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Inhalt:
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Iohann Albrecht I. 1547   † 1576
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Jahrbücher

des

Vereins für meklenburgische Geschichte
und Alterthumskunde,

aus

den Arbeiten des Vereins

herausgegeben

von

Dr. G. C. Friederich Lisch,

großherzoglich=meklenburgischem Archivar und Regierungs=Bibliothekar,
Conservator der Kunstdenkmäler des Landes,
Vorsteher der großherzoglichen Alterthümer= und Münzensammlung zu Schwerin,
Inhaber der großherzoglich=meklenburgischen und der königlich hannoverschen goldenen Verdienstmedaille für Wissenschaft und Kunst
Ehrenmitgliede
der deutschen Gesellschaft zu Leipzig und der geschichts= und alterthumsforschenden Gesellschaften zu Dresden, Mainz, Görlitz, Hohenleuben, Meiningen, Würzburg, Sinsheim, Königsberg, Lüneburg und Christiania,
correspondirendem Mitgliede
der geschichts= und alterthumsforschenden Gesellschaften zu Lübeck, Hamburg, Kiel, Stettin, Hannover, Halle, Jena, Berlin, Salzwedel, Breslau, Cassel, Regensburg, Reval, Riga, Leyden, Kopenhagen, der königlichen Akademie zu Stockholm und der kaiserlichen archäologischen Gesellschaft zu St. Petersburg,
als
erstem Secretair des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde.


Achtzehnter Jahrgang.


Mit zwei Steindrucktafeln und vier Holzschnitten.


Mit angehängtem Jahresberichte.

Auf Kosten des Vereins.

Vignette

In Commission in der Stillerschen Hofbuchhandlung zu Rostock und Schwerin.


Schwerin, 1853.

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Gedruckt in der Hofbuchdruckerei in Schwerin.
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Inhaltsanzeige.


A. Jahrbücher für Geschichte.

Seite
I. Andreas Mylius und der Herzog Johann Albrecht I. von Meklenburg, in ihrer Wirksamkeit und in ihrem Verhältnisse zu einander, von dem Archivar Dr. Lisch 1
II. Caspar Calovius und des A. Mylius Genealogie der Herzoge von Meklenburg, von demselben 153
III. Ueber den Obotritenfürsten Mistuwoi, von dem Pastor F. Boll zu Neu=Brandenburg 160
IV. Ueber des Obotritenkönigs Heinrich Tod und Begräbniß, von dem Archivar Dr. Lisch 176
V. Ueber die sogenannte protestantische Glosse zum Reineke Voß, von dem Pastor F. Boll 178
VI. Beitrag zur Geschichte der meklenburgischen Kirchenordnungen, von dem Professor Dr. J. Wiggers zu Rostock 180
Anhang, vom Archivar Dr. Lisch 187
VII. Ueber die Verbindungen des fürstlichen Hauses Werle mit dem herzoglichen Hause Braunschweig-Lüneburg, von dem Archivar Dr. Lisch 189
Urkunden=Sammlung 211

B. Jahrbücher für Alterthumskunde.

Seite
I. Zur Alterthumskunde im engern Sinne.
1. Vorchristliche Zeit.
a. Zeit der Hühnengräber 227
b. Zeit der Kegelgräber 246
Kegelgräber von Grabow 247
Goldfund aus der Gegend von Sukow 254
Mit 3 Holzschnitten.
Bronzener Armwulst von Neustadt 257
Mit 1 Holzschnitte.  
2. Mittelalter und neuere Zeit 265
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Seite
II. Zur Baukunde.
1. Vorchristliche Zeit 273
Der wendische Burgwall von Friedrichsruhe 273
Der wendische Burgwall von Brenz 276
2. Mittelalter 280
a. Weltliche Bauwerke 280
Die Burg Retschow 280
b. Kirchliche Bauwerke 285
Die Kirche zu Neuburg 285
Die Kirche zu Retschow 289
Mittelalterliche Altäre zu Rostock 295
III. Zur Münzkunde 298
IV. Zur Wappenkunde 299

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A.

Jahrbücher

für

Geschichte

 


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I.

Andreas Mylius

und

der Herzog Johann Albrecht I. von Meklenburg,

in

ihrer Wirksamkeit und in ihrem Verhältnisse zu einander dargestellt

von

G. C. F. Lisch.


F reundschaft zwischen Regenten und Untergebenen ist eine so seltene und merkwürdige Erscheinung, daß sie sich in langen Zeiträumen selten wiederholt und als ein einflußreiches Ereigniß Jahrhunderte lang in der Geschichte lebenskräftig fortwirkt: ich meine jene Freundschaft, welche zwischen edlen und hochbegabten Männern auf die erhabensten Gefühle und Gedanken gegründet ist und bis zum Tode mit voller Kraft und Frische des Geistes fortdauert. Eine solche Freundschaft, von welcher die ganze meklenburgische Geschichte kein zweites Beispiel aufzuweisen hat, bestand zwischen dem Herzoge Johann Albrecht I. und seinem Rathe Magister Andreas Mylius.

Der Herzog Johann Albrecht I. (1547, † 1576) ist seinem innersten Wesen nach der bedeutendste Fürst, welcher über Meklenburg geherrscht hat. Klar und geistreich, warm und einsichtsvoll, kraftvoll und thätig, voll der glühendsten Begeisterung für jede Art hoher geistiger Bildung und für des Vaterlandes Wohl und Menschenglück, war er mit einer seltenen Kraft und Beharrlichkeit der Schöpfer ganz neuer Pflanzungen, unter deren Schatten wir noch heute friedlich wohnen. Er schuf einen ganz neuen Staat: im Kirchen= und Staatswesen, in der Wissenschaft und in der Kunst öffnete er neue Bahnen und

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wußte mit überlegener Geisteskraft seine Plane durchzuführen. Vor allen Bestrebungen aber war es die Liebe zu den Wissenschaften, welche sein ganzes Leben durchdrang und allen seinen Unternehmungen den Stempel der Sicherheit und Dauer aufdrückte.

Und bei allen seinen Gedanken und Unternehmungen, von dem ersten Schritt auf den Thron bis zum letzten ins Grab, war ihm Andreas Mylius völlig und herzlich vertraut; nichts bewegte seine Seele, was er nicht mit seinem Freunde überlegt und getheilt hätte. Und so spiegelt sich des Herzogs Johann Albrecht I. ganzes Sein und Leben in seinem Freunde Andreas Mylius wieder. Mylius ward des Herzogs Lehrer, als dieser bereits den Thron bestiegen hatte, und blieb es auch bis zu des Herzogs Tode; Johann Albrecht hörte während seines ganzen Lebens keine Woche, keinen Tag auf, sich in den Wissenschaften zu üben, und folgte hierin bis an sein Ende der Unterweisung seines Freundes. Dies war des Herzogs größte, herzlichste Freude, und hierin liegt vorzüglich das Geheimniß der treuen und innigen Freundschaft zwischen beiden.

Das Leben des M. Andreas Mylius ist schwer aufzufassen und zu beschreiben, da Mylius fast ununterbrochen um den Herzog war und der Stoff überaus groß und bedeutsam ist. Aber beide Freunde hatten nicht genug an dem persönlichen Umgange, sondern schrieben sich auch, zum Theil zur wissenschaftlichen Erhebung und Fortbildung, häufig Briefe, stets in lateinischer Sprache, von denen noch sehr viele erhalten sind, und diese bilden die Hauptquelle der Geschichtschreibung; das großherzogliche Archiv zu Schwerin bewahrt noch an 200 Briefe allgemeinen Inhalts von Andreas Mylius an den Herzog und über 30 viel corrigirte Concepte von Briefen des Herzogs an Andreas Mylius, außer den vielen eigentlichen Geschäftsbriefen über bestimmte Gegenstände. Außerdem existirt noch eine zuverlässige Lebensbeschreibung des Andreas Mylius, indem sein berühmter Schwiegersohn, der Professor Johannes Caselius, zuerst Professor in Rostock, dann zu Helmstädt, noch sehr spät, im J. 1611, eine Gedächtnißrede auf ihn drucken ließ:

"Oratio funebris scripta Andreae Mylio, viro clarissimo, illustrissimorum ducum Megapolitanorum consiliario Ιωήυης Κασήλιος Helmaest. in acad. Julia. Typis Jacobi Lucii. Anno MDCXI." (13 Bogen in 4, auf der Rückseite des Titels mit dem großen meklenburgischen Wappen in Holzschnitt.)

Diese den Herzogen Adolph Friedrich und Johann Albrecht II. gewidmete Schrift war trotz Jahre langer Bemühungen auf

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keiner Bibliothek aufzufinden, bis sie sich nach Entwurf dieser Abhandlung noch in Helmstädt fand. Man konnte zweifeln, daß diese Schrift wirklich gedruckt war. Sie blieb lange ungedruckt. Zuerst wurden nur einige Bogen gedruckt, dann stockte der Druck. Darauf ward Caselius durch allerlei Widerwärtigkeiten in der Versendung gestört. Endlich kam er ungefähr 1 1/2 Jahr vor seinem Tode dazu, einige Exemplare zu verschicken. Caselius schreibt 1 ) am 9. Sept. 1611 an den meklenburgischen Canzler Hajo von Nessen:

"Memineris, ut olim hac transeunti cl. Andreae Mylii, soceri mei, vitam tibi legendam dederim, plerasque videlicet paginas, quae typis erant expressae: edenda enim illa non putabam. Qua de re dum cunctantius delibero, alia atque alia me ab hac cogitatione et semiperfectis laboribus retinuerunt. - - Tandem visum mihi fuit, hanc meam narrationem ad eos mittere, quibus deberi potissimum ex eo tempore judicamus. - - Id consilium exequor nunc demum teque rogo, ut mea studia deferas utrique principi, cl. collegis tuis, qui illis a consiliis sunt; jubeas quoque lucubrationis meae exempla reddi et iis ipsis et viris equestris ordinis, quotquot bona doctrina exculti sunt, iis cumprimis, ad quos vitam ducis Caroli misi."

Da das Buch hiernach nicht in den Buchhandel gekommen zu sein scheint, so sind auch wohl nur wenig Exemplare verbreitet und erhalten.


Der Herzog Johann Albrecht I. war am 22 Dec. 1525 geboren, zu einer Zeit, wo seine Aeltern sich der jungen lutherischen Lehre zuwandten. Als aber der junge Fürst so weit herangewachsen war, daß er ernsten männlichen Unterricht erhalten mußte, war sein Vater, der Herzog Albrecht der Schöne zu Güstrow, schon wieder zum Papismus zurückgefallen und ein


1) Diese Schrift des J. Caselius giebt übrigens sehr wenig Ausbeute. Sie enthält fast nicht mehr, als was die Briefe und Acten sagen. Neu war nur die Erzählung über die Herkunft des A. Mylius und über die Art und Weise, wie er in den Dienst des Herzogs kam. Der übrige Inhalt besteht fast nur aus allgemeinen Betrachtungen und Lobeserhebungen. Sei es, daß man wirklich nicht die Geschichte seiner Zeit wahr schreiben kann, sei es, daß J. Caselius schon stumpf geworden: genug, die Schrift ist sehr arm an tiefern historischen Schilderungen, und ein Brief des Herzogs oder des A. Mylius läßt oft tiefer blicken, als die ganze Lobrede.
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harter und heftiger Verfolger der lutherischen Lehre, besonders aber seine Mutter, Anna, des Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg Tochter, wieder eine eifrige Verehrerin der katholischen Kirche geworden, in welcher sie mit Heftigkeit und Hartnäckigkeit bis zu ihrem späten Tode im J. 1567 verharrte. Es läßt sich nun leicht abnehmen, daß die fürstlichen Aeltern ihre Kinder nur in der papistischen Kirche erziehen ließen; sehen wir doch sogar das Schauspiel, daß noch im J. 1539 die Herzogin Anna in Begleitung ihres ganzen weiblichen Hofstaates mit ihrem kranken Sohne Christoph barfuß nach Sternberg wallfahrtet, um dort dem Heiligen Blute ein wächsernes Bild, so schwer wie Herzog Christoph, zu opfern, nachdem die Verehrung des Heiligen Blutes in Sternberg schon lange aufgehört hatte! - Seinen ersten Unterricht erhielt Johann Albrecht sicher bis zum J. 1538, also wenigstens bis in sein dreizehntes Jahr, im älterlichen Hause von Johann Sperling, einem papistischen Vikar des Domes zu Schwerin, aus der bekannten adeligen Familie dieses Namens. Nach dem Tode des Pfarrers zu Sternberg Dr. Heinrich von Bülow verlieh am 25. Mai 1538 der Herzog Heinrich auf Bitten seines Bruders Albrecht die Pfarre zu Sternberg dem "Johann Sperling in Ansehung daß er vom Adel und des Herzogs Albrecht jungen Herrschaft Zuchtmeister und Präceptor" sei 1 ). Trotz der Predigt des Evangeliums durch Faustinus Labes wucherte doch der Papismus nun noch über 10 Jahre lang in Sternberg fort. Jedoch ist es mehr als wahrscheinlich, daß Johann Sperling die Pfarre lange Zeit nicht selbst verwaltete, sondern durch einen Vikar verwalten ließ und in Güstrow ferner die Erziehung der Söhne des Herzogs Albbrecht besorgte. Im J. 1552, als die Reformation siegreich durchgedrungen war, stand er in Sternberg als verfallene Ruine des alten Baues.

Abgesehen von der strengen und oppositionell papistischen Richtung des güstrowschen Hofes wird doch Johann Sperling die Keime zu einer wissenschaftlichen Bildung, namentlich die Liebe zu der lateinischen Sprache, in die jungen Fürsten gelegt haben. Die Verleihung der sternberger Pfarre an Johann Sperling hing aber vielleicht mit der Veränderung in der Erziehung der jungen Fürsten zusammen; die Aeltern gaben die beiden älteren Söhne von Hause.

Der Herzog Johann Albrecht ward Ostern 1539, 14 Jahre alt, an den Hof des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg nach Berlin oder Cölln an der Spree geschickt, um hier mit


1) Vgl. Jahrb. XII, S. 238 und 290.
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dessen ältestem Sohne Johann Georg, der mit Johann Albrecht von gleichem Alter war, erzogen zu werden. Diese Wendung des Geschickes war für den jungen Fürsten gewiß von dem mächtigsten Einflusse, da der Kurfürst ein eifriger Beförderer der lutherischen Lehre war. Am Montage nach Jubilate 1539 schreibt Johann Albrecht von Cölln an der Spree seinen ersten Brief an seinen Vater, und unter anderm: "vnser preceptor teglich mit vns in vbung ist, die fundamenta der grammatica einzuuben, auch wurdt nicht vnderlassen, vns die recht christliche gottfurchtigkeit einzubilden"; er fügt hinzu: "so haben wir auch kein mangell an leibes noturfft vnnd kleidungen, der wir gnuglich auch nach vnserm stande glich vnseren hern vettern versehen." Sein Führer in Berlin war Christoph von Metzrath 1 ) aus der Lausitz, den er in einem Briefe vom 14. Aug. 1544 seinen "Diener Metzradt" nennt. Dieser blieb nach des Herzogs Albrecht Tode bei dessen Wittwe Anna als Hauptmann über deren Leibgedingsämter bis zu ihrem Tode und hing ihr auch in der papistischen Gesinnung an.

Im Herbste des J. 1541 wurden beide junge Fürsten, ungefähr 16 Jahre alt 2 ), auf die neue Universität Frankfurt a. O. geschickt, wo ihnen nach altem Brauche auch die Würde des Rectorats übertragen ward; beide waren dort sehr beliebt. Schon am Neujahrstage 1542 bat Johann Albrecht seinen Vater von Frankfurt a. O. um gefutterte Röcke und Geld. Im Januar des J. 1544 war Johann Albrecht schon wieder am kurfürstlichen Hofe zu Berlin, wo er sicher bis in das J. 1545 blieb. Am Sonnabend nach Antonii 1544 bat er seinen Vater um 6 gute Pferde, 3 gute Knechte, 200 Gulden und ein Ehrenkleid, da der Kurfürst ihm gesagt hatte, "er solle mit s. L. auf den Reichstag gen Speier ziehen." Am Montage nach Lichtmeß 1545 bat er seinen Vater um 4 gute Hengste zum Turnier. - Am 14. Aug. 1544 schrieb er an


1) Vgl. Lisch Gesch. des Geschl. Hahn, II, A, S. 413.
2) Alles dies berichtet auch Hederich in seiner Schwerinschen Chronik, jedoch fälschlich unter dem J. 1542.
Eben so berichtet auch Joh. Caselius in seiner "Laudatio Joannis Alberti, Helmaestadii 1605": "Primus natu Joannes Albertus - - "cum Latinam linguam didicisset in haud vulgarem modum et capax esset sublimiorum disciplinarum, sub aetatis annum duodeuigesimum, consilium coepit pater cum socero Joachimo I., vel potius huius auctoritatem secutus, conditoris videlicet nouae academiae Francofurdianae ad Viadrum, eo misit filium Joannem Albertum: misit una Joachimus II. item natu primum filium Joannem Georgium, prorsus aequalem Joannis Alberti, parem animi moderatione et clementia. - - - Ob modestiam vero et humanitatem ab academicis cultos et ibi caros semper omnibus fuisse, a senibus accepimus. Fuerunt vtrique delati fasces academici." - Auch Caselius irrt, wenn er sagt, der Fürst sei im 22. Jahre nach Frankfurt gegangen.
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seine Mutter: "Wir konnen bey vns fur gutt nith erachten, das wir nu mehr lange hey sein solten, dan was wir hey sehen kunnen, haben wir albereidt gesehen, vnd verzeren geleichwol viell geldt dabey, vnd wen sich kunte ein gleicher wegk zutragen, das mein geliepter her vnd vatter alhey erschinne, so kunten wir deste besser mitt seiner g. wegkomen." - Diesen Wunsch scheinen denn auch seine Aeltern beherzigt zu haben; man erkennt aber aus diesem Wunsche das verständige, weiter strebende Gemüth des jungen Fürsten.

Hiemit scheint seine Vorbildung am brandenburgischen Hofe und auf der Universität vollendet gewesen zu sein. Im Junii 1546 ist, nach Hederich, "Herzog Albrecht zu Meklenburg mit seinem ältesten Sohn Johann Albrecht auf den Reichstag zu Regensburg 1 ), von Carl V. gehalten, dessen Kays. May. er auch vom Vater commendirt worden, und gegen den Herbst mit s. fürstl. Gn. Bruder Herzog Georgen, unter des Markgrafen Johansen zu Cüstrin Regiment, mit etlichen Reutern wider den Churfürsten zu Sachsen und Landgrafen zu Hessen zugezogen." Auf diesem Reichstage sah Johann Albrecht die äußerste Noth der Protestanten und die nahe, drohende Gefahr für sie.

Aus diesen Zügen erkennen wir die verschiedenen Einflüsse, welche sich in der Jugendbildung des jungen Fürsten geltend machten.

Johann Albrecht's nächster Bruder, der Herzog Ulrich 2 ), lebte von 1540 bis 1552 zu seiner Ausbildung am Hofe zu München und besuchte von hier 1541-1544 die Universität Ingolstadt. Er ward hier mit des baierschen Herzogs Wilhelm IV. Sohn Albert erzogen, welcher nur ein Jahr jünger war.

So ging die Erziehung der beiden Brüder ganz auseinander und beide sahen sich während ihrer Jünglingsjahre vielleicht nur einige Male auf den Reichstagen. In den letzten Zeiten kam Ulrich einige Male nach Meklenburg, um sich mit seinen Geschwistern zu bereden. Am 18. März 1551 schrieb Johann


1) Eben so sagt Joh. Caselius a. a. O.: "Caeterum vno aut altero anno "post comitia agebat Ratisbonae Carolus V. imperator, in quibus de salute Germaniae deliberaretur, ad quae cum et dux Albertus proficisceretur, secum una Joannem Albertum filium deduxit, vt et imperatori innotesceret et imperatorem ispe nosset."
2) Zur Vermeidung von Mißverständnissen sei hier bemerkt, daß Heinrich Gerlach Lehrer des Prinzen Ulrich von Dänemark, Administrators des Bisthums Schwerin, eines Enkels des Herzogs Ulrich von Meklenburg=Güstrow, war. Der Prinz empfahl im J. 1594 seinen Lehrer zum Professor an der Universität Rostock. Er wird als solcher aufgeführt "Henricus Gerlacus "Hamburgensis. Reverendissimi ac illustrissimi principis domini Ulderici episcopi Suerinensis praeceptor, post professor poes. Rostoch." Rostocker Univ.=Matr. im Rostocker Etwas 1740, S. 271.
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Albrecht an seine Braut: "Mein Bruder Herzog Ulrich ist seit einem halben Jahre außerhalb Landes bei dem Herzoge von Baiern gewesen, ich bin aber seiner Ankunft bald gewärtig."

So vorbereitet stand der junge Johann Albrecht in seinem 22. Lebensjahre, als sein Vater, der Herzog Albrecht, am 7. Jan. 1547, 60 Jahre alt, aus diesem Leben schied und einstweilen die Regierung seines Landesantheils, des Herzogthums Meklenburg=Güstrow, seinen Händen hinterließ. Die Zeit war ernst und groß, des Herzogs Lage schwierig und bedrängt. Er selbst war noch jung und unerfahren und hatte vier noch jüngere Brüder hinter sich; seine Mutter Anna, streng papistisch 1 ), wollte im Hause herrschen, um wenigstens die Seelen der jüngeren Söhne zu retten; in Schwerin regierte noch sein "friedfertiger" Oheim, welcher jeden entscheidenden Schritt mied, wie auch sein einflußreicher Oheim Joachim von Brandenburg, unter dessen Augen er erzogen war, wenn auch protestantisch gesinnt, gerne der "Friedenmacher" war.

Es regten sich in der großen Seele des jungen Fürsten im Stillen gewiß die erhabensten Gedanken; aber seine Schritte waren durch die Besorglichkeit seines Oheims einstweilen gehemmt. Beide gehörten nicht dem schmalkaldischen Bunde der protestantischen Fürsten an. Ja, Johann Albrecht mußte nach dem Willen seines Vaters mit seinem Bruder Georg im J. 1546 gegen die schmalkaldischen Bundesgenossen zu Felde ziehen. Johann Albrecht beschränkte sich weise darauf, zuerst in seiner Nähe zuverlässige Freunde und Rathgeber zu gewinnen und Pläne für die Zukunft zu entwerfen, welche ihm denn auch gewogen war.


Es ist daher von der höchsten Wichtigkeit, das Leben Johann Albrecht's in den ersten Jahren seiner Regierung auf das Allergenaueste zu erforschen und zur Anschauung zu bringen.

Zuerst berief er, noch vor Ostern 1547, den begeistert lutherischen Hofprediger Gerhard Oemecke von Schwerin nach seiner Residenz Güstrow zum Propste des Domes, an welchem noch ein katholisches Dom=Capitel bestand, um den hartnäckigen Papismus mit Nachdruck zu verdrängen und den Protestantismus an seinem Hofe zu proclamiren.

Der nächste wichtigste Schritt war aber, daß Johann Albrecht sich mit dem Landrath Dietrich Maltzan auf Gru=


1) Rudloff III, 1, S. 115, irrt sehr, wenn er sagt: "Mit Albrecht's Tode war "das bisherige Hinderniß einer allgemeinen Verbreitung der Kirchen=Reformation aus dem Wege geräumt. Seine Gemahlin war bis dahin der protestanischen Religion treu geblieben." - Im Gegentheil war gerade der gereizte Widerstand der Herzogin bisher das vorzüglichste Hemmniß gewesen und noch lange ein großes Hinderniß.
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benhagen († 1563), einem Manne von erhabenem Geiste und seltener Bildung, freundschaftlich verband. Dietrich Maltzan hatte seit Ostern 1514 auf der Universität Wittenberg und darauf zu Padua studirt, und war der lutherischen Reformation mit der aufrichtigsten Begeisterung gefolgt; er soll der erste meklenburgische Edelmann gewesen sein, der sich zum Lutherthum bekannte. Sicher ist, daß er sehr viel für die Erhebung der protestantischen Fürsten 1 ) gegen den Kaiser Carl V. im J. 1552 that. Außer dem Fürsten selbst und ihm und dem Canzler wußte Niemand um die vorbereitenden geheimen Bündnisse. Joh. Caselius 2 ) hebt mit richtigem Blicke den Verkehr mit Dietrich Maltzan als ein wichtiges Ereigniß in dem Leben Johann Albrecht's hervor und preiset dessen Gelehrsamkeit, Beredsamkeit und Weisheit, und aus andern Berichten 3 ) ist bekannt, daß Dietrich Maltzan mit seinem Rath in der Politik und in Landesangelegenheiten von dem allerbedeutendsten Gewicht und in jeder Hinsicht ein Vorbild aller Gebildeten im Lande war. Er stand auch mit Melanchthon in Briefwechsel und wird einige Male sogar Doctor genannt. Am 23. Jan. 1550 machte ihm der Herzog Johann Albrecht für seine wichtigen Dienste ein Ehrengeschenk 4 ) von 3000 Gulden.

Der erste einflußreiche Dienst, welchen Dietrich Maltzan dem jungen Fürsten erweisen konnte, war, daß er ihm den Licentiaten Johann Lucka († 1562) zum Canzler zuführte, einen Mann von seltener Gelehrsamkeit und Beredsamkeit, kraft=


1) Vgl. Voigt's Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg, 1852, I, S. 217.
2) "Praeter eos, quos sibi in aula a consiliis praesto semper habebat, vtebatur crebro aliis provincialibus, duobus praecipue, Theodoro Molzanio et Joachimo Crusio, viris nobilissimis. - - Interfui privatis sermonibus viri: eum ego, siue nostra lingua vteretur, siue Latina, admiratus, coepi et cum ipsum colere, tum magis amplecti dicendi studium. Erat in homine orationis suavitas cum prudentia."
Joh. Caselius a. a. O.
Auch von Joh. Posselius ward Dietrich Maltzan in seiner Rede auf den Canzler Joh. Lucanus eben so gerühmt als: "clarissimus nobilitate generis, sapientia, doctrina et eloquentia heros, Theodericus Molzanus."
3) "Quantus autem ingenio, doctrina rerumque usu praestantissimus vir Diedericus Malzan fuerit, tam est notum omnibus, ut multa nos dicere supervacuum videatur. Tanta ejus apud suum principem fuit auctoritas, ut quod suo ille consilio non comprobasset, haud probe factum videretur. Tanta in conficiendis negociis solertia, ut ille unus multorum vices sustinuerit. Tanta denique in consiliis fuit felicitas, ut prosperum omnia successum et optatum finem habuerint. - - Ille pietatis, eruditionis ac moderationis exemplum suis popularibus praebuit, ut quem ceteri nobiles intuerentur, quem suspicerent, quem imitarentur, hunc haberent praecipue. - Ille suae patriae decus, ille suae ornamentum familiae fuit."
Aus der Gedächtnißrede des Professors Christoph Sturcius auf Wigand Maltzan, den Sohn des Dietrich Maltzan, Rostock, 1598.
4) Vgl. Lisch Maltzan. Urk. IV, 1853, S. 543.
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voller Thätigkeit, unerschütterlicher Rechtlichkeit und der reinsten Treue gegen seinen Herrn, dem er in der Durchführung der reinen Grundsätze der Reformation, Fortführung der neuen Kirche und der wissenschaftlichen Bildung und Begründung eines sichernden Rechtszustandes mit Aufbietung bedeutender Kräfte zur Seite stand 1 ). Johann Lucka (oder Lucanus) hatte zu Wittenberg studirt, wo er auch Melanchthon's eifriger Schüler war, ward hier, kaum 21 Jahre alt, Licentiat der Rechte und im J. 1543 Professor der Rechtsgelehrsamkeit unter großem Beifall.

Am 24. April 1547 waren durch die unglückliche Schlacht bei Mühlberg die Fürsten des schmalkaldischen Bundes einstweilen vernichtet und tief gebeugt. Auch die Stadt Wittenberg mußte sich dem Kaiser ergeben und die Universität flüchten. Johann Lucka flüchtete mit seiner Familie unter großen Gefahren 2 ) nach Meklenburg, wo ihm Dietrich Maltzan zu Grubenhagen eine ehrenvolle und angenehme Freistatt bot 3 ), bis er ihn dem Herzoge mit gutem Gewissen empfehlen konnte. Am 4. Sept. 1547 sprach der Herzog den Licentiaten zu Waren und am 15. Sept. zu Schwerin 4 ). Am 5. Oct. 1547 berief ihn der Herzog unter dem Titel eines Hofraths zum Canzler, mit der Clausel: "Wir haben im auch zugesagt vnnd versprochen, inen vnd die seinen bei seiner itzigen christlichen Religion, die man lutterisch nennt, zu schutzen, vnd da vorenderung in der Religion in vnsern Furstenthum vnnd landen, welche Got gnedigklich vorhuten wolle, solte vorgenommen werden, daß alßdan seine vorpflichtung vnd diese bestallung auch von der Zeit soll todt vnd abe sein."

Ohne Zweifel gab Dietrich Maltzan auch Veranlassung zu einer andern Annäherung, welche von den bedeutendsten Folgen


1) Vgl. Jahrb. I, S. 58 flgd.
2) Vgl. das. S. 188.
3) "In hoc exilio, cum clarissimus nobilitate generis, sapientia, doctrina et eloquentia heros, Theodoricus Molzanus, hospitium ipsi benignum et liberale in sua domo integrum fere annum praebuisset, illustrissimus princeps Johannes Albertus dux Megapolensis, audiens ipsius ingenium et eloquentiam ac mores honestos Theodorico Molzano viro sapienti et aliis bonis probari, vocat Luccanum in aulam et cancellarii munus ipsi commendat."
De Johanne Luccano oratio habita a M. Johanne Posselio, Rostochii, 1571.
4) In einer herzoglichen Rechnung heißt es: "6 ßl. in des Licentiaten Johan von Lucka herberge zur ausrichtunge weil ihn mein g. h. hertzog Johan Albrecht gein Warne bescheiden haben, gegeben. Actum Warne Montags nach Egidii (4. Sept.) Anno etc. . XLVII."
und:
"3 fl. hat der Licentiat Johan von Lucka in der Engelischen haus in Swerin vertzert, aus beuelich meines g. h. hertzog Johan Albrechts betzalt, dan s. f. g. ine dahin bescheiden haben. Actum Swerin Freitags nach Exaltationis Crucis etc. ." (15. Sept.)
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ward. Einer der größten Männer Europa's in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. war der Ritter Joachim Maltzan, des gewaltigen "bösen" Ritters Bernd Sohn, von der Linie Wolde=Penzlin, ein eben so großer Staatsmann, als Kriegsheld. Dieser (geb. 1492) hatte schon in den italiänischen Kriegen, zuerst unter Georg von Frundsberg, dann als Feldherr gefochten, namentlich als ein Jüngling von 22 Jahren in der großen Schlacht von Marignano am 13. Sept. 1515 auf der Seite der Italiäner den "freien Haufen" von 7500 Kriegsknechten gegen den König Franz I. von Frankreich bis Mitternacht siegreich geführt; er war bald darauf als Rath, Gesandter und Feldherr in die Dienste des Königs Franz gegangen und hatte sich hier und auf seinen Gesandtschaftsreisen vertraute Kenntniß der europäischen Zustände erworben. Im J. 1525 ging er in die Dienste des Kaisers Carl V. nach Deutschland zurück und erwarb hier den erblichen Pfandbesitz der Herrschaften Graupen und Töplitz in Böhmen. Er leistete nun dem Kaiserhause die allergrößten Dienste, indem er vorzüglich des Kaisers Sohn Ferdinand zu der römischen Königskrone verhalf, und als kaiserlicher "Oberster Feldmarschall" in "Eroberung und Einnehmung der Krone Ungarn" und folgends in den Türkenkriegen das größte Feldherrntalent bewies. Der Kaiser erhob daher ihn und seine Nachkommen im Gefühle großer Dankbarkeit auf dem denkwürdigen Reichstage zu Augsburg 1530 zu "Reichsfreiherrn zu Wartenberg und Penzlin" und belehnte ihn mit der freien Standesherrschaft Wartenberg in Schlesien, die er kurz vorher erworben hatte. Auf diesem Reichstage hatte er die Protestanten kennen und achten gelernt und sich zu ihnen geneigt, denn er führte bald darauf in seiner Herrschaft Wartenberg die lutherische Lehre ein. Dennoch mußte er als kaiserlicher Rath noch lange dem Willen seines Herrn folgen und war in dem schmalkaldischen Kriege 1546-47, als der Kaiser "in den allergrößten Nöthen war", einer der obersten Feldherren des Kaisers. Damals diente er dem kaiserlichen Hause als Gesandter und Rath unermüdet und war dabei der schlesischen Lande und der Lausitz Oberster Feldhauptmann. Doch als nach der Schlacht von Mühlberg am 24. April 1547 die Fürsten des schmalkaldischen Bundes, zu denen er sich hingezogen fühlte, scheinbar vernichtet waren, ergriff ihn die Begeisterung für das deutsche Vaterland und die Furcht vor dem Untergange desselben. Joachim Maltzan war wiederholt auf Legationen nach Polen, welches dem Kaiser schon im J. 1548 verdächtig ward; hier lebte er namentlich mit den edlen Lasco's in vertrauter Freundschaft. Er trat auch mit

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dem jungen Herzoge Johann Albrecht von Meklenburg, dem Lehnherrn seiner Familie, in Verbindung und entwarf mit diesem einen geheimen Plan zur Befreiung Deutschlands. Jedoch schon am Ende des J. 1549 schien er dem kaiserlichen Hofe gefährlich und es erging am 12. Dec. 1549 ein Befehl, ihn wegen seiner "Practiken" gefänglich einzubringen. Von dieser Zeit an verschwindet er über ein Jahr lang fast ganz aus der Geschichte. Am 25. Junii 1550 war er aus dem kaiserlichen Dienst geflohen und kam bei dem Herzoge Johann Albrecht in Güstrow an, dessen oberster geheimer Rath er ward. Der kaiserliche Hof war jedoch gut unterrichtet und es erging am 22. Dec. 1550 ein Befehl, ihn im "geheimen zu Handen zu bringen". Als dies nicht gelang, so ward am 20. Jan. 1551 gegen ihn wegen seines "Verbrechens und Ungehorsams die Execution" ausgesprochen und sogleich sein Schloß Wartenberg durch Eroberung eingenommen und die Herrschaft eingezogen. Joachim Maltzan ließ sich aber nicht irre machen, sondern wirkte bei den norddeutschen Fürsten eifrig fort und genoß das ganze Vertrauen derselben. Im Julii 1551 war er auch Statthalter des Kurfürsten von Brandenburg. Er war es vorzüglich, der durch den Herzog Johann Albrecht die verschiedenen Versammlungen der protestantischen Fürsten im J. 1551 und endlich das Lochauer Bündniß derselben (5. Oct. 1551) gegen den Despotismus Carl's V. betrieb. In Folge desselben ging Joachim Maltzan am 26. Oct. 1551 als Gesandter zu den Königen von Frankreich und England, um den Bund der Protestanten zu stärken und kam früh genug wieder heim, um den glücklichen oberländischen Krieg gegen den Kaiser (März 1552) als alter erfahrner Feldherr mit Erfolg führen zu helfen.

Eine andere wichtige, ritterliche Person in der frühesten Zeit in den Umgebungen des Herzogs war Werner Hahn von Basedow (geb. 1515), ein hochgebildeter und kräftiger Mann. In seiner Jugend lag er den Studien ob und soll bei dem Kaiser Carl V. in Italien in Diensten gestanden haben. Darauf ward er, noch im J. 1547, am braunschweigischen Hofe Rittmeister. Im J. 1548 nahm ihn der Herzog Johann Albrecht als Kriegsbefehlshaber und Hofmarschall in seine Dienste und vertraute ihm die wichtigsten Angelegenheiten. Im J. 1550 "führte er dem Herzoge Reiter zu". Er übernahm häufig wichtige Gesandtschaftsreisen für den Herzog. Als sich die protestantischen Fürsten zur Erhebung gegen den Kaiser Carl V. zu rüsten begannen, unternahm er im Dec. 1551 eine Gesandtschaft nach Königsberg an den Herzog Albrecht von Preußen, und als kurz

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vor dem Feldzuge am 6. Febr. 1552 der Herzog Heinrich der Friedfertige gestorben war, besetzte er im Namen des Herzogs Johann Albrecht die damals einzige und wichtige Landesfestung Plau 1 ), wobei er dem Herzoge rieth: das Schloß etwas mehr zu bespeisen und besetzen "nach Gelegenheit der geschwinden Läufte". Werner Hahn ward darauf ein wichtiger und hoch betraueter Mann und leistete dem Lande und dem Fürstenhause als gewiegter Landrath und Gesandter die wichtigsten Dienste. Er starb im J. 1593, 78 Jahre alt.


So war im Allgemeinen die erste vertraute Umgebung des jungen Herzogs Johann Albrecht I. beschaffen, als Andreas Mylius in diesen Kreis trat.

Andreas Mylius 2 ), in seiner Jugend nach seinen Aeltern Müller 3 ) genannt, war am 30. Nov. 1527 4 ) zu Meißen geboren. Er datirt selbst einen Brief an den Herzog Johann Albrecht an seinem bestimmt bezeichneten 44sten Geburtstage also:

"Datum Suerino prid. cal. Decemb. ipso die natali meo, qui initium est anni quadragesimi quinti, anno MDLXXI."

Er wird öfter ein Meißner (Misnensis) genannt, seine Brüder und Verwandten wohnten zuerst alle in Meißen und er selbst ging wiederholt zum Besuche nach seiner Vaterstadt.

Seine Aeltern waren zwar nicht reich, aber anständig. Sein Vater Peter Müller war in Meißen Baumeister, der nicht bloß Privatgebäude aufführte, sondern auch in Brückenbauten und andern öffentlichen Werken seine Geschicklichkeit und Kunst bewährte. Seine Mutter Gertrud geb. Spengler war aus einer der ersten Familien Meißens.

Da der Vater die großen Fähigkeiten seines Sohnes Andreas erkannte, so beschloß er, ihm eine gelehrte Bildung geben zu lassen, indem er genug Vermögen zur passenden Erziehung


1) Vgl. Jahrb. XVII, S. 151.
2) Der Name Mylius, eine griechisch=lateinische Uebersetzung von Müller, ward zur Reformationszeit sehr verbreitet. Es giebt ein eigenes großes Werk:
"Historia Myliana vel de variis Myliorum familiis, a M. Joh. Christoph. Mylio. Jenae. 1751."
3) Einer von den Brüdern des Andreas Mylius, der Steinmetz Peter, ward noch im J. 1560 in Schwerin Peter Möller genannt. Nach einem Briefe des Jac. Egerd vom J. 1551 soll Andreas Mylius bei dem kirchlichen Aufgebote vor der Heirath unter dem Namen "Andreas Mylius" (statt Müller) proclamirt und seit dieser Zeit allgemein so genannt worden sein.
4) Dieser Geburtstag des Andreas Mylius war schon früher bekannt; vergl. G. Fabricii Rerum Misniacarum Lib. III, p. 85, und Historia Myliana, p. 148.
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seiner Kinder hatte. Schon als Knabe übertraf A. Mylius die Erwartungen des Vaters und war ein Gegenstand der allgemeinen Bewunderung und Liebe, da er nicht allein in Kenntnissen Fortschritte machte, sondern auch in seinem Betragen große Liebenswürdigkeit ("morum elegantiam") zeigte. Jeder erkannte in dem Knaben den dereinstigen großen Mann.

Zuerst besuchte A. Mylius die Rathsschule. Da errichtete Kurfürst Moritz die Fürstenschule zu Meißen, welche auf A. Mylius den wesentlichsten Einfluß übte. Hier lehrte der junge Mathias Marcus Dabercusius, von welchem er sich besonders angezogen fühlte; er bekannte später oft, daß er dem Dabercusius Alles verdanke. Die Berufung des Georg Fabricius von Straßburg nach Meißen machte nicht geringern Eindruck auf den Knaben. In besonderer Achtung und Liebe blieb bei ihm jedoch Dabercusius, so daß dieser auf seine Empfehlung und durch seine Vermittelung im J. 1553 von dem Herzoge Johann Albrecht zum Rector der von diesem damals gegründeten, so berühmt gewordenen Fürstenschule zu Schwerin berufen ward.

Andreas Mylius war zu Meißen unter Dabercusius ein Mitschüler des Heinrich Siberus, welcher späterhin, als ein unverwüstlicher Jugendlehrer, nach langer Zeit auf Mylius Empfehlung zu Schwerin Lehrer des Prinzen Sigismund August, des jüngern Sohnes des Herzogs Johann Albrecht, ward. H. Siberus schreibt am 4. Sept. 1567 an A. Mylius:

"Virum venerabilem - - dominum M. Marcum Dabercusium communem nostri praeceptorem ex me officiose et amanter saluta."

Gut vorbereitet bezog A. Mylius früh die Universität Leipzig, welche ihm zunächst lag und einen großen Ruf hatte. Hier nahm er sich vorzüglich den großen Philologen Joachim Camerarius, der ihn lieb gewann, zum Vorbilde. So berichtet Caselius. Merkwürdig ist es aber, daß sich in der Matrikel der Universität Leipzig in der "Natio Misnensis", wo er doch nur aufgeführt sein könnte, sein Name nicht findet; ja es findet sich hier von Anfang 1540 bis Ende 1546 überhaupt kein Student mit dem Namen Müller, Möller oder Mylius oder einem ähnlich klingenden Namen. Im Promotions=Buche ist jedoch unter den im J. 1546 zu Baccalaureen erhobenen 27 Studenten als der 23ste Andreas Müller aufgeführt 1 ).


1) Ich verdanke diese Mittheilungen dem Herrn Professor Dr. Wuttke zu Leipzig, welcher in Gemeinschaft mit dem Herrn Oberbibliothekar Dr. Gersdorf die Matrikel und das Promotions=Buch durchgegangen ist, aber nichts weiter hat finden können.
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In der Matrikel der Universität Wittenberg ist er eben so wenig zu finden; es wurden hier in der angegebenen Zeit zwar drei Andreas Müller immatriculirt, aber alle aus andern Städten und nicht aus Meißen. Dennoch scheint A. Mylius in Wittenberg bekannt gewesen zu sein, da er sich der besondern Liebe Melanchthons zu erfreuen hatte. Melanchthon läßt ihn späterhin in den meisten Briefen nach Meklenburg immer grüßen und erkannte in ihm ein vorzügliches Rüstzeug zur Durchführung der Reformationsbildung; er schreibt z. B. an David Chytraeus 1 ):

"dabis omnino Mylio patriae Mysiae laudationem."

Die wunderbare Veranlassung, welche den A. Mylius dem Herzoge Johann Albrecht zuführte, erzählt J. Caselius ausführlich. Es kam einmal (wahrscheinlich im Herbst des J. 1547) einigen leipziger Studenten, unter denen auch A. Mylius war, in den Sinn, Ferien zu machen und sich den Norden Deutschlands zu besehen, da sie gehört hatten, daß an der Ostsee sehenswerthe und mächtige Städte lägen, welche oft große Flotten ausgerüstet hätten; sie hatten Lust, Schiffe und den Seeverkehr zu sehen. Sie wanderten also aus Leipzig und kamen nach Meklenburg, wo sie zuerst in Strelitz Rast hielten, als gerade der Herzog Johann Albrecht sich dort aufhielt. Da kam es zu den Ohren des Fürsten, es sei ein Jüngling von besonderer Feinheit im Benehmen und bewundernswürdiger Beredsamkeit angekommen. Zufällig war bei dem Herzoge auch der Canzler Johann von Lucka, welcher dies bestätigte. Der Herzog wollte nun den jungen Mann sehen und hören; er ließ also sogleich den jungen Baccalaureus zu Hofe kommen und befahl ihm, nachdem er ihn gesehen und gehört hatte, zu warten, da er mit ihm zu verhandeln habe. Da der Herzog nicht länger warten konnte und auch den A. Mylius wohl noch genauer kennen lernen wollte, so nahm er ihn mit nach Schwerin. Hier redete ihn der Herzog also an:

"Ich liebe, wie Du siehst, Andreas, die Wissenschaften und erfreue mich an dem Studium der Schriftwerke. Ich glaube nämlich, daß ich aus ihnen großen Nutzen ziehen kann, nicht allein zur Ausbildung in der Beredsamkeit, sondern auch zur Gewinnung guten Rathes, dessen ich für das Land bedarf. Ich bin jung und werde täglich daran gemahnt, weiß aber wegen meines Alters und wegen meiner Geschäfte nicht auszuwählen, was ich vorzüglich lesen könnte; und dazu kommt


1) Vgl. Epist. Chytraei p. 1235.
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mir Vieles in den Weg, wobei ich anstoße. Hierin bedarf ich täglich Deiner Hülfe: Du wähle aus, was ich mit Nutzen lesen kann, und gieb mir dann, was mir dient. In den ersten Monaten werde ich lieber Dich lesen und schwierige Stellen erklären hören. Vor allen Dingen aber wisse das, daß ich an der Reinheit der Rede große Freude habe und darin mich selbst ausbilden will, so viel die wichtigen Staatsgeschäfte es mir vergönnen. Ich habe wenigstens gelernt, daß wenn den Fürsten Glanz umgeben soll, ihn vorzüglich Schönheit der Rede ziert, jedoch nicht jene leere oder mit dem Schein der Weisheit leicht gefärbte Fertigkeit."

So redete ihm der Herzog freundlich zu; sie gefielen sich beide auf den ersten Blick, und Andreas Mylius blieb, freilich sich entschuldigend, daß "er ein Fremdling sei und der Hofsitte ungewohnt, jedoch furchtlos, da es ihm nicht an Geistesgegenwart fehle und in dem unterrichtet sei, was er zu sagen und zu thun habe."

So ward sogleich ein rein wissenschaftliches Band zwischen dem Herzoge und A. Mylius geknüpft.

Ohne Zweifel reiste A. Mylius nun zuerst gleich wieder nach Hause, und von dort wahrscheinlich nach Wittenberg, wo er den Herzog erwartete; sicher hatte ihm der Herzog empfohlen, sich in Wittenberg umzusehen.

Möglich ist es, daß A. Mylius in Wittenberg Magister ward, da seine Ernennung zum Magister in diese Zeit fallen muß.

Von hohem Interesse ist nun die Beantwortung der Fragen, zu welcher Zeit und welchem Zwecke A. Mylius in die Dienste des Herzogs Johann Albrecht berufen ward.

Aus vielen Aeußerungen geht hervor, daß der Herzog den A. Mylius auf seiner Reise zu dem großen Reichstage zu Augsburg 1547-1548 persönlich von Wittenberg mit nach Meklenburg nahm, nachdem er ihn auf die geschilderte Weise kennen gelernt hatte. Es ist gewiß, daß der Herzog nicht während der ganzen Dauer auf dem Reichstage war; wahrscheinlich reiste er einige Male ab und zu. Er unterschrieb mit seinen Brüdern Ulrich und Georg am 31. Julii 1548 den Reichstagsabschied; von Bedeutung war, daß für den Herzog Heinrich den Friedfertigen der Landrath Dietrich Maltzan dem Reichstage als Gesandter beiwohnte. A. Mylius sagt selbst in der Einleitung zu seinen Annalen (bei Gerdes Urk. S. 255):

"Ich bin eben im ersten Eintritt des Jahres, als Hertzog Johan Albrecht von den großen Reichs=

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Tag, so Kayser Carl a. 1548 zu Augspurg gehalten, in Meklenburg wieder angelangt, zu Dienste S. F. G. aufgenommen."

Hiemit stimmen denn auch die übrigen Nachrichten genau überein. Als sich A. Mylius am 9. Nov. 1558 dem Herzoge auf Lebenszeit zum Dienste verschrieb, sagte er, daß er ein ganzes Jahrzehend bei demselben gewesen sei:

"beneuolentia illustrissimi principis etc. . qua me iam integrum decennium singulari complexus est."

Und am 7. Mai 1574 sagt er, daß er damals ganze 27 Jahre ("jam integros uiginti septem annos") dem Herzoge in allen Dingen beigestanden habe. Hiernach würde er schon im J. 1547 mit dem Herzoge in Verbindung getreten sein.

Hiemit stimmt auch eine Aeußerung des großen D. David Chytraeus gegen A. Mylius vom 25. März 1591 überein, wenn er sagt, daß sie beide über 40 Jahre lang dem Lande treu gedient hätten:

"ambo senes, ambo eidem fere fato in his terris Megapolitanis, quibus ultra 40 annos fideliter seruiuimus, obnoxii, praemia, quae solent bene meritis tandem a mundo tribui, recipiamus" etc.

David Chytraeus, welcher sich den bisher genannten Personen auf das allerwürdigste anschloß, erhielt im ersten Viertheil des J. 1551, 21 Jahre alt, den Ruf als Professor nach Rostock.

Man kann also mit Bestimmtheit annehmen, daß A. Mylius im Anfange des J. 1548 von dem Herzoge Johann Albrecht wahrscheinlich von Wittenberg mit nach Meklenburg gebracht ward; A. Mylius schreibt am 11. Sept. 1562 an den Herzog:

Qui me in hanc terram deduxisti, qui mihi comes itineris idemque consiliorum rectissimus autor extitisti" etc.

Die ersten directen schriftlichen Nachrichten über Mylius stammen erst aus dem J. 1549.

So begann A. Mylius, eben erst 20 Jahre alt, im Dienste des Herzogs, welcher so eben auch erst 22 Jahre alt geworden war, eine Laufbahn, welche eben so glänzend, als einflußreich ward.

Diese ungewöhnliche Laufbahn giebt ein Zeugniß für eine ungewöhnlich große Befähigung und Bildung. Den Beweis liefert nicht allein das Leben und Wirken des Mannes, dessen Erforschung das Ziel dieser Untersuchung ist, sondern auch der

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Bericht glaubwürdiger Männer, welche einen solchen Geist zu würdigen wußten. Alle Zeitgenossen stimmen darin überein, daß A. Mylius in Geist, in der Kenntniß der alten Sprachen und in der Redekunst, d. h. in dem klaren und richtigen Ausdruck des Gedankens, oder in dem, was wir heute Philosophie nennen, vor den meisten Menschen hervorragte. Doch eben dies steht noch zur Untersuchung und soll weiter unten dargelegt werden. Hier genüge vorläufig das Zeugniß des Johannes Caselius, des geistreichsten Mannes seiner Zeit in Norddeutschland, welcher in der Leichenrede auf den Herzog Johann dasselbe von ihm sagt, was hier ausgesprochen ist:

"Nostra aetate in summorum regum aulis simul Graecis litteris et Latina eloquentia praestantiorem visum fuisse neminem, qui et hodie superest, quando Megapolitanis ducibus opera et consilio praesto fuit annos ipsos quadraginta quatuor."

und in der Leichenrede auf den Herzog Johann Albrecht zu den jungen Herzogen:

"A. Mylius cedebat nemini eloquentia, consilio, fide, industria, atque iis ad ultimum vitae finem et avo et patri et vobis praesto fuit."

Eben so sagt der große David Chytraeus (Saxonia ad a. 1594. p. 894):

"Decessit etiam in hac Megapolitano ditione vir latinae et graecae linguae cognitione et pure ac eleganter scribendi solutam et ligatam orationem facultate eximia ornatus Andreas Mylius, illustrissimi principis Johannis Alberti initio studiorum moderator, deinde consiliarius ipsius et filiorum."

J. Caselius entwirft an verschiedenen Stellen seiner Rede folgende interessante Schilderung von A. Mylius:

"Die Leichtigkeit, Reinheit, Klarheit, Fülle seiner Reden war ein Gegenstand der Bewunderung andern Völkern, auch den gebildetsten, am meisten den Polen, deren Urtheil sehr hoch anzuschlagen ist. Er war überhaupt freundlich, ohne Bitterkeit und Zorn. Er würzte seine Rede mit Witz, aber, mochte von ernsten Dingen die Rede sein oder die Sache sich zum Scherz anlegen, mit jenem heitern Witz, wie er beim Weine zu sprudeln pflegt. Seine Ausdrucksweise war angenehm und gebildet, so daß man daraus sogleich seine Selbst=

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beherrschung erkennen konnte. Er war, wenn er wollte, in allen Dingen von großem Nutzen, und trachtete darnach, es zu sein, und dachte über das Einzelne fleißig und sorgfältig nach. Seine Meinung sagte er frei, die anders Denkenden widerlegte er vorsichtig, den Fürsten unterrichtete er mit Feinheit. Er war Vielen, zumal den Guten, lieb, jedoch verfolgte auch ihn der Neid. Wer aber ist frei davon, da diese Pest das Glück hartnäckiger verfolgt, als der Schatten den Körper bei hellem Sonnenschein. Doch liebten noch mehr Leute den feinen Jüngling ("graciosum juvenem") nicht weniger wegen seiner leiblichen, als wegen seiner geistigen Gaben."

Die zweite und wichtigste Hauptfrage ist die, welche Stellung A. Mylius zuerst und im Verlaufe der Zeit bei dem Herzoge Johann Albrecht eingenommen habe. Einige sagen, er sei zuerst Secretair, andere, er sei der Lehrer des Herzogs Johann Albrecht gewesen. Nimmt man das Wort Lehrer im gewöhnlichen Sinne, d. h. nimmt man an, A. Mylius habe dem Herzoge regelmäßigen Jugendunterricht 1 ) ertheilt, so ist diese Annahme durchaus falsch. Allerdings war A. Mylius der Lehrer des Herzogs Johann Albrecht, aber in einem ganz andern Sinne, als dies von der Welt gewöhnlich verstanden wird; er leitete die Studien des regierenden Herzogs, welcher denselben bis zu seinem Tode treu blieb. Die eigentliche Stellung des A. Mylius zu dem Herzoge war eine rein wissenschaftliche, wenn ihm auch der Herzog, um seine Fähigkeiten zu benutzen, daneben andere bedeutende Aemter verlieh.

Die ersten anderthalb Jahre lebte A. Mylius ziemlich in wissenschaftlicher Muße bei dem Herzoge, welcher ihn zur auswärtigen lateinischen Correspondenz und zu seiner eigenen Unterhaltung und Weiterbildung benutzte. Der erste bekannt gewordene Brief des A. Mylius, in welchem er dem Herzoge für ein Kleid dankt, ist aus seinem Museum auf dem Schlosse zu Güstrow vom J. 1549 datirt:


1) Diese falsche Ansicht, daß A. Mylius der Jugendlehrer des Herzogs gewesen, ist besonders durch Calovius in seiner eigenmächtig veranstalteten Ausgabe der Annalen des A. Mylius verbreitet, indem er sagt:
"Johannes Albertus ist in seiner Jugend zum Studiren fleißig angehalten worden, wie er denn deßwegen zum Präceptore gehabt den hochgelehrten M. Andream Mylium, bürthig aus Meißen, so hernach fürstlich mecklenburgischer Hoffrath worden, welcher den jungen Printzen in latina lingua et graeca treulich unterwiesen, daher er nachher sein latein nett und wohl geredet."
Hievon steht in dem Originale des Andreas Mylius keine Sylbe.
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"Datum ex musaeo meo in arce uestra Gustroina anno 1549."

Darauf übertrug zunächst der Herzog Johann Albrecht dem A. Mylius den Unterricht und die Erziehung seines Bruders, Herzog Christoph, welcher 1549 im 12. Lebensjahre stand.

In der tief und ernst bewegten Zeit, wo dem Protestantismus die größte Gefahr drohte, und bei dem heftigen papistischen Streben seiner Mutter suchte der hochherzige junge Regent zuerst die Erziehung seiner jüngern Geschwister in seine Hände zu bringen.

Zuerst nahm er Michaelis 1549 seine einzige Schwester Anna zu sich, welche damals 16 Jahre alt war. Diese war von früher Jugend an bei ihrer Mutter Schwester Elisabeth 1 ), des Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg Tochter, erzogen. Elisabeth war eine ungewöhnlich edle, hochherzige, wackere Frau. Sie war zuerst an den Herzog Erich d. ä. von Braunschweig vermählt, welcher 1540 starb. Schon während der Ehe mit diesem ihrem guten und weisen, aber papistisch gesinnten Gemahle wandte sie sich mit seltener Begeisterung und Kraft der protestantischen Kirche zu, welcher sie mit derselben Begeisterung bis zu ihrem Tode treu blieb. Diese edle Fürstin nahm schon früh, sicher seit dem J. 1537, ihre Schwestertochter Anna zur Erziehung 2 ) zu sich, theils wohl aus verwandtschaftlichen Rücksichten, theils weil sie bei der Prinzessin Gevatter 3 ) gestanden hatte. Als sie sich im J. 1546 mit dem lutherischen Grafen Poppo von Henneberg wieder vermählte, behielt sie ihren Pflegling bei sich, auch selbst dann noch, nachdem der Vater am 7. Jan. 1547 gestorben war. Elisabeth blieb mit ihrem zweiten Gemahle auf ihrem Leibgedingsschlosse Münden wohnen. Der Herzog Johann Albrecht mochte aber mit der Zeit fürchten, daß seine Mutter es erreichen würde, die Tochter in ihr Haus zurückzuführen. Daher trat er denn mit seinem Oheim Heinrich und ihrer beider Räthen zusammen und "sahen es für gut, daß der Herzog Johann Albrecht das Fräulein Anna in S. L. Fürstenthum holen lassen sollte." In Folge dessen schickte denn der Herzog Johann Albrecht, in seinem und seiner Brüder Ulrich


1) Vgl. Elisabeth, Herzogin von Braunschweig=Lüneburg, von Havemann, Göttingen 1839.
2) Havemann a. a. O., S. 64, nennt fälschlich eine Prinzessin "Anna von Brandenburg", welche zu gleicher Zeit zu Münden erzogen ward; dies ist ohne Zweifel Anna von Meklenburg.
3) Vgl. daselbst S. 114 das Einladungsschreiben des Herzogs Albrecht. Nach diesem Schreiben war Anna am 14. Oct. 1533 geboren, nicht am 6. Oct., wie Rudloff angiebt.
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und Georg Namen, um Michaelis 1549 den Hofmarschall Andreas Buggenhagen und den Rath Eitel Rohr zu der Fürstin Elisabeth und deren Gemahl dem Grafen Poppo von Henneberg, um ihre Schwester zurückzuholen, mit der Werbung: "daß die herzoglichen Brüder sich freundlich wohl wüßten zu erinnern, daß Ihre Liebe aus sonderlicher angeborner Freundschaft, Liebe und freundlicher Zuneigung, so Ihre Liebe zu der hochgebornen Fürstin Fräulein Anna, gebornen Herzogin zu Meklenburg, ihrer freundlichen lieben Schwester getragen, dahin freundlich bewogen worden, daß sie Ihre Liebe bald in ihrer Jugend freundlich zu sich genommen und bisanhero viele Jahre ehrlich, fürstlich und freundlich in Gottes Furcht und guten Sitten bei sich auferzogen und mit fürstlicher Unterhaltung nothdürftig versorgt habe etc. ., weil sie aber ihre freundliche liebe Schwester in vielen Jahren nicht gesehen und jetzt beisammen seien, des Gemüths und der Meinung sich der Regierung halber mit einander freundlich zu vergleichen etc. ., und auch nachmals Willens wären, Ihre Liebe in ihrem Fürstenthum zu unterhalten, so hätten sie ihre Räthe abgefertigt, ihre freundliche liebe Schwester in ihr Fürstenthum zu holen." Die Herzogin Mutter war zwar dagegen, "mußte es aber geschehen lassen, weil auch Herzog Heinrich dazu gerathen." Johann Albrecht setzte jedoch die Sache durch, weil es "vornämlich um die Religion und Sprache" zu thun sei. Die Gräfin Elisabeth lebte nämlich damals in der allergrößten Bedrängniß und bittersten Noth durch die gewaltsame Durchführung des Interims und die Härte ihres zum Papismus zurückgefallenen Sohnes Erich d. j. Zwar war die wackere Elisabeth unverzagt; sie schrieb aus Münden am 17. Nov. 1550 an den Herzog Johann Albrecht: "Ich kann oder wil das Wort nicht verlassen; denn ich weiß, daß ich der Berufenen eine im Herrn bin und daß meine Seligkeit gewiß ist. Es wird nicht allein das Interim allhier angerichtet, sondern das ganze verdammte Papstthum; ich halts aber noch in meiner Leibzucht bis auf die Flucht, das ich selber weichen muß. Man spannet mir die Jungfern ab, daß keine bei mir dienen muß" etc. . Johann Albrecht war ihr sehr ergeben; er schrieb ihr am 25. Julii 1551, als es sich schon kraftvoll in den hochherzigen Seelen regte: "Meine Sache betreffend, hoffe ich, werde unser Gott dermaleinst bald Zeit geben und verleihen." Ihrer Nichte gedachte Elisabeth ferner mit zärtlicher Sorgfalt und wünschte schon im Sommer 1551, daß "ihr Gott hülfe, daß sie des Herzogs Schwester könnte helfen verheirathen."

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Auch der meklenburgische Herzog Georg, Bruder der Herzogin Anna, ward, sicher ebenfalls seit dem J. 1537, an dem Hofe der Herzogin Elisabeth mit deren Sohne Erich d. j. erzogen, welcher mit Georg von gleichem Alter war, bis er im Anfange des J. 1547 als Rittmeister seinem Vetter Erich folgte 1 ), als dieser seinen Sinn wandte und dem Kaiser mit 400 Reitern zuzog.

Darauf ließ sich die Herzogin Mutter Anna von ihrem Sohne Johann Albrecht bereden, daß sie ihm ihren Sohn Christoph zur Erziehung überließ. Die Herzogin klagt darüber selbst am 6. Junii 1559 dem Kaiser:

"Darnach ist mein son herzog Hans Albrecht als der elter regirender furst fortgefahren vnde angeczeyget, das er von der romischen kayserlichen maygestat bruder vnsers aller gnedigsten herrn seliger vor ein vormunder meyner beyden vnmundigen jungsten sonen als herczog Cristoff vnde herczog Karle geseczt were vnde beyde regirende fursten sich voreniget vnde vertragen haben, yder eynen von den jungesten brudern czu sich czu nemen, vnde hat der halben meinen son herczog Cristoffer myt groser beschwerunge, sorge vnde betrubnisse von myr in schein czu sich czu nemen vnde an seinem hoffe czu erhalten" etc. .

In einem anderen Briefe sagt sie, Johann Albrecht habe ihr ihren Sohn Christoph

"mit hinderlisten abgeredt",

da sie es bis zu ihrem Tode nicht vergessen konnte, daß der Herzog Christoph als Geißel nach Frankreich geschickt war.

Im August 1550 ließ Johann Albrecht seinen Bruder von der Mutter abholen. Am 7. Aug. schrieb er seiner Mutter:

"Bitte e. g. vffs freundtlichste vnd so hoch ich macht zu bitten habe, e. g. wolten sich nit entkegen sein lassen, das die jungen hern zu vns gen Schwerin komen mochten, wir wollen sie, ob gott will, also erzihen vnd vnterhalten lassen, wie ich mich hiebeuor almall habe erbotten" etc. .

Am 28. Aug. 1550 schrieb er an seine Mutter:

Dem jungest genomenen abscheydt nach schicke e. g. ich den jhenigen zu, von welichem Derselbigen ich gesaget, dem werden e. g. meinen jungen Bruder Hertzog Christoffern befelen, mir will ich ihn auch


1) Vgl. Havemann a. a. O. S. 67 und 54.
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beuolen sein lassen; konnen e. g. ehs ihmer geschicken, das sie selbest itzo mitt anhero kemen, sehen wir gantz gerne" etc. .

So kam der Herzog Christoph unter die Obhut seines Bruders. Den Herzog Carl behielt die Mutter noch lange bei sich und führte ihn selbst auf den weitesten Reisen, z. B. in Preußen, immer mit sich umher.

Der Herzog Johann Albrecht gab nun seinen Bruder Christoph 1 ) sogleich dem A. Mylius zum Unterricht und zur Erziehung.

Nicht lange nach dem Anfange des Unterrichts dankt der Herzog Christoph seinem Bruder dafür, daß er ihn vom Nichtsthun und Spielen zum Lernen geführt habe:

"Omnino uobis, suavissime frater, gratias esse agendas maximas intelligo, qui me de ocio, aut uerius ineptiis, ad studia et disciplinam induxistis."

Er bittet, da er mit seinem Lehrer ("ipse cum magistro meo") Mangel habe, um Geld, und verspricht, daß er des Bruders Güte durch Fleiß, sein Lehrer durch Arbeit vergelten wolle:

"daturi operam, ut sumptus magnitudinem ego industria, magister meus labore cumulate compensemus."

Unter diese Erstlingsfrucht des Fleißes des jungen Fürsten schreibt A. Mylius:

"Haec sunt, illustrissime princeps, prima ineuntis diligentiae quaedam quasi rudimenta et leuia praeludia, ex quibus et ingenium eius et diligentia facile perspicitur. Caeterum quod ad petitiones nostras attinet, plane speramus, id uobis non molestum esse futurum, nobis quidem certe per est necessarium. Nostras preces, et assiduas, et fideles, ad Deum pro uobis fundimus. Andreas Mylius M."

Die Renterei=Rechnungen vom J. 1551 geben vollkommenen Aufschluß über die erste Stellung des A. Mylius:

"Andreas Mylius preceptor m. g. h. h. Christoffers des Jhars 100 Thaler, vff schreiben m. g. h. entricht den 4. Maji 37 thaler 13 ßl., vnd ghet


1) So berichtet auch J. Caselius, daß der Herzog ihm den Unterricht für seinen Bruder Christoph übertragen habe, bis ein anderer Lehrer gefunden worden sei.
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sein Zeitt Michaelis vorgangen widerumb

  an, thut 48 fl. 8 ßl. 
     Andreas Mylius preceptor 64 "  14  "  
     Andreas Mylius preceptor
  m. g. jungen hern zu einer behausung den 7. Septemb. 50 "    -  "  
  Demselben zum Rest des hauß den 29. Oct. geschenkt 50 "    -  "  

Als der Herzog Christoph am Ende des J. 1551 als Geißel nach Frankreich geschickt ward, war die Herzogin Mutter außer sich und hatte vorzüglich den A. Mylius in dem Verdacht der Mitwissenschaft in der Zeit der großen Bewegungen, deren Ausgang sie freilich noch nicht ahnte; A. Mylius tröstet sie aber am 13. Jan. 1552 damit, daß der Herzog Johann Albrecht zu ihm gesagt habe:

"es soll auch mein g. junge herr bald widderumb ins land vnd zu meiner institution gebracht werden."

Auch bittet der Herzog Johann Albrecht seine Mutter:

"sie wolte die gefassete vngnade auch von dem Andrea wenden."


Der Zeitpunkt der großen Entscheidung in der protestantischen Sache rückte immer näher. Johann Albrecht förderte sie am eifrigsten, da seine Beweggründe und seine Begeisterung am reinsten waren. Er war aber ungewöhnlich in Anspruch genommen, da er, außer der erst vor kurzem in jungen Jahren angetretenen Regierung seines Landes und seines Hauses, diese Sache ungewöhnlich lebhaft und thatkräftig betrieb; er schrieb zahllose Briefe, welche er alle eigenhändig concipirt hat, machte unaufhörlich Reisen und bereitete selbst alles mit der größten Sorgfalt vor, so daß er jeden Augenblick, wenn es sein mußte, seinen Mann stehen konnte. In einer solchen Lage bedurfte er nothwendig eines vertrauten Freundes, dem er sich ganz hingeben konnte; zwar unterstützten ihn die oben genannten ausgezeichneten Männer auf das Kräftigste, aber er bedurfte für den täglichen, ja stündlichen Umgang eines völlig vertrauten Mannes, der ihm stets zur Seite stehen und Arbeiten abnehmen konnte. Und so gestaltete sich in jenen Tagen der Begeisterung und der Gefahr jenes innige Verhältniß zu Andreas Mylius, welches in der Geschichte kaum seines gleichen findet. Johann Albrecht nahm an den wichtigen Verhandlungs= und Bündniß=

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tagen der protestantischen Fürsten 1 ) in den Jahren 1550 und 1551 persönlich den thätigsten Antheil, ja er ist als ein Haupthebel der ganzen Bewegung anzusehen; erst in unsern Tagen 2 ) ist die wichtige Stellung des Herzogs Johann Albrecht gebührend hervorgehoben. Schon im Februar 1550, auf der Hochzeit des Herzogs Albrecht von Preußen, bei welcher Gelegenheit sich am 24. Februar Johann Albrecht mit des Herzogs Tochter Anna Sophie verlobte, schlossen der Herzog Albrecht von Preußen, der Marfgraf Johann von Brandenburg und der Herzog Johann Albrecht von Meklenburg zu Königsberg das erste Hülfsbündniß 3 ), ohne jedoch etwas Schriftliches darüber festzustellen, da die größte Geheimhaltung versprochen war. Johann Albrecht hatte ohne Zweifel damals und späterhin auf seinen Schwiegervater einen bedeutenden Einfluß. Der Bund wuchs im Stillen; der Markgraf Johann schrieb 4 ) am 14. Junii 1550 an den Herzog Albrecht: "Bei Meklenburg weiß es auch Niemand als Herzog Hans Albrecht, sein Kanzler (Johann von Lucka) und Herzog Heinrich, auch der alte Dietrich Maltzan, der viel gethan hat, Herzog Heinrichen zu gewinnen." Johann Albrecht war es vorzüglich, der den Kurfürsten Moritz gewann; im Dec. 1550 fand eine Annäherung zwischen beiden statt. Moritz schrieb 5 ) nun: "Das zeige ich Euch darum an, daß Ihr Tag und Nacht auf diese Dinge denket, damit man möge den Handel in ein recht Vertrauen bringen." Schon in den ersten Tagen des Jahres 1551 erhielt der Markgraf Johann eine Botschaft: "der Kaiser habe Kundschaft, daß sich der Margkraf nebst einigen andern Fürsten unterstanden, wider ihn geheime, aufrührerische Practiken zu treiben." Der Freiherr Joachim Maltzan war dem Herzoge Johann Albrecht treu ergeben und stand ihm mit seiner ungewöhnlich großen, gereiften Erfahrung zur Seite. Er war wegen seiner "Practiken" schon seit dem Dec. 1549 dem Kaiser verdächtig, aber so klug gewesen, daß man ihn nicht hatte fangen können. Am 20. bis 24. Jan. 1551 ließ ihm der Kaiser seine freie Standesherrschaft Wartenberg einnehmen und sequestriren und seine feste Burg erobern 6 ), auch darnach trachten, ihn selbst zu fangen. Am 25. Jan.


1) Man vgl. über die Geschichte dieser Zeit vorzüglich das ausgezeichnete Werk von v. Langenn: Kurfürst Moritz von Sachsen.
2) Dies ist vorzüglich und zuerst in dem so eben erschienenen Werke von Joh. Voigt: Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg=Kulmbach, Berlin, 1852, geschehen, einem Werke, welches sich dem v. Langenn's würdig zur Seite stellt.
3) Vgl. Voigt's Albrecht Alcibiades I, S. 215.
4) Vgl. daselbst, S. 217.
5) Vgl. daselbst S. 231 flgd.
6) Vgl. Lisch Urk. zur Gesch. des Geschlechts Maltzan, Bd. V, 1853.
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1551 rieth 1 ) zuerst der Herzog Johann dringend, da die Gefahr zwinge und keine Zeit mehr zu verlieren sei, den Bund durch auswärtigen Beistand zu verstärken, sei es, daß man Frankreich oder England oder beide mit in das Bündniß ziehe. Am 20. Febr. 1551 fand zu Dresden eine Zusammenkunft 2 ) zwischen dem Markgrafen Johann und dem Kurfürsten Moritz statt; sie wechselten Verpflichtungsurkunden für die Freiheit des Vaterlandes, die Selbstständigkeit des Reiches, den Schutz der Religion laut der augsburgischen Confession und die Befreiung der beiden gefangenen Fürsten von Hessen und Sachsen. So ward Moritz für den Bund gewonnen.

Es fanden unter den Verbündeten im Geheimen fort und fort Berathungen und Zusamenkünfte statt, namentlich zu Naumburg 3 ) kurz vor dem Mai=Vertrage zu Torgau. In einer der wichtigsten im Mai zu Torgau 4 ) kam es zwischen dem Markgrafen Johann, dem Herzoge Johann Albrecht, dem Landgrafen Wilhelm von Hessen und dem Kurfürsten Moritz zum förmlichen Abschluß des Bundes. Die Unterhandlungen mit Frankreich wurden jetzt eifrig betrieben und schon im Mai, nach dem Tage von Torgau, bevollmächtigte Gesandte an den König Heinrich II. von Frankreich gesandt. Am 25. Mai 1551 schrieb Johann Albrecht "an den Rheingrafen von Torgau ab" eilig einige Worte im Geheimen ohne Unterschrift: "Der Wind hat sich bis anhero nicht fügen wollen. Er hat sich aber jetzt umgesetzt, also daß ich zu Gott hoffe, er werde wohlfeil werden. Wenn Ihr nun euer Geld dieser Orte wollet anlegen, werdet Ihr gute Waare bekommen." Am 13. und 20. Aug. schrieb er 5 ) an den Herzog Albrecht: "In Briefen wird auf gute Antwort aus Frankreich getröstet."

Am 3. Oct. 1551 traten die protestantischen Fürsten auf dem Jagdschlosse zu Lochau bei Mühlberg zusammen, um den Plan zu einem Offensivbündnisse zu entwerfen, und am 5. Oct. schlossen sie mit dem Gesandten Frankreich's, dem Bischofe de Fresse (Fraxineus) von Bayonne auf dem hessischen Jagdschlosse Friedewald 6 ) ein Schutz= und Trutzbündniß mit Frankreich.


1) Vgl. Voigt a. a. O. S. 234.
2) Vgl. daselbst S. 235.
3) Vgl. den ausführlichen Brief des Herzogs Johann Albrecht vom 17. Oct. 1551 in den Jahrb. des Vereins für meklenburg. Geschichte II, S. 199, und v. Langenn a. a. O. I, S. 484.
4) Vgl. Voigt a. a. O. S. 243.
5) Vgl. daselbst S. 253.
6) Vgl. Jahrb. und v. Langenn a. a. O.
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In Folge dieser Bündnisse stellte Johann Albrecht seinen Bruder Christoph an Frankreich als Geißel und sandte ihn sogleich (noch vor dem 17. Oct.) nach Cassel, damit er von dort mit dem jungen Landgrafen Philipp von Hessen nach Paris geschickt werden könne. Die Auswechselung der Geißeln verzögerte sich aber bis zur Bestätigung des Bündnisses durch den König von Frankreich am 15. Jan. 1552.


Jetzt fühlte Johann Albrecht, daß er den Andreas Mylius nicht missen könne. Er beschloß daher, ihn für seine Person bei sich zu behalten, und für seinen Bruder einen andern Lehrer zu suchen, welcher denselben nach Paris begleiten sollte. Diese Entschlüsse reiften auf der wichtigen Reise Johann Albrecht's zum Kurfürsten Moritz nach Dresden, welche er am Ende des J. 1551 zur letzten Beschlußnahme über die protestantische Angelegenheit unternahm und auf welcher ihn Andreas Mylius und der Canzler Johann von Lucka begleiteten. Der Herzog nahm seinen Bruder Christoph mit nach Dresden, sicher von Berlin aus. Johann Albrecht reiste um die Mitte des Monats Dec. nach Grimnitz, wo er am 14. mit dem Markgrafen Johann verhandelte 1 ), und von dort nach Berlin, wo er am 16. Dec war. Mit großer Anstrengung, zur Winterszeit, in welcher er sich mehrere Male die Nächte hindurch die Wege durch Boten zeigen ließ, kam er am 20. Dec. in Dresden an und verhandelte hier am 21. Dec. "Beide Kurfürsten hatten ihm Handlung in ihrer Irrung (zu Lochau) eingeräumt." Er redete auch an diesem Tage mit Melanchthon. Um Mitternacht des 21. Dec. berichtete 1 ) er noch seinem Schwiegervater Herzog Albrecht von Preußen, mit den Schlußworten: "Das wird dem Vaterlande und Euer Liebden selbst mit zum besten gereichen." Am 22. Dec. früh reiste er von Dresden über Torgau, Wittenberg, Alt=Brandenburg, von wo er Briefe nach Leipzig und Wittenberg und an den Kurfürsten von Brandenburg schrieb, in die Heimath zurück, wo er am 27. Dec. ankam; am 31. Dec. war er in Wismar.

Die baldige Auslieferung des Herzogs Christoph war nun beschlossen. Andreas Mylius war auf der Reise nach Dresden am 19. Dec. nach seiner Vaterstadt Meißen von dem Herzoge abgegangen, um hier mit Mathias Marcus Dabercusius zu unterhandeln. In der Reiserechnung heißt es:


1) Vgl. den Brief vom 21. Dec. 1551 in Jahrb. II, S. 203, und die Antwort flgd.
1) Vgl. den Brief vom 21. Dec. 1551 in Jahrb. II, S. 203, und die Antwort flgd.
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Ausgab zu Dresden den 21. Tag Dec. Ao. 51.
3 1/2 Groschen einem Boten gegeben, der Andreas Mylius einen Brief von meinem g. Herrn gen Meißen gebracht hat."

Am 30. Dec. 1551 empfahl Dabercusius dem Herzoge den Wolfgang Leupold, aus Freiberg gebürtig, einen Schüler der meißner Schule, einen guten und gelehrten jungen Mann, welcher sich damals zu Leipzig aufhielt und auch dem Andreas Mylius bekannt war, zum Lehrer des Herzogs Christoph. - Andreas Mylius war nach Meißen gegangen, nicht allein um einen Lehrer für den Herzog Christoph zu suchen, sondern auch den Dabercusius, Lehrer an der Fürstenschule zu Meißen, zur Gründung der Fürstenschule in Schwerin zu gewinnen, da Johann Albrecht sich zur gründlichen Durchführung der Reformation gerade damals zugleich eifrig sowohl mit der Stiftung gelehrter Schulen, als auch mit der Abfassung einer protestantischen Kirchenordnung und mit einer allgemeinen Kirchen=Visitation 1 ) beschäftigte. Dabercusius ging, nach Berathung mit Melanchthon, auf seine Berufung nach Schwerin ziemlich willig ein, stellte aber noch mehrere Fragen und Bedingungen; er ging jedoch schon Ostern 1553 nach Schwerin und eröffnete dort am 10. Aug. 1553 die Fürstenschule.

Mit der Annahme der Schulregierung der künftigen Fürstenschule zu Schwerin schickte Dabercusius am 13. Jan. 1552 den Wolfgang Leupold von Meißen nach Schwerin:

"Mitto ad Celsitudinem Tuam Vuolfgangum Leopoldum Fribergensem, adolescentem optimum et modestissimum et utriusque linguae peritum eumque clementiae tuae commendo."

Der Herzog Johann Albrecht hatte seinen Bruder Christoph in Dresden gelassen. Er schrieb seiner Mutter, der Kurfürst Moritz habe ihn und seinen Bruder Georg zum allerfleißigsten gebeten, ihren Bruder Christoph eine Zeit lang bei ihm zu lassen, da er ihm sehr wohl gefalle und er dort mit dem jungen Landgrafen von Hessen und dem Markgrafen von Anspach erzogen werden solle, auch dort viel mehr sehen und lernen könne, als in Meklenburg. Der Kurfürst Moritz schrieb selbst dasselbe am 21. Dec. 1551 an die Mutter. Die Herzogin Mutter, von Argwohn erfüllt, war außer sich und grämte sich fast zu Tode und


1) Zu der großen Kirchen=Visitation ordnete der Herzog den M. Simon Leupold, Secretair des Herzogs Heinrich des Friedfertigen, als beständigen Secretair ab, da er denselben nicht nur als einen ächt protestantischen und kenntnißreichen, sondern auch kräftigen und geschäftskundigen Mann kannte. Vgl. Jahrb. V, S. 145. S. Leupold hatte schon die erste Visitation vom J. 1541 mit ausgeführt.
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warf den bittersten Haß auf A. Mylius, von dem sie glaubte, daß er die Sache eingeleitet habe, obgleich ihr Johann Albrecht versicherte, daß Mylius vor seiner Abreise nichts davon gewußt habe, wie denn überhaupt der Herzog die ganze Sache vor Jedermann sehr geheim hielt. Ja, die Herzogin wollte selbst ihre Tochter Anna nicht sehen, weil sie dieselbe im Verdacht der Mitwissenschaft hatte. Johann Albrecht hatte seinem Bruder einen Kammerherrn ("Kammerdiener") Joachim von Klenow als Hofmeister gelassen, schickte ihm den Wolfgang Leupold als Lehrer 1 ) nach Dresden nach und gab ihm noch einen Knecht, einen Jungen und 4 Pferde. Am 26. Febr. 1552 reiste der Herzog Christoph von Dresden ab. Am 7. März berichtete 2 ) der Markgraf Albrecht von Culmbach an den Kurfürsten Moritz, daß am Tage vorher "der junge Herzog Christoph von Meklenburg bei ihm zu Crailsheim (bei Ansbach) angekommen sei und er ihn am folgenden Tage mit dem frühesten weiter schicken wolle an Ort und Ende, wiewohl die Zeit sehr kurz sei und der Herzog Tag und Nacht zu reiten haben werde." Darauf schrieb 3 ) Joachim v. Klenow unter "erdichtetem Namen" an Alhart Raumsattel zu Nürnberg: "Er sei mit seinem Herrn am 12. März zu Basel angekommen, mit großer Gefahr, wie Wolf der Knecht berichten werde, und bitte, dies dem Herzoge Johann Albrecht zu schreiben; der junge Landgraf sei acht Tage vor ihm angekommen, diesen habe ein altes Weib von Castel dahin gebracht und ihn für ein Mägdlein ausgegeben (" "ausgemacht" "). Am 23. April kam der Herzog Christoph in Paris an. Wolfgang Leupold hielt den jungen Fürsten mit Ernst zu Studien nach deutscher Weise an 4 ) und war mit dessen Bestrebungen zufrieden. Im Januar 1553 kam der Herzog Christoph mit seiner Begleitung wieder nach Meklenburg zurück 5 ). Am 13. Jan. 1553 schreibt der Herzog Jo=


1) In einem Briefe an den H. Johann Albrecht vom 3. Sept. 1557 sagt W. Leupold:
Functus sum munere instituendi fratris d. Christophori "a Celtitudine Vestra mihi imposita."
Es ist ohne Zweifel nicht richtig, wenn sogar J. Caselius in der Leichenrede auf den Herzog Carl 1610 sagt, Wolfgang Leupold sei auch der Lehrer des Herzogs Carl gewesen:
"se vidisse Christophorum et Carolum principes educari ab erudito viro Leopoldo Misnico."
2) Nach einem Original=Briefe im königl. sächsischen Archive zu Dresden.
3) Nach einem gleichzeitigen Auszuge aus dem Briefe in demselben Archive.
4) Das großherzogl. Archiv zu Schwerin bewahrt noch einen Brief Leupold's aus Paris über die Studien des Prinzen vom Aug. 1552.
5) Vgl. A. Mylii Annales bei Gerdes S. 261. Mylius giebt an: "Gegen die Weihnachten ist Herzog Christoffer in Meklenburg wieder ankommen." Die Zeitangaben bei Mylius sind überall nicht genau. So soll Herzog Johann Albrecht "kurz nach Fastnachten" (15. Febr.) von Schwerin abgezogen und "kurz vor Palmarum" (26. März) zu Augsburg angekommen sein.
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hann Albrecht an v. Heydeck: "Wollte Gott, man hätte unserm einfältigen, getreuen Rathe gefolget, es sollte jetzt gewißlich besser im Reiche stehen und unsern Vetter und wir in weniger Sorge und Gefahr stehen, unser junger Bruder sollte auch derselben jetzt frei sein, denn ob wir wohl Herrn Joachim Maltzan in Frankreich, unsern Bruder herauszubringen, abgefertigt, so hat er doch für sich selbst eine Bestallung vom Könige erlangt und unsers Bruders sich nicht hart angenommen; doch wollen wir es unsers Bruders halben an keinem Fleiß hinfürder mangeln lassen." Der Herzog Christoph war also damals noch nicht zurück. Im Anfange des Monats Febr. 1553 sehen wir jedoch den Prinzen Christoph wieder an seines Bruders Hofe zu Schwerin und am 3. Febr. ward mit dem Hofmeister Joachim v. Klenow und dem Lehrer Wolfgang Leupold der Kosten wegen abgerechnet.

Wolfgang Leupold erhielt im J. 1553, wahrscheinlich um Ostern, das Rectoramt der Schule zu Güstrow 1 ), welches damals gerade erledigt war. - Joachim von Klenow ward Hofmarschall.


Einen höchst wichtigen Abschnitt in dem Leben des Herzogs Johann Albrecht, und zugleich ein sehr wichtiges Ereigniß für A. Mylius, bildete die Verlobung des Herzogs. Als sich der Herzog Albrecht von Preußen mit des Herzogs Erich d. ä. von Braunschweig Tochter, also einer Mutterschwestertochter des Herzogs Johann Albrecht, im Febr. des J. 1550 zum zweiten Male vermählen und auch der Herzog Johann Albrecht mit den übrigen Verwandten zur Feier nach Königsberg ziehen wollte, starb am 28. Jan. der edle Herzog und Bischof Magnus von Meklenburg, sein Vetter; obgleich dieser Verlust ihm sehr zu Herzen ging und seine Reise augenblicklich hemmte, so führte er diese dennoch aus, so betrübt er auch war. Auf dieser Hochzeit ward am 24. Febr. (am Montag nach Invocavit) 1550 zwischen des Herzogs Albrecht Tochter erster Ehe, Anna Sophia, und dem Herzoge Johann Albrecht eine "Vermählung der heiligen


1) Die Reformation der Schule zu Güstrow geschah schon im J. 1551, als Friedrich Winkler aus Prettin, ein Zögling der Universität Wittenberg, das Rectorat der Schule erhielt. Dieser ward jedoch im J. 1552 zum Rector der Schule in seiner Vaterstadt Prettin berufen, wo er schon Johannis 1553 ungefähr ein Vierteljahr gewirkt hatte. Vgl. Jahrb. V, S. 148-149. Unter W. Leupold's Rectorat ward zwar die Schule etwas verbessert, hatte aber, wie früher, mit zahllosen Widerwärtigkeiten zu kämpfen, da sie nicht einmal ein ausreichendes, festes Gebäude hatte. Die Geschichte der Domschule zu Güstrow in ihrer jetzigen Verfassung beginnt eigentlich mit dem Bau des großen, noch stehenden Schulhauses durch den Herzog Ulrich im J. 1560.
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Ehe" gestiftet. Diese Verlobung war allerdings für den jungen Herzog von der allergrößten Bedeutung, indem sie theils dem Herzoge eine so wackere und erhabene Fürstin zuführte, daß sie als ein Musterbild in der Reihe der meklenburgischen Herzoginnen dasteht, theils den Herzog Albrecht noch inniger an die Sache des Protestantismus fesselte, indem er seitdem, nach dem Abschlusse eines geheimen protestantischen Bündnisses während der Vermählungsfeier, sogleich mit voller Seele mit seinem Schwiegersohne darüber in den lebhaftesten Briefwechsel trat. Die Vermählung sollte zwar innerhalb des ersten Jahres der Verlobung gefeiert werden; aber Johann Albrecht wollte nicht eher an sein eigenes Glück denken, als bis er den Glauben und das Vaterland gerettet und gesichert sah. Er schob die Vermählung noch 5 Jahre hinaus, um so mehr, da er auch seine Geldkräfte im Geheimen zusammenhalten mußte, um für den Fall eines Kriegszuges augenblicklich die nöthigsten Mittel zur Verfügung zu haben, wenn auch keine Spur davon vorhanden ist, daß Johann Albrecht je Geld sollte gespart oder geschont haben, wenn es auf die Befriedigung irgend eines edlen Bedürfnisses ankam. Zwar drang seine Tante Elisabeth häufig in ihn, sich bald zu vermählen. Am 27. Junii 1551 schrieb sie: "Ich bitte vor Allem, E. L. wollen Ihr Gemahl sich in allewege zum treulichsten lassen befohlen sein und sich des Sehnens beide ein Mal abhelfen; denn Ihr seid Eheleute vor Gott und der Welt. Darum halte sich E. L. freundlich gegen sie und fördere auch ein Mal das Beilager. E. L. lasse sich nicht abhalten, denn eine bessere Zeit zu erleben, ist nicht zu hoffen. Grüße mir Ihre allerliebste Anna Sophie, die befehl ich E. L. in Ihr Herz hinein und wünsche Euch bald in ihren Arm." Johann Albrecht ließ aber erst die deutsche Sache sich fester gestalten, ordnete erst die Regierung seines eigenen Landes nach allen Seiten hin und bauete 1553-54 zu der Vermählung das interessante Schloß zu Wismar, das Hauptdenkmal des nordischen, eigentlich meklenburgischen, Renaissancestyls im Ziegelbau, ebenfalls ein redendes Zeichen von dem reinen Geschmack und der hohen Bildung des Fürsten. Sein Leben war ganz makellos. Aber er wollte nicht früh heirathen, so schwer ihm dieser Entschluß auch ward. In einer schriftlichen Selbstbetrachtung oder Beichte vom 29. Nov. 1553, in welcher er seinen ganzen Zustand schildert, betet er: "Keusch vnd ohne Weib kan ich Dir bas dienen; erhalte vnd sterke mich darin."


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Der Druck des Kaisers war unerträglich. Schon früh regten sich die Gemüther, sich von dieser Last durch Gewalt zu befreien. Der schlaue, viel gewandte und weit bekannte Ritter Friedrich Spedt 1 ), welcher 1553 als Rath, Gesandter und Oberster in die Dienste des Herzogs Johann Albrecht trat, war schon im J. 1548 der Ansicht 2 ), "daß durch kein ander Mittel diese des Kaisers ewig vorhabende Dienstbarkeit deutscher Nation abzuwenden sei, als daß durch eine stattliche Gegenwehr Ihrer Majestät begegnet werde" und daß "kein ander Mittel sei, die deutsche Nation unser Vaterland vor dem vorhabenden Verderben der Spanier und Türken zu retten." Vor allen Dingen rieth er schon damals, dem Kurfürsten Moritz vorzustellen, daß er bedenke, in welcher Gefahr und welchem bösen Leumund er stehe, und er sich mit der That zu verantworten habe.

Endlich brach der Tag der großen Entscheidung für den Protestantismus an, eine That, so kühn und erhaben und groß, wie wenige in der Weltgeschichte. Unter allen protestantischen Fürsten durchschauete wohl keiner so klar die Lage der Dinge, wie der junge Johann Albrecht von Meklenburg. Es galt nicht allein den Christenglauben vor der Abgötterei des Papismus zu retten, sondern auch die deutsche Freiheit vor der "Herrschaft und Tyrannei der Spanier", d. h. Oesterreichs mit spanischer Politik, - es galt das traurige Geschick abzuwenden, welches nicht lange darauf die blühenden Niederlande mit Blut überschwemmte. Die Freiheit des deutschen Reiches und des christlichen Glaubens werden in unzähligen, geheimen Briefen immer zusammen als die Kleinodien genannt, an deren Rettung man Leib und Leben setzen müsse. Mögen auch bei andern Fürsten Nebenrücksichten, wenn auch nicht unedle, bei der Schilderhebung gegen den "spanischen" Druck, der seit dem Interim unerträglich auf dem deutschen Reiche lastete, gewaltet haben: bei Johann Albrecht von Meklenburg waren es die reinsten, edelsten Beweggründe, welche ihn für die höchsten Güter des Lebens in einen sehr gewagten Kampf hinausriefen. Er schreibt öfter an seine vielgeliebte Braut, wenn auch nur in allgemeinen Zügen, da er in seinen Briefen an sie sonst die Politik nicht berührt, sehr offen und innig, z. B. schon am 2. Dec. 1550:

"Ich hoffe dennoch, glaube und bitte auch darum, daß der die Seinen züchtigt, ihm zum Lobe, werde dieselbigen auch zu seiner Zeit und größerm seinem


1) Vgl. Jahrb. I, S. 33 flgd. und 36 flgd.
2) Vgl. daselbst S. 184 flgd.
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Preise erretten und dermaleinst erhören, sie auch in rechtem Glauben an ihn und öffentlichem Bekenntniß, neben wahrem ihm wohlgefälligen Gottesdienste erhalten: behalten wir das, als wir sollen, so können wir nichts, ja nichts verlieren."

und am 18. März 1551:

"Neben E. L. will ich hoffen, daß das Unkraut dermaleinst möchte ausgerottet werden, damit wir mit Freuden zusammen kommen."

Am 30. Nov. 1553 aber schreibt er an sie aus der Tiefe seines Herzens:

"Nachdem sich denn eine Weile her unser eheliche Handel aus hochwichtigen Ursachen, nämlich die Erhaltung unserer wahren Religion, Freiheit, Friede und Vaterland belangend, von deswegen ich noch Lust zu sterben hätte (wiewohl ich damals wenig wahre und rechte Gehülfen erfunden), verzogen, weil denn auch die Dinge jetzt etwas friedlicher und durch Schickung des Allmächtigen linder worden, dafür ihm ewiger Dank billig gehört, so bin ich nunmehr entschlossen, den Handel dahin zu befördern, wie ihn der Herr ersehen."

In einer eigenhändig am Neujahrstage 1551 geschriebenen Bitte oder Beichte sagt er:

"Ach Gott, hilf doch deinem armen Häuflein, das sonst keinen menschlichen Trost hat, und allein ihre Augen auf Dich sehen. - - - - - - - Herr, mache Deiner und unserer Feinde Trotzen zu Schanden."

"Laß sie ihre Hoffnung, die sie auf viel Reuter und Knechte setzen, betrügen. Errette die, welche sich auf Dich allein verlassen."

"Gieb nicht nach, daß sich die Gottlosen über Deine armen Christen erfreuen." - - - - -

"Sie haben nichts Gutes im Sinne, sondern eitel arges denken sie zu vollbringen."

"Sie achten weder Gottesfurcht, noch wahren Gottesdienst."

"Sie achten weder Vaterland, noch Freiheit."

- - - - - - - - - - -

"Darum laß Dich erbitten, Deinem schwachen Häuflein, ist es anders Zeit, zu Hülfe zu kommen, von welchem Du Größeres und mehr Lobes und Ehren erlangen kannst." - - - - - - -

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"Mache ihre Anschläge, die sie für gewiß achten, zunichte." - - - - - - - - -

"Ich hoffe, Du wirst Deinem armen verlassenen Häuflein ex inopinatis helfen, wiewohl es wider meine und die Vernunft ist, dennoch kannst Du es thun." - - - - - - - - -

und am 11. Jan. 1551 ("cum milites missi sunt facti"):

"Wo ist nun die Standhaftigkeit der Religion?"

"Wo ist die von Natur eingegossene Liebe zum Vaterlande?" - - - - - - -

Gott, es hat Dir also wohl gefallen, Du eilest zum Ende; Dein Reich komme, wollen wir bitten."

Du hast aber den gottlosen Tyrannen, die Verräther sind ihres Vaterlandes, auch Deiner Lehre und Wahrheit, einen Graben aufgeworfen, da werden sie, wann Du ihnen die Zeit fast angestellet, vorkommen und nicht über denselbigen springen."

"Um eines aber, Herr, bitten wir, - das Andere wollest Du verleihen - , daß wir beständiglich bei unserer wahren Religion und bei dem von Dir angenommenen und gebotenen Gottesdienst bis ans Ende mögen verharren, und daß Du nicht wollest nachgeben, daß sich die Feinde Deines Wortes über uns erfreuen. Amen."


Als Johann Albrecht am 28. Nov. 1551 den Werner Hahn nach Königsberg zu seinem Schwiegervater sandte, um mit diesem die Zurüstungen zu der Schilderhebung zu verabreden, schrieb er an denselben:

"Weil auch unsere Gemüther dermaßen zu einander gethan, so werden E. L. mit der Kürze zufrieden sein. E. L. bitte ich allein, die sich auch ohne mein Bitten werden wohl zu verhalten wissen, sie wollten zur Erhaltung und Rettung des Vaterlandes, von welches wegen wir nicht zu viel thun können, das Ihre thun, zudem und über das weil es der einzige und kein anderer Weg jetzt menschlich davon vor der Hand oder zu finden ist, durch welchen man die Unterthanen und uns mit göttlicher Hülfe bei reiner Lehre halten und bleiben möchte."

Endlich war die Stunde gekommen. Der Herzog Heinrich der Friedfertige, welcher zwar die Sache unterstützen, aber nicht selbst das Schwert erheben wollte, ging am 6. Febr. 1552 zum

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ewigen Frieden ein, und dadurch ward Johann Albrecht gerade zu der Zeit, wo es ihm am dienlichsten war, fürs erste alleiniger Regent von Meklenburg. Nun trieb er die Sache um desto eifriger, obgleich er mit Regierungsgeschäften überall beladen war. Aber die Noth drängte. Die protestantischen Fürsten, welche sich zur Schilderhebung rüsteten, waren ihm alle durch Verwandtschaft nahe verbunden: sie waren alle Geschwisterkinder, Enkel des Herzogs Magnus von Meklenburg, und zum Theil unter einander und mit den übrigen protestantischen Fürsten vielfach verschwägert.

Nach den geheimen Verabredungen sammelte Johann Albrecht Allen unerwartet und plötzlich 600 "wohlgerüstete Reiter", um zu Moritz von Sachsen zu stoßen. Auf einem Landtage, welchen der Herzog am 25. Julii 1552 während des Feldzuges durch seine Statthalter und Räthe halten ließ, forderte er von den Landständen die Erstattung der Kriegskosten und baldige Hülfe, da er schon im fünften Monate mit dem Volke im Felde liege. Die Landstände aber verweigerten 1 ) engherzig unter mancherlei Vorwänden wegen Verletzung der Form, z. B. daß der Stand der - Prälaten nicht anwesend sei, nachdem der Papismus so eben siegreich vernichtet war, jede Hülfe, indem sie dem Herzoge kränkend entgegenstellten, "sie wüßten nicht, daß der Herzog diesen Zug aus hochnöthigen Ursachen zur Beschützung des Landes vorzunehmen gedrungen worden sei, viel weniger daß er mit jemand aus ihrer Mitte über solche hochwichtige Dinge gerathschlagt und solche mit Wissen und Vollmacht der Landstände angefangen habe", wie es im Herkommen begründet sei. Aber Noth kennt kein Gebot; der Herzog hatte den Zug nur mit wenigen sichern Vertrauten vorbereitet, ohne daß im Lande jemand eine Ahnung davon hatte. Eben so vorsichtig hatte Moritz von Sachsen seine Pläne zu verbergen gewußt, so daß der Kaiser in der vollsten Sicherheit in den Bergen Tyrols ruhte. Johann Albrecht brach mit dem unglücklichen und unstäten Herzoge Wilhelm von Braunschweig, welcher damals von den meklenburgischen Herzogen die Johanniter=Comthurei Mirow inne hatte, mit 600 Reitern in der Mitte des Monats März von Schwerin auf. Als alter erfahrner Kriegsheld begleitete den Zug der Freiherr Joachim Maltzan, welcher entweder von Schwerin mitzog oder unterweges zustieß, da er so eben von der wichtigen Gesandtschaft zum Könige von Frankreich zurückkehrte. Nach der Aufforderung des Kurfürsten Moritz


1) Auch in Sachsen war "eine sehr unwillige Landschaft". Vgl. Voigt's Albrecht Alcibiades I, S. 262.
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sollte Johann Albrecht mit seinen Reitern am 21. März "auf dem Musterplatz zu Halle" ankommen. Am 14. März antwortete Johann Albrecht von Schwerin aus, daß er am bestimmten Tage zur Stätte sein werde; er habe bereits einen Theil seiner Reiter vorangeschickt und werde alsbald selbst folgen. Der Herzog zog zunächst nach Wolmerstädt, welches sein Bruder Georg inne hatte, und nahm auch seinen Bruder Ulrich mit dahin, damit die Brüder mit einander reden könnten. Von Wolmerstädt schrieb Johann Albrecht am 22. März: da der Kurfürst von Brandenburg mit seinen Reitern alle Herbergen eingenommen, so daß kein Unterkommen mehr zu finden sei, so werde er am 25. März zu Mansfeld einkommen und bitte um eilige Nachricht, welche Wege er nehmen solle. Der Herzog Georg zog dem Kurfürsten Moritz zu. Der Herzog Johann Albrecht vereinigte sich am 1. April mit dem Kurfürsten und den übrigen Verbündeten vor dem belagerten Augsburg, welches am 5. April eingenommen ward. Nach einem Briefe des A. Mylius vom 22. Mai 1552 war Johann Albrecht bei der Belagerung von Ulm, welche am 12. April begann. Bei den fortwährend glücklichen und rasch gewonnenen Erfolgen der Verbündeten verlor der Kaiser alle seine Kraft und rüstete sich zur Flucht. Moritz ließ sich zu einer Unterhandlung mit dem römischen Könige Ferdinand zu Linz (18. April bis 8. Mai) bewegen, welche jedoch keinen klaren Erfolg hatte. Während dieser Zeit führte Johann Albrecht als regierender Reichsfürst in Augsburg den Oberbefehl über das Heer und übernahm am 29. April die französischen Geißeln. Da die Verhandlungen nichts anders gewesen waren, als politische Intriguen und spanischer Hohn, so drängten die Verbündeten mit Heftigkeit in den Kurfürsten Moritz, den Feldzug so schnell als möglich zu beenden, da der alte Landgraf von Hessen noch immer in der Gefangenschaft schmachtete. Moritz hatte einen Waffenstillstand, mit Vorbehalt der Einwilligung seiner Verbündeten, vom 11. Mai an beredet; die Verbündeten genehmigten ihn aber erst vom 26. Mai an, wahrscheinlich um die gewonnenen Vortheile sicher zu stellen und in der wohl begründeten Ueberzeugung, daß die kaiserlichen Heere sich sammelten, um ihnen entgegenzutreten. Am 10. Mai führte also Moritz das Heer weiter, geradezu auf den Kaiser; am 18. Mai traf er in der Nähe von Füssen ein. Am 19. Mai fiel die feste, wohl verwahrte und besetzte Ehrenburger Klause, die starke Eingangspforte Tyrol's, vorzüglich durch das Anstürmen des kühnen Herzogs Georg von Meklenburg gegen viele starke Vortheile des Feindes. Nur zwei Tagemärsche standen die Protestanten von dem gewaltigen Kaiser. Furchtbar aufgeschreckt,

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kaum fähig zu fassen, was wirklich geschehen war, ließ sich "der gichtkranke Carl durch Sturm und Unwetter in einer Sänfte bei nächtlicher Weile auf beschwerlichen Pfaden durch die Gebirge tragen" und entfloh in schwacher Begleitung in die karnischen Alpen. Sein Stern war untergegangen. Die Verbündeten zogen gen Inspruck. Am 26. Mai erreichten die Verbündeten in den Friedensverhandlungen zu Passau ihr Ziel, die Befreiung der beiden gefangenen Fürsten und die Freiheit der Religionsübung; die spanische Macht war durch die That gebrochen. Das Vaterland war gerettet durch eine Kraft, welcher nichts zu widerstehen vermag, durch die reine Begeisterung für die höchsten Güter.

Auf seinem Kriegszuge, wahrscheinlich in der ersten Hälfte des Monats Mai von Augsburg aus, erließ Johann Albrecht einen Befehl 1 ) an seine heimgelassenen Statthalter und Räthe, welchen er befahl, "die Abgötterei und papistischen Diener allenthalben abzuschaffen und die reine göttliche Lehre und christliche Ceremonien aufzurichten, eine Kirchen=Visitation vor die Hand zu nehmen, christliche Prädicanten zu verordnen und ihnen und den Schulmeistern ziemliche Unterhaltung zu nehmen, alle geistlichen Lehne im Besitze derer, welche nicht Kirchendiener seien, einzuziehen, das Stift Ratzeburg einzunehmen", die Säcularisirung der Klöster fortzusetzen, keine Fehde zu dulden, endlich ihm hundert Reiter nachzusenden und einen Landtag auszuschreiben, um auf demselben die Unterhaltung der 600 Reiter aus Landesmitteln zu beantragen, "weil er sich der wahren Religion und deutschen Freiheit halber, also Land und Leuten zum Besten, in diese Kriegshandlung eingelassen habe". Der Landtag ward am 25. Julii gehalten; die Landstände verweigerten aber jede Hülfe.

Johann Albrecht begann darauf am 17. Julii die Belagerung von Frankfurt a. M. Hier starb am 20. Julii der tapfere Herzog Georg den Tod fürs Vaterland: eine feindliche Kanonenkugel riß ihm das rechte Bein ab. Seine Leiche ward nach Schwerin gebracht und in die ehemalige Heil. Bluts=Kapelle des Domes, welche der Herzog Johann Albrecht bei der Bestattung seines Oheims Heinrich des Friedfertigen zum fürstlichen Erbbegräbnisse erwählt hatte 2 ), beigesetzt. Aus dem Lager vor Frankfurt sandte Johann Albrecht den Freiherrn Joachim Maltzan am 7. Aug. an den König von Frankreich, um diesem über die Friedensverhandlungen zu Passau zu berichten und den Herzog


1) Vgl. Jahrb. VIII, S. 52 flgd.
2) Vgl. Jahrb. XIII, S. 172 und 175.
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Christoph zurückzuholen. Johann Albrecht ging am 23. August über Mainz, Hessen und Magdeburg in seine gesicherten Staaten zurück und brachte eine Büchersammlung mit, welche er zu Mainz in seinem Quartier erbeutet hatte und welche die Grundlage zu der herzoglichen Bibliothek auf dem Schlosse zu Schwerin bildete. Am 21. Sept. 1552 schreibt er an seine Mutter:

"Was in diesen Dingen von mir geschehen, ist von mir der wahren Religion, unsers Vaterlandes und Freiheit treulich gemeinet, wiewohl mir dagegen von unbilligen Leuten böser Lohn und Dank wiederfährt."

Und doch schreibt Johann Albrecht durch die Hand des Canzlers Johann v. Lucka am 13. Jan. 1553 an v. Heideck:

"Wollte Gott, man hätte unserm einfältigen, getreuen Rathe gefolget, es sollte jetzt gewißlich besser im Reiche stehen. - - Daß allerlei Practiken vorhanden sein mögen, das vermuthen wir aus allerhand Umständen und Ansuchen. Wir wollen uns aber wider unsere wahre Religion und Freiheit mit nichten abführen lassen, sondern unsers Theils mit Gottes Hülfe hinfürder bis an unser Ende dabei verharren."


Diese genaue Schilderung aller wichtigen Personen und Begebenheiten in einer wunderbar bewegten Zeit ist allein im Stande, die Umgebungen und Schritte des Herzogs Johann Albrecht in ein helles Licht zu setzen. Auch die Stellung des Andreas Mylius kann nur durch eine genaue und richtige Erkenntniß und Würdigung jener Zeitbegebenheiten und des Herzogs begriffen werden.

Zuerst war A. Mylius noch unschlüssig, ob er bleiben oder anderswo sein Glück versuchen sollte. Er hatte wohl Lust, nach Frankreich zu gehen und die Rechte zu studiren. Am 30. Nov. 1550 erklärte er dem Herzoge seine Unschlüssigkeit : "modo spes Galliae et juris studium discedendi cupiditatem, modo contra vestra benevolentia et amor manendi voluntatem excitabat." Sobald jedoch A. Mylius seine Stellung einigermaßen befestigt gesehen hatte, hatte er sich mit Margarethe Rotermund, der jüngsten Tochter des Balthasar Rotermund († 1554), Rentmeisters des Herzogs Heinrich und Burgemeisters zu Schwerin, verheirathet 1 ); er war darin weniger stark, als der Herzog, welcher seine Vermählung so lange aufschob, bis die deutsche Freiheit gesichert war. Schon


1) Vgl. Hederich's Schwerin. Chron. zu 1554 und 1594, S. 38 und 85.
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am 30. Nov. 1550 verlobte er sich mit seiner Margarethe, einem Mädchen von ausgezeichneter Schönheit, großem Geiste und gutem Rufe, und machte dem Herzoge Vorstellungen über die Sicherung seines Lebens, damit er heirathen könne. Er war "ganz in Liebe zu seiner Braut ersoffen", wie der herzogliche Secretair Peter Eger schreibt, jedoch mußte die Hochzeit noch etwas hinausgeschoben werden. Um Ostern 1551 machte er seine häuslichen Einrichtungen und noch im Lauf d. J. verheirathete er sich 1 ). Der Herzog Johann Albrecht ehrte sowohl seinen Rentmeister Rotermund, als seinen A. Mylius durch eine glänzende Hochzeit, welche nicht nur er selbst, sondern auch der alte Herzog Heinrich der Friedfertige mit seiner Gemahlin Ursula und die Prinzen Georg und Christoph und die Prinzessin Anna mit ihrer Gegenwart beehrten. Er mußte sich jedoch bald oft von seiner jungen Frau trennen, da er den Herzog auf dessen Reisen nach Sachsen und auf dem oberländischen Feldzuge begleiten mußte. A. Mylius führte eine sehr glückliche Ehe. Seine Frau starb erst im J. 1592, zwei Jahre vor seinem Tode. - Eine zweite Tochter Rotermund's, Helena, ward an des Herzogs Mathematiker und Astronomen Tilemann Stella verheirathet. Die älteste Tochter ward an Joachim Stein, herzoglichen Haushofmeister ("primus oeconomus familiae" principis) verheirathet, welcher sich in reiferem Alter nach seiner Vaterstadt Fürstenberg zurückzog, wo er sein väterliches Erbe bauete. Wahrscheinlich stellte ihn der Herzog im J. 1555 dem A. Mylius zu Liebe 2 ) an. ("De Joachimo Stein fecimus tua causa quae rogas.")

Auf dem oberländischen Feldzuge begleiteten den Herzog Johann Albrecht von seinen Civildienern die ihm gleich gesinnten und vertrauten jungen Männer, der Canzler Johann von Lucka und Andreas Mylius, so wie der Hofprediger Ernst Rothmann, den der Herzog auf dem ganzen Feldzuge als Feldprediger 3 ) bei sich behielt. Wahrscheinlich gingen der


1) Dies geht nicht allein aus allen Umständen, Andeutungen und Folgen hervor, sondern auch aus einer bestimmten Aeußerung in einem Briefe vom J. 1551. Bei der Verheirathung soll er den Namen Mylius, statt Müller, öffentlich angenommen haben.
2) Vgl. Anl. Nr. 9, Brief des Herzogs vom 23. Mai 1555.
3) Ernst Rothmann, ein Braunschweiger, war 1533-34 zu Wittenberg immatrikulirt. Er war 1549-1552 des Herzogs Johann Albrecht Hofprediger, von 1552-1567 Domprediger und 1567-1568 wieder Hofprediger Im J. 1554 gab ihm der Herzog ein Lehn, weil er "sich mit vns in den krieg begeben hat, uns und unsern dienern darselbst das seligmachende wort Gottes gepredigt hat." Der Herzog schreibt eigenhändig in sein Tagebuch: "1568. "Jul. 27. ist mein liber und alter prediger und beichtvater Hr. Ernest Rotman zu Schwerin gestorben. 28. den tag hab ich ihn begraben lassen und bin ihm mit dem Hofgesinde gefolget."
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Canzler und A. Mylius bis Augsburg mit und blieben so lange bei dem Herzoge, bis das Heer der Verbündeten am 10. Mai von Augsburg nach den Gebirgen Tyrols aufbrach. Am 22. Mai 1552 schreibt 1 ) nämlich A. Mylius an den Herzog, daß "sie von der Reise glücklich, wenn auch von den Beschwerden angegriffen, zu Hause angekommen seien" ("salvos ex itinere domum rediisse nos"), und erzählt im Verlaufe, daß die Bilder des Königs von Frankreich bei dem Brande vor Ulm von ungefähr in seine Mappe gekommen und so von ihm ohne sein Wissen mit nach Schwerin genommen seien. Die Belagerung von Ulm, bei welcher die Vorstädte theilweise abgebrannt wurden, begann am 12. April während der linzer Verhandlungen. Es ist also keinem Zweifel unterworfen, daß A. Mylius bei dem Herzoge war, so lange dieser in Augsburg verweilte. - Daß der Licentiat Johann von Lucka den Herzog begleitete, wird durch die erwähnte Regierungs=Verordnung, welche der Herzog aus dem Feldlager erließ, bewiesen, indem der Herzog seinen Räthen schreibt 2 ) "sein Bedenken wegen etlicher Klöster werde ihnen sein Licentiat anzeigen"; der Herzog hatte ihm also mündlich Anweisungen mitgegeben.

A. Mylius hatte in den ersten Zeiten sehr um die Befestigung seiner noch nicht klar bestimmten Stellung zu kämpfen, da er durch Uebermuth und Neid viel zu leiden hatte. Blieb doch der Herzog selbst nicht unangefochten, da nicht nur die Landstände, sondern auch die Staats= und Hofbeamten von altem Schrot und Korn sehr unzufrieden mit der gewaltsamen Durchführung seiner Neuerungen waren. Es gab gewiß sehr Viele, welche den jungen, kühnen Reformator haßten und noch mehr die jungen Leute, von denen man wohl glauben mochte, daß sie den unerfahrenen Fürsten zu seinen kühnen Schritten verleitet hätten. Einen klaren Blick in die Stimmung des Hofes giebt ein Brief 3 ), welchen A. Mylius nach seiner Heimkehr von dem oberländischen Feldzuge an den Herzog schrieb; er klagt ihm mit großer Entrüstung: die Leute, welche der Herzog zur Regierung und Verwaltung heimgelassen, hätten seine Frau, als sie um Holz und andere Deputatlieferungen gebeten, mit dem größten Uebermuth zurückgewiesen, so daß sie von täglichem Kummer und Leid ganz erschöpft sei; als er heimgekehrt sei, hätten sie voll Stolz und Anmaßung ihn keiner Unterredung und keines Wortes, ja nicht einmal eines Blickes oder Grußes


1) Vgl. Anl. Nr. 3.
2) Vgl. Jahrb. VIII, S. 52 flgd.
3) Vgl. Anl. Nr. 3.
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gewürdigt, sondern ihm sogar das Pferd, welches ihm der Herzog zur Rückkehr zu eigen gegeben, mit Gewalt zu nehmen und zuletzt dem Pferde sogar den Hafer zu entziehen gewagt. Die Stimmung am Hofe muß allerdings sehr erbittert gewesen sein, wenn man gegen den Liebling des Landesherrn bei seinen rechtmäßigen Forderungen so rücksichtslos und ungerecht zu verfahren wagte. Die Klagen über den Uebermuth der Hofleute erhebt A. Mylius öfter, namentlich wieder in spätern Jahren.


Das Hauptziel unserer Untersuchung ist, zu erkennen, welche Stellung A. Mylius zu dem Herzoge Johann Albrecht eigentlich gehabt. Der Herzog erhob ihn mit der Zeit zu seinem Rathe (Geheimenrath) und übertrug ihm vorzüglich die Führung der lateinischen Correspondenz mit den auswärtigen Fürsten und häufige diplomatische Reisen. Diese Geschäfte bildeten aber nur den geringern Theil der Arbeiten des A. Mylius: er war, so viel es sein konnte, täglich um den Herzog, um ihm mit aufrichtigem Rathe und unverhüllter Wahrheit beizustehen; er führte mit dem Herzoge zur Bildung und Erholung einen ausgebreiteten lateinischen Briefwechsel über alle Gegenstände des Lebens und Denkens, wenn sie nicht zusammen sein konnten; es war seine Sorge, die Wissenschaft im Lande und am Hofe zu pflegen und für den Herzog rein wissenschaftliche Arbeiten auszuführen.

Und doch war alles dies nicht sein Hauptgeschäft. Man hat unzählige Male behauptet und wiederholt, A. Mylius sei der Lehrer 1 ) des Herzogs gewesen. Nach dem, was hier bisher mitgetheilt ist, wird sich Jeder überzeugen, daß dies nicht der Fall war. A. Mylius war nicht der Jugendlehrer des Herzogs. Andreas Mylius war der Lehrer des Herzogs Johann Albrecht so lange dieser regierte, bis zu seinem Tode. Dies ist ein Verhältniß, welches unendlich hoch und einzig dasteht. Johann Albrecht war wahrlich kein einseitiger Regent; er umfaßte mit Liebe und Kraft, was dem Lande irgend ersprießlich sein konnte: er war wohl der größte Fürst seiner Zeit. Aber er setzte sein Vergnügen und seine Erholung allein in die ununterbrochene Ausbildung und Veredelung seines Geistes und suchte um sich her Alles auf den Standpunkt zu führen, den er selbst erstrebte. Er ver


1) Selbst Chytraeus sagt (Saxonia ad a. 1594, p. 894): "Andreas Mylius, illustrissimi principis Johannis Alberti initio studiorum moderator."
- Was in A. Mylii Genealogia. herausgegeben von Casparo Calovio, von diesem über die Erziehung des Herzogs Johann Albrecht gesagt wird, ist rein erdacht und steht nicht in dem Originale des A. Mylius.
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ehrte zwar die Künste und Gewerbe: er hatte beständig Baumeister und Mathematiker, Maler und Bildhauer, Musiker und Männer des Gewerbes um sich; er baute viel und geschmackvoll, er schickte die jungen Künstler auf Reisen und beförderte, wo er nur konnte. Aber am meisten galt ihm die Ausbildung seines Geistes durch geistige Uebungen, oder das, was man heute Philosophie 1 ) nennt. Damals war freilich Philosophie nicht ein bestimmter Kreis von Gedanken in ein System ganz bestimmter Formeln gezwängt. Man setzte die höchste Ausbildung in den Besitz der klarsten Gedanken und in den Gebrauch des richtigsten Ausdruckes derselben. Daher galt die schönste und klarste Darstellung der Gedanken über irgend einen Gegenstand für die höchste Ausbildung. Diese Ausbildung erreichte man theils durch unausgesetzte Uebung im Denken, theils durch das Studium der alten Griechen und Römer, welche man dazu benutzte, die Klarheit und Richtigkeit der Gedanken zu erkennen und nachzuahmen, aber keinesweges um an ihnen oder während des Lesens derselben nebenher etwas Grammatik oder Archäologie zu lernen, was man heute in manchen Kreisen in sehr beschränktem Sinne Philologie nennt. Daher schreiben die Gelehrten jener Zeit so bewundernswerth klar; die Klarheit des Johannes Caselius ist wahrhaft staunenswerth: freilich war er auch einer der größten Denker seiner Zeit. Diesen hatte der Herzog von den großen Geistern Italiens ausbilden lassen und ihm dann selbst aufgegeben, aus den griechischen und lateinischen Quellen diejenige Philosophie, welche ein thatkräftiges Leben erzeugt, und Rhetorik aus den Quellen zu lehren 2 ).

Ein anderes, was den Herzog Johann Albrecht innig bewegte, war die Religion, in dem Sinne, in welchem er den christlichen Glauben wieder erobert hatte. Auch auf diesem Gebiete strebte er, mit ungeheuchelter Gottesfurcht, nach der


1) Daher unterzeichnet A. Mylius auch einen Brief an den Herzog vom 21. Mai 1555: "Andreas Mylius M. ό φιλόσοφος."
2) J. Caselius sagt von sich in seiner Leichenrede auf den Herzog Johann:
"Docebam ego tum in academia Rostochiana ex Latinis et Graecis fontibus iuuentutem eam philosophiae partem, quae rebus gerendis destinata est, siue privatim quis malit vitam degere, siue rempublicam capessere, quam mihi actricem libet interpretari: hanc ego docebam de sententia ducis Joannis Alberti; - - docebam et artem dicendi, non ex lacunis, sed ex iisdem fontibus."
In gleichem Sinne hatte auch Arnoldus Burenius, nach der Mittheilung des Johannes Caselius in dessen Leichenrede auf den Herzog Johann Albrecht, gemeint:
"Namque jubebat adolescentes et linguam excolere et perpolire vitam, indicans et subinde iterans, eloquentiam ex Latino oratore peti, scientiam ex Graeco philosopho."
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klaren Erkenntniß des Christenthums unmittelbar aus der heiligen Schrift, und er stand auf dem Gipfel seiner Freude, wenn er sich auf irgend eine Weise mit der heiligen Schrift wissenschaftlich beschäftigen konnte.

Fassen wir aber die höchsten Bestrebungen Johann Albrechts recht zusammen, so war es das Ziel seines Lebens, durch möglichst hohe Ausbildung aller geistigen Fähigkeiten den Weg zum Verständniß der Heilgen Schrift zu bahnen 1 ). Daher sehen wir bei ihm so häufig beide Bestrebungen mit einander vereinigt, z. B. darin, daß A. Mylius ihm die Bibel in gutes Latein übersetzen mußte. Wenn beide sich zur Erholung geistig übten, so waren die Uebungen gewöhnlich lateinische Ausarbeitungen über Gegenstände des christlichen Glaubens.

Man darf aber nicht glauben, daß Johann Albrecht bloß ein gelehrter Mann, ein sogenannter Bücherwurm, ein "Professor" gewesen sei; er könnte durch eine solche Ansicht in manchen Kreisen in üblen Geruch kommen: Johann Albrecht war ein ganzer Mann, der Alles übte, was einen Mann und Fürsten zieren kann. Johann Albrecht war ein ritterlicher Mann im ganzen Sinne des Wortes, der auch gern und gut sein gutes Roß tummelte. Daher blüheten an seinem Hofe, wie an wenig andern, die Ritterspiele 2 ); daher hielt er sich ausgezeichnete Stallmeister, die er gewöhnlich aus Italien kommen ließ, da er mit den hochgebildeten italiänischen Höfen in engem Verkehr lebte. Die in Europa bis heute berühmt gewordene "meklenburgische Pferde=Race" verdanken wir seinen ritterlichen Bestrebungen, indem er sie auf den von ihm angelegten Gestüten durch Kreuzung der edelsten Racen, die bekannt waren, erzielte.


1) Der nachmalige Lehrer des Prinzen Johann, Heinrich Siber, schreibt am 4. Sept. 1567 an den Rath M. Andreas Mylius über die Bemühungen des Herzogs Johann Albrecht:
Quare summis atque sempiternis laudibus efferendus est princeps tuus illustrissimus, qui et ipse religionem vere intelligit et incredibili diligentia et pietate summa omniumque seculorum memoria praedicanda in id incumbit, vt ecclesiae et scholis viros doctrina, pietate et constantia praestantes praeficiat et ecclesiam Christi his miseris temporibus et perditis hominum moribus, quibus ipse potest subleuet auxiliis et ornet praesidiis.
2) Joh. Caselius sagt, als ächter Professor, in seiner Leichenrede auf den Herzog Johann Albrecht:
"Plus verborum non faciam de certaminibus et exercitiis equestribus, quae in aula illa Suerinensi vigebant, tum quod nec ipsa satis intelligo et quorum noticiam minus habeo, vereor ne de iis loquens, index sim infantiae meae atque imperitiae, tum quod facilius conseruantur, cum tractentur a pluribus et a multis etiam cupide."
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Daß er ein großer Kriegsheld war, beweiset sein persönlicher Muth und seine Ausdauer in dem oberländischen Feldzuge, auf dem er gern und freudig sein Leben für die höchsten Güter wagen wollte. Und er war nicht etwa ein stürmischer Soldat, den allein die Hitze des Kampfes für den Augenblick tapfer machte: er war ein besonnener und ruhiger, wenn auch begeisterter General. Als er im J. 1560 nach Wien 1 ) zum Kaiser zog, nahm er auch seinen Mathematiker und Astronomen Tilemann Stella mit. Die Reise ward vorzüglich unternommen, um geographische und militairische Erfahrungen zu machen. Ueberall auf der ganzen Reise ward nicht nur auf jeder Station täglich die Polhöhe aufgenommen, die Lage der nächsten Orte, die von erhabenen Puncten zu sehen waren, bestimmt, die Entfernung von Ort zu Ort geschätzt und Alles dies sorgfältig verzeichnet 2 ), sondern es wurden auch alle Schlachtfelder, Uebergänge und militairischen Bauten besehen und untersucht, neue Brückenbauten und wichtige Bastionen nach ihrer äußern und innern Construction gezeichnet, Arsenale und Magazine besichtigt, die Grundrisse von wichtigen Gebäuden aufgenommen. Ein Hauptzweck der Reise war, eine strategische Ausflucht von Wien nach Ungarn bis an die türkische Grenze 3 ) zu machen, bei welcher Gelegenheit der Herzog auch die Verbesserung der Pferdezucht im Auge hatte; der Herzog war so bekannt und verehrt, daß der Rath von Preßburg ihm ein Ehrengeschenk von köstlichen ungarischen Weinen und schönen Fischen machte. In Folge dieser und anderer militairischer Studien, ließ der Herzog durch italiänische Baumeister die Schlösser zu Schwerin und Dömitz kunstgerecht befestigen, welche noch heute von jenen Bauten den Namen Festung führen.

In seinem rein geistigen Streben aber suchte der Herzog Johann Albrecht die religiös=sittliche und classische Bildung nicht allein über seine Umgebungen, sondern über das ganze Land zu


1) Vgl. das eigenhändige Tagebuch des Herzogs in Jahrb. IX, S. 239. - In dem Reisetagebuche über diese Fahrt heißt es:
"Am 11. Tag des Augustmonats ist vnnser gnädiger fürst vnd herr nach Mittag vmb 3 zu kayserlicher Mayestät auff das schloß gezogenn, ist ime der Kayser enthgegen gangen, und nach dem ahntragen hat ihm Maximilianus König zu Behaim wider herauß belaydtet. Do haben wir des Kaysers Hartschirer gesehen, der sollen 200 seyn. - - Den 12. Augusti sein wir in die Pasteyen gezogen vnd seindt erstlich in die allergröste vnnd herligste gefürt" etc. .
2) Das Archiv bewahrt noch das mathematische Journal dieser Reise in einem Folianten von Tilemann Stella.
3) In dem Reisetagebuche heißt es:
"Ahn dem 13. Tag Augusti seindt wir mit 8 Kutschen gezogen nach deme Landt zu Hungern, die Türkische grenntze zu besehen, wie das Kay. Mayt. ahnn vnnsern gnedigen herrn begert hat."
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verbreiten. Bei weitem die meisten Pfarren, die Schulen, die Universität, die hohen Staatsämter waren durchweg mit Männern von rein classischer Bildung und reinem christlichen Glauben besetzt, und die lateinischen 1 ) Briefe voll tiefer Bildung, welche in jener Zeit hin und her flogen, sind zahllos.

Meklenburg sah unter des Herzogs Johann Albrecht Regierung eine Bildung, welche hinter dem Glanze der italiänischen Fürstenhöfe jener Zeit nicht zurücksteht. Unser ganze heutige Zustand ist noch auf seine Einrichtungen gegründet; seine Palläste werden als Muster des Geschmacks in unserer Zeit wieder hergestellt; die Schriften aus seiner Zeit werden von den Kundigen noch heute mit der größten Liebe gelesen und bewundert.

Zur Erreichung dieses hohen Zieles bediente sich der Herzog seines Freundes Andreas Mylius, indem dieser zunächst ihn selbst dem von ihm ersehnten Ziele entgegenführen mußte. In diesem Sinne war A. Mylius, welcher des Herzogs alleiniger Freund und aufrichtiger Geheimer Rath war, Lehrer des Herzogs von dessen Thronbesteigung bis zum Tode.

Johannes Caselius sagt 2 ) sehr bestimmt und richtig: Als der Herzog Johann Albrecht zur Regierung gekommen war, ergab er sich nicht den fleischlichen Lüsten, nicht der trägen Ruhe, nicht der unaufhörlichen Jagd, wie die Söhne der Könige und oft selbst die Könige unter Vernachlässigung ihrer Unterthanen zu thun pflegen; eben so wenig vermied er Arbeiten, noch ließ er angefangene zurückgelegte Studien der Weisheit liegen, sondern er trieb mit Ernst wieder die Wissenschaften, welche er für sich am meisten nöthig hielt, und fing an, sich dabei der Bemühungen des Andreas Mylius, eines gelehrten und beredeten Jünglings, zu bedienen.

"Dux Joannes Albertus, ut accessit ad rempublicam, non dedidit se voluptatibus corporis, non ignavo otio, non perpetuae venationi, cujusmodi regum filii adolescentes solent, saepe reges ipsi, neglectis civibus: neque declinavit labores, neque abjecit inchoata et aliquandiu seposita sapientiae studia: sed serio iterum tractavit litteras, quibus jam maxime sibi opus esse intelligeret, coepitque ad eam rem industria uti Andreae Mylii, tum juvenis et doctissimi et disertissimi" etc. .


1) Bei weitem die meisten Briefe jener Zeit sind lateinisch geschrieben.
2) Vgl. Joh. Caselius Leichenrede auf den Herzog Johann Albrecht, p. XXXII.
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Daher konnte auch Andreas Mylius selbst am 7. Mai 1574 mit Selbstbewußtsein dem Herzoge schreiben:

er habe jetzt 27 Jahre lang den Herzog nicht allein in dessen Jugend, sondern auch selbst im reifern Alter durch einen größern Aufwand von Sorgfalt, Fleiß, Geschicklichkeit und Treue, als irgend ein Lehrer irgend einen Fürsten, mit einem auserlesenen Schatze von Bildung im Reden, Schreiben, Erfinden und Urtheilen unterrichtet und wahrhaft bereichert. "Num Celsitudinis Tuae animum ideo offendi, quod jam integros viginti septem annos solus Celsitudinis Tuae adolescentiam et jam ipsam etiam corroboratam aetatem majori cura, diligentia, artificio et fide, quam ullus unquam docendi magister ullum unquam principem lectissimo dicendi, scribendi, inveniendi, judicandi thesauro informari et vere locupletavi?"

Mit einem so erhabenen Geiste widmete sich der Herzog sogleich nach seiner Heimkehr wieder den Studien mit A. Mylius, so viel es der Drang übermäßiger Geschäfte irgend gestattete: denn es war nicht weniger zu thun, als Staat und Kirche nach allen Richtungen umzugestalten und neu zu begründen, ein Riesenwerk, welches der Herzog während seiner nicht langen Regierung auszuführen das Glück hatte.

Bald nach der Heimkehr des Herzogs von dem Feldzuge forderte A. Mylius denselben auf 1 ), sich wieder den geistigen Beschäftigungen zuzuwenden, "welche im Feldlager hätten ruhen "müssen, und jetzt theils durch die Last der Geschäfte, theils durch die Rathschläge Uebelgesinnter, welche dem Herzoge die Ehre des wissenschaftlichen Ruhmes nicht gönnten, verdrängt werden sollten." Er ermahnte den Fürsten, daß er die "Beschäftigung mit den edlen Künsten nicht von der Ansicht des großen Haufens, nicht von den Umständen der Zeitverhältnisse, sondern von der innern Würde der Wissenschaft selbst und dem Beispiele großer Geister abhängig machen solle", und wünschte, daß der Tag bald erscheinen möge, "welcher die unstäten Musen und ihn dem Herzoge wieder zuführe."

Vortrefflich berührt Joh. Caselius diese Seite in seiner Leichenrede auf den Herzog Johann Albrecht, wenn er sagt:

"Durch Gottes Rath ward damals dem Fürsten, als er der Beredsamkeit nachsann und nachtrachtete, An=


1) Vgl. Anl. Nr. 4. Dieser Brief ist zwar nicht datirt, aber ohne Zweifel bald nach dem oberländischen Feldzuge geschrieben, sowohl nach seinem Inhalte, als nach den Zügen der Handschrift.
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dreas Mylius zugeführt, oder, wie mancher Andere sagen würde, ward durch einen Gönner beglückt. Beiden geschah nach Wunsch. Doch war darin der Fürst glücklicher, als der neue Schützling, weil es leichter ist zu finden, von wem man Geld empfangen hat, als von wem Weisheit. - - Sie hatten zum Lesen bestimmte Stunden angesetzt, aber die meisten wurden durch die Staatsgeschäfte so ausgefüllt, daß kaum eine übrig blieb und für diese königlichen Beschäftigungen keine gewisse Zeit bestimmt werden konnte. Der Fürst saß nie ohne gelehrte Unterhaltung zu Tische und oft ward in den Speisesaal ein Dichter, ein Geschichtsforscher, ein Redner eingeführt, wie ein von Edelsteinen funkelnder Kelch voll Weines. Im Wagen konnte man mehr Bücher sehen, als Schooßhunde. Das war im Norden etwas Neues und ward von sehr Vielen getadelt, welche das Vaterland nur verlassen hatten, um in Frankreich oder in Ungarn Kriegsdienste zu nehmen. - - Oft mußten die Hofleute sehen, daß der Fürst, wenn der Jagdlärm tobte, ruhig an seiner Stelle blieb und sich durch daß Hundegebell nicht von seinem Vorhaben im Lesen oder Nachdenken abbringen ließ. Denn er wünschte nicht sowohl zu reden, als vielmehr weise zu sein."

"Was nur irgend ein Volk an Schönheit besessen, das brachte der Fürst von allen Seiten zusammen und rief Künstler herbei, mit nicht geringen Kosten. Er hielt Baumeister, Maler, Bereiter, Ringkämpfer (Turner?)."

"Da er musikalische Anlage hatte, so hielt er die Musik sehr hoch, nicht sowohl weil ihm die Musik Vergnügen machte, als vielmehr deshalb, weil er die Harmonie in Wort und That hoch schätzte."

"Dabei blüheten aber auch die ritterlichen Uebungen am schweriner Hofe. - - Aber er verabscheute jedes Vergnügen, welches irgend einem lebenden Wesen Unheil oder Schmerz verursachen könnte."

Johann Albrecht's weise und kräftige Staatsregierung ist so groß, als nur gedacht werden kann.

Sehr bald sehen wir den Herzog und seinen Liebling A. Mylius in wissenschaftlichem Verkehr. Schon im Herbste des J. 1553 legte A. Mylius dem Herzoge eine lateinische Uebersetzung der Psalmen vor.

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Trotz aller Hofintriguen ließen sich der Herzog und A. Mylius in ihren Bestrebungen nicht irre machen, sondern schritten muthig fort auf der Bahn, deren Verfolgung ihnen und dem Vaterlande wahres Glück brachte.


Und jetzt wird es möglich sein, das Leben des A. Mylius an einem Faden klar zu verfolgen.

Zuerst trat A. Mylius bei dem Leichenbegängnisse des Herzogs Georg öffentlich auf. Die Leiche ward, in ungelöschten Kalk gepackt, nach Schwerin geführt und hier am 7. Aug. 1552, als Johann Albrecht noch nicht wieder zu Hause war, in Gegenwart der Herzogin Mutter, des Herzogs Ulrich und der Prinzessin Anna in der Heil. Bluts=Kapelle beigesetzt. Andreas Mylius hielt, ohne Zweifel nach dem ausdrücklichen Willen des Herzogs, eine lateinische Rede 1 ).

Zunächst beschäftigte den Herzog und damit den Andreas Mylius lebhaft die vollständige Durchführung der Reformation in Kirche und Schule, wobei es eine große Menge wichtiger Arbeiten gab. Vor allen Dingen aber lag dem Herzoge die Stiftung einer Musterschule zu Schwerin am Herzen, da ihm weder die Domschule, noch die von dem Herzoge Heinrich dem Friedfertigen gestiftete Schule gefiel. Schon während der Reisen zur Vorbereitung des oberländischen Feldzuges am Ende des J. 1551 dachte der Herzog an die Gründung einer Schule, wie die Fürstenschule zu Meißen, und A. Mylius mußte in Meißen mit Mathias Marcus Dabercusius unterhandeln. Dabercusius ward als Rector der schweriner Fürstenschule gewonnen und kam schon um Ostern des J. 1553 nach Schwerin, um in Ruhe die nöthigen Vorbereitungen zu einem so wichtigen Werke zu treffen. Am 10. Aug. 1553 ward die Schule in dem ehemaligen Franziskanerkloster (an der Stelle des jetzigen Regierungsgebäudes) mit vier Lehrern aus dem ehrwürdigen Meißen eröffnet 2 ). Andreas Mylius hielt eine lateinische Einführungsrede, Dr. Justus Jonas eine zweite. Diese Stiftung war dem Herzoge ein theures Kleinod, welches er persönlich mit der größten Liebe pflegte. Er besuchte, wie einst Carl der Große zu thun pflegte, aus Neigung die Schule häufig, prüfte selbst und theilte Lohn oder Strafe aus; ja bei den öffentlichen Prüfungen wurden dem Herzoge mitunter wichtige


1) Vgl. Hederich Schwer. Chronik S. 34.
2) Die Geschichte der Stiftung der Schule und des Dabercusius wird von dem Herrn Director Wex in seinem Festprogramme zu der dritten Säcularfeier der Schule nach den Archivquellen dargestellt werden.
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Zweige der Wissenschaft vorbehalten, in denen er selbst die Prüfung vornahm. Wichtig aber war es für den Herzog, daß er in Dabercusius, den er sehr hoch schätzte und herzlich liebte, einen wissenschaftlich gebildeten Mann mehr für seinen engern Kreis gewann. Wie wichtig ihm die Schule war, davon zeugt ein schriftliches Selbstbekenntniß vom 30. Junii 1566, in welchem er Gott für keinen andern weiter, als für die Kirche und Schule zu Schwerin bittet:

"Die Kirche und Schule zu Schwerin las Dir, ach mein Gott vnd liber Herr, beuolen sein."

Zu gleicher Zeit ließ es sich der Herzog sehr angelegen sein, die Universität Rostock, welche, außer dem ehrwürdigen Arnold Burenius, fast alle Stützen verloren hatte, wieder in Flor zu bringen und zu einer tüchtigen Hochschule für sein Land zu machen, was ihm denn auch in dem Maaße gelang, daß die Universität nie so sehr geblühet hat, als zu der Zeit seiner Regierung. Den Keim zu dieser Blüthe legte er schon im J. 1551 durch die Berufung des 21jährigen David Chytraeus, des Fürsten der meklenburgischen Theologen, durch den der Herzog nicht allein in seinen, sondern auch in fernen Landen, in Oesterreich und den Niederlanden, den evangelischen Glauben befestigte. Am 13. Febr. 1552 hielt Chytraeus zu Schwerin eine lateinische Leichenrede am Sarge des Herzogs Heinrich des Friedfertigen. - Diese Restauration der Universität betrieben und erhielten vorzüglich der Canzler Johann von Lucka und Andreas Mylius. J. Caselius sagt darüber, als er von den großen Erfolgen der schweriner Schule redet:

"Quod cum videret princeps, majorem ex instituto suo voluptatem cepit, et magis urgere coepit alterum consilium de instauratione academiae, quae aliquot jam saeculis minus floruerat. - - Quibus omnia debentur, sunt principes fratres germani, Joannes Albertus et Ulricus; quibus res cordi esset in aula, erant Joannes Lucanus cancellarius et Andreas Mylius, quorum ille auctoritate valebat, hic gratia; ille negotium tractabat, hic, ne jaceret, vigilabat."

Nach einiger Zeit war der Herzog endlich ernstlich bedacht und beschäftigt, sein Haus einzurichten und seine liebe Anna Sophie heimzuführen. Da aber die Schlösser fast ganz verfallen waren, so hielt er es für nothwendig, seiner jungen Gemahlin erst ein bequemes und angenehmes Haus zu bauen. Im

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Sommer 1553 1 ) fing er an, in Wismar mit vielem Geschmack das stattliche Haus zu bauen, welches noch heute als das Musterbild des Renaissance=Styls im Ziegel=Relief=Bau hochgeschätzt wird, und in Schwerin in demselben Style denjenigen Theil des Schlosses auszubauen und zu verzieren, welcher gegenwärtig in dem alten Geiste zur allgemeinen Befriedigung wieder hergestellt wird. Der Herzog kümmerte sich persönlich um alle Einzelnheiten. Am 18. Sept. 1554 schrieb er von Wittenberg an A. Mylius: "Sage dem (Formschneider und Ziegelbrenner Stacius 2 ) (von Düren) in meinem Namen, er solle baldigst die (gedruckten) Steine (mit den Reliefköpfen) in den Brennofen setzen, denn ich weiß, daß er etwas langsam ist."

Zu diesen vielfachen Unternehmungen des Herzogs zog Andreas Mylius seine Brüder ins Land.

Sein Bruder Nicolaus Mylius 3 ) ward bei der Eröffnung der Fürstenschule 1553 vierter und letzter Lehrer. Dieser starb schon im Nov. des J. 1563.

Ein anderer seiner Brüder, Peter Möller, ein Steinmetz oder Bildhauer, war während der Regierung des Herzogs bei dessen vielen Bauten beschäftigt; dieser kam im Herbste des J. 1554 ins Land, während Andreas Mylius auf einer großen Reise war. Am 23. Nov. 1554 empfohl Andreas dem Herzoge seinen Bruder Peter, der wohl in Schwerin angekommen sein würde, als seinen Bruder, als einen guten Künstler und als einen Fremden seinem Schutze, und überhaupt seine ganze Familie und seine Brüder:

"Fratrem meum Petrum istuc venisse puto, quem C. T. ut fratrem meum, ut peregrinum, ut bonum artificem vehementer etiam atque etiam commendo. - - Vehementer rogo, ut ejus habeatur ratio, ne peregrinus desertus esse videatur; erit hoc mihi in primis gratum. - - Vale illustrissime et clementissime princeps, meque totamque meam familiam et fratres commendatos habe."

In einem Geldregister vom J. 1560 heißt es:

"200 thaler dem Steinmetzen Mattes Heintzen zu Pirna auf die Capellenstein Andreä Mylii Bruder Peter Möller mitgegeben zu Güstrow d. 20. Decembris 1560."


1) Vgl. Jahrb. V, S. 15 und 35.
2) Vgl. Jahrb. V, S. 18.
3) Vgl. Hederich's Schwerin. Chronik, S. 35 und 43.
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Ein dritter Bruder war Gärtner des Herzogs Johann Albrecht; in den Renterei=Rechnungen von 1558-1559 heißt es:

"10 thaler dem Gertner Mylius auf seine Besoldung geben, Schwerin am 11. Novembris."

"183 thaler Andreä Mylii seinem Bruder "für die ketzberger 1 ) Wein und für Fracht geben
Schwerin am 28. Januarii."

Am Ende des Monats März 1553 ward dem A. Mylius sein erstes Kind, eine Tochter, Gertrud, geboren, welche im J. 1571 an Johannes Caselius verheirathet ward. Das Kind ward am 1. April 1553 getauft; der Herzog stand Gevatter und schenkte bei der Tauffeierlichkeit der Mutter einen Ring. Ein zweites Kind, ebenfalls eine Tochter, ward am 6. Oct. 1554 geboren. A. Mylius meldet dieses Familienereigniß am 7. Oct. dem Herzoge und bittet ihn um Geld:

"Heri circiter octavam uxor mea, dei beneficio, cui quidem immortaleis ago gratias, peperit et salva altera nunc me auxit filiola."

Nachdem Johann Albrecht seinen Staat gesichert und einigermaßen geordnet hatte, beschäftigte ihn ernstlich seine Vermählung und seine Auseinandersetzung mit seinen jüngern Brüdern. Johann Albrecht erkannte klar die Vortrefflichkeit der Alleinherrschaft nach der Primogenitur, die schon sein Großvater Magnus practisch zu verwirklichen bemüht gewesen war und die er selbst theoretisch durch seinen letzten Willen begründete; auch kannte er aus eigener Erfahrung die Unbequemlichkeiten, welche eine willkührliche Landestheilung unter seinem Vater und dessen Bruder hervorgerufen hatte. Johann Albrecht hätte gerne die Primogenitur durchgesetzt. Aber sein nächster Bruder Ulrich, ein höchst wackerer und ehrwürdiger Mann, aber lange nicht von so hohem Geiste und härter, als er, war unbeugsam. Es entspann sich dadurch auf lange Zeit ein sehr gespanntes Verhältniß zwischen den beiden Brüdern, das auch immer etwas kalt blieb, da man an dem haushälterischen Hofe Ulrich's zu Güstrow, an welchem man die großen Thaten und die hohen Pläne Johann Albrechts nicht ganz begreifen konnte, über die Verschwendung des schweriner Hofes schalt. Freilich hinterließ Johann Albrecht viele Schulden, aber nur wahre Landesschulden; für sich selbst


1) Dies ist Wein von Kötschenbroda, zwischen Meißen und Dresden, welcher im 16. Jahrh. an den sächsischen Höfen sehr beliebt war; er heißt gewöhnlich "Ketschberger Wein". Vgl. v. Langenn's Herzogin Sidonie, S. 45.
Im J. 1558 hatte Peter Mylius für den Herzog 28 Stück Wein in Meißen gekauft, welche der Maurermeister Christoph Haubitz mit Steinen die Elbe hinab führen lassen sollte.
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hat er gewiß keine Schulden gemacht. Und was in Meklenburg Großes geschehen war, hatte doch Johann Albrecht allein und auf eigene Gefahr und Kosten gethan! Selbst die Landstände hatten ihn im Stiche gelassen. Ulrich war außerdem in seiner Jugend mehr nach strengern Grundsätzen geschult, da er seine Jugendzeit fast nur am münchener Hofe verlebt hatte; er sah daher zuerst wohl mißbilligend auf die reformatorischen Schritte seines Bruders. Es kostete viel Mühe, die beiden Brüder zu versöhnen; endlich glückte es dem Herzoge Albrecht von Preußen, bei der Vermählung seiner Tochter mit Johann Albrecht den Weg zur Ausgleichung zu bahnen.

Darauf war der nächste Hauptgegenstand der Bemühungen, die wieder Johann Albrecht allein zur Last fielen, den dritten Bruder Christoph zu versorgen. Im J. 1554 war eine Landestheilung zwischen Johann Albrecht und Ulrich beschlossen und zugleich festgesetzt, daß jeder dieser beiden Brüder einen der beiden jüngern Brüder, Christoph und Carl, versorgen sollte. Christoph fiel dem Herzoge Johann Albrecht zur Last. Dieser bewirkte, daß Christoph im J. 1554 zum Administrator des Bisthums Ratzeburg erwählt ward. "Um aber seinem Bruder eine anständigere Versorgung zu verschaffen, als ihm das Stift Ratzeburg versprach, und sich die Last seiner Unterhaltung zu erleichtern", bewirkte Johann Albrecht, daß sein Bruder Christoph im J. 1556 von dem Erzbischofe Wilhelm von Riga, Markgrafen von Brandenburg, einem Bruder des Herzogs Albrecht von Preußen, zum Coadjutor und dereinstigen Nachfolger angenommen ward. Johann Albrecht erreichte dies durch unendlich viele Bemühungen und Vorschreiben, namentlich bei dem Könige von Polen, als Schutzherrn des Erzstifts Riga, vorzüglich aber durch die Vermittelung seines Schwiegervaters Albrecht von Preußen. Diese Beförderung des Herzogs Christoph zum Erzbisthume Riga, welches vorzüglich von Meklenburg aus christianisirt war und seit uralter Zeit mit Meklenburg in innigem Verkehr 1 ) gestanden hatte, brachte viele Jahre eine Ueberfülle von Last und Leid auf unser Fürstenhaus.

Die Einleitungen zu dieser höchst wichtigen Sache und zugleich zu seiner Vermählung vertrauete Johann Albrecht wieder seinem Andreas Mylius an, welcher in der Folge Jahre lang eine sehr große Masse lateinischer Correspondenzen in dieser Angelegenheit ausarbeitete. Es ist ein glänzendes Zeugniß für das besondere Vertrauen des Herzogs zu seinem Liebling, daß er ihm die bisher noch nicht bekannte geheime Vorbereitung


1) Vgl. Jahrb. XIV, S. 48 flgd.
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dieser wichtigen Angelegenheiten anvertrauete. Andreas Mylius hatte den Auftrag, theils die Einladungen zu der Hochzeit des Herzogs zu überbringen und alles deshalb Nöthige zu verabreden, theils die Beförderung des Herzogs Christoph zum Erzbisthume Riga vorzubereiten. Es haben über diese Gesandtschaftsreise nur wenige Papiere entdeckt werden können, da Alles mündlich und geheim betrieben ward. Von Bedeutung war der Umstand, daß auch der polnische Hof zur Vermählung eingeladen ward. Zu einer Gesandtschaft nach Polen war aber damals immer ein tüchtiger Lateiner nöthig; die ganze bedeutende Correspondenz in spätern Zeiten ist immer lateinisch geführt.

Mit Andreas Mylius reisete wahrscheinlich der ausgezeichnete Professor Dr. Johann Aurifaber, welcher im J. 1550 von dem Herzoge Johann Albrecht zum ordentlichen Professor der Theologie auf die Universität Rostock berufen war. Der Herzog Albrecht von Preußen wollte ihn erst nur auf ein halbes Jahr von Johann Albrecht leihen; da er ihn aber gleich zum "Presidenten und also Superattendenten und Bischof der sambländischen Kirche angenommen", so bat er ihn von dem Herzoge Johann Albrecht ganz los: Aurifaber blieb auch bis in das Jahr 1565 in Preußen, von wo er in diesem Jahre nach seiner Vaterstadt Breslau, wo er Prediger ward, zurückging. - Daß Aurifaber mit A. Mylius gereiset sei, geht daraus hervor, daß A. Mylius in seinen Briefen von der Ankunft in Preußen in der Mehrzahl redet und daß acht Tage nach der Ankunft des A. Mylius in Königsberg auch die Ankunft des J. Aurifaber in Königsberg gemeldet wird.

A. Mylius reiste am 4. Nov. 1554 von Schwerin ab. Er schrieb 1 ) noch an diesem Tage am Morgen früh vor Anbruch des Tages, als er noch in die Frühpredigt gehen wollte, einige Worte an den Herzog. Mylius ging nach Rostock, wo damals der Herzog war, vermuthlich auch um Aurifaber abzuholen. Wahrscheinlich am 12. Nov. reiste A. Mylius von Rostock ab, denn ein Brief an den Herzog Albrecht, den er mitnahm, ist zu Rostock am 10. Nov. 1554 datirt. Johann Albrecht schreibt, daß er wegen der Coadjutorei nichts ohne des Herzogs Rath, um den er bitte, vornehmen und daß er ihm den Dr. Aurifaber ganz überlassen wolle. Am zehnten Tage nach der Abreise von Rostock kamen sie nach einer beschwerlichen Reise bei großer Kälte in Danzig an, allerdings in kurzer Zeit. Am 23. Nov. 1554 schrieb A. Mylius aus Danzig an den Herzog; er empfahl demselben seinen Bruder Peter, dessen An=


1) Vgl. Anl. Nr. 7.
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kunft in Schwerin er vermuthete, und seine Frau, der er einen "Trostbrief" mitsandte, den Rector Dabercusius und die Schule und bat, diesen Holz und seiner Frau Korn verabfolgen zu lassen u. s. w. Er hoffte, in drei Tagen in Königsberg sein zu können; aber die Weichsel, welche schon fest zugefroren gewesen war, war wieder aufgegangen und konnte nicht ohne Lebensgefahr überschritten werden. Er langte daher erst am 28. Nov. in Königsberg an. Am 1. Dec. schrieb er an den Herzog, nachdem er bei dem Herzoge Albrecht und der Braut sein Gewerbe angebracht hatte. Der Herzog Albrecht mißbilligte ganz die Uebergabe der deutschen Empfehlungsschreiben für den Herzog Christoph bei dem Könige von Polen und versicherte, man werde dadurch am polnischen Hofe und in Liefland sicher Alles verderben. A. Mylius entschloß sich, dem Rathe des Herzogs zu folgen, aber doch an den polnischen Hof zu gehen, da er die Einladungen zur Hochzeit anzubringen und Verträge mit Polen vorzubereiten hatte und bei dieser Gelegenheit persönlich zu wirken hoffen konnte, und bat seinen Herrn, vor seiner Rückkehr in der liefländischen Sache nichts zu thun. Am 5. Dec. 1554 war er in "Ragnit in Litthauen", wo er erfuhr, daß der König von Polen in Wilna sei, wo er eine Reichsversammlung wegen des moskovitischen Krieges hielt. Er erfuhr durch den preußischen Secretair Balthasar Gans, daß der Herzog Albrecht auch dahin gehen wolle, um für Johann Albrecht's Plane zu wirken. A. Mylius ging nach Wilna; wenn auch die Hauptbriefe über diese Sendung noch nicht aufgefunden sind, so geht doch aus einem Briefe 1 ) des Herzogs Radzivil, welcher auch zur Hochzeit eingeladen war und des A. Mylius rühmend gedenkt, deutlich hervor, daß er am 18. Dec. 1554 in Wilna war. Die Folgen beweisen, daß A. Mylius die Sache gut angefangen hatte.

Da die Vermählung des Herzogs Johann Albrecht nahe bevorstand, so mußte A. Mylius mit seiner Heimkehr eilen. Man brauchte damals zu der Reise von Wilna nach Schwerin ungefähr 4 Wochen. Am 7. Febr. war er sicher in Schwerin und bat den Herzog um ein Geschenk zu der Vermählungsfeier.

Am 24. Febr. 1555 feierte der Herzog Johann Albrecht seine Vermählung mit der Herzogin Anna Sophie von Preußen auf dem neu gebaueten Schlosse zu Wismar, da die Stadt Schwerin damals für die Menge der Gäste viel zu klein war, mit einem Glanze, welcher in Meklenburg selten gesehen war: die Vermählungsfeier war zugleich ein Fest des schwer


1) Vgl. Anl. Nr. 8.
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und kühn errungenen Sieges des Geistes über verdummende Pfaffenherrschaft und politische Tyrannei. Es war eine große Zahl fürstlicher Personen und Gesandten anwesend, so daß Wismar gedrängt voll vornehmer Gäste war. Nichts vermag aber den hochgebildeten Geist des Herzogs Johann Albrecht und seine innige Liebe zu seinem Freunde Andreas Mylius klarer zu beweisen, als die Rolle, welche er diesem bei der Vermählungsfeier zutheilte. Als Glanzpunct der glänzenden Feier hielt Andreas Mylius vor der Versammlung eine lateinische Festrede, welche, 6 Bogen stark, in sauberer Abschrift von seiner Hand im Originale noch im großherzoglichen Archive zu Schwerin aufbewahrt wird.

Man muß in unsern Zeiten wirklich über diese Begebenheit, welche einzig in ihrer Art ist, staunen. Ein junger Mann, der nichts ist, - nichts weiter ist, als der gelehrte Freund eines Fürsten, und nichts hat, nichts weiter hat, als Geist, Gelehrsamkeit und Gewandtheit, also ein junger Mann ohne Amt, Stand und Rang wird dazu ausersehen, bei einer großen fürstlichen Feier in einem glänzenden Fürstenkreise zur eigentlichen Feier, als Mittelpunct des Festes eine lateinische Festrede zu halten. Man weiß in der That nicht, ob man mehr über die fürstliche Freundschaft und deren Folgen, als über einen so seltenen Bildungsstand staunen soll, der jedenfalls eine ganz ungewöhnliche Hoferscheinung war. Man mag es sich aber auch klar denken, welche innige, stille Freude der beglückte Johann Albrecht an seinem Ehrentage über seinen Liebling empfunden habe, den er vor aller Welt und aller Welt zum Trotze, und damit zugleich die Wissenschaft so hoch ehrte. Die Ehre, welche Johann Albrecht sich dadurch erwarb, ist nicht geringer, als die Ehre, welche er dem Andreas Mylius erzeigte.

A. Mylius beginnt seine Rede mit den Worten (in deutscher Uebersetzung):

"Sollte Jemand sein, hohe königliche Gesandte, durchlauchtigste Fürsten, hochedle und hochgelehrte Männer, der mein Leben und meine Stellung nicht kennt, so glaube ich wohl, daß er sich wundern mag, warum bei einem so hohen Feste und bei einer Versammlung so hoher Personen mir vor Allen der ehrenvolle Auftrag zu reden geworden ist, da ich weder an Alter, noch an Geist, Ansehen und Gelehrsamkeit auf irgend eine Weise mit den Andern verglichen werden kann. Und fürwahr, ich will es, wie ich muß, offen und ehrlich bekennen, auch ich werde durch den Gedanken an eine hohe Erwartung und Bewunderung,

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da ich nicht einmal in geringem Maaße das habe, was Andere reichlich besitzen, so bewegt, daß, wenn mich nicht Ihr Wohlwollen stützt, ich fürchten muß, eine größere Last auf mich genommen zu haben, als ich tragen kann. Schwer ist die Last der Rede, schwerer noch macht sie eine hohe Erwartung und eine so glänzende Versammlung, und dazu fehlt ihr himmlischer Geist, Uebung, Zeit und tägliche Gewohnheit. Ich aber habe, sollte ich auch alles Andere haben, kaum Zeit genug gehabt, weil sie mir durch eine Gesandtschaftsreise in auswärtige Staaten zum großen Theile geraubt war. Welche Nothwendigkeit, könnte man nun sagen, zwang dich denn, hier aufzutreten, da du in deinem Alter hinreichenden, in dem Mangel an Zeit den gerechtesten Grund zur Entschuldigung hast? Ich antworte hierauf: Seitdem ich in diesen Landen lebe und, ich weiß nicht wodurch, ich glaube durch Gottes Rathschluß, dem durchlauchtigsten Fürsten Johann Albrecht zugeführt bin, habe ich sogleich das besondere Wohlwollen des durchlauchtigsten Fürsten gegen mich empfunden. Denn obgleich meine Studien, welche damals aus der Schule und der häuslichen Uebung zuerst ans Licht und in die Bekanntschaft hervorzutreten anfingen, weder durch Uebung befestigt genug waren, noch ich selbst an Geist viel vor Andern bervorragte, so herrschte doch zwischen uns, obgleich der Unterschied des Lebens und der Lage so groß war, als möglich, eine gewisse Aehnlichkeit des Charakters und des Geistes, so daß der durchlauchtigste Fürst nicht anstand, sich meiner in der Ausübung der edelsten Künste als Führers ("commonstratore"), denn so muß ich mich ausdrücken, zu bedienen. Welche Fortschritte darin der durchlauchtigste Fürst gemacht habe, ist kaum zu sagen, vorzüglich da es bekanntlich jedermann weiß; das aber ist wunderbar, daß er unter einer so großen Last von Staats= und Landesgeschäften, welche in seine Zeit fielen und welche ihn einige Jahre lang mit großer Unruhe erfüllten, doch seine Richtung festhalten konnte und seine Gewohnheit, täglich etwas zu hören, zu lernen und zu lesen, unverrückt festhalten zu müssen glaubte. Indessen, um auf mich zurückzukommen, zauderte der durchlauchtigste Fürst, der an meinem Umgange Gefallen fand, nicht, mir mit seinem besondern Wohl=

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wollen zu begegnen, mich reich und überhäufend zu unterstützen, endlich auch mich zu zieren. Ja, ich weiß nicht, was man dazu sagen wird, denn es ist neu und wunderbar zu sagen, wenn ich sage, daß der durchlauchtigste Fürst die Veranlassung war, daß ich, der ich einen andern Lebensweg und eine andere Lebensart zum Ziele hatte, eine neue Studienweise auffaßte und verfolgte; durch seinen Einfluß und seine Aufforderung geschah es, daß ich, ob weise oder nicht, doch entschlossen den Plan der Erforschung der Rechtskunde aufgab und mich ganz der Redekunst zuwandte, so daß ich dem durchlauchtigsten Fürsten nicht allein alle meine Habe, welche ich ihm allein schuldig bin, sondern auch meine Studien, dazu Ehre und meine Würde, wenn ich eine bekleide oder einst erlangen werde, zu verdanken habe. Ich muß bekennen, daß ich mit so großen Wohlthaten von dem durchlauchtigsten Fürsten überhäuft bin, daß ich keinen Theil derselben zu vergelten, ja nicht einmal angemessen und dankbar zu gedenken im Stande sein werde. Denn daß ich dem, der mich aus der Niedrigkeit freundlich aufrichtete, mich stärkte und zierte, eine gleiche Gnade erzeige, ist unmöglich; aber ich werde immerdar und ewig ein treues Gedächtniß der dankbarsten Seele bewahren, und da mir außer diesem Bekenntnisse, einem Zeugnisse meiner Liebe und Ergebenheit, nichts anders übrig bleibt, so will ich ihm, der den Grund gelegt hat, wenigstens eine Frucht bieten, in diesen Tagen, wo alle Menschen aller Stände, in dieser allgemeinen Freudigkeit der Menschen und der Zeiten, zum Schmucke etwas beizutragen mit aller Sorge und allem Eifer bemühet sind. Aus diesen Gründen vorzüglich ist mir der Auftrag geworden, hier zu reden, nicht erwählt als der einzige, der großen Geist hätte, aber fast allein als der, welcher so mit den größten Wohlthaten überhäuft ist, daß ich bei dieser öffentlichen Glückwünschung, ohne mich eines schändlichen Lasters und schwarzen Undankes schuldig zu machen, nicht würde schweigen können. Dazu kam noch der Befehl dessen, dessen großes Wohlwollen gegen mich ich nicht verkennen, dessen Wunsch und Willen ich mich nicht entziehen durfte. Deshalb, hohe königliche Gesandten, durchlauchtigste Fürsten, edle, einsichtige und gelehrte Männer, die Ihr hier in diesem

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Kreise sitzet, bitte und beschwöre ich Euch, daß Ihr aufmerksam und nachsichtsvoll meine Worte höret, indem ich im Vertrauen auf Eure Würde und Weisheit die schwere Last des Redens übernommen habe, welche ich nach Kräften tragen werde, wenn Ihr sie mir zum Theil erleichtert, vorzüglich da ich lieber von der Last der Pflicht erdrückt werden, als meine Aufgabe aus Schwäche ungelöset lassen möchte. Dich aber, durchlauchtigster Fürst, bitte ich, daß Deine Hoheit sich vor allen Dingen in dieser Stunde und an diesem Orte mir so zeige, wie ich sie in Zuneigung zu mir schon viele Jahre erkannt habe. Da nun an diesem Tage, welcher diesem Lande schon seit vielen Jahren als der heiterste und heilbringendste erschienen ist, geredet werden soll, so habe ich geglaubt, das Eheband des durchlauchtigsten Fürsten, welches ihm nach dem Wunsche und Gebete aller Guten der allerhöchste Gott segnen wolle, durch mein Lob verherrlichen zu müssen. Wenn auch dieses Thema weder für meine Studien, noch für meine Person paßt, so will ich doch aus den Quellen, in denen dieser Stoff liegt, schöpfen. Wenn ich hierin irgendwie strauchle oder anstoße, so bitte ich, Euch vorzüglich, deren Ohren an solche Reden gewöhnt sind, daß Ihr mich durch Euer Wohlwollen unterstützet und mich, als einen Philosophen (hominem philosophum), der ich nach meinen Ansichten über die Ehe, nicht im Allgemeinen, sondern von der Ehe, welche der allerhöchste Gott an dem heutigen Tage durch seine Hände geschlossen hat, zu reden beabsichtige, aufmerksam und wohlwollend anhöret."

Im Originale lautet der Anfang, um eine Probe von dem oratorischen Latein des A. Mylius zu geben:

"Si quis nunc adsit, amplissimi legati regii, illustrissimi principes, nobilissimi etiam et doctissimi viri, vitae conditionisque meae ignarus, illum ego mirari credo, quid sit, quod in tanta celebritate et clarissimorum hominum consessu mihi potissimum hic amplissimus dicendi locus datus sit, qui neque aetate sum, neque ingenio, autoritate autem et doctrina nullo modo cum caeteris comparandus. Et certe, aperte enim, ut debeo, ingenueque fatebor, ipse quoque recordatione tantae expectationis et admirationis,

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cum quae in caeteris summa sunt, in me vix aut ne vix quidem sint mediocria, sic commoveor, ut nisi me vestra sublevabit benignitas, verear ne plus oneris, quam ferre possim, sustulerim. Grave dicendi onus est, gravius expectatio tanta et celeberrimus consessus facit, eget autem ingenio divino, exercitatione, tempore et consuetudine prope cotidiana. Ego autem, ut summa haberem caetera, temporis certe, quod quidem peregrinando, dum officio legationis apud exteros functus sum, magna ex parte consumptum est, vix satis habui." etc. .

Gegen das Ende der Rede wendet er sich, im Geiste seines Herrn, an die Fürsten:

"Ihr seht, in welcher Zeitbewegung, in welchem Umschwung und Wirbel der Dinge wir leben, welche Wunden in den nächstverflossenen Jahren dem Staate geschlagen sind, die alle durch Euren Rath und Eure Hülfe geheilt werden sollen. Die, denen Ihr gleich sein sollt, haben in der Beurtheilung dessen, was der öffentliche Nutzen und die Wohlfahrt, was die Zeitumstände des Staates forderten, immer ernst und weise gedacht. Nicht geringere Anstrengung fordert und erflehet von Euch, denen die Reinheit des Glaubens anvertrauet ist, das Vaterland, damit, an dieser Grenze der Welt und bei der entnervten und muthlosen Erschlaffung, je näher wir das Ende dieses Elends glauben, Ihr mit desto größerer Sorgfalt darauf wachet, daß kein Fehler und Irrthum sich in die Kirche einschleiche. Wenn Euch das Vaterland der Würde, wenn es Euch dieser Ehre würdig gehalten, wenn Jesus Christus Euch zu Hütern der Seelen gesetzt hat, die er durch sein heiliges Blut erlöset hat, so fordert das Vaterland, daß Ihr dessen eingedenk und dankbar, Jesus Christus aber, daß Ihr wach und treu seid."

So ungewöhnlich ehrenvoll und ausgezeichnet, wenn auch schwierig, die Stellung des Andreas Mylius war, so drückend war seine Lage, da er weder eine bestimmte Stellung, noch ein bestimmtes Gehalt hatte. Er war so sehr der Liebling des Herzogs, daß dieser ihm keinen vorzog und nur wenige gleichstellte, und doch mußte er Allen nachstehen: er war nichts und hatte nichts. Er theilte darin mit vielen Andern in allen Zeiten

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das Loos, daß am wenigsten für diejenigen gesorgt wird, welche den Fürsten und dem Vaterlande in der That am meisten nützen: die Wissenschaft pflegt von den Hofleuten am wenigsten geschätzt zu werden. A. Mylius hatte gar keine andere Stellung, als die eines Freundes und Privatgehülfen des Herzogs: und ein Freund erhält als solcher kein Gehalt. Nur einmal, als er noch Lehrer des Herzogs Christoph war, finden wir, daß er über seinen ganzen Jahressold von 100 Thalern für das Jahr von Michaelis 1551 bis 1552 quittirt. Alles, was er gebrauchte, mußte er in zahlreichen Briefen dem Herzoge - abbetteln, und das oft noch ohne bedeutende Erfolge; A. Mylius theilte mit dem Herzoge Alles, auch die Geldnoth: oft hatten beide nichts. Er stand zu dem Herzoge zu vertraut, als daß er förmlich zu ihm hätte stehen können. Daher sind fast alle seine Briefe voll von Klagen über Noth und Jammer. Seine Familie mehrte sich rasch, die Frau fing an zu kränkeln, er selbst war die meiste Zeit außer dem Hause bei dem Herzoge beschäftigt, seine Stellung forderte Aufwand und häufiger Gelehrtenbesuch blieb nicht aus. Endlich suchte der Herzog, wie es scheinen muß, gründlich durch feste Anstellung zu helfen; aber auch späterhin wollte es nicht nach Wunsch gehen; als angestellter Beamter hatte er nach damaliger Sitte ein ländliches Hauswesen: bald mußte er seine mißrathenen Kornärnten besichtigen, bald machte ihm sein Hausbau Sorgen, dann ward ihm seine Gartenbefriedigung gestohlen, seine Fischerei im See vernichtet u. s. w. Und die Klagen über Geldmangel hörten nie auf. Am 24. Nov. 1571 schreibt ihm z. B. der Herzog von Zarrentin: "Obgleich ich Deine Bitte für gerecht und Alles, was Du mir mittheilst, für wahr halte, so glaube mir doch auf mein Wort, daß ich hier kein Geld bei mir habe. Ich bin selbst, wie Du weißt, in der größten Verlegenheit; doch der Zahlungstag nahet und ich werde Dich nicht verlassen." Andreas Mylius litt von allen Beamten am meisten Noth; denn wenn er nicht bat, so sorgte Niemand für ihn.

In der Stellung, in welcher A. Mylius in den ersten Jahren lebte, konnte er nicht bleiben. Er hatte dem Herzoge sieben Jahre mit ganzer Kraft und Hingebung gedient und nichts erreicht, nicht so viel, wie jeder Schreiber, am allerwenigsten waren ihm seine außerordentlichen, glänzenden Dienste, welche freilich nicht nach gewöhnlichem Maaßstabe gemessen werden konnten, belohnt. Er hatte bis dahin alle Gelegenheiten, sich anderswo geltend zu machen, was damals so leicht war, aus Liebe zu dem Herzoge versäumt. Er konnte nichts erwerben. Endlich faßte er Muth und schilderte am 21. Mai 1555 in einem ausführlichen Briefe, den er nur mit "Andreas Mylius

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der Philosoph (ό φιλόσοφος)" unterzeichnet, dem Herzoge seine Lage eindringlich: "Er habe täglich mit Noth zu kämpfen und der Kummer mehre sich von Tage zu Tage. Es sei ihm und dem Herzoge gleich lästig, daß er unaufhörlich mit Bitten kommen müsse. Er darbe daher oft lieber und nehme zu andern Leuten seine Zuflucht, als daß er dem Herzoge beschwerlich falle. In seinem Hause werde nichts gegessen und getrunken, was nicht für baares Geld gekauft werden müsse, und das habe er nicht. Er könne es nicht begreifen, warum der Herzog ihn allein, und gerade denjenigen, der ihm den Weg zur Quelle der Weisheit zu zeigen ausersehen sei, der Armuth preisgebe. So dürfe er ferner nicht - leben, oder vielmehr - nicht leben, und er wolle und könne fortan dem Herzoge, dem er nützen und dienen solle, nicht weiter lästig fallen. Er lege jetzt alle seine Sorge auf den Herzog und beschwöre ihn, auf diesen Brief aufrichtig und offen zu antworten. Er glaube nicht, daß das Band zwischen ihnen des Geldes wegen zerrissen werden könne, und wenn er vielleicht zu heftig und bitter geschrieben haben sollte, so möge der Herzog ihm das verzeihen." Der Herzog antwortete 1 ) ihm hierauf in Eile freundlich: "Das Band der Seelen zwischen uns ist mir immer lieb und werth gewesen und ich werde mich künftig bemühen, daß ich es fester schlinge. Wenn Du bei Deinen Bitten zu heftig und bitter geschrieben hast, so will ich Dir dies verzeihen. Ich nehme dergleichen leicht hin, denn es verdrießt mich nicht, wenn jemand schreibt, was er denkt."

Um ihm wenigstens seine treue Gesinnung zu beweisen, stellte ihm 2 ) der Herzog, welcher allerdings immer Mangel an Geld hatte, dafür "daß er uns etzliche Jahre hero getreulich und also gedienet hat, daß wir seiner treuen Dienste halber gegen ihn besondere Gnade tragen, derwegen auch mit gnädiger Beförderung und sonderlicher Begnadigung ihn billig bedenken sollen", am 13. Oct. 1555 eine Schuldverschreibung auf 500 Thaler, zinsbar zu 5 Procent, aus, welche derselbe im Umschlage 1559 einzulösen oder ferner zu verzinsen versprach. Aber dies brachte dem A. Mylius kein Geld, wenn es auch seine Jahreseinnahme erhöhete; der Mangel drückte nach, wie vor. Am 20. Nov. 1555 wiederholte A. Mylius seine dringende Bitte; er war wieder, wie unzählige Male, in Noth: er und Frau und


1) Vgl. Anl. Nr. 9.
2) Auffallend ist, daß der Herzog in dieser Schuldverschreibung den A. Mylius schon "seinen Rath" nennt. Ohne Zweifel ist dies nur ein Titel, den der Herzog seinem Günstling nur nach der Stellung gab, die er in der That einnahm. Die förmliche Ernennung zum öffentlichen Rath und Staatsdiener geschah erst im J. 1556.
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Kinder mußten Winterkleidung haben, und die Geburt eines Kindes stand bevor.

Endlich schlug die Stunde seiner Erlösung. Nachdem er "eine Zeit lang dem Herzoge getreulich, fleißig und wohl gedienet, darob derselbe jeder Zeit sonderlich gutes Gefallen getragen", erhob ihn der Herzog, "in Erwägung seiner Geschicklichkeit" am zweiten Ostertage (6. April) 1556 zu seinem "Hofrath auf die Zeit seines Lebens, zu Raths Diensten und zu Verschickungen in und außerhalb Landes." Er erhielt jährlich ein Gehalt von 150 Thalern, 1 Ochsen, 2 Drömt Roggen, 4 Schweine, 3 Schiffe voll Brennholz und für ihn und seinen Knecht gewöhnliche Hofkleidung, alle drei Jahre ein Ehrenkleid und selbstverständlich täglich "Mahl und Futter bei Hofe" oder Hoftafel. Dies war damals ungefähr das gewöhnliche Gehalt der herzoglichen Räthe, welches nur in den Victualien zuweilen verschieden war; selbst der Canzler Johann von Lucka erhielt nicht mehr an Geld. A. Mylius erhielt übrigens nicht voll so viel Victualien, als die andern Räthe. "Aus sonderlicher Gnade und Zuneigung" ward ihm dieses Gehalt für jeden Fall auf Lebenszeit versichert, auch wenn er wegen Krankheit oder Schwäche nicht sollte dienen können, also als Pension, und seiner dereinstigen Wittwe ein Gnadengeschenk von 400 Thalern.

Der Entschluß des Herzogs ward wohl dadurch gereift, daß im März 1556 des Herzogs "gar geliebter und getreuer Rath, desgleichen er nicht habe, noch überkommen werde", der berühmte Reichsfreiherr Joachim Maltzan auf Wartenberg und Penzlin, gestorben war. Es war ehrenvoll genug für A. Mylius, daß der Herzog ihn an dessen Stelle setzte, da dieser auch nur in höhern Angelegenheiten Rathsdienste geleistet hatte und ein Mann von europäischem Rufe und hohen Würden gewesen war.

Erst am 9. Nov. 1558 stellte Mylius als herzoglicher Rath einen lateinischen Dienstrevers aus. Er wird also schon seit dem J. 1556 die Bestallung und die Einkünfte als Rath erhalten haben, aber erst im J. 1558 aus unbekannten Gründen in das Raths=Collegium eingetreten sein; vielleicht wollte der Herzog durch diese Zögerung von seinem Freunde den Neid ferne halten, der ihn bis zu seinem Tode unerbittlich verfolgte. Daß er wirklicher Rath, d. h. nach unsern Begriffen Geheimer Rath oder Regierungsrath war, beweisen die spätern Copialbücher, z. B. vom J. 1568, in denen er unter den Räthen aufgeführt wird, wenn diese Sitzung hielten und Bescheide erließen.


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Nachdem der Herzog Johann Albrecht sein Haus und seinen Staat geordnet und fest begründet hatte, wandte er sich im J. 1557 mit ungeschwächter Kraft und Neigung den Studien zu, denen er bis zu seinem Tode treu ergeben blieb. A. Mylius munterte ihn wiederholt ernstlich auf, sich nach so langer Unterbrechung wieder den höhern Studien zuzuwenden, zum Heile des Vaterlandes. Der Herzog begann nun in seinen Mußestunden die wissenschaftlichen Arbeiten, die er bis zu seinem Ende mit Liebe pflegte. Um durch eine bestimmte Ordnung das vorgesteckte Ziel zu erreichen, gab A. Mylius dem Herzoge am 17. Junii 1558 eine Studien=Ordnung ("ratio methodi") oder einen Stundenplan 1 ), nach welchem der Herzog jeden Morgen von 6-8 Uhr zur Fortbildung seines Geistes grammatisch=philosophische Uebungen anstellen sollte; er empfahl ihm für den Montag und Dienstag das Studium der lateinischen Grammatik und Sprache, als der Hauptquelle für vollkommenes Denken und Schreiben, für den Mittwoch und Donnerstag die Beschäftigung mit der Philosophie und dazu vorzüglich das Studium von Cicero's Büchern von den Pflichten, für den Freitag Stylübungen durch Uebersetzen und Verbessern, und dabei den Quinctilian, für den Sonnabend das Studium des Evangeliums für den folgenden Sonntag durch Ausarbeitung einer Disposition ("methodus") des Inhalts desselben, welche am Sonntag Morgen nachgelesen werden sollte. Die Abendstunden von 7-8 Uhr waren zum Wiederholen und Abschreiben bestimmt.

Und wirklich finden wir Anzeichen, daß der Herzog diesen Plan befolgt habe. Im Archive zu Schwerin wird noch ein mächtiger Foliant aufbewahrt, in welchem von des Herzogs Hand lateinische grammatische Uebungen sauber geschrieben stehen.

Für die Leitung dieser regelmäßigen Studien ("ratio methodi"), denen A. Mylius ohne Zweifel beiwohnte (man stand in jenen Zeiten sehr früh auf), schenkte der Herzog ihm 1000 Goldgulden 2 ), von denen er ihm am 1. Nov. 1560 abschläglich gleich 400 Stück und am 10. Febr. 1562 den rückständigen Rest mit 110 Thalern auszahlte.

Eine andere fast tägliche wissenschaftliche Beschäftigung des Herzogs war der lateinische Briefwechsel desselben mit A. Mylius; der Herzog fand an dessen Briefen eine so große Freude, daß er sie häufig mit Bewunderung als "weise" geschrieben anerkennt. So sagt er am 9. Nov. 1557:


1) Vgl. Anl. Nr. 11.
2) Vgl. Anl. Nr. 20.
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"Literas, humanissime vir, tuas sapienter profecto scriptas a te ipso, vt scis, accepi, quas perlegi diligenter."

im J. 1560:

"Humanissime vir. Literas tuas et longas et profecto sapienter scriptas hic in ista meorum negociorum multitudine semel atque iterum perlegi."

und am 25. Jan. 1563:

"Literas tuas et eleganter omnino et sapienter scriptas a tuo puero accepi."

Und auf die Rückseite eines von A. Mylius aus Prag am 21. April 1570 an den Herzog geschriebenen Briefes schreibt dieser eigenhändig: Das ist ein Meisterstück von Schreiben.

"Inest artificium in hoc scripto."

Die Concepte zu den Briefen des Herzogs an A. Mylius, deren noch wenigstens 40 vorhanden sind, sind sehr sorgfältig geschrieben und durchgängig vielfach corrigirt, so daß man deutlich sieht, wie viel Sorgfalt der Fürst auf die Ausbildung seines Styls verwandt habe. - Die Briefe von Andreas Mylius an den Herzog, von denen allgemeinen und wissenschaftlichen Inhalts noch wenigstens 200, in bestimmten Geschäftssachen aber sehr viele im Archive aufbewahrt werden, sind alle sehr geläufig und bestimmt geschrieben.

Daß der Herzog sehr viel las, ist bekannt und natürlich, eben so, daß er die erste Bibliothek in Schwerin gründete, welcher sein Mathematiker, Ingenieur und Astronom Tilemann Stella, des A. Mylius Schwager, vorstand, der sich als Geograph einen begründeten und dauernden Ruf in Deutschland erworben hat.

Für alle außerordentlichen Bemühungen war der Herzog dem Andreas Mylius mit der Zeit auch außerordentlich erkenntlich. Der Herzog notirt in seinem Tagebuche:

"1557. 400 Thaler dem Andreä Mylio sein versprochen gnadengelt ganz entrichtet. Actum Swerin am 28. Mai."

"1558. 500 Thaler Andreä Mylio entrichtet vnnd betzalet auf die ime versprochene vnd verschribene Summe zu Swerin am 6. Februarii 1558."

"1560. 654 fl. Magister Andreä Mylio verehrt zu seiner Haushaltung. Febr. 14."

"1562. 30 Thaler Magister Andreas zum ehrkleide."

Alle diese und andere Geschenke waren außerordentliche, da sie aus des Herzogs Tasche gingen, indem er sie in seinem Tagebuche verzeichnete, dieselben also nicht aus öffentlichen Cassen gezahlt wurden.

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Zur Beförderung und Erleichterung der grammatisch=philosophischen Studien des Herzogs mußte A. Mylius ihm mehrere Bücher verfassen, welche der Herzog handschriftlich bei seinen Studien benutzte, da es damals noch an ausreichenden Lehrbüchern fehlte. Zunächst schrieb er für den Herzog eine Art Handbuch der Logik, welche in den Briefen gewöhnlich "Methodus" genannt wird. Auch hiefür gab der Herzog ihm ein besonderes Geschenk, nach dessen Aufzeichnung in seinem Tagebuche:

"1560. 150 fl. Andreä Mylio geben vf den Methodum, wie der abscheydt ist. Wredenhagen d. 14. Julii."

Dann schrieb er für den Herzog eine Art Rhetorik, eine Anleitung, Gedankenstoff zu finden und zu disponiren. Dieses Werk wird in den Briefen gewöhnlich "Facultas argumentandi", auch "Ratio argumentandi" oder "Facultas oratoria" genannt. Er überreichte es dem Herzoge schon früh in einem undatirten Briefe als ein Zeichen seiner unwandelbaren Liebe und Verehrung:

"Librum de facultate oratoria, uestra, illu"strissime princeps, adductus uoluntate et mea "erga uos eademque submississima beneuolentia confirmatus, collegi, eo tempore, quo mihi uestra presentia et iucundissimo erat congressu carendum. Hunc igitur uobis offero et trado quasi quoddam sempiterni mei amoris et pietatis monumentum."

Ferner verfaßte A. Mylius eine Anleitung zu Stylübungen, wenn man es so nennen darf, eine Anleitung zur Nachahmung großer Vorbilder, in den Briefen gewöhnlich "Ratio imitandi" genannt und als eine neue Erfindung anerkannt ("noua et inaudita imitationis ratio").

A. Mylius schrieb für den Herzog noch mehr Bücher dieser Art, deren Inhalt sich aber schwer ermitteln läßt, da in den Briefen die Titel nicht bestimmt und oft verschieden und nur allgemein nach dem Inhalte angegeben sind.

Außerdem schrieb A. Mylius für den Herzog manche andere Schriften, welche mehr zur Befriedigung und Erhebung seines Geistes dienen sollten.

Da der Herzog der griechischen Sprache nicht so ganz mächtig war, daß er sie fließend lesen konnte, so übersetzte ihm A. Mylius einige griechische Werke, welche der Herzog besonders liebte und gerne las. Vorzüglich war es Dio Chrysostomus, welcher, ein Liebling des Kaisers Trajan, 80 Reden über allgemeine philosophische Sätze geschrieben hat, die damals vor kurzem, 1551, zu Venedig zuerst gedruckt waren. In dem

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Briefwechsel zwischen dem Herzoge und A. Mylius wird des Dio sehr häufig gedacht. Auf die Empfehlung des Landraths Dietrich Maltzan übersetzte A. Mylius die 4 Bücher des Dio Chrysostomus vom Königthum (De regno) für den Herzog ins Lateinische, weil der Inhalt des Buches zu den Zeitverhältnissen des Herzogs stimmte. Am 14. Mai 1564 hatte A. Mylius die Arbeit begonnen; er schrieb an diesem Tage an den Herzog:

"Librum Sapientiae per Caselium misi. Dionem de Regno, ut scripsi antea, verto luculenter, quem quidem Celsitudinis Tuae auribus, ut spero, probabo."

In zehn Monaten war die Arbeit vollendet, wie er hoffte, zur Zufriedenheit des Herzogs, dem er sie am 22. Jan. 1565 vorlegte. Er schreibt dabei:

"Huc accedebat summa libri majestas et apta Celsitudinis Tuae temporibus tractatio, quam et ipse legens facile probavi et de Theodori viri longe prudentissimi commendatione et ex illa veteri memoria repetebam. Verti igitur Dionem, et quidem, ut spero, verti accurate; - - ego in tantulo opere decem menseis consumpsi, ut et tanto principe dignus et quam maxime politus prodiret."

Auch J. Caselius hebt besonders hervor, daß A. Mylius bei der Uebersetzung des Dio Chrysostomus 1 ) viel Fleiß und Geschick gezeigt habe. Am 22. Jan. 1565 widmete er das Werk dem Herzoge; es wird noch im schweriner Archive in einem saubern Pergamentbande, mit des Herzogs Bibliothekbuchstaben und der Jahreszahl 1565, aufbewahrt, mit der eigenhändigen Zuschrift: "Andreas Mylius M. et uertit et dedit, Anno 1565. 22. Januarii.

Der Herzog hatte darauf

"50 fl. Magistro Andreä Mylio für die Version Dionis et Demosthenis gegeben zu Wismar 1565 den 26. Jan."

Dieser Handschrift des A. Mylius ist eine Uebersetzung des Agapetus vom Königsamt von Dabercusius angehängt:


1) "Multa legerat in utroque Dione: Nicetas multis notior est: tum vero alterius lectionem sive forte, sive consilio iteravit, eius, qui a flumine orationis Chrysostomus dictus fuerat. - - Statim latine et quidem admodum luculente a se redditum cum amicis communicavit, nosque novam illius et feliciter positam operam mirifice probavimus." J. Caselii Oratio funebris scripta Andreae Mylio.
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"Sequuntur Agapeti ad Justinianum imperatorem de officio Regis praecepta. Strelicii, Calend. Octobr. anno salutis MDLXV. Vertebat Magist. Matthias Marcus Dabercusius."

Der ganze Band ist von Samuel Fabricius abgeschrieben: "Scripta sunt haec omnia manu Samuelis Fabricii Suerinensis."

Späterhin ließ A. Mylius den Dio bei Jacob Lucius in Rostock drucken, unter dem Titel:

Dionis Chrysostomi de regno libri quatuor. Andrea Mylio interprete. Cum priuilegio Caesareo ad annos VI. Rostochii. Excudebat Jacobus Lucius. Anno MDLXXIX.

in Quart, 20 Bogen. Die schon im J. 1577, ein Jahr nach des Herzogs Johann Albrecht Tode geschriebene Vorrede, 12 Seiten stark, "Dat. Suerino Non. Maiis Anno MDLXXVII", von "Andreas Mylius consiliarius Megapol." unterzeichnet, ist dem Könige Friedrich II. von Dänemark dedicirt:

Serenissimo et potentissimo principi et domino d. Friderico II. regi Daniae etc. . domino suo clementissimo.

Er sagt in der Vorrede, daß er dem Könige das Buch für seinen Sohn sende und dem Herzoge Ulrich für die ihm dazu gewährte Muße danke:

"Regiam Maiestatem Tuam qua debeo reuerentia et pietate et plane supplicibus verbis oro, vt hunc Dionem, munus meum, Regis filii nomine a me clementissime accipiat et suo tempore paterne commendet."

Der König war seit dem J. 1572 mit des Herzogs Ulrich, seit 1576 alleinigen Regenten von Meklenburg, schönen und guten Tochter Sophie vermählt, und deren Sohn Christian IV. war am 12. April 1577 geboren. A. Mylius mochte also die Vorrede gleich nach dem Eingange der Nachricht von der Geburt des Prinzen geschrieben haben. Wahrscheinlich schickte er dem Könige aber schon damals eine Abschrift und ließ später die Dedication mit dem Buche drucken. Als der König von seinen Censoren die Wichtigkeit und Schönheit des Buches erfahren hatte, schickte er dem A. Mylius, nach J. Caselius Mittheilung, ein königliches Geschenk neben einem gnädigen Danke.

Zu gleicher Zeit übersetzte er des "Demosthenes Oratio funebris", welche ebenfalls von der Hand des A. Mylius mit der Dedication vom 22. Jan. 1565 noch im schweriner Archive aufbewahrt wird.

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Ferner übersetzte er für den Herzog Xenophon's Cyropädie ("Cyrus sive de principe"), jene einfache und reine Darstellung des Ideals eines monarchischen Herrschers, für das wahrhaft fürstliche Gemüth des Herzogs gewiß ein willkommenes Buch.

Außerdem schrieb A. Mylius fortwährend kleinere Abhandlungen von besonderem Interesse für den Herzog. Bekannt geworden sind folgende:

1) Ueber Gott. Am 9. Oct. 1558 schrieb der Herzog an ihn, daß er solche Gründe, die er als einen Schatz aufbewahren werde, weder von einem Philosophen, noch von einem Theologen je gehört habe:

"Epistola tua hodie cum adiuncto pulcherrimo de Deo loco ad manus peruenit meas; per enim mihi gratum fecisti, quod in componendo atque describendo tantum laboris suscepisti: ea enim argumenta omnia neque a philosopho, neque a theologo unquam audiui: mihi profecto illa thesauri loco erunt."

2) Vom Trost im Tode. Am 13. Dec. 1560 schrieb ihm der Herzog:

"Perge tantum in tuo labore et mitte mihi dialogum et consolationes de morte."

3) Vom Gebet, eine lateinische Rede, welche der Herzog mit großem Vergnügen las. Am 24. Nov. 1571 schrieb ihm der Herzog:

"Literas tuas non solum libenter, verum etiam primam orationis tuae partem de precibus cum magna voluptate legi. Prudenter profecto facis, quod in tam sacrosancto opere non nimium properas, omnia enim verba in rebus diuinis sunt etiam atque etiam ponderanda, antequam in lucem eduntur."

Das Original dieser Arbeit auf 11 Bogen in Folio von des A. Mylius eigener Hand geschrieben, mit der Dedication vom 25. Nov. 1571, wird noch im schweriner Archive aufbewahrt.

4) Eine Uebersetzung und Bearbeitung des 53. Capitels des Propheten Jesaias, welche der Herzog besonders hoch schätzte; diese (vom J. 1560) wird ebenfalls noch im schweriner Archive aufbewahrt.

5) Eine Geschichte der Sendung des Heiligen Geistes. Aus dieser Arbeit wird zugleich klar, wie der Herzog und Andreas Mylius arbeiteten. A. Mylius legte dem Herzoge vor: 1) eine Revision des deutschen Textes von Cap. 2. der

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Apostelgeschichte; 2) eine Betrachtung über die einzelnen Aussprüche; 3) eine Prüfung der Ausdrücke; 4) einen Versuch einer Nachahmung oder Darstellung des Inhaltes.

6) Eine Schrift vom Leiden unsers Herrn Jesu Christi, lateinisch und deutsch, ebenfalls im schweriner Archive, mit dem 53. Cap. Jesaiä zusammengebunden.

7) Eine Uebersetzung des ersten und zweiten Gesanges der Iliade, vom J. 1557, welche auf der Universitäts=Bibliothek zu Rostock aufbewahrt wird.

Welche Freude der Herzog an solchen Arbeiten hatte, erhellt klar aus einem Briefe, welchen er am 23. Aug. 1569 von Mirow an A. Mylius schrieb:

"Die lateinische Schrift, welche Du mir neulich und zuletzt gegeben hast, habe ich von Anfang an immer wieder im Wagen gelesen, und ich muß in Wahrheit bekennen, daß ich in meinem ganzen Leben nichts lieber gelesen habe ("me in tota vita nihil legisse libentius"), ausgenommen die Heilige Schrift."


Aber alle diese Bestrebungen, so sehr sie des Herzogs Leben erfreueten und zierten, standen weit hinter einem großen Werke zurück, dessen Vollendung ganz die große Seele des edlen Fürsten füllte. Dies war eine lateinische Uebersetzung der Bibel durch Andreas Mylius . Diese Arbeit bildet in Wahrheit den Glanz= und Ruhepunct in dem Leben des Herzogs und veranlaßt Erscheinungen, welche sonst in den Lebensläufen der Fürsten ungewöhnlich sind. Wenn auch Johann Albrecht mit großer und inniger Freude alles beförderte, was den menschlichen Geist irgend zu heben vermag, so war doch sein höchstes Kleinod die Heilige Schrift und sein christlicher Glaube. Hiefür hatte er Leben und Stellung aufs Spiel gesetzt, in diesem Puncte vereinigten sich bei ihm alle Strahlen des aufgehenden Lichtes. Was nicht den reinen christlichen Glauben läutern konnte, achtete er nicht; aber er verstand es auch, jede Regung der Seele dem Höchsten zuzuwenden. Er trieb mit Ernst und Fleiß Grammatik, Schülerarbeit, weil er wußte, daß diese Arbeit nöthig sei, um ihn zu immer klarerer Erkenntniß der Heiligen Schrift zu führen. Alles, was die Seele läutern kann, mußte ihm hiezu dienen.

Schon früh hatte Andreas Mylius angefangen, einzelne Stücke der Bibel in die lateinische Sprache für den Herzog zu übersetzen. Schon am 29. Nov. 1553 hatte er die Uebersetzung der Psalmen, als ein Zeichen seines guten Willens und seiner

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Dankbarkeit, vollendet, wollte sie aber dem Herzoge noch nicht vorlegen, da er sie noch zu feilen die Absicht hatte. Im Nov. 1554 schrieb er dem Herzoge: "Die Psalmen und meinen Commentar werde ich mitbringen, wenn es genehm ist." Am 13. Nov. 1553 schickte er dem Herzoge die Uebersetzung der Evangelien zurück; in einem andern, undatirten Briefe schreibt er: "Die Evangelien werden auch bis Pfingsten übersetzt sein." Die Uebersetzungen wurden von beiden Seiten viel gelesen, geprüft und hin und her geschickt. Noch im J. 1558 gingen die Psalmen und die Evangelien hin und her; am 29. Aug. 1558, an dem Tage eines großen Brandes in Schwerin, als der Herzog verreiset war, schreibt Mylius, er könne ihm die Psalmen und Evangelien nicht schicken, da er wegen drohender Feuersgefahr seine wichtigen Sachen aus dem Hause geschafft habe. ("Misissem Celsitudini Tuae psalmos et evangelia, sed nihil eorum domi est meae propter metum ingravescentis incendii.")

Am 1. Aug. 1557 schickte er dem Herzoge die im schweriner Archive noch aufbewahrte Uebersetzung des Evangeliums Johannis: "Andreas Mylius M. observantiae suae declarandae causa dedit. Suerini, Anno 1557. Calend. Augusti."

Am 20. Aug. 1557 schreibt er an den Herzog: "Den 52. und 53. Psalm habe ich, nach Befehl, übersetzt und sende sie zurück. Ich habe mit Willen nichts ändern mögen; denn ändern ist leicht, aber besser machen schwer. Die Briefe Johannis kommen jetzt an die Reihe; ich werde sie, sobald sie lateinisch lauten, senden." Die Briefe an die Epheser und an Philemon werden noch im Archive zu Schwerin aufbewahrt.

Nach und nach reifte der Plan, die ganze Bibel zu übersetzen. Es war viel darüber geredet, aber noch nichts festgesetzt. Am 8. Mai 1557 bat Mylius dringend den Herzog, er möge sich deutlich und bestimmt erklären, da für ein so großes Werk außer Neigung und Fähigkeit der Auftrag einer hohen Person und die Bestimmung und Gewährung der genügenden Zeit nothwendig sei:

"Vt Illustrissimus Princeps, quid de uersione Bibliae fieri uelit, mandetur clare dilucideque significet; non solum animo parato et facultate, sed in tali et tam ardua planeque diuina re mandato iubentis magistratus opus est: et vt declaret, quantum mihi ad eam rem temporis impertiat, et ut ocium mihi praestet, quo abundem necesse est."

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Da erklärte sich denn in einem herrlichen Briefe 1 ) von Doberan am 9. Nov. 1557 der Herzog gegen A. Mylius klar und deutlich.

"Jetzt sind die Zeiten einigermaßen freundlicher geworden. Ich habe den Willen, daß ich von dem von mir gefaßten Plane über die Studien, wenn ich auch die Schwäche meines Geistes leicht erkenne, nicht weichen will, so lange ich lebe. Dies wird Gott ohne Zweifel lieb und mir nützlich sein. Ich werde mir daher so viel Muße und Zeit nehmen, als Dir nöthig scheint und meine Geschäfte erlauben, daß ich mich wieder zu unsern Studien wende. An Deinem Fleiße und Deiner Treue zweifle ich nicht und habe ich nie gezweifelt. Für Deine Neigung zu mir habe ich Dir Dank und werde ihn Dir einst mit Gottes Hülfe noch deutlicher beweisen."

"Wenn Du mir ferner von der Uebersetzung der Bibel schreibst und mir zugleich Deine Meinung mittheilst, so thust Du allerdings klug, wenn Du alles erwägst, was zu erwägen ist. Denn es ist wahrlich eine große Sache, oder vielmehr die größte, und fordert einen großen Entschluß, um so mehr da bisher noch keiner da gewesen ist, der sich so viel zutrauete, ein so großes Werk zu unternehmen und durchzuführen. Denn nach meiner Ansicht ist es nothwendig, daß der welcher das Werk durchführen will, eine vollkommene Kenntniß der drei Sprachen habe, der hebräischen, der griechischen und der lateinischen, daß er ein Christ, und nicht ein Papist, und Ciceronianer sei, daß ihm die nöthigen Mittel nicht fehlen und er sonst keine Geschäfte habe u. s. w. - - Da Du ein guter Christ bist, dem die wahre Religion am Herzen liegt, und die griechische und lateinische Sprache vollkommen inne hast, auch ein Nachahmer Ciceros bist, der mit Recht der Fürst der Beredsamkeit genannt wird, Du auch zu Deinem Nutzen die deutsche Bibel hast, welche von Martin Luther seligen Andenkens und andern gelehrten Männern aus der hebräischen Sprache in die deutsche sorgfältig und treu übersetzt ist: so bitte ich Dich sehr, und befehle es Dir auch, daß Du dieses heilige Werk unternehmest u. s. w. - - Kein Studium ist Dir nothwendiger, Deinen Namen auf die Nachwelt zu


1) Vgl. Anl. Nr. 10.
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bringen, als wenn Du allen Fleiß auf jene heilige und fast göttliche Art zu philosophiren verwendest; denn wir können nichts besseres, nichts wünschenswertheres thun, glaube es mir, vorzüglich in dem uns so kurz zugemessenen Zeitraum unsers Lebens und in diesen gefährlichen und schwierigen Zeitumständen, als wenn wir unsern Fleiß auf die heiligen Wissenschaften verwenden; denn die Lieblichkeit dieser heiligen Wissenschaften übertrifft bei weitem die menschliche Philosophie. Daß Du an Deiner Fähigkeit zur Vollendung zweifelst, begreife ich, doch ist mir auch Deine Bescheidenheit nicht unbekannt. Obgleich es, ich muß aussprechen, was ich denke, sehr schwer und viel ist, was ich verlange, so zweifle ich doch an Dir nicht: ich kenne Deinen Geist, so viel ich beurtheilen kann. Wenn Du den Fleiß anwendest, den Du bisher bei Deinen Uebersetzungen und namentlich an dem Evangelisten Johannis bewiesen hast, so wirst Du den Uebelwollenden keinen Stoff zum Schmähen geben. Es würde ungerecht sein, wenn Du so viel Mühe und Arbeit, als dieses Werk fordert, umsonst aufwenden solltest; das will und verlange ich nicht. Ueber die Summe können wir aber bequemer mündlich das Nöthige festsetzen. Ich bitte Dich, daß Du am 13. d. M. hier (in Doberan) bei mir seiest. Der allmächtige Gott erhalte Dich indessen gesund und regiere Dich mit seinem heiligen Geiste, daß Du durch das herrliche Werk das schaffst, was seines Namens Ruhm und der Sterblichen Heil fördert. Dies wünsche und begehre ich von Herzen. Was ich thun muß und kann, werde ich gern thun."

Am 16. Nov. 1557 zu Doberan stellte nun der Herzog Johann Albrecht dem Andreas Mylius für die lateinische Uebersetzung der Bibel einen Ehrensold von 2000 Thalern aus. Diese Urkunde ist das würdigste Kleinod unsers Schriftenthums. Der Herzog hat sie ohne Zweifel selbst in lateinischer Sprache abgefaßt und nach alter Weise auf Pergament mit eigener Hand sauber geschrieben und mit seinem großen, anhangenden Siegel besiegelt, und also so glänzend ausgestattet, als es möglich war. Diese Urkunde, ein Ehrendenkmal sowohl für den Herzog, als für Andreas Mylius, und zugleich das würdigste Ehrenzeugniß für den erhabenen Geist jener Zeit, steht in ihrer Art so einzig in der Geschichte da, daß ich es mir nicht versagen kann, sie nicht nur

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im Originaltexte und in deutscher Uebersetzung, sondern auch in einem Facsimile hier mitzutheilen, damit das Andenken an jene ruhmwürdige Bewegung des Geistes mehr verbreitet und lange erhalten werde:

Ego Joannes Albertus DEI gratia Dux Megapolensis, princeps Vandalorum, Comes Suerinensis, Rostochii et Stargardii dominus, coram vniuersis et singulis, quorum interest, in primis autem haeredibus meis, huius Syngraphae meae testimonio fateor, me certis grauibusque causis adductum Andreae Mylio, consiliario meo, vt is sacrae scripturae volumina, quae, vt omnibus notum est, ab antiquis, neque commode, neque latine satis conuersa sunt, ad eum modum conuerteret, qui in eiusdem Mylii aliis versionibus cernitur, quas ille mihi exhibuit, imperasse. Quod idem his literis manuque meis eidem mando. In primis autem ei Germanicam Martini Lutheri versionem, vt Hebraicae phrasi et veritati consentaneam et proximam commendo: quam ille si expresserit, satis mihi abundeque factum esse fatebor. Atque hoc quidem se facturum esse daturumque operam, vt in eo opere neque fides in exprimenda Germana sententia, neque elegantia in dictione, quantum in ipso sit, merito desideretur, promisit. Cum autem ea tanti operis magnitudo et dignitas sit, de qua nemo, Christianus praesertim neque debeat, neque possit dubitare, nam et lucis non parum, plurimum autem sacrosanctae lectioni delectationis accesserit, eidem Mylio, et si quid ipsi humanitus accidisset, eius haeredibus, duo millia thalerorum mercedis loco promitto, et quam acceptam a maioribus meis sancte tueri debeo fidem principe dignam pro ea pecunia meo et haeredum meorum nomine interpono. Absoluto igitur eo opere et mihi aut haeredibus meis tradito, promitto me eam pecuniam sine vlla mora aut recusatione, sine fuco et fallaciis Andreae Mylio aut eius haeredibus certo benigneque esse traditurum. Quod nunc quidem testimonio harum literarum et vti principem amantem veritatis decet, sancte DEOque teste promitto, eademque promissi et debiti huius religione haeredes meos

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obstringens. Quod vt firmum plane et immutabile esset, manu signoque meis veritatem harum literarum confirmamus. Actum Doberani, 16. Cal. Decemb., Anno a nato Christo 1557.

Manu mea scripsi.     

Ich Johann Albrecht, von Gottes Gnaden Herzog zu Meklenburg, Fürst zu Wenden, Graf zu Schwerin, Rostock und Stargard Herr, bekenne vor allen und jeden, die es angeht, besonders aber vor meinen Erben, durch die Urkunde dieses meines Briefes, daß ich, aus gewissen und wichtigen Ursachen meinem Rathe Andreas Mylius befohlen habe, die Bücher der Heiligen Schrift, welche, wie allen bekannt ist, früher weder gut, noch recht lateinisch übersetzt sind, auf die Weise, welche in desselben Mylius andern, mir vorgelegten Uebersetzungen zu erkennen ist, zu übersetzen. Ich übertrage ihm dies durch diesen Brief und diese meine Handschrift. Besonders aber empfehle ich ihm die deutsche Uebersetzung Martin Luther's, als der hebräischen Ausdrucksweise und der Wahrheit am nächsten stehend, so daß ich, wenn er diese wiedergiebt, mich völlig und reichlich damit zufrieden geben will. Und darauf hat er verheißen, daß, so viel in seiner Kraft steht, er dies thun und sich bemühen wolle, daß in dem Werke weder die Treue im Wiedergeben des deutschen Inhalts, noch die Schönheit des Ausdruckes vermißt werde. Da aber das Werk eine so hohe Bedeutung und Würde hat, daß Niemand, vor Allen ein Christ, daran zweifeln darf und kann, da es nicht wenig Licht, vorzüglich aber Vergnügen beim Lesen der Heiligen Schrift gewähren wird, so verspreche ich demselben Mylius, und wenn ihm etwas Menschliches begegnen sollte, seinen Erben, zwei tausend Thaler zum Lohne und setze mein fürstliches Ehrenwort, das ich von meinen Vorfahren überliefert erhalten und heilig zu bewahren habe, für diese Summe in meinem und meiner Erben Namen zum Pfande. Ich verspreche daher, wenn also dieses Werk vollendet und mir oder meinen Erben übergeben sein wird, dieses Geld ohne Verzug oder Weigerung, ohne Täuschung und Betrug dem Andreas Mylius oder dessen Erben sicherlich und gern auszuzahlen. Dies verspreche ich gegenwärtig mit Urkund dieses Briefes, und wie es einem wahrheitsliebenden Fürsten ziemt, unverbrüchlich und bei

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Gott zu halten, und verpflichte meine Erben zur heiligen Haltung dieses Versprechens und dieser Schuld. Auf daß dieses Versprechen völlig fest und unverbrüchlich sei, haben wir diesen Brief durch unsere Hand und Unterschrift besiegelt. Gegeben zu Doberan am 16. Nov. im Jahre Christi 1557.

Geschrieben mit meiner eigenen Hand.     

Am 25. März 1560 schickte A. Mylius die lateinische Uebersetzung des ersten Buches Mosis 1 ), welche getreu nach Luther's Uebersetzung gearbeitet war, und hoffte, daß diese erste Arbeit den Beifall des Herzogs erhalten werde. Am 13. Mai 1564 schickte er durch J. Caselius das Buch der Weisheit Salomonis u. s. w.

Auf den Ehrensold von 2000 Thalern erhielt A. Mylius von dem Herzoge:

1559. Oct. 11. die Summe von 750 Thalern (ad mercedem pro uersione Bibliae debitam), (nach seiner lateinischen Quittung),

1561. Junii 11. die Summe von 20 Gulden (pro mercede uersionis Bibliae), (nach seiner lateinischen Quittung),

1562. Jan. 25. die Summe von 100 Thalern (nach dem Tagebuche des Herzogs),

1563. Dec. 24. die Summe von 10 Goldgulden (nach dem Tagebuche 2 ) des Herzogs).

Diese Summen wird der Herzog aber dem A. Mylius außerdem geschenkt haben, da er bei der Uebernahme seiner Schulden durch den Engern Ausschuß die volle Summe von 2000 Thalern an diesen zur Berichtigung überwies und wiederholt, namentlich am 8. Jan. 1567, die Uebernahme dieser Schuld ernstlich forderte. Daß die Summe von dem Engern Ausschusse abgetragen sei, beweiset die Zurücklieferung und die durch einen Schnitt bewerkstelligte Cassirung der Schuldverschreibung des Herzogs.

Nicht lange darnach schenkte der Herzog dem A. Mylius Ostern 1562 wieder 1000 Thaler, wovon weiter unten die Rede sein wird.

Daß diese lateinische Bibelübersetzung von A. Mylius vollendet worden sei, leidet keinen Zweifel. In einem


1) "Genesim mitto. - - Non enim facta uspiam est a sententia Lutheri discessio. - - Magna me spes tenet, bene huius laboris prima quasi initia esse euentura."
2) "1563. 10 goldfl. Magister Andreas vor die version der Gallater verehret, "Landsperge, am h. Christabend."
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vorstehender Brief im Original
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Geheimen=Raths=Protocolle unter dem Herzoge Adolph Friederich vom J. 1612 heißt es:

"Martin Baleken. I. f. g. von ihm vernommen, noch etzliche Bücher bei ihm habe, I. f. g. Groß Herr Vater gehörig, darunter auch eine Bibel, so I. f. g. Groß Herr Vater mit eigen handen schrieben; es ist also I. f. g. bofhelig, dises alles I. f. g. zu vbersenden."

Wahrscheinlich ist dies die Uebersetzung von A. Mylius, und es ist wohl ein Irrthum, wenn das Gerücht gegangen ist, der Herzog habe die Bibel geschrieben. Die guten Handschriften jener Zeit haben durch den verbesserten, ernstern Schulunterricht viel Aehnlichkeit unter einander. Möglich wäre es, jedoch ist es nicht wahrscheinlich, daß der Herzog die Uebersetzung des A. Mylius abschrieb, theils um sich zu üben, theils um sich die Heilige Schrift fester einzuprägen. Diese Uebersetzung ist noch nicht aufgefunden. Mit der vom Herzoge Johann Albrecht gestifteten Bibliothek ist seit dem Tode Adolph Friederich's übel Haus gehalten. Der Professor Tychsen nahm die letzten Reste von Schwerin mit nach Rostock für die Universitäts=Bibliothek. Von dieser habe ich vor einigen Jahren mehrere, auch für diese Untersuchung wichtige Handschriften aus der Zeit des Herzogs Johann Albrecht eingetauscht und wieder in das großherzogliche Archiv zurückgebracht. Vielleicht findet sich die Bibelübersetzung noch auf der Universitäts=Bibliothek oder sonst wo.

Aber Johann Albrecht ließ nicht allein den A. Mylius für sich arbeiten: er selbst arbeitete neben A. Mylius fleißig an der Erkenntniß der Heiligen Schrift. Im Archive zu Schwerin wird noch das von dem Herzoge eigenhändig geschriebene und sehr viel corrigirte Concept einer lateinischen Uebersetzung der Psalmen aufbewahrt. Der Hofprediger Matthäus Bohemus erzählt in seiner Leichenrede auf den Herzog, daß er "mit großer Verwunderung und Freude" den ganzen heiligen Psalter in lateinischer Sprache, den ganzen Katechismus Luthers in deutscher und lateinischer Sprache, das ganze Evangelium Johannis, die Epistel an die Galater, die Briefe Johannis, die Sprüche Salomonis, den Prediger Salomo, etliche schöne Gebete, eine schöne Lehre vom Abendmahle, einen Ausbund schöner Sprüche, eine schöne Betrachtung des Sterbestündleins und viel anderes mehr von der Hand des Herzogs Johann Albrecht geschrieben gesehen habe. Des Herzogs Meditatio de morte oder "Todesbetrachtung zu seinem letzten Stündlein" ward schon früh gedruckt 1 ).


1) Vgl. Thomas analecta Güstroviensia, p. 161 sq.
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Das Archiv zu Schwerin bewahrt noch viele höchst interessante und wichtige Selbstbetrachtungen und Gebete des Herzogs, namentlich aus den wichtigen Jahren 1550-1553. Durch sein Testament vermacht der Herzog seinem ältesten Sohne Johann voraus: "ein lateinisch aus der heiligen Schrift zusammen gezogenes Trostbuch in octavo, welches wir selbst gefertiget und mit eigener Hand geschrieben."


So war die Stellung des A. Mylius gesichert und das Verhältniß zwischen ihm und dem Herzoge geordnet. Die Arbeiten mancherlei Art nahmen in einem viel bewegten Leben einen erfreulichen Fortgang. Daß häufig Reisen und andere Begebenheiten die Studien störten, läßt sich denken.

Zu den erfreulichen Störungen gehört die Hochzeit des güstrowschen Rectors Wolfgang Leupold, welcher sich Michaelis 1557 mit einer Güstrowerin verheirathete. Leupold hatte dazu auch den Herzog und dessen Gemahlin und Schwester eingeladen; diese waren zu der Zeit jedoch nicht in Güstrow, sondern schickten ein Hochzeitsgeschenk durch A. Mylius, welcher mit Dabercusius zur Hochzeit reisete.

Die Familie des A. Mylius vergrößerte sich rasch. Er hatte schon mehrere, wenigstens zwei, Töchter, als ihm zu seiner großen Freude am 24. Aug. 1557 ein Sohn geboren ward, bei dessen Taufe der Herzog Taufzeuge war. Dieser starb aber in den ersten Tagen des Monats August 1561, in demselben Jahre, in welchem auch der Herzog seinen ältesten Sohn Albrecht am 2. März zu Königsberg, wohin ihn die Großmutter mitgenommen hatte, im sechsten Jahre seines Alters verlor. Der Herzog schrieb seinem Freunde am 3. Aug. 1561 einen herrlichen Trostbrief 1 ), in welchem er unter Andern sagt:

"Du weißt, daß auch mich in diesem selben Jahre vor einigen Monaten ein gleicher Schlag getroffen hat, da ich meinen lieben erstgebornen Sohn in Preußen verlor, der schon herangewachsen war. Was konnte mir die schwache menschliche Vernunft nicht schon von ihm sagen, welche Hoffnung hatte ich nicht schon geschöpft? Doch was sollte ich in einem solchen Schmerze machen? Mit Gott durfte ich nicht rechten. Ich mußte seinem Willen gehorchen. So beruhigte ich mich in seinem heiligen Willen und sagte mit Hiob: Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des


1) Vgl. Anl. Nr. 22.
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Herrn sei gelobet. Ihm, der ihn mir gegeben hatte, habe ich ihn wiedergegeben, ihm, bei dem er jetzt am besten in unserer himmlischen und ewigen Schule unterwiesen wird. Von Gottes heiligem Geiste habe ich meinen Trost geholt; das sollst auch Du thun. Ja, sage ihm mit mir Dank für alle andern Gaben, mit denen er uns gnädig und reichlich geziert hat, und bitten wir den allerhöchsten Gott um seines Sohnes Jesu Christi willen , daß er uns und alle die Unsern gesund und blühend erhalte zu seines Namens Ehre."

Darauf beschenkte ihn seine Frau mit einigen Töchtern, deren er im Ganzen 6 am Leben behielt. Am 12. April 1564 ward ihm wieder ein Sohn geboren, welcher aber auch kurz vor dem 3. April 1565 starb; er schreibt an den Herzog:

"Vidi mortes filiorum et hominum mihi charissimorum. Morbus filioli mei tristissimus cotidie uersatur in oculis meis."

Sowohl seiner Familie, als seiner Stellung und Geschäfte wegen bedurfte A. Mylius eines eigenen Hauses, namentlich in jenen Zeiten, wo wegen der Art der Wirthschaftsführung jede Familie ein Haus haben mußte. Am 20. Mai 1560 kaufte er von dem Canzler Johann von Lucka dessen in der Burgstraße zunächst bei dem Mönchkloster und dem herzoglichen Schlosse gelegene Haus mit Hof, Brauhaus, Badstube, dem dahinter liegenden Garten und dem dazu gehörenden Acker. Dieses Haus an der Ecke, dem Mönchskloster oder jetzt dem Collegiengebäude zunächst liegend, ist das interessanteste Haus in Schwerin, um so interessanter, als es noch jetzt in seinen Ringmauern und seinen Hauptabtheilungen so steht, wie es in alter Zeit gebauet ist. Im J. 1548 verkaufte der Goldschmied Christoph Schneider das Haus an den Herzog Heinrich den Friedfertigen, welcher es im J. 1551 dem Canzler Johann Scheyring schenkte. Dieser verkaufte es an den Dr. med. Sigmund Krull, welcher es im J. 1553 an den Canzler Johann von Lucka verkaufte, von dem es im J. 1560 Andreas Mylius käuflich erwarb. Die Erben desselben verkauften es im J. 1602. Es ging nun auf verschiedene Besitzer über, bis es im J. 1620 der Herzog Adolph Friederich kaufte, der es zur Amtswohnung des Stadt=Commandanten bestimmte, woher es noch heute das Commandantenhaus und die daneben an der Ecke stehende Pumpe die Commandantenpumpe heißt.

Der Herzog suchte sich dem A. Mylius auf alle mögliche Weise freundlich zu erweisen, um ihm das Leben angenehm zu machen. Am 16. Junii 1560 schenkte er ihm den Garten am

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Burgsee zunächst bei dem Hause gelegen, welchen der Herzog bisher dem Canzler Johann von Lucka eingethan hatte, so wie den Kirchhofraum von diesem Garten bis an die Burgstraße aus besondern Gnaden als erbliches Eigenthum. Dieser Garten ist nun freilich durch die Anlegung der Straße hinter dem Klosterhofe bebauet. Von dem Kirchhofraume ist aber neben dem Hause an der Straße noch heute ein Theil als Garten und Hof unbebauet.

Als die Erben im J. 1602 das Haus verkauften, gehörte dazu der Teichgarten, zwischen dem Ziegelhofe und der Wasserkunst, nebst der Fischerei.

Außerdem hatte A. Mylius noch einen Garten in der jetzigen rostocker Vorstadt neben dem S. Georgen=Hospitale, da die Hospitalwiesen an des Mylius Garten stießen; der Hausgarten kann wohl nicht so groß gewesen sein, daß er am Burgsee herum bis an die Wiesen stieß, um so mehr da seit alter Zeit der Gerberhof dazwischen lag.

Im J. 1567 bauete er 1 ) an seinem Hause wahrscheinlich einen massiven Giebel, theils zur Verhütung der Feuersgefahr, theils um die Stadt mit zu zieren, da die schönen Bauwerke des Herzogs die Baulust und Verschönerungssucht erweckt hatten. Dies machte ihm viel Noth und er bat den Herzog um Mauersteine.

Am 6. Jan. 1566 verkaufte Stellan Wakenitz auf Klein=Kissow, damals herzoglich pommerscher Hauptmann zu Wolgast, "dem Cammer=Rathe Andreä Mylio, fürstlich meklenburgischen Cammer=Rathe, und seinen Erben sein Haus im Städtlein Strelitz, so noch nicht vollends vorfertiget und auf der Kapellen=Stätte, so nach Turow und Szina gehören, stehet, inmaßen er solches von Ern Jacob Heseken gewesenen Capellan zu Strelitz in den Erbkauf empfangen." Weiter ist von diesem Hause nichts bekannt geworden. Vielleicht kaufte A. Mylius dieses Haus, um es zum Absteigequartier für sich zu benutzen, da der Herzog oft im Lande Stargard, namentlich in Strelitz, war.


Seit dem J. 1561 nahmen den Herzog die liefländischen Angelegenheiten sehr in Anspruch. Er war mit dem Benehmen seines Bruders Christoph sehr unzufrieden und deshalb mit demselben sehr gespannt. Die wenig überlegten Schritte desselben


1) "Genus aedificationis meae, quam quidem partim necessitate uetandi "incendii, partim exemplo aliorum, qui satis commode ornateque ipsi aedificarunt, suscepi, coram Celsitudini Tuae ostendi. Mihi uero, non optimo architecto, crescit tractando opus. - - Oro ut mihi de tribus millibus laterculorum benigne accommodet." Brief vom 14. Aug. 1567.
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verwickelten den Herzog Johann Albrecht in eine Unzahl weitläuftiger Geschäfte und Anstrengungen, deren Ende gar nicht abzusehen war.

Im Frühling des Jahres 1561 schickte der Herzog den Andreas Mylius nach Königsberg, um mit dem Herzoge Albrecht Rücksprache über den Stand der Dinge zu halten. Am 29. März reisete Mylius von Brandenburg ab und kam am 31. März in Stettin an; dort traf er den schwedisehen Canzler und den polnischen Gesandten, welche allerdings seine Aufmerksamkeit erregten. Der Herzog schreibt u. a. an ihn: "Ich wolte gern meinem Bruder Hertzog Christoph einen erfahrnen und gelehrten Mann zuordnen, darnach ich lange getrachtet. - - Deswegen rede davon mit dem Herrn Canzler, ob der nicht könnte einen vorschlagen. Forsche fleißig darnach, wessen Todes mein Sohn gestorben ist. Ich fürchte nämlich, daß er durch Gift getödtet sei, denn es hat mir nach Deiner Abreise einer etwas gesagt, wodurch ich auf diese Gedanken gekommen bin. Deshalb ermahne ich Dich, daß Du meinen theuren Vater darauf aufmerksam machst, daß Sein Lieb und derselbigen Sohn gut Achtung auf Essen und Trinken gebe, auch auf die Geschenke, die S. L. oder derselbigen Sohn gegeben werden, daß sie sie nicht so bald in die Hände nehmen, ebenso auf Briefe, so zu eigenen Handen stehen, die von verdächtigen Orten herkommen." Am 13. Mai war Mylius wieder in Schwerin angekommen.

Im Anfange des Monats August 1561 starb des A. Mylius erstgeborner Sohn; im Anfange des Monats Septbr. hielt einer seiner Brüder Hochzeit, zu welcher auch der Herzog eingeladen war. A. Mylius bat ihn, um seinetwillen die Hochzeit durch ein Ehrengeschenk zu verherrlichen.

In eben diese Zeit fallen auch die lebhaften Verhandlungen zwischen den beiden herzoglichen Brüdern Johann Albrecht und Ulrich, bei welchen A. Mylius sehr betheiligt war, da der Herzog wichtige Dinge nicht ohne seinen Rath und Beistand that; der Herzog schreibt am 24. Sept. 1561 an ihn: "Die Unterhandlung mit Ulrich ist viel anders geworden, als wie Du da warst", und beklagt sich sehr über Ulrichs Geldliebe und Halsstarrigkeit.

Im J. 1562 unternahm der Herzog mit seiner Gemahlin und Schwester eine Reise nach Königsberg. A. Mylius mußte wieder die Reise mitmachen. Am 8. Febr. reiseten sie von Schwerin ab, blieben vom 13.-18. in Strelitz und reiseten von hier am 19. über Pasewalk und Stettin weiter; am 1. März war Rasttag in Stolpe und am 13. März kam die Gesellschaft in Königsberg an. Der Uebergang über die Weichsel

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am 4. März war sehr gefahrvoll, da die "Stutzohren" mit einem Wagen in das Eis einbrachen.

Am 2. März übergab A. Mylius dem Herzoge zu Stolpe einen Brief, in welchem er ihm seine Vermögensverhältnisse schilderte und ihm zu bedenken gab, daß er so wenig einzunehmen habe, daß er für ein ganz geopfertes Leben nichts erübrigen könne, und daher den Herzog bat, an ihn zu denken. Es ist nicht klar, wie A. Mylius dazu kam, auf der Reise den Herzog mit seinen Angelegenheiten anzugehen; vielleicht ist der Brief nur der formelle Ausdruck eines Gespräches während der langweiligen Rast in einem kleinen Orte. Der Herzog wird aber des Mylius gedrückte Lage eingesehen haben; denn nach vier Wochen, in den Osterfeiertagen, schenkte ihm der Herzog zu Königsberg 1000 Thaler, indem er ihm eine Schuldverschreibung zu 5 Procent Zinsen ausstellte. Außerdem kommt in des Herzogs Tagebuche noch vor:

1562.  110 Thaler Magister Andreas Mylius. 11. Febr.
           12 Thaler Andreä Mylio 12. Mai.
           5 Thaler Andreä Mylio widergeben, die er zu Stolpe einem Prediger geben. 17. Junii.
Ferner:
           78 Thaler Dietrich Moltzan die er auf der Reise nach Königsberg ausgelegt. 12. Mai.

Nach drei Monaten, welche in Königsberg heiter und glücklich verliefen, reisete der Herzog mit Andreas Mylius wieder nach Meklenburg zurück, da ihn dringende Staatsgeschäfte allerlei Art, namentlich die bevorstehende Königswahl, zurückriefen. Auch war am 1. Mai 1562 sein treuer, braver Freund und Canzler Johann von Lucka gestorben 1 ), ein sehr harter Verlust für den Herzog. Der Herzog reisete am 8. Junii von Königsberg ab und kam am 25 Junii in Schwerin an. Die Herzogin ging erst am 12. Aug. von Königsberg.

Im Julii 1562 erhielt A. Mylius eine Sendung an den Kurfürsten von Sachsen. Der Herzog bemerkt in seinem Tagebuche:

"40 Thaler M. Andreä Mylio zerung nach Torgau zu dem Churfürsten von Sachsen mit 5 Pferden und 8 Personen. 1562 den 19. Julii.

Am 4. Febr. 1563 starb auch des Herzogs viel getreuer Rath Dietrich Maltzan. Der Herzog schreibt in seinem Reisetagebuche zu Warschau:


1) Vgl. die Briefe des Herzogs im Jahrb. V, S. 254-255.
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"1564 den 4. Februari ist eben heutte ein jar, da Ditrich Moltzan der gutte man starb, da ehr zu mir, als gestern, sagte, Herzog Christoffer werde sich in den Hagen verknicken, das er noch hinder sich, noch vor sich konte."

In sein Tagebuch schreibt der Herzog:

"1563. Febr. 3. den tag ist mein lieber alter Ratt Dietrich Moltzan zum Grubenhagen gestorben, dem gott gnade."

Der Herzog reiset am 18. Oct.-2. Dec. 1562 zur Königswahl nach Frankfurt. A. Mylius begleitete ihn, ging jedoch früher zurück, da er am 20. Nov. von Münden an den Herzog schrieb, daß er den Herzog Erich dort nicht getroffen habe, und am 30. Nov. wieder in Schwerin angekommen war.

Darauf starb am 4. Febr. 1563 der Erzbischof Wilhelm von Riga, und der Herzog Christoph konnte Besitz von dem Erzstifte nehmen. Aber sein Verfahren war so unpolitisch und ungeschickt, daß die Polen, welche unterdessen Liefland erhalten hatten, ihn belagerten und am 4. Aug. gefangen 1 ) nahmen.

Andreas Mylius mußte bei der nahen Wendung der Dinge wieder nach Königsberg. Am 14. Febr. 1563 schrieb er von Güstrow dem Herzoge: "Die Ansicht Deiner Hoheit, welche ich in Deinem ersten Briefe auseinandergesetzt sehe, billige ich sehr. Hätte Gott doch mehrern deutschen Fürsten einen solchen Sinn gegeben, und zwar früher: nie wäre Liefland in so großes Leid gerathen. Ich werde daher mit dem Herzoge von Preußen alle Bedenken genau überlegen. Kurz meine Treue und Sorge soll auch diese Reise beweisen." Am 19. Febr. schrieb er aus Stettin an den Herzog, und dieser an ihn am 16. März 2 ). Am 1. Mai war A. Mylius schon wieder in Schwerin.

Bei der Gefahr, die dem Herzoge Christoph drohete, wollte ihm der Herzog Erich von Braunschweig ein kleines Heer zur Unterstützung zuführen. Er rückte im August durch Meklenburg und Pommern bis gegen die Weichsel, wo ihm aber nicht nur der König von Polen, sondern auch der Herzog von Preußen den Uebergang wehrten. Unterdessen war auch Herzog Christoph gefangen genommen und Herzog Erich mußte sich zurückziehen und seine Armee am 28. Sept. auseinander gehen lassen. In dieser kritischen Lage mußte A. Mylius wieder nach Preußen. Er schrieb am 4. Sept. 1563 an den Herzog aus Stolpe, wo


1) Des Herzogs Christoph Lied in der polnischen Gefangenschaft ist gedruckt in Conr. Schlüsselburg's Leichenrede auf den Herzog Christoph.
2) Vgl. Anl. Nr. 25.
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er die ganze Lage der Dinge erkundet hatte, und bat den Herzog, den Herzog Erich baldmöglichst davon zu unterrichten, daß man ihn nicht über die polnische Grenze lassen werde. Er schreibt auch:

"Den Herzog von Preußen werde ich hoffentlich sehen. Danzig werde ich wegen des Heeres nicht berühren. Um keinen Verdacht zu erregen, werde ich durch die polnische Wüste den Weg nehmen."

Kaum war A. Mylius von seiner zweiten Reise nach Preußen im J. 1563 heimgekehrt, als der Herzog selbst sogleich nach Preußen und Polen aufbrechen wollte und A. Mylius ihn begleiten sollte. Das war diesem doch zu viel. Am 12. Oct. schrieb er dem Herzoge und versicherte ihm, daß er vor dem November in Preußen nicht erwartet werde. Er habe sich noch nicht erholt und bekenne, daß er ein Mensch sei und sich nicht sogleich aus den Armen seiner Lieben losreißen könne, in der sichern Voraussicht, daß er sie vor dem April nächsten Jahres nicht wieder sehen werde. Er bat daher den Herzog um einen halben Monat Ruhe, unter dem Versprechen, zum Anfange des Monats November bei ihm in Königsberg sein zu wollen.

Der Herzog trat nun bald seine berühmte Reise nach Polen an. Ob A. Mylius ihn von Anfange an begleitet habe oder ihm nach einiger Zeit nachgereiset sei, ist nicht zu ermitteln. Am 21. Oct. reisete der Herzog von Strelitz nach Küstrin zum Markgrafen Johann; seine Gemahlin gab ihm das Geleite bis Gransee. Am 26. kam er in Küstrin an und zog von hier am 28. Oct. über Posen, Gnesen, Thorn, Graudenz und Marienwerder nach Königsberg, wo er am 12. Nov. ankam, aber leider seinen "viel geliebten Herrn Vater nicht dermaßen gefunden, wie er denselben vor 1 1/2 Jahren verlassen." In Königsberg blieb der Herzog vom 12 Nov.-15. Dec.

Der Herzog hatte sich zu dieser Reise sehr großartig und nach seiner Ansicht sicher gerüstet. Er hatte sechs ausgezeichnete Räthe bei sich, welche ihn entweder von Hause aus begleitet hatten oder von Königsberg mit ihm auszogen: Andreas Mylius, die beiden Landräthe Werner Hahn und Joachim Krause, die gelehrten Hofräthe Dr. Johann Hoffmann und Christoph Wirspirg und des Herzogs von Preußen Rath Dr. Christoph Jonas. Am 15. Dec. ging Werner Hahn nach Meklenburg zurück. Joachim Krause, Dr. Hoffmann und Dr. Jonas wurden als Gesandte nach Warschau vorausgeschickt.

Am 15. December ging der Herzog von Königsberg nach Warschau ab, wo er am 7. Jan. 1564 ankam. Er blieb hier wenigstens zwei Monate: noch am 10. März schrieb er aus Warschau an A. Mylius. Er verhandelte persönlich unablässig;

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er konnte wohl seinen gefangenen Bruder Christoph sprechen, aber nichts für ihn ausrichten, da dieser Alles verdorben hatte. Die große Anstrengung der Reise war ganz vergeblich.

Die Reise hatte aber Ereignisse im Gefolge, welche für das Leben des Herzogs und sein Verhältniß zu A. Mylius von Wichtigkeit sind. Der Herzog machte die gewagte und beschwerliche Reise mit großer Entschlossenheit; er rüstete sich dazu mit ungewöhnlichen Mitteln und glaubte daher ganz sicher zu gehen. Nun aber ereignete es sich, daß ihn seine Räthe aus Sehnsucht nach der Heimath, aus Ueberdruß über das unwirthliche Land, aus Kränklichkeit und andern Ursachen alle verließen und er in dem fremden, ungewohnten Lande in einer schwierigen Lage und bei einem wichtigen Geschäfte ganz allein stand, ein Moment, der in dem Leben des Herzogs sehr groß und einzig in seiner Art dasteht. Zuerst beurlaubte sich schon am 15. Dec. 1563 Werner Hahn. Dann quälte A. Mylius den Herzog so lange, bis dieser ihn entließ; am 18. Febr. 1564 schrieb er von Stettin an den Herzog. Später, wie es scheint, verließen ihn Joachim Krause und Christoph Wirspirg. Endlich in der zweiten Hälfte des Monats Februar ging Dr. Hoffmann in großer Eile und Bestürzung fort, weil sein Sohn gestorben war. Um das Maaß voll zu machen, ward Dr. Jonas gefährlich krank. Der Herzog stand nun ganz allein und war im höchsten Grade betrübt und unwillig; es ist aber sehr wohlthuend zu sehen, wie groß und edel er in seinem gerechten Zorne war.

Namentlich zürnte er heftig auf A. Mylius, daß dieser ihn verlassen hatte. Mylius fühlte sein Unrecht tief und schrieb am 18. Febr. aus Stettin kläglich an den Herzog: "Nur das Eine bitte ich flehentlich von Deiner Hoheit, daß sie meinen Fortgang nicht unwilliger trage, als meine so viele Jahre bewährte Treue und besondere Liebe zuläßt. Auch möge D. H. sicher überzeugt sein, daß die mir gewährte geringe Muße D. H. Frucht tragen werde. Ich bitte noch einmal flehentlich, daß D. H. ihr Wohlwollen gegen mich durch diesen Fortgang nicht schwächen lasse. Es trieb mich die Liebe zu den Meinigen, es forderte die Anhänglichkeit, die unaussprechliche Sehnsucht nach den Meinigen, etwas lästiger, als gebührlich war, die Erlaubniß zum Abreisen zu erbitten." ("paulo quam oportuit incommodius discedendi maturitatem flagitare".) Der Herzog aber ließ am 10. März von Warschau aus seinem edlen Unwillen 1 ) gegen ihn ganz freien Lauf: "Ich fange, gegen die Regel, nicht gerne mit dem Unwillen an, sondern hätte lieber


1) Vgl. Anl. Nr. 26.
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nach einem Ausdruck des Wohlwollens gesucht, wenn die Sache darnach wäre; ich klage Dich nicht gerne an, sondern vielmehr meine eigene Kurzsichtigkeit, daß ich Euch Alle, meine Räthe, und dazu in dieser Zeit, entlassen habe; aber das ist nicht sowohl durch meine, als durch Eure Schuld und Euren Willen geschehen. So bin ich nun ganz von Räthen entblößt, ich habe fast Niemanden, mit dem ich sicher reden und überlegen könnte über die ernsten Dinge, welche jetzt nach Eurem Abgange verhandelt werden und Anfang genommen haben. Du weißt am besten, daß ich zu meiner Ehre und mit großen Kosten und Geschenken Christoph Wirspirg, Werner Hahn und Johann Kruse mitgenommen habe; nun ist nicht einmal Dr. Hofmann bei mir, weil sein Sohn gestorben ist, weshalb er auf die Nachricht von dem Tode in großer Eile und Verwirrung vor drei Wochen von hier ging. Dazu kommt noch das Leiden, daß Dr. Jonas so gefährlich krank geworden ist, daß er darnieder liegt. Welch böser Gedanke hat Euch zu dem Fehlgriffe verleitet, daß Ihr Alle zugleich nach Hause geht und Euren Fürsten in diesem fremden Lande allein lasset? Ich habe es geschworen und schwöre es noch einmal, daß ich eine solche Tyrannei der Meinen aus gutem Willen nie wieder dulden werde, weil es weder billig, noch recht ist, noch sich für Diener schickt, die Herren zu beherrschen und zu verlassen. Ist es nicht sehr zu beklagen, wenn nicht gar schändlich, daß ich, der ich so viele Räthe halte und unterhalte, von den Meinigen keinen, nicht einen einzigen bei mir habe, vorzüglich jetzt, da ich vor dem Könige und den Ständen dieses großen Reiches verhandeln soll? Du hast gegen Gott und gegen mich und gegen Dich selbst gesündigt, und das schwer. Bitte erst Gott um Vergebung, hernach will ich Dir auch antworten. - - Mehr kann ich nicht, denn ich bin aufgeregt und noch nicht beruhigt. Dennoch lebe wohl. Ich wünsche, daß Du meine Befehle sorgfältig ausführst. Uebersetze möglichst bald das Buch der Weisheit Salomonis. Grüße in meinem Namen meinen Matthias Dabercusius, von ihm laß Dich schelten, und das nicht mit Unrecht, oder vielmehr züchtigen." Am 12. April bat A. Mylius sein großes Unrecht dem Herzoge ab und bekannte, daß er "in seinem ganzen Leben nichts Thörichteres begangen habe". Für die Zukunft hatte der Vorfall keine nachtheilige Wirkung auf das Verhältniß zwischen ihm und dem Herzoge, da der Herzog edel war. Johann Albrecht kam von der Reise am 24. Mai 1564 wieder in Fürstenberg an. - Der Herzog Christoph erhielt erst im J. 1569 seine Freiheit wieder.

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Dieses Jahr 1563-64 ist das letzte viel bewegte in dem Leben des Herzogs und des A. Mylius. War auch das fernere Leben beider nicht minder reich an Thaten und Arbeit, so bewegte sich diese doch mehr innerhalb der engern Grenzen des Vaterlandes. A. Mylius nahm an allen Staatsgeschäften den lebhaftesten Antheil und machte sich immer mehr als wirklicher Regierungsrath geltend, da er schwer zu entbehren war und seine Stellung sich nach und nach befestigte. Es ist aber unmöglich, alles im Einzelnen zu verfolgen; es können und sollen daher im Folgenden nur die Ereignisse erzählt werden, welche das Leben des A. Mylius näher berühren.


Zwei Dinge quälten den A. Mylius ohne Aufhören: Neid und Geldmangel. Neid und Verläumdung verfolgten ihn bis ins Grab; er aber, wie der Herzog, widerstanden mit Ausdauer dieser Megäre, die jeden ausgezeichneten Mann verfolgt; daher war auch A. Mylius mit den Gefahren, die ihn umringten, und auch mit den Personen, vollständig bekannt. Er wußte sehr wohl, daß die einzige Schutzwehr gegen Neid und Verläumdung die Wahrheit ist. Der Geldmangel war ihm aber oft sehr empfindlich. Obgleich der Herzog viel für ihn that, so reichte dies doch nicht aus, da Mylius kein Vermögen hatte und durch seine Stellung zu einigem häuslichen Aufwande gezwungen war. Sein Schwiegersohn J. Caselius sagt von ihm: "Er hatte zu Schwerin ein Haus, Gärten, einige Morgen Acker; sein Hauswesen aber war für die Stellung eines Rathes kaum mäßig. A. Mylius war freundlich, ohne Bitterkeit und Heftigkeit; er hatte in der Unterhaltung Witz, aber nur heitern, geistreichen; seine Rede war angenehm und gebildet, so daß man aus ihr die unbefleckbare Reinheit seiner Seele erkennen konnte. Von seinem Hause konnte man sagen, was man von dem Tempel der Musen sagt: seine Pforten standen offen, allen Guten, vorzüglich aber allen wissenschaftlich Gebildeten. Er zog bei jedem Besuche, den er machte oder empfing, geistreiche und wissenschaftliche Unterhaltung dem Essen und Trinken vor. Dazu liebte und übte er die Musik von Jugend auf und spielte und sang selbst. Sein Hauswesen und die Erziehung der Töchter regierte seine Frau allein, da er immer mit Geschäften überhäuft war."

Am 3. April 1565 klagte er wieder: "Ich habe wieder Noth und habe vom Anfang Januar an von dem Geschenke des Herzogs von Preußen meinen Hausstand erhalten."

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Im J. 1566 ward A. Mylius Ehren halber bei der Universität Rostock 1 ) eingeschrieben.

Sehr störend waren für sein häusliches Leben die vielen, damals beschwerlichen Reisen, welche er mit dem Herzoge oder allein für denselben zu machen hatte. Er erzählt in seinen Annalen eine Geschichte, welche allerdings sehr merkwürdig ist. Er war im Julii 1565 mit dem Herzoge nach Küstrin zu dem Markgrafen Johann gereiset. Der Herzog ward dort an einem "Halsgeschwüre", seinem gewöhnlichen Leiden, krank und mußte das Bett hüten. Am 4. Julii zog ein furchtbares Gewitter auf, welches in den Eßsaal des Schlosses einschlug, als der Markgraf gerade zu Tische saß. "In Herzog Johann Albrechten Gemach, darinnen S. F. G. an einem Halsgeschwüre schwach zu Bette gelegen, und vor ihm Dr. Christoph Lersner und Andreas Mylius zu den Füßen gesessen, hat derselbe Schlag, zwischen den beiden innen, hart bei des Herzogs Kopfe, in die Wand geschlagen."

Am 8. Dec. 1566 legte ihm der Herzog zur Unterhaltung seiner Pferde für Hafer und Rauhfutter, wofür er seit einigen Jahren 25 Thaler erhalten hatte, noch 15 Thaler jährlich zu, weil er seine Pferde oft in fürstlichen Geschäften gebraucht habe und mit 25 Thalern nicht erhalten könne.


Um den A. Mylius für irgend einen Todesfall sicher und überhaupt besser zu stellen, erneuerte der Herzog für sich und seine Erben Michaelis 1569 seine Bestallung auf Lebenszeit und stellte ihn in jeder Hinsicht viel besser, als es früher der Fall war. Der Herzog ernannte ihn durch diese Bestallung nicht allein zum Hofrath, d. h. zu einem beim Hofe des Fürsten angestellten Rathe (Regierungsrath), im Gegensatz der Landräthe, sondern verpflichtete ihn auch zur Theilnahme an den "Geheimen Kammerhändeln, wozu ihn der Herzog jeder Zeit zu ziehen" versprach, d. h. zum Geheimen=Rathe. Daher nennt ihn Stellan v. Wakenitz schon am 6. Jan. 1566 auch "Cammer=Rath". Zur Zeit der Erneuerung der Bestallung war A. Mylius schon der älteste Rath des Herzogs und hatte daher den ersten Rang; deshalb versprach ihm auch der Herzog, "der Stelle halben Verordnung zu machen, damit seines ältesten Rathes Reputation in Acht genommen werde."

Die ganze ungewöhnliche Bestallung, welche einen klaren Blick in alle Verhältnisse des A. Mylius gönnt, lautet also:


1) Vgl. Rostocker Etwas, 1740, S. 236.
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Wir Johans Albrecht von Gottes gnaden, Hertzog zu Mekelnburgk, Furst zu Wenden, Graf zu Schwerin, der lande Rostock vnnd Stargardt Herr, Bekennen vnd thuun kundt hiermitt, fur vns, vnsere Erben vnd sonsten Jedermenniglich, Nachdem der hochgelarte vnser Rath vnd lieber getrewer Andreas Mylius vns ein lange zeithero vnd fast in das zwey vnd zwantzigste Jahr an vnserm Hoff fur einen Hoffrath dermassenn vntertheniglich, trewlich vnd auffrichtig gedienett, Das wir ob seinem dienst In alle Wege ein gnedigs gefallen getragen Vnd Ihme vonwegen seiner verhaltung mit besonderen gnadenn wolgewogenn gewesenn vnd noch, Das wir derwegen mit Ihme auff fernere dienstbestallung, vnd solche auff die gantze zeit seines Lebens vns vnd vnseren Erbenn guttwillig zu bewilligen mit Fleis handeln zw lassen bewogen wordenn.
Wie er vns dan auff vorgehendes vnser gnediges gesinnen sich auch hiermitt kegen vns vnterthenig vnd willfährig erzeigt Vnd die zeitt seines Lebens In vnserm vnd vnserer Erbenn dienst fur einen Hoffrath zu bleiben, versprochen vnd zugesagt. Hierauff vnd In krafft diser vnser bestallung wollen wir gemelten Andream Mylium die zeitt seines lebens fur vnsern Rath bestellett vnd angenommenn habenn, der gestaltt, das er obgenante zeitt bey vns vnd vnseren Erben bleiben, vnser bestes, nutz, gedey vnd wolfahrtt seines höchsten vermugens vnd vorstandts In allewege wissenn, dasselbe erinnerenn, das beste rathen, vnd solches auch seines eussersten Vermugens selbst nebenn anderenn oder fur sich alleine befurderenn, Ins werck setzenn, herwiderumb vnsern vnd vnserer Erbenn schadenn, schimpff vnd nachtheil abwendenn helffen, Vns darfur warnen vnnd denselben, so viel an Ihme, bis an vns vorkommenn solle. Insonderheitt aber soll er keines andern herrn oder Potentaten neben bestallung nicht annehmenn, noch sich durch einige gefahr oder gewinst, weder gunst noch feindtschafft von vns oder vnsern Erbenn zu besserem oder höherm dienst nicht abwenden lassenn. Sondern furnemblich dohin trachtenn helfenn, damitt vnsere obligende hendel mitt Fleis gefurdertt, die rathschlege ordentlicher Weise gehaltenn Vnd also durchaus vnser nutz vnd forteil muge gesucht vnd gepflantzett werden, So soll er auch fur seine Person

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vnsern Rathschlegenn In gemein vnd vnsern geheimen Cammerhendelen, darzu wir Ihnen Jeder zeitt zihen werdenn, getrewlich vnd fleissig beiwohnen, das beste darinnen rathen, keine muhe, so zu vollenzihung der rathschlege gehörett, schewen, Vnd alles, so er in solchenn gemeinen vnd geheimenn reten, Auch sonsten bey oder von vns hörenn, erfahrenn, oder einige wissenschafft vberkommenn wurde vnd zu schweigen gebüren thete, Dauon soll er keinem menschen niders oder hohes standes einige meldung thun, Sondern solches alles in eusserster verschwigenheitt bis in seine gruben beruhen vnd bleiben lassen.
Obwoll wir auch angesehen seiner langen dienste, Ihnen mitt vielen verschickungen ausserhalb vnsers Furstenthums hinfuro, soviel muglich, zu uorschonen geneigt, Doch in zutragenden nothfellenn, da wir seiner Person nicht entrathenn, noch seine stadt durch andere ersetzen konnen, Soll er sich auff vnsere Vnkosten, auch In verschickungen gutwillig gebrauchen, vnd In solchen werbungenn nicht weniger, als oben bey seinem wesentlichen Hoffdienst gemeldett, getrew, fleissig vnd auffrichtigk sich erzeigenn.
Da er aber in solchem seinem dienst, In oder ausserhalb landes gefangen, nidergewurffenn oder sonsten zu schaden kommen wurde, Wollen wir Ihnen fur vns vnd auff vnsere Unkostenn zu entfreien vnd alle andere schedenn von Ihme abzutragenn himitt verpflicht sein.
Vnd ob wir woll zu furstlicher Institution vnserer Jungen Söhne eine besondere verordnung an notturfftigenn Personen alberaitt gemacht, So habenn wir doch, damitt vnsere Söhne vmb so viel besser, sonderlich in lateinischer sprach, in anstehender Ihrer Jugendt vnterrichtet werdenn möchtenn, fur gutt angesehenn, das Magister Mathias Dabercusius neben dem ordentlichenn Paedagogo alle tage In den Fundamentis Lateinischer sprach vnsere Söhne woll vnterweise, Vnd weil vnser Rath M. Andres, was er hieruber gutts vnd nutzliches erinneren könte, In sonderheitt aber die Examina selbst zu halten, vnd alles, so zu Lateinischer vnd deutscher sprach dienstlich sein möchte, beförderen zu helffen sich erbotten, Als haben wir sollich sein erbietenn mit gnaden angenommenn, Vnd wollenn, so viel er sonsten von vnseren geschefften vnd seinem dienst abbrechen können wirt,

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das er seinem erbietenn zufolge hieran nichts erwindenn lassen solle.
Vnd soll also schließlich vnser Rath in allen vnsern hendeln, darzu er gezogen oder sonsten für sich erinnern vnd forttstellenn könte, wie dieselbe nahmen habenn vnd In diser bestallung nicht alle ausdrucklich genennett werdenn mugen, mit allem getrewen Fleis seines höchesten verstandes vnd vermugens getrewlich vnnd vnuordrossenn erzeigenn, Sich dauon durch keinerlei freundtschafft oder feindtschafft, weder geschenck noch gabenn oder einige liebe, gunst noch furbiet dem Rechte vnd seinen Rathspflichtenn zuwider abschrecken, noch dawider bewegen lassenn, Sondern alles thun, was zu erhaltung vnserer furstlichen Reputation gehörig, vnd einem frommen, getrewen, auffrichtigen Rath vnd Diener gegenn seinem herrenn zu thun eigenett vnd geburett. Wie er dessen einen leiblichen eidt geschworenn vnd vns hieruber seinen schriefftlichen besigeltenn vnd mit seinen eigenen handen geschriebenen Reuerß zugestellett hatt.
Dagegenn vnd zu nothwendiger seiner jehrlichenn vnterhaltung haben wir Ihme zu Jehrlicher besoldung zwey hundertt vnd funfftzigk Thaler vnd dan zu seiner Haushaltung einen Ochsenn, vier fette Schweine, vier Hammell, Acht Drömbt Rocken, acht Drömbt Maltz, eine Thonne butter, alle Jahr, vnd dero helffte auff Michaelis, und die ander helffte auff Ostern entrichten zu lassenn, Desgleichenn vff zwo Personen vnsere gewönliche hoffkleidung vnd dan Ihm auff seine Person vmbs dritte Jahr ein eherkleidt zu geben versprochen vnd zugesagt. Fur sein kostgeldt haben wir Ihme alle Monaten gleich anderen vnseren Rethen vier Thaler geben zu lassenn verordenett.
Nachdem auch vnser Rath In seiner vorigen bestallung sechs beume auff dem halse zu notturfftiger seiner feurung hawen zu lassenn macht gehabt, vns aber solches ferner nicht gelegen, Als habenn wir Ihme dagegenn zu Jahrlichem holtzgeldt dreissig Thaler, dero helffte auff Ostern, die andere auff Michaelis gefallenn solle, verordnet, Vnd Ihm frey gelassen, In vnsern höltzern Wittenföhrde vnd Leuitz sein notturfftig brenholtz, wann es Ihme gelegen, hawen vnd fuhren zu lassenn. In der Leuitze soll vnser Rath allein Birckenn vnd Ellern vnd Lagerholtz auffhawenn, ausfuhrenn vnd

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an der Stoer oder wo es Ihme am gelegenstenn, aufstapelen vnnd seiner gelegenheit nach abholenn lassenn.
Ferner vnd nachdem er zu solcher notturfft des Brenholtzes, zu bestellung seines Ackerbawes Vnd dann Je zuweilen auff vnser erfordern seiner eigenen Pferde zu gebrauchen hatt, haben wir Ihme zu dero vnterhaltung dreissig Drömbt Hafernn auf die Schwerinische Kirchmeß alle Jahr entrichten zu lassen versprochenn vnd zugesagt.
Befehlen hierauf allen vnseren Ambtleuten, Kuchmeistern, Kornschreibern, Holtzvoigten alhie zu Schwerin, das sie alles obgeschriebene, vnd was einem Jedern hierinnen zu bestellenn vnd vnserm Rath folgen zu lassen geburett, Ihme, vnserm Rath, Jehrlich ohne einige weigerung vnd ohne fernern vnsern schrifftlichen befehl, volgen vnd entrichten, vnd Ihnen obgeschriebener maß sich der holtzungenn In der Leuitze vnd Wittenforder holtze gebrauchen lassett.
Da auch vnser Rath aus schickung vnd Vorhengknus des Allmechtigenn durch leibs schwacheitt, oder andernn zustandt, seines diensts zu warten vnd denen zu bestellenn vorhindertt wurde, Wollen vnd sollen wir vnd vnsere Erbenn nichts desto weniger Ihme vonwegen seiner bis anher trewen vielfalttigenn geleisteten diensten vnd zu gnediger danckbarkeitt aus sonderen gnaden vnd zuneigung obgesatzte seine bestallung In allen Puncten, wie wir Ihme dieselbe an besoldung, Vitalien, kleidung, kostgeldt, hafer vnd holtzgeldt ausdrucklich obenn vorschriebenn, krefftiglich haltenn vnd Ihme solches alles nichts weiniger, als ob er seinen Dienst wircklich bestellen thete, zu zeitt seines lebens vnweigerlich vnd mitt gnaden folgen lassen.
Vnd Letzlich zu mehrer bezeygung vnsers gnedigen gemuets versprechen wir himitt fur vns vnd vnsere Erbenn, Das wir nach vnsers Rats tödtlichem abgangk seiner nachgelassenen Hausfrawenn, Kindern oder Erbenn eines gantzen Jahrs verschribene besoldung an allen stucken, wie sie Inn specie in diser bestallung namhafftig oben gesetzt vnd darzu bar uber funff hundertt Thaler aus gnadenn wollenn reichenn lassen.
Wir gereden auch vnd gelobenn himitt furstlich, da vnser Rath bey vns durch Jemandt, wer derselbe auch

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were, angegeben wurde, das wir vns kegenn Ihnen zu vngnaden oder thetlichem beginnen mitt nichten wollen bewegen, Sondern Ihnen zu seiner vorantworttung, gnediger vorhör kommen lassenn, Auch In allewege vber Ihnen mitt gnaden halten vnd vns wider Ihnen durch keinerley weise verhetzenn lassenn.
Nachdem auch vnser Rath nunmehr vnter allen vnsern Rethen der Elteste ist, Damitt zwischen Ihme vnnd anderen, so hernach ankommen werdenn, der stelle halbenn kein mißvorstandt oder abgunst erregt werde, soll zwischenn vnserm Rath vnd andern der stell halben alle wege ordenung gemacht vnd vnsers Eltestenn Rats Reputation In acht genommen werdenn.
Alles getrewlich ohn einige argelist vnd gefehrde, Des zu mehrer Vrkundt, stetter vnd Vester haltunge habenn wir diese vnsere bestallung mitt eigenen handen vnterschrieben vnd mitt vnserm furstlichen anhangenden Siegel wissentlich versigelenn lassenn Vnd gegebenn zu Schwerin am tagk Michaelis Archangelj. Nach Christi vnsers Heilands geburtt Im funfftzehenn hundertt vnd neun vnd sechtzigstenn Jahre.

Hans Albrecht     
H. z. M.          
Manu propria.    


Mittler Weile waren auch die Söhne des Herzogs herangewachsen und es liegt sehr nahe zu vermuthen, daß bei dem hochgebildeten Sinne des Herzogs dem A. Mylius die Leitung der Erziehung derselben übertragen worden sei. Dies wird denn auch durch die Geschichte bestätigt und ist um so interessanter, als dies einen bedeutenden Einfluß auf das Leben des A. Mylius hatte. Nach der vorstehenden Bestallung sollte Dabercusius fernerhin neben dem ordentlichen Lehrer die beiden Prinzen alle Tage in den Fundamenten der lateinischen Sprache unterrichten und A. Mylius die Aufsicht über den Unterricht in der lateinischen und deutschen Sprache führen und die Prüfungen selbst halten.

Aber Dabercusius ward alt und schwach und auch wohl für eine Jugend am Hofe nicht mehr gewandt und frei genug, um so mehr, da er viel Unglück gehabt und mit der Noth des Lebens zu ringen hatte, und es war nöthig, daß bald jüngere

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Kräfte eintraten. Die Verhältnisse führten bald eine Aenderung herbei, indem der bisherige Lehrer Georg Volrath am 12. Jan. 1570 entlassen ward. Es war nun wohl kein besserer Lehrer zu finden, als der geistreiche, hochgefeierte Johannes Caselius, dem der Herzog viele Jahre lang in Italien eine hohe Bildung hatte geben lassen und jetzt für sich zu benutzen wünschte. J. Caselius war seit zwei Jahren aus Italien heimgekehrt und wirkte als Professor in Rostock. Er ward nun, ohne Zweifel auf den Rath des A. Mylius, nach Schwerin berufen und hier am 1. Aug. 1570 als Lehrer der beiden Prinzen Johann und Sigismund August auf 4 Jahre angestellt. A. Mylius behielt die obere Leitung und Dabercusius, der schon am 17. Febr. 1572 starb, den Beirath.

Da der jüngere Prinz weniger befähigt war, so ward seit Ostern 1572 Heinrich Siberus, ein unverwüstlicher und leidenschaftlicher Schulmann und Jugendfreund des A. Mylius, zum Lehrer dieses Prinzen bestellt.

A. Mylius wirkte nun eifrig für die Erziehung der jungen Fürsten und nahm den lebhaftesten Antheil an dem Gange und der Form des Unterrichts.

Die Berufung eines so großen Mannes, wie J. Caselius, war ein großer Gewinn für den Herzog, für A. Mylius und für Hof und Stadt. Die Schaar der gebildeten Männer in Schwerin erhielt eine kräftige Stütze in J. Caselius, welcher natürlich sehr bald in die engsten geistigen Beziehungen zu dem Herzoge und A. Mylius trat. Der große David Chytraeus nennt beide am 7. Sept. 1571 des Herzogs Vertrauete ("Celsitudinis Vestrae familiares d. Mylius et d. Caselius"). Namentlich ward das Haus des A. Mylius durch J. Caselius ungewöhnlich verschönert, welcher wiederum dadurch sehr glücklich ward, daß er am 30. Sept. 1571 des A. Mylius ausgezeichnete Tochter Gertrud heirathete und so das Band unter den Hochgebildeten seiner Zeit noch enger schlang.


Nach dem Tode des Mathias Marcus Dabercusius, der dem A. Mylius sehr zu Herzen ging, erfüllte dieser den gewiß schmerzlichen Auftrag, dessen Nachfolger Bernhard Hederich in sein Amt einzuführen, bei welcher Gelegenheit er eine lateinische Rede hielt, da ihm die Schule noch immer sehr am Herzen lag.

Am 21. April 1570 schrieb A. Mylius von Prag aus einen feinen, geistreichen, leider halb zerrissenen Brief 1 ) an den Herzog, welcher denselben als ein "Meisterwerk" bezeichnet.


1) Vgl. Anl. Nr. 30.
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Wahrscheinlich war A. Mylius damals auf einer Gesandtschaftsreise zu dem Kaiser Maximilian II., zu welchem er nach dem Berichte des J. Caselius geschickt ward.

Bei dieser Gelegenheit lernte der Kaiser Maximilian II. (1564 † 1576) ohne Zweifel den A. Mylius von der vortheilhaftesten Seite kennen und fühlte sich bewogen, denselben in den Adelsstand zu erheben, wie er im J. 1567 den Adel des J. Caselius erneuert hatte. Daß A. Mylius in den Adelsstand erhoben ward, dafür zeugen nicht nur unverdächtige Zeitgenossen und Geschichtschreiber, sondern auch die ganze Stellung seines Sohnes. J. Caselius, des A. Mylius Schwiegersohn, schickt der Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters eine Zuschrift an dessen einzigen Sohn Joachim, seinen Schwager, vorauf, in welcher er ausdrücklich sagt, daß der Kaiser Maximilian den A. Mylius in den deutschen Adelsstand erhoben habe:

"Magnum esse creditur, nec ipse negarim, quod sapientissimus imperator Maximilianus patrem tu um ob virtutem et merita in patriam adscripsit in album nobilitatis Germaniae, insignibus de more tributis."

Caselius glaubte, A. Mylius habe auf Vortrag des kaiserlichen Vice=Canzlers Zasius († 1570) das Adelsdiplom, welches dieser noch mit unterschrieben, erhalten.

Latomus "Vom Adelsstande" berichtet: A. Mylius sei auch vom Kaiser Maximilian zum Dienst erfordert und obgleich er solches abgeschlagen, nichts desto weniger aus Betrachtung seiner Ehrbarkeit, Redlichkeit, Geschicklichkeit, adeliger guten Sitten, Tugend und Vernunft, auch der getreuen, gehorsamen, fleißigen und willigen Dienste, so er dem H. Reiche und dem Hause Oesterreich leisten solle, in den Adelsstand erhoben und ihm das Diplom kostenfrei durch den Ritter Spedt in seiner Behausung überreicht.

Nach diesen Nachrichten und der Sitte gemäß erhielt A. Mylius bei der Erhebung in den Adelsstand ein neues Wappen. Die Sinnbilder in beiden Siegeln sind "redende" und beziehen sich auf seinen Lebenslauf. Sein früheres Siegel, welches er fast allein gebraucht, stellt dar, wie ein aus einer Wolke ragender Arm ein auf der Erde liegendes nacktes Kind segnet oder es aufheben will; über dem Schilde stehen die Buchstaben A. M. M. (d. i. Andreas Mylius Magister.) Im J. 1588 führt A. Mylius einmal sein neues, adeliges Siegel: im Schilde eine nackte Fortuna auf einer Kugel und auf dem Helme einen

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Stern zwischen zwei Hörnern: darüber stehen die Buchstaben A. M. Dieses Siegel führt er, so viel bekannt geworden ist, nur ein Mal am 10. März 1588 für sich und seinen Sohn Joachim. Am 14. Jan. 1607 führt sein Sohn Joachim auf Gädebehn ganz dasselbe Siegel, nur mit den Buchstaben I. M.


Endlich, nach langem Harren, ward ihm die große Freude, daß ihm noch am 23. Nov. 1571 ein Sohn geboren ward, welcher den Namen Joachim erhielt ("Hac hora nona natus est mihi filiolus salva uxore"). Der Brief an den Herzog ist leider nicht datirt, doch gehört er wahrscheinlich zu einem andern Briefe, der vom 23. Nov. 1571 datirt ist und in welchem er dem Herzoge die bevorstehende Geburt eines Kindes meldet. Im J. 1565 waren seine früher gebornen Söhne todt und er hinterließ nur Einen Sohn; ohne Zweifel ist das am 23. Nov. 1571 geborne, wahrscheinlich letzte Kind sein einziger Sohn Joachim.

Da seine Familie fortwährend gewachsen war und er wenig hatte erübrigen können, so flößte ihm der Gedanke an seinen eigenen oder des Herzogs tödtlichen Abgang ernstliche Besorgnisse ein; und die Folgen entschuldigen seine Besorgnisse, indem der Herzog schon nach einigen Jahren starb. Er wandte sich daher am 21. Aug. 1572 in einer sehr ausführlichen, deutsch geschriebenen Vorstellung an den Herzog und schilderte ihm seine Lage eindringlich: wie

"aus hochdringenden, vnumgänglichen Ursachen ich bewogen, meinen beschwerlichen Zustand und allerhand trübselige Zufälle, die mich und alle meinen auf einen oder den andern Fall einiges Todfalls treffen würden, E. f. g. in aller Unterthänigkeit zu vermelden, darüber e. f. g. aus fürstlicher angeborner Tugend vnd christlichem Mitleiden bewogen gnädiglich selbst bekannt, daß diese Erwägung und Bitte nicht allein nothwendig, sondern e. f. g. hinfüro gebühren wolle, auf Mittel und Wege zu trachten, damit ich auf alle Fälle sammt den Meinen beständig versorgt und im Ungewissen nicht dürften als trostlose unverdiente Leute ins Elend verstoßen und verlassen werden. - - Denn da einen Fall zu setzen, E. f. g. Söhne befänden sich des Unterhaltes beschwert, neue Räthe disputirten solches, die Gunst wäre todt, meine Zeit dahin, was wäre gewisser, als Verstoßung, Verfolgung und gewisser

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Mangel an allem, so ich mit so vielen kleinen Kinderlein täglich bedürfen würde. - - Deshalb müßte die Versorgung auf einen gewissen Grund gebauet und bei E. f. g. Leben ins Werk gerichtet werden. - - Im Dorfe (Herren=) Steinfeld haben Volrath und Heinrich Preen und zu ihren Höfen ein jeder 3 1/2 Hufen Landes gehabt. Diese Preen hat Herzog Heinrich ausgekauft und an ihre Stelle zwei Hofmeier gesetzt. - - Wenn nun E. f. g. aus fürstlichen Gnaden mir und den Meinen diese beiden Bauerhöfe gnädiglich wollten übergeben, so könnte und wüßte ich die Gelegenheit zu treffen, daß ich E. f. g. einiger fernerer Zulage bei dem Leben nicht dürfte bemühen und hätte dennoch in 25 Jahren so viel verdient, daß ich und die Meinen auf einen Todfall nicht dürften das Brot betteln. - - - Wo wollte ich nach E. f. g. oder die Meinen nach meinem Tode bleiben? Item, was haben E. f. g. löbliche Vorfahren mit gnädiger Versorgung ihrer Diener unterlassen! Haben sie nicht ganze Aemter, als Lübz, Crivitz, Grabow, Eickhof, Garnitz, Item einem Canzler Dömitz und erblich Schönfeld, Item E. f. g. selbst Johann Lucken und Wakenitzen, auch Andern mehr stattliche Güter gegeben? Warum wollten sich denn E. f. g. ihrem alten treuen Diener ein Stücklein Brotes zu geben ungnädig weigern?"

Diese Bitte mußte ihm der Herzog aus wichtigen Gründen am 28. Aug. abschlagen, vorzüglich weil er im Falle der Gewährung die Gier gewisser anderer Leute nicht würde stillen können; er bat ihn daher, ihm eine Bitte vorzutragen, die er ohne große Beschwerung erfüllen könne, und tröstete ihn einstweilen, so gutes gehen wollte.

Es fand sich auch sehr bald eine Gelegenheit, den A. Mylius besser und standesmäßiger zu versorgen, ohne daß der Herzog ihm gerade aus seiner Tasche etwas schenkte. Der Herzog verlieh ihm das kleine, hübsch gelegene Lehngut Gädebehn, an der Warnow, bei Crivitz, nicht weit von Schwerin. Durch dieses Gnadengeschenk war A. Mylius befriedigt und gesichert und der Herzog außer Gefahr, von Andern belästigt zu werden. Das Landgut war nur klein, gewährte aber doch den nothdürftigen Lebensunterhalt. Gädebehn war in alten Zeiten eine Pertinenz des großen Lehngutes Langen=Brütz. Beide gehörten zuletzt der adeligen Familie von Helpte, deren "erledigte" Güter

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der Herzog Heinrich am 30. Julii 1549 einnehmen und inventiren ließ. Bis zu der Verleihung an A. Mylius war Gädebehn im Besitze der Herzoge. Jetzt machte man es wohl ausfindig, daß das Gut ein erledigtes Lehn sei und es sich für den Herzog nach altem Staatsrechtsgebrauche zieme, es einem verdienten Manne wieder zu verleihen und es nicht selbst zu behalten. Der Herzog konnte die Verleihung um so sicherer vornehmen, als A. Mylius in den Adelsstand erhoben war. Am 1. Oct. 1572 verlieh der Herzog seinem "Kammerrath" Andreas Mylius in Betrachtung seiner treuen Dienste das Dorf Gädebehn erblich, nachdem Mylius sich am 30. Sept. zuvor verpflichtet hatte, das Gut gegen ein anderes austauschen zu wollen, wenn die Verhältnisse des Amtes es erforderten. Bald darauf ertheilten auch die andern Herzoge ihren Consens. Uebrigens war die Verleihung heimgefallener Lehngüter oft gerade kein großes Glück. Häufig waren die Güter durch Schulden und sonst belastet oder an Gebäuden und Ackerwirthschaft heruntergekommen. Dies mußte auch A. Mylius empfinden, der sich als Gutsbesitzer jetzt oft in Verlegenheit befand. Das Gütchen war ein Nebengut; es fehlte also an passenden Gebäuden für einen Wohnsitz. Dennoch war A. Mylius oft sehr glücklich, die Freiheit des Landlebens genießen zu können. Schon am 17. Oct. 1572 schrieb er an den Herzog: "Der Staat selbst, sagt Ew. Hoheit Vertrauter Cicero, erlaubt uns, aus der Stadt wie aus den Banden auf das Land auszufliegen und das Landwesen zum Vergnügen anzusehen. Da ich nun weder der Freiheit, noch des Vergnügens wegen, sondern wegen der Saatzeit mir einen einzigen Tag genommen habe, so hoffe ich um Nachsicht von dem besten Fürsten."

A. Mylius war jetzt häufig auf seinem Landgute Gädebehn; von hier aus datirt er öfter Briefe an den Herzog, theils Geschäftsbriefe, theils Entschuldigungsschreiben über sein Ausbleiben. Er datirt die Briefe gewöhnlich: "auf dem Lande an der Warnow" ("ruri ad Varnam", "ruri ad Varnouium") oder "zu Gädebehn" ("Godebenae" "in Godebennano"). Er hatte freilich viel sorgen müssen, um das Gut in den gehörigen Stand 1 ) zu bringen. Der Bau nahm viel Geld in Anspruch. Im Sept. 1573 war Mylius in Wismar, um Geld aufzunehmen, da er nichts im Hause hatte, konnte aber auch in Wismar nichts auftreiben, da die Schifffahrt alles Geld verschlang. Im Mai 1574 klagt er dem Herzoge, man verläumde ihn wegen


1) "Villam Gaedebendanum novus hic vitae rusticae cultor coepit primum magis exornare." J. Caselius in der Leichenrede auf A. Mylius.
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seiner häufigen Abwesenheit, aber "es sei ihm doch nicht zu verdenken, wenn er zusehe, wo sein Geld, dessen er über 2000 Gulden in das Gütlein gesteckt habe, bleibe." Jedoch meint er, als er am 5. Oct. 1573 dem Herzoge einen Geschäftsbrief von Gädebehn schrieb und diesen mit einem Distichon schloß: "So redet meine Muse; Ew. Hoheit glaube nicht, daß ich mit den Musen keinen Umgang mehr pflege und ganz ein Bauer geworden sei." Er mußte es sich aber mit seiner Landwirthschaft sehr sauer werden lassen; einige Kühe hatten ihm seine Freunde geschenkt; am 15. Julii 1573 bat er den Herzog um 10 magere Schweine, um sie in die Mast zu treiben.

Der Haß verfolgte ihn jedoch bis ans Ende. Am 7. Mai 1574 hatte man ihm in seiner Abwesenheit eine Fischwehr im schweriner See bei dem fürstlichen Garten, die er 23 Jahre besessen hatte, eingerissen und seine zweite Fischwehr bei seinem Garten zu zerstören versucht. Mylius war darüber so aufgeregt, wie er nie gewesen war, und klagte in einem sehr heftigen Briefe 1 ) dem Herzoge sein Leid, gleichsam in der Voraussetzung, als habe der Herzog den Befehl zu dieser Gewaltthat gegeben. Jedoch zog sich alles wieder zurecht und das glückliche Verhältniß zwischen beiden ward durch die größere Ruhe des Herzogs immer gleich wieder hergestellt.


Es war ein großes Glück für A. Mylius, daß ihn der Herzog zu rechter Zeit sicher gestellt hatte. Denn des Herzogs Gesundheit, welche nicht sehr fest war, da er allerlei skrophulöse Leiden hatte, fing früh an zu wanken und ward bald ganz untergraben. Bald nach Neujahr 1576 machte er seine letzte Reise zu Schlitten nach Wittenburg, um dort mit dem Rathe der Stadt Lüneburg über die Schaalfahrt zu verhandeln. Am 5. Jan. kam er von dieser Reise wieder in Schwerin an. Am 10. Jan. schickte er noch Gesandte an seinen Bruder Ulrich, um die Ausschreibung eines Landtages zu bereden. Aber noch ehe die Räthe wiederkamen, hatte Johann Albrecht schon die Sprache verloren. Am 24. Jan. reisete Herzog Ulrich mit seiner Gemahlin zu dem Todtenbette seines Bruders. Johann Albrecht wünschte sehnlichst, daß sein Bruder die Vormundschaft seiner Söhne übernehmen möge. Herzog Ulrich hatte Gründe, dies abzulehnen, und ließ sich viel bitten. A. Mylius, der den Herzog Johann Albrecht allein ganz genau kannte, mußte als Dolmetscher für den sprachlosen Herzog auftreten. Als, nach


1) Vgl. Anl. Nr. 33.
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dem Instrument über die Annahme der Vormundschaft durch den Herzog Ulrich, "nichts bei dem Herzog Johann Albrecht hat haften, noch Trost wirken können, sondern S. f. g. nur allein oft nach Andreä Mylio gefraget, darüber dann Herzog Ulrich befohlen, das man Andream Mylium hat auf das Schloß holen lassen, da sonderlich nur Mylius hat verstehen und merken können", was des Herzogs Herzenswunsch sei, so ward 1 ) "sehr spät in der Nacht nach Mylio geschickt und abermal vor seinem Siechbettlein, dabei Herzog Ulrich in der Person sammt dero Gemahlin und den jungen Herren gestanden, die vorige Bitte wiederholen lassen. Darauf der Allmächtige endlich seine Gnade verliehen, daß Herzogs Ulrich brüderliches Herz mit brüderlichem Mitleiden so weit bewogen, daß S. f. g. auf so vielfältiges Bitten die Vormundschaft im Namen des Allmächtigen angenommen, solches auch dem Herzoge Johann Albrecht mit gegebener Hand und mündlicher Erklärung versprochen und zugesagt, darauf nach gebührender Danksagung, die auf Herzogs Johann Albrecht Befehl Mylius gethan, welche auch Herzog Johann Albrecht mit Hand und wenig deutlichen Worten und vielen Seufzern bekräftiget."

So waren die letzten Thaten beider ihres ganzen Lebens würdig und A. Mylius trat von der Laufbahn mit dem vollen, unbegrenzten Vertrauen, mit welchem ihn der Herzog in seiner Jugend aufgenommen hatte. Ein gewiß seltenes Beispiel, daß Jemand bei Hofe trotz aller Anfechtungen in jugendlicher Wirksamkeit bis an das Ende verbleibt.

"Den 12. Februar 1576, war ein Sonntag Nachmittag zwischen 2 und 3 Uhr, hat der allmächtige Gott seinen väterlichen Willen geschlossen und Herzog Johann Albrechten aus diesem Jammerthal zu sich in die ewige Seligkeit ganz christlich abgefordert" (Mylii Annales). So starb dieser edelste Fürst in noch kräftigem Alter, im 51. Jahre seines Lebens, nach Gottes Rath auf dem höchsten Gipfel seiner Wirksamkeit. Er hatte mit Gottes Hülfe die Reformation des ganzen Landes im gesammten Staats= und Kirchenwesen angefangen und gerade glücklich durchgeführt. Seiner Einrichtungen erfreuen wir uns noch heute. Seine Regierung hatte nur Eine Schattenseite, daß er viele Schulden hinterließ, die er freilich zum Wohle des Landes nothgedrungen hatte machen müssen.


1) Nach A. Mylii Annalen bei Gerdes S. 298.
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Mit der Leiche dieses edelsten Fürsten ward des A. Mylius bessere Hälfte zu Grabe getragen. Mit dessen Tode verstummt seine höhere Muse. Die lateinischen Briefe des A. Mylius hören ganz auf.


Vorzüglich beschäftigte sich A. Mylius in den letzten Jahren seines Lebens mit der Geschichtschreibung. Er verfaßte:

1) eine kurze meklenburgische Geschichte unter dem Titel: "Genealogia" oder "der Hertzogen zu Meckelnburg erste Ankunft". Dieses Werk nimmt eine hervorragende Stelle ein, indem es die erste kritische und deutsch geschriebene meklenburgische Geschichte ist, nachdem vor Mylius nur Nicolaus Marschalk Thurius mehrere Werke dieser Art schrieb, deren Inhalt Mylius unbarmherzig säubern mußte. Er vollendete das Werk im J. 1571 und überreichte es dem Herzoge mit dieser Dedication:

"Dem durchlauchtigen hochgebornen Fürsten vnd hern hern Johan Albrechten Hertzogen zu Meckelnburg etc. . Thue ich Andreas Mylius diese s. f. g. loblichen vorfaren der hertzogen zu Meckelburg Stams= vnd geschichtbeschreibung vntertheniglich vorehren. Geschrieben zu Schwerin den 16. May Anno 1571."

Dieses Original=Exemplar, welches in reich verziertem Pergamentband den Namen des Herzogs und die Jahreszahl 1571 auf dem Deckel trägt, wird noch im schweriner Archive aufbewahrt. Dieses Exemplar hat zuletzt einige Zeilen über die Geburt und die erste Versorgung des Herzogs Carl und schließt mit einem Glückwunsche des A. Mylius an die Herzoge. Er präsentirte, nach Gerdes, am 18. Mai 1571 auch ein Exemplar der Herzogin Elisabeth von Güstrow, Herzogs Ulrich Gemahlin, hatte das Werk aber keinesweges, wie Gerdes meint, auf Befehl dieser Herzogin geschrieben. Gedruckt ist dieses Werk in Gerdes Sammlungen S. 212 flgd. nach einem Exemplare, welches A. Mylius am 23. Sept. 1593 unter seiner eigenen Hand dem Heinrich Pelican, Hauptmann zu Schwerin, verehrte. Dieses Exemplar ist am Ende in kurzen Sätzen bis zum J. 1593 fortgeführt. Später, im J. 1599, gab es Caspar Calovius, 1588-1589 Pastor zu Müsselmow, nahe bei Gädebehn, in den Druck.

Ferner verfaßte A. Mylius noch

2) "Annales etzlicher fürnehmer und glaubwürdiger Geschichten und Händel, so sich bey Leben vnd Regierung Herrn Johann Albrechten, Hertzogen zu Mecklenburg etc. . zuge=

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tragen." Dieses ungleich wichtigere Werk, welches nach dem Vorworte am 4. Oct. 1592 vollendet ist, ist in Gerdes Sammlungen S. 255 flgd. abgedruckt; "vielleicht ist dieses Exemplar", welches Gerdes besaß, "das einzige, so noch vorhanden sein mag". Im großherzoglichen Archive zu Schwerin befindet sich kein Exemplar.

Am 17. Mai 1593 legte Mylius dem Herzoge Ulrich, der vorherrschend einen historischen Sinn hatte, diese Werke vor; sie sollten gedruckt werden, kamen jedoch nicht dazu.


Nach dem Tode des Herzogs Johann Albrecht blieb A. Mylius zu Schwerin Regierungs=Rath sowohl der vormundschaftlichen Regierung, als der verwittweten Herzogin Anna Sophie, welche auf ihrem Leibgedinge zu Lübz wohnte. So wird er im J. 1576 Rath der Herzogin Wittwe zu Lübz für sie und ihre Söhne genannt; am 4. Febr. 1578 schickte ihn die Herzogin als Gesandten an den Herzog Ulrich mit einem Creditiv des Inhaltes, "daß wir den ehrbaren und hochgelahrten unsern Rath und lieben getreuen Andream Mylium an E. L. abgefertigt und ihm etliche Gewerbe und Anträge, daran uns und unsern lieben Söhnen gelegen, dieselben E. L. unsertwegen mündlich anzuzeigen und zu berichten befohlen haben." So ward Mylius öfter in außerordentlichen, wichtigen Geschäften zu Rathe gezogen. Als z. B. der Herzog Ulrich die Bearbeitung eines Lehnrechts beabsichtigte, ward auch er neben andern Räthen und erfahrnen Vasallen am 23. Dec. 1580 zur Beantwortung mehrerer Lehnrechtsfragen vom Herzoge nach Güstrow berufen.


Im J. 1585 (12. Sept.) trat der Herzog Johann die Regierung an. Es zeugt von der einsichtsvollen, dankbaren Gesinnung des jungen Herzogs, daß er den alten, hoch verdienten Rath und Lehrer seines Vaters und den Führer seiner Jugend in seine Nähe berief. Der Regierungsantritt nach einer Vormundschaft war ohne Zweifel ein sehr wichtiges Geschäft. Daher holte sich der junge Herzog wiederholt persönlich von A. Mylius Rath. Schon am 19.-20. Febr. 1585 besuchte ihn der Herzog selbst von Lübz aus zu Gädebehn und wiederholte diesen Besuch am 22.-24. März, nach den eigenhändigen Aufzeichnungen des Herzogs in dessen Schreibkalender:

"1585.

"Febr. 18. Von hinnen nach Criuitze."
 - 19. Zu Gödebende.
 - 20. Wiederumb nach Luptze.
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März 22. Von Luptze nach Gödebende.
 - 23. Zu Gödebende stil gelegen.
 - 24. Zu Wittenburgk wieder angelanget.

Schon am 29. Junii 1585 ließ ihm der Herzog 50 Thaler eins für alles für Hufschlag auf 3 Pferde und Wagenzeug auszahlen, welches seit des Herzogs Johann Albrecht Tode rückständig und ihm jährlich mit 30 Thalern verschrieben war.

Am 12. Sept. 1585 trat der Herzog Johann die Regierung förmlich an. Er bemerkt auch in seinem Schreibkalender: "1585. Sept. 9. Von Luptze nach Schwerin getzogen. Sept. 12. Von den Herren Vormündern zu Schwerin einzukommen schriftlich erfordert." Er reisete in den ersten Zeiten viel zwischen Lübz und Schwerin hin und her. Am "11. Oct. 1585 ist Mylius vnd Johannes Friederich außetzogen nach Krakewitzen, 17. Oct. seind sie alhir wiederumb bey mir angelanget."

Bis der Herzog seine Regierung und seinen Hof bestimmt eingerichtet hatte, stellte er den A. Mylius an die Spitze aller Geschäfte und ernannte ihn für diese Zeit zum Canzler. So berichtet J. Caselius, und dies wird wahr sein, obwohl es bezweifelt und nicht angenommen ist. Mylius wird auch in den Acten wiederholt ausdrücklich Canzler genannt, jedoch nur in den Jahren 1586 und 87, als er das Canzleramt interimistisch verwaltete. In dem "Register der fürstlichen Räthe und Hofdiener Besoldung von 1587" wird namentlich aufgeführt: "M. Andreas Mylius Canzler", und eben so wird er im J. 1587 wiederholt in Verwaltungs=Acten genannt. Zugleich war er damals auch Amtmann zu Crivitz; im J. 1586 ertheilte der Herzog Johann seinem "Rath und Amtmann zu Crivitz Andreas Mylius zu Godebende" und einigen Andern ein Commissorium.

Der Neid hatte den A. Mylius unablässig verfolgt. Jetzt ward aber eine schändliche Intrigue gesponnen, um ihn durch Verläumdung bei dem jungen, unerfahrenen Fürsten, den man auf jede Weise aus seinen Händen reißen wollte, gänzlich zu stürzen. Mylius sah überall bei Hofe das Netz, das ihn umgarnte, konnte aber lange nicht ergründen, wer die Fäden lenkte. Er ging in dem starken Bewußtsein und der glühenden Liebe der Wahrheit unbekümmert einher, forschte, entdeckte endlich den Verläumder ("belluam in cubili oppressam") und zog ihn kräftig in seiner ganzen Blöße ans Licht. Da ward ihm der Herzog noch viel gewogener und vertrauete alle wichtigen Angelegenheiten seiner Einsicht. - So berichtet J. Caselius.

Im J. 1587 wurden für A. Mylius 40 Thaler zur Ausrüstung zu einer Reise nach Preußen ausgezahlt.

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Die Geschäfte bei dem Regierungsantritte, der Auseinandersetzung mit dem Bruder und der bevorstehenden Vermählung waren bedeutend und nahmen alle Kräfte in Anspruch.

Im J. 1588 bestellte der Herzog Johann den Dr. Michael Graß 1 ) zum Canzler, und Andreas Mylius gab den beschwerlichen Theil seiner Geschäfte ab und blieb vertraueter Hofrath des Herzogs.

Die Vermählung des Herzogs mit der wackern Sophie von Holstein ward am 17. Febr. 1588 zu Reinbeck gefeiert.

Bei Gelegenheit der Vermählungs=Verhandlungen wird A. Mylius auch zum holsteinschen Rath ernannt worden sein. Als A. Mylius im J. 1591 seine Tochter Elisabeth an Johann Creissius verheirathete, wurden mehrere Gedichte zur Feier in Helmstädt gedruckt, wo ohne Zweifel J. Caselius den Druck besorgte, und unter diesen das erste von J. Caselius selbst, welches gewidmet ist: "Mag co et Cl mo . v. Andreae Mylio, consiliario Megapol. et Holsat., socero obs." Diese Anrede ist ohne Zweifel richtig.

Als Alles geordnet und im Gange war, erneuerte ihm der Herzog am 24. Julii 1588 schriftlich die Versicherung des Gnadenjahres und des Gnadengeldes von 500 Thalern für seine Erben auf den Fall seines Todes, wie es der Herzog ihm im vergangenen Jahre und "dem hochseligen Herzoge an dessen Todtbette, Mylii Person belangend, in sohnlichem Gehorsam mit Hand und Munde zugesagt."

Zwar mochte A. Mylius äußerlich ganz angenehm gestellt sein, um so mehr da er die Freude hatte, sein kleines, angenehmes Landgut aufblühen zu sehen. Am 11. März 1588 erhielten er und sein Sohn Joachim von den v. Bülow auf Zibühl und Critzow die Fischerei auf der Warnow, so weit sie Gädebehn berührt, freundlich nachgegeben. Solche Annehmlichkeiten wurden ihm wohl öfter vergönnt. Seine Kinder waren versorgt.

Aber sein Geist erlitt zu viele Schläge; Alles starb vor ihm weg, was er hoch gehalten und wofür er vorzüglich gelebt hatte. Am 6. Febr. 1591 starb des Herzogs Johann Albrecht verwittwete Gemahlin Anna Sophie. Am 3. März 1592 starb Herzog Christoph. Am 22. März 1592 folgte der junge Herzog Johann seinen Aeltern in die Gruft. Seine an J. Caselius verheirathete Tochter Gertrud war am 10. Febr. 1583 kaum 30 Jahre alt gestorben.


1) J. Caselius sagt: "Michael Grassus Mylio in cancellariatu successerat absque omni antecessoris invidia."
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Seine geliebte Frau Margaretha lag gefährlich krank. Da verbreitete sich die Nachricht, den Herzog Johann habe in Ivenack ein Unglück betroffen und er liege im Sterben. A. Mylius, die Todesgefahr seiner Frau nicht achtend, flog zum Herzoge und reisete Tag und Nacht. Kaum war er in Ivenack angekommen, als der Herzog seinen Geist aufgab. Er eilte zurück; aber schon unterweges traf ihn ein Bote mit der Trauerpost von dem Tode seiner Frau. Sie war am 18. März (1592) im 60. Jahre ihres Alters gestorben. Dieser Verlust war für ihn sehr hart, da die geistreiche, tüchtige Frau, nach dem Berichte des J. Caselius, das ganze Hauswesen in Schwerin und die Erziehung der Töchter allein regiert hatte.

Am 4. Febr. 1592 starb Samuel Fabricius, den der Herzog in Italien zum lateinischen Secretair hatte ausbilden lassen; er hatte, der erste Archivar Meklenburgs, unter A. Mylius das Archiv verzeichnet und dem Mylius im Abschreiben beigestanden. Die Reihen der Gelehrten Johann Albrechts wurden immer lichter.

Der Herzog Johann hatte ebenfalls unmündige Kinder hinterlassen. A. Mylius mußte noch ein Mal einer Vormundschaft dienen; er selbst sagt in der Einleitung zu seinen Annalen am 4. Oct. 1592, daß er "bis in diese andere Vormundschaft im Leben und in meklenburgischen Diensten erhalten" sei. Am 17. Mai 1593 legte er dem Herzoge Ulrich noch seine historischen Schriften vor, die gedruckt werden sollten.

Seine Kräfte schwanden freilich, aber er gönnte sich keine Rast und blieb bis zu seinem Tode im Amte und in Arbeit. Endlich hatten Arbeit und Alter seine Kräfte aufgezehrt und er schlummerte am 30. April 1594 1 ) sanft und ruhig ein und ward am 3. Mai neben seiner Frau im Dome zu Schwerin beigesetzt. Er war 66 Jahre alt geworden und hatte dem Fürstenhause 45 Jahre mit der seltensten Auszeichnung gedient.

Im Junii 1594 kamen die Schwiegersöhne, auch J. Caselius, mit dem Sohne Joachim Mylius in dem väterlichen Hause in Schwerin zusammen, blieben dort bis in den zweiten Monat und verglichen sich freundlich.

Am 16. Jan. 1595 baten "A. Mylii seel. sämmtliche nachgelassene Erben", daß ihnen das versprochene Gnadenjahr und Gnadengeld ausgezahlt werden möge, worauf die Zahlung befohlen ward.



1) Diesen Todestag geben die sichersten Quellen an, namentlich sein Schwiegersohn J. Caselius in der Oratio funebris scripta Andreae Mylio, B. Hederich in seiner schwerinschen Chronik, D. Chytraeus in der Saxonia.
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Die Familie Mylius pflanzte sich einige Generationen hindurch fort.

Andreas Mylius hinterließ 6 Töchter und einen Sohn, nachdem mehrere Kinder, unter denen wenigstens gewiß zwei, wahrscheinlich vier, Söhne jung während seines Lebens gestorben waren.

Die 6 Töchter waren:

1) Gertrud, geboren am Ende des Monats März 1553, am 30. Sept. 1571 mit dem berühmten rostocker Professor Dr. Joh. Caselius verheirathet, welcher damals als Prinzenlehrer nach Schwerin berufen war. Sie starb zu Rostock am 10. Febr. 1583, kaum 30 Jahre alt, im "neunten Wochenbette" und hinterließ ihrem Manne 2 Söhne und 3 Töchter, von denen die jüngste bei der Großmutter an einem hitzigen Fieber starb; vier Kinder waren schon vorher gestorben. Die beiden Söhne Ulrich und Johann Carl starben im besten Alter, nachdem der Vater sie in Italien und Deutschland tüchtig hatte ausbilden lassen, Ulrich ungefähr 1596, Joh. Carl im Febr. 1611. Von den beiden Töchtern war Margarethe an den Professor Theodor Adam, Anna Sophie an Theodor Hupaeus, beide ausgezeichnete Juristen, verheirathet.

2) Anna, verheirathet an David Lönnies ("Lanesius"), einen Officier, eines parchimschen Rathmannes Sohn. Dieser ward, nachdem er in jungen Jahren im Auslande Kriegsdienste genommen hatte, späterhin Rathmann zu Parchim; aber es erwachte in ihm wieder die Lust zum Kriegsleben und er zog wieder ins Feld, unter Kaiser Rudolph II. zum Türkenkriege. Er war noch nicht zum Kriegsschauplatze gekommen, als seine Frau im 40. Jahre ihres Lebens im Wochenbette starb. Lönnies selbst fiel in der Schlacht. Von 6 Töchtern überlebten 5 als Waisen die Aeltern.

3) Margarethe, an den Dr. Eobald Brummer, eines rostocker Rathsherrn Sohn, verheirathet, einen Juristen, welcher später Rath zu Stargard in Pommern ward. Im J. 1610 bezeugte J. Caselius dem Eobald Brummer über den Verlust seiner zweiten Frau durch eine Schrift sein Beileid.

4) Sophie, an den Advocaten Johann Schwartz aus Parchim verheirathet; ohne Zweifel ist dies derselbe Johann Schwartz, welcher sich im J. 1602 "der Rechte Doctor und Burgermeister zu Parchim" nennt.

5) Elisabeth, im November 1591 an Johann Kreiß ("Creissius") verheirathet. Zu der Hochzeit erschien ein gedruckter Bogen in 4° mit griechischen und lateinischen Gedichten von Joh. Caselius, Theodor Adam u. A., zu Helmstädt bei Jac.

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Lucius gedruckt ("Ornatissimo juveni Joanni Creissio et lectissimae virgini Elisabethae Myliae, sponsis, gratulantur amici"). Kreiß war "Bürger zu Schwerin" und in der Burgstraße wohnhaft, hatte also seine Elisabeth aus nachbarlicher Freundschaft kennen gelernt. Er diente dem Fürsten und dem A. Mylius als Geheimschreiber ("principi in secretorum negotiorum scriptura operam dabat.") Nach dem Tode seines Schwiegervaters hatte er, "Johannes Kreiß, Notarius und Bürger zu Schwerin", dessen Haus von den Erben zu Kauf angenommen und verkaufte es am 14. Jan. 1602 für sich und mit Vollmacht seiner Hausfrau Elisabeth Milies an Hans v. Lützow auf Dutzow; Johannes Schwartz, der Rechte Doctor und Burgermeister zu Parchim und Jochim Milies bestätigten den Verkauf und erklärten sich für befriedigt.

6) Helena, war bei des Vaters Tode unverheirathet, sollte aber im J. 1595 oder 1596 verheirathet werden. Als die Erben des A. Mylius am 16. Jan. 1595 das Gnadenjahr und Gnadengeld forderten, sagten sie, daß ihre jüngste, noch unberathene Schwester und Schwägerin Jungfrau Helena Mylia jetzt auch ehelich versprochen und des Geldes zu ihrem jungfräulichen Geschmuck und zur Aussteuer benöthigt sei.

Die Geschichte der Familie Mylius hängt seit dem Tode des Andreas Mylius eng mit dem Gute Gädebehn zusammen.

A. Mylius hinterließ nur Einen Sohn Joachim, welcher erst am 23. Nov. 1571 geboren ward (vgl. oben S. 94). Er ward früh nach Rostock zur Erziehung zu J. Caselius gegeben und besuchte darauf die Universität daselbst. Er verkehrte schon als Knabe im väterlichen Hause und am herzoglichen Hofe und später auf der Universität mit den Söhnen vornehmer Aeltern und gewann eine sehr feine Bildung, durch welche er sich überall beliebt machte. Ueber der Beschäftigung mit den Wissenschaften vernachlässigte er die ritterlichen Uebungen nicht. Nachdem er von der Universität zurückgekehrt war, nahm ihn der Herzog Johann als Hofjunker an seinen Hof ("in familiam suam adscivit in ordine equestri", sagt J. Caselius, - als "Hengstreiter" sagt Latomus). Bald aber, als seine Mutter, welche die ganze Wirthschaft allein geführt hatte, schwächlich ward, übergab ihm der Vater die Bewirthschaftung des Gutes, da dieser sich wegen seiner Geschäfte nicht viel darum bekümmern konnte und die Beschäftigung mit den Wissenschaften vorzog. Nach dem Tode des Vaters nahm er das Gut Gädebehn an, welches er auch bewohnte, nachdem er sich ganz vom Hofleben zurückgezogen hatte, und heirathete eine Tochter des Joachim

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Sperling auf Schlagstorf. Das väterliche Wohnhaus in Schwerin hatten die Erben im J 1602 an Hans v. Lützow auf Dutzow verkauft. Diesen Hans v. Lützow nennt Joachim Mylius 1607 "seinen lieben Schwager und Bruder"; wahrscheinlich hatte derselbe auch eine Tochter des Joachim Sperling zur Frau. Von diesem H. v. Lützow kaufte es Joachim Mylius wieder und verkaufte es am 14. Jan. 1607 an den Küchenmeister Johann Hoppe zu Rehna. Joachim Mylius starb früh, zwischen 1610 und 1620 und hinterließ zwei Söhne Curt Joachim und Christoph Andreas, von denen aber der ältere früh gestorben zu sein scheint, da späterhin nur der jüngere im Besitze des väterlichen Gutes erscheint.

Christoph Andreas Milies, der sich nur "Milies" nennt, war der einzige Erbe seines Vaters Joachim. Wahrscheinlich war er bei seines Vaters Tode minderjährig, da er erst am 12. Mai 1635 den Lehneid für das Gut Gädebehn leistete. Das Gut war nur klein und hatte früher nur aus wenigen Bauerhöfen bestanden, von denen sich Andreas Mylius einen oder einige zum Wohnsitze für sich eingerichtet hatte. Im dreißigjährigen Kriege waren nun die Bauern theils gestorben, theils davongelaufen und die Gebäude alle eingeäschert. Christoph A. Milies hatte darauf das ganze Gut, aus Mangel an Leuten, zu einem Meierhofe gemacht und die nöthigen Gebäude wieder aufgeführt. Beiläufig ward darüber gestritten, ob das Gut Lehn oder Allod sei. Christoph Andreas Milies kommt noch 1667 in den Acten vor.

Dessen Sohn Joachim Christoph von Milies, wie er sich unterzeichnet, verkaufte am 7. April 1687 das Gut Gädebehn pfandweise an den Major Hans v. Schack auf Rehagen für 6200 Gulden, nachdem ihm als nächsten Agnaten das Lehngut Frauenmark im J. 1683 zugefallen war. Joachim Christoph v. Milies starb am 17. April 1725.

Bald nach ihm, noch in demselben Jahre 1725, trug man auch seinen Sohn Christoph Ulrich v. Milies, den letzten männlichen Sprossen des Geschlechts, zu Grabe.

Von zwei Töchtern des Christoph Ulrich v. Milies blieb die eine unverheirathet; die andere ward an den Lieutenant Daries verheirathet, welcher demnächst auch mit Frauenmark belehnt ward.

Vignette
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Anlagen.


Nr. 1.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Güstrow. 1549.


Illustrissimo uirtutibus et laudatissimo Principi, Domino Joanni Alberto, Duci Megapolensium etc, domino suo clementissimo.

S. Etsi, illustrissime Princeps, gratiarum actionem uos minime requirere certo scio, ab eo praesertim, qui, si uitam pro uestra illustri gratia (si fieri opus esset) profunderet, se tamen uestris tam multis beneficiis parem esse non posse aperte confiteatur, tamen est ea mihi necessaria, non tam ut me gratum uobis esse ostenderum, quam ut nihil praetermisisse uidear, quae sint ab homine uestri obseruantissimo expectanda. Ego igitur uestrae illustri gratiae non quas pro magnitudine beneficii debeo, sed quas pro ingenii tenuitate possum gratias de ueste ago maximas, quodque saepe de mea uobis debita opella recepi, id confirmo, me quotidie Deo adiuuante esse libenter prolixeque curaturum. Haec, illustrissime Princeps, scripsi, non tam rei magnitudine adductus, quam ut uestram gratiam ad idem scribendi exercitium excitarem: quod quia coram uobis ostendi, quam sit futurum utile, spero id uestrae gratiae comprobari. A me in custodiendo, quae debetur, diligentissima dabitur opera. Vale, Princeps illustrissime, eundemque erga me animum, quaeso, retineat uestra gratia perpetuo. Datum ex Musaeo meo in arce uestra Gustroina. Anno 1549.

Vestrae illustrissimae gratiae

Submisissimus           
Andreas Mylius.        

Nach dem Originale.


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Nr. 2.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Schwerin. 1551. Oct. 12.


S. Vestrae mihi, illustrissime Princeps, praeter expectationem saerius redditae sunt literae, quam, praesertim in hac uecturae inopia, de itinere quicquam conficere possem. Sed tamen hodie omnino eram discessurus, nisi me uecturae morabitur tarditas. Ac uellem, ita uoluntas matris uestrae Sereniss. ferret, ut illic mature cum D. Christophoro discedere et ad diem istuc uenire concedatur. Vereor enim, ne ante quam ex aula Lubecensi dimittar, istinc uos discesseritis. Ego uero nisi me aliud uestrae coëgissent facere literae, quanquam nullo mandato, uestra tamen (ut opinor) uoluntate, cum eodem, qui has reddit literas, istuc excurrissem. Sed motus mandato uestro et literis, et quod ipsa dies D. Christophorum ex illa impunitate et libertate in curriculum quasi et carceres reduci oportere postularet, consilium huius profectionis meae praetermisi. Plura propter tabellarii festinationem et temporis inopiam non licet. Tibi me, optime et mihi pro centum millibus charissime princeps, totum commendo et trado, uehementerque nostros congressus et communem humanitatis operam desidero et expecto. Vale. Datum Suerini 4. Id. Octob, Anno etc. 51.

          Vestrae Celsitudinis.

submisissimus

Andreas Mylius M.       

Illustrissimo et Serenissimo Principi ac Domino, Domino Joanni Alberto, Principi Megapolensium etc. , domino sibi charissimo et singulari pietate obseruando.

Ad manus celsitudinis       
proprias.               

Nach dem Originale.


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Nr. 3.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Schwerin. 1552. Mai 22.


S. Saluos ex itinere domum rediisse nos, si ante apud C. T. auditum non est, his cognosces literis, quae quidem firmitatem corporis meam et ualetudinem testabuntur, aegritudinem autem mentis et perturbationem (quam Stoici recte morbum esse dixerunt) significare saltem et loqui aperte non possunt. Ego enim etsi confectus itineris molestia, tantam lassitudinem corporis domum afferrem, ut ad eam leuandam integrum octiduum non satisfaceret, tamen cum alia multa ita luctuosa domi offendi et misera, tum praesertim ea, in quibus ego te autore magnam spem praesidii et auxilii collocaram, ut C. T. uel maximam apud Deum immortalem gratiam inisse credam, quae me benignissime ablegarit. Neque uero ego is sum, qui eos homines, quos cum imperio esse scio relictos domi, et mandatis uestris aut iniquitatis accusem et iniuriae, qui uxorem meam, cum ea ligna et quae tribuuntur mihi alia peteret, superbissime reiecerunt, aut fastidii et arrogantiae, qui me redeuntem non modo non colloquio suo et sermone, sed ne uultu quidem suo et nutu dignum iudicarunt, aut indignitatis, qui equum meum, quem (ut scit C. T.) mihi proprium ad reditum concesseras, per uim auferre, ad extremum ne auenam quidem tribuere conati sunt. Quibus rebus et istorum iniquitate effectum est, ut, cum se cotidie uxor mea affligeret et maceraret, in eam corporis infirmitatem caderet, quae meam spem, quam in ipsam collocaram, ex maerore suoet luctu totam (ut fit) perderet. Quae res quem mihi dolorem attulerit, suspicari C. T. arbitror. Nunc te pro diuina tua et nobilitata prudentia, singulari et regia clementia, incredibili in me studio et beneuolentia rogo atque oro, ut paulisper personam deponas principis, induas autem amici aut meam potius et eas cogitationes et curas, quibus me angi, sollicitum exerceri, dubium teneri cotidie necesse est, ad punctum saltem temporis suscipias: sic qua te prudentia esse scio et clementia, facile de me et sapienter statues,

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quae prudentissimo principi et pio erunt dignissima. Hanc caussam constituendam Deo optimo maximo proximo tibi sapientissimo et mihi charissimo principi committo atque trado. Cui enim uitam meam, cui studia mea, cui me totum quodam tempore commisi, huic deliberationem de itinere dubitem committere? aut cur eum, quem patrem in meis rebus semper sum expertus, in hac causa duriorem futurum esse metuam? Vestras literas expectabo, quae me de uoluntate uestra docebunt, et comprecabor Deum, ut is manum C. T. scribentis sic regat, ut mandata uestra ad utriusque nostrum emolumenta feliciter cadant. Ad Engelken Rostock plane necessarias existimo C. T. literas, ut ligna mihi curet conuehenda, et ad legatos C. T. die stadhalter, ut auenam equo meo tribuant, et equum apud me in meis aedibus relinquant, Sie wollen in hin vnd wider lassen abreiten, das sie mir doch mochten mein pferd mit friede lassen etc. .

Voluntatem tuam et beneuolentiam tanto studio retinere cupio, ut nulla res tam gratam mihi in uita esse sciam, quam tuo nomine non uelim dimittere.

Imagines Regis Franciae, in ipso incendio ad Vlmam forte in meum fasciculum coniectae, nesciente me Suerinum sunt allatae, saluae apud me custodiuntur, Libellos meos omnes descripsi, qui aut per ipsum me, si me redire uoles, aut per fratrem meum, si me manere uoles, transmittentur. Deus optimus maximus, cui ego cotidie C. T. salutem et fortunam diligenter (ut debeo) et fideliter commendo, is in hoc C. T. periculo comitem se tibi et ducem et consiliarium adiungat, et te confectis his rebus, qibus Germaniae Salus, religionis inorementum continetur, saluum et incolumem domum reducat.

Faxit hoc omnipotens, qui uitam morte redemit.
Tuque diu felix duxque parensque Vale.

Datum Suerini XI. Cal. Jun. Anno MDLII. C. T.

submisissimus

Andreas Mylius M.       

Illustrissimo ac Serenissimo Principi ac Domino. Domino Joanni Alberto, Principi Megapolensium etc. ., domino sibi submisiss. pietate et debita obseruantia.

Ad manus Cels.          
proprias.               

Nach dem Originale.


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Nr. 4.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. [1552].


Illustrissimo principi, Joanni Alberto, Duci Megapolensium etc. . Domino suo clementissimo.

S. Magno me et (fatebor enim) difficili leuari onere gaudebam tum, illustrissime princeps, cum te cohortatione mea ad studia humanitatis non egere cognoscerem. Animum enim sua sponte satis ad rectissimum uirtutis iter incitatum urgere etiam aut inflammare, quid attinet? Itaque facile fuit, principi amantissimo humanitatis studia uirtutum commendare et quasi equum, ut aiunt, cupidum curriculi et expectatione stadiorum exultantem ad cursum excitare. Quam promptitudinem C. T. et cupiditatem cum optimis semper, ut scis, ominibus et uotis sum prosequutus, tum uero dolui equidem molesteque tuli, in ea tempora utriusque nostrum studia incidisse, quibus innumerabiles alii ad dignitates et opes quasi aditus quaererentur, haec uero studia partim inculta, partim inuidiosa et principibus uiris indigna neglecta iacerent. Sed erant in illo, et (ut spero) communi nostro dolore, cum alia, quae leuare solicitudinem meque a maerore deducere possent, tum uero cotidiani congressus nostri: quod enim temporis surripere negociis caeteris poteras, id in literis et hoc honestissimo ocio socio quasi et commonstratore me terebatur. Quem C. T. animum si nulla inflexit maleuolorum inuidia, nec fregit astutia, cum utrique uehementer gratulor et mihi gaudeo, tum uero bona me spes tenet, fore ut quas Musas singulari studio semper antea complexus es, in posterum quoque colloquio tuo et societate dignas esse statuas sapienter. Posteaquam enim horridum militem (ut ait ille) amari et armis decertari coeptum est, caruerunt fructu iucundissimae communitates. Itaque illa nobis praeclara studia excussa de manibus iacuerunt et sine quibus nec uiui honeste, nec bene geri respublica potest, delectationes nostrae tanto temporis interuallo conticuerunt. Neque solum iis mensibus, quibus imperatori tibi in castris non multum temporis ad haec studia datum est,

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sed nunc etiam partim multitudine negociorum, partim maleuolorum consiliis (grauiore enim verbo uti non libet), qui tibi huius laudis dignitatem inuident, ita dispulsae iactantur et incertis peregrinantur sedibus, ut nusquam apud C. T. consistere aut antiquum locum suum tenere possint. Itaque dimisso uersantur capite seque sordibus caedere conqueruntur. Quid autem, obsecro te, potest his esse humanius, quid ad omnem fortunam aptius, quid singulis conuenientius, quid (quod caput est) principi dignius, quid ad consilia, prudentiam fructuosius, quam ille humanitatis, dignitatis, prudentiae fons perennis et sempiternus? Hinc quibus secundae res ornantur, vitae splendor et dignitas, hinc quibus adversae defenduntur, auxilia et consolationes, hinc quibus iuuentus regenda est, praecepta et autoritates, hinc quibus senectus alenda est, delectationes hauriuntur. Harum beneficio diuinus Plato, clarus Pythagoras, immortalis Numa Pompilius, admirabilis Aristoteles, Cato, Alexander quique innumerabiles alii harum beneficio excellentes extiterunt. Eaedem C. T. nunc quoque non uerborum uenditatione, aut ementito splendore et ostentatione, sed aperte (ut solent) et sine fuco assiduitatem suam et frequentiam, beneficium praeterea suum et amplissimos fructus pollicentur: quaeque earum dignitas apud laudatos uiros semper fuit, pro ea monere C. T., hortari etiam, et, si id quoque requiri intelligant, orare non dubitant, ut honestissimarum artium tractationem non uulgi opinionibus, nec temporum rationibus, sed ipsarum dignitate et principum uirorum, qui his artibus excelluerunt, exemplis metiaris: neue autoritatem suam maleuolorum hominum uoculis imminui, aut istorum artificio cursum tuum inflecti aut impediri patiaris. Sed quoniam te exemplis praestantium uirorum moueri certo sciunt, recolligere te memoria, et tenere commendationem eorum principum cupiunt, qui ab his profecti initiis in sempiterna commendatione laudeque uixerunt, quorum te simillimum esse exoptant. Quamobrem, illustrissime Princeps, humanitatem, quaeso, Musarum complectere teque totum ipsis da et trade, quae C. T. locupletare praeceptis, augere consiliis, ornare prudentia et iudicio solaeque illustrare encomio et celebrare possunt. Haec ad C. T., siue necessaria esse putabis, siue minus, adductus de studiis C. T. solicitudine mea, quae quidem in

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ipso cursu ab inuidis et improbis retardari et exarescere minime uelim, scribenda esse iudicaui. Atque utinam ille C. T. feruor et promptitudo uanam solicitudinem meam minimeque necessariam cohortationem extitisse declaret: quam ego me falsum tuaque alacritate uictum esse laetabor. Quapropter si integra sunt etiam nunc et suum statum pristinum tenent omnia, existat aliquando ille dies, qui C. T. Musas peregrinanteis, me uero C. T. reducat et restituat. Hae enim si ius apud C. T. et autoritatem antiquam obtinebunt (quod quidem de C. T. sperare omnino licet), me quoque Musarum asseclam, administrum et quem me esse uolui certe comitem non aspernabere. Vale illustrissime Princeps.

C. T.

submisissimus          
Andreas Mylius M.       

Nach dem Originale. Der Brief ist zwar nicht datirt, aber nach dem Inhalte und nach der noch sehr ungeläufigen Hand des A. Mylius wohl im J. 1552, oder doch sehr bald darnach, geschrieben.


Nr. 5.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Wittenberg. 1554. Sept. 18.


Dei gratia Jo. Alb. dux Megapol.

S. Dic Stacio meo nomine, vt cumprimum lapides in fornacem immittat, scio enim eum Diphilo tardiorem esse. Cura etiam, si quispiam istic in mea absentia ex Prussia aduenerit, me hic consequatur. Tertio adhortor te, ne velis obliuioni dare, vt mihi per ocium imperatorias orationes conuertas Liuianas (tute scis), quomodo eo conuenimus. Saluta meis verbis Mathiam M. Dabercusium. Si illi tibique aliquid desit, fac me certiorem. De lignis conuehendis ante discessum curaui. Vale. Datae Witeberge 18. Septemb. Ao. 54.

Manu mea.          

Nach dem Concepte.

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Nr. 6.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Schwerin. 1554. Oct. 7.


S. Heri circiter octauam uxor mea dei beneficio, cui quidem immortaleis ago gratias, peperit et salua altera nunc me auxit filiola. In quo Dei beneficio cum multa essent, quae me laetitia extulerunt, illud profecto laetitiam cumulauit, quod me ad profectionem minus impedimenti habiturum esse, sublata hac cura, intelligo. Quamobrem totum me ad illud iter compono, ut C. T. optime de me merito principi uicissim possim gratissimi animi fidelem memoriam et debitam operam comprobare. Ad baptismum meae filiolae scit C. T. nonnihil nostro more sumptus esse faciendum. Si igitur me pecunia, quae domi meae nulla est, adiuuerit C. T., humanissime fecerit, egenti fecerit, memori aliquando fecerit. Quod ut faciat mihique per meum puerum mittat. quem ad me redire hodie cupio, etiam atque etiam rogo. Vale, illustrissime Princeps, meque, quoniam ipse amare nunquam desinam, in tuis habe. Datum Suerini die solis, quem puto esse 7. Octob., Anno 1554.

C. T.

submissus               
Andreas Mylius M.       

Illustrissimo ac serenissimo principi et Domino, D. Joanni Alberto, duci Megapolensi etc. ., Domino suo clementissimo et perpetua observantia colendo.

C ito            

Nach dem Originale.

Nr. 7.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Schwerin. 1554. Nov. 4.


S. Periucundae mihi fuerunt C. T. literae, cum propter singularem humanitatem, erant enim plenae beneuolentiae erga me et amoris tui, tum uero quod ex

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iis C. T. conualuisse intellexi. Cui enim incommodum ualetudinis C. T. non minimum maerorem attulisset, ei profecto nuncius de salute et ualetudine confirmata non potest non esse laetissimus. Sed qui meus in C. T. amor, quae pietas est, rogare C. T., obsecrare etiam obtestarique non dubito, eam corporis rationem adhibeas, ita uiuas, ut C. T. diutissime potius praesentem amare, quam (quod omen deus auertat) afflictum morbo lugere cogamur. Epistolam Aurifabri dedi puero. Psalmos et commentarium meum, si utrique erit commodum, afferam, diemque praestitutum, et quod Deus Optimus Maximus gubernet et moderetur, iter suscipiam meum. Haec scripsi festinans ante lucem, cum mihi in templum, quoniam Christo auspice et duce proficiscar, esset abeundum. Bene et diutissime vale. Datum Suerini Prid. Non. Nouemb., Anno 1554.

C. T.

submiss.                  
Andreas Mylius M.       

Illustrissimo et serenissimo principi ac domino, D. Joanni Alberto, duci Megapolensi etc. ., Domino suo clementissimo et carissimo.

Nach dem Originale. - Der Herzog Johann Albrecht war damals in Rostock.

Nr. 8.

Der Herzog Nicolaus Radzivil antwortet dem Herzoge Johann Albrecht von Meklenburg auf die durch dessen Gesandten Andreas Mylius angebrachte Werbung.

D. d. Wilna. 1554. Dec. 18.


Illustrissime princeps et domine, domine amice obseruandissime. Salutem, omnium rerum perpetuam foelicitatem nostrique et offitiorum nostrorum studiosam comendacionem. Reddidit nobis ab Illustrissima Celsitudine Vestra litteras legatus et consiliarius Ipsius, clarissimus vir dominus Andreas Milius, homo et

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eruditione et eloquencia insignis. Ex iis cum admirabilem quandam in Sacram Regiam Poloniae Maiestatem vniuersumque illius Regnum obseruantiam et promptitudinem cognouimus, tum vero in nos ipsos summum ac singularem animi et beneuolenciae affectum perspeximus non obscure. Quod enim Ill. Cels. Vestra, nulla nobis antehac mutua intercidente noticia, in hoc tempore non litteris tantum summa humanitate refertissimis, sed etiam viua et loculenti nunctii Sui oratione nos et ad noticiam et amicitiam suam accerserit, mirum dictu est, quam ea res nobis acciderit et grata et iucunda, in qua facile videmus, quantum nos sibi polliceri de sua erga nos uoluntate velit et quantum Ipsa sibi vicissim de nobis persuadeat atque promittat. Itaque plurimas eo nomine Ill. Cels. Vestrae agimus habemusque gratias, etsi quid erit in quo animum quoque nostrum illi iam vehementer deuinctum et eam quam pro tanto offitio par est gratitudinem facere testatam aliquomodo possimus, in eo illi omne nostrum studium omnesque conatus libentissime pollicemur. Caeterum peticionem Ill. Cels. Vestrae apud Serenissimum Regem et dominum dominum nostrum clementissimum, ita vt nobis quidem tum licuit, promouimus pro virili cupiebamusque in ea et nobis ipsis et expectacioni Ill. Celsitudinis Vestrae satisfacere. Verum quod aliter acciderit, Ill. Cels. Vestra de domino consiliario suo, qui testis nostrae voluntatis est et cum quo confidenter contulimus, abunde, vt opinamur, cognoscet.

In nuptias quod nos Ill. Cels. Vestra inuitarit, indicio nobis est fore vt haec nostra officio litterarum inita amicita et constans sit et diuturna, quibus quod ipsi propter reipublicae Regiaeque Maiestatis summa et grauissima negotia interesse non possimus, mitemus aliquem ex peculiaribus nostris seruitoribus, qui sub id tempus ibi sit pro nobis in loco nostro affuturus et qui sit de nostra erga Ill. Cels. Vestram propensissima voluntate acturus coram pluribus.

Bombardam porro, quam nobis nomine Ill. Cels. Vestrae dominus nunctius munus obtulit, gratissimo animo accepimus a principe nimirum militaribus studiis clarissimo, ipse miles, pignus beneuolenciae mutuae perpetuo inter nos duraturae. Illud quibuscunque maximis rebus licebit, pari animi nostri testificacione

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referre et promereri Ill. Cels. Vestrae conabimur dabimusque operam, vt si illi in vna re comode obsequi non potuimus, in aliis id eoetiam et allacrius et locuplecius faciamus.

Sed interim vt Ill. Celsitudo Vestra optime diutissimeque valeat et nos, vt coepit, amplecti beneuolencia Sua non desistat, illud ipsi hoc nobis cupimus ex animo. Datum Vilnae, die 18. Decembris, anno domini 1554.

Illustrissimae Celsitudinis Vestrae

     amicus obseruantissimus et seruitor

                    Nicolaus Radziwil

dei gracia in Olika et Nieswis dux, palatinus Vilnensis, magni ducatus Lithvaniae supremus marsalcus et archicancellarius, Brestensis, Borisouiensis, Schavlensisque capitaneus generalis etc. . manv propria sst.

Illustrissimo Principi et domino domino Joanni Alberto Dei gracia Duci Megapolensi etc. ., domino amico nostro obseruandissimo honorandissimoque.

(L. S.)

Nach dem im großherzogl. meklenburg. Geh. u. H. Archive zu Schwerin aufbewahrten Originale, gesiegelt mit einem mittelgroßen Siegel, auf welchem ein Adler mit einem Brustschilde; Umschrift:

NICOLAVS. RADZIWIL. DEI. GRACIA. DVX.N[I.].

Nr. 9.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Güstrow. 1555. Mai 23.

Dei Gratia Joannes Alb. Dux Megapol.


S. Literas plenas consilii et sapienter a te ipso scriptas heri accepi, ex quibus perspexi, te de sociata inter nos studia et officia recte commemorare. Vtinam vt in illis quotidie euigilarem. Quod attinet ad coniunctionem inter nos animorum, ea mihi semper acceptum gratumque fuit, et dabo in posterum operam, vt eam firmiter conseruem. Adhortationem tuam ad studia literarum gratiarum cum

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actione accipio precorque Deum optimum maximum, vt mihi hanc mentem det, ne vnquam a studio humanitatis deficerem. Quod mihi existimationem tuam commendas, velim sic existimes me de te ita iudicare, vt neminem tibi anteponam, comparem paucos. Scio etiam te honori mihi interesse, volo igitur in tua inopia tibi aliquando (mihi crede) subuenire. Quod petis, si fortasse vehemencius acerbiusque scripsisti, vt id velim tibi ignoscere, hoc facile patior, nam mihi non molestum est, vt quisquis quod sentit scribat. De Joachimo Stein fecimus tua causa, quae rogas. Jacobum Mors presentem hic habeo, et ipse suam petitionem vrget. Vix tantulae epistolae tempus habui atque id ereptum e summis occupationibus. Quapropter ignoscas breuitati mearum literarum; nam propediem vna futuros nos arbitror. Vale. Datae Gustrouiae, 23. die Maii, Ao. 55.

Manu mea.          

Humanissimo doctrina et eruditione praedito viro Andreae Mylio, consiliario meo charissimo.

Ad manus eius           
proprias.              

Nach dem Originale. - Joachim Stein war ein Schwager des A. Mylius, da er die älteste Tochter des Balthasar Rotermund zur Frau hatte.


Nr. 10.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Doberan. 1557. Nov. 9.


S. Literas, humanissime vir, tuas sapienter profecto scriptas a te ipso (vt scis) accepi, quas perlegi diligenter. Quod primo de intermissis meis studiis scribis, ita est. Verum quod semper dicere et fateri debemus, culpa enim non tua, neque omnino mea fuit, sed temporum iniquitas fecit. Cum autem nunc Devs optimus maximus, cui causam meam ad dis=

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ceptandam commisi antea, nunc iterum etiam atque etiam me ipsum quoque et mea omnia commendo et trado, qui iustissimus est iudex et in coelo et in terra, qui et curat res humanas, nunc, inquam, tempora aliqua ex parte mitiora reddidit, eo sum animo, quod semel a me inito consilio de studiis. quanquam imbecillitatem ingenii mei facile agnosco, tamen id non mutare dum viuam volo. Deo sine dubio hoc gratum erit et mihi vsui. Sumam mihi igitur tantum ocii atque temporis, quantum tibi videbitur et meae res ferre possunt, vt ad studia nostra me referam. De diligentia autem et fidelitate tua non dubito neque dubitaui vnquam. Pro animi tui erga me affectione habeo tibi gratias et agam tibi aliquando Deo adiuuante maiores. Quod altero mihi scribis de versione Bibliae et simul tuum iudicium indicas, eo prudenter facis, vt ponderes ea omnia, quae sunt ponderanda. Nam certe magna est res vel potius maxima et magni consilii, ita etiam, vt nemo vnquam fuit, qui sibi tantum confidit, tale opus ad perficiendum suscipere. Nam meo quidem iudicio, qui id vult perficere, necesse est, vt habeat harum trium linguarum cognitionem perfectam, nempe vt scit Haebraicam, Graecam et Latinam linguam, vt Christianus, et non Papista, atque Ciceronianus sit, vt sumptibus non egeret necessariis et aliud nihil haberet ocii atque negocii. Etsi dubium non erit te incidere in aliquos vituperatores, quis enim sermones inimicorum effugere potest, tamen mea quidem sententia illud non est laborandum, arbitror enim opus futurum esse, quod ipso Deo, multis piis Christianis et doctis quoque viris placebit. Quis non sexcenties libenter in sacris monumentis legerit, quam nunc? Quae erit delectatio! Omnibus enim fere constat, quam male Hieronimi versio latine loquitur et a nemini potest recte intelligi. Emphasim habet nullum, Hebraismi plurimi. Posteaquam tu bonus es Cristianus, cui vera religio curae est, et qui literas Graecas atque Latinas perfectissime didicisti, et imitator Ciceronis, qui princeps eloquentiae merito appellatur, quia elegantissime locutus est. Habes etiam ad tuam vtilitatem Bibliam Germanicam, quae a Martino Luthero pie memoriae atque aliis doctis hominibus e lingua Haebraica in Germanicam est diligentissime atque fidelissime conuersa. Quapropter te vehementer oro,

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tibi quoque in mandatum do, vt sanctum hunc suscipias laborem. Videris etiam, tibi enim facile est videre, si interdum a verbis, at tamen non a sententia versione Lutheri, qui verus fuit Theologus et Germanus, Cicero discedas, quidam antiqui termini tibi optime noti non possunt mutari, ne accusaueris propter nouitatem et heresim, vt aduersarii volunt, nihilominus tamen (si ita tibi visum fuerit) potes in margine rationem indicare, quam ob causam terminum illum fas non esset commutari, et simul adiungere, quomodo Latinus diceret. Nullum enim studium tibi magis est necessarium ad commendationem nominis tui immortalitatem, quam si in illo sancto plane et diuino philosophandi genere curam omnem incumbas, nihil enim melius quicquam, nihil optabilius (mihi crede) agere possumus, praesertim in tanto breui nostrae vitae spacio et in his extremis atque difficillimis temporibus, quam si sacris demus literis operam. Harum enim literarum diuinarum suauitas longe humanam superat philosophiam. De efficiendi facultate, quod dubitas, intellexi etiam, tua quoque modestia mihi non est incognita. Etsi, fatendum enim est quod sentio, est perdifficile et multum, quod postulo, tamen de te mihi dubium non est, noui enim tuum ingenium, quantum iudicare possum. Si eam adhibeas diligentiam, vt soles facere semper in reliqua versione, quam in Euangelistam Joannem contulisti, maleuolis hominibus calumniandi nullam praebebis materiam. Habes etiam Matthiam nostrum Dabercusium, qui plurimum in iudicio, praesertim in rebus diuinis valet, is tibi interdum proderit, et faciet libenter. Iniquum plane hoc esset, si tantum operis et laboris in illo opere consumas, vt id gratis facias, hoc neque volo, neque cupio. De summa autem possumus coram statuere commodius. Cum enim necessitas flagitat, vt hac de causa, de rebus quoque aliis atque publicis, de studiis etiam vna sermones conferamus, abs te igitur peto, vt ad 13 diem huius mensis apud me hic his. Longius quam ante statueram, [me] processisse video, reliqua reseruemus ad tuum vsque aduentum. Omnipotens Devs te interea incolumem conseruet regatque te cum sancto suo spiritu, vt id in illo praeclaro opere efficias, quod ad gloriam sui nominis et ad salutem mortalium pertineat. Hoc ex animo opto atque cupio, quid ego

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et debeo et possum facere, faciam libenter. Vale. Doberani, 9. Nouembris, Ao. 1557.

J. A. H. z. M.          
Manu mea sst.          

Exemplum literarum mearum ad A. Mylium.

Nach dem Concepte.


Nr. 11.

Des M. Andreas Mylius Studien=Ordnung für den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Wredenhagen. 1558. Jan. 17.


S. Quod cum antea semper, illustrissime princeps, domine clementissime, tum uero posteaquam uitam meam meque ipsum Cels. tuae dedi, uel in primis optaui, ut mihi incredibilibus Cels. tuae erga me beneficiis aliquo saltem modo respondere diuinitus concederetur et in optimarum artium cognitione, linguae latinae perfectione commonstrandaque methodo debitam Cels. tuae nauare operam: hoc post tam diuturnum interuallum nunc quidem me spero esse consequuturum. Non enim uereor, ne qui toties libros ociumque de manibus Cels. tuae extorsit, in posterum quoque sit facultatem eius rei perficiendae habiturus, praesertim cum Cels. tuae ipsi uiderint cupiditatem, nec dubitem, Cels. tuae studia, ut huic patriae salutaria et exoptanda sunt, ita ad nominis Cels. tuae aeternam commendationem uel sola sufficere. Quamobrem ut in sententia propositoque suo constanter Cels. tua permaneat speretque, fortunam felicem non esse nobis defuturam et Deum, honestissimarum artium magistrum atque autorem, conatus Cels. tuae esse fortunaturum, Cels. tuam etiam atque etiam rogo. De me tantum habeo polliceri, me in colenda amandaque Cels. tua, fidelissimi hominis officio, in commonstranda methodo et rebus necessariis, diligentis et fortassis non imperiti doctoris muneri satis esse abundeque facturum. Quod si consequor, probatum iri Cels. tuae confido, meque centesimam saltem beneficiorum Cels. tuae par=

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ticulam remunerando attigisse laetabor. In ordine obseruando diligentia et assiduitate opus est. Sunt enim omnia obseruato ordine cum faciliora, tum etiam diuturniora. Quapropter meam de ordine sententiam exponam, totam autem eius rei disponendae potestatem Cels. tuae iudicio sapienti permittam.

Diebus Lunae, a sexta ad septimam, proponantur latinae linguae fundamenta, in quibus est dicendi scribendique perfectio.

Iisdem diebus, a septima ad octauam uespertinam, eadem repentantur.

Eadem fiant diebus Martis.

Diebus Mercurii et Jouis rerum et locorum philosophicorum tractatio suscipiatur. Quae est in lectione officiorum prope singularis. Illa autem minus annotationum est, plus autem lectionis in posterum habitura. Nam 1, ad Grammaticae praecepta 2, ad resolutiones locutionum 3, ad obseruationem salutarium praeceptorum omnia breuissime referentur.

Eadem iisdem diebus a septima ad octauam uespertinam repetantur.

Diebus Veneris, a septima ad octauam antemeridianam, stylus, qui uel solus est dicendi artifex, uertendo emendandoque exerceatur, Quintilianus. Emendatio pars studiorum utilissima.

A septima ad octauam uespertinam emendata describuntur.

Diebus Saturni, a septima ad octauam, sequentis diei festi Euangelium in methodum certam includatur. Quae res quantam sit utilitatem allatura, res ipsa facile declarabit.

Diebus Solis methodus Euangelii relegatur.

Atque hunc quidem ordinem, illustrissime princeps, probatum Cels. tuae iri confido. Sin sentit Cels tua aliter, a Cels. tuae iudicio non nimium discrepabo. Quamobrem ut certum ipse scire et constanter sineque immutatione utrinque obseruari possit, cupio me fieri a Cels. tua de mente sententiaque sua certiorem. Nihil est enim quod malim, quam ut Cels. tuae non solum paruisse perpetuo, sed eidem plurimum uidear

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profuisse. Quod quidem, si hoc usu confirmabitur, fore confido. Vale. Dat. Vredenhagae, XVII. Junii, Anno M.D.LVIII.

          Cels. tuae

famulus

Andreas Mylius M.       

Auf der Rückseite steht:

Ordo studiorum.

Ordo rebus lumen affert.
Quicquid peccatur, peccatur neglectione rationis et ordinis.

1558. 18. Junii Vredenhagae.

Nach dem Concepte.


Nr. 12.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Wismar. 1558. Oct. 9.


S. Epistola tua hodie cum adiuncto pulcherrimo de Deo loco ad manus peruenit meas, per enim mihi gratum fecisti, quod in componendo atque describendo tantum laboris suscepisti, ea enim argumenta omnia neque a philosopho, neque a theologo ante vnquam audiui, mihi profecto illa thesauris loco erunt. Dux Christophorus animum suum fraternum a me abalienauit, sed sine causa tamen. Ab hinc heri vesperi discessit et neminem nostrorum salutauit. Statuit se cum matre omnia esse locuturum et cum aliis principibus, quaerit etiam commicia et moram non necessariam, ne iter in Liuoniam faceret. Legatos Archiepiscopi ad se Schonenbergum est vocatus, et illi vsque in hunc diem nullum acceperunt responsum; quo spectant res, vides optime. Sed haec hactenus et coram fusius etc. .

Domina et coniux Vdalrici heri ad matrem quoque Meckelburgum est profecta.

Restitutionem Schonenbergi reiecit ad commicia, quae habere vult propter dilationem et alias ob causas etc. . Dixit Christophorus cum suis, ei nunc opus non esse curatoribus, suas res ipse prouidere et seipsum defendere facile posse. Frater Vdalricus de nihilo scit etc. .

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Quanta in istis inaudita est perfidia, nemo bonus credere potest. Ora mecum omnipotentem Devm, vt propter suum filium nostrum Dominum Jesum Christum istam perfidiam primo quoque tempore puniat.

Fac vt apud me diutius perendie hic sis, qui est vndecimus huius mensis, aut bene mane aut vesperi. Vale. Datae Wismariae, 9. Octobris, Ao. 1558.

Dei gratia J. A. H. z. M.     
Manu mea.             

Exemplum mearum litterarum ad Andream Mylium.

Wismariae 9. Octobris Ao. 1558.

Nach dem Concepte.


Nr. 13.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Schwerin. 1560. Jan. 3.


S. Vidi agrum Zetinensem, illustrissime Princeps, domine clementissime, et magnitudine pastionis et commoditate loci ad instituendam rem pecuariam amplam et fructuosam prope singularem. Quam huius etiam partis felicitatem Cels. tuae ex animo gratulor. Non enim uidi in hac terra locum rei pecuariae magis idoneum. Joachimus Plessen pecuniam se negat habere: quod siue ita est, siue consuetudinem suam in negando seruat, ego Magistrum Vuitebergensem cum aliqua eius molestia tenere cogor. Rogo autem Cels. tuam, ut mihi 20 Renanos mittat, quos illi nomine Cels. tuae reddam. Sed oro toto pectore Cels. tuam, quam secundum Deum et amaui semper et amabo dum uiuam, ut mihi ad literas meas clementer respondeat. Hanc Cels. tuae benignitatem non dubito multis commodis a Deo recompensatum. Vale. Dat. Suerini, III. nonas Januarias, anno M.D.LX, cuius, ut initia, progressus et finis reipublicae Celsitudinis tuae felicissimus et ipsi Celsitudini tuae faustissimus sit, Devm ex animo precor.

               Cels. tuae

famulus

Andreas Mylius M.        

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Illustrissimo Principi ac domino, D. Joanni Alberto, Duci Megapolensium etc, domino suo clementissimo.

Admanus Cels.        
eius proprias.            

(L. S.)

Nach dem Originale. - Der "ager Zetinensis" ist das Gut Settin, wo der Herzog ein Gestüt anlegte. - Der "Magister Witerbergensis" ist Johannes Caselius.


Nr. 14.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Güstrow. 1560. Jan. 7.


Ad petitionem tuam quod attinet, quanquam statueram tibi aliquid certi scribere, tamen ea est eiusmodi, vt hoc tempore et statu rerum mearum non possim ad eam neque ad rem respondere. Ergo tibi mecum alia est expectanda occasio. Fide mecum intera Deo et curam, si quam habes, inanem abiice. Ipso enim Deo dicente est seruare profecto fideliter promissa et constanter. Ab ipso optimo maximo nunquam deserti sumus, neque deserit nos vnquam, quia curam de nobis suscepit. Quamobrem hortor te, vt si non omnem, at aliquam moeroris et perturbationis partem deponas. Videbimur enim Deo autore ad breue tempus cura metuque releuati. Aetas tua et valitudo istam solicitudinem nunc non postulat. Scis ipse, quid pro mea tenuitate semper feci, et id quidem libenter et non grauate feci. Scis quoque, quomodo se meae res habent, et si cum certis hominibus non transactum esset, quorum fidem et diligentiam, negligentiam potius et ruditatem magna mercede didici, in posterum non fient. Et ex animo vellem, vt tecum et mecum gestum fuisset illo quo scribis modo. Te memorem esse bene pro acceptis beneficiis laetor. Vtinam omnes essent etc. . Vale. Datae Gustrouii, 7. Januarii a nato Jesv Christo redemptoris nostri anno 1560.

J. A. H. z. M.             
Manu mea.               

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Doctissimo et humanissimo viro Andreae Mylio, consiliario meo fideli.

Ad manus eius proprias.        

Exemplum literarum mearum ad Mylium.
Gustrouii 7. Jan. Ao./60

Nach dem eilfertigen, viel corrigirten Concepte.


Nr. 15.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Schwerin. 1560. Jan. 8.


S. Illustrissime princeps, domine clementissime. Mirabile est quod scribam, sed quoniam ita accidit mihi, scribam tamen. Cels. tuae literae incredibili me laetitia et maerore simul affecerunt. Cum enim elegantiam styli et ipsam orationis formam contemplor, non possum non laetari, et Cels. tuae eam felicitatem ex animo gratulari. Quam quidem caeteri quanti faciant, ipsi uiderint, ego maximi honoris ornamentum in principe uiro existimaui semper, et sapienter cogitare et eleganter posse sensa animi siue dicendo siue scribendo exprimere. Quod quoniam Cels. tua est consequuta, et ipsi Deo unico et primo autori, et si patitur Cels. tua, certis quibusdam nonnihil gratiae deberi iudico. Exposui laetitiae meae causam. Venio nunc ad maerorem. Nihil mihi potuit a Cels. tua, nihil in uita unquam responsum fuit, quod minus expectationi meae conueniret. Ideoque literae Cels. tuae prope me exanimarunt, cum neque ad rem certi quicquam, neque spem ullius certitudinis afferrent. Ego si ii mihi parti thesauri essent, quos fortasse Cels. tua sibi persuadet, non solum a Cels. tua nihil peterem unquam, sed id pro magnitudine sumptuum iniquum aut impium potius existimarem. Nunc autem ea mea est ratio, et quoniam aperte scribendum est, ea aegestas mea, ut maxima auri pars, quod ego senectuti meae comparseram, sit erogata. Et fiunt impensae cotidianae. Quomodo igitur posteritati consulo, qui in diem uiuere cogor, et a cotidiano maerore non absum et in metu sum, ne opinione citius omni et argento et auro destituor, quod

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quidem propediem fiet, si hoc modo a Cels. tua deseror praeter expectationem meam. Ego Cels. tuae causa utinam uitam possem profundere et iactura sanguinis fortunam Cels. tuae redimere, animus nulla dubitatione permoueretur. Jam igitur per Deum oro Cels. tuam, ut responsi sui aequitatem paulo propius clementer intueatur. Me inopem et parcius, quam necesse sit, de aegestate mea scribentem, opem, consilium a Cels. tua implorantem ad occasiones incertas incerti temporis Cels. tua reiicit: nullo consilio, nulla spe sustentat. Vnde interea necessaria, unde locum meum tuebor, si uel nulla cogitatione posteritatis affligerer? Sed quoniam aliud speraui semper, aliud sperare a Cels. tua iussus sum, aliud humanitatem Cels. tuae decet, aliud Devs iubeat, aliud mihi fortassis a Cels. tua debeatur (pace Cels. tuae dixerim), putaui Cels. tuam his etiam literis submisissime esse admonendam. Si me saluum, si mei similem, si aptum ad res, si in posterum alacrem esse uult Cels. tua, si nolit me esse miserum, inopem, solicitum, corpore praesentem, animo alibi peregrinantem, oro, rogo, obtestor Cels. tuam, ut ad superiores meas literas paulo clementius respondeat. Aliter enim tanto non sum animo, ut prae maerore et solicitudine oculos possim Cels. tuae intueri et citius opinione me ab angoribus, quibus maceror, non parum fractum et immutatum esse Cels. tua experietur. Non uillas, non agros, non possessiones, non thesauros annuos postulo: tanti enim non sunt seruitia mea, quamuis tanti sint Cels. tuae emolumenta: illud unicum peto, ut hoc tempore tantum ex fonte benignitatis hauriam, ut huius temporis necessitati succurratur et aliqua particula uideatur posteritati posse relinqui. Tanti sunt igitur mille thaleri, ut omnis Cels. tuae fortuna ex iis pendere uideatur, quibus ego semel semperque perpetuo contentus, ad nutum, imperia Cels. tuae, dum haec anima hoc continetur corpore, paratus uiuerem. Sed maerore non solum animus meus praecluditur, sed ne manus quidem suum facit officium. Si Musae et humanitas rogando pro me apud Cels. tuam suum locum non tenent, est Devs, qui me Cels. tuae suis etiam precibus commendat, et id sibi accidisse olim fatebitur. Propter illum rogo, oro et obtestor Cels. tuam, ut animum suum frangi et mihi accommodari patiatur. Quod si fit, ut profecto fiet, etiam noctes assumam, ut con=

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tinuo istic sim. Iam enim nec animo neque corpore satis firmo utor, sic me literae Cels. tuae debilitarunt. Vale, illustrissime princeps, et ut ego ualere possim, clementer responde. Dat. Suerini, 8. Januarii Ao. 1560.

               Cels. tuae

famulus

And. Mylius M.        

Illustrissimo Principi ac domino, Domino Joanni Alberto, Duci Megapolensi etc, domino suo clementissimo.

Ad manus Cels. eius proprias.     
(L. S.)                             

Nach dem Originale.


Nr. 16.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Schwerin. 1560. Jan. 8.


S. Doctoris Drachstedii uiduae nuper Suerini responsum est de sententia Cels. tuae et domini Theodori, quod cum neque satis de ratione expensae pecuniae constet, neque ii petant, in quorum autoritate uiduae negocia constare uiderentur, Cels. tua eam rem integram ad dies uersurae reiecisset. Etsi autem qui eius rei causa a uidua euocati ad Cels. tuam Gustrouium proficiscuntur, non dubia in spe sunt, fore ut, quod aequitatis est, per se suaque sponte Cels. tua faciat: tamen a me literas meas testeis dati responsi postularunt. Quas ego neque negare debui, neque is esse uolui unquam, qui a communi humanitatis sensu, cum scilicet idem mihi quoque et meis accidere possit, longe abesset. Cels. tua sine admonitione mea faciet, ut existimatio Cels. tuae nullam in partem uideatur esse imminuta. Vale, illustrissime princeps. Dat. Suerini, 8. Januarii, Anno 1560.

                Cels. tuae.

famulus

Andreas Mylius M.        

Illustrissimo Principi, ac domino, D. Joanni Alberto, Duci Megapolensi etc. ., domino suo clementissimo.             (L. S.)

Nach dem Originale.


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Nr. 17.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. 1560.


J. A. D. G. D. M.

Humanissime vir.

S. Literas tuas et longas et profecto sapienter scriptas hic in ista meorum negociorum multitudine semel atque iterum perlegi. Enumeratio tua de encomio haeroum atque fortium virorum et prudentiorum, in qua quoque meam honoriolam, quam scio esse minimam, attingis, mihi fuit periucunda. Pro me autem oro atque inuoco filium Dei, vt mihi ad sui nominis gloriam ad conseruandas in hac prouincia ecclesias et scholas, ad propagandam iustitiam et disciplinam bonam vires atque sapientiam in dies magis magisque suppeditet. Secundum illud viuitur ingenio, caetera mortis erunt: sunt enim solius eius opera et dona diuina, quique saluos nos effecit et suos bono tamen mirifico modo sustentat contra furores diaboli, tyrannorum haereticorum et omnium acerbissimorum hostium eos incolumes tandem conseruat.

A nato Jesv Christo redemptoris nostri anno 1560.

Nach dem Concepte.


Nr. 18.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Güstrow. 1560. Jan. 13.


S. Hac in hora a Tilemanno tuae litterae mihi sunt redditae. Etsi statueram ante triduum ad superiores litteras tibi respondere, vt te a molestia abducerem, tamen ita multitudine negociorum fui occupatus, vt non potuissem id quod volui perficere, tam multum enim dum adfui hic legi et manu scripsi mea et die et noctu interdum, vt etiam ab oculis doleam. Non enim studio neque iracundo animo tam diu silentio meo vsus sum. Tu enim proximas literas meas non recte accepisti:

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adiuuandi tui spem non ademi omnem, sed reieci te in tempus aliud magis idoneum. Mirum mihi profecto accidit, te tam esse animo abiecto et sollicito, qui alios soles consolari. Quare dubitas de mea erga te voluntate? Quid contra te feci? Quando te repudiaui? Quod nunc in mea incommoditate magna vel calamitate potius tibi negaui aliquid, peccatum puto non esse ita magnum. Tu quoque a me nominatim nihil petiuisti. Quomodo mecum agitur, tibi optime constat et plura his audies; quomodo isti pacta atque promissa seruant, ipse scis et multis nunc cognitum est: bona et commoda prope omnia ad se rapiunt, praesentem atque certam pecuniam contra fidem et iusiurandum auferunt, interim sinunt me quotidie sumptus facere magnos quidem et tamen necessarios, et in dies creditores a me nomina exigunt, quinquennium nunc est finitum, possessiones meas alii habent, interdum mihi dictum Maximiliani regis, quod a Virgerio audiui, in mentem venit: "Ego habeo titulum, alter vitulum", et quod inter nos liceat dicere, me totum student opprimere. Sed Deus iustissimus est iudex non in caelo solum, verum etiam in tota terra; ille enim funditus istos propediem, vt spero, delebit. Quamobrem ignosce mihi id, quod ex necessitate proficiscitur. Fer mecum nunc aduersam fortunam patienter, tenebimus aliquando Dei beneficio secundam quoque fortunam pulcherrime. Nullo enim modo sum erga te animo abalienato; te posse plurimum facile intelligo. Deus viuit, nos quoque eius beneficiis vitam agimus, reconsolabitur nos ille vicissim. Quod differtur, non aufertur. Aduentum tuum ad diem Lunae sine exceptione expecto. Euangelia et tituli desiderantur. Vale et bono es animo. Datae Gustrouii 13. Januarii Ao. 1560.

Manu mea.          

Andreas Aurifaber medicus
nuper mortem cum vita
commutauit et subito et
misere.

Exemplum literarum ad Mylium.     
13. Januarii Gust. Ao. 60.           

Nach dem viel corrigirten Concepte.


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Nr. 19.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Schwerin. 1560. März 28.


S. Illustrissime Princeps, domine clementissime. Superioribus literis meis adiunxi Genesin; uxori Lucani heri abeunti alias ad Cels. tuam adiunxi literas meque aureum librum Lutheri in 53 caput Jesaiae in latinum sermonem conuertisse et, si uideretur, Cels. tuae eum mittere velle ascripsi. Sed non solum nihil a Cels. tua accepi literarum, sed ne scire quidem potui, ubi Cels. tua certo posset conueniri. Affinis meus nondum uenit: cui quid euenerit et an apud Cels. tuam fidem inuenerit, nondum cognoui. Ego igitur animi pendeo. Praefectus Suerinensis reuersus mihi nihil nunciat. Quamobrem etiam atque etiam rogo, ut quid tandem factu opus, an ueniendum, quo ueniendum sit, intelligam. Quo cognito, citissime ad Cels. tuam aduolabo. Vale. Dat. Suerini, XXVIII. Martii Anno LX.

                Cels. tuae

famulus

Andreas Mylius M.          

Illustrissimo Principi ac domino, D. Joanni Alberto, Duci Megapolensi etc. ., domino suo clementissimo.

Ad manus Cels. eius proprias.     
(L. S.)                      

Nach dem Originale.


Nr. 20.

Andreas Mylius quittirt den Herzog Johann Albrecht auf die abschlägliche Zahlung von 400 Goldgulden von der ihm für die Studienleitung des Herzogs von demselben verheissenen Summe von 1000 Goldgulden.

D. d. Schwerin. 1560. Nov. 1.


Ego Andreas Mylius huius syngraphae meae testimonio fateor, posteaquam Deo optimo maximo uisum et eiusdem singulari consilio factum est, ut illu=

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strissimus princeps ac dominus D. Joannes Albertus, Dux Megapolensis etc. ., dominus meus clementissimus, rectissimis studiis atque optimis et principe uiro dignissimis artibus deditus mea opera in studiorum curriculo sibi utendum esse iudicaret, me, postulante illustrissimo principe, et de ratione studiorum et mercede mea plane cum illustrissimo principe transegisse. Ac lectionum quidem ordinem et numerum complexus tabula sum, in cuius et obseruatione et fideli atque integra expositione me ab officio boni et fidelis interpretis nusquam recessurum esse promitto. Mercedis autem loco, etsi pro illustrissimi principis infinitis in me beneficiis de referenda gratia potius, quam de noua mercede postulanda cogitare debebam, tamen sui similis optimus princeps perfecto a me docendi munere et penitus a se latina lingua cognita mille aureos, quos florenos appellant, se mihi numeraturum esse promisit. Sed rebus meis ita postulantibus, ut quaesito mihi opus esset, quadringentos aureos me ab illustrissimo principe accepisse et sexcentos mihi perfecto opere apud illustrissimum principem reliquos esse fateor. Quae res ne quam unquam dubitationem haberet, syngrapham hanc meam manu scriptam mea signo meo sciens uolensque obsignaui. Actum Suerini, Cal. Nouembribus, Anno M.D.LX.

(L. S.)

Nach dem Originale.


Nr. 21.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Güstrow. 1560. Dec. 13.


Etsi a te epistolam expectabam longiorem et alia scripta, tamen ad tuam istam perbreuem in magna mea occupatione putaui breuiter rescribendum. Quod de expediendo fratre tuo et Carstedto mones, id scito ante quam Plessius ad me veniat, fieri non posse. Nimis magnum postulant, et sumptus domestici fiunt cotidie maiores. Tua tamen tuorumque causa faciam omnino aliquid. Heri literas accepi, quanquam

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non plane ex sententia mea, a rege Franciae, a rege Nauarrae et a rege Poloniae, a Radiuilo, a cardinale Lotharingiae, a duce Prussiae, quas omnes in nostrum congressum reseruabo. Ipse autem interea quid faciendum sit, deliberabo. Perge tantum in tuo labore et mitte mihi dialogum et consolationes de morte. Vale et Matthiam saluta, cuius epistolam ad me scriptam nondum vidi. Datae festinanter Gustrouii, Idibus Decembris, Anno LX.

Manu mea.          

Doctissimo atque humanissimo viro Andreae Mylio, consiliario meo charo,

ad manus eius proprias.

Cito.               

(L. S.)

Nach dem als Original abgesandten, viel corrigirten Concepte.


Nr. 22.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Gorlosen. 1561. Aug. 3.


J. A. D. G. D. M.

Epistolam tuam, humanissime vir, squaloris et tristitiae plenam, qua te paruo filiolo tuo orbatum esse scribis, cum dolore legi. Omnes mei, qui istinc veniunt, te nimium ex illo sensu paterno cruciari nunciant; quod quidem fero permoleste, mirum enim accidit mihi, quod te, qui alios soles consolari, nunc egere consolatione audiam. Scis ipse, frustra nos maerore confici, cum uideas, nihil posse profici. Quid quaeso nostris quotidianis querelis efficitur? Quid si hoc et ipsi Deo molestum sit et ab hominis constantia abhorreat? Quid facis igitur? Cur teipsum tantopere maceras? Cur Deum communem parentem autoremque rerum (cuius nos indigni sumus famuli) offendis? Quo iure hoc facis? Quis ipsum accusare, quis ipsius consilium mutare possit? Non tyrannico, sed etsi miro, paterno tamen modo nobiscum agit Deus ducitque nos. Deus multis partibus melius scit, quam ipsi nos, quid expediat nobis rebusque sit vtile nostris; ille fidelis est (vt s. Paulus

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hodierna epistola loquitur), qui non committit, vt supra vires affligamur, sed efficit, vt calamitas habeat exitum, quem ferre possimus. Non tibi iam legem hominum communem conditionemque, ad quam nati sumus, ad animum reuocabo, sed tamen ita omnes nati sumus, vt iussu summi Imperatoris e vita tanquam e statione nobis sit decedendum. Frustra igitur dolendo legi communi resistitur: omnibus est moriendum. Quin etiam vult ipse Deus suos eiusmodi exerciciis erudire, et relictis rebus omnibus, quantumuis charis, eius voluntatem rebus mundanis anteponamus. Hoc qui faciant, scis Deo esse charissimos. Haec considera. Qui bonam fortunam moderate tulit, is luctum etiam et incommodum constanter ferre debet. Mors est contemnenda, mors piis non est mors, sed ianua et ingressus in vitam, praesertim pueris, qui in nomine Jesu baptisati sunt, in quorum uita minus est peccatorum. His mors ipsa saltem commutatio loci est, neque in morte mali est quicquam. Haec si ethnici tam constanter in suorum morte et aequissimo animo sibi proposuerunt, sine ulla spe et promissione diuina, quid nobis Christianis faciendum censes, quorum neque corpus interit, neque anima. Iam agnosce ingentem Dei amorem erga genus humanum. Nemo profecto scire potest, quantus ille fuerit, cum suum vnicum filium pro nobis morti obiiceret, nisi qui ipse quoque aliquem de suis charissimis filiis amiserit. Cum igitur te angit filii mors, recordare, quam charus Deo fueris, qui suo filio vnico non pepercit. Quapropter hortor te, vt te colligas, animum erigas, dignitatem tuam retineas, maerorem deponas et magno animo istam aegritudinem contemnas: promissorum quidem certe nondum est finis. Scis me quoque hoc eodem anno ante pauculos menses similem plagam accepisse, cum primogenito meo filio charissimo in Prussia orbarer, atque ille quidem iam nonnihil aetate progressus erat: quid mihi de eo misera ratio humana dictare poterat, quantam spem conceperam! Sed quid in tanto dolore facerem? Cum Deo altercari non licebat: fuit igitur ipsius voluntati obtemperandum; sic in ipsius sanctissima voluntate conquieui et cum Iobo dixi: Dominos dedit, Dominus abstulit, sit nomen Domini benedictum. Qui mihi illum dederat, eidem reddidi, apud quem is optime nunc in caelesti et aeterna nostra schola instituitur. A Deo

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spiritu sancto consolationem petiui: idem tibi quoque in eadem causa censeo esse faciendum: cui etiam eidem mecum age gratias pro caeteris donis, quibus nos benignissime et cumulate ornauit, precemurque Deum optimum maximum propter filium Jesum Christum, vt nos nostrosque omnes in posterum incolumes florentesque ad sui nominis gloriam paterne conseruet. In summa: nobis est durandum (wir mussen aushalten) et auxilium Dei expectandum. Qui nos afflixit, idem ille vicissim nos aliquando recreabit. Nostri haeredes sunt in coelo, quos quidem Deo iubente nos ipsi in aeternam patriam sequamur. Vale et virum te fortem praebe. Datae festinanter Gorlosii, III. non. Augusti, Anno MDLXI.

J. A. H. z. M.          
Manu mea sst.          

Ad alternam tuam epistolam quod
attinet, triduo tecum ipse coram et
de rebus aliis loquar.

Doctissimo et humanissimo viro Andreæ Mylio consiliario meo charo.

Ad manus proprias.     
Cito.               

(L. S.)

Nach dem als Original abgesandten, häufig corrigirten Concepte.


Nr. 23.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Münden. 1562. Nov. 20.


S. illustrissime princeps, domine clementissime. Quarto a discessu meo die Mundam ueni. D. Ericum non inueni; is enim cum unam noctem in festo Martini apud coniugem fuisset, repente in Belgicum reuersus esse dicitur. Hac hora expecto cancellarium Joannem Riccium, ex quo certi aliquid cognoscam. Rogo Cels. tuam, vt supellectilem meam istic relictam Petro famulo argentario curandam mandet. Cum Ericus non sit domi, cogitandum est Cels. tuae, existimetne, con=

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iugem et sororem Neostadium ad Rubergum esse arcessendas. Vtinam Cels. tuam, rebus omnibus ex sententia expeditis, citissime uideam. Si quid causa uectigalium habitura est difficultatis, apud Caesarem et Regem instare non desinat. Cels. tua Virtebergensi non est inferior. Ego me Cels. tuae diligentissime commendo. Vale. Datum Mundae, XX. Nouemb., Anno M.D.LXII.

            Cels. tuae

famulus

Andreas Mylius M.     

Cancellarius abesse Ducem Ericum, sed cito rediturum esse affirmat. Is causam suam, de qua scribit, per se commendari uult. Commendo quantum possum et debeo causam ignotam.

Dem durchleuchtigen hochgebornen Fursten vnd herren hern Johan Albrechten, hertzogen zu Meckelnburgk, Fursten zu Wenden, Grauen zu Swerien, Rostogk vnd Stargart der lande hern, meinem gnedigen Fursten vnd herren.

Z. s. f. g.            
eigen handen.        

(L. S.)

Nach dem Originale. - Der Herzog war damals in Frankfurt a. M.


Nr. 24.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Güstrow. 1563. Jan. 25.


J. A. D. G. D. M.

Literas tuas et eleganter omnino et sapienter scriptas a tuo puero accepi, ex quibus genus ipsum aequissimae postulationis tuae et condiciones intellexi. Ego uero te absente neque agere de hac re, neque statuere possum quicquam, neque meae res neque tempus plura me ad te scribere patiuntur. Tua igitur opus est praesentia teque ipsum hodie expecto; futura quid factu opus sit, quid fieri, studiose deliberabo. Multa tibi scriberem, sed neque uacat, neque diu hic commorabor. Propterea gratissimum mihi feceris, si tantum quantum poteris, properaueris. Perendie Theo=

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doricum uidebo. Vis pestilentiae neque hic, neque aliis in locis tanta est, quantus rumor fuit. Vale et propera. Datae festinanter Gustrouii, in die conuersionis Pauli, Anno MDLXIII.

J. A. H. z. M.            
Manu mea.             

Prae festinatione exemplum neque
describere, neque relegere potui.

Doctissimo et humanissimo viro Andreae Mylio, consiliario meo charissimo

descripsi.

Ad manus eius           
proprias.              
Cito

(L. S.)

Nach dem als Original abgefertigten, viel corrigirten Concepte.


Nr. 25.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Schwerin. 1563. März 16.


In magno dolore sum vel potius maerore, humanissime vir, propter obitum illustrissimi meique charissimi principis Wilhelmi marchionis Brandenburgensis et archiepiscopi Rigensis sancte pieque memoriae. Dici enim non potest, quam molestissime ipsius mortem fero, ita etiam vt ipse quoque amplius viuere non cupio; amisi enim charissimum meum, excepto vno duce Prussiae, amicum, quem in toto mundo habui. Nam quod ipsum optimum principem tam amaui charumque habui, hoc a me temere factum non est, nam bene vel optime potius et de me et de tota nostra familia est, vt scis, meritus. Quis enim non videt, qui et recte vult et potest videre et iudicare, quod ille bonus princeps et . . meo et alienissimo reipublicae tempore occubuit. Quis me miscrior, qui tales et tam multos, tam veros tamque fidos amicos in paucorum spacio annorum et in hoc presenti anno et vno fere die d. archiepiscopum et

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praecipuos meos consiliarios Theodoricum et Lucanum amiserim. Ad magnum hoc malum accedit quoque non minimum (quoniam nulla calamitas sola esse potest) inobedientia (vt leuissime dicam) ducis Christophori. Quomodo enim se viuente archiepiscopo gesserit, ex litteris adiunctis cognosces, quod ipsius factum mihi male habet et maximopere displicet. Sed quid in hac re agam, plane incertum est, praesertim in illo squalore et festinatione. Dedit mihi illustrissimus Prussiae dux consilium, quod ego quidem sequar (vt soleo), sed dubium est, an ille alter, ad quem ablegaturi sumus, sequetur, nam sepenumero est id et coram tentatum. Faciemus autem et nostra et quae possumus honeste, et euentum Deo optimo maximo commendabimus. Optandum esset propter certas causas, vt ipse essem apud regem Poloniae, sed mallem libentius, si per legatos id potuisset perfici, quod per me, nimio enim peregrinando prope sum defatigatus. Tu vtere in omnibus rebus primo loco illustrissimi ducis et sapientissimi Prussiae consilio, quid mihi factu opus erit, et postea iudicio Cancellario, viro docto et experito, cui Polonica nota est respublica, qui me etiam, vt spero, diligit. De illorum voluntate et sententia fac me primo quoque tempore certiorem.

Negocii Martini de Hoffe ne obliuiscaris velim, ille enim quotidie hic non sine suo et meo quoque incommodo responsum expectat.

Omnes tui Dei beneficio valent. Filius tuus ante aliquot dies aegrotus fuit, sed nunc melius cum eo est factum. Tu quoque cura vt valeas.

Datae Suerini raptim et in luctu, XVII cal. April., anno MDLXIII.

J. A. H. z. M.              
Manu propria sst.          

Exemplum mearum literarum ad Mylium, Swerini, XVI Martii, Ao. 63.

Nach dem Concepte. - Andreas Mylius war damals in Preußen.


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Nr. 26.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Warschau. 1564. März 10.


Jo. Alb. D. g. D. M.

S. Redditae sunt mihi tuae literae a Casparo Wulffstorffio. Etsi ille iter fecit Regiomontum, tamen me hic inuenit et in die paschatis, vt spero, esset inuenturus. Etsi a scribendo plane nescio quomodo abhorreo, qui idem cogitationibus et occupationibus valde sum occupatus, tamen me ipsum et vici et tantum temporis sumpsi iramque aliquantulum sedaui. Non libenter contra praeceptum vtor, ita viuam, exordio ab indignatione, sed libentius vsus essem a captatione beneuolentiae, si res pateretur, neque te libenter, sed potius amentiam meam accuso, quod omnes vos, mei consiliarii, hoc potissimum tempore dimiserim, quod tamen non factum est tam mea, quam vestrorum et culpa et voluntate. Ego vero nunc plane nudus sum a consiliariis, neminem fere habeo, quocum possum tute loqui et deliberare de rebus grauibus, quae nunc post vestrum discessum tractantur et initium coeperunt. Scis enim optime, quos mei honoris causa et magnis meis sumptibus et donis mecum adduxi Christophorum Wirspirgium, Wernerum Han, Joannem Krusium; neque doctor Hofmannus nunc est apud me, quia filius illi mortuus est, propterea accepto nunctio in magna festinatione perturbatus ante tribus septimanis vehementer hinc discessit. Ad hoc malum accedit illud quoque, quod doctor Jonas periculose aegrotat, ita etiam, vt decumbat; laborat enim ex calculo, quem morbum antea non habuit. Quae vos mala ratio in istum errorem induxit, vt domum omnes simul abeatis et principem vestrum solum in istis locis alienis relinquatis? Juraui et iuro iterum atque iterum, quod illum dominatum meis bona gratia nunquam sum concessurus, quia neque aequum, neque iustum est, neque est seruorum, imperare dominis et deserere illos. Nonne hoc maximopere est dolendum, non dicam ignominiose, quod ex meis neminem et ne vnum quidem, qui tot alo atque sustento,

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consiliarium apud me habeo, praesertim nunc, cum agam coram rege et statibus huius regni amplissimi. Hoc pro certo habeto, quod non parum me tua praepropera festinatione offendisti, et dum apud me fuisti, magis contra me non fecisti; ad hoc tempus iam diu te reseruaui, nunc autem praesentia tua mihi frui non licet. In Deum et in me et in te ipsum peccauisti, et vehementer quidem certe. Pete prius a Deo veniam, postea tibi quoque respondebo. Devs videt et animaduertit omnia, coram illo clam neque occulto fieri potest quicquam; ille amat constantiam et remunerat sua benedictione obedientes; qui vero scienter contra ipsius mandata vel agunt vel ea negligunt, punire solet et consueuit. Possem tecum exempla, si opus esset, multa enumerare. Caue, si me amas et a me vis amari, ne tale aliquid in posterum committas; res fuit profecto mali exempli et ad imitandum pessimum, et quae facile et non immerito, praesertim eorum, qui sunt in magistratu, etiam hominis clementissimi stomachum mouere solent. Sed satis de illo; redeo nunc ad epistolam tuam. Quod scribis de secreta tractatione cum duce Prussiae et de negocio illo toto etc. ., nihil est. Post festum enim venimus. Ante annum in comiciis Petrocouiensibus illi omnes excepto vno inuestituram impetrauerunt; a certis hominibus, qui ibidem adfuerunt, illa exploraui. Et puto, illud fuisse, quod Dux Prussiae audiente te dixit, me esse aliquantum negligentem etc. . Nunc cum tam multi eorum sunt, non valde curo et spem longam reseco. Deus potest et vult nihilominus mihi opem ferre etc. .

Ad tuam causam quod attinet, nescio quid plane scribam. Non solum dantis est, vt rationem habeat diligentem, cur det alicui aliquid, sed est etiam accipientis, cur accipiat aliquid ab aliquo. Ego enim propterea tibi nuper mille thaleros, quorum tu mentionem facis, dedi et quidem alieno meo, sed tamen primo quoque tempore, vt mihi vsui esse posses et consilio et diligentia ad ea potissimum negocia, quae hic et in Prussia tractantur. Non solum decet sapientem et gratum hominem, praesentia spectare et futura prospicere, verum etiam acta et praeterita recordari. Iracundia facit, vt non aliter scribam ac sentio; laudant enim Peripatetici iracundiam et vtiliter datam esse a natura dicunt, praesertim si causa sit firma etc. .

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De rebus grauibus locutus sum cum rege solus et cum Ratziuilo, qui quater ante discessum hinc suum apud me fuit. Etsi hodie sunt IX septimanae integrae, cum huc venissem, tamen nondum mea causa est incepta. Omnes ordines Liuoniae et etiam Rigenses ante XIIII. dies huc venerunt. Omnes miramur et detestamur perditissimam regis procrastinationem. Episcopi non fauent mihi et omnino dissuaserunt, ne mecum ageret rex pro filiolo meo, et multas artes vult persuasu Ratziuili et Curlandiae rex ab archiepiscopatu abalienare; nisi ipse coram tam diu fuissem et solicitassem, omnino nihil impetrassem, quod nunc etiam non est sine dubitatione, quanquam mihi spem optimam faciunt; Liuoniae Status, quos aliquoties sum allocutus, bene mihi volunt etc. .

Multa haberem tibi et mirabilia, vt ille ait, quem nosti, quae ad aures meas peruenerunt, scribere, sed tutum non est neque consultum. Discessit Radiuilus et ex vnione Lithuanica parum vel potius nihil factum est. Etiam de executione, vt vocant, nihil erit et vana et plane vana miseraque sunt omnia.

Curlandiae Dux nunc est Regiomonti. Rex magis est inclinatus in alteram, quam in hanc partem.

Plura non licet, sum enim perturbatus et nondum placatus. Vale tamen, et velim, vt mandata mea cures diligenter, et verte cum primum librum sapientiae Salomonis ad tyrannos.

Datae Warsouiae, VI. Idus Martii Ao. M.D.LXIIII.

Manu mea          
sst.               

Meis verbis saluta Matthiam
meum Dabercusium; ille enim
certo tempore cum suis accipiet
stipendium a Plessio. Ab illo Mathia
patere reprehensionem et non imme-
rito, vel potius castigationem.

Nach dem Concepte von der Hand des Herzogs Johann Albrecht.
Auf der Rückseite steht von der Hand desselben:

Exemplum mearum literarum ad Andream Mylium, Warsouiae Anno 1564.


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Nr. 27.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. [1564.]


S. Illustrissime princeps, domine clementissime. Quod hoc luctuoso meo planeque misero absentiae meae tempore ueritus sum, fore ut aut indignatione Cels. tuae, aut maleuolorum calumniis aliqua mihi macula uel dignitatis, uel imminutio existimationis subeunda esset, hoc mihi nunc quidem certe intelligo accidisse. Posteaquam enim iam sedecim annos mandato Cels. tuae, a latere Cels. tuae ne quidem iter faciens, uspiam discessi: quin potius animum et aureis Cels. tuae quam potui suauissimis et a doctrina non alienis praeceptis in ipso curru refersi, fecique ut ipsum etiam iter a dignitate humanitatis non discreparet, ab hac quasi statione mea et praesidio, in quo sum a Cels. tua collocatus, iam depulsum, deiectum et cum risu partim et laetitia horum hominum, partim optimorum uirorum dolore, non leui macula me conspersum esse animaduerto. Nullius felicitati, uirtuti et dignitati inuideo, neque enim diffido meae, sed alterius dignitatem cum mea ignominia constitutam ferre non possum. Si tot annos fidem et amorem meum erga se singularem Cels. amauit tua, si dignitatis meae autor, fortunae meae totius quasi quidem Devs Cels. tua semper antea fuit: cur hac me dignum nota et tanto me excruciandum uulnere iudicat? Hac distractione et stationis meae tam diuturnae commutatione ipsam uitam mihi acerbam puto. Quamobrem, illustrissime princeps et domine clementissime, cum sciam, totius aulae et hominum prouincialium oculos ad iudicia Cels. tuae esse coniectos, nec dubium sit, quin hac mea ruina, quae depulsione a loco manifesta est, sempiterna etiam apud exteros mihi subeunda macula sit, oro, rogo et obsecro Cels. tuam, quae initio de me paterne statuit omnia, nunc etiam statuat dignitatis meae habendam esse rationem. Sin repudior, Cels. tuae hoc iudicio afflictus, neque oculos Cels. tuae neque cuiusdam pudore aspicere possem. Neque omnino imminuta existimatione esse uelim. Iterum igitur atque iterum rogo, det mihi ueterano hanc ueniam, ut aut saluo et integro honore meo

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cum animi mei firmitate in rebus Cels. tuae elaborare possim, aut tanquam rebus suis omnibus muneribusque perfunctum sine ignominia ocio isto meo sordido remotum a negociis me contubescere patiatur.

Ouidius:

Fallitur augurio spes bona saepe suo.

Ad hoc iter Dionem et cogitationum mearum summam attuleram, idque curru rectissimo fieri potuisse speraui, sed etc. .

Sin meus mihi locus non eripitur, nec itineris magnitudine, nec temporis diuturnitate, nec negociorum difficultate me a Cels. tua unquam patiar separari.

           Cels. tuae

famulus

Andreas Mylius M.     
sst.             

Nach dem Originale.


Nr. 28.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Sternberg. 1565. April 4.


Joan. Alber. Dei gratia Dux Megapol.

S. Omnia a te data mihi putabo, si te valentem videro. Etsi enim mihi aliquantulum est molestum, te hoc quidem tempore a negotiis abesse, et apud certos homines non es absque suspicione, tamen te apud illos propter aduersam valetudinem vix excusavi et apud me excusatum habeo. Valetudini enim est fideliter inseruiendum. Quamquam ipse regulam illam cuperem in primis obseruare, sed et tempora et negotia me ab illa cura maxime necessaria abducunt. Quam ob causam caeteri consiliarii non adsint, plane non video. Nam per quod tertium se putant inuidiam effugere, per illud ipsum magis in illam veniunt. Ego vero, ita viuam, istam licentiam vel stultitiam potius, quae contra meam est dignitatem, nullo modo meis ministris in posterum concedam, et nescio, quo pacto nouus ille et insulsus mos et pessima consuetudo ceperit initium.

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Facile patior, vt te cum tuis recrees totum beneque confirmes. Iter nobis restat, vt scis, satis longum. Descriptionem itineris a te primo quoque tempore expecto, et initas cum praefecto meo Swerinensi conditiones, et si descripta fuerit, resolutionem methodicam in orationem Ciceronis.

Vlricus adest cum suis, et non, vt arbitror, sunt absque metu. Satis bonum Dei beneficio initium ad negotium tibi cognitum feci.

Multa praeterea haberem, sed coram tutius, et mihi tempus amplius nunc scribendi non est. Etiam atque etiam noster Tiro vale, Matthia eque meo, quem valde diligo, et quia laetus est et constans in vocatione et labore suo et in officio diligens, meis verbis salutem dic. Vale iterum meque, vt soles, ama. Datae festinanter Sternebergi, IIII. Aprilis, Ao. MDLXV.

Manu mea sst.          

Dem Wolgelarten vnserm Rath vnd lieben getrewen Magistro Andreä Mylio zu Schwerin.

Nach dem Originale.


Nr. 29.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Rostock. 1565. Nov. 8.


Joan. Alb. Dei gratia Dux Megapol.

S. Etsi caeterorum, humanissime vir, consilia speciem habent magnae vtilitatis, tamen, vt ego video, quod quidem non est difficile videre, coniuncta sunt cum certo atque maximo periculo, etiam si nunc non multum esset pertimescendum: at in posterum tamen est prospiciendum. Nihil profecto certius foret, quam materia sempiternae litis. Propterea consilio tuo vtar et optimo et Christiano. Non dubito, quin omnes boni et pacis amatores et etiam posteritas hoc tuum et meum consilium et probarentur et sequerentur. Propter deum, propter conscientiam, propter famam et propter patriam omnia sunt et facienda et perferenda. RRR, rumen, rechenen, rechen, solius, vt scis, Dei partes sunt.

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Ipse optime faciet, qui dixit: Mihi vindictam et ego reponam. Si ille non omnem prorsus humanitatem exuisset vel potius abiecisset, fuisset hoc certe factum pro tota nostra familia etc. . Cras, vt puto, responsum habebo. Perendie tuum hic aduentum multas ob causas expecto. Maior numerus consiliariorum tibi nunc assentiantur. Bono ergo fac vt sis animo in bona causa et timorem depone omnem. Quid dux Prussiae ad me scripsit, habes. Hac de causa matrimonii, de tempore, de literis cum coniuge et sorore loquere et originale tecum affer et meas ad ducem Vlricum literas Bolckouiae datas. Caesar heri per postam ad me quoque scripsit, item Landgrauius, qui omnino nihil scit de expeditione. Semper plus mali in metu, quam in re est. Vt tam diu commorantur Goltbirgum, donec iterum scripsero, cura. Vale. Datae Rostochio, VIII. die Nouembris, Ao. 1565.

Manu propria sst.          

Exemplum literarum mearum ad Andream Mylium.

Nach dem Concepte.


Nr. 30.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Prag. 1570. April 21.


S. Si quis nunc forte ex illo ueterum philosophorum (ex horum enim scholis et fontibus non in republica tantum praestantissimos uiros, sed principes inueniendi dicendique extitisse certum est,) ex illorum igitur numero si quis nunc adsit seque causam Cels. tuae, princeps illustrissime et domine clementissime, suppeditandis rebus ad persuadendum idoneis digerendisque argumentis praeclare adiuturum esse polliceretur, hunc ceu de caelo delapsum, quibus a Cels. tua honoribus affectum, quibus muneribus cumulatum iri dicam? Profecto quae Cels. tuae uirtus et in ornandis ingeniis liberalitas est singularis, nullis praemiis, nullis sumptibus parceret. Et recte: ea enim nostrae causae ratio, ea magnitudo est, itaque eius ad posteritatem quoque pertinet ratio, ut quo quisque in hac ornanda adiuuandaque plus industriae, ingenii fideique attulerit, hoc non tantum muneribus amplioribus, sed praedicatione multorum secu-

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lorum dignior esse uideatur. Liceat mihi, illustrissime princeps et domine clementissime, non de me, quod inuitus semper et feci et facere debeo, gloriosius, sed de temporum nostrorum moribus et iam inueterata consuetudine cum Cels. tua paulo accuratius sermocinari. Ita uiuitur itaque consuetudo diuturna callum obduxit animis nostris, ut aliena semper expetere potius, quam domestica uel agnoscere, uel amare possimus. Quod haec quidem aut praesentia sua, aut cotidiano usu uilescere, illa opinionis errore maiorem sui admirationem concitare consueuerunt. Quem si quis Deus errorem nobis eripere posset, nec optando frustra laborare, nec aliena expetendo nostratia negligere cogeremur. Quid? inquiet Cels. tua, tu te cum illis antiqui seculi inueniendi dicendique magistris comparas? Ego uero et ingenii laudem perexiguam mihi ac fortassis nullam arrogo, et in eo quantum quisque uolet, cuiuis nostrae quoque aetatis facile concedo. Sed idem tamen thesauros rerum inueniendarum collocandarumque me non negligenter perscrutatum et ex eorum diuitiis nonnullam mihi copiolam comparatam esse non nego. In quo studio si et explicare causae inuolucra, uerum in quaque re cernere, reperire quid dicendum sit, inuenta non solum ordine, sed etiam momento quodam atque iudicio dispensare atque disponere, eademque uestire atque ornare, memoria sepire et, si sit opus, agere cum dignitate, me ex ipsorum fontibus didicisse profitebor: Sin tria illa, quibus omnis ad persuadendum ratio nititur, ut probem, uera esse, quae defenduntur, et infirmem contraria, ut conciliem eos, qui audiunt, ut omnes eorum ad causae meae utilitatem permoueam, me non ignorare dixero, a ueritate nullam in partem mea discrepabit oratio. Quod si haec omnia non ut ii, qui cum haec praeclara in scholis profiteantur, ipsi nullam eorum partem agendo consequi possunt, - - - - -

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Ad quae omnia cum et arte et fide opus sit, utroque me beneficio instructum esse confido. Non enim nego, me artis praecepta didicisse, fidem uero iam XXII annorum curriculo Cels. tuae perspectam esse meam penitus mihi persuadeo. In ipsa uero causa ita iam aliquot annos uersatus sum itaque eius omnia momenta sum persecutus, ut nec facti, nec consilii rationem, nec

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antiquam prisci temporis notationem, nec considerationem posteritatis me latere posse sperem. - -

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Quamobrem si res una omnium maxime expetenda Cels. curae est tuae, si ea ad praesentis causa suae utilitatem et in posterum ad reliqua omnia, quae huius uitae afferet consuetudo, frui uolet, a Cels. tua liberale et tanto principe dignum responsum expectabo. Ego quidem certe Cels. tuae uoluntate perspecta nisi perfecta re non conquiescam. Vale princeps illustrissime et domine clementissime. Dat. Pragae XXI Aprilis, Anno MDLXX.

          Cels. tuae

famulus

Andreas Mylius.        

Illustrissimo principi ac domino, d. Joanni Alberto, duci Megapolensi etc. ., domino suo clementissimo.

Ad manus Celsitudinis proprias.     

Von des Herzogs Johann Albrecht eigener Hand ist auf die Rückseite unter der vorstehenden Aufschrift geschrieben:

Inest artificium in hoc scripto.

Nach dem Originale. - Der Brief hat aus zwei Bogen bestanden. Von dem ersten Bogen sind nur die beiden ersten Seiten mit dem Anfange des Briefes beschrieben. Von dem zweiten Bogen, welcher eingelegt gewesen ist, ist nur, jedoch glücklicher Weise noch ein abgerissener Viertelbogen vorhanden. Daß dieser zu dem ersten Bogen gehört, beweisen alle Umstände: Inhalt, Styl, Handschrift, Dinte und Format, Farbe und Wasserzeichen des Papiers.


Nr. 31.

Herzog Johann Albrecht an Andreas Mylius.

D. d. Zarrentin. 1571. Nov. 24.


S. Literas, humanissime vir, tuas non solum libenter, verum etiam primam orationis tuae partem de precibus cum magna voluptate legi. Prudenter profecto facis, quod in tam sacrosancto opere non nimium properas, omnia enim verba in rebus diuinis sunt etiam atque etiam ponderanda, antequam in lucem eduntur. Perpendi enim diligenter reliquos methodititulos, quos maximopere probo auidissimeque expecto, et velim inseras, quae a Deo sunt expetenda

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sine conditione, et quae cum conditione. Et pergratum mihi feceris, si breuibus exempla aliqua ex sacro volumine annotaueris, quorum preces in rebus grauibus a Deo optimo maximo et eius filio JesvChristi cito audituri fuerunt.

Ad tuam petitionem quod attinet, quanquam eam honestam esse puto, vera etiam ea omnia esse, quae narras, arbitror, tamen iurato mihi credas velim, me plane nullam mecum hic habere pecuniam. Etsi ipse sum, vti scis, partim in maxima calamitate et dies pecuniae appropinquat, vel potius adest (non enarrabo, qui sumptus quotidie fiunt), tamen te non deseram. Et mando tibi, Vt meo nomine Joachimo Plessio significes, vt perendie, qui est dies lunae, bene mane cum nummis, quos secum habet et a praefectis accepit, ad me Witeborgam veniat. Postea aliquid tibi dabo, vt possis meam erga te beneuolentiam vti semper agnoscere.

Interim perge, quo coepisti, in tuo honestissimo ocio.

Constitutam diem Dux Magnus Saxoniae heri renunciauit. Sed puto episcopum Lubecensem hodie ad me esse venturum.

Quid noster Spedius et ad me et ad te scribit, habes. Profecto nescio, quae vera sunt necne. Notus tibi et mihi Vlysses. Ille quidem multa dicit et nemo illi fidem tribuit, sed tamen audiendus est, cum venerit. Inprimis cuperem, te ibidem fuisse. Vale. Festinanter Zerrentino, XXIIII Nouembris Anno 1571.

Manu mea sst.          

Literas quas tibi nuper tradidi, mihi et has remitte.

Nach dem Concepte von der Hand des Herzogs Johann Albrecht.
Auf der Rückseite steht von der Hand desselben:

Exemplum mearum literarum ad Mylium.


Nr. 32.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Schwerin. 1571. Nov. 30.


S. Mitto igitur Cels. tuae, princeps illustrissime et domine clementissime, ad miserum illum Michaëlem et praefectum Caletanum literas, quas quaeso Cels. tuam, ut si quid erit, quod minus aptum et conueniens uide-

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bitur, emendet, corrigat, ut uolet. Munus Cels. tuae neque non gratum, neque parum mihi uisum fuit, et expectationem meam et laboris mei magnitudinem Cels. tua longe superauit. Et recte: principes enim neque magnificentia neque liberalitate a suis uinci debent. Ago igitur gratias, et in ipsius muneris commoditate et praestanti Cels. tuae beneuolentia conquiesco. Devm precor, ut millesimas gratias cumulate Cels. tuae compenset. Dat. Swerino, prid. cal. Decemb., ipso die natali meo, qui initium est anni quadragesimi quinti, anno M.D.LXXI.

          Cels. tuae

famulus

Andreas Mylius.        

(L. S.)

Illustrissimo principi ac domino, d. Joanni Alberto, duci Megapolensi etc. ., domino suo clementissimo.

Ad manus Cels.           
eius proprias.             

(L. S.)

Nach dem Originale.


Nr. 33.

Andreas Mylius an den Herzog Johann Albrecht.

D. d. Schwerin. 1574. Mai. 7.


S. Illustrissime princeps, domine clementissime. Me domum redeuntem duo satis acerba uulnera me absente familiae meae imposita exceperunt. Nam et uxorem meam febri ardentissima decumbentem inueni et ex meis cognoui, pridie eius diei quosdam homines iussu Cels. tuae exiguam illam et satis tenuem piscatiunculam, quae mihi in stagno Swerinensi proxime ad hortos Cels. tuae constituta fuit, facto impetu et ex fundamentis erutis sepibus penitus dissipasse, eosdemque in alteram etiam, quae mihi secundum meos est hortos, idem tentasse, sed a meis commonefactos, ne mihi homini innocenti et cum Cels. tua absenti uim facerent, ab incepto demolitionis destitisse. Hanc ego geminatam familiae meae tristitiam ita excepi, ut alteram a Deo oblatam precibus depellendam, alteram ameo principe impositam

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pene incredibilem et uel nesciente Cels. tua ab inuidis et maleuolis conflatam, uel si sciente Cels. tua mandata sit, a singulari aliquo errore consiliorum extitisse iudicarem. Quererer nunc et de meo iure contenderem, quod indicta causa nullo uerbo compellato mihi uis facta et ego possessione tanti temporis uiolenter depulsus sim, sed neque conturbatio animi mei patitur, neque uideo, quid ista uerborum contentione sim profecturus. Ideoque ad aliud scriptionis genus conuertar. Equidem ex Cels. tua etiam atque etiam scire cuperem, quo meo scelere et commisso uel in Cels. tuam uel uniuersam rempublicam uitio Cels. tua me tanta ignominiae macula aspergendum esse iudicarit. Non enim tanta ex illa misera piscatione emolumenti capitur, quantam rumor iactat, et in ipsa disturbatione magis hominum sermonibus et de me iudicio, quam re ipsa commoueor. Num Cels. tuae animum ideo offendi, quod iam integros uiginti septem annos solius Cels. tuae adolescentiam et iam ipsam etiam corroboratam aetatem maiori cura, diligentia, artificio et fide, quam ullus unquam docendi magister ullum unquam principem, lectissimo dicendi, scribendi, inueniendi, iudicandi thesauro informaui et uere locupletaui? An Cels. tua, quanta debeatur, non dico optimis, sed quibuslibet etiam docendi magistris, pietas, quanta sit necessitudo, caritas quanta non recordatur? Veteri prouerbio neque Deo, neque parentibus, neque magistris parem posse referri gratiam dicitur. Nisi forte Cels. tua tot elucubratis monumentis, tot annorum curriculo consumpto in studiis, me neque doctum, neque docendi magistrum extitisse fatebitur? Sed sit sane. Cur quaeso de uariis meis Cels. tuae iussu obitis legationibus, de assiduitate praesentiae meae in aulicis negociis, de suauissima sermocinandi consuetudine, qua, ego Cels. tuam saepe a maeroribus abduxi? Cur non de diuino opere scriptae historiae, cuius beneficio Cels. tua etiam mortua uiuet, potuit recordari? An oblita est Cels. tua, in quanta sit apud omnes doctos autoritate, quanto in precio, cum omnes uno ore Cels. tuam omnium principum doctissimum esse praedicant? An Cels. tua putat, hoc nullo meo merito existere potuisse? Cur epistolae Cels. tuae tantam admirationem habent et Cels.

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tuae tantam commendationem conciliant? Nullo ne meo beneficio hoc accidisse fatebere? Si dubitat, quid sit epistolam scribere, quaeso ex ipso Brucaeo, doctissimo medico et perfecto philosopho, interroget. Sin ista omnia uera sunt, cur Cels. tua solum suum Mylium odisse potest? Cur cum reliquis hominibus eadem sententia, nullo adhibito discrimine, condemnor? Cur debita mihi ueterano arctissimae coniunctionis desinit necessitudo? An Cels. tua hoc expectat, ut in descriptione huius anni mihi absenti et Cels. tuam colenti et obseruanti a Cels. tua uim factam esse in historia commemorem? Cur non potius hoc Cels. tuae in mentem uenit et suis emissariis autoribusue huius consilii dixit: Missum facite Mylium, meus est, mihi seruiuit, sua omnia mecum communicauit, quae quouis auro et omnibus totius stagni piscibus potiora sunt, ille uiginti septem annos mihi uni seruiens incipit esse ueteranus, dignus qui ingrauescente aetate in mea beneuolentia conquiescat, ille, tot liberorum pater, tantae familiae onere premitur, neque egere ipsum, neque nimis diuitem esse oportet. Fruatur suis pisciculis, siquidem ego thesauro eloquentiae, scriptorum, famae et immortalitatis ipsius beneficio fruor. Non imitabor Dauidem, cui propheta obiicit, quod, cum multa millia ouium possideat, unicam ouiculam consiliario suo eripuerit. Sed desino: si unicum tantum aspersero, qua delectatione, quo animo me illam promissam curam docendi filii Cels. tuae susceptu rum existimat Cels. tua, cum Cels. tuae erga me animus multis in rebus non obscure a me abalienatus appareat? Ich zeuge für Got dem almechtigen, dem kein Mensch ligen kan, das ich bis auf dise stunde E. f. g. von grund meines hertzens gelibet, geehret, für sie alle tage mit seufzen vnd threnen zu Got hertzlich geruffen, geschrien vnd gebetet habe, vnd hore noch nicht auff, weil mein hertz sich regen kan. Das mir nun ein zeithero wind vnd wetter so gar bei E. f. g zuwider gewesen, in deme das sich E. f. g. dahin bereden lassen, in so manchem stucke mir mit vngnaden zu begegnen, das wird mir, ehe E. f. g. dessen sorge tragen oder gedencken werden, mein hertz abgnagen vnd meine grauen har vnter die erde bringen. Man hat mir mein kostgeld, aufgerichter bestallung zuwider, abgeschaffet. Man hat mich in die gemeine landhulffen gestecket, ausgegebenen briefen vnd sigeln zuwider, do doch zu Gustrow nicht einer zu

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befinden. Man reisset mir meines abwesens das wehr, welches ich 23 iahr besessen vnd gebraucht, mir zum hochsten spot ein, dem andern, so ich 15 iahr gehabt, wil man dergleichen auch thun. Man redet von mir, meines abwesens, sehr beschwerlich vnd vbel, wan ich ie zuweilen, ia nicht zu uordencken, das ich zusehe, wo mein gelt, das ich in das gutlein vber 2000 fl. gestecket, bleibet. Wie dan auch vnlangst meiner solte bei einem vornemen man dises furstenthumbs mit hochbeschwerlichen worten gedacht vnd an mein ehr vnd glimpf geredt sein. Man nimpt sich meiner in diesen grossen obligenden beschwerungen meiner tochter hochzeit nicht mit einem gnedigen wortlein, ich geschweige den mit darreichung einer gnedigen behulflichen hand an. Was sollte meinen armen kleinen vnerzogenen kindern vnd meiner armen frauen nach meinem tode begegnen? In Summa, wo E. f. g. nicht mit gnaden widerkeren, so hat E. f. g. einen treuen, frommen diener bis anher im leben gehabt vnd werden erfahren, das mir vber solchem hertzeleid mein hertz brechen vnd ich zum alten hauffen wandern werde etc. . Plura non permittunt lachrymae. Si Cels. tua uolet iustus esse rerum aestimator et rationibus meae personae omnium reliquorum conditiones conferre, si uolet tot annorum replicare memoriam, si uolet de posteritate.cogitare: etiam atque etiam rogo, ut me ex hoc strepitu curarum et tumultu cogitationum expediat et uim amplius piscationi fieri uetet. Quod si fecerit, me fortassis ab imminente grauissima tristitia ad spem cogitationemque meliorem reuocabit, et ego me a ueteri curriculo amoris, fidei, industriae, doctrinae et, ut unico uerbo dicam, a uera et Cels. tuae debita pietate et obseruantia singulari, dum uiuam, ne latum quidem, quod dicitur, unguem patiar dimoueri. Vale, princeps illustrissime, et ut ego quoque ualere et sine dolore Cels. tuam aspicere possim literis perfice. Datum Suerino, Nonis Maiis, Anno MDLXXIIII.

          Cels. tuae

famulus

Andreas Mylius.        

Illustrissimo principi ac domino, D. Joanni Alberto, Duci Megapolensi etc. ., domino suo clementissimo.

Ad manus solius Cels.        
eius proprias.             

(L. S.)

Nach dem Originale.

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II.

Caspar Calovius

und

des Andreas Mylius Genealogie

der Herzoge von Meklenburg,

von

G. C. F. Lisch.


I m Jahre 1599 erschien:

Chronica oder Erster Ankunfft vnd Herkommen der Hertzogen zu Meckelenburgk etc. . von Ehrn Casparo Calovio, Diener am Worte des Herrn, Midenwaldensis, trewlich aus vielen alten Historien vnd Geschichten mit allem Fleiß zusamenen gezogen. Gedrucket zu Leiptzig, bey Abraham Lamberg, Anno MDIC.

Diese meklenburgische Chronik, welche früher oft unter des Calovius Namen als ein selbstständiges Werk betrachtet ward, ist bekanntlich nichts weiter, als ein Abdruck der Genealogie des herzoglichen Rathes M. Andreas Mylius. Die Schamlosigkeit, mit welcher dieses Werk unter fremdem Namen in den Druck gegeben ward, ist kaum zu begreifen, wenn man nicht den Menschen mit der frechen Stirne kennt. Daß dieser Abdruck ein Diebstahl ist, läßt sich gar nicht bezweifeln, da das von A. Mylius verfaßte, eigenhändig geschriebene und dem Herzoge Johann Albrecht im J. 1571 eigenhändig dedicirte Original noch im großherzoglichen Archive zu Schwerin 1 ) aufbewahrt wird.

Bis auf den Herzog Johann Albrecht ist der Abbruck wörtlich nach der Abschrift besorgt, welche Caspar Calovius hatte, auch mit allen Fehlern. So z. B. ist als des Herzogs


1) Einen authentischen Abdruck der Genealogie nach einer Handschrift des A. Mylius vom J. 1593 gab zuerst Gerdes in seiner Sammlung meckl. Urk. S. 212 flgd. Vgl. oben S. 99.
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Albrecht des Schönen Geburtsjahr das Jahr 1456, statt 1486, angegeben; denselben Fehler oder eine Undeutlichkeit hatte auch das Exemplar, nach welchem Gerdes seinen Abdruck unter des A. Mylius Namen besorgte. Von Johann Albrecht an hat aber C. Calovius überall geändert, theils gekürzt, theils weiter ausgeführt und fortgeführt.

Das Plagiat ist längst entdeckt, jedoch ist noch nicht bekannt, was Caspar Calovius für ein Mensch war und wie er zu der Handschrift kam. Caspar Calovius nennt sich auf dem Titel einen "Diener am Worte des Herrn, Midenwaldensis". Gerdes S. 213 sagt, daß man von Caspar Calovius die "Hamburgische Bibliotheca historica, Zweite Centuria, Leipzig, 1716, S. 284 nachlesen könne". Hier steht aber gar nichts weiter, als was auf dem Titel steht, nämlich daß "Caspar Calovius, Midenwaldensis, wie er sich genennet, ein Prediger irgendwo in Meklenburg das Manuscriptum Mylianum in die Hände bekommen". Die gedruckten Werke lassen also völlig im Stiche. - Aus dem Titel läßt sich schließen, daß er ein Prediger aus Mittenwalde gebürtig war. Nach den Archiv=Acten war er ein unstäter, schwelgerischer, ränkesüchtiger Mensch, der sich fast immer heimathlos umhertrieb. Einen Hauptanhaltspunct giebt der Umstand, daß er 1588-89 Pastor zu Müsselmow, zwischen Schwerin, Crivitz und Brüel, war. Kurz vorher war er sicher Pastor zu Perlin, Wittenburg und Pokrent gewesen.

Nach Pokrent war er wahrscheinlich von Drey=Lützow gekommen. Um Martini 1585 war Israel Pentze als Pastor nach Pokrent gekommen, aber schon Weihnacht d. J. gestorben, nachdem er nur einige Predigten gehalten hatte. Ihm folgte im J. 1586 Caspar Calovius, welcher das Amt noch im Nov. 1587 verwaltete.

Im Jahre 1588 erhielt C. Calovius die damals noch existirende Pfarre zu Müsselmow, deren Patron Bernd v. Plessen war. Dieser hatte ihn versuchsweise auf ein Jahr angenommen. Calovius betrug sich hier aber auch unordentlich. Gegen seines Patrons Verbot hatte er sich "des Krügens und Bierzapfens übernommen und sich oft toll und voll gesoffen". Deshalb entließ ihn Berend v. Plessen. Calovius, der sich nun "jetziger Zeit dienstloser Pastor" und "exul Christi" nennt, wandte vor, daß er keine Lust habe, länger unter Berend v. Plessen zu dienen, und zog mit seiner Frau und fünf kleinen Kindern nach Schwerin, wo er sich "ohne einen Pfarrdienst armselig und kümmerlich" erhielt. Michaelis 1589 war ihm schon ein anderer Pastor im Amte gefolgt. Am 19. Dec. 1589 klagte er bei dem Herzoge, daß B. v. Plessen ihm noch mehrere Einkünfte schuldig sei und

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nicht entrichten wolle; er habe das Amt nicht länger behalten wollen, überdies sei ihm von einem "Clemens Knesebeck in nachtschlafender Zeit Gewalt" angethan und er deshalb von Müsselmow gezogen. Der Herzog befahl dem B. v. Plessen, ihm das Schuldige zu leisten, B. v. Plessen erwiderte aber, er habe ihn nothgedrungen entlassen müssen und ihm das Seinige vollständig geleistet, da er nur auf ein Jahr angenommen gewesen sei und nicht mehr als die laufenden Hebungen des Jahres beanspruchen könne. Uebrigens "habe er es zu Perlin, Wittenburg und Pokrent und an mehreren andern Orten so gemacht, daß er nicht lange habe verharren können". Damit war die Sache zu Ende.

Am 21. Febr. 1590 war er noch als "in exilio" in Schwerin. Seitdem verschwindet er aber aus der Kirchengeschichte Meklenburgs.

Dieses Pfarramt, welches C. Calovius einige Zeit verwaltete, läßt vermuthen, wie er zu dem Besitze der Handschrift des A. Mylius kam. Mylius hielt sich damals viel auf seinem Landgute Gädebehn auf, welches zur Pfarre Crivitz gehört, die an die Pfarre Müsselmow grenzt. Ohne Zweifel lernten beide sich schon kennen, als Calovius Pastor zu Müsselmow war. Vielleicht erhielt er die Handschrift auch erst in seinem "Exile" in Schwerin, wohin er vielleicht gezogen war, um die Protection des A. Mylius zu gewinnen. Die Vermuthung, welche Franck A. u. N. M. XI, S. 83, bei der Betrachtung, wie C. Calovius zu der Handschrift des A. Mylius gekommen sein möge, aufstellt, aber selbst bezweifelt, daß nämlich C. Calovius ein Schwiegersohn des A. Mylius gewesen sei, ist ohne allen Grund und gegen die Geschichte.

Nach dem im J. 1594 erfolgten Tode des A. Mylius sann C. Calovius in seinem Exil auf Erwerbsquellen und benutzte dazu auch die Genealogie des A. Mylius, deren verschiedene Ausgaben sein abentheuerliches Leben bezeichnen.

Nach Gerdes a. a. O. soll zuerst "zu Lübeck 1699" eine Ausgabe erschienen sein, welcher "hernach" 1600 zu Leipzig eine andere Ausgabe folgte. Hierin steckt ohne Zweifel ein Fehler. Die erste Ausgabe erschien nicht 1699, sondern 1599, und zwar nicht zu Lübeck, sondern zu Leipzig, wo auch die zweite Ausgabe erschien. Dieser Druckfehler und Irrthum des Gerdes ist aber in andere Geschichtsbücher übergegangen.

Es existiren wirklich zwei verschiedene Ausgaben.

Die erste Ausgabe, wie es scheint, führt den Titel:

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Chronica
Oder
Zeitbuch
Der Durchleuchtigen, Hochgebornen Fürsten
vnd Herren, der Hertzogen zu Meckelnburg etc. .
aus alten Historien vnd Geschichten fleissig
zusammen gebracht
Durch
Ehrn Casparum Calouium [Midenwald.],
Diener am Wort des Herrn
zu Wittenborg.
Gedrucket zu Leipzig bei Abra=
ham Lamberg, Anno 1599.

und ist auf der Rückseite des Titelblattes dedicirt:

Zu Ehren vnd sonderlichen
Wohlgefallen,
Den Ehrbaren, vornehmen, Hochwolweisen
Herren Bürgemeistern vnd Rath, der weit=
berühmbten Stadt Rostock, meinen großgünstigen
Herren vnd mechtigen Befürdern.

Diese Ausgabe ist mit schwabacher Schrift gedruckt und unterscheidet sich dadurch wesentlich von den übrigen Ausgaben.

Man sieht aus diesem Titel, daß Calovius sich 1599 wieder zu Wittenburg aufhielt, dort aber wohl nicht Pastor war, indem er dies wohl ausdrücklich gesagt haben würde, wenn es der Fall gewesen wäre. Zugleich ergiebt sich aber aus dem Titel, daß er damals auch nicht Prediger zu Mittenwalde war, sondern daß sich der Titel "Midenwaldensis" nur auf seinen Geburtsort beziehen kann.

Die zweite Ausgabe hat den Titel:

Chronica
Oder
Erster Ankunfft
vnd Herkommen der Hertzogen zu Meckelnburgk
vnd von andern J. F. G. denckwirdigen Geschichten.
Von
Ehrn Casparo Calovio, Diener am Worte
des Herrn, Midenwaldensis, trewlich aus
vielen alten Historien vnd Geschichten mit
allem Fleiß zusammen gezogen.

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Zu Ehren vnd sonderlichem
Wohlgefallen
den Ehrbaren vnnd Wolweisen
Herren Bürgemeistern vnd Rath der
Stadt Welßnack, Meinen großgünstigen
befürderlichen Herren etc. .
Gedrucket zu Leiptzig, bey Abraham Lam=
berg, Anno MDIC.

Diese Ausgabe, ebenfalls vom J. 1599, ist ganz mit modernen oder gewöhnlichen Fractur=Lettern gedruckt und stimmt in Seiten und Zeilen nicht zu der ersten Ausgabe, ist also von ganz anderm Satz und daher in jeder Beziehung eine ganz andere Ausgabe. Beide Ausgaben sind aber sicher von demselben Jahre 1599. - Die verzierte Einfassung der Seiten ist aber in beiden Ausgaben gleich.

Von dieser zweiten Ausgabe existirt ein Abdruck ohne Dedication vom J. 1600 mit einem andern Titel:

Chronica
Oder
Erster Ankunfft
vnd Herkomenen, der Hertzogen
zu Meckelnburgk, und von andern
J. F. G. denckwirdigen
Geschichten.
Von
Ehrn Casparo Calovio, Diener am Worte des
Herrn, Midenwaldensis, trewlich aus vielen
alten Historien vnd Geschichten, mit allem
Fleiß zusammen gezogen.
Gedruckt zu Leiptzig, bey Abraham Lam=
berg, Anno 1600.

Dies scheint die Ausgabe für den Buchhandel gewesen zu sein. Die Ausgaben mit den Dedicationen an die Magistrate zu Rostock und Wilsnack scheinen nur zum Zweck der Dedication besondere Titel erhalten zu haben. Auffallend ist es jedoch, daß in demselben Jahre 1599 zwei ganz verschiedene Ausgaben veranstaltet wurden. Calovius veranstaltete diese Ausgaben mit den Dedicationen ohne Zweifel nur darum, um sich irgendwo unterzubringen. Vielleicht gab er, um sich zu empfehlen, die ersten Abdrücke vom J. 1599 nur in wenig Exemplaren aus (Punkt fehlt) Der Abdruck von 1600 scheint für das große Publicum bestimmt gewesen zu sein. Uebrigens ist es möglich, daß sich noch andere Dedicationsausgaben finden.

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Eigentlich kann man aber nur von zwei Ausgaben von 1599 reden, welche zwar dem Inhalte nach gleich, dem Satze nach verschieden sind.

Wahrscheinlich kam der Druck dieser Genealogie sehr willkommen, da sie die erste gedruckte und deutsch geschriebene Geschichte von Meklenburg war.


Im großherzoglichen Archive zu Schwerin wird nun noch eine Handschrift aufbewahrt, welche den Titel führt:

Genealogia
oder

Ankunft des Fürstlichen Hauses von Mecklenburgk, lang vor der Geburth Christi von dem ersten Könige Anthyrio an biß auff damahls regierende Hertzoge zu Mecklenburgk, etwan zusammen gelesen durch den Hochedlen und Hochgelehrten Herren M. Andream Mylium, Frstl. Mecklen=

burgischen Hoffraht,
Ehmahlen

unter der Titul: Chronica oder Erste Ankunfft und Herkommen der Hertzogen zu Mecklenburgk und von andern J. F. G. denckwürdigen Geschichten von Ern Casparo Calovio, Diener am Worte des Herren, Midenwaldensis, treulich aus vielen alten Historien und Geschichten mit allem Fleiß zusammengezogen, schon anno MDC zu Leipzig durch Abraham Lambergk zum

Druck befördert worden,
Nun aber

mit noch viel andern Historien, sampt Verzeigniß der Städte, Aempter, Klöster vnd Wassern biß auff den Tod Hertzog Carols vermehret und annotiret

durch
Martinum Majum, Pastorn zu Grantzin.

Von diesem Pastor Martin Majus oder Mege zu Grantzin ist auch nur wenig bekannt. "Martin Mege Belgrensis" (aus Belgern (?) an der Elbe im Lande Meißen) ward Ostern 1578 statt des wegen seines strafbaren und ärgerlichen Lebens und seiner Untüchtigkeit im Amte entlassenen Pastors Jeremias Maas als Pastor zu Grantzin bei Boizenburg eingeführt. Aber auch M. Mege ward mit der Zeit so anstößig, daß er bei dem Herzoge Ulrich in Ungnade und bei der Gemeinde in Verachtung kam und endlich flüchtig werden mußte. Ihm folgte Ostern 1589 Conrad Hauswalius, oder Hauswall, Hauswalt, der sich späterhin, z. B. 1635, mit seinem Sohne Johann

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Hauswedel schreibt. Dieser ward als Capellan nach Boizenburg versetzt, wo er später Pastor ward. Um Ostern 1591 bewilligte der Herzog die Bestellung des Bartholomäus Fetzelius. Aber im J. 1592 war Joachim Wanckelmuth, ein Grabower, Pastor zu Grantzin als Nachfolger des Hauswedel und erscheint als Pastor noch im J. 1598.

Es ist übrigens erschrecklich zu sehen, welche Menge wilder und untüchtiger Prediger im letzten Viertheil des 16. Jahrh. auftauchen und wie eine nicht geringe Zahl derselben ein wahres Landstreicherleben führt. Es ist wahrscheinlich, daß zuerst die Begeisterung der Reformation und darauf das Beispiel und die Sorgfalt des Herzogs Johann Albrecht, dem Lande vorherrschend die tüchtigsten Leute aus der Fremde zuführte, daß aber mit dem beginnenden Verfall der Cultur und dem Ueberhandnehmen der Zänkereien, beim Mangel tüchtiger Landeskinder, die Masse untauglicher Menschen aus der Fremde nachdrängte und die Kirche in große Gefahr brachte. Das Beispiel hat wiederholt in Meklenburg die Lehre gegeben, wie gefährlich es sei, wenn einmal die Cultur eines fremden Landes in die Mode kommt, den ungehinderten Zuzug der Masse zu gestatten; so annehmbar die Ersten, Tüchtigen zu sein pflegen, so unbrauchbar und schädlich pflegt der Rest zu sein.

Martin Mege war also nur 1578-1591 Pastor zu Grantzin. Auf dem Titel wird er nach 1600, nach der Herausgabe der Genealogie durch Calovius, noch Pastor zu Grantzin genannt. Ob er zurückgekehrt und wieder angenommen, ob der Titel erst später aus der Erinnerung hinzugefügt sei, läßt sich nicht bestimmen.

Was nun die Arbeit betrifft, so hat Mege, oft zum Nachtheil, viel daran geändert. Zuerst hat er die mythischen Könige, welche A. Mylius weggelassen hatte, nach Marschalk wieder vorangesetzt, hat überall im Styl geändert, hinzugefügt und ausgelassen und die letzten Herzoge umgearbeitet, so daß die Form der ursprünglichen Arbeit sehr gelitten hat.

Vielleicht war ein Thomas Majus oder Meje, seit 1636 Pastor zu Döbbersen, ein Sohn des Martin Mege.

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III.

Ueber den Obotritenfürsten

Mistuwoi,

von

F. Boll,

Pastor zu Neu=Brandenburg.


U nter den Fürsten des Obotritenstammes werden zwei des Namens Mistuwoi aufgeführt; nach einer größeren Lücke, welche in ihrer Reihe durch das Schweigen der Annalisten entstanden ist, werden sie von unsern neueren Geschichtschreibern folgendermaßen geordnet: Mistui Billug oder Mistevoi I. von 960 bis 985, dessen Sohn Mitzlav von 985 bis 1018, dessen Sohn Mistevoi II. von 1018 bis etwa 1025, dessen Sohn Udo von 1025 bis 1032, dessen Bruder oder Sohn Ratibor von 1032 bis 1042, dann Udo's Sohn Gottschalk von 1042 bis 1066 u. s. w. Indeß bei einem jüngst mir gegebenen Anlasse, diese Reihe mit kritischem Auge zu prüfen, überzeugte ich mich bald, daß unter den ersten Gliedern derselben eine arge Verwirrung stattfinde. Ich wandte mich zu den Quellen und fand denn auch alsbald die Quelle des Irrthums, der dieses Mal zu meiner Verwunderung bei Adam von Bremen, einer sonst so geschätzten Autorität in der wendischen Geschichte, zu suchen war. Nicht zwei Mistuwois sind unter den Obotritenfürsten zu zählen, sondern nur einer; der zweite verdankt sein Dasein nur der von Adam irrthümlich um einige Jahrzehnte zu spät angesetzten Zerstörung Hamburgs durch Mistuwoi, ein Irrthum, der freilich bei dem eigentlichen Geschichtschreiber des Bremer=Hamburger Erzstiftes sehr befremdet, der aber doch hinreichende Entschuldigung darin findet, daß Adam fast hundert Jahre später, als diese Ereignisse sich zutrugen, und zwar bloß aus mündlicher Ueberlieferung schöpfend, darüber berichtet hat. Möglichst strenges Festhalten an den gleichzeitigen Nachrichten wird diese Verwirrung aufklären. Doch zur Sache.

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Die erste Erwähnung des Mistuwoi ist eine durchaus gleichzeitige. Der korveische Mönch Widukind schrieb seine "Sächsische Geschichte", mit Ausnahme des erst später von ihm hinzugefügten Anhanges, im J. 967 oder 968 (Monumenta hist. Germ., herausgegeben von Pertz V, p. 411). Das letzte von ihm berichtete Factum ist, wie die von ihren Vätern her vererbte Feindschaft zwischen dem Fürsten der Wagrier Selibur und dem Obotritenfürsten Mistav den Anlaß gegeben, daß Wichmann, der Neffe des Sachsenherzogs Hermann Billung, im J. 967 unter den Wenden seinen Tod gefunden (Lib. 3 Cap. 68); damals war also bereits Mistuwoi, denn dieser ist, wie der Verfolg sogleich zeigen wird, unter dem Mistav zu verstehen, Fürst der Obotriten.

An das Zeugniß Widukinds reihet sich unmittelbar das Zeugniß des Bischofs Thietmar von Merseburg; dieser hat die ersten Bücher seiner Chronik im J. 1012 verfaßt (Monum. hist. Germ. V, p. 727) und den Inhalt der beiden ersten Bücher größtentheils aus Widukind geschöpft, jedoch nicht, wie andere Chronisten, ihn wörtlich ausschreibend, sondern frei ihn verarbeitend. 1 ) Er schreibt 2, 9: "Herzog Hermann machte den Selibur und den Mistui mit ihren Völkern dem Kaiser tributbar", dieses Factum, eben so wie Widukind, unmittelbar nach Unterwerfung der Lausitzer durch den Marfgrafen Gero im J. 963 referirend. Doch hat er offenbar die Angabe des Widukind nicht genau wiedergegeben; nicht damals erst wurden die Wagrier und Obotriten dem Kaiser Otto I. zinspflichtig, sondern sie waren es bereits seit dem J. 929 (Widukind 1, 36, und Thietmar 1, 6); auch spricht Widukind in der oben erwähnten Stelle von den Wagriern und Obotriten durchaus nicht als von jüngst erst unterworfenen Völkern, sondern nennt ihre Fürsten Selibur und Mistav Unterkönige (subregulos) des Sachsenherzogs Hermann, die sich gegenseitig bei dem Herzoge, als ihrem Gebieter, verklagt hätten.

Die nächste Erwähnung des Mistuwoi von Thietmar geschieht Lib. 3. Cap. 11. bei Gelegenheit des allgemeinen Slavenaufstandes im J. 983. 2 ) Er berichtet, wie der Ueber=


1) Monum. German. V, 414: (Thietmarum) magnum primi et secundi libri partem ex nostro (Widukindo) hausisse, jam satis constat. Attamen nullibi fere ipsius verba retinuit, sed suo more easdem res mutato sermone expressit.
2) Dieses Jahr nimmt Thietmar offenbar selbst als das Jahr der Slaven=Rebellion an, obwohl er es hier nicht ausdrücklich nennt; denn weiter unten, Cap. 14, setzt er mit eigner Hand erläuternd auf dem Rande der Handschrift hinzu: et in hoc anno (983) Sclavi unanimiter restiterunt Cesari et Thiedrico Marchioni, womit auch die einzige gleichzeitige Quelle, welche außer Thietmar dieses (  ...  )
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muth, mit welchem Herzog (Markgraf) Dietrich die slavischen Völkerschaften, welche das Christenthum angenommen und den Kaisern zinspflichtig gedient, behandelt, dieselben getrieben habe, einhellig die Waffen zu ergreifen. Am 29. Juni sei zuerst Havelberg von ihnen erobert und der dortige Bischofssitz zerstört worden; drei Tage später habe Brandenburg dasselbe Schicksal betroffen; um dieselbe Zeit sei von einem Böhmischen Heere Zeitz erobert und hernach das Kloster des heil. Laurentius zu Calwe (a. d. Saale) geplündert worden. Hierauf fährt er fort: "Mistui, Herzog der Abdriten, zündete Homanburg, wo ehedem der Bischofssitz war, an und verwüstete es. Was aber Christus hier für ein Wunder vom Himmel wirkte, möge die gesammte Christenheit vernehmen. Von den himmlischen Sitzen herab kam eine goldene Hand, langte mit ausgespreizten Fingern mitten in die Feuersbrunst und kehrte gefüllt vor aller Augen zurück. Dies bewundert das Heer, dies staunt der erschrockene Mistuwoi an, und mir hat es Avico kund gethan, der damals sein Capellan war und hernach mein geistlicher Bruder geworden ist. Ich aber legte es mit ihm also aus, daß auf diesem Wege die Reliquien der Heiligen von göttlicher Hand in den Himmel erhoben wären und die Feinde in Schrecken und Flucht getrieben hätten. [Später ward Mistuwoi, in Wahnsinn verfallen, in Banden gehalten; in Weihwasser getaucht, rief er: Der heil. Laurentius verbrennt mich! und kam, ehe er befreit ward, jämmerlich um.] Nachdem damals alle Städte und Dörfer bis zu dem Flusse, der Porgera heißt, mit Raub und Brand verwüstet waren, vereinigten sich von den Slaven mehr als 30 Legionen Fußvolk und Reiterei, welche ohne Behinderung auch alles Uebrige mit Hülfe ihrer Götter verwüsten zu können nicht zweifelten [ihre Trompeter vorauf]. Aber es blieb den Unsern nicht verborgen. Es vereinigten sich die Bischöfe Gisiler (von Magdeburg) und Hilliward (von Halberstadt) mit dem Markgrafen Dietrich und den übrigen Grafen Ricdag, Hodo und Binzino, Friedrich, Dudo und meinem Vater Siegfried und vielen andern. Als der Sonntag grauete, hörten sie alle die Messe und schirmten Leib und Seele mit dem himmlischen Sacramente, griffen dann die begegnenden Feinde getrosten Muthes an, und hieben sie, wenige die auf einen Hügel entrannen ausgenommen, nieder." 1 )


(  ...  ) Auffstandes erwähnt, die Hildesheimer Annalen, übereinstimmt: et eodem anno (983) Sclavi rebelles effecti sunt. Ich kann deshalb dem trefflichen Herausgeber des Thietmar, Herrn Archivar Lappenberg, nicht beistimmen, der in der 5. Anm. ad l. c. vermuthet, daß der Slavenaufstand vielleicht in ein früheres Jahr zu setzen sei.
1) Thietmar 3, 11: Mistui Abdritorum dux Homanburg, ubi sedes episcopalis quondam fuit, incendit atque vastavit. Quid vero ibi mirabilium (  ...  )
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- Die eingeklammerten Worte sind in dem zu Dresden noch aufbehaltenen Autograph des Thietmar später von seiner eigenen Hand auf dem Rande hinzugefügt.

Thietmar war freilich erst ein kaum neunjähriger Knabe (er war geboren am 25. Juli 974), als diese Dinge sich zutrugen. Dennoch konnte er sicherlich genau darüber unterrichtet sein, besonders was den Antheil der Obotriten und ihres Fürsten Mistuwoi dabei betraf, da Thietmars eigener Vater in diesen für das Sachsenland so wichtigen Kämpfen mitgefochten, und Mistuwoi's eigener Capellan Avico als Augenzeuge darüber später dem Thietmar berichtet hatte. Des Mistuwoi gedenkt Thietmar später nur noch ein einziges Mal. Als nach dem Tode des Kaisers Otto II. (am 7. Mai 983) der Vaterbrudersohn des verstorbenen Kaisers, Herzog Heinrich von Baiern, dem jungen Otto III. die Krone entreißen wollte, führt Thietmar unter denen, welche sich deshalb auf Ostern des folgenden Jahres zu Quedlinburg mit dem Baiernherzoge verbündeten, vor allen auf die Fürsten der Polen, Obotriten und Böhmen, Miseco, Mistui und Bolislav. Doch muß Mistuwoi noch längere Zeit gelebt haben, und die merkwürdige Todesart desselben, deren Thietmar oben einschaltend gedachte, kann erst nach Beginn des folgenden Jahrhunderts stattgefunden haben. Die Chronik des einige Meilen nordwärts von Magdeburg an der Ohre gelegenen Klosters Hillersleben hat uns nämlich die Nachricht aufbehalten, daß im J. 1000 der Fürst der Obotriten Mistuvitz das Kloster des heil. Laurentius zu Hildesleve verbrannt, die Nonnen herausgeschleppt und viele Sachsen dabei getödtet habe, ein Ereigniß, dessen zwar auch Thietmar als unter der Regierung Otto's III. geschehen gedenkt, aber ohne das Jahr und den Urheber genauer zu bezeichnen. 1 ) Diese Nachricht wirft denn auch Licht auf den Ausruf des in Wahnsinn gefallenen Mistuwoi, den man


(  ...  ) [fnpage]Christus operaretur e celis, attendat religio totius christianitatis. Venit de supernis sedibus aurea dextera, in medium collapsa incendium expansis digitis, et plena cunctis videntibus rediit. Hoc admiratur exercitus, hoc stupet Mistuwoi timoratus, et id mihi indicavit Avico, capellanus tunc ejus et spiritualis frater meus postea effectus. Sed ego cum eodem sic tractavi, reliquias sanctorum itinere in coelum divinitus collatas abiisse, hostesque terruisse atque fugasse. [Post haec Mystuwoi in amentiam versus in vinculis tenetur, et aqua benedicta inmersus, sanctus, inquid, me Laurentius incendit, et antequam liberaretur, miserabiliter obiit.] Desolatis etc. .
1) Chronic. Hillesleb. bei Riedel Beitr. 8: Mistuviz dux Obutriorum scil. Sclavorum combussit monasterium S. Laurentii martyr. in Hildesleve, eductis inde sanctimonalibus et illo die multi de Saxonibus sunt interfecti. - Thietmar 4, 32: Tempore predicti Cesaris monasterium in Hilleslevo a Sclavis combustum est, eductis sanctimonialibus, et eodem die multi ex nostris sunt interfecti. - Der Sächsische Annalist welcher den Thietmar ausschreibt, setzt das Ereigniß in das J. 999.
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in Weihwasser getaucht hatte, ohne Zweifel um ihn dadurch zu heilen; 1 ) Der heil. Laurentius verbrennt mich! schrie er, des Frevels gedenkend, den er an dem Kloster dieses Heiligen geübt hatte. Diesen Sinn legt seinen Worten offenbar schon der sächsische Annalist unter, der um die Mitte des 12. Jahrhunderts schrieb (Mon. Germ. VIII, 517); weil ihm aber die Zerstörung des Klosters des heil. Laurentius zu Hillersleben durch Mistuwoi unbekannt geblieben, entstellte er Thietmars Bericht, und ließ die Zerstörung des Laurentius=Klosters zu Calwe a(Punkt fehlt) d. Saale, welche nach Thietmar die Böhmen begingen, durch Mistuwoi und die Obotriten geschehen.

Auch der Obotriten gedenkt Thietmar im weiteren Verlauf seiner Erzählung nur seltener. Während des beständigen Kampfes mit den Wenden unter der Regierung Otto's III., der vergebens sie wieder zu unterjochen bemüht war, werden mehrere Heereszüge ausdrücklich als gegen die Obotriten gerichtet erwähnt. Die gleichzeitigen Hildesheimer Annalen berichten solche zu den Jahren 990 und 995, welchen letzteren auch Thietmar 4, 12 erwähnt. Otto's Nachfolger, Heinrich II. (seit 6. Juni 1002), befolgte gegen die Wenden eine seinem Vorgänger entgegengesetzte Politik, und erreichte durch Güte, was jener durch Waffengewalt nicht zu erzwingen vermocht hatte. Zu Ostern 1003 erschienen Abgesandte der Redarier und Leutizier zu Quedlinburg vor dem Kaiser, und wurden durch freundliche Aufnahme und Geschenke in treue Verbündete verwandelt (Thietm. 5, 19), wobei freilich von Annahme des Christenthumes nicht die Rede war. Seitdem fanden längere Jahre hindurch nur friedliche Berührungen mit den Wendenstämmen statt, ja bei den Wagriern und Obotriten war, dem Namen nach wenigstens, das Christenthum wieder hergestellt; Thietmar erwähnt mehrere Male Zusammenkünfte, welche der Kaiser mit den Fürsten der nördlichen Wendenstämme, zu welchen die Wagrier und Obotriten gerechnet wurden, gehalten habe, um ihre Angelegenheiten zu ordnen: im J. 1005 zu Werben an der Elbe (6, 21), und im October des J. 1012 zu Arneburg (6, 51).

Erst im letzten Buche seiner Chronik, welches er kurz vor seinem Tode (am 1. December 1018) abgefaßt hat, kommt er wieder ausführlicher auf die Obotriten zu sprechen. Die Leutizier hatten im J. 1017 den Kaiser auf einem Heereszuge wider die Polen begleitet; der Obotritenfürst Mistizlav hatte den Leutiziern dabei seine Hülfe nicht gewährt. Deshalb überfielen sie ihn im


1) Die Kraft, Krankheiten zu heilen und böse Geister zu vertreiben, ward im Mittelalter dem Weihwasser ganz allgemein zugeschrieben.
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Februar des J. 1018, verwüsteten sein Land, vertrieben seine Gemahlin und Schwiegertochter und schlossen ihn selbst in Schwerin ein; darauf wiegelten sie seine eigenen Unterthanen gegen ihn auf, so daß er aus seinem väterlichen Erbe entweichen mußte; die Obotriten und Wagrier fielen, die Kirchen zerstörend, vom Christenthum ab und kehrten völlig zum Heidenthume zurück (8, 4).

Hiermit enden die gleichzeitigen Nachrichten Thietmars und ich gehe jetzt zu Adam von Bremen über, dem die Wendische Geschichte jener Zeiten gleichfalls sehr viel verdankt. Doch ist die Stellung beider Schriftsteller zu den Wenden sehr verschieden. Thietmar war an der wendischen Grenze aufgewachsen; seine beiden Aelterväter waren im J. 929 in der Schlacht bei Lenzen gegen die Wenden gefallen; sein Vater Siegfried, Graf von Walbeck, hatte im J. 983 bei Tangermünde gegen die empörten Wenden mitgefochten; dessen älterer Bruder Lothar ward Markgraf der Nordmark, als Marfgraf Dietrich in Folge der allgemeinen Empörung im J. 983 seines Amtes entsetzt ward; Thietmar selbst war Bischof in einer Diöcese, deren Bevölkerung noch zum größten Theile aus Slaven bestand: so lebte Thietmar eigentlich inmitten der wendischen Geschichte. Ganz anders dagegen war die Stellung des bremer Magisters Adam zum Wendenlande. Dieser war in Oberdeutschland geboren (Scholie zu 4, 35), und kam, seiner eigenen Angabe nach, erst im J. 1068 nach Bremen. Nicht lange nachher, ums J. 1075 (Monum. Germ. IX, 268) schrieb er die Geschichte des Bremer=Hamburger Erzstiftes, besonders um den Verfall desselben unter dem jüngst verstorbenen berühmten Erzbischofe Adelbert und die Ursachen desselben zu schildern. Er führt zwar zahlreiche Schriften an, welche er dabei benutzte, unter ihnen für die frühere Zeit besonders die fränkischen Annalen; für die eigentliche Geschichte des Erzstiftes aber sah er sich, bis auf die Lebensbeschreibungen des heil. Anskar und des heil. Rimbert, nebst den kurzen Fasten des Klosters Corvei, von allen schriftlichen Aufzeichnungen verlassen. Bei seinen Berichten über das Wendenland und dessen Geschichte beruft er sich gewöhnlich auf die ausführlichen Mittheilungen, welche König Suein von Dänemark (geb. wahrscheinlich 1019, † am 28. April 1076) ihm darüber gemacht habe. So entbehren seine Nachrichten über die ältere Wendische Geschichte fast alles chronologischen Anhaltes, und es darf uns daher nicht wundern, wenn wir in dem Zeitabschnitte, den wir so eben nach Thietmar durchgegangen sind, Adam mit diesem vielfach in Widerspruch finden.

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So versichert er 2, 24: Erzbischof Adeldag, der bis 988 im Amte war, habe für Aldenburg in Wagrien, wo er um das J. 948 einen Bischofssitz errichtet hatte, die Bischöfe Egwald, Wego und Ezico ordinirt, "zu deren Zeiten die Slaven Christen blieben. So war auch Hamburg in Frieden. Ueberall wurden im Wendenlande Kirchen errichtet, Klöster für Männer und Weiber, die Gott dieneten, erbaut. Dies bezeugt der gegenwärtig noch am Leben befindliche König Suein; er berichtete, das Wendenland zerfalle in 18 Landschaften, und versicherte uns, bis auf drei wären sie alle zum christlichen Glauben bekehrt gewesen, und fügte hinzu: ihre Fürsten waren jener Zeit Missizla, Naccon und Sederich 1 ), unter denen, sagte er, beständiger Friede war und die Slaven unter Tribut dienten". - Auf Erzbischof Adeldag folgte Libentius im Amte von 988 bis 1013; auch unter diesem blieb noch über die Hälfte seiner Amtszeit hindurch das Wendenland in Ruhe und Friede. Libentius "besuchte häufig die überelbischen Völkerschaften und hegte ihre Mutterkirche Hamburg mit väterlicher Liebe" (2, 27).

Nun fährt Adam Cap. 40 bis 43 in der Erzählung fort: "Inzwischen ward das tausendste Jahr, von der Menschwerdung unsers Herrn an, glücklich erfüllt, und dies war das zwölfte Jahr des Erzbischofes. Im folgenden Jahre starb der tapfere Kaiser Otto 2 ), welcher bereits die Dänen, Slaven, desgleichen die Franken und Italiäner bezwungen hatte, als er schon zum dritten Male zu Rom siegreich eingezogen war, durch einen frühzeitigen Tod ereilt. Nach seinem Tode blieb das Reich streitig 3 ). Damals aber wurden die Slaven, von ihren christlichen Gebietern mehr als billig gedrückt, nachdem sie endlich das Joch der Knechtschaft abgeschüttelt hatten, gezwungen, ihre Freiheit mit den Waffen zu vertheidigen. Die Fürsten der Wenden waren Mistiwoi und Mizzidrog, unter deren Führung der Aufstand entbrannte. Unter diesen Führern rebellirend, verwüsteten die Slaven zuerst ganz Nordalbingen mit Feuer und Schwerdt. Darauf durchzogen sie das übrige Wendenland, zündeten alle Kirchen an, und machten sie dem Erdboden gleich. Die Priester und übrigen Kirchendiener tödteten sie auf allerlei Art, und ließen keine Spur


1) Nacco heißt bei Widukind 3, 50 ein wendischer Fürst (subregulus barbarorum) der im J. 955 Herzog Hermann von Sachsen feind war; ein Wendenfürst Namens Sederich kommt noch später bei Adam 2, 58 vor (siehe unten).
2) Otto starb erst am 24. Januar 1002.
3) Markgraf Eckhard von Meißen und Herzog Hermann von Schwaben trachteten nach der deutschen Krone. Am 6. Juni 1002 ward indeß Herzog Heinrich von Baiern zu Mainz zum Könige gewählt und gekrönt; Markgraf Eckhard war inzwischen schon erschlagen, und Herzog Hermann unterwarf sich dem neuen Könige bereits am 1. October (Thietm. 5, 14).
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des Christenthums jenseit der Elbe zurück. Cap. 41. Bei Hamburg wurden zu dieser Zeit und hernach viele Cleriker und Bürger in die Gefangenschaft geschleppt, viele auch aus Haß gegen das Christenthum getödtet. Der oft zu erwähnende König Suein, der alle Geschichten der Barbaren, als wenn sie geschrieben wären, im Gedächtnisse hatte, erzählte uns: Aldenburg sei damals eine von Christen stark bevölkerte Stadt gewesen; sechszig Priester, sagte er, wurden dort, nachdem die übrigen wie das Vieh abgeschlachtet waren, zur Verspottung aufbewahrt, von denen der Propst des Ortes Oddar hieß, unser Blutsverwandter. Dieser ward mit den übrigen durch ein solches Marterthum vollendet, daß ihnen die Kopfhaut kreuzweise eingeschnitten und das Gehirn geöffnet ward 1 ); dann wurden ihnen die Hände auf den Rücken gebunden und die Bekenner Gottes durch die verschiedenen Städte der Slaven geschleppt, bis sie ihren Geist aufgaben. So wurden sie Engeln und Menschen ein Schauspiel 2 ), und hauchten mitten in ihrer Laufbahn siegreich ihren Geist aus. - Viel dergleichen geschah damals, wie erzählt wird, in den verschiedenen Provinzen der Slaven, was aus Mangel an Geschichtschreibern darüber jetzt für Fabeln gehalten wird. Als ich darüber den König weiter befragte, sagte er: Höre auf, mein Sohn; wir haben in Dänemark und im Wendenlande so viele Märtyrer, daß sie kaum alle könnten in einem Buche begriffen werden. - Alle Slaven also, die 70 Jahre hindurch und drüber zu der ganzen Ottonen=Zeit das Christenthum bekannt hatten, schieden sich auf solche Weise vom Leibe Christi und der Kirche, mit dem sie zuvor verbunden gewesen waren. - Dieses geschah in der letzten Zeit des Libentius, unter Herzog Bernhard, dem Sohne des Benno, der das Volk der Slaven hart heimgesucht hatte."

Adam gesteht, daß er diesen Bericht über den Abfall der Wenden vom Christenthume nach den Zeiten der Ottone nur aus mündlicher Relation, und zwar des Königs Suein von Dänemark, der noch nicht geboren war, als diese Dinge sich zugetragen haben sollen, geschöpft habe; er selbst bedauert den Mangel schriftlicher Aufzeichnungen darüber. Aus diesem Umstande sind die chronologischen Widersprüche zu erklären, in welche Adam nicht nur mit Thietmar, der gerade in dieselbe Zeit, in


1) Es soll wohl verstanden werden, daß ihnen die Hirnschale bloßgelegt ward; ferro ziehe ich zu incisa.
2) Paulus sagt 1. Corinther 4, 9 in Bezug auf die Verfolgungen, welche er litt: quiaspectaculum facti sumus mundo, et angelis et hominibus (Vulgata). Wohl mit Unrecht findet man in den Worten Adams eine Anspielung auf Virgil.
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welche Adam die Rebellion der Wenden verlegt, ihre Aussöhnung mit dem deutschen Reiche setzt,sondern auch mit sich selber tritt. Zu Anfang seines Berichts sagt Adam ausdrücklich: die Rebellion der Wenden habe stattgefunden bald nach dem zwölften Amtsjahre des Libentius, als nach dem Tode des Kaisers Otto III. die Herrschaft des deutschen Reiches eine Zeit lang streitig war, also im J. 1002. Am Schlusse aber giebt er an: dies sei geschehen in den letzten Zeiten der 25jährigen Amtsführung des Libentius, unter Herzog Bernhard II. von Sachsen dem Sohne Benno's oder Bernhard I., und auch Cap. 47 wiederholt er ausdrücklich: Herzog Bernhard habe aus Geiz die Wenden grausam bedrückt, und sie dadurch gezwungen, zum Heidenthume zurückzukehren. Nun starb Herzog Benno am 9. Februar 1011; die Rebellion der Wenden also müßte zwischen diesem und dem Todesjahre des Libentius 1013, also etwa im J. 1012, stattgefunden haben. Aber noch mehr. Adam versichert, 70 Jahre und darüber, während der ganzen Ottonen=Zeit, hätten die Slaven dem Christenthume angehangen. Nun hatte er oben Cap. 4 und 5 den Beginn des Christenthumes bei den Wenden in das zwölfte Jahr des Bischofs Adeldag, d. i. ins J. 948, gesetzt; hiernach würde also 70 Jahre später ihr Abfall ins J. 1018 fallen, in welchem nach Thietmar der zweite Abfall der Wagrier und Obotriten stattfand. Diese handgreiflichen und unauflöslichen Widersprüche Adams seinen eigenen chronologischen Bestimmungen scheinen schon den gelehrten Herausgeber seiner Chronik, Herrn Archivar Lappenberg, bestimmt zu haben, zum Schlusse des 40. Capitels die Vermuthung auszusprechen: Adam habe hier die Ereignisse, die sich nach dem Tode Otto's II. 1 ) zugetragen, in die Zeiten nach dem Tode Otto's III. verlegt. Er hätte dies um so zuversichtlicher thun können, da der sächsische Annalist schon den Bericht Adams über die Rebellion der Wenden vollkommen richtig zu dem J. 983 gesetzt hatte.

Der Beweis dafür, daß Adam, wenn er in der angeführten Stelle von der durch Mistuwoi und Mizzidrog veranlaßten Empörung der Wenden rede, bei welcher auch Hamburg zerstört ward und für deren Zeitbestimmung er uns die Wahl zwischen den Jahren 1002, 1012 und 1018 läßt, eben keine andere meine, als die nach Thietmar im J. 983 stattfand und bei welcher Mistuwoi Hamburg verbrannte, - der Beweis hierfür wäre sehr leicht aus Adam selbst geführt, wenn man bestimmt versichert sein könnte, daß die Scholien zu der betreffenden Stelle Adams von seiner eigenen Hand herrührten. Es befinden sich


1) Richtiger: in den letzten Jahren Otto's II.
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nämlich in den verschiedenen Handschriften des Adam 1 ) eine beträchtliche Anzahl von Scholien, von denen es wohl keinem Zweifel unterliegt, daß die meisten von Adam selbst später hinzugefügt sind, wiewohl einzelne auch offenbar aus einer andern Feder geflossen sind (Mon. Germ. IX, 274). Wäre nun als ausgemacht anzunehmen, daß die Scholien, welche bei unserer Stelle sich finden 2 ), von Adam selbst herrühren, so wäre, wie gesagt, jener Beweis sehr leicht geführt.

Das 30. Scholion (nach dem Wolfenbütteler und Soröer Codex) fügt als Veranlassung des Wendenaufstandes Folgendes hinzu: "Es geht die Rede, ein Wendischer Fürst (Ducem Slavanicum, wahrscheinlich der im Text genannte Mistiwoi) habe für seinen Sohn die Nichte des Herzogs Bernhard zur Gemahlin gewünscht und dieser habe sie zugesagt. Darauf schickte der Wendenfürst seinen Sohn mit dem Herzoge nach Italien, nebst 1000 Reitern, die fast alle dort getödtet wurden. Als aber der Sohn des Wendenfürsten die versprochene Gemahlin forderte, hintertrieb Markgraf Dietrich die Sache, indem er erklärte, die Blutsverwandte des Herzogs könne ihm nicht gegeben werden" 3 ), - und die Scholien 31 und 32 fügen nach denselben Handschriften noch hinzu: dieses sei der Markgraf Dietrich gewesen, der durch seine Untüchtigkeit die Wenden zum Abfall getrieben habe, und der, deshalb seines Ehrenamtes und seiner väterlichen Herrschaft entsetzt, zu Magdeburg als Präbendarius gestorben sei. Nun ist dieser Markgraf Dietrich eben kein anderer als der marchio aquilonaris Dietrich, dessen Uebermuth (superbia) nach Thietmar 3, 10 die Wenden im J. 983 zur Rebellion trieb, und der nach dem sächsischen Annalisten (zum J. 983) deshalb die Markgrafschaft verlor und Thietmars Oheim Lothar zum Nachfolger erhielt (cf. Annalista Saxo ad a. 998 u. 1010) und nach den Quedlinburger Annalen (Mon. Germ. V, 67) bereits im J. 985 verstarb. Wären also diese Scholien von Adam selbst geschrieben, so wäre unwiderleglich, daß auch er


1) Außer in dem Wiener Codex, welcher in den Monumentis Germaniae zu Grunde gelegt ist, in dem jedoch einzelne Scholien in den Text selbst eingeflochten sind.
2) Im 28. Scholion wird erzählt: Mistiwoi habe dem Christenthume nicht entsagen wollen, sei deshalb aus seinem Vaterlande vertrieben worden und habe sich über die Elbe nach Bardowik geflüchtet, wo er als Christ sein Alter zugebracht habe. Diese Angabe hält Hr. Archivar Lappenberg wohl nicht mit Unrecht für eine Verwechselung mit dem, was sich nach Thietmar 8, 4 mit Mistizlav zutrug.
3) Noch beleidigender fiel nach dem Kopenhagener Codex die Erklärung des Markgrafen Dietrich aus: consanguineam ducis non esse dandam cani; diese Version war schon Helmold bekannt, welcher 1, 16 schreibt: Theodoricus marchio intercepit consilium, consanguineam ducis non dandam proclamans cani.
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keinen andern Aufstand der Wenden meinen könne, als den im J. 983 erfolgten, und nur der Mangel an chronologischen Bestimmungen ihn verleitet habe, diesen Aufstand um einige Jahrzehnte zu spät anzusetzen.

Doch auch aus andern Angaben Adams läßt es sich zeigen, daß er in der Zeitbestimmung des Abfalles der Slaven vom Christenthume durchaus im Irrthume sich befinden müsse. Als die in dem Zeitraume, während dessen die Slaven zum Christenthume sich bekannten, für den aldenburger Sprengel von Erzbischof Adeldag ordinirten Bischöfe hatte er 2, 24 den Egward, Wego und Ezico angegeben; im 44. Capitel zählt er als die von Libentius (988 bis 1013) für Aldenburg ordinirten Bischöfe den Folcward und Reginbert auf, "deren erster, aus dem Slavenlande vertrieben, von dem Erzbischofe nach Schweden und Norwegen gesandt ward". Für Folcward sind mir zwar keine Zeitbestimmungen bekannt; Reginbert war aber nach den Quedlinburger Annalen schon im October des J. 992 Bischof der Slaven. Auch Thietmar erwähnt 6, 30 seiner und erzählt: seine (Thietmars) Großmutter habe den Reginbert, einen Ost=Franken, zum Propste des von ihrem verstorbenen Gemahle gegründeten Klosters Walbeck ernannt; nach dem Tode seiner Großmutter und seines Vaters aber, die beide im J. 990 aus der Welt gingen, sei Reginbert durch Vermittelung von Thietmars Oheim, dem Nordmarkgrafen Lothar, durch Kaiser Otto III. zum Bischofe von Aldenburg ernannt worden. Es ist also klar, daß, wenn schon Reginberts Amtsvorgänger Folcward durch den Abfall der Wenden vom Christenthume aus seiner Diöcese vertrieben ward, dieser Abfall nicht erst nach dem Tode Otto's III. kann stattgehabt haben, also auch Adam eben keine andere Empörung der Wenden meinen könne, als die von Thietmar als im J. 983 geschehen berichtete.

Kürzer kann ich mich über die weiteren Nachrichten Adams fassen. Auf Erzbischof Libentius folgte im Amte Unwan von 1013 bis 1029. Unter diesem ereignete sich der von Thietmar berichtete zweite Abfall der Wagrier und Obotriten vom Christenthume zu Anfange des J. 1018, dessen Ausgang Thietmar nicht mehr erlebte. Adam dagegen erzählt 2, 46: Herzog Bernhard II. habe sich (nach den Hildesheimer Annalen im J. 1019) gegen Kaiser Heinrich erhoben, sei aber durch Unwans Vermittlung wieder mit demselben ausgesöhnt worden; bald darauf habe der Herzog mit Beihülfe Unwans die Slaven wieder dem Tribute unterworfen und dem Lande Nordalbingien und seiner Mutterkirche Hamburg den Frieden wiedergegeben; hierauf habe der Erzbischof Hamburg, Stadt und Kirche, neu aufgebaut;

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für das Wendenland habe er nach Reginberts Tode den Benno zum Bischofe eingesetzt 1 ), welcher durch seine Verkündigung des Christenthumes viel unter den Slaven gewirkt habe; Unwan, fügt er im 58. Capitel noch hinzu, habe oft mit Herzog Bernhard Hamburg besucht und habe Jahre lang sich hier aufgehalten, und hier Zusammenkünfte sowohl mit König Knut von Dänemark, als auch mit den Wendenfürsten Uto und Sederich gehabt. Auch von Unwans Nachfolger Libentius II. (von 1029 bis 1032) berichtet er Cap. 64, daß er Hamburg oft besucht habe, weil damals durch das Verdienst Königs Knut und Herzogs Bernhard der Friede über der Elbe gesichert gewesen und auch der Kaiser (Konrad) die Wenden durch einen Sieg gebändigt habe 2 ); "ihre Fürsten, Gneus und Anatrog, schreibt Adam, waren Heiden, und der dritte, Uto, ein Sohn des Mistiwoi, ein schlechter Christ, weshalb er auch für seine Grausamkeit von einem sächsischen Ueberläufer getödtet ward; er hatte einen Sohn Gottschalk u. s. w." Dieser ist der bekannte Gottschalk, der nachdem er eine Zeit lang unter König Knut 3 ) und dessen Nachfolgern in England Kriegsdienste gethan und darauf König Sueins Schwiegersohn geworden war, das obotritische Königreich aufrichtete, und weil er mit großem Eifer (er trat selbst als Verkündiger des Evangeliums auf) das Christenthum unter den Wenden auszubreiten bemüht war, im J. 1066 zu Lenzen ermordet ward. Nach Adam war also Gottschalk ein Sohn des Uto und ein Enkel des Mistiwoi. Da Adam diese Angaben dem eigenen Schwiegervater Gottschalks, dem Könige Suein, verdankte, so ist nicht wahrscheinlich, daß sie unrichtig sein sollten; doch will ich nicht unterlassen zu bemerken, daß nach dem berühmten Geschichtschreiber Dänemarks, Saxo Grammaticus (Lib. 10), der Vater des Gottschalk Pribignevus 4 ) hieß. Vielleicht, daß Pribignev sein wendischer, Uto oder Otto sein christlicher Taufname war, wie denn solche Doppelnamen auch


1) Auch den Bischof Benno setzt Adam zu spät an, denn wir werden unten sehen, daß er schon vor 1005 von Libentius muß ordinirt worden sein.
2) Nach dem Lebensbeschreiber Kaiser Konrads, Wippo, und dem Sächsischen Annalisten waren die Wenden in den ersten Regierungsjahren des Kaisers friedlich und gehorsam; erst im J. 1032 wurden die Leutizier unruhig und machten einen Feldzug des Kaisers an die Elbe nöthig, und erst im J. 1035 trug der Kaiser einen großen Sieg über sie davon. Was Adam hier also als zu Lebzeiten des Erzbischofs Libentius II. geschehen berichtet, trug sich erst später zu.
3) König Kunt starb am 11. November 1035; Gottschalk kann also nur in seinen letzten Lebensjahren bei ihm in England gewesen sein.
4) Adam nennt neben Uto einen Wendenfürsten Gneus; sollte dieser der Pribignevos des Saxo sein? Der Name Gneus ist sehr verdächtig; es kommt gnev (Groll) häufig in zusammengesetzten Namen vor, wie Jarognev (Starkgroll), Mirognev (Sanftgroll), Gneomir u. s. w., aber für sich allein ist es mir noch niemals begegnet.
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bei andern Wendenfürsten jener Zeit sich finden, z. B. bei dem letzten Wendenfürsten von Brandenburg, dessen eigentlicher Name Pribislav und dessen christlicher Name Heinrich war 1 ).

Es ist noch übrig, mit den Nachrichten Thietmars und Adams auch die Angaben Helmolds in seiner Slavenchronik zu vergleichen. Zwar ist dieselbe fast hundert Jahre später (um das J. 1170), als Adams Geschichte des Bremer=Hamburger Erzstiftes abgefaßt, und Helmold hält sich in den älteren Zeiten so genau an seinen Vorgänger Adam, daß er meistens dessen eigene Worte wiedergiebt; allein er hat doch auch Manches mit eingeflochten, was er wohl wahrscheinlich aus der Ueberlieferung der Aldenburger Diöcese, welcher er angehörte und deren Bischöfen er nahe stand, geschöpft hat. Dadurch ist freilich in seinem Bericht über die Ereignisse, um die es sich hier handelt, noch mehr chronologische Verwirrung gekommen, als wir schon bei Adam fanden; allein mit Hülfe der Chronologie läßt sich auch hier einiges Licht in der Wirrniß schaffen und Richtiges ausscheiden.

Helmold berichtet Cap. 12 die Stiftung des Bisthumes zu Aldenburg, welchem das Wendenland bis zur Peene und Demmin hin unterworfen ward, und setzt sie gleichzeitig mit der Stiftung des schleswiger Bisthumes, die anerkanntermaßen im J. 948 stattfand (Monum. Germ. IX, 307. 392). Cap. 13 erzählt er, wie Bischof Wago von Aldenburg, der noch vom Erzbischofe Adeldag († 988) ordinirt war, mit dem Fürsten (regulus) der Obotriten Billug sich verschwägert habe, indem er ihm auf wiederholtes Begehren seine Schwester zur Gemahlin gab; eine aus dieser Ehe entsprossene Tochter Hodica machte ihr Oheim, noch ehe sie erwachsen war, zur Aebtissin der Klosterfrauen zu Meklenburg. Dieses verdroß ihren Bruder Missizla (wahrscheinlich nur ein Stiefbruder, von einer früheren wendischen Gemahlin Billugs), welcher den Vater der Untreue an den väterlichen Sitten zieh, indem er eine Deutsche zur Frau genommen und seine Tochter in ein Kloster gesperrt habe. Im folgenden 14. Cap. berichtet er, wie Billug den Bischof überredet habe, seine Natural=Hebungen im Obotritenlande seiner Nichte zu überlassen und Landgüter dafür zum Tausche zu nehmen, und, nachdem dieses geschehen, er diese Güter des Bischofs habe plündern und verwüsten lassen, ja endlich die Schwester des Bischofs wieder verstoßen habe. Ausdrücklich sagt Helmold an


1) Auch war es Sitte, bei der Confirmation den Namen zu ändern. So hatte Bischof Adelbert von Böhmen in der Taufe den slavischen Namen Woitech, bei der Confirmation dafür den deutschen Namen Adelbert erhalten, Thietmar 4, 19.
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