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Inhalt:

Jahrbücher

des

Vereins für mecklenburgische Geschichte
und Altertumskunde,

 

gegründet von Friedrich Lisch,
fortgesetzt von Friedrich Wigger und Hermann Grotefend.

 


 

Vierundneunzigster Jahrgang.

herausgegeben von

Staatsarchivdirektor Dr. F. Stuhr,

als 1. Sekretär des Vereins.

 

Mit angehängtem Jahresbericht.

 


 

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Schwerin, 1930.

Druck und Vertrieb der Bärensprungschen Hofbuchdruckerei..

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Inhalt des Jahrbuchs.

  Seite
I. Die Stadtgründungen Mecklenburg-Schwerins in der Kolonisationszeit vom 12. bis zum 14. Jahrhundert (auf siedlungsgeschichtlicher Grundlage).Von Studienreferendar Dr. Karl Hoffmann - Schwerin 1
II. Zwei Freunde August Hermann Franckes. Von Pfarrer D Dr. Theodor Wotschke - Pratau 201
III. Aus den Briefen des Hofkantors Rudolph in Dargun. Von demselben 217
IV. Über die ältesten Urkunden des Klosters Doberan. Von Studiendirektor Dr. Wilhelm Biereye - Rostock 231
V. Aus dem Tagebuch einer Pastorentochter 1811-1815. Von Pastor Richard Wagner - Sternberg 267
VI. Die Auswanderung aus Mecklenburg-Schwerin in überseeische Länder, besonders nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Von Oberstudienrat Dr. Max Wiegandt - Wismar 275
VII. Die geschichtliche und landeskundliche Literatur Mecklenburgs 1929/30. Von Staatsarchivrat Dr. Werner Strecker - Schwerin 295
Jahresbericht (mit Anlagen A und B) 311
Vignette
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Inhalt:

I.

Die Stadtgründungen
Mecklenburg-Schwerins
in der Kolonisationszeit vom
12. bis zum 14. Jahrhundert

(auf siedlungsgeschichtlicher Grundlage)

von

Karl Hoffmann.

Vignette
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Vorwort.

Die vorliegende Arbeit ist durch eine von der philosophischen Fakultät der Universität Rostock für das Wintersemester 1927/28 ausgeschriebene Preisaufgabe veranlaßt worden. Die Fülle des Stoffes gebot eine Beschränkung auf die Mecklenburg-Schwerinschen Städte mit Ausschluß der beiden Hansestädte Rostock und Wismar, die nur im allgemeinen Teil nach den Ergebnissen der bisherigen Forschung gelegentlich berücksichtigt werden. Ausgeschlossen blieben daher auch die Städte von Mecklenburg-Strelitz mit Ausnahme von Wesenberg, einer Gründung der Fürsten von Werle-Güstrow. Die Gründungsgeschichte Stavenhagens dagegen wurde der Vollständigkeit wegen aufgenommen, obgleich diese Stadt pommerschen Fürsten ihre Entstehung verdankt.

An Stadtplänen konnten aus finanziellen Gründen nur die von Schwerin, Parchim und Plau beigegeben werden.

Der Abschluß der Arbeit erfolgt aus beruflichen und gesundheitlichen Gründen früher, als mir lieb ist. Insbesondere habe ich es mir versagen müssen, in einem letzten, fünften Kapitel des allgemeinen Teils die nationale (deutsche oder slawische) Herkunft der Stadtbewohner zu erörtern, zumal die unentbehrlichen philologischen Vorarbeiten über Bürgernamen usw. noch fehlen.

Das Quellenmaterial des Geheimen und Haupt-Archivs zu Schwerin, Stadtpläne und Urkunden, durfte ich mit Erlaubnis des Herrn Staatsarchivdirektors Dr. Stuhr verwerten. Ich danke ihm für seine gütige Unterstützung, wie auch Herrn Staatsarchivdirektor Dr. Witte in Neustrelitz und Herrn Professor Dr. Feine für nützliche Ratschläge. Mein herzlichster Dank aber gebührt meinem verehrten Lehrer, Herrn Professor Dr. Spangenberg, der mir zu jeder Zeit mit seinem Rat und seiner Kritik helfend zur Seite stand.

Schwerin, Juni 1930.                                   Karl Hoffmann.

Die Abhandlung erscheint gleichzeitig als Sonderdruck im Verlage des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde (Vertrieb der Bärensprungschen Hofbuchdruckerei in Schwerin) und kann von Nichtmitgliedern durch den Buchhandel, von Mitgliedern - zu ermäßigtem Preis - durch den Verein bezogen werden.

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Inhaltsverzeichnis.

Einleitung: Seite
Stand der Forschung und Beginn der Kolonisation in Mecklenburg 5
Buch A.
Die Entstehung der einzelnen mecklenburg-schwerinschen Städte in der Zeit vom 12. bis zum 14. Jahrhundert 12
Kapitel I.
Die Gründung Schwerins durch Heinrich den Löwen (12. Jahrh.) 12
Kapitel II.
Die Städtegründungen der deutschen Grafschaften 23
a) Das Kolonisationsgebiet der Grafschaft Ratzeburg 23
1. Die Gründung der Stadt Ratzeburg 23
2. Die Gründung der Stadt Gadebusch 28
3. Die Gründung der Stadt Wittenburg 33
4. Die Gründung der Stadt Hagenow 35
5. Die Gründung der Stadt Boizenburg 37
b) Das Kolonisationsgebiet der Grafen von Dannenberg 40
1. Die Gründung der Stadt Dömitz 41
2. Die Gründung der Stadt Grabow 44
c) Das Kolonisationsgebiet der Grafschaft Schwerin 46
1. Die Gründung der Stadt Neustadt-Glewe 46
2. Die Gründung der Stadt Crivitz 49
Kapitel III.
Die Städtegründungen im Gebiet des Bistums Schwerin 51
1. Die Gründung der Stadt Bützow 52
2. Die Gründung der Stadt Warin 53
Kapitel IV.
Die Städtegründungen in den Ländern der wendischen Fürsten 55
a) Das Kolonisationsgebiet der Herrschaft Rostock 56
1. Die Gründung der Stadt Kröpelin 67
2. Die Gründung der Stadt Ribnitz 70
3. Die Gründung der Stadt Marlow 73
4. Die Gründung der Stadt Sülze 76
5. Die Gründung der Stadt Gnoten 78
6. Die Gründung der Städte Alt- und Neukalen 80
7. Die Gründung der Stadt Tessin 83
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Seite
b) Das Kolonisationsgebiet der Herrschaft Mecklenburg 85
1. Die Gründung der Stadt Neubuckow 86
2. Die Gründung der Stadt Grevesmühlen 87
3. Die Gründung der Stadt Brüel 89
c) Das Kolonisationsgebiet der Herrschaft Parchim 91
1. Die Gründung der Stadt Parchim 91
2. Die Gründung der Stadt Plau 100
3. Die Gründung der Stadt Goldberg 105
4. Die Gründung der Stadt Sternberg 107
d) Das Kolonisationsgebiet der Herrschaft Werle-Güstrow 91
1. Die Gründung der Stadt Güstrow 112
2. Die Gründung der Stadt Malchow 126
3. Die Gründung der Stadt Malchin 130
4. Die Gründung der Stadt Röbel 133
5. Die Gründung der Stadt Penzlin 136
6. Die Gründung der Stadt Teterow 138
7. Die Gründung der Stadt Wesenberg 139
8. Die Gründung der Stadt Krakow 140
9. Die Gründung der Stadt Waren 143
10. Die Gründung der Stadt Schwaan 146
11. Die Gründung der Stadt Laage 147
e) Das Kolonisationsgebiet der Herzöge von Pommern 149
1. Die Gründung der Stadt Stavenhagen 149
Buch B.
Allgemeine Ergebnisse 151
Kapitel I.
Die Zahl der Städte und die Zeit ihrer Entstehung 151
Kapitel II.
Die Entstehungsart der Städte (Siedlungselemente) 160
Kapitel III.
Die Städtepolitik der mecklenburgischen Fürsten 170
Kapitel IV.
Die mecklenburgischen Stadtrechte 190
~~~~~~~
Mit Stadtplänen von Schwerin, Parchim und Plau.

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Einleitung.

Stand der Forschung und Beginn der Kolonisation in Mecklenburg.

Die moderne Städteforschung hat ihre Grundlagen durch die bahnbrechenden Werke G. L. von Maurers, G. von Belows, S. Rietschels und anderer erhalten 1 ), welche sich hauptsächlich mit den Markt- und Stadtgründungen des 10., 11. und 12. Jahrhunderts beschäftigten und für die Entstehung der Städte und ihrer Verfassung allgemeingültige Regeln zu ergründen suchten. Neuerdings versucht man, jene allgemeinen Theorien durch Sonderuntersuchungen und Geschichten einzelner deutscher Landschaften zu unterbauen und zu berichtigen, um auf diese Weise ein der Wirklichkeit mehr entsprechendes Bild vom Werden der deutschen Städte zu gewinnen. Diese Spezialforschungen haben besonders für Sachsen 2 ), Württemberg 3 ),


1) Vgl. Richard Schröder-Künßberg, Lehrbuch der Deutschen Rechtsgeschichte, 6. Aufl., Berlin u. Leipzig 1922, S. 672 ff.
2) Vgl. Joh. Kretzschmar, Die Entstehung von Stadt und Stadtrecht in den Gebieten zwischen der mittleren Saale und der Lausitzer Neiße (Gierke's Untersuchungen zur deutschen Staats- und Rechtsgeschichte, Heft 75), Breslau 1905; H. Ermisch, Anfänge des sächsischen Städtewesens, sächsische Volkskunde, herausgegeben von R.Wuttke, 2. Aufl., 1901; Helmut Gröger, Meißen, Ein Beitrag zur Städtegeschichte der ostdeutschen Kolonisationszeit (Deutsche Siedlungsforschungen, Rudolf Kötzschke zum 60. Geburtstag dargebracht, Leipzig 1927, S. 236 - 266); Ernst Pietsch, Die Entstehung der Städte des sächsischen Vogtlandes, Mitteilungen des Vereins für vogtländische Geschichte und Altertumskunde, 1922, Bd. 32, S. 1 ff.
3) Karl Otto Müller, Die oberschwäbischen Reichsstädte. Ihre Entstehung und ältere Verfassung, Darstellungen aus der württembergischen Geschichte, Bd. 8, Stuttgart 1912; K. O. Müller, Alte und neue Stadtpläne der oberschwäbischen Reichsstädte, Stuttgart 1914; R. Gradmann, Die städtischen Siedlungen des Königreichs Württemberg (Forschungen zur deutschen Landeskunde und Volkskunde, 1914, Bd. 21, Heft 2); W. Ernst, Die Entstehung der württembergischen Städte ("württembergische Studien", herausgegeben von P. Goeßler, Festschrift für Eugen Nägele, 1926, S. 121 - 137).
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Böhmen 4 ), die Lausitz 5 ), teilweise auch für Schlesien 6 ), Hessen 7 ), Anhalt 8 ), Jülich 9 ) und das Erzstift Köln 10 ) bereits schöne Ergebnisse erzielt; historische Kommissionen einzelner Landschaften, z. B. Schlesiens und Ostpreußens, haben die Sammlung und Erforschung der Stadtpläne in ihr Arbeitsprogramm aufgenommen. Die Entstehungsgeschichte der Mecklenburg-Schwerinschen Städte dagegen ist im Zusammenhang und mit der Verwertung der modernen Stadtplanforschung 11 ) 12 ) noch


4) Adolf Zycha, Über den Ursprung der Städte in Böhmen und die Städtepolitik der Premysliden (Mitteilungen des Vereins für die Geschichte der Deutschen in Böhmen, 1914, Bd. 52, S. 2 ff., 263 ff., 559 ff., 1915, Bd. 53, S. 124 ff.); Anton Hoenig, Deutscher Städtebau in Böhmen. Die mittelalterlichen Stadtgrundrisse Böhmens mit besonderer Berücksichtigung der Hauptstadt Prag, Berlin 1921.
5) Walther Jecht, Neue Untersuchungen zur Gründungsgeschichte der Stadt Görlitz und zur Entstehung des Städtewesens in der Oberlausitz (Neues lausitzisches Magazin, Görlitz 1919, Bd. 95, S. 1 - 62).
6) Tzschoppe-Stenzel, Urkundensammlung zur Geschichte des Ursprungs der Städte Schlesiens, Hamburg 1832; Wilhelm Schulte, Deutsche Stadtgründungen in Schlesien, Glatz 1903; J. Pfitzner, Besiedlungs-, Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte des Breslauer Bistumslandes, Teil I, Reichenberg i. B., 1926, S. 31 ff., 340 ff.; G. Schönaich, Stadtgründungen und typische Stadtanlagen in Schlesien, Zeitschr. f. schlesische Geschichte, 1926, Bd. 60, S. 1 - 17.
7) Erich Schrader, Die Städte Hessens (Jahresbericht des Frankfurter Vereins für Geographie und Statistik, Jahrgang 1919-1922, S. 1 - 70); Werner Spieß, Die Entstehung der deutschen Städte mit besonderer Berücksichtigung der Stadt Frankenberg in Hessen, Deutsche Geschichtsblätter, 1923, Bd. 20, S.97 - 110.
8) Wilhelm Müller, Die Entstehung der anhaltischen Städte, Diss. Halle 1912. Über die Altmark vgl. Richard Aue, Zur Entstehung der altmärkischen Städte, Diss. Greifswald 1910.
9) Peter Koof, Die Entstehung der altjülichschen Städte, Diss. Bonn 1926.
10) Th. Ilgen, Die Entstehung der Städte des Erzstiftes Köln am Niederrhein, Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein, Bd. 74, S. 1 ff.
11) Die Literatur über die städtegeschichtliche, insbesondere über die namentlich durch Johann Fritz und P. J. Meier angeregte moderne Stadtplanforschung ist fast vollständig verzeichnet durch Hans Dörries, Die Städte im oberen Leinetal, Göttingen, Northeim und Einbeck (landeskundliche Arbeiten des geographischen Seminars Göttingen), Göttingen 1925; vgl. dazu Zeitschrift der Savignystiftung, germanistische Abteilung, 1926, Bd. 46, S. 493. - Vgl. auch Note 12.
12) H. Dörries, Entstehung und Formenbildung der niedersächsischen Stadt, Stuttgart 1929.
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nicht behandelt worden; die wenigen bisher vorliegenden Untersuchungen über einzelne Mecklenburg-Schwerinsche Städte tragen zum größten Teil den Stempel des Dilettantismus und sind ohne rechte Fühlung mit den Problemen und Theorien der Wissenschaft fast durchweg zu unbefriedigenden Ergebnissen gelangt. Eine zuverlässige Kenntnis der Gründungsgeschichte der mecklenburgischen Städte ist aber um so dringlicher, weil die mecklenburgischen Städte zum allergrößten Teil in der Kolonisationszeit des 12. bis 14. Jahrhunderts gegründet sind und die Entstehung des Städtewesens daher einen wesentlichen Bestandteil der Kolonisations- und Germanisationsgeschichte Mecklenburgs bildet, welche im Jahre 1915 durch ein zweibändiges, kürzlich erst in Deutschland bekannt gewordenes und jedenfalls beachtenswertes Werk des Russen D. N. Jegorov 13 ) in ein ganz neues Licht gerückt worden ist. Jegorov leugnet eine Masseneinwanderung deutscher Kolonisten; er nimmt für das bäuerliche Kolonistenmaterial, wie besonders auch für die ritterlichen Grundherren, "die eigentlichen Träger der Kolonisation", "vorwiegend slawischen Ursprung" in Anspruch und erklärt die Kolonisation als eine "dem Wesen nach slawische Bewegung", "eine rein interne Wanderung innerhalb der Slawia"; Kolonisation und Germanisation Mecklenburgs seien also nicht gleichbedeutend, sondern begrifflich und zeitlich zu scheiden. Da Jegorov fast nur die ländliche Besiedlung berücksichtigt, bedarf sein Werk schon aus diesem Grunde der Ergänzung und Berichtigung. Denn die Städte haben offenbar das Rückgrat der Germanisation und Kolonisation gebildet, und ohne sorgsame Erforschung ihrer Entstehung und Entwicklung wird man schwerlich ein rechtes Verständnis von der verhältnismäßig schnellen Eindeutschung des mecklenburgischen Landes gewinnen können.



13) D. N. Jegorov, Slavjano-Germanskija otnošenija v srednie ve(v)ka. Kolonizacija Meklenburga v XIII. Moskva 1915. (Die slawisch-germanischen Beziehungen im Mittelalter. Die Kolonisation Mecklenburgs im 13. Jahrhundert, 2 Bände, Moskau 1915.). Dazu die eingehende Besprechung von H. Fel. Schmid, Zeitschr. f. slawische Philologie, herausgegeben von Dr. Max Vasmer, Bd. 2, Heft 1/2, 1925, S. 134 ff. Eine Kritik des in russischer Sprache verfaßten Jegorovschen Werkes wird erst möglich sein, wenn eine zuverlässige, dem Vernehmen nach bereits geplante Übersetzung des Werkes erschienen ist.
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Die Slawen kannten keine Städte in dem Sinne, wie sie in Deutschland seit dem 11. Jahrhundert entstanden. Erst im Zeitalter der Kolonisationsbewegung wurden in Mecklenburg Städte nach deutscher Art gegründet.

Das heutige Mecklenburg zählt 53 Städte 14 ), von denen 45 im Zeitalter der deutschen Kolonisation, in der Zeit vom 12. bis zum Ausgang des 14. Jahrhunderts, gegründet worden sind. Von diesen ist nur eine Stadt, nämlich Schwerin, im 12. Jahrhundert entstanden, während die Mehrzahl der Städte, im ganzen 37, im 13. Jahrhundert und ein kleinerer Teil, nämlich 7, im 14. Jahrhundert gegründet wurden.

Man erkennt also deutlich aus der zahlenmäßigen Verschiedenheit der Stadtgründungen in den drei Jahrhunderten, daß die Kolonisationsbewegung im 13. Jahrhundert besonders wirksam gewesen ist. Sie hat sich im Zusammenhang mit den politischen Verhältnissen des Landes vollzogen 15 ).

Die Kolonisationsbewegung begann in Mecklenburg mit der Unterwerfung der Obotriten durch Heinrich den Löwen im Jahre 1160; Fürst Niklot starb in diesem Jahr für die Freiheit seines Volkes. Heinrich der Löwe begann mit der ihm eigenen Energie sofort, das unterworfene slawische Volk in seine Herrschaft einzugliedern. Einen seiner besten Ritter, den edlen Gunzelin von Hagen, der aus der Gegend von Braunschweig stammte, machte er zum Grafen von Schwerin und setzte ihn als Statthalter über die Obotriten. Zugleich gab er ihm noch die besonders gefährdete Burg Ilow an der Ostsee. Ebenso wurde Heinrich von Skaten, ein Niederländer, als Burgvogt in Mecklenburg, Ludolf von Peine in gleicher Eigenschaft in der Burg Quetzin am Plauer See eingesetzt. Einen Mönch mit Namen Berno machte Heinrich zum ersten Bischof von Schwerin.


14) Davon entfallen 11 Städte auf Mecklenburg-Strelitz. Von diesen sind 6 im 13. Jahrhundert, 1 im 14. Jahrhundert, 1 im 18. Jahrhundert, 1 im 19. Jahrhundert, 2 im 20. Jahrhundert entstanden.
15) Vgl. H. Witte, Mecklenburgische Geschichte, Wismar 1909, Bd. 1, S. 72 ff.; Ders., Zur Erforschung der Germanisation unseres Ostens, Hansische Geschichtsblätter 1908, Bd. 14, S. 271 ff.; Rudloff, Geschichte Mecklenburgs vom Tode Niklots bis zur Schlacht bei Bornhöved (Mecklenburgische Geschichte in Einzeldarstellungen, Bd. 1, Berlin 1901); Hans Witte, Wendische Bevölkerungsreste in Mecklenburg, Stuttgart 1905.
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Vor der Unterwerfung der Obotriten war bereits der Volksstamm der Polaben, der den Obotriten im Westen benachbarte slawische Stamm, dem deutschen Angriff unterlegen und die Herrschaft über sie von Heinrich dem Löwen im Jahre 1142 endgültig an Heinrich von Badewiede übergeben, der damals die Bezeichnung eines Grafen von Ratzeburg erhielt. Zu dieser Grafschaft gehörte ein großer Teil des heutigen Westmecklenburg.

Zur selben Zeit, als Herzog Heinrich Gunzelin von Hagen zum Grafen von Schwerin einsetzte, gründete er auch auf dem linken Ufer der Elbe die Grafschaft Dannenberg, deren Grafen Mecklenburg bis Grabow herauf kolonisiert haben 16 ). Auch in Boizenburg an der Elbe setzte der Herzog einen Grafen ein 17 ).

Offenbar bezweckte Heinrich der Löwe mit allen diesen Maßnahmen, das neu gewonnene Gebiet militärisch zu sichern und für immer zu behaupten. Das Bemerkenswerte an dieser Organisation ist, daß sie dem alten slawischen Fürstentum keinerlei Konzessionen gemacht hat 18 ).

Diese Neuordnung hatte jedoch keinen dauernden Bestand. Die Gesamtlage im deutschen Reich veränderte sich so sehr zu ungunsten Heinrichs des Löwen, daß er aus Gründen der Vorsicht, um wenigstens in seinem Rücken keine Feinde zu haben, dem alten wendischen Fürstengeschlecht der Obotriten im Jahre 1167 große Teile seiner ehemaligen Herrschaft zurückgab. Graf Gunzelin, der bisherige Statthalter des ganzen Landes, wurde dabei als Graf von Schwerin mit einem kleineren Gebiet abgefunden. Das Fürstentum Mecklenburg, welches Pribislav, dem Sohne Niklots, damals zufiel, machte ungefähr die Hälfte des heutigen Mecklenburgs aus. " Pribislav gebot über die ganze Meeresküste von Priwall bis zum Ribnitzer Binnenwasser; in der Nähe derselben lagen auch die beiden Burgen, als deren Herrn er sich in seinem Titel zu bezeichnen pflegte, Mecklenburg und Kessin. Im Süden reichte seine Herrschaft mit dem Lande Müritz weit über die Müritzgewässer hinaus in den Raum zwischen Wittstock und Rheinsberg, bis zum


16) Nach W. Meyer (Geschichte der Grafen von Ratzeburg und Dannenberg. Jahrbücher des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde [M.J.B.] 76, S. 74/5) fällt die Begründung der Grafschaft Dannenberg vermutlich in die Zeit vom 28. Juni 1152 bis zum 1. August 1154.
17) Mecklenburgisches Urkundenbuch (M.U.B.) Bd. I, 80, 90, 96.
18) Nur ein kleines Gebiet verblieb den Söhnen Niklots.
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Walde Besunt (Wittstocker Heide)" 19 ). Dazu gehörten ihm das Land Warnow zu beiden Seiten der Elde, das Land Brenz zwischen Parchim und Neustadt und das Land Turne zwischen Lübz und Plau 20 ).

Die Wiedereinsetzung des wendischen Fürstengeschlechtes war für den Fortgang der Kolonisation in Mecklenburg nicht günstig. Pribislav, der Sohn Niklots, sperrte seine Grenze für deutsche Kolonisten. Erst um 1200 begann dessen Sohn, Heinrich Borwin, mit der Durchführung der Kolonisation in seinem Fürstentum. Dabei lag dem slawischen Fürsten nicht so sehr an einer deutschen Kolonisation, als vielmehr an einer wirtschaftlichen Neugestaltung seines Landes durch die Neubesiedlung entvölkerter bzw. ungerodeter Gebiete.

Das Fürstentum Mecklenburg wurde nach dem Jahre 1227, dem Todesjahr Heinrich Borwins, unter dessen vier Enkel geteilt. Es entstanden auf diese Weise vier mecklenburgische Teilfürstentümer, die nach den Hauptburgen der einzelnen Länder bezeichnet werden, nämlich die Herrschaften Mecklenburg, Rostock, Werle-Güstrow und Parchim.

Innerhalb der drei deutschen Grafschaften, Ratzeburg, Dannenberg und Schwerin und des Fürstentums Mecklenburg, das nach dem Jahre 1227 in die vier eben erwähnten Herrschaften geteilt wurde, vollzog sich auch die Gründung der einzelnen Städte. Wir haben sie deshalb nach den verschiedenen Gebieten, in denen sie entstanden sind, geordnet. Nur Schwerin, die einzige Stadtgründung des 12. Jahrhunderts, die Heinrich dem Löwen ihre Entstehung verdankt, läßt sich in dieses Einteilungsprinzip nicht einordnen; die Gründungsgeschichte Schwerins ist daher an den Anfang gestellt worden. Dagegen sind die beiden Hansestädte Rostock 21 ) und Wismar 22 ) und die


19) Rudloff a. a. O. S. 26/27
20) Nach der Schlacht bei Waschow 1201, die die Aufteilung der Grafschaft Ratzeburg durch die Dänen zur Folge hatte, fiel das Land Gadebusch an das Fürstentum Mecklenburg.
21) Vgl. Ludwig Krause, Zur Rostocker Topographie, mit zwei Plänen (Beiträge zur Geschichte der Stadt Rostock, herausgegeben vom Verein für Rostocks Altertümer, 13. Bd., Jahrg. 1924, S. 12 - 77); Fritz Rörig, Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte, Breslau 1928, S. 25, 254, 268 ff.
22) Crull, Die Ratslinie der Stadt Wismar, Halle 1875; F. Techen, Die Gründung Wismars (Hansische Geschichtsblätter, Jahrg. 1903, Bd. 11, S. 121 ff.); Ders., Das älteste Wismarer Stadtbuch; Ders., Geschichte der Stadt Wismar, Wismar 1929.
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Städte des Landes Stargard, dessen Grenzen etwa dem Hauptteil des heutigen Mecklenburg-Strelitz entsprechen, von der Untersuchung ausgeschlossen worden. Das Stargarder Land wurde durch den Kremmener Vertrag des Jahres 1236 der Mark Brandenburg einverleibt und daher nicht von mecklenburgischen Fürsten, sondern von den brandenburgischen Markgrafen kolonisiert 23 ).



23) Vgl. Hermann Krabbo, Die Stadtgründungen der Markgrafen Johann I. und Otto IV. v. Brandenburg (1220 - 67), im Archiv für Urkundenforschung, Leipzig 1912, Bd. 4, S. 255 ff.
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Buch A.

Die Entstehung der einzelnen Mecklenburg-Schwerinschen Städte in der Zeit vom 12. bis zum 14. Jahrhundert.

Kapitel. I.

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Die Gründung Schwerins durch Heinrich den Löwen
(12. Jahrhundert).

Die Quellen, die uns für die Erforschung der Gründungsgeschichte Schwerins zur Verfügung stehen, sind nicht so ergiebig und zuverlässig, daß wir ein klares und vollständiges Bild über den Gründungsvorgang gewinnen können.

Wichtige Nachrichten über den Anlaß und die Zeit der Gründung finden wir in der Slavenchronik Helmolds, der allerdings den mecklenburgischen Verhältnissen ferner steht und vor allem die Christianisierung und Germanisation Holsteins beschrieben hat, ferner in der dänischen Geschichte des Saxo Grammatikus. Dazu kommt die Bewiomungsurkunde Heinrichs des Löwen für das Bistum Schwerin vom 9. September 1171 24 ), welche über die Tätigkeit Bischof Bernos in Schwerin Aufschluß gibt. Für die örtliche Anlage der Stadt kommen dann noch einige spätere Urkunden 25 ) und die Ausgrabungen 26 ) in Frage. Eine wichtige und interessante Quelle ist vor allem der Stadtplan aus dem Jahre 1651, welcher die alte Form des Marktplatzes erkennen läßt 27 ).


24) M.U.B. I, 100 A.
25) Vor allem M.U.B. III, 1766.
26) R. Beltz, Die vorgeschichtlichen Altertümer des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin, Schwerin 1910 (siehe "Schwerin"); Schlie, Die Kunst- und Geschichtsdenkmäler des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin, Schwerin 1898, Bd. II.
27) W. Jesse, Geschichte der Stadt Schwerin. Von den ersten Anfängen bis zur Gegenwart, Schwerin 1913, S. 40.
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Als Darstellung der Geschichte Schwerins ist zu erwähnen die Schweriner Stadtgeschichte von Jesse 28 ), der die Literatur bis zum Jahre 1913 vollständig berücksichtigt.

Die Stadt Schwerin, die älteste der mecklenburgischen Städte, ist eine Gründung Heinrichs des Löwen. Von alters her führt sie sein Reiterbildnis in ihrem Siegel. Wenn auch der Stiftungsbrief nicht mehr vorhanden ist, so haben wir doch bei Helmold und Saxo Grammatikus einige Notizen, die uns den Anlaß der Gründung und auch die ungefähre Zeit erkennen lassen. Beide Darstellungen stimmen nicht vollständig überein. Nachdem Helmold den Tod des Obotritenfürsten vor seiner Burg Werle, wohin dieser sich bei dem Angriff Heinrichs des Löwen zurückgezogen hatte, berichtet hat, erzählt er, wie nun der Widerstand des Obotritenvolkes völlig zusammenbricht. Die Söhne Niklots geben die Burg Werle auf und verbergen sich in den Wäldern, ihre Familien fliehen über See. "Danach," so berichtet Helmold weiter, "begann der Sachsenherzog Schwerin zu erbauen und die Burg zu befestigen" ("- - dux ergo, demolitus omnem terram, coepit aedificare Zuerin et communire castrum - -") 29 ). Den Adligen Gunzelin ließ er mit einer Besatzung dort zurück. Gleichzeitig machte er ihn zum Statthalter des ganzen damals unterworfenen Landes 30 ). Die Gründung Schwerins ist also von Helmold in Zusammenhang mit der völligen Niederwerfung der Obotriten im Jahre 1160 gebracht. Die Darstellung des Saxo Grammatikus läßt einen andern Anlaß für die Gründung Schwerins als möglich erscheinen. Er berichtet zum Jahre 1164: "Interea Henricus Holsatiorum principem Adolphum cum Henrico. Razaburgensi praefectumque Suerini oppidi Guncellinum, quod nuper a Saxonibus in potestatem redactum, ius


28) W. Jesse a. a. O. Vgl. auch F. Salis, Die Schweriner Fälschungen (Archiv für Urkundenforschung Bd. I, 1908, S. 273 - 354); A. Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands IV, S. 646 Anm. 2, S. 647 Anm. 5 und S. 648 Anm. 1 u. 2; Fritz Bornitz, Heinrich der Löwe als Städtegründer und -förderer, Dissert. Berlin 1923; S. Rietschel, Historische Zeitschrift 1909, Bd. CII, S. 237 ff.; H. Aubin, Lübeck und München, Eheberg-Festgabe, 1925; Fr. Rörig, Hans. Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte, Breslau 1928.
29) Helmoldi Chronica Slavorum. M.G.SS. XXI S. 172.
30) Witte, Mecklenburgische Geschichte, Wismar 1909, Bd. I, S. 77.
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et formam civitatis aceeperat, - - praemittit" 31 ). Die Möglichkeit besteht daher, daß Schwerin erst 1164 während der Niederkämpfung eines Wendenaufstandes von Heinrich dem Löwen gegründet wurde. Sie ist aber wenig wahrscheinlich, weil die Worte "nuper a Saxonibus in potestatem redactum" auf die Verhältnisse des Jahres 1164 nicht passen. Denn Schwerin war bereits seit 1160 ununterbrochen in sächsischen Händen 32 ). Die Sachsen brauchten also im Jahre 1164 Schwerin nicht mehr mit Gewalt zu erobern. Wohl aber geschah dies im Jahre 1160. Saxo selbst nimmt auch durch das Wörtchen "nuper", das er dem Bericht über die Stadtgründung hinzufügt, eine gewisse Zurückdatierung des Ereignisses vor. Danach widerspricht der Bericht Saxos dem von Helmold wahrscheinlich in keiner Weise, er deutet vielmehr auf denselben Anlaß der Stadtgründung hin, wie Helmold uns ihn angibt. Saxo ergänzt insofern den Bericht Helmolds, als er uns ausdrücklich von der Verleihung eines Stadtrechts an die Bürgerschaft in Kenntnis setzt. Hiernach ist auf Grund der schriftlichen Überlieferungen anzunehmen, daß Schwerin nach der Unterwerfung der Obotriten im Jahre 1160 von Heinrich dem Löwen gegründet wurde.

Das hohe Alter der Stadt wird durch den Stadtplan bestätigt. Man hat ihn als geschichtliche Quelle für Schwerin bisher nicht verwertet und dies damit motiviert, daß man die " Grundrißbildung Schwerins als durch die außergewöhnliche Lage der Stadt" 33 ) bedingt erklärte. Anders glaubt Jesse das Abweichen von den "sonst bei Kolonialstädten des Ostens und Nordens beobachteten Formen" nicht aufklären zu können. Jesse sagt darüber: "Weder die um Markt und Kirche gelagerte Rundform mit Meridianteilung durch die Straßenzüge, an deren Ende Tore liegen, noch die Rundform mit Haupt- und Querachse, aber parallel der Mauerführung gebogenen Straßen (sogenannte Rippenteilung) lassen sich auf Schwerin anwenden". Allerdings entspricht der Schweriner Stadtplan nicht den von Jesse angeführten beiden Normalformen der Kolonialstadt-


31) Saxo cogn. Longus (grammatikus). Gesta Danorum M.G.SS. XXIX, S. 547.
32) Vgl. Witte a. a. O. S. 72 ff. Rudloff, Geschichte Mecklenburgs vom Tode Niklots bis zur Schlacht bei Bornhöved (Meckl. Geschichte in Einzeldarstellungen I, S. 6 ff.).
33) Vgl. Jesse a. a. O. Anm. S. 38.
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Das alte Schwerin
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anlagen, aber es lassen sich auch bei weitem nicht alle Stadtpläne der Kolonialstädte in diese Formen zusammenfassen. Auch der typische Kolonialstadtplan hat seine Entwicklung und allmähliche Ausbildung erfahren. Auf deutschem Mutter- und Kolonialboden hat er sich allmählich zu der Form entwickelt, wie er heute als typisch für die Kolonialstädte gilt. Es ist das Verdienst Meurers, die technische Entwicklung des Stadtplans aus dem Straßenmarkt zur Zentralanlage überzeugend klargestellt zu haben, nachdem schon Fritz und Meier vorher diese Entwicklung angedeutet hatten 34 ). Die Ansicht Meurers gipfelt in dem Satz, daß der Markt wie für das Stadtrecht 35 ), so auch für die Plangestaltung der Stadt die ausschlaggebende Bedeutung hatte. "Der Markt des Mittelalters ist nicht bloß stadt-, sondern auch planbildend" 36 ).

Diese Forschungsergebnisse müssen wir für die Erklärung des Schweriner Stadtplans verwerten, um uns damit eine wichtige Quelle, die bisher noch nicht benutzt wurde, für die Erforschung der Gründungsgeschichte Schwerins zu erschließen. Der Ausgangspunkt zur Erklärung des Schweriner Stadtplanes ist die Form des Marktes. Seine heutige quadratische Gestalt hat der Markt erst nach dem Stadtbrand von 1651 erhalten. Vordem zeigte der ungefähr rechteckige Platz eine langgestreckte, schmale Form. Das Verhältnis der beiden Seiten war wie 1:3 (60 Meter Länge, 20 Meter Breite). Bedeutsam ist nun die Lage des Marktes im Stadtplan. Sie wird bestimmt durch die Hauptverkehrsstraße 37 ), die durch das


34) Franz Meurer, Der mittelalterliche Stadtgrundriß im nördlichen Deutschland in seiner Entwicklung zur Regelmäßigkeit auf der Grundlage der Marktgestaltung, Charlottenburg 1914; Johann Fritz, Deutsche Stadtanlagen, S. 43; P. I. Meier, Korresp.-Blatt des Gesamtver. der deutschen Gesch.- und Altertumsver. 1909, S. 14 (Sonderabdruck).
35) S. Rietschel, Markt und Stadt in ihrem rechtlichen Verhältnis, Leipzig 1897.
36) Meurer a. a. O. S. 6.
37) Die Hauptverkehrsstraße wird über den Spieltordamm nach Wismar weitergeführt haben. Dieser Damm hat also bei der Stadtgründung wahrscheinlich schon bestanden. Dem widerspricht auch die urkundliche Überlieferung nicht. Jesse meint, daß der Weg über den Spieltordamm erst im Laufe des 15. Jahrhunderts geöffnet sei. Er stützt sich dabei auf eine Urkunde von 1264, worin den Schelfbewohnern die "uia noua ad terras per aquam" (M.U.B. III, 1766) verboten wird. Das Verbot gilt aber nur den Schelf- (  ...  )
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Schelftor in die Stadt einmündet und in entgegengesetzter Richtung durch das Schmiede-, Mühlen- und Burgtor die Stadt wieder verläßt. Bezeichnenderweise ist nun der Marktplatz selbst keine Erweiterung neben der Hauptstraße, so daß auf diese Weise ein selbständiger Platz neben der Straße zustande kam, sondern der Platz ist gewissermaßen von selbst dadurch gebildet, daß an dieser Stelle die Hauptverkehrsstraße (Schusterstraße) die Filterstraße die von der Burg her kommt, aufnimmt und beide sich zu einer Straße vereinigen. Die Breite des so entstehenden Platzes ist ungefähr gleich der der beiden an dieser Stelle sich schneidenden Straßen. Man kann den alten Schweriner Marktplatz als einen typischen Straßenmarkt bezeichnen. Mit dieser Feststellung, daß der Marktplatz Schwerins bis zum Jahre 1651 die Form eines Straßenmarktes gehabt hat, finden die Angaben Helmolds und Saxos über das hohe Alter der Stadt eine gewisse Bestätigung. Denn es ist offenbar, daß ein Marktplatz, der wie der Schweriner durch das Zusammentreffen zweier Straßen zwanglos entstanden ist, in seiner Form gegenüber einem rechteckigen bzw. quadratischen Marktplatz, der immer künstlich erst geschaffen sein muß, einen älteren Zustand darstellt.

Die frühe Gründung der Stadt läßt besondere Voraussetzungen vermuten, die gerade Schwerin als Ort zur Anlage einer Stadt geeignet machten. Hierfür hat man bisher mancherlei Faktoren genannt.

Als ausschlaggebend wird meistens die vor feindlichen Angriffen sehr geschützte Lage dieses Ortes angegeben 38 ). Schwerin ist in der Tat durch seine Lage zwischen Seen und Sümpfen außerordentlich gut geschützt.

Ferner spricht man von Schwerin als dem militärischen, administrativen und kirchlichen Mittelpunkt der durch Heinrich den Löwen 1160 neu geschaffenen Mark 39 ).

Als weitere Anlässe für die Auswahl des Platzes zur Stadtgründung wird dann noch das Vorhandensein "einer


(  ...  ) bewohnern; ferner kann auch der Ausdruck "uia noua" darauf hindeuten, daß schon vorher an dieser Stelle ein anderer Weg bestand. Außerdem bedeutet "terra" speziell für Mecklenburg die Einteilung des Volkes in "Länder", so daß durch das Wort "terra" die Wichtigkeit dieses Weges noch besonders hervorgehoben wird.
38) Jesse a. a. O. S. 37.
39) Jesse a. a. O. S. 5; Schmaltz, M.J.B. Bd. 72, S. 151.
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wendischen Ansiedlung mit teilweiser christlicher Bevölkerung, vielleicht auch schon einer kleinen Kapelle" angeführt. Außerdem vergißt man auch nicht die Burg zu erwähnen 40 ).

Es soll nicht bestritten werden, daß alle diese Momente die Auswahl des Platzes zur Stadtgründung beeinflußten. Eine andere Frage ist es, ob sie entscheidende Bedeutung hatten. Unseres Erachtens können sie nicht genügen, um uns die Anlage einer deutschen Stadt in völlig slawischer Umgebung zu erklären. Das Vorhandensein einer deutschen Burg Schwerin brauchte noch nicht notwendig zur Stadtgründung zu führen. Auch Mecklenburg, Plau und Malchow erhielten eine deutsche Burgbesatzung, ohne daß hier zugleich eine deutsche Stadt entstand 41 ). Ebenso wurde auch bei den Burgen der Grafschaft Ratzeburg (Ratzeburg, Gadebusch und Wittenburg), die schon seit Mitte des 12. Jahrhunderts von deutschen Rittern besetzt wurden, im 12. Jahrhundert keine Stadt angelegt 42 ). Die Auswahl Schwerins zum administrativen Mittelpunkt ferner lockte schwerlich einen solchen Zuwachs von Verbrauchern an, daß sich eine Stadt davon hätte erhalten können. Der Ausdruck "administrativer Mittelpunkt" ist geeignet, die falsche Vorstellung zu erwecken, als bezeichne er die Niederlassung zahlreicher Beamten. Der Graf von Schwerin, der von Heinrich dem Löwen im Jahre 1160 als Statthalter über das ganze wendische Obotritenvolk gesetzt war, hatte aber vielleicht außer einem Burgkaplan, der des Lesens und Schreibens kundig war, nicht einen einzigen Beamten in seinem Dienst 43 ). Dabei war der Graf selbst, der ja ein eben erst unterworfenes Volk beherrschen sollte, als einer der bewährtesten Ritter Heinrichs des Löwen oft auf Kriegszügen und außer Landes und meist wohl nur kurze Zeit in Schwerin. Endlich konnte auch das Bestehen eines Bistums, das ganz dürftige Einnahmen hatte


40) Jesse a. a. O. S. 37.
41) Vgl. Witte a. a. O. I S. 77.
42) Vgl. S. 25, 31, 34.
43) Vgl. Wilhelm Grohmann, Die Kanzlei der Grafen von Schwerin und der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin in ihrer geschichtlichen Entwicklung (Rostocker Dissert. 1928, gleichzeitig erschienen im M.J.B. 92): "Im 13. Jahrhundert wird, wie es scheint, das Amt eines gräflichen Notars oder Schreibers geschaffen. Der erste Notar des Schweriner Grafen begegnet uns im Jahre 1217 in der Person eines Hermann" (S. 7).
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und überhaupt erst 1171 dotiert wurde 44 ), kein erheblicher Anreiz zur Gründung einer Stadt gewesen sein. Auch in Ratzeburg bestand der Bischofssitz lange Zeit, bevor die Stadt entstand 45 ).

Man könnte wohl auch meinen, daß die Stadt gegründet wurde, um der Germanisation Mecklenburgs einen Stützpunkt, eine feste Ausgangsstellung zu schaffen. Das hat vor allem Jesse betont 46 ). Mag dieses immerhin eine wichtige Folge der Stadtgründung gewesen sein, die man auch bei der Gründung im Auge gehabt haben wird, die realen Grundlagen, deren eine Stadt nun einmal bedarf und die übersehen zu haben wir dem Realpolitiker Heinrich dem Löwen nicht zutrauen dürfen, werden mit dieser Erklärung nicht aufgezeigt. Heinrich der Löwe hat bei allen seinen Stadtgründungen stets an eine bereits vorhandene kaufmännische Siedlung angeknüpft. So entstand München durch die Verlegung eines dem Bischof Otto von Freising gehörenden Marktes, dem Heinrich darauf Stadtrecht verlieh. Bekannt ist auch, daß Lübeck durch Heinrich den Löwen nur an einer andern Stelle wieder aufgebaut wurde und dann von neuem mit einem Stadtprivileg bewidmet worden ist. Lübeck hatte als Stadt bereits unter Adolf von Schauenburg bestanden. Ebenso erfolgte die Gründung des Braunschweiger Hagens durch Heinrich in enger Anlehnung an die Braunschweiger Altstadt. Auch bei Schwerin war es offenbar die kaufmännische Tradition dieses Platzes, die Heinrich den Löwen zu einer Stadtgründung an dieser Stelle veranlaßte. Weil in Schwerin bereits vor dem Sieg Heinrichs des Löwen im Jahre 1160 eine kaufmännische Kolonie, die mit dem Fernhandel in Verbindung stand, vorhanden war, glaubte Heinrich der Löwe mit einigem Erfolg die Gründung Schwerins ausführen zu können. Vermutlich hat er einfach der Kaufmannsniederlassung das Stadtrecht verliehen. Ohne diese Annahme wird überhaupt die Schnelligkeit der Stadtgründung unmittelbar nach seinem Sieg schwer verständlich. Für diese Annahme spricht auch die alte Form des Marktplatzes, der einen einfachen Straßenmarkt darstellt. Aus dem Marktgrundriß geht hervor, daß bei der Gründung der Stadt


44) M.U.B. I, 100 A.
45) Vgl. S. 26.
46) Jesse a. a. O. S. 4; Witte a. a. O. I, S. 77; Rudloff a. a. O. S. 8.
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nicht eine planmäßige Neuanlage erfolgte, sondern lediglich einer Marktniederlassung, die sich anscheinend an dem Kreuzungspunkt der Hauptverkehrsstraße mit der von der Burg herkommenden Straße allmählich gebildet hatte, das Stadtrecht verliehen wurde. Der Schweriner Straßenmarkt ist nicht als Planelement einer Gründung aus frischer Wurzel aufzufassen, sondern die Existenz des Straßenmarktes im Schweriner Stadtplan erklärt sich daraus, daß seine Form bereits durch eine Kaufmannssiedlung festgelegt war, die sich vor der Gründung der Stadt an diesem Straßenpunkt niedergelassen hatte. Als vorhandenes Planelement wurde der Schweriner Straßenmarkt bei der Gründung der Stadt in deren Grundriß übernommen. Auch die chronikalische Überlieferung widerspricht dieser Auffassung nicht. Saxo berichtet uns, daß Schwerin Recht und Verwaltung einer Stadt empfing (Suerini oppidi, quod -- ius et formam ciuitatis acceperat). - Damit drückt er sogar wörtlich die Ansicht aus, daß Schwerin bereits bestand und die Gründung nur als Stadtrechtsverleihung an eine schon vorhandene Siedlung aufzufassen ist. Auch in dem Satz Helmolds, daß Schwerin von Heinrich dem Löwen erbaut wurde (coepit aedificare Zuerin), braucht kein Widerspruch zu unserer Auffassung zu bestehen, weil nachgewiesenermaßen das Wort "aedificare" oft auch bei Städtegründungen gebraucht wird, die nicht Gründungen aus frischer Wurzel sind 47 ). Helmold wird außerdem über den Gründungsvorgang kaum näher unterrichtet gewesen sein. Er schildert die Gründung deswegen als eine Neuanlage. Aber die Form des Marktplatzes deutet nicht auf eine derartige Entstehungsgeschichte Schwerins hin.

Auch die politischen Zustände vor dem Jahre 1160 lassen die Annahme, daß Schwerin schon vor der Stadtgründung als. eine deutsche Kaufmannssiedlung bestand, durchaus als möglich erscheinen. Niklot, der letzte selbständige Fürst der Obotriten, befolgte nämlich gegenüber den Sachsen eine friedliche Politik und legte alles darauf an, einen Kampf mit ihnen zu vermeiden 48 ).

Ferner würden wir durch diese Annahme die Tätigkeit Bernos, des ersten christlichen Missionars in Schwerin, der vor


47) Vgl. A. Dopsch, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters, Wien 1928, S. 249.
48) Schmaltz, M.J.B. 72, S. 153 ff.
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1160 tätig war 49 ) und später auch der erste Schweriner Bischof wurde, einleuchtend erklären können 50 ). Wenn eine deutsche Ansiedlung hier schon vor 1160 bestand, wird auch Bernos Wirken in Schwerin vor der Stadtgründung, das man bisher nur seinem Eifer für das Christentum zuschrieb, verständlich. Hatte er doch in diesem Falle bei seiner Aufgabe, das Evangelium in das Heidenland zu tragen, einen gewissen Rückhalt an der deutschen Siedlung. Aus dieser Verbundenheit des ersten christlichen Priesters in Schwerin mit der Kaufmannssiedlung würde sich auch die sonst auffällige Tatsache gut erklären, daß es später in Schwerin keine besondere Marktkirche der Bürgerschaft gab, sondern der bischöfliche Dom deren Stelle einnahm 51 ). Weil Berno, der erste Schweriner Bischof, auch der erste Pfarrer der Schweriner Kaufmannsgemeinde gewesen war, blieb auch späterhin die Schweriner Bürgerschaft mit der Bischofskirche, der ursprünglichen Kirche der Kaufmannssiedlung, verbunden.

Auch die Lage Schwerins im Straßennetz der damaligen Zeit war anscheinend keineswegs ungünstig. Über Schwerin führte der damals wichtige Handelsweg von der Elbe zur Ostsee 52 ); auch war es mit Boizenburg 53 ) und vor allem mit


49) Hauck (Kirchengeschichte IV, S. 647/48, Anm. 4, 5 bzw. Anm. 1, 2) setzt auf Grund der Arbeiten von Salis die Tätigkeit Bernos in Schwerin frühestens von 1155 an fest.
50) Robert Beltz (M.J.B. 58, S. 228 - 29) glaubt in einem Grabfeld, das bei Ausgrabungsarbeiten hinter dem Rathause aufgedeckt wurde und in dem man 4 Schädel und einige Sargnägel fand, den "alten" Friedhof (vetus cimiterum) gefunden zu haben, der uns in der gefälschten Urkunde von 1186 (nach Salis jetzt 1225) genannt wird. Da er von der Voraussetzung ausgeht, daß bei der geringen Einwohnerzahl Schwerins in der kurzen Zeit von 1161 bis 1186 (jetzt 1225) die deutsche Stadt einen christlichen Kirchhof nicht gefüllt haben könnte, glaubt er, daß dieses Grabfeld ein wendischer und, da Beigaben bei den Gräbern nicht gefunden wurden, christlicher Friedhof gewesen sei. Diese Ansicht ist jedoch unwahrscheinlich. Man kann weder aus dem Ergebnis der Ausgrabungen noch aus dem Wort "vetus cimiterum", das man willkürlich mit dem Ergebnis der Ausgrabungen in Zusammenhang bringt, eine Berechtigung zu der Annahme von Beltz herleiten.
51) M.U.B. 100 A.
52) M.U.B. II, 825 "de ciuitate Stendal et de illis confinibus ad ciuitatem nostram Wismar". M.U.B. I, 100 A, 151, "nauale teloneum in Zverin" bzw. "in Plote".
53) M.U.B. VII, 4870, Schwerin-Hagenow-Boizenburg.
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Lübeck 54 ) durch bedeutsame Straßen verbunden. Der Schweriner Stadtplan erscheint, wie wir schon vorhin ausgeführt haben, vollkommen bestimmt durch die erwähnte, an die Ostsee führende Hauptstraße, die auch die Form des Marktplatzes beeinflußt hat. Seine ganze Lage und seine Form deuten darauf hin, daß er nur dem Verkehr, der mit dieser Straße ihm zugeführt wurde, seine Entstehung verdankt. Dazu kommt, daß durch das Vorhandensein eines Verbraucherkreises, wie der Burgbesatzung und später auch des Bischofssitzes, ein örtlicher Marktverkehr ermöglicht war. Auch die geschützte Lage blieb in den damaligen unruhigen Zeiten sicher nicht unbeachtet.

Die Tatsache, daß Schwerin als Handelsstadt gegründet ist, wird auch durch Rückschlüsse aus den Quellen der späteren Zeit bestätigt. Der deutsche König Otto IV. gewährte 1209 den Bürgern Schwerins die Zollfreiheit im Herzogtum Sachsen und das Recht, zu Handelszwecken (ad usus mercandi) Schiffe im Wismarer Hafen zu haben 55 ). Diese königliche Privilegienverleihung bestätigt nur die damals bereits vorhandenen Rechtszustände 56 ). Die Vorrechte gehen also in ältere Zeit zurück. Sie sind den Bürgern vermutlich bei der Stadtgründung verliehen worden. Dafür spricht, daß die Urkunde selbst, die uns diese Vorrechte mitteilt, sie als "sachlich zutreffende Anmerkungen" zu einem im übrigen ganz anderen Inhalt überliefert. Sie enthält sonst eine Bestätigung für das Bistum Schwerin. Die Schweriner Handelsprivilegien sind vielleicht aus einer andern Vorlage in diese Bestätigung übernommen worden. Denn es erscheint doch auffällig, daß der deutsche König Otto IV. den Schweriner Bürgern nicht die Zollfreiheit im Reich, sondern im Herzogtum Sachsen verleiht. Nimmt man aber an, daß das Zollprivileg von Heinrich dem Löwen, dem Herzog von Sachsen, stammt, so ist diese Begrenzung der Freiheit leicht verständlich. Auf jeden Fall haben wir auf Grund dieser Privilegien im Jahre 1209 bzw. früher Kaufleute als in Schwerin ansässig anzunehmen.

Ferner wird uns 1220 berichtet, daß die Schweriner in Lübeck keinen Zoll bezahlen 57 ). Es müssen also im Jahre


54) M.U.B. I, 322 "vndecunque ad ciuitatem Lubicensem ducantur ... siue de Zwerin".
55) M.U.B. I, 189 (Wismar war 1209 noch nicht gegründet).
56) Vgl. Salis a. a. O. S. 280.
57) M.U.B. I, 273.
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1220 in Schwerin Kaufleute gewohnt haben, die mit Lübeck in Handelsverbindung standen.

Außerdem wird uns im Jahre 1276 von einer Schweriner Münze berichtet (marcas Zwerinensium denariorum 58 ), die scheinbar, wie ursprünglich in allen Städten, dem Landesherrn gehörte. Seit wann die Münze hier bestand, ist uns nicht bekannt, aber die Tatsache an und für sich, daß für den Marktverkehr überhaupt eine Münze bestehen konnte, ist bezeichnend genug. Da Schwerin später bald von den Seehandelsstädten überflügelt wurde, ist wahrscheinlich die Einführung dieser Münze auf die älteste Zeit zurückzuführen.

Neben der älteren Stadt besteht seit dem Jahre 1217, wahrscheinlich aber schon früher, eine andere Ansiedlung auf der sogenannten "Schelfe", die sich im Laufe der Jahrhunderte derartig entwickelte, daß ihr im Jahre 1705 ein Bürgermeister und Rat und lübisches Stadtrecht zugestanden wurden 59 ). Vermutlich war diese Ansiedlung auf der Schelfe ursprünglich ein Wendendorf; denn die Bewohner der Schelfe lebten zunächst unter Sonderbestimmungen und waren in ihren Rechten gegenüber den Schweriner Bürgern eingeschränkt 60 ). Weil nun im Jahre 1217 auf der Schelfe bereits eine Kirche besteht, können wir das Alter dieser wendischen Ansiedlung sehr wahrscheinlich schon auf das 12. Jahrhundert zurückdatieren. Die prähistorische Wissenschaft nimmt jedoch an, daß die ersten Wohnsitze der Wenden auf der heutigen Marstallhalbinsel und dem "Großen Moor" zu suchen sind 61 ), und daher können wir der Vermutung zustimmen, daß nach der Stadtgründung das alte wendische Dorf von dem Großen Moor auf die Schelfe verlegt sei 62 ). Zugleich mit diesem Wendendorf auf der Schelfe bauten sich die Schweriner Domherren hier ihre Höfe 63 ). Diese Siedlungen und das Wendendorf sind die beiden Bestandteile, aus denen sich die spätere "Neustadt" entwickelte 64 ).


58) M.U.B. II, 1406.
59) M.U.B. I, 235. Vgl. W. Böttcher, Verbreitung des lübischen Rechts, S. 70.
60) M.U.B. II, 1766.
61) Beltz, Altertümer Mecklenburg-Schwerins, Schwerin 1910, S.381.
62) Vgl. Hübbe, Zur Topographie des alten Schwerin (M.J.B. 61, S. 13).
63) M.U.B. I, 486.
64) Über die "Neustadt" vgl. Jesse a. a. O. I, S. 45 ff.
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Danach ist die Entstehung der Neustadt ganz verschieden von der Gründung der Altstadt, die wahrscheinlich aus einer schon vor 1160 vorhandenen Kaufmannssiedlung erwachsen ist.


Kapitel II.

Die Städtegründungen in den deutschen Grafschaften.

a) Das Kolonisationsgebiet dcr Grafschaft Ratzeburg.

Die deutsche Einwanderung ergoß sich am frühesten nach Westmecklenburg. Hier war schon im Jahre 1142 die deutsche Grafschaft Ratzeburg gegründet worden 65 ), die auch einen Teil des heutigen Mecklenburg umfaßte. Als Graf wurde in Ratzeburg von Heinrich dem Löwen Heinrich von Badewiede eingesetzt und ihm als Herrschaftsbereich das Gebiet des slawischen Volksstammes der Polaben zugewiesen, der nach der Niederlage seines Fürsten Pribislav seinen Führer verloren hatte 66 ). Danach gehörten zu der neu begründeten Grafschaft Ratzeburg von dem heutigen Mecklenburg die Länder Gadebusch und Wittenburg, später auch Boizenburg. Durch Ansiedlung von Westfalen begann der Graf seine Herrschaft in ein deutsches Land zu verwandeln. Die ersten deutschen Ansiedlungen entstanden bei den alten Wendenburgen, die nach der Unterwerfung der Slawen mit deutschen Rittern besetzt wurden. Bei diesen Burgen entwickelten sich dann auch die heutigen Städte, die von den Ratzeburger Grafen allerdings nicht mehr gegründet worden sind, weil ihre Grafschaft im Jahre 1201 vom Dänenkönig aufgeteilt wurde. Immerhin haben sie diesen Teil Westmecklenburgs der deutschen Besiedlung erschlossen und damit die notwendigen Voraussetzungen zur Entstehung dieser Städte geschaffen.

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1. Die Gründung der Stadt Ratzeburg 67 ).

Die Stadt Ratzeburg liegt auf einer Insel mitten im Ratzeburger See auf der Grenze von Mecklenburg und Lauen-


65) Helmold I, cap. 56.
66) Meyer, Geschichte der Grafschaft Ratzeburg und Dannenberg (M.J.B. Bd. 76, S. 1 ff.).
67) Vgl. L. Hellwig, Chronik der Stadt Ratzeburg, Ratzeburg 1910; M. Schmidt, Beschreibung und Chronik der Stadt Ratzeburg, Ratzeburg 1882; Haupt-Weysser, Die Bau- und Kunstdenkmäler im Kreise Herzogtum Lauenburg, Ratzeburg 1890 (siehe "Ratzeburg").
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burg. Der größte Teil der Stadt gehört heute zu Preußen, nur der Dom und das Gebiet, das diesen unmittelbar umgibt, gehören zu Mecklenburg.

Die Stadt Ratzeburg wurde im 13. Jahrhundert gegründet für das Jahr 1285 kann man ihr Vorhandensein einwandfrei feststellen 68 ). Man hat allerdings angenommen, daß sie schon am Ende des 12. Jahrhunderts bestanden habe 69 ), wobei man sich auf die Angaben der Chronik Arnolds von Lübeck stützt 70 ). Aber dieser Chronist redet an den in Betracht kommenden Stellen immer nur von einer Burg (castrum) und nie von einer Stadt Ratzeburg. Hätte Ratzeburg damals schon als Stadt bestanden, dann würde Arnold von Lübeck den Ausdruck "civitas" gebraucht haben, den er an derselben Stelle seiner Chronik für die Stadt Lübeck anwendet. Ebenso ist 1225 gelegentlich der Belagerung Ratzeburgs durch den Grafen von Schwerin und die Bürger der Stadt Lübeck nur von einer Burg und nicht von einer Stadt Ratzeburg die Rede. Noch für das Jahr 1230 ist uns bezeugt, daß auf der Insel eine Stadt nicht gegründet war 71 ). Die zeitlich nächste Nachricht stammt aus dem Jahre 1261 72 ) und ist in einer Urkunde enthalten, die in der "urbs" Ratzeburg ausgestellt wurde. Aus der Anwendung des Wortes "urbs" hat man auf ein Bestehen der Stadt Ratzeburg schließen zu können geglaubt. Aber das Wort "urbs" 73 ) kann auch die Bedeutung Burg haben. Es ist sogar wahrscheinlich, daß es an unserer Stelle Burg


68) M.U.B. III,1816.
69) Meyer, M.J.B. Bd. 76, S. 42/43 und 63; P. I. Meier, Die Münz- und Städtepolitik Heinrichs des Löwen (Niedersächsische J.B. Bd. 2, 1925, S. 133) ohne Beweise!
70) Arnoldi Chronica Slavorum VI cap. 13 "Castrum Razesburg".
71) M.U.B. I, 314 "ad obsidionem castri Raceburch"; über den geschichtlichen Zusammenhang vgl. Witte a. a. O. Bd. I S. 155. Das Ratzeburger Zehntenregister (M.U.B. I, 375) erwähnt geradezu das Dorf, aus dem die spätere Stadt hervorging (borchvelt Raceburg).
72) M.U.B. II, 916 und 928 "in urbe Raceburg". Es ist auffällig, daß beide Urkunden "per manus Engelberti notarii curie nostre" ausgefertigt sind. Die bestimmte Bezeichnung "in urbe Raceburg" ist vielleicht eine Eigenheit dieses Notars gewesen. Es heißt sonst meistens einfach "Raceburg".
73) Die Bedeutung von "Stadt" hat urbs in mecklenburgischen Urkunden nach meiner Beobachtung überhaupt nicht.
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bedeutet, wenn man sich vergegenwärtigt, daß der Aussteller der in der "urbs" Ratzeburg ausgefertigten Urkunde der Herzog war, dessen eigentlicher Aufenthaltsort die Burg war. Danach erscheint es wahrscheinlicher, daß 1261 mit dem Worte "urbs" die Burg gemeint war und nicht die Stadt, die uns erst 1285 ganz sicher bezeugt ist 74 ); denn im Jahre 1285 werden uns die Ratmänner der Stadt Ratzeburg genannt. Eine Stadt Ratzeburg kann daher erst zwischen 1261 und 1285 entstanden sein.

In der Zeit, als die Slawen jene Gebiete beherrschten, die ihnen später, vor allem im 13. Jahrhundert, durch die deutsche Kolonisationsbewegung entrissen wurden, war Ratzeburg bereits ein wichtiger Ort. Der wendische Volksstamm der Polaben, der ungefähr das Gebiet der späteren Grafschaft Ratzeburg beherrschte, baute auf einer Insel im Ratzeburger See eine Burg, die den Namen Ratzeburg erhielt. Diese Burginsel liegt dicht bei der Insel, auf der später die Stadt angelegt wurde. Wahrscheinlich waren die beiden Inseln, wie in späterer Zeit, auch schon damals durch einen Damm verbunden. Die Burg war die Hauptburg der Polaben. Da die "Ratzeburg" demnach damals eine erhebliche Bedeutung hatte, ist es wahrscheinlich, daß in der polabischen Zeit schon eine dörfliche Ansiedlung in ihrer Nähe bestand.

Bis zu Anfang des 12. Jahrhunderts behaupteten die Polaben sich in Ratzeburg in ihrer Macht, um dann der deutschen Gewalt zu weichen 75 ). Zu großer Bedeutung für das Deutschtum gelangte die Ratzeburg, als 1142 Heinrich von Badewiede nach einem Kampf mit Adolf von Schauenburg, der schon seit 1110 im Land der Wagrier (Holstein) als Grenzgraf tätig war, durch Vermittlung Heinrichs des Löwen und seiner Räte Ratzeburg und das Land der Polaben (Racesburg et terram Polaborum) als eine selbständige Grafschaft empfing 76 ). Die wendische Burg wurde mit deutschen Rittern


74) M.U.B. III, 1816.
75) M.U.B. I, 59 und Adam von Bremen III, cap. 18. Die Urkunde von 1062 (M.U.B. I, 27), in der Heinrich IV. die Burg Ratzeburg und alles, was dazu gehörte, an Herzog Otto von Sachsen verlieh, ist wahrscheinlich unecht. Vgl. dazu Hofmeister, Die Wehranlagen Nordalbingiens, Heft 2.
76) Helmold, Chronica Slavorum I cap. 56. Die Bezeichnung "Graf" führt Heinrich zum erstenmal 1146 (M.U.B. I, 42).
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besetzt 77 ). Von nun an konnte der Zuzug deutscher Kolonisten ungehindert einsetzen und unter dem Schutze der Ratzeburger Grafen die deutsche Kolonisation auch in dieser Gegend beginnen. Die Ratzeburg war gewissermaßen das Einfalltor der deutschen Kolonisation nach Mecklenburg geworden.

Die Bedeutung dieses Ortes ist wesentlich noch dadurch gehoben worden, daß er schon 1060 zum Sitz eines Bistums bestimmt wurde. Vielleicht gelang es nicht sogleich, das Bistum zu errichten 78 ); aber ein Kloster hat schon zu dieser Zeit in Ratzeburg bestanden 79 ). Jedoch ließ der Wendenaufstand von 1066 die Ausbreitung des Christentums, das damals bei den Wenden Aufnahme fand, wieder zum Stillstand kommen, und auch bei Ratzeburg wurde alles neu Entstandene wieder zerstört. Erst 1144, "nachdem unter Duldung Gottes wegen der Sünden der Menschen das Christentum im Slawenland ausgerottet war" 80 ), wurde zusammen mit Oldenburg (später Lübeck) und Mecklenburg (später Schwerin) das Ratzeburger Bistum von Erzbischof Hartwig von Hamburg erneuert. Aus politischen Gründen erhielt das Bistum erst 1154 seinen Bischof 81 ). Außerdem hat wahrscheinlich schon vor der Erneuerung des Bistum wieder ein Kloster in Ratzeburg bestanden 82 ).

Als Folge der deutschen Kolonisation entstand zunächst bei der deutschen Burg Ratzeburg ein Dorf, das auch mit dem Namen Ratzeburg bezeichnet wurde. Diese Tatsache erkennen wir aus der Bezeichnung, die die Kirche in diesem Dorfe führt. Sie heißt "ecclesia sancti Georgii in Raceburg" 83 ). Erst als die heutige Stadt Ratzeburg gegründet wurde, wird dieselbe Kirche die "ecclesia sancti Georgii apud Raceburg" 84 ) genannt, und das bisherige Dorf Ratzeburg erhielt nach dem


77) Hellwig (Chronik S. 2) vermutet, daß die deutsche Burg zuerst am Ufer des Ratzeburger Sees gestanden hat. Diese Vermutung ist unwahrscheinlich. Man hat genügend Beispiele, daß die Deutschen auch die alten wendischen Burgstätten für ihre Burgen benutzten.
78) Vgl. Hauck, Kirchengeschichte III, S. 656/57. Adam von Bremen III, cap. 20 berichtet die Einsetzung des Bischofs.
79) Adam von Bremen III, cap. 19.
80) M.U.B. I, 49 und Helmold I, cap. 69 haben denselben Text.
81) Helmold I, cap. 77.
82) M.U.B. I, 62; vgl. Schmaltz, M.J.B. Bd. 72, S. 117.
83) M.U.B. I, 65.
84) M.U.B. VIII, 5613.
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Namen seiner Kirche die Bezeichnung "Georgsberg". Georgsberg ist noch heute unter diesem Namen erhalten. Das Dorf liegt am Ufer des Ratzeburger Sees neben der Stadt. Auch die St. Georgskirche besteht noch heute. Sie gilt für die älteste des Ratzeburger Bistums überhaupt 85 ) und ist wahrscheinlich die Kirche des Ratzeburger Klosters gewesen, dessen Gründung bereits erwähnt wurde.

Getrennt von diesem Dorf Georgsberg entstand auf einer Insel im Ratzeburger See neben der Burginsel eine andere Ansiedlung, die uns zuerst im Jahre 1230 genannt wird 86 ), wahrscheinlich jedoch schon vorher bestanden hat. Denn die Besiedlung der Insel beginnt bereits im Jahre 1158 mit der Verleihung eines Wohnsitzes an den Bischof 87 ). Vor dem Jahre 1158 war die Insel allerdings, wie uns ausdrücklich bezeugt wird, noch unbewohnt, aber von diesem Zeitpunkt an ist auch die Entwicklung der Ansiedlung auf der Insel denkbar, die uns im Jahre 1230 als "Burgfeld Ratzeburg" genannt wird. Das Burgfeld war wahrscheinlich ein Dorf 88 ) und lag auf der Insel an der Stelle, wo heute die Stadt liegt. Um dies zu beweisen, betrachten wir die Angabe des Ratzeburger Zehntenregisters über das "borchfeld". Diese lautet folgendermaßen: Vom Burgfeld Ratzeburg gehört der halbe Zehnte dem Bischof 89 ). Da nicht anzunehmen ist, daß, falls schon eine Stadt Ratzeburg auf der Insel vorhanden war, das Zehntenregister diese Tatsache verschwiegen hätte 90 ), läßt sich diese Stelle nur so deuten, daß hier dörfliche Ansiedler, die den Acker des früheren Burgfeldes bebauten, den Zehnt entrichteten. Ursprünglich war danach die erste Ansiedlung auf dem Burgfeld


85) Haupt-Weysser, Die Bau- und Kunstdenkmäler im Kreise Herzogtum Lauenburg S. 54 - 59.
86) M.U.B. I, 375.
87) M.U.B. I, 65. Die Dotationsurkunde des Bistums redet von der "insula nondum culta". Helmold, Chronica Slavorum I, cap. 77 "deditque ei comes Polaborum Henricus insulam ad inhabitandum prope castrum".
88) Bei Stavenhagen liegt noch heute ein Dorf "Borchfeld". Neben dem Dorf hat eine mittelalterliche Burg gelegen. Die Bebauer des Burgseldes nannten ihr Dorf also einfach "Borchfeld". (Der Bericht über die Burg bei "Borchfeld" wurde entnommen aus M.J.B. Bd. 46, S. 309/10.)
89) M.U.B. I, 375 S. 366 "de borchvelt Raceburg dimidia decima uacat episcopo".
90) Die anderen Städte werden als solche genannt.
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ein Dorf. Da späterhin die Stadtfeldmark genau das Gebiet des früheren Burgfeldes einahm 91 ), bleibt nur der Schluß, daß die Dorfgenossenschaft, die das Burgfeld bebaute, auch dieselbe war, die dies Feld später als Stadtfeldmark besaß. Es wird also aus diesem Eigentumsverhältnis am Burgfeld wahrscheinlich, daß eine dörfliche Ansiedlung auf der Insel Stadtrecht bekam. Auch die unregelmäßige Form des Stadtplanes deutet dies an 92 ). Es soll darauf aber wegen der Lage der Stadt auf der Insel weniger Gewicht gelegt werden, da es nicht unmöglich ist, daß diese Lage den Stadtplan beeinflußte.

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2. Die Gründung der Stadt Gadebusch 93 ).

Die Stadt Gadebusch ist in ganz ähnlicher Weise entstanden, wie Ratzeburg. Die Tatsache, daß sie früher als Ratzeburg Stadtrecht bekam, läßt sich vielleicht daraus erklären, daß Gadebusch eine für Handelsverbindungen günstigere Lage hatte 94 ).

Die Stadt wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts gegründet. Ihr Gründungsprivileg aus dem Jahre 1225 ist uns in einer Urkunde des Fürsten Borwin von Mecklenburg noch erhalten. 1225 bekamen die "cives" von Gadebusch dieselbe "Freiheit" (libertatem decernimus indulgendum), wie sie Lübeck von Kaiser Friedrich und Mölln von dem Dänenkönig Waldemar verliehen wurde 95 ). Hiermit wurde Gadebusch zur Stadt erhoben.

Diese von mir soeben geäußerte Meinung steht im Widerspruch zu der jetzt herrschenden Ansicht, nach welcher Gadebusch schon vor 1225 bestanden und durch die Urkunde von 1225 nur noch einige neue Privilegien erhalten habe. In Übereinstimmung mit dieser Ansicht überschreibt das Mecklenbur-


91) Die Verantwortung für die Richtigkeit dieser Angabe Hellwigs (Hellwig, Chronik S. 44 ff.) muß ihm überlassen werden. Da späterhin das Burgfeld aber gänzlich verschwindet, ist es immerhin wahrscheinlich, daß das Burgfeld im Gebiet der Stadt Ratzeburg enthalten ist.
92) Zwei Stadtpläne ohne Datierung befinden sich im Neustrelitzer Archiv.
93) Vgl. R. Beltz, Gadebusch (Zeitschrift "Mecklenburg", 20. Jahrgang, 1925, S. 92); Schlie, Denkmäler Bd. II, S. 456 ff.; Bachmann, Die landeskundliche Literatur über die Großherzogtümer Mecklenburgs S. 410.
94) Vgl. R. Beltz a. a. O. S. 92.
95) M.U.B. I, 315.
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gische Urkundenbuch die Urkunde, welche von der Verleihung eines lübischen Stadtprivilegs an die Bauern von Gadebusch handelt, mit den Worten: "Borwin, Fürst von Mecklenburg, verleiht der Stadt Gadebusch mehrere Freiheiten der Stadt Lübeck." Mindestens seit Beginn der Dänenherrschaft rechnet man mit dem Vorhandensein der Stadt Gadebusch 96 ). Die Urkunde Borwins drückt, so nimmt man an, nichts weiter aus als die Erteilung einiger neuer Privilegien an die schon bestehende Stadt Gadebusch. Diese Ansicht wird damit begründet, daß in der Urkunde selbst bereits von "cives" (Bürgern) und "civitas" (Stadt) geredet werde, also eine Stadt 1225 bestanden haben müsse; ferner glaubt man ein dänisches Zollprivileg in der Urkunde nachweisen zu können, dessen Verleihung 1225 zur Zeit des Kampfes zwischen Mecklenburg und Dänemark nicht mehr habe erfolgen können.

Diese Argumente entbehren jedoch aus folgenden Gründen der Beweiskraft:

1. Das Wort "cives" 97 ) in der für Gadebusch verliehenen Urkunde scheint allerdings das Vorhandensein einer Stadt Gadebusch zu beweisen. Aber es vermag wegen seiner doppelten Bedeutung keinen Ausschlag zu geben. In vielen Urkunden wird das Wort "cives einwandfrei im Sinne von "colonus" gebraucht 98 ).

2. Ferner hat man aus der Tatsache, daß den "cives" Zollfreiheit bis an die Elbe gewährt wird, geschlossen, daß ihnen die Vergünstigung in dieser Form nur vor 1225 verliehen sein könne. Man glaubt nämlich wegen der Grenzbezeichnung "bis an die Elbe" zu dem Schluß berechtigt zu sein, daß dies Zollprivileg an die Gadebuscher von den Dänen verliehen sei, da die Elbe vor 1225 die Grenze für das dänische Königtum bildete. Im Jahre 1225, aus welchem uns das Gadebuscher Privileg erhalten ist, war den Dänen aber durch die kühne Tat des Grafen von Schwerin, der den König in


96) Beltz glaubt, daß der Kern eines bürgerlichen Gemeinwesens bereits in der Grafenzeit (also vor 1201) entstanden ist (a. a. O. S. 36).
97) Das Wort "civitas" kommt nur im Privileg selbst und nicht in der "narratio" der Urkunde vor. Das Wort "civitas" ist der Vorlage entlehnt und darf daher nur auf Gadebuscher Zustände nach 1225 und nicht vor 1225 bezogen werden.
98) Darüber vgl. M.U.B. II, 1190, 1188, 1235, 1236, 1247, 1358, 1618 usw.
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seinem Lande gefangen nahm, die Elbgrenze schon verloren gegangen. Ein derartiges Zollprivileg, wie die Gadebuscher es 1225 nach unserer Urkunde erhalten, konnte ihnen damals also von den Dänen nicht mehr ausgestellt werden. Die Gadebuscher müßten es also von den Dänen vor 1225 erhalten haben. Dagegen kann man nun einwenden, daß, wenn die Gadebuscher wirklich vor 1225 ein Zollprivileg von den Dänen bekamen, diese Tatsache allein für das Bestehen einer Stadt Gadebusch vor 1225 noch gar nichts besagt. Mölln, das nach unserer Urkunde schon 1225 von dem Dänenkönig Waldemar dasselbe Privileg erhielt, wird trotzdem im Ratzeburger Zehntenregister aus dem Jahre 1230 als Stadt noch nicht aufgeführt 99 ). Man kann die Verleihung des "dänischen Zollprivilegs" auch noch ohne Bedenken im Jahre 1225 für möglich halten, wenn man mit Bloch annimmt, daß dem Fürsten Borwin eine dänische Königsurkunde für Mölln als Muster bei der Ausstellung der Gadebuscher Urkunde vorgelegen hat. Dann würde sich die dänische Formulierung, als aus dieser Vorlage entlehnt, für die Gadebuscher Urkunde leicht erklären. Danach ist auch dieser Grund, der der Urkunde von 1225 entnommen ist, für ein Vorhandensein der Stadt vor 1225 nicht beweiskräftig.

3. Der Inhalt des Freiheitsbriefes 100 ) aus dem Jahre 1225 läßt vielmehr erkennen, daß städtisches Leben in Gadebusch erst mit dem Jahre 1225 beginnen konnte, weil in dieser Urkunde Rechte verliehen werden, die für die Existenz einer Stadt unbedingt nötig sind. Man kann auch nicht annehmen, daß die Gadebuscher im Jahre 1225 nur neue Privilegien für ihre alten eintauschten 101 ). Der Inhalt der Urkunde bietet hierfür keinen Anhalt.

Es spricht danach alles dafür, daß vor 1225 Gadebusch keine Stadt war, sondern diese erst im Jahre 1225 durch das Privileg Borwins gegründet wurde.

Schon in der Wendenzeit hatte das Volk der Polaben sich in Gadebusch eine Burg gebaut, die keineswegs unbedeutend,


99) Vgl. M.U.B. I, 375.
100) Den Gadebuschern werden im Jahre 1225 Marktprivilegien, Anteil an den Gerichtsgefällen, Zollbegünstigung, Bestimmungen über den Gerichtsbezirk und ein Holznützungsrecht verliehen.
101) Vgl. M.U.B. I, S. 303.
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sondern der Mittelpunkt eines Burgbezirks war, der nach dem Namen der Burg Gadebusch genannt wurde 102 ). Die Grenzen dieses Burgbezirks deckten sich wahrscheinlich mit denen des späteren "Landes Gadebusch". Außer der wendischen Burg bestand hier auch eine wendische Ansiedlung, die jedoch allem Anschein nach nicht auf der Stelle der heutigen Stadt lag, sondern daneben. Wenigstens lebten schon im 13. Jahrhundert wendische Fischer außerhalb der Stadt in dem sog. "Kietz" 103 ).

Als die Polabenherrschaft infolge der Errichtung einer deutschen Grafschaft zu Beginn des 12. Jahrhunderts endgültig beseitigt wurde 104 ), verlor die Burg Gadebusch nicht ihre Bedeutung 105 ). Sie bekam eine deutsche Besatzung, und in den Kämpfen Heinrichs des Löwen gegen Barbarossa um 1180 wird uns von ihr zuerst berichtet. Die Burg wurde zu einem Stützpunkt für die deutsche Kolonisation.

Unter dem Schutz der Besatzung entstand vor der Burg neben dem Wendendorf wahrscheinlich ein neues Dorf, aus dem die heutige Stadt erwachsen ist. Für die Existenz eines solchen Dorfes spricht schon der Umstand, daß das lübische Recht erst 1271 für die Weiden, Wiesen und Wälder der Gadebuscher Gemeinde Geltung bekam 106 ). Es läßt sich daraus schließen, daß diese 1271 zum Stadtgebiet gehörenden Teile vorher unter Landrecht standen, sich also in einem Rechtszustand befanden, der evtl. früher auch einmal in Gadebusch selbst geherrscht hat. Die Bewohner dieses Dorfes waren wahrscheinlich überwiegend deutscher Herkunft. Das erkennt man schon aus dem deutschen Wort "Bvriencivm" im alten Gadebuscher Stadtsiegel, ferner aus den Bürgernamen der späteren Zeit 107 ) und dem Stil der


102) M.U.B. I, 59 "in tribus prouinciis Raceburg, Wittenburg et Godebuz".
103) Vgl. M.U.B. V, 2777 "in Kize prope eandem ciuitatem". Über die Deutung der wendischen Ortsnamen in Mecklenburg vgl. Kühnel, Die slavischen Ortsnamen in Mecklenburg, M.J.B. 46, S. 1 ff.
104) Helmold, Chronica Slavorum I, cap. 56: "Heinricus ... acciperet Racesburg et terram Polaborum".
105) Jetzt steht auf dem Burgberg an Stelle der deutschen Burg ein Schloß aus dem 16. Jahrhundert. Die wendische Burg hat vermutlich auch an diesem Platz gelegen. Überreste davon sind allerdings nicht mehr nachzuweisen.
106) M.U.B. II, 1216.
107) M.U.B. II, 1216; XIX, 10952.
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Gadebuscher Kirche, der die westfälische Herkunft der ersten Kolonisten deutlich bezeugt 108 ).

Bei der Gründung der Stadt wurde das deutsche Dorf von den Einwohnern wahrscheinlich nicht verlassen. Es ist nicht einzusehen, was die Bauern, denen 1225 Stadtrecht verliehen wurde, veranlaßt haben sollte, ihre alten Wohnstätten aufzugeben und sich neue Häuser zu bauen. Auch die Betrachtung des Stadtplanes 109 ) macht dies wahrscheinlich. Die Stadt besteht eigentlich nur aus einer einzigen langen Straße, der heutigen Steinstraße. Sie führt an der Kirche und dem Rathaus vorbei am Burgabhang entlang. Diese Hauptstraße war wahrscheinlich in der Dorfzeit die alte Dorfstraße. Der Markt zeigt eine ganz unregelmäßige dreieckige Form. Ein schmaler Häuserblock am Rathaus trennt heute Markt- und Kirchplatz voneinander. Es ist anzunehmen, daß früher diese Trennung nicht bestand, daß vielmehr in der Dorfzeit beide einen zusammenhängenden Platz, den Kirchplatz, bildeten, dessen einer Teil bei der Stadtgründung dann der Marktplatz wurde. Auch aus der Lage und dem hohen Alter der Kirche ergibt sich, daß bei der Stadtgründung die Gadebuscher Bauern ihr altes Dorf nicht verlassen haben. Man nimmt an, daß der romanische Bau der Gadebuscher Kirche nach 1203 entstanden ist 110 ). Da nach unsern vorigen Untersuchungen die Stadt aber erst 1225 gegründet wurde, so hat auch die Kirche, die nach 1203 entstanden sein soll, schon in dem alten Dorf gestanden. Hätte 1225 bei der Stadtgründung schon eine Neuanlage stattgefunden und wäre das Dorf Gadebusch von seinen Bewohnern, die in die neuentstandene Stadt übersiedelten, verlassen worden, so wäre es wahrscheinlich, daß auch die Gadebuscher Dorfkirche außerhalb der Stadt liegen würde oder an den Rand der Stadt gedrängt wäre. Das ist aber nicht der Fall. Die Kirche liegt noch heute mitten in der Stadt an der Hauptstraße neben dem Markt. Nach alledem wurde wahrscheinlich das alte Dorf Gadebusch 1225 bei der Stadtgründung von


108) Vgl. Reifferscheid, Der Kirchenbau in Mecklenburg und Neuvorpommern zur Zeit der deutschen Kolonisation (Pommersche Jahrbücher, Ergänzungsband 2), S. 768.
109) Ein älterer Stadtplan ist nicht vorhanden. Für die Untersuchung ist natürlich nur die Altstadt Gadebusch heranzuziehen.
110) Reifferscheid a. a. O. S. 77.
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seinen Bauern nicht verlassen, sondern blieb als Stadt Gadebusch bis heute erhalten.

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3. Die Gründung der Stadt Wittenburg 111 ).

Wittenburg in Westmecklenburg, heute nur eine kleine Landstadt, hatte in der Wendenzeit und im Mittelalter eine weit größere Bedeutung. In unsern Tagen nimmt Hagenow, das einst nur ein Dorf und später eine Stadt im Lande Wittenburg war, eine wichtigere Stellung ein. Hier befindet sich das Amt, zu dessen Verwaltungsgebiet auch Wittenburg gehört. Die Rollen zwischen Hagenow und Wittenburg sind also in neuerer Zeit vertauscht worden. Deutlich macht sich hier der Einfluß der Eisenbahnlinie bemerkbar. Während Hagenow an der Hamburg-Berliner Bahnstrecke liegt, führt an Wittenburg nur eine weniger wichtige Linie vorbei. Einst lag Wittenburg jedoch an der großen Landstraße, die von der Elbe herauf nach Lübeck führte 112 ). Dieser günstigen Lage verdankt es die Stadt Wittenburg wahrscheinlich, daß sie schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts gegründet wurde. Wittenburg ist eine der ältesten mecklenburgischen Städte. Wir sind allerdings nicht wie bei Gadebusch in der günstigen Lage, das Datum der Gründung genau bestimmen zu können. Es läßt sich nur sagen, daß die Gründung vor 1230 erfolgt sein muß; denn in diesem Jahre wird uns im Ratzeburger Zehntenregister Wittenburg bereits als Stadt (civitas) genannt 113 ). Möglicherweise erhielt Wittenburg schon vom Dänenkönig Stadtrecht, da dieser am Anfang des 13. Jahrhunderts auch das Land Wittenburg vorübergehend beherrschte 114 ). Und wenn nicht während der Dänenherrschaft, so erfolgte die Stadtrechtsverleihung bald nach dem


111) Vgl. Festbuch zur Erinnerung an die 700-Jahrfeier der Stadt >Wittenburg in Mecklenburg am 28. und 29. August 1926. Der Termin wurde nach M.U.B. I, 322 angenommen. Wittenburg wird als Stadt nicht genannt; Fr. Schlie, Denkmäler, Bd. III, S. 38 ff.; Bachmann a. a. O. S. 480; Reifferscheid a. a. O. S. 127/129; O. Vitense, Wittenburg (Mecklenburgische Nachrichten, 6. April 1924, Nr. 82).
112) M.U.B. I, 322.
113) M.U.B. I, 375. Das Wort "civitas" an dieser Stelle nicht als einen Beweis für die Existenz der Stadt Wittenburg aufzufassen, liegt kein Grund vor. Die Angaben des Ratzeburger Zehntenregisters sind zuverlässig.
114) Vgl. Witte a. a. O. Bd. I S. 145 ff.
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Ende derselben 115 ) 116 ). Im Jahre 1230 ist, wie bereits erwähnt, eine Stadt Wittenburg vorhanden 117 ).

In der Wendenzeit stand hier eine Burg, die der Mittelpunkt des Landes gewesen ist und ihm den Namen gegeben hat 118 ). Von der Existenz eines slavischen Dorfes neben der Burg ist uns nichts bekannt.

Wittenburg ist neben Ratzeburg und Gadebusch der dritte der Burgbezirke gewesen, in die das Land der wendischen Polaben zerfiel, als Heinrich von Badewiede hier von Heinrich dem Löwen 1144 als Grenzgraf eingesetzt wurde 119 ). Frühzeitig wird der Ratzeburger Graf auch diese alte wendische Burg mit deutschen Mannen besetzt haben; schon der deutsche Name Wittenburg scheint darauf hinzuweisen.

Jedenfalls erwuchs am Fuße der Burg eine vorwiegend von Deutschen bevölkerte Ansiedlung 120 ), die sich allmählich soweit entwickelte, daß ihr Stadtrecht verliehen werden konnte. Die Erhebung Wittenburgs zur Stadt hat sich demnach wahr-


115) Man hielt es für auffällig, daß Wittenburg kein Schweriner Stadtrecht empfing, sondern lübisches (vgl. W. Böttcher, Geschichte der Verbreitung des lübischen Rechts, 1913, siehe Wittenburg). Man glaubte, das spräche für eine Stadtgründung unter dänischer Herrschaft, da den Grafen von Schwerin, denen nach dem Ende der Dänenherrschaft Wittenburg gehörte, die Verleihung von Schweriner Stadtrecht doch näher gelegen hätte, für die Dänen die Verleihung des lübischen Rechtes aber das Natürliche war. (Vgl. Wigger, Über die Stammtafel der alten Grafen von Schwerin, M.J.B. 34 S. 55 ff., S. 104). Wie das Beispiel der Städte mit Rostocker Stadtrecht zeigt, hat aber der Landesherr bei der Auswahl des Stadtrechts nicht immer eine völlig freie Wahl gehabt (vgl. das Kolonisationsgebiet der Herrschaft Rostock). In Wittenburg ist das lübische Recht eher durch Ansiedler, die aus Lübeck kamen, zu erklären.
116) Die Dänenherrschaft erreichte ihr Ende mit der Schlacht bei Bornhöved 1227.
117) W. Böttcher (Geschichte der Verbreitung des lübischen Rechts) nimmt für 1230 die Existenz von Wittenburg als Stadt noch nicht an. Ohne Begründung läßt er "civitas W." nicht als eine Bezeichnung dafür gelten. Mir ist kein Beispiel aus mecklenburgischen Urkunden bekannt, wo civitas der Ausdruck für Dorf ist.
118) M.U.B. I, 59, 88; I, 338: Wittenburg cum suis attinentiis.
119) Helmold, Chronica Slavorum I, cap. 56.
120) Aus den Bürgernamen der späteren Stadt erkennt man die überwiegend deutsche Abstammung der Bürger (M.U.B. II, 704; III, 1929, 2013, 2384). Auf slawische Abstammung deutet nur der Name "Sloue" selbst (2384).
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scheinlich in der gleichen Weise wie in Gadebusch und Ratzeburg vollzogen, indem auch hier ein Dorf Stadtrecht bekam.

Diese Entwicklung erkennt man aus dem Alter des Kirchspiels, das uns fast 40 Jahre früher als die Stadt bekannt wird. Im Jahre 1194 haben wir bestimmt mit dem Vorhandensein des Kirchspiels zu rechnen 121 ). Wahrscheinlich wird jedoch die Wittenburger Kirche, wenn auch nicht in ihrer heutigen Gestalt, schon damals, als die Burg eine deutsche Besatzung erhielt, erbaut sein 122 ). Das Bestehen der Kirche, bevor die Stadt gegründet wurde, läßt mit Sicherheit vermuten, daß schon vorher ein Dorf vorhanden war, in dem sie stand. Der Stadtplan von Wittenburg 123 ) macht es nun sehr wahrscheinlich, daß die Stadt unmittelbar aus der alten dörflichen Ansiedlung hervorgegangen ist. Er zeigt genau wie bei Gadebusch eine lange Hauptstraße, die sich vor der Burg an der Kirche und dem Markt vorbeizieht. Kirche und Rathaus liegen auf einem unregelmäßigen dreieckigen Platz vor dem Zugang zur Burg, der wahrscheinlich zunächst als großer freier Platz die Kirche umgab und von dem sich erst später bei der Gründung der Stadt durch den Bau des Rathauses der Markt abtrennte. Auch heute noch bilden beide Plätze, Markt- und Kirchplatz 124 ), eine Einheit; denn sie sind weder durch Häuser noch durch Mauern geschieden.

Dem Stadtplan nach zu urteilen, ist es also sehr wohl möglich, daß die Einwohner des alten Dorfes Wittenburg nach der Verleihung des Stadtrechtes in ihrer alten Siedlung verblieben, so daß das alte Dorf Wittenburg uns vermutlich in der heutigen Stadt noch erhalten ist.

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4. Die Gründung der Stadt Hagenow 125 ).

Die Stadt Hagenow liegt an der wichtigen Bahnstrecke Hamburg-Berlin. Zugleich führt von hier eine Bahn nach Schwerin, Wismar und Rostock. Die Lage dieser Stadt im


121) Schmaltz, M.J.B. Bd. 72, S. 130/1.
122) Schmaltz, M.J.B. Bd. 72, S. 122/3.
123) Ein Situationsplan von Wittenburg ist bei Schlie, Denkmäler III, S. 60 abgebildet.
124) So heißt heute auf dem Plan der Platz bei der Kirche.
125) Vgl. Lisch, Die Kirche zu Hagenow und die Stadt Hagenow, M.J.B. 20, S. 321 - 324; Bachmann a. a. O. S. 416; Schlie, Denkmäler III, S. 1 ff.
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Verkehrsnetz der Neuzeit ist also sehr günstig, und so kommt es, daß sie heute im Gegensatz zu früher nicht ohne Bedeutung ist.

Zur Stadt wurde Hagenow erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erhoben. Im Jahre 1370 wird der Ort zuerst als Stadt erwähnt 126 ). Lisch verlegt die Gründung vielleicht mit Recht in die Zeit nach dem Jahre 1359, in welchem Herzog Albrecht von Mecklenburg die Grafschaft erworben hatte 127 ).

Eine Erklärung für die verhältnismäßig späte Gründung dieser Stadt mag darin zu suchen sein, daß Hagenow in wendischer Zeit nicht der Mittelpunkt eines eigenen Landes war, sondern zum Lande Wittenburg gehörte. Bei der deutschen Kolonisation wurde diese Einteilung beibehalten, und Hagenow gehörte auch noch als Stadt zum Lande Wittenburg 128 ). Dieser Umstand wird wahrscheinlich die Entwicklung Hagenows gehemmt haben. Dazu kommt noch, daß die bäuerliche Besiedlung der Umgebung Hagenows nur sehr langsam vor sich ging. Noch heute liegt das größte zusammenhängende Waldgebiet Mecklenburgs in dieser Gegend.

Als die Slaven in Mecklenburg herrschten, bestand in Hagenow wahrscheinlich eine Burg 129 ), die uns jedoch für die damalige Zeit nicht bezeugt ist. Auch ein wendisches Dorf wird es gegeben haben, denn man kennt in Hagenow noch das Wort "Kietz", das überall zur Bezeichnung einer wendischen Fischeransiedlung dient 130 ).

Zu Beginn der Kolonisation wurde die wendische Burg von deutschen Rittern besetzt, die bald deutsche Bauern nach sich zogen. Schon im Jahre 1190 wird uns ein Ritter und ein Priester als in Hagenow ansässig bezeugt 131 ), die beide einen deutschen Vornamen führen. Vielleicht läßt sich auch


126) M.U.B. XVI, 10069 "accidente eciam consulum opidi Hagenowe ... consilio".
127) Vgl. Lisch a. a. O. S. 321.
128) M.U.B. XVIII, 10069, 10233.
129) Vermutlich auf dem Platze hinter der Kirche, der nach einer Karte von 1748 von einem Graben umflossen wird. An derselben Stelle soll auch die deutsche Burg gestanden haben.
130) Vgl. Raabe, Mecklenburgische Vaterlandskunde, Band I, Art. Hagenow.
131) M.U.B. I, 150. Die Urkunde wird zwischen 1190 und 1195 datiert.
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aus der frühen Erwähnung eines Priesters in Hagenow der Schluß ziehen, daß schon im 12. Jahrhundert hier neben dem Kietz ein anderes Dorf bestand. In unserer Überlieferung wird dieses Dorf 1230 zuerst genannt 132 ) und weiterhin ausdrücklich als solches erwähnt 133 ), bis uns im Jahre 1370 eine Stadt Hagenow begegnet.

Wo blieb nun das Dorf bei der Stadtgründung? Darüber gibt uns ein Stadtplan aus dem Jahre 1748 Aufschluß 134 ).

Er zeigt uns, daß die ganze Anlage der Stadt die eines Dorfes ist. Wir sehen eine einzige lange Straße, von der sich zur Kirche der "Papensteig" und der "Enge Markt" abzweigen. Als Marktplatz der alten Stadt diente, wie aus dem Namen hervorgeht, der "Enge Markt", eine Straße, die zur Kirche führt und sich an ihrem einen Ende zu einem kleinen dreieckigen Platz erweitert. Vielleicht hat auch noch der Häuserblock zwischen Papensteig und "Enger Markt" ursprünglich mit zum Kirchplatz gehört. In diesem Fall würde sich nämlich ganz genau das gleiche Bild wie bei Gadebusch und Wittenburg ergeben, daß an der Hauptstraße der große Kirchplatz mit der Kirche liegt. Die heutige Trennung der Kirche von der Straße wäre dann nur ein Ergebnis der späteren Entwicklung. Danach erhalten wir als ursprünglichen Plan Hagenows die lange Dorfstraße und ungefähr in der Mitte dieser Straße daran anschließend den großen Kirchplatz mit der Kirche. Es ist daher anzunehmen, daß den Bauern von Hagenow im 14. Jahrhundert Stadtrecht verliehen wurde, da uns anscheinend das alte Dorf in der heutigen Stadt noch erhalten ist.

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5. Die Gründung der Stadt Boizenburg 135 ).

Die Stadt Boizenburg ist durch ihre Lage an der Elbe vor anderen mecklenburgischen Städten bevorzugt. Im Mittelalter führte die Salzstraße von Lüneburg nach den Ostseeländern sowie eine Landstraße über Mölln nach Lübeck hier


132) M.U.B. I, 375.
133) Zum Jahre 1327 wird noch eine "villa Haghenow" genannt; M.U.B. VII, 4870.
134) Im Schweriner Geh. und Haupt-Archiv, Stadtplan vor dem Brande von 1748.
135) Vgl. Schlie a. a. O. Bd. 3 S. 111 ff; Bachmann a. a. O. S. 391; I. Hinselmann, Boizenburg (Meckl. Nachrichten, 24. April 1926, Nr. 44), der Aufsatz ist ungenau.
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über die Elbe 136 ). Dieser günstigen Lage verdankt die Stadt Boizenburg es wahrscheinlich, daß sie bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegründet wurde. Im Jahre 1241 werden Ratmänner dieser Stadt genannt 137 ) und über 20 Jahre später (1267) wurde ihr das lübische Stadtrecht verliehen 138 ). Wie aus der Urkunde hierüber, die städtische Verhältnisse bereits voraussetzt, hervorgeht, handelte es sich bei dieser Verleihung wohl nur um eine Bestätigung eines bereits vor 1267 bestehenden Rechtszustandes 139 ). Die Stadt hat unzweifelhaft schon vorher bestanden 140 ).

Die verhältnismäßig frühe Stadtgründung hatte jedoch nicht nur verkehrsgeographische Voraussetzungen, die mit der günstigen Lage Boizenburgs erfüllt waren, sondern auch die historische Entwicklung wirkte dabei mit, die diesen Ort schon seit langer Zeit zu einem bevorzugten Platz gemacht hatte.

Schon in slavischer Zeit war die Burg, die wahrscheinlich der wendische Volksstamm der Polaben 141 ) sich dort gebaut hatte, der Mittelpunkt des Landes, das nach ihr das Land Boizenburg genannt wurde 142 ). Bei der Bedeutung dieser Burg ist es wahrscheinlich, daß auch eine slavische Ansiedlung in ihrer Nähe bestand 143 ).


136) M.U.B. XVI, 10 118, 9524.
137) M.U.B. I, 529, Consules.
138) M.U.B. II, 1127.
139) "unser amptlude, he sy munter, tolner, edder Jode ...", werden als bereits in Boizenburg ansässig erwähnt.
140) M.U.B. I, 529. - Auch Wismar bekam erst 1266, ein Jahr früher wie Boizenburg, das lübische Recht (M.U.B. II, 1078); vgl. Crull, Ratslinie der Stadt Wismar, S. XII - XV. Er sieht die Verleihung des lübischen Rechtes an Wismar als den Abschluß einer Entwicklung an, durch die nichts wesentlich Neues ins Leben gerufen wurde.
141) Die Nachrichten, die die terra Polaborum, die Heinrich von Badewiede verliehen wurde, näher bezeichnen (Helmold cap. 56), sprechen nur von den provinciae Raceburg, Wittenburg und Godebuz (M.U.B. I, 59). Die Polaben wohnten aber wahrscheinlich über die Grafschaft Ratzeburg hinaus. Vgl. F. Wigger, Mecklenburgische Annalen, Schwerin 1860, S. 107. M.U.B. I, 62 nennt der Papst als Sprengel des Bistums Ratzeburg "Sadenbandiam atque Polabiam totam". Darnach gehörte auch Boizenburg zu Polabien.
142) M.U.B. I, 290, 305.
143) Schlie III, S. 122 sieht Altendorf als die Wiek der wendischen Burg an. Man kann in Altendorf auch ein deutsches Dorf, das vor der Stadtgründung hier bestand, erblicken. Vgl. S. 39 f.
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Infolge der deutschen Kolonisation wurde die Herrschaft der Slaven auch hier beseitigt, aber die bedeutende Stellung dieser Burg dauerte auch unter der deutschen Herrschaft fort. Sie blieb der Mittelpunkt des Landes. Vermutlich stand dieses im Anfang der Kolonisation unter der besonderen Herrschaft Heinrichs des Löwen 144 ), der die günstige Lage Boizenburgs in unmittelbarer Nähe seiner beiden Stützpunkte Lüneburg und Artlenburg erkannte und diesen wichtigen Ort durch eine Besatzung sicherte. Um das Jahr 1170 erscheint urkundlich mehrmals ein Graf von Boizenburg 145 ), woraus sich ziemlich sicher erkennen läßt, daß damals schon eine deutsche Burgbesatzung den wichtigen Elbübergang bewachte.

Neben der deutschen Burg wird sich hier schon sehr früh eine deutsche Ansiedlung entwickelt haben. Denn außer der Burg hat auch schon zu Zeiten Heinrichs des Löwen eine Zollstätte dort bestanden, weil der Flußübergang hierfür geeignet war. Den Hamburgern wird schon von Heinrich dem Löwen eine Befreiung von diesem Zoll bewilligt 146 ). Auch eine Kirche war vielleicht schon vor der Stadtgründung vorhanden, denn mehr als 20 Jahre früher, als uns Ratmänner von Boizenburg genannt werden, lesen wir 1217 von einem Priester von Boizenburg in den Urkunden 147 ).

Vielleicht haben wir die erste deutsche Ansiedlung in "Altendorf" zu suchen, das in der Nähe des heutigen Boizen-


144) Diese Ansicht teilt Meyer (Geschichte der Grafen von Ratzeburg und Dannenberg, M.J.B. 76, S. 20) nicht. Er glaubt, daß die Ratzeburger Grafen dieses Gebiet von Anfang an besaßen, und begründet seine Ansicht mit der Urkunde vom Jahre 1216, in der Graf Albrecht von Holstein den Hamburgern u. a. die Freiheit vom Elbzoll in Boizenburg bestätigt (M.U.B. I, 221). Diese Freiheit ist ihnen, wie die Urkunde aussagt, von Heinrich dem Löwen und Graf Adolf (von Dassel, frühestens seit 1197 Graf von Ratzeburg) verliehen worden. Meyer schließt aus dem Vorkommen der Grafen von Ratzeburg in dieser Urkunde die Zugehörigkeit des Landes Boizenburg zur Grafschaft Ratzeburg. Diese Urkunde beweist aber nur, daß frühestens 1197 Boizenburg zu Ratzeburg gehörte. Außerdem wird Heinrich der Löwe im gleichen Zusammenhang ausdrücklich genannt. Ferner wird das Land Boizenburg bei Aufzählung der Länder der Grafschaft Ratzeburg nicht dazu gerechnet (M.U.B. I, 59).
145) M.U.B. I, 80, 90, 96.
146) M.U.B. I, 221.
147) M.U.B. I, 231, 236 erwähnen einen plebanus bzw. sacerdos von Boizenburg.
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burg liegt. Dafür spricht der Name Altendorf selbst, in dem uns die Erinnerung an die alte Siedlung aufbewahrt zu sein scheint. Es ist anzunehmen, daß die Bürger, die bei der Gründung in die Stadt zogen, die alte Siedlung so benannten. Zu dieser Annahme paßt auch sehr gut, daß der Stadtplan 148 ) keine Ähnlichkeit mit einem Dorfgrundriß erkennen läßt; denn die Stadt ist kreisförmig angelegt und hat regelmäßige, sich rechtwinklig schneidende Straßenzüge. Die Gründung erfolgte also wahrscheinlich in der Weise, daß neben einem bereits bestehenden Dorf die Stadt neu gebaut wurde. Ein ursprüngliches deutsches Dorf kann uns also, wenn es überhaupt noch vorhanden ist, nicht in der heutigen Stadt, sondern nur daneben erhalten sein. Andererseits ist auch die Möglichkeit, daß Altendorf die Wiek der alten Wendenburg gewesen ist, wie Schlie 149 ) es behauptet hat, nicht von der Hand zu weisen.

Die Städte in den deutschen Grafschaften Mecklenburgs sind gewöhnlich aus Dörfern erwachsen. Wenn Boizenburg eine Ausnahme macht, so ist der Grund hierfür wohl in der günstigen Lage dieses Ortes zu suchen. Schon früh scheint sich hier ein Marktverkehr entwickelt zu haben. Jedenfalls ist im Jahre 1218 in einer Urkunde des Grafen von Schwerin von einem Boizenburger Scheffelmaß die Rede 150 ). Diese Nachricht läßt auf einen gewissen Marktverkehr in Boizenburg schließen. Vielleicht hat der Markt schon von Anfang an an der Stelle gelegen, wo später die Stadt neben dem Dorf gegründet wurde.

b) Das Kolonisationsgebiet der Grafen von Dannenberg.

Die Länder an der Elbe und Elde mit den wendischen Namen Jabel und Wehningen gehörten seit dem Jahre 1190 zum Kolonisationsgebiet der Grafen von Dannenberg 151 ), deren


148) "Proiect wie die Stadt Boizenburg in Regularität kann wieder erbaut werden" aus dem Jahre 1710. Das Original (im Besitz der Stadt Boizenburg) konnte ich nicht einsehen. Auf eine Anfrage beim Rat der Stadt Boizenburg erhielt ich die Auskunft, daß sich die Veränderungen im Stadtplan bei dem Neubau der Stadt nach dem Brande 1710 nur auf die Verbreiterung der Straßen, nicht aber auf eine andere Straßenführung erstreckt habe, was auch durchaus wahrscheinlich ist.
149) Schlie III, S. 122.
150) M.U.B. I, 242. Heinrich, Graf von Schwerin, schenkt dem Benediktinerkloster Stade neun Scheffel Erbsen "nouem modios pisorum mensure Boytzenburgensis".
151) M.U.B. I, 150.
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Grafschaft bereits von Heinrich dem Löwen begründet wurde 152 ). Große Erfolge haben diese bei ihrer Kolonisation in der ersten Zeit nicht erzielt 153 ). Das erklärt sich vor allem daraus, daß diese Länder wegen ihres sandigen Bodens die Kolonisten nicht übermäßig anlockten. Besonders war es das Land Jabel zwischen Sude und Rögnitz, das mit seinem Heideland ein Vordringen der Kolonisationsbewegung nach Osten verhinderte. So kam es, daß auch die wendische Bevölkerung in Wehningen und Jabel sich noch zahlreich erhielt, wodurch ebenfalls die Einwanderung deutscher Ansiedler erschwert wurde. Die beiden Städte Dömitz und Grabow, die von den Grafen in diesem Gebiet angelegt wurden, begegnen uns daher auch erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts.

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1. Die Gründung der Stadt Dömitz 154 ).

Die Stadt Dömitz ist dadurch über die Grenzen Mecklenburgs hinaus bekannt geworden, daß Major von Schill auf seinem Freiheitszug gegen die Franzosen ihre Festung, "das feste Haus", erstürmte und einige Jahrzehnte später Fritz Reuter hier gefangen saß. Wirtschaftlich ist sie heute infolge ihrer günstigen Lage an der Elbe von Bedeutung.

Die Stadt wurde in der Mitte des 13. Jahrhunderts gegründet. Im Jahre 1259 begegnen wir ihr als Stadt zum erstenmal 155 ). Meyer glaubt aus der Tatsache, daß in einer Urkunde des Jahres 1237 156 ) Dömitz neben Dannenberg und Lenzen genannt wird, feststellen zu können, daß Dömitz, da Dannenberg und Lenzen nach Meyers Ansicht damals schon Stadtrecht besaßen, im Jahre 1237 ebenfalls Stadt war 157 ).


152) Vgl. Meyer, Geschichte der Grafschaft Ratzeburg und Dannenberg. M.J.B. 76, S. 70 ff.
153) Vgl. Witte, Mecklenburgische Geschichte I, S. 122.
154) Geschichte und urkundliche Nachrichten von Dömitz von zur Nedden (Manuskript im Schweriner Geh. und Haupt-Archiv, anscheinend um 1800 verfaßt. Das Hauptgewicht liegt auf der Darstellung des damaligen juristischen Verhältnisses zwischen Dömitz und dem Landesherrn. Dazu benutzte er die damals vorhandenen Urkunden. Den Hinweis auf die wichtigen Urkunden von 1505 und 1546 verdanke ich zur Nedden). Vgl. ferner Schlie, Denkmäler III, S. 156 ff.; Bachmann. a.. a. O. S. 407.
155) M.U.B. II, 845: "in ciuitate Domeliz"
156) M.U.B. I, 466: "Dannenberghe et Domeliz, Lentzen".
157) Meyer a. a. O. S. 122.
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Leider kann Meyer dies aber auch für Dannenberg und Lenzen nicht nachweisen. Der letzte Ort erscheint im Jahre 1219 noch als Dorf 158 ), während Dannenberg 1202 mit dem doppeldeutigen "urbs" bezeichnet wird, das über die Existenz einer Stadt noch nichts sagt 159 ).

Aus der Wendenzeit ist uns von Dömitz nichts mehr bekannt. Nur der slavische Name Dömitz deutet vielleicht darauf hin, daß es in der Nähe der heutigen Stadt einst ein slawisches Dorf Dömitz gegeben hat. Eine Hauptburg war in der Wendenzeit bei Dömitz jedenfalls nicht vorhanden, denn der Name des Landes, in dem Dömitz lag, lautete Wehningen oder, wie es wörtlich in den alten Urkunden heißt, "Waninke" oder "Wannige" 160 ). Daraus geht deutlich hervor, daß Dömitz zur Wendenzeit nicht der Mittelpunkt des Landes war. So erklärt sich auch, daß der Name Dömitz erst verhältnismäßig spät erwähnt wird, nämlich im Zehntenregister des Bistums Ratzeburg aus dem Jahre 1230, wo von einem Priester aus Dömitz berichtet wird 161 ). Wahrscheinlich ist jedoch an dieser Stelle schon ein Dorf Dömitz gemeint, das durch die Kolonisation entstanden war. Wir wissen nämlich, daß seit dem Jahre 1190 die Dannenberger Grafen darauf bedacht waren, das Land Wehningen zu kolonisieren 162 ). Ferner haben wahrscheinlich zu Beginn des 13. Jahrhunderts diese Grafen auch eine Elbzollstätte bei Dömitz eingerichtet; denn es wird uns im Jahre 1237 von einem Zollbeamten berichtet, der in Dörmitz ansässig ist 163 ).

Endlich ist ein Privileg der Stadt Dömitz aus dem Jahre 1505 bekannt 164 ), dessen Inhalt jedoch auf weit frühere Zeiten zurückgeht. Wir nehmen an, daß uns in diesem Privileg,


158) M.U.B. I, 251.
159) Meyer a. a. O. S. 91.
160) M.U.B. I, 65, 375.
161) M.U.B. I, 375: "Heinricus sacerdos de Dumeliz". Über die Datierung, ob 1230 oder 1229, vgl. M.J.B. Bd. 69, S. 300 und M.J.B. Bd. 72, S. 141.
162) Bei Lenzen, einer anderen Dannenbergischen Stadt, wird uns ein Dorf, bevor die Stadt gegründet wurde, ausdrücklich genannt. M.U.B. 251: "dis Schloß mit dem darbei ligenden dorffe und seiner Zolshebung". - M.U.B. I, 150.
163) M.U.B. I, 466: "Johannes theolonearius in Domeliz".
164) Es befindet sich als Abschrift im Schweriner Geh. und Haupt-Archiv: Stadturkunden Dömitz. Dazu vgl. zur Nedden a. a. O.
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allenfalls schon etwas verändert 165 ), der Stiftungsbrief der Stadt Dömitz aufbewahrt ist. Dieses Privileg sagt deutlich, daß den Dömitzern nur "ehre freiheide und rechticheide, die sie oldinges beth hertho gehat hebben", bestätigt werden. Es enthält das Recht "der Berufung ans lübische Recht", die Zubilligung eines Teiles der Gerichtsgefälle, das Nutzungsrecht aus einem fürstlichen Forst und die Zuweisung des Fährgeldes von der Personenfähre, alles Vorrechte, die im allgemeinen nur bei Stadtgründungen verliehen wurden. Dazu erhielten sie auch die wüste Feldmark "Niendorp". Wenn wir danach die Bestätigung der Stadtprivilegien aus dem Jahre 1505 als den Stiftungsbrief der Stadt Dömitz anerkennen, so ist dies uns eine weitere Stütze für die Vermutung, daß vor der Stadtgründung der Name Dömitz für ein Dorf gebraucht wurde, aus dem dann die spätere Stadt entstanden ist, die nach den ältesten am Ende des 13. Jahrhunderts überlieferten Bürgernamen eine vorwiegend deutsche Bevölkerung hatte 166 ). In diesem Stadtprivileg findet sich auch die Bemerkung, daß die wüste Feldmark Niendorp, die mit gewissen Vorbehalten an Dömitz geschenkt wird, nach der Ackerverteilung der bereits vorhandenen Dömitzer Feldmark vermessen werden soll. Wir können danach annehmen, daß bei der Stadtrechtsverleihung schon ein Dorf bestanden hat, das vermutlich deutsch bevölkert war.

Ob die Stadt Dömitz neben dem Dorf angelegt wurde oder ob sie aus dem Dorf hervorging, ist aus dem Stadtplan nicht mehr deutlich zu erkennen 167 ). Scheinbar hat die Festung Dömitz in späterer Zeit auf ihre Plangestaltung starken Einfluß gehabt 168 ).


165) Wahrscheinlich ist doch das lübische Recht, das im Jahre 1505 nur noch in der Form der Berufung an Lübeck erscheint, bei der Stadtgründung vollständig verliehen als ius Lubicense. Wenn Lübeck der Oberhof von Dömitz war, kann man auch annehmen, daß in Dömitz selbst nach lübischem Recht gerichtet wurde.
166) M.U.B. IV A, 2458.
167) Zwei unregelmäßig laufende Parallelstraßen fallen auf im "Projekt von Dömitz" (Nr. 114, im Schrank "L. V. Sch. E", Mappe Dömitz, Schweriner Geh. und Haupt-Archiv).
168) 1546 wird der Stadt Dömitz das Recht verliehen, einen Wochen- und drei Jahrmärkte zu halten. Diese auffällige Tatsache läßt sich vielleicht so erklären, daß das Marktleben in Dömitz im Laufe der Jahrhunderte von so geringer Bedeutung wurde, daß das Marktrecht hierbei in Vergessenheit geriet. Es ist nicht anzu- (  ...  )
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2. Die Gründung der Stadt Grabow 169 ).

Außer Dömitz verdankt auch Grabow den Grafen von Dannenberg seine Entstehung. Den Zeitpunkt der Gründung können wir nicht genau mehr bestimmen. Zwar ist der Stiftungsbrief der Stadt aus dem Jahre 1252 erhalten 170 ), aber er ist schon im vorigen Jahrhundert in seiner Echtheit angezweifelt und als eine Fälschung des 14. Jahrhunderts erklärt worden 171 ). Wenn wir diese gefälschte Urkunde des Jahres 1252 für die Datierung der Stadtgründung auch nicht benutzen können, so ist doch das Jahr 1252 als Gründungsjahr nicht unwahrscheinlich. weil um dieselbe Zeit auch zwei andere Städte der Grafen von Dannenberg, Dömitz und Lenzen, entstanden sind. Außerdem wird Grabow im Jahre 1275 in einer echten Urkunde als Stadt (civitas) genannt 172 ), so daß wir jedenfalls die Gründung vor dem Jahre 1275 anzusetzen haben.

Schon zur Wendenzeit scheint hier eine Burg gestanden zu haben, deren Vorhandensein wir allerdings nicht mit Bestimmtheit nachweisen können, weil die ältesten Urkunden, die die Burg erwähnen, ebenfalls Fälschungen aus späterer Zeit sind 173 ).

Jedoch unter den Grafen von Dannenberg hat sie sicher bestanden und sogar erhebliche Bedeutung gehabt, weil sie die Ostgrenze der Grafschaft sicherte. Dieselbe Urkunde des Jahres 1275, welche die Stadt Grabow zuerst erwähnt, nennt auch die Burg. Fast scheint es so, als ob die Stadt gegründet sei, um die Burg noch besser zu befestigen, denn in der "narratio" des gefälschten Stiftungsbriefes wird uns wörtlich erzählt, daß der Graf von Dannenberg "zur Verteidigung und Beschützung seiner Länder und zur Erstarkung und Mehrung seiner Herr-


(  ...  ) nehmen, daß ein für die Stadt so wichtiges Recht nicht schon bei der Stadtgründung verliehen wurde. (Die Urkunde der Erteilung des Marktrechtes an Dömitz 1546 befindet sich als Abschrift unter den "Privilegien der Stadt Dömitz" im Schweriner Geh. und Haupt-Archiv.).
169) Vgl. Schlie, Denkmäler I, S. 176 ff.; Meyer. M.J.B. 76, S. 154; Bachmann a. a. O. S. 413; Reifferscheid a. a. O. S. 146/147.
170) M.U.B. II, 683.
171) Über die Grabower gefälschten Urkunden vgl. M.U.B. I, S. XL, XLI.
172) M.U.B. II, 1356: "ciuitatem et castrum".
173) M.U.B. I, 141/149/162. Vgl. Salis, Die Schweriner Fälschungen (Archiv für Urkundenforschung Bd. 1).
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schaft die Stadt Grabow auf seinem Gebiet begründet und diesseits der Elbe angelegt habe" 174 ).

Ausdrücklich werden uns auch Ritter und Vasallen genannt 175 ), denen dieselben Vorrechte zugestanden werden wie den Ratmännern, Bürgern und Bauern der Stadt 176 ). Aus dem Inhalt des Stiftungsbriefes geht also hervor, daß die Grafen von Dannenberg bestrebt waren, ihr Land militärisch zu sichern. Wenn auch die Echtheit des Stiftungsbriefes selbst angezweifelt werden muß, so kann man vielleicht doch den Beweggrund, den er für die Anlage der Stadt angibt, gelten lassen, zumal Fälschungen selten frei erfunden sind, sondern oft auf echte Vorlagen zurückgehen. Es wäre also sehr wohl denkbar, daß der Teil des Stiftungsbriefes, der uns über die Absicht des Grafen von Dannenberg berichtet, aus dem echten Gründungsprivileg entnommen ist. Zur Stützung dieser Annahme läßt sich zunächst anführen, daß die Lage dieser Burg für den Grafen von Dannenberg militärisch von großem Wert war, da sie seine Grafschaft im Osten sicherte. Es konnte für ihn also nur von Vorteil sein, daß bei der Burg auch eine Stadt entstand, die mit ihren eigenen Befestigungsanlagen und ihrer größeren Bevölkerung die Sicherheit der Burg noch erheblich verstärkte.

Ferner wird unsere Annahme noch wahrscheinlicher, wenn man bedenkt, daß nach dem Bericht des Stiftungsbriefes (1252) der Graf von Dannenberg die Stadt neu begründete. Dieser Bericht scheint dem wirklichen Hergange entsprochen zu haben, da ein Dorf Grabow, dem Stadtrecht verliehen werden konnte, vor der Stadtgründung nicht genannt wird und anscheinend auch nicht bestand. Jedenfalls ist die Stadt nicht aus einem Dorf entstanden. Dafür spricht die Form des Stadtplanes 177 ). Wie man aus einem Plan von 1725 erkennt, hat sich die Stadt


174) "ob defensionem et munimen nostrarum terrarum et robur ac augmentum nostri dominii quoddam opidum nomine Grabowe in terminis nostre terre et distinctionibus fundavimus et circa flumen Eldena locavimus ..." (M.U.B. II. 683).
175) "omnibus et singulis militibus et vasallis consulibus civibus et villanis dictum opidum inhabitantibus".
176) Die "villani" sind vielleicht die Lassahner Bauern, die im 13. Jahrhundert in die Stadt zogen. Daraus entstand die "Baugilde auf den Lassahnschen Hufen bei Grabow". Vgl. Böhlau, Meckl. Landrecht Bd. III, 1 S. 205 ff.
177) Vgl. Schlie, Denkmäler I, S. 176 "Stadtplan von Grabow vor dem Brande 1725".
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ganz an die Elde herangebaut. Man sieht aus den vielen kurzen Straßen, die zu diesem Flusse hinführen, wie sehr die Bewohner die Lage in dessen Nähe bevorzugten. Vielleicht erfolgte diese Entwicklung sogar gegen den Willen der Männer, welche die Stadt zuerst anlegten. Denn in dem schon erwähnten Plan von 1725 erkennt man als den ursprünglich beabsichtigten Kern der ganzen Anlage den großen rechtwlnkligen Platz, auf dem Kirche und Rathaus, damals schon durch einen schmalen Häuserblock getrennt, zusammen liegen. Eine Ähnlichkeit mit einem Dorfgrundriß läßt sich in diesem Plan nicht bemerken.

Zusammenfassend können wir also feststellen, daß der Bericht der gefälschten Stiftungsurkunde, die die Gründung und Anlage der Stadt Grabow durch einen Grafen von Dannenberg erzählt, große Wahrscheinlichkeit besitzt.

c) Das Kolonisationsgebiet der Grafschaft Schwerin.

Als Heinrich der Löwe im Jahre 1160 nach der völligen Unterwerfung der Obotriten einen seiner tüchtigsten Ritter Gunzelin als Statthalter über das herrenlose Wendenvolk setzte, hatte es den Anschein, als ob damit die Macht der Wendenfürsten endgültig beseitigt und ein starkes deutsches Führertum an die Stelle getreten wäre. Einer einheitlich geleiteten deutschen Kolonisation in Mecklenburg wäre das jedenfalls nur zum Vorteil gewesen. Aber die Entwicklung der politischen Verhältnisse im Reich zwang Heinrich den Löwen im Jahre 1167 zu einer Wiedereinsetzung der Wendenfürsten. Gunzelin wurde danach nur mit einem kleinen Teil seines bisherigen Gebiets, der neugebildeten Grafschaft Schwerin, entschädigt. In dieser Grafschaft entstanden unter den Nachfolgern des Grafen Gunzelin zwei Städte, nämlich Crivitz im Osten und Neustadt-Glewe im Süden der Grafschaft. Das in der Mitte derselben gelegene Schwerin war schon vorher von Heinrich dem Löwen selbst gegründet worden.

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1. Die Gründung der Stadt Neustadt-Glewe 178 ).

In dem Namen Neustadt-Glewe ist die Gründungsgeschichte dieser Stadt, die um 1248 zuerst genannt wird, enthalten 179 ).


178) Vgl. Porepp, Die Stadt Neustadt in Mecklenburg. Zweite Auflage 1893; Schlie, Deenkmäler III, S. 276 ff.; Bachmann a. a. O. S. 426; über "Neustadt" vgl. Zeitschrift Heimat, Jahrg. 6 (1912 - 13).
179) M.U.B. I, 612, 718.
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Das Wort Glewe ist slawisch und bezeichnet wahrscheinlich ein wendisches Dorf, das vor der deutschen Kolonisation schon in der Nähe von Neustadt bestand, aber nur geringe Bedeutung hatte, denn der Mittelpunkt des umgebenden Landes war nicht Glewe, sondern Brenz, ein Dorf, das noch heute bei Neustadt liegt und in dessen Nähe ein wendischer Burgwall erhalten ist 180 ). Wo wir Glewe zu suchen haben, ist nicht sicher zu bestimmen. Vielleicht neben der heutigen Stadt unmittelbar an der Edle; denn nach einem Bericht vom Jahre 1576 181 ) gab es hier eine Siedlung mit dem Namen "Kietz" (wendische Fischeransiedlung). Es ist aber auch möglich, daß Glewe in weiterer Entfernung von der Burg und der heutigen Stadt "über den Eldengraben und Strom" hinweg gelegen hat. Hier gibt es eine Stelle, die die Flurbezeichnung "auf der alten Stadt" führt und auf der einst Neustadt gestanden haben soll.

Während in dem heutigen Neustadt-Glewer Stadtnamen das Wort Glewe also an das slawische Siedlungselement erinnert, kommt in dem ganzen Wort Neustadt-Glewe der Siedlungsvorgang zum Ausdruck, der während der deutschen Kolonisationsbewegung zur Gründung der heutigen Stadt führte. Dieser Vorgang ist vielleicht nicht so einfach gewesen, wie man ihn sich bisher vorgestellt hat 182 ). Man dachte sich ihn in der Weise, daß die Grafen von Schwerin sich zunächst, da sie die günstige Lage von Glewe an dem südlichen Ende ihrer Grafschaft erkannten, hier an der Elde eine Burg erbauten und dann neben der Burg und dem Wendendorf Glewe eine Stadt gründeten.

Ob tatsächlich die Burg 183 ) vor der Stadtgründung bestanden hat, läßt sich urkundlich nicht mehr feststellen. Da aber die Neustädter Burg an der Südgrenze der Grafschaft für den Grafen sicherlich ein militärisch wichtiger Punkt war, ist die Annahme, daß sie vor der Stadtgründung bestand, nicht unberechtigt.

Wie es aber zur Gründung der "Nova Civitas Chlewa" kam, bedarf noch einer näheren Untersuchung. Zu dem Zweck prüfen wir zunächst einen Bericht über Neustadt aus dem Jahre 1576, der von dem damaligen herzoglichen Mathematiker


180) Vgl. Lisch, Der Burgwall von Brenz, M.J.B. 18, 276 - 79.
181) Bericht des Mathematikers Tilemann Stella vom 8. Februar 1576 (Schlie a. a. O. III S. 277 Anm. 2).
182) Vgl. Schlie III, S. 276 ff.
183) M.U.B. XIV, 8371/72.
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Tilemann Stella herrührt. Tilemann schreibt unter dem 8. Februar 1576 über Neustadt: "Neustadt ist vorzeiten Glewen genannt worden, imo Gneven. Diß Gnewe ist aber an diesem ort, do die statt itzunder liegt, vorzeiten nit gewesen, sondern an dem ort, do es noch itzunder auff der alten statt genant wird, liegt hinter dem Stadtvogt hinwegk und auch zum teil uber den Eldengraben und Strom." Dann fügt Tilemanns Bericht das unmittelbar südwestlich vor dem Tor gelegene wendische Fischerdorf Kietz hinzu: "Kitze, 14 Fischerkerle." Man hat diesen Bericht bisher in dem Sinne gedeutet, daß er die Gründung von Neustadt neben dem Wendendorf Glewe aussagte. Gesagt ist dies jedoch von Tilemann, wenn wir wörtlich interpretieren, nicht. Denn dieser berichtet doch, daß Neustadt einst Glewe genannt worden ist und zu dieser Zeit auf dem Platz gelegen habe, der die Bezeichnung "auf der alten Stadt" führte. Daraus geht hervor, daß Glewe an einer andern Stelle als die heutige Stadt gelegen hat. Aber wir sind nicht berechtigt, das Wort Glewe in Tilemanns Bericht ohne weiteres als eine Bezeichnung für das frühere wendische Dorf Glewe aufzufassen, wie man es bisher getan hat.

Tilemann könnte mit dem Wort Glewe auch ein Dorf gemeint haben, das seine Entstehung der deutschen Kolonisation verdankte und seinen Namen von dem in seiner Nähe gelegenen Wendendorf hernahm. Wir halten es nämlich für unwahrscheinlich, daß mit dem Flurnamen "auf der alten Stadt" die Lage des untergegangenen Wendendorfs Glewe bezeichnet wird. Man würde dafür viel eher den einfachen Namen Glewe erwarten. Außerdem gibt uns auch Tilemann selbst, wenn wir die alte Stadt nicht als das slawische Glewe gelten lassen wollen, ein Wendendorf in unmittelbarer Nähe Neustadts,den Kietz, an. In dieser Wendenansiedlung, die noch im 16. Jahrhundert bestand, haben wir dann die Reste des wendischen Dorfes Glewe zu suchen. Von diesem slavischen Dorf aber ist die alte Stadt in Tilemanns Bericht klar unterschieden.

Wir können also sagen, daß der Name Neustadt-Glewe nicht unbedingt die Anlage der Stadt neben dem Wendendorf Glewe ausdrückt. Es ist auch möglich, daß der Name an die Gründung Neustadts neben einem deutschen Dorf Glewe erinnert. Zum Unterschiede von diesem deutschen Dorf Glewe, das in der Kolonisationszeit neben dem Wendendorf Glewe angelegt wurde, erhielt die dritte Siedlung den Namen Neustadt.

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Es erübrigt noch, die Frage zu beantworten, ob Neustadt-Glewe eine Stadtgründung aus frischer Wurzel war oder ob es aus einem Dorf hervorgegangen ist. Wahrscheinlich war es vorher ein Dorf. Der Grundriß der Stadt zeigt im wesentlichen nur eine lange, in ihrem Lauf noch dazu gekrümmte Straße, an der auf der einen Seite die Kirche, auf der andern der Marktplatz liegt, und die sich an der Burg vorbeizieht 184 ). Sollte man sich zu einer Zeit, wo man auch in Mecklenburg den Kolonisationsstadtplan in seiner Vollendung bereits kannte 185 ), mit einer derart einfachen Anlage begnügt haben? Immerhin läßt der rechteckige, fast quadratische Marktplatz eine sichere Beurteilung der Entstehung des Stadtgrundrisses von Neustadt nicht zu. Man könnte wegen der regelmäßigen Form des Marktplatzes auch versucht sein, Neustadt für eine Gründung aus frischer Wurzel zu erklären. Wenn wir aber annehmen, daß Neustadt-Glewe zuerst als Dorf angelegt wurde, müssen wir selbstverständlich auch vermuten, daß die anzunehmende alte deutsche Ansiedlung Glewe ein Dorf gewesen ist, da ja Neustadt-Glewe später als Glewe entstanden ist. Vertraut man der Beschreibung, die Tilemann Stella von der Lage Glewes, der "alten Stadt", macht, so scheint dieser Ort zu einem Teil schon "über den Eldengraben und Strom hinweg" sich erstreckt zu haben. Danach hätte dann Glewe in weiterer Entfernung von der Burg der Grafen von Schwerin gelegen als Neustadt-Glewe, das sich unmittelbar am Fuße dieser Burg hinzieht. Es ist nach dieser Lage der beiden Siedlungen wahrscheinlich, daß die anzunehmende deutsche Siedlung Glewe schon vorhanden war, als die Burg angelegt wurde, dagegen Neustadt-Glewe erst zugleich mit dem Burgenbau entstand.

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2. Die Gründung der Stadt Crivitz 186 ).

Die Stadt Crivitz, die ungefähr 15 km von Schwerin entfernt liegt, wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts von den Grafen zu Schwerin, zu deren Gebiet dieser Ort seit der Gründung der Grafschaft gehörte, zur Stadt erhoben. Im


184) Stadtkarte von Neustadt aus dem Jahre 1711 (Schweriner Geh. und Haupt-Archiv, Schrank "Saal Urk.Schr.", Nr. 24).
185) Vgl. Ribnitz, Gnoien, Neukalen, Malchin, Parchim.
186) Vgl. Schlie, Denkmäler III, S. 317 ff.; Vitense, Crivitz (Mecklenburgische Nachrichten 15. Juni 1924 Nr. 138); Wehnert, Freimütiges Abendblatt von 1834 Nr. 828/29; Bachmann a. a. O. S. 397.
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Jahre 1302 wird uns Crivitz zuerst als Stadt genannt 187 ). Die Art, wie dies geschieht, läßt jedoch vermuten, daß sie schon einige Jahrzehnte früher bestand. Uns wird nämlich berichtet, daß Graf Nikolaus von Schwerin im Jahre 1302 seiner Stadt Crivitz zur Vergrößerung ihrer Feldmark das Eigentum des Dorfes Pritzier schenkt und ihr dabei Rechte zubilligt, die ihr schon früher von den Vorfahren des Grafen verliehen waren. Man schließt daraus mit Recht, daß Crivitz bereits früher Stadtrecht erhalten hat. Graf Nikolaus war aber schon seit 1279 im Besitze des Landes Crivitz 188 ). Da er nun von seinen Vorfahren redet, die der Stadt Crivitz Rechte verliehen haben, müssen wir ihre Gründung noch vor 1279 ansetzen. Wir dürfen mit diesem Datum aber auch nicht das Jahr 1251 überschreiten, weil damals Crivitz urkundlich nachweisbar als ein Dorf anzusehen ist 189 ). Zwischen den Jahren 1251 und 1279 wird also die Stadterhebung von Crivitz sich vollzogen haben.

In wendischer Zeit lag bei Crivitz eine bedeutende Burg mit dem Namen Selesen, die auch dem ganzen Land ihren Namen gab. Noch in deutscher Zeit wird das Land Crivitz auch das Land Crivitz und Selesen genannt 190 ), eine Bezeichnung, die deutlich noch die Erinnerung an die frühere Bedeutung dieser Burg aufbewahrt. Bei ihrer Wichtigkeit ist es auch zu vermuten, daß ein Wendendorf neben ihr bestand. Vielleicht führte dieses Dorf den Namen der heutigen Stadt Crivitz, der ja wendisch ist und es wenigstens damit wahrscheinlich macht, daß ein ehemaliges wendisches Dorf Crivitz bei der Burg Selesen bestand. Der alte wendische Burgwall ist uns noch heute erhalten. Er liegt auf einer Wiese am Crivitzer See.

Die deutsche Kolonisation des Landes Selesen kam erst in den beiden ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts zur erfolgreichen Durchführung 191 ). Die Grafen von Schwerin errich-


187) M.U.B. V, 2790: "que ad sepedictum oppidum nostrum Criuitze sunt a nostris progenitoribus perpetuata et a nobis firmiter roborata".
188) M.J.B. 72, S. 231.
189) M.U.B. II, 672.
190) Im Jahre 1345 (M.U.B. IX, 6544): "in dem lande to Criuize und to Selesen".
191) M.U.B. I, 100, 151, 202, 270. Vgl. dazu M.J.B. Bd. 72, S. 164, 227, 230, 231.
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teten bei Selesen eine neue Burg 192 ). Sie lag auf einer Anhöhe am Crivitzer See, wo heute der Gasbehälter steht. Zugleich entstand bei dieser Burg ein neues Dorf und eine Kirche. Das Dorf wird uns im Jahre 1251 in einer Urkunde genannt. Den Vorgang der Stadtgründung von Crivitz hat man sich wahrscheinlich so vorzustellen, daß das Dorf Crivitz Stadtrecht erhielt. Dafür spricht der Inhalt der Stadtprivilegien, die uns in einer Bestätigungsurkunde aus dem Jahre 1345 erhalten sind 193 ). Während Markt- und Handelsprivilegien nicht genannt sind, werden den Crivitzern ihre Rechte auf die Stadtfeldmark und ihre besonderen Vorrechte bei der Heu- und Holzwerbung in der Lewitz ausführlich zugebilligt. Es sind also rein bäuerliche Interessen, die die Crivitzer durch die Stadtprivilegien zu sichern suchten. Damit wird wahrscheinlich, daß die Bauern vom Dorf Crivitz auch die Einwohner der Stadt blieben. Das geht auch aus dem Stadtplan hervor, der dem von Neustadt-Glewe sehr ähnlich ist 194 ). Wenn der Grundriß von Crivitz auch durch die Lage des Crivitzer Sees mitbestimmt wurde, so erkennt man doch ohne weiteres die eine breite Hauptstraße, an der der rechteckige Marktplatz liegt und die in mehrfacher Windung bei der Burg vorbeiführt, als den Kern der Ansiedlung. Wenn so der Grundriß von Crivitz im ganzen auch dem eines offenen Dorfes sehr ähnlich ist, so läßt jedoch ebenso wie bei dem Neustädter Stadtplan die regelmäßige Form des großen quadratischen Marktplatzes auch die Ansicht als möglich zu, daß Crivitz eine Anlage aus frischer Wurzel gewesen ist.


Kapitel III.

Die Städtegründungen im Gebiet des Bistums Schwerin.

Außer den weltlichen Fürsten haben auch die geistlichen auf dem Gebiet, in dem sie grundherrliche Rechte besaßen, Städte gegründet. Das Bistum Schwerin erhielt bei seiner Dotation im Jahre 1171 auch das ganze Land Bützow zuge-


192) Ein Burglehen zu Crivitz wird 1384 erwähnt. Damals wird es bereits von Crivitzer Bürgern bebaut (M.U.B. XX, 11 555).
193) M.U.B. IX, 6542.
194) Alte Stadtkarten sind nicht vorhanden.
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wiesen 195 ). Hier wurde im 13. Jahrhundert die nach dem Lande und der Burg genannte Stadt gegründet. Außerdem verlieh der Bischof das Stadtrecht auch an Warin, das er als Dorf zusammen mit mehreren anderen nach dem Jahre 1225 erworben zu haben scheint.

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1. Die Gründung der Stadt Bützow 196 ).

Die Stadt Bützow an der Warnow wurde auf dem Gebiet, das dem Bistum Schwerin gehörte, zu Beginn des 13. Jahrhunderts gegründet. Die Stadt wird uns als solche zuerst im Jahre 1236 genannt 197 ). Lange vorher kann sie jedoch nicht bestanden haben, weil in diesem Jahr der Bischof die Grenzen der Stadtfeldmark festsetzte und damit erst im Jahre 1236 der Besitzstand der Stadt endgültig geregelt wurde. Wahrscheinlich erfolgte die Gründung vor dem Jahre 1229, da uns in diesem Jahre schon von der Anstellung eines zweiten Priesters an der Bützower Kirche berichtet wird. Die Bützower Kirche bestand danach schon vor dem Jahre 1229. Von ihrer Weihe und Dotation durch den Bischof vor diesem Termin wird uns ausdrücklich berichtet.

Der Name Bützow war in der Wendenzeit die Bezeichnung einer Hauptburg, die auch dem umliegenden Land ihren Namen gab 198 ).

Wahrscheinlich hat bei der Bedeutung der Burg auch eine wendische Ansiedlung in ihrer Nähe bestanden, zumal da noch im 16. Jahrhundert der Name Kietz in Bützow bekannt ist 199 ). Als dem Bischof das Land Bützow verliehen wurde, baute er sich neben der alten Wendenburg keine neue, sondern er besetzte die alte mit seinen Rittern. Erst mehrere Jahrzehnte nach der Stadtgründung wurde die bischöfliche Burg an eine andere Stelle, in die unmittelbare Nähe der Stadt verlegt 200 ).

In der Zeit der deutschen Kolonisation, die zwischen den Jahren 1220 und 1230 im Lande Bützow zu vollem Erfolg gelangte, muß auch die Stadt Bützow entstanden sein. Wie be-


195) M.U.B. I, 100 A.
196) Vgl. Schlie, Denkmäler IV, S. 41 ff.; Lisch, M.J.B. 8, S. 5;
Bachmann a. a. O. S. 395/96; Reifferscheid a. a. O. S. 130. Festschrift zur 700-Jahrfeier der Stadt Bützow 6. - 16. Juni 1929.
197) M.U.B. I, 456.
198) M.U.B. I, 100 A: "terram, que uocatur Buttissowe".
199) M.J.B. 4 B, 20.
200) M.U.B. II, 999. Vgl. Lisch, M.J.B. 9, S. 403. Die Wendenburg hat auf dem Hopfenwall am See gestanden.
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reits erwähnt, wird eine Kirche daselbst schon genannt, bevor die Stadt bezeugt ist. Zum Jahre 1229, sieben Jahre vor der ersten sicheren Erwähnung der Stadt, erfahren wir, daß Bischof Brunward von Schwerin der Kirche zu Bützow die Zehnten aus mehreren Dörfern verliehen habe, um für den Pfarrer und einen andern Priester dort ein Auskommen zu schaffen 201 ). Bützow scheint danach im Jahre 1229 schon so bevölkert gewesen zu sein, daß der eine Pfarrer für die Gemeinde nicht mehr genügte. Auch dies setzt voraus, daß in Bützow schon vor 1229 eine Kirche bestand, da doch die Anstellung eines zweiten Priesters schon eine gewisse Entwicklung der Kirche vor dem Jahre 1229 bedingt. Besteht nun die Möglichkeit, daß die Bützower Kirche, die vor dem Jahre 1229 bestanden haben muß, zunächst noch keine Stadtkirche gewesen ist, sondern in einem Dorf gestanden hat, von dessen Existenz uns nur nichts bekannt ist? An sich ist gegen eine derartige Vermutung, die bei dem Stand unserer Quellen durchaus annehmbar ist, nichts einzuwenden. Aber die Form des Bützower Stadtplans spricht dagegen, daß die Bützower Kirche ursprünglich in einem Dorf gestanden hat und die Stadt Bützow aus einem Dorf entstanden ist, Nach einem Plan aus dem Jahre 1688 besteht die Stadt aus zwei gleichlaufenden Hauptstraßen, von denen zwar nicht rechtwinklig, aber wiederum untereinander parallel die Querstraßen abgehen. In der Mitte der Stadt liegt der ungefähr quadratische Marktplatz mit der Kirche. Der Stadtplan erweckt also den Eindruck, daß die Stadt eine Gründung aus frischer Wurzel ist 202 ).

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2. Die Gründung der Stadt Warin 203 ).

Das Gebiet, auf dem Warin gegründet wurde, gehörte dem Bischof von Schwerin, der sich hier auch eine Burg baute. Die Stadt scheint im Zusammenhang mit dem Burgenbau entstanden zu sein. Da uns berichtet ist, daß noch um 1284 an der Burg gebaut wurde 204 ), wird auch die Stadt kaum früher gegründet worden sein. Sie wird erst im Jahre 1306 genannt 205 ).


201) M.U.B. I, 365.
202) Plan der Stadt Bützow aus dem Jahre 1688 (Schweriner Geh. und Haupt-Archiv).
203) Vgl. Schlie, Denkmäler III, S. 433 ff.; Bachmann a. a. O. S. 472.
204) M.U.B. III, 1759.
205) M.U.B. X, 7250. (Ein Rat von Warin wird bezeugt).
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Wahrscheinlich ist Warin schon die Bezeichnung eines wendischen Dorfes gewesen; denn das Wort Warin ist sicher slawisch. Die Annahme jedoch, daß Warin als wendisches Dorf schon im 12. Jahrhundert urkundlich bezeugt ist, hat sich als irrtümlich erwiesen, da die Urkunden, auf die man sich stützte, sämtlich gefälscht sind 206 ). Vielleicht haben wir in dem heutigen Dorf Klein-Warin, das in der Nähe der jetzigen Stadt liegt und in einer Urkunde des Jahres 1260 zuerst genannt ist, das alte wendische Dorf zu erkennen. Dieses Dorf muß bereits vor 1260 bestanden haben, da es damals schon von Heinrich von Dybow an das Kloster Neukloster verkauft wurde 207 ). Ferner ist zu beachten, daß auch die heutige Stadt auf einem Plan des Jahres 1837 noch den Namen Groß-Warin führt. Nun entspricht meistens die Bezeichnung Groß- und Klein- bei Ortsnamen dem Zusatz deutsch und wendisch 208 ). Es scheint also, daß der Name Klein-Warin soviel wie Wendisch-Warin bedeutet und daß Klein-Warin vielleicht ein wendisches Dorf gewesen ist. Danach bezeichnet der Name Groß-Warin die eigentliche deutsche Ansiedlung, die bei der deutschen Kolonisation neben dem Wendendorf angelegt wurde und als Dorf viele Jahrzehnte vor der Stadtgründung bestand. Denn im Jahre 1233 wird uns bereits die Wariner Kirche in einer Urkunde genannt, durch die sie zusammen mit 11 andern Dorfkirchen dem Archidiakonat des Klosters Rühn bei Bützow unterstellt wird 209 ). Außerdem müssen wir für das Jahr 1260, in dem uns Klein-Warin als Dorf genannt wird, auch das Vorhandensein von Groß-Warin annehmen, da sonst das Beiwort Klein- vor Warin keinen Sinn hätte.

Wie uns der Stadtplan der heutigen Stadt Warin zeigt, wurde anscheinend dieses deutsche Dorf mit Stadtrecht bewidmet. Ein Marktplatz ist nicht vorhanden. Das Rathaus steht noch heute auf einem kleinen, ungefähr dreieckigen Platz, der den Namen Viehmarkt führt. Die eine lange Haupt-


206) M.U.B. I, 124, 141, 149, 162. Vgl. Salis, Die Schweriner Fälschungen (Archiv für Urkundenforschung Bd. 1).
207) M.U.B. II, 870/71. Nach M.U.B. 871 ist Klein-Warin von einem Lokator angelegt. Die ursprüngliche wendische Siedlung Warin ist uns also in Klein-Warin vermutlich auch nicht erhalten.
208) Vgl. Hans Beschorner, Ortsnamenforschung und Siedlungsgeschichte in Sachsen (Deutsche Siedlungsforschungen, Rudolf Kötzschke dargebracht), S. 133/34.
209) M.U.B. I, 420.
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straße, die heutige Breite und Lange Straße, war sicherlich vor der Stadtgründung schon die Dorfstraße, da sie unmittelbar vor der bischöflichen Burg vorbeiführt 210 ). Es ist daher anzunehmen, daß das deutsche Dorf Groß-Warin zur Stadt erhoben worden ist.


Kapitel IV.

Die Städtegründungen in den Ländern der wendischen Fürsten.

Die Entstehung der Herrschaft der wendischen Fürsten in Mecklenburg fällt in das Jahr 1164, in dem Pribislaw, der Sohn des letzten selbständigen Obotritenfürsten Niklot, von Heinrich dem Löwen in einen großen Teil seiner väterlichen Herrschaft wieder eingesetzt wurde. Die Kolonisationsbewegung wurde vor allem von seinem Sohn Heinrich Borwin und dessen beiden Söhnen Heinrich und Nikolaus gefördert. "Sie, die Fürsten des Landes," sagt Bischof Brunward von Schwerin im Jahre 1219, "haben, da unsere Diözese wegen der Barbarei der Slaven zum großen Teil unangebaut war, sowohl Kriegsleute und Ackerbauer als auch Mönche hereingezogen, um den neuen Weinberg der Christenheit zu pflegen" 211 ).

Die Städtegründungen sind das Werk der Landesherren der vier Herrschaften von Mecklenburg, Rostock, Werle und Parchim, zwischen denen nach dem Tode Heinrich Borwins im Jahre 1227 seine Länder geteilt wurden 212 ). Die folgende Geschichte der einzelnen Städtegründungen ist daher nach ihrer Zugehörigkeit zu diesen Herrschaften geordnet worden. Nur das Gebiet um Stavenhagen gehörte im 12. und im größten Teil des 13. Jahrhunderts den Herzögen von Pommern, die


210) Zwei Karten befinden sich im Besitze der Stadt Warin: "Straßen-Plan von der Stadt Warin. Instruktionsmäßig nach Maßgabe des A. Peekschen Stadtplanes vom Jahre 1831 gefertigt, im Jahre 1837 von G. Harms" und "Charte von den Hufenländereien zu Groß-Warin- Stadtfeldmark - nach einer Karte von 1837; 1869 kopiert". Im Besitze der Stadt Warin befindet sich noch ein altes Buch mit Urkundenabschriften, die über die Geschichte Warins noch wertvolle Aufschlüsse bringen können.
211) M.U.B. I, 256.
212) Witte a. a. O. I, S. 161 ff.
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dies Land erst im Jahre 1282 an Mecklenburg abtraten. Die Gründung Stavenhagens, ein Werk der Herzöge von Pommern, wird daher gesondert behandelt werden.

a) Das Kolonisationsgebiet der Herrschaft Rostock.

Die Landesherren der im Jahre 1227 entstehenden Herrschaft Rostock, die allerdings zu Anfang des 14. Jahrhunderts schon wieder einging, haben das Verdienst, daß sie von den sechs Städten, die heute in diesem Gebiet liegen, vier gegründet haben 213 ). Anscheinend haben sie während ihrer Regierung allen Städten, die in ihrer Herrschaft entstanden, das Stadtrecht und auch das Gebiet verliehen, auf dem sie angelegt wurden. Das können wir bei der Gründung von Kalen 214 ) auch urkundlich nachweisen, dessen Gebiet nicht dem Landesherrn, sondern dem Kloster Dargun gehörte. Der Landesherr entschädigte das Kloster Dargun mit 30 Hufen in Teschow und machte ihm noch andere wertvolle Zugeständnisse 215 ). Erst nach diesem Vergleich mit dem Kloster war es dem Landesherrn möglich, an Kalen das Stadtrecht zu verleihen und damit 1253 die Stadt zu gründen 216 ).

In ähnlicher Weise müssen auch die Städte Kröpelin, Ribnitz, Sülze und Marlow Stadtrecht erhalten haben. So war der Landesherr bei der Gründung der Städte entscheidend beteiligt. Er hatte vor allem finanzielle Vorteile davon, weil sich auch seine Einkünfte infolge der Zoll- und Gerichtseinnahmen, der Markt- und Grundabgaben der Stadt erhöhten. Bei der Anlage dieser vier Städte, die von den Herren zu Rostock gegründet wurden, hat wahrscheinlich aber auch die Stadt Rostock mitgewirkt, die selbst bereits vor 1218 aus einer deutschen Marktansiedlung entstanden war und so schon ein Jahrzehnt bestand, als die Herrschaft Rostock begründet wurde 217 ). Ihr Interesse an weiteren Stadtgründungen scheint entscheidenden Einfluß auf die Anlage der übrigen Städte in der Herrschaft ausgeübt zu haben. Reiche Kaufleute aus


213) Tessin wurde erst um 1320 gegründet, Rostock selbst schon vor 1218.
214) Kalen gehörte nicht zur eigentlichen Herrschaft Rostock, die Stadt wurde jedoch von den Rostocker Herren gegründet.
215) M.U.B. II, 684 .
216) M.U.B. II, 713.
217) M.U.B. I, 244.
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Rostocker Ratsfamilien waren mit ihrem Kapital an der Gründung beteiligt.

Schon die Tatsache, daß das Stadtrecht aller dieser Städte das lübische war, verdient Beachtung; und zwar wurde das lübische Recht in der besonderen Form verliehen, wie es Rostock gebrauchte. Daher wurde Rostock und nicht Lübeck der Oberhof dieser Städte 218 ). Es könnte vielleicht als selbstverständlich erscheinen, daß die Landesherren der Herrschaft Rostock den auf ihrem Gebiet gegründeten neuen Stadtanlagen das Recht ihrer ältesten und bedeutendsten Stadt, also Rostocks, erteilten. Aber diese Erklärung kann nicht befriedigen, weil nicht bloß alle im 13. Jahrhundert gegründeten Städte der früheren Herrschaft Rostock das Rostocker Stadtrecht empfingen, sondern außerdem noch drei Städte, die nicht von den Herren von Rostock gegründet wurden, nämlich Stralsund und Tribsees in Pommern und Gnoien, das den Herren von Werle gehörte 219 ). Auf die Gründung dieser Städte waren die Landesherren von Rostock ohne Einfluß. Bei diesen drei Städten muß also die Verleihung des Rostocker Stadtrechts aus anderen Gründen zu erklären sein. Daher hat man schon früher die Vermutung geäußert, daß die beiden pommerschen Städte von Rostock aus angelegt seien 220 ).

Der Einfluß der Stadt Rostock auf die Stadtgründungen der Rostocker Herrschaft wird sich uns schon aus einer Betrachtung der Entstehungszeit derselben ergeben. Da uns der Stiftungsbrief nur von einer dieser Städte erhalten ist 221 ), können wir für die übrigen ihr Alter nur nach dem Termin bestimmen, an dem sie uns zuerst als Stadt bezeugt werden. Von den sechs mecklenburgischen Städten mit Rostocker Stadtrecht sind fünf innerhalb eines einzigen Jahrzehnts, zwischen den Jahren 1250 und 1260, zuerst als Stadt genannt, und nur Marlow ist wahrscheinlich später um das Jahr 1290 gegründet 222 ). Von den andern Städten wird uns Kröpelin im


218) Vgl. W. Böttcher, Ausbreitung des lübischen Rechts, s. Rostock ff.
219) Vgl. W. Böttcher a. a. O. s. Stralsund, Triebsees und Gnoien.
220) Vgl. W. Böttcher a. a. O. S. 106; W. Stein, Hans. Geschichtsblätter 1902, S. 120; Reuter, Hans. Geschichtsblätter 1896, S.39.
221) M.U.B. II, 713.
222) 1298 zuerst als Stadt genannt. M.U.B. IV, 2489.
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Jahre 1250 223 ) und Ribnitz im Jahre 1252 bezeugt 224 ). Ein Jahr später wird an Kalen das Stadtrecht verliehen 225 ), während uns im Jahre 1257 Gnoien zuerst genannt wird 226 ). Im Jahre 1262 wird Sülze zuerst erwähnt 227 ). Wir können also die Beobachtung machen, daß innerhalb einer ganz kurzen Frist auf einem verhältnismäßig begrenzten Gebiet fünf neue Städte gegründet werden. Angesichts dieser kolonisatorischen Hochleistung drängt sich uns die Frage auf, wo wir die Unternehmer dieser Stadtgründungen zu suchen haben, denen wir so große wirtschaftliche Macht und so viel politischen Einfluß zutrauen dürfen.

Die Beantwortung dieser Frage wird sich uns leichter ergeben, wenn wir zunächst festzustellen suchen, in welcher Weise die Dörfer jener Gegend gegründet wurden. Die dörfliche Besiedlung vollzog sich im allgemeinen ebenso wie in anderen Gegenden des Kolonisationsgebietes. Grundherr und Unternehmer (locator) wirkten dabei in der Weise zusammen, daß der Grundherr den Grund und Boden für ein neues Dorf hergab, während der Unternehmer das Dorf mit Kolonisten besiedelte. Der Unternehmer erhielt für seine Tätigkeit meistens Einnahmen aus der Gerichtsbarkeit und einzelne Freihufen.

Nur in einem Fall ist uns eine Lokationsurkunde erhalten. Sie stammt aus dem Jahre 1262 und überliefert einen zwischen dem Abt von Dargun und dem Ritter Johann von Wachholz abgeschlossenen Vertrag, in dem der Ritter zur Ansiedlung von Bauern in dem Dorfe Rathenowe (später Rottmannshagen) verpflichtet wird 228 ). Er "erhielt die dritte Hufe für sich und außerdem noch eine, die wahrscheinlich als die eigentliche Schulzenhufe gelten sollte" 229 ). Sonst können wir die Tätigkeit von Lokatoren nur indirekt erschließen. So erfahren wir bei dem Verkauf des Dorfes Nemezow an die Stadt Rostock 1275, daß hier Johannes " de Swertze" mit seinen


223) M.U.B. I, 642.
224) M.U.B. II, 708.
225) M.U.B. II, 713.
226) 1276 zuerst als Stadt genannt. M.U.B. II, 1413. Wahrscheinlich bestand die Stadt aber schon 1257. M.U.B. II, 799.
227) M.U.B. II, 960.
228) M.U.B. II, 945. Rottmannshagen ist eine preußische Enklave in Mecklenburg (Provinz Pommern).
229) R. Kötzschke, Das Unternehmertum in der ostdeutschen Kolonisation des Mittelalters, S. 31.
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Brüdern Heinrich und Otto drei Hufen, den Zehnten von zwei Hufen, die Mühle mit dem Fischfang und Gärten besessen hat 230 ). Offenbar erklärt sich die Zusammensetzung dieses Besitzes aus der Tätigkeit der Gebrüder von Schwaß als Lokatoren des Dorfes. Das Gleiche ergibt sich, wenn wir hören, daß Georg von Niendorf in Niendorf drei von Abgaben und Dienstleistung freie Hufen besaß 231 ). Besonders deutlich spricht hier noch die Namensgleichheit von Dorf und Lokator. Der Ritter Reddagus in Freienholz besaß zwei Freihufen (mansi liberi) und zwei zinspflichtige Hufen 232 ); offenbar war er als Lokator bei der Anlage von Freienholz tätig. Endlich sei noch ein Zeugnis für die Tätigkeit von Lokatoren im Gebiet des Klosters Dargun angeführt. Als dieses Kloster im Jahre 1283 zwei freie Hufen in Warsow verkaufte, behielt es sich das Gericht vor, das mit diesen Hufen verbunden war 233 ). Aber ausdrücklich bemerkt die Urkunde, daß das Gericht "racione villicacionis" eigentlich zu den Hufen gehöre. Dieser Ausdruck läßt erkennen, daß Freihufen und das Gericht, das damit verbunden war, als etwas allgemein Bekanntes behandelt werden.

Hiernach haben wir eine Lokatortätigkeit im allgemeinen bei der dörflichen Besiedlung Ostmecklenburgs anzunehmen und wir können daher eine Unternehmertätigkeit auch bei den Stadtgründungen in diesem Gebiet um so weniger verneinen, als Stadtanlagen durch Lokatoren in Nord-Ostdeutschland sehr häufig waren 234 ). Insbesondere spricht dafür die Tatsache, daß von den sechs mecklenburgischen Städten, die Rostocker Stadtrecht erhielten, vier aus frischer Wurzel gegründet wurden und nur zwei wahrscheinlich aus einem Dorf entstanden sind 235 ).

Bezeichnenderweise sind diese zwei Städte gerade Marlow, das erst um 1290 Stadtrecht erhielt und deshalb in die eigentliche Zeit der Gründung dieser Städte nicht mehr hineingehört, und Sülze, das aus einem bei der Saline gelegenen Dorf entstanden ist. Bei der Sülzer Saline hielt man wohl


230) M.U.B. II, 1381.
231) M.U.B. IV A, 2496.
232) M.U.B. III, 2365.
233) M.U.B. III, 1680.
234) Vgl. R. Kötzschke a. a. O.
235) Vgl. die folgenden Untersuchungen über die Städte mit Rostocker Stadtrecht.
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zunächst eine Marktgründung nicht für nötig, sondern beschränkte sich auf die Anlage eines Dorfes. Die übrigen Städte sind sämtlich Neuanlagen, die sehr wohl durch einen Lokator eingerichtet sein können.

Da nun aber die Unternehmer dieser Städte, besonders weil diese in einem so kurzen Zeitraum gegründet wurden, über ein bedeutendes Kapital verfügen mußten, erhebt sich die Frage, wo das notwendige Geld in damaliger Zeit zu beschaffen war. Offenbar kommen hierfür Rostocker Kaufleute in Betracht, denen auch die politische Macht ihrer Stadt zur Seite stand. Wie groß der Reichtum Rostocks damals schon war, beweisen uns die Rostocker Testamente, die uns aus dem 13. und dem Anfang des 14. Jahrhunderts erhalten sind und in denen große Vermögen vererbt werden, ferner die großen Anleihen und Ausgaben der Stadt selbst 236 ). Dazu kommt, daß die Rostocker Kaufleute durch ihre Handels- und Familienverbindungen in Beziehung zu dem deutschen Mutterland blieben, vor allem zu Westfalen, aus dem sie selbst zum Teil gekommen waren, und dadurch deutsche Bürger leicht zur Auswanderung veranlassen konnten 237 ). Tatsächlich ist uns auch westfälische Einwanderung in Ribnitz geradezu bezeugt 238 ). Außerdem war die politische Stellung der Stadt Rostock in der Herrschaft Rostock dem Landesherrn gegenüber von überragender Bedeutung. Im Laufe des 13. Jahrhunderts war die Macht der Stadt derart groß geworden, daß zu Beginn des 14. Jahrhunderts der Landesherr, um seine Rechte ihr gegenüber zu wahren, mit Gewalt gegen sie vorgehen mußte. Dabei war er gezwungen, die Hilfe des Dänenkönigs in Anspruch zu nehmen, und erst dieser vereinigten Macht gelang es, nach monatelanger Belagerung den Widerstand Rostocks zu brechen 239 ). Die politische Macht der Stadt wird also auch im 13. Jahrhundert bedeutend genug gewesen sein, um die


236) Über die Finanzkraft der Stadt Rostock vgl. M.U.B. II, 686, 835, 959, 962; III, 1683, 1693, 1705, 1756. - Über die Finanzkraft der Rostocker Bürger vgl. M.U.B. II, 838, 931, 953, 962, 1138; ferner Johann Tölners Handlungsbuch von 1345 bis 1350 (Geschichtsquellen der Stadt Rostock I).
237) Über die westfälische Einwanderung in Rostock vgl.: M.U.B. II, 686: "Johannes Westfalus"; M.U.B. II, 835: "Andreas de Cosfelde"; M.U.B. III, 1643: "hereditatem ... in Westphalia".
238) M.U.B. II, 1340.
239) Witte a. a. O. I, S. 190/93.
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Anlage von weiteren Städten in der Herrschaft Rostock nach ihrem Willen zu lenken und ihren Bürgern, die wirtschaftlich zu einer Unternehmertätigkeit in der Lage waren, den nötigen Rückhalt zu gewähren.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts können wir den Einfluß Rostocks in diesen Städten klar beobachten; die Stadt selbst übte wichtige Rechte in ihnen aus. Als Oberhof besaß sie einen bestimmenden Einfluß auf ihre Geschicke, den diese später meist als Last empfanden, wie Rostock selbst sich auch seinem eigenen Oberhof (Lübeck) zu entziehen versuchte. Vor allem war es die alleinige Münzgerechtigkeit, die Rostock eine überragende Stellung über alle Städte in der Herrschaft Rostock gab. Als es im Jahre 1325 sich dieses Privileg für 1000 Mk. erwarb, war dadurch zugleich allen andern Städten und Ortschaften das Recht, Münzen zu prägen, in der Herrschaft Rostock genommen 240 ). Seit dem Jahre 1361 übte Rostock das Münzregal auch in Gnoien und Schwaan aus, zwei Städten, von denen nur Gnoien das Rostocker Recht hatte, während Schwaan vermutlich Schweriner Recht besaß 241 ). "Die Ausnutzung solchen Rechts konnte bloß fiskalischen Vorteilen, natürlich auch denen des Stadtsäckels dienen, aber recht wohl war eine Münzpolitik möglich, die sich von Absichten einer großzügigen, klar erwogenen Wirtschaftspolitik im Interesse eines Landes, einer Stadt oder eines ganzen Verkehrsgebiets leiten ließ" 242 ). Aber nicht bloß diese rechtlichen und wirtschaftspolitischen Rücksichten kamen für Rostock in Betracht. Es kam hinzu, daß die Stadt Rostock mit den Städten der Rostocker Herrschaft durch wirtschaftliche Interessen ihrer Bürger eng verbunden war, die sich hier Renten und andere Gerechtsame erwarben. Bemerkenswert ist, daß diese Bürger fast ausnahmslos dem Rat und dem Patriziat Rostocks angehörten 243 ) und deshalb wahrscheinlich Erwerbungen durch Vermittlung des Rates machten, so daß also auch hierbei die Stadt als solche beteiligt war. Vor allem war es die Rostocker Ratsfamilie Kopmann, die viele Erwerbungen machte. Am reichsten und am frühesten


240) M.U.B. VII, 4675.
241) M.U.B. XV, 8903.
242) R. Kötzschke, Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters, 1924, S.521 ff.
243) Vgl. F. Lisch, Über das Rostocker Patriziat, 1846. M.J.B. 11, S. 169 ff
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waren die Kopmanns in Sülze begütert. Schon im Jahre 1267 erwarben sie einen Teil der Saline 244 ). Auch in Ribnitz hatte das Geschlecht wichtige Besitzungen. Hier hatte sich im Jahre 1310 Bernhard Kopmann Einkünfte von der Wasser- und Windmühle und die Zolleinnahmen gekauft 245 ), eine finanziell nicht nur ertragreiche, sondern auch für den Rostocker Handel nicht unwichtige Erwerbung, wenn man bedenkt, daß Ribnitz zwischen Rostock und Stralsund liegt. Auch in Kröpelin hatten die Kopmanns ihr Kapital angelegt. Hier hatte Arnold Kop-mann der Frau des gestorbenen Vogtes 20 Mk. jährliche Hebungen abgekauft 246 ). Derselbe Arnold war schon im Jahre 1309 mit 20 Mk. Rente in Laage, einer Stadt bei Rostock, die aber von der Herrschaft Werle gegründet war, belehnt worden 247 ). Die Kopmanns waren also in vier verschiedenen Städten begütert. Auch die Rostocker Ratsfamilie Kröpelin hatte im Jahre 1341 in der Stadt Kröpelin, von der diese Familie vermutlich ihren Namen hat, 7 Mk. Einkünfte aus der Mühle und 20 Mk. Hebungen aus der Stadt 248 ). Eben-falls erwerben in der gleichen Stadt im Jahre 1325 die Rostocker Ratsfamilien Kruse und Isländer je 24 Mk. jährliche Einkünfte 249 ). In Marlow kaufte sich Klaus Isernbard 20 Mk. Rente, die dessen Söhne dann vier Jahre später an ihren Schwager Gödeke Recklinghausen weiter verkauften 250 ). Auch Stiftungen, die von Rostocker Bürgern an Kirchen in diesen Städten gemacht wurden, sind uns bekannt. So sollen 20 Mk. durch den Rostocker Ratmann Rode zum Ausbau der Kirche in Tessin gestiftet worden sein 251 ).

Betrachten wir das Verhältnis Rostocks zu den mit seinem Recht bewidmeten Städten, wie es in den rechtlichen und wirt-schaftlichen Beziehungen der Stadt und den Erwerbungen ihrer einflußreichsten Bürger zum Ausdruck kommt, so erkennt man deutlich den starken Einfluß, den Rostock zu Beginn des 14. Jahrhunderts auf sie ausübte, und von selbst drängt sich daher die Vermutung auf, daß der Ursprung dieser Macht schon


244) M.U.B. II, 1124.
245) M.U.B. V, 3393.
246) M.U.B. VII, 4486.
247) M.U.B. V, 3312.
248) M.U.B. IX, 6158.
249) M.U.B. VII, 4614, 4615.
250) M.U.B. XV, 9693; XVI, 9815.
251) M.U.B. X, 6983.
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in einer Beteiligung bei der Gründung dieser Städte zu suchen ist.

Dies wird noch wahrscheinlicher, wenn wir die Platzauswahl, wie sie bei der Anlage der Rostocker Städte getroffen wurde, näher ins Auge fassen. Es wird sich ergeben, daß diese nicht nur nach militärischen Gesichtspunkten erfolgte, sondern vor allem nach kaufmännischem Interesse; man legte anscheinend Wert darauf, die Städte an einem direkten Wege nach Rostock anzulegen. Bis jetzt hat man angenommen, daß jene Städte, vor allem die an der pommerschen Grenze gelegenen, militärischen Gründen ihre Anlage verdanken, weil alle Städte sehr geschützt liegen und meistens neben einer Burg aufgebaut sind 252 ). Diese Begründung ist jedoch nicht ausreichend, denn die geschützte Lage war für alle Städte damals und noch lange Zeit ein Gebot der Stunde. Damit ist noch keineswegs erwiesen, daß der eigentliche Zweck der Stadtgründung überall ein militärischer war. Das geht auch nicht aus der Tatsache hervor, daß neben der Stadt meistens eine Burg bestand; denn in der Regel wurde bei der Stadt vom Stadtherrn zur Wahrung seiner Interessen auch eine Burg gebaut. Dieser Umstand würde für die Auswahl des Platzes einer Stadtgründung nur in dem Fall etwas zu bedeuten haben, wenn die Burg mit einer Besatzung schon vor der Stadtanlage bestanden hätte. Außer Marlow, dessen Burg schon in slawischer Zeit der Mittelpunkt des nach ihr benannten Landes war 253 ), ist es uns aber von keiner Stadt mit Rostocker Stadtrecht bekannt, daß schon vor ihrer Anlage in ihrer Nähe eine Burg mit einer Besatzung bestand, die zur Gründung einer Stadt verleiten konnte. Es ist gerade auffallend, daß für fast alle Städte nicht ein Platz bei einer alten slawischen Hauptburg eines Bezirks zum Stadtbau gewählt wurde, sondern ein Ort, der in keiner Beziehung zu einer solchen stand 254 ). Da wir in Westmecklenburg bei den Stadtgründungen durchaus die umgekehrte Beobachtung machen


252) Vgl. Heil, Die Gründung der nordostdeutschen Kolonialstädte und ihre Entwicklung bis zum Ende des 13. Jahrhunderts (zur deutschen Geschichte 74), S. 10. Vgl. Mecklenburg, ein Heimatbuch (Artikel: Mecklenburgische Landstädte von Dr. Jakobs, Wismar), S. 123.
253) Vielleicht auch noch Ribnitz.
254) Vgl. die folgenden Ausführungen über die Gründung der einzelnen Städte in der Herrschaft Rostock.
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können, daß die Städte bei den alten Wendenburgen entstanden, müssen bei den Rostocker Städten besondere Gründe maßgebend gewesen sein, die eine andere Platzauswahl empfahlen. Offenbar müssen wir diese wieder in der besonderen Mitwirkung suchen, welche Rostock bei ihrer Anlage ausübte. Es ist nämlich bemerkenswert, daß alle diese Städte an einem direkten Weg nach Rostock liegen. Von Kröpelin und Ribnitz können wir dies ohne weiteres behaupten, da beide an der alten Handelsstraße liegen, die an der Ostsee entlang führt 255 ) Auch von Gnoien führte ein Weg (via publica) über Tessin nach Rostock, der uns schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts bezeugt ist 256 ). Ebenso ging von Kalen nach Rostock eine Straße, da eine solche (via regia) von Demmin über Lüschow (unmittelbar bei Kalen) nach Laage uns bereits im Jahre 1216 genannt wird 257 ). Danach macht auch die Platzauswahl bei der Anlage der Städte es wahrscheinlich, daß Rostock bei ihren Gründungen bestimmend mitwirkte.

Aber nicht nur durch die bisherigen Überlegungen, auch durch unmittelbare Anzeichen, teilweise schon aus der Zeit der Gründung dieser Städte, werden wir veranlaßt, einen Einfluß Rostocks anzunehmen. Wir können z. B. in den meisten Städten Namen von Ratmännern feststellen, die auch in Rostock von Ratsgeschlechtern geführt wurden. In der Stadtrechtsverleihung an Kalen werden als Zeugen "Osbornus Rufus" (deutsch: Rode) und "Hermannus Vorradt" genannt 258 ); den ersten dieser beiden Namen trägt eine Rostocker, den andern eine lübische Ratsfamilie. In späterer Zeit (1396) wird in Neukalen als Bürgermeister ein Baumgarten erwähnt 259 ), dessen Namen auch eine Rostocker Ratsfamilie führt. In Ribnitz ist uns um das Jahr 1270 ein Ratsherr Hermann Witte bekannt, dessen Familienname auf einen Zusammenhang mit der gleichnamigen Ratsfamilie in Rostock deutet 260 ). Auch in Gnoien, das im Mittelalter im Volksmund den bezeichnenden Namen Klein-Rostock führte, wird uns, allerdings erst im Anfang des 14. Jahrhunderts (1327), ein Ratmann "Hermannus Niger" genannt, dessen Familienname auch in Rostock


255) M.U.B. II, 874.
256) M.U.B. VIII, 5381.
257) M.U.B. I, 223, 225.
258) M.U.B. II, 713.
259) M.U.B. XXIV, 12 888.
260) M.U.B. II, 1340 (9. August 1274).
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erwähnt ist 261 ). Ebenso bemerkt man unter den Ratmännern von Sülze, die im Jahre 1277 zuerst namentlich genannt werden, "Hermannus Copmann" , dessen Familienname als der eines Rostocker Ratsgeschlechtes bereits bekannt ist, und "Nicolaus Pape", der gleichfalls den Namen eines Rostocker Ratsgeschlechtes trägt 262 ). Deutlich erkennt man also gleiche Familiennamen in der Mutterstadt und den Tochterstädten schon im 13. Jahrhundert, in einem Fall sogar zur Zeit der Stadtgründung; und da jene Bürger der Rostocker Tochterstädte auffallend häufig die Namen von Rostocker Ratsfamilien tragen, ist es sehr wahrscheinlich, daß der Rostocker Rat, also die Stadt als solche, an der Stadtgründung beteiligt gewesen ist.

Die Vormachtstellung Rostocks hat sich besonders stark in Sülze geäußert, wahrscheinlich aus dem Grunde, weil den Rostockern das Salz der Saline wie zum eigenen Verbrauch, so auch zum Verkauf in anderen Ländern ein besonders geschätzter Artikel war. Denn in einer Urkunde aus dem Jahre 1277, in der den Besitzern von Salzgütern mehrere Privilegien erteilt werden, wird unter den Zeugen vor den Ratmännern von Sülze der gesamte Rat von Rostock genannt 263 ). Die Sülzer Verhältnisse müssen also die Stadt Rostock besonders interessiert haben.

Wir können sogar den Rostocker Ratmann Arnold Kopmann oder einen Vorfahr desselben, der uns nicht mehr namentlich bekannt ist, mit großer Wahrscheinlichkeit als vermutlichen Lokator von Sülze nachweisen. Nach einer Urkunde des Jahres 1373 verkaufte "Berndt Kopmann, ein Rhattmann zu Rozstock", an Herzog Albrecht von Mecklenburg sein Eigentum, "was er in der Stadt zur Sulten gehabt, als richte und broke uff 4 schillinge und darunter, auch funff Wörde, die iedes Jares geben 8 sundische schillinge; item 20 dr. Korneghulde, als 10 dr. rogken, 5 dr. garstenmalz und 5 dr. habermalz in der Muhlen zur Sulten, vor 210 Mark Rostocker pfenninge" 264 ). Aus der Art dieses Besitzes läßt sich erkennen, daß Sülze von einem Lokator angelegt wurde, denn die Gefälle der niederen Gerichtsbarkeit, der Zins von Hausstellen und die Einnahme aus der Mühle wurden im allgemeinen an


261) M.U.B. VII, 4798.
262) M.U.B. II, 1444.
263) M.U.B. II, 1444.
264) M.U.B. XVIII, 10 502.
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einen Lokator als eine Entschädigung für seine Tätigkeit verliehen. Dieselben Einnahmen, die 1373 genannt sind, besaßen die Kopmanns auch schon früher. Arnold Kopmann, der im Jahre 1336 starb, verfügte in seinem Testament, daß alle seine Einkünfte aus der Mühle, aus der Vogtei und den Hausstellen in Sülze (omnes redditus in molendino et in aduocacia et in censibus de areis perpetuis) seinem Sohn Bernhard Kopmann zufallen sollten 265 ). Arnold Kopmann war also bereits im Besitz dieser Lokatoreinnahmen, die er sich anscheinend auch nicht erst erworben hat, da er nach einem Testament, in dem er seine Kinder aus erster Ehe mit dem vierten Teil seiner Sülzer Besitzungen abfindet, hier schon im Jahre 1308 Güter besessen hat 266 ). Wir werden daher annehmen können, daß Arnold, der uns im Jahre 1291 zuerst bezeugt wird 267 ), diesen Besitz schon von seinem Vater ererbt hat, der ebenfalls Arnold hieß und uns im Jahre 1267 als Rostocker Ratsherr zuerst genannt wird 268 ). Im gleichen Jahre erwarb dieser von dem Kloster Dargun ein Salzhaus in Sülze 269 ). Wir sehen also, daß das Rostocker Ratsgeschlecht der Kopmanns in Sülze schon in der Mitte des 13. Jahrhunderts begütert gewesen ist. Nimmt man hinzu, daß unter den Sülzer Ratmännern, die uns 1277 zuerst genannt werden, auch ein Hermann Kopmann erscheint 270 ), so ergibt sich, daß der Name Kopmann mit der Stadt Sülze schon in der ersten Zeit ihres Bestehens eng verbunden ist.

Es erscheint danach sehr wohl möglich, daß ein Kopmann auch der Lokator Sülzes gewesen ist; seine Einnahmen hat Arnold Kopmann, der uns im Jahre 1291 zuerst begegnet 271 ), zweifellos schon bezogen. Diese Vermutung wird noch verstärkt durch eine im Rostocker Stadtbuch zum Jahre 1287 eingetragene Verzichtserklärung Arnolds von Sülze auf das Erbe seines Sohnes Hermann von Sülze 272 ). Dieser Verzicht sei, wie erwähnt wird, im Sülzer Stadtbuch genauer beschrieben. Da nun bekannt ist, daß sich der Beiname einer


265) M.U.B. VIII, 5656.
266) M.U.B. V, 3261.
267) M.U.B. III, 2122.
268) M.U.B. II, 1102.
269) M.U.B. II, 1124.
270) M.U.B. II, 1444.
271) M.U.B. III, 2122.
272) M.U.B. III, 1912.
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Person in dieser Zeit noch häufig ändert, ist es möglich, daß Arnold Kopmann mit Arnold von Sülze identisch ist und ebenso Hermann von Sülze mit dem Sülzer Ratmann Hermann Kopmann. Diese Namensänderung kann sich aber dann nur aus einer besonderen Beziehung des Arnold Kopmann zu Sülze ergeben haben, also in der Weise vermutlich, daß Arnold Kopmann nach seiner Lokatortätigkeit in Sülze den Namen "von Sülze" erhielt.

Nach allem scheint es mir nicht zweifelhaft zu sein, daß die Stadt Rostock bei der Anlage der Rostocker Städte entscheidend beteiligt gewesen ist.

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1. Die Gründung der Stadt Kröpelin 273 ).

Kröpelin liegt zwischen Rostock und Wismar, ungefähr 10 km von der Ostsee entfernt. Die Stadt wird urkundlich zuerst im Jahre 1250 genannt 274 ). Der Name Kröpelin begegnet uns allerdings schon früher.

Bereits in der Wendenzeit gab es ein Dorf Kröpelin, das der späteren Stadt den Namen gab 275 ). Nach der Stadtgründung, vielleicht auch schon früher, hörte es auf zu bestehen. 1250 wird die Feldmark dieses Dorfes, das "Wendfeld" , von Borwin, dem Fürsten zu Rostock, an die Stadt Kröpelin verliehen. Daraus ersehen wir, daß die Wenden, die dies Feld bebauten, zum Verlassen Kröpelins gezwungen wurden oder aus einem andern Grunde ihr Dorf 1250 schon verlassen hatten, da in der Urkunde, die das "Wendfeld" bei Kröpelin nennt, von irgendwelchen Bewohnern, die das Feld bebauten, nicht mehr die Rede ist. Eine spätere Zeit hat die Erinne-


273) Vgl. Schlie a. a. O. III, S. 514 ff.; Bachmann a. a. O. S. 420; "Aus der Väter Tage". Nachrichten aus der Vergangenheit Kröpelins unter Benutzung der Aufzeichnungen des weiland cand. theol. Rönnberg, mitgeteilt von H. Schreiber (Ostseebote, 24. Jahrg. Nr. 15 ff.).
274) M.U.B. I, 642.
275) Neuerdings hat man erkannt, daß die Urkunden, denen man ein ehemaliges Eigentumsrecht des Klosters Doberan an Kröpelin entnahm, Fälschungen sind und deshalb nur vorsichtig verwandt werden dürfen. Da in echten Urkunden, die den Besitzstand Doberans aufzählen, Kröpelin nicht genannt ist (M.U.B. I, 191, 239), haben wir anzunehmen, daß es nie zu Kloster Doberan gehört hat. (Vgl. Adolf Kunkel, Die Stiftungsbriefe für das mecklenburgisch-pommersche Cisterzienser-Kloster Dargun, Archiv für Urkundenforschung, Bd. III, 1911, S. 44 ff.).
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rung an die wendischen Bewohner Kröpelins nicht mehr aufbewahrt. Das geht auch aus der Beschaffenheit des Kröpeliner Stadtsiegels hervor. Dieses bildet nämlich einen Krüppel ab, der auf Händen und Füßen kriecht. Das Siegelbild wurde später in der Weise gedeutet, daß einst bei der Gründung Kröpelins die Stadt so viel Land erhalten sollte, wie ein Krüppel in einem Tag umkriechen könnte. Aus Dankbarkeit, daß sie von einem Krüppel ihr Gebiet erhielt, habe sich die Stadt diese Figur zu ihrem Siegelbild erwählt. Zu damaliger Zeit 276 ) war also die Erinnerung daran, daß der Name Kröpelins slawisch war 277 ), bereits verloren gegangen, und man suchte nach einer Erklärung des Stadtnamens. Die deutsche Bevölkerung konnte sich den Namen ihrer Stadt nicht mehr erklären und glaubte in Kröpelin das deutsche Wort "Krüppel" zu finden. Das Kröpeliner Siegelbild ist demnach offenbar zu einer Zeit entstanden, in der die deutschen Ansiedler das wendische Element soweit verdrängt hatten, daß selbst eine Erinnerung an dasselbe verschwunden war.

Als die Deutschen sich in Kröpelin ansiedelten, gründeten sie nicht sogleich die Stadt, sondern legten vermutlich zuerst ein Dorf an. Dieser Siedlungsvorgang ist deswegen anzunehmen, weil anscheinend eine deutsche Bevölkerung und eine Kirche bereits vor der Stadtgründung bestanden. Die Einwanderung von Deutschen nach Kröpelin ist uns seit 1219 bezeugt. Zum Jahre 1219 wird uns ein Müller in Kröpelin genannt, der den deutschen Namen Hermann führt 278 ). Ferner wird uns 1230 ein Priester Stephan von Kröpelin erwähnt 279 ). Daraus sehen wir, daß ein Priester sich in Kröpelin aufhielt und wahrscheinlich auch eine Kirche daselbst bestand 280 ).

Vermutlich hat bei der Anlage der Stadt ein Unternehmer, ein sogenannter Lokator, mitgewirkt, der die Ansiedler herbeiführte und die Anlage der Stadt in allen Einzelheiten


276) Das Siegel begegnet zuerst im Jahre 1306 (M.U.B. V, 3116) als "sigillum ciuitatis Cropelin".
277) Vgl. Kühnel a. a. O. S. 77.
278) M.U.B. I, 254. Wenn auch die deutsche Nationalität des Müllers mit seinem deutschen Vornamen nicht unbedingt gegeben ist, so ist sie doch zu vermuten, zumal der Name uns in der Frühzeit der Kolonisation begegnet.
279) M.U.B. I, 380.
280) M.U.B. I, 380. Im Jahre 1230 wird uns ein Dorf Kröpelin ausdrücklich genannt. Es kann damit aber auch das slawische Dorf gemeint gewesen sein.
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leitete. Vielleicht sind einige merkwürdige Eigentümlichkeiten, die sich in Kröpelin bis in die neuere Zeit erhalten hatten, aus der Arbeit eines solchen Unternehmers zu erklären 281 ). Es gab nämlich in der Stadt Kröpelin vier "Hofmeisterstellen", die sich durch ihre Größe von den übrigen Baustellen unterschieden. Auffallend ist, daß eine dieser Stellen, die sogenannte erste Hofmeisterstelle, die in der heutigen Dammstraße liegt, fast keine Abgaben zu zahlen hatte, während alle anderen Baustellen mit Abgaben belastet waren. Mit dieser ersten Hofmeisterstelle war ein Ackerstück, das den Flurnamen "Hundehagen" trug, verbunden. Bevor dieses Ackerstück im Jahre 1307 in den Besitz der ersten Hofmeisterstelle gelangte, hieß es "Rodehagen" 282 ). Man kann daher vielleicht die Vermutung wagen, daß der erste Besitzer, der die erste Hofmeisterstelle in dieser bevorzugten Weise besaß, bei der Anlage der Stadt Kröpelin als Lokator fungierte. So würden sich jedenfalls die besonderen Vorzüge, die mit der ersten Hofmeisterstelle für deren Besitzer verbunden waren, am besten erklären.

Der Grundriß der Stadt läßt eine derartige Annahme als möglich erscheinen. Die Gründung der Stadt geschah nämlich nicht in der Weise, daß das Dorf Kröpelin Stadtrecht bekam; es erfolgte eine Neuanlage, zu deren Ausführung sich der Landesherr wahrscheinlich eines Lokators bediente. Auf Grund der Forschungen Rönnbergs sind wir im Gegensatz zu vielen anderen Städten Mecklenburgs bei Kröpelin in der günstigen Lage, den ursprünglichen Kern der Stadtanlage zu erkennen 283 ).

Heute zeigt der Stadtplan Kröpelins gewissermaßen ein doppeltes Gesicht. Die Stadt hat, abgesehen von einigen engen Nebengassen, die in ihrer krummen Linienführung einen völlig planlosen Eindruck machen, nur eine große, breite, durchgehende Hauptstraße. Man könnte daher versucht sein, hierin den Plan eines ehemaligen Dorfes wiederzufinden. Aber die Hauptstraße selbst macht einen ganz andern Eindruck. Sie ist an allen Stellen gleich breit und läuft in gerader Richtung durch die Stadt hindurch. Der Marktplatz ist quadratisch.


281) Vgl. Rönnberg a. a. O.
282) Den ganzen Rodehagen kann die Stelle nicht erlangt haben, da uns von einer Teilung des Hagens berichtet wird. M.U.B. V, 3171.
283) Rönnberg ist zu diesen Feststellungen gelangt, weil anscheinend nur auf den ältesten 42 Stellen der Stadt die Abgabe des Meßhafers ruht.
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Die Hauptstraße führt mitten über ihn hinweg. Hauptstraße und Markt widerstreiten danach in der Form ihrer Anlage der Annahme, daß die Stadt aus einem Dorf entstanden ist.

Die Deutung des Stadtplanes ist uns wesentlich erleichtert durch Rönnbergs Feststellung, daß die Hauptstraße (Rostocker und Wismarsche Straße) und der Marktplatz die ältesten zusammenhängenden Teile der Stadt gewesen sind. In den andern Straßen standen, soweit sie überhaupt schon vorhanden waren, ursprünglich nur einige vereinzelte Häuser. Die ältesten Teile der Stadt sind also gerade die Hauptstraße und der Markt gewesen, die in ihrer planmäßigen Anlage, wie bereits hervorgehoben wurde, den Eindruck erwecken, daß es bei der Stadtgründung Kröpelins sich auch um eine bauliche Neuanlage handelte.

Das deutsche Dorf Kröpelin scheint bei der Stadtgründung mit unter Stadtrecht gestellt worden zu sein, da es anders gar nicht zu erklären wäre, daß von den vier Hofmeisterstellen, deren Sonderstellung bereits erwähnt wurde, drei außerhalb der Stadt gelegen sind. Die eine liegt sogar noch heute außerhalb der Stadt in der sogenannten Vorstadt 284 ). Es ist danach aus der Lage der Hofmeisterstellen anzunehmen, daß diese einst vier Höfe in dem Dorf Kröpelin gewesen sind und bei der Stadtgründung bestehen blieben, jedoch von da an mit zur Stadt gehörten. Ist unsere Annahme über einen Lokator in Kröpelin richtig, so ist auch der Besitzer der ersten Hofmeisterstelle bei der Anlage der Stadt mit beteiligt gewesen.

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2. Die Gründung der Stadt Ribnitz 285 ).

An der Straße, die von Rostock an der Ostsee entlang nach Stralsund führt, liegt dicht an der pommerschen Grenze die Stadt Ribnitz. An derselben Stelle bestand schon vor mehr als 700 Jahren in der Zeit, als noch die Wenden in Mecklenburg herrschten, eine landesherrliche Krugwirtschaft, die vielleicht der Mittelpunkt eines kleineren Bezirks innerhalb des größeren Burgwardgebietes gewesen ist 286 ), da uns ausdrück-


284) Rönnberg a. a. O. Nr. 300; Stadt und Vorstadt hat es seit Anfang an in Kröpelin gegeben.
285) Vgl. Tott, Geschichte von Ribnitz, Ribnitz 1852; Schlie a. a. O. I, S. 348 ff.; Bachmann a. a. O. S. 333/34. Tott konnte 1852 die Urkundenbücher noch nicht benutzen.
286) M.U.B. I, 192. Fürst Borwin belehnt Heinrich von Bützow "mit der helffte des gerichtes und deß Kruges in Rybenitz".
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lich auch von einem Gericht, das mit dem Krug verbunden war, berichtet wird 287 ). Eine Stadt hat es damals hier noch nicht gegeben. Es ist aber wahrscheinlich, daß außer diesem Krug auch noch eine Burg in Ribnitz gestanden hat. Von großer Bedeutung wird sie zwar nicht gewesen sein; denn die Hauptburg in der Ribnitzer Gegend war damals Marlow, und Ribnitz gehörte wahrscheinlich zum Burgbezirk Marlow 288 ). Schon Lisch hat auf Grund einer Urkunde von 1329 288a ), durch welche Heinrich von Mecklenburg, der damalige Herr, zur Erbauung eines Klosters in Ribnitz den fürstlichen Hof außerhalb der Stadtmauern hergibt, vermutet, daß dieser Hof eine ehemalige wendische Burgstelle gewesen sei 289 ). Wir wollen im folgenden versuchen, diese Vermutung von Lisch noch wahrscheinlicher zu machen. Eine Burg in Ribnitz wird uns 1233, wenn wir ein Exzerpt, das uns von einer Urkunde aus diesem Jahre überliefert ist, richtig deuten, urkundlich genannt 290 ). Dieses Urkundenexzerpt stammt von Daniel Clandrian, einem Notar, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte. In diesem Auszug Clandrians befindet sich über Ribnitz folgender Satz: Bischof Brunward von Schwerin verleiht "aus der Stadt Ribenitz alle Zehenden, so dem Bischoffe von den bawleuten zukommen." Zunächst scheint diese Nachricht von einer Burg in Ribnitz nichts zu erwähnen. Es wird sich jedoch zeigen, daß das Wort "Stadt" durch "Burg" zu ersetzen ist. Bereits Schmaltz hat darauf aufmerksam gemacht, daß es auffällig ist, daß aus einer Stadt, wie Ribnitz hier genannt ist, der Bischof Zehnten einnimmt, da ihm "keine mecklenburgische Stadt bekannt sei, von deren Feldmark Zehnten an den Bischof gezahlt worden wären" 291 ). Daher hielt er es für unwahrscheinlich, daß Ribnitz 1233 eine Stadt war.


287) Für das benachbarte Westpommern oder Slawien berichtet H. F. Schmid (Die Burgbezirksverfassung bei den slavischen Völkern in ihrer Bedeutung für die Geschichte ihrer Siedlung und ihrer staatlichen Organisation. Jahrbücher für Kultur und Geschichte der Slaven. Her. von E. Hanisch, N. F., Band II, Heft II, S. 97) folgendes: "Man nimmt an, daß innerhalb des Burggebietes für Abgabenerhebung und Rechtspflege kleinere Bezirke vorhanden waren, deren Mittelpunkte landesherrliche Schenken waren."
288) M.U.B. I, 192.
288a) M.U.B. VIII, 5016.
289) Nach Wigger, Mecklbg. Annalen, S. 126.
290) M.U.B. I, 421.
291) M.J.B. Bd. 72, S. 255.
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Wie kommt es nun, daß Clandrian trotzdem von einer Stadt in Ribnitz berichtet? Um diesen Widerspruch zu erklären, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Clandrian einen lateinischen Originaltext exzerpierte, den er ins Deutsche übersetzte. Es ist also sehr wohl möglich, daß Clandrian lateinische Worte, die im Deutschen in verschiedenen Bedeutungen gebraucht werden, in einem Sinne übersetzt hat, in dem der Originaltext sie nicht verstanden wissen wollte. Solche doppelte Bedeutung im Deutschen hat nun auch das Wort " urbs", das entweder Burg oder Stadt bedeutet. Dieses Wort "urbs" hat Clandrian wahrscheinlich in der lateinischen Vorlage für unsere Stelle gelesen.

Es läßt sich nämlich auch an einem andern Exzerpt von Clandrian nachweisen, daß er das lateinische Wort "urbs" , das ihm bei diesem Auszug aus dem Original nur vorgelegen haben kann, mit Stadt und nicht mit Burg übersetzt hat. 1210 erwähnt Clandrian bei einer Belehnung Heinrichs von Bützow mit einem Teil der Burg und des Landes Marlow auch den "Flecken, so vor der Stadt (Marlow) liegt", der dem Heinrich gleichfalls zugeteilt wird 292 ). Die Stadt Marlow hat es 1210 aber noch nicht gegeben, da sie erst nach 1286 gegründet ist 293 ); 1210 von einem Flecken vor der Stadt Marlow zu reden, ist also sinnlos 294 ). Diese Unstimmigkeit ist jedoch leicht zu erklären, wenn man annimmt, daß Clandrian das Wort "urbs" im Original gelesen und dies statt mit Burg fälschlich mit Stadt übersetzt hat. So wird Clandrian auch bei seinem Auszug der Urkunde von 1233, wo er Ribnitz eine Stadt nennt, sich in der gleichen Weise wie bei Marlow geirrt haben. Es besteht danach Grund zu der Annahme, daß 1233 noch eine Burg in Ribnitz vorhanden war.

Die Stadt wird uns zuerst sicher 1252 bezeugt 295 ). Ratmänner, allerdings nicht ihre einzelnen Namen, werden in diesem Jahre genannt. Die Stadtgründung ist somit nach 1233 und vor 1252 anzusetzen. Bevor die Stadt gegründet wurde, bestand wahrscheinlich in Ribnitz ein Dorf. Zu dieser Annahme bestimmt uns der bereits zitierte Urkunden-


292) M.U.B. I, 192.
293) Siehe S. 74.
294) So schon Hegel, Geschichte der mecklenburgischen Landstände, Rostock 1856, S. 21 Anm. 2.
295) M.U.B. II, 708.
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auszug Clandrians vom Jahre 1233: Bischof Brunward von Schwerin verleiht "aus der Stadt Ribnitz alle Zehenden, so dem Bischoff von den bawleuten zukommen". Man erkennt aus diesem Satz, daß vor der Gründung der Stadt ein Dorf Ribnitz bestand, da 1233 "bawleute" in Burg Ribnitz den Zehnten bezahlten. Da diese Ansiedler der Burg natürlich nicht in der Burg gewohnt haben, können sie nur in einer besonderen Ansiedlung daneben sich niedergelassen haben (d. h. in einem Dorf gewohnt haben neben der Burg).

Das Dorf scheint nach der Stadtgründung nicht mehr fortbestanden zu haben, da es seitdem spurlos verschwunden ist. Vielleicht zogen die Bauern in die neu gegründete Stadt und erwarben hier das Bürgerrecht. Die Lage des Dorfes läßt sich nicht mehr angeben. Anscheinend ist auch die heutige Stadt aus ihm nicht hervorgegangen, weil der Stadtplan 296 ) dem widerspricht. Eine Straße führt in grader Linie am Markt vorbei durch die ganze Stadt hindurch. Ihr parallel läuft eine andere Straße, die jedoch nicht die ganze Stadt durchzieht, sondern am Markt aufhört. Von diesen beiden Längsstraßen führen genau rechtwinklig und in gleichen Abständen die Nebenstraßen ab. Der Marktplatz ist ein großes: Rechteck. Die Länge seiner beiden Seiten verhält sich ungefähr wie 1: 2.

Der Ribnitzer Stadtplan widerspricht demnach der Annahme, daß die Stadt aus einem Dorf entstanden ist. Vielmehr geht aus ihm unzweifelhaft hervor, daß bei der Stadtgründung eine bauliche Neuanlage erfolgte. Die Stadt ist in ihrer Anlage und Grundrißbildung eine kolonisatorische Neuschöpfung.

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3. Die Gründung der Stadt Marlow 297 ).

Marlow liegt zwischen Ribnitz und Sülze an der pommerschen Grenze. In der wendischen Zeit und auch im Mittelalter hatte dieser Ort eine weit größere Bedeutung wie heutzutage. Marlow ist in unsern Tagen die einzige mecklen-.


296) Vgl. Tott a. a. O., wo der neueste Plan der Stadt veröffentlicht ist. Die Stadt besitzt auch noch Pläne aus dem 18. Jahrhundert, die jedoch ungefähr dasselbe Bild wie der neueste Plan: zeigen.
297) Vgl. Schlie a. a. O. I, S. 398 ff.; Bachmann a. a. O. S. 424; Reifferscheid a. a. O. S. 115 ff.
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burgische Stadt, die noch nicht mit der Eisenbahn zu erreichen ist. Die Stadt wurde am Ende des 13. Jahrhunderts gegründet. .1286 erscheint Marlow noch nicht als Stadt, während es uns 1298 als solche genannt wird 298 ). Zwischen 1286 und 1298 wird danach die Gründung erfolgt sein.

Das wendische Marlow ist ein wichtiger Platz gewesen. Bereits in einer Urkunde von 1179 werden uns das Land und die Burg Marlow genannt 299 ). Da jedoch die Richtigkeit des Datums dieser Urkunde mit guten Gründen angezweifelt wird 300 ), so kommt als erste ganz sichere Nachricht über das wendische Marlow ein Urkundenauszug aus dem Beginn des 13. Jahrhunderts in Betracht, der zweifellos aus einer echten Urkunde stammt. Nach diesem Auszuge werden im Jahre 1210 Herr Heinrich von Bützow, seine Frau und sein Sohn Thetlef von Borwin, Fürst von Mecklenburg, "mit dem halben Schlosse Marlow und dem halben teil des Gerichts des gantzen Landes Marlow" belehnt 301 ). Dazu erhält Heinrich von Bützow die Hälfte von neun Dörfern als sein Eigentum. Zu diesen neun Dörfern gehört auch der "Flecken, so vor der Burg liegt" 302 ). Wir ersehen daraus, daß es in Marlow 1210 eine wendische Burg gab und daß sich das Land, das zu dieser Burg gehörte, danach das Land Marlow nannte. Die Bedeutung von Marlow tritt uns also aus diesen Tatsachen klar hervor. Der bereits erwähnte Flecken vor der Burg erscheint mit unter den neun Dörfern, die zur Hälfte an Heinrich von Bützow verliehen werden. Die Stelle in dem Urkundenauszug heißt im Zusammenhang: "die namen der 9 Dörffer sein dise: Conesco, Cepitzco, Janikesthorp, Ratezbursthorp , Uppekenthorp, Chemkenthorp, Gutenthorp, der Flecken, so vor der Burg liegt, Halemerstorp". Es fällt auf, daß die Ansiedlung vor der Burg Marlow nicht als Dorf bezeichnet wird, sondern als Flecken, obwohl sie zu den neun Dörfern gerechnet wird.

Vielleicht verrät diese Bezeichnung noch einen besondern Sinn, durch den uns die Eigenart der wendischen Ansiedlung näher bestimmt wird. Wir dürfen annehmen, daß Clandrian, als er zuerst "Dörfer" und dann "Flecken" übersetzte, für diese


298) M.U.B. III, 1866; IV A, 2489.
299) M.U.B. I, 127.
300) Vgl. M.J.B. 72, S. 170 - 71.
301) M.U.B. I, 192.
302) "Burg" ist nach der Untersuchung, die schon über diesen Satz angestellt ist, sogleich richtig für Stadt eingesetzt. Siehe S. 72.
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beiden verschiedenen Übersetzungen auch verschiedene lateinische Wörter vorgefunden hat. Andererseits kann der Flecken von den Dörfern nicht so sehr verschieden gewesen sein, da er mit zu den neun Dörfern gerechnet wird. Wahrscheinlich haben wir unter diesem Flecken ein slawisches Dorf zu verstehen, das zur Burg gehörte und in dem Mark gehalten wurde. Vielleicht lautete danach das Wort der Orginalurkunde, das Clandrian mit Flecken übersetzte, "vicus", da dieses lateinische Wort gerade für ein slawisches Marktdorf mit Vorliebe gebraucht wurde 303 ). Wir sind zu dieser Annahme um so mehr berechtigt, als sich noch heute die Bezeichnung "Wiek" in Marlow als Name des Burgbergs findet. Außer der Burg Marlow bestand also 1210 in Marlow ein wendisches Marktdorf, das wahrscheinlich in enger Beziehung zur Burg stand und daher auch in ihrer unmittelbaren Nähe gelegen haben muß. Es ist nun zu vermuten, daß dieses slawische Dorf nicht auf der Stelle der heutigen Stadt gelegen hat, sondern unterhalb der Burg am Fuße des Burghügels. Der Burgberg führt, wie bereits erwähnt, heute den Namen "Wiek". Huen berichtet ungefähr in der Mitte des vorigen Jahrhunderts über diese "Wiek" bei Marlow folgendes 304 ): "Unsere Stadt wird von der Westseite durch einen ziemlich hohen Hügel eingeschlossen, dessen Fuß an der Ost- und Nordseite mit Häusern bebaut ist. Der Hügel führt den Namen "Wiek" und ist noch deshalb merkwürdig, daß die Hälfte desselben zu dem fürstlichen Amt Sülz gehört. Die Anwohner dieses Teils müssen noch jetzt einen jährlichen Kanon für Haus und Garten an das Amt entrichten und stehen unter gemeinem Recht, während die ihnen gegenüberstehenden Häuser unter lübischem Rechte stehen." Am Fuße dieses Hügels, direkt unter dem Burgberg, wird wahrscheinlich das wendische Dorf gelegen haben, so daß also die Burg in unmittelbarer Nähe des Dorfes sich befand.

Nach dem Jahre 1210, als Heinrich von Bützow mit Marlow belehnt wurde, mag bei der Burg Marlow neben der Wiek bald ein neues Dorf angelegt worden sein. Das erschließen wir aus dem Alter der Kirche, die 1244 wahrscheinlich im Bau ist und 1248 zuerst genannt wird 305 ) und neben


303) Vgl. M.J.B. 46, S. 158. "Vicus enim in slavonico proprie civitas, in qua forum exercetur."
304) M.J.B. 8 B, S. 79 f.
305) M.J.B. 72, S. 253; M.U.B. I, 602.
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der Wiek liegt. Ferner wird uns auch Marlow selbst als Dorf bezeichnet 306 ). Außerdem zeigt uns der Stadtplan 307 ), daß die Stadt aus einem ehemaligen Dorf hervorgegangen ist.. Denn wir bemerken auf ihm nur eine lange Hauptstraße, die in mehreren Krümmungen von der Recknitz herauf an der alten Wendenburg sich vorbeizieht. Der Marktplatz ist eine natürliche Erweiterung der Hauptstraße und deswegen viel länger als breit. Auf der einen Seite des Marktes, unmittelbar vor der Burg, liegt auch die Kirche. Bei der Stadtgründung wurde also vermutlich der alte Kirchplatz des Dorfes zum Marktplatz. Die Stadt selbst hat jedoch nicht mehr die Bedeutung erlangt wie die Wendenburg. Sie vermochte sogar nicht ihr wichtigstes Erbteil aus der Wendenzeit, die Gerichtsbarkeit über das Land Marlow, zu bewahren. Denn 1298 wurde das Landding oder die Landvogtei von Marlow in die Nachbarstadt Sülze verlegt.

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4. Die Gründung der Stadt Sülze 308 ).

Die Stadt Sülze an der pommerschen Grenze wird uns im Jahre 1262 zuerst als Stadt bekannt 309 ). In diesem Jahre hören wir von einem Rat in Sülze (universitas consulum in Sulta). Trotzdem will Schmaltz mit dem Jahre 1262 die Geschichte der Stadt noch nicht beginnen lassen 310 ), denn er sieht die 1262 genannte "universitas consulum in Sulta" als die Vertretung der "Salinengenossenschaft" an. Er leitet diese Erklärung aus der Tatsache her, daß 1262 die Saline als "iuxta Marlow sita" bezeichnet wird, der Name Sülze also zur Bezeichnung der Saline noch nicht verwendet wird. Wie wir noch sehen werden, spiegelt aber dieser Ausdruck frühere Zustände wieder, die längst vor 1267 bestanden Es ist ja auch bekannt, daß die alte Bezeichnung eines Ortes, wenn neue Verhältnisse eingetreten sind, oftmals noch eine Zeitlang beibehalten wird 311 ). Noch 1304 lautet in einer Urkunde, die den Verkauf von Salzgütern in Sülze enthält,


306) Schlie a. a. O. I, S. 398 "item in uilla Marlow".
307) Plan der Stadt Marlow (im Besitz der Stadt Marlow).
308) Vgl. Schlie a. a. O. S. 391 ff.; Bachmann a. a. O. S. 468/69; Reifferscheid a. a. O. S. 150 ff.
309) M.U.B. II, 960.
310) M.J.B. 72, S. 251 ff.; ähnlich Reifferscheid a. a. O. S. 154.
311) Vgl. Bistum Mecklenburg, später Schwerin, das aber trotzdem den Namen Mecklenburg noch öfters führt.
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ein gleichzeitiger Registraturvermerk "de salina in Marlowe" 312 ).

Die Stadt Sülze verdankt ihre Entstehung den Salzquellen, die heute zu Heilzwecken ausgenutzt werden. Die Saline ist uns bereits vor 1229 bezeugt, also fast 40 Jahre früher wie die Stadt Sülze. Schon daraus können wir die Bedeutung erschließen, die die Saline bei der Stadtgründung hatte. Dasselbe lassen auch andere uns überlieferte Nachrichten erkennen. Häufiger begegnet uns nämlich im 13. Jahrhundert noch die Bezeichnung: die Saline neben Marlow oder die Saline im Lande Marlow oder ähnliche Ausdrücke. Das hat zunächst seinen Grund darin, daß Marlow in der Wendenzeit der Mittelpunkt des Landes war, in dem die Sülzer Saline liegt. Der Ausdruck " salina in Marlowe" oder "iuxta Marlowe" ist also eine Erinnerung an Verhältnisse der Wendenzeit. Ferner ersehen wir aber auch daraus, daß in wendischer Zeit eine Ansiedlung bei der Saline gar nicht bestand oder doch gänzlich unbedeutend war, da sonst die Bezeichnung der Saline nach einer unmittelbar neben ihr gelegenen Ortschaft erfolgt wäre. Es ist also wenig wahrscheinlich, daß eine wendische Ansiedlung bei Sülze einmal bestanden hat.

Dagegen lag offenbar neben der Saline vor der Stadtgründung ein anderes Dorf, das den deutschen Namen "Sulta" (Saline) erhielt und danach seine Entstehung wahrscheinlich der deutschen Kolonisation zu verdanken hat. Schon 1243 wird uns nämlich von der Saline erwähnt, daß sie "in Sulta" gelegen ist 313 ). Ferner wird uns 1257 von Zehnten des "feldes zur Sülte" berichtet 314 ). Da das Wort hier in seinem eigentlichen Sinne als Saline vorkommt, so ersehen wir daraus, daß es 1257 ein Feld war, das zur Saline gehörte und von dem Zehnten entrichtet wurden. Danach muß es auch Leute gegeben haben, die dies Feld bebauten und den Zehnten bezahlten. Da von einer Stadt aber an dieser Stelle noch nicht die Rede ist, können diese Leute nur in einem Dorf bei der Saline gewohnt haben. Dasselbe wird auch wahrscheinlich, wenn wir den Stadtplan von Sülze betrachten 315 ). Dieser


312) M.U.B. VI, 2932.
313) M.U.B. I, 550.
314) M.U.B. II, 808.
315) Plan der Stadt Sülze (im Besitze der Stadt Sülze).
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zeigt deutlich, daß die Stadt aus einem Dorf entstanden ist. Der Richtung der Rostocker Landstraße folgend zieht sich die Hauptstraße der Stadt mit einer leichten Krümmung am Markt durch die ganze Stadt hindurch. Der Marktplatz ist eine Erweiterung dieser Straße. Wie bereits erwähnt, bekam diese Ansiedlung dann vor dem Jahre 1262 Stadtrecht. Vermutlich hat ein Angehöriger des Rostocker Ratsgeschlechtes der Kopmanns bei der Anlage von Sülze als Lokator mitgewirkt, da die Familie sich zu Beginn des 14. Jahrhunderts im Besitz der Lokatoreinnahme von Sülze befindet und nachweislich schon im 13. Jahrhundert in Sülze begütert ist 316 ).

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5. Die Gründung der Stadt Gnoien 317 ).

Die Stadt Gnoien an der pommerschen Grenze war im Mittelalter eine der größeren Städte Mecklenburgs. Die wichtige Landstraße von Demmin nach Rostock führte durch die Stadt hindurch. 1276 erfahren wir zum erstenmal, daß eine Stadt Gnoien besteht 318 ). Wahrscheinlich wurde die Stadt aber schon einige Jahrzehnte früher gegründet. Eine Untersuchung der Siedlungselemente, die vor der Stadtgründung in Gnoien schon vorhanden waren, läßt diese Vermutung als berechtigt erscheinen. In diesem Zusammenhange muß insbesondere die Frage beantwortet werden, wie es kam, daß Gnoien, das in wendischer Zeit nicht der Mittelpunkt des erst später so genannten Landes Gnoien war 319 ), in deutscher Zeit dessen Mittelpunkt geworden ist.

In der Wendenzeit war Gnoien noch kein bedeutender Ort. Nur so erklärt es sich, daß uns der Name Gnoien erst verhältnismäßig spät, 1257 zuerst, begegnet 320 ). Jedoch wird es schon in der Wendenzeit ein Dorf Gnoien gegeben haben, da sonst der wendische Name der späteren deutschen Stadt schwer erklärlich wäre 321 ). Vermutlich hat die deutsche Stadt ihren Namen von einem wendischen Dorf übernommen, das uns heute nicht


316) Siehe S. 65.
317) W. H. Wiggers, Geschichte und Urkunden der Stadt Gnoien, Gnoien 1855; Schlie a. a. O. I, S. 499 ff..; Bachmann a. a. O. S. 411.
318) M.U.B. II, 1413.
319) M.U.B. II, 826.
320) M.U.B. II, 799.
321) In Gnoien wurde ein wendischer Schläfenring gefunden. Beltz, Altertümer, a. a. O. S. 369.
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mehr bekannt ist. Ob eine wendische Burg bei Gnoien gelegen hat, wissen wir nicht, es ist aber wenig wahrscheinlich; und wenn sie doch vorhanden gewesen sein sollte, würde sie jedenfalls von nur geringer Bedeutung gewesen sein. Denn die Hauptburg des späteren Landes Gnoien war mindestens bis 1238 Lübchin, das damals "an der großen geraden Straße von Stralsund nach Güstrow, an dem Durchgang durch die Trebelmoore bei Triebsees" eine besonders günstige Lage hatte 322 ). 1238 werden uns noch der Vogt und die Burgmänner in Lübchin genannt. Nach 1238 begegnet uns Lübchin als Sitz einer Vogtei nicht wieder. Wir müssen daraus schließen, daß in Lübchin nach dem Jahre 1238 die Vogtei aufgegeben wurde. Wann dies geschah, wissen wir nicht. Später gehört Lübchin zur Vogtei Gnoien. Der Name Gnoien wird uns aber erst 1257 genannt, ohne daß wir erkennen können, ob damals hier eine Stadt bestand und ein Vogt sich hier aufhielt, und erst ein Jahr später (1258) begegnet uns das Land "Gnoien" 323 ). In diesem Jahr ist bereits Gnoien der Sitz der Vogtei, der früher Lübchin gewesen war. Die Verlegung der Vogtei von Lübchin nach Gnoien muß also innerhalb eines Zeitraums von 20 Jahren erfolgt sein, nach 1238 und vor 1258. Welches war nun der Grund, der den Landesherrn zu dieser Verlegung veranlaßte? Wahrscheinlich war dies die Gründung einer Stadt in Gnoien. Denn die Verlegung der Vogtei von Lübchin nach Gnoien könnte man sich kaum erklären, wenn Gnoien wie Lübchin gleichfalls nur ein Dorf war. Die Verlegung wird nur dann verständlich, wenn man annimmt, daß in Gnoien 1258 schon eine Stadt bestand, die durch die Zahl und die Bedeutung ihrer Bevölkerung Lübchin bald überflügelte und so zum eigentlichen Mittelpunkt des Landes wurde. Die Vermutung liegt also nahe, daß die Stadt Gnoien bereits vor 1258 gegründet ist.

Die Stadt selbst ist eine Anlage aus frischer Wurzel, denn der Stadtplan zeigt ganz deutlich, daß die Stadt nicht aus einem Dorf entstanden, sondern neu erbaut worden ist 324 ). Der Stadtplan ist dem Ribnitzer ungefähr gleich. Der Markt-


322) M.U.B. I, 479; vgl. Lisch, M.J.B. 23, S. 302.
323) M.U.B. II, 799, 826.
324) "Situation von dem Hertzogl. Ambt Gnoyen auch die Hege genannt und der Stadt Gnoyen. Aus der Zeit von 1710 - 1767" (im Besitz der Stadt Gnoien).
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platz ist fast quadratisch. An diesem führt in gerader Richtung die Hauptstraße, die einzige Straße, die die ganze Stadt durchzieht, vorbei. Eine andere Längsstraße, die der Hauptstraße parallel läuft, zieht sich an der anderen Seite des Marktes entlang; sie geht jedoch nicht durch die ganze Stadt hindurch, sondern hört mit ihrer einen Richtung schon am Markt auf. Genau rechtwinklig führen von diesen Längsstraßen die Querstraßen ab. Bedeutsam ist die Lage der Kirche in Gnoien. Sie liegt nicht in der Mitte der Stadt, sondern ganz am Rande. Aus dieser Lage der Kirche ließe sich vielleicht vermuten, daß hier bei der Kirche früher ein Dorf gelegen hat. Zur Zeit der Stadtgründung bestand wahrscheinlich noch das Dorf, in dem die Kirche stand; nach der Stadtgründung ging dieses unter. Die Kirche blieb aber bestehen und wurde zur Stadtkirche; nur ihre Lage neben der Stadt deutet noch auf den früheren Zustand, als Dorf und Stadt nebeneinander bestanden. Die Frage, ob es sich bei diesem Dorf um das alte slawische Gnoien handelt oder um eine Neuanlage der Kolonisationszeit, muß offen bleiben.

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6. Die Gründung der Städte Alt- und Neukalen 325 ).

Die Stadt Kalen hat ungefähr vier Jahrzehnte bestanden und ist heute schon längst vom Erdboden verschwunden. Sie soll auf der Stelle von Altkalen, einem Dorfe in der Nähe von Dargun, gelegen haben. Denn noch heute "zieht sich ein Wall, der an jeder Seite einen Graben hat, wie die Landwehren der Städte, um das ganze Dorf und die Dorfgärten" von Altkalen herum. In dieser Anlage vermutet Lisch wahrscheinlich mit Recht noch Spuren der ehemaligen Stadt 326 ), der nach der urkundlichen Überlieferung im Jahre 1253 das lübische Stadtrecht verliehen wurde 327 ).


325) Vgl. Lisch, Die Kirche zu Altkalen und die Geschichte der Gründung von Alt- und Neukalen (M.J.B. Bd. 12, S. 457 ff.); Lisch, Über das alte Stadtbuch von Neukalen (M.J.B. 43, S. 3 ff.); Schlie a. a. O. I, S. 598 ff., S. 610 ff.; Bachmann a. a. O. S. 418. Lisch berichtet (Bd. 12, S. 458), daß der Landesherr bereits im Jahre 1244 die Grundherrlichkeit über das Gebiet von Kalen vom Kloster Dargun erwarb. Tatsächlich geschah dies erst im Jahre 1252 (M.U.B. II, 684).
326) Vgl. Lisch, M.J.B. 12, S. 461.
327) M.U.B. II, 713.
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Der Name Kalen begegnet uns zuerst im Jahre 1174, in dem die Burg Kalen (urbs Kalen) von Kasimir von Pommern an das Kloster Dargun verliehen wird 328 ). Die Bedeutung der Burg war gering. Sie war wohl eine sogen. "Fliehburg", die nur in Notzeiten von der umwohnenden Bevölkerung aufgesucht wurde. Der Mittelpunkt in dieser Gegend war in wendischer Zeit die in unmittelbarer Nähe Kalens liegende Burg Dargun. Wo die Burg Kalen gelegen hat, ist nach den vorhandenen Urkunden nicht sicher 329 ); vielleicht hat Lisch mit seiner Annahme recht, daß ihr Burgwall im 13. Jahrhundert von Borwin von Rostock zur Anlage einer neuen Burg, von der uns berichtet wird, benutzt worden ist 330 ).

Auch ein Dorf Kalen hat es vor der Stadtgründung gegeben. Wir können es aus der Tatsache entnehmen, daß 1232 eine Kirche in Kalen genannt wird 331 ). Da eine Stadt Kalen erst im Jahre 1244 erwähnt wird 332 ), müssen wir annehmen, daß die Kirche in einem Dorf stand. Die Bewohner desselben werden uns noch im Jahre 1244 genannt 333 ). Sie legten der Stadtgründung kein Hindernis in den Weg, erklärten sich vielmehr, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, damit einverstanden. Vermutlich sind sie selbst mit in die Stadt gezogen, da das Dorf nicht Stadtrecht erhielt, sondern die Stadt Kalen, wie uns berichtet wird, neu gebaut wurde 334 ). Wiederum läßt sich eine Entscheidung darüber, ob dies Dorf ein slawisches oder deutsches gewesen ist, nicht herbeiführen.


328) M.U.B. I, 114.
329) Nach dem Jahre 1266 (M.U.B. II, 1071) wird vom Pommernherzog dem Kloster Dargun die "urbs Kalen cum toto stagno adiacente" bestätigt. Da die Burg Borwins aber bereits seit dem Jahre 1244 besteht (M.U.B. I, 564), müßte es noch eine andere Burg bei Kalen gegeben haben. Scheinbar ist aber die Urkunde aus dem Jahre 1266 in ihrem ersten Teil nur eine Abschrift aus früheren Privilegien des Klosters Dargun, die vor dem Jahre 1244 ausgestellt sind, als das Kloster noch im Besitz der Burg Kalen war. Die Urkunde ist deshalb für die tatsächliche Besitzverteilung in Kalen im Jahre 1266 ohne Bedeutung.
330) Vgl. Lisch, M.J.B. 12, S. 457 ff.
331) M.U.B. I, 401.
332) M.U.B. I, 564.
333) M.U.B. I, 564: "de consensu tamen inhabitancium ipsum locum".
334) M.U.B. I, 564: "cum nos ciuitatem ... edificassemus". Weil die Stadt heute nicht mehr besteht, läßt sich die urkundliche Aussage nicht so ohne weiteres nachprüfen. Das Wort "aedificare" deutet nicht immer auf eine Gründung aus frischer Wurzel hin.
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Die Stadtgründung scheint nicht so mühelos gelungen zu sein. Denn während uns bereits 1244 die Erbauung der Stadt überliefert ist, wird uns erst 1253 von der Verleihung des lübischen Stadtrechts an Kalen berichtet 335 ). Neun Jahre verstrichen danach noch seit 1244, bis die Stadtgründung Kalens. endgültig erfolgte. Dieser Umstand mag sich aus der Schwierigkeit erklären lassen, daß das Gebiet, auf dem die Stadt gegründet werden sollte, dem Kloster Dargun gehörte. Die Grundherrschaft über das Stadtgebiet mußte der Landesherr erst erwerben. Im Jahre 1244 sehen wir den Fürsten Borwin daher zunächst bemüht, für seine mit der Stadt zugleich neu errichtete Burg Kalen ein Burglehen für die Burgbesatzung vom Kloster Dargun zu erhalten. Es gelingt ihm zu diesem Zweck, ein Dorf, das dem Kloster gehörte und für ein Kalener Burglehen sehr geeignet und günstig erschien, gegen zwei andere Dörfer von dem Kloster einzutauschen 336 ). In den folgenden Jahren war er bestrebt, auch die Grundherrschaft der Stadt und ihrer Feldmark zu erwerben. Vor dem Jahre 1248 hat er scheinbar dem Kloster Dargun bereits für das Stadtgebiet, das er ihm genommen hatte, 30 Hufen in Teschow angewiesen 337 ). Im Jahre 1252 kommt gegen noch weitere Zugeständnisse Borwins ein endgültiger Vertrag zwischen ihm und dem Kloster zustande, der Borwin definitiv die Grundherrschaft über Kalen sicherte 338 ). Darauf erfolgte ein Jahr später (im Jahre 1253) die Stadtrechtsverleihung 339 ).

Die Lage von Kalen scheint den Bürgern jedoch nicht günstig genug gewesen zu sein; denn im Jahre 1281 erfolgte die Verlegung der Stadt Kalen in das Dorf Bugelmast 340 ). Die "narratio" der Urkunde berichtet: "wy hebben thogelaten tho kamende die stadt Kalandt in dat dorp, welker genomet was Bugelmast". Auf diese Weise entstand die heutige Stadt Neukalen. Den Bürgern von Kalen, die im Jahre 1281 ihre bisherige Stadt verließen und in das Dorf Bugelmast übersiedelten, um sich dort eine neue Stadt zu bauen, wurden ihre Privilegien, die sie in ihrer alten Stadt gehabt hatten, be-


335) M.U.B. I, 564; II, 713.
336) M.U.B. I, 564.
337) M.U.B. I, 604.
338) M.U.B. II, 684.
339) M.U.B. II, 713.
340) M.U.B. III, 1581.
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stätigt. Zugleich wurde ihnen auch eine Feldmark von der Größe, wie sie sie vorher in der alten Stadt besessen hatten, verliehen.

Von dem Dorf Bugelmast ist anscheinend keine Spur mehr vorhanden. Vielleicht war es bereits bei der Gründung Neukalens verlassen. Denn nach unserer Überlieferung ist die Stadt in das Dorf verlegt worden. Der Stadtplan freilich läßt dies nicht mehr erkennen 341 ). Der Grundriß Neukalens ist vielmehr ein typisches Beispiel für die Zentralanlage der mittelalterlichen Stadt 342 ). Eine Karte von 1727 zeigt diese Anlage noch besonders deutlich. Die Stadt ist kreisrund gebaut. Der Radius beträgt etwa 200 Meter. Der Marktplatz ist quadratisch und liegt im Zentrum der Stadt. Auf dem Marktplatz schneiden sich rechtwinklig zwei Straßen, die gleichsam als Durchmesser in dem Kreis der Stadtanlage liegen. Die Stadt Neukalen wurde also bei ihrer Gründung neu angelegt. Die erste Stadt Kalen erhielt nach der Gründung Neukalens den Namen Altkalen und ist bald ein Dorf geworden 343 ).

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7. Die Gründung der Stadt Tessin 344 ).

Während alle Städte der früheren Herrschaft Rostock bereits im 13. Jahrhundert gegründet sind, wurde Tessin erst im Anfang des 14. Jahrhunderts zur Stadt erhoben und zwar in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts, wahrscheinlich zwischen den Jahren 1323 und 1325. Wessel nimmt an, daß der Ort bereits im Jahre 1320 bzw. 1321 Stadtrecht erhielt, und er bezieht sich dabei auf eine Urkunde aus dem Jahre 1323, die er in der auf Tessin bezüglichen Stelle im Wortlaut anführt und die folgendermaßen lautet: "Wesenberghe, hus unde stad, dat hus to Thessin und dat hus to Vrederichsdorpe" 345 ). Während bei Wesenberg also die Stadt erwähnt ist, wird sie bei Tessin gerade nicht genannt, sondern nur die


341) Carte von der Stadt Nien-Kahlden und den Grentzen, Feldtmark nebst Spezification derer sämbtlichen Bürgernahmen und freyen Theile ... emessen und aufgenommen von dem Artillerielieutnant C. G. Hermanns und Condukteur F. H. Brückmann 1727 (im Besitz der Stadt Neukalen).
342) Vgl. Meurer a. a. O. S. 65 ff.
343) Schlie a. a. O. I, S. 598.
344) Vgl. F. Wessel, Geschichte der Stadt Tessin, Parchim 1926.
345) Wessel a. a. O. S. 8.
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Burg. Erst aus einer Urkunde aus dem Jahre 1325 können wir schließen, daß Tessin Stadtrecht erhalten hatte, da in einer Aufzählung der Städte und Flecken der Herrschaft Rostock der Name von Tessin unter den Städten vor Kröpelin erscheint, das damals schon mehrere Jahrzehnte Stadt war 346 ). Ausdrücklich als Stadt (oppidum) oder Flecken genannt wird uns Tessin aber erst im Jahre 1343 347 ). In der Wendenzeit hat wahrscheinlich eine Burg Tessin als Mittelpunkt des späteren gleichnamigen Landes schon einige Bedeutung gehabt. Auch ein wendisches Dorf Tessin scheint bestanden zu haben. Darauf deutet der Name von Kl. Tessin hin, einem Dorf in der Nähe der heutigen Stadt, bei dem der Beiname "Klein" wohl soviel wie wendisch bedeutet 348 ).

In der Kolonisationszeit scheint Tessin jedoch keine bedeutende Rolle gespielt zu haben, da uns urkundlich sein Name nicht vor 1301 bekannt ist 349 ). In diesem Jahr wird uns die Burg genannt, eine Tatsache, aus der wir erkennen können, daß vielleicht gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Tessin eine Burg neu errichtet wurde. Ein neues Dorf Tessin - vermutlich im Unterschied von dem wendischen Klein-Tessin Groß-Tessin benannt - wird jedoch schon in der ersten Hälfte des Jahrhunderts angelegt sein, da man annimmt, daß die heutige Kirche zwischen 1220 und 1240 entstanden ist und der Stadtplan in seiner heutigen Form noch deutlich die ursprüngliche Anlage eines Dorfes erkennen läßt 350 ). Ferner zeigt der Stadtplan, daß die Hauptstraße einst die alte Dorfstraße gewesen ist, da sie in der Richtung des Landweges von Gnoien nach Rostock am Markt vorbei durch die ganze Stadt hindurchführt. Diese Straße ist früher die einzige Hauptstraße der Stadt gewesen 351 ). Hiernach scheint die Stadtgründung Tessins sich in der Weise vollzogen zu haben, daß ein Dorf, das nach dem Baustil der Stadtkirche in der Kolonisationszeit angelegt wurde, im 14. Jahrhundert Stadtrecht erhielt.


346) M.U.B. VII, 4675.
347) M.U.B. IX, 6295.
348) Wessel a. a. O. S. 4.
349) M.U.B. V, 2748.
350) Plan der Stadt Tessin 1819 von Bernhard Engel (im Besitz der Stadt Tessin).
351) Gnoiener Straße (früher Nedderstraße), Alter Markt und Rostocker Straße sind die ältesten Teile Tessins (Wessel a. a. O. S. 13/14).
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b) Das Kolonisationsgebiet der Herrschaft Mecklenburg.

Von den Landesherren der Herrschaft Mecklenburg wurden außer Wismar, das schon vor dem Jahre 1229 bestand, Grevesmühlen, Neubukow und Brüel gegründet.

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Stadt Wismar, bei der Anlage von Neubukow beteiligt war. Im Jahre 1278 besaß Rudolf von Krukow, ein Ratsherr aus Wismar, in Neubukow einen Hof und Güter 352 ), ein Eigentum, das er im Jahre 1283 an die Ratmänner dieser Stadt verkaufte 353 ). Vielleicht erhielt Rudolf von Krukow diesen Besitz als Lohn für seine Lokatortätigkeit bei der Gründung Neubukows, das uns im Jahre 1260 als Stadt zuerst bezeugt ist 354 ). Neubukow liegt an der Haupthandelsstraße von Wismar nach Rostock in der Nähe Wismars, so daß Wismar an dieser Stadtgründung nicht uninteressiert zu sein brauchte. Vielleicht können wir die "bona" des Wismarer Ratmannes als Einnahmen aus der Gerichtsbarkeit und Hausstellen auffassen, da uns die Verwendung dieses Wortes in einem solchen Sinne durchaus bekannt ist 355 ), und da gerade die Ratmänner von Neubukow Krukow seinen Besitz abkauften, scheinen diese Güter eine besondere Bedeutung gehabt zu haben. Auch die beträchtliche Summe von 270 Mk., die hierfür bezahlt wird, läßt auf die Größe des Besitzes schließen. In Sülze wird die Lokatorenentschädigung 100 Jahre später nur mit 210 Mk. bezahlt 356 ).

Danach erscheint die Annahme vielleicht nicht unberechtigt, daß bei der Anlage von Neubukow die Stadt Wismar durch ihren Ratsherrn Rudolf von Krukow, der sein Kapital dafür zur Verfügung stellte, mitgewirkt hat. Es würde sich damit, wenn auch in kleinerem Umfang, für Wismar eine gleiche Beteiligung bei der Anlage der mecklenburgischen Städte ergeben, wie wir sie für Rostock hinsichtlich der Städte der Rostocker Herrschaft erwiesen zu haben glauben 357 ).


352) M.U.B. II, 1457: "curiam et bona in Bucoywe".
353) M.U.B. III, 1658.
354) M.U.B. II, 874.
355) M.U.B. V, 3261.
356) M.U.B. XVIII, 10502.
357) Vgl. S. 56 ff.
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1. Die Gründung der Stadt Neubukow 358 ).

Die Stadt Neubukow, die an der Straße von Rostock nach Wismar liegt, wurde um die Mitte des 13. Jahrhunderts gegründet. Im Jahre 1260 wird die "neue Stadt Bukow" (Nouum opidum Bukow) zum erstenmal erwähnt 359 ). Die Ratmänner von Greifswald erklären sich nach der Urkunde von 1260 gegenüber denen von Lübeck und Wismar bereit, wegen eines Streitfalls mit Rostock zu einer Schlichtungsverhandlung nach Neubukow zu kommen. Die Versammlung wurde wahrscheinlich aus dem Grunde hier abgehalten weil der Ort in gleicher Entfernung von Lübeck und Greifswald liegt.

Vermutlich hat bereits in slawischer Zeit ein Dorf bei Neubukow gelegen, da es hier noch ein Ackerstück mit dem Namen "auf dem wendischen Kirchhof" gibt 360 ). Bedeutung hat das Dorf aber nicht gehabt, da der Mittelpunkt der späteren Vogtei Bukow zur Wendenzeit die Burg Ilow war 361 ).

In deutscher Zeit wurde statt Ilow das Dorf und die Burg Bukow der Sitz der Vogtei, und erst als im Lande Bukow eine Stadt gegründet wurde, ging die Vogtei von dem bisherigen Dorf auf die neu gegründete Stadt über, die in ihrem Namen "neue Stadt Bukow" die Erinnerung an diesen Vorgang aufbewahrt. Das Dorf Bukow, von dem die Vogtei an die Stadt abgegeben wurde und das damit zugleich der Stadt auch den Namen gab, hieß von da an "Alt-Bukow".

Ob vor der Stadtgründung schon ein deutsches Dorf in der Nähe der heutigen Stadt bestand, ist nicht mehr festzustellen, da diese selbst allem Anschein nach erst bei der Gründung neu angelegt wurde. Eine Betrachtung des Stadtplans zeigt, daß in der heutigen Stadt ein altes Dorf nicht fortbesteht, da bei einer solchen Annahme die Anlage des großen quadratischen Marktplatzes, von dem rechtwinklig die Straßen abgehen, nicht zu erklären ist 362 ).


358) Schlie a. a. O. III, S. 480 ff.; Bachmann a. a. O. S. 395.
359) M.U.B. II, 874: "in nouo opido Bukow".
360) M.J.B. 3, 124 B.
361) M.J.B. 7, 164; 26, 92; 28, 203; 29, 199; 21, 268.
362) Plan der Stadt Neubukow aus dem Jahre 1834 (im Besitz der Stadt Neubukow).
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2. Die Gründung der Stadt Grevesmühlen 363 ).

Die Stadt Grevesmühlen ist vor dem Jahre 1262 gegründet worden, weil sie uns in diesem Jahre als solche schon genannt wird. Die erste Ansiedlung Grevesmühlens war, wie der Name sagt, wahrscheinlich eine Müllerei, die vermutlich schon in der Wendenzeit bestand, da das Wort Grevesmühlen oder, wie es in den ältesten Urkunden lautet, "Gnevesmülne" aus der wendischen Sprache herstammt 364 ) und Mühle des Gnêv bedeutet. Ein wichtiger Punkt war es jedoch nicht, da die Hauptburg des Landes Bresen, zu dessen Mittelpunkt Grevesmühlen erst in deutscher Zeit wurde, wahrscheinlich in der Nähe des heutigen Dorfes Proseken lag 365 ).

Zu Beginn der Kolonisation in der Herrschaft Mecklenburg entstand ein deutsches Dorf Grevesmühlen, das im Jahre 1230 bereits eine Kirche besaß und sicherlich mehr als 12 Hufen bebaute. Diese Größe der Hufenzahl erkennt man deutlich aus der Eintragung des Ratzeburger Zehntenregisters über Grevesmühlen, die folgenden Wortlaut hat: "Gnewesmulne ecclesia II, in agris Rademersuelt Conradus I, Theodericus I in agris antiquis Gnewesmulne" 366 ). Zur Erklärung dieser Notiz sei zunächst bemerkt, daß danach die Kirche in Grevesmühlen den Zehnt von zwei Hufen, Konrad und Theodor den Zehnt von je einer Hufe vom Bischof erhalten haben. Aus der Tatsache nun, daß der Bischof den Zehnt von zwei Hufen an Laien abgegeben hat, können wir den Schluß ziehen, daß Grevesmühlen damals schon eine Feldmark von über 12 Hufen gehabt hat. Es ist uns nämlich ein Vertrag zwischen dem Landesherrn der Herrschaft und dem Bischof von Ratzeburg erhalten, in dem die Zehntenabgabe der Dörfer, die infolge der deutschen Kolonisation neu angelegt wurden, geregelt ist 367 ). Dieser Vertrag legt dem Bischof gewisse Verpflichtungen auf. Er soll von einem Dorf, das mindestens 12 Hufen anbaut, den Zehnt von zwei Hufen abgeben, bei einem


363) Vgl. Schlie a. a. O. II, S. 340 ff.; Bachmann a. a. O. S. 413; Reifferscheid a. a. O. S. 142 ff. M.U.B. II, 963: "oppidum Gnewesmolne".
364) Kühnel a. a. O. S. 57.
365) M.U.B. I, 197.
366) M.U.B. I, 375 S. 374. Das Dorf wird auch M.U.B. II, 859 genannt.
367) M.U.B. I, 284.
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Dorf mit niedrigerem Anbau nur den Zehnt von einer Hufe. Da Grevesmühlen den Zehnt von zwei Hufen an Konrad und Theodor entrichtet, läßt sich nach dem Inhalt des angeführten Vertrages erkennen, daß Grevesmühlen im Jahre 1230 einen Landbesitz von mindestens 12 Hufen gehabt hat.

Aber noch eine andere Tatsache, die uns einen interessanten Einblick in die Entstehungsgeschichte des Dorfes Grevesmühlen gewinnen läßt, lernen wir aus der schon zitierten Stelle des Zehntenregisters. Wie uns zwei Männer genannt werden, die jeder den Zehnt von einer Hufe empfangen, so werden auch zwei Feldmarken genannt, auf denen diese beiden Hufen liegen. Die Hufe von Konrad liegt in Rademersfeld, während die von Theodor auf der alten Feldmark von Grevesmühlen sich befindet. Es liegt nahe, diese Trennung so zu erklären, daß Grevesmühlen aus zwei verschiedenen Dörfern zusammengewachsen ist, von denen das eine ursprünglich Rademersfeld hieß und das andere das eigentliche Grevesmühlen war. Als das Zehntenregister abgefaßt wurde (1230/34), waren jedoch beide Dörfer bereits unter dem Namen Grevesmühlen vereinigt 368 ). Die Erinnerung an den ursprünglichen Zustand ist uns nur durch die Beschreibung der Lage der beiden, dem Bischof nicht zehntpflichtigen Hufen aufbewahrt. Scheinbar blieb das Dorf auch bei der Stadtgründung erhalten, da der Stadtplan uns die Vermutung nahelegt, daß das Dorf durch Stadtrechtsverleihung an seine Einwohner zur Stadt erhoben wurde 369 ). In der langen Hauptstraße, die von der Mühle zum Markt führt, erblicke ich die ehemalige Dorfstraße. An dieser liegt die Kirche und, wie schon erwähnt, auch der Markt. Außerdem ist die unregelmäßige Anlage der übrigen Straßen besonders auffallend, so daß der Grevesmühlener Stadtplan mit einem ostdeutschen Kolonialstadtplan, wie er bei der Neuanlage einer Stadt im 13. Jahrhundert mit großer Regelmäßigkeit entworfen wurde und uns auch aus mecklenburgischen Städten, wie Ribnitz, Gnoien und Neukalen, bekannt ist, nicht verglichen werden kann. Es ist danach anzunehmen,


368) Das glaube ich schließen zu dürfen aus dem Wort "in agris", das bei beiden Namen steht, und aus der Tatsache, daß es nicht "antique Gnewesmolne" heißt, sondern "in agris antiquis Gnewesmolne"; dieser Ausdruck macht wahrscheinlich, daß der neue Acker Rademersfeld gewesen ist.
369) Plan der Stadt Grevesmühlen (1864). Schweriner Geh. und Haupt-Archiv.
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daß die heutige Stadt Grevesmühlen aus einem Dorf entstanden ist.

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3. Die Gründung der Stadt Brüel 370 ).

Brüel liegt ungefähr 30 km östlich von Schwerin. Die Stadt wurde von den mecklenburgischen Herzögen zwischen den Jahren 1344 und 1370 gegründet. Zwar besitzt die Stadt ein Gründungsprivileg, das aus dem Jahre 1340 stammen soll und das der Ritter Reimar von Plessen ausgestellt haben will, aber, wie bereits von Beyer nachgewiesen wurde 371 ), ist diese Urkunde gefälscht und auch die erst kürzlich von Lemke unternommenen Versuche, ihre Echtheit zu retten, sind als nicht gelungen zu bezeichnen 372 ). Lemke vermag zur Widerlegung der Gründe von Beyer nur auf das frühere Stadtwappen hinzuweisen, das wegen seiner Schildform und des halben Stierkopfes im Schild auf einen Ritter von Plessen als Gründer hinweisen soll. Weil nun aber dies Brüelsche Stadtwappen uns vor der Zeit, als die Plessen Brüel im Besitz hatten, nicht bekannt wird, ist damit auch dieser einzige Grund hinfällig, den Lemke für eine Gründung Brüels im Jahre 1340 durch Reimar von Plessen anführen kann. Das heutige Brüeler Stadtwappen wird erst zur Zeit entstanden sein, als Brüel in den Händen der von Plessen war. Ferner sollen auch nach einem Privileg vom Jahre 1487 damals noch die Einkünfte, die nach der Fälschung von 1340 dem Ritter von Plessen zufallen, an den Landesherrn abgegeben werden und nicht an die von Plessen 373 ), die im Jahre 1487 die Stadt im Besitz hatten. Da man nun schwerlich annehmen kann, daß die Plessen ihre einzigen Einkünfte aus der Stadt Brüel damals an den Landesherrn abgegeben hatten, bleibt nur die Möglichkeit, daß ursprünglich überhaupt die Einnahmen, die angeblich nach dem Privileg von 1340 den Plessen zukamen, dem Landesherrn gehörten. Die Urkunde von 1487 deutet


370) Schlie a. a. O. Bd. III, S. 386 ff.; Bachmann a. a. O. S. 394; Lisch, Über das Siegel, die Gründung und das Stadtrecht der Stadt Brüel (M.J.B. 21, S. 64-70); Otto Lemke, Geschichte der Stadt Brüel mit der Geschichte der Brüeler Schützenzunft und den Flurnamen, Brüel 1927.
371) M.U.B. IX, 6054, und die Anmerkung zu dieser Urkunde S. 264 u. 265.
372) Lemke a. a. O. S. 25 ff.
373) Lemke a. a. O. S. 27.
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also darauf hin, daß die Stadt einst im Besitz des Landesherrn war. Außerdem wird Brüel noch im Jahre 1344 mit zwei andern Dörfern zusammen ohne eine von diesen unterschiedliche Bezeichnung genannt 374 ). Danach war es in diesem Jahr auch noch ein Dorf. Erst im Jahre 1370 begegnet uns Brüel zum erstenmal mit dem Zusatze "Wikbelde" 375 ), ein Wort, das zum Unterschied von Dorf gebraucht wird 376 ) und anscheinend dieselbe Bedeutung wie oppidum hat 377 ). Ferner begegnen uns in echten Urkunden die Plessen vor dem Jahre 1391 nicht als Besitzer der Stadt Brüel, vielmehr waren vor diesem Zeitpunkt andere Adelige und der Schweriner Bischof und das dortige Domkapitel im Besitze der Stadt 378 ). Danach muß als unbedingt sicher gelten, daß Brüel nicht von einem Ritter von Plessen im Jahre 1340 gegründet ist, sondern von dem Landesherrn, wie aus dem Privileg von 1487 hervorgeht.

Vor der Verleihung des Stadtrechtes war Brüel ein Dorf, das uns bereits im Jahre 1222 zuerst genannt wird 379 ). Wahrscheinlich wird es sich dabei um eine Siedlung gehandelt haben, die der deutschen Kolonisation ihre Entstehung verdankt. Denn schon im Jahre 1370 wird uns eine von der Stadt getrennte slawische Siedlung, der Kietz, genannt 380 ). Beide Wohnstätten liegen nur durch einen Bach getrennt direkt nebeneinander. Noch im Jahre 1766 gehörte jedoch nach einem Bericht des Rates der Kietz nicht zum Stadtbezirk 381 ). Auch ein wendischer Burgwall Brüel soll bestanden haben. Man darf annehmen, daß der heutige Schulplatz in der Wendenzeit als Burgwall im Sumpf aufgetragen wurde 382 ). Die Stadt ist durch Stadtrechtsverleihung an das deutsche Dorf, das neben dem Kietz angelegt wurde, entstanden. Denn der Stadtplan von Brüel ist der eines Dorfes 383 ). Eine Straße, die


374) M.U.B. IX, 6458.
375) M.U.B. XVI, 10068.
376) M.U.B. XVIII, 10255.
377) M.U.B. XXII, 12317.
378) M.U.B. XVI, 10068; XVIII, 10255, 10 605, 10621; XXII, 12317.
379) M.U.B. I, 282.
380) M.U.B. XVI, 10068.
381) Lemke a. a. O. S. 19.
382) Lemke a. a. O. S. 9.
383) Grundriß von dem ... Stadt- und Bürgerfelde (Brühl), aufgemessen im mense Oktober 1753 (im Besitz des Schweriner Archivs).
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dem Lauf des Landweges folgt und durch die Lage der Kirche in zwei Hälften geteilt wird, macht fast den ganzen Stadtplan aus. Der Marktplatz ist ein Teil dieser Straße.

c) Das Kolonisationsgebiet der Herrschaft Parchim.

Die Herrschaft Parchim entstand nach dem Tode Heinrich Borwins I. im Jahre 1229, als dessen Fürstentum unter seine vier Enkel geteilt wurde 384 ). Zunächst wurde die Herrschaft Parchim allerdings von dem Fürsten von Mecklenburg mitregiert, da Pribislav, dem als dem jüngsten der vier Enkel Heinrich Borwins das Parchimer Gebiet zugefallen war, noch nicht mündig war. Auch wurde bereits im Jahre 1256 Pribislav für abgesetzt erklärt und sein Fürstentum unter die drei übrigen Herrschaften verteilt. Trotzdem ist es berechtigt, die Entstehung der Städte der Herrschaft Parchim gesondert zu behandeln, weil von den vier Städten, die in diesem Gebiet im 13. Jahrhundert entstanden sind, zwei, nämlich Goldberg und Sternberg, unter der Regierung Pribislavs entstanden sind. Außerdem besaßen alle vier Städte das sogen. Parchimer Recht, wodurch sie von allen Städten der übrigen Herrschaften unterschieden werden. Das Parchimer Fürstentum grenzte im Westen an die Grafschaft Schwerin, im Osten an die Herrschaft Werle, und im Norden bildete die Warnow die Grenze nach der Herrschaft Mecklenburg. Es umfaßte also "die Länder Sternberg, Kutin (das spätere Amt Goldberg), Ture (das Amt Lübz) und Parchim, also das alte Land Warnow" 385 ). Mit der Gründung von Parchim und Plau kurz vor dem 4. oder 5. Juli 1226 wurde die Kolonisation in diesen Ländern begonnen.

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1. Die Gründung der Stadt Parchim 386 ).

Die Stadt Parchim an der Elde wurde in den Jahren 1225 - 1226 von Heinrich Borwin II. gegründet 387 ). Aus der


384) Witte a. a. O. Bd. I, S.161 ff.
385) Witte a. a. O. Bd. I, S. 162.
386) Vgl. F. Cleemann, Chronik und Urkunden der Mecklenburg-Schwerinschen Vorderstadt Parchim, Parchim 1825; W. G. Beyer, Betrachtungen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Stadt Parchim, Parchim und Ludwigslust 1839; H. W. C. Hübbe, Zur topographischen Entwicklung der Stadt Parchim, Parchim 1899; C. Augustin, Geschichte der Stadt Parchim, Parchim 1926; Schlie a. a. O. IV, S. 420 ff.; Bachmann a. a. O. S. 427 ff. Vgl. den beigefügten Stadtplan von Parchim.
387) M.U.B. I, 319.
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nicht gerade sorgfältigen Schrift der Stiftungsurkunde und dem Fehlen der Zeugenreihe erkennt man, daß die Urkunde in aller Eile ausgestellt wurde. Wahrscheinlich hat Heinrich Borwin sie noch kurz vor seinem Tode am 4. oder 5. Juli 1226 abfassen lassen 388 ). Somit kann man das Gründungsdatum der Stadt mit einiger Wahrscheinlichkeit in die Zeit kurz vor dem 4. oder 5. Juli 1226 ansetzen.

Obgleich vor der Stadtgründung der Name Parchim aus unserer schriftlichen Überlieferung nicht bekannt ist 389 ), haben wir doch wohl anzunehmen, daß schon vor der Einordnung Mecklenburgs in den deutschen Reichsverband Parchim ein Ort von einiger Bedeutung war, da ein wendischer Burgwall neben der Stadt erhalten ist, nach dem das umliegende Land benannt wurde. Diese Burg ist vielleicht vor der Stadtgründung nicht mehr mit Burgleuten besetzt gewesen; denn die Stiftungsurkunde der Stadt nennt das Land Parchim ein "verlassenes und unwegsames Land" 390 ). Schon damit scheint auch die Annahme hinfällig zu sein, daß neben der alten Wendenburg vor der Stadtgründung eine christliche Siedlung bestand. Trotzdem ist einiges dafür angeführt worden. Man begründet die Existenz dieser Siedlung mit der Vermutung, daß an der heutigen Parchimer Georgenkirche schon vor dem Jahre 1225 gebaut wurde, weil diese Kirche nach Reifferscheid "Reste eines alten Baues von basilikaler Anlage" in sich enthalte, deren Stilcharakter auf eine Anlage der Kirche vor der eigentlichen Kolonisationszeit hinweist 391 ). Ferner glaubt Schmaltz auch aus dem Umfange des Parchimer Georgenkirchspiels, das wahrscheinlich in der ersten Zeit seines Bestehens das ganze Land Parchim umfaßte und auch noch in nachfolgender Zeit "die späteren Kolonisationspfarren um mehr als das Doppelte übertraf", auf die Existenz einer christlichen Siedlung schon vor der Stadtgründung schließen zu dürfen 392 ). Die Richtigkeit


388) Vgl. die Anmerkung des Herausgebers zu M.U.B. I, 319.
389) Die Urkunde M.U.B. I, 91, in der die Burg Parchim erwähnt wird, ist gefälscht. Vgl. Salis, Die Schweriner Fälschungen, a. a. O.
390) Unbesiedelt wird das Land Parchim trotzdem nicht gewesen sein. Die Gründungsurkunde Parchims redet im § 10 von Gütern, die aus der Zeit des Heidentums stammen.
391) Augustin a. a. O. S. 5; Reifferscheid a. a. O. S. 86/87.
392) M.J.B. 72, S. 184/85.
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Plan der Stadt Parchim in geschichtlicher Entwicklung
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dieser Ansicht läßt sich urkundlich nicht nachweisen. 393 ). Doch ist es nach der Form und der Lage des "alten Marktes" in Parchim keineswegs unmöglich, daß neben der Burg Parchim vor der Stadtgründung ein Marktverkehr und hier vielleicht eine christliche Kaufmannssiedlung bestand. Betrachtet man den Plan der Altstadt Parchim, so fällt sofort auf, daß der Marktplatz sowohl nach seiner Form wie auch nach seiner Lage dem Gesamtplan der Stadt nicht entspricht. Der "alte Markt" liegt zusammen mit der Kirche am Rande der alten Stadt in nächster Nähe der Burg. Er ist lediglich eine Erweiterung der Hauptverkehrsstraße, die über Parchim von der Elbe nach der Ostsee (Wismar) führte. Man erkennt diese Form und Entstehung des alten Marktes noch deutlicher aus der Tatsache, daß er seine unmittelbare Fortsetzung im "Schuhmarkt" hat. So ergibt sich das Bild einer großen Marktstraße, die sich im Halbkreis um die Kirche herumzog. Die Richtung dieser Marktstraße ist bezeichnenderweise die der Elbe-Ostseestraße. Es ist nun nicht zu vermuten, daß man den Marktplatz in dieser Form am Rande der Stadt angelegt hätte, wenn er nicht schon in dieser Lage als Marktstraße vorhanden gewesen wäre, als die Stadt angelegt wurde. Danach bestand vielleicht schon vor der eigentlichen Stadtgründung bei der Burg Parchim eine Marktsiedlung, die auch - vorausgesetzt, daß die Argumente, die Reifferscheid dafür beibringt, richtig sind - eine eigene Kirche besaß.

Die Stiftungsurkunde gibt uns über den Vorgang der Stadtgründung mancherlei Auskunft. Sie läßt das Verdienst der Fürsten an der Gründung der Stadt und der Kolonisation des Landes klar hervortreten. Ausdrücklich sagt die Urkunde, daß die Ansiedler, die von nah und fern herbeikamen, von Heinrich Borwin zur Besitzergreifung des Landes eingeladen wurden 394 ). Es ist somit das Verdienst des Fürsten, die Kolo-


393) Die Urkunde, die wenigstens in einem Fall diese Tatsache zu erweisen scheint, ist nach Kunkel gefälscht (A. Kunkel, Archiv für Urkundenforschung III, S. 76 über M.U.B. I, 125). Überhaupt ist die Ansicht von Schmaltz, daß "die Christianisierung Mecklenburgs schon vor einer deutschen Kolonisation und ohne deren Rückhalt nicht unerhebliche Fortschritte machte", durch die Urkundenforschung von Salis und Kunkel, die die Urkunden, auf die Schmaltz sich mit seiner Ansicht zu stützen vermochte, als Fälschungen erkannten (M.U.B. I, 91, 125, 147, 152), unhaltbar geworden.
394) "Ipsos tam de longinquis, quam de uicinis partibus inuitantes".
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nisation des Landes Parchim eingeleitet zu haben, die allerdings, wie es bei den Wendenfürsten natürlich ist, nach unserer Urkunde nicht als eine Germanisation, sondern als eine Christianisierung und wirtschaftliche Neugestaltung des Landes erscheint 395 ).

Zur technischen Durchführung der Stadtgründung und der Kolonisation des Landes bediente sich der Fürst einiger Lokatoren. Um dies zu beweisen, sei zunächst festgestellt, was man bisher noch nicht erkannt hat, daß die Stiftungsurkunde, die auch die Verleihung eines Stadtrechtes an "den neuerbauten Ort Parchim" enthält, die Form eines Vertrages zwischen Heinrich Borwin und einigen Lokatoren aufweist, die die Empfänger der Urkunde sind und zum Bau der Stadt und zur Kolonisation des Landes verpflichtet werden. Die Urkunde hat folgenden Wortlaut 396 ): "Heinricus Burwinus, dei gracia dominus in Rozstoc, vniuersis hanc paginam tam legentibus, quam audientibus. Notum facimus, quod diuina fauente miseracione nostraque sedula promocione terram Parchem, terram inquam desertam et inuiam, terram cultui demonum dedicatam, colonis commisimus christianis, ipsos tam de longinquis, quam de uicinis partibus inuitantes. In ipsa quoque prouincia ciuitatem construximus, iura ei et iudicia prestantes, que congrua, commoda et utilia terre ac ciuitatis. eiusdem cultoribus 397 ) uidebantur.

1) Primo autem omnium ipsam ciuitatem liberam concessimus omnibus inhabitantibus eam cum omni iure.

2) Huius eciam ciuitatis cultoribus dedimus omnem prouentum, qui vulgo sonat inninge 398 ), et solidum vriedescillinc, et ad emendacionem et structuram ciuitatis.


395) "Terram Parchem, terram inquam desertam et inuiam, terram ,cultui demonum dedicatam, colonis commisimus christianis".
396) M.U.B. I, 319: "Heinrich Borwin, Fürst von Rostock, bewidmet den neu erbauten Ort Parchim mit dem Stadtrecht".
397) "cultoribus" ist nicht, wie bisher allgemein üblich, als "dativus commodi" aufzufassen und mit "für die Bebauer" zu übersetzen, sondern als "dativus des Objekts" zu betrachten und mit "den cultores" (Lokatoren) zu übersetzen. Das ergibt sich aus dem § 2. Vgl. die Ausführungen im Text.
398) Der Ausdruck "prouentum, qui vulgo sonat inninge" ist zu übersetzen mit "Einkunft aus der Innung". So nennt Herzog Otto von Braunschweig im Jahre 1240 (Rechtmeyers Braunschw. Chron. Append. p. 1830) das Verkaufsrecht einer Innung "gratiam vendendi, quae vulgariter dicitur inninge".
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3) Item tercia pars de uadiis magnarum causarum, sicuti de pugna infra ciuitatem supra IV solidos cedet in usus ciuitatis.

4) Item concedimus, quod ipsosciues nullam reisam uel expedicionem extra dominium nostrum oporteat equitare.

5) Item quod pro nulla causa ad alcius uadum, quam XII solidos debent conpelli, nisi pro homicidio uel aliquo uulnere, quod per aciem ferri fiat.

6) Item quicunque ciuis accommodaueritt bona sua qualiacumque alicui extra ciuitatem, et ille non soluerit, in ciuitate detineatur, donec soluat uel iusticiam exhibeat.

7) Item ciues de Parchem non dabunt forense telonium per omnes terminos terre nostre.

8) Item datum est omnibus in terra morantibus, quod nullum ad concilium, quod marcdinc uocatur, sunt conpellendi; similiter ad ius feodale, quod lenrecht uocatur, sunt minime conpellendi, sed tantum ad ius, quod mannerecht vulgo sonat.

9) Item equam partem habere debent filie cum filiis in omnibus bonis, tam feodis, quam aliis; et si non sint filii, prestari debent filiabus bona patris.

10) Item si contingat mori aliquem, cuius filii non receperunt bona sua uiuente patre, prestari debent bona, que patres eorum possederuntt a paganismo et cultu siluestri.

11) Item concedimus, ut ea, que herewede dicuntur, et muliebria, que wiberade uocantur, minime dentur, sed hereditas est per medium diuidenda.

12) Pascusa uero ciuitatis protendunt a ualle campi Boken usque ad tiliam et inde usque ad fontem et a fonte directe donec in Zlonenam fluvium.

13) Item piscacio peromnem prouinciam communis et libera est cum sportis et hamis et retibus, exceptis solis sagenis.

14) Item quicumque obtinet bona sua et optenta possidet diem et annum, nullus debet uel poterit infringere pretendens racionem prioris beneficii.

15) Super hec omnia unicuique ita concessa sunt bona sua primitus cum omni iure, ut a nemine hominum paciatur molestiam uel grauamen.

Das Wort "cultores" kommt im Text der Urkunde nur an zwei Stellen vor. Zunächst finden wir es in der Narratio

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der Urkunde, wo die ausschlaggebende Stellung der "cultores" des Landes (!) und der Stadt bei der Auswahl der Rechte und Privilegien der Ansiedler betont wird, ein Umstand, der es auch wahrscheinlich macht, daß die cultores die Empfänger der Urkunde waren. Außerdem werden die cultores noch in § 2 erwähnt, in dem ihnen speziell städtische Einnahmen, die Einkünfte, die von den Innungen zu erheben waren, und der Friedensschilling überwiesen werden. Dabei wird hinzugefügt, daß sie diese Einnahmen zur Instandhaltung und Erbauung der Stadt benutzen sollten. Deutlich erscheint hier also die Aufgabe der cultores als die der Erbauung der Stadt. Die cultores werden in der Urkunde von den "cives" und "coloni" unterschieden. Denn das Recht, militärische Dienste nur in den Grenzen der Herrschaft Heinrich Borwins leisten zu brauchen, wird den Bürgern (cives) verliehen. Auch kommen die andern finanziellen Einnahmen, die im Privileg von Borwin erteilt werden, der Stadt als solcher zu (civitas). Außerdem kann das Wort "cultores" in dem Sinne von "Bebauer" (coloni) hier nicht gebraucht sein, da einer solchen Annahme der Inhalt des § 2, wo eigentümlich städtische Rechte den cultores verliehen werden, und die Tatsache, daß in der Urkunde an anderer Stelle für unser deutsches Wort "Bebauer" das Wort "colonus" gebraucht wird, widersprechen würden. Die cultores sind danach aus dem breiten Stand der "cives" und "coloni" herausgehoben, und nach dem Inhalt des § 2 ist es so gut wie sicher, daß wir in diesen cultores die eigentlichen Unternehmer der Stadtgründung zu suchen haben. Daneben erhielten sie nach unserer Urkunde auch den Auftrag zur Kolonisation des ganzen Landes Parchim.

Denn außer der Stelle in der Narratio, die davon redet, daß das Land Parchim christlichen Ansiedlern überlassen sei, und die cultores als solche der Stadt und des Landes bezeichnet, enthält auch der § 8 eine Bestimmung für alle Einwohner des Landes. Ferner scheinen auch die §§ 9 - 11, die Erbrechtsbestimmungen enthalten, für das ganze Land zu gelten, da diese Anordnungen auf keinen besonderen Stand beschränkt werden und diese Paragraphen außerdem hinter dem § 8 folgen, dessen Inhalt für alle Einwohner des Landes gelten soll. Ferner wird auch im § 13 das Fischereirecht im ganzen Land für gemein und frei erklärt. Man sieht also aus diesen Bestimmungen, daß der Landesherr nicht nur die Anlage der

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Stadt, sondern auch die Kolonisation des ganzen Landes ins Auge faßte und für beide Aufgaben die Lokatoren verpflichtete.

Es ist in diesem Zusammenhang auch zu beachten, daß Parchim im 14. Jahrhundert im Besitz fast der ganzen Vogtei Parchim ist und noch heute neben Rostock den größten Landbesitz unter den mecklenburgischen Städten hat 399 ). Daraus scheint hervorzugehen, daß die Stadt tatsächlich auf die Kolonisation des nach ihr benannten Landes maßgebenden Einfluß geübt hat.

Der Parchimer Lokationsvertrag enthält auffallenderweise keine Bestimmung über die Einsetzung bzw. die Existenz eines Rates. Die Erklärung hierfür ist wahrscheinlich darin zu suchen, daß die Ratsverfassung nicht sogleich in Parchim bei der Anlage der Stadt eingeführt wurde, sondern sich erst aus den besonderen Vorrechten entwickelte, die den cultores wegen ihrer führenden Stellung bei der Gründung der Stadt vom Landesherrn verliehen waren. Diese Annahme scheint durch die Tatsache bestätigt zu werden, daß in einer Urkunde von 1229 die "ganze Stadt" (tota civitas) ohne Hervorhebung der Ratmänner als Zeuge genannt ist 400 ), und erst im Jahre 1240 uns "die Ratmänner und die gesamte Stadt " bezeugt werden (consules et civitas universa) 401 ). Anscheinend hat danach in der ersten Zeit nach der Gründung in Parchim eine Behörde mit der Bezeichnung "Rat" tatsächlich nicht bestanden. Daraus würde sich auch erklären, daß die Innungen ihre Abgaben, die in dem Lokationsvertrag den cultores zugesprochen werden, später an den Parchimer Rat entrichten, wie es aus dem ältesten Einnahmeregister der Stadt Parchim ersichtlich ist, dessen Niederschrift von den Herausgebern des Mecklenburgischen Urkundenbuches in die Zeit "nach dem Jahre 1370" gesetzt wird 402 ). Der Parchimer Rat ist also offenbar zum Rechtsnachfolger der cultores geworden, welche die Stadt gebaut haben; und es wird damit zugleich wahrscheinlich, daß dem Parchimer Rat auch die cultores angehörten 403 ).


399) Beyer a. a. O. S. 2.
400) M.U.B I, 370.
401) M.U.B I, 508.
402) M.U.B. XVI, 10129: "Preterea officia, que innynge dicuntur, videlicet pistorum, sutorum, fabrorum et carnificum et lanificum, quodlibet istorum officiorum dabit XII solidos, videlicet consulibus VIII et magistris quatuor solidos".
403) Vgl. die Gründung der Stadt Güstrow, wo auch die Lokatoren zum Rat gehörten. Vgl. S. 116 ff.
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Der Parchimer Rat bestand zum größten Teil aus Mitgliedern deutscher Herkunft. Untersucht man die Namen der Ratmänner, die uns im Jahre 1240 zuerst genannt werden, so ergibt sich dabei ein Überwiegen der deutschen Nationalität 404 ). Ein ausgesprochen slawischer Name erscheint überhaupt nicht unter den Namen der ersten Ratmänner. Von den 12 Ratsherren sind fünf nur nach ihrem Vornamen genannt 405 ) und daher in ihrer Nationalität nicht festzustellen; von den übrigen sieben dagegen werden sechs nach ihrer Herkunft und nur einer nach seinem Familiennamen bezeichnet. Dieser Familienname, der in seiner lateinischen Form "Albus" angeführt wird und dem deutschen Namen Witte entspricht, ist ein deutsches Wort; er wurde auch von Ratsfamilien in Lübeck und Rostock geführt. Von den Ratsherren, die nach ihrem Herkunftsort in der Urkunde näher bestimmt werden, stammen zwei aus dem deutschen Mutterland 406 ), nämlich aus Hamm und Bevenhausen. Für weitere zwei 407 ), die aus Gadebusch und Mölln herkommen, ist ihre deutsche Abkunft wahrscheinlich, da diese beiden Städte in der Grafschaft Ratzeburg lagen 408 ), die bereits seit 1142 der deutschen Kolonisation offenstand. Auch für die übrigen beiden Ratmänner 409 ), die allerdings nach Dörfern bei Parchim genannt werden, ist ihre slawische Abstammung damit noch nicht erwiesen, weil es sehr wohl möglich ist, daß sie als Deutsche, bevor sie nach Parchim zogen, in diesen Dörfern gewohnt bzw. daß sie selbst diese Dörfer nach deutscher Weise kolonisiert haben. Hinzu kommt, daß die Vornamen sämtlich der deutschen bzw. biblischen Sprache angehören. Danach sind also die Parchimer Ratmänner, die uns im Jahre 1240 zuerst begegnen, überwiegend deutscher Abstammung gewesen. Vergegenwärtigt man sich die Tatsache, daß der Parchimer Rat vermutlich aus den Unternehmern der Stadtgründung sich gebildet hat, so kommt man zu dem Ergebnis, daß die Gründung von Parchim, die unter der Leitung


404) M.U.B. I, 508.
405) Ludolfus et Ludolfus fratres, Wichmannus, Nicolaus, Jacobus.
406) Johannes de Beuenhusen, ... Hamme.
407) Segebodo de Godebuz, Godofridus de Molne.
408) Die Grafschaft Ratzeburg wurde im Jahre 1201 von den Dänen an die Nachbarn aufgeteilt. Vgl. S.23.
409) Lutbertus de Bruzowe, Wilhelmus de Damme.
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des wendischen Fürsten vor sich ging, doch ein Werk deutscher Volkskraft gewesen ist.

Trotzdem soll die Existenz slawischer Bevölkerungselemente, besonders in den niederen Schichten und im Lande Parchim nicht geleugnet werden. Slawische Namen in Urkunden der späteren Zeit auch unter den Ratmännern von Parchim beweisen das Fortleben des Wendentums zur Genüge 410 ). Auch redet der Lokationsvertrag von Parchim im § 10 deutlich von den Gütern, die aus der Zeit des Heidentums und des Götzendienstes herrühren 411 ) und deshalb nur Slawen gehört haben können. Ferner werden im § 8 die Bestimmungen über das Gericht in gleicher Weise für alle Landesbewohner (omnibus in terra morantibus) verbindlich gemacht. Darunter werden nicht nur Deutsche, deren Einwanderung zum größten Teil erst durch den Vertrag in die Wege geleitet werden sollte, sondern vor allem auch Slawen verstanden sein.

Wie schon hervorgehoben, ist es wahrscheinlich, daß der "alte Markt" mit der Kirche bereits bei der Anlage der Stadt als ein gegebenes Planelement vorhanden war, auf das bei der Grundrißbildung der neuen Stadt Rücksicht zu nehmen war. Man erkennt, daß parallel der Linienführung der Marktstraße (alter Markt) weitere Straßen in gleichmäßigen Abständen voneinander angelegt wurden 412 ), die durch die Mittelstraße in zwei gleiche Teile getrennt und durch die Linden- bzw. Blutstraße begrenzt werden. Danach ist der alte Markt mit seiner Umgebung die eigentliche Keimzelle der Parchimer Altstadt gewesen, an die dann im Jahre 1225/26 die übrigen Straßen von den Parchimer Lokatoren nach vorbedachtem Plan angegliedert wurden.

Neben der Altstadt Parchim, die in der angegebenen Weise gegründet wurde, entstand später eine andere selbständige Stadt, die den Namen " Neustadt Parchim" erhielt und im Jahre 1249 zuerst genannt wird 413 ). Ob auch die Neustadt von Lokatoren angelegt wurde, ist uns nicht bekannt. Es ist allerdings nicht


410) Vgl. M.U.B. III, 1968, 2203, 2301; V, 2812, 3524; X, 6964.
411) M.U.B. I, 319: "Que Patres eorum possederunt a paganismo et cultu siluestri".
412) Nach dem heutigen Plan der Parchimer Altstadt handelt es sich dabei um drei Straßen. Vielleicht war die Zahl bei der Gründung geringer.
413) M.U.B. I, 633.
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unwahrscheinlich, da nach dem Plan der Stadt 414 ) diese eine Gründung aus frischer Wurzel zu sein scheint. Markt und Kirche liegen auf einem großen quadratischen Platz, der von zwei zueinander parallelen Längsstraßen begrenzt wird, von denen wieder rechtwinklig die Querstraßen abgehen. Sicherlich spricht aber die Tatsache der Gründung der Neustadt für das schnelle Anwachsen der Bevölkerung Parchims in der Zeit der Kolonisationsbewegung. Im Jahre 1282 wurden die Alt- und Neustadt Parchim scheinbar auf Wunsch der Bürgerschaft zu einem Gemeinwesen vereinigt. Die Urkunde über diesen Vorgang, die die rechtliche Auseinandersetzung zwischen der Bürgerschaft der Alt- und Neustadt Parchim enthält, ist uns erhalten geblieben 415 ).

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2. Die Gründung der Stadt Plau 416 ).

Die Stadt Plau, ebenso wie Parchim an der Elde gelegen, wurde spätestens im Jahre 1226 gegründet. Zwar ist uns das Original der Stiftungsurkunde nicht überliefert, aber wir besitzen eine Bestätigung derselben aus dem Jahre 1235, die darauf hinweist, daß schon Borwin I. in Gemeinschaft mit seinem Sohn Heinrich Borwin II. die Stadt Plau gegründet hat 417 ). Da Heinrich Borwin II. am 4. oder 5. Juli 1226 starb, muß also die Stadt vor diesem Termin schon bestanden haben. Wahrscheinlich wurde sie um dieselbe Zeit wie Parchim gegründet 418 ). Das ergibt sich aus einer vergleichenden Untersuchung des Parchimer Lokationsvertrages und der Plauer Privilegienbestätigung aus dem Jahre 1235, die den Inhalt der Stiftungsurkunde wiederholt. Die Plauer Urkunde stimmt in der Aufzählung der Privilegien, abgesehen von einigen inhaltlich für unsere Frage weniger bedeutungsvollen Abweichungen 419 ), wörtlich mit dem Parchimer Lokationsvertrag


414) Schlie a. a. O. IV, S. 420/21.
415) M.U.B. III, 1598.
416) Vgl. Lisch, Geschichte der Stadt Plau, Schwerin 1851; Schlie a. a. O. IV, 5. 574 ff.; Bachmann a. a. O. S. 430.
417) M.U.B. I, 428.
418) Lisch a. a. O. S. 33 behauptet, "Plau ist aber jedenfalls nach Parchim gegründet".
419) Der Stadt Plau werden im Unterschied zu Parchim, das nur Weideland erhält, 60 Hufen angewiesen. Ein anderer Unterschied besteht darin, daß die Plauer Urkunde, die uns in der Plauer Ratsmatrikel vom Jahre 1553 als Kopie von einer Hand aus der (  ...  )
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überein. Nur in der Narratio besteht ein grundlegender Unterschied zwischen beiden. Die Narratio der Parchimer Urkunde hat folgenden Wortlaut: "Notum facimus, quod diuina fauente miseracione nostraque sedula promocione terram Parchem, terram inquam desertam et inuiam, terram cultui demonum dedicatam, colonis commisimus christianis, ipsos tam de longinquis quam de uicinis partibus inuitantes. In ipsa quoque prouincia ciuitatem construximus, iura ei et iudicia prestantes, que congrua, commoda et utilia terre ac ciuitatis eiusdem cultoribus uidebantur" 420 ). Die Narratio in der Plauer Urkunde lautet: "Notum facimus, quod diuina fauente miseratione patres nostri pie memorie sedula promotione terram Plawe colonis commiserunt christianis, ipsos tam de remotis quam de vicinis partibus inuitantes, in ipsa quoque prouincia ciuitatem construxerunt, iura ei et iudicia prestantes, que congrua, commoda et vtilia terre ac ciuitatis eiusdem cultoribus videbantur". Abgesehen von den besonderen Zusätzen und Umstellungen, die sich für die Plauer Urkunde aus ihrem Charakter als Bestätigung des Stiftungsbriefes ergeben, erkennt man als einzigen Unterschied zwischen beiden Urkunden, daß statt "Parchem" das Wort "Plawe" gesetzt ist, Man sieht aus dem Wortlaut der Urkunde, daß Plau ohne jede Abhängigkeit von Parchim, dessen Namen in der Urkunde überhaupt nicht erwähnt wird, gegründet wurde. Es handelt sich also bei der Plauer Urkunde gar nicht, wie Lisch gemeint hat, um eine Verleihung des Parchimer Stadtrechts an Plau 421 ), sondern nach dieser Urkunde haben die Fürsten Borwin I. und Heinrich Borwin II. in der gleichen Form wie bei Parchim das Land Plau Lokatoren zur Besiedlung übergeben und diesen auch den Auftrag zur Erbauung der Stadt Plau erteilt. Hätten die Fürsten der Stadt Plau Parchimer Recht verleihen wollen, so würde die Narratio der Urkunde, wie uns dies aus der Bewidmung Goldbergs mit Parchimer


(  ...  ) Mitte des 16. Jahrhunderts überliefert ist, statt des Ausdruckes "ius feodale, quod lenrecht uocatur" eingesetzt hat "ius feodale, quod lantrecht vocatur". Dieser Unterschied geht wahrscheinlich auf den Abschreiber des 16. Jahrhunderts zurück, dem wir die Plauer Urkunde verdanken, da nach einer Glosse des Planer Rats zu dieser Urkunde aus dem Jahre 1553 der Rat das "ius feodale" als "lantinge" erklärt.
420) M.U.B. I, 319.
421) Vgl. Lisch a. a. O. S. 35.
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Recht bekannt ist, etwa folgendermaßen gelautet haben 422 ): "Notum facimus omnibus, quod divina favente miseratione parentes nostri pie memorie sedula promotione terram Parchim colonis commiserunt christianis, ipsos tam de remotis quam de vicinis partibus invitantes. In ipsa provincia civitatem construximus ..." In dieser Goldberger Urkunde wird also das Wort Parchim nicht durch Goldberg ersetzt. Eine Verleihung von Parchimer Recht an Plau bei der Gründung der Stadt ist daher nicht anzunehmen, sondern es handelt sich um einen Lokationsvertrag für das Land Plau, der allerdings den gleichen Wortlaut hat wie der für das Land Parchim 423 ). Die wörtliche Übereinstimmung zwischen den beiden Urkunden ist wahrscheinlich in der Weise zu erklären, daß beide zur gleichen Zeit von demselben Fürsten ausgestellt wurden. Also wird auch die Plauer Stiftungsurkunde unmittelbar vor dem Tode Heinrich Borwins II. (am 4. oder 5. Juli 1226) ausgestellt sein. Danach wurde also vermutlich die Stadt Plau zur selben Zeit wie Parchim gegründet.

Die Stadt Plau wurde ebenso wie Parchim von Lokatoren angelegt, die in der Urkunde mit dem Namen "cultores" bezeichnet werden. Diese Leute waren die eigentlichen Leiter der Stadtgründung, die allerdings vom Fürsten dazu berufen waren. Den Lokatoren werden in der Urkunde für ihre Tätigkeit die Einkünfte von den Innungen und der Friedensschilling verliehen. Auch bei der Bestimmung der Rechte der Stadtbewohner hatten die Lokatoren maßgebenden Einfluß. Wie in der Parchimer, so wird auch in der Plauer Lokationsurkunde den Lokatoren die Verpflichtung auferlegt, außer der Anlage der Stadt auch das ganze Land Plau zu kolonisieren. Vielleicht erklärt sich aus der Übernahme dieser Kolonisationsaufgabe durch die Lokatoren auch die Tatsache, daß die Stadt Plau und ihre Bürger im 13. und 14. Jahrhundert in der Vogtei Plau sich einen bedeutenden Landbesitz erworben haben 424 ). Im Jahre 1332 ist auch ein Plauer Bürger, Berthold Swartepape, herzoglicher Vogt in Plau 425 ). Wie für Parchim, so


422) M.U.B. I, 599.
423) Vgl. die Ausführungen über den Parchimer Lokationsvertrag, der inhaltlich und fast wörtlich in allen Bestimmungen mit der Plauer Urkunde übereinstimmt, auf S. 92 ff.
424) Vgl. Lisch a. a. O. S. 48 ff.
425) M.U.B. VIII, 5372.
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besteht auch für Plau die Wahrscheinlichkeit, daß der Rat aus den Lokatoren sich gebildet hat. Auch in Plau können wir die Beobachtung machen, daß der Rat die Einkünfte von den Innungen, die den Lokatoren zugesprochen waren, später für sich in Anspruch nimmt 426 ). Noch im 16. Jahrhundert sieht der Rat sich als Rechtsnachfolger der cultores an, denn in einer Glosse des Plauer Rats aus dem Jahre 1553 zu der Bestätigungsurkunde des Jahres 1235 leitet der Rat seinen ganzen Aufgabenkreis aus dem § 2 der Urkunde her 427 ), der die Bestimmungen über die Einkünfte der Lokatoren enthält und der einzige Paragraph ist, der von den Lokatoren handelt. Die Lokatoren sind wahrscheinlich deutscher Herkunft gewesen. Denn die Ratmänner, die uns im Jahre 1255 zuerst genannt werden 428 ), sind, soweit wir dies festzustellen vermögen, deutscher Abstammung gewesen. Von den sieben Ratmännern sind drei nur mit ihrem Vornamen genannt, weitere drei nach ihrer Herkunft bezeichnet. Nur einer begegnet uns mit einem wirklichen Familiennamen. Dieser führt den deutschen Namen "Albertus Gese". Von den drei andern, die nach ihrer Herkunft genannt werden, stammt einer aus Gudow im späteren Herzogtum Lauenburg und ein anderer aus Kritzow bei Wismar; beide Ortschaften liegen in einer Gegend, wo die Kolonisation schon im 12. Jahrhundert in Wirksamkeit war, so daß wir die deutsche Herkunft der beiden Männer vermuten dürfen. Die Vornamen, die die Ratmänner im Jahre 1255 führen, sind sämtlich deutsch. Dann wird im Jahre 1288 als Ratmann auch Johann Marlow genannt 429 ), dessen Name schon im Jahre 1275 in Rostock als Bürgername bekannt ist; außerdem Heinrich Witte und "Hechardus de Brunswic", beides Namen, die besonders in den Seestädten von deutschen Ratsfamilien getragen werden. Ferner begegnet uns im Jahre 1284 zuerst der


426) Zunftordnung für die Fischer aus dem Jahre 1307 (M.U.B. V, 3164).
427) Lisch a. a. O. S. 258; Glosse des Plauer Rats zu § 2: "Duces ordinauerunt primitus consulatum, consulatus cetteras ordinationes: Communes: vt sint quartales; excubias diurnas et nocturnas; ordinatio, que seruari debet tempore pacis ac belli; nundinarum emptiones et venditiones; contractus nuptiarum etc.; bedellum, executorem iuris; priuate: sutorum, sertorum, fabrorum, pistorum, piscatorum, carnificum".
428) M.U.B. II, 743.
429) M.U.B. III, 1957.
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deutsche Name der Plauer Patrizierfamilie der Swartepape 430 ), die sich durch Reichtum und Einfluß auszeichnete. Die Stadtgründung wurde danach von Männern deutscher Herkunft durchgeführt.

Die Lokatoren übten vielleicht auch auf die Auswahl des Platzes für die Stadtanlage einigen Einfluß aus, da es auffällig erscheint, daß Plau nicht neben dem alten Burgmittelpunkt des Landes angelegt wurde, sondern in einer Entfernung von diesem, die ungefähr 5 krn beträgt. Diese Burg wird uns noch 1264 als "borchwal Quetzin" genannt und wurde auch schon 1160 von Heinrich dem Löwen mit einer deutschen Besatzung geschützt 431 ). Vielleicht haben wir den Grund dafür, daß die Stadt in einiger Entfernung von der Burg angelegt wurde, darin zu suchen, daß den Lokatoren die Lage der Stadt an ihrer heutigen Stelle günstiger erschien.

Wahrscheinlicher ist jedoch, daß die Lokatoren in der Platzauswahl durch eine an dem Eldeübergang bereits bestehende Marktsiedlung bestimmt wurden, deren Existenz nicht so unmöglich erscheint. Betrachtet man nämlich den Stadtplan von Plau aus dem Jahre 1756 432 ), so wird man bemerken, daß man damals noch keinen Marktplatz in Plau dem Namen nach kannte. Der heutige Markt hieß damals die Breite Straße "Wohl gab es aber damals eine "Markt-Straße", über die der Verkehr, der aus der Mark nach Mecklenburg ging, durch Plau weitergeleitet wurde. Zunächst folgt die Marktstraße genau der bisherigen Richtung dieser Landstraße und wendet sich dann in starkem Bogen der Elde zu. Bezeichnenderweise wird sie vor der "Breiten Straße" erheblich weiter. Wahrscheinlich spielte sich auf diesem Platz der Hauptmarktverkehr ab. Vermutlich ist nun die Existenz der Marktstraße in der eben beschriebenen Richtung und Form, die einer nach einem einheitlichen Stadtplan angelegten Straße nicht entspricht, daraus zu erklären, daß man sie bereits vorfand, als die Stadt gegründet wurde. Weil man daran gewöhnt war,


430) M.U.B. III, 1754. Vgl. Lisch a. a. O. S. 43 ff.
431) M.U.B. II, 1016. Helmold, Chronica Slavorum I cap. 87 M. G. SS. XXI, S. 81.
432) Plan von der den 6. Mai des Jahres 1756 innerhalb der Ringmauer, bis auf die Kirche, die Mühle und einer bey der Mühle an der Mauer gelegenen Bude, Balthasar Stüdemann gehörig, gäntzlich abgebrannten Stadt Plau, nach ihrer vormaligen Einrichtung. "(Im Besitz der Stadt Plau.)
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Plan der Stadt Plau vor dem Brande vom 6. Mai 1756.
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die Marktstraße als Marktplatz zu benutzen, verzichtete man bei der Gründung der Stadt auf die Anlage eines regelmäßigen Marktplatzes.

Auch in einer Urkunde aus dem 13. Jahrhundert läßt sich vielleicht eine Spur von einer vor der Stadtgründung bestehenden Kaufmannssiedlung entdecken. Im Jahre 1299 erläßt nämlich Nikolaus von Werle der Stadt Plau die Lieferung von einem Pfund Pfeffer 433 ). Es ist möglich, daß diese Abgabe, die für die hier behandelten mecklenburgischen Städte sonst beispiellos ist, aber zu der slawischen Fronhofwirtschaft 434 ) sehr gut paßt, eine Steuer einer Kaufmannssiedlung war, die sich schon vor der Stadtgründung von Plau an der Marktstraße gebildet hatte. Dafür spricht auch, daß man Lieferung von Pfeffer doch nur von Kaufleuten verlangen konnte.

Bei der Anlage der Stadt richtete man sich offenbar nach der Lage der Marktstraße, die den Stadtplan mit der Elde zusammen ungefähr begrenzt. Das Gebiet, das so umfaßt wurde, ist in regelmäßigem Straßennetz, dessen Richtung durch die Elde und die Marktstraße bestimmt wird, erschlossen worden.

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3. Die Gründung der Stadt Goldberg 435 ).

Während Parchim und Plau zu Beginn der Kolonisation und zur Förderung derselben angelegt wurden, fällt die Gründung der Stadt Goldberg in eine Zeit, wo die Kolonisationsbewegung bereits über ihre ersten Anfänge hinaus war. Goldberg wurde im Jahre 1248 gegründet, also 22 Jahre später wie Parchim und Plau 436 ). Das Verdienst an dieser Stadtgründung gebührt Pribislav I., der die Bestimmungen des Parchimer Lokationsvertrages wörtlich auf Goldberg übertrug.

In der Nähe der Stadt Goldberg scheint schon vor deren Entstehung ein wendisches Dorf bestanden zu haben, wie aus


433) M.U.B. IV A, 2585.
434) Über die slawische Fronhoforganisation in Mecklenburg vgl. H. F. Schmid, Die sozialgeschichtliche Auswertung der westslavischen Ortsnamen (Siedlungsgeschichtliche Forschungen. Rudolf Kötzschke zum 60. Geburtstag dargebracht. Leipzig und Berlin 1927), S. 193.
435) Vgl. Duge, Urkundliche Nachrichten über Goldberg und Umgebung, Gadebusch 1883; Schlie a. a. O. IV, S. 342 ff.; Bachmann a. a. O. S .412.
436) Wegen der Überlieferung der Urkunde vgl. M.U.B. I, 599. Aus dem Satz der Urkunde "iura ergo, que tunc ab eis data sunt, nunc a nobis testimonio confirmantur" geht hervor, daß Pribislav, der Aussteller der Urkunde, das Parchimer Recht neu bestätigt.
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dem uns urkundlich überlieferten wendischen Ortsnamen "Goltz" vielleicht hervorgeht 437 ). Auf wendische Bevölkerungsreste weist außerdem der Name eines Teils der Goldberger Feldmark hin, der als Wendfeld bezeichnet wird und dessen Lage uns vielleicht den Ort der alten Wendenansiedlung "Goltz" angibt 438 ).

Mit der Stiftung des Klosters Dobbertin in unmittelbarer Nähe von Goltz beginnt im späteren Lande Goldberg die Kolonisation 439 ). Ihr verdankt wahrscheinlich ein deutsches Dorf, das den slawischen Namen Goltz in Goldberg verwandelte, seine Entstehung. Weil die Kirche in Goldberg im Zusammenhang mit der Kolonisation gebaut wurde 440 ), ist zu vermuten, daß sie auch in einem durch die Kolonisation neu begründeten Dorf errichtet wurde und nicht in dem slawischen Goltz. Auch aus einem andern Grunde können wir die Existenz eines deutschen Dorfes Goldberg für wahrscheinlich halten. Die Stadtgründung von Goldberg bestand nämlich, wie es scheint, in der Verleihung des Stadtrechtes an ein Dorf, dessen Einwohner z. T. deutscher Abstammung waren, wie aus den Namen von Ratmännern der späteren Stadt Goldberg hervorzugehen scheint. Die Stiftungsurkunde berichtet uns im Gegensatz zu Plau und Parchim von einer Neuanlage bei der Stadtgründung nichts. Denn die Bestimmungen des Parchimer Lokationsvertrages vom Jahre 1225/26, die auf Goldberg übertragen werden, dürfen zu einer Untersuchung des Goldberger Gründungsvorganges nicht herangezogen werden. Nur in der Beschreibung des Weidelandes sieht die Goldberger Urkunde im Unterschied von der Parchimer von einer örtlichen Grenzbestimmung ab und enthält dafür lediglich die Festsetzung: "Die Weide ist frei" 441 ). Vielleicht ist der Grund für das Abweichen der beiden Urkunden in diesem Punkt darin zu suchen, daß die Grenzen des Goldberger Weidelandes mit der Existenz eines Dorfes, dessen Feldmark die Stadt übernahm, bereits bestimmt waren. Es ist auch auffällig, daß es nach der Stadtgründung in Goldberg noch verschiedene Höfe gab, die in


437) M.U.B. I, 343, 386.
438) Duge a. a. O. S. 7.
439) In den Jahren 1219-1225 wurde das Kloster Dobbertin gestiftet. Vgl. Schmaltz, M.J.B. 73, S. 57.
440) Schmaltz, M.J.B. 73, S. 58: "Auch hier gehen also Kirchengründung und Kolonisation Hand in Hand.
441) M.U.B. I, 599: "Item pascua libera sint".
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ritterlichen Händen sich befanden und z. T. mit besonderen Vorrechten ausgestattet waren 442 ). Vielleicht ist auch diese Erscheinung noch auf die Existenz eines ehemaligen Dorfes zurückzuführen. Außerdem bemerkt man bei einer Betrachtung des Stadtplanes 443 ), daß dieser einen Marktplatz vollständig vermissen läßt. Nach einem Stadtplan von 1727 besteht die Stadt allerdings aus drei parallelen Längsstraßen, die durch Querstraßen miteinander verbunden sind, eine Anlage, die einen durchaus regelmäßigen Eindruck macht. Ursprünglich mag der Ort aber nur aus der "Langen Straße" mit der Kirche bestanden haben 444 ), und erst in späterer Zeit, vielleicht seit dem Jahre 1316, als Goldberg Residenz des Herzogs Johann von Werle wurde, der sich damals in Goldberg auch ein Schloß erbaute, dürfte der symmetrische Ausbau erfolgt sein. Wenn so die Stadtrechtsverleihung an ein Dorf zu vermuten ist, ergibt sich aus Goldberger Personennamen der späteren Zeit, daß dieses Dorf z. T. schon von Deutschen bewohnt war. Im Jahre 1305 werden uns sechs Ratmänner und fünf Bürger aus Goldberg genannt. Von diesen sind zwei nur mit ihrem Vornamen, fünf nach ihrem Herkunftsort, einer scheinbar nach seiner Goldberger Wohnung, zwei nach ihrem Beruf (Handwerker) und einer als "Westfalus" genannt 445 ). Bei den fünf nach ihrer Herkunft genannten Personen weisen die Ortsnamen, soweit wir es festzustellen vermögen, alle auf mecklenburgische Dörfer hin, zumeist in der Nähe Goldbergs, und damit wird die Nationalität dieser so bezeichneten Personen zweifelhaft. Die elf uns genannten Vornamen sind jedoch alle deutsch bzw. biblisch. Danach erscheint es kaum zweifelhaft, daß schon vor der Stadtgründung ein deutsches Dorf Goldberg bestand, dem im Jahre 1248 von Pribislav Parchimer Recht verliehen wurde.

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4. Die Gründung der Stadt Sternberg 446 ).

Die Stadt Sternberg wurde von demselben Fürsten Pribislav I. von Parchim-Richenberg gegründet, dem auch Gold-


442) M.U.B. III, 2335; V, 3443, 3457.
443) Duge a. a. O. S. 104.
444) Vgl. den Stadtplan von Warin; in Warin liegt die Kirche auch in einiger Entfernung von der Langen Straße.
445) M.U.B. V, 2992.
446) Vgl. Bard, Geschichte der Stadt Sternberg, 1926; Schlie a. a. O. IV, S. 134 ff.; Bachmann a. a. O. S. 465.
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berg seine Erhebung zur Stadt verdankt. Das Gründungsprivileg ist uns nicht erhalten; aber in der Zeit, in der Sternberg zuerst erwähnt wird, gehörte es zur Herrschaft des genannten Fürsten. Auch liegt die Annahme nahe, daß der Gebrauch des Parchimer Rechts, das der Stadt im Jahre 1309 bestätigt wird 447 ), Sternberg zur Zeit der Regierung vcn Pribislav verliehen wurde, da die Stadt nach der Vertreibung dieses Herrschers aus seinem Lande an die Herrschaft Mecklenburg fiel. Vielleicht geschah die Gründung der Stadt schon einige Zeit vor dem Jahre 1255, in dem sie uns zuerst genannt wird 448 ), vielleicht im Zusammenhang mit der Stadterhebung von Goldberg im Jahre 1248.

Vor der Gründung der Stadt um die Mitte des 13. Jahrhunderts bestanden schon mehrere Ansiedlungen sowohl von Wenden wie auch von Deutschen auf dem Gebiet, das später die Sternberger Stadtfeldmark ausmachte. Urkundlich sind uns nicht weniger wie drei Namen von Ortschaften überliefert, die bei bzw. nach der Anlage der Stadt untergingen. Am frühesten, im Jahre 1222, wird uns ein Ort mit Namen Goldbeke, wo dem Antonius-Hospital in Tempzin 16 Hufen geschenkt wurden, genannt 449 ). Eine spätere Urkunde berichtet, daß dieser Ort in der Nähe Sternbergs gelegen sei 450 ). Noch heute heißt ein Teil der Sternberger Feldmark "up oder bi de Goltbek" 451 ). Da der Ort später nicht mehr erwähnt wird, ist er wahrscheinlich bei der Stadtgründung eingegangen 452 ). Wegen des deutschen Namens "Goltbek" möchte man annehmen, daß es sich um eine deutsche Ansiedlung gehandelt hat. Außerdem werden uns noch die Namen von zwei Ortschaften genannt, die beide im Jahre 1309 von der Stadt gekauft werden, Lukow und Dämelow 453 ). Die Namen dieser Siedlungen haben sich gleichfalls als Flurnamen der Stern-


447) M.U.B. V, 3293.
448) M.U.B. II, 743.
449) M.U.B. I, 282.
450) M.U.B. II, 998.
451) Schmaltz, Was die Sternberger Flurnamen erzählen (Mecklenburg. Zeitschrift des Heimatbundes Mecklenburg, 4. Jahrg., 1909, S. .21 - 32), S. 25.
452) Schmaltz berichtet diesen Vorgang mit absoluter Gewißheit, obwohl man ihn eigentlich nur vermuten kann. Ferner steht für Schmaltz ohne weiteres fest, daß Goltbek ein deutscher Ort war.
453) M.U.B. V, 3293.
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berger Stadtfeldmark erhalten 454 ). Dämelow lag der fürstlichen Burg, dem früheren Mittelpunkt des späteren Landes Sternberg, der vermutlich in einiger Entfernung von der Stadt am Zusammenfluß der Mildenitz und Warnow lag 455 ), am nächsten 456 ). Dazu stimmt auch, daß Lukow im Jahre 1309 ein Hof des Fürsten war. Es handelte sich danach bei Dämelow um eine Dienstmannensiedlung der benachbarten fürstlichen Burg, die wahrscheinlich schon vor der Gründung der Stadt in slawischer Zeit bestanden haben wird. Das mit Dämelow an Sternberg im Jahre 1309 zusammen verkaufte Lukow erscheint als fürstliches Dorf. Vielleicht handelt es sich auch bei Lukow um eine Ansiedlung, die bereits in slawischer Zeit bestand. Sicherlich haben wenigstens auch in der Nähe Sternbergs vor der Stadtgründung Wenden in geschlossenen Siedlungen gewohnt; dafür legt der Name "das Wendfeld" auf der Sternberger Feldmark noch heute Zeugnis ab 457 ). Die Stadt ist nach einer Stadtkarte aus dem Jahre 1834 458 ) eine Gründung aus frischer Wurzel, denn wir sehen auf diesem Plan drei einander parallele Längsstraßen, die alle rechtwinklig von zwei Querstraßen geteilt werden. Am Ende zweier Längsstraßen liegt auf dem höchsten Punkte der Stadt der rechtwinklige Marktplatz neben der Kirche. Ob Sternberg, wie nach der Anlage der Stadt aus frischer Wurzel zu vermuten ist, von Lokatoren erbaut wurde, darüber fehlen bis jetzt jegliche Anhaltspunkte.

d) Die Städtegründungen in der Herrschaft Werle-Güstrow.

Der Hauptlandesteilung vom Jahre 1227 verdankt auch die Herrschaft Werle-Güstrow ihre Entstehung 459 ). "Sie umfaßte die Länder Werle (Schwaan), Güstrow, Malchow, Waren, Röbel, Turne mit seiner südwestlichen Fortsetzung, der Lieze, von der jetzt nur noch die beiden brandenburgischen Enklaven, Rossow und Netzeband, in mecklenburgischem Besitz sind."


454) Schmaltz a. a. O. S. 22.
455) Wigger, Mecklenburgische Annalen, S. 125. Schmaltz a. a. O. S. 24 berichtet für diese Stelle den Flurnamen "auf dem Borchwall".
456) Vgl. Schmaltz a. a. O. S. 26. Karte "Die Feldmark zur Wendenzeit".
457) Schmaltz a. a. O. S. 27, 28.
458) Charte der Stadt Sternberg, vermessen 1834 (im Besitz der Stadt Sternberg).
459) Vgl. Witte, Meckl. Geschichte Bd. I, S. 161 ff.
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Von den elf Städten, die in diesem Gebiet von den Herren zu Werle gegründet wurden, sind zehn, nämlich Güstrow, Malchow, Malchin, Röbel, Penzlin, Wesenberg, Teterow, Krakow, Waren und Schwaan, im 13. Jahrhundert mit Stadtrecht bewidmet worden 460 ), und nur eine Stadt, nämlich Laage, wird uns erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts als solche genannt. Laage unterscheidet sich auch dadurch noch von den übrigen Städten, die alle bei ihrer Gründung Schweriner Stadtrecht erhielten, daß überhaupt kein besonderes Stadtrecht genannt wird.

Es ist bemerkenswert, daß fast sämtliche Werleschen Städte uns bereits im 13. Jahrhundert als solche begegnen, und es ist geradezu auffallend, daß diese alle Schweriner Stadtrecht gebrauchten; denn damit ergibt sich die merkwürdige Tatsache, daß das Schweriner Stadtrecht, das außer in Schwerin selbst in mecklenburgischen Städten sonst nicht vorkommt 461 ), nur in den Werleschen Städten, in diesen aber im 13. Jahrhundert auch ausschließlich zur Anwendung kam. Vermutlich haben wir den Grund für diese Erscheinung in der Tätigkeit der Werleschen Fürsten zu suchen, die die Stadtgründungen auf ihrem Gebiet beförderten und durch die gleichmäßige Verleihung des Schweriner Rechts an alle ihre Städte eine Rechtsgleichheit einzuführen suchten. Vor allem war es der erste Fürst von Werle, Nikolaus I., der diese Städtepolitik eingeleitet und in seiner langen Herrschertätigkeit auch durchgeführt hat. Als er im Jahre 1277 starb, bestanden in seiner Herrschaft nicht weniger als neun Städte, die Schweriner Recht gebrauchten. Man gewinnt den Eindruck, als ob dieser Fürst die Gründung von Städten als ein besonders geeignetes Mittel zur Kolonisation und wirtschaftlichen Neubelebung, zugleich auch zur militärischen Sicherung seines Landes betrachtete. Deutlich erkennen wir dies beider Gründung Malchins, die durch Nikolaus im Jahre 1236 erfolgte 462 ). Erst in diesem Jahre war auch das Land Malchin, das vorher zu Pommern gehört


460) Außer Wesenberg (Mecklenburg-Strelitz) gehören alle Städte heute zu Mecklenburg-Schwerin. Die werlesche Stadt Gnoien wurde, weil sie Rostocker Stadtrecht gebrauchte, bei den Städten der Herrschaft Rostock mitbehandelt.
461) Schweriner Stadtrecht galt vielleicht allerdings noch in der Schweriner Stiftstadt Bützow. Vgl. W. Böttcher, Verbreitung des lübischen Rechts, S.73.
462) M.U.B. I, 449.
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hatte, in Werlesche Hände übergegangen 463 ). Eine von Nikolaus ausgestellte Urkunde vom Jahre 1240 beschreibt den Zustand des Landes, als es in Werleschen Besitz kam, als "eine Einöde, die hinreichend Raum bot": Cum terra Malechin ad nos deuenisset, considerantes illam solitudinem satis spaciosam, ... eam limitauimus 464 ). Danach war eine der ersten Regierungshandlungen, mit denen Nikolaus den bisherigen Zustand in seinem neu gewonnenen Gebiet zu bessern suchte, die Gründung der Stadt Malchin, die sofort, nachdem die Obotritenfürsten gegen Anfang des Jahres 1236 von dem Lande Besitz ergriffen hatten, im April desselben Jahres erfolgte. Damit hatte er sich sogleich auch einen festen Stützpunkt in seinem neuen Lande geschaffen.

Auch darin, daß Nikolaus alle seine Städte mit einem einheitlichen Recht ausstattete, das er bei seinem Regierungsantritt in Güstrow als das Recht der Stadt Schwerin bereits im Gebrauch vorfand, erkennen wir den starken Einfluß, den er bei den Stadtgründungen in seinem Gebiet ausübte. Unsere Quellen lassen diese Tätigkeit des Werleschen Fürsten deutlich in Erscheinung treten. So betont Nikolaus im Jahre 1236 bei der Erteilung des Schweriner Stadtrechts an Malchin, daß es so verliehen werden solle, "wie wir es unseren übrigen Städten gegeben haben" 465 ). Der Fürst ist sich also seiner gleichmäßigen Handlungsweise bei der Erteilung des Stadtrechts bewußt. Ferner läßt auch der Penzliner Stiftungsbrief vom Jahre 1263 einen deutlichen Einblick in die städtefördernde Politik Nikolaus I. gewinnen 466 ). In dieser Urkunde befindet sich als Zusatz des Schreibers ganz an ihrem Ende ein Privileg, das den Bürgern das Recht zur eigenmächtigen Pfändung eines Schuldners in jeder werleschen Stadt verleiht und das, wie der Schreiber sich ausdrückt, sein Herr allein seinen Städten übertragen hat: Dominus meus contulit cunctis civitatibus tale ius. Danach suchte Nikolaus auch. über das schon allen Städten in gleicher Weise verliehene Schweriner Recht hinaus noch weiterhin einheitliche Bestimmungen zu treffen, die das städtische Leben förderten. Diese Rechtsgleichheit der Werleschen Städte war sowohl zum Vorteil der Städte


463) M.U.B. I, 514. Vgl. Witte a. a. O. S. 165.
464) M.U.B. I, 514.
465) "Secundum quod ceteris civitatibus nostris dedimus".
466) M.U.B. II, 987.
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als auch des Fürsten, der sie durchführte. Denn einerseits wurde den Städten dadurch ein leichterer Verkehr untereinander ermöglicht, andererseits hatte aber auch der Fürst die Gewähr einer Einheitlichkeit der Verwaltung und Rechtsprechung in den Städten, die auch ihm bei der Ausübung seiner landesherrlichen Gewalt nur von Vorteil sein konnte.

Dieser Städtepolitik Nikolaus I. entspricht es, daß nicht Schwerin, sondern Güstrow zum Oberhof für die Werleschen Städte bestimmt wurde, wenn uns Güstrow allerdings auch nur für Malchow und Krakow als Oberhof bezeugt ist 467 ). Wie Nikolaus I. allen seinen Städten einheitliches Recht gab, so wird er ihnen auch allen einunddenselben Oberhof bestimmt haben. Es konnte wenigstens unmöglich im Interesse Nikolaus I. liegen, daß er seine Städte in rechtlicher Beziehung von Schwerin, einer Stadt außerhalb seines Territoriums, abhängig machte.

Es ergibt sich danach aus unserer Überlieferung für die Städtegründungen in der Herrschaft Werle eine planvolle Tätigkeit Nikolaus I., der zum Wohle seines Landes eine konsequente Städtepolitik führte und von den elf Werleschen Städten in einem Zeitraum von ungefähr vier Jahrzehnten nicht weniger wie acht, vielleicht sogar neun Städte gegründet hat 468 ).

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1. Die Gründung der Stadt Güstrow.

Unsere zuverlässigste Quelle über die Gründung der Stadt ist eine Urkunde aus dem Jahre 1228, die von den Söhnen Heinrichs von Rostock ausgestellt ist 469 ). Ihr wichtigster Teil hat folgenden Wortlaut 470 ): " ... Siquidem cum progenitorum nostrorum tocius hereditatis nostre ac pheodi nostri plena iuridicio ad nos deuenerit hereditaria successione,


467) W. Böttcher a. a. O. S. 72.
468) Die Gründung Schwaans ist nicht sicher zu datieren. Siehe S.146 ff.
469) Die Ansicht, daß uns das Original der Stiftungsurkunde (angeblich aus dem Jahre 1222) im Güstrower Ratsarchiv aufbewahrt sei, ist von Techen (M.J.B. 70, S. 179 ff.) überzeugend widerlegt worden. Trotzdem findet sie sich noch bei Böttcher (a. a. O. S. 71) und H. Albrecht (Rostock und Güstrow, eine siedlungsgeographische Studie, Rost. Diss. 1921 S. 50).
470) M.U.B. I, 359.
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absonum et presumpcio videretur esse, si ea, que a bone memorie Hinrico patre nostro domino de Rozstok racionabiliter facta sunt, studeremus in irritum reuocare. Sciant igitur tam presentes, quam futuri temporis successores, quod nos postulacioni ciuium nostrorum de Guzstrowe grato occurrentes assensu ipsis iura Zuerinensis ciuitatis, secundum que eisdem pater noster indulserat, indulgemus ..." Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß wir es bei dieser Urkunde mit einer Bestätigung des Güstrower Stiftungsbriefes zu tun haben. Zwar wollen manche Forscher in ihr die ursprüngliche Urkunde der Stadtrechtsverleihung an Güstrow erblicken 471 ), weil "eine förmlich verfaßte Urkunde" über die Verleihung des Stadtrechts aus der Zeit vor dem Jahre 1228 "altem Gebrauch gemäß" in der Urkunde von 1228 genannt worden und auf diese Art der Charakter der Urkunde als Konfirmationsurkunde zum Ausdruck gekommen wäre. Aber eine derartige Auffassung widerspricht der Aussage und dem Inhalt der Urkunde von 1228. Denn in ihr berufen sich die Söhne Heinrichs von Rostock, die Aussteller der Urkunde von 1228, auf die Wirksamkeit ihres Vaters und erklären, daß sie den Güstrower Bürgern das Schweriner Recht verleihen, "wie es ihnen unser Vater verliehen hatte". Mit diesen Worten wird also deutlich gesagt, daß Heinrich durch die Verleihung des Schweriner Stadtrechts die Stadt Güstrow gegründet hat. Damit ergibt sich von selbst, daß wir es bei der Urkunde von 1228 nur mit einer Bestätigung der von Heinrich an Güstrow verliehenen Privilegien zu tun haben. Dazu kommt, daß der Stadt im Jahre 1228 bereits eine Feldmark gehörte. Ausdrücklich heißt es im § 26 der Stadtprivilegien, daß der Stadt der Acker verliehen wird, den sie jetzt besitzt 472 ). Danach bestand die Stadt bereits im Jahre 1228, und es wird damit auch die Aussage der Urkunde bestätigt, daß Heinrich der Gründer von Güstrow gewesen ist. Da nun Heinrich von Rostock wahrscheinlich im Jahre 1219 von seinem Vater Heinrich Borwin zum Herrn der Herrschaft Rostock erhoben


471) Witte a. a. O. I, S. 134; Vitense, Meckl. Geschichte S. 62; Schlie a. a. O. S. 188. Bloch meint, daß die Urkunde, die er auch als eine Bestätigungsurkunde auffaßt, bereits im Jahre 1226 ausgestellt worden ist (Der Freibrief Friedrichs I. für Lübeck und der Ursprung der Ratsverfassung in Deutschland, S. 16).
472) "Concessimus eidem civitati agros, quos nunc possidet".
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wurde 473 ) und am 4. oder 5. Juni 1226 starb, kann die Stadt nur, wie schon Techen hervorgehoben hat 474 ), zwischen den Jahren 1219 und 1226 (den Regierungsjahren Heinrichs von Rostock) gegründet worden sein. Dieser Datierung widerstreitet auch nicht, daß Güstrow am 3. Juni 1226, als derselbe Fürst hier ein Kollegiatstift gründete, als "locus, qui Guzstrowe nominatur" bezeichnet wird 475 ). Denn dieselbe Bezeichnung findet sich auch in einer urkundlichen Erwähnung des Schweriner Domkapitels. Auch Schwerin wird als Sitz des Domstiftes mit den Worten "locus, qui Zuerin dicitur (nuncupatur)" bezeichnet 476 ), obgleich es bereits seit 1160 zur Stadt erhoben war. Danach darf also die eigentümliche Bezeichnung, die die Gründungsurkunde des Güstrower Kollegiatstiftes über Güstrow enthält, zur Entscheidung der Frage, seit wann die Stadt Güstrow besteht, nicht herangezogen werden. Wohl aber können wir aus der Stiftung eines Güstrower Domherrnkollegiums den Schluß ziehen, daß schon vor dieser Gründung eine Stadt Güstrow existierte. Denn es ist kaum anzunehmen, daß ein solches Kollegium vom Landesherrn an einem unbedeutenden Ort, also einem Dorf, sollte gegründet worden sein. Wir können die Beobachtung machen, daß im 13. Jahrhundert in Mecklenburg nur drei Domherrnstifte bestanden, das eine in Schwerin am Sitz des Bistums, das andere in Bützow, der Residenzstadt des Bischofs, die ihm gehörte, und das dritte eben in Güstrow. Die Zahl solcher Kollegien war also verhältnismäßig gering, und wir können daher annehmen, daß Güstrow, das zum Sitze eines Kollegiums ausersehen wurde, schon ein wichtiger Ort war, als das Stift eingerichtet wurde, besonders weil Güstrow anders wie Schwerin und Bützow, die in unmittelbarer Beziehung zu dem Bistum standen, nicht irgendwie besonders eng mit diesem verbunden war. So ist Güstrow wahrscheinlich vor der Stiftung des Domherrnkollegiums, vor dem 3. Juni 1226, von Heinrich von Rostock gegründet worden.


473) Die Oberregierung des Vaters Heinrich Borwin blieb jedoch bestehen. Vgl. Rudloff, Geschichte Mecklenburgs vom Tode Niklots bis zur Schlacht bei Bornhöved (Meckl. Geschichte in Einzeldarstellungen) S. 112.
474) Techen a. a. O. S. 181.
475) So Schlie a. a. O. S. 187; M.U.B. I, 323.
476) M.U.B. I, 124, 202.
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Vor der Stadtgründung bestand auf dem rechten Ufer der Nebel gegenüber der späteren Stadt ein wendisches Dorf, das vermutlich den Namen Güstrow führte, nach der Stadtgründung aber als Alt-Güstrow bezeichnet wurde 477 ). Ob es hier auch eine wendische Burg gegeben hat, die Güstrow genannt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Lisch vermutete allerdings, daß das spätere Schloß der Herren von Werle auf einem "alten heidnischen Burgwall aufgeführt" sei, da "die ganze Lage an einem Ende einer weitgestreckten sumpfigen Wiese rings von sumpfigen Tiefen umgeben und an einer Seite doch dem festen Lande nahe auf den ersten Blick zeige, daß das Schloß eine uralte Anlage sei" 478 ). Aber für diese Behauptung sind bis heute noch keinerlei Beweise beigebracht worden. Eine große Bedeutung wird danach die Burg, wenn sie überhaupt bestanden hat, nicht gehabt haben, da uns jegliche Kunde von ihr fehlt.

Auch das wendische Dorf, das spätere Alt-Güstrow, war wohl nur eine unwichtige Ansiedlung, da eine Kirche in Güstrow erst im Zusammenhang mit der Stadtgründung entstand. Zwar haben Schmaltz und Reifferscheid behauptet, daß der Bau der Kirche im Jahre 1226 im Zusammenhang mit der Stiftung des Domkollegiums erfolgte, aber ihre Argumente sind keineswegs beweiskräftig, da in allen Urkundenstellen, die sie anführen, nie von dem Bau (structura) der Kirche geredet wird. Schmaltz behauptet z. B., daß aus dem Satz: "in loco, qui Guztrowe nominatur, conuentualem ecclesiam canonicorum ad honorem dei ... et ... Marie ... et Cecilie uirginis ordinaui" 479 ) hervorgehe, daß damit "die Errichtung einer konventualen Kirche angeordnet, auch die Heiligen, denen sie geweiht werden soll, erst bestimmt" worden seien. In diesen Worten ist aber über die Erbauung einer Kirche durchaus nichts gesagt, sondern sie bezeichnen lediglich die Stiftung einer Kirche für ein Domherrenkollegium, dem seine besonderen Heiligen bestimmt werden. Wir können denselben Vorgang und fast wörtlich die gleiche Ausdrucksweise dafür bei der Einsetzung des Bützower Domstiftes beobachten. Die betreffende Stelle der Urkunde über diese Stiftung


477) M.U.B. II, 826 (im Jahre 1258). M.U.B. XX, 11377 (im Jahre 1381).
478) Lisch, M.J.B. 24, S. 44.
479) M.U.B. I, 323.
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lautet 480 ): "Ad laudem ... domini nostri Ihesu Christi ac intemerate virginis matris eius sanctique Johannis ewangeliste et sancte Elizabeth ... ibidem (Bützow) conuentualem ecclesiam canonicorum instituimus ..." Bei Bützow läßt sich nun aber nachweisen, daß mit dem Ausdruck "ecclesiam canonicorum instituimus" nicht der Beschluß zur Erbauung einer konventualen Kirche gemeint sein kann. Denn der Zeitpunkt, in dem der Bau der Domkirche begonnen wurde, liegt bereits mehrere Jahre vor der Stiftung des Domkollegiums 481 ). Es bezeichnen also obige Worte nur die Übernahme einer bereits bestehenden Kirche durch das neu gegründete Kollegiatstift als Domkirche. Danach kann die von Schmaltz zitierte Stelle über die Stiftung des Güstrower Doms für die Baugeschichte dieser Kirche nicht als beweiskräftig herangezogen werden. Aber auch die Argumente, die Reifferscheid für dieselbe Ansicht, daß eine "völlige Neugründung der Kirche im Jahre 1226" erfolgte, anführt, sind keineswegs über allem Zweifel erhaben 482 ). Denn die Stellen, die er zum Beweis seiner Behauptung aus den Urkunden anführt, zeigen lediglich, daß Heinrich von Rostock der Begründer des Domkollegiums und seiner Kirche gewesen ist, eine Tatsache, die nach der Urkunde vom 3 Juni 1226 ja auch keiner bezweifeln wird; aber es bleibt auch nach den von Reifferscheid zitierten Stellen eine offene Frage, ob das Gebäude des Güstrower Doms erst seit der Stiftung des Domkollegiums, seit dem 3. Juni 1226, errichtet wurde. Es läßt sich daher urkundlich nicht nachweisen, daß der Bau des Güstrower Doms zugleich mit der Stiftung des Domkollegiums erfolgte. Es besteht auch die Möglichkeit, daß die Kirche des Güstrower Domkollegiums bereits vor der Gründung dieser Korporation in ihren ersten Anfängen bestand.

Die Gründung der Stadt erfolgte durch den Landesherrn, der an Güstrow das Schweriner Stadtrecht verlieh 483 ). Die technische Anlage der Stadt und die Herbeiführung der Ansiedler besorgten anscheinend Lokatoren, aus denen der Rat


480) M.U.B. I, 610.
481) M.U.B. I, 610 und I, 583.
482) Vgl. Reifferscheid a. a. O. S. 172, M.U.B. I, 323, 331, 485, II, 1292. Sämtliche Stellen beziehen sich auf die ecclesia conventualis.
483) M.U.B. I, 359.
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gebildet wurde und denen zur Entschädigung für ihre Mühe Rechte zugestanden wurden, die im ursprünglichen Schweriner Stadtrecht der Gesamtheit der Bürgerschaft bzw. dem magister civium zukamen.

Eine Untersuchung über das Schweriner Stadtrecht, wie es vor dem 4. oder 5. Juni 1226, dem Todestage des Fürsten Heinrich von Rostock, an Güstrow verliehen wurde und uns aus einer Urkunde vom 1. November 1228, in der die vier Söhne Heinrichs von Rostock dieses Stadtrecht bestätigten, bekannt ist 484 ), soll die eben geäußerte Annahme beweisen.

Das Recht, das der Stadt Schwerin bei ihrer Gründung durch Heinrich den Löwen im Jahre 1160 oder einige Jahre später verliehen wurde, ist uns nicht mehr erhalten. Zwar behauptet das Schwerin-Güstrower Stadtrecht mit den Worten: "Sunt autem hec iura ciuitatis Zverin", daß seine Bestimmungen das Recht der Stadt Schwerin darstellten, aber mit diesen Worten wird ja keineswegs behauptet, daß das Schweriner Recht in der an Güstrow verliehenen Fassung das in Schwerin am frühesten gebrauchte ursprüngliche Recht gewesen ist. Vielmehr ist im Schwerin-Güstrower Stadtrecht, wie schon von anderen betont ist 485 ), nicht die ursprüngliche Fassung des Schweriner Stadtrechts erhalten. Wir werden zu beweisen versuchen, daß wesentliche Bestimmungen des Schwerin-Güstrower Stadtrechts über die Ratsverfassung erst bei der Stadtgründung von Güstrow infolge der Beteiligung von Lokatoren an ihr in das Schwerin-Güstrower Stadtrecht aufgenommen wurden. Damit wäre dann zugleich auch der Beweis dafür erbracht, daß Güstrow unter Beteiligung von Lokatoren gegründet wurde.

Eine Betrachtung der Paragraphen des Schwerin-Güstrower Rechtes, die von den consules und dem magister civium handeln, soll die Grundlage für die folgenden Ausführungen bilden. Diese Paragraphen haben folgenden Wortlaut: "§ 11. Omnis solidus pacis consulibus deputatur; § 12. Si decreuerint consules super officia ciuitatis magistrum ciuium ordinare et excedant subditi, due partes consulibus, tercia potestati, nil magistro ciuium deputetur; § 13. Ciuium est eligere magistrum talem." Es fragt sich, welche Bedeutung und welche Stellung auf Grund dieser Be-


484) M.U.B. I, 359
485) Hegel, Entstehung des Städtewesens S. 169 ff. Bloch, Lübeck und der Ursprung der Ratsverfassung S. 16 ff.
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stimmungen dem magister civium und dem Stadtrat zukommen. Die Würde eines Bürgermeisters (proconsul) als Präsident des Ratskollegiums kann der magister civium nicht bekleidet haben, da uns ein Bürgermeister in diesem Sinne erst im 14. Jahrhundert in Güstrvw unter dem Titel eines proconsul bekannt wird 486 ) und außerdem die rechtliche Stellung des proconsul eine andere wie die des magister civium war. Denn während der spätere Bürgermeister vom Rat als dessen präsidierendes Mitglied gewählt wird, ist der magister civium des Schwerin-Güstrower Rechts der Erwählte der ganzen Gemeinde. Als die Aufgabe des magister civium wird die Aufsicht über die Ämter bzw. Innungen der Stadt (officia civitatis) bezeichnet 487 ). Als Konkurrent des magister civium erscheint im Schwerin-Güstrower Recht der Stadtrat. Von seiner Genehmigung ist es abhängig, ob ein magister civium von der Stadtgemeinde über die Innungen gesetzt werden soll. Der Stadtrat bildet so in dem Schwerin-Güstrower Recht die dem magister civium übergeordnete Instanz, von der über die Existenz eines magister civium überhaupt erst entschieden wird. Auf Grund dieser Bestimmung konnte die Tätigkeit des magister civium vom Stadtrat vollkommen außer Kraft gesetzt und so zugleich der Einfluß der Gesamtbürgerschaft, als deren Organ ja der Magister erscheint, in der Verwaltung der Stadt zur Bedeutungslosigkeit verurteilt werden.

Diese eigentümlichen rechtlichen Beziehungen zwischen dem Rat und magister civium im Schwerin-Güstrower Recht legen die Frage nahe, ob das Verhältnis dieser beiden Institutionen zu einander schon früher in der Weise geregelt war, wie es uns aus der Urkunde von 1228 entgegentritt. Anscheinend ist dies nicht der Fall gewesen, sondern der magister civium hatte vor dem Jahre 1228 gegenüber dem Stadtrat eine selbständige Stellung inne. Dafür spricht zunächst der Inhalt der


486) M.U.B. XIV, 8675 (im Jahre 1359).
487) Man hat officia bisher mit "Pflichten" übersetzt. Officium heißt. auch Amt bzw. Innung (vgl. M.U.B. XVI, 10129 "officia, que innynge dicuntur"; Urkundenbuch von Hameln Nr. 79 "officia sua, que vocantur innynge"). Da gerade an dieser Stelle ein Recht des Schultheißen behandelt wird, dem als Gewerbeaufsichtsbeamten auch Befugnisse in den Innungen zustehen, ist es naheliegend, officia mit Ämter zu übersetzen. (Vgl. von Below, Entstehung der deutschen Stadtgemeinde, S. 23 ff.).
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Bestimmungen über den Stadtrat und den magister civium im Schwerin-Güstrower Recht. Denn der § 12, der das Genehmigungsrecht des Rats zur Einsetzung eines magister civium enthält, glaubt mit der Möglichkeit rechnen zu müssen, daß die Bürger sich gegen dies Recht empören, und setzt für diesen Fall Strafen fest, von denen dem magister civium bezeichnenderweise nichts zukommt, da der § 12 ja die Bußen für ein Vergehen gegen ein Ratsprivileg festsetzt, die naturgemäß nur den Inhabern dieses Privilegs, den Ratmännern zufallen können 488 ). Wäre dies Recht des Rates dem sonst als Schweriner bekannten Recht nicht widersprechend gewesen, hätte man die Möglichkeit einer Empörung dagegen wohl kaum vorgesehen und die Strafbestimmungen würden nicht erfolgt sein. Anscheinend handelt es sich bei diesem Recht des Rates um eine Festsetzung, die den Einfluß des Magister und damit der Gesamtgemeinde zurückdrängen sollte. Wenn man diese Bestimmung mit anderen dem Schweriner Recht nahestehenden Stadtrechten vergleicht, läßt sich deutlich erkennen, daß das Amt des magister civium eine dem Stadtrat gegenüber selbständige Institution gewesen ist und der letztere zum Teil in die Funktionen des ersteren eingetreten ist. Das Schweriner Recht hat, abgesehen von dem lübischen, besonders starke Berührungspunkte mit dem braunschweigischen Hagenrecht. Dieses Stadtrecht, das in seiner uns überlieferten Form im Jahre 1226 abgeschlossen und besiegelt wurde, geht ebenso wie das Schweriner in seinem Kern auf einen Rechtsbrief Heinrichs des Löwen zurück, den dieser um 1150 dem neu angelegten sog. Braunschweiger Hagen verliehen hat 489 ). Die Paragraphen aus dem Hagenrecht, die zur Erklärung der Entwicklung der Schwerin-Güstrower Stadtverfassung herangezogen werden müssen, haben folgenden Wortlaut: "§ 4. Item burgenses aduocatum unum de suis conciuibus eligant; et quicquidille per iudicia conquisierit, eius tercia pars curie presentabitur, dve partes ad usus et necessitates ciuitatis con-


488) Anders urteilt S. Rietschel, der in diesem Fall dem Schwerin-Röbeler Stadtrechtstext (M.U.B. II, 911) den Vorzug vor dem Güstrower Text gibt. In dem Schwerin-Röbeler Recht erhält der magister civium auch ein Drittel der Bußgelder, die aus dem § 12 sich ergeben.
489) Vgl. W. Varges, Die Gerichtsverfassung der Stadt Braunschweig, S. 13, dem ich in der Datierung des Hagenrechtes folge. (Zur deutschen Territorialgeschichte 45).
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uertantur; § 14. Item burgenses suos consules habeant, sicut habere consueuerunt, quorum consilio ciuitas regatur". In Braunschweig besteht danach ebenso wie in Schwerin ein Recht der Gemeinde, sich selbst einen Beamten zu wählen. Er führt zwar nicht den Titel eines magister civium, wie in Schwerin, sondern den eines advocatus, er ist jedoch als Gemeindebeamter in der Urkunde von dem herzoglichen Vogt dadurch deutlich unterschieden, daß dieser mit dem Worte iudex bezeichnet wird. Nach der Braunschweiger Urkunde hat der Gemeindebeamte richterliche Befugnisse. Frensdorff meint, daß es sich dabei um eine Gerichtsbarkeit handelte, "wie sie der Bauermeister des Sachsenspiegels übte, "over unrechte mate und unrechte wage, over valschen kop" und kleinen Diebstahl" 490 ). Es besteht danach zwischen dem Amt des Schweriner magister civium und dem Braunschweiger advocatus eine starke Verwandtschaft. Nur darin, daß im Braunschweiger Hagenrecht im Unterschied vom Schweriner Recht eine Abhängigkeit des Beamten der Gesamtgemeinde vom Stadtrat nicht vorhanden ist, beruht der grundlegende Unterschied zwischen der Institution in beiden Städten. Es ergibt sich nun aus der Urkunde des Braunschweiger Hagenrechts, daß die selbständige Stellung des advocatus gegenüber dem Rat in diesem Recht immer bestanden hat; denn der Stadtrat scheint in Braunschweig überhaupt erst eine jüngere Institution gewesen zu sein, deren Ursprung noch nicht in dem Rechtsbrief Heinrichs des Löwen zu suchen ist 491 ). Jedenfalls beweisen die Worte "sicut habere consueuerunt" , die die Tätigkeit des Rates erläutern sollen, zur Genüge, daß "eine allmähliche Entwicklung der Ratsverfassung in Braunschweig" stattgefunden hat 492 ), und deshalb kann der § 14 des Braunschweiger Rechtes in der uns bekannten Fassung erst aus dem Jahre 1226 stammen, als Herzog Otto das Kind das Hagenrecht bestätigte. Während sich also in Braunschweig die Ratsverfassung als das Produkt einer allmählichen Entwicklung des Braunschweiger Hagenrechts erweist, ist uns die Institution


490) F. Frensdorff, Studien zum Braunschweiger Stadtrecht II, S. 292 (Nachrichten von der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, 1906).
491) Vgl. Bloch, Lübeck und der Ursprung der Ratsverfassung, S. 18 ff.
492) Vgl. F. Rörig, Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte, Breslau 1928, S. 25.
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eines von der Gesamtbürgerschaft gewählten Beamten im Braunschweiger Hagenrecht schon für das Jahr 1196 urkundlich bezeugt 493 ). Denn in einer Hildesheimer Urkunde aus diesem Jahre finden sich folgende Bestimmungen, die für eine Ansiedlung von Flandern getroffen werden: "Idem advocatus semel tantum in anno presidebit iuditio, nisi aliud elegerint, et secundarium advocatum eis non constituet, sed magistrum civilem habebunt, quem elegerint ... In hiis et aliis, que longum est enumerare, ius aliorum Flandrensium, qui morantur Brunswi[c] vel circa Albim, prorsus sequi decreverunt advocati accedente consensu" 494 ). Es ist danach wahrscheinlich, daß das Recht der Gesamtbürgerschaft auf Wahl eines Beamten schon von Heinrich dem Löwen den Ansiedlern des Braunschweiger Hagens verliehen wurde, die diese Einrichtung der Landgemeinde, wie aus der Hildesheimer Urkunde hervorgeht, aus ihrer Heimat Flandern kannten, während die Bestimmungen über den Rat in dem von Heinrich dem Löwen erteilten Rechtsbrief in der uns aus dem Jahre 1226 bekannten Form noch nicht vorhanden gewesen sein kann. Jedenfalls war in Braunschweig der advocatus noch im Jahre 1226 völlig unabhängig vom Stadtrat. Weil nun auch das Schweriner ebenso wie das Braunschweiger Hagenrecht auf Heinrich den Löwen zurückgeht, so ergibt sich auch mit einiger Wahrscheinlichkeit für das Schweriner Recht, was wir für das Braunschweiger urkundlich nachweisen können, daß der. magister civium als Beamter der Gesamtbürgerschaft einstmals unabhängig vom Willen des Rats gewesen ist.

Nach dieser Feststellung, daß der magister civium zunächst selbständig dem Stadtrat gegenüber gestanden hat, bleibt die Frage zu beantworten, wie und bei welcher Gelegenheit sich das Verhältnis zwischen beiden Institutionen zu ungunsten des magister civium verschoben hat.

Es erscheint auffällig, daß nur im Schwerin-Güstrower Recht der Rat das Vorrecht hatte, den Friedensschilling einzunehmen und den magister civium einzusetzen, der die Aufsicht über die Innungen übte, während in Lübeck und Braunschweig


493) Doebner, Urkundenbuch von Hildesheim I, 49 S. 22.
494) Der Braunschweiger advocatus, der Hildesheimer magister civilis und der Schweriner magister civium sind sowohl nach ihrer "Bestellung durch die Gemeinde", wie auch nach ihrer Tätigkeit in "der Wahrnehmung kommunaler Funktionen" auf eine Stufe zu stellen. Vgl. Frensdorff a. a. O. S. 293 ff.
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der Rat diese Privilegien zur selben Zeit anscheinend noch nicht besitzt. Im Braunschweiger Hagenrecht heißt es von den Ratmännern lediglich, daß nach ihrem Rat die Stadt regiert werden solle, und auch der advocatus hat seine Stellung noch insofern bewahrt, als seine Einsetzung nicht vom Rat abhängig ist. Ferner findet sich im Barbarossa-Privileg Lübecks keine von diesen Schweriner Ratsbestimmungen wieder 495 ). Es ist auffällig, daß der Friedensschilling in Lübeck nicht dem Rat, sondern zur Hälfte den Bürgern (civibus) und zur Hälfte dem Vogt (iudici) zufällt 496 ). Wir sehen also, daß sowohl im Braunschweiger Hagen wie auch in Lübeck die Rechte der Gesamtbürgerschaft sich dauernder erhalten haben als in Güstrow, das Schweriner Recht erhielt. Angesichts dieser Tatsache, daß in den Lübecker und Braunschweiger Rechtsbestimmungen, die dem Schweriner Recht nach ihrer gleichen Herkunft und Stiftung durch Heinrich den Löwen eigentlich am ähnlichsten sein sollten, die Schweriner Ratsbefugnisse fehlen, bemerkt man mit einiger Überraschung, daß dieselben Rechte im Parchimer Lokationsvertrag den Lokatoren Parchims zugebilligt werden 497 ). Der betreffende Paragraph der Parchimer Urkunde hat folgenden Wortlaut: "§ 2. Huius" eciam ciuitatis cultoribus 498 ) dedimus omnem prouentum., qui vulgo sonat inninge, et solidum vriedescillinc, et ad emeudacionem et structuram ciuitatis." Um den Bau der Stadt zu betreiben, erhalten danach die Parchimer cultores den Friedensschilling und die Einkunft von den Innungen 499 ). In Güstrow sind es die consules, die den Friedensschilling (solidum pacis) erhalten. Außerdem haben diese sich ein Mitbestimmungsrecht in den Innungen in der Weise gesichert, daß sie sich das Einsetzungsrecht eines magister civium, der in den Innungen die Aufsicht führt, vorbehalten. Dieser Kompromiß im Schwerin-Güstrower Recht war offenbar dadurch nötig geworden, daß im ursprünglichen Schweriner Recht das Aufsichtsrecht über die Innungen dem magister civium allein


495) Lübisches Urkundenbuch I, Nr. 9. Vgl. Bloch, Lübeck und der Ursprung der Ratsverfassung, S. 3 ff.
496) "Pro pace alicui confirmanda lucrum, quod inde pro venit, medium solvatur civibus, reliquum iudici."
497) Vgl. S. 94 ff.
498) Das Wort "Cultores" bezeichnet die Lokatoren der Stadt.
499) Damit ist mittelalterlichem Recht gemäß auch zugleich die Aufsicht und das Gericht in den Innungen verbunden.
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zustand, während bei der Abfassung des Parchimer Lokationsvertrages auf ein bestehendes Recht keinerlei Rücksicht genommen zu werden brauchte 500 ). Abgesehen von dieser Verschiedenheit in der Form stimmen die Privilegien, die einerseits den Parchimer cultores, anderersets den Güstrower consules verliehen werden, vollkommen mit einander überein. Der Schluß liegt nahe, daß, wie in Parchim der Friedensschilling und das Recht an den Innungen den Lokatoren zugebilligt wurden, die dann auch, wie wir früher nachzuweisen versuchten, zu Ratmännern eingesetzt wurden, so auch in Güstrow dieselben Vorrechte den Ratmännern auf Grund ihrer Lokatorentätigkeit bei der Gründung Güstrows verliehen wurden. Da in Güstrow alle Ratmänner an der Lokatorenentschädigung beteiligt werden, so ist anzunehmen, daß auch alle als Lokatoren bei der Gründung Güstrows mitwirkten, und es ergibt sich, daß das Güstrower Ratskollegium wahrscheinlich aus einem Unternehmerkonsortium gebildet wurde 501 ). Vielleicht sind uns die Namen dieser ersten Güstrower Ratsherren in der Zeugenreihe der Bestätigungsurkunde des Schwerin-Güstrower Stadtrechts vom Jahre 1228 erhalten, wo uns sechs Namen Güstrower Bürger genannt werden: Bruno, Hinricus Advocatus, Johannes Cocus, Arnoldus Sagittarius, Fre., Daniel Institor, ciues in Guzstrowe. Bedenkt man ferner, daß die Parchimer, wie auch die Güstrower Urkunde von demselben Fürsten Heinrich von Rostock ausgestellt wurde, so erklärt sich die inhaltliche Übereinstimmung zwischen der Parchimer und Güstrower Urkunde sehr natürlich, ja es wäre sogar merkwürdig, wenn sie nicht bestände, und es wird auf diese Weise wahrscheinlich, daß die Schwerin-Güstrower Ratsverfassung in der Form, wie sie uns überliefert ist, unter dem Einfluß von Lokatoren, denen die Anlage Güstrows übertragen war, entstanden ist.

Nur die Anlage von Güstrow durch Lokatoren, die für sich eine Entschädigung auf Kosten der Institution des magister


500) Tatsächlich scheint die Entwicklung im Schweriner Recht auch dahin gegangen zu sein, daß ein magister civium vom Rat überhaupt nicht mehr eingesetzt wurde. Von der Existenz eines solchen in den werleschen Städten ist wenigstens nichts bekannt. Vgl. auch S.140 ff.
501) Der Ausdruck "Unternehmerkonsortium" ist von Rörig geprägt worden. Vgl. Rörig, Der Markt von Lübeck, Hans. Beiträge S. 40 ff.
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civium verlangten, konnte eine solche Veränderung des Schweriner Rechts zu ungunsten des magister civium herbeiführen. Aus einer bloßen "allmählichen Entwicklung der Ratsverfassung" läßt sich eine derartige Neugestaltung und Umgruppierung der Kräfte, wie sie das Schwerin-Güstrower Stadtrecht zum Ausdruck bringt, nicht erklären. "In dem Augenblick, in dem Güstrow mit ihm bewidmet wurde," wird das Schweriner Recht auf den "Grad der Ausbildung" gebracht, in dem es uns aus der Güstrower Urkunde bekannt ist 502 ).

Die Gründung Güstrows erfolgte aus wirtschaftlichen Interessen. Scheinbar spielten Rücksichten auf den Handelsverkehr bei der Auswahl des Platzes eine erhebliche Rolle. Denn anders wäre es wohl kaum zu erklären, daß die älteste Stadt der Herrschaft Werle nicht bei der Burg Werle, die in der Wendenzeit der Mittelpunkt dieses Landes war, sondern in einer größeren Entfernung von ihr bei dem in der Wendenzeit unbedeutenden Ort Güstrow gegründet wurde. Güstrow hatte eine für den Verkehr bei weitem günstigere Lage wie Werle. Denn Güstrow liegt im Tal der Nebel an einer Stelle, von wo natürliche Straßen nach allen Seiten ausgehen. So wird wohl der geübte Blick der kaufmännischen Unternehmer die Gunst der Lage dieses Platzes erkannt haben. Denn um eine Kaufmannssiedlung scheint es sich bei der ersten Anlage in der Tat gehandelt zu haben. Von den sechs Bürgern, die im Jahre 1228 als Zeugen der Güstrower Bestätigungsurkunde aufgeführt werden, ist einer nach seinem Gewerbe (Krämer) genannt 503 ). Ferner kann man auch aus einer landesherrlichen Bestimmung vom Jahre 1248 504 ), daß der Marktplatz nur mit Zustimmung der consules von seiner bisherigen Stelle verlegt werden könne, erkennen, wie sehr die consules am Marktleben interessiert waren, so daß sie eine Verlegung des Platzes ausschließlich von ihrer Genehmigung abhängig machten. Es kommt hinzu, daß auch der Landesherr seine tätige Mithilfe zur Förderung der Stadt nicht versagte, wie es aus der Gründung eines Domherrnstiftes im Jahre 1226 durch landesherrliche Mittel zu erkennen ist. Durch diese Stiftung des Landesherrn sollte anscheinend der örtliche Verbraucherkreis des Güstrower


502) Anders urteilt Rörig, der genau die umgekehrte Tatsache annimmt. (Rörig, Hans. Beiträge S. 25).
503) M.U.B. I, 359; Daniel Institor.
504) M.U.B. I, 607.
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Marktes erweitert werden 505 ). Auch scheint eine Burg seit der Gründung der Stadt in Güstrow bestanden zu haben. Ihre Besatzung wird uns bei der Stiftung des Domkollegiums im Jahre 1226 zuerst genannt 506 ).

Eine andere Frage ist die nach der Herkunft der Bevölkerung der Stadt. Anscheinend bestand das Unternehmerkonsortium aus deutschen Männern; denn die Namen der sechs Bürger, die uns im Jahre 1228 genannt werden, gehören der deutschen Sprache an 507 ). Auch die neun Ratmänner, die uns im Jahre 1248 bezeugt werden, sind vermutlich deutscher Herkunft 508 ). Es führt wenigstens keiner von diesen einen slawischen Namen. Danach gewinnt man den Eindruck, daß die ersten Güstrower Bürger deutscher Abstammung gewesen sind. Daß die ersten Güstrower Ansiedler, wie aus der Verleihung des Schweriner Rechts sich zu ergeben scheint, aus Schwerin gekommen bzw. durch Vermittlung Schweriner Bürger herangezogen sind, erscheint als sehr wohl möglich, besonders weil Schwerin ja auch in der ersten Zeit seines Bestehens eine ausgesprochene Handelsstadt gewesen ist. Bedenkt man auch, daß Parchim von Heinrich von Rostock in gleicher Weise wie Güstrow durch Lokatoren, die auch dieselben Vorrechte wie die Güstrower erhielten, gegründet ist, aber Parchim nicht das Schweriner Recht wie Güstrow empfing, so liegt es nahe, diese Abhängigkeit Güstrows von Schwerin sich in persönlichen Beziehungen der Lokatoren zu Schwerin begründet zu denken.

Neben der von Heinrich von Rostock gegründeten Stadt entstand vor dem Jahre 1248 eine neue. Man hatte jedoch mit der Anlage dieser Neustadt die Gunst der Lage Güstrows und die Entwicklungsmöglichkeiten an dieser Stelle überschätzt, denn im Jahre 1248 wird den Bürgern der Altstadt gestattet, diese neue Stadt wieder abzubrechen und dafür lieber erst die Altstadt mit ansehnlichen Gebäuden auszubauen 509 ). Anscheinend wurde vor dem Abbruch der Neustadt ein Kompromiß zwischen den Bürgern der Alt- und Neustadt abgeschlossen, dessen einzelne Bestimmungen uns urkundlich nicht erhalten sind,


505) Natürlich sind die entscheidenden Gründe für die Stiftung des Domherrnkollegiums in den Christianisierungsabsichten der Kirche und des Landesherrn zu suchen.
506) M.U.B. I, 323 und 344.
507) M.U.B. I, 359.
508) M.U.B. I, 607.
509) M.U.B. I, 607.
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dessen Vorhandensein wir aber daraus erschließen können, daß noch im 14. Jahrhundert der Güstrower Rat als der Rat der alten und neuen Stadt bezeichnet wird 510 ). Danach haben sich die beiden Ratskollegien beim Abbruch der Neustadt zu einer Körperschaft vereinigt. An welcher Stelle diese Neustadt neben der Altstadt 511 ) gelegen hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls hat die Altstadt sich immer auf dem linken Ufer der Nebel befunden. Wenn Lisch meint 512 ), daß die Altstadt auf dem rechten Ufer der Nebel gelegen habe und heute vom Erdboden verschwunden sei, so verwechselt er dabei "Alt-Güstrow" (Wendisch-Güstrow) mit der "alten Stadt Güstrow" 513 ), deren Pfarrkirche, die Kirche der "alten Stadt Güstrow", auch die "Marktkirche" genannt 514 ), noch heute mitten in der Stadt liegt. Auch die Möglichkeit, daß etwa die "Neustadt" in dem heute von uns als Altstadt von Güstrow bezeichneten Stadtteil mitenthalten sein sollte, ist nicht anzunehmen, weil der Plan. dieser Altstadt von Güstrow einen so geschlossenen Eindruck macht, daß man ihn als den ursprünglichen Grundriß der Altstadt Güstrow ansprechen muß. Der Plan ist der einer Stadt aus frischer Wurzel 515 ). Ein großer rechteckiger, fast quadratischer Marktplatz liegt beherrschend im Zentrum der kreisförmig angelegten Stadt. Von seinen vier Ecken führen rechtwinklig die Straßen nach allen Seiten hin. Neben unseren urkundlichen Zeugnissen bildet also auch der Stadtplan der Altstadt Güstrow ein lebendiges Zeugnis für die Vorgänge bei der Gründung, als gegenüber dem slawischen Dorf deutsche Unternehmer die Anlage einer Stadt begannen.

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2. Die Gründung der Stadt Malchow 516 ).

Nikolaus I., auf dessen städtefördernde Politik bereits eingegangen wurde, beginnt die Reihe seiner Stadtgründungen


510) M.U.B. X, 7060; XIV, 8675.
511) M.U.B. I, 607: Nouam ciuitatem funditus destruendam, eis in rerum suarum dispendio adiacentem.
512) M.J.B. 10, S. 186/87.
513) Altgüstrow (M.U.B. II, 826; XX, 11377). Altstadt Güstrow (M.U.B. I, 607; VI, 3636; IX, 6592; XIV, 8675; XV, 9123. Diese beiden Bezeichnungen werden auch im 14. Jahrhundert noch auseinandergehalten. (Anders urteilt Schlie S. 188/89.)
514) M.U.B. XVI, 10074.
515) Plan der Stadt Güstrow siehe Schlie S. 193/94.
516) Schlie a. a. O. Bd. 5, S. 391 ff.; Bachmann a. a. O. S. 423; Lisch, Urgeschichte des Ortes Malchow, Schwerin 1867; Evers, Jahrbuch für Malchow und Umgegend, 1903.
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mit der Malchows am 14. März 1235 517 ). Malchow liegt auf einer Insel in der Elde an einer Stelle, wo dieser Fluß seine größte Breite erreicht. Diese Lage Malchows bringt es mit sich, daß es zu allen Zeiten ein wichtiger Übergangspunkt über die Elde gewesen ist.

Sie war jedoch nicht die früheste Siedlung, von deren Existenz an dieser Stelle uns die Quellen berichten. Schon der slawische Name Malchow läßt darauf schließen, daß zur Wendenzeit eine slawische Ansiedlung in dieser Gegend gestanden haben muß. Tatsächlich wird uns auch berichtet, daß es hier eine Burg und ein Heiligtum gegeben hat 518 ). Beide wurden zwar im Verlauf des Wendenkreuzzuges im Jahre 1147 zerstört, anscheinend aber bald darauf wieder hergestellt, da die Burg im Jahre 1160 nach dem Tode Niklots von Heinrich dem Löwen mit Ludolf von Peine als Burgvogt besetzt wird 519 ). In den Kämpfen um die endgültige Bezwingung der Wenden spielte die Burg, nunmehr im Besitz Heinrichs des Löwen, auch fernerhin eine Rolle. Nach der Schlacht bei Verchen (1164) verschwindet ihr Name aus der Geschichte. Ihre Lage vermutet Lisch "auf dem Südufer der Elde der Stadt schräge gegenüber auf einem niedrigen Vorsprung der jetzigen Laschendorfer Feldmark gegen den Fleesensee," wo ein wendischer Burgwall sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Die Bedeutung dieser Burg in slawischer Zeit war sicher nicht gering, da uns noch im 13. Jahrhundert vom Lande (terra) Malchow berichtet wird und wir aus dieser Bezeichnung schließen können, daß Malchow Mittelpunkt eines ganzen Burgbezirks war, der nach ihr benannt wurde. Es ist anzunehmen, daß außer der Burg und dem Heiligtum hier auch noch ein wendisches Marktdorf Malchow existierte. Darauf deutet anscheinend noch der Name eines Gehöftes auf dem südlichen Ufer der Elde nahe bei der Burg hin, der "Wiksol" lautet und in seinem ersten Teil den Namen für wendische Marktsiedlungen enthält 520 ). Außerdem führt auch ein Mal-


517) M.U.B. I, 433.
518) Magdeburger Annalen zum Jahre 1147. Vgl. Wigger, Meckl. Annalen, S. 113a, 126a.
519) Helmold, Chronica slavorum M.G.SS. XXI, S. 81.
520) Lisch a. a. O. S. 7. Die Burgdörfer bei den Burgen Werle, Rostock und Marlow führten die Bezeichnung Wiek. Vgl. dazu M.J.B. 46, S. 158. "Vicus enim in slavonico proprie civitas, in qua forum exercetur. Nunquam aliqui dicunt: transeamus ad civitatem, sed: vadamus ad wyk (Bog. 1250)".
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chower Bürger im 13. Jahrhundert den Namen "de Wic", der auch auf eine Wiek bei Malchow hindeutet. Vielleicht ist uns dieses wendische Marktdorf noch in dem späteren Dorf Alt-Malchow erhalten, das der Stadtinsel an dem südlichen Eldeufer gerade gegenüber liegt und uns im Jahre 1285 als Dorf zuerst genannt wird 521 ). Zwar hat man bisher behauptet, daß Alt-Malchow ein deutsches Kolonistendorf gewesen sei, aber für diese Behauptung kann man bis heute keinerlei Beweise beibringen. Es spricht vielmehr dagegen, daß die Bezeichnung "Alt" bei Wismar und Güstrow für eine wendische Siedlung angewandt wird.

Schmaltz behauptet, daß in Alt-Malchow schon vor der Zeit der Kolonisation eine Kirche errichtet sei 522 ). Seine Vermutung vermag jedoch einer ernsthaften Kritik nicht standzuhalten. Denn Schmaltz folgert hier wieder aus der wahrscheinlichen Tatsache, daß Malchow ein Burgwardkirchspiel gewesen ist, daß damit die Alt-Malchower Kirche schon vor der Kolonisation bestanden haben muß, weil die Malchower Stadtkirche erst mit der Stadtgründung zugleich entstanden ist. Wie das Beispiel des Parchimer Kirchspiels und dessen Gründung gezeigt hat 523 ), entspricht diese Theorie von Schmaltz, daß ein Burgwardkirchspiel immer vor dem Beginn der Kolonisation gegründet wurde, nicht dem wirklichen Hergang. Abgesehen von dieser falschen Burgwardkirchspieltheorie kann Schmaltz seine Ansicht nur damit begründen, daß es ihm "undenkbar ist, daß nach der um 1235 mit der Stadt zugleich errichteten Kirche von Neu-Malchow unmittelbar vor dem Tore der Stadt noch eine zweite Pfarrkirche landesherrlichen Patronates (in Alt-Malchow) errichtet worden ist". Mir erscheint dies aber durchaus möglich, zumal wenn man annimmt, daß Alt-Malchow ein Wendendorf gewesen ist und im natürlichen Gegensatz zu der deutschen Stadt stand. Wie Alt-Malchow im Jahre 1285 zum Sitz des Landdings bestimmt wurde, das vorher in der Stadt lokalisiert war 524 ), so mag sich der Gegensatz zwischen Malchow und Alt-Malchow sehr wohl auch noch in der Errichtung einer eigenen Kirche durch den Landesherrn in Alt-Malchow ausgewirkt haben. Der Ansicht von Schrnaltz, daß


521) M.U.B. III, 1781.
522) M.J.B. 72, S. 186.
523) Vgl. S. 92 ff.
524) M.U.B. III, 1781.
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"die Kirche von Alt-Malchow älter sein und in die Zeit vor der Kolonisation zurückreichen muß" 525 ), widerspricht auch die urkundliche Überlieferung, denn während uns die Malchower Kirche zuerst im Jahre 1256 genannt wird 526 ), begegnet uns die von Alt-Malchow erst im Jahre 1298, also ungefähr 40 Jahre später 527 ). Es kommt hinzu, daß nach dem Baustil der Alt-Malchower Kirche deren Entstehung, wenn nicht in eine spätere, so doch zum mindesten in keine frühere Zeit verlegt wird 528 ). Danach ist in Malchow die Stadtkirche, die, wie ihre Baubeschreibung zeigt, erst mit der Stadtgründung zugleich entstanden ist 529 ), die älteste Kirche, und ihr Kirchspiel umfaßte vielleicht zunächst das ganze Land Malchow.

Die Gründung der Stadt im Jahre 1235 erfolgte in der Weise, daß der Fürst Nikolaus von Werle den "cives" von Malchow Schweriner Recht verlieh 530 ). Die Stadt ist eine Gründung aus frischer Wurzel. Man erkennt dies auch daraus, daß der Stadt in der Urkunde von 1235 vierzig Hufen als Feldmark zu allem Recht und Nutzen angewiesen werden, eine Tatsache, die auf die Neusiedlung einer Gemeinde schließen läßt. Durch den Stadtplan wird dieser urkundliche Hinweis bestätigt 531 ). Zwar schrieb die dreieckige Form der Stadtinsel schon gewissermaßen durch ihre Natur den Bebauungsplan vor, indem die Straßen den drei Seiten der Insel folgten, aber die quadratische Form des "alten Marktes" deutet doch auf die planmäßige Anlage der Stadt hin.

Diese Art der Entstehung der Stadt legt die Vermutung nahe, daß auch bei der Anlage von Malchow Lokatoren tätig gewesen sind. Es erscheint in diesem Fall sehr wohl möglich, daß auch in Malchow den consules ebenso wie in Güstrow das Recht auf den Friedensschilling und die Einsetzung eines magister civium auf Grund ihrer Mithilfe an der Anlage der Stadt zugebilligt worden ist. Jedenfalls muß ja der Stadtrat, dessen Aufgaben und Rechte in Malchow durch die Gründungsurkunde festgelegt wurden und mit denen der Güstrower consules übereinstimmten, vom Landesherrn bei der Gründung


525) M.J.B. 73, S. 186.
526) M.U.B. II, 763.
527) M.U.B. IV A, 2503.
528) Vgl. Reifferscheid a. a. O. S. 36/37.
529) Vgl. Reifferscheid a. a. O. S. 133 ff.
530) M.U.B. I, 433.
531) Vgl. den Plan von Malchow bei Evers a. a. O.
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eingesetzt sein; und es ist zu vermuten, daß die ersten Ratmänner vom Landesherrn zur Anlage der Stadt beauftragt waren und dafür die besonderen Privilegien erhielten, die den ersten Güstrower Ratsherren als Lokationsentschädigung erteilt waren. Es entspricht auch dem üblichen Hergang bei Stadtgründungen besser, daß nicht die Gesamtheit der Ansiedler (cives de Malchowe), sondern ein Ausschuß derselben mit dem Landesherrn über die Erteilung des Stadtrechtes verhandelte und die Ansiedlung leitete. Vielleicht haben wir die Lokatoren in den vier Malchower Bürgern zu erblicken, die uns in der Gründungsurkunde von 1235 genannt werden 532 ). Außer dem Landesherrn hat vermutlich auch die Stadt Güstrow bei der Gründung Malchows mitgewirkt. Die Gründungsurkunde wurde in der Stadt Güstrow ausgestellt und enthält in ihrer Zeugenreihe auch die Namen von zwei Güstrower Bürgern. Dazu kommt auch, daß Malchow seinen Oberhof in Güstrow hatte. In späterer Zeit bestanden anscheinend auch Handelsverbindungen zwischen Rostock und Malchow. Aus dem Jahre 1320 ist uns ein Tuchgeschäft zwischen zwei Malchower und einem Rostocker Bürger überliefert 533 ).

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3. Die Gründung der Stadt Malchin 534 ).

Ein Jahr später als die Gründung Malchows erfolgte die von Malchin. Sie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Eroberung des Landes Malchin durch Nikolaus von Werle, der dies Gebiet im Frühjahr des Jahres 1236 den Pommernherzögen entriß 535 ). Denn bereits am 7. April 1236 wurde die Stadt von dem Fürsten von Werle durch Verleihung des Schweriner Stadtrechtes an die cives von Malchin gegründet 536 ). Er wollte mit dieser Stadtgründung das Land Malchin, das nach seiner eigenen Aussage einer Wüste glich 537 ), wirtschaftlich fördern und durch Verleihung des Schweriner Stadtrechtes an die Stadt Malchin, das er auch seinen übrigen


532) Rodolphus, Wernerus, Amelingus, Henricus, ciues de Malchow.
533) M.U.B. VI, 4237.
534) Vgl. Schlie a. a. O. Bd. 5, S. 84 ff.; Bachmann a. a. O. S. 423; H. Gotthardt, Sagen der Vorzeit Malchins und Denkwürdigkeiten der Stadt, 1862; F. Brockmann, Malchiner Chronik, 1902.
535) Vgl. Witte a. a. O. Bd. 1, S. 165.
536) M.U.B. I, 449.
537) M.U.B. I, 514: "Solitudinem satis spaciosam".
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Städten gegeben hatte (quod ceteris ciuitatibus nostris dedimus), diese und das neu gewonnene Gebiet an seine Herrschaft binden. Malchin liegt an der pommerschen Grenze. Es hat durch seine Lage an der Peene und am Kummerower See, der zur Hälfte zu Pommern gehört, auch geographische Verbindungen zu diesem Lande, eine Tatsache, die im Mittelalter in einer Zollbegünstigung der Malchiner Bürger in Pommern und der Zulassung der um Malchin liegenden pommerschen Dörfer zum Malchiner Markt auch wirtschaftlich ihren Ausdruck fand 538 ).

Vor der Stadtgründung hat anscheinend keine frühere Siedlung mit dem Namen Malchin bestanden, die von Menschen bewohnt war. Denn noch im Jahre 1240 beschreibt der Gründer der Stadt, Fürst Nikolaus, das Land Malchin, wie er es vorfand, als er es im Jahre 1236 von Pommern erwarb, als eine "Einöde, die hinreichend Raum hatte" 539 ).

So erklärt sich auch, daß der Stadt Malchin bei ihrer Gründung eine Feldmark zugewiesen wird, deren Begrenzung den Bürgern vom Landesherrn nicht vorgeschrieben, sondern diesen selbst überlassen bleibt 540 ). Land war also in Hülle und Fülle vorhanden, das von niemand bebaut und auf das von niemand Anspruch erhoben wurde. So mag es sich auch erklären, daß die Malchiner Pfarre im Jahre 1247 mit nicht weniger als 17 Hufen dotiert wurde 541 ). Es erscheint auch als ausgeschlossen, daß der noch heute "südöstlich von der Stadt vor dem Mühlentor in den weiten Wiesen an der Oberpeene" erhaltene "Burgwall" noch zur Zeit der Stadtgründung von einer Besatzung beschützt war, besonders weil uns urkundlich von der alten Slawenburg nichts überliefert ist und in späterer Zeit die landesherrliche Burg in der Stadt lag 542 ). Allerdings kommt der Name "Malekin" bereits in einer pommerschen Urkunde vor, die angeblich aus dem Jahre 1215 stammt 543 ). Anscheinend ist in der Urkunde mit Malchin ein slawisches Dorf gemeint, das wohl sicherlich, wie aus dem


538) M.U.B. II, 807; III, 1853.
539) M.U.B. 514.
540) Dedimus eciam eidem ciuitati agros adiacentes ... cum disterminacione, qua ipsa curauimus disterminare.
541) M.U.B. I, 589. Im Bistum Ratzeburg betrug die Dotation der Pfarren nur ca. 2 Hufen. Vgl. M..U.B. I, 375.
542) M.U.B. XVIII, 10334.
543) M.U.B. I, 219.
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slawischen Wort Malchin hervorgeht, einst existiert haben wird. Die Urkunde von 1215 ist uns in zwei inhaltlich verschiedenen Ausfertigungen erhalten, die beide für echt gehalten werden. Mir scheint die Erweiterung, die die längere Fassung (B.) gegenüber der kürzeren (A.) mit der Schenkung des halben Malchiner Sees an das Kloster Arendsee enthält, ein späterer Zusatz zugunsten des Klosters Arendsee zu sein. Denn es ist auffällig, daß gerade in diesem Teil das deutsche Wort "uosgrouen" vorkommt, das im Jahre 1215 als Flurbezeichnung für die Malchiner Gegend noch nicht vorhanden gewesen sein kann, da die deutsche Kolonisation im Lande Malchin erst durch Nikolaus von Werle wirklich in Angriff genommen wurde 544 ). Weil aber das Wort Malchin nur in dieser Erweiterung der Fassung B. vorkommt, so ergibt sich, daß wir kein sicheres urkundliches Zeugnis über das Vorhandensein einer Ortschaft Malchin vor dem Jahre der Stadtgründung besitzen.

Angesichts dieser Tatsachen erscheint die Behauptung von Schmaltz, daß das Malchiner Kirchspiel, weil es anscheinend ursprünglich das ganze Land Malchin umfaßte, "fraglos" älter als die Gründung der Stadt sei, als unwahrscheinlich 545 ). Wiederum dürfte also die Theorie von Schmaltz, daß ein Burgwardkirchspiel vor der Kolonisation gegründet sei, nicht anwendbar sein. Denn wie die Malchiner Kirche erst nach dem Jahre 1236 gebaut wurde 546 ), so erfolgte auch die Grenzbestimmung des Malchiner Kirchspiels und deren Tochterkirche Basedow erst im Jahre 1247 bei der Malchiner Kirchweihe 547 ). Nimmt man dazu, daß in der Zeit vor der Stadtgründung eine Siedlung Malchin, wo ein Priester sich aufhalten konnte, offenbar nicht existierte, so hat die Behauptung von Schmaltz keinerlei Berechtigung. Mit der Stadtgründung zugleich, die den Beginn einer tatkräftigen Neubesiedlung des Malchiner Landes bezeichnet, erfolgte auch erst die Organisation des Malchiner Kirchspiels, dessen erster Pfarrer als Zeuge bei der Gründung Malchins genannt wird 548 ).


544) Die Namen der Zeugen der Urkunde von 1215 sind sämtlich slawisch. Vgl. ferner M.U.B. I, 514. Außerdem ist zu beachten, daß das Dorf Rottmannshagen in der Nähe Malchins erst im Jahre 1261 kolonisiert wurde. Vorher hatte es den Namen Rathenowe (M.U.B. II, 945).
545) M.J.B. 72, S. 181 ff.
546) Vgl. Reifferscheid a. a. O. S. 130 ff.
547) M.U.B. I, 589.
548) Olricus parrochianus de Malchyn.
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Die Stadt Malchin selbst ist offenbar eine Gründung aus frischer Wurzel. Den Malchinern wird ebenso wie den Malchowern erst bei der Stadtgründung eine Feldmark zugewiesen. Man kann daraus schließen, daß die Malchiner Bürger vor der Stadtrechtsverleihung noch keine Feldmark in einem Dorf bebauten. Der Stadtplan bestätigt uns die urkundliche Überlieferung. Er ist bereits in dem grundlegenden Werk der Stadtplanforschung von Johann Fritz als typisches Beispiel der Anlage einer Kolonialstadt veröffentlicht worden 549 ). Die Stadt ist kreisförmig angelegt. Von dem quadratischen Marktplatz im Zentrum der Stadt gehen die Straßen rechtwinklig nach allen Seiten hin ab. Da Malchin eine Gründung aus frischer Wurzel war, ist es auch wahrscheinlich, daß bei der Anlage der Stadt Lokatoren mitwirkten. Man kann sich auch kaum denken, daß der Stadt als der Gesamtheit der Bürger das Recht verliehen worden sei, die Begrenzung ihrer Feldmark selbst vorzunehmen, wie dies in der Urkunde zum Ausdruck kommt. Wahrscheinlicher ist, daß dies vielmehr Unternehmern übertragen wurde, die im Namen des Landesherrn die Anlage der Stadt durchführten. Für ihre Tätigkeit erhielten die Unternehmer dann die Einnahmen, die im Schwerin-Güstrower Recht den Ratmännern als Lokatoren zufielen; sie wurden wahrscheinlich als Stadtrat eingesetzt. Vielleicht haben wir in den vier Bürgern von Malchin (Jugardus, Gernandus, Salemon, Lambertus), die uns in der Gründungsurkunde als Zeugen genannt wurden, die Unternehmer zu suchen. Anscheinend war die Stadt Güstrow auch an der Gründung Malchins beteiligt. Denn die Urkunde der Stadtrechtsverleihung ist in Güstrow ausgestellt und auch von zwei Güstrower Bürgern bezeugt worden. Dabei ist es auffällig, daß Dietrich von Sandow auch als Güstrower Zeuge schon bei der Gründung Malchows genannt wird. Vielleicht waren seine Beziehungen zum deutschen Mutterland weitreichend und sein Interesse an der deutschen Kolonisation besonders groß.

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4. Die Gründung der Stadt Röbel 550 ).

Der Gründung Malchins im Jahre 1236 folgt ein Zeitraum von über 20 Jahren, in dem, wie es scheint, Nikolaus


549) J. Fritz a. a. O. Tafel 2.
550) Schlie a. a. O. Bd. 5, S. 464; Bachmann a. a. O. S. 434; Das alte Röbel, ein Gedenkbuch zur 700-Jahrfeier, herausgegeben von den Kirchgemeinderäten Röbel (St. Marien), Ludorf und Naettebow, Rostock 1926.
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keine Städte gründete. Erst im Jahre 1261 setzte Nikolaus mit der Erteilung des Stadtrechtes an Neu-Röbel die Reihe seiner Stadtgründungen fort. Zwischen den Jahren 1261 und 1276 gründete Nikolaus sechs, vielleicht sogar sieben neue Städte; jedenfalls werden uns diese Orte als Städte innerhalb dieser Zeit zuerst genannt, so daß ihre Gründung auch ungefähr in diese Zeit fallen muß. Der Grund dafür, daß so lange Zeit seit der Gründung Malchins keine Stadt mehr in der Herrschaft Werle entstand, wird vermutlich darin zu suchen sein, daß der Strom der deutschen Einwanderer sich zunächst der Küste und dann erst dem Innern des Landes zuwandte. Denn während in der Herrschaft Rostock an der Ostsee eine Stadt nach der andern gebaut wurde, ruhte zur selben Zeit der Städtebau im Lande Werle und erst, als in der Herrschaft Rostock ungefähr um das Jahr 1260 die städtische Kolonisation in ihrem Aufbau beendet ist, beginnt Nikolaus von Werle von neuem damit, Städte in seinem Lande zu gründen.

Röbel liegt an der Müritz nahe der märkischen Grenze. Die Stadt hat bereits im Jahre 1926 ihre Siebenhundert-Jahr-feier festlich begangen. Aber es ist doch sehr zweifelhaft, ob die Stadtgründung bereits im Jahre 1226 erfolgte. Allerdings ist uns eine Urkunde aus dem Jahre 1261 erhalten, die ihrer Form nach nur eine Bestätigung für den Stiftungsbrief der Stadt sein will, welcher von Heinrich Borwin, der vor dem 4. oder 5. Juni 1226 gestorben ist, ausgestellt sein soll 551 ). Deutlich spricht Nikolaus es aus, daß bereits sein Vater Heinrich der "Neustadt-Röbel" das Schweriner Recht verliehen hatte. Trotzdem hat Techen es mit Recht versucht, die Bestätigungsurkunde von 1261 als den eigentlichen Stiftungsbrief der Neustadt Röbel zu erweisen, indem er darauf hinwies, daß der Text der Röbeler Urkunde auf der Güstrower Bestätigungsurkunde von 1228 beruhe und die Berufung auf Heinrich Borwin aus der Güstrower in die Röbeler Urkunde übernommen worden sei 552 ). Diese Ansicht Techens hat eine weitere Stütze in dem Ergebnis der Untersuchung von Reifferscheid gefunden, der nachwies, daß die heutige Kirche der Röbeler Neustadt erst nach 1261 entstanden sein kann, und so "auf baugeschichtlichem Wege" die Überzeugung erlangte, "daß


551) M.U.B. II, 911.
552) M.U.B. I, 359. Vgl. Techen, Wann ist Güstrow mit Stadtrecht bewidmet? (M.J.B. 70, S. 182).
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die Urkunde vom 21. Januar 1261 in Wirklichkeit nicht die Bestätigung der Verleihung des Stadtrechts, sondern diese selbst darstellt 553 ). Dazu kommt, daß uns vor dem Jahre 1261 keine Spur von einer Stadt Röbel begegnet, obgleich Burg und Kirche öfters erwähnt werden und auch Urkunden in Röbel ausgestellt werden, die uns wohl Röbeler Burgleute, Vögte und Geistliche in ihren Zeugenlisten nennen, aber keine Ratmänner und Bürger der Stadt 554 ). Danach war eine Stadt vor dem Jahre 1261 noch nicht vorhanden. Röbel scheint vielmehr eine Hauptburg des alten Slawentums gewesen zu sein. Denn noch im Jahre 1256 werden uns als Burgleute von Röbel nur Slawen genannt 555 ). Die Bezeichnung Röbel wird vor der Stadtgründung für eine Burg und ein Dorf gebraucht. Die Burg wird uns bereits zum Jahre 1227 bezeugt, und zwar wird uns Vnizlauus als Burgmann von Röbel genannt 556 ). Wir sehen also aus dieser Nachricht zugleich, daß die Burg im Jahre 1227 auch von einer Besatzung beschützt wurde. Die Burg lag an der engsten Stelle zwischen See und Mönchsteich und konnte so leicht die Handelsstraße, die sich hier aus der Mark nach Mecklenburg hinzog, beherrschen. Vor der Burg lag auch ein Dorf, von dessen Existenz uns zwar unsere Quellen vor dem Jahre 1261 nicht direkt berichten, das aber nach der Bezeichnung, die es nach dem Jahre 1261 führte, Alt- bzw. alte Stadt Röbel, schon vor der Gründung der Neustadt existiert haben muß 557 ). Sicherlich wird vor dem Jahre 1261 gegenüber der Burg auch eine Kirche, die heutige Marienkirche, bestanden haben, da ein "Nicolaus prepositus de Robele" bereits zum Jahre 1239 erwähnt wird, "dessen Vorhandensein auf damals schon entwickeltere Verhältnisse am Fuße der alten landesherrlichen Burg schließen läßt". Dazu kommt, daß der Plan von Alt-Röbel sich deutlich von dem der Neustadt unterscheidet 558 ). Während Neu-Röbel nach dem Plan einer Stadtgründung aus frischer Wurzel angelegt ist, besteht der Grund-


553) Reifferscheid a. a. O. S. 139 ff.
554) M.U.B. I, 344; I, 410, 523, 634; II, 731, 748, 768, 777, 850.
555) M.U.B. II, 777: "Dominus Heinricus Dargaz, dominus Otto Bersere, dominus Jeroslaus, dominus Vnslauus, milites de Robele."
556) M.U.B. I, 344.
557) M.U.B. III, 1758; V, 3349; VIII, 5598; XIX, 10941.
558) Der Stadtplan von Röbel ist in dem Gedenkbuch "Das alte Röbel" a. a. O. S. 5 veröffentlicht.
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riß Alt-Röbels nur aus einer langen Straße, deren Richtung dem Zuge der alten Handelsstraße folgt. Wahrscheinlich haben wir in Alt-Röbel das slawische Burgdorf zu suchen, zumal da bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts die Burgbesatzung nachweislich aus Slawen bestand 559 ) und auch für die Altstadt in späterer Zeit slawische Namen häufiger bezeugt sind 560 ).

Der Grundriß der Stadt zeigt im Gegensatz zu dem von Alt-Röbel eine Form, die Meurer "die Längsplatzanlage des Marktes" nennt 561 ), und ruft so den Eindruck einer planmäßigen städtischen Grundrißbildung hervor. An der einen, die ganze Stadt in gerader Richtung durchziehenden Hauptstraße liegt der große, rechtwinklige Marktplatz, auf dessen einer Hälfte die Kirche errichtet ist. Von der Hauptstraße gehen rechtwinklig die Nebenstraßen ab. Vielleicht sind wegen dieser Art der Anlage der Stadt auch Lokatoren dabei beteiligt gewesen, die zu Ratmännern eingesetzt wurden. Die Namen der Ratmänner, die uns im Jahre 1288 zuerst genannt werden 562 ), zeigen, daß die ersten Bürger überwiegend deutscher Abstammung gewesen sind. Von fünf Ratmännern, die uns namentlich aufgeführt werden, sind drei sicher als Deutsche anzusprechen, während nur zwei nach mecklenburgischen Dörfern genannt werden, also ihre Nationalität nicht deutlich erkennen lassen. Es bestanden auch Beziehungen zwischen Lübeck und Röbel. Denn vor dem Jahre 1303 war ein Lübecker Bürger, Gödeke Vretup, mit dem Zoll in Röbel belehnt gewesen 563 ).

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5. Die Gründung der Stadt Penzlin 564 ).

Zwei Jahre später als Röbel wurde Penzlin von Nikolaus gegründet 565 ). Penzlin liegt von allen Städten Mecklenburg-Schwerins am weitesten nach Südosten zu. An der Grenze des Landes beschützte die Burg Penzlin einen wichtigen Eingangspaß nach Mecklenburg. Die Stadtgründung erfolgte am 28. Februar 1263. Den "cives" von Penzlin wurde das Schweriner


559) M.U.B. I, 344, 523; II, 777.
560) Vgl. "Das alte Röbel" a. a. O. S. 20.
561) Meurer, Der mittelalterliche Stadtgrundriß, 1914, S. 39.
562) M.U.B. III, 1962.
563) M.U.B. V, 2857.
564) Schlie a. a. O. Bd. 5, S. 228; Bachmann a. a. O. S. 429; E. Danneil, Chronik der Burg und Stadt Penzlin, Penzlin 1873.
565) M.U.B. II, 987.
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Stadtrecht verliehen. Zwar ist auch die Penzliner Urkunde über diesen Vorgang ebenso wie die Röbeler ihrer Form nach nur eine Bestätigungsurkunde für einen angeblich bereits von Heinrich Borwin ausgestellten Stiftungsbrief der Stadt Penzlin. Aber wie bereits bei der Röbeler Urkunde von 1261 nachgewiesen wurde 566 ), daß diese ihre Beziehung auf Heinrich Borwin der Güstrower Urkunde von 1228 entlehnt hat, so ergibt sich in gleicher Weise, daß die Penzliner Urkunde diese Berufung auf Heinrich Borwin der Röbeler entnommen hat; denn die Penzliner Urkunde wurde zwei Jahre später wie die Röbeler in Röbel ausgestellt, von Röbeler Burgleuten bezeugt und gleicht fast wörtlich der Röbeler Urkunde. Der Name Penzlin begegnet uns in einer echten Urkunde zuerst 1263, nämlich in der Gründungsurkunde der Stadt. Die Brodaer Klosterurkunde, die ein slawisches Dorf "Pacelin" zum Jahre 1170 erwähnt, ist gefälscht 567 ). Trotzdem braucht die Existenz eines solchen Dorfes, worauf schon der slawische Name hinweist, nicht bezweifelt zu werden. Auch eine Kirche von Penzlin wird in einer Brodaer Klosterurkunde zum Jahre 1230 erwähnt 568 ), aber auch diese Urkunde hat sich als eine Fälschung erwiesen. Erst im Jahre 1273 wird die Penzliner Kirche uns in einer echten Urkunde genannt 569 ). Sie wird also nicht vor der Gründung der Stadt errichtet sein. Die Burg Penzlin hat jedoch vielleicht schon vor dem Jahre 1263 bestanden, da sie im Jahre 1273 eine eigene Burgkapelle besitzt 570 ). Burg und Stadt liegen nebeneinander. Die Stadt ist, wie schon aus der urkundlichen Überlieferung hervorgeht, auch nach der Art ihrer Anlage eine Gründung aus frischer Wurzel. Der Grundriß Penzlins 571 ) stimmt im allgemeinen mit dem von Röbel überein. Auch in Penzlin liegt an der einen geraden durchgehenden Straße der rechtwinklige Marktplatz mit der Kirche. Senkrecht wird die Hauptstraße von den Querstraßen geschnitten. Unter den sechs Ratmännern, die uns im Jahre 1283


566) Vgl. S. 134.
567) Schmaltz, M.J.B. 72, S. 191 ff.; M.U.B. I, 95.
568) M.U.B. I, 377.
569) M.U.B. II, 1284.
570) M.U.B. II, 1284.
571) Plan von der Stadt und Vorstadt Penzlin, als Flurriß aufgenommen und gezeichnet 1836 von W. Becker (im Besitz der Stadt Penzlin).
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zuerst genannt werden 572 ), begegnet uns auffallenderweise auch eine Person mit slawischem Namen, während von den übrigen vier einer mit einem deutschen Familiennamen, einer nur nach seinem Vornamen, zwei nach ihrem Gewerbe (Bäcker, Schuster) und einer nach seiner Herkunft aus Malchin bezeichnet werden. Wahrscheinlich ist diese slawische Beteiligung am Rat daraus zu erklären, daß Penzlin als östlichste Stadt der Herrschaft Werle unmittelbar in der Nähe des Landes Stargard von der deutschen Einwanderung weniger stark berührt wurde. Vielleicht waren die ersten Ratmänner zugleich auch als Lokatoren an der Stadtgründung beteiligt und erhielten daraufhin die Lokationsentschädigung, die erstmalig den Güstrower Lokatoren bei der Gründung Güstrows zugebilligt war.

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6. Die Gründung der Stadt Teterow 573 ).

Mit Penzlin ist die Reihe der Werleschen Städte, von denen uns Stiftungsbriefe erhalten sind, abgeschlossen. Man muß sich daher darauf beschränken, die Entstehung der übrigen Städte der Herrschaft Werle aus späteren Zeugnissen aufzuklären und ihr ungefähres Alter zu bestimmen. Teterow ist die Stadt, die uns in dieser Gruppe am frühesten als solche begegnet. Die Stadt liegt zwischen Güstrow und Malchin am Fuße der Heidberge. Im Jahre 1272 wird die Stadt zum erstenmal erwähnt 574 ). Anscheinend hat sie jedoch damals schon einige Zeit bestanden. Denn in diesem Jahr wird der Stadt das Dorf Baudorf mit 43 Hufen von Nikolaus von Werle verliehen. Diese Verleihung deutet darauf hin, daß der Stadt ihre bisherigen Besitzungen nicht mehr genügten, und wir können damit zugleich auch schon auf eine gewisse Blüte der Stadt schließen. Ferner erkennen wir auch aus derselben Urkunde des Jahres 1272, daß Teterow bei seiner Gründung durch Nikolaus von Werle Schweriner Stadtrecht verliehen wurde. Denn es heißt in ihr, daß die Ratmänner für sich den Friedensschilling benutzen sollten 575 ). Da dieses Teterower Ratsprivileg genau dem des Schwerin-Güstrower Rechts entspricht, so können wir daraus schließen, daß auch sonst Schwe-


572) M.U.B. III, 1695: "Wernerus, Fredericus Stedinc, Hermannus Jacike, Gherrardus Pistor, Willekinus de Malchin, Thidericus Sutor".
573) Schlie a. a. O. Bd. 5, S. 1 ff.; Bachmann a. a. O. S. 470.
574) M.U.B. II, 1261.
575) Consules etiam suis vsibus pacis denarios usurpabunt.
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riner Recht in Teterow galt. Ob damals, als die Stadt gegründet wurde, noch andere Siedlungen hier vorhanden waren, wissen wir nicht. Anscheinend ergibt sich aus der slawischen Namensform Teterow, daß hier einst ein slawisches Dorf vorhanden war. Vielleicht war Teterow auch der Name für den wendischen Burgwall, der noch heute auf der Insel im Teterower See erhalten ist. Schmaltz behauptet, daß das Teterower Kirchspiel bereits um 1226 gegründet worden ist 576 ). Es handelt sich dabei jedoch nur um Vermutungen. Reifferscheid hat die Entstehung der Teterower Kirche nach ihrem Stil erst in die Zeit um 1270 angesetzt 577 ). Die Stadt ist, wie aus dem Stadtplan hervorgeht, eine Gründung aus frischer Wurzel 578 ). Bereits Fritz hat auf den Teterower Grundriß als Beispiel eines Kolonial-Stadtplans hingewiesen 579 ). Unter den sechs Ratmännern, deren Namen uns im Jahre 1288 genannt werden 580 ), ist anscheinend einer ein Slawe gewesen. Von den sechs Ratmännern sind drei als Deutsche anzusprechen, während wir bei den übrigen drei ihre Nationalität an ihrem Namen nicht erkennen können. Nach dieser Ratsherrnliste vom Jahre 1288 scheint die Zusammensetzung der frühesten Teterower Bevölkerung überwiegend deutscher Herkunft gewesen zu sein.

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7. Die Gründung der Stadt Wesenberg 581 ).

Eine weitere Werlesche Stadt, deren Entstehung sich auf die Regierungszeit Nikolaus I. zurückführen läßt, ist Wesenberg. Die Stadt liegt an der Havel in Mecklenburg-Strelitz und ist dort die einzige Stadt, die Schweriner Recht erhalten hat. Sie gehörte bis zum Jahre 1276 dem Fürsten von Werle, dem sie in diesem Jahre durch den Markgrafen Otto von Brandenburg entrissen wurde. Vor diesem Zeitpunkt muß Wesenberg von Nikolaus I. von Werle gegründet sein. Das geht aus einer Bestätigung der Wesenberger Stadtprivilegien hervor, die Markgraf Otto im Jahre 1278 ausstellte, und in der er der Stadt "das Schweriner Recht ebenermaßen, wie ihnen vorhin ihr gewesener Herr Niklotus, wie er ihn nennt, ehe denn


576) M.J.B. 73, S. 46.
577) Reifferscheid a. a. O. S. 147 ff.
578) Plan der Stadt Teterow "fecit Teterow, 26. 2. 1753, Christian Adolf Reinhard, Senator" (im Besitz der Stadt Teterow).
579) Fritz a. a. O. S. 27.
580) M.U.B. III, 1959.
581) Bachmann a. a. O. S. 474
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er sie ihm abgewonnen, gegeben hatte, in Gnaden erlaubt" 582 ). In welchem Jahre Wesenberg von Nikolaus gegründet ist, können wir nicht sicher bestimmen. Vielleicht erfolgte die Gründung zugleich mit der von Penzlin um 1263. Diese Stadt liegt von allen mit Schweriner Recht begabten Städten Wesenberg am nächsten. Ein Vogt in Wesenberg wird uns bereits im Jahre 1273 genannt 583 ), und den Namen des Ortes hören wir zum erstenmal im Jahre 1257 584 ). Ob mit diesem Namen damals schon die Stadt bezeichnet wurde, muß natürlich unsicher bleiben. Vielleicht war damit nur ein Dorf oder die Burg, die uns aus späterer Zeit bezeugt ist 585 ), gemeint. Schmaltz glaubt, wiederum allerdings ohne sichere Anhaltspunkte, daß das Wesenberger Kirchspiel als Dorfkirchspiel bereits nach 1240 eingerichtet wurde 586 ). Auf der Stelle der heutigen Stadt wird jedoch kaum ein früheres Dorf gelegen haben, da die Stadt anscheinend eine Gründung aus frischer Wurzel ist 587 ). Offenbar ist die brandenburgische Herrschaft und das magdeburgische Recht der benachbarten stargardischen Städte nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung des Schweriner Rechts in Wesenberg gewesen. Denn im Jahre 1336 treffen wir in Wesenberg einen Stadtschultheißen, der sich mit der grundherrlichen Gewalt und dem Rat der Stadt in die Gerichtseinnahmen der Stadt teilt 588 ). Da nun die Einrichtung eines Stadtschultheißenamtes sonst im Bereich des Schweriner Rechtes nicht bekannt ist, diese Institution sich aber sehr wohl in den benachbarten stargardischen Städten, die Magdeburger Recht gebrauchten, findet, haben wir ihre Existenz in Wesenberg vermutlich als eine lokale Einwirkung des Magdeburger Rechts auf das Schweriner unter der brandenburgischen Herrschaft in Wesenberg anzusehen.

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8. Die Gründung der Stadt Krakow 589 ).

Eine andere Stadt, die von Nikolaus von Werle gegründet wurde, ist Krakow. Sie liegt in der Nähe Güstrows am


582) M.U.B. II, 1450.
583) M.U.B. II, 1295.
584) M.U.B. II, 789.
585) M.U.B. III, 2352.
586) M.J.B. 73, S. 101/2.
587) Der Plan ist abgedruckt in den Meckl.-Strel. Kunst- und Geschichtsdenkmälern, Bd. I, S. 244.
588) M.U.B. VII, 4776.
589) Schlie a. a. O. Bd. 4, S. 314 ff.; Bachmann a. a. O. S. 420.
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