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Inhalt:

Jahrbücher

des

Vereins für meklenburgische Geschichte
und Alterthumskunde,

aus

den Arbeiten des Vereins

herausgegeben

von

Dr. G. C. F. Lisch,

großherzoglich=meklenburgischem Archivar und Regierungs=Bibliothekar, Aufseher der großherzoglichen Alterthümer= und Münzensammlung zu Schwerin,
auch
Ehren= und correspondirendem Mitgliede der geschichts= und alterthumsforschenden Gesellschaften zu Stettin, Halle, Kiel, Salzwedel, Voigtland, Leipzig, Sinsheim, Berlin, Kopenhagen, Hamburg, Breslau, Würzburg, Riga, Leiden, Regensburg, Meiningen, Lübeck, Cassel, Christiania, Reval und Königsberg,
als
erstem Secretair des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde.


Vierzehnter Jahrgang.


Mit achtundzwanzig Holzschnitten.


Mit angehängtem Jahresberichte


Auf Kosten des Vereins.

Vignette

In Commission in der Stillerschen Hofbuchhandlung zu Rostock und Schwerin.


Schwerin, 1849.

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Inhaltsanzeige.


A. Jahrbücher für Geschichte. Seite.
   I. Geschichte der Besitzungen der Ritterorden Livlands und Preußens in Meklenburg, vom Archivar Dr. Lisch
             Vorbereitende Uebersicht 1
      1) Der livländische Orden der Schwertbrüder 13
      2) Der preußische Orden der Ritter von Dobrin 17
      3) Der deutsche Orden 19
  II. Ueber die Besitzungen und den Verkehr des Erzbisthums Riga in Meklenburg, von demselben 48
         Berichtigung zu S. 59 auf S. 258.
 III. Ueber die Besitzungen des Klosters Dünamünde in Meklenburg, von demselben 70
 IV. Ueber den Ritter Thetlev von Gadebusch und seine Familie, von demselben 83
   V. Ueber des Fürsten Heinrich von Meklenburg Pilgerfahrt zum Heiligen Grabe, 26jährige Gefangenschaft und Heimkehr, vom Pastor Boll zu Neu=Brandenburg 95
  VI. Der Herzog Rudolph von Meklenburg, später Bischof von Schwerin, auf der Universität Prag, von F.W. Kretschmer zu Berlin 106
 VII. Beiträge zur Geschichte der Volksgerichte in Meklenburg, vom Archic=Secretair Dr. Beyer zu Schwerin 108
VIII. Urkunden=Sammlung 191
       A. Urkunden der Ritterorden Livlands und Preußens 193
       B. Urkunden des Erzbisthums Riga 248
       C. Urkunden des Klosters Dünamünde 271
       D. Urkunden zur Geschichte des Thetlev von Gadebusch 289
       E. Urkunden über die Gefangenschaft des Fürsten Heinrich des Pilgers 293
B. Jahrbücher für Alterthumskunde.
   I. Zur Alterthumskunde im engern Sinne
       1) Vorchristliche Zeit
          a) Zeit der Urvolkgräber 301
          b) Zeit der Hünengräber 309
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Seite
          c) Zeit der Kegelgräber 312
              Mit 10 Holzschnitten.
          d) Zeit der Wendengräber 324
              Mit 16 Holzschnitten.
          e) Alterthümer gleichgebildeter europäischer Völker 343
              Mit 2 Holzschnitten.
       2) Mittelalter 349
  II. Zur Baukunde 351
          Blätter zur Geschichte der Kirche zu Doberan: der Hochaltar und das Tabernakel, vom Archivar Dr. Lisch 351
          Ueber die Ziegelbauten der deutschen Ostseeländer 381
 III. Zur Schriftenkunde: Urkunden 384
 IV. Zur Buchdruckkunde 385
  V. Zur Naturkunde 390

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A.

Jahrbücher

für

Geschichte.

 


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I.

Geschichte

der

Besitzungen der Ritterorden
Livlands und Preußens

in Meklenburg,

von

G. C. F. Lisch.


Vorbereitende Uebersicht.

1.
Der Orden der Schwertbrüder in Livland.

V on der Insel Gothland und deren reichen und mächtigen Stadt Wisby, welche in alten Zeiten die Hauptstätte und der Mittelpunct des Ostseehandels war, wurden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts deutsche Kaufleute an die Küsten Livlands verschlagen; so berichten einstimmig alle alten Chroniken über die Entdeckung dieses Landes. Gute Tauschgeschäfte, welche die Kaufleute an der Mündung der Düna gemacht hatten, lockten bald mehr deutsche Kaufleute an die Küsten des Heidenvolkes, und es entwickelte sich hier mit der Zeit ein vortheilhafter Seeverkehr. Schon in frühen Zeiten ging mit lübischen und bremischen Kaufleuten in jenes Land ein Augustinermönch Meinhard aus dem holsteinischen Kloster Segeberg und baute zu Ixkull die erste christliche Kirche in jenen Ländern. Meinhard ward erster Bischof von Livland (1192 - 1196). Ihm folgte der Bischof Barthold (1196 - 1198), welcher seine kurze Amtsführung in beständigen Kämpfen mit den widerspenstigen Liven verlebte und ein blutiges Opfer seines Glaubenseifers ward.

Der bedeutende Erzbischof Hartwig von Bremen sandte nun den bremer Domherrn Albert von Apelderen als dritten Bischof

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in jenes Land, welches bei der wachsenden Kampflust der Eingebornen gegen die deutschen Bekehrer mit dem Abfall drohete. Der Bischof Albert war ganz der kluge, umsichtige und thätige Mann, welcher ein so wichtiges Land der römischen Kirche gewinnen konnte, und ist als der wahre Gründer jenes merkwürdigen christlichen Staates zu betrachten. Livland ward eine rein deutsche Colonie 1 ) und ein Theil des deutschen Reiches. Bremische Kaufleute sollen es gewesen sein, welche zuerst in die Mündung der Düna einliefen, und die Bekehrung zum Christenthume ward zuerst vom Erzbisthume Bremen geleitet. Bald aber ward das unglaublich rasch aufblühende Lübeck die wahre Pflegerin des jungen Staates, um so mehr, da Lübeck der geeignetste Hafen und Sammelort für die Deutschen nach Livland war; aus allen benachbarten Ländern strömten kampf= und handelslustige nach Lübeck, welches schon im J. 1231 einen Hof in Riga erhielt, und Lübeck blieb Jahrhunderte lang der Hafen der deutschen Kreuzfahrer und Wallfahrer.

Der livländische Bischof Albert traf sogleich beim Beginne seines Amtes erfolgreiche Anstalten zur Befestigung und Verbreitung christlichen Glaubens und deutscher Sitte. Die Kreuzzüge in das Heilige Land hatten keine Haltung mehr und im deutschen Reiche herrschte Zwietracht und Verwirrung; die Kreuzfahrer fingen an, sich mehr gegen die Livländer und die Albogenser zu rüsten, als an die gefahrvollen Küsten des Heiligen Landes zu ziehen. Bischof Albert sammelte schon 1199 und 1200 Kreuzfahrer nach Livland und stiftete im J. 1200 die Stadt Riga 2 ), wohin er sogleich von Uexküll das Bisthum verlegte, welches unter Alberts Nachfolger im J. 1244 zum Sitze eines selbstständigen Erzbisthums erhoben ward. Die Kreuzfahrer pflegten gewöhnlich nicht länger als ein Jahr auf ihrem Zuge auszuharren. Um nun dem jedesmaligen Landesbischofe eine feststehende, stets kampfgerüstete Kriegsmacht zur Leitung der Unternehmungen zu schaffen, stiftete der Bischof Albert im J. 1202 für Livland einen Ritterorden 3 ), nach dem Muster und der Regel des Tempelherrenordens, und nannte die Glieder dieses neuen Ordens "Brüder des Ritterdienstes Christi" ("fratres militiae Christi" oder


1) Vgl. die Abhandlung: "Eine deutsche Colonie und deren Abfall", vom Prof. Wurm zu Hamburg, in Ad. Schmidt's Allgem. Zeitschrift für Geschichte, Bd. V, 1846, S. 201 flgd.
2) Vgl. Verhandlungen der Gelehrten Esthnischen Gesellschaft zu Dorpat, II, 1, 1847, S. 59 und 62 - 63.
3) Vgl. über die Stiftungen Voigt's Geschichte von Preußen, Bd. I, S. 409 flgd.
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"fratres militiae Christi in Livonia" 1 ). Zum Zeichen ihrer Bestimmung gab er den Rittern einen weißen Mantel, auf welchen ein Kreuz und ein Schwert geheftet war; daher wurden die Ritter dieses Ordens bald auch Schwertbrüder oder Schwertträger genannt. Zu ihrem Unterhalte bestimmte der Bischof den dritten Theil des Landes Livland.

Im J. 1201, als der Bischof Albert den Bischofssitz von Uexküll nach Riga verlegte, errichtete er das Cistercienser=Mönchs=Kloster Dünamünde 2 ), welches in vielfachen Verkehr mit den deutschen Ostseeländern trat. Zu derselben Zeit nahmen auch die Schwertbrüder ihren Sitz in der Stadt Riga, von welcher ihnen der Bischof einen Theil überließ.

Der Bischof Albert ging nun mit unglaublicher Ausdauer fast alljährlich nach Deutschland, um immer neue Schaaren von Kreuzfahrern nach Livland zu holen; die edelsten und kühnsten Männer Norddeutschlands folgten unverdrossen seinem Rufe, für die Sache des Glaubens zu kämpfen. Im J. 1210 sammelte Albert in Deutschland ein neues Kreuzheer; ihn begleiteten dies Mal die Bischöfe Philipp von Ratzeburg, Yso von Verden und Bernhard von Paderborn und außerdem Bernhard von der Lippe, einst Anführer der Heere Heinrichs des Löwen, jetzt Cistercienser=Mönch, ferner Helmold von Plesse und viele andere ritterliche Männer 3 ). Der ausgezeichnete Bischof Philipp von Ratzeburg blieb bis in das vierte Jahr in Livland und ward von dem Bischofe Albert während dessen jährlicher Reisen nach Deutschland wiederholt zum Stellvertreter des Bischofs von Riga ernannt; die deutschen Bischöfe, namentlich aber Philipp von Ratzeburg, wirkten sehr wohlthätig auf die Kräftigung und Ordnung Livlands.

Mit Mühe waren die Liven und Letten nach wiederholten Aufständen unterworfen, als die räuberischen Litthauer in Livland einfielen und mehrere Jahre lang den Orden und die Kreuzfahrer zum Kampfe herausforderten. Auch die Esthen erhoben sich wieder: als im J. 1213 in des Bischofs Albert Abwesenheit sein Stellvertreter Philipp von Ratzeburg in allzugroßem Glaubenseifer mit einem starken Heere einen großen Theil von Esthland mit Feuer und Schwert verwüstet hatte, erhob sich das ganze esthnische Volk zum Kampfe. Der Bischof Philipp ging darauf


1) Der Ausdruck "milites Christi" (Ritter Christi) wird von allen geistlichen Ritterorden gebraucht; der Zusatz einer bestimmten Oertlichkeit unterscheidet die einzelnen Orden.
2) Vgl. Verhandlungen der Gelehrten Esthnischen Gesellschaft a. a. O.
3) Vgl. Voigt's Gesch. v. Preußen I, S. 423.
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zum Contilium nach Rom und starb auf der Reise zu Verona im J. 1215.

Der Bischof Albert führte immer neue Kreuzheere aus Norddeutschland nach Livland. Im J. 1216 war auch der berühmte Kriegsheld Albrecht von Orlamünde, Graf von Ratzeburg und Holstein, nach Livland gekommen und hatte im Vereine mit dem Schwertbrüder=Ordens=Meister Volquin durch kluge Kriegsführung und unablässige Kämpfe im J. 1217 das Volk der Esthen geschwächt und gedemüthigt.

Aber die Behauptung des Landes kostete fast noch mehr Opfer, als die Eroberung desselben. Die Fürsten Rußlands wurden immer argwöhnischer auf die Macht der Deutschen und näherten sich den Esthen. Da ging mit dem heimkehrenden Grafen Albrecht von Orlamünde im J. 1217 der Bischof Albert von Livland mit dem Bischofe Dietrich von Esthland und dem Abte Bernhard von Dünamünde, welcher noch im J. 1217 Bischof von Semgallen ward, zu dem damals noch mächtigen Könige Waldemar von Dänemark, um ihn zur Vollendung der Eroberung Esthlands, welches die Dänen noch lange ihr Besitzthum nannten, herbeizurufen 1 ). Waldemar ergriff die dargebotene Gelegenheit mit Freuden, um die ganze Südküste der Ostsee möglicher Weise in seine Gewalt zu bringen und sich zum unbeschränkten Herrn dieses Meeres zu machen.

Nachdem der König das Versprechen gegeben hatte, im folgenden Jahre ein Heer nach Livland zu führen, predigte der Bischof Albert das Kreuz gewaltig in Norddeutschland. Er selbst blieb in Deutschland, um im folgenden Jahre mit desto stärkerer Macht heimzukehren, und sandte den Dom=Dechanten von Halberstadt als seinen Stellvertreter nach Riga. Mit diesem und andern Kreuzfahrern zog 1218 - 19 auch der alte Fürst Borwin von Meklenburg nach Livland 2 ).

Der livländische Ordensmeifler Volquin mit seinen Schwertbrüdern, der Fürst Borwin 3 ) mit den deutschen Kreuzfahrern und die Liven und Letten vermochten nur unter den größten Anstrengungen, in der Zeit 1218 - 19 den Esthen und Russen zu widerstehen, welche unter der Anführung des Großfürsten Mstislav von Nowgorod und des Fürsten Wladimir von Pleskow mit starker Macht und schrecklichen Verheerungen gegen sie anstürmten.


1) Dies geschah im J. 1217, nicht im J. 1218, vgl. Voigt's Gesch. v. Preußen, II, S. 305, Not. 3.
2) Vgl. unten Geschichte der Besitzungen des Erzbisthums Riga in Meklenburg.
3) Der Zug Borwin's fällt in die Zeit von 1218 - 1219; vgl. Gruber Origines Livoniae p. 123 flgd., Verhandlungen der Esthnischen Gesellschaft zu Dorpat, II, 1, 1847, S. 73, und weiter unten.
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Da landete zu rechter Zeit im Sommer des J. 1219 1 ) der König Waldemar von Dänemark in Begleitung des Fürsten Wizlav von Rügen und vieler anderer Helden mit einer mächtigen Flotte von 1500 Segeln im Gebiete von Reval, wo er an der Stelle der alten Burg die Stadt Reval gründete. Nach harten Kämpfen wurden die Esthen besiegt und der König kehrte nach Dänemark zurück.

In demselben Jahre 1219 geschah auch ein Kreuzzug nach Preußen, an welchem der Bischof Brunward von Schwerin Theil nahm.

Die dänischen Krieger, welche der König zurückgelassen hatte, verbunden mit den Ordensrittern und deutschen Kreuzfahrern, führten das ganze Jahr unausgesetzt harte, jedoch erfolgreiche Kämpfe, so daß sich endlich die Bewohner jener Gegenden der Taufe und dem Gehorsam unter gaben.

Waldemar maßte sich nun Esthland an, worüber er mit dem Orden der Schwertbrüder und dem Bischofe in Streit gerieth. Da brachen die Russen und Litthauer wieder ein und Waldemar erschien im J. 1221 von neuem mit einer großen Flotte. Nach seiner Heimkehr empörten sich die Esthen wieder. Jedoch bald darauf ward die dänische Macht auf dem Festlande durch die Gefangennehmung des Königs Waldemar (am 6. Mai 1223) durch den Grafen Heinrich von Schwerin gänzlich gebrochen.

Im J. 1229 starb der hochverdiente Bischof Albert, nachdem er 31 Jahre lang für die Gründung und Befestigung des Christenthums und des Deutschthums in jenen fernen Gegenden mit beispielloser Anstrengung und Ausdauer gearbeitet hatte.

Der livländische Orden der Schwertbrüder aber vereinigte sich im J. 1237 mit dem Deutschen Orden 2 ).

Das Bisthum Riga ward im J. 1244 zum selbstständigen Erzbisthum über Preußen, Livland und Esthland erhoben.


2.
Der Orden der Ritter von Dobrin in Preußen.

Preußen ward durch einen pommerschen Bernhardinermönch Christian aus dem Kloster Oliva zum Christenthume bekehrt.


1) Der Zug Waldemar's fällt in das J. 1219; vgl. Voigt's Gesch. v. Preußen II, S. 306.
2) Vgl. Monum. Livon. antiq. III, p. 3.
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Im J. 1210 zog der König Waldemar von Dänemark nach Preußen und unterwarf es sich scheinbar; die Last der Bekehrung blieb dem Mönch Christian, welcher im J. 1214 erster Bischof von Preußen ward. Da alle friedlichen Bemühungen an der Hartnäckigkeit der Preußen scheiterten, so forderte der Papst im J. 1218 zum Kreuzzuge nach Preußen auf; im Frühling des J. 1219 zog das Kreuzheer dahin. Der Kreuzzug, an welchem im Anfange auch der Bischof Brunward von Schwerin Theil nahm, dauerte bis in das J. 1222.

Zur Befestigung des Gewonnenen ging der Bischof lange mit dem Gedanken um, nach dem Muster des livländischen Ordens der Schwertbrüder einen eigenen Ritterorden zum Schutze des Christenthums in Preußen zu stiften. Es war wahrscheinlich im Ablaufe des J. 1225, als der Bischof diesen seinen Plan zur Ausführung brachte, indem er dem Herzog Conrad von Masovien vermochte, einen geistlichen Ritterorden für Preußen zu stieften, zu gleichem Zwecke und mit gleicher Verfassung mit dem Schwertbrüderorden, dessen Glieder ebenfalls Ritter Christi genannt wurden. Auf ihrem Ordenskleide, einem weißen Mantel, trugen sie ein rothes Schwert und einen Stern, und durch diesen Stern unterschieden sie sich vorzüglich von den Rittern des livländischen Schwertordens, welche ein Schwert und ein Kreuz auf dem Mantel trugen. Im Julius des J. 1228 versicherte der Herzog Conrad von Masovien den Rittern den Besitz der Burg Dobrin mit den dazu gehörenden Gütern an der Weichsel an der Grenze Masoviens und des Kulmer Landes, ein Gebiet von 24 Meilen lang und 12 - 15 Meilen breit, zwischen den Flüssen Weichsel und Mnien, und auch das Versprechen auf die Hälfte alles durch sie zu gewinnenden Landes. Der Papst Gregor IX. bestätigte den Rittern ("fratribus militiae Christi in Prussia") ihre Besitzungen. Daher wurden die Ritter in preußischen Urkunden Ritter Christi, sonst aber zur genauern Bezeichnung und Unterscheidung Brüder des Ritterdienstes Christi in Preußen oder Ritter=Brüder von Dobrin genannt ("milites Christi, milites Christi de Prussia, fratres militiae Christi in Prussia, milites Christi fratres de Dobrin, fratres de Dobrin"). - Auch der Herzog Suantopolk von Pommern hatte diesen Brüdern Freiheiten verliehen und in Meklenburg erwarben sie den Hof Sellin bei Neukloster.

Die Entdeckung dieses Ritterordens ist erst durch Voigt gemacht. Früher herrschte die Ansicht, der Herzog Conrad von Masovien habe einen Theil der livländischen Schwertbrüder gegen die Preußen zu Hülfe gerufen und denselben das Land

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Dobrin gegeben. Voigt hat aber mit Bestimmtheit nachgewiesen 1 ), daß der Orden von Dobrin ein eigener Orden war. Die verschiedenen Orden werden in ihren Titeln in der Urkunde stets zu scharf und bestimmt bezeichnet, als daß eine Verwechselung möglich wäre.

Vierzehn Ritter waren es, die der Bischof zuerst weihete; aus einer Urkunde von 1230 geht hervor, daß es Deutsche waren, die als Brüder in diesem Orden standen; zwei Brüder werden als Zeugen mit den deutschen Namen Conrad und Gerhard 2 ) genannt. Aus einer unten näher beleuchteten Urkunde geht hervor, daß mehrere meklenburgische Ritter Mitglieder des Ordens waren. Einer aus ihrer Mitte, Namens Bruno, ward zum Oberhaupte des Ordens erwählt; es ist nicht unwahrscheinlich, wie unten nachgewiesen ist (in der Abhandlung über die Familie des Thetlev von Gadebusch), daß dieser Bruno aus der meklenburgischen Familie des Dynasten Thetlev von Gadebusch, eines nahen Verwandten des schweriner Bischofs Brunward, stammte.

Der Orden zählte nur wenig Mitglieder und sank sehr bald bis zur Ohnmacht hinab. Der Herzog Conrad von Masovien sah sich in der Wirksamkeit des Ordens getäuscht, konnte aber nirgends Hülfe gegen die anhaltende Verheerung seines Landes durch die Preußen finden. Nur eine immer gerüstete, im Lande feststehende, starke Kriegsmacht konnte Befreiung von dem Elend bringen und der Herzog hatte seine Hoffnung nur noch auf fremde Hülfe gesetzt. Da warf der Bischof Christian einen großen Gedanken in des Herzogs Seele: den tapfern Orden der Deutschen Ritter nach Preußen zu rufen. Dies geschah schon im J. 1226, und im J. 1228 kamen die ersten Ritter an, welche sich bald des in sie gesetzten Vertrauens würdig zeigten. Die Dobriner Ritter zeigten sich nun als ganz überflüssig und vereinigten sich, nachdem sie kaum 10 Jahre bestanden hatten, im J. 1234 mit dem Deutschen Orden. Schon im J. 1235 war die Burg Dobrin mit den übrigen preußischen Besitzungen der Dobriner Ritter in den Händen des Deutschen Ordens. Der Papst Gregor genehmigte schon im April des J. 1235 die Einverleibung und bestätigte sie feierlich am 11. Jan.


1) Vgl. Beiträge zur Kunde Preußens, Bd. V, Königsberg 1822, und daselbst Geschichte der Eidechsen=Gesellschaft in Preußen von J. Voigt, Beilage Nr. XII, S. 473 - 496: über die Stiftung und Auflösung der Brüder von Dobrin; - auch besonders in Voigt's Geschichte der Eidechsen=Gesellschaft, S. 250 flgd. Vgl. auch Voigt's Geschichte von Preußen, Band I, S. 460 - 463 und 470 flgd. und II, S. 190, 199 flgd., 260 flgd., S. 277 flgd.
2) 1230 Zeugen: "Gerhardus et Conradus milites Christi de Prussia". Vgl. Voigt's Gesch. v. Preußen II, S. 199 flgd.
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1236. Diese Einverleibung hatte vielleicht Einfluß auf die im J. 1237 folgende Einverleibung des Schwertbrüder=Ordens in den Deutschen Orden.

Die einzelnen Ritter von Dobrin erhielten sich jedoch noch einige Zeit zerstreut. Im J. 1235 erhielt ein Ueberrest des Ordens ein bedeutendes Landgebiet zwischen den Flüssen Bug und Nur bis an die Flüsse zur Vertheidigung der Grenze. Noch im J. 1240 erscheint ein Ueberrest des Ordens in Meklenburg, wie unten nachgewiesen ist, jedoch nur, um seine Besitzungen zu verkaufen. An den fernen Grenzen am Bug ist späterhin der Orden im Dunkel untergegangen 1 ).


3.
Der Deutsche Orden.

Während der Kreuzzüge in das Heilige Land in den glänzenden Zeiten des deutschen Reiches wurden im J. 1118 der Orden der Johanniterritter (fratres domus hospitalis sancti Johannis in Jerusalem) und der Ritterorden der Tempelherren gestiftet.

Im J. 1128 erbauete ein frommer Deutscher für seine erkrankten und hülflosen Landsleute, die das Grab des Herrn besuchten, aus seinen Mitteln in Jerusalem ein Pilgerhaus, welches sich der eifrigen Pflege und Unterstützung anderer frommer Deutschen erfreuete. Bald ward neben dem Hospitale auch ein Bethaus für Deutsche errichtet und der Jungfrau Maria geweihet. Daher nannten sich die Pfleger des Hospitals, welche der Regel des Heil. Augustinus folgten, Brüder des St. Marien=Hospitals zu Jerusalem.

Bald aber gestaltete sich die Lage der Dinge im Heiligen Lande sehr trübe. Am 3. October 1187 ward Jerusalem von Saladin erobert und nur wenigen, und unter diesen auch einigen Brüdern des deutschen Marien=Hospitals, ward vergönnt, beim Heiligen Grabe zu bleiben; Saladin dachte viel zu edel, als daß er eine so wohlthätige Stiftung hätte vernichten lassen.

Im J. 1188 führte der Kaiser Friederich I. wieder einen Kreuzzug nach Palästina. Unter den Schrecknissen der Belagerung von Akkon hatten einige Bürger aus Bremen und Lübeck, die mit dem edlen Grafen Adolph von Holstein nach dem Heiligen Lande gezogen waren und im Lager von Akkon lagen, aus Erbarmen über das traurige Schicksal vieler


1) Vgl. Voigt's Gesch. v. Preußen, II, S. 277.
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unglücklicher Deutschen aus Schiffssegeln Zelte aufgeschlagen, unter deren Schutz sie die kranken deutschen Pilger pflegten. Mit ihnen verbanden sich zum christlichen Werke die Brüder des Deutschen Marien=Hospitals zu Jerusalem, welche mit den Johannitern und Templern mit vor Akkon gezogen waren. Dieser edle Geist erweckte große Theilnahme und man faßte den Beschluß, zum Besten des deutschen Volkes im Heiligen Lande aus den Brüdern des Deutschen Hospitals einen Ritterorden zu bilden, welcher den Streit für die Kirche Christi nach der Regel der Templer mit der mildthätigen Pflege der Unglücklichen nach der Regel der Johanniter verbinden sollte. So ward im Herbste des J. 1190 der Deutsche Orden gestiftet, der am 6. Febr. 1191 päpstliche Bestätigung erhielt. Der Orden ward der Heil. Jungfrau Maria geweihet; daher hießen sie auch die Deutschen Ritterbrüder des St. Marien=Hospitals von Jerusalem (fratres theutonici ecclesiae sanctae Mariae Jerosolimitanae oder milites hospitalis sanctae Mariae theutonicorum Hierosolimitani). Die Ritter trugen ein weißes Ordenskleid mit einem schwarzen Kreuze. Akkon ward am 12. Julius 1191 erobert und der Deutsche Orden fand hier seine erste Heimath.

Die Brüder theilten sich nach dem Geiste ihrer Ordensregel schon früh in ritterliche Kämpfer und in Hospitalpfleger; auch Priester wurden schon früh in das Ordenshaus aufgenommen, jedoch ward es ihnen erst nach 30 Jahren gestattet, auch Priesterbrüder aufzunehmen.

Bei der darauf folgenden Verwirrung im deutschen Reiche hörten allmählig die Kreuzzüge und Wallfahrten nach dem Heiligen Lande auf; wer Ruhm oder Verdienste suchte, zog lieber gegen die Heiden in Livland oder gegen die Albogenser. Die Ritterorden siedelten sich mehr und mehr in Europa an. Auch der Deutsche Orden gewann bald Anpflanzungen in Deutschland. Schon in den ersten Jahren des 13. Jahrh. hatte der Orden eine Stiftung zur Krankenpflege in Halle a. d. S. (das "Deutsche Haus in Halle") gegründet, bei welcher bald eine Kapelle erbauet ward. Im J. 1210 erhielt der Orden eine Besitzung in Hengelshagen in Oesterreich, welcher die Grundlage der spätern Ballei ward. Einige Jahre später erhielt der Orden Besitzungen bei Salerno, im J. 1216 eine Stiftung in Coblenz. Der Erzbischof von Salzburg gab ihnen das Hospital zu Freisach.

Im J. 1219 wurden die Hospitäler in Jerusalem zerstört und die Orden auf eine Wirksamkeit in Europa angewiesen.

Seit dieser Zeit verbreitete sich der Deutsche Orden mehr und mehr im Abendlande und erhielt von allen Seiten her reiche

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Begünstigungen und Freiheiten. Deshalb aber verfolgte ihn auch der Neid und die fortdauernde Anfeindung der Geistlichkeit, wogegen der Orden nicht wenig zu kämpfen hatte, wenn auch siegreich; denn die Päpste verliehen ihm manche Berechtigung.

Um das J. 1220 erhielt der Orden auch die Begünstigung, nach der Weise der Templer und Johanniter eine Halbbrüderschaft (confraternitas) in sich bilden zu können. Die Halbbrüder wohnten zum Theil in den Ordenshäusern und sollten das Beste des Ordens fördern, ohne an sämmtliche strenge Regeln des Ordens gebunden zu sein; oft lebten sie in ihren weltlichen Geschäften fort. Sie trugen jedoch auf ihren Kleidern ein halbes Kreuz als Zeichen der Mitbrüderschaft. Diese Halbbrüder waren für die Blüthe des Ordens von außerordentlicher Wichtigkeit 1 ). - Zu den Anfeindungen der Weltgeistlichkeit gehört auch, daß sie dem Orden nicht gestatten wollten, die Halbbrüder oder andere Personen auf den Kirchhöfen der Ordensbrüder begraben zu lassen; der Papst gestattete dies dem Orden jedoch bald.

Der Bischof Christian von Preußen hatte länger als 16 Jahre an der Einführung des Evangeliums in Preußen gearbeitet. Er hatte durch den Herzog Conrad von Masovien den Orden von Dobrin gestiftet, der jedoch sehr bald ohne Haltung und Wirksamkeit dastand. Die Kreuzheere, welche er in's Land gerufen hatte, hatten keinen dauernden Erfolg bewirkt. Da faßte der Bischof den großen und folgenreichen Gedanken, den Deutschen Orden in's Land zu rufen. Dies geschah im J. 1226 unter der Zusicherung des Culmer Landes und alles dessen, was der Orden auf irgend eine Weise in Preußen erwerben konnte. Im J. 1228 kamen die Ritter an; Hermann Balk trat als Landmeister (per Slavoniam et Prussiam praeceptor), vom Hochmeister dazu ernannt, in Preußen an die Spitze der Brüder.

Bald machte der Deutsche Orden in Preußen zwei bedeutende Erwerbungen, indem im J. 1234 der preußische Ritterorden von Dobrin und im März oder April des J. 1237 der livländische Orden der Schwertbrüder sich mit dem Deutschen Orden vereinigten.

Seit dieser Zeit erreichte der Deutsche Orden in Preußen ein Ansehen und einen Glanz, welcher gerechte Bewunderung abnöthigt.



1) Vgl. Voigt's Gesch. v. Preußen Bd. II, S. 113, und Mittheilungen der Gesellschaft f. Gesch. der russischen Ostsee=Provinzen, III, Riga, 1843, S. 110 und 111.
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1.
Der livländische Orden der Schwertbrüder

in Meklenburg.


Es ist eine schwierige Untersuchung, ob auch der livländische Orden der Schwertbrüder in Meklenburg Besitzungen gehabt habe; wahrscheinlich ist es jedenfalls, und die Wahrscheinlichkeit läßt sich durch Erläuterung einiger Andeutungen zur Gewißheit erheben.

Das mächtig emporstrebende Lübeck war schon früh der Haupthafen für die zahlreichen Kreuzfahrer nach den heidnischen Ostseeländern und die Stadt verdankt gewiß einen nicht geringen Theil ihrer rasch sich entwickelnden Macht diesem Umstande. Der unermüdliche Bischof Albert von Livland kam fast alljährlich nach Norddeutschland, sicher nach Lübeck, um immer neue Kreuzheere nach Livland zu führen; der rüstige Bischof Philipp von Ratzeburg war 1210 - 14 in Livland ungewöhnlich thätig und mehrere Jahre Stellvertreter des Bischofs Albert; der heldenmüthige Albrecht von Orlamünde, Graf zu Ratzeburg und Holstein, kämpfte seit dem J. 1216 mit Erfolg in Livland. Es wird auch namentlich Helmold von Plessen, ein meklenburgischer Ritter, genannt, welcher im J. 1210 mit dem Bischofe Philipp nach Livland zog.

Ohne Zweifel hatten die Schwertbrüder auch Niederlassungen in und bei Lübeck. Schon am 28. Nov. 1226 empfahl der Papst Honorius III. der Stadt Lübeck die Kreuzfahrer, sowohl diejenigen, welche in das Heilige Land, als diejenigen, welche gegen die Heiden in Livland und Preußen ziehen wollten, und übertrug den Bischöfen von Schwerin, Ratzeburg und Lübeck die Ueberwachung der ungehinderten Beförderung der Kreuzfahrer aus dem lübecker Hafen 1 ). Am 10. März 1235 befahl der Papst Gregor IX. dem Erzbischofe von Bremen, dem Domdechanten von Schwerin und dem Abt von Reinfelden, auf Antrag der Schwertbrüder (fratres militiae Christi de Livonia) und der Bürger von Lübeck und Riga, die Einstellung der gegen den König Waldemar von Dänemark ergriffenen Maaßregeln, weil er den Hafen von Travemünde gesperrt und dadurch die livländischen Kreuzfahrer zurückgehalten hatte, zu veranlassen,


1) Vgl. Lübeckisches Urkundenbuch, I, Nr. 36, S. 48.
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da der König versichert habe, daß der Hafen wieder geöffnet sei 1 ). Endlich sind bei einer zu Lübeck (actum in Lubek) am 21. März 1236 gepflogenen Unterhandlung des päpstlichen Legaten Wilhelm zu Gunsten der Dominikaner zwei Schwertbrüder (milites Christi), beide Namens Johann, aber auch schon zwei Deutsch=Ordens=Brüder (de domo theutonico) Heinrich von Hassel und Hermann als Zeugen gegenwärtig 2 ).

Die einzige Nachricht von einer Besitzung der Schwertbrüder in Meklenburg steht in dem Zehntenregister des Bisthums Ratzeburg 3 ), wo es heißt:

Ista sunt beneficia praestita ab episcopo in terra Dartsowe.
In parrochia Dartsowe.

mansi.

 VIII     Dartsowe. I Hermannus aduocatus.
    V      In allodio militum Christi dim. dec. habet episcopus.
   VI     Sethorp decanus Lubicensis habet beneficium etc.

Dieses "allodium militum Christi", ein kleines Dorf von 5 Bauerhufen, von welchem dem Bischofe noch der halbe Zehnte zustand, ist ohne Zweifel eine Besitzung des Schwertbrüder=Ordens. Allodium ist im Mittelalter der eigenthümliche lateinische Ausdruck für das deutsche Vorwerk; so heißt z. B. das bei Lübeck liegende Gut Vorwerk, welches im Mittelalter "Drögen Vorwerk" genannt wird, lateinisch: Siccum Allodium 4 ). In der Urkunde der meklenburgischen Fürsten vom 7. Mai 1260 5 ) über die Patronate und Zehnten des Landes Bresen wird das Dorf Borwerk noch allodium prope Dartzowe genannt. Die Lage unmittelbar bei Dassow stimmt auch zu der Aufführung im Zehntenregister unmittelbar hinter Dassow.

Die milites Christi, welche dieses Gut besaßen, sind ohne Zweifel die Schwertbrüder. Zwar werden die Brüder aller geistlichen Ritterorden im Allgemeinen oft allein Ritter Christi (milites Christi) genannt; in unsern Gegenden sind aber immer die Schwertbrüder damit gemeint, während die übrigen Ritterorden stets durch einen Zusatz genauer bezeichnet werden. So heißen auch in der angeführten lübeker Urkunde vom


1) Vgl. Lüb. Urk. Buch I, Nr. 67, S.76.
2) Vgl. das. Nr. 75, S. 83.
3) Das Zehntenregister des Bisthums Ratzeburg, herausgegeben von Arndt, Schönberg, 1833, S. 21.
4) Vgl. Lüb. Urk. Buch 1, S. 46, 147 und 250.
5) Vgl. Schröder Pap. Mekl. I, S. 680, vgl. S. 541.
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21. März 1236 die beiden Schwertbrüder nur "milites Christi", während die Deutschen Ritter durch den Zusatz "de domo theutonica" bezeichnet werden, und in den Urkunden des Ordens werden die Schwertbrüder oft nur milites Christi oder fratres milites Christi ohne weitern Zusatz genannt. Es ist auch wahrscheinlich, daß die Schwertbrüder in der Gegend von Lübeck Besitzungen hatten, da sie von allen geistlichen Ritterorden am frühesten und meisten mit Lübeck in Berührung kamen; der Deutsche Orden hatte um 1230 wohl noch keine Besitzungen in den Ostseeländern, der Doberaner Orden war eben erst gestiftet und von geringer Wirksamkeit und der Johanniter=Orden, welcher seit dem Anfange des 13. Jahrh. Besitzungen im nördlichen Deutschland hatte, wird stets mit seinen gewöhnlichen Titeln belegt.

Das den Schwertbrüdern gehörende Gut war also das Dorf Vorwerk bei Dassow, am Dassower Binnensee, dem Hafen Travemünde gegenüber, also den Rittern sehr sicher und bequem gelegen.

Den besten Beweis giebt aber die Urkunde des Deutschen Ordens vom 23. August 1356 1 ), nach welcher derselbe seine Hebungen aus Dassow (redditus in Dartsow) von dem Verkaufe seiner übrigen Güter ausnimmt. Dies sind wahrscheinlich die Einkünfte aus Vorwerk, welches später ganz an Dassow oder an den zu Dassow gehörenden Rittersitz Lütgenhof (d. i. der kleine Hof) kam; wahrscheinlich war dieser Besitz von dem Schwertbrüder=Orden auf den Deutschen Orden übergegangen.

Es ist noch eine nicht unwichtige Frage, wann und von wem das Gut Vorwerk den Schwertbrüdern verliehen sei. Das ratzeburger Zehntenregister muß in den ersten Jahren des Bischofs Gottschalk von Ratzeburg (1229 - 1233), ungefähr im J. 1230 abgefaßt sein 2 ); damals waren also die Schwertbrüder schon im Besitze des Gutes Vorwerk. Wahrscheinlich erhielten sie das Gut von dem Grafen Albrecht von Orlamünde, welcher von dem dänischen Könige Waldemar während des ersten Viertheils des 13. Jahrh. zum Statthalter von Nordalbingien eingesetzt war und sich Graf von Ratzeburg, Holstein, Stormarn, Wagrien, in den Urkunden je nach den zur Verhandlung stehenden Gegenständen, bald so, bald so, nannte. In einer interessanten Urkunde vom J. 1212 3 ) nennt er sich Graf der Lande Ratzeburg, Holstein und Dassow. Es ist also wahr=


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XIII.
2) Vgl. Arndt Ratzeb. Zehnt. Reg. S. 4.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. I.
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scheinlich, daß er, der mit Livland in vielfachem Verkehr war und seit 1216 längere Zeit dort kämpfte, den Rittern ein Vorwerk, eine Vorburg seiner mit der Trave in Verbindung stehenden Burg Dassow anvertrauete, welche damals noch in landesherrlichem Besitze und nicht zu Lehn ausgegeben war.

In der angeführten Urkunde vom J. 1212 schenkte der Graf Albrecht von Orlamünde dem Dom=Capitel zu Lübeck die jenseit des Mühlbaches liegende Hälfte des Mühlackers zu Seedorf 1 ) bei Dassow, welches Dorf das Dom=Capitel seit alten Zeiten gehabt hatte. Dies ist also urkundlich das Dorf im Lande Dassow, (una villa in Darsowe), welches der Herzog Heinrich der Löwe im J. 1164 dem Dom=Capitel zu Lübeck geschenkt hatte 2 ). In dem Vergleiche, welchen der Fürst Borwin im J. 1222 mit dem Bischofe Heinrich von Ratzeburg schloß 3 ) werden Güter im Lande Dassow genannt, welche sowohl Geistliche, als Weltliche der Stadt Lübek in Besitz hatten (bona quae sub se tenuerunt tam laici, quam clerici civitatis Lubicensis).

In der im J. 1260 erfolgten Bestätigung dieses Vergleiches werden diese Dörfer: Benekendhorp, Sedhorp, Johannestorp, Bunstorp et allodium prope Dartzowe genannt 4 ). In den bisherigen Abdrücken beider Urkunden sind sowohl diese, als andere Namen aus der Urkunde von 1260 vielleicht durch eine Randbemerkung, in die von 1222 hinübergenommen, obgleich sie in der Original=Urkunde von 1222 nicht stehen, sondern nur in der Urkunde von 1260, wie dies Arnd bekannt gemacht hat 5 ). Hiedurch löset sich Arnd's Zweifel auf, welches Dorf dem lübecker Dom=Capitel gehört habe, um so mehr, da im Zehntenregister selbst gesagt wird, daß der lübeker Domdechant den Zehnten des Dorfes Seedorf vom Bischofe zu Lehn trage. Eben so irrt er, daß das "allodium" einem lübeker "laicus" gehört habe, da die Schwertbrüder es besaßen. Die übrigen Dörfer werden im Besitze von Laien gewesen sein.

Ohne Zweifel ging bei der Verschmelzung des Ordens der Schwertbrüder mit dem Deutschen Orden im J. 1237 die Besitzung in Vorwerk auf den letztern über, da noch im J. 1356 der Deutsche Orden Einkünfte aus Dassow (redditus in Dartzowe) hatte und diese von der Veräußerung seiner meklenburgischen Besitzungen ausnahm, dieselben also in der Folge wohl besonders veräußert hat.



1) Ueber das Dorf Seedorf vgl. Note zur Urk. vom J. 1212.
2) Vgl. Schröder's Pap. Mekl. I, S. 421.
3) Vgl. das. S. 540 - 541.
4) Vgl. Schröder's Pap. Mekl. I, S. 680.
5) Vgl. Arnd Ratzeb. Zehnt. Reg. S. 29, Not. und S. 36.
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2.
Der preußische Orden der Ritter von Dobrin

in Meklenburg.

Auch der im J. 1225 gestiftete Orden der Ritter von Dobrin hatte Besitzungen in Meklenburg, wenn wir dieselben auch erst durch ihre Veräußerung kennen lernen. Am 28. Junius 1240 verkauften nämlich die Ritter Christi von Preußen (milites Christi Prucie) dem Jungfrauenkloster Sonnenkamp oder Neukloster den Hof Sellin 1 ). Diese Ritter Christi von Preußen sind nun keine andere, als die Ritter von Dobrin; zwar war schon der Deutsche Orden nach Preußen berufen, aber dieser wird nie mit dem Titel belegt, den allein und eigenthümlich die Ritter von Dobrin führen. Es ist auch ziemlich wahrscheinlich, daß die Dobriner Ritter Besitzungen in Meklenburg gehabt haben. Schon der Bischof Brunward von Schwerin hatte im J. 1219 einen Kreuzzug nach Preußen mitgemacht. Darauf war im J. 1225 der Orden von Dobrin gestiftet. Es wurden zuerst 14 deutsche Ritter als Ordensbrüder geweiht und einer aus ihrer Mitte, Namens Bruno ward zum Meister des Ordens erwählt. Die Mehrzahl der Ritter, deren Zahl nur sehr geringe blieb, waren Meklenburger, wie sich aus der folgenden Darstellung ergeben wird. Daher ist es auch wahrscheinlich, daß der Ordensmeister Bruno ein naher Verwandter des meklenburgischen Dynasten Thetlev von Gadebusch und vielleicht ein Bruder des Bischofs Brunward war 2 ).

Der Dobriner Orden zeigte sich unfähig, seinen Beruf zu erfüllen, und ward im J. 1234 mit dem 1226 nach Preußen gerufenen Deutschen Orden vereinigt. Mehrere Ritter von Dobrin erhielten sich jedoch als solche noch einige Zeit zerstreut und ein Ueberrest derselben empfing im J. 1235 ein Landgebiet am Bug, wo er spurlos verschwand. Ein anderer Ueberrest waren diejenigen Ritter, welche am 28. Junius 1240 vor dem Fürsten Johann auf der Burg Meklenburg ihren Hof Sellin an das Kloster Neukloster verkauften. Hier traten folgende 10


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. II und Mekl. Urk. II, Nr. XI.
2) Vgl. unten die Abhandlung über die Familie des Thetlev von Gadebusch.
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Ritter von Dobrin (milites Christi Prucie) auf, welche ich in Mekl. Urk. II, S. 23-24 fälschlich als Schwertbrüder bezeichnet habe:

Raven, Wedege, Conrad von Stur, Friederich von Lübow, Reinhard von der Lühe, Ulrich von der Lühe, Johannes, Heidenrich, Hermann, Heinrich von der Lühe, - Ritter Christi von Preußen.

Alle diese Ritter oder doch die meisten sind, wie ihre Namen ergeben, sicher Meklenburger, etwa aus der zweiten Generation der germanisirten Bevölkerung, deren Väter die Kreuzzüge nach Meklenburg unter Heinrich dem Löwen mitgemacht hatten. Stur am plauer See, der in den ältesten Zeiten den Namen Stursche See führte, und Lübow, der Hauptort bei der Burg Meklenburg, sind zwei uralte Ortschaften Meklenburgs, und die von der Lühe waren ein sehr altes, wahrscheinlich eingewandertes Rittergeschlecht, welche ihren Ursprung von dem Burgwalle Ilow herleiteten 1 ). Der Ritter Johannes ist vielleicht Johannes von Ratzeburg, welcher am 27. Oct. 1268 Comthur der Deutschen Ordens=Comthurei Krankow war. Raven ist ein bekannter meklenburgischer Name und Heidenrich ist vielleicht ein v. Bibow, da dieser Name dieser Familie eigenthümlich war. In den preußischen Urkunden werden 1230 zwei Dobriner Ritter (milites Christi de Prussia) Gerhard und Conrad als Zeugen genannt; der preußische Geschichtschreiber Voigt 2 ) schließt aus diesen "deutschen Namen", daß die beiden Ritter Deutsche gewesen seien; ich gehe noch weiter, indem ich vermuthe, daß jener Conrad der meklenburger Conrad von Stur gewesen sei, welcher 1240 den Hof Sellin mit verkaufte.

Die Ritter, welche in den Deutschen Orden übergingen, verkauften ihren Hof in Meklenburg, weil es mit ihrem Orden zu Ende war; wahrscheinlich verwandten sie die Gelder mit zum Ankaufe der Deutsch=Ordens=Comthurei Krankow, welche bald darauf im Besitze dieses Ordens erscheint. Sie schließen den Verkauf aber noch als Ritter des dobriner Ordens ab, weil sie als solche den Hof erworben hatten und ihr Orden gerade nicht aufgehoben war.



1) Vgl. Jahrb. VII, S. 161.
2) Voigt's Gesch. von Preußen II, S. 199.
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3.
Besitzungen des Deutschen Ordens

in Meklenburg

und sonstige Verhältnisse des Ordens zu Meklenburg.


Der im J. 1226 nach Preußen gerufene und im J. 1228 dort eingewanderte Deutsche Orden nahm schon früh darauf Bedacht, sich bei dem damaligen Haupthafen der Kreuzfahrer, der kräftigen Stadt Lübek, eine Niederlassung zu erwerben, nachdem er schon mehrere Besitzungen in Deutschland gewonnen hatte und 1219 die Hospitäler im Heiligen Lande zerstört waren. Am 28. Nov. 1226 nahm der Papst Honorius III. für die nach dem Heiligen Lande oder nach Livland und Preußen ziehenden Kreuzfahrer (cruce signati) den lübeker Hafen empfehlend in seinen Schutz 1 ), jedoch ist damals noch nicht von den Deutschen Rittern in Lübek die Rede.

Bald darauf suchten die Ritter des Deutschen Ordens sich dadurch zu helfen, daß sie das Hospital zum Heil. Geist in Lübek, welches der Rath aus eigener Macht gegründet hatte, für ihre Zwecke zu benutzen strebten. In einer jüngst entdeckten Urkunde 2 ), welche zwar nicht datirt ist, aber sicher ungefähr in das Jahr 1235 zu setzen ist, erklärt sich das lübeker Dom=Capitel über die Rechte und Vergünstigungen des Heil. Geist=Hospitals, welches in der kurz vorher erbaueten Kirche des Hospitals einen Altar errichtet hatte und durch einen eigenen Priester feierlichen Gottesdienst an demselben halten wollte. Darüber gerieth das Hospital mit dem eifersüchtigen Dom=Capitel in Streit; jedoch nicht so sehr hierüber, sondern auch deshalb, weil darauf der Rath gegen die Verabredung, das Hospital dem Deutschen Orden untergeben hatte ("domum - - in contemptum et prejudicium episcopi et ecclesiae Lubicensis domui theotonicae subjecerunt"). Hier ist offenbar


1) Vgl. Deecke Geschichte der Stadt Lübek, I, S. 182. Deecke irrt hier wohl, wenn er annimmt, daß durch diese Urkunde schon den Deutschen Rittern der lübeker Hafen geöffnet sei. Vgl. Lüb. Urk. Buch, I, S. 48, Nr 36. - Noch am 10. März 1235 wird der Bemühungen der Schwertritter für den lübeker Hafen gedacht; vgl. Lüb. Urk. Buch I, S. 75, Nr. 67.
2) Vgl. Dittmer: Das Heil. Geist=Hospital und der St. Clemens=Kaland zu Lübek, Lübek 1838, S. 100-103, und Lüb. Urk. Buch, I, S. 74, Nr. 66.
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schon vom Deutschen Orden die Rede. Die Ordensbrüder (fratres domus theotonicae) hielten feierlich Gottesdienst in der Hospitalkirche und beriefen sich dabei auf die ihnen ertheilten Privilegien; sie ließen sich auch in ihrem Thun nicht stören, wurden jedoch dafür von dem (zur Zeit der Ausstellung der Urkunde verstorbenen) Bischofe Barthold († 1235) 1 ) in den Bann gethan. Sie klagten deshalb beim Papste, wurden zwar vom Banne befreiet, erreichten aber ihren Zweck nicht. Das Hospital behielt aber noch lange manches von den Regeln des Johanniterordens und des Deutschen Ordens 2 ). Nach diesen Vorgängen muß der Orden sicher schon im J. 1234 in Lübek gewesen sein. Am 21. März 1236 werden auch zwei Ritter des Deutschen Ordens, neben zwei Rittern des Schwertbrüder=Ordens, als Zeugen in Lübek genannt 3 ).

"Als nun die Deutschen Ritter in Folge dieser Streitigkeiten mit dem Capitel hiervon abstehen mußten, ward das Haus in der Altenfähre 4 ), einer Straße in Lübek, neben der Burg, erworben, welches der Orden fortan besaß. Uebrigens mußte er den bürgerlichen Pflichten, namentlich den Geldleistungen, unbedingt genügen 5 )."

Nach der Vereinigung mit den Schwertbrüdern 1237 gewann der Deutsche Orden das Gut Vorwerk bei Dassow, an dem Dassower Binnensee der Trave, welches bis dahin den Schwertbrüdern gehört hatte; und nach der Vereinigung mit dem Dobriner Orden gewann der Deutsche Orden durch den Verkauf des dobriner Ordenshofes Sellin 1240 wahrscheinlich theilweise die Mittel zum Erwerb der Comthurei Krankow in Meklenburg, welche der Orden über hundert Jahre besaß.

Die größte Besitzung, welche der Deutsche Orden in Meklenburg gehabt hat, ist

die Comthurei Krankow.

Wir lernen die Verhältnisse fast nur aus den Urkunden über die Veräußerung derselben im J. 1355 kennen. Jedoch erlaubt die Entdeckung einer Urkunde vom 27. Oct. 1268 6 ), deren Original noch zur Zeit der Reformation bei dem Dorfschulzen zu Quale


1) Die Urkunde ist daher wohl nicht in das J. 1234, sondern in das J. 1235 zu setzen, weil der Bischof Barthold von Lübek als bereits verstorben erwähnt wird.
2) Vgl. Dittmer a. a. O. S. 102, Not.
3) Vgl. Lüb. Urk. Buch. I, S. 83, Nr. 75.
4) Die Altenfähre (antiquum passagium, antiquum vehre) sind zwei Straßen, die große und kleine Altenfähre, in der Stadt Lübek, bei der Burg nach der Trave hinab.
5) Nach Deecke's Darstellung a. a. O.
6) Vgl. Urk. Samml. Nr. III.
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aufbewahrt ward, Schlüsse auf die Erwerbung der Comthurei und auf deren ganze Geschichte. Nach spätern Urkunden 1 ) vom 21. Oct. 1355, 2. Febr. 1356 und 25. Julius 1381 bestand die Comthurei aus folgenden Dörfern:

Kl. Krankow, Sitz des Comthurs.
Gr. Krankow.
Peterstorf.
Quale.
Harmshagen.
Cimersdorf.
Gebekendorf.
In Friedrichshagen 6 Hufen.

Alle diese Dörfer liegen in der Nähe der Stadt Wismar, südlich von der Landstraße zwischen Wismar und Grevismühlen, in der alten Provinz Bresen, in der Herrschaft Meklenburg. Zur Zeit des ratzeburger Zehntenregisters um 1230 standen von diesen Dörfern: Kl. Krankow, damals noch von Wenden bewohnt und daher Wendisch=Krankow genannt (Sclauicum Crankowe, sclaui sunt, nullum beneficium est), Gr. Krankow, damals schlechtweg Krankow genannt, Quale, Cimerstorp, Friederichshagen, früher Fredebernshagen, darauf Frebbershagen genannt, und Harmshagen, früher Hermannshagen (villa Hermanni) genannt, welches damals ebenfalls noch von Wenden bewohnt ward (in villa Hermanni sclaui sunt, nullum beneficium est). Alle diese Dörfer gehörten zur Pfarre Gressow; nachdem aber aus der alten Pfarre Gressow (sicher vor 1320) die beiden Pfarren Gressow und Fredebernshagen (Friedrichshagen) gemacht waren, gehörten Gr. Krankow, Cimerstorf und Quale nach Gressow, Kl. Krankow und Hermannshagen nach Friedrichshagen 2 ). Das Dorf Petersdorf stand schon im J. 1268, nach der erwähnten Urkunde; dieses gehört jetzt zur Pfarre Beidendorf, wogegen 1230 Hermannshagen zu dieser Pfarre gehörte. Cymerstorf wird einige Male mit Hermannshagen und Friedrichshagen zusammengestellt und lag nach einer urkundlichen Aeußerung vom J. 1418 im Kirchspiele Gressow; in den J. 1404, 1414 und 1418 wird Cymerstorf noch genannt; es wird aber noch im 15. Jahrhundert untergegangen sein. Gebekendorf ist am spätesten gebauet und am frühesten untergegangen; im ganzen 15. Jahrh. wird es nirgends erwähnt.

Die Comthurei Krankow in ihrem ganzen Umfange muß schon im J. 1268 bestanden haben. Denn am 27. Oct.


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. IX, Xl und XVIII.
2) Vgl. Jahrb. XI, S. 416 flgd.
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1268 1 ) giebt der Comthur des Ordenshauses zu Krankow, Johannes von Ratzeburg, auf Rath des vormaligen Comthurs Heinrich von Holstein und anderer Brüder in Krankow den Bauern zu Quale die Hälfte des Holzes oder Grases in dem Fischteiche zu Petersdorf, wenn dieser Teich abgelassen und in Ackerland verwandelt werden sollte. Dieser Teich gab in spätern Zeiten noch öfter zu Streitigkeiten Veranlassung.

Damals lebten außer dem regierenden Comthur Johannes von Ratzeburg 2 ) und dem vormaligen Comthur Heinrich Holstein noch 4 Priesterbrüder: Adolph, Johann, Albert und Hermann, auf dem Hofe zu Krankow.

Da nun im J. 1268 die Verhältnisse der Comthurei schon geordnet erscheinen, so ist es wahrscheinlich, daß die Comthurei bald nach dem J. 1240 erworben und gegründet ward, als die Ritter von Dobrin nach Meklenburg heimkehrten und ihr Dorf Sellin verkauften. Wahrscheinlich gingen bei der Stiftung der Comthurei die Brüder von Dobrin als Deutsche Ordens=Ritter in die Comthurei Krankow über; vielleicht waren die ersten Comthure Dobriner Ritter. Der erste Comthur war wahrscheinlich Heinrich Holstein, welcher im J. 1268 resignirt hatte; in der nahen Pfarre Kalkhorst hatte um das J. 1230 nach dem Zehntenregister ein Heinrich Holstein mehrere Besitzungen.


Die meklenburgischen Fürsten, der in vollem Glanze blühenden Stadt Lübek benachbart, blieben stets in regem Verkehr mit dem Deutschen Orden. Der Fürst Johann I. der Theologe, unbezweifelt derjenige, unter welchem der Deutsche Orden die Comthurei Krankow erworben hatte, starb am 1. Aug. 1264. Sein ältester Sohn, Heinrich I. der Pilger, machte in den ersten Jahren seiner Regierung eine Kreuzfahrt nach Livland. Hier rettete er, unter dem Banner der Jungfrau Maria (also des Deutschen Ordens) kämpfend, im Getümmel der Schlacht ein dreijähriges heidnisches Mädchen, welches er taufen ließ, mit sich nach Meklenburg führte, sie an Kindes Statt annahm und unter dem Namen Catharine in's Kloster Rehna gab; am 8. Julius 1270 setzte er zu ihrer bessern Unterhaltung 4 Hufen in Parber 3 ) aus. - Wann dieser Kreuzzug


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. III.
2) Ein Ernst von Ratzeburg war 1273-1278 Landmeister in Livland.
3) Vgl. Lisch Urk. des Geschl. Maltzan I, Nr. XII und XIV, und unten Urkundensammlung; vgl. Rudloff M. G. II, S. 60, wo irrthümlich noch von Schwertrittern die Rede ist.
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statt gefunden habe, läßt sich noch nicht genau bestimmen. Im J. 1267 machte Tramate, Heerführer der Samoiten, mit diesen und den Litthauern einen Einfall in das Land bis Wenden. Darauf fielen die Russen in Dorpat ein und erregten einen heftigen Krieg, in welchem die Rigaer den Tramate in einer heftigen Schlacht beim Kloster Dünamünde schlugen, worauf der Deutsche Orden in Curland einfiel. Im J. 1269 fielen die Russen, Samoiten und Litthauer wieder verwüstend in Livland und Esthland ein; gegen diese sandte auch der König von Dänemark im J. 1270 ein Heer, welches, wenn auch mit Verlust, siegreich blieb. In diesem Kriege wird Heinrich der Pilger gefochten haben 1 ). Nach den bis jetzt bekannt gewordenen Urkunden Heinrichs des Pilgers ist in diesen eine Lücke zwischen 1269 und 1270; seine letzte Urkunde vor diesem Zeitraume ist vom 1. Mai 1269 (Lisch Maltzan. Urk. I, Nr. XL, S. 26), seine erste nach dieser Lücke vom 5. März 1270 (Jahrb. VII, Nr. XXXIII, S. 302 flgd.).

Ein jüngerer Bruder dieses Fürsten, Poppo, ward Kreuzträger oder Kreuzritter. Wir wissen über diesen nichts weiter, als daß die doberaner Genealogie vom J. 1370, welche wohl noch sichere Nachrichten gehabt hat, sagt: "Poppo fuit crucifer" 2 ). Höchst wahrscheinlich begleitete er seinen Bruder auf dem livländischen Kreuzzuge und trat hier in den Deutschen Orden.

Der Fürst Heinrich I. der Pilger hatte aber keine Ruhe zu Hause. Schon im J. 1272 nahm er das Kreuz zu einer Wallfahrt nach dem Heiligen Lande. Aber schon unterweges ward er von den Muhamedanern gefangen und nach Aegypten gebracht, wo er mit seinem getreuen Diener Martin Bleyer 25 Jahre lang in der Gefangenschaft schmachten mußte. Die Gemahlin des Fürsten, die edle Anastasia, gab sich alle ersinnliche Mühe, den Gemahl zu befreien. Sie legte bei dem Rath der Stadt Lübek 2000 kölln. Mark Silbers nieder, welche für die Befreiung des Fürsten dem Deutschen Orden zu Gebote stehen sollten. Aber am 14. Aug. 1289 berichtete der Präceptor Wirich von Homberg zu Akkon, Statthalter des Ordensmeisters im Heiligen Lande, daß zu der Zeit keine Hoffnung zur Befreiung des Fürsten vorhanden sei 3 ).

Durch solche Begebenheiten ward ein enges Band zwischen dem Orden und dem meklenburgischen Fürstenhause geknüpft.


1) Vgl. Monum. autiq. Livon. I, S. 132-133.
2) Vgl. Jahrb. XI, S. 18.
3) Vgl. Lü. Urk. Buch, I, Nr. 638 und 539, S. 489-490.
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Daneben wurden im 13. Jahrh. viele andere lebhafte Verbindungen mit Livland unterhalten. Die Stadt Wismar stand mit Livland in regem Verkehr und das Cistercienser=Kloster Dünamünde hatte mehrere Besitzungen in den diesseitigen Landen. Am 21. Dec. 1267 ward der edle Graf Gunzelin III. von Schwerin zum Schirmherrn des Erzbisthums Riga ernannt und sein Sohn Johann war 1294-1300 Erzbischof von Riga.


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Der Deutsche Ordens=Hof zu Wismar.

Der Fürst Heinrich II. der Löwe, Sohn des Pilgers, hatte zwar unter harten Kämpfen die übermüthige Stadt Wismar gedemüthigt und eine feste Burg in der Stadt gebauet 1 ); aber mit dem Wachsthum der Stadt stieg der Muth der Bürger, namentlich als der Löwe sich seinem Ende näherte. Dieser mochte auch den Trotz der Stadt fürchten und wünschte in Wismar eine beständige, gerüstete Beschirmung seiner Feste und eine Umgebung, welche ganz frei dastand, obgleich der Fürst nur selten in Wismar war. Er hatte daher einen Theil seines Hofes dem Comthur von Krankow und dem Deutschen Orden geschenkt. Kaum hatte aber dies die tobende Menge erfahren, als sie den Rath zwang, diese Schenkung wieder rückgängig zu machen. Am 12. Junius 1327 nahm der Fürst zu Sternberg seine Schenkung wieder zurück und versprach, nie einen Theil des fürstlichen Hofes an geistliche oder weltliche Personen zu veräußern, sondern den Hof allein zu Nutz und Ehre des Fürstenhauses zu bewahren 2 ). Heinrich der Löwe starb schon am 22. Jan. 1329 und hinterließ das Land zwei unmündigen Söhnen, welche er unter eine zu Wismar residirende Vormundschaft aus der Ritterschaft und den Städten gestellt hatte. Diese Wendung der Dinge nahm die Stadt sogleich wahr und zwang die Vormundschaft schon am 18. März 1329, die fürstliche Burg an die Stadt zu verkaufen, wogegen diese den Fürsten gestattete, ferner einen Hof in der Stadt bei der St. Georgen=Kirche, den jetzigen Fürstenhof, zu bewohnen, jedoch nur nach lübischem Rechte 3 ). So waren die Fürsten in Wismar auf die Rechte der Privatpersonen beschränkt.

Nachdem die Landesfürsten also eingeengt waren, hielt man es wohl nicht mehr für gefährlich, dem Deutschen Orden einen


1) Vgl. Jahrb. V, S. 8-9.
2) Vgl. Urk. Samml. IV.
3) Vgl. Jahrb. VII, S. 235.
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Wohnsitz in der Stadt Wismar einzuräumen. Am 30. Mai 1330 gestattete der Rath der Stadt dem Comthur Wynand von Krankow und seinen Nachfolgern den Besitz eines Hofes in der Stadt, jedoch nur zu lübischem Rechte, gleich den andern Höfen der Klöster Doberan und Cismar, und in Gemäßheit der Baupolizei der Stadt 1 ). Es ward ihnen zwar erlaubt, eine Capelle in dem Hause zu errichten; jedoch ward ihnen die Anlegung eines Kirchhofes bei dem Hause bis dahin untersagt, daß der Rath der Stadt von seinen "Gnaden" ihnen die Anlegung erlauben würde. Man sieht aus dieser Bestimmung klar den Einfluß der neidischen Geistlichkeit, welche ihnen nicht gestatten wollte, was der Papst ihnen längst eingeräumt hatte. Ferner ward ihnen zur Bedingung gemacht, weder Fürsten (heren, d. i. regierende Herren) und Ritter 2 ), noch andere Personen auf ihrem Hofe zu beherbergen, es wären denn Mitglieder des Ordens, den Hof an keinen andern zu verkaufen, verpfänden, verschenken oder sonst veräußern, als etwa an Bürger der Stadt mit Bewilligung des Rathes; innerhalb und außerhalb der Stadt weder liegende Gründe, noch Renten zu kaufen, es sei denn mit Bewilligung des Rathes. Für diese beschränkte Bewilligung mußte der Orden dem Rathe der Stadt versprechen: für den Rath und die Stadt zum Besten derselben zu arbeiten, zu reiten (d. i. Sendungen zu übernehmen) und Geschäfte auszuführen, jedoch auf Kosten der Stadt, die Stadt bei Belagerungen vertheidigen zu helfen, an Stadtabgaben jährlich zu Martini 2 Mark lüb. Pf. zu bezahlen und auf ihre Kosten um ihren Hof Steinpflaster legen und bessern zu lassen. Endlich mußte der Orden versprechen, daß die Stadt und deren Einwohner ihre schiffbrüchigen Güter in allen Ländern des Ordens, wo sie an's Land treiben würden, ungehindert und frei genießen sollten. Es sollten auf dem Hofe zu Wismar nie mehr als ein Comthur und vier Ordensbrüder wohnen. - An demselben Tage mußte der Landmeister von Livland, Eberhard


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. V.
2) In der Urkunde steht: "Vortmer heren, ritter ofte andere personen scholen se nicht herberghen." Man muß hier zwischen heren und ritter ein Komma setzen; unter "heren" sind bekanntlich Landesherren zu verstehen, namentlich wenn neben ihnen Ritter aufgeführt werden. Dieselbe Bedingung müßte auch den Klöstern Doberan, Cismar und Neukloster beim Erwerb ihrer Höfe eingehen: "Dominis, militibus aut quibuslibet aliis "personis suspectis nulla hospitalitatis beneficia praebebimus." Schröder im Pap. Mekl. (I, S. 970, 973, 975) läßt zwischen den Worten "dominis militibus" und "heren ritter" das Komma weg und erklärt im Register unter dem Worte "milites Christi" die "domini milites" oder "heren ritter" fälschlich für milites Christi oder Deutsch=Ordens=Ritter, welche hiernach gar nicht in Wismar hätten geduldet werden sollen.
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von Monheim, neben dem krankower Comthur Wynand die Haltung aller dieser Bedingungen geloben 1 ).

Seit dieser Zeit wird der Comthur von Krankow auch Comthur von Wismar genannt, da er fortan seinen Hauptsitz wahrscheinlich zu Wismar nahm 2 ); der Hof zu Wismar gehörte aber zur Comthurei Krankow und beide standen unter dem Landmeister von Livland.

Wo der Hof des Deutschen Ordens in der Stadt gestanden hat, ist nicht mehr zu ermitteln. Nach Schröder's Angaben 3 ), die er ohne Zweifel den alten Stadtbüchern entnommen hat, gab es in der Stadt einen Kreuzherrenhof ("curia cruciferorum") und sogar eine Straße der Ritter Christi ("platea militum Christi"): Andeutungen, daß die Deutschen Ordensritter, die hier sicher gemeint sind, eine neue Straße anlegten und hier ihren Hof aufführten. Jedenfalls waren die Ritter nicht ohne Bedeutung für die Stadt, da man ihnen gestattete, eine Straße nach sich zu benennen.

Die Brüder des Deutschen Ordens waren nicht nur für Wismar, sondern auch für den Orden von Wichtigkeit, namentlich bei der Bedeutsamkeit der Stadt Lübek. Nachdem z. B. der König Waldemar von Dänemark im J. 1346 Esthland an den Orden verkauft hatte, war der Comthur Adam von Wismar wiederholt Bevollmächtigter des Ordens in Lübek bei der allmähligen Auszahlung der Kaufgelder. So war er am 19. Dec. 1346 in Lübek und besorgte mit zwei andern Brüdern die Zahlung von 6500 Goldgulden an den König; eben so war er bei ferneren Zahlungen am 28. Jun. 1347 und 22. Jul. 1349 in Lübeck gegenwärtig: er heißt hier immer "frater Adam cornmendator de Wismaria" 4 ).

Ueberhaupt sind Denkmäler des Deutschen Ordens weder in der Kirche zu Cressow, noch in Wismar aufzufinden gewesen. Da den Rittern in Wismar kein eigener Kirchhof erlaubt war, so ließ sich vermuthen, daß sich in andern Kirchen Spuren von den Rittern finden könnten. Die einzige Andeutung, welche aber


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. VI.
2) Vgl. Commendator in Wismaria: Urk. vom 21. Oct. 1355; - Commondator in Crancowe et in Wismar: Urk. vom 22. Mai 1556; - Commendator in Krankowe et curiae in Wismar: Urk. vom 29. Jan. 1356.
3) Vgl. Schröder's Beschreibung der Stadt und Herrschaft Wismar, S. 268 und 273. - Nach Ansichten, die ich wohl in Wismar vernommen habe, dürfte die jetzige Baustraße die ehemalige Ritterstraße sein.
4) Die Urkunden sind gedruckt in Monumenta antiquae Livoniae, Bd. III, 1842, und daselbst in Moritz Brandis Collectaneen, herausgegeben von Paucker, S. 60-61, 71 und 79. - Vgl. auch Napiersky Index corporis historico=diplomatici Livoniae, Esthoniae, Curoniae, Bd. I, 1833, S. 95 flgd.
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trotz aller Forschungen bemerkt ist, ist ein Leichenstein in der Dominikanerkirche zu Wismar. In der Mitte dieser Kirche liegt nämlich ein sehr alter Leichenstein, welcher ganz eigentümlich ist: auf diesem Steine ist in der Mitte ein großer Schild von ganz alter, einfacher, strenger Form eingehauen; in dem abgegrenzten Rande des Schildes steht die Umschrift:

Umschrift

(= Inschriftskreuz Hic requiescit Johannes filius domini Adae = Hier ruhet Johannes, ein Sohn des Heern Adam).

Auf diesem Schilde steht nichts weiter als wieder ein kleiner Schild, auf welchem nur ein Kreuz in alter Form steht, dessen oberer Perpendiculairbalken über den kleinen Schild hinausragt Kreuz . Nach den Zügen und dem ganzen Charakter der Buchstaben stammt dieser Leichenstein aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, aus der Zeit, als Adam Comthur zu Wismar war. Dessen Sohn hat er nun nicht gut sein können, wenn Adam nicht etwa ein Halbbruder des Ordens war, was jedoch nicht wahrscheinlich ist. Es scheint aber, als wenn dieser Leichenstein das Grab eines Bruders oder Halbbruders des Deutschen Ordens deckt, der vielleicht zur Familie v. Holstein gehörte. Auch scheint es hiernach, als wenn die Brüder des Deutschen Ordens ihre Gruft in der Dominikanerkirche hatten, neben welcher die alte fürstliche Burg stand, wenn auch mehrere Anzeichen darauf hindeuten, daß die Ritter sich an die St. Georgen=Kirche schlossen, neben welcher der Fürstenhof liegt und welche die Landesherren besuchten.

Der Großherzog Friederich Franz I. ließ im Anfange dieses Jahrhunderts durch den Hauptmann Zink in Marnitz nach Denkmälern der "Kreuzritter" forschen, da die Sage von Besitzungen dieser Ritter in Marnitz berichtete. Es ward jedoch nichts gefunden; auch leitet keine urkundliche Spur auf Ordensbesitzungen in Marnitz.


Verkauf der Ordensgüter.

Im J. 1355 verkaufte der Orden seine Güter in Meklenburg. Die Verhältnisse hatten sich im Laufe der Zeiten geändert: der Orden war in den fernen Ostseeländern zu einem abgerundeten, gesicherten Länderbesitze gekommen, die Kreuzzüge hatten längst aufgehört und der Verkehr mit Lübek, um dessentwillen dem Orden der Güterbesitz in Meklenburg vorzüglich an=

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genehm gewesen war, hatte sich auf Verwaltungsbetrieb und Handelsverkehr beschränkt. Vorzüglich aber nahm der Kauf von Esthland die Kräfte des Ordens auf ungewöhnliche Weise in Anspruch, so daß er seine entfernt liegenden Besitzungen, die ihm keinen besondern Nutzen mehr brachten, zu veräußern kein Bedenken trug.

Den Verkauf besorgten Hermann von Wechelt, Comthur zu Krankow und Wismar, und der Priester Jakob von Stove, Pfarrer der St. Georgenkirche zu Wismar, beide Halbbrüder des Ordens, als zu diesem Zwecke besonders beauftragte Abgeordnete des Landmeisters von Livland; beide waren sicher nur Halbbrüder des Ordens, da beide in den Urkunden vom 21. Oct. 1355 und 22. Mai 1356 ausdrücklich "confratres" genannt werden, eine Bezeichnung, die für die Halbbrüder eigenthümlich war (vgl. oben S. 12).

Die Comthurei Krankow ward an den meklenburgischen Vasallen Marquard von Stove d. ä. verkauft. Dieser war ohne Zweifel mit dem Pfarrer Jakob von Stove aus derselben Familie. Durch die Vermittelung des letztern hatte der erstere wahrscheinlich zu den esthländischen Kaufgeldern Geld hergeschossen; denn obgleich der förmliche Verkauf der Comthurei erst im J. 1355 und 56 abgeschlossen und bestätigt ward, gewann Marquard von Stove schon seit dem J. 1349 Rechte an der Comthurei, welche vermuthen lassen, daß er schon in Beziehungen zu dem Orden stand, zumal zu einer Zeit, als gerade der Orden Geld gebrauchte; vielleicht wurden ihm schon im J. 1349 die Comthurei=Güter verpfändet.

Am 31. Dec. 1349 überließen nämlich die Herzoge Albrecht und Johann von Meklenburg dem Marquard von Stove alle landesherrlichen Rechte an allen zu der Comthurei Krankow gehörenden Gütern, namentlich das Eigenthumsrecht, die Bede, den Geldzehnten, die Dienste und die höchste Gerichtsbarkeit 1 ), wie des Herzogs Vater und Vorfahren diese Rechte bis dahin besessen hatten; der Orden hatte also die Güter nicht mit den gewöhnlichen Privilegien geistlicher Güter, sondern nur zu Vasallenrecht besessen. Zugleich versprachen die Herzoge dem Marquard von Stove, für den Fall, daß er die Güter von dem Deutschen Orden erwerben würde, alle Urkunden und Versicherungen, welche die Herzoge von Meklenburg dem Orden auf die Comthurei gegeben hätten, auch ihm zu halten, wie dem Orden. Am 22. Julius 1351 bestätigte der Herzog Johann, der jüngere Bruder des Herzogs Albrecht, welcher eine Landestheilung


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. VII.
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erstrebte, dem Marquard von Stove alle Urkunden, welche ihm sein Bruder, der Herzog Albrecht, ausgestellt haben möchte 1 ).

Am 21. Oct. 1355 bestätigte der Herzog Albrecht von Meklenburg dem Knappen Marquard von Stove das erbliche Eigenthumsrecht des Comthureihofes Krankow mit den dazu gehörenden Dörfern Krankow, Petersdorf, Quale, Simersdorf, Hermannshagen, Gebekendorf und 6 Hufen in Vredebernhagen 2 ), wie der Deutsche Orden durch seine Bevollmächtigten und Mitbrüder, Hermann v. Wechelt 3 ), Comthur zu Wismar und Krankow, und Jakob Stove, Pfarrer an der St. Georgen=Kirche zu Wismar, diese Güter an den Knappen Marquard von Stove d. ä. für 1000 Mark reinen Silbers verkauft hatte, und zwar zu denselben Gerechtigkeiten und Freiheiten, mit denen der Orden diese Güter bis dahin besessen hatte, mit dem Eigenthumsrechte, mit der höchsten und niedern Gerichtsbarkeit, mit den Beden und allen andern landesherrlichen Hebungen, so daß die Landesherren sich an den Gütern keine Gerechtigkeit vorbehielten; zugleich verlieh der Herzog dem Marquard v. Stove und seinen Erben das Recht, die Güter ganz oder theilweise an jedermann auf jede Weise zu veräußern.

Am 2. Febr. 1356 versicherte der Herzog Albrecht dem Marquard von Stove noch besonders in einer eigenen Urkunde, daß, wenn dieser die Comthurei=Güter ganz oder zum Theil veräußern würde, der künftige Besitzer dieselben Rechte an den Gütern haben solle, welche dem Marquard von Stove an denselben gehabt habe und der Orden besessen hatte 4 ). Am 23. Aug. 1356 zu Marienburg 5 ) bestätigte der Hochmeister des Ordens Winrich von Kniprode den im Auftrage des Landmeisters von Livland, Goswin von Herike, an Marquard v. Stove geschehenen Verkauf der Comthurei Krankow, mit Ausnahme des Ordenshofes in Wismar und der Hebungen in Dassow (redditibus in Dartzow exceptis), welche wahrscheinlich noch von den Schwertbrüdern erworben und von diesen auf den Deutschen Orden übergegangen waren.

Der Comthurei=Hof in Wismar ward bald darauf veräußert. Am 29. Jan. 1356 verkauften 6 ) der Comthur Hermann von Wechelt und der Pfarrer Jakob von Stove den in der


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. VIII.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. IX.
3) Der Name des Comthurs wird Wechelte, theils Wecholte geschrieben, in den Original=Urkunden Wechelte. Es scheint daher, als wenn er nicht zu der Familie von Wacholt gehörte, welche in frühern Zeiten in Meklenburg ansässig war.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. XI.
5) Vgl. Urk. Samml. Nr. XIII.
6) Vgl. Urk.. Samml. Nr. X.
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Stadt Wismar gelegenen Hof des Ordens dem Rath der Stadt Wismar für 420 Mark lübischer Pfenninge, von denen 20 Mark gleich gezahlt waren, die übrigen 400 Mark aber bei der Auslieferung des Consenses des Landmeisters von Livland in Lübek gezahlt werden sollten. Die Einwilligung des Landmeisters Goswin von Herike 1 ) erfolgte am 22. Mai 1356.

Der Comthur Hermann von Wechelt war während der Verhandlungen gestorben.

Die Hebungen aus Dassow werden auf andere Weise veräußert sein; sie verschwinden fortan aus der Geschichte.

So hörten die engern Beziehungen Meklenburg's zu dem Deutschen Orden im J. 1356 auf längere Zeit ganz auf.


Die Comthure und Brüder des Ordens
in Meklenburg.

Heinrich von Holstein, Comthur, vor 1268.

Johann von Ratzeburg, Comthur, 1268.

Adolph,
Johann,
Albert,         Priester=Brüder 1268.
Johann,

Wynand, Comthur, 1330.

Adam, Comthur, 1346-1349.

Hermann von Wechelt, Comthur, 1355 † 1356.

Jakob von Stove, Pfarrer zu St. Georg in Wismar, Halbbruder des Ordens 1355-1356.

Siegel der Comthurei vgl. zur Urkunde vom 29. Jan. 1356.


Die Familie von Stove, welche nun einige Zeit im Besitze der Güter der Comthurei Krankow blieb, ist schwierig zu erforschen. Es gab mehrere Orte dieses Namens, von denen die Familien benannt sein könnten: Stove im Fürstenthume Ratzeburg, Stove bei Neu=Bukow, im Mittelalter dem Dom=Capitel zu Lübek gehörend, Gr. und Kl. Stove bei Rostock, Stoven (jetzt Staven) bei Friedland im Lande Stargard, ehemals zur Johanniter=Comthurei Nemerow gehörig, und früher vielleicht noch mehr Güter dieses Namens, wie Schröder P. M. I., S. 998 noch ein "Stowe im plauschen Amte" angiebt. Von diesen Orten gab es verschiedene, gar nicht verwandte Familien gleiches Namens 2 ), welche jedoch alle


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XII.
2) Ueber die Familie von Stoven im Lande Stargard vgl. Jahrb. IX, S. 35 flgd. (  ...  )
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bisher sehr unbekannt geblieben sind. Die hier zur Frage stehende Familie, welche auf kurze Zeit die Comthurei Krankow besaß, stammte ohne Zweifel von Stove aus dem Bisthume Ratzeburg. Der Stammvater ist sicher jener Rebernus von Stove, welcher im Anfange des 13. Jahrh. im westlichen Meklenburg auftritt z. B. zu Gadebusch 1238: Rembernus et frater suus Corvus (=Raven) de Stove, 1237 Rembernus de Stoven (Lisch Hahnsche Urk. I, B, S. 18 und 25), und in einer andern Urkunde des Klosters Rehna 1246 Reimbernus et Reimbernus milites de Stove et Karlowe. Er stiftete die Stadt Stavenhagen, im Mittelalter Stovenhagen genannt, und im J. 1252 das Kloster Ivenack (vgl. Jahresber. VI, S. 103). Die Familie hielt sich jedoch bis zu ihrem Erlöschen in der Gegend ihres Stammsitzes Stove im Ratzeburgischen. Dieser kam freilich früh aus der Familie; denn am 8. April 1377 tauschte der Bischof Heinrich von Ratzeburg den Hof Stove mit den dazu gehörenden Gütern von Dethlof von Gronow ein (vgl. Masch Bisth. Ratzeburg, S. 279) und bauete hier ein Schloß zum Bischofssitze. Vielleicht hatte Marquard von Stove diese Güter an Dethlof von Gronow veräußert, als er 1355 die Comthurei Krankow kaufte. Noch im J. 1356 überließ "Raven dictus de Pentze" die bisher von ihm zu Pfandrecht besessenen Güter zu Gr. Rüntz ("Dützen Rosenitz in terra Godebuss"), nahe bei Stove, dem Marquard von Stove d. ä. Am 14. Aug. 1388 gab der Ritter Droste von Stove seine Zustimmung zur Veräußerung von 2 1/2 Hufen in Falkenhagen bei Rünz, welche ehemals Otto von Stove besessen hatte (vgl. Masch Bisth. Ratzeb., S. 285). Im 15. Jahrh. sehen wir die Familie von Stove auf Kitlitz im Lauenburgischen, in der Pfarre Mustin bei Ratzeburg, wo 1449 Henning von Stove und 1473 dessen Sohn Dethlof von Stove (to Kistlesse in deme kerspele to Mustin) wohnten (vgl. von Kobbe Gesch. von Lauenburg III, S. 256). Die


(  ...  ) Eine andere Familie, welche auch wohl von Stove genannt ist, wird in den Urkunden von Stuve genannt. Im J. 1326 verkauften der Priester Johannes und der Knappe Bruno genannt Stuven (" Stvuen"), Brüder, das Dorf Matersen ("Matheriz, Matrizze, Matrisse") an das Kloster Dobbertin und die Ritter Mathias und Nicolaus von Axeeow und die Knappen Dietrich und Heinrich Clawen leisteten mit ihnen Gewähr. Bruno Stuve führte drei aufsteigende Löwen im Siegel  . Im J. 1387 verkaufte Claus Stuve ("Sthůue")(liegendes o über u) drei freie Hufen zu Starkow an Gottschalk Bassewitz und im J. 1392 erhielt Busse von Kalant die Erlaubniß, das halbe Gut Stove ("Sthoue"), welches seine Frau, Gottschalk's von Stove ("van Sthoue") Tochter, von ihrem Vater geerbt hatte, zu veräußern. - Vielleicht führten von dieser Familie Burg und Dorf Stuvendorf bei Plau (vgl. Jahrb. XIII, S. 402) den Namen. Dies ist auch vielleicht das Gut Stowe, welches nach Schröder a. a. O. im Amte Plau liegen soll.
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Familie mag im 16. Jahrh. untergegangen sein. - Das Wappen dieser Familie soll nach der Beschreibung zu der Urk. vom 25. Junius 1381 ein Dreiblatt gewesen sein; nach Mittheilung meines Freundes Masch führte aber Dethlof von Stove einen rechten Schrägebalken im Schilde, wie das Wappen auch in von Meding I, S. 596 angegeben ist; nach Mittheilung meines Freundes Gentzen zu Neu=Strelitz hat auch das Siegel des Henning von Stove 1449 einen rechten Schrägebalken im schraffirten Schilde.

Die Familie von Stove blieb ein Vierteljahrhundert im Besitze der Güter der ehemaligen Comthurei Krankow.

Der Knappe Marquard von Stove, der Erwerber dieser Güter, hatte in seinem letzten Willen die Stiftung einer Vicarei aus diesen Gütern ausgesprochen. Sein Sohn, der Ritter Droste von Stove, erfüllte in vollem Maaße in kindlichem Gehorsam den Willen seines Vaters, bauete auf seine eigenen Kosten an der Südseite der St. Georgenkirche zu Wismar eine Capelle 1 ) und dotirte 2 ) am 16. Mai 1371 den Altar derselben mit den Einkünften von 10 Hufen des Dorfes Quale, mit allen Freiheiten und Gerechtigkeiten, allein mit Ausnahme der Landbede, welche er sich und seinen Erben vorbehielt. Die Verleihung dieser Pfründe behielt er sich, seinen Söhnen und dem Sohne seines Bruders Otto, Marquard, vor und bestimmte, daß nach ihrer aller Tode das Patronat der Vicarei auf die Herzoge von Meklenburg übergehen solle. Der erste Besitzer der Pfründe war Johann Swalenberg, Domherr zu Schwerin, Pfarrer zu Gadebusch und Kanzler des Herzogs Albrecht 3 ); nach seinem Tode sollte die Vicarei stets nur einem wirklichen Priester verliehen werden, der seine persönliche Residenz in Wismar zu halten verpflichtet sei. - An demselben Tage gab der Pfarrer der St. Georgenkirche seine Zustimmung zu dieser Stiftung, unter der Bedingung, daß der Vicar täglich Messe lese und an hohen Festtagen und bei feierlichen Leichenbegängnissen zur Disposition des Pfarrers stehe. - Der Herzog Albrecht hatte bereits am 5. Mai 1371 seine Einwilligung gegeben und dem Ritter Droste von Stove das Eigenthumsrecht an den 10 Hufen in Quale zu diesem Zwecke abgetreten 4 ) und


1) Vgl. Urk Samml. Nr. XVl.
2) Die Fürsten=Capelle war am Ostende der Südseite der St. Georgenkirche angelehnt und stand also nahe bei dem verdeckten Gange von dem Fürstenhofe, welcher hinter dem Altare einmündete. Die Capelle ist abgebrochen. An der Ostwand der Kirche (in parte australi ante capellam principum terrae) vor der Fürsten=Capelle stand die Gramkower Capelle (Schröder's Wism. Erstl. S. 29.
3) Vgl. Jahresbericht III, S. 127 und 130.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. XV.
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der Bischof Heinrich von Ratzeburg bestätigte am 8. Julius 1371 die Stifung 1 ).

Diese fette Pfründe ward in spätern Zeiten Gegenstand vielfacher Streitigkeiten.

Der Ritter Droste von Stove verkaufte am 25. Julius 1381 die sämmtlichen Güter der ehemaligen Comthurei Krankow an die Brüder Henning und Hans von Stralendorf 2 ) mit allen Gerechtigkeiten, mit welchen er sie von seinem Vater ererbt hatte, also eben so wie sie der Deutsche Orden besessen hatte, und überließ ihnen und ihren Erben zu ewigen Zeiten zugleich das Patronat der in Quale fundirten Vicarei in der St. Georgenkirche. Diese Ueberlassung war gegen die ausführliche Bestimmung der Stiftungsbriefe, nach denen die Herzoge von Meklenburg nach dem Ableben der nächsten Generation der Familie von Stove zum Besitze des Patronats (leenware) kommen mußten.

Im J. 1414 theilten die Brüder Heinrich, Vicke, Henning, Heyne und Hans v. Stralendorf zu Crivitz ihre väterlichen Güter in 5 Theile: 1) Kl. Krankow und die Einlösung von Hoppenrade; 2) Zurow und Glosenhagen (Glashagen) und das Eigenthum zu Rakow, Friedrichsdorf und Moltenow (Oltena); 3) Critzow, Fahren und Moltow ("Moltekow"); 4) Gr. Krankow, Petersdorf und Quale; 5) Hermannshagen, Zimerstorf und Friedrichshagen ("Bredeberneshagen"). (Gebekendorf existirte nicht mehr.)

Die Güter blieben lange im Besitze der Familie von Stralendorf. Im J. 1635 wurden Gr. Krankow, Quale, Petersdorf und Bobest an den Oberst=Lieutenant Christoph v. Zülow verkauft und im J. 1785 verkaufte der Lieutenant v. Stralendorf die Lehngüter Kl. Krankow und Neuhof mit dem dazu gehörenden Bauerdorfe Harmshagen an den Grafen Moritz von Lynar zu Altona, Schwiegersohn der Geheimen Räthin v. Rantzau, geb. v. Levetzow.

Bis zur Reformation behaupteten sich die v. Stralendorf im Besitze des Patronats der Vicarei. Im ersten Viertheil des 16. Jahrh. besaß der bekannte schweriner Domherr und Cantor Peter Sadelkow diese Pfründe; dieser resignirte im J. 1519 oder 1520. Am 4. Febr. 1520 präsentirte 3 ) Joachim von Stralendorf auf Trams zu dieser Vicarei den Dr. Johann Knutze 4 ), Domherrn zu Schwerin, Lübeck und Schleswig, Propst zu Lüneburg, 1528-1534 Pfarrer an der Marien=


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XVI.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. XVIII.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLI.
4) Vgl. Jahrb. X, S. 196.
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kirche zu Wismar, reich mit Pfründen versehen, einen hochgefeierten Mann, den "König der Papisten". Nach den spätern Acten war aber der Dr. Knutze auf die stralendorfsche Präsentation nicht "instituirt", sondern von den Herzogen mit der Pfründe beliehen; deshalb hatten die von Stralendorf ihre Präsentationsurkunde wieder an sich genommen. Nach den Visitations=Protocollen war die Vicarei "ein gestlich Fürstenlehn, dem Dr. Johannes Knutze von beiden Fürsten 1520 verliehen". Die Fürsten nahmen sich der Vicarei eifrig an, da auch das Patronat der St. Georgenkirche zu Wismar ihnen " mit dem "Dom=Capitel zu Ratzeburg" gehörte; die Herzoge hatten ihren Residenzhof unmittelbar neben dieser Kirche und besuchten, wenn sie in Wismar waren, diese Kirche als ihre Hofkirche; deshalb hatten sie auch im J. 1516 einen verdeckten Gang von dem Fürstenhofe nach der Kirche bauen lassen 1 ); die Herzoge wohnten in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. viel in Wismar und die Herzoge Heinrich der Friedfertige und Johann Albrecht I. hatten 1513 und 1554 den Fürstenhof neu aufführen lassen 2 ). Da die Fürsten das Patronat der Kirche und der Kapelle besaßen, so hieß die Kapelle im 16. Jahrh. die "Fürstenkapelle".

Der Dr. Johannes Knutze "zu Bützow" starb am 3. Junius 1546 3 ); er war der letzte Papist, der die Pfründe besaß. Nach seinem Tode bemächtigten sich die v. Stralendorf der Vicarei, d. h. mit den Gütern in ihrem Gute Quale, in einer Zeit, wo jeder, der nur Gelegenheit hatte, seine Hand nach geistlichem Gute ausstreckte. Der Herzog Heinrich entsetzte sie jedoch wieder und gab das Lehn dem Johann Riebling, seit 1537 erstem meklenburgischen Superintendenten und Prediger zu Parchim, welcher im J. 1554 starb. Bald darauf hatte der Herzog Ulrich das Lehn eingezogen, weil es "in seiner Gemahlin Amt" lag. Hierüber beschwerten sich die Vettern Heinrich und Achim v. Stralendorf zu Krankow und Trams und erhoben im J. 1563 Klage, welche in der Zeit von 1573-1583 lebhaft fortgeführt und selbst vor das Reichskammergericht gebracht ward. Die von Stralendorf brachten die Urkunden nur in beglaubigten Abschriften bei; der Herzog Ulrich forderte aber die Vorlegung der Original=Urkunden 4 ). Aber auch selbst nach den beglaubigten Abschriften, so behauptete der Herzog, gehöre das "Lehn"


1) Vgl. Jahrb. V, S. 13-14.
2) Vgl. Jahrb. V, S. 12 und 15.
3) Vgl. Jahrb. X, S. 196.
4) Vgl. auch die Note zur Urk. vom 25. Julius 1381, dessen beglaubigte Abschrift auch die Bemerkung enthält:
"Exemplis non credimus, nisi originalia videamue".
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zu Quale nicht zu den von den v. Stralendorf erkauften Gütern, sondern es sei ihnen nur die "Lehnwahr" (Präsentation) überlassen, und auch diese sei ihnen nur aus Freundschaft zugestanden; das zur Vicarei gehörende Gut in Quale gehöre der St. Georgenkirche zu Wismar zur Fürsten=Kapelle. Auch die schon im J. 1268 beurkundete Benutzung des Teiches an der Grenze von Quale und Petersdorf kam in diesem Streite wieder zur Sprache.

Am 26. April 1587 schloß der Herzog Ulrich mit den Vettern Joachim und Johann v. Stralendorf auf Trams und Krankow wegen des zur "fürstlich meklenburgischen Kapelle in St. Jorgens Kirche zu Wismar" gehörenden Lehns zu Quale und der dazu gehörenden 5 Bauleute zu Quale, auch wegen Stauung des krankower Teiches durch Vermittelung fürstlicher Commissarien einen Vertrag: daß die Lehnshebung ungeschmälert aus den Bauerhöfen und den dazu gehörenden 10 Hufen demjenigen, welchem die Fürsten die Lehnshebung verleihen würden, nämlich 30 Mk. lübisch und statt des Rauchhuhns, Topfflachses und Zehntlammes von den Inhabern der Höfe und Hufen 3 Mk. lübisch und 12 ßl., auf Martini alljährlich entrichtet werden sollten. Was die Dienste betraf, so sollte ein jeder Hüfener den v. Stralendorf wöchentlich einen Tag mit Pferden und in jeder zweiten Woche einen Tag zu Fuße, in der Roggen= und Gersten=Aernte aber wöchentlich 2 Tage mit Pferden und 1 Tag zu Fuße dienen, wobei die Stralendorf den Lehnsbauern wie gewöhnlich Essen und Trinken reichen sollten. Das höchste und "sideste" Gericht über die Lehnbauern sollten aber die v. Stralendorf hinfort allein haben. Wegen der Stauung des krankower Teiches sollte die Irrung, welche auf Erkenntniß der Grenzmale zwischen Quale, Krankow und Petersdorf beruhe und wie der Teich vor 40 Jahren gestauet gewesen sei, einer Commission zur Untersuchung und Entscheidung anheimgestellt werden. Hiemit sollten alle Rechtshändel aufgehoben sein.


Fernere Berührungen des Deutschen Ordens mit Meklenburg.

Während der Zeit des Besitzes der Comthurei Krankow stand Meklenburg sicher in vielen Berührungen mit dem Deutschen Orden.

Viele Meklenburger hatten sich entweder geradezu oder über Dänemark in den fernen Ostseeländern angesiedelt. Als der

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König von Dänemark im J. 1318 seine dänisch=esthländischen Vasallen wegen ihrer ritterlichen Thaten mit Erbgütern belehnte, waren unter diesen die meklenburgischen Edelleute Gottschalk Preen, Gödeke von Oertzen, Lambrecht Berkhahn und Johannes Hahn 1 ). Von diesen Familien sind in jenen Gegenden nur noch die Hahn in Kurland übriggeblieben. Im 15. Jahrh. waren die Hahn Vasallen der Diöcese Reval; im J. 1476 ward aber Heinrich Hahn von dem livländischen Heermeister mit dem Gute Postenden in Kurland belehnt, welches bis heute der Hauptsitz der kurländischen Barone Hahn geblieben ist.

Aus dieser Hahnschen Linie stammte ohne Zweifel der livländische Ordensmeister Reimar 1323-1328 2 ). Im J. 1323 war Reimar Hahn Comthur zu Wenden und als solcher mit dem Vogt Nicolaus von Parsow zu Karkus und Georg Wust, wahrscheinlich auch Meklenburger (v. Passow und Wuste), am 18. Jul. d. J. auf einer Gesandtschaft an den Rath zu Lübek 3 ). Sicher ist der nicht mit seinem Zunamen bekannte livländische Ordensmeister Reimar eben dieser frühere Comthur Reimar Hahn.

In noch wichtigeren Berührungen kam Meklenburg mit den fernen Ostseeländern durch die Erhebung des meklenburgischen Prinzen Albrecht auf den schwedischen Königsthron im J. 1363.

In den ersten Kriegen mit Dänemark schloß der König Albrecht am 30. Jul. 1368 im Feldlager zu Agatorp in Schonen ein Hülfsbündniß mit dem Bischofe Conrad von Oesel 4 ).

Es sind uns aus der Zeit der Regierung des Königs Albrecht und des Lebens seines großen Vaters Albrecht († 1379) nur wenige Berührungen mit dem Orden bisher bekannt geworden. Wir wissen nur, daß um das J. 1378 der Hochmeister Winrich von Kniprode mit dem Könige Albrecht eine Uebereinkunft wegen Verkaufs oder Verpfändung der Landschaften Wiburg, Aland und Wiland abschloß 5 ).

Meklenburg war aber in Schweden nicht glücklich. Der König Albrecht ward in dem Kriege mit der mächtigen Margarethe von Dänemark in der unglücklichen Schlacht von Axewalde


1) Vgl. Huitfeld Danmarckis Rigis Kronicke, I, S. 408, Mon. Livon. ant. I, S. 149, und Lisch Gesch. des Geschlechts von Oertzen I, S. 102.
2) Vgl. Napiersky Index p. 350.
3) Vgl. Sartorius und Lappenberg Gesch. der Hanse II, Cod. dipl. p. 307.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. XIV.
5) Vgl. Urk. Samml. XVII.
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am 24. Febr. 1389 gefangen genommen und darauf bis zum 26. Sept. 1395 in Banden gehalten. Das Land machte Jahre lang die großartigsten Unternehmungen zur Befreiung ihres gefangenen Fürsten, dem nur die Stadt Stockholm treu blieb; die Hansestädte, bis nach Esthland hinauf, nahmen den innigsten Antheil, da sie an der Erhebung des Königs Albrecht auf den schwedischen Thron, nicht minder an dessen Erhaltung auf demselben stark betheiligt waren, da sie das bedeutende Ansehen des großen Herzogs Albrecht, des Vaters des Königs, zu würdigen wußten und ihr Handel durch den ununterbrochenen Krieg in seinen Grundfesten erschüttert ward. Man hatte endlich zu dem verzweifelten Mittel gegriffen, kühnen Männern die Befreiung des Königs und die Wiedergewinnung des Reiches auf eigene Gefahr und Rechnung zu überlassen, den später so übel berufenen Vitalienbrüdern, welche nicht allein von unternehmenden Schiffsführern, sondern auch von heldenmüthigen Rittern befehligt wurden, bis mit der Zeit die politische Begeisterung in allgemeine Seeräuberei ausartete. Zur Lösung des gefangenen Königs im J. 1395 wirkten aber auch der Hochmeister des Deutschen Ordens, so wie die Städte Thoren, Elbing, Danzig und Reval auf das allerkräftigste 1 ).

Am 17. Junius 1395 vermittelten die Herzoge Johann von Schwerin und Stargard zu Lindholm einen Frieden zwischen der Königin Margarethe und dem Könige Albrecht 1 ). Grade zu derselben Zeit hatte der Herzog Albrecht von Meklenburg=Stargard, der jüngere Bruder des Herzogs Johann II., von Stargard, mit den Vitalienbrüdern einen Seezug gegen Livland unternommen und war kurz vor dem 18. Junius 1395 in Reval gelandet. Der Bischof von Dorpat, Dietrich Damerow 2 ), lebte in großer Feindschaft mit dem Deutschen Orden; er wollte gegen des Hochmeisters Willen den Sohn des Herzogs Swantibor von Pommern, den jungen Herzog Otto, auf den erzbischöflichen Stuhl von Riga erheben. Der Bischof verbündete sich nun mit dem Herzoge Albrecht und es ging die Rede, beide wollten mit Hülfe der Vitalienbrüder den Deutschen Orden aus Livland vertreiben. Am 18. Junius 1395 wandte sich der Hochmeister, welcher am Tage zuvor die Befreiung des Königs Albrecht mit bewirkt hatte, an den Herzog Johann und an die Städte Rostock und Wismar 3 ) mit der Bitte, es zu verhindern, daß der in


1) Vgl. die Urkunden in Lisch Gesch. des Geschlechts von Oertzen I, B, Nr. 116 und 117, S. 179-191. Vgl. Rudloff Mekl. Gesch. II, S. 529.
1) Vgl. die Urkunden in Lisch Gesch. des Geschlechts von Oertzen I, B, Nr. 116 und 117, S. 179-191. Vgl. Rudloff Mekl. Gesch. II, S. 529.
2) Vgl. Napiersky Index I, p. 359. Ueber die nachfolgende Darstellung vgl. auch die Urk. bei Napiersky, p. 365 flgd.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. XIX, XX, XXI.
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Reval angekommene Herzog Albrecht mit den Vitalienbrüdern den Deutschen Orden in Livland überfalle. Der Bischof räumte dem Herzoge mehrere seiner Burgen ein, ja es hieß, "er wolle ihm das Bisthum Dorpat selbst in die Hände bringen". Am Palmsonntage 1396 schloß der Bischof mit dem Herzoge Witant von Litthauen, dem Bischofe Andreas von Wilna und dem christlichen Adel von Litthauen ein Hülfsbündniß und am Sonntage Oculi d. J. trat der zum Erzbischofe von Riga erwälte Herzog Otto von Stettin diesem Bündnisse bei 1 ). Allein es gelang dem Hochmeister, sich am 30. Julius 1396 mit dem Herzoge Witant zu vereinigen 2 ), während jener in das Stift Dorpat einfiel, wo er gegen die Vitalienbrüder allerdings einen schweren Stand hatte. Am 9. Jan. 1397 wandte sich der Hochmeister an die Herzoge von Meklenburg mit der Bitte um Beschützung des Ordens 3 ). Jedoch waren alle Vermittelungs=Versuche des Ordens vergeblich. Die Herzoge Johann und Ulrich von Stargard erklärten sich für ihren Bruder gegen den Orden. Der Hochmeister schrieb daher am 11. Febr. 1397 an den König Erich von Schweden, des Königs Albrecht Sohn, an die Herzoge Johann und Ulrich und an die Städte Rostock, Wismar und Stargard, mit der Bitte um Beendigung des Krieges wegen des Bischofs von Dorpat 4 ). Am 15. Julius 1397 schloß der Deutsche Orden Frieden mit dem Bischofe 5 ). Der Herzog Albrecht aber, dem der Bischof von Dorpat die Beschirmung des Bisthums und die Nachfolge auf den bischöflichen Stuhl abgetreten hatte, starb noch in demselben Jahre zu Dorpat und wart daselbst begraben 6 ).

Von der ganzen schwedischen Herrlichkeit blieb den Herzogen von Meklenburg in Folge des Friedens von Lindholm nur die Stadt Wisby, das Heerlager der Vitalienbrüder, und alles was der König Albrecht sonst noch auf der Insel Gothland besessen hatte. Nachdem den Vitalienbrüdern durch die Befreiung des Königs die rechtliche Veranlassung zum Kriege und durch den Tod des Herzogs Albrecht ihr volksthümliches Ansehen genommen war, wandten die Herzoge von Meklenburg ihre Thätigkeit gegen ihre bisherigen Freunde und am 5. April 1398 übergab der Herzog Johann dem Deutschen Orden und der Hanse die Stadt Wisby


1) Vgl. Napiersky Index I, Nr. 516.
2) Vgl. daselbst Nr. 517 und 1779 flgd.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. XXIII.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. XXIV bis XXVII.
5) Vgl. Napiersky Index I, Nr. 522.
6) Die in den Chroniken enthaltenen Nachrichten über des Herzogs Albrecht Stellung und Begräbniß zu Dorpat sind mitgetheilt in Boll Gesch. des Landes Stargard II, S. 84, wo auch von dem Sterbejahre des Herzogs gehandelt wird.
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und die Insel Gothland zur Führung des Krieges gegen die Seeräuber 1 ). Nicht lange darauf, am 25. Mai 1399, verpfändeten der ehemalige König Albrecht und der Herzog Johann die Insel Gothland mit der Stadt Wisby dem Orden für 30,000 Rosenobel 2 ). Der Orden gerieth zunächst in Streit mit der Königin Margarethe 3 ), welcher allerdings das, was sie auf Gothland besaß, versichert war. Da trat der ehemalige König Albrecht im J. 1405 die Insel Gothland dem Könige Erich von Schweden ab. Der Orden behauptete allerdings noch einige Zeit seine Pfandrechte an Gothland, überließ sie jedoch endlich gegen Zahlung des Pfandgeldes am 27. Sept. 1408 an Schweden 4 ).


Im J. 1402 war die Neumark an den Deutschen Orden verpfändet 5 ). Die brandenburgischen Fürsten strebten eifrig nach der Wiedergewinnung dieses wichtigen Theiles der Herrschaft Brandenburg und der Kurfürst Friedrich I. entwarf schon Pläne zur Wiedervereinigung mit dem Reiche, brachte sie jedoch nicht zur Ausführung. Während der Regierung des Kurfürsten Friedrich II., als dieser mit der Wiedereinlösung der Neumark beschäftigt war, entspann sich eine Fehde zwischen dem Deutschen Orden, als Besitzer der Neumark, und dem Herzoge Heinrich dem ältern von Meklenburg=Stargard. Wenn auch die neuere Forschung mehrere Urkunden über diesen Streit an's Licht gebracht hat, so ist doch nirgends von den Veranlassungen dieser Fehde die Rede, welche bis jetzt völlig dunkel geblieben sind 6 ). Um Neujahr des J. 1443 fiel der Herzog Heinrich ohne voraufgegangene Ansage plötzlich mit einem Heereshaufen nach damaliger Kriegsweise brennend und raubend in die Neumark ein. Des Ordens Vogt in der Neumark setzte sich zur Gegenwehr und am 1. Junius 1443 forderte der Hochmeister von dem Ordensmeister in Livland Hülfstruppen gegen den Herzog Heinrich 7 ). Während der Zeit machte der Kurfürst Friedrich II. ernsthafte Anstrengungen zur Einlösung der Neumark, stand jedoch einstweilen gegen eine bedeutende Summe davon ab. In dem darüber am 16. October 1443 zu Frankfurt a. d. O. abgeschlossenen


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XXVIII.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. XXIX.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. XXX und Nr. XXXI.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. XXXII bis XXXV.
5) Vgl. Riedel Cod. dipl. Brand. II, 3, p. 150 flgd.
6) Vgl. Voigt's Gesch. von Preußen VIII, S. 57-92, und Boll Gesch. des Landes Stargard II, S. 142 flgd.
7) Vgl. Urk. Samml. Nr. XXXVI.
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Vertrage 1 ) machte sich außerdem der Kurfürst anheischig, die Vermittelung des Unfriedens zu erstreben und den Durchzug durch die Mark dem Deutschen Orden zu gestatten, dagegen dem Herzoge Heinrich zu wehren. Der Kurfürst hatte zwar einen Tag zur Verhandlung in Berlin vorgeschlagen, aber von dem Herzoge nichts erreichen können. Da ging der Anführer des Deutsch=Ordens=Heeres, Heinrich Reuß von Plauen, Comthur zu Elbing, (später Hochmeister des Ordens) am 4.=5. Nov. 1443 mit einem Heere von 4000 bis 4500 Mann zu Roß und zu Fuß und mit einer Wagenburg über die Oder bis Ketzer=Angermünde 2 ). Da trat der Kurfürst in's Mittel, weil er es nicht gerne sehe, daß das Heer durch sein Land ziehe und weil das Land Meklenburg sein "geholdetes" (ihm zur Anwartschaft verschriebenes) Land sei. Er schaffte einen Brief des Herzogs, in welchem sich dieser der Vermittelung des Kurfürsten zu fügen versprach; jedoch protestirte der Comthur gegen die Urkunde, weil sie nur auf Papier und nicht auf Pergament geschrieben und nicht mit dem anhangenden Siegel des Herzogs bestärkt sei. Dennoch zog sich der Comthur auf die Werbung des Kurfürsten einstweilen zurück. Die darauf im Januar 1444 gepflogenen Unterhandlungen führten aber ebenfalls nicht zum Ziele. Darauf übernahm des Herzogs Heinrich Schwiegervater, der Herzog Bugislav von Pommern, die Vermittelung; aber auch diese führte in dem nächsten Jahre nicht zum Ziele. Endlich gelang es dem Herzoge Bugislav, am 9. Aug. 1445 zu Stolpe, wo der Herzog Heinrich in Begleitung des Propstes von Friedland und des Johanniter=Ordens=Comthurs von Mirow persönlich gegenwärtig war, zwischen dem Hochmeister und dem Herzoge nicht allein einen Frieden, sondern auch ein Hülfsbündniß zu schließen 3 ); am 15. Aug. 1445 leistete der Deutsch=Ordens=Vogt in der Neumark, Jürgen von Eglofstein, mit acht andern Adeligen, unter denen auch mehrere vom pomnmerschen Adel, dem Herzoge Heinrich eine Bürgschaft für die Haltung des Friedensschlusses 4 ). Im J. 1455 lösete der Kurfürst Friedrich II. die Neumark von dem Orden wieder ein.

Der Deutsche Orden gerieth bald darauf, im J. 1449 in eine neue Fehde, an welcher Meklenburg wieder betheiligt. war. Caspar von Eglofstein und sein Sohn Heinrich hatten gegen den Orden eine Fehde unternommen; der Kern des ganzen star=


1) Vgl. Riedel Cod. dipl. Brand. II, 4, S. 288 flgd.
2) Dieser ganze Verlauf ergiebt sich aus einem Briefe des Comthurs von Elbing vom 9. Nov. 1443 an den Hochmeister in der Urk. Samml. Nr. XXXVII.
Der Brief ist übrigens vom 9. Nov. datirt, nicht vom 13. Nov.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. XXXVIII.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. XXXIX.
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gardischen Adels und mehrere Familien des schwerinschen Adels hatten Eglofstein's Partei genommen und dem Hochmeister ebenfalls Fehdebriefe zugesandt. Am 18. März 1449 bat der Hochmeister den Herzog Heinrich den jüngern von Meklenburg=Schwerin, die Eglofstein nicht in seinem Lande zu hegen und seine Vasallen von der Theilnahme an der Fehde abzubringen 1 ). Weiter ist über diese Fehde nichts bekannt geworden.

Noch einmal kam Meklenburg mit dem Deutschen Orden in Beziehung, indem der Kaiser Maximilian und die deutschen Reichsstände im J. 1495 die Herzoge Magnus und Balthasar von Meklenburg aufforderten, dem Orden gegen den Großfürsten von Rußland Hülfe zu leisten; die Herzoge lehnten jedoch die Leistung der Hülfe ab 2 ).

Wie noch zuletzt Meklenburg in ein inniges Verhältniß zu den Ordensländern dadurch trat, daß der Herzog Johann Albrecht I. des letzten Hochmeisters in Preußen Tochter und daß der letzte Meister in Livland des Herzogs Schwester heirathete, ist unten bei der Darstellung der Verhältnisse des Erzbisthums Riga berichtet worden.


Neuere Besitzungen des Deutschen Ordens in Meklenburg.

Der Deutsche Orden erwarb in neuern Zeiten wieder die Güter Frauenmark im Amte Gadebusch und Rosenhagen im Amte Schwerin.

Das Allodialgut Frauenmark bei Gadebusch gehörte im Mittelalter zum größten Theile dem Nonnenkloster Rehna; jedoch hatten auch andere geistliche Stiftungen Besitzungen in dem Dorfe, ja selbst weltliche Vasallen besaßen einige Hufen in demselben, wie z. B. die Hasenkop, später die von Lützow. Durch die Säcularisirung des Klosters nach der Reformation ward das Dorf Domaine. Im J. 1639 verkaufte der Herzog Adolph Friedrich es an den bekannten lübeker Bürger Andreas Hund, damals Amtmann zu Gadebusch, und verwandte das Geld zur Einlösung anderer Güter in den traurigen Zeiten des dreißigjährigen Krieges. Im J. 1694 verkauften die Nachkommen des Andreas Hund das Gut an den Major Jürgen Heinrich Barsse, jedoch machte die Landesherrschaft bei der Bestätigung das Vorkaufsrecht zur Bedingung. Die von Barsse verpfändeten nun am 14. Junius 1720 das Gut Frauenmark (und


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XL.
2) Vgl. Mittheilungen, Riga, 1842, S. 103-104.
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bedingungsweise für den Fall der Einlösung das Dorf Vitlübbe) auf 16 Jahre dem Otto Dietrich von Bülow als Landcomthur der Deutsch=Ritter=Ordens=Ballei Sachsen und dessen Nachfolger im Amte. Es war schon ein Kaufcontract verabredet, der Orden zog jedoch den Pfandbesitz vor.

(Das Dorf Vietlübbe war ein Lehn der v. Halberstadt auf Brütz, welche es 1637 an die v. Hoben verkauften, von denen es 1650 an Otto v. Bülow überging; dieser verkaufte 1663 einen Theil an August Hund auf Frauenmark und behielt den andern Theil für sich selbst. Im J. 1671 brachte der Hauptmann Levin Barsse das ganze Gut an sich. Die Barsse verpfändeten im J. 1716 das Gut auf 12 Jahre an den Hauptmann v. Wendland, von dem es jedoch nicht eingelöset ward; am 17. Dec. 1730 ward es den v. Wendland adjudicirt; der Deutsche Orden hatte also die Verpfändung nicht erwerben können. In der Folge geriethen die v. Wendland in langwierigen Streit mit den Barsse, welche das Gut wieder einzulösen versuchten. Die v. Wendland cedirten es im J. 1751 dem Major v. Witzendorf auf Moltena, welcher in der Folge wieder einen Proceß mit den v. Wendland erhielt. Am 13. August 1776 ward jedoch der Rittmeister August Hieronymus v. Witzendorf mit Vietlübbe belehnt.)

Das Gut Frauenmark blieb, da es nach Ablauf der Pfandjahre nicht wieder eingelöset ward, zunächst im Pfandbesitze des Ordens. Die v. Barsse suchten es in der Folge zu reluiren und erhoben Streit mit dem Orden, verglichen sich jedoch im J. 1771 mit diesem, der das Gut nun zum Allodialbesitze empfing.

Das Gut Rosenhagen, zwischen Schwerin und Gadebusch war in alten Zeiten eine Zubehörung zu dem Rittersitze Kl. Brütz oder Brüsewitz und mit diesem ein altes Lehn der v. Halberstadt; es wird als solches schon im 15. Jahrh. und häufig im 17. Jahrh. genannt. Die v. Halberstadt verpfändeten im J. 1627 Brütz mit Zubehörungen an den Bürger und Kaufherrn Jakob Crivitz zu Lübek, dessen Nachkommen sich v. Crivitz nannten. Im J. 1678 erhielt Gottfried Crivitz einen Allodialbrief über das Gut Rosenhagen, welches dadurch ein selbstständiges Hauptgut ward. Der Oberforstmeister Cuno Henning v. Crivitz auf Kl. Brütz verkaufte am 20. Mai 1723 das Gut Rosenhagen an den Deutschen Orden zu Händen des genannten Landcomthurs v. Bülow.

So kam die Deutsch=Ordens=Ballei Sachsen im vorigen Jahrhundert zum Allodialbesitze der beiden Güter Frauenmark und Rosenhagen. Die Ballei besaß: in Braunschweig=Lüneburg:

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Luklum, Sitz des Landcomthurs, Langeln, Weddingen, eine Comthurei in Göttingen; in Anhalt=Bernburg: Burow; in Meklenburg=Schwerin: Frauenmark und Rosenhagen. Das Einkommen aller dieser Güter betrug im Anfange des 19. Jahrhunderts 15000 Thaler. Die überelbischen Güter waren als Comthureien den 4 Comthuren der Ballei angewiesen. Mit den beiden meklenburgischen Gütern und den Zinsen von den Capitalien der Ballei war aber die Ballei=Casse ausgestattet, welche die gemeinschaftlichen Ausgaben der Ballei, namentlich die Gehalte der "Officianten" zu bestreiten hatte.

Napoleons Uebermacht stürzte auch den Deutschen Orden. Schon im 12. Artikel des mit Oesterreich abgeschlossenen preßburger Friedens vom 26. Dec. 1805 ward festgesetzt:

"Die Würde eines Hochmeisters des Deutschen Ordens, die Rechte, Domainen und Einkünfte, welche vor dem gegenwärtigen Kriege von Mergentheim, dem Hauptorte des Ordens, abhingen, imgleichen die übrigen Rechte, Domainen und Einkünfte, welche zur Zeit der Auswechselung der Ratificationen des gegenwärtigen Friedens=Tractats mit dem Hochmeisterthume verbunden sind, so wie die Domainen und Einkünfte, in deren Besitze sich der besagte Orden zu der nämlichen Zeit befinden wird, sollen nach der Ordnung der Erstgeburt in der Person und directen männlichen Descendenz desjenigen Prinzen des kaiserlichen Hauses, welchen Se. Maj. der Kaiser von Deutschland und Oesterreich dazu ernennen wird, erblich werden".

Durch diese Bestimmung wurden die Güter der Ballei Sachsen dem kaiserlich=österreichischen Hause übertragen. Der Kaiser von Oesterreich fand sich aber bewogen, durch ein am 17. Febr. 1806 an den Hochmeister des Deutschen Ordens erlassenes kaiserliches Handschreiben,

"dem Deutschen Orden bekannt zu machen, daß dessen Güter und Einkünfte nunmehr Eigenthum des kaiserl. österreichischen Hauses geworden seien, jedoch die Ernennung desjenigen Prinzen des kaiserlichen Hauses, in dessen Person und Descendenz sie erblich werden sollten, zu suspendiren und sowohl das Haupt des Ordens, als alle Mitglieder desselben provisorisch in ihren Würden, Rechten und Einkünften, mit Vorbehalt der wegen des neuen Verhältnisses sich ergebenden Modificationen, zu bestätigen".

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Jedoch ließ der Kaiser am 22. März 1806 zu Mergentheim von den Besitzungen, Rechten und Unterthanen sowohl des Hochmeisterthums, als des ganzen Ordens Erbhuldigung nehmen.

War durch den preßburger Frieden auch die Natur der Besitzungen des Ordens verändert, so blieben doch die Mitglieder des Ordens im Genuß ihrer Einkünfte. Bald aber brach nach dem siegreichen Fortschreiten Napoleons der Krieg mit Oesterreich wieder aus, und Napoleon erließ, da der Deutsche Orden nach dem preßburger Frieden österreichisch geworden war, am 24. April 1809 aus seinem Lager zu Regensburg folgendes Decret:

"Der Deutsche Orden wird in allen Staaten des Rheinbundes aufgehoben. Alle Güter und Domainen des besagten Ordens sollen mit den Domainen der Fürsten, in deren Landen sie belegen sind, vereinigt werden. Die Fürsten, mit deren Domainen besagte Güter vereinigt werden, sollen denjenigen ihrer Unterthanen Pensionen verwilligen, welche dieselben als Ordensmitglieder genossen haben, jedoch mit Ausnahme derjenigen, die im gegenwärtigen Kriege die Waffen gegen Frankreich oder den Bund geführt haben, oder die seit der Kriegserklärung in Oesterreich geblieben sind. Das Fürstenthum Mergentheim wird mit Würtemberg vereinigt."

Dieses Decret erschien nur in dem Hamburgischen Correspondenten vom 16. Junius 1809, Nr. 95, zugleich mit dem Inhalte eines vom Könige Hieronymus Napoleon von Westphalen am 1. Junius 1809 in Cassel erlassenen und im Moniteur von Cassel veröffentlichten Decrets:

"Wir Hieronymus Napoleon etc. . haben nach Ansicht des Decrets Unsers durchlauchtigsten Bruders, des Kaisers der Franzosen, Königs von Italien, Beschützers des rheinischen Bundes, datirt aus Regensburg vom 24. April d. J., welches den Deutschen Orden in allen Bundesstaaten aufhebt und die Güter und Domainen dieses Ordens den Domainen derjenigen Fürsten, in deren Staaten sie belegen sind, einverleibt, verordnet und verordnen:
1) Die Besitzergreifung der in Unserm Königreiche belegenen Güter und Domainen des Deutschen Ordens soll unvorzüglich durch den GeneralDirector Unserer Kron=Domainen bewerkstelligt werden etc. ."

Das Decret des Kaisers Napoleon war bis dahin nicht officiell veröffentlicht und der meklenburgischen Regierung nicht mit=

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getheilt; diese enthielt sich daher aller Eingriffe in die Rechte des Ordens. Am 12. Junius 1809 berichtete aber der Landcomthur v. Münchhausen an den Herzog Friedrich Franz: am 7. d. M. habe der König von Westphalen seine Landcommende Luklum in Besitz nehmen lassen und diese Verfügung sei gleichermaßen auf die im Königreiche Westphalen belegenen Commenden der ihm anvertraueten Deutschen Ordens=Ballei Sachsen ausgedehnt; die Veranlassung zu dieser Besitznahme habe ohne Zweifel wohl ein aus Zeitungsblättern ihm bekannt gewordenes Decret gegeben, welches auch den Herzog in Hinsicht der Balleigüter Frauenmark und Rosenhagen interessire: er hoffe jedoch, der Herzog werde nichts für den Orden Nachthiliges beschließen und wenigstens in Ansehung der Revenuen den alten Zustand erhalten, indem durch das kaiserl. Deeret der preßburger Friede aufgehoben sei und der Orden ältere Rechte habe, als Oesterreich, Oesterreich aber den Ordensverwandten den Genuß der Güter gelassen habe.

Auf diese officielle Anzeige beschloß der Herzog Friedrich Franz am 10. Julius 1809 zu Doberan die Einziehung der in Meklenburg gelegenen Güter des Ordens, jedoch so, daß bei der Einziehung alle mögliche Schonung und Rücksicht beobachtet und die reinen Revenuen sowohl dem Landcomthur, als den sonstigen zur Ballei gehörenden Ordenspersonen als Pension auf Lebenszeit verbleiben sollten. Nach einem Befehle des Herzogs wurden die Auskünfte der Güter seit der Einziehung derselben berechnet und die Güter nicht förmlich incamerirt.

Durch den wiener Friedensschluß vom 14. October 1809 ward die Aufhebung des Deutschen Ordens vollendet und die Verfügung über die Güter desselben bestätigt:

"Art. 4. Da der Deutsche Orden in den Staaten des rheinischen Bundes aufgehoben worden ist, so entsagen Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich für Se. Kaiserl. Hoheit den Erzherzog Anton dem Großmeisterthum dieses Ordens in diesen Provinzen und erkennen die in Ansehung der außer dem österreichischen Gebiete gelegenen Ordensgüter gemachte Anordnung; die. Beamten des Ordens sollen Pensionen erhalten".

Hierauf schritten die Fürsten bald zur Veräußerung der Güter. Der König Hieronymus Napoleon von Westphalen verkaufte am 18. Nov. 1811 die Landcommende Luklum an den Oberamtmann Wahnschafft zu Warberg im Ocker=Departement. Der Herzog Friedrich Franz verkaufte noch im J. 1810 das Gut Rosenhagen an Carl Heinrich Philipp Griefenhagen und im J. 1811 das Gut Frauenmark an den Geheimen=Raths=Präsidenten

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von Brandenstein. Eben so wurden die im Lande belegten Capitalien des Ordens eingezogen; von diesen waren jedoch nur 18000 Rthlr. in Plüschow sicher; 8800 Rthlr. in Strietfeld und 17000 Rthlr. in Grambow standen in Concurs und unsicher. Die Gelder für die verkauften Güter wurden größtentheils zur Wiederherstellung des Gestüts zu Redevin angewandt.

Dabei bestimmte der Herzog Friedrich Franz im J. 1810 noch ein Mal, daß die Ordens=Personen und Beamten ihre bisherigen Hebungen aus den Gütern und Capitalien in Verhältniß" behalten sollten. Der Herzog ließ auch einstweilen dem Ballei=Syndicus, Hofrath Heimbach, eine jährliche Pension von 500 Rthlrn. zahlen.

Die nächstfolgenden Kriegsjahre hinderten die Ordnung der Pensionsangelegenheit. Nach den Siegen der Verbündeten bat am 28. Febr. 1814 der "Baron von Münchhausen, Landcomthur der Ballei Sachsen" (zu Moringen bei Göttingen), "nach erlangter deutscher Freiheit um Wiedereinsetzung in die Güter Rosenhagen und Frauenmark"; die Bitte ward jedoch zu den Acten gelegt.

Endlich bestimmte der 15. Artikel der deutschen Bundes=Acte vom 8. Jun. 1815:

"Die Mitglieder des Deutschen Ordens werden, nach den in dem Reichs=Deputations=Hauptschluß von 1803 für die Domstifter festgesetzten Grundsätzen Pensionen erhalten, insoferne sie ihnen noch nicht hinlänglich bewilligt worden, und diejenigen Fürsten, welche eingezogene Güter des Ordens erhalten haben, werden diese Pensionen nach Verhältniß ihres Antheils an den ehemaligen Besitzungen bezahlen".

Bei der Einziehung der Güter waren die Ordensritter der Ballei Sachsen, welche damals nahe an 15000 Rthlr. an jährlichen Einkünften trugen, folgende:

1) der Landcomthur Freiherr von Münchhausen zu Luklum;

2) der Comthur Freiherr von Seckendorf, österreichischer Feldmarschall=Lieutenant;

3) der Comthur Freiherr von Wöllwarth, würtembergischer Cavallerie=General;

4) der Comthur Freiherr von Spiegel, österreichischer Obrist=Lieutenant und General=Adjutant des Erzherzogs Carl. Außerdem war das Dienstpersonale der Ballei da. Im J. 1816 lebten von den Rittern noch v. Münchhausen, v. Wöllwarth und v. Spiegel; der letztere hatte sich aber mit einer Fürstin

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von Ligne vermählt und damit seine Rechte an den Orden aufgegeben. Im J. 1819 lebten nur noch v. Wöllwarth und die Diener der Ballei.

Erst im J. 1819 vereinigten sich durch Vermittelung der deutschen Bundesversammlung die drei betheiligten Regierungen von Anhalt=Bernburg, Braunschweig und Meklenburg=Schwerin zur Regelung und Vertheilung der Pensionen: Meklenburg=Schwerin übernahm hiernach die Pensionen des Ballei=Syndicus Hofraths Heimbach († 26. Junius 1837) mit 880 Rthlrn. und des Ballei=Secretairs Lang mit 329 1/2 Rthlrn. Und hiemit waren alle Verhältnisse zu dem Deutschen Orden aufgelöset.

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II.

Die Besitzungen und der Verkehr des Erzbisthums Riga

in Meklenburg,

von

G. C. F. Lisch.


D as Bisthum und spätere Erzbisthum Riga war im Anfange des 13. Jahrhunderts unter dem bewundernswürdig thätigen Bischofe Albert der Mittelpunct aller Unternehmungen zur Bekehrung der fernen Ostseeländer und deren Colonisirung. Albert segelte fast jährlich nach Norddeutschland und landete wohl stets in Lübek, um immer neue Schaaren von Kreuzfahrern in jene Länder zu führen. Ohne Zweifel nahmen auch viele Meklenburger an jenen Kreuzzügen Theil, wenn uns auch keine bestimmte Nachricht darüber erhalten ist.

Zuerst gewinnt von Männern der meklenburgischen Lande in jenen Gegenden einen bedeutenden Namen der kräftige und umsichtige Bischof Philipp von Ratzeburg, welcher 1210-1214 in Livland ungewöhnlich thätig und in den letzten Jahren seines dortigen Aufenthalts Stellvertreter des Bischofs Albert war, als welcher er oft handelnd auftritt. Ihn begleitete ein Ritter Helmold von Plessen, wohl der Stammvater des bekannten Geschlechts.

Darauf kämpfte seit dem J. 1216 Albrecht von Orlamünde, Graf von Ratzeburg und Holstein mit Erfolg und Ruhm in Livland.

Zunächst scheint also das Bisthum Ratzeburg, welches wohl in regerm Verkehr mit Lübek und schon auf einer höhern Stufe geistiger Entwickelung stand, an dem gewaltigen Kampfe Theil genommen zu haben. Etwas später betheiligte sich das Bisthum Schwerin, in dessen größtem Theile Borwin als

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weltlicher Fürst regierte. Borwin, welcher noch die letzten Kämpfe des Wendenthums gegen die deutsche Macht gesehen hatte und die gewaltige Umkehrung aller Verhältnisse in seinem Lande leiten sollte, konnte sich lange nicht überwinden, sich mit ganzer Seele der neuen Ordnung der Dinge hinzugeben; sein ganzer Hof war noch lange Zeit hindurch rein wendisch und der Landesbischof Brunward, welcher aus einer einheimischen, wendischen edlen Familie stammte und mit den Ersten des Landes vielfach und nahe verwandt war 1 ), mochte, als eine friedlich vermittelnde Persönlichkeit, den Fortschritt der sächsischen Cultur grade nicht beschleunigen, wenn es auch nicht zu leugnen ist, daß er die Entwickelung der christlichen Kirche in Meklenburg mit bedeutender Anstrengung förderte, da unter ihm wohl die meisten christlichen Kirchen im Lande gebauet sind.

Endlich thauete das Herz Borwin's auf, als er schon im höhern Alter seines Lebens stand. Vielleicht war der große Graf Heinrich I. von Schwerin, welcher den edlern Geist jener Zeit glühend im Herzen hegte, die Triebfeder; dieser hatte im J. 1217 die Johanniter=Comthurei Craak gegründet und nahm im J. 1219 das Kreuz zu einer Fahrt in's Heilige Land, woher er das gefeierte Heilige Blut für den Dom zu Schwerin mitbrachte. Genug, Borwin I. entschloß sich endlich, wenn auch spät, Theil an der allgemeinen Bewegung zu nehmen: er unternahm einen Kreuzzug nach Livland.

Es ist in der That auffallend, daß die meklenburgischen Geschichtschreiber dieses merkwürdige und in vieler Hinsicht sehr wichtige Ereigniß bisher fast ganz übersehen haben, obgleich eine bekannte sichere Quelle ausführlich genug darüber berichtet. Erst v. Lützow 2 ) berührt diese Begebenheit und deutet auf ihre Wichtigkeit hin.

Der Kreuzzug Borwin's ist ausführlich in der gleichzeitigen livländischen Chronik Heinrich's des Letten 3 ), eines gewissenhaften Zöglings und Begleiters des Bischofs Albert von Riga 4 ), beschrieben und ein halbes Jahrhundert später in der von dem Deutschen Orden ausgegangenen mittelhochdeutschen


1) Vgl. unten die Abhandlung über Thetlev von Gadebusch.
2) Vgl. v. Lützow Mekl. Gesch. I, S. 269.
3) Zuerst herausgegeben von J. D. Gruber in dessen bekannten Origines Livoniae seu Chronicon Livonicum vetus, 1740; vgl. Mittheilungen der Gesellsch. für Gesch. der russischen Ostsee=Provinzen, I, Riga, 1840, S. 64 flgd., und Verhandlungen der Gelehrten Esthnischen Gesellschaft zu Dorpat, II, 1847, S. 47 flgd.
4) Vgl. Mittheil. Riga, a. a. O.
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livländischen Reimchronik 1 ), welche fälschlich dem Dietleib von Alnpeke zugeschrieben wird, wiederholt bearbeitet.

Man hat zwar die Meinung aufgestellt 2 ), der Borwin, welcher den Kreuzzug nach Livland unternommen, sei nicht Pribislav's Sohn Borwin gewesen, sondern dessen ältester Sohn gleiches Namens, weil der Vater im J. 1218 schon zu alt gewesen sei, um so große Beschwerden ertragen zu können; aber man geht hiebei von einer neuern, willkürlichen Bezeichnungsweise aus, nach welcher man Vater und Sohn beide mit dem Namen Borwin oder Heinrich Borwin I. und II. belegt. Die Quellen reden darüber ganz anders. Nur der Vater heißt in den Urkunden und Chroniken Borwin, seltener auch Heinrich Borwin; sein Siegel führt auch nur den Namen Borwin (Sigillum Burwini Magnopolonensis). Sein ältester Sohn dagegen heißt in zahlreichen Urkunden stets nur Heinrich, seit dem J. 1219 gewöhnlich Heinrich von Rostock, daneben aber auch Heinrich von Werle 3 ); auf seinem ersten Siegel an einer Urkunde vom J. 1219 wird er: Heinrich der junge in Rostock (Sigillum Heinrici jvvenis in Rostoc) genannt, auf seinem zweiten Siegel 4 ): Heinrich von Rostock (Sigillum Henrici de Rozstoch). Der Vater Borwin wird wohl Heinrich zubenannt, aber der Sohn Heinrich führt nie den Namen Borwin. In Heinrich's des Letten Chronik wird unser kreuzfahrende Fürst wiederholt nur Heinricus Burewinus nobilis vir de Wendlande 5 ) genannt, gleichbedeutend mit der ganz gleichzeitigen Bezeichnung: Heinricus Borwinus princeps Slavorum, in der Stiftungsurkunde des Klosters Sonnenkamp vom J. 1219 6 ), und die livländische Reimchronik nennt 7 ) ihn: von Wentlande her Barwin. Es ist also bei der völligen Uebereinstimmung aller gleichzeitigen Quellen keinem Zweifel unterworfen, daß Heinrich Borwin I. der Vater der Kreuzfahrer nach Livland gewesen sei. - Der Einwand, daß Borwin zu dem Kreuzzuge zu alt gewesen sei, hat nicht viel zu bedeuten; es hat zu allen Zeiten, auch in der Gegenwart, greise Kriegshelden von hohem Alter gegeben. Und


1) Zuletzt vollständig herausgegeben von Franz Pfeiffer in der Bibliothek des literarischen Vereins zu Stuttgart 1844, VII, unter dem Titel: Livlandische Reimchronik; vgl. Mittheilungen der Gesellschaft f. Gesch. der russischen Ostseeprovinzen a. a. O., S. 66, Paucker in Monumenta Livonlae antiquae, Riga, III, 1842, S. 113, und die Bibl. des literar. Vereins zu Stuttgart a. a. O. Vorwort, S. VII.
2) Vgl. Gebhardi de origine ducem Meclenburg. §. 48.
3) Vgl. Jahrb. XIII, S. 271, wo die ganze Genealogie urkundlich ausgesprochen ist.
4) Vgl. Jahrb. X, S. 9.
5) Vgl. Gruber orig. Liv. p. 123 flgd.
6) Vgl. Lisch Mekl. Urk. II, Nr. I.
7) Livländ. Reimchron. S. 39, V. 1416.
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dazu ist die Chronologie Borwin's noch lange nicht sicher genug gestellt, um eine solche Behauptung wagen zu können. Zwar nimmnt man an, daß Borwin sich schon im J. 1166 vermählt habe 1 ), und Arnold von Lübek berichtet 2 ), Borwin sei im J. 1183 gefangen nach Dänemark geführt und habe sich nur dadurch befreien können, daß er seinen Sohn als Geißel gestellt habe. Hiernach würde Borwin spätestens um das J. 1146 geboren sein. Dagegen berichtet Kirchberg in seiner meklenburgischen Reimchronik, einer freilich jüngern Nachricht, die Geburt Borwin's habe seiner Mutter Woizlava im J. 1172 das Leben gekostet 3 ). Mag diese Nachricht nun auch nicht zuverlässig sein, so erregen doch die spätern Ereignisse Bedenken gegen die Nachrichten Arnold's von Lübek. Borwin's ältester Sohn wird auf seinem Siegel im J. 1219 noch Jüngling (juvenis) genannt, und das Siegel wird nicht viel älter sein, da dem Sohne erst im J. 1218 die Herrschaft Rostock anvertrauet ward. Und daß eine solche Bezeichnung auf einem Siegel steht, scheint dafür zu reden, daß er wirklich noch sehr jung war. Als Heinrich im J. 1226 starb, waren seine sämmtlichen Kinder noch unmündig! Nehmen wir nun an, was nicht unwahrscheinlich ist, daß die Fürsten Borwin und Heinrich, Vater und Sohn, jung geheirathet haben und rechnen wir dann zurück, so komnmen wir allerdings auf das Jahr 1172 als das Geburtsjahr Borwin's. Hätte Borwin in einem Alter von 20 Jahren geheirathet, so könnte sein Sohn Heinrich im J. 1193 geboren sein; dieser wäre dann im J. 1219 schon 26 Jahre alt gewesen (juvenis), und wenn er im J. 1213 geheirathet hätte, so wäre bei seinem Tode sein ältester Sohn, der 1229 (mit 16 Jahren?) mündig ward, im J. 1226 bei des Vaters Tode 13 Jahre alt gewesen sein.

Ein bejahrter Mann wird Borwin im Jahr 1218 allerdings gewesen sein, jedoch wohl nicht so alt, als man bisher angenommen hat, und noch nicht so abgelebt, daß er die Beschwerden des Kreuzzuges nicht mehr hätte ertragen können.

Der Kreuzzug Borwin's fällt in die Zeit 1218-1219 und füllt fast ein Jahr 4 ). Es ist früher, nach Gruber, das Jahr 1217 angenommen. Nach neuern Forschungen ist aber


1) Vgl. Rudloff Mekl. Gesch. I, S. 145. Es ist dabei wohl zu beachten, daß im Mittelalter Ehen häufig zwischen Kindern geschlossen wurden, die erst im mannbaren Alter zu festgesetzten Zeiten zusammen wohnten.
2) Vgl. Chron. Arnoldi Lub. III, c. IV, §. 8-10, p. 305.
3) Vgl. Jahrb. II, S. 17.
4) "Annum peregrisationis suae completuros" heißt es in Heinrichs des Letten Chronik, p. 123.
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die oben bezeichnete Zeit festgestellt 1 ). Am 24. Junius 1218 gründete er mit seinen Söhnen noch die Stadt Rostock und bestätigte, wahrscheinlich ungefähr um dieselbe Zeit, in demselben Jahre die Privilegien des Klosters Doberan. Kurz nach Mariä Himmelfahrt (15. Aug.) 1218 machte er schon den ersten Feldzug gegen Harrien mit. Er wird also im Julius 1218 abgesegelt sein. In den Fasten des J. 1219 kämpfte er noch bei heftiger Kälte in jenen Gegenden. Am 1. Aug. 1219 war er schon wieder in der Heimath und stellte viele wichtige Urkunden aus. Er war also von Julius 1218 bis Julius 1219 auf der Kreuzfahrt, und aus dieser ganzen Zeit ist auch keine Urkunde von ihm bekannt geworden. Der darauf folgende Zug des Dänenkönigs Waldemar nach Esthland, welchen auch der Fürst Wizlav von Rügen mitmachte, ist auch von Voigt in das Jahr 1219 gestellt 2 ).

Dieser Kreuzzug bezeichnet einen Wendepunct in der Geschichte Borwin's, indem er die Landesregierung seinen Söhnen Heinrich und Nicolaus abtrat und das Reich so unter sie theilte, daß Heinrich den östlichen Theil, die Herrschaft Rostock, Nicolaus den westlichen Theil, die Herrschaft Meklenburg, zur Regierung erhielt. Während des Vaters Abwesenheit regierten sie selbstständig das Land, und wenn auch der alte Herr in allgemeinen Angelegenheiten späterhin noch oft Zeichen seiner Oberherrschaft gab, so geschah dies immer nur unter Zustimmung seiner Söhne, während dagegen die Söhne auch selbstständig Urkunden ausstellen. Zwar kommt schon im J. 1217 die Zustimmung der Söhne vor, aber ihre eigentliche, selbstständige Wirksamkeit beginnt erst während der Abwesenheit des Vaters und scheint sich nach dessen Heimkehr noch vergrößert zu haben, vielleicht weil der Vater die Richtigkeit des von den Söhnen eingeschlagenen Weges erkannte. Seit dieser Zeit macht denn auch die christliche und deutsche Bildung viel größere und raschere Fortschritte, ohne Zweifel weil die Söhne empfänglicher dafür waren. Freilich mußte der alte Herr noch in den letzten Monaten seines Lebens die Zügel der Regierung wieder ergreifen, da seine beiden Söhne vor ihm starben, und so wird er mit der neuen Ordnung der Dinge ausgesöhnt von dieser Welt geschieden sein, da er nach seinem Kreuzzuge viele fromme Stiftungen gründete.

Im Frühling des J. 1218 segelte der Bischof Albert ab, um neue Kreuzschaaren für den Schutz der jungen Kirche in


1) Vgl. Verhandlungen der Gelehrten Esthnischen Gesellsch., II, S. 72-73.
2) Vgl. Voigt's Gesch. von Preußen, II, S. 306.
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Livland zu sammeln. Zuerst ging er zum Könige Waldemar von Dänemark, um diesen zu einem Zuge gegen die Esthen für das folgende Jahr zu gewinnen, was ihm auch gelang. Darauf ging er nach Deutschland und sammelte ein Kreuzheer, welches er nach Livland absandte; er selbst verschob seine Heimreise bis in das künftige Jahr, um dann ein größeres Heer nach Livland zu führen. Er sandte zu seinem Stellvertreter den Domdechanten von Halberstadt; mit diesem ging Borwin 1 ) in Begleitung einer heldenmüthigen Mannschaft 2 ), nach Livland. Bald nach dem Feste der Himmelfahrt Mariä (15. Aug.) begann der Zug der Rigenser, Liven, Letten und Deutschen gegen Reval und Harrien, deren Bewohner mit grausamer Verwüstung hartnäckig widerstanden. An die Spitze des Zuges stellten sich der Meister des Schwertbrüderordens, Volquin, mit seinen Rittern und der Fürst Borwin mit seinen Begleitern 3 ). Es war ein schwerer Feldzug, da auch die Russen unter Anführung des Großfürsten Mstislavs von Nowgorod und des Fürsten Wladimir von Pleskow mit starker Macht und unter schrecklichen Verheerungen gegen sie im Felde standen. Es kam zum heftigen Kampfe. Die Russen drängten in weit überlegener Macht vor; als die Liven und Letten die Pfeile der Russen über sich kommen sahen, wandten sie sich zur Flucht. Nur die Deutschen, allein auf Russen kämpfend, nur 200 an der Zahl, blieben standhaft; auch von diesen fielen so viele ab, daß kaum 100 in der Schlacht blieben; gegen welche sich die ganze Wuth des Angriffes wandte. Einen ganzen Tag hielten die Deutschen Stand, bis sich die Russen zurückzogen; die Deutschen blieben alle unversehrt bis auf einen Ritter Borwin's, den ein Pfeil tödtete 4 ). Die Deutschen sammelten darauf die zersprengten


1) "Et statuit in vice sua decanum Halberstadensem, qui cum Heinrico Burewino, nobili viro de Wendlande, et quibusdam aliis peregrinis abiit in Liuoniam, annum peregriuationis suae completurus ibidem." Gruber Orig. Livon. p. 123.
2) Von Orlamunde greve Albrecht
der was ein pilgerin gerecht.
biz er ze lande wider quam.
Des andern iârs das criuze nam
von Wentlande her Barwin
mit rittern unde knappen sin;
schoene samenunge,
stolze helde iunge
brâchte er zuo N îflande dô.
Des wâren riche und arme vro.
        Livländ. Reimchron. S. 39, V. 1442 flgd.
3) "Et convenerunt Rigenses cum Livonibus et Letihis et ibat cum eis Heinricus Burewinus et magister Volquinus cum fratribus suis et venerunt prope Saccalam." Gruber orig. Livon. p. 123.
4) "Et steterunt Tetonici soli, quorum erant tantum ducenti; sed et ipsi quidam subtraxerunt se, ut vix centum remanerunt. - - - (  ...  )
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Liven und Letten wieder und zogen sich geordnet und heiter zurück. Die Russen zogen aber eine große Macht zusammen und rückten ihnen nach, alles um sich her von Grund aus verheerend. Als das Gerücht von diesen Gräueln der Verwüstung nach Riga kam, erhoben sich der Ordensmeister Volquin und Borwin 1 ) mit den Kreuzfahrern und Liven wieder und zogen den Russen entgegen; vor ihnen und der muthigen Gegenwehr der belagerten Ordensbrüder in der Burg Wenden zogen sich jedoch die Russen zurück. Die Oeseler hatten die Absicht gehabt, sich mit den Russen zur Vernichtung des Bisthums Riga zu vereinigen, der tapfere Widerstand der Deutschen hatte sie aber zurückgehalten; jedoch kamen sie auf Schiffen in die Düna und plünderten die Inseln des Flusses. Da faßten die Rigenser den Entschluß, die treulosen Esthen zu züchtigen. Es war im Anfange der Fasten 2 ), in der Mitte des Monats Februar, des J. 1219, als der Ordensmeister Volquin und Borwin an der Spitze der Kreuzfahrer, Liven und Letten zu Eise von der Salis her über den rigaschen Meerbusen zogen und in das Land von Reval einfielen. Eine furchtbare Kälte überfiel das Heer; viele Leute verloren Nase, Arme und Beine, und es starben manche; alle erhielten nach ihrer Heimkehr eine neue Gesichtshaut. Sie theilten sich in drei Heerhaufen, von denen die Deutschen, wie gewöhnlich, in der Mitte standen. So rückten sie in das Land Reval ein und trieben, alles vernichtend, die fliehenden Esthen vor sich her. Nach drei Tagen zogen sie mit großer Beute und vielen Gefangenen über das Eis des Meeres zurück; auf dem Eise hielten sie zehn Tage Rast und warteten hier vergeblich auf die Oeseler und Esthen. Dann theilten sie die Beute und zogen heim nach Livland.

Im Frühling des J. 1219 kehrte der Bischof Albert mit vielen Kreuzfahrern aus Deutschland nach Livland zurück und der König Waldemar unternahm einen großen und wichtigen Zug gegen Esthland. Borwin aber kehrte mit seinen Gefährten in's Vaterland zurück. Hier traf er aus Dank gegen die Vorsehung sogleich denkwürdige Anstalten zur Bethätigung seiner Gesinnung. Am 1. Aug. 1219 bestätigte er das Kloster Doberan 3 ) und ver=


(  ...  ) "Teutonici vero omnes sani et incolumes perviam cantantcs redierunt, praeter unum militem Heinrici Burewini, qui sagitta vulneratus cecidit." Gruber Orig. Livon. p. 124-125.
1) Gruber a, a. O. p. 125.
2) "Circa Quadragesimae initium conuenerunt ad Saletsam et erat ibi Volquinus magister militiae cum Heinrico Burewino et peregrinis et Livones et Letthi et ibant in glacie marias, donec Santagagam peruenirent." Gruber Orig. Livon. p. 126.
3) Vgl. Westphalen Mon. ined. III, p. 1475.
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ordnete in demselben Jahre die Versetzung der Leiche seines Vaters Pribislav aus dem Michaeliskloster bei Lüneburg in das Kloster Doberan, indem er dem Michaeliskloster das Dorf Zesemow, später Michaelsberg, bei Lübz, schenkte 1 ), richtete im J. 1219 das längst verwüstete Nonnenkloster Parkow wieder zu Kussin auf, unter dem Namen Sonnenkamp oder Neukloster, welches das bedeutendste Cistercienser=Nonnenkloster im Lande ward, und beschenkte es reich mit Gütern 2 ), bezeugte die Verleihung von Bischofszehnten aus den Dörfern Krempin und Schmakentin an das Johanniskloster zu Lübek, welchem er diese Dörfer zum Theil gegeben hatte 3 ) u. s. w.

Auch der Bischof Brunward von Schwerin unternahm einen Kreuzzug in jene Gegenden. Christian, seit 1214 erster Bischof von Preußen, hatte schon viele Jahre mit den größten Anstrengungen an der Bekehrung der Preußen gearbeitet, als der Papst Honorius im J. 1218 eine Aufforderung zu einem Kreuzzuge nach Preußen erließ, welcher im J. 1219 ausgeführt ward. An diesem Kreuzzuge nahm der Bischof Brunward Theil; in einer Urkunde 4 ) vom J. 1219 sagte er ausdrücklich, daß er, als er nach Preußen habe ziehen wollen (nos in Pruciam peregrinaturi), die Hälfte der Zehnten aus den Dörfern Krempin und Schmakentin dem St. Johanniskloster in Lübek verkauft habe (vendidimus), indem er großen Geldmangel gehabt habe. Dieser Verkauf ist ohne Zweifel im Frühlinge des J. 1219 bei der Abreise nach Preußen abgeschlossen, die Urkunde aber nach ihrer ganzen Fassung nach der Heimkehr des Bischofs ausgestellt. Wahrscheinlich kehrte der Bischof mit dem Fürsten Borwin zusammen oder ungefähr zu gleicher Zeit in's Vaterland zurück. Dieser Zug Brunward's wird auch durch eine andere Urkunde 5 ) vom 13. Dec. 1233 bestätigt, indem er in derselben bezeugt, daß er, "wie er nach Preuß verreisen wollen", in seiner Familie durch Zehntenveräußerungen Geld aufgenommen habe, indem er seinem Großneffen Brunward mehrere Zehnten in der Pfarre Ribnitz abgetreten habe. Seit dieser Zeit betheiligte sich der Bischof Brunward ganz besonders an der Bekehrung der Preußen, indem die Mehrzahl der Ritter des Ordens von Dobrin Mecklenburger waren; ja es ist nicht unwahrscheinlich, daß der erste Meister dieses Ordens, Bruno, ein Bruder des Bischofs war 6 ).


1) Vgl. Jahrb. II, S. 24 und 291.
2) Vgl. Mekl. Urk. II, S. 1 flgd.
3) Vgl. daselbst III, S. 64-65.
4) Vgl. Urk Samml. Nr. XLII.
5) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXVII.
6) Vgl. oben S. 9 und unten über die Familie des Thetlev von Gadebusch.
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Ohne Zweifel hatte der livländische Kreuzzug einen großen Eindruck auf den alten Borwin gemacht; er und seine Nachfolger blieben seitdem in regem Verkehr mit Riga. So bewahrt das schweriner Archiv noch eine Original=Bulle 1 ) des Papstes Honorius III. vom 19. April 1220 (d. d. Viterbi XIII. Kal. Maii, pontificatus nostri anno quarto, mit einer Bleibulle mit den Namen HONORIVS . P P . III.),durch welche derselbe den König Waldemar von Dänemark auffordert, die Bekehrung der Livländer zum christlichen Glauben zu befördern. Am klarsten offenbart sich aber die Veränderung der Gesinnung Borwin's dadurch, daß er, in dem Bestreben, "einige von seinen Vorfahren aus dem Heidenthum überkommene abscheuliche Gebräuche auszurotten", unter Zustimmung seiner Söhne Heinrich und Nicolaus bald nach seiner Rückkehr aus Livland am 2. August 1220 das Strandrecht abschaffte 2 ). Ihm folgte darin im J. 1224 der Fürst Witzlav von Rügen 3 ).

Bald darauf bethätigte der Fürst Borwin am Ende seines Lebens seine Neigung zu dem Erzbisthume Riga noch durch eine Schenkung.

Die Erkenntniß dieser Schenkung beruht auf einer Entdeckung, deren Geschichte hier nicht verschwiegen werden darf. Schon vor mehreren Jahren erhielt unser Verein von dem Hrn. Bürgermeister Fabricius zu Stralsund eine Abschrift von einer Urkunde aus dem im Archive zu Stettin aufbewahrten rügischen Pergament=Codex aus dem 14. Jahrh., durch welche der Fürst Heinrich von Meklenburg am 26. Julius 1286 die von dem Fürsten Borwin dem Bisthum Riga gemachte Schenkung des Dorfes Chatecowe bestätigt 4 ). Dieses Dorf war durchaus nicht aufzufinden und es mußte endlich jede Untersuchung darüber ruhen, da die mühsamste Forschung nicht zum Ziele führen wollte. In den Mittheilungen aus dem Gebiete der Geschichte Liv=, Ehst= und Kurland's, herausgegeben von der Gesellschaft für die Geschichte der russischen Ostsee=Provinzen, Riga, 1843, S. 61 flgd. ward durch den Obristlieutenant Grafen von der Osten=Sacken ein Verzeichniß von livländischen Urkunden mitgetheilt, welche sich 1613 im königlich=polnischen Archive im Schlosse zu Krakau befanden, jetzt aber dort nicht mehr zu finden sind. In diesem Verzeichnisse wird Nr. 47 eine Urkunde aufgeführt, durch welche der Veriner (?) Erzbischof (?) Hermann


1) Vgl. Rig. Mittheilung. I, S. 456.
2) Nach dem Originale im lübeker Archive gedruckt im lübeker Urk. Buch, I, Nr. XXI.
3) Vgl. daselbst Nr. XXVII.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLVIII.
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im J. 1286 dem Erzbisthum Riga die Zehnten aus dem diesem von Borwin geschenkten Dorfe Jaketowe überläßt 1 ). In diesem veriner Erzbischofe war freilich der schweriner Bischof zu erkennen; aber das Dorf war unter dem Namen Jaketowe noch weniger aufzufinden. Eine andere Regeste unter Nr. 46 führt das von Borwin geschenkte Dorf ebenfalls unter dem Namen Jaketowe auf 2 ), fügt jedoch hinzu, daß es bei der Burg (castrum) Home gelegen habe. Diese Burg war noch weniger zu finden, als das Dorf Chatecowe oder Jaketowe, welches doch noch einen wendischen Klang hatte. Da veröffentlichte am Schlusse desselben Jahrganges derselben Mittheilungen, Riga, 1843, S. 471, der Herr Staatsrath von Busse zu Petersburg nach den Originalen mehrere Urkunden, welche unstreitig zu denen gehörten, welche ehedem aus dem erzbischöflichen Archive zu Riga in das Schloß zu Krakau, von hier im J. 1765 nach Warschau und später weiter in die kaiserliche Bibliothek zu Petersburg wanderten. Unter diesen Urkunden steht auch S. 496 die obenerwähnte Zehntenschenkung des schweriner Bischofs Hermann vom J. 1286, in welcher das von Borwin dem Erzbisthum Riga geschenkte Dorf Thatecowe genannt wird. Nun war das Dorf allerdings nicht schwer zu finden, namentlich wenn man seine in der Schenkung Borwin's vom J. 1224 näher bezeichnete Lage bei der Burg Home mit in Betracht zog. Wie die meisten Namen in dem angeführten Verzeichnisse, so ist auch der Name Home in der Urkunde falsch gelesen: es ist statt Home vielmehr Ilowe zu lesen und es sind in den Urkunden die Namen Thatecowe und Ilowe verbessert. Der Name des Dorfes ist also Thatecowe, in ältern Zeiten einige Male auch Tatkendorf bis ins 17. Jahrh. Tatkow, jetzt Tatow genannt, welches noch heute bei der ehemaligen berühmten wendischen Fürstenburg Ilow im Bisthume Schwerin liegt; die Sylbe - ek - fällt mit der Zeit in wendischen Namen häufig und gewöhnlich aus, wie z. B. gleich in dem weiter unten behandelten Dorfe Zittekowe, welches jetzt Zittow heißt. Es ist also nicht daran zu zweifeln, daß das von Borwin dem Bisthume Riga geschenkte Gut das Dorf Tatow bei Ilow sei, wie die folgende Geschichtserzählung zur Ueberzeugung darthun wird.

Im Jahr 1224 schenkte der Fürst Borwin, unter Zustimmung seines Sohnes Heinrich von Werle, wie aus der Bestätigung


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLIX.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLIII.
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vom 26. Julius 1286 hervorgeht, dem Bisthum Riga das bei der Burg Ilow liegende Landgut Thatekow, jetzt Tatow, welches nach der Zehntenanweisung vom J. 1286 nicht mehr als 11 Hufen groß war. Wir lernen diese Verleihung aus einer Beglaubigung der darüber ausgestellt gewesenen Urkunde durch den Erzbischof Johann von Riga und den Fürsten Wizlav von Rügen vom J. 1282 1 ) kennen. Die Burg Ilow, zwischen Wismar und Neu=Bukow gelegen, war eine alte, feste wendische Fürstenburg, welche zu Zeiten noch von den Borwinen und zuletzt noch von Borwin's Enkel, dem Fürsten Johann dem Theologen, bewohnt ward 2 ). Das Dorf Tatow liegt nicht weit südlich von dieser Burg und gehörte ohne Zweifel zu dem Burggebiete; daher wird es auch nicht Dorf (villa), sondern Landgut (praedium) genannt; es war also wohl eine Art von Meierhof, der zu den Domainen Borwin's gehörte, wie er das Kloster Sonnenkamp aus seinem Erbe (patrimonio) dotirte. Auch das Gut Althof bei Doberan, welches Pribislav zuerst zur Gründung des Klosters Doberan hergegeben hatte, wird im 12. Jahrh. wiederholt Landgut (praedium) genannt 3 ), eben so das Gut Satow, welches Borwin 1219 dem Kloster Amelungsborn schenkte 4 ). Es ist merkwürdig, daß die Landesherren im 12. Jahrh. einen großen Theil ihrer bei den alten Fürstburgen liegenden Domainen zur Stiftung der Klöster hergaben, z. B. Doberan, Dargun, Sonnenkamp, Güstrow.

Diese Schenkung bestätigten die nachfolgenden Fürsten: Johann I. der Theologe und Heinrich I. der Pilger, nach der Bestätigung vom 26. Julius 1286, und an diesem Tage bestätigte dieselbe der junge Fürst Heinrich II. der Löwe mit seinem Bruder Johann und seiner Mutter Anastasia; er hielt damals seinen Vater, den in der Gefangenschaft in Aegypten schmachtenden Pilger, für todt ("felicis recordationis") 5 ). In demselben


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLIII. Diese Urkunde ist für das Todesjahr des Fürsten Nicolaus, des Sohnes Borwin's, von Erheblichkeit. Er erscheint zuletzt im Junius und Julius des J. 1222 (vgl. Schröder P. M. I, S. 81, und Rudloff Urk. Lief. S. 5). Die oben angeführte Urkunde Borwin's über die Aufhebung des Strandrechts, in welcher Nicolaus noch genannt wird, ist nicht im J. 1223, wie bisher angenommen ist, sondern im J. 1220 ausgestellt (vgl. Lübeker Urk. Buch I, Nr. XXI). In der hier behandelten rigaschen Urkunde von 1224 kommt er nicht mehr vor. Er brach auf der Burg Gadebusch den Hals (vgl. Doberaner Nekrologium in Jahrb. I, zu S. 135).
2) Vgl. Jahrb. VII, S. 161.
3) Vgl. Jahrb. II, S. 25.
4) Vgl. Jahrb. XIII, S. 269 flgd.
5) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLVIII. Im J. 1275 hatte man Nachricht von Heinrichs des Pilgers Gefangenschaft (Mekl. Urk. II, Nr. XXVI), 1283 scheint man nichts Bestimmtes über ihn gewußt zu haben (vgl. daselbst Nr. XXXII), im J. 1289 hatte man aber Nachricht von seinem Leben, da Anstalten zu seiner Auslösung gemacht wurden (Lübek. Urk. Buch I, Nr. 538 flgd.); vgl. unten die Abhandlung Boll's über des Fürsten Heinrich Pilgerfahrt.
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Jahre 1286 verglichen sich auch der Bischof Hermann und das Dom=Capitel von Schwerin, da das Gut Tatow in der Diöcese Schwerin lag, mit dem Erzbisthum Riga über die zwischen beiden streitig gewordenen Zehnten; das Bisthum Schwerin trat dem Erzbisthum Riga nicht allein alle Zehnten des Gutes Tatow, welches 11 Hufen groß war, sondern auch die Zehnten von Marien=Hagen, welches 5 Hufen hatte, gänzlich ab, wogegen die erzbischöflichen Verwalter in Wulfeshagen dem Bischofe von Schwerin zur Erwerbung anderer Hebungen behülflich gewesen waren 1 ). Der sehr kleine Marienhagen ist nicht aufzufinden; vielleicht lag es bei Tatow und war von diesem abgetrennt, vielleicht war es der Heiligen=Geistes=Hagen, welcher dem Heiligen=Geist=Hospitale zu Riga gehörte und von welchem weiter unten die Rede sein wird, oder es lag auch in Festland Rügen. Das Gut Wulfshagen und dessen Verhältnisse zu Riga sind eben so wenig bekannt, und es läßt sich nicht bestimmen, ob hierunter das bei Rostock liegende Wulfshagen oder, was allerdings wahrscheinlicher ist, das bei dem erzbischöflich=rigaschen Gute Hövet in Festland Rügen liegende Wolfshagen gemeint sei.

Hiemit verschwindet das Gut Tatow auf lange Zeit aus der Geschichte. Wahrscheinlich wird das Erzbisthum Riga dasselbe noch im Mittelalter veräußert haben, da dieses schon in der Mitte des 16. Jahrh. als ritterliches Lehn, und zwar als Pertinenz von Gamehl, im Besitze der v. Stralendorf auf Gamehl erscheint, welche auch die Deutsch=Ordens=Comthurei Krankow gekauft hatten.

Das Erzbisthum Riga hatte im Bisthume Schwerin mit Gewißheit noch andere Güter, welche jedoch im Festlande Rügen lagen. Es besaß hier die Dörfer Gusdin, jetzt Gersdin bei Franzburg, und Hövt bei Velegast, südlich von Barth. Der Fürst Wizlav I. von Rügen (1218-1249), welcher den König Waldemar von Dänemark nach Livland begleitete, schenkte dem Bischofe Albert von Riga (1198-1229), also in der Zeit 1218-1229, 6 Hufen in Gusdin, welche der Bischof seinem Dom=Capitel überließ 2 ); derselbe Fürst verlieh dem Dom=Capitel am 16. Sept. 1237 dazu noch andere 6 Hufen 3 ). Das Dorf Hövet war am Ende des 13. Jahrh. (1293 ?) im Besitze des Rigaschen Dom=Capitels, als dieses dem Bischofe Gottfried von


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLIX.
2) Vgl. Fabricius Urk. des Fürstenth. Rügen, II, S. 122; vgl. S. 91, Nr. 71.
3) Vgl. daselbst S. 9, Nr. 45.
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Schwerin 20 Mark Hebungen statt des Zehnten aus dem Capitel gehörenden Dorfe Hövet überwies 1 ).

In der ersten Hälfte des 13. Jahrh. erwarben auch die unmittelbar mit dem Erzbisthume Riga in Verbindung stehenden geistlichen Ritterorden Besitzungen 2 ) in Meklenburg: der Schwertbrüder=Orden das Gut Vorwerk bei Dassow, der Orden der Brüder von Dobrin das Gut Sellin bei Neukloster und der Deutsche Orden die Comthurei Krankow bei Wismar.

Auch andere geistliche Stiftungen in Riga gewannen schon früh Landbesitz in Meklenburg; jedoch sind nur darüber Nachrichten vorhanden, daß das Heilige=Geist=Hospital das Dorf Heiligenhagen bei Satow in der Nähe des Klosters Doberan besaß. Die Zeit und Art der Erwerbung dieses Gutes ist nicht bekannt, läßt sich jedoch annäherungsweise bestimmen. Das Dorf war ein Hagen, d. h. ein aus Wald urbar gemachtes Gut. Es hieß das ganze Mittelalter hindurch Heiligengeisteshagen (Indago sancti spiritus) und es ist daher wohl nicht zu bezweifeln, daß es von dem Heiligengeist=Hospitale zu Riga angelegt und daher von diesem benannt ward. Um das Jahr 1219 hatte der Fürst Borwin dem um Meklenburg hochverdienten Kloster Amelungsborn, aus welchem der Wenden=Apostel Berno und das Kloster Doberan hervorgingen, das Gut Satow mit einer sehr großen Feldmark und weiten, noch auszurodenden Waldungen geschenkt 3 ); von diesem Gute ward bald nicht allein der Hagen Satow, sondern wenigstens auch noch Heiligenhagen abgenommen. Noch im J. 1244 grenzte das Dorf Bölkow unmittelbar an Satow; die Grenze ging durch eine große Waldung, in welcher zugleich die Grenze der Urbarmachung für jedes der beiden Dörfer angewiesen ward 4 ). Bald darauf finden wir zwischen beiden Dörfern das Dorf Heiligengeisteshagen, welches ohne Zweifel durch Ausrodung dieses Waldes entstand, mit Satow und Püschow grenzend 5 ).

Es ist möglich, daß hier zuerst und späterhin noch mehrere, kleinere Ansiedelungen entstanden, wie um das Jahr 1232 das Gut Wildeshusen 6 ) und noch vor dem J. 1286 das Gut Marienhagen 7 ); jedoch läßt sich hierüber noch nichts Genaueres bestimmen.


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LI. Vgl. Fabricius a. a. O. 91, II.
2) Vgl. oben die Abhandlungen über diese Besitzungen.
3) Vgl. Jahrb. XIII, S. 122 flgd. u. 128.
4) Vgl. daselbst, S. 274.
5) Vgl. daselbst, S. 287.
6) Vgl. daselbst S. 127-128.
7) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLIX.
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Das Hospital zum Heiligen=Geist in Riga war im J. 1220 von dem Bischofe Albert gestiftet 1 ). Wahrscheinlich ist es, daß bald nach dem J. 1244 Heiligengeisteshagen entstand. Im J. 1304 wohnte schon ein geistlicher Verwalter (clericus indaginis sancti spiritus) 2 ) auf dem Gute und im 14. Jahrh. bildete das Gut, welches sicher unmittelbar von dem Hospitale durch einen Hofmeister verwaltet ward eine eigene Pfarre 3 ). Im J. 1361 nahm der Herzog Albrecht die Bauern von Heiligenhagen in seinen besondern Schutz 4 ).

Das Hospital zu Riga besaß das Dorf Heiligenhagen bis in das 15. Jahrh., bis zu einer Zeit, in welcher mehrere auswärtige Klöster ihre Besitzungen in Meklenburg veräußerten. Sicher schon vor dem J. 1427 hatte das Hospital das Gut an zwei rostocker Patricier, Heinrich Buk und Johann Odebrecht, welche bis zum J. 1428 Burgemeister zu Rostock waren, an jeden zur Hälfte, verkauft 5 ). Während der demokratischen Revolution vom J. 1427 flohen im J. 1428 die beiden genannten Burgemeister mit ihren Collegen aus Rostock nach Bützow. Wahrscheinlich um sich aus Geldverlegenheit zu reißen, verließen zu Bützow Heinrich Buk am 1. Nov. 1428 6 ) und Johann Odebrecht am 25. Julius 1429 7 ), jeder seine Hälfte, wie sie das Gut von dem Heiligen=Geiste zu Riga verkauft hatten, der Herzogin Katharine von Meklenburg. Auf diese Weise kam das ziemlich große Dorf an die Landesherrschaft.

Die Grafen von Schwerin und Danneberg hatten sich um das livlandische Bisthum bisher nicht besonders bekümmert. Der Graf Heinrich I. von Schwerin hatte im J. 1219 einen Kreuzzug nach dem Heiligen Lande unternommen und nach seiner Heimkehr waren die Grafen bekanntlich mit der Vernichtung der dänischen Macht Deutschland so sehr in Anspruch genommen, daß sie wohl nicht Zeit hatten, an Livland zu denken. Der Graf Heinrich I. von Schwerin starb im J. 1228 und hinterließ seinem milden Sohne Gunzelin III. für eine lange Regierungszeit ein gesichertes Reich. Der Graf Volrath II. von Danneberg starb um das J. 1224 und hinterließ drei Söhne: Heinrich II., Bernhard I. und Adolf I.

Der große Bischof Albert von Riga war auch im J. 1229 gestorben; er hatte es noch gesehen, wie das Christenthum


1) Vgl. Napiersky Index I, Nr. 9.
2) Vgl. Jahrb. XIII, S. 281.
3) Vgl. Jahrb. IX, S. 401.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. LIII.
5) Ueber diese Patricier vgl. Jahrb. XI, S. 178-179, und S. 184.
6) Vgl. Urk. Samml. Nr. LX.
7) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXI.
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in jenen Gegenden durch seine heldenmüthige Ausdauer fest begründet war, freilich nicht ohne starke Anfechtung. Denn die Litthauer, welche die vielen blutigen Kriege nicht vergessen konnten, standen im J. 1236 wieder auf und erhoben sich Gefahr drohend gegen den Schwertbrüderorden und das Bisthum Riga. Es ward alsbald Botschaft nach Deutschland gesandt, und nicht vergebens; denn es führten alsbald der Graf Heinrich von Danneberg und ein tapferer Ritter Johann von Haseldorf 1 ) ein Kreuzheer nach Livland.

Die älteste Quelle ist die livländische Reimchronik; diese sagt S. 51, v. 1857:
Dâr under bleib er (Volkw în) leider tôt,
als es got über in gebôt;
vil gâr ân alle die schulde s în
mit im manic pilger în,
der was dô vil zuo R îge komen.
die hatten dicke wol vernomen,
wiez in dem lande waz getân:
die wolden in des nicht erlân,
er envüere des sumers hervart;
dar umbe er vil gebeten wart.
von Haseldorf ein edel man
der legete s înen vl îz dar an,
von Dannenberc ein greve guot:
dà stuont viel maniges heldes muot
hin zuo Littouwen etc. .

Diese Chronik nennt den Grafen von Danneberg nicht mit Vornamen, auch die plattdeutsche Chronik in Gruber orig. Livon. p. 200 nicht; diese nennt dagegen den Ritter Johann Haseldorpe 2 ).

Der Graf von Danneberg ist nun der Graf Heinrich II., welcher nach dem J. 1236 nicht mehr in der Geschichte genannt wird 1 ). Seine Brüder Bernhard und Adolf regierten noch bis 1264 und 1269.

Die Kreuzfahrer vereinigten sich nun mit den Schwertbrüdern und den Bischöfen und fielen verwüstend in Litthauen ein. Aber in einer blutigen Schlacht am Tage des H. Mauritius 3 ), den 22. Sept., 1236 wurden die Christen geschlagen


1) Vgl. Monumenta Livoniae antiquae, III, S. 129, Note 4.
2) Vgl. Rudloff Gesch. der Grafen von Danneberg, S. 29. In der hier S. 17, Not. u, aus Pfeffinger Braunschw. Hist. II, S. 364, angeführten Urkunde vom J. 1237 ist nur von einer Bestätigung einer Verleihung der Grafen Heinrich und Bernhard von Danneberg durch den Herzog Albert von Sachsen die Rede, nicht von einer unmittelbaren Handlung des Grafen Heinrich.
1) Vgl. Monumenta Livoniae antiquae, III, S. 129, Note 4.
3) Vgl. Monum. Livon. antiq. III, S. 129, Note 5.
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und der Ordensmeister Volquin, der letzte Meister des Schwertbrüderordens, 48 Ordensritter, der Graf von Danneberg und viele andere Ritter und Kreuzfahrer fanden einen schmählichen Tod. Die Livländ. Reimchronik 1 ) gedenkt des Todes des Grafen nicht; dagegen sagt die niederdeutsche Ordenschronik in Gruber Orig. Livon. p. 200.

Dar nae quam int lant de greve van Danenberch unde heer Johan Haseldorpe mit veel pelgrims, die mitten meyster streden tegen die Letthauwen, ende meister Volquyn bleeff mit XLVIII broeders van der oirden doot ende die grave mit veel goeder mannen mit hem.

Nach dem Tode dieses Meisters ward im folgenden Jahre 1237 der Orden der Swertbrüder mit dem Deutschen Orden vereinigt.

Wahrscheinlich entsprang aus dem Tode des Grafen Heinrich die Gunst, welche die Grafen von Danneberg seit dieser Zeit dem livländischen Cistercienser=Kloster Dünamünde zuwandten, indem das Kloster jetzt zum vollkommenen Besitze der Dörfer Siggelkow, Zachow und Crucen kam 2 ).

Seit dem Falle des Grafen von Danneberg, aus dem Hause der alten Nachbaren und Verbündeten der Grafen von Schwerin, traten auch die Grafen von Schwerin in engere Verbindung mit dem Bisthume Riga.

Zunächst gab Gunzelin III. dem Kloster Dünamünde seinen Theil an Siggelkow, Zachow und Crucen.

Bei dem regen Verkehr, welchen die Stadt Riga mit ihrer Mutterstadt Lübek unterhielt, konnte es nicht fehlen, daß auch die übrigen Ostseestädte in ein engeres Verhältniß zu Riga traten, welches ein nicht unwichtiger Markt ward. Am 25. Mai 1246 verlieh der Fürst Johann I. der Theologe von Meklenburg den Bürgern der Stadt Riga nicht allein für den Hafen von Wismar, sondern auch für das ganze Land Meklenburg dieselben Freiheiten, deren sie sich in Lübek erfreueten 3 ).

Am 27. Jun. 1257 verlieh der Fürst Borwin von Rostock den Bürgern von Riga Zollfreiheit in seinen Landen, unter der Bedingung, daß sie jährlich für ihn einen gewaffneten Mann zu dem


1) Vgl. Moritz Brandis Chronik in Monum. antiq. Livon. III, S. 128 129.
2) Vgl. unten die Abhandlung über die Besitzungen des Klosters Dünamünde.
3) Vgl. einen Aufsatz des wail. Dr. C. C. H. Burmeister zu Wismar in den Mittheilungen der Gesellsch. für Geschichte der russischen Ostsee=Provinzen, III, S. 147 flgd., wo diese bisher aus Schröder Wismarschen Erstlingen S. 71 bekannte Urkunde nach dem im Stadt=Archive zu Riga befindlichen Originale verbessert abgedruckt ist.
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Zuge gegen die Heiden stellten, wie sie es für das Seelenheil seines Großvaters (Borwin I.) und seines Vaters bisher gethan hätten 1 ). Außerdem siedelten sich bald wismarsche Bürger in Riga, bald rigasche Bürger in Wismar an und Wallfahrten und Kreuzzüge nach Riga waren nicht selten 2 ).

Im J. 1261 war der Bischof Albert von Pomesan (Insula sancte Marie in Pruscia) päpstlicher Legat im Bisthume Camin und versicherte als solcher am 1. April 1261 zu Demmin dem Kloster Dargun das Patronat der Kirche zu Levin 3 ).

In Folge aller dieser Begebenheiten konnte es nicht fehlen, daß das Erzbisthum Riga zu dem milden, ritterlichen und gebildeten Grafen Gunzelin III. von Schwerin (1228 † 1274), an dessen Hofe auch die Dichtkunst gepflegt und geschützt ward, ein besonderes Vertrauen hegte, zu ihm, der in jener Zeit einer der wackersten Männer in den Ostseeländern war. Am 21. Dec. 1267 ernannte der Erzbischof Albert (1254-1272), welcher vorher auch Bisthums=Verweser in Lübeck gewesen war, für seine Lebenszeit den Grafen Gunzelin III., "einen edlen und berühmten, festen und klugen Mann, zum Schirmherrn und Vertheidiger, Berather und Verweser" (Kastenherrn) des Erzbisthums gegen die Barbaren und andere Feinde und unterwarf ihm Land und Leute, Burgen und Vasallen des Erzbisthums, so daß er dem Erzbischofe jährlich eine gewisse Summe zahlen, mit dem Rest der Einkünfte des Erzbisthums den Nutzen und die Ehre befördern solle 4 ). Der Graf befand sich damals ohne Zweifel selbst in Riga und war hier noch am 5. April 1268 5 ) bei der Belehnung eines getauften litthauischen Edlen.

Daß sich der Graf Gunzelin gegen das Erzbisthum Riga und dessen milde Stiftungen auch freigebig bewies, läßt sich denken. Er hatte schon vorher dem Kloster Dünamünde seinen Antheil an den Gütern Siggelkow, Zachow und Crucen geschenkt 6 ), welche späterhin ganz unter seine Landesherrlichkeit übergingen. Wenn er aber in der Urkunde vom J. 1270 sagt, daß dieses Kloster noch andere Güter in seiner Herrschaft 7 ) besitze, so ist hierüber keine andere Nachricht vorhanden, als etwa die folgende, wenn überall die Urkunde ächt, also der Ausdruck zuverlässig ist.


1) Die Urkunde, welche bisher aus dem Druck in Rudloff Urk. Lief. Nr. XV bekannt war, ist nach dem im rigaschen Stadt=Archive aufbewahrten Originale gedruckt in den eben angeführten Mittheilungen a. a. O. S. 150.
2) Vgl. Burmeister in den angeführten Mitheilungen a. a. O. S. 151 flgd.
3) Vgl. Meklenb. Urk. I, S. 120.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLIV, auch gedruckt in Riga. Mittheil. I, S. 458 flgd.
5) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLV.
6) Vgl. unten die Abhandlung über die Güter des Klosters Dünamünde.
7) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXIX.
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Der Graf Gunzelin III. schenkte dem Erzbisthum Riga, und im Besondern wohl dem Dom=Capitel, das Patronat der Kirche im Dorfe Zittow, am östlichen Ufer des schweriner See's, im Lande Zellesen. Diese Schenkung ist zunächst nur aus einer Bestätigung des Grafen Nicolaus I., eines Sohnes Gunzelin's, vom J. 1286 bekannt 1 ), welcher in der Urkunde ausdrücklich sagt, daß sein Vater Gunzelin der Kirche zu Riga dieses Patronat verliehen habe. Auch die Veräußerungsurkunde erwähnt der Schenkung durch den Grafen Gunzelin und der Bestätigung durch den Grafen Nicolaus. Am 12. Mai 1520 überließen der Erzbischof und das Dom=Capitel zu Riga dieses Patronat dem Antonius=Kloster zu Tempzin 2 ) bei Brüel.

Die Stellung des Grafen Gunzelin zu dem Erzbisthume vermochte wahrscheinlich den Fürsten Heinrich I. den Pilger von Meklenburg die Aeußerung seines Glaubensdranges gegen die Heiden des Erzbisthums zu richten. Wahrscheinlich war es schon zu der Zeit, als der Graf im Erzbisthume war, daß der Fürst einen Kreuzzug gegen die heidnischen Litthauer unternahm, indem er schon am 8. Julius 1270 ein im Getümmel der Schlacht gerettetes junges Mädchen, welches er zur Taufe geführt und an Kindes Statt angenommen hatte, in das Kloster Rehna gab 3 ).

Es war wohl das dankbare Andenken an den Grafen Gunzelin III., welches das Dom=Capitel zu Riga veranlaßte, seinen Sohn Johann zum Erzbischofe zu erwählen. Johann III., Graf von Schwerin, war 1294-1300 Erzbischof von Riga 4 ). Er saß nur kurze Zeit auf dem erzbischöflichen Stuhle. "Er hatte mit dem Deutschen Orden in öffentlichem Kriege gelebt, wobei er das Unglück hatte, von demselben gefangen zu werden. Als er nach einer Gefangenschaft von ganzen 33 Wochen wieder los kam, hielt er sich in diesem Lande nicht mehr sicher, sondern begab sich nach Rom, um seine Klage am päpstlichen Hofe anzubringen, wo die Procuratoren des Erzstiftes, der Stadt Riga und des Stiftes Oesel schon vorher wider den Orden klagbar geworden waren 5 )." Der Erzbischof Johann nahm seinen Weg über Schwerin. Hier ertheilte er am 9. Nov. 1299 dem Kloster Medingen einen Ablaß 6 ). Am 25.


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. L.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLIII.
3) Vgl. oben S. 22 flgd.
4) Vgl. Napiersky Index p. 356.
5) Vgl. Napiersky Index p. 65, zu Nr. 259.
6)

Die Urkunde ist gedruckt in Lyßmann Gesch. des Klosters Medingen, S. 13, und datirt:

Datum Zwerin ad devotam instanciam bonorabilis viri domini Ottonis decani ecclesie Zwerinensis, anno 1299, quinto idus Novembris.

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Nov. 1299 stiftete er hier für sich Memorien und schenkt dazu dem Dom=Capitel zu Schwerin einen von ihm für 38 Mark gekauften Hof auf der Schelfe, von dessen Einkünften die Domherren und Vicarien zwei, die Armen ein Drittheil genießen sollten 1 ). Darauf reisete Johann nach Rom ab. "Hier starb er im J. 1300 2 ). Nun hatte der Dompropst und das Capitel zu einer neuen Wahl schreiten sollen; aber der Papst reservirte sich, aus Vorsorge für das Erzstift, die Wahl und setzte (am 19. Dec. 1300) seinen Capellan, bisherigen Prior des Augustiner=Klosters zu Benevent, Namens Isarnus Tacconi, aus Pavia gebürtig, zum Erzbischofe ein, welcher als ein Mann von Weltkenntniß und Erfahrung im Stande zu sein schien, die Händel beilegen und die Ruhe wieder herstellen zu können; denn er war vorher einige Male als päpstlicher Legat in Dänemark gebraucht worden."


Dies ist die Geschichte der Besitzungen des Erzbisthums Riga in Meklenburg und der Beziehungen desselben zu den meklenburgischen Landen. Es kamen jedoch im Laufe der Zeit fortwährend wichtige und merkwürdige Berührungen zu dem Erzbisthume vor, deren kurzer Ueberblick hier nicht fehlen darf.

In der ersten Hälfte des 14. Jahrh. beschäftigten die eigenen Angelegenheiten und Bewegungen die Bewohner Meklenburgs hinreichend. In der zweiten Hälfte dieses Jahrh. aber machte sich Meklenburg mehr als je nach außen hin bemerklich; namentlich war es der Herzog Albrecht der Große (1329 † 1379), welcher einen entscheidenden Einfluß auf die Angelegenheiten vieler nordischer Staaten ausübte und auch nicht ohne Einwirkung auf das Erzbisthum Riga blieb. Dieses hatte z. B. mehrere Jahre


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LII.
2)

Vgl. Napiersky Index, p. 65 zu Nr. 259, und p.356; vgl. Monum. ant. Liv. I, p. 140. Rudloff M. G. II, S. 67 und Stammtafel, setzt den Tod des Erzbischofs Johann in das Jahr 1304 und beruft sich dabei auf Detmar's Lüb. Chronik. Diese (nach Grautoff's Ausgabe, I, S. 183) sagt aber nur zum J. 1304:

1304 "Do hadde de paves biscope Johanne Grant maket to der Righe biscop, na biscop Johanne, de in deme hove do storven was, de des greven Helmoldes broder was van Swerin. Unde de paves satte Ysarnum, de vore was legat to Lunden, in des anderen stede to biscoppe. Se beide dachten dar nicht to blivende, des so samelnden se groten schat ute den twen stichten, darmede se seder worven ander bisscopdome".

Hier ist nur gesagt, daß der Erzbischof Johann vor der Ernennung des Isarnus gestorben war, nicht aber, daß sein Tod in dem J. 1304 erfolgt sei. - Ueber den Erzbischof Johann Grand, später zu Bremen, vgl. Lisch Maltzan. Urk. I, 336 flgd.

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lang einen lebhaften Streit mit dem Deutschen Orden wegen der Oberherrlichkeit und der Gerichtsbarkeit über die Stadt Riga. Der Kaiser Carl der IV. war schon durch die Bestätigung der Privilegien des Erzbisthums vermittelnd eingetreten, jedoch nicht zum Ziele gelangt; da verlangte der Herzog Albrecht, des Kaisers besonderer Freund und vielleicht als Nachfolger der Grafen von Schwerin im Schirmamte des Erzbisthums, in Folge eines päpstlichen Ausspruches von dem Deutschen Orden die Anerkennung der Rechte des Erzbischofs 1 ), worauf am 7. Mai 1366 ein Vergleich zwischen den streitenden Parteien abgeschlossen ward 2 ).

Bis zum Ende des 14. Jahrh. waren die Länder der Diöcese Riga vielfach in das Schicksal des Königs Albrecht von Schweden (seit 1363) verwickelt, besonders aber der Deutsche Orden 3 ).

Seit dem J. 1388 war der Bischof Gerhard von Ratzeburg vom Papste bestellter Conservator des Erzbisthums Riga und ließ durch seine Subconservatoren z. B. über die streitigen Güter des Dom=Capitels bei der Burg Dondangen aburtheilen 4 ).

Durch Vermittelung des schweriner Domherrn Dietrich von Fyfhusen (Fünfhausen), aus einer livländischen Familie 5 ), schenkte der Erzbischof von Riga Johann V. von Wallenrod (1393-1418) der Domkirche zu Schwerin ein Stück von dem Kreuze Christi 6 ) mit einer Ablaßverleihung für alle diejenigen, die es verehren würden, und vermehrte dadurch den Ruf der durch das Heilige Blut schon berühmten Kirche 7 ).

Am 14. Mai 1424 sandte der Erzbischof von Riga Johann VI. Habundi (1418 † vor 24. Junius 1424), also kurz vor seinem Tode, dem Bischofe Heinrich von Schwerin 100 Rosenobel, um damit für ihn eine Vicarei zur Ehre des Apostels Andreas in der Marienkirche zu Rostock zu stiften 8 ), weil er in dieser Kirche "getauft". Diese Nachricht giebt einen Beitrag der sonst nicht sehr bekannten Geschichte dieses Erzbischofes.

In der Zeit von 1486-1490 war der Magister Hoyer, Domherr von Schwerin und Güstrow, des rigaschen Erzbischofs


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LIV.
2) Vgl. Napiersky Index I, p. 107, und Hiärn's Geschichte in Monum. Livon. antiq. I, p. 158-159.
3) Vgl. oben die Gesch. des Deutschen Ordens in Beziehung auf Meklenburg.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. LV bis LVII.
5) Vorher war 1348-1369 Fromhold von Fyfhusen Erzbischof von Riga gewesen.
6) Vgl. Urk. Samml. Nr. LVIII.
7) Vgl. Jahrb. XIII, S. 154.
8) Vgl. Urk. Samml. Nr. LIX.
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Michael Hildebrand Gesandter in Rom, wo er in dem Deutsch=Ordens=Hause wohnen sollte 1 ).

Das ganze 16. Jahrh. hindurch treten die Herzoge von Meklenburg so vielfach und innig mit den Schicksalen der deutschen Colonien an der Ostsee, namentlich in den Bemühungen zur Abwehr der vordrängenden Russen 2 ), in Berührung, daß hier nur auf die Hauptpuncte kurz hingedeutet werden kann; alle diese Verhältnisse sondern und verdienen besondere, ausführliche Darstellungen 3 ).

Schon im J. 1495 forderte der Kaiser Maximilian die Herzoge Magnus und Balthasar zur Unterstützung des Deutschen Ordens gegen die Russen auf 4 ), wenn auch vergebens.

Im J. 1525 sehen wir die Herzoge Heinrich und Albrecht von Meklenburg als "Mitconservatoren und Beschützer der Stifter Riga und Dorpat" in Thätigkeit 5 ).

In den nächst folgenden Zeiten wurden die Berührungen mit dem Deutschen Orden und den Bisthümern des Erzstifts Riga immer vielseitiger.

Besonders innig wurden aber die Beziehungen durch die am 24. Jan. 1555 vollzogene Vermählung des bedeutenden Herzogs Johann Albrecht I. mit der ausgezeichneten Prinzessin Anna Sophie, Tochter des Markgrafen Albrecht von Brandenburg, des letzten Hochmeisters des Deutschen Ordens und des ersten Herzogs von Preußen, mit welchem Johann Albrecht in die lebhafteste und vertraulichste Correspondenz über ihre beiderseitigen reformatorischen Ansichten trat.

Durch seine weit verzweigten Verbindungen brachte der Herzog Johann Albrecht I. es auch dahin, daß sein Bruder Christoph zum Coadjutor des Erzbisthums Riga (1553-1569) erwählt ward. Die traurigen Schicksale dieses Fürsten während dieser unglückseligen Coadjutorei, welche nicht von Bestand war, sind im Allgemeinen bekannt genug, jedoch immer noch nicht gründlich dargestellt 6 ).


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXII, und Napiersky Index Nr. 2235, 44, 49 und 73.
2) Mittheilungen, Riga, II, S. 103 flgd.
3) Ueber die Berührungen mit Livland besitzt das großherzogl. Archiv zu Schwerin umfangreiche Acten, von denen ein großer Theil in Abschrift an das gräflich=romanzowsche Museum in Petersburg gekommen ist; eine Uebersicht dieser Mittheilungen ist in den Mittheilungen, Riga, I, S. 450 flgd., und II, S. 103 flgd. gegeben.
4) Vgl. Mittheilungen, Riga, II, S. 103 flgd.
5) Vgl. daselbst, I, S. 463, Nr. 8.
6) Außer den gedruckten livländischen Quellen vgl. man das Verzeichniß der Archiv=Acten in Mittheilungen, Riga, I, S. 453 flgd. und II, S. 118. Vgl. noch Rudloff Mekl. Gesch. III, 1, S. 154 und 210.
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Zwar erreichte es der Herzog Johann Albrecht, daß nach der Entsagung seines Bruders, des Herzogs Christoph, sein jüngerer Sohn Sigismund August, ein Knabe, zum Erzbisthume Riga in Vorschlag gebracht ward; jedoch ward das Erzbisthum schon im J. 1566 aufgehoben, noch ehe die Verhandlungen zum Abschlusse gediehen 1 ). Sigismund August figurirt als der letzte in der Reihe der Erzbischöfe von Riga.

Zu allen diesen Verhältnissen kam endlich noch, daß sich des Herzogs Johann Albrecht I. Schwester Anna am 10. März 1566 mit dem ersten Herzoge von Curland, Gotthart (Kettler), dem ehemaligen letzten Heermeister in Livland, vermählte.

So stand Meklenburg in den innigsten Beziehungen zu allen letzten höchsten Würdenträgern der fernen Ostseeländer alter Zeit.

 

Vignette

1) Vgl. Napiersky Index p. 358 und Rudloff Mekl. Gesch. II, 1, S. 210. Einige Archivacten sind verzeichnet in Mittheilungen, Riga, I, S. 456 und 466, und II, S. 112.
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III.

Die Besitzungen des Klosters Dünamünde

in Meklenburg,

von

G. C. F. Lisch.


G leich darauf als der thätige livländische Erzbischof Albert die Stadt Riga nicht weit von der Mündung der Düna gegründet hatte, stiftete er im J. 1201 an der Mündung dieses Flusses ein Kloster für Mönche des Cistercienser=Ordens, welcher "in Livland und Esthland sehr ausgebreitet ward 1 ). "Er nannte das Kloster St. Nicolaus=Berg; es hieß jedoch, nach seiner Lage, in der gewöhnlichen Rede schon dazumal Dünamünde. Des Bischofs Bruder, der durch seinen frommen Wandel und seine Schicksale bekannte Dietrich von Thoreida, ward Abt, und bald wird das Kloster, der erste bewohnte Ort, den heransegelnde Kreuzfahrer an der öden Küste erblickten und wo sie Aufnahme fanden, bei frommen und freigebigen Männern in Deutschland Theilnahme erweckt und von ihnen thätige Unterstützung erhalten haben 2 )."

Schon vor dem J. 1232 hatte das Kloster Dünamünde Besitzungen im Lande Lieze, südlich von Witstock, erworben, indem die Edlen Herren, die Brüder Johann und Gebhard von Plote, die Stifter und Besitzer von Kiritz und Wusterhausen, am 2. Mai 1232 dem altmärkischen Kloster Arendsee 42 Hufen


1) Vgl. Paucker's Anmerkungen zu Moritz Brandis Chronik, in Monumenta Livoniae antiquae, III, S. 11, Note 11, und v. Busse Darstellung in Mittheilungen der Gesellsch. für Geschichte der russischen Ostseeprovinzen III, S. 91 flgd.
2) Nach v. Busse a. a. O.
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verliehen, welche zwischen Netzeband und den Besitzungen des Klosters Dünamünde an dem Flusse Temnitz lagen 1 ); diese Hufen lagen ohne Zweifel auf der an Netzeband grenzenden, überaus großen und vielfach zertheilten 2 ) Feldmark Rögelin, auf welcher das Kloster Dünamünde nach spätern Urkunden bereits 30 Hufen besaß. Das Kloster Dünamünde erbauete auf seinen Hufen einen Wirthschaftshof und nannte denselben: Hof Dünamünde 3 ), welcher später an den Bischof von Havelberg kam und im 17. Jahrhundert wüst lag. Der Bruder Conrad von Dünamünde, welcher im J. 1256 in einem Vergleiche wegen der Anlegung der Mühle zu Zechlin als Zeuge bei den Verhandlungen vor dem Fürsten Nicolaus von Werle zu Röbel auftritt, ist wohl der Hofmeister (magister curiae) dieser Besitzungen 4 ).

Diese Besitzung lag damals im Gebiete der Fürsten von Werle, da das Liezland demselben gehörte, so viel die Landesherrlichkeit derselben auch zu allen Zeiten von den Markgrafen von Brandenburg angefochten und zuletzt auf weiten Wegen von denselben erworben ist 5 ). Jedoch ist es wohl unzweifelhaft, daß das Kloster Dünamünde diese Besitzung unmittelbar von den Edlen Herren von Plote erwarb, welche dieselbe von den Markgrafen zu Lehn getragen hatten.

Zu gleicher Zeit werden die Edlen von Plote dem Kloster Dünamünde auch 30 Hufen in dem Dorfe Trampiz, jetzt Tramnitz, Filial der Kirche von Brunn bei Wusterhausen, geschenkt haben. Denn schon am 6. Jan. 1238 schenkten die Markgrafen Johann und Otto von Brandenburg auf Bitte der Brüder Johann und Gebhard von Plote dem Kloster Dünnamünde das Eigenthumsrecht an 30 Hufen des Dorfes Trampiz und an 30 Hufen des Dorfes Rogelin, welche Dörfer die genannten Brüder von Plote von den Markgrafen zu Lehn getragen hatten 6 ).

Der Papst Honorius IV. bestätigte im J. 1285 ("pontificatus nostri anno primo ") dem Kloster Dünamünde das Patronat der Kirchen zu Trampis, Snethlinge und Quedlinghe (in den Diöcesen Camin und Havelberg), die Dörfer daselbst, den Wirthschaftshof (grangiam) in Trampis, die


1) Vgl. Riedel God. dipl. Brand. I, 1, S. 366.
2) Vgl. Riedel a. a. O. I, 2, S. 303 flgd.
3) Vgl. Riedel a. a. O. I, 2, S. 327.
4) Vgl. Westphalen mon. ined. III, p. 1499, und Riedel a. a. O. I, 2, S. 368, Nr. IX.
5) Vgl. Jahrb. XIII, S. 139 flgd.
6) Diese Urkunde ist gedruckt in Dreger Cod. dipl. Pomeran. I, p. 189 und in Riedel Cod. dipl. Brandenb. II, 1, S. 20, Nr. XXIX. - Diese Urkunde ist nicht die Urkunde über die erste Verleihung der Besitzungen, sondern nur eine Uebertragung des landesherrlichen Eigenthumsrechts.
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Mühlen zu Tornow und Griep und einige andere Besitzungen in den Bisthümern Camin und Havelberg 1 ).

Diese 60 Hufen in Rögelin und Tramnitz waren also sicher die Besitzungen, welche das Kloster Dünamünde in der Mark Brandenburg hatte und die später auf unbekannte Weise auf den Bischof von Havelberg übergingen 2 ).

Zu derselben Zeit erhielt das Kloster Dünamünde auch Besitzungen innerhalb der jetzigen Grenzen des Landes Meklenburg.

Schon am 23. Dec. 1236 bestätigte der Papst Gregor IX. dem Kloster die Güter Bentwisch, Wustrow und Volkenshagen 3 ). Dies sind ohne Zweifel die Dörfer Bentwisch und Volkenshagen (Indago Volquini) bei Rostock und Wustrow auf Fischland bei Ribnitz. Wir haben aber über diese in der Herrschaft Rostock belegenen Güter des Klosters und deren Schicksale in dem nächsten Zeitraume weiter gar keine Nachricht, als die in der eben erwähnten, im pommerschen Archive liegenden, päpstlichen Bulle enthaltene. Die Güter müssen bald aus dem Besitze des Klosters gekommen sein, da sie schon im folgenden Jahrhundert zu Lehn an Vasallen ausgegeben waren und nun oft ihre Besitzer wechselten und zerstückelt wurden.

Bald darauf erhielt das Kloster die Güter Siggelkow und Zachow bei Parchim, in der Vogtei Marnitz; wenigstens ist das gewiß, daß diese Güter im J. 1262 im Besitze des Klosters waren. Zwar sind die über diese Besitzungen redenden Urkunden vollständig vorhanden; aber es tritt dem Beobachter hier eine eigenthümliche Erscheinung in der norddeutschen Geschichtsforschung entgegen: die Urkunden sind falsch, mit Ausnahme einer einzigen, vom 25. Oct. 1262. Die genannten Besitzungen des Klosters Dünamünde gingen schon im 13. Jahrh. an das holsteinsche Cistercienser=Mönchskloster Reinfelden über, welches in Meklenburg sehr reichen Grundbesitz hatte. Die meisten Urkunden dieses Klosters, welche bei dem Erwerb der Güter durch die Herzoge von Meklenburg nach der Säcularisirung desselben an diese ausgeliefert wurden, sind falsch. Die Urkunden sind von derselben Hand oder doch sehr ähnlichen Händen geschrieben; die Handschrift der Urkunden des 13. Jahrh. fällt unzweifelhaft in die erste Hälfte des 14. Jahrh. und es ist von den unverkennbaren Eigenthümlichkeiten der Schrift aus der Mitte des 13. Jahrh. in allen Urkunden aus dieser Zeit keine Spur vorhanden;


1) Vgl. die Urkunden in v. Raumer Cod. dipl. Brand. contin. I, p. 25, und ferner v. Ledebur Archiv f. preuß. Gesch., VIII, S. 320, Not. 38.
2) Vgl. Riedel Cod. dipl. Brand. I, 2, S. 327 und S. 304; Riedel Mark Brandenburg I, S. 375.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXV.
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alle Urkunden haben dasselbe jüngere, frischere Ansehen; ungewöhnlich vielen Urkunden fehlt die Angabe des Tages der Ausstellung; alle Siegel hangen an Schnüren von Seide aus derselben Fabrik, während ächte Original=Urkunden des 13. Jahrh. die Siegel gewöhnlich an linnenen Schnüren oder an Pergamentstreifen tragen; endlich sind die Siegel, und dies ist vorzüglich entscheidend, entweder von andern Urkunden genommen, oder durch nachgegrabene Stempel oder Abdrücke aus Thonnachdrucken hergestellt, und durch absichtliches Zerbrechen und Beschmieren mit Firniß mit einem falschen Schimmer der Aechtheit umkleidet. Es giebt Urkunden des Klosters Reinfelden aus dieser Fabrik, welche so plump verfälscht sind, daß die Unächtheit augenblicklich in die Augen fallen muß; eine Urkunde z. B. des Fürsten Johann I. des Theologen (1229 † 1264) über Hufen in Questin vom J. 1237, welche auch nach den Zeugen in diese Zeit fallen muß, trägt das Siegel seines Sohnes Johann II. von Gadebusch (1276 † 1299); es ist freilich rund umher sehr plump mit einem Messer zerhackt, um demselben ein altes Ansehen zu geben, aber das Siegelbild steht vor den Augen des Forschers zu klar, um den Betrug nicht gleich zu erkennen; zwar hat der Verfälscher zuerst ein L vor XXXVII geschrieben gehabt, um aus 1237 die Jahreszahl 1287 zu bilden; aber diese stimmt wohl zu dem Siegel, jedoch nicht zu den Zeugen, und deshalb ist die Ziffer L in der Folge wieder ausradirt. Und von der Hand, welche diese Fälschung vollbracht hat, sind die übrigen falschen Urkunden geschrieben. Bekennt das Kloster Reinfelden doch selbst zu der Urkunde über Siggelkow vom J. 1235, daß sie sehr geringe Beweiskraft habe!

Der Vorwurf der Fälschung trifft jedoch nur die Form der Urkunden; es läßt sich gerade nicht behaupten, daß auch der Inhalt derselben falsch sei, vielmehr stimmt in der Regel dieser zu den unleugbaren Thatsachen. Es ist wahrscheinlich, daß diese Urkunden im Kloster Reinfelden gemacht sind, nicht um zu täuschen und unbegründete Rechte zu beurkunden, sondern nur um verloren gegangene Originale zu ersetzen. Viele der noch vorhandenen ächten Original=Urkunden des Klosters Reinfelden sind nämlich von Mäusen so ungewöhnlich stark zerfressen, daß sie nur noch in Fetzen zusammenhangen. Es ist daher wahrscheinlich, daß die falschen Ausfertigungen im Kloster Reinfelden nach den Resten der Original=Urkunden, als man, vielleicht nach Ueberwindung unruhiger Zeiten, den Verlust bemerkte, und nach Grundbüchern und Urkundenauszügen die Original=Urkunden wiederherstellte; daher sind die falschen Urkunden in manchen Dingen, z. B. im Datum und in den Zeugen=

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reihen, oft lückenhaft: manches mag auch wohl nach andern gleichzeitigen Original=Urkunden gefälscht sein 1 ).

Wenn nun auch die Fälschung der Ausfertigungen nicht zu bezweifeln ist, so ist doch der Inhalt der Urkunden zur geschichtlichen Darstellung, wenn auch mit Behutsamkeit, zu benutzen.

Die Besitzungen des Klosters Dünamünde bei Parchim waren die Dörfer Siggelkow, Zachow und Crutzen, deren Feldmarken gegenwärtig in den Dörfern Siggelkow und Zachow in dem jetzigen Amte Marnitz vereinigt sind. Das Dorf Crutzen, welches wohl schon im 15. Jahrh. untergegangen ist, lag westlich an Siggelkow bis an die Elde, zwischen Siggelkow und Slate. Nach einer Vermessung vom J. 1726 hieß die Feldmark noch das Feld Krusen oder Krützen, oder das Kreutzfeld und gehörte zu Siggelkow; auf der "Dorfstätte" hatte ein Bauer ein Ackerstück an der Elde; auf dem Kreutzcamp am zachower Wege lagen die Krützer Sählen oder Kreutzsählen bis an den zachower Weg, und der Kreutzberg, welcher auf der großen schmettauschen Charte in einer Biegung der Elde Slate gegenüber steht, lag mit seinem Abhange an der "slater Scheide" und der "Queerfähre". Auch lagen Aecker beim Maden=See an der Landwehr. In der Beschreibung des Amtes Marnitz vom J. 1654 heißt es:

"Vom Felde Creutz genannt, welches J. f. g. Untertahn zu Siggelkow im gebrauch haben, geben sie an allerhand Korn den Fünften".

Ferner heißt es zum J. 1659 bei Siggelkow:

"Dann ist noch ein Feld, das Kreutz genandt, von welchem die Koßaten, so im Dorff gewohnet, ihren Acker gehabt".

Zu Siggelkow war eine eigene Pfarre; im J. 1411 war Heinrich Molenbeke Pfarrer zu Siggelkow. Im J. 1654 war die Pfarre abgebrannt und deshalb wohnte der Pfarrer auf der Pfarre zu Pankow, welche ihm zugelegt war; hiebei ist es bis auf unsere Zeit geblieben. In Siggelkow hatte das Kloster Dünamünde einen Hof, auf welchem ein Hofmeister (magister curiae) des Klosters wohnte; im 17. Jahrh. war Zachow ein Meierhof. Ferner war bei Siggelkow ein Zoll und eine Mühle. Endlich besaß das Kloster Dünamünde und später das Kloster


1) Es ist auffallend, daß der Archivrath Evers bei der Mittheilung von Abschriften dieser Urkunden durch Rußland die Fälschung nicht bemerkte. Uebrigens ist auch noch das zu bemerken, daß der Aufmerksamkeit des Archivraths Evers mehrere Urkunden über diese Güter entgingen.
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Reinfelden einen zu diesen Gütern gehörenden Hof oder einen Speicher in der Stadt Parchim auf dem Brook. In dem Verzeichnisse der festen Einkünfte der Stadt Parchim 1 ) vom J. 1364, welches dem alten Stadtbuche vorgeheftet ist, heißt es:

"Magister curie (Hofmeister) in Zigghelcowe annuatim dabit consulibus XXIIII pullos de granario (Speicher, Scheure) stante in palude" (Brook, eine Straße auf der Neustadt).

Im J. 1452 lag diese Stätte wüst, da das Kloster Reinfelden nur eine "wurt (Hausstätte) binnen Parchim" an die Herzoge vertauschte.


Wann und von wem das Kloster Dünamünde die Güter Siggelkow, Zachow und Crucen erworben habe, ist nicht bestimmt ausgesprochen, da die ersten Verleihungsurkunden verloren gegangen sind. Aber so viel wird gewiß sein, daß die Hauptmasse der Güter schon vor dem J. 1228 im Besitze des Klosters waren; denn im J. 1235 schenkte der Graf Gunzelin III. von Schwerin dem Kloster Dünamünde 12 Hufen zu Siggelkow 2 ) zum Ersatz des Schadens, welchen sein Vater, der berühmte Graf Heinrich, dem Klosterhofe Siggelkow zugefügt hatte, und der Graf Heinrich I. starb im J. 1228. Am 17. Julius 1238 schenkten die Markgrafen Johann und Otto von Brandenburg, als Oberlehnsherren, dem Kloster das Eigenthumsrecht über 30 Hufen des Dorfes Zachow und 52 Hufen des Dorfes Siggelkow, welches bis dahin die Grafen von Danneberg und Schwerin von den brandenburgischen Markgrafen zu Lehn getragen 3 ), und verliehen ihnen dazu die ausschließliche Fischereigerechtigkeit auf den Flüssen Elde und Siggelkow, so weit diese die Grenzen der genannten Dörfer berührten, und auf dem See Sabelke 4 ) zum Bedarf des Klosterhofes.

Die Schenker werden also die Grafen von Danneberg und von Schwerin gewesen sein. Von dem Grafen von Gunzelin III. von Schwerin haben wir Schenkungsurkunden. Aus dem dannebergischen Grafenhause nahm der Graf Heinrich II. von Danneberg das Kreuz gegen die Heiden in Litthauen und fiel hier am 22. Sept. 1236 in einer Schlacht neben dem letzten


1) Vgl. Jahrb. XI, S. 7-8, und Cleemann Chronik von Parchim, S. 167.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXIV.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXVI.
4) Dies ist der Zapel=See, an der südlichen Grenze der Feldmark Siggelkow, östlich dicht bei Cummin. Nach der Urkunde von 1270 gab es auch einen Bach Sabele, an der Grenze von Siggelkow; dieser fließt aus dem genannten See.
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Meister des Schwertbrüderordens. Es ist also wahrscheinlich, daß die Grafen von Danneberg dem Kloster Dünamünde, als einer wichtigen Stiftung des Erzbisthums Riga, für das Seelenheil eines Helden aus ihrem Hause sehr geneigt waren.

Die Landesherrlichkeit über diese Güter war in jenen Zeiten sehr streitig. Das Land zwischen den Südgrenzen der Grafschaft Schwerin und den Nordgrenzen der Mark Brandenburg, von der Elbe über die Berge von Marnitz hinaus gehörte den Grafen von Danneberg. Am westlichen Ende dieses Ländergebietes war aber die Lage so, daß mehrere Herrschaften nicht allein an einander traten, sondern auch in einander griffen. Die Burg Marnitz mit ihrem Gebiete gehörte in alten Zeiten den Grafen von Danneberg. Zur Grafschaft Schwerin gehörte aber die Vogtei der spätern Stadt Neustadt oder das Land Brentz 1 ), zwischen welchem und dem dünamündischen Klostergebiete von Siggelkow und Zachow nur das schmale Gebiet der fürstlich=richenbergischen Stadt Parchim lag; die Grenzen waren hier streitig und der Fürst Pribislav von Parchim=Richenberg entsagte im J. 1247 gegen den Grafen Gunzelin III. von Schwerin seinen Ansprüchen an das Land Brenz 2 ). An der östlichen Seite von Parchim zog sich das Land Ture (Lübz) bis zu den östlichen Grenzen von Siggelkow hinab 2 ) und vielleicht mochte Siggelkow in den ältesten Zeiten zu diesem Lande gehören. Die Grafen von Schwerin, denen auch die Stadt Crivitz mit der Umgegend, nordwestlich an der Ture, gehörte, hatten auch Besitzungen im Lande Ture, welche sie im J. 1247 gegen die Rechte an Brenz an den Fürsten Pribislav von Parchim=Richenberg abtraten 3 ). Von der dritten Seite griffen von Marnitz her die Gebiete der Grafen von Danneberg und Schwerin in einander. Als am 20. April 1262 der Bischof Rudolph von Schwerin einen Frieden zwischen den Grafen von Danneberg und Schwerin 4 ) schloß, vermittelte er auch, daß der Graf Gunzelin III. von Schwerin seinen Antheil an den Gütern Zachow und Siggelkow den Grafen von Danneberg abtrat:

"Item de bonis Zachowe et Syglecowe dimittet ei partem suam et ius suum, uel in aliis bonis infeodatis restaurabit".


1) Vgl. Jahrb. XI, S. 210 flgd.; vgl. dazu das. S. 53.
2) Vgl. Jahrb. X S. 34.
2) Vgl. Jahrb. X S. 34.
3) Vgl. Jahrb. XI, S. 238 und S. 53.
4) Vgl. die Urk. in Rudloff Urk. Lief. Nr. XVII, und Rudloff Gesch. der Grafen von Danneberg, vor dessen Urk. Lief., S. 23, vgl. Rudloff Mekl. Gesch. II, S. 120.
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Nach manchen Streitigkeiten 1 ) verpfändeten die Grafen von Danneberg im J. 1275 den Grafen von Schwerin das Schloß und Land Marnitz 1 ), welches seit dieser Zeit ununterbrochen bei der Grafschaft Schwerin blieb.

Zu allen diesen Verwickelungen kamen noch die ununterbrochenen Streitigkeiten mit den Markgrafen von Brandenburg über Lehnsoberherrlichkeit und Landesgrenzen und die Verwickelungen über die Länder des Fürsten Pribislav von Parchim=Richenberg, nachdem dieser der Herrschaft entsagt hatte 2 ). Ueberdies hatten die Grafen von Schwerin längs der märkischen Grenzen viele zerstreuete Besitzungen, namentlich seit der Pfandherrschaft über Stadt und Vogtei Lenzen 3 ).

Aus diesen verwickelten und wechselnden Zuständen, bei welchen es sich nicht selten um die Landeshoheit und die Landesgrenzen bei Siggelkow und Zachow handelte, ist es begreiflich, daß der Besitz der Güter des Klosters Dünamünde oft gefährdet erscheinen konnte. Und daher läßt sich auch annehmen, daß der Inhalt der Urkunden von 1235 und 1238 zuverlässig sei, wenn auch die Form derselben falsch ist.

Es geht also aus der ganzen Lage der Dinge hervor, daß bis zum J. 1262 die Grafen von Danneberg und von Schwerin zusammen, seit dem 20. April 1262 aber die Grafen von Danneberg allein Landesherren der allem Anscheine nach immer eng verbunden gewesenen Güter Siggelkow und Zachow waren; mit dem Verkaufe des Landes Marnitz ging im J. 1275 wohl die Landesherrschaft über die Güter auf die Grafen allein über.

Demnach muß den Grafen von Schwerin sehr viel an den Dörfern Siggelkow und Zachow gelegen gewesen sein. Der Graf Gunzelin III. hatte von dem Herzoge Barnim von Pommern, seinem spätern Schwiegervater, am 10. Jun. 1257 ohne bisjetzt bekannte Veranlassung 4000 Hufen wahrscheinlich unbewohnten Landes in Hinterpommern an dem Flusse Drage und den Grenzen des Landes Daber geschenkt erhalten 4 ). Der Graf mochte aber wohl nicht seine Rechnung bei der unmittelbaren Verwaltung dieser entfernten Einöde finden und suchte sich des Geschenkes bald wieder zu entledigen. Bald nach der Gewinnung der Länderstrecke vertauschte er 800 Hufen von derselben gegen


1) Vgl. Rudloff Gesch. der Grafen von Danneberg S. 28-29, und Rudloff Mekl. Gesch. II, S. 64 und 122. Die Urkunde ist gedruckt in Riedel Cod. dipl. Brand. I, 3, S. 344.
1) Vgl. Rudloff Gesch. der Grafen von Danneberg S. 28-29, und Rudloff Mekl. Gesch. II, S. 64 und 122. Die Urkunde ist gedruckt in Riedel Cod. dipl. Brand. I, 3, S. 344.
2) Vgl. Jahrb. XI, S. 75 flgd.; und Rudloff Gesch. der Grafen von Danneberg S. 22 flgd.
3) Vgl. Jahrb. XIII, S. 243.
4) Vgl. Beyer in Jahrb. XI, S. 87 flgd. und die Urk. das. S. 247.
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die Güter Siggelkow und Zachow an das Kloster Dünamünde, welches in jenen fernen Gegenden schon andere Besitzungen hatte und der Besitzung näher lag; auch mochte das Cistercienser=Kloster Aussicht haben, bei der eigenthümlichen landwirthschaftlichen Betriebsamkeit dieses Ordens das Land mit Vortheil urbar zu machen. Jedoch schon am 25. Oct. 1262, vielleicht in Folge der am 20. April 1262 durch den Bischof von Schwerin vermittelten Abtretung der Dörfer Siggelkow und Zachow an die Grafen von Danneberg, widerrief zu Schwerin der Abt Wilhelm von Dünamünde, in Gegenwart mehrerer Klosterbrüder, mit Genehmigung des Grafen Gunzelin diesen Tausch 1 ) und der Graf von Schwerin machte andere Anstalten zur Colonisirung seiner hinterpommerschen Besitzungen.

Die über diesen Tausch ausgestellte Urkunde ist von allen dünamünder Urkunden die einzige, welche in ihrer äußern Form sicher ächt ist; sie stimmt auch dem Inhalte nach mit der unzweifelhaft ächten Urkunde über die sonst nirgends erwähnte Schenkung der 4000 hinterpommerschen Hufen an den Grafen Gunzelin und in andern Dingen mit andern gleichzeitigen ächten Urkunden überein: so daß an dem geschilderten Verlaufe der Verhandlungen über die dünamünder Klostergüter wohl nicht zu zweifeln ist.

Der Graf Gunzelin III. von Schwerin ward am 21. Dec. 1267 zum Schirmherrn und Verweser oder "Kastenherrn" des Erzbisthums Riga erwählt und trat dadurch in ein näheres Verhältniß auch zu dem Kloster Dünamünde, welches er wohl ohne Zweifel besuchte, da er persönlich zu Riga war.

Wie aber die meisten auswärtigen Cistercienser=Klöster, namentlich die sehr entfernten, ihre in Meklenburg liegenden Besitzungen nach und nach veräußerten, nachdem ihre Sendung, die Hebung der Landescultur, erfüllt war, so verkaufte auch das Kloster Dünamünde seine meklenburgischen Güter bald an das nicht weit von den Grenzen Meklenburgs liegende holsteinsche Cistercienser=Mönchskloster Reinfelden, welches in den meklenburgischen Landen von allen auswärtigen Klöstern die meisten und zwar sehr bedeutende Besitzungen hatte.

Im J. 1270 verkaufte das Kloster Dünamünde dem Kloster Reinfelden die Dörfer Siggelkow und Crucen, mit


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXVII. Die Lage der 4000 Hufen im Lande Daber in Hinterpommern ist in der Urkunde klar genug bestimmt und von Beyer a. a. O. hinreichend erläutert. Zu den dort aufgeführten irrigen Ansichten bemerke ich noch, daß Evers bei seiner Mittheilung dieser Urkunde nach Livland diesen Namen unerörtert läßt und die Gesellsch. f. Gesch. der russischen Ostseeprovinzen in ihren Mittheilungen III, S. 97, das Land Doberan in dem meklenburgischen Cistercienser=Kloster Doberan sucht.
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dem Wirthschaftshofe und der Mühle. Das Datum der darüber ausgestellten Urkunde ist sicher erst nach Verlauf von wenigstens 50 Jahren hinzugeschrieben und eben so unächt, wie die ganze Form der Urkunde 1 ), welche mehr wie eine kurze Nachricht, als wie ein Document über ein Rechtsgeschäft aussieht; wahrscheinlich ist die Jahreszahl später hinzugefügt, weil die Bestätigungs=Urkunde, welche freilich auch falsch ist, die Jahreszahl 1270 hat. In demselben Jahre 1270 bestätigte 2 ) nämlich der Graf Gunzelin III. mit seinem Sohne Helmold diesen Verkauf der Dörfer Siggelkow und Crucen und beschrieb die Grenzen 3 ) beider Dörfer. Am 22. Febr. 1271 schenkte der Bischof Heinrich von Havelberg dem Kloster Reinfelden den Zehnten des Dorfes Crucen 4 ), welches 24 Hufen umfaßte, und bestätigte demselben Kloster den Zehnten des Dorfes Siggelkow, wie dieser das Kloster Dünamünde bis dahin besessen hatte.

Das Dorf Crucen wird hier zum ersten Male genannt; vielleicht war es erst in der Mitte des 13. Jahrh. wieder auf einer alten wendischen Feldmark aufgebauet.

Wie der Graf von Schwerin zu der Bestätigung kommt, ist nicht klar. Ursprünglich mochte den Grafen von Schwerin die Landesherrlichkeit wenigstens über einen Theil der dünamünder Klostergüter gehört haben; aber im J. 1262 hatte der Graf Gunzelin seinen Antheil an den Dörfern Siggelkow und Zachow an die Grafen von Danneberg abgetreten, und erst im J. 1275 überließen die Grafen von Danneberg den Grafen von Schwerin als Pfand das Land Marnitz, zu welchem wohl ohne Zweifel die genannten Dörfer gehörten. So viel ist gewiß, daß in der Folge die Dörfer immer zur Grafschaft Schwerin gerechnet wurden, also in alten Zeiten nicht zum Lande Parchim gehört haben können; als nämlich der Herzog Albrecht im J. 1371 die Gerechtsame und Besitzungen des Klosters Reinfelden bestätigte, führte er unter den Gütern, welche in der Grafschaft Schwerin lagen, die Dörfer Siggelkow und Crucen auf (in terra Swerinensi: - - villas - - - - - Sycklekouwe et Crucen). Es wird also wohl in dem falschen Datum der Urkunden liegen,


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXVIII.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXIX. Die in dieser Urkunde berührten übrigen Dörfer des Klosters Reinfelden in der Grafschaft Schwerin waren Wittenförden, Uelitz, Lositz (untergegangen), Lübesse und Consrade.
3) Der in dieser Urkunde genannte Grenzbach Sabele floß wohl aus dem in der Urkunde vom 17. Julius 1238 genannten See Sabelke bei Cummin an der Grenze, jetzt Zapel=See genannt. Nach der Beschreibung des Amtes Marnitz vom J. 1654 lag auf der Feldmark des Dorfes Siggelkow ein Holz genannt die Zabelhorst.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXX.
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daß dem Kloster Reinfelden die Dörfer von den Grafen von Schwerin bestätigt wurden; wenn dies aber wirklich der Fall gewesen ist, so wird es nach dem J. 1275 geschehen sein.

Dasselbe gilt von den Urkunden über Zachow. Im J. 1272 verkaufte nämlich der Graf Gunzelin III. mit seinem Sohne Helmold dem Kloster Reinfelden das Dorf Zachow 1 ) mit dem Eigenthumsrechte und allen Freiheiten. Nun aber besaß das Kloster Dünamünde dieses Dorf längst und zwar mit dem Eigenthumnsrechte; wenn also dieses Kloster das Dorf nicht etwa einige Zeit vorher an den Grafen von Schwerin gegen das Dorf Crucen vertauscht gehabt hat, so hat dieser Verkauf gar keinen Sinn. Auch scheint die Grenzbestimmung dieses Dorfes nicht richtig zu sein, da die Grenzen bis Bergrade ("Berichroth") hinabgeführt werden; Bergrade liegt aber nördlich von Parchim, wohl eine Meile von Zachow entfernt. Am 5. April 1273 soll der Bischof Heinrich von Havelberg die Zehnten der Dörfer Siggelkow, Zachow und Trampitz dem Kloster Dünamünde geschenkt haben 2 ); nun aber besaß dieses Kloster den Bischofszehnten von Siggelkow schon vor dem 22. Febr. 1271, indem derselbe Bischof ihn damals dem Kloster Reinfelden nur bestätigte, und im J. 1272 soll das Kloster Reinfelden das Dorf gekauft haben; es läßt sich aber annehmen, daß der Bischof von Havelberg den Besitzer des Dorfes und der Zehnten wohl kannte.

Alle über diese Veräußerungen redenden Urkunden sind freilich falsch, wenigstens im Datum und einem Theile ihres Inhaltes; dennoch wird man aus denselben entnehmen können, daß das im 13. Jahrh. zuerst das Kloster Dünamünde die Dörfer besaß und um das dritte Viertheil desselben Jahrhunderts das Kloster Reinfelden sie von jenem Kloster erwarb.

In der Mitte des 14. Jahrh. besaß das Kloster Reinfelden. nach der oben angeführten Stelle vom J. 1364 aus dem parchimschen Stadtbuche, zu diesen Dörfern einen Speicher (granarium) in der Stadt Parchim, nach der Weise der Cistercienser=Klöster, welche die Erzeugnisse ihrer Landgüter in den zunächst gelegenen Städten aufspeicherten, zum Theil verarbeiteten und hier verwertheten.

Im J. 1371 (sabbato post festum s. Johannis ante portam latinam) bestätigte der Herzog Albrecht dem Kloster Reinfelden alle seine Besitzungen und unter diesen in der Graf=


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXI.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXII. Das Dorf Trampiß liegt, wie oben erwähnt ist, bei Wusterhausen in der Mark. Evers versteht darunter (Livländ. Mitth. a. a. O. III, S. 101) irrthümlich das Gut Tramm bei Crivitz.
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schaft Schwerin ("in terra Swerinensi") die Dörfer Siggelkow und Crucen. Es wird also schon damals das Dorf Zachow wüst gelegen haben.

Das Kloster Reinfelden besaß nun diese Dörfer über 150 Jahre. Aber wie früher die Grafen von Schwerin, wahrscheinlich wegen ihrer Lage an den Grenzen der Mark und wegen der Zollverhältnisse, nach denselben lüstern gewesen waren, so trachteten späterhin auch die Herzoge von Meklenburg nach dem Besitze derselben. Im J. 1447 hatte das Kloster Reinfelden die Dörfer Siggelkow, Zachow und Crucen an den Herzog Heinrich auf 5 Jahre verheuert ("verhuret ") oder verpachtet und als Pacht 30 Mark guten Geldes jährlicher Hebung auf die herzogliche Mühle zu Wittenburg angewiesen erhalten; für den Fall, daß der herzogliche Amtmann diese Zahlung nicht leisten sollte, hatte sich der Rath der Stadt zur Zahlung verpflichtet 1 ).

Nach Ablauf dieser 5 Jahre, am 5. Julius 1452, vertauschte das Kloster Reinfelden, wahrscheinlich in unangenehmer Rückerinnerung an die märkischen Raubfehden, während der ersten Hälfte des 15. Jahrh., das Dorf Siggelkow mit den dazu gehörenden beiden Feldmarken Zachow und Crutzen und eine Haus= oder Hofstätte (wurt = Wort) in der Stadt Parchim an den Herzog Heinrich von Meklenburg für eine jährliche Rente von 40 lüb. Mark aus der Orbör der Stadt Grevismühlen 2 ), in welcher das Kloster Reinfelden einen Hof zu seinen großen Gütern in der Gegend der Stadt besaß. Die Dörfer Zachow und Crutzen waren damals also wüst und wahrscheinlich in den märkischen Raubfehden kurz zuvor zerstört. Das Dorf Crutzen ist nie wieder aufgebauet. Das Dorf Zachow lag noch im J. 1577 "seit undenklicher Zeit" wüst und ist erst später wieder aufgebauet. Der Speicher in der Stadt Parchim existirte im J. 1452 auch nicht mehr und wird hier zuletzt genannt.

Bald nach dem J. 1452 besaßen die von Koppelow das Dorf Siggelkow als Lehn. Vicke von Koppelow ward um das J. 1458 herzoglicher Vogt zu Marnitz und war es noch im J. 1463; im J. 1472 war Reimar Weisin Vogt zu Marnitz. Im J. 1468 kaufte dieser Vicke v. Koppelow "auf Siggelkow" die in der Nähe dieses Gutes liegenden wüsten Feldmarken Möllenbek, Bobzin und Menzendorf von den Gans, nachdem im J. 1442 Jaspar Gans zu Putlitz mit diesen


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXIII.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXIV.
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"wüsten Feldmarken Bobbezin, Menzendorf und Mollenbeke" von dem Herzoge Heinrich belehnt worden war. Im. J. 1487 war der "Knappe Hans Koppelow wohnhaft zu Siggelkow"). Seit dem J. 1468 ward Möllenbek mit den Dörfern Mentin, Pankow und Siggelkow der Hauptsitz der Familie von Koppelow.

 

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IV.

Der Ritter Thetlev von Gadebusch

und seine Familie,

von

G. C. F. Lisch.


Thetlev von Gadebusch

und

seine Söhne Werner von Loiz und Heinrich.

D er alte Adel des eigentlichen Landes Meklenburg findet seinen Ursprung in den allerältesten Zeiten. Schon in den ersten Zeiten der christlichen Cultur, in der ersten Hälfte des 13. Jahrh., werden die Männer aus dem Rath der Landesfürsten die Großen, die Edlen des Landes, die Herren (majores terrae, nobiles, seniores) und mehrere der noch heute bestehenden Geschlechter unter dem wendischen Adel (nobiles Slavi) am Hofe Borwin's I. aufgeführt. Mögen auch mit den sächsischen Grafen von Ratzeburg, Schwerin und Danneberg viele sächsische Ritter in's Land gezogen sein, so ist doch auch das außer Zweifel, daß in den wendischen Fürsten gebliebenen Ländern der alte wendische Adel sich in vielen Geschlechtern erhalten hatte und der Umgestaltung der Dinge sich nicht entzog. Lange Zeit freilich sträubte er sich, sich der neuen Ordnung zu fügen; als jedoch ein jüngeres Fürstengeschlecht zur Regierung kam, trat er plötzlich der Neugestaltung der Staatsformen bei. Die Glieder dieser alten Geschlechter nahmen die Ritterwürde und Lehen an, und hiemit neue Namen; einige erwählten den wendischen Namen des Stammvaters zum Geschlechtsnamen, andere nahmen vom Lehen oder Wappenzeichen neue Geschlechtsnamen

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an. Aber die Umgestaltung geschah so plötzlich, daß man sie nur mit großer Mühe wahrnehmen kann 1 ).

Der bedeutendste Mann der meklenburgischen Geschichte in diesem merkwürdigen Zeitraume ist ohne Zweifel Thetlev von Gadebusch 2 ), welcher in der Zeit 1218-1249 die erste Rolle an den Höfen verschiedener Fürsten spielt. Er führte seinen Namen von der Stadt Gadebusch 3 ), der ältesten städtischen, christlichen Residenz der meklenburgischen Fürsten, war hier auf dem fürstlichen Schlosse erster Burgmann und in der Nähe der Stadt mit Landgütern angesessen. Nach dem ratzeburger Zehntenregister von ungefähr 1230 besaß er die Güter Vitense (Pfarre Rehna), Rosenow (Pf. Vietlübbe), Alt=Pokrent (Pf. Pokrent) und Wokenstädt (Pf. Gadebusch); er schenkte dem Jungfrauenkloster Rehna, welches er mit gestiftet hatte, zwei Hufen in Vitense 4 ). Nach der Urkunde des Bischofs Rudolph von Schwerin vom 24. Dec. 1250 hatte er auch das Gut Kossebade gehabt und dasselbe jenem überlassen 5 ). Er erscheint in den meisten fürstlichen Urkunden jener Zeit und nimmt zu allen Zeiten beständig die erste Stelle in der Reihe der Zeugen ein; ihm gehen nur regierende Landesherren, Fürsten und Grafen , vor und nur ein Mal, am 30. Oct. 1230, Alard Gans, welcher ebenfalls einem bekannten Dynastengeschlechte angehörte 6 ). Dabei ist wohl zu berücksichtigen, daß er je nach dem Alter der Zeugen nicht nach und nach in die erste Stelle rückt, sondern diese gleich bei seinem ersten Auftreten und von da an die ganze Zeit seines Lebens unverrückt einnimmt. Einige Male wird er allein "Herr" (dominus) genannt, während die übrigen nach ihm aufgeführten Ritter diesen Titel nicht erhalten, wie es in den folgenden Zeiten gewöhnlich ist; er wird allein Herr genannt z. B. in einer lübeker Urkunde vom 15.


1) Die Forschung über den Ursprung des alten Adels in Meklenburg ist ausführlich dargelegt in Lisch Gesch. und Urk. des Geschlechts Hahn I, S. 5 flgd. Vgl. Boll: Ueber die deutsche Colonisation Meklenburg's in Jahrb. XIII, S. 57 flgd. und 92 flgd.
2) Ueber Thetlev von Gadebusch und seine Familie sind bereits in Schröder's P. M. I, S. 498, 828 und 1134 flgd. weitläuftige Untersuchungen angestellt, welche jedoch meist nur auf Vermuthungen beruhen und kein neues urkundliches Material geben; wahrscheinlich sind sie von dem Landrath von Negendank, dem fleißigen Sammler und dem Gönner Schröder's, abgefaßt. Sie gehen darauf hinaus, daß Thetlev von Gadebusch der Stammvater der Familie Negendank gewesen sei, - nach Tradition und vielleicht nach dem Umstande, daß der Vorname Dethlof in dieser Familie herrschend war.
3) Von den unmittelbar neben Rehna liegenden Dörfern Bülow und Brütschow hatten auch die beiden stammverwandten Geschlechter desselben Namens, welche dasselbe Wappen führten, ihre Namen.
4) Vgl. Jahrb. X, S. 205, und Lisch Gesch. des Geschl. Hahn, I, B, S. 17.
5) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXIX.
6) Die Zeugenreihen sind übersichtlich zusammengestellt von Boll in Jahrb. a. a. O.
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Febr. 1226 1 ). In einer doberaner Urkunde vom J. 1230 wird er Burggraf ("burgravius"), in einer Urkunde des Fürsten Johann von Meklenburg für das Kloster Reinfelden wird er Burgmann von Gadebusch ("castellanus in Godebuz") genannt.

Dies alles zeugt von einer ausgezeichneten Stellung, welche in jener Zeit in Meklenburg dieser Mann allein einnimmt. Leider ist kein Siegel von ihm mehr vorhanden. Es existirte im pommerschen Archive ein Vertrag seiner Söhne Werner und Heinrich mit dem pommerschen Kloster Eldena vom J. 1249; Dähnert sah noch das besiegelte Original und versichert (Pomm. Bibl II, S. 147), daß noch Thetlev's Siegel daran hing, indem er es also beschreibt:

"Die Wappenbildung stellete einen aus einer Schachtafel bis an die Hälfte des Leibes hervorragenden Adler vor; von der Umschrift waren nur allein die Worte S. TEDLEVY noch zu lesen".

Diese Original=Urkunde ist nicht mehr vorhanden, wie sowohl directe Mittheilungen aus dem stettiner Archiv, als auch Fabricius in Rügen. Urk. I, S. 14, Nr. 71 und Not. 6, bezeugen. Daß Thetlev von Gadebusch auch einen Adler im Wappen hatte, wird auch dadurch wahrscheinlich, daß die von ihm gestiftete Stadt Loiz einen Adlerflügel mit einem Sterne neben einer Keule 2 ) im Siegel führte.

Das Wappen Thetlev's von Gadebusch ist nun mit dem Wappen der Herren von Putbus gleich, und es wäre daher nicht unwahrscheinlich, daß Thetlev von Gadebusch aus einem rügischen Dynasten=Geschlechte stammte, wie die heidnischen Stammväter des meklenburgischen Fürstenhauses ihren Sitz ebenfalls im Lande Rügen hatten 3 ), und daher mag es sich auch erklären, daß Thetlev von Gadebusch im Laufe der Zeit wieder in jene Gegenden zurückging.

Zuerst erscheint Thetlev von Gadebusch seit dem J. 1219 als der Erste im Gefolge des alten Fürsten Borwin I.; vielleicht hatte er mit diesem kurz vorher den Kreuzzug nach Livland mitgemacht. Ob der Thidericus de Godebuz, welcher im J. 1219 als der Erste unter den Begleitern Borwin's nach den


1) Vgl. Lübeker Urk. Buch I, Nr. 33, S. 44.
2) Sollte diese Keule vielleicht ursprünglich ein Baum gewesen sein? Die Stadt Gadebusch führt einen, ungefähr wie diese Keule, gestalteten Baum neben einem Stierkopf im Wappen. Dann hätte die Stadt Loiz zur einen Hälfte ein Stück aus dem Wappen Thetlev's, zur andern Hälfte ein Stück aus dem Siegel der Stadt, von der er den Namen führte, zum Siegel erhalten.
3) Vgl. Beyer's Abhandlung: König Kruto und sein Geschlecht, in Jahrb. XIII, S. 1 flgd.
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wendischen Edlen mit wendischen Namen vorkommt, unser Thetlev und in der Abschrift mit diesem verwechselt sei, läßt sich nicht bestimmen. Eben so wenig ist es gewiß, ob der am 24. Junius 1218 genannte Thetlev von Marlow unser Thetlev von Gadebusch ist; freilich könnte dieser früher die Burg Marlow besessen haben, da sie um jene Zeit im Besitze seiner Verwandten erscheint; aber es gab auch einen jüngern Thetlev, welcher Thetlev von Marlow genannt wird. - Nach dem Tode Borwin's erscheint er öfter unter den Vormundschaftsräthen der Enkel desselben. Dann aber waltete er fast zehn Jahre hindurch an dem Hofe des jungen Fürsten Johann I. von Meklenburg zu Gadebusch.

Bald gelangte Thetlev von Gadebusch wieder zur eigenen Herrschaft. Der Bischof von Schwerin war mit den benachbarten Bischöfen von Camin und Havelberg in Streit wegen der Ausdehnung der bischöflichen Sprengel; namentlich erlaubten sich die Bischöfe von Camin viele gewaltthätige Uebergriffe, welche sie zuletzt auch behaupteten. Im Anfange dieses vieljährigen Streites widersetzte sich der schweriner Bischof Brunward mit Nachdruck der Gewaltthätigkeit des Bischofs von Camin und verbündete sich im J. 1235 mit den meklenburgischen Fürsten 1 ), um durch Eroberung der streitigen Länder sich den Genuß der Bischofszehnten zu sichern; namentlich nahm sich der Fürst Johann von Meklenburg der Sache sehr eifrig an. Unter den Vasallen seiner Herrschaft, welche den Schlußvertrag mit beschworen, befand sich an der ersten Stelle Thetlev von Gadebusch. Der Krieg endete zu Gunsten des Bischofs und des Fürsten von Meklenburg. Sie nahmen nicht allein das Land Circipanien wieder in Besitz, sondern eroberten auch mehrere Landschaften jenseit der Pene und Trebel, namentlich das Land Loiz, welches damals unter rügischer Landesherrschaft stand. Die meklenburgischen Fürsten gaben in den eroberten Ländern viele Besitzungen zu Lehn an ihre Vasallen 2 ). Thetlev von Gadebusch erhielt das Land Loiz ("Lositze") mit der Burg gleiches Namens 3 ); vielleicht war es das Land seiner Väter, das er sich wieder erobert hatte. Er machte sich sogleich an die Ordnung der Verhältnisse seines Landes und gründete im J. 1242 neben der alten Burg die deutsche Stadt Loiz, indem er ihr das lübische Recht verlieh 4 ) und in das


1) Vgl. Lisch Mekl. Urk. III, Nr. 26 und 27.
2) Hierauf bezieht sich ohne Zweifel die dargunsche Urkunde vom 14. Febr. 1239 in Lisch Mekl. Urk. I, Nr. 23, S. 57.
3) Vgl. Sell Pomm. Gesch. I, S. 223 flgd.; Rudloff Mekl. Gesch. II, S. 33-35; Fabricius Urk. des Fürstenth. Rügen, I, S. 83, und II, S. 9, 97 und 112; Dähnert Pomm. Bibl. V, S. 7 flgd.
4) Vgl. Dreger Cod. dipl. Pomer. p. 218 sq.
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Siegel derselben einen Theil seines Wappens, einen Adlerflügel, setzte.

Thetlev von Gadebusch lebte noch im J. 1249, als er an eine Urkunde seiner Söhne sein Siegel hängte; im J. 1244 war er der erste ritterliche Zeuge einer von den Herzogen Barnim und Wartislav von Pommern zu Demmin für das Kloster Broda ausgestellten Urkunde 1 ). Er hatte aber schon während seines Lebens die Herrschaft Loiz seinen Söhnen hinterlassen. Seine beiden Söhne waren: Werner und Heinrich, welche schon 1248 und 1249 als Herren von Loiz handelnd auftreten 2 ). Von diesen lebte Werner noch spät, z. B. noch im J. 1269 3 ); er nennt sich nach dem Tode seines Vaters immer Ritter Werner von Loiz ("Wernerus de Lositze miles"). Sie waren die letzten Dynasten von Loiz. Gegen das Ende des 13. Jahrh. kam die Herrschaft an die Fürsten von Rügen. Im Laufe der Zeit kommt um das Jahr 1278 noch ein Simon von Gadebusch vor; die Regeste einer verloren gegangenen Urkunde des Bisthums Schwerin lautet:

"Simon ein Knappe von Godebuze und seine Frau Hadegund geben der Kirche zu Schwerin 1 Mark aus ihrem Hofe auf der Schelfe zu Schwerin".

Mit der Familie von Gadebusch oder von Loiz, wie sie sich später nannte, scheinen einige andere alte und vornehme Familien eng verbunden gewesen zu sein. In den Urkunden von 1242 und 1249 werden neben Thetlev von Gadebusch und seinem Sohne Werner die Brüder Lüdeke und Bolte von Slavekestorp, d. i. Schlagsdorf, als Zeugen aufgeführt. Die von Slavekestorp, welche sehr früh nach Festland Rügen kamen und späterhin auf der Burg Gristow saßen, gehörten zu den ältesten Familien des Landes. Sie führten eine Weinrebe im Wappen und diese allein war das ursprüngliche Wappen der Familie Maltzan; der Vorname Bolte war in Meklenburg der Familie Hasenkop eigenthümlich, welche ohne Zweifel mit der Familie Maltzan stammverwandt war. Die Güter Moltzan und Schlagsdorf liegen aber neben einander bei Ratzeburg. Es ist daher wahrscheinlich, daß die von Schlagsdorf mit Thetlev von Gadebusch in dem Kriegszuge des Fürsten Johann 1236 in jene Gegenden kamen, wie überhaupt in diesem Zuge eine große Wanderung der ritterlichen Familien aus dem Lande um Ratzeburg und Gadebusch gegen Osten in die Länder Circipanien und Rügen stattfand. -


1) Vgl. Jahrb. III, S. 211-213.
2) Vgl. Dreger Cod. dipl. Pomer. p. 308-310; Dähnert Pomm. Bibl. V, S. 7 flgd. und S. 254-257.
3) Vgl. Dähnert Pomm. Bibl. V, S. 87.
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Der in den beiden erwähnten Urkunden genannte Ritter Brunward von Loiz gehörte zur Familie Thetlev's von Gadebusch und wird weiter unten zur Sprache kommen.


Heinrich von Bützow

und

sein Sohn Thetlev d. j. von Marlow.

Ein Bruder Thetlev's von Gadebusch war Heinrich von Bützow. In dem lübeker Zollprivilegium der meklenburgischen Fürsten Johann, Nicolaus und Heinrich vom 15. Febr. 1226 1 ) werden unter den Zeugen aufgeführt:

"dominus Thetlevus de Godebuz,
- - Brunwardus de Butzowe,
Heinricus cognatus domini Thetlevi".

Mit dem Ausdrucke cognatus wird sonst bekanntlich eine nahe Verschwägerung bezeichnet; in jener Zeit bedeutet es aber öfter Bruder: in dem ältesten Privilegium des Fürsten Johann von Meklenburg für die Stadt Wismar vom J. 1228 2 ) bezeichnet dieser Fürst seinen Bruder Pribislav durch das Wort cognatus. Wir können also annehmen, daß auch Heinrich von Bützow ein Bruder Thetlev's von Gadebusch war, wenn er dessen "cognatus" genannt wird.

Dieser Heinrich, der hier keinen Zunamen hat, ist ohne Zweifel Heinrich von Bützow. Schon im J. 1210 geschah es zu Gadebusch, daß der Fürst Borwin I. den Herrn Heinrich von Bützow, seine Frau Wigburg und seinen Sohn Thetlev (den jüngern) mit der Hälfte des Schlosses Marlow 3 ) und folgender 9 Dörfer Conesco (Knesse), Cepitzko (Schulenberg und Fahrenhaupt?), Janekestorp (Jankendorf), Ratezburstorp (Redderstorf), Uppekenthorp (Wöpkendorf), Chemkenthorp (Ehmkendorf), Gutenthorp, Halemerstorp (Helmstorf?) und dem Flecken Marlow (mit 8 Hufen), der vor der Burg lag, so wie mit aller Gerechtigkeit und der Hälfte des Gerichts in Zmilistorp und der Hälfte des Gerichts in dem Kruge zu Ribnitz erblich belehnte; die Besiegelung dieser Urkunde geschah erst im J. 1215. Von


1) Vgl. Lübeker Urk. Buch I, Nr. 33, S. 44.
2) Vgl. Schröder's Wismar. Erstlinge S. 68.
3) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXVI.
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dieser äußerst wichtigen Urkunde, einer höchst seltenen Erscheinung in ihrer Art, ist leider nur eine, wenn auch ziemlich vollständige Regeste vorhanden. - Die andere Hälfte des Schlosses und der Vogtei Marlow erhielt wohl ein Neffe Heinrich's von Bützow, Brunward, von welchem weiter unten die Rede sein wird.

Außerdem berichtet nun Chemnitz aus einer brieflichen Urkunde, daß schon im J. 1179 Borwin I. dem Heinrich von Bützow die Hälfte von Marlow mit 9 Dörfern zu Lehn gegeben habe 1 ), unter der Bedingung, das Land wieder zu cultiviren. Leider ist dies die einzige Spur von dieser Verleihung, welche allerdings verdächtig aussieht, da sie mit der Urkunde von 1210-1215 gleich zu sein scheint. Die Sache läßt sich nicht mehr aufklären. Hat sie ihre Richtigkeit, so könnte dieser Heinrich von Bützow der Stammvater des Geschlechts und der Vater des hier in Frage stehenden Heinrich von Bützow gewesen sein.

Die Burg Marlow war in jenen Zeiten die Hauptgauburg in jenen Gegenden, welche erst später durch die Stadt Sülz in den Hintergrund gedrängt ward. Das Land Bützow, mit der Burg, traten die Landesherren dem Bischofe Brunward von Schwerin am 27. März 1232 völlig ab 2 ), und Heinrich's Familie scheint sich ganz nach Marlow gezogen zu haben; vielleicht war Marlow ein Ersatz für das dem Bischofe von Schwerin zugefallene Bützow. Ob die später im nördlichen Meklenburg vorkommende Ritterfamilie von Bützow, welche einen Eselskopf im Wappen führte, mit der alten Dynastenfamilie von Bützow zusammenhängt, läßt sich nicht mit Bestimmtheit ermitteln, da von dieser kein Originalsiegel bekannt geworden ist; mit der ritterlichen Familie von Bützow führten die in alter Zeit in derselben Gegend angesessenen Familien von Hoge und von Zepelin gleiches Wappen. Wahrscheinlich war aber diese Ritterfamilie von Bützow nicht mit der alten Dynastenfamilie von Bützow verwandt. Diese letztere führte nach dem Berichte des Pfarrers Heinrich Stolp auf der uralten, bei dem Burgwalle Meklenburg liegenden Pfarre Lübow auf alten Siegeln einen queer getheilten Schild, welcher in der untern Hälfte rechtwinklig quadrirt war und in der obern Hälfte einen Stierkopf trug 3 ). Nach dieser freilich nur aus einer Beschreibung bekannt gewordenen Bildung scheint das Wappen der alten von Bützow mit dem Wappen der von Gadebusch Aehnlichkeit gehabt zu haben 3 ).


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXV.
2) Vgl. Lisch Mekl. Urk. III, S. 79.
3) Vgl. Jahrb. III, S. 162 flgd.
3) Vgl. Jahrb. III, S. 162 flgd.
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Der Sohn des Heinrich von Bützow hieß nach der eben angeführten Urkunde über Marlow von 12 10/15 Thetlev, wahrscheinlich von seinem Oheim Thetlev von Gadebusch so genannt. Dies ist ohne Zweifel Thetlev der jüngere, welcher öfter neben Thetlev von Gadebusch genannt wird. Am 24. Junius 1218 war er unter dem Namen Thetlev von Marlow mit dem Bischofe Brunward, seinem Oheim, bei dem Fürsten Borwin. Im J. 1229 waren in einer Urkunde des Fürsten Johann Zeugen:

"dominus Brunwardus et dominus Detlevus juvenes."

und am 30. Oct. 1230 bei demselben Fürsten und dessen Bruder Nicolaus:

"Thetlephus de Godebuz, - - Thetlephus juvenis".


Der Bischof Brunward von Schwerin

und

seine Blutsverwandten.

In ganz naher Verwandtschaft zu der Familie des Thetlev von Gadebusch stand der Bischof Brunward von Schwerin. Nach der Regeste einer höchst merkwürdigen Urkunde vom 18. Junius 1195 1 )war der zweite schweriner Bischof Brunward ein Wende; nach dem Tode des Bischofs Berno war zwischen den Sachsen und Wenden Streit über die Bischofswahl ausgebrochen: die sächsischen Domherren hatten den sächsischen Grafen Hermann von Schwerin, die Wenden vom Adel den Wenden Brunward erwählt; der Streit dauerte an drei Jahre, bis er endlich zu Gunsten Brunward's geschlichtet ward. Man hat diese Urkunde wohl dahin erläutern wollen, daß unter Wenden auch nur die in den Wendenländern Wohnenden verstanden werden könnten; aber der Gegensatz ist zu scharf ausgeführt und die Verwandten Brunward's waren alle auf alten wendischen Burgen und zwar meistentheils in Gegenden (Bützow und Marlow) herrschend, in denen die wendische Bevölkerung und Sitte noch lange nicht zurückgedrängt ward. Am 3. Novbr. 1235 schenkte der Bischof Brunward dem neu gestifteten Nonnenkloster Rühn die Zehnten von 10 Hufen in Holzendorf, die sein Vetter, Thetlev von Gadebusch, von ihm zu Lehen gehabt und (bei dem Feldzuge nach Circipanien und Loiz) dem Bischofe zur


1) Vgl. Lisch Meklenb. Urk. III, Nr. VIII.
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Stiftung von Seelenmessen für ihn wieder aufgetragen habe 1 ). Von der darüber redenden Urkunde ist zwar nur eine Regeste erhalten, in diese aber das entscheidende Wort der Original=Urkunde aufgenommen; Thetlev von Gadebusch wird ein "consanguineus" des Bischofs genannt; welches Wort Clandrian freilich durch "Oheim" übersetzt, nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche wohl durch Vetter übersetzt werden muß, was späterhin freilich durch patruelis bezeichnet wird. Wahrscheinlich waren beide Geschwisterkinder.

Ein Bruder des schweriner Bischofs Brunward war Bruno, wenn das Wort cognatus = Bruder bedeutet, wie oben bei Heinrich von Bützow wahrscheinlich gemacht ist. In einer Bestätigung des Dom=Collegiatstifts zu Güstrow durch den Bischof Brunward vom J. 1229 wird unter den Zeugen von diesem auch genannt:

"Bruno cognatus noster".

Jedenfalls war dieser ein sehr naher Verwandter des Bischofs. Es ist oben (S. 17) die Vermuthung aufgestellt, daß dieser Bruno der Meister des Dobriner Ordens gewesen sei und wahrscheinlich mit dem Bischofe den Kreuzzug nach Preußen im J. 1219 mitgemacht habe.

Eine Schwester des Bischofs Brunward wird zwar nicht mit Namen aufgeführt, wohl aber deren Sohn Brunward, ohne Zweifel von seinem Oheim so genannt. Der Bischof sagt nämlich in einer Urkunde vom 13. Dec. 1233 2 ), daß, als er (1219) nach Preußen habe ziehen wollen, seiner Schwester Sohn Brunward, ein Ritter, ihm den halben Zehnten von Stavenitzdorf und Kaminitz aufgelassen habe, welchen er mit andern Zehnten dessen Schwester Sohn Brunward wieder verliehen habe, wahrscheinlich gegen eine Anleihe, da Brunward in Geldverlegenheit war, als er den Kreuzzug unternehmen wollte. Dieser Brunward ist wahrscheinlich der in dem oben erwähnten lübeker Zoll=Privilegium vom 15. Febr. 1226 neben den Brüdern Thetlev von Gadebusch und Heinrich von Bützow aufgeführte Brunward von Bützow.

Der Bischof Brunward sagt in der eben erwähnten Urkunde vom 13. Dec. 1233 weiter: daß ihm seiner Schwester Sohn Brunward der Ritter die Zehnten in Stavenitzdorf und Kaminitz aufgelassen habe, um sie seinem Schwestersohn Brunward wieder zu verleihen, was er auch damals (1219) gethan und ihm dazu auch die Zehnten aus den Dörfern der Pfarre


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXVIII.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXVII.
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Ribnitz und aus den Dörfern Blankenhagen, Volkshagen, Wulfshagen, aus einer Hufe zu Kölzow und einer Hufe zu Kassebohm übertragen habe. Unter diesem zweiten Schwestersohne Brunward kann nur der Schwestersohn des Ritters Brunward (von Bützow), also ein zweiter weltlicher Brunward, verstanden werden. Dieser Brunward ist wahrscheinlich derjenige, welcher in der wismarschen Urkunde vom J. 1229 1 ) neben dem jüngern Thetlev Brunward der junge:

"dominus Brunwardus et dominus Thetlevus juvenes"

genannt und in einer doberaner Urkunde vom 18. Oct. 1230 als Burgmann von Marlow aufgeführt wird:

"Thetlephus de Godebutze burgravius, - - Brunwardus castrensis de Marlowe"

und eben so in einer doberaner Urkunde vom 28. Oct. 1231:

"Thetlephus de Godebuz, - - Brunwardus castellanus de Marlowe".

Wahrscheinlich erhielt sein Vater Brunward von Bützow 1210 eine Hälfte von Marlow, als Heinrich von Bützow die andere Hälfte erhielt.

Der jüngere Brunward ist nun wieder wahrscheinlich derselbe, welcher in den oben angeführten loizer Urkunden von 1242 und 1249 Brunward von Loiz genannt wird, nachdem das Land Bützow dem Bischofe Brunward mit allen Rechten überwiesen und ungefähr zu gleicher Zeit Loiz von Thetlev von Gadebusch erobert war. Er wird in den erwähnten Urkunden des Thetlev von Gadebusch und seiner Söhne Werner und Heinrich von 1242 und 1249 als Ritter Brunward von Loiz ("Brunwardus de Lositze miles") aufgeführt.


Das Geschlecht der von Dechow und Hahn.

In der oft erwähnten Urkunde vom 30. Oct. 1230 wird neben Thetlev von Gadebusch und dem jüngern Thetlev noch ein Gottschalk als Neffe des ältern Thetlev von Gadebusch aufgeführt:

"Thetlevus de Godebuz, Thetlevus juvenis, Godescalcus nepos domini Thetlevi".


1) Vgl. Wismar. Erstlinge S. 70.
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Dieser Gottschalk war wahrscheinlich Gottschalk von Dechow 1 ), welcher von dem Gute Dechow zwischen Gadebusch und Ratzeburg seinen Namen trug und 1230-1248 am Hofe des Fürsten Johann von Meklenburg erscheint. Sein Sohn Eckhart ward im J. 1261 bischöflich=ratzeburgischer Vasall von dem Gute Pütenitz bei Damgarten im Fürstenthume Rügen. Gottschalk's Bruder war urkundlich Eckhart Hahn, der Stammvater des noch blühenden Geschlechts. Dies ist die einzige noch bestehende Verbindung mit den behandelten alten Dynastengeschlechtern.


Dies ist der Zusammenhang der Familie, welche in der Zeit des Ueberganges vom Heidenthume zum Christenthume ohne Zweifel die bedeutendste in Meklenburg ist und tiefe Blicke in den Entwickelungsgang der Ereignisse thun läßt.

Die folgende Stammtafel wird die Uebersicht erleichtern:


1) Vgl. Lisch Gesch. des Geschl. Hahn I, A, S. 15 flgd., 17 flgd., S. 43 flgd. und B, S. 25.
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Stammtafel der Familie Thetlev von Gadebusch
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V.

Des Fürsten Heinrich von Meklenburg

Pilgerfahrt zum Heiligen Grabe,

26jährige Gefangenschaft und Heimkehr,

von

F. Boll .

zu Neu=Brandenburg.


D er für die Geschichtsforschung nur zu früh verstorbene Prof. Grautoff zu Lübek hatte in dem dortigen Archive mehrere Urkunden aufgefunden, welche auf die Auslösung Heinrich des Pilgers aus seiner Saracenischen Gefangenschaft Bezug hatten. Diese Urkunden, so wie die Aufschlüsse, welche das Chroniken=Fragment des gleichzeitigen lübekischen Canzlers Albrecht von Bardewik über die Gefangenschaft und Heimkehr Heinrichs darboten, veranlaßten im J. 1826 Grautoff, eine Abhandlung über diesen Gegenstand als "Beitrag zur Geschichte Heinrich I., Fürsten von Meklenburg" zu veröffentlichen, die nur wenig verändert, aber mit den betreffenden Urkunden vermehrt, in den ersten Band der aus seinem Nachlaß gesammelten historischen Schriften (Lübek 1836) wieder aufgenommen worden ist. Inzwischen sind im vorigen Jahre zwei Urkunden, die sich im Besitz Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs von Meklenburg=Strelitz befinden, zu meiner Kenntniß gekommen, durch welche die von Grautoff mitgetheilten Urkunden wesentlich ergänzt werden. Dieser Umstand hat mich bestimmt, den schon von Grautoff behandelten Gegenstand in unsern Jahrbüchern auf's Neue zur Sprache zu bringen, vorzüglich um die ziemlich ausführlichen Nachrichten unsers Chronisten Kirchberg über den fraglichen Gegenstand mehr zu berücksichtigen, als dies von Grau=

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toff geschehen ist. Es wird sich zeigen, daß, trotz des sagenhaften Gewandes, in welches die Ueberlieferung Heinrichs Schicksale zu Kirchbergs Zeiten schon gekleidet hatte, diese Ueberlieferung dennoch manche Einzelnheiten aufbehalten hat, welche durch Urkunden jetzt ihre Bestätigung erhalten.


Noch bei Lebzeiten seines Vaters Johann, des ältesten Sohnes Heinrich Borwin's, auf den in der Landestheilung von 1229 das eigentliche Meklenburg (im engern Sinne) gefallen war, hatte sein Erstgeborner, Heinrich, der ritterlichen Frömmigkeit jener Zeiten folgend, den Pilgern sich angeschlossen, welche im J. 1260 1 ), vom Papste aufgemahnt, aus dem nördlichen Deutschland den von den heidnischen Litthauern bedrängten deutschen Rittern nach Livland zu Hülfe geeilt waren. Ein dreijähriges Heidenmädchen hatte er, mitten im Mordgewühle, dem Schwerte entrissen, ihr die Taufe ertheilen lassen und zu seiner Tochter sie angenommen 2 ). Solcher Sinnesart war der Fürst, dessen herbem Geschick diese Zeilen gewidmet sind.

Im J. 1263 war Heinrich seinem Vater in der Herrschaft gefolgt. Vermählt mit Anastasia, Herzog Barnims von Stettin Tochter, hatte ihm diese (nach 1266 3 ) zwei Söhne, Heinrich, dem die Geschichte den Beinamen des Löwen gegeben, und Johann, der, ehe der Vater ihn wiedersah, in den Wellen der Ostsee den Tod fand, so wie eine Tochter, Lutgart, welche die Polen, weil ihr Gemahl Herzog Przemislav von Gnesen sie ermordete, als Heilige verehren, geboren: als Heinrich sich entschloß, eine Pilgerfahrt zum Grabe des Erlösers zu thun. Hundert Jahre, nachdem einst (1171) sein Ahnherr Pribislav seinen Lehnherrn, den Herzog Heinrich den Löwen, zum Heiligen Grabe begleitet hatte, um an dieser geweihten Stätte Vergebung zu erflehen, daß er einst vor stummen Götzen angebetet, schickte der Ururenkel zu gleicher Pilgerfahrt sich an, um dort, wie Kirchberg schreibt, Vergebung seiner Sünden zu erlangen. Nach einer alten Nachricht ward Heinrich am 13. Jul. 1271 im Bar=


1) Vgl. oben S. 65. D. Red.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. XLVI u. XLVII. In der Taufe hatte sie den Namen Katharina empfangen, und sie lebte noch im J. 1310 im Kloster Rehna. Vgl. Lisch Maltzan. Urk. I, Nr. 71. - Daß der dritte Bruder Heinrichs, Poppo, ein Kreuzritter war, bezeugen neben Kirchberg S. 124 auch die doberaner und parchimer Genealogie.
3) In meiner Geschichte des Landes Stargard I, 98 habe ich, der Sage bei Kirchberg folgend, Heinrich des Löwen Geburt in's J. 1260, und zwar zu Riga, gesetzt; inzwischen hat Hr. Archivar Lisch in seiner Urkund. Geschichte des Geschlechts von Oertzen, Schwerin 1847, eine Urkunde veröffentlicht, aus der erhellt (S. 8), daß am 14. April 1266 Heinrich von der Anastasia noch keine Söhne hatte.
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füßer=Kloster zu Wismar durch den Guardian desselben, Martin, zu seiner Pilgerfahrt eingesegnet 1 ).

Von dem Mißgeschick, das Heinrich bei dieser Pilgerfahrt betraf, berichtet der gleichzeitige Albrecht von Bardewik 2 ) nur ganz kurz: "er ward gefangen über Meer bei einer Pilgerfahrt auf dem Wege zum Heil. Grabe, und lag gefangen 26 Jahre bei Babylonien (d. i. Kairo 3 ) auf einem Thurm, der heißt Kere". Ausführlicher dagegen erzählt etwa hundert Jahre später Kirchberg Cap. 132: Heinrich, von seinen Mannen, Rittern und Knechten begleitet, sei ausgezogen, das Heil. Grab zu besuchen, um dort Vergebung seiner Sünden zu erlangen; er sei mit dem Geleit der Königin von Marsilien, die seines Vaters Schwester gewesen, nach Ackaron oder Ackers gekommen; dort habe er seine überflüssige Baarschaft, bei 2000 Gülden, bei einem Creditor niedergelegt, an den ihn die Königin empfohlen; dann sei er mit den Seinigen weiter nach Jerusalem gezogen und habe bei dem Heil. Grabe sein Opfer dargebracht, sei aber im Tempel mit seinem Knechte Martin Bleyer von den Heiden gefangen genommen und an den Sultan (von Aegypten, der damals Syrien mitbeherrschte) überantwortet worden, der ihn in die Feste gelegt, wo er 25 Jahre lang gefangen gesessen, während sein treuer Knecht Byssus= und Purpurtücher weben gelernt und durch diesen Erwerb die traurige Lage seines gefangenen Herrn erträglicher zu machen gesucht habe; wie aber Heinrichs übrige Begleiter davongekommen und wieder heimgekehrt wären, das habe er (Kirchberg) nicht erfahren können.

Was Kirchberg von Heinrichs Vatersschwester, der Königin von Marseille, und ihrem Geleit nach Ackaron erzählt, gehört freilich in das Gebiet der Sage. Daß aber Heinrich zu Ackaron oder Ackon, der Hauptfeste, die von dem ehemaligen Königreiche Jerusalem damals noch in den Händen der Christen


1) Schröder's Papist. Meklenburg S. 729. Hiermit stimmt auch die Detmarsche Chronik zum J. 1271: "In deme sülven jare Cristi do untfing dat crüce de erlike her Hinrik van Mekelenborch tho thende över mer"; so wie die alte Nachricht aus dem Kirchenbuche des grauen Klosters zu Wismar in den Mekl. Jahrb. VI, 100. Vom 25. Mai und 12. Junius 1271 sind noch zu Wismar ausgestellte Urkunden Heinrich's vorhanden (Lisch Maltzan. Urk. I, 31. Lisch, Mekl. Urk. II, 50). Grautoff dagegen nimmt, freilich ohne Beweis, an, daß Heinrich erst im Sommer 1272 aufgebrochen sei. Völlig grundlos ist es, wenn frühere meklenburgische Geschichtschreiber Heinrich eine Art Kreuzzug gegen die Ungläubigen thun lassen; der gleichzeitige Albrecht von Bardewik bezeichnet seine Reise durchaus richtig als eine "Pelegrimaze" zum Heil. Grabe.
2) Lübekische Chroniken, herausgegeben von Grautoff, I, 414.
3) Kairo wurde im Mittelalter gewöhnlich (z. B. in der Detmarschen Chronik an vielen Stellen) Babylonien genannt; selbst in einer Urkunde werden wir weiterhin Babylonien als den Ort angegeben finden, wo Heinrich gefangen lag. Statt Kere lesen übrigens beide Ausgaben von Grautoff's Abhandlung, vielleicht nur durch einen Druckfehler, Kern.
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war, landete und dort, wenn auch nicht seine Baarschaft, doch seine Kleinodien in Verwahrsam des Ordenshauses der Deutschen Ritter daselbst zurückließ - dieses steht jetzt durch die Urkunde Nr. 4. fest, die uns auch weiterhin dazu dienen wird, über Kirchbergs Angaben noch mehr Licht zu verbreiten. Darin aber, daß allein sein Knappe Martin Bleyer mit dem Fürsten in Gefangenschaft gerathen sei, stimmt auch Albrecht von Bardewik ausdrücklich mit Kirchberg überein. Setzt man nun den Aufbruch Heinrichs aus seiner Heimath um die Mitte des Sommers 1171, so muß seine Gefangennehmung etwa gegen Ende dieses Jahres oder zu Anfang des folgenden 1 ) stattgefunden haben, und da er seine Freiheit zu Ende des Jahres 1297 wieder erhielt: so bestimmen Albrecht von Bardewik und die Detmarsche Chronik zum J. 1271 die Dauer der Gefangenschaft Heinrichs richtiger auf 26 Jahre, als wenn Kirchberg sie nur auf 25 Jahre berechnet.

Ob aber, wie Kirchberg und mit ihm das Kirchenbuch des wismarschen grauen Klosters angiebt, außer dem genannten Martin Bleyer, noch andere Ritter und Knappen den Fürsten auf seiner Pilgerfahrt begleitet haben, welche der Gefangenschaft entgingen und glücklich heimkehrten, scheint mir sehr zweifelhaft. Heinrich hatte, ehe er sein Land verließ, für die Zeit seiner Abwesenheit seine Gemahlin Anastasia in Gemeinschaft mit seinen Räthen zur Regentschaft des Landes bestimmt. In dieser Eigenschaft stellte Anastasia noch am 20. Januar 1275 zu Wismar eine Urkunde aus, durch welche sie dem Kloster Sonnencamp das Eigenthum des Dorfes Arnesse verlieh; sie erklärt in derselben, sie habe dieses darum gethan, "damit der Gott und Herr des unaussprechlichen Erbarmens, um der beständigen Fürbitten derselbigen Mägde Christi (der Jungfrauen des Klosters) und um der andern guten Werke willen, welche bei ihnen reichlich geübt werden, unsern geliebten Gemahl, Herrn Heinrich von Meklenburg, aus den Banden der Heiden, in denen er bestrickt ist, wohlbehalten entreiße, und denselben uns und unsern Söhnen und seinen übrigen Freunden, die trauernden Herzens auf seine Rückkehr harren, in sein Eigenthum zu unserm Troste zurücksende 2 )". - Wirklich scheint jetzt erst sichere Kunde von seinem Mißgeschick in die Heimath gelangt zu sein. Denn erst jetzt erhoben sich Ansprüche auf die Vormundschaft über seine


1) Die freilich nicht immer zuverlässigen Nachrichten aus dem Kirchenbuche des grauen Klosters zu Wismar (Mekl. Jahrb. VI, 100) geben als den Tag der Gefangennehmung Heinrichs den Tag Pauli Bekehrung, d. i. den 25. Januar, an.
2) Lisch Mekl. Urk. II, 56: nos Anastasia Dei gracia domina Magnopolensis, vicem dilecti domini et mar îti nostri absentis fideliter gubernantes etc.
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Gemahlin und seine Söhne, die wohl schon früher würden geltend gemacht worden sein, wenn man früher zuverlässige Nachricht von dem verschollenen Fürsten gehabt hätte. "Als unser edle Herr, Herr Heinrich von Meklenburg, von den Heiden war gefangen genommen und zu Babylonien in Banden gehalten wurde, "sagt eine wismarsche Urkunde von demselben J. 1275 1 )," kamen die Herren Heinrich und Johann von Werle gen Wismar auf's Schloß und behaupteten, Herr Heinrich habe ihnen, als seinen Anverwandten, die Vormundschaft über seine Gemahlin, seine Söhne und sein Land anbefohlen". Gleiche Ansprüche auf die Vormundschaft meinten die Brüder des gefangenen Fürsten, Johann von Gadebusch und der schweriner Dompropst Nicolaus, geltend machen zu dürfen. Es kam darüber zu heftigem Streit, ja zur Fehde, bis es endlich unter Vermittelung anderer Fürsten dahin gedieh, daß Heinrichs Brüder in Gemeinschaft mit Anastasia die vormundschaftliche Regierung verwalteten.

Inzwischen verbreitete sich, als diese Wirren noch in vollem Gange waren, wahrscheinlich gegen Ende des J. 1276 2 ), das Gerücht, der gefangene Fürst sei gestorben. Lange Jahre scheint man in seiner Heimath sich in völliger Ungewißheit befunden zu haben, ob Heinrich noch am Leben sei oder nicht 3 ). Denn erst im J. 1287 wurden Anstalten gemacht, um den unglücklichen Fürsten aus seiner Gefangenschaft loszukaufen. Der Hochmeister des Deutschen Ordens, Burchard von Swanden (oder Schwendi) hatte seine Vermittelung dazu geboten. Am 10. December 1287 verpflichtete sich zu Lübek Anastasia mit ihren Söhnen Heinrich und Johann, allen Schaden zu ersetzen, den die Brüder des Deutschen Hauses an der Summe der zu Lübek deponirten 2000 Mark Silbers (ungefähr 65,000 Mark lübsch heutigen Geldes) von jetzt bis zur Befreiung des gefangenen Fürsten und bis zur Abführung der genannten Geldsumme nach der Stadt Mecheln erleiden würden 4 ). Drei Tage später bezeugte der Rath der Stadt Lübek, daß die 2000 Mark Silbers von Anastasia und ihren Söhnen zu Handen des Hochmeisters Burchard von Swanden wirklich bei ihnen niedergelegt wären, und auf dessen Anweisung der Rath dieselben auszuzahlen bevollmächtigt sei 5 ).


1) Vgl. Meklenb. Jahrb. III, 40.
2) Vgl. Meklenb. Jahrb. III, 44.
3) Am 26. Julii 1286 hielt Heinrich der Löwe seinen Vater für todt: "Henricus pater noster felicis recordacionis": vgl. die rigasche Urkunde in Urk. Samml. Nr. XLVIII. G. C. F. Lisch.
4) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXX.
5) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXXI.
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Allein auch dies große Opfer, welches die Gattin und die Söhne bereitwillig brachten, sollte nicht mit Erfolg gekrönt werden. Unter dem 14. August 1289 machte Wirich vom Homberg, Präceptor des Deutschen Ordens und Stellvertreter des Hochmeisters im Heil. Lande, von Acko aus den Rathmännern der Stadt Lübek die Anzeige, daß sie die Summe der 2000 Mark, welche bei ihnen durch Anastasia und ihre Söhne zur Auslösung des gefangenen Fürsten für den Orden niedergelegt wären, an die Fürstin und ihre Söhne zurückzahlen möchten, "da leider keine Hoffnung vorhanden sei, daß zu diesen Zeiten Herr Heinrich von Meklenburg von den Banden der Saracenen ausgelös't werden könne, bis Gott einen andern Weg und Weise seiner Auslösung nach seiner Barmherzigkeit in Gnaden eröffnen möchte 1 )". - Der Kampf zwischen den Christen und Saracenen war nämlich mit erneuter Heftigkeit wieder entbrannt, und unter den obwaltenden Umständen war es für die deutschen Ritter zur Zeit wohl eine Unmöglichkeit, Unterhandlungen mit dem Sultan wegen Heinrichs Auslösung anzuknüpfen.

Hier nun ist der Ort, auf Kirchbergs schon oben besprochene Angabe zurückzukommen, daß Heinrich, als er von Acko nach Jerusalem aufbrach, an ersterem Ort eine Summe von 2000 Gülden in Verwahrsam gelassen habe; dies Geld, fährt Kirchberg fort, ließ später sein Sohn Heinrich wiederholen "und verzehrte es auf der Fahrt, als er zu Erfurt Ritter ward, zur Zeit des römischen Königs Rudolf". Nun liegen gegenwärtig zwei aus Erfurt datirte Urkunden vor uns, die über Kirchbergs Angaben Aufklärung geben. Am 19. December 1289 stellte Heinrich von Meklenburg, der inzwischen erwachsene älteste Sohn des gefangenen Fürsten, im Minoritenkloster zu Erfurt eine Urkunde aus, wodurch er bezeugt, daß er in Beisein des Grafen Helmold von Schwerin, des Custos der Minoritenbrüder der Provinz Thüringen und des Priors und Lectors der erfurtschen Predigerbrüder, von den Kleinodien seines geliebten Vaters, die derselbe bei den deutschen Rittern zu Acko zurückgelassen, eine goldene Heftel, zwei Gürtel, vier Theile eines Bechers und zwei silberne Kannen in Empfang genommen habe, und daß, wenn sein Vater, nachdem er durch göttlichen Beistand von den Banden der Saracenen befreit worden, den Orden wegen dieser Kleinodien in Anspruch nehmen sollte, er (der Sohn) ihn von diesen Ansprüchen befreien wolle; als Zeugen dieser Urkunde werden aufgeführt Herr Gottfried und Herr Hillo, Capellane der Herren von Meklenburg, und die Ritter Conrad


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXXII.
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Preen, Johann von Zernin, Bernhard von Pleß und Gottfried Dotenberg 1 ), In der andern Urkunde, ebenfalls im Minoritenkloster zu Erfurt am 23. Dec. 1289 ausgestellt, weiset der Hochmeister des Deutschen Ordens, Burchard von Swanden, die Rathmänner von Lübek an, jene 2000 Mark Silbers, welche bei ihnen zu seinen Handen niedergelegt wären, an Herrn Heinrich von Meklenburg zurückzuzahlen 2 ).

König Rudolf von Habsburg, um den erbitterten Zwist zu schlichten, der schon seit Jahren zwischen dem Landgrafen von Thüringen und seinen Söhnen im Schwange war, hatte einen Reichstag nach Erfurt ausgeschrieben, und ritt am 13. Dec. 1289 mit zahlreichem Gefolge zu Erfurt ein 3 ). Unter den mehr als 40 anwesenden geistlichen und weltlichen Fürsten werden von den thüringschen Chronisten ausdrücklich auch die schweriner Grafen und der Fürst von Meklenburg genannt 4 ). Mit einem stattlichen Gefolge, wie die Urk. Nr. 4. darthut, hatte sich der junge Heinrich von Meklenburg zum königlichen Hoflager nach Erfurt begeben, und traf hier im Minoritenkloster 5 ) (wo sie vielleicht zur Herberge lagen) mit dem Hochmeister des Deutschen Ordens zusammen. Wahrscheinlich hatten schon, in Folge der von Ackon gemachten Anzeige, daß gegenwärtig nichts für die Auslösung des Vaters geschehen könne, Unterhandlungen zwischen dem Hochmeister und dem jungen Heinrich stattgehabt, und der von König Rudolf nach Erfurt ausgeschriebene Reichstag hatte sie bestimmt, diesen Ort zur persönlichen Zusammenkunft zu wählen. So findet denn Kirchbergs Angabe von der Anwesenheit des jungen Heinrich in Erfurt ihre Bestätigung durch Urkunden; es waren aber nicht die angeblich von seinem Vater in Ackon


1) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXXIII.
2) Vgl. Urk. Samml. Nr. LXXXIV.
3) Die meisten Chronisten setzen den erfurter Reichstag zum J. 1290, weil König Rudolf fast ein ganzes Jahr lang sein Hoflager zu Erfurt hielt, und von hier aus im J. 1290 die bekannte Züchtigung der thüringschen Friedbrecher verhängte. Den 13. December 1289 giebt Spangenberg als den Tag von Rudolf's Ankunft zu Erfurt an; wenn dafür der variloquus Erfurdianus (in Menckenii scriptor. rer. Misnens. p. 490) den 13. December 1290 setzt, so ist dennoch das J. 1289 nach unserer Zeitrechnung damit gemeint, da man damals noch häufig nach den Kirchenjahren, die mit Advent beginnen, zählte.
4) Der variloquus Erfurd. p. 491 nennt unter den Anwesenden Comites de Swerin und Dux Megalopolensis; der erfurter Mönch, welcher additiones ad Lambertum Schaffnab, schrieb (Pistorii Corp. p. 260) Comes Guntzelinus de Zwirin und Dux de Meckilburg; nach unserer Urkunde war aber auch Graf Helmold von Schwerin zugegen.
5) Das Franziskaner=Kloster zu Schwerin war im 13. Jahrh. eine den Grafen von Schwerin besonders theure Stiftung und stand mit dem ihm vorgesetzten Kloster zu Erfurt in innigen Verhältnissen. Vielleicht war auch der in der Urkunde genannte Ordenscustos Gunzelin zu Erfurt mit dem Grafenhause Schwerin nahe verwandt, da der Name Gunzelin Vorname des Grafenhauses war.
                               G. C. F. Lisch.
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zurückgelassenen 2000 Gülden, die der junge Fürst hier in Empfang nahm und die er hier am königl. Hoflager verzehrt haben soll, sondern nur ein Theil der von seinem Vater bei den deutschen Rittern zu Ackon zurückgelassenen Kleinodien; vielleicht daß die Sage etwas über die 2000 Mark, welche zum Behuf der Auslösung des gefangenen Vaters zu Lübek niedergelegt waren und deren Rückzählung der Hochmeister hier zu Erfurt verfügte, aufbehalten hatte, und hieraus Kirchbergs Angabe von den zu Erfurt in Empfang genommenen 2000 Gülden entstanden ist. Seine andere Angabe, daß der junge Heinrich zu Erfurt den Ritterschlag empfangen habe, ist dagegen wahrscheinlich vollkommen begründet. Denn an dem Weihefeste der Kirche der heil. Jungfrau auf dem Petersberge zu Erfurt, erzählt die Chronik der thüringschen Landgrafen 1 ), schlug Landgraf Albrecht in Gegenwart König Rudolfs unter großem Gepränge sechszehn zu Rittern; genauere Durchforschung der thüringschen Geschichtsbücher, als mir die Umstände sie erlauben, vermag vielleicht zu entscheiden, ob Heinrich von Meklenburg zu denselben gehört hat.

Nicht lange darnach nahm die Lage der Christen im Morgenlande eine sehr unglückliche Wendung. Um die Verletzung eines Waffenstillstandes von Seiten der Christen zu strafen, belagerte der Sultan mit großer Heeresmacht die Stadt Ackon. Bei einem Ausfall aus der Feste fand der Hochmeister Burchard von Swanden, welcher dem bedrängten Platze zu Hülfe geeilt war, an der Spitze seiner Ritter tapfer fechtend den Tod, und am 18. Mai 1291 fiel Ackon in die Hände der Saracenen; die Christen wurden aus Syrien gänzlich vertrieben.

Durch menschliche Hülfe schien die Befreiung des unglücklichen Heinrich von Meklenburg jetzt unmöglich geworden zu sein. Da trat eine höhere Macht in's Mittel. Im J. 1297 bestieg der edle Ladschin, bekannt unter dem Namen Malek el Mansur, den Thron der Sultane zu Kairo: ihn rührte das unglückliche Schicksal des hart geprüften Heinrich und er gab ihm die Freiheit. Nach Albrecht von Bardewik war die Güte des Sultans der Beweggrund, welcher ihn zur Freilassung des so lange Jahre in Haft gehaltenen Fürsten bestimmte, denn man habe Heinrich "im ganzen Lande für heilig gehalten"; auch habe ihm der Sultan seinen Knappen Martin Bleyer, der mit ihm in Gefangenschaft gerathen, zurückgegeben. Dagegen bei Kirchberg haben sich die Beweggründe des Sultans zur Freilassung Heinrichs in ein durchaus mährchenhaftes Gewand gekleidet. Bald nach seiner Thronbesteigung, am Abend des heiligen Christfestes,


1) Pistorii corpus I, 932.
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sei der neue Sultan zu Heinrich in's Gefängniß gekommen und habe ihm erklärt, daß zu Ehren seines Schöpfers, der in dieser heiligen Nacht einst geboren worden, er ihm die Freiheit schenken wolle; Heinrich habe die Freiheit abgelehnt, weil sein Weib und Kind daheim wohl längst gestorben wären und er sein Land in fremden Händen finden würde; da habe der Sultan ihm anvertraut, wie er einst im Dienste von Heinrich's Vater gestanden und dessen Werkmeister über die Geschosse gewesen sei, als Heinrich mit seinem Vater zu Riga war; später sei er bei dem Kaiser der Tartarei (der Mongolen) in Dienste getreten und habe sich endlich bis zu diesem Throne erhoben, aber Heinrich möge das ja verschweigen; jetzt wolle er ihm die Freiheit geben, und Heinrich möge nur eine Stadt bestimmen, in die er ihn bringen lassen solle; übrigens habe er von Pilgrimmen erfahren, daß Heinrichs Gemahlin und Sohn noch beide am Leben wären, und dieser mit Kraft und Mannlichkeit dem Lande des Vaters vorstehe; da habe denn Heinrich Ackaron als den Ort gewählt, wohin er wolle gebracht werden, und am heil. Christtage habe endlich der greise Fürst seine Freiheit wieder erhalten.

Nach Albrecht von Bardewik nahm Heinrich, mit dem Geleit des Sultans und von diesem zur Reise ausgerüstet, seine Fahrt nach Morea hinüber. Die Beherrscherin des Landes, die Prinzessin Isabella, die letzte aus dem Geschlecht des tapfern Ville Hardouin (der bei Errichtung des sogenannten lateinischen Kaiserthums durch die Kreuzfahrer im J. 1204 sich in den Besitz von Morea gesetzt hatte) "empfing den edlen Mann mit großer Würdigkeit und inniger Liebe". Nachdem er sich hier wieder beurlaubt, kam er Freitags vor Pfingsten (am 23. Mai 1298) nach Rom. Am Pfingsttage stellte er sich dem Papste vor, der ihn "mit inniger Liebe empfing und seinen Segen gab", und richtete an denselben eine Botschaft vom Sultan aus; nach der Detmarschen Chronik zu d. J. war es der lübeksche Stadtschreiber Alexander Hüne, der wegen der Streitigkeiten seiner Stadt mit dem Dom=Capitel damals zu Rom weilte, durch dessen Vermittelung Heinrich vor den Papst kam, "der ihn von seinen Sünden lösete".

Weit abenteuerlicher schildert Kirchberg seine Heimkehr. Zu Ackaron fand Heinrich zwar das Geld bei seinem Creditor nicht mehr vor, doch nahm dieser sich seiner hülfreich an und rüstete ihm ein Schiff zur Heimreise aus, mit dem er alsbald unter Segel ging. Allein das Schiff wurde von den Ungläubigen aufgebracht, und Heinrich abermals als Gefangener vor den Sultan geführt. Dieser bedauerte sein wiederholtes Mißgeschick von Herzen, und entsendete ihn unter seinem Geleit nach Cypern, wo er

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seines Vaters Schwester als Königin von Cypern noch am Leben fand ( ! ) 1 ); bei dieser verweilte er längere Zeit, um seine durch die lange Gefangenschaft zerrüttete Gesundheit wiederherzustellen. Dann ließ diese ihn hinüber nach Marsilien zu ihrer ebenfalls noch am Leben befindlichen Schwester geleiten. Von hier nahm er seinen Weg nach Deutschland, und zwar zunächst zu dem Bruder seiner Mutter, dem Grafen von Henneberg, von dem er dann weiter nach Magdeburg 2 ) Geleit empfing. Von hier sandte er Botschaft in sein Land, um seine Heimkehr kund zu thun. Sein Sohn lag gerade mit den Herzogen von Sachsen und den Hauptleuten der Markgrafen vor dem berüchtigten Raubschlosse Glesin an der Elde, um es zu brechen; als er die Botschaft vernahm, eilte er selbst gen Wismar mit der frohen Kunde zu seiner Mutter. Diese entsandte zwei von den Räthen, die ihr Gemahl, als er das Land verließ, ihr zur Seite gestellt, Detwich von Oertzen und Heino von Stralendorf, um den Ankömmling zu prüfen, ob es auch der rechte sei; denn es waren früher Betrüger aufgetreten, die sich für den verschollenen Fürsten ausgegeben, aber durch jene Räthe entlarvt, ihre Frechheit mit dem Tode gebüßt hatten 3 ). Um den Tag Johannis des Täufers (24. Junius) des J. 1299 4 ) traf Fürst Heinrich von Magdeburg aus im Lager vor Glesin ein und war Zeuge, wie folgenden Tages die Burg gestürmt, ihre Besatzung gehenkt, sie selbst aber in den Grund gebrochen ward. Von seinen getreuen Räthen ward Heinrich sogleich erkannt, und von ihnen geleitet traf er bei Vicheln am schweriner See auf die viel geprüfte Gattin und den zum Kriegshelden erwachsenen Sohn.

Als balde als sy den herren sach, sy kante in werlich vnd sprach:


1) Offenbar eine Verwechselung der Sage mit jener Prinzessin von Morea.
2) Kirchberg fügt noch hinzu: hier in Magdeburg habe ein Dom=Chorschüler, Bertold von Weimar, den Fürsten angegangen, ihn mit in sein Land zu nehmen und ihm eine Präbende zu verleihen; Heinrich habe seinen Wunsch erfüllt, und nach seiner Heimkehr (Cap. 133) ihm zu Doberan eine Präbende gegeben, die er 40 Jahre lang, bis an sein Ende, besessen habe. Vielleicht ist dieser Bertholdus de Wymaria der Bertoldus Saxo, welcher als Provisor des doberaner Hofes zu Rostock im J. 1336 genannt wird (Meklenb. Jahrb. VII, 292). Aus seinen Erzählungen mag die Ueberlieferung von Heinrich's Heimkehr sich gebildet haben, wie Kirchberg sie mittheilt, obwohl dieser bei Gelegenheit dieses Bertold sich ausdrücklich auf die Angaben einer Chronik beruft.
3) Der eine dieser Betrüger wurde bei der börzower Mühle in der Stepnitz ertränkt, der andere vor Sternberg verbrannt. Leider giebt Kirchberg keine näheren Zeitbestimmungen.
4) So unrichtig, wie Kirchberg, giebt auch das Kirchenbuch des grauen Klosters zu Wismar (Meklenb. Jahrb. VI, 100) das Jahr der Heimkehr Heinrich's an. Das richtige Jahr, 1298, haben Albrecht von Bardewik und die Detmarsche Chronik; vom 13. Januar 1299 ist eine Original=Urkunde des heimgekehrten Fürsten im schweriner Archive vorhanden (Rudloff II, 97 Anm. d).
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Son, ja der ist myn herre,
ich byns nicht warheit erre.
Dy fursten frowen stunden ab
in gantzir froiden anehab
mit czuchtigen geberden
von wagenen vnd von pherden,
Wer y froide kunde spehen,
der mochte da froide han gesehen,
Sy entphingen sich mit guden sidden,
auch wart da kussen nicht vermidden,
Sus vurte da dy frowe reyne
iren herren heym mit der gemeyne
mit eren vnd mit wirdigheit,
mit groszin froiden gantz gemeit.
Da warin yn der frowen schar
dy burger von der Wysmar,
sy furten in mit froyden inne
uf dy burg die wol mit synne
by Wysmar gebuwet was.

Albrecht von Bardewik berichtet nicht, welchen Weg Heinrich von Rom genommen habe; doch stimmt er darin mit Kirchberg überein, daß er zu der Zeit, als die Fürsten vor Glesin lagen, in seiner Heimath eingetroffen sei. Er fügt hinzu, daß Heinrich bald nach seiner Rückkehr Lübek besucht habe und von Rath und Bürgerschaft daselbst mit großen Ehren empfangen sei; er schließt: "unter der Zeit, daß der Herr von Meklenburg zu Lübek war, da starb sein treuer Dienstknecht, der mit ihm über Meer gefangen war, Martin Bleyer, und ist zu der Wismar begraben. Also nimmt die Mähre ein Ende".

 

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VI.

Der Herzog Rudolph von Meklenburg,

später Bischof von Schwerin,

auf der Universität Prag,

von,

F. W. Kretschmer

zu Berlin.


I n der Original=Matrikel der juristisch=canonischen Facultät an der carolinischen Universität Prag, abgedruckt in der Monatsschrift der Gesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmen, Jahrg. 1827 Mon. Sept. S. 60-77, finden sich auch Männer verzeichnet, die auf die Geschichte Meklenburgs Bezug haben.

Diese Matrikel beginnt mit dem Jahre 1372 und schließt mit dem Jahre 1418. Im Ganzen enthält sie über 3000 mehr und weniger ausgezeichnete Männer jener Epoche; nicht etwa nur aus Böhmen, sondern, nach der damaligen Eintheilung der Facultäten an der prager Universität, aus der böhmischen, bairischen, polnischen und sächsischen Nation, und den mit diesen Nationen vereinten Völkern; aus dem geistlichen und weltlichen Stande, Bischöfe, Edle, Dompröpste, Domdechanten, Aebte, Domherren, Erzpriester, Pfarrer, Altaristen, Ordenspriester und andere Gelehrte, nicht nur mit ihren Tauf= und Familiennamen, sondern größtentheils auch mit ihren Geburtsorten, Aemtern und Würden, wodurch sie eine sehr ergiebige Hülfsquelle für das Studium der Genealogie, Topographie und Gelehrtengeschichte jener Zeiten wird.

Unter der Rubrik: Immatriculirte Hörer des geistlichen Rechts von der sächsischen Nation heißt es S. 74.

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1382. "D. Rudolphus, dux Magnopolensis.
           D. Bernardus de Grollen, magister suus."

1387.  Illustris D. Barnym, dux Stettinensis etc.

1395.  Nob. D. Conradus de Tanrod.
           D. Bernardus de Westerwende, servitor ejus.

1400.  Nob. D. Henricus Schenk de Landsberg.

1402.  Nob. D. Joachimus Malczan.

 

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VII.

Beiträge

zur

Geschichte der Volksgerichte

in Meklenburg.

vom

Archiv=Secretair Dr. W. G. Beyer

zu Schwerin.


M eklenburg ist seit der sächsischen Colonisation des Landes im 12. und 13. Jahrh. in Verfassung, Recht, Sprache und Sitte so durch und durch ein deutsches Land, daß schon in der nächstfolgenden Zeit außer den slavischen Ortsnamen kaum hin und wieder eine schwache Spur des unterdrückten, oder vielmehr vernichteten Volksstammes zu finden ist, welcher nach der frühern Vertreibung der ältesten deutschen Bevölkerung das Land fast 8 Jahrhunderte hindurch bewohnt hatte. Es ist daher schon an und für sich vorauszusetzen, daß auch die mit der allgemeinen Staatsverfassung und dem öffentlichen Rechte überhaupt innig verwachsene ältere Gerichtsverfassung in Meklenburg nicht wesentlich von der in den übrigen deutschen Ländern verschieden gewesen sein werde, daß also namentlich die alten urdeutschen Volksgerichte mit öffentlich mündlichem Verfahren, wie in allen deutschen Gauen, so auch bei uns bestanden haben werden, bis das eindringende römische Recht diese nationale Institution allmählig untergrub und ihren endlichen Sturz herbeiführte. So ist es denn auch wirklich, wenn gleich dieser ältere Zustand der Dinge nicht nur im Volke längst völlig vergessen, sondern selbst in der Wissenschaft fast unbekannt geworden ist. Ich habe deßhalb seit meiner Anstellung beim hiesigen Geheimen= und Haupt=Archive mein Augenmerk unablässig auf diesen Gegenstand ge=

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richtet, und beabsichtigte, später einmal eine nach Maaßgabe der vorhandenen Quellen erschöpfende Geschichte unsrer älteren Gerichtsverfassung zu liefern. Die großen Ereignisse dieses Jahres, durch welche auch in unsrer Heimath die gesammten öffentlichen Verhältnisse umgestürzt sind und einen raschen von Grund auf neuen Bau unsrer Verfassung in allen einzelnen Theilen derselben nothwendig machen, treiben indeß auch mich zu größerer Eile.

Es ist gewiß eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß das Streben unsrer Zeit, obgleich die Führer und Lenker der Bewegung oft überlaut den gänzlichen Bruch mit dem historischen Rechte verkünden, dennoch grade bei den wichtigsten Fragen größten Theils unbewußt auf die Wiederherstellung und Verjüngung der ältern öffentlichen Zustände unseres Volkes gerichtet ist. Der künftige Historiker dürfte in dem plötzlichen Ausbruche der Revolution im März d. J. in der That kaum etwas anderes erkennen, als eine lange vorbereitete gewaltsame Reaction gegen den im Laufe der letzten Jahrhunderte allmählig vollendeten Umsturz der volksthümlichen Einrichtungen früherer Zeiten. Dies gilt aber ganz besonders in Bezug auf die in allen deutschen Gauen mit großer Entschiedenheit verlangte Einführung der auf öffentlich=mündlichem Verfahren beruhenden Geschwornen=Gerichte, welche im Wesentlichen nichts ist, als die Wiederherstellung der uralten germanischen Volksgerichte. Wenn es daher ohne Zweifel von Wichtigkeit ist, diesen im allgemeinen freilich von der Wissenschaft nicht verkannten Zusammenhang auch in besonderer Beziehung auf Meklenburg nachzuweisen und zum allgemeinen Bewußtsein zu bringen, so scheint dazu grade der gegenwärtige Augenblick der geeignetste zu sein, wo auch bei uns die Gründung einer neuen Rechtsverfassung auf der bezeichneten Grundlage nahe bevorsteht. Dieser Umstand wird es rechtfertigen, wenn ich den frühern umfassenden Plan für jetzt aufgebe, und ohne ängstliches Bedenken mittheile, was mir grade zur Hand ist, d. h. eine aus dem hiesigen Archive entlehnte Sammlung mehr oder minder wichtiger Materialien zur Geschichte unsrer ältern Rechtsverfassung, der ich nur einige erläuternde Bemerkungen vorausschicke.

Nach deutscher Rechtsansicht konnte der freie Mann nur durch das Urtheil seiner Volksgenossen nach mündlicher Verhandlung in öffentlicher Volksversammlung gerichtet werden. Der Satz, daß alle Gerichtsgewalt ein Ausfluß der Landeshoheit des Fürsten sei, ist daher nach altem deutschen Rechte nur in so weit wahr, als dem Fürsten allerdings das Oberaufsichtsrecht, wie über das gesammte öffentliche Leben des Volkes, so

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namentlich auch in Betreff der Gerichtsverfassung zustand. Demzufolge gehörte namentlich die Bestellung der Gerichte und die Vollziehung ihrer Sprüche zu den Rechten und Pflichten des Landesfürsten, welchem zugleich als Ersatz für die aufgewendeten Kosten die Hebung der Gerichtssporteln und die Einziehung der erkannten Strafen, d. h. der nutzbare Ertrag der Gerichtsgewalt (fructus jurisdictionis) ursprünglich zustand, so weit nämlich dies Recht und diese Pflicht nicht vertragsmäßig auf andre übertragen worden war. Der eigentliche Rechtsspruch dagegen, also die Entscheidung über das streitige Recht in dem einzelnen Falle, und über die wider einen Staatsbürger erhobene Anklage, war völlig unabhängig von der Macht des Fürsten und seiner Beamten, und mußte unmittelbar von der Volksgenossenschaft selbst, zunächst aber von den Standesgenossen des Beklagten ausgehen.

Dies ist indeß nicht etwa so zu verstehen, als ob jeder Stand als solcher besondere Gerichte gehabt hätte, vielmehr liegt der ursprünglichen Gerichtsverfassung lediglich die allgemeine politische Eintheilung des Landes, die alte schon aus der Zeit der slavischen Herrschaft stammende Gauverfassung zum Grunde, aus welcher unsre heutigen Domanial=Aemter hervorgegangen sind. Jedem einzelnen Gaue, in den ältern Urkunden gewöhnlich Land oder Vogtei (advocatia und terra), später Amt genannt, war nämlich ein fürstlicher Beamter vorgesetzt, welcher, auf einer fürstlichen Burg residirend, die gesammten Gerechtsame des Landesherrn in dem ihm anvertrauten Districte mit sehr ausgedehnter Vollmacht verwaltete, und den Eingesessenen des Gaues gegenüber im Kriege, wie im Frieden gleichsam als Stellvertreter des Fürsten zu betrachten war. Diesem fürstlichen Vogte (advocatus) 1 ), später Amtmann oder Amtshauptmann genannt, lag denn namentlich auch die Verwaltung der gesammten Gerichtsbarkeit innerhalb der Gränzen seiner Vogtei ob. Bei ihm waren in erster Instanz alle Klagen anzubringen, er hatte das Gericht zu berufen, die Verhandlungen zu leiten, den Spruch zu vollziehen. Seiner im Namen des Landesherrn geübten Gerichtsgewalt waren daher ursprünglich ohne Zweifel die gesammten Eingesessenen des Gaues ohne Unterschied des Standes unterworfen, und nur die Zusammensetzung des Gerichtes selbst unter dem Vorsitze des Vogtes richtete sich in jedem einzelnen Falle nach dem Stande des Beklagten. Nur zwei Ausnahms=


1) Der Titel castellanus kommt in unsern Urkunden nur selten vor, vielleicht auch in andrer Bedeutung, nämlich als bloßer Befehlshaber einer Burg, Burgvogt. Den Titel Graf (burggravius) finde ich nur ein einziges Mal im 13. Jahrh. gebraucht.
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gerichte dürften von Anfang an seit der Verbindung des Landes mit dem deutschen Reiche bestanden haben: die Geistlichen unter der Leitung des Archidiaconus als Stellvertreters des Bischofs, und die Lehngerichte, in welchen der Fürst selbst als Lehnsherr präsidirte, oder sich durch außerordentliche Bevollmächtigte vertreten ließ. Hiedurch war aber kein priviligirter allgemeiner Gerichtsstand der Person, also der Geistlichkeit und des Lehnadels, begründet, indem jene Ausnahmen sich überall nicht auf die Persönlichkeit der Parteien, sondern auf den Gegenstand des Rechtsstreites bezogen, und ihren Ursprung lediglich darin fanden, daß diese Streitigkeiten nicht nach allgemeinem Landrechte, sondern nach den Vorschriften eines besonderen fremden Rechtes entschieden wurden. In allen übrigen Fällen war namentlich auch der Adel für sich und seine Hintersassen der allgemeinen Vogteigewalt nicht entzogen, und die ritterschaftlichen Patrimonial=Gerichte sind, wie ich sogleich weiter ausführen werde, erst allmählig im Laufe der spätern Jahrhunderte entstanden.

Dagegen wurden den Städten und den geistlichen Stiftungen allerdings schon bei ihrer ersten Gründung sehr häufig Exemtionen von der allgemeinen Gerichtsbarkeit des Vogtes für alle ihr Angehörige bewilligt, wodurch für diese ein wirklicher privilegirter Gerichtsstand begründet ward. Zwar bestand auch hier das Wesen der Exemtion ursprünglich fast nur in einem privilegium de non evocando und einer Theilnahme der Gemeinden an dem nutzbaren Ertrage der Gerichtsbarkeit, indem wenigstens in den Städten mit seltenen Ausnahmen das Gericht nach wie vor im Namen des Fürsten durch den gewöhnlichen fürstlichen Vogt gehegt ward, an dessen Stelle erst im 16. Jahrh. ein besonderer von dem Landesherrn eingesetzter Stadtvogt trat, während die Klöster allerdings schon früher ihre eignen, von dem Landesherrn unabhängigen Klostervögte hielten. Indessen war hiedurch doch auch für die Städte die Möglichkeit gegeben, die aus ihren besondern Verhältnissen hervorgehenden abweichenden Bedürfnisse und Rechtsansichten zur Geltung zu bringen, woraus sich dann grade hier sehr bald eine eigenthümliche, mehr oder weniger selbstständige Rechtsverfassung entwickelte, während die ländlichen Vogteigerichte der Klöster sich von denen der Landesherren nicht wesentlich unterschieden haben dürften.

Abgesehen von den obenerwähnten Special=Gerichten haben wir daher für die ältern Zeiten nur die Vogtei= oder spätern Amtsgerichte auf dem flachen Lande, und die Stapel=Gerichte in den Städten zu unterscheiden. Es wird daher zweckmäßig sein, die auf jedes dieser beiden Institute bezüglichen Urkunden abgesondert mitzutheilen, und erlaube ich mir zuvor nur noch, vor=

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läufig auf die daraus hervorgehenden Hauptmomente mit wenig Worten hinzuweisen.

1) Vogtei=Gerichte.

Das Gericht (Ding) war, wie überall in Deutschland, so auch in Meklenburg, gebotnes und ungebotnes. Das erstere war in der ältesten Zeit ohne Zweifel die Regel, d. h. alle Rechtssachen wurden in der Regel in einer zu bestimmten Zeiten des Jahres und an bestimmten Orten gehaltenen allgemeinen Versammlung, in welche jeder ohne vorhergegangene specielle Ladung erscheinen und seine Klage vortragen durfte, verhandelt und entschieden, was aber natürlich eine specielle Ladung der Parteien auf vorhergegangenen besondern Antrag nicht ausschließt. Solche Versammlungen werden in unsern Urkunden gewöhnlich Rechtstage oder Landding (commune, s. generale terre judicium s. placitum) genannt. In andern Gegenden, namentlich im Ratzeburgischen, scheint dagegen der Ausdruck Markding gewöhnlicher gewesen zu sein, welcher jedoch nur im 12. Jahrh. in den Urkunden des Herzogs Heinrich des Löwen vorkommt 1 ). Seltner ist in diesem Sinne der Ausdruck etthing, welcher sich hauptsächlich nur in den Städten findet, doch auch für den Landding vorkommt 2 ). In einer darguner Urkunde von 1262 begegnet dafür der Ausdruck: thetdinch 3 ), welcher ohne Zweifel dem gleichfalls vorkommenden lateinischen: judicium populare 4 ), d. h. Volksgericht entspricht, ein Ausdruck, welcher das Wesen des Institutes sehr richtig bezeichnet, und sich auch für die neuern öffentlich gehegten sogenannten Geschwornen=Gerichte, im Gegensatze zu den durch gelehrte Richter, also durch einen besondern Beamten=Stand in geschlossenem Raume verwalteten, sehr zu


1) terre placita nostra, que marcthing vocantur. - - forense placitum, quod marcthing vulgo dicitur. - - - Westphalen M. J. II. diplomatar. Ratzeburg. Nr. 12. 13. 14. u. 15. ad a. 1170. 1171. u. 1174. - Vergl. jedoch auch die Stiftungsurkunde der Stadt Parchim (um 1225): Item datum est omnibus in terra morantibus, quod nullum ad concilium, quod marcding vocatur, sint compellendi. Cleemann Chron. von Parchim S. 95.
2) - judicium landthinck vel etting. Westphal. M. J. a. a. O. Nr. 48. ad a. 1245. Das Wort bedeutet ein regelmäßig wiederkehrendes Gericht, von ed, it - Wiederkehr, Wiederholung. Daher frisisch: etmal (Wiarda Wörterbuch etc. . p. 117), ed dag (bei Halthaus), und angelsächsisch: edmuel (sacra). Vergl. Grimm Rechts=Alterthümer S. 827. Andre erklären: e=thing, von ê=Gesetz.
3) - - in judicio quod thetdinch dicitur, quodque ter in anno solet fieri, scilicet circa nativitatem domini, in pascha, et circa festum sancti Michaelis. Lisch, M. U. I. Nr. 55. S. 122-23.
4) - nec eciam coloni eiusdem ad alia seruicia indebita, vel ad iudicia popularia, que lantdinch teutonico vocabulo nuncupantur, valeant evocari. Lisch a. a. O. Nr. 26.
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empfehlen scheint. Der Ausdruck Vogteiding scheint mit Landding nicht gleichbedeutend zu sein, sondern war vielleicht umfassender , indem er auch die außerordentlichen gebotenen Gerichte umfaßte, also die gesammte Jurisdictions=Gewalt des Vogtes bezeichnete. 1 )

Die Zeit, wann dieser Landding gehalten ward, scheint nicht überall dieselbe gewesen zu sein. In den Besitzungen des Klosters Dargun ward er dreimal im Jahre gehalten: Weihnacht, Ostern und Michaelis 2 ), im Ratzeburgischen dagegen nur einmal, früher am Dienstage nach Pfingsten, seit 1303 nach Johannis 3 ), und in den bischöflich Ratzeburgischen Aemtern Schönberg und Stove im 17. Jahrh. um Jacobi. Für die landesherrlichen Vogteien im eigentlichen Meklenburg weiß ich die Zeit nicht nachzuweisen, da uns're Nachrichten über das ganze Institut größtentheils aus einer Zeit stammen, wo dasselbe bereits in Verfall war, und oft in mehren Jahren kein Landding mehr gehalten ward.

Der Ort der Versammlung war gewöhnlich vor der fürstlichen Vogteiburg, wahrscheinlich auf der Brücke über den Burggraben. Ausdrücklich bemerkt wird dies in Bezug auf Schwerin, Goldberg, Gnoien und Wittenburg; es ist aber gewiß als allgemeine Regel anzunehmen, da auch die Malstätten der einzelnen Ortschaften, an welchen die gebotnen Rechtstage in einzelnen Fällen gehalten wurden, sehr gewöhnlich auf einer benachbarten Brücke waren. 4 ) Uebrigens versteht sich nach dem Obigen von selbst, daß in jeder Vogtei ein solcher allgemeiner Dingplatz war, und es ist durchaus irrig, wenn man bisher annahm 5 ), daß der Landding die allgemeine Gerichtsversammlung und das Obergericht für die ganze Herrschaft gewesen sei, z. B. der zu Marlow für die Herrschaft


1) - iudicia, quae dicuntur lantdig et vochetdig (st. voget=ding). Urk. von 1342 Jahrbücher II. Urkunden Nr. 21. Doch ist das et vielleicht auch für sive zu nehmen.
2) Oben S. 9 Anmerk. 3.
3) Item cum militibus nostris et vasallis predictis taliter placitavimus statuentes, quod cum noster advocatus ex parte nostra annali vel generali iudicio, sicut moris est, decreverit presidere, de qualibet magna villa sex homines, de parva vero villa tantum quatuor homines predicto nostro indicio debeant interesse. Item statoimus, quod annale iudicium commoratum, quod secunda feria post pentecosten hactenus fieri solebat de cetero secunda feria post festum nativitatis sancti Johannis baptiste propter vacationes laborum firmiter observetur. Vertrag der Herzoge Albert und Erich von Sachsen mit den Vasallen der Länder Ratzeburg und Dutzow v. 8. Novbr. 1303. Vid. v. Kobbe Gesch. des Herzogth. Lauenburg II. S. 40.
4) Vgl. über diese altdeutsche Rechtssitte Grimm, d. R. Alterth. S. 799.
5) Rudloff Gesch. v. M. II. S. 156 und Pohle Versuch einer Darstellung des Meklenburg=Schwerinschen Criminal=Processes §. 53. Not. 4.
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Rostock u. s. w. Namentlich erwähnt werden in unsern Urkunden, so viel ich jetzt aufgefunden habe, folgende Landdinge: in der Herrschaft Meklenburg: zu Proseken 1 ) später zu Grevismühlen, zu Gadebusch und Kröpelin; in der Herrschaft Werle: zu Goldberg, Alt=Malchow, Priborn (für Röbel) und Zepkow, später Wredenhagen (für Wenden); in der Herrschaft Rostock: zu Marlow, später Sülz und Gnoien; in der Grafschaft Schwerin: zu Wittenburg und Crivitz; in dem Bisthum Schwerin: zu Bützow, Schwerin und Bandenitz; in dem Bisthum Ratzeburg: zu Schönberg und Stove; ferner für Klostervogteien an dem Sitze des Klosters. Es liegt aber sicher nur in der Mangelhaftigkeit uns'rer Nachrichten, wenn des Landdings der übrigen Vogteien nicht speciell gedacht wird.

Daß die Sitzung öffentlich und die Verhandlung mündlich war, versteht sich von selbst. Eine genaue Beschreibung der Förmlichkeiten des Landdings im Ratzeburgischen, freilich erst aus der Mitte des 17. Jahrh., theile ich in den Beilagen mit, aus welcher sich die vollkommene Uebereinstimmung des ganzen Verfahrens mit dem im übrigen Deutschland üblichen klar ergiebt. Der Fürsprach oder Procurator war übrigens ein ständiger Beamter, welcher nicht bloß im Landdinge, sondern auch in gebotnen Gerichten, namentlich beim Fahrrecht fungirte, und aus der Amtscasse besoldet wurde. Die Findelsleute, d. h. die Urtheilssprecher, welche das Recht fanden und einbrachten, wurden dagegen natürlich für jede Rechtssache besonders erwählt und beeidigt, und zwar aus den Standesgenossen des Beklagten. In der spätern Zeit, wo in Folge der vielfachen Exemtionen der ganze Landding nur noch als ein Bauern=Gericht erscheint, wurden dagegen in der Regel nur die Dorfschulzen zu Findelsleuten genommen; ja im 16. Jahrh., wo das alte Gerichtsverfahren in den meisten Gegenden, bis auf gewisse Formalitäten in Criminal=Fällen, bereits untergegangen oder im Untergange begriffen war, berief man selbst fremde Findelsleute und Fürsprecher aus einer benachbarten Stadt, z. B. Beil. von 1583-85.

Wenn eine Partei den in dem Vogteigerichte gefundenen Spruch "schalt", so ging die Sache in zweiter Instanz an die Landesherren selbst. Auch dies Obergericht, in welchem in ältern Zeiten der Fürst persönlich in der Mitte seiner Räthe präsidirte, aber sich in Behinderungsfällen durch einen außerordentlichen Commissarius vertreten ließ, war ursprünglich theils ein gebotnes,


1) Proseken ist ohne Zweifel der Hauptort des alten Landes, d. h. der Vogtei Bresen, jetzt Grevismühlen, und daher ist auch der Name, über welchen so viel gefabelt ist, abzuleiten. Der Ort heißt nämlich urkundlich auch Breseken, wo der Ton sicher auf der ersten Silbe liegt.
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theils ungebotnes. Aus den letztern, auf welchen von Anfang an zugleich and're öffentliche Angelegenheiten zur Verhandlung kamen, entwickelten sich, als diese nach und nach umfänglicher und verwickelter wurden, und die Entscheidung der Privat=Rechtsstreitigkeiten endlich ganz verdrängten, die spätern Landtage, welche wie der Landding bekanntlich gleichfalls regelmäßig wiederkehrend zur bestimmten Zeit und an bestimmten Orten gehalten wurden 1 ) Seit dieser Zeit wurden denn die Privat=Rechtsstreitigkeiten nur auf besondern gebotnen Rechtstagen verhandelt, welche zu jeder Zeit und an jedem Orte gehalten werden konnten, wo die Fürsten gerade ihr Hoflager hielten oder wohin der ihre Stelle vertretende Hofrichter die Parteien zu laden für gut fand, obwohl dieselben Anfangs noch häufig mit den allgemeinen Land= und Musterungstagen verbunden sein mögen. Bald stellte sich aber das Bedürfniß besonderer feststehender Rechtstage unabweislich heraus. Im Anfange des 16. Jahrh. wurden nach Inhalt der Verordnung der Herzöge Heinrich und Albert jährlich zwei "gemeine apene Land= und Rechtsdage", auf dem Umschlage im Frühjahr und Michaelis gehalten, aus welcher sich bekanntlich, nachdem schon durch die Reformation der Landgerichtsordnung von 1558 die Zahl der Rechtstage verdoppelt, und zugleich das Gerichtspersonal zum Voraus fest bestimmt war, allmählich das erst in unserm Jahrh. aufgehobene Land= und Hofgericht entwickelte.

- Die weitere Ausführung des hier angedeuteten Entwickelungsganges liegt nicht in meinem Plane, da wir es hier nur mit den Gerichten erster Instanz zu thun haben, die Hof= und Landgerichte aber, wenn man von den Lehnsachen absieht, ursprünglich ohne Zweifel nur als Appellationsgerichte zu betrachten sind.

Es ist nämlich schon oben hervorgehoben, daß die Gerichtsgewalt der fürstlichen Vögte sich in den ältesten Zeiten über gesammte Insassen ihrer Vogteien erstreckt habe, so weit nicht specielle Privilegien im Wege standen. Solche Exemtionen wurden namentlich nach und nach den sämmtlichen Klöstern theils im Allgemeinen, theils für einzelne Besitzungen ertheilt. So dem Kloster Dargun durch die Urkunden vom J. 1219, 1229 December 5, 1238 Julius 31, 1248 März 11, 1266 März 5 2 ). Ebenso dem Kloster Sonnenkamp: 1271 Januar 25, 1272 August 1, 1175 Januar 20, 1275 October 1, 1303 Mai 2, 1306 April 10, 1362 November 16 3 ); dem Kloster Doberan: 1280 December 27, 1290 October 4 ); dem Kloster Dobbertin:


1) Jahrbücher XII S. 176 ff.
2) Vergl. Lisch M. U. I, Nr. 7, 16, 21, 34, 61.
3) Vergl. Lisch M. U. II, Nr. 22, 24, 26, 27, 44, 49, 76.
4) Franck A. u. N. M. V S. 113. Rudloff Urk. S. Nr. 38.
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1274 December 15 1 ); dem Kloster Eldena: 1241 Januar 18, 1291 Mai 19, 1308 April 15 2 ); dem Kloster Ivenack: 1326 Februar 23 3 ); dem Kloster Reinfelden: 1218 Julius 25, 1219, 1248 November 26, 1264 Mai 28, 1301 Februar 1, 1318 September 11, 1336 Februar 6, 1371 Mai 10, 1412 u. s. w. 4 ); dem Kloster Cismar 1314 Junius 15 5 ). Ganz ähnliche Privilegien erhielten nicht nur die Bischöfe von Schwerin und Ratzeburg für ihre gesammten Besitzungen 6 ), sondern auch der Johanniter=Orden 7 ) und andere geistliche Corporationen und Stiftungen. In allen diesen Urkunden ist der Umfang des ertheilten Privilegii vollkommen klar und bestimmt ausgedrückt, indem nicht nur die gesammten Bewohner der betreffenden Güter von der Verpflichtung zum Besuche des allgemeinen Landdings befreit werden, sondern auch den geistlichen Eigenthümern entweder mit ausdrücklichen Worten oder in solchen Ausdrücken, welche über den Sinn nicht den geringsten Zweifel übrig lassen, die Berechtigung zur Haltung eines eigenen Vogtes zuerkannt wird.

Weniger umfänglich waren in der Regel die den Städten ertheilten Privilegien, durch welche vielmehr den Bürgern nur die Berechtigung zuerkannt wird, nicht außerhalb der Stadtmauern vor Gericht gezogen werden zu dürfen (Privilegium de non evocando), außerdem aber die Stadt nur einen bestimmten Antheil an dem Ertrage der Gerichtsbarkeit erhielt 8 ).

In Betreff einzelner Vasallen findet sich eine wirkliche Befreiung von der Gerichtsbarkeit des fürstlichen Vogtes in den ältern Zeiten nur bei solchen Gütern, welche sich in dem Besitze von Bürgern der Seestädte befanden und in der Nähe der Stadt lagen, in welchen Fällen wahrscheinlich die Städte selbst die Gerichtsbarkeit übten. So verkauft z. B. der König Erich von Dänemark am 27. März 1305 dem Bürger Arnold Quast die Dörfer Bentwisch, Schwarfs und Kessin mit dem Rechte an Hals und Hand (jus manus et colli), so daß er keinen andern Vogt über sich anzuerkennen habe, als sich selbst, und in


1) Rudloff Urk. S. Nr. 30.
2) Rudloff a. a. O. Nr. 51 und 73 und Jahrbücher II Nr. 2.
3) Rudloff a. a. O. Nr. 118.
4) Diplom. Manusc. im Geh. und Haupt=Archiv.
5) Lisch Maltz. Urk. I Nr. 94.
6) Vergl. in Betreff Schwerins: (Rudloff) das ehemalige Verhältniß zwischen dem Herzogth. Meklenburg und dem Bisthum Schwerin, u. wegen Ratzeburg: Westphal. M. J. II. Diplomatar. Raatzeburg. Urkunden Nr. 12, 48, 61, 71, 94, 95, 100, 101.
7) Jahrbücher II, Urk. Nr. 1, 4, 5, 8 a u. b, 9, 10, 21 u. 23.
8) Vergl. z. B. die Privilegien für Parchim bei Cleemann, Chronik v. Parchim S. 95, und Jahrb. XI, U. Nr. 9; für Plau: Westphal. M. J. S. 2100; für Goldberg: v. Kamptz M. L. R. I 2 S. 129; für Malchow: Rudloff a. a. O. Nr. 59; für Malchin: Rudloff a. a. O. Nr. 62 u. s. w.
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der Bestätigung dieser Privilegien durch Herrn Heinrich von Meklenburg für die Gebrüder Heinrich und Johann Quast vom 10. März 1323 werden die Bewohner dieser Dörfer ausdrücklich von der Verpflichtung zum Besuche des allgemeinen Landdings befreit. Weniger bestimmt sind zwar die Ausdrücke in den spätern die Rostocker Bürgergüter betreffenden Urkunden; in der Regel heißt es vielmehr nur, daß der Landesherr sich keinerlei Gerechtsame in den verkauften Gütern vorbehalte, sondern namentlich die gesammte Gerichtsgewalt (jurisdictio) auf die Käufer übertrage; aber auch hierin liegt offenbar eine wirkliche Befreiung von der fürstlichen Vogteigewalt. Wesentlich abweichend sind dagegen die in Betreff der Güter anderer Vasallen gebrauchten Ausdrücke. Ungeachtet der sorgfältigsten Nachforschung, ist es mir kaum gelungen, in den Urkunden des 13. und 14., ja selbst des 15. Jahrh., auch nur ein sicheres Beispiel aufzufinden, daß einem gewöhnlichen Vasallen die wirkliche Gerichtsbarkeit über seine Güter verliehen wäre. Denn wenngleich in zahllosen Urkunden dem Lehnsbesitzer mit dem Lehne selbst nicht bloß das niedere, sondern selbst das hohe Gericht (judicium majus et minus) übertragen, ja das niedere Gericht unterhalb 60 Schillingen in den meisten Gegenden schon als stillschweigender Ausfluß des Lehnsbesitzes betrachtet wird (judicium s. jus vasalliticum), so zweifle ich doch sehr, daß dadurch eine eigentliche Gerichtsbarkeit der Vasallen begründet ward , wie man bisher allgemein angenommen hat. Eine genauere Vergleichung der Urkunden führt nämlich unabweislich darauf hin, daß die Ausdrücke jurisdictio und judicium genau zu unterscheiden sind, indem nur jener dem Begriffe Gerichtsbarkeit selbst entspricht, während dieser bloß von dem nutzbaren Ertrage derselben (fructus jurisdictionis) zu verstehen ist. So wird namentlich in den angeführten Urkunden der geistlichen Stifter, welchen unzweifelhaft wirkliche Gerichtsbarkeit übertragen ward, das judicium stets nur als ein Theil der allgemeinen jurisdictio hingestellt (jurisdictio cum judicio etc.), während in den Privilegien der Städte, welchen keine selbständige Gerichtsbarkeit zustand, stets nur das einfache judicium verliehen, und dabei mehrmals die Ausübung der Gerichtsgewalt ausdrücklich dem fürstlichen Vogt reservirt wird. Es kommen ferner Fälle vor, wo dem Besitzer eines Gutes, welchem nach ältern Urkunden das judicium bereits zustand, späterhin noch besonders die jurisdictio, oder, wie es auch heißt, das Eigenthum des Gerichts (proprietas judicii) verliehen, während in andern Fällen in deutschen Urkunden das Wort "Bruch" als ganz gleichbedeutend mit dem lateinischen judicium gebraucht

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wird. Nur bei dieser Unterscheidung der gedachten Ausdrücke ist denn auch die häufig vorkommende Theilung des judicii, so daß dem Besitzer des Gutes z. B. nur die Hälfte oder ein Dritttheil übertragen ward, erklärbar, was offenbar in Betreff der Gerichtsbarkeit selbst völlig unausführbar sein würde. - Anderer Meinung scheint freilich, außer den ältern Historikern und Rechtsgelehrten, noch Boll 1 ) zu sein, allein die von ihm zum Beweise angezogenen Urkunden bestätigen durchaus nur die von mir aufgestellte Behauptung. Nur in zweien derselben ist nämlich entschieden von einer Uebertragung der wirklichen Gerichtsgewalt die Rede, während sich in allen übrigen lediglich die gewöhnlichen Ausdrücke aller Lehnbriefe wiederfinden. Von jenen spricht aber die erste von 1288 von der Veräußerung eines Grundstückes an einen Parchimschen Bürger zum Zwecke einer geistlichen Stiftung, und dieser Stiftung, nicht einem Privatmann, wird die richterliche Gewalt (judiciaria potestas) über das Gut übertragen 2 ). Auch in der zweiten jener Urkunden handelt es sich um die Verleihung ehemaliger Lehngüter an eine Gemeinheit, nämlich die Stadt Plau, und zwar mit der ausdrücklichen Erlaubniß, dieselben der Stadtfeldmark einzuverleiben, weßhalb die Stadt mit sehr ausgedehnten Privilegien begnadigt wird, namentlich nicht nur mit allen gemeinen Rechten der Vasallen über ihre Güter, sondern außerdem auch mit dem Rechte, über die auf diesen Feldmarken vorkommenden Verbrechen selbst zu richten. Dies letztere Recht gehörte also nicht zu den gemeinen Rechten der Vasallen 3 ).

Uebrigens ist diese häufige Verleihung des gesammten nutzbaren Ertrages der Gerichtsbarkeit allerdings die Grundlage, worauf sich im Laufe der Zeit die allgemeine Patrimonialgewalt des Adels über die gesammten Insassen seiner Güter entwickelte, indem die Fürsten und ihre Vögte nach der in dem spätern Mittelalter allgemein herrschenden sehr niedrigen Ansicht über die Würde des Staates, dem Streben des Adels zur Erweiterung seiner Macht und


1) Boll, Gesch. des Landes Stargard I S. 200 flgd.
2) Lisch, Hahn'sche Urk. I Nr. 64.
3) Lisch, a. a. O. Nr. 77: Item burgensibus civitatis nostre memorate contulimus iura vasallis nostris communia, supra excessibus, qui infra dictarum villarum terminis perpetrari contigerit, iudicandi. Boll läßt das Komma hinter communia weg, und scheint supra als Präposition mit dem Ablativ (?) zu nehmen: über die Verbrechen zu urtheilen. Es ist aber vielmehr als Adverbium in der Bedeutung: überdies, außerdem zu nehmen, und das folgende excessibus wird von iudicandi, so wie letzteres von dem vorhergehenden iura regiert. Diese dem Sprachgebrauch jener Zeit angemessene Auslegung wird namentlich auch durch den Plural: iura außer Zweifel gestellt, denn wenn es sich in dem ganzen Satze ausschließlich um die Jurisdiction, als einem gemeinsamen Vasallen=Rechte, handelte, so müßte nothwendig der Singular: ius commune gebraucht sein. Das excessibus (st. excessus) ist freilich eben so unklassisch, als das folgende qui (st. quos).
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Unabhängigkeit in diesem Falle kaum entgegen getreten sein werden, da es sich für sie lediglich um ein Recht handelte, womit nicht die geringste Einnahme verbunden war, und daher sicher nur als eine Last betrachtet ward. Ueberdies werden das Hausgesinde und die hörigen Tagelöhner allerdings von Anfang an unter der eignen Vogtei des Gutsherrn gestanden haben, und die Ausdehnung dieser gutsherrlichen Rechte auf die übrigen Hintersassen war daher eine nothwendige Folge der allgemeinen Hinabdrückung des freien Bauernstandes in die Leibeigenschaft, am Ende des 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, eine Veränderung, welche überhaupt die Verdrängung der alten germanischen Gerichtsverfassung auf dem platten Lande wesentlich erleichtert und beschleunigt haben dürfte, denn diese Verfassung setzte als nothwendige Bedingung ein freies Gemeindewesen voraus, und konnte ohne dieses nicht bestehen.

Daß der Adel für seine Person in den ältern Zeiten gleichfalls unter der Gerichtsbarkeit der fürstlichen Vögte stand, ist nicht nur analog aus der keinem Zweifel unterworfenen Competenz der städtischen Gerichte über den Stadtadel zu schließen, sondern es fehlt dafür auch nicht an directen Beweisen. So verspricht z. B. Herr Nicolaus v. Werle in der Bestätigung der Privilegien seiner Vasallen in den Vogteien Röbel und Malchow und der Burg Wenden, vom J. 1285, zur Verhütung des Zwiespalts derselben mit den Stadtbürgern, künftig die Landdinge zu Priborn, Malchow und Zepkow regelmäßig zu derselben Zeit und in derselben Weise abhalten zu lassen, wie von Alters her gebräuchlich gewesen sei 1 ). Noch im 15. Jahrh. war der Adel so weit entfernt, sich der Jurisdiction der Vögte zu entziehen, daß er sich vielmehr wiederholt, namentlich bei der Huldigung der Landesherren, die bündigsten Zusicherungen gegen jede Verletzung dieses seines alt hergebrachten Forums geben ließ. So enthält namentlich der Huldigungs=Revers des Herzogs Balthasar für die Stadt und das Land Pentzlin vom 24. März 1414, so wie der von den Herzögen Albrecht, Johann und Heinrich bei der Eventual=Huldigung des Fürstenthums Wenden, insonderheit der Städte und Länder Malchin und Stavenhagen ausgestellte Revers vom 4. October 1423, die Zusicherung, daß weder die Bürger noch die Vasallen außerhalb ihrer Stadt und resp. Vogtei vor Gericht geladen und ihrem gewöhnlichen Forum nicht entzogen werden sollten. Noch bestimmter lautet der von den Herzögen Johann und Heinrich zu Stargard und Heinrich und Johann zu Schwerin nach der


1) J. Westphal. M. J. IV. diplomatar. Mekl. Nr. 26 p. 949.
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wirklichen Besitzergreifung des Fürstenthums bei der allgemeinen Huldigungsfeier zu Güstrow am 22. November 1436 ausgestellte Revers, indem sie mit ausdrücklichen Worten verhießen, daß der Adel und sonstige Einwohner des Landes nur vor den Vögten, die Bürger aber vor dem Stapel derjenigen Vogtei oder Stadt, worunter der Beklagte gesessen, gerichtlich verfolgt werden sollten, welche Verheißung bei sämmtlichen nachfolgenden Special=Huldigungen in der gewöhnlichen kurzen Formel des privilegii de non evocando wiederholt ward. Namentlich für Stadt und Land Malchow (Novbr. 29), Parchim (December 3), Malchin und Stavenhagen (December 5), Penzlin (December 14), Teterow (December 16) u. a. 1 ) Dies Recht des Adels und der Bürgerschaft ward denselben aber keineswegs als ein neues Privilegium ertheilt, sondern ausdrücklich als altes Gewohnheits=Recht bestätigt, und zu der Annahme, daß in den übrigen Landestheilen in dieser Beziehung andre Gewohnheiten geherrscht hätten, fehlt es an jeglichem Grunde. Wahrscheinlich wird es dagegen aus der angeführten Clausel der Huldigungs=Reverse, daß die Herzöge und die von ihnen bestellten Hofrichter schon jetzt Versuche gemacht hatten, ihre unmittelbare Jurisdictions=Gewalt mit Umgehung der Niedergerichte auszudehnen; möglich auch, daß dies im eigentlichen Meklenburg früher als im Fürstenthum Wenden mit Erfolg geschehen sei. Wirklich scheint auch die Jurisdictions=Gewalt der Vögte über den Adel, aller jener Reverse ungeachtet, bald nach dieser Zeit überall aufgehört zu haben, wahrscheinlich weil der Adel selbst anfing, diese Exemtion als ein wünschenswerthes Privilegium zu betrachten, was um so leichter allgemeine Anerkennung finden mochte, als derselbe in Lehnsachen ohne Zweifel von Anfang an unmittelbar unter dem Landesherrn und seinem Hofrichter stand. Aus dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrh. fehlt es indeß an zuverlässigen Nachrichten und entscheidenden Beispielen, wogegen die Landgerichtsordnung von 1558 den Adel ausdrücklich zu denjenigen zählt, "so dem Untergericht nicht vnterworfen".

Ungefähr gleichzeitig mit den besprochenen Veränderungen auf den ritterschaftlichen Gütern, und theilweise aus denselben Gründen, kam die auf Oeffentlichkeit und Mündlichkeit der Verhandlungen, und die Findung des Urtheils durch die Gemeinde selbst beruhende ältere Gerichtsverfassung auch in dem Domanio allmählig außer Gebrauch ohne jemals durch ein ausdrückliches


1) Die angeführten Urkunden sind abgedruckt in: Ausführliche Betrachtung etc. . Beil. 192, Gerdes nützliche Samml. S. 675-681, Letztes Wort etc. . Beil. 32 b. u. c., und Cleemann Parch. Chron. Nr. 90 S. 143.
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Gesetz aufgehoben zu sein. Aus den unten mitzutheilenden Documenten geht zwar hervor, daß in einzelnen Aemtern, z. B. Grevismühlen, Rehna, Wittenburg, Crivitz und Wredenhagen noch bis gegen Ende des 16. Jahrh. allgemeine Landdinge gehalten wurden, während in andern Gegenden, namentlich dem östlichen Meklenburg, schon zu Anfang dieses Jahrh. jede Spur davon verschwunden ist, und auch dort hatten diese Versammlungen den Charakter des ungebotnen Dings längst verloren, da sie nicht mehr regelmäßig wiederkehrten, sondern nach Willkür der Beamten oft mehre Jahre hindurch ausfielen, und dann vielleicht auf besondre Veranlassung, oder um die alte Gewohnheit nicht ganz abkommen zu lassen, erneuert wurden. Auch zeigen die mitgetheilten Beispiele, daß auf diesen Rechtstagen in der Regel nur unbedeutende Sachen namentlich kleine, von Amtswegen verfolgte Polizei=Vergehen, zur Verhandlung kamen, während die gleichzeitigen Protokollbücher und sonstige Amtsacten beweisen, daß die wichtigern, sowohl Civil= als Criminal=Sachen auf den Amtsstuben vor dem Amtmann, und einem Notarius unter Zuziehung von einem oder zwei Beisitzern verhandelt und entschieden wurden. Zwar findet sich noch in der Amtsordnung des Herzogs Ulrich vom 6. Mai 1585 Art. 6 die Vorschrift: "bey vnsern Emptern alle Quartall ein Landbreuchig Gerichtt vnd Rechtt zu hegen vnd zu halten, iderm Recht mitzutheilen, vnd darin bestendich zu seyn, dem Frommen zu Schutz, den andern zu gebuerlicher Straff, vnd was dann vnß solche Gerichtte, auch sonsten söhnliche Abhandlunge vnd Straffen zu eignen, sollen vnsre Rechenmeistern zu Register schreiben, vnd in ihrer Rechnung dauonn neben dem Ambtmann gebuerlich Bescheidt geben." 1 ) Dies ist aber schwerlich als ein Versuch der Wiederbelebung des alten Landdings zu betrachten, vielmehr scheint es sich dabei nur um strengere Handhabung der Polizeigewalt und bessere Controlirung der Bruchcasse gehandelt zu haben, wogegen an eine wirkliche Theilnahme des Volkes an der Urtheilsfindung sicher nicht zu denken ist. Uebrigens fehlt es an aller Nachricht darüber, ob diese Vorschrift jemals zur Ausführung gekommen sei.

Eine Anerkennung des Principes der Oeffentlichkeit, wohl auch der Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens, wenigstens bei den in diesem Gerichte zu verhandelnden Sachen, ist aber allerdings in dieser Verordnung nicht zu verkennen, und dies wohl am festesten im Volke wurzelnde Princip erhielt sich auch noch in andern Fällen theilweise das ganze 17. Jahrh. hindurch, z. B. bei


1) Bärensprung, Samml. Mekl. Landesgesetze II S. 605. Rudloff N. Gsch. II S. 188.
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dem sogenannten Fahrrechte und dem peinlichen Halsgericht, d. h. dem öffentlichen Schlußverfahren bei den schwerern Criminalverbrechen, obwohl die eigentliche Bedeutung dieser Oeffentlichkeit schon nicht mehr überall verstanden ward. So berichtete z. B. das Amt Grevismühlen im J. 1646 die Erschießung eines Bauern durch einen fremden Soldaten, wobei es bemerkt, daß die Jurisdiction an dem Orte der That unstreitig fürstlich sei, weßhalb man für unnöthig halte, "daß Recht hierüber gehalten werde"; doch wird zur Sicherheit um bestimmte Instruction gebeten, "ob man die Leiche nur in Gottes Namen begraben lassen, oder vorerst Recht darüber sitzen oder halten solle". Das Amt sah also offenbar die Hegung des Fahrrechtes als eine bloße Formalität zur Wahrung der Jurisdictionsgerechtsame an. - Eben so ward das peinliche Halsgericht zwar bis zum Ende des Jahrhunderts überall öffentlich auf der althergebrachten Malstätte und ganz unter den Formeln der ehemaligen Volksgerichte gehegt, aber es war doch auch dieses eben nichts weiter, als eine leere Formalität, welche man noch eine Zeit lang fortbestehen ließ, nachdem das Institut seinem ursprünglichen Wesen und seiner eigentlichen Bedeutung nach längst untergegangen war. Dies zeigte sich namentlich in Betreff der Fassung des Rechtsspruches selbst, welcher zwar der Form nach noch immer von sogenannten Findelsleuten in dem öffentlichen Gerichte gefunden, in Wahrheit aber lange zuvor in der fürstlichen Hof=Canzlei oder von einer Juristen=Facultät auf den Grund der eingesandten Acten über die im Geheimen geführten Untersuchung schriftlich abgefaßt, und zur öffentlichen Publication in dem erwähnten hochpeinlichen Halsgerichte mitgetheilt war.

Etwa ein Jahrh. länger hielt sich das ältere Gerichtsverfahren in den geistlichen Besitzungen, namentlich den beiden Bisthümern Schwerin und Ratzeburg, wo überhaupt der Bauernstand noch in alter ungestörter Freiheit fortlebte, als unter dem Adel und den fürstlichen Vögten schon lange nur noch Leibeigne geduldet wurden. Der unten mitgetheilte Spruch des Bauerngerichtes zu Dalberg im Stifte Schwerin beweiset, daß das ältere Verfahren hier in der Mitte des 16. Jahrh. noch in voller Ueblichkeit war, und daß selbst im Appellations=Verfahren vor der Brücke zu Bützow das Erkenntniß von der Bauerschaft gefunden ward. Die Reformation, die das Stift zunächst unter fürstliche Administratoren brachte, wird aber wohl wesentlich dazu beigetragen haben, auch hier der neuen Ordnung der Dinge Geltung zu verschaffen. Um die Mitte des 17. Jahrh. war auch hier das geheime schriftliche Verfahren in Civil= und Criminal=Sachen eingeführt, wenn gleich noch hin und wieder ein

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öffentlicher Landding gehalten, auf welchem die Dorfschulzen, als nunmehr ständige Findelsleute, wahrscheinlich aber nur bei unwichtigern Streitigkeiten der Bauern unter sich, das Urtheil fanden. Nach dem Westpfälischen Frieden hörte aber auch dies allmählig auf. Schon 1662 klagte der Amtsschreiber zu Bützow über die Verminderung seiner Sporteln in Folge des öftern Ausfallens des von Alters üblichen gemeinen Rechtstages, welcher nun schon in zwei Jahren nicht mehr gehalten sei; indeß muß die alte Sitte doch jetzt noch nicht ganz außer Gebrauch gekommen sein. Am 21. November 1668 klagte nämlich Michel Dopp gegen Peter Sivert und andre, allerseits Unterthanen des Amtes Bützow, wegen thätlicher Mißhandlung, worauf die Sache sofort vor dem Vogte summarisch untersucht und ein schriftlicher Bescheid abgefaßt ward, dessen Publication jedoch unterblieb, weil, wie in einer darunter befindlichen Registratur bemerkt ist: "den 22. January 1669 ein gemeiner Rechtstag angestellet vnd gehalten werden solle. Obgesagte Clage ist auf den Rechtstag verschoben worden, vnd den part. bei 10 fl. straffe geboten, friedlich zu leben".

Aehnlich, war der Verlauf im Bisthum Ratzeburg. Auch hier war die alte Rechtsverfassung schon vor der Besitznahme des Stiftes durch die Herzöge von Mecklenburg in Folge des westpfälischen Friedens mehrfach gelockert, aber noch wurde wenigstens der Landding, wenn auch nicht regelmäßig, in den alten Formen gehalten, wie uns bei Gelegenheit der vieljährigen Streitigkeiten mit dem dortigen Capital berichtet wird. Am 23. Jun. 1651 erließ nämlich der Herzog Adolph Friedrich einen Befehl an den Secretair Heinrich Neumann, das Landgericht altem Herkommen nach am Jacobi=Tage unter Zuziehung des Amtmanns zu Schönberg zu halten, und solches von den Kanzeln verkündigen zu lassen. Die Verkündigung geschah am Sonntage den 2. Julius mit der Bestimmung, daß das Gericht am 14. und 15. d. M. und zwar nicht bloß in den ehemaligen Stiftsämtern Schönberg und Stove, sondern auch in den dem Domcapitel gehörigen Dörfern gehegt werden solle, wogegen das Capitel sofort protestirte, weil die Hegung des Gerichtes in den gedachten Dörfern nicht dem Herzoge, sondern dem Decan des Capitels zustehe. Der Herzog beachtete jedoch diese Protestation nicht, sondern sandte den Visitations= und Regierungsrath Gerhard Meyer nach Schönberg, um sich nach den Ceremonien, womit das Landgericht gehalten zu werden pflege, zu erkundigen, und sodann, nebst dem gedachten Secretair Neumann und dem Amtmann zu Schönberg, in den Capitelsdörfern aber auch mit Zuziehung eines oder des andern der Capitularen, mit Hegung desselben in alter Weise zu verfahren.

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Aus dem über diesen Auftrag erstatteten Berichte des Meyer ist die unten mitgetheilte genaue Beschreibung der Förmlichkeiten des Ratzeburger Landdings entlehnt, welche mit Ausnahme einzelner neuerer Zusätze das unverkennbare Gepräge hohen Alterthums an sich tragen, und gewiß nicht nur in dem eigentlichen Meklenburg, sondern auch in den benachbarten sächsischen Ländern ganz dieselben gewesen sein werden.

Die Hegung des Gerichtes ging übrigens am 14. Julius zu Schönberg und Stove ohne Störung vorüber; als sich aber die herzoglichen Commissarien am folgenden Tage zu gleichem Zwecke nach dem Petersberge auf dem Capitelsgebiete begeben wollten, erfuhren sie, daß das Capitel seinen Leuten zu erscheinen verboten habe, weßhalb daß Gericht nach erneuerter Ladung bis zum folgenden Tage ausgesetzt ward; allein die Bauern erschienen auch dies Mal nicht. Die Capitularen wandten sich hierauf mit einer Entschuldigung dieses Verfahrens an den Herzog selbst, als aber dieser in seiner Antwort vom 6. August den sehr entschiedenen Befehl ertheilte, daß sie am 8. September, auf dem Hause zu Schönberg vor ihm zur Rechtfertigung zu erscheinen, und ihre Bauern anzuhalten hätten, sich am 10. d. M. zur Hegung des Landgerichts von seinen und ihren Deputirten gehorsamlich einzufinden, hielten sie für gerathen, sich zu unterwerfen.

Der wegen dieser und andrer Zwistigkeiten am 15. Decbr. 1652 zu Schwerin abgeschlossene Vergleich enthielt sodann im §. 15 die Bestimmung, daß die Domherren beim Landgericht die Zuordnung eines Rathes aus Schwerin, und diesem die Direction des Gerichtes gestatteten, wenn man dasselbe nicht gar abschaffen wolle, weil es wenig nütze, und der Syndicus Francke bemerkt dabei in seinem Berichte: "Des Landgerichts halber hat es nichts zu bedeuten; ist ein pur lautres Bauerngericht, darinnen die Unterthanen unter sich selbsten die Urthel finden, nur daß es in Kegenwarth etzlicher ex capitulo dazu abgeordneten gehegen wird, welche die Urthel ad aequitatem da es nöthig redigiren. Es ist zuweilen in 20 Jahren nicht gehalten, und könnte hinfüro ohne einiger Abbruch der Justiz wohl gar eingestellt werden" 1 ). Trotz dieser Verachtung, mit welcher die herzoglichen Commissarien auf diesen Ueberrest der, freilich schon sehr entarteten, volksthümlichen Gerichts=Verfassung herabblickten, erhielt sich derselbe dennoch, ohne Zweifel durch die Anhänglichkeit des Volkes an dem alten Herkommen, bis gegen das Ende dieses Jahrhunderts. Wenigstens ist noch aus dem J. 1685 eine Citation zum Landgerichte auf uns gekommen. Das ist


1) Masch, Geschichte des Bisthums Ratzeburg S. 738.
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dann aber auch die letzte Spur desselben in den Gränzen des heutigen Meklenburgs.

Es folgen nun mehr die hieher gehörigen, bisher nicht gedruckten:

Urkunden und Actenauszüge.

Nr. 1.

Auszug aus der Wittenburger Amtsrechnung von Michaelis 1521 bis dahin 1822.

Was vorterth is, alße de Vaget vp der Borch ein Landdinck hegede, vnde quam Wittenborch am Dinxstedage nha Exaudi vnd toch wech am Pinxsteavend nha Gadebusck (Jun. 3-7 1522).

IIII   ßl. gegeven vor IIII kanne etykes tho Gadebusck gekoft, darvan gespiset, dewile de vaget hyr was.
IIII   ßl. gegeven vor IIII punth rotzschars, darvon gespiset dem vagede am Frigdage vnde Sonnavende vor dem pinxsten.
VI   ßl. gegeven vor II grote brassen, ghekofft tho Szwerin in thokumpst des vagedes; vnde vorspiset, als he hyr was.
IIII   Witten gegeven vor 1 punth olyn.
IIII   ßl. gegeven vor 1 loth saffrans
IIII   ßl. gegeven vor peper, all vorspiseth
II   ßl. gegeven vor Puder
II   ßl. gegeven vor wegge, al vorgenants vorspiset.
Summa I Mark X ßl. IIII pf.

Anmerkung. In den übrigen vorhandenen Amtsregistern, namentlich von 1521, 15 .3, 1553, 1560, findet sich eine ähnliche Ausgabe nicht. Der Landding fand also schon damals nicht regelmäßig in jedem Jahre statt.


Nr. 2.

Auszug aus den Registern des Amts Wredenhagen von 1532 bis 1579.

In dem Register von 1532/33 heißt es:

"III schf. (i. e. Scheffel Roggen) dem Vorspraken geuen, vor geder Lantdinge 1 schf."

Eben so 1542/43:

"III schf. Hans Kellen dem Vorspraken vor III Lantdinck."

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Dieser Name kommt in dem Verzeichnisse der Pachtbauern u. s. w. nicht vor. Er wohnte vielleicht zu Röbel.

In dem Reg. von 1551 Invocavit - 1552 purific. Mar. findet sich dieser Ansatz nicht.

In einem andern Register de Trin. 1551/52 (das Amt war getheilt), heißt es dagegen wieder:

"II Schf. Achim Hartewich vor II Landinck."

Auch dieser Name kommt im Reg. sonst nicht vor.

In einem Register de 1552 heißt es unter der Ueberschrift:

"Den szo ihre benanth hebben" (d. h. ein Fixum?):

"6 Schf. dem Redener vor de Landach tho warthenn",

und in einem Auszuge eines Registers von demselben Jahre:

"dem Portener, Hoppener, dem Redener, etc. . 2 Drompt 10 Schf."

In dem Register von 1555/56 fehlt die Ausgabe.

Eben so 57, 64, 71, 76.

1579 dagegen kommt wieder vor:

"6 Schf. dem Vorsprach."


Nr. 3.

Auszug aus dem Register des Amtes Rehna 1577-1578.

"Ausgabe Roggen den Fursprachen vnd Findeman:

1 Dr. 0 Schfl. den 16. Octobris, davor sie 2 mall haben recht gehalten."

Das Register von 1576-77 führt nur auf: "4 1/2 Schfl. dem Fursprachen und Findesman"; das von 1578-79 dagegen: "1 Drt. 2 Schfl. vermuge ihr Quitung." In den Jahrgängen 1575-76 und 1580-81 kommt die Ausgabe überall nicht vor.


Nr. 4.

Auszug aus dem Bruchregister des Amtes Crivitz von 1533.

Dyth ys dath brokeregister szo inn dem ampthe tho Crivetsze dorch Jochim Osten vnd Jochim Schelen gerichtet is geworden des Myddewekens nha Martini ahm XXXIII iare.

Item thom erstenn de Stralendorper szynth vngehorszamlich vthe gebleuen.

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Item desz gelikenn de Niggendorper szynth vthe bleuenn.

Item de Dammerower deszgelikenn ock szünth vthe bleuenn.

Item de Garwertszer szünth ock vngehorszamlick vthe gebleuen, vnnd szynth tho dem Lanthdinge nicht gekamen. De pene ys angelecht dessen verenn bauen genomedenn dorperenn iederm dorpe druttich marck.


Nr. 5.

Zeugenaussage über die Appellation vom dem Amts= und Stadtgerichte zu Goldberg. 1542.

"Erstlich von der Bruggen thom Goltberge, wenner eyn gerichte vp der Bruggen vor dem slate geholden werth, schal men von der bruggen appellern an de landes fürsten tho Mekelnborch."

Thom andern, wenner gerichte edder ein rechtes dach vor dem stapel int borgerrecht geholden werth, edder vor dem rade thom Goltberch, moth appelleren vor dem rath tho Parchim".


Nr. 6.

Rechtsspruch eines Bauern= Gerichtes zu Dalberg, und Appellationsspruch in derselben Sache vor der Brücke zu Bützow. 1551-1553.

1) In sachen tuischen Claues Johansen, Burgern tho Lubeck Clegern eins, vnd Jochim Rehmen tho Dalberge beclagten anders theils, hefft gemelter Cleger vorbingen lathen, dath Jochim Rehme sin vederliche Erue tho Dalberge weniger dan mith fugen Innehedde, denne hie ehme daruth sinen bescheedt noch nicht gedan, welchs ehme mith nichte tho liden, sunder begerde, In recht thosprechen, dath hie ehme sin geboer daruth geuen, edder sulch sin vederlich Erue wedderumb afftreden mochte.

Worup Jochim Rehme beclagte durch sinen Vorsprachen andwerden lathen, dath hie ehme solcher Clage nicht gestendich, dan he bewiesen konde, dath Johansen durch einen Vordrach, vth dem Erue gescheden, denne ehme Johansen, alse Reme sines broder fruwen bekamen, XLV margk Lubesch vthgesprachen wehren, darup hie och albereith etlich gelt, alse XXV margk entfangen, vnd wes ehme noch nachstellich vnd durch Rehmen nicht bethalt, wehre he Ider tidt erbodich gewesen, sulche Reste,

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wo och Itzo noch, tho gantzer guder genoge tho entrichten; Vnd darup Souen gloffwirdige olde, bedagede Bures lude geproducirt vnd vor gerichte gebracht, de aldar offentlich bekand, dath se damit an vnd auer gewesen, do duste vordrach geschehen, vnd Johansen Jochim Rehmen dath Erue vpgedragen, vnd vorlathen, och dathsulue affgetreden, wie dan also forth, nach beschehner vorlatinge Jochim Rehme in sulch Erue wedderumb durch den Schulten, die dathsulue och vor gerichte bekandt, Ingewiset worden.

Stellende tho Rechte, dath de Vordrach vnd Inwisinge by werden erkandt werden, vnd wen hie die Reste Johansen bethalt, dath hie erbodich, by dem Erue bliuen mochte; vp Clage vnd Antwerth, Ist die Burschop, In die Vindinge gewiset, vnd darnach durch den vindeßman vor Schwerinsch recht affgesprachen, Dewile Reme den vordrach, dath Johansen dath Erue affgetreden bewisen konde, schole hie eme die nariste, die he noch schuldich entrichten, vnd denne die negeste thom Erue syn ane Jemandes vorhinderung, von Rechtswegen. Dith iß van Rehmen danckbarlich Angenahmen, vnd van Johansen vor de Brugge tho Butzow geschuldenn worden, vnd wente nun wy Pravest, Senior, vnd gantze Capittel, der Domkirchen Schwerin tho becrefftigunge disses ordiels, van Jochim Rehmen vmb vnser kirchen Ingesegell gebeden, hebben wy tho vrkunde dathsulue hirup withlichen drucken lathen, Na Christi geborth XV c. darna Im LI. Dunerdages nach Natiuitatis Mariae.

2) Ick Jurcken Wackerbarth, Houetman tho Butzow, Bekenne offentlich in diesem briefe, vor alle den Jennen, den he tho sehende, hörende, offte lesende vorkumpt, dath hüt Dato vor gerichte, vp der Bruggen allhier tho Butzow, Jochim Rehme tho Dalberge, vnder dem Capittell tho Schwerin wanende, erschienen, vnd vorgeuen lathen, wo he vor twen Jharen vngeferlich, tho Dalberge van eineme Claues Johansen, Burgern tho Lubeck, van wegen eines Erues tho Dalberge, welchs he ehme afftreden scholde, richtlich Angespracken, Diewiele he auerst darjegen bewisen konen, dath die clegern vormoge Souen gloffwerdiger lude tucheniße daruan he Ihre viff, also Claues Odewen, Henningk Warnicken, Heinrick Samer, hans Westphal vnd henrich Wernicken, vor Gerichte gehat, vth dem Erue, mit viff vnd virtich margk darup he eme XXV. margk bethalt, gescheden, dathsuluige vorlathen, vnd hie alse, die beclagte, erbodich, die nariste, alse XX. margk tho entrichten, wehre ehme tho erkand, by dem Crue vor einem Anderen tho bliuende, Inhalt eines ordels darauff ergangen, welchs he lesen lathen, Nach vorlesunge gebeden, die wile sin Jegendeel van demsuluen ordel vor de

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Brügge tho Butzow appellirt, vnd vp hut dato tho Rechte gefurdert, doch nicht thor stede, vnd he mit schwerer Vncost die tugene darhen gebracht, solicke der tugen vthsage, tho uorhödinge mehrer geltspildinge mochten alhir by macht vnd werden, vnd sin Jegendehl solichs muthwilligen vthebliuendes nedderfellich erkendt worden.

Folgendes ist die Stadtuoget alhir vorgetreden, vndt gesecht, dath he dem Jegendel vth beuehl des Ehrwirdigen her Hennicken von Pentzen Prawestes tho Schwerin die vorlengunge des Rechtdages Anthotegen, sick na ehrer Herberge vorfuget, vnd hie dargekamen, wehre Clawes Johansen wech gewesen, doch solicken affschedt hinder sick gelathen, diewile de Rechtsdach vp twe dage vorlenget, vnd ehne die theringe dar binnen tho schwer fallen wurde, wolde he vp ein dorp tho sinen frunden nicht with von hir vorrücken, vnd darne des dages gewarden, welchs hie die Staduoget, also wahr tho sinde, Int gerichte gethuget. Vp solcke Inbrengend vnd vorgewente Clage, Ist die Burscop in die vindunge gewiset, vnd darna durch den vindeßmann wedderumb Ingebracht, dath dat gespracken Ordell tho Dalberge vnd der viff tuge vthsage macht hebben, vnd wen Rehme Clawes Johansen die nariste bethaldt, by dem Erue blieuen schal, vnd diewile Johansen vp den rechts tag nicht gewahrt, schal he siner thospracke, Idt wehre denne, hie Ehehafft bewisen konde, nedderfellich erclereth vnd siner thospracke tho dem Erue entbunden sin, van Rechtswegen. Vnd wenthe nun Jochim Rehme disses Ordels einen Richtschin van my ehme mit tho dehlende gesocht, vnd gebeden, hebbe Ick ehme solicks Ampts haluen nicht weigern mogen. Des allen tho Urkunde dissen briff mit minen hierunder vpdedrucktem Angebarenen Pitzschier becrefftiget. Actum Butzow Na Christi geburth Feffteinhunderth darna Im drey vnd vefftigisten Jhare. Donnerdages na Galli.


Nr. 7.

Rechtsspruch des Landdings zu Grevismühlen. 1553.

Inn Irrungen vnnd gebrechenn, ßo sich haben erhalten zwischenn denn Bortkenn von Torber, Votense vnd Questin ahn einem, vnnd denn Krugern, ßo zu denn Bortkenn In das erbe, zu Kussow belegenn, komen sein ader steds habenn enhaltenn, Ist alhier zu Greueßmollenn, vor dem Landt, In dem Schwerinschen rechte, auff dem Sontagk nach petri vnnd pauli Anno etc. . 53. also erkandt vnnd abgeredet, Das die Bortkenn, vnnd nicht

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die Kruger, zu Demselbigen erbe zu Kussow belegenn, befugt vnnd berechtigt sein, Sich desselbigen zugebrauchen, zuuerkauffenn, alles nach Ihrem eigenn gefallenn.Auf Sulch erkandt vrtel ßo abgesprochen, habenn vielgemelten Bortkenn sulch erbe, Dieweil se dasselb zu gebrauchen nicht willens, Mith liggenden grunden, Standenn, Stockenn, In und ausflussenn, mit aller seiner gerechtigkeit vnnd herrlichkeit, Claus Gerdes vnd seinen erbenn, zu einem erbkauffe vor vnnd vmb viertzigk mark Lubisch, dieweil es verwustet, vnnd bauvelligk gewesenn, verkaufft, Wollen auch Ime vnnd seinen erbenn, vor alle Zusprach gut seinn, vnnd sie deßhalbenn vertreten vnnd bemelter Claus Gerdes hat auff angezeigten tagk, den Bortken funff mark auff dem kauff betzalet. Sol vnnd wil alle Jar ader seine erben auff den Idem Sant Michaelis tagk geben und betzalenn, drei mark Lubisch, bis so lange die viertzig mark enthricht vnnd betzalet sein, Sulchs also stede vnnd vhest zuhaltenn, sein dieser Zerten zween gleichs lautß vonn wortenn zu wortenn durch die Buchstabenn A. B. C. D. etc. . ausseinander geschnedenn vnd Jeder partei einen vbergebenn. Hierbei vnnd vber sein gewesenn, zur Zeugnus der wahrheit, Die Achtparn vnnd ersamen Bertoldus Vleischawer vogt zu Greueßmollenn, Achim Holpe, Frome Henrich, Hanns Weiger, Meister Henrich Karstenn, goltschmidt, vnnd Jurgenn Stuer, Geschehenn wie obsteidt.


Nr. 8.

Appellation von dem Landding zu Zepkow an die Herzöge Johann Albrecht und Ulrich. 1559.

Durchluchtiger hochgeborner, g. f. vnd h., e. f. g. bitte ich nach erbeitung meiner Pflichtschuldige Dinste, tzu erkennen, daß Alhir Im Landt Dinge, fur e. f. g. Hauß zu Wredenhagen, auf e. f. g. schultzenn vnd Paurenn tzu Ctzepkow Ansuchent, Cleger Ann Einem widder schultzenn vnd Pauren tzu Butkow, Beklagten, Anderß theillß, Am Dornstag nach Trium Regum so da ist gewesenn der 12. tag deß mants January, In sachen vnd Auch der gestaldt, so hir bei Insonderheit vortzeichent, geurteilet, Inn dem Aber die Erbarn vnd ernuhesten Baltzar vnd Georing gebruder die Prignitzenn In nhamen vnd von wegenn der Obgedachtenn Paurenn tzu Butkow Irre vnderthannen vonn solchen vrtheilenn ann e. f. g. vnnd derselbigen herrn Bruder herzog Vlrichenn, Auch herzogen tzu

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Meckelnburgk auff dieselbige obangetzichte tage tzidt, strackeß fur nahgesprachenen vrtheilen vor gerichte geappellirt vnd die mher gedachten Paurenn tzu Butkow dar auff bei mheir hir nahmalß vmb Apostoles Angesucht haben, so ich derhalben Inenn e. f. g. tzu Eheren solche Appellation, so weidt vnd so ferne die tzu Rechte Stadt hadt, zugelassen, vnd habe Inen diesen Briff an Stadt der Apostolen, Ann e. f. g. tzubringen mittgetheylett vnd bin vber daß E. F. G. tzu dinen willig. Datum Wredenhagen Am tag Fabian vnd Sebastian Anno etc. . LIV

E. F. G. Armer vnderthan vnd Richter deß Landtdings tzum Wredenhagen Hannß Menke.

Anmerkung. Ueber die Theilnahme der jetzt preußischen Dörfer im Lande Lieze: Dransee, Seuekow, beide Bale, beide Rederank, Tzempow, Vechtorp, Kl.=Berlin mit dem See zu Gr.=Berlin, Kulemollen, Schilde und Schildemollen an dem Landdinge zu Wredenhagen (Zepkow) in den Jahren 1445 und 1492, vergl. Jahrb. XIII. Urk. 19 und 20. Die Hegung des Gerichtes ward noch 1574 von Dransee aus unterstützt. Vergl. Riedel, cod. diplom. Brandenburg. III. S. 452.


Nr. 9.

Verzeichniß der auf dem Crivitzer Landding vom 19. Decbr. 1567 erkannten Strafen.

Bernin :

15 Mark die ganze Dorffschaft, weil sie eine Tonne Bier genommen, u. e. Scheure auf der Freiheit ohne Amts Wissen gebauet.

30 ßl. die ganze Dorfschaft weil sie dem Johann Berner u. denen v. Bulow f. e. Tonne Bier gestattet ihr Vieh auf der Barniner Feldmark zu hüten.

Achim Kersten, Heinrich Elehr, Peter Schepfeler, Claus Murer, Claus Plagemann, jeder 30 ßl. wegen Verweigerung von 1 fl. Auffweiselgeld, u. Widersetzlichkeit bei der deßhalb vorgenommnen Pfändung.

Hans Luder 15 Mrk. weil er den Wellkendorf in seinem Hause freventlicher Weise überfallen, und ihn "bludwundt" geschlagen.

Claus Plagemann 15 Mrk., weil er mehrmals, wenn er "voll und toll gewesen" seine Frau und deren Mutter mit brennendem Feuer in allen Winkeln gesucht, und sie mit "waffener were" überfallen.

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Achim Kersten, Claus Eler, und Heinrich Eler jeder 3 Pfundt, "wegen das sie vffen Landtgedinge nicht haben kommen wollen, sondern zwe thage zum Kindelbier gesessen".

Peter Hanich.     

Anmerkung. Wegen des von dem Küchenmeister geforderten Auffweisegeldes, oder wie es auch heißt Auflaßgeldes führten die Bauern später Beschwerde. In dem deßhalb gehaltenen Termine am 17. Febr. 1568 producirt ersterer das oben im Auszuge mitgetheilte Strafverzeichniß, wobei er bemerkt, daß in diesem Landgeding "gesessen der Stadtvogt zu Kriwitz Jochim Hagemeister, der Schulze zu Bernin Eler Eler, und der Schulze von Letzen", die hetten erkannt, daß die Bauern den Gulden zu geben schuldig sein.


Nr. 10.

Bericht des Küchenmeisters Peter Bremer zu Crivitz über ein zu Raduhn gehaltenes Bauern=Gericht. 1570.

Durchlauchtiger, hochgeborner furst, Gnediger Herr! Nebenst erbietung meiner vnderthenigenn schuldigenn vnd bereitwilligenn dienste Gebe E. F. G. ich hiemit vnderthenig zu vernehmen. Nachdem E. F. G. vnderthanns, Hanns Stekers, fraw zu Raddhun E. F. G. Schultzens, Hanns Goldbergerr tochter, mit Nhamen Adelheit, bezichtigt, Als solte Ihr der Teuffel das bein zerbrochen, der Teuffel auch mit Ihr (mit vrlaub fur E. F. G. zu schreiben) gebulet, ja Sie auch einem andern Paurßmann, daß er absinnig geworden, zugefuget haben, So habe vf E. F. G. negst an mich vnnd Andreas Kharstedten beschehenn Andtwortschreibenn vnnd beuhelh mich vorgestern gegenn Radduhn begebenn, daselbst von wegenn E. F. G. das Recht haltenn, vnd (Nachdem gemelte beschuldigte Adelheit Alda fur Gericht kegenn gemeltes Stekers fraw Ihren fuß vf Ihre angetzogene gerhumbte vnschult zu leib vnnd lebenn offentlich dargebottenn hat) Sie, dieselbe Adelheit, sowoll auch die Hans Stekersche vf der Pauren erkentnuß, beide fußmacht machenn, vnnd in E. F. G. Schultzenn Gericht Ihre sich beiderseits ferner wiederander wie Recht zu erweisen vnnd aus zu fhuren, verwartenn lassen. Demnach gantz vnderthenig bittend, E. F. G. wollen mich hierauff bei Zeigern wiederumb derselben schriftlichen gnedigenn Rath vnnd beuhelh, was ich mich in deme ferner verhaltenn soll, mitteilen. Das erkenne vmb E. F. G. hinwieder zu tag vnnd

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nacht zuuerdienen, Ich mich gehorsamb schuldig und willigk. Datum Krivitz, Freitags nach Judica. Anno etc. LXX.

E. F. G.                            
vndertheniger gehorsamer
Diener               
Peter Bremer.          

Dem durchlauchtigenn hochgebornnen fursten und Herren Herren Johan Albrechten, Hertzogenn tzu Meeckelenburgk etc. .

vnderthenigk.     

Anmerkung. Peter Bremer war 1570 Küchenmeister, der erwähnte Andreas Kharstedt Amtmann zu Crivitz.


Nr. 11.

Hegung eines Halsgerichtes zu Wittenburg. 1569.

Auf Bericht des Berthold Hardecke, Küchenmeisters zu Wittenburg, daß ein von ihm wegen Verdachtes der Pferdedieberei eingezogene Mensch freiwillig 3 Pferdediebstähle eingestanden hätte, erläßt der Herzog Johann Albrecht den schriftlichen votis seiner gelehrten Räthe, in spec. des Husanus, gemäß den Befehl, "den gefangenen zum furderlichsten einem peinlich halßgericht nach vnser Landtsordnung vnd gewohnheit zu bestellen", vnd wenn er dort sein Geständniß wiederhole, "durch Vrtel vnd Recht, so du auß diesem vnseren befehlich zu fassen, zum Abscheu vnd offentlichen Exempel am Galgen mit dem Strang edder Ketten vom Leben zum Tode strafen zu lassen".

D. Schwerin, 5. Jun. 1569.


Nr. 12.

Auszug aus einem Berichte des Küchenmeisters Berthold Hardeck zu Wittenburg über den bei Weltzin im Teiche gefundenen Leichnam des Peter Masch, vom Jahre 1570.

Auf die Anzeige des Hauptmanns Hans Ganß zu Gadebusch, daß der Todte früher seinen Stiefvater, Namens Wolff getödtet habe, weßhalb zu vermuthen sei, daß dessen Brüder und Freunde jenen wiederum erschlagen haben würden, habe er die Wolffe " zum Scheine" nach dem Todten beschieden, wohin er sich gleichfalls mit den Fürsprachen und dem Landreiter begeben habe. Daselbst habe er den Todten besichtigt, und das Recht über ihn

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geheget, nach altem Gebrauche, und die Freundschaft gefragt, ob sie einen Thäter wüßten, den sie beklagen wollten. Hierauf habe zwar einer derselben die Wulfe der That beschuldigt, als aber die Gebrüder geantwortet, wenn er sie besprechen wolle, "so weren sie dar sie wolten ihm fus halten", habe er erklärt, nachdem sie zum Scheine da wären, wüßte er sie nicht zu besprechen. Hierauf sei der Todte nach alter richterlicher Gewohnheit "beschrieen", und ihm auf Bitten der Freundschaft die Hand abgeschlagen, welche ihm von seinem Freunde bis zur Beerdigung auf den Leib gelegt, demnächst aber in das Recht zu Wittenburg abgeliefert sei.


Nr. 13.

Im Jahre 1575 Sonntag Palmarum war zu Vellahn, A. Wittenburg, auf dem Jahrmarkte der Vogt des Amtshauptmannes Christopff Pentz, aus Unvorsichtigkeit durch den Heidereiter Gories Lenhard mit seinem eigenen Spieße erstochen. Es wurde deßhalb durch den Küchenmeister Bartold Hardecke ein peinlich Halsgericht über den Thäter gehalten, über welche Handlung der gedachte Küchenmeister selbst am 6. April 1576, nachdem er inzwischen seines Amtes entsetzt war, als Zeuge vernommen wird. Sein Zeuguiß lautet: (Sagt) "das er nach dem Fall vorm Jahr vff befelch des Hauptmanns, sambt dem Stadtvogt, Landtreiter, vnd Paul Hecht dem Procurator nach Villan gezogen, vnd hetten daselbst peinlich Halsgericht gehegett, vnd denselben Gorges Lenhart beschriehen".

Der Procurator (Fürsprach) gehörte also zum Gerichtspersonal, und war wahrscheinlich ein ständiger Beamte. In Betreff seines Antheils an den Gebühren vgl. den Extract aus dem Wittenburger Bruchregister von 1535 ff.


Nr. 14.

Auszug aus einer Beschwerde der Anna Block, Wittwe des Schulzen zu Dömsuhl, Jacob Steinhouel, über die Beamten zu Dobbertin wegen gewaltsamer Pfändung und Mißhandlung.

D. Güstrow, den 1. Junius 1577.

Klägerin berichtet: sie sitze seit fast 45 Jahren auf dem sogenannten Crivitzer Schulzengerichte zu Dömsuhl, welches ihrem Sohne Achim Steinhouel, mit dem sie jetzt wirthschafte angeerbt sei.

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Während dieser ganzen Zeit hätten die gesammten Bauern zu Dömsuhl auf allen "Landtingen, so offt Rechtstage seindt gehalten worden, vor die Amptleute zu Crivitz zu Rechte stehen müssen". Bei solchen Gelegenheiten seien die gedachten Beamten, Hauptmann, Küchenmeister und Landreiter in das Schulzengericht eingezogen, und habe sie, wie früher ihres Mannes und ihr Vater, die Ausrichtung gehabt, wogegen sie dem Hauptmann von Dobbertin niemals Ausrichtung gethan, da das Kloster seinen eignen Schulzen im Dorfe habe. So sei es z. B. noch auf dem letzten Rechtstage gehalten worden, welchen der Hauptmann Andreas Karstede vor acht oder neun Jahren gehalten habe, auf welchem namentlich auch die Dömsuhler sämmtlich erschienen sein.

Als daher im gegenwärtigen Jahre "Stellan Wakenitz, Hauptmann zw Schwerin vnnd Cribitze hefft der Vogtei zw Cribitz einen Rechtstagd oder Landtdingk ankundigen lassen den Donnerstagk nach Exaudi zw Cribitz fur E. F. G. hauß", so sei sie dem Gebot und altem Gebrauch nach gehorsamlich auf dem gedachten Rechtstag erschienen. Ihre Nachbarn aber, und "andre Dörfer mehr, die vor Alters da haben zu Rechte stehen müssen", seien ausgeblieben, worauf der Hauptmann dieselben am Pfingstabende habe pfänden lassen. Ob nun gleich ihre eigene Kühe mit weggeführt seien, so glaubten die Dobbertiner Beamten und ihre Nachbaren doch, daß sie diese Pfändung veranlaßt habe, weßhalb der Landreiter Markus zur Nachtzeit in das Schulzengericht gedrungen, um ihren Sohn zu greiffen, und hätte, als er diesen nicht gefunden, ihr nicht nur ein Fuder Hopfen abgepfändet, sondern auch ihre Magd und sie selbst gemißhandelt, indem er gesagt, er wolle sie lehren, "wie sie solte zum Landtdinge gehen". Darauf habe er die Glocke leuten, und die Nachbarn zusammen kommen lassen; hier sei sie gleichfalls erschienen, und mit dem Dobbertiner Schulzen in Wortwechsel gerathen, worauf der Landreiter auf sie zu gefahren sei, ihr Haube und Mütze abgerissen, sie an die Erde geworfen und abermals körperlich gemißhandelt habe.

Sie bitte daher, während des zwischen dem Amte und dem Kloster anhängigen Processes wegen der Gerichtsbarkeit zu Dömsuhl, sie und ihren Sohn zu schützen.

Anmerkung. Dömsuhl war früher ein Communiondorf des Amtes Crivitz und des Klosters Dobbertin, welches letztere namentlich den größten Theil der Pächte erhob und deßwegen einen eignen Schulzen daselbst hielt. Dies Verhältniß führte zu häufigen Streitigkeiten, theils zwischen dem Amte und dem Kloster, theils mit den Bauern. In dem hier oben erwähnten Jurisdictionsstreite nahmen die Bauern, wie man sieht, Partei für das Kloster. Aehnliche Streitig=

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keiten hatte das Amt gleichzeitig mit dem v. Restorf wegen Stralendorf, mit Heinrich Schönberg zu Frauenmark wegen Grebbin und noch wegen andrer Dörfer, welche deßhalb gleichfalls auf dem ausgeschriebenen Rechtstage nicht erschienen.


Nr. 15.

Bericht des Kloster=Hofmeisters Georg Lehmann zu Ulitz über zwei in den Reinfelder Klöster=Dörfern Ulitz und Wittenförden gehaltene Rechtstage. 1583 und 1585.

1) Anno 1583 den 16. Novembris ist Chim Holste in Vlitz und Hinrick Voß gefangen genommen, darumb, daß sie vp dem Houe in der pachthebung gewalt geubt, mit einem Stocke in den Disch gehaven, vnd ein Fenster zerstoßen. Diße beide sein gen Grabow gefurt, haben allda gefangen gesessen biß auf den 16. Decembris, da sein sie wieder in Vlitz gebracht, vnd is allda ein öffentlich Recht vor dem Haue Vlitz vber sie gehalten. Im rechte hat gesessen: der Stadtvogt von Grabow, Jochim Schultze E. F. G. Kuchmeister von Grabow, vnd Georgen Lehmann Furwalter, die Fursprache vnd Findeßleute von Grabow, der Landreiter von Grabow, der Schultze von Vlitz, von Lubesse vnd Wittenförden. Zu dissem rechte sein gefordert alle Vlitzer, Lubesser und Wittenförder. Dissen gefangenen ist das Leben von dem rechte abgesprochen, allein hernachmals durch Supplication vnd vorbitte verbeden worden vnd loßgeben, dar sein sie zum andern male vor beide Dorfschaft der Vlitzer vnd Lubesser wider für den Hoff gefurt, vnd haben fur die Halßbruche Börgen gestellt, vnd ein ieder in sonderheit mit aufgereckten Fingern vnd entbloßes Haupts offentlich ohrfeyde thun mussen.

2) Ihm 85 iar hat der Kirchere in Wittenforde Gregorius Corner dem amptmann in Schwerin Arent Möllendorf geklagt, wie das seine Dochter Emmerentze von ihrem eigenen Heren Nicolas N. Pastor in großen Trebbow geschwengert wäre. Nach dem Falle hat er seine dochter in Wittenforden genommen. Den 28. May habe ich diese weibespersone, auf einen wagene setzen lassen, sie nach Vlitz furen lassen, vnd allda gefangen gehalten, weil sie aber der amptmann von Schwerin begert, hat er sie sunder vorstandt nich loß bekommen können, sundern hat den gefangenen pastorem Nicolaum den 14. Juny vngefehr nach Vlitz mussen fuhren lassen, damit sie beide confrontirt. Deweil aber im Dorfe Vlitz die peste grassirte, habe ich Georg Lehmann die gefangene Person in den Helden heraus bringen lassen, vnd sein ihrer dadt auf beiden theilen gestendig gewesen. Bei dissen verhor war der Amptman Arendt Möllendorf vnd der Her

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Burgermeister Andreas Hoger, vnd Asmus Radtke der Kuchenmeister vnd Abraham N. der Landreiter auß Schwerin; auf meiner seiten war Her Laurentius Sagittarius pastor, Hanß Grothe von Vlitz, der pastor von Wittenforde sampt seiner frawe. Der gefangene Nicolaus aber wart wieder gen Schwerin gefurt, vnd die weibespersone wart wieder in Vlitz auf den Hof gebracht, da hat sie gesessen, vnd is den 23. Junii in de wochen kommen, vnd einen jungen Sohn gelebet. Den 9. Septembris aber hat sie denselben in der nacht erdruckt. Den 16. Septembris habe ich in Vlitz vor dem Haue auf dem Brinke ein öffentlich recht vber sie gehalten, darzu ich gefordert die Dorfschaft Vlitz und Lubesse, darzu habe ich gebraucht den Schwerinschen vorsprachen Hanß Krudauf vnd den findesmnann N. N. NN. Zum beystande habe ich gehadt Her Christianum Houesch ein Radther von Schwerin. Im rechte habe ich bei mir sitzen gehat, anstadt des Vlitzer Schultzen Chim Groten, Hanß Groten an stadt eines Schultzen, den Schultzen Cersten Bölitz von Lübesse, Hans Boldelow, Chim Ronnekendorf, Hinrich Pause den ordtkruger. Von dem fürsprachen is de weibspersone vor dem gehaltenen rechte angeklagt, ihrer dadt gestendlich, vnd in der findung gefunden, daß sie ein staup schilling verdient, doch aus gnaden verschonet, vnd dorch Meister Frantz, der ihr drei Ruten in den arm geben, vnd also erstlich vor dem offen gehalten recht einene offene eidt thun mussen, vnd das landt in ewicheit verswaren. Darnach hat sie Meister Frantz, der Bödel von Schwerin, zum Dorpfe hinaus auf einen Creutzweg, dar sich de Wege scheiden gefurt, vnd ihr gethanen eidt auf das newe widerumb vormanet, vnd bei zwo scheinender Sune das landt ewich vorwisen.

Auf diesen letztern Rechtsfall bezieht sich die folgende Rechnung:

Im 1585 den 15. September ist die weibespersone, so in vnzog gelebet in Vlitz aus genaden vorwisen, was darauf gegangen ist, wie folget:

Irstlich habe ich des richters diener in Schwerin geben, das ehr die findesleutt sampt dem scharfrichter gefordert  - Fl.  1 ßl.
Dem vorsprach geben sein gebur 1 " - "
Dem findesmann - " 12 "
Dem Scharfrichter geben 2 16 "
Allein sonst geburt im 5 mrk. 4 ßl.
        Hirzu habe ich diesen personen zu essen und
        drinken geben müssen, als sie gemucht, ist ihr gebur und gebrauch.
Vor das essen - " 6 "
Vor das Bihr - " 12 "
- -- --- --
Diese ausgabe dut summa in alles 4 Fl. 23 ßl.
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Nun ist von den entfangen 4 taler noch vber 9 ßl.

Nachdem dan diese person in die 19 Wochen ist gefangen gewesen gelanget an meine genedige Fürstin vnd Frav mein vnderteniges bitten ihr fürstliche genaden mugen mich zu dieser vnkost, was ihr F. G. genediger will ist zu Hülffe kommen.

Ihr fürstliche genaden vnderteniger Diener

Jürgen Lehmann.     

Anmerkung. Der Verwalter Georg Lehmann war von Seiten der Herzogin Elisabeth, Herzog Ulrichs Gemalin, eingesetzt, welcher die in Folge der Reformation eingezogenen Güter des Klosters Reinfelden in Meklenburg mit den Aemtern Grevismühlen und Grabow zum Witthum und Leibgeding verschrieben waren. Der vorstehende Bericht ist durch einen Streit des gedachten Verwalters mit den herzoglichen Beamten zu Schwerin veranlaßt, welche sich dem klaren Inhalte der Privilegien des Klosters zuwider die Gerichtsbarkeit in den genannten Dörfern anmaßten. Schon früher hatte der Amtmann Engelke Rostke zu Schwerin versucht, einen Rechtstag, zu Ulitz zu halten, wobei er das Gericht durch die "fürstlichen Findesleute" bestellen lassen wollte, mußte aber unverrichteter Sache abziehen. Sein Nachfolger Eitel Rauhe fand sich zu gleichem Zwecke mit "Vorsprachen vnd Findesleuten" in dem Klosterdorfe Lubeß ein; aber ebenso vergeblich.
Zur Charakteristik des in dem vorstehenden Berichte geschilderten Verfahrens ist zu bemerken, daß die Herzogin ihrem Verwalter schon im Junii 1585 den bestimmten Befehl ertheilte, die Gefangenen "auf einem geschwornen gewöhnlichen Vrpheiden des Landes in Ewigkeit zu verweisen." Die Findung des Urtheiles in dem später gehegten öffentlichen Gerichte war also eine bloße Formalität.


Nr. 16.

Bericht
Wie vnd welcker gestald im Stifft Ratzeburgk nach Alter gewohnheitt das Landgerichte ist gehalten und waß für Solennitäten etwa dabei beobachtet worden. 1651.

Wann die Landeßfurstliche Obrichkeitt auff determinirte Zeitt die Ihrigen an den Ortt, dahin die Unterthanen citiret sein, senden, und daß Gerichtt zu Hegen ansahen wollen, So findett Sich der Vorsprach bey den Voigten und redet den Dingßmann mitt folgenden Wortten ann.

Vorsprächer:

Dingßman, Ich frage Euch, Ob es woll so viell tages Zeitt ist, daß Ich alhie von Gottes vnd des Hochwürdigen Durchlauchtigen etc. . (cum titulo) U. G. F. und Herrn Dero Herren Räthe, oder Beampten (die etwa dem Gerichte beiwohnen) Wegen, die alhie gegenwertig sitzen, und das högeste und niedrichste, das großeste

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und daß Kleineste mit Halß und Hand über Uns, und über die Stedtte, da M. G. F. und H. Rhätte oder Beampten sitzen, und Ihre Leute stehen, hatt, mag ein öffentlich Sachssisches Recht hegen und halten?

Darauff Antwortet der

Dingßmann:

Ja, da Ihr solches von Gottes, und U. G. F. unndtt Herren, auch dero Wollverordneten Herren Rhätte oder Beampten wegen, so alhie gegenwertich, undt dazu bevollmächtigett sein, zu thun befehligett seidtt, Möget Ihr solches woll thun.

Vorsprächer:

Zum Ersten mahl will Ich alhie von Gottes und M. G. F. und Herren, und dero alhie gegenwertig sitzenden Herren Rhetten oder Beambtten wegen, so das Högiste und niedrichste, daß Kleineste und daß groseste, mitt Halß und Hand uber unß auch uber die Stedtte, da Ihr leutt stehett, haben, ein öffentlich Sachsisches Rechtt hegen, derogestald und Also, daß, dem Recht lieb ist, unrechtt aber leidtt ist, demselbene nachdem seine Sache und Anclage sein wirdtt, recht wieder fahren und datzu geholffen werden soll, Alles von Rechtswegen. Wer aber clagen will, der soll fest clagen oder in M. G. F. und Herren straaff verfallen sein, Recht gebiete Ich, Unrecht verbiete Ich Wegen M. G. F. und Herren.

Zum Andern mahl will Ich alhie etc. . und repeteriret solche wortt biß zu ende.

Darauff fragett Er: Dingeßmann, Wie offt soll und muß Ich M. G. F. und Herren Rechtt hegen, daß es crafft und Macht habe?

Dingeßmann Antwortett: Dreymahl.

Darauff sprichtt der Vorsprache: Zum Drittenmahl Will Ich alhie von Gottes und M. G. F. undtt Herren Wegen etc. .

Wann solches geschehen, Fraget der Vorsprach den Dingßmann mitt diesen Wortten :

Dingeßmann, Ich frage Euch, ob Ich daß Recht geheget habe, daß es Crafft und Macht hatt?

Anttwortet der Dingßmann: Ja Ihr habts gehegett, daß es crafft und Macht hatt.

Ferner fragett Er: womitt soll Ich aber M. G. F. und Herren gehegetes Recht Verthedigen?

Anntwortett der Dingßman:

Ihr sollet scharffe gewehr und scheldttwortt ernstlich verbieten.

Vorsprach:

Scharffe gewehr und scheldewortt, auch heimbliche Versuchung und Verträge, verbiete Wegen M. G. F. und Herrn Ich ernst=

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lichen und sagt, daß Niemandtt dem Rechte, ehe es wieder auffgegeben, den Rücken geben oder davon gehen, und der solches thun wirdtt in M. G. F. und Herren straff verfallen, auch so ein frembder da were, der etwa Erbguth zu fordern hatte, sich mit 7 ßl. 4 pf. einzuwerben schuldig sein soll.

Darauff werden auß jedem Dorffe etwan 1 oder 2 persohnen, so man fur die bescheidesten und Vernunfftichsten achtet, und sonderlichen den Schultzen, so Er datzu qualificiret, zu Findes Leute etwa 20 oder 24 persohnen, auß dem hauffen heraußgenommen und beseits gestellet, die auff bede Vorfallende Sachen, so denen in loco Sich befinden HH. Räthen oder Beamten Klagende an vnd vorbracht werden, daß Recht finden und sprechen mußen.

Solche Sachen mußen Sie mitt anhören, oder Sie werden Ihn durch den Dingßman angetragen, derselbe bringet auch hinwiederum Ihre Meinung ein.

So balde dann die Findesleute da stehen, Ruffet der Vorsprach: Wer etwas zu clagen hatt, der trete heran und bringe seine Klage vor.

Wann dann nichtes mehr zu Klagen ist, die Beampte wieder die Unterthanen Ihre auffgesetzte Mangel auch vorbracht, und darauff erkennen laßen,

So giebtt der Vorsprach das gehegte Recht auff folgende Maaß wieder auff sprechende:

Dingßmann, Ich frage Euch, ob es so ferne tages und mir erlaubett ist, daß ich von Gottes und M. G. F. und Herren und deroselben alhie gegenwertig sitzende Herren Rhätte oder Beampten Wegen, daß gehegte Recht wiederump mag auffheben oder auffgeben?

Dingßmann antwortett:

Ja, Dofern Ihr daß von Gottes, M. G. F. und Herren vnd deßen alhie sitzenden HH. Rhätten oder Beambten Wegen zuthun befehligett seidtt, Mögt Ihr solches Woll thun.

Darauff ruffet der Vorsprach mit lauter Stimme:

Ihr Leute sollet zu Hause gehen, M. G. F. unnd Herrn Holtz laßen stehen, deroselben Wild laßen gehen, und deroselben Waßer laßen ungefischett, auch sollet Ihr halten ewren Rechten Muhlen weg, damitt thutt Ihr S. F. G. gleich und Recht, M. G. F. und Herr begehret Ewren schaden nicht, so hatt M. G. F. und Herr Euch zu straffen Recht und Machtt; zum Ersten Mahl.

Zum Andern mahl: Ihr leute sollet zu Hause gehen etc. .

Wann solches zum Andernmahl geschehen, Fraget der Vorsprach den Dingßmann:

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Wie offt soll Ich M. G. F. und Herren Recht auffgeben?

Antwort der Dingßmann:

Dreymahl. Daß es CRafft und Macht hatt.

Darauff saget der Vorsprach:

Zum Dritten mahl, Ihr leute sollet nach Hause gehen etc. .

Und gehet alsdann ein iedweder seinen Weg.

Anreichende die straffen, so die findesleute erkennen, sein die gemeinsten diese, so hiessges ortts vbliche sein, Wiewoll man die casus nicht alle so erzehlen kann:

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Hiebei ist zu bemerken:

Das gleich nach gelegenheit der sachen der Obrigkeitt die moderation Vorbehältlich, Alß haben sie auch gestalten Sachen nach die direction bey der findung derogestaldtt da Sie merkten, daß die Findelsleute die geclagete Sachen nit Recht eingenommen, Sie Ihnen den Casum nochmahln deutlicher Vorhalten, und darauff noch eins erkennen lassen können etc. .


Nr. 17.

Vortrag des Stadtvogtes und Amtsschreibers Volrad Zarenius zu Bützow, die Haltung der gemeinen Rechtstage betreffend. 1662.

Durchlauchtigster Hertzogk
          gnedigster Fürst und Herr,

E. F. D. seint meine Vnterthenigste Vnd gehorsambste Dinste bevohr Vnd verhalte E. f. D. hiemit nicht, wie daß für diesem alhie auff dem Ambt ein gemeiner Rechtstag gehalten, Darauff die Schultzen daß Vrteil gefellet vnd Ich alle clage vnd andtwordtt auch die bescheide vnd waß sonsten hinc inde dabei vorgegangen protocolliren müßen, dafür mir dan iahrlich 6 schffl. rogken gereichet vnd gegeben worden, Wan dan mein gnedigster Fürst vnd Herr in zwehen Jahren solcher rechtstag alter gewohnheit nach nicht gehalten, mittelst gleichwol alda clagen vnd bescheide, so bey dem Ampte vor fallen vnd gegeben, Ich protocolliren vndt allemahl auffwartten müssen, der Rogken aber hinterstellig geplieben vndt die Herren Beambte ohne E. f. D. special befehl denselben mir zu reichen sich verwiedern, in dieser betrübten theuren Zeit aber mir damit sehr wol gedienet, Alß ersuche E. f. D. Ich vnterthenigst, E. f. g. wollen mir so gnedigst

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geruhen vnd den restirenden Rogken alß 1 Dr. aus fürstmiltreicher gnade Durch deren Beambten alhie gnedigst reichen vnd geben lassen, damit Ich mich nebst meinen vielen Kindern bey diesem beschwerlichen Dienst erhalten vnd deß hungers errehten muge, getroste mich gnedigster erhorung. Datum Butzow den 12. Maii Ao. 1662 etc. .


2) die Stadtgerichte.

Die Grundlage der eigenthümlichen Gerichtsverfassung der meklenburgischen Städte ist, wie oben bemerkt ward, das fast allen Städte entweder bei ihrer ersten Gründung oder bei späterer Veranlassung ertheilte Privilegium, wornach ihre Bürger nicht außerhalb der Stadt vor Gericht geladen werden durften. Darin lag aber ursprünglich durchaus keine Exemtion von der fürstlichen Gerichtsgewalt, namentlich keine Uebertragung dieser Gewalt an die Stadträthe, indem vielmehr auch die Niedergerichte der Städte überall von den fürstlichen Vögten gehegt, und nur dort, wo die Städte zugleich mit einem Antheil an den Brüchen begnadigt waren, was freilich nach und nach bei den meisten der Fall war, nach Verhältniß dieses Antheiles ein oder zwei Mitglieder des Rathes als Beisitzer zugezogen wurden. Dies Verhältniß erlitt auch dadurch keine wesentliche Veränderung, daß später, zuerst in den größern, dann im Laufe des 16. Jahrh. auch in den meisten kleinern Städten, besondere Stadtvögte angestellt wurden, da auch diese fürstliche Beamte waren, und überdies Anfangs in so großer Abhängigkeit von den Amtsvögten standen, daß sie eigentlich als bloße Substituten der letztern zu betrachten waren. Ja mehre der kleinern Städte des Landes haben während des ganzen Mittelalters keinen besondern Vogt erhalten, ein Verhältniß, welches später mit dem Namen der Amtssässigkeit bezeichnet ward, während in andern eben diese Abhängigkeit des Stadtvogtes namentlich in der Gerichtsverwaltung dahin führte, daß das Amtsgericht zu einem wirklichen Obergerichte in der Appellations=Instanz erhoben ward. Beides, die volle Amtssässigkeit der Landstädte und der Appellationszug vom Stadtgerichte an das Amtsgericht, ist jedoch nur als eine nicht häufige Ausnahme von der Regel zu betrachten. Auf der andern Seite erwarben die Seestädte Rostock und Wismar schon im 14. Jahrh. die Befreiung von der fürstlichen Vogteigewalt, so daß hier die gesammte Rechtsverfassung als wirkliche Communal=Sache der eignen Gesetzgebung der Städte überlassen blieb, und ein ähnliches Verhältniß findet sich in sofern in den Stargard=

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schen Städten, als diese von Anfang an ihre eignen Richter (scultetus, prefectus) hatten, welche wenigstens in den größern Städten von der Bürgerschaft und dem Rathe gewählt zu sein scheinen 1 ).

Die Competenz der städtischen Niedergerichte erstreckt sich ursprünglich über die sämmtlichen Bewohner der Stadt indem alle Exemtionen erweislich späteren Ursprungs sind. Daß namentlich auch der Adel in den ältern Zeiten, wenn er sich in den Städten niederließ, der städtischen Jurisdiction unterworfen war, folgt schon daraus, daß er, wie jeder andere, das Bürgerrecht gewinnen mußte, denn in dieser Beziehung war selbst in den kleinsten Städten niemand ausgenommen 2 ), und unsre Urkunden sind voll von Beispielen rittermäßiger Bürger, welche häufig die höchsten städtischen Aemter bekleideten. Dieser Grundsatz ward aber noch im 16., ja selbst im Anfange des 17. Jahrh. nicht nur durch die Privilegien und Statuten der einzelnen Städte, sondern auch durch die allgemeine Landesgesetzgebung mehrfach bestätigt 3 ), und ebenso ward auch die sich von selbst verstehende Folge dieses Grundsatzes, daß der Stadtadel in erster Instanz dem dortigen Niedergerichte unterworfen sei, von Seiten der Regierung und durch Entscheidung der Obergerichte vom Ende des 16. Jahrh. wiederholt ausdrücklich anerkannt. Hieher gehören z. B. die unten mitgetheilten Entscheidungen von 1598 und 1600, in Betreff des Adels der Stadt Güstrow, und aus derselben Zeit liegt ein ähnliches Beispiel für Parchim vor. Im Jahre 1581 denuncirte nämlich der Hauptmann Stellan Wakenitz zu Neustadt den Vollrath Preen und Johann Plessen zu Parchim wegen unbefugten Holzfällens in der zum Amte gehörigen wüsten Feldmark Primank, worauf Herzog Ulrich sofort ein Mandat an den Rath zu Parchim erließ, die Denunciaten zur Verantwortung zu ziehen. Dieser vernahm dieselben vorläufig und erstattete Bericht, welcher dem Amte aber nicht genügend erschien, weßhalb dasselbe den Herzog bat, dem Rathe nochmals aufzugeben, daß er seine


1) In Betreff der Gerichtsverfassung der Seestädte habe ich bis jetzt im Geh. u. Haupt=Archive keine neue, noch nicht gedruckte Quellen aufgefunden, weßhalb auf sie in den folgenden keine Rücksicht genommen ist; dieser Gegenstand erfordert und verdient eine selbstständige Behandlung. Eben das gilt von den Städten des Stargardschen Kreises.
2) So heißt es z. B. in einem Privilegium der Stadt Crivitz von 1345 Jun. 23: "Vorbat nen man to wonende binnen der statt, he en do stades recht;" was in einem Privilegium v. 1568 Februar 24 mit den Worten bestätigt wird: "sie sollen auch niemandt bei ihnen wohnen zu lassen schuldig sein, er habe denn zuvor das Statt= oder Bürgerrecht, wie geburlich vnd vblich herkommen gewonnen."
3) Vergl. z. B. Polizei=O., tit. von wüsten Häusern, § " Nach dem auch" und die unten mitgetheilte herzogliche Resolution auf die städtischen Gravamina v. 1607.
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"Mitbürger, die Beclegten, mit hartem ernst dahin halten, weisen und zwingen" möge, sich mit dem Amte abzufinden, widrigen Falls aber diesem zu gestatten, "die Parchimer zu hindern, Kummern, sie ahnhalten, ahn welchem orte die betroffen, sonderlich die Beclagten, darmit sie zu endlichem gehorsamb gebracht muchten werden."

Um eben diese Zeit tritt indeß auch das Streben des Adels, und anderer sogenannter Standespersonen, sich von der Jurisdiction der Untergerichte loszumachen, bestimmter hervor. Wahrscheinlich hatte der Stadtadel und andere adelsmäßige Personen die schon im ersten Theile angeführte Vorschrift der Reformation des Hofgerichtes von Anfang an auch auf sich angewendet, und in den kleinen Städten anscheinend auch mit Erfolge, so daß er sich, ganz consequent, zugleich der Verpflichtung zur Gewinnung des Bürgerrechts zu entziehen suchte. In Güstrow kam es hierüber im Jahre 1604 mit dem Hofgerichts=Procurator und Dr. jur. Jungclaus zu einem weitläufigen und sehr lehrreichen Processe, indem derselbe, weil den Doctoren der Rechte privilegia nobilium zuständen, die Leistung des Bürgereides und die Erscheinung vor dem Niedergerichte verweigerte, worauf der Rath ihn und seiner Familie "das öffentliche Markt, die Mühlen vnd die Backhäuser in Güstrow verbotten" hatte. Auf die deßhalb angestellte Injurien=Klage der Doctors erklärte der Rath zur Rechtfertigung seines Verfahrens unter anderm sehr entschieden, daß er auch dem Adel selbst das von dem Kläger in Anspruch genommene Privilegium keineswegs zu gestehe, da derselbe vielmehr in allen meklenburgischen Städten, also nicht etwa bloß in den Seestädten, sondern namentlich auch in Parchim, Brandenburg, Malchin, Friedland, Schwerin, ja zu Teterow und andern kleineren Städten das Bürgerrecht gewinnen und sich der städtischen Jurisdiction unterwerfen müße. Kläger leugnet auch diese Thatsache nicht, sondern bestreitet nur die Rechtmäßigkeit derselben, ja im weitern Verlaufe des Processes giebt er auch diese nach gemeinem Rechte, namentlich mit Bezug auf die Polizei=Ordnung zu, und behauptet nur für die Stadt Güstrow eine Ausnahme von der Regel, namentlich in Gemäßheit der (unten mitgetheilten) Special=Verordnung des Herzogs Ulrich von 1591 über die Verpflichtung zur Gewinnung des Bürgerrechtes in Güstrow, in welcher der Adel ganz ausdrücklich davon eximirt sei. Dagegen stützte sich der Rath auf das (gleichfalls unten mitgetheilte) Rescript desselben Herzogs von 1588, und behauptete, daß die angezogenen Worte der Verordnung von 1591 ("die von Adell allein ausgeschlossen"), lediglich darauf zu beziehen seien, daß das früher oftmals streitige Verhältniß des Adels kurz zuvor durch Vermittlung der fürstlichen Räthe besonders verglichen sei, und in dieser Beziehung

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durch die neuere Verordnung daher nichts habe verändert werden sollen. Nach Inhalt dieses Vergleiches aber wären zwar diejenigen von Adel, welche nur ab und zu in die Stadt zögen, nicht zur Gewinnung des Bürgerrechts verpflichtet, wogegen sie aber auch "aller frey= und gerechtigkeit, so ein Bürger an Holtzung vnd anderm geneußet, lehr gehen, vnd nichts desto weniger zu Schoß vnd andern der Stadt vnpflichten contribuiren" müßten, diejenigen aber, welche sich "häuslich in Güstrow niederließen", müßten auch das Bürgerrecht gewinnen und den Bürgereid ablegen. Als Beispiele adlicher Personen, "so vor diesem solches gethan vnd itzo auch also praestiren" werden gelegentlich angeführt: Marten Bülow 1529, Achim Grabow 1530, Jochim Barnekow 1540, Berendt v. Bülow 1548, Hans Kerbergk 1550, Marten vom Sehe 1551, Curth Kröpelin 1556, Henningk Ballich 1559, Kühne Trebbow 1581, Carsten Prehen 1604 1 ). Uebrigens, setzt der Rath hinzu, seien auch diejenigen von Adel, welche nicht in der Stadt wohnten, in Folge des angeführten Vergleichs keinesweges ganz von der städtischen Jurisdiction eximirt, vielmehr "bezeugt die tegliche erfahrung vnd gerichtliche Processe, daß sie ratione domicilii, da dessenhalb was vorfellt, dem Stadtgerichte so wol wie ein ander einwohner vnderworfen sein". - Der Streit ward durch mehre Instanzen hindurchgeführt, dann aber (1613) durch Vermittlung einer fürstlichen Commission dahin verglichen, daß der Rath dem Kläger die Exemtion von dem Niedergerichte in der Weise zustand, wie er dieselbe für sich selbst in Anspruch nahm, nämlich so, daß er unmittelbar unter dem Raths=Collegium stehen solle 2 ).

Seit dieser Zeit ward die Classe der von der Niedergerichtsbarkeit eximirten Personen nach und nach bis zu dem Umfange erweitert, den die neuern Handbücher des meklenburgischen Processes von v. Kamptz und Trotsche nachweisen, obwohl hin und wieder noch am Ende des 18. Jahrh. selbst über die Exemtion des in den Städten mit Grundstücken angesessenen Adels gestritten ward, z. B. in Wittenburg im J. 1760, worauf sich das unten mitgetheilte Erachten des Engern Ausschusses zu Gunsten des Adels, und das Rescript des Herzogs Friedrich beziehen. In dem letztern


1) Carsten Preen ward später, nebst dem Dr. med. Mauricius Hein und dem Liecentiaten Henricus Schevius, auch als Zeuge vernommen. Alle 3 sagen aus, daß sie in Aufforderung des Rathes das Bürgerrecht gewonnen hätten, solches aber nicht gethan haben würden, wenn sie das ihnen zustehende privilegium libertatis, d. h. die V. Herzogs Ulrich von 1591 gekannt hätten.
2) "In maßen dann an weiter beliebet vnd vertragen, daß er der Herr Dr. in statu illo privato nicht vor dem Niedergerichte allhie, sondern gleich den Bürgermeistern und anderen Herren des Raths vor einem gantzen sitzenden Rathe hieselbst in prima instantia stehen vnd recht nehmen soll."
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ward die Comnpetenz der städtischen Gerichte wenigstens in Betreff der zu Stadtrecht liegenden Grundstücke (forum rei sitae) anerkannt, deren Bestand in frühern Zeiten auch anderweitig nachzuweisen, durch die neuere Gesetzgebung aber gleichfalls auf sehr enge Gränzen beschränkt ist.

Neben dem allgemeinen Stadt= oder Stapel=Gerichte bestanden übrigens schon in früher Zeit verschiedene Special=Gerichte für gewisse privilegirte Sachen, namentlich die Gewett= und Waisengerichte, in welchen der Stadtrath, mit Ausschluß des herzoglichen Vogtes, in erster Instanz urtheilte. Dieser Umstand, so wie die noch näher zu besprechenden Appellationen von dem Stadtgerichte an den Rath, gaben dem letztern häufig Veranlassung, seine Jurisdictionsbefugnisse zum Nachtheil der Stadtgerichte weiter auszudehnen, indem er bald gewisse Sachen, z. B. Ackerstreitigkeiten, Streitigkeiten der Aemter und Gewerke, die auf den Geimeinde=Grundstücken vorkommenden Delicte u. a., unter sein ausschließliches Forum zu ziehen suchte, bald die unbedingte Exemtion gewisser Classen von Personen, namentlich der Rathsmitglieder selbst, und der gesammten Unterbedienten des Rathes von dem Stadtgerichte behauptete. Auf diese Weise ist es in manchen Städten während des 18. Jahrh. wirklich gelungen, neben dem Stadtgerichte ein besonderes Magistratsgericht zu constituiren, welches z. B. in Parchim und Güstrow mit jenem in Civilsachen eine ganz allgemeine concurrente Jurisdiction übt.

Was nun die formelle Thätigkeit der städtischen Niedergerichte betrifft, so ist hier, wie auf dem platten Lande, für die ältere Zeit zunächst der gebotene und ungebotene Ding zu unterscheiden. Letztrer hat wohl ursprünglich auch in den meklenburgischen Städten den Namen Etting geführt, welcher in allen benachbarten Hansestädten in allgemeinen Gebrauch war. Es ist aber merkwürdig, daß in den ältern einheimischen Urkunden weder die Sache noch der Name vorkommt, obwohl die Existenz des Institutes aus den Ueberresten desselben im 16. und 17. Jahrh., wenn man damit die bekannten Einrichtungen der benachbarten Städte vergleicht, mit voller Sicherheit zu erkennen ist. Am interessantesten ist in dieser Beziehung der unten mitgetheilte Bericht des Stadtvogtes zu Malchin vom Jahre 1612, woraus hervorgeht, daß hier diese allgemeinen Bürgerversammlungen damals noch zwei Mal im Jahre regelmäßig und unter dem alterthümlichen Namen Etting, welcher auch in andern Malchiner Acten dieser Zeit gelegentlich vorkommt, gehegt wurden. Eben so das mitgetheilte Plauer Zeugenverhör von 1616, welches bei Gelegenheit eines Jurisdictionsstreites zwischen dem dortigen Stadtvogte Mathias Carsten und dem Magistrate aufgenommen ward, indem

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letztrer nicht nur eine Exemtion der Mitglieder des Rathes von dem gewöhnlichen Stadtgerichte behauptete, sondern auch alle Rechtsstreitigkeiten über städtische Grundstücke und Handwerkssachen vor sein Forum ziehen wollte, obwohl er zugab, daß das gleichfalls unter dem Vorsitze des Vogtes vier Mal im Jahre gehegte allgemeine Bürgerrecht, oder Quartal=Gericht auch in diesen Dingen competent sei. Die Aussagen der Zeugen charakterisiren nun dies Bürgerrecht im Gegensatz zu dem gewöhnlichen, in der Regel wöchentlich, oder nach Bedürfniß öfter oder seltener gehegten Niedergerichte, deutlich als ein ungeboten Ding, auf welchem denn, wie in Malchin, außer den Rechtssachen ohne Zweifel auch andre allgemeine Stadtangelegenheiten verhandelt sein werden. - Auch in Parchim haben sich bis in die neueste Zeit Reste dieses ungebotenen Dinges erhalten. Nach Cordes 1 ) fand zu seiner Zeit (1670) jährlich am Petri=Tage (22. Febr.) eine allgemeine Büger=Versammlung statt, auf welcher der Rath ergänzt, "und zugleich der Bürger gravamina vom Senatu angehöret und zu remediren angenommen werden, hernach die Stadt Statuta öffentlich aus dem Fenster des Rathhauses durch den regierenden Bürgermeister den Bürgern vorgelesen werden." Diese Versammlung ward noch im vorigen Jahrhunderte, jedoch um Himmelfahrt gehalten; von einer Verhandlung der Privatrechtsstreitigkeiten aus derselben findet sich aber keine Spur. Dagegen ward bis zur Aufhebung des Stadtgerichtes im vorigen Jahre um Michaelis unter dem Vorsitze des Stadtrichters (Vogtes) öffentlich unter dem Läuten der großen Glocke ein sogenanntes Bürgerrecht gehegt, auf welchem nach vorgängiger einfacher Meldung und Benennung des Beklagten, jeder Bürger erscheinen und seine Klage anbringen konnte. In der jüngsten Zeit wurden jedoch nur liquide Klagen im Bürgerrecht zugelassen, bei erfolgten Einreden des Beklagten aber die Sache an das ordentliche Gericht verwiesen, und die ganze Eigenthümlichkeit des Bürgerrechtes bestand in einem mehr summarischen Verfahren und der Verhandlung vor offenen Thüren, welches letztere aber auch schon außer Gebrauch kam. Hiernach scheint es, daß in Parchim die Verhandlung der öffentlichen Stadtangelegenheiten schon früh von der der Rechtsstreitigkeiten getrennt, und jene der Frühjahrsversammlung unter dem Vorsitze des Rathes, diese der Herbstversammlung unter Vorsitz des Stadtvogtes zugewiesen wurden. Versammlungen der ersteren Art sind auch aus vielen andern Städten unter verschiedenen Namen bekannt, und leidet es keinen Zweifel, daß damit ursprüglich überall ungebotne Rechtstage ver=


1) Bei Cleemann, Chron. v. Parchim, S. 38. Vergl. auch daselbst S. 371 u. 376.
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bunden waren, obwohl ich dies bis jetzt nur für die drei genannten Städte nachzuweisen vermag 1 ).

Daß das Gericht, geboten, wie ungeboten Ding, öffentlich gehegt ward, versteht sich von selbst. In den ältesten Zeiten geschah es wahrscheinlich überall auf offnem Markte. In Parchim z. B. ward es noch zu Cordes Zeit unter dem Rathhause gehalten, d. h. in einer offnen, von gothischen Pfeilern getragenen, gewölbten Halle oder sogenannten Laube, unter diesem alterthümlichen schönen Gebäude am altstädter Markte, welche schon in Urkunden des 13. Jahrh. unter dem Namen theatrum vorkommt, und erst durch den bei Errichtung des Ober=Appellationsgerichtes (1818) vorgenommenen Ausbau weggeschafft ward, durch welchen dies Gebäude sein jetziges fratzenhaftes Ansehn erhalten hat. Unter dieser Laube fand aber nur das Gerichtspersonal, d. h. der Vogt mit den beiden Beisitzern aus dem Rathe, und den eigentlichen Dingleuten, so wie die Partheien mit dem Fürsprach, Platz, der größere "Umstand", d. h. die bloß zuhörende Volksmasse, dagegen wird draußen auf dem Markt selbst gestanden haben, wo sich unmittelbar vor der beschriebenen Halle auch der Kaak, d. h. ein etwas erhöhter runder Platz mit dem Schandpfahl befand, auf welchem in Strafsachen die Urtheile vollstreckt wurden. Eine ähnliche Halle befindet sich noch jetzt unter dem Rathhause der Stadt Gadebusch. In andern kleinern Städten wird man sich dagegen mit einer hölzernen Bude beholfen haben, ein Ausdruck, mit welchem noch jetzt in vielen Städten das Sitzungs=Local der städtischen Behörden bezeichnet wird.

Die auf feststehendem, unabänderlichem Herkommen beruhenden Förmlichkeiten bei der Hegung, namentlich bei Eröffnung und Schließung des Ettings, werden nach den Andeutungen in dem erwähnten Malchiner Bericht und dem Plauer Zeugenverhör ziemlich dieselben gewesen sein, welche bei der Hegung des Landdings üblich waren, und aus dem Parchim'schen Stadtgerichts=Protocolle ergiebt sich, daß auch das gewöhnliche, in der Regel wöchentlich ein Mal (in Parchim Dienstags, in Bützow aber Montags) gehaltene Stapelgericht unter ganz ähnlichen Förmlichkeiten gehegt ward. - Das Verfahren war natürlich mündlich und höchst summarisch. Nachdem der Kläger seine Klage entweder persönlich oder durch den Fürsprach angebracht, und Beklagter eben so darauf geantwortet hatte, auch in der Regel noch in derselben Sitzung die etwa producirten Zeugen vernommen waren, traten die Findesleute zur Berathung ab, und ließen,


1) Nach einem Berichte des Rathes zu Parchim von 1687 hielt derselbe damals, altem Herkommen gemäß, auch in den Stadtdörfern alljährlich öffentliche Gerichtstage und Abläger.
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nachdem sie sich zu einem Beschluß vereinigt, d. h. das Recht gefunden hatten, ihren Spruch durch zwei Deputirte, welche Ordeels=, oder blos Deelsleute hießen, dem Gerichte mittheilen, welches dasselbe sofort publicirte, und sodann über den ganzen Hergang ein kurzes Protokoll aufnahm. Auf diese Weise wurden nicht selten an einem und demselben Vormittage 2 bis 3, ja mehr Rechtssachen von der Klage bis zum Schlußerkenntniß abgemacht.

Was das Personal des Gerichtes betrifft, so ist von dem vorsitzenden Vogte und seinen Beisitzern schon oben die Rede gewesen. Die Findesleute, seltner Schöffen genannt 1 ), wurden nach dem Zeugniß des Cordes wenigstens in der Stadt Parchim noch gegen Ende des 17. Jahrh. aus der gemeinen Bürgerschaft genommen, "so der Ordnung nach dazu gefordert werden", und die Deels= oder Ordeelsmänner (Urtheilsleute), welche das gefundene Recht einbrachten, oder theilten, waren offenbar nur Deputirte aus der Mitte der Findesleute gewählt. Von einem besondern Schöffenstande, wie er sich anderswo im Laufe der Zeit ausbildete, ist daher in Meklenburg keine Rede, vielmehr blieb das Recht der Urtheilsfindung bis zum Untergange des ganzen Institutes ein Ehrenrecht jedes unbescholtenen Bürgers, und erst als die wirkliche lebendige Theilnahme des Volkes an der richterlichen Entscheidung durch die Einführung des geheimen schriftlichen Verfahrens vor dem gelehrten Richter verdrängt war, tauchen hin und wieder auch in den Städten ständige Findesleute auf, um bei den leeren Förmlichkeiten, welche in gewissen Fällen, namentlich bei der Hegung des hochpeinlichen Halsgerichtes nach Vorschrift der Carolina, noch an das ältere Verfahren erinnerten, das Volk zu repräsentiren.

Die Zeit des Unterganges dieser Art Volksjustiz ist für die meisten Städte nicht genau zu bestimmen. In Goldberg ward der Bürgerschaft das Recht der Urtheilsfindung schon im Jahre 1570 in Folge eines voraufgegangenen Tumultes gleichsam zur Strafe genommen, und der Bürgermeister und Stadtvogt dagegen nur verpflichtet, künftig nach ihrer Wahl zwei "verstendige Bürger" zuzuziehen, um sich "mit vnd neben ihnen eines billig mäßigen vndt Recht Spruches undt Urtheils zu unterreden" 2 ). Ungefähr aus derselben Zeit haben wir die letzte Nachricht von der Hegung des Stapelrechtes


1) Im stargardischen Kreise scheint indeß die Benennung "Schepen" d. h. Schöffen, gebräuchlicher zu sein.
2) S. unten Nr. 7. Die am 28. Juni 1571 ertheilte Bestätigung der Privilegien der Stadt übergeht diesen Punct mit Stillschweigen, ob wohl andere Bestimmungen des sogenannten Abschieds vom vorigen Jahre hier wiederholt wurden (v. Kamptz, M. L. R. I. 2. Nr. 14, S. 132). Daß aber letztrer wirklich zur Ausführung gekommen, ergiebt sich aus einer unter dem Siegel der herzoglichen (  ...  )
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zu Neustadt (1574) und Malchin (1588) 1 ). In Bützow dagegen erließ der Herzog Ulrich im Jahre 1589 auf die Beschwerde der Stadt über eingerissene Mißbräuche eine neue Gerichtsordnung, wodurch das ältere Verfahren in allen wesentlichen Punkten, namentlich die Urtheilsfindung durch die Bürger in erster Instanz, völlig bestätigt und wiederhergestellt ward. In der folgenden Zeit findet sich keine Nachricht darüber, und gewiß ist daher nur, daß im Jahre 1678, wo in Folge eines Tumultes auch hier namentlich die Jurisdictions=Verhältnisse durch eine herzogliche Commission geordnet wurden, von einer Theilnahme der Bürger an der Urtheilsfindung keine Spur mehr zu entdecken ist, und in einem spätern Commissionsberichte von 1694 wird ihrer nur gelegentlich als eines längst untergegangenen Gebrauches früherer Zeiten gedacht. In Plau beschränkte sich diese Theilnahme nach dem mitgetheilten Berichte des Stadtvogtes und dem Zeugenverhör von 1616 schon damals auf das 4 Mal im Jahre gehaltne Bürgerrecht. Rücksichtlich der Stadt Schwerin findet sich nur eine Beschwerde des Stadtvogtes Eikholt vom 29. Juni 1686 über die eingerissene Unordnung, daß an den gewöhnlichen Gerichtstagen außer den citirten Partheien auch andere Personen "sogar in sitzendem Gerichte" in das Gerichtszimmer drengten, während doch sonst die "allgemeine observence bei allen Gerichten vndt sonsten notorium, daß dieselben separat und privat gehalten vndt gelassen werden müssen", worauf Herzog Christian Ludwig auch ein strenges Patent gegen solchen Mißbrauch erließ. Damals war also die öffentliche Hegung des Gerichtes, und damit natürlich auch die Theilnahme der Bürger an der Urtheilsfindung längst außer Uebung, wenn auch in dem Gedächtniß der letztern anscheinend noch nicht gänzlich verschollen. Auch in Bezug auf Güstrow wird schon in einem Commissions=Berichte vom 18. Septbr. 1662 bemerkt, "vor die sem hätten sonsten die Bürger das Stapelrecht und Gericht gehabt, hätten auch die Vrthel eingebracht, vnd wehren so weitläuftige process, wie itzo, bei derselben nicht geführt." 2 ) Dies Verfahren war also schon lange nicht mehr gebräuchlich und ist anscheinend schon zu Anfang des 17. Jahrh. außer Uebung gekommen 3 ). Um


(  ...  ) Kammer beglaubigten Abschrift v. 4. Juni 1691, wodurch derselbe zugleich allen Inhalts confirmirt, und den Beamten die genaue Beachtung desselben eingeschärft wird.
1) Wegen Grevismühlen vergl. die dortige Bürgersprache §. 24 (ohne Jahr) bei v. Kamptz a. a. O. Nr. 39.
2) Vergl. auch unten den Bericht des Rathes von 1664.
3) Im Jahre 1668 ernannte der Herzog Gustav Adolph eine Commission zur Revision der Stadtverfassungen, namentlich seiner Residenz Güstrow, und ertheilte derselben eine umfängliche höchst interessante Instruction. Er beabsichtigte hiernach unter anderm die Errichtung eines Schöppenstuhles zu Güstrow, nach dem (  ...  )
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so auffallender ist es, daß sich in der Stadt Parchim die ältere Gerichtsverfassung noch bis zu Ende des gedachten Jahrhunderts fast ganz in ihrer ursprünglichen Reinheit erhielt; doch ergiebt sich aus den vorhandenen Protokollbüchern, woraus ich unten nur einige Auszüge mittheilen kann, daß die wichtigern Crimninalfälle nicht mehr vor dem Stapel verhandelt wurden; nach dem Inhalte andrer Specialacten wurden dieselben vielmehr jetzt auch in Parchim, wie in allen übrigen Städten vor dem Stadtgerichte in geheimen Verfahren instruirt, darauf acta gewöhnlich zur Urtheilsfassung an eine Facultät, auch wohl zuvor noch zur Einholung von Instruction an die Hof=Canzlei eingesandt, und demnächst das Erkenntniß im Namen von "Bürgermeister, Gericht vnd Rath" publicirt.

Auch die Fürsprachen oder Redner, im 16. Jahrh. in den Städten gewöhnlich schon Procuratoren genannt, spielten in diesem alten Verfahren eine sehr wichtige Rolle, haben aber wahrscheinlich das meiste zu seinem Untergange beigetragen. Ursprünglich scheinen dieselben überall ständige Beamte in beschrankter Zahl gewesen zu sein. In Parchim z. B. war nach einem Berichte des Stadtvogtes um 1580 nur ein "Vorsprach", welcher also wohl kaum als Parthei=Anwald zu betrachten ist, wogegen der Vogt die Anstellung und Beeidigung eines zweiten "der gemeinen Bürgerschaft zum besten" beantragte. Jedenfalls hatten dieselben ihrer Stellung nach weit mehr den Charakter einer öffentlichen Person, als unsere jetzigen Sachwälde, welche aus ihnen hervorgegangen sind, indem sie namentlich dem Richter nicht untergeordnet waren, sondern demselben wie bei der feierlichen Eröffnung und Schließung des Gerichtes, so überhaupt bei Aufrechthaltung der Ordnung zur Seite standen. Schon am Ende des 16. Jahrh. scheinen indeß die Procuratoren gewöhnlich aus der Zahl der rechtsgelehrten Notarien gewählt zu sein, und sofort beginnt auch die Klage über Verdrängung der einfachen Rechtsformen des auf altem Herkommen beruhenden Verfahrens, und Verschleppung der Sachen durch diese mit den schärfern Rechtsbegriffen wie mit den Spitzfindigkeiten der römischen Juristen vertrauten Männer 1 ). Dessen ungeachtet wurde die Hülfe eines rechtsgelehrten Sachwalds immer unentbehrlicher, je mehr auch die Gerichte aus diesem Stande besetzt, und dadurch die Herrschaft des römischen Rechtes völlig entschieden ward, obgleich die Einführung eines rechtlichen


(  ...  ) Vorbilde des Leipziger, worin ein fürstlicher Stadtvogt präsidiren, und außerdem 4 Bürgermeister, 2 andere städtische und 1 fürstlicher Gerichtsherr als Assessoren fungiren sollten. Die Stadt protestirte indeß gegen diese und ähnliche Neuerungen, weßhalb der Herzog dieselben fallen ließ.
1) Vergl. unten den Bericht des Raths zu Bützow vor 1583 (Nr. 11).
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Zwanges zur Zuziehung eines gelehrten Anwalds bei den Niedergerichten wohl hie und da versucht, aber nirgends dauernd durchgesetzt werden konnte. So z. B. bat der Stadtvogt Eikholt zu Schwerin unterm 12. Aug. 1690 um Anstellung einer bestimmten Zahl beeidigter Procuratoren bei dem dortigen Niedergerichte, und die Notarien zu Güstrow beschwerten sich im Jahre 1709 gradezu darüber, daß die Partheien häufig in Person ohne einen Procurator vor dem Niedergerichte erschienen, wo denn der Stadtvogt "den Procurator für beide Partheien und den Richter in einer Person mache, indem er Klage und Antwort zu Protocoll dictire und das Urtheil darüber spreche". Nach der auf diese Veranlassung vom Bürgermeister, Gericht und Rath entworfenen und am 10. Mai 1709 von dem Herzoge bestätigten neuen Procuratoren=Ordnung sollten nun wirklich 6 bis 7 privilegirte Niedergerichtsprocuratoren bestellt werden, mit der ausschließlichen Berechtigung, die Partheien vor Gericht zu vertreten, jedoch wurde diesen wenigstens so viel gestattet, in Sachen "die von keiner Wichtigkeit sind", persönlich vor Gericht zu erscheinen. Wie lange diese Ordnung in Kraft geblieben ist, weiß ich nicht nachzuweisen.

Der Appellationszug ging wenigstens im 16. Jahrh. mit seltnen Ausnahmen vom Stapel= oder Stadtgerichte an den "sitzenden Rath" der Stadt, und diese Einrichtung beruhte ohne Zweifel auf altem Herkommen, da sie sich auch in den benachbarten großen Hansestädten schon früher in ganz ähnlicher Weise vorfindet. Nur in den wenigen sogenannten amtssäßigen Städten ward, wenn dem Stadtvogte überall die Jurisdiction übertragen war, von diesem an das Amtsgericht, oder wo das letztere das Verfahren in erster Instanz selber geleitet hatte, unmittelbar an das Land= und Hofgericht oder die Hof=Canzleien appellirt. In andern kleinern Städten war auch, entweder unmittelbar vom Stapelgericht, oder nach einer Zwischen=Instanz bei dem eignen Magistrate der Stadt, die Appellation an den Rath einer größern benachbarten Stadt herkömmlich, die mit gleichem Recht bewidmet war. So ward z. B. von Malchin, Krackow und Malchow an den Rath zu Güstrow und von Goldberg, wahrscheinlich in ältern Zeiten auch den andern beiden Städten der ehemaligen Herrschaft Parchim, nämlich Plau und Sternberg, an den Rath zu Parchim appellirt, wogegen der Rath zu Crivitz schon im Jahre 1544 gegen die Zulässigkeit der Appellation an den Rath zu Schwerin protestirte. Die Appellation von Goldberg nach Parchim, so wie die Anwendbarkeit des Parchim'schen Rechtes in ersterer Stadt, ward indeß schon 1570 in Folge des erwähnten Tumultes zugleich mit der Aufhebung der Rechtsfindung durch die Bürger ver=

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boten, und auch in den übrigen genannten Städten scheint die Appellation an fremde Raths=Collegien bald nach dieser Zeit außer Gebrauch gekommen zu sein, wogegen der eigne Stadtrath noch längere Zeit hindurch die regelmäßige Appellations=Instanz blieb. Bald fingen jedoch die Stadtvögte an, auch gegen diese Einrichtung mit immer steigender Erbitterung zu eifern, indem sie es für widersinnig und gegen den fürstlichen Respect laufend erklärten, von dem Fürsten (d. h. fürstlichem Stadtvogte) an die Unterthanen (Magistrat) von dem höhern an das niedere Gericht zu appelliren, eine Ansicht, welche sich nach Aufhebung der Urtheilsfindung durch die gemeine Bürgerschaft fast nothwendig ausbilden mußte, und in den meisten kleinern Städten auch wirklich noch vor dem Ablauf des 16. Jahrh. durchgedrungen zu sein scheint. In Sternberg bestand die alte Einrichtung indeß 1603, so wie in Plau 1616 noch unangefochten; in Bützow ward sie noch durch den Commissions=Receß vom 24. Novbr. 1678 ausdrücklich bestätigt, und auch der Commissions=Bericht von 1694 empfiehlt es in dieser Beziehung, des Widerspruches von Seiten des Stadtvogtes ungeachtet, lediglich bei der Bestimmung jenes Recesses zu lassen. Auch in Malchin war die Appellation noch 1741 in Uebung, wogegen dieselbe in Schwerin schon 1690 unbekannt gewesen zu sein scheint. In Güstrow ward dieselbe gleichfalls schon 1664 durch den Stadtvogt bestritten, und in der Instruction, welche den herzoglichen Conimissarien zur Visitation der Landstädte dieserhalb unterm 23. Juli ertheilt ward, heißt es: die Appellation von dem Niedergerichte an den Rath könne nicht gestanden werden, "da etwas furgegangen wehre es clam geschehen, denn absurdum, a principe ad subditos zu appelliren." Dessen ungeachtet blieb dieselbe hier, wie in Parchim bis auf unsre Zeiten wenigstens rechtlich von Bestand, wenn auch in den letzten Jahren nur selten Gebrauch davon gemacht ward, und erst durch die jüngste Revision der Ober=Appellationsgerichts Ordnung ward sie, der Protestation der Stadt Parchim ungeachtet, stillschweigend aufgehoben, womit denn der letzte Rest der alten eigenthümlichen Rechtsverfassung der Städte verschwunden ist.

Der Charakter dieser ehemaligen Volksgerichte wird sich aus den mitgetheilten Beispielen, namentlich den Auszügen aus den Güstrower und Parchim'schen Gerichtsprotokollen, wenigstens einiger Maaßen erkennen lassen. Im Allgemeinen zeigen die Entscheidungen dieser einfachen Urtheilsfasser bei allem Mangel gelehrter Rechtsbildung unverkennbar ein tüchtiges und gesundes Rechtsgefühl, welches durch allzu starres Festhalten an positiven Rechtssätzen nicht befriedigt ward, sondern unter steter Berücksichtigung der Eigenthümlichkeiten des einzelnen vorliegenden Falles

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und der ihnen genau bekannten Verhältnisse der Partheien, allerdings mit großer souverainer Willkühr, nach Billigkeit entschied. Mit andern Worten, das Institut hatte mehr den Charakter eines Schiedsgerichtes, als einer wirklichen Rechtsbehörde, und das wird auch wohl überall und zu allen Zeiten der Charakter solcher Volksgerichte sein, aber grade darin liegt gewiß ein Hauptgrund der allgemeinen Liebe und des großen Vertrauens, womit die Masse des Volkes, welches sich nirgends bis zu der Idee des abstracten Rechtes zu erheben vermag, an dieser Einrichtung zu hängen pflegt.

Diese Bemerkungen werden vorläufig genügen zur Erläuterung der folgenden, auf die städtischen Niedergerichte bezüglichen,

Urkunden und Actenauszüge.

Nr. 1.

Auszug aus dem Bruchregister der Stadt Wittenburg von 1534-1537.

"Summa summarum dusser entfangenen Brokes van den vorgheschrevenen Jaren: LXXVIII mrk. lub., III ßl.

It. soo is hirvan, alße de ringeste broke, den Richteherenn, Vorspraken, vnd den Deneren gheghevenn: III mrk.

It. Darnha de Helffte, alße van düssen baven gheschrevenen LXXVIII mrk. unser g. h. Stadtvagede Baltzer Kutzenn verantwordeth."


Nr. 2.

Auszug aus einem Schreiben des Raths der Stadt Crivitz an den Rath zu Schwerin. 1544.

Der Rath beschwert sich, daß die Vicarien zu Criwitz in ihren Sachen wider Mathias Westphalen vor den Stapel zu Schwerin geladen sein und fährt dann fort: "Darup Konne wy jv nicht bergen, dat wy alhir tho Criwitz Sassenth Recht, alse den Sassenspiegel hebben, vnd kein vthscheldende recht, nach ludt vnd inholdt der Stadt Criwitz Privilegia". - - "is ok van olders her, dat alhie tho Criwitz keine minsche gedenken, keine sake vor dem Stapel tho Swerin gescholden, noch gerechtferdigt worden."

Dat. Criuitz Midweken nach Valentini. Anno etc. XLIV.


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Nr. 3.

Auszug aus den Protokollbüchern des Rathes zu Güstrow. 1537-1605.

1) Herr Karsten Loßermann, Herr Hinrick Braschken, Her Heinrich Braschken, contra Matthias Loßemann, Clauß Baroldt, Achim Möller.

Ao. 1537 d. 1. Martii. Clegere sagen, sie hätten die Beklagten mitt Instrumenten vom Stapel angelanget, da ihnen erkandt, das sie den Beclagten der Instrumenten Copien geben sollen, davon sie appelliret vndt geben zuerkennen, das sie das nicht schuldig, Beclagten bitten das Vrtel vorm Stapel funden, welch sie eingeleget, zubekrefftigen. Hierauff ist zu Recht erkandt, das die Clegere den Beclagten von den Instrumenten, damitt sie dieselben belangen, glaubwürdige Copien in der sprach darin die Instrumenta stehen, zugeben schuldig sein, Wollen darnach die Beclagten solche Copien in andere Sprachung setzen laßen, soll in ihrer Macht stehen etc. .

2) Herr Kersten Loßermann contra Achim Koltzowen.

Ao. 1537 d. 1. Martij. Kleger sagt er habe Koltzowen vmb etzlichen Acker mit des thumb protocollbuch angelanget, vndt Koltzow demselben, dieweil keine Burgen darin benandt, keinen glauben geben wollen, darauf auch funden vndt geteilet, das sie dem buch wedder nehmen noch geben wollen. Ist erkandt das Vbel gesprochen vndt woll appelliret vndt sey das Protocollbuch zur Beweisung genugsamb etc. .

3) Achim Radelofsche vndt Peter Tannensesche, ctr. Claußen Möllern.

Ao. 1537 d. 23. Novembr. Appellanten sagen ihr broder Kersten Gentze habe gehabt zur Ehe Catharinen, Claußen Müllers Süster, mit ihr gezeuget drey Kinder, So sey erstlich die Moder darnach de Vader vnd letztlich de Kinder gestorven, darumb Claus Möller den halben theill vndt die beiden Frawen zween dritten theill der nachgelaßenen gueter zu Krakow erstlich vor dem Stapel vndt fulgendt vor dem Rathe angesprochen mitt Recht, Ist darauff zu Krakow rechtlich erkandt wie auch von dem Stapel funden vndt getheilet, das Möller zu dem halben guthe vndt die beiden Frawen semptlich zu der andern helffte berechtiget sein sollen. Hierauff die Frawen vor dem Ehrsamen Rath zu Güstrow appelliret, Mitt erholung vorigen Clagen, einwürffen, petitionen vndt einlegung des Raths zu Krakow Information. Ist erkandt das zu Krakow wol gevrtheilet vndt vbel appelliret vndt sollen die streitige gueter in zween gleiche parthe getheilet vndt jedem Stam, als Claus Möllern ein halber

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theill vndt den beiden Frawen der ander halbe theill zugestellet werden etc. .

4) Her Jost Pein ctr. Dr. Johan Gielowen.

Ao. etc. . 1539. 18. Aprilis. Kleger sagt, er habe für Beklagten vermuge seiner versiegelten Handschrift gelobet, vnd auch bezahlet, Bittet zu erkennen, daß er von ihm wiederumb entrichtet wurde, wie dan auch fur dem Stapel von den Bürgern solliches gefunden vnd getheilet, davon Gielow vor uns beruffen.

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5) Hans Wustehufe, Müller zu Malchin, ctr. Dr. Johann Gielowen.

Ao. etc. . 1539. 13. Decbr. Kleger hatt dem Beklagten fur dem Stapel angesprochen, - - - -
Beklagter sagt, der Kleger sei ein vnehrlicher Man, - - - -
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darumb sei er zu antworten nicht schuldig. Hierauff Bürger funden vnd getheilet, das Gielow zu antworten schuldig, - - - - - -
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welches Gielow fur vns geschulden vnd appelliret.
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6) Achim Rachell, contra Henning Schmidt.

Ao 1540. d. 30. Augusti. Cleger sagt, beclagter hatte ihm ein Stück ackers verkaufft qvied vnd verheißen die XXV mrk. so darin stünden bei sich zubehalten, welches er zuerweisen wüste, darauff auch ein Raht zu Malchow vermüg ihres vns vorgelegten vrtelbriefs mit Recht erkandt, dieweils Rachel beweisen Kunte mit glaubwürdigen Zeugen, das Schmidt die angenommen Summen geldes stillen solte vndt den Acker den Keuffer entfreyen. Demnach haben wir zu recht erkandt, das durch den Rath zu Malchow wol gevrteilet vndt vbel appelliret vndt soll Achim Rachel wo vor dem Rathe zu Malchow erwiesen hatt oder erweisen wirdt, das Henning Schmidt die XXV mrk. zu Verxenthen im Kauff des Ackers bei sich behalten, den gekaufften Acker deshalben quied vndt frey besitzen vndt Schmidt schüldig sein, ihme Racheln den Acker deshalben zuendtfreyhen etc. .

7) Heinrich Schmeker thom Wustenfelde ctr. Doctorem Jost Mahn.

Ao. 1547, feria 4ta post Misericordias Domini. Ein Beiurtheil.

Da Kleger, alß die ehrbare Heinrich Schmeker, hefft vor vns andragen laten, wo he vom Neddergerichte in etliken saken

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wedder Doctorem Jost Mahn vor vns appelliret, etc. . - - Dieweil dan die Erbare Hinrick Schmecker gehorsamb erschienen, vnd Doctor Jost Mahn vngehorsamb vthrgebleven, hefft ein Ehrsam Rath Doctorem Jost in expens condemniret etc.
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8) Andreas Bill Cleger, Bürger zu Malchin, ctr. Achim Schweden, vndt Adam Bomgarten, Beklagten vnd Appellanten.

Ao. 1574. d. 4. Februarij. In Sachen Andreas Bill Clegern eines Kegen vndt Wieder Achim Schweden vnd Adam Bomgarten Beklagten vnd Appellanten bürgern zu Malchin beclagten andern theils bekennen Wir Bürgermeistere vndt Rathmann der Statt Güstrow vor Recht, das Cleger seine Klage, das der garte ein pfandt sey, zubeweisen schüldig; wan solches geschehen, ergehet ferner darin was recht ist, Mittler Weile aber sollen beclagte ihres langwierigen Besitzes des garten genießen vndt deßelben hiemitt restituiret sein Von Rechts wegen etc. .

9) Ao. 1589. d. 28. Martij. In Appellation Claus Meßebergen bürgern zu Teterow Clegern vnd Appellanten eines wieder Hansen Brehmern auch bürgern daselbst beclagten vnd Appellaten anderstheils, Erkennet ein Erbahr Rath alhie fur Recht, weill itzige daher Appellant seine wieder Appellaten erhobene Clage noch zur Zeitt nicht gnugsamb oder wie Recht erwiesen hatt, daß es bey eines Ersahmen Raths zu Teterow hierinnen gesprochenen vrteill billig bleiben solle. V. R. W.

10) Ao. 1604. 9. July. In Appellationsachen Herrn Licentiati Henrici Scheuy, Appellanten, gegen vnd wider Peter Langelaus, Appellaten, Erkennen wir Bürgermeister vnd Rath alhier, das in erster Instanz wol gesprochen, vnd vbel davon Appelliret sey etc. . - - - - - - -

11) Ao. 1605. 18. Dcbr. In Appellationsachen Herrn Licentiaten Henrici Sceuy Appellanten wider Jochim Kock, Appellaten, Erkennen wir, daß Appellant vnd Beklagter nochmalen laut der Stadt gewohnheitt vnd gebrauch, auch der furstlich Meklenburgischen Hofgerichtsordnungen, soll mundlich, wie Cleger gethan, sein notturft vorbringen, vnd das also deßhalb wollgesprochen vnd vbel appelliret etc. . - - - - - - -

Anmerkung. Das Original der obgedachten Protocollbücher ist nicht mehr vorhanden; der vorstehende Auszug ist vielmehr aus verschiedenen Abschriften einzelner Stücke daraus zusammengestellt. Aehnliche Appellationen von Erkenntnissen des Niedergerichts an den Rath finden sich namentlich auch aus den Jahren 1529. 1530. 1531. 1532. (In Sachen gegen den obengenannten Dr. Gielow); 1534 (Gegen

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Dr. Schulte); 1538. 39. 40. 41. 43. 46. 47. (Gegen Dr. Gielow); 1547 (Gegen Dr. Jost Mahn); 1549 (Gegen die Ehefrau des Dr. Millies.


Nr. 4.

Auszug aus den Protokoll=Büchern des Stadtgerichtes zu Güstrow. 1554-1592.

1) Anno etc. 1554. die 3. Octobris.

Matze Kretze, alias Vnger, ctr. George Stövern.

Kleger vnde Appellanten Matze Kritze, hefft Jurgen Stöuern beklageten vor dem Ersamen Rade vnd Neddesten Gerichte Vmme etlick Suluer mit rechte beschuldiget, welcker Suluer von einem Gesellen, de mett Stouern gedienett, Stouern entferdigt vnde wedder vmme vom Knechte edder Gesellen bekennet, dat ehme die Geselle Stouen eine handtschrifft, dat idt sine gewesen, in gegenwerdicheit aller Goldtschmede vnd Gesellen gegeuen, So denne de Geselle Vngefehrlick ein Jahr thoforen mit Matzen gedient hefft he sick beduncken lathen, idt were sin Suluer, dat Stoue van dem Gesellen bekemen hedde, Diewile dan Matz solckes Sulluers vngewiße wehre id sin, ock nicht bewiesen können, hebben de Borgere vor dem Neddersten gerichte darup funden vnd gedehlt, Na dem des Gesellen handtschrifft de he Stöuen gegeuen nicht vermach, dat idt Matzen gestalen edder Stöuen ehme dar van watt geuen scholen, So schall Stoue derwegen keine noht liden, vnd Matze schall sinen deff söken, so ehme weg entferdiget iß, Solck Vrdell hefft ein Ersahm Raht Confirmiret vnde bi der Borger affsegendt bliuen laten, Matz schal sinen deff söcken. Actum Gustrow Ut S.

Nulla facta est Appellatio.
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2) Mandages na Conuersion. Pauly Anno etc. 66.

De Bannersche, cntr. Materm Frien vnd Lehnhardt Kalen in puncto fideiussionis fur 10 ßl.

Hierinnen erkennen de Borgere fur Recht, wile se des loffs gestendich, so scholen so tho holden verpflichtet sin,
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3) Gastrecht den 4. Juny Ao. etc. . 67.

Andres Junckher, ctr. Jurgen Stöuern, wegen eines affgekofften Liekstens vnd begraffens fur 17 ßl. etc. .

Stouen iß sick met ehme in 14 dagen tho Rostogk tho verdragen vnd tho levern by einer namhafften peen verwiesen.
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4) Den 15. January Anno 71.

Andres Juncker, ctr. Jurgen Stouern wegen obergedachts Leichsteins etc. .

Ille. Sagt Juncker hebb ehm bedragen etc. .

Die Bürger erkennen weil der Kauff zu Rostogk geschehen vnd die leuering alda erfolgen schall, schal dat geldt ock tho Rostogk erlegt werden.
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6) Den 25. January Anno 71. Gastrecht.

Clauß hamelsche von Rostogk, ctr. Jorge Stouern wegen 47 Fl. 8 ßl. geborgts vndt verlegt geldes luth eines prothocolls etc. .

Ille. Ehm vnd seiner Fruwen were die schuldt vnwißentlich, vnd vermuthlich do Tonnies Hagemeister na Venedigen reisen wille nene Vorstandt edder handtschrifft legen, ock were Claß Hamel in sinem letzten bi ehm gewesen vnd der schuld nicht gedacht etc. .

De Borgere erkennen vor Recht, Diewile Clauß Hamell vndt Tonnies Hagemeister einen Contract gemaket vnde handtschrift gegeuen, do he na Venedigen gereiset vnde Hagemeister wedder tho huß gekamen, sick Kranck gelegt, vnde Hamel twe edder dremahl bi ehm gewesen vnde der Summe nicht gedacht, schall Hamelsche sulckes mit leuendigen tugen edder mit Segln vnd breuen bewisen, sie geuen edder nehmen dem protocoll nicht, wem idt nicht besagt, die Magdt idt schelden.

Die Hamelsche schelde ehre Sake vor einen Sittenden stuhl des Rades vp ehre Verbeterendt dieweile ehres Mannes protocoll Vnde egene handt verhanden, dat idt schul bi Vollmacht erkennt werden.

Extract aus des Rahts Büche Anno 72. 27. Marty.

Die hamelsche von Rostogk Klegerin ctr. Jorg Stouern, burgern alhier beklagten.

In irrigen sachen, so sich zwischen Claus hamels witben, Clegerinnen vnd Appellantinnen gegen und wieder Jorg Stouern borgern alhier zu Gustrow, Beklagten, wegen 47 Fl. 8 ßl. erhaltendt, erkennen wir Burgermeistere vndt Rathmanne der Bürger Vrtheil bey Vollmacht zu bleiben, In Mangel aber deß soll Sie schuldig sein, ihr schuldbuch mit ihrem Eyde zu bekräfftigen, ergehet alßdan ferner darauff was recht ist, Von Rechtswegen.


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Nr. 5.

Contumacial=Verfahren in Güstrow wider einen des Mordes Angeklagten. 1557.

Im Jahre 1557 hatte Jost von Stein einen güstrower Bürger, Voisan, erschlagen, worauf dessen Bruder Joachim Voisan gerichtliche Klage gegen den Mörder erhob, worüber er sich so ausspricht:

"Dornha hebbe ick de Richthern gefurdet, vnd den mordischen Gefangen auerandtwerdet bei dem Bescheide, dat de Richtheren den Morder scholden wiederumb tho Rechte stellen, wen ick ehn rechtlich Furderdhe. Darup hebben sie ehn angenommen. Und den vierden Dach darnha hebben sie nu ein Recht geheget, vnd die Bank geslaten, wie alhir bruchlich, vnd gesworen, sie wolden richten von Gotts wegen, der Fursten tho Mekelnburch vnd Radeß tho Gustrow, als se wolden vor idermanniglich bekandt sein. Doruff ick meine Clage gedan, den Morder citirt vnd gefurdert, de Richthern muchten ehn darstellen. Auerst der Morder is vthgebleuen, doch is he dre Mals vor ein erloser Morder bescriet. Darnha hefft der verordenter Stadtuogt einen Deelsmhan gefurdert, vnd vnder de Burgher geschickt, dat se ein Ordel scholden finden, als sie idt vor Godt vndt ider menniglich konnden verandtworden. Der Deelsmnann hefft ingebracht: wie wol recht vnd bruklich were, dath de Leuendige bei dem Doden scholde gebracht werden, doch nhu vpgehauen, scholde gelicke wol noghen, wat recht were, nha Lut eines Instruments. Datselbige Ordel ist vhan dem gantzen Gerichte im Nhamen des Almechtigen, vnser ghnedigen Hern vnd Rades tho Gustrow angenhomen, vnd also in seine Kraft gegangen. Das hefft sein Advocat oder Keiner daruon protestirt, oder vorbeholden, dat der Morder in thokumptigen Tiden anderß worde beweisen, oder jenige Entschuldige vorwenden."


Nr. 6.

Mandat des Herzogs Johann Albrecht zur Hegung eines peinlichen Halsgerichtes vor der Schloßbrücke zu Schwerin. 1569.

Vonn gotts gnaden Johans
Albrecht hertzogk zu Meckelburgk

Lieber getreuer, Nachdem wir gestriges Tages, als wir einen Tohttschläger, Achim Boltte genantt, haben richtten lassen, einen merglichen Vbelstandt vnd vnordnung In beleutung, bestellung,

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hegung, besitzung vnd vffhebung des gerichts befunden, Nemlich daß du fast allein In publicirung des vrteils vorhanden geweßenn one einige Schöpffen oder beysitzer, Welches nicht allein wies obgemeldett, Bbel stehett, Sondern auch allem loblichen gebrauch vnnd den beschriebenen Rechten, Insonderheit aber der Kayserlichenn Peinlichen gerichtsordnung, die wir In vnsern landen vnd furstenthumb gehaltten haben wollen, gantz vnd gar zu wieder ist, Auch vnsere Jurisdiction vnd gerichtsgewalt nicht wenig verkleinertt.

Vnd wir denn Itzo Christoffen Kloden vff den schirstkunfftigen Sonnabendt seiner abscheulichen Verbrechung halben, ernstlich vom leben zum Tode straffen zu lassen entschlossen, Darzu wir dan vier schopffen auß der Stadt, Nemlich die zwene Richtsherren vnd zwene von den Ambtern, Auch den Nottarium Coßmum Schlepkow zum Gerichts Notario vnd vorlesung der Vrtel bestellet, Desgleichen auch vnserm Ambtmann vnd kochmeister allhie beuolen, daß ste beide oder Jo zum wenigsten der kuchemeister neben dir forthin alle Peinliche halsgericht mit besitzen sollen.

Wie du den solchs dem Rat anzuzeigen vnd die verordnete schopffen darzu zuerfordern wißen wirst. Alß beuhelen wir dir hiemitt gnediglich, daß du vnserm haußvoigt alhie zu schwerin vor den hochsten Schoppen mitt darzu ziehest, vnd vff der bahn fur der Brucken vff den schirstkunfftigen Sonnabendt, Auch vff alle andere Peinliche gerichts Tage einen Tisch vnd vier Bencke vmbhersetzen, das gericht gewohnlicher weiße hegen vnd mit der großen glocken Im thurmb Erleutten lassest, Auch du einen weißen stap, wie In solchen fellen gebreuchlich, Als der Richter In der handt habest, Dem Vbelthetter durch den ScharffRichter anklagen vnd das gebreuchliche zetter geschrey vber In thun lassest, In auch befragest, ob er vff der bekenntniß, die er zu vielen Malen In der gute gethaenn, Nemlich das er die frau Ernestussin vnd Ire Magd boßhafftiger vorsetzlicher meinung ermordet, Mit der keulen, die du Im wollest fur gericht furhaltten vnd zeigen, zubeharren bedenke, vnd wan er darauff Ja sagtt, so wollest du alsdan das gefaste geschriftliche vrtel, so wir dir zustellen lassen wollen, durch den gericht Notarien offentlich verletzen, den Stab nach verlesenem vrtheil Vber Im brechen vnd darnach neben vnserm kuchenmeister vnd landreiter vor dem Vbeltheter herreitest vnd ahn der gerichts stadt, wie Im Vrtel vermeldet, durch etliche gerüste, darzu erforderte burger, den kreiß schlagen, den gefangenen auß gotts wortt trosten vnd bethen, Auch das liedt "Nun bitten wir den heiligen geist" zu singen anfahen lassen

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vnd vnter werendem gesang die Rechtfertigung an dem vbeltheter volzigen lassen.

Du wollest auch nach gebrochenem Stab, wenn du den vbelthetter dem Scharffrichter vberantwurttet hast, In gemein des scharffrichters fride vnd schutz, vndt daß sich niemandts bey verlust leibs vndt guts vergriffe, ahn vnser stadt außkundigen, desgleichen auch den gefangenen, wofern es albereit nicht gescheen, vermelden, daß er vff den nechsten ßunnabent sterben sollt, damitt er also sein sachen zu gott Richten vnd alles geburlicher ordentlicher weiße volzogen werden muge, In dem allem erstattestu vnser gantzliche meinung. Datum den 14. octobris Anno 1569.

An Johan Jegern.


Nr. 7.

Furstlicher Vortragk vnd Abscheidt zwischen Christoffer von Jaßmundt Hauptmann vndt den Burgern zum Goldtbergk in Ao. etc. . 1570 auffgerichtet etc. .

Zu wißen, Nachdem der Durchleuchtiger Hochgeborner Fürst vndt Herr, Herr Johan Albrecht, Hertzogk zu Mecklenburgk, Furst zu Wenden, Graff zu Schwerin, der Lande Rostock vndt Stargardt Herr etc. . glaubwurdig vndt wahrhafftig berichtet worden, das Jungst erschienen Sommers, da S. F. G. außerhalb S. F. G. Landt vndt Furstentbumb bey der Romischen Kaiserlichen Maytt. vnserm allerseits gnedigsten Herrn zu Prage gewesen, Burgermeister, Raht, Stadtvoigt vndt ganze gemeine, alhie zu Goltbergk einen Tumult vndt Meutenerey angerichtet, vndt sich so woll wieder Hochgedachter S. F. G. Ambtmann Christoffer von Jaßmunden, vndt andere S. F. G. dienere alhie, als Ihren eigenen Sehlsorger, Pastoren vndt Schulmeister, Meudtmacherischer weise auffgelehnet, zusahmen geschworen, vndt viel mehren auffrürischen vndt vngehorsahmen beginnens vnterstanden, vndt Derohalben, aller ferneren weiterung vud bösen, so aus solcher Meutmacherischen aufflehnung in die lenge zu gewarten sein wolte, bey Zeiten vorzukommen, vor S. F. G. weitern Vorreisende vff Speyer, S. F. G. heimbgelaßenen Verordneten Stadthaltern vndt Rähten, Den Edlen Ehrnuesten, Ehrbahren, vndt Hochgelahrten, Jochim Crausen zu Parckentin Erbgeseßen vndt Friederich Heinen dero Rechten Doctorn vndt deroselben Professorn derentwegen gnediglich zustellen laßen, Das ietzt erwehnte Stadthaltere vnd Rähte darauff allhie zum Goltberg itzo ankommen vndt nach vorhergehender gebuhrlicher verhör vndt fleißiger erkundigung aller

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mengel vndt gebrechen anstadt Hochgedachtes ihres gnedigen Fürsten vndt Herrn nachfolgenden abscheidt gegeben vndt verordnet haben.
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23) Die Burgermeister sollen neben deme Stadtvoigt alle Monaht des Morgens einmahl im Sommer zu 6 Vhren vndt des Winters vmb 8 Vhren Gerichte sitzen, vnd soll den gemeinenen Burgern hinfuhro nicht mehr gestattet werden, in die findung zu gehen vndt Vrtheill zusprechen, sondern Es sollen die Burgermeistere vndt Stadtvoigt allewege zweene vorstendige, vndt in den furlauffenden Sachen vnparteysche Burger zu solchen Gerichte zu ruffen, vndt sich mit vndt Neben Ihnen eines billigmeßigen vndt Recht Spruches vndt Vrtheils zu vnterreden vndt nach gestalten Sachen zu vergleichen Macht vndt gewaldt haben. Die Burgere, so auch von erwehnten Burgermeister vndt Stagtvoigt also zum Gerichte gefordert werden, sollen sich deßelben bey Straffe drey gulden nicht weigern noch eußeren, ihnen auch bey Ihren Eyden, damit Sie hochged. S. F. G. vndt dem Städtlein vorwandt, eingebunden werden, nach ihren besten verstande Recht vndt vnparteisch in denselben Sachen zu sprechen vndt zu richten.

24) Es soll auch den beschwerten Parteyen die Appellation von gesprochenen Vrtheilen nach Parchimb hinfuhro hiemit ganz vndt gahr abgeschaffet vndt verbotten sein, vnd Dieselben allewege vnd alleine an den wesenden Haubt vnd Ambtman alhie erstlich vndt hernacher an hochgedachtes v. gn. Fursten vndt herrn Hoffgerichte gehen.
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29) Der mit einem Eheweib einen Ehebruch begehet, oder iemandes muhtwilliger oder Fursetzlicher weise ermordet, vndt vmbringet, soll hinfort zur außohnung nicht gestatet, sondern an Leib vndt Leben vermuge der gemeinen beschriebenen Rechten vndt des heiligen Romischen Reichs Peinlichen Halß=Gerichts=Ordnung gestraffet werden, So sollen gleichfalls auf andere große Vbelthaten, so Leibes Straffe auff sich tragen oder Capitalia Delicta genennet werden, nach gemeinen beschriebenen Rechten vndt des heyl. Römischen Reichs Peinlichen halsgerichts Ordnunge alleine vndt mit nichten nach einigem anderen gebrauche gestraffet werden, Vor allen Dingen aber, soll in obberurten Peinlichen fellen auch Ordentlich, vndt wie sich vermuege vielerwehnter Peinlichen

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halsgerichts Ordnung gebuhret, vorfahren vndt insonderheit darauff fleißige Acht gegeben werden, das niemandts ohne vorgehende Reedtliche vnd zu Rechte genugsamb außgefuhrte vermuhtungen mit Peinlicher Scharffen frage angestrenget,