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Inhalt:

Jahrbücher

des

Vereins für meklenburgische Geschichte
und Alterthumskunde,

aus

den Arbeiten des Vereins

herausgegeben

von

Dr. G. C. Friedrich Lisch,

großherzoglich meklenburgischem Geheimen Archiv=Rath,
Conservator der geschichtlichen Kunstdenkmäler des Landes, Regierungs=Bibliothekar,
Direktor der großherzoglichen Alterthümer= und Münzen=Sammlungen zu Schwerin,
Ritter des Rothen Adler=, des Nordstern=Ordens, des Dannebrog=Ordens und des Oldenburgischen Haus=Ordens, Inhaber der großherzogl. meklenb. goldenen Verdienst=Medaille und der königl. hannoverschen goldenen Ehren=Medaille für Wissenschaft und Kunst am Bande, der kaiserlich österreichischen und der kaiserlich russischen großen goldenen Verdienst=Medaille für Wissenschaft,
wirklichem Mitgliede der Akademie der Wissenschaften zu Stockholm, correspondirendem Mitgliede der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, der kaiserl. archäologischen Gesellschaft zu St. Petersburg, der kaiserl. Gesellschaft zu Abbeville und der oberlausitz. Gesellschaft der Wissensch. zu Görlitz, Ehrenmitgliede der deutschen Gesellschaft zu Leipzig, wirklichem Mitgliede der archäologischen Gesellschaft zu Moskau und Ehrencorrespondenten der kaiserl. Bibliothek zu St. Petersburg,
Ehrenmitgliede,
der geschichts= und alterthumsforschenden Gesellschaften zu Dresden, Mainz, Hohenleuben, Meiningen, Würzburg, Königsberg, Lüneburg, Emden, Luxemburg, Christiania und Zürich,
correspondirendem Mitgliede
der geschichts= und alterthumsforschenden Gesellschaften zu Lübeck, Hamburg, Kiel, Stettin, Hannover, Halle, Jena, Berlin, Salzwedel, Breslau, Cassel, Regensburg, Kopenhagen, Graz, Reval, Riga, Leyden und Antwerpen
als
erstem Secretair des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde.


Dreiunddreißigster Jahrgang.


Mit 23 Holzschnitten.

Mit angehängten Quartalberichten.
Auf Kosten des Vereins.
Vignette

In Commission in der Stillerschen Hofbuchhandlung.

Schwerin, 1868.

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Gedruckt in der Hofbuchdruckerei von Dr. F. W. Bärensprung.
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Inhaltsanzeige.


A. Jahrbücher für Geschichte. Seite.
I. Ueber Neukloster, Parkow und Sonnenkamp, von dem Geheimen Archiv=Rath Dr. Lisch zu Schwerin 3
Anhang: Der Fluß Tepnitz, von demselben 11
II. Zur Geschichte der Antonius=Präceptorei Tempzin, von demselben 18
1) Das Hospital zu Tempzin 18
2) Die Präceptorei zu Frauenburg in Ermeland 20
III. Ueber E. E. Raths Weinkeller zu Wismar, von dem Dr. Crull zu Wismar 41
IV. Ueber die Stammesverwandtschaft der Familien von Bülow und von Britzkow, von dem Geheimen Archiv=Rath Dr. Lisch 88
V. Ueber das große Ansehen des Klosters Doberan, von demselben 94
VI. Till Eulenspiegel's Grab, von dem Dr. Crull zu Wismar 95
VII. Stammbuch des Gottfried Criwitz, von dem Privatdocenten Dr. Pyl zu Greifswald 96
   Urkunden:
Urkunden des Klosters Tempzin 26
Urkunden des Rathskellers zu Wismar 79
Urkunden über die v. Bülow und v. Britzkow 92
VIII. Vermischte Urkunden 99
Urkunde der neustädtischen Kirche zu Röbel 163
Urkunde der neustädtischen Kirche zu Parchim 165
B. Jahrbücher für Alterthumskunde.
   I. Zur Alterthumskunde im engern Sinne 113
       1) Vorchristliche Zeit 113
          a. Steinzeit 113
             Mecklenburgische Hünengräber 113
                 Mit zwei Holzschnitten.
             Hünengrab von Wozinkel 118
          b. Bronzezeit 123
             Kegelgrab von Wozinkel 123
                 Mit einem Holzschnitt.
             Kegelgrab von Zachow 124
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             Kegelgräber von Slate 129
                 Mit vier Holzschnitten.
             Bronze=Alterthümer von Klues 136
                 Mit einem Holzschnitt.
          c. Eisenzeit 139
               Erste Eisenzeit 139
             Begräbnißplatz von Neu=Stieten 139
                 Mit einem Holzschnitt.
       2) Christliches Mittelalter 146
    II. Zur Baukunde 149
             Christliches Mittelalter. Kirchliche Bauwerke 149
             Die S. Nicolai=Kirche auf der Neustadt Röbel, von dem Geheimen Archiv=Rath Dr. Lisch 149
                 Mit einem Holzschnitt.
             Die S. Marien=Kirche auf der Neustadt Parchim, von demselben 164
   III. Zur Münzkunde 173
             Der Münzfund von Zarnekow, von dem Archiv=Rath Pastor Masch zu Demern 174
             Der Münzfund von Glasow, von dem Geheimen Archiv=Rath Dr. Lisch 184
             Der Münzfund von Schwechow, von dem Archiv=Rath Pastor Masch 188
             Der Münzfund von Schwaberow, von dem Geheimen Archiv=Rath Dr. Lisch 191
             Der Münzfund von Belsch, von demselben 192
    IV. Zur Geschlechter= und Wappenkunde 193
             Wappen der Fürstin Lutgard, von demselben 193
                 Mit zwei Holzschnitten.
             Wappen der Herzogin Katharine, von demselben 197
                 Mit zwei Holzschnitten.
             Siegel des Marschalls Heinrich von Pappenheim, von demselben 198
             Die ältesten Siegel der Familie Voß, von demselben 200
                 Mit acht Holzschnitten.
     V. Zur Naturkunde 205
             Rennthiergeweih von Grapen=Stieten, von demselben 205

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A.

Jahrbücher

für

Geschichte.


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I.

Neukloster,

Parkow und Sonnenkamp,

mit einem Anhange über den Tepnitz-Fluß,

von

G. C. F. Lisch.


D as Cistercienser=Nonnenkloster Neukloster war das älteste und angesehenste Nonnenkloster in Meklenburg. So lange das Wendenvolk noch nicht ganz beruhigt war und die christliche Bildung noch nicht feste Wurzel geschlagen hatte, mochte es gewagt und schwer sein, in dem Lande ein Kloster für Frauen zu errichten und diesen die schwere Sorge für die Milderung des Landes und seiner Bewohner zu übertragen. Zwar war dem Bischofe Berno von Schwerin das Land Bützow unter der Bedingung gegeben, daß er ein Kloster darin gründe, und er hatte auch wirklich "ein Nonnenkloster zu Bützow angefangen; aber wegen des Einfalls der Wenden (wahrscheinlich im J. 1179 nach Pribislavs Tode) und anderer Verhinderungen hatte er das Werk nicht vollbracht"; erst sein Nachfolger Brunward erfüllte die dem Bisthum auferlegte Pflicht und stiftete im J. 1233 das Kloster Rühn 1 ).

Ehe jedoch die Bischofe von Schwerin die Gründung von Nonnenklöstern betrieben, war der Fürst Borwin I., so bald sich die Verhältnisse einigermaßen günstig zu gestalten anfingen, bemühet, den für die damalige Zeit großen Segen eines Cistercienser=Nonnenklosters dem Lande zuzuwenden, wahrscheinlich durch die bedeutende Cistercienser=Abtei Do=


1) Vgl. Jahrb. VIII, S. 2-7.
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beran besonders dazu veranlaßt, welche damals das einzige bestehende Kloster im Lande war. Borwin I. stiftete um das Jahr 1210 das erste Nonnenkloster im Lande.

Bei der Wichtigkeit dieser Stiftung scheint es ein Bedürfniß zu sein, die Hauptereignisse bei der Stiftung und die Oertlichkeiten dieses Klosters zu schildern, und dies gedenke ich hier auszuführen, nachdem ich viele Jahre lang an den betreffenden Orten Forschungen und Beobachtungen angestellt habe. Weitere Darstellungen beabsichtige ich dies Mal nicht.

Um das Jahr 1210 stiftete Borwin I. ein Cistercienser=Nonnenkloster zu Parkow, unmittelbar an den Grenzen der Cistercienser=Abtei Doberan und in der Nähe des festen Ortes Bukow, wo schon früh unter der Pflege eines Pfarrers christliche Bildung Wurzel schlug. Ernst von Kirchberg 1 ) berichtet darüber in seiner meklenburgischen Reimchronik ohne Zweifel aus guten Doberaner Quellen also:

Der furste Hinrich Burwy
lag der cristenheyde by;
dy aptgode künde her stören vast,
ouch stunt dar nach syns synnes mast,
wy her den gelouben merete
vnd vngelouben virserete,
vnd wy her kirchen stichte
mit wirdiglichir phlichte.
In godes dinste gantz virmelt
so buwete her da Sunnevelt
vf eyn stad, waz Clus genant
by Westingenbrucke nahe irkant,
da besaste her daz clostir schire
geistlich mit iungfrowlichir czire;
dy iungfrowen warin gentzlich so
des ordens von Cistercio.
By dem buwe waz vil hart
von Zwerin bischof Brunward
vnd ouch von Doberan alsus
der appid genant Matheus.
Daz closter bleib da gantz virwar
nicht lengir me wan achte iar:
Hinrich Burwy es baz bedachte
vnd iren nutz ouch me betrachte,


1) Vgl. v. Westphalen Mon. ined. IV, cap. CXXI, p. 764 - 765.
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her nam vur yn synen mud,
daz dar der ackir wer nicht gud
vnd legete es an eyne beszir stad,
als es noch begriffen had,
vnd hiez es zu syme rechten nam
daz nuwe clostir sundir scham.
Daz geschach nach godes geburt virwar
czwelfhundirt vnd funf vnd czwenczig iar
Dyse geschicht geschach also
by babist Innocencio,
von Stouf der keysir Frederich
dy wyle hielt daz romische rich.
Waz gudes her yn dar zu gab
vm irer narunge irhab
den clostirn vnd iglichir stad,
dy her da gebuwit had,
ir pryuiley daz sagin
mit warheit sundir vragin.

Das Kloster ward im J. 1219 nach dem jetzigen Neukloster verlegt und hier neu gegründet 1 ). Kirchberg sagt, daß der Fürst Borwin das Kloster Sonnenfeld im Anfange auf einer Stelle bei Westenbrügge, welche Klause (clûs) genannt worden sei, gegründet habe, das Kloster hier aber nicht länger als acht Jahre geblieben sei. Darnach muß die erste Stiftung im J. 1210 oder 1211 angelegt worden sein. - Uebrigens ist die Zeitrechnung Kirchbergs ganz falsch. Er setzt die Verlegung gegen den sichern Inhalt der Original=Urkunden in das Jahr 1225 und die erste Gründung in die Zeit des Abtes Matthäus von Doberan; dieser war aber 1219 - 1225 Abt (vgl. Jahrb. IX, S. 433), regierte also zur Zeit der Verlegung. Alle andern Zeitangaben, welche historischer Schmuck sein sollen, sind ebenfalls verwirrt; denn Papst Innocenz III. (1198-1216) lebte zur Zeit der ersten Gründung, Kaiser Friedrich II. (1215-1250) und Papst Honorius III. (1216-1227) zur Zeit der Verlegung des Klosters. Dennoch sind Kirchbergs sachliche Mittheilungen sehr dankenswerth.

Borwin stiftete dieses Kloster zuerst zu Parkow 2 ) bei Westenbrügge oder bei Neu=Bukow 3 ). In den Bewidmungs=


1) Vgl. Lisch Mekl. Urk. B. II, Urkunden des Klosters Neukloster.
2) Vgl. Lisch Mekl. Urk. II, S. 1, 5, 16.
3) Wahrscheinlich stammen die alten Besitzungen des Klosters in Brunshaupten, Arendsee, Wiechmansdorf und Malpen= (  ...  )
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Urkunden von 1219 und 1235 wird ausdrücklich drei Male "das Dorf Parkow genannt, wo das Kloster Neukloster zuerst gelegen habe":

"villa Parcowe, ubi primo claustrum situm fuit".

Die Stelle, wo das Kloster zu Parkow lag, wird noch heute mit vielen Namen genau bezeichnet. Wenn man von Westenbrügge nach Parkow geht, grade in der Mitte des Weges zwischen beiden Orten und etwa eine Viertelstunde von beiden entfernt, liegt, nahe an der Feldscheide, links am Wege, am Rande eines von dem unten erwähnten Bache durchflossenen lieblichen Buchenholzes, die Stelle des alten Klosters Parkow. Hier liegt eine weite Wiese, das "Rode=Moor" genannt, welche früher, noch nach der Erinnerung alter Leute, ein tiefer Morast gewesen ist. In diesem Morast liegt ein festes, aber nur niedriges Plateau von oblonger Form, welches zu 785 Quadratruthen vermessen ist. Diese Wohnstätte heißt noch heute im Munde des Volkes und auf amtlichen Karten: "Auf dem alten Kloster" und bei manchen Bewohnern ist noch die Sage von dem Kloster in Erinnerung, jedoch immer mehr im Verschwinden, da das Bauerndorf abgebrochen und statt dessen ein Hof auf der Feldmark aufgeführt ist. Durch die Wiese, und weiter durch das Holz, fließt ein Bach, welcher den alten Klosterplatz an beiden Seiten bespült; dieser Bach heißt noch heute der Klosterbach (de klosterbek). An die Wiese stößt eine kleine Anhöhe, welche früher, und auch jetzt noch wohl, der "Sonnenberg" genannt wird, heute aber gewöhnlich Haideberg heißt; dieser Berg (1695 Quadratruthen groß) soll früher der Klostergarten gewesen sein 1 ). Ungefähr 125 Ruthen westlich von dem "Alten Kloster" liegt der Kirchberg, auf der Directorial=Vermessungs=Karte von 1767 "Karck=Berg", 3713 Quadratruthen groß.

Diese Stelle, im Moor, hat ganz den Charakter eines befestigten heidnischen Wohnplatzes, und man könnte denselben für einen fürstlichen heidnischen Burgwall halten, wenn er nicht so sehr niedrig wäre, jedenfalls wird er ein bewohnter Sitz zur Heidenzeit im fürstlichen Eigenthume gewesen und daher zur Stiftung eines Klosters wegegeben sein.


(  ...  ) dorf bei Kröpelin und Neu=Bukow noch aus der ersten Stiftung zu Parkow.
1) Ich habe alle diese Oertlichkeiten selbst untersucht und auch von den Herren Pastor Priester, jetzt Präpositus zu Buchholz, und Pastor Hersen zu Westenbrügge Nachrichten darüber erhalten.
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Es finden sich mitunter, jedoch sehr selten, einzelne heidnische Topfscherben und auch Bruchstücke von alten Ziegeln, und Herr Pastor Priester fand im J. 1843 ein spanförmiges Messer aus Feuerstein; es ist also nicht zu bezweifeln, daß der Ort zur heidnischen Zeit bewohnt gewesen ist.

Mit der Zeit sah aber Fürst Borwin ein, daß "der Acker nicht gut sei und verlegte im J. 1219 das Kloster dahin, wo die Gebäude noch jetzt stehen". Im J. 1219 gründete der Fürst Borwin mit seinen Söhnen Heinrich und Nicolaus und mit Bewilligung seiner Gemahlin Adelheid das Kloster von neuem an einem andern Orte und schenkte demselben von seinem Hauseigenthume das Dorf Kussin, "wo der Ort gegründet ward, welcher von da an Sonnenkamp hieß":

"de nostro patrimonio contulimus villam Cuszin, ubi locus idem fundatus est, qui nunc Campus Solls vocatur",

in einer weiten Lage, an einem großen See und einem kleinen Flusse.

Dieses zweite Kloster ward also das Neue Kloster Sonnenkamp genannt, zuerst lange Zeit hindurch Sonnenkamp, darauf und jetzt allein Neukloster; ein Berg, welcher den jetzigen Hofgarten und die Scheuren berührt und den ganzen Klosterraum beherrscht, heißt der Sonnenberg.

Es ist die Frage, woher diese neue Stiftung den Namen Sonnenkamp (statt Kussin) erhielt. Ich kann nur glauben, daß Sonnenkamp eine Uebersetzung von Parkow ist, und daß, wie das alte Kloster nun, so noch jetzt das "Alte Kloster Parkow" hieß, die neue Stiftung nach der alten das "Neue Kloster Parkow", oder übersetzt Sonnenkamp, genannt ward. Die Sprachwurzel Park- ist in den slavischen Ländern ziemlich verbreitet und kommt dort oft vor, wo auch der deutsche Name Sonne oder der slavische Gegensatz: Schwarz = Czarne erscheint. So heißt die Waldhöhe bei der Stadt Parchim: der Sonnenberg, der Berg bei der Stadt Pirna: der Sonnenstein; so liegen die beiden Orte Parkow und Zarnin bei Bützow und Rühn und das wendische Heiligthum zu Althof bei Doberan liegt nahe bei Parkentin. Durch die offenbare Uebersetzung von Park-ow in Sonnen-kamp kommt man leicht zu der Annahme, daß das Wort Park-: Licht, Sonne, bedeute. Aber in allen alten slavischen Wörterverzeichnissen und nach der übereinstimmenden Versicherung vieler gewiegter slavischer Sprachforscher ist in allen slavischen

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Sprachen diese Sprachwurzel nicht zu finden. Es soll nur das vereinzelt stehende Wort paprschlak, welches Sonnenstrahl bedeutet, entfernt an das Wort park- erinnern. Dagegen soll die Sprachwurzel lettisch sein und pjörûn: Blitz bedeuten und an die östlichen heidnischen Gottheiten Parkun und Perun als Lichtgötter erinnern. - In dem Pommerschen Urkundenbuche I, S. 100, Nr. 40, wird von dem Orte Parcumi gesagt, daß der "Name vielleicht zum polnischen parkan: Plankenzaun, Pfostenzaun" gehöre; man könnte dann annehmen, daß die heiligen Orte der Heiden zugleich befestigt gewesen und davon benannt seien. Aber es liegt nach der Uebersetzung von Parkow in Sonnenkamp doch näher, zu glauben, daß park = Sonne bedeute. Man müßte dann freilich annehmen, daß die Sprachwurzel lettisch sei, oder daß sie, was wahrscheinlicher zu sein scheint, innerhalb der geschichtlichen Zeit als Sachname untergegangen und nur in Ortsnamen erhalten sei, wie sich ja in allen Sprachen vereinzelte Wörter finden, welche außer allem Zusammenhange mit andern stehen und sich etymologisch nicht erklären lassen. Es ist etwas viel verlangt, daß sich grade alle slavischen Wörter etymologisch erklären lassen sollen.

Genug, das neue Kloster von Parkow ward Sonnenkamp genannt und der Name des Ortes Kussin, wo es neu aufgerichtet ward, ging spurlos unter. Es steht nun weiter zur Frage, welche Lage und Bedeutung das Dorf Kussin gehabt habe. Der Ort, wo das Kloster Sonnenkamp immer gestanden hat, und wo noch jetzt die alte Kirche und gegenüber das Kloster=Wirthschaftshaus und eine alte Klosterscheure stehen, also der jetzige Hof Neukloster, wird nicht die Stelle des alten wendischen Dorfes Kussin gewesen sein. Der Ort Kussin hatte gewiß eine besondere Wichtigkeit; der Fürst Borwin sagt in der Stiftungs=Urkunde von Sonnenkamp, daß Kussin zu seinem Erbtheil oder Hausgut (de nostro patrimonio) gehöre, und seine Gemahlin Adelheid giebt ihre Zustimmung zu der Schenkung, vielleicht weil es zu ihrem Leibgedinge gehörte. Der Ort wird also schon zur Wendenzeit eine gewisse Bedeutung gehabt haben, und man ist dadurch veranlaßt daselbst einen wendischen Burgwall in der den alten heidnischen Burgwällen eigenthümlichen Lage zu suchen. Hiernach sieht aber die Klosterstelle Sonnenkamp nicht aus. Zwar liegt das Kloster an der westlichen Seite an dem schmalen und tiefen Flußthale der Tepnitz, und der Hofgarten an der südlichen Seite des

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Hauses liegt auch tief; aber die beiden übrigen Seiten des Ortes bilden festen Boden, der sich weit ins Feld hinaus erstreckt, und der hohe Sonnenberg berührt unmittelbar und beherrscht den Hof und den Ort ganz. Eine Verzweigung des kleinen Tepnitz=Flusses im Dorfe bildet zum Schutze nicht genug Wiesenfläche. So oft ich auch den Ort beobachtet und untersucht habe, so kann ich doch nicht glauben, daß der jetzige Ort Neukloster einen alten wendischen Wohnsitz von Bedeutung gebildet habe, und man kann dies nur mit großem Zwang herausdeuten.

Dagegen liegt unmittelbar bei dem Hofe Neukloster eine Oertlichkeit, welche allen Anforderungen einer großen wendischen Feste vollkommen entspricht. Südlich an den Hof und den Hofgarten grenzt ein großes und nasses Erlenbruch, welches früher sicher ein großer Sumpf gewesen ist. Noch jetzt steht zu sehr nassen Zeiten dieses Bruch unter Wasser. An diesen Sumpf lehnt sich eine große, hohe Halbinsel von leichtem Ackerboden, welche sich in den großen Neuklosterschen See hinein erstreckt und in Ackercultur liegt. Von dem Hofe Neukloster führt zu dieser Halbinsel durch das Erlenbruch ein breiter fester Erddamm und quer durch das Erlenbruch und den Damm geht von See zu See ein breiter, jetzt fast zugewachsener Graben, über welchen einst eine Brücke geführt hat, von welcher noch einige Pfähle vorhanden sind. Durch das Erlenbruch wird die Halbinsel vollständig von dem Festlande des Hofes abgeschieden und gewissermaßen zur Insel gemacht. Die Halbinsel heißt jetzt der Werder und hat einen Flacheninhalt von 12,000 □Ruthen. Dieser Werder hat nun ganz die Lage und Beschaffenheit, welche ein wendischer Burgwall haben muß, und ich glaube, daß hier die Domaine Borwins gestanden hat. Es steht dieser Annahme vielleicht nur entgegen, daß der Raum etwas groß ist; aber es giebt auch andere wendische Burgwälle, welche ähnliche Größe und Lage haben, z. B. der ausgeprägte Burgwall von Teterow und der Burgwall, auf welchem das Kloster Dobbertin steht. Von Befestigungen und alten Erdarbeiten ist freilich auf dem Werder nichts zu sehen und Alterthümer sind schwer zu finden. Ich habe mit aufmerksamer Begleitung bei einer Absuchung nur zwei Scherben von heidnischen Töpfen und zwei Bruchstücke von spanförmigen Feuersteinmessern finden können. Am westlichen Ufer des Sees, zunächst und ganz nahe bei Neukloster, liegt das Dorf Nakensdorf, welches ohne Zweifel von dem wendischen Vasallen Nakon den Namen hat, der

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bei der Stiftung des Klosters Sonnenkamp gegenwärtig war. Bald nach der Stiftung des Klosters kaufte dieses das ihm bequem gelegene Dorf, welches es von dem wendischen Vasallen Woltzic gekauft hatte, und im J. 1231 bestätigten die Fürsten dem Kloster dasselbe. Das jetzt unbedeutende Dorf hatte früher größere Bedeutung, hatte 24 Hufen, eine Kirche, einen Krug und eine Mühle 1 ). Es geht nun die Sage, daß von dem Werder nach dem Dorfe Nakensdorf eine alte Fuhrt durch den See gehe. Wahrscheinlich ist das Dorf Nakensdorf früher zum Schutze dieser Fuhrt als Burglehn angelegt, und der Zugang zum Werder mag eben so leicht über diese Fuhrt, als durch das Erlenbruch gewesen sein.

Wenn nun aller Wahrscheinlichkeit nach der Werder die alte wendische Feste Kussin getragen hat, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß das "Dorf" für die große Masse der Bevölkerung auf dem Festlande vor der Burg an der Stelle des ehemaligen Klosters und jetzigen Hofes gestanden hat.

Dies sind die genau untersuchten und bestimmten Oertlichkeiten des Klosters, welche durch fernere Untersuchungen und Entdeckungen noch in ein helleres Licht gesetzt werden, aber doch schon zur sichern Grundlage für fernere Forschungen dienen können.



1) Vgl. das Heberegister von Neukloster in Lisch Meklb. Urk. II, S. 263.
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Anhang.


Der Fluß Tepnitz.

Nicht ohne Bedeutung ist der kleine Fluß Tepnitz, welcher es wohl verdient, in die Geographie des Landes aufgenommen zu werden. Der Fluß hat einen so ausgeprägten Flußcharakter, ganz ähnlich der Mildenitz, und berührt und bedingt so viele geschichtlich merkwürdige Stellen im Lande, daß es nothwendig ist, ihn endlich in die Geschichte und Geographie Meklenburgs einzuführen.

Der Ursprung der Tepnitz ist schwierig zu bestimmen 1 ). Höchst wahrscheinlich hat dieser Fluß seine Entstehung in dem sogenannten Tützer Moor auf der Feldmark Teplitz (von tepl = warm), deren Name sprachlich mit dem Flußnamen zusammenhangen wird, am südlichen Abhange des mächtigen Landrückens bei Mulsow. Dieses Moor, dessen Oberfläche mit dem daran grenzenden Antheile wohl an 16 bis 18000 □Ruthen groß ist, ist ohne Zweifel in uralter Zeit ein großes und tiefes Gewässer gewesen, da es nach Untersuchungen am Rande über 16 Fuß tief ist. Oestlich von diesem Moor bildet sich eine freilich unbedeutende Wasserscheide, an welcher der vor fast einem halben Jahrhundert abgelassene Tützer See auf der Feldmark Tützen lag, dessen Gefälle nach Norden hin sinkt. Das Tützer Moor fällt dagegen nach Süden ab und hat auch mit wenig Ausnahmen seinen Abfluß nach dieser Richtung bis Neukloster hin. In den ältesten Zeiten mögen bei höherm Wasserstande das Tützer Moor und der Tützer See eine zusammenhangende Wasserfläche gebildet haben. Das ganze Becken wird, namentlich im Norden und Westen, von einer zusammenhangenden Berghöhe umsäumt.


1) Ich verdanke diese genaue Untersuchung und Beschreibung der Tepnitz=Quellen bis S. 13 dem Herrn Förster Priester zu Züsow.
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Diese südliche Abflußrinne vom Tützer Moor läuft ohne wesentliches Gefälle und nur an einzelnen Stellen ein ursprüngliches, leichtes Flußbette bezeichnend in der Scheide zwischen Teplitz und Poischendorf und weiter abwärts zwischen dem Teplitzer Gehege der Züsower Forst und einem hohen Berge über die Feldmark Pinnowhof. Dann tritt das Bette in das Teplitzer Waldgehege, wo das Wasser ein altes Flußbette von theilweise 18 Fuß Tiefe und mehr als 50 Fuß Breite gewaltsam durchgebrochen und mit Steingerölle gefüllt hat. Nach einem Laufe von ungefähr 60 Ruthen mündet das Bette noch einmal nach der Pinnowhöfer Feldmark aus, wo das Flußbette auf etwa 40 Ruthen Länge gänzlich verschwindet. Dann erscheint am Scharfenberge ein neues Bette, welches mit mächtigem Steingerölle gefüllt, auf 40 Ruthen Länge zum Theil eine Tiefe von 20 bis 25 Fuß und eine Breite von 70 bis 80 Fuß hat. Von hier nimmt das Wasser seinen Lauf durch mehrere Wiesen und durch ein weites Thal in südlicher Richtung quer über die Feldmark Pinnowhof und wendet sich am Schünberge noch ein Mal gegen den Züsower Wald. Hier trägt das kleine Wasser zum ersten Male einen Namen : "Steinigbek". Vom Schünberge läuft der kleine Bach, der im Sommer nur wenig Wasser führt, am Züsower Walde unmittelbar an der Feldmark von Pinnowhof bis zur Scheide von Pernik hinab, nimmt jedoch vorher neben Pinnowhof zwei unbedeutende Wasserläufe auf, welche ebenfalls nur in der nassen Jahreszeit Wasser enthalten, von denen der eine unmittelbar von Pinnowhof, der andere aus dem Züsower Walde kommt. Das Gewässer verdient eigentlich erst von der Mitte der Feldmark Pinnowhof den Namen eines kleinen Baches, da der obere Theil bis zum Tützer Moor hinauf in der wärmern Jahreszeit jetzt austrocknet. Außerdem kommt von der Feldmark Teplitz noch ein zweites, nicht ganz unbedeutendes Flußbett mit großer Einsenkung und vielem Steingerölle, welches sich quer durch das Teplitzer Gehege zum Pinnowhöfer Felde hinter dem sogenannten Hohenberge hinunterzieht und sich hier an der Nesselwiese mit dem vom Tützer Moor herabkommenden Wasserlaufe vereinigt; aber auch diese Flußrinne hat nur im Frühling und bei anhaltendem Regenwetter Wasser. Diese Wasserläufe und Rinnen haben wohl zu der in jenen Gegenden verbreiteten, aber irrigen Ansicht geführt, daß die Tepnitz von Pinnowhof herabkomme. Jedoch ist es gewiß, daß keiner der bisher genannten kleinen Wasserläufe aus einer bestimmten, jetzt noch nachzuweisenden Quelle ent=

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springt und keiner sich so weit hinaufführen läßt, als der Wasserlauf aus dem Tützer Moor. Von der Einmündung der verschiedenen Wasserrinnen bei Pinnowhof bis zur Scheide von Pernik wird nun der kleine Wasserlauf, der hier jedenfalls schon bachartig erscheint und niemals ganz austrocknet, der Perniker Bach genannt. Weiter abwärts zwischen den Feldmarken Pernik und Neuhof, welche auch noch Wasser zuführen, und durch die Feldmark von Neukloster bis zum Langen Teiche vor Neukloster wird der Bach die "Bukower Bek" genannt.

Bei Neukloster wird der Bach, welcher hier die "Bek" (Bach), auch "Mühlbach" heißt, zum ersten Male von Bedeutung. Dicht vor dem Orte Neukloster bildet er den "Langen Teich", eine künstliche Ausgrabung und Aufstauung, welcher am Ausflusse eine Wehr und Aalkiste hat, und fließt dann in munterm, gekrümmtem Laufe mit klarem Wasser durch den Ort und weiter abwärts dicht an dem ehemaligen Kloster vorbei, wo er seit alter Zeit zwei Mühlen, jetzt eine Korn= und eine Oelmühle, treibt. Darauf fließt er dicht hinter dem Kloster in die nordwestliche Bucht des Neuklosterschen Sees. - Daneben fließt in den See ein kleinerer Bach, welcher das Wasser von Rügkamp herunter führt, und zwischen diesem und der Tepnitz das Freiwasser der Mühlen; über beide führen Brücken vor Neukloster. - In die nordöstliche Bucht des Neuklosterschen Sees ergießt sich ein anderer kleiner, munterer Bach, die "Klâs=Bek" genannt, der von der Perniker Waldung herunter kommt, vielleicht von dem Dorffelde Brizelaz, welches neben Pernik nur im J. 1235 genannt wird (vgl. Lisch Mekl. Urk. II, S. 17, Nr. 8).

Aus dem Neuklosterschen See tritt an der Südostspitze desselben das Gewässer als ein kleiner Fluß. Hier treibt er bald eine Mühle, die Neue Mühle, welche in anmuthigem Waldgrunde gelegen schon von dem Kloster Neukloster angelegt ward und bereits im J. 1272 genannt und wohl vor dem J. 1260 gegründet sein wird. Von hier abwärts bis in den Gr. Wariner See erscheint das Gewässer als ein lieblicher Fluß mit ausgeprägtem Charakter. Waldhöhen bilden ein weites, angenehmes Thal, das von ausgedehnten, saftigen und frischen Wiesen gefüllt wird, durch welche in Schlangenwindungen der Fluß munter und hell fortrieselt. Auf dieser Strecke wird das Gewässer als Fluß, wenn auch nicht als schiffbarer, anerkannt und mit dem Namen Tepnitz belegt. Im Durchschnitt fließt die Tepnitz fast immer durch

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ein weites Thal mit hohen, oft bewaldeten Ufern oder durch Seen, und mag in alten Zeiten viel größere Wassermassen geführt haben. Sowohl im Munde des Volkes, als auch auf den Karten und in den Acten führt nach genauen Erkundigungen der Fluß allgemein in alter Zeit und noch heute immer und nur den Namen Tepnitz. Die Waldhöhe auf der Wariner Seite heißt auf allen Karten der "Tepnitz=Berg". Und unter diesem Namen Tepnitz ist der Fluß seit uralter Zeit bekannt und gewissermaßen berühmt, indem er hier die Grenze zwischen dem Bisthum Schwerin und dem Kloster Neukloster, und später zwischen der ehemaligen bischöflichen Stadt Warin und dem an Schweden 1648 abgetretenen Amte Neukloster bildet. Daher heißen die auf der Neuklosterschen Seite stehenden Tannen bei Kl. Warin noch heute die Schweden=Tannen. Als am 27. März 1232 die Grenzen des bischöflich=schwerinschen Landes Bützow und Warin festgesetzt wurden, ward bestimmt 1 ):

"daß die Scheide des Landes diese sein solle: vom See Warin bis ins Wasser Tyepenizha, da es in den See läuft, damach in's Bächlein Studieno und folgends u. s. w. - - in den See Duzcin" (Gr. Tessin).

Der Bach Studieno ist unter diesem Namen nicht mehr bekannt, aber auf dem Wege von der Stadt Warin nach Neukloster am linken Ufer der Tepnitz mündet von Osten (von Pennewit) her durch ein weites Thal in den Fluß ein kleiner Bach, über welchen eine Brücke führt, welche noch heute wohl als die Grenze mit "Schweden" bezeichnet wird; dies wird das Bächlein Studieno sein. Das Feld am linken Tepnitz=Ufer bis gegen die Brücke gehörte in den ältesten Zeiten zu der bischöflichen Burg Warin, ward aber nach der Gründung der bischöflichen Stadt Warin zu der Feldmark derselben gelegt.

Von der andern Seite, an der Grenze des Dorfes Kl. Warin, wird der Fluß Tepnitz auch schon in alter Zeit genannt. Das Kloster Neukloster hatte schon vor dem Jahre 1260 das Dorf Kl. Warin gekauft. Bei dem Ankaufe des Dorfes war am 1. Juni 1260 2 ) zwischen dem Kloster Neukloster und dem Bischofe von Schwerin der Vertrag geschlossen,

"daß der an das Dorf Kl. Warin stoßende Theil


1) Vgl. Lisch Mekl. Urk. III, S. 79.
2) Vgl. Lisch Mekl. Urk. II, S. 34.
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des Gr. Wariner Sees und der Fluß Tepenitz, so weit dieser des Klosters und des Bischofs Grenzen berührte" (also der untere Theil bis zum Gr. Wariner See), "dem Bifchofe von Schwerin gehören, daß aber keiner der beiden Theile eine Mühle außer den schon stehenden anlegen solle",

worunter ohne Zweifel die Neue Mühle bei der jetzigen Stadt Warin zu verstehen ist:

"(prepositus Noui Claustri) partem stagni eidem ville adiacentis et partem fluuii Tepenitz, prout sua et nostra disterminatio extenditur, -- (episcopo) totaliter dimisit".

In dieser urkundlichen Nachricht, welche die oben angeführte vom J. 1232 ergänzt, wird die Tepnitz ausdrücklich mit Namen und ein Fluß genannt.

Nach diesem Laufe fließt die Tepnitz in den Gr. Wariner See auf dessen Ostufer, tritt aus demselben noch vor der Stadt Warin und treibt innerhalb derselben die Mühle, in einer malerischen Lage. Dann geht sie dicht bei der ehemaligen bischöflichen Burg Warin (dem jetzigen Domanial=Amte) vorbei und fließt bald unterhalb derselben in den Glam=See 1 ) bei Warin.

Von hier geht der Fluß durch ein kurzes, weites Thal, durchschneidet nahe vor Blankenberg die hier überbrückte Eisenbahn, ergießt sich dicht an der Eisenbahn in den Tempziner See auf dem Ostufer und fließt durch denselben und aus demselben bei dem Antoniuskloster Tempzin vorüber. Am 7. Juni 1222 stiftete 2 ) der Fürst Borwin mit seinen Söhnen und seiner Gemahlin Adelheid auch das Antoniuskloster auf dem Hofe Tunischin an dem Wasser Tepnitz:

"curiam Tunischin - - ad aquam, que dicitur Tepenice, cum omni prefate aque iure".

Da der Name Antonius plattdeutsch in Tönnies oder Tönnings umgewandelt wird, und die Brüder, Schweine, Höfe etc. . des Klosters: Tönniesbröder, Tönniesfarken, Tönnieshof u. s. w. genannt wurden, so erhielt auch die Tepenitz bei Tempzin und auch noch weiter hinauf oberhalb des Tempziner Sees mit der Zeit den Namen Tönnies=Bek oder Tönnings=Bek (Antonius=Bach), und diesen Namen trägt die Tepnitz hier auch noch.


1) Glam, im Polnischen glamboki im Wendischen häufig glambek, heißt: tief; vgl. Cod. Pomer. S. 295; z. B. glambike luog: tiefes Moor.
2) Vergl. Mekl. Urk.-Buch I.
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Bald darauf fließt die Tepnitz 1 ) schon in ansehnlichem Bette durch die Stadt Brüel und treibt die Mühle daselbst. Von Brüel ab führt der Fluß nur den Namen Mühlbach. Nachdem er unterhalb Brüel den Radebach aufgenommen hat, fließt er zwischen Sülten und Weitendorf an der linken Seite in die Warnow, nicht weit von dem Einflusse des ähnlichen Mildenitz=Flusses an der rechten Seite der Warnow. Unmittelbar vor seiner Mündung hat die Tepnitz noch eine sehr hübsche Thalbildung.

Dies ist der Lauf des kleinen Flusses, welcher drei großen geistlichen Stiftungen (Neukloster, Warin, Tempzin) und zwei Städten (Warin und Brüel) das Dasein gegeben hat und Leben geben hilft.



1) Die Tepnitz nimmt seitwärt auch einige kleinere Gewässer auf. So z. B. fällt rechts unterhalb Zahrenstorf ein Bach, auch durch Thalbildung bemerkbar, welcher aus dem See von Bibow kommt, in die Tepnitz.
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Volkssage von Züsow.

Der Herr Förster Priester zu Züsow, dessen Familie schon beinahe hundert Jahre in Züsow wohnt, theilt eine wohl mit dem Kloster Neukloster zusammenhangende Sage mit, welche seinem Großvater beim Antritt seines Dienstes von alten Leuten als allgemein bekannt erzählt und von diesem wieder dem Herrn Priester überliefert ist.

"Als das Dorf Züsow erbauet werden sollte, konnte man darüber nicht einig werden, wie es heißen solle. Es zogen also mehrere Mönche in Procession in den Wald und kehrten mit der Nachricht zurück, daß ihnen im Walde ein Engel in Gestalt eines Frauenzimmers erschienen sei, welcher sich auf einen Stein herabgesenkt und auf demselben, auf einem Fuße stehend, einen Augenblick verweilt, dann aber sich wieder erhoben, den Stein betrachtet und laut ausgerufen habe:

"Züso, Züso, Züso"

(plattdeutsche Volksaussprache: ßüso, für: sieh so.) "Nachdem die Erscheinung verschwunden war, betrachteten die Mönche den Stein und erblickten darauf eine frisch eingetretene Frauenspur; sie betrachteten dies also als ein Zeichen vom Himmel, daß das Dorf Züsow heißen solle. Dies ward auch augenblicklich vom Volke angenommen. Und die Geschichte muß wahr sein, denn das Dorf heißt noch heute Züsow; und was das Merkwürdigste ist, der alte Stein mit der deutlichen Frauenspur (von einem Schuh mit hohem und spitzem Absatze) liegt noch heute auf derselben Stelle und heißt der Frauenstein, ein in der Nähe befindlicher Berg aber der Frauenberg".

Vignette
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II.

Zur

Geschichte der Antonius=Präceptorei

Tempzin

von

G. C. F. Lisch.


1. Das Hospital zu Tempzin.

D as Antonius=Kloster Tempzin war wesentlich ein Hospital zur Aufnahme und Pflege solcher Menschen, welche an gefährlichen Krankheiten litten. Das Kloster war ursprünglich eine Abzweigung der Präceptorei zu Grünberg in Hessen, welche ein Tochterkloster des Mutterklosters zu Vienne war. Die Reliquien der Gebeine des Heiligen Antonius des Einsiedlers, welche in die Kirche St. Didier la Mothe im Sprengel von Vienne in der Dauphiné kamen, gelangten bald zu dem Rufe wunderthätiger Heilkraft, und daher zogen zahlreiche Scharen kranker und frommer Wallfahrer aus allen Gegenden nach diesem Orte. Bei diesem großen Zudrange ward 1095 die Hospitalbrüderschaft des Heil. Antonius zur Pflege der Kranken bei den Reliquien gestiftet; im J. 1218 wurden die Hospitalbrüder zu Klostergeistlichen, indem sie die drei Ordensgelübde ablegten. Seit dieser Zeit stifteten sie viele Tochterklöster. Im J. 1297 erhielten sie die Verfassung regulirter Chorherren.

Das Filial zu Tempzin ward schon im J. 1222 gestiftet zu einer Zeit, als die ersten ernsthaften Anstalten zur Germanisirung der meklenburgischen Lande gemacht wurden

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Die Grundzüge der Geschichte des Stiftes sind in den Jahrbüchern XV, S. 150 aus urkundlichen Quellen entwickelt.

Es konnte nicht fehlen, daß die Präceptorei Tempzin durch die rastlose Verfolgung ihrer Zwecke zum Besitze mancher Heil= und Linderungsmittel und zu großem Ansehen gelangte. Und doch ist über das besondere Wirken derselben bisher nichts Genaueres bekannt geworden. Jedoch berichteten die Brüder der Präceptorei im J. 1479, daß "die Wunder des Heil. Antonius an dem Volke im Lande Meklenburg sich häufig offenbarten", und im J. 1507 bezeugte der Bischof Martin von Camin, daß das Kloster "besondere Heilmittel" ("singularia corporum remedia") besitze (vgl. Jahrb. a. a. O. S. 215 und 225).

Ein einzelner Fall läßt sich jedoch urkundlich beglaubigen und öffnet eine Einsicht in die inneren Verhältnisse des Klosters. Von allen gefährlichen Krankheiten war es besonders das unter dem Namen des "Heiligen Feuers" oder "höllischen Feuers" ("gehennalis ignis") im 11. und 12. Jahrhundert durch ganz Frankreich verbreitete Leiden, gegen welches die Wunderkraft der Reliquien des Heil. Antonius das wirksamste Heilmittel sein sollte, daher es auch den Namen "Antoniusfeuer" hatte. Die Krankheit, in welcher die Beine abstarben und gewissermaßen "verbrannten", erhielt sich noch bis in das 16. Jahrhundert. Der Bischof von Camin sagte noch im J. 1507 in der erwähnten Urkunde, daß die "armen Schwachen, Siechen und mit dem Heiligen Feuer Behafteten ("iehennali igne cruciati") durch die Verdienste des Heiligen Antonius täglich Heilung erlangten".

Grade zu derselben Zeit kommt ein besonderer Fall in Tempzin vor, und dies scheint auch der einzige zu sein, der erhalten ist. Im Anfange des 16. Jahrhunderts lebte in Plau eine Wittwe Elisabeth Gühlke, welche einen Sohn Hans Gühlke hatte, welcher im zwölften Jahre seines Lebens von dem Heiligen Feuer ("sacro iehennali igne") am ganzen Leibe so heftig ergrissen ward, daß jedermann an der Erhaltung seines Lebens völlig zweifelte. Der Sohn starb aber nicht. Nach vier Jahren übergab die Mutter am 16. Nov. 1502 zu Tempzin ihn, der sehr geschwächt war, im 16. Jahre seines Alters "dem heiligen Meister Antonius zu Tempzin", mit der Verpflichtung, daß er nach völliger Wiederherstellung als Klosterbruder auf Lebenszeit im Kloster bleiben solle 1 ).


1) Vgl. Urkunde Nr. 1.
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Die Uebergabe des Sohnes durch die Mutter im J. 1502 geschah zu Tempzin im "neuen Hause" ("in aestuario novo"). Dies ist ohne Zweifel das noch stehende Klostergebäude, welches im J. 1496 durch den Präceptor Berthold Ponnick in den Ringmauern vollendet ward (vgl. Jahresber. III, S. 158).

2. Die Präceptorei zu Frauenburg.

Die Antonius=Präceptorei Tempzin hatte, so viel bis jetzt bekannt geworden ist, drei Filialklöster: zu Mohrkirchen in Schleswig, zu Frauenburg in Ermeland und zu Lennewarden in Livland, welche durch geschichtliche Darstellungen in den Jahrbüchern XV, 1850, S. 157 flgd. entdeckt und erforscht sind. Von der Präceptorei in Frauenburg war aber nicht viel mehr als der Name bekannt und die Thatsache, daß von dort die Präceptorei Lennewarden gegründet ward. In den neuesten Zeiten hat aber der Herr Geheime=Regierungsrath v. Quast, Conservator der Kunstdenkmäler Preußens, unser correspondirendes Mitglied, welcher persönlich in Frauenburg geforscht hat, in seinen "Bauwerken des preußischen Staates", Band I, Heft 2, 1862, S. 25, nach urkundlichen Mittheilungen aus dem Dom=Capitel=Archive zu Frauenburg durch den eifrigen Geschichtsforscher Ermelands Herrn Dom=Vikar Wölky die kurze Geschichte der Präceptorei zu Frauenburg in allgemeinen Umrissen klarer feststellen und in Folge dessen die Verbindung des meklenburgischen Vereins mit dem ermeländischen Geschichtsvereine einleiten können. Die Frucht dieser Verbindung hat zur Folge gehabt, daß der Herr Dom=Vikar Wölky sämmtliche noch vorhandene Urkunden der Präceptorei zu Frauenburg in sichern Abschriften unserem Vereine zum Geschenke gemacht hat. In Grundlage dieser Urkunden und anderer Nachrichten läßt sich jetzt die Geschichte dieser Präceptorei genau darstellen. Einige sonst nicht bekannte Nachrichten giebt: "Thomae Treteri can. Warm. de episcopatu et episcopis eccles. Warm. opus posthumum. Cracoviae, 1585", p. 71 und 80.

Die Stiftung der Präceptorei zu Frauenburg geschah im J. 1507 durch den verdienstvollen Präceptor Johannes Kran von Tempzin (1500-1518, † 1524), den Erbauer der noch stehenden großen Kirche zu Tempzin (vgl.

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Jahrb. XV, S. 155 flgd.) "Die bischöfliche Stadt Frauenburg mit dem bischöflichen Dome blieb stets unbedeutend. Erst spät finden wir hier eine klösterliche Stiftung, indem der ermeländische Bischof Lucas Watzelrode (1489-1512) im Anfange des 16. Jahrh. hier ein Antoniuskloster stiftete". Als thätiger Vermittler wird der ermeländische Weihbischof Johann (Johannes episcopus Symbaliensis 1 ) genannt. Johann, von dessen sonstigen Verhältnissen nichts bekannt geworden ist, war der erste bekannte Weihbischof in Ermeland, seit 1499 mit der lebenslänglichen Pfründe des Dorfes Proffitten; er war zugleich Pfarrer zu Kiwitten und starb hier in dem hohen Alter von 94 Jahren am 17. Dec. 1532 2 ). Es wird ausdrücklich berichtet, daß der Weihbischof Johann im Auftrage des Bischofs das Antoniter=Kloster zu Frauenburg eingerichtet habe 3 ), und man vermuthet, daß er selbst ein Antoniter 4 ) war. Der Bischof Lucas wollte das ihm übergebene Volk sowohl von Irrthümern und Aberglauben, als auch von leiblichen Krankheiten und Seuchen nach Kräften befreien und rief deshalb Antoniusbrüder als die tauglichsten Werkzeuge zur Erreichung dieses Zweckes in das Land, da er selbst dem Heil. Antonius ergeben war. Deshalb lehnte er auch die neue Stiftung an das schon bestehende, von einem Propst regierte Heilige Geist=Hospital vor der Stadt an, welches der Dompropst Arnold von Datteln vor dem J. 1456 erbauet hatte 5 ). Der Präceptor Johann Kran 6 ) ging daher mit drei Brüdern des Ordenshauses zu Tempzin, nämlich Ludolph von Barth, Jacob von Bützow und Bernhard von Halberstadt, am Ende des Winters 1507 nach Frauenburg; zu ihnen stieß in Preußen Matthäus von Königsberg. Sie werden die Reise zur


1) Im J. 1472 war " Michael episcopus Simbaliensis" Weihbischof des Bischofs von Schwerin. Schröder P. M. II, p. 2239.
2) Vgl. die Weihbischöfe Ermelands, vom Domcapitular Dr. Eichhorn, in der Zeitschrift des Vereins für Geschichte Ermelands, Heft VII, 1864, S. 140 flgd.
3) Vgl. Th. Treter p. 71, 80, 114 und M. L. Treter p. 70.
4) Am 25. Junii 1490 beglaubigte in dem hessischen Mutterkloster Grünberg bei dem dortigen Präceptor der Notar "Gregorius Clette clericus Warmiensis diocesis" die Tempziner Stiftungsurkunde vom J. 1222, woraus sich vielleicht auf eine frühe Verbindung Ermelands mit den Antonitern schließen läßt.
5) Nach einer Urkunde vom 14. Julii 1456: "quod edificavi".
6) In der Urkunde vom 17. Mai 1507 nennt sich Johannes Kraen "domarum in Temptzyn et Moerker (Mohrkirchen) preceptor generalis".
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See gemacht haben, da berichtet 1 ) wird, daß der Bischof vom Ordenspräceptor "in Wismar sechs Brüder erhalten habe, unter ihnen drei sehr fromme Männer". Die in der Urkunde nicht genannten Brüder von den sechsen werden Laienbrüder oder Novizen gewesen sein. Wenn die Annahme der Brüder in Wismar geschah, so kann darunter nur der Ort ihrer Einschiffung verstanden werden, da ihnen der Hafen von Wismar nahe lag.

Am 7. April 1507 führte der Bischof Lucas von Ermeland in Gegenwart seines Domcapitels die Brüder zu Frauenburg ein und überwies ihnen das Heil. Geist=Hospital mit den dazu gehörenden Gütern, nämlich 10 1/2 Hufen im Dorfe Glanden und 8 Hufen im Dorfe Ravusen, beide bei der Stadt Mehlsack, ferner 16 Hufen im Dorfe Heinrichsdorf und 5 1/2 Hufen im Dorfe Vierzighuben, bei der Stadt Frauenburg. Der Bischof behielt sich jedoch die "Superiorität" und die Billigung der jedesmaligen Präceptorwahl vor, ohne die Rechte und die Aufsicht des Präceptors zu Tempzin zu beschränken. Jedoch ward ausdrücklich bedungen, daß, wenn die Brüder der neuen Präceptorei in ungeistlichem Leben erfunden würden, der Bischof die Macht haben solle, die Brüder wegzujagen und das Hospital wieder an sich zu nehmen 2 ). Am 17. Mai 1507 nahm der Präceptor Johann Kran in der bischöflichen Residenz Heilsberg die Schenkung von dem Bischofe an und verpflichtete sich eidlich zur Haltung der vorgeschriebenen Bedingungen 2 .

Als erster Präceptor von Frauenburg ward Ludolph von Barth erwählt und bestätigt.

Die junge Stiftung, welche auch von dem Papste bestätigt ward, machte in den ersten Zeiten ihres Bestehens gute Fortschritte, da die Brüder sich als fromm und tüchtig bewiesen.

Da die Brüder Mangel litten, so schenkte ihnen der Bischof Lucas am 5. Dec. 1510 das bischöfliche Gut Rosenort mit der dazu gehörenden Fischerei im Frischen Haf 3 )

Der Bischof Lucas starb im J. 1512. Sein Nachfolger, der Bischof Fabian von Lossainen (1512-1523), wandte Anfangs der Stiftung auch seine Gunst zu, indem er derselben noch 12 Hufen in Heinrichsdorf schenkte 4 ).


1) Vgl. Th. Treter p. 71 und 80.
2) Vgl. Urkunde Nr. 2.
2) Vgl. Urkunde Nr. 2.
3) Vgl. Urkunde Nr. 3.
4) Vgl. Urkunde Nr. 4.
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Das Ansehen der "frommen Brüder" war so bedeutend, daß der Erzbischof Jaspar von Riga im J. 1514 eine neue Präceptorei zu Lennewarden in Livland stiftete und dazu den bisherigen Frauenburger Präceptor Ludolph von Barth mit einigen Frauenburger Brüdern berief. Der Tempziner Präceptor Johann Kran sandte zur Annahme der Güter den Bruder Marquard Stoltenberg. Am 18. Junii 1514 setzte der Erzbischof den bisherigen Präceptor ("preceptorem quondam") von Frauenburg Ludolph von Barth in den Besitz der ausgesetzten Güter und am 18. Aug. 1514 nahm der Tempziner Bevollmächtigte dieselben ungefähr unter denselben Bedingungen an, unter denen die Frauenburger Präceptorei ihre Güter erhalten hatte 1 ).

Der folgende, zweite Präceptor zu Frauenburg ward Petrus.

"Nach dem Weggange der frommen Brüder nach Lennewarden kamen aber andere dahin, welche völlig anders waren". Sie fielen bald in den Verdacht der Ketzerei. "Der Bischof Fabian wollte sie daher, kraft seiner Superiorität, visitiren; sie aber wollten sich dem nicht unterwerfen und entflohen vorher 2 ), oder sie wurden weggejagt" 3 ). Nach anderen Nachrichten standen sie mit dem Hochmeister Albrecht von Preußen in Verbindung, als dieser 1520 die Stadt Frauenburg und die Domherrenhöfe daselbst verbrannte, das Antonius=Hospital aber verschonte 4 ). Diese letztere Angabe wird jedoch nicht richtig sein, da der Antoniterconvent in Frauenburg schon im J. 1519 aufgehoben ward.

Der ausgezeichnete Tempziner Präceptor Johann Kran legte im J. 1518 sein Amt nieder und ihm folgte in der Würde Johann Wellendorf (1518-1529).

In dem Antoniushause zu Frauenburg waren außer dem Präceptor Petrus nur zwei Brüder, Hieronymus Naker und Christian Krüger, geblieben. Da starb im Sommer 1519 der Präceptor und hinterließ die Präceptorei mit so viel Schulden beschwert, daß weder die Brüder ernährt, noch die Armen und Kranken unterhalten werden konnten,


1) Vgl. Jahrb. XV, S. 158 und 227-233.
2) Vgl. Treter a. a. O.
3) Hartknoch Selectae dissertationes histor. de variis rebus Prussicis 1679, p. 245.
4) "Magister misit suos milites Varmiam (Frauenburg), qui oppidum et curias canonicorum incenderunt et exusserunt, Antonianorum hospitali excepto, qui in verba magistri juraverant". Treter p. 80.
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wie sie angaben. Daher gingen die beiden letzten Brüder nach Braunsberg und gaben hier im Sinne der Stiftungsurkunde am 8. Aug. 1519 vor dem Bischofe und den Domherren das Hospital und dessen Güter in die Hände des Bischofs zurück 1 ).

Hiemit war die Antonius=Präceptorei zu Frauenburg nach einem Leben von zwölf Jahren abgestorben.

Aber erst sieben Jahre später ward die Präceptorei zu Grabe getragen. Das Regiment in Tempzin muß auch schon sehr schlaff gewesen sein. Denn erst am 1. Aug. 1526 bevollmächtigte der Tempziner Präceptor Johann Wellendorf die Brüder Gregorius Dethleui, welcher später (1529-1552) Wellendorfs Nachfolger und letzter Präceptor zu Tempzin ward, und Siegfried Bunth, alle beweglichen und unbeweglichen Güter, welche die Brüder zu Frauenburg hinterlassen, zu verkaufen, oder sonst nach ihrer besten Einsicht zu handeln 2 ). Zu dem Verkaufe der unbeweglichen Güter hatte aber die Präceptorei Tempzin nach der Stiftungsurkunde kein Recht, auch waren dieselben schon im J. 1519 in den Besitz des Bischofs zurückgegangen. Daher verglichen sich am 7. Sept. 1526 zu Frauenburg die Tempziner Gesandten mit dem Domcapitel von Ermeland auf folgende Weise 3 ). Den Gesandten wurden alle beweglichen Güter, Kirchengeräthe, Bücher und Hausgeräthe, welche erweislich dem ehemaligen Antoniter=Convent gehört hatten, zurückgegeben; dagegen traten sie alle beweglichen Güter, z. B. Kleinodien, Betten und Hausgeräthe, welche dem Hospital gehörten, dem Dom=Capitel ab. Ferner entsagten die Gesandten allen Ansprüchen an das Hospital und die dazu gehörenden liegenden Güter, namentlich an das dem Hospital während der Zeit der Präceptorei geschenkte Gut Rosenort. Auch versprachen sie, alle Urkunden auszuliefern; diese sind in der Vergleichsurkunde aufgezählt und dieselben, welche in der vorstehenden Abhandlung erwähnt sind, mit Ausnahme der päpstlichen Bestätigungsbulle, von welcher keine Spur mehr vorhanden zu sein scheint.

Hiermit hört jede Nachricht von dieser Antonius=Präceptorei auf. In der Vergleichsurkunde vom 7. Sept. 1526 wird noch das "Hospital und Haus der Antoniter in Frauenburg" dem Namen nach genannt. Aber die Präceptorei ist sicher nie wieder aufgerichtet. Der Herr Dom=Vicar Wölky


1) Vgl. Urkunde Nr. 5.
2) Vgl. Urkunde Nr. 6.
3) Vgl. Urkunde Nr. 7.
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berichtet brieflich, daß mit dem Vergleich vom J. 1526 die Urkunden der Präceptorei völlig abschließen und daß die von v. Quast a. a. O. S. 25 mitgetheilte Nachricht von dem "Verkauf der Güter im J. 1537" auf einem Irrthume beruhe, da die Mittheilung an v. Quast aus dem Gedächtniß gemacht sei. Und wirklich läßt sich auch nicht mehr erwarten, da der Wortlaut der Urkunde vom 7. Sept. 1526 einen völligen Abschluß giebt.


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Urkunden des Klosters Tempzin.


Nr. 1.

Elisabeth, Wittwe des Bürgers Heine Gühlke zu Plau, übergiebt ihren an dem Heiligen= oder Antonius=Feuer erkrankten Sohn der Antonius=Präceptorei Tempzin auf dessen Lebenszeit.

D. d. Tempzin. 1502. Nov. 16.

In nomine domini. Amen. Anno a natiuitate eiusdem millesimo quingentesimo secundo, indictione quinta, pontificatus sanctissimi in Christo patris et domini nostri domini Alexandri diuina prouidentia pape sexti anno eius vndecimo, die vero Mercurii decima sexta mensis Nouembris, hora tertiarum uel quasi, in domo habitationis venerabilis viri domini magistri Johannis Kraen, curie siue domus sancti Anthonii in Temptzyn preceptoris, in estuario nouo eiusdem preceptorie, in mei notarii publici nominis subscripti testiumque infrascriptorum presentia personaliter constituta quedam Elizabet, legitima contoralis cuiusdam pie defuncti opidani opidi Plaghe nomine Heyne Ghuleken, alta et intelligibili voce recognouit sua sponte, filium suum Hans Ghuleken fere sedecim annorum iam quatuor annis elapsis sacro iehennali igne in toto corpore fuisse maxime percussum, adeo quod de eius vita penitus ab omnibus desperebatur, ipsa autem bonorum hominum inducta consiliis debilitatum huiusmodi filium beato magistro sancto Anthonio diligentius quo potuit quousque viueret in prefata preceptoria seruiturum irreuocabili voto commendauit, obtulitque eundem sanitati pristine restitutum ipsi domino preceptori prefato tamquam verum obedientiarium inibi perpetuo perseueraturum, ea adiecta condicione, vt sibi ad corporis necessariam sustentacionem competenter prouideret, quod et dominus preceptor pro se et suis successoribus infalli-

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biliter fieri ab anno in annum promisit, super quibus quidem idem iuuenis Hans Ghuleken tactis sacrosanctis ewangeliis stabilitatem anime et corporis beato Anthonio absque vlla tergiuersacione manu alterutrum maternum obligauit. Acta sunt hec anno, indictione, pontificatu, die, mense, hora et loco ac aliis quibus supra, presentibus ibidem discretis viris: domino Gherardo Hagheman presbitero et Johanne Alberti, Lubbecensis et Caminensis diocesis, testibus ad premissa vocatis pariter et rogatis.

Et ego Thomas Vaghet, clericus Caminensis diocesis, publicus sacra imperiali auctoritate notarius, quia huiusmodi sponte sue recognicioni, sacrosanctis ewangeliis tactioni ac stipulacioni omnibus aliis premissis, dum sie ut premittitur fierent et agerentur, vna cum prenominatis testibus presens interfui eaque sic fieri vidi et audiui et in hanc publicam instrumenti formam manu mea propria redegi, signoque, nomine et cognomine meis solitis et consuetis signaui, rogatus et requisitus in euidens testimonium omnium et singulorum premissorum.

Nach dem Originale, auf Pergament, im großherzogl. meklenburg. Geh. u. Haupt=Archive zu Schwerin. Gegen das Ende steht in der Urkunde mrnū , das wohl nur durch maternum aufzulösen ist.


Nr. 2.

Der Bischof Lucas von Ermeland schenkt den Antoniusbrüdern zu Tempzin das Heil. Geist=Hospital zu Frauenburg zur Stiftung einer Antonins=Präceptorei,

d. d. Frauenburg, 1507, April 7,
und

der Antonins=Präceptor Johannes Kran von Tempzin übernimmt die Schenkung und verspricht, die bei der Schenkung gemachten Bedingungen zu erfüllen,

d. d. Heilsberg, 1507, Mai 17.

Johannes Craen, ordinis sancti Anthony domorum in Temptzyn, Suerinensis, et Moerker,

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Sleswigensis dyocesis, diuina miseratione humilis preceptor generalis, predecessorum nostrorum vestigiis et piis affectibus innixi, volentes religionem diui Anthonii, quam professi sumus, ad laudem et honorem omnipotentis dei et sancti patris nostri Anthonii ampliare et extendere, cum certis fratribus nostris de conuentu nostro in Temptzyn nobis professis, videlicet Ludolpho de Barth, Jacobo de Butzow et Bernhardo de Halberstadt, inuitati et vocati per reuerendissimum in Christo patrem et dominum dominum Lucam episcopum Warmiensem, in partes Prussie descendimus, vbi iam dictus reuerendissimus dominus Lucas episcopus et eius venerabile capitulum in hospitali in Frawenborg paterna benignitate et magna Christi pietate nos cum dictis fratribus nostris quam gratiosissime collegit et prenominatum hospitale cum quibusdam possessionibus, mansis et censibus ad id pertinentibus ordini nostro nobis et successoribus nostris assignauit, contulit atque patentibus literis et sigillis desuper confectis sub hoc verborum qui sequitur tenore perpetuo possidendum donauit:

Lucas dei gratia episcopus Warmiensis ad honorem omnipotentis dei, diuini cultus et sacre religionis augmentum ouiumque pastoralis cure nostre salutem. Volentes populum nostrum paterne et quantum in nobis est a supersticiosis cultibus noxiisque erroribus, sortilegiis, incantationibus et maleficiis auertere diuoque Anthonio, cui specialiter et pie inflexi sumus, deuociorem reddere, quatenus ipsius meritis et intercessione populus ipse cum suis pecoribus et animalibus ab increbrescentibus morbis, pestibus et luibus misericorditer curari et conseruari valeat, matura deliberatione cum venerabilibus fratribus nostris prelatis et canonicis ecclesie nostre super hoc prehabita, hospitale apud eandem ecclesiam nostram cathedralem in Frawenborg in honorem sancti spiritus dedicatum cum domo intra septa hospitalis eiusdem ac tribus iugeribus terre vna cum loco eiusdem hospitalis eidem proxime adiacentibus simul computatis atque certis limitibus per venerabile capitulum nostrum ad hoc consignatis, necnon in villa

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Glanden, districtus Melsack, mansos decem cum dimidio, in villa Rabusen eiusdem districtus octo, in villa Heinrichsdorff, districtus Frawenborg, sedecim, in villa item Vierzighuben eiusdem districtus quinque mansos cum dimidio, accedente dicti capituli nostri, in cuius dominio temporali prefatum hospitale cum villis et dictis mansis ab olim ad predictum hospitale pertinentibus consistunt, expresso consensu, venerabili ac religioso viro domino Johanni Craen, domus sancti Anthonii in Temptzyn, Suerinensis dyocesis, preceptori, ad acceptandum predictum hospitale per nos accersito, deuotisque eidem professis suis fratribus Ludolpho de Barth, Jacobo de Butzow, Bernhardo de Halberstadt et Matheo de Konigsberg, reseruantes tamen venerabili capitulo nostro in predictis villis et mansis superioritatem, iura et seruicia, que hactenus ad ipsum spectabant, per dictos fratres et eorum successores capitulo nostro iam dicto fideliter exhibenda, assignauimus, contulimus et donauimus ac tenore presencium assignamus, conferimus et perpetuo tali videlicet lege et condicione possidendum donamus, vt preceptor et sepedicti ordinis sancti Anthonii fratres pro tempore in dicto hospitali existentes iuxta regulam diui Anthonii eiusque veram obseruantiam imperpetuum religiose viuere teneantur, populum Christi nobis commissum doctrina, predicationibus et vite sanctimonia fideliter docere, errores et superstitiones pro viribus exterminare, pauperes Christi vtriusque sexus egrotantes, peregrinos et veteranos sacerdotes infirmantemque canonicorum familiam colligere et fauere ac eorundem curam gerere, necnon prelatos et canonicos capituli nostri, qui pro tempore fuerint, debita in reuerentia habere atque ipsorum honori, rebus et bonis in nullo preiudicare, hospitale eciam ipsum iuxta piam fundatorum ordinationem conseruare, pro ipsis fundatoribus, pro nobis parentibusque nostris, predecessoribus, successoribus fratribusque nostris prelatis et canonicis viuis et defunctis deuote iugiter et perpetuo apud misericordissimum deum interpellare, singulis quatuor temporibus anni exequias cum vigiliis et missis peragere nosque et successores nostros ac capitulum predictum patronas et conseruatores recognoscere, nostre preterea ac successorum nostrorum iurisdictioni in spiritualibus vnacum loco ipso, prout ab olim fuit pleno iure, subiecti esse debeant, priuilegiis dicto ordini et illius fra-

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tribus concessis non obstantibus quibuscunque, saluo nihilominus iure preceptori in fratres ac eorum familiam infra septa sepedicti hospitahs delinquentes, quiquidem preceptor, per fratres in Frawenborg rite et legitime electus, de munere et officio preceptoriatus siue administrationis se intromittere non debet, neque presumat, nisi prius per nos auf successores nostros approbatus ac in manus nostras aut successorum nostrorum promittat et iuret, hanc nostram et capituli nostri ordinationem in omnibus suis punctis et articulis sine dolo et fraude ac contradictione siue exceptionibus quibuscunque se obseruaturum; deinde debet nostris aut successorum nostrorum literis creditiuis per suum superiorem in Temptzyn confirmari ac per eundem auf aliquem ecclesie nostre cathedralis canonicum, cui vices suas commiserit, in dicte preceptolie in Frawenborg realem, corporalem et actualem possessionem solemniter, vt moris est et fieri solet, introduci, qui preceptor sic, vt premittitur, electus, approbatus, confirmatus et in possessionem introductus, si hanc nostram et capituli nostri donationem ac omnium premissorum ordinationem dyabolica malicia suggerente infringere auf contra eam attemptare presumpserit, ipse quoque preceptor vnacum fratribus discolus, quod absit, atque irreligiose viuere compertus fuerit, iam tunc hanc nostram et capituli nostri donationem irritam esse volumus, licebitque nobis et successoribus nostris vnacum capitulo prefato, preceptorem cum suis fratribus loco pellere et hospitale ipsum cum omnibus ad id pertinentibus in pristinum statum atque vsum absque cuiuscumque alterius licentia aut requisitione restituere. In quorum omnium fidem et testimonium premissorum presentes literas fieri nostrique et prenominati capituli nostri sigillis iussimus et fecimus appensione communiri. Datum et actum in loco capitulari supradicte ecclesie nostre Warmiensis, presentibus venerabilibus eiusdem ecclesie prelatis et canonicis: Enoch de Cobelaw preposito, Andrea de Cleetz custode, Georgio de Delen cantore, Johanne Sculteti archidyacono, Zacharia de Tapiaw, Balthasare Stockfisch in spiritualibus vicario et officiali generali, Fabiano de Lusianis et Nicolao Coppernick, decretorum doctoribus, capitulum representantibus, capitulariter congregatis, anno domini millesimo quingentesimo septimo, septima die mensis Aprilis.

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Nos itaque Johannes Craen preceptor antedictus, premissis tractatibus et matura deliberatione tocius nostri in Temptzyn conuentus et prememoratorum fratrum Ludolphi de Barth, Jacobi de Butzow et Bernhardi de Halberstadt consilio, tam pientissimi presulis Warmiensis ac eins venerabilis capituli in nos ac ordinem nostrum munificentissimam benignitatem et beneficentissimam pietatemn obis, ut par fuit, gratificantes, sepedictum hospitale in Frawenborg cum preexpressis suis bonis letanter et quam gaudiosissime acceptauimus et impresenciarum acceptamus, donationis quoque et acceptationis huiusmodi omni studio, opera expensisque nostris a sede apostolica confirmationem impetraturos polliciti sumus et pollicemur, nosque et successores nostros imperpetuum obligauimus et obligamus, eandem donationem iuxta legem, conditionem et formam nobis prescriptam, quoad omni a sua et singula puncta et articulos, firmiter et irrefragabiliter obseruaturos, quod et iureiurando promisimus et impresenciarum promittimus tactisque sacrosanctis ewangeliis pro nobis et successoribus nostris iurauimus et iuramus. In quorum omnium fidem, robur et firmitudinem has nostras reuersales literas sigillo preceptoriatus nostri in Temptzyn ad perpetuam rei memoriam communiuimus et ad manus prefati reuerendissimi in Christo patris domini Luce episcopi Warmiensis tradidimus. Datum et actum in arce Heylsberg, decima septima die mensis Maii, anno domini millesimo quingentesimo septimo.

Ad mandatum reuerendissimi domini Luce episcopi Warmiensis Felix Martini notarius scripsit.

Nach dem Original auf Pergament im Archive des Domkapitels zu Frauenburg L. Nr. 18. Das an einem Pergamentstreifen hangende Siegel in grünem Wachs hat auf dem Schilde einen Kranich und die Umschrift:

Umschrift

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Nr. 3.

Der Bischof Lucass von Ermland schenkt der Antonius=Präceptorei zu Frauenburg das bischöfliche Gut Rosenort mit der dazu gehörenden Fischerei im Frischen Haf.

D. d. Heilsberg. 1510. Dec. 5.

In nomine domini. Amen. Nos Lucas, dei gratia episcopus Varmiensis, significamus presentibus vniuersis, quod volentes succurrere inopie et egestati religiosorum fratrum hospitalis sancti Anthonii superioribus annis apud ecclesiam nostram Varmiensem per nos fundati, vt diuinus in eo cultus augeatur, ad honorem omnipotentis dei et beate Marie virginis, necnon sancti Anthonii abbatis bona ecclesie nostre Rosenort in agris, pratis, pascuis, siluis et aliis, sicut in suis terminis contenta sunt, predictis fratribus et hospitali consensu capituli nostri accedente contulimus et donauimus conferimusque et donamus in his scriptis futuris temporibus perpetuo possidenda, et vt in Mari Recenti, quod vulgo appellatur Hab, cum instrumentis piscatoriis, Alemanica lingua wathe, stocknetze et secke vocatis, pro suo et pauperum necessitate piscari possint intra terminos dictorum bonorum, liberam concedimus facultatem, reseruantes nobis et successoribus nostris iudicia maiora et minora in bonis prefatis, item vsum lignorum, si qua erunt, pro foco et aliis ad sustentationem predii nostri Cleynow, licebitque pecora nostra ex eodem predio ad pascua dictorum bonorum sine vlla fratrum contradictione agere, hoc prouiso, quod segetibus et pratis non inferatur damnum. Et vt hoc nostra donatio firma stabilitate perseueraret, duximus eam nostro et capituli nostri sigillis roborandum. Actum et datum in arce nostra Heilsberg, quinta die mensis Decembris, anno X mo supra MCCCCC.

Nach einer Abschrift im Liber privilegiorum novus im bischöflichen Archive zu Frauenburg, L. Nr. 3, fol. Nr. 49. - Rosenort liegt 3/4 Meilen von Frauenburg am Haf. Klenau ist ein Gut, welches an Rosenort grenzt.


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Nr. 4.

Der Bischof Fabian von Ermeland schenkt der Antonius=Präceptorei zu Frauenburg 12 Hufen in Heinrichsdorf und eine Frau schenkt derselben etwas in demselben Dorfe.

D. d. (1512-1519).

Litere Fabiani episcopi super donatione duodecim mansorum in Heynrichsdorff.

Instrumentum super donatione quadam in Heynrichsdorff per quandam mulierem factam.

Nach dem Verzeichniß der Urkunden der Präceptorei Frauenburg in der Urkunde vom 7. Sept. 1526. Die Urkunden selbst fehlen. Der Bischof Fabian regierte 1512-1523, die Präceptorei Frauenburg ward 1519 aufgegeben, also müssen diese Schenkungen 1512-1519 fallen.


Nr. 5.

Die Antoninsbrüder der Präceptorei zn Frauenburg geben das Hospital zum Heil. Geist daselbst an den Bischof Fabian von Ermeland zurück und entsagen dem Besitze.

D. d. Braunsberg. 1519. Aug. 8.

In nomine domini. Amen. Anno a natiuitate eiusdem millesimo quingentesimo decimo nono, indictione septima, die vero lune octaua mensis Augusti, pontificatus sanctissimi in Christo patris et domini nostri domini Leonis diuina prouidentia pape decimi anno eius septimo, coram reuerendo in Christo patre et domino domino Fabiano dei gratia episcopo Warmiensi et venerabilibus viris dominis Mauricio Ferber, custode, Baltasare Stockfisch et Tidemanno Gisze, canonicis ecclesie Warmiensis, ac in mei notarii publici testiumque infrascriptorum ad hoc vocatorum et rogatorum presencia personaliter constituti honorabiles domini Jheronimus Naker et Cristannus Kruger, fratres domus hospitalis Sancti Spiritus ordinis sancti Anthonii in Frauwenburg, ciuitatis Warmiensis, con-

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uentum dicte domus representantes, principales principaliter pro se ipsis, non vi, metu, dolo, fraude seu aliqua sinistra machinacione circumuenti auf seducti, prout dixerunt, sed sponte et ex certa sciencia et animo bene deliberato proposuerunt et dixerunt, quod bone memorie Petrus preceptor dicte domus nouissime defunctus eandem domum multis debitis grauatam reliquerit prouentusque et emolumenta, quibus fratres eiusdem domus vnacum pauperibus viuere consueuerunt, magnum decrementum paciuntur, ita ut iam amplius ipsi conuentuales, quorum nisi duo essent, ibidem sustentari pauperesque in eodem hospitali degentes alere et eis de necessariis prouidere ac alias ipsius domus et hospitalis iura et onera supportare et conseruare nequaquam possint, cupientes indemnitati dicti hospitalis consulere, humiliter rogauerunt eundem dominum episcopum ac venerabile capitulum Warmiensem, quatenus ipsi tanquam patroni eiusdem hospitalis dignarentur, ipsum hospitale cum suis possessionibus et attinenciis ad se recipere eique ac pauperibus in eo degentibus deinceps prouidere, offerentes se paratos ad cedendum et renunciandum possessioni et administracioni domus siue hospitalis vnacum omnibus attinenciis predictis, prout ipso facto omnibus melioribus modo, via, iure et forma, quibus efficacius potuerunt, in dictorum dominorum episcopi et capituli manibus cesserunt et renunctiarunt ac cedere et renunciare se dixerunt, exonerantes se de cura et conseruacione ipsius hospitalis ac omnium et singulorum bonorum eiusdem. De et super quibus omnibus et singulis prefati domini episcopus et canonici me notarium publicum infrascriptum requisierunt, quatenus sibi vnum vel plura publicum seu publica conficere instrumentum et instrumenta, tot quot fuerint necessaria et opportuna. Acta sunt hec in curia episcopali oppidi Braunszbergensis, Warmiensis diocesis, sub anno, indictione, die, mense, loco, pontificatu, quibus supra, presentibus ibidem honorabilibus dominis Johanne Branth et Hinrico Bornemann, dicte ecclesie Warmiensis perpetuis vicariis, testibus ad premissa vocatis pariterque rogatis.

(Sign. Not.) Et ego Clemens Leonardi, clericus Warmiensis diocesis, publicus sacra apostolica auctoritate notarius ac venerabilis capituli ecclesie Warmiensis scriba iuratus, quia dictis cessioni, renunctiacioni et exoneracioni omnibusque aliis et singulis, dum
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sic ut premittitur fierent et agerentur, vnacum prenominatis testibus presens interfui eaque sic fieri vidi et audiui et in notam sumsi, idcireo hoc presens publicum instrumentum manu mea propria scriptum exinde confeci, subscripsi, publicaui et in hanc publicam formam redegi signoque, nomine et cognomine meis solitis et consuetis signaui, in fidem et testimonium omnium et singulorum promissorum, rogatus et requisitus.

Nach dem Original auf Pergament im Archive des Domkapitels zu Frauenburg C. Nr. 24.


Nr. 6.

Der Antonins=Präecptor Johannes Wellendorf zu Tempzin bevollmächtigt die Vikare Gregorius Detlevi und Siegfried Bunth, die Güter der Präceptorei des Hospitals zum Heil. Geist in Frauenburg zu verkaufen.

D. d. Tempzin. 1526. Aug. 1.

In nomine domini. Amen. Anno a natiuitate eiusdem millesimo quingentesimo vicesimo sexto, indictione decima quarta, die vero prima mensis Augusti, pontificatus sanctissimi in Christo patris et domini nostri domini Clementis diuina prouidentia pape septimi anno tertio, in mei notarii publici testiumque infrascriptorum ad hec specialiter vocatorum et rogatorum presentia constitutus reuerendus et relegiosus pater dominus Johannes Wellendorp, domus sancti Anthonii in Temptzin, Swerinensis diocesis, ordinis sancti Augustini, preceptor, pro se et domo predicta, omnibus modo, via, iure, causa, forma melioribus, quibus melius et efficatius potuit et debuit, constituit, fecit et solenniter ordinauit suos viros legittimos et indubitatos procuratores negociorumque suorum infrascriptorum gestores, factores, actores religiosum et honorabilem viros dominos Gregorium Detleui et magistrum Syfridum Bunth, dicte domus Temptzin vicarios, presentes et onus procurationis in se sponte et libere suscipientes, dans illis et eorum cui-

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libet in solidum plenam et omnimodam auctoritatem et potestatem, hospitale suum suorumque fratrum in honorem dei omnipotentis et diui patris Anthonii apud ecclesiam Warmiensem fundatum ac eiusdem hospitahs domos et vtensilia et suppellectilem, agros, possessiones, libros, calices, clenodia aurea, argentea, bona mobilia et immobilia quecunque in dicta diocesi Warmiensi vbicunque locorum relicta et existentia ac alia quecunque debita ad eum ordinemque predictum quocunque iure spectantia et pertinentia a quibuscumque personis, ecclesiasticis seu secularibus, cuiuscunque status, conditionis, gradus, ordinis et preeminentie fuerint, eas vel ea detinentibus et occupantibus recuperandi, recipiendi, emouendi, ac ipsas domos et earum vtensilia bonaque mobilia, agros et pascua, hortos, nemora, prata, aquas et aquarum ductus, piscinas aut quocunque alio nomine vnquam censeri possent, aliisque quibuscunque personis tam ecclesiasticis, quam secularibus vendendi ac proprietatem et vsumfructum illorum bonorum iure perpetuo transferendi, alienandi, et postquam translata et alienata fuerint, pro eisdem bonis pecuniarum summas subleuandi, quitandi literasque quitatorias desuper dandi, transigendi, paciscendi, concordandi et pro premissis et eorum occasione quibuscunque ordinis predicti priuilegiis et indultis, concessis seu concedendis, in generali vel speciali renunctiandi aliaque omnia et singula in premissis et circa ea quomodolibet necessaria et oportuna faciendi, exercendi, vnum vel plures procuratores substituendi et reuocandi, cum clausulis ratihabitionis, releuationis aliisque necessariis et oportunis, in quorum omnium et singulorum fidem et euidens testimonium premissorum prelibatus dominus Johannes preceptor de totius conuentus domus sue consensu presens publicum constitutionis instrumentum sigilli sui appensione fecit communiri et per me notarium publicum infrascriptum subscribi. Datum Temptzin, dicte Swerinensis diocesis, anno, indictione, die, mense, pontificatu et aliis quibus supra, presentibus ibidem prouidis viris Clemente Schriuer, ciuitatis Lubicensis, et Alberto Wellendorp, Verdensis diocesis clericis, testibus ad premissa vocatis et requisitis.

(Sign. Not.) Et ego Johannes Sperlinsk, clericus Swerinensis diocesis, publicus sacra apostolica auctoritate notarius, quia preinserte procuratorum constitutioni, ratihabitioni, potestatis dationi omnibus-
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que aliis et singulis premissis, dum sic vt premittitur fierent et agerentur, vnacum prenominatis testibus presens interfui eaque omnia et singula sic fieri vidi et audiui, ideoque hoc presens publicum instrumentum manu mea propria conscriptum subscripsi, publicaui et in hanc publicam instrumenti formam redegi signoque et nomine meis solitis et consuetis vnacum prefati domini preceptoris constituentis sigilli appensione signaui et roboraui, in fidem et euidens testimonium omnium et singulorum premissorum, legittime rogatus et requisitus.

Nach dem Original auf Pergament im Archive des Domkapitels zu Frauenburg A. Nr. 24. Das Siegel hängt an einem Pergamentstreifen. Von der Umschrift ist nur deutlich:

S'. iohs welendo . . pcept . . . .

 


Nr. 7.

Das Domkapitel von Ermeland vergleicht sich mit den Bevollmächtigten der Antonius=Präceptorei Tempzin über die Güter der aufgehobenen Präceptorei Frauenburg dahin, daß die Präceptorei Tempzin alle derselben erweislich gehörenden beweglichen Güter zurückerhält, alle andern Güter aber dem Hospitale zum Heil. Geist in Frauenburg zurückgiebt.

D. d. Frauenburg. 1526. Sept. 7.

Actum apud ecclesiam Warmiensem, in loco capitulari, coram domino Georgio Scho e nenszehe, notario publico, anno domini M° CCCCC° XXVI, die Veneris VII a Septembris, presentibus domino Johanne Breiver et Georgio Mo e lner, vicariis eiusdem ecclesie, testibus requisitis, et est idem actus postea per procuratores Anthonitarum renouatus seu repetitus apud acta consistorii officialis Gdanensis, ac omnia infrascripta arrestata bona eisdem sunt restituta.

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Transactio venerabilis capituli Warmiensis et
Anthonitarum.

Venerabile capitulum Warmiense, ex vna, et procuratores reuerendi domini Joannis Wellendorp preceptoris ac fratrum conuentus domus diui Anthonii in Tempzcien, videlicet dominus Joannes Schulteti, archidyaconus et canonicus Warmiensis, et Gregorius Detleui et magister Sefridus, ex altera partibus, sponte confessi sunt, se omnes lites, controuersias et differencias super domo hospitalis Sancti Spiritus in Frawenburgk eiusque edificiis et bonis omnibus, mobilibus et immobilibus, per amicabilem compositionem inter se transegisse et ad finem concordasse. Cuius concordie, vt sequitur, facta est executio.

In primis dicti procuratores confessi sunt, se a venerabili capitulo percepisse omnia et singula clenodia, calices, monstrantias, vestes sacras, ornatus libros, suppellectilem, vasa vtensilia ac alias res et bona mobilia ad prefatum dominum preceptorem eiusque et ordinis conuentum pertinentia et apud ecclesiam Warmiensem quomodolibet existentia, de quibus ac omnibus in prefato hospitali per fratres sancti Anthonii quomodolibet relictis et repertis prefatum capitulum quitant et liberant, promittentes illa de iure vel facto viterius non petere.

Similiter venerabile capitulum sponte fatetur, se omnia clenodia, lectos et alia vtensilia ad predictum hospitale pertinentia et ad presens extantia a dictis fratribus percepisse, de quibus ac omnibus bonis mobilibus dicti ordinis fratribus in collatione ipsius hospitalis consignatis eosdem fratres et preceptorem etiam quitat cum simili promissione.

Dicti procuratores sponte et libere cedunt et renunctiant dicto hospitali et domui Anthonitarum in Frawenburgk ac collationi, fundationi et applicationi eius in fauorem dicti ordinis quomodolibet factis omnibusque agris, prediis, terris, villis, possessionibus et bonis immobilibus, etiam Roszenorth, eidem domui et ordini quomodolibet donatis et collatis, ac literis, inscriptionibus et priuilegiis super premissis a quocunque concessis ac confirmationibus etiam apostolice sedis seu generalis capituh dicti ordinis desuper obtentis et subsecutis, necnon omnibus domibus et edificiis in ipsis hospitali et villis extantibus, seu etiam de nouo extructis

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eorumque pretiis et meliorationibus, ita tamen quod ex censibus seu appretiatione ipsarum domorum et edificiorum debita ipsorum fratrum et ordinis iam liquidata, de quibus in charta per procuratores tradita fit mentio, vsque ad summam nonaginta marcharum leuis monete Pruthenicalis creditoribus soluantur.

Euacuarunt quoque procuratores predicti et demiserunt reuerendissimo domino episcopo et capitulo Warmiensi dictum hospitale ac omnes possessiones, agros, predia et bona predicta, consentientes expresse, vt omnia ad pristinos suos redeant possessores, cum omni iure, dominio et vsufructu, vtque possessionem illorum de nouo ingrediantur auf iam assecutam continuent, ac omne ius et actionem, quam et quod in predictis hospitali et bonis occasione vel fauore dicti ordinis habent seu habere possunt, in ipsos pristinos possessores perpetue transfundunt.

Credita quoque, si quae adhuc extare comperientur, ac bona mobilia non pretiosa, apud quoscunque deinceps reperibilia et ad ipsos fratres et ordinem pertinentia dicto hospitali in fauorem et vsum pauperum cum omni iure et actione cesserunt.

Promiserunt etiam dicti procuratores sub pena amissionis omnium clenodiorum et aliorum bonorum mobilium, eis vt premittitur redditorum et consignatorum, quod infra octo dies immediate sequentes omnes literas, iura, inscriptiones et priuilegia suprascriptum negotium ac hospitale et bona predicta concernentes, et presertim literas hic inferius designatas, ad manus venerabilis domini Alberti Bisschoff, canonici Warmiensis, aut eo absente domino Georgio Mo e lner, vicario Warnnensi, in manus tradent et consignabunt, cum renouatione cessionum, renunctiationum et quitationum, prout hic facte sunt, coram officiali Gdanensi apud acta illius consistorii facienda. Consentiuntque, vt interim clenodia et alia bona mobilia predicta cum eorum pretiis, si quae vendita fuerint, sub firmo arresto in dicti capituli permaneant potestate, que quidem bona arrestata, periculo et expensis ipsorum fratrum et preceptoris in Gdanum transuecta, expeditis premissis libere eis debent restitui, in quecunque voluerint loca transportanda.

Litterae in Gdano restituendae hae sunt.

Littere domini Luce episcopi et capituli Warmiensis super collatione hospitalis in Frauenburgk.

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Bulla confirmationis Apostolicae huiusmodi collationis.

Litere domini Luce super donatione Roszenorth.

Litere Fabiani episcopi super donatione duodecim mansorum in Heynrichsdorff.

Instrumentum super donatione quadam in Heynrichsdorff per quandam mulierem facta.

Si preterea alia iura apud dominum preceptorem vel fratres esse compertum fuerit, promiserunt dicti procuratores, ea simili modo ad manus venerabilis capituli integra transmittere.

Gleichzeitige Aufzeichnung in den Acta capitularia I., fol. 30-31. ad annum 1526 im Archive des Frauenburger Domkapitels.

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III.

E. E. Raths Weinkeller zu Wismar,

von

Dr. Crull zu Wismar.

W enn das edle alte Lübek nicht allein bezüglich des Privatrechtes für Wismar, Rostock, Stralsund u. s. w. Mutter gewesen ist, sondern seine öffentliche Einrichtung überhaupt diesen Städten zum Muster gedient hat und die Geschichte des Lübischen Rathskellers durch eine treffliche Arbeit 1 ) in größter Klarheit vorliegt, so erscheint es beinahe überflüssig, dem Wismarschen noch eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Da es aber lehrreich ist zu vergleichen, wie bei aller Aehnlichkeit im Großen und Ganzen die Institute und Verhältnisse der Metropole sich in den Tochterstädten modisicirten, und Einzelnes beigebracht werden kann, was zur Vervollständigung des Lübischen Bildes, wenn auch nur in untergeordneten Partien, dienen mag, so laden wir ein, auch dem Rathskeller zu Wismar ein Auge zuzuwenden.

In einem Verzeichnisse von Weinen, welche Lübische Bürger im Jahre 1289 in ihrer Stadt Keller lagern hatten, ist uns das älteste Zeugniß über diesen erhalten; der Art. 207 des Codex des Lübischen Rechtes von 1294 gestattet den Bürgern, in ihren eigenen Räumen Wein hinzulegen, und 1298 werden zuerst zwei Rathmannen als Weinherren oder Vorsteher des Rathskellers in Lübek genannt. Das Institut ist aber jedenfalls viel älter, als diese Nachrichten. Der angeführte Artikel des Lübischen Rechtes, wie wohl auch


1) Wehrmann, d. Lüb. Rathsweinkeller, in d. Zeitschr. d. V. f. Lüb. Gesch. II. S. 75.
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die ohne Zweifel uralte Strafbestimmung für Vorsate 1 ), welche dem Rathe ein Fuder Wein in Sonderheit zuspricht, scheinen auf eine langjährige Einrichtung zu deuten und es mag sogar für Wismar, wo wir zwischen 1300 und 1308 zuerst einem Weinherrn und einem Schenken, wenn auch nicht unter diesen ausdrückliche Bezeichnungen, so doch als solche deutlich erkennbar, begegnen 2 ), schon für die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts ein Rathskeller als urkundlich gesichert angenommen werden können, da Heinrich der Pilger am 5. Januar 1266 eine zu Brot und Wein für die Kirchen zu Wismar, die Kirche auf Pöl, die Kirchen im Lande Ilow u. s. w. gemachte Stiftung der Verwaltung der Wismarschen Rathmannen unterstellte 3 ) und deren Keller, so weit die Nachrichten reichen, mit Gewißheit jene versorgte.

In den jetzigen Räumen unter dem Rathhause lagerte aber in jenen Tagen der Wein freilich nicht, denn einestheils soll damals das Rathhaus überhaupt an einer anderen Stelle, an der Ostseite des Marktes, gelegen haben und anderntheils stammt auch der gegenwärtige Keller aus dem Neubau, welcher in Folge des Brandes vom Winter 1350/1 vorgenommen werden mußte. Derselbe erstreckt sich von der noch jetzt erkennbaren, in den heutigen Flügel an der Westseite aufgenommenen Halle in der Breite des Mittelbaues bis zum östlichen Ende und wird von zwanzig schönen Kreuzgewölben überspannt, welche in zwei Reihen geordnet sind und bei einer Weite von 23 Fuß Hamb. mit Mittelpfeilern von 3 und 5 Fuß eine Höhe von 17 Fuß haben, während der alte Boden noch 3 Fuß tief von Schutt bedeckt sein soll. Ein Nebenkeller nach dem Hofe zu, der im späteren Mittelalter angelegt zu sein scheint und Anlaß zu der schon 1665 existirenden Sage von einem Gange nach dem Neuen Hause 4 ) gegeben haben wird, ist jetzt verschüttet. Drei Eingänge, in


1) S. Pauli ebd. I, 200.
2) Mekl. U. B. IV, Nr. 2645.
3) Ebd. II, Nr. 1059.
4) Das Neue Haus, hinter dem Rathhause Nr. 15, wurde Michaelis 1569, nachdem Verhandlungen seit 1563 Statt gefunden, im Einvernehmen mit der Papagoyen=Compagnie, den Kaufleuten, Brauern und Schiffern, von Jaspar Wilde in Lübek gekauft und zum Festlocal u. s. w. für die Bürger (im älteren Sinne) gebraucht. In dem schönen Keller dieses Hauses findet sich aber keine Spur eines Ganges und ein solcher ist auch aus dem Grunde schon unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich, weil Wein, welcher im Rathskeller feil war, weder im Privathause noch im Schenkhause verkauft werden durfte, und umgekehrt.
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Westen, Süden und Osten, führten in die südliche Reihe der Kellergewölbe hinab, die von allen Seiten so viel Licht und Luft empfingen, als hinlänglich war, um es den Gästen behaglich scheinen zu lassen, selbst eine Bemalung der Wände in Farben, von welcher vor Kurzem noch Spuren in einer Zechergruppe entdeckt wurden, und, wenigstens in den beiden letzten Jahrhunderten, das Wohnen des Schenken im Keller zu gestatten. Eine in der westlichen Mauer angebrachte Wendelstiege führte nach dem Berichte eines zuverlässigen Augenzeugen auf die Löverung. Als besondere Localitäten für die Gäste werden 1458 das "neue Gelag" und 1465 eine "Rose" genannt. Ein Inventarium von 1610 führt ein großes und ein kleines Sommergemach, eine große und eine kleine Rose auf und dazu vier Gelage, worunter Tische mit hochlehnigen Bänken beiderseits, zu einer Structur verbunden und im freien Räume aufgestellt, zu verstehen sein werden; ein Inventarium von 1616 nennt auch noch "des Frohnen Gelag". Das letzte Inventarium über den Keller in alter Einrichtung ist 1810 aufgenommen und lehrt, daß die beiden jüngst verflossenen Jahrhunderte denselben zu einer vollständigen Wohnung und Schenkwirthschaft gestaltet hatten, in welcher selbst die Kegelbahn nicht fehlte, während der Raum zum Lagern des Weines sehr unbedeutend geworden war. Der Keller hat durch diese Einbauten aber kaum gelitten; größer mag der Schaden gewesen sein, der aus dem Einsturze des Rathhausdaches im Jahre 1804 hervorging, der größte aber wurde ihm zugefügt, als man 1817/9 den gegenwärtigen "Prachtbau" errichtete und nicht allein der Weine wegen allen Zugang von Luft möglichst absperrte, so daß der Keller dumpf und feucht geworden ist, sondern auch die westliche Grundmauer des östlichen Flügels mitten durch die Gewölbe führte, wodurch die schöne Structur wohl für immer zerstört ist. Der Keller, von dem man aber zu anderweitigen Zwecken einen Theil abgenommen hat, dient seit dem gedachten Neubaue des Rathhauses einzig zum Lagern der Weine, und Trinkstube und Wohnung des Kellermeisters befinden sich, 1820 bezogen, im Erdgeschosse. In den vierziger Jahren bereits angeregt ist der Versuch von dem jetzigen thätigen Pächter gemacht worden, durch ein nach der Weise der Altvordern decorirtes Gemach der gegenwärtigen Generation den Aufenthalt im Keller wieder behaglich zu machen.

Dem Keller waren ehemals zwei Rathmannen als Vorsteher gesetzt, die bereits erwähnten Weinherren (domini vini, rectores celarii vini), als welche ausdrücklich 1341

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Wilken Witte und Hinrich Stettin zuerst mit Namen genannt werden. In Lübek war dies Amt eines der angesehensten; in Wismar scheint das aber weniger der Fall gewesen zu sein, da von den genannten beiden jener seit 1332, dieser erst seit 1341 sich unter den Rathmannen finden, und haben seit der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts bis zuletzt die Wetteherren gleichzeitig immer das Weinamt verwaltet, eine Cumulation der Aemter, welche sich dadurch vernothwendigte, daß seit lange weniger Personen im Rathsstuhle sitzen, als sich nach Lübischem Rechte gebührt. Die vornehmste Obliegenheit der Weinherren bestand vordem in dem Beschaffen von Wein, was sie theils persönlich bewerkstelligt, theils durch ihren Untergebenen oder mittelst Briefe besorgt haben werden. War der Wein dann angelangt, so hatten sie ihn zu prüfen, ob er auch würdig sei, daß man ihn in den Keller bringe, zu welchem Behufe für jeden von beiden ein Stübchen 1 ) ausgehoben wurde. Diese Probe wurde früherhin anscheinend bald in der Wohnung des Schenken, bald im Keller vorgenommen und später, nach einem Zeugnisse von 1660, falls der Wein seewärts eingebracht wurde, in dem "new erbawten Gewölbe" am Wasser oder, kam er zu Wagen, auf dem freien Markte. Als Andreas Weltner 1702 den Keller übernahm, verbat er diese Einrichtung, von der man denn auch abstand und hinfort im Keller selbst die Probe auszuheben einwilligte, zu welcher die Pächter noch bis 1804 verpflichtet gewesen sind. Aber auch das "laufende Faß", den Wein im Keller zu überwachen, damit keine Verfälschungen durch Frankenwein oder überhaupt Landwein Statt fänden, lag den Weinherren ob, wozu sie jedoch in den letzten Zeiten den Diener der Weinaccise, den Weinschreiber, zu committiren pflegten, bis man im Jahre 1853 von aller Controle abgesehen hat, die ohnehin längst bloße Formel der Pachtcontracte geworden war. Das aber ist erst im vorigen Jahrhunderte, 1766, nöthig befunden, die Kellermeister zu mahnen, daß sie sich keiner ge=


1) Ein anscheinend noch dem 16. Jahrhunderte angehöriges Normalquartier enthält Wasser 1 3/4 Pfd. Civilgewicht oder 28 Unzen Mediziualgewicht. Es ist aber nach altem Maaße 1 Fuer = 6 Ohm, 1 Ohm (de ame) = 40 Stübchen (stoveken), 1 Stübchen = 2 Kannen, 1 Kanne = 2 Quartier, 1 Quartier, jetzt Stop, = 2 Plank (de planke). Eine officielle Aufzeichnung vom Jahre 1806 rechnet 1 Fuder = 24, 1 Stück = 14, 1 Bot = 9, 1 Oxhöft = 6, 1 Ohm = 4, 1 Eimer = 4/5, 1 Viertel = 1/5, 1 Stübchen = 1/10 Anker und 1 Anker = 20 Kannen.
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sundheitswidrigen, reichsgesetzlich verbotenen Mittel bedienen sollten, um die Weine aufzubessern, aber auch davon ist jetzt in den Contracten keine Rede mehr. Die Weinherren hatten weiter auch darauf zu sehen, daß hinreichender Vorrath im Keller sei und bei eintretendem Mangel ein Verbot des Verkaufs an den Gast zu veranlassen, wie ein solches z. B. Anfangs April 1574 bestand. Nicht minder unterlag ihrer Aufsicht die Richtigkeit der mit Regeln versehenen zinnernen Maaße und der sonstigen Gefäße und hatten sie darauf zu halten, daß Käufer nicht übersetzt würden. Ferner mußten sie Achtung geben, daß überall kein Wein in den Keller kam, den dort zu führen nicht gestattet war, und dabei zugegen sein, wenn die im siebenzehnten Jahrhunderte in Mode gekommenen Kräuterweine gemischt wurden. Außerdem lag den Weinherren die Aufsicht über den Weinhandel der Bürger ob, indem sie sowohl zu wachen hatten, daß diese keinen Wein führten, der dem Rathskeller allein zustand, als auch den von ihnen eingelegten Wein gleichfalls zu prüfen, zu welchem Ende der Kellermeister Proben abholen mußte 1 ). Wie lange diese Prüfung des Bürgerweins bestanden hat, läßt sich nicht angeben, doch ist im Jahre 1694 noch davon die Rede. Leicht hatte sich hieraus, sowie aus dem Umstande, daß seit Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts Weinamt und Wette von denselben Rathsverwandten versehen wurden, auch eine gewisse richterliche Gewalt über Vergehen, die zum Keller in Beziehung standen, heraus bilden können, wie es in Lübek der Fall gewesen ist, doch sind Versuche dazu nicht von Erfolg begleitet worden. Das Gericht ist vielmehr, wie schon 1418, wo Peter Wosseke die Stadt bei Lebensftrafe verschwören mußte, der Wein im Keller getrunken und ohne zu bezahlen sich davon gemacht hatte, auch im ganzen siebenzehnten Jahrhunderte nach der eidlichen Verpflichtung des Kellermeisters und seiner Leute Schlägereien im Keller dem Gerichte zu melden, sowie endlich nach der Weinkeller=Ordnung vom 22. Juli 1732 die zuständige Behörde für dergleichen geblieben, während der Rath in Folge der Streitigkeiten mit dem Kellerpächter zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in den folgenden Contracten für vorkommende Differenzen zwischen diesen und den Weinherren ausdrücklich sich als richterliche Behörde anerkennen ließ und


1) So nach der Instruction zur Acciseorduung von 1584 und den Pachtcontracten. Nach Art. 89 der Alten Bürgersprache lag dem Schenken die Probe ob.
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wegen Beeinträchtigungen des Kellers durch Bürger beim Gewette geklagt wurde. Uebrigens hat der Rath eigenthümlich genug laut der Bürgersprache von 1400 die Strafe für das Ausführen von Weingefäßen aus dem Keller sich vorbehalten. Endlich hatten die Weinherren die Kasse unter Händen und den Gewinn unter die Rathmannen zu vertheilen, welcher aus dem Verkaufe des Weines nach Abzug der Unkosten, später aus der Pacht und der in der Alten Bürgersprache Art. 89 zuerst erwähnten Accise der Bürger für die von ihnen eingelegten Weine, Branntweine und fremden Biere, wozu dann noch im siebenzehnten Jahrhunderte die Kesselabgabe der Brenner kam, resultirte. Jedenfalls wird an sie auch das Fuder Wein gezahlt sein, welches in älterer Zeit, wie oben erwähnt, dem Rathe für Vorsate zukam, und ein Statut von 1345 1 ) weist ihnen das "Weingeld" zu, eine von denen, welche Häuser, Buden u. s. w. von der Stadt heuerten, gezahlte kleine Abgabe; von beiden ist in späterer Zeit keine Rede weiter. Vielleicht kassirten sie auch die Brüche ein, welche innerhalb Rathes fielen, und gewiß die Strafgelder, welche das Gericht für Schlägereien im Keller wahrnahm und deren z. B. 1683/4 9 M., 10 M. und 24 M. zur Einnahme gebracht sind. Außerdem erhoben sie noch einige andere Gefälle der Rathmannen und wurden so die Verwalter des im Jahre 1681 gebildeten Rathsärars, der späteren Raths=Patrimonialkasse. Nach einem Statute von 1343 sollten dann jedes Mal in der letzten Woche vor Ostern die Weinherren von ihrem Amte abtreten 2 ), also auch Rechnung zulegen, und dies ist auch mit wenigen durch besondere Verhältnisse herbeigeführten Ausnahmen immerwährend so gehalten, ja bis auf den heutigen Tag begannen auch alle Pachtcontracte gleichfalls mit diesem Termine. Bei der Rechnungsaufnahme, mit welcher im sechszehnten Jahrhunderte eine kleine "Refection" 3 ) verbunden


1) Burmeister, Alt. d. Wism. Stadtr. S. 20. Vgl. Mekl U. B. Nr. 2090.
2) Anno domini MCCCXL tercio in festo Ascensionis eiusdem domini mei consules concorditer arbitrando statuerunt, quod consules, quibus vinorum officium committitur, debent annuatim in vltima septimana ante Pascha ipsum officium consulibus resignare. Rathswillkürebuch Fol. 4.
3) Menu 1571, März 23: Grüne Fische 12 S., ein grüner Lachs 3 S., Dorsch, Krebse, Brot und Butter 1 M., 3 Pfd. Confect 2 M. 4, 4 St. Wein 2 M. 8, Rothbier 1 M. 4. - 1573, Jan. 23: Ein Hase 8 S., Grapenbraten (gekochtes Rindfleisch) und Schweinefleisch 12 S., Brot und Butter 8 S., 3 Pfd. Confect 2 M. 8, 3 St. Most 2 M. 10, 1 St. Wein 12 S., Rothbier 1 M.
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war, an deren Stelle im siebenzehnten eine Geldvergütung trat, waren zwei Bürgermeister und die beiden Kämmerherren außer den Weinherren zugegen, die Gegenwart des Schenken bei der Theilung aber war ausdrücklich verboten 1 ). Jetzt giebt es keine Weinherren mehr; vor etwas mehr als vierzig Jahren sind die letzten ernannt und ein "Senator" versieht gegenwärtig die einzige Obliegenheit, die ihnen geblieben war, die Verwaltung der Rathsbesoldungskasse.

Unter der Aufsicht der Weinherren verwaltete den Keller der Schenke, caupo, winman, wintepper, Weinschenk, Kellermeister. Dieser hatte den Wein einzulegen, ihn zu pflegen, zu verzapfen und Buch darüber zu führen, für die sonstigen Bedürfnisse des Kellers an Kohlen, Licht, Maaßen und Gläsern zu sorgen, das Inventarium sowie das Heizen und Reinigen zu überwachen und war der Vorgesetzte des Kohlgreven, dem letztere Geschäfte oblagen, und der Jungen oder Gesellen oder Diener, welche bis Mitte vorigen Jahrhunderts gleich ihm in Eid und Pflicht des Rathes standen. Endlich gebrauchte man ihn auch zum Einkaufe der Weine für den Keller und wenigstens in älterer Zeit, wie es scheint, zum Prüfen des Bürgerweins. Sein fester Lohn betrug 1480: 30 M., um 1500: 40 M. und 1565 erhielt er 50 M. und außerdem seine Frau zur "Kirchmesse" noch 2 M. Dazu kamen aber dann noch gewisse Gefälle, welche nicht bloß ein 1479-1483 wiederholt eingetragener Posten von 1 M. 8 für Wasser, Salz und Zwiebeln andeutet, sondern auch der Ausdruck "alte Gewohnheit" in dem um 1500 abgefaßten Schenkeneide 2 ) bezeichnet. Ob der Schenke eine Dienstwohnung hatte, ist nicht nachzuweisen, doch steht es nach der Analogie anderer städtischer Dienste zu vermuthen und könnte wohl das sogenannte Emische oder Eimbeker Haus, am Markte Nr. 16, dazu gedient haben, von dem aus man ziemlich alle drei Eingänge des Kellers hat übersehen können. Keinenfalls schlief er mit den Jungen, welche er bei sich hatte, im Keller 3 ), der vielmehr Nachts von Hunden bewacht worden zu sein scheint, da in den Rechnungen von 1564/70 wiederholt Ausgaben "für Hundebrot dem Bäcker" angesetzt sind.

Schließlich muß aber die eigene Bewirthschaftung des Kellers mittelst des Schenken dem Rathe nicht gewinn=


1) (1467) Caupo non debeat interesse, quando camerarii et domini vinorum diuidant lucrum ex cellario venientem. Weinregister ad ann. S. 87.
2) S. Beilage VI.
3) Vgl. Beilage III.
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bringend genug oder sonst inconvenient erschienen sein, kurz er beschloß am Ende des sechszehnten Jahrhunderts den Keller zu verpachten. Die Schenken mögen in alter Zeit Stadtkinder gewesen sein; nach Gottfried, 1300/8, begegnen wir außer dem zweifelhaften Berteheile, 1328/34, ferner Henneke Kock, 1349/50, und Johann Kalsow, 1355, als solchen. Aus den beiden folgenden Jahrhunderten sind dann als Schenken Johann v. d. Tatelen 1464/5, Caspar 1469/79, Claus Bischof 1479/83, dessen Nachfolger Johann, Sivert Brüsseler 1506, Hinrick Wicherdes 1519, Hans Greve 1560/74, zuletzt Konrad Simbson bekannt, welche Namen theilweise auf Rheinische Abstammung zu deuten scheinen, wie denn Claus Bischof in der That von Bingen gebürtig war 1 ). Der Rath wird eben geglaubt haben, daß die Rheinländer ihr heimathliches Product am Besten zu handhaben verständen, und so mag er auch um so eher auf eine Verpachtung des Kellers eingegangen sein, als er mit zwei Rheinländern, Heinrich Slebusch, Vater und Sohn, Rathsverwandten und Bürger zu Köln, abschließen konnte. Diese pachteten den Keller, den sie, wie ihre Nachfolger, durch einen Bevollmächtigten verwalten ließen, von Ostern 1593 ab auf zwei Jahre und weiter bis Ostern 1599 für 600 M. Da aber der Rathmann in dieser Zeit starb und der Sohn zu Hause genug zu thun haben mochte, so übernahm dessen Schwager, Herman Möller, den Keller von 1599 ab auf vier Jahre gegen eine Pacht von 500 M. Ihm folgte sein früherer Diener Dietrich Dornkamp von Vechte laut Contract vom 19. März 1602, nebenbei bemerkt, einem Unglückstage für die Stadt, da dieser rohe Geselle durch einen in Thätlichkeiten ausartenden Streit mit seiner Schwiegermutter, Ehefrau des Rathmanns Marten Schepel und Schwester des Bürgermeisters Adam von Restorf, zu langwierigen und kostspieligen Streitigkeiten mit dem Landesherrn Anlaß gab, welche erst 1619 ihr Ende fanden. Im Jahre 1610 wurde mit Dietrich Wulfrath von Lübek auf acht Jahre ein Contract geschlossen, in den 1615, August 4, sein Diener Jakob Krakamp eintrat. Dieser scheint aber schlecht gewirthschaftet zu haben, da er in kurzer Frist Wulfrath 3000 M. schuldig wurde, starb bald und erhielt als Nachfolger Hinrich Schepel, welcher den Keller, nachdem mit


1) Unsere Darstellung gründet sich zu einem guten Theile auf die von ihm nachgelassenen Scripturen und wir erfüllen daher auch einen Act der Dankbarkeit, wenn wir in Beil. III. sein Nachlaßinventarium und in Beil. IV. die Kosten seiner Bestattung mittheilen.
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Wulfrath weiter contrahirt war, von 1616 bis 1624, Juli 10 verwaltete. An seine Stelle trat nach Verhandlungen mit Wulfrath Marx Tanke, Hans' Sohn, und dieser pachtete zusammen mit Jakob Gammelkern, einem Sohne des Raths= verwandten Jürgen Gammelkern, 1628 oder 1629 den Keller in der Weise, daß jener den "rechten Hauptkeller" gegen eine Pacht von 300 M., dieser "das vorderste Theil oder den kleinen Keller nach dem Markte wärts" um 200 M. erhielt, jedoch mit der Bedingung, letzteren auf eigene Kosten zu Wohnung und Nutzung einzurichten. Gammelkern scheint bald verstorben zu sein und Tanke pachtete 1631 den ganzen Keller für 700 M. weiter. Im Jahre 1637 wurde dieser Contract erneuert und 1643 mit Gödert Rotterdam von Lübek abgeschlossen, der Tanken Wittwe heirathete. Während seiner Zeit, etwa seit 1657, begann Johann Tanke, sein Stiefsohn, der inzwischen zu seinen Jahren gekommen war, eine Reihe von Manövern, durch welche er den Rath bewegen wollte, den Keller ihm zu übertragen, doch trat nach Rotterdams Tode zunächst Chrn. Jak. Brun in den 1660 abgeschlossenen Contract, welcher 1664 mit ihm auf drei Jahre zu 800 M. erneuert wurde. Dieser resignirte aber bald und da endlich gelang es 1665 Johann Tanke, daß man ihn gegen eine Pacht von 1000 M. annehmen wollte, als er vor Vollziehung des Contractes starb, welcher dann an seine Wittwe und Joh. Ulr. Dörckes kam, der sich aber bereits im October 1666von seiner Gesellschafterin trennte und dieser den Keller allein überließ. Bei ihr und ihrem Sohne blieb derselbe bis 1685, wo er letzterem gekündigt wurde, weil man fand, daß er "dem Keller nicht woll vorstehe und in Acht nehme". Der junge Tanke acceptirte die Kündigung und der Rath entschloß sich nun, den Keller wiederum selbst zu bewirthschaften, indem die specielle Administration in die Hände des Bürgermeisters Joachim Lehmann gelegt wurde; doch übernahm dieser bereits 1688 den Keller wieder auf eigene Rechnung für die alte Pacht von 1000 M., und zwar zu seinem großen Schaden, wie wenigstens seine Erben behaupteten. Nach seinem am 20. März 1693 erfolgten Hinscheiden schloß man mit Joh. Paul Pauly ab, der die ersten zwei Jahre 800 M., die beiden folgenden 900 M. und die drei letzten Jahre 1000 M. geben sollte, aber schon 1694 an Joh. Dan. Wolf abtrat. Unter diesem kam der Keller aber ganz herunter, so daß der Rath ihm bei Ablauf seiner Pachtzeit kündigte - man wurde ihn jedoch erst 1702 und zwar durch einen Proceß los - und dem

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Wirthe im Neuen Hause, Andreas Weltner, den Keller für eine Pacht von 550 M. übergab. Im Jahre 1708 contrahirte man mit diesem weiter, war aber genöthigt sich auch seiner vor Ablauf der Pachtzeit mittelst Prozesses zu entledigen. Nach Weltners Abzuge 1712 pachtete Ludwig Roussel den Keller auf drei Jahre für 300 M., 1715 Heinr. Dan. Kossel bis 1721 für 400 M., doch schon 1716 mußte man von Neuem mit Christian Holsten und Andreas Hein abschließen, die den Keller bis 1723 inne hatten und die ersten Jahre 375, die letzten 400 M. zahlten. Andreas Hein pachtete dann weiter auf acht Jahre in derselben Weise und auf's Neue dessen Wittwe, geb. Holsten, bis 1739 für 400 M. Diese wohnte aber nicht aus und es folgten ihr, nachdem Joh. Georg Stöber den Keller kurze Zeit gehabt, 1738 Joh. Ernst Stöver und Joach. Hinr. Thomas, die 420 M. geben sollten. In diesen Contract trat 1742 Jakob Volkmann, welcher für dieselbe Summe 1740 den Keller weiter pachtete. Als nach seinem Tode die Wittwe den Gerichtssecretär Lüderwald wieder heirathete, wünschte sie vom Keller los zu kommen, nachdem sie denselben seit 1748 allein inne gehabt, doch ergab ein Meistgebots=Termin kein annehmliches Resultat. Unter der Hand trat sie dann mit Bewilligung des Rathes den Contract an Joh. Mich. Stein ab, der 1761 von Neuem pachtete. Auf sein Anhalten nahm der Rath jedoch 1766 den Keller wieder zurück und verpachtete ihn dann wieder bis 1775 an Joh. Pet. Eman. Detgens von Wismar für 250 Th., neben denen derselbe aber von allen sonstigen Abgiften, auf welche wir unten weiter zurückkommen werden, befreit wurde. Bei der Nahrungslosigkeit der durch zwei Belagerungen und zuletzt durch die Kriegscontributionen der Preußen furchtbar mitgenommenen Bürgerschaft hörte inzwischen beinahe aller Verkehr im Keller auf und Detgens machte bereits im April 1774 die Anzeige, daß er für denselben fürderhin die bisherige Pacht nicht geben könne. Seine Vorschläge schienen dem Rathe nicht annehmlich; man setzte einen Licitationstermin an, mußte aber, da niemand erschien, nunmehr Detgens wieder annehmen, der den Keller weiter auf zehn Jahre behalten sollte und zwar mit Nachlaß von 50 Th. und von noch 20 Th. an der bisherigen Pacht. Noch weiter mußte letztere 1784 herunter gesetzt werden, wo Jak. Chrn. Ungnade den Keller übernahm und dafür 120 Th. altes Gold, 16 Th. Cour. und 24 Th. N2/3 zu zahlen sich verpflichtete. Im Jahre 1793 ist der Contract mit ihm erneuert worden bis 1801. Nach seinem Abzuge sah man sich

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vergebens nach Pachtliebhabern um und war daher genötihgt, wie schon hundert Jahre früher zeitweise geschehen ist, den Keller zuzuschließen, fand es aber im Mai des folgenden Jahres räthlich denselben einem Unteroffizier ohne Entgelt zur Wohnung auf monatliche Kündigung einzuthun. Das nächste Jahr stellte sich dann wieder ein Pachtliebhaber ein in Gerh. Joh. Glüer von Ratzeburg, welcher den Keller 1806 für eine Pacht von 100 Th. Gold und 16 Th. Pom. Cour. übernahm. Glüer starb jedoch schon im nächsten Jahre in gänzlich zerrütteten Verhältnissen und der Keller mußte von Neuem zugemacht werden, bis C. H. Jacobs von hier denselben 1809 auf zwanzig Jahre für die von seinem Vorgänger zugesagte Summe pachtete. Von 1811 ab, wo er den Keller als unbewohnbar verlassen und in sein deshalb erkauftes Haus, Lübsche Str. Nr. 9, ziehen mußte, gab er nur 80 Th. Gold und 20 Th. Pom. Cour., da er die oberen Räume seines Hauses an den Rath überließ, welcher seit dem Einsturze des Rathhauses bis dahin zu seinen Versammlungen u. s. w. das Neue Haus in Miethe gehabt hatte. Jacobs, der bei seinen Zeitgenossen im besten Rufe stand, starb 1819. Im Herbste desselben Jahres war der jetzige Rathskeller in bewohnbarem Zustande, die Wittwe überließ denselben jedoch ihrem Schwager Ernst Jacobs, welcher bis 1829 jährlich 210 Th. Pacht zahlte. Im Jahre 1827 wurde mit diesem ein neuer Contract auf 25 Jahre für 334 Th. N2/3 abgeschlossen und 1853 weiter mit Friedrich Rathsack von hier bis 1879 für 626 Th. M. C. Nach Rathsacks Tode ist der Keller an Theodor Bötger von Hamburg übergegangen.

Die in Vorstehendem angegebenen Pachtsummen, die übrigens nach dem heutigen Geldwerthe natürlich nicht zu schätzen sind, repräsentiren aber nur von 1806 ab die wahren Leistungen der Kellermeister, denn diese hatten vordem einerseits noch sonstige Abgiften zu leisten und genossen dafür andererseits auch wieder Erleichterungen. Schon zu der Zeit, als der Rath den Keller noch selbst in Verwaltung hatte, bezogen die dabei speciell betheiligten Rathsmitglieder besondere Emolumente, wie daraus hervorgeht, daß vom 3. August 1482 ab der damalige Schenke bei jedem neu eingelegten Fasse für die Bürgermeister 2 und für die Weinherren 1 Stübchen notirt hat und daß auch bei den Berechnungen der Weinkäufe von 1564 bis 1571 regelmäßig - für die Bürgermeister freilich Nichts - "der Weinherren Gerechtigkeit" in Ansatz gebracht ist, welche aber damals schon in

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Gelde, dessen Betrag sich nach dem Verkaufspreise regulirte, entrichtet wurde, sowie daraus, daß zu derselben Zeit die Bürgermeister (nämlich zwei derselben), die beiden Kammerherren und der Stadtschreiber jährlich je 2 Stübchen und zwar ebenfalls in Gelde erhielten. Diese früher vom Keller getragenen Leistungen wurden dann bei der Verpachtung dem Pensionarius aufgelegt, theilweise allerdings nicht ausdrücklich ausgesprochen, theilweise aber auch noch vermehrt. Nach den Pachtcontracten von 1593 flgd. sollten die Pächter von jedem neu angebrachten Fasse den Weinherren und dem Stadtschreiber je 1 Stübchen geben, seit 1602 bedangen auch die Bürgermeister sich diese Hebung aus, welche denn seit 1664 der Syndicus gleichfalls genoß. Weiter wurde 1593 flgd. ausgemacht, daß der Pächter alle vier Festzeiten, d. h. jedes Quartal, jedem der vier Bürgermeister 1 Stübchen senden solle, welches seit 1604 auch die Weinherren und seit 1631 der Syndicus ebenfalls erhielten. Seit 1628 erscheinen verschiedene neue Abgaben; damals und in den folgenden Contracten machte man für die Bürgermeister, den Syndicus, die Weinherren und den Stadtsecretär auf Ostern - später wurde die Zeit freigegeben - eine "Collation oder Gesterey" aus, ein Andenken an die früher bei Gelegenheit der Rechnungsaufnahmen abgehaltenen, oder dafür jeder Person noch 2 Stübchen, 1 Johannis und 1 auf Martini, oder später Michaelis, ferner jährlich einen guten Holländischen Käse und zwei gute steinerne Krüge, sowie endlich denselben mit Ausnahme des Syndicus auf S. Pantaleon (Juli 28) noch 1 Stübchen, welches 1599 als "alter Gebrauch" bezeichnet wurde, für dessen Alter wir aber so wenig ein Zeugniß ablegen, als wir seine Entstehung erklären können. Uebrigens hat man seit 1637 diese Abgift dem Pächter nicht weiter zugemuthet. Alle jene verschiedenen Leistungen wurden dann 1665 dem Wunsche des damaligen Pächters gemäß auf 12 Stübchen für jede der obgenannten Personen und 6 M. Krug= und Käsegeld festgesetzt, was, das Stübchen zu 2 Th. gerechnet, eine Summe von 208 Th. ausmacht. Diese ist also durchschnittlich den späteren Pachtsummen bis 1766 zuzurechnen, von wo ab sämmtliche Leistungen der Pächter in Eine zusammengefaßt wurden. Da nun aber die Abgiften, sammt der Miethe an die Kämmerei von 50 Th., seit 1766 24 Th., als Verwaltungskosten betrachtet wurden, so verminderte sich der Antheil der beim Keller nicht speciell interessirenden Rathsverwandten immer mehr, bis dieselben endlich gar nichts mehr davon einzukommen hatten; daß

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gleichzeitig auch die Einkünfte der Bürgermeister, des Syndicus u. s. w. allmälig immer geringer wurden, liegt auf der Hand.

Eine Erleichterung für die Pächter des Kellers war es dagegen, wenn sie so wenig, wie früher der Rath selbst, vom Rheinweine und den heißen Weinen sowie von Rheinischem Branntweine Accise zu zahlen hatten. Als aber dann seit dem Ausgange des siebenzehnten Jahrhunderts auch andere Weine im Rathskeller zu führen gestattet wurde, mußten sie gleich den Bürgern davon geben, wie nicht minder vom Branntweine, wenn sie an Krämer ganze oder halbe Oxhöfte verkauften. Von fremden Bieren hatten sie 150, später 130 Tonnen frei, ein Uebriges unterlag aber der Accise. Zuletzt zahlten sie eine Abschlagssumme, bis 1806 die Freiheit der Pächter gänzlich aufhörte. Auch mit Einquartirung und Contributionen, welche seit dem dreißigjährigen Kriege der Wismarschen Bürgerschaft das Mark aussogen, sind die Kellermeister verschont worden, wofür sie eine Recognition von 15 Th. zahlten. Die Contributionsfreiheit hat bis 1806 bestanden, die Exemtion von der Einquartirungslast bis 1853, wo zugleich für die Pächter die Verbindlichkeit ausgesprochen wurde, das Bürgerrecht zu gewinnen.

E. E. Raths Weinkeller war, wie schon verschiedentlich angedeutet, ursprünglich keine Weinhandlung nach heutiger Weise, in welcher alle Arten feil sind, die zwischen dem 40° S. B. und dem 50° N. B. gedeihen, sondern man schenkte dort in älterer Zeit nur edle Weine, Rheinwein nämlich und Südweine. Von diesen führte man Ende des fünfzehnten Jahrhunderts in Sonderheit den Malvasier (malmesye), sowie in geringer Menge den "Romeyn" oder "Rumanye", der mit Malvasier immer zusammen genannt wird und nicht etwa für jenen trefflichen Burgunder zu halten ist, welchen wir unter dem Namen Romanée kennen, vielmehr ohne Zweifel eben ein süßer Wein des Südens war. Endlich hatte man noch, aber gleichfalls in geringer Menge, den "Bastert" oder "Bastart", einen süßen Spanischen Wein, welcher vielleicht besonders zum Auffüllen anderer, und, wie aus einem anscheinend zu Lübek geführten Manual des öfter genannten Claus Bischof hervorgeht, zur Verschönerung der Land= und Franz=Weine diente. Im Lübischen Rathskeller hatte der Käufer von Rheinwein frei unter drei Fässern zu wählen, aber so großartige Verhältnisse bestanden in Wismar nicht und es wurde vielmehr den Pächtern zur Pflicht gemacht, dem Armen wie dem Reichen aus demselben Fasse zu

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zapfen; erst 1747 ist von besonderen Sorten die Rede. Auf gute Qualität ist aber immer gehalten worden und daher auch gleich im ersten Pachtcontracte dem Kellermeister strenge zur Pflicht gemacht, für "gute excellente" Rheinweine zu sorgen, auch, wie schon früher durch Hansebeschluß von 1417 und in Wismar speciell durch den alten Schenkeneid, 1602 bei 10 Th., 1628 bei 20 Th., 1665 bei 100 Th. und seit dem vorigen Jahrhunderte bei willkürlicher Strafe, so oft es vorkommen würde, das Auffüllen mit anderem Weine, als Rheinischem, untersagt, wozu mehr noch, als Franzwein 1 ), der Frankenwein mißbraucht wurde, welchen letzteren zu führen deswegen sicher bis 1775 den Pächtern durchaus verboten war, während die Weinherren noch im letzten Säculum den Moselwein für den Ratskeller ausschließlich in Anspruch nahmen. Solche Sorgfalt war auch von Erfolg begleitet und der Rath konnte bis zum Ende des siebenzehnten Jahrhunderts die Pächter verpflichten, den "guten Ruhmb" und das "vorige Lob" beim Keller zu erhalten, wenn allerdings auch schon um die Mitte jener Periode Klagen gehört wurden. Allmälig aber, etwa seit der Dänischen Belagerung im Jahre 1675, gerieth dann, theils wohl durch die Schlaffheit der Aufsicht, theils auch durch Nachlässigkeit und Habsucht der Pächter, welche bei den kurzen Pachtperioden schnell zu verdienen trachteten, theils endlich durch die Mode, die sich den Rhein= und Süd=Weinen abwendete, sowie den verminderten Consum in der verarmten Stadt, der Keller so in Verfall, daß dort von jenen Weinen wenig mehr die Rede war und der Franzwein an ihre Stelle trat. Uebrigens schätzte man in älterer Zeit den jungen Wein, den Most höher; Werner Hahn von Tempzin bittet 1563 den Rath, ihm ein Ohm des besten Weins zu verkaufen, der "wolschmeckendt vndt nicht zu alt" sei, und, wenn der Lübische Martensmann Rheinwein nach Schwerin zu Hofe brachte, so nahm man denselben, falls es kein Most war, nur mit Protest. Man hat sich aber, wenn man alten Rheinwein hatte, bei dem sich bekanntlich der Duft an der Säure entwickelt, dadurch geholfen, daß man mit Südwein "durchnähte", eine Aushülfe, die jetzt nicht mehr nöthig ist, da der Weinhändler der fortgeschrittenen Jetztzeit auch dem jungen Rheinweine einen Duft zu verleihen versteht, von dem unsere armen Vorfahren keine Ahnung hatten. Eben so wenig wie beim


1) Ik, fagt J. Lauremberg II, 789, dorve wedden um ein stofken Rinschen win, Van dem, dar noch nicht is de Franzman to gestegen.
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Rheinweine unterschied man beim Malvasier verschiedene Sorten 1 ). In der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts hatte man außer ihm und Bastert noch Muscatel im Keller und "Refall", den man sehr gewagt für Wein aus dem Rheinthale in Graubünden erklärt hat 2 ) im siebenzehnten wurden besonders Pedro Ximenes, Sect und Alicante von Südweinen beliebt, zu denen im folgenden noch der "Spanische" und der "Portugies=Wein" (Xeres und Portwein?) traten.

Französische und Landweine wurden, wie bereits angedeutet, früher im Rathskeller gar nicht zugelassen und noch 1687, März 19, decretirte Senatus, es sei "ungebührlich" Rheinwein und Franzwein aus einem und demselben Keller zu verzapfen, doch schon im Jahre darauf gestattete man dem Bürgermeister Lehmann, wie auch 1693 dessen Nachfolger, wenigstens rothe Französische Weine zu führen, zu welchem Ende man sich die Licentfreiheit für eine Ladung auswirkte. Dem dann folgenden Pächter Weltner, der im Neuen Hause Land= und Franz=Wein schenkte, waren letztere aber wieder im Keller verboten, bis Ludwig Roussel 1712 die ausdrückliche Erlaubniß erhielt, Frontignan und Picardan, Calvisson und Haut=Preignac, Pontac, sowie Champagner und Burgunder zu schenken, welche auch seinen Nachfolgern zu Theil geworden ist; Accise wurde für diesen Wein aber gezahlt. Nachdem dann 1775 das Verbot des Frankenweins für den Keller nicht weiter aufrecht gehalten wurde, ist in demselben nur noch der ordinäre Kornbranntwein zu zapfen untersagt.

Bis in das sechszehnte Jahrhundert hinein wird keine andere Bezugsquelle für den Wismarschen Keller genannt als Lübek, obschon es nicht unwahrscheinlich ist, daß man vordem, wenn auch nicht regelmäßig, so doch gelegentlich in Brügge und La Rochelle Südweine und Franzweine eingekauft hat. Auf Lübek deutet schon eine Schuldverschreibung der Weinherren vom Jahre 1341 für Hermen Greverade, die gewiß von einer Weinlieferung herrührt, und auch nach dem alten schenkeneide erscheint der Einkauf auf demselben Platze als das Gewöhnliche; aus der Zeit von 1479 bis 1483 sind sogar noch alle diejenigen bekannt - eine ansehnliche Reihe -,


1) Der Preiscourant des mit vollem Rechte berühmten Hauses G. C. Lorenz Meyer in Hamburg führt von diesem lange nicht genug bekannten Weine drei Sorten auf: Madeira=M., Alicante=M. und M. de Sitges.
2) Rivesaltes? Valls?
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welche Wein von dort lieferten, und selbst Briefe mehrfach erhalten, welche sich auf diese Geschäfte beziehen 1 ).

Dieser von Lübek bezogene Wein wurde damals auf der Achse in Stücken oder Fässern von 3 Ohm 31 Stübchen bis 7 Ohm 31 Stübchen für eine Fracht von 2 M. 4 bis 4 M. 4, selten in Zulasten von 3 Ohm 3 Stübchen bis 4 Ohm 9 Stübchen oder in einzelnen Ohmen herübergebracht. Die Bot Malvasier von durchschnittlich 2 Ohm 36 Stübchen (2 O. 28 St. - 3 O. 35 St.) kostete an Fracht 1 M. 4 bis 2 M. 8. Romeyn wurde gleichfalls botweise und Bastert in einzelnen Ohmen bezogen. Hat der Schenke den Wein in Person eingekauft, so berechnet er noch 6 S. für Fuhrkosten und 1 M. 2 oder auch nur 1 M. an Zehrung. Stehende Unkosten bilden 8 oder 9 S., ein Mal auch 10 S. beim Rheinweine und 7 S. beim Malvasier für den Weinschröter, sowie 1 S. 4 bis 2 S. für die "Wächter". In der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts hat man aber den Lübischen Markt verlassen und unmittelbar von Rheinländern, auch wohl Holländern, die den Wein zu Wasser anbrachten, gekauft, was ohne Zweifel schließlich auch mit den Anlaß zur Verpachtung an solche gab. Konrad Simbson, der letzte Schenke, kaufte schon persönlich am Rheine ein und die Pächter reisten bis in den Rheingau hinauf. So versorgte sich Herman Möller 1599 in Worms und Umgegend und Herman Dornkamp im Frühlinge 1608 im Rheingaue, 1628 erhielt die Stadt ein Fürschreiben vom Kaiser an Mainz, Trier, Köln und die Infantin, daß sie den Wein der Wismarschen möchten frei passiren lassen, und Jakob Gammelkern reiste 1630 zum Einkaufe nach Amsterdam. Wenn dann später der Bürgermeister Lehmann in Hamburg seinen Bedarf genommen hat, angeblich aus Vorsicht, da man direct bezogene Weine, wenn sie verdorben, nicht wohl zurückgeben könne, so ist dies eine Ausnahme gewesen und sein Nachfolger ließ 1695 wieder 25 Stück Wein im Rheingaue einkaufen. Dieser an Ort und Stelle erstandene Wein ging entweder den Rhein hinunter über Holland oder auf der Achse nach Münden und von da die Weser hinab und dann weiter durch den Sund; während des Krieges mit Christian IV. von Dänemark sind die Rheinweine aber ganz zu Lande anher gebracht. Hin und wieder bis in das vorige Jahrhundert hinein kamen auch Rheinische Kärrner, die ein=


1) Wir theilen zwei derselben als Proben alten Geschäftsstiles in Beil. II. und V. mit.
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zelne Ohme geladen hatten und verkauften. Die Südweine kaufte man seit dem sechszehnten Jahrhunderte meist in Hamburg.

Ueber die Preise der Weine wissen wir wenig, aber mehr noch über die Einkaufspreise als über die Preise im Ausschanke. Die ersteren anlangend, so galt in Lübek

Einkaufspreise

Die in der zweiten Hälfte des sechszehnten Säculum [Tabelle]

von den Kölnern u. s. w. gekauften Weine kosteten zur Stelle

Einkaufspreise

Ferner

Einkaufspreise

Im Jahre 1685 forderte man in Hamburg für das Ohm Rheinwein 20 bis 28 Th.

Die Südweine anlangend, kostete Malvasier in Lübek

Einkaufspreise

und 1508 in Hamburg 13 S. Romyn galt 1481 in Lübek 4 S. 6 und Bastert 7 bis 8 S. Muscatel wurde 1568 in Hamburg mit 18 S. bezahlt, 1742 in Lübek das Oxhöft mit 96 M. und in demselben Jahre der Canarien=Sect in Hamburg das Anker mit 8 Th. 8 ggr.

In Betreff des Preises in Wismar können wir für das fünfzehnte Jahrhundert nur beibringen, daß man dort 1469 das Stübchen Rheinwein mit 6 S. 8 bezahlen mußte. Im Jahre 1515 galt dasselbe 6 S. und der Malvasier

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8 S. (der Scheffel Weizen beiläufig bemerkt 4 S.), aber der Rheinwein stieg von 8 S. im Jahre 1464 auf 10 S. im Jahre 1570; Bastert wurde 1567 für 16 S., Malvasier und Refall für 1 M. 4 und 1568 Muscatel für 1 M. 8 verkauft. Mit der reißend zunehmenden Verschlechterung des Geldes hoben sich dann die Preise bedeutend; 1631 flgd. galt Rheinwein schon 3 M. im Keller und ebensoviel Pedro Ximenes, während man für Malvasier und Alicante 3 M. 8 bezahlte. In dem Contracte von 1693 sind als Preise für Rheinwein 3 M. 8, für Xeres=Sect 3 M., für Canarien=Sect 3 M. 8 und ebensoviel für Bastert, ferner für "Spanischen Wein" 3 M. und für Alicante und Malvasier 4 M. bis auf Weiteres festgesetzt, doch stand man schon im Jahre darauf von dieser und sonstiger Taxe ab. Des folgenden Pächters Forderung von 4 bis 6 M. für das Stübchen trinkbaren Rheinweins fand man freilich excessiv, doch scheint der Preis von 2 Th. für das Stübchen guten Weins das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch bestanden zu haben. Im Allgemeinen sind aber die Pächter bis 1712 verpflichtet worden, für den Wein nicht mehr zu nehmen, als derselbe in Lübek und Rostock galt 1 ).

Lückenhaft wie diejenigen über die Preise im Rathskeller sind auch die Nachrichten, welche sich in Bezug auf den Umsatz erhalten haben. Allerdings aber ist in der Zeit, wo der Rath den Keller noch selbst hielt, eingekauft vom Juli ab

Preise


1) Aeltere Danziger Weinpreise s. in Hirschs Danzigs Handels= u. Gewerbsgesch. S. 261.
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Preise

Diese letzte Reihe mag freilich nicht vollständig sein, denn sie stützt sich nur auf einzelne Paßbriefe, aber auch so nimmt sie sich stattlich genug aus, wenn wir dagegen erfahren, daß, als Weltner 1712 den Keller räumen mußte, sich nicht mehr darin fand als 2 1/2 Ohm Rheinwein zu 2 Th. das Stübchen, 7 1/2 Ohm junger Rheinwein und 1 Ohm Communionwein zu 4 M., an Südweinen aber nicht so viel, daß es der Mühe werth gewesen wäre, die Menge zu notiren. Uebrigens wurde der eingekaufte Wein keineswegs ausschließlich in der Stadt verbraucht, in der allerdings aber

Preise

verzapft worden sind, sondern es gingen auch größere Quantitäten nach Auswärts, falls für den städtischen Verbrauch hinreichend vorhanden war. Mag freilich ein Vertrag mit dem Kloster Doberan von 1522, Oct. 5 und Nov. 22, durch welchen der Rath sich verpachtete, demselben gegen eine jährliche Zahlung von 20 M. den Communionwein zu liefern, nicht perfect geworden sein, so wurden doch im sechszehnten Jahrhunderte die benachbarten Landstädte und Edelleute vielfach aus dem Keller versorgt. So hat 1564 der Schwerinsche Rath 10 O. 18 St. erhalten, 1566 der zu Güstrow 11 1/2 O., 1567 der Bützowsche 4 O. 8 St. Im Jahre 1568 wurden an den Rath zu Schwerin, den zu Bützow und Sievert von Oertzen zusammen 31 O. 1 1/2 St., an Christoph Goldschmidt zu Schwerin 20 O. 9 St. verkauft; 1569 gingen

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nach Schwerin 16 O. 24 St. und 1570 wurden im Großen 73 O. 24 St. aus der Stadt verkauft. Im siebenzehnten Jahrhunderte hat man wenigstens an die Nachbarschaft noch abgesetzt, aber je mehr der Keller herunterkam, desto mehr wendeten sich nicht allein die Umgegend, sondern auch Private in der Stadt den Lübischen Weinen zu, die auch noch heute bei Vielen ganz allgemein in sonderbarer Achtung stehen.

Zum Consum im eigentlichen Sinne ist auch derjenige Wein nicht wohl zu rechnen, welcher den Rathmannen und Anderen, den Kirchen, Klöstern und Gotteshäusern, zu kirchlichen Feierlichkeiten und werthen Gästen, die man ehren wollte, aus dem Keller gereicht und von der Kämmerei bezahlt wurde. Das war aber ein ansehnlicher Posten; es sind in dieser Weise bezahlt worden zwischen 1456/7 und 1485/6, durchschnittlich 311 M. (216 M. - 513 M.), zwischen 1562/3 und 1567/8 an Rathswein durchschnittlich 194 M. (187 M. 8-261 M. 10) und sonst durchschnittlich 301 M. (226 M. 1 S. 7 1/2-418 M. 6 S. 9), ferner 1641/2 bis 1642/3 ohne den Rathswein durchschnittlich 698 M. und endlich 1710/1 gleichfalls ohne Rathswein 992 M. 8.

Der Wein, welchen der Rath von der Kämmerei erhielt, wurde ursprünglich an gewissen kirchlichen Festtagen ausgetheilt, und zwar in einfachen oder in doppelten Portionen, je nachdem die Feste für große oder für kleine galten. Es waren aber

große: kleine:
Himmelfahrt.
S. Johann vor d. Latein. Pforte.
Pfingsten.
H. Dreifaltigkeit.
Frohnleichnams=Fest.
S. Johannis d. T. Geburt.
Marien Heimsuchung.
S. Lorenz.
Marien Himmelfahrt.
S. Johannis d. T. Enthauptung.
S. Michaelis.
Aller Heiligen.
S. Martin.
Marien Empfängniß.
Weihnachten.
Fest der Beschneidung.
H. 3 Könige Tag.
Lichtmessen.
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große: kleine:
Fastnacht.                Marien Verkündigung.
Lätare.
Palmen Sonntag.
Ostern.
S. Marcus.

An den aufgeführten großen Festtagen ist auch in Lübek Wein vertheilt worden, wie nicht minder der Mehrzahl nach an den kleineren, aber S. Johann vor der Lateinischen Pforte (Mai 6), Trinitatis, S. Lorenz (August 10), S. Johannis d. T. Enthauptung (August 29), Lätare und S. Marcus (April 25) waren speciell Wismarsche Festtage, an deren Stelle in Lübek andere und mehr sich finden. Die Bedeutung derselben ist nicht zu ermitteln gewesen und nur der heilige Lorenz ist als Patron der Stadt und mit größter Wahrscheinlichkeit auch als Patron der ehemaligen Kirche von Alt=Wismar bekannt. Die einfache Portion, welche also an den kleinen Festen vertheilt wurde, betrug Ende des fünfzehnten Jahrhunderts für jeden Rathmann und den Stadtschreiber 1/2 Stübchen, für jeden Bürgermeister ein ganzer, so daß an den großen Festen die Rathmannen ein ganzes und die Bürgermeister 2 Stübchen erhielten. Vielleicht fielen an letzteren aber auch dem Stadtschreiber 2 Stübchen, wenn nicht etwa der Gerichtsschreiber sich mit jenem darin theilte 1 ), denn 1473, Himmelfahrt, sind für vier Bürgermeister und dreizehn Rathmannen sammt dem Stadtschreiber 23 Stübchen notirt und Pfingsten, nachdem inzwischen sieben neue Rathmannen dazu gekoren waren, für vier Bürgermeister, zwanzig Rathmannen und den Schreiber 30 Stübchen in Rechnung gebracht. Es erhielt mithin jeder Rathmann damals jährlich 16 Stübchen im Werthe von 6 oder 7 M., jeder der Bürgermeister aber das Doppelte. Hundert Jahre später, 1562/3, finden wir aber, daß nunmehr sieben Rathsmitgliedern, nämlich außer den vier Bürgermeistern und dem Rathsschreiber auch den Camerarien die doppelte Portion gereicht worden ist, wie auch hernach dem Syndicus, und ist dies 1602 ausdrücklich bestätigt. So war es auch noch im Jahre 1702 und blieb es dabei bis zur Aufhebung des Sportelwesens vor etwa dreißig Jahren. Die wirkliche Vertheilung von Wein an den gedachten Tagen wird aber nur in der ältesten Zeit Statt gefunden haben: schon am Ende des fünfzehnten Jahr=


1) So scheint es nach Claus Bischofs Journal Foll. 32. 35. 94.
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hunderts ließen die Rathsmitglieder Wein aus dem Keller holen, wenn es ihnen beliebte, und hielten dann am Schlusse des Verwaltungsjahres mit dem Schenken Abrechnung. Dieser führte Buch über das von den Rathmannen Abgeforderte und gab denselben K erb stocke dazu, welche bis in das vorige Säculum in Gebrauch waren und von denen diese Weinlieferung auch den Namen Stockwein führte.

Im Mittelalter wurde aber außerdem noch an anderen bestimmten Tagen den Rathmannen auf Kosten der Kämmerei Wein gezapft, jedoch anscheinend nicht in fester Menge, und theils auf dem Rathhause getrunken, theils in's Haus geschickt. Ein solcher Tag war das Fest der Himmelfahrt Christi, wo die Rathmannen wechselten und neue gekoren wurden. Im Jahre 1457 sind an jenem Feste 21 Stübchen auf das Rathhaus gekommen, 1457 12 Stübchen, 1458 10 Stübchen und das Register über die Jahre 1466-1473, wo ähnliche Mengen gegeben sind, lehrt, daß der Wein theils in der Vigilie, theils am Tage des Festes selbst gespendet worden ist. In den Jahren 1480/2 sind aber nicht mehr als 2 bis 4 Stübchen verzeichnet und zwar ausdrücklich nur für die Bürgermeister. Regelmäßig kehrt ferner in jener Zeit eine Weinlieferung von 2 bis 8 Stübchen am Pfingstabende wieder, welche auch den Bürgermeistern allein zu Gute gekommen sein mag, da diese 1482 speciell als Empfänger genannt werden. Endlich ist auch ständig Marien Geburt Wein geschenkt worden, doch erhellt nicht, an welchem Tage dies Statt fand, da die Lieferung bald am Abende vor dem Feste, bald an diesem selbst und bald am Sonntage darnach notirt ist; vielleicht, daß diese Gabe mit dem Brauwesen zusammenhing, denn seit alter Zeit und sicher schon 1427 war Marien Lateren der Tag, an welchem die Hauptversammlung der Brauerschaft Statt fand. Spuren regelmäßiger Gaben von Wein finden sich freilich aber auch sonst noch, sind jedoch bei der knappen Ausdrucksweise der Register nicht klar zu erkennen. Deutlicher als andere erscheint eine solche beim Schoßschreiben, bei welcher Gelegenheit 1461 freilich 14 Stübchen Wein und 1 Stübchen Malvasier, 1462 aber nur 7 1/2 Stübchen und 1462 5 1/4 Stübchen gereicht sind; sie bestand noch im siebenzehnten Jahrhunderte und ist 1702 abgeschafft. Ferner macht sich die Spur einer Gabe von Wein kenntlich beim Vertheilen der Ackerloose, wobei 1468 der Bürgermeister 1 Stübchen und 1482 - vielleicht zwei Bürgermeister - 2 Stübchen erhielt. Weiter sind 1463 gegen Weihnachten 4 Stübchen "unter der Wache" notirt,

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ebenso 4 Stübchen 1482 und noch 3 Stübchen in Weihnachten selbst, und endlich ist auch beim Verlesen der Bürgersprache Wein gereicht worden 1 ). Auf jeden Fall verkennt man aber den Geist jener Tage, wenn man wähnt, Bürgermeister und Rathmannen hatten sich dazumal ganz nach Herzensbegehr auf Kosten des gemeinen Wesens Muth zu tapferen Entschlüssen getrunken oder den dürstenden Gaumen mit Weine geletzt, vielmehr sind es ohne Zweifel Geschäfte bestimmter Art, bei denen ein Trunk Wein Herkommen und Brauch war, gewesen, wenn es im Weinregister z. B. heißte den Bürgermeistern 1/2 Stübchen, auf die Schreiberei 1/2 Stübchen, den Herren ein Quartier Malvasier, und häufig ist denn auch die Anwesenheit von Fremden ausdrücklich dabei bemerkt, so daß man deutlich sieht, es ist ein Geschäft abgeschlossen, eine Verabredung getroffen und darauf getrunken worden. Alle diese Gaben, mit Ausnahme der Festweine, sind aber schneller abgekommen, als man erwarten sollte, denn in dem Bruchstücke eines Weinregisters von 1542, die Zeit vom 29. Juni bis zum 5. December begreifend, finden sich keine derartigen Ansätze als 1 Stübchen für die Bürgermeister am 2. Juli auf die Kämmerei, 1 Stübchen dem Stadtschreiber, als der Türkenschatz eingehoben wurde, und 1 Stübchen demselben im September beim Schoßschreiben. Im siebenzehnten Jahrhunderte beschränkten sich sothane Lieferungen auf 2 Stübchen, welche jedem Bürgermeister, jedem Kämmerherrn und dem Stadtschreiber, später auch dem Syndicus auf Pantaleonis (Juli 28) zustanden - 1628 bis 1636 hatte, wie wir sahen, der Pächter diese zu geben -, auf 1 Stübchen jedem Kämmerherrn, wenn der Schoß aufgebracht wurde, und auf 1 oder 2 Quartier "bei Verfaßung der Ordel", ein Ansatz, der vier Mal im Jahre wiederkehrt und sich auf die Rechtstage beziehen wird, an welchen der Rath seine Erkenntnisse publicirte. Alle diese Verehrungen sind 1702 abgeschafft.

Mit ungleich größerer Genauigkeit, als die an den Rath, sind die Gaben an die Gotteshäuser und geistlichen Personen verzeichnet und anscheinend auch strenger observirt, was außer anderem schon darin seine Erklärung findet, daß denselben vielfach nicht ein bloßes Herkommen, sondern Verträge mit dritten Personen zum Grunde lagen. Durch einen solchen Vertrag 2 ) verpflichtete Heinrich der Pilger am


1) Nach Claus Bischofs Journal Fol. 21.
2) Mekl. U. B. Nr. 2622.
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12. August 1300 die Stadt auf Grund einer früheren Stiftung, deren wir bereits im Eingange gedacht haben, an die hiesigen Kirchen, die auf Pöl und die in den Ländern Ilow, Meklenburg und Brüel, sowie an die Kirchen zu Gressow und Hohenkirchen jährlich 12 M. zu Wein und Brot zu zahlen, wobei dem Rathe die Vertheilung nach bester Einsicht vorbehalten blieb, und ein anderer Vertrag, welchen die Stadt mit Claus Vorneholt Weihnachten 1397 abschloß, sicherte den drei Pfarrkirchen zu Wismar nach Claus' und seiner Muhme Tode jährlich 20 M. zu Wein in der Weise, daß S. Marien Kirche alle Sonnabend 1, S. Nicolai 1/2 und S. Jürgen 1/4 Stübchen erhalten sollten, kleinerer Stiftungen nicht zu gedenken. Nach dem Weinregister erhoben denn auch im Jahre 1479 zwanzig Landkirchen, einschließlich der Kapellen des Siechenhauses zu S. Jakob und des Hauses zum H. Geiste, nämlich die Kirche auf Pöl, die zu Westenbrügge, Biendorf, A.=Gaarz, Russow, Neubukow, A.=Bukow, Mulsow, Neuburg, Drewskirchen, Hornstorf und Goldebee, ferner die zu Zurow, Lübow, Meklenburg und Proseken, welches freilich ursprünglich zum Lande Bresen gehörte, sowie endlich die in demselben Lande liegenden Kirchen zu Gressow und Hohenkirchen jede alle Monat 1 Quartier, also jährlich 3 Stübchen jede und insgesammt 60 Stübchen, welche für damals eine Summe von etwa 22 M. 8 repräsentiren. Im Jahre 1588 sind für "die 17 Landkirchen", unter denen S. Jakob, Gressow und Hohenkirchen 1 ) nicht aufgeführt sind, jeder 18 S. berechnet; 1615 fehlen H. Geist, Hohenkirchen und Proseken (wofür aber A.=Karin genannt wird) unter den achtzehn Kirchen, welche zusammen 20 M. 4 erhalten haben. Gegenwärtig noch erheben die oben gedachten Kirchen, ausgenommen der H. Geist, Pöl, Proseken und Hohenkirchen, jede 21 Sch. M. C.

Die Menge des Weins, welchen die drei Pfarrkirchen der Stadt und die beiden Klöster erhielten, läßt sich nicht genau bestimmen, doch scheint es, als ob es zusammen mit den Landkirchen für 50 oder 52 M. war, denn es ist an Kirchwein notirt - 1466 allerdings nur 32 M. - 1469, 1470, 1474: 52 M. und 1477 bis 1482 wiederum 50 M., so daß man die damalige Spendung auf 75 Stübchen veranschlagen könnte. In der That haben aber die Kirchen im


1) Schon Claus Bischof hat in seinem Journal kein Folium für Hohenkirchen und notirt dort Fol. 122: dye xviiij lantkerk lvij st. vyns, während es gleichzeitig im Weinregister S. 194 heißt: Item. de lanthkercken der is xx mid sunthe Jacobes vnde des hillighen ghestes.
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fünfzehnten Jahrhunderte ansehnlich mehr erhalten. Zunächst nämlich sind für die Pfarrkirchen zu Weihnachten durchschnittlich 19 Stübchen (12-27) "das Volk zu berichten", und zwar 1480 am heiligen Abende für jede 1 Stübchen und am Festtage selbst S. Marien 6, S. Jürgen 4 und S. Nicolaus 3 Stübchen notirt, wie denn stehend U. L. Frau am meisten und S. Nicolaus weniger als S. Jürgen erhalten hat. Am grünen Donnerstage wurden den Kirchen durchschnittlich 10 Stübchen (6-16), am Osterabende durchschnittlich 6 (2 1/2-8 1/2), am Ostertage 42 (32-49) und am Tage darauf 2 (1/2-5), also zu dieser Zeit durchschnittlich 59 (47-75) Stübchen gegeben, von denen S. Nicolai 18, S. Jürgen 19 und S. Marien 21 St. zufielen. Endlich ist beständig am Feste des H. Leichnams Kirchwein "das Volk zu berichten", "zur Communion" verabfolgt worden, und zwar im Betrage von durchschnittlich 12 Stübchen (8 1/4-17). Das Alles macht aber für die Pfarrkirchen, ohne die Klöster und ohne die sonstigen allerdings unklaren Spuren derartiger Vergabungen mitzurechnen, schon 90 Stübchen aus. Was die Klöster erhalten haben, hat sich nicht ermitteln lassen, doch scheint es, als ob jedem der beiden für 5 M. bestimmt war 1 ). Zusammen sind dies ungefähr 100 Stübchen, mithin 25 Stübchen mehr, als wir vorhin berechneten, eine Differenz, zu deren Lösung uns der Schlüssel fehlt. Uebrigens sind den Predigerbrüdern in den Jahren 1475 bis 1482 auch gegen oder auf S. Dominici (August 5) 2-4 Stübchen gesendet worden.

Unter den Ehrengaben, welche vor Alters geistlichen Personen gereicht wurden, steht in Regelmäßigkeit voran die an den Sendpropst, welcher Jahr aus, Jahr ein am Montage nach Reminiscere auf die Wedem oder den Pfarrhof zu S. Jürgen 1 Stübchen, eben so viel des folgenden Tages nach S. Nicolai, und am Mittwoch 2 Stübchen nach S. Marien geschickt erhielt 2 ). Weiter gab man regelmäßig den drei Plebanen, beiden Klöstern, sowie auch beiden Schulmeistern an S. Marcus=Tage je 1 Stübchen und am Sonn=


1) Nach Claus Bischofs Journal Fol. 80. 122. 145.
2) Der Sendpropst , sentprouest, prouest, sendeprouest, tzentprawest, szentprauest, seentprauest ist uns in Wismar nur im Weinregister begegnet. Da die geistliche Gerichtsbarkeit dort dem Propste von Rehna zustand (vgl. Mekl. U. B. Nr. 471 und Schröders W. E., S. 229), die aber gewiß seit 1337, vermutlich seit 1331 durch einen hieselbst wohnhaften Official ausgeübt wurde, so ist hier wohl ein zu gewissen anderen Zwecken, etwa zu Visitation u. s. w. regelmäßig abgesendeter Geistlicher zu verstehen; der Official wird im Weinregister immer als solcher genannt. Vgl. Berck, Westph. Fehmaer. S. 59.
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tage nach Frohnleichnam (amme sondaghe alseme dat sacramenth in de stadt drecht) wiederum den Pfarrherren 4 Stübchen, nämlich dem zu S. Marien 2, den beiden anderen je 1. Endlich wurde ebendenselben sowie den Klöstern am Tage Processi und Martiniani, am 2. Juli, je 1 Stübchen verehrt, vielleicht in Anlaß der Feier des Seesieges, welchen die Wismarschen an diesem Tage des Jahren 1358 über die Dänen erfochten. Die größte Gabe ähnlicher Art aber war, daß die Baldachinträger bei den großen Processionen (de pawelunendregere, de paulunheren) das Jahr über insgesammt 26 Stübchen erhielten, von welchen denen zu S. Marien 10 und denen der beiden anderen Kirchspiele je 8 zufielen.

Diese lange Reihe von kirchlichen Gaben schrumpfte selbstverständlich in der Reformationszeit bedeutend ein. Der Communionwein wurde aber natürlich weiter geliefert und es kamen 1566/7 nach S. Marien 16 St. 3 Qr. zu 9 1/2 S. und 4 St. 1 K. zu 7 1/2 S., nach S. Nicolai 14 St. 1 K. 1 Pl. zu 9 1/2 S. und 2 St. 1 K. 1 Pl. zu 7 1/2 S. und nach S. Jürgen 7 St. 3 Pl. zu 9 1/2 S. und 2 St. 1 K. zu 7 1/2 S., zusammen 1 O. 8 St. 1 Qr. 1 Pl. Wein zu 27 M. 6 S. 9 Pf. Was damals an die Prediger gegeben ist, erhellt nicht, während wiederum aus dem siebenzehnten Jahrhunderte keine Nachricht über die Menge des gegebenen Abendmahlsweins vorliegt; wenn zur Zeit des dreißigjährigen Krieges Ostern, Pfingsten und Weihnachten jedes Mal 6 Stübchen, sowie am Palmensonntage und Michaelis jedes Mal 3 Stübchen, also insgesammt 24 Stübchen in die Kirchen gekommen sind, so werden diese den Predigern gespendet sein, die gegenwärtig jeder 7 Th. 46 3/4 S. M. C. Weingeld erheben. Für die Predigt am Sonntage Rogate erhielt zu der eben gedachten Zeit der Archidiaconus zu S. Marien 1 Stübchen Wein und bei gleicher Gelegenheit der Cantor 1/2 Stübchen Wein und 1 St. Braunschweiger Mumme, 1700/1 wurden jenem 2 Stübchen Wein und dem Cantor 1 Stübchen gegeben und jetzt gibt man dem Nachmittagsprediger zu S. Marien bei derselben Gelegenheit 14 M. und dem Cantor und dem Organisten jedem 7 M.

Eine sehr ansehnliche fortlaufende, aber nicht alle Jahre gleich hohe Ausgabe war es, welche die Kämmerei in alter Zeit für den Wein zu machen hatte, der den Rathsmitgliedern bei Gelegenheit ihrer in Stadtsachen unternommenen Reisen gegeben wurde. Wenn solcher in Lübek nur für die erste Nacht auswärts gereicht worden ist, so hat man sich in

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Wismar liberaler erwiesen, denn auch für Reisen, von denen sie Abends gewiß wieder zurück waren, z. B. nach Meklenburg, ist den Rathssendeboten ein Trunk verabfolgt, sind die zinnernen Flaschen gefüllt worden. Die Menge des gegebenen Weins wurde allem Ansehen nach auch nicht, wie in Lübek, nach einer bestimmten Norm bemessen, sondern richtete sich nach Schicklichkeit, Billigkeit und Gelegenheit. In den Ansätzen für die Legationen Wismarscher Rathspersonen, die uns aus den Jahren 1326 bis 1336 erhalten sind, mögen auch noch andere Unkosten stecken, aber aus den Weinregistern der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts ist klar zu sehen, daß keine Observanz in diesem Punkte bestand, und mag es wohl von der Discretion des wortführenden Bürgermeisters abgehangen haben, wie viel jedes Mal gewährt werden sollte. Im Mittelalter, wo die auswärtigen Geschäfte der Stadt an sich umfangreicher waren, die Gewandtheit im Schreiben geringer und die Vorsicht größer, fielen diese Reisen unendlich häufiger vor, als in neueren Zeiten, während sie in diesen Jahrhunderten freilich viel kostspieliger waren, wie z. B. daraus erhellt, daß der Rathmann Johann Wils 1456 zu einer Fahrt nach Schweden nur 13 Stübchen erhielt, während eine Gesandtschaft ebendorthin, bestehend aus dem Bürgermeister Arnold Böddeker, dem Rathmanne Brandan Smidt und dem Stadtsecretär Herman Werner, die im September 1642 abgingen, für 292 M. 15 S. 6 Pf. an Wein mit sich nahm, der aber von den Legaten allerdings wohl nicht ausschließlich zur eigenen Labung, sondern auch zum Schmieren gebraucht worden ist.

Aehnlich wie mit diesen Weinspenden ging es auch mit den Ehrenweinen, den Geschenken an Wein, welche man werthen Gästen der Stadt darbrachte: kamen sie ehemals häufiger vor, so wurden sie später kostspieliger. In alter Zeit war häufig Gelegenheit zu solchen Verehrungen, da Hansische Sendeboten, vornehme Geistliche und fürstliche Personen fortwährend hin und herzogen, und allen diesen wurde in die Herberge geschickt. Dies geschah aber nach fester Observanz; die Mitglieder der landesherrlichen Familie erhielten Ende des fünfzehnten Jahrhunderts bei ihrer Anwesenheit täglich 2 Stübchen und dasselbe Quantum Ritter, damals schon selten, hohe Würdenträger der Domcapitel, der Abt zu Doberan, die Bischöfe von Schwerin und Ratzeburg, letzterer aber als Diöcesan bisweilen allerdings ansehnlich mehr, wie man unter Umständen sich denn überhaupt nicht an das Herkommen band und z. B. dem Herzoge Magnus in den heißen

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Julitagen 1475 vor dem Keller ein Mal sechs und ein halbes Stübchen hintereinander einschenkte. Den Rathsmitgliedern befreundeter Städte und deren Notarien, den Doctoren und Geistlichen wurde täglich 1 Stübchen gegeben, denselben jedoch, wenn sie nicht bloß durchreisten, sondern in Wismar zu thun hatten, auch außerdem wohl noch ein Trunk gereicht. Aber durch die kirchlichen Veränderungen im sechszehnten Jahrhunderte, die Wahl fester Residenzen Seitens der Fürsten und den Untergang der Hanse im dreißigjährigen Kriege hörte die Gelegenheit Gäste zu bewirthen allmälig ganz und gar auf, wogegen nun an die Stelle der Ehrenweine Präsente in Wein, Gaben, die nicht das Wohlwollen gegen die Begrüßten, sondern das Interesse der Geschenkgeber veranlaßte, traten und zwar zunächst den Landesherren und dessen höherer Dienerschaft dargebracht, hernach den Schwedischen Großen vom Civil und Militär, welche eine ebenso offene Hand wie trockene Kehle 1 ) hatten und die man nicht mit einzelnen Stübchen abspeisen, sondern nur mit ganzen oder halben Ohmen befriedigen konnte. Solche Geschenke sind im Jahre 1711 noch zum Betrage von 850 M. 8 gereicht worden; gegen Ende des Jahrhunderts pflegte man nach jedes Mal eingeholter Zustimmung des bürgerschaftlichen Ausschusses dem Tribunals=Präsidenten, dem Vice=Präsidenten und dem Stadtcommandanten ein Geschenk an Wein Neujahr zuzufertigen und, als Wismar an Meklenburg verpfändet wurde, beschlossen E. E. Rath und der Ausschuß E. Bürgerschaft Neujahr 1804 auch dem Herzoglichen Commandanten 1 Anker Wein aus dem Ratskeller oder 20 Th. Pom. Cour. und 1/2 Last Bier oder 12 Th. zukommen zu lassen. Gegenwärtig pflegt man dem Commandanten 37 Th. 32 S. M. C. zuzustellen. Im Uebrigen werden derartige Präsente nur in alter Zeit den Gästen in Substanz überbracht sein, während man späterhin und namentlich seit dem siebenzehnten Jahrhunderte sogenannte Weinzettel gab, auf welche der Empfänger zu ihm gelegener Zeit den Wein aus dem Keller abholen ließ 2 ).


1) Der Gouverneur Erich Hanson Ulfsparre kaufte zu eigenem Gebrauche von Mitte April 1641 bis Mitte März 1647 für 2384 Th. 14 S. 6 Pf. Wein aus dem Ratskeller.
2) Durch die Weinregister, welche das Verzeichniß der von der Kämmerei bezahlten Weine enthalten und die für die Jahre 1456-1483, 1542, 1635/6, 1641/2-1657/8, 1679/80 und 1710/1 vorliegen, wissen wir genau, was vergeben ist und an wen. Sie sind nicht ohne Werth für Chronologie u. s. w. und theilen wir in Beilage I. eine Probe mit; ein Auszug aus dem ältesten Weinregister ist im Archive des Vereins niedergelegt.
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Bei allen diesen von der Kämmerei bezahlten Weinen hatte der Keller aber minderen Gewinn, indem sie, wenn nicht zum Einkaufspreise einschließlich der Unkosten, so doch gewiß zu einem ermäßigten Preise von jeher abgegeben wurden, denn schon im ersten Pachtcontracte heißt es, daß der Pächter "nach alter Gewohnheit" der Kämmerei das Stübchen 6 Pfennige billiger als "der gemeine Preis" liefern solle, und diese Bestimmung blieb das siebenzehnte Jahrhundert hindurch, bis man 1716 den Preis des Raths= und Präsentweins auf 2 Th., den des Communionweins auf 1 Th. 32 S. festsetzte. Von 1766 ab wurden die Pächter aber nur verpflichtet den Wein zu einem Preise zu geben, zu welchem derselbe bei Anderen auch zu haben sei. Nun aber bewirkte die schlechte Wirthschaft im Keller, welche gegen das Ende des siebenzehnten Jahrhunderts dort einriß, daß nicht allein dem Rathe der gelieferte Wein statt einer Erquickung ein theurer Essig wurde, sondern auch Präsentempfänger über das Verehrte stichelten, und nahm man deswegen Bedacht, in Zukunft sich sicherer zu stellen. Zu diesem Ende machte der Rath 1693 contractlich aus, daß sein Festwein halb in Wein und halb in Baar, 1702, daß man halb Rheinwein aus dem Keller halb Franzwein aus dem Neuen Hause, welches der damalige Pächter gleichzeitig inne hatte, nehmen möge, und auch in den späteren Contracten hat man sich ausbedungen, daß man den Festwein, so lange er gut gegeben würde, halb aus dem Keller und zwar in beliebiger Sorte, die andere Hälfte aber von der Kämmerei in Gelde nehmen wolle, zuletzt 1821 gar sich vorbehalten, den ganzen Betrag in Baar nehmen zu dürfen. Die Lieferung der Communionweine ist jetzt nur allein dem Kellerpächter zugesichert und das für so lange, als er guten Wein gibt und mit den übrigen Weinschenkern Preis hält.

Es ist oben bereits gesagt worden, daß Franzwein im Rathskeller erst seit 1688 beziehentlich 1712 gestattet gewesen ist und daß Frankenweine und überhaupt Landweine den Pächtern bis 1784 verboten waren, um Fälschungen des edlen Rheinweins vermittelst derselben vorzubeugen. Nichts destoweniger scheint aber doch in älterer Zeit Landwein u. s. w. von des Raths Schenken verzapft zu sein. Das geht uns hervor aus dem wiederholt angezogenen Eide des Weinmanns vom Jahre 1500 etwa, welcher im Art. 6 denselben verpflichtet, Rheinwein und Landwein nicht zu vermengen und jedem den von beiden zu geben, welchen er

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fordere, welcher ferner im Art. 7 ihn anhält, den Landwein an der ihm vom Rathe angewiesenem Stätte auszuschenken und, Art. 8, für das Zapfen der Weine und darunter der Land= oder Franken=Weine nicht über sein bestimmtes Lohn zu fordern. Die zu dem Schenken dieser Weine verordnete Stätte mag dann das Haus am Markte Nr. 16, welches wir oben bereits als Dienstwohnung des Schenken vermuthet haben, gewesen sein. Dasselbe kommt 1477 als Eimbeker Haus 1 ), 1519 und 1542 als Emisches Haus, 1546 als des Rathes Weinhaus und 1556 als der Stadt Haus vor, ist später als Münze benutzt worden und nicht etwa gemeint, wenn in dem Pachtcontracte von 1631 von dem "Hamburger Keller" die Rede ist, was den oben genannten kleinen oder "vorderen" Keller unter dem Rathhause bezeichnet. Gleichzeitig mit dem Aufgeben dieses Hauses als Schenkstätte, welches mit der ersten Verpachtung des Kellers nicht unwahrscheinlich zusammenfällt, wird auch wohl das Weinzapfen außerhalb des letzteren von Seiten der Kellermeister aufgehört haben; Jakob Krakamp verzichtet in seinem Contracte von 1615 zur "Vermeidung allerhandt Vnterschleiffs, Verdachts und Nachrede" ausdrücklich auf ein besonderes Schenkhaus mit Französischen oder Landweinen. Uebrigens dürfen wir nicht verschweigen, daß in Claus Bischofs des Weinmanns Scripturen nirgend von Franzwein oder von Landwein die Rede ist, so daß möglicher Weise das Ausschenken derselben erst nach Bischofs Tode - 1483 - vom Rathe unternommen wäre. Vielleicht ist es aber auch nur Zufall, daß kein Brief u. s. w. dieser Weine erwähnt, denn auch von Eimbeker Biere ist nicht die Rede darin und daß dies zu Claus' Zeit schon für Rechnung des Rathes gezapft worden ist, dürfte nach der Erwähnung des Eimbeker Hauses im Jahre 1477 doch nicht zu bezweifeln sein. Ganz ausdrücklich aber wird Bier als dem Kellermeister zuständig erst in dem Contracte von 1602 erwähnt. Emisches oder Eimbeker Bier wird das am Frühesten getrunkene fremde Bier sein, da es jenem Hause den Namen gab, kostete 1515 das Stübchen 2 S. und wird 1628 zuletzt als dem Keller erlaubt und accisefrei genannt. Im Jahre 1515 hatte man auch Hamburger Bier, von dem das Stübchen 1 1/2 S. galt. In der ersten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts führte der Keller neben dem Eimbeker auch Zerbster Bier und besonders Braunschweigische Mumme, von der


1) Weinregister S. 180.
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man 1646 das Stübchen für 12 S. gab. In dem kleinen Keller schenkte man 1631 auch Wismarsche Mumme, gegen Ende des Jahrhunderte aber wurden vorzugsweise Kniesenack, in Güstrow, und Rommeldeus, in Ratzeburg gebraute die beliebtesten Biere, welche sich bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein in Geltung erhielten. Im Jahre 1774 aber gab der Pächter an, daß ganz und gar kein Bier mehr im Keller gefordert würde. Seit diesem Jahrhunderte mag hin und wieder Ale oder Porter geschenkt worden sein, doch war dies gewiß nicht der Rede werth, während neuerdings der Consum Baierischen Biers "auf" dem Keller wie "in" demselben der lobenswerthen Haltung wegen erheblich zugenommen hat.

Zweifelhaft bleibt es, ob das Emische Haus auch zum Zapfen von Rheinischem Branntweine und der Kräuter= und Bitterweine gedient hat oder nicht. Der Rheinische Branntwein ist uns nicht früher vorgekommen, als in der Alten Bürgersprache, welche in dem von der Bürgersprache von 1610 wiederholten Art. 88 denselben dem Keller reservirt. Zeitig ist dort aber an seine Stelle der Franzbranntwein getreten, wie der Rath 1628 bezeugt, aber dieser ist unter jenem Namen mit verkauft worden; die Planke dieses Branntweins kostete 1635 7 S. Franzbranntwein ist lange von den Freunden derartiger Getränke hoch geschätzt und hat treue und ausdauernde Gönnerschaft besessen, mußte aber in diesem Jahrhunderte dem Grog weichen und sank dann dermaßen in der öffentlichen Achtung, daß der alte Schwede sein Viertel unter dem Namen des neuen Getränkes zu bestellen Anstands halber genöthigt war. Die mit Kräutern oder mit Früchten bereiteten Weine scheinen im siebenzehnten Jahrhunderte üblich geworden zu sein und werden zuletzt im Contracte von 1809 erwähnt. Zu den Kräuterweinen benutzte man besonders Wermuth und Alandwurzel (Inula Helenium), während man die Fruchtweine mit Kirschen, Himbeeren und Schlehen bereitete; Kirschwein kostete 1638 das Quartier 12 S.

Wie vor Alters das Emische Haus gewissermaßen ein Filial des Rathskellers war, so gab es ein solches auch in der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts. In dem Contracte von 1661 wird nämlich dem Pächter auch das "Ober=logiment beym Waßer vulgo die Börße" eingethan und demselben gestattet, dort Gäste zu setzen und Wein und fremde Biere gegen eine verglichene Accise zu schenken, in dem Contracte von 1665 aber ist ausgemacht, daß Wein u. s. w.,

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welchen der Kellermeister bei Kannen oder Stübchen in jenes Local holen ließe, oder auch 6 Oxhöfte oder 4 Cartele Branntwein, ohne Zweifel Franzbranntwein, accisefrei sein sollten. Wir wissen das Local, von dem weiter keine Rede ist, nicht nachzuweisen, falls man nicht das sogenannte Gewölbe beim kleinen Wasserthor darunter zu verstehen hat.

Schließlich haben wir noch einen Blick auf den Weinhandel der Bürger und dessen Verhältniß zum Rathskeller zu richten. Aus dem ganzen Mittelalter ist uns in Beziehung auf jenen nur die einzige Thatsache bekannt, daß der Rathmann Hinrich Kadow 1341 dem Bürgermeister Johann Kröpelin sein großes Faß Wein im Keller verpfändete 1 ), wonach wir vielleicht vermuthen dürfen, daß in Wismar zu jener Zeit noch aller Wein in dem öffentlichen Keller gelagert wurde, wie es auch vordem in Lübek der Fall war. Darnach aber findet sich eine Spur bürgerlichen Weinhandels erst in einem Hafenregister, welches dem Jahre 1535 angehören mag. Nach demselben gaben Basterd die Pipe 3 S., das Oxhöft 2 S., Malvasier, Romanie und Alicant das Faß 4 S., die Pipe oder Bot 3 S., Poitou die Pipe 2 S., das Oxhöft 9 Pf. und endlich Rheinwein das Faß von 8 Ohm und darüber 4 S., 6 Ohm oder ein halbes Faß 3 S., die Zulast von 4 Ohm gab 2 S. und ein einzelnes Ohm 6 Pf., wogegen im folgenden Jahrhunderte, 1663, das Hafengeld für je ein Faß Alicant, Malvasier, Basterd und andere heiße Weine, wie auch für das Ohm Rheinwein auf 8 S., für das Ohm Franzwein auf 6 S. 6 festgesetzt wurde, während 1628 das Dammgeld für das Ohm von 4 S.=Pfd. auf 4 S. normirt war. Man sieht aus diesen Bestimmungen, daß der Rathskeller nicht etwa allein Rheinwein und heiße Weine führte, sondern daß dies auch von Seiten der Bürger geschah, aber das ist nicht weniger gewiß, daß dieser Handel und zwar sicher seit uralter Zeit ein beschränkter war, wenn wir auch weder im älteren Lübischen Rechte noch unter den früheren Wismarschen statutarischen Aufzeichnungen eine Spur davon finden. Es war der Großhandel mit Wein jeglicher Art, der allen Kaufleuten zustand, doch scheint auch dieser allerdings nicht ganz ohne Schranken und der Verkauf von Rheinwein landwärts dem Rathskeller vorbehalten ge=


1) Dominus Hinricus Kadowe inpignerauit domino Johanni Cropelyne suum maius vas vini, quod jacet in cellario pro XIII marcis Lubicensium denariorum. Daß der Rathskeller gemeint ist, wird nicht zu bezweifeln sein; es würde sonst in cellario suo gesagt sein.
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wesen zu sein, während seewärts jeder Bürger ausführen konnte, denn anders ist es nicht wohl zu erklären, wenn es in dem Contracte von 1593 heißt, daß "außerhalb der Stadt zu Lande bei Zulasten, ganzen oder halben Ohmen oder Lecheln" Rheinwein zu verkaufen der Ratskeller allein berechtigt sei. Ganz unzweideutig ist aber letzterem die Lieferung von Rheinwein zu Hochzeiten, Kindtaufen und dergleichen zahlreicheren Zusammenkünften in den Contracten vorbehalten. Dieselben enthalten diese Reservationen für den Keller aber von 1664 ab nicht mehr und dafür eine allgemeine Zusicherung von Schutz in Betreff der Rechte des Rathskellers, insoweit es die Zeitumstände erlauben würden. Zu dieser Modification wurde der Rath durch das treulose Verfahren der Schwedischen Regierung bewogen, welche, trotzdem daß die Rechte und Statuten der Stadt vermöge des Westfälischen Friedensinstrumentes unangetastet bleiben sollten, kein Bedenken trug, selbige zu "attemperiren" und hierin leider auch bei dem höchsten Gerichtshofe nicht ohne Unterstützung blieb, welcher oft genug Uebergriffe aus der richterlichen Sphäre in die legislatorische sich gestattet hat. In Bezug auf unseren Gegenstand kam namentlich ein Königliches Rescript vom 28. Juli 1058 in Betracht, nach welchem es jedem Bürger freistehen sollte, zu handeln, womit er wolle, d. h. wenn nur die der Krone und der Stadt zustehenden Ungelder bezahlt würden; wäre das dem Bürgervertrage entgegen, so müsse derselbe "zeitgemäß adaptiert" werden. Solchen Ukas hatte das Tribunal bereits einer Entscheidung grundleglich gemacht und bei dieser Willkür vermied es also der Rath, Verpflichtungen gegen den Kellerpächter einzugehen, die er nicht halten zu können leicht in die Lage kommen konnte. Den Verkauf des Rheinweins im Großen scheint man übrigens hernach auch nicht weiter für beschränkt angesehen zu haben und mag auch keine Gelegenheit zum Einschreiten dagegen gewesen sein. Länger aber hat man das Privilegium des Rathskellers auf den Detailverkauf von Rheinwein und von Südweinen aufrecht zu erhalten gewußt, welches Art. 88 der Alten und Art. 75 der Bürgersprache von 1610 bestätigen; niemand sollte nach denselben Rheinischen Wein oder Branntwein, Bastart, Muscatel, Malvasier oder dergleichen "hitzige" Weine außer dem Kellermeister zapfen. Aber schon im siebenzehnten Jahrhunderte fingen die Weinschenker an Uebergriffe zu machen und der Rath hielt es 1695 für das Beste, wenigstens in Betreff der Südweine Concessionen gegen eine Recognition zu

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ertheilen, die nur bezüglich der Hochzeiten, Kindtaufen u. s. w. eingeschränkt waren, andererseits aber auch Schutz gegen die Krämer und sonstige Nichtconcessionirte zusagten. Man versuchte freilich noch 1722 bei einer passenden Veranlassung, dem Keller das ausschließliche Recht wieder zu gewinnen, aber vergebens, doch sind die heißen Weine wie der Rheinwein noch 1751 in dem Privilegium für das Neue=Haus als Schenkhaus ausdrücklich ausgenommen worden. Aber auch Rheinwein auszuzapfen hatten die Weinschenker seit dem obengedachten Rescripte von 1658 bereits vielfältig unternommen. Namentlich hatte Johann Tanke, von dem bereits die Rede war, bis 1662 schon 238 Oxhöfte Rheinwein, die er als Frankenwein eingeschmuggelt zu haben scheint, in seinen Keller gelegt und bis zum April 1663 an Rheinwein, süßen Weinen und Branntwein 147 3/4 Oxhöfte verkauft. Der aus diesem Anlasse angefangene Prozeß blieb aber liegen, anscheinend, weil Johann Tanke den Rathskeller in Pacht erhielt, und ebenso derjenige, welcher sich entspann, als sein Sohn 1687 Rheinwein in seinen Privatkeller hatte bringen lassen. Der Rath erlangte jedoch noch 1749 eine dem Keller günstige Entscheidung beim Tribunal und reservirte letzterem gegenüber 1765 alle dem Keller in Bezug auf den Verkauf von Rheinwein im Kleinen und sonst zustehenden Rechte, als dem Weinschenker Hieron. Chrn. Ungnade in letzter Instanz die Berechtigung zugesprochen war an Eximirte Rheinwein, wie im Großen, so auch im Kleinen, zu verkaufen. Nach Aussage des damaligen Kellerpächters war übrigens die Lage der Dinge zu jener Zeit schon so, daß alle sechs Weinschenker Rheinwein und süße Weine führten und zwar in dem Umfange, daß er, der seit 1752 wohnte, während er in der ersten Zeit noch für 1000 Th. jährlich davon abgesetzt haben sollte, zuletzt für 700 Th. weniger verkaufte, weswegen er sich einen Schaden von 200 Th. das Jahr berechnete. Der Rath hat weiterhin keinen Versuch mehr gemacht, sein Recht zu vertheidigen.

Ohne alle Einschränkung frei stand dagegen den Bürgern Landwein und Französische Weine zu zapfen, aber allerdings nicht ohne Weiteres, sondern es war dazu und ist dazu, zur Gerechtigkeit des Weinkranzes, d. h. zum Aufhängen eines solchen am Hause als Zeichen der Schenkstube, eine besondere Verlehnung Seitens des Rathes noch von Nöthen, wie das revidirte Lübische Recht auch ausdrücklich (III, 6, 12) besagt. Es haben jedoch auch die Krämer nach dem Vertrage vom 8. März 1661 Berechtigungen zum Ver=

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kaufe von Wein im Kleinen, d. h. in Quantitäten unter 1/4 Anker und unter 12 Flaschen nach gegenwärtiger Auffassung, während früher das Lechel die Grenze gebildet haben wird. Der Bürgerwein unterlag aber einer Accise und einer bereits vom Alten Lübischen Rechte angeordneten Probe vor dem Ausschanke.

Bei den spärlichen Nachrichten über den Weinhandel der Wismarschen Bürger in älterer Zeit haben wir denn auch keine Kunde von den Sorten, welche sie etwa zapften. In einem von dem oft gedachten Claus Bischof anscheinend zu Lübek geführten Manuale aus der Zeit von 1475 werden an Landweinen Kobin oder Gabin, d. i. Gubenscher Wein, und Frankenwein und von Französischen "Rodewin", Boitaw oder Bitau, d. i. Wein von Poitou, ferner Gersgagher oder Geysgagher, welches so viel als Gascogner sein wird, und Assoy oder Asoe genannt, den man für Wein aus der Grafschaft Auxois erklärt 1 ). Gubenscher Wein kostete in Lübek damals im Ausschanke das Stübchen 2 S. 8, Frankenwein 4 S., "Rodewin" ebensoviel und Asoe 5 S. 4. Von allen diesen Weinen sind wir in Wismar nur dem Gubenschen und dem "Rodewin" begegnet, jenem, der in Frankfurt a. d. O. eingekauft und über Stettin zu Wasser anher gebracht wurde, zuerst in der Alten Bürgersprache, diesem erst im siebenzehnten Jahrhunderte; vielleicht war er nach einem uns vorliegenden Preis=Courante aus Bordeaux von 1743 zu schließen dasselbe Gewächs, welches in erwähnter Zeit viel benutzt - namentlich schenkten es Anfange des achtzehnten Jahrhunderts mißbräuchlich die Krämer in einer Mischung mit Spanischem Weine - und in gedachtem Preis=Courante als "rother Hochlandswein" aufgeführt ist. Dieser wurde aber nur in mäßiger Menge consumirt und die weißen Franzweine so wie der Franzbranntwein hatten einen weit zahlreicheren Kreis von Gönnern. Die Werthschätzung des alten weißen Franzweins hat sich, wenn auch gegenwärtig abnehmend, bis in unsere Tage in Wismar erhalten; es ist nicht lange, seit die Sitte abgekommen, beim festlichen Mahle Rheinwein und alten Franzwein zur Auswahl anzubieten, noch heute ist er der Wein der Kindtaufen und Begräbnisse und hin und wieder trinkt man wohl aus Kelchgläsern eine Mischung von altem Franzwein mit Rheinwein, versüßt mit Zucker und mit einem Canellstengel (d. h. Zimmet) umge=


1) Wehrmann a. a. O. S. 86. Hirsch a. a. O. S. 85 führt dagegen Azoye als Lissaboner Ausfuhrartikel an.
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rührt, nach welchem das Getränk benannt wird. Als Sorten haben wir schon oben aus dem Jahre 1712 die süßen Picardan und Frontignan, die weißen Weine von Calvisson und Haut=Preignac sammt dem schweren Pontac als vorkommend genannt und fügen dem hier hinzu, daß wir 1742 zuerst Medoc und Margaux namentlich angetroffen haben, von denen jener damals 39, dieser 27 Th. NZwdr. das Oxhöft in Lübek kostete, und 1744 den weißen Serons, der in Lübek mit 16 Th. 24 S. NZwdr. bezahlt wurde. Daß 1712 zuerst Champagner und Burgunder in Wismar genannt werden, ist bereits gesagt und mag hier noch notirt werden, daß in Hamburg 1743 jener 2 M. 6, dieser 1 M. 8 die Flasche galt.

Im Anfange des vorigen Jahrhunderts gab es in Wismar sechs Weinschenker. Nicht übermäßig günstig situirt, wie es scheint, wurden dieselben 1722 beim Rathe vorstellig wegen der Eingriffe verschiedener Personen, welche Franzbranntwein, Frontignan und Portugieswein bei Kannen und Flaschen verkauften, der Krämer, der Krüger, welche Franzbranntwein schenkten, und endlich besonders deswegen, daß Franzwein auch im Rathskeller feil sei. Der Rath sagte in Betreff der ersten Beschwerden Abhülfe nach Befund der Sachen zu und proponirte bezüglich des Rathskellers, daß man das Schenken von Franzwein einstellen wolle, wenn die Weinschenker dagegen den Verkauf von Südweinen aufgeben würden. Diese aber übersetzten schon damals das Suum cuique mit: Laßt mir das Meine und gebt mir das Eure, gingen nicht auf den Vorschlag ein und wendeten sich vielmehr an das Tribunal, was freilich nicht allein erfolglos war, sondern auch den Nachtheil für sie hatte, daß der Rath nunmehr ihr gleichzeitig angebrachtes Gesuch, eine geschlossene Compagnie bilden zu dürfen, zu dessen Gewährung sie gegründete Aussicht hatten, abschlug. Seit Mitte vorigen Jahrhunderts sind die Weinschenker dann meist in die Papagoien=Compagnie eingetreten und haben gegenwärtig fast alle die Trinkstuben aufgehoben, sind Weinhändler geworden.

Die Weinschenker suchten 1722 auch um die erbliche Freiheit des Weinkranzes für ihre Häuser nach, natürlich ohne Erfolg. Dem Neuen=Hause aber ist solche Freiheit am 3. Mai 1751 ertheilt worden, so lange es Compagniehaus der Kaufleute sein werde, das Privilegium jedoch nur auf Franzwein, Alant= und andere Würz=Weine gerichtet, während Rheinwein, Sect, Spanische und derlei hitzige Weine ausgeschlossen wurden; beim Wechsel der Pächter sollte eine

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Renovation nachgesucht und eine Recognition gezahlt werden. Das Privilegium erlosch 1820 mit dem Uebergange des Hauses in Privatbesitz. Es bestehen dagegen noch fort die Realprivilegien der Rathsapotheke und der "kleinen" oder "unteren" oder Löwen=Apotheke. Die Apotheker verfertigten vormals die beliebten mit Gewürzen abgezogenen Weine, den Claret, Hippocras und Luttertrank 1 ), von denen der erstgenannte schon 1427-1515 kostete das Stübchen 12S. S. -die anderen beiden zuerst im Ausgange des sechszehnten Jahrhunderts in Wismar genannt werden, und daraus konnte sich leicht der Verkauf von Wein überhaupt entwickeln. In der That hat dieser auch bereits 1580 auf der Rathsapotheke Statt gefunden, doch waren es nur Landwein, Französischer, Spanischer und dergleichen fremde Weine, welche der Apotheker nach vorgehender Probe und Zahlung der Accise zapfen durfte. Gegen Ende des siebenzehnten Jahrhunderts war auf der Rathsapotheke zu haben Luttertrank zu 4 S., Bitterwein zu 3 S., Himbeer=, Citronen= und Kirschwein zu 4 S., Franzwein zu 3 S., Hochlandswein und Basedonk (?) zu 4 S. und Franzbranntwein zu 4 1/2 und 5 S. die Planke; in der Wismarschen Apothekertaxe von 1741 ist das Stop Vinum Hippocraticum mit 12 S. angesetzt. Als die Rathsapotheke 1819 von der Stadt in Erbpacht verkauft wurde, ist das Privilegium auf Französischen Wein in dem Contracte conservirt worden, welches der Eigenthümer der 1659 von Mathias Scheffel angelegten zweiten Apotheke gleichfalls besitzt, doch machen beide Apotheken seit Menschengedenken keinen Gebrauch mehr von ihrem Rechte. Luttertrank wird nach 1835 in Wismar nicht mehr bereitet sein und die anderen Weine verstehen die Weinhändler jetzt wohl eben so gut zu präpariren wie irgend ein Apotheker.

Rathskeller im alten und eigentlichen Sinne, d. h. Keller, in denen für Rechnung von Rathscorporationen unter deren Aufsicht edle Weine mit ausschließender Berechtigung verkauft wurden, giebt es jetzt schwerlich noch irgendwo. Theils von Oben, theils von Unten bedrängt sind die Rathmannen, denen die ihnen zustehenden Gefälle nur eine Anerkennung waren für Zeitverlust, Mühe und Gefahr, die sie für das gemeine Wesen aufwendeten, hier fürstliche Diener, dort Gemeindebeamten geworden, welche für ihre Arbeit einen festen Sold, und, müssen sie ausgespannt werden Pension erhalten. Für solche Collegien hat eine schwankende


1) Ueber Unterschied und Bereitung s. Wehrmann a. a. O. Note 14.
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und unerhebliche Einnahmequelle, wie ein Rathskeller war, kein Interesse. Zu diesem Umstande, wie die letzten beiden Jahrhunderte und das gegenwärtige hier früher, dort später ihn hervorgebracht haben, trat hinzu, daß das Bedürfniß beim Publicum mehr und mehr schwand; der Rheinwein kam allmälig außer Gebrauch und man entschied sich in immer weiteren Kreisen für die billigeren und weniger feurigen Bordeaux=Weine und etwa den allerdings teuren, aber gleichfalls nicht nachhaltig erhitzenden Champagner, ganz der süßen Weine des Südens zu geschweigen, denen man gänzlich den Rücken gekehrt hat. Endlich hat man sich ebensowohl Seitens der Obrigkeiten wie des Publicums entwöhnt, für den Schutz, den die Rollen und Privilegien gewährten, als Gegenleistung "Kaufmannsgut", d. h. unverfälschte und tüchtige Waare zu beanspruchen; jedermann ist eben bereit die Freiheit nach besten Kräften zu mogeln, welche er selbst beansprucht, auch anderen zuzugestehen und so wenig sich jemand wider das angeschobene und schleifige Brod des Bäckers beklagt oder über den Knochenhauer, der ein Stück Vieh vor dem Schinder rettet, so giebt er sich auch zufrieden, wenn er Cette=Wein für Bordeaux und Freiburger Schaumwein für Champagner bezahlen muß, und wird sich auch zufrieden geben und sich vielleicht über die schönen Fortschritte der Wissenschaft freuen, wenn sein Glas mit Magdeburger S. Julien gefüllt ist, mit Brausewein, der im Keller gegenüber seinen Ursprung hat, oder mit Rheinwein, dessen Duft das Werk weniger Secunden ist. Unter solchen Verhältnissen haben die Rathskeller ein Ende nehmen müssen und die jetzt in den alten Räumen etablirten Weinhandlungen stehen auf ganz gleichem Fuße mit allen übrigen. So ist es seit einem Menschenalter auch mit demjenigen in Wismar.


Berichtigung.

S. 58, Z. 2 lies 1564 statt 1464.

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Beilagen.


I.

Auszug aus dem Wismarschen Weinregister das Rechnungsjahr 1467/8 begreifend.

Dat fest Palmen XIII 1/2 st. — It. III. st. to dage her Olrik, her Diderik. — It. III st. to vnser leuen vrouwen in guden Donredage. — It. III st. to sunte Nicolawese. —It. III st. to sunte Jurien. — It. II st. to vnser leuen vrouwen in Paschen auende. — It. III st. to sunte Jurien. — It. II st. to sunte Nicolawese. — Dat fest Pasce XXVII st. — In Pasche dage XIIII st. to vnser leuen vrouwen. — To sunte Jurien XV st. — To sunte Nicolawese XIIII st. — It. 1/2 to vnser vrouwen. — It. 1/2 to sunte Nicolawese. — It. 1/2 to sunte Jurien. — It. I st. Tomas Roden. — It. I st. wins doctor Engelbrecht. — It. II st. her Olrik, her Diderik to dage. — It. III st. wins her Werner van Bulow. — It. I. st. Tomas Roden. —It. I st. vp Perseualen hus her Diderik, her Bertolt. — It. III st. to dage her Olrik, her Diderik. — Dat fest sunte Marcus XIII 1/2 st. — It. VII st. to den kerken vnde scholemesteren. — It. II st. den Rostkeren. — It. II st. darna. — It. X st. I qr. to dage to Sluckup. — It. IIII qr. to mynen hus. — It. II st. den Rostkeren, alz se wedder quemen. — Dat fest Johannis ante portam Latinam XIII 1/2 st. — It. VIII st. vp dat hus in der hemmelvard. — It. VIII st. des dages. — Dat fest Ascensionis XXVII st. — It. V st. in pinxte[n] auende. —It. II qr. to mynen hus. — It. dat fest Pinxten XXVI st. — It. vor den Sterneberch XIII st. — It. dem praueste van Rasseborch I st. — Dat fest der hilgen drevaldicheit XIII st. — It. IIII qr. to mynen hus her Dirick, her Marquard. — Dat fest des hilgen lichammes XIII st. — It. in de korken IX st. — It. IIII st. vp de wedemen. — It. VIII st. to sunte Jurien, It. X st. to vnser vrouwen, It. to sunte Nicolawes VIII st. paulum

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[heren]. — It. IIII st. I qr. to Plawe. — It. II st. dem prior van Raseborch. — It. VIII st. myn here van Mekelnborch. — It. VI st. den Lubeschen. — It. III st. den Rostkeren. — It. II st. den Hamborgeren. — It. II st. dem bisschoppe van Tzwerin. — It. VI qr. vor mynen hus. — It. VIII st. mymen heren van Mekelnborch. — It. VI st. den Lubeschen. — It. III st. den Rostkeren. — It. II st. den van Hamborch. — It. II st. den bisschop van Tzwerin. — It. II st. dem pryer van Rasseborch. — It. III st. vp dat hus. — It. vp Perseualen scryuerie. — It. I st. myns heren speleluden. — It. VIII st. mymen heren van Mekelnborch. — It. VI st. den Lubeschen. — It. III st. den Rostokeren. — It. II. st. den Hamborgeren. — It. II st. den bisschoppe van Tzwerin. — It. II st. dem prior van Rasseborch. — It. II 1/2 st. vp dat hus. — It. 1/2 st. her Diderick Wilden. — It. 1/2 st. vor Perseualen hus. — It. VIII st. mynem heren vam lande. — It. VI st. den Lubeschen. — It. III st. den Rostkeren. — It. II st. den [van] Hamborch — It. II st. dem bisschope van Tzwerin. — It. II st. dem prior van Raseborch. — Dat fest Johannis Baptiste XIlII st. It. VIII st. hertogen Hinricke. — It. VI st. den Lubeschen. — It. III st. den Rostkeren. — It. II st. den van Hamborch. — It. II st. den bisschoppe van Tzwerin. — It. II st. dem pryor van Rasseborch. — It. VII st. vp dat hus. — It. IIII st. mynen heren vam lande. — It. VI st. den Lubeschen. — It. III st. den Rostkeren. — It. [II] st. den van Hamborch. — It. II st. dem bisschoppe van Tzwerin. — It. II st. vp Perseualen scryuerie. — It. III qr. to Perseualen hus. — Dat fest visitacionis XIIII st. — It. V st. to kerken vnde closteren in die Processi. — It. II st. den van Godebusse. — It. I st. Hans Arndes den scriuer van Lubeke. — It. noch I st. — It. I st. Jasper Wilden. — It. III 1/2 st. vp der rosen her Diderick, her Olrick. — It. II st. den Rostkeren. — It. I st. den Sundeschen. — It. noch II st. den Rostkeren econtra. — Dat fest Laurentii XIIII st. — It. VI qr. vp Perseualen scriuerie her Diderick, her Bertolt. — Dat [fest] assumpcionis XXVIII st. — It. IIII st. mynor gnedigon vrowen. — It. II qr. to mynen hus. — Dat fest decolacio Baptiste XIIII st. — It. I st. den borgermester van Hamborch. — It. II st. to dage. — It. II qr. to mynen hus. — It. V st. vp dat hus. — Dat fest natiuitatis Marie XIIII st. — It. II st. to dage. — It II qr. to mynen hus. — It. I st.

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her Diderick Wilden vtter heruard. — It. II qr. vp G[otfridi] scryuerie. — Dat fest Michaelis XIIII st. It. II st. to dage. — It. II st. dem abbete. — It. noch II st. — It. I st. dem prier van der Arndesboken. — It. IIII st. den bisschop van Rasseborch. — It. noch IIII st. — It. noch IIII st. — It. noch IIII st. — It. I qr. halde ick. — It. IIII st. den suluen bischoppe. — It. noch IIII st. — It. noch IIII st. — It. IIII st. — It. IIII st. —It. IIII st. — It. IIII st. — It. IIII st. — It. IIII st. —It. IIII st. — It. IIII st. — It. 1/2 st. to mynen hus. — Dat fest alle godeshilgen XIIII st. — It. I st. dem mvntemester. — It. II qr. to mynen hus. — It. I st. to den bischoppe van dem Schonenberge. — It. II st. her Nicolaus Ronnow. — It. den Lubeschen III st. — It. II st. den Rostkeren. — It. II st. den Sundeschen. — It. noch III st. den Lubeschen. — It. II st. den Rostkeren. — It. II st. den Sundeschen. — It. II st. her Ronnow. — It. V st. vp dat hus. — It. IIII st. hertoch Hinrick, hertoch Mangnus. — Dat fest Martini XXVIII st. — It. II. st. den abbete van Dobberan. — It. noch II st. — It. II. st. her Ronnow. — It. I st. her Diderick, her Marquard vp der rosen. — Dat fest conce[p]cionis Marie XIIII st. — It. IIII st. to dage to Wistik. — It. II qr. to mynen hus H[ans] A[rndes]. — It. 1/2 st. myns heren spelelude. — It. II qr. to mynen hus; halde Westual. — Dat fest natiuitatis Cristi XXVIII st. It. XIX st. in de kerken. — It. I st. den abbe[te] van Dobberan. — Dat fest nien jar XIIII st. — Dat fest der bilden dre konynge XIIII st. — It. II st. den Rostkeren. — It. noch II st. — It. II st. dem rade van Parcham. — It. I st. den statscryuer van Lubek. — It. I st. — It. I st. Oldezwager.

— It. IIII st. vnser vrowen myt den vroulin. — Dat fest lichtmyssen XIIII st. — It. IIII st. den vrowen myten vroulin lt. hertoch Mangnus II st. — It. I st. Johannes Arndes de Lubeke. — It. noch I st. — It. II qr. her Diderick vp Perseualen hus. — Dat fest to vastelauende XXVIII st. — It. I st. dem doken van Tzwerin. — It. IIII st. den sentpraueste. — It. II st. den Rostkeren. — It. II st. des anderen dages. — Dat fest vnser vrowen bodeschop XIIII st. — It. dem abbete van Doberan II st. — Dat fest Letare XIIII st. —

Die blos mit Taufnamen vorstehend genannten Personen sind Wismarsche Rathsmitglieder und zwar ist her Olrik = B. Olrik Malchow, her Di=

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derik = B. Diderik Wilde, her Bertolt = R. Berthold Nigeman, ber Marquart = R. Marquard Langediderik und Gotfridus = M. Gotfridus Perseval, der Stadtschreiber zu Wismar.


II.

Henning Meyger in Lübek an Claus Bischof, Raths Schenken zu Wismar.

D. d. Lübek, 1481, Juny 20.

Dem ersamen Klawes Bysschup, wyntepper tor Wysmer, sal dusse breff.
                    Jhesus.

Fruntliken grot to voren. Klawes gude frunt, dot wol vnde gheuet Gert Schurman, ys dor eyn borgher, dat gelt, gy my [schuldich] syn vor dat stucke wyns. Hebbe gy et nicht geamet, so tatet et amen vn(de) vornoget my dussen man, des bydde ik juw, vnde geuet om, wat dat stucke wyns lopt. Item. fort, Klawes, gude frunt, so gy in testen by my to Lubeke weren vnde van Margreuen eyn stucke wyns kosten (!), so gaf ik ju ok van myn wyne dryngken, was vppe den auent, do sede gy, wotde ik dat steueren geuen vmme V s., so wotde gy et an juwe heren bryngen vnde wotden my eyn antwort scryuen. Item. so wettet, gude frunt, dat ik dat sulue stucke wyns noch hebbe. Spreket myt juwen heren. Isset sake, gy des behoff hebben, so wyt ik ju dat stucke wyns senden, dat stoueken vor XV 1/2 wytten. Ik meine van dem houetman wol orleff (to krygen). Isset sake ju hyr wes vmme [to donde] ys, dot dat wol. Scryuet my myt den ersten wedder vnde, dat soden vnder vns mochte blyuen, bydde ik ju. Sus sundergen nicht, den bedet to my. Syt godde beuoten. Gescreuen in Lubeke an dem auende corporis Cristi LXXXI.

Hennyng Meygher.     

Item. scryuet gy my wat wedder, so bestelt den breff in den wyenketter, so wart he my wol.

Auf einem Octavblatte Papier. Das Siegel zeigt eine Hausmarke. Hinrich Margreve lieferte ebenfalls für den Wismarschen Keller.


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III.

Inventarium über den Nachlaß des Claus Bischof, Raths Schenken zu Wismar.

D. d. Wismar, 1483, Februar 18.

In nomine domini. Amen. Per hoc presens publicum instrumentum cunctis pateat euidenter et sit notum, quod anno a natiuitate domini millesimo quadringentesimo octuagesimo tercio, indictione prima, pontificatus sanctissimi in Cristo patris et domini nostri domini sixti diuina prouidentia pape quarti anno eius duodecimo, die vero Martis, decima octaua mensis Februarii in opido Wismer Razeburgensis diocesis hora terciarum de mane uel quasi in meique notarii publici et testium infrascriptorum presencia personaliter constituti spectabiles viri dominus Johannes Hoppenacke, proconsul in dicto opido, necnon domini Otbertus Gantzkow et Mathias van Brugge, consules ac rectores celarii vini, ad hoc et ad negocium infrascriptum per consulatum ibidem specialiter deputati, hesterna die intestato defuncto Nicolao Bisscopp de Binghen, eorum caupone, ex certis causis animos ipsorum ad hoc mouentibus, ut dixerunt, inuentarium rerum et bonorum quorumcumque per ipsum Nicolaum defunctum relictorum fideliter per me notarium publicum supra et infrascriptum fieri et res huiusmodi conscribi, ne ex post alicui aliqua sinistra occasio asscribi valeat uel impingi, (petierunt). Prefati igitur domini vna mecum notario et testibus infrascriptis ad habitacionem, quam idem defunctus, dum ageret in humanis, ante mortem suam inhabitauerat et inhabitare consueuerat, in qua res et bona prefati defuncti sita fuerant et reposita, animo et intencione conficiendi inuentarium de rebus et bonis predictis accesserunt ibique reperte fuerunt per prefatos dominos ad hoc deputatos res infrascripte ac per me notarium infrascriptum ad requisicionem ipsorum dominorum fideliter descripte et annotate, videlicet talia. Et in primis in auro et promta pecunia ex cistis et scrineis recollecta ibidem sunt reperti decem et septem floreni poustulatenses, duo floreni leues, vnus florenus episcopalis, tres floreni Dauidis, septem floreni Renenses. Item centum et sexaginta septem marce in Lubeschen schillinghen, achte mark in drelingen. Item soes vnde vertich mark in anderem suluergelde. Twe pater noster, dat ene van bernstenen, dat ander van co-

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rallen, quinque cociearia argentea et instrumentum quoddam argenteum pro tenendis confectionibus et speciebus recipiendis, dictum in vulgari Wismariencium en schuffelken, vnde en forke to samende. Item in lobio pro juuenibus inuenti sunt tres lecti, en houetpoel, twe par laken vnde twe deken non magne reputacionis. Item de subtus in dicta habitacione reperta sunt en bedde, twe houetpoele, veer houet kussen, en par laken, en hantdwele. Item ene schipkiste vnde dar in gelecht en graw langk rock vppe de Hollandesche wyse, dree wamboyse, en dwelck rock, twe swarte hoyken, en rock federt myt vossespoten, en par hasen, en bedde laken, en hemmede, en swart rock myt willen foder, en koghel, twe vilthode, ene deken, en badebudel myt der badekappe vnde en langk mest. Item en scriffkuntor, dar in ghelecht en dagghe myt suluer belecht, en borde myt suluer beslaghen, twe tasschen, en scritflade, en scrifftafel, en sulueren tangheken ton oghenbranen, en scryn myt breuen vnde ander pluserye nicht gheachtet. Item ene verkante kiste vnde dar in gelecht viff stucke thenwerkes, dre grapen, en eygerscape, en bratscape, en missinges luchter, twe pisbecken, en spuntvlassche, twe bleckviasschen, en grot tasschensloth, en budelken myt lynen klederen, en houetlaken, en beddelaken, en spegel, en swarte koghel, en olt badelaken, en vurespeghel vnde ander pluserye nicht werdes. Item ene halue slothtunne, dar in twe beddelaken, en dwele vnde ander pluserye. Item en tafelken, twe par laken vnd twe olde pu e ste. Super quibus omnibus et singulis dicti domini vnum uel plura publicum seu publica sibi fieri pecierunt a me notario infrascripto tot, quot forent necessaria, instrumentum et instrumenta. Acta sunt hec anno domini, indictione et aliis, quibus supra, presentibus ibidem prouidis viris Nicolao Heynen et Hinrico Vicken, opidanis dicti opidi, necnon Johanne custode vigiliarum et Johanne Gustrow, ministris consulatus eiusdem opidi Wismariensis, testibus ad premissa vocatis et rogatis.

(S.)    Et ego Theodericus Hagen, clericus Verdensis diocesis, publicus imperiali auctoritate notarius, etc.

Item anno vt supra die Lune IX Marcii inuenerunt et receperunt in et ex cista in celario vini XLV marcas minus IIII solidis Lubicensibus.

Nach dem Originale auf einem Pergamentblatte im Rathsarchive zu Wismar. Der Notar erhielt für dies Instrument 7 S.


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IV.

Verzeichniß der Unkosten für Claus Bischofs, Raths Schenken zu Wismar, Begräbniß.

(1483, Ende Februar.)

Wat Clawes Bisschoppes graft ghekostet heft.

Item. Int erste vor heryng, vor stockuissch, vor barze, vor hekede, vor las, vor brot, vor kropele, vor olye, vor sennep, vor krude, vor mandelen, vor rozynen, vor etyk, vor honnych, soll, vor mede summa II m. VII s.

Item noch IIII s., II s. dem kake.
Item. XVIII s. vor dat ludent.
Item. XII s. den prestern to der vylye.
Item. II s. to olgende.
Item. VIII s. dem kerkhern vor dat vorsyngent.
Item. VI s. vor een sark.
Item. VI s. dem brugger.
Item. VI s. dem dodengreuer.
Item. III s. vor I punt wasses to den zelelichten.
Item. V s. vor Wismersch ber.
Item. vor Hamborger ber X alb.
Item. IIII s. brot, dat me der got gaff.
Item. den wullenweueren gaff ik XXVI s.
Item. II s. der selemanerschen.
Item. I s. Bouwen vnde Micheel vor de baren tho dreghende.

Auf einem Zettel in Claus Bischofs Journal. - Der letzte Ansatz ist für das Herbeibringen der Bahre.


V.

Johann Smedeken, Kellerhauptmann zu Lübek, an Mathias von Brügge, Rathmann zu Wismar.

D. d. Lübek, 1483, November 28.

An her Mathias van Brugghe wanafftich tho der Wysmer kome desse breff f[runtliken] g[heschreuen].

Minen denst nu vnde tho allen tiden. Wetet, leue her Mathias, gude frunth, alze gi hebben gheschreuen an my vnde Hans Schutten vmme I ghud stucke wins, so

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wetet, dat ik jw sende I stucke wins by Barnekowen vnde is dat beste , dat wy hir van stunden an hebben imme kelre vor nien win, dat loueth Frigken (?) vppe louen, vnde dat stucke wins holt VI ame vnde VI steueren. Dat stoueken steyt XII 1/2 witte. Vort so bidde ik fruntliken, dat gi willen so wol den vnde gheuen LXX mark deme ghennen, an weme dat Hans Ouerkarke se ouerschrifft tho jw tho der Wysmer. Nu nicht mer, man sijt ghode beualen nu vnde tho ewighen tiden. Gheschreuen tho Lubeke des ersten Frigdages na Katherine amme jare LXXXIII.

Johan Smedeken, houethman tho Lubeke in des
rades winkelre                         .

Auf einem Blatte Papier im Wismarschen Rathsarchive.


VI.

Des Rarths Schenken zu Wismar Diensteid.

(Um 1500.)

Des winteppers eed.

(1) Dat ick deme erszamen rhade, dar vann ick den winkeller entfangen hebbe, vor myn jarlike loen vnde vordenst na older wanheit trůwelken vnde mit ganseme flite na myneme vormoge in deme suluen winkellere den wyn to tappende denen wil, ok so vorseen, dat deme ersamen rhade in deme winste na der aminge nen affbrack enschee, dar denne de winheren by sin, vnde denne sodanen winst to siner tid tor rekensschup bringen.

(2) Item. dat ick wi1 deme ersamen rhade alle de wvne, de ick tho Lůbeke koepe, nicht hoger rekenen, also ick se ingekofft hebbe by der amen vnde stoueken offte hele stucke, vnde ok denszuluen win na mogelikeme flite vp dat noůweste inkopen, dat de winst dar van der stad tom besten kame, wenner dat fo e rlon vnde de vnkost dar vann gerekent sint.

(3) Item. dat ick den winherenn dartho vorordent vnnde gheschikket stede wil vorwitliken, so vaken eyn stuckke wyns. Malmesie edder Basterdt in den keller gelecht wert, vnde se dar by nhemen, so verne se dar kamen willen, dessuluen offte des negesten daghes, so drade ick se krigen kan offte erer eenen, wo enhe des boleuet.

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(4) Item. offte en ersame radt suluen dorch de winherenn wil allerleie wyne laten kopen, dat schal my wol beleuen vnde wil des gans vnde al wol tofreden sin, vnde wat my de winheren heten, dat den winkeller andrepende is, dat wil ick den, vnde wat se mi vorbeden, dat wil ick laten na aller mogelikheit.

(5) Item. dat ick wil tappen vnnde vorheten to tappende vulle male in de vorordenten male also in hele stoueken vthe der schriuerie, halue stoueken, quarteer, planken, halue planken vnnde copperen mate in deme winkellere, so se dar sin, ick se gefunden hebbe vnnde ok nige vmmegegaten sin.

(6) Item. dat ick den lantwin nicht wil dhon offte don laten to deme Rinsschen wyne, also dat de bliue vnůormenget, vnde den ick kope vor Rinsschen, den wil ick dar vor tappen edder vorheten to tappende, vnnde den ick koepe vor landtwin, den wil ick dar vor tappen edder vorheten to tappende, alle na siner werde, so my eyn ersame rhadt hetende wert.

(7) Item. dat ick den landtwin nicht in andernn steden vmmee gelt wil tappen offte tappen laten alse in der stede, de my vamme ersamen rade dar to vorordent wert, vnnde wil dar to na myneme vermoge vnnde nicht durer geuen den suluen, also he my gesettet vnnde vorlouet wert to geuende.

(8) Item. dat ick nicht mer vor Rinsschen win, Malmesie, Bastardt, Rhomenie, jennigen landtwin edder Frankenwin to tappende vnde vor alle desse vorbenomede wyne totorichtende vnnde to warende evn jar lanck hebben wil alse veertich mark Lubsch, behaluen wes eyne olde gewonte gewest is.

(9) Item. desse vorgeschreuen stucke alle vnde eyn ider by sick laue ick, de wile ick in des ersamen rath denste bin, also to holdende na alleme vormoge. Dat my so god helpe vnnde de hilligenn.

Wismarsches Rathswillekürebuch Fol. 43b.

Vignette
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IV.

Ueber

die Stammesverwandschaft der Familien

von Bülow und von Britzkow,

von

G. C. F. Lisch.


E s ist längst beobachtet, daß in den ehemaligen Wendenländern gewisse altadelige Familien, deren Güter in derselben Landschaft nahe bei einander lagen, dasselbe Wappen führten, und vermuthet, daß dieselben von einem und demselben Stammvater ihren Ursprung, sich aber bei der Germanisirung nach ihren Lehngütern oder Familien= oder persönlichen Eigenthümlichkeiten verschiedene Namen beigelegt haben. Wenn dies nun auch in vielen Fällen durch verschiedene zusammentreffende Umstände sehr wahrscheinlich zu machen war 1 ), so war doch der urkundliche Beweis kaum in einzelnen Fällen und sehr schwer, gewöhnlich nur durch weit greifende Forschungen in den Original=Archiv=Urkunden, zu führen. Ich habe eine solche Stammesverwandtschaft zuerst im J. 1844 bei der noch blühenden gräflichen Familie Hahn bewiesen, indem die Stammväter der beiden altadeligen Familien Hahn und von Dechow, welche ursprünglich beisammen im Lande Gadebusch saßen und dasselbe Wappen führten, in einer Original=Urkunde vom J. 1238 "Brüder" genannt werden ("Godescalcus de Degowe et frater suus


1) So neuerdings z. B. auch bei dem Patriciat der Stadt Malchow; vgl. Jahrbücher XXXII, S. 47 flgd.
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Eckehardus Gallus") 1 ). Ich habe aber nicht allein die Stammesverwandtschaft dieser beiden Geschlechter urkundlich 2 ) bewiesen, sondern es auch zur größten Wahrscheinlichkeit erhoben, daß altadelige stammverwandte Vasallenfamilien mit gleichem Schild und Helm, trotz verschiedener Namen, bei dem Aussterben einer dieser Familien in deren Lehen succedirten 3 ). Ich habe nachgewiesen, daß die Familie von Bibow, welche auch gleichen Schild und Helm mit den Hahn und von Dechow führte, im J. 1467 in die in dem Gute Bibow gelegenen Lehen der ausgestorbenen Familie Hardenack, welche ebenfalls ein gleiches Wappen gehabt hatte, succedirte ("de gudere to Bibowe, also em vnd synen eruen van dodes weghen des slechtes der Hardenacken seliger dechtnichtze gehêten was vnd is angefallen vnd gestoruen 4 ).

Bei der Darlegung der Stammesverwandtschaft der Hahn mit den genannten Familien habe ich darauf hingewiesen, daß die Stammesverwandtschaft mehrerer anderer Familien sehr wahrscheinlich sei, unter andern die der beiden Familien von Bülow und von Brützekow.

Es ist mir jetzt gelungen, die Stammesverwandtschaft dieser beiden letztgenannten Familien auch beweisen zu können.

Unmittelbar neben dem früheren Dorfe und nachmaligen Nonnenkloster, jetzt Stadt Rehna im Lande Gadebusch liegen zwei alte Dörfer Bülow und Brützekow oder Brütschow, welche jetzt nur durch das Gebiet von Rehna getrennt sind. Von diesen beiden Dörfern, deren Lehnseigenschaft durch Veräußerungen an das Kloster lange untergegangen ist, haben ohne Zweifel die beiden Vasallenfamilien von Bülow und von Brützekow den Namen. Sie erscheinen in der ältesten Zeit wiederholt auf diesen und andern Gütern in der Nähe von Rehna. Schon am 6. Sept. 1237 treten die beiden Ritter Gottfried von Bülow und Gottfried von Brützekow (Godeke de Brutsekow) mit andern alten Familien jener Gegend bei dem Fürsten Johann von Meklen=


1) Vgl. Lisch Gesch. des Geschl. Hahn, I, A. S. 41, und B, S.25.
2) Später hat v. Ledebur in den "Märkischen Forschungen" seit 1847 in mehreren Abhandlungen über manche "Familien=Gruppen" die Untersuchung weiter geführt, jedoch nur nach Gleichheit des Wappens und der Heimat.
3) In der Folge habe ich die Stammesverwandtschaft und die gegenseitige Successionsfähigkeit der alten Familien von Holstein und Kruse nachgewiesen; vgl. Jahrb. XXIX, 1864, S. 263 flgd.
4) Vgl. Lisch Gesch. d. Hahn I, A, S. 49 und 52, und II, B, S. 135.
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burg zu Gadebusch 1 ) auf, eben so am 22. Juni 1241 1 ), ohne Zweifel die Stammhalter beider Familien.

Beide Familien verbreiteten sich bald nach Osten hin. Die Familie von Bülow gewann in zahlreichen Aesten bald große Verbreitung über das ganze Land Meklenburg und weit darüber hinaus bis auf den heutigen Tag. Auch die bisher wenig bekannte Familie von Brützekow wandte sich bald gegen Osten in die Gegend der Stadt Gnoien, ungefähr zu gleicher Zeit mit den Moltke und den von Lewetzow, mit welchen die Bernevür stammverwandt waren. Schon im J. 1273 belehnte der Fürst Nicolaus von Werle den Ritter Martin von "Brüzssecow", dessen Großvater Martin um das J. 1230 das Gut Brützekow bei Rehna besessen zu haben scheint 2 ), mit dem Gute Vorwerk bei Gnoien 3 ), und im J. 1274 erscheint derselbe mit dem Kern der Werleschen Ritterschaft bei den Landesherren 3 ). Als am 30. Nov. 1405 "Barolt Brytzekow" das von seinem Vater ererbte Gut in Repnitz ("Rethemisse") 4 ) an Curd von Bützow verkaufte 5 ), traten "Arnt Brytzekow" zu "Lütten=Wüstenfelde" (in der Pfarre Jördenstorf) und "Johannes Brützekow", Arnd's Bruder, zu "Gantzekendorf" (in der Pfarre Boddin untergegangen) für ihn als Mitgelober auf. Im J. 1359 hatten die Brützekow Besitzungen in Jördenstorf und vor dem J. 1445 hatten sie Rensow besessen. (Vgl. weiter unten.)

Aus mehreren Beispielen ging nun hervor, daß die Familie von Brützekow mit der Familie von Bülow gleiches Wappen führte: 14 Kugeln im Schilde, so wie sie auch ursprünglich ihre alten Lehen neben einander hatten und die Vornamen tauschten. Es ist vorweg zu bemerken, daß sich die Familie mit der Zeit von Britschow nannte, obgleich in alter Zeit die Form Brütschow oder Brützekow, wie noch heute im Dorfnamen, vorherrschend ist. Am 10. Febr. 1359 verkauften "Gödeke Brützekow, des Ritters Godeke Brytzekow Sohn, für sich und seinen unmündigen Bruder Jereslav, und Gödeke Brytzekow, Eckhard's Brytzekow Sohn, den


1) Vgl. Mekl. Urk. B. I, Nr. 467 und 528.
1) Vgl. Mekl. Urk. B. I, Nr. 467 und 528.
2) Vgl. daselbst I, S. 369.
3) Vgl. daselbst II, Nr. 1266 und Nr. 1350.
3) Vgl. daselbst II, Nr. 1266 und Nr. 1350.
4) Repnitz hieß früher Retemitze (1366, "im Lande Gnoien") oder Retemisse (1428), Retenisse (1514) oder Retenitz (1568), auch Retemitz (1584), und noch spät Retenisse (1661); die Form Repenitz kommt zuerst 1694 und 1714 vor.
5) Nach einer Original=Urkunde in der Sammlung des Vereins für Meklenb. Geschichte.
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Brüdern Henneke und Vicke Moltke, von Strietfeld, Knappen, 2 Hufen auf dem Felde des Dorfes Jördenstorf bei Gnoien, welche sie von dem Bischofe Johann von Camin zu Lehn trugen und von ihren "Aelteren" mit aller Freiheit geerbt hatten". Sie besiegelten die Originalurkunde 1 ) mit 2 Siegeln, einem schildförmigen und einem runden, mit einem Schilde mit 14 Kugeln und den Umschriften: Inschriftskreuz S'. S OTFRIDI. BRITS e KOW und Inschriftskreuz S'. S OTFRIDI. BRITS c OW.

Als am 30. Nov. 1405 Barold Brytzekow das von seinem Vater ererbte Gut in Repnitz ("Rethemisse") an Curd Bützow verkaufte, besiegelten seine Vettern, die Brüder Arnd Brytzekow auf Kl. Wüstenfelde und Johannes Brytzekow auf Gantzekendorf (vgl. oben) als Mitgelober die Urkunde mit 2 etwas undeutlich gewordenen Siegeln, auf denen jedoch noch klar ein Schild mit 14 Kugeln zu erkennen ist.

Es ist also nach Heimath, Grundbesitz und Vornamen in alter Zeit und nach dem Wappen nicht zu bezweifeln, daß die beiden Familien von Bülow und von Britschow stammverwandt waren.

Es läßt sich aber urkundlich nachweisen, daß die von Bülow auch in die Lehen der von Britschow succedirten, obgleich sie einen andern Namen führten. Die Familie von Britschow muß in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ausgestorben sein, da später keine Spur von derselben zu finden ist. Am 13. Febr. 1445 schenkte 2 ) nämlich Jaspar von Bülow, erbgesessen auf Rensow bei Lage, also nicht weit von den östlichen Gütern der Britschow, 50 sundische Mark Hauptstuhl oder einen Kamp Ackers von gleichem Werthe in dem Gute Rensow an die Kirche zu Belitz zu ewigen Gedächtnißfeiern für sich und sein Geschlecht und für das "Geschlecht seiner lieben Vettern die Breitschowen, von welchen die Bülow das Gut Rensow hatten." Das Wort "vedderen" ist hier, nach altem, unzählige Male vorkommendem Sprachgebrauch, ohne Zweifel durch Stammes= oder Lehnsvettern zu erklären, da eine entfernte Seitenverwandtschaft wohl anders ausgedrückt und nicht auf das eine Geschlecht beschränkt, auch kein Familiengedächtniß für diese angeordnet wäre. Die Bülow "hatten das Gut Rensow" ohne Zweifel durch Erbfolge nach dem Aussterben des Geschlechts von Britschow, obgleich sich dies


1) Im Geh. und Haupt=Archive zu Schwerin.
2) Vgl. Urkunden=Beilage.
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bis jetzt noch nicht bestimmt nachweisen läßt. Wir haben hier also einen gleichen Lehnfall, wie den oben angeführten vom J. 1467 in den Familien von Bibow und Hardenack.

Das Gut Rensow blieb bis zum J. 1610 in dem Besitz der Familie von Bülow; in diesem Jahre ging es durch Verkauf an die Familie von Lowtzow über, welche es noch jetzt besitzt.


Urkunden=Beilage.

Jaspar von Bülow zu Rensow (bei Lage) schenkt der Kirche zu Belitz 50 sundische Mark zu Gedächtnißfeiern für das Geschlecht der von Bülow und ihrer Vettern der von Brützckow, von denen er das Gut Rensow hat, und übergiebt derselben dafür einen Kamp Ackers in Rensow zur Benutzung.

D. d. 1445. Febr. 13.

Nach einer beglaubigten Abschrift aus dem 16. Jahrh. im Geh. und Haupt=Archive zu Schwerin.

Vôr alle den, de dissen brieff sehen edder hôren lesen, bekenne ick Jaspar van Bulow, knape, erffseten to Rensow, vôr mi vnd mîne eruen, dat ick hebbe gegeuen vefftich sundesche marck hôeuetstôl in dat gadeshûs to Beltze to einer ecirc;wigen dachtnisse vôr mi vnd mîne geschlechten vnd ôck vôr de geschlechte mîner lêuen vedderen die Breitschouwen , van welckeren wi dat gûdt Rensow hebben, der vnd vnser de gadeslûde scholen lâten dencken [vnd] vorbidden alle sundâge van deme predickstôle vnd ein mâel des iârs beghâen lâten [van] deme kerckheren vnd koster mit vigîlien vnd sêlemissen am sundâge in der quatuer tempere im herueste. Vôr disse bâuenschreuen vefftich marck sette ick Jasper van Bulow den vôrstenderen einen kamp ackers in de hende, bolegen up dem velde t o Rensow vor der Grôeten Daluitzer scheiden tendest der dûuen wôcken wisch, ôck an de[m] Grôten Daluitzer kerckwech an den vort. Dissen vôrbenômeden acker met tedest (!) der wisk, also de grâuen na dem Rensower

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dampe (!), mogen de vôrbenômeden gadeslûde bûwen vnd seigen, brûcken sunder mîn vnd mîner eruen bohinderung. Wêret âer dat ick efft mîne eruen den suluen acker mit den wisschen nicht weiden entbêren van dem hâue to Rensow, so wil ick efft mîne eruen den gadeslûden efft vôrstenderen de vôrbenômeden L marck hôuetstôl wedder vt geuen vp êne tîdt to Beeltze vnd den vôrstenderen behulplich wesen, sodâne L marck hôuetstôl wedder an to leggen, dâr dat gadeshûs sîne pechte alle iâr van nemen mach, dat idt blîue to einer êwigen dechtnisse der schlechte van Bulow. Dit stede, vast, vnbrecklich to holden, lâue ick Jasper van Bulow vôr mi vnd mîne eruen, des to thûege (!) mîn ingesegel gehenget an dessen brieff, ôck de êrbârn duchtigen Goetke van Bulow to Potremptze vnd Wedege van Lesten tho Gottin to tûege ere ingesegel gehenget vôr dissen brieff gegeuen vnd geschreuen na der bort Christi dûsend vierhundert im vîff vnd viertigesten iâr, in den vier dâgen des Paschen.

Die "Vier Tage des Paschen" sind wohl die ersten sogenannten "Vier Tage in den Fasten. - Am 13. Dec. 1478 bestätigten die Brüder Vicke, Gemeke und Johann von Bülow zu Siemen und Rensow diese Schenkung.

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V.

Ueber das große Ansehen des Klosters
Doberan im Mittelalter,

von

G. C. F. Lisch.

D as Ansehen des Klosters Doberan unter den Klöstern der deutschen Ostseeländer war schon im Mittelalter gesichert und anerkannt und ward vorzüglich nach seien ausgezeichneten Bauwerken geschätzt, welche freilich leider bis auf die Kirche und die Mühle untergegangen sind. Am 20. Junii 1478 sagen nach einer bisher unbekannt gewesenen Urkunde im Archive zu Schwedin die zu Doberan versammelten Aebte der Cistercienserklöster in den deutschen Ostseeländern ("parcium stagnalium abbates"), daß "Doberan, unter den Klöstern der Ostseeländer des Ansehens würdig, in den Augen der Welt wegen seiner Gebäude unter den glücklichern für reich gehalten" werde:

"Dobbran, inter stagnalia monasteria reputacione dignum, in conspectibus communitatis propter quedam erecta edificia inter feliciora omnium putatur opulentum".

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VI.

Till Eulenspiegel's Grab,

von

Dr. Crull zu Wismar.

W ie man in einer auf einem Ziegel der S. Marien=Kirche zu Wismar angebrachten Darstellung einer Eule mit einem Spiegel das älteste Denkmal Till Eulenspiegel's erkannt hat (Jahrbücher IV, B, S. 54 und V, A, S. 220), so können wir jetzt aus dem Rathsarchive zu Wismar auch die älteste urkundliche Nachricht über sein Grabmal zu Mölln beibringen. Es heißt nämlich in der Relation des Wismarschen Stadtsecretärs M. Jordan Höppener über die Tagefahrt zu Hamburg im Jahre 1536 folgendermaßen:

- Vnde sint nu tho VI vt der herberge gereiset na Mollen, dar wy denne vngeferlich to 1/2 vren ingekamen etc.
Darsuluest leint Vlenspegels stheen, darup de tall M CCC. L.; wider geschreuen dar up: hir steit Vlenspegel bografen etc.
Donrdages to XII bynnen Lubek gekamenn; des suluen auendes tho IIII de Lubeschen gekamen etc.

Vgl. Ulenspiegel. Von J. M. Lappenberg. Leipzig. 1854. S. 317 flgd.

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VII.

Einzeichnungen

in

ein Stammbuch des Gottfried Criwitz 1 )

von

Dr. Pyl zu Greifswald


I n der Sammlung vaterländischer Alterthümer im Universitätsgebäude zu Greifswald befindet sich (ein Geschenk des um die Naturwissenschaft und unsere Universität hochverdienten Dr. Creplin) ein in Leder mit Goldverzierungen und Goldschnitt gebundenes Stammbuch, 5 1/2" breit, 3 1/2" hoch, welches 167 Blätter feinen, dünnen Papiers ohne Wasserzeichen enthält. Dasselbe ist im Besitz von Gottfried Kriwitz, eines gebornen Lübeckers gewesen (vgl. f. 52. H. Wedenhoff, patriae consul), welcher magni parentis filius und legum candidatus genannt wird. Das Buch ist wahrscheinlich im Jahr 1637 angelegt, da in dieser Zeit drei Burgemeister von Lübeck:

f. 50. Henr. Cöler, Cos., (1624-1661), Kai. Sext. 1637;


1) Jacob Criwitz, Bürger und Kaufherr zu Lübek, erwarb seit 1627 in Meklenburg nach und nach die Güter Tarnewitz, Kl. Brütz, Rosenhagen, Gottesgabe u. s. w. und starb 1651. Sein Sohn Gottfried Criwitz, dem das hier besprochene Stammbuch angehörte, ward Besitzer von Kl. Brütz und Gottesgabe und später Herzogs Christian Louis Rath, ohne Gehalt. Wahrscheinlich erst während seiner Lebenszeit, um 1650, ward die Familie geadelt oder, wie man damals zu sagen pflegte, der Adel erneuert. Am 2. März 1686 starb Gottfried v. Criwitz ohne Leibeserben. Die Güter kamen später von der Familie, welche im vorigen Jahrhundert ausstarb.     Dr. G. C. F. Lisch.
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f. 51. Christoph Gerdes D. Reip. Lubec. Cos. (1627-1661) VI Cal. Jul. 1637;
f. 52. Henr. Wedenhoff, patriae consul Lub. (1630-1651) VI Juni 1637;
so wie der Superintendent und seine Lehrer:
f. 76. Nicolaus Hunnius D. Ecclesiae Lubecensis Superintend. 3. Jul. 1637;
/ (Nat. Marpurgi A. 1585, 11. Jul. Denat. Lübeck A. 1643, 12. April, post hor. vesp. 11.);
f. 81. Johannes Kirchmannus, Lubeck, Kal. Jul. 1637;
f. 82. M. Jacobus Stolterfot, Lubecae, 10. Jul. 1637; ihre Namen in das Stammbuch verzeichnet haben. Bei dem Namen des N. Hunnius hat G. Kriwitz spater das Datum der Geburt und des Todes hinzugefügt. Da der Superintendent in Marburg geboren war, so mag dieser Umstand insofern von Einfluß gewesen sein, als Gottfried Kriwitz diese Universität zu seinen Studien erwählte.

Wir finden nämlich v. J. 1640 folgende in Marburg verzeichnete Namen:

f. 78. Joh. Henr. Tonsor, S. S. Theol. D. ejusdemque Professor, Paedagogiarcha et p. t. Rector. 3. Oct.
f. 80. Joh. Tilemannus D. et Med. prof. ord. 3. Oct.
f. 129.v. Henr. Friedr. Reinhardi.
f. 130. Petrus Jugert Holsat., 26. Sept.
f. 131. Martinus Rasoris Moenotr', 27. Sept.
f. 131.v. Ernestus Kmerdingk Brunsv., Oct.
f. 132. Christian Vitzthumb von Eckstedt, 27. Sept.
f. 132.v. Christian Wilhelm Hahn, 27. Sept.
f. 133. Christoph Vitzthumb von Eckstedt, 27. Sept.
f. 133.v. Hermann Riedesell zue Eysenbach, 29. Sept.
f. 134. Ludolphus vom Sode, 3. Oct.
f. 135. Christian Merckelbach, Sept.
f. 136. Reinhold v. Gheren. Rost.
f. 99. Balth. Kingse. 3. IIXbr. A°. 1640.

Von Marburg hat sich Gottfried Kriwitz in der Folge nach Rheims begeben, wo sich noch folgende Personen eingezeichnet haben:

f. 25. Le contentement, la gloire et la liberté c'est une de mes plus grandes consolations au monde.

a Reims le 6. In perpetuum memoriam sui erga nobi-
d'Octobre l'an lissimum donnnum possessorem scripsit
1645. haec officiosa manus 
Ovae Brocktortii Equit. Holsat.
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f. 100. Johannes Christophorus Marci d. Remis. Non. Oct. A. 1645.

Für Meklenburgische Geschichte sind folgende Einzeichnungen wichtig:

f. 3.v.           16         37.
     Fortune Infortune fort une.
          Adolph Friedrich H. z. Mechelburg.

f. 7.             1637.
     Turris fortissima nomen Domini.
          Christians Dux Megapolitanus.

f. 8.v.           1637.
     Si Deus pro nobis, quis contra nos?
               Carolus Dux Megapolitanus.

f. 73.        Gerhard Mejer Consiliar. Megapolitan.
               Swerini 23. Junij 1637.

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VIII.

Vermischte Urkunden.


Nr. 1.

Der Bischof Conrad von Hildesheim verleiht den Brüdern Lippold und Dietrich von Escherde die Güter in Helperth[sfelde], welche Halto von Biwende aufgelassen hat, obwohl die Schwester des Lambert von Helperthe sie beansprucht.

D. d. Hildesheim. 1230. Mai 13.

Nach dem Original im Archiv zu Hannover.

C[onradus] dei gratia Hyldensemensis episcopus omnibus hoc scriptum audituris vel inspecturis salutem in domino. Ad noticiam omnium volumus pervenire, quod bona quedam Helperthe sita et a domino Haltone de Biwende nobis resignata porreximus Lippoldo et Thiderico fratribus de Esscherte titulo feodi, si tamen porrigere poteramus, quod dicimus propter quandam matronam, sororem Lamberti de Helperthe, bona eadem utpote suum feodum repetentem. Promiserunt autem data fide in manus nostras et Sifridi de Borseim et Bertoldi de Holle, dapiferi nostri, Lippoldus de Esscherte et Tidericus frater suus et Hugo de Insula, Engelbertus de Dalem, Ludolphus camerarius noster, Conradus marscalcus noster, Lippoldus iumor de Veteri Foro, quod antedicti L[ippoldus] et Th[idericus] fratres benevole ac sine petitione restauri cedant de eisdem bonis, si forte contingat prememoratam matronam dictante iusticia obtinere. Preterea promiserant iidem milites, iuxta facultatem et vires suas omnimodo nos iuvare, si forte propter predicta bona quispiam nos attemptaverit molestare. Testes huius sunt antedicti milites et alii quam plures. Actum in pomerio nostro Hyldenseim, anno domini M°. CC°. XXX° III°. Idus Maii, pontificatus nostri anno nono.

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Nach dem Original im Archive zu Hannover, mitgeteilt 1863 vom Herrn Archivrath Dr. Grotefend zu Hannover. An einem Pergamentstreifen hängt das wohlerhaltene Siegel des Bischofs. Diese Urkunde über die Güter in Helpersfelde vor Sarstedt im Bisthum Hildesheim, welche später die Schenken v. Meyenberg von den Grafen von Schwerin zu Lehn trugen und noch 22. April 1442 den Herzogen von Meklenburg resignirt wurden, giebt noch mehr Licht über die Herkunft und die Verwandtschaft der Grafen von Schwerin und dient deshalb zur Unterstützung der Geschichte dieser Grafen. Man vgl. v. Hammerstein: Besitzungen der Grafen von Schwerin, in der Zeitschrift des Hannoverschen Vereins, Regeste Nr. 127 und Anm. zu derselben, und S. 85, 110 und 174 flgd.; vgl. Jahrb. XXV, S. 174 und 183.


Nr. 2.

Nicolaus und Bernhard, Brüder, Fürsten von Werle, schließen einen Gemeinschaftsvertrag über Regierung, Residenz und Hofhaltung.

D. d. (1342).

Nach dem Concept im Archive zu Lübek.

(I) [W]i Clawes vnde Bernd, brůre, van godes gnâden heren tů Werle, tůghen vnde bekennen ôpenbâr in dessem brêue, dat wi na râde vser vrunt (II) vnde trûwer ma]n 1) vnde s]tede tů sâmende hebben ghelecht vnde leghen vse stede, slote, lant vnde man vnde vnse kost vnde brôt an dusdâner wys, dat (III) vser iêwelk scal vtlegghen alle iârlik van syme dêle vt vser beyder lande dat gantze hundekorn tůu vser kost vnde tů vsem hôue. Dârenbô(IV)uene scole wy mâlk leghen soes hundert mark wendescher pennynghe tůu vser kost vnde hof tůu holdende; wêr dat vse kost grôter were, so scal mâlk (V) mêr dâr tů leghen. Dâr scole wi tů setten vnde nemen ênen gůden man na vser beyder râde, de vse kost vnde hof vôr stâ, vnde scolen vnse (VI) legher hebben ên half iâr tů Gustrowe vnde ên half iâr tů Robele, oder anders wôr an vsen landen, dâr it vns beyden vnde den landen na vser ma[n (VII) vnde stede r]âde 2) důunket vrômelik vnde nůtist wesen. Al vnser anderen gůlde an korne, pennynghen, bêde vnde brôke, an welker wys wy se hebben vnde (VIII) [vns anv]allen 3) mo v ghen, dâr scal mâlk brûken tů syner scult. Ok scal mâlk dem anderen syne scult bescreuen vnde beseghelt gheuen, de he scůl- (XI) [dych worde]n is vôr der tiit, dat wy tů sâmende

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quêmen. Wil vser ên dem anderen wes lôuen oder důn tů hůlpe tů den sculden, de bebrêuet syn, (X) [dat scal bi e]me suluen stân. Wêr ôuer dat he eme wes lênde oder dêde, dat scal he em vruntliken weder gheuen. Vortmer scal vnser iêwelk des anderen stede (XI) [vnde slote vullenkômen]liken mechtych vnde weidych wesen tů aller nôt vnde nut des landes. Vortmer scole wi hebben lîke vele ghesynnes beyde vns vnde vnse vrůwen, (XII) [vnde vnser beyder ghesynn[ne scole wy mâlk lîke weldich wesen sunder allerleye vnmůt, also welker vnser ryden wolde oder scolde der der laut nôt vnde nůt, (XIII) dem scal beyder ghesynne volghen. Ok vnser nên scal nêu ghesynne holden oder nemen sik oder vnse vrůwen, dat iêghen den anderen sy. Ok scole wi (XIV) vns vnde vnse vrûwen vnse vnde ere ghesynne ghelîke clêden na vnser beyder râde. Ok scolen vnser beyder mit erem ghesynne vnde wy mit vnse (XV) ghesynne tů sâmende eten.

Aus dem Archive zu Lübek von dem Herrn Professor Mantels daselbst mitgetheilt. Am 20. März 1353 schlossen zu Lübek die Herzöge von Meklenburg und der Graf Otto von Schwerin mit den wendischen Hansestädten ein Landfriedensbündniß, welches in Gerdes Sammlung Meklenb. Urk. S. 682 gedruckt ist. Am 27. März 1353 zu Sternberg erklärten die Fürsten von Werle den ihnen vorbehaltenen Beitritt zu diesem Bündnisse. Diese werlesche Beitrittsurkunde wird im Archive zu Lübek aufbewahrt. Die Ausfertigung dieser Urkunde ist bis zur Besiegelung vollständig. Es sind derselben 23 Pergamentsireifen angehängt, welche nach der Reihenfolge mit den Namen der Fürsten, Städte und Vasallen bezeichnet sind, welche sie besiegeln sollten; aber es hängt kein Siegel an den Streifen und es ist nicht die geringste Spur vorhanden, daß sie je besiegelt gewesen wären. Als Herr Professor Mantels die Streifen näher untersuchte, fand er, daß die 15 ersten Streifen an der unteren Seite beschrieben waren und von einer zerschnittenen Schrift herrührten. Er zog dieselben alle heraus, um zu sehen, ob die Schrift etwas enthalte, woraus man schließen könne, ob die Beitrittsurkunde in Lübek oder in den werleschen Landen zur Besiegelung vorbereitet worden sei. Nachdem er die beschriebenen Streifen nach der Ordnung zusammengepaßt hatte, entdeckte er auf denselben die vollständige fürstlich werlesche Hausurkunde, wie sie im Vorstehenden mitgeteilt ist. Da noch die Zeugen und das Datum fehleu, so ist diese ehemalige Urkunde ohne Zweifel ein nicht mehr brauchbares Concept gewesen, welches von dem werleschen Hofschreiber zu Siegelbändern zerschnitten ist, oder auch eine gleichzeitige Abschrift zum Gebrauche bei Hofe.

Die Streifen sind in dem vorstehenden Abdruck durch römische Ziffern in ( ), z. B. (I), bezeichnet. Die durch das Zerschneiden entstandenen Lücken sind in [ ] höchst wahrscheinlich vollkommen richtig durch Conjectur ergänzt.

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Zu dem Einzelnen ist Folgendes zu bemerken 1) Von dem Worte man ist das m ziemlich sicher zu erkennen. - 2) Für die Worte vnde stede ist nach der Länge der Zeilen kaum Patz vorhanden, auch wenn man Abbreviaturen zugäbe, und doch läßt sich die Stelle nicht gut anders ergänzen; das voraufgehende Wort man steht in der voraufgehenden Zeile sicher und klar. - 3) Auch diese Stelle läßt sich nicht gut anders ergänzen. Herr Professor Mantels berichtet aber, daß am Ende der Lücke [vnsanv] ein - z - vor - allen stehe uud nicht ein - v; dies scheint sich nicht erklären zu lassen.

Es ist die Frage, wann der vorstehende Hausvertrag geschlossen ist. Daß er vor dem 27. März 1353 abgefaßt sein muß, versteht sich von selbst, auch vor dem 14. Juli 1347 wird er abgeschlossen sein, da an diesem Tage die fürstlichen Brüder Nicolaus und Bernhard von Werle ihre Lande theilten (vgl. Lisch Maltzan. Urk. II, S. 65). Ferner muß die Urkunde nach dem Tode des Fürsten Johann, des Vaters der beiden Brüder, gegeben sein, also nach dem 27. Aug. 1337. Da in der vorstehenden Urkunde auch der "Frauen" der Brüder Nicolaus und Bernhard gedacht werden, so muß die Urkunde nach dem J. 1341 gegeben sein, da sich Nicolaus im J. 1338 und Bernhard im J. 1341 vermählte. Die Urkunde muß also zwischen 1341 und 1347 ausgestellt sein, wahrscheinlich in den ersten Zeiten der Regierung und der Ehe der beiden fürstlichem Brüder, also um das Jahr 1342, bis sie bei dem Heranwachsen der Familien im J. 1347 ihre Lande theilten und eigene Hofhaltungen gründeten.


Nr. 3.

Johannes Winsen wird von der Stadt Stralsund verfestet, weil er zu Rostock im Refectorium des Dominikanerklosters am 26. Januar 1360 vor dem Herzoge Albrecht von Meklenburg, dessen Räthen und dem Rath der Stadt Rostock die Verhandlungen über das Testament des verstorbenen stralsundischen Burgemeisters Albert Hövener und die Richtigkeit des stralsundischen Stadtbuches verdächtigt und zu Damgarten an der hohen Brücke vor den Herzogen Barnim von Pommern und Albrecht von Meklenburg die Rathmänner der Stadt Stralsund beleidigt hat.

D. d. 1360. Stralsund.

Anno domini M°. CCC°. LX°.

Nota. Crastino die beati Pauli in conuersione accidit in Rozstoc in refectorio fratrum maiorum, in

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presentia domini ducis Magnopolensis et suorum consiliariorum, proconsulum et consulum ibidem, quod Johannes Winsen dixit, quod nullus honestus et probus vir posset dicere hoc, quod composicio, vnio et reformacio esset facta inter prouisores et testamentarios domini Alberti Houenere pie recordacionis, ex vna, suam vxorem et propinqui, parte ex altera, sed consules Stralessundenses possent facere scribi in suo libro, quidquid vellent, et in illo non esset vnicum verum verbum, et rogauit dominum Magnopolensem et suos consiliarios, ut adhuc audirent, quia consules predicti sibi violenciam et iniusticiam fecerint et noiunt sibi fieri iusticiam. Insuper dixit, quod dominus Arnoldus Gholdenstede ipsum perplacitauit ut vir inprobus et inhonestus, super hec vellet sibi porrigere suam dextram manum, quod quicquid idem dominus Arnoldus placitauit, hoc non ex ore et consensu sua placitauit. Ceterum alloquebatur domino Hermanno de Rode, qui negauit, se habere antiquum testamentum dicti Alberti primitus, postea affirmauit, se habere, propter quam causam idem Hermannus stetit et apparuit rufus et pallidus, id est blek vnd rot, ut vir inprobus et inhonestus; insuper plurima verba contumeliosa et obprobria loquebatur super consules eosdem de Stralsund et plures ciues ibidem, et hoc accidit in Damgar prope pontem coram inclitis principibus dominis duce Barnym et Alberto duce Magnopolensi, vbi domini consules sibi prebuerunt, super consules et conciues suos ordinare omnis iuris et iusticie complementum, quos inpetere vellet. Propter quas causas prenotatas idem Johannes Winsen est proscriptus.

Aus dem Liber proscriptorum der Stadt Stralsund zum J. 1360, mitgetheilt von dem wail. Burgemeister Dr. Fabricius zu Stralsund.


Nr. 4.

Der Rath der Stadt Braunschweig bezeugt, daß der Herzog Johann von Meklenburg an die braunschweigischen Bürger Ludolf und Hans von Wenthusen für Johann von Saldern 250 Mark von

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den 500 Mark bezahlt hat, welche er und seine Bürgen für sein Gefängniß gelobt haben.

1362. Aug. 6.

Deme rade is witlik, dat hertoghe Jan van Mekelenborch heft betald Ludolue vnde Hanse van Wenthusen II 1/2 hundert marc to Janes hand van Saldere van den vifhundert marken, de he vnde sine borghen ghelouet hadden vor sine vengnisse. Actum in die beati Sixti.

Aus dem Degedingebuch der Altstadt Braunschweig, Nr. II, Fol. 161, unter den Auszeichnungen des Jahres 1362, mitgetheilt von dem Herrn Archivar Hänselmann zu Branuschweig. Ludolf und Hans von Wenthusen waren Bürger in Braunschweig; Ludolf saß 1363 im Rathe der Altstadt.


Nr.5.

Rudolf, Herzog von Meklenburg, bezieht die Univesität Prag.

1382. Prag.

D. Rudolphus, dux Magnopolensis.
D. Bernardus de Grollen, magister suus.

Aus der Original=Matrikel der juristisch=canonischen Facultät der carolinischen Universität Prag, aus der Zeit 1372 bis 1418, gedruckt in der Monatsschrift der Gesellschaft des vaterländ. Museums in Böhmen, Jahrgang 1827, Sept., S. 74, eingetragen unter den immatriculirten Hörern des geistlichen Rechts von der sächsischen Nation. Vgl. Jahrb. XIV, S. 106 flgd.


Nr. 6.

Johann, Herzog von Görlitz, zeigt die am 10. Febr. 1388 vollzogene Vermählung mit Richardis, der Tochter des Königs Albrecht von Schweden, Herzogs zu Meklenburg, an.

[1388] Febr. 18. Prag.

Johannes dei gratia dux Gorlicensis et marchio Lusatiae. Fideles sincere dilecti. Domino iuvante altissimo

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die crastino post dominicam Estomihi nuptias nostras iocunde ac feliciter cum filia illustrissimi principis Sweorum Gothorumque regis etc. celebravimus. Ut eorundem nostrorum gaudiorum sitis participes, per familiares venerandi Johankonis electi Lutomyslensis, exhibitores praesentium, pro consolatione intimamus, quos respicere velitis nostro benignius pro honore. Scriptum Pragae, die XVIII mensis Februarii.

Gedruckt in Palachy's Aufsatz: Ueber Fomelbücher, in den Abhandl. der böhmischen Gesellschaft, 1848, S. 92, und darnach im Neuen Lausitzischen Magazin, Bd. XXVI, Görlitz, 1849, S. 300. Palachy giebt als Jahr der Ausstellung dieses Briefes 1388 an; der Herzog Johann hat daher am 10. Febr. 1388 seine Hochzeit gefeiert. Der Herzog Johann von Görlitz († 1396 an Gift) war ein Sohn des Kaisers Carl IV. Die Braut Richardis war eine Tochter des Königs Albrecht von Schweden, Herzogs von Meklenburg, aus dessen erster Ehe mit Richardis, einzigen Tochter des Grafen Otto I. von Schwerin, deren Todesjahr nicht bekannt ist. Ihre einzige "Nachkommin" Elisabeth heirathete 1409 den Herzog Anton von Brabant, dem sie das Herzogthum Luxemburg zubrachte, und nach dem im J. 1415 in der Schlacht von Azincourt erfolgten Tod desselben im J. 1418 den Herzog Johann von Baiern, Pfalzgrafen am Rhein, welcher 1424 an Gift starb, und starb im J. 1451 in Trier. - Den Namen der Herzogin giebt anscheinend zuerst Chemnitz in seiner meklenb. Chronik. Slagghert kennt den Namen noch nicht; er sagt: "Froychen N. Dat Froychen wurt vortruwet deme eddelen heren Johan Hertigen tho Gorlitz, eyn Szone Karel des IV. Kayser des romeschen Rykes". Ueber die Vermählung der Richardis berichtet, anscheinend aus guten Quellen, Nic. Marschalk Thurius in seiner meklenb. Reimchronik in Westphalen Mon. I, p. 562 flgd.; vgl. desselben Annales Herulorum daselbst, p. 308. Vgl. auch Rudloff Mecklenb. Gesch. II, S. 559.


Nr. 7.

Der Herzog von Meklenburg ist zum Besuche in Görlitz.

1391. Aug. 12. Görlitz.

Sabbato post Laurentii. Erunge des herzog von Meckilburg I Mark.

Aus den Rathsrechnungen der Stadt Görlitz, gedruckt im Neuen Lausitzischen Magazin, Band XXVI, Görlitz, 1849, S. 304. Hier heißt es: "1391 befand sich der Herzog von Meklenburg zu Görlitz; er erhielt von der Stadt eine Ehrung und der Stadthauptmann Wittich von Kottwitz mit einer Anzahl von Stadtknechten gab

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ihm das Geleit". Der "Herzog von Meklenburg" war ohne Zweifel zum Besuche bei der Herzogin Richardis, Tochter des Königs Albrecht von Schweden und Gemahlin des Herzogs Johann von Görlitz; vgl. die vorhergehende Nr. Wer der "Herzog von Meklenburg" war, ist nicht zu ermitteln; der Vater der Herzogin Richardis kann es nicht gewesen sein, da dieser erst am 26. Sept. 1395 aus der schwedischen Gefangenschaft befreiet ward. Vielleicht war es der Herzog Rudolf, welcher früher Bischof von Skara war und 1390 aus der Gefangenschaft kam und Bischof von Schwerin ward.


Nr. 8.

Albrecht, Herzog von Meklenburg und König von Schweden, verbietet den Krügern im Lande Grevesmühlen, anderes Bier zu schenken, als solches aus Grevesmühlen.

D. d. Grevesmühlen. 1403. Mai 6.

Nach einer Abschrift im Archive der Stadt Wismar.

Wij Albert, van godes gnâden koningh to Sweden vnde der Gothen, hertoge to Mekelenborch, greue to Zwerin, to Stargarde vnde Rostok here, dôn witlick allen vnssen lêuen trûwen bedderuen mannen vnde vort allen vnssen vndorsâten, alse gij alle beseten vnde wônaftich sint an deme lande to Gnewesmolen, dat wij des an ên worden sint mit vnsseme râde vnde bedderuen mannen dorch nutticheid vnsser sta e d to Gnewesmolen, dat nên krôger, borger offte hû e sman schal ander beer schenken offte halen sunder Gnewsmolens beer, also dat van oldinges plach to wesende, wente wij dat wârliken vorvâren hebben, dat de sulue vnsse stad Gnewesmolen dâr bij stân mach vnde anders so hôge entarmet worde, dat id vôr vns vnde vnsse land vnde lûde nicht wêre. Wôr vmme beden wij juw krôgeren, borgeren vnde hûsmannen, allen vnde ênem îsliken bij sick, bij vnsseme hôesten bôde, also gij an deme vôrbenômeden lande to Gnewesmolen beseten sint, dat gij nên beer hâlen edder schenken sunder Gnewesmoles beer, bij vnssen hulden vnde gnâden. Wêre ôuer dat id dâr bôuen we dêde, so hebben wij dat vnseme vogede Vicken Velehouen beuôlen, de schal de schutten offte schutten lâten bette vôr vns, so willen wij dâr mede vâren, also recht is.

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Geuen to Gnewesmolen, na godes bôrt veerteyn hundert iâre dâr nâ an deme drudden iâre, des sondâges alse me singet Jubilate, vnder vnsseme ingesegel gedrucket an dessen brêff.

Auf einem Blatt Papier als Abschrift beiliegend einem Briefe der Herzoge Magnus und Balthasar an den Rath zu Wismar d. d. 1484 Schwan. Mitgetheilt von dem Herrn Dr. Crull zu Wismar.


Nr. 9.

Wulf Wulflam, Burgemeister zu Stralsund, vermittelt einen Frieden in den Meklenburgischen Landen.

D. d. Mühle zu Rothen. 1404. Nov. 19.

Nach einer Abschrift im Archive der Stadt Wismar.

1. Ik Wulf [Wuflam] beken[ne v]nde dû witlik in desser [scrift, dat ik in dessem iêghenwardighen dâge, alse]

2. [desse scrift gescreuen is, gedê]gedinget hebbe tvusschen den [hôchgebôrnen] vorsten [hertogen Johanne van]

3. Mekelenb[orch, heren to Star]garde, vnde sînem brôdere her[toge Olrike vnde deme Ganse van Putleste vnde]

4. Hartwi]ge [van Bulowe — — — — — ]oge Johan vôrscreuen ge[mechtiget] heft, [vnde den borgermêsteren vnde râdes]

5. heren der [stat Lubeke, vp der ênen sîden], vnde twischen den [hôchgebôrnen] heren [her Baltazar, heren van Werle],

6. vnde synen [— — — — vnde] mînen h[eren her]toge B[. . . . . . . . hertoge] War [ — — — —

7. de — — — — — — ] vôrscreuen gemechtiget [— — — — — —] ênen [— — — — — —

8. d [— — — — — —] ge nêgest volghende vôr [— — — — —] ênen dach [— — — — —

9. — — — — — v] deme dâge scholen se an beiden sîden — — — — vulle [— — — — — —

10. . . . . . . bo]grepen vnde dêgedinghet weren vp deme dâge], den see — — hêlden [— — — —— —

11. — — . . . . . . . cheit des dorchluchtigesten hôgebornen vors[ten] vnde heren hern Albrecht[te] ko[ningk to Sweden]

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12. vnde] hertogen to — — — Mekelenborch vnde synes wedderen herto[. . . . . . .] vnde vor alle degedinge — — —

13. sîlden erer een — — deme anderen wissen mit namen, mannen vnde myt steden, dar see — — —

14. vorwâret syn — —, in wat mâte vnde wo se an b[ei]den sîlden — — — den vnde entwei sprôken — - —

15. beyden siden holden scholen. Wêre ôk dat H[artwich van] Bulowe welk — — — — — — —

16. dâge vôrscreuen, de tu Rozstoke was, den hee annam [. . . . . . . . .], dat schal dâr by [bliuen vnde desse — —

17. schal anstâ e n van stunden an myt alle den yênnen, [de] dâr iêgennwardich weren vp deme dâ[ge vp der Mô e len]

18. to Rotheme, do desse vrede ghedêghedinget war[d], vnde myt alle den, de bynnen deme Ster[— — — —

19. vnde myt dem lande to Stargarde vnde myt deme [lande] to Wenden schal desse vrede anst[ân des nêgesten]

20. midwekens na dessem dâge, alze desse vrede ghee[dêgedinghe]t is, wan dee zunne vpgheit, [vnde myt der]

21. Priggenisse vnde myt deme Ganse van Putlest vnde myt [Hartw]ige van Bulowe schal desse v[rede anstân des]

22. nêgesten zunâuendes dâr na, also desse vrede gedêgedin[get is], wan de zunne vpgheit — — — —

23. to Lubetze schal desse vrede anstân des nêgesten dâges, d[âr n]a alze desse vrede [gedêgedinghet is, wan

24. de sunne vpgheid. Dessen vôrscreuen vrede scholen see holden an beiden sîden sun[der — — — —

25. vrede heft hertoge Johan vôrbenômet vnde her Baltazar van Wenden geannâm[ed — — — —

26. sîden gelôuet vnde vorwissent, vnde de here van Wenden heft dessen vôrscreuen — — — —

27. vnde gewissent vôr syk vnde vôr alle de yênen, de vmme eren wi[llen dô]n [vnde lâten — — — — —

28. hebbe ik Wulf Wulflam gedêgedinget vp der Môlen to R[otheme, na godes bôrt vêrteyn hundert jâr

29. dâr nâ in deme vêrden yâre, . . . . n der hôchtîd zunte Elzeben d[er hilgen . . . . . . . . . . vp den sulue]n

30. dach, vnder mynem y[ngesege]le tu tûge hîr nedden v[p gedrucket an desser scrift].

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Nach einer gleichzeitigen Abschrift im Archive der Stadt Wismar, auf einem Queer=Octavblatt Papier, welches durch Feuchtigkeit sehr gelitten hat, mitgetheilt von dem Herrn Dr. Crull zu Wismar.


Nr. 10.

Albrecht, Herzog von Meklenburg und König von Schweden, bestätigt dem Kloster zu Ribnitz alle Privilegien und das Strandrecht.

D. d. Schwerin. 1412. März 22.

Nach dem Original im Archive des Klosters Ribnitz.

Wy Albrecht, van godes gnaden der Sweden vnde Gothen koningh, hertoge to Meklenborch, greue to Zwerin, to Stargarde vnde Rozstok here, bekennen vnde betûgen ôpenbâr an dessem brêue vôr vs, vse eruen vnde all vse nâkômelinge, dat wy mit vryen willen vnde wolbedachten môde, mit volbôrt vnser êrbâren hûsfrowen vor Agnesen vnde vses zônes hertoge Albrechtes, vnde na râde vser lêuen trůwen, vmme sâlicheit vser vnde vser olderen zêle gevolbôrdet vnde stediget hebben, volbôrden vnde stedigen an dessem brêue de brêue, de vnse olderen beseghelt hebben der ebbedischen vnde klôsteriuncvrôwen vnde deme gantzen conuente sunte Claren to Ribbenitze vnde all eren nâkômelinghen vpp ere gût, alse de vtwîset, by erer gantzen macht in tôkômende êwighen tiiden to blîuende, vnde sunderken vmme de strantbrôke têgen deme eren, dat wy, vnse eruen vnde nâkômelinge, vse vogede ifte ammetlûde ze dâr nênerleyewiis ane scolen vnde willen hinderen ifte bewêren, iodoch wêret dat dâr strantbrôke vppe deme eren vê e lle, zo scal dat to eren gûden willen stân, ift ze der hersscop dâr wes van willen geuen. Vnde des to tůge vnde hôgher bekantnisse hebbe wy vôrbenômede koningh Albrech vnse ingheseghel witliken henghet lâten an dessen brêff, gegeuen vnde gescreuen to Zwerin, na godes bôrt vêrteynhundert iâr an deme twelfften iâre, dâr nâ des nêgesten dinxtedâges na deme sondâge in der vastene also me singet Judica. Hîr zint an vnde ôuer wesen vnse lêuen trûwen râtgeuen: her Otto Veregghe, her Vlrik van Pentze, riddere, Bosse Lutzow vnde Wipert Lutzow, knapen, vnde Johannes Cremer, vse secretarius, vnde vele andere de lôuen vnde ere werdich sint.

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Nach dem Original, auf einem kleinen Pergament, in einer kleinen gedrängten Minuskel im Archive des Klosters Ribnitz. An einem Pergamentstreifen hängt des Königs vierschildiges Siegel auf eingelegter rother Wachsplatte.


Nr. 11.

Johann, Bischof von Laodicea, Weihbischof des Erzbischofs Peter von Lund, weihet in der Rostocker Kirche zu Skanoer in Schonen die Bilder der H. Jungfrau Maria und des H. Nicolaus und verleiht dazu einen Ablaß von 40 Tagen.

D. d. Skanoer 1412. Septbr. 30.

Nach dem Original im Archive des H. Geist.Hospitals zu Rostock.

Nos Johannes, dei et apostolice sedis gracia episcopus Laodicensis, vicarius in pontificalibus venerabilis in Christo patri[s] ac domini Petri archiepiscopi Lundensis, recognoscimus, quod anno domini M ° CCCC° XII°, in die Jeronimi, consecrauimus in Schanore in ecclesia Rostokcensi duas ymagines, ymaginem beate virginis et sacnti Nicolai, et omnibus uere confessis et contritis, predictas ymagines venerantibus, oraciones coram eis dicentibus, illis offerentibus, quociens hec faciant uel . . . . . . ssorum, tociens XL dies indulgenciarum de iniunctis eis penitenciis misericorditer in domino relaxamus. Datum loco, anno, die, quo supra, nostro sub sigillo sigillato.

Das Siegel fehlt.

Vignette
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Inhalt:

B.

Jahrbücher

für

Alterthumskunde.

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I. Zur Alterthumskunde

im engern Sinne.


1. Vorchristliche Zeit.

a. Steinzeit.


Meklenburgische Hünengräber.

Der als gediegener und aufopfernder Alterthumsforscher bekannte Baron v. Bonstetten auf Eichenbühl bei Thun in der Schweiz hat in seinem Werke: Essai sur les Dolmens, Geneve, 1865, nachgewiesen, daß die großen Steinkammern (Dolmens) über die ganze alte Welt verbreitet sind. Zur genauem Forschung ist derselbe vor einigen Jahren auch nach Meklenburg gereiset gewesen, um nicht nur die Sammlungen zu studiren, sondern auch einige der merkwürdigsten und bekanntesten Gräber der Steinzeit zu besehen und zu zeichnen, welche er auch in Holzschnitten in seinem Werke abgebildet hat. Der Herr v. Bonstetten hat nun die Freundlichkeit gehabt, uns diese Holzschnitte zur Benutzung zu leihen. Zur Anschauung folgen denn hier in Abbildungen: das Grab in der Eversdorfer Forst bei Grevesmühlen (Jahrb. XI, S. 344, v. Bonstetten S. 21), das Grab von Ruthenbek bei Crivitz (Jahrb. B. II, S. 107, und V, S. 101, v. Bonstetten S. 22), und das Grab von Naschendorf bei Grevesmühlen (vgl. Frid. Franc. Taf. XXXVI und Erläut. S. 164, v. Bonstetten, S. 6).

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Hünengrab
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Hünengrab
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Hünengrab
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Steinkisten.

Im Friderico-Francisceum Erläut. S. 10 habe ich alte Zeugnisse für alte Benennungen heidnischer Gräber gesammelt. Es ergiebt sich daraus, daß der Name "Riesenbetten" für die Gräber der Steinzeit mit den langgestreckten Hügeln so alt ist, als unsere Geschichte. Aber auch die Benennung "Steinkisten" für die frei stehenden Stein=Kammern oder Häuser ohne Hügel ist alt. In einem Feldregister des Gutes Langen=Trechow bei Bützow vom J. 1700 flgd. wird ein Ackerstück aufgeführt:

"Bey der Bahldohms=Brede. Stehnkistenberg".

Diesen Namen trug der Berg gewiß seit alter Zeit, da er sich im J. 1700 festgesetzt hatte. Ob "Bahldom" eine mythologische Bezeichnung ist, wage ich nicht zu entscheiden; sie klingt allerdings sehr mythologisch, und ich habe auch kein Mittel, sie anders zu erklären.

G. C. F. Lisch.     

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Ueber die Riesengräber
in früheren Zeiten

und über die Schatzgräberei in denselben redet folgende sehr merkwürdige Verordnung des Herzogs Gustav Adolph von Meklenburg=Güstrow:

Von Gottes Gnaden Gustaff Adolph, Hertzog zu Mecklenburg etc. .

Unsern Gnädigsten Gruß zuvor, Ehrwürdiger, Wolwürdige vnd Hochgelarte, liebe Andächtige vnd getreue. Wir geben Euch hiermit gnädigst zu vernehmen, wasgestalt Unß berichtet worden, daß bey Unserm Meyerhofe Schwiesow auff dem Felde, über einen Steinhauffen, so man sie im Lande Riesen=Gräber nennet, deren das Land hin vnd wieder voll ist, blawliche Flammen, alß ein Brennendes licht, bey nachtzeiten zum offtern sich sehen laßen, welches vor ein Zeichen daselbst in der Erde vorhandenen Goldes oder Sibers gehalten wird.

Als Wir nun Euer Bedencken, was von solchen lichtem zu halten, vnd ob man dem daselbst vermuhtenden Schatze nachzusuchen habe, gern vernehmen mögten; So werdet Ihr euch hierüber zusammen thun, vnd Unß eure Meinung mit dem for=

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derlichsten schrifftlich einschicken, die Wir euch mit gnaden gewogen verbleiben.

Datum Güstrau, den 3. September Anno 1680.

Gustaff Adolph.     

Denn Ehrwürdigen, Wolwürdigen vnd Hochgelarten, Unsern Ober= vnd Hoffpredigern vnd lieben Andächtigen vnd getreuen, sambt vnd sonders.

Seit dem J. 1681 bis in das Jahr 1683 erließ der Herzog sehr viele andere Verordnungen zur Ausrottung des Aberglaubens und leitete viele Verhandlungen und Untersuchungen darüber ein.

G. C. F. Lisch.     

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Hünengrab von Wozinkel.

Zum Bau der im J. 1867 begonnenen Chaussee von Parchim nach Sternberg wurden schon im Spätherbst 1867 zu Wozinkel, nördlich von Parchim, Steine ausgegraben, wobei auch einige alte Gräber theils zur Frage kamen, theils entdeckt wurden. Der Besitzer des Gutes, Herr v. Quitzow, erbot sich freundlich und entgegenkommend, das Ausbrechen der Steine zu überwachen und die etwanigen Funde dem Vereine zu übergeben.

Zuerst kam ein großes Grab, dem Anscheine nach der Steinzeit angehörig, an die Reihe. Der Herr v. Quitzow schildert die Eigenthümlichkeit folgendermaßen. Das Grab war ein länglicher Hügel, aus welchem oben die Spitzen großer Steine hervorragten. In dem Hügel stand eine große Steinkammer. Rund umher war bis an die Spitzen der Steine ein Hügel von Erde angeschüttet. Die Decksteine waren schon seit langen Zeiten abgetragen. Nach Wegräumung des Erdhügels zeigte sich eine große Steinkammer, welche aus ungefähr 8 großen Steinen von ungefähr 6 Fuß Höhe aufgebauet war. Der Grund des Grabes war mit einem Lehmschlag ausgefüllt, welcher reichlich mit Grand und weiß ausgeglüheten Feuersteinen vermengt war, einer Art Chaussee. Die Lücken zwischen den großen Steinen waren mit kleinen Steinen und Steinsplittern sorgsam ausgezwickt und die Kammer war inwendig unten mit gespaltenen, rothen jungen Sandsteinplatten ausgesetzt, welche jedoch "sehr mürbe waren". In der Kammer war eine nicht verbrannte menschliche Leiche sitzend beigesetzt; dies ging unzweifelhaft daraus hervor, daß sämmtliche Knochen des Rumpfes

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mit dem Schädel auf Einem Haufen, die Beinknochen aber gestreckt lagen. Die Knochen waren noch ziemlich gut zu erkennen, jedoch schon sehr ausgetrocknet und gebleicht. Eingeliefert sind 2 Bruchstücke: 1 von dem rechten Oberkiefer und 1 von dem rechten Unterkiefer, jedes mit 2 ausgewachsenen Backenzähnen. Die Zähne sind alle gesund, aber schon stark abgeschliffen. In dem Oberkiefer standen die beiden hintersten Backenzähne erst zum Durchbruch ("Weiheitszähne"). Ueber der Leiche war die ganze Kammer inwendig mit Erde und Steinen gefüllt.

An Geräthen fand man, außer einigen thönernen Gefäßscherben, auf dem Boden der Kammer in gleicher Linie mit der Unterfläche der Beinknochen nur einen sogenannten Schmalmeißel aus grauem Feuersteine, welcher allerdings sehr merkwürdig ist. Dieser Schmalmeißel, der 6 Zoll lang und 3/4 Zoll breit auf allen Seiten ist, ist nämlich nur roh, wenn auch regelmäßig in den Linien, geschlagen, und nirgends geschliffen, auch an der Schneide nicht; jedoch ist die Schneide so gut zugehauen, daß sie völlig regelmäßig und scharf ist, wenigstens eben so scharf, als wenn sie geschliffen wäre.

Nach diesen Schilderungen und Funden ist dieses Grab außerordentlich merkwürdig. Es ist in jeder Hinsicht den beiden großen Steingräbern von Alt=Sammit gleich, welche eine klare Einsicht über die Bestattungsweise in den Steinkammern geliefert haben (vgl. Jahrb. XXVI, S. 115 flgd.). Die Richtigkeit der dort vorgetragenen Beobachtungen wird durch dieses Grab von Wozinkel vollkommen bestätigt.

Zu gleicher Zeit wird man aus der Beschaffenheit des Schmalmeißels schließen müssen, daß das Grab von Wozinkel der ältesten Zeit der Steinperiode angehört, wie die beiden Gräber von Alt=Sammit, da in allen drei gleichen Gräbern die Feuersteingeräthe sehr wenig oder noch gar nicht geschliffen sind (vgl. Jahrb. XXVI, S. 115 flgd. und XXX, S. 134 flgd.).

Das Grab von Wozinkel spielt also eine hervorragende Rolle zur Erkenntniß der ältesten Ueberreste der Menschheit.

G. C. F. Lisch.     

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Feuersteingeräth=Manufactur von Damerow.
Nachtrag zu Jahresber. VII, S. 46.

Zu Damerow, am nördlichen Ufer des Kölpin=Sees, wo schon im J. 1841 eine Feuersteingeräth=Manufacturstätte

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entdeckt ward, hielt der Herr Secretair L. Fromm zu Schwerin noch eine Untersuchung und fand dort drei bemerkenswerthe Stücke, welche er dem Vereine schenkte:

1) eine abgebrochene Dolchklinge aus Feuerstein, 5" lang, schon regelmäßig, aber noch roh behauen, an der Spitze noch nicht vollendet;

2) einen zerbrochenen Schmalmeißel aus Feuerstein, 3" lang, ebenfalls noch roh behauen, aber noch nicht geschliffen und an der Spitze ebenfalls noch nicht vollendet;

beide Stücke sind ohne Zweifel während der Verfertigung zerbrochen;

3) ein spanförmiges Messer aus Feuerstein, 3" lang, augenscheinlich viel gebraucht.

An den Ufern des Kölpin= und Flesen=Sees sind Feuerstein=Manufacturen öfter entdeckt, z. B. in dem Damerow gegenüber liegenden Dorfe Jabel (vgl. Jahrb. VII, B, S. 46, und Quartalbericht XXVI, 4, S. 13) und in dem daran grenzenden Dorfe Nossentin (vgl. den folgenden Abschnitt). Dies kommt ohne Zweifel daher, daß hier der Feuerstein häufig ist, indem die obere weiße Kreide=Formation hier zu Tage tritt (vgl. E. Boll Geognosie der deutschen Ostseeländer S. 197, 211 und 139).

G. C. F. Lisch.     

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Feuersteingeräth='Manufactur von Nossentin.

Der Herr Secretair L. Fromm zu Schwerin hat bei seinen Forschungen auf den Müritzer Gewässern zu Nossentin bei Malchow eine neue Manufacturstätte für Feuersteingeräthe entdeckt. Die Stelle liegt an der nördlichsten kleinen Bucht des Flesen=Sees, hart am Ufer, nordöstlich von dem Hofe, nicht weit von dem Kriegsdenkmale. Die Feuersteinsplitter sind sehr zahlreich vorhanden, jedoch nur klein, meistentheils aus Abfall bestehend. Jedoch hat der Herr Fromm außer ungefähr

20 Feuersteinsplittern noch gefunden:

einen Feuersteinblock, gegen 3" lang, von welchem Späne abgesplittert sind,

eine Pfeilspitze, aus einem Feuersteinspan gefertigt, 2 1/4" lang, an den Rändern regelmäßig gekröselt und geschärft,

ein Stück von einem verunglückten Schmalmeißel und

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eine Topfscherbe aus der Steinperiode, stark mit grobem Granitgrus durchknetet.

Diese Manufacturstätte liegt nicht weit von den Stätten zu Damerow und Jabel; vgl. die vorhergehenden Abschnitte.

G. C. F. Lisch.     

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Feuersteingeräth=Fabrik von Plau.

Nach Zeitungsnachrichten sollten 1866 bei Plau am See über 200 "Pfeilspitzen" gefunden sein. Da mir dies sehr unwahrscheinlich zu sein schien, so suchte ich mir durch gütige Vermittelung des Herrn Burgemeisters Dr. Klitzing Aufklärung zu verschaffen. Nach den mir zur Ansicht vorgelegten proben sind, wie von vorne herein zu vermuthen stand, diese sogenannten Pfeilspitzen nur die bekannten Späne aus Feuerstein, Schlagabfälle in kleinen Exemplaren, welche meistentheils zu Messern, in kleinern Exemplaren auch wohl zu Pfeilspitzen benutzt werden konnten. Unter der großen Menge von Spänen befand sich jedoch eine aus einem Span regelmäßig und an den Rändern und der Spitze scharf bearbeitete Pfeilspitze mit Schaftzunge, ohne Widerhaken, 1 1/2 Zoll lang. Die Fundstelle ist daher wohl sicher eine Fabrikstätte zur Anfertigung von Feuersteingeräthen in der Steinzeit. Es sind mir schon früher Andeutungen über ähnliche Funde bei Plau zugegangen. Die jetzt gefundenen Späne sind im Besitze des Herrn Pastors Birkenstädt zu Plau.

G. C. F. Lisch.     

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Schleifstein von Wamekow Nr. 1.

Zu Wamekow bei Sternberg ward ein großer, zum Schleifen der Feuersteinkeile in der Steinperiode gebrauchter Sandsteinblock, ein sehr seltenes und schönes Stück, gefunden und von dem Herrn v. Bülow auf Wamekow dem Vereine geschenkt. Der Stein ist, wie immer diese Schleifsteine für die Keile, ein feinkörniger, quarziger Sandstein von der Formation des "alten rothen Sandsteins" und von hellgrauer Farbe. Er ist ungewöhnlich groß, 14 Zoll lang, 6 Zoll breit und 7 Zoll hoch. Die obere Fläche ist ganz und regelmäßig, glatt und ein wenig concav abgeschliffen; auf dem einen Seitenrande ist die Oberfläche angeschliffen.

G. C. F. Lisch.     

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Schleifstein von Wamekow Nr. 2.

Der Herr v. Bülow auf Wamekow schenkte dem Vereine einen zweiten Schleifstein aus der Steinzeit zum Poliren der Feuersteinkeile, welcher ebenfalls auf dem Felde von Wamekow gefunden ist (vgl. die voraufgehende Nachricht). Der Stein ist aus "altem rothen Sandstein", 18 Zoll lang, 6 bis 8 Zoll breit und 2 1/2 bis 3 1/2 Zoll dick und an allen vier Seiten ganz und glänzend ausgeschliffen.

G. C. F. Lisch.     

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Schleifstein von Friedrichsruhe.

Als ich am 2. Junii 1864 mit dem Freiherrn v. Bonstetten auf Eichenbühl bei Thun (vgl. oben S. 113) das große "Riesenbett" zu Friedrichsruhe bei Crivitz, welcher eines der allergrößten im Lande ist, untersuchte, fand ich auf demselben, außer mehreren gespaltenen rothen Sandsteinen der jüngsten Formation, mit denen die Grabkammern immer ausgesetzt sind, und einem ganz roh (zu einem Keile) zubehauenen Feuersteinblock, auch eine Platte von altem Rothen Sandstein, 6" lang, 5" breit und 1 1/4" dick, welche auf der einen Seite sehr regelmäßig und glatt geschliffen ist und ohne Zweifel zum poliren der Feuersteinkeile gedient hat. Diese Funde geben übrigens den Beweis, daß dieses Grab, wie die übrigen großen Gräber in der Nähe, in frühern Zeiten auch schon untersucht und wahrscheinlich ausgeräumt ist, um so mehr, da auch die Decksteine größten Theils schon fehlen.

G. C. F. Lisch.     


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b. Bronzezeit.


Kegelgrab von Wozinkel,
von
G. C. F. Lisch.

Bei dem Bau der Chaussee von Parchim nach Sternberg ward im Herbst 1867 zu Wozinkel bei Parchim mitten im Planum der künftigen Chaussee ein Kegelgrab der Bronzezeit entdeckt (vgl. auch oben S. 118), welcher schon stark abgepflügt und sehr niedrig war, und unter der Aufsicht des Hern v. Quitzow auf Wozinkel aufgegraben, der auch die gefundenen Alterthümer dem Vereine zum Geschenk überließ.

In dem Grabe fanden sich die Ueberreste einer nicht verbrannten, wahrscheinlich weiblichen Leiche; von den Arm= und Beinknochen ließen sich noch lange Stücke ausheben.

Die beigegebenen Alterthümer waren alle von Bronze, mit tiefem, hellgrünem, zum Theil edlem Rost bedeckt.

Wahrscheinlich zu den Häupten lag ein bronzenes Diadem, wie es hieneben abgebildet ist, mit zwei Reihen Spiralen verziert. Es ist schon bei der Einlegung in das Grab in drei Stücke zerbrochen gewesen, wie die gerosteten Bruchenden beweisen. Zwei Zähne sind durch Bronzeoxyd

Diadem
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hellgrün gefärbt, wahrscheinlich von dem Diadem, welches bei der Verwesung der Leiche wohl auf die Seite des Schädels gefallen ist.

Nach vielen Beobachtungen scheint dieses Diadem der älteren Bronzezeit anzugehören. Die Schweriner Sammlungen besitzen eine zur Vergleichung ausreichende Anzahl von Diademen dieser Art, welche in den verschiedensten Theilen des Landes alle in Kegelgräbern gefunden und mit demselben alten Rost bedeckt sind. Dieser Fund von Wozinkel bestätigt wieder die von mir schon längst gemachte Beobachtung, daß alle diese Diademe von schöner, uralter Form ganz gleich, oder doch wenigstens äußerst ähnlich sind, so daß sie alle in derselben Form gegossen oder doch wenigstens von demselben Künstler angefertigt zu sein scheinen. Würde sich diese Erfahrung bei ganz genauen Vergleichungen und weitern Forschungen auch in andern Ländern bestätigen, so möchte dies ein sehr helles Licht auf die Cultur der alten Bronzezeit werfen, da man dann diese Diademe wohl nur als aus der Fremde eingeführt betrachten könnte. Dieser Grund möchte schlagender sein, als mancher andere für eine fremde Cultur vorgebrachte.

Ferner fand sich ein dünner gewundener Halsring von ungefähr 3/8 Zoll Dicke. Dieser Ring wird wohl sicher ein Halsring sein, da schon ein Kopfschmuck vorhanden ist.

Endlich fand sich ein voll gegossener, mit Queerreifen verzierter Armring, wie sich dergleichen häufig im Lande finden.

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Kegelgräber von Zachow,
von
G. C. F. Lisch.

Bei dem Bau der Chaussee von Parchim nach Putlitz hatte der Herr Pächter Meyer zu Zachow bei Parchim für die Chausseebau=Direction die Lieferung der von dem Felde des Gutes erforderlichen Steine übernommen und ließ zu diesem Zwecke mehrere große "Steinklippen", Steinhügel oder Kegelgräber, in den Ackerschlägen nahe bei dem Hofe abbrechen.

Beim Abräumen dieser Gräber wurden viele Alterthümer aus Bronze gefunden, welche Herr Meyer zwar nicht nach den einzelnen Gräbern schied, aber doch sorgfältig aufbewahrte, um sie an die großherzoglichen Sammlungen abzuliefern. Um jedoch jede Zerstreuung zu verhüten, veran=

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laßte der zuständige Herr Amtsverwalter zur Nedden zu Lübz, nachdem der Fund bekannt geworden war, in Gemeinschaft mit dem Herrn Senator Beyer zu Parchim, den Herrn Meyer, die gefundenen Alterthümer baldmöglichst abzuliefern. Nach Angabe der Arbeiter haben in den größern Kegeln rings umher an dem Ringe Urnenscherben und schwarze Erde und Asche gelegen, in der Mitte hat aber jedesmal ein größeres Begräbniß gestanden, so daß sich hieraus auf Familiengräber schließen läßt.

Die zuerst gefundenen bronzenen Alterthümer sind folgende. Wenn sich auch nicht mehr mit Bestimmtheit sagen läßt, welche Stücke neben einander gefunden sind, so läßt sich doch aus der Farbe des Rostes und der Art der verschiedenen Geräthe ungefähr mutmaßen, was neben einander gelegen haben mag.

Es lassen sich drei Gruppen von Alterthümern unterscheiden:

I. Alterthümer mit demselben dunkelgrünen, dicken, etwas unregelmäßigen edlen Rost:

3 Dolchklingen (vielleicht auch Lanzenspitzen), alle gleich geformt, ohne Schaftzunge, jede mit 3 Nagellöchern, und zum Theil noch mit Nägeln oder Nieten im Anfange der Klinge, alle 3 Klingen von verschiedener Länge: 12 Zoll, 9 Zoll und 8 1/2 Zoll lang, und 2 Zoll, 1 1/2 Zoll und 1 1/4 Zoll breit an den breitesten Stellen;

1 Nadel oder Bronzestab mit großem, flachem, glattem, rundem Knopf von fast 2 Zoll Durchmesser, leider zerbrochen und nicht mehr ganz vollständig, da die äußerste Spitze fehlt. Die "Nadel" ist jetzt noch 2 Fuß lang und unter dem scheibenförmigen Knopfe eine Hand breit mit erhabenen Reifen (wie zu einem Handgriffe) belegt. Diese ungewöhnlich langen, sogenannten "Nadeln" (Frid. Franc. Taf. XXIV, Nr. 1) sind noch immer nicht erklärt. Den einzigen Fingerzeig gab das Grab von Dabel, in welchem unmittelbar neben einem Bronzeschwerte eine solche "Nadel" genau von der Länge des Schwertes lag (vgl. Jahrb. XXII, S. 283). Auch die gegenwärtig beschriebene "Nadel" hat die durchschnittliche Länge der Bronzeschwerter. Es ist für den gegenwärtigen Fund zu bedauern, daß es nicht mehr sicher zu ermitteln ist, ob diese "Nadel" neben den Dolchklingen gelegen hat.

Diese sogenannten "Nadeln", gewöhnlich alle von gleicher Größe und von Schwertlänge, sind nicht allein in den nördlichen Länder, sondern auch in andern, entfernten Län=

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dem im Süden gefunden, also weit verbreitet, z. B. 2 Stück in einem Moor zu Zollikofen bei Bern in der Schweiz, welche Baron v. Bonstetten in seinem großen Recueil d'Antiquités Suisses, 1855, Pl. III, Fig. 2 et 3, in natürlicher Größe und Farbe hat abbilden lassen. Im Katalog des Berner Museums sind sie mit dem Namen "arma lusoria" (Spielwaffen, Rappiere) belegt, v. Bonstetten will sie lieber für "Stoßdegen" ("estocade" des Mittelalters) halten; er sagt p. 27: "ils rapellent plutôt l'Estocade du moyen-age (de Stock, baton), qui avoit une lame longue, sans tranchant, plate, ronde ou carrée". Im Second Supplement au Recueil d'Antiquites Suisses, 1867, Pl. V, hat v. Bonstetten wieder einen solchen "arme d'estoc" abgebildet, welcher zu Ober=Gut bei Spiez im Berner Oberlande gefunden ist. Merkwürdiger Weise ist dieses Exemplar peitschenartig verschlungen, und in die Verschlingung sind 6 bronzene Armringe und ein Ende von einer Kette eingehängt.

Auch in Oesterreich finden sie sich; vgl. v. Sacken Leitfaden S. 109. v. Sacken sagt: "Einige besonders große Nadeln von 28 Zoll Länge mit reich verzierten Knöpfen dürften aber kaum auf dem Kopfe getragen worden sin, sondern scheinen eine andere Bestimmung (vielleicht zu Zelten oder Matten) gehabt zu haben".

Ich möchte sie Stecken nennen; sie werden, so weit sich dies schon übersehen läßt, in großen Gräbern für Männer und neben gleich langen Schwertern gefunden, und mögen in einer Nebenscheide zu der Schwertscheide getragen sein. Vielleicht haben sie als spitze Stecken zum Treiben der Pferde, oder, wie wir sagen, als "Reitpeitsche" gedient. Zum verwundenden Stoß im Kampfe sind sie zu dünne und würden sich an der Kriegsbekleidung biegen, statt sie zu durchbohren, und zum Kampfspiel sind sie zu unhandlich. Aber für Gewand= oder Haar=Nadeln sind sie jedenfalls viel zu lang; es giebt jedoch Gewand= oder Haar=Nadeln von ähnlicher Gestalt, welche aber immer die angemessene Kürze haben. Daß die langen "Nadeln" zum ganz besondern Gebrauche und nicht zu gewöhnlichen häuslichen Zwecken dienten, beweiset wohl unwiderleglich ein Exemplar in der großherzoglichen Sammlung, dessen scheibenförmiger Knopf mit Goldblech belegt oder nach uralter Weise vergoldet ist.

II. Alterthümer mit demselben hellgrünen, dichten, gleichmäßigen, festen, sehr schönen edlen Rost, weibliche Geräthe:

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1 Armring, voll gegossen, geöffnet, mit feinen, gravirten Schrägebändern auf der Oberfläche verziert;

1 Heftel mit zwei Spiralplatten, 6 Zoll lang, fast ganz erhalten, mit einem sehr feinen und schmalen, nur 3/8" breiten Bügel, welcher mit einem zarten Zickzackbande zwischen feinen Längslinien auf der Oberfläche verziert ist;

1 Nadel mit länglichem, mit Queerreifen verziertem Knopf, 4 1/2" lang, vollständig;

1 Nadel mit rundem Knopf, ungefähr 3" lang, die Spitze fehlt;

1 Pfriemen, 3" lang, vollständig.

III. Altertümer mit sehr feinem, "apfelgrünem edlen Rost, jedoch fest mit der Erde, in welcher sie gelegen, beklebt, ebenfalls weibliche Geräte:

1 Heftel mit zwei Spiralplatten, jede von nur 1/2" Durchmesser, außerordentlich zart und fein, ungefähr 3 1/2" lang, leider zerbrochen; der Bügel ist ein verzierter Drath von der Dicke der Nadel;

1 kleines Arbeitsmesser mit gebogenem Bronzegriff, im Ganzen nur 3" lang, vollständig;

1 Zange ("Pincette"), 2 1/2" lang, vollständig;

1 Armring, zur Hälfte vorhanden;

1 Armring, zum Drittheil vorhanden;

1 gewundener Halsring, Bruchstück;

1 Spiralplatte von Bronzedrath, gegen 2 Zoll im Durchmesser.

IV. Im Fortschritt der Arbeit des Steinbrechens nahm Herr Meyer ein "Steinfeld" in Angriff, welches auf der Höhe und in der östlichen Abdachung eines Höhenzuges gelegen und 50 bis 60 Quadratruthen groß war. Der Herr Amtsverwalter zur Nedden und der Herr Senator Beyer beschlossen nun, der Abtragung bei Gelegenheit beizuwohnen. Der Herr Pächter Meyer war sehr bereitwillig und stellte seine Leute zu den Aufgrabungen zur Verfügung. Der Herr Senator Beyer berichtet über diesen großen Begräbnißplatz und die Aufgrabung folgendermaßen. Der dritte Theil des Grabfeldes war schon rigolt, als die Aufgrabung begann. Der größere Rest zeigte beim ersten Anblick nur ein "wüstes Steinfeld" mit unregelmäßig hervorragenden "Steinklippen und Hügeln" und hatte den Anschein, als wenn die von den nahe liegenden Ackerflächen abgesammelten Steine hier zusammen gefahren wären. Nur bei schärferer Betrachtung waren noch Spuren von scheinbar ohne Ordnung aufgeworfenen kleinen Hügeln zu entdecken, welche 12 bis 16

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Fuß im Durchmesser hatten und von einem Graben kreisförmig begrenzt waren. Sämmtliche Kegel oder Hügel waren jedoch schon früher theils zur Hälfte zerstört, theils durch eine bis in die Mitte gehende tiefe Rinne oder in der Mitte von oben herein aufgebrochen 1 ), so daß sie in der Mitte eine tiefe Senkung zeigten.

Der Herr Senator Beyer nahm 5 der am besten erhaltenen Hügel sorgfältig in Angriff. Diese waren von verschiedener Größe und Höhe und mit größern Steinen von 1 bis 2 Fuß Durchmesser im Kreise umgeben. Innerhalb des Kreises lagen in einigen Gräbern wild durcheinander mehrere Lagen von kleinern Steinen und dazwischen flache Steine (sicher von kleinen Steinkisten), welche zum Theil noch in der hohen Kante standen und mit Urnenscherben, Kohlen und Asche umgeben waren; in andern Gräbern fanden sich gar keine Steine weiter, als diese flachen Steine.

Ein Kegel zeigte die Einrichtung noch ziemlich vollständig, obgleich auch dieses Grab schon von oben geöffnet war. In der Tiefe lag ein flacher Stein, auf welchem

eine Urne stand, welche oben zwar etwas zerbrochen, in einer Seitenansicht aber noch erhalten ist; die Urne, 8 1/2 Zoll hoch, hat ganz den Charakter der Urnen der Bronze=Periode. An den Seiten umher stand aufrecht eine doppelte Reihe von je 4 flachen Steinen, welche eine kleine Steinkiste bildeten und etwas gegen die Urne geneigt waren. Der Deckstein war bei der frühern Oeffnung schon weggenommen. Der Inhalt der Urne bestand aus Erde, Asche und zerbrannten Knochen. In dieser Urne lag auch

ein Fingerring von Bronze mit leichtem, dunklem, edlem Rost. Der Ring, welcher geöffnet ist, ist von dünnem Bronzeblech von 3/8" Breite und 3/4" weit, so daß er auf einen kleinen Finger paßt; er ist sehr elastisch und die beiden Enden greifen weit über einander. Der Rand ist mit einer feinen vertieften Linie verziert. Das von dem oben übergreifenden Ende bedeckte untere Ende ist auf der obern Fläche gar nicht gerostet.

Zwischen den Steinen dieses Grabfeldes ward auch noch

ein Messer von Bronze gefunden, welches die Arbeiter hinterher ablieferten. Es hat eine sichelförmig gebogene Klinge, einen durchbrochenen Griff und am Griffende


1) Es ist leicht möglich, daß der Hauptmann Zinck in den Jahren 1804 und 1805 hier leichte Versuche zu Nachforschungen gemacht hat, da er zu jener Zeit in diesen Gegenden viel gegraben hat.
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ein rundes Oehr; es ist dem Messer in Frid. Franc. Tat. XVI, Nr. 6 ähnlich, nur kürzer in der Klinge.

In einem Grabe ward auch noch

eine große Urne, welche freilich zerbrochen ist, gefunden. Sie ist dadurch ausgezeichnet und für die Bronzezeit sehr ungewöhnlich, daß der ganze Bauch mit sehr tief eingegrabenen Linien verziert ist, die von oben nach unten in Felder getheilt sind, welche abwechselnd senkrechte und wagerechte Linienlagen zeigen.


Dieser große Platz ist ohne Zweifel ein großer Begräbnißplatz aus der Bronzezeit für die größere Masse des Volks. Solche größere Begräbnißplätze sind früher gewiß sehr häufig gewesen, jetzt aber durch die durchgreifende Ackerwirthschaft alle längst verschwunden. Ganz gleich war aber der große Begräbnißplatz von Grabow (vgl. Jahrb. XVIII, S. 251), der einzige bisher bekannt gewordene von dieser Ausdehnung, welcher in gleicher Breite 3 Meilen westlich von Zachow lag und wohl demselben Volksstamme angehörte.


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Kegelgräber von Slate,
von G. C. F. Lisch.

In den ausgedehnten Tannenschonungen des Parchimschen Kämmereidorfes Slate bei Parchim findet sich ohne ersichtliche Ordnung eine große Anzahl hoher Sandhügel, welche vom Winde zusammengeweht schienen, wie sich solche dünenartige Hügel in Tannenwaldungen häufig finden. Der Herr Senator Beyer zu Parchim untersuchte jedoch einen dieser Hügel genauer und fand, daß derselbe ringsum mit kleinen Feldsteinen beworfen war und tiefer im Innern auch Feldsteine enthielt, also ein künstlich gebauetes Kegelgrab vermuthen ließ. Der Herr Senator Beyer ließ daher bei Gelegenheit des Baues der Chaussee von Parchim nach Putlitz im Herbst 1866 nicht nur diesen Hügel unter seiner wissenschaftlichen Aufsicht aufgraben und schenkte die dabei gewonnene reiche Ausbeute mit dem Fundberichte dem Vereine, sondern untersuchte auch mehrere andere Hügel in der Nähe, wodurch er zu der Ueberzeugung gelangte, daß alle diese Hügel künstlich aufgeführte Gräber sind und im Jnnern eine oder mehrere Urnen enthalten, welche jedoch meisten Theils ohne Alterthümer und völlig zerbrochen sind.

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Wir haben hier also, nach den aufgefundenen Alterthümern, wieder einen großen Begräbnißplatz aus der Bronzezeit für die größere Masse des Volkes, gleich den Begräbnißplätzen von Grabow (vgl. Jahrb. XVIII, S. 251) und von Zachow (vgl. oben S. 129).

Kegelgrab Nr. 1.

Besondere Ausbeute gab nur das im Eingange erwähnte größere Grab. Der runde, kegelförmige Hügel war 8 Fuß hoch über dem Erdboden und hatte an der Grundfläche einen Durchschnitt von ungefähr 30 Fuß. In der Mitte standen zwei kleine viereckige Steinkisten aus flachen Steinen, groß genug, um die in denselben stehenden Urnen bergen zu können, welche mit einem flachen Steine zugedeckt waren. Um diese beiden Steinkisten stand im Innern des Grabes ein Kreis von 16 Fuß Durchmesser von größern Steinen. Der Raum innerhalb dieses Steinkreises und um die Steinkisten war bis über die Steinkisten hinaus mit kleinern Feldsteinen gefüllt. Dann war dieser Steinhügel überall 4 Fuß hoch mit losem Sande beschüttet und diese sandige Oberfläche, um die Entblößung durch Windwehen zu verhüten, wieder mit einer Lage von Feldsteinen bedeckt, welche jedoch so dicht mit Moos und Haidekraut bewachsen war, daß man auf den ersten Blick den künstlichen Bau nicht erkennen konnte.

Der Steinhügel enthielt also zwei Steinkisten.

I. In der einen Steinkiste stand

1) eine große, hohe, cylinderförmige Urne, ohne Verzierungen, hellbraun von Farbe, 12 Zoll hoch, welche mit zerbrannten Knochen und Asche gefüllt war; leider ist die Urne im Bauchrande durchbrochen.

In dieser Urne lagen sehr viele bronzene Alterthümer, welche alle mit einem dicken, dunkelgrünen Rost belegt sind, nämlich:

2) zwei ganz gleiche, dünne, gewundene Halsringe (oder Kopfringe?), 4 1/2 Zoll im Durchmesser weit;

3) zwei enge Armringe aus Bronze, nur 1 3/4 Zoll weit, mit den Enden zusammenstoßend;

4) zwei enge Armringe aus Bronze, eben so weit, mit den Enden überfassend;

5) ein Armring von Bronze, 2 Zoll weit, mit den Enden zusammenstoßend, schmal und dünne;

6) ein Armring aus Bronze, 2 Zoll weit, mit den Enden überfassend, dick und breit;

7) zwei Spiralfingerringe von Bronzedrath in 5

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Windungen, für Finger einer erwachsenen weiblichen Person passend, 3/4/Zoll weit;

8) zwei flache, dünne Knöpfe aus Bronze, mit großen, platten Scheiben, 1 5/8 Zoll im Durchmesser, mit einem kleinen Oehr auf der untern Seite;

9) ein hieneben in der Oberfläche und in der Seitenansicht abgebildeter großer Doppelknopf von Bronze, oben mit einer dicken, gewölbten Schmuckscheibe, 1 7/8 Zoll im Durchmesser, unten mit einem kleinern, nicht verzierten Knopf, 3/4 Zoll im Durchmesser, im Ganzen ungefähr 3/4 Zoll hoch. Das Ganze ist aus Bronze gegossen.

Doppelknopf

Die obere, gewölbte Scheibe ist durch Vertiefungen zwischen erhabenen Bronzestreifen geschmackvoll verziert: innerhalb eines Bronzerandes liegt vertieft ein fünfstrahliger Stern mit spitz auslaufenden Strahlen, welche zwischen Bronzerändern liegen; diese fünf Sternstrahlen und die fünf durch dieselben gebildeten, dazwischen liegenden, vertieften Dreiecke der Oberfläche sind mit einem Kitt ausgefüllt, welcher noch glatt und völlig wohl erhalten und jetzt braun von Farbe, während die Bronze stark oxydirt ist. Es geht hieraus wieder hervor, daß die Ausfüllung vertiefter Flächen der Bronzen durch farbigen Kitt, welche ich auch Emaillirung genannt habe, in der Bronzezeit nicht ungewöhnlich gewesen sein wird; vgl. Jahrb. XXVI, S. 147; XXVII, S. 176; XXX, S. 150 und die Dose von der Klues unten S. 137. Auch in Dänemark kommt diese braune Kittfüllung vor. Herr Kammerrath Strunk zu Kopenhagen schreibt: "Was die "Ausfüllung oder Einlegung mit einer dunkelbraunen Masse in den Ornamenten auf Sachen des Bronzealters betrifft, so ist dieselbe auch seit verschiedenen Jahren beobachtet, z. B., außer vielen andern, auch auf den in Worsaae Nordiske Oldsager (Afbildninger, 2. Aufl.), 1859, abgebildeten Bronze=Alterthümern:

einem Schwert p. 30, Nr. 125,
einem Dolch p. 32, Nr. 141,

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"einem Buckel p. 45, Nr. 207,
einer Dose p. 62, Nr. 283",

also grade auf denselben Gegenständen, welche auch in Meklenburg mit Kitt ausgelegt sind und zu den ältern, verzierten Bronzen gehören, welche Nilson für phönizische hält. Strunk schreibt weiter: "Dieser braune Kitt ist auch gründlich untersucht, z. B. wenn ich mich recht erinnere, von "dem ausgezeichneten Chemiker Berlin, nach dessen Untersuchung der Kitt besteht aus Birkenrinde und Harz,vielleicht Birkentheer und Bernstein, welcher im Bronzealter auf verschiedene Weise angewandt ward und welcher auch in ziemlich großen und dicken, durchbohrten Scheiben vorkommt und früher als Räucherwerk aufgeführt ward". - Mögen diese Scheiben von Räucherwerk, von denen auch Bruchstücke in Meklenburg in Urnen aufgefunden sind, viel Aehnlichkeit mit dem Kitt haben, so ist das harzige "Räucherwerk" in Meklenburg immer in Urnen gefunden, welche sicher jünger sind, als die Bronzezeit.

10) ein kleiner Doppelknopf von Bronze mit aufstehender Spitze, wie Jahrb. XXX, S. 149; endlich

11) eine Nadel von Bronze und

12) eine Heftel von Bronze mit plattenförmigen Scheiben, Bruchstücke, beide Stücke mit hellgrünem Rost und wahrscheinlich in anderer Lage gefunden.

II. In der andern Steinkiste stand

13) eine hellbraune Urne, oben unter dem Rande mit großen Knöpfen und Perpendiculairlinien dazwischen verziert, eine Art von Verzierung, welche in den mitteldeutschen Ländern oft vorkommt, in Meklenburg aber noch nicht beobachtet ist. Leider sind nur Bruchstücke von dieser Urne gerettet.

III. Zwischen den beiden Steinkisten lag auf dem Grunde des Grabes

14) ein Schwert von Bronze, zweischneidig, ziemlich grade, mit Längslinien verziert, in der Klinge 23 Zoll lang, mit kurzer Griffzunge mit Nietlöchern, beim Einlegen in das Grab in 4 Stücke zerbrochen, da die Bruchflächen alten Rost haben, mit edlem Rost bedeckt, welcher eine mehr hellgrüne Farbe hat, als die übrigen Alterthümer.

Wir haben hier offenbar mehrere Begräbnisse in Einem Hügel. Das Hauptbegräbniß, für einen Mann, scheint das Schwert (III) in der Mitte des Hügels auszu=

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machen, wozu vielleicht die Urne II gehören mag, da sie keine Alterthümer enthielt. Die Urne I diente ohne Zweifel zur Aufnahme der Gebeine weiblicher Personen, da sie nichts als Schmuck enthielt. Es ist auch wahrscheinlich, daß sie die Reste zweier weiblichen Leichen aufnahm, da die Kopfringe (oder Halsringe) und die Armringe Nr. 2-4 zu klein für eine ausgewachsene Person sind, dagegen die Fingerringe, zwei Armringe und die Knöpfe Nr. 5-10 einer älteren Person angehört haben können. Vielleicht hat in dieser sehr großen Urne eine zweimalige Bestattung stattgefunden.

Kegelgrab Nr. 2.

Nach der kunstgerechten Aufdeckung der im Vorstehenden behandelten Begräbnisse haben drei Arbeiter im Herbst 1866 noch mehrere Steinhügel in den Slater Tannen zum Bau der Chaussee von Parchim nach Putlitz abgetragen, jedoch nur in einem derselben Alterthümer gefunden. Nach dem Berichte des einen Arbeiters aus Slate lag der Hügel zwischen den andern Hügeln und war im Aeußern und Innern diesen ganz gleich. Geräthe von Metall wurden in diesem Hügel nicht gefunden, wohl aber 3 Pfeilspitzen von Feuerstein, von denen jedoch bis jetzt nur eine aufbewahrt ist;

Pfeilspitzen

die beiden andern sollen die beiden andern, fremden Arbeiter mitgenommen haben. Diese eine Pfeilspitze ist von weißlichem, durchscheinendem Feuerstein, sehr gut gearbeitet, von der Gestalt der hieneben abgebildeten Pfeilspitze aus dem Kegelgrabe von Dabel, jedoch um ein Drittheil kürzer und mehr herzförmig.

Es ist dem Finder nicht erinnerlich, ob die Pfeilspitzen zwischen Knochen, Asche und Urnenscherben gelegen haben; jedoch erinnert er sich ganz genau, daß die 3 Pfeilspitzen in gleicher Richtung neben einander lagen. Sie waren, wie sie da lagen, am Schaftende alle von einer schwärzlichen Masse lose umgeben, welche er für die Reste von hölzernen oder knöchernen "Stielen" gehalten habe, die jedoch beim Berühren wie Asche auseinander gefallen seien. Der ganze Eindruck sei der Art gewesen, daß man sie unbedenklich für Pfeile habe halten müssen. Die Schaftung der Pfeilspitzen ist also ohne Zweifel eben so

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gewesen, wie die Schaftung der Pfeilspitzen in den Kegelgräbem von Dabel.

Der Verein verdankt die vorstehenden Nachrichten und die eine Pfeilspitze den sorgsamen Bemühungen des Herrn Senators Beyer zu Parchim.

Dieser Fund hat eine große Wichtigkeit, indem diese Erscheinung ganz dem Funde in den Kegelgräbern von Dabei gleicht.

Die Kegelgräber von Slate gehören alle der Bronzezeit an. Die zwei Gräber von Dabel, deren wissenschaftliche Aufdeckung in den Jahrb. XXII, S. 282, und XXIII, S. 283 genau beschrieben ist, enthielten Alterthümer aus Bronze, auch Gold, und daneben feuersteinerne Pfeilspitzen mit hölzernen Schaften. Gerade So ist es zu Slate befunden. Es er= giebt fich hieraus wieder, daß die sehr brauchbaren feuerstei= nernen Pfeilspitzen bis in die Bronzezeit fortdauerten. Andere Geräthe von Stein sind aber in den zahlreichen Kegelgräbern der Bronzezeit in Meklenburg bis jetzt noch nicht gefunden.

Kegelgrab Nr. 3.

In einem andern Grabe lag in einer zerbrochenen Aschenurne ein Messer von Bronze, mit dunkelgrünem, edlem Rost, mit Bronzegriff und einem festen Ringe am Ende des Griffes.

Messer

Die Klinge ist sichelförmig nach innen gebogen und ist auf der rechten Seite am Rücken mit kleinen Halbkreisen und einer abgrenzenden Punctiinie leicht verziert. Das Messer ist also dem in Jahrb. XXIII, S. 281 und hier wieder abgebildeten Messer aus dem Kegelgrabe von Dabel sehr ähnlich, nur daß dieses an Arbeit, Verzierung und Rost einen derbern, vielleicht ältern Charakter an sich trägt.

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Kegelgrab Nr. 4.

In einem vierten Grabe fand sich in einer zerbrochenen Urne

ein Armring von Bronze, vollgegossen, mit dichte, hellgrünem, glänzendem Rost bedeckt, mit Querstrichen und Querbändern verziert.

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Alterthümer von Parchim.

Bei dem Bau der Chaussee von Parchim nach Putlitz im J. 1866 wurden bei Parchim, wahrscheinlich in der Gegend von Slate, nicht sehr ferne von den oben beschriebenen Kegelgräbern

eine bronzene Lanzenspitze, mit Schaftloch und zwei Nagellöchern, mit dunkelgrünem, edlem Rost bedeckt, und

sechs kleine, scheibenförmige Bernsteinperlen, von guter, regelmäßiger Arbeit gefunden und ebenfalls von dem Herrn Senator Beyer zu Parchim dem Verein geschenkt.

G. C. F. Lisch.     

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Begräbnißhügel von Marnitz.

Beim Bau der Chaussee von Parchim nach Putlitz ward im Frühling des J. 1867 bei dem Dorfe Marnitz, südlich von Parchim, ein großer kegelförmiger "Berg" abgetragen, welcher im Innern ganz aus "Feldsteinen" (Granitfindlingen) bestand und aus welchem zum Chausseebau 10 "Bank" Steine gebrochen wurden, jede "Bank" zu 2 "Schachtruthen" rheinländ., à Schachtruthe 144 Kubikfuß, gerechnet, also 1440 Kubikfuß oder mindestens 50 Fuder. Beim Abtragen des Hügels ergab es sich, daß derselbe ein großes Kegelgrab der Bronzezeit oder Familiengrab war, indem sich auf dem Urboden 12 Begräbnisse erkennen ließen. Es wurden darin an verschiedenen Stellen 10 Urnen wahrgenommen, von denen jedoch 8 zerbrochen waren und zerfielen. Alle waren mit zerbrannten Knochen und Asche gefüllt. Andere Alterthümer wurden aber nicht gefunden.

Zwei große Urnen in den Formen der Urnen der Bronzezeit, von hellbrauner Farbe, ohne Verzierung und Henkel, wurden für die Schweriner Sammlungen erhalten:

eine Urne von ungewöhnlicher Größe, gegen 14" hoch und gegen 14" weit im Bauchrande und 10 1/2" weit in der Oeffnung, im Innern ganz und im Aeußern in der obern Hälfte glatt mit geschlämmtem Thon überzogen, in der un=

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tern Außenwand noch rauh, ungefähr von der Gestalt, wie Jahrb. XI, S. 356;

in dieser Urne stand eine Kinderurne, ebenfalls ohne Verzierungen und Henkel, nur 3 1/2" hoch und 3 1/2" weit;

eine Urne, ebenfalls von bedeutender Größe, 8 1/2" hoch und 11" weit in der Oeffnung, von mehr cylindrischer Form, wie Jahrb. XI, S. 357.

Der Herr Senator Beyer zu Parchim hat die Güte gehabt, den vorstehenden Bericht nach seinen Beobachtungen und die Urnen dem Verein zu schenken.

G. C. F. Lisch.     

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Bronze=Alterthümer von Klues,
von
G. C. F. Lisch.

In dem Forstrevier des Forsthofes Klues bei Güstrow wurden in der sogenannten Hütung, einer großen torfigen Niederung, welche das Forstrevier in den sogenannten Alten und Neuen Dewinkel durchschneidend theilt, im J. 1866 beim Ziehen eines Entwässerungsgrabens durch das Torfmoor einige bronzene Alterthümer gefunden und von dem Herrn Jagdjunker und Forstauditor v. Lübbe mit den Fundberichten und Beobachtungen an die großherzoglichen Sammlungen eingesandt. Die sogenannte Hütung ist früher wohl ein großer Sumpf gewefen und noch jetzt für Pferde und Wagen fast unfahrbar, und der Torf steht in demselben überall 20 Fuß tief und noch tiefer. Nur in der Richtung, in welcher die Alterthümer gefunden find, scheint früher eine Art Straße gewesen zu sein, denn hier steht der Torf nur 4 bis 5 Fuß tief; nach der Beobachtung des Herrn v. Lübbe nimmt auch alles Wild, welches vom Neuen Dewinkel nach dem Alten Dewinkel hinüberwechselt, seinen Wechsel gerade über diese Stelle, selbst wenn es genöthigt ist, große Umwege zu machen.

Die wohl erhaltenen, rostfreien Alterthümer waren ein Schwert und zwei Dosen von Bronze. Sie lagen an der oben bezeichneten seichten Stelle des Moors 4 1/2 Fuß tief, also auf dem festen Moorgrund, in gleicher Tiefe 2 1/2 Fuß von einander entfernt, gehören also wohl sicher in eine und dieselbe Zeit. Die beiden Dosen waren in einander gestülpt, so daß die kleinere bis auf den Rand in die größere hinein paßte, wie ein schlecht passender Deckel; die größere stand unten und war beim Auffinden mit Wasser gefüllt.

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Diese Dosen sind solche Gefäße, welche ich als Schmucksdosen der Bronzezeit erkannt habe; sie haben jedoch einen spitzigen Boden und ihnen fehlen die Deckel, welche beim Hineinfallen in das Moor auch gewiß nicht vorhanden gewesen sind, da die kleinere in die größere gestülpt war. Die größere hat gegen 5", die kleinere gegen 4" im Durchmesser; beide sind gegen 2" hoch. Die kleinere gleicht der hieneben abgebildeten Schmuckdose von Parchim (vgl. Jahrb. X, S. 281), nur daß der Deckel fehlt.

Dose

Die Dosen sind auch den offenen Hängeurnen sehr ähnlich (vgl. Jahrb. XXIX, S. 191), jedoch sind diese letztern immer sehr große Gefäße, während die Schmuckdosen immer sehr klein sind. Der Guß der Dosen ist ziemlich gut, nur hat die größere ein Loch im Rande und bei der kleinern ist der Guß an einer Stelle des Randes so schwach geworden, daß von innen zwei Klümpchen Bronze gegen den Riß gegossen sind. Die Dosen sind auf dem ganzen Boden verziert. Zwar sind einige wenige Verzierungen noch alt, z. B. die Zickzackverzierung am Rande. Andere Verzierungen haben jedoch einen unzweifelhaft jungem Charakter, namentlich die auf der kleinen Dose, indem die Enden der nach oben geöffneten Kreise einem krumm gebogenen Halse gleichen, also entfernt an die nie fehlenden Drachenverzierungen der Hängeurnen erinnern. Eine tief gehende Verzierung von 7 Lappen um einen Knopf auf der größern Urne ist mit einem festen, jetzt braunen Kitt ausgefüllt; für Torf kann man die Füllung nicht halten, da sie völlig fest und glatt ist. (Vgl. auch oben S. 131.)

Ich erkenne daher in diesen kleinen Gefäßen Schmuckdosen aus der jüngern Zeit der Bronze=Periode.

Und hiezu scheint auch das Schwert zu stimmen, welches

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nur eine Griffzunge mit Nietlöchern für einen Holz= und Ledergriff hat. Das Schwert ist, wie alle Schwerter der Bronzezeit, zweischneidig und hat einen erhabenen Mittel rücken, welcher von verzierenden Linien begleitet ist. Auch ist der Griff noch kurz, 3" lang. Aber die Klinge ist länger, als die Klingen der Schwerter, welche nach Arbeit und Rost aus sehr alten Gräbern stammen, nämlich gegen 29" lang, während die Klingen alter Schwerter nur ungefähr 20" messen. Ferner sind die Schneiden der Klinge ganz gerade, während die Klingen der alten Bronzeschwerter in der untem Hälfte in den Schneiden löffelförmig nach außen gebogen sind.

Da nun die Dosen nach den Verzierungen einer jüngern Zeit anzugehören scheinen, so dürfte man auch zu dem Schlusse kommen, daß die langen und geraden Bronzeschwerter der letzten Zeit der Bronze=Periode angehören.

Jedenfalls wird aber der ganze Fund in eine verhältnißmäßig junge Zeit der Bronze=Periode fallen.


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c. Eisenzeit.

Erste Eisenzeit.


Begräbnißplatz von Neu=Stieten,
von
G. C. F. Lisch.

Am Ende des Monats November 1865 ließ der Herr v. Sittmann auf seinem Gute Neu=Stieten bei Wismar (auf dem Außenschlage Nr. 5) eine Abtragung vornehmen und fand bei dieser Gelegenheit einige Urnenscherben und zerbrannte Knochen. Hiedurch aufmerksam gemacht, veranstaltete er genauere Nachgrabungen und entdeckte dadurch einen Begräbnißplatz der Eisenzeit mit mehreren Urnen und eisernen Alterthümern. Der Platz, eine ebene Fläche bildend, ist sandig und liegt ungefähr 10 Minuten vom Hofe, an der Grevesmühlenschen Landstraße, ungefähr 10 Minuten von der Chaussee von Schwerin nach Wismar. Auf die Nachricht von diesem Funde begab sich der Sergeant Büsch aus Wismar nach Neu=Stieten, welcher von dem Herrn v. Sittmann für den Verein nicht nur die gefundenen Alterthümer zum Geschenk, sondern auch die Erlaubniß erhielt, an der Fundstelle weiter nachzugraben. Dieser fand freilich den Fund bestätigt, indem er noch Scherben von 4 bis 5 zerbrochenen Urnen und einen Ring und eine Schnalle von Eisen fand, mußte aber die Arbeit aufgeben, indem der Boden zu naß und die Witterung zu ungünstig war. Der Herr v. Sittmann hat daher Aussicht gemacht, daß die Nachforschung in günstigem Jahreszeiten fortgesetzt werden könne.

Die Urnen standen alle ungefähr 1 1/2 Fuß tief in der ebenen Erde.

Die gefundenen Alterthümer sind folgende:

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1) eine große hellbraune Urne, 9" hoch und 11" im Bauchdurchmesser, ohne alle Verzierungen, von mehr cylinderförmiger Gestalt und mehr den Urnen der Bronzezeit sich nähernd, ziemlich gut erhalten, mit den zerbrannten Gebeinen eines erwachsenen Menschen;

2) Scherben von einer großen hellbraunen Urne, welche ganz mit den charakteristischen eingedrückten Punctlinien verziert gewesen ist;

3) Scherben von einer großen, ganz dunkelbraunen Urne, welche ebenfalls mit Punctlinien, namentlich am Rande mit hammerförmigen Verzierungen geschmückt gewesen ist;

4) eine kleine braune Urne, von der vorherrschenden schalenförmigen Gestalt der Urnen der ersten Eisenzeit, 4 1/2" hoch und 8" im Bauchdurchmesser, mit eingeritzten Parallellinien am Bauche und Fuße verziert und am Bauchrande außerdem mit Halbkreisen aus eingedrückten Punctlinien, herabhangenden Guirlanden gleichend, ziemlich gut erhalten, mit den zerbrannten Gebeinen eines Kindes;

5) Scherben einer hellbraunen schalenförmigen Urne, nur mit eingeritzten Parallel= und Zickzacklinien verziert;

6) Scherben einer hellbraunen schalenförmigen Urne, ohne Verzierungen;

7) Scherben einer ähnlichen Urne;

8) eine ganz dunkelschwarze Urne, mit einem sehr weiten, hoch liegenden, scharfen Bauchrand, tief eingezogenem, spitzigem Untertheil und sehr kleinem Boden, wie Frid. Franc. Taf. XXXIV, Fig. 9 und 10, und Jahrb. XII, S. 435, 8" hoch, 10" weit im Bauchdurchmesser und 3 1/2" im Bodendurchmesser, mehr als zur Hälfte erhalten, über dem Bauchrande mit einer eingeritzten Zickzacklinie verziert, welche an beiden Seiten von eingestochenen (nicht eingedrückten) Puncten begleitet ist, mit zerbrannten Knochen eines erwachsenen Menschen; die Urne gleicht also der Urne Fig. 9 im Frid. Franc, a. a. O.;

9) eine gleich geformte und gleich große, dunkelschwarze Urne, über dem Bauche mit eingeritzten Parallellinien im Zickzack und unter dem Bauche mit eingeritzten Perpendiculairlinien verziert, ähnlich wie Jahrb. XII, S. 435, zur Hälfte vorhanden, mit zerbrannten Knochen eines erwachsenen Menschen;

10) eine gleich geformte und gleich große dunkelschwarze Urne, über dem Bauchrande mit Zickzacklinien und unter dem Bauche mit eingeritzten Perpendiculairlinien,

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welche so flach sind, daß sie kaum bemerkt werden, verziert, also wie Jahrb. XII, S. 435, nur in einem Bruchstück in ganzer Höhe vorhanden.

In den verschiedenen Urnen lagen auf den zerbrannten Menschengebeinen folgende Alterthümer:

11) 1 Heftel aus Bronze, sehr klein und zierlich gearbeitet, ungefähr wie Jahrb. XXVII, S. 180, jedoch noch kleiner;

12) 1 Schnalle aus Bronze an einem kurzen, zum Aufnieten bestimmten Bronzeblechstreifen, ganz wie die in Jahrb. XXVII, S. 180, unten, abgebildete, jedoch mit rundem Schnallenbügel;

13) 1 kleines Drathgewinde aus Bronze, unbekannter Bestimmung;

14) 2 Hefteln aus Eisen, stark gerostet und zerbrochen;

15) 2 Schnallenbügel aus Eisen, wie der bronzene oben, zerbrochen;

16) 4 spitze Messer aus Eisen, stark gerostet;

17) 1 breite Messerklinge aus Eisen, zur Hälfte vorhanden, fast gar nicht gerostet;

18) 4 Sicheln aus Eisen, zerbrochen;

19) 4 Lanzenspitzen aus Eisen, von denen nur eine noch ziemlich vollständig ist;

20) 1 Stück Blech aus Eisen, Bruchstück mit einem Nietloch, unbekannter Bestimmung;

21) 1 Schildnabel aus Eisen, wie gewöhnlich die Schildnabel dieser Zeit, mit langer, starker Spitze;

22) 2 Blechhefte aus Eisen, an den Enden rund geschweift, gegen 2 1/2" lang, ähnlich wie die bei Hagenow gefundenen und zum Jahresbericht VIII, Lithographie Taf. II, Fig. 12 abgebildeten;

23) 4 Niete aus Bronze, oben mit einem rund gearbeiteten Knopf aus Bronzeblech von 3/4" Durchmesser; zwei haben Spuren von Eisenrost von andern eisernen Alterthümern, eines ist noch auf ein Stück abgerundetes Eisenblech genietet, welches den Enden der 2 eisernen Blechhefte gleich ist;

wahrscheinlich gehören diese eisernen Blechhefte und bronzenen Niete, deren Köpfe sonst wohl Eichelform haben, zum Schildbeschlage;

24) 1 hieneben abgebildeter, großer, massiver Ring aus Eisen, ungefähr 3/8" dick im Eisen und 2 1/2 bis 2 3/4" weit im innern Durchmesser, fast wie ein mittelalter=

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Ring

licher Pfortenring; auf den großen Ring ist ein kurzer, mit 2 Querrinnen verzierter, schmaler Ring aus Eisen aufgeschoben, welcher 1 1/2" lang ist und 1 1/2" äußern Durchmesser hat. Der Ring gleicht also ganz dem bisher allein bekannten, bei Hagenow mit römischen Alterthümern gefundenen, zum Jahresbericht VIII, S. 45, Nr. 19, auf der Lithographie Taf. II, Fig. 11 abgebildeten Ringe, nur daß der Hagenower Ring 3 1/4" innern Durchmesser und der übergeschobene Ring eine größere Breite und mehr Rinnen hat, also im Ganzen etwas größer ist. Wozu der Ring gedient hat, ist mir nicht ganz klar. Milde meint, es könne eine Art Spange oder Schnallenring sein; und wirklich findet sich an dem übergeschobenen Ringe nach der innern Oeffnung des großen Ringes ein in dem Holzschnitte angedeuteter Höcker, welcher

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nicht aus aufgeworfenem Rost bestehe sondern einen metallischen Kern hat.


Dieser Fund, welcher freilich noch nicht groß ist, ist von großer antiquarischer Wichtigkeit, indem er ein bedeutsames Glied in der Kette der Alterthümer aus der ersten Eisenzeit bildet. Ich habe in den Jahrb. XXVI, 1861, S. 161 flgd., für das nordöstliche Deutschland als das wichtigste Kennzeichen der ersten Eisenzeit die kohlschwarz gefärbten und dunkelbraunen Urnen hingestellt, welche mit eingedrückten, aus viereckigen Runden gebildeten Linien, vorherrschend in Hammerform, reich verziert sind und diese erste Eisenzeit durch vielfache Vergleichungen bis wenigstens in das erste Jahrhundert nach Christi Geburt zurück versetzen können. Der reiche Begräbnißplatz von Wotenitz (Jahrb. XXV, S. 252 flgd., und XXVI, S. 161 flgd.) giebt ein anschauliches Bild von dem Bildungszustande dieser Zeit; ihm schließen sich zahlreiche andere Begräbnißplätze ähnlicher Art an. Mitten darin steht der in den vorstehenden Zeilen beschriebene Begräbnißplatz von Neu= Stieten, welcher ebenfalls diese mit Punctlinien verzierten Urnen aufweiset. Durch die an den Bronzestreifen genietete Bronzeschnalle (Nr. 12) und die Bronzeheftel gewinnen wir durch den Begräbnißplatz von Bützow (Jahrb. XXVII, S. 180) die Ueberzeugung, daß der Begräbnißplatz von Neu=Stielen in die Zeit fällt, in welcher das Hakenkreuz heiliges Sinnbild war, wie auch eine Urne von dem großen Begräbnißplatz von Kothendorf mit demselben Hakenkreuz verziert ist. Der Fund von Neu=Stieten ist aber durch die große Mannigfaltigkeit der Urnen bemerkenswerth. Er enthält noch eine große hellbraune Urne (Nr. 1), welche noch stark an die Bronzezeit erinnert, außerdem aber, außer den schalenförmigen, mit Punctlinien verzierten Urnen (Nr. 2 bis 7), noch dunkelschwarze, mit eingeritzten Linien und eingestochenen Puncten verzierte Urnen, welche im untern Theile stark eingezogen sind und daher einen sehr spitzen Fuß haben. Diese Urnen gehören, wie schon früher vermuthet, aber in Meklenburg noch nicht bewiesen war, ebenfalls der ersten Eisenperiode an. Der Fund von Neu=Stielen erhält aber auf eine überraschende Weise Bestätigung durch den Begräbnißplatz von Rothenbek im Sachsenwalde, welchen Justus Brinkmann im XXIV. Bericht der Schl.=Holst.=Lauenb. Gesellschaft, 1864, S. 23 flgd., entdeckt und gewissenhaft beschrieben und durch eine

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gute Tafel mit Abbildungen der Urnen erläutert hat. Alle Urnenformen, und auch vorherrschend die Verzierungen, sind dort wie hier genau dieselben, so daß man die Tafel fast als Abbildung der Urnen von Neu=Stieten gebrauchen könnte.

Der Begräbnißplatz von Neu= Stieten läßt sich aber durch eine Entdeckung beinahe in eine bestimmte Zeit bringen. Denn höchst merkwürdig ist der starke eiserne Ring mit einem aufgeschobenen Ringe (Nr. 24), welcher hier gefunden ist. Dieser Ring ist ganz dem erwähnten Ringe gleich, welcher mit vielen römischen Alterthümern, theilweise mit römischen Fabrikstempeln, bei Hagenow, und sonst noch nirgends in Meklenburg, gefunden ward. Der Fund von Jagenow fällt aber sicher in das 1. oder 2. Jahrh. nach Christi Geburt (vgl. Jahrb. XXVI, S. 166).

Auf diese Weise ist der Fund von Stieten im Stande, sich in die Mitte vieler Funde von großer Wichtigkeit zu stellen.

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Begräbnißplatz von Köchelstorf.

Der Herr Graf von der Schulenburg entdeckte auf seinem Gute Köchelstorf bei Wismar, in der Pfarre Beidendorf (nahe bei Neu=Stieten), bei Abräumen und Ausroden eines Tannenkamps, einen großen Begräbnißplatz mit sehr zahlreichen Urnen, welche aber, so weit jetzt gegraben ist, alle durch die Tannenwurzeln zersprengt sind. Nach der Beschreibung des Herrn Grafen sind die Urnen, welche mit dem Rande kaum 1 Fuß tief unter der Erdoberfläche im Sande stehen, groß, schüsselförmig, weit geöffnet, mit niedrigem Rande, auch mit ganz kleinen Henkelchen, vorherrschend dunkelschwarz von Farbe, jedoch auch braun, mit zerbrannten Menschengebeinen gefüllt. An Alterthümern hat sich bis jetzt nur ein kleines Stück verrostetes Eisen gefunden, dessen Bestimmung nicht zu erkennen war.

Es leidet wohl keinen Zweifel, daß hier ein großer Begräbnißplatz aus der ersten Eisenzeit vorhanden ist, welcher dem im Vorstehenden beschriebenen auf dem ganz nahe liegenden Gute Neu=Stielen völlig gleich ist.

G. C. F. Lisch.     

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Goldener Eidring von Granzin.

Als in den ersten Monaten des J. 1867 der Häusler Bumann zu Granzin, Amts Lübz, einen auf dem Acker

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liegenden großen Granitstein sprengen wollte und zu dem Zwecke denselben an den Seiten umher von der angehäuften Erde frei grub, fand er beim Auswerfen einiger Schaufeln Erde dicht neben, jedoch sicher nicht unter dem Steine, einen massiven sogenannten "Eidring" von reinem Golde. Der Ring ist oval gebogen und so groß, daß eine mittelgroße Hand bequem hinein fassen kann, geöffnet und nach den Enden hin dünner auslaufend und an den Enden mit 2 gegenüber stehenden hohlen Halbkugeln versehen, vor diesen ein Ende lang mit feinen Querstrichen verziert. Er ist genau 6 1/5 Loth Zollvereinsgewicht schwer. Der Finder überbrachte den Ring sogleich dem Herrn Pastor Malchow zu Granzin, welcher ihn mir zur Darreichung an Se. K. H. den Großherzog übersandte: Se. Königl. Hoheit hat geruht, den Ring für die großherzoglichen Sammlungen anzunehmen und dem Finder den vollen Werth zu vergüten.

Der Ring gleicht in jeder Hinsicht den früher zu Woosten und Wohlenhagen gefundenen goldenen sogenannten Eidringen (vgl. Jahrb. XVI, S. 268, und XXX, S. 142), namentlich ganz dem Ringe von Wohlenhagen, welcher jedoch etwas schwerer ist. Auch ist er bei einem großen Steine gefunden; in dieser Hinsicht gleicht die Auffindung ganz der des Silberschatzes von Schwaan, welcher auch neben einem großem Steine nicht tief unter der Erdoberfläche gefunden ward (vgl. Jahrb. XXVI, S. 241 flgd.). Der Stein von Granzin ist also wahrscheinlich auch wohl nur ein "Merkstein" gewesen.

G. C. F. Lisch.     


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2. Alterthümer des christlichen Mittelalters.


Schwert von Neu=Kalen.

Im Sommer 1865 ward bei der Stadt Neu=Kalen aus dem Pene=Fluß, nahe bei dessen Einmündung in den Cummerower See, durch den Bagger ein eisernes Schwert herausgehoben, welches dabei leider zerbrach und die Spitze von vielleicht 3" Länge verlor. Der Herr Burgemeister Mau schenkte es dem Vereine. Die Klinge ist, wenn man die verloren gegangene Spitze hinzu denkt, ungefähr 2' 10" lang gewesen, von 2 1/4" bis 1 1/4" breit, zweischneidig, an jeder Seite mit einer Längsfurche oder "Blutrinne", welche fast bis zur Spitze hinab läuft. Der Griff ist 4 1/2" lang; der eiserne Knopf ist "mandelförmig", oben schmal und unten breit; die Parierstange, in Form einer einfachen, viereckigen, etwas breiten eisernen Stange von 1/4" bis 1/2" Dicke, ist 10" lang. In den obern Theil der Längsfurche, nicht weit vom Griffe, sind an einer Seite drei Linien │││ eingetrieben. Das Schwert gleicht den in Worsaae Nordiske Oldsager, 2. Aufl., Taf. 164 abgebildeten Schwertern. Wahrscheinlich gehört es der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts an. Diese alte Art von Schwertern ist bis jetzt in Meklenburg außerordentlich selten. Die Sammlungen besitzen außerdem nur noch 4 ähnliche Schwerter, mit kurzem Griff; namentlich ist das in Jahrb. IX, S. 397 flgd. beschriebene Schwert von Schwaan bekannt, welches eine von Bronze eingelegte lateinische Inschrift an derselben Stelle hat, wo das Schwert von Neu=Kalen die eingestempelten drei Linien zeigt. Wahrscheinlich stammt auch das Schwert von Neu=Kalen aus der Zeit der Züge der Dänen nach Wenden, namentlich aus dem Zuge des Königs Waldemar von Tribsees aus in die Waldgegend des Landes Hart (bei Neu=Kalen) bis Teterow im J. 1171 (vgl. Jahrb. XXVI, S. 187). - Vgl. im folgenden Abschnitt das gleiche Schwert von Friedrichsdorf.

G. C. F. Lisch.     

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Schwert von Friedrichsdorf.

Zu Friedrichsdorf bei Neu=Bukow ward im Frühling 1866 in einem Kiesberge nahe beim Hofe 4 Fuß tief ein menschliches Gerippe gefunden, neben welchem ein eisernes Schwert lag. Das Gerippe ist zum größten Theile vorhanden, der Schädel aber leider beim Ausgraben vielfach zerbrochen. Nach den Untersuchungen der Herren Dr. Crull und Dr. Techen zu Wismar zeigt das Gerippe einen zarten Bau, jedoch kräftige Muskelansätze; die Schädelknochen sind sehr verdickt, die Zähne, so viel deren gerettet sind, sind alle gesund, jedoch schon ziemlich stark abgeschliffen. Das Schwert hat eine dünne, breite (durchschnittlich 2"), wenig zugespitzte Klinge, welche ungefähr 2 3/4' oder ungefähr 34" lang gewesen sein mag, mit breiter Blutrinne; die Spitze ist leider abgebrochen und verloren gegangen, so daß der vorhandene Rest nur noch 28" lang ist; der Griff ist sehr kurz 1 ), nur höchstens 3 1/4" lang; der Knopf ist stark und hat eine "mandelartige" oder die Form eines nach oben abgeschrägten Drittelkreisausschnittes mit der dickem Rundung nach unten gekehrt; die einfache, viereckige Parierstange ist 9 1/4" lang. Nach der Beschaffenheit der Klinge und der Kürze des Griffes möchte man das Schwert noch der heidnischen Zeit zuschreiben können; aber die Länge der Klinge und die lange Parierstange, auch die Beschaffenheit des Knopfes reden für eine etwas jüngere Zeit. Nach Allem muß man das Schwert wohl in die erste Zeit des Christenthums in Meklenburg, in die Zeit der Züge der Dänen nach Wenden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts setzen, und aus dieser Zeit sind bisher Waffen nur sehr selten gefunden. Der Gutsbesitzer Herr Ihlefeld auf Friedrichsdorf hat das Schwert und das Gerippe mit aufmerksamer Theilnahme gerettet und beides dem Vereine geschenkt.

Das Schwert gleicht in jeder Hinsicht dem im Vorhergehenden beschriebenen Schwerte von Neu=Kalen und ist ohne Zweifel zu derselben Zeit gefertigt; nur ist an dem


1) Es ist in neuern Zeiten zum Beweise für den fremden Urspruug der bronzenen Schwerter der Bronzezeit geltend gemacht, daß sie sehr kurze Griffe haben, also nur für kleine, orientalische Hände paßten; die Griffe der Bronzeschwerter sind 2 3/4 bis 3 1/4" lang. Dagegen ist zu bemerken, daß die Griffe der eisernen Schwerter aus dem frühen Mittelalter eben so kurze Griffe haben, wie das vorliegende Schwert beweiset. Auch ist keinem Militair der Neuzeit die Kürze der Griffe der Bronzeschwerter beim Handhaben je unbequem gewesen, wenn auch die Kürze beim ersten Anblick auffallend erschien.
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Neu=Kalenschen Schwerte der Griff und die Parierstange ein wenig länger und der Knopf ein wenig kleiner, jedoch in derselben Weise geformt.

Möglich ist es, daß die unten beschriebene angelsächsische Münze des Königs Ethelred mit zu diesem Begräbniß gehört. Sie ist nämlich in der Dorfstraße auf dem Wege gefunden, auf welchem Kies aus dem Kiesberge nach dem herrschaftlichen Garten gefahren ward.

G. C. F. Lisch.     

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Schwert von Maßlow.

Der Herr Keding auf Maßlow bei Wismar schenkte dem Vereine ein vollständig erhaltenes, eisernes, zweifäustiges Schwert, welches im Februar 1867 zu Maßlow unter einer ungefähr 200 Jahre alten Buche gefunden ist und wohl aus dem 14. Jahrhundert stammt. Die Klinge ist gerade, schmal, zweischneidig, mit erhabenem Mittelrücken, läuft regelmäßig spitz aus und ist 3' 1" lang; der Griff, welcher einen langen und dicken Knopf hat, ist 1' 2" lang; die 6" lange Parierstange ist einfach und viereckig und mit den Enden nach unten gebogen.

G. C. F. Lisch.     

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Thönerner Krug von Gevezin.

In dem Hofgarten von Gevezin bei Neu=Brandenburg ward durch die Tagelöhner ein vollständig erhaltener Krug aus blaugrauem oder schwärzlichem Thon ausgegraben. In demselben lag bei der Ablieferung in der in demselben befindlichen Erde ein seltener, kleiner, silberner Bracteat, ein halber Pfenning, mit gestrahltem oder gekerbtem Rande und mehrere kleine Stückchen Silberblech; das Bild ist leider sehr unklar, jedoch nach zwei stark hervorragenden kleinen Kugeln oder Augen scheint es der meklenburgische Stierkopf zu sein (Vinkenogen). Hiernach würde der Krug ungefähr der Mitte des 14. Jahrhunderts angehören, wozu auch Form und Arbeit stimmt. Herr Pogge auf Gevezin hat Krug und Münze dem Vereine zu schenken die Güte gehabt.

G. C. F. Lisch.     

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II. Zur Baukunde.


Zur Baukunde des christlichen Mittelalters.

Kirchliche Bauwerke.


Die

S. Nicolai=Kirche auf der Neustadt Röbel.

Ein kunstgeschichtlicher Bericht

von

G. C. F. Lisch.


Der Bau.

Die S. Nicolai=Kirche auf der Neustadt Röbel ist seit einigen Jahren einer Restauration unterworfen und im J. 1867 zur Erneuerung der Innern Einrichtung ausgeräumt. Bei dieser Gelegenheit sind mehrere Entdeckungen gemacht, welche sehr werthvoll und anziehend sind. Es wird daher nothwendig und erwünscht sein, diese Kirche noch ein Mal einer eingehenden Beleuchtung zu unterwerfen, obgleich sie schon in den Jahrbüchern VIII, B, S. 109 flgd. im Allgemeinen beschrieben ist.

Die Hallenkirche besteht aus einem einschiffigen Chor von 2 Gewölben Länge, einem dreischiffigen Schiff von 3 Gewölben Länge und einem großen Thurmgebäude. Der Bau wird von Osten nach Westen vorgeschritten sein.

Der niedrige Chor ist ganz im ausgebildeten Uebergangsstyle aufgeführt. Die rechtwinklig angesetzte, gerade Altarwand hatte drei schräge und glatt eingehende, schmale, niedrige, leise gespitzte, mit einem Rundstabe eingefaßte Fenster,

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von denen das mittlere höher ist, als die beiden andern, ganz wie sie sonst überall der Uebergangsstyl zeigt. Diese alte Construction ist in den neuesten Zeiten, angeblich wegen Mangel an Licht, vernichtet, indem die Wandungen rechts winklig ausgebrochen und dadurch die Fenster verbreitert sind, allerdings gerade nicht zur Verschönerung des Baues. Bei der gegenwärtigen Restauration sollen aber die Fenster in ihrer alten Form wieder hergestellt werden. An den Ecken des Chors stehen noch Lissenen, welche im Dachgesimse einen Rundbogenfries, einen pries von einfachen Halbkreisen, tragen. Der Giebel ist reich verziert, in der untern Hälfte durch Aufmauerung der Ziegel im Zickzack, oben durch mannichfache Blenden. Die Seitenwände des Chors haben an jeder Seite unter jedem Gewölbe ein Fensterpaar oder doch die Anlage dazu. Die Lissenen trugen hier aber einen pries von "Kreuzungsbogen", d. h. eine Reihe von doppelten, sich durchschneidenden Halbkreisen, ein im Lande selten vorkommendes, charakteristisches Kennzeichen des Uebergangsstyls (vgl. Jahrb. a. a. O. S. 110). Dieser Fries ist aber bei der gegenwärtigen Restauration verschwunden und statt dessen ein einfacher Rundbogenfries eingesetzt. Die vorspringenden Ostwände der Seitenschiffe des Schiffes, welche wohl gleich mit der Vollendung des Chors ausgeführt sind, haben auch noch den einfachen Rundbogenfries, der aber den Seitenwänden des Schiffes ganz fehlt.

Da die Neustadt Röbel am 21. Jan. 1261 zu einer Gemeinde erhoben und mit dem Schwerinschen Stadtrecht bewidmet ward, so ist anzunehmen, daß der Chor um diese Zeit gebauet ward. Wir haben hier also ein ziemlich sicher datirtes Beispiel des ausgebildeten Uebergangsstyls.

Das Schiff hat im Allgemeinen auch noch Anklänge des Uebergangsstyls. Die Fenster sind noch gerade so construirt, wie die Fenster des Chors; aber sie sind schon hoch und breiter, und die Seitenwände haben schon die Maaßverhältnisse eines gotischen Baues. Der Rundbogenfries fehlt. Die beiden, in der Mitte der Seiten liegenden Pforten, an jeder Seite eine, sind schon im Spitzbogen aufgeführt. Die Pfeiler, welche im Innern die Gewölbe tragen, sind reich gothisch construirt: die Rundpfeiler sind nämlich "mit vier starken Halbsäulen als Diensten besetzt ("cantonirt"), zwischen denen ein dünnerer Rundstab steht, der von zwei verhältnißmäßig breiten Hohlkehlen begleitet ist.

Zu diesen Eigenthümlichkeiten stimmen auch die Gewölbe; denn der Chor hat Kuppelgewölbe, deren Halb=

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kugel sich durch sogenannte "Pendentifs" aus den Chorwänden entwickelt, ohne Rippen oder Grate, das Schiff dagegen hat Kreuzgewölbe mit Rippen.

Wir haben also einen Bau, der in der Grenze zwischen dem Uebergangsstyle und dem gothischen Style liegt. Und dies stimmt auch zu der Geschichte dieses Baues, welcher, wie unten gezeigt wenden wird, um das Jahr 1275 (sicher vor 1290) ganz vollendet ist.

Dies ist im Allgemeinen die Gestalt der Kirche, deren Kenntniß zur Beurtheilung der im Folgenden beschriebenen Entdeckungen notwendig ist.


Die Reliquiengruft im Altare der Kirche zu Neustadt Röbel und die Erbauung und Restauration der Kirche.

Bei der Restauration der Kirche während des J. 1867 ward beim Abbruche des steinernen Altartisches die kleine ausgemauerte "Reliquiengruft" wohl erhalten gefunden. In derselben stand ein etws bauchiges, gläsernes Gefäß von grünlichem Glase, von der Größe eines gewöhnlichen Trinkglases, 4" hoch, an der Außenseite mit 18 ziemlich großen aufgesetzten Knöpfen von demselben Glase verziert.

In dem Glase lag

1) eine kleine besiegelt gewesene Pergament=Urkunde 1 ), nach welcher Johannes, Bischof in partibus infidelium von Adramytium, Weihbischof ("in pontificalibus vicarius generalis") 2 ) des Bischofs Busso I. (v. Alvensleben) von Havelberg, am 10. Aug. 1490 den Kirchhof, die Kirche und den Altar der Kirche zu Ehren der H. Jungfrau Maria und des H. Nicolaus wieder geweihet hat ("reconsiliavit").

Der Anblick der noch stehenden alten Kirche lehrt sogleich, daß mit dieser Einweihung nicht die erste Einweihung der zuerst erbaueten Kirche gemeint sein kann, da die Kirche noch "im sehr strengen Spitzbogenstyl oder Uebergangsstyl" mit romanischen Anfängen, also sicher im 13. Jahrhundert, aufgeführt ist (vgl. Jahrb. VIII, B, S. 110). Es kann im J. 1490 nur von der Einweihung des Altars, den ich in meinem amtlichen conservatorischen Erachten über die


1) Vgl. den Abdruck in der Ablage.
2) Die erste Nachricht von dieser Entdeckung gaben die Meklenburg. Anzeigen, 1867, Nr. 7, Juli 8. Diese nennt aber nur "den Bischof Johann" ohne weitere Bezeichnung. Dies kann aber irre führen, da 1490 kein Johann, sondern Busso "Bischof" von Havelberg war.
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jetzige Restauration der Kirche, ohne die vorliegende Urkunde zu kennen, in das "Ende des 15. Jahrhunderts" gesetzt habe, und außerdem höchstens von einer Restauration der Kirche und des Kirchhofes, vielleicht nach einem Brande oder Kriege, die Rede sein; denn an der ganzen Kirche ist keine Spur vom Baustil des 15. Jahrhunderts zu finden. Dafür spricht auch die Urkunde ausdrücklich, indem in derselben nur von einer Wiedereinweihung die Rede ist ("reconsiliavimus"); denn der gewählte lateinische Ausdruck bezieht sich allein auf eine Restauration nach einer Entweihung 1 ).

Für den Styl des Altars ist aber die Urkunde von Wichtigkeit, da der Altar dadurch sicher datirt wird.

Das Siegel des Weihbischofs Johann war nicht, wie gewöhnlich, angehängt, sondern, gegen den Gebrauch, auf die Rückseite aufgedrückt und abgefallen, fand sich aber noch in dem Glase, wenn auch sehr beschädigt.

Viel wichtiger ist es, daß sich in dem Glasgefäße

2) ein zweites loses Siegel fand, welches an einer Urkunde gehangen hat, da sich noch ein abgerissenes Ende Pergamentband daran befindet, welches bräunlich und morsch ist. Ohne Zweifel ist die Urkunde, welche dieses Siegel getragen hat, im J. 1490 vermodert gefunden und man hat das Siegel zum Andenken mit in das Glas gelegt. Auch die Oberfläche dieses Siegels ist etwas verwittert und aufgelöset. Vielleicht ist die erste Urkunde ohne Glasgefäß in die ausgemauerte Reliquiengruft gelegt gewesen und dadurch vergangen. Denn das Glasgefäß gehört nach Vergleichung mit andern, ähnlich datirten Gefäßen dem 15. Jahrhundert an.

Dieses Siegel ist ein großes, rundliches Siegel, welches nicht völlig rund, sondern ein wenig länglichrund ist und dadurch von sehr vielen gleichzeitigen, ähnlichen Siegeln leicht unterschieden werden kann. Man muß es auf den ersten Blick in das 13. Jahrhundert setzen. Die Darstellung ist alt. Auf einem Stuhl, wie es scheint mit Hundeköpfen an den Seiten, sitzt ein Bischof, welcher mit der rechten Hand einen gerade stehenden Bischofsstab hält und auf dem ausgestreckten linker Arme ein offenes Buch trägt. Von der Umschrift ist noch zu lesen:

Umschrift

1) "Reconciliari ecclesia dicitur, cum scelere aliquo violata ac polluta, vel a paganis aut haereticis obtenta, rursum ab episcopo consecratur". Du Fresne Gloss. med. latin., nach vielen ausführlichen Beweisstellen .
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Das Siegel ist dadurch besonders gekennzeichnet, daß es innerhalb des Umschriftrandes um die Bischofsgestalt noch einen zweiten schmalen Verzierungsrand hat, welcher durch seine Linien quer gestrichelt ist.

Das Siegel führte also ein Bischof von Havelberg, unter dem seit 1252 die Neustadt Röbel stand, während die Altstadt zum Sprengel des Bischofs von Schwerin gehörte (vgl. Jahrb. XIX, S. 403). Es war die Frage, welchem Bischofe das Siegel zuzuschreiben sei.

Im großherzoglichen Geheimen und Haupt=Archive zu Schwerin finden sich nun 2 Abdrücke desselben Siegels, welche an den Kloster Reinfeldschen Urkunden vom 22. Febr. 1271 und 5. April 1273 hangen (Vgl. Meklenburg. Urk. Buch II, Nr. 1217 und 1280). Die "Ausfertigung" oder Abschrift dieser Urkunden ist zwar falsch, d. h. nicht gleichzeitig (Vgl. Meklenburg. Urk. Buch I, S. XXXIV); aber es ist wohl sicher, daß die Personen und Zeitangaben, so wie der sachliche Inhalt, alten ächten, vielleicht früh vermoderten Originalen entnommen und die alten Siegel den falschen Ausfertigungen wieder angehängt, also ächt sind. Nach den vorliegenden Exemplaren lautet die vollständige Umschrift:

Umschrift

Die Aechtheit des Siegels wird auch durch die Nachricht des Herrn Pastors Ragotzky zu Triglitz mit einem beigefügten Gipsabguß bestätigt, daß dasselbe Siegel auch an einer ächten Original=Urkunde vom J. 1277 im königlichen Staats=Archive zu Berlin hängt.

Es ist daher unbezweifelt sicher, daß das abgerissene Siegel aus der Reliquiengruft der Neu=Röbelschen Kirche dem Bischofe Heinrich II. von Havelberg gehört, welcher 1270-1290 regierte und zu Witstock, nahe bei Röbel, zu residiren pflegte (vgl. Riedel Cod. dipl. Brandenburg. I, Bd. 2, S. 403).

Das Siegel wird daher an der Urkunde gehangen haben, durch welche der Bischof die Einweihung des ersten Baues bezeugte.

Die Kirche ist also in der Zeit 1270-1290 fertig geworden, wahrscheinlich in den ersten Zeiten dieses Zeitraums, etwa um das Jahr 1275, da der Bau, wenn auch schon hoch strebend, doch noch viele Eigenthümlichkeiten des romanisirenden Uebergangsstyls an sich hat.

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Die Einweihungsurkunde von 1490 giebt auch noch an, daß die alte Kirchweih ("dedicatio") am Sonntage nach dem Feste Viti (15. Juni) gefeiert ward.

Diese Annahme hat auch deshalb viel für sich, weil der Fürst Nicolaus von Werle am 21. Jan. 1261 die Neustadt Röbel zu einer eigenen Stadtgemeinde erhob und mit dem Schwerinschen Stadtrecht begnadigte (vgl. Meklenburg. Urk. Buch II, Nr. 911). Die Kirche kann also immer schon im Anfange der siebenziger Jahre des 13. Jahrhunderts fertig geworden sein.

Diese Zeitbestimmung ist nun für die Geschichte des Baustyls in Meklenburg außerordentlich wichtig, indem sie lehrt, daß neben den Anfängen der Gothik manche Eigenthümlichkeiten des Uebergangsstyls, z. B. die schmalen, romanisirenden Fenster, der Rundbogenfries, die Ecklissenen u. s. w. sich noch bis gegen das letzte Viertheil des 13. Jahrhunderts erhielten.

Dieses Ergebniß wird durch eine andere neue Entdeckung bestätigt, welche erst nach der Vollendung der ersten Abtheilung (Bd. I-IV) des Meklenburgischen Urkundenbuches gemacht ist. Auch die Kirche auf der Neustadt Parchim ward nach einer Urkunde über die Feierlichkeit am 19. Juni 1278 eingeweihet ("dedicata") 1 ). Nun ist aber diese Kirche der in der Neustadt Röbel außerordentlich ähnlich und hat auch noch alle oben berührten Eigenthümlichkeiten des romanisirenden Uebergangsstyls (vgl. Jahrb. VIII, B, S. 105 flgd.).

3) Die Reliquien in der Reliquiengruft des Altars, welche in keinem Altare fehlten, werden auch vergangen sein. Es fanden sich in dem Glase noch hin und wieder einige Stückchen Moder, die sich jedoch nicht erkennen ließen.


Wandmalereien auf dem Triumphbogen.

Sehr ausgezeichnet und merkwürdig ist die künstlerische Verzierung der dem Schiffe zugekehrten niedrigen Wand des Triumphbogens 2 ) über demselben, die auf den rohen


1) Vgl. die nächstfolgende Abhandlung.
2) In den vielen kleinen Landkirchen des Uebergangsstyls, welche einen niedrigen Chor haben, scheint die Bemalung der Wandfläche des Triumphbogens, welche in Folge der Construction sehr groß zu sein pflegt, herkömmlich zu sein. In großen und hohen gotischen und (  ...  )
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Ziegeln mit sehr schöner, alter Wandmalerei 1 ) bedeckt ist, welche, von der Kalktünche befreiet, leider nicht mehr ganz zu erkennen war 2 ).

In der Mitte thront auf einem Sessel ein Bischof, von unten in Lebensgröße erscheinend, mit Bischofsmütze und Bischofsstab, die rechte Hand zum Segnen erhebend, wie es scheint; es sind von der Hand, welche wie zum Schwören gegen das Gesicht aufgerichtet scheint, nur drei Finger zu sehen. Die Kleidung ist sehr reich in glänzenden Farben. Nach allen Andeutungen scheint dies der H. Nicolaus zu sein, der Schutzpatron der Kirche.

Rechts neben ihm knieet eine weibliche Gestalt in dunkelm Gewande mit Kopftuch, etwas darreichend oder empfangend.

Hinter dieser Figur steht ein Knabe mit wenig gebogenen Knieen.

Links hinter dem Bischofe steht ein Werk mit Thürmchen und andern Verzierungen, jedoch etwas unklar, wie eine Monstranz oder eine Kirche.

Wappenschild

Dahinter, also im Zwickel rechts in der Ansicht, ist rechts gelehnt der hierneben abgebildete Wappenschild 3 ) von alten, großen Formen, 33" hoch und 25" im Schildeshaupt breit: in goldenem Felde zwei gekreuzte schwarze Lilienstäbe und in dem dadurch gebildeten untern Winkel drei schwarze Sterne enthaltend.

Dieser Wappenschild 4 ) war ganz sicher zu erkennen und


(  ...  ) gothisirenden Kirchen, in denen die Wandfläche des Triumphbogens gewöhnlich nur sehr niedrig ist, scheint hier Malerei sehr selten vorzukommen.
1) Im J. 1867 ward auch im Dome zu Schwerin an gleicher Stelle eine ähnliche Wandmalerei entdeckt.
2) Leider ist diese ganze Malerei, welche allerdings schlecht erhalten war, bei der Restauration des Triumphbogens im Herbst 1867 mit Kalk überputzt.
3) Der ausführende Architekt Herr Genzke hat die Güte gehabt, dem Vereine eine Contur=Pause dieses Wappens zu schenken.
4) Auch in der Kirche zu Alt=Röbel fand sich unter der Kalktünche über den Fenstern der südlichen Chorwand ein eben so großer und gleich gemalter Wappenschild mit dem fürstlich werleschen Stierkopfe, welcher wohl sicher auch aus dem letzten Viertheil des 13. Jahrh. stammen und von demselben Maler herrühren kann; vgl. Lisch in Jahrb. XVII, 1852, S. 380 und 383 flgd , und Lisch in der Zeitschrift für Bauwesen, Berlin, 1852, August, mit Abbildungen.
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gut und vollständig erhalten. (An die zwei gekreuzten Bischofsstäbe im Wappen des Bisthums Havelberg ist nicht zu denken.)

Es steht zur großen Frage, wem dieses Wappen gehört. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß es das Wappen des Bischofs Heinrich II. von Havelberg ist, der nach dem Vorstehenden die Kirche geweihet hat. Woher stammte aber dieser Bischof Heinrich? Mooyer in seinem "Verzeichnisse der deutschen Bischöfe", S. 47, nennt ihn "Heinrich II. von Sternberg". Aber weder bei Riedel, noch irgend einem andern brandenburgischen Geschichtsforscher ist eine Spur von seiner Herkunft zu finden.

In Stein's "Beschreibung aller Bischöffe zu Havelberg" in Küster Collectio Opus., Bd. II, Stück 13, 1733, S. 57, steht: "Henricus II. ist von Cunrado de Sterneberg dem 23ten Erzbischoffe zu Magdeburg ein geweihet worden "anno Christi 1270 und gestorben 1290". Vielleicht ist es ein Versehen von Mooyer, daß er den Familiennamen des Erzbischofs von Magdeburg für den des Bischofs von Havelberg angesehen hat. - Die 3 Sterne auf dem Schilde in der Röbelschen Kirche deuten aber allerdings auf einen Namen wie Sternberg. Aber alle alten adeligen Familien von Sternberg haben ein anderes Wappen: die ausgestorbenen Grafen von Sternberg, zu denen ohne Zweifel der Erzbischof Conrad von Magdeburg gehörte, hatten einen Stern im goldenen Schilde; die alten böhmischen Freiherrn und Grafen von Sternberg hatten einen Stern im blauen Schilde, wie der zu dieser Familie gehörende Schwerinsche Bischof Albrecht, 1356-1363 (vgl. Jahrb. XI, S. 228); die Küchenmeister von Sternberg hießen gewöhnlich nur Küchenmeister und die von Ungern= Sternberg in alter Zeit nur Ungern, und führten beide auch andere Wappen. Es ist also für das Röbelsche Wappen kein Anhalt in der Wappenwissenschaft zu finden. Möglich ist es, daß es einem früh ausgestorbenen adeligen Geschlechte der Mark Brandenburg oder der meklenburgischen Länder angehört, aber auch möglich, daß es gar kein adeliges Wappen ist. Wenn der Bischof Heinrich II. wirklich Sternberg hieß, so finden sich allerdings einige geschichtliche Anhaltspuncte. Im J. 1300 war Mathias Sterneberch Pfarrer zu Wilsnack (vgl. Riedel Cod. dipl. Brand. I, Bd. 2, S. 121). Johann Sterneberg war 1350-1359 Domherr zu Güstrow (vgl. Meklenb. Jahrb. XXIV, S. 46) und Gerdt Sterneberg 1389 Priester (vgl. daselbst S. 248).

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Einstweilen läßt sich also nichts weiter sagen, als daß das unbekannte Wappen in der Kirche zu Neu=Röbel wahrscheinlich das Familienwappen des einweihenden Bischofs Heinrich II. von Havelberg ist.

Die Laibung des Triumphbogens war gegen alle Erwartung ohne Malerei.


Gewölbemalereien.

Bei der Abnahme der Kalktünche während der Restauration ergab es sich, daß auch die Gewölbe mit Malereien geschmückt waren, welche ohne Zweifel bei der Vollendung der einzelnen Theile aufgetragen wurden.


Gewölbemalereien im Chor.

Die Gewölbe des Chors waren in dem Style des Gemäldes auf dem Triumphbogen zum Theil mit figürlichen Darstellungen bemalt, welche also ohne Zweifel auch noch aus dem 13. Jahrhundert stammten und in denen der Sohn Gottes als Weltenrichter zu erkennen war.

In dem Kuppelgewölbe im Osten, über dem Altare, war an der Ostseite Christus mit zwei Schwertern am Munde, nach Offenb. Joh. 1, 16: "Und aus seinem Munde ging ein scharfes zweischneidiges Schwert". Jedoch thronte Christus nicht in der Mandorla (Osterei), einer Ellipse in den Regenbogenfarben. Aber die Gestalt war an vier Ecken von den vier Evangelisten=Symbolen umgeben 2 ). Ueber Christus schwebt ein Engel; beide haben das Gesicht gegen Westen gewandt. An jeder Seite Christi sitzen 2 Apostel auf Bänken. Die übrigen 8 Apostel sitzen auf Bänken, je 4 zusammen, an den beiden Hauptseiten des Gewölbes rechts und links.

Das westliche Chorgewölbe enthielt in der Kuppel nur Linienornamente. Jedoch schwebten in den Zwickeln oder Pendentifs Engel mit Posaunen.

Alle diese Malereien haben nicht erhalten werden können, theils weil der alte Putz oft bei der leisesten Berührung


1) Diese Nachrichten über die Chorgemälde verdanke ich dem ausführenden Architekten Herrn Gentzke. Ich selbst habe sie nicht gesehen, da die Restauration von Westen gegen Osten vorrückte und die Chorgemälde erst nach der Restauration des Schiffes entdeckt wurden.


2) Dieselbe Darstellung fand sich auch in der Kirche zu Bernit; vgl. Jahrb. XXVI, S. 237.
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abfiel, theils weil zur Restaurirung der Gemälde die Mittel fehlten.


Gewölbemalereien im Schiff.

Das Schiff ist dreischiffig und gewölbt. Die Gewölbe ruhen auf gut und reich gegliederten Pfeilern.

Alle Gewölbe werden von Rippen getragen und sind durch Malereien auf weißem Putzgrunde verziert. Von jedem Schlußstein aus wächst eine große, verschiedenfarbige heraldische Lilie in jede der 4 Kappen eines jeden Gewölbes hinein. Gegenüber wächst von jeder breiten Seite der Gewölbekappen von den Schildbogen eine gleiche Lilie gegen die vom Mittelpuncte kommende Lilie hinan. Unten in den Zwickeln sitzen große, groteske Köpfe allerlei Art, welche jedoch meistentheils nicht mehr zu erkennen sind. Die Gewölberippen werden von Linien begleitet, auf denen kleine, nach den Gewölbekappen hin geöffnete Halbkreise stehen, auf deren Verbindungspuncten Kleeblätter stehen, wie die Verzierungen geschnitzter Baldachinbogen. Alle diese Rippenverzierungen sind roth.

Alle diese Ornamente sind gut erfunden, jedoch etwas leicht ausgeführt.

Von den Köpfen in den Zwickeln sind zwei besonders bemerkenswerth.

In dem Gewölbezwickel links zunächst über der nördlichen Mittelthür des schiffes ist ein gekrönter stierkopf mit weit auseinander stehenden, sehr kräftigen, halbmondförmigen Hörnern, welche lebhaft an die siegel der Fürsten von Werle aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erinnern.

In dem schräge gegenüberstehenden Gewölbezwickel links zunächst über der südlichen Mittelthür des Schiffes ist ein ungekrönter Stierkopf mit kräftigen, aber mehr gebogenen, mit den spitzen fast zusammenstoßenden Hörnern und einem starken Haarwulst auf der Stirne zwischen den Hörnern, ähnlich dem Stierkopf auf dem Siegel der Stadt Parchim.


Wandmalereien.

Alle Seitenwände der Kirche haben nach sichern Zeichen in alten Zeiten im Rohbau gestanden und keine oder nur wenig Verzierungen in Malerei gehabt.

Im Chor waren die Steine der Schildbogen abwechselnd blau und weiß bemalt.

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Im Chor war zwischen je zwei Fenstern eine kleine geputzte Fläche, auf denen ein Weihkreuz stand.

Nur auf der Wand des südlichen Seitenschiffes links neben der Eingangsthür gerade unter dem westlichsten Fensterpaar war eine Fläche mit Kalk geputzt und mit figürlichen Darstellungen bemalt. Wahrscheinlich hat dieser Schmuck früher neben einem Nebenaltare gestanden. Die Darstellung enthält 3 fast lebensgroße weibliche Heiligenfiguren.

In der Mitte war eine weibliche Figur im Kopftuch mit einer kindlichen Figur auf jedem Arme, also ohne Zweifel die H. Anna mit der Jungfrau Maria und dem Christkinde ("sulfdrudde").

Zur rechten Hand derselben ist eine weibliche Figur, welche auf dem linken Arme ein Kind hält und mit der rechten Hand etwas (einen Apfel?) hinreicht, also ohne Zweifel wohl Maria mit dem Christkinde.

Zur linken Hand der H. Anna stand eine schöne, gekrönte Jungfrau mit langem, wallendem Haar, mit einem Stabe oder Schwerte in der linken Hand und etwas (einem Rade?) auf dem rechten Arme, mehr als wahrscheinlich die H. Katharina, die "Braut des Christkindes".

Die Figuren und Attribute waren nicht mehr ganz zu erkennen, jedoch die Gesichter noch ziemlich gut erhalten und sehr fein und lieblich gezeichnet.

Es wird also neben diesem Bilde ein Annen=Altar gestanden haben.

Ueber dem Bilde hatte eine Inschrift in 2 Reihen in kräftiger gothischer Minuskel gestanden, von der jedoch leider nichts mehr zu erkennen war, als höchstens m oder nn.

Rechts neben derselben Thür unter dem östlichsten Fenster ward auch ein bischöfliches Weihkreuz bloß gelegt: auf einem weißen, runden Schilde mit rother Einfassung ein einfaches rothes Kreuz, wie häufig.


Der Altar der Kirche zu Neustadt Röbel.

Der Altar ist ein Flügel=Altar mit doppelten Flügeln, 6' hoch und mit den aufgeschlagenen Flügeln 14' breit, auf der Vorderseite mit geschnitzten und bemalten und vergoldeten Heiligenfiguren geschmückt. Er ist zwar nur einfach und nicht sehr ausgezeichnet, aber doch würdig und gut und der Kirche angemessen. In meinem conservatorischen Er=

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achten hatte ich den Altar für ein Werk 1 aus dem Ende "des 15. Jahrhunderts" erklärt. Diese Annahme hat sich auch bewahrheitet, indem nach der voraufgehenden Abhandlung der Altar am 10. August 1490 geweihet ist.

Die Ausschmückung des Schreins ist folgende.

In der Mitteltafel steht in der Mitte, in durchgehender, großer Figur

Maria, in der Sonne, auf dem Monde und unter der Krone, mit dem Christkinde auf dem Arme, umgeben von Wolken mit musicirenden und anbetenden Engeln.

Zu den Seiten stehen 24 Heilige, nämlich die 12 Apostel, 6 Heilige, welche zum Theil mit Maria und mit der Kirche in näherer Verbindung stehen, und 6 Nothhelfer.

Noch auf der Mitteltafel stehen, an jeder Seite der Maria in zwei Abtheilungen, 8 Heilige übereinander;

rechts, oben:
S. Anna, "selbdritte", mit der Maria und dem Christkinde auf den Armen;
S. Nicolaus, ein Bischof, segnend, der Localheilige der Kirche; Attribut ist abgebrochen;

rechts, unten:
S. Magdalena, mit großer Salbenbüchse;
S. Georg, auf dem Drachen stehend, Nothhelfer;

links, oben:
S. Katharina, mit dem Rade, Nothhelferin;
S. Christoph, das Christkind tragend, Nothhelfer;

links, unten:
S. Erasmus, Bischof in einem Grapen stehend; das Attribut, eine Winde, ist abgebrochen; dies ist der Heil. Erasmus (vgl. Jahrb. XXIV, S. 344), nicht der Heil. Veit, wie für den Alt=Röbelschen Altar (Jahrb. XXI, S. 291) angenommen ist, Nothhelfer;

S. Barbara, gekrönte Jungfrau, mit dem Thurme im Arme, Nothhelferin.

In den Flügeln stehen:

zur rechten, oben:
4 Apostel;

zur rechten, unten:
4 Apostel;

zur linken, oben:
4 Apostel;


1) Dieser alte Altar ist zurückgesetzt und zum Andenken in der Thurmhalle aufgerichtet.
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zur linken, unten:
S. Antonius, mit einem Schwein zu den Füßen; dieser Heilige hatte auch in der Marien=Kirche der Altstadt einen Altar (Jahrb. XXI, S. 292);
S. Margaretha (?), gekrönte Jungfrau, das Attribut fehlt, Nothhelferin;
S. Mauritius (?), Ritter, im Harnisch, mit einem Schilde in der Hand;
S. Helena (?) oder S. Hedwig, gekrönte weibliche Gestalt, mit einer Kirche im Arme.

Die Rückseiten der Flügel sind bemalt. Die Malerei ist ziemlich gut und recht gut erhalten. Jeder Flügel ist, wie gewöhnlich, in 4 Abtheilungen getheilt. Die äußern Flügel enthalten Mariä Freuden, die innern Flügel Christi Leiden.

Auf den äußern Flügeln ist dargestellt:

zur rechten, oben:
Mariä Verkündigung;
Mariä Heimsuchung;

zur rechten, unten:
Christi Geburt;
Christi Beschneidung;

zur linken, oben:
Christi Anbetung durch die Weisen;
Christi Darstellung im Tempel;

zur linken, unten:
Christus lehrt als Knabe im Tempel;
der Heiligen Familie Flucht nach Aegypten.

Auf den innern Flügeln ist dargestellt:

zur rechten, oben:
Christi Gebet am Oelberge;
Christi Gefangennehmung (Christus heilt dem Knechte das abgehauene Ohr an);

zur rechten, unten:
Christi Ausstellung, Ecce homo;
Christi Kreuztragung;

zur linken, oben:
Christi Verspottung;
Christi Geißelung;

zur linken, unten:
Christi Kreuzigung;
Christi Dornenkrönung.

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Eingemauerte Töpfe.

Nach dem Berichte des Herrn Architekten Genzke waren im Chor zwischen je zwei Fensterbogen mittelalterliche (blaugraue), sehr feste Töpfe eingemauert, mit der Oeffnung nach außen, wohl zur Erleichterung des Mauerwerks, welche früher offenbar leer gewesen, später aber mit Schutt gefüllt und zugemauert sind. - Eine gleiche Erscheinung zeigte sich auch in der Kirche zu Vipperow, welche in dem bischöflichen Sprengel von Havelberg der Neu=Röbelschen Kirche südlich zunächst liegt und mit dieser von gleichem Alter sein mag (vgl. Jahrb. XIX, S. 404). Vielleicht kam diese Bauweise aus der Mark Brandenburg, da sich in der Altmark Beispiele davon finden.

Eiserne Grabplatte.

Am Ostende des südlichen Seitenschiffes der Kirche der Neustadt Röbel liegt ein seltener, großer "Leichenstein" aus Gußeisen, über 6' lang und 3' 10" breit. Die Platte ist mit vielen Ornamenten und Inschriften bedeckt. In der Mitte steht folgende Hauptinschrift:

Inschrift

(Dann folgen noch ausführliche Nachrichten über Aeltern, Frauen und Kinder und deren Tod und Begräbniß.)

Inschrift

Neben dieser Inschrift ist der Verstorbene in Predigertracht stehend und betend in kleiner Figur 4 Male dargestellt.


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Anlage.

Johann, Bischof von Adramytium, Weihbischof des Bischofs Busso von Havelberg, weihet auf's Neue den Kirchhof, die Kirche zu S. Nicolai und den Altar der Neustadt Röbel, früher Havelbergischen Stiles.

D. d. Röbel. 1490. Aug. 10.

Nos frater Johannes, dei et apostolice sedis gracia episcopus ecclesie Adramitensis et in pontificalibus ecclesie Hauelbergensis vicarius generalis, notum facimus, quod sub anno domini millesimo quadringentesimo nonagesimo, ipso die Laurencii, reconsiliauimus (!) cimiterium, ecclesiam et hoc altare in honore Marie virginis et sancti Nicolai confessoris, cuius dedicacio peragetur dominica post Viti.

Nach dem im Altarlische der Nicolai=Kirche zu Neustadt Röbel bei der Restauration im J. 1867 in einem gläsernen Gefäße gefundenen Originale, auf einem kleinen Stück Pergament, in einer kleinen, gedrängten Minuskel. Links auf der Rückseite ist auf einem sehr dünnen Wachsplättchen das kleine, parabolische Siegel des Weihbischofes Johannes aufgedrückt gewesen, welches, 2" hoch, die Kreuztragung darstellt. Von der Umschrift ist nichts mehr zu lesen. Das Siegel war abgefallen und lag noch in dem Glasgefäße, jedoch an den Rändern sehr zerbrochen und verwittert. -Der Weihbischof Johannes war wohl Bischof in partibus infidelium von Adramytium an der Westküste von Klein=Asien.


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Die

S. Marien=Kirche auf Neustadt Parchim.

Von

G. C. F. Lisch.


Die Marienkirche auf der Neustadt zu Parchim ist im Innern zwar sehr verbauet, trägt jedoch im Innern und Aeußern noch viele Kennzeichen des romanisirenden Uebergangsstyls, und habe ich daher den Bau noch in die erste Hälfte des 13. Jahrh. versetzen zu müssen geglaubt; vgl. Jahrb. VIII, S. 105 flgd.

Nach einer in den neuesten Zeiten, nach Herausgabe der ersten Abtheilung des Meklenburgischen Urk. Buchs (bis 1300), im großherzogl. Geheimen= und Haupt=Archive entdeckten Urkunde 1 ) ist dies nun nicht ganz richtig, sondern die Kirche ist ungefähr 40 Jahre jünger, als ich bisher angenommen habe.

Nach dieser Urkunde bestätigte der Bischof Hermann I. von Schwerin, Graf von Schladen, (1263-1292), die Dotation der Kirche auf der Neustadt Parchim mit 10 Hufen in Böken, 6 Scheffeln Roggen aus Damerow und der Burgkapelle und den altstädter Schulen, so wie es sein Bruder Ludolf, früher Bischof von Halberstadt, bei der Einweihung ("consecratione") der Kirche am 19. Juni 1278 öffentlich ausgesprochen hatte. Die Sache hat ihre Richtigkeit. Ludolf II., Graf von Schladen, ward 1253 Bischof von Halberstadt, aber 1257 abgesetzt. Er hielt sich seitdem vorherrschend bei seinem Bruder Hermann in dessen Sprengel auf, 1258-1265 (vgl. Meklenburg. Urk. Buch II, Nr. 985, und IV, Nr. 2671 und 2688) und versah hier oft in dessen Auftrage die Dienste eines Weihbischofs, namentlich in der Zeit 1270-1278 (vgl. Meklenb. Urk. Buch


1) Vgl. den Abdruck in der Anlage. - Eine Regeste dieser Urkunde theilt schon Schröder Pap. Mekl. I, S. 750, nach Chemnitz mit, welcher also die Acten gekannt haben wird.
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II, Nr. 1197, 1200, 1221, 1304, 1361). Am 6. April 1289 war er vor nicht langer Zeit gestorben (vgl. Meklenb. Urk. Buch III, Nr. 2016). Die Urkunde, welche nur in alter Abschrift vorhanden ist, ist also nach dem sachlichen Inhalt, den Bischöfen und den Zeugen, sicher richtig.

Eine Kirche und Pfarre auf der Neustadt Parchim bestand zwar schon im J. 1249, indem der Fürst Pribislav am 20. Septbr. 1249 dazu die Burgkapelle zu Parchim mit 6 Hufen in Böken legte (vgl. Meklenb. Urk. Buch I, Nr. 633). Aber die jetzige Marienkirche auf der Neustadt stand damals sicher noch nicht; vielmehr mußte der Gemeinde einstweilen wohl die Burgkapelle oder ein anderer interimistischer Bau zum Gottesdienste genügen, und der Bau der Kirche ward erst nach dieser Verleihung begonnen. Am 28. Septbr. 1270 verlieh der Graf Gunzelin von Schwerin der Kirche das Eigenthum dieser 6 Hufen und am 12. Juli 1274 verlieh der Graf Helmold 4 Hufen dazu (vgl. Mekl. Urk. Buch II, Nr. 1201 und 1336). Dies sind die 10 Hufen in Böken, welche der Kirche im J. 1278 bestätigt wurden.

Diese Weihungs= und Bestätigungsurkunde des Bischofs Hermann ist nun von großer Wichtigkeit, indem sie durch die noch stehende Kirche bezeugt, daß noch im J. 1278 der romanisrende Uebergangsstyl in Meklenburg in Anwendung kam, wenn sich auch zugleich oder bald darnach die ersten Beispiele des ausgebildeten gothischen Stys finden. Die Urkunde wird aber dadurch noch wichtiger, daß es urkundlich beglaubigt ist, daß auch die Kirche auf der Neustadt Röbel, welche mit der neustädter Kirche zu Parchim in gleichem Styl erbauet ist, aus derselben Zeit stammt und ungefähr im J. 1275 eingeweihet ist; vgl. die voraufgehende Abhandlung über Röbel.


Anlage.

Der Bischof Hermann von Schwerin bestätigt die Bewidmung der Marien=Kirche auf der Neustadt Parchim, so wie sie durch den ehemaligen Halberstädter Bischof Ludolf öffentlich verkündigt ist bei der Einweihung der Kirche am 19. Juni 1278.

In nomine dei. Amen. Hermannus, dei gratia episcopus Swerinensis, uniuersis, ad quos he litere peruene-

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rint, salutem in domino sempiternam. Notum esse volumus, quod anno domini M° CC° LXXVIII, die dominica proxima ante festum sancti Johannis baptiste de consensu nostro et voluntate dedicata fuit ecclesia de noua ciuitate Parchem per venerabilem in Christo dominum Ludolfum, episcopum quondam Halberstadensem, fratrem nostrum, que inquam ecclesia dotata fuerat decem mansis in Boke cum omni utilitate et fructu ac sex modiis siliginis, quos plebanus eiusdem ecclesie, qui pro tempere fuerit, de villa Damerow percipiet annuatim, cum capella castri et scholis ciuitatis antique, que per eundem plebanum noue ciuitatis in diuinis officiis et rectore scholarium perpetuo disponentur. Nos igitur dotationem eiusmodi in dicta consecratione publica per dictum episcopum nominatim expressam ratam habentes et firmam, dicto plebano suisque successoribus, prout hec omnia rationabiliter et iuste possidet, auctoritate ordinaria confirmamus ac presentis scripti patrocinio communimus. Nulli ergo hominum liceat, hanc nostre confirmationis paginam infringere uel ei ausu temerario contraire; si quis autem hoc attemptare presumpserit, indignationem omnipotentis dei et ultionem canonicam se nouerit incursurum. Acta sunt hec presentibus: Hedenrico, capellano nostro, Jordano, plebano in Wamekow, Henrico, plebano de Gargevitz, Jo[hanne], plebano de Vrowenmarck, et Segebando, plebano de Moderiz, clericis, item Nicolao de Belowe, Siffrido de Kerkdorp et Nicolao de Bruseviz, militibus, item Olemanno, Bernardo Stuten, Jo[hanne] de Boycenborch, Jo[hanne] de Molenbeke, Gerardo de Stenbeke, Tiderico Molendinario et Henrico de Scolenen, laicis, et reliqua fidelium multitudine copiosa. Datum per manum Gerardi, notarii nostri, canonici Swerinensis.

Nach einer Abschrift aus dem 16. Jahrh. im H.=A. zu Schwerin, (Eccl. Parchim Vol. IX.) Vgl. Wegen der Zeugen Meklenb. Urk. Buch B. II, Nr. 1336 auch III, Nr. 2203 und 2204.


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Die Kapelle von Bergrade

bei Parchim ist ein sehr kleines, verfallenes Gebäude aus Holzfachwerk mit Lehmschlag=Füllungen ("Klehmstaken"), welche dazu noch außerordentlich schlecht sind. Sie ist wohl das schlechteste kirchliche Gebäude im ganzen Lande und daher zum Abbruch bestimmt, nachdem im J. 1867 eine neue Kapelle aus Ziegeln im gothischen Styl erbauet ist.

Die alte Kapelle ist wahrscheinlich in den ärmlichen Zeiten des dreißigjährigen Krieges erbauet worden, nachdem die noch ältere Kapelle wohl durch eben diesen Krieg untergegangen war. Im J. 1649 scheint sie noch ziemlich neu gewesen zu sein. Es heißt nämlich in dem Kirchen=Visitations=Protocolle vom J. 1649:

"Bergrade. Das Kirchengebeuwde ist von sechß gebindten, gantz von Holtze gebauwet, die Wende gekleibet".

"Mitten in der Kirchen ein neuwer Predigstuhl von Holtze gemacht".

Merkwürdig ist jedoch, daß die Kirche einen alten gothischen Flügelaltar mit geschnitzten, stark vergoldeten Figuren besitzt, welcher aus der Zeit ungefähr um das Jahr 1500 stammt und einer ältern Kirche angehört haben muß. Das Visitations=Protocoll sagt weiter:

"In der Kirchen ein Altar von Bildern, als die Historia von den Heiligen Drei Königen vndt ziemlich starck vergüldet, mit zwenen Flügeln".

Dieser Altar, welcher noch eben so steht und im Mittelstück ziemlich gut erhalten ist, ist, namentlich auf Wunsch der Gemeinde, auf Kosten Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs 1867-1868 unter meiner Leitung restaurirt 1 ) und in die neue Kapelle übertragen worden.

Der Altar ist ein kleiner Flügel=Altar, 5 1/2' hoch und im Mittelstück 4' und in jedem Flügel 2' breit.

Die Mitteltafel stellt in durchgehenden, großen Figuren die Anbetung der Heiligen Drei Könige dar, wie gewöhnlich in reicher Anordnung und Ausstattung und Vergoldung, und noch ziemlich gut erhalten. Den Hintergrund bildet eine Art fünfseitiger Kapelle mit fünf durch Silber dargestellten gothischen Fenstern und einem vergoldeten Gewölbe; zwei schmale ähnliche Fenster stehen an den geraden


1) Die Restauration ist von dem Herrn Maler C. Drefahl zu Parchim zur Zufriedenheit und mit Fleiß ausgeführt.
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Seiten. In der Mitte sitzt die Jungfrau Maria mit dem nackten Christkinde auf dem Schoße. Vor und vorne neben ihr sind die Heiligen Drei Könige, von denen der mittlere, älteste knieend die Gaben darreicht. Hinten, dicht neben Maria, steht eine männliche Gestalt mit bloßem Haupte, wahrscheinlich Joseph darstellend. Im Hintergrunde rechts und links stehen zwei männliche Figuren mit bedecktem Haupte, wahrscheinlich, wie gewöhnlich, das Gefolge der Heil. Drei Könige darstellend; die eine Figur rückt die Mütze.

Die Flügel enthalten 8 Apostel in kleinen Figuren in anderm, schlechterm Styl, in zwei Reihen über einander, nach den Unterschriften:

S.Thomas.  S. Bartholomäus.    ║ S. Andreas.  S.Mathias.
S. Johannes.  S. Jacobus d. ä.     ║ S. Simon.  S. Jacobus d. j.

Der Grund und die Figuren der Flügel sind schlechter erhalten, als das Mittelstück, und schlecht übermalt. Fast alle Attribute und alle Baldachine fehlen.

Die Malereien auf den Rückseiten sind ganz abgefallen.

Nach einer in Parchim herrschenden Sage, welche sich freilich lange (sicher seit 1649) erhalten haben muß, soll dieser Altar ein Nebenaltar in einer der Kirchen Parchims gewesen und nach Bergrade geschenkt sein. Dies ist auch sehr wahrscheinlich, da in Parchim eine Heil. Drei=Königs=Gilde ("Trium Regum") bestand, welche ihren Altar in der Kirche auf der Neustadt hatte, aber sonst nicht bedeutend war und wenig Schriftliches hinterlassen hat. Jedoch sind im Staats=Archive noch Einnahme=Register dieser Gilde von 1543 flgd. vorhanden, welche die Ueberschrift führen:

"Registrum contuberniae Trium Regum tho Parchim".

Im Kirchen=Visitations=Protocoll von 1563 wird unter den Neben=Altären und deren Hebungen noch aufgeführt:

"Altar Trium Regum. Dazu ist der Pastor auf der Newenstadt Patron".

Auch Cleemann, Chronik der Stadt Parchim, führt S. 343 diese Gilde auf: "Die Gilde der heiligen 3 Könige, 1352, 1457", sagt aber nicht mehr darüber.

G. C. F. Lisch.     


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Der Altar der Krche zu Lübbersdorf
(bei Friedland),

von

G. C. F. Lisch.

Im Spätsommer 1866 erhielt ich Nachricht von dem alten, geschnitzten Altar der Kirche zu Lübbersdorf, früher Lehn der ausgestorbenen Familie von Lübbersdorf, welcher von dem Kirchenpatron Herrn Schloßhauptmann von Oertzen auf Lübbersdorf dem Herrn Maler Greve zu Malchin zur baldigen Restaurirung übergeben war, und im Haupttheile eine merkwürdige Darstellung enthalten sollte, die wahrscheinlich auf Ereignisse aus dem Leben des Stifters Bezug haben dürfte, um so mehr, da offenbar dieser am Fuße der Darstellung knieend angebracht war; es ließ sich vor allen Dingen, wie man meinte, im Mittelpuncte die Jagd auf ein weißes Pferd erkennen. Der innere Zusammenhang war nicht schwer zu vermuthen. Als ich bald darauf selbst nach Malchin kam, erkannte ich in dem gehetzten Thier sogleich ein Einhorn, welches freilich das Horn verloren, aber in der Stirn noch das Loch hatte, worin es befestigt gewesen war, und in der ganzen Darstellung die alte Versinnbildlichung der Menschwerdung Christi.

Nicht lange darauf ward eine andere werthvolle Entdeckung gemacht. In der Allerheiligen=Bibliothek der Marienkirche zu Danzig entdeckte der Herr Prediger Bertling in einer alten handschriftlichen lateinischen Uebersetzung des Neuen Testaments aus der Zeit 1470-1480 auf der Innenseite des vordem Deckels aufgeklebt einen sehr alten, merkwürdigen "Metallschnitt in geschrotener Manier" (nicht Holzschnitt), oder "Schrotblatt", welcher fast dieselbe Darstellung enthält, die der Lübbersdorfer Altar zeigte so daß man fast glauben könnte, jenes habe diesem zum Vorbilde gedient, wenn dieser nicht in einigen Stücken abwiche. Der Fund ist bekannt gemacht in der "Altpreußischen Monatsschrift (Neue Folge der Preußischen Provinzial=Blätter), 1867, November - December, S. 723 flgd., unter dem Titel: Die Jagd des Einhorns auf einem Schrotblatte des 15. Jahrhunderts, von R. Bergau". Außerdem hat Professor Dr. Piper zu Berlin die Kunstvorstellungen dieser Sage in seinem "Evangelischen Kalender", 1859, S. 36 flgd. eingehend behandelt.

Der Lübbersdorfer Altar ist ein ganz kleiner, einfacher Flügel=Altar aus der letzten Zeit des Katholicismus

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in Norddeutschland, jedenfalls aus dem Anfange des 16. Jahrhunderte mit beginnenden Anklängen an die Renaissance, in gefälliger, wenn auch gerade nicht strenger Kunstausführung.

Die Mitteltafel enthält die oben angedeutete Darstellung in reicher Ausführung unter zwei großen Baldachinen und (noch auf der Mitteltafel) an jeder Seite zwei Heiligenfiguren über einander unter kleinen Baldachinen. Jeder Flügel enthält über einander zwei Gruppen in Bezug auf die Geburt Christi.

Der Lübbersdorfer Altar enthält folgende Darstellungen. Mitteltafel. In einer Gebirgsgegend (auf dem Danziger Schrotblatt: in einem verschlossenen Garten) sitzt links in der Ansicht in einer eigenen, offenen, gewölbten Halle, welche vorne durch Schranken oder ein Thor geschlossen ist, Maria mit großem Diadem und Heiligenschein, mit einem sehr faltenreichen Mantel bekleidet. Zu ihr hat sich das gejagte Einhorn geflüchtet, welches die Vorderbeine auf ihren Schoß legt. Rechts vor den Schranken der Halle ist der Erzengel Gabriel, mit großen Flügeln, ebenfalls im langen Mantel, welcher sich vor Maria auf ein Knie niedergelassen hat; er hält im linken Arme einen Jagdspieß und mit der linken Hand an zwei Leinen zwei laufende Jagdhunde (darstellend Tugenden als Eigenschaften Gottes, welche das Einhorn vom Himmel in den Schoß Maria gejagt haben), von denen der eine die Vorderfüße auf das Thor legt; mit der rechten Hand hält er ein Jagdhorn an den Mund. (Die Spruchbänder, welche auf dem Schrotblatte neben den Köpfen der Maria, des Engels und der Hunde angebracht sind, sind hier nicht vorhanden. Auf dem Schrotblatt hat der Engel, der keine Flügel hat, drei Hunde an der Leine. Hier steht auf dem Spruchbande des Engels an dem Jagdhorn: "Ave, gracia plena, dominus tecum.) Links neben Maria an den Schranken, zwischen ihr und dem Engel Gabriel, steht ein hoher, viereckiger Pfeiler, auf welchem eine kleine Kirche, oder vielleicht richtiger ein Reliquienschrein in Form einer Kirche steht, welche die Lade des Alten Testaments darstellt, in Beziehung auf Hebr. IX, 4. Im Hintergrunde der Nische links neben Maria, zwischen dieser und der Lade, steht ein kleiner Altar, auf welchem zwischen zwölf Lichtern die grünende Ruthe Aarons steht. Andere Beigaben, z. B. das Vließ Gideons, die segnende Hand Gottes, die Taube, fehlen jetzt, obwohl sie nach einigen Andeutungen vorhanden gewesen sein mögen.

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Durch diese Darstellung wird die Menschwerdung Christi und die unbefleckte Empfängniß der Jungfrau Maria versinnbildlicht. Bergau sagt in der Altpreuß. Monatsschrift: "In diesem Bilde der Jagd des Einhorns durch einen Jäger mit Hunden ist der Rathschluß der Menschwerdung Christi symbolisch dargestellt. Gott selber wurde als der Himmelsjäger betrachtet, welcher sein Kind auf die Erde trieb. Nach einer alten Sage sollte das fabelhafte Einhorn von solcher Stärke sein, daß es durch keine Tapferkeit der Jäger gefangen werden könne. sobald es sich aber einer Jungfrau nähere, lasse es von aller Wildheit ab und lege den Kopf in ihren Schoß, worauf es wie wehrlos gefangen werde. Diese Sage mit Anwendung auf die Menschwerdung Christi und seine Geburt von der Jungfrau findet sich seit dem 11. Jahrhundert. seit dem 14. bis 16. Jahrhundert ist das Einhorn das geläufige Bild für Christus".

Dies erklärt auch die Unterschrift des Danziger Blattes:

Otus conclusus soror mea sponsa,
Ortus conclusus fons signatus.

(Hohelied IV, 12. "Meine Schwester, liebe Braut, Du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born".)

Im Hintergrunde der Tafel sind oben in gebirgiger Landschaft in perspectivischer Haltung zwei alttestamentliche Typen dargestellt, welche Bezug auf das Hauptbild haben: links in der Ansicht hinter und über Maria: Moses, die Schuhe ausziehend (2. Mos. III, 5), und rechts, über Gabriel: Ezechiel vor dem verschlossenen Thor knieend (Ezech. XLIV, 2), Typen zu der Verkündigung Mariä und der Geburt Christi; vgl. den Doberaner Altar Jahrb. XIV, s. 363 flgd.

Unten links zu den Füßen der Maria knieet eine betende Rittergestalt im Harnisch, den abgelegten Helm neben sich, welche ohne Zweifel den Schenker, einen Herrn von Lübbersdorf, vorstellen soll, da das Gut Lübbersdorf zur Zeit der Verfertigung des Altars noch im Besitze dieser jetzt ausgestorbenen Familie war.

Zu den Seiten der Hauptdarstellung, noch auf der Mitteltafel, stehen an jeder Seite zwei Heiligenfiguren unter Baldachinen über einander: oben: zur Rechten: (links in der Ansicht) die H. Katharina (die "Braut" Christi) mit Rad und Schwert; zur Linken: die H. Anna "selbdritte" (die

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Mutter Mariä) mit dem Christkinde auf dem rechten Arme und einer kleinen Maria links neben sich; unten: zur Rechten: der H. Georg, den Drachen überwindend; zur Linken: der H. Christoph, das Christkind durch das Wasser tragend.

Die Flügel enthalten jeder zwei gruppirte Darstellungen über einander, jede mit mehreren Figuren: in der Ansicht:

oben:
     rechts: die Verlobung Mariä,
     links: die Geburt Christi,

unten:
     rechts: die Anbetung der H. Drei Könige,
     links: die Beschneidung Christi.


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III. Zur Münzkunde.


Mittelalter.


Angelsächsische Münze von Friedrichsdorf.

Zu Friedrichsdorf bei Wismar fand der Gutsbesitzer Herr Ihlefeld in der Dorfstraße eine kleine Silbermünze, welche er durch den Herrn Dr. Crull zu Wismar an den Verein zum Geschenk einsandte. Die Münze ist ein angelsächsischer Denar des Königs Ethelred (978-1016):

H.S.   Brustbild des Königs:
          . . . . . LRED . . . . . . . . .
R.S.   Ein durchgehendes Doppelkreuz
           angelsächsischer Denar

Die Münze hat eine angenietete silberne Oese, ist also zum Tragen als Schmuck benutzt worden. Da sie Spuren von Vergoldung zeigte welche zur heidnischen Zeit in Meklenburg nicht vorkommt, so wird sie im christlichen Mittelalter gefunden und zum Tragen bearbeitet worden sein. Die Münze ist übrigens etwas abgescheuert und auf der Hauptseite stellenweise oxydirt, daher nicht ganz erkennbar. - Vielleicht gehört die Münze zu dem in der nahen Kiesgrube gefundenen Gerippe mit dem Schwerte (vgl. oben S. 147).

G. C. F. Lisch.     


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Der Münzfund von Zarnekow.

Vom
Archivrath, Pastor G. M. C. Masch
zu Demern.

Eine Reihe von Münzfunden ist dem Verein seit seinem Bestehen zur Untersuchung gekommen, und es ist Nachricht davon in den Jahrbüchern gegeben; das aber ist das Erfreuliche bei diesen Funden, daß jeder von ihnen einen Ueberblick über ganze Classen geben und die Münzkenntniß für Norddeutschland wesentlich bereichern konnte. Von den Münzfunden von Remlin und von Schwan an, welche die ältesten Münzen, die in hiesiger Gegend umliefen, brachten, bis zum Münzfunde von Schwiesow, mit dem man die mittelalterlichen Münzen abschließen kann, sind alle Zeiten zur Anschauung gekommen und nicht in einzelnen Stücken, sondern in ganzen Classen, so daß nur noch einzelne Lücken auszufüllen übrig bleiben.

Eine solche Lücke wird nun durch den Münzfund von Zarnekow ausgefüllt. Im Frühling des J. 1864 ward auf dem Felde von Zarnekow bei Wismar ein Haufen von Granitgeschiebe ("eine Steinklippe") weggeräumt. Unter demselben fanden die Arbeiter einen, jetzt am Halse zerbrochenen, braunen Krug von gebranntem Thon, in welchem ungefähr 400 kleine Silbermünzen lagen. Der Herr Hintz auf Zarnekow hat die Freundlichkeit gehabt, den Fund dem Vereine sogleich zur Untersuchung zuzusenden und den größten Theil gegen Erstattung des Metallwerthes zu überlassen, auch den Krug, der sich durch die Münzen datiren läßt, herbei zu schaffen und dem Vereine zu schenken. - Der Herr Hintz hat nur 37 Stücke von den im Funde häufig vorkommenden Geprägen der Städte Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock und Stralsund zum Andenken zurück behalten.

Der Fund bietet uns Wittenpfennige zu vier Pfennigen des 14. Jahrhunderts in den aus dem Münzfunde von Ruest (Jahrb. XV, S. 335 flgd.) bekannten Formen und Münzstädten (es kommt als neu hier Kiel und Neusta