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Inhalt:

Jahrbücher

des

Vereins für meklenburgische Geschichte
und Alterthumskunde,

aus

den Arbeiten des Vereins

herausgegeben

von

Dr. G. C. Friedrich Lisch,

großherzoglich meklenburgischem Geheimen Archiv=Rath,
Conservator der geschichtlichen Kunstdenkmäler des Landes,
 Direktor der großherzoglichen Alterthümer= und Münzen=Sammlungen zu Schwerin,
Commandeur des königl. dänischen Dannebrog= und des königl. preußischen Kronen=Ordens, Ritter des Rothen Adler=, des Nordstern und des Oldenburg. Verdienst=Ordens 3 Cl., Inhaber der großherzogl. meklenb. goldenen Verdienst=Medaille und der königl. hannoverschen goldenen Ehren=Medaille für Wissenschaft und Kunst am Bande, der Kaiserlich österreichischen und der großen kaiserlich russischen goldenen Verdienst=Medaille für Wissenschaft,
wirklichem Mitgliede der königlichen Gesellschaft für nordische Alterthumskunde zu Kopenhagen und der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Stockholm, correspondirendem Mitgliede der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, der kaiserl. archäologischen Gesellschaft zu St. Petersburg,
der antiquar. Gesellschaft zu Abbeville und der Oberlausitz. Gesellschaft der Wissensch. zu Görlitz,
wirklichem Mitgliede der archäologischen Gesellschaft zu Moskau,
Ehrenmitgliede der anthropologischen Gesellschaft zu Berlin,
der geschichts= und alterthumsforschenden Gesellschaften zu Dresden, Mainz, Hohenleuben, Meiningen, Würzburg, Königsberg, Lüneburg, Emden, Luxemburg, Christiania, Zürich, Stettin und Greifswald,
correspondirendem Mitgliede
der geschichts= und alterthumsforschenden Gesellschaften zu Lübeck, Hamburg, Kiel, Hannover, Leipzig, Halle, Jena, Berlin, Salzwedel, Breslau, Cassel, Regensburg, Kopenhagen, Graz, Reval, Riga, Leyden, Antwerpen, Stockholm und des hansischen Geschichtsvereins,
als
erstem Secretair des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde.


Vierzigster Jahrgang.


Mit 3 Holzschnitten.

Mit angehängten Quartalberichten.
Auf Kosten des Vereins.
Ornament

In Commission in der Stillerschen Hofbuchhandlung.

Schwerin, 1875.

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~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Gedruckt in der Hofbuchdruckerei von Dr. F. W. Bärensprung.
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Inhaltsanzeige.


A. Jahrbücher für Geschichte.

Seite
I. Pilgerfahrten meklenburgischer Regenten nach dem Orient im Zeitalter der Kreuzzüge, von dem Archivar Dr. Wigger zu Schwerin 3
II. Wallensteins Verordnung über Einführung gleichen Maaßes und Gewichtes in Meklenburg, mitgetheilt von dem Geheimen Archiv=Rath Dr. Lisch zu Schwerin 87
III. Briefe Wallensteins, meistentheils über Meklenburg, 1627 bis 1630 mitgetheilt von dem Professor Dr. Lorenz zu Wien 89
IV. Ueber die Familie Grelle und von Grelle, von dem Geh. Archiv=Rath Dr. Lisch 131
V. Zur Topographie der Pfarre Klütz, von demselben 136
VI. Bischof Nicolaus I. Böddeker von Schwerin, von Dr. Crull zu Wismar 138
VII. Oberst Otto Hoppe von Schwerin 142

B. Jahrbücher für Alterthumskunde.

I. Zur Alterthumskunde im engern Sinne.
1) Vorchristliche Zeit.
a. Steinzeit 145
b. Bronzezeit 147
Kegelgrab von Gädebehn, von Dr. Lisch 147
Mit 2 Holzschnitten.
Bronzefund von Hinzenhagen, von demselben 149
c. Eisenzeit 154
Römische Alterthümer von Häven. Siehe Nr. IV. Nachtrag 220
d. Alterthümer außereuropäischer Völker 157
Steinalterthümer von Lydien, von demselben 157
2) Christliches Mittelalter
Bronzene Leuchterfiguren, von demselben
II. Zur Baukunde.
Christliches Mittelalter.
Kirchliche Bauwerke 161
   Kirche zu Lohmen, von Dr. Lisch 161
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Seite
   Dom zu Schwerin, Wandmalereien im Kapitelhause, von Dr. Lisch 169
   Kirche zu Warnemünde, Nachtrag von demselben 179
   Glocken 195
III. Zur Siegel= und Wappenkunde
Siegel des Klosters Ivenack, von demselben 214
Mit 1 Holzschnitt.
IV. Nachtrag
Römergräber in Meklenburg, Römische Alterthümer von Häven, von Dr. Lisch

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A.

Jahrbücher

für

Geschichte.


 

 

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I.

Pilgerfahrten meklenburgischer Regenten

nach dem Orient

im Zeitalter der Kreuzzüge.

Von

Archivar Dr. F. Wigger,


I.

Die Wallfahrt des Obotritenfürsten Pribislav
und des Grafen Gunzel I. von Schwerin
mit Herzog Heinrich dem Löwen.

Der Herzog Heinrich der Löwe von Baiern und Sachsen stand im Jahre 1171 auf dem Gipfel seiner Macht und seines schon von den Zeitgenossen angestaunten Glückes. Nächst dem Kaiser Friedrich I. war er bei weitem der mächtigste Fürst des Reiches; er hatte Baiern gewonnen, das Herzogthum Sachsen bis an die Peene erweitert, seine Gegner zum Schweigen gebracht, mit dem König Waldemar von Dänemark nicht nur Frieden geschlossen, sondern auch eine Familienverbindung verabredet. Sein schwierigstes Werk war die Bezwingung der Wenden und die Einleitung ihrer Bekehrung gewesen; es hatte so recht seinem Charakter zugesagt, in dem sich ein nicht geringer Grad von Herrschsucht und Eigensucht mit kirchlichem Sinn in merkwürdiger Mischung vertrug.

Man konnte die Macht des Wendenthums für gebrochen halten, seitdem Zwantewits Bild auf Arkona gefallen war.

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Heinrichs ehemals hartnäckigster Feind, der Wendenfürst Pribislav, war nicht nur besiegt, sondern auch aufrichtig versöhnt; er war des Herzogs Freund und Bewunderer geworden 1 ), und dabei nicht nur ein äußerlicher Bekenner des Christenthums, sondern auch innerlich von dessen Kraft und Wahrheit überzeugt. Wenn dieser Wendenfürst sich seines Volkes kräftig annahm und dessen Ueberreste unter dem Schutze fester Burgen neu sammelte und ansiedelte 2 ), so gründete er doch auch, um demselben die Segnungen der Kirche und christlicher Cultur leichter zu vermitteln, im Frühling 1171 das Kloster zu Althof bei Doberan 3 ); und am 9. Sept. 1171 erschien Pibisav sogar, wie schwer es im gewesen sein mag, auf einer der vornehmsten Burgen seiner Väter einen fremden Grafen walten zu sehen, zu Schwerin, als der Bischof Berno den Dom weihete und Herzog Heinrich, begleitet von manchen seiner Getreuen, gleichsam zum Abschluss seines Wirkens im Wendenlande, die feierliche Stiftung und Ausstattung des jüngsten seiner drei wendischen Bisthümer, zu der vornehmlich Pribislav das Kirchengut beisteuerte, vollzog 4 ).

Eben damals traf der Herzog schon Vorbereitungen zu einer Wallfahrt ins Heilige Land. Es waren nicht politische Beweggründe, die ihn in den fernen Orient trieben, wo sich für seine stets praktische Politik kein Feld fand; auch konnte er dort bei dem blühenden Zustande des Königreiches Jerusalem keine Gelegenheit zu Beweisen seiner Tapferkeit und Aufopferungsfähigkeit für kirchliche Zwecke erwarten. Treffend bemerkt vielmehr sein jüngerer Zeitgenosse Abt Arnold von Lübek 5 ), dem wir unsere Kunde von jener Wallfahrt zumeist verdanken: "Nachdem .. der Friede im Wendenlande befestigt .., der Herzog nun solcher Ruhe theilhaftig geworden und so großen und gefahrvollen Stürmen glücklich entronnen war, glaubte er, fromme es, das Heilige Grab als den Hafen des Heils aufzusuchen, den Herrn dort anzubeten, wo einst seine Füße gestanden." Damit handelte Heinrich ganz im Sinne seiner Zeit, die jede Wallfahrt, und namentlich


1) Arnolds Lubicensis I, 1: Pribizlavus vero, frater Wertizlavi , ex inimico factus est duci amicissimus, sciens, quod nil prevalerent adversus eum suscepta molomina, considerans etiam viri magnificentiam et [quod], quocunque se vertebat, in omnibus fotuna prevallebat.
2) Helmold II. 14
3) Meklenb. Urkunden=Buch I, Nr. 98.
4) Das. Nr. 100.
5) Arnold I, 1.
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die nach dem Heiligen Lande, als eine Buße oder als ein gottgefälliges Dankopfer ansah. Nebenbei reizte ihn aber wohl auch das Verlangen, den sagen= und wunderreichen Orient überhaupt, und namentlich jene Orte zu sehen, welche durch die Kämpfe und die Siege der Kreuzfahrer berühmt geworden waren, und das Reich zu schauen, welches die Streiter Christi in Palästina mit zahllosen Opfern und unvergleichlicher Hingabe von Gut und Leben geschaffen hatten.

Sein Herzogthum befahl Heinrich für die Dauer seiner Wallfahrt dem Erzbischof Wichmann von Magdeburg, seiner Gemahlin Mechthild zur Seite ließ er zwei tüchtige Ministerialen; eine große Anzahl von seinen geistlichen und weltlichen Herren in Sachsen aber nahm er zu seinen Gefährten. Unter den geistlichen ragten der Bischof Konrad von Lübek und die Aebte Berthold von Lüneburg und Heinrich von Braunschweig (dessen Mittheilungen Arnold von Lübek wiedergiebt 1 ), unter den weltlichen Herren der Obotritenfürst Pribislav, der Graf Gunzel I. von Schwerin, Graf Siegfried von Blankenburg 2 ) u. a. hervor.

Wohl leisteten Pribislav, den der Kaiser Friedrich 1170 unter die Fürften des Reichs aufgenommen hatte 3 , und der Graf Gunzel als des Herzogs Lehnmannen mit solchem Gefolge dem Herzog Heinrich einen schuldigen Ehrendienst. Und wenn auch nicht deutlich genug bezeugt würde, daß Pribislav sein Lehnmann gewesn sei 4 ) (wiewohl die Fürsten von Meklenburg hernach ihre Lande nicht von den Herzogen von Sachsen zu Lehn nahmen): so lag es doch in den gegenseitigen Beziehungen, daß Pribislav, wenn der


1) Heinrich ward hernach Bischof von Lübek. In Arnolds Berichte tritt er in den Vordergrund. - Ein Auszug aus Arnolds Erzählung ging - mit einigen Zusätzen - über in die (jetzt verlornen) Chronica Saxonum aus Welchen Hinricus de Hervordia (p. 158, 159), Detmar (z. J. 1171, 1172) und der Verf. der Historia de duce Hinrico (nach 1283) geschöpft haben. Vgl. Kohlmann in: Quellensammlung der Gesellsch. für schlesw.=Holst.=Lauenb. Gesch. IV, S. 231 flgd. und den Text S. 241 flgd. Die Abweichungen und Zusätze führen wir weiterhin an.
2) Arnold Lub. I. 1 nobiliores terre intineres sui socius fecit, Conradum videlicet episcopum Lubicensem, Heinricum abbatem de Bruneswich, Bertoldum abbatem de Lunenburg et memoratum Pribizlavum regulum Obotritorum et Guncelinum comitem de Zverin de suis viris liberis quam de ministerialibus.
3) Meklenb. Urkunden=Buch I, Nr. 102.
4) S. Jahrb. XXVIII, S. 159, 267.
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Herzog gegen ihn den Wunsch äußerte oder ihm das Anerbieten machte, ihn unter seine Reisebegleiter aufzunehmen, nicht wohl ablehnen konnte. Aber es spricht auch nichts gegen die Annahme, daß des Herzogs geistlicher Beweggrund in dem Herzen des neubekehrten Wendenfürsten einen kräftigen Widerhall fand, und daß sich dieser danach sehnte, dem Erlöser am heiligen Grabe und auf Golgatha seinen Dank darzubringen.

Wie der Herzog seine Gemahlin (die ihrer Entbindung entgegen sah) daheim ließ, so blieb auch Pribislavs Gemahlin, die Fürstin Woizlava, zu Meklenburg, und ebenso die Gräsin Oda zu Schwerin von der langen und anstrengenden Fahrt zurück. Jener standen während der Abwesenheit ihres Gemahls vermuthlich ihr Sohn Burwin, der wohl mindestens 20 Jahre zählte und wahrscheinlich schon mit Mechthild, der Tochter Herzog Heinrichs, vermählt 1 ) war, und ihr Neffe, des unglücklichen Fürsten Wartislav hinterbliebener Sohn Niclot (der spätere Fürst von Rostock), schützend und helfend zur Seite; und eine ähnliche Stütze fand Gunzels Gemahlin, die Gräfin Oda, an ihrem ältesten Sohne Helmold. Wenigstens wird dieser so wenig wie die beiden jungen meklenburgischen Herren unter dem Gefolge des Herzogs erwähnt. Ueberdies hatten die beiden Regentinnen in dem Bischof Berno von Schwerin einen einsichtsvollen Rathgeber.

Die Octave des Festes der Heil. drei Könige (13. Jan.) 1172 2 ) ward noch zu Braunschweig verlebt; dann brach der Herzog mit dem Fürsten Pribislav und dem ganzen zahl=


1) Kirchberg erzählt freilich (Cap. 113), Heinrich Burwin I. Sei erst während dieser Wallfahrt, alfo im Jahre 1172, geboren; aber dies ist unglaubwürdig. Denn dann wäre dieser Fürst, als dessen Todestag der 28. Januar 1227 feststeht (Meklenb. Urk.=Buch Nr 336), in seinem 55. Lebensjahre gestorben und hätte doch schon fast mündige Enkel (Sohneskinder!) hinterlassen. Daß er in seinen letzten Jahren seine Söhne und sogar seine Enkel (Meklenb. Urk.=Buch I, Nr. 321) für sich eintreten läßt, macht es vielmebr sehr wahrscheinlich, daß er ein hohes Alter erreicht hat. Es könnte daher eher Heinrich Burwins I. Sohn, Heinrich (Burwin) II., im Jahre 1172 geboren sein, und Kirchbergs Angabe auf einer Verwechslung des Vaters mit dem in Chroniken (wenn auch nicht in den Urkunden) gleichnamigen Sohn beruhen. Wenigstens war Heinrich (Burwin II.) schon unter den Geiseln, welche sein Vater BurWin I. und sein Oheim Nicolaus von Rostock spätestens 1189 (vgl Meklenb. Urk.=Buch I, Nr. 147 und 148 nebst dem Siegel) nach Arnold III, 4 dem Könige Kanut von Dänemark stellten.
2) Dies Jahr steht trotz Abweichungen bei den Annaliften (Detmar und Histde duce Hinrico 1171) urkundlich fest. S. die Urk. in den Orig. Guelf. III, 515, 516: "D. anno dom. incarn. MCLXXII., (  ...  )
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reichen Gefolge von dort auf, zunächst nach Baiern. Zu Regensburg, wo das Marienfest am 2. Februar begangen ward, schlossen sich dem Pilgerzuge noch mehrere bairische Edle an, namentlich die Pfalzgrafen Friedrich und Otto von Wittelsbach 1 ).

Man wollte den damals seit den beiden Kreuzzügen gewöhnlichen Weg nach dem Qrient über Constantinopel einschlagen; Boten des Herzogs an den König Stephan von Ungarn, vielleicht auch an den Kaiser Manuel, eilten dem Zuge voran, um ein freies Geleite durch die Lande zu erbitten.

Zu Kloster=Neuburg begrüßte Herzog Heinrich von Oestreich mit einer großen Schaar von Priestern und Laien seinen Stiefsohn, den Herzog von Sachsen und Baiern, und führte ihn und sein ganzes Gefolge nach Wien.

Dort wurden Schiffe genommen, mit Speise und Wein und allem sonstigen Reisebedarf ausgerüstet, wobei der Herzog von Oestreich eine große Freigebigkeit bewies, und mit einem großen Theil des Reisegepäcks beladen. Denn hier begann Herzog Heinrich mit seinem Gefolge die Donaufahrt. Die Knechte dagegen führten die Rosse zu Lande längs des Stromes weiter, trafen aber am Abend immer wieder mit den dann landenden Schiffen zusammen. Der Abt Heinrich von Braunschweig, der die Pilgerfahrt in der strengsten Form, im härenen Gewande, in unablässigem Fasten und Beten zurücklegte, pflegte während des ganzen Zuges an jedem Abend eine Vigilie und an jedem Morgen vor dem Aufbruche eine Frühmesse zu Ehren des Heilands und der Heil. Jungfrau zu halten 2 ).

Auch der Bischof Konrad von Worms und der Herzog Heinrich von Oestreich gaben von Wien aus der Pilgerschaar das Geleite, der Herzog jedoch nur, um sie seinem Schwager, dem Könige Stephan von Ungarn, zuzuführen. Der Wormser Bischof dagegen ging mit einem vertraulichen Auftrage Kaiser Friedrichs I. nach Constantinopel, um dort für seines Kaisers Sohn um eine Tochter Kaiser Manuels zu werben; daneben aber sollte er auch, so meinte man wenigstens, diesem Pilgerzuge bei dem oströmischen Kaiser eine günstige Aufnahme er=


(  ...  ) gloriosissimi autem Henrici ducis Bauarie et Saxonie anno peregrinationis primo", und daselbst p. 510 die zu Jerusalem 1172 gegebene Urkunde über Heinrichs Stiftung der drei Lampen in der Auferstehungskirche.
1) Cohn, Gött. gel. Anz. 1866, S. 609, und danach Lappenberg zu Arnold I, 2.
2) Arnold I, 7 a. E.
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wirken, die bekanntlich Barbarossa selbst, freilich nicht ohne eigene Schuld, und König Konrad III. bei demselben Kaiser auf ihrem Kreuzzuge nicht gefunden hatten.

In Mesenburg (jetzt Mosony oder Wieselburg) erwartete die Wallfahrer schon Florenz, König Stephans Abgesandter, um sie durch Ungarn zu geleiten. So ging die Fahrt die Donau hinunter ruhig von Statten, bis am 3. oder 4. März die starke Festung Gran erreicht ward.

Dort überraschte die Pilger aber eine schlimme Kunde; in derselben Nacht nämlich (4. März) starb der König Stephan, wie man meinte an Gift, das ihm sein Bruder Bela, der mit ihm in schweren Zerwürfnissen lebte, hatte reichen lassen. Mit des Königs Tode war aber das sichere Geleite durch Ungarn erloschen. Glücklicher Weise war jedoch der Erzbischof und Primas von Ungarn eben in der Stadt, um die Vorbereitungen zu des Königs Beisetzung zu treffen. An ihn wurden nach gepflogener Berathung der Bischof Konrad von Lübek und die beiden vorhin erwähnten Aebte wegen eines weiteren Geleites abgesandt; und der Erzbischof ging gern auf solchen Wunsch ein, berief die anwesenden Magnaten zu einer Berathung und erwirkte leicht den Beschluß, daß Florenz den Pilgerzug durch ganz Ungarn sicher hindurch führen sollte.

So ward denn die Donaufahrt eine Weile glücklich fortgesetzt, wenigstens, so weit der Strom in südlicher Richtung durch die ungarische Ebene ruhig dahin fließt. Hernach aber ereignete sich ein Unfall, der leicht dem ganzen Unternehmen hätte ein jähes Ende bereiten können. Wo sich dieser zutrug, wird von unserm Gewährsmann nicht berichtet; vielleicht geschah das Unglück dort, wo unterhalb der Einmündung der Drau die sirmische Bergkette (jetzt Werdnik genannt) den Donaustrom zu einer fast östlichen Richtung bis zum Einflusse der Theiß zwingt und die Höhen, wenngleich an sich nicht bedeutend, zum Theil schroff in den Strom hinabfallen; oder es ereignete sich erst auf der Strecke nahe unterhalb Belgrad, wo "zur Rechten abschüssige Felsenhügel mit verfallenen Castellen" erscheinen, wenn dort auch jetzt "kein so gefährlicher, mit Klippen besäeter Engpaß 1 )" hervortritt, wie


1) Die angeführten Worte sind der Erörterung eines ungenannten ("Pf. Sch.") über Arnold I, 3 in den Wiener Jahrb. der Literatur Bd. 42 (1828, 2), S. 32, entnommen. Der ungenannte Verfasser zieht die Strecke längs des Werdnik gar nicht in Betracht - ob mit Recht oder mit Unrecht, könnte nur eine Untersuchung an Ort und Stelle entscheiden -, sondern nimmt ohne Weiteres an, Arnold (  ...  )
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Arnold ihn schildert. "Ungeheure Klippen", schreibt er, "springen dort Bergen gleich vor, deren eine von einer Burg gekrönt wird; sie hemmten den Lauf des Wassers und erschwerten die Vorüberfahrt aufs Aeußerste; denn die verengten Gewässer bäumen sich und schäumen zuerst hoch empor und stürzen hernach mit großem Getose in die Tiefe. Dennoch kamen nach Gottes Willen alle Schiffe daselbst unverletzt vorüber; nur allein der Herzog litt dort Schiffbruch. Indessen, die auf der Burg waren, warfen sich schnell in einen Nachen und zogen den Herzog ans Land; Gunzel aber und der Truchseß Jordan und die Uebrigen retteten sich durch Schwimmen. Das Schiff ward wieder hergestellt, und so erreichten sie Brandiz, wo bei dem Wassermangel die Schiffe auf dem Trocknen standen", weil, wie ein ortskundiger Mann bemerkt, "der rechte Arm der getheilten Donau hier bei niedrigem Wasserstand schmal und seicht wird."

"Brandiz", das slovenische Branitschewo, das alte römische Viminiacum, heut zuTage unter dem Schutt der weitläufigen Ruinen bei Kostolatz begraben (östlich von Belgrad am südlichen Donauufer), war im Mittelalter oft ein Zankapfel der Griechen und der Ungarn 1 ); damals gehörte es dem Kaiser von Byzanz. Bei dieser Stadt pflegten


(  ...  ) meine den Donaulauf unterbalb Belgrad. Da aber zwischen Belgrad und Branitschewo kein so mit Klippen besäeter Engpaß vorhanden, so ist es ihm "mehr als wahrscheinlich, daß der Herzog die Fahrt auf der Donau bis zu dem ersten Engpaß zwischen Dobra und Poretsch machte, hier Schiffbruch litt, und dann nach Branitschewo zurückkehrte", und daß das von Prokop erwähnte Castell Kampses "aller Wahrscheinlichkeit nach die von Marsigli auf dem Vorgebirge Greben, 2 Stunden oberbalb Poretsch, ganz in der Nähe des Engpasses bemerkte Ruine und dasjenige Castell ist, bei welchem der Herzog Schiffbruch gelitten." Uns dünkt diese Vermuthung, welcher Lappenberg zustimmt, unannehmbar; denn einmal spricht Arnold gar nicht von einer Umkehr, zum andern konnte der Herzog nicht an einem beliebigen Orte landen, da ihn ja nicht überall ein kaiserlicher "legatus" zu freiem Geleite erwartete, und drittens führte, wie unser Anonymus S. 35 selbst zeigt, schon von früher her die Straße nach Constantinopel über Branitschewo ins Thal der Morava. Man wagte sich eben nicht durch das Eiserne Thor bei Orsova. Das deutet auch Arnold an, wenn er schreibt: "Ibi (bei Branitschewo) enim Danubius subterraneo meatu absorptus (? s. die Worte des Anonymus in unserm Text) in amnem parvissimum derivatur et post longa terrarum spacia turgentibus fluctibus ebulliens in Sowam (Anon. liest Irsowam) protrabitur. Relictis igitur navibus etc.
1) Wiener Jahrb. der Lit. 42, S. 30 f. (Abhandlung über den Zug Kaiser Friedrichs I. von Wien bis Constantinopel zur Erläuterung des Ansbertus de expeditione Friderici imperatoris.)
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die Reisenden die Donau zu verlassen und den Landweg nach Constantinopel einzuschlagen. Eben diese Absicht hatte auch der Herzog Heinrich. Ein Beamter (legatus) 1 ) Kaiser Manuels empfing die Pilgerschaar und den Bischof von Worms, um sie sicher weiter zu führen.

Ohne Gefahr und Beschwerden ließ sich aber dieser Landweg allerdings auch nicht zurücklegen. Denn zunächst war der verrufene "Bulgerewald" zu passiren, der sich zwischen Branitschewo und Nisch östlich von der Morava ausdehnte, ein Waldrevier, welches sich von den Höhen der Mittelgebirge (Golidsch, Omolje, Golubinje etc .) zu dem sumpfigen Thale der Morava hinabzieht und hie und da von sehr unzuverlässigen Bulgaren und Serben bewohnt ward. Der lange Wagenzug, welcher mit einem Ueberfluß von Lebensmitteln und Bequemlichkeiten aller Art beladen war, mußte auf dem engen, oft nur ein Geleise breiten und dabei, zumal jetzt im Frühling, tiefen Waldwege alle Augenblicke anhalten, so oft nämlich ein Wagen oder ein Karren zerbrach oder die im Schlamm stecken bleibenden Pferde den Dienst versagten.

Doch diesem Uebelstande war noch abzuhelfen. Der Herzog gebot nämlich bald, die Wagen preiszugeben, das Gepäck aber und vom Proviant so viel als möglich auf die Pferde zu laden, alles Andere dagegen zurückzulassen.

Schlimmer als der Verlust, den der Pilgerzug hiedurch erlitt, war es vielleicht noch, daß die Bulgaren und Serben, welche sich der zurückgebliebenen zahlreichen großen Weinfässer und Kisten mit Mehl, Fleisch, Fischen und sonstigen Leckerbissen bemächtigen konnten, durch einen so mühelosen Gewinn zu bösen Absichten verlockt wurden.

Der Obotritenfürst Pribislav mag sich Anfangs gefreut haben, als er hier im Serbenlande eine Sprache vernahm, die seiner wendischen Muttersprache verwandt und


1) Ob man an einen eigens zu diesem Zwecke von Constantinopel abgeordneten Gesandten denken darf, ist zweifelhaft. Wahrscheinlich war allerdings ein Bote, wie an König Stephan vorher und an den Sultan hernach, so auch an Kaiser Manuel zur Anmeldung des Zuges vorausgeschickt, und ein Gesandter empfing den Herzog demgemäß zu Branitschewo, wie früher Florenz beim Eintritt in Ungarn. Ohne Befehl hatte ein Statthalter Kaiser Manuels kaum freies Geleite gewähren können; vielleicht aber empfing eben der Statthalter diesen ausdrücklichen Befehl, und der legatus bekleidete alfo dasselbe Amt zu Branitschewo wie der IV, 9 von Arnold erwähnte "dux de Brandiz."
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ihm wenigstens zum Theil wohl verständlich war. Aber er sollte bald erfahren, wie übel seine entfernten Stammesgenossen gegen den Pilgerzug gesinnt waren. Abt Arnold 1 ) kann nicht Worte genug finden, um die Wildheit und die Gier dieser "Belialssöhne" zu beschreiben. Man darf dabei jedoch auch nicht außer Acht lassen, daß die Serden nicht ohne Grund stetes Mißtrauen gegen ihren kaiserlichen Herrn zu Constantinopel hegten, daß sie in früheren Zeiten mit den Kreuzfahrern schon schlimme Erfahrungen gemacht hatten, und daß der Pilgerzug Herzog Heinrichs ein kleines Heer ausmachte, indem er nach Arnolds Angabe 2 ) nicht weniger als 1200 streitbare Männer zählte.

Als nun der byzantinische Geleitsmann, im Moravathal dem Zuge vorauseilend, in der mitten in dieser Waldgegend (12 Meilen von Branitschewo) belegenen kleinen Festung "Ravanelle" (wohl richtiger "Ravanetz" oder "Ravana" 3 ), jetzt Tjuprija, d. h. Brückenstadt, genannt) anlangte, welche den Uebergang über die Ravanitza, einen kleinen Zufluß der Morava, beherrschte, und dort eine ehrenvolle und gastliche Aufnahme für die Pilger begehrte, wie sie sich in des Kaisers Landen zieme: da verweigerten die Serben mißtrauisch jeglichen Einlaß derselben und wiesen sogar den kaiserlichen Sendboten selbst schnöde ab.

Auf eine so unwillkommene Botschaft zog Herzog Heinrich bis nahe an die Festung hinan, schlug dort sein Lager auf und machte nun wiederholt Versuche, die Serben durch freundliche Unterhandlungen umzustimmen; er verlangte von ihnen nur noch einen Geleitsmann und versicherte, mit diesem in Frieden weiterziehen zu wollen. Aber das Mißtrauen der Serben gegen abendländische Pilger und Kreuzfahrer war zu groß, sie ließen sich auf keine Verhandlungen ein.

Da richtete Herzog Heinrich an die seinen eine kräftige Anrede, die wir, wie sie Arnold aufgezeichnet hat, hier wiedergeben. "Als Pilger", sprach er, "hätten wir freilich ruhig und friedfertig unseres Weges ziehen und uns einer Feste des Kaisers, zu dem wir uns hinbegeben, nicht in Kriegsrüstung nahen sollen. Aber da jene Belialssöhne ja nicht


1) Arnold 1, 3.
2) I, 3 Fuit autem numerus virorum educcentium gladium mille ducenti. - Hist. ducis Hinrici erantque in comitatu ducis prefati ad duo milia hominum; und ebenso Detmar: "unde quam to paschen to Conftantinopole mit twee dusent mannen." - Annal. Colon. max. [Pertz, Scr. XVII, p. 785] cum 500 fere mili[ti]bus.
3) Uebrigens nennt sie Arnold IV, 9 gleichfalls castrum Ravanelle.
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friedlich verfahren, sondern, wie es scheint, Streit mit uns beginnen wollen: so erhebt die Banner! Vorwärts! Der Gott unserer Väter, für dessen Namen wir wallfahren und auf dessen Geheiß wir unsere Brüder, unsere Frauen und Kinder, Haus und Feld verlassen haben, sei mit uns! Hier gilt es unsere Kraft zu zeigen. Kämpfen wir tapfer! Sein Wille geschehe! Denn wir leben oder wir sterben, so sind wir des Herrn."

Mit erhobenen Bannern zogen die Pilger nun an der Festung vorüber und schlugen dann unweit derselben ihr Lager wieder auf, in einem langgestreckten Thal, an einem klaren Bache, auf der einen (östlichen) Seite 1 ) durch Anhöhen, auf der andern durch niedriges, dichtes Gebüsch gedeckt. Sie zündeten große Wachtfeuer an, stellten Posten aus, ließen dem Leibe die nöthige Pflege angedeihen und legten sich dann zur Ruhe.

Um Mitternacht aber wurden die Schläfer sehr unsanft geweckt. Die Serben hatten nun die Größe des Zuges überschlagen können; er mochte ihnen nicht allzu unbezwinglich erscheinen. Die Bevölkerung des ganzen Waldgebirges hatte sich zusammengeschaart und rückte in vier Abtheilungen von verschiedenen Seiten heran. Um die Deutschen zu schrecken und wo möglich zu einer vorschnellen Flucht zu bewegen, wobei eine reiche Beute zu erwarten stand, stimmten die feindlichen Haufen abwechselnd ein furchtbares Schlachtgeheul an.

Sofort erhoben sich die Pilger und rüsteten sich zum Streit. Zum herzoglichen Banner versammelte der Marschall schnell die Ritter, während die Knappen, unter deren Schutze seitwärts die Schlachtrosse und die Packpferde standen, angewiesen wurden, von einem etwanigen Angriffe der Feinde den Rittern sofort Meldung zu thun.

Der Herzog nahm, mit seiner Rüstung angethan, Platz vor einem mächtigen Wachtfeuer, neben ihm saßen der Bischof von Lübek und die beiden Aebte, sein Vertrauter, Graf Gunzel von Schwerin, stand mit andern Tapfern vor ihm; sie besprachen, was zu thun sei, und feuerten gegenseitig ihren Muth an. - Da flog plötzlich ein Pfeil nahe bei ihnen nieder. Und als sie nun alle schnell auffuhren und zu den Waffen griffen, ward auch schon gemeldet, daß das Lager des Wormser


1) "habentes a dextris montana, a sinistris vero rubum pinarum den sissimum", sagt Arnold, indem er sich die Front nach der Festung zurück gewendet denkt. Denn östlich lagen die Vorberge des Golubinja=Gebirges.
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Bischofs angegriffen, ein Ritter dort durch einen Pfeilschuß getödtet und zwei Knechte durch vergiftete Pfeile auf den Tod verwundet seien.

Augenblicklich sandte der Herzog diesem Bischof 20 gepanzerte Ritter zur Hülfe; und diesen gelang es bald die Serben zurückzutreiben, zumal da der feindliche Führer durch einen Schuß aus einem Wurfgeschoß getödtet ward.

Nun wagten die Feinde keinen neuen nächtlichen Ueberfall mehr. Als am nächsten Morgen, nachdem ein dichter Nebel sich endlich zerstreut hatte, die Deutschen ihren Marsch fortsetzten, bemerkten sie freilich den ganzen Tag über noch Serben, welche den Zug in einiger Entfernung auf den Höhen begleiteten, um etwanige Nachzügler abzuschneiden; indessen gaben sie diesen dazu keine Gelegenheit.

Unversehrt gelangten die Pilger, an der bulgarischen Morava bis zum Einflusse der Nissava und dann längs dieser hinaufziehend, nach der Stadt Nisch 1 ), die als seinen Geburtsort Kaiser Constantin einst verschönert, Attila hernach zerstört, Kaiser Justinian aber wieder hergestellt und befestigt hatte. Hier durften sich die Deutschen nach langen Anstrengungen ausruhen; sie fanden hier eine sehr ehrenvolle Aufnahme und wurden auf Kosten Kaiser Manuels bewirthet.

Ohne alle Fährlichkeiten legten sie hierauf den Weg nach Constantinopel auf der bekannten Straße über Sophia, Philippopel und Adrianopel 2 ) zurück. Am Charfreitage (14. April), also volle drei Monate nach der Abreise von Braunschweig, zogen die Pilger in die durch die Erzählungen der Normannen und der Kreuzfahrer auch im nördlichen Europa wegen ihrer Pracht und ihres Reichthums längst als Wunderstadt berühmte Hauptstadt des oströmischen Kaisers Emanuel ein.

Wie anziehend einem Ankömmling aber auch alle Herrlichkeiten Constantinopels erscheinen mochten, der hohe Festtag verbot den Deutschen alle Zerstreuungen. In aller Stille feierten die Pilger die Passion des Herrn, und ebenso begingen sie den heiligen Sonnabend vor Ostern.

Am ersten Ostertage hörten sie schon in aller Frühe die Messe. Aber nach dem Frühmahl stiegen sie endlich zur Kaiserburg hinan. Dorthin hatte Herzog Heinrich seine für


1) Arnold nennt sie (I, 3) irrig Nicäa.
2) Arnold (I, 3): Inde (von Nisch) "deductus est Andernopolim, deinde Vinopolim." Er verwechselt die Reihenfolge; denn Vinopolis ist auch ihm (IV, 9) Philippopel. - Vgl. "Vinipopolin, quae et Philippis" Annal. Colon. max. (Pertz, Scr. XVII, p. 797).
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den Kaiser mitgebrachten zahlreichen und kostbaren Geschenke bereits vorausgesandt, die köstlichsten Pferde mit Decken und Sätteln, Panzer, Schwerter, Gewänder von Scharlach und die feinsten Leinenstoffe.

Kaiser Manuel I. stand bei den Deutschen nicht eben im besten Andenken wegen des Haders, den er 25 Jahre früher mit seinem Schwager, dem deutschen Könige Konrad III., bei Geleaenheit des zweiten Kreuzzuges, vornehmlich um die unbesonnene Weise Barbarossas, gehabt hatte. Aber man kannte ohne Zweifel doch auch seine große Vorliebe für das abendländische Ritterthum, wie er denn selbst alle ritterlichen Künste gern und mit Auszeichnung geübt hatte und damals - im Alter von 52 Jahren - vielleicht mitunter noch übte. Wie sollte er also nicht den längst berühmten Herzog von Baiern und Sachsen freundlich bei sich aufnehmen, zumal, wenn er nicht mit einem Kreuzheere, sondern mit einer Schaar friedlicher Pilger erschien, und obenein gerade dessen mächtiger Gönner, Kaiser Friedrich, der den Herzog so warm empfahl, sich mit dem oströmischen Kaiserhause aufs Engste zu verbinden gedachte!

Unter solchen Umständen ließ sich erwarten, daß der prachtliebende Manuel den vollen Glanz des berühmten byzantinischen Ceremoniels entwickeln würde.

Und so geschah es auch. Nur drückt sich unser Berichterstatter, Abt Arnold von Lübek, leider so unbestimmt aus, daß die von ihm bezeichneten Oertlichkeiten sich kaum wiedererkennen lassen.

Aus der östlichen Spitze der Landzunge, welche das Häusermeer Constantinopels bedeckt, erhebt sich die alte Akropolis, auf welcher der Kaiser residirte. Dort lag im Norden der goldene Saal, und an diesen schlossen sich südwärts mehrere Prachtbauten. Dann folgte der freie Platz, auf dem sich die Sophienkirche erhebt, und weiter gelangte man durch "das Thor der Todten" zum Hippodrom. Eine lange Treppe führte vom Hippodrom hinunter zu den Uferbefestigungen.

Eben diese hohe Treppe stiegen vermuthlich die Deutschen zu ihrer feierlichen Audienz beim Kaiser hinan, und gelangten also zunächst in den Hippodrom, wenn anders diese Rennbahn der bei Arnold genannte weite, ebene, ummauerte Jagdhof (curia venationis) ist 1 ). Dorthin hatte Manuel zum feierlichen Empfang der Gäste und zugleich zur Begehung des Osterfestes die sämmtlichen weltlichen Großen seines Hofes und


1) Arnold I, c 4
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die höchste Geistlichkeit berufen. Er selbst erschien im kaiserlichen Ornate. Zahllose Zelte von seinen Leinen= oder Baumwollenstoffen und Purpur, mit vergoldeten Spitzen und sonstigem, je nach dem Range und Stande der Inhaber mannigfach abgestuftem Schmuck waren daselbst aufgeschlagen.

Herzog Heinrich ward vom Kaiser zunächst aufs Feierlichste begrüßt; dann begann alsbald die große Procession. Der Weg war belegt mit Purpur, über welchen sich noch ein mit Gold durchwirkter Stoff hinzog, und mit goldenen Lampen und Kränzen geschmückt. Die erste Abtheilung des Zuges bildete die Geistlichkeit; auf diese folgte der Kaiser selbst mit dem Herzoge Heinrich, und die fremden Ritter, darunter also auch der Fürst Pribislav und der Graf Gunzel, schlossen sich ihnen an. So zogen sie hin zu dem "goldenen Zelte", welches von Gemmen und Edelsteinen blitzte. Damit wird der "goldene Saal" gemeint sein; denn es heißt, daß die Procession von hier zur (Sophien=) Kirche zurückkehrte.

In der Kirche nahm der Kaiser Platz aus seinem "hohen" Throne; und wenn einst dem König Ludwig VII. von Frankreich 1147 auf seinem Kreuzzuge bei der bekannten langen Unterredung im kaiserlichen Pallast ein dem kaiserlichen Throne gegenüber stehender, wie die Byzantiner mit Genugthuung behaupten, viel niedrigerer Sessel geboten war, so ward hier für Herzog Heinrich ein, auch vermuthlich niedrigerer, Thron neben dem kaiserlichen aufgestellt. So hörten die deutschen Pilger das Hochamt am ersten Ostertage an; ihre Gedanken, welche durch die ihnen bisher unbekannte Pracht zerstreut und verwirrt waren, wurden nun wieder auf die rechte Pilgerstimmung zurückgeführt.

Der Kaiser Manuel hatte ein lebhaftes Interesse für theologische Fragen. Er war, wie sehr ihm dies die Griechen verdachten, der Union der morgenländischen und der abendländischen Kirche nicht abgeneigt; confessionellen Erörterungen pflegte er mit Spannung zu folgen und fällte gern selbst das Endurtheil. Es wird ihm also ganz willkommen gewesen sein, wenn es nicht gar auf seinen Wunsch geschah, daß 1 ) nach der Tafel, als sich eine freiere Unterhaltung entsponnen hatte, die Bischöfe von Worms und von Lübek ein der Würde des hohen Festtages angemessenes geistliches Gespräch mit den Gelehrtesten unter den Griechen anregten, über einen Hauptunterschied der römischen von der griechischen Kirchenlehre, ob nämlich, wie die Griechen lehren, der Heilige Geist


1) Arnold I, c. 5.
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nur von Gott dem Vater, oder aber, wie die abendländischen Kirchen bekennen, von Gott dem Vater und von dem Sohne ausgehe. Man stritt hin und her, bis der ebenso beredte und gelehrte als demüthige Abt Heinrich von Braunschweig, indem er nicht nur die einschlagenden Stellen der Heiligen Schrift, sondern auch die Aussprüche der Kirchenväter ihnen entgegen hielt, die griechischen Schriftgelehrten zum Schweigen brachte und damit vor dem Kaiser und dem ganzen Hofe großen Beifall errang. -

Beim Aufbruche schenkte die Kaiserin Maria (die Tochter des Fürsten Raimund von Antiochia) dem Herzoge Heinrich so viel Sammet, daß er sein ganzes ritterliches Gefolge darein kleiden konnte, und jedem Ritter buntes Pelzwerk und einen Zobel.

Die Pilger ließen in Constantinopel ihre Pferde und den ganzen Troß zurück; ein einziges Schiff, das der Kaiser Manuel seinen Gästen zur Verfügung stellte und mit allem Bedarf reich ausstattete 1 ), faßte die Theilnehmer an der Ueberfahrt nach dem Heil. Lande.

Dem Fürsten Pribislav war eine Meerfahrt wohl nichts Unbekanntes; in den zahlreichen Fehden der Wenden mit den Dänen hatte er die Ostsee gewiß oft genug durchkreuzt, der Anblick des Meeres mochte mancherlei Erinnerungen in ihm wach rufen. Die meisten Pilger aber, die sich auf dem Schiffe befanden, waren mit den Gefahren und Schwierigkeiten einer Seefahrt nicht vertraut. Sie geriethen daher in große Todesfurcht, als in der Nacht - wohl noch im Marmorameere - der Wind in einen Sturm ausartete. Aber am andern Morgen gab sich auch die Schiffsmannschaft großer Besorgniß hin, als man das Fahrzeug auf zwei Klippen zutreiben sah; und die Pilger zweifelten schon kaum noch, daß sich das Unglück auf der Donau wiederholen werde. Aber, wie nach Arnolds Angabe eine hehre Jungfrau dem einen der Pilger in der vorigen Nacht im Traumgesicht verkündigt hatte, das Schiff blieb unversehrt. Denn im gefahrvollsten Augenblick entdeckte die Mannschaft zwischen den Felsen noch ein Thor und konnte, da eben der Sturm einhielt, das Fahrzeug unbeschädigt hindurch steuern.

Weitere Unfälle auf der See werden uns nicht verzeichnet. In Akkon 2 ) (Ptolomais) betraten die Wallfahrer den heiligen Boden Palästinas. Die Schönheit und die Sehenswürdigkeiten


1) Arnold I, c 6
2) Arnold I, c. 7.
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dieser Stadt und der glänzende Empfang, den sie dort fand, konnte die Pilgerschaar nicht zu einem längeren Verbleiben bewegen, ihre Sehnsucht trieb sie zur Eile nach dem endlichen Ziele ihrer Pilgerfahrt an. Den Weg nach Jerusalem legten die Wallfahrer auf Pferden, Maulthieren und Eseln zurück; sie wählten auch nicht den geringen Umweg über Nazareth, sondern die kürzeste Straße, um möglichst schnell die heilige Stadt zu erreichen. Arnold nennt uns auf dieser Strecke keinen einzigen Ort, den sie berührten.

In Jerusalem war die Ankunft des Pilgerzuges bereits gemeldet, und ein festlicher Empfang bereitet. Die Templer und die Johanniter zogen mit großem Gefolge dem Herzog entgegen und geleiteten ihn und seine Gefährten in die heilige Stadt. Dort empfing ihn wiederum die Geistlichkeit, Hymnen und Loblieder auf den Herrn anstimmend.

Der erste Weg wird auch diese Pilger zur Auferstehungskirche hingeführt haben 1 ), die das Hauptziel der Wallfahrt bildete. Seitdem unlängst die Passionskapelle und die Kreuzauffindungskapelle nebst der Krypte der heil. Helena durch einen großen Bau mit der Grabeskirche verbunden waren, fand der Christ in diesem Gebäude die bedeutendsten Heiligthümer vereinigt, Alles, was ihn an des Heilands Leiden und Sterben und an seinen Sieg über den Tod erinnerte.

Wie erwünscht es uns nun sein würde, einen Blick in die Herzen der Pilger zu thun, die jetzt an den heiligen Stätten knieten, und namentlich in Pribislavs Herz, - unser Gewährsmann berichtet uns nur von den prachtvollen Geschenken, welche Herzog Heinrich hier darbrachte, wie er am heiligen Grabe eine große Summe Geldes 2 ) opferte, wie er die Kapelle (basilica), in welcher das heilige Kreuz verwahrt ward, mit musivischer Arbeit schmückte und die Thüren derselben mit gediegenem Silber bekleidete, wie er drei ewige Lampen 3 ), eine vor dem heiligen Kreuze, eine vor der Passion des Herrn auf der Schädelstätte und eine vor dem heiligen


1) Nach d. Chron. Sax. wurden sie sofort von den Templern und Geistlichen dahin geleitet. Hinr. de Hervordia p. 159 "- processerunt Jerusalem. Dux ibi a clero et templariis sollompniter suscipitur cum ramis et laudibus.Ad sepulchrum Domini ducitur." - Hist. dde duce Hinr. p. 242 "Et susceptus est dux solemniter a clero et templariis cum ympnis et laudibus et ductus est ad sepulchrum Domini sanctum."
2) Arnold I, 7: pecuniam multam. Steigernd Hinr. de Hervordia (p. 159) u. Hist. de d. Hinrico: maximam pecuniam.
3) Arnold begnügt sich mit den Worten: Deputavit etiam reditus annuos ad cereos comparandos, iugiter ad sanctum sepulcrum arsuros. (  ...  )
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Grabe, stiftete - Graf Gunzel von Schwerin diente ihm bei dieser Schenkung als Zeuge -, und wie er endlich den Templern und Johannitern außer andern Geschenken sehr viele Waffen und 1000 Mark Silbers 1 ) zum Ankaufe von Landgütern gab, damit sie daselbst junge Streiter unterhalten möchten, wenn wieder der Krieg begönne.

Diese Zeit war allerdings nicht mehr fern. Der König Amalrich III. von Jerusalem hatte sich durch seine Kriegszüge nach Aegypten wohl hohen Ruhm erworben, durch solche Einmischung in die dortigen Verhältnisse aber auch gewissermaßen den späteren Fall des christlichen Königreiches eingeleitet; und schon zu seiner Zeit begannen die Fehden wiederum. Jetzt aber herrschte Friede, der König war in Jerusalem; und er zeichnete die abendländischen Gäste gar sehr aus, drei Tage lang gab er ihnen Gastmähler in seinem eigenen Palast.

Ueber solchen Festlichkeiten ward aber der Hauptzweck der Wallfahrt nicht aus dem Auge gelassen. Alle heiligen Stätten wurden besucht, das Thal Josaphat, der Oelberg, Bethlehem und Nazareth; und hernach ward unter einer Bedeckung der Templer auch eine Fahrt nach dem Jordan und nach der Wüste, wo Jesus 40 Tage lang versucht war, unternommen. Der religiöse Charakter einer Wallfahrt ward überall gewahrt: Abt Heinrich von Braunschweig war, wiewohl vom Fasten und Wachen ganz erschöpft, stets im Zuge und hielt an jeder heiligen Stätte, die man besuchte, einen angemessenen Gottesdienst.

Zurückgekehrt nach Jerusalem 2 ), ward Herzog Heinrich dort vom patriarchen Amalrich noch zwei Tage 3 ) festgehalten; dann aber traten die Pilger ihre Heimfahrt an.


(  ...  ) Auch die Hist. d. d. Hinrico hat nur die Worte: deputans cereos iugiter arsuros. Hinr. de Hervordia setzt dagegen nach der Stiftungsurkunde (s. Orig. Guelf. III, p. 516, 517 [und danach auch Meklenb. Urk.=Buch I, Nr. 103]) hinzu: Tres etiam (!) lampades perpstuas ad honorem Dei ardentes in ecclesia dominice resurrectionis instituit; quarum unam coram Domini sepulchro, alteram in loco Calvarie, tertiam coram vivinco ligno crucis ardere quingentis bysantiis comparavit.
1) Arn.: Templariis quoque et Hospitalariis dedit dona et arma plurima et mille marcas argenti ad comparanda predia, quibus tyrones teneantur tempore belli. - Dagegen Hinr. de Herv. (u. ebenso fast die Hist. d. d. Hinr.) nur: dona plurima dedit in armis et clenodiis aliis et mille marcas ad comparandos redditus.
2) Arnold I, 8.
3) Arn.: duobus diebus; Hinr. de Herv.: per triduum; Hist. d. d Hinr.: tribus diebus.
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Sie zogen zunächst wieder nach Akkon, wählten aber nicht wieder den Seeweg nach Constantinopel. Man hatte dies sonst um so eher vermuthen dürfen, da vornehmlich die Geistlichen von den Anstrengungen der Reise und von dem Fasten bereits ermattet waren, und eine Landreise durch Syrien und Kleinasien gerade im Juli den an die Sommerhitze des Morgenlandes nicht gewöhnten Deutschen so leicht verderblich werden konnte. Warum dennoch der Herzog sich für den Landweg entschied, meldet Arnold uns nicht; es ist aber kaum zweifelhaft, daß Heinrich sich von dem Wunsche leiten ließ, auf dem Rückwege jene Gegenden kennen zu lernen, durch welche einst Gottfried von Bouillon und seine Mitanführer mit dem ersten Kreuzheer nach dem Heiligen Lande gezogen waren. Wenigstens schlug er, wie wir sehen werden, genau ihre Straße ein.

Er vergönnte seiner Begleitung zu Akkon eine Rast, eilte selbst aber, begleitet von dem Abte Heinrich, unter der Bedeckung einer starken Schutzmannschaft der Templer, die auf dieser nahe an dem Gebiete der Ismailiten (Assassinen) vorüberführenden Straße gewiß nicht überflüssig war, voraus nach Antiochia. Er hatte dem erkrankten Bischof von Lübek, dem Abte Berthold von Lüneburg und andern Herren wohl die Heimfahrt über das Meer freigestellt; aber Bischof Konrad bedauerte es bald, sich von seinem Herzog getrennt zu sehen, er wollte ihn auch um einiger Geschäfte willen sprechen. Er eilte demselben also mit den übrigen Reisegefährten auf einer Barke nach. Doch erreichte er ihn nicht mehr. Kaum gelangte er noch lebend nach Tyrus; er starb, als sie dort eben landeten, am 17. Juli 1 ). Graf Gunzel von Schwerin und die andern Gefährten des Herzogs, welche daselbst zugegen waren, begruben ihn feierlich in jener Stadt. Abt Berthold fühlte sich zu krank, um die Landreise fortzusetzen; er kehrte also nach Akkon zurück, und dort starb er acht Tage nach Konrads Tode, am 24. Juli 2 ).


1) Nekrologium des St. Michaelis=Klosters zu Lüneburg bei Wedekind, Noten III, p. 52. - Auch Hist. d. d. Hinr. anno Domini 1172, 16. kal. Augusti. (Bei Detmar und bei Heinrich v. Herford fehlt das Datum, wie auch bei Arnold). Gleichwohl soll nach dieser Erzählung der Herzog 1171 auf die Wallfahrt gegangen sein.
2) So das Nekrol. des St. Mich.=Klosters p. 54. - Nach Arnold, Heinr. v. Herford, Hist. d. d. Hinr. und Detmar starb er 3 Tage nach seiner Rückkehr zu Akkon. - Detmar z. J. 1172: "kal. Augusti de hertoghe was mit den anderen vore varen; do he vreschede eren dot, he ward des sere bedrovet." Die Beziehung des Datums ist nicht recht klar.
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In Antiochia scheint das ganze übrige Gefolge sich mit dem Herzog wieder vereinigt zu haben. Fürst Boemund III. gewährte dort seinen deutschen Gästen, die ihm gewiß von seinem Schwager, dem Kaiser Manuel, aufs Beste empfohlen waren, eine glänzende Aufnahme. Den größten Dienst aber leistete er ihnen wahrscheinlich damit, daß er sie vor dem Herrscher von Armenien warnte.

Dieser armenische Prinz Milo (oder wohl richtiger Melih oder Malich genannt) hatte einst dem Templerorden angehört; hernach beherrschte er, während sein Bruder Toros als König das ganze Land Armenien regierte, ein Gebiet am cilicischen Taurus. Hier gewann er bald einen üblen Ruf. Im Jahre 1171 nämlich, als Stephan, der Sohn des Grafen Theobald von der Champagne, seinen Rückweg aus Palästina von Antiochia über Cilicien durch Kleinasien nahm, legte Milo ihm bei Mamistra einen Hinterhalt und ließ ihn vollständig ausplündern; der Graf erlangte nur mit Mühe von den Räubern einen elenden Gaul, um seinen Weg fortsetzen zu können. Als dann bald hernach Toros starb und die Großen des Landes seinen Schwestersohn Thomas auf den Thron erhoben, schloß Milo ein Hülfsbündniß mit dem Sultan Nureddin, und mit dessen Truppen machte er sich zum Herrn von Armenien; er trat nun aber sofort feindselig gegen die Christen auf, trieb die Templer aus Cilicien, verkaufte christliche Gefangene an die Ungläubigen u. s. w. Der Fürst von Antiochia und andere christliche Herren ergriffen sogleich gegen ihn die Waffen. Der König Amalrich versuchte darauf noch erst eine gütliche Vermittelung; als aber solche erfolglos war, fiel er mit den andern christlichen Fürsten in Cilicien ein, mußte sich jedoch mit Verwüstungen des offenen Landes begnügen, da ihn die Nachricht von einer Unternehmung Nureddins gegen die Burg Petra oder Krak in Arabien abrief 1 ). -

Nicht hinlänglich mit diesen Ereignissen und mit dem Charakter des Armeniers bekannt, stürzte Herzog Heinrich der Löwe sich und seine Gefährten in die größte Gefahr, indem er Milo um freies Geleite durch sein Land bat. Der Armenier schickte dem Herzog eine Gesandtschaft von 20 vornehmen Männern entgegen, die ihm versichern sollten, daß der König bereit sei, ihn ehrenvoll und in durchaus ungestörtem Frieden durch sein Land zu geleiten.

Da empfing Heinrich aber in Antiochia noch rechtzeitig die Warnung, sich dem Armenier nicht anzuvertrauen. In


1) Wilhelm v. Tyrus XX, 27, 28.
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der That möchte sonst auch der Obotritenfürst Pribislav hier ein ähnliches Loos gehabt haben, wie ein Jahrhundert später, wie wir sehen werden, seinen Enkel Heinrich den Pilger in Aegypten traf.

Heinrich gab also die Absicht, seinen Weg durch das Land des Armeniers zu nehmen, auf. Er zog vielmehr mit seiner Begleitung von Antiochia hinab zu dem unweit der Mündung des Orontes belegenen "Simeonshafen" (jetzt Soldu oder Suwadia genannt); dort bestiegen sie die Schiffe, welche der Fürst Boemund ihnen besorgt hatte, und fuhren auf denselben an dem größten Theile der Küste von Cilicien vorüber bis nach der Stadt Tarsus (zu jener Zeit "Torsult", von den Saracenen "Tortun" genannt), die damals entweder noch dem Kaiser von Griechenland gehörte oder schon von diesem an den Fürsten von Antiochia abgetreten war 1 ).

Noch war indessen die Gefahr nicht ganz beseitigt, wenn anders der Weg durch Kleinasien fortgesetzt werden sollte. Denn das Land zwischen Tarsus und dem cilicischen Taurus (dem Bulgar=Dagh) war seit dem erwähnten Streifzuge des christlichen Heeres wieder in der Gewalt des durch Zurückweisung seines früher erbetenen Geleites sehr erzürnten Milo; erst hinter dem Gebirge lag das Gebiet des Sultans Kilidsch Arslan II. Dieser Letztere aber stand zu Milo in keinem besseren Verhältnisse als die christlichen Fürsten in Syrien. Er sandte also dem Herzoge Heinrich auf dessen Anmeldung nach Tarsus eine Bedeckung von 500 schwerbewaffneten Reitern (milites) entgegen, welche den Pilgerzug durch Milos Gebiet geleiten sollten.

Waren somit unsern Wallfahrern also auch die syrischen Pässe, durch welche einst das erste große Kreuzheer nach Antiochia gezogen war, nicht zu Gesichte gekommen, so konnten sie nun doch auf demselben Wege, auf dem einst Tankred den ersten Zug von Heraklea durch die hohen Pässe des


1) "Tarsum primae Ciliciae metropolin, quam (Boemund) a Graecis receperat", sagt Wilhelm von Tyrus XXII, 24 Die Zeit, wann? ist unbekannt, Wilken III, 2, S. 227, Anm. 140, vermuthet, es sei schon bei Manuels Vermählung mit Maria von Antiochia geschehen. Arnold v. Lübek erzählt I, 9, Milo habe hernach Tarsus zur Rache dafür, daß ihm unsere Pilger entkommen waren, sich unterworfen (expugnans sibi subjugavit); dies spricht dafür, daß jene Pilger Tarsus für eine antiochenische Stadt hielten. Uebrigens verkaufte Boemund Tarsus 1183 an den Fürsten Rupin, den Bruder des Fürsten Leo von Cilicien; er muß also wieder in den Besitz derselben gekommen sein, vorausgesetzt, daß Arnolds Angabe Grund hat.
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Taurus nach Tarsus hinabgeführt hatte, zum Hochlande von Kleinasien hinaufsteigen. Sie entgingen glücklich der Rache des Armeniers; aber doch mochte mancher unter ihnen bald über die Wahl des Weges durch Kleinasien murren. Denn, hätten nicht ihre saracenischen Reiter, wohlbekannt mit der "Rumenischen Wüste", schon im Gebirge die Packpferde mit Wasserschläuchen beladen, so wären auf dem dreitägigen Marsche durch die wasserlose Einöde bei glühender Sommerhitze Menschen und Pferde verschmachtet. In "Rakelei" (dem alten Heraklea, jetzt Erekli) erquickten aber die Türken mit großer Freundlichkeit die Pilger, welche sie als ihres Sultans Gäste ansahen.

Den Landesherrn selbst, den Sultan Kilidsch Arslan II., sahen die Deutschen erst auf ihrem weiteren Zuge zu Axarat (jetzt Aktscha=Schehr), wo derselbe zu einem feierlichen Empfange Vorbereitungen getroffen hatte. Da er an den Füßen ganz gelähmt und darum beständig in einem Wagen zu fahren genöthigt war, würde es ihm schwer geworden sein, den Gästen selbst entgegen zu kommen.

Zu Axarat also begrüßte er den Herzog Heinrich mit Kuß und Umarmung - als einen Blutsfreund. Heinrich wußte von dieser Verwandtschaft nichts; der Sultan erzählte ihm aber, daß eine seiner Ahnfrauen, die Gemahlin eines russischen Königs, eine deutsche Edle gewesen sei 1 ). Dann bezeugte er seine große Freude über die glückliche Ankunft seiner Gäste; er dankte Gott, daß sie Milos Händen entkommen seien, da dieser treulose Verräther ihnen sonst nicht nur ihr Gut, sondern auch ihr Leben genommen haben würde. Er selbst erwies den Deutschen eine großartige Gastfreundschaft in orientalischem Stil. Nachdem er dem Herzog Mantel und Untergewand von schönster Seide verehrt hatte (aus denen dieser hernach Priestergewänder anfertigen ließ), wurden 1800 Rosse vorgeführt, von denen sich jeder der "Ritter" des Herzogs eins nach Gefallen auswählen durfte. Der Herzog selbst empfing noch 30 starke Rosse mit silberbeschlagenen Zäumen und mit Sätteln von Elfenbein und Tuch, 6 Filzzelte nebst den 6 Kamelen, die sie tragen sollten, und deren Führern, endlich auch noch 2 Leoparden, die vermuthlich zur Jagd abgerichtet waren, da sie auf Pferden saßen und von Sklaven geleitet wurden.

So schwach der Körper, so regsam war der Geist des Sultans; er ging gern auf ernste Unterhaltungen ein. Der


1) Vgl. Scheidt in Orig. Guelf III. p. 78.
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Herzog berührte bei einem solchen Bespräche auch den Islam und unterließ nicht, seinen Gastfreund zur Annahme des Christenthums zu ermuntern; er erörterte weitläufiger die Lehre der Heiligen Schrift, und namentlich auch, daß Gott Mensch geworden. Da antwortete Kilidsch Arslan, dem dies alles, da seine Mutter eine heimliche Christin war, gewiß keineswegs neu erschien: "Es sei nicht schwer zu glauben, daß Gott, der den ersten Menschen aus einem Erdenkloß gebildet, auch selbst, wenn es sein Wille gewesen sei, von der unbefleckten Jungfrau das Fleisch angenommen habe." In der That scheint jene Unterredung großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Man schrieb es wenigstens der Vermittelung Herzog Heinrichs zu, daß der Sultan allen Christensklaven in seinem Lande die Freiheit schenkte 1 ). Dieser ward wegen seiner Milde gegen die Christen gerühmt; und als ihm später auf ihrem Todbette die Mutter ihren Glauben bekannte und ihn ermahnte, an Christum zu glauben und die Christen zu lieben, soll er es gelobt, aber hinzugefügt haben, er wage es der Saracenen wegen nicht, seinen Glauben offen zu bekennen 2 ). -

Nachdem sich die Pilger in Aktscha=Schehr bei dem gastfreien Sultan verabschiedet hatten, setzten sie ihre Reise über Ismil und "Cunin" (Iconium, Konieh), des Sultans Hauptstadt, in nordwestlicher Richtung auf Isnik (Nicäa) fort, also auf der Straße des ersten großen Kreuzzuges. Auf diesem Wege gelangten sie demnach über das alte Antiochia (bei Jalobatsch) oder Philomelium (jetzt Akschehr) in die Gegend von Doryläum (jetzt Eskischehr), wo einst durch die heiße Schlacht am 1. Juli 1097 die Kreuzfahrer die Macht des Sultans Kilidsch Arslan I. gebrochen hatten, und wo hernach König Konrad III. auf seinem Kreuzzuge im October 1147 nach dem mühevollen Zuge durch Gebirge und Wüsten bei den Angriffen der leichten türkischen Reiter und der schändlichen Verrätherei der Griechen den größten Theil seines Heeres verloren hatte und mit den Trümmern desselben auf einem Seitenwege durch die Gebirge von Lykaonien nach Nicäa zurückzukehren


1) Annal. Colon. max. (Pertz, Scr. XVII, p. 786): "In reditu vero (Heinrichs) quidam rex paganus eum honorifice suscipiens plura et magnifica dona optulit omnesque capitivos christianos, qui sub regno eius exulabant, interventu ducis absolvit."
2) "Quod ipse spopondit se facturum; sed dixit, quod non auderet aperte cerede in salvatorem propter paganus." Roberti de Monte Chron. 1180. (Pertz, Scr.VI, pag. 531.)
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genöthigt war. Nachdem die Pilger einen "Wald" von drei beschwerlichen Tagereisen - den Dumandji=Dagh? -, der das Sultanat von Konieh vom Gebiete des griechischen Kaisers schied, überwunden hatten, sahen sie - schon auf griechischem Gebiete - die "Alemannenburg", von welcher aus einst Gottfried von Bouillon das ganze Saracenenreich erobert haben sollte, und dann erreichten sie die damals noch schön befestigte und ansehnliche Stadt "Anikke" (Nicäa, Isnik), an welche sich so viele Erinnerungen aus den ersten Kreuzzügen knüpften, der Untergang der Schaaren Peters von Amiens und Walters in der Nähe derselben, und die gewaltige Belagerung der Stadt, um deren Früchte schließlich der griechische Kaiser die Pilgerfürsten zu bringen gewußt hatte.

Der kürzeste Weg hätte nun die deutschen Wallfahrer von Nieäa über Nikomedien, Chalcedon und Skutari nach Constantinopel zurückgeführt: das war der Weg der alten Kreuzfahrer. Aber sie wandten sich westlich, dem "St. Georgenarm" (dem Hellespont) zu. Sie setzten über denselben bei der Stadt "Willekume" (Gallipoli) und richteten dann ihren Zug wieder auf Constantinopel, um dort ihren Troß an sich zu nehmen und auf der ihnen schon wohlbekannten Straße durch Ungarn der lange entbehrten Heimath wieder zuzueilen.

Den Kaiser fanden sie in seiner Hauptstadt nicht; er verweilte damals in "Manopolis", dessen Lage nicht sicher ist 1 ). Sie suchten ihn daselbst auf, um von ihm Abschied zu nehmen, und erfuhren von ihm gleiche Gastfreundschaft wie früher. Trotz ihrer Sehnsucht nach der Heimath mußten sie noch einige Tage bei ihm verweilen. Vermuthlich wollte er auch nicht die gute Gelegenheit versäumen, von dem staatsklugen Herzoge über die Zustände in Palästina und Kleinasien, die ihn so lebhaft interessirten, Nachrichten einzuziehen und Urtheile zu vernehmen. Aber seine Zuneigung zu Heinrich scheint doch nicht allein durch politische Rücksichten bestimmt worden zu sein. Bei dem Abschiede überhäufte der Kaiser ihn wieder mit köstlichen Geschenken. Der Herzog lehnte diese indessen in höflichster Form ab und erbat sich dafür - Reliquien, an denen der Kaiser sehr reich war und mit


1) "Manopolis": Arnold (I, 12), der die Namen oft in sehr entstellter Form wiedergiebt. Scheidt (Org. Guelf. III, p. 78) vermuthet in diesem Namen: "Maximianopolis" (ehemals Porsulae), das heutige Gümüldschina, welches südlich von Tajardi nahe dem Archipel (zwischen den Flüssen Karassu und Maritza) liegt.
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denen er gern vor seinen Gästen zu prunken pflegte. Manuel ging auch auf diesen Wunsch willig ein; er schenkte seinem Gaste nicht nur eine große Zahl von Reliquien, sondern auch köstliche Edelsteine zum Schmuck derselben 1 ).

Die Heimkehr über Nisch, durch den Bulgerewald, durch Ungarn, wo der König Bela freies Geleite und gute Verpflegung gewährte, und durch Oestreich verlief ohne jeglichen Unfall.

Nach der Ankunft in Baiern begrüßte Herzog Heinrich zunächst den Kaiser Friedrich zu Augsburg, wo derselbe 1172 das Weihnachtsfest beging; dann aber eilte er nach Braunschweig, welches er gerade nach Jahresfrist wieder betrat. Seinem Hause war während der Wallfahrt große Freude widerfahren; es war ihm eine Tochter (die Richenza) geschenkt.


1) Nach d. Chron. Saxonam empfing Herzog Heinrich nicht erst auf der Rückkehr, sondern schon auf dem Hinwege, in Constantinopel, die Reliquien. Es heißt bei Hinricus de Hervordia p. 159: Dux ab imperatore Constantmopolitano cum gloria maxima recipitur, sanguine domini nostri Jhesu Cristi et reliquiis aliis donatur. Dost navigio veniunt Accaron. Etwas weitläufiger wird in der Hist. de d. Hinrico berichtet: Sepedictus domnus dux cum sacro sanguine domini nostri Jesu Christi, qui de sacro latere eius effluxerat, cum maximis donariis reliquiarum sanctarum tam regis quam regine onustus dimissus est. Der Grund dieser Abweichung beruht lediglich darin, daß der Auszug aus Arnolds Chronik, welcher hier benutzt ward, von einer zweiten Begegnung des Herzogs mit dem Kaiser nichts mehr enthielt, sondern schon mit der Beschenkung der Pilger durch den Sultan schloß. Unmittelbar nach der Erzählung von dieser Beschenkung berichtet Hinr. de Hervordia kurz weiter: Post perveniunt in patriam. Detmar dagegen hilft sich mit der naiven Bemerkung: "Unde wat eme" (H. Heinrich) "mer uppe der reyse wedervor, daraf is in ander wech vele mer beschreven." In der Hist. de d. Hinrico heißt es gar: Post hec ascendens in navim(!), reversus est cum suo comitatu ad terram propriam, unde venerat. - Arnold macht von den Reliquien keine einzige namhaft, dagegen, wie schon erwähnt, Heinrich von Herford und die Historia die Reliquie des H. Bluts, weil wie diese besonders interessirte. Jener berichtet nämlich p. 159: Post perveniunt in patriam. Et tunc Henricius abbatem sancti Egydii Brunswicensis loco Conradi fecit episcopum Lubicensem, donans ei et Guncelino comiti Swerinensi munera multa, et sanguinem Domini nostri cum tremore et amore dividens, partem uni et partem alteri tribnit. Und ähnlich heißt es in der Historia d. d. Hinr. p. 244. Nec immemor beneficiorum in locum Conradi episcopi - domnum Henricum - promovit, donans ei et Guncelino comiti Swerinensi munera plurima et sanguinem domini nostri Jhesu Christi, quem in duas particulas cum tremore et amore diuidens, partem uni et partem alteri tribuit et ad terras proprias tantis muneribus honoratos et onustos remisit. Weiter wird dann erzählt, daß der Bischof Heinrich seinen Theil der (  ...  )
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Auch der Graf Gunzel von Schwerin sah, so viel wir wissen, seine zahlreiche Familie ohne Verlust wieder.

Zu solchem Empfange bildete aber die Heimkehr des Fürsten Pribislav einen traurigen Contrast. Der Obotritenfürst fand seine Gemahlin, die Fürstin Woizlava, nicht mehr; sie hatte während seiner Wallfahrt nach den heiligen Stätten ihre irdische Wallfahrt vollendet und in der Klosterkirche zu Althof (bei Doberan) ihre Ruhestätte gefunden 1 ).



(  ...  ) Reliquie an das neue Johanniskloster zu Lübek, das 1245 (nicht, wie die Historia meldet, 1173) nach Cismar versetzt ward, verschenkte, das Kloster Cismar aber 1283 wiederum von diesem Theil einen Theil an das (abgebrannte) Mutterkloster St. Aegidien zu Braunschweig zu dessen Aufhülfe gab. Die ganze Historia ist augenscheinlich nur geschrieben, um die H. Bluts=Reliquie des Aegidienklosters zu beglaubigen. Die Quelle für jenen Bericht ist aber ein Beglaubigungszeugniß des Klosters Cismar an das St. Aegidienkloster vom 20. August 1283, wo es von jener Reliquie heißt: Quem thesaurum olim illustris princeps Hinricus dux Bavarie et Saxonie, de Grecia transtulit et suo familiari fel. record. Hinrico episcopo Lubicensi pro parte contradidit pro suorum exigentia meritorum. (Vgl. oben: immemor beneficiorum!) -Aus diesem "pro parte" ist meines Erachtens die Sage dahin fortgebildet, daß der andere Theil an Gunzel geschenkt sei, da man in Braunschweig eine ungenaue Kunde davon hatte, daß in Schwerin eine aus dem Orient stammende H. Bluts=Reliquie sei. Denn es ist überall nicht wahrscheinlich, daß die Reliquie des Klosters Cismar vom Kaiser Manuel gekommen war (wie sie denn auch der Lübische Bischof Albert von Krummendyk schon für unecht erklärt hat, Quellensammlung IV S. 233). Sollte Arnold, der der erste Abt des Lübischen Johannisklosters war, zu dessen Händen also dies Kloster jenen Schatz (der überdies durch die Gaben der Verehrer unendlich einträglich zu werden versprach) von Bischof Heinrich empfangen haben mußte, hiervon zu reden unterlassen haben, da er doch von des Herzogs Reliquien und Gaben an die Kirchen nach seiner Rückkehr von jener Wallfahrt ausdrücklich spricht? Daß aber Gunzel sollte eine Reliquie des H. Bluts empfangen und an den Dom gegeben haben, ist darum vollends unglaublich, weil von der Verehrung oder von der Existenz derselben gar kein Nachweis zu finden ist. Welche ausgedehnte Verehrung die 1222 vom Grafen Heinrich mitgebrachte Reliquie des H. Bluts zu Schwerin genoß, ist bekannt genug, Heinrich wird deshalb von der Schweriner Geistlichkeit gerühmt, die Reliquie in Inventarien aufgeführt und genau beschrieben; von Gunzel wird aber Gleiches nicht gesagt, seine angebliche Reliquie in Inventarien gar nicht nicht erwähnt! - Nur eine scheinbare Stütze gewinnt jene Erzählung von der Reliquie Gunzels in dem Ablaßbriefe des Papstes Honorius III. vom 29. Juni 1220, wo es schon von der Schweriner Domkirche heißt: in qua a Christi fidelibus sacramentum sanguinis domini nostri Jesu Christi pie creditur esse reconditum. Dieser Ablaßbrief ist aber schon aus andern Gründen der Fälschung verdächtig. S. unten!
1) Kirchberg Cap. 113. [Westph., Mon. ined. IV, p. 757, Cap 111. Westphalen giebt die Capitelzahl von Cap. 100 an um 2 Einheiten zu niedrig.]
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II.
Die Kreuzfahrt
des Grafen Heinrich I. von Schwerin.

Erst fünfzehn Jahre waren seit der gemeinsamen Wallfahrt des Fürsten Pribislav und des Grafen Gunzel I. mit Herzog Heinrich verflossen, als die heilige Stadt Jerusalem, wo jene ein christliches Königreich in allem Glanze gesehen hatten, an den großen Sultan Saladin verloren ging. Das Abendland rüstete sich alsbald zur Wiedereroberung der heiligen Stätten, und kein geringerer Mann als der alte Kaiser Friedrich I. stellte sich an die Spitze der zahllosen christlichen Kämpfer.

Pribislav erlebte diese Ereignisse nicht mehr († 1178), und eben so wenig Graf Gunzel I. († um 1185). und man möchte vermuthen, daß das Beispiel ihrer Väter und deren Erzählungen in ihnen wohl eine Vorliebe für das Heilige Land und Begeisterung für dessen Wiedereroberung erweckt hätten. Die Lage Niedersachsens und Meklenburgs war aber allerdings der Art, daß die meklenburgischen Landesherren dem Gedanken an eine Betheiligung bei dem Kreuzzuge nicht wohl Raum geben konnten. Herzog Heinrich, längst seiner Herzogthümer verlustig und voll tiefen Grolls, räumte lieber, als daß er sich dem Kreuzzuge angeschlossen hätte, auf des Kaisers Begehr einstweilen seine Erblande; da aber sein Nachfolger im Herzogthum Sachsen die meklenburgischen Herren und andere innerhalb seines Gebietes nicht hatte zu gewinnen verstanden und des nötigen Ansehens entbehrte, ließ sich kaum vermuthen, daß Herzog Heinrich die Gelegenheit versäumen würde, in des Kaisers Abwesenheit zurückzukehren und seine Macht auszubreiten. Ueberdies war erst vor wenig Jahren ein heidnischer Ausstand in den meklenburgischen Landen unterdrückt; dann waren die meklenburgischen Fürsten Burwin I. und Nicolaus mit einander

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in Fehde gerathen und endlich darüber gar Mannen des Königs von Dänemark geworden!

Mehr Anklang fand in Niedersachsen allerdings der Kreuzzug, den Kaiser Heinrich VI. ins Werk setzte. Unter den Herren, welche 1197 fortzogen, finden wir u. a. den Erzbischof von Bremen, den Bischof von Verden, den Grafen Adolf von Holstein, der schon früher für das Heilige Land gekämpft hatte, genannt, und auch etwa 400 Lübeker nahmen das Kreuz 1 ). Aber daß Meklenburger sich angeschlossen hätten, finden wir nicht überliefert.

Einen neuen Impuls empfingen die Deutschen, als der große Papst Innocenz III., und nach dessen Tode sein Nachfolger Honorius III., und der junge König Friedrich II. mit großem Eifer zu einem Kreuzzuge aufriefen. Die ersten Erfolge waren freilich wenig aufmunternd; der König Andreas von Ungarn, süddeutsche Herren u. s. w. richteten 1217 in Palästina wenig aus. Im Mai 1218 aber setzten die Kreuzfahrer von Akkon nach Aegypten über, um hier die Macht der Saracenen an der Wurzel zu vernichten. Unter der Führung des Königs Johann von Jerusalem, des Herzogs Leopold von Oestreich und vieler anderer weltlicher Herren, sowie des Patriarchen von Jerusalem und zahlreicher Bischöfe, hernach (seit dem Herbste 1218 2 ) vornehmlich unter der Oberleitung des päpstlichen Legaten, Cardinal=Bischofs Pelagius von Albano, belagerten sie die sehr feste Stadt Damiette; und wiewohl der Herrscher von Aegypten, Al=Kâmil, derselben mit großer muhammedanischer Macht zu Hülfe kam, bezwangen sie diesen festen Platz nach unsäglichen Mühen und Kämpfen endlich am 5. Novbr. 3 ) 1219. Die Feste Tanis fiel ihnen ohne Kampf zu.

Wir wissen, daß an der Belagerung von Damiette neben zahlreichen Friesen auch manche Niederdeutsche aus der Bremischen Kirchenprovinz mitgewirkt haben 4 ), aber


1) Arnold V, c. 25.
2) Oliveri scholastici Historia Daminatma (Eccardi, Corp. histor. medii aevi II), p. 1405. - Wir folgen dieser Schrift vornehmlich, da Oliver ein Augenzeuge war und sich durch Treue und Ausführlichkeit auszeichnet.
3) Auch bei Oliver ist p. 1415 statt "Nono Novembris" natürlich "Nonis Nov." zu lesen, da, wie er bemerkt, Damiette "feria tertia" fiel und 1219 der 5. nicht der 9. November, ein Dienstag war. Dies ist Recueil des hist. (occid.) des croisades II, p. 340, n. übersehen.
4) Oliver p. 1401: "VII coggones de provincia Coloniensi cum aliis paucis navibus de provinciis Bremensi et Treverensi."
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nicht, ob Pilger von der Ostseeküste unter diesen gewesen sind. Jedenfalls war bis dahin keiner der Regenten aus Meklenburg 1 ) nach Aegypten gezogen.

so wichtig nun ein solcher Erfolg der Kreuzfahrer war, sie benutzten nicht den Schrecken, welcher sich der Aegypter bemächtigt hatte, um sofort tiefer ins Land einzudringen. Vielmehr erwarteten sie in Damiette erst weitere Verstärkungen, und namentlich den König Friedrich II, der immer zögerte, selbst sein Gelübde zu lösen, wohl aber viele Herren zum Ablegen des Gelübdes und zu baldigem Aufbruche antrieb.

Da trat denn im Jahre 1220 2 ) auch Graf Heinrich I. von Schwerin, ein Sohn Gunzels I., seine Kreuzfahrt nach Aegypten an. Ob ihn jedoch des Königs Friedrich II. erwähnte allgemeine Aufmunterung dazu bewogen hat, darf man bezweifeln. Denn die Grafen von Schwerin waren den Welfen, denen sie ihre Grafschaft verdankten, zugethan; Heinrich hatte den Kaiser Otto IV. auf seinem Zuge nach Italien begleitet 3 ), und von ihm ein Privilegium 4 ) erlangt, das nicht nur dem Domcapitel zu Schwerin neue Rechte einräumte, sondern auch der Stadt Schwerin zu Gute kam. Friedrich II. dagegen hatte dem Könige Waldemar II. von Dänemark, der die Grafen Gunzel I. und Heinrich I. von Schwerin gezwungen, ihn als ihren Lehnherrn anzuerkennen 5 ), alle Lande nördlich von der Elbe und Elde förmlich abgetreten 6 ), und die Päpste Innocenz III. und Honorius hatten dem Dänenkönige diesen Besitz bestätigt 7 ). Wie früher Waldemars Hand schwer auf den Grafen gelastet hatte 8 ), so zeigte er hernach, indem er seinen natürlichen Sohn Nicolaus von Halland mit Ida, der Erbtochter des Grafen Gunzelin II. (und Nichte des Grafen Heinrich), vermählte, deutlich genug, daß er wenigstens die eine Hälfte der Graf=


1) Wegen Burwins s. w. unten III. (in der Einleitung).
2) Nicht früher; denn in diesem Jahre finden wir ihn noch beim Pfalzgrafen Heinrich zu Braunschweig (Meklenb. Urk.=Buch I. Nr. 262). In den Jahren 1217-1219 war er daheim. S. Meklenb Urk.=Buch Nr. 230, 231, 235, 241, 242, 245, 240, 252. Am 25. Mai 1220, zu Schwerin, nennt sein Bruder Gunzel ihn in einer Urkunde nicht mehr als Zeugen.
3) Meklenb Urk.=Buch I. Nr. 196, 198, 207, (208, n?), 211.
4) Das. Nr. 189, 202. Es beruht auf der von den Schweriner Domherren gefälschten Urkunde Nr. 100 B.
5) Das. Nr. 217.
6) Das. Nr. 218.
7) Das. Nr. 224 und 232.
8) Vgl. auch Arnold VII, 11.
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schaft Heinrich I. und seinen Nachkommen zu entziehen suchte 1 ). Immerhin war also die Lage des Grafen Heinrich daheim eine unerquickliche; aber nicht solche Verstimmung kann den klugen und erfahrungsreichen Mann bewogen haben, bei schon herannahendem Alter - er mochte etwa 60 Jahre Zählen 2 ) - auf längere Zeit sein Land zu verlassen, wo, wenn sein älterer Bruder Gunzel II. sterben sollte, sofort jene Besitzergreifung von dänischer Seite zu befürchten stand, da Nicolaus von Halland mit Hinterlassung eines kleinen Sohnes bereits verstorben war. Vielmehr wird es der ritterlicher Sinn und die damit damals noch verbundene Liebe zur Kirche gewesen sein, die trotz aller politischen Bedenken den kühnen, unternehmenden Grafen anspornte, mit einem großen Theile der geistlichen und weltlichen Herren der Christenheit und mit andern zahllosen Gläubigen für das Kreuz Christi in den Kampf zu ziehen. In Gemeinschaft mit seinem Bruder Gunzel II. hatte er nicht nur deutsche Klöster gefördert, sondern vornehmlich den Hospitalbrüdern zu St. Johann in Jerusalem hatten sie ihre Vorliebe zugewandt, der Orden verdankte ihnen erhebliche Schenkungen 3 ). Hatte Heinrich damit sein hohes Interesse für das heilige Land und für die Kreuzfahrer genugsam bewiesen, so lag es ihm nicht fern, jetzt, wo das Haupt der Kirche den Aufruf zum Streit für das Heilige Land so laut ergehen ließ, und die erwartete Führung des Kreuzheeres durch das weltliche Haupt der Christenheit entscheidende Erfolge verhieße auch sein Leben einzusetzen und die den Pilgern verheißene Krone zu erstreben.

Diese hätte ihm aber leicht schon zu Theil werden können, bevor er noch Aegypten erreichte; denn schon unterwegs ward er mit den Saracenen handgemein. Während nämlich die Christen zu Damiette in Unthätigkeit verharrten, unterließ der ägyptische Sultan Kamil nichts, um ihnen Abbruch zu thun. Oberhalb der Stadt Damiette, dort, wo von dem Nilarm, der an dieser Stadt vorüberfließt, sich ein Nebenarm, der Canal von Aschmun, ostwärts abzweigt, erbauete er ein festes Lager (Mansurah), um die muhammedanischen Streitkräfte daselbst zu sammeln; gleichzeitig aber


1) Meklenb. Urk.=Buch Nr. 229, vgl. Nr. 230 und 275.
2) Er kommt schon im J. 1174 als Zeuge in einer Urkunde vor, Mekl. Urk.=Buch I, Nr., 117
3) Goddin mit dem Pfarrgute zu Eixen und das Dorf Sülstorf, s. Meklenb. Urk.=Buch I, Nr. 165, 230. - Im J. 1227 fügte Heinrich noch das Dorf Moraas hinzu. Das. Nr. 340.
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richtete er auch seine Aufmerksamkeit auf die See, um die Verbindung Damiettes mit Europa, die Zufuhr und die Zuzüge der Pilger zu hemmen. Wohl hatte der Doge von Venedig im Sommer 1220 14 schnellsegelnde Kriegsschiffe 1 ) den Christen in Aegypten zu Hülfe gesandt; sie erreichten den Hafen von Damiette im August, also eben zu der Zeit, wo die zweite Hauptüberfahrt der Kreuzfahrer zu geschehen pflegte (während die erste und bedeutendste Ueberfahrt im Frühling [passagium vernale] stattfand). Aber während diese dort ruhig im Hafen lagen, erschienen auf dem Mittelmeere nicht weniger als 33 von Kâmil ausgerüstete Galeeren, welche den Christen unsäglichen Schaden zufügten, indem sie Handelsschiffe, die Proviant nach Damiette schaffen sollten, sammt der Mannschaft nahmen, die Fahrzeuge plünderten und verbrannten, die Pilger aber gefangen abführten. Solche Kaper griffen denn auch ein großes, von Lastschiffen begleitetes Schiff an, welches den Grafen Heinrich von Schwerin mit andern Edlen aus Deutschland an Bord hatte. Es entspann sich ein heftiger Kampf; die Kreuzfahrer aber vertheidigten sich mannhaft, tödteten und verwundeten viele von jenen Aegyptern und entkamen so glücklich der Gefahr. Sie verloren von ihren Begleitschiffen nur ein dem Deutschen Hause gehöriges Lastschiff, das mit Gerste beladen war, durch griechisches Feuer. Die venetianischen und andere Galeeren liefen zu spät von Damiette aus, als daß sie jenen hätten Hülfe bringen können 2 ).

Als Graf Heinrich nun also im Spätsommer 1220 in Aegypten eintraf, fand er das Kreuzheer noch zu Damiette,


1) galeae, Galeeren; "naves longae, rostratae, geminis remorum instructae ordinibus, bellicis usibus habiliores, quae vulgo galeae dicuntur", erklärt Wilhelm von Tyrus, Hist. XX, 14.
2) Oliver c. 26, p. 1421: "Anno verbi incarnati MCCXX -- ." Dann c. 30, p. 1425: Mense Augusto applicnerunt Damiatam XIV galeae a duce Venetorum transmissae pariter et armatae, quae modicam utilitatem attulerunt Cnristianis. Nam rex Babilonis XXXIII armavit galeas eodem tempore, ouae nobis inaestimabile dampnum intulerunt. Ceperunt enim naves mercatorum cum ipsis hominibus, quae victualia versus Damiatam afferebant, peregrinos etiam captivos duxerunt, naves spoliantes et comburentes. Invaserunt insuper navem magnam, quae comitem Henricum de Zwerin et alios nobiles Teutonicos deferebat ad nos tendentes; sed ipsi viriliter se defenderunt et multis piratis interfectis et sauciatis evaserunt feliciter, perdito scalandro uno de domo Teutonica cum ordeo, quem consumpsit ignis Graecus. - Galeae Venetorum et aliorum invitatae ad accelerandum tardius egressae sunt de portu Damiatae, tendentes versus Ressitum et Alexandriam, postquam descripto modo damnificati sumus a Sarrazenis.
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welches nun schon seit etwa 10 Monaten in den Händen der Christen war; und noch immer eröffnete sich keine Aussicht, daß man zu einer größeren Unternehmung aufbrechen würde. Viele Streiter waren bereits unmuthig geworden und nach und nach heimgekehrt. Selbst der König Johann von Jerusalem, dem der päpstliche Legat doch Damiette zugestanden hatte, war, mißvergnügt über des Legaten Herrschsucht, abgesegelt; auch viele andere weltliche Herren waren von Pelagius verletzt; und die lange Unthätigkeit entsittlichte, zumal in jenem Klima, einen nicht geringen Theil der Mannschaft. Vergebens hatte der Cardinal die Führer wiederholt zum Aufbruche nach Kairo ermuntert; seine Gegner waren zu stark, er hatte nichts durchgesetzt. Während Kâmil in seinem festen Lager zu Mansurah die muhammedanischen Streitkräfte nach und nach vereinigte, verharrten die Christen auch den ganzen nächsten Winter in ihrer Ruhe. Wiederum hoffte man Friedrich II., nach seinem neuen im November 1220 bei seiner Kaiserkrönung geleisteten Gelöbnisse, im nächsten März zu Damiette zugehen; und darauf setzte man nun alle Hoffnung. Aber er selbst erschien nicht. Als sein Vorbote und Stellvertreter, der Herzog Ludwig von Baiern, im Mai in Aegypten eintraf, regte sich wohl neues Leben in dem Kreuzheere; da aber immer der Kaiser sein Versprechen nicht erfüllte, gelang es dem Legaten endlich durch seine Beredsamkeit, in dem Rathe der Fürsten die großen Bedenken, welche gegen einen Zug nach Kairo erhoben wurden, niederzuschlagen und sie zum Marsche nach dieser Hauptstadt von Aegypten auch ohne den Kaiser zu bestimmen. Ende Juni begann man den Aufbruch aus dem Lager zu Damiette; auch der König Johann von Jerusalem kehrte nun wieder zum Heere zurück. In der That war es jetzt aber zu früh oder zu spät, oder wenigstens die äußerste Zeit, wenn man noch vor der Ueberschwemmung des seit Johannis steigenden Nils das Ziel erreichen wollte. Denn wie schnell man die wenigen Tagemärsche nach Kairo gleich nach der Eroberung von Damiette hätte zurücklegen mögen, jetzt war es nicht mehr abzusehen, wie lange der Sultan die Christen mit seinem Heere in seinem festen Lager aufhalten konnte. Man beeilte sich aber trotzdem keinesweges; erst am 17. Juli verließen die Kreuzfahrer das Lager von Fareskur, das 3 Stunden von Damiette entfernt war.

Wohl mochten sie, unbekannt mit der Stärke, der Umsicht und dem Muthe des Sultans und mit den schwierigen Terrainverhältnissen, sich den frohesten Hoffnungen hingeben. Denn die Zahl ihres Fußvolks betrug, wenn auch nicht

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200,000 Mann, wie ein ägyptischer Schriftsteller 1 ) meint, so doch eine "unzählige" Menge, darunter wohl 4000 Bogenschützen; dazu kamen 1200 Ritter 2 ) mit ihren Knappen und andere Reiter, im Ganzen wohl 4-5000 zu Roß. Eine Flotte von 600 Schiffen, unter denen etwa 300 Koggen und 18 Galeeren, die andern Transportschiffe waren, deckte den rechten Flügel des am östlichen Nilufer hinaufziehenden Heeres, während Infanterie den linken schützte, Cavallerie sich zwischen ihnen ausbreitete, und Pfeilschützen und Lanzenschleuderer den Vortrab bildeten. Wie sollte König Johann von Jerusalem also Gehör finden mit seinem Vorschlag, die Stadt Scharmesah, die der Sultan zerstört hatte, wieder zu befestigen und dort in dem fruchtbaren Lande die Ankunft Kaiser Friedrichs II. abzuwarten! Schon nach einer Woche standen die Kreuzfahrer, da sie unterwegs verhältnißmäßig wenig belästigt waren, den Aegyptern gegenüber aus der Landspitze zwischen dem Nil und dem Kanal von Aschmun, nur durch diesen Kanal vom Feinde getrennt.

Wie wenig aber der Sultan geneigt war, den Christen sein Land ohne den härtesten Kampf zu überlassen, hatten sie schon unterwegs aus den von ihm befohlenen Verwüstungen abnehmen können. Jetzt sahen sie vor sich ein stark befestigtes Lager und zu dessen Seite auf dem Nil eine Flotte von 100 Galeeren 3 ); alle Mannschaft Aegyptens war aufgeboten, an die Muhammedaner in Syrien der Ruf um schleunige Verstärkung ergangen. Den Christen blieb nichts weiter übrig, als ihr Lager zu befestigen und zur Vertheidigung einzurichten. Vier Gefechte fielen zu Gunsten der Muselmänner aus 4 ).

Und doch zeigte Kâmil die besonnenste Mäßigung. Bei den jetzt eingeleiteten Friedensverhandlungen begehrten die Christen für die Herausgabe von Damiette "die Uebergabe von Jerusalem, Askalon, Tiberias, Gabala, Laodicea und der übrigen Städte des Meeresufers, die Saladin Jusuf erobert hatte "sowie "300,000 Dinare als Ersatz für den Schaden, welchen ihnen Al=Muazzam, der Fürst von Da=


1) Makrizi bei R. Röhricht, Beitrag zur Geschichte der Kreuzzüge I. (Berlin, 1874), S. 96 und 106. - Peter von Albencio schätzte das Fußvolk nur auf 40000, die Chronik von Tours giebt 70000 Bewaffnete (praeter vulgus) an. Wilken, Gesch. der Kreuzzüge VI, S. 321, Anm. 15.
2) Oliver, p. 1428, c. 34.
3) Makrizi a. a. O., S. 106.
4) Makrizi S. 107.
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maskus [Kâmils Bruder], durch Zerstörung der Mauern von Jerusalem [nach dem Falle von Damiette] zugefügt habe"; und alle jene Lande und Plätze gestand ihnen der Sultan für sich und seine Brüder zu, mit Ausnahme der festen Plätze Karak und Saubak (Mont royal) 1 ). Vergebens befürwortete König Johann von Jerusalem - und mit ihm die morgenländischen Herren - die Annahme dieser Bedingungen, womit das Ziel des Kreuzzuges, die Herstellung seines Königreiches, erreicht wäre. Der Cardinal Pelagius, der geprahlt hatte, er hoffe in wenig Tagen in Kairo zu sein, berief sich aus entgegenstehende Verbote des Papstes und des Kaisers, mit den Ungläubigen keinen Frieden zu schließen 2 ) - und er drang durch; die Verhandlungen wurden abgebrochen.

Aber man verharrete in der Unthätigkeit. Während nun im August mehr als 10000 Pilger unmuthig aus dem Lager nach Damiette zurückkehrten, um nach Hause zu fahren, entwickelte der Sultan die größte Tätigkeit. Seine Brüder, der furchtbare Christenfeind Al=Muazzam und Aschraf, sowie andere syrische Fürsten waren herbeigeeilt, so daß seine Reiterei wohl auf 40000 Rosse stieg 3 ); und im Rücken der Christen erschienen seine Kriegsschiffe, die er von Rosette her durch einen vom steigenden Nilwasser schiffbar gewordenen Canal im Delta (Mahalle) gehen ließ, um seinen Gegnern die Zufuhr abzuschneiden. Bald spürten auch die Kreuzfahrer die Schwierigkeiten der Verpflegung, und am 18. August wurde eine Anzahl ihrer Schiffe von den ägyptischen theils genommen, theils versenkt. Aegyptische Reiter gingen über den Canal von Aschmun und sperrten auch den schmalen Landweg nach Damiette, den der steigende Nil noch gelassen hatte.

Die Kreuzfahrer, welche "wie die Vögel ins Garn und die Fische ins Netz" gegangen waren, entschlossen sich jetzt zu dem unvermeidlich gewordenen Rückzug; am Abend des 26. August ward in aller Stille das Lager abgebrochen und verlassen. Aber da die Menge, zum Theil berauscht von dem preisgegebenen Wein, einen Theil der Zelte anzündete oder in Brand gerathen ließ, merkten die Feinde die Flucht und traten die Verfolgung an. In der Dunkelheit der Nacht irrten die Christen in Verwirrung umher, zum Theil


1) Makrizi a. a. S. 107 u. 108.
2) Oliver p. 1434, und die Fortsetzungen des Wilhelm von Tyrus, Recueil II, p. 351.
3) Makrizi a. a. S. 96.
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in dem Schlamm des ausgetretenen Nils; viele ertranken. Wohl warfen König Johann und die Ordensritter am nächsten Tage die andringenden Reiter tapfer zurück. Aber die Aegypter durchstachen in der nächsten Nacht Nildämme, viele Schläfer ertranken. Die Unmöglichkeit zu entkommen, heftige Angriffe der Aegypter, und auch der treulose Uebergang mancher Christen zum Feinde, veranlaßten die Führer des Kreuzzuges, mit dem Sultan Unterhandlungen anzuknüpfen: "sie baten um Schonung gegen Abtretung von Damiette an die Muslimen". Vergeblich zogen sich indessen zwei Tage die Verhandlungen hin, eine Partei unter den Muhammedanern wollte von Schonung nichts hören. Da jedoch die Christen der bedingungslosen Kriegsgefangenschaft einen ehrenvollen Untergang vorzuziehen erklärten, auch schon ihre Vorbereitungen zu einem verzweifelten Kampfe machten, mit ihrer Vernichtung aber das wohlbesetzte Damiette nicht gewonnen wäre, und da die Aegypter "die Franken auf den Inseln und anderswo fürchteten, welche denen bei Damiette zu Hülfe kommen konnten" 1 ): so kam am 30. August ein Vertrag zu Stande, worin die Christen sich verpflichteten, dem Sultan Damiette und die Burg Tanis herauszugeben, sie dagegen mit allen beweglichen Gütern freien Abzug aus Aegypten haben, alle beiderseitigen Gefangenen frei sein und die Muhammedaner das bei Tiberias erbeutete heilige Kreuz herausgeben sollten. Geisel bürgten von beiden Seiten für die Ausführung dieser Bedingungen.

Sofort ward nun den eingeschlossenen Christen von Seiten des Sultans Zufuhr und ein freundlicher Verkehr gewährt. Er gab seine christlichen Gefangenen noch vor der Ausführung des Vertrages los, ließ eine Brücke über den Nil schlagen, damit die Kreuzfahrer auf trockneren Wegen heimkehren könnten, verbot, sie irgendwie zu beschimpfen u. s. w.

Aber die nach Damiette abgesandten Ordensmeister stießen dort mit dem Begehr, die Stadt zu übergeben, auf heftigen Widerspruch. Die Führer der eben angelangten Flotte Kaiser Friedrichs und die deutschen und italienischen Kreuzfahrer daselbst sträubten sich ebenso heftig gegen die Annahme jenes Friedens, als die Franzosen und Orientalen sie befürworteten. Da man indessen keine Möglichkeit sah, die Stadt lange zu verteidigen, ward Damiette am 7. September (122l) von den Christen geräumt, die Muhammedaner zogen am nächsten Tage ein, und die Kreuzfahrer verließen schnell Aegypten 2 ).


1) Makrizi a. a. O. S. 108.
2) S. Wilken VI, S. 351 f.
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Ueber die persönlichen Erlebnisse des Grafen Heinrich von Schwerin während seines Aufenthaltes in Aegypten finden wir nichts ausdrücklich erwähnt. Aber das darf uns nicht Wunder nehmen; denn selbst in der ausführlichen Erzählung dieses unglücklichen Kreuzzuges, welche wir dem Kölner Scholasticus (und späteren Paderbornschen Bischof) Oliver verdanken, werden uns auch nur die obersten Führer des Zuges genannt, zu denen ja Heinrich nicht gehörte. Wir finden den Grafen jedoch erst am 31. März 1222 wieder in seiner Heimath; und daß er, ohne sich an dem Kampfe zu betheiligen und ohne das übliche volle Jahr dem Kreuze gedient zu haben, aus Aegypten heimgekehrt wäre, widerspricht seinem ganzen Charakter. Endlich erblicken wir eine Hindeutung auf seine Theilnahme an dem unglücklichen Zuge nach Mansurah in den Worten eines Zeitgenossen.

Am 31. März, - am Grünen Donnerstage - des Jahres 1222 beurkundet nämlich zu Schwerin der dortige Bischof Brunward in Anwesenheit nicht nur seiner Domherren und einer Reihe von Schwerinschen Vasallen, sondern auch des Propstes Hermann von Hamburg und des Domherrn Friedrich von Hildesheim, welche beide Brüder des Grafen Heinrich I. von Schwerin waren, sowie des Abtes von Doberan und der Pröpste von Lübek und Neukloster - also in einer großen, feierlichen Versammlung -: "Graf Heinrich von Schwerin habe, als er, um dem Heiligen Lande zu Hülfe zu kommen, gegen die Heiden jenseit des Meeres eine Kreuzfahrt unternommen, mit großen Mühen und Kosten und mit gar vielen gefälligen Dienstleistungen es erlangt (magnis laboribus et expensis et quam pluribus obsequiis obtinuit), daß der Cardinal der heiligen Römischen Kirche, Bischof Pelagius von Albano, da dieser daselbst das Amt eines apostolischen Legaten verwaltete, ihm Blut des Herrn schenkte, das in einem Jaspis verschlossen war", mit der gestrengen Weisung, diesen unvergleichlichen Schatz einer Conventualkirche zu übergeben 1 ), und der Graf habe


1) Meklenb. Urk.=Buch I, Nr. 280. - Unvereinbar sowohl mit dieser Urkunde, wonach der Graf also erst am 31. März 1222 der Domkirche zu Schwerin die auf dem Kreuzzuge in Aegypten erworbene Reliquie des Heil. Bluts darbrachte (representauit), als auch mit der bestimmten Angabe Olivers, wonach Heinrich von Venedig aus, frühestens im August (wahrscheinlich erst im September) 1220 Aegypten erreichte und nun erst mit dem bereits seit dem Herbste 1218 (s. oben S. 28, 2 ) dort Verweilenden Legaten zusammentraf, ist der Ablaßbrief des Papstes Honorius III. zu Gunsten des Schweriner Doms, datirt: "Rome apud sanctam Mriam maiorem, III. kal. (  ...  )
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dies H. Blut an diesem Tage, dem Grünen Donnerstage, in dem Schweriner Dom, wo die Gebeine der Seinigen - sowohl seines Vaters als seiner Bruder 1 ) - ruheten, dargebracht, Clerus und Laien hatten dasselbe mit Procession und Gesang empfangen.

Aus der Schenkung dieser kostbaren Reliquie und aus der ausdrücklichen Erwähnung gar vieler gefälliger Dienst=


(  ...  ) Julii pontificatus nostri anno quarto", also vom 29 Juni 1220 (Meklenb. Urk-Buch I, Nr. 267). Hier heißt es nämlich schon von der Schweriner Kirche: "in qua a Christi fidelibus sacramentum sanguinis domini nostri Jesu Christi pie creditur esse reconditum", und der Papst giebt den Ablaßbrief "ad deuotam ac bumilem petitionem nobilis et incliti viri Hinrici comitis Swerinensis, dilecti filii nostri ac sacrosancte Romane ecclesie strenui defensoris." Will man den ersten Passus nicht wörtlich vom Sacrament des heil. Abendmahls verstehen, das ja dieser Kirche nicht allein oder vor andern eigenthümlich war, sondern trotz des dann sehr auffälligen Ausdruckes auf eine Reliquie des heil. Blutes deuten, so haben wir schon oben (S. 26, Anm.) hervorgehoben, daß sich in den Schwerinschen Geschichtsquellen keine Spur von einer andern derartigen Reliquie findet, als von der, welche Graf Heinrich mitbrachte, auch dort nicht, wo man solche er warten mußte. Will man jene Worte aber auf die Reliquie Heinrichs beziehen mit der Aushülfe, daß "vielleicht der Papst dem Grafen den Ablaßbrief schon im Voraus zugleich mit der Anweisung auf das im gelobten Lande zu erwartende Geschenk des Heiligen Blutes gab" (Lisch, Jahrb. XIII, S. 151, 152), so steht dem der Ausdruck "esse reconditum" entgegen, von allen andern Bedenken wider solche Eventualverleihung abgesehen. Da nun bei unbefangener Betrachtung sowohl in jenen Worten als auch in dem Epitheton des Grafen "sacrosancte Romane ecclesie strenui defensoris" eine Hindeutung auf des Grafen Kreuzfahrt nach Aegypten zu liegen scheit, so glaubte ich früher, es mochte in den Copien des Ablaßbriefes (ein Original ist nicht bekannt) vielleicht die Jahreszahl - etwa "pontif nostri a IV." statt a VI." oder "VII."- verschrieben sein. Jetzt aber ersehe ich aus Potthast, Reg pontif Rom. I p 548 seq. 1) daß Papst Honorius III. vom 3. Juni 1220 bis zum 1. October (und namentlich auch am 27. Juni und am 1. Juli) nicht zu Rom, sondern zu Orvieto verweilte, und 2) daß er von fernen zahlreichen späteren Urkunden, die er zu Rom gegeben hat, keine einzige "apud sanctam Mariam maiorem" (sondern nur vom Lateran) datirt hat. Ich halte daher jenen Ablaßbrief vom J.1220, obwohl Papst Sixtus IV. in einem andern Ablaßbriefe vom 16 Juni 1479 (gedruckt im Ordm. eccl. Suerm. fol. † 4) unter andern eines Ablasses des Papstes Honorius gedenkt, für unecht, stimme also Potthast bei, der, vermuthlich durch die falsche Datirung allein bestimmt, zu dem Ablaßbriefe des Honorius anmerkt: "bulla spuria, nec in Honorio III. , nec in Honorio IV. quadrat."
1) Ueber die H. Bluts=Capelle zu Schwerin und die Verehrung des H. Blutes daselbst vgl. die ausführliche Abhandlung von Lisch, Jahrb. XIII, S. 143 - 187.
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leistungen dürfen wir sicher den Schluß ziehen, daß der Graf sich nicht den Wünschen des Cardinals entgegengestellt und sich nicht von dem Zuge ferngehalten, sondern sich ihm durch Folgsamkeit werth gemacht hat, wie denn auch der Kühnheit des Grafen die thatkräftige und unternehmende, aber leider auch unbesonnene Weise des Cardinals mehr zugesagt haben wird als die bedächtige, aber den rechten Zeitpunct verpassende Art seiner Gegner unter den Kreuzfahrern.

Uebrigens fand der Graf Heinrich sein Land bei seiner Heimkehr in einer recht traurigen Lage wieder. Sein Bruder Gunzel II. war schon zu Ende des Jahres 1220 gestorben, dessen Landestheil vom Grafen Albrecht von Orlamünde, dem Gewalthaber des Königs Waldemar H. von Dänemark in dessen deutschen Gebieten, für dieses Königs und Gunzels oben erwähnten Enkel, den jungen Grafen Nicolaus von Halland, in Besitz genommen. Es liegt nicht mehr in unserer Aufgabe, zu erzählen, durch welch verzweifeltes Mittel Graf Heinrich sich hernach des Königs bemächtigte, und wie die dänische Herrschaft in Norddeutschland gebrochen ward.


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III.
Die Pilgerfahrt
des Fürsten Heinrich I. von Meklenburg.

"Infelix peregrinato et omni
pro Christo morte grauior."
Alb. Krantz.

Man würde irre gehen, wenn man daraus, daß, so viel wir wissen, allein Graf Heinrich I. von Schwerin an dem von den Päpsten Innocenz III. und Honorius III. ausgeschriebenen Kreuzzuge Theil nahm, den Schluß ziehen wollte, daß der Eifer für die Bekämpfung der Feinde des Kreuzes Christi, ein Gedanke, welcher Jahrhunderte lang die abendländische Welt begeisterte, nicht auch in Meklenburg Streiter für die Kirche erweckt hätte. Nur gab der Papst Innocenz III. diesen ein anderes Ziel, indem er durch seine Bulle vom 5. Qctober 1199 die Christen in Westfalen, Sachsen, Nordalbingien und im Wendenlande aufforderte, die jüngst von dem Segeberger Canonicus Meinhard durch seine Predigt und die Stiftung des Bisthums Uexküll gegründete (von dessen Nachfolger schon durch den Tod besiegelte) Kirche in Livland gegen die dortigen Heiden zu schützen, und denen, die das Gelübde einer Wallfahrt nach den heiligen Stätten gethan hatten, gestattete, dafür nach Livland zur Vertheidigung der dortigen Kirche zu ziehen, auch diese Streiter in seinen apostolischen Schutz nahm 1 ). Es ist sicher eine beachtenswerthe Erscheinung, daß in Meklenburg schon, als hier die christliche Kirche kaum eine feste Gestalt und den nöthigen Ausbau gewonnen hatte, auch sofort der Eifer für die Ausbreitung des Christenthums und den Schutz der in Livland und Preußen entstehenden Bisthümer erwachte. Vornehmlich der Bischof Philipp von Ratzeburg († 1215)


1) Meklenb. Urk.=Buch I, Nr. 164.
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erwarb sich in dieser Beziehung um Livland die größten Verdienste, Jahre lang war er dem Rigischen Bischof Albrecht ein treuer Helfer und Stellvertreter 1 ). Aber auch Bischof Brunward von Schwerin nahm selbst 1219 2 ) an einem Kreuzzuge nach Preußen Theil. Wie Graf Albert (von Orlamünde) von Holstein und Ratzeburg 3 ) 1217, so machte auch Fürst Burwin I. von Meklenburg, wiewohl schon ein Sechziger, 1218-1219 eine Kreuzfahrt nach Livland 4 ). Schon früh unterstützte man die Ritterschaften des Schwertordens und des preußischen Ordens von Dobrin durch Schenkungen meklenburgischer Güter, Söhne des meklenburgischen Adels traten unter die Ordensbrüder; und andere Ritter, welche wir bald zahlreich in Meklenburg antreffen, werden sich eben im Streite gegen die Heiden an der Ostsee ihre Sporen verdient haben. Denn jene Kämpfe wurden auch von der folgenden Generation aufgenommen. Ein Graf von Danneberg ist in Livland gefallen; Graf Gunzel III. von Schwerin hat nicht nur Güter an das Kloster Dünamunde verliehen, sondern erschien selbst in Riga und ward 1267 sogar zum Schirmherrn und Verweser des Erzbisthums ernannt 5 ); und sein Schwager, der Fürst Johann I. von Meklenburg, beschenkte nicht nur die Ordensritter und gab den Rigischen zu Wismar und sonst in seinen Landen gleiche Freiheiten mit den Lübekern 6 ), sondern, wenn man einer späteren Sage bei Kirchberg 7 ) Glauben schenken darf, hat er auch selbst eine Kreuzfahrt nach Livland unternommen.

Keiner unserer Fürsten ging aber lebhafter auf diese Richtung ein, als Johanns I. Sohn und Nachfolger, Fürst Heinrich I. von Meklenburg. Schon mit seinem Vater - und vielleicht mit seinem jung verstorbenen Bruder "Poppo dem Kreuzfahrer" - war er, wie Kirchberg meldet, nach Livland gezogen; und als er hernach zur Regierung gekommen war, unternahm er (vielleicht gleichzeitig mit seinem Oheim, dem Grafen Gunzel III. von Schwerin), begleitet von seiner Gemahlin Anastasia, jene Kreuzfahrt nach


1) Henrici chron. Lyvoniae XV, 2, 12, XVI, 3 cet.
2) Mekl. Urk=Buch I, Nr. 256.
3) Heinr. chron. Lyv. XXI: comes Albertus de Lowenborcb.
4) Heinr. chron. Lyvoniae XXII. - Vgl. hierüber und über die Besitzungen der Ordensritter und der Rigischen Kirche in Meklenburg: Lisch, Jahrb. XIV, S. 1 f.
5) Meklenb. Urk.=Buch II. Nr. 1136.
6) Meklenb. Urk.=Buch I, Nr. 580.
7) Cap. 132 [p. 775].
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Livland, während welcher ihm zu Riga sein ältester Sohn, Heinrich II., geboren ward, und von welcher er ein kleines Mädchen von heidnischen Eltern, das er im Kampfesgewühl sicherem Verderben entrissen hatte, heimbrachte, um es als seine Adoptivtochter dem Kloster Rehna zu übergeben 1 ).

Gipfelte der ritterliche Sinn jener Zeit in der Liebe zum Herrn und in dem Schutze und der Pflege seiner Kirche, so sehen wir diesen Fürsten Heinrich I. von solcher Gesinnung ganz durchdrungen. Er bewies sie durch reiche Schenkungen an die Kirchen und durch Förderung kirchlicher Wohlthätigkeitsanstalten 2 ), wobei er sich des Rathes und der Unterstützung


1) Diese Uebergabe erfolgte vor dem 8. Juli 1270, da an diesem Tage der Fürst dem Kloster Rehna dafür, zum Unterhalte für diese Adoptivtochter, 4 Hufen in Parber verlieh (Meklenb. Urk.=Buch II. Nr. 1193). Mithin ist der Fürst spätestens 1270 aus Livland heimgekehrt. Steht nun andererseits der Angabe, daß Heinrichs I. ältester Sohn Heinrich II. zu Riga geboren ward (Kirchberg, Cap. 131), kein anderes Zeugniß entgegen, so gewinnen wir hiermit eine genauere Zeitbestimmung für den Zug nach Livland. Denn am 14. April 1266 hatte Heinrich I. nach seiner eigenen Angabe (Mekl. Urk.=Buch II, Nr. 1078: heredum nostrorum, scilicet puerorum, siquos de[us] sua benignitate nobis elargiri dignabitur) noch keine Söhne. Ferner muß Heinrichs I. zweiter Sohn, Johann III., der nach Kirchberg (Cap. 131, p. 782) drei Jahre jünger war als der erste, spätestens 1271 geboren sein, da der Vater in diesem Jahre die Heimath auf lange Zeit verließ; mithin fällt Heinrichs II. Geburt spätestens ins Jahr 1268. Wahrscheinlich ist Johann III. aber, da er sich bereits 1288 vermählte, schon 1270 geboren, mithin Heinrich II. 1267 oder zu Anfang des Jahres 1268. Heinrich I. finden wir am 1. Januar und am 14. Juni 1267 (Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 1107, 1123) noch in Meklenburg thätig, dann aber erst wieder am 1. Mai 1269 (Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 1164). Graf Gunzel verweilte in seiner Grafschaft noch im August 1267 (daselbst Nr. 1128, 1129), zu Riga ohne Zweifel am 21. December 1267 (das. Nr. 1130) und noch am 5. April 1268 (das. Nr. 1145, Amn.). - Nachdem diese Note geschrieben war, kam mir die Anmerkung des Herrn Consistorialraths Böhlau zu seinem Excurs über "die Abwesenheit des Fürsten Heinrich I., des Pilgers, 1271-1298" im Meklenb. Landrecht II, S. 330 zu Gesichte. Daraus, daß "mit d. J. 1280 der geborne Vormund aus den von der Anastasia und deren Söhnen ausgestellten Urkunden verschwinde", und "seit d. J. 1286 Heinrich der Löwe als dominus Magnopolensis allein Urkunden ausstelle", zieht der Herr Verfasser den Schluß, "daß Heinrich II. 1280 zwölf und 1286 achtzehn Jahre alt" gewesen, mithin 1268 geboren sei. So erfreulich mir natürlich dies nahe Zusammentreffen mit meiner Ansicht ist, scheinen mir wenigstens jene beiden Prämissen doch noch nicht über alle Bedenken erhaben zu sein. Davon weiter unten.
2) Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 998, 1040, 1056, 1059, 1107, 1123, 1158, 1163, 1181, 1192, 1193, 1231
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der beiden Bischöfe zu Schwerin und Ratzeburg, des Grafen Hermann von Schladen und Ulrich von Blüchers, erfreuete 1 ).

Nach allem diesem versteht man es wohl, wenn der Fürst Heinrich I., nicht zufrieden, gegen die Heiden an der Ostsee für die Ausbreitung der Kirche Christi gestritten zu haben, sich entschloß, sobald sich nur irgend eine Aussicht zur Befreiung des Heiligen Grabes aus den Händen der Ungläubigen eröffnete, zu Christi Ehre eine Kreuzfahrt nach dem Heiligen Lande zu unternehmen. Aus den Händen des Bischofs Ulrich von Ratzeburg empfing er das Kreuz 2 ).

Oder lag dem Fürsten der Gedanke für das Heilige Grab zu streiten fern? Wollte er nur als friedlicher Pilger dahin ziehen, um dort wie seine Vorfahren Herzog Heinrich der Löwe und Pribislav zu beten und durch die Anschauung der heiligen Orte, wo Jesus gelebt und gelitten, sich dessen Gedächtniß um so mehr zu vergegenwärtigen und seinen Glauben zu stärken, ein gottgefälliges, verdienstliches Werk zu thun?

Die letztere Ansicht ist schon von Kirchberg angedeutet 3 ) und neuerdings wieder geltend gemacht 4 ), man hat den Fürsten daher vor andern durch den Beinamen des "Pilgers" ausgezeichnet; früher dagegen, schon seit dem 15. Jahrhundert, faßte


1) S. z. B. Nr. 1059 (venerabilium patrum ac dominorum nostrorum Vlrici Raceburgensis et Hermanni Zwerinensis ecclesiarum episcoporum, quorum patrocinio hec eadem instituimus), Nr. 1158 etc .
2) Korner z. J. 1273 (Eccard II, p. 922): Henricus dominus de Mykelenburg terrae Obotritorum secundum chronicam Obotritorum crucem accipiens ab episcopo Razeburgensi mare transivit in subsidium Terrae Sanctae, sed in manus soldani Damascenorum incidens captus est ab eo et tentus XXVI annis. (Ders. p. 923, z. J. 1274: Dominus de Mykelenburg captus erat a soldano Sarracenorum.)
3) C. 134 [Westph. 132] "her Hinrich, der nam an sich zu synne hard zu Jherusalem eyne vard; her wolde suchin daz heilge grab um synre sunden urhab."
4) Boll in Jahrb. XIV, S. 97, A. 1: "Völlig grundlos ist es, wenn frühere meklenburgische Geschichtschreiber Heinrich eine Art Kreuzzug gegen die Ungläubigen thun lassen; der gleichzeitige Albrecht von Bardewik bezeichnet seine Reise durchaus richtig als eine Pelegrimaze zu Heil. Grabe." A. a. O. steht allerdings, der Fürst sei gefangen "over mere an pelegrimaze uppe deme weghe tho deme heylyghen grave"; aber aus dem Worte pelegrimaze = peregrinatio ist keine Entscheidung zu gewinnen. Denn die Kreuzfahrer heißen sehr gewöhnlich peregrim (Pilger), z. B. bei Oliver oben S. 31, Anm. 2; und Fürst Heinrich selbst nennt seine Kreuzfahrt nach Livland eine peregrinatio, Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 1193.
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man Heinrichs Fahrt vornehmlich als einen Auszug "zur Unterstützung des Heiligen Landes", als eine Kreuzfahrt, auf.

Versuchen wir nun, uns aus den Quellen ein richtiges Bild von Heinrichs Unternehmen zu entwerfen, so müssen wir vorweg gestehen, daß dieselben leider sehr lückenhaft und sehr mangelhaft sind, und wir, um sicher zu gehen, nicht umhin können, auch die Lage des Heiligen Landes und die Zeitverhältnisse, unter denen der Fürst seinen Entschluß faßte, uns zu vergegenwärtigen.

Wir besitzen freilich in der "Chronik des (Lübischen) Canzlers Albrecht von Bardewik vom Jahre 1298 bis 1301" 1 ) einen zeitgenössischen Bericht über die Rückkehr Heinrichs des Pilgers, geschrieben von einem Lübeker und beruhend auf den Mittheilungen, welche der wenig Jahre früher heimgekehrte Fürst und vielleicht sein Diener Martin Bleyer, wahrscheinlich bei dem Besuche in Lübek selbst, gegeben hatten. Aber so wichtig uns diese Nachrichten sind, so sehr haben wir zu bedauern, daß sie sich vornehmlich nur auf die Heimkehr beschränken, über die früheren Ereignisse aber nur wenige, wenngleich sehr werthvolle, Andeutungen enthalten.

An diesen Bericht reihen sich zunächst die Lübeker Jahrbücher, welche mit 1324 schließen, und die Chronik, welche der Franciscaner=Lesemeister Detmar zu Lübek in den Jahren 1385-1395 schrieb. Denn die Berichte, welche beide 2 ), in verschiedener Ausführlichkeit, von der Heimfahrt im J. 1298 enthalten, sind ersichtlich aus einer Quelle geflossen. Sie gehen ohne Zweifel zurück auf die leider ver=


1) Wir behalten der Kürze Wegen diesen von Grautoff, Chronik Detmars I, S. 411, eingeführten Titel bei, obwohl Albrecht selbst das Urkundencopeibuch, in welches Zeitereignisse eingetragen sind, nur hat schreiben lassen (leyt scryven), nicht selbst geschrieben hat. Koppmann hat (Hans. Geschichtsblätter I, S. 74) die ansprechende Vermuthung aufgestellt, jene chronistischen Aufzeichnungen verdankten wir dem Lübischen Rathscaplan Lüder, der 1300 mit Lübischen Rathsherren nach Livland ging (Grautoff I, S. 149), und weiset aus mancherlei Reimspuren in der Erzählung von der Belagerung der Burg Glaisin überzeugend nach, daß dem Verfasser eine gereimte Erzählung (oder ein Volkslied) vorlag. Aus dieser mag immerhin auch die kurze darin eingeschaltete Angabe auf S. 416: "Hyrunder quam van Rome tho lande de edele man her Hinric" etc. entnommen sein (wenn der einzige Reim in derselben nicht ein zufälliger ist); für den Hauptbericht auf S. 414 dünkt dies mich aber nicht wahrscheinlich.
2) Annal. Lubic. bei Pertz, Scriptores XVI. p. 417, Detmar bei Grautoff I, 172, 173.
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loren gegangene Lübische Stadtchronik; und namentlich Detmars genaue Angaben über die Begegnung des Fürsten zu Rom mit einem Lübischen Agenten und über den Empfang des Fürsten zu Lübek beweisen, daß die Quelle Detmars alsbald nach diesen Ereignissen, etwa zu Anfang des 14. Jahrhunderts, geschrieben ward.

Aber Detmar beschränkte sich bekanntlich nicht auf Lübische Quellen 1 ). Unter den andern, die er benutzt hat, war auch eine (wenn nicht mehrere) wendische Chronik. Aus dieser entnahm er vermuthlich die Nachricht, welche er zum Schlusse seiner Angaben über das Jahr 1271 bringt:

In deme sulven iare Cristi do untfing dat cruce de erlike her Hinric van Mekelenborch to thende over mer. He loch over unde wart ghevanghen; he wart gheantwordet deme soldan, de hell eme in der vengnisse XXVI iar.

Auf solche "Chronica Obotritorum" beruft sich geradezu Hermann Korner, der bis etwa 1438 geschrieben hat, und zwar zweimal, einmal, wo er des Fürsten Auszug 2 ), und hernach, wo er desselben Heimkehr berührt 3 ). Und wirklich hat er nicht Alles, was er giebt, aus Detmar's Chronik entnommen, namentlich nicht die Nachricht, daß der Fürst das Kreuz vom Bischof von Ratzeburg empfangen habe. Im


1) Vgl. Koppmann in den Hans. Geschichtsbl. I, S. 79 f.
2) Oben S. 42, A. 2.
3) Eccard II, 950: "Secundo anno Alberti, qui est Dn. MCCCI, dominus Henricus de Mykelenburg, quem soldanus Babyloniae XXVIII annis, a tempere videlicet, quo Lodowicus rex Francorum secundario pro liberatione Terrae Sanctae cum exercitu multo mare transfretaverat, (!) et qui diu in terra sua mortuus dictus fuerat, secundum chronicam Obotritorum, cum unico famulo suo Hermanno captivitatem evasit. Servus autem ille Hermannus in captivitate texendi modum et faciendi pannos sericos et deauratos didicerat et cum tali labore et mercede dominum suum nutrierat. De loco ergo captivitatis proficiscentes pervenerunt Romam, ubi dominus Henricus a papa Bonifacio honorifice susceptus est et peccatorum suorum plenariam remissionem consecutus. Ibi quoque dominus Henricus invenit Alexandrum Hunen, protonotarium civitatis Lubicensis, qui in causa dictae civitatis, qua[m] cum episcopo suo et ejus capitulo habebat, curiam visitaverat. Hic in expensis suis dictum dominum Henricum usque Lubeke deduxit, ubi processionaliter clerus et populus ei obviam venientes, cum honore magno ipsum receperunt. At, [i]bi ut refocillatus esset per aliquot dies et recreatus, solenni conductu armatorum ipsum in terram suam perduxerunt, mirantibus cunctis et dicentibus: Qui perierat, inventus est; qui mortuus putabatur, revixit." Das Korner Eigenthümliche ist gesperrt gedruckt.
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Uebrigen aber ist bekannt genug, wie wenig zuverlässig Corner in der Angabe seiner Quelle für jeden einzelnen Fall ist. Das Meiste, was er hier nach der wendischen Chronik giebt, ist ersichtlich aus Detmar's Chronik oder aus dessen Lübischer Quelle entnommen. Dazu kommen Flüchtigkeiten, wenn solche nicht zum Theil auf Rechnung des Abschreibers zu setzen sind; z. B. setzt er die Ausfahrt auf das Jahr 1273, die Heimkehr ins Jahr 1301, dort berechnet er die Dauer der Gefangenschaft auf 26, hier auf 28 Jahre, den Diener des Fürsten nennt er unrichtig Hermann statt Martin, die Verpflegung des Fürsten von Rom bis Lübek soll der Lübische Rathsschreiber getragen haben u. s. w.

Was man übrigens von Korner's "wendischer Chronik" und von seiner Benutzung derselben halten mag, gewiß ist, daß man früh, anscheinend zu Wismar, und zwar in dem Franciscaner=Kloster, welches zum Fürstenhause in nahen Beziehungen stand, Aufzeichnungen über die Pilgerfahrt Heinrichs gemacht hat. Namentlich schreiben wir denselben die drei Hauptdata zu, die, in abgeleiteten Quellen erhalten, durchaus unverdächtig sind. Doch davon hernach mehr.

Eine eigenthümliche Stelle nimmt endlich Ernst von Kirchberg ein, der einzige Schriftsteller des Mittelalters, der es versucht hat, eine einigermaßen zusammenhangende Erzählung von des Fürsten Fahrt nach dem Orient zu geben. Er hat anscheinend keine chronistische Aufzeichnungen benutzt; eben darum entbehrt aber sein Bericht auch der Nüchternheit, welche noch den seines Zeitgenossen Detmar auszeichnet. Gelegentlich beruft sich Kirchberg geradezu auf die umlaufende Sage 1 ); seine meisten Nachrichten aber kann man unbedenklich zurückführen auf jenen Berthold von Weimar, der, bis dahin Chorschüler zu Magdeburg, sich ebendaselbst 1298 dem auf der Heimkehr begriffenen Fürsten anschloß und hernach, wie Kirchberg 2 ) meldet, noch 40 Jahre im Kloster Doberan gelebt hat, also gegen das Jahr 1340 verstorben sein muß. Daß er an Kirchberg noch persönlich Mittheilungen gemacht hätte, deutet Letzterer nirgends an; dieser Schriftsteller, der erst 1378 seine Reimchronik zu schreiben anfing, war auch schwerlich schon 40 Jahre früher zu Doberan. Er hat also seine Nachrichten im besten Falle erst aus zweiter Hand, jedenfalls durch mündliche Ueberlieferung, erfahren. Ueberdies darf man auch zweifeln, ob Berthold von Weimar, der


1) Cap. 134 (Westph. p. 775). ich han horin sprechin.
2) Cap. 135 (Westph. p. 778).
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nicht Augenzeuge der Erlebnisse im Orient gewesen war, die Erzählungen, welche er aus dem Munde des Fürsten selbst oder von dem fürstlichen Diener Martin Bleyer vernahm, bei dem Mangel an eigener Anschauung (und vielleicht auch an den erforderlichen geographischen Vorkenntnissen) allemal richtig verstanden, und ob er sie bis ins Alter treu behalten hat. Einer Prüfung des Kirchberg'schen Berichtes aber werden wir uns um so weniger entschlagen dürfen, da derselbe nicht nur die Kreuzfahrt Heinrichs, sondern zugleich die Genealogie des meklenburgischen Fürstenhauses betrifft. Uebrigens, wiewohl Kirchberg verhältnißmäßig ausführlich erzählt, bleibt doch auch dabei noch mancher Punct dunkel. Liest man die erwähnten Berichte aus dem Mittelalter allein, so begreift man kaum des Fürsten Thun und Schicksale, ja seine ganze Fahrt erscheint fast abenteuerlich. Und bezeichnend genug hebt in der Chronik Albrechts der Abschnitt über jene an mit den Worten: "By desen tyden scude och vele wonders in der werlde."

Versuchen wir also unsere einheimischen Aufzeichnungen durch einen Blick auf die Lage des Heiligen Landes zu der Zeit, da der meklenburgische Fürst den Orient aufsuchte, zu ergänzen und zu erläutern.

Im Allgemeinen war man in unsern Gegenden unterrichtet von den Bedrängnissen, in welchen die Christen Palästinas schwebten, seitdem Jerusalem, auf kurze Zeit durch Kaiser Friedrich II. noch einmal der Christenheit wiedergewonnen, durch die grausamen Chowaresmier für den Sultan Ejub von Aegypten wieder besetzt war, der erste Kreuzzug König Ludwigs IX. von Frankreich nach Aegypten einen unglücklichen Verlauf genommen hatte, und die Christen mehr und mehr auf die Seeküste und einzelne feste Plätze im Innern beschränkt waren. Denn, wie wir aus Testamenten 1 ) ersehen, wanderten einzelne Pilger auch aus unsern Gegenden immer noch nach dem Heiligen Lande, und dieser oder jener wird doch auch zurückgekehrt sein. Ueberdies sandten ja die Päpste ihre Boten in alle Lande aus, um unter Darlegung des obwaltenden Nothstandes zu Gaben für das Heilige Land und zu Kreuzfahrten dahin auffordern zu lassen. Endlich standen die Johanniter=Comthureien in


1) "Heinricus domine Windelen ad Terram Sanctam proficiscens" machte sein Testament zu Rostock 1261, "Bolwinus de Cropelin ad Sanctam Terram proficiscens" ebendaselbst 1267. (Meklenb. Urk.=Buch IV, Nr. 2680, II, Nr. 1103.)
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beständigem Verkehr mit den Leitern des Ordens und dadurch mit dem Haupthause desselben zu Akkon.

Nach einigen Jahren äußerer Ruhe, welche die morgenländischen Christen durch innere Streitigkeiten ausfüllten, begann für sie mit dem Jahre 1260 eine gar schwere Zeit. Die Ritterschaft des Königreichs Jerusalem erlitt eine furchtbare Niederlage von den von Norden her eindringenden Turkmannen 1 ), welche sehr schwer empfunden ward. Aber noch verhängnißvoller sollte es für sie werden, daß die Mongolen, aufgemuntert vom Könige von Armenien, über Bagdad, wo sie das Chalifat zerstörten, 1260 nach Syrien vordrangen, Haleb, Damaskus und viele andere Plätze einnahmen. Die Christen begrüßten dieses Ereigniß freilich Anfangs als ein höchst erfreuliches; denn gegen sie bezeigten sich diese grausamen Feinde der Muhammedaner, Dank der christlichen Gemahlin des Khans Hulaku, milde und freundlich. Schon verhöhnten jene leichtfertig hie und da die Saracenen. Aber bald entfremdeten sie sich auch die Mongolen und begünstigten den Zug des ägyptischen Sultans Kotuz, als dieser nach Syrien kam, um die Mongolenmacht zu vernichten. Dies gelang Kotuz noch in demselben Jahre durch zwei Siege; aber indem er nun das Sultanat Damaskus mit Aegypten vereinigte, umschloß eine muhammedanische Herrschaft fast ganz die christlichen Gebiete in Palästina; und was das bedeutete, sollten die Christen nur zu bald erfahren. Eben weil Kotuz diesen freundlich gesinnt war, aber auch, weil er den Ehrgeiz seines Mamlukenführers Bibars nicht befriedigte, ward er (wie bereits ein anderer Sultan vor ihm) von Bibars schon auf dem Rückmarsch nach Aegypten ermordet. Der Mörder ward jetzt Sultan; die Muhammedaner priesen ihn, den bewährten Krieger, als den "Vater der Eroberungen", sie rühmten seine Gerechtigkeit und seine unermüdliche Thätigkeit, sie sahen in ihm wegen seiner strengen Beobachtung ihrer Lehren und Gebräuche eine Säule des Islams; die Christen aber sollten bald seine Rohheit, seine Grausamkeit und seinen Fanatismus kennen lernen.

Bibars haßte und verachtete die syrischen Christen; er hat von ihnen gesagt, es hinge nicht von ihm ab, den Untergang der Franken zu hindern, weil sie selbst an ihrem Verderben arbeiteten, und der Kleinste unter ihnen zu zer=


1) Wir folgen hier der quellenmäßigen, ausführlichen Darstellung bei Wilken VII, S. 401 f.
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stören pflege, was der Größte zu Stande gebracht habe 1 ). In der That fehlte es ihnen an aller Eintracht und an Verständniß ihrer Lage. Genueser und Venetianer führten auch dort ihre Fehden 2 ), Johanniter und Templer lebten nicht selten in Spannung, König Hugo von Cypern, der den auch noch bestrittenen Titel eines Königs von Jerusalem annahm, und der Titularpatriarch von Jerusalem fanden gar wenig Gehorsam. Ward ein Orden oder ein christlicher Fürst von dem Sultan angegriffen, so sahen die andern Christen wohl müssig zu, und Jeder schloß oder brach die Verträge auf eigene Hand. Es fehlte dem Feinde daher nie an einem Vorwande, sich auch seinerseits über die Verträge hinwegzusetzen, wenn es ihm so vortheithaft erschien; und einzelne Christen reizten ihn obenein noch dadurch, daß sie Einverständnisse mit den Mongolen unterhielten.

Sie erlitten unter solchen Verhältnissen die schwersten Verluste. Wegen Verbindungen des Fürsten Boemund mit den Mongolen ließ Bibars 1262 das Gebiet von Antiochia verwüsten. Er verbrannte wegen Verletzung des Waffenstillstandes durch die Ritterschaft zu Ptolomais 1263 die Marienkirche zu Nazareth und die Verklärungskirche auf dem Tabor, er verheerte das Land bis Tripolis und Akkon, ja er bedrohete Akkon selbst 3 ). Dann kam es zu einem Waffenstillstand; aber wieder verletzten Christen diesen, und wieder suchten andere Hülfe bei den Mongolen. Da kehrte der Sultan mit Heeresmacht nach Syrien zurück, zerstörte 1265 Cäsarea und ließ Arsuf von den eigenen Einwohnern der Stadt vernichten. 1266 gewann er die Templerfeste Safed (unweit Bethsaida) und ließ die tapfere Besatzung ermorden. 1268 nahm er auch Joppe ein und zerstörte unter unerhörten Grausamkeiten die Stadt Antiochia, so daß auch Boemund, damals in Tripolis, einen Waffenstillstand


1) Ebn Feratn bei Wilken VII, 528.
2) Wilken VII, 395 f., 464, 471. Joh. Iperii chron. S. Bertini, p. 733 seq. Menconis abb. in Werum chron. [bei Matthaeus, Vet. aevi anal., Pertz, Scr. XXIII, p. 555]: "Vel forte transmarini non fuerunt digni talem recipere coadjutorem et derensorem (Ludwig IX.) propter suas civiles discordias, quia non solum Januenses, qui de Janua civitate venientes Akon civitatem inhabitabant, et Pisam de Pisa civitate invicem discordaverunt, sed etiam illi, qui dicuntur milites dei, videlicet de hospitali sancti Johannis et de domo Teutonica necnon et Templarii, debitam caritatem secundum exigentiam religionis et nomen, qnod dicuntur milites dei, non observant, sed invicem sibi inimicantur.
3) Wilken VII, 456-465.
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eingehen mußte 1 ). Akkon und Tyrus 2 ) standen nunmehr als die letzten namhaften Seeplätze der christlichen Bevölkerung in Syrien da, und namentlich auf Akkon setzte sie alle ihre Hoffnung.

Auch dieses einzunehmen und die Christen vollends aus Palästina zu vertreiben, war der sehnlichste Wunsch des Sultans Bibars. In Jerusalem flehete er um Muhammeds Segen für seine Waffen; und er erregte nicht nur den Fanatismus seiner Emirs durch die reichlichste Befriedigung ihrer Beutegier, sondern auch den Fanatismus aller Moslim. Willig zahlten sie die "Gottessteuer", die der Sultan ihnen auferlegte, als er 1267 einen neuen Einbruch der Mongolen befürchtete, und schon 1265 hatte sich in Damaskus eine Gesellschaft zum Loskauf muhammedanischer Gefangenen von den Christen gebildet 3 ).

Papst Urban IV., der früher selbst Patriarch von Jerusalem gewesen war, und sein Nachfolger Clemens IV. ließen es nun freilich an Sorge für das Heilige Land nicht fehlen; sie trieben nicht nur Steuern zu dessen Hülfe ein, sondern sie suchten demselben auch Streiter zu erwecken. Aber Europa war gegen solche Mahnungen gleichgültiger geworden; zumal die Deutschen, die von je her im Eifer für die Kreuzzüge es den Romanen nicht gleich gethan hatten, schenkten ihnen wenig Gehör. Des Papstes Clemens Parteinahme für Karl von Anjou, den er nach Neapel gegen die Hohenstaufen gerufen hatte, mußte ihm die Herzen der Deutschen entfremden. Ueberdies war das Reich seit dem Tode König Konrads IV. in Auflösung begriffen; jeder Fürst handelte nach seinem persönlichen Interesse. Der Markgraf Otto von Brandenburg, der im Kampfe gegen die Preußen seinen religiösen Eifer bewiesen hatte, erregte im Papste Clemens die schönsten Hoffnungen; da aber dieser jenem eine zur Kreuzfahrt nach Palästina erbetene Unterstützung abschlug, kam es in Deutschland auch nicht einmal zu einer Rüstung. Wenn also kleinere deutsche Fürsten und Herren wegen eines Gelübdes oder aus dem Drange ihres Herzens den geängstigten syrischen Christen ihren Arm leihen wollten, so blieb es ihnen überlassen, auf eigene Hand, allein oder etwa mit einigen willigen Mannen und Genossen, über das Meer zu ziehen, wie es von Zeit zu Zeit französische Herren und deutsche Pilger thaten, oder


1) Wilken VII, 472-525.
2) Wilhelm von Nangis das. S. 587.
3) Wilken VII, 514-515.
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aber, wie englische Prinzen, Italiener und Niederländer zu thun gedachten, sich dem großen Kreuzheere anzuschließen, mit dessen Bildung die Könige von Frankreich, Navarra, Aragonien und Neapel schon, als Clemens 1268 starb, eifrig beschäftigt waren. Und wenn auch der päpstliche Stuhl in den nächsten Jahren unbesetzt blieb, so war doch Ludwig der Heilige nicht der Mann, den einmal Gott gelobten Kreuzzug darum aufzugeben; seine Begeisterung und seine und seiner Verbündeten Macht verhießen in der That den Christen einen endlichen großen Erfolg und flößten den Muhammedanern die größten Besorgnisse ein.

Ob nun aber wirklich der Fürst Heinrich von Meklenburg die Absicht gehegt hat, sich dem großen Kreuzzuge der verbündeten Könige von Frankreich, Navarra und Neapel anzuschließen, vermögen wir mit urkundlicher Sicherheit nicht zu bestimmen. Schon Korner hat, wie oben S. 44 erwähnt ist, des Fürsten Pilgerfahrt mit jenem großen Kreuzzuge in Verbindung gebracht; und wenn Heinrich einigermaßen von der Lage des Orients, von dem Kriegszustande, der noch zwischen den Ueberbleibseln des Königreichs Jerusalem und dessen Vasallen und dem Sultan von Aegypten obwaltete, unterrichtet war: so durfte er in der That gar nicht hoffen, Jerusalem als friedlicher Pilger zu erreichen. Wir wissen auch, daß er wenigstens seine Rittergürtel nicht daheim gelassen hat; im härenen Pilgergewande ist er also wohl nicht ausgezogen.

Es spricht auch nicht gegen Korners Auffassung, daß Heinrich erst im Sommer 1271 aufbrach, während die Könige schon im Jahre 1270 ausgezogen waren. Denn nach früheren Erfahrungen waren die Kreuzzüge in einem Jahre nicht zu vollenden; am wenigsten aber durfte man solches von diesem neuen erwarten. Denn, abgesehen von der Macht und der Thatkraft des Aegypters, ließ sich der König Ludwig von Frankreich durch seinen Bruder Karl von Neapel bereden, vorerst 1270 nach Tunis zu ziehen; erst wenn dieses bezwungen sei, wollte man den Orient erobern. Wie bekannt genug ist, starb aber Ludwig IX. vor Tunis am 25. August; zu Ende Octobers schlossen dann die Könige von Navarra und Neapel mit dem Herrscher von Tunis ihren Frieden, im November zog das Kreuzheer aus Afrika ab, zum größten Theil nach Sicilien. Während nun aber die Christenheit von hier den Aufbruch nach dem Morgenlande erwartete, faßten zu Trapani am 25. November die Könige Karl von Neapel und Philipp von Frankreich mit ihren Baronen den

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Beschluß, den Kreuzzug nach Palästina auf volle 3 Jahre zu verschieben. Das große Heer zerstreuete sich hierauf. Nur 500 Friesen fuhren schon von Tunis aus im Herbste 1270 nach Akkon, und im nächsten Frühling ging von Sicilien aus der englische Kronprinz Eduard mit seinem tapferen Häuflein eben dorthin. Wie dieser, konnte immerhin auch der Fürst von Meklenburg, - sei es, daß er jenen beschlossenen Aufschub während der Winterzeit, wo Schnee und Kälte den Verkehr zwischen Italien und Deutschland über die Alpen hemmte, gar nicht mehr rechtzeitig und genau und vollständig erfuhr, um danach seinen Entschluß zu ändern, oder daß er in demselben eine Vereitelung des ganzen Unternehmens erkannte, aber die Ausführung seines einmal geleisteten Gelübdes darum nicht verschieben wollte, - mit einem kleinen Gefolge eine Fahrt nach dem Heiligen Lande auf sich nehmen, um an seinem Theile den bedrängten Christen daselbst die gelobte Hülfe zu bringen.

Denn wenn auch der Sultan Bibars sich, so lange ihn das große Kreuzheer bedrohete, ruhig verhalten hatte: so stand doch jetzt, nachdem jene Gefahr mindestens auf einige Jahre hinaus beseitigt war, zu vermuten, daß er wieder irgend einen Vorwand benutzen würde, um sein Vorhaben gegen Akkon auszuführen. Und war auch dieses gefallen und die christliche Ansiedelung in Syrien erst einmal ganz vernichtet, so durfte er eine abermalige Gründung eines christlichen Reiches in Palästina bei der ersichtlichen Abnahme der Begeisterung für die Kreuzzüge kaum noch fürchten. Es galt also, Akkon mit allen Kräften und in kürzester Frist beizuspringen, wollte man nicht das Heilige Land ganz in die Hände des Sultans gerathen lassen.

Recht kurz berichtet, wie wir oben gesehen haben, Detmar zum Jahre 1271, daß Herr Heinrich von Meklenburg das Kreuz empfing, um über das Meer zu ziehen. Viel ausführlichere Kunde giebt uns der gelehrte und fleißige M. Dietrich Schröder 1 ) zum Jahre 1271 aus einer seitdem verloren gegangenen handschriftlichen Chronik von Wismar. Nach dieser ist Heinrich am " 13. Julii" 1271 "mit vielen seiner Ritter und Edelleute, das Heilige Land und die darinnen bedrengte Christen wider die Saracenen verfechten zu helffen, ausgezogen,


1) Papist Meckl. S 729. Er nennt als seine Quelle: "Anton, Chron. Wism. Msct. ad a. c.", obgleich er dabei auch den Latomus (Westphalen, Mon. IV, p. 258) citirt.
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nachdem er am gemeldetem Tage von Martino, des Wismarischen Franciscaner=Closters damahligem Guardiano, auf de[m] Franciscaner=Kirchhof mit dem H. Creutz bezeichnet und eingeseegnet, und daraus zu einem Feld=Obersten verordnet und bestätiget worden."

Fast mit denselben Worten hatte früher schon Steinmetz (Latomus) dieselbe Nachricht aus einer "Histor. Johannit." gebracht 1 ), nur daß er 1 ), durch Albert Krantz verleitet, irrig hinzufügt, Fürst Heinrich sei ausgezogen "auff Babst Gregorii 10., der damals die gantze Weld beherrschet, ausschreiben" - während Gregors Wahl doch erst am 1. Sept. 1271 geschah, als Heinrich Akkon schon ganz oder fast ganz erreicht hatte, und der Fürst dort den neu erwählten Papst vor dessen Abfahrt nach Italien noch antraf - und daß er als den Tag des Auszuges nicht den 13. Juli, sondern den 13. Juni angiebt. Der Schluß der Erzählung Schröders verräth nun freilich sogleich die sagenhafte Erweiterung einer späteren Zeit; aber wir dürfen darum doch kaum bezweifeln, daß der Kern derselben echt ist und der Hauptinhalt auf eine sehr alte, den Ereignissen beinahe gleichzeitige Aufzeichnung zurückgeht. Dafür bürgt die Nennung eines bestimmten Namens und eines bestimmten Datums. Leider wird uns von dem Jahre 1255 an, wo Bruder Dietrich Guardian der Franciscaner zu Wismar war 2 ), Auch den angegebenen Daten, mag man nun den 13. Juli oder den 13. Juni für einen Schreib= oder Druckfehler halten, steht keine urkundliche Nachricht entgegen; vielmehr sind die letzten uns erhaltenen Urkunden des Fürsten Heinrich vor seiner Wallfahrt im Jahre 1271, am 9. und am 12. Juni, und zwar zu Wismar, ausgestellt 3 ). Wir


1) Westphalen IV p. 238
1) Westphalen IV p. 238
2) Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 744.
3) Das. Nr. 1230 und 1231. - Irrig schloß ich früher (Gesch. der Familie V. Blücher I, S. 93) daraus, daß der Erzbischof Konrad von Magdeburg in seiner Bündnißurkunde vom 1. Mai 1272 (Mekl. Urk.=Buch II, Nr. 1250) auch Heinrich von Meklenburg als seinen Verbündeten gegen Brandenburg nennt, der Fürst müsse seine Fahrt nach Jerusalem erst nach diesem Tage angetreten haben. Ohne (  ...  )
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stehen aber nicht an, den 13. Juni (nicht den 13. Juli) für das richtig überlieferte Datum zu erklären. Denn einmal konnte der Fürst, welchen Weg nach dem mittelländischen Meere er auch wählte, kaum noch hoffen, wenn er erst am 13. Juli aus Wismar zog, noch rechtzeitig einen Hafen am Mittelmeer zu erreichen, um mit dem großen Sommerzuge, der spätestens im August nach Akkon abging, dorthin überzufahren; zum andern gewinnt die Urkunde vom 12. Juni, in welcher Heinrich dem Kloster Sonnenkamp (Neukloster) das Eigenthum von 4 Hufen zum Besten des Siechenhauses schenkte, erst ihre rechte Deutung, wenn wir annehmen, daß der Fürst diese Schenkung Angesichts seiner großen und gefahrvollen Fahrt machte.

Zweifelhafter ist aber jene Stelle des Berichts, wonach der Fürst von vielen seiner Ritter und Knappen begleitet gewesen sein soll. Allerdings ist die landläufige Vorstellung, als ob Heinrich allein mit einem Diener (denstknecht, knappe), dem Martin Bleyer, der früher 1 ) als Grundbesitzer zu Wismar im Stadtbuche erscheint, und ohne alles ritterbürtige Gefolge auf die Pilgerfahrt gegangen sei, nicht nur gegen die Sitte jener Zeit, sondern Detmar berichtet auch ausdrücklich, daß dem Fürsten "de sine dar (zu Kairo) alle dot blewen ane en knecht, Mertine"; und ebenso hat auch nach den Lübischen Jahrbüchern Heinrich dort bis auf Martin seine ganze Gefolgschaft oder Dienerschaft verloren (perdita tota sua familia). Immerhin begünstigt aber dieser Ausdruck familia die Ansicht, daß die Zahl der Getreuen, welche dem Fürsten sich anschlossen, eine unerhebliche gewesen ist 2 ). Leider können wir von diesen


(  ...  ) Zweifel findet aber dieser anscheinende Widerspruch gegen alle Ueberlieferungen der verschiedenen chronistischen Quellen eine genügende Lösung in der Annahme, daß Anastasia dem Bunde beigetreten ist im Namen und als Stellvertreterin ihres Gemahls, dessen Heimkehr man nach Ablauf eines Jahres (weil man so lange in der Regel auf der Kreuzfahrt diente) erwarten konnte, und daß dieser deshalb auch selbst genannt ist.
1) Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 889.
2) Der Ausdruck "familia" nöthigt zu dieser Ansicht nicht eben. Vgl. z. B. Meklenb. Urk.=Buch IX, Nr. 6226: "Hainricum de Reyschach, capitaneum nostrum" (des Markgrafen von Brandenburg), "cum nostra familia sibi commissa", die Lübek zu Hülfe kommen sollen. In des Kaisers gleichzeitigem Briefe an die Lübeker (Lüb. Urk.=Buch II, p. 686) ist dafür der Ausdruck gebraucht: "Wizzet ouch, daz wir Heinrichen von Rischach - mit gewappenden lůten zů i w_ring geschicket haben."
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keinen einzigen außer Bleyer namhaft machen; nicht einmal die Sage hat uns einen Namen aufbewahrt.

Ueber die Vorbereitungen, welche der Fürst Heinrich traf, um die Angelegenheiten seines Hauses und seines Landes für die Dauer seiner Pilgerfahrt zu regeln, sind wir hinlänglich unterrichtet 1 ). Die Regierung übertrug er seiner weisen und erprobten Gemahlin; tüchtige Räthe und Vögte, wie Heino von Stralendorf, Detwig von Oertzen, Ulrich von Blücher u. s. w., standen ihr zur Seite. Für alle schlimmen Fälle aber bestimmte er, nicht seine Brüder, denen er nach früheren Erfahrungen 2 ) wenig Vertrauen schenken mochte, auch nicht den bereits hochbetagten Oheim Nicolaus von Werle, sondern dessen beide Söhne, die Fürsten Heinrich und Johann, zu Vormündern seiner Gemahlin und seiner 3 Kinder 3 ), der Prinzessin Luitgard, die etwa 14 Jahre zählen mochte 4 ), und der beiden Söhne Heinrich, der kaum 4 Jahre alt war, und Johann, der höchstens erst im zweiten Lebensjahre stand 5 ).

Sowie nun aber der fürstliche Pilger von seinem Hause und von seinen Unterthanen Abschied nimmt, ist er auch unsern Blicken auf lange Zeit entschwunden. Seine Zeitgenossen wenigstens geben uns über den Weg, welchen er nach Palästina einschlug, auch nicht den leisesten Wink.

Anders freilich Kirchberg. Nach diesem 6 ) zog Heinrich aus

mit synen mannen rechte,
        rittir vnd knechte,
- vnd quam gar schon
        in dy stad zu Ackaron,
dy man Akers nennet
        vnd hude noch wol irkennet,
mit geleyde vnd mit synnen
        von Marsilien der konigynnen,
dy syns vatir swestir waz.


1) Vgl. Wigger, Gesch. der Familie v. Blücher I, S. 93 flgd.
2) Meklenb. Urk=Buch II, Nr. 1088.
3) Meklenb. Urk=Buch II, Nr. 1382, S. 529.
4) Sie ward schon 1274 auf den Rath ihres Großvaters, Herzog Barnims von Stettin, von der Mutter mit dem Herzog Przemislav von Gnesen vermählt. S. Detmar I, S. 152.
5) S. oben S. 41, Anm.
6) Cap. 134 (Westphalen p. 774).
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Die Beurtheilung dieser Angabe ist nicht eben leicht. Freilich die (auch an einer andern Stelle 1 ) von Kirchberg erzählte) Verwandtschaft des Fürsten Heinrich I. von Meklenburg mit der angeblichen Königin von Marsilien (Marseille) und deren Schwester, einer Königin von Cypern, gehört in das Gebiet genealogischer Fabeln; und es gab damals, als Heinrich nach Palästina zog, schon längst keine Herrscherfamilie mehr zu Marseille. Wie man sich aber auch die Entwickelung einer solchen Sage denken mag, wahrscheinlich ist sie daraus entsprungen oder dadurch begünstigt, daß der Fürst auf seiner Fahrt nach Akkon Marseille und Cypern berührt hat.


1) Kirchberg Cap. 120. Johann von Meklenburg (der, als er 1228 zur Regierung kam, noch nicht ganz volljährig war und in den Jahren vorher in meklenburgischen Urkunden oft erscheint) soll in Paris 20 Jahre Theologie studirt haben "mit syns oheymes helfe glich, des koniges von Frangrich". (Vielleicht ist diese Sage auf eine dunkle Kunde von Waldemar, Prisclavs Sohn, der als Mönch zu St. Genovefa in Paris lebte und starb [Meklenb. Urk.=Buch I, 139, 140], zurückzuführen.) Weiter erzählt Kirchberg vom Fürsten Johann, "daz her syne swestir czwo beried zu Paris, e her" [angeblich 1226 oder 1227] "dannen schied; syn eynen swestir gab her schon des koniges von Marsilien son, syne andirn swestir gab her do des koniges son von Czipern so". - In Wirklichkeit vermählte sich Raimund Berengar IV. von der Provence (Alfons' II. und der Gersende Sohn) im Decbr. 1220 mit Beatrix, der Tochter des Grafen Thomas von Savoyen, die 1266 starb. Diese Ehe war mit 4 Töchtern gesegnet, von denen Margarete 1234 mit dem Könige Ludwig IX. von Frankreich, Eleonore 1236 mit König Heinrich III. von England, Sancie 1244 mit Richard von Cornwallis vermählt wurden. Seine Herrschaft vermachte Raimund Berengar († 19. August 1245) seiner vierten Tochter, der Beatrix, und diese brachte die Provence (1245) an ihren Gemahl Karl von Anjou, der Marseille 1257 und namentlich 1262 durch Waffengewalt zum Gehorsam zwang. Seit 1265 war Karl von Anjou auch König von Neapel und Sicilien; dorthin folgte ihm seine Gemahlin Beatrix, die 1267 starb. 1271 war der König (für seine Söhne) noch Herr der Provence; seit 1269 war er wiedervermählt mit Margarete, der Tochter Eudo's von Burgund. - Die Königin von Cypern, welche 1271 lebte, Isabelle, die Gemahlin König Hugo's III. von Cypern und Jerusalem, war aber weder eine Tochter des Grafenhauses von der Provence, noch eine Verwandte des Fürsten Heinrich von Meklenburg, sondern eine Tochter des Guy von Ibelin; ihr Gemahl starb 1284, sie überlebte ihn bis 1327. - Zu seiner angeblichen Tante, der Königin von Cypern, läßt Kirchberg den Fürsten Heinrich auch auf der Rückfahrt 1298 kommen. Hier liegt aber eine ersichtliche Verwechselung der Königin Isabelle von Cypern mit der Fürstin Isabelle von Achaja (Morea) vor, wie wir hernach sehen werden. Diese Letztere, Isabelle von Villehardouin, die von ihrem Vater, dem Fürsten Wilhelm († 1278) das Fürstentum Achaja (als neapolitanisches Lehn) erbte, Stand zum neapolitanischen Königshause aller= (  ...  )
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Schlug der Fürst den Landweg durch Deutschland ein, so lag ihm allerdings die Richtung auf Venedig am nächsten. Aber wir wissen ja nicht, ob ihn überall noch in der Heimath die Kunde von dem Aufschub des Kreuzzuges erreichte. Wußte er von demselben noch nichts, so war es ganz natürlich, daß er die wichtigste französische Hafenstadt am Mittelmeere aussuchte, um sich dort französischen Kreuzfahrern anzuschließen. Und selbst wenn er rechtzeitig von dem Aufgeben des Kreuzzuges unterrichtet war, konnte auch er immerhin, so gut die Friesen den Seeweg um Spanien herum einzuschlagen pflegten und sich ihrer Flotte 1218 Schiffe aus der Bremischen Kirchenprovinz anschlossen 1 ), etwa in Hamburg oder wohl leichter noch in Bremen ein hanseatisches Schiff besteigen und auf demselben entweder zunächst einen Hafen des südlichen Frankreichs am Atlantischen Ocean erreichen und Marseille dann auf dem Landwege aufsuchen, oder auch dasselbe Schiff direct bis Marseille 2 ) benutzen, um von dort auf einem Orientfahrer nach Akkon zu gelangen. Die Kaufleute und Schiffer von Marseille wetteiferten damals mit den Venetianern, Genuesen und Pisanern in Rechten und Freiheiten im Heiligen


(  ...  ) dings einmal im nächsten Verwandtschaftsverhältniß, indem sie seit 28. Mai 1271 die Gemahlin des 1277 verstorbenen Prinzen Philipp von Neapel, mithin König Karls I. Schwiegertochter gewesen war. Im September 1289 hatte sie sich wiedervermählt mit Florence d'Avesnes von Hennegau, und beide waren zugleich von Karl II. mit Achaja belehnt; aber auch Fürst Florenz war am 23. Januar 1297 gestorben. (Vgl. über Isabelle: Hopf in Ersch und Grubers Encyklopädie, Abth. I, Bd. 85, S. 291 flgd., 332 flgd., 346 flgd.) Erwägt man nun, daß diese Fürstin 1298, als sie den Besuch Heinrichs des Pilgers empfing, also eine verwittwete Fürstin von Hennegau war, die Mutter des Fürsten Heinrich von Meklenburg aber aus dem Hause der Grafen von Henneberg stammte: so wird es vielleicht nicht unwahrscheinlich dünken, daß das genealogische Märchen von der Verwandtschaft dieser Fürstin zunächst sich aus einer Verwechselung der Namen Hennegau und Henneberg entsponnen hatte, dann aber, sagenmäßig in mündlicher Ueberlieferung weiter entwickelt, sich auf Kirchberg vererbte, dieser es historisch faßte und die Tanten des Fürsten auf die väterliche Seite stellte, da er wußte, daß sie unter den Ahnen von mütterlicher Seite keinen Platz fanden.
1) S. oben S. 28, Anm. 4.
2) Auch die Friesen, welche 1270 am Kreuzzuge Theil nahmen, legten in Marseille an, Menko p. 554. - Das südliche Frankreich ward von Meklenburg aus auch sonst besucht; der Wallfahrtsort Rocamadour (Roquemadour) kommt in der Form "Rutsemedune" schon 1272 flgd. im Wismarschen Stadtbuche A. vor. Man pflegte dahin zunächst den Seeweg bis zur französischen Westküste einzuschlagen. Jahrb. VIII, S. 225 flgd.
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Lande und in der Schifffahrt und im Handel nach Akkon, Cypern und Aegypten 1 ).

Cypern aber liefen die Schiffe auf dem Wege nach Akkon ohne Zweifel sehr häufig an. Gegen den Herbst des Jahres 1271 hatten sie dazu indessen um so mehr Grund, weil der Sultan Bibars, nachdem er schon im Juni dorthin eine Flotte von 11 oder 14 Galeeren ausgesandt hatte, und diese an den Klippen vor dem Hafen Limiso gescheitert, 3000 Saracenen 2 ) dabei theils vom Meere verschlungen, theils gefangen genommen waren, sofort daran ging, eine neue, viel stärkere Flotte gegen Cypern auszurüsten. Immerhin rieth die Vorsicht, in einem cyprischen Hafen Erkundigungen über etwa kreuzende ägyptische Galeeren einzuziehen.

Vor dem Herbst 1271 wird Heinrich von Meklenburg, welchen Weg er auch bis an das Mittelmeer eingeschlagen haben mag, Akkon nicht erreicht haben.

Die prachtvoll gebauete Stadt, deren Ausdehnung am Meere die Deutschen an die Lage von Köln erinnerte, ihre gewaltigen Mauern und Burgen machten auf jeden Ankömmling einen tiefen Eindruck; und die bunte und mannigfaltige Bevölkerung, welche in den Straßen wogte, die Zahl der fremden Fürsten und Herren, der Ordensritter und der Milizen, welche alle begierig schienen, sich mit den Moslim zu messen, konnten wohl einen Fremdling zuerst über die Lage der Christen in Syrien täuschen. Bald aber mußte Jedem klar werden, daß diese keineswegs erfreulich war.

Denn so lange der Sultan die Ankunft der abendländischen Könige in Syrien und einen gleichzeitigen Einfall der Mongolen 3 ) zu fürchten hatte, war er nur darauf bedacht gewesen, alle Vorbereitungen zu seiner Vertheidigung zu treffen. Die Mauern Jerusalems hatten die Saracenen freilich längst zerstört; der Sultan brach aber auch ein in der Nähe belegenes Kloster, damit sich auch dort die Christen nicht festsetzen möchten. Aber sowie jene Gefahr für ihn


1) Wilken VII, 365, Anm., u. 608.
2) Fortsetzung zum Wilh. V. Tyrus 1248-75 (Recueil des historiens des Croisades, Hist. occid. II [Paris, 1859, fol.], p. 460; Makrizi [Hist. des Sultans Mamlouks de l'Egypte, trad. par Quatremère, Paris 1837-45] I, 2, p. 87 meldet, daß die erste Flotte noch im Monat Schewal 669 (= 1270, Mai 12 - bis Juni 9) ausgelaufen war.
3) Vgl. Wilken VII, 531.
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verschwunden war, ging er sofort wieder zum Angriff über 1 ). Die Johanniter in ihrer "Kurdenburg" hatten ihm früher sehr zur Unzeit gedroht; im Frühling 1271 bezwang er dies Schloß. Dann gewährte er den Johannitern und den Templern einen Waffenstillstand, um Boemund von Tripolis für eine angebliche Verbindung mit den Mongolen zu züchtigen. Als er 2 Burgen eingenommen hatte, der Graf aber den Kampf auf Leben und Tod fortzusetzen drohete, ging Bibars auf einen verhältnißmäßig milden Waffenstillstand ein, um so mehr, da er von der Ankunft zahlreicher abendländischer Pilger hörte.

Wir meinen nicht die Friesen, von denen oben die Rede war; diese haben vielmehr das Heilige Land verlassen, ohne zum Kampfe mit den Ungläubigen zu kommen 2 ). Aber am 9. Mai 1271 traf der englische Kronprinz Eduard (I.) 3 ) mit seiner tapfern Schaar in Akkon ein; er führte 1000 auserlesene Männer, darunter 300 Ritter, nach dem Heiligen Lande. Indessen, wie willkommen den Rittern zu Akkon solche Hülfsmannschaft unter der Führung eines Prinzen von wildem Muthe und von unerschütterlicher Standhaftigkeit sein mußte, zumal in einem Augenblick, wo man den Sultan täglich vor den Thoren erwarten durfte: zu einem Vorgehen gegen den Feind fühlten sich die Christen darum doch nicht stark genug. Ja, sie konnten es nicht einmal verhindern, daß Bibars im Juni von Damaskus heranrückte und eine Burg des Deutschordens, Koraïn (Montfort), angriff und am 11. einnahm, hieraus selbst bis nach Akkon streifte und dann Koraïn zerstörte 4 ). Als darauf aber der Sultan, wegen des oben erwähnten gescheiterten Angriffs auf Cypern


1) Die Reihenfolge der Ereignisse des Jahres 1271 ist in der Fortsetzung zum Wilh. v. Tyrus 1248-75 leider ganz verwirrt und auch bei Sanudo nicht hinlänglich durch Daten gestützt. Wir folgen den genauen Daten Makrizis und weichen in Einzelheiten von Wilken VII, 589 flgd. ab.
2) Wilken VII, S. 584, nach Menko, Pertz, Script. XXIII, p. 557.
3) Sanudo [Liber secretorum fidelium crucis III, c. 11]: "IX, die Madii; Hemingford: 15 Tage nach Ostern = 19. April; Makrizi: "dans les derniers jours du mois de Ramadan" (der mit dem 11. Mai Schloß), "ayant avec lui 300 cavaliers, huit navires (botsah), des galères et autres bâtiments, formant un total de 30 embarcations, sans compter ce qui était arrivé précédemment sous la conduite de l'ostadar (majordome) du prince; que le roi" (Eduard) "avait l'intention de faire le pélerinage de Jérusalem".
4) Makrizi I, 2, p. 87. - "s' " (Koraïn) "rendit maître le second jour du mois de Dhoulkadah. [So auch Abulfeda, T. V, p. 29.] Il se mit en marcne et arriva vers le point du jour aux portes d'Akka, accompagné d'un corps de troupes. Voyant que les Francs ne faisaient aucun mouvement, il regagna son campement de Koraïn. Le 24ème jour de Dhou'lkadah (3. Juli) il ordonna la démolition de cette forteresse. Il se rendit ensuite dans le voisinage d'Akka, et vint camper à Ladjoun". Kürzer die Forts. zum Wilh. v. Tyrus (p. 460): - "et prist Monfort des Alemans et l'abati; et d'iqui s'en vint devant Acre, et prist li soudans I chastel du Viel de la Montaigne. - Den gleichzeitigen Zug Eduards nach Nazareth und die Zerstörung dieser Stadt, welche Hemingford (und nach ihm Matthäus von Westminster) behauptet, bestreitet mit Recht Wilken S. 595.
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nach Aegypten ging, um eine neue Flotte auszurüsten, brach Eduard mit seinen englischen und französischen Pilgern und mit andern Streitern, angeblich mit 7000 Mann, am 12. Juli aus Akkon nach St. Georg (Lydda) auf und zerstörte diese Feste; indessen verlor er auf dem Rückwege viele Leute, die in der glühenden Hitze ihren Durst durch übermäßigen Genuß von Honig und Früchten zu stillen suchten 1 ). Zu größeren Unternehmungen mußte man die Ankunft neuer Pilger mit dem alljährlich spätestens im August aus Europa abgehenden zweiten großen Zuge abwarten. Auch wurden bereits Verbindungen mit den Mongolen angeknüpft, um sie zu einem Einfall in Syrien zu bewegen.

Leider war die Zahl der im September anlangenden Pilger, unter denen wir uns also auch den Fürsten von Meklenburg denken, nicht so groß, als man gehofft hatte; es wird ausdrücklich erwähnt, es sei der englische Prinz Edmund "mit geringer Gesellschaft" in Akkon eingetroffen 2 ). Dennoch hatten, wenn wir der Angabe in einem Briefe des Sultans 3 ) Glauben schenken dürfen, die Christen "schon eiserne Leitern angefertigt und schickten sich an, sich auf Safad und eine andere Feste zu stürzen"; aber sein Erscheinen in der Nähe - er kam unerwartet am 19. Sept. in Damaskus an -, meint er, habe den Franken den Muth genommen.


1) Forts. zu Wilh. von Tyrus: "à XII jours de jugnet sire Odouars et sa gent et cil d'Acre alerent brisier Saint Jorge" etc. - Makrizi p. 89: "On reçut (in Kairo) la nouvelle que les Francs avaient fait une incursion sur le territoire de Schagour, s'etaient emparé de cette place, avaient porté partout la dévastation, et livré les grains aux flammes".
2) Forts. zu Wilh. v. Tyrus p. 461: Et vint en Acre mi sire Heymnes, frere mon seignor Odouart, a poi de compaignie". Aehnlich Sanudo III, 11.
3) Makrizi II, 1, p. 100. - Nach Damaskus kam er am 13. Safar 670 (p. 93).
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Bibars entwickelte eine große Thätigkeit; er eilte nach Hamah, nach Hems, inspicirte das Kurdenschloß und die Feste Akkar im Gebiete von Tripolis, die er im Frühling gewonnen hatte, Truppen waren zu einem Zuge gegen Akkon schon bestimmt; er erwartete ohne Zweifel einen gleichzeitigen Einmarsch der Christen und der Mongolen. Wirklich fielen die Letzteren auch etwa den 20. October 1 ) in Syrien ein, in den Landschaften von Antiochia, Aleppo, Hamah u. s. w. richteten sie furchtbare Verwüstungen an; aus Damaskus flüchteten sich schon viele Einwohner. Erst als Bibars zu Ansang Novembers Hülfe aus Aegypten erlangte, trieben er und seine Feldherren die Mongolen zurück, welche beutebeladen abzogen.

Unbegreiflich ist es, daß erst jetzt die Christen in Akkon sich rührten. Sie hatten sich lange gerüstet. König Hugo von Cypern und Jerusalem war, sobald die Gefahr wegen einer Landung der Feinde aus Cypern ausgehört hatte, Akkon zu Hülfe geeilt, und Eduard von England wußte hernach auch die cyprische Ritterschaft, die sich lange geweigert hatte ihre Insel zu verlassen, dahin zu bestimmen, daß sie sich zahlreich in Akkon einfand 2 ). Die Templer, die Johanniter und die Deutschordensritter, sämmtliche anwesende Pilger - also vermuthlich auch der Fürst von Meklenburg und seine Begleiter - und die ganze Miliz zu Akkon schlossen sich dem Könige Hugo und den englischen Prinzen an; am 23. Novbr. verließen sie endlich die Stadt.

Indessen nahmen sie auch jetzt nicht die Richtung auf Damaskus oder dem Sultan entgegen, suchten sich auch nicht der muhammedanischen Festungen in der Nähe von Akkon zu bemächtigen, um gleichsam Außenwerke zu gewinnen, sondern sie zogen aus einem uns unbekannten Grunde gegen Süden, über Cäsarea hinaus, um die muhammedanische Feste Kakun 2 )., welche auf dem Wege nach Joppe lag und früher


1) Nach Makrizi I, 2, p. 100 "au milieu du mois de Rebi premier". Der Rebi I, 670 lief vom 6. Oct.-4. Nov. 1271. - Forts. zu Wilh. v. Tyrus, p. 461: "Et revindrent en Acre n message que mi sire Odouart et la Chrestienté avoient envoies as Tartars por querre secors, et firent si bien la besoigne qu'il amenerent les Tartars et corurent toute la terre d'Antioche et de Halape, de Haman et de la Chamele jusques a Cesaire la Grant. Et tuerent ce qu'il trouverent da Sarrazins, et de la s'en retornerent es mares qui sont a l'entrée de Turquie a tot grant gaaing d'esclas et grant bestiail " etc.
2) Forts. des Wilh. v. Tyrus z. J. 1187 (Rec. des hist. [occid.] des Croisades II, p. 39): "covent dou Temple qui estoit à quatre (  ...  )
2) Forts. des Wilh. v. Tyrus z. J. 1187 (Rec. des hist. [occid.] des Croisades II, p. 39): "covent dou Temple qui estoit à quatre milles d'ilec, a une vile qui a nom Caco" Die Herausgeber merken dazu an: "On trouve an sud-est de Césarée, a cinq lieues, le village de Kaoun. (Voy. Jacobs, Notice sur la carte des Croisades, T. I, p. XXXVIII.)." - Wilh. v. Tyrus XII, 21: "locus in campestribus Caesareae, cui nomen Caco." - Unbestimmter Abulfeda T. V, 129: "in litore Palaestinae apud Cacun."
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einmal im Besitz der Templer gewesen war, zu erobern und zu brechen.

Aber leider nahm dieser Zug durch die Schuld der Oberanführer einen recht unrühmlichen Ausgang. Die Kreuzfahrer stießen nämlich bei Kakun auf ein großes Zeltlager von Turkmannen, die hier ruhig, die Ankunft des Heeres nicht ahnend, ihre Heerden weideten; sie überfielen diese Hirten, erschlugen ihrer etwa 1000 und erbeuteten von den Heerden 5000 Thiere. Diese große Beute machte die Christen aber lässig in ihrer Absicht auf die Festung. Nach einem Berichte von ihrer Seite hatten sie dieselbe nur schwach angegriffen und wären dann mit ihrer reichen Beute umgekehrt und mit geringem Verluste nach Akkon zurückgelangt 1 ). Nach Makrizi (p. 101) aber griffen sie die Saracenen in der Burg an, ein Emir ward getödtet, ein zweiter verwundet, und der Commandant Bedjka=Alai sah sich genöthigt, den Platz zu räumen. Sobald der Sultan davon Kenntniß erhielt, eilte er von Aleppo nach Damaskus, um dort Vorbereitungen zu einer Expedition nach Kakun zu treffen; er überschätzte diesen Angriff. Denn sowie der Emir Akusch=Schemsi sich den Christen mit Heeresmacht näherte, "ergriffen" (nach Makrizis Erzählung) "die Franken, welche Kakun besetzt hatten (occupaient), sofort die Flucht. Sie wurden von der Armee verfolgt, welche ihrer eine große Menge tödtete, eine Anzahl Turkmannen aus ihren Händen befreiete und eine große Zahl von Feinden niedermachte


(  ...  ) milles d'ilec, a une vile qui a nom Caco" Die Herausgeber merken dazu an: "On trouve an sud-est de Césarée, a cinq lieues, le village de Kaoun. (Voy. Jacobs, Notice sur la carte des Croisades, T. I, p. XXXVIII.)." - Wilh. v. Tyrus XII, 21: "locus in campestribus Caesareae, cui nomen Caco." - Unbestimmter Abulfeda T. V, 129: "in litore Palaestinae apud Cacun."
1) Wir setzen den ganzen Bericht der Forts. 1248-75 (p. 461) über den für uns so wichtigen Zug hierher: "Et a XXIII. jors de novembre (1271) sir Odouart et ses freres et li rois de Chipre et li Templier et li Hospitalier, et li Alemant et tuit li Chiprois et tuit li pelerin et toute la serjanterie a pié chevauchierent la terre de Cesaire per brisier la tor de Quaquo. Et quant il furent la venus, il trouverent plusors herberges de Turquemans, qui la estoient herbergies, et ne savoient riens de lor venue. Por quoi il pristrent lor berberges et tuerent bien M. persones" [Sanudo: usque ad mille quingentos] "et gaaignierent bien V. M." [auch Sanudo, der den Bericht ausschreibt: quinque millia] "bestes, et s'en retornerent sain et sauf en Acre a poi de perte. Mes toutes voies por le grant gaaing qu'il trouverent, demora la tor de Quaquo qu'il ne la saillirent mie."
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(égorgea). Die Franken verloren, wie man sicher ermittelte (vérifia), bei dieser Gelegenheit 500 Pferde und Maulthiere."

Mögen diese Angaben Makrizis auch übertrieben sein, dieses ganze Unternehmen brachte den Christen großen Schaden. Daß der Sultan jetzt an der Spitze der Truppen aus Aegypten und Syrien zornig vor Akkon erschien 1 ), war noch der geringste Nachtheil; denn die Umgegend war längst eine Einöde, und Regengüsse nöthigten Bibars noch im December zum Abzuge nach Kairo. Schlimmer war es, daß des Sultans Mißachtung gegen die Christen hiedurch noch erheblich wuchs; er hielt sie fortan für feige. Als Gesandte König Karls von Sicilien und Neapel bei ihm in Kairo erschienen, um ihn zu einem Frieden mit König Hugo zu bewegen, bemerkte Bibars schnöde: "Da so viel Leute sich zu schwach gefühlt hätten ein einziges Haus (Kakun) zu nehmen, so sei es nicht wahrscheinlich, daß sie ein Land erobern möchten wie das Königreich Jerusalem 2 )."

Das Uebelste war jedoch, wenigstens für den Fürsten Heinrich von Meklenburg und für andere Pilger, welche das Heilige Grab zu besuchen gedachten, daß die muhammedanische Bevölkerung Syriens, die ohnehin durch den Einfall der Mongolen schon erbittert genug war, durch den ungeahnten Angriff auf friedliche Hirten aufs Aeußerste erzürnt ward. Man durfte fürchten, daß sie gegen friedlich dahin ziehende Pilger Vergeltung üben würden. Eine Wallfahrt von Akkon nach Jerusalem und den andern heiligen Stätten ward unter diesen Umständen ein höchst gefährliches Unternehmen.


1) Makrizi I, 2, p. 101 über diesen Zug: Le sultan sortit de Damas le 3 jour du mois de Djoumada-premier (= 6. Decbr.), à la tête des troupes de l'Egypte et de la Syrie, pour faire des courses sur le territoire d'Akklâ. Lorsque il fut arrive dans la prairie de Bargout, il éprouva des pluies abondantes, qui allaient toujours en croissant, et arriverent à un point qui dépassait toute expression. Les soldats étaient presque morts, faule d'avoir de quoi se mettre à l'abri. Le prince se bâta de congédier les troupes de Syrie, et se dirigea vers l'Egypte. Il rentra au Château de la Montagne le 23 jour du mois (= 27. Decbr.).
2) Forts. z. Wilh. v. Tyrus p. 461: Il (die Christen) en (Zug nach Kakun) fuerent mains proisies des Sarrazins, et le soudan meismes le dist as messages du roi Charles, qui a lui estoient venus por traitier les trives entre lui et la Crestienté , que, puis que tant de gent avoient failli a prendre une maison, il n'estoit pas semblant qu'il deussent conquerre telle terre, com est le roiaume de Jherusalem. - Ueber diese Gesandtschaft König "Rogers" (!) spricht auch Makrizi p. 102.
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Andererseits aber mußte es dem Fürsten Heinrich bald klar genug geworden sein, daß zu einem ruhmvollen Kampfe gegen die Ungläubigen zur Zeit gar keine Aussicht vorhanden, geschweige denn an einen Siegeseinzug in Jerusalem zu denken war. Wollte er sich also seines Gelübdes in Jerusalem entledigen, und nicht heimkehren, ohne das Heilige Grab besucht zu haben, so mochte es ihm am zweckmäßigsten erscheinen, dorthin noch im Winter zu wallfahren, bevor man den Sultan, dessen Geneigtheit zum Frieden noch recht zweifelhaft erschien, wieder mit Heeresmacht vor Akkon erwarten durfte.

so trat er denn, von den seinen begleitet, im Januar 1272 von Akkon aus die Fahrt nach der Heiligen Stadt an. Vielleicht, um nicht als Kämpfer, sondern als friedlicher Wallbruder zu erscheinen, ließ Heinrich seine Rittergürtel nebst einigen andern Werthsachen zu Akkon im Hause des Deutschen Ordens zurück.

Aber das schlimmste Loos sollte ihm zu Theil werden: er ward am Tage Pauli Bekehrung (am 25. Januar) von Muhammedanern gefangen genommen und dem Sultan zugeführt.

Ueber die Umstände, unter denen sich dies unglückliche Ereigniß vollzog, sind wir nicht näher unterrichtet; ja nicht einmal über den Ort, wo die Gefangennehmung geschah, sind unsere Quellen in Uebereinstimmung. Detmar und die Lübeker Jahrbücher nennen leider den Ort gar nicht; Kirchberg dagegen meldet, daß der Fürst mit seinem Diener Martin Bleyer die Grabeskirche zu Jerusalem besucht habe und dort nach der üblichen Darbringung eines Geschenkes beide von den Heiden gefangen genommen und an den Sultan überliefert seien. Er setzt hinzu:

dy andirn quamen von im alle
        zu lande heym von sulchir walle;
wy sy von dannen quamen doch,
         des kunde ich ny irfarin noch.

Und nur etwas bestimmter berichten die Franciscaner zu Wismar 1 ), der Fürst und seine Edelleute seien "alle gefangen worden van den Saracenen im tempel des hilligen graues am dage conversionis Pauly".


1) Im Kirchenbuch erhaltene Abschrift einer Tafel im Chor der Franciscaner=Kirche: Jahrb VI, S. 100, die auch Latomus meint, wenn er sich für dieselbe Erzählung auf eine "Wism. Urk." beruft. Die Inschrift der Tafel fußt natürlich auf ältere Aufzeichnungen.
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"De adel auerst des hern Hinrici", heißt es hier weiter, "wurden, wedderumb gefort in dat ehre vaderlandt, da se versamleten eynen schatt" (Schatz) "tho ehres hern verlosinge" (Auslösung). "Wen de here Hinricus wort myt eynem knechte, Martinus Bleyer genomet, in Babylonien gefort".

Aber wenngleich diese Uebereinstimmung zweier von einander unabhängiger Quellen auf den ersten Blick etwas Bestechendes hat, so erkennen wir in ihrer Angabe rücksichtlich des Ortes doch den Einfluß der Volkssage, welche es liebt die Erzählung dramatischer zu gestalten. Denn in der Chronik Albrechts, deren Bericht wir auf des Fürsten eigene Mittheilungen zurückführen zu müssen glauben, heißt es, Heinrich sei auf dem Wege zum Heiligen Grabe gefangen genommen ("over mere an pelegrimaze uppe deme weghe tho deme heylyghen grave").

In völliger Uebereinstimmung melden dann aber alle unsere Quellen weiter, daß der Fürst nach "Babylonien" (oder Kairo) abgeführt und dort in Gefangenschaft gehalten sei. Am genauesten ist auch hier wieder die Chronik Albrechts, wo es heißt, Heinrich sei gefangen gewesen "by Babelonie up eneme torne, de heet Kere."

Denn der alten römischen Militairstation Babylon entsprach etwa die muhammedanische Stadt Fostat am rechten Nilufer. Die Christen pflegten Letztere im 13. Jahrhundert noch Babylon zu nennen; für sie war dies der wichtigste Theil der ganzen "dreifach getheilten und dreieckigen Stadt", wie sie uns der oben mehrfach erwähnte Oliver in seiner Erzählung vom Kreuzzuge nach Damiette in den Jahren 1218-21 beschreibt. "Die Stadt Babylon selbst, am Nil erbauet, dehnt sich" (nach Oliver 1 ) "der Länge und der Breite nach aus, hat gerade Straßen und dichtgedrängte Wohnungen wegen der zahlreichen Bevölkerung. Die Christen haben dort mehrere Kirchen; sie sind sehr zahlreich (numerosa multitudo) und sind dem Landesfürsten dienstbar und tributpflichtig (sub tributo servientium). In dieser Stadt sind die Niederlagen der Kaufleute, welche aus Alemanien" (Armenien?), "Aethiopien, Libyen, Persien und andern Gegenden kommen. Beinahe eine Meile davon, in der Richtung auf Damiette, breitet sich Kairo mit weitläufigen Gebäuden und Straßen aus; es hat prachtvolle Wohnsitze, welche dem Adel des Landes und vor=


1) Eccard, Corp. hist. medii aevi II, p. 1430.
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nehmeren Bürgern zum Aufenthalt dienen. Diese Stadt erreicht den Nil nicht, wie Babylon, sondern ein mit Schilfwurzeln besäeter Raum" (spatium junceis radicibus consitum) liegt dazwischen. Ferner erblickt man auf einer höheren Warte die aus großen Thürmen bestehende Feste des Sultans (castrum regale). Von der Burg aber zieht sich zu beiden Seiten eine Mauer herab, welche Kairo und Babylonien umschließt. Zwischen diesen drei Stadttheilen aber liegt ein großer sandiger platz, auf welchem ein zahlreiches Heer lagern kann."

Diese Beschreibung wird auch noch für die Zeit gelten, da, ein halbes Jahrhundert später, der meklenburgische Fürst als Gefangener nach Kairo gebracht ward. Er ward also in die bei den arabischen Schriftstellern schlechthin als "die Bergfeste" bezeichnete Citadelle geführt, welche der Sultan Saladin auf einem Abhange des Mokattam aufgeführt hatte, wo auch seine Nachfolger (wie in neuester Zeit die Vicekönige) residirten, und wo jetzt zahllose Reisende von der Terrasse neben der Moschee den entzückten Blick über die zu ihren Füßen ausgebreitete Stadt, die "Perle des Orients", und bis zu den "im Süden sich scharf am Horizont abhebenden Pyramiden" hinschweifen lassen. -

Der traurige Ausgang der Wallfahrt ließ es nun freilich um so mehr bedauern, daß Heinrich der Pilger Akkon so früh verlassen hatte; denn 3 Monate später hätte er seine Fahrt höchst wahrscheinlich ohne alle Gefahr vollenden können. Der Sultan brach wohl auf die Nachricht, daß sich die Mongolen wieder regten, schon am 4. März wieder aus Kairo nach Syrien auf; aber noch unterwegs erschienen bei ihm Gesandte aus Akkon und baten um einen Waffenstillstand 1 ). Wie entschieden auch der Prinz (jetzt König) Eduard


1) Makrizi I, 2, p. 102. Dieser meldet hernach ganz kurz: "Il vint camper dans les plaines de Kaisarieh, et conclut avec les Francs une trève, qui devait durer dix ans, dix mois, [dix jours], dix heures. La population d'Akkâ sortit en foule, pour voir défiler les troupes (auf dem Marsch nach Damaskus, wo der Sultan 2. Schewal = 1. Mai ankam). - Die genaueren Beschränkungen giebt die Fortsetzung zu Wilh. v. Tyrus 1248-75 (und danach Sanudo III, 11): "A. MCC. LXXII., a XXII jors d'avril (Sanudo: XXI. Aprilis), fu faite la trive du roi de Jherusalem et de Chipre, Hugue de Liseignen, et du soudan Bandocdar (Bibars), et n'avoit en la trive que le plain d'Acre sans plus et le chemin de Nazareth." - Anders Menko, Chron. p. 557: "Anno domini 1271 (vielmehr 1272) circa dominicam passionis Domini (10. April 1272) voraus Acon soldanus cum exercitu maximo applicuit. Et sic cives cum magistris trium domorum et consiliariis eorum, qui dicuntur milites, non (  ...  )
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von England widersprach, knüpften die Einwohner und die Ritterorden zu Akkon, in der Ueberzeugung keinen genügenden Widerstand leisten zu können und in der Absicht den Untergang Akkons zu verhüten, solche Unterhandlungen an. Bibars sandte drei Beamte zu Friedensverhandlungen nach Akkon voraus; er selbst war bis in die Ebene von Cäsarea und in die Nähe von Akkon mit seinem Heere vorgerückt, als am Charfreitage (22. April) der Friede abgeschlossen ward, auf 10 Jahre 10 Monate 10 Tage und 10 Stunden. Der König Eduard blieb ausgeschlossen; der Vertrag beschränkte sich auf christlicher Seite auf den König Hugo von Jerusalem und Cypern und auf die Ebene von Akkon und den Weg nach Nazareth (mehr gestand der Sultan also dem "König von Jerusalem" von diesem ehemaligen Reiche nicht zu, und von Tripolis war nicht die Rede); hier blieben die Christen von Tribut frei. Uebrigens gestattete Bibars den Christen den ungestörten Besuch seiner Lande und insonderheit auch der heiligen Stätten; wir hören auch in den nächsten Jahren nichts von Gefangennehmung der Pilger. Im Gegentheil berichtet ein christlicher Schriftsteller: "Viele Christen, syrische und fremde, besuchten nun Bethlehem und Nazareth und andere Orte der Heiligen; aber zum Grabe des Herrn wallfahrten nur wenige, weil es bei Strafe des Bannes verboten war, damit nicht durch die Opfer, welche die Christen dort darzubringen pflegten, und durch verschiedene Zölle die Feinde des Kreuzes Christi bereichert würden und die Christen Einbuße erlitten 1 )".

Leider war bei dem Waffenstillstande von einer unentgeltlichen Freilassung gefangener Christen nicht die Rede; und


(  ...  ) valentes nec audentes impetum eius sustinere, et timentes, ne, si bello caperet civitatem, penitus eos omnes deleret, ac sic in partibus illis christianitas deperiret . . , pacem cum ipso inierunt, firmantes treugas usque ad XI annos, hoc interposito: si aliquis rex potens de ecclesia terram illam intraret et per eum bellum fieret, ipsi essent excusati. Et sic soldanus legatos eorum honorifice fecit ad se adduci, et sic ipsa die parasceves (= 22. April) predictas treugas ordinaverunt, ita quod Aconenses cum omnibus eivibus ac religiosis ibidem commorantibus absque tributo et omnibus exactionibus omnia sua possiderent, absque civitatibus et castris et suis attinentiis, quae soldanus jure belli acquisierat. Hiis treugis ordinandis assensit et interfuit rex Cipri. Sed domnus Eduardus, rex Angliae, - graviter tulit - ac ideo statim (?) ordinatis treugis . . non sine indignatione - recessit. Soldanus vero tirmatis treugis legatos Akonensium cum honore fecit reduci. Et liberam dedit omnibus christianis licentiam adeundi omnes terminos regnorum suorum et loea sancta visitandi.
1) Menko a. a. O.
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wahrscheinlich kannte man in Akkon noch nicht das unglückliche Loos des meklenburgischen Fürsten, und konnte man sich also schon aus diesem Grunde seiner bei den Friedensverhandlungen nicht annehmen.

Denn die spätere Nachricht, daß Heinrichs Begleiter - bis auf den einen Diener Bleyer - sofort frei gegeben seien, um für ihren Herrn ein Lösegeld zu beschaffen, verdient keinen Glauben. Ohne Zweifel ist richtiger, was die Lübeker Jahrbücher 1 ) andeuten und Detmar ausdrücklich berichtet, daß nämlich Heinrichs Begleiter mit ihm nach Kairo abgeführt wurden und dort nach und nach - mit Ausnahme jenes einen Dieners - verstorben sind. Daraus erklärt es sich auch, daß drei Jahre verfließen konnten, bevor man in Meklenburg sicher erfuhr 2 ), daß der Landesherr noch lebe, sich aber in der Haft der Muhammedaner befinde.

Zu Anfang des Jahres 1275 hatte seine Gemahlin endlich gewisse Kunde von dem Unglück ihres Gemahls. Am 20. Januar 1275 vereignete die Fürstin nämlich den Nonnen zu Neukloster das Dorf Arendsee; und sie bemerkt darüber in ihrem Schenkungsbriefe 3 ): "Dies haben wir deshalb gethan, damit Gott, der Herr von unaussprechlicher Barmherzigkeit, der wohl regiert und nichts übereilt, um der


1) Pertz, Scr. XVI, p. 417: "Hinricus -perdita tota familia sua liber dimissus est a soldano cum uno solo famulo suo Martino." - Detmar zum Jahre 1298: "De sine (Heinrichs Leute) dar (in Babylonien) alle dot bleven ane en knecht Mertine".
2) Wir besitzen freilich (Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 1294) eine Inhaltsangabe Clandrians von einer Urkunde, welche "Anastasia, Fraw zu Meklenburgk, mit consens ihres vber See gefangenen Gemahlß h. Heinrichs bruder vnd derer, denen das landt befolen ist", zu Wismar am 29. August 1273 ausgestellt haben soll, und diese ist mir in Schirrmachers Beiträgen (Schildt, Gesch. Wismars S. 96, A. 1) entgegengehalten. Dort ist aber das Wort "bruder" irrig für den Genitiv des Singulars (für: "bruders") genommen und auf den Propst Nicolaus gedeutet, dabei jedoch bemerkt: wer die Uebrigen, denen das Land befohlen gewesen, waren, sei "nicht zu sagen." Vielmehr ist "bruder" für den Plural "brüder" zu nehmen (denn Clandrian schreibt gewöhnlich u für ü, d. h. er bezeichnet den Umlaut noch nicht), es sind die beiden Brüder Johann und Nicolaus gemeint, denen, wie weiter unten gezeigt wird, seit der Fehde vom Jahre 1275 die Vormundschaft zugestanden ward, und die, "denen das Land befohlen" war, sind die ihnen zugeordneten Regentschaftsräthe. Es ist also die Jahreszahl falsch überliefert; Clandrian wird 1273 statt 1275 geschrieben oder vielleicht LXXIII statt LXXVI gelesen haben. Damit erledigt sich auch die a. a. O. in Anm. 2 gegen meine Ansicht aufgeworfene Frage.
3) Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 1353.
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kräftigen Fürbitte willen dieser Dienerinnen Christi und wegen anderer guter Werke, welche bei ihnen so zahlreich im Schwange sind, unsern geliebten Gemahl Herrn Heinrich von Meklenburg aus den Fesseln der Heiden, in denen er gefangen liegt, unversehrt errette und ihn uns und unsern Kindern und seinen andern Anverwandten, die in tiefer Trauer seiner Heimkehr harren, zu rechtem Troste zurücksende."

Warum aber wurden, so fragt man, von Meklenburg aus jetzt, wo man die Gewißheit hatte, daß der Landesherr nicht todt, sondern Gefangener war, keine Versuche gemacht ihn loszukaufen? Der Friedenszustand zwischen den syrischen Christen und dem Sultan von Aegypten währte bis 1280; es dürfte also doch unschwer der Ort, wo er gefangen lag, aufzufinden, und der Preis für die Freilassung durch die Vermittelung der Lübeker und der Orden nach Aegypten zu befördern gewesen sein.

Die Schuld trägt, so viel man sieht, zum großen Theil des Fürsten Heinrich Bruder, Fürst Johann (II.), der es übel empfand, daß sein Bruder ihn, den nächsten "Schwertmagen" und gebornen Vormund, bei seiner Bestimmung über die Vormundschaft, wie auf S. 54 erwähnt ist, übergangen hatte. Darf man Kirchbergs Erzählung Glauben schenken, so versuchte der Fürst Johann sogar, als seine Schwägerin Anastasia eines Tages mit ihren beiden kleinen Prinzen eine Fahrt nach Ratzeburg zu einem Besuche bei dem herzoglich sächsischen Hofe unternahm, bei Rehna sich gewaltsam seiner beiden Neffen zu bemächtigen, woran er jedoch durch die List der Frauen verhindert ward 1 ).

Die vom Fürsten Heinrich vor seinem Auszuge zu Vormündern eingesetzten beiden werleschen Vettern beriefen nun ihrerseits im Jahre 1275 2 ) die Gesammtheit der Mannen und Rathmänner aus dem Lande des Fürsten Heinrich zu dem ersten uns bekannten Landtage nach Wismar und traten


1) Kirchberg, Cap. 130 [Westph. IV, p. 779]. Die Erzählung zeigt, daß wir uns die Prinzen noch als kleine Knaben zu denken haben.
2) Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 1382. Der Tag ist nicht festzustellen. Am 20. Jan. sagt Anastasia noch von sich: vicem - mariti nostri - gubernantes (Nr. 1353); ihre Söhne sollen mitsiegeln, "cum ad statum maturiorem peruenerint. Vom 2. Febr. 1275 haben wir eine Urkunde (Nr. 1354), die "Hinricus dei gracia dominus Magnopolensis junior" gegeben hat; diese fällt vor die Vormundschaft Johanns, vermuthlich ist sie zur Zeit der werleschen Vormundschaft gegeben.
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vor diesen ihr vormundschaftliches Amt an; die Wismarschen Burgmannen erklärten sich für sie. Sofort legten aber Fürst Johann und sein Bruder, der Propst Nicolaus, hiergegen Verwahrung ein, unter Berufung auf Fürsten und Herren. Johann wollte sich eher die Fortführung der Regierung in der bisherigen Weise (durch die Fürstin Anastasia) gefallen, als sein näheres Recht auf die Vormundschaft beeinträchtigen lassen. Da die Wismarschen Burgmannen ihn und seinen Bruder Nicolaus in die fürstliche Burg nicht einließen, beklagten sich die beiden Fürsten nicht nur bei ihrem Schwager, dem Grafen Gerhard von Holstein, und bei ihrem Neffen, dem Grafen Helmold von Schwerin, sondern Johann fiel auch mit einer bewaffneten Schaar ins Land ein und verbrannte die Höfe jener Burgmannen. Kaum gelang es dann dem greisen Fürsten Nicolaus von Werle, auf einem neuen Landtage zu Wismar (1275), einen allerseits (auch von den verwandten Fürsten) gebilligten Vergleich zu Stande zu bringen, wonach der Fürst Johann wirklich zum Vormunde der Fürstin Anastasia und ihrer Söhne und des Landes gewählt ward und mit seinem Bruder Nicolaus und der Fürstin unter dem Beistande von sechs erwählten Mannen (Regentschafts= oder Landräthen) die Regierung führen sollte 1 ).

Aber auch jetzt gelangte das Land nicht zu dauerndem Frieden. Der Fürst Johann leistete seinen werleschen Vettern, den vom Fürsten Heinrich hinterlassenen Weisungen folgend, Beistand in einer Fehde mit Brandenburg. Dafür fiel aber der Markgraf Otto im Bunde mit den Grafen von Schwerin und Holstein verheerend in die Herrschaft Meklenburg ein; und diese mußte, als es nach einem halben Jahre zum Frieden kam, noch Kriegskosten im Betrage von 500 Mark Silbers zahlen, die besser zur Befreiung des Landesherrn hätten verwandt werden können. Ja die Unzufriedenheit mit der Vormundschaft, die allerdings die zugeordneten Landräthe nicht immer heranzog 2 ), steigerte sich so, daß der Vogt zu


1) Die erste uns erhaltene Urkunde, welche Anastasia, Johann und Nicolaus (ohne der Räthe zu gedenken) gegeben haben, ist vom 18. Jan. 1276 (Nr. 1385), wenn nicht Nr. 1294 ins Jahr 1275 gehört. - Vgl. auch Nr. 1394. - Die Landräthe finden wir zuerst in Nr. 1431, vom 19. März 1277: "adhibito . . consilio et obtento . . consensu eorundem militum, qui tunc nobiscum statui et negociis terre disponere consueuerunt."
2) Wir finden sie nur in Nr. 1294, 1431 und 1505 (vom 2. Aug. 1279), wo aber nicht consueuerunt, sondern consueuerant steht! -Dagegen in Nr. 1394, 1488 und 1506 ist von ihrem Consens nicht (  ...  )
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Gadebusch, Ulrich von Blücher, einer jener Regentschaftsräthe, ungeachtet die Fürsten Johann und Nicolaus ihre Verwaltung und Fortführung der Vormundschaft einem Spruche von Fürsten und Herren unterwerfen wollten, im Bunde mit dem Grafen (Helmold) von Schwerin und einem Theil der Ritterschaft die Herren von Werle wieder an die Spitze der Regierung zu bringen suchte. Diese besetzten (1277) Sternberg und Gadebusch, vertrieben den Fürsten Nicolaus aus Grevesmühlen, führten von der Burg Meklenburg aus offene Fehde mit der Regierung zu Wismar und zogen im nächsten Jahre auch noch den Markgrafen Otto von Brandenburg auf ihre Seite. Erst, nachdem es im Herbst 1278 dem Fürsten Johann gelungen war, von den Feinden 80 Mann, Ritter und Knappen, gefangen zu nehmen, vermittelten benachbarte Fürsten einen Frieden, wonach die Fürsten Johann und Nicolaus die Vormünder ihrer Neffen bleiben sollten, bis diese zu ihren Jahren gekommen sein würden 1 ).

Während das Land in jenen Fehden verwüstet ward, gelangte nun nach Wismar das Gerücht, der Landesherr sei in der Gefangenschaft gestorben; und wenn auch keine Bestätigung erfolgte, so mußte jenes doch auf den Eifer für das Werk seiner Befreiung lähmend einwirken. Auch scheint trotz des neuen Vertrages die Einigkeit im Regiment nicht groß gewesen zu sein; wir finden nämlich Urkunden aus den Jahren 1279 und 1280 2 ), in denen der Fürst Johann nicht einmal der Zustimmung seiner Schwägerin gedenkt, auch nicht der ihres ältesten Prinzen, der doch damals bereits zwölfjährig, also vermuthlich schon "zu seinen Jahren" gekommen war 3 ). Wie Anastasia und ihre Söhne sich schließlich dieses


(  ...  ) die Rede, auch nicht in Nr. 1524, welche unsers Erachtens auf Grund des Originale gefälscht und vermuthlich eine Abschrift desselben ist.
1) "tutores esse debenbt puerorum, quousque uenerint ad annos discretionis." (Nr. 1382, Schluß.)
2) Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 1497 und 1546, und namentlich Nr. 1542. Diese eigenmächtige Bestimmung seines Oheims Johann über die Hebung des Lübischen Domcapitels aus Fahrdorf erkannte hernach Fürst Heinrich II. auch nicht an; die Sache ward erst durch einen Vergleich beigelegt. S. Bd. III, Nr. 2082. Böhlau, Landr. II, S. 330 (Anm.) scheint Nr. 1542 und 1546 nicht beachtet zu haben.
3) Nicolaus II. von Werle sagt in seiner Erbverbrüderung mit Heinrich II. von Meklenburg vom 27. Jan. 1302 (Meklenb. Urk.=Buch V, Nr. 2780): "Quamdiu dominus Hinricus Magn. - uixerit, nobis nullum in ipsa ciuitate Wismarie dominium vendicabimus nec iuridicionem; sed si prefatus patruus noster legitimos heredes genuerit -, heredum suorum tutor erimus quousque ad annos discrecionis perueniant, (  ...  )
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Vormundes entledigt haben, verbirgt sich uns insofern, als aus den Jahren 1281 und 1282 und aus der ersten Hälfte des Jahres 1283 keine einzige Urkunde vorliegt, welche uns einen Einblick in die Regierung verstattete. Nach Kirchberg versuchte Fürst Johann (wohl 1282), freilich vergeblich, Grevesmühlen durch Ueberrumpelung in seine Hand zu bringen; und erst als die mit ihm verbündeten Thüringer, Meißener, Brandenburger, Lüneburger, Lauenburger und Holsteiner bei Grambow am 7. Mai 1283 von dem jungen Fürsten Heinrich unter dem Beistande der Städter aus Wismar und Rostock in die Flucht getrieben waren, sah sich Johann gezwungen, sich zur Ruhe zu begeben 1 ). Er saß fortan zu Gadebusch; schon in dem großen Landfrieden, welchen der Herzog von Sachsen=Lauenburg und die Fürsten, Vasallen und Städte der wendischen Ostseeländer am 13. Juni 1283 zu Rostock abschlossen 2 ), wird der Fürst Johann für sich, und seine beiden Neffen werden gleichfalls für sich ge=


(  ...  ) et a natiuitate ipsorum in (!) anno duodecimo ipsos ad dominium suum restituemus." Wenn man auch zugeben will, daß "in anno duodecimo" nicht "im Laufe des 12. Jahres", sondern "nach Zurücklegung des 12. Jahres" bedeuten soll, so lasse ich doch den Schluß Böhlaus (Landr. II, S. 76, Anm. 24) aus dieser einmaligen Bestimmung: "Im 13. und 14. Jahrhundert galt als hausgesetzlicher Mündigkeits=Termin das zurückgelegte 12. Lebensjahr" - dahingestellt. Der Ausdruck "ad dominium suum restituemus" (hernach heißt es: "si dominius Nicolaus de Rozstok", der dänischer Lehnmann geworden war, "dominio suo restitutus fuerit", d. h. wenn er wieder zu voller Regierungsgewalt kommen sollte) läßt es ungewiß, was nach zurückgelegtem 12. Jahre geschehen sollte. Wenigstens Albrecht II. zählte schon etwa 18 Jahre, als er 1336 von der Vormundschaft der Mannen und Seestädte frei ward und selbstständig die Regierung übernahm (was auch Böhlau nach Lisch hervorhebt); und uns ist kein Fall bekannt, wo ein meklenburgischer Fürst nach vollendetem 12. Jahre ohne Vormundschaft regiert hätte. Uebrigens ist jener Vertrag nicht befolgt; als Heinrich II. am 21. Jan. 1329 (lange nach Nicolaus) verstarb, kamen seine Söhne, deren älterer, Albrecht, anscheinend erst im 12. Jahre stand, nicht unter die Vormundschaft werlescher Vettern, sondern der Vater hatte eine Vormundschaft aus der Ritterschaft und den Seestädten eingesetzt.
1) So nach Kirchberg, Cap. 137 (Westph. p. 780). Kirchberg setzt den Angriff Johanns auf Grevesmühlen ins Jahr 1292, läßt aber im Zusammenhang mit diesem die Schlacht bei Grambow (oder Gadebusch) folgen. Wir vermuthen, daß seine Quelle 1282 gab. Denn sicher fällt die Schlacht bei Grambow vor den 22. Febr. 1284 (Meklenb. Urk.=Buch III, 1719), und, da Korner (p. 934) und Detmar als den Tag der Schlacht den 7. Mai angeben, höchst wahrscheinlich auf den 7. Mai 1283. Wenigstens nennt keine Quelle das Jahr 1282, Korner aber 1283. Eben nach diesem Kampfe wird der Rostocker Landfriede (13. Juni 1283) geschlossen sein.
2) Meklenb. Urk.=Buch III, Nr. 1082.
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nannt, und fortan 1 ) sehen wir die Fürstin Anastasia mit ihren beiden Söhnen als "domini Magnopolenses" gemeinsam regieren, wobei selbstverständlich Heinrich mehr und mehr an die Spitze trat. Seit dem Tode seines Bruders (1289) führte der Fürst Heinrich II. ganz allein das Regiment, und zwar, da keine gewisse Nachricht von dem Tode des Vaters eingetroffen war, unter dessen Siegel fort.

Uebrigens glaubte Heinrich allerdings im Jahre 1286 schon nicht mehr, daß der Vater noch am Leben sei; er bezeichnet ihn in einer Urkunde vom 26. Juli d. J. geradezu als einen Verstorbenen 2 ). Man hatte also lange keine Kunde mehr von ihm erhalten.

Eben so wenig wird auch dem Gefangenen eine Kunde aus der Heimath zugegangen sein. Denn wenngleich Kairo der Mittelpunkt der muhammedanischen Welt war, so ward doch der Verkehr mit dem Abendlande durch die ägyptischen Seestädte vermittelt; in die Citadelle von Kairo aber gelangte vollends kaum eine Nachricht aus dem Norden Europas.

Die Begleitung des Fürsten starb, wie erwähnt, nach und nach dahin, bis auf den einen treuen Diener Bleyer. Diesem ward, wie es scheint 3 ), eine freiere Bewegung ver=


1) Zuerst 24 Juni 1283 (Meklenb. Urk.=Buch III, Nr. 1680), dann weiter Nr. 1734, 1744, 1769, 1848, 1849. Auch am 26. Juli 1286 (Nr. 1858) sagt Heinrich: "vna cum matre nostra Anastasia et fratre nostro Johanne prefate donacioni gratam voluntatem apponimus et consensum", was Böhlau, Landr. II, S. 331, übersehen hat, wenn er aus dieser Urkunde den Schluß zieht: "Der nunmehr (1286) 18jährige Heinrich II. regiert allein." Auch in Nr. 1870 vom 18. Oct. 1280 und Nr. 2023, welche nach dem 27. Mai 1289 fällt, wo es sich in beiden Fällen weder um ihr Leibgedinge (Pöl) noch um ihre Privatverbindlichkeiten handelt, wird die Zustimmung der Fürstin Anastasia erwähnt. Abgesehen von Nr. 2042 (und 2043) und 2057 (wozu Anastasiens Urkunde Nr. 2059 ergänzend tritt) ist die erste uns erhaltene Urkunde, in welcher Heinrich nicht mehr des Consenses seiner Mutter gedenkt, Nr. 2082, vom 11. Sept. 1290 datirt. Die Regierung für einen Fürsten, der durch Gefangenschaft im Auslande dauernd an der Landesverwaltung behindert ward, war ein außerordentlicher Fall, auf den sich die sonst bei einer Vormundschaft üblichen Normen nicht stricte anwenden ließen. Daraus erklären sich auch die Besorgnisse wegen der Gültigkeit der Regierungshandlungen, welche das Kloster Rehna 1286 (Nr. 1870) und das Domcapitel zu Lübek 1289 (Nr. 2023) bestimmten, Consense der ganzen fürstlichen Familie einzuholen.
2) Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 1858: "Hinrici, patris nostri felicis recordacionis." - In der Urkunde vom 6. Aug. 1279 (Nr. 1506) wird Heinrich unter den verstorbenen Mitgliedern des Fürstenhauses nicht mit aufgeführt.
3) Die Chronik Albrechts meldet: "Desoldan de gafeme" (Heinrich 1298) och weder sinen knapen - Martin Bleyer".
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gönnt. Er lernte in Kairo die dort blühende Kunst der Seidenweberei, und mit dem Ertrage seiner Thätigkeit unterstützte er seinen fürstlichen Herrn. Uebrigens war wohl auch Heinrichs Haft keine so strenge, daß er auf den Kerker beschränkt war; denn er ward allmählich unter den Muhammedanern eine sehr bekannte Persönlichkeit; "man sagte überall im Lande, daß er heilig wäre", berichtet uns die Chronik Albrechts. Entlassen ward er freilich ohne Lösegeld doch nicht.

Seiner Befreiung durch Loskauf wären aber, wie schon bemerkt ist, die politischen Verhältnisse im Orient lange Zeit hindurch günstig gewesen. Denn vorübergehende Reibungen abgerechnet, hielten die christlichen Gewalthaber, da ihnen nur schwache Unterstützungen und wenig streitbare Pilger aus dem Abendlande zugingen, und der Sultan, weil ihm die Mongolen zu schaffen machten (und vielleicht auch, weil er den angestrengten Bemühungen des Papstes Gregor X. um einen neuen Kreuzzug keinen Vorschub leisten wollte), den Frieden; über Akkon hätte man wohl des meklenburgischen Fürsten Freilassung erwirken können.

Als Bibars 1277 starb, folgte ihm zunächst sein Sohn Malek as Said Berkeh, ein unbesonnener Jüngling; aber nach zwei Jahren ward er von seinen Emirs in der Citadelle von Kairo belagert und abgesetzt, und wenige Monate später verdrängte den jüngeren Sohn des Bibars, einen Knaben, dessen Atabek, der kühne Emir Saifeddin Kalavun. Noch einmal schien den syrischen Christen die Gelegenheit sich zu erheben günstig. Sie verbanden sich mit den Mongolen. Diese fielen in Syrien ein, und in Damaskus hatte sich ein Gegner Kalavuns zum Sultan aufgeworfen. Aber Kalavun besiegte die Mongolen in einer bedeutenden Schlacht 1281. Da mußten die Christen froh sein, daß er mit ihnen die Verträge erneuerte.

Und doch konnten sie nicht Frieden halten! Die Johanniter reizten den Sultan und verloren dadurch 1285 die starke Feste Markab. Zornig nöthigte er den Fürsten Boemund, der weniger schuldig war, ihm die Seefeste Marakia zerstören zu helfen, und er fand 1287 einen Vorwand diesem sogar die stark befestigte Seestadt Laodicea zu nehmen. Immer deutlicher trat seine Absicht hervor, alle christlichen Plätze in Syrien, wie die Muhammedaner es wünschten, nach und nach in seine Gewalt zu bringen.

Unter solchen Umständen mußte allerdings dem Fürsten von Meklenburg auch die letzte Hoffnung auf Heimkehr

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schwinden. Und doch war um diese Zeit seine Befreiung wahrscheinlicher als je vorher während der 15 Jahre seiner Gefangenschaft.

Nämlich 1287 erhielt seine Gemahlin, wir wissen nicht, auf welchem Wege, sichere Kunde davon, daß Heinrich am Leben und in Kairo sei. Sie und ihre beiden Söhne unterließen nun nichts um ihn zu befreien, und die Nachbarstadt Lübek und der Deutsche Orden Waren zu Diensten gern bereit. Am 10. Decbr. 1287 erschien die Fürstin Anastasia mit ihren beiden Söhnen Heinrich und Johann selbst zu Lübek; sie verpflichteten sich dort urkundlich, den Brüdern vom Deutschen Hause zu Akkon für allen Schaden zu stehen, den diese an 2000 Mark Silbers bis nach der Befreiung ihres Herrn und Vaters und bis zum Eingange dieser Summe in Mecheln erleiden könnten. Und drei Tage später bescheinigte die Stadt Lübek jene Summe empfangen zu haben, unter der Verpflichtung, solche auf Ostern 1288 an den Deutschordensmeister auszuzahlen 1 ).

Also bis Ostern 1288 hoffte man das Befreiungswerk vollführt zu sehen. Aber dies Jahr verstrich vergebens; auch 1289 erschien der Fürst nicht. Und im Spätherbste, während Anastasia noch den Tod ihres am 27. Mai 1289 auf einer Fahrt von Wismar nach Pöl ertrunkenen jüngeren Sohnes betrauerte, lief ein Brief aus Akkon zu Lübek ein, worin unter dem 14. August der Präceptor des Deutschordens, Wirich von Homberg, und das ganze Capitel des Hospitals zu Akkon den Rath der Stadt Lübek anwiesen, der Fürstin Anastasia und ihren Söhnen jene 2000 Mark Silbers zurückzahlen, "weil einstweilen leider keine Hoffnung vorhanden sei, daß der edle Herr Heinrich von Meklenburg aus den Fesseln der Saracenen freigekauft werde, bis es Gott in seiner Barmherzigkeit gefalle, andere Mittel und Wege zu seiner Befreiung zu eröffnen 2 ).

Bald hernach, als Mitte Decembers 1289 der junge Fürst Heinrich II. zu Erfurt den König Rudolf von Habsburg begrüßte, traf er hier, wohl auf Verabredung, den Hochmeister des Deutschordens, Burchard von Schwanden, und empfing von diesem (außer einer neuen Anweisung für die Stadt Lübek, jene 2000 Mark Silbers zurückzuzahlen) als theure Reliquien die Kostbarkeiten, welche der Vater bei dem Antritte der verhängnißvollen Pilgerfahrt zu Akkon im Ordens=


1) Meklenb. Urk.=Buch III, Nr. 1934 u. 1935.
2) Meklenb. Urk.=Buch III, Nr. 2030.
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hause zurückgelassen hatte: eine goldene Spange, 2 Gürtel, 2 silberne Kannen und einen in 4 Theile zerlegten (silbernen) Becher 1 ). Damals gab der junge Fürst noch der Hoffnung Ausdruck, daß, wenn Gott Gnade gäbe, sein Vater noch einmal wieder aus den Fesseln der Saracenen befreiet werden möchte. späterhin aber begegnen wir ähnlichen Spuren von Hoffnung nicht mehr. In der That nahmen auch die Angelegenheiten der syrischen Christen bald einen Verlauf, der dem Fürsten jede Aussicht auf die Rückkehr seines Vaters raubte.
Wirich von Homberg hatte den oben erwähnten Brief zu Akkon unter dem schmerzlichen Eindruck geschrieben, den Kalavuns letzter Zug nach Syrien hinterlassen mußte. Längst war nämlich dessen Auge auf die schöne und feste Stadt Tripolis gerichtet gewesen, im Frühling 1289 aber lockte ihn ein ungetreuer Diener der Fürstin Lucia selbst herbei. Wiewohl die Christen dieses Mal in richtiger Würdigung der Gefahr einig waren und alle treuen Beistand leisteten, fiel doch nach tapferster Vertheidigung Tripolis am 27. April 1289; es ward von dem Sultan geplündert und dem Erdboden gleich gemacht 2 ). - In diesem Ereigniß ahnten nun Viele nur ein Vorspiel dessen, was Akkon zu erwarten hatte. Schon wanderten fortan manche Christen von hier nach Europa aus; aber nur sehr wenig neue Verteidiger fanden sich in der bedroheten Stadt ein. Dazu kam, daß die Machthaber dort bald wieder uneins wurden und auch nicht die durch die Verhältnisse gebotene Klugheit bewiesen. Als der Sultan für vielleicht von Saracenen provocirte Friedens=


1) Meklenb. Urk.=Buch III, 2042 u. 2043. - Eine sonderbare Entstellung des Sachverhalts finden wir bei Kirchberg Cap. 134 (p. 774). Er schreibt von Heinrich dem Pilger:
         Da (zu Akkon) liez her alle syne ubirmaz
dy her hatte von gelde,
         czwey tusint guldene ich melde,
by eyme creditor zumal,
         dem in dy konigynne beual.
Daz gelt liez holen sidder
         syn son, her Hinrich, widder
vnd virczerte ys uf der vart
         zu Erforte, da her rittir wart,
by czid des Romischen koniges da,
         den man Rudolf nante ja.
- Die Quittungen, welche Heinrich II. am 20. Jan. und Anastasia am 1. Febr. 1290 der Stadt Lübek über die Rückzahlung jener 2000 Mark Silbers ausstellten, s. M. U.=B. Nr. 2057 und 2059.[Absatzende]
2) Wilken VII, S. 699 f.
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Verletzungen Einzelner Genugthuung forderte, schlug man ihm dieselbe ab. Da brach er im October 1290 zur Zerstörung der unglücklichen Stadt aus Kairo aus. Ihn selbst ereilte nun freilich der Tod, noch bevor er die Grenze Aegyptens überschritt; aber sein bereits zu seinem Nachfolger bestimmter Sohn Aschraf, ein Mann von wilder Gemüthsart, brannte vor Begier, des Vaters Plan auszuführen, er wies alle Friedensunterhandlungen zurück. Wohl vertheidigten die Christen in der letzten, höchsten Gefahr Akkon aufs Mannhafteste; aber den gewaltigen Anstrengungen der Muhammedaner konnten sie auf die Dauer nicht widerstehen: nach etwa 6 Wochen ward am 18. Mai 1291 die Stadt des Sultans Beute, und nach 3 Tagen mußten auch die letzten Helden, die sich in eine Burg geworfen hatten, capituliren. Sie wurden, wie die meisten Männer, welche gefangen waren, niedergehauen (70000, nach Andern sogar 105000 Christen fanden in Akkon ihren Tod), die Weiber, die nicht entkommen waren, wurden zu Sklavinnen gemacht, die herrliche Stadt in einen Aschenhaufen verwandelt. Die Christen verließen gleichzeitig Tyrus, bald auch Sidon; ein Emir zerstörte Beirut; aus der Burg Atslits, dem Pilgerschloß und Tortosa entflohen die Christen. Ihre Ansiedelungen in Syrien hatten damit ein Ende.

Nun hörte man, seitdem der Verkehr des Abendlandes mit Syrien abgebrochen war, in Meklenburg nichts mehr von dem gefangenen Landesherrn. Zweimal erfuhr man schreckliche Täuschungen 1 ). Es erschienen nämlich nach einander zwei Betrüger, die sich für den Fürsten Heinrich den Pilger ausgaben. Des Fürsten alte Räthe Detwig von Oertzen und Heinrich von Stralendorf prüften und entlarvten sie jedoch; der eine ward in der Stepenitz bei der Börzower Mühle ersäuft, der andere zu Sternberg verbrannt. Auf die Heimkehr des echten Pilgers rechnete man, seitdem bereits mehr als 20 Jahre verflossen waren, nicht mehr; Heinrich II. führte noch immer des Vaters Siegel und bewies sich dadurch immer noch als dessen Stellvertreter in der Regierung, aber er bezeichnet ihn in einer Urkunde vom 20. Januar 1298 als verstorben 2 ).


1) Kirchberg, Cap. 135 (p. 777).
2) Meklenb. Urk.=Buch IV, Nr. 2480: felicis memorie dominos Hinricum proauum, Johannem auum et Hinricum patrem nostrum Magnopolenses.
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Und doch hatte Gott den unglücklichen Pilger nicht nur erhalten; sondern am 20. Januar 1298 war Heinrich auch bereits in Freiheit gesetzt und aus der Heimkehr ins Vaterland begriffen.

Jedoch nicht Aschraf, dem Zerstörer von Akkon, der die Zahl der Gefangenen noch erheblich mehrte, hatte der meklenburgische Fürst seine Freilassung zu verdanken. Wie Heinrich schon bis dahin in der "Bergfeste" bei Kairo manchen Wechsel im Regimente des Saracenenreiches gesehen hatte, so erfuhr er solche dort auch noch mehrere; er hat in Aegypten noch schreckliche Ereignisse erlebt. Verachtung muhammedanischer Satzungen, unnatürliche Wollust und grausame Behandlung einiger Emirs, welche sich Aschraf zu Schulden kommen ließ, machten es seinem ehrgeizigen höchsten Beamten, dem Emir Baïdara, leicht, eine Verschwörung gegen des Sultans Leben mit mehreren Emirs anzuzetteln; sie ermordeten ihn auf der Jagd im Decbr. 1293. Baïdara und die meisten Mörder traf alsbald die Strafe, sie wurden niedergemacht; Aschrafs Bruder Nâser=Mohamed, noch ein Knabe, ward von den Emirs auf den Thron gesetzt, der Emir Ketboga führte die Regierung. Letzterer aber ließ seine Nebenbuhler ermorden, setzte sich im December 1294 selbst auf den Thron in der "Bergfeste" und sperrte den abgesetzten jungen Sultan daselbst in ein Gefängniß. Die Regierungszeit Ketbogas (Melik=Adel nannte er sich) war aber eine höchst traurige; Aegypten und Syrien wurden zwei Jahre lang von einer furchtbaren Theurung und Hungersnoth heimgesucht; in Kairo überstieg das Elend und die Sterblichkeit alle Vorstellung. (Damals mögen die Ersparnisse Martin Bleyers seinem fürstlichen Herrn sehr zu Statten gekommen sein.) Uebrigens entzweite sich auch Ketboga mit den Emirs; diese bildeten, während er mit seiner Armee auf dem Wege von Damaskus nach Kairo begriffen war, eine Verschwörung gegen ihn. Nur mit Mühe entkam der Sultan aus seinem Zelte nach Damaskus; sein erster Reichsbeamter, Ladjin, ward, nachdem er den Emirs hatte schwören müssen nicht zu ihrem Nachtheil seine Mamluken zu begünstigen, vom Heer als Sultan (Melik=Mansur) anerkannt (Novbr. 1296). An der Seite des Kalifen zog der neue Herrscher in Kairo ein, und an demselben Tage fielen zur Freude der Bevölkerung die Preise der Nahrungsmittel um die Hälfte; die rückständigen Steuern des ganzen Reiches hatte er schon erlassen. Auch Damaskus erkannte Melik=Mansur an; Ketboga mußte sich ergeben. Da er Treue gelobte, verschonte

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ihn Lagdin und Schenkte ihm ein Bergschloß; auch manche gefangene Emirs und Mamluken wurden in Freiheit gesetzt 1 ).

Ladjin war von Kalavun zum Emir erhoben; unter Aschraf war er Anfangs Statthalter zu Damaskus gewesen, aber während der Belagerung von Akkon in Folge von Angeberei unschuldiger Weise vom Sultan verhaftet, hernach freigelassen, späterhin aber, weil sein Schwiegervater in Ungnade fiel, abermals verhaftet und, nachdem dieser getödtet war, strangulirt. Da aber die Bogensehne, mit der die Erdrosselung vollzogen ward, gerissen war, hatte ihn Aschraf auf Fürbitte anderer Emirs begnadigt, weil er hoffte, Ladjin würde an den Folgen der Erdrosselung sterben 2 ). Hernach hatte Ladjin an der Ermordung Aschrafs persönlich Antheil genommen, und dieser Mord peinigte fortan sein Gewissen; er erwartete, daß Mord durch Mord gesühnt werde 3 ). Und wiewohl er eine durch Milde und Gerechtigkeit ausgezeichnete Regierung führte, auch den abgesetzten Sultan Nâser=Muhammed aus der Gefangenschaft auf das Schloß Krak sandte und demselben schwur, ihm, wenn er zu seinen Jahren gekommen sein würde, die Regierung zu übergeben und sich bis dahin nur als dessen Reichsverweser zu betrachten 4 ): ist jene Befürchtung doch eingetroffen. Der Hochmuth seines übrigens thätigen und uneigennützigen ersten Reichsbeamten Mankutimur, dem der Sultan nur allzu viel Gewalt einräumte, erzeugte eine Verschwörung, welcher beide im Jahre 1299 zum Opfer fielen 5 ).

Dieser Sultan Mansur=Ladjin ist es also, unter dessen Regierung der Fürst Heinrich von Meklenburg seine Freiheit wieder gewann; und alle ältesten Berichte stimmen darin überein, daß er sie dem Sultan selbst verdankte 6 ).


1) Makrizi II, 2, p. 41 flgd.
2) Makrizi II, 1, p. 129, 134, 142, 145.
3) Makrizi II, 1, p. 153; II, 2, p. 97, 106.
4) Makrizi II, 2, p. 55.
5) Abulfeda, T. V. Makrizi p. 97: "On ne pouvait lui reprocher d'autre défaut que son excessive soumission à son mamlouk et son naib l'emir Mankoutimour, dont il suivait tous les avis et adoptait toutes les volontés -. Cette conduite causa la mort tragique de l'un et de l'autre; elle amena aussi la dévastation des provinces de l'empire, en suscitant l'invasion de Gazan.
6) Nur Alb. Krantz deutet (Wandal. VII, 45) auch die Vermuthung einer heimlichen Flucht an: "Jam enim veteres captivi minus coeperarnt custodiri. Vnde factum est, ut varia fortuna saepe et multum per itinera delitescens Romam perveniret." Und Kirchbergs Erzählung erachtet er "non tam verisimilem."
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Ueber die Veranlassung aber giebt nur Kirchberg einen Bericht, und zwar (Cap. 134) ausdrücklich unter Berufung auf die umlaufende Sage.

Nach dieser meklenburgischen Sage war Ladjin ein Renegat und offenbarte sich als solcher dem Fürsten Heinrich, als er am Abend vor Weihnachten (1297) zu demselben in den Kerker trat und ihn fragte, ob er ihn zu Ehren seines Schöpfers an dessen Geburtstag in Freiheit setzen solle. Heinrich lehnte Anfangs solches Geschenk ab, weil er daheim die Seinen doch wohl nicht mehr am Leben und sein Land in fremden Händen finden würde. Der Sultan aber flößte seinem Gefangenen Muth ein, indem er ihm mittheilte, er habe gehört, daß seine Gemahlin noch lebe und sein Sohn regiere. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit gab sich darauf Ladjin zu erkennen als ein vormaliger Diener des Fürsten Johann von Meklenburg; noch jung sei er zu Riga dessen Geschützmeister 1 ) gewesen und habe dort auch seinen jetzigen Gefangenen selbst gesehen. Später - so erzählte er weiter - sei er "zu dem keisyr von Tartarye" gezogen, habe sich in dessen Dienst "lange czid" aufgehalten und allmählich emporgeschwungen, und sei nun zuletzt Sultan von Aegypten geworden. Jetzt bat ihn der Gefangene, ihn mit seinem Diener nach Akkon zu entlassen, wo er Kaufleute zu finden hoffe, die sie in ihre Heimath mitnehmen möchten. Am Weihnachtstage ward Heinrich mit reichen Gaben in Gesellschaft Martin Bleyers nach Akkon entsandt.

So die Sage. Der Schluß ist aber ersichtlich unhistorisch; denn Akkon lag ja in Trümmern. Wohl hielten dort 60 bis 80 Söldner Wache, welche gegen deutsche Pilger, die dahin kamen und an ihrem Gange erkannt wurden, sich freundlich betrugen, ihnen sicheres Geleite gaben und mit denselben trotz des Verbotes im Koran Wein tranken 2 ); aber Heinrich konnte dort doch keinen Schuldner mehr finden, bei dem er vor 27 Jahren Geld niedergelegt hatte, und der, wie Kirchberg weiter meldet, sich dessen nicht mehr entsann, aber den Fürsten nun doch gastlich ausnahm und ihm ein Schiff ausrüstete. Wir können auch sofort in das Gebiet der Erfindung verweisen, was die Sage weiter meldet, daß nämlich Heinrich auf dem Meere abermals von Saracenen gefangen genommen und dem Sultan wieder zugeführt, von diesem


1) "Ich waz dyn wergmeystir, da du da weris zu Riga; armburst hantwerk wol ich kunde recht berichten" -.
2) Chron. ord. eq. Teuton., p. 763, bei Wilken VII, 771.
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aber zum zweiten Male reichlich beschenkt entlassen sei und dann unterwegs seine Tanten, die Königinnen von Cypern und Marsilien, besucht habe.

Indessen, so unglaublich die ganze Sage klingt, dürfen wir uns, da sagen meistens einen historischen Kern bergen, einer Prüfung ihres Inhaltes und der Frage nach ihrer Entstehung nicht entziehen.

Glücklicher Weise hat uns Kirchbergs jüngerer Zeitgenosse, der von uns oft angezogene ägyptische Geschichtschreiber Makrizi (geb. 1364 zu Kairo) 1 ) aus dem Schatze seiner sehr umfänglichen biographischen Forschungen auch genügende Personalien über den Sultan Ladjin mitgetheilt, welche uns in den Stand setzen, jene ganze Sage zu widerlegen.

Ladjin zählte bei seiner Ermordung im J. 1299 erst etwa 50 Jahre 2 ), er ist also um 1249 geboren; und er war schon Mamluk in Aegypten in einem Alter von etwa 10 Jahren. Denn als 1259 der Sultan Melik=Mansur (Sohn des Melik=Moezz=Aïbek) abgesetzt und mit seinem Bruder und seiner Mutter von dem neuen Sultan Kotuz in das griechische Kaiserthum verbannt war, ward unter andern seiner zurückgebliebenen Mamluken der "kleine Ladjin" an den Emir Kalavun verkauft. Der neue Herr gewann "den Kleinen" (assaghir) oder den "Rothkopf" (schukaïr, er hatte röthliches Haar und blaue Augen) lieb, machte ihn Anfangs zu seinem Pagen und ließ ihn in seinem Dienste aufsteigen; und als Kalavun hernach (1277) Sultan geworden war, erhob er Ladjin, wie bereits erzählt ist, zum Emir und zum Gouverneur (naïb) von Damaskus 3 ). Die weiteren Schicksale Ladjins sind schon oben kurz erwähnt. Daß er ein heimlicher Christ gewesen sei oder den Islam vernachlässigt habe, wirft ihm nicht einmal sein entschiedener Gegner Abulfeda vor. In seiner Jugend war er dem Weine ergeben gewesen; später verabscheute er Wein und Spiel, lebte äußerst mäßig, fastete und betete, wie es der Koran vorschreibt, und fand in reichen Spenden von Almosen seine Freude; Gerechtigkeit und Billigkeit erwarben ihm allgemeine Liebe 4 ). Als er nach der oben erwähnten Strangulirung in einer verfallenen Moschee (von


1) S. Quatremère, Vorrede zu seiner Uebersetzung I, 1, p. II flgd.
2) Makrizi II, 2, p. 97: Au moment de sa morte tragique, le prince etait àge d'environ cinquante ans. Il était roux, avait des yeux bleus, le visage marqué de veines. Il était d'une grande taille, avait un aspect imposant.
3) Makrizi II, 2, p. 40.
4) Makrizi II, 2 p. 53, 97, 102, 103, 114.
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Tulun) eine Zuflucht gefunden hatte, gelobte er, sie, wenn er am Leben bliebe, dereinst wieder aufzubauen, und er hat als Sultan das Gelübde erfüllt. Er gründete daneben eine große Akademie, welche fast ausschließlich der Auslegung des Korans und der Traditionen des Propheten, sowie des muhammedanischen Rechts für alle vier orthodoxen Secten dienen sollte, und eine Freischule, wo Waisen den Koran lesen lernten 1 ). Von einer geheimen Hinneigung Ladjins zum Christenthum wissen aber die arabischen Schriftsteller leider nichts.

Entsprang denn jene Sage, welche uns Kirchberg aufgezeichnet hat, aus einer dunklen Kunde von der Milde des Sultans Ladjin? Vielleicht dürften wir aus seinem Charakter, aus seiner Milde und seiner Zuneigung zu tugendhaften Menschen, welche ihm besonders nachgerühmt wird 2 ), ohne Weiteres uns den Gnadenact gegen einen gefangenen Fürsten, den man in Aegypten für einen Heiligen ansah, und von dem auch längst kein Lösegeld mehr zu erwarten war, hinlänglich erklären. Eine Veranlassung dazu war leicht gefunden; wahrscheinlich aber war es folgende.

Der Sultan Mansur=Ladjin verletzte sich im Herbste 1297 schwer die Hand, und mußte daher zwei Monate lang in seinem Palaste verweilen. Als er dann am 21. Tage des Monats Safar (= 7. Decbr.) zum ersten Male aus der Burg auf den Meïdan hinabritt, fand er Kairo und Misr (Fostat) prächtig geschmückt, Häuser und Läden wurden an Schauluftige theuer vermiethet: so groß war die Freude über die Genesung des überaus beliebten Herrschers. "Bei seiner Rückkehr vom Meïdan," erzählt Makrizi, "bekleidete dieser Fürst die Emirs mit Ehrengewändern, theilte Almosen an die Armen aus und setzte mehrere Gefangene in Freiheit 3 )."

Dieser Erzählung des ägyptischen Geschichtschreibers glauben wir eine große Wichtigkeit für unser Thema beilegen zu müssen. Denn wenngleich Makrizi leider die Gefangenen, welche der Sultan mit der Freiheit beschenkte, nicht namhaft macht, so wagen wir doch die Vermuthung, daß sich unter ihnen der, wie wir wissen, in Kairo und weiter wohl bekannte und für heilig gehaltene Fürst von Meklenburg


1) Marai bei Reiske zum Abulfeda V, p. 407; Makrizi II, 2, 46-49.
2) Makrizi II, 2, p. 97: il aimait la iustice, montrait de l'inclination pour tout ce qui était bien, chérissait les hommes vertueux, et était d'un commerce aimable.
3) II, 2, p. 54: et mit en liberté plusieurs prisonniers.
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befand. Immerhin stimmt die Zeit sehr gut. Die Vorbereitungen zur Reise konnten einige Wochen in Anspruch nehmen, die Abreise von Kairo Weihnachten erfolgen; damit möchte auch die Einmischung dieses Festes in die Sage ihre Erklärung finden.

Allem Ansehen nach hatte der Sultan zu solchem Gnadenacte aber auch noch einen besonderen Beweggrund, den uns eine gelegentliche Aeußerung in der Chronik Albrechts von Bardewik enthüllt.

In dieser wird nämlich zunächst nur die Freilassung mit kurzen Worten berichtet: "Der Sultan gab ihn ledig und los der Gefangenschaft von wegen seiner Trefflichkeit (ghode); denn man sagte im ganzen Lande, daß er (Fürst Heinrich) heilig wäre. Und der Sultan gab ihm auch seinen Knappen wieder, der mit ihm über See gefangen genommen ward, der heißt Martin Bleyer. Der Sultan über See ließ dem Herrn von Meklenburg Guts genug geben." - Hernach aber erfahren wir, daß der Sultan dem Fürsten eine - leider nicht näher bestimmte - Botschaft an den Papst auftrug; und eben hierin ist vielleicht das vornehmste Motiv Ladjins bei der Freilassung seines Gefangenen zu suchen.

Möglicher Weise entsprang aber auch aus der dunklen Kunde von der Botschaft des Sultans an den Papst und an die Ueberlieferung, daß die Reliquie vom Heil. Kreuz, welche der Fürst mit heimgebracht haben soll, ein Geschenk des Sultans gewesen sei, die ganze Sage von Ladjins heimlichem Christenthum, die dann bis auf Kirchbergs Zeit eine sehr ausgebildete Gestalt gewonnen hatte, hernach aber noch dahin erweitert ist, daß der Sultan "eines Müllers Sohn aus Gadebusch" gewesen sei, was selbst David Franck "so gar unglaublich nicht" fand, obwohl er sich im Gegensatz zu Latomus mehr zu Krantzens Meinung von heimliche Flucht hinneigte 1 ). -

Begleiten wir jetzt den Fürsten Heinrich auf seiner Heimfahrt nach etwa 26 und einem halben Jahre, von denen er fast volle 26 Jahre in der Gefangenschaft verlebt hatte!

"De soldan van over mere," so berichtet uns die Chronik des Kanzlers Albrecht, "de leyt gheven deme heren "van Mekelenborch rede ghut. Darmede quam he by "dessyt des meres an de prinsinnen van der Moreyen.


1) Latomus, Genealochron. bei Westph. IV, p. 263. - Franck, A. u. N. M. V, p.135.
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De leyt eme gheuen somere" (Saumthiere) "unde andere perde, dartho twe bunter cleidere und rede ghut an groten Tornoysen tho pantquerttinghe" (zum Reisebedarf); aldus untfench de prinsinne den edelen man an groter werdicheyt unde myt innygher leve. Darna karde he van dennen und nam orlof van der prinsinnen, unde he quam tho Rome."

Also nicht gerades Weges fuhr der Fürst aus einem ägyptischen Hafen nach Italien, sondern zunächst nach Morea, wo die an der Südküste belegenen venetianischen Seestädte Modon und Korone den Handel nach Aegypten vermittelten. Die Herrschaft über einen großen Theil von Morea aber führte damals, wie wir schon oben S. 55 f. erwähnten, die Erbtochter des Fürsten Wilhelm von Villehardouin, Fürstin Isabelle von Achaja, damals eben Wittwe des Florenz d'Avesnes von Hennegau, die mit ihrer einzigen Tochter, Mathilde von Hennegau, zu Andravida Hof hielt; diese also war die "Prinsinne van der Moreyen", die dem Pilger eine so freundliche Aufnahme und Unterstützung gewährte. Andravida lag Zakynthos gegenüber an der Westküste von Morea, die Ueberfahrt nach einem neapolitanischen Hafen am Ionischen Meere war von dort aus leicht auszuführen. Ob man nun aber aus Kirchbergs verwirrtem Berichte (S. 79 f.) dann weiter entnehmen darf, daß Heinrich der Pilger auf dem Wege nach Rom die damals längst verwittwete Königin Margarete von Neapel noch aufsuchte, das lassen wir dahin gestellt sein.

In Rom gelangte er, wie wir von Detmar und Albrecht hernehmen, mit seinem Diener am Freitage vor Pfingsten (am 23. Mai 1298) an. Dort traf er den Lübeker Stadtschreiber Alexander Hüne, der sich eben in Geschäften seiner Vaterstadt daselbst aufhielt; und von diesem konnte er nun endlich gewisse und ausführliche Kunde über die Schicksale seines fürstlichen Hauses und den Zustand seines Landes erfahren. Wie gespannt mag er auf dessen Mittheilungen gelauscht haben!

Da gab es dann freilich manch betrübendes Ereigniß zu erzählen. Des Fürsten einzige Tochter Liutgard war wenige Jahre nach seiner Abfahrt aus der Heimath mit dem Herzog Przemislav von Gnesen vermählt, aber neun Jahre hernach von ihrem Gemahl einer Buhlerin halber ums Leben gebracht; Heinrichs jüngerer Sohn, Johann III., war 1289 aus einer Fahrt von Wismar nach Pöl ertrunken; Heinrichs Brüder, die beiden Geistlichen Nicolaus und

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Hermann, sowie seine Schwester, die Gräfin Elisabeth von Holstein, waren gestorben; auch seine Oheime Nicolaus von Werle und Burwin von Rostock, sowie des Letzteren Söhne waren gleich manchen andern Verwandten längst heimgegangen; sein Vetter Heinrich von Werle, dem er einst die Vormundschaft mit zugedacht hatte, war sogar von seinen Söhnen ermordet! Mancher Krieg hatte das Land durchtobt. Aber des Fürsten Gemahlin Anastasia war noch am Leben; ihr Sohn Heinrich II. führte das Regiment mit kräftiger Hand und lebte seit 6 Jahren in einer glücklichen (wenngleich mit keinem Sohne gesegneten) Ehe mit Beatrix von Brandenburg.

Durch Hünes Beihülfe gelang es auch dem Pilger, schon am ersten Pfingsttage (25. Mai) eine Audienz beim Papste Bonifacius VIII. zu erlangen. Der Papst empfing ihn sehr herzlich, hörte seine Botschaft vom Sultan Ladjin mit Aufmerksamkeit an, verkündete dem frommen Dulder die Vergebung seiner Sünden und entließ ihn mit seinem apostolischen Segen.

Von Rom aus schlug der Fürst von Meklenburg den Landweg über die Alpen nach Deutschland ein; ohne Zweifel ging er über den Brenner durch Baiern, Franken und Thüringen. Denn er besuchte hier (nach Kirchberg) seine mütterlichen Verwandten, die Grafen von Henneberg. Sein weiterer Weg führte ihn nach Magdeburg, wo der Rath ihn gastlich aufnahm. Wollte er von hier aus auf der kürzesten Straße in seine Heimath, nach Wismar, zurück kehren, so hatte er sich nach Dömitz oder Grabow zu wenden, welche Städte damals beide zur Grafschaft Danneberg gehörten 1 ).


1) Nach Detmars Bericht kam Heinrich der Pilger am Bartholomäustage (24. August) 1298 wieder ins Land, und zwar, mit Unterstützung eines Fürsten, zunächst nach Lübek; er Ward hier feierlich empfangen zog nun in sein Land und weiter in das Lager vor Glaisin. Dieser Bericht ist aber unglaubwürdig in sich; Detmar verwechselt die Reihenfolge der Begebenheiten. Den Besuch zu Lübek machte der Fürst nach Albrechts sehr zuverlässiger Chronik erst später (von Wismar aus); davon aber, daß er 1298 zweimal in Lübek gewesen sei, weiß keine Quelle etwas. Kirchbergs Angaben sind mit denen Detmars unvereinbar; denn von Magdeburg aus wird der Fürst doch nicht an Glaisin und an Meklenburg vorüber nach Lübek gezogen sein? Daß er aber Magdeburg berührt hat, kann nicht bezweifelt werden, da Kirchberg von hier an den Angaben eines Augenzeugen folgt, jenes Magdeburgischen Chorschülers Berthold von Weimar, der sich dort eben dem Fürsten anschloß. S. oben S. 45.
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Dort aber, zu Dömitz oder zu Grabow, konnte ihm die Nachricht nicht entgehen, daß die den beiden Städten nahe gelegene Burg Glaisin durch seinen Sohn Heinrich II. und seinen Bruder Johann von Gadebusch, die Herzoge von Sachsen=Lauenburg, brandenburgische und lübische Mannschaften belagert ward; es galt, an den Vertheidigern der Burg, Hermann und Eckhard Rieben und deren Genossen, die Strafe für schweren Landfriedensbruch zu vollstrecken.

In das Lager vor Glaisin sandte also der heimkehrende Fürst die Botschaft von seiner bevorstehenden Ankunft voraus.

Aber durfte man solcher Meldung Glauben schenken, da man schon zweimal so schrecklich getäuscht war? Natürlich erregte die Botschaft am meisten den Sohn des Pilgers, Heinrich II. Dieser hatte, als vor 27 Jahren der Vater von ihm zog, erst drei Jahre gezählt; ihm schwebte, wenn überall noch eine einigermaßen klare Erinnerung von dem Vater, nur das Bild eines Mannes in voller Kraft (von kaum 40 Jahren!) vor; er konnte also nicht selbst die Aufgabe übernehmen, die Echtheit des neuen Ankömmlings zu prüfen. Darum eilte er sofort nach Wismar, setzte die Mutter von dem Vorfall in Kenntniß und brachte die alten Räthe, welche früher die beiden Betrüger entlarvt hatten, Detwig von Oertzen und Heino von Stralendorf, mit sich ins Lager vor Glaisin 1 ). Auch die erkannten an seiner Gestalt ihren alten Herrn nicht wieder, so "verzehrt" war sein Körper; aber aus den Antworten, welcher der Pilger aus ihre Fragen gab, überzeugten sie sich, daß es der alte Fürst Heinrich war. Jetzt erst konnte man sich der vollen Freude hingeben. Die Fürstin Anastasia, hievon benachrichtigt, kam ihrem Gemahl, der den kürzesten Weg nach Wismar durch die Grafschaft Schwerin einschlug, bis an die Grenze der Herrschaft Meklenburg, bis Hohen Vicheln, entgegen. So unkenntlich Andern seine Erscheinung gewesen war, das Auge der Gemahlin erkannte an gewissen Wahrzeichen den Eheherrn sogleich wieder 2 ).

Staunen und Jubel ging durch das Land; Wismar bereitete dem alten Landesherrn einen feierlichen Empfang. Am Tage Pantaleons 3 ), am 28. Juli, traf er dort ein; das


1) Kirchberg, Cap. 135.
2) Kirchberg, Cap. 135; Detmar z. J. 1298.
3) Latomus bei Westphalen, Monum. ined. IV, p. 262: "Desselbigen Jahrs ist auch der 26 Jahr gefangen gehaltene Herr von Meckelnburg Henricus am Tag des Martyrers Pantaleonis, welcher (  ...  )
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Holz des heiligen Kreuzes, welches er mitgebracht hatte, in den Händen tragend, soll er in großer Procession von den Bürgern und der Geistlichkeit in die Marienkirche zu einem Te Deum geleitet sein und die eine Hälfte der Reliquie an das Franciscaner=Kloster zu Wismar, die andere an das Kloster Doberan geschenkt haben.

Nachdem der Fürst von Allen begrüßt, Alles, was ihm in den 27 Jahren seiner Abwesenheit aus Meklenburg widerfahren war, und Alles, was sich unterdessen daheim ereignet hatte, ausgetauscht, auch die Anstrengungen der Reise einigermaßen überwunden waren: da machte er - am 24. August vermuthlich (dem Datum Detmars) - der Nachbarstadt Lübek, welche sich einst so eifrig, wenngleich erfolglos, um seine Befreiung bemühet hatte, einen Besuch. Sobald sie seine Annäherung vernahmen, ritten ihm Rathsherren und Bürger "mit Schalle" entgegen; sie empfingen ihn mit dem Gesange: "Justum deduxit Dominus" und mit andern Ehren und sandten ihm zum Willkommen reiche Geschenke.

"Während der Herr von Meklenburg zu Lübek verweilte", so schließt die Chronik Albrechts ihren Bericht, "da starb sein treuer Dienstknecht, der mit ihm über Meer gefangen war, Martin Bleyer; und er ist zu Wismar begraben. Also nimmt die Märe ein Ende."

 

Ornament

(  ...  ) ist der 28. tag Julii, wiederumb zur Wismar ankommen, und hat mit grosser stattlicher Procession der Statt und Clerisey, das holtz des heiligen Creutzes, so ihm der Soldan verehret hatte, in den händen getragen. Da haben die Clerici in St. Marien=Kirche, dahin Er geführet, mit großen Freuden gesungen Te Deum laudamus etc. Die helffte des heiligen Creutzholtzes hat Er den Brüdern des Franciscaner=Closters daselbst, die ihn mit den heiligen Creutz für seinem Wegzug gezeichnet, und gesegnet hatten, die andere helffte aber denen zu Dobbran verehret. Wism. Urk." - Latomus bezeichnet mit dem Ausdruck "Wism. Urk." überhaupt eine alte Aufzeichnung in weiterem Sinne (vgl. p. 244 mit Meklenb. Urk.=Buch II, Nr. 1382), und hier ohne Zweifel, wie schon vorher (s. oben S. 63), die abschriftlich im Kirchenbuche des grauen Klosters erhaltene Inschrift auf einer Tafel im Chor; was man schon daraus ersieht, daß er wie diese (Meklenb. Jahrb. VI, S. 100) das unrichtige Jahr 1299 giebt. Man könnte aus Latomus die Abschrift ergänzen. Aus der Tradition, daß der Fürst die Reliquie "vom Sultan", d. h. aus Aegypten "mitgebracht habe", entwickelte sich leicht die Sage, daß er sie vom Sultan selbst zum Geschenk erhalten habe.
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II.

Wallensteins Verordnung

über

Einführung gleichen Maaßes und Gewichtes

in Meklenburg

mitgetheilt

von

Dr. G. C. F. Lisch.


Da in unserer Zeit über die Einführung gleichen Maaßes und Gewichtes, auch gleicher Münze, in Deutschland so viel geredet, geschrieben und verordnet ist, so wird es gewiß Theilnahme finden, lesen zu können, wie ein so entschlossener Mann wie Wallenstein in gleicher Angelegenheit im Jahre 1629 in seinem neuen Lande Meklenburg verfuhr, indem er folgende Patent=Verordnung erließ.

Von Gottes Gnaden Albrecht, Hertzog zu
Friedland vnd Sagan, etc .

" E Rsame liebe Getrewen, Nachdem Wir aus erheblichen vnd wichtigen Vns darzu bewegenden Vrsachen, vnd bevorab zu befürderung des gemeinen besten, entschlossen, in vnsern sämbtlichen Mecklenburgischen Fürstenthumben vnnd Landen, auch denselben incorporirtem Stifft eine eintzige durchgehende

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an Scheffeln, Maaß, Ellen vnd Gewicht hinfüro zu gedulden vnd gebrauchen zu lassen, vnd dargegen alle andere hinweg zu thun vnd abzuschaffen, Vnd nun für rhatsam vnd gut befunden, daß der Rostocker Scheffel, Maaß, Elle vnd Gewicht beybehalten, vnnd alle andere hiernach reguliret vnd gleichförmig gemacht werden sollen.

Demnach überschicken wir euch hierbey einen rechten Rostocker Scheffel, nebenst Maaß, Elle vnd Gewicht, mit gnädigem begehren vnd ernstem befehlich, daß ihr alle in vnser Stadt

bey den Bürgern vnd Einwohnern vorhandene Scheffel, Maaß, Ellen vnd Gewicht auff das Rhathaus fürdern vnd bringen, vnd alles nach dem jetzo überschicketen Rostocker vorgleichen vnd wrogen, welche aber etwan nicht gleich gemacht werden könten, entzwey schlagen vnd zerbrechen, vnd hinfüro durchauß keine andere dann Rostocker Maaß gedulden, vnd von jemands, er sey auch wer er wolle, nit gebrauchen lassen, euch auch im Einkauff vnd wieder verkauffung der Waaren, proportionabiliter darnach richten sollet.

Vnd damit diß vmb so viel beständiger in schwang gebracht werden müge, setzen Wir pro certo termino hier zu nechstkommenden Tag Johannis Baptistæ, alßdann diß alles seinen anfang gewinnen, vnd folgends steiff, fest vnd vnvorbrüchlich gehalten werden solle, Vnd jhr vollnbringet daran Vnsern gnädigen auch ernsten zuvorlessigen Willen vnd meynung. Datum Güstrow den 6. Maji, Anno 1629."

Ad mandatum suæ Celsitudinis
proprium.

DEn Ersamen Vnsern lieben Getrewen,
   Bürgermeistern vnnd Rhatmannen
     in Vnser Stadt

Nach dem gedruckten Patent auf einem halben Bogen Papier im großherzoglichen Geheimen und Haupt=Archive zu Schwerin.

Ornament
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Briefe Wallensteins,

meistentheils über Meklenburg,

aus der Zeit von 1627 bis 1630,

mitgetheilt

vom

Professor Dr. Ottokar Lorenz

zu Wien.

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III.

Briefe Wallensteins,

meistentheils über Meklenburg,

aus der Zeit von 1627 bis 1630,

mitgetheilt

vom

Professor Dr. Ottokar Lorenz

zu Wien.


Vorbericht.

Wohl selten ist für die Meklenburgische Geschichte ein so wichtiger und anziehender Fund gemacht, als die Entdeckung der hier mitgetheilten Briefe Wallensteins, welche zum größten Theil Meklenburg betreffen oder berühren. Die Briefe, aus der Zeit von 1627 bis 1630, sind fast alle an den bekannten Obersten Sant Julian gerichtet, welcher im Jahre 1628 auch Wallensteins Bevollmächtigter in Meklenburg war, bis dieser in demselben Jahre selbst in seinem neuen Lande erschien.

Die Briefe wurden von dem Herrn Ministerialrath Samwer in Nieder=Oesterreich zu Wallsee gefunden, einer ehemaligen Sant Julianischen Herrschaft, welche jetzt Sr. Hoheit dem regierenden Herzoge Ernst von Sachsen=Coburg gehört. Der Markt Wallsee liegt im Lande unter der Ens, am rechten Ufer der Donau, nicht weit von Amstetten und dem Ufer der Ens.

Der Herzog Ernst, Höchstwelcher bei seiner bekannten und bewährten Theilnahme an der Beförderung der Wissenschaft und Kunst die Wichtigkeit des Fundes erkannte, ließ die Originale dem Geschichtsforscher Professor Dr. Ottokar Lorenz in Wien zur wissenschaftlichen Benutzung übergeben. Herr Professor Lorenz schrieb im Sommer 1874 sämmtliche

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Briefe ab und stellte die Abschriften aus eigner Bewegung vertrauensvoll dem Vereine für Meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde zur Aufnahme in dessen Jahrbücher zur Verfügung. Die Meklenburgische Geschichte verdankt also dem Herren Professor Lorenz die Abschrift der Briefe, Sr. Hoheit dem Herzoge Ernst aber die Ermöglichung der werthvollen Mittheilung, welche zum verehrungsvollen Danke auffordert.

Die Originale sind darauf von Sr. Hoheit dem Herzoge Ernst der herzoglichen Autographen=Sammlung in Gotha zur Aufbewahrung übergeben.

Der Inhalt der Briefe ist sehr merkwürdig und geschichtlich überaus bedeutend. Wir finden in ihnen nicht allein den geschichtlichen Faden während der Herrschaft Wallensteins in Meklenburg, sondern auch die Ansichten und Willensmeinungen des Mannes klar ausgesprochen. Was aber noch wichtiger ist, das ist das Ergebniß, daß alle die großen staatlichen Veränderungen und Anordnungen während der Regierung des strengen Herrschers aus dessen eigenen Ansichten und Vorsätzen hervorgingen. Die Forschungen über Wallensteins Regierungsformen, Leben, Handlungsweise und Charakter, welche aus weitschichtigen Meklenburgischen Archiv=Acten in den Jahrbüchern XXXV, S. 45 flgd., XXXVI, S. 3 flgd. und XXXVII, S. 3 flgd. vorgetragen sind, finden in den Briefen durchweg überraschende Bestätigung.

Was die Form der Briefe betrifft, so sind bei weitem die meisten von Wallensteins eigener Hand geschrieben 1 ). Die Briefe sind auf einen ganzen Bogen Papier geschrieben; sie sind in Briefform zusammengefaltet, auf der Rückseite des zweiten Blattes, wo dasselbe noch vorhanden ist, mit der Adresse versehen und mit dem kleinen Wallensteinschen Secret=Siegel, wo es noch erhalten ist, versiegelt gewesen; das große Meklenburgische Staatssiegel Wallensteins 2 ) kommt nicht vor.

Es folgen hier die Briefe nach der Zeitfolge in wortgetreuem Abdruck. Mögen sie theilnehmenden Forschern reichen Stoff zu tieferen Betrachtungen geben, welche jetzt nicht angestellt werden konnten.

G. C. F. Lisch.



1) Die eigenhändigen Briefe Wallensteins sind (vor der Nummer der Ueberschrift) mit einem Stern * bezeichnet. Die Adresse wiederholt sich, wo erhalten, wie in den ersten Briefen.
2) Von dem großen Meklenburgischen Staatssiegel Wallensteins wird noch ein Stempel im Staats=Archive zu Wien aufbewahrt.
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* Nr. 1.

1627. August 28.

Die von Breslau werden Zweifls ohn das gelt aufs Regiment erlegt haben, nun hab ich dem herrn geschrieben, das er das, was auf mein person vor Junium und Julium kompt, mir auch vor die Symbol fuer T fändle ebenmessig auf die 2 monat dem Morando abführen, dieweil ich nun die 80 m R. schuldig bin, so wolle der herr das was auf mich kompt, zurück bey sich halten, undt da es anders müglich das ubrig noch so viel, das man die 80 m R. bezahlen soll, von des Regiments gelt nehmen und wenn ich dem herrn avisiren werde solche schuldt der 80 m R. bezahlen, ich versprich ihm was er von des Regiments gelt leihen wirdt, das ich dem Regiment solches in puncto will erstatten, undt dahin erlegen, denn ich bekomme von den Magdeburgern izt gelt; bitt der herr sehe das er so viel gelts bey sich helt, auf das die 30 m R. bezahlt werden, ich wills gewis alsbalden mit dank restituiren undt dem herrn obligirt verbleiben

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Domits den 28. Augst 1627.

Herrn Obristleitnampt
Sant Julian zuzustellen.


* Nr. 2.

1627. Octbr. 29.

Aus des herrn schreiben vernimb ich, das er das gelt von der Contribution auf Prag will nehmen undt wenn ich befehlen werde consigniren; ich sag ihm dank. Er behalt es nur bis zu meiner ankunfft, alsdann will ich mich mitt ihm in allem vergleichen, undt dahin gewis undt unfelbar wiederumb erstatten. Wegen Sagan hab ich mein opinion albereit geendert und begehr nichts mehr in Jhr. Matt. ländern, denn ich sehe, große stück seindt schwer zu bekommen undt unsicher zu halten; proponir nochmals Mechelburg, denn sie haben auch gutte wort geben, aber sich nicht laut ihren Worten verhalten; will mir der Kayser das Landt

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ganz undt gar verkaufen, desto lieber wirdts mir sein; wo aber nicht ganz undt gar, so vermeine ich des eltern theil undt ein stück von des jüngeren, denn er ist auch umb ein stück besser als der elter gewest; in summa ich will machen, das der jünger ihm vor ein gnadt solches wirdt halten, den eltern werden wir mitt etlichen ämptern contentiren, das er wirdt zu leben haben, in summa ich will bey meiner ankunft zu allem mittel bringen. Zu deme es ist ein fürsttl. (?) von 6000 Reichsthalern einkommens im landt, das will ich den Kayser bitten, er wolle wie auch der Bapst sein Bewilligung geben, das ich köndte den Jesuitern geben undt darmit 2 Collegia, eins zu Rostock, das ander zu Wismar sundiren, undt dadurch die Chatholische Religion einführen. Der herr muß aber sehen das diese tractation wegen Mechelburg nicht weiter geht, als zwischen dem fürsten von Egenberg, herren Zerda undt dem herrn allein, das der Fürst derweil preparatoria macht auf das bey meiner ankunft die räthe selbst dies proponiren; als dann will ich mich im anfang ein wenig spreizen undt auf die letzt acceptiren. mit Sagan halte der herr der Zeitt zurück, denn eins ist besser als das ander, ich aber verbleibe des herrn gutwilliger

A. h. z. Fr.                

Rossa den 29. Oktob. 1627.

P. S. Der herr communicire dies alles mit herrn Zerda.

Herrn Obristleitenampt
   Sant Julian zuzustellen.   Prag.


* Nr. 3.

1628. Febr. 9.

Was ich dem Ob. von Ziemann schreiben thue, wirdt der herr aus beylag vernehmen können; bitt undt verlasse mich auf den herren, das diesem wirklich nachgelebt wirdt undt das landt in continenti aller molestien enthebt, das volck so im landt bleiben wirdt, muß von anderwerths ihre underhaltung haben. den Port zu Rostock muß man mitt

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forti alsbalden schließen undt stark befesten, darauf starcke mercidia (presidia) in beyde stett einführen undt in continenti anfangen die Citadellen zu bauen undt was die stett undt stendt contribuiren werden, solches zur Erbauung der Citadellen undt sonsten was im landt wird vonnöthen sein zu fortificiren anwenden. bitt den herrn ganz fleißig, er secundire fleißig diesen mein willen, auf das das landt conservirt, die Citadellen erbaut, wo etwas von nöthen ist zu fortificiren, ohne verliehrung einiger Zeitt fortificiret undt alles unnötigs volck aus dem landt ausgeschafft, daselbige aber, so im landt wirdt bleiben müssen, von anderwerths underhalten, der herr wirdt mich gewis darmitt aufs höchste obligiren, im übrigen remitir ich mich auf des von Walmerode mündlichs anbringen undt verbleibe hirmit

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Prag den 9. Febr. 1628.

P. S. Zu Boizenburg ist von des herrn Generall Tilli Volck gewest, solches muß in continenti zurück undt hergegen mein presidium hinein gethan werden. Was das politisch guberno im landt, Wie auch die Cameralia, bitt ich der herr wolle aufs böste und nützlichste anordnen, wie ichs mitt ihm verlassen hab. Die Fürsten muß man fortschicken, denn zween Hanen auf einem müst taugen nicht zusammen.


* Nr. 4.

1628. Febr. 27.

Ich vernimb vom Ob. von Zieman, das die von Stralsund sich anfangen zu rebelliren, ich befehle ihm sie mitt gewalt anzugreifen undt zum gehorsam zu bringen, denn principiis obsta; der herr muß auf die von Rostock undt Wismar auch wachtsames Aug geben, denn seindt auch böse buben under ihnen, ich vermeine der herr solle in ein jede von bemeldten steten 3000 man zu fus undt 2 comp. reiter legen undt die bürger disarmieren; doch sehen, das von den soldaten daselbst keine Neckereien, oder geltspretensionen geschehen, auch scharfe disciplin gehalten. Zu dem muß der herr den porto bey Warnemündt mitt forti alsbalden

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schlissen undt wol vorsehen. Und dieweil dem Obristen Aldringer undt dem von Walmerode der Obriste von Zieman nicht wirdt bey der huldigung assistiren können, als wirdt der herr alles über sich nehmen müssen, so wol die politica als militaria undt in allem dahien bedacht sein, wie wir uns am besten des landts versichern, insonderheit auff erbauung der Citadellen in beyden steten; solches muß aber ohne Verzug ins Werck gericht werden, darumb bitt ich der herr thue dazu, zum ersten presidire stark die Stett und alsbald schlisse er die porti undt alsdann gleich daraus lasse er die Citadellen machen, aber es müssen realwerck sein, denn die stett seindt mächtig, ich aber verbleibe des herrn gutt= williger

A. h. z. Fr.                

Gitschin den 27. Febr. 1628.

P. S. So baldt die huldigung führüber oder wol zuvor in wehrender oder führangegangener huldigung nach dem der herr der notdurfft wirdt vor sehen, so sehe er das beyde fürsten aus dem landt sich begeben per amor o per forza, denn da muß man alle curtoisie auf die Seit setzen, quia salus suadet. der herr diferire darmitt durchaus nicht.

Herrn hern Obristenn
   Sant Julian zuzustellen
cito.
cito.
citissime
wo er anzutreffen ist.


* Nr. 5.

1628. April 2.

Aus des herrn Schreiben von Warnemündt den 15 Marci datirt hab ich vernommen, was der poeuel in der statt Rostock vor die handt zu nehmen sich unterstehen will, wie der König nicht unterlest, sie durch seine gesandten zum ungehorsam zu solicitiren, auch was der adel sich vor im-

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pertinenzen anzufangen verlauten lest, diesem allem vorzukommen ist dies mitl: der herr halte bey dem Ob. von Zieman an umb mehr Volck, im fall das diese zwey Regiment des Torquato undt Farensbach nicht genung sein. der herr sehe, das in continenti die bürger zu Rostock disarmirt werden undt ein Citadellen angefangen; dies soll auch zu Wismar geschehen, dahero ich denn den herrn aufs fleißigste bitten thue, er wolle keine Zeit verliehren, sondern ohne einzige mora dies ins Werck richten; ihre Abgesandten seindt noch dahie, aber ich weis sie in allem an den Ob. von Zieman, under dessen aber sehen sie, das das, was ich wegen der beyden stett befehlen thue, ins werck ohne einige dilacion gesetzt wirdt. Die herzog sehe der herr ohne einige replica alsbalden aus dem lande schaffen per forza, denn ich will sie durchaus nicht drinnen leiden, bitt der herr komme diesem wircklich undt baldt nach, er wirdt mich obligiren, ich aber verbleibe

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Gitschin den 2. April 1628.

P. S. Der herr wolle alle die Expedicionen von Schwerin, Sternberg undt Büzen auf Küstrau bringen wegen Büzau oder des stiefts Schwerin darf keine andere Expedecion; der herr schlage sie zu des landts von Mechelburg expedicion, denn ich hob mein grosse bedencken darin, et erit unum ovile et dux et non episcopus pastor.

Anm. Büzau ist die Stiftsstadt Bützow.


* Nr. 6.

1628. April 3.

Ich zweifle nicht, das der herr wirdt meine underschiedliche schreiben bekommen haben, in welchen ich dem herrn befohlen, er solle auf alle weis sich der beyden stett wol bemächtigen und in continenti Citadellen daselbst erbauen lassen, denn die noth erforderts undt ich mein propositum auf keinerley weis nicht mutiren werde, dahero denn die efectuirung dessen muß unverzüglichen vor die handt genomen werden; versehe mich also gegen dem herrn, das es gewis geschehen wirdt. Wegen der herzog von Mechelburg

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bitt ich der herr inquirire fleißig, quia salus suadet. Die herzog aber versehe ich mich, das sie auf meine vielfeltige Zuschreiben vom herrn allbereit, auf was vor weis es ist, seindt aus dem landt geschafft worden. Das guberno ziehe der herr alles auf Küstrau, bitt auch der herr sehe auf alle weis, das das landt widerumb angebaut wirdt undt das die untherthanen zum Vieh undt rossen kommen, undt also remitir ich dem herrn das landt ganz undt gar, wie ers anstellen wirdt, also contentire ich mich undt verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Prag 3. Aprill 1628.

P. S. Den Plessen, so abgesandter dahie gewest ist, sehe der herr zu bekommen, gefenglich einziehen undt auf der festung zu Domits wol verwahren lassen; der herr sehe vor meiner Ankunft alle Nothdurft an Unterhaltung machen zu lassen, vor mich undt alle die so mitt mir komen auch vor mich etwas von gelt.

Adresse wie oben.

Anm. Küstrau ist die Stadt Güstrow in der Mitte von Meklenburg, wo Wallenstein in dem großen und schönen, noch stehenden Schlosse der jungem herzoglichen Linie seine Residenz nahm.


* Nr. 7.

1628. April 10.

Nichts anders weis ich dem herrn izt zu schreiben, allein das was ich zuuor so oft befohlen hab wiederholen, als nemblich, das der herr in puncto beyder herzog aus dem landt schaft, zu Rostock undt Wismar Citadellen ohne verliehrung einiger minuten anfengt zu bauen, daselbsten auch die bürgerschaft disarmirt, in politicis undt economicis bestelt wie ers am besten ansieht, ich will zu ende dies dahir aufbrechen, zu ende Maiji zu Küstrau sein. bitt der herr lasse alle preparacion wegen der Unterhaltung daselbst vor mich undt die so mitt mir kommen, machen, wie auch etwas von gelt denn von hinnen bringe ich keins mitt. Den Plessen, so dahir ihr abgesandter gewest ist, lasse der herr

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gefenglich einziehen undt zu Domits wol verwahren, ich aber verbleibe des herrn gutwilliger

A. h. z. Fr.                

Prag 10. April 1628.
Adresse wie oben.


* Nr. 8.

(Ohne Datum. 1628, April.)

Der herr thuet auch meldung in seinem schreiben das die ständt aus Mechelburg mich auf der kraniz empfangen wollen; nun ist es zwar wahr, das mir mitt ceremonien wenig gedient ist, nichts destoweniger auf das sies nicht vor ein ofesa anziehen theten, so will ichs geschehen lassen, doch in alleweg sehe der herr, das zuvor die herzog undt ihr gemahlin aus dem landt weck sein undt nach empfangung dies sehe der herr in 3 oder 4 tagen, das sie alle fort ziehen wie auch die alte herzogin.


* Nr. 9.

1628. April 17.

Ich hab dem herrn albereitt oft geschrieben das ich die Citadellen zu Rostock undt Wismar will haben, dahero denn ich endlich befehlen thue, er lasse den Ob. von Zieman wissen, das er solle so viel volks ins landt führen als es zu dem Werck von nöten ist; undt alsdann habe man in continenti die Citadellen zu erbauen, denn das ist mein letzte resolucion undt darvon will ich nicht weichen undt verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Prag den 17. Aprill 1628.
Adresse wie oben.


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* Nr.10.

1628. April 20.

Aus des herrn Schreiben hab ich vernommen wie es mitt der huldigung abgangen ist, undt das die fürsten auf ihrer gemahlin leibgedüng auf 15 tag zu wohnen begehrt; nun bin ichs nicht zuwider, wanns nicht lenger ist als auf 15 tag, aber nacher will ich nicht, das sie weder ihre gemahlin lenger im landt sich aufhalten sollen, doch die leibgedünck können ihre gemahlin durch dero beamten guberniren lassen, aber sie selbst will ich nicht das sie im landt wohnen auf keinerley weis. Der herr von Walmerode schreibt mir, das er sich wegen alles einkommens im landt erkundigt, nun kan ers nicht anders sich erkundigen, als aus den alten Registern, dahero denn große confusiones erspringen müssen, dieweil in langer Zeit die güter nicht das tragen werden, was sie zuvor getragen haben, derowegen sage ihm der herr er solle bis zu meiner Ankunft diferiren, sonsten wolle ich dem herrn jemandhen, der in cameralibus das manego hette, gern hier abordnen, aber ich hab ja keinen. bitt der herr nehme subjecta von dorten undt sehe, wie das landt wiederumb angebaut wirdt. die Citadellen zu Rostock und Wismar, daß sie erbaut und bald angefangen werden, bitt der herr verliehre keine Zeit darmitt. Anstatt des Hebrons Regiment führe der herr ein anderes Volk in Wismar undt diese, das sie in Pomern marchiren, ich aber verbleibe etc .

Prag den 20. Aprill 1628.

P. S. Das stieft Schwerin, ziehe der herr ein und incorporire alles zum herzogthumb, id est die justicisachen vor des herzogthumbs tribunal, die cameralia zu des herzogthumbs cameralibus. Alle die bischöflichen ministros undt expeditiones fertige der herr ab ut sit unum ovile et unus pastor Bitt der herr sehe, das die gestüter nicht weck kommen, auch aus den Wildbahn gebe der herr wol achtung, so wol das die . . . . . fürher nicht weck komen.


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* Nr. 11.

1628. April 28.

Ich bitt der herr sehe, das dem hanns de Wite die 5000 R der von Zieman bezahlen lest. ich vernimb auch, das der von Zieman 45 m Reichsthaler von Lübeck auf hamburg dem hans de Wite hatt richtik machen wollen; solches gelt aber durch den Rector Wenzel undt Gabriel de Roa arrestirt zu lübeck ist worden, ich schreibe zwar dem Rector Wenzel, ein greulichen filz dessen wegen undt befehle ihm solches zu relaxieren, der herr erkundige sich dessen undt berichte mich, warumb sie solches gethan haben, der herr bemühe sich auch auf alle Weis etlich Schief zu armieren, auf das wir uns zu Mehr auch algemach groß machen, sonsten werden aus Dünkirchen in kurzem 10 Orloch Schief zu Wismar einlaufen, welche der herr daselbst annehmen lasse, das Brabantisch Regiment hatt ordinanz von mir nach der Lausitz zu marchiren; bitt der herr Informire die Sachen dahien, auf das alle contribucionen aus dem landt zu Mechelburg vor mich bleiben, denn ich hab sonsten kein ander Gelt, undt verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Prag 28. Aprill 1628.


* Nr. 12.

1628. Mai 20.

Ich hab dem herrn albereit bericht, wie ich will in landt zu Mechelburg gehalten haben dahero denn ich bitt der herr sehe diesem allem fleißig nach u. s. w.

Aufträge wegen Erbauung der Citadellen, Schließung der Häfen, u. s. w. wie in den frühern Briefen.

Horzits 20. Maii 1628.


* Nr. 13.

1628. Mai 21.

Aus beylag wirdt der Herr sehen können, was mir der herr von Walmerode schreibt, darumb rede der herr mitt

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dem Obriestn von Zieman, auf das dieselbige fürsten in puncto aus dem landt geschaft werden undt der herr brauche darmitt keine curtesi gegen ihnen, der herr sehe auch dieweil sie sich auf den Schweden verlassen, das das landt mitt volck so wol versehen wirdt, das ich keiner sache mich nicht zu besorgen hab. und verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Gitschin 21. Maii 1628.

P. S. Die Citadellen lasse der Herr bauen in continenti, disarmire die bürger, undt sehe starke presidia in die Seestett einzuführen.


* Nr. 14.

1628. Mai 21.

Aus beylag wirdt der herr sehen, was der Graf von Schwarzenburg an Ihr. Matt. begehrt; nun vermeine ich das alle seine Rathschleg gar zu rident seindt, nichts desto weniger was Aufwerfung der forti bey Travemündt anbelangt, lasse ich mir solches nicht gar übel gefallen; bitt der herr communicir es mitt dem Ob. von Zieman wie auch Ob. Aldringer undt sehe das Werck zu befördern, das die forti daselbst aufgeworfen undt starck presidirt werden ich aber verbleibe

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Gitschin den 21. Maii 1628.
Ohne Adresse.


* Nr. 15.

1628. Mai 24.

Aus des herrn schreiben hab ich vernommen, das der graf von Mansfeldt etlich sachen zu der schief armazon begehrt, nun vermeine ich das man auf alle weis ihm alles das, was er begehen thuet, soll geben, undt die schief rüstung

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befördern; was er aber empfangen wirdt, das er dem herren ordentliche Quittungen gibt, denn nacher muß mir solches alles erstattet werden. Der herr correspondire mitt dem Ob. Aldringer fleissig wegen des Volks so aus undt in das Landt zu Holstein zieht, auf das sie zu Boizenburg übersetzen; dazu denn der Herr ein große Anzahl von Schiefen daselbst halten laß. Was die beyden Herzogen anbelangt, da ist es kein ander müglichkeitt, sie müssen aus dem landt auf alle weis. Was aber die alte Herzogin betriff solches remitire ich alles in des herrn discretion, viel lieber wolle ich schon das sie auch weck ziehen thete, vermeint aber der herr das nicht sein kan. so seys, doch auf alle weis die andere zwo, das sie fort und alsbalden ziehen, denn ich vermeine innerhalb eines monats friest im landt anzulangen. Das die stendt 100 m Reichsthaler bewilligen wollen, sehe ichs gern, bitt aber der herr unverhalten unterdessen das volck mitt Profant bis zu meiner ankunft, denn ich werde selbst viel gelts bedürfen, will aber aus Pomern undt der Mark Brandenburg gelt contribucion vor das Volck in Mechelburg anordnen. Die 90 m Reichsthaler, so die Rostocker noch erlegen sollen, wolle ich das dieselbige auch zu meiner ankunft ins landt vorhandten wehren; denn ich dem hans de Wite über 400 m R. schuldig bin worden wegen etlicher herschaften, so er vor mich bezahlt halt undt izt wirdt baldt der termin kommen ihm satisfaccion zu geben. Bitt der herr befehle im ganzen landt fleißig inquisicion zu halten, was das landt an gelt und Profant vor die Kaiserliche Soldatesca gegeben hatt undt wenn sies gegeben haben, denn ich solches muß haben, im übrigen verbleibe ich allzeit

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Gitschin den 24. Maiji 1628.

P. S. der herr lasse viel Prouisionen von unterhaltung vor mich machen denn es kompt gar viel Cavalirie mitt mir.

Am Rande: Selkisch und Kroatisch (?) Regimenter werden teglich durch das landt von Mechelburg marchiren müssen.

Ohne Adresse.


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* Nr. 16.

1628. Mai 24.

Ich vermeine innerhalb 3 wochen zu Frankfurt an der Oder ankommen; bitt der herr halte sich in bereitschaft, auf das wenn ich ihm schreiben werde er alsbalden per posta zu mir kommen kan, denn ich wolte in den politicis undt militaribus alles mitt dem herren apunctiren undt nacher wolte ich gern das der Kanzler oder vice Kanzler aus Mechelburg mitt zwen andern Räthen bey mir stets assistiren thete, deren parer ich bey allen Resolucionen anhören köndte; ich bin sonsten in willens, in den Räthen So wol auch andern Diensten im landt undt bey mir desselbigen Adels mich mehr zu gebrauchen, als die vorige Herzog gethan haben. Bitt auch den herrn ganz fleißig, er sehe vor meiner Ankunft die sach in ein richtigkeit zu bringen, auf das Ihr. Matt. können ein legitimirten Proceß bey den Herzogen machen, warumb sie sie des landts privirt haben. Der herr wirdt mich obligiren, denn als denn wirdt die publication der investitur folgen. Bitt auch der herr sehe, das die Soldatesca bis zu meiner ankunft sich mitt der Profant pacimitirt (?) ich wills ihnen gewis einbringen, denn ich bedarf des gelts wegen satisfaccion meiner Creditoren gar nöthig, undt verbleibe hirmitt des herrn gutwilliger

A. h. z. Fr.                 

den 24. Maji 1628.


* Nr. 17.

1628. Mai 28.

Die von Rostock undt Wismar seindt bey mir angelangt undt ihr beschwerungen angebracht, mir auch des herrn schreiben presentirt; ich sehe das nicht anders sein kan, als in beyden steten alsbalden Citadellen anfangen zu bauen, denn die stett thun kein gutt, wenn sie nicht ein Zaum im Maul haben, bitt der herr thue dazu ohne Verliehrung einiger Zeitt, denn ich werde gewis mein meinung nicht endern. Des Hebrons Volck muß heraus, welchen ich das abgezwungene gelt wie auch die Impertinenzen, welche es mitt ihnen vorgenommen nicht werden pasirt werden, der

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herr rede mitt dem Ob. von Zieman das des Hebrons Volck in continenti heraus aus Wismar zieht undt anstatt desselbigen von des herren Regiment so viel Volck, als von nöten ist hinein gethan wirdt. ich aber verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Gitschin den 28. Maii 1628.


* Nr. 18.

(Ohne Datum. 1628. Mai.)

Was anbelangt das guberno im landt zu Mechelburg zu bestellen, so vermeine ich, das auf diese weis soll angestellt werden. Das hofgericht nehme der herr in continenti von Sternberg undt transfirire solches nach Küstrau. in bemeldtem hofgericht vernehme ich, das sitzen landtrichter undt Landt unterrichter undt 6 Doctores, zu denen adjungire der herr noch andere 6 von Adl. Bey der Kanzelung zu Küstrau wolle ich gern neben den Kanzler undt den Doctoren auch etliche von Adl halten. In den Cameralibus nehme der herr leut so darzu taugen und formire von ihnen ein consilium, doch werden 4 oder 5 Personen in allem genung sein, über das wolte ich gern wegen der Mechelburgischen expeditionen bey mir den Kanzler oder vice Kanzler haben neben par doctoren undt par von adl auf das, wenn etwas aus dem landt kompt, ich mitt ihnen die sachen conferiren undt resolucionen nehmen könndte, wie auch iemandthen wegen der Cameral sachen. über das werden etlich von Adl nicht vor räth. sondern also bey mir in diensten sein wollen, so .will ich mich lieber von ihnen, als von andern bedienen lassen. Diesem, bitt ich, der herr dencke fleissig nach undt disponir auf solche weis. Der herr ziehe alsbalden das Stieft Schwerin ein, undt ziehe die justici sachen zu meiner justici, die Cameralia zu meinen Cameralibus undt lasse kein schein des vorigen guberno daselbst aus hochbedencklichen ursach undt solches das auch in continenti geschicht.


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* Nr. 19.

1629. Jan. 15.

Ich schicke dem herrn ein lehnsbrief von Kayser Rudolf wegen Mechelburg in originali, auf das wenn man den meinigen wirdt ausfertigen sollen, kein error geschieht. Der Kayser hatt mich sonsten in dem meinigen belehnt auf mein ganzes geschlecht, (auf welche ich festigen (?) werde), der herr schreibe dem Maxen, das er ihm ein Abschrifft des lehnbriefs, den man mir vorm jahr hatt geben, schickt. - Der herr schicke dem Maxen dies beyliegendes schreiben zu, undt sehe, das er den lehnsbrief baldt bekompt. Dem herrn von Stralendorf und herrn von Nostiz kann der Herr ein Honorarium versprechen, wie viel es dem herrn gefallen wirdt. Den Acord wegen Mechelburg mitt der hofCamer hab ich auf diese weis geschlossen, das ich die intraden der Camergüter soll 4 per cento bezahlen, ich schicke izt nach Wien die intraden undt schulden soviel sich bis dato Creditoren angemeldt haben, undt verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Küstrau 15. Jan. 1629.

P. S. Der herr schreibe dem Maxen auch wegen Abschrifts des acords wegen Mechelburg mitt der hofCamer.

Auf der Rückseite: Informazione d'ell accordo con la Camera.

Anm          Max ist des Herzogs Vetter Max von Waldstein.


* Nr. 20.

1629. Mai 25.

Der herr hatt sehr recht daran gethan, das er dem herrn von Questenberg an meiner statt ist zu gevatern gestanden, der herr kaufe ein galanten vor 5 oder 6 hundert Reichsthaler undt verehre sie der kindlbetterin an meiner statt. Der hans de Wite klakt erschreklich, das man ihm in Schlesien nicht die termin helt; bitt den herrn gar fleissig, er nehme sich darumb mitt eifer an undt sehe das ihm das gelt unverzüglich erlegt wirdt; undt das lichtensteinisch Regiment, das nicht von den mitln, so zu der arme seindt asignirt worden, unterhalten wirdt, denn auf solches

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gelt hatt alles der hans de Wite anticipirt. Undt dieweil das jahr schon herumb ist, muß der herr sehen, das in continenti uns ander mitl eingeräumt werden. Dieselbige aber werden sich müssen zum wenigsten auf ein Milion Reichsthaler erstrecken. bitt der herr sehe, das er solches vor des fürsten verreisen richtet, in betrachtung das auch der graf von Colalto sich noch dorten fünden thuet. ich aber verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Küstrau den 25. Maiji 1629.

P. S. So baldt mein investitur wirdt erfolgt sein, so sehe der herr noch vor des fürsten verreisen die privilegia heraus wegen dieses landts zu bekommen, denn so lang ich dieselbige nicht hab, so kan ich weder in politicis noch spiritualibus kein Nuz schafen.

Adresse wie oben.
Sign. Ordine di presentare 600 Rth. al Sign. di Questenberg.


* Nr. 21.

1629. Juni 12.

Dieweil nun mein sach expedirt ist undt dem herrn wol bewust ist, was ich versprochen hab undt auf welche termin zu zahlen, als bitt ich den herrn ganz fleißig er rede mitt meinem Vetern, dem Maxen, auf das er steht auf alle weis die termin zu halten, denn ich will nicht undanckbar sein undt mein credit verliehren undt verbleibe hiermitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Kustrau den 12. Juni 1629.

P. S. Die Dankbrief werde ich dem herrn mitt diesem Curir schicken, dem herrn Zerda danke aber der herr am allermeisten dieweil der fürst dorthen nicht ist, ehe ha fato servicio.

Adresse: Herrn Herrn Obristen
Sant Julian zuzustellen. Wien.


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* Nr. 22.

1629. Juni 17.

Aus des herrn schreiben vernehme ich, das die Mechelburgische sach schon zu endt gebracht ist, darführ ich denn dem herrn ganz fleissig dank sagen thue, das er solche muehe angewandt, will mich befleissen, solches mitt danck gegen ihm wiederumb zu erkennen. Was anbelangt des Adls privilegia, weis der herr selbst wol, das ich des adls freundt bin und wolle sie auf keinerley weis gern destruiren aber wenn ich nur das privilegium erhalten werde, das sie nicht apeliren, so will ich gewis sie lassen wie edlleitt undt nicht wie pauren leben; dahero denn ich bitt, der herr sehe solches vor seinem verreisen auszubringen. Wenn der herr die sachen zu Wien wirdt expedirt haben, so kan er sein Weg nach Spaha nehmen, denn Ihr Matt. dienst erfordert, das der herr sein gesundheitt föllig recuperirt undt nacher deroselben noch lange Zeit dienen kan. In Schlesien zur execution kan ich niemandthen schicken, denn man mirs bey hof übel auslegen thete, aber dieweil mir der herr von Dona schreibt, das in Ober Schlesien man die Contribucion nicht einfodern kan, so schicke man das lichtensteinisch Regiment dahien, das sie an Teschnischen, Tropischen undt Jegerndorfischen undt auch in den herschaften Ples, Beiten undt etlichen ändern lägern undt die ändern zwinge man zur contribucion. bitt der herr sehe, wie ers richten wirdt undt hir mitt verbleibe ich des herrn guttwilliger

A. h. z. Fr.                 

Küstrau den 17. Juni 1629.

P. S. Der herr hett sollen wegen des adls Privilegien mitt dem Fürsten reden undt wenns der fürst aprobirt hette, erst vorbringen, denn ich hab wol gewust, das der von Stralendorf solcher hindern würde; izt sehe er, das dies alles copirt wirdt undt das man vom hof aus auch keine Privilegien ihnen confirmirt, bis die Commission, wegen derer so sich teilhaftig an der Rebellion gemacht haben, vorüber sein wirdt. bitt den herrn er stelle die Sachen fleissig auf dem; izt ist der fürst nicht an der handt. Der herr sehe das dem von Walmerode und Oberkamp befohlen wirdt mir baldt das landt einzureimen. Der Aldringer kan nicht abkommen.

Adresse wie sonst. Wien.


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* Nr. 23.

1629. Septbr. 28.

Ich bekomm gleich izt ein schreiben von dem Comissari Liebheldt, das der Wizleben mitt seinem Regiment nach der Weterau (?) marchirt ist; solches soll nicht halb complet sein. Der Graf von Colalto hat deswegen die ordinanz geben, auf das er das ander volck alles nach Italien nehmen köndte. Kompt der Franzos, Elsaß ist verlohren, denn ich kan keinen Menschen dahien schicken undt bedarf selbst eines starcken succurs. Bitt das man ihm am hof beföhlt, er solle auf Elsaß achtung geben und ein gutten theil des volcks so er in Italien genommen zuruck schicken. Die Schweizer wollen auch die in Bünden angreifen. Der graf Colalto, wirdt er sich in Italia imponiren. so ist er verlohren undt des Kaysers reputation auf ewig dahin, denn sehe man wol auf; denn wir stehen auf den fall, wo nicht die sachen baldt accomodirt werden. In summa man muß mehr das publicum undt Ihr. Matt. dienst als etwan künftigs privatum commodum in acht nehmen, bitt der herr nehme sich dessen mitt eifer an, auf das sie mitt dem frieden nicht diferiren undt dem Colalto befehlen sich nicht zu imponiren, aber weis nicht wessen er sich resolviren wirdt. Der Spinola wirdt auch lieber den Krieg dorten sehen, dieweil in Niederlandt so übel zugeht, das er nicht solle dürfen hineinziehen, bitt der herr führe diese Sach wol, denn es dependirt Ihr. Matt. ganze wolfarth daraus. Ich aber verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Halberstadt den 28. September 1629.

Adresse: Hern etc .
Sant Julian zuzustellen. Wien.

Am Rande: Welschen Krieg betreffend.


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* Nr. 24.

1629. Octbr. 12.

Aus beylag wirdt der herr sehen, was mir vor ein Danck gegeben wirdt wegen meines treuherzigen Discurs den Italianischen krieg anlangend. Darauf ich nicht hab unterlassen wollen dem herrn auf diese puncta mein meinung zu eröfnen. Was anbelangt, das ich im Reich verhast bin, das geschieht aus der Ursach, das ich dem Kayser gar zu wol gedient hab wieder ihr vieller willen; das ich mitt grosser macht friedt machen thue, das ist racjon denn si vis pacem, para bellum. - das ich weich, wenn ich was angreif, wie es mitt Stralsundt undt Magdeburg geschehen ist, da denn gar also wehr, so wehr es nicht bös, denn non est inconstantis sed prudentis mutare consilium in melius; solches auch die fornembste Generäle gethan haben, als Prinz Moritz vor Geldern (?) undt Brill Spinola vor Bergen op Soon, graf Tilly vor Nieburg. Von Stralsundt bin ich nicht gewichen, neben allen dem schönen provision so die Kayserliche Arme hett, sondern hab ein solchen reputirlichen acord mitt ihnen gemacht, als vielleicht je ein General mitt einer statt gethan hatt. Mitt Magdeburg hab ich nicht angefangen gehabt zu tractiren wie der von Questenberg das schreiben datirt hatt, dahero sie von diesen Sachen bey hof discurirt undt nicht Churfürstliche ministri geschrieben haben, denn sie solches aus meinem schreiben genomen, in welchen ich ihnen geschrieben hab, das ich zu precaviren, auf das die hanfestet nicht in die äußerste Desperacion gerathen, sich mitt Schweden undt holländern völlige conjungiren, dann andern malcontenten im Reich auiso geben, sich zu ihnen zu schlagen undt zu rebelliren ich mitt ihnen werde friedt machen müssen, was denn vor 5 Tagen geschehen ist, undt ich nicht allein die sache componirt, sondern auch die stett dermassen derivirt, das sie gewiß itzunder mehr als je zuvor in Ihr Matt. devocion seindt. Dieweil ich nun in dieser opinion bin beym Wolstandt, wenn unser herr was verhencken thete, wessen hette ich mich zu getrösten. Damit man aber nicht vermeinen solle, das ich die Resolucion im Zorn nehmen thue, als will ich damitt bis auf künftigs ordinari diferiren.

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dies hab ich allein dem herrn communiciren wollen, wie man mich tractiren thuet, undt verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Halberstadt den 12. Octob. 1629.

Der herr darf sich zu Wien keiner sach mehr so starck annehmen, wie mein meinung zuvor gewest ist, über 3 tag werde ich ihm mein resolucion zuschreiben.


* Nr. 25.

1629. Octbr. 14.

Der herr halt aus meinem jüngsten schreiben vernommen, das ich wegen des von Questenberg schreiben mitt meiner resolucion bis zu diesem ordinari innhalten werde. Nun weis der herr in was vor labirint izunder alle unser sachen gerathen, denn wem wir ansehen, der ist unser feindt, vom Hof aus hab ich in nichts kein assistenz, sondern viel mehr impedimenta beim Wolstandt, Wie man meine acciones explicirt. Was geschehe nicht, wenn etwas unglückseligs, wies in krieg zu geschehen pflegt, solte erfolgen, undt was mehr ist, wenn der fürst mitt todt abgehen solle; alle Chur undt fürsten ja meniglich muß ich mir wegen des Kaysers zu feinden machen undt was der consideracionen mehr seindt. Als hab ich vermeint, doch con bell modo mein carico als Capiten General de terra ferma zu resigniren, undt den Generalat auf der See zu behalten auch das Volck so in Pomern und des Churfürsten von Brandenburg landen, Anhalt undt Stiefter losirt wegen der See undt Seecordon zu defendiren, unter mir zu behalten; doch nicht alle zeitt dürfen persönlich darbey sein. Undt dieweil ich den herrn hoch estimiren thue undt ein groß vertrauen zu ihm hab, bitt er schreibe mir deswegen sein meinung zu undt ich verbleibe hirmit des hern guttwilliger

A. h. z. M.                 

Halberstadt 14. Oktober 1629.

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P. S. Ich bitt da noch der fürst ein Verdrus wegen des schreibens hatt, der herr sehe ihm solches zu benehmen, denn mich betrübts bis in todt, denn dieweil ich dem fürsten so viel obligirt bin, bezeugs mitt Gott, das ich lieber will sterben, als das er soll disgustirt werden wegen meiner.


* Nr. 26.

1629. Octbr. 20.

Ein solches schreiben hab ich dem herrn von Questenberg gethan, wie der herr melden thuet. Der herr weis, das das Volk so in Polen ist dieser Örther nicht losieren kan, dahero denn oder in Schlesien oder oben im Reich. destwegen mir denn der herr expresse order zu schreiben, auf das die Churfürsten nicht sagen, das ich solches wieder Ihr Matt. willen thue undt der herr sehe, das er mir die order mitt der ersten ordinari schickt, denn non datur medium, wollen sie krieg führen, menagiren, dem Reich gusto und nicht disgusto durch die einquartierungen geben, so suchen sie ihnen unsern Herr Gott zum General undt nicht mich im wiedrigen dieweil ich die sach nicht anders werde anstellen können eher denn Ihr Matt. ein so merklicher Undienst unter meinem Generalat geschehen solte, so muß ich sehen wie ich mich dessen distrigiren werde. Der herr weis selbst alle die Ursachen. Darumb seh es der her zu richten; ists doch nur bis auf den Maijum angesehen, dies muß man darbey gedenken. Der Kayser muß das Volk wiederumb cumplieren oder wir werden von den feinden überrascht undt sprevisti gefunden werden, bitt der herr schicke mir mitt der ersten ordinari die gathegorische antwort oder in Schlesien oder oben ins Reich undt das man die schuldt nicht nacher mir giebt, das ichs wieder Ihr Matt willen thue, undt verbleibe hirmit

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Halberstadt den 20. Oktob. a. d. 1629.

Herrn Hern Obristen
Sant Julian zuzustellen. Wien.


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* Nr. 27.

1629. Octbr. 25.

Der Herr wirdt Zweifls ohne zuvor informirt sein worden, wie der duca Savelli, wie ich dem Ob. Hatzfeldt in Vorpomern das Comando gegeben, seines welschen Wuchs nicht vergessen, sondern, unter dem pretext eines flus, der ihm in die Achsel gefallen, sich von seinem Regiment absentirt undt bis dato nicht erscheint. Nun ist dem Kayser wenig mitt seinen Romanischen competenzen gedient, dahero denn ich resolvirt bin das Regiment einem andern zu geben. bitt aber der herr rede mitt ihm, das ers selbst lieber renuncirt denn solches wirdt ihm rühmlicher sein; thuet ers nicht so will ichs in continenti einem andern geben; undt da dem also wehre wegen des flusses in die Achsel sollst er albereit 8 oder 9 monat absent, welches ihm ein schlechte reputation giebt. bitt der herr sehe wie er mitt zuthun des herren Zerda ihn dahin disponirt, das ers vor sich selbst thuet. Thuet ers nicht, der schadt ist sein, ich wills . . . . als dem andern vergeben, bitt aber der herr thue das seinige darbey auf das lieber, da er anders ihm selbst nicht im weg will sein, mitt guttem geschicht undt er solches durch ein schreiben alsbalden von mier sucht undt ich verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Halberstadt den 25. Octob. 1629.
Adresse wie oben.


* Nr.28.

1629. Octbr. 25.

Ich vernehme das der graf Johan gegen den Gülichischen Landen sein Zug genommen hat undt daselbst invernieren würdt, nun würdt Neuburg grosse exclamaciones machen, der herr muß dem fürsten sagen er solle preoccupiren denn es kan nicht anders sein. Hier schicke ich dem herren auch ein post script von dem graffen von papenhaim welcher

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beym herren Tilli gewest ist undt mich dies avisirt, der herr communicirs dem herrn Zerda undt ich verbleibe hirmitt

des h. g.                   
A. h. z. M.                 

Halberstadt den 25. Octob. 1629.


* Nr. 29.

1629. Octbr. 26.

Gleich izt kompt die ordinari, ich verhofe der herr von Questenburg wirdt albereitt auf dem weg sein, will mitt ihm wegen aller sachen schliessen, ich vernehme das der Savelli hofkriegsrath ist worden undt das er zuvor sein Regiment hatt wollen resigniren, aber graf Colalto hatt gesagt er solle gemach thun bis ich solches an ihn werde anbringen lassen, bitt der herr treib es izt fort undt sehe das ers mitt diesem ersten ordinari resignirt, auf das ichs strecke denn es ist sehr abkommen, niemandt nimbt sich nicht darumb an; was anbelangt die Schlesische Quartir, der herr Questenberg schreibt mir, das sie auf des landtags schlus warten; das taugt nichts, den rechten landtag will ich erst Ihr Matt. machen. Das Volck ist in desperacion, darumb bitt ich man diferir darmitt nicht, man nimbt das von Dona. das ist auch nichts werth, denn er begehrt nur sein Regiment undt kein anders hinein, bitt der herr mache dem baldt ein endt, das man dem grafen von Colalto plenipotenz schickt zu tractiren; weis nicht ob er den frieden gern sieht in Italien; wegen der Provisionen in Elsaß will ich die Anordnung thun. Der Graf von Dampir darf keine Riter nicht bringen bis in sein Winterquartir ich aber verbleibe hirmitt

d. h. g.                     
A. h. z. M.                 

Halberstadt 26. Octob. 1629.
Adresse wie oben.


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* Nr. 30.

1629. Octbr. 28.

Mitt dem vorigen ordinari hab ich dem herrn geschrieben wegen des duca Savelli das er sein Regiment resigniren soll, dieweil nun der herr izt in Schlesien ziehen thuet, als bitt ich, der herr sehe, das er solches vor des herren verreisen thuet. er muß nicht exemplisiciren mitt etlichen so ihre Regimenter haben undt nicht assistiren; er ist nicht aus denen, welchen mans wegen ihrer langwähriger Dienst bewilligt, er gedencke auch nicht, das etwan ein intercession ihm helfen köndte. bitt also der herr sehe, das es gewis undt in continenti geschieht. Benebens hab ich den herrn noch erinnern wollen, er solle drauf bedacht sein, doch keinen menschen solches communicieren, wenn das volck wirdt losirt sein, wie wir etwan 60000 Strich korn auf der Oder vor die armee aus den quartiren werden bekommen in gleichen etwan 3000 Cent: lunden, wie auch etwan 100 wägen mit Zwillich, bedeck vor die Arteleri undt etwan 600 Pferdtdecken mitt ihren geschirren, denn so baldt das volck würdt losirt sein, so will ich Ihr Matt. bitten sie wollen in Schlesien anbefehlen, auf das solches dem herrn geliefert wirdt. wenn der herr von Questenberg wirdt zu mir kommen, so will ich ihm die commission geben, aber izt will ich noch nicht aussprengen undt verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Halberstadt 28. Octob. a d. 1629.
Adresse wie oben. Wien.


* Nr. 31.

1629. Octbr. 29.

Der herr halt mir dieser tagen geschrieben, das Ihr Matt. dem grafen von Colalto die plenipotenz den frieden zu tractiren geschickt haben; nun hab ich dies darbey zu erinnern vor nöthig erachtet, welches ich bitt der herr dem

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Fürsten vorbringe, das der Graf den Frieden daselbst gar nicht gerne sehen thuet, denn hette er dem fürsten das vorgebracht, was ich ihm von Dobran wegen des welschen Kriegs wie der accord mitt dem Consales geschehen war, zugeschrieben undt nacher von Küstrau auch das ich mich mitt den Spaniern conformirt, das mans erst auf den zukünftigen friling solte anfangen, so wehre die sach nie so weit gerathen, denn wie er zu Wien ist gewest, so hatt er Ihre Matt. undt dem Fürsten was ihm gefallen hatt vorgebracht. Nacher hatt man mir auch solche ordinanzen auf sein vorbringen zukommen lassen, das ich durch etliche bin afrontirt worden in deme man dem Merode befohlen hatt, wenn ihm von anderwerths ein befelch köme, auf mich meinendt, er solle aus Binden ziehen, so solle er demselbigen nicht nachkommen, es ist aber nie mein ernst gewest Binden zu verlassen, allein die Spanier zu schrecken, das sie besser mitt der underhaltung sollen zuhalten. Izt ist von nöthen das der fürst dextramente darmitt umbgeht, denn der tractiren soll die arma undt verstandt hat kan leicht so viel clausulen fünden, das zu keinem schlus nicht kompt, dies bin ich im gewissen schuldig zu avertiren, denn es ist pro bono publico, das in Welschlandt friedt würdt, sonsten versichere der herr den fürsten, das mein will allezeit dahien wirdt gericht sein wo der seinige, undt wegen seiner nicht allein alle molestien der welt willig will ausstehen, sondern auch das leben lassen undt verbleibe hirmitt.

d. h. g.                     
A. h. z. M.                 

Halberstadt 29. October 1629.


* Nr. 32.

1629. Novbr. 2.

Hiebey schicke ich dem herrn das schreiben an den Camer Presidenten, gefelts dem herren das also gutt ist, so verpetschier es der herr undt übergebe ihms undt sehe das er die sach vor seinem verreisen richtet und unterschriebener hatt, er sage das er nicht darf verreisen bis er dies in henden wirdt haben, denn er wehre destwegen geschickt worden, undt dieweil sie werden wollen, das der herr forth soll, so werden sie dies auch alsbalden expediren. ich bitt der herr

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bring es durch, denn wenn der President abzieht undt ein anderer kompt, so werden viel mehr diliculteten, denn der ander wirdt nicht von allem wüssen wie die tractaten zwischen uns gangen sindt. Der herr schencke liberatissimamente an alle orth wo es von nöthen thuet, denn dies consolidirt mir alles was ich bekommen hab, darumb spare er kein gelt, sehe nur das baldt geschieht undt ich verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Halberstadt den 2. November 1629.


* Nr. 33.

1629. Novbr. 18.

Aus beylag wirdt der herr sehen, wie der Calvinische herzog von Lüneburg bey hof practicirt, das man der herzogin zu Braunschweig das anricht undt mir, dieweil ich sie aus Kaysers befehlich inmitirt, den afronto thun will. Bitt derowegen den herrn, hatt er mir je ein Dienst gethan, so welle er sich dieses mitt eifer annehmen, undt nicht aufhören, bis der auspracticirte befehlich revocirt wirdt undt mir solche revocation zugeschickt, wie auch befohlen, ich solle die herzogin darbey manuteniren. Der herr sei versichert, das ich solches mitt so danckbarem gemüth werde annehmen, als wenn er mir noch ein landt von Mechelburg zu weg gebracht hette, undt verlasse mich genzlich auf den herrn das er solches wirdt zu gewünschtem endt bringen, daführ ich ihm denn gewis zum allerhöchsten werde verobligirt bleiben undt verbleibe hirmitt des herr gutwilliger

A. h. z. M.                 

Halberstadt den 18. Novemb. 1629.


* Nr. 34.

1629. Novbr. 19.

Ich vernehme, das der her Zerda auf seine güter verreist ist, nun hab ich ihm diese tag geschrieben, dieweil Ihr

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Matt. so ungern an die Schlesische quartir kommen, so will ich das volck ins Reich losieren, aber wenn die Churfürsten werden schreien, so excusire mans bey hof. Ich habe ihm auch geschrieben, er solle Ihr Matt. bitten auf das sie in Schlesien befehlen, das sie heuer 100 m Strich korn auf der Oder nach Wolgast schicken sollen, denn dahie werden wir gewis den Winter über nicht brot wegen des Müßwachs, haben, bitt derowegen der herr nehme sich darumb mitt eifer an, ich will auch nicht das der von Dona soll die Disposicion darüber haben, denn ich weis wie er mir zuvor gethan hatt, dessen ich mich zu ihm nie versehen hette, aber der herr muß sich darumb annehmen, denn es ist seines thuns, wie auch der Ob. Aldringer sich zuvor dessen allezeit angenehmen. Das getreidt wirdt müssen diesen Winter zu der Oder geführt werden, undt auf den friling auf Wolgast gelassen, es müssen auch die fürsten undt stendt das schief undt fuhrlohn bezahlen. bitt der herr feiere nicht darmitt, sondern greife baldt zum werck, denn die Zeitt lauft uns hien, ehe dann wir uns versehen. Die Schlesier werdens auch gar gern thun, damitt sie von der einquartirung befreit werden und ich verbleibe hirmitt

d. h. g.                     
A. h. z. M.                 

Halberstadt den 19. Novemb. 1629.

P. S. Des graf Dampirs reiter ziehen ins Reich er wirdt mügen zu mir kommen undt erst über ein par monat recruten machen.


* Nr. 35.

1629. Novbr. 25.

Der Doctor Oberkamp würdt ihm wegen etlicher meiner sachen, wie sie sollen gericht werden schreiben, bitt er seh es aus solche weis zu richten undt je eher je lieber mir es sein wirdt. der herr solicitire starck, das allen Chur undt fürsten mein investitur communicirt wirdt, wie nicht weniger das das bando Imperiale wieder die Herzog von Mechelburg ergeht. Das der Savelli sein Regiment resignirt, bitt der herr mahne ihn, denn ich werde gewis nicht auf

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ihn warten sondern will ein andern Ob. dem Regiment führstellen undt verbleibe hirmitt

d. h. g.                     
A. h. z. M.                 

Halberstadt den 25. Novemb. 1629.
Adresse wie oben. Wien.


* Nr. 36.

1629. Novbr. 26.

Ich bitt der herr überantworthe dies beyliegendts schreiben dem fürsten undt schicke mir wiederumb die antworth undt wenn meine sachen werden expedirt sein undt wegen der 100 m Strich korn aus Schlesien vor die armada die Anordnung gethan, als wirdt der herr sich wiederum hieher verfügen können. Der herr sehe das der duca Savelli baldt macht wegen der resignacion seines Regiments, der herr wirdt mich darmitt obligiren. Dem Maxen sage der herr warumb er mir so selten schreibt, ich aber verbleibe

d. h. g.                     
A. h. z. M.                 

Halberstadt. den 26. Novemb. 1629.
Adresse wie oben. Wien.


* Nr. 37.

1629. Novbr. 30.

Ich zweifl nicht, das der herr wirdt mein undt des Doctors Oberkamps schreiben empfangen haben, in welchem ich dem herrn zu wüssen gethan, das der Doctor Oberkamp ihm wirdt zuschreiben, auf was vor weis mein privilegium de non apellando soll ausgefertigt werden, bitt derowegen den herrn ganz fleissig er woll es auf solche weis ausfertigen lassen. Dem Maxen sage der herr, er wirdt mir

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wol können auf meine schreiben antworten undt ich verbleibe hirmitt

d. h. g.                     
A. h. z. M.                 

Halberstadt. den 30. Novemb. 1629.

P. S. Der herr sehe das alle meine sachen baldt ausgefertigt undt untergeschrieben werden.

Wegen des getreitds aus Schlesien sollicitire der herr fleissig.


* Nr. 38.

1629. Decbr. 2.

Aus beylagen wirdt der herr sehen, was mir der graf von Nasau schreibt, nun überschicke ich ihm das schreiben allein deßwegen, das er sehen soll, das man im Niederlandt nicht aufhören will die 7000 man von Kayser zu begehren; ich aber keineswegs sie nicht entrathen kan, denn auf den friling wirdt man wol sehen, was vor feindt alles gegen dem Kayser sich erzeigen werden undt wir nicht volck genug haben ihnen allen zu resistiren; dahero denn ich den herrn bitten thue, er wolle beim fürsten preocupiren, auf das er der Spanischen botschaft zur antwort giebt das Ihr Matt. des volcks nicht werden auf keinerley weis entrathen können, sondern solle die Infantin ermahnen, sie sollen daselbst ihre arme strecken, auf das auf den friling sie sich vom volck nicht entblöst befinden ich aber verbleibe hirmitt

d. h. g.                     
A. h. z. M.                 

Halberstadt. den 2. December 1629.


Nr. 39.

1629. Decbr. 8.

Copia des kayserlichen Decrets Mechelburgischen Kauffschilling betreffend. Von der Röm. kay. auch zu Hungarn undt Boheimb konigl. Majtt. unserm allergnädigsten herrn, der Krieges Rath Cammerern undt bestellten Obristen herrn heinrichen Freyherrn

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von Sant Julian hirmitt in gnaden zur vermelden, daß allerhöchst ernante Ihr Kay. Maytt. gnädigst vernomben, waß er herr Obrister in nahmen Ihr. fürstl Gnaden herrn Albrechten, herzogen zue Mechelnburg, Friedland und Sagan u. s. w. wegen des S. f. Gnaden überlassenen herzogthumbes Mechelnburg undt der darzugehörigen Fürstenthumb, Graffschaft, herschafften undt länder mitt überreichung des über selbiges herzogthumb undt länder, durch höchstgedachter Ihr Kay. Maytt. respective Kriegs undt Hoff=Cammeräthen bestellten Obristen undt obristen Veltwachtmeistern zu Roß undt Fueß, herrn Johann von Aldringern Freyherrn undt herrn Reinharten von Walmerode, der jhärlichen ertragung halber gemacht, undt ausgesetzten, Sich auf sechs und achtzig Tausent ein undt siebenzig ein halben Reichsthaller undt neunzehn schilling drey ein halben pfennig erstreckenden anschlags gehorsambist angebracht, undt zugleich wegen allergnädigster ratification dieses anschlags in unterthänigkeit gebetten hatt undt Ihr Kay: Maytt. darauf sich gnädigst erkläret, soviel das haubtwerkh anlangt es bey der einmal vorgegangenen investitur, undt darüber Sr. fürstl. Gnaden allbereitt wiederfahrener würklicher belähnung als römischer Kayser gnädigst undt allerdings bewenden zu lassen Betreffent aber den Kauffschilling, dessen man sich nach vergangener ordentlicher Aestimation undt schatzung mehrberührten Fürstenthumb undt länder einkommen vermüge der beiderseits aufgerichten nothurfften zu vergleichen, ob wollen Ihr Kay. Maytt. befinden, daß in bemeltem anschlag weder der Contribution oder des fueß gelds (wie man es nennt) noch der Zöll, Mauth, ungelt, der Pergwerkh Aperturen undt ander extraordinari anlangen, welche gemeiniglich ein mehreres als die ordinari gefell ertragen, gar nicht getacht undt also der Anschlag für Ihr Kay: Maytt. (der ansehnligen Regalien, so seine Fürstl. Gnaden darbey überkomben, gänzlich zu geschweigen) gar zu genau einzogen worden: So wollen Sie jedoch in gnädigster ansehung undt erwegung Sr. fürstl. Gnaden bißhero in allen occasionen zu dero unsterblichem ruhm erwiesenen und noch immerdar zu Ihr. Kay. Maytt. allergnädigstem belieben, mitt daransetzung leibs undt lebens continuirenden weldkündigen gehorsambisen ansehligen undt hochersprießlichen Dienst, deroselben alles, so etwan der weitere Vergleich mit sich bringen undt begreiffen möchte, ohne fernere tractation der aufrichtung einer Neuen oder weiteren Kaufs aus Kay. Milden gnaden freywillig nachgesehen undt mehrbenambtes herzogthumb

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Mechelburg sambt denen darzu gehörigen undt einmahl eingereumten Fürstenthumb, Graff: herrschaften undt landen ohne anspruch der ertragung allein mit nachfolgenden Contributionibus gnädigst überlassen haben.

Nehmlich das Erstlich aller undt ieder sich darunter befündenden geistlichen gütter eine ordentliche separation gemachet.

Fürs ander von Sr. f. Gnaden die auf den herzogthumb Mechelburg undt zugehörigen Fürstenthumb undt landen hafftende rechtmessige undt liguitirte schulden gegen Refaicirung der zu Prag verwilligden gnade per sieben mahlhundert dausent Gulden reinisch, den der aufgewendeten Krieges Kosten ohne Ihrer Kays. Maytt. entgelt, entrichtet undt abgestattet werden.

Fürs dritte, daß Sr f. Gnd. daßjenige, so die Contribuciones von ihrem Fürstenthumb, herrschafften undt Gütter in Königreich Böhmen undt herzogthumb Schlesien über die ihr von dero daselbst in Böhmen angelegten Summen geldes gebührende, Sechs per Cento interesse jezt oder ins Künfftige mehrers antreffen werden, allemahl gutwillig zu tragen undt an gehoriges orth abführen. *

Undt zum Vierdten und letzten dem beyderseits verglichenen revers, so von Ihr. Kay. Maytt. undt Sr f. Gnd. gefertiget worden undt sie bey handen haben, zum Cassiren zurückgeben undt einstellen laßen. Deßen auf allerhöchstgetachter Ihr Kay. Maytt. Allergnädigsten undt Special befehlich man ihm herren Obristen auf anfangs erwehntes Sein gehorsambistes anbringen undt bitten, hierdurch zu Seiner nachrichtung es Sr. fürstl. Gnaden also gebührendermaßen anzudeutten hirmitt erinnern sollen.

Undt verbleiben Ihr. Kay. Maytt.

Per Imperatorem. 8. Decembris         
1629.                 

* Hierzu findet sich von Wallensteins Hand die Randbemerkung:

"Dieser Punkt muß ausgelassen werden, denn was mehr als die Interesse austragen von den contribucionen einkompt, darvon wirdt mir das capital der 900 m R. bezahlt undt ich dieserwegen ein diploma von Ihr. Matt., so mir a. 1625 ist gegeben worden, hab."


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* Nr. 40.

1629. Decbr. 10.

Aus des herrn schreiben vernehme ich, was er mir wegen des fürsten von Egenberg indisposicion schreiben thuet, welches mich in der sehlen betrübt, denn ich gewis mein besten freundt dardurch verliehren müste; verhofe aber zu Gott, das er ihn noch weiter zu der Christenheit wolfarth erhalten wirdt. Was anbelangt das getreidt, hette ichs zwar lieber auf der Oder aus Schlesien, aber wirdts nicht sein können, so sehe der herr, das ein theil auf der Elb undt ein theil auf der Oder hinunder geschickt wirdt, denn wir haben ja das volck nicht zu unterhalten. Die Mechelburgischen Pauern werdens müssen nacher zu landt in vorPommern führen, aber der herr sehe, das man gewis auf die Zahl der 100 m Strich kompt. Ich wolle gern den Nuncio glück wünschen, das er Cardinal ist worden, aber hab zum ersten kein welschen dahie, der mir das Schreiben vor ihn macht, nacher möchte er mir Ezelenza perlatesta geben, welches mir nicht lieb wehr, der Cardinal Barbarino undt ander geben mir alle alteza. Bitt der herr sehe, das ich baldt mein erlaubnis kan nach Gitschin zu ziehen bekommen, denn von heitt über 4 Wochen will ich auf sein, mich aber dorten nicht lenger als 6 Wochen aufhalten undt gleich wiederumb nach dem Reich begeben, dahien denn der herr mitt allen meinen sachen, so expedirt worden, auch komme undt dieselbigen mitt bringe. Der Savelli macht mir mitt der renunciacion gar zu lang, underdessen geht das Regiment in mallhora, ich werd es müssen vergeben undt verbleibe hirmitt

des herrn guttwilliger          
A. h. z. Fr.                 

Halberstadt den 10. Decemb. 1629.

P. S. Was der Pater Manio wegen des princen aus Polen angebracht hatt, sehe ich nicht das Ihr Matt. ein Dienst daraus erfolgen solle, aber darvon mündlich zu Gitschin. Die Kosaken bedarf ich nicht, das teutsche Polnisch volck werde ich ohne das bekommen.

Adresse wie oben. Wien.


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* Nr. 41.

1630. Jan. 4.

Aus des herrn schreiben vernehme ich, das der fürst gern sehen thete, das ich das Regiment dem Savelli lassen solte, nun ob zwar der Savelli besser taugt mitt Cardinalen zu Rom cumplimenta zu machen, als im krieg sich zu gebrauchen, dazu das Regiment so schwach undt schlecht ist gewest, das sie nicht 1000 man kranck undt gesundt in der lista eingeben, so wolle ich doch ungeacht dies alles auf des fürsten befehlich gethan haben, dieweil ich S. l. groß obligo tragen thue, berichte aber dem herrn, das ich das Regiment albereitt vor 10 tagen zu reformiren anbefohlen undt solches albereitt ohne allen Zweifl wirdt erfolgt sein, dahero denn, wenn ich schon wolte, so kann ichs nicht mehr remediren. Da aber S. l. bifohlen, undt in welschlandt von denen Regimentern eins vacanter wehre, so könndte man ihn, nicht wegen seiner, aber auf des fürsten befehlich acomodiren. Sonsten halt der Max ein befehlich mitt dem herrn ein sach zu communiciren darauf ich mich denn referiren thue. Der herr kann wegen des Savelli dem fürsten durch herrn Zerda, wenn der herr nicht selbst mitt S. l. reden kan, die sach vorbringen lassen, denn gewis wegen der grossen obligi, so ich dem fürsten hab, will ich das eußerste thun undt meiner natur gewalt thun auf das dero befehlich vollgezogen wirdt undt verbleibe

d. h. g.                     
A. h. z. M.                 

Halberstadt. den 4. Jan. 1630.
Adresse wie oben. Wien.


* Nr. 42.

1630. Jan. 7.

Aus des herrn schreiben vernehme ich, das er alle sachen gericht halt nur des Topii nicht, sag dem herrn fleissig Danck deßwegen. was des Topii sach anbelangt, wenn der herr von Questenberg wirdt auf Wien kommen, undt man daselbst mein meinung wol vernehmen, so wirdt man gar kein bedenken darin haben; dahero lasse der herr dieselbige

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nur unexpedirt. Was die 100 m Str. korn anbelangt, da bitte ich der herr sehe das solches oder das gelt dafür verschaft wirdt, auf das mans gewis zu anfang Aprillis kan haben. Der herr rede mit dem Brunco (?) ja auch der Spanischen botschaft gar, das ichs sehr gern sehen thete, wenn der Brunco etwan umb die Lichtmes sich bey mir zu Gitschin befünden thete, denn ich wolle unterschidliche sachen des Königs dienst betrefendt mitt ihm conferiren, wenn der herr seine sachen wirdt gericht haben, so komme er auch auf Gitschin undt bringe sie mitt, insonderheit aber wegen des getreidts ein richtickeitt. undt ich verbleibe

d. h. g.                     
A. h. z. M.                 

Halberstadt. den 7. Jan. 1630.


* Nr. 43.

Notizblatt, 1 in Chiffren.
Wegen des Topij sach.

Solches er Ihr Matt. schreibt, dieweil die Abschrift dessen bey gelegt ist, dem Ob. Sant Julian zu communiciren undt ihn bitten, er solle sehen die sach dahien zu richten auf das mir Ihr Matt. commission geben über die sach mich zu erkundigen undt dem beleidigten zu billickeitt verhelfen. Dieser ist sonsten Chatholisch kan viel dem haus von Oesterreich dienen in sonderheitt in den Niederlandten undt das ich den Sant Julian laß bitten, er solle dies werck als wenns mein eigen weher ihm anbefohlen sein lassen wirdt mich gewis obligiren.

Die welchen man bitten soll Ihr Matt. wollen zum herrn annehmen.

Er ist verheirat mitt des Barnefeldts tochter gielt viel bey dem Prinzen von Oranien ist ein wol intencionirter man zum Frieden, wirdt gutte dienst leisten können auf alle weis sehen, das man ihms zu wege bringt. sehe deßwegen bey dem fürsten preocupiren undt das ja heraus bringen.


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Nr. 44.

1630. April 28.

Albrecht von Gottes Gnaden. etc

Wolgeborner besonders lieber Her Obrister; Waß unß Ihr Kays. Maytt. wegen des herrn Churfürsten zur Brandenburg Liebden zuschreiben undt benebenst deroselben entschuldigung, warumber Sie auf den außgeschriebenen Churfürstl. Collegialtag nicht erscheinen khönnen, übersenden thuen, Solches hat der Herr auß beyliegenden Abschriften mit mehreren zu ersehen. Wie wier nun gerne sehen daß des herrn Churfürsten zur Brandenburg Lden. in diesen Satisfaccion bekhommen möchten, gleichwoll daß Volkh auß erheblichen Ursachen nicht abgeführet werden khann,

Alß wird der herr doch in Bedacht sein, solchs Anstellung zu machen, daß Ihr Ldn. in allen, waß mensch undt müglich gratisicirt wirde, damit dieselb nicht Ursach haben, sich zu beschweren, daß dero Lande undt Leith vorsetzlicher Weiß ruinirt werden. Welche er dann rechts zu thuen wißen wirdt.

Geben Carlsbadt den 28. Aprilis 1630.

A. h. z. M.                 

Adresse. Dem Wolgebornen unserm besonders lieben Herrn Heinrichen Freyherrn von St Julian Röm Kay. May. KriegsRath Cammerern bestellten Christen undt GeneralCommissario.

Beilage.

1) Mittheilung ad Mandatum Imperatoris von der Entschuldigung Kurbrandenburgs wegen Nichterscheinung auf dem Regensburger Convento.

Als Beilage hiezu:

Churbrandenburg entschuldigt sich auf den Churf. Convent nit erscheinen zu khönnen umb willen er seine Länder bey seiner Zurückkunft auß Preußen ganz desolirt befunden, daß er auch seinen Unterhalt für sich undt die seinigen

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schwerlich werde zu gewartten haben, stehe auch in Zweiffel ob ihr May: darbey suchende höchst rümblichen scopus werde khönnen erhalten werden, wenn diejenigen mit denen der fried zu tractieren nit an der stell und sich etwan hernach an den churfürstl Schluß nit verbunden zu sein erachten würden.

Bittet deßwegen für entschuldigt zu halten, "sondern gnedigst zu verhelfen"

1) daß das Volkh auß seinen landen abgeführt oder zum wenigsten die seiner Residenz negst gelegene Ämbter, so dem St Julianischen Regiment in 16 Monaten nahend 300000 Rth. contribuiret ohne den starkhen Rest, so noch darüber von selbigen Regiment praetendirt werden,

2) daß die Stad Frankfurt an der Oder der monatlichen 9000 thaler contribution erledigt,

3) In den Quartirn mit dem unterhalt solche billichkeit zu verordnen, damit gleichwoll zwischen den gehorsamben Stenden undt feinden ein Unterschied gehalten werde.

4) Weiln das Pappenheimbische Regiment auß der alten Mark abgeführt wirdt, kein ander volkh mehr daselbst einzulegen. Wenn Ihr May. ihne hierin erhören und ihm sonsten müglich sein würdt bey derselben sich gehorsambst einzustellen, wolle er sich darauf weiters erklären daß dieselbe seine treugehorsambiste Affection zu dero großte contento vermerkhen werden.


Nr. 45.

Colberg 6. Mai 1630.

Torquato Conti schreibt à Son Altesse den Kurfürsten von Brandenburg, daß der König von Schweden noch diesen Sommer seine Unternehmung auf deutschland mache, daß er die Absicht habe das Ufer der Oder zu gewinnen und zu beherrschen und daß deshalb die Festungen in Stand zu setzen und mit guten Garnisonen zu besetzen waren.


Nr. 46.

11. Mai 1630. Oberst Wengersky ist mit dem Oberst Torquato Conti in Streit sowol über Truppendislocirungen in Meckelnburg wie auch über Proviantlieferung

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Torquato Conti antwortet von Colberg 11. May 1630. Herr Obrist Sant Julian, Hatzfeldt undt Wir habens die Austheilung des Volcks so wol wie die besatzung des Landts Mechelburg, als dessen was zu Veldt ziehen muß umb Mechelburg und Pommern zu succuriren wie nicht weniger die Austheilung der Proviandt . . . . mit einander gemacht - aber kein effect dabei . . . . gehet darüber übel bezeugen wir vor Gott, den Kayser und dem General etc


Nr. 47.

4. Juni 1630.

Meldung über das Vorrücken der Schweden in Preußen von dem Landvogt zu Scheke (?).

Kaiserliches Mandat an die schlesischen Truppen nach Pomern zu ziehn vom 27. Mai 1630.

Schreiben des Königs Sigismund von Polen an den VeltMarschall Torquato Conti (in Abschrift).

Hochwolgeborner besonders lieber Herr. Derselbe hat sich gutermaßen zu erinnern, waß wier vor diessem uf sein begehren wegen haltung guter Correspondentz mit den unserigen bey dießen gefehrlichen leuften an ihne schriftlich abgehn lassen.

Undt weilen wir da von den unserigen glaubwürdig bericht worden waßgestalt der Gustavus mit deme die Zeithero im Fürstenthumb Preußen habenden Schwedischen Volkh nunmehr von dannen aufzubrechen, daßelbe über die Weichsel zu setzen undt gegen den pommerischen Grentzen, wieder daß kheyserliche Volkh einzuführen vorhabens sein solle.

Alß haben wir hierauf nit underlaßen durch die unserige weilen es wieder die neulicher Zeit aufgerichte Compactata lauft bey dero Cantzlarn Axelio Ochsenstern umb gewießerer nachricht willen dießfalls erinnerung thun zu lassen. Worauf da von ihme dieße Antwort erfolget, daß er von den Jenigen, so umb der Kayserlichen Consilien gute Wießenschaft haben sollen, gewieße Nachricht eingezogen, daß die Khay. Soldatesca dahier intentionirt sey in obgemelt Fürstenthumb Preussen einzufallen undt sich etlicher Pässe undt örtter daselbst zu be=

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mechtigen. Dannenhero dießeß unsers Khönigreichs Proceres, gleichsamb wider das Khays. Volkh aufzuwickheln vermeinet undt derentwegen hierauf gute zuhalten anermahnen thuet, zu welchem ende er den auch zur Verhütung solchen einfalß ein volkh dahin zu commendiren verursacht worden wehre.

Derowegen wir den ohnumbgenglichen notturft zu sein erachtet den herrn solches zu seiner nachrichtung in vertrauen drch Zaigern dießes eigenen Kosaggs eilfertig zu avisiren, damit er sich hiernach zurrichten undt in einem undt andern, sowol wegen eröfnung der Consilien, alß auch der antworten gefahr halben deß feindes den sachen preveniret werdten möge. Inmaßen er seiner habenden dexteritet nach den sachen, wie recht zu begegnen, wißen wirdt. Wolten etc .

Geben in unserer Statt Warschau den 31. Mai 630

Sigismundus Rex.            

Ahn herrn Velt Marschall
Torquato Conti.


Nr. 48.

Vom 4. Juni 1630 wird aus Preußen gemeldet, daß Gustav Adolf aus Schweden bereits abgereist sei und daß er gegenwärtig 36 Regimenter habe.

(Bericht Wolffs von Kreuzern Landtvoigt zu Scheke (?)

4 Briefe des Banquier Hanns de Witte an St. Julian.

Quittungen über eingezahlte Summen a Conto Wallensteins.


* Nr. 49.

1630. Septbr. 2.

Ich berichte ihn, das der hans de Wite an mir nicht erbar handelt, denn er mir das gelt nicht, wie sich gebührt erlegen thuet, dahero denn der herr sehe ihm von dem

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asignirten gelt keines mehr zu erlegen, sondern sehe, das er mir etwan einen andern kaufman ernennt, dem man das gelt würdt abführen können, denn ich mitt dem ehrvergessenen schelmen nichts mehr will zu thun haben, das gelt aber bitte ich, er sehe so viel es immer müglich ist das er zusammen bringt, auf das ich wegen meiner von Ihr Matt. expensen kan contentirt werden undt verbleibe.

etc .           

Meiningen den 2. Sep. 1630.

Adresse wie oben, ohne Ort.


Nr. 50.

1627. Juli 10.

Mando a S. S. la letera de credenza per la cita de Wratislavia V. S. gli potera prometer, che sarano liberi passato il mese de Julio; a le compagnia de Nasau no sono obligate dar niente, perche il lor quartiro e. a. Franckenstein. Jo mandare le due comp. che stano a Namschel nel imperio al colonello de Arcim (?) V. S. potera meter dentro quelle Comp. nove armandole che so cerano adesso e con sul fine vostro

afecionatissimo de sua S.            
A. duca de Fridland.                 

Cosla 10 de Julio 1627.

Anm. Ein Blatt, wahrscheinlich von Wallensteins Hand, ohne Adresse, jedenfalls an einen der italiänischen Officiere gerichtet, vielleicht an Torquato Conti.

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IV.

Ueber

die Familie Grelle und von Grelle.

Von

Dr. G. C. F. Lisch.


In den Untersuchungen über den meklenburgischen Adel ist oft von der Familie Grelle die Rede gewesen, welche eine gewisse Berühmtheit dadurch erlangt hat, daß es erwiesen ist, daß sie in der neuen Geschichte die erste bürgerliche Familie war, welche ohne Beschränkung mit adeligen Lehngütern belehnt ward; vgl. Extra Sendschreiben, 1843, S. 167.

Woher die Familie stammt, ist ungewiß; aber im 16. Jahrhundert war sie in Wismar ansässig und in Ansehen. Jürgen Grelle war 1530 † 1553 Burgemeister zu Wismar, eben so Hieronymus Grelle 1588 † 1591; vgl. (Crull) Verzeichniß der Bürgermeister zu Wismar.

Hermann Grelle kaufte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Gut Damekow, und dies ist die erste, bisher bekannt gewordene Erwerbung eines adeligen Lehngutes durch einen Bürger in der neuen Geschichte. Damekow war ein altes Lehn der adeligen Familie vom Sehe oder See. Diese wohnte im 16. Jahrh. in mehrern Gliedern auch in der Stadt Wismar, so z. B. 1546 Hans vom Sehe und 1534-1550 Joachim vom Sehe Rathmann zu Wismar. Hermann Grelle kaufte Damekow in zwei Theilen. Im J. 1570 kaufte "Hermann Grelle, Bürger in Wismar", von dem "Lehnmann Hans vom Sehe zu Damekow", damals zu Tatow wohnhaft", dessen väterliches Erb- und Lehngut im Dorfe Damekow, nämlich dessen "beide Höfe

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und Erb= und Lehngut", und ward am 15. März 1570 von dem Herzoge Johann Albrecht damit "zu einem rechten Mannlehn" ohne Beschränkung und in derselben Form, wie jeder andere Lehnmann, "belehnt". Am 15. Mai 1584 kaufte der Lehnmann Hermann Grelle "zu Damekow" von Burchard vom Sehe zu Eikhof, damals zu Wismar wohnhaft, den übrigen Theil von Damekow, nämlich "einen Bauhof und 6 Hufen Landes", welche Burchard vom Sehe von seinem Vetter Joachim vom Sehe, Rathmann zu Wismar, ererbt hatte, und am 29. Nov. 1584 gab der Herzog Ulrich zu diesem Verkaufe seinen "Consens". Seitdem wurden die Grelle immer als Lehnträger betrachtet. Hermann Grelle starb 27. Febr. 1615 und seine Söhne 1 ) Hermann, Joachim und Jacob mutheten am 4. Jan. 1616 das Lehn.

Am 29. März 1611 kaufte "Hermann Grelle zu Wismar wohnhaft und zu Damekow erbgesessen" von der v. Bülow' schon Vormundschaft das Lehngut Madsow, welches seit dem 15. Jahrh. im Besitze der Familie von Bülow gewesen war, und am 4. Jan. 1612 ward er von dem Herzoge Adolf Friederich damit als zu "rechtem Mannlehn" belehnt.

Es ist zwar mitunter behauptet, daß die Wismarsche Familie Grelle adeligen Ursprunges sei; dies läßt sich aber durchaus nicht nachweisen und wahrscheinlich machen, und die Familie selbst hat es nie behauptet. Es gab im Mittelalter in Westpreußen und Hinterpommern eine alte adelige Familie von Grell, welche im J. 1809 ausgestorben ist. Bagmihl im Pommerschen Wappenbuche, III, S. 176, welcher diese Familie behandelt, sagt, daß "diese Familie auch in Meklenburg begütert gewesen sei und dort 1628 die Güter Damekow und Madsow besessen habe, welches letztere nach 1775 "im Besitze eines Herrn von Grell" gewesen sei, und v. Penz sagt in seinem Verzeichniß des Meklenburgischen Adels (Jahrbuch XI, S. 467): "Grelle, ein alt Pomerisches Geschlecht, wovon 1628 hier zwey zu Damekow und Madsow wohnten. Da sie aber hiernächst ihren Adel verloren haben, so hat der jetzt zu Madsow wohnende die Renovation vor einigen Jahren vom Kayser wieder erhalten."


1) Beiläufig gesagt, hatte Hermann Grelle auch eine Tochter, Jungfrau Gertrud, welche augenkrank War. Am 17. Oct. 1586 schloß er mit dem Oculisten M. Valentin Rauschwurm zu Hamburg einen Contract über die Heilung seiner Tochter, den Herr Dr. Crull zu Wismar in Zehender's Zeitschrift für Ophthalmologie, 1867, hat abdrucken lassen. Gertrud Grelle, "eine reiche Erbin", ward aber blind und blieb blind und starb am Ende des dreißigjährigen Krieges.
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Diese Darstellungen beruhen aber auf rein willkührlichen Annahmen. Es läßt sich weder die Abstammung der Wismarschen Grelle von den pommerschen von Grell nachweisen, noch sind die Wappen beider Familien gleich, indem die Pommerschen Grell im rothen Schilde zwei ins Andreaskreuz gelegte silberne Lanzen und oben und unten einen goldenen Stern und auf dem Helme eine roth gekleidete gekrönte Jungfrau mit einem silbernen Ringe in jeder Hand führten. Auch haben die Wismarschen Grelle nie den Adel behauptet; sicher ist es, daß sie nie als Adelige angesehen und anerkannt sind.

Es ist jetzt das Adelsdiplom der Wismarschen Grelle aufgefunden, dessen Mittheilung Hauptzweck dieser Zeilen ist. Dieses beweiset unwiderleglich, daß sie erst im J. 1777 geadelt sind. Am 15. März 1777 wurden Otto Dieterich und Carl Ludwig Grell auf Madsow von dem Kaiser Joseph "in den Adelsstand erhoben." Sie hatten nur vorgebracht: ihre Vorältern hatten seit Jahrhunderten in dem Herzogthume Mecklenburg Güter besessen und solche seien unter die Adeligen mitgerechnet worden. Von einer Renovation eines alten oder verloren gegangenen Adels ist nicht die Rede. Auch ward ihnen nicht das Wappen der Pommerschen von Grell bestätigt, sondern ihr bisher gehabtes Wappen als adeliges verliehen.

Hier folgt das Diplom im vollständigen Auszuge.


Wir Joseph der Andere, von Gottes Gnaden
Erwehlter Römischer Kayser - - - -
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----------------------------

"Wann Uns von denen beyden Gebrüderen, Unseren und des Reichs lieben Getreuen Otto Dieterich und Carl Ludwig Grell allerunterthänigst vorgetragen worden, welcher gestalten ihre Voreltern, vermög deren Uns beygebrachten glaubwürdigen Zeugnißen, seit Jahrhunderten in dem herzogthum Mecklenburg Güther besessen und solche unter die Adeliche mitgerechnet worden seyen, der größte Theil ihrer Lehen=Güther aber wäre durch Brand und Unglücksfälle, besonders durch die dreysigjährige Kriegsdrangsale aus ihrem Eigen=

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thum gekommen, daß nun nach der Zeit das einige Lehen Guth Madsow annoch bey ihrer Famille geblieben, und von ihme Otto Dieterich Grell eigenthümlich besessen und bewohnet werde; Wie dann einer aus ihrem Geschlecht, derer Grell, die ansehnliche Bürgermeister=Stelle in der Stadt Wismar bekleidet, welcher im Jahr Fünfzehen hundert drey und Fünfzig gestorben und in Wismar begraben seye, auch ihre Voreltern und sie selbsten Uns und dem heiligen Römischen Reich ihre allerunterthänigsten Dienste ohnausgesezt geleistet, und sich jederzeit adelicher guter Sitten und Wandels beflissen hätten; Und Uns dahero sie beyde Gebrüdere allerunterthänigst gebetten, daß Wir sie, in Betrachtung ersterzehlter vorzüglich gegen Uns und das heilige Reich sich erworbenen Verdiensten, in des heiligen Römischen Reichs Adelstand aus Allerhöchster Kayserlichen Milde zu erheben geruheten, welche unschätzbare Gnade sie gegen Uns und das heilige Reich lebenslang mit allerunterthänigstem Dank zu verehren erbietig seyen, solches auch wohl thun können, mögen und sollen.

So haben Wir dem nach aus erstangeführten Unser Kayserliches Gemüth bewegenden Ursachen mit wohlbedachtem Muth, gutem Rath, und rechtem Wissen, ihnen, Otto Dieterich und Carl Ludwig, Gebrüderen Grell, die Kayserliche Gnade gethan, und sie samt ihren ehelichen Leibes=Erben, und derenselben Erbens=Erben, beyderley Geschlechts, absteigenden Stammens, für und für, in des heiligen Römischen Reichs Adelstand gnädigst erhoben, eingesezt, und gewürdiget, auch der Schaar, Gesell= und Gemeinschafft anderer adelichen Personen dergestalt zugesellet, zugefüget und verglichen, als ob sie von ihren Vier Ahnen, Vätter= und Mütterlicher Seits, in solchem Stand herkommen und gebohren wären."

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"Ferner, und zu mehrerer Gedächtnus dieser Unserer Kayserlichen Gnade haben Wir ihnen, Otto Dieterich und Carl Ludwig Gebrüderen Grell, ihren ehelichen Leibes=Erben, und derenselben Erbens=Erben, beyderley Geschlechts, ihr bishero gehabtes nachfolgendes adeliches Wappen verliehen, und in alle Zeit zu führen gnädigst gegönnet und erlaubet; Als einen gantzen rothen mit zwey silbernen Querbalcken belegten Schild, in dessen oberen Abtheilung rechts ein goldener Stern und zwey goldene Lilien, in der mitteren drey, und in der unteren Abtheilung abermahls zwey goldene Lilien neben einander zu ersehen; Auf dem Schild ruhet ein

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offener, adelicher, blau angeloffener, roth gefütterter, rechtsgekehrter, goldgecrönter, zur Rechten mit roth und silbernen, und zur Lincken mit roth und goldenen herabhangenden Decken, auch umhabenden Kleinoden, gezierter Turniershelm; Worüber zwischen zweyen mit roth und silber abwechselnden Adlers=Flügel mit einwärts gekehrten Sachsen, ein goldener Stern erscheinet; Wie solch=adeliches Wappen in Mitte dieses Unsers Kaiserlichen Gnaden=Briefs mit Farben eigentlichen entworffen und gemahlet ist.

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Wir haben über dieses noch zu mehrerer Bezeigung Unserer Kayserlichen Gnade ihnen, Otto Dieterich und Carl Ludwig Gebrüderen Grell, und ihrer ehelichen Nachkommenschafft, beyderley Geschlechts, gnädiglich gegönnet und erlaubet, daß sie nun hinführo in ewige Zeiten gegen Uns, Unsere Nachkommen, Römische Kaysere, deren Canzleyen, und sonsten männiglich, in allen ihren Reden, Schrifften, Handlungen und Geschäfften sich von Grell, wie nicht weniger von allen ihren mit rechtmäßigem Titul besitzenden oder künfftig noch überkommenden Gütheren, nennen und schreiben, von männiglich auch also genennet und geschrieben werden sollen und mögen."

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"Mit Urkund dieses Briefs, besiegelt mit Unserem Kayserlichen anhangenden Insiegel, der geben ist zu Wien, den Fünffzehenden Tag Monats Martii, nach Christi Unsers lieben Herrn und Seeligmachers gnadenreichen Geburt, im Siebenzehen hundert Sieben und Siebenzigsten, Unsers Reichs im Dreyzehenden Jahre.

Joseph.
V. R. Fürst Colloredo.

"Ad Mandatum Sac. Caes.
Majestatis proprium.

"Franz Georg von Leykamp.           
Collat. und registr.                   
M. H. Molitor mppr."       

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V.

Zur

Topographie der Pfarre Klütz

Von

Dr. G. C. F. Lisch.


In den Jahrbüchern XII, S. 392 flgd. ist die Topographie der Pfarre Klütz gründlich untersucht. Das Land um Klütz war in den ältesten Zeiten Wald und hieß der Wald Klütz ("silva Clutze"), später der Klützer Ort, d. i. Ecke oder Winkel, weil das Land wie eine Ecke in das Meer weit vorspringt. In dem Walde entstanden durch Ausrodung zahlreiche niedersächsische Dorfanlagen, von denen viele den Namen - Hagen führen. Daher ist der "Klützer Ort" eben ein solches Hagenland, wie das Hagenland Drenow zwischen Rostock und Doberan, wenn jetzt auch ohne bemerkbare Reste von alten Volkseigenthümlichkeiten 1 ).

Der Hauptort des Klützer Ortes war das alte Dorf, jetzt Flecken Klütz, in welchem sich schon früh eine Kirche mit einer großen Pfarre bildete. Die bedeutendsten Orte dieser Pfarre waren seit alter Zeit die Ortschaften Klütz und Tarnewitz, welche schon früh an ritterliche Familien zu Lehn gegeben wurden, Klütz an die von Plessen, Tarnewitz an die von Tarnewitz, welche ohne Zweifel von diesem Gute den Namen führten; die von Plessen sind noch jetzt in dieser Gegend ansässig, die von Tarnewitz sind im 17. Jahrhundert ausgestorben.


1) Vielleicht deutet auf alte Ansiedelungen der Bauernname Westphal, welcher hier öfter, namentlich z. B. viel in Boltenhagen, vorkommt.
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Eine Eigenthümlichkeit ist es, daß bei den beiden Hauptorten Klütz eine große Menge kleinerer Ortschaften entstand. Bei Tarnewitz lagen z. B. Hof Tarnewitz, Hof Ober=Tarnewitz (jetzt Oberhof), Tarnewitz, Groß=Tarnewitz, Nieder=Tarnewitz, Tarnewitzerhagen, Güldenhorn, Lindenhase, Wittenborgerhagen. In den neuesten Zeiten ist bei Tarnewitz noch eine bisher unbekannte Ortschaft entdeckt. In dem Wismarschen Zeugebuche (f. 45) entdeckte Herr Dr. Crull folgende Stelle:

"1520. Eyn bosegelt breff vppe hundert m. houetstols imme Vinckenhagen, so Hinrick Tarneuissen imme Klutzer orde tokamet, vorsegelt."

Hier wird offenbar ein Tarnewitzisches Gut Vinkenhagen im Klützer Ort aufgeführt. Lange ist nach der Lage dieses Gutes vergeblich geforscht. Endlich fand sich in den alten Lehnacten folgende Nachricht vom 26. April 1582, welche auf die rechte Spur zu leiten scheint.

"Die beiden Höfe alß Vinckenborg und Güldenhorn, beide im Tarnewißerhagen bei der Mühlen belegen, sind jewerle Hofehäue gewesen und von den Tarneuißen gebauet im Nieder=Clutz"

Es scheint nicht zweifelhaft zu sein, daß Vinkenborg der Hof zu Vinkenhagen war. Vinkenburg lag also bei Güldenhorn; Güldenhorn, in früherer Zeit auch ein Rittersitz, ist aber in den jetzigen Oberhof, einiger Acker auch zu Christinenfeld und Tarnewitzerhagen übergegangen.

Vinckenborg und Güldenhorn werden "Hofehäue" genannt, ein Ausdruck, welcher selten vorkommt. Ich erkläre ihn durch Hofhöfe, d. i. Wirthschaftshöfe oder kleinere Ritterhöfe, welche zum Hauptrittersitz gehören. Der Plural von: hof lautet im Plattdeutschen noch jetzt: "häve".

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VI.

Bischof Nicolaus I. Böddeker

von Schwerin,

von

C. D. W.
Nachtrag zu Jahrb. XXIV, S. 24 flgd.


In der früher gegebenen Skizze von dem Leben des Bischofs Nicolaus I. von Schwerin ist gesagt, daß derselbe 1425 zuerst als Pleban an S. Marien zu Wismar vorkomme und sein Nachfolger in diesem Amte zunächst 1446 genannt werde. Nach späteren Entdeckungen war M. Böddeker aber schon 1423, Julii 8., Pfarrherr zu S. Marien und bekleidete dies Amt noch 1440, Januar 3.

Zu den Beweisen seines Wohlwollens gegen Verwandte und seines Eifers in guten Werken, welche ihm a. a. O. vindicirt sind, kommt eine Urkunde, welche neuerdings in das Wismarsche Raths=Archiv zurückgelangt ist. Der Bischof hatte nach derselben eine Muhme - Moddere -, welche sich im Kloster zum H. Kreuz in Rostock aufhielt, aber dort nicht förmlich eintreten konnte, da es dem Kloster an Mitteln zum Unterhalte für dieselbe fehlte. Deshalb schenkte der Bischof dem Kloster 500 Mark Sundisch und legte dann dem Convente die Bitte vor, nach dieser Besserung des Vermögens seiner Verwandten nunmehr die Aufnahme zu gewähren, welchem Ansinnen der Convent denn auch sofort laut der 1457, März 30. ausgestellten Urkunde, Anlage, entsprach. Der Bevollmächtigte des Bischofs bei diesem Vorgange war Timotheus, Prior der Karthause zu Marienehe.

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Anlage.

Das Kloster zum H. Kreuz in Rostock bezeugt den Empfang einer Schenkung von 500 M. Sund. Seitens des Bischofs Nicolaus I. von Schwerin und dafür die Aufnahme dessen Muhme Gese Köllen in das Kloster

D. d. Rostock. 1457. März 30.

Wii Laurencius Kuleman, commissarius, Dorothea Hagemester, priorissa, vnde gantze sammelinge des closters tome hilgen Crutze to Rostke vor vns vnde vnse nakomelingen bekennen vnde betugen witliken apembare vor alsweme an desseme vnsen apembreue, dat de werdige ghestlike vader here Tymotheus, prior tor Carthu e sz to Marienee, van weghen des erwerdigen in god vaders vnde vnses gnedigen heren heren Nicolawes, bisschoppes to Zwerin, an vnser allen ieghenwardicheit ghelesen hefft ene cedulen, dar he vns ene copien van gaff, van worden to worden aldus ludende.

Erwerdigen, jnnigen iuncfrouwen vnde leuen sustere in Cristo Jhesu vnseme heren. De erwerdige in god vader, vnse gnedige here van Zwerin begheret wol, dat syne moddere, de gii hiir myt juw hebben, mochte hiir entfangen werden an juwen orden vnde myt juw hir deme almechtigen gode denen, beyde dach vnde nacht, vnde leuen na der regulen sancti Benedicti in willigem armode, kuscheit vnde horsame vnde anderen doghetsamen ovingen to der ere des almechtigen godes dorch erer sele salicheit hir to vorweruende myt der hulpe godes. Doch so is deme suluen vnseme gnedigen heren wol witlik, dat gii noch gheringhe hebben van tiidliken guderen vnde iarliken tynsen, also dat gii nicht wol mere personen konen voden van den guderen des closters, wan gii nu tor tiid hebben, vnde dar vmme ok nene personen mere moghen entfangen, wan der nu ieghenwardich sint in desseme clostere, dorch der vorhedinge willen des paweses Bonifacii octaui, capitulo periculoso de regularibus, libro sexto, jd en were denne, dat juwes closteres gudere also vele me e r worden verme e ret, dat gii mere personen konden voden sunder brok nodtroftiger

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dinge. Hiir vrnme so denket de sulue vnse gnedige here van syneme vrigeme wilkore de gudere desses closters to vormerende to der ere des almechtigen godes dorch siiner sele salicheit also vele, also eme dunket, dat me ene persone kone mede voden vnde entholden sunder brok notroftiger ding, de dar leue na der regulen sancte (!) Benedicti vnde den gesetten des ordens Cisterciensis, vnde dar to so antwerde ik van vnses gnedigen heren wegen juw viffhundert Sundesche mark, dar gii senden iarlike renthe mede kopen, de to ewigen tiiden schoten blyuen by dessem clostere, jsset, dat de personen des closters, de nu sint, vnde ere nakomelinge blyuen an der bewaringe der regulen sancti Benedicti. Weret ouers, dat god vorbede, dat gii edder juwe nakomelinge wedder afftreden van. der bewarenge der regulen sancti Benedicti vnde den anderen ghesetten der tilgen Romeschen kerken edder des ordinis Cisterciensis, so scholen alsodane renthe, gekofft myt dessen vifhundert marken, gantzliken wesen an der schikkinge des suluen vnses gnedigen heren vnde komen, dar syne gnade se wert hennegheuende mundliken effte an syneme testamente edder myt loffwerdigen breuen. Vppe alsodane vorword vnde myt alsodanen beschede so antwerde ik juw desse vitfhundert Sundesche mark.

Vurder mer bekennen wii Laurencius, commissarius, Dorothea, priorissa, vnde gantze sammelinge bauenscreuen, dat wii van deme vorgescreuen ghestliken vadere priore tor Carthu e sz in sulker vorscreuen wiise myt sodanen vorworden vnde vorbeschede desse bauenscreuen viffhundert mark rede euer entfangen hebben in gudeme golde vnde grauen Stralen vnde Rosthker schillingeren (!), dar wii den vorbenomeden vnsen gnedigen heren van Zwerin van qwiteren ieghenwardigen an desseme breue. Vnde als wii denne sodane vifhundert mark entfangen hadden, so hofft de sulue erbenomede werdige ghestlike vadere here Tymotheus, prior tor Carthu e sz, an vnser allen bauenscreuen ieghenwardicheit gelesen noch ene cedulen aldus ludende:

Erwerdigen leuen juncfrouwen. Also nu aldus vormeret sind de gudere desses closters also vele,

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dat me dar mogheliken euer personen mach van vorwesen an notroftigen dingen, also biddet de erwerdige in god vader vnse gnedige here van Zwerin vnde ik van syner wegen, dat gii dorch god willen entfangen syne modderen anjuwen orden, vppe dat se myt juw moghe denen deme almechtigen gode de tiid eres leuendes an willigeme armode, kuscheit vnde horsame vnde anderen doghetsamen ovingen na der regulen sancti Benedicti vnde willen er mede deylen van den guderen desses closters de ding, de er nod sint to eres lyues berghinge ghelik den anderen personen juwes closters dorch de beloninge des almechtigen godes.

Also bekennen wii vurder, dat wii de innigen juncfrouwen Gheszken Kollen, vnses leuen gnedigen heren van Zwerin. moddere, slichtes vmme godes willen jn vnsen orden sancti Benedicti vor ene sustere an vnse clostere myt gantzer werdicheit leffliken vnde dangknamyghen entfangen hebben an ovinge vnses orden vnde vele guder doghet to denste deme almechtigen gode vnde vnses closters gudere mede to brukende lik vnsen anderen leuen susteren. In orkunde vnde tuchnisse alle desser bauenscreuen ding so hebben wii des conuentes vnses closters ingesegele myt willen, witschop vnde gudeme medewetende henget vnde hengen beten vor vnde an dessen breff, de gheuen vnde screuen is na der bord Cristi vnses leuen heren dusent verhundert amme souen vnde veftigesten iare des mydwekens na deme sondage Letare Jherusalem in der vasten.

Nach dem Originale im Raths=Archive zu Wismar auf Pergament in Querfolio. An einem Pergamentbande ist das Siegel mit grüner Wachsplatte angehängt, welches aber ein Bild nicht mehr klar erkennen läßt. Auf der Rückseite steht von einer Hand des funfzehnten Jahrhunderts:

"Littera provisoris et priorisse ac tocius conuentus monasterii sancti (!) crucis in Rostock super quingentis marcis Sundensibus donatis per reuerendum in Cristo patrem et dominum dominum Nicolaum episcopnm Zwerinensem."

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VII.

Oberst Otto Hoppe von Schwerin.

Ein gemaltes Stammbuchblatt, im Besitze des Herrn Pastors Ragotzky zu Triglitz, correspondirenden Mitgliedes des Vereins, mit einem Wappen mit Schild und Helm, jedes mit 3 grünen Hopfenranken an Hopfenstangen auf silbernem Grunde, hat folgende Inschriften:

Alleß durch Lieb.
(Wappen.)

Zu stetß wehrender gedechtniß vndt Bruderlicher affection schreibe Ich Endeßbenanter dem wollEdlen Besten vndt Manhafften H. Hallensteiner von Mantauß, anhero geschehen zu Troppau den 9. Juny Anno 1627.

Otto Hoppen von Schwerin
itziger Zeit b. Obristen
Baudissin Regimente.

Anm. Ein Wolf Heinrich v. Baudissin commandirte im 30jährigen Kriege ein kaiserliches Regiment; später war derselbe kursächsischer Generalfeldmarschall. - Der Oberst Otto Hoppe von Schwerin ist eine sonst unbekannte Person, und war sehr wahrscheinlich ein durch den Krieg begünstigtes Schweriner Stadtkind. In unbedeutenden Stadt=Acten wird im 17. Jahrhundert der Bürgername Hoppe einige Male beiläufig genannt.

G. C. F. Lisch.

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Inhalt:

B.

Jahrbücher

für

Alterthumskunde.


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I. Zur Alterthumskunde

im engern Sinne.


1. Vorchristliche Zeit.

a. Steinzeit


Hünengrab von Kronskamp.

Nachtrag zu Jahrb. XXXIX, S. 115.

Das Steingrab (Dolmen) zu Kronskamp bei Lage ist in Jahrb. a. a. O. nach einem mündlichen Berichte des Herrn Pächters Witt beschrieben. Herr Witt hat später folgende genauere schriftliche Mittheilungen über das Grab gemacht. Das Grab stand in der großen Wiese des Reknitzthales, 80 Fuß vom Acker entfernt, am Fuße eines ziemlich hohen Berges, den man dort den Tempelberg nennt. Das Grab war ungefähr 8 Fuß lang und 6 Fuß breit und von mächtigen, glatten Granitblöcken aufgebauet; der Deckstein, welcher leider gesprengt ward, war "von ungeheurer Größe". Die Ecken des Grabes waren mit kleinern Steinen verzwickt. Der Feuersteinkeil, ein "Streitkeil" welcher in dem Grabe Pfunden ward und jetzt vom Herrn Witt eingesandt ist, ist 15 Centimeter (6 1/4 Zoll) lang und sehr schön polirt und scharf geschliffen, ein Zeichen, daß auch in großen, alten Steingräbern polirte Feuerstein=Geräthe vorkommen.

G. C. F. Lisch.


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Hirschhorn= Streitaxt von Lüsewitz.

Der Herr Landsyndicus a. D. Groth zu Rostock schenkte, durch Vermittelung des Herrn Amtmanns Burchard, eine Streitaxt aus Hirschhorn, welche im Herbst 1874 im Torfmoor zu Lüsewitz bei Rostock gefunden ist. Die Axt, aus dem Rosen= oder Wurzelende eines starken Hirschhorns, ist 12 Centimeter lang. Das Schaftloch ist unten viereckig und oben oval, vielleicht um zur bessern Befestigung des Schaftes hölzerne Keile von unten einzutreiben.

G. C. F. Lisch.


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Feuerstein=Zapfen von Neukloster.

Nachtrag zu Jahrb. XXXIX, S. 117.

Ueber die zu Neukloster auf dem Felde gefundenen Feuerstein=Zapfen oder Spitzen, erachtet der Herr Geheime Regierungsrath und Conservator von Quast auf Radensleben bei Neu=Ruppin, unser verehrtes correspondirendes Mitglied, zur Erklärung im Januar 1875 Folgendes. "Bis in sehr neue Zeit hinein war es hier üblich, daß der hier noch jetzt wie in Meklenburg herrschende Haken (nur im Lande Ruppin und Löwenberg 1 ) an dem Unterholze, das auf der Erde streift" (in Meklenburg Hakenhöft und Resterbrett) an der Unterseite mit Löchern eingebohrt ward, in welche möglichst passende Feuersteinzapfen eingelassen wurden, die das Holz gegen das Verreiben durch die Erde schützten; erst neuerlich hat man statt dessen Eisenschienen untergelegt. Sollten die zu Neukloster gefundenen Feuersteinzapfen nicht zu diesem Zweck gedient haben, da der Meklenburgische Haken mit dem hiesigen völlig identisch ist"? - (In südöstlichen Ländern Europas sollen ähnliche Splitter und Zapfen aus Feuerstein auch zu Vorrichtungen zum Korndreschen verwandt werden).

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1) Im Havellande herrscht nur der Pflug.
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b. Bronzezeit


Kegelgrab von Gädebehn Nr. 2.

In dem Forstrevier von Gädebehn bei Crivitz stand nicht weit von dem 1873/74 aufgedeckten, in den Jahrb. XXXIX, S. 125 beschriebenen Kegelgrabe ein ähnlicher, größerer Hügel, auch ein Kegelgrab. Der runde Hügel war sehr breit und 4-5 Fuß hoch, am Rande umher auch mit größeren "Feldsteinen" eingefaßt und fast ganz mit "Feld=

Handbergen

steinen" (erratischen Geschieben) angefüllt. Der Hügel ward von vielen Arbeitern unter sorgsamer und theilnehmender Leitung und Aufsicht des Herrn Försters Kolbow zu Gädebehn im Winter 1874/75 abgetragen und erwies sich ebenfalls als ein Kegelgrab der Bronzezeit. Auf dem Boden lagen:

neben größern, also nicht verbrannten Menschenknochen, welche aber sehr morsch waren und zerbrachen,

zunächst folgende voll gegossene, schön verzierte Alterthümer aus Bronze, welche mit edlem Rost bedeckt sind, im Gesammtgewicht von 4 Pfund:

zwei gleiche sogenannte "Handbergen", Armringe mit zwei auslaufenden Spiralplatten, wie sie in Meklenburg häufig gefunden und hieneben und Frid. Franc., Taf. IV

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abgebildet sind, freilich etwas zerbrochen, aber doch in den Bruchstücken vollständig vorhanden;

zwei gleiche breite, flache Armringe, mit Schrägestrichen ganz so verziert, wie die Ringe an den Handbergen, also diesen gleich, wie Frid. Franc., Taf. XXII, Fig. 8,

zwei gleiche schmälere und dickere Armringe, von ovalem Durchschnitte, mit Querstrichen verziert, wie sie in Meklenburg in Kegelgräbern der älteren Bronzezeit häufig gefunden sind, wie Frid. Franc., Taf. XXII, Fig. 5.

Auf den Spiralplatten der Handbergen standen zwei kleine, hellbraune, thönerne Urnen:

eine ganz kleine Urne mit einem kleinen Henkel, 3 1/2 Zoll hoch, welche jedoch zerbrochen war, aber in einer senkrechten Hälfte noch erhalten ist,
   und eine großere Urne, welche jedoch ganz zerfallen war.

goldener Fingerring

Bei diesen Alterthümern lag ein spiralförmig gewundener goldener Fingerring von doppeltem Golddrath von 5 bis 6 Windungen, von der Gestalt der hieneben stehenden Abbildung, 10 Gramm schwer. Die beiden Enden sind geschlossen. An einem Ende sind einige Gruppen von kleinen, dünnen Querstrichen eingefeilt oder eingeritzt. Goldene Fingerringe dieser Art sind in Meklenburg nicht sehr selten vorgekommen. Der vorliegende Ring ist sehr enge und paßt nur auf einem dünnen Finger, kaum auf einem dünnen kleinen Finger einer kleinen Manneshand.

Der Herr Förster Kolbow hat alle diese Alterthümer zur großherzoglichen Sammlung eingereicht.

Nach Metall, Form, Arbeit, Verzierung und Rost der Alterthümer gehört dieses Grab ohne Zweifel der älteren Bronzezeit an, wie solche Gräber in Meklenburg sehr häufig beobachtet sind, namentlich noch in den letzt verflossenen Jahren in der Gegend zwischen Parchim und Sternberg. Alterthümer wie die hier beschriebenen sind in den Schweriner Sammlungen, mit Nachweisungen, zahlreich vorhanden.

Nach der Mehrzahl der Alterthümer war dieses Grab ein Frauen grab. Sollte diese Vermuthung richtig sein, so würden die bisher noch nicht sicher bestimmten bronzenen sogenannten Handbergen auch zum Frauenschmuck gehören.

G. C. F. Lisch.


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Bronze Messer von Crivitz.

Im Sommer 1874 ward im Torfmoor der Stadt Crivitz 6 bis 7 Fuß tief ein Messer von Bronze, ohne Rost,

gefunden und von dem Herrn Burgemeister Kothé zu Crivitz dem Vereine geschenkt. Das Messer, ohne Zweifel zu Handarbeiten bestimmt, ist ein sogenanntes Rasirmesser, von der bekannten Gestalt, wie solche Messer im Frid. Franc. Taf. XVIII, und in Worsaae Nord. Olds. Taf. 36 abgebildet sind. Das Ende des dünnen, drathartigen Griffes scheint in einen kleinen Thierkopf, Hunde= oder Pferdekopf, mit langem Maul und Ohr auszulaufen; diese Bildungen können aber auch die Gußzapfen sein. Beim Putzen haben die Finder den Griff leider abgebrochen.

G. C. F. Lisch.


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Bronze=Messer von Schwerin.

Der Herr Gürtler Günther zu Schwerin schenkte ein seltenes Bronze=Messer, welches er mit altem

Messing zum Einschmelzen gekauft hatte. Leider ist die Spitze abgebrochen und verloren gegangen. Die Klinge ist ungefähr 4 Zoll oder 9 Centimeter lang gewesen und sichelförmig geschweift, hat also sicher als Messer gedient. Dieses Messer ist dadurch selten, daß der dünne stangenförmige Griff am Ende gespalten und spiralförmig einwärts gerollt ist, wie die Enden mancher Schwertgriffe, welche ebenfalls selten sind; vgl. Worsaae Nordisk. Oldsager, Taf. 31, Nr. 134 bis 136. Das Messer gleicht im Griffe den in Worsaae a. a. O. Taf. 33 Nr. 154 und 155 abgebildeten "vermeintlich symbolischen Nachbildungen von Schwertern", welche auch wohl Messer sein werden. Unser vorliegendes Exemplar ist nach der Gestalt der einschneidigen und geschweiften Klinge sicher ein Messer.

G. C. F. Lisch.


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Bronzefund von Hinzenhagen.

Im Anfange des Frühlings 1875 ward auf der Feldmark des dem Herrn Grafen Hahn auf Kuchelmiß ge=

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hörenden Gutes Hinzenhagen bei Krakow ein seltener Bronzefund gemacht und für den Verein gewonnen. Es ward im Gehölze aus einem vormaligen Wasserloche Modererde als Dünger ausgegraben. Nachdem ungefähr 400 Fuder Moder ausgegraben waren, sah der die Ausgrabung leitende Guts=Inspector Schwager in einer Tiefe von ungefähr 4 Fuß neben Thierknochen und "viel Holz" auf einer Stelle beisammen viele Alterthümer liegen, welche derselbe sammelte und rettete. Unter dieser Moderschicht lag eine Schicht von "Moos", ungefähr 1 1/2 Fuß dick, und darunter weiße (wahrscheinlich mergelige) Erde, welche auch noch brauchbar war. Herr Schwager überbrachte die Alterthümer dem Gutsherrn Herrn Grafen Hahn, welcher sie jedoch dem Herrn Schwager schenkte. Im Anfange des Monats März sah der reitende Gensdarm Brinckmann II. zu Krakow auf einem Rundritt diese Alterthümer in Hinzenhagen und berichtete über den Fund eingehend an das Gensdarmerie=Commando zu Schwerin, welches mir den Bericht zur Kenntnißnahme mittheilte. In Folge dieser Vorgänge wandte ich mich an den Herrn Inspector Schwager, welcher auf meine Vorstellung und Bitte den ihm jetzt gehörenden Fund dem Vereine zum Geschenke machte.

Die Alterthümer bestehen zum größten Theil aus Bronze und gehören ohne Zweifel der jüngeren Bronzezeit an.

Die gefundenen Alterthümer sind folgende.

I. Bronzene Alterthümer, alle ohne Rost.

2 Diademe, mit schrägegestreiften Querreifen verziert, eines zerbrochen.

42 kleine Hütchen, ("tutuli"), 2 1/2 Centim. hoch, davon 36 gleich groß und verziert, 6 etwas kleiner.

30 dünne geschlossene Ringe von 3 Cent. Durchmesser und 3 Millimeter Dicke; von diesen Ringen sind 3 mal 3 Stück in einen vierten und 2 mal 2 Stück in einen dritten lose gehängt, ohne daß eine Spur von Oeffnung oder Löthung zu finden wäre, müssen daher so ineinanderhangend gegossen sein; 12 Stück sind einzeln.

2 kleine, dünne gewölbte Knöpfe von 2 1/4 Cent. Durchmesser, unten mit einer Oese.

2 dünne und schmale, halboffene Armringe, auf der Oberfläche mit Strichen und Puncten verziert, in 6 Stücke zerbrochen.

18 dünne, zusammengerollte und platt gedrückte Bronze=Bleche von 2 1/2 bis 3 1/2 Cent. Länge und 4 bis 5 Cent.

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Breite, vielleicht Bekleidung oder Beschlag von Riemen oder dgl.

II. Außerdem wurden noch einige andere Alterthümer gefunden, welche wohl einer frühern Zeit angehören:

1 Streitaxt von Hirschhorn mit einem runden Schaftloche; die Beilschneide ist abgebrochen.

1 kleiner Schmalmeißel aus Feuerstein, roh zugehauen und nur an der Schneide geschliffen, 7 1/2 Centim. lang und 2 1/2 Cent. breit.

3 Scherben von großen thönernen Töpfen, welche nach heidnischer Weise bereitet und nicht verziert sind, vielleicht der Bronzezeit angehörig.

III. Endlich wurden auch mehrere kleine zerbrochene Thierknochen, z. B. vom Schaf, gefunden, darunter auch 2 kleine Pferdezähne.


Besondere Aufmerksamkeit erregen die 96 Bronzen. Der Fund gleicht an Styl, Arbeit und Zahl den beiden merkwürdigen Funden von Holzendorf (Jahrb. XXXIV, S. 220) und von Ruthen (Jahrb. XXXIX, S. 127), welche unter gleichen Umständen gemacht wurden. Diese beiden letzteren Funde sind nach unverkennbaren Zeichen ohne Zweifel Gießstätten der jüngeren Bronzezeit. In dem vorliegenden Funde von Hinzenhagen ist aber keine Spur von Gießerarbeit zu entdecken. Jedoch gehört der Fund sicher derselben Zeit an. Wahrscheinlich bildet der Fund den Vorrath eines Händlers, der vielleicht auch ein Gießer war und an der Fundstelle in einem Pfahlbau wohnte, wie aus dem "vielen Holz" in dem Moder, auch aus den Topfscherben und den Thierknochen zu schließen sein dürfte.

G. C. F. Lisch.


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Bronzeschwert von Sukow.

Im Jahre 1865 ward zu Sukow, A. Crivitz, beim Torfstechen im Moor ein Bronzeschwer t mit Griffzunge gefunden und an die großherzogliche Alterthümersammlung abgeliefert.

G. C. F. Lisch.


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Bronzeschwert von Warbelow.

Der Herr Gutsbesitzer Otto auf Warbelow bei Gnoien hat Sr. Königlichen Hoheit dem Großherzoge für die Großherzoglichen Sammlungen ein zu Warbelow gefundenes Bronzeschwert zum Geschenk überreicht, welches vollständig wie neu erhalten und frei von Rost, also in einem Moor gefunden ist. Das Schwert ist wie gewöhnlich die Bronzeschwerter gestaltet, zweischneidig mit erhabenem Mittelrücken; jedoch hat die Klinge keine Längslinien zur Verzierung am Mittelrücken oder sonstige Verzierungen und Spuren von Griffbefestigung, sondern ist ganz glatt. Die Klinge ist ungefähr 26 Zoll lang; die Griffzunge, welche nur die Gestalt einer dünnen viereckigen Stange von ungefähr 3/4 Zoll Breite hat, ist ungefähr 6 Zoll lang.

G. C. F. Lisch.


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Bronzeschwerter von Dörgelin.

Zu Dörgelin bei Dargun wurden in der Waldung unter einem großen Steine zwei Bronzeschwerter gefunden und von dem Finder an das großherzogliche Amt Dargun und von diesem an das großherzogliche Antiquarium eingeliefert. Die Klingen sind von lebhaft grünem edlen Rost bedeckt und tief durchdrungen, so daß sie nur noch einen schmalen Erzkern haben; daher sind die Schneiden ganz abgebrochen. Die längste Klinge, welche in der Mitte beim Herausgraben aus der Erde zerbrochen ist, ist ungefähr 22 Zoll lang und hat einen mit Linien gut verzierten Mittelrücken. Die zweite Klinge ist 17 Zoll lang und hat zwar einen erhobenen Mittelrücken, ist jedoch ganz glatt.

G. C. F. Lisch.


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Bronzeschwert von Groß=Methling.

Auf einer Erbpachthufe zu Gr.=Methling bei Dargun ward beim Aufräumen eines Grabens ein kurzes Schwert von Bronze mit Griffzunge gefunden, und von dem Erbpächter dem wailand Herrn Staatsminister a. D. v. Lützow

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Exc. auf Boddin übergeben, welcher es an die Sammlungen zu Schwerin einschickte. Die zweischneidige Klinge, welche wohl erhalten ist, hat die gewöhnliche Form und eine Länge von nur 15 Zoll. Ein "kurzer Griff", welcher daran gewesen sein soll, ist leider verloren gegangen.

G. C. F. Lisch.


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Bronzeschwert von Rosenow.

Zu Rosenow, R. A. Stavenhagen, bei Bahnhof Mölln, Ward in einer Wiese beim Ziehen eines Grabens ein Bronzeschwert mit Griffzunge gefunden, welches von dem Herrn v. Blücher auf Rosenow dem Vereine geschenkt ward. Die vollständig erhaltene, scharfe Klinge, welche 24 Zoll lang ist, ist zweischneidig und hat einen erhabenen Mittelrücken, jedoch keine Ausbauchung in den Schneiden und keine Verzierungen. Die kurze Griffzunge, welche am Ende zerbrochen ist, bildet eine viereckige Stange ohne Nietlöcher.

G. C. F. Lisch.


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Bronzeschwert von Neuhof.

Zu Neuhof bei Zehna (bei Güstrow) ward im Jahre 1872 an einem Abhange, der früher mit Eichen bestanden war, in einer Tiefe von 4 bis 5 Fuß (also in einer ehemaligen Höhlenwohnung ?) in horizontaler Lage ein wohl erhaltenes Schwert von Bronze gefunden und von dem Gutsbesitzer Herrn Gösch geschenkt. Die zweischneidige Klinge ist gearbeitet wie sonst die Klingen der Bronzezeit und hat auf beiden Seiten einen durch Linien abgegrenzten Mittelrücken. Die Klinge ist 49 Centim. (20 1/4 Zoll) lang. Sie unterscheidet sich aber dadurch von allen bisher bekannten bronzenen Schwertklingen, daß sie, ohne Verbreiterung in der Mitte, spitz ausläuft und ungewöhnlich schmal ist; sie ist im größern Theil der Mitte nur 2 1/4 Centim. (ungefähr 1 Zoll) breit und ähnelt einer modernen, kurzen Degenklinge. Sie hat oben eine viereckige Griffzunge. Der Griff, welcher unzweifelhaft aus Holz und Leder gewesen ist, fehlt.

G. C. F. Lisch.

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c. Eisenzeit.


Begräbnißplatz von Naudin.

Beim Bau der Eisenbahn von Kleinen nach Lübek ward im Herbst 1868 zu Naudin bei Kleinen in einer Sandgrube ein sogenannter "Wendenkirchhof" aufgegraben, in welchem außerordentlich viele mit zerbrannten Menschengebeinen gefüllte Urnen standen, welche jedoch alle zerbrochen waren und beim Graben zertrümmert wurden. Nur ein Bruchstück von einer braunen dickwandigen Urne ohne Verzierungen mit einigen Knochen konnte der Gutsbesitzer Herr Strömer, welcher zu spät Nachricht von dem Funde erhalten hatte, einsenden. Nach der Urne zu schließen, gehörte der Begräbnißplatz der jüngeren Eisenzeit an. Sonstige Alterthümer sind nicht bemerkt worden. Herr Strömer berichtet über die Fundstelle Folgendes. Der Begräbnißplatz war ein Kiessandhügel (eine Horst) in einem trocken gelegten, kleinen, flachen See. Die Bestattungsweise war sehr ärmlich. Die zerbrannten Gebeine lagen zum Theil in Urnen, bald mit, bald ohne Schutzsteine, zum Theil aber auch nur in kleinen Gruben, welche mit Feldsteinen ausgesetzt waren. - Auch der Herr Kammer=Secretair Meyer zu Schwerin, der in seiner Jugendzeit zu Naudin gelebt hat, berichtet, daß schon früher an der bezeichneten Stelle oft Urnenscherben gefunden seien.

G. C. F. Lisch.


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Begräbnißplatz von Leussow.

Zu Leussow ward in neuern Zeiten nicht tief unter der Erdoberfläche ein Begräbnißplatz entdeckt, aus welchem viele Urnenscherben ans Licht gefördert wurden. Es gelang auch,

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eine ziemlich vollständige große Urne, hellbraun von Farbe und gegen 11 Zoll hoch, zu retten, welche durch die Fürsorge des Herrn Försters Dohse in das großherzogliche Antiquarium gekommen ist.

G. C. F. Lisch.


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Gläserner Spindelstein von Dämelow.

Herr von Storch auf Dämelow, bei Brüel, nördlich von Häven, fand auf seinem Gute nahe an der Ventschower Grenze auf dem Felde einen höchst seltenen Spindelstein oder Würtel und schenkte in richtiger Würdigung des Fundes denselben dem Verein.

Der Spindelstein ist von dunkelgrünem Glase, am Rande mit gelben Zickzacklinien oder Spitzen verziert. Die Arbeit ist ohne Zweifel römisch. Dieser Spindelstein gleicht also an Masse, Verzierung und Arbeit ganz dem zu Nieder=Rövershagen bei Rostock gefundenen und in Jahrb. XXXIX, S. 137 beschriebenen Exemplar; nur ist das Exemplar von Dämelow 1 ) kleiner und an Gestalt mehr ringförmig (2 Cent. im Durchmesser), während das Exemplar von Rövershagen dünner und scheibenförmig ist.

Beide Funde sind auch dadurch merkwürdig, daß die Fundorte 9 Meilen aus einander liegen; Dämelow liegt allerdings nur ungefähr eine Stunde von Häven, dem Fundorte vieler römischen Alterthümer.

Zu Dämelow sind schon früher blaue römische Glasperlen gefunden; vgl. Jahrb. XXXVIII, S. 152.

G. C. F. Lisch.


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Glasperlen von Toitenwinkel.

Auf dem großen Burgwall zu Toitenwinkel bei Rostock an der Warnow (vgl. Jahrb. XXI, S. 53) wurden


1) Die Sammlung des Vereins besitzt schon seit den ersten Jahren der Sammlung einen ähnlichen ringförmigen gläsernen Spindelstein aus dem sogenannten "Wendenkirchhof" von Leussow. Derselbe ist auch von dunkelgrünem Glase mit gelben Blumen in hellblauen Ranken. Vgl. Jahrb. V, B, 1840, S. 82.
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3 farbige Glasperlen gefunden und von dem Herrn Dr. Wiechmann zu Rostock erworben und geschenkt, nämlich:
     eine größere Perle von dunkelblauem Glase,
     eine kleine Perle von grünlichem Glase,
     eine Stangenperle bestehend aus 3 zusammengeschmolzenen,kleinen Perlen von grünlichem, opalisirenden Glase, mit einem durch alle drei grade durchgehenden kleinen Loche.
     Wahrscheinlich sind diese Perlen römischen Ursprungs.
     Nachträglich sei hier bemerkt, daß früher auf dem Burgwalle nichts gefunden ist, auch nach dem Berichte des theilnehmenden ehemaligen Pächters Sachse bei der "Abrajolung" des Burgwalls nichts.

G. C. F. Lisch.

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d. Alterthümer anderer europäischer Völker


Steinalterthümer von Lydien.

Der Herr Dr. Hermann Stannius (aus Rostock), Kaiserlich=Deutscher Consulats=Verweser zu Smyrna, schenkte im September 1874 den Schweriner Sammlungen eine Sammlung von Steinalterthümern, welche in Lydien bei Sardes 1 ), der ehemaligen Hauptstadt des Königs Krösus, im Gygäischen See gefunden sind 2 ) und "durch Zufall" in seinen Besitz gekommen waren.

Die Sammlung besteht aus 37 kleinen steinernen Keilen (oder Beilen, oder Meißeln), welche zwischen 12 und 4 Cent. (4 1/2 und 1 1/2 Zoll) lang und zu einem großen Theile breit gestaltet sind. Alle sind sorgfältig gearbeitet und auf der ganzen Oberfläche polirt, die meisten mit regelmäßig nachgeschliffener Beilschneide. Fast alle sind unversehrt, nur wenige zeigen geringe Spuren vom Gebrauch. Die Bearbeitungsweise ist wie bei allen Völkern, welche eine Steinzeit gehabt haben, wie z. B. im Norden Mitteleuropas, in der Schweiz u. s. w.

Das Gestein aller Keile ist "schwarzer Kieselschiefer", der seit alten Zeiten sog. Lydische Stein, welcher noch jetzt unter dem Namen "Probierstein" von den Goldarbeitern zum probiren des Goldes gebraucht wird. Die Farbe ist vor=


1) Auf der Stelle von Sardes stehen nach zuverlässigen Reiseberichten nur noch zwei Häuser.
2) Auch die Münchener Anthropologische Gesellschaft erhielt "Steinbeile" aus dem "Gygäischen See bei Sardes" von dem Schwedischen Viceconsul Spiegelthal zum Geschenke. Vgl. Correspondenz=Blatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, 1874, August, Nr. 8, S. 57.
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herrschend schwarz, nur wenige Stücke sind dunkelbraun. - Wahrscheinlich sind zu den Geräthen passende Geschiebe oder Gebirgstrümmer benutzt, sie sind also durch die Natur vorgearbeitet, wie hin und wieder Schichtungs= oder Spaltungsfurchen anzeigen, welche durch das Poliren nicht ergriffen sind.

Diese Alterthümer geben wohl den unzweifelhaften Beweis, daß die Steinzeit vor langen Zeiträumen auch in Klein=Asien geherrscht hat, bevor sich das bekannte reiche und üppige Leben in Lydien entfaltete.

Die Auffindung dieser steinernen Alterthümer in einem See dürfte auch die Vermuthung berechtigen, daß diese Alterthümer Reste eines uralten Pfahlbaues sind.

G. C. F. Lisch.

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2. Christliches Mittelalter.


Bronzene Leuchter=Figur von Schwerin.

Der Verein ist vor Kurzem in den Besitz einer von jenen oft besprochenen Figuren von Messing gekommen, welche in Deutschland weit verbreitet sind. Es stellt eine 14 Centim. hohe männliche Figur mit ausgebreiteten Armen, in bloßen Haaren, mit kurzem Bart und mit einem kurzen Wams bekleidet dar. Der verstorbene Minister Freiherr v. Hammerstein hat in Jahrb. XXXVII, S. 173 flgd., mit 2 Tafeln Abbildungen, diese Figuren für "echte wendische Götzen" erklärt, wogegen sie in Jahrb. XXXIII, S. 238 flgd. als nicht seltene mittelalterliche Leuchter bestimmt sind. Unsere Figur gleicht am meisten den in Jahrb. XXXVII, Taf. II, Fig. 4, und Taf. I, Fig. 3 a und b abgebildeten Figuren. Unsere Figur ward vor ungefähr 40 Jahren in Schwerin beim Bau der Frankeschen Apotheke am altstädtischen Markte, Nr. 8, an der Ecke des Marktes und der Königsstraße, 16 Fuß tief unter der Oberfläche von dem verstorbenen Maurerparlier Pamperin zu Schwerin gefunden und 1875 aus dessen Nachlaß von dem Sohne desselben, Maurer Johann Pamperin, erworben. Die Figur ist ziemlich gut erhalten; nur der rechte Arm ist beim Finden von den Arbeitern zur Prüfung des Metalls abgeschlagen. Auf der linken Hand sitzt noch ein Niet, wahrscheinlich zur Befestigung einer nicht mehr vorhandenen Schale. Die Bestimmung der Figur kann wohl nicht zweifelhaft sein, namentlich wenn man die in Jahrb. XXXVII, Taf. II, Fig. 4 abgebildete, auf einem Dreifuß stehende Figur damit vergleicht. Auch unsere Figur hat unter dem linken Fuße einen hohen Absatz oder Zapfen zum Einlassen in ein Untergestell; der rechte Fuß ist beschädigt.

G. C. F. Lisch.


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Bronzene Leuchter=Figur von Rostock.

Vor mehr als zehn Jahren hörte ich wiederholt, oft als Geheimnis, daß auf dem Hofe der Haack'schen Gießerei in

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Rostock sehr tief eine sonderbare Figur von Metall aufgefunden sei, welche hin und wieder auch wohl für ein Götzenbild ausgegeben ward. Auf genauere Erkundigung ergab sich auch die Richtigkeit des Fundes und durch die Vermittelung des Herrn J. Tiedemann zu Rostock ward mir die Gelegenheit verschafft, den Fund selbst genau zu sehen, dessen Anblick zwar meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, aber die Hoffnung auf ein Götzenbild wieder zerstörte. Die Figur ist in Rostock auf dem sogenannten Beguinenberge auf dem Glockengießerhofe, der zu der Eisen= und Glockengießerei des Herrn Kaufmanns Kühl (Firma C. Haack u. Sohn) gehört, vor mehreren Jahren beim Graben eines Brunnens 30 Fuß tief gefunden. Die Figur, welche aus mittelalterlicher Bronze gegossen ist, stammt ohne Zweifel aus dem norddeutschen Mittelalter und stellt nach meiner Ansicht einen Leuchter oder einen Lichthalter dar. Auf einem gegen 2" hohen und 3 1/2" breiten Untersatze in Form eines mittelalterlichen Dreipasses auf drei Beinen, steht eine etwa 7" hohe Figur in Gestalt eines Ritters, welcher beide Arme gekrümmt vor sich hält; die Hände sind in Gestalt eines Oehres geschlossen und durchbohrt, so daß von oben herab eine Stange durchgesteckt werden kann. Die rechte Hand reicht über den Untersatz hinaus, die linke Hand aber steht über dem Untersatze, welcher grade unter der Hand auch durchbohrt ist, so daß der Ritter mit der linken Hand eine jetzt fehlende Stange gehalten hat, welche wahrscheinlich einen Leuchter getragen hat. Die Figur des Ritters ist nach alter Weise dargestellt. Sie ist mit einem eng anschließenden Wappenrock gekleidet, welcher bis über die Hüften geht; tief um die Hüften trägt er einen Rittergürtel; der Kopf ist mit einer eng anschließenden Helmkappe bedeckt, welche über Schultern, Brust und Rücken herabfällt; von der Spitze der Kappe fällt ein Riemen auf den Rücken hinab; die Füße sind mit langen, seitwärts gebogenen Schnabelschuhen bekleidet. Nach dieser Bekleidung kann es nicht zweifelhaft sein, daß diese Figur einen Ritter vorstellen soll und aus dem Mittelalter stammt.

Herr J. Tiedemann hat die große Freundlichkeit gehabt, in seiner lithographischen Anstalt von der ganzen Figur zwei Zeichnungen, von der Vorderseite und von der Hinterseite, nehmen zu lassen und dieselben dem Vereine zu schenken.

G. C. F. Lisch.

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II. Zur Baukunde.

Christliches Mittelalter

Kirchliche Bauwerke.


Die Kirche zu Lohmen.

Die Kirche zu Lohmen bei Dobbertin, zwischen Dobbertin und Güstrow, welche schon im Jahrb. XXI, S. 268 kurz geschildert ist, ist seit dem Jahre 1872 im Innern restauriert und hat dabei durch die Entdeckung eines reichen Schmuckes die Aufmerksamkeit im hohen Grade auf sich gezogen. Am Ende August 1872, nachdem die junge Kalktünche schon abgenommen war, habe auch ich die Freude gehabt, die Kirche genauer untersuchen zu können.

Die ganze Kirche, bestehend aus Chor, Schiff und Turm, bildet ein verhältnismäßig großes Rechteck von guten Verhältnissen und ist ganz aus Feldsteinen mit behauenen Sockeln aufgeführt; nur die Pforten und Fenster sind von Formziegeln eingesetzt.

Der Chor, mit rechtwinklig angesetzter, grader Ostwand, ein Gewölbe groß, ist im Uebergangsstyle ausgeführt, wohl noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die Kirche des Dorfes, welches schon seit 1227 dem Kloster Dobbertin gehörte, jedoch wohl erst der Chor, stand schon im J. 1238,

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da in diesem Jahre der Schweriner Bischof Brunward dem Kloster Dobbertin das Archidiakonat über die Kirchen ("ecclesias") zu Goldberg, Lohmen, Ruchow, Karcheez und Woserin verlieh (vgl. Meklenb. Urk.=Buch I, Nr. 425); im J. 1263 nahm Papst Urban IV. das Kloster Dobbertin und dessen Güterbesitz und Rechte, darunter auch das Patronat ("jus patronatus") von Lohmen in seinen Schutz und Schirm (das. II, Nr. 983). Das Chorgewölbe hat Gewölberippen von quadratischem Durchschnitt, wie die ähnliche alte Kirche von Gägelow (vgl. Jahrb. XXIV, S. 336). In der Ostwand des Chores stehen neben einander 3 Fenster, in der Südwand 2, in der Nordwand 1 Fenster (das zweite fehlt wegen des Anbaues der Sakristei), alle schmal, schräge eingehend im Uebergangsstyl und außen durch einen Rundbogen gekuppelt. Der Chor ist im Innern durch einen breiten Gurtbogen (den "Triumphbogen") vom Schiffe getrennt.

Das Schiff, etwas jünger, im altgoethischen Style, ungefähr aus dem Anfange des 14. Jahrhunderts, ist zwei Gewölbe lang und hat unter jedem Gewölbe an jeder Seite ein größeres dreitheiliges Fenster im gothischen Styl.

Die ganze Kirche ist im Innern mit festem, grauem Kalk geputzt, wie gewöhnlich die Meklenburgischen Feldsteinkirchen im Uebergangsstyl, und war in jüngeren Zeiten wiederholt "ausgeweißt", d. h. mit Kalk übertüncht.

Die Kirche hat also an den Wänden neben den Fenstern, die Thurmwand mitgerechnet, 15 größere Wandflächen.

Als zur festeren Restauration im Innern die dicke, jüngere Kalktünche abgenommen ward, entdeckte man zur großen Ueberraschung, daß ursprünglich die ganze Kirche mit farbigen Malereien geschmückt war, von denen noch viele Ueberreste vorhanden waren. Aber nicht allein die Gewölbe, Bogen und Rippen waren durch Malereien verziert, sondern auch alle größern Wandflächen mit figürlichen Gruppen in fast Lebensgröße bemalt. Der Raum unter den Fenstern ist nicht bemalt. Freilich stand es schon lange fest, daß die meisten der zahlreichen Kirchen im Uebergangsstyl im Lande mit Wandgemälden geschmückt waren. Aber die Bemalung der Kirche zu Lohmen ist wohl die reichste im ganzen Lande. Aehnlich bemalt war die ähnliche Kirche zu Lüssow (vgl. Jahrb. XXXV, S. 201 flgd.), jedoch bestanden die Bilder zumeist nur aus einzelnen großen Figuren.

Die Dobbertiner Klosterverwaltung beschloß, in richtiger Würdigung des seltenen Schatzes, die Malereien zu conser=

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viren und restauriren zu lassen, und übertrug die Restauration der Malereien dem Historienmaler Carl Andrea aus Dresden, welcher dieselbe auch im Jahre 1873 ausgeführt hat.

Andreä hat nach Vollendung der Arbeit die Malereien und Restaurationen im "Christlichen Kunstblatt für Kirche, Schule und Haus", 1874, Nr. 2, S. 18 flgd. beschrieben. Ich werde Gelegenheit haben, diese Beschreibung im Folgenden zu berücksichtigen. - Auch Herr Pastor Lierow zu Lohmen beabsichtigte im J. 1874 eine Geschichte der Restauration und eine Beschreibung seiner Kirche zum Besten einer Thurmuhr auszuarbeiten und herauszugeben. Aber leider ist am 3. Novbr. 1874 Abends das Pfarrgehöft mit dem Pfarrhause zu Lohmen völlig abgebrannt.

Im Folgenden liefere ich eine Beschreibung der Malereien. Ich werde dabei meine eigenen Anschauungen zum Grunde legen und die erwähnten Beschreibungen des Herrn Andreä dabei berücksichtigen, wobei ich bemerken muß, daß Herr Andreä manches, wo das Alte nicht mehr ganz klar war, verändert und auch Neues nach seinen Anschauungen gegeben hat, wie ich bei den einzelnen Bildern bemerken werde.

Die Malereien sind folgende.
Zunächst die Malereien des Chors.

Die quadratischen Rippen des Chorgewölbes waren geputzt und im Grunde roth und darauf mit weißen Ornamenten bemalt, welche alle verschieden sind, wie die gleichen Gewölberippen der Kirche zu Gägelow (vgl. Jahrb. XXIV, S. 339). Diese Bemalung ist also sicher sehr alt.

Die Gewölbekappen des Chores waren mit figürlichen Darstellungen bemalt und außerdem mit sehr schönen romanisirenden Arabesken, welche vielleicht aus der Zeit des Baues stammen.

In der östlichen Gewölbekappe über dem Altar war Christus als Weltenrichter in reicher Gruppirung erkennbar. Auch Andreä beschreibt dieses Bild des jüngsten Gerichts eben so. Andreä beschreibt dieses Gemälde nach dessen Restauration folgendermaßen. "Christus als Weltenrichter in lichtrothem Mantel auf doppeltem Regenbogen thronend, die Erde zum Schemel seiner Füße, rechts die Jungfrau Maria, links Johannes der Täufer, hinter Maria die Himmelsthür, der heilige Petrus und eine Schaar seliger unbekleidet eingehend, dieses Bild der Himmelsthür uralt; hinter dem Täufer der Höllenrachen, ein Gewimmel

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Unseliger von Teufeln in den flammensprühenden, mit langen Zähnen bewaffneten Schlund gezerrt; dieses Bild nicht primitiv. Reizend sind zwei Engel, welche aus dem rothen Linienbouquet des Schlußsteins ihre Posaunen herab erschallen lassen."

Die Gewölbe des Schiffes und die Wölbung des Triumphbogens sind nur mit Arabesken bemalt, welche jedoch von geringerm Werth und viel jünger sind, als die des Chorgewölbes.

Auf den Wänden war die Passionsgeschichte Christi in einer geschichtlichen Reihenfolge in lebendigen, fast lebensgroßen Gruppen dargestellt. Ein gedankenreicher Zusammenhang im geschichtlichen Fortschritte war nicht zu verkennen. Andreä meint, daß "Passionsspiele den Maler zu den sehr dramatischen Bildern lebhaft angeregt haben."

Nach meinen Anschauungen begannen die Passionsbilder auf der Nordwand des Chores am Triumphbogen, der Chorpforte gegenüber, gingen dann immer rechts fortschreitend über die Ostwand hinter dem Altare, setzten sich über die ganze Südwand fort und endigten an der Thurmwand im Westen; die nördliche Wand des Schiffes vom Thurm bis zum Triumphbogen zeigte einzelne Figuren.

Ich habe auf der Südwand erkennen können: Christus vor Pilatus, die Kreuztragung, die Kreuzerhöhung, die Kreuzigung (das Crucifix). Auf der Thurmwand ist die Kreuzabnahme dargestellt. Andreä nimmt eine andere Reihenfolge an, wobei auch wohl die von ihm geschaffenen neuen Bilder von Einfluß gewesen sein mögen. Er nimmt an, daß der Cyclus der biblischen Darstellungen auf der Ostwand hinter dem Altar beginnt und von hier zuerst nach links, dann nach rechts bis zur Thurmwand fortgeht. Er zählt dann folgende Bilder nach Nummern auf.

1) "War nicht mehr erkennbar, ich mußte neu schaffend vorgehen und malte: Christus wäscht dem Petrus die Füße."

2) "Das Abendmahl, theilweise vorhanden."
"Diese beiden ersten Bilder im Chorraum deuten auf den eben dort aufgestellten Altar und Taufstein."

3) "Christus im Gebetskampf am Oelberg, die drei schlafenden Jünger, der tröstende Engel, Alles leidlich erkennbar."

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4) "Der Kuß des Verräthers, der eifernde Petrus fast durchweg neu geschaffen."

5) "Christus vor Caiphas."

6) "Christus vor Herodes."

7) "Christus vor Pilatus (ecce homo)."

8) "Pilatus wäscht sich die Hände. Christus wird weggeschleift."
"Alle diese Bilder fast erloschen."

9) "Der Dorngekrönte im Purpurmantel mit dem Rohrscepter."

10) "An der Südwand des Schiffes die Kreuztragung; dieses Bild war am besten erhalten von allen."

11) "Die Kreuzannagelung, nur theilweise vorhanden."

12) "Das Crucifix. Maria und Johannes, rechts unter dem Kreuze Kriegsknechte, welche um den heiligen Rock würfeln."

"Hiemit schließen die biblischen Darstellungen. Die große Darstellung auf der Thurmwand, die Kreuzabnahme blieb unrestaurirt."

Auf der Nordwand des Schiffes, vom Thurm bis zum Triumphbogen waren einzelne Figuren dargestellt. Ich erkannte den H. Christoph (Nothhelfer), die H. Katharina (Nothhelferin) und die H. Maria Magdalene. Katharina und Magdalene sind auch auf dem alten geschnitzten Altar dargestellt und gehören ohne Zweifel zu den Local=Heiligen der Kirche. Der H. Christoph war in colossaler Größe bekanntlich in den meisten Kirchen am Eingange angebracht. .- Andreä fand hier "Spuren des Sündenfalls, des S. Christophorus und einer H. Magdalene, ganz unbekleidet von Engeln gehoben", und sagt: "nur den großen Christoph restaurirte ich; er mißt eine ganze Menge von Ellen."

Auf der großen Westwand des Triumphbogens war der H. Georg (Nothhelfer) zu Pferde dargestellt, wie er den Drachen tödtet, in colossaler Auffassung. Andreä sagt: "Den Zenith des Triumphbogens nahm ein heil. Georg ein: das lebensgroße Pferd und der riesige Drache grade mitten im Kirchenraum störten gewaltig; ich malte ihn tiefer seitwärts mehr nach unten, wo mir nur 2 Figuren gänzlich verlöscht waren, und an seiner Stelle componirte ich das Lamm mit der Siegesfahne, umgeben von den vier Evangelisten=Sym=

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bolen. Rechts und links abwärts folgen sich, hineingestellt in die rothe Ranke, Maria mit dem Christkind in einer Strahlenglorie, S. Barbara und der H. Georg, auf der andern Seite S. Catharina und zwei Bischöfe, welche der Pastor von Lohmen S. Augustin und Ansgar genannt hat." "Im Ganzen "restaurirte" Andreä 111 Figuren." Aus dem Voraufgehenden ergiebt sich jedoch, daß viele Figuren neu geschaffen" sind.

Ueber die Zeit und Art der Malerei äußert sich Andreä also. "Die Lohmener Bemalung datirt etwa aus dem Jahre 1450. Renaissance=Elemente kommen gar keine vor, sondern durchweg ältere Anklänge, sogar einige mit Pietät conservirte Stücke einer ältern Bemalung. Die ältere Bemalung scheint die sorgfältigere Technik des al fresco auf dem nassen Mörtel gewesen zu sein." - Ich möchte aber die Malereien für etwas älter halten.

Die Räume des westlichsten Gewölbes hatten mehrere Eigenthümlichkeiten, welche wohl einer besondern Aufmerksamkeit werth sind.

In der westlichsten Gewölbekappe stand ein ziemlich großes rothes Kreuz, in der Gestalt wie es auf dem Schilde des H. Georg gemalt zu sein pflegt, in den Ecken etwas ausgebogen. Das Kreuz Christi ist es nicht; es ist ein Ordenskreuz, steht jedoch auf einem kleinen Fuße. An ein Tempelherrenkreuz wird nicht zu denken sein, da dieses achtspitzig war und ein Zusammenhang mit dem Templerorden hier ganz ferne liegt. Möglich ist es, daß es auf irgend eine Weise mit dem Kloster Dobbertin zusammenhängt, welchem das Dorf Lohmen und das Kirchen=Patronat bis heute immer gehört hat. Bezug auf den Bau wird das Kreuz jedenfalls haben, da es das westlichste Bild in der Kirche ist. - Ueber dem Kreuze ist eine menschliche Büste mit einer Kappe oder einem Helm gemalt. - Vielleicht soll das Ganze hier wieder den H. Georg vorstellen.

Auf der westlichen Nordwand des Schiffes neben dem Thurme, also zum Theil unter dem rothen Kreuze, stehen mehrere Zeichen, welche ebenfalls Aufmerksamkeit verdienen. Zunächst dem Fenster steht ein Wappenschild in schwarzen Linien: auf einem Schilde zwei gekreuzte Lilienstäbe, ungefähr wie das Wappen in der Neu=Röbelschen Kirche, abgebildet in Jahrb. XXXIII, S. 155; nur haben die Stäbe in der Lohmenschen Kirche an allen Enden Lilien. Daneben scheint eine Inschrift gestanden zu haben; es ist jedoch davon nichts

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mehr zu erkennen. Unter diesem Wappenschilde steht ein Meklenburgischer Stierkopf mit sehr zottigem Halsfell. Daneben steht eines der bischöflichen Weihkreuze.

Dies ist der ungewöhnliche und großartige Schmuck der Kirche, welchen die Klosterverwaltung möglichst im alten Geiste wieder herzustellen bemüht gewesen ist, ein Unternehmen, welches ebenso schwierig, als verdienstlich war. In einem so großen Umfange ist bis jetzt noch keine Restauration im Lande ausgeführt.

Der alte Altar ist ein kleiner Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert. Die Mitteltafel enthält geschnitzte Figuren; die Flügel sind bemalt, jedoch in jungem Zeiten schlecht übermalt. Die Mitteltafel enthält folgende Figuren in der Ansicht:

Johannes d. T. Maria Bischof 
 mit dem ( S. Erasmus?)
S. Katharina. Christkinde. Maria Magdalena.

Johannes d. T. mit dem Lamm, S. Katharina mit Rad und Schwert, Maria Magdalena mit der Salbenbüchse; dem bischöflichen Bilde fehlen Hände und Attribute. - Andreä berichtet: "Anstatt des verstümmelten und verzopften alten Altarschreines, welchen wir als Antiquität an einer Seitenwand aufstellten, ward ein ganz neuer Altar hergestellt, ohne hohe Rückwand, mit würdigem Leuchter= und Crucifix=Schmuck."

Vor dem Altartische lag eine alte, sehr abgetretene Fußdecke mit leisen Spuren alter Kunstarbeit. Nachdem dieselbe umgekehrt war, zeigte es sich, daß die nach unten gekehrte Seite noch ziemlich gut erhalten und die Decke der Rest eines guten, alten Hautelisse=Teppichs etwa aus der ersten Hälfte des 16. Jahrh. war; es ist das untere abgeschnittene Ende eines großen Teppichs, welcher lebensgroße Figuren enthalten hatte. In der Ansicht rechts sind die Beine von zwei Männern mit sehr breiten Schuhspitzen, links der untere Theil des faltigen und schleppenden Kleides einer Frau zu s