo, alss vorberürt ist, in der gemelten Gesellschafft der heyligen dreyfaltigkeit, die mann nennet die Cirkulbruder, sein oder künftiglich darin kommen werden, Zu Ewigen Zeiten, an diesser Vnsser Kaisserlichen Confirmation, bestettung, Gnaden Freyheiten Gönnung vndt Erlaubung, damit Wir Sy, alss vorgeschriben stehet, versehn haben, nicht hindern noch Irren, Sondern Sy der in Irer Inhalt geruhlich vndt ohn Intrag gebrauchen, Nutzen vndt Niessen lassen, vndt dabey von Vnsser vndt des heyligen Reichs wegen Handhaben, Schutzen vndt Schirmen, vndt hierwieder nicht thuen noch Jemands zu thuen gestatten, in kein weisse, alsslieb einem Jeglichen sey Vnsser vndt des Reichs schwere Straff vndt Vngnade, vndt verliessung einer Pöene nemblich vierzig Mark Lötiges Goldes zu vermeiden, die Ein Jeder, so offt Er freventlich hierwieder thete, Vnss halb in Vnsser vndt des Reichs Cammer, vndt an andern halben theil den Obgenandten Cirkulbrudern, vndt Ihr Jeglichem, So hierwieder beleidiget wirdt, vnablässlich Zu bezahlen verfallen sein soll. Mit Vrkundt diess briffs besiegelt mit Vnsserm Keysserlichen Maytt anhangendem Insigel. Geben zu Lintz, am Sechsszehenden Tag des Monats January, nach Christi geburt Vierzehenhundert vndt im fünfvndtachtzigesten, Vnsserer Reiche des Römischen im Fünfvndtvierzigesten, dess Keysserthumbs im Dreyvndtdreyssigesten, vndt des Hungerischen im Sechss vndt Zwanzigsten Jahre.

Ad mandatum Domini         
Imperatoris proprium.   

Dass gegenwertige Copia Privilegii Caesaris gegen dem auff weiss Pergamenen in forma Patenti geschribenen, vndt mit dem Keysserlichen in gelb Wachss, auff der Einen Seiten mit dem Keysserlichen Bild, auff dem Tron, auff der andern Seiten aber mit dem Reichs gedoppelten Adler gezeichneten vndt eingedruckten, an Viol-

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brauner gezwieter seyden anhangendem Insiegel bekräfftigten Original-Diplomati, in dessen Mitte Ein Güldener Halssbandt, allermassen selbiger in dem Privilegio beschrieben, gemahlet stehet, von Mir Vntergeschriebenen Notario Publ. Caesareo fleissigst collationiret auch allerdings von wort zu wort gleichlautende befunden worden, Solches bezeuge krafft diesser meiner Eigenhändigen subscription. Zu mehrer Vrkundt vndt beglaubung habe Ich meinen Tauff vndt Zunahmen mitt vntergeschrieben, auch mein Notariatzeichen vndt gewöhnlich Pitschafft bey vndt vntergedrucket, hiezu Amptshalber Sonderlich

(S. N.) requiriret vndt gebetten.
(L. S.) Johannes Julianus Schaubius     
Authoritate Caesarea Notarius
Publicus mppria.

H.

Fastnachtsspiele der Zirkelbrüder.

(Henr. Kerkring) Verzeichniß von denen adelichen Familien. Der Zirckel=Gesellschaft in Lübeck. Lüb. 1689. 4. S. 24 ff.

An. 1431. ist der Auffzug gewesen von den beyden treuen Cameraden. Fastelabend Tichter wahren Hanß Westfael, Hanß von Wickeden.

An. 1434. ist gewesen das Gerichte Salomonis. Tichtere Bartold Crispin, der alte, Bertram Constein.

An. 1435. von dem alten Manne. Tichtere Hanß Westfaell, Hanß von Wickeden, Eberhardt Brechefeldt [Brekewolt], Jacob von Stiten.

An. 1436. wahr der Aufzug, wie der Esel ein Bein bricht. Tichter Jacob van Stiten.

An. 1438. wahr die Action von der Helle. Tichtere Hanß Brußkauw, N. Constein.

An. 1439. wahr von den 5 Tugenden. Tichtere Hans Kerkringk, Hanß Lüneborch, Hanß Brechefeldt.

An. 1441. wahr vom Glücksradt. Tichter der alte Hanß Dersauw.

An. 1442. wahr von der Treuw. Tichtere Jacob von Stiten, Lütje Behr, Hans Dersauw.

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An. 1443. wahr daß die Schande verhönet. Tichtere Andreas Constein und Bertram Lüneburch der Jünger.

An. 1447. wahr wie der Löw vom Stuell verstossen worden. Tichtere Lütje Behr, Fritz Grauwert.

An. 1448. wahr daß Alter und die Jugend nicht gleich frisch sein. Tichtere Bertram Dersauw, Hanß von Wickeden.

An. 1451. wahr das Jener mit dem Esell keinen Danck verdienen köndte, er ritte oder ginge zu Fusse. Tichtere Lütje und Herman Beere, Hanß Berckefeld, Jordan Pleßkauw.

An. 1452. wahr daß einer dem Wolff ein Weib geben wolte. Tichtere Berendt Dersauw, Heinrich Rüsenberg.

An. 1454. wahr von dem güldnen Vellus des Jasonis welches er gewan. Tichtere Fritz Grauwert der älter, Conradt Grauwert.

An. 1455. wahr das judicium Paridis mit den dreyen Göttinnen. Tichtere wallen Lütje und Herman Behre, Heinrich Kerckrinck, Bertram von Rentelen.

An. 1457. wahr wie 3 Rehe die Jungfrau aus der Helle gewunnen. Tichtere Jordan Pleßkauw, Heinrich Rüssenberg, Dietrich Basedauw, Gothardt Pleßkauw.

An. 1458. wahr wie man mit Falcken pflügen soll. Tichtere Bertram Lüneburch, Herman Dersauw, Wedekindt Kerckrinck. Desselben Jahres fiel die Burg umb auff der Beckergruben Ecke, darin wahren 16 Frauen und Jungfrauen und 8 Männer.

[Hierüber sagt eine alte Notiz: Anno 1458 up den Dinxdage to vastelavend fill de borch um vp der Beckergroven orde, da was vp Telske van Wickeden, Albert Grauwert, Metke Brekevelds, Geske Beren, Anneke Wittichs, Caterine Russenberchs, Grete von Rentelen, Agnete Luneborgs, Wendele Lipperades, Telske Pleßkauwen, Geske Kerckringen. Noch weren darup etliche fruen de weren groff swanger, als Anke Dessouwen, Heilke Basedouwen unde Caterine van Caluen, noch Liske Westfaells Junckfrouwe und Lutke Beren kind. Noch wehren hirup achte Menner, alß Vritz Grauwert, Junge Bertram Lüneborch, Jordan Pleßkouw, Herman Kolman, Herman Darsouw, Bertram van Rentelen, Wedeke Kerckrink, Thomas Kerckrink. Dit sint se alle, Menner vnde Fruen, de barup weren, unde was up S. Valentins dach, unde Gott gaff gnade, dat sik nemandt leed dede, dat eme am live edder sus schade schude. Hermen von Wickeden forde de borch.].

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An. 1459. wahr wie der arme Ritter durch Wolthat des Königs Tochter erwarb. Tichtere Hanß Pleßkauw, Heinrich von Wahrendorff und Thomas Kerckringk.

An. 1461. wahr von des Kaysers Tochter und von des Königs Sohn von Jerusalem, und den gülden Adeler. Tichtere Cordt Grauwert, Dietrich Basedauw, Woldemar von Wahrendorff.

An. 1462. wahr von einem alten Weibe, so den Teuffel verbrennet. Tichtere Heinrich Nüsenberg, Gothardt Pleßkauw, Lütje von Zaunen [van Thunen], Hanß Brußkauw.

An. 1463. wahr von dem Abgott mit einer Seule. Tichtere Herman Dersauw, Wittekindt Kerckringk, Wilhelm von Kalven.

An. 1464. wahr von einem Mohren Könige, den sie wolten weiß waschen, aber er blieb gleich schwartz. Tichtere Heinrich von Wahrendorff, Thomas Kerckringk, Brunow Brußkauw.

An. 1465. wahr von einem Könige und einer Königinne und einem Weibe, welche Wunder wircken köndte. Tichtere Lütje von Zaunen, Hanß von Wickeden, Gotschalck von Wahrendorff, Fritz Grauwert.

An. 1466. wahr von der alten und neuen Welt, und von der Gerechtigkeit, und ihrer Tochter, Treue, und einem Bruder Wahrheit, und halte masse. Tichtere Dietrich Besedauw, Woldemar von Wahrendorff, Wilhelm Pleßkauw und Gottschalck von Wickeden.

An. 1467. wahr der König Alexander, wie er durch Vermessenheit verfiel in die Hände der Könige von Mohrenlandt, welche sein Bildniß hätten mahlen lassen, dabey sie ihn erkannten, in diesem Spiel wahr ein Drache bey dem jungen Könige aus Mohrenland, welcher Alexandrum überfallen wolte, Inhalts der Historien. Tichtere Cordt Grauwert, Gotthardt Pleßkauw, Rickebade Kerckrinck.

An. 1468. wahr von der Königinne von Franckreich, wie sie besaget wahr von 3 Thoren, darumb sie aus dem Lande musten. Die Meinung wahr, daß man die Thoren nicht alle vertreiben könne. Tichtere Wittekind Kerckrinck, Heinrich von Stiten, und Heinrich von Kalven.

An. 1469. wahr von zweyen Königen der eine ein Christ, der ander ein Heyde, und der Christen König behielt den Streit. Tichtere Heinrich Rüssenberg, Brunow Brußkauw und Gerwin Bock.

An. 1470. wahr der Auffzug, von dreyen Getreuen, da der eine vor dem andern sterben wolte. Wie auch von einem alten Weibe, und von den Teuffeln, die fechten zusammen umb einen vergrabenen Schatz, und das alte Weib überwandt die

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Teuffele, und schlug sie und verbrennet sie sehr. Tichtere Lütje von Zaunen, Hanß von Wickeden, Heinrich Brömbsen, Fritz Grauwert der Jünger.

An. 1471. wahr von einer Ehrlichen Frauen, die hatte viele Anfoderungen, ist doch standhafftig in Ehren geblieben. Tichtere Wilhelm Pleßkauw, Woldemar von Wahrendorff, Hanß Behre, Gotthardt Kerckrinck.

An. 1472. wahr der Auffzug von dem Pferde aus der Burg. Tichtere Gotschalck von Wickeden, Herman von Wickeden, Rickebade Kerckringk, Cordt Brekewoldt.

An. 1473. wahr der Auffzug, wie Alexander das Paradiß gewinnen wolte. Tichtere Brunow Brußkauw, Hartwich von Stiten, Jochim Grauwert.

An. 1475. wahr wie Virgilius mit Vorsichtigkeit die weisen Vermessenen überwan, und das Frömmigkeit und Zucht einem jeden nütze. Tichtere Gotschalck von Wickeden, Rickebade Kerckringk, Herman von Wickeden.

An. 1476. wahr von der Mäßigkeit, wie der Vater dem Sohn lehrete. Tichtere Hartwich von Stiten, Hanß Lüneborch, Jordan Behre.

An. 1477. wahr wie ein Kayser sein Gemahl versuchen ließ, ob sie ihm auch treu wehre, und befand sie Ehren fest. Tichtere Fritz Grauwert, Cordt Brekhewaldt, Gottschalck von Wickeden, Hanß Behre.

An. 1478. wahr von dem alten Manne. Tichtere Rickebade Kirchringk, Heinrich von Wickeden, Arnoldt Westfaell, Hanß Herze.

An. 1479. wahr von einem Kayser, der hielte ein Gerichte, ob die Frauen würdiger wehren Gold zu tragen oder die Ritter. Tichtere Hartwich von Stiten, Hanß Lüneburg, Hanß Kirchringk, Hanß Grauwert.


Reimer Cock. chron. ms. ad a. 1537:

Jdt hebben ok datsulvige Jar tho Lubegk etlike ene Borch im Vastelauende gemaket unde thogerichtet. Darup wardt gespelet de Historie von Ammon und Mardacheus; tho wat ende unde warum, dat wet ik nicht. Auerst dat hebbe ik gehöret, dat ein buket behr prawest, ein Mameluke, welcke de vorrede hadde, do dusse tragedie gespelet wurt, derhalven vele van den predigern vnde thohorern des Evangelii mere davon bedrouet alse vorfrouwet worden.

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I.

Nachrichten von den Lagen der Zirkler. ms.

Anno XV c . vp der hillighen dreualdicheit daghe, do schaffeden dat Cirkel-Lach Herr Hynryk Westfaell vnde Garwen Buck.

Tho deme ersten Laghe:
XII Schynken. Vor de Kruken wandages
III Boetelynghe.    III Schilling (Meckl.) nu vor de Lecheln.
XC Hoener, dar na se groet I voeder boeken klawen vnde
   syn.    X secke Kalen.
IX c Eygher de varsch syn. III Punt lychte.
Ein Stucke Wyldes. II Tortysygen, elk en half
I Verendel vam Ossen.    punt.
I Harst tor Braden. Anderthalb schepel soltes,
Vor Zemmelen XXIIII Schilling (Meckl.)    myt de Scynken to solten.
Vor Sconroggen XIIII Schilling (Meckl.) Deme Kake to lone XX Schilling (Meckl.)
Vor almyssen Broet VI Schilling (Meckl.) Vor Darmen IIII Schilling (Meckl.)
I Verendel versker Botteren. Vor Petercyllyge II Schilling (Meckl.)
To den Tafeln III verske Vor grütte VIII  .
   Botteren. Vor sypollen I Schilling (Meckl.)
III kese. Vor IIII Stoueken Etekes
   III koken, dat Stücke vor IIII Schilling (Meckl.)
   III Schilling (Meckl.) Vor Honnych I Schilling (Meckl.)
VI punt resynen. Vor Sennyp I Schilling (Meckl.)
I punt Engeuers. Vor Speck VI Schilling (Meckl.)
I punt pepers. Den dregeren to loene ane
IIII loet saffranes.    de Kroese XX Schilling (Meckl.)
VIII loet negelken. Vor dat tuch henne to foe-
III loet Kanneels-Puder.    ren II Schilling (Meckl.)
II loet Zalsamentes. By deme Bleckhaue to vor-
I Punt Suckers stot.    kost VIII Schilling (Meckl.)
Item ersten en half punt To dem Ackerhaue, dar na
   Kabeben Confecht, vnde    men bedyngen kan, ye
   en half Punt Kaneel Con-    XIIII Schilling (Meckl.)
   fecht, dar na de Perso- Dem Baden Jorgen II Schilling (Meckl.)
   nen kemen. Dem Kalgreuen II Schilling (Meckl.)
Item dar na en Punt wyt Der Kokenbeckersken 1
   Marcelle.    Mark.
II Tunnen hamborger Bers. Den Pyperen XII Schilling (Meckl.)
II Tunnen Kauentes. Den Trumpers VIII Schilling (Meckl.)
Wyn als men drynken mach. Den Monneken to sunte
Emes Beer desgelyken. Katerynen XVII Mark.
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Anno XVc do schaffeden dat Zamer Lach Jacoby Her Hynryck Westuael vnde Garwen Buck.

I Tunne Hamborger Bers. Wyn vnde Emeske beer.
I Tunne Kauentes. Krüde up de Spyse ys to
I Voeder Boeken Holtes,    hulpe vam Voerlaghe.
   IX Secke Kalen. En half Scepel Soltes.
Spyse botter vp de Hoenre Petercyllygen wortelen.
   vnde verske Vische vam I stucke Speckes.
   Voerlaghe. Vor Semmelen, Sconroggen,
II verske Botteren.    Almyssen brot XVIII Schilling (Meckl.)
II Kese. Etyck, Grütte, sypollen.
II Koken to IIII Schilling (Meckl.) I Quarter Wynetekes.
Auet, alss de tyt thosecht. Deme Kake to loene I Mark.
To deme Bygoete I punt Den Dregeren vor Meyg
   Mandelen, II punt rasy-    vnde to Lone X Schilling (Meckl.)
   nen, I stoueken Bastart. Der Kokenbeckerschen
I punt lychte.    VIII Schilling (Meckl.)
III Lammer, I verendel to Jorgen dem Baden II Schilling (Meckl.)
   braden. Dem Kalgreuen II Schilling (Meckl.)
Anderthalb achtendel van Dem Brader I Schilling (Meckl.)
   dem Ossen, vnde I Harst
   to braden.
   Vor LXXV Hoener dat stucke . . . .
   Hans Vysker vor Lasse, syneme Knechte in de Hant I Schilling (Meckl.) , em suluest in de hant erst mael VI Schilling (Meckl.) , brynget he mer des anderen daghes, so gyfft men eme den I Mark.
   De den kelre wart IIII Schilling (Meckl.)
   II beer haneken.
I taskenslot vor den kelre.

Item men lecht I vnder tatellaken vnde dwelen vmme her, vnde Krude gestreyget, vnde men lecht langest de tafel Zemmelen vnde schonroggen.

Item Kroese vnde Stoppe myt hamborger Bere, vnde let men den wyn drygerleyg enen na deme anderen smecken, den besten dar blyuen se by, vnde men settet denne kannen vnde Glese ersten vp de tafelen, vnde sytten denne en halfe Stunde, so gyfft men denne Krude in twen Schoweren vp de tafelen gemenget tho hope Kannel Confecht vnde Kabeben, vnde II Scuffel in elken Schower, vnde denne en halve Stunde dar na nympt men aff de Schouwers, vnde lecht denne dar inne wytte Marcelle.

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Item des Nachtes slapen de Dregers vor deme Keller, des Morgens to V. so moet men vth dem Kelre doen Broet vnde Kauent, vnde deme Kake krude to deme wyltbrade.

Des gyfft de Kokenbeckersche vp den dren tafelen Koken.

De Scaffers stan vp der delen, vnde heten de heren vnde Broders alle wylkamen, vnde blyuen vp der delen bestande, des wert en de bormester se beyde to syk esken, vnde vragen se, offt se ok wyllen nygge broeders innemen, vnde offt en ok jement ys beualen in tho waruen; is den dar en, de der gansen selscop nycht beleuet, so ghyfft men voert Water.

. . . . gyfft men II Sconroggen vnde ok Zemmel vp.

Item so scenket men ersten Kauent in Glesen vnde Hamborger Ber in de halffwassen to deme ersten rychte.

Item ersten ghyfft men vp de tafel IIII Scynken vor de Borgemesters vnde jungen heren, vnde de olden Broders, vnde gelen Sennyp darby vnde Pulse voert.

Item to deme anderen rychte gyfft men Wyltbrede, myt Kanneel vnde Negelken vmme ghestrouwet, Lepel dar by.

Item des scenket men voert na Wyn in glesen, vnde Emes beer in de Proeveste.

Item dar negest gyfft men den stücket schaffles myt Zalsamente Puder.

Item dar negest gyfft men de Braden, enen Boch van deme Wylde vnde II rynderen braden.

Item dar negest gyfft men de botteren, kese vnde koken. Wen dat gescheen is, so gan de jungesten broders ersten sytten, vor de kocken vnde laten syk den erst anrychten.

Item de Speellude spelen up der Brugghen II daghe, so vaken ene Partyghe brodere kamen, vnde spelen vor alle rychte erst an, vnde thom braden, denne behoert en II Kannen wyns to aller maeltyt.

Item des gyfft men Water langhest de tafel, myt dwelen.

Item wenner se vpstan, so scal men scenken vmme myt wyue vnde bere.

Item des auendes gyfft men de kolden braden vnde den schynken dar by, vnde gelen Sennyp.

Item dar negest gyfft men . . . . . . myt Petercyllygen.

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Item dar negest gyfft men Wynmoes.

Item dar negest gyfft men twe braden Hoener in een Vat, I gevullet, I vngevult.

Item dar negest Botter vnde Kese, vnde de koken darby.

Item des mandaghes gyfft men Wyltbrede, verske Vyske, Rynderen braden vnde II Boetelynges braden; to der haluen maeltyt kamen de Vyskers, den decket men en de tafel vor der koken, vnde gyfft en Wyn vnde beer, vnde men moet se na der Maeltyt wedder uth spisen.

Item to der ersten Maeltyt gaan de schaffers vmme thor braden, vnde beseen, offte enn jderman synen Cyrkel by syk hofft.

Item des auendes byddet men, dat se wyllen to sunte Katerynen kamen, to offeren, vnde des anderen daghes auent vnde morghen wedder to kamende, vnde syk vroelyk to makende.

Item men danset II auende II danse, vnde des Mandaghes to myddaghe enen dans, to deme latesten den Ruppelreyg.

Item des mandages de kolden spyse des auvendes vnde verske Vyske, vnde Wynmoes, also hyr voerghescreuen steyt.

Item to der braden des auendes so bydden de scaffers, des andern daghes wedder to kamen vnde to vnser leuen vrouwen thor Hoernyssen to offeren.

Item des dynxtedages gyfft men III schynken vnde wyltbrede vnde verske Viske, vnde stucket scaepulesk mit Zalsamente Puder, vnde de kolden braden, vnde ok verske braden vnde den Zemmer van deme Wylde, Boetelynges braden, Botter vnde kese, koken darby.

Item des         dages         xtedag to toenen de Scaffers dat.

Item ersten gan se by den Bleckhoff, vnde des anderen dages vaert men vp den Ackerhoff, vnde men nympt mede to allen Reysen III stoueken bers, I stucke van der braden, VI braden Hoener, Brot, taffellaken, VI hallewassen, vnde tynnen vate vnde men bestürt dar melk, eyger, vnde botter, vnde I roen schynken, den Knechten lub. beer, vn wat dar auerlopt.

Item des auendes gyfft men de kolden braden vnde scaepulesk gerostet, vnde de schynken, sennyp dar by, vnde dar na varske Vyske, wynmoes, braden Hoener, bottere vnde kese.

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Item des bestellet men gerne I runden dans in deme haue, in der wyle maket men gerne de Botter moelygen vnde beren brot in Grapen, vnde de kolden. Braden, Eyger, dyt settet men na der Hant den knechten voer; hefft men bers genoech, so gyfft men en, offte Kauent. Vor X gan se sytten, vnde to XI syn se wege to hus.

Item tafelkrude, dat brynghet de vrouwe vor deme dore, dar holet se van allen rychten voer, ok beer vnde broet.

Item de Almyssen vnde ansneden broet, vnde spylde beer gyfft men to sunte Jurgen den Seken.

Item de IIII Schaffersken, de lutken vnde groten de bryngen jewelyck allyke vele, also hyr na gescreuen steyt:

int erste XII vate. III dwelen.
II braden vate. I broetdwelen vnde scyuen-
XIIII salsere.    laken.
II bottervate. I tynnen stoueken kanne,
I almyssen vat.    vnde dat de kroese, kan-
V suluerne kannen.    nen, glese gewasken syn
V suluerne stoepe.    in loge.
V gulden Voete myt Glesen, XII küssen.
   vnde X lutke wynglese, II Bencklaken.
   vnde IIII Kauentesglese. II Bütten vnde ballygen
VI halffwassen.    vnde molden.
II proeveste. I olt laken, dar de kok
XXIIII lepel.    dat vlesk inne sleyt.
III lange tafellaken vnde I I dwele, dar men de vate
   lanck vndertafellaken.    mede droeget.
   Tho deme Zamerlage Jacoby so bryngen man de beyden olden Scaffersken mede, wes men den behoeff hefft dem Lage.
VI suluerne Kannen. II lange tafellaken.
VIII voete myt glesen. II waterdwelen.
XX suluerne lepel. I laken dar de kock dat
II proeweste.    vlesk mede decket.
VI halwassen. I bütte dar men de glese
VI wynglese.    inne spölt.
IIII kauentes glese. I drege dwele.
II handuate vnde II becken. II stoucken kannen to bere.
I appel vnde I almissen vat. I lanck bencklaken, edder
I lanck vndertafellaken.    II korte.
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XV küssen. XV vate.
Item de lychte settet men II bradenvate vnde XV sal-
   up de balken.    sere.

Dit vorgescreuen huesgerat deit men in korne koruen, vnde in hoppensecke, vnde voret vppe des berspunder wagen; dat bestüren de dregers vnde seen darto.


Ergänzungen liefert eine Nachricht von 1502, wo es unter andern heißt:

Item de veer Hussdeener [Bürgermeisterdiener] holden de wacht, twe vor eener porten vnde de andern twe vor der porten na der herlichkeit.
Item de kalgreue was Pörtner. Item vor de Dören seten ridende denre, güngen aff vnd an.
Item hir was de spelgreue, noch dat grote spill vnde trumpers.
Item hadden wy der heren ridende denre Cock vnde Cort Dalenborch vor kokenmester, vnde hadden volck to XII vaten.
Item int erste was de Olausborch behangen mit Tappezerie tho beiden siden und mit Benckelaken up dat finste, vnde en Credentzer, dar man das sülversmyde uppe settet, van 3 treden.

Am Sonntage Mittag giebt es:

Item 4 Vate in iglikem enen schinken, darby 4 Rinderbrade mit sennyp vnde oliven.
Item saden wyltbrade.
Darna stücket schapvlesk mit Zalsamenten Puder.
Darna Potthest mit rasynen.
Item mandelmoes, hirby heidensche Koken.
Darna gebraden van enem groten Harten, hirby Oranien-Eppel. Darby en Schwan, gestaffert mit des Keysers Wapen vor de borst.
Item noch enn boven ok gestaffert na siner Art mit den wapen, harte verguldet.
Hirna twigerleie gebacken, Botter vnde Kese, darby lubesche Koken.
Item hirna gaff men Dammaschen unde Water [Rosenwasser] ut sülvernen Hantvaten.
Darna kregen se Eppel, hirby Annyssconfecht, item noch in sülvernen schalen lammersche Nöte.

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Item von gedrenken gaff men Hamborger vnde Emes beer, rynschen wyn, roden Garscheiner vnde Couent vor de vrouwen vnde lubesch beer vor dat volk. -

Alles zusammen kostete 83  1 ßl. Doch kamen die Schaffer um 10  9 ßl. zu kurz.


Die Kuchen der Zirkelbrüder hatten, laut einer Nachricht mit Abbildung, Wappen und Inschriften, nämlich:

Anno domini M. CCCC. LIII. God beware to Lubeke dinen Rad, de borghere darsuluest vor alle quaed. Innerhalb dieser Umschrift die Wappen der: Arpen, Witick, Vrolinck, Westfalen, van Tunen, van Stiten, Darsouwen, Kerckringen, Constinen, Garver, Beren, van Rentelen, Klingenberge, van Minden, van Calven, und Lüneburgen.

Auf der andern Seite:

Lubeke aller stede schone, van riker ere dregest du de krone. Darin die Wappen der: Brömsen, Geverdes, Schonebergen, van Wickeden, Castorpen, Möller, Breckwolden, Crispinen, Grawerts, Pleskowen, Russenbergen, Grambecke, Bramsteden, Segeberge, Ebelingk, Kolman.

Einige nennen auch manche andere Namen. Vielleicht ist die Form öfter verändert.

K.

Vritze Grawert, Zirkelbuch Ms .

f. 34 b. Item in deme XXXIIII Jare da hadde sik de Menheit myt den LXIIII vnde hundert so vngeschicket, dat men dat Lach moste anstaen laten; de Fynster worden vtgebraken, de taffelen wechgenamen, de Doren tobraken; sus moste men dit geschen laten; God betert.

f. 31 b. De Oleuesborch, dar synt de glasefynster alle vtgebraken, by der LXIIII vnde Hunderten erem Regimente; de yserne Trallygen synt ok alle vtgebraken, de doren entweyg, vnde de holten Fynster geschamffert, de Bencken vnde Schragen, unde sus alle Dynck, vmme gekamen, so dat dar nu quaedt Hoge is to holdende.

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L.

(1429) Dit sint de namen der vorstoruenen vth desser selschop.

Her Tideman Vorrad.
Gotschalk Constin.
Her Joh. Tisenhusen, Ridder.
Craen Vorrad.
Hinrik Pleschouw.
Tideman Holt.
Her Hartman Pepersak, Börgermeister.
Lutbert Vyncke.
Her Thomas Morkerke, Bmstr.
Albert Gildehusen.
Tideman Los.
Hermen van Dulmen.
Her Werner Gildehusen.
Hinrik Rickbade.
Her Gerd van Attendorne, Bmstr.
Godeke Klever.
Franciscus Wynsenbarch.
Gottschalk Moerkerke.
Her Johan Nyebur, Bmstr.
Her Hinrik van Hacheden.
Euert Russenbarch.
Her Brun Warendorp.
Her Hermen Iborch.
Her Goswin Klingenbarch, Bmstr.
Her Cord van Alen.
Constyn Schoneke.
Her Hinrik Westhof, Bmstr.
Gerd van Attendorne.
Gottschalk van Attendorne.
Her Jordan Pleskouwe, Bmstr.
Wennemer van Essende.
Her Tideman Junge.
Her Simon van Urden.
Berend Stekemest.
Her Berend Plesskouwe.
Hans Parsevale.
Thomas Parsevale.
Her Clawes van Urden.
Goswyn Reygher.
Berend Darsowe.
Her Henning van Rentelen, Bmstr.
Tideman van Alen.
Hinrik Warendorp.
Peter van Alen.
Gerd Salmesteyne.
Albert Moerkerke.
Hinrich Coustyn.
Cord Nüttebarch.
Bertram van Rentelen.
Gerd Darssowe.
Hermen Darssowe.
Her Reyner van Calven.
Godeke Kerckring.
Hinrich Peperzak.
Hans vamme Zee.
Her Tobias Gildehusen.
Radeke Wesseler.
Marquart Lange.
Her Hinrich Gildehusen.
Bartram Klingenbarch.
Cord Bruggemaker.
Ludeke Coesfeld.
Bruno Warendorp.
Cord Westfael.
Ludeke Osenbruggen.
Her Clawes van Stiten.
Hans Pleskouw.
Clawes Blomenroed.
Her Tideman Moerkerke.
Hinrik van Alen.
Marquart van deme Kyle.
Tymme van deme Kyle.
Hans Mornewech.
Hinrik Negendanck.

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Bernt Stekemest.
Hinrik Brandenborch.
Clawes Brüggemaker.
Hans Luneborch.
Her Johan Hoyer.
Godeke Traveman.
Evert Suderland.
Hinrik up dem Orde.
Segebode Holt.
Hinrik Plesskowe.
Her Bertolt Rolant.
Bertram Klingenbarch.
Gerd Traveman.

De hir nagescreuen staen, de weren do ieghenwardich levendich vnde mit eren willen vnde vulbort wart disse bauensettede Ordeninge gemaket (s. Beil. E.).

Her Cord Brekewold, Bmstr.
Her Hinrik Rapesülver, Bmstr.
Her Ditmer van Tunen, Bmstr.
Her Hinrik Meteler.
Her Johan Crispin.
Her Hermen Westfael.
Her Tideman Steen.
Her Johan Darssowe.
Her Lodewich Krul.
Her Johan Bere.
Her Tideman Sernetin.
Her Johan Klingenbarch.
Her Kersten van Rentelen.
Her Thomas Kerckring.
Her Brun Warendorp.
Her Clawes Robele.
Her Johan Gherwer.
Her Tymme Hadewerck.
Her Johan Luneborch.
Vromold Warendorp.
Hans Westhoff.
Marquart Vyncke.
Godeke Plesskowe.
Godschalk van Wickede.
Albert Moerkerke.
Gottschalk van Attendorne.
Tydeman Druge.
Hans Krowel.
Sivert Vickinghusen.
Hinrik van Hacheden.
Helmich van Plesse.
Clawes Brömse.
Hans van Damen.
Hinrik van Calven.
Jordan Plesskowe.
Hans Lange.
Gosswin Westhoff.
Tideman Brekewold.
Hermen Darssowe.
Brant Hogeman.
Hans van Rentelen.
Hinrik Westfael.
Hinrik Kule.
Hans Gherwer.
Segebade Crispin.
Gottschalck vamme Zode.
Thomas Kerckring.
Hans Hadewerck.
Clawes Schworne.
Evert Moyelke.
Wilhelm van Calven.
Hans Brusskowe.

Im Jar 29, vp der hill. Drefaldicheit dach do quam in disse Selschop als folget.

Her Jacob Bramstede.
Her Johan Segeberg.
Her Tideman Soling.
Vritze Grawert.
Martin Castorp.
Godeke Kerckring.
Berend Darssowe.
Hans Westfael.

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1430 trin.

Hans Kerckring.
Arend van deme Kyle.
Hans van Wickede.
Hinrik Constyn.

1433 trin.

Bartold Crispin.
Hartman Peperzak.
Bartram Luneborch.
Hinrik Cernetin.
Hermen Hitfeld.

1443 trin.

Her Hinrik Lipperade.
Her Bartolt Wytik.
Hanss Darssowe.
Evert Brekewold.
Hans Brekewold.
Ludeke Bere.
Hanss Luneborch.
Segebade Crispin.
Jacob van Stiten.

1447 trin.

Her Gerd van Minden.
Her Hinrik van Stiten.
Hans Bere.
Bartram Luneborch.
Vritze Grawert.

1452 trin.

Her Johan Syna.
Her Hinrich Ebelingk.
Her Hinrich Castorp.
Cord Brekewoldt.
Hinrich Russenbarch.
Bartram van Rentelen.
Hermen Bere.
Cord Grauwert.
Jordan Plesskouwe.

1460 trin.

Her Johan Vrolingk.
Her Andreas Geverdes.
Her Hinrik van Hacheden.
Hermen Darssowe.
Godeke Plesskouw.
Wedeke Kerkringk.
Thomas Kerkringk.
Lütke van Tunen.
Hanss Plesskouw.
Hinrich Warendorp.
Hanss van Wickede.

1465 trin.

Her Cord Möller.
Her Hermen Sundesbeke.
Her Johan Hertze.
Willem Plesskouw.
Hans Brusskouw.
Brun Brusskouw.
Volmer Warendorp.
Ricbade Kerkring.
Godschalk van Wickede.
Hanss van Mynden.
Vritze Grawert.
Hermen Grawert.

1470 trin.

Her Johan Wytinckhoff.
Henrich van Calven.
Hans Bere.
Ambrosius Segeberg.
Gödeke Kerkring.
Hartich van Stiten.
Hermen van Wickede.
Jürgen Geverdes.

1479 trin.

Her Tideman Ewinckhusen.
Her Hinrich Lipperade.
Her Hinrich Brömse.
Her Diedrich Basedowe.
Hans Lüneborch.
Cord Brekewold.
Hans Hertze.
Arent Westfael.
Hans Grawert.
Jordan Bere.
Hans Luneborch der junge.
Berent Basdow.
Hans Kerkring.

1488 trin.

Hans Wytick.
Brun Warendorp.

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Hinrich Westfael.
Hans Brekewold.
Sander Luneborch.
Sander Plesskowe.
Thomas Luneborch.
Arent Kerkringk.
Hermen Darssouw.

1495 trin.

Her Ditrich Hupe Bmstr.
Her Johan Testede.
Laurens Brekewolt.
Evert van Rentelen.
Jochim Bere.
Hermen Luneborch.
Garwin Buck.
Bartolt Kerkring.
Jochim Luneborch.
Hans Bruskauw.
Hans van Wickeden.
Andreas Geverdes.

1501 trin.

Her Tideman Berck, Bmstr.
Her Bode van Adeleffsen, ridder.
Her Jasper Lange.
Her Hinrich Castorp.
Her Hermen Meyger.
Vritze Grawert.
Thomas van Wickede.
Götke Pleschow.
Diderich Brömse.
Hans Kerkring.
Hinrich Billinchusen.
Cord Grawert.
Bertram Luneborch van Meuslingen.

1508 trin.

Hans Kerkring.
Hermen van Wickede.
Hans Luneborg van Meuslinge.
Andreas van Calven.
Clawes Bromese.
Gottschalk van Wickede.

1511 trin.

Doctor Hinrich Bromse.
Her Johan Nyestat.
Her Hartich Stange.
Johan Garlop.
Hinrich van Calven.
Hartich van Stiten.

1515 trin.

Her Lambert Wytinckhoff.
Hans Luneborch Caterinen Sone achter S. Jacob.
Matz Mulich.
Hinrich Kerkring.
Marcus Tode.
Friedrich van deme Werder hövetman.

1525 trin.

Hans Luneborch de swarte edder stive.
Tönnies van Stiten.
Lutke Luneborch.
Hinrich Warendorp.
Willem Brömse.
Clawes Bardewick.
Jurgen Basedow.
Klingenberg Kerkring.

1526.

Jochim Basdow.
Jacob Buck.
Jordan Bassdow.
Hinrich van Wickeden.
Arent Westfaell.

1532.

Hinrich Brömse.
Vlrich Elers.
Bartram Luneborch.

Hir endet sik nu de rechte olde Zirkelbröderschop.

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VIII.

Liscows Leben,

von

G. C. F. Lisch.


L iscow gehört ohne Zweifel zu den größern Geistern des deutschen Volkes. Nicht allein daß er unter den Satirikern noch immer in der ersten Reihe steht, der Reichtum seines Geistes, seine Klarheit und Gewandtheit sind so ausgezeichnet, daß er bis auf die neueren Zeiten wohl von niemand übertroffen ist; lebhaft erinnert er in der objectiven Vollendung der Ausdrucksweise an Göthe. Verehrungswürdig ist die Wahrheitsliebe und kräftige Offenheit und Geradheit seines Wesens, Eigenthümlichkeiten, welche er nie verleugnete und die mit seinen Schriften in vollkommenem Ebenmaaße stehen; er repräsentirt durch sie eine fein gebildete norddeutsche Natur, wie kein anderer. Was seine Werke besonders charakterisirt, ist eine seltene Klarheit und Schärfe der Auffassung und eine ungemeine Leichtigkeit, Sicherheit und Schönheit im Ausdruck; hierin vorzüglich eilte er seiner Zeit so bedeutend voraus, daß ihm keiner seiner Zeitgenossen zu vergleichen ist 1 ). Von seinem Leben und Charakter war bisher gar nichts bekannt; es giebt wohl keinen Schriftsteller seines Ranges, dessen Lebensverhältnisse in ein so tiefes Dunkel gehüllt wären. Und doch muß


1) Sehr treffend fällt daher Koberstein (Grundriß zur Geschichte der deutschen National=Litteratur, 1827, S. 213) das feste Urtheil: "Auf die Bildung der "deutschen Prosa wirkten zwei Männer erfolgreich ein: von Mosheim und Liscow".
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eine genauere Kenntniß seiner Handlungen und seiner Schicksale für das Verständniß und die Beurteilung seiner Schriften mächtig wirken und diese den Gebildetem des Volkes näher führen. Jedenfalls aber ist Liscow besonders für unser engeres Vaterland von hoher Bedeutung, da er ohne Zweifel zu den größten Geistern gehört, welche Meklenburg erzeugt hat.

Die frühern Nachrichten über Liscows Leben bestehen in einer ziemlich großen Zahl kurzer, in Zeitschriften zerstreuter Nachrichten, welche jedoch zum Theil nur unsichere Ueberlieferungen und unbegründete Vermuthungen sind und daher wenig Beachtung verdienen; der begründeten und wahrscheinlichen Angaben sind aber bis jetzt sehr wenige, und diese sind fortwährend von einem Buche in das andere gewandert, so daß sich die bisherigen Nachrichten über Liscows Leben auf einige wenige Originalquellen zurückführen lassen.

Liscow war ein Meklenburger; so viel war in neuern Zeiten zur Gewißheit geworden. Anhaltende Aufmerksamkeit führte endlich auf leise Spuren von seinem Wirken; im Verfolgen derselben wurden denn im großherzoglichen Geheimen und Haupt=Archive zu Schwerin nach mehrjährigen Forschungen endlich nach und nach so bedeutende Entdeckungen gemacht, daß sich nicht allein die Hauptschicksale seines Lebens bis zu einem gewissen Zeitpuncte sicher und vollständig darstellen, sondern sich auch in einer Reihe eigenhändiger Briefe sehr wichtige Beiträge zu seinen Schriften liefern lassen. Zu den Werken Liscows dürfen fortan nicht allein seine für den Druck bestimmten literarischen Werke, sondern müssen auch seine Briefe gezählt werden, da diese fast mehr, als jene die Theilnahme des Gebildeten in Anspruch zu nehmen im Stande sind.

Wenn in den folgenden Zeilen ein Abriß von Liscows Leben versucht wird, so wird bei diesem Unternehmen für mehrere wichtige Abschnitte seines Lebens die bisher betretene Bahn gänzlich verlassen, wenn auch fortwährend berücksichtigt, dagegen eine ganz neue, aus den Originalquellen geschöpfte und mit diesen belegte Schilderung geliefert werden, damit nicht dereinst wiederum die Forschung getrübt oder gar durch irgend ein unvorhergesehenes Unglück unmöglich gemacht werde.


Nachdem diese Arbeit schon vollendet war, erhielt ich Kunde von schätzenswerthen Nachrichten, welche in den schleswig=holstein=lauenburgischen Provinzialberichten

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enthalten seien. Und wirklich sind diese Mittheilungen so bedeutend, daß sie für die Erkenntniß des Lebens Liscows, so wie für seinen künftigen Biographen oder den Herausgeber seiner Werke von großer Wichtigkeit sind. Diese Nachrichten sind folgende: eine viele neue Angaben enthaltende und schätzenswerthe Biographie Liscows von dem Justizrath und Bankdirector Dr. G. P. Schmidt von Lübeck in Altona, 1821, Heft 5, S. 1-12 und 1822, Heft 2, S. 1-28, mit Nachträgen in 1823, Heft 1, S. 94-102, und 1828, H. 1, S. 117-123; interessante Beiträge zu Liscows Leben in des Candidaten H. Schröder zu Krempdorf Aufsätzen, in denen er den jüngern J. F. Liscow zum Verfasser der Satiren zu erheben sucht, in 1824, Heft 4, S. 155-163, 1825, Heft. 4, S. 730-742 und 1827, Heft 4, S. 682-698, und Entgegnungen auf dieses Bestreben von einem Ungenannten in 1825, Heft 2, S. 354, und von dem Stud. F. H. C. Lübker in 1827, Heft 3, S. 518-532, so wie Zurücknahme der Vermuthung von Schröder in 1830, Heft 2, S. 259-262; beachtenswerthe Familienüberlieferungen vom Dr. jur. von Coch zu Wilster, einem Urenkel der Schwester Liscows, in 1825, Heft 4, S. 742-745; endlich Untersuchungen und Beiträge von Siemers in 1828, Heft 2, S. 730-732, und von Dietz in 1828, Heft 2, S. 344-347. Ich habe diese Nachrichten noch geprüft, bearbeitet und eingeschaltet 1 ), da sie meine Forschungen durchgängig unterstützen.

Schmidt hat seine Forschungen späterhin noch einmal zu einer zusammenhangenden Biographie umgearbeitet: Christian Ludwig Liscow, in den Historischen Studien von Schmidt von Lübeck, Altona, 1827, S. 121-194, und diese Bearbeitung nach spätern Mittheilungen in Holst. Pr. B. 1828, H. 1, S. 117 flgd. fortgesetzt. Diese Arbeit enthält viele treffliche Betrachtungen und Gesichtspuncte; jedoch behalten die ersten Mittheilungen in den Holst. Pr. B. durch den Geist der Forschung immer ihren eigenthümlichen Reiz. In diesen sagt Schmidt, 1821, Heft 5, S. 2: "Wir haben alle Nachrichten von ihm gesammelt, auch selbst geforscht, auf unsere Weise. Es hat uns nicht die Mühe verdrossen, Kirchenbücher und andere Urkunden nachschlagen zu lassen. Dennoch sind wir nicht im Stande, eine Lebensbeschreibung dieses ausgezeichneten Mannes zu liefern. Alles, was wir liefern können, sind Materialien zu einer solchen Biographie, zum Theil


1) Der Kürze wegen werde ich die Citate durch die Abkürzung: "Holst. Pr. B." bezeichnen.
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"neue und unbekannte, und alle authentisch. Möge ein Gelehrter von Profession, dem eine öffentliche Bibliothek zu Gebote steht, diese Materialien benutzen, um die deutsche Litteratur von der Schmach zu rächen, einen ihrer classischen Schriftsteller nicht zu kennen".


In den Tagen, an denen ich die folgenden Blätter für den zu bestimmten Zeiten festgesetzten Druck der Jahrbücher des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde schließlich redigirte, kam mir die neueste Schrift über Liscow:

Christian Ludwig Liscow. Ein Beitrag zur Literatur= und Kulturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts. Nach Liscows Papieren im K. Sächs. Haupt=Staats=Archive und andern Mittheilungen herausgegeben von Karl Gustav Helbig, Oberlehrer an der Kreuzschule in Dresden. Dresden und Leipzig, Arnoldische Buchhandlung, 1844,

in die Hände. Das Werk veröffentlicht endlich die viel besprochenen und lange ersehnten Nachrichten über Liscows letzte Lebensschicksale aus den Acten des königl. sächsischen Staats=Archivs zu Dresden, bei welchen sich "eine Convolut Papiere und Briefe Liscows, die ihm weggenommen waren", fand, und ist daher nicht allein für die Literaturgeschichte, sondern auch für die Zeitgeschichte im höchsten Grade wichtig. Nach aufmerksamer Durchforschung der Abhandlung und Vergleichung derselben mit der meinigen finde ich, daß keine von beiden etwas von dem Stoffe der andern enthält, daß beide vielmehr sich zu einer vollständigen Biographie Liscows ergänzen. Es würde freilich besser gewesen sein, wenn Einer des Andern Materialien zur Verfügung gehabt und Ein Ganzes gebildet hätte. Da aber einmal beide Verfasser gleichzeitig nach verschiedenen Originalquellen denselben Gegenstand bearbeitet haben, so müssen beide Arbeiten zu einem Ganzen neben einander bestehen bleiben. Damit aber beide Arbeiten auch ihre Eigenthümlichkeit bewahren, so habe ich die meinige unverändert gelassen und zur Vervollständigung und Vergleichung, so wie zur Bequemlichkeit für die Leser nur die Resultate der Helbigschen Forschungen in [- - H.] kurz eingeschaltet. Sehr erfreulich ist mir die Uebereinstimmung meiner Arbeit mit den Helbigschen Forschungen nicht nur in den historischen Resultaten und der Behandlungsweise, sondern auch in den Ansichten über Liscows Charakter und Werth gewesen, was

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jedoch nicht groß Wunder nehmen darf, da Liscow eine zu klare und seltene Persönlichkeit ist.

Uebrigens werden die bisher erschienenen Arbeiten über Liscow nur kritische Vorarbeiten für den künftigen Biographen des großen Mannes und Herausgeber seiner Schriften sein können, welcher jetzt aber auch wohl ein sicheres, ausreichendes und vollständiges Material finden wird.


Die bisherigen ältern Nachrichten über Liscows Leben, so viel deren bekannt geworden sind, sind folgende. Alle Original=Quellen werden im Folgenden mitgetheilt werden; die übrigen Nachrichten sind im Wesentlichen nichts weiter, als zahlreiche Wiederholungen der Angaben, welche die Original=Quellen liefern. Die sichersten Quellen sind Liscows eigene Schriften, namentlich Liscows Vorrede zu seinen gesammelten Schriften, 1739. - Dann folgen: Papiere des Kleeblatts, oder Ecksteiniana (von Sander), Brandiana und Andresiana, Leipzig, 1787, mit den Ueberlieferungen des Dompropstes Dreyer zu Lübeck. - Allgemeine deutsche Bibliothek, 1788, Band 82, Stück 1, S. 296 (Wiederholung der Erzählungen von Dreyer). - Monatsschrift von und für Mecklenburg, 1789, Stück 9, Sept., S. 893 (Wiederholung der Dreyerschen Ueberlieferungen nach der Allgem. deutsch. Bibliothek), und 1790, Stück 10, Oct., S. 652 (Anzeige von Liscows Tod aus dem hamburger Correspondenten, 1760, Nr. 204), Einsendungen von Dietz, beide noch einmal abgedruckt in Holst. Pr. B. 1828, H. 2, S. 344. - Freimüthiges Abendblatt, Schwerin, 1827, Nr. 462, S. 921 (Liscows Taufschein); Nr. 464, S. 962 (Die Anecdote von Liscows Verspottung des spanischen Gesandten aus dem Janus, 1800, Julii); Nr. 465, S. 982 (Die Entfernung Liscows aus Dresden, aus der Irene, 1806);

Nr. 870: Neuere Forschungen in den oben erwähnten schleswig=holstein=lauenburgischen Provinzialblättern, 1821 bis 1828, und der Leipziger Litteratur=Zeitung, Int. Bl. 1806, St. 56, und 1807, St. 19. - Der Freimüthige von Kotzebue und Merkel, 1805, August (Beurtheilung von Liscows Schriften). -Müchlers Ausgabe von Liscows Schriften, Berlin, 1806, Vorrede, (enthält keine neue Nachrichten). - Gaysenhayner's und Flörcke's Norddeutsches Unterhaltungsblatt, Güstrow, 1816, I, 1, S. 38 flgd. (enthält nur die bekannten Nachrichten). - Cleemann

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Archiv =Lexicon, Parchim, 1809, enthält die bekannten Nachrichten und führt außerdem folgende Literatur an: Meister's Charakteristik deutscher Dichter, II, S. 88 (mit Liscows Bildniß); Riedel's Briefe an das Publicum; Küttner's Charaktere deutscher Dichter und Prosaiker; Flögel's Geschichte der komischen Litteratur; Koch's Grundriß einer Geschichte der Sprache und Litteratur der Deutschen; Bauer's Gallerie der berühmtesten Dichter des 18. Jahrhunderts; Eschenbach's Annalen der Universität Rostock, Band 2, Stück 16, 1790 (enthält Liscows Immatriculirung und damit zugleich die erste Angabe von Liscows Geburtsort). [Die neuere Literatur giebt Helbig S. I. an.]


Eine ältere Quelle muß hier aber ganz voraufgeschickt werden, weil sie alle Perioden von Liscows Leben berührt, lange Zeit hindurch für die Hauptquelle gegolten hat und weiterhin wiederholt zur Beurteilung kommen wird. Dies sind die Nachrichten, welche der Dompropst Dreyer zu Lübeck dem Herausgeber der "Papiere des Kleeblatts" mittheilte. Dreyer war bekanntlich ein höchst ausgezeichneter, kenntnißreicher, historisch gebildeter Mann, welcher an den Orten heimisch ward, an denen und in deren Nähe Liscow gelebt hatte; ja Dreyer wird Liscow selbst gekannt haben. Dreyer war am 13. Dec. 1723 zu Waren in Meklenburg geboren, erhielt seine erste Bildung in seiner Vaterstadt und besuchte, darauf die Domschule zu Schwerin; in den J. 1738-1739 studirte er zu Kiel, wo er sich in dem Hause des bekannten Geheimenraths von Westphalen, seines Oheims, der sorgfältigsten Pflege erfreute. Nachdem er die Universität Halle besucht hatte, kehrte er im J. 1743 nach Kiel zurück, arbeitete hier bei seinem Oheim und ward im J. 1745 daselbst Professor. Im J. 1753 ward er Syndicus der Stadt Lübeck und erhielt im J. 1761 die Würde eines Dompropstes daselbst. Er starb am 15. Februar 1802 zu Lübeck. Dreyer's historischer Forschungsgeist und seine Bekanntschaft mit allen gelehrten Männern Lübecks und Holsteins berechtigen zu der Annahme, daß er theils aus eigener Erfahrung, theils aus glaubwürdigen Berichten älterer Männer, namentlich des Rectors von Seelen, möglichst zuverlässige Nachrichten über Liscow gewonnen hatte.

Dreyer's Nachrichten sind niedergelegt in einem Buche, betitelt:

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Papiere des Kleeblattes, oder, Ecksteiniana, Brandiana, und Andresiana. Meldorf und Leipzig, bey R. J. Boie, 1787 1 ),

einem schönwissenschaftlichen Sammelwerke von satirischer und humoristischer Tendenz, in welches S. 203-444 Liscows Satire über die Vortrefflichkeit und Nothwendigkeit der elenden Scribenten "für unsere Zeiten bearbeitet, so wie nicht minder mit Einleitung und Anmerkungen bereichert von Matthias Tobias Brand" aufgenommen ist, um Liscows Schriften zu würdigen und in ein glänzendes Licht zu stellen; der Herausgeber sagt nämlich in der Einleitung S. 207: "Etwas über "Liscows Leben und Schriften:" "Liscow übertraf an satirischem Geiste alle seine Landsleute vor und neben ihm; schrieb zuerst unter ihnen eine Prose, deren Reinheit und Bestimmtheit noch fünfzig Jahre nach ihm in der goldenen Zeit ihrer Litteratur Wenige erreichten; und ragte an reicher Belesenheit und wahrer Aufklärung weit über seiner Zeit hervor. Er lebte, starb und ward vergessen".

Der Herausgeber sagt nun über Liscows Leben Folgendes:

(S. 236) "Schon lange lag diese meine Einleitung druckfertig, als ich nach Jahrelangen vergeblichen Bemühen durch die Güte des würdigen gelehrten Domprobsten Dreyer in Lübeck noch einige Nachrichten, Liscows Leben betreffend, erhielt. So wenig es auch ist, so darf ich es Dir, geliebter Leser, doch nicht vorenthalten."

"Liscow oder Liskov hieß nicht Christoph Friedrich, wie der Verfasser der Charaktere mit halber Gewißheit ihn nennt, sondern Christian Ludewig." (S. 237.) "Er war als Candidat der Rechte zu Lübeck im Hause des Domdechanten und geheimen Raths von Thienen Privatlehrer seiner beyden Stiefsöhne, der jungen Herren von Brömbsen. Hier erfuhr er eine Unannehmlichkeit, wovon ich die avthentische Nachricht der Gefälligkeit des Herrn Cantor Schnobel in Lübeck verdanke, eine Unannehmlichkeit, welche die entferntere Bewegursache zu seinem Streite mit Sievers gewesen seyn soll. Der Dechant von Thienen ließ nemlich seine Stiefsöhne von dem Cantor Sievers, dem Vater des Magisters, examiniren,


1) Diese "Papiere des Kleeblattes", welche auch einige sonst nicht bekannte satirische Ankündigungen von Liscow u. dgl. enthalten, scheinen äußerst selten zu sein. Ich hatte lange vergebens darnach geforscht, bis mir sie die königliche Bibliothek zu Berlin reichte. [Helbig hat das Buch nicht zur Ansicht erlangen können; vgl. S. VII.]
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um zu sehen, was Liskov's Unterricht gefruchtet habe. Die Kinder bestanden schlecht. Die Schuld konnte in der Art des Examens liegen; und wenn auch die jungen Herren in der That der billigen Erwartung nicht Genüge thaten, so ist doch wenigstens der Schluß von der Unwissenheit des Schülers auf die Untauglichkeit des Lehrers, wie man weiß, nicht immer der sicherste. Dies scheint aber der Dechant nicht erst untersucht zu haben, wie man wohl aus Liskovs ausgezeichneten Kenntnissen und Talenten, die doch augenscheinlich genug documentirt sind, argwöhnen mag. Genug, Liskov erhielt Vorwürfe, und der Herr Cantor seine Schüler. Dies kränkte ihn, denn er war Mensch. Allein, wenn es ihn gereizt hat, die Sünde des Vaters am Sohne heimzusuchen, so wäre auch dies menschlich, nur freilich nicht edel. Die erste Blöße gab ihm der junge Magister gleich nach seiner Rückkehr von der Academie durch ein Avertissement, worin er um Beyträge zu einem "itzt lebenden gelehrten Lübeck" bat und zugleich es ankündigte. Liskov parodirte es. Als erster, bisher noch ganz unbekannter, Versuch verdient diese Parodie immer aufbewahrt zu werden, und als Reliquie ist sie mir wohl so merkwürdig, wie eine Sprosse der Leiter, die Jacob im Traume sah. Hier sind beyde Avertissements" (datirt Lübeck, d. 28. Dec. 1730 und d. 11. Jan. 1731.) - - - - - - - - - - - - - - - (S. 245.) "Dies wäre denn die Parodie, wozu Liskov allenfalls Veranlassung genug in dem albernen Avertissement des Magisters finden konnte, ohne daß wir daraus eben auf persönlichen Groll schliessen dürften, wenn nicht obige Anecdote es einigermassen wahrscheinlich machte. Dem sey wie ihm wolle, so begreifen wir nun, wie Sievers so hastig unsern Satyricker für den Verfasser der scharfen Recension erklären, und dadurch so unbesonnen die eigentliche Fehde veranlassen konnte. Ihren übrigen Verlauf wissen wir. Von Lübeck kam Liskov als Privatsecretair zu dem geheimen Rath von Blome, dem damaligen Probsten des adelichen Klosters Pretz, ohngefähr um die Jahre 1738 und 1739. In oder vor dieser Periode hat er auch, wie man aus seiner Vorrede sieht, einige Zeit in Mecklenburg auf dem Lande zugebracht. Vielleicht war es auf den Gütern des geheimen Raths. Von nun an verlassen uns die Nachrichten aufs neue; und wir finden endlich unsern Liscow in Dresden wieder, wo er an dem geheimen Kammerrath von Heinecke einen thätigen Gönner hatte. Allein er gehörte nun einmal zu der seltnern und un=(S. 246)glücklichen Classe von Menschen, die bei einem

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leisen, reizbaren Gefühle für das Lächerliche und Unschickliche einen witzigen Einfall eben so wenig zurückhalten können, als das Niesen; und oft ihre besten Freunde beleidigen, ohne daß ihre Absicht eben etwas Schlimmeres wäre, als Befriedigung ihres Bedürfnisses. Er beleidigte durch Sarcasmen seinen Gönner; und durch Sarcasmen über den damaligen englischen Minister am Dresdner Hofe zog er sich das Unglück zu, Dresden verlassen zu müssen. Er starb zu Eulenburg in Meissen 1759, und, wie man sagt, im Arrest."

"Dies wäre denn die erste, immer noch gar zu mangelhafte Nachricht, das Leben unsers deutschen Swift's betreffend."

Diese Nachrichten theilte in einem kurzen, historischen Auszuge bei Gelegenheit der Anzeige der "Papiere des Kleeblattes" die Allgemeine deutsche Bibliothek, 1788, Band 82, Stück 1, S. 296, mit und ward dadurch lange Zeit Hauptquelle für das Leben Liscows.


Ueber Liscows Leben.


1. Liscows Abstammung und Verwandtschaft.

Unser Christian Ludwig Liscow 1 ) stammt aus einer meklenburgischen Predigerfamilie, deren Schicksale sich aus den meklenburgischen Archivacten hundert Jahre hindurch klar und bestimmt verfolgen und sich aus dem nachstehenden Stammbaume und dessen quellenmäßiger Erläuterung erkennen lassen.

[Um eine vollständige Kenntniß der ganzen Familie zu gewinnen, ist der Stammbaum aus Helbig's Schrift und andern Nachrichten durch Chr. Ludw. Liscows Nachkommen vermehrt.]


1) Liscow schreibt seinen Namen ohne Ausnahme immer "Liscow", mit lateinischen Buchstaben, selbst wenn er, was öfter vorkommt, seine Vornamen daneben mit deutschen Buchstaben schreibt. [Helbig's Unterscheidung zwischen "Liskow" und "Liscow" je nach den Buchstaben, S. 1, scheint völlig unerheblich zu sein.]
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Stammtafel
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Actenmäßige Erläuterung des Stammbaumes der Familie Liscow.

I. 1. Christian Liscow,

Prediger zu Alt=Gaarz, 1639, † 1681.

Christian Liscow I. ("Christianus Liscovius Primisloviensis Marchicus") war im J. 1615 zu Prenzlau geboren, hatte hintereinander die Schulen zu Prenzlau, Stettin und Lüneburg besucht und darauf zu Rostock studirt. Nach Beendigung seiner Universitäts=Studien ward er Hauslehrer bei dem Herrn Jaspar v. Oertzen auf Roggow, in dessen Hause er ungefähr 6 Jahre lebte. Durch die Bemühung desselben erhielt er im J. 1639, ungeachtet der Protestation einiger Gemeindeglieder gegen den ausländischen Candidaten, die Pfarre zu Alten=Gaarz bei Neu=Bukow, welcher er bis zum J. 1681 vorstand. In diesem Jahre ward ihm der Candidat Johann Schütz adjungirt, der seine Tochter Ursula heirathete. In demselben Jahre starb Christian Liscow und hinterließ einen Sohn und eine Tochter:

II. 2. Christian Liscow,

Prediger zu Westenbrügge, 1671, † 1695.

Christian Liscow II., auch Lischow geschrieben, war der Sohn des Pastors Christian Liscow zu Alten=Gaarz. Er ward als Candidat (oder "Studiosus") im J. 1671 Prediger zu Westenbrügge und starb im J. 1695 mit Hinterlassung zweier Söhne: Heinrich Christian und Joachim Friederich.

3. Ursula Liscow

war die Tochter des Pastors Christian Liscow I. zu Alten=Gaarz. Sie ward an den Pastor Johann Schütz verheirathet, der im J. 1681 Adjunct und noch in demselben Jahre Nachfolger ihres Vaters in der Pfarre zu Alten=Gaarz ward. Der Pastor Johann Schütz starb im J. 1705; seine Frau überlebte ihn.

Der Prediger Christian Liscow II. zu Westenbrügge (vgl. II., 2.) hinterließ zwei Söhne:

III. 4. Heinrich Christian Liscow,

Prediger zu Volkenshagen, 1718-1725.

Heinrich Christian Liscow war der älteste Sohn des Pastors Christian Liscow zu Westenbrügge. Er war vorher 16 Jahre lang königl. schwedischer Garnisonsprediger beim Fürstenbergischen Regimente zu Wismar und ward im J. 1718 zum Pastor in Volkenshagen bei Ribnitz vocirt, nachdem hier zwei Wahlen wegen Wahlumtriebe annullirt worden waren.

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Er starb am 28. October 1725. Seine Wittwe, eine Schwester des Pastors Lackmann zu Westenbrügge, der seinem Vater im Amte gefolgt war, lebte noch im J. 1741, 72 Jahre alt, dem Anscheine nach kinderlos, da ihr Mann sehr schwächlich war und nicht lange nach seiner Verheirathung starb, von Kindern nirgends die Rede ist, so oft sie auch zu den Acten ihre Lage schildert und von Kindern der andern Predigerwittwe zu Volkenshagen redet, und sie in hohem Alter ihr Vermögen der Kirche zu Volkenshagen zu vermachen die Absicht hatte. In den Pfarracten zu Volkenshagen findet sich auch keine andere Nachricht über das Ehepaar.

5. Joachim Friederich Liscow,

Prediger zu Wittenburg, 1699, † 1721.

Joachim 1 ) Friederich Liscow war der jüngste Sohn des Pastors Christian Liscow II. zu Westenbrügge. Er war am 12. März 1675 zu Westenbrügge geboren. Nachdem er zu Rostock seine Universitätsstudien vollendet hatte, ward er Pagen=Informator am fürstlichen Hofe zu Grabow 2 ). Von hier ward er im J. 1699 zum Prediger in der Stadt Wittenburg befördert und war hier so beliebt, daß, als er im J. 1710 einen Ruf nach Ivenack erhalten hatte, die Gemeinde dringend um sein Bleiben bat. Er starb am 25. Julii 1721 und hinterließ eine Wittwe, Margarethe Christine, welche am 11. Junii 1734 beerdigt ward, und drei Söhne und eine Tochter. Seine Frau scheint eine Tochter oder Schwester des Rectors Hausvoigt in Eutin gewesen zu sein, da dieser mit seiner Schwester oder Tochter bei der Tochter Taufzeugen waren 3 ).

Die Kinder 4 ) des am 25. Julii 1721 verstorbenen Predigers Joachim Friederich Liscow zu Wittenburg waren:

IV. 6. Christian Ludwig Liscow,

getauft am 29. April 1701, der älteste der Brüder, der bekannte Satiriker. Daraus, daß sein Vater Pagen=Informator


1) Nach seinen im schweriner Archive oft vorkommenden, deutlich und voll ausgeschriebenen eigenhändigen Unterschriften hieß des Satirikers Liscow Vater Joachim Friederich, nicht Johann Friedrich, wie in dem weiter unten mitgetheilten Kirchenzeugnisse und bei Helbig, S. 1, angegeben ist. Nach einem Zeugnisse des ehemaligen Herrn Predigers Ritter zu Wittenburg, jetzt zu Vietlübbe bei Plau, ist auch in dem wittenburger Kirchenbuche der Name mit Joachim Friederich angegeben, auf den auch sein zweiter Sohn getauft ward.
2) Schon Schmidt in Holst. Pr. B. 1821. H. 5. S. 4, vermutet scharfsinnig, daß Liscows Vater eine Stellung am fürstlich meklenburgischen Hofe eingenommen habe.
3) Vergl. Holst. Pr. B. 1821. H. 5. S. 7, und 1822. H. 2. S. 27.
4) Von hier an ist außer den Archiv=Acten auch das wittenburger Kirchenbuch durch Vermittelung des Herrn Predigers Ritter benutzt.
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am fürstlichen Hofe zu Grabow gewesen war, erklärt es sich, daß die fürstlichen Personen zu Grabow Pathenstelle bei ihm vertraten und er die Namen des Prinzen, nachmaligen Herzogs Christian Ludwig führte. Er starb am 30. Oct. 1760 als sächsischer Kriegsrath.

7. Ernestine Elisabeth Auguste Liscow,

welche am 8. Mai 1703 getauft ward. Diese Tochter ward nach damaligem Gebrauche bei der wittenburger Pfarre "conservirt": d. h. sie ward am 30. Nov. 1722 an den Nachfolger ihres Vaters, den ehemaligen (seit 1710) Feldprediger beim Waldowschen Regimente, Johann Anton Schütze zu Grabow (aus Havelberg, nachdem er vor den Werbenachstellungen auf seine "schöne Leibeslänge" geflüchtet war,) verheirathet. Dieser starb schon am 20. Dec. 1726 und hinterließ seiner Wittwe zwei unmündige Kinder: August Friederich Schütze, getauft den 10. Dec. 1723, und Margarethe Henriette Dorothea Schütze, getauft am 24. Dec. 1724, beerdigt am 9. März 1736.

Nach dem Tode ihres Mannes ist das Schicksal ihrer beiden jüngern Brüder innig mit dem ihrigen verflochten; diese Brüder waren:

8. Joachim Friederich Liscow,

getauft am 29. Nov. 1705, der mittlere der Brüder. Er besuchte die Schule zu Lübeck. Am 26. Aug. 1723 opponirte er ("Wittenburgo-Mecklenb.") als Primaner nebst seinem Freunde Boetius aus dem Eutinschen und dem Meklenburger Ratke dem auf die Universität gehenden G. Cläden aus Flensburg hier bei dessen öffentlicher Disputation 1 ). Michaelis 1723 (oder nach andern Nachrichten 1724) ging er zum Studium der Theologie mit Boetius auf die Universität Jena, welche auch der Dichter v. Hagedorn im Frühling des J. 1726, 18 Jahre alt, bezog. Hier knüpfte sich zwischen J. F. Liscow und v. Hagedorn das Band inniger Freundschaft, welches ihr ganzes Leben hindurch dauerte; beide sollen in Jena ein munteres Studentenleben geführt haben 2 ). Im J. 1728 war er Candidat der Theologie und conditionirte als Hauslehrer zu Waschow bei Wittenburg.


1) Vergl. Holst. Pr. B. 1821. H. 5. S. 3; 1823. H. 1. S. 94-95; 1825. H. 4. S. 731; 1827. H. 3. S. 529; Schmidt Histor. Studien, S. 125.
2) Vergl. Holst. Pr. B. 1823. H. 1. S. 94-95; 1825. H. 4. S. 731; 1827. H. 3. S. 522.
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9. Carl Heinrich Liscow,

der jüngste der Brüder, geboren am 30. Dec. 1707, getauft am 1. Jan. 1708, war im J. 1728 ebenfalls Candidat der Theologie und Hauslehrer zu Stintenburg bei Zarrentin am Schalsee im Lauenburgischen 1 ).

Von mehr Geschwistern ist nirgends eine Spur zu finden. Der Dr. von Coch meint nach Familiennachrichten zwar, daß es "mehr als wahrscheinlich sei, daß der Licentiatus juris Rassow in Hamburg, der mit einer zweiten Schwester unsers Satirendichters verheirathet gewesen," seine verwittwete Schwägerin sehr thätig unterstützt habe 2 ); aber einmal fehlt es an glaubwürdigen Nachrichten hierüber, dann wird in einem Briefe des französischen Gesandten in Hamburg vom 30. Junii 1736 Rassow nur Liscows Freund genannt; in nähern Verwandtschaftsverhältnissen werden aber die Familien Liscow und Rassow gestanden haben, da der Rathsherr Heinrich Rassow zu Gadebusch Gevatter bei dem zweiten Kinde des Pastors Liscow stand 3 ).

Die Wittwe Schütze scheint sowohl durch Schwäche des Charakters, als auch durch Mangel in Bedrängniß gerathen zu sein. Ihre Mutter wünschte sie zum zweiten Male bei der Pfarre zu "conserviren"; die Tochter hatte sich aber schon im J. 1728 mit dem lüneburgischen Landmesser Koch, der sich in Geschäften der hannoverschen Commission seit anderthalb Jahren zu Wittenburg aufhielt, in Liebeshändel eingelassen und war dadurch in bösen Ruf gekommen. Ihre beiden jüngern Brüder, darüber aufgebracht, forderten den Landmesser Koch am 31. Aug. 1728 zum "Zwiegespräch" in der Stadt Wittenburg an der Mauer hinter den "beiden Priesterscheunen." Es kam bald zum heftigen Wortwechsel und, da alle drei bewaffnet waren, zu ernstlichen Thätlichkeiten, so daß Koch und Friederich Liscow nach Hause getragen werden mußten. Die Brüder Liscow hatten den Landmesser Koch übel zugerichtet, dieser hatte dagegen dem Friederich Liscow mit seinem Hirschfänger eine Wunde in das rechte Ellenbogengelenk beigebracht. Diese Wunde war im Anfange leichtfertig behandelt, bald darauf aber so schlimm geworden, daß der "Brand" zu weit um sich gegriffen hatte und an eine Heilung nicht mehr zu denken war.


1) Diesen Carl Heinrich Liscow kennt Schmidt in Holst. Pr. B. 1821. H. 5. S. 3 nicht, auch das wittenburger Kirchenzeugniß in 1822. H. 2. S. 27 führt ihn nicht auf, obgleich er nach des Herrn Predigers Ritter Zeugniß in das Kirchenbuch eingetragen ist.
2) Vergl. Dr. v. Coch in Holst. Pr. B. 1825. H. 2. S. 743.
3) Vergl. das Kirchenbuchzeugniß in Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 27.
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Am 11. Sept. bat die Mutter um die Erlaubniß zur stillen Beerdigung ihres Sohnes, der, wenn er auch noch nicht gestorben, doch nicht mehr zu retten sei, da die Verwesung schon über den Arm hinausgegangen und der Kranke von der heftigsten Raserei befallen sei. Die Landesregierung bewilligte der Mutter am 14. Sept., "casu existente", die stille Beerdigung in Betracht, daß ihr Mann in Wittenburg viele Jahre Prediger gewesen sei.

Joachim Friederich Liscow tritt von dieser Zeit an ganz aus der Geschichte Meklenburgs.

Carl Heinrich Liscow verschwindet seit dieser Zeit aber ganz aus der Geschichte.

Die Wittwe Schütze "entfernte" sich bald darauf wegen Andranges der Gläubiger ihres verstorbenen Mannes aus Wittenburg und ließ ihrer Mutter ihre beiden Kinder zurück, von denen in Cleemann Syll. Parch. S. 90 August Friederich im J. 1748 als Student angegeben wird.

Die Nachrichten über des Satirikers Liscow Brüder erhalten durch die neuern Mittheilungen eine eigenthümliche Wendung. - Es ist ohne Zweifel, daß Joachim Friederich Liscow es war, der am 14. Septbr. 1728 im Sterben lag. "Beide, der Wittwe Schützen mittelster und jüngster Bruder, als des seel. Hrn. Past. Liscowen Söhne Friederich und Carl, wovon jener zu Waschow, dieser aber zu Stintenburg Kinder=Informatores" waren, werden mit diesen Worten ausdrücklich von dem Magistrate zu Wittenburg bei dem Herzoge Carl Leopold als Theilnehmer an dem Streite mit Koch angeklagt und es wird dabei "Friederich Liscow" als derjenige bezeichnet, der "im rechten Arme bey der junctur beym Ellenbogen verwundet" worden sei. Dazu sagt auch die Mutter in ihrer Bitte, daß ihr "einer Sohn, der zu "Waschow conditioniret und seine studia theologiae absolviret, verwundet" worden sei, und der Herzog ermahnt sie in seiner Antwort, ihre "beyden Söhne Friederich und Carl abzurathen, zumahlen denn dergleichen keinem Menschen, viel weniger dann theologiae studiosis anstehe".

Nun aber lebte ebenfalls ohne Zweifel Joachim Friederich Liscow noch lange in Hamburg, während Carl Heinrich seit dem J. 1728 völlig verschwindet. Man könnte auf die Vermuthung kommen, es sei der jüngere Bruder gewesen, welcher 1728 verwundet worden und gestorben sei, da er nicht weiter vorkommt; aber die oben mitgetheilten Nachrichten sind

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zu klar und glaubwürdig, als daß man eine Verwechselung annehmen könnte.

Einen unwiderleglichen Beweis, daß J. F. Liscow im J. 1728 nicht gestorben und begraben, sondern geheilt sei, giebt seine körperliche Beschaffenheit. In einem "poetischen Billet" Hagedorns an ihn vom 10. März 1735 heißt es:

Ein weiß, durchsichtiges, beschnittenes Papier,
Das achtzehnmal geschwärzt mit kurz und langen Zeilen,
Die nicht nach jüdischer Manier
Zur linken Hand, wohl aber rechtwärts eilen,
Wo unten an dem Rand,
Zu meinem innigsten Vergnügen,
In deutlichen und halb ovalen Zügen
Zuerst ein J, dann F, und endlich Liscow stand,
Ertheilte durchs Gesicht
Dem Herzen den Bericht,
Dies letternreiche Blatt und reizende Papier
Sei ein Epistelchen von Dir.

Eschenburg sagt hiezu in einer Anmerkung zu dem hagedornschen Gedichte "der Schwätzer": "Ihm fehlte die rechte Hand, die er in einem Duelle verloren hatte". Schmidt 1 ) bezieht dies richtig auf J. F. Liscow, obgleich andere es auf C. L. Liscow haben angewandt wissen wollen 2 ). Es ist aber hieraus die Sage entstanden, daß dem einen Liscow die rechte Hand gefehlt habe. Der Dr. von Coch berichtet 3 ) aus Familiennachrichten: "Es hat aber weder Er (C. L.), noch sein Bruder "(J. F.) die rechte Hand im Zweikampfe gänzlich eingebüßt, sondern nur der letztere (Joachim Friederich) hat bloß eine fast ganz gelähmte Hand davon getragen, nachdem er in einem Duelle mit einem curländischen Barone, das er sich durch Satirisiren zugezogen, einen Degenstoß durch den Unterarm erhalten". Auch Schmidt 4 ) nimmt an, daß J. F. Liscow in einem Duelle auf der Universität Jena die rechte Hand verloren habe.

Aus den oben mitgetheilten Nachrichten aus den Original=Acten des schweriner Archives wissen wir aber, daß es nicht ein curländischer Baron, sondern eben des Dr. von Coch Ur=Aeltervater war, welcher dem J. F. Liscow der Schwester wegen die rechte Hand lähmte. J. F. Liscow


1) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 12-14.
2) Vergl. Holst. Pr. B. 1824. H. 4. S. 162.
3) Vergl. Holst. Pr. B. 1825. H. 4. S. 730.
4) Vergl. Holst. Pr. B. 1823. H. 1. S. 95.
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starb also nicht, sondern ward, freilich bei völliger Lähmung des rechten Armes, wiederhergestellt, und diese Eigenthümlichkeit stellt die Person des J. F. Liscow noch fester.

Die Wittwe Schütze ging mit dem Feldmesser Koch davon und ließ ihrer Mutter ihre zwei Kinder erster Ehe zurück, von denen das jüngste, 12 Jahre alt, 2 Jahre nach dem Tode der Mutter in Wittenburg starb. Koch oder, wie er nach Familiennachrichten 1 ) heißt, Georg Johann Eberhard von Coch war der einzige Sohn des kurhannoverschen Majors Johann Coch. Frühzeitig trat er in kurhannoversche Militärdienste. Da er ein Meister in der Handzeichnung gewesen sein soll, so diente er der hannoverschen Commission in Meklenburg als Feldmesser. Er soll sich auch einige Zeit bei dem bischöflich=lübeckischen Geheimen=Rathe von Coch, einem Verwandten, in Lübeck aufgehalten und hier C. L. Liscow kennen gelernt haben 2 ). Nach seinem bewaffneten Zusammentreffen mit den jüngern Brüdern Liscow 3 ) nahm er seinen Abschied als Ingenieurlieutenant und ging nicht lange nach seiner Wiederherstellung mit seiner Frau, der ehemaligen Wittwe Schütze, geb. Liscow, nach Preetz. In Wittenburg sind sie nicht getrauet, in Preetz auch nicht. Sechszehn Wochen nach der Hochzeit, am 26. April 1729, also 8 Monate nach dem Kampfe Cochs mit den Brüdern Liscow, ward die Frau zu Preetz von einem Sohne, Georg Friederich, entbunden, welcher am 1sten Mai 1729 ohne Taufzeugen aus den Familien getauft ward, woraus schon Schmidt auf "ungünstige Verhältnisse" schließt 4 ). Beim Ausbruche des österreichischen Erbfolgekrieges trat Coch im J. 1742 wieder in kurhannoversche Dienste. Seine Frau begleitete ihn bis nach Hamburg, wo sie zurückblieb und sich einige Zeit bei ihrem Bruder Joachim Friederich aufhielt. Sie empfing von ihrem Manne aus Ilmenau den letzten Brief, in welchem er ihr seine Beförderung zum Hauptmann meldete. Seitdem vernahm sie nichts weiter über ihn, als daß er in einem Treffen geblieben sei. Sie zog jetzt von Hamburg nach Schleswig, wo sie bis an ihr Ende in dem Hause des Advocaten Hansen wohnte. - Ihr Sohn Georg Friederich Coch studirte 1751 in Halle und 1752 und 1753 die Rechtswissenschaft, ward Advocat zu Schleswig, erwarb sich den Ruf eines geschickten Juristen, ward 1779 königlicher


1) Die nächstfolgende Darstellung ist einem nach Familiennachrichten verfaßten Aufsatze des Dr. von Coch zu Wilster, eines Ur=Enkels der Schwester Liscows, in Holst. Pr. B. 1825. H. 2. S. 742 entnommen, wenn nicht andere Quellen angegeben sind.
2) Vergl. Holst. Pr. B. 1825. H. 2. S. 354.
3) Vergl. oben S. 110.
4) Vergl. Schmidt in Holst. Pr. B. 1823. H. 1. S. 94.
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Hardesvogt des Amtes Gottorf und starb als solcher zu Schleswig am 2. Sept. 1780; auch er hatte einen besondern Hang zur Satire und bei kleinem Wuchse ungewöhnliche Muskelkräfte. Ein Sohn von diesem war der vor einigen Jahren (vor 1825) verstorbene Pastor Coch zu Rahlstedt, dessen Sohn der oft genannte Dr. v. Coch ist 1 ).

Joachim Friederich Liscow ging, da er als Theologe nicht gut in Meklenburg bleiben konnte, wohl bald nach seiner Herstellung nach Hamburg, wo seit dem Mai 1733 sein Universitätsfreund v. Hagedorn und seit 1734 auf einige Zeit öfter sein Bruder Christian Ludwig wohnte; er wohnte hier sicher schon im J. 1735 2 ). Er lebte hier als privatisirender Gelehrter oder, unter dem beliebten Titel der damaligen Zeit, als Secretair von allerlei schriftstellerischen Arbeiten und andern schriftlichen Geschäften, ohne Anstellung. Er war hier "Redacteur der gelehrten Artikel des Hamb. Correspondenten", welche damals die spätern Literatur=Zeitungen vertraten, und der Hamb. Anzeigen" 3 ).

Hagedorn nennt ihn deßhalb auch einen Rechtsgelehrten 4 ). Die Freundschaft mit Hagedorn war warm und lebhaft. Hagedorn nennt ihn 1744 in dem Gedichte "der Schwätzer" 5 ):

Als nun mein Liscow kam, der Bruder von dem Ketzer. Später jedoch ward dieses Verhältniß gestört, da Hagedorn empfindlich und mißlaunig ward. [H. S. 44]

[In einem Briefe vom 4. April 1740 giebt Hagedorn von dem abenteuerlichen Plane des J. F. Liscow, die Tochter eines hamburger Kaffeehausbesitzers zu heirathen und das Kaffeehaus später selbst zu übernehmen, unserm Liscow Nachricht. H. S. 51. - Am 4. Juni 1741 rühmt Hagedorn gegen unsern Liscow seines Bruders Freundschaft: "Je plains le pauvre Solitaire, comme je serois à plaindre moi-même, si je devois exister ici sans Mr. Votre frère". H. S. 57-58. -Noch am 12. Februar 1749 schreibt J. F. Liscow an seinen Bruder unter andern über den mißgestimmten Hagedorn: "Si jamais nous venons à des explications, que j'évite, il pourroit bien lui arriver le malheur, dont il se plaint


1) Vergl. Holst. Pr. B. 1827. H. 4. S. 686.
2) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 12, und die angeführte Scherzepistel Hagedorns.
3) Schmidt Histor. Studien, S. 127 und 167.
4) Am 4. April 1740 schreibt Hagedorn von ihm: "C'est se rendre quasi indigne de ces ancetres que de renoncer à l'éclat, qui environne les Jurisconsultes". H. S. 51.
5) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 14. Die hagedornsche Fabel "die Thiere" ist an Christian Ludwig Liscow gerichtet.
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"sans fondement, c'est à dire, de perdre en moi un ami, qu'il ne retrouveroit peut-être de sa vie". H. S. 61-62.]

Im J. 1760 führt ein Werk "die Stadt Hamburg in ihrem politschen, ökonomischen und sittlichen Zustande, von Christian Ludwig von Griesheim, 1760", §. 54, den "scharf denkenden Lüscow" als in vielen Geschäften lebend auf 1 ).

Noch im J. 1764 steht Joachim Friederich Liscow unter den Subscribenten auf die zu Hamburg herausgegebenen Gedichte Richey's 2 ). "Nach allen uns zugekommenen Nachrichten ist er unverheirathet zu Hamburg gestorben 3 ).

Daß J. F. Liscow zuletzt Burgemeister in Hamburg geworden sei, beruhet wahrscheinlich auf einer Verwechselung mit Lipstorf 4 ).

In den schleswig=holstein=lauenburgischen Provinzialblättern ist lange Streit darüber gewesen, wer von den beiden Brüdern der satirische Schriftsteller gewesen sei. Der Candidat H. Schröder zu Krempdorf, darauf zu Itzehoe, vertheidigte hartnäckig die Ansicht, "der jüngere Bruder Joachim Friederich sei der bekannte Satiriker" 5 ). Die zahlreichen Widersprüche würden aber, nach Gewinnung historischer Sicherheit, nicht zu lösen sein und Schröder hat sich selbst schon dadurch vollständig widerlegt, daß er ausspricht, "daß der in Dresden angestellt "gewesene Liscow unbezweifelt der Satirendichter sei" 6 ), auch seine Ansicht endlich wieder zurückgenommen 7 ), nachdem Schmidt wichtige Nachrichten über C. L. Liscows letzte Lebensschicksale mitgetheilt hatte. Der Streit ist jedoch dadurch von Wichtigkeit geworden, daß er sehr reichhaltige Quellen eröffnet hat.

Christian Ludwig Liscow, der Satiriker, verheirathete sich im J. 1745 mit der Wittwe des Kammerraths Buch, geb. Johanna Catharine Christiane Mylius, aus Eilenburg, auf Berg vor Eilenburg; diese gebar ihm während seines Aufenthalts zu Dresden drei Söhne [H. S. 63]:


1) Vergl. Siemers in Holst. Pr. B. 1828. H. 2. S. 731.
2) Nach einer Mittheilung des Hrn. Archivars Dr. Lappenberg zu Hamburg. Vergl. Holst. Pr. B. 1828. H. 2. S. 731.
3) Nach Schmidt in Holst. Pr. B. 1825. H. 2. S. 355.
4) Vergl. Holst. Pr. B. 1827. H. 4. S. 696; 1828. H. 2. S. 731; 1830. H. 2. S. 261.
5) Vergl. Holst. Pr. B. 1824. H. 4. S. 155 flgd.; 1825. H. 2. S. 354 flgd. und H. 4. S. 730 flgd.; 1827. H. 3. S. 518 flgd. und H. 4. S. 682 flgd.
6) Vergl. Holst. Pr. B. 1827. H. 4. S. 694.
7) Vergl. Holst. Pr. B. 1830. H. 2. S. 259.
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V. 10. Christian Ludwig Liscow,

geb. 1746, welcher 1766 als Fürstenschüler zu Grimma starb [H. S. 75.];

11. Friederich August Liscow,

geb. 1748, welcher nach des Vaters Tode den Militairstand erwählte. "Er war lange Adjutant des Grafen Bellegarde, welcher um die Verbesserung der sächsischen Cavallerie viele Verdienste hat." Er stand als sächsischer Rittmeister im Cürassier=Regimente von Zezschwitz in Schmiedeberg und verheirathete sich am 4. Jan. 1797 mit Friederike Amalie Wilmersdorf, des verstorbenen sächsischen Amts=Steuer=Einnehmers und Stadt=Syndicus in Schmiedeberg ältesten Tochter; die Vertrauung geschah auf dem Gute Berg, da seine Mutter vielleicht noch lebte 1 ). "Er starb als sächsischer Major im Dec. 1807 2 ) zu Danzig in Folge der beschwerlichen Küstenwachen bei Colberg. Franzosen, Sachsen und Polen brachten ihn feierlich zur Gruft. Er war mild und bescheiden; ihm war das unverdiente Schicksal seines Vaters wohl bekannt". - Sein Schwager, der Steuer=Revisor Wilmersdorf, lebte noch 1822 zu Oelsnitz 3 ).

12. Carl Friederich Liscow,

geb. 1749, welcher schon 1752 starb [H. S. 63]; und nach Familiennachrichten zu Eilenburg noch zwei Töchter [H. S. 74], über deren Schicksal das Kirchenbuch von Berg berichtet 4 ):

13. Christiane Wilhelmine Liscow,

geb. 7. Sept. 1751, welche erst am 15. Februar 1811 unverheirathet zu Eilenburg starb [H. S. 74];

14. Charlotte Christiane Liscow,

geb. 8. Dec. 1752 [H. S. 74, gest. 14 April 1796, wahrscheinlich ebenfalls unverheirathet, da das Kirchenbuch nichts weiter berichtet.

Der sächsische Major Friederich August Liscow hinterließ zwei Söhne:


1) Vergl. Schmidt in Holst. Pr. B. 1828. H. 1. S. 122, nach dem Kirchenzeugnisse.
2) Nach Schmidt in Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 26, und 1828. H. 1. S. 122. - Helbig S. 75 giebt das Jahr 1818 an.
3) Vergl. Schmidt in Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 15.
4) Vergl. Holst. Pr. B. 1828. H. 1. S. 121.
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VI. 15. Friederich August Alexander Liscow,

war im März 1819 Lieutenant bei der sächsischen reitenden Artillerie 1 ) und lebt noch jetzt als Oberlieutenant von der Armee in Dresden [H. S. VI u. 75];

16. Friederich August Albert Liscow

widmete sich im J. 1819 den Wissenschaften auf der Fürstenschule zu Grimma; er soll damals im Besitze der großväterlichen Papiere gewesen sein 1 ).


Ueber die Fortpflanzung der Familie Liscow in den Ostseeländern durch C. L. Liscows Oheim und Brüder bis auf unsere Tage fehlt es ganz an Nachrichten.

Von Kindern des im J. 1725 gestorbenen Predigers Heinrich Christian Liscow zu Volkenshagen, von denen allein die Rede sein könnte, ist keine Spur zu finden.

Am 23. Sept. 1824 starb zu Lauenburg unverheirathet Johann Georg Lescow, 82 Jahre alt, früher Prediger zu Lauenburg und Artlenburg. Dieser Lescow war in Eutin geboren, wo sein Vater Hofmaler gewesen sein soll. Als Candidat lebte er in Lübeck. Ein Brudersohn von ihm, früher Rathmann in Lauenburg, lebt jetzt als Landmann in Dassendorf, und ein anderer lebt als Maler in Nordamerika. Diese Familie Lescow wird aber nicht zu der Familie Liscow gehören, da schon zu der Zeit C. L. Liscows nach den "Briefen der Ungelehrten" ein Stadtsecretair Lescow zu Eutin unter den Subscribenten erscheint. Zur Vermeidung künftig etwa möglicher Irrthümer sind diese Nachrichten hier mitgetheilt.


2. Liskows Geburt.

Aus dem vorstehenden Stammbaume erhellet, daß unser Christian Ludwig Liscow der älteste Sohn des Predigers Joachim Friederich Liscow zu Wittenburg in Meklenburg=Schwerin war und zu Wittenburg geboren und am 29. April 1701 getauft ist. Dies alles ist bis auf die neuern Zeiten nicht bekannt gewesen. Obgleich diese Umstände nach den eben aus den Originalquellen mitgetheilten Nachrichten nicht zu bezweifeln sind, so möge hier doch zur größern Sicherheit ein be=


1) Nach Schmidt Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 17 u. 26.
1) Nach Schmidt Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 17 u. 26.
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glaubigtes Zeugniß aus dem wittenburger Kirchenbuche 1 ) Raum finden, welche im schwerinschen Freimüthigen Abendblatt, 1827, Nr. 462 S. 921 mitgetheilt ist:

"Johann Friedrich Liskow - geboren zu Westenbrügge, in der Rostockschen Superintendentur und der Buckowschen Präpositur, im Jahre des Heils Ein Tausend sechs Hundert fünf und siebenzig am 12ten März -ward zum Prediger nach Wittenburg berufen Eintausend sechshundert neun und neunzig.; ließ Eintausend siebenhundert und ein am 29sten April seinen Sohn taufen und ihn nennen Christian Ludwig;

Die Gevattern sind gewesen: 1) Die Durchl. Herzogin zu Grabow, Christine Wilhelmine, 2) die Durchl. Prinzessin Sophia Louise, 3) der Durchl. Prinz Christian Ludwig,

und starb in Wittenburg den 25sten Juli Eintausend siebenhundert ein und zwanzig, in einem Alter von 46 Jahren, nachdem er sein Seelsorgeramt daselbst 22 Jahr mit aller Treue und Sorgfalt verwaltet. Seine hinterbliebene Frau Wittwe wurde am 11ten Junii (ohne Jahreszahl) auf erhaltene hochfürstl. Dispensation des Abends in der Stille in der Kirche beigesetzt; es ist drei Stunden geläutet worden, und im Hause eine Parentation gehalten."

Daß die hiesigen Kirchenbücher dieß deutlich sagen, bezeuge ich sub fide pastorali.

Wittenburg, am 10. April 1826.

(L. S.) B. E. Glüer, Past. pr.

Nach den Originalquellen steht also Liscows Tauftag fest. Jedoch war schon lange vor der Mittheilung des Taufzeugnisses Liscows Herkunft, Geburtsort und Geburtstag bekannt. Der in den vaterländischen Wissenschaften gründlich bewanderte Mag. Siemssen zu Rostock theilt im Freimüth. Abendbl. 1827, Nr. 465, S. 982, mit, daß

"der Geburtsort (Wittenburg) und der Geburtstag (der 26ste April 1701) des vormaligen Sächsischen Kriegsraths Liskow schon vor zwanzig Jahren aus einer authentischen Quelle in der Irene (1. April 1806) gemeldet worden" 2 ),


1) Vergl. Holst. Pr. B. 1827. H. 3. S. 528.
2) Ein anderes, über die übrigen Familienglieder in manchen Stücken ausführlicheres, jedoch auch wieder mangelhafteres Kirchenzeugniß steht in Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 26.
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und auch im Norddeutschen Unterhaltungsblatt, 1816, I, 1, S. 40-41, ist Liscows Herkunft aus Wittenburg richtig angegeben.

Da nun der auf den 26sten April 1701 angegebene Geburtstag Liscows zu seinem zweiffellosen Tauftage am 29. April 1701 stimmt, so steht dieser Tag als Geburtstag Liscows wohl nicht zu bezweifeln.


3. Liscows Jugendbildung.

Liscows Jugendbildung ist die dunkelste Seite seiner Lebens. Den ersten Unterricht erhielt er wahrscheinlich im älterlichen Hause in seiner Vaterstadt Wittenburg 1 ). Nach den wohl nicht zu bezweifelnden Mittheilungen des Dompropstes Dreyer zu Lübeck besuchte er darauf das Gymnasium zu Lübeck. Gewißheit ist hierüber nicht mehr zu erlangen, da das Schülerverzeichniß dieser Schule erst mit dem J. 1750 beginnt 2 ). In der Monatsschrift von und für Meklenburg, 1789, Stück 9, S. 895, wird gesagt: "Ich erinnere mich, von einem längst verstorbenen Manne, welcher 1739 zu Wismar auf Schulen gewesen war, gehöret zu haben, daß Liscow damals zu Wismar gewesen sei." Wie sich weiter unten ausweisen wird, ist diese Nachricht richtig; Liscow war jedoch damals ein Mann von 38 Jahren. Man hat 3 ) aber aus dieser ganz einfachen und klaren Angabe herausgelesen und verbreitet, Liscow habe die Schule zu Wismar 4 ) besucht. Sichere Nachricht wird auch hierüber nicht zu gewinnen sein, da die wismarschen Schülerverzeichnisse ebenfalls erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts anfangen 5 ). Die Verzeichnisse der Schüler der Domschule zu Schwerin umfassen den Zeitraum von 1668 bis 1785, enthalten aber eben so wenig einen Liscow 6 ), als die Verzeichnisse der Domschule zu Güstrow, welche mit dem J. 1702


1) Liscow schreibt z. B. eine große, klare, feste, schöne, geläufige Handschrift, welche sich vor andern sehr auszeichnet und der Handschrift seines Vaters sehr ähnlich ist.
2) Nach Mitteilung des Herrn Dr. Deecke zu Lübeck.
3) Z. B. im Norddeutschen Unterhaltungsblatt, I. 1. S. 42.
4) Schmidt in Holst. Pr. B. 1821. H. 5. S. 4. nimmt, ohne besondere Zeugnisse an, Liscow habe zuerst die Schule zu Wismar, dann die Schule zu Lübeck besucht. Schon aus der wissenschaftlichen Dichtung, welche bekanntlich durch den lübecker Rector von Seelen so sehr gepflegt ward, mochte man schließen, daß er seine Hauptbildung zu Lübeck empfangen habe.
5) Nach Mittheilung des Herrn Directors, Professors Dr. Crain zu Wismar.
6) Nach Mittheilung des Herrn Directors Dr. Wex zu Schwerin.
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beginnen 1 ). Man muß also annehmen, daß Liscow die Schule zu Lübeck besucht habe, da Dreyer, ein historisch=gebildeter und zuverlässiger Mann, Liscows Jugendjahren noch nahe genug stand und Liscow sich späterhin in seinen Candidatenjahren wieder viel in Lübeck bewegte und hier viele Freunde hatte.

Siebzehn Jahre alt bezog er die Universität Rostock. Er ward am 17. Junii 1718 immatriculirt 2 ), nach der Universitäts=Matrikel mit diesen Worten:

"1718, mense Junio, die 17, Christ. Ludov. Liscovius Wittenb. Megap."

An demselben Tage ward sein mutmaßlicher Jugendfreund "Joh. Henr. Wiesener Wittenb. Megap." mit ihm immatriculirt 3 ). Nach den spätern Aeußerungen seiner Thätigkeit studirte er die Rechtswissenschaft und wandte großen Fleiß auf seine Bildung in den classischen Sprachen und andern allgemein bildenden Wissenschaften, auch in der neuern, namentlich der französischen Literatur, welche ihm sein ganzes Leben hindurch große Dienste leistete.

Vermuthet ist, daß Liscow im Anfange Theologie und später Jurisprudenz studirt habe, da er auch in der Theologie sehr bewandert war 4 ). Die Anspielungen Philippi's hierauf haben nicht viel Gewicht, da dieser die beiden Brüder oft verwechselte und nicht recht wußte, woran er.

Die rostocker Universitäts=Matrikel, welche wiederholt durchforscht ist, giebt die Facultät, welcher Liscow angehörte, nirgends an. Es dürfte sich aber wohl mit Gewißheit annehmen lassen, daß Liscow zuerst Theologie studirt habe, da er in seinen Schriften mehr gelehrte theologische Kenntnisse an den Tag legt, als man von einem Juristen seiner Zeit erwarten kann. Uebrigens wird sich ein so bedeutender Geist, wie Liscow, nicht ängstlich auf eine Facultät beschränkt haben; seine Schriften beweisen, daß ihm nichts von dem ferne lag, was den menschlichen Geist fesseln kann.

Ueber Liscows Universitätsleben theilt der Pastor Coch zu Alt=Rahlstedt, ein Enkel der Schwester Liscows, dem Prof. Kordes zu Kiel am 21. Jun. 1815 brieflich folgende Anecdote


1) Nach Mitteilung des Herrn Directors, Oberschulraths und Professors Dr. Besser zu Güstrow.
2) Diese Nachricht ist auch schon gedruckt in den Annalen der Univ. Rostock, 1790. 2. St. 16. und in der Monatsschrift von und für Meklenb. 1790. St. 8. S. 539.
3) Am 18. Julii 1705 ward, "Johann Martin Lisco Cöslin. Pomer." zu Rostock immatriculirt, vielleicht ein Stammesverwandter Liscows, obgleich sein Name Lisco geschrieben ist.
4) Vergl. Holst. Pr. B. 1821. H. 5. S. 6.
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mit 1 ), welche er von seiner Großmutter oft gehört hat. Zur Feier des Reformationsfestes sei in Rostock eine Disputation zwischen Luther und Tetzel durch zwei Studirende vorgestellt worden. Luthers Rolle sei fleißig eingeübt; die Rolle des Tetzel, welche Liscow übernommen habe, sei völlig vernachlässigt. Liscow habe aber mit eigener Gewandtheit den Ablaß so vertheidigt, daß er nicht nur seinen Gegner, sondern auch den zu Hülfe eilenden Präses aus dem Felde geschlagen habe, von welchem letztern die Disputation unterbrochen und aufgehoben sei. Des gegebenen Aergernisses wegen sei Liscow relegirt und von seinem Vater, der die Geschichte nie habe vergessen können, mit einer Ohrfeige zu Hause empfangen; Liscow aber habe die Theologie verlassen und sich dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit gewidmet. - So interessant diese Anecdote auch sein und in mancher Hinsicht wahr sein mag, so ist sie doch in der Chronologie nicht richtig, da das Jubiläum der Reformation 1717 gefeiert, Liscow aber erst 1718 zu Rostock immatriculirt ward. Jedoch ward im J. 1720 das Jubiläum der Universität feierlich begangen.

[Daß er darauf in Jena studirt habe, beweist ein Collegienheft über Geisterlehre aus Jena vom J. 1722 unter seinen Papieren, und ein anderes Heft von Thomasius de jure decori berechtigt zu der Vermuthung, daß er auch zu Halle studirt hat. H. S. 1-2]


4. Liscows Candidatenstand.

Liscows Candidatenstand ist für die deutsche Literatur die wichtigste Periode seines Lebens, da seine sämmtlichen, durch den Druck bekannt gewordenen schriftstellerischen Erzeugnisse in diesen Zeitraum fallen, dessen reichster Abschnitt und eigentlich Liscows ganze literarische Thätigkeit von den Jahren 1732-1735, also von Liscows 33-36stem Lebensjahre, begrenzt wird.

Wohin Liscow sich nach Beendigung seiner Universitätsstudien gewandt habe, ist nicht bekannt. Seine satirische Kritik des vom Professor Mantzel zu Rostock herausgegebenen Naturrechts, welche Liscow erst im J. 1735 drucken ließ, ist von Schwerin am 30. Nov. 1726 datirt; diese Schrift würde also die erste schriftstellerische Arbeit Liscows sein. Es ist wohl die Meinung geäußert, als sei das Datum erdichtet; aber Liscow spricht es zu oft aus, daß er die Kritik 10 Jahre vor ihrem Erscheinen


1) Vollständig gedruckt in Falck's Staatsbürgerl. Magazin für die Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, Bd. III. 1823. Heft 1. S. 247.
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geschrieben habe 1 ) als daß man bei seiner großen Offenheit an der Wahrheit dieser Angabe zu zweifeln nöthig hätte. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, daß Liscow sich zuerst nach der Haupt= und Residenzstadt seines Vaterlandes wandte, um so mehr, da er bei dem später erfolgenden Eintritt in fürstliche Dienste am Hofe des Landesherrn schon bekannt war; auch mochte er sich bei der geringen Entfernung seiner Vaterstadt von Schwerin hier manche Bekanntschaft erworben haben, die er für sein Fortkommen für nützlich halten konnte.

Hierauf war Liscow, nach den Mittheilungen in den "Papieren des Kleeblattes", einige Zeit "als Candidat 2 ) der Rechte zu Lübeck im Hause des Domdechanten und Geheime Raths von Thienen 3 ) Privatlehrer seiner beiden Stiefsöhne, der jungen Herren von Brömbsen. Hier erfuhr er eine Unannehmlichkeit (wovon ich die authentische Nachricht der Gefälligkeit des Herrn Cantor Schnobel in Lübeck verdanke), eine Unannehmlichkeit, welche die entferntere Bewegursache zu seinem Streite mit Sievers gewesen sein soll. Der Dechant von Thienen ließ nämlich seine Stiefsöhne von dem Cantor Sievers, dem Vater des Magisters, examiniren, um zu sehen, was Liscows Unterricht gefruchtet habe. - - Liscow erhielt Vorwürfe und der Herr Cantor seine Schüler. Dies kränkte ihn. - - Die erste Blöße gab ihm der junge Magister gleich nach seiner Rückkehr von der Academie durch ein Avertissement, worin er um Beiträge zu einem "itzt lebenden gelehrten Lübecks bat und zugleich es ankündigte. Liscow parodirte es, wozu Liscow allenfalls Veranlassung genug in dem albernen Avertissement des Magisters finden konnte, ohne daß wir daraus eben auf persönlichen Groll schließen dürften, wenn nicht obige Anecdote es einigermaßen wahrscheinlich machte. Dem sey ihm wolle, so begreifen wir nun, wie Sievers so hastig unsern Satyricker für den Verfasser der scharfen Recension erklären und dadurch so unbesonnen die eigentliche Fehde veranlassen konnte."


1) Vergl. unten zum J. 1735.
2) Hiemit steht nicht in Widerspruch, wenn Liscow auch "Student" genant wird. In der damaligen Zeit war dies übliche Redeweise. Bei Pfarrbesetzungen z. B. werden die Candidaten, weiche noch kein Amt gehabt haben, gewöhnlich Studenten genannt.
3) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 5. Daß Liscow wirklich in dem Hause des Domdechanten, kaiserl. Kammerherrn und Reichshofraths von Thienen als Erzieher seiner Stiefsöhne lebte, ist sicher, da die Tochter des ältern von Brömbsen oft ihren Vater darüber hat reden hören. Vergl. Holst. Pr. B. 1823. H. 1. S. 95-96. - Liscow wird in dieser Zeit zuweilen Magister genannt, d. i. nach damaliger Redeweise wohl nur: Lehrer.
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Der Magister Sievers, Sohn des Cantors Sievers zu Lübeck (1701, † 1736), war ein zwar fleißiger, aber unreifer, anmaßender junger Mensch, welcher schon in seinem 21. Lebensjahre zu schriftstellern anfing 1 ). Nach dem Verzeichnisse der von ihm herausgegebenen Schriften, welches seiner "Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu Christi, Lübeck, 1732", angehängt ist, erschienen seine "poetischen" Erstlinge im J. 1726. In den Jahren 1728 bis 1730 erschienen zahlreiche Schriften von ihm zu Rostock, wo er sich aufhielt 2 ) und "die studirende "Jugend unterrichtete 3 )". Seit 1730 kamen seine Schriften zu Lübeck heraus, wohin er in diesem Jahre zurückgekehrt war. Eine derselben 4 ) stattete der Rector von Seelen mit einer Vorrede aus; dieser, welcher 1718-1762 Rector zu Lübeck war 5 ), also Liscow, Sievers und Dreyer kannte, konnte daher über Liscow noch zuverlässige Nachricht geben.

[Im J. 1729 war Liscow nach einem Briefe seines Bruders in Lübeck 6 ), vielleicht schon zu der Zeit, vielleicht auch etwas später, als Erzieher im Hause des Domdechanten und Geheimen=Raths von Thienen]. "In dem gedruckten Verzeichnisse der Gelehrten, die zur Zeit des Reformationsfestes zu Lübeck 1730 daselbst gewohnt haben, kommt auch Christian Ludwig Liscow, candidatus juris, vor 7 )." Im J. 1729 lernte ihn Gottsched auf seiner Rückreise von Königsberg und Danzig zu Lübeck kennen 8 ) und blieb einige Zeit mit ihm in Verkehr, ja scheint ihn zu seiner Schriftstellerei veranlaßt zu haben, bis Liscows Selbstständigkeit ihn endlich selbst vernichtete.


1) Vergl. Liscows Vorrede S. 7; Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 5; 1825. H. 4. S. 740 flgd.
2) Nachrichten über den Mag. Sievers finden sich in dessen eigenen und in Liscows Schriften, so wie in den "Papieren des Kleeblattes," auch in Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 5 flgd. Eine gleichzeitige Chronik der Stadt Rostock (von Segnitz), handschriftlich im Archive zu Schwerin, berichtet noch. Folgendes: "1730. "Jan. 3. Hr. Mag. Sievers, Kayserl. gekrönter Poet, schreibt Satyrische Patrioten" (des Satyrischen Patrioten in gebundener Rede VI Theile, 4, Rostock, 1730). "Alle Monahte gibt er 2 Bogen heraus und hat damit in diesen Monaht einen Anfang gemacht, worinnen er unterschiedliche gar hefftig angegriffen, weßfalß der Studiosus Baudin ein Carmen wieder herausgegeben auf Ahrt eines Patents und solche auf des Hn. Cant. Mag. Krusen Hochzeit distribuiren lassen, worin er wiederum gedachten Hn. Mag. ziemlich angegriffen."
3) Vergl. Liscows Vorrede S. 7.
4) Opuscula Academica Varno-Balthica, cum praef. L. Jo. Henr. a Seelen. Lübeck. 1730.
5) Vergl. Deecke Das Catharineum zu Lübeck, 1843, S. 50.
6) Vergl. Holst. Pr. B. 1821. H. 5. S. 7.
7) Vergl. daselbst 1825. H. 2. S. 354; 1825. H. 2. S. 730; 1827. H. 3. S. 530.
8) Vergl. daselbst 1821. H. 5. S. 8.
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Die Anzeige zu der Herausgabe eines "Gelehrten Lübecks" von Sievers erschien (vergl. oben S. 104) am 28. Dec. 1730, Liscows Parodie 1 ) zu Lübeck am 11. Jan. 1731. In diesen Jahren lebte Liscow also noch zu Lübeck, und wahrscheinlich war damals sein Verhältniß zu dem Geheimen=Rath von Thienen schon aufgelöst. Im J. 1732 erschien von Sievers, dem Magister, kaiserl. gekrönten Poeten und Mitgliede der königl. preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, die verhängnißvolle "Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu Christi", über welche bald darauf in dem Hamburgischen Correspondenten eine scharfe Recension erschien. Sievers hielt Liscow für den Verfasser derselben und trat öffentlich gegen diesen auf. Dies war die unmittelbare Veranlassung des Streites, welcher unsern Liscow auf das Feld der Satire rief, indem Liscow in der Vorrede zu der Sammlung seiner Schriften selbst sagt, daß "Sievers ihn für den Verfasser der Recension gegen ihn hielt, vermuthlich weil er an seines Vaters Beleidigung dachte und kein gutes Gewissen hatte." Daß Liscow während der Zeit seiner satirischen Feldzüge gegen Sievers, in welche auch seine Satiren gegen den Professor Philippi begannen, also in den Jahren 1732-1734, in Lübeck wohnte, geht aus vielen Stellen seiner Vorrede zu der Sammlung seiner Schriften, 1739, S. 8 flgd., klar hervor; namentlich sagt er hier S. 38, daß im J. 1733 eine Schrift "an ihn nach Lübeck geschickt" worden sei.

Nach Beendigung des Streites mit dem Magister Sievers (1733), welcher denselben sogar auf die Kanzel brachte 2 ) und dadurch die Geistlichkeit aufzuhetzen suchte, verließ Liscow Lübeck. [Er lebte hier noch privatisirend am 12. Febr. 1734, als er das von Helbig aufgefundene und S. 28-40 abgedruckte ironische Danksagungsschreiben "an die deutsche Gesellschaft in Jena" schrieb, welche ihn zum Mitgliede ernannt hatte. H.] Bald darauf finden wir ihn jedoch in andern Verhältnissen.

Die bisher bekannten ältern Nachrichten sagen: "Von Lübeck ging Liscow darauf als Privatsecretair zu dem Geheimen=Rath von Blome, dem Probst des adelichen Klosters Pretz, ungefähr um das J. 1738 und 1739. In und vor dieser Periode hat er auch einige Zeit in Mecklenburg auf dem Lande zugebracht." Aber dann bleibt die Zeit von 1734 bis 1738 in Liscows Leben, eine sehr wichtige Zeit, völlig dunkel. Andere


1) Sievers Ankündigung und Liscows Parodie sind gedruckt in den Papieren des Kleeblattes, S. 238-245.
2) Vergl. Liscows Vorrede S. 15.
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Ueberlieferungen 1 ) sagen, daß er sich nach seinem Weggange aus Lübeck auch einige Zeit in Wismar aufgehalten habe. An beiden Ueberlieferungen ist etwas Wahres, jedoch sind beide zu unbestimmt, als daß sie einen klaren Blick in Liscows Leben gönnten. Schmidt ist der Meinung, daß Liscow von Lübeck nach Hamburg gegangen sei, indem er sagt 2 ): "Er blieb in Lübeck bis zum Sommer 1734, wo er zu seiner sterbenden Mutter nach Wittenburg, und von da nach Hamburg ging," und 3 ): "Nachdem er den Herbst 1834 und die ersten Monate 1835 in Meklenburg mit Verfertigung der gedachten Schriften und mit Regulirung der mütterlichen Erbschaft zugebracht hatte, ging er im März 1735 nach Hamburg." Allerdings starb seine Mutter im J. 1734 und ward am 11. Junii d. J. begraben; jedoch ist diese eine Begebenheit nicht hinreichend, um einen wichtigen Zeitabschnitt aufzuklären.

Die Originalquellen des schweriner Archivs geben über diese dunkle Periode in Liscows Leben vollständige Aufklärung. Nach seinem Weggange aus Lübeck nahm Liscow, ohne Zweifel im J. 1734, wahrscheinlich als Privatsecretair, Dienste bei dem schleswig=holsteinschen Geheimen=Rath Matthias von Clausenheim 4 ). Dieser, der Enkel des holstein=gottorfischen Leibarztes Matthias Clausen, war mit seinem Vater nicht lange vorher unter dem Namen von Clausenheim geadelt. Er war Domherr in Hamburg, zuerst unter seinem Vater Landrentmeister und Cammerrath, dann seit 1721 Geheimerrath in holstein=gottorfischen Diensten 5 ), verließ dieselben im J. 1732 und lebte seitdem in Hamburg, wo er am 6. April 1744 starb. Seine Frau war Margaretha Lucia Redecke, einzige Erbin ihres im J. 1716 verstorbenen Vaters, des Hofraths Heinrich Rudolph Redecke; sie brachte ihrem Manne aus der väterlichen Erbschaft als weibliche Lehnträgerin die Güter Scharstorf und Gr. Potrems mit der Meierei Wendorf, den Bauern in Kl. Potrems und einem Theile des Bauerndorfes Prisannewitz, alle neben einander bei Lage liegend, zu. Im J. 1726 kaufte der Geheimerath von Clausenheim dazu von der Familie von Bischwang als sein Hauptgut das in der Nähe von Liscows Vaterstadt Wittenburg liegende Gut Körchow und im J. 1732 das Gut Brahlstorf, nicht weit von Körchow, zwischen Hagenow und Boizenburg. Der Ge=


1) Vergl. Monatsschrift von und für Mecklenburg, 1789, Stück 8, S. 895.
2) Vergl. Holst. Pr. B. 1821. H. 5. S. 8; 1822. H. 2. S. 1-5, 12.
3) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 1. S. 12.
4) Vergl. unten Briefe Nr. 1. 2. u. 12.
5) Vergl. Holst. Pr. B. 1826. H. 1. S. 77-78.
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heimerath halte mit diesen großen Gütern viele Geschäfte und manche Streitigkeiten erhalten, welche ihm den Beistand eines in Meklenburg bekannten Mannes und eines gewandten Geschäftsführers wünschenswerth machen mochten. In diesen Verhältnissen lebte Liscow nun bald in Hamburg, bald öfter längere Zeit in ländlicher Stille zu Körchow. Hier in Körchow schrieb er die Satire: "Eines berühmten Medici Glaubwürdiger Bericht von dem Zustande, in welchem er den Professor Philippi den 20sten Junii 1734 angetroffen," welche zu "Merseburg," oder vielmehr zu Lauenburg, 1734 gedruckt ward. Liscow sagt dies selbst 1 ) mit den Worten:

"Ich hatte diese Schrift in Mecklenburg auf dem Lande gemacht."

Die ländliche Muße und die Nähe seines Verlegers in Hamburg gönnten ihm auch Zeit und Gelegenheit, in denselben Jahre 1734 seine meisterhafte Satire: "Von der Vortrefflichkeit und Nothwendigkeit der elenden Scribenten," welche von allen seinen Schriften "den besten Abgang" gehabt 2 ), ein rein dichterisches und allgemeines Werk ohne persönliche Tendenzen, jedoch ohne Zweifel eine Frucht seiner persönlichen Streitigkeiten, zu redigiren und drucken zu lassen. Er hatte diese Satire schon im J. 1732 versprochen 3 ) und arbeitete wohl schon seit dieser Zeit an derselben, obgleich Liscow, nach seinen handschriftlichen Erzeugnissen zu urtheilen, gewiß sehr leicht schrieb.

In denselben Verhältnissen gab Liscow im J. 1735 zu "Kiel" auch seine Satire gegen den rostocker Professor Mantzel 4 ) heraus, welche er schon im J. 1726, nach dem Datum zu Schwerin, geschrieben hatte 5 ) und jetzt beim Ausbruche von Streitigkeiten über denselben Gegenstand 6 ) mit dem Professor drucken ließ. Daß diese Schrift zu "Kiel" herauskam und Liscow ein offenes Schreiben an Mantzel auch von "Kiel" datirte 7 ), hat vielleicht darin seine Veranlassung, daß der Geheimerath von Clausenheim wohl mitunter diesen seinen frühern Wohnort, wo er gewiß öfter Geschäfte hatte, mit Liscow besuchte.


1) Vergl. Liscows Vorrede zu der Sammlung seiner Schriften, 1739. S. 44.
2) Vergl. daselbst, S. 49.
3) Vergl. Liscows Gesammelte Werke, S. 89. - Neu aufgelegt ward diese Satire schon im J. 1736.
4) Ueber die durch den Streit mit Mantzel entstandenen Berührungen mit Reinbeck und über Kästners Urtheil vergl. man Schröders treffliche Andeutungen in Holst. Pr. B. 1824. H. 4. S. 155 flgd.
5) Vergl. Liscows Gesammelte Werke, S. 577, 629, 772, 890, 894.
6) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 17.
7) Vergl. Liscows Gesammelte Schriften, S. 895.
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Durch diese Verhältnisse wird denn auch die Stelle in Hagedorns Anmeldungs=Epistel an J. F. Liscow 1 ) vom 10. März 1735 klar, wenn Hagedorn sagt:

"Ach, stellte sich zugleich Dein Bruder bei Dir ein,
So würde mir der Adern frohe Regung
Und meines Bluts ergötzende Bewegung
Ganz unvermeidlich seyn.
Du mußt ihm unverzüglich schreiben,
Er solle ja nicht lang ausbleiben."

Ob Liscow in dieser Zeit Theil an dem hamburger Correspondenten gehabt habe, läßt sich nicht mit Bestimmtheit behaupten, jedoch vermuthen, da er gewiß öfter kleinere Aufsätze schrieb und "Kritiken in die gelehrten Blätter" lieferte 2 ). Nach Schmidts Bericht 3 ) wurden "die hamburgischen Anzeigen von den beiden Liscows nebst andern herausgegeben und enthielten schätzbare Beiträge von Hagedorn; auch in den übrigen hamburger Blättern zeichnen sich die Liscowschen Kritiken durch Witz und Gründlichkeit aus." Helbigs Ausspruch: [Liscow privatisirte wahrscheinlich zunächst in Lübeck, wenigstens noch 1734, etwas später, gewiß seit 1735, in Hamburg, wo er bei der Redaction des hamburger Correspondenten betheiligt gewesen zu sein scheint; in dieser Zeit begleitete er auch einen Adeligen auf einer Reise nach Frankreich und England (vergl. allgem. Anzeiger der Deutschen, 1820. Nr. 230): wenigstens wird in einem Briefe seines Freundes Hagedorn vom J. 1739 sein Aufenthalt in Paris erwähnt. H. S. 91.] stützt sich nur auf Vermuthungen und unbegründete Ueberlieferungen. Liscows Reise nach Paris aber geschah unter andern Umständen, als von Helbig angegeben ist, wie aus dem Folgenden hervorgehen wird.

Hiemit hört Liscows schriftstellerische Thätigkeit auf und es ist daher ein höchst glückliches Ereigniß, daß er Freiheit und Muße gewann, wenigstens seine bis dahin ausgearbeiteten Schriften der Presse zu übergeben.

Liscow befand sich noch im Anfange des Monats Octobeer 1735 im Dienste des Geheimenraths von Clausenheim zu Körchow, als sich hier für ihn Gelegenheit bot, bei dem Herzoge Carl Leopold von Meklenburg Dienste zu nehmen.


1) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2 S. 13.
2) Vergl. das. S. 16 flgd.
3) Vergl. das. S. 5.
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5. Liscows Staatsdienst in Meklenburg.

Von einer amtlichen Stellung Liscows in Meklenburg 1 ) ist bisher nichts bekannt, überhaupt die Geschichte seines Lebens während seiner Anstellung in Meklenburg völlig dunkel gewesen. Die einzige Andeutung ist in der Monatsschrift von und für Meklenburg, 1789, Stück 8, S. 894, enthalten, indem ein unbekannter Verfasser sagt: "Von Lübeck kam er als Privatsecretair zu dem Geheimenrath von Blome, dem Probste des adelichen Klosters zu Pretz, ungefähr im J. 1738-1739. Um diese Zeit, aber auch schon 1734, vielleicht noch früher, lebte er eine Weile im Mecklenburgischen. Ich erinnere, mich auch, von einem längst verstorbenen Manne, welcher bis 1739 zu Wismar auf Schulen gewesen war, gehört zu haben, daß Liscow damahls zu Wismar, und, wenn ich nicht irre, bey seinem Bruder gewesen sey."

Liscows amtliche Stellung in Meklenburg, welche für sein Leben eben so einflußreich ist, als die darüber vorhandenen Papiere für die Erkenntniß seines Charakters wichtig sind, ist der Hauptgegenstand dieser Schilderung. Es werden in dem Anhange hier alle Actenstücke darüber vollständig mitgetheilt werden, weil magere Berichte aus Briefen nicht viel nützen. Aus diesen Actenstücken des großherzoglichen Geheimen= und Haupt=Archivs, welche im Fortschritte der Forschung nach und nach Zusammenhang unter sich gewonnen haben, ist folgende Schilderung entnommen.

Die Schicksale und Handlungen des Herzogs Carl Leopold von Meklenburg sind bekannt genug, weniger vielleicht sein Charakter. In seinen heftigen Streitigkeiten mit den Landständen räumte er vor einer kaiserlichen Commission und Executions=Armee das Feld und ging im J. 1721 nach Danzig, von wo aus er, immerfort protestirend, regierte. Als sein Bruder Christian Ludwig, ein ausgezeichnet wohlmeinender Fürst, zum Administrator des Landes ernannt war, erschien er plötzlich im J. 1730 2 ) wieder in Schwerin, um seine Rechte selbst wahrzunehmen. Er hielt sich hier unter großen Stürmen, bis im J. 1735 neue Executions=Truppen vor Schwerin erschienen, die Stadt nach mehrtägiger Belagerung einnahmen und den Herzog


1) Dieser bisher ganz unbekannte, wichtige Abschnitt in Liscows Leben ist auch von Helbig unberührt gelassen, da es bisher an Quellen fehlte.
2) Es ist merkwürdig, daß Liscow kurz vor der Zeit, als der Herzog Christian Ludwig, sein Pathe, zum Landesadministrator bestellt ward, aus Meklenburg ging. Es scheinen ihn aber mehr Familienverhältnisse, als Politik dazu veranlaßt zu haben.
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zur Flucht nötigten. Er ging am 9. Februar 1735 mit wenigen Dienern nach Wismar, welches bekanntlich seit dem westphälischen Frieden schwedisch war, und blieb hier bis zum J. 1741. Von Wismar ging er nach Dömitz, wo im J. 1747 der Tod seinem stürmevollen Leben ein Ende machte. In Wismar fuhr er unerschütterlich fort, die Rechte seiner Regierung zu behaupten; zugleich wandte er sich an mehrere Fürsten, um durch ihre Hülfe, durch Einfluß oder Gewalt, wieder zur wirklichen Herrschaft zu gelangen.

Es fehlte ihm aber zunächst an gewandten, kenntnißreichen Dienern; diese mußten vor allen Dingen erst gewonnen werden, da viele aus seiner bisherigen Umgebung ihm nicht gefolgt waren. Ein Mann ganz nach des Herzogs bessern Wünschen geschaffen, war Liscow, und dieser hätte ihm bedeutende Dienste leisten können, wenn des Herzogs Fehler nicht jeder bedeutenden Persönlichkeit hindernd in den Weg getreten wären.

Einer der ersten, welche der Herzog in Wismar in seine Dienste zog, war Daniel Christian Mester, welcher schon 18. Jahre in fürstlichen Diensten gestanden hatte, zuletzt als Postsecretair zu Schwerin. Im J. 1727 war er Burgemeister in Sternberg geworden. Bald nach des Herzogs Carl Leopold Ankunft in Wismar erscheint er diesem, jedoch unter dem Titel eines Burgemeisters von Sternberg, dienend, erhielt aber seine Anstellung als "wirklicher Secretair" des Herzogs erst am 9. Nov. 1736; dieser verharrte bei dem Herzoge, indem dieser ihm seine Bestallung am 23. Oct. 1743 erneuerte. Mester ward also sehr bald Liscows Specialcollege, an welchen viele von Liscows Briefen gerichtet sind.

Liscow hielt sich im Herbste 1735 auf seines Principals Gute Körchow auf, als der Arzt Dr. Heintze von Wismar aus ihm im Auftrage des Herzogs Carl Leopold den Antrag machte, in dessen Dienste zu treten 1 ). Heintze war wahrscheinlich ein Schul= oder Universitätsfreund Liscows, da dieser ihn seinen "Herrn Bruder" nennt. Liscow war durch diesen "unvermutheten" Antrag sehr und, wie es scheint, freudig und ernst überrascht und versprach in seinem Antwortschreiben vom 4. Oct. 1735, in den nächsten Tagen nach Wismar zu kommen. Nachdem hier Mester mit ihm über seine besondern Dienstverhältnisse unterhandelt hatte, erklärte Liscow sich am 11. Oct. in einem französischen Schreiben an den Herzog bereit, in seine Dienste zu treten, so bald er sein Verhältniß zu dem Herrn


1) Die folgende Darstellung dieser Abschnittes wird durch die am Ende mitgeteilten Briefe belegt, deren Anführung daher im Texte unterlassen ist. Was in diesen Briefen nicht enthalten ist, ist aus andern Acten des schweriner Archivs geflossen.
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von Clausenheim auflösen könne, wohin er mit allen Kräften streben werde. Doch schon am folgenden Tage, am 12. Oct. 1735, leistete er seinen Diensteid und wird Gelegenheit genommen haben, sein Privatdienstverhältniß baldmöglichst oder gleich aufzulösen Liscow war wirklicher Secretair, oder genauer zu reden, Geheimer= und Legations=Secretair des Herzogs Carl Leopold geworden 1 ).

Fragen wir nach den Gründen, welche Liscow veranlaßt haben können, in des viel angefeindeten Fürsten Dienste zu treten, so haben wir keine andere Antwort, als daß es Liscows aufrichtige Neigung war. Liscow hat sich sein ganzes Leben hindurch als einen zu offenen, geraden, festen Charakter gezeigt, als daß sich ein anderer Grund vermuten lassen dürfte. Der von vielen im Volke geliebte Herzog war ursprünglich, trotz seiner Flecken, ein eben so offener, fester Mann, der von seinem Rechte aus voller Seele überzeugt war und eine andere politische Rolle gespielt haben würde, wenn er seinen freilich gewalthaberischen, jedoch auf eigene Rechtsvorstellungen gegründeten Willen gehabt hätte, dessen äußere Erscheinung und innere Richtung dem Wesen des Königs Carl XII. von Schweden so ähnlich war. Dabei ist nicht außer Acht zu lassen, daß alle Partheien einen Theil, der Schuld trugen, da sie in einer beschränkten Zeit lebten und eben von den Vorurtheilen der Zeit befangen waren, wobei sich freilich nicht leugnen läßt, daß im hartnäckigen Kampfe auch des Herzogs Tugenden oft zu Fehlern wurden. Liscows Lebenselement aber war es, da er vor seiner Zeit weit voraus war, die verwerflichen Schwächen der Menschen zu verspotten und zu geißeln, und so liegt es klar am Tage, daß er sich bei den unaufhörlich wiederkehrenden, oft kleinlichen Bestrebungen der politischen Partheien zu einem Manne hingezogen fühlte, dessen Handlungen, die Schranken des gewöhnlichen, gemessenen Lebens überspringend, weit aussehende Pläne im Schilde führten. Daher giebt auch Liscow in seinem ersten Schreiben an den Herzog offen und ehrlich als den Grund seines Schrittes seine "natürliche Neigung" zu dem Fürsten an:


1) Schmidt divinirt schon scharfsinnig, daß Liscow nach Vollendung seiner akademischen Laufbahn im Dienste des Herzogs Carl Leopold gestanden und in dem Familienzwiste der herzoglichen Brüder die Gunst seiner Gevatters verscherzt habe; vergl. Holst. Pr. B. 1821. H. 5. S. 5. Es ist allerdings auffallend, daß Liscow nie mit dem friedliebenden Herzoge Christian Ludwig, seinem Pathen, in Berührung erscheint; jedoch war dessen Stellung lange Zeit durch seinen Bruder vielfach gestört und ohne sicheres Fundament. Auch mochte allen 3 Brüdern Liscow der Auftritt mit ihrem Schwager Coch so unangenehm sein, daß sie lieber im Auslande Dienste suchten, als in einer Zeit, wo der Theologenstand noch viel äußere Würde hatte, sich an dem fein fühlenden Hofe des Herzogs Christian Ludwig bewarben.
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"Bien ne serait plus conforme à l'inclination naturelle, quej'ai toujours eue de servir Votre Altesse Serenissime, et de lui donner marques réelles de ces sentimens de respect et de zèle, qu'on m'a imprimés dès le berceau." Daher versprach er in seinem Dienst=Reverse vom 12. Oct. 1735, mit dem geringen Gehalte von 20 Thalern monatlich, wovon er sich bei "etwa geschehenden Verschickungen auch beköstigen sollte, friedlich zu sein, bis der große Gott nach seinem allerheiligsten Willen baldige bessere Zeiten ins Land schicken" werde. Die Diensteide unter dem Regimente Carl Leopolds haben alle eine besondere individuelle Fassung und waren nicht herkömmliche, nichts sagende Formeln; so verpflichtete sich auch Liscow, "keine Gefahr zu scheuen, bei allen etwa vorkommenden Begebenheiten sich standhaft aufzuführen, was die Landes=Defension und die gerechteste Satisfaction des Fürsten betreffe, mit stets unermüdetem Fleiße zu Stande zu bringen und an seinem Herrn, so lange nach Gottes Willen die unruhigen Zeiten dauern dürften, fest zu halten."

Vielleicht aber mochte Liscow auch die Hoffnung haben, für sein hart bedrängtes Vaterland in seiner Einfluß versprechenden Stellung wirken zu können, worin er sich jedoch gänzlich täuschte, da der Herzog keinen Rath zum Einlenken annahm.

Zunächst verrichtete er mit Mester die vorkommenden Secretariats=Geschäfte zu Wismar. In dieser Zeit (1736) erschien auch die zweite Auflage seiner ausgezeichneten Satire über "die Vortrefflichkeit und Notwendigkeit der elenden Scribenten." Angenehm mochte aber seine Lage in Wismar nicht^ sein, indem er und Mester am 17. Febr. 1736 die bekannte Geheimeräthin von Wolfrath, des Herzogs Maitresse, bei demselben darüber verklagten, daß sie ihnen kein Holz zum Einheizen verabfolgen lassen wolle, und sie ihn daher um etwas Holz baten, da sie bei der Kälte nicht ohne nothdürftige Wärmniß sein könnten. Vertrautern Umgang hatte Liscow nach seinen Briefen in Wismar mit dem Advocaten Crull 1 ).

Bald änderte sich jedoch Liscows Lage. Der Herzog Carl Leopold setzte seine Hoffnung auf das kriegslustige Frankreich, welches endlich trotz der Friedensliebe des Cardinals Fleury seine Waffen siegreich gegen das schwache Oesterreich kehrte, von wo durch hannoversche Vermittelung dem Herzoge alles Unheil kam. Schon von 1728 bis 1731 hatte der Herzog den Dr. Hieronymus von Germann in Paris gehabt; aber sogleich beim


1) Vergl. Briefe Nr. 12 u. 18.
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Ausbruche der Feindseligkeiten sandte er von Wismar aus im J. 1733 seinen Geheimen=Secretair (seit 1734 Hofrath) Christian Wilhelm Heil und seinen Rath Heinrich Günther Raiser nach Paris; beim erfolgreichen Fortschritte der französischen Waffen ward Heil im J. 1734 wieder nach Paris gesandt: beide Male ohne Erfolg, wie es bei den Gesinnungen des Cardinals Fleury nicht anders zu erwarten stand. Da nun Heil die Sache auch ungeschickt angefangen und nichts erreicht hatte, so ward Liscow zu einer Gesandtschaft an den französischen Hof bestimmt, von welchem Carl Leopold jetzt um so mehr Einfluß auf den wiener Hof hoffen mochte, als durch des Cardinals Fleury ehrenwerthes Streben so eben ein für Frankreich günstiger Friede zu Wien verhandelt war und des Herzogs eigene Stellung sich verschlimmert hatte. Am 9. April 1736 erhielt Liscow von dem Herzoge eine eigenhändige Instruction und Briefe an den König Ludwig XV., den Cardinal Fleury und den Siegelbewahrer Chauvelin, und reiste am 11. April nach Paris ab, in Begleitung eines Dieners Namens Loison. Er ging mit der Post nach Rotterdam, mußte hier 14 Tage auf Schiffsgelegenheit nach Calais warten und langte am 26. Mai über Calais in Paris an 1 ). Diese ganze Gesandtschaftsreise war so tiefes Geheimnis, daß selbst seine vertrautesten Freunde in Wismar und Hamburg nicht wußten, wo er war; so viel war gewiß, daß er durch Hamburg gereist war, aber seine dortigen Freunde nicht besucht hatte 2 ). Der Herzog schrieb am 2. Julii 1736 an den französischen Envoyé de Poussin zu Hamburg, der die Correspondenz zwischen dem französischen und dem meklenburgischen Hofe besorgte: "Da Wir zwey Persohnen am 11. Aprilis a. c. von hier an den königl. französischen Hoff abgefertiget, als aber sieder der Zeit nicht die geringste Nachricht von ihnen eingelauffen, ob nicht durch Dero Vermittelung aufs eheste eine Nachricht von Ihr Excellence den Hrn. Garde des sceaux zu erhalten, das jemand von Uns dorten angekommen; der Herr Envoyé werden Uns dadurch sehr obligiren, wenn die Sache sonst in aller Stille geschehe." Der Envoyé wußte aber auch nichts von dem ungenannten Gesandten und antwortete


1) Auf diesen Aufenthalt in Paris bezieht sich Hagedorns Aeußerung in einem Briefe bei Helbig: "Vous y (à Leipzig) serez moins gené et observé, que Vous n'aves été à Lubec, ou peut-ètre à Paris, ville de France, dont Vous n'avez pas gouté tous les agrémens , ou partout où Vous avés été depuis quelques années."
2) Vergl. Brief Nr. 12.
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am 6 Julii, daß er nach Paris geschrieben und sich dort nach den abgeschickten Personen erkundigt habe.

Liscows Reise war von vorne herein vergeblich. Er sollte den König von Frankreich als Garanten des westfälischen Friedens zur Intercession vermögen und ihm dafür Aussicht auf Einfluß in den nordischen Angelegenheiten eröffnen. Daß durch Güte, bei dem angefeindeten Charakter des Herzogs, von einer Vermittelung nichts zu erreichen stand, war klar, und zu einem Kriege für einen Fürsten eines fernen, kleinen Landes konnte sich Frankreich unmöglich bestimmen lassen.

Nachdem Liscow sich in gebräuchliche Hofkleidung gesetzt hatte, ging er sogleich, am 17. Junii, nach Versailles, konnte aber erst am 20. Junii zu einer Audienz bei dem Siegelbewahrer gelangen. Dieser empfing ihn äußerst kalt und mit verächtlicher Miene, und erklärte ihm rund heraus, daß er nicht begreife, wie der Herzog Hülfe von Frankreich erwarten könne. Liscow suchte ihn, in Verfolg der Unterhandlungen mit Heil, auf ein Bündniß mit Rußland hinzuleiten; aber damit kam er gar schlecht an, denn Chauvelin sagte, Frankreich brauche keine Bündnisse und werde Rußland nicht entgegenkommen, welches Frankreich betrogen und verraten habe, und fragte Liscow, ob er denn Vollmachten vom russischen Hofe habe. Als Liscow dies verneinte, kehrte ihm der Siegelbewahrer den Rücken und ließ ihn stehen, nachdem er ihm verheißen hatte, ihn dem Cardinal Fleury vorzustellen. Chauvelin nahm ihn am folgenden Tage zwar mit zum Cardinal, stellte ihn aber nicht vor. Da Liscow nun auch am nächsten Tage keine Vorstellung durch den Siegelbewahrer erlangen konnte, so ging er allein zum Cardinal, welcher ihm sagte, er möge mit dem Siegelbewahrer reden und sich an dessen Worte halten; damit ließ er ihn stehen und Liscow hatte kaum noch Zeit, ihm den Brief an den König zu überreichen. Was Liscow von Chauvelin zu erwarten hatte, wußte er schon; er konnte sich um so weniger irgend einen Erfolg versprechen, als Fleury und Chauvelin eifersüchtig auf einander waren. Daher that Liscow keine Schritte weiter, sondern ging nach Paris zurück, um an den Herzog zu berichten. Er schrieb ihm am 23. Junii, er wolle ihm lieber durch Enthüllung der Wahrheit mißfallen, als ihm durch trügerische Hoffnungen schmeicheln; er habe von Frankreich nichts zu erwarten, es sei denn durch ein Bündniß Frankreichs mit Rußland, welches jedoch Heil sehr unwahrscheinlich gemacht habe, um so mehr, da es durch Rußland angeboten werden müsse; der Herzog müsse sich also an Rußland wenden: etwas anderes und besseres könne er ihm nicht vorschlagen.

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Liscow war überhaupt über diese Mission getäuscht worden: er hatte geglaubt, der französische Hof sei geneigt, dem Herzoge zu helfen; nun aber fand er Alles ganz anders, als er es sich gedacht hatte, er fand Theilnahmslosigkeit und Verachtung und machte die Erfahrung, daß "ein Engel vom Himmel nicht vermögend sei, etwas auszurichten, wenn man ihn nicht hören wolle." Er schrieb daher am 28. Junii an seinen Collegen Mester: "Ich habe die Wahrheit geschrieben und bin nicht der Mann, der jemand mit falscher Hoffnung schmeicheln kann. Es wäre nach gerade Zeit, sich eines bessern zu besinnen und gelindern und vernünftigern Ratschlägen Platz zu geben."

Am 3. Julii ging vom Cardinal Antwort auf das Schreiben des Herzogs ab; der Cardinal ging, um sich aus der unangenehmen Sache zu ziehen, so weit, Liscow in Verdacht zu bringen, indem er, in Widerspruch zu seinen mündlichen Aeußerungen, schrieb, er werde immer seine Vorschläge "hören", habe ihn jedoch nicht wieder gesehen und kenne daher die Mittel und Wege nicht, welche der Herzog zur Abwehr seiner täglich wachsenden Noth vorzuschlagen habe; würde Liscow Mittel angeben können, welche jedoch immer schwieriger erschienen, so werde sich der König mit Vergnügen bereit finden lassen.

Der Herzog zürnte, wie vorauszusehen war, und machte Liscow außerdem Vorwürfe über seine Saumseligkeit; er befahl demselben, in Folge diplomatischer Höflichkeiten aus Wien, weiter zu dringen, da es dem Könige ein leichtes sei, zu helfen, wenn nur Ernst gezeigt werde. Liscow folgte dem Hofe nach Compiegne. Er strebte hier umsonst nach einer Audienz bei dem Siegelbewahrer, obgleich dieser ihn 14 Tage lang in seinem Vorzimmer sah, für einen Mann, wie Liscow, in Wahrheit ein Opfer, welches nur große Pflichttreue und Liebe bringen kann. Endlich faßte er am 28. Julii auf einige Augenblicke den Siegelbewahrer, der ihn auf die trotzigste und hochfahrendste Weise kurz damit unterbrach und abfertigte, man könne doch kein Heer nach Meklenburg senden und werde keine Erklärung zu Gunsten des Herzogs geben, und ihn wieder stehen ließ. Am folgenden Tage erhielt Liscow Antwortschreiben vom Könige und vom Siegelbewahrer, welche nichts weiter waren, als leere Höflichkeitsformeln.

Liscow war jetzt ohne Zweifel vom französischen Hofe entlassen und konnte es doch dem Herzoge gegenüber nicht wagen heimzukehren. Er bat daher am 2. Aug. um Verhaltungsbefehle und um Geld, da er weder Mittel habe in Paris zu bleiben, noch die Kosten der Rückkehr zu bestreiten, um so weniger, da der lange Aufenthalt, seine Kleidung, die Reisen

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und der Verlust auf die ihm mitgegebenen Ducaten seine Casse gänzlich erschöpft hätten. Bei seiner Abreise waren die Reisekosten für ihn und seinen Diener auf ungefähr 500 Thaler genau berechnet; dies konnte natürlich nicht ausreichen. Er schrieb zugleich an Mester und bat auch diesen um Verwendung bei dem Herzoge, damit er Geld erhalte, unter bittern Klagen über seine höchst unangenehme Lage. Mester aber war ein gewöhnlicher Geschäftsmann. Liscow mußte augenblicklich aus Noth, Verlegenheit und Schande gerissen werden; statt Nachsendung von Geld bei dem Herzoge durchzusetzen, verlangte er auf des Herzogs Befehl Vorlegung der Ausgaberechnung. Liscow war über diese Behandlung im höchsten Grade empört und sein hoher, rechtlicher Geist zeigt sich nirgends mehr, als in seiner Antwort an Mester vom 26. Aug.: "ich verlange," schreibt er, "daß man mir die Ehre thue, zu glauben, daß ich mich nicht mit dem elenden Rest einer Summe zu bereichern suchen werde, die so geringe ist, daß es sich kaum der Mühe verlohnen würde, sie ganz zu unterschlagen." Er sah ein, daß über die "Monituren" so viel Zeit hingehen werde, daß er "darüber todt hungern" könne, und bat umgehend um Geld oder um die Gewißheit, daß er nichts haben solle. Liscow kannte wohl zu wenig das Hofleben und den gewöhnlichen Schlendrian des Geschäftsganges, oder wollte vielmehr nicht die gewöhnlichen Wege wandeln; wie die Sache einmal stand, fand er keine Rettung vor der Heftigkeit des Herzogs, der durchaus schleunigst erfolgreiche Hülfe haben wollte, und vor den kleinlichen Forderungen der actenmäßigen Vollständigkeit, hinter welche sich die feigern Diener des Herzogs verschanzten. Und so verlor der Herzog einen seiner treuesten und vielleicht seinen tüchtigsten Dieser, wie er schon oft die Besten auf ähnliche oder noch mehr betrübende Weise verloren hatte.

Liscow hatte um 200 Thaler gebeten. Statt dessen erhielt er Befehl, nach Hause zu kommen. Das konnte er aber nicht ohne Geld. Liscow war, da er sich in Paris nicht halten konnte, am, 4. Sept. nach Rotterdam gegangen, wo er sich durch lübecker Handelsverbindungen eher halten konnte. Von hier forderte er 300 Thaler statt 200 Thaler; er werde zu Hause Rechnung ablegen, aber er verlange jetzt Geld oder die Gewißheit, daß er nichts haben solle, damit er seine Maaßregeln nehmen könne. Der Wirth in Rotterdam wollte ihn ohne Geld nicht fahren lassen, und so ward seine Schuldenlast von Tage zu Tage größer. Unterdessen hatte der Director von Seelen zu Lübeck die Nachricht erhalten, daß Liscow

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von seinem Diener ermordet sei; die Madame Heineken zu Lübeck, des bekannten sächsischen Ministers Mutter, Liscows Freundin, meldete dies am 17. Nov. an Mester mit der so wahren Bemerkung: "er ist ein braver Mensch, aufrichtig, und hat verdient, von großen Herrn estimiret zu werden." Die Nachricht von Liscows Tode war nicht gegründet, vielmehr schleppte sich Liscow mit dem armen Loison umher, den er erhalten mußte.

Liscow wandte sich wiederholt an den Herzog, der ihm aber nicht mehr anwortete. Er fand endlich Freunde, welche die Schulden, die er im Dienste des Herzoge hatte machen müssen, tilgten und ihm Vorschüsse zur Rückreise nach Hamburg machten. Am 25. Nov. war er noch in Rotterdam. Er schrieb am 20. Dec. noch einmal an den Herzog, ohne jedoch einer Antwort gewürdigt zu werden.

Da nahm er endlich am 19. April 1737 zu Hamburg seinen Abschied mit großer Würde, indem er schrieb: "Ich würde nicht ermangeln, mich persönlich zu Ew. Hochfürstl. Durchlaucht Füßen zu werfen, allein das Verfahren Ew. Hochfürstl. Durchlaucht gegen mich ist so beschaffen, daß ich dieses zu wagen billig Bedenken trage, und so außerordentlich ungnädig, daß ich notwendig daraus schließen muß, daß Ew. Hochfürstl. Durchlaucht meine Dienste nicht weiter verlangen. Ich laße dahin gestellet sein, was Ew. Hochfürstl. Durchlaucht vor Ursachen gehabt, eine so große Ungnade auf mich zu werfen. Mein Gewißen sagt mir, daß ich Ew. Hochfürstl. Durchlaucht redlich zu dienen gesuchet, und bis an meines Lebens Ende gedient haben würde, wenn es Ew. Hochfürstl. Durchlaucht nicht gefallen, durch das ungnädige Benehmen gegen mich mir stillschweigend meinen Abschied zu geben." Er bat schließlich um Erstattung seiner Reisekosten und eine förmliche "Dimission, damit er sein Glück in der Welt weiter suchen könne," und wiederholte am 6. Mai 1737 diese Bitten von Hamburg aus noch ein Mal, wahrscheinlich ebenfalls ohne Erfolg.

Und hiemit verschwindet Liscow aus dem meklenburgischen Staatsdienste.


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6. Liscows letzte Lebensschicksale

und

sein Staatsdienst in Preußen und Sachsen.

Nachdem Liscow im Mai 1737 aus dem meklenburgischen Staatsdienste getreten war, blieb er wahrscheinlich einige Zeit in Hamburg, da hier sein Bruder Joachim Friederich wohnte [und ihn die heitere Freundschaft mit dem diesem Bruder vertrauten Dichter Hagedorn 1 ) fesselte, der seit 1733 2 ) Secretair der englischen Court in Hamburg war H. S. 42-44.], auch Liscows Verleger in Hamburg wohnte.

"Hamburg war damals der Mittelpunct der norddeutschen schönen Literatur und nicht leicht wird man in der hamburgischen Geschichte ein Decennium nachweisen können, wo so viele ausgezeichnete Männer zusammentrafen, als zu Liscows und Hagedorns Zeiten. Auch an Wochenschriften und kritischen Blättern fehlte es nicht" 3 ).

Von Hamburg ging Liscow, nach Dreyers Mittheilungen, welche um so zuverlässiger sein werden, als dieser in der Zeit 1738-1739 in Kiel studirte, "ungefähr um das Jahr 1738 und 1739 nach Preetz als Privatsecretair zu dem Geheimenrath von Blome", welcher im J. 1738 zum Propst des Klosters zu Preetz ernannt war 4 ). Hier fand Liscow herzliche Aufnahme und einen Kreis gebildeter, angenehmer Menschen, welche ihn längere Zeit stark fesselten; von seiner Schwester 5 ) und seinem Schwager Coch, welche damals noch in Preetz wohnten, ist nirgends in Teilnahme die Rede, obwohl er vielleicht durch deren Anregung die Stelle bei dem Herrn von Blome erhalten haben mag. Diese Zeit in Liscows Leben


1) Helbig theilt S. 44 flgd. mehrere interessante Briefe Hagedorns an Liscow aus des Letzterm Nachlaß mit.
2) Nach Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 5. kam Hagedorn schon im J. 1731 nach Hamburg.
3) Schmidt schildert diese Verhältnisse in Hamburg ausführlich in Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 2-5.
4) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 19.
5) In einem Briefe an die Frau des Klosterorganisten Hargens zu Kiel in Holst. Pr. B. 1827. H. 4. S. 692 sagt er:
"Sie haben wohl gethan, daß Sie meiner Schwester Brief behalten haben; lassen Sie ihr doch wissen, wo ich bin".
Aus diesen Worten scheint hervorzugehen, daß die Verhältnisse seiner Schwester traurig waren, da eine fremde, wenn auch Liscow vertraute Person ihre Briefe zurückhalten konnte.
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ist in neuern Zeiten durch Schmidt, Schröder und Helbig aufgeklärt, namentlich verdanken wir dem Cand. Schröder längere Auszüge aus einigen Briefen Liscows, welche früher Canzleirath Loseken zu Preetz, später Professor Nasser zu Kiel besaß 1 ). Außer dem Hause des Herrn von Blome war er den Häusern der Klosterfräulein von Wonsfleth und von Ahlefeld, der Prediger Callisen und Henseler, vorzüglich aber im Hause des Klosterorganisten Hargens bekannt, dessen Frau († 1790) eine geistreiche Dame war, welche unsern Liscow zu einem vertrauten häuslichen Umgange anzog; wir wissen dies nicht nur aus Ueberlieferungen, sondern auch durch die eben erwähnten Briefe, welche an diese Frau und deren Mann gerichtet sind, nachdem Liscow Preetz verlassen hatte. Liscow schreibt an diese Frau 2 ): "Aber ist es nicht Schade, Madame, daß man nicht das Vergnügen haben kann, solche Leute, als Sie sind, beständig zu sehen? Ich versichere Sie, ich gäbe, ich weiß nicht was, darum, wenn ich dieses Glück haben könnte. Allein es ist allhier ein Jammerthal, und nichts vollkommen in dieser Zeitlichkeit. Indessen gefällt mir diese Zeitlichkeit, bis auf die Entfernung von Ihnen, noch so ziemlich. Ich bin auch Willens, falls es bei mir steht, es noch eine Zeit lang in dieser Welt anzusehen. Glauben Sie, man versäumt nichts dadurch". Er grüßt dann noch die oben genannten und andere Personen in Preetz, jedoch nicht seine Schwester. Nach den Ueberlieferungen war Liscow wegen seiner geselligen, fröhlichen und gutmüthigen Laune und wegen seiner Kinderliebe ein immer willkommener Gast.

Von Preetz besorgte Liscow im J. 1739 zu "Frankfurt und Leipzig", eigentlich aber zu Hamburg bei Herold eine Gesammtausgabe seiner sämmtlichen gedruckten Schriften unter dem Titel: "Sammlung Satirischer und Ernsthafter Schriften" 3 ), ebenfalls ohne Namen, jedoch mit einer historischen Einleitung, seiner letzten, größern, öffentlichen schriftstellerischen Thätigkeit.

[Nach Preetz richtete Hagedorn drei Briefe an Liscow vom 14. Oct. 1739, 28. Dec. 1739 und 4. März 1740, welche bei Helbig S. 44-50 gedruckt sind; Hagedorn arbeitete dahin, Liscow aus seiner dunklen Lage zu ziehen und


1) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 15-16, und 1827. H. 4. S. 689-693.
2) Vergl. Holst. Pr. B. 1827. H. 4. S. 692.
3) Von dieser Ausgabe der gesammelten Schriften Liscows giebt es zwei verschiedene Ausgaben von demselben J. 1739, in gr. 8 und kl. 8. und mit verschiedenen Seitenzahlen. Vergl. Holst. Pr. B. 1825. H. 2. S. 356, und 1830. H. 2. S. 261.
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schlug ihm eine Hofmeisterstelle zu Leipzig vor, welche er durch Mascows Vermittelung erhalten konnte. H. S. 44-48.]

Was weiter über Liscows Leben bis zu seinem Tode bisher begannt geworden war, hatte keine große Bedeutung und beruhte fast nur auf dunkeln Sagen und unzuverlässigen Ueberlieferungen. Helbig hat das Verdienst, den Rest des Lebens Liscows aus sichern Quellen erhellt zu haben; doch muß man bemerken, daß schon Schmidt und Schröder viele wichtige Beiträge und richtige Angaben haben.

[In Preetz schrieb Liscow Betrachtungen über die pragmatische Sanction: Réflexions sur la Sanction pragmatique; er theilte sie Hagedorn mit, der in Liscow drängte, sie nach Wien zu schicken, wo sie eine gute Wirkung hervorbringen würden 1 ). H. S. 49 u. 56. - Liscow empfahl sich durch diese Abhandlung, von welcher sich ein ziemlich bedeutendes Fragment unter Liscows nachgelassenen Papieren befindet, durch Hagedorns Vermittelung dem preußischen Gesandten 2 ) in Hannover, dem Grafen Truchseß von Waldburg. H. S. 51-52.] Bei der Aussicht auf eine Anstellung ging Liscow von Preetz ohne Zweifel zunächst nach Hamburg. Hier soll er die Bekanntschaft eines reisenden Cavaliers aus Sachsen gemacht haben, mit dem er eine Reise nach England 3 ) gemacht haben soll; jedoch läßt sich dieses Ereigniß nicht beweisen, obgleich es nicht unwahrscheinlich ist, da Liscow auch der englischen Sprache und Verhältnisse so kundig war, daß er bald zum Legations=Secretair nach England vorgeschlagen, jedoch nicht bestimmt ward.

[Nach einem Briefe des Grafen von Waldburg aus Rheinsberg vom 17. Nov. 1740 erhielt er auf dessen Empfehlung die Aussicht auf die Stelle eines preußischen Legations=Secretairs. H. S. 51-52.]

Nach einem Briefe Liscows an die Madame Hargens vom 9. Dec. 1740 4 ) ging er bald nach Hannover. "Wie ich nach Hannover kam", schreibt er, "hatte der Graf Truchses schon jemand angenommen und ich sahe mich also in der Hoffnung, die ich mir gemacht hatte, betrogen. Sie können


1) Grade in dem für Liscow folgenreichen Jahre 1740 suchte die Kaiserin Maria Theresia in Grundlage der pragmatischen Sanction ihrem Gemahle Einfluß zu verschaffen; Liscows Schrift war also recht eigentlich eine Staatsschrift.
2) Liscow suchte, in seiner kräftigen Vorliebe für große Charaktere und entschiedenes Handeln, in "preußischer Gesinnung", preußische Dienste zu gewinnen. Seinem vertrauten Freunde Lamprecht glückte auch im J. 1742 das, was Liscow auf die Länge nicht erreichte. Vergl. Holst. Pr. B. 1828. H. 1. S. 118.
3) Nach Wilmersdorf's Mittheilungen im Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 20.
4) Vergl. Holst. Pr. B. 1827. H. 4. S. 690.
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leicht erachten, wie mir dabei zu Muthe gewesen ist. Aber ich fand mich doch noch ziemlich darin, und, unter uns geredet, es war mir einiger Maßen lieb, daß es mir so gieng, weil ich dadurch einen Vorwand bekam, wieder nach Hamburg, und, welches das wichtigste war, wieder nach Preetz zu reisen. Doch dieser Vorwand ward mir durch die guten Vertröstungen, die man mir gab, bald wieder genommen. Ich blieb in Hannover und der Graf Truchses nahm mich gar mit nach Berlin. Daselbst habe ich auf den Trost Israels bißhero gewartet, und ich kann dem Grafen rühmlich nachsagen, daß er vor mich redlich gesorget hat. Ich habe in seinem Hause bishero gewohnet, und er hat sich alle Mühe von der Welt gegeben, mich anzubringen. Anfangs sollte ich als Legations=Secretaire nach Engelland gehen, hernach sollte ich in des Marggrafen von Baireuth Dienste gehen: Aber es ward aus allem nichts."

Endlich ward Liscow am 9. Dec. 1740 preußischer Legations=Secretair bei dem Grafen Dankelmann, welchen Friedrich der Große wegen der bevorstehenden Kaiserwahl als Gesandten zu dem Kurfürsten nach Mainz und darauf zur Kaiserwahl nach Frankfurt schickte. Liscow ging schon an demselben Tage, d. 9. Dec. 1740, nach Mainz ab. Er schreibt in dem erwähnten Briefe weiter: "Endlich bin ich doch angekommen, und ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich mit dem Baron von Dankelmann, der President von der Regierung in Minden ist, als Legations=Secretaire nach Mayntz gehe. Heute Morgen habe ich dem Könige geschworen, und morgen Abend gehe ich mit der Post von hier nach Minden, und von da nach Mayntz." Aus Mainz schrieb Liscow am 4. März 1741 zwei Briefe 1 ) an Hargens und seine Frau in Preetz, in welchen er z. B. sagt: "In Mayntz gefällt es mir so ziemlich. Man ißet hier gut; der Rheinwein ist auch nicht zu verachten, und es würde dieser Ort mir vollkommen angenehm sein, wenn er nicht zwei große Fehler hätte. Denn erstlich ist hier keine Lutherische Kirche, und zum andern kein Bourgogne=Wein. - - Meine Geschäfte sind ungefähr so groß, als meine Einkünfte. Das ist, auf Deutsch geredet, sie bedeuten beide sehr wenig." Wahrscheinlich ging er mit Danckelmann auf einige Zeit nach Frankfurt, dem Orte der Kaiserwahl, welche jedoch noch einige Zeit ausgesetzt blieb, da er in demselben Briefe schreibt: "In Mayntz


1) Vergl. Holst. Pr. B. 1827. H. 4. S. 691 flgd.; vergl. 1822. H. 2. S. 20.
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werde ich wol nicht lange mehr bleiben, weil wir, allem Ansehen nach, bald Ordre bekommen werden, nach Frankfurt zu gehen."

[Während seiner diplomatischen Beschäftigung in Mainz hatte Liscow sich der Freundschaft Heinrichs von Bünau und des sächsischen Legations=Secretairs Chr. Ludw. von Hagedorn 1 ), des Bruders des Dichters, zu erfreuen. H. S. 51-52.]

Der preußische Dienst Liscows dauerte nicht lange; überhaupt war Liscow wohl nicht auf die Dauer, sondern wohl nur auf die Zeit der Sendung des Grafen Danckelmann angestellt. [Liscow merkte, daß Danckelmann, der ihm noch einen bedeutenden Theil seines Gehalts schuldig war, ihn los sein wollte. Auf einer Reise zum Könige von Preußen nach Schlesien, auf welcher Danckelmann ihn mit der Weisung zurückließ, nach Hamburg zu gehen und auf weitern Ruf zu warten, blieb Liscow, da er unwohl ward, im Mai 1741 in Hannover zurück und wandte sich an den Grafen von Waldburg. Danckelmann klagte ihn jedoch bei diesem der Indiscretion an, und Liscow erhielt trotz seiner offenen und männlichen Verteidigung bei dem Grafen und dem Ministerium natürlich Unrecht, worauf er den preußischen Staatsdienst verließ. Im Junii 1741 war er noch in Hannover. H. S. 54-59.]

Sehr bald änderte sich jedoch Liscows Lage und zwar so sehr, daß er durch seine fernern Schicksale bis auf den heutigen Tag die größte Teilnahme gefunden hat. Bis auf die neuern Zeiten war aber hierüber alles im Dunkeln; Helbig hat bedeutende Aufklärungen gegeben, jedoch darf es nicht unverschwiegen bleiben, daß Schmidt schon längst alle Hauptbegebenheiten, bis auf den Criminal=Proceß, in den Liscow verwickelt ward, richtig und ziemlich vollständig erzählt hat.

[Schon im Julii 1741 war Liscow in Dresden als Privatsecretair in Diensten des sächsischen Ministers Grafen von Brühl; schon im September desselben Jahres ward er zum königlichen Secretair oder Cabinets=Secretair ernannt mit einer jährlichen Besoldung von 400 Reichsthalern und im October 1745 erhielt er das Prädicat eines Kriegsraths 2 ). H. S. 60.]

Als der Beförderer 3 ) seines Glückes wird der sächsische


1) Vergl. Schmidt in Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 20. Hier wird auch eine scherzhafte Werthbestimmung über ein Portrait des Dichters Hagedorn, welches der berühmte Maler Denner zu Hamburg gemalt hatte, mitgetheilt; sie ist unterzeichnet: "Mit einer Vorrede Hrn. Lisci, Hof=Satyr und Festungsmaler in Mainz. 1741."
2) Vergl. Holst. Pr. B. 1824. H. 4. S. 159.
3) Vergl. schon Papiere des Kleeblattes, S. 245, und Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 21.
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Geheime Kammerrath und Unterminister Carl Heinrich von Heinecken 1 ) genannt. Dessen Aeltern 2 ) waren der tüchtige Kunstmaler Paul Heinecken und Catharine Elisabeth geb. Oesterreich, ebenfalls eine geschickte Malerin, zu Lübeck. Er war zu Lübeck 1706 geboren († erst 1791) und Bruder des bekannten lübecker Wunderkindes 3 ), welches wirklich Außerordentliches leistete. Er beachte die Schule zu Lübeck und ging mit einem rühmlichen Zeugnisse zugleich mit dem jungem J. F. Liscow, Michaelis 1724 auf die Universität Leipzig; wahrscheinlich war er also auch ein jüngerer Bekannter unsers C. L. Liscow, von dem wenigstens das gewiß ist, daß er Hausfreund seiner Aeltern war. Heinecken zeichnete sich später als Schriftsteller von Wissenschaft und Geschmack aus und war ein würdiger Jünger der wissenschaftlichen Schule des Rectors von Seelen. Er war Unterminister zu Dresden unter dem Premierminister Grafen von Brühl und dessen rechte Hand; beide regierten eigentlich das Land. Wie Brühl machte auch von Heinecken ein glänzendes Haus. In solchen Verhältnissen konnte es ihm nicht schwer werden, unserm Liscow eine Anstellung zu verschaffen; durch ihn stieg Liscow und konnte auch nur fallen, nachdem v. Heinecken die Hand von ihm gezogen hatte.

"Von jetzt an arbeitete Liscow unmittelbar unter v. Heinecken und dem Grafen Brühl; er ward vorzüglich in polnischen Angelegenheiten gebraucht und mußte die Staatsschriften in diesem Fache ausarbeiten 4 )."

Im J. 1742 schrieb Liscow 5 ) die Vorrede zu v. Heinekens Ausgabe und Uebersetzung des Dionysius Longinus vom Erhabenen, durch welche vorzüglich die Schule Gottscheds vernichtet ward. Zu Liscows vertrautesten und gleichgesinnten Freunden in Dresden gehörte der Dichter Johann Christoph Rost, welcher seit 1744 Privat=Secretair und Bibliothekar des Grafen Brühl war und ihm mit Glück in der Bekämpfung der gottschedschen


1) Ueber den Minister von Heinecken vergl. Schmidt in Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 21. flgd. und 1823. H. 1. S. 96; Helbig S. 60.
2) Ueber v. Heinecken's Aeltern vergl. Holst. Pr. B. 1823. H. 1. S. 96. - Seine Mutter war ohne Zweifel die Madame Heinecken, Liscows Freundin, welche in den unten mitgetheilten Briefen Nr. 11 u. 21 genannt wird; der Brief Nr. 20 ist ohne Zweifel von dieser Frau selbst geschrieben und deutet bestimmt auf ein vertrautes Verhältniß Liscows zu dem heineckenschen Hause.
3) Der Herr Dr. Deecke zu Lübeck äußert in einem Briefe: "Es ist fraglich, ob der geheime Kammerrath von Heinecken Bruder oder Vetter des Wunderkinder gewesen sei. Für beides sind Auctoritäten da. Doch erkennt er in einem an die hiesige Bibliothek geschenkten Exemplare seiner Gallerie royale de Dresde Lübeck als seine Vaterstadt an".
4) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 23.
5) Ueber Liscows schriftstellerisches Feiern während seiner Staatsdienstes vergl. Holst. Pr. B. 1824. H. 4. S. 159. aus gleichzeitigen Briefen.
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Schule beistand 1 ). Mit dem seit 1741 gebildeten leipziger Gelehrten=Vereine, in welchem Gellert und Rabener waren, stand Liscow in Spannung, da der heitere, kühne und klare liscow=hagedornsche Geist nicht zu dem moralischen Tone der jüngern Männer stimmte 2 ).

[Im J. 1745 verheirathete sich 3 ) Liscow mit der Wittwe des Kammerraths von Buch, geb. Johanne Catharine Christiane 4 ) Mylius aus Eilenburg, und erhielt mit ihr das Gut Berg vor Eilenburg. Sie gebar ihm während seines Aufenhaltes in Dresden 5 ) drei Söhne Christian Ludwig 1746, Friederich August 1748 und Karl Friederich 1749, der schon 1752 starb. H. S. 62-63.]

Die bisherigen Ueberlieferungen von Liscows letzten Schicksalen sind folgenden Inhalts. Er beleidigte in Dresden "durch einige Sarkasmen seinen Gönner, den Grafen Brühl, und durch ähnliche sarkastische Einfälle über einen Gesandten am dresdner Hofe zog er sich das Unglück zu, Dresden verlassen zu müssen. Die Geschichte wird in der Zeitschrift Janus, 1800, Julii, (vergl. Freimut. Abendbl. 1827, Nr. 464, S. 963) so erzählt. "Der englische oder der spanische Gesandte hatte am Hofe zu Dresden öffentliche Audienz, welcher Liscow beiwohnte. Das steife Ceremoniel, welches dabei beobachtet ward, machte den Hofleuten die größte Langeweile. Als daher der Gesandte endlich abtrat und jedermann froh war, sagte Liscow zu einigen neben ihm stehenden: "Da verließ ihn der Teufel und die Engel traten zu ihm und dieneten ihm." "Das darüber erfolgende Lachen entging dem Gesandten nicht, der sich beschwerte und Genugthuung verlangte. Bei angestellter Untersuchung ergab sich, daß Liscow es veranlaßt hatte und er ward nach Eulenburg geschickt". (Seine Entfernung vom sächsischen Hofe soll im J. 1747 durch den spanischen Minister veranlaßt sein; diese Nachricht theilt Siemssen aus einer "authentischen" Quelle in der Irene (1807 ?) im Freimüth. Abendbl. 1827, Nr. 465, S. 982, mit.) "Pott schreibt von ihm: Hätte Graf Brühl, damaliger Königlich Polnischer und Kurfürstlich Sächsischer Minister, mit welchem Liscow vermöge seines Amtes und der ihm anvertraueten Ge=


1) Vergl. Holst. Pr. B. 1823. H. 1. S. 97. flgd. - Eine Anecdote aus Liscows Leben vergl. daselbst S. 99 flgd., aus Richard Roos bunten Steinen.
2) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 22.
3) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 23.
4) Vergl. Holst. Pr. B. 1828. H. 1. S. 121.
5) In Dresden lebte damals auch Chr. Ludw. von Hagedorn, des Dichters Bruder, Legationsrath und Generaldirector der Kunstakademie, den Liscow in Mainz hatte kennen lernen. [H. S. 46].
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schäfte arbeitete, Liscow'n Gehör gegeben, so würde Kursachsen und Deutschland keinen siebenjährigen Krieg gesehen haben. Liscow erklärte Brühlen gerade und offen seine Meinung. Da dies nichts fruchtete, sagte er ihm, Stirn gegen Stirn, auf Liscowische Weise die Wahrheit, so daß Brühl, des Widerspruchs nicht gewohnt und durch kriechende Schmeichler verdorben, höchst erbittert gegen ihn ward und ihm möglichst wehe zu thun suchte; aber Liscow lächelte und behandelte ihn in philosophischer Ruhe auf seine launige Art 1 )."

[Nach den Acten des dresdener Archivs, welche jetzt durch Helbigs Bericht eine klare Einsicht gestatten, verhält sich die Sache aber anders, mag auch immerhin an der Anecdote mit dem englischen Gesandten etwas Wahres sein.]

[Es ist bekannt, daß Sachsen durch des Königs August II. rücksichtslose Verschwendung und durch den nordischen Krieg ruinirt worden war. Jetzt bedurfte das Land eines weisen und sparsamen Fürsten zur Erholung. Da bemächtigte sich unter August III. der Graf Brühl der Regierung und jetzt ward die tolle Wirthschaft nur noch schlimmer, als früher, und die unkluge Theilnahme am österreichischen Erbfolgekriege und am siebenjährigen Kriege, welche Brühl verschuldete, brachte das einst so glückliche Land dem Untergange nahe. Liscows scharfer, klarer Geist durchschauete ohne Zweifel alle Gebrechen, um so mehr, da er sie in der nächsten Nähe zu betrachten Gelegenheit hatte, hörte und sah gewiß vieles, was mit den Gebrechen in Verbindung stand und sprach sich in seiner Freimüthigkeit gegen Gleichgesinnte aus; gegen Brühl selbst wird er als Subaltern nicht aufgetreten sein, aber er schmeichelte demselben auch gewiß nicht und ließ sich auch nicht zu Schlechtigkeiten brauchen, daher allein er, trotz seiner glänzenden Fähigkeiten, keine glänzende Laufbahn machte. AIs die Unordnung und der Druck in Sachsen einen sehr hohen Grad erreicht hatten, wurden nach dem Landtage von 1749 plötzlich ein gewisser Alexander Mackphail Bishopfield, schottischer Abkunft, der früher in Finanzangelegenheiten in Holland thätig gewesen und seit 1747 in Sachsen bei Steuer= und Finanz=Projekten benutzt worden war, und der Geh. Kriegscanzlei=Secretair Georg Gottlob Seyffert angeblich wegen unzulässiger Einmischung in die Steuer = und Finanzangelegenheiten des Landes und wegen Verdachts einer projectirten Veränderung der Landesverfassung in Steuersachen zur Untersuchung gezogen. Die Untersuchung, in welche mehrere hochgestellte Beamte und Mitglieder der


1) Man vergl. auch Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 24 flgd.
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Ritterschaft verwickelt wurden, gab das Resultat, daß von beiden Angeklagten über Brühls schlechte Wirtschaft Briefwechsel geführt, daß in Seyfferts Wohnung freimüthige Rede gewechselt und von beiden ein Memorial an den König über den Zustand des Landes ausgearbeitet war, in welchem der König gebeten ward, die Minister zu entlassen. Eine Commission, welche eine Verteidigung nicht zugestand, verurtheilte den Bishopfield zu 8 Jahren Festungsstrafe auf dem Sonnenstein und den Seyffert zum Pranger und lebenslänglicher Zuchthausstrafe. Allen übrigen Leidensgefährten ward die Strafe erlassen und die Aussicht auf baldiges Wiedereintreten in den Staatsdienst eröffnet, mit Ausnahme Liscows, H. S. 63-67.]

[Liscow war nämlich auf eine Aussage Seyfferts, als wenn er an dem gedachten Memorial Antheil gehabt, am 15. Dec. 1749 zur Verantwortung gezogen und mit Arrest belegt. Liscow verteidigte sich gewandt und behutsam, leugnete jede Teilnahme an dem Memorial, räumte jedoch ein, daß er mitunter freimüthige Reden angehört habe. Er schrieb am 22. Jan. 1750 offen an Brühl, gestand, daß er zuweilen freimüthige und unbesonnene Reden geführt habe und bat um Verzeihung. Dagegen ließ Brühl die Untersuchung gegen ihn verschärfen, in welcher Liscow bei seinem freimüthigen Bekenntnisse beharrte. Zwei andere Briefe an Brühl fruchteten nichts. Nachdem das Urtheil über Bishopfield und Seyffert gesprochen war, ward er am 18. April 1750, gegen die eidliche Versicherung des Schweigens über alles Vergangene und fernerhin über alle Landesangelegenheiten, der gefänglichen Haft 1 ) und seines Amtes mit Entziehung der Besoldung entlassen. H. S. 67-69].

[Liscow begab sich hierauf auf das Gut seiner Frau nach Eilenburg 2 ), wo ihm, nach Familiennachrichten, diese 1752 und 1753 noch zwei Töchter gebar. Vermutlich beschäftigte er sich hier in stiller Muße 3 ) mit literarischen Arbeiten. Er starb nach dem Zeugnisse des Pastors Rosenthal auf seinem Gute Berg vor Eilenburg am Schreibtische vom Schlage getroffen, den 30. October früh gegen 10 Uhr im J. 1760


1) Die gefängliche Haft Liscows deutet schon Bodmer an; vergl. Holst. Pr. B. 1824. H. 4. S. 158.
2) Diese Nachricht hat schon Schmidt Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 25, und in 1828. H. 1. S. 120-122. bringt derselbe Kirchenzeugnisse des Superintendenten Ehrhardt und des Pastors Abt zu Eilenburg bei, aus denen Liscows letzte Lebensschicksale völlig klar werden.
3) Nach einer brieflichen Mittheilung des Superintendenten Ehrhardt lebte Liscow zu Berg bei Eilenburg allerdings in Haft, jedoch in einer weiten, indem er sich in einem Umkreise von zwei Stunden ungehindert bewegen konnte. Vergl. Holst. Pr. B. 1828. H. 1. S. 120.
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und ward den 2. Nov. bei der Bergkirche beerdigt. H. S. 69 und 74].

Ueber Liscows Tod besitzen wir schon lange eine glaubwürdige Nachricht im Hamburger Correspondenten, 1760, Nr. 204 1 ):

"Hamburg. Am 30. October 1760 starb zu Eilenburg der königl. polnische und churfürstl. sächsische Kriegs=Rath Herr Christian Ludwig Liscow, im 59. Jahre seines Alters. Seine Sammlung satyrischer Schriften, die in Jedermanns Händen ist, legt von seinem großen Genie, seiner Gelehrsamkeit und seinem angenehmen Witze ein unverwerfliches Zeugniß ab, das bey der Nachwelt gewiß in Ehren bleiben wird. Der Werth seiner Freundschaft, die er allemahl mit dem redlichsten und aufrichtigsten Wesen schmückte, macht seinen Verlust allen denen, welche ihn gekannt haben, empfindlich. Wie schätzbar er einem Hagedorn gewesen, beweiset die Fabel von den Thieren, die er ihm in seinen Gedichten gewidmet hat, und die schönste Schilderung von den Vorzügen des Verstandes und des Herzens des verewigten Liscow ist".

   Der Freiheit unverfälschte Triebe
Erhöh'n den Werth der Wahrheitsliebe,
Die Deine Seele stark gemacht.
   Dein glücklicher Verstand durchdringt in edler Eile
Den Nebel grauer Vorurtheile,
Des schulgerechten Pöbels Nacht.
   Was Haller und die Wahrheit preisen,
Mein Freunde das wagst du zu beweisen;
- Wer frei darf denken, denket wohl. -

Nach dieser gleichzeitigen, also zuverlässigen Todesanzeige starb Liscow am 30. Octbr. 1760 und zwar allerdings zu Eilenburg, jedoch nach dem ganzen Ton der Anzeige, welche von ihm als von einem in der bürgerlichen Welt geachteten und freien Manne redet, gewiß nicht im Gefängnisse, was zuerst nach der Voraussetzung in den Papieren des Kleeblatts und daraus, daß sich in Eilenburg eine Strafanstalt befindet, vermuthet und nach und nach als Thatsache angenommen ist.


1) Ich verdank eine Abschrift dieser Anzeige der Güte des Herrn Archivars Dr. Lappenberg zu Hamburg. Sie war schon in der Monatsschrift von und für Mecklenburg, 1790, Oct., S. 653, ans Licht gezogen und dadurch erhalten. Es kam hier aber vorzüglich darauf an, ob die Anzeige eine gleichzeitige war, was jetzt allerdings gewiß ist. Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 25; 1827. H. 3. S. 531.
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In den hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit, 1761, St. 42, Junii 2., S. 333 wird ähnlich berichtet 1 ):

"Eilenburg. Daselbst verstarb am 30. October des verwichenen Jahres Hr. Christian Ludewig Liscow, Königl. Poln. und churfürstl. Sächsischer Kriegsrath, in dem 59sten Jahre seines Alters. Er war Anfangs Secretair des Hrn. Premierministers Grafen von Brühl Excellenz und erhielt nachmals den Charakter eines Kriegsraths. Seine satyrischen Schriften, die Anno 1739 in Octav herausgekommen, haben ihn in der gelehrten Welt bekannt genug gemacht."

Liscow ward sicher nach Eilenburg verwiesen, weil Kränkung und Empfindlichkeit eine Entfernung vom Hofe forderten und erreichten.

Darin stimmen jedoch alle Nachrichten überein, daß Liscow nicht allein ein Mann von ausgezeichneter Klarheit und Schärfe, sondern auch von großartiger Rechtlichkeit, überhaupt aber ein Mann von seltener Geistesgröße gewesen sei, wovon auch die folgenden Briefe 2 ) das glänzendste Zeugniß geben.


Liscows Persönlichkeit schildert Schmidt 3 ) nach den Ueberlieferungen der Madame Hargens zu Preetz also: "Er war klein, von ziemlichem Embonpoint, fein gebaut, dunkel von Auge, Haar und Gesichtsfarbe, lebhaft in Blick und Bewegung. Vergleicht man mit dieser Beschreibung den Kupferstich von Heinr. Pfenninger, welcher sich vor dem zweiten Bande von Meisters Geschichte der teutschen Sprache befindet, so wird man sich eine ziemlich deutliche Vorstellung von Liscows Persönlichkeit machen können". - Ueber seine Gestalt pflegte er oft zu seiner Schwester zu sagen: "Sonst ginge es noch mit meiner Gestalt, wenn nur meine Nase nicht so verzweifelt klein wäre". Vom Tabackrauchen war er ein großer Liebhaber 4 ). - Im gesellschaftlichen Umgange war Liscow ernst und genügsam, jedoch gesprächig, heiter und launig; er liebte


1) Nach Lübker's Mitteilung in Holst. Pr. B. 1827. H. 3. S. 526.
2) Liscows Briefe, zu denen auch Helbig einige beigesteuert hat, gehört wenigstens eben so sehr, oft fast mehr zu den ausgezeichneten Werken seines Geistes, als seine Ausarbeitungen, und werden künftig nicht übersehen werden können.
3) Vergl. Holst. Pr. B. 1822. H. 2. S. 16.
4) Vergl. Falck Staatsbürgerl. Magazin, III, 1823. Heft 1. S. 248.
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häusliche Geselligkeit, suchte den Umgang mit gebildeten Frauen und hatte große Freude an Kindern, mit denen er lange scherzen und spielen konnte. Er war überhaupt ein zart fühlender Mensch; daher wirft ihm auch der muntere Hagedorn vor, daß er Weiber und Wein nicht genug liebe. Im Ganzen lernen wir also in Liscow einen in jeder Hinsicht musterhaften Mann kennen.


Die literarische Thätigkeit Liscows hört mit seiner Gesandtschaftsreise nach Paris 1736 auf; wenigstens ist über eine solche während der letzten Periode seines Lebens fast nichts bekannt geworden. Dieses Verstummen bleibt allerdings eine auffallende Erscheinung, welche jedoch darin begründet sein mag, daß Amtsgeschäfte seine wissenschaftliche Thätigkeit hemmten, daß er vielleicht aus Grundsatz nicht weiter schriftstellerte, da die Schärfe und Rechtlichkeit seines Geistes ihn wiederholt in drückende Lagen versetzt hatte, seine Schriftstellerei aber mit den Grundzügen seines Charakters innig zusammenhing, endlich daß zwingende Verhältnisse ihn vielleicht zum Schweigen nöthigen.

[Nach Helbigs Mittheilungen sind folgende Nachrichten über Liscows schriftstellerische Thätigkeit bekommt geworden. Im J. 1740 hatte er die oben erwähnten Reflexions sur la Sanction pragmatique geschrieben, von denen sich in Liscows Papieren ein ziemlich bedeutendes Fragment des Manuscripts findet. H. S. 51. - Gewiß ist, daß die neue Vorrede zur zweiten Auflage der Heineckenschen Uebersetzung des Longin, Dresden, 1742, in welcher er sich mit Entschiedenheit auf die Seite der Schweizer gegen die Anmaßungen Gottscheds und seiner Genossen stellte, von ihm herrührt. Ferner muß sich Liscow während dieser Zeit mit Recensionen beschäftigt haben. Auch zwei Manuscripte, die Liscow von seinen später in Beschlag genommenen Papieren zurückerhielt, nämlich eine "Schrift wider des seeligen Herrn Dr. Löscher réflexions über die pensées libres" und "Gedanken über die Historie von Jacob und Esau", mögen dieser Zeit angehören. Endlich ward ihm mehrere Male der Antrag gemacht, sich bei der im J. 1752 bei Herold in Hamburg erschienenen Uebersetzung Moliere's zu betheiligen. H. 60-61. - Während seines Aufenthalts zu Eilenburg beschäftigte er sich vermuthlich in stiller Muße mit literarischen Arbeiten. Doch sind diese alle wahrscheinlich verloren gegangen, denn über das Schicksal seiner Papiere nach seinem Tode wußte sein Sohn schon 1803 keine Auskunft zu geben. H. S. 74.]

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H. Schröder hat eine bisher unbemerkt geblichene Satire Liscows: "Auszug eines Schreibens von der Glückseligkeit der Wortforscher" aufgefunden und in "Ruinen und Blüthen", herausgegeben von Winfried (d. i. Hinsche, jetzt Burgemeister zu Bergedorf), Altona, 1826, S. 30-65, mit einer Einleitung wieder abdrucken lassen. "Sie ist zuerst enthalten in dem vierten Stücke der fast vergessenen Gottschedschen Beiträge zur kritischen Historie der deutschen Sprache, wo sie im J. 1733 anonym gedruckt ward, zu einer Zeit, wo Liscow noch in freundlichem Vernehmen mit Gottsched stand." Die Satire ist gegen Kaspar Abel's Etymologien zu den von demselben (Braunschweig, 1732) herausgegebenem alten Chroniken gerichtet. Schröder, mit Schmidt, schließt aus der Eigenthümlichkeit, daß Liscow der Verfasser sei 1 ).

Zur Vervollständigung der Nachrichten über das Schicksal der Schriften Liscows möge hier noch folgender Bericht Raum finden, welcher im Gesellschafter von Gubitz, 1842, Bl. 98, enthalten ist.

"Jean Paul sagt über Liscov in seiner Vorschule der Aesthetik (VIII, Programm §. 37): "Er schrieb alle seine Satiren im Zwischenraume vom Jahre 1732 bis 1736; so unbegreiflich in diesen bloßen vier satirischen Jahreszeiten auf der einen Seite ein so großer Unterschied zwischen seiner ersten und letzten Satire, nämlich ein so schnelles Fortschreiten ist: so unbegreiflich ist auf der andern das nachherige Verstummen und Verschließen eines so reichen Geistes: eine literarische Seltenheit einziger Art".

"Jean Paul wundert sich vielleicht am unrechten Orte. - - Wir wissen von Liscovs Lebensumständen überhaupt wenig und das Ende seiner Laufbahn ist vollends in Dunkel gehüllt. Er soll in Eilenburg und zwar im Gefängnisse gestorben sein. - - Sey dem, wie ihm wolle, so kann hier von einer literarischen Seltenheit keine Rede sein, wenn nicht etwa vom Jahre 1736, in dem Liscov seine letzte Satire herausgab, bis zu seiner Haft ein beträchtlicher Zeitraum verfloß, wo man denn allerdings berechtigt wäre, eine fortgesetzte Thätigkeit zu erwarten, deren Aufhören sich aber sogleich erklärt, wenn Liscov bald nach 1736 ins Gefängniß wanderte und als Gefangener starb.


1) Vergl. Schmidt Histor. Stud. S. 170; Einleitung zu der Satire; Hallesche Allgem. Lit. Zeit. 1827. II. Erg. Bl. März. Nr. 35. S. 277.
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Ich habe, indem ich dieses schreibe, weder die schätzbare Müchlersche Ausgabe der Liscovschen Schriften, noch ein literar=historisches Werk, aus dem ich mich belehren könnte, zur Hand: trügt mich indessen mein Gedächtniß nicht, so hat Liscov das Jahr 1736 nicht sehr lange überlebt (?)"

"Doch es sei zwischen dem Jahre 1736 und der Gefangenschaft Liscovs eine Zeit verflossen, beträchtlich genug, um ihn uns nicht müßig zu denken - ist er den müßig gewesen?

Der Dichter Schubart erzählt uns in seiner Selbstbiographie("Schubarts, das Patrioten gesammelte Schriften und Schicksale", Stuttgart 1839, Bd. I. S. 127), daß er bei seinem Aufenthalt in Heilbronn (welcher, obwohl es nicht ausdrücklich angegeben ist, in den Anfang der siebziger Jahre fallen muß) einen Herrn von Pankuch kennen lernte, von dem er Folgendes berichtet: "Einstmals reiste er nach Dresden und gab sich viele Mühe, Liscovs ungedruckte Schriften zu sammeln; ein Landgeistlicher aber, von unverständigem Eifergeiste besessen, hatte längst zuvor alle köstlichen Ueberbleibsel des Liscovschen Geistes vernichtet. Liscovs arme Witwe brachte dem Geistlichen ein Manuscript voll der allermarkigsten Zeichnungen von der Hand dieses unsers Swifts und bat ihn, es an einen Verleger zu verhandeln. Der Geistliche hatte kaum ein Paar Seiten gelesen, als ihm eine markige Pfaffenzeichnung auffiel und - das Manuscript lag im Feuer". - - -

"Das, worauf es hier ankommt, ist die Frage: Aus welcher Zeit waren - wenn man das ganze Faktum, wie es Schubart erzählt, gelten läßt - jene so schmählich vernichteten Schriften Liscovs. Waren es vielleicht Jugendschriften - - ? - - - Oder waren es Liscovs letzte Schriften - - ? So wäre die Quelle des Liscovschen Geistes keinesweges versiegt und das Räthsel gelöst, oder vielmehr, es wäre kein Räthsel zu lösen.

Und wie mich dünkt, sind wir weit eher zu dieser letzten Annahme berechtigt, als zu jener ersten. Liscov - - trat keinesweges als schon gereifter Schriftsteller auf; es ist ein mächtiger Unterschied zwischen seinen frühern und seinen spätern Productionen. Es läßt sich daher kaum annehmen, daß er etwa aus kritischem Bedenken seine Jugendschriften der Welt vorenthalten habe. - - Wahrscheinlich sind es daher Liscovs gereifteste Schriften, die uns so unwiederbringlich verloren gegangen sind."

Vignette
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Liscows Briefwechsel.


Nr. 1.

HochEdler und Hochgelahrter,
     Hochzuehrender Herr Doctor,
          Werthester Herr Bruder.

Jch bin Ew. HochEd. vor die Zeichen ihrer aufrichtigen Freundschaft ungemein verbunden, und werde dieselben nimmer vergeßen.

Wenn es mir möglich wäre, so würde ich mich heute noch auf den Weg nach Wismar machen: Aber so kan ich nicht eher als Morgen, und hoffe, die Ehre zu haben, den Hr. Bruder übermorgen ganz gewiß zu sehen und zu sprechen. Ich ende hier meinen Brief, weil ein so unvermutheter Befehl, als der Hr. Bruder mir im Nahmen Jhro Durchl. gethan hat, mir nicht vergönnt meine Gedancken zusammen zu haben. Jndeßen verharre ich mit aller aufrichtigen Hochachtung

Ew. HochEd.
M. H. Doctoris
und werthesten Herrn Bruders
ergebenster Diener
Körchow, Liscow.
den 4ten Octobr. 1735.
A Monsieur
Monsieur Heintze
Docteur en Medecine tres celebre
  à
(L. S.) Wismar.
Siegel: Gekrönter ovaler Schild mit einem rechtshin schauenden Vogel auf einem links hervorwachsenden, nackten Ast. Dieses Siegel gebraucht Liscow fortan immer.

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Nr. 2.
Monseigneur.

Vôtre Altesse Serenissime m'ayant fait la grace de me faire demander par le bourguemaître Mester, si je voudrois bien Lui prêter serment de fidelité, et quand je pourrois entrer dans mon service, Elle me permettra de Lui representer lá dessus treshumblement que je reconnois comme je dois l'honneur que Vôtre Altesse Serenissime me fait de me juger digne de La servir, et que je tácherai d'y répondre par une fidelité à toute epreuve.

Je suis prét, Monseigneur, d'en assûrer Vôtre Altesse Serenissime par mille sermens, et je serois charmé, si dés ce moment je pourrois entrer dans Son service. Rien ne seroit plus conforme à l'inclination naturelle que j'ai toûjours euë de servir Vôtre Altesse Serenissime et de Lui donner des marques reelles de ces sentimens de respect et de zéle qu'on m'a imprimés dés le berceau.

Mais comme le tems que je me suis engagé de rester chez Mr. de Clausenheim n'est pas encore fini, c'est avec bien du regret que je me vois obligé de dire à Vôtre Altesse Serenissime, que je ne suis pas en état de profiter aussitôt que je le voudrois de l'offre gracieux qu'Elle a bien voulu me faire, et de Lui marquer précisement le tems quand je pourrai avoir l'honneur d'entrer dans Son service. Tout ce que je puis dire à Vôtre Altesse Serenissime c'est que je ferai tout mon possible de me debarasser au plûtôt des engagemens où je suis, pour m'attacher à jamais à la personne de Vôtre Altesse Serenissime.

J'ai l'honneur d'étre avec la plus profonde soûmission

Monseigneur
de Vôtre Altesse Serenissime
le trés humble, trés obeïssant
et trés fidele serviteur
à Wismar
le 11 éme Octobre 1735.
C. L. Liscow.
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Nr. 3.

Demnach des regierenden Herrn Herzog zu Mecklenburg Herrn Carl Leopold Hochfürstl. Durchl. mein gnädigster Fürst und Herr in Dero würcklichen Diensten mich gnädigst auf und anzunehmen geruhet, und monatlich Zwantzig Reichsthaler reichen zu laßen in Gnaden versprochen, wovon mich bey hernechst etwa geschehenden Verschickungen auch beköstigen soll; So erkenne mich nicht nur für solche Hochfürstl. Hulde tief unterthänigst verbunden, sondern reversire mich auch hiedurch, mit vorgemeldetem tractement, ich sey an was Orten es wolle in Dero Hohen Diensten und Angelegenheiten versandt worden, biß etwan der große Gott, nach seinem allerheiligsten Willen baldige bessere Zeiten im Lande schicket, unterthänigst friedlich zu seyn, welcher gestalt, nach Dero gnädigsten intention in geheimen negotiis ich mich bloß in aller Stille aufzuführen, und mich nach der Maße zu richten habe, in der festen Zuversicht, es werden Jhro Hochfürstl. Durchl. bey vermerckter meiner treu=devotesten Aufführung und fleißiger Arbeit, Dero Gnade mir nicht entziehen, sondern weiter angedeyen laßen. Zu desto mehrer Versicherung habe diesen Revers eigenhändig unterschrieben und mit meinem Pettschaft untersiegelt. So geschehen Wißmar den 12ten Octobr. 1735.

(L. S) Christian Ludwig Liscow.
(Das Siegel wie oben S. 151.)

Nr. 4.

Jch endes unterschriebener schwere zu Gott dem Allmächtigen einen leiblichen Eyd, dem Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Carl Leopold, regierenden Herzogen zu Mecklenburg, meinem gnädigsten Fürsten und Herrn, getreu und hold zu seyn, was mir anvertrauet, und verschwiegen gehalten werden soll, keinem Menschen zu offenbahren, oder wißend zu machen, Dero Bestes, nach allem Vermögen, zu befördern, alles Böses, so viel in meinen Mächten ist, abzuwenden; Jnsonderheit aber denen mir zu erhellenden Ordern auf das genaueste nachzuleben, keine Gefahr zu scheuen, bey allen etwa vorkommenden Gegebenheiten mich standhaft, wie einem rechtschaffenen Be=

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dienten eignet und gebühret, aufzuführen: Meinem gnädigsten Fürsten und Herrn einzig anzuhangen, und alle meine actiones nach der Richtschnur Derer Reichsgrund=Gesetze, welche ich selber gelesen, und wohl verstanden, einzig und allein, unter göttlichem Beystande, einzurichten, und nach denenselben, was die Landes=Defension, und gerechteste satisfaction meines gnädigsten Fürsten und Herrn betrift, mit stets unermüdetem Fleiß zu Stande zu bringen, und völligst zu erhalten; unaufhörlich zu bestreben, mich äußerst angelegen seyn laßen soll: auch mich von dieser meiner eidlichen wohlbedächtlichen harten Verbindung weder durch Gunst, Gaben, Geschencke, Intimidirung, Furcht, Haß oder Neid, oder einige menschliche Absichten, wie sie immer Nahmen haben können oder mögen, abwendig machen laßen, sondern an meinem gnädigsten Fürsten und Herrn beständig Zeit Lebens, und so lange nach Gottes Willen, die unruhige Zeiten dauren dürften, mich fest zu halten, und Dero Dienste nicht zu quitiren, auch mit dem tractement, so mir accordiret, und gnädigst vermacht friedlich zu seyn; alles so wahr mir Gott helffe, durch unsern Herrn Jesum Christum, in Einigkeit des Heil. Geistes. Amen. Zu mehrer Bekräftigung und Festhaltung dieses habe solches eigenhändig unterschrieben, und mit meinem Petschaft untersiegelt. Geschehen Wißmar den 11ten Octobr. 1735.

(L. S.) Christian Ludwig Liscow.

Nr. 5.

Durchlauchtigster Hertzog,     
     gnädigster Fürst und Herr,

Ew. Hochfürstl. Durchl. haben die Gnade vor uns gehabt, daß Sie uns bißhero zur notdürftigen Wärmniß Holtz gnädigst reichen laßen, welches wir mit tieff untertänigsten Danck erkennen. Wann nun aber der Feuer=Boeter David Larson uns nichtes mehr verabfolgen laßen will, unter dem Vorwand, die Frau geheimte Rähtin von Wulffrahten hätte es verboten, indeßen wir bey jetziger Kälte ohne nothdürftiger Wärmniß nicht seyn können; so nehmen zu Ewr. Hochfürstl. Durchl. wir unsere unterthänigste Zuflucht mit demüthigster Bitte, Sie geruheten die gnädigste Ordre zu erteilen, daß die kurtze Zeit, so nach Ewr. Hochfürstl. Durchl. gnädigsten resolution wir etwa noch

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hier seyn möchten, uns wie bißhero notdürftiges Holtz zum Einheitzen gereichet werde. Wir zweiffeln nicht an gnädigster Deferirung und sind in wahrer Treue unabläßig

Ewr. Hochfürstl. Durchl.
C. L. Liscow. unterthänigste
Daniel Christian Mester.
Suppl.
d. 17. Febr. 1736.
Dem Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn,
Herrn Carl Leopold,
regierenden Hertzogen zu Mecklenburg, etc. . etc. .
unserm gnädigsten Fürsten und Herrn
unterthänigst.
Von der Hand des Secretairs Mester geschrieben.

Nr. 6.

Instruction

von den Secretair Lischow
den 9. Aprilis 1736.

Es hette derselbe sich von hier über Lübeck, Hamburg, Holland, alwo er ein schiff nehmen, nacher Calais oder Dunckercken und alsdan weiter nacher Paris sich zu begeben, folglich seine credetive an den Francosischen Hof zu überreichen, nebst wiederholung unsern vorigen Negotio von Anno 1734, wobey er den des itzigen regierenden Hertzoges von Meclenburg bestendige Treue Ergebenheit auffs kräfftigste zu versichern hette, wesfals den die Erleidungen und Zustand im lande ein großes wehre verschlimmert geworden, es hoffeten also JDhl. ihr allerChristl. M. würden bey diesen Frieden JDhl. nicht allein als hoher Garant des westfehlischen Friedens fölligst wieder in ruhiger regirung setzen und zu völliger gerechsten Satisfaction und indemnisation des 17jährigen Schadens und eußersten Turbation gegen den Münsterschen Frieden nach den klaren Reichs Gesetzen und kayserl. beschwornen Wahl capittulation nachdrücklich setzen, sondern auch nach den vormahligen project zu Jhren höchsten intresse eine gerechte hand in den Norden zu haben aller ferneren höchst gefehrlichen anscheinenden ungerechtigkeit zu wehren, nach welchen vorigen Project Er der

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S. L. aufs angelegenste zu negotiiren und da von getreulichst bald möglichst zu referiren.

Nach dem Concepte von des Herzogs Carl Leopold eigner Hand.
Unterschrieben ist diese Instruction eigenhändig von Liscow also:

Daß dieses mir statt einer Instruction mitgegeben solches bescheinige hiemit. Wismar den 9 ten April 1736.

Christian Ludwig Liscow.


Nr. 7.

Sire.

Il y a quelques années que je me donnai la liberté de representer à Votre Majesté la triste situation de mes affaires et de Lui demander Sa protection contre les injustices, qu'a l'extrême violation des Constitutions de l'Empire les maisons de Lunebourg et leurs adhérans ont exercées contre moi dépuis si long tems. Votre Majesté eut alors la bonté de me promettre, que si l'occasion s'en présenterait, Elle ne manquerait pas de songer à mes interêts.

Cette promesse m'a engagé à faire tous mes efforts pour être utile à Votre Majesté. Mais, Sire, le zèle que j'ai témoigné pour le service de Votre Majesté, bien loin de m'avoir été profitable, ne m'a attiré que de nouvelles insultes de la part de mes persécuteurs, dont je ne vois pas encore la fin, à moins que Votre Majeste n'y mette ordre. Je supplie donc Votre Majesté de ne point permettre, qu'un Prince de l'Empire, qui Lui est tout devoué, soit opprimé impunement. La qualité de Garant de la Paix de Munster donne à Votre Majesté un droit incontestable de l'empêcher, et je La prie très humblement de vouloir bien employer Son autorité à ce qu'en conformité de la dite Paix de Munster il me soit donné une entière satisfaction, et pour me fair rentrer dans la paisible possession de mes Etats et dans la parfaite jouissance de tous les droits et régaux, qui ont été si solemnellement confirmes aux Princes de l'Empire dans la Paix de Munster.

J'ai expédié mon secrétaire privé Liscow exprès avec celle-ci, et je prie Votre Majesté de lui ajouter

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foi selon son instruction et d'être persuadée que mon zéle pour le service de Votre Majesté ira toujours en augmentant, ayant l'honneur d'étre avec tout le respect imaginable

Sire
(à Wismar
le 9 éme Avril 1736.)
de Votre Majesté
An den König von Frankreich, nach dem Concepte von Liscows Hand.

Nr. 8.

Monsieur.

Il souviendra à Votre Eminence, que j'implorai il y a quelques années l'assistence de Sa Majesté Très Chrétienne contre les violences inouies des maisons de Lunebourg et de leurs adhérans, auxquelles j'ai été exposé dépuis si long tems. La réponse que je reçus alors, fut assez favorable, pour me faire espérer un heureux changement dans mes affaires. Mais, Monsieur, voyant que mes affaires bien loin de prendre un meilleur train, ne font qu'empirer, et que le zèle, que j'ai témoigné pour le service de la France, fournit à mes ennemis de nouveaux prétextes de continuer leurs injustices, je me trouve forcé de recourir de nouveau à la Majesté Très Chrétienne et de lui envoyer pour cet effet mon secrétaire privé Liscow, lequel je recommende particulièrement à Votre Eminence.

Comme mes prétensions sont justes et bien fondées, j'espère, que Votre Eminence aura la bonté d'appuyer fortement par Ses représentations la lettre, que je me donne l'honneur d'écrire au Roi, et de porter Sa Majesté à des résolutions, qui me soient favorable.

Je prie Votre Eminence d'être persuadée, que je Lui en aurai une sensible obligation, et que je serai toujours avec un attachement très parfait

Monsieur
(à Wismar
le 9 éme Avril 1736.)
de Votre Eminence
An den Cardinal Fleury, nach dem Concepte von Liscows Hand.

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Nr. 9.

Monsieur.

En conformité de la Vôtre du           1734 je n'ai point négligé ce que Vous m'avez recommendé, et Vous pouvez croire, quej'ai fait tout mon possible pour faire réussir l'affaire.

Cependant, Monsieur, mes affaires n'ont point changé de face dépuis ce tems là, au contraire elles sont allé de mal en pis. C'est ce qui m'a fait prendre la résolution de recourir de nouveau à Sa Majesté Très Chrétienne pour lui demander sa protection et de lui envoyer pour cet effêt mon Sécretaire privé Liscow, lequel je Vous prie de favoriser en tout ce qui dépendra de Vous, Vous recommendant mes interêts et les mettant entièrement entre Vos mains.

La bonne volonté que Vous m'avez toujours témoignée, me fait esperer, que Vous continuerez à employer Votre crédit pour le bien de mes affaires, et je Vous prie de croire, que je chercherai les occasions de Vous donner des marques de mon amitié et de l'estime parfaite avec laquelle je suis

Monsieur
(à Wismar
le 9 éme Avril 1736.)
An den Garde des Sceaux Chauvelin, nach dem Concepte von Liscows Hand.

Nr. 10.

Monseigneur.

J'aurais bien plutôt eu l'honneur de rendre comte à Votre Altesse Sérénissime de mon expédition, si la difficulté de trouver un vaisseau pour Calais et les vents contraires ne m'avoient retenu à Roterdam plus de quinze jours, de sorte que je ne suis arrivé a Paris que le 26 éme Mai. Le désordre, où le voyage m'avoit mis, et la nécessite de me faire habiller ne m'ont permis d'aller à Versailles que le 17 éme Juin et je n'ai pu parler au Garde des Sceaux que le 20 éme.

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Je lui rendis la lettre de Votre Altesse Sérénissime, qu'il reçut avec beaucoup de froideur et la lut avec une mine si méprisante, que d'abord je n'auguroit rien de bon; aussitôt la réponse, qu'il me fit, ne fut guéres favorable.

Après avoir entendu les propositions, que je lui fis selon mon instruction, il me dit: Je ne comprend pas, Monsieur, quelle assistance Son Altesse peut attendre de nous; car nous ne nous mêlons point des affaires de l'empire. Je repondis à cela, qu'à mon avis le roi de France comme garant de la paix de Westphalie était obligé de protéger Votre Altesse Sérénissime contre l'injustice, avec laquelle on veut La priver des régaux et des prérogatives, dont Elle devroit jouïr selon la paix de Westphalie, et de Lui procurer une entiére satisfaction et indemnisation, sur quoi il me dit: Nous verrons ce que nous aurons à faire; mais, ajouta-t-il, quant à ce que Vous dites de réassumer la négotiation de 1734, entamée par Heil, Vous savez, que les affaires ont changé de face dans ce tems là; cette négotiation avoit un objet pour nous, mais à cette heure ce n'est plus cela. Je répondis, que je savois bien, que les affaires étoient changées, mais que non obstant cela je croyois, qu'une alliance avec la cour Russienne sur le pied proposé par Heil seroit toujours avantageuse à la France et lui donneroit un grand poids dans le Nord, sur quoi il me dit: Nous n'avons pas besoin d'alliances et surtout nous ne ferons point d'avances à la cour Russienne, qui nous a trompé et trahi notre secret; si elle veut s'allier à nous, c'est à elle à parler, et Vous, Monsieur, êtes Vous muniz de pleins pouvoirs de la part de la cour Russienne? Je repondis que non. Vous voyez donc, dit-il, qu'il n'y a rien à faire; cependant, ajouta-t-il, je Vous présenterai au cardinal, auquel Vous pouvez rendre Vos lettres, et Vous n'avez qu'à Vous montrer demain au matin. En disant cela, il me tourna ce dos et me laissa là.

Le lendemain 21 éme Juin je ne manquai pas d'aller chez le Carde des Sceaux, qui en me voyant me dit: Vous n'avez qu'à venir, Monsieur; je Vous menerai chez le Cardinal. Il m'y mena effectivement, mais il ne me présenta pas, de sorte que je fus de me retourner sans avoir eu audience.

Le 22 éme je fus encore chez le Garde des Sceaux, mais on me dit, qu'il n'iroit point chez le Cardinal.

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J'y allai donc sans lui et le Cardinal me fit d'abord entrer dans son cabinet. Je lui rendis la lettre de Votre Altesse Sérénissime, qu'il lut, et après l'avoir lue, il me dit: Il faut que Vous parliez de ces affaires au Garde des Sceaux et Vous en tenir à ce qu'il Vous dira. C'étoit tout ce qu'il me dit, après quoi, voyant qu'il étoit sur le point de sortir, je remis entre ses mains la lettre pour le Roi et me retirai.

Je ne fus point chez le Garde des Sceaux, sachant que je ne lui pourrois point parler, mais je retournai d'abord à Paris, pour faire rapport à Votre Altesse Sérénissime du succès de ma première audience. Je suis au désespoir de ce que le succès n'est pas tel, que je l'aurois souhaité, puisque je prévois, que ce que j'ai l'honneur de mander à Votre Altesse Sérénissime, Lui sera très désagréable. Cependant, Monseigneur, j'aime mieux déplaire à Votre Altesse Sérénissime par un recit trop fidèle, que de Lui rien cacher et de L'amuser par des espérances trompeuses.

Votre Altesse Sérénissime voit à cette heure évidemment, quel fond il y a à faire sur l'amitié de la France. Cette couronne, pour en juger sur ce que le Garde des Sceaux m'a dit, n'assistera jamais Votre Altesse Sérénissime, à moins qu'elle n'y trouve son compte, et le mauvais sucès de la négotiation de Heil 1'a tellement rebutée, qu'elle ne prêtera jamais l'oreille a une alliance avec la Cour Russienne, à moins qu'elle ne soit proposée de la part de la Cour Russienne même.

Je puis assurer Votre Altesse Sérénissime, que la démarche, que Heil a fait faire à la France par ses projets mal digérés, l'a piqué extrémement et qu'il sera bien difficile de l'engager à faire quelques efforts en faveur de Votre Altesse Sérénissime. Tout ce que Votre Altesse Sérénissime peut faire à mon avis c'est de tâcher d'être bien avec la Cour Russienne, si Votre Altesse Sérénissime a une fois gagné la Cour Russienne, et que cette cour propose une alliance fort avantageuse a la France, à condition que Votre Altesse Sérénissime y soit comprise, la France se déclarera peut-être pour Votre Altesse Sérénissime; mais sans cela je ne vois point qu'il y ait quelque chose à faire ici; car si je ne suis pas en état de montrer un plein pouvoir de la Cour Russienne, on traitera de chimère tout ce que je pourrai dire d'une alliance avec cette puissance.

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Votre Altesse Sérénissime me pardonnera. la liberté, avec laquelle je Lui parle; c'est une marque du zèle, que j'ai pour Son service, duquel je ferai tout mon possible, de Lui donner des preuves, La suppliant très humblement, d'être persuadée, que si ma négotiation ne réussit point, ce n'est pas ma faute. Je ferai de mon mieux; mais si l'on refuse à m'entendre, si l'on me relance, comme la premiere fois, je ne vois point ce que je puisse faire, et Votre Altesse Sérénissime aura la bonté de m'excuser. Cependant, Monseiqneur, la froide reponse du Garde des Sceaux ne m'empêchera pas de revenir à la charge et de tâcher de me faire écouter, et je prie Votre Altesse Sérénissime de m'honorer bientôt de Ses ordres, afin que je sache ce que j'ai à faire en cas qu'on s'obstine à rejetter mes propositions et si dans ce cas là Votre Altesse Sérénissime veut, que je revienne ou que je reste ici pour en faire d'autres selon l'instruction, qu'Elle me fera la grace de me donner.

Votre Altesse Sérénissime trouvera sur un billet à part une addresse, sous laquelle Elle peut, s'il Lui plait, m'envoyer sûrement Ses ordres.

J'ai l'honneur d'être avec un très profond respect

de Votre Altesse Sérénissime
à Paris
le 23 éme Juin 1736.
le très humble et très
obéissant serviteur
C. L. Liscow.
(Vorstehender Brief ist in Chiffren geschrieben.)

A Son Altesse Séréenissime Monseigneur Charles Leopold Duc regnant de Meclembourg, Prince des Vandales, de Suerin et de Ratzebourg, Comte de Suerin, Seigneur des Pais de Rostock et de Stargard

  à
(L. S.) Wismar.
pr. 4 July 1736.

Auf einem eingelegten Zettel:

A Monsieur
Monsieur Raffou
demeurant au Fauxbourg St. Germain, Rue du Colombier
à l'Aigle noir
  à
(L. S.) Paris.
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Nr. 11.

HochEdler          
Hochzuehrender Herr Bürgermeister.

Ich zweifele nicht, Sie werden glauben, ich sey unterwegens gestorben: Allein ich lebe noch; und befinde mich wohl. Die Ursache warum ich nicht eher geschrieben, ist, daß ich erst den 26 ten Maii zu Paris angekommen, und wegen vieler Verhinderungen nicht eher als den 17 ten Junii im Stande gewesen auszugehen.

Mit vori