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Inhalt:

Jahrbücher

des

Vereins für meklenburgische Geschichte
und Alterthumskunde,

 

gegründet von                  fortgesetzt von
Geh. Archivrat Dr. Lisch. Geh. Archivrath Dr. Wigger.

 


 

Vierundsechszigster Jahrgang

herausgegeben
von

Geh. Archivrath Dr. H. Grotefend,

als 1. Sekretär des Vereins.

 


Angehängt ist der Jahresbericht des Vereins.

 

 

Auf Kosten des Vereins.

 

 

Schwerin, 1899.

Druck und Vertrieb der Bärensprungschen Hofbuchdruckerei.
Kommissionär: K. F. Koehler, Leipzig.

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Inhalt.

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Seite
I. Die meklenburgischen Kirchenordnungen. Ein Beitrag zur Geschichte der Entstehung unserer Landeskirche. (Fortsetzung aus Jahrb. 63, S. 177-162.) Von Von Gymnasial=Oberlehrer Dr. H. Schnell in Güstrow 1-77
II. Die steinzeitlichen Fundstellen in Meklenburg. Von Gymnasial=Oberlehrer Dr. Robert Beltz 78-192
III. Der Elbe=Ostsee-Kanal zwischen Dömitz und Wismar. Mit 2 Karten. Von Archivar Dr. Friedrich Stuhr 193-260
IV. Werlesche Forschungen. Mit Abbildungen. Von Geh. Archivrath Dr. Grotefend 261-275
1. Ein Werlesches Wappen im Dom zu Havelberg.
2. Der Stierkopf in der Kirche zu Amelungsborn.
3. Die zweite Heirath Balthasar's von Werle.
V. Der Denkstein bei Tramm. Von Dr. F. Techen in Wismar 276-278

 

Vignette
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I.

Die Mecklenburgischen Kirchenordnungen

Ein Beitrag zur Geschichte der Entstehung unserer Landeskirche.
(Fortsetzung aus Jahrbuch 63 S. 177 - 226)
Von
Gymnasial=Oberlehrer H. Schnell in Güstrow.
~~~~~~

D ie im Jahre 1540 bereits vorbereitete, 1541 und 42 ausgeführte Visitation bezeichnet meines Erachtens einen Fortschritt in der Entwicklung der landesherrlichen Kirchengewalt. Es war nicht allein eine K.=O. gegeben, der man folgen sollte, sondern der Landesfürst bezeugt es als seine Pflicht, über die reine Lehre derselben zu wachen, und - das kommt als das Neue hinzu - er wird alten Ungehorsam dagegen strafen, durch welchen die Ruhe und Ordnung des Landes gefährdet ist. Der Landesherr hat also die volle potestas ecclesiastica mit dem alleinigen Vorbehalt, daß er über die Lehre der K.=O. hält; er hat also auch Zwangsgewalt. Das Neue also ist nicht, daß der Landesfürst sich als Erben der bischöflichen Gewalt ansieht, sondern daß er sein kirchliches Handeln mit der weltlichen Strafgewalt in Beziehung setzt. Indem er aber einen Superintendenten hält, und dieser auch neue Superintendenten einsetzen soll, z. B. in Wismar und Rostock, bezeugt er doch, daß es neben seinem landesherrlichen Kirchenregimente, das mit der Strafgewalt verbunden ist (vi), ein innerkirchliches Amt giebt, jedoch verbo. Es ist beachtenswerth, wie der Visitator Riebling 1 ) die Pflicht des Landesherrn zu erweisen sucht; er beruft sich auf Adam, Josua, Samuel, David u. s. w., dann auf Konstantinus, gerade so wie Luther


1) Bei Schröder, Evang. Mecklb. I, S. 361 ff.
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in seiner Vorrede 1528 zum Visitationsbuche; deshalb habe S. F. G., geleitet durch den heiligen Geist, den Entschluß gefaßt, die Kirche zu "besuchen". Der allmächtige Gott fordere solches heilige Amt von S. F. G., denn wenn die Unterthanen verführt werden durch Mönche, Gotteslästerer und Rottengeister, sowie dadurch, daß wider die erkannte Wahrheit gehandelt wird, so würde es auf S. F. G. kommen, der Gott Rechenschaft dafür geben müsse. Deshalb will der Fürst darüber wachen, daß die ewige Wahrheit gepredigt wird, und will sowohl seine Unterthanen dabei beschützen, als auch selbst bis ans Ende dabei verharren. Wo man aber das verachtet, will der Fürst ein "ernstlich Zusehen haben, da es wider Gottes Wort ist und Gottfürchtenden Herzen wehe thut". Als äußerliches Zeichen der gegen 1535 veränderten Anschauung visitiren neben zwei Theologen, Riebling und Kückenbieter, zwei weltliche Beamte, der Rath v. Pentz und der Sekretär Leupold. Aber auch die weitere Errichtung von Superintendenturen wird angestrebt, damit, wie in Wismar, "ein gut Regiment in der Kirchen bleiben" möchte, oder damit, wie in Rostock, "rechte Einigkeit unter den Predigern sei und gute Ordnung gehalten werde". Daneben hielt Riebling im Lande Synoden mit den Predigern ab; wenigstens aus dem Jahr 1546 ist eine solche von Gnoien bekannt.

Die Visitation selbst giebt ein getreues Bild der damaligen Zustände. Vielfach hatten die Edelleute die "Börungen" an sich gezogen, oder die katholischen Vikare gaben dem Prädikanten keine reditus. Oft waren auch die Besitzer der geistlichen Lehne davongegangen, thaten ihre Pflicht nicht, sondern zogen nur ihre Bezahlung ein, so daß die Prädikanten keine Einkünfte hatten. Viele Geistliche waren noch "arge Papisten", "nicht sonderlich gelehrt", sondern "grob und unverständig" und führten außerdem einen anstößigen Lebenswandel; oft werden auch die Prädikanten bedroht, von den Kirchherrn gezwungen, nach der alten Lehre zu predigen, ja letztere stellen überchaupt keinen Seelsorger an; und nur von wenigen wird berichtet als "gelehrten Leuten und guten Lebens", von andern, daß Sie sich bessern wollen. 1 ) Auch Herzog Magnus ließ 1542 und wiederum 1544 visitiren, aber nicht in Schwerin, sondern nur in seinen Stiftslanden zu Bützow. 2 ) Eine Anwendung von Gewalt mochte derselbe nicht wagen, da er ja ohnehin mit dem Kapitel zu Schwerin, das die Frei=


1) Bei Schröder, aus den Protorollen, S. 361 ff.
2) Jahrb. 16, S. 128 und 49, S. 248.
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heiten des Stiftes wahren wollte, auf gespanntem Fuße stand. Darum mußte er auch wohl auf Verlangen des Patronats, das die vakant gewordenen Einkünfte zu vergeben hatte, noch hin und wieder einen papistischen Geistlichen instituiren; aber ob dieser, wie noch 1548 in Rostock, 1 ) zur Ausübung seines Amtes kam, ist zweifelhaft. Wenigstens mußte ein solcher, wie der vom Ratzeburger Erzbischof 1541 zu Wismar .eingesetzte Meßpriester, 2 ) sich wohl nur auf den Genuß seiner Pfründe beschränken und konnte höchstens einen noch übrigen Anhänger der alten Lehre bedienen oder hinter seinen festen Mauern bleiben.

Herzog Magnus hatte durch seine Vermählung am 26. Aug. 1543 hinter sich die Brücke abgebrochen und konnte mit seinem Vater für die neue Lehre wirken. Dennoch war die unge hinderte Wirksamkeit der beiden nicht nur durch die fortbestehende Macht der Domkapitel gehindert, sondern hatte auch auf Albrecht Rücksicht zu nehmen. Zwar hatte dieser seinen Sohn Johann Albrecht evangelisch erziehen lassen; es ist auch nicht bekannt, daß er offen gegen die eingeführte Lehre etwas unternahm; hatte er doch den Seestädten gegenüber zur Neutralität sich verpflichtet! Weil er aber wegen der sog. spanischen Schuldforderung zum Kaiser sich halten mußte, konnte allein schon in Rücksicht auf ihn von Heinrich nichts unternommen werden, wodurch Meklenburg dem Kaiser gegenüber als ein lutherisches Land erwiesen wurde. Albrecht blieb bis an sein Ende katholisch, ja hatte auch gewünscht, daß seine Söhne es bleiben sollten, wie Anna an dieselben am 2. Febr. 1547 Schrieb. 3 ) Allein es kam anders.

Johann Albrecht war nicht vergebens evangelisch erzogen, hatte nicht vergebens mit Melanchthon verkehrt; 4 ) er war ein Freund der Wissenschaft. 5 ) Von großem Einfluß auf ihn mußte auch Dietrich von Maltzan 6 ) werden, sowie der Kanzler Johann von Lucka 7 ) dem er am 5. Oktober 1547 versprach, ihn "bei seiner itzigen christlichen Religion, die man lutterisch nennt," zu schützen. Seine Gesinnungen offenbarte er, indem er noch vor


1) Schröder, I, S. 497.
2) Schröder, I, S. 439.
3) Schirrmacher, Johann Albrecht, S. 16.
4) cfr. die ganze Reihe von Briefen im Corpus Ref.
5) Man denke nur an die Berufung des Andreas Mylius, Jahrb. 18, S. 1 ff.
6) Jahrb. 18, S. 7.
7) Schirrmacher, S. 19.
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Ostern 1547, im Einverständnis mit seinem Oheim Heinrich, den Gerd Omeken von Schwerin nach Güstrow holte und zum Dompropst daselbst bestellte. 1 ) Johann Albrecht befand sich in Franken, als ihn die Nachricht vom Tode seines Vaters erreichte. Als er dann nach einem flüchtigen Besuche in Meklenburg zum Kaiser zurückkehrte, mußte es ihm auf dem am 1. September eröffneten Reichstage zu Augsburg vor allem darauf ankommen, für sich und seinen ältesten Bruder die kaiserliche Belehnung zu erwirken. Daß er diese bekam, verdankte er nicht zum wenigsten dem Druck der spanischen Schuldforderung, derentwegen er Ansprüche an den Kaiser hatte. 2 ) Als Johann Albrecht die Belehnung erhalten hatte, reiste er am 7. Dez. 1547 in die Heimath zurück, um zunächst die Landeshuldigung vornehmen zu lassen. Bei dieser gaben die Stände unzweideutig ihr Verlangen nach der neuen Lehre kund, indem am 27. März 1548 der Fürst gebeten wurde, das reine Wort Gottes im Lande verkündigen zu lassen und die Unterthanen bei der wahren Religion zu beschützen, besonders auch Kirchen und Schulen mit gelehrten Leuten zu versehen. 3 ) Wie sollte sich der jugendliche Sohn des katholischen Albrecht dazu Stellen? seine Erziehung stellte ihn auf die Seite der Stände seines Landes, von denen er keine Hülfe in der Tilgung der spanischen Schuld erwarten konnte, wenn er in den Wegen seines Vaters wandelnd den Katholizismus begünstigen wollte. Offen Partei gegen den Kaiser zu nehmen, war mißlich, da er die Strenge desselben in der Behandlung der Ketzer und seine Uebermacht nach dem Schmalkaldischen Kriege aus eigener Anschauung kannte. Erst nach einem Jahre nahm Johann Albrecht entschiedene Stellung zum Augsburger Interim, nachdem "allerhand bedreuliche Schriften an ihn ergangen waren," d. h. als der Kaiser in verschiedenen Mandaten auf die endliche Durchführung des Interims in Meklenburg gedrängt hatte. 4 ) Heinrich und Albrecht schrieben einen Landtag nach Sternberg aus, um "in der allerhochwichtigsten Sache der Seelen Seligkeit belangend" Beschluß zu fassen 5 ) Am 20. Juni traten die Stände zusammen, mit ihnen die beiden Superintendenten Riebling und Omeken,


1) Jahrb. 18, S. 7.
2) Schirrmacher, S. 21.
3) Ebenda S. 25.
4) Chytraei oratio de Lucano S. 245; Mylii Annales S. 258; Protokoll des Landtages zu Güstrow vom 26. Juli 1552 bei Hegel, S. 203.
5) Gedruckt bei Hegel, S. 200,
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sowie die Rostocker Professoren nebst einer großen Zahl von Geistlichen. Der Kanzler Johann von Lucka leitete die Verhandlungen. Er machte auf den Vorsatz der Fürsten aufmerksam, die wahre Lehre zu behaupten, sowie auf ihre Bereitwilligkeit, das Interim von der Hand zu weisen, und verfehlte nicht, auf die möglicherweise entstehenden Gefahren hinzuweisen. 1 ) "Wenig geistlicher München Ordens ausgenommen," und "gemeine lantschaft in großer anzal als yne by einander gesehen, mit iren s. g. Sich vereiniget, vergliechen und de unterthenigk irpetung und zusag getan, da nit über drei personen, so der papistischen lehre zugethann, sich des geussert, mit Irer f. g. by der reinen evangelischen und apostolischen lere zuplieben, mit untertheniger bith, das se von Irer f. g. darby muge beschützet werden, darzu se alse de getruwen unterthanen bei Irer f. g. lieb guedt und bluet zu setzen erputich." 2 ) Durch den Beschluß an der Sagsdorfer Landbrücke ist dann einstimmig illa pestis Sphingos Augustauae verworfen. 3 ) Und Meklenburg antwortete 4 ) dem Kaiser, daß es bei den prophetischen und Apostolischen Schriften und dem Symbolo Apostolico, Niceno, Athanasiano, Ambrosii und Augustini beständig verharren und verbleiben wolle. Und indem ein Bekenntniß der Hauptartikel der Lehre sowie eine Beschreibung der gottesdienstlichen Gebräuche gegeben wird, erklären die Fürsten, daß sie, da diese Lehre dem Worte Gottes gemäß wäre, mit gutem Gewissen ihren Unterthanen eine Veränderung nicht befehlen könnten. 5 ) Obwohl die Conf. Aug. in dieser Erklärung nicht erwähnt ist, ist doch durch dieselbe die politisch bedeutsame Erklärung Meklenburgs für die Sache der Protestanten abgegeben; die Neutralitätspolitik ist verlassen; das Wehen des neuen Geistes ist mächtig, wie mag es den kränkelnden Herzog Heinrich erfreut haben! Das Bestreben, den noch vorhandenen päpstlichen Sauerteig abzuthun, befremdet nicht, mag nun noch ein besonderer Landtagsbeschluß gefaßt sein oder nicht. 6 ) Meklenburg hat in einem förmlichen Nationalkonzil vor Kaiser und Reich sein Glaubensbekenntniß abgelegt, Meklenburgs Geistlichkeit, seine


1) oratio de L., S. 245.
2) Gedruckt bei Hegel, S. 203.
3) oratio de L., S. 245.
4) Chemnitz in Gerdes Sammlung, S. 635.
5) oratio de L, S. 245.
6) Schirrmacher, S. 32, weist nach, daß 1550, wo ein solcher Beschluß gefaßt sein soll, überhaupt kein Landtag abgehalten ist.
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Stände, seine Fürsten. Der 20. Juni 1549 ist der Geburtstag unserer Landeskirche. 1 )

Und um dies Glaubensbekenntniß nöthigenfalls mit den Waffen zu vertheidigen, schloß Johann Albrecht am 26. Februar 1550 ein gegenseitiges Hülfsbündniß mit Markgraf Johann von Küstrin und Albrecht von Preußen ab, an dessen Hof er weilte, und mit dessen Tochter er sich verlobt hatte, daß jeder von ihnen dem andern im Falle eines feindlichen Angriffes mit seiner ganzen Kraft zu Hülfe kommen sollte. 2 ) Ja, in dem nun folgenden großartigen Fürstenbunde, der die völlige Sicherung der Protestanten dem Kaiser gegenüber zum Ziel hatte, steht Johann Albrecht oben an: er ist persönlich in Dänemark, in den Hansestädten, bei den evangelischen Fürsten, hat Gesandte nach Frankreich abgefertigt, ist vor Magdeburg, auf der Zusammenkunft in Torgau; er nimmt an den kriegerischen Unternehmungen theil, unterhandelt in Passau, wo er seine Bedingungen betreffs der Religion dahin stellt, daß 3 ) "der Artikel der wahren Religion, vermöge der Augsburgischen Konfession, muß ganz rein und klar dastehen, ohne daß von Konzil und Kolloquium geredet wird". In dieser Forderung ging er noch über Moritz hinaus, der vom Kaiser eine Nationalversammlung forderte, darin "die Gelehrten der heiligen Schrift beiderseits gehört, damit die Irrungen dem Worte Gottes gemäß verglichen würden." 4 ) Johann Albrecht wußte die kriegerischen Erfolge dahin auszunutzen, daß er sein 1549 dem Lande gegebenes Versprechen, es bei der reinen Lehre zu erhalten, erfüllen konnte. Im Herbst 1551 befahl er die Abfassung einer Kirchenordnung.


Für die Entstehungsgeschichte derselben ist der Bericht des Chyträus von der K.=O., den er im Auftrage des Herzogs Ulrich


1) Leider ist das an den Kaiser gesandte Bekenntniß in Urschrift nirgends zu finden gewesen. Ich habe zu Brüssel und Wien vergebens gesucht; auch in Simankas in Spanien ist sie bisher nicht gefunden. Doch fand sich im herzoglichen Archiv zu Wolfenbüttel eine etwa gleichzeitige Abschrift, welche Herr Archirath Dr. Paul Zimmermann mit nicht genug anzuerkennender Liebenswürdigkeit mir abschreiben ließ. Eine Herausgabe dieser confessio, als eine Festgabe für das 350jährige Jubiläum unserer Landeskirche - 20. Juni 1899 - ist bereits erfolgt
2) Schirrmacher, S. 76.
3) Ebenda, S.190.
4) Ebenda, S. 192.
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1599 verfaßte, von der größten Wichtigkeit . 1 ) Chyträus war bereits 1551 an die Rostocker Universität gekommen, woraus folgt, daß seine Angaben Anspruch auf Zuverlässigkeit haben. Ein Seitenstück bildet der Bericht des Rostocker Superintendenten Lucas Bacmeister, ebenfalls aus dem Jahre 1599, der an der Revision der Kirchenordnung hervorragend betheiligt war, sowie die Berichte der zur Revision seit 1585 verordneten Theologen. 2 ) Hinzu kommen einzelne dürftige Nachrichten der gleichzeitigen Landtagsverhandlungen. Nach den Worten des Chyträus zu urtheilen, ist er Augenzeuge der Entstehung der K.=O. gewesen. Er sagt nämlich in der Einleitung: "Nach meiner unterthänigen Diensterbietung übersende ich Ew. F. G. diesen unterthänigen ausführlichen Bericht, wie ich denn von Anfang an derselben beigewohnt." Er fährt dann fort: "Der Anfang vnd erste Beredung von der Meckelnburgischen Kirchenordnung verfassung ist anno 1551, Mense Novembri geschehen, da uff E. F. G. herrn brudern, hertzog Johann Albrechten, nu in Gott ruwenden, anhalten, der Durchleuchtige und Hochgeborne Fürst, Hertzog Henrich zu Meckelnburg, seinen Superintendenten, Ern Johann Riebling, mit einem gemeinen Schreiben, an D. Johannem Aurifabrum die zeit J. F. G. Pastorn zu S. Nicolaus in Rostock, und andere abgefertigt, und von einer gewissen bestendigen Kirchenordnung zu berathschlagen, befohlen." Daß Johann Albrecht seinem Oheim das Werk überließ, erklärt sich wohl daraus, daß dieser in der Angelegenheit eine reichere Erfahrung hatte, als auch daraus, daß Johann Albrecht an den Verhandlungen des Fürstenbundes um diese Zeit betheiligt war. War er doch am 17. Oktober auf Schloß Lochau zugegen, wo Moritz Verhandlungen pflog! [ 3 ) seit dem 3. November war er daheim, aber in eifrigem Briefwechsel mit seinem Schwiegervater wegen des abgeschlossenen Offensivbündnisses. Und Mitte Dezember ist Johann Albrecht schon wieder auf dem Wege nach Dresden, von wo er am 22. Dezember nach Meklenburg zurückkehrte. 4 ) Mitte März 1552 begab er sich nach dem Kriegsschauplatz. Wem aber sollte Herzog Heinrich die Arbeit der K.=O. eher übertragen als seinem Superintendenten Riebling! Dieser soll sich mit Aurifaber in Verbindung setzen. Letzterer muß eine angesehene Stellung in Meklen=


1) Zu einem kleinen Theil im Jahrb. 18, S. 187 gedruckt. Das Manuskript stand mir aus dem Schweriner Archiv zur Verfügung.
2) Aus den Manuskripten der Registratur Rev. Ministerii ecclesiastici Rostochiensis, besonders Tom. 1.
3) Schirrmacher, S. 141.
4) Ebenda, S. 155.
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burg inne gehabt haben. Er ist 1550 von Wittenberg an die Universität und nach Rostock gekommen. Schon am 4. September 1550 bittet Melanchthon ihn um die Fortdauer seiner Freundschaft, am 1. November um regeren Briefwechsel. Am 25. März 1551 widerräth er ihm, nach Lübeck zu gehen; am 30. Mai erinnert er ihn daran, daß ihrer beider Freundschaft nur ad consociationem ecclesiarum communem dienen solle; und am 24. Juni bittet er ihn um ein Gutachten zu seiner repetitio confessionis, die dem Kaiser vorgelegt werden solle. 1 ) Aurifabers Wirksamkeit im Lande dauerte allerdings nicht lange, denn 1554 ist er bereits in Königsberg an Osianders Stelle. 2 ) Die Person des in Wittenberg gebildeten Professors und Pastors, des Freundes Melanchthons, durfte in der That für die Mitarbeit an der K.=O. geeignet erscheinen. Aber es werden in jenem Bericht noch "andere" erwähnt. Chyträus selbst kann nicht gemeint sein, sonst würde er es gesagt haben; er sagt aber im Gegentheil, daß ihm erst hernach von Aurifaber Mittheilung gemacht sei, ihm "einem jungen gesellen." In Rostock selbst käme wohl noch Büren in Betracht, ebenfalls ein Freund Melanchthons. Zu vergessen ist auch nicht Omeken in Güstrow. Dieser hatte 1523 in Rostock studirt und bereits Slüter gehört. 3 ) Dem "jungen martinischen Ketter" stand man damals nach dem Leben, so daß er nach Lübeck und Wittenberg ging. Seit 1529 wirkte er dann in Bürich im Kleveschen; aber von hier wie auch von Lippe mußte er seines harten Auftretens wegen weichen. In Soest verfaßte er im Anschluß an die Braunschweiger K.=O. die Soest'sche K.=O. 4 ) Nach seiner Wirksamkeit in Lemgo, in Minden, - als Superintendent zu Minden unterschrieb er die Art. Smalc. - in Dannenberg, in Gifhorn, kam er 1547 durch Herzog Heinrich als Hofprediger nach Schwerin und bald darauf, auf Johann Albrechts Veranlassung, nach Güstrow in die Hochburg des Katholizismus. Hier gab er dem fallenden Papstthum den letzten Stoß und brachte das Kirchen= und Schulwesen in gute Ordnung. 5 ) Auch nahm er an den Visitationen der fünfziger Jahre theil.


1) Corpus Ref., Bd. VII.
2) Schirrmacher, S. 261.
3) Von ihm selbst in seinem Trostbüchlein 1551, mitgetheilt bei Thomas, Lutherus biseclisenex, S. 33.
4) Richter I, S. 165.
5) Aus der Leichenrede seines Sohnes, bei Thomas, Analecta Güstr. S. 132. Die 1897 erschienene Biographie Gerd Omekens von Pfarrer Knodt in Münster bringt leider nichts Neues, sondern giebt sich, was die meklenburgische Wirksamkeit O.-s anbetrifft, als ziemlich getreue Benutzung von Schröder=Raspe u. s. w. kund.
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Nach Rostock hatte Riebling ein "gemeines Schreiben" mitgebracht. Einen Schluß auf den Inhalt desselben zu thun, erlauben uns die Worte Thyträi: "Es hatte aber derselbe Riebling ein besonder nebenschreiben von seinem herrn, hertzog Henrich, an D. Aurifabrum, das er nichts newes stellen, sondern bey der Ordnung der Missen, so wenig jar zuvor herr Riebling hette drucken lassen, verbleiben solte." Diese Worte können sich nur auf die Ordnung von 1540-45 beziehen. Da aber diese keine Lehre, auch nicht die übrigen Punkte einer K.=O. enthält, mit Ausnahme der Ceremonien, so kann der Sinn nur sein: weil eine K.=O. verfertigt wird, sollen die Ceremonien, jedenfalls die alten, ungeändert bleiben. Riebling muß für die Beibehaltung derselben sehr besorgt gewesen sein, ebenso Herzog Heinrich, der durch die Visitation und auf Grund derselben die Kirchengebräuche in seinem Lande geordnet wußte. Aber Thyträi weitere Worte bekunden, daß Riebling auch gegen jede neue K.=O. war. "Welche widerwertige furstliche Schreiben, als sie mir hernachmals von meinem Praeceptore und collega D. Aurifabro angezeiget, mich die zeit, als einen jungen gesellen, nicht unbillig etwas befremdet, aber nicht gedacht, das mir über 48 Jar, in meinem alter, ettlicher maßen dergleichen begegnen würde." Damit zielt Chyträus, wie später darzuthun sein wird, auf das Schreiben des Herzogs Ulrich, das der Rostocker Superintendent Bacmeister bei der Verhandlung zur K.=O. vorbrachte, des Inhalts, daß keine neue K.=O., sondern nur eine Revision der alten vorgenommen würde. Damals war am Hofe Ulrichs - Chyträus nennt den aulicus Niebur - eine philippistische Partei, welche an der K.=O. von 1552 aus Rücksicht auf den Namen Melanchthons nichts ändern wollte. Wenn nun Chyträus von dem Versuch des Jahres 1551 bemerkt: 1 ) hoc pium et salutare consilium arte quorundam impeditum est usque ad anuum 1552, quo . . . Johannes Albertus solus has terras gubernavit, so liegt die Vermuthung nahe, daß zu Schwerin, ebenso wie hernach 1599, so schon 1551 eine Meinung vorherrschend war, die am Alten festhalten wollte. Lindenberg, der von Magnus in seinem Briefe 1540 als katholisch oder doch wenigstens als behutsam vorgestellt wird, mochte auch 1551 von Neuerungen abrathen, die die neue Lehre ja erst recht festigen sollten. Vielleicht wirkte auch Heinrichs Kanzler Zeiring gegen das von Johann Albrecht angestrebte Werk; wenigstens wirft


1) oratio de Lucano, S. 246.
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letzterer in seiner Regierungsverordnung, April 1552, 1 ) ihm vor, daß er allerlei nachtheilige Uneinigkeit u. s. w. zwischen unserm Vetter, d. i. Heinrich, und uns angerichtet habe. Daß aber Riebling der Anstifter war, geht aus Thyträi weitern Worten hervor: "Nu blieben die Sachen die Zeit, wie sie Er Riebling practicirt hatte, in einem stillstand ettliche Monat, biß uff hertzog Hinrichs seligen abschied" 1552. Man muß zum weitern Verständniß beachten, daß Chyträus ein Schüler Melanchthons war; dieser gebraucht inbetreff Rieblings das Wort "praktiziert". Der Mitarbeiter Aurisaber, der Sekretär Leupold, der Kanzler Lukanus, auch Omeken waren Melanchthons Schüler. Dagegen Riebling, kein Schüler Melanchthons, hat eine K.=O. in Meklenburg eingeführt, die ein Werk Osianders war. Als nun der Kampf gegen Osiander ausbrach, und das war seit dem Jahre 1549, da ist die Annahme wohl nicht von der Hand zu weisen, daß der theologische Gegensatz die Ursache für das gemeine Schreiben und den Aufschub der Arbeiten zur K.=O. gewesen ist. Riebling sieht in der Abfassung einer neuen K.=O. eine Stellungnahme Meklenburgs gegen Osiander; die meklenburgischen Theologen wollen aber nicht eine Ordnung annehmen, die aus der Hand des bekämpften Gegners hervorgegangen war.

Anders wurde es, als Johann Albrecht allein zur Regierung kam. Hören wir Chyträus weiter: "Da alsbald nach Jr. f. G. leichbestettigung, hertzog Johann Albrecht die Theologen nach Suerin verschrieben, vnd eine Newe gemeine K.=O. zu verfassen befohlen, welches auch alsbald für die hand genommen, vnd als sie entworffen und von Ir. F. G. approbieret, Doctor Aurifabro dieselbe drucken zu lassen befohlen ist. Der damit nach Wittenberg gereiset, und Philippum Melanthonem mit zu Rath gezogen, der sonderlich das erste teil, die Lere, Artikell im Examine ordinandorum formlicher und besser gestellet, und sonst hin und wider ettliche Stück eingesetzt hat. Diese K.=O. ist unter dem Namen des hertzogthumbs Meckelnburg erstlich gedruckt, 1552." Die Arbeiter an der K.=O. Sind also die "Theologen", wohl dieselben, welche hernach an ihrer Einführung durch die Visitation von 1552 betheiligt waren, Aurifaber, Riebling, Omeken. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß auch Schwerinsche Pprediger betheiligt waren, wenigstens erwähnt Westphal in seinem "Evangelischen Schwerin", daß auch Kückenbieter und Ernst Rothmann betheiligt waren. Bei der Größe der Arbeit ist es


1) Jahrb. 8, S. 55.
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anzunehmen, wie denn auch 1599 die Rostocker Geistlichkeit an der Revision zusammen mit den Superintendenten gearbeitet hat.

Die Arbeit der Theologen hat Melanchthon in Wittenberg durchgesehen, und daselbst ist auch der Druck in 500 Exemplaren geschehen. 1 ) Aurifaber war selbst in Wittenberg anwesend, 2 ) reiste aber vor Fertigstellung des Druckes nach Hause zurück. 3 ) Denn der Druck verzögerte sich recht lange. Am 30. Juni 1552 schreibt Melanchthon an Georg von Anhalt: Liber Meekelburgensis nondum est finitus, sed pauca restant; mitto igitur medias paginas de ordinatione, ritu et de visitatione. 4 ) Erst am 18. Juli ist das Buch fertig; Melanchthon schreibt an Peucer:

Typographiis hodie, quod faustum et felix sit, librum de ecclesia Megapolitanis edit, intra biduum iturus Rostochium. 5 ) Der nach Meklenburg mit seinen Büchern reisende Drucker, der sich übrigens, wie aus der Rechnung Aurifabers hervorgeht, pränumerando hatte bezahlen lassen, nimmt den Brief Melanchthons an Aurifaber vom 20. Juli 1552 6 ) mit. Melanchthon bittet den Aurifaber, die mora editioms zu verzeihen, wenn das Buch erst nach Beginn der Kircheninspektion anlangen sollte.

Es erhebt sich nun die Frage, wer der Verfasser der K.=O. ist, ob Melanchthon oder Aurifaber, genauer: wieviel Melanchthon zugetragen hat. Aus dem Bericht des Chyträus ist nur zu ersehen, daß Melanchthon die bessernde Hand daran gelegt hat, indem er die Artikel im ersten Theil "formlicher und besser" stellte und "sonst hin vnd wider ettliche Stück" einsetzte. Und dennoch nennt sich Melanchthon gerade wegen dieser K.=O. einen civis Megalopyrgensis ecclesiae. 7 ) Und schon Chemnitz berichtet, daß der Herzog durch Philipp Melanchthon eine gewisse Form der Lehre habe verfassen lassen; ebenso Hederich in seinem Verzeichniß der Bischöfe von Schwerin. Diese Angaben werden die Veranlassung gewesen sein, daß Melanchthon hinfort mehr oder weniger als der Versasser der ganzen K.=O. oder wenigstens


1) Laut Rechnung des Aurifaber, Güstrow, den 17. Juni 1552, gebruckt im Jahrb. 5, S. 228.
2) Melanchthon schreibt an Matthesius am 18. Mai 1552: Apud nos editur forma ecclesiae Megalburgensis eamque ob causam adest Joh. Aurifaber. C. R. VII, S. 1007.
3) Vergl. das Datum der Rechnung.
4) C. R. VII.
5) Ebenda.
6) C. R. VII, S. 1034.
7) Am 25. Febr. 1557, gedruckt bei Schröder, II, S. 197,
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des ersten Theils erscheint. Masch 1 ) meint, daß Melanchthon den Entwurf Aurifabers erhalten hat, aber davon nur im zweiten und fünften Theil etwas behielt, das übrige ganz neu ausarbeitete oder aus der sächsischen K.=O. entnahm. Dagegen behauptet Krabbe, 2 ) daß die K.=O. wesentlich Aurifabers Werk sei, indem zwar Melanchthon dem Verfasser sein examen ordinandorum einschickte. Um Klarheit zu gewinnen, ist vor allem noth, den Inhalt der K.=O. Selbstanzusehen und, wo es möglich ist, den Ursprung der einzelnen Stücke selbst anzugeben.

Die Gedanken der Vorrede sind folgende: Gott will im menschlichen Geschlecht eine ewige Kirche sich sammeln; darum hat er das Predigtamt eingesetzt und will, daß "öffentliche, ehrliche Versammlungen" seien. Weil das Predigtamt besonders die Regenten erhalten sollen, sieht die Herrschaft in Meklenburg ein, daß sie Gott Gehorsam vor allen darin schuldig ist, daß sie auf rechte Anrufung Gottes, Bestellung der Kirchen und Handhabung ordentlicher Zucht achtet Damit Jedermann die Anordnungen kenne, sei diese K.=O. gedruckt; nicht, um die Schrift zu beeinträchtigen, sondern dieselbe solle dadurch erst recht gepredigt werden, wie sie in der Propheten und Apostel Schrift gefaßt ist, in dem Verstande des Apostolicum, Nicaenum, Athanasianum, mit denen Luthers Katechismus und Confessio stimmen, sowie die Conf. Aug., wie diese Lehre in den sächsischen Landen gepredigt werde. Mit diesen will Meklenburg einig sein; wenn ein Zweifel entsteht, mit diesen Kirchen sich unterreden. Denn der Fürst hat keine Lust an "fürwitziger Sonderung und spaltungen," sondern nur an der rechten Anrufung Gottes. Wenn man zu diesen Sätzen Aurifabers lateinische Disputation 3 ) "de ecclesia et de propria ecclesiae doctrina" in These 1, 2, 78 vergleicht, so findet man dieselben Gedanken: Gott hat sich vielfach geoffenbart; das menschliche Geschlecht soll erkennen, daß es nicht zum Elend geboren ward, sondern daß Gott überall gehört werden will; er sammelt sich eine Kirche im menschlichen Geschlecht und will, daß immer öffentliche, ehrliche Versammlungen seien u. s. w. Mithin ist sehr wahrscheinlich, daß Aurifaber diese Vorrede verfaßt hat.

Es folgt die Disposition der K.=O. 1. Pflanzung und Erkenntniß der rechten Lehre des Evangelii. 2. Erhaltung des Predigtamts, dazu gehört a) Ordination, b) Kirchengericht, Synodi,


1) Masch, Geschichte merkwürdiger Bücher, S. 135.
2) Krabbe, Chyträus, S. 59, 447.
3) In Corp. Ref. Bd. XII, S. 566 ff.
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Visitation. 3. Die Ceremonien. 4. Erhaltung christlicher Schulen und Studien. 5. Verordnung gewisser Güter und Einkommen. Diese Theilung lag schon in der "Wittenberger Reformation" vor, jedoch mit dem Unterschiede, daß in derselben die Ceremonien fehlen, dafür aber das zweite Stück in zwei selbstständige Theile zerfällt.

Die Einleitung des ersten Stückes von der Lehre weist darauf hin, daß Gott von Engeln und Menschen gepriesen werden will. Darum will er auch nach dem Fall eine ewige Kirche sich sammeln, weshalb er eine gewisse Lehre geoffenbart hat An diese ist die Kirche gebunden, und wo die reine christliche Lehre gepredigt wird, da ist Gottes Kirche. Darum muß man die reine Lehre erhalten. Es folgt dieselbe in 25 Artikeln, und zwar wesentlich thetisch dargestellt, mit Verweisung auf Schrift und Symbole, "wie dieser Artikel weiter in Symbolis erklärt wird". Die Artikel erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit; z. B. es wird gefordert, daß "die Verständigen sich und andere davon weiter unterrichten" sollen. Sie sollen nur sein "Anleitung und Erinnerung" mit dem doppelten Zweck, einmal, damit "die Orbinanden und andere wissen, wovon das Examen fürnemlich gehalten wird"; sodann, daß "die Prediger sich und die zuhörer gewenen, die Christliche lere in eine Summa zu fassen und die Heubtartikel bey sich selb offt und vleissig betrachten". Dieser erste Theil "Von der Lehre" erscheint in einem besonderen Buche wieder: "Der Ordinanden Examen. Wie es in der Kirchen zu Wittemberg gehalten wird. Darinnen die Summa Christlicher lere begriffen, allen Gottesfürchtigen nützlich und notwendig zu wissen. Geschrieben durch Herrn Philipp Melanchthon." Noch beträchtlich erweitert kommt derselbe Stoff vor in "Examen eorum qui audiuntur ante ritum publicae ordinationis, von Philipp Melanchthon. 1554." Es entsteht nun die Frage: Ist das examen Melanchthons älter als der erste Theil unserer K.=O.? Das scheint Krabbe 1 ) anzunehmen, der dem Aurifaber dieses von Melanchthon zugeschickt sein läßt. Aber es wird sich gerade zeigen, daß das examen aus der K.=O. abgedruckt ist. Denn erstens ist dasselbe auf eine fünftheilige K.=O. angelegt, da es in seiner Einleitung die fünf Theile christlicher K.=O. nennt, selbst aber nur den ersten bedeutet. Sodann siud in demselben zwei Stellen beibehalten, welche nur für eine K.=O. passen. Auf S. 102 nämlich wird der Artikel "Vom Ehestand"


1) Krabbe, Chyträus, S. 447.
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mit einem Hinweis auf den zweiten Theil der K.=O. geschlossen:"Was weiter vom Ehestand zu wissen ist, wird zum teil hernach in den Kirchengerichten gemeldet." Und ganz am Schluß, S. 119, wird auf das Einverständniß der Kirchen sächsischer Lande Bezug genommen "als zu Lübeck, Hamburg, Lüneburg", eine Bezeichnung, die nur für Meklenburg und seine Beziehungen zu diesen paßt. Mithin ist das examen ordinandorum aus der K.=O. entnommen. Aber hier ist es keineswegs von Melanchthon verfaßt. Denn die Wahrnehmung zahlreicher wörtlicher Wieder holungen führt auf das Werk mehrerer Arbeiter. Der Satz "Gott will ihm eine ewige Kirche sammeln" erscheint auf Seite 2 a in der Vorrede, S. 5 b in der Eintheilung, S. 6 b in der Einleitung zum ersten Theil, S. 64 a am Schluß. Noch auffälliger ist die Wiederholung einer ganzen Periode auf S. 4a der Vorrede und S. 64b des Schlusses des ersten Theils, des Inhalts, daß Meklenburg eine neue Lehre nicht einführen will. Wenn also Chyträus in seinem "Bericht" sagt, daß Melanchthon die "Artikel formlicher und besser stellte", so hat doch Melanchthon seine Zusätze dem Gegebenen nicht gehörig angepaßt. DerRuhm Melanchthons also, der Verfasser des examen ordinandorum zu sein, schrumpft dadurch sehr zusammen; ihm bleibt nur das "formlicher und besser gestellt haben", dessen, was die Meklenburger ihm schon vorlegten. Für die besondere Ausgabe seines examen vermehrte und verbesserte Melanchthon dasselbe noch weiter, z. B. der Artikel vom Gebet ist neu hinzugesetzt Auf diese Veränderung scheint er sich in einem Briefe an Chyträus, unmittelbar nach Fertigstellung der K.=O., zu beziehen: 1 ) Der Drucker, der auch die K.=O. nach Meklenburg brachte, bringt dem Chyträus ein Buch; librum diligenter relegite et mihi iudicia significate. Non gigno nova dogmata, sed seutentiam ecclesiae nostrae cupio verbis maxime perspicuis et illustribus recitare. Agnosco me tantis rebus non esse parem et opto, ut amanter conferamus iudicia. so ist es erklärlich,. daß schon 1585 die zur Revision der K.=O. versammelte Kommission das erste Stück der K.=O. von Melanchthon "gestellt" sein läßt, und Chyträus 1599 am examen als Magistri Philippi Werke nichts ändern will, um so erklärlicher, als die späteren Drucke der K.=O. nach dem von Melanchthon wiederholt veränderten examen sich richten.

Als Vorlage hatten die Meklenbnrger die K.=O. von 1540, von Osiander verfaßt. Dennoch haben sie diese im Punkte der


1) C. R. Brief vom 20. Juli 1552.
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Lehre nicht benutzt. Nur einige Artikelüberschriften finden sich 1552 wieder, die Artikel selbst sind ganz neu. Das mußten sie auch, da sich z. B. in der Heilsordnung osiandristische Anklänge fanden. Und auch in den übrigen zeigt sich ein dogmengeschichtlicher Fortschritt, indem das Wesen des Gesetzes, der Begriff der Buße, die Predigt des Evangelii vollständig herausgestellt werden, worin 1540 noch offenbarer Mangel war; die Verfasser von 1552 nehmen also offenbar auf den Verlauf des antinomistischen Streites Bezug. Auch die katholischen Gebräuche finden sich nicht mehr; beseitigt ist z. B. die Elevation der Hostie, das Fest Mariä Himmelfahrt. Auch die Polemik gegen die katholische Rechtfertigungslehre ist vollständiger als 1540. Ganz neu ist der Artikel "Von weltlicher Oberkeit"; ist er doch historisch durch die Interimsstreitigkeiten bedingt; neu ist auch der Artikel "Von den Ceremonien", durch die adiaphoristischen Streitigkeiten bedingt. Mithin haben Aurifaber und seine Genossen an die Nürnberger K.=O. Sich nicht angelehnt. Es lagen ihnen aber zwei Arbeiten vor, die in den ersten Theil der K.=O. übergegangen sind. Von der einen, der Reformatio Wittenbergensis Melanchthons vom Jahre 1545 1 ), ist ja anerkannt, daß sie die "Grundlage" der meklenburgischen K.=O. geworden ist. Dieselbe ist "ein von Melanchthon gefaßtes notwendiges Bedenken, das zum Zwecke christlicher Reformation und Vergleichung dem Reichstage vorzuliegen bestimmt war". Ihre Anlage weicht darin von der K.=O. ab, daß sie hinter dem ersten Theil von der Lehre einen zweiten, von den Sakramenten, einschiebt, der in der K.=O. mit dem ersten vereinigt ist, sowie daß sie den zweiten Theil in zwei Stücke theilt. Ihr erster Theil aber enthält so viele Anklänge an den Wortlaut der K.=O., daß eine Benutzung derselben für letztere außer Zweifel steht. Zu beachten ist ferner die lateinische Disputation Aurifabers von 1550. Außer den schon genannten finden sich in These 4, Absatz 2; These 5, Absatz 1; These 10, Absatz 3, These 12, Absatz 2 und 3; These 14 u. a. wörtliche Anklänge an den Text der K.=O., so daß Aurifaber offenbar diese seine Disputation benutzt hat. Vielleicht ist also auch dem Aurifaber der ganze erste Theil übertragen gewesen.

Der zweite Theil unserer K.=O. "Von der Erhaltung des Predigtsamts" beweist zunächst die göttliche Einsetzung desselben. Unberufene Personen dürfen nicht zu ihm gelangen; deshalb ist


1) Richter II, S. 81 ff.
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eine Prüfung vor dem Superintendenten zu fordern, nach Lehre und Leben. Es folgt die forma ordinationis, wie Luther sie gestellt hat, dieselbe, die auch in der Braunschweiger K.=O. 1 von 1543 sich findet. Der zweite Abschnitt handelt von den Kirchengerichten, die von dem in Rostock zu errichtenden Konsistorio geübt werden sollen. Der dritte Abschnitt handelt von der Visitatio; nach dem Sprichwort "Des Hausvaters Augen und Fußtritt machen den Acker fett" müssen treue Aufseher die Kirchen besuchen. Von dem Ursprung dieses zweiten Theils hat schon Mark in seiner "Einleitung zur Schwerinschen Kirchengeschichte" mit Recht erinnert, daß er mehr Kenntniß von den Angelegenheiten Meklenburgs voraussetzt, als man Melanchthon zutrauen kann; er muthmaßt richtig, daß ein meklenburgischer Theologe, der bei der Visitation thätig war, ihn ausgearbeitet habe. Meklenburgische Verhältnisse sind es offenbar, wenn trotz der Ordinatio durch den Bischof die Patronatsrechte gewahrt werden, "nachdem wir niemand seine alte gerechtigkeit an der Kirchen bestellung oder Jus patronatus zu nemen begeren." Weiter, das Kirchengericht soll in Rostock eingesetzt werden; es wird Bezug genommen auf die noch zu stellende Instruktion des Konsistoriums. Die Jungfrauenklöster erhalten besondere Vorschriften. Es werden also die beiden Landessuperintendenten Riebling und Omeken die Verfasser gewesen sein. Hatte doch ersterer bereits die Visitation der vierziger Jahre geleitet, und letzterer hatte schon in seiner K.=O. 1532 der Superintendenten und Visitationen Erwähnung gethan. Eine Anleitung für ihre Arbeiten fanden sie an der Ref. Witt. in den Abschnitten de regimine evangelico et regimine episcoporum, de iudiciis ecclesiasticis.

Der dritte Theil der K.=O. "Von den Ceremonien" giebt die Veranlassung zur Feststellung derselben, nicht um die Gewissen zu binden, sondern "wir wollen solchs mit einander umb der armen Jugend und umb des Volks willen also gleich halten; denn so man ein Ding offt höret und von jugent uff gewonet, kann mans besser bedenken und betrachten." Es folgen in acht Unterabtheilungen die Ordnung der Ceremonien in Pfarrkirchen der Stadt und, da Schulen sind, K.=O. uff den Dörfern, eine Auswahl von Kollekten und Präsationes, Abendmahlsvermahnung, Ordnung der Taufe, auch der Nothtaufe, Ordnung der Beichte, Tröstung der Kranken, Trauung. Sogleich in der Einleitung steht der Satz: "Dieweil nu die Kirchen in diesen Landen dieser folgenden Ordnung, des grössern teils gewont sind, lassen wir Sie also bleiben." Da die meklen=

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burgischen Gemeinden seit 1545 ihren geordneten Gottesdienst hatten infolge der Rieblingschen Misseordnung, so kommt dieselbe in der K.=O. von 1552 wieder zur Geltung, allerdings in manchen Stücken vermehrt, aber auch verändert; z. B. die katholische Elevation ist beseitigt; aber das Westerhemd, lateinische Verlesung und lateinischer Gesang sind noch beibehalten. Wenn die Rieblingsche Ordnung auch grundleglich gemacht ist, so wird sich doch zeigen, daß der Stoff auch aus andern K.=O. zusammengetragen ist. 1) Die Ordnung des Sonnabends S. 79 b, 4 Absätze, ist wörtlich aus der sächsischen K.=O. von 1539 1 ) genommen; nur daß neben die lateinische Verlesung die deutsche tritt 2) Die Ordnung an gemeinen Sonntagen und Feiertagen, S. 80 a, 4 Absätze, ist aus derselben K.=O. entlehnt. 3) Meß oder Kommunio. Da heißt es: "Die soll wie vorhin in diesem Lande geordnet und im brauch ist, mit der öffentlichen Beicht, gebet und Absolution angefangen werden." Wir werden also auf die Ordnung der Misse Rieblings geführt. Und wirklich ist dieselbe hier in hochdeutscher Sprache abgedruckt; soweit sie sich auf Beichte und Absolution erstreckt, genau nach dem Rieblingschen Text. Vom Introitus an folgt sie der sächsischen K.=O., doch in freier Auswahl des dort Gebotenen. Die Bestimmung inbetreff der einstündigen Dauer der Predigt stammt von Riebling, ebenso nach der Predigt die Anordnung der Vorbereitung zur Abendmahlsfeier. Von den Kollekten nach derselben ist nur die erste aus Riebling herübergenommen. 4) "Wenn keine Kommunikanten sind." Dieser Theil ist weder aus Riebling noch aus der sächsischen K.=G. genommen. Als Grund, weshalb hier die Rieblingsche nicht steht, sondern eine Vermahnung zum fleißigen Abendmahlsbesuch, wird angegeben: Wo das Herz kalt sei, da sei auch die Kommunio weniger geachtet; und aus dieser Ursache "ist vornemlich die erste gewohnheit geendert worden". Nach der ersten nämlich folgte der Predigt die Litaney u. s. w. Um aber dem "faulen und kalten" Volke aufzuhelfen, soll jetzt die Ermahnung eintreten. Da die Ausführungen in keiner K.=O. vorhanden sind, so wird Riebling der Verfasser sein. 5) Am Nachmittag. Die Anordnung ist eine weitere Ausführung des Artikels "Vesper" in der sächsischen K.=O. 6) Die besondern Feste; es sind dieselben, wie bei Riebling, nur ist das Fest Mariä Himmelfahrt "furder gantz abgethan". 7) An Werktagen.


1) Richter I, S. 307 ff. Diese Ordnung ist von Jonas 1539 für Heinrich von Sachsen entworfen.
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Die Bestimmungen finden sich in Riebling nicht, weichen auch recht oft von der sächsischen K.=O. ab, sind also wahrscheinlich von Riebling oder Omeken, der auch Bugenhagens Buch "Vom Leiden Christi, aus den vier Evangelisten zusammengezogen" für Fastenpredigten empfiehlt. 8) Die K.=O. uff den Dörfern ist wörtlich aus Riebling herübergenommen. 9) Meß auf den Dörfern; vieles ist aus der sächsischen K.=O. entnommen, das übrige stimmt aber auch nicht ganz mit der Rieblingschen Ordnung. 10) Sonntag Nachmittag auf den Dörfern; die Ausführungen sind zum Theil aus der sächsischen K.=O. 11) Von den 13 Kollekten sind die ersten 9 aus Riebling, die andern 4 aus der sächsischen Ordnung. 12) Präsationes sind aus der Ordnung von 1545, doch mit Weglassung zweier. 13) Die Vermahnung vor der Kommunio ist ganz neu, obwohl 1545 schon drei Formen sich vorfanden. 14) Von der Taufe. Die Anrede ist aus der sächsischen K.=O. wörtlich entnommen; dann folgt Luthers Taufbüchlein in der verkürzten Form. 15) Von der Nothtaufe ist alles wörtlich aus der sächsischen K.=O. entnommen, wie auch 16) Von der Beichte und 17) Wie man Kranke berichten soll. 18) Bräutigam und Braut zu segnen. Dies ist ein Abdruck von Luthers Traubüchlein. Mithin ist wohl klar geworden, daß man nicht mit Masch ohne Weiteres sagen kann, Melanchthon habe diesen Theil verfaßt. Die Anlehnung an Rieblings Messe, ja die Herübernahme daraus ist so groß, daß dieser als Arbeiter angesehen werden darf. Wie viel Melanchthon "hineingesetzt" hat, wie viel die übrigen Mitarbeiter hinzugethan haben, läßt sich nicht feststellen.

Der vierte Theil "von erhaltung Christlicher Schulen und Studien" ist nur kurz. Die Einleitung lehnt sich an "de scholis" der Wittenberger Reformation an. Der erste Theil beschäftigt sich mit den Vorschriften über die Universität, welche die Herzöge erhalten wollen, mit tüchtigen Personen, Lektion, Ordnung der Studien, Disciplin, Einkommen, Schutz beständiglich versorgen. Da sie eine besondere Zier der Kirche ist und "den landen tröstlich", so wird die Landschaft, auch die Nachbarn gern Hülfe thun. Als Verfasser dieses Theils ergiebt sich wohl Aurifaber, der an der Neubegründung der Universitat theilnahm. Das zweite Stück "Von den Kinderschulen" ist ein ausführlicher Lehrplan, der sich an den Unterricht der Visitatoren von 1528 anschließt und zwar zum Theil wörtlich, zum Theil abweichende Bestimmungen enthält. Vielleicht hat Omeken dieses zweite Stück ausgearbeitet, der ja Verdienste um das Güstrower Schulwesen hat.

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Der fünfte Theil "Von unterhaltung vnd Schutz der Pastorn, Predicanten und Legenten in der Universität und andern Schulen". Die Herrschaft zu Meklenburg will die Kirchengüter nicht zerreißen lassen, sondern dazu erhalten, daß "nach Gelegenheit der Stadt und Dörfer daraus der Universität und den Kirchen mit gutem Rat zulag geordnet werde". Auch die Städte werden zu solchem Werk willig sein; für die armen Kirchen aber soll am Freitag eine Kollekte abgehalten werden. Dieser letzte Abschnitt geht selbstständig vor, obgleich in der Ref. Witt. der Grundgedanke gegeben erscheint.

So ist die Meklenburger K.=O. von 1552 auf Befehl des Herzogs Johann Albrecht, unter Zusammenwirken der meklenburgischen Theologen und unter Mitwirkung Melanchthons entstanden, indem die Verhältnisse Meklenburgs berücksichtigt, aber auch Luthers, Melanchthons, Jonas- Schriften mit verwerthet wurden.


Wir sind dennoch mit der Geschichte dieser K.=O. nicht fertig. Es finden sich nämlich verschiedene Ausgaben derselben, deren Entstehung noch in völliges Dunkel gehüllt ist . 1 ) Sogleich im Jahre 1552 findet sich eine zweite Ausgabe, die dadurch schon äußerlich von der ersten verschieden ist, daß sie das Meklenburger Wappen nicht führt. Wiggers hat in den Jahrbüchern XVIII, S. 180 ff. eine Untersuchung angestellt und kommt zu dem Resultate, daß beiden Ausgaben kein verschiedener Satz zu Grunde liege, trotz der Verschiedenheiten. Indem wir auf Wiggers- Untersuchungen verweisen und bemerken, daß sich noch mehr Verschiedenheiten finden lassen, als derselbe anführt, ist besonders die Abweichung auf S. 17 a zu betonen. Hier hat B (nach Wiggers die Ausgabe mit Wappen) eine viel kürzere Version als A (die Ausgabe ohne Wappen). Zwischen den Worten "ewige Seligkeit ... durch diese Verheißung" hat B 11 Zeilen, während A über eine Seite hat. Es handelt sich um das Alter des Evangeliums. Während nämlich in B ganz kurz erzählt wird, daß zu Adams Zeiten schon das Evangelium gepredigt worden ist, steht in A dieser Gedanke ausgeführt da, mit der Spitze: Das Evangelium ist nicht eine neue Predigt, die vor


1) Gern erwähne ich hier der fleißigen Arbeit des jüngst verstorbenen Herrn Dr. Friedr. Latendorf zu Schönberg im Centralblatt für Bibliothekswesen, August 1898, S. 357-361. Es war mir stets eine Freude, mit dem genannten Herrn brieflich Beobachtungen in betreff der Melanchthoniana in Mellenburg austauschen zu können.
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Christi Geburt nicht gewesen wäre. Dieser Umstand giebt zu denken. Wiggers allerdings meint nur, daß nach vollendetem Drucke einer Anzahl von Exemplaren die Veränderung vorgenommen und sogleich eine erneuerte Korrektur der folgenden Bogen geschehen sei, und muthmaßt, daß A älter sei, weil, nachdem man die Wappenausgabe B erst hatte, man gewiß so weiter gedruckt haben würde. Ganz das Gegentheil ist meines Erachtens der Fall. 500 Exemplare mit Wappen hat Aurifaber bestellt, und wie es aus der schon erwähnten Rechnung hervorgeht, auch bezahlt (Ausgabe B bei Wiggers). Ausdrücklich heißt es: "Dem formschneider von beiden woppen zu schneiden" und "dem Lucas Maler vor zweien wapen m. g. h. zu reißen". Daß diese Ausgabe für Meklenburg und nur für Meklenburg berechnet war, beweist das Wappen. Dennoch hat Melanchthon die Meklenburger K.=O. weiter drucken lassen. Schreibt er doch am 10. September 1552, also bereits 50 Tage nach Fertigstellung der Wappenausgabe, an Aurifaber: 1 ) Liber ecclesiarum vestrarum nunc recuditur. Zu welchem Zwecke er dies that, erhellt weiter aus einem Briefe vom 19. Juni 1552, worin er dem Peucer die Zustellung eines Exemplars der Meklenburger K.=O. in Aussicht stellt, und aus einem Briefe vom 24. Februar 1553 2 ) an den Bürgermeister von Augsburg, Johann Baptist Henzel: Vides in Megalburgensi scripto comprehendi in forma coenae admonitionem, confessionem, absolutionem, precationem et gratiarum actionem. Beruft sich hier Melanchthon auf die K.=O., die er in der Hand des Bürgermeisters weiß, sendet Melanchthon seinem Schwiegersohne Peucer die K.=O., hatte er drittens dem Fürsten Georg von Anhalt schon am 30. Juni 1552 einige Seiten der noch nicht zu Ende gedruckten K.=O. übersandt, so geht schon daraus hervor, für wie wichtig, ja für wie normativ er diese K.=O. angesehen wissen wollte. Ist ja doch auch diese in verschiedene andere K.=O. übergegangen: z. B. in die Kurpfälzische von 1556, die Pfalz=Zweibrücksche von 1557, die Braunschweig=Lüneburgsche von 1563, die Hessische von 1566, die Kurländische von 1570, die Oldenburgische von 1573, die Hoyasche von 1582. 3 ) Wenn aber Meklenburg nur 500 Exemplare bestellt hatte, so mußte Melanchthon sich selbst Exemplare besorgen, die er ohne Wappen herstellen ließ, offenbar, weil Sie in nicht meklenburgische


1) C. R. VII, S. 1067.
2) C. R. VIII, S. 32.
3) Richter II, S. 178, 195, 285, 289, 334, 353, 457.
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Gegenden gelangen sollten. Chyträus in seinem Berichte erwähnt ausdrücklich außer Landes gemachte Abdrücke. In der That hat später Melanchthon die Ordnung mit Weglassung des Namens Meklenburg drucken lassen, z. B. 1559, 1565 "wie es zu Wittenberg und in etlichen Chur und Fürstentum, Herrschaften und Stedte der augsburgischen Confeßion verwandt, gehalten wird." Dieses Verfahren Melanchthons erscheint in einem eigenthümlichen Lichte, wenn wir Chyträus hören: "Als im eingange des 1557 Jars E. s. G. Herr Bruder, aus guter Christlicher wolmeinung, die unglückselige Friedeshandlung zwischen den Theologen zu Witteberg und Magdeburg fürgenommen, die Artikell der Friedeshandlung von hertzog Hans Albrecht fürgeschlagen gantz widerlich vnd bitterlich verchasst waren: da haben Philippus und sein tochtermann D. Peucer den namen des hertzogthumbs Meckelburg auff dem Titel der K.=O. weggethan, und dieselbige forthin in der Wittenbergischen Kirchen namen zu drucken befohlen." Melanchthon hatte unter dem 9. Dezember 1556 Herzog Johann Albrecht aufgefordert, den zwischen ihm und Flacius schwebenden Streit zu vergleichen. 1557 hatte der Herzog seine Abgeordneten gesandt; aber Melanchthon nennt die Bedingungen, die Johann Albrecht ihm stelle, fast allzu harte. 1 ) Die Thatsache, daß Meklenburg eine mit vielen andern Kirchen gemeinsame K.=O., und also keine eigene hatte, war nach des Chyträi weiterm Bericht die Veranlassung, daß die Meklenburger Ordnung revidirt werden sollte. Bei der anerkannten Thatsache aber, daß Melanchthon stets an seinen Schriften geändert hat, ist es nicht verwunderlich, daß er auch die ursprüngliche Ordnung änderte, zumal da der fortdauernde antinomistische Streit in dem locus de lege et evangelio die genauere Festsetzung des Alters des Evangeliums gefordert haben mag. Schon in dem Begleitschreiben vom 20. Juli 1552, das der Drucker an Aurifaber mitnahm, bittet er, daß alle Frommen ihr Urtheil über die K.=O. abgeben mögen; er wolle non libenter ίδοβουλεύειν. Und am 10. September 1552 bekennt er seine Aenderungen selbst: Liber ecclesiarum vestrarum nunc recuditur, in quo etsi de sententia nihil mutatum est, tamen quaedam explicatius recitare conatus sum ut videbis. Daraus folgt also, daß im September 1552, kaum zwei Monate nach der ersten Ausgabe, die zweite, in etwas (quaedam) veränderte von Melanchthon herausgegeben wurde. Da diese Ausgabe als solche nicht für Meklenburg bestimmt war, so ist jetzt das Votum von


1) Schröder II, S. 190.
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Wiggers wohl erledigt, daß ein abschließendes Urtheil über die Entstehungsursache der doppelten Rezension von der Auffindung weiterer urkundlicher Nachrichten abhängig zu machen sei. 1 )

Die dritte Ausgabe der Meklenburger K.=O. erschien im Jahre 1554 zu Wittenberg, ebenfalls ohne Wappen. Daraus, und weil sie in den Landtagsberichten nicht erwähnt wird, schließe ich - gegen Wiggers -, daß sie überhaupt in Meklenburg nicht eingeführt gewesen ist. Wiggers allerdings beruft sich auf M. U. L. Unpartheiische Prüfung, eine Schrift aus dem Jahre 1739, welche sagt: Anno 1554 ward jetztgedachte K.=O. mit gutem Willen der Ritter= und Landschaft revidiret und in Herzog Albrechts I. Namen wieder aufgelegt, nachdem darin einige Ender= oder Verbesserung in den Lehrstücken wider die Päbstler geschehen." Aber gerade in dem Wismarschen Vertrag 1555 heißt es "die von gemeiner Landschaft angenommene K.=O. anno 52 ausgegangen." Und im Landtag zu Güstrow, 14 Tage vor Ostern 1555, will die Landschaft die reformatio Johannis Auri Fabri erst zur Hand nehmen; und in der Antwort fordert der Fürst, daß sie nach gethaner Verlesung anzeigen solle, ob etwas darin zu erinnern sei. Und 1557 zu Sternberg erinnert man an die noch beim Leben des Herzogs Heinrich durch die Gelehrten verfaßte der Couf. Aug. gemäße Konfession des Landes. 2 ) Mithin ist dieser Druck im Lande garnicht autorisirt worden. In den vier letzten Theilen findet sich gegen 1552 nur eine Veränderung; an den dritten Theil ist eine Vermahnung inbetreff der Ehegelübde und eine Belehrung inbetreff der Ehehindernisse angehängt, welche sich im Examen ordinandorum zuerst findet. Mit letzterem hat der erste Theil dieser K.=O. die größtmöglichfte Uebereinstimmung. Deshalb sind die Abweichungen von der K.=O. 1552 weit zahlreicher, als Masch und hernach Wiggers meinen. Diese führen nur zwei an, ich habe mit leichter Mühe 13 gefunden. Die Zahl ließe sich wohl noch vergrößern.

In den ersten 4 Lehrartikeln finden sich sechs wesentliche Abänderungen. 1) S. 9b ist die Aussage von der ersten Person viel vollständiger als 1552; 2) S. 10a ebenso der Artikel von der zweiten Person; 3) ebenso der dritte Artikel, ohne daß abzusehen wäre, ob irgend ein dogmatischer Gesichtspunkt vorgeherrscht habe. 4) S. 10 b wird als Beweis für die Trinität auf die Logoslehre Bezug genommen und die Bedeutung der Taufe in Bezug auf die Trinität erklärt Dies fehlt 1552 ganz.


1) Jahrb. 18, S. 183.
2) Spalding, Landtagsverhandlungen S. 19.
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5) S. 11 b sind drei lange Absätze eingeschoben als Antwort auf die Frage: "Warum ist der Sohn Gottes genannt Wort?" 6) S. 12b ergeben sich viele Abänderungen in dem Artikel "Vom Unterschied christlicher Anrufung und der heidnischen." 7) S. 13b ist im Artikel von der Schöpfung eine kleine Erweiterung. 8) S. 15a findet sich eine genauere Erklärung der Erbsünde, welche auch nicht auf Flacius Bezug nimmt. 9) S. 19a ist gerade so wie in der wappenlosen Ausgabe 15 2 dieselbe ausführliche Erklärung hinsichtlich des Alters des Evangeliums. 10) Vielleicht im Gegensatz gegen die Schwärmer ist S. 19b eingefügt: "Die Predigt ist nicht ein vergeblich schallen oder fliegende Gedanke." 11) In der Rechtfertigungslehre ist offenbar im Gegensatz zu Osiander eine Reihe von Ausführungen eingeschoben, acht an der Zahl, S. 21 a u. b. 12) Offenbar gegen denselben ist auch S. 25 a u. b neu eingesetzt - wesentliche Gerechtigkeit! 13) Im Abendmahl S. 33 a findet sich eine unwesentliche stilistische Veränderung, indem das Substantiv "der Herr Jesus Christus" statt des Pronomens "Er" wiederholt wird. Ich kann deshalb nur annehmen, daß diese K.=O. ein in Wittenberg beschaffter Abdruck der alten von 1552 ist, jedoch so, daß die wappenlose Ausgabe zu Grunde gelegt ward, nachdem sie von Melanchthon seinem examen ordinandorum gleich gemacht war, oder indem Melanchthon sein examen 1554 nach dem ersten Theil dieser Ordnung separat druckte, je nachdem man die Abfassungszeit desselben im Jahre 1554 vor oder nach dieser K.=O. ansehen will.

Die vierte Ausgabe der Meklenburger K.=O. erschien im Jahre 1557, zu Rostock durch Dietz gedruckt, mit dem meklenburgischen Wappen. Es ist die niederdeutsche Uebersetzung derjenigen von 1552. Aus dem Vergleiche der in Betracht kommenden Stellen ergiebt sich, daß der Uebersetzer sich nach der K.=O. von 1554 richtet, ohne alle Veränderungen zu adoptiren, welche Melanchthon gcmacht hatte An drei Stellen vielmehr (vielleicht lassen sich noch mehr finden) folgt er der Ausgabe von 1552, und zwar der wappenlosen. Denn S. 11 a hat er in der Anrufung Gottes die ausführliche Erklärung aus 1554 nicht herübergenommen, sondern sich mit der kürzern von 1552 begnügt; ebenso S. 9b in den Bestimmungen der drei göttlichen Personen. S. 30b hat er wie 1552 das Pronomen "Er" statt des wiederholten Substantivs. Falsch urtheilen also Masch und auch Wiechmann, 1 ) wenn sie diese Ausgabe im ersten Theil derjenigen von


1) Wiechmann, Mecklenburgs altniedersächsische Litteratur Bd. 2, 1870. S. 23.
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1552 folgen lassen. Vielmehr besteht durchgehends Uebereinstimmung mit der Ausgabe von 1554; S. 12a ist der Absatz "Wente de ewyge Vater - krafft gegeuen" aus 54; in 52 fehlt er ganz. S. 13b richtet sich die Erklärung der Erbsünde nach 54. S 17 a richtet sich die Bestimmung des Evangelii als neuer Predigt wohl nach 54 und 52, aber doch nur der wappenlosen Ausgabe. Aehnliche Uebereinstimmungen mit 54, die 52 garnicht sich finden, sind auf S. 18a (Evangelium nicht leerer Schall); S. 19 a (Rechtfertigung des Sünders); S. 23a (Gottesgerechtigkeit); 123b (Eheverwarnung); 18b eine kleine stilistische Veränderung, die 54 ist, aber nicht 52. Ganz neu sind in dieser K.=O. vier Zusätze. S. 111a sind zwei lange Absätze eingeschoben. Ihr Inhalt zielt auf eine strenge Kirchenzucht, daß ein Papist und offenbarer Sünder nicht Gevatter stehen soll, auch vom Abendmahl ausgeschlossen wird. S. 118b ist ein Artikel "Vom Begreffnisse" eingerückt, daß Papisten, Wiedertäufer und ruchlose Verächter des göttlichen Worts stille begraben werden sollen. S. 123a ist ein Absatz eingerückt "dat man am Sondage nene Brudtlacht holden schal." S. 130a ist eingerückt, daß der Landesfürst aus den Feldklöstern jährlich "veerdehalff dusent gülden" geben wolle; dies ist offenbar zugesetzt infolge der Verhandlungen über die Einziehung der Klöster.

Wie Wiechmann 1870 zuerst entdeckt hat, existirt noch aus demselben Jahre 1557 eine neue Ausgabe der K.=O. - die fünfte. Er muthmaßt, daß es diejenige ist, welche die älteren Litteratoren ins Jahr 1560 Setzen, z. B. Nettelbladt in succincta notitia: novis typis repetita fuit. In der That ist die Abweichung dieser Ausgabe nur gering. Nach W. weicht der zweite Druck (B) im Bogen b und m von dem ersten Drucke A ab, ohne daß von einer Textverschiedenheit die Rede sein kann. In der Ueberschrift nämlich Stehen bei B die Namen der Herzöge in einer Zeile mit Lettern von gleicher Größe, in A steht der Name Ulrich unter dem seines Bruders, und zwar mit kleineren Lettern. Auf Blatt b 3 a Zeile 3 von unten liest A "vnde Confession", B verbessert den Druckfehler "un de Confession". Auf Blatt b Seite 4b Zeile 10 von unten hat A "vnde vam troste der bedröuen Christen, B verbessert "um vam troste der bedröuenden Christen." Andere Druckfehlerverbesserungen finden sich nach Wiechmann besonders Bogen m, 6 Stück. W. hält B für einen späteren Druck, weil er Druckfehler von A verbessert. Von einer besonderen Ausgabe darf man wohl nicht sprechen,

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indem Hofmeister in der Fortsetzung des W-schen Werkes darauf aufmerksam macht, daß es "Mischexemplare" giebt. 1 )

Derselbe hält Freder, den Wismarschen Superintendenten, für den Uebersetzer, nach seinem eigenen Zeugniß. In der Vorrede zu seinem Liber continens u. s. w. 1562 sagt er: Cum hoc libro ia vernacula lingua publicato praeclaram confessionem fidei Celsitudines vestrae ediderint .... (S. 5) und: Cum autem, illustrissimi et laudatissimi principes, hic liber in Megalburgica lingua a me de V. C. mandato aute sit conversus et in eadem lingua Vestrarum Celsitudinum nominibus editus et vestris ecclesiis sit commendatus. (S. 8.) Daraus geht zugteich hervor, daß die Fürsten die Uebersetzung anordneten. Der nächste Zweck war wohl, dem plattdeutsch sprechenden Volke und allen Pastoren die K.=O. verständlich zu machen. Wenigstens sagt Gryse davon (p. 2): Ock hebben ere F. G. derwegen de Kercken ordenung alhyr dorch Ludewich Dietzen in dissem Jahre drucken laten up dat ein jeder wo he syk in der Lere und Kercken saken Christlik scholde vorhalden, eigentlick weten mochte." Daß die K.=O. im Namen Albrechts und Ulrichs erlassen ward, erklärt sich daraus, daß dieser seit dem 10. Juni 1554 mit seinem Bruder das Land getheilt hatte. Nach dem Erbvertrag zu Wismar war das Kirchenregiment gemeinschaftlich, nur im Bisthum Schwerin hatte Ulrich als erwählter Bischof das Reformationsrecht. 2 ) Die Einsätze in dieser K.=O. sind, wie Chyträus angiebt, von dem durch seine Kirchenzucht in Rostock bekannten Heßhus: "Und kurtz zuvor 1556 Dr. Hesshusius, als die K.=O. alhie in Meckelburgische sprache vertiret, ettliche artikell von der Kirchen disciplin (als das mann die Offentliche sünder namhafft von der Cantzel auffkündigen, nicht gefattern stehen vnd mit Christlichen cerimonien begraben sol) hinein geflicket hat, die Philippo nicht gefallen." Daraus würde hervorgehen, daß Melanchthon diese Artikel nicht approbiert habe. Allein im Streit gegen Drakonites, der den Rostocker Theologen vorwarf, Melanchthon habe jene Sätze nicht gutgeheißen, erklären letztere: 3 ) Melanchthon sei die K.=O. vor dem Druck zugeschickt worden, und er hätte eigenhändig geschrieben: Judico habentes notoria peccata non admittendos esse ut sint testes baptismi et a coena domini plane arcendos esse. Chyträi Urtheil muß also zurecht gestellt werden: Entweder gefiel es Melanchthon überhaupt nicht,


1) Theil III, 1885, S. 213.
2) Schirrmacher, S. 250, 267.
3) Jahrb. 19, S. 120.
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daß man selbständig Einschaltungen machte, ohne ihn vorher zu fragen; oder er war erzürnt, daß man von seinen "Verbesserungen" von 1554 nicht alle angenommen, sondern auf 1552 sich zurückbezogen hatte.

Die sechste und siebente Ausgabe der K.=O. bilden die lateinischen Uebersetzungen derselben von Freder 1562. Aus der Vorrede geht hervor, daß Freder sie auf eigenen Antrieb verfertigte, damit seine Uebersetzung ein Zeugniß der meklenburgischen doctrina und εύταξία hommibus exteraruin nationum sein sollte, damit sie nicht allein die lutherischen Ordnungen bewundern, sondern selbst zum Uebertritt angelockt werden möchten; andererseits will er den Latein Lernenden ein Buch an die Hand geben. Dieses widmet er den beiden Herzogen, weil ihr erlauchter Name das Buch vor Verleumdungen der Papisten sicher stellen möchte. Noch in demselben Jahre erschien ein neuer Druck mit dem verkürzten Titel: Oeconomia ecclesiastica. 1 )


Die K.=O. von 1552 bezeichnet den wichtigsten Fortschritt in der Entstehung der meklenburgischen Landeskirche, sie bringt nicht nur die Lehre und die Ceremonien, sie regelt auch die kirchliche Verfassung, sowie ihr Verhältniß zur landesherrlichen Gewalt. Weil sie letzteres nicht enthielt, ist die K.=O. von 1540 nur unvollständig; da die Verfassung aber geregelt werden mußte, so verstehen wir, weshalb gerade der Kanzler Joh. Lukanus, den Chyträus in seiner Rede den suasor novae ordinationis nennt, dem eifrig reformatorisch gesinnten Johann Albrecht ihre Niederschrift anrathen mußte.

In der K.=O. erlangt das Verhältniß der weltlichen Gewalt zur Kirche seinen bestimmtesten Ausdruck. Die K.=O. geht von der Wichtigkeit des göttlich gestifteten Predigtamts aus. Damit Jesus Christus und die göttliche Lehre im menschlichen Geschlecht bekannt wären, damit öffentliche Versammlungen seien, und die Lehre öffentlich vorgetragen werde, hat Gott das Predigtamt eingesetzt (S. 3a). Es ist "ein befelh, das heilig Evangelium zu predigen, Sacramenta zu reichen, Sünden zu vergeben, Prediger sampt den Kirchen zu ordnen, Sünde zu Strafen, allein mit Gottes wort" (S. 59 a). Darum ist es ein "warlich selig Kirchenregiment" (S. 67 a); doch nicht "weltliche macht und leiblicher Zwang" (S. 59 b). Darum gehört ihm weltliche


1) Wiechmann II, S. 151.
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Herrschaft ganz und garnicht zu, die der Herr Christus vom Kirchenregiment ausdrücklich unterschieden hat (S. 133 b).

Dem Predigtamt gegenüber wird das Recht der weltlichen Obrigkeit zu kirchlichem Handeln festgelegt. "Die hochlöbliche Herrschaft im Hertzogthum Meckelnburg ist Gott vor allen dingen schuldig vleis zu thun, das in jren Landen das heilig Evangelium rein und trewlich gepredigt werde u. s. w." (S. 3b). Dieser religiöse Beruf der weltlichen Obrigkeit, der "allgemeine Rechtsüberzeugung jener Zeit" 1 ) war, wird in unserer K.=O. von zwei Seiten her näher begründet; aber nicht ist die Rede von einer Uebertragung oder Annahme der bischöflichen Gewalt, noch von einem seit längerer Zeit geübten kirchlichen Handeln. Vielmehr bildet die eine Seite der Begründung der Hinweis auf Jes. 49, 23 und 60, 16 "Und die Könige sollen deine Nährer sein" (S. 3a und 134 a) und Ps. 2 "Und nun, ihr Könige, laßt euch lehren". Daraus wird gefolgert, daß Gott der Herr die Regenten ernstlich angesprochen hat, zur Erhaltung des Predigtamts treulich Hülfe zu thun. Es ist das dieselbe theologische Begründung, wie sie bereits Riebling 1540 und hernach Omeken 1557 für das Visitationsrecht der weltlichen Gewalt geben. Ersterer weist darauf hin, daß schon Adam, Josua, Samuel, David, Salomo, Josaphat, Ezechias, Josias für den rechten Gottesdienst gesorgt haben. 2 ) Und letzterer ließ sogar ein Buch erscheinen "Von der Visitation nödige vnderrichtinge" und beweist, daß die Fürsten immer das Recht dazu gehabt haben. Allerdings ein göttliches Recht des landesherrlichen Kirchenregiments damit zu erweisen, lag diesen Männern fern. Die andere Seite der Begründung für den religiösen Beruf der weltlichen Obrigkeit ist von der custodia tabulae utriusque hergeleitet, nimmt also Bezug auf die Meinung der mittelalterlichen Kirche, als ob der Staat nur die temporalia zu besorgen habe. Letztere Anschauung wird ausdrücklich zurückgewiesen. "Das Ampt der weltlichen Regierung ist Gottes ordnung, ein gut werck" (S. 62 a). Sie soll über das Gesetz wachen zur Erhaltung äußerlicher Zucht; aber das ist nur ein "stücklin vom Ampt"; sie soll auch über Abgötterei wachen und rechte Lehre pflanzen; kurz "die Oberkeit soll beide tafeln der Zehen gebot, Gott zu ehren, in erhaltung eusserlicher zucht, handhaben, mit ernstlicher Execution" (S. 63 a). Es ist das ja die Lehre der Reformatoren,


1) Rieker, S. 133.
2) In seiner Anrede an den Rat zu Wismar, Schröder I, S. 361.
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die dem sich erweiternden Staatsbegriff entsprach, wie dieselbe Agrikola dem Johann Albrecht einst nahe gelegt hatte: Principes sunt non tantum secundae, sed primae etiam tabulae custodes, ut per eos floreat ecclesia et politeia. 1 ) Aber diese Gewalt ist nach zwei Seiten hin eingeschränkt: Einmal soll sie nicht eigne Lehre oder Interim oder Gottesdienst aufrichten, außer Gottes Wort. Das ist der Grund, warum in der K.=O. als ein erster T'heil die Darlegung der Lehre erscheint, welche "die einige ewige ist, die in Propheten und Apostel Schrift gefaßt ist, in dem Verstand der ökumenischen Symbole, mit dem Luthers Katechismus, sein Bekenntniß vom Abendmahl, sowie die Conf. Aug. von 1530 übereinstimmen." (S. 64 a.) Der Landesherr bestimmt also nicht den Bekenntnißstand seines Landes, das ist vielmehr das durch Reichsgesetz seit 1555 geregelte Recht der Landesherrschaft, sondern für letztere giebt es nur eine Wahrheit, die wahre Lehre der K.=O., und somit eine Pflicht, für diese zu sorgen. Die zweite Einschränkung liegt in den Worten: "Es sol auch die Oberkeit selb gleichförmig leben göttlichen Gesetzen." Die Obrigkeit ist also schuldig, für das Evangelium zu sorgen; darum muß sie auch den Irrthum strafen und beseitigen. Johann Albrecht wendet dieses Recht selbst an im Stifte zu Schwerin, als Ulrich durch die Kapitulation sich gebunden glaubte, ebenso in Lübz gegen seine Mutter, in Dobbertin, Ribnitz, Rostock u. a. An seine Mutter schrieb er am 23. März 1567: 2 ) Er erkenne seines von Gott ihm befohlenen Amtes halber sich für schuldig, seine Unterthanen mit dem allein selig machenden Worte Gottes versorgen zu lassen. Es ist also der religiöse Standpunkt, den der Herzog einnimmt, nicht der formal juristische, der erst 1555 für die Fürsten in ihrem Verhältniß zum Reiche festgelegt ward. Der Herzog will auch nicht mit seinem Lande sich isoliren, sondern es wird (S. 64 b und S. 4a) ausdrücklich betont, daß man Eintracht zu halten begehrt mit den Kirchen der sächsischen Lande, als zu Lübeck, Hamburg, Lüneburg und anderen dergleichen, wo die reine Lehre ebenso verkündigt wird.

Aber welche Geltung hatte die K.=O.? Von dieser Frage wird die Bestimmung der Grenzen abhängen, innerhalb deren die meklenburgische Landeskirche sich ausbreitete. Die K.=O. erschien 1552 nur in Johann Albrechts Namen, erst 1557 ist sie auch in Ulrichs Namen ausgegangen. Aber seit dem Tode


1) Gedruckt Jahrb. 8, S. 59.
2) Jahrb. 22, S. 177.
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Herzog Heinrichs 1552 bestanden Irrungen wegen der Regierung zwischen Ulrich und Johann Albrecht. Außerdem behaupteten die beiden Bisthümer Schwerin und Ratzeburg wenigstens in ihren Stiftsländern ihre eigenthümlichen Rechte. Allein erstere wurden durch den Wismarschen Vertrag beigelegt, 1555, nach welchem das Kirchenregiment von beiden Fürsten zugleich bestellt wird; beide wollen Kirchen und Schulen mit gottesfürchtigen Männern zu versorgen Fleiß haben; beide wollen nach der K.=O. von 1552 eine Visitation anstellen. 1 ) In demselben Vertrag ist auch das Verhältniß zu Ratzeburg und Schwerin bestimmt. Für seinen zum Bischof von Ratzeburg erwählten Bruder Christoph hatte Johann Albrecht am 3. Oktober 1554 die Verwaltung angetreten und sich anheischig gemacht, das Stift apud sedem catholicam zu vertreten. 2 ) Indem in dem Revers von Bestimmungen über den Konfessionsstand nichts enthalten ist, ließ sich das Domkapitel die Herrschaft Johann Albrechts gefallen. Und im Wismarschen Vertrag wird es demselben anheimgegeben, "zu befördern und fortzusetzen Bestellung, Verordnung und Unterhaltung des Kirchenregiments." Das war im Sinne der evangelischen Lehre gemeint und auch so durchgeführt; denn als 1561 die päpstliche Konfirmation Christophs 3 ) eingeholt werden sollte, hatte man nur geringe Hoffnung auf die Erlangung derselben, weil man nicht mehr antiquae religionis sei. Dennoch kam erst 1566 der Beschluß des Kapitels zustande, die alten Ceremonien abzuschaffen, und erst 1589 wurde in der Visitation die Annahme der Meklenburger K.=O. beschlossen, nachdem bei der Visitation von 1581 sich herausgestellt hatte, daß einige nach der Meklenburger, andere nach der Holsteiner und andern Ordnungen sich hielten. 4 ) Im Schweriner Stift hatte Ulrich geschworen, "den Ritus und die Ceremonien der katholischen Kirche zu wahren", und da das Kapitel das Mitaufsichtsrecht über alle geistliche Angelegenheiten hatte, so waren Ulrich die Hände gebunden. Er mußte vielmehr protestiren, als Johann Albrecht am 27. Juli 1553 den Befehl zur Visitation der Domkirche zu Schwerin gab, da nach den Worten Johann Albrechts "unser Bruder den Pfaffen verpflichtet ist." Allein, als die päpstliche Bestätigung auf sich warten ließ, erlangte Ulrich trotzdem die Huldigung. Im Wismarschen Vertrag übernahm er die


1) Gedruckt bei Gerdes, S. 190.
2) Masch, S. 504 u. 522.
3) Ebenda S. 509.
4) Masch, S. 522, 535, 528.
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Verpflichtung, das Kirchenregiment im Stifte seinerseits zu bestellen und, sofern es ohne Verletzung seines Eides geschehen konnte, die untüchtigen Personen abzuschaffen, damit nichts anders gehalten würde, als was der Conf. Aug. gemäß und dem Meklenburgischen Bekenntniß von 1549 gleichförmig sei. Und bereits 1557 ordnete er selbstdie Visitation der Stiftskirchen an, da die Kapitularen, denen er durch seinen Eid verpflichtet war, selbstlutherisch geworden waren. Allerdings jene Bestimmung von der katholischen Religion wurde auch dem Wortlaute nach erst 1568 aufgehoben, als die Kapitularen ihre Pflicht, für das Kirchenregiment zu sorgen, dem Bischofe abtraten. Als das Stift am 21. Oktober 1561 für reichsunmittelbar erktärt wurde, erlitt sein Verhältniß zu Meklenburg auf kirchlichem Gebiete nur insofern eine Veränderung, als es seinen eigenen Superintendenten bekam. So lassen sich beide Stifte mit ihren Gebieten als Theile der Meklenburgischen Landeskirche betrachten, allerdings selbständige Theile, da sie ihre eigenen Administratoren und diese wieder ihre Superintendenten, bezw. Konsistorien hatten. 1 )

Die K.=O. von 1552 ist von den Ständen des Landes angenommen worden. In der That, ist es der Beruf der weltlichen Obrigkeit, für das Seelenheit der Unterthanen Sorge zu tragen, 2 ) so ist die Landesobrigkeit als solche es, welche zu kirchlichem Handeln in ihren Gebieten berufen ist. Der Landesherr kommt also nicht in Betracht als Person, sondern als Träger der landesobrigkeitlichen Gewalt. Darum sind, wie bei allen Landesangelegenheiten, die Stände betheiligt, die rechte Religion ist Landessache. Zwar die Sorge der Landesobrigkeit für die Religion ergab sich nach mittelalterlichem Begriffe nicht schon aus der landesobrigkeitlichen Stellung. Erst im Reformationszeitalter ist sie ein wesentlicher Theil des obrigkeitlichen Berufes, also nicht der Person als solcher. Nur wo und seitdem der Religionsfriede zu Augsburg 1555 so ausgelegt ward, als ob den Kurfürsten und Ständen augsburgischer Konfession das ius episcopale übertragen wäre, wie es dem territorialistischen Systeme eigen war, konnte es kommen, daß der Landesfürst die Stände von der kirchlichen Mitregierung ausschließen wollte. In Meklenburg hatten sich noch zu Atbrechts Zeiten die Städte Malchin, Neubrandenburg, Friedland und Rostock, wie gezeigt ist, bereits an die Stände gewandt, um Schutz gegen Albrecht


1) Jahrb. 49, S. 156, 214, 250, 160, 251, 253, 254.
2) Rieker, S. 133.
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zu erlangen. 1538 hatte Magnus seine Bitte um eine K.=O. den Fürsten und den vornehmsten Räthen der Landschaft vorgetragen. 1549 waren zur Berathung über das Interim die Stände zu Sternberg anwesend, und in den Landtagen der fünfziger Jahre versichert Johann Albrecht, die Landschaft bei der neuen Religion zu beschützen, "da die gemeine Landschaft sich mit Serenissimo wegen der Antwort verglichen hat". Zwar beklagen die Stände, daß der Prälatenstand nicht mehr vorhanden ist, aber dennoch bitten sie um eine vollständige Durchführung der Reformation. Der Fürst übergiebt ihnen die K.=O. zur Berathung, daß "sie nach Verlesung derselben anzeigen, ob etwas darin zu erinnern oder zu verbessern sei", ebenso die Instruktion zur Visitation. Und im Wismarschen Vertrag heißt es von der K.=O. ausdrücklich, daß sie von der Landschaft angenommen worden sei. Indem also und soweit die Landstände die kirchlichen Interessen des Landes vertreten, ist die Landeskirche auch nach dieser Richtung hin entwickelt.

Auf die kirchliche Verwaltung nimmt die K.=O. insofern Bezug, als sie die Errichtung eines Konsistoriums verheißt, weil "ein großer Unterschied zwischen weltlichen Gerichten und Strafen und Kirchengerichten und Strafen" sei (S. 72 a). Eine eigentliche Konsistorienordnung wurde erst 1570 veröffentlicht und das Konsistorium am 27. März 1571 eröffnet Das Institut der Visitationen wird in der K.=O. ausdrücklich beibehalten und eine allgemeine Instruktion gegeben. An denselben waren hervorragend die Superintendenten betheiligt, ja sie bildeten die Aufgabe der letzteren, deren Zahl nach und nach vermehrt wurde, bis sie 1571 in der Superintendentenordnung bestimmt wurde. Was die Bedeutung dieser Aemter für die Landeskirche und das landesherrliche Kirchenregiment betrifft, so würde die nähere Ausführung zu weit von unsern K.=O. uns abführen; es genüge der Hinweis auf Rieker, mit dem Dieckhoff (Die Anfänge des landesherrlichen Kirchenregiments, Theol. Zeitschrift 1863, S. 682 ff.) übereinstimmt. 1 ) Nach beiden "fand in der Einrichtung der Konsistorien


1) Zur Geschichte des Konsistoriums vergl. D. Otto Meyer "Zum Kirchenrechte des Reformationsjahrhunderts", Hannover 1891. Zweite Abhandlung, S. 87 ff. Das erste Erachten für eine Konsistorialordnung stammt aus dem Jahre 1552, ein zweites aus 1564, ein drittes aus 1567, das von Husanus 1569 überarbeitet wurde (S. 96, 107,116,118; Merkel, Heinrich Husanus, S. 176). Man vergl. auch Meyers Schrift: "Kirchenzucht und Konsistorialcompetenz nach Meklenburgischem Rechte," Rostock 1854, S. 9ff., sowie die "Grundlagen des lutherischen Kirchenregimentes," Rostock 1864, S. 149. Das Verhältniß Rostocks zum landesherrlichen (  ...  )
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als kirchlicher Behörden im Unterschied von den politischen Behörden des Landesherrn die Selbständigkeit des in die Hand des Fürsten gekommenen Kirchenregimentes ihren organisch befestigten Ausdruck". 1 ) Und das Superintendentenamt ist das rein innerkirchliche Organ des Kirchenregimentes, seine Thätigkeit allein aufs Wort eingeschränkt, in seiner Autorität getragen durch den Landesherrn, aber keine Behörde desselben, sondern ein selbständiges kirchliches Amt . 2 )

Die K.=O. giebt endlich auch die Bestimmungen über das Kirchengut Die Unkost der Visitatoren soll aus den Klostergütern genommen werden (S. 75 a). Die Obrigkeit will die Räuber, welche den Kirchen die Güter entziehen, in Strafe nehmen. Denn die Herrschaft will dieselben nicht zerreißen lassen, sondern dazu erhalten, daß der Universität und den Kirchen Zulage verordnet würde (S. 133). Ausdrücklich wird auf das kanonische Recht Bezug genommen, daß das kirchliche Stiftungsgut seinen kirchlichen Charakter nicht verlieren dürfe; unter letzterem befaßte man dem Geiste der Zeit entsprechend auch die Unterhaltung von Hospitälern und Hülfe für die Armen. Die Kirchengüter werden also nicht als bona vacantia angesehen. Obwohl das Kirchengut zum landesherrlichen Gut eingezogen war, so empfing dasselbe durch die K.=O. und ebenso durch den Wismarschen Vertrag seine von der Pertinenzqualität des sonstigen Stammguts abweichende Pertinenzqualität; und im Ruppinschen Machtspruch 1556 wird ausdrücklich bestimmt, daß jährlich vierthalbtausend Gulden für die kirchlichen Zwecke der Universität angewiesen sein sollen; eine Bestimmung, welche auch in die K.=O. von 1557 Aufnahme fand.

So ist eine meklenburgische Landeskirche fertig; eine Landeskirche neben vielen andern, mit denen sie "Eintracht zu halten begehrt"; aber auch eine ausschließtiche Landeskirche, sofern Andersgläubige nicht geduldet werden. Durch ein besonderes


(  ...  ) Kirchenregiment behandelt Dr. Hugo Böhlau in seiner als Manuskript gedruckten Festschrift "Zur Konsistorial=Kompetenz des Landesherrn in Rostock." Weimar 1881. Die Stadt Rostock nämlich hatte seit 1557 einen eigenen Superintendenten und seit 1566 auch ein eigenes Konsistorium und forderte iurisdictio omnimoda. Durch die Erbverträge von 1573 und 1584 wurden die darüber mit den Herzogen entstehenden Streitigkeiten einstweilen beigelegt; man vergl. jedoch das Verhalten des Rathes zur Publikation der Kirchenordnung im Jahre 1603 gegen den Schluß der Abhandlung.
1) Rieker, S. 170.
2) Dieckhoff, S. 719.
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Mandat der beiden Herzöge vom 13. Januar 1560 ward noch einmal auf die Verpflichtung zur Erfüllung der K.=O. hingewiesen, den Widersetzlichen aber die Auswanderung anbefohlen. 1 )


War so die meklenburgische Landeskirche in Lehre und Verfassung fertig gestellt, so versuchen dennoch die dogmatischen Streitigkeiten in dieselbe einzudringen. Ausgewanderte Engländer waren im Winter 1553 nach Rostock gekommen, von wo sie nach einem Gespräch mit dem Prediger Ryke am 12. Januar 1554 vertrieben wurden. In Wismar fanden sie bei den zahlreichen Mennoniten Aufnahme, deren Führer Menno Simons aus Friesland herbeigeeilt war, jedoch bald mit ihnen in theologische Streitigkeiten verwickelt ward über Menschwerdung Christi, Ehescheidung, besonders aber über das Schwert der Obrigkeit. Trotzdem die Engländer durch ihren Sprecher bei dem Rath ihr Glaubensbekenntniß einreichten, in dem sie das Recht der Obrigkeit anerkennen, das Abendmahl nicht bloß für ein Kennzeichen, sondern für die Gemeinschaft des Leibes und Blutes Christi halten, so jedoch, daß sie in kalvinischer Weise die menschliche Natur Christi nicht unendlich an allen Orten ausgebreitet sein lassen wollten, mußten sie mit den Mennoniten zusammen aus der Stadt, am 22. Februar 1554. 2 ) Durch ein Mandat der sechs wendischen Städte, Lübeck, Hamburg, Lüneburg, Rostock, Wismar, Stralsund vom 1. August 1555 sollen alle, welche "den Jrthum der Wiedertäufferey lehren," desgleichen auch die Sakramentierer "unnachlässig gestraft, vertrieben, auch nicht beherbergt werden". 3 ) - Am 16. Januar 1556 hielt Omeken in Ribnitz mit Wiedertäufern ein Examen ab inbetreff der Kindertaufe, des Abendmahls, der Obrigkeit u. s. w. Da dieselben halsstarrig blieben, wurde ihre Sache der Obrigkeit empfohlen, damit größerer Schade verhütet werde. 4 ) 1562 hielt eine vom Hergog bestellte Kommission ein Examen mit den zu Wismar wieder aufgetauchten Wiedertäufern ab, die sich bekehren ließen. Die Kommission hielt es jedoch für nöthig, dem Wismarschen Ministerium in einem längern Schreiben Unterricht inbetreff der Wiedertäufer zu geben. Noch 1571 erschien eine Abhandlung zur Bekämpfung der Schwärmerei. 5 )


1) In der Registratur des Min. Eccl. Rost. Tom. XII, S. 9-11.
2) Aus dem Bericht des Engländers Utenhof, bei Schröder II, S. 64 ff.
3) Gedruckt bei Schröder II, S. 128.
4) Protokoll bei Schröder II, S. 137 ff.
5) Schröder II, S. 379 u. III, S. 93.
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In Schwerin hatte 1556 der Hofrath Justus Jonas, ein Sohn des bekannten Wittenberger Theologen, sich gegen das lutherische Abendmahlsdogma erhoben. Die drei Prediger, Rothmann, Langner, Kückenbieter, wandten sich in einer Konfession gegen diese Berengarsche Häresie. 1 ) In Rostock war zu derselben Zeit ein Student Münchhausen, der die Gegenwart des Leibes und Blutes im Abendmahl leugnete. Er wurde aus der Stadt verbannt. Das Rostocker Ministerium vertheidigte die lutherische Abendmahlslehre gegen ihn in acht Artikeln. 2 ) Zum römischen Dogma hinsichtlich der Abendmahlslehre neigte in Rostock der Prediger Beatus seit 1568; er lehrte, daß schon vor dem Gebrauch Leib und Blut da seien. Nach langen Verhandlungen wurde er seines Amtes entsetzt; er ging nach Wismar, wo sich Holtzhüter, Korvin, Isensee auf seine Seite stellten. Am 10. December 1569 hatten die Herzoge eine formula doctrinae aufsetzen lassen, die gegen Beatus ausgefallen war. 3 )

Auch der antinomistische Streit spülte seine Wogen nach Meklenburg hinein, indem zu Rostock nach Vertreibung des Eggerdes und Heßhus Drakonites Superintendent wurde, der sich des offenbaren Antinomismus schuldig machte, indem er u. a. lehrte: Trolle dich, Moses; das Gesetz gehört aufs Rathhaus; das Sonntagsgebot bindet die Christen nicht; die Abendmahlsverweigerung ist unchristlich. 1559 erließ das Ministerium gegen seinen Superintendenten ein Bekenntniß seiner streng lutherischen Lehre. Drakonites mußte 1560 aus der Stadt weichen. 4 )

Der osiandristische Streit ist zwar nicht nach Meklenburg verpflanzt worden; doch hatte der Herzog Johann Albrecht denselben bereits auf seiner Hochzeit 1555 kennen gelernt, als mitten im Winter Flacius nach Wismar geeilt war, um mit dem dort anwesenden Leibarzte des Herzogs Albrecht von Preußen, Aurifaber, einem Schwiegersohn Osianders, zu verhandeln. 5 ) Chyträus mußte deshalb ein Gutachten einreichen, und auf einem Kolloquium zu Riesenburg 1556 'hat 6 ) "Herzog Johann Albrecht mit großem Fleiß und Ernst befürdert, daß über den Osiandristischen Handel ein Ratschlag und Vertrag aufgerichtet wurde." Wenngleich dieser Streit also für Meklenburg auch keine weitere Bedeutung


1) Schröder 11, S. 149.
2) Bei Grape, S. 303.
3) Gebruckt bei Schröder III, S. 6 ff.
4) Ebda. II, S. 237.
5) Ebda. II, S. 122.
6) Annalen des Mylius, bei Gerdes, S. 266.
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hat, so geht doch daraus hervor, wie Johann Albrecht die Schlichtung der theologischen Lehrkämpfe sich angelegen sein ließ.

Dasselbe ersehen wir auch, wenn wir sein Einwirken auf Melanchthon im adiaphoristischen Streit bemerken. "1557 hat Johann Albrecht auf Herrn Philippi Melanchthonis und Matthiä Flacii Jlyrici Anhalten Gesandten zu Versuchung gütlicher Vergleichung zwischen ihnen abgefertiget." 1 ) Mit einer von Chyträus aufgesetzten Vergleichsformel reisten die Gesandten ab. Bereits am 25. Februar 1557 beklagt sich Melanchthon bei Johann Albrecht, daß ihm von seinen Theologen noch härtere Bedingungen als von den sächsischen gestellt wären, "ut proditori et hosti harum ecclesiarum." 2 ) Ebenso ließ der Herzog seinen Hofprediger Langner einem Konvent der niedersächsischen Theologen zu Braunschweig beiwohnen, der sich mit der Frage der Adiaphoristen, Majoristen, Antinomisten befassen sollte. Wie das Verhältniß zu Melanchthon war, läßt sich aus den Worten Langners abnehmen: Falso nos insimulant Antinomi, qui legem Dei penitus pellamus ex ecclesiis nostris, Philippum cogitemus interficere. 3 )

Inbetreff des Frankfurter Recesses ließ Johann Albrecht durch seine Theologen am 14. August 1558 ein iudicium stellen. 4 ) Es wird anerkannt, daß christliche Fürsten vor Gott schuldig sind, sich göttlicher Lehre und christlicher Kircheneinigkeit anzunehmen; darum denken die meklenburgischen Fürsten auf Mittel, die wahre Lehre zu erhalten, Sekten zu widerlegen, Einigkeit anzurichten. Diese kann aber nicht bestehen, es sei denn zuvor dieser Grund gelegt, daß man die göttliche Lehre rein und unverfälscht behalte und die ungegründete ausdrücklich verwerfe. Darum ist es recht, daß die Fürsten in Frankfurt bei der Conf. Aug. und der Apologia verharren wollen. Die meklenburgischen Herzöge halten dafür, daß der beste Weg wäre, christliche Einigkeit wieder anzurichten, wenn man nicht viel neue confessiones schreibe, sondern die unveränderte Conf. Aug. und Apologia drucken und von den Fürsten unterschreiben lasse; von den nach 1530 Streitig gewordenen Artikeln möge man nur categoricam declarationem dabei thun. Falsch sei die Einigkeit dadurch gewinnen zu wollen, daß man die Irrthümer nicht namhaft verwerfe; denn zweifelhafte Reden, die beide Theile auf ihre Meinung ziehen können, dienen nicht zur Einigkeit, sind vielmehr nur poma eridos. Meklen=


1) Mylius, S. 268.
2) Gedruckt bei Schröder II, S. 197.
3) Brief Langners, bei Schröder II, S. 205.
4) Ebda. S. 224 ff.
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burg tadelt deshalb, daß die Artikel von der Lehre nur generaliter und ambigue gestellt werden sollen. Im ersten Artikel "Von der Gerechtigkeit" vermißt es, daß gegen Osiander und die Papisten nicht expressae declarationes hinzugesetzt seien. Im zweiten Artikel "Von der Notwendigkeit der guten Werke" wünschen sie das ratione meriti noch erweitert, ratione praesentiae, gegen Major. Im dritten Artikel "Vom Abendmahl" beklagen sie sich, daß er so gestellet sei, daß Kalvinisten und alle Sakramentierer dahinter sich verstecken könnten; auch wünschen Sie im vierten Artikel eine vollere Erklärung der Adiaphora. Indem dies Bedenken das erste war, das gegen den Receß geltend gemacht wurde, erkennen wir, wie ernst es Meklenburg mit der Festhaltung des Strengen lutherischen Lehrbegriffs war. Inbetreff der streitigen Artiket verfaßte auch das Rostocker Ministerium auf Befehl Johann Albrechts 1560 ein iudicium 1 ) Auf dem Fürstentag zu Naumburg 1561 war Herzog Ulrich durch Chyträus vertreten, war aber mit der dort beliebten Art der Vereinbarung nicht zufrieden, 2 ) weshalb darauf der Lüneburger Konvent im Juli mit seiner streng lutherischen Lehrfestsetzung mehr Sympathien im Lande fand; ja als ein Rath Herzog Ulrichs die Bestimmungen desselben beseitigen wollte, gab eine theologische Kommission ihre Erklärung mit scharfen Worten für denselben ab. 1567 legen noch die Rostocker Theologen ihr Gutachten gegen den Wittenberger Synergismus dar, in einer Beurtheilung der ihnen von Johann Wilhelm von Sachsen zugesandten Weimarer Confutation. 3 )

Sehen wir so bei den meklenburgischen Theologen fortwährend das Bestreben, in welchem sie von den Herzögen gestützt wurden, die strengere Fassung des lutherischen Lehrbegriffs sowohl den eigenen Streitigkeiten im Lande gegenüber, als besonders den Philippisten gegenüber aufrecht zu erhalten, so wird sich schon ein Anhalt dafür ergeben, warum 1569 Chyträus den Auftrag einer neuen K.=O. bekommen konnte. Als ersten Grund giebt letzterer in seinem Bericht selbst an, daß die K.=O. von 1552, "nicht mer der hertzogen zu Mekelnburg allein und eigene kirchenordnung" ist, weil ja Melanchthon die Ordnung mit Weglassung des Namens Meklenburg in der Wittenberger Kirchen Namen gedruckt hatte. Darum habe Johann Albrecht mündlich ihm aufgetragen, "ein besondere vnd eigene K.=O. für das


1) Brief des Chyträus vom 21. April 1561: "zu dieser verfänglichen Subscription nicht rathen sollte".
2) Gedruckt bei Schröder II, S. 518.
3) Gedruckt bei Schröder II, S. 252.
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hertzogthumb Meckelburg zu entwerffen". Ein zweiter Grund für Abfassung einer K.=O. lag in den dogmatischen Streitigkeiten der damaligen Zeit, welchen gegenüber die K.=O. von 1552 keinen Anhalt hinsichtlich scharfbegrenzter Lehrbestimmung bot. Dies mußte um so mehr vermißt werden, als etliche Hofräthe, Jonas und Bouke, der zweideutigen Richtung zugethan waren. Es lag mithin das Bedürfniß vor, die K.=O. um die Erklärung jener streitig gewordenen Artikel zu erweitern. Aber wie? Wenn die K.=O. von 1552 für nicht mehr geeignet gehalten wurde! Man war in einen persönlichen Gegensatz zu Melanchthon gekommen, man hatte sich in allen theologischen Fragen gegen seine Partei erklärt. Im Jahre 1584 klagt Chyträus: In der meklenburgischen K.=O. Sind etliche Artikel der Lehre mit beidenhändischen zweizüngigen Worten also meisterlich auf Schrauben gesetzt, daß beides, Lutherische und Kalvinistische, dieselben Worte zugleich annehmen und unterschreiben et sic vera dicendo ambos fallere possint. Wiewohl nun dieser Grund erst 1584 geltend gemacht erscheint, so entspricht er doch bereits den Verhältnissen des Jahres 1569. Hatte doch der Herzog in der Antwort auf den Frankfurter Rezeß ausdrücklich bemerkt, wie sehr ihm zweideutige Bestimmungen zuwider wären, und hatte bestimmte Er klärungen gefordert! So hat denn Chyträus - nach seinen eigenen Worten - die Einleitung einer K.=O. dem Fürsten eingereicht, die ihm gefiel.

Daß die angeführten Gründe für die Abfassung einer neuen K.=O. die rechten sind, ergiebt sich aus dieser Vorrede. 1 ) Da heißt es: "Nachdem viele hochlöbliche christliche Fürsten in unserer Nachbarschaft und anderswo ihre Christlichen K.=O. verneuert haben, und innerhalb dieser Zeit von vielen hochwichtigen Artikulen Christlicher Lehre ganz ärgerliche Uneinigteit erwachsen sind". Als Datum der Ablieserung dieser Einleitung zur K.=O. ergiebt sich das Jahr 1570. Im Bericht nämlich sagt Chyträus "schon lang vor 30 jaren". Das würde auf das Jahr 1569 führen, wo Chyträus den Auftrag bekam. Aber er ist erst 1570 fertig; denn er spricht von der alten K.=O., die vor 18 Jahren ausgegangen ist: 1552 + 18 = 1570. Erst im nächsten Jahre empfing Chyträus den Auftrag, auf Grund dieser Einleitung die K.=O. selbst in Angriff zu nehmen. Denn in einem Briefe an Johann Albrecht von 1572 2 ) nennt er als das Jahr des


1) Im Archiv zu Schwerin.
2) Epistulae Chytraei, S. 1074.
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herzoglichen Auftrages "superior annus", also 1571. Man geht in der Annahme wohl nicht fehl, daß der Auftrag bei der Eröffnung des Konsistoriums ertheilt wurde, 27. März 1571. Denn einmal ist Chyträus an der Eröffnung desselben hervorragend betheiligt; sodann heißt es ausdrücklich in dem Briefe, Chyträus solle formam doctrinae nicht nur, sondern auch totius administratioms ecclesiarum beschreiben in libro, qui ecclesiarum ordinationem complecteretur. Noch 1599 ist das Bestreben der Revisoren, die Konsistorialordnung in die K.=O. hineinzuarbeiten.

Aus demselben Briefe geht auch noch einmal ausdrücklich hervor, daß die dogmatischen Streitigkeiten die neue K.=O. ver anlaßten. Chyträus soll die forma doctriüae fassen imprimis de praesentibus dogmatum controversiis, quae aliarum regionum ecclesias et politias horribiliter perturbant, aber als perspicuas et explicatas sententias, jedoch sine ulla personarum mentione aut condemnatione - ganz wie es dem Standpunkt Johann Albrechts gelegentlich des Frankfurter Rezesses entsprach.

Nach seinen eigenen Worten im Bericht hat Chyträus nur die Vorrede an Johann Albrecht eingereicht. In dem genannten Briefe von 1572 sagt er, daß er fast mit seiner ganzen Arbeit fertig sei, nur wäre er einstweilen durch ein Familienfest an der Arbeit verhindert. Schütz (vita Chytraei II, S. 232) und nach ihm Wiggers (Kirchengeschichte S. 172) nehmen nun an, Chyträus habe die K.=O. fertig eingereicht. Allein Chyträus sagt im Bericht: "Als hernach bey Jr. f. G. ich, durch den frommen Man, Fridrich Spe vnd seinem Eidam in vngnade gebracht: ist alles biß vff Jr. f. G. seligen Abschied liegend geblieben". 1 ) Jedenfalls als 1599 Chyträus seinen Bericht einreichte, hatte Ulrich weder die an Johann Albrecht eingereichte Einleitung bei den Akten, noch die ganze K.=O., welche Chyträus ihm erst zusenden muß. Wenn nun schon Schütz a. a. O. und nach ihm Nettelbladt, Succ. not. p. 127, behaupten, daß die K.=O. von 1572 im Archiv zu Schwerin sei, so ist das ein Irrthum. Es ist allerdings eine K.=O. da, aber die von 1585, auf die wir noch zu sprechen kommen. Dagegen ist es wahrscheinlich, daß Chyträus seine Arbeit für die K.=O. verwerthete, welche er für die österreichischen Stände stellte und zu Rostock drucken ließ: Der Fürnemsten Heubstück Christlicher Lehr Nützliche und kurtze Erklerung. Rostock 1578. Darauf scheinen die Worte der 1585 versammelten Superintendenten zu weisen, daß nämlich Chyträi


1) Krabbe weiß von Spe und seinem Verhältniß zu Chyträus nichts.
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designation hernach in andern Oertern gebraucht sei. Jedenfalls ist zu Johann Albrechts Lebzeiten eine neue K.=O. in Meklenburg nicht erschienen.


Inzwischen betheiligte sich Meklenburg an den Vorarbeiten zur Formula Concordiae hervorragend. Als Chyträus im Dezember 1568 auf seiner Reise nach Oesterreich Wolfenbüttel berührte, traf er dort Jakob Andreä, der ihm seine Eintrachtsformel mittheilte. Derselbe war dann im Auftrage des Herzogs Julius im folgenden Jahre mit seinem Aufsatze in Rostock, um auch Herzog Ulrich für den Plan zu gewinnen. Ueber die fünf Artikel des Andreäschen Aufsatzes ließ Ulrich seine Professoren berichten, welche im Verein mit den Superintendenten am 8. Januar 1570 ihre Erklärungen abgaben. Sie unterschrieben weder den deutschen noch den lateinischen Aufsatz, setzten vielmehr, die Kürze der Ausführungen Andreäs tadelnd, ihre eigene Meinung fest, welche Sie aber niemand aufdringen zu wollen erklärten. 1 ) 1571 hatte Chyträus mit Chemnitz eine Zusammenkunft zu Boizenburg, in demselben Jahre noch einmal zu Salzwedel, dann zu Rostock mit Pouchenius. 2 ) Als Chyträus dann im November 1573 zu Berlin war, machte er einen Abstecher nach Frankfurt zu Musculus. Inzwischen war ein Brief von dem Hamburger Superintendenten Westphal eingetroffen, der zum Anschluß an Andreä aufforderte. Die Fakultät holte erst das Gutachten Chyträi ein und schrieb dann an Westphal, indem Sie Lüneburg als Versammlungsort vorschlug, aber Gott für die Arbeit am Werk um offene Augen und Ohren bitten wollte. 3 ) Im April 1574 theilte Chemnitz den Rostockern mit, daß die Tübinger bald ihre Arbeit und zwar formam exponentem thesin et antithesin den Rostockern zur Beurtheilung senden würden. Die Fakultät lud deshalb die Superintendenten Schermer und Becker zum 27. Oktober nach Rostock ein. 4 ) Nachdem hier in der Tübinger Arbeit die nöthigen Interpolationen gemacht waren, auch die Seestädte ihre Meinungen dazu gesetzt hatten, schickte Chyträus Pfingsten 1575 das Buch an Chemnitz zurück. 5 ) Als nun die Frage entstand, welches Buch grundleglich gemacht werden sollte, die von Lukas Osiander aufgesetzte sog" Maul=


1) Gedruckt bei Schütz, Appendix, S. 37 ff.
2) Schütz II, S. 223 ff.
3) Schütz, Appendix, S. 43.
4) Ebenba S. 46.
5) Schütz II, S. 395.
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bronner Formel oder die von den niedersächsischen Theologen begutachtete sog. schwäbische, da legte sich Kurfürst August von Sachsen ins Mittel und lud die Theologen nach Torgau ein. Am 24. April 1576 bekam Ulrich die Aufforderung, den Chyträus nebst anderen zu senden. 1 ) Als Chyträus sich weigerte, kam ein neuer Befehl am 4. Mai, aber "nichts einzuwilligen, was wider Gottes Wort und zu dieser bisher stillen Kirchen in Mecklenburg Beunruhigung wäre". Am 25. Mai kam Chyträus in Torgau an. Hier wurden die beiden Formeln in ein Buch zusammen gearbeitet Am 16. Oktober 1576 gaben die Professoren und Superintendenten zu Rostock ihre Censur über das Torgausche Buch ab: 2 ) Sie freuen Sich, daß trotz aller Irrthümer derjenigen, die, wo Lutherus selbst gesessen hat, heimlich und meuchlich, zuletzt öffentlich abgewiesen sind, Kurfürst August beständig geblieben ist; alle Artikel des Buches stimmten mit dem göttlichen Worte und Schriften Luthers überein, und seien ein aufrichtiges lutherisches Bekenntniß; dennoch wünscht man, daß an manchen Stellen Wiederholungen vermieden würden, ausführlichere Erklärungen hier und dort gesetzt werden. Als die Censuren dem Kurfürsten zugesandt waren, versammelte dieser die drei Theologen, Andreas, Chemnitz, Selneccer, zu Bergen; auf seinen und Ulrichs Wunsch reiste auch Chyträus am 14. Mai 1577 nach Bergen ab. Am 12. November lag das Bergische Buch den Superintendenten zur Unterschrift vor; sie senden es an den Herzog mit ihrer Unterschrift zurück "Nos Superintendentes ecclesiarum in Ducatu Megalopolensi hunc librum in timore Domini perlegimus et quoad summam rerum approbamus". 3 ) Am 20. November befahl Ulrich den Superintendenten, daß ein jeder in seinem Bezirke die Unterschriften einsammeln sollte; jedoch möge jedermann Bedenkzeit haben, nur nicht von den Kanzeln das Buch schmähen. 466 Unterschriften wurden gesammelt. Besonderer Widerspruch fand sich zuerst in Rostock, wo bereits 1576 zwei Prediger, Rütze und Waldberg, die flacianische Erbsündenlehre vertheidigten und deshalb gegen die schwäbische Formel eiferten; sie wurden abgesetzt. Größeren Widerspruch fand die fertige Formel in Wismar, wo der Superintendent Michaelis, nebst den Pastoren Jsensee, Holtzhüter, Culemann nicht unterschreiben wollten, angeblich weil in den Negativa die Irrlehrer nicht namentlich aufgeführt wären, sie auch nicht wissen könnten, ob vor dem Druck


1) Ebda. S. 400.
2) Schütz, Appendix, S. 48 ff.
3) Schütz II, S. 421.
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die Formel doch nicht noch heimlich verändert würde; vor allem forderten sie, daß der Verdacht des Synergismus durch noch schroffere Setzung der betreffenden Artikel beseitigt würde. 1 ) In der Antwort bemerkt Ulrich, daß er an Kurfürst August geschrieben habe, damit ja das unveränderte Exemplar gedruckt würde; weiter werden die Prediger auf die christliche Liebe verwiesen, die den Bruder nicht verdammen wolle; darum wären die Namen von Philippus und Jllyricus nicht gesetzt; dieselben könnten ja auch nicht widerrufen, da Sie schon todt wären u. s. w. Am 21. Oktober 1578 mußten die Ungehorsamen die Stadt räumen. Aber noch im Jahre 1580 war in Bentwisch bei Rostock ein Prediger, der nicht unterschreiben wollte. Auch die Rostocker Fakultät hatte nicht umhin gekonnt, am 12. Januar 1579 noch eine Censur abzuschicken. 2 ) Obwohl sie bereits unterschrieben habe, wären doch noch Stimmen laut geworden, besonders aus Dänemark, daß zu wenig Männer an der Abfassung des Buchs betheiligt gewesen wären; im Einklange mit diesen forderten Sie deshalb einen allgemeinen Synodus, nach Art der alten Kirche. Außerdem habe Sie noch Wünsche hinsichtlich zehn Punkte, daß der status controversiae beim freien Willen richtig gesetzt werde; das "damnamus" solle in "reicimus" verändert, in die Einleitung Magister Philipps Name ehrend gesetzt werden. Diese Censur nahm Chyträus mit nach Jüterbogk, wo wegen der Vorrede verhandelt wurde. Wegen der Unterschrift dieser ertheilte die Fakultät am 25. August 1579 ein Gutachten an Ulrich 3 ) und am 15. Dezember ein zweites, worin sie zur Unterschrift sowohl der Formel als auch der Vorrede räth, wenn Sie auch an letzterer auszusetzen hat, daß in ihr der Frankfurter und Naumburger Abschied als "christlich" erwähnt wird. Aber an demselben Tage sendet man eine zweite Censur an die Verfasser der Eintrachtsformel ab, wiederum mit manchen Bedenken, doch dem Schluß, daß, wie zwar nichts mehr geändert werden solle, dennoch die Rostocker ihre συμάδεια und sollicitudinem deklariren wollten.

Indem die Formula Concordiae von Horzog Ulrich unterschrieben wurde, erhielt sie die Anerkennung als Symbol der meklenburgischen Landeskirche.

Die K.=O. mußte von den Arbeiten zur Eintrachtsformel mitberührt werden. War doch ihr erster Theil von Melanchthon


1) Schröder III, S. 345.
2) Schütz II, S. 462 ff.
3) Schütz, Appendix, S. 76.
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mitverfaßt; war sie doch noch unberührt von den Kämpfen nach Luthers Tode, die auch in Meklenburg eingedrungen waren! Mußte doch auch schließlich die Landeskirche neben den mit andern Kirchen gemeinsamen Symbolen ein eigenes Buch haben, daraus ihre Glieder und sonderlich die Pastoren in aller Kürze sich belehren konnten! Daß diese Erwägungen zutreffend sind, ergiebt sich sofort. Als die Superintendenten nach Rostock zur Begutachtung des Torgauschen Buches gefordert wurden, wurde ihnen zugleich aufgetragen, die Verbesserung der Kirchenagende vorzunehmen. In der Antwort an Ulrich vom 16. Oktober 1576 1 ) berichten sie jedoch, daß sie wohl "von allen Stücken, so zu einer gantzen und vollkommenen Christlichen K.=O. gehoren, fleißig sich unterredet und verglichen haben"; Sie müßten aber die Bedenken der beiden abwesenden Superintendenten von Güstrow und Wismar erst erfordern. "Sobald etwas davon schrifflich gefasset und zusammengebracht, wollen sie weiter davon unterthänigst berichten." Der Bericht sowie die weitere Arbeit ist ausgeblieben, theils weil man, und besonders Chyträus, mit der Eintrachtsformel genug zu thun hatte, theils weil gerade der Wismarsche Superintendent wegen der Unterschrift zur Formel in langwierige Auseinandersetzungen verwickelt wurde, die zu seiner Absetzung führten. Auch dieser zweite Anfang zur neuen K.=O. blieb ohne Erfolg, erst der fünfte sollte zu der K.=O. von 1602 führen.


Am 17. November 1584 erließ Ulrich an Chyträus und seine Superintendenten einen neuen Befehl: 2 ) An Bokatz, Superintendent zu Parchim, an Chyträus, sowie an die Superintendenten zu Rostock, Güstrow, Stargard. Vnsern gnedigen gruß Zuuor. Wirdiger vnd Wolgelarter lieber Andechtiger vnd getreuwer, Wir machen vns keinen Zweiffell, Jhr werdet euch gehorsamlichen Zu erinnern wissen, Das offtmalß in beratschlagung kirchen sachen, in vnsern Landen vorgelauffen, das in etzlichen Artickeln vnd Puncten in vnser Kirchenordnung noch allerhandt mengell vnd vnrichtigkeiten seinn sollen, welche einer Reuision, vnd verbesserung benotigt. Dahero wir vns dan auch etzliche mahl in gnaden erbotten, Dieselbe vor die handt Zu nehmen, vnd in notigen puncten Zu ercleren vnd verbessern. Sonderlich Weill wir auch vnder andern, offt vnd viel befunden, das etzliche Predicanten,


1) Gedruckt bei Schütz, Appendix, S. 48.
2) Im Archiv zu Schwerin.
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in Steten vnd auff den Dorffern, sich derselben vnd Jhres beuolenen Ambts merklichen mißbrauchen, Vnd do die Leute Jhnen nicht baldt Jhres gefallens wilferen wollen, oder sie sonst aus gefasten vnwillen, eigenen Affecten vnd Rachgeirigkeit, den Leuten nicht gewogen, Sie sich vnderstehen, Jhres gefallens, Jhnen die heiligen Sacramenta, des Leibs vnd Bluts Christi vnd heiligen Tauff Zu verbieten, Auch zum Beichtstule nicht zu gestaten, vnd also Jhre Scharten an Jhnen auszuwetzen, Do Sie doch nicht herrn der Sacramenta, vnd Gottes wordts sein, sondern Diener der Kirchen vnd Ministerij Evangelici, wie Jhrer einsteilß den auch hin vnd wieder ganz ergerlichen wandell vnd Leben fueren, mit Sauffen, fluchen, Hurerei vnd anderen hochstrefflichem wesen vnd Lasteren, Welches alles wir dan einer guten Emendation vnd Correction nottig sein erachten. Wan vnß aber allenthalben nicht bewust, Jn wasserlei stucken gedachte vnsere Kirchenordnunge fernere Reuision vnd Verbesserunge benottigt, Jhr aber, Die Jhr vor vnd vor, in Visitationibus vnd anderen Kirchen vnd Kirchen Diener sachen damit umbgehet, Solche mengell sonder Zweiffel woll werdet in specie auffgemerket haben, Auch ferner denselben notturfftigk nachdenken konnet, Demnach so begeren wir hiemit in gnaden, Das Jhr solche vnsere Kirchenordnung furderlichen Vornehmet, Sie in allen vnd Jeden Jhrer Jnhaltenden Artikeln vnd Puncten mit Vleiß examiniret, vnd erweget. (Jnmassen wir dasselbe den andern vnsern Superintendenten auch zu thun beuolen) Vnd darneben auch, Was Jhr sonsten derselben Zu abschaffunge alles hochergerlichen vnd straffbaren wesens in den Kirchen, Auch bei den Kirchen Dienern vnnd sonsten Zu Insinuieren nottig sein erachten werdet, Jn Vleissig nachdenken Ziehet, vnd in Acht nehmet, Und also alle mengell neben euwerm Rhatlichen gutachten vnß schrifftlich verzeichnet furderlichen Zuschicket, damit wir es bei vns auch gnedig erwegen, vnd dan nach gehabtem Rhat Darauff viellgedachte vnsere Kirchenordnung Reuidiren, Verbessern, vnd Reformiren moegen, Vnd also alles in vnseren Kirchen, in vnsern Landen, Richtigk, Gottseligk vnd Christlich zugehen, vnd hinfuro gehalten, Dargegen aber alle ergerliche mißbreuche, Leben vnd Wandell, bei Namhafften vnd ernsten Straffen muege gewandelt vnd abgeschaffet werden. Daran erstatet Jhr vnsern Zuuorsichtigen willen vnd meinung. Vnd wir seint euch mit gnaden gewogen. Datum Stargard, den 17. Nouembriß anno etc. 84.

Das Neue in diesem Befehl ist einmal, daß nicht die unsichere Lehrfeststellung der K.=O. als Grund der neuen Ordnung genannt

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wird, sondern vielfältige Mißbräuche und Laster eingerissen sind, welche verhütet werden müssen. Sodann ist nicht mehr von einer Neuarbeit die Rede, sondern nur von Revision, Verbesserung und Reformation. Allerdings werden "allerhand mengel vnd unrichtigkeiten" erwähnt, die in der K.=O. Sein sollen; es ist also der schon 1569 geltend gemachte Grund noch nicht ganz aufgegeben. Die Arbeit der Superintendenten ging nur langsam von statten. Denn am 7. Dezember 1585 mahnt Ulrich bereits 1 ) "dieweil uns bis dahero ewer Bedenken noch nicht zukommen und wir gleichwohl dies christlich nötige Werk soviel möglich gern befördert sehen möchten". Die Superintendenten, die wegen des Kirchengerichts auf Sonntag Laetare doch in Rostock wären, sollten dann sogleich ans Werk gehen; dispensirt ist nur der Stargardsche wegen hohen Alters. Nunmehr schritt die Arbeit rüstig vorwärts. Am 25. März 1585 sandten sie das "Bedenken" an Ulrich ab. 2 ) Auf dieses gehen die Worte Chyträi im Bericht: 3 ) "Da wir semptlich E. F. G. vnterthenig erinnert, das E. F. G. keine eigne K.=O. für sich allein in so vielen jaren gehabt vnd das in der Meckelburgischen, nun mit andern Stenden gemeinen K.=O. etzliche artikelt der lehre mit beidenhendischen zweyzungigen Worten also meisterlich uff schrauben gesetzt, das beides, Lutherische und Calvinische Lerer dieselbige wort zugleich annemen vnd vnterschreiben vnd ihre widerwertige lehre vnd meinung Darunter verthedigen vnd vortpflantzen et sic vera dicendo ambos fallere possint u. s. w." Man sieht, es sind dieselben Worte, welche Chyträus bereits in seiner Vorrede 1570 gebraucht hat.

Der erste Theil des Bedenkens möge hier wörtlich folgen. Nach einem Dank an den Fürsten für seinen Befehl und Bekenntniß ihrer Dienstwilligkeit fahren Sie fort:

"Zum anderen Sollen E. f. g. wir unterthenig nicht unerinnert lassen, das gegenwertige E. f. g. Meckelburgische K.=O. fur etzlich vnd Zwanzigk Jharen von denen zu Wittenberch in ihrem eigenen Nhamen alß die Wittenbergische vnd Churfurstliche Sechsische K.=O. etzlichemhall vmbgedrucket ist, darzu die ungeluckliche friedehandlung, so E. f. g. her bruder Hertzogk Hans Albrecht hochloblicher vnd seliger gedechtenus Zwischen den Wittenbergischen vnd Magdeburgischen Theologen die Zeit vorgenommen, vrsach gegeben, vnd das Philippus Melanchton, als die K.=O. Anno 52


1) Aus dem Schweriner Archiv.
2) In der Registratur des Rostocker Minist.eccl. Tomus I, S. 395-428.
3) Meine Benutzung des Berichts folgt jetzt dem Original im Schweriner Archiv.
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durch D. Johannem Aurifabrum so deßfals gegen Wittenberch gereiset in Druck erstlich vorfertiget, das Examen ordinandorum vnd etzliche andere stucke darinne gestellet hatt.

Dieweile nu diese E. f. g. Meckelburgische K.=O. jetzunt die Wittenbergische vnd Churf: Saßsische K.=O. geworden ist: haben wir billich bedencken, ob sich auch geburen vnd geziemen werde, in einem frembden wercke der Churf. Saßsischen K.=O., vnd sonderlich in Examine Ordinandorum, oder Summa der Christlichen lehre, von Philippo gestellet, etwas zu revidiren, vnd wie E. f. g. schreiben lautett, zu uorbesseren vnd Zu reformiren, welliches so es von vns fürgenommen wurde, sonderlich die gewesenen Wittenbergischen Theologi vnd ihres glaubens verwanten Zu Neustadt, Vielichte ehe es alhie ganz beradtschlaget vnd beschlossen, Zum ergsten Vnd gifftigstem vorkeren vnd vns durch offentliche schrifften, alse die Philippo sein Examen ordinandorum meisteren, das Magnificat Corrigiren vnd vorbesseren wolten, in die welt außtragen werden.

Stellen derhalben Zum dritten in J. F. g. hochuorstendiges gnediges bedencken vnd wolgefallen, ob J. f. g. nochmals in der vorigen Meckelb: vnd jetzundt Wittenb: vnd Churf. Sassischen K.=O. etzliche stucke reuidiren oder aber eine eigene K.=O. fur E. f. g. furstenthumb vnd lande Kirchen vnd vntherthanen fur sich haben wollen, wie alle andern Christliche Chur= vnd fursten, auch die benachbarte Stadt Lubeck, Hamburgk, Braunschweig, andere, ein jeder seine K.=O. hatt.

Wie den die Zeit fur 25 Jharen als gegenwertige Meckelburgische K.=O. Zu Wittenbergk, in der Wittenbergischen Kirchen namen, nachgedrucket, E. f. g. her Bruder hertzog Hans Albrecht dafur gehalten, das es ihren vnd deroselbigen Kirchen ehrlich, vnd Zu erhaltung ihren furstlichen Reputation notig, das wie andere Chur= vnd fursten, einn jeder fur sich seine K.=O. hette, Vnd darauff D. Dauidius bepfolenn solliche uff weiter bedencken Zu entwerffen, welliches auch Zum mherertheill geschehen, Vnd dieweil von der Zeit, bis ietzundt darinne nicht weiter furgenommen oder befholen, soll dieselbe Designation hernach in anderen orteren gebraucht sein.

Zum Vierten dieweile der grundt vnd Kernn aller Christlichen K.=O. die einige ewige warhafftige lehre von Godt vnnd vnserem heilande Jesu Christo ist, welche im ersten theill der K.=O. im Examine Ordinandorum gefasset ist: Vnd aber diese Zwei Vnd dreissig Jhar, nachdem die Meckelburgissche K.=O. erstlich, von ausgegangen vielen Articulen Christlicher lehre allerlei

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neuwe vorworrenne disputationes Vnd hefftige Religionstreit in offentlichen Schrifften Zum theill von newen erreget, Zum theill uff das eußerste gescherffet sindt,

Alß nemlich Von der person vnd gegenwertigkeit Jesu Christi

(Es folgen die Artikel, von Vereinigung und Mittheilung der Eigenschaften der göttlichen und menschlichen Natur in Christo, von der Erbsünde, vom Evangelio, von der Rechtfertigung, vom freien Willen) etc. .

Dieweile nun von diesen hohen Articulen allerlei ungeleiche Schrifften, durch den Druck ausgesprenget, den pastoribus fur kommen, welliche nicht allein selbst dadurch irr gemacht, sunder auch woll vnnotigk vngegrundet gezenk uff die Canzell bringen mochten,

So erfordert die hohe nottrufft, das sonderlich von denen Articulen, so diese 32 Jhar vber, nach erster vorfassung der Meckelb: oder Wittenbergisch K.=O., inn streit getzogen, deutliche erklerungen Gottes wordt vnd schrifften vnserer Väter vnd lerer so Zur Zeit der vbergebenen Ausburgisschen Confession ausgangen, geleich vber einn stimmend, in denselbigen Articulen gesetzt werden, damit die pastores, vnd andere, was Christlich vnd Gottes wordt gemeß, vnd was demselben wiederich, selbs wissen, vnd nicht vnnotig oder sunsten vngegrundete fantasiien uff der Cantzell tregen mochten. Stellenn derhalben auch dieses in E. f. g. Christlich gnedich bedencken, ob man sich allein uff das Concordienbuch referiren vnd beruffen, oder aber uff das Kurtzest vnd deutlichste, als muglich, in dem ersten theile der K.=O. von der lere erkleren soll, wie wir danne vnderthenig erinnern vnd bitten, das E. f. g. neben der Bibell auch das Concordienbuch vnd Historia der auspurgischen Confession auch der Apologia in alle Kirchen e. f. g. lande vorordnen wollen."

Wenn wir die übrigen Punkte zusammenfassen dürfen, so sind es kurz diese: die Superintendentenordnung möge der K.=O. eingefügt werden; neu bestätigte Superintendenten sollen sich von den übrigen prüfen lassen; die herrischen oder lasterhaften Pastoren mögen Landes verwiesen, aber nicht gehindert werden diejenigen, welche rechtmäßig handeln nach Joh. 58 und Ez. 3, 33. Darum dürfen letztere Citate in der K.=O. nicht geändert werden. Aber die Pastoren sollen nicht sofort bannen, sondern nach dem Prozeß Christi vorgehen. Für das Konsistorium soll der Fürst Register verfertigen lassen von den Einkünften u. s. w. der Pfarren; es folgen einzelne Beschwerden über die fürstlichen Amtleute, gegen das Hofgericht, über den Bann, der vom Konsistorium ausgeht,

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über die Visitationen, deren Kosten von den Kirchen allein nicht getragen werden können. Die Ceremonien will man gern unverändert lassen. In den Schulen wünscht man Uebereinstimmung der Grammatiken. Aus den Klostergütern mögen Stipendien gegeben werden an die, so Landeskinder sind, wie auch der Kurfürst von Sachsen 300 Thaler, der Herzog von Württemberg 150 Thaler für ein collegium zu Tübingen gäbe, daraus ganz Oberdeutschland mit Pastoren und Superintendenten versehen wird. Der Schluß lautet:

"Stellen dieser unserer unterthenige erinnerungen alle in E. f. g. hochuorstendiges Rath vnd wolgefallen, vnd sindt deroselben vntherthenich Zu denen alle Zeit pflichtich. Dat. Rostogk 25. Martii Anno 85."

Erst am 16. Juni antwortet Ulrich. Inzwischen sind die Wünsche der Superintendenten und ihre Aufgaben nicht geheim geblieben. Am 8. April bietet sich der Schulrektor Franz Oemich dem Herzog zur Besorgung des Papiers der K.=O. und einiger Bücher an. 1 ) Er habe gehöret, daß der Neudruck der K.=O. beschlossene Sache wäre; weil aber in Rostock kein gutes Papier sei, so wolle er in Neustadt oder Grabow mit den Papiermühlen unterhandeln, damit bei diesem guten Wetter einige Ries auf Vorrath gearbeitet würden; dann würde des Papiers halben in dem hochnöthigen Werke keine Verzögerung eintreten. Oemich will auch deutsche Bibeln, Kirchenpostillen, Konkordienbücher, auch die reine Conf. Aug. von Leipzig besorgen "für bessern Kauf als hier zu Lande, weil ich's mit Postillen verstehen kann". Ulrich antwortet ihm vorläufig, daß er hierauf sich noch nicht erklären könne, weil die Sachen noch zu weiterer Berathschlagung ständen. Am 20. April schreiben die Revisoren selbst an Ulrich: 2 ) Bei der mancherlei vorher entstandenen Jrrsal und Korruption können die Pastoren auf dem Lande alle ausgegangenen Streitschriften Unvermögens halber nicht kaufen und lesen. Deshalb mögen bei etlichen der fürnehmsten Kirchen in Städten und Dörfern die deutsche Bibel, Luthers Kirchenpostille, das Konkordienbuch sowie die eben veröffentlichte historia der Augsburgischen Konfession 3 ) deponirt werden. Auch wenn die K.=O. jetzt nicht zu Stande käme, möchte dies dienstlich sein. Der Fürst solle deshalb dem nach Leipzig reisenden Oemich Auftrag geben, von


1) Im Schweriner Archiv.
2) Im Schweriner Archiv.
3) Von Chyträus, Krabbe S. 304, als "erste kritische Bearbeitung der Reformationsgeschichte" verfaßt.
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den genannten Büchern je 100 Exemplare mitzubringen. Ulrich ist damit einverstanden, läßt aber durch Melchior Dankwart am 22. April an Oemich schreiben, 1 ) daß er statt der Kirchen= lieber die Hauspostille kaufen solle, und da auf dem Lande viele Pastoren wären, welche die hochdeutsche Sprache nicht lesen und verstehen könnten, solle er sie "in sächsischer Sprache zu wege bringen". S. F. G. zweifle nicht, daß Sie in dieser Sprache wohl zu bekommen sein werde. Daß der Auftrag von Demich ausgerichtet ist, erfahren wir aus seinem Briefe an Dankwart vom 23. Juni; 2 ) Ulrich war ungehalten, daß Oemich für die sächsische Bibel mehr als 6 fl. forderte.

Am 16. Juni sandte der Herzog von Güstrow aus seine Antwort "an die Verfasser des Bedenkens" ab. 3 ) Er sendet eine Abschrift des eingereichten Bedenkens, dem seine Resolution an den einzelnen Stellen ad marginem zugefügt war. Ohne auf die Befürchtung der Revisoren hinsichtlich. der Veränderung der Arbeit Melanchthons einzugehen, bestimmt Ulrich, daß Chyträus auf Grund des Bedenkens der Revisoren sowie des vom kranken Neubrandenburger Superintendenten eingegangenen Berichtes und der dazu gemachten fürstlichen Resolutionen die Inserirung und Extendirung der Artikel vornehmen solle. Chyträus wäre ja der Kirchen= und Landgewohnheiten am besten kundig, auch bei der Verfassung der alten K.=O. mitgewesen. Dann soll er die so revidirte Kirchen= und Kirchengerichtsordnung dem Herzog wieder zustellen, der sie von seinen Hof" und Landräthen abermals verlesen und dann drucken lassen will.

Wie stellte sich nun Chyträus zu dieser Aufgabe? Er hatte es doch für nicht geziemend gehalten, in fremdem Werke etwas zu verändern! Er klagt in seinem Bericht, daß den Revisoren keine andere Antwort geworden sei als "etliche scholia ad marginem, so ethwann von Doctor Niebur beym schlaffdrunck dazu gesmirt", aber mit dem fürstlichen Befehl, solche in ein corpus zu bringen, d. h. eine K.=O. darnach zu verfertigen. Welcher Art sind nun diese scholia ad marginem? Wir finden sie in dem Bedenken, das Chyträus 1599 den Revisoren vorlegt und 1600 an Ulrich einsendet - es ist dasselbe Exemplar. 4 ) Chyträus redet tadelnd von Niebur "beim Schlaftrunk dazu geschmiert", ja in seinem Bericht verdächtigt er diesen als einen Kalvinisten: "Jn diesen scholiis waren etzliche Stück der K.=O. gantz widerwertig und


1) Aus dem Schweriner Archiv.
2) Aus dem Schweriner Archiv.
3) Aus dem Schweriner Archiv.
4) Vorhanden im Archiv zu Schwerin.
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von deutlicher erklerung der Lereartikell kein Wort gedacht". Chyträus zweifelte deshalb, ob der Fürst von Niebur und den Seinen auch recht berichtet sei. "E. F. G. wissen ja auch, was Religion D. Niebur zugethan, wie er sich dann offenbar dazu bekandt hat, Vnd derselben Diese zweifelhaffte vnd uff schrauben gesetzte form der Lere im examine in der ersten Meckelburgischen Kirchenordnung, da er vnd seine glaubens genossen sich vnter verbergen konten, lieber hat behalten gesehen, denn etwas deutlicher vnd klarer vnterschied der rechten vnd falschen Lere setzen lassen." Es ist also klar, daß jener kalvinistische Hofrath Niebur Interesse daran hatte, möglichst die alte K.=O. beizubehalten, und wohl nicht mit Unrecht darf vermuthet werden, daß er solche Aenderungen machte, die Chyträus, dem Theologen, nicht genehm sein konnten, weil sie es auch nicht sollten. Niebur gehörte aber mit Bolfras, Lieben, Graß zu den zum Hofgericht verordneten Räthen. 1 ) Persönliche Feindschaft kam wohl hinzu; wenigstens Schütz bemerkt, 2 ) daß Chyträus manchen Zwist mit ihm hatte. Bei der Rektoratswahl im März 1571 hatte Chyträus von der Wahl dieses eben erst angekommenen J. U. Licentiati abgerathen; er ward aber doch gewählt. 1577 war er Chyträi Nachfolger im Rektorat. 3 ) 1574 heißt es, sei Niebur Hamburgensis zum Licentiaten in Rostock kreirt. Daß er zeitlebens Chyträo feind geblieben ist, erhellt nach Schütz 4 ) auch daraus, daß Chyträus seinen selbstmörderischen Tod sogar in seinem Chronicon Saxoniae mitgetheilt habe. Daselbst ersehen wir auch aus einem Briefe Selneccers, wie verhaßt er den Theologen war: Sein Ende solle viele mahnen, nichts gegen das Gewissen zu thun. Die Gründe dieses Hasses liegen nach Schütz auch darin, daß Niebur den Chyträus um seine Gunststellung bei Hofe beneidete, und schon in der Ausarbeitung der Konsistorialordnung vieles gegen Chyträi Willen hineinsetzte, auch "in aliis negotiis" Chyträo feindselig war.

Diese Feindschaft hat damals das Werk der K.=O. vereitelt. Allerdings hat Chyträus dem fürstlichen Befehle gemäß die Arbeit in ein corpus gebracht und an den Hof geschickt. Aber er muthmaßte nicht unrichtig, daß "das, was er schriftlich erinnerte, von D. Nieburn und andern, so täglich von E. F. G. gehört wurden, leichtlich konnte verhindert und verkehrt werden". Und der Fürst hatte in dem Briefe vom 16. Juni in Aussicht


1) Schröder III, S. 341.
2) Schütz II, s. 230.
3) Schütz II, S. 554 und III, S. 236.
4) Schütz II, S. 554 und III, S. 236.
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gestellt, daß er das von Chyträus verfaßte Exemplar von seinen Hof= und Landräthen abermals verlesen lassen wollte. Chyträus hat auf sein eingereichtes corpus keine Antwort bekommen. "Es hat mir auch nicht gebüren wollen, um antwort anzuhalten, denn ich von vielen jaren gelernet, daß man zu hoff ohn bevehl nichts fürnemen sol, vnd das kein antwort auch ein antwort sey. Hat mir auch darum nicht gebüren wollen, damit ich nicht als der mein privat ehre suchte, verdacht würde." Dennoch ist die Arbeit Chyträi nicht verloren. Wie er selbst sagt, hat er in "eignem und keiner Herrschaft Namen" das Buch bald drucken lassen. Nach Schütz, vita Chytraei II, S. 109, hat Chyträus in Helmstadt durch Jakob Lucius 1587 eine K.=O. drucken lassen. Hierauf und nur hierauf ist die Angabe bei Klüver 1 ) zurückzuführen, daß 1587 ein Neudruck der K.=O. erfolgt sei. Handschriftlich findet sich die Arbeit zu Schwerin, "Bedenken von der Kirchenordnung", 366 Doppelseiten stark, und im Rostocker Archiv, Tomus I, S. 431-899, unter demselben Titel. Die Einleitung zu derselben ist diejenige, welche Chyträus 1570 Herzog Johann Albrecht eingereicht hatte, nur daß statt der "18 jare" es jetzt heißt "vor 30 jaren". Die ganze Anordnung der K.=O. weicht von 1552 wesentlich ab; es sind nur drei Theile, gerade so wie in der 1578 von Chyträus für Oesterreich gedruckten. Der erste Theil ist die Summa christlicher Lehre in 16 Artikeln. 1. Wahre Anrufung Gottes. 2. Erschaffung aller Kreaturen. 3. Gesetz. 4. Sünde. 5. Evangelium. 6. Menschwerdung Christi. 7. Rechtfertigung des Glaubens. 8. Erneuerung. 9. Buße. 10. Freier Wille. 11. Predigtamt. 12. Sakramente. 13. Menschensatzungen. 14. Weltliche Obrigkeit und Ehestand. 15. Trost in Anfechtung. 16. Auferstehung. Der zweite Theil ist die Kirchenagende und handelt in 12 Artikeln vom Amt der Prediger, Ordnung der Gesänge, Ceremonien beim Abendmahl, Festen, Kollekten und Litanei, Reichung der Taufe, Verhör der Abendmahlsgäste, Beichte, Trauung, Kirchenzucht, Krankenbesuch, Begräbniß. Als dritter und letzter Theil folgt die christliche Bestellung des Predigtamts, wozu das Examen der zu Ordinirenden gehört, ferner Instruction der Superintendenten und Kirchenräthe, Bestellung christlicher Schulen, Verwendung der Kirchengüter, Visitation und Synoden, Ordnung des Kirchengerichts.


1) Beschreibung I, S. 407. Auch in den Bützow'schen Ruhestunden S. 24 findet sich die Angabe; ebenso im Handbuch der Ehren Geistlichkeit S. 14; auch in "Dexteri wohlgegründete Gedanken" S. 37: Die K.=O. von 1552 ist 1587 zum dritten Mal auf Befehl Herzogs Ulrich renoviert worden.
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Die Arbeit des Chyträus, wie sie hier vorliegt, stellt in der That eine so durchgreifende Veränderung der K.=O. von 1552 dar, daß von einer "revidirten" füglich nicht mehr die Rede sein kann. Chyträus ist seiner Meinung getreu geblieben, daß es nicht geziemend sei, in einer Ordnung, die man mit andern Ländern gemeinsam hätte, und besonders in Philippi Arbeit etwas zu ändern, und daß andererseits Meklenburg seine eigene K.=O. haben müßte.


14 Jahre hat das Werk unserer K.=O. geruht Das Rostoder Ministerium unter seinem Superintendenten Bacmeister war es, das den Herzog Ulrich, als er zur Visitation der Universität 1599 nach Rostock kam, um eine Revision der K.=O. anging. Vom 21. März 1599 datirt seine Supplik: 1 )

"Durchleuchtiger Hochgeborner Furst, E. f. g. sein Vnser andechtiges gebett sampt Vnsern Vnterthenigen Diensten hohestes vleißes Jeder Zeit Zuuor, Gnediger Herr, Weill E. F. G. diese J. f. g. Vnterthenige Stadt Rostock einmall Jn gnaden besuchen wollen, Vnd daß Christliche heilsame werck der Visitation E. F. G. loblichen Vniuersitet alhie Jm namen der heiligen Dreyfaltigkeitt vorgenommen, Alß bitten wir denselben waren Godt Vater, Sohn vnd Heiligen Geist, er wolle E. F. G. vnd anwesenden Hern Räthe vnd beiderseits verordenten hertzen erleuchten, vnd regieren, Daß dies werck Zu seines heiligen namens ehre, Zu erhaltung vnd fortpflantzung warer Christlicher lehre, aller guten Kunsten vnd Sprachen, vnd Zu großem nutz der studirenden Jungen Jugent, auch Vnser nachkommen Heill Vnd segen gereichen moge.

Nachdem aber E. f. g. alß ein loblicher Christlicher vnd hochverstendiger Furst bißher allewege vber die reine vnd wahre Christliche religion vnd lehre deß heiligen Euangelii mit sonderlichem eiffer vnd ernst gehalten, Vnd die falsche verfuhrische lehre wider Gottes klare wordt Vnd stifftung der heiligen Sacramente gehaßet, vnd Jn Jhren Furstemthumen vnd Kirchen auch Jn dieser E. F. G. Vniuersitet nicht haben dulden wollen, so Zweiffeln wir auch Jn Vnterthenigkeit nicht, E. F. G. werde solches nochmals bey diesem Visitations wercke Jn gnediger acht haben, wie dan auch E. F. G. wir hirumb gantz Demutig Vnd Vnderthenig bitten thunn, Denn Dieweill durch Gottes gnad


1) Rostocker Min. eccl., Tomus I, S. 27-33.
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vnd auß=Versehung die lobliche Vniuersitet mit vielen berumbten Professorn Jtziger Zeitt woll versehen, vnd daneben Jn dieser kirchen ein feines wollbestelletes Ministerium von dreizehen Personen bei einander sein, Vnd Gobt lob bißher Jn guter Christlicher einigkeit, liebe vnd friede Vnternander meistentheils gewesen Vnd geblieben, so were auch Vnsers erachtens nicht beßeres Zu wunschen, den daß es Jn solchem friedtlichen stande vnd Christlicher guter Correspondentz Zwischen gedachten beiden ordinibus also auf die liebe posteritet lange Zeit erhalten mochte werden.

Nun ist aber am tage, wie leider, Godt erbarme es, an Vielen orten, Vnd gemeinlich Jn berumbten Vniuersiteten Jn den negsten Jahren mancherley streit Vnd Zanck Jn der religion vnd Godtlicher lehre erreget sein, Vnd Jnsonderheit die Sacramentirische oder Caluinische secta mit Jhrem gifft listiglich einschleichet, Viele furneme gelerte leute einnimpt, Vnd darnach groß ergerniß vnd Zerrüttung anrichtet. so wirdt der Teuffel auch woll endtlich bey vns nicht feieren, Vnd den langen gewunschten vnd berumbten friede vns nicht gerne Jn die lenge gönnen. Wie er dan woll bißweilen sich etwas mercken lest, Kan Aber noch nicht gar herauß brechen, Weill Jhm Vnser lieber Herr Jesus Christus durch E. F. G. vnd Godtselige trewe vnd furneme leute, so woll an E. F. G. hoffe alß Jn der Vniuersitet Vnd Ministerio alhie daran Verhinderlich Jst.

Derhalben wir woll hochnötig erachten, Jm ferner Jn Gottes furcht Vnd hülffe Vor Zubawen, Damit er nicht dermall einst lufft Krige, Vnd wen die leute schlaffen, sein Vnkraut Vnter den reinen weitzen see. Worinne E. F. G. auch bey diesem heilsamen Visitations werck Dem lieben Godt Zu ehren Vnd den nachkomen Zum besten viel guts werdenn thunn konnen Demnach auch E. F. G. wir vnsers ampts halben vnd auß Christlicher Vorsorge hiruon Vnterthenig erinnern wollen, Weill vnß theil auch nicht Vnbewust, waß die Anno 1563 auffgerichtete Concordia der Vniuersitet, Von diesem Punct, Die erhaltung warer Christlicher religion Jn dieser E. F. G. Vniuersitet betreffend, meldet.

Damit aber auch von den Theologen, Superintendenten vnd Predigeren selbst keine newrung vnd Vneinigkeit Jn lere Vnd ceremonien erreget wurde, vnd der Teuffel hierdurch vrsache Zu seinem bosen furnemen krigete, stellen wir Jn E. F. G. Christliches vnd gnediges bedencken, ob nicht dienstlich vnd notig were, daß Zu gewißen Zeiten ein conuentus der Theologen dieser Uniuersitet vnd der Superintendenten des gantzen fursten=

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thumbs gehalten Vnd daselbst von erhaltung Vnd fortpflantzung reiner lehr, Von friedtsamer vnd eintrechtiger regirung der Kirchen Vnd von andern notigen Kirchensachen tractiret, Vnd solche handlung hernach E. F. G. kirchenordnung oder den regirenden Landesfursten Vnterthenig notificiret Vnd J. f. g. ratification Vnd execution gebetenn wurde, wie dan auch Jn E. F. G. K.=O. von gemeinen Synodis zu erfordern, vnd daß solches Zu der herschafft bedenken stehen soll, meldung geschicht. Vnd nachdem fur etlichen Jahren eine notwendige reuision der K.=O., derer wir vnß auch Jhmer Zu gebrauchet, unß E. F. G. gnedigen beuhell von den Theologen vnd Superintendenten vorgenommen, Aber noch nicht gentzlich Jns werck gerichtet, Wir auch von den Ehrwirdigen vnd hochgelarten Hern D. Dauide Chytraeo Vnserm lieben hern Seniorn Vnd praeceptorn vernomen, daß er hiebeuor auch E. F. G. Vnterthenig Jn schrifften erinnert, von Jtztgemeltem Synodo vnd Continuirung derselbigen reuision, Alß sein wir so viel mehrer Vnd Vndertheniger hoffnung, E. F. G. werden auch solch Christlich vnd heilsam werck umb Gottes ehr Vnd seiner Kirchen friedt vnd langwiriger erhaltung willen, vor Zu nemem vnd mit Godtlicher hülff in effectum Zu bringen Jn allen gnaden geruhen. Solches alles wirdt neben diesem loblichen vnd guten visitations werck, dem Sohn Gottes Jesu Christo, dem heupt seiner kirchen, vnd Hern aller Heren sehr angenem sein, Vnd er wirts E. F. G. mit langem leben, glucklicher regirung Vnd entlich mit ewiger sehligkeit gnedig vnd reichlich vergelten. Vnd bitten E. F. G. wir Jn aller demut vnd Vnterthenigkeit, Dieselbe wolle diese Vnsere wollmeinende vnd vnterthenige erinnerung dauon wir auch mit wollgemeltem Hern D. Dauide Chytraeo Vnd E. F. G. Superintendenten, D. Joanne Fredero vnß freundtlich vnterredet, Jn gnaden auffnemen, vnd vnser gnediger Furst vnd Her sein vnd bleiben. Datum Jn E. F. G. Stadt Rostock den 21. Martii Anno 1599.

  E. F. G.
  Vnterthenige diener
Superintendens, Pastores
Vnd alle andere prediger daselbst.

Herzog Ulrich erließ darauf unter dem 6. April 1599 einen Befehl an die theologische Fakultät, nämlich Chyträus, Bacmeister, Freder, Schacht, Lobech, 1 ) worin er bestätigt, daß er Gottes


1) Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 35, aber auch gedruckt bei Grape, S. 119.
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Wort nach den Prophetischen und Apostolischen Schriften rein bewahren will, nach den vier Symbolen, der Confessio Augustana und der "darausgenommenen Formula Concordiae". Weil aber die K.=O. angezweifelt wird, ob Sie lutherisch oder kalvinisch sei, weil zweifelhafte Worte darin wären, die auf zweierlei Meinung interpretirt werden könnten, auch manche Stücke vermißt würden, sollten die Theologen mit andern unsern Superintendenten am 6. Juni in Rostock zusammenkommen, die Mängel observiren und annotiren, die ganze K.=O. mit Fleiß revidiren, und was darin zu reformiren und etwa dazu oder davon zu thun, in Gottesfurcht erwägen, die einhellige Meinung in Schriften dem Fürsten vorstellen, damit den Calumnianten begegnet und von uns ferner zu Werk gerichtet werden möge, was sich zum besten schicken und nöthig sein will. Inbetreff der nun folgenden Verhandlungen haben wir zwei Berichte, den schon genannten des Chyträus und eine Schrift Bacmeisters an die Konsistorialräthe, Albin, Cling, Cothmann, vom 19. Januar 1601, ersteren im Schweriner, letztere im Rostocker Archiv.

Vor der Ankunft der Superintendenten versammelten die Rostocker Theologen sich allein. Es entstand aber eine "Zweinung" so groß, daß dadurch das ganze Werk wieder fraglich wurde. Chyträus bringt nämlich seine Meinung vor, warum man in Pilippi K.=O. nicht ändern dürfe, sondern eine neue stellen müßte; er hatte auch zwei Theologen auf seiner Seite, die, ohne daß Chyträus es ausdrücklich begehrt hatte, seine den österreichischen Ständen 1578 gestellte K.=O. dem Fürsten zu empfehlen vorschlugen. Gegen ihn trat Bacmeister und noch ein anderer auf, mit dem Hinweis auf den Befehl des Fürsten, daß keine neue K.=O. verfaßt werden sollte; Bacmeister berief sich eigens darauf, daß er noch zweimal mündlich vom Kanzler Bording denselben Befehl erhalten hätte. So fanden die Superintendenten die Lage vor, als sie am 7. Juni in der Wohnung des kranken Chyträus zusammenkamen. Chyträus legt ihnen das Bedenken vor, welches er 1585 schon gestellt hatte. Bei diesem blieb er auch jetzt stehen: Es sei nicht rühmlich, in einer K.=O. zu reformiren, die man mit andern Ständen gemein habe; besonders da Philipp Melanchthon das examen gestellt habe; es würde nur Flickwerk herauskommen, wollte man hier und dort verbessern; besser wäre es, etwas Eigenes für sich selbstzu machen. Da wurde der Bruch mit Bacmeister offenbar. Dieser hatte schon beantragt, daß noch "2 Ratstheologen uff der alten Stadt, weil sie von den Kirchensachen mehr erfahren und lernen möchten"

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hinzugezogen würden. Aber er wurde von allen hiermit zurückgewiesen, weil "jene nicht mit verschrieben wären". Dieser Antrag Bacmeisters bildet den einen Grund für die Gegnerschaft des Chyträus. Aber letzterer hat noch einen andern. Wenigstens in seinen letzten Briefen an Ulrich vom 1. und 14. Januar 1600 1 ) scheut er sich zwar den Grund offen mitzutheilen, erbietet sich jedoch einem Vertrauten des Herzogs, ihn zu offenbaren. Am 14. Januar erklärt er sich denn, er habe den Einfluß der Rostocker Theologen deshalb zu verhindern gesucht, weil er fürchtete, daß die Rostocker sich daran einen Präcedenzfall schaffen könnten, auch gewiß alle Mängel der fürstlichen Kirchensachen breit treten würden. Bacmeister gesteht in seinem Bericht dies unumwunden ein: "Nachdem ich aber auch erfahren, das S. f. g. wie auch E. Exellenzen -- also die Konsistorialräthe - vnd ander furnemer leute mehr in die gedanken gefuhrt worden, als geburete mir so sehr nicht mich dieser sach an Zu nehmen, sintemahl ich hier in der Stadt Rostock allein Superintendens bin, Vnd daher ein Erbar Rath hieselbst sich etwas mit in diesem werck, welches das geistliche Kirchenregiment betrifft, anmaßen, vnd ich dazu vnterschlupf geben mochte." Zum Verständniß muß bemerkt werden, daß trotz der herzoglichen Patronatsrechte der Rath Rostocks nur unwillig das geistliche Regiment des Herzogs sich gefallen ließ. Gewiß war also die Weigerung des Chyträus, die Rathstheologen zuzulassen, objektiv genug begründet. Aber auch persönliche Feindschaft kam hinzu. Chyträus beklagt sich, daß die Superintendenten alle bei Bacmeister gegessen hätten, daß die späteren Sitzungen alle im Ministerium abgehalten wären, besonders aber, daß Bacmeister ohne Wissen des Chyträus nach der Vorberathung an den Herzog geschrieben hätte. In der That hatte ersterer noch einmal an Ulrich geschrieben. Und indem dieser am 5. Juni an Bacmeister schrieb, 2 ) daß wir es nochmals bei unserm vorigen sub dato Dobran den 6. April abgegangenen Schreiben und der darin ausdrücklich gesetzten Meinung gnädiglich beruhen lassen, daß nämlich unsere K.=O. revidirt, und an den Orten, da es nöthig, korrigirt, auch die Defizit und Mangel, so dabei zu finden, supplirt, aber sonsten in der Form, darin sie zuvor begriffen, gelassen werde, konnte Bacmeister, nachdem Chyträus sein auf anderem Standpunkte beruhendes Bedenken vorgelegt hatte, triumphiren: Man dürfe


1) Aus dem Schweriner Archiv.
2) Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 39.
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Chyträi Vorschlag in Betreff einer neuen K.=O. nicht annehmen, weil es wider fürstlichen Befehl wäre. Chyträus entgegnete, daß er "oftmals erste Schreiben unter J. F. G. Hand auf ungleichen Bericht empfangen hätte, da S. F. G. auf empfangenen Gegenbericht sich anders erklärt hätte". Der Vorschlag des Chyträus, noch einmal an den Fürsten zu berichten, fand bei den Superintendenten keinen Anklang, welche vielmehr ihre zu Hause gemachten annotationes hervorholten, zuerst die K.=O., beides in meißnischer und in sächsischer Sprache, ordentlich unter einander verlasen, die Mängel anmerkten. Die Notata Bacmeisters finden sich im Rostocker Archiv, Tomus I, S. 199-209, die observata des Bokatz S. 215-230. Auch auf die Konsistorialordnung dehnte sich ihre Thätigkeit aus; wenigstens baten sie in einer Schrift vom 14. Mai um Abstellung mancher Beschwerden, die sie namentlich aufführen, besonders um eine volle Revision dieser Ordnung, damit sie in allen Stücken mit der K.=O. gleichstimmig sei.

Chyträus hielt sich fern, während Bacmeister noch einmal mündlich in Doberan vom Herzog Bescheid holte. Aber am 13. Juni kamen die Superintendenten zu Chyträus, mit ihren Notata, um dieselben zusammen mit Chyträi Bedenken an den Hof einzusenden. Chyträus forderte sie vorerst auf, "den ganzen Wust, scopae dissolutae", rein abzuschreiben und in ein corpus zu bringen. Da sandte man den Superintendenten Bokatz nach Dargun an Ulrich ab, damit letzterer entscheide, zugleich aber dilationü ertheilte, damit Sie "was Sie in Verlesung und Erwägung der K.=O. notirt hatten, in eine rechte Ordnung und caput bringen könnten". Ulrich antwortete unter dem 20. Juni: 1 ) Wir lassen es bei unserer vorigen Meinung und Erklärung beruhen, daß keine neue K.=O. gemacht, sondern die alte korrigirt werden soll. Die Frist zur Ausarbeitung wird gewährt. Chyträus hatte den Brief an den Herzog nicht mitunterschrieben.

Dennoch bleiben die Revisoren mit ihm in Verbindung. Die Rathstheologen, die von den nach acht Tagen heimreisenden Superintendenten bestellt waren, die Verbesserungen zu sammeln, reichten diese am 8. September an Chyträus ein. Derselbe wunderte sich, daß dabei die Vorschläge der übrigen Superintendenten ganz unbeachtet geblieben wären; er fand allerdings nicht "das Wort Gottes zuwider wäre; aber weil es ein ganzer Haufe bloßer Notationen sei, welche je auf einen Zettel geschrieben,


1) Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 43.
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allenthalben in die K.=O. eingelegt werden sollten", so widerrieth Chyträus nach wie vor "in anderer Leute Arbeit einzuflicken". Es sei dem Fürsten nicht rühmlich und löblich bei andern verständigen Herrn und Gelehrten, wenn in dieser gemeinsamen K.=O., besonders im examen, das das beste und fürnehmste Stück der K.=O. ist, viel reformirt würde; das würde bedeuten, das Magnifikat korrigiren zu wollen. Dennoch deutet er jetzt schon an, daß es andere Wege gäbe, wenn man einmal keine neue K.=O. stellen dürfte. Es scheint, als ob er den Revisoren entgegenkommen wollte. Aber näher sprach er sich noch nicht aus. Als dann am 18. Oktober Lobech ihm ein Exemplar der revidirten K.=O. brachte, allerdings mit viel weniger annotationes, bat Chyträus wiederum auszusetzen, daß man nicht die K.=O. von 1557 gewählt habe, sondern die von 1552 "daran doch nicht viel gelegen ist". Wir müssen dabei erinnern, daß Chyträus nur die K.=O. von 1557 für die meklenburgische hält, weil Sie eigens für Meklenburg übersetzt war. Bacmeister persönlich kommt noch einmal am 12. November, um Chyträus zur Unterschrift zu bewegen. Letzterer aber wollte "sich mit dem Manne nicht weiter einlassen", weil, wie er nun hervorhebt, sein ganzes Werk von 1585 so gar keine Berücksichtigung gefunden hatte, und weil man gänzlich unterlassen hatte, darauf hinzuweisen, daß Meklenburg bisher keine eigene K.=O. gehabt hätte; besonders auch, weil Bacmeister so "klüglich" ohne sein Wissen jenen Brief vom 6. Juni vom Herzog erwirkt hätte. Chyträus behielt sich vor, selbst an letzteren zu berichten. Mit Recht bedauert Bacmeister später, daß Chyträus nicht sogleich mit seinem Plane eines Appendicis hervorgekommen wäre; dann hätte man gewußt, was Chyträus eigentlich wollte; nun aber sei das ganze Werk stecken geblieben. Bacmeister muthmaßt, daß am meisten der Umstand hinderlich gewesen sei, daß ihm und den Rostockern die correctiones und additiones übertragen seien, und daß S. F. G. aller, insonderheit Chyträi Subskription und Konsens hätten haben wollen. Wirklich ist Bacmeister, als nach Chyträi Tode das Werk fortgesetzt wurde, zuerst nicht zugezogen worden. Er übergab sein Exemplar dem neuen Superintendenten von Güstrow, Köhler, damit dieser sich auch dazu erklären könnte.

Gerade Chyträus führt nun mit dem Herzog einen lebhaften Briefwechsel. Um demselben die Möglichkeit eines selbstständigen Urtheils an die Hand zu geben, übersandte er ihm den Bericht von der K.=O., den wir zu unseren Ausführungen benutzten. Am Schluß dieses macht er den vermittelnden Vorschlag, in einem

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Appendix die Stücke zu geben, die einer Erklärung bedürften. "Und dieweil es ja wahr ist, daß etliche Stücke sonderlich in dem examine oder Lehrartikeln besserer Erklärung bedürfen, davon ich auch selbst unterthenig erinnert, so konnten E. F. G. die jetzige K.=O., was den Text an sich selbst belanget, wie bisher diese 40 Jahre gewesen ist, bleiben lassen und in eine besondere von der K.=O. unterschiedene Schrift oder Appendix, was hin und wieder in der K.=O. zu erklären, mit Verzeichniß der Blätterzahl nach einander anzeigen und ausführliche und deutliche declarationes stellen und zusammenbringen lassen. Welche Arbeit vielleicht bei verständigen mit weniger Schimpf und Spott als das jetzige Flickwerk würde aufgenommen werden. Jedoch nicht rathsamer und besser - und damit kommt er auf seinen alten Vorschlag zurück - hierin und E. F. G. löblicher und rühmlicher, denn daß E. F. G. wie andere Chur= und Fürsten und fürnehmen Städte ihre eigene und nicht mit andern gemeine, sondern vor sich und ihre Unterthanen allein und eigene K.=O. hätten." Der Herzog forderte daraufhin alle Arbeiten Chyträi ein, Sonnabends nach Weihnacht 1599: 1 ) die Vorrede von 1570, das gedruckte Buch von 1586 oder 87, das Bedenken aus dem Jahre 1585. Am 1. Januar 1600 sendet Chyträus, "so vergangen Monat beide Hände verloren gehabt, nun aber die linke Hand sich mit der Zeit wieder findet", die Aktenstücke ab, 2 ) indem er sich zugleich erbietet, durch eine vertraute Person von etlichen andern Stücken, so in dieser Berathschlagung für E. F. G. Person dienstlich sein, erinnern zu wollen. In der Vorrede, mit A gezeichnet, ist das "18 jar" durchgestrichen und darüber geschrieben "sind itzund 47 jar" also: 1599 - 47 = 1552. Das gedruckte Büchlein bezeichnet er mit B; das Bedenken trägt das Zeichen D und ist unterschrieben 8. Mai 1599 "Bedenken, das Chyträus den Theologen gab". Es weicht nicht unerheblich von dem ursprünglichen vom 25. März 1585 ab. 3 ) Am 10. Januar antwortet Ulrich, daß er das Bedenken vorher nie gesehen hätte. 4 ) Hat Niebur es seiner Zeit unterschlagen? Doch er hatte ja die scholia ad marginem dazu "gesmiert". So hat er also damals dasselbe dem Fürsten überhaupt nicht gezeigt? Ulrich ist auch jetzt noch nicht geneigt, eine neue K.=O. zu stellen, weil es den Anschein hätte, "als hätten wir bis daher keine reine K.=O. im Lande gehabt, daß wir dieselbe nunmehr selbst verwerfen. Jedoch war er mit dem Appendix einverstanden. Er belohnte Chyträus


1) Aus dem Schweriner Archiv.
2) Aus dem Schweriner Archiv.
3) Aus dem Schweriner Archiv.
4) Aus dem Schweriner Archiv.
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mit einem Geldgeschenk; Chyträus aber solle entweder schriftlich seine vertrauliche Mittheilung abgeben oder selbst an den Hof kommen. Am 14. Januar 1 ) antwortet Chyträus, daß er den Appendix so verfaßt sehen möchte, daß in ihm als einer besondern Schrift die nothwendigen Erinnerungen, sonderlich in doctrinalibus abgefaßt werden sollen. Aber das Konsistorium solle die Arbeiten verrichten, damit die Rathstheologen ausgeschlossen wären. Chyträus versichert noch einmal, daß er vorher nur durch Bacmeisters Verfahren abgestoßen gewesen sei, jetzt aber "weil E. F. G. nach Verlesung des Berichts auf solcher Meinung beständiglich beruhen, soll es billig auch meiner geringen Einfalt nicht zuwider sein". Nun sendet er auch das mit den scholia ad marginem versehene Bedenken, E, ab. Aber er bittet um Rücksendung sammt der Vorrede A. In einem Postscriptum läßt er sich jetzt herbei, seine vertrauliche Mittheilung abzugeben, die wir schon kennen lernten S. 54.

Am 30. Januar 2 ) bekommt Chyträus die Anzeige, daß der Superintendent Köhler als Mitglied des Konsistoriums sich mit ihm bereden solle, das Konsistorium selbst den Befehl, die Revision der K.=O. vorzunehmen, aber mit der Mahnung, daß, da "etliche Theologen, denen wir es nicht aufgetragen, sich der Direktion mehr denn sichs gebührt, angemaßt haben, die Berathung in Kirchensachen fürnehmlich unserm Konsistorio zustehe. Jedoch möge dasselbe andere mehr, so die Nothdurft erfordert, zuziehen". Man sieht, Chyträus hat mit seiner Warnung vor den Rostockern Erfolg gehabt. Am 6. Februar allerdings ist Köhler in Rostock und giebt Bacmeister die beruhigende Versicherung, daß nach Meinung des Konsistoriums die Publikation nicht eher geschehen sollte, als bis die K.=O. sämmtlichen Superintendenten kommunicirt wäre. 3 ) Am 8. Februar bittet Chyträus sich die Aktenstücke aus, die er zu seiner Arbeit haben müsse. 4 ) Ueber die nun folgenden Verhandlungen im Konsistorium berichtete Köhler am 14. Februar 1600 an Ulrich. 5 ) Man beschloß zunächst, für die Arbeit die sächfische und die oberländische K.=O. vorzunehmen, also die von 1552 und 1557; die politischen Ordnungen erboten sich die Juristen zu machen, die doctrinalia sollten die Theologen übernehmen. Als die Räthe forderten, daß alle Punkte, die disputirlich wären, herausgesucht würden, hat Köhler und Freder


1) Schweriner Archiv.
2) Schweriner Archiv.
3) Rostocker Min. eccl.
4) Schweriner Archiv.
5) Schweriner Archiv.
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Nachmittags die K.=O. durchgelesen und bei Taufe und Abendmahl Ausstellungen gemacht, die man dem Chyträus nannte. Darauf beschloß man, daß man allein bei dem Exemplar von 1557 bleiben wolle, weil in andern viel hin und her geflickt wäre; man solle besonders die verba und sententiae beachten, die die Kalvinisten verkehren. Der Artikel de unione naturarum und ebenso de communicatione idiomatum müsse neu hineingesetzt werden. Was die Rathstheologen vorgeschlagen hätten, solle ausgelassen werden. Die doctrinalia sollte einer arbeiten. Chyträus fragt: Wer? Köhler schlägt ihn vor. Er entschuldigt sich, er wäre ein alter schwacher Mann und müßte alles seinem Schreiber in die Feder diktiren, das käme ihm sauer an. Endlich willigte Köhler ein. Allein die Juristen entschuldigten sich für ihr Theil mit andern wichtigen Geschäften. Privatim bat Köhler den Chyträus noch einmal um die Uebernahme der doctrinalia. Und wirklich ließ sich dieser jetzt herbei, besonders da Ulrich ihm schrieb: 1 ) "Unseres Ermessens lassen wir es bedünken, daß niemand besser die neue K.=O. wird verfassen können als Chyträus selbst". So schickt Ulrich ihm die erbetenen Akten, von denen Abschriften zu machen Bording dem Fürsten rieth, A, D, E sowie das geheime Postscriptum zurück. 2 ) Von anderer Hand findet sich auf demselben jetzt eine interessante Bemerkung "Chyträus fürchtet Schwestermann Bording". Weil also verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Bording und Bacmeister bestanden, hatte Chyträus seine Meinung nicht offen abgeben wollen! Daß diese Verwandtschaft bestand, ergiebt sich aus dem schon genannten Briefe Ulrichs vom 5. Juni 1599; der Brief, von Bording geschrieben, hat auf der dritten Seite private Grüße des Schreibers Bording an seinen Schwager.

Am 24. Februar bereits schickt Chyträus den Anfang des Appendix 3 ) an Ulrich ein und bittet, daß er aus des Fürsten eigenem Buche, "Hauptstücke" betitelt, etwas herübernehmen dürfe. Am 28. Februar 4 ) schreibt Köhler an Ulrich, daß er mit der Arbeit des Chyträus einverstanden sei, nur wünschte er die Aufnahme der Artikel von der Taufe, freiem Willen, Erbsünde; denn "obwohl hiervon in der Form. Conc. nothdürftig gehandelt wird, so kann's doch nicht schaden, daß diese Dinge im Appendix wiederholt werden, damit alle erfahren, daß wir der Meinung noch seien und davon niemals abgewichen haben". Am 1. März theilt Ulrich dem Chyträus sein Einverständniß mit dem Ueber=


1) Aus dem Schweriner Archiv.
2) Aus dem Schweriner Archiv.
3) Aus dem Schweriner Archiv.
4) Aus dem Schweriner Archiv.
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sandten mit, 1 ) wünscht aber, daß aus Philipp Nikolais Buch "Spiegel des bösen Geistes" etwas aufgenommen werde, und giebt seine Einwilligung zu der Benutzung seiner "Hauptartikel". Am 6. März antwortet Chyträus, daß er Nikolais Buch benutzen wolle. 2 ) Am 31. März sendet Chyträus den Appendix: 3 ) zu Ende der Artikel von der Gnadenwahl hat er Nikolai benutzt. 4 ) Chyträus kann sich aber der Befürchtung nicht erwehren, daß es ihm wieder so ergehe wie vor 16 Jahren, "dieweilen diese Leute noch vorhanden sein". Die Vermuthung scheint nahe zu liegen, daß am Hofe noch immer kalvinistische Räthe waren. Genaueres läßt sich nicht ermitteln, da Chyträus auf die Anfrage Ulrichs 5 ) keine Namen nannte. Herzog Ulrich ist dagegen, 18. April, 6 ) der Meinung, daß die Schuld der Verhinderung bei den Theologen selbst zu suchen sei. Aber mit der Arbeit des Chyträus ist er einverstanden, er wünscht so bald wie möglich die Publikation des ganzen Werks. Dennoch schickt er noch die Bedenken Köhlers mit, welche Chyträus in seiner Antwort vom 20. April 7 ) berücksichtigen zu wollen erklärt. Sie betreffen fol. 102 einige Worte, welche zu Anfang des Paragraphen gesetzt werden sollen; dann die specialis electio, wegen welcher Chyträus sich gern mit Köhler vergleichen will, "damit man den Kalvinisten nicht entlaufen möge," u: a. u. a. Leider haben die Juristen die politica noch nicht fertig, auch wird Köhler mit ihnen über die ceremonialia sich noch zu besprechen haben. Er selbst, Chyträus, kann sich dieser Sachen nicht annehmen, "so soll ich mich auch nicht in Sachen, die ich nicht verstehe, oder da ich kein Befehl von hab', nicht mengen oder anbieten". Am 16. Mai 8 ) erging der Befehl ans Konsistorium, den Appendix zu verlesen, die Superintendenten= und Konsistorialordnung aber schnell zu beenden, damit Chyträus dem ganzen Werk seine gebührliche Form gäbe. Die Konsistorialräthe entschuldigten sich mit Geschäften, 24. Mai; 9 ) nur D. Kling hat den Appendix zum Theil gelesen, Köster und Freder sind ganz fertig. Die Juristen sollen die Agenda machen; wenn sie nicht können, hat Chyträus sich schon erboten. Derselbe läßt zugleich anfragen, ob meißnische oder sächsische Sprache angewendet werden soll. Die Antwort Ulrichs lautete dahin, daß die Juristen die Agenda machten, sie dem Chyträus einreichten, dieser vor dem Druck sie an den Hof geben sollte.



1) Aus dem Schweriner Archiv.
2) Aus dem Schweriner Archiv.
3) Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 245-386.
4) Im Schweriner Archiv.
5) Im Schweriner Archiv.
6) Im Schweriner Archiv.
7) Im Schweriner Archiv.
8) Im Schweriner Archiv.
9) Im Schweriner Archiv.
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Am 25. Mai 1600 starb Chyträus. Die Arbeit war dadurch unterbrochen. Erst im nächsten Jahre nahm das Werk seinen Fortgang. Am 8. Oktober 1 ) entschuldigt sich Freder, daß er nicht nach Schwerin kommen konnte, wo die Superintendenten in anderer Veranlassung zusammengekommen waren; er schickt aber den Appendix und die Ceremonialia ein. Bacmeister benutzte inzwischen die Zeit, beim Konsistorio vorstellig zu werden, daß er zur Revision hinzugezogen werden müsse. Er machte in dem schon genannten Berichte geltend, nachdem er einleitend ausführlich die Verhandlungen zur K.=O. aufgezählt hat, daß er, wohl von zwei Personen des Rostocker Raths und dem Ministerium gewählt, vom Herzoge bestätigt sei, laut des ersten Güstrower Erbvertrages; er bekäme auch sein Gehalt nicht vom Rath, sondern von der Kirchenökonomie, 200 Gulden sundisch. Als das Rostocker Ministerium wegen der Ungleichheit in der K.=O. oftmals befragt sei, hätte es sich ohne des Raths Wissen an den Herzog mit einer Supplik um Revision gewandt Auch während der Versammlungen 1599 habe der Rath sich nicht darum gekümmert, weil er wohl wußte, daß es S. F. G. allein gebührte und Polizei und andere weltliche Ordnung nicht anging, in denen der Rath für sich in dieser Stadt zu disponiren Macht hat. Denn durch den zweiten Güstrower Erbvertrag ist die suprema inspectio dem Landesfürsten zugeeignet. Dieser setzt den Superintendenten ein; deshalb durfte Bacmeister auch um revision bitten. Auch persönlich sei er tüchtig zur Arbeit, da er schon 42 Jahre im Amte stände, davon 39 in Rostock. Zur Erhaltung des Friedens habe er die revision erbeten, ohne dem Rath das geringste ius hierin per occultam practicam zuzubringen. Nur als Pfarrer und Professor beziehe er sein Gehalt vom Rathe. Diese Ausführungen Bacmeisters zeigen uns, wie mißtrauisch man trotz der Güstrower Verträge gegen den Rostocker Rath in kirchlichen Sachen war.

Am 8. Juni 1601 ergeht dann auch der Befehl Ulrichs an die Superintendenten "sammt und sonders". 2 ) Sie wüßten sich zu erinnern, welcher Gestalt eine geraume Zeit her das Werk der vorgenommenen Revision fürnehmlich in ceremonialibus stecken geblieben sei; deshalb sollen sie am 13. Juli in Rostock zusammenkommen, ihre sententias konfirmiren, zuvörderst daran sein, daß die doctrinalia sowohl als die ceremonialia mit deutlichen und bequemen Worten begriffen und die darin angezogenen


1) Im Schweriner Archiv.
2) Im Schweriner Archiv und Rostocker Min. eccl.
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loca recht allegirt werden, damit den Widersachern alle und jede Gelegenheit zu calumniae und Zänkereien völlig benommen werden möge. Am 18. Juli berichten die Superintendenten Bacmeister, Köhler, Dinggräf, Neuwin und Freder, daß Sie alles überlesen hätten; zwei von ihnen würden die Arbeit in ein corpus bringen, Köhler würde den Verhandlungsbericht einsenden. 1 ) Aus diesem, datirt 24. Juli, 2 ) entnehmen wir, daß in den doctrinalia, wie Chyträus Sie gelassen hatte, nur bisweilen in den Worten etwas geändert ist; - es findet sich auch nur eine Seite voll notata 3 ) Bacmeisters - man ist aber in betreff einiger Stellen aus Kalvinistenbüchern zweifelhaft, ob "dieselben einem frommen Christen nicht gar abscheulich zu hören sein würden". Die einen sind dagegen, weil es gar zu unchristliche Worte seien; die andern, zu denen Köhler gehört, meinen, daß man sie gerade setzen soll, damit jeder erführe, was für Lehren die Widersacher führen, und man sie also an ihren Früchten erkennen könne. Der Fürst allein solle entscheiden. Auch die ceremonialia hat man berathen und mit Einschaltungen versehen, welche Bacmeister und Freder in ein corpus bringen; dazu gehören aber 4-6 Wochen, "gut Ding will Weil haben". Dann soll alles dem Fürsten zugeschickt werden, der auch die Sprache, ob meißnisch oder meklenburgisch, bestimmen soll. Ulrich antwortet am 25. Juli, 4 ) daß er erst die Ausdrücke und den Namen der Kalvinistenbücher wissen will, gleichwohl aber der Meinung sei, daß hierin "eine gebührliche Diskretion und Fürsichtigkeit gebraucht werden muß". Besonders sollen die Stellen genau angeführt, nicht aus dem Zusammenhang gerissen und gemißdeutet werden, "ohne einige Affekten, damit die Widersacher keine Ursache zu kalumnieren und kavillieren gewinnen". Die Sprache soll die hochdeutsche sein, weil nunmehr fast jedermann in diesem Lande kundig und erfahren ist; der Druck soll zu Rostock geschehen. Bacmeister aber und Freder mögen die ceremomalia bearbeiten.

Im Sommer sind nun die Theologen an der Arbeit. Die Notata Bacmeisters und Freders finden sich im Rostocker Archiv, S. 147-188; von Köhler liegt eine admonitio vor, S. 231. Interessant sind zwei Briefe von letzterem an Bacmeister, unter dem 10. und 29. Oktober. 5 ) In dem ersten theilt er das mit, was er inserirt zu haben wünscht; unter andern folgendes: Bei


1) Im Schweriner Archiv.
2) Im Schweriner Archiv.
3) Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 211.
4) Aus dem Schweriner Archiv und Rostocker Min. eccl.
5) Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 243.
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der Verpachtung von Kirchenacker sollen die Küster berücksichtigt werden, wenn sie soviel geben wie andere. Wenn Aposteltage außerhalb der Predigttage fielen, solle man sie verschieben auf den nächsten Predigttag. Ungehorsame Dienstboten der Pastoren soll der "Caspel Junker" oder Amtmann oder Küchenmeister zum Gehorsam zwingen. Etliche Pastoren hätten Eichbäume auf ihren Pfarren, davon die Bauern und Junker die Eicheln wegnehmen und sagen: die Bäume allein gehören den Pastoren, die Eicheln aber den Junkern. Köhler nennt das ein gottlos Wesen; es gehöre beides den Pastoren; qui enim sentit onus, commodum sentire debet, sagt nämlich die regula iuris. Wenn das Vieh des Pastors mit zur Weide geht, so soll der Pastor auch den Hirtenlohn bezahlen. Schließlich klagt er, daß mit den Kirchengeldern so schlecht umgegangen wird; darum fordert er, daß der Pastor der erste unter den Kirchenjuraten sei und allezeit auch ein Schloß vor dem Gotteskasten habe, daß ohne Wissen des Pastors nichts herausgenommen würde. Fremde Theologen, die von den Patronen angenommen sind, sollen erst vom Superintendenten geprüft werden. Weil der Katechismus auf dem Lande meist nicht gewußt wird, manche nicht einmal das Vaterunser können, sollen Braut und Bräutigam nicht eher getraut werden, als bis sie die fünf Hauptstücke können.

Am 14. November 1601 sendet man einen Bericht an Ulrich mit dem bearbeiteten Exemplar, d. h. der alten K.=O. mit den überall eingelegten Zetteln. 1 ) Im ersten Theil haben Sie den Citaten des Chyträus die Stellen zugesetzt, auch neben das Lateinische die deutsche Uebersetzung gestellt; den Schluß des Appendix hat man an das Ende der ganzen K.=O. gesetzt, weil er dorthin gehört. Die Ceremonien möge der Fürst vor der Reinschrift erst begutachten. Man bittet, daß die Superintendenten=, und Konsistorialordnung der K.=O. angehängt werde. Die Exkommunikation der Befehder, Brandschätzer, Mordbrenner, wenn sie so bald nicht offenbar werden, will man lieber nicht in die K.=O. aufnehmen. 2 ) Letzteres hatte Köhler beantragt, der in Berlin solches Bannformular gesehen zu haben vorgab; Brände kämen so vielfach vor; er habe es immer so gehalten, und stets sei der Brandstifter nach drei Monaten oder schon sechs Wochen ertappt worden; denn "Gott ist beim Predigtamt". Der Herzog läßt durch seinen Sekretair Reutzen am 28. November antworten,


1) Das Exemplar ist im Rostocker Min. eccl.
2) Daselbst, auch gedruckt bei Grape, S. 329.
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daß er erst die ganze K.=O. verlesen wolle, dann solle sie ins Reine geschrieben, und in folio auf schön weißem Schreibpapier mit ziemlich großen Buchstaben, auch mit Figuren bei jedem Hauptartikel, gedruckt werden; aber eine besondere Vorrede in Ulrichs Namen sei erforderlich. 1 ) Vom Folioformat rieth Bacmeister ab und schlug "mediocris forma" vor. Das ins Reine geschriebene Exemplar sandte Ulrich an die Fakultät zur Begutachtung, am 10. März 1602; sie solle nochmals mit Fleiß revidiren und korrigiren, oder wo etwas aus der pfälzischen K.=O. noch nöthig sei, suppliren und konfirmiren, das Exemplar dann wieder einschicken. Die neue Vorrede aber, die Bacmeister geschrieben hat, ist von Ulrich angenommen. 2 ) Am 15. März stellen die Professoren ihre Notata. 3 ) Am 21. März giebt die Fakultät ein vorläufiges Urtheil ab, "in welchem nützlichen und hochnötigem Werk viel heilsame Lehre verfasset sein, die man in vielen andern K.=O. nicht findet, damit E. F. G. in ihrem hohen und hochlöblichen Alter vor der ganzen Welt ihres reinen christlichen Glaubens ein herrliches Bekenntnis thut." Am 12. April schickt man das Buch ab, dem am 13. April noch ein Schlußurtheil folgt: 4 ) Man habe das ganze Buch durchgehend paginirt; im zweiten Theile habe man etwas aus der pfälzischen K.=O. genommen, 5 ) welche ihrerseits schon Vieles aus der meklenburgischen von 1557 entlehnt hätte. Bei der Ordination hätte man den Satz hinzugethan, daß fremde Theologen vor dem Superintendenten, fremde Superintendenten vor ihrer Anstellung von der Fakultät geprüft werden sollen. Die Ausgabe, meint die Fakultät, geschehe am besten in Quart, und zwar in Rostock, von Steffen Mülmann, der von seinem Vorfahren Dietz die Lettern und Noten noch besäße. Dann könnte die Fakultät neben dem correctore besser auf den Druck Acht geben. Ulrich aber bestand auf der Folioform, übergab den Verlag dem Buchführer Langen in Güstrow, bestellte bei Mülmann 1000 Exemplare im Druck, unter der Bedingung guten Papiers, Typen und Figuren. David Lobech und Lukas Bacmeister juniör sollten unter der Aufsicht der Falultät die Korrektur haben. Doch da man solche Figuren in Rostock nicht kennt, so sendet Reutzen eine Pommersche K.=O., die 1563 in Wittenberg gedruckt sei, wonach man sich richten


1) Rostocker Min. eccl., Tom. I., S. 93.
2) Schweriner Archiv.
3) Grape 338 und auch Rostocker Min. eccl., Tom. I, S. 189-192.
4) Rostocker Min. eccl. und Schweriner Archiv, auch Grape S. 338.
5) Die Notata aus dieser O. S. 193-198 im Rostocker Min. eccl.
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solle; doch behalte Ulrich sich noch genauere Bestimmung der Figuren vor. 1 )

Zu Weihnacht war der Druck fertig. Im Rostocker Min. eccl. befindet sich im Tomus II "die gantze abgeschriebene neue K.=O., sowie sie in der Druckerei gewesen." Allgemein wurde nach den Büchern verlangt; je eher, je lieber wollte man kaufen, wenn auch ungebunden. Die Fakultät schlug als Preis vor für die auf Schreibpapier gedruckten 14 Schilling, 12 Schilling für Druckpapier "damit der gute Mann seines gethanes Verlages und gehabter Mühe etwas Erstattung bekomme"; denn es seien 73 Bogen, darunter 7 mit Noten, auch wäre es nach der Wittenberger und Leipziger Taxe. Die Errata sollten noch auf halbem Bogen besonders gedruckt werden. Als Grund der Verzögerung führte man an, daß man immer noch gehofft hätte, die Superintendenten= und Konsistorialordnung würde beigefügt werden. 2 )

Am 5. März 1603 ist die revidirte K.=O. veröffentlicht worden. Die Gedanken des Publikationspatentes 3 ) sind: Gott zur Ehre und zur Erbauung der christlichen Kirche und zur Pflanzung reiner Lehre ist diese K.=O. gestellt worden, reiner Lehre, wie sie aus den prophetischen und apostolischen Schriften in der Augsb. Konf. und Konk. Buch begriffen ist, "damit vor aller Welt kund und offenbar sei, daß wir uns samt unsern getreuen Unterthanen je und allerwege zu der wahren unverfälschten Religion Augsburgischer Konfession erkannt und bekannt haben und nochmals erkennen und bekennen und derowegen von allen andern irrigen und verführerischen Lehren und Sektirern uns absondern". Es ist des Fürsten Wille und Befehl, daß solcher K.=O. sowohl in Glaubensartikeln als auch in Kirchenceremonien und allen andern gestracks und unweigerlich nachgegangen wird. Dies Patent war der Fakultät zur Begutachtung vorgelegt und dann in 500 Exemplaren gedruckt worden. Am 9. März erging an alle sieben Superintendenten der Befehl, das Edikt am Sonntage Invokavit, 13. März, auf allen Kanzeln ablesen zu lassen. Im Rostocker Minist. eccles. ist folgender Zettel von Bacmeisters eigener Hand 4 ): Dis mandat ist zu der Ehre Gottes vnd nach


1) Im Rostocker Min. eccl. vom 16. Juni, 17. Juni, 5. und 25. Aug. 1602.
2) Briefe der Fakultät im Rostocker Min. eccl. vom 14. und 24. Febr. 1603.
3) Das Patent, handschriftlich, ist im Rostocker Min. eccl. Ebenba Tom. XII, S. 327 auch ein gedrucktes Exemplar, wie es ebenso im Schweriner Archiv ist.
4) Tom I, S. 123.
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unsers gnedigen Hern vnd Landesfürsten wolbedachtem Rath vnd be fehl, auch zu der christlichen Kirchen so wol in dieser Stadt als im gantzen Furstenthumb heil, fried vnd wolfart abgelesen vnd niemand zu verdruß oder verfenglichkeit. Gott gebe ferner zu diesem hochnotigen, christlichen wergk seinen geist vnd gnad vnd segen. Amen.

Ulrich starb am Montag, den 14. März, morgens 3 Uhr. Sein Nachfolger, Karl, sorgte in einem Schreiben vom 12. April 1603 dafür, daß alle Kirchen herzoglichen patronates die Ordnungen bekämen, und zwar gebunden für den Preis von 24 Schillingen. Dennoch waren nicht alle Exemplare verkauft, manche Kirchen zeigten sich säumig. 1 ) Daher erließ Karl am 27. Mai einen Befehl an die Superintendenten, daß Sie darauf achten sollten, daß die Amtleute und die Adligen, welche eigenes ius patronatus hätten, die K.=O. von Werner Langen kauften. 2 ) Und als dem Herzog Klagen kamen, daß der revidirten K.=O. nicht nachgelebet würde 3 ), da beruft er am 4. Juni 1606 die Superintendenten auf Mittwoch den 18. Juni nach Rostock, wo sie in der St. Johanniskirche zusammenkommen und berathen sollten, wie dem Mangel abzuhelfen sei, so der revidirten K.=O. zuwider bei den Kirchen ihrer Kreise eingerissen sei. Denn als von Gott vorgesetzter Obrigkeit liege es ihm ob, wie er auch aus väterlichem Gemüth sich schuldig erkennt, gebührend anzuordnen und zu befördern, was zu nothwendiger Verbesserung eingerissener ärgerlicher Unordnungen zuvörderst im Kirchenregiment dienlich sein mag.

Auf dem Landtage zu Sternberg 1602 4 ) hatte Ulrich den Ständen angezeigt, daß, weil etliche Sekten, insonderheit die Kalvinisten die K.=O. mißbrauchten, der Herzog sie durch seine Theologen und Superintendenten hätte revidiren lassen. Am 18. Juni antwortet die Landschaft darauf, daß die K.=O. vorerst den Theologen in Wittenberg vorgelegt werden solle, weil "zwischen den Kirchen in Sachsen und Meklenburg gute Einigkeit" herrschte. Vor allem aber solle sie einem jeden Stand an seinen besonders habenden Rechten, iure patronatus, vocandi, nominandi und andern unschädlich sein. Der Fürst ließ darauf erwidern, daß die K.=O. von tüchtigen Theologen verfaßt sei; auch sei der Druck schon bestellt; Niemand solle sich mit unnöthiger Sorge beladen, ob ihm durch die K.=O. etwas abginge. Diese Erklärung nahm die Landschaft an, weil das Werk bereits unter der Presse wäre; nur dürfte ihnen an ihrer Gerechtigkeit nichts präjudizirt werden.


1) Im Schweriner Archiv.
2) Im Schweriner Archiv.
3) Im Schweriner Archiv.
4) Spalding, Landtagsverhandlungen I, S. 273 ff.
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Am frühen Morgen des 13. März, des Sonntags Invokavitt 1603, protestirte der Rostocker Rath durch einen Notar und zwei Zeugen gegen die Publikation der K.=O. 1 ): der Superintendent Bacmeister und das Ministerium wollten sich der Publikation auf den fürstlichen Befehl hin unterziehen, ungeachtet der Rath die K.=O. noch nicht gesehen hätte, ob etwas darin enthalten sei, was der Stadt an ihrer Inspektion, Freiheit und Gerechtigkeit zuwider wäre, und obwohl er zu Sternberg schon dagegen protestirt hätte; besonderen Grund zum Proteste glaubten sie zu haben, weil das Publikationsmandat an den Superintendenten und nicht an den Rath gerichtet wäre. Der Superintendent und das Ministerium erklärten dagegen 2 ), daß der Stadt Jurisdiction daburch kein Abbruch geschehe. Denn die K.=O. von 1540 und 52 sei bis auf den heutigen Tag im Lande und zu Rostck gebraucht, ebenso die von 1557, auf welche hin alle Prediger zu Rostock angestellt wären. Da Sie aber wegen der Sekten und nach Veränderung der Zeiten nicht mehr ausreichte, so sei jetzt nur eine nöthige Revision, keine neue K.=O., erfolgt.

Interessant ist, daß das Ministerium sich ferner darauf beruft, daß die Jurisdiktion in geistlichen Dingen zu Rostock immer dem Bischofe von Schwerin und seinem Offizial zugestanden habe; deshalb sei auch im 2. güstrowischen Erbvertrage 1584 die geistliche Jurisdiktion dem Fürsten zugesprochen worden. Interessant für uns ist es deshalb, weil hier das Kirchenregiment des Landesherrn ausdrücklich als eine Uebertragung der bischöflichen Gewalt erscheint. Diese Begründung wird dem ganzen Landtage gegenüber von dem Herzoge auch 1607 gegeben: Die geistliche Jurisdiktion ist durch den Religionsfrieden 1555 suspendirt, und das ius episcopale und die suprema inspectio ecclesiarum in doctrinalibus et ceremonialibus den Kurfürsten und Ständen Augsb. Konf. zugeeignet worden. Aber im Religionsfrieden ist zwar die geistliche Jurisdiktion suspendirt; aber wem sie zukommen sollte, ist nicht bestimmt. Nach Rieker (S. 127) tritt diese Berufung der Stände erst sehr spät auf und hat auch meistens den Sinn (S. 136), daß damit ein bestimmtes einzelnes mit der Landeshoheit verknüpftes Recht bezeichnet werben soll, das früher nicht dazu gehörte. In der K.=O. ist von diesem bischöflichen Amte nicht die Rede. Ulrich nennt sich in der Vorrede nur "Oberste Patron und Schutzherr der Kirche und heiligen Predigtamts."


1) Im Rostocker Archiv Min. eccl., S. 125.
2) Rostocker Archiv Min. eccl., S. 127.
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Aber in der fürstlichen Antwort auf die Resolution der gemeinen Landstände auf die fürstliche Proposition (Spalding S. 327) kommt auch der andere Gesichtspunkt zur Geltung: Der Fürst beruft sich für seine Jurisdiktion nicht bloß auf den Religionsfrieden, sondern auch auf das Recht der Obrigkeit, über beide Tafeln zu wachen.

Bacmeister meinte, Amts, Befehls, Gewissens halber auf den Protest nicht achten zu sollen, und so wurde das Mandat thatsächlich von allen Kanzeln Rostocks verlesen. Derselbe rechtfertigt sich in einem Schreiben 1 ) an den Senator Scharfenberger, warum er den Protest nicht beachtet habe; "man muß Gott mehr gehorchen denn den Menschen." Der Professor Schacht 2 ) und der Sekretair Reutzen 3 ) gaben dem Superintendenten zustimmende Erklärungen.

Am 25. Juni 1606 beklagen sich die Stände, daß die K.=O. ohne ihre Zuziehung publizirt sei; sie protestirten deshalb gegen dieselbe, da ihren iuribus darin präjudizirt sei, ihnen auch auferlet werde, ein mehreres zu geben; ja der Wendische Kreis bat, bei der alten K.=O. zu verbleiben und sie nur mit einer declaration gegen die Kalvinisten zu versehen. Am 22. April 1607 antwortete der Fürst auf die gravamina, indem er auf sein ius episcopale hinwies. Die Landschaft erneuerte die Protestation, erbot sich jedoch, sich zu akkommodiren, wenn der Fürst in etwas die K.=O. mit Zuziehung der Stände revidiren würde; sie acceptiren aber die Erklärung, daß ihren Rechtsamen ein Nachtheil nicht zuwachsen soll. Der Fürst ließ anworten, daß die K.=O. keine neue, sondern die alte sei, welche von der Landschaft angenommen wäre. Letztere protestirte wiederum, jetzt besonders deshalb, weil sie sich an ihrem ius patronatus beschwert fühlte, und hat also die K.=O. nur angenommen unter der fürstlichen Erklärung, daß ihnen kein Präjudiz an ihren Rechten erwüchse.

Die Vorrede der K.=O. war in den ersten neun Absätzen durchaus dieselbe, wie sie Chyträus 1570 ausgearbeitet hatte und 1600 dem ganzen Werke wiederum vorgesetzt wissen wollte; das


1) Im Rostocker Minist. eccles, S. 135, 137, 141. - Die Akten, wie sie aus dem Rostocker Min. eccl. hier benutzt sind, sind, wie aus einem eingelegten Zettel ersichtlich wird, am 14. Juni 1675 in dasselbe gekommen. "Was dem H. Superintendenti H. D. Henrico Müllero ich von sachen, scripta, auch Fürstl. mandata vnd andere treffliche uhrkunden anno 1675 die 14. Juni extradiret, die revisionem der Mecklenburgischen Kirchenordnungen betreffendt." Darauf bezieht sich also die Aeußerung Grapes, S. 343, daß die Akten der revidirten K.=O. von den Bacmeisterschen Erben erkauft worden sind.
2) Im Rostocker Minist. eccles, S. 135, 137, 141. - Die Akten, wie sie aus dem Rostocker Min. eccl. hier benutzt sind, sind, wie aus einem eingelegten Zettel ersichtlich wird, am 14. Juni 1675 in dasselbe gekommen. "Was dem H. Superintendenti H. D. Henrico Müllero ich von sachen, scripta, auch Fürstl. mandata vnd andere treffliche uhrkunden anno 1675 die 14. Juni extradiret, die revisionem der Mecklenburgischen Kirchenordnungen betreffendt." Darauf bezieht sich also die Aeußerung Grapes, S. 343, daß die Akten der revidirten K.=O. von den Bacmeisterschen Erben erkauft worden sind.
3) Im Rostocker Minist. eccles, S. 135, 137, 141. - Die Akten, wie sie aus dem Rostocker Min. eccl. hier benutzt sind, sind, wie aus einem eingelegten Zettel ersichtlich wird, am 14. Juni 1675 in dasselbe gekommen. "Was dem H. Superintendenti H. D. Henrico Müllero ich von sachen, scripta, auch Fürstl. mandata vnd andere treffliche uhrkunden anno 1675 die 14. Juni extradiret, die revisionem der Mecklenburgischen Kirchenordnungen betreffendt." Darauf bezieht sich also die Aeußerung Grapes, S. 343, daß die Akten der revidirten K.=O. von den Bacmeisterschen Erben erkauft worden sind.
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Uebrige dieser Arbeit Chyträi bildete jetzt die Vorrede zum Appendix. Die Absätze 10-15 sind laut Brief Ulrichs vom 10. März 1602 an die Fakultät von Bacmeister verfertigt. Nach dieser Vorrede folgt unverändert die "Vorrede der alten K.=O.", sodann ebenfalls unverändert die Disposition der ganzen K.=O., unverändert auch die Vorrede zum ersten Theil "Von der Lehre"; ebenso der Schluß nach den Lehrartikeln. Was diese selbst anbetrifft, so sollte ja nach wiederholtem Befehle Ulrichs die K.=O. in ihrer Form belassen und nur, wo es nöthig war, etwas supplirt werden; Chyträus war dann damit durchgedrungen, daß im examen nichts geändert werde. Nach fürstlichem Befehl sollten aber die loca allegirt werden; so findet sich die Angabe der Kapitel, der Sprüche; letztere sind hin und wieder um einige vermehrt, so S. 9 b, 11 a b, 13 a, 14 b, 15 a, 29 a, 51 b, 52 b; manche Absätze sind 1602 zusammengezogen, oder manche erst getheilt, so 14 b, 25 b, 26 a, 55 a, 70 b und 75 b; Bilder=Initialen sind hinzugekommen, Druckfehler verbessert, letztere 24 a, 45 b; einige wenige rein stilistische Varianten und Umsetzungen, sowie unbedeutende höchstens einen Satz umfassende Erklärungen finden sich, z. B. 13 a, 13 b, 16 a b, 19 a, 21 b, 33 a, 41 a. Immer erscheint Text und Tenor von 1557 grundleglich. Nur S. 24 a b im Artikel der Glaubensgerechtigkeit folgt 1602 genau der K.=O. von 52, nicht 54 oder 57, welche hier ohne Aenderung des Sinnes anderslautende Ausführungen haben. Ganz neu aber ist 1602 im examen das Lehrstück XXVI "Vom Tod vnd auferstehung von Toden, Jüngsten Gericht, vnd Ewigen Leben." Es steht mit denselben Worten in der K.=O. Chyträi 1578, ist also von Chyträus verfaßt. Neu ist auch in Artikel V S. 10 a der Schluß, 13 Reihen, welche eine ausführlichere Erklärung des Schöpfungszweckes bringen. Eingesetzt ist S. 11 b "Erbsünde ist nicht substantia ein selbstständig Wesen oder des Menschen Natur Leib und Seele selbst," eine Einschiebung, welche sich in Rücksicht auf den Flazianischen Erbsündenstreit erklärt. Aus dem Gegensatz gegen alles antinomistische Wesen erklärt sich S. 14 b die Trennung eines dritten Brauches des Gesetzes. 1552-1557 findet sich nur ein zweifacher Gebrauch. Von diesen ist der erste 1602 in zwei selbstständige Arten getheilt. Dennoch bleibt zu beachten, daß die K.=O. hier von der Form. Conc. abweicht, insoweit erstere den usus politicus nicht hat, den usus paedagogicus aber in die damals auch gebrauchte Form des elenchticus und paedagogicus theilt. Diese Theilung ist hier auf Chyträus zurückzuführen; zwar 1578 unterscheidet er einen vierfachen

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Gebrauch, doch in der Ausarbeitung von 1585 bestimmt er den dreifachen. Auf Chyträus zurückzuführen, der es 1578 hat, ist auch Seite 18 a b die hier neu erscheinende Setzung eines dreifachen Gegensatzes von Gesetz und Evangelium. Der spätere nomistische Streit bedingte diese Klarstellung. .Der majoristische Streit erforderte S. 30 b den ganz neuen Theil unter der Frage "Warum muß man gute Werke thun?", ein Theil, der 1578 sich findet, also ebenfalls von Chyträus stammt. Neu ist 33 b auch die kurze Definition der Taufe, auch aus 1578 entnommen. S. 34 a ist das mißverständliche "tho bedüdinge" der K.=O. von 1557 hinsichtlich der Kraft der Taufe jetzt verändert in "zur vergewissung vnd krefftiger versigelung". Um alles wiedertäuferische Wesen fern zu halten, ist S. 35 b der Theil ganz neu unter der Ueberschrift: "Was ist zu halten von der Sacramentirer und Wiedertäufer Lere?" Es ist fraglich, ob er von Chyträus herrührt, da 1578 davon sich nichts findet. S. 36 a sind die letzten fünf Zeilen (von unten) aus 1557 geblieben, obgleich sie der Deutung einer blos geistlichen Nießung fähig sind, während die mißverständlichen Worte "sichtbare Tekene alse ene Vorinneringe van der Thosage" (S. 30 b 1557) 1602 S. 36 b voller lauten: "gehengt alse erinnerung vnd versigelung der verheissung". Neu sind zwei Absätze S. 37 von dem Unterschiede der würdigen und unwürdigen Nießung, aber diese Ausführung findet sich 1578. S. 42 b finden wir eine korrekte Fassung der Buße, indem der neue Gehorsam nicht mehr als das dritte Stück erscheint, wie 1552-57, sondern blos als folgende Frucht bezeichnet wird. Seite 57 b ist das dritte Gebet ganz neu, ebenso die ganze Ausführung der Ceremonien auf S. 60 b, 61, 62 a; sie kommt auch 1578 nicht vor.

Da Chyträus fortwährend sich weigerte, im Examen Melanchthons Aenderungen zu machen, so können die aufgeführten Zusätze von ihm nicht herrühren. Nimmt man hinzu, daß S. 45 b drei notae der christlichen Kirche aufgeführt werden, Chyträus aber 1578 nur zwei hat, so ist ersichtlich, daß die späteren Revisionsarbeiter die Zusätze gemacht haben, die sie zum Theil aus Chyträi K.=O. von 1578 nahmen. So heißt es denn am Anfang des Appendix: "Bis hieher sein die Lehrstücke, wie sie in der ersten vnser K.=O. im Examine gesetzt, vnd erklert worden, widerholet vnd behalten, jedoch auch an etlichen weinig orten, notwendig vnd besser erkleret." Dies stimmt ja zu den Worten des Berichtes vom 24. Juli 1601 (S. 62).

Der Appendix enthält die "Lehrstücke, die noch darin mangelten, oder wegen eingefallener Streite ausführlicher erklärt werden

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müssen". Die Einleitung erwähnt, daß man im Abendmahl die Frage: "Was wird im Abendmahl des Herrn ausgetheilt und empfangen?" und die Antwort: "Der wahre Leib und Blut unsers Herrn Jesu Christi" so aufgefaßt habe, als ob dieser Artikel meisterlich und "beidenhendisch" mit kurzen Worten auf Schrauben gesetzt sei, daß ihn beide, Kalvinische und Lutherische, nennen können. Die Kalvinische Lehrausführung wird durch ein Excerpt aus des Herzogs Ulrich Schrift unterbrochen, in Sätzen, die sich auf S. 84 a - 87 a finden. Das Buch ist recht selten. Sein voller Titel lautet: Kurtze Wiederholung etlicher fürnemer Hauptstücke christlicher Lehre nach Ordnung des Katechismi, durch eine hohe fürstliche Person zusammengetragen. Mit Vorrede des Andreas Celichius. Letztere ist von 1593 datirt. Das Buch ist 1595 von Werner Langen gedruckt, ein zweiter Druck fand 1600 zu Leipzig statt 1 ). Zu Ende des Abschnittes "Von der Gnadenwahl" ist, wie schon bemerkt, etwas aus Philipp Nikolai's Buch genommen: Spiegel des bösen Geistes, der sich in der Kalvinisten Bücher reget, und kurz Vers, worin Gott will geehrt sein. Vielfältig sind Citate aus den kalvinistischen Schriften beigebracht. Da man mit "Verwundern" findet, daß die Kalvinisten nicht nur im Abendmahl abweichen, sondern auch in andern Hauptartikeln der Confessio Augustana, so wird näher auf den 1. bis 7. Artikel dieser eingegangen. Darauf erst wird die lutherische Abendmahlslehre festgestellt, aus der Schrift, der Conf. Aug., der Apologie, dem Regensburger Kolloquium, den Katechismen, Art. Smalc., Luthers Bekenntnisse vom Abendmahl; im Anschluß daran werden die Unterschiede der lutherischen und der sakramentirerschen Lehre festgestellt, auch der dogmenhistorische Beweis aus den Kirchenvätern geliefert Die folgenden Artikel handeln von der Taufe, Erbsünde, freiem Willen, ewigen Gnadenwahl. Bei dem letzten Artikel wird auf die Form. Gonc. verwiesen, "wo ausführliche Erklärung" vorhanden ist. Darum geht man auf andere Artikel nicht mehr ein, sondern räth, daß überall das Konkordienbuch zum Nachschlagen vorhanden sein möge.

Die Revision der übrigen Theile der K.=O. ist gründlicher als diejenige des ersten Theils. Das dem Druck zu Grunde gelegte Exemplar befindet sich beim geistlichen Ministerium zu Rostock und zeigt eine Menge von Einschaltungen und Zettelchen, so großen und vielen, daß eine genaue Registrirung ermüdend wäre. Zweierlei verdient hervorgehoben zu werden: Meklenburg wollte


1) Vergl. Thomas, Analekten, S. 165.
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eine neue Ordnung, eine Ordnung für sich haben; daher mußte es hier besonders ändern; andererseits lagen feste Gestaltungen des Gottesdienstes vor, so daß der Rahmen der Ordnung schon gegeben war. So erklärt sich das häufige wörtliche Herübernehmen aus und das gänzliche Abweichen von der alten K.=O. Nur einige der letzteren Stellen sollen hervorgehoben werden.

"Die göttliche Ordnung des Predigtamts" ist wörtlich aus 1552 herübergenommen. Neu ist dann die Bestimmung S. 123 b Absatz 1, daß auch auf den Dörfern keine fremden Kandidaten predigen dürfen ohne Erlaubnis des Superintendenten. S. 124 a ist dann der verhängnißvolle Satz eingeschoben, daß unbeschadet der Patronatsrechte die Kandidaten, mit Vorwissen des Superintendenten präsentirt werden. S. 124 b wird für das Ordinandenexamen noch neu vorgeschrieben die Kenntniß der Form. Conc. und der revidirten K.=O. sowie der fürnehmsten Sprüche der Bibel. S. 125 a ist eingeschoben, daß die Ordinanden nicht gar zu jung oder unansehnlich sein dürfen; ebenso: der Superintendent soll Untüchtige abweisen und die Patrone vorkommenden Falls anweisen sich einen andern zu suchen. Die Ordination am Orte oder auf der Pfarre abzuhalten, steht im Belieben der Superintendenten, S. 126 b. In der forma ordinationis, S. 127, sind zwei Kollekten eingeschoben, dazu eine freie Vermahnung des Superintendenten. S. 130 wird die institutio solcher Prediger, die schon ordinirt sind, neu gegeben; 1552 fehlt sie noch ganz. Auf S. 131 ist auf das eingesetzte Konsistorium Rücksicht genommen, nur soll - entgegen 1552 - der Güstrower Superintendent Mitglied sein. Die Machtbefugniß des Superintendenten erscheint dahin erweitert, daß er zunächst die Parteien verhören darf. S. 133: Die Anzeige von Ehehindernissen soll rechtzeitig gemacht werden. Auffallend erscheint auch hier, daß die Sachen zuerst vor den Superintendenten gebracht werden sollen und erst, wenn jener mit seiner Handlung keinen Erfolg hatte, an das Konsistorium. Man sieht den Einfluß der mitarbeitenden Superintendenten, besonders Bacmeisters, von dessen Hand alle diese Zusätze geschrieben sind. S. 136: Das Protokoll der Visitatoren ist bis ins Einzelne vorgeschrieben. Die Visitation soll vorher angezeigt werden, Arbeiten der Gemeindeglieder fallen für solchen Tag aus. Beim Examen soll auch nach dem Beichtverhältniß des Pastors gefragt werden; die Gemeinde aber wird befragt, ob Jemand vor dem Abendmahl die Kirche verlasse, ob während des Gottesdienstes die Läden offen wären, oder Arbeiten verrichtet würden. Man soll sich auch erkundigen nach dem Begräbniß, S. 138, zugleich

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nach der "Beygrafft" und den "Kirchhöue". Auf S. 141-145 ist neu: Es soll aus den Archiven nachgesehen werden, ob auch nichts von den Einkünften abhanden gekommen ist; die Pastoren sollen ihre Einkünfte genau wissen. Die Pastoren werden ermahnt, ehrbar zu leben, nicht in fremdes Amt zu greifen, noch Bier zu brauen, oder in "Gilden" zu sein. Der Küster soll eine Kinderschule halten. Die Herrschaft will alles thun, damit Mängel abgestellt werden. S. 146-148, von Synodis, ist ganz neu, jedenfalls von Bacmeister, von dessen Hand es geschrieben ist.

Theil III. Aus den Worten auf S. 150 a "dieweil nu die Kirchen in diesen Landen, dieser folgenden Ordnung, des grössern teils gewont sind, lassen wir sie also bleiben" ergiebt sich schon, daß keine umstürzenden Veränderungen vorgenommen sind, wenn sich auch bisweilen eine andere Auswahl oder Anordnung findet. Die allgemeine Beichte und Absolution zu Anfang des Gottesdienstes sind in Wegfall gekommen. Nach dem Abendmahl ist eine neue Kollekte hinzugekommen, die sich von der ersten alten nur durch den Schluß unterscheidet. S. 160 wird unter Bacmeisters Hand wiederum auf die Freiheit der Ceremonien verwiesen. Eine besondere Bestimmung wird getroffen, für den Fall, daß ein Sonntag zwischen Weihnachten und Neujahr einfällt, und ebenso zwischen Neujahr und Epiphanienfest. Neu ist, daß Visitationis Mariä und Michaelis ganze Festtage sind. Die Tage der Apostel bleiben halbe Festtage und sinken zu "Betetage" herab. Eine besondere Verordnung erfährt das Pfingstfest, "als welches sehr prophanirt wird". S. 164 wird auch für die armen "Baursleut" gesorgt, daß Sie Sonnabends ihres Dienstes eher entlassen werden. Hinsichtlich des Katechismusexamen und der Auslegung der Leidensgeschichte ist die K.=O. auf den Dörfern vermehrt; besonders werden die Dorfleute ermahnt, fleißig mitzusingen. S. 168-172 ist die Gesangtafel neu. Für bas Fest Annunciationis ist eine neue Kollekte eingesetzt, ebenso für Himmelfahrt; beide sind aus der Rieblingschen Messe entnommen; ebenso die Kollekten auf Johannistag und Michaelis. Neu ist diejenige auf Visitationis Mariä. Das zweite Gebet um Friede ist neu, aber aus der Rieblingschen Messe; ebenso das dritte Gebet. Daher sind auch die Kollekten inbetreff des Reiches Gottes und seines Willens, Sündenvergebung, Erdenfrucht, Regen, Pestilenz, Türkengefahr. Neu eingeschoben "ist die Perikopentafel, ebenso Luthers Gebete wider den Türken, ebenso die Litaney nebst den ersten zwei folgenden Gebeten. Die erste Abendmahlsvermahnung steht schon 1552, die zweite ist aus der Rieblingschen

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Messe entnommen. In der Taufordnung ist die "Pathenvermahnung" neu, S. 209 b, und die zweite, S. 211 a; ebenso die Anweisung der Gemeinde für eine baldige Taufe, die der Hebammen hinsichtlich ihres Verhaltens zur Nothtaufe sowie die, warum man nicht cum condicione in zweifelhaften Fällen taufen soll; ebenso von Findelkindern, ungebornen und ungetauften Kindern, von Gevattern. In der Beichtordnung wird auf die Nothwendigkeit der Privatabsolution hingewiesen, auch das Wesen der Beichte erörtert, wie überhaupt die ganze Beichtordnung vollständiger gestellt. Ganz neu ist S. 231 "Von christlicher Kirchenzucht". Die Handschrift ist die Bacmeisters. Auffällig ist, daß entgegen Luther die K.=O. drei Arten des Bannes unterscheidet. Besonders erweitert erscheint auch der erste Absatz "Von Besuchung und Kommunion der Kranken". Ganz neu ist die Ordnung vom Begräbniß und "Wie mit Missethätern zu handeln". In der Trauordnung ist die Einleitung neu, die sich auf die Nothwendigkeit der kirchlichen Trauung bezieht; neu auch die Schlußanweisung vom Aufgebot und Wohnungsverbot, zweifelhaften Fällen, Verbot der Hochzeiten in der geschlossenen Zeit.

Theil IV, die Schulordnung. Die Einleitung ist so wörtlich herübergenommen, daß S. 264 a sogar wiederum dasteht: "Derhalben ist von Gottes gnaden Vnser Johans Albrecht vnd Ulrich, Gebrüdern, Hertzogen zu Meckelnburg, etc. ernstlich gemüt", obwohl die K.=O. doch nur in Ulrichs Namen gedruckt ist. Weiter aufgenommen ist S. 264, was 1557 weggelassen war, aus 1552 der Wunsch, daß die Landschaft und die Nachbarländer zur Universität beitragen. In den "Kinderschulen" wird die Lektüre des Donat und Kato in die zweite Ordnung verwiesen, das erste Häuflein soll dafür mehr Sprüche lernen. Die Auswahl der Lektüre der zweiten Klasse ist vielfach erweitert, ebenso die der dritten Klasse, welcher als neue Lehrmethode das "Certiren" vorgeschrieben wird. Besonders betont wird das Lernen der Grammatik. "Etliche verachten die Regeln, wollen die Sprache one Regeln lernen." Diese Thorheit soll nicht geduldet werden. Die lateinische Katechese des Chyträus wird vorgeschrieben. Ganz neu sind die Bestimmungen der Aufsichtsrechte der Superintendenten, der öffentlichen Schulexamina, des rechten Lehrganges, der Lehrergehälter, der Mädchen= und Küsterschulen. Ausgelassen ist der Passus von der Lehrerprüfung zu Rostock.

Theil V. S. 276 b wird Fürsorge getroffen, daß beim "Bauernlegen" der Pastor nicht um sein Einkommen komme. Neu ist 277 b-280 a: Die Pastoren sollen nicht mit Hofdiensten

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belegt, auch nicht ohne weiteres abgesetzt werden; ein Gnadenjahr wird festgesetzt, Verheirathung des Kandidaten mit Pfarrertochter oder der Wittwe gewünscht".

Als Anhang erscheinen die Noten des "Kyrie" und des "Gloria in excelsis", welche deshalb hinzugefügt werden, weil sie Blatt 151 nicht stehen, aber noch aus der alten Ordnung von 1545 gebraucht werden sollen.

Ein Neudruck dieser K.=O. von 1602 fand 1650 statt, durch Martin Lamprecht in Lüneburg. Meklenburg hatte ja unter dem dreißigjährigen Kriege furchtbar gelitten. Im Güstrower Lande lagen 34 Hauptkirchen und 33 Fillalkirchen wüste, und nur 149 Haupt= und 96 Filialkirchen waren in Benutzung. 1 ) Aber auch deren Vermögen war sehr gering; nur 119 Haupt= und 39 Filialkirchen waren in der Lage, die neue K.=O. bezahlen zu können. Am 20. November 1650 schreibt Herzog Adolf Friedrich an den Superintendenten zu Güstrow 2 ): Gott sei Dank, daß nun wieder Friede ist; aber die Pastoren, die wegen der Kriegsgefahr ihre Mäntel versteckt hatten, sollen jetzt gehalten werden, dieselben wieder zu gebrauchen. Auch die K.=O. waren abhanden gekommen. Am 8. Dezember 1636 bereits schreibt Lucas Bacmeister der Jüngere 3 ), Superintendent zu Güstrow, an den Herzog, daß die Soldaten die Bücher zerrissen und geraubt hätten; ein Neudruck sei erforderlich. Dabei wünscht er, daß etwas deutlicher gesetzt werden möge, z. B. da vom Ehestand in gradibus licitis und illictis gehandelt wird, welcher Punkt in der K.=O. etwas dunkel steht, weil bisweilen casus vorfallen, da die gemeinen pastores information bedürfen, und was sonsten etwa zum guten Kirchenwesen nöthig sein könnte. Bacmeister bittet deshalb erst um einen conventus aller Superintendenten. Es ist wohl infolge der Kriegswirren bei seinem Vorschlage geblieben. Denn 1650 hören wir dieselbe Klage inbetreff des gänzlichen Mangels an K.=O. 4 ) Nach dem Frieden ließ der Herzog den Neudruck vornehmen. Bei einem Besuche in Lüneburg 1649 hatte er den Drucker Lamprecht mit dem Drucke beauftragt 5 ), nachdem der Rostocker Drucker sich geweigert hatte. Gedruckt wurden für Schwerin und Güstrow je 1440 Exemplare, welche der Drucker mit 2160


1) Nachricht von Zahl der Hauptkirchen u. s. w. im Schweriner Archiv, bei den Akten zur K.=O.
2) Aus demselben Archiv.
3) Aus demselben Archiv.
4) Schreiben des Herzogs vom 7. November 1650.
5) Schreiben Lamprechts an Gerhard Meier vom 26. September 1649.
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Thalern berechnete. Aber der Kanzler Cothmann klagt, daß bei der Armuth der Kirchen die Renterei sehr belastet wäre. 1 ) Es bedurfte häufigerer Ermahnung zum Kauf 2 ), ja des Befehls, daß für die Filialkirchen je ein Exemplar, für die Hauptkirchen je zwei Exemplare angeschafft würden, eins auf den Altar, eins in die "Wedeme" des Pastors. Aber noch am 12. August 1658 3 ) klagt der Güstrower Verleger, daß die K.=O. schwer zu verkaufen sei, weil schon alle Kirchen im Lande Meklenburg hiermit versehen seien, anderswo aber wohl dieselben nicht üblich wären. Aber von den Studenten wurde sie fleißig studirt, weil sie im Examen daraus antworten sollten; ja Vorlesungen über die K.=O. wurden gehalten. 4 )

Die K.=O. von 1650 ist unveränderit diejenige von 1602; nur ist in Adolf Friedrichs Namen eine Vorrede vorangesetzt sowie ein genauer Index hinten angefügt, beides vom Parchimschen Superintendenten Prenger.


Von Adolf Friedrichs Hofkirchenordnung 1613, der erläuterten K.=O. 1708, sowie von den Arbeiten zu einer neuen K.=O. im 18. Jahrhundert und dem Neudruck von 1855 zu handeln, mag einer späteren Arbeit vorbehalten bleiben.

Vignette

1) 29. Juni 1652.
2) Brief des Herzogs an Superintendent Arnold.
3) sowie 1 ) und 2 ), aus dem Schweriner Archiv.
1) 29. Juni 1652.
2) Brief des Herzogs an Superintendent Arnold.
4) L. Bacmeister kündigt am 28. Februar 1655 eine solche an.
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II.

Die steinzeitlichen Fundstellen in Meklenburg.

Von
Dr. Robert Beltz .
~~~~~~

I n dem letzten Bande der Jahrbücher des Vereins für Meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde (63, S. 1 ff.) ist ein Verzeichniß der neu bekannt gewordenen steinzeitlichen Fundstücke gegeben, soweit sie sich in den Schweriner Sammlungen befinden. Die Zahl der Gegenstände war groß genug, um eine Uebersicht über das gesammte Material an steinzeitlichen Geräthen und Geräthformen bieten zu können. Mehr nicht; eine Geschichte der einzelnen Geräthtypen und damit eines Theils der steinzeitlichen Kultur überhaupt vermochten wir auf Grund der Einzelformen allein noch nicht zu geben. Dazu gehört eine eingehendere Berücksichtigung der Fundstellen und Fundverhältnisse. Einen Beitrag dazu sollen die folgenden Mittheilungen bilden, indem neben einem Ueberblicke über die wichtigsten, bisher bekannten Fundstellen der Steinzeit die neuerdings untersuchten beschrieben werden. Groß ist die Zahl der letzteren nicht; die stattlichsten und werthvollsten Denkmäler der Steinzeit, die Hünengräber, befinden sich meist in einem Zustande trauriger Verwüstung, und das unschätzbare Material zur Kenntniß der ältesten Geschichte des Landes, welches sie einst bargen, ist unbeachtet vernichtet. Aber eine zeitliche Ordnung der steinzeitlichen Funde in großen Umrissen ermöglichen sie doch. Und mit der Festlegung der relativen Chronologie muß sich - neben der Klarstellung der Kulturbeziehungen zu andern Gebieten - die vorgeschichtliche Archäologie bisher im Wesentlichen begnügen. Kulturgeschichte können wir noch nicht schreiben.

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Ein zweiter Gesichtspunkt für uns war die Vertheilung der Funde über das Land, das erste Blatt der Besiedelungsgeschichte Meklenburgs. Gleichzeitig mit diesem erscheint eine vorgeschichtliche Karte (Vier Karten zur Vorgeschichte von Mecklenburg, bearbeitet von Dr. R. Beltz auf Grund der Peltz'schen Höhenschichtenkarte 1:400000. I. Die Steinzeit. Verlag von W. Süsserott, Berlin), in der die Orte der charakterisirbaren Funde eingetragen sind. Es wird sich daraus ergeben, daß gewisse Gruppen steinzeitlicher Fundgebiete vorhanden sind, deren Bedeutung auf kartographischem Wege allein nicht zu erhellen ist und zu deren Erklärung die folgenden Zeilen beitragen wollen.

Die Gräber der Steinzeit.

1. Form.

Die bekanntesten Gräber der Steinzeit 1 ) sind die großartigen "Hünengräber", deren gemeinsames Merkmal die aus großen Steinblöcken errichtete Grabkammer ist. Doch sind die Hünengräber, wie wir sie, dem hier geltenden Sprachgebrauche folgend, weiter nennen wollen, durchaus nicht die einzigen Grabstätten steinzeltlicher Bevölkerung. Wir haben außerdem flache Erdhügel im Charakter der Hünengräber, aber ohne Steinkammer, die ohne Zweifel auch als Grabstätten benutzt sind, ferner Steinkistengräber unter der Erdoberfläche, aus flachen Platten errichtet, und zuletzt Skelettgräber ohne Steinsetzungen.

Daß diese vier Gruppen in derselben Zeit neben einander zur Anwendung gekommen sein sollten, ist nicht anzunehmen; im Allgemeinen wird die oben gegebene Reihenfolge auch die chronologische sein, doch ist die Frage auf Grund des vorliegenden Materials noch nicht zu entscheiden, ebensowenig wie die andere,


1) Litteratur über die Hünengräber: Schröter und Lisch, Friderico-Francisceum 1837, S. 24 und 72 ff. - A. de Bonstetten, essai sur les dolmens. Genf 1865. - Montelius, Kultur Schwedens in vorchristlicher Zeit, übersetzt von Appel. Berlin 1885, S. 17. Antiquarisk tidskrift XIII, S. 1 ff.- S. Müller, Nordische Altertumskunde, deutsche Ausgabe. Straßburg 1897, S. 55 ff. - H. Petersen, Die verschiedenen Formen der Steinalterräber; übersetzt vonJ. Mestorf. Archiv für Anthropologie, Bd. XV. Braunschweig 1885. - A. P. Madsen, Gravhöje og Gravfund fra Stenalderen i Danmark. Kopenhagen 1896. - Krause und Schötensack, Die megialithischen Gräber Deutschlands. I. Altmark. Zeitschrift für Ethnologie. Berlin 1893. - A. Meitzen, Siedelung und Agrarwesen der Germanen u. s. w. Berlin 1895. Bd. III, S. 95 ff.
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wie weit Gründe lokaler Art mitgewirkt haben (so scheint unsere zweite Gruppe sich auf ein ziemlich enges Gebiet zu beschränken) oder welche auswärtigen Einflüsse eine Veränderung in der Gestaltung der Gräber herbeigeführt haben.

I. Steinkammern.

Schon im Friderico-Francisceum 1837 sind Seite 24 und 72 zwei Arten steinzeitlicher Gräber geschieden, als:

I. "Steinkisten." Gräber ohne Erdhügel aus großen Steinplatten, auf der hohen Kante in der Grundform eines Vierecks aufgerichtet, auf denen ein großer Deckstein ruht.

II. "Hünengräber." Gräber in Gestalt eines langen Rechtecks, am Rande begrenzt von Granitpfeilern, innerhalb welcher ein niedriger, gewölbter Erdhügel aufgeschüttet ist, den, durch Unterlagen gestützt, große Decksteine überragen, gewöhnlich vier an der Zahl.

Mit dieser Zweitheilung der Kammergräber kommen wir im Allgemeinen völlig aus und werden uns in der tabellarischen Uebersicht unten auf sie beschränken, wobei wir, um Mißverständnisse zu vermeiden, für Steinkisten Steinkammern und für Hünengräber Hünenbetten sagen werden; je nachdem die Steinkammer einen oder mehrere Decksteine hat, mögen sie als kleine oder große Steinkammern bezeichnet werden.

Eine weitere Besprechung der Hünengräber hat Lisch 1865 in den Jahrb. 30, S. 9 ff. gegeben, zu deren Resultaten wir nur wenig hinzuzufügen haben. Der erste Satz, "die ältesten Gräber des Menschengeschlechts sind ohne Zweifel die aus großen Steinblöcken auf dem natürlichen Erdboden aufgebauten Grabkammern, deren Steinbau von außen sichtbar ist", ist allerdings nicht haltbar und dem verehrten Forscher wohl nur in dem Entdeckerenthusiasmus entschlüpft, der ihn damals (1864) angesichts der Wismarschen Pfahlbauten beseelte. Es ist selbstverständlich, daß die gewaltige Arbeit, welche die Errichtung der Steinkammern erforderte, nur von einem Volke, das schon einen weiten Kulturweg zurückgelegt hatte, geleistet werden konnte, und daß die ältere Annahme von Lisch selbst, der in dem schlicht im Kiessande "liegenden Hocker" von Plau eine Bestattungsart des "Urvolkes" sah, das richtigere trifft.

Wir scheiden nach der Form der Grabkammern einfachere und zusammengesetztere Anlagen. Die ersten bestehen aus einem annähernd quadratischen Raum, der durch einen größeren Deck=

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stein oben abgeschlossen ist, welchen (gewöhnlich vier) Tragsteine hatten. Sehr selten sind in Meklenburg rundliche Grabkammern. (Mestlin, ohne genauere Angabe, Jahrb. 27, S. 165; Stassow, dreiseitig, Jahrb. 38, S. 110.) Als eine Erweiterung der einfachen Steinkammer ist aufzufassen die mit mehreren Decksteinen, gewöhnlich vier, sehr selten mehr. Ueber die Lage des Einganges liegen ausreichende Berichte nicht vor; bei den genauer untersuchten fand er sich meist auf der Breitseite. Ein Beispiel dafür bildet das wichtige Grab von Alt=Sammit (Jahrb. 26, S. 136) und das neu aufgegrabene von Zarnewanz (s. u. S. 110). Aus dem Umstande, daß der Eingang bei Alt=Sammit nicht in der Mitte liegt, schloß Lisch mit Recht auf eine allmähliche Aufführung bezw. Erweiterung dieser Gräber. Dafür, daß der Eingang durch einen aus größeren Pfeilern errichteten Gang gebildet ist, wie in den berühmten skandinavischen "Ganggräbern", 1 ) findet sich in Meklenburg nur einmal eine Andeutung (bei Tankenhagen, S. Jahrb. 37, S. 198); wohl aber wird der Eingang öfter durch kleinere Platten begrenzt. Soweit die Form der Grabkammer. Ferner ist zu beachten ihr Verhältniß zu dem sie umgebenden Boden und weiteren Steinsetzungen.

Heute stehen die Steinkammern entweder frei auf dem Boden auf oder es sind nur die Decksteine sichtbar. Es fragt sich, ob die Gräber schon bei der Anlage als freistehende Bauten gedacht sind oder erst später der Erdmantel geschwunden ist" Wahrscheinlicher ist das letztere. Ursprünglich sah man wohl überall nur den Deckstein. Daß auch dieser bedeckt war, ist sehr selten, doch haben wir in Meklenburg auch dafür vier sichere Beispiele (Tankenhagen, s. Jahrb. 37, S. 197; Nesow, Jahrb. 26, S. 131; Blengow, Jahrb. 37, S. 195; Dobbin bei Dobbertin; vielleicht auch Mestlin 2, Jahrb. 31, S. 58). Wo die Erdumhüllung unversehrt erhalten ist, sieht man, wie die Grabkammer auf dem natürlichen Boden, seltener ebenem, meist auf einer natürlichen Erhebung oder doch dem höchsten Theile des betreffenden Feldes angelegt und dann mit Erdanschüttungen umgeben wurde, entweder nach allen Seiten gleichmäßig, so daß die Kammer auf einem runden Hügel steht oder einer länglichen Wölbung, wo sich die Grabkammer fast stets nahe dem einen Ende, gewöhnlich dem östlichen, findet. Auch Uebergangsformen, wie ovale Hügel, kommen häufig vor.


1) S. Müller, Nordische Alterthumskunde S. 77 ff.
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Nach außen ist der Bezirk des Hünengrabes mit einer Umfassung von einzelnen Steinen umgeben gewesen. Heute sind diese Steine meist entfernt; ursprünglich haben wir sie wohl überall vorauszusetzen, von Einzelfällen natürlich abgesehen. Das Haus des Todten ist primitiven Völkern ein geweihter Bezirk, der seine Abgrenzung gegen die profane Außenwelt verlangt. Wir halten es darum nicht für angebracht, zwischen "Rundgräbern" und "Steinkammern" zu scheiden; ein rundlicher Steinkranz wird auch bei den letzteren bestanden haben.

Anders liegt es bei den Steinkammern mit länglichem Erdauftrag, die wir mit dem herkömmlichen Namen als "Hünenbetten" bezeichnen. Der "umgekehrt muldenförmige" Hügel ist mit Granitpfeilern umsetzt, die an den vier Ecken besonders stark zu sein pflegen, dieses die sog. Wächter. Der Hügel bildet ein schmales, längliches Rechteck; das Verhältniß von Länge und Breite ist sehr ungleich. Die Grabkammer findet sich gewöhnlich nahe dem östlichen Ende; mehrere Grabkammern sind selten; ein Beispiel (von Moltzow) mit vier Kammern s. Jahrb. 6 B, S. 134; ein Beispiel, wo die Grabkammer in der Mitte lag (von Remlin), s. Jahrb. 9, S. 263 ff. Ueber den Eingang zu den Grabkammern der Hünenbetten fehlen in Meklenburg noch genauere Beobachtungen; nach Beobachtungen in der Altmark (Krause und Schötensack, a. a. O., S. 19) soll er gewöhnlich an der Schmalseite liegen.

Wenn man die eben angegebenen Grundzüge der meklenburgischen Hünenbetten, die den altmärkischen und wohl auch hannoverschen völlig entsprechen, mit den dänischen (besonders nach der Schilderung Müllers, N. A., S. 63 ff.) vergleicht, so ergeben sich wesentliche Unterschiede: das dänische Hünenbett hat in der Regel 1. mehrere Grabkammern oder die Grabkammer in der Mitte; 2. den Eingang zu der Grabkammer regelmäßig an der Längsseite des Hügels; 3. kleine, d. h. mit einem Deckstein geschlossene, Steinkammern. Dementsprechend konnte Müller die Hünenbetten einfach als Begräbnißplätze auffassen, bei denen die Grabkammern nach und nach eingefügt wurden. Diese Erklärung fällt selbstverständlich für die deutschen Hünengräber fort, wo eine (oder wenige) Grabkammern an den Enden die Regel ist. Wir können uns dem Gedanken nicht verschließen, daß der eigenthümlichen Anlage irgend ein Sinn zu Grunde liegen muß," und da scheint uns das nächst liegende zu sein, daß, wie das Grab das "Haus des Todten" ist, die Umfassungssteine die Umfriedigung seiner Behausung, also den Hausbezirk, den

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Hof, darstellen. Der (länglich) rechteckige Hof mit dem Hause an einem Ende, von dessen Thür aus man den Hof übersieht, ist ja eine der einfachsten Formen der Siedelung, wie sie noch in der Gegenwart in dem niedersächsischen Hause und schon im homerischen Griechenland in der Odyssee anklingt (vergl. die Situation im ersten Buche V. 103 ff.); wenn dort (9, 185 ff.) die Behausung des Cyklopen geschildert wird als umgeben von einem Gehege (αύλή) κατωρνχέεσσι λίδοισι (aus eingegrabenen Steinen) mit Bäumen

                              . . . . . . . herum war
Hoch ein Gehege gebaut aus eingegrabenen Steinen
Und aus mächtigen Fichten mit hochbewipfelten Eichen

so klingt das fast wie eine Beschreibung der Umfassung unserer Hünengräber. Dieser den Hof nachahmende Raum vor dem Grabe wird zu Opfern u. dergl. gedient haben, die den in der Steinkammer Beigesetzten gebracht sind. So erklären sich die kleineren Steinsetzungen, Kohlen=, Aschen= und Knochenreste, die in dem Erdmantel sich finden.

Sehen wir also in den Hünenbetten eine Darstellung des Hofraums, so müssen wir auch der Frage näher treten, ob und wie weit die Steinkammer selbst eine Nachahmung der Wohnung enthält. Es ist bekannt, daß der berühmte schwedische Archäologe Nilsson 1 ) die großen Ganggräber mit den Winterwohnungen der Eskimos zusammenstellte und in ihnen eine eigenartige nordische Wohn= und Grabform sah. Die Ansicht ist scharf bekämpft von Müller (N. A., S. 128 ff.); sie genügt in der That nicht, die Entstehung der Steinkammergräber zu erklären, denn das Ganggrab ist nur eineForm der steinzeitlichen Gräber und sicher nicht die älteste; aber anderseits ist die Uebereinstimmung der Eskimohäuser (und der lappischen Gamme, s. z. B. Meitzen, a. a. O., III, S. 106) eine so schlagende, daß man sich der Analogie nicht wohl entziehen kann. Für uns hat die Frage keine entscheidende Bedeutung, da die Ganggräber eine in Deutschland nur vereinzelt auftretende Form sind.

Die Mehrzahl der jetzigen Alterthumsforscher sieht nach dem Vorgange Mortillets in den megalithischen Gräbern Nachahmungen der Felsgräber, künstlich hergestellte Grotten (vergl. auch Meitzen III, S. 98 ff.). Der Gebrauch dieser künstlichen Höhlen hat sich nach ihnen vom Orient über Nord=Afrika, die Küstenländer des westlichen Europas entlang nach dem Norden


1) Ureinwohner des schwedischen Nordens I, 1863.
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übertragen, natürlich nur als Grabgebrauch; von Höhlenwohnungen kann hier, wo es keine Höhlen giebt, nur in übertragenem Sinne die Rede sein. 1 ) Diese Ableitung unserer Hünengräber, zu der ihre geographische Verbreitung zu nöthigen scheint, schließt nun aber durchaus nicht aus, daß das Grab der wirklich gebrauchten Wohnung so ähnlich gestaltet wurde, wie es eben bei dem Streben, die Behausung des Todten so unvergänglich wie möglich zu machen, angängig war.

Begreiflicher Weise sind Reste steinzeitlicher Wohnstätten nur in geringer Anzahl hinterlassen. Wir werden unten darauf zurückkommen; bei Pölitz z. B. waren es kreisrunde (sonst auch ovale) Gruben, ungefähr 1,30 Meter tief unter der Bodenoberfläche (Jahrb. 34, S. 203 ff.). Gedeckt waren diese Wohngruben mit einem Erdaufwurf oder Flechtwerk mit Lehmbewurf: eine primitive Form der Behausung, die noch heute in den einfacheren Gammen der Lappen u. s. w. erhalten ist; vergl. z. B. die Abbildungen zu Montelius' Abhandlung über die Urform des arischen Hauses im Archiv für Anthropologie 1893/94 (Bd. XXIII). Das sind aber die wesentlichen Züge des Steinkammergrabes: annähernd centrale Anlagen unter der Erde, bei denen nur die Decke, hier der Deckstein, sichtbar ist.

Wir haben bisher vorausgesetzt, daß die kleine Steinkammer, wie die einfachste, so auch die älteste Form des Hünengrabes darstellt. Das ist in der That die Ansicht der meisten Archäologen, für deren Begründung auf S. Müllers Ausführungen, S. 68 ff. verwiesen sein mag. Unter unseren Gräbern sind besonders lehrreich die von Leisten: einfache Steinkammern auf rundlichem Hügel, in welchen nur Gegenstände von älterem Typus, z. B. ein scharfkantiger Meißel, gefunden sind; ebenso enthält ein einfach gebautes Hünengrab von Neu=Gaarz nur primitive Sachen. (Vergl. Tabelle II, S. 98 ff.)

Ist aber auch das einfache Steinkammergrab die ältere Form, so unterliegt es mir wenigstens keinem Zweifel, daß es neben der entwickelteren auch weiter bestanden hat. Gerade in Meklenburg ist sehr oft beobachtet, daß Hünenbetten und Steinkammern in unmittelbarer Nähe neben einander stehen, so bei Mechelsdorf, Roggow, in dem Jameler Forst, bei Karow, Vietlübbe, Benzin (nach Zeichnungen von Zinck 1806, bei den Akten


1) Lisch spricht oft von Höhlenwohnungen, so Jahrb. 31, S. 53; 34, S. 203, 232; doch ist der Ausdruck irreführend und durch Wohngrube zu ersetzen (s. unten).
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der Großherzoglichen Kommission zur Erhaltung der Denkmäler), Dabel u. s. w. Die kleine Steinkammer ist die am weitesten verbreitete Form; das Hünenbett "hat die engsten Verbreitungsgrenzen von allen Grabformen der Steinzeit" (Müller S. 65), es beschränkt sich auf Dänemark und Norddeutschland westlich der Oder.

Gestützt auf die oben hervorgehobenen Unterschiede zwischen den deutschen und den dänischen Hünenbetten stehen wir nicht an, in den ersteren eine lokale Entwickelung der überkommenen Form zu sehen. In dem Herausschälen räumlich beschränkter Typen liegt eine Hauptaufgabe der Alterthumsforschung; gar zu sehr haftet der Blick der meisten Forscher auf den gemeinsamen Zügen und wird so leicht zu falschen Verallgemeinerungen verführt, zu denen besonders die Konstruktion eines "Dolmenvolkes" zu rechnen ist Zuerst sprach von Bonstetten es aus, daß alle Dolmen (bekanntlich der französische Ausdruck für Hünengräber) von Afrika bis Skandinavien einem und demselben Volke angehörten (a. a. O., S. 40) und vermuthete einen Stamm finnischer ("skythischer") Art. Noch neuerdings setzte Meitzen (a. a. O. III, S. 106) dafür Iberer ein. Beide nahmen eine von Süden nach Norden gehende Wanderung prähistorischer Völker an. Umgekehrt hat man sogar germanischen Stämmen alle Hünengräber zuschreiben wollen und sie für Denkmäler der Wikingerzeit (!) erklärt (von Löher, Westermanns Monatshefte XXIV, Heft 406, S. 540 ff.). Das sind müssige Kombinationen. Sicherlich besteht ein Zusammenhang zwischen dem Gürtel von Hünengräbern, aber zu der Erklärung desselben braucht man weder ein Volk noch auch eine Völkerwanderung zu konstruiren, sondern die Uebertragung eines Grabgebrauchs oder vielleicht Kultusgedankens genügt völlig. Die Frage nach den Erbauern der Hünengräber ist lokal zu beantworten. Und da scheint es mir nach neueren Forschungen unzweifelhaft, daß wir in Meklenburg schon in dieser Periode eine germanische Bevölkerung anzunehmen haben; Meklenburg gehört zu der "germanischen Urheimath" (Kossinna, Indogerm. Forschungen VII, 1896, S. 279), welche außerdem Südskandinavien, Dänemark, Schleswig=Holstein, Pommern bis zur Oder und wohl auch die Altmark und das östliche Hannover umfaßte. 1 )


1) Da ich das große Werk von Meitzen "Siedelung und Agrarwesen" öfter genannt habe, sei hier bedauernd ausgesprochen, daß der verdienstvolle Verfasser sich durch seine unselige Theorie, die Germanen seien bis zum Beginn unserer Zeitrechnung Nomaden gewesen, das Verständniß (  ...  )
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II. Hünenbetten ohne Steinkammern.

Eine eigenartige Grabform, die mir außerhalb Meklenburgs nicht bekannt geworden ist, ist die des Hünenbettes, in dem eine aus größeren Steinen gebildete Grabkammer sich nicht findet, welches aber gewöhnlich durch Querwände abgetheilt ist. Man könnte an einen Zufall, Zerstörung der Steinkammer etwa, denken; doch ist dazu die Zahl der Gräber zu groß (16), und, was besonders zu beachten ist, sie bilden im Wesentlichen eine geschlossene Gruppe in der Gegend um Wittenburg, wo andere Hünengräber überhaupt nicht bekannt geworden sind. Die Ausgrabungen sind älteren Datums, stammen aber meist von dem zuverlässigsten Berichterstatter dieser Zeit, dem damaligen Pastor Ritter in Wittenburg. Die vorliegenden Fälle sind: 1 )

1. Karft. 40 m lang, 8 m breit. Querschicht von Steinen, 7 m vom Ostende. In der kleineren Abtheilung Gefäßscherben und Kohle; in der größeren eine Brandgrube und Reste eines Beerdigten mit einem Bernsteinstück.

2. Wittenburg. 7,4 m lang, 6 m breit. Keine Querschicht. Keil und Meißel aus Feuerstein.

3. Püttelkow. 33 m lang, 8,5 m breit. Schon gestört.

4. Helm. 11,5 m lang, 6 m breit. Durch zwei Querschichten in drei Abtheilungen, von diesen zwei wieder in je drei Kammern getheilt. Auf der Oberfläche lagen decksteinartige Blöcke. Inhalt: Feuersteinmesser und Gefäßscherben.

5., 6. Perdöhl. 1) 16,5 m lang, 5 m breit. Kein Inhalt, 2) 25 m lang, 3,5 m breit. Zwei Querschichten. In der mittleren Abtheilung ein Skelett ohne Beigaben, sonst Kohlen und Scherben.

7.-9. Goldenbow. 1) 24 m lang, 5,5 m breit. Kein Inhalt 2) 2,25 m lang, 6 m breit. Scherben, am westlichen Ende ein Steinkreis mit einem Granitblock auf stufenartig (!) gelegten Steinen (Altar??). 3) 33 m lang, 5,5 m breit. Zwei Gefäße.

Soweit die Wittenburger Gruppe.

10. Brüsewitz bei Schwerin. 30 m lang, 4 m breit. Eine Querschicht, die eine Abtheilung in zwei Kammern getheilt. Calcinirte Feuersteine und Kohlen.


(  ...  ) der deutschen Vorgeschichte völlig verbaut hat, trotzdem schon 1892 R. Much (Zeitschrift für deutsches Alterthum, 36, S. 104 ff.) eindringlichst dagegen Einspruch erhoben hat.
1) Die Litteraturnachweise s. i" dem Verzeichniß S. 95.
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11. Rosenberg bei Gadebusch. 7 m (ang, 3,5 m breit. zahlreiche Messer und Keile aus Feuerstein, auch Bernsteinperlen mit jüngeren Beimischungen). Schon gestört?

12., 13. Siggelkow bei Parchim. 1) Grab von ovaler Form (sehr selten), 39 m lang, 1,3 bis 2,6 m breit; doppelte Querwand 2,5 m von dem einen Ende; in der kleineren Abtheilung zwei Feuersteinkeile und Scherben. 2) In zwei ziemlich gleiche Hälften getheilt. Gefäß.

14. Lübow bei Wismar. Form? Knochen, zum Theil angebrannt, zum Theil nicht, von einem Pferde. 5 Gefäße, 2 Feuersteinkeile.

15. Garvsmühlen bei Neubukow (?, s. unten).

16. Zarnewanz bei Tessin (s. unten).

Mit Steinkammer, sonst gleich:

Prieschendorf bei Grevesmühlen. 9 m lang, 5,5 m breit. In der Mitte eine leere Steinkammer, nach beiden Seiten Urnen und zahlreiche Steinsachen.

Die Ausstattung dieser Gräber gleicht ganz der der Steinkammergräber, und ein zeitlicher Unterschied tritt nicht hervor. Doch werden Sie einem jüngeren Abschnitt dieser Periode angehören, in dem die Errichtung der großen Steinkammern nicht mehr nöthig schien. Die Wittenburger Hünengräber bilden die am weitesten nach Südwesten vorgeschobene Gruppe (s. unten S. 92 über die Verbreitung der Hünengräber); es scheint fast, daß erst gegen das Ende der jüngeren Steinzeit diese Gegend besiedelt ist.

III. Steinkisten.

Im Gegensatz zu den aus großen Steinblöcken aufgethürmten Gräbern bezeichnet man als Steinkisten eine Begräbnißart, wo aus flachen Steinplatten ein länglicher Raum geschaffen ist, der mit ebenfalls flacheren Steinplatten, meist aus Sandstein, überdeckt und durch einen kleineren Erdhügel geschlossen ist. Der Unterschied von dem Steinkammergrab ist wesentlich: es fehlt besonders der Eingang; der Gedanke an die Behausung verschwindet.

Zuerst ist diese Grabform für Schweden nachgewiesen (von Montelius, Compte rendu du congrès de Stockholm 1876, I, S. 162 ff.), dann für Dänemark (von Petersxfen, a. a. O., S. 141; vergl. auch S. Müller, a. a. O., S. 114 ff.). Daß sie an das Ende der Steinzeit gehören, wird durch ihren Inhalt, zu dem gelegentlich schon Bronzen gehören, bewiesen.

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In Meklenburg haben ausreichende Untersuchungen dieser Grabform noch nicht stattgefunden. Daß Sie auch hier vorhanden sind, beweisen z. B. folgende Beobachtungen:

1. Hohen=Wieschendorf bei Wismar. In einem Sandberge mehrere Gräber von 1,5 m Länge, 0,75 m Breite, "mit Steinen ausgesetzt". In einem ein Thongefäß und 7-8 Keile, in den andern nur Keile.

2. Malchin. In einem höheren Sandberge 5 bis 6 "mit großen Steinen ausgesetzte Gräber" mit Skeletten und Steingeräthen.

3. Moltzow bei Waren. Hünenbett von 27 m Länge, 6 m Breite, umgeben von Steinpfeilern (dieses sonst nicht bei dieser Grabform), darin 4 (vielleicht 5) Kisten "aus großen, flachen, gespaltenen, rothen Sandsteinen" mit ebensolchen Deckeln, von denen einer 1,8 m lang, 0,9 m breit und 10 cm dick war. In den Kisten nur Gefäße.

4. Basedow (s. unten), überdeckt mit einem Steinhügel; das einzige Grab, von dem ein Bericht über die Bestattungsart vorliegt.

Besonders der letzte Fund giebt deutlich den Typus des Steinkistengrabes; leider liegen bisher keine weiteren Beobachtungen vor; in Pommern sind Sie schon häufiger, S. Schumann, Kultur Pommerns, S. 20 und Nachrichten über deutsche Alterthumsfunde 1898, S. 98.

IV. Skelett= und Brandgräber unter Bodenniveau.

Als vierte Gruppe steinzeitlicher Gräber möchten wir die "Skelettgräber ohne Steinkammer unter Bodenniveau" bezeichnen, denen wir die noch sehr seltene Bestattung durch Leichenbrand anschließen. Es sind in unseren Nachbarländern mehrfach Gräber, gewöhnlich in Muldenform, gefunden, oft von einem kleinen Hügel überwölbt, in denen ein Leichnam mit Steingeräthen lag. Eine systematische Untersuchung solcher Gräber hat in Meklenburg noch nicht stattgefunden; daß sie auch hier vorhanden sind, ist sicher. Es liegen folgende Beobachtungen vor:

1. Bei Schwansee bei Dassow wurde um 1870 ein "Hünengrab" abgetragen, "in dem sich eine ausgehöhlte Eiche fand, in welcher ein menschliches Gerippe lag; neben dem Gerippe lag ein nicht geschliffener Keil und eine durchbohrte Streitaxt" (Lisch, Jahrb. 36, S. 132). Analoge Beobachtungen in

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Schleswig=Holstein machen wahrscheinlich, daß es sich hier um ein Grab unter Bodenniveau handelt (vergl. Splieth, 40. Bericht des Schl.=Holst. Museums, 1894, S. 20).

2. Bei Roggow bei Neubukow fanden sich 1822 im trocknen Sandboden über 2 m tief eine Anzahl (12-16) Gerippe, um ein in der Mitte liegendes gruppirt, daneben Steinsachen und Thongefäße, S. Jahrb. 9, S. 366. Bei demselben Orte wurde 1865 ein zweiter Begräbnißplatz aufgedeckt, aber ohne Beigaben, s. Jahrb. 31, S. 57.

3. Bei Gottesgabe bei Gnoien fand sich 1859 neben einem menschlichen Gerippe eine Lanzenspitze; Steinsetzungen werden nicht erwähnt, S. Jahrb. 26, Q. 2.

4. Bei Sanitz bei Tessin stieß man 1824 bei der Anlage einer Mergelgrube auf einen "ausgehöhlten Eichenstamm", in welchem zwei Feuersteinkeile und eine Lanzenspitze lagen.

5. Basedow. s. unten.

Ob auch der folgende Fund hierher zu rechnen ist, ist sehr zweifelhaft.

6. In den Jahren 1877 und 1879 sind auf der kleinen Insel im Ostorfer See bei Schwerin eine Anzahl steinzeitlicher Gegenstände gefunden, welche zum größten Theile in die Großherzogliche Sammlung gelangt sind. (Vergl. Lisch, Jahrb. 43, S. 193 und 44, S. 69.) In der Nähe von (angeblich acht) Skeletten fanden sich drei schöne Feuersteinkeile, Schmalmeißel, Feuersteinmesser und Thongefäße, welche Jahrb. 63, S. 80 abgebildet und besprochen sind. Die Schädel hat Professor Merkel Jahrb. 49, S. 1 ff. behandelt. Leider ist es ungewiß, ob wir es hier überhaupt mit einem Grabe zu thun haben. Die Zugehörigkeit der Schädel zu den Steinartefakten ist fraglich; der Eichaltungszustand der Schädel ist so vorzüglich, daß wir ihnen kaum ein so hohes Alter zuschreiben dürfen. Lisch sah daher in dem Funde eine Wohnstätte; dafür spricht auch die große Zahl der Feuersteinmesser, welche in Grabfunden nur ganz vereinzelt vorkommen.

Lisch sah in diesen Gräbern die Grabstätten der großen Masse des Volkes, dessen Fürsten in den Steinkammern beigesetzt wurden. 1 ) Dagegen spricht aber, daß die Steinkammern durchaus


1) Aehnlich schon 1521 Marschalk Thurius: tumulus e lapidibus in colle plerumque suggestis saxo maximo superimposito. Procerum hoc ut arbitror sepulturae genus fuit. Nam multi. . . . S. Lisch, Text zum Friderico-Francisceum, S. 16.
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keine Fürstengräber sind, sondern oft eine sehr beträchtliche Menge (in Dänemark bis 70) von Leichen enthalten. Nordische Archäologen neigen daher, und ich glaube mit gutem Rechte, dazu, die Flachgräber als eine besondere Grabform an das Ende der Steinzeit zu setzen, so S. Müller, Nordische Altertumskunde, S. 119 ff. Jedenfalls unterscheiden Sie sich nicht nur durch die Form, sondern auch durch die Grabausstattung von den megalithischen Denkmälern. Vergl. darüber besonders J. Mestorf, Zeitschrift für Ethnologie, 1889, Verhandlungen, S. 468 und Mittheilungen des anthropologischenVereins in Schleswig=Holstein, 1892, Heft 5, S. 9 ff., 1899, Heft 12, S. 26. In diesen Abhandlungen wird zum ersten MaIe auf die Eigenart dieser Grabform hingewiesen, und allein aus Holstein sind nicht weniger als 55 Fundorte aufgezählt Auch in Pommern kommen sie mit derselben Ausstattung vor (S. Schumann, Nachrichten über deutsche Alterthumsfunde 1894, S. 81 und 1898, S. 98; Kultur Pommerns, S. 20), auch in der interessanten Uebergangsform, daß in der Erde frei liegende Leichen von einem großen Stein überdeckt sind (S. Schumann, Nachrichten über die Alterthumsfunde, 1896, S. 95), sodaß wir eine sehr bemerkenswerthe Gleichheit der Grabgebräuche auf dem Gebiete der nordischen Steinzeit nachweisen können. In der Aufspürung und Ausbeutung von Gräbern der besprochenen Form auch auf unserem Boden liegt eine Aufgabe der heimischen Alterthumsförschung.


Daß am Ende der Steinzeit gelegentlich auch die Beisetzung der Reste verbrannter Leichen in Thongefäßen stattgefunden hat, kann nach neueren Funden keinem Zweifel unterliegen. Es sei nur für Brandenburg auf den Fund von Warnitz hingewiesen (Olshausen, Zeitschrift für Ethnologie, 1897, Verhandlungen, S. 182; Goetze, Vorgeschichte der Neumark, S. 16), für Westpreußen auf den von Liebenthal (Olshausen, a. a. O., 1892, S. 153). Besonders lehrreich ist der Fund von Bergedorf bei Hamburg, wo in unzweifelhaft steinzeitlichen Gefäßen, den bekannten "Bechern mit geschweifter Wandung" und Schnurornament, wie sie z. B. Jahrb. 63, S. 84 abgebildet sind, Leichenbrandreste mit einem kleinen Steinhammer und Bronzeringen sich fanden; die Gefäße standen frei in der Erde. (Vergl. Hagen, Correspondenzblatt der deutschen anthropologischen Gesellschaft, 1897, S. 158.)

Für Meklenburg lag bisher nur eine dahin gehende Beobachtung vor: 1823 sollte auf dem Malchower Stadtfelde
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"beim Ausroden von Stämmen eine Urne mit Asche und Gebeinen" gefunden sein und darin eine Lanzenspitze mit Stiel (Grundform II. b. 2 nach Jahrb. 63, S. 51. Die dort gegen den Fund erhobenen Bedenken muß ich jetzt zurücknehmen.). Neuerdings ist bei Tannenhof bei Lübz ein ähnlicher Fund gemacht (s. unten): in einem Sandberge fand sich eine ganz kleine Urne (7 cm hoch), darin zwischen verbrannten Gebeinen zwei Pfeilspitzen der bekannten Form; da gerade Pfeilspitzen in der Metallzeit weiter gebraucht sind, dürfen wir den Fund noch nicht ohne Weiteres in die Steinzeit versetzen, sondern sind hier noch genauere Nachforschungen erforderlich. Ueber ein zweites Grab, das von Garvsmühlen, s. unten.

Auch in Meklenburg=Strelitz ist 1881 ein interessanter Fund der Art gemacht, welcher in das Neubrandenburger Museum gelangt ist. In einem Steinkistengrabe bei Friedland fand sich eine amphorenförmige Urne mit Schnurornament und Henkeln an der stärksten Ausbauchung (wie Goetze, a. a. O., Fig. 3, eine Norddeutschland fremde Form) mit gebrannten Gebeinen.

Weitere Beobachtungen aus diesem Gebiete sind ganz besonders erwünscht. Bekanntlich haben wir keine Grabstätten aus der ältesten Bronzezeit, sind aber bisher geneigt gewesen, in der Grabform der entwickelten Bronzezeit eine Weiterbildung der Hünengräber zu sehen. Hat sich aber am Ende der Steinzeit die Anschauung, dem Todten gebühre ein festes Haus, schon so weit verflüchtigt, daß die Beisetzung in Flachgräbern (ohne und mit Leichenbrand) genügte, so bieten die Kegelgräber eine ganz neue Erscheinung, deren Entstehung wir wo anders suchen müssen, als im heimischen Boden.

2. Verbreitung.

Aus der Tabelle II ergiebt sich, daß die 164 Orte, von denen Hünengräber, d. h. Steinkammern und Steinkistengräber, bekannt geworden sind, sich in sehr ungleicher Weise über das Land verbreiten. Am dichtesten gedrängt liegen sie in den Amtsgerichtsbezirken Malchow (14 Fundorte) und Tessin (13); diesen schließen sich die benachbarten Bezirke an. Ein Blick auf die vorgeschichtliche Karte zeigt, daß sich von selbst verschiedene Strecken mit größerer oder geringerer Dichtigkeit herausheben; man kann so das Land je nach dem Vorkommen von Hünengräbern in eine Anzahl steinzeitlicher Provinzen theilen.

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I. Zahlreiche Hünengräber.

1. Im westlichen Küstengebiet, etwa bis zur Kägsdorfer Spitze, umfassend die Amtsgerichtsbezirke Grevesmühlen, Wismar, Neubukow und hinübergreifend nach den Amtsgerichtsbezirken Rehna, Schwerin, Warin, Kröpelin (30 Fundorte).

2. Das Gebiet an der Recknitz, Trebel bis zum Kummerower See, umfassend die Amtsgerichtsbezirke Tessin, Gnoien, Dargun, theilweise auch Laage und Neukalen (38 Fundorte).

3. Das Eldegebiet, ein Streifen, der vom Südende des Schweriner Sees bis Parchim und die Elde entlang bis Waren geht, umfassend die Amtsgerichtsbezirke Crivitz, Parchim, Lübz, Plau, Malchow mit den angrenzenden Theilen von Röbel, Waren, Goldberg, Krakow (56 Fundorte).

4. Ein kleines Gebiet um Wittenburg, nach Boizenburg hinübergreifend (7 Fundorte).

5. Ein schmaler Strich links der Warnow von Kl.=Görnow bis Kambs, Amtsgerichtsbezirke Bützow, theilweise Sternberg und Schwaan (11 Fundorte).

II. Vereinzelte Hünengräber.

6. Der Landstrich zwischen der Eldegruppe (3) einerseits, der Recknitz=Trebel= (2) und Warnowgruppe (5) anderseits, umfassend die Amtsgerichtsbezirke Sternberg, Goldberg, Güstrow, Krakow, Teterow, Malchin, Stavenhagen, Waren, Penzlin. Besonders die letztgenannten sind arm; von Waren östlich scheinen sie ganz zu fehlen, dagegen findet sich eine kleine zusammenhängende Gruppe (6 Orte) südwestlich vom Malchiner See (im Ganzen 14 Fundorte).

7. Der Landstrich zwischen der Küstengruppe (1) und der Wittenburger (4), umfassend die Amtsgerichtsbezirke Gadebusch, theilweise Rehna und Schwerin (7 Fundorte).

III. Keine Hünengräber.

8. Heide= und Untere Elde=Gebiet, umfassend die Amtsgerichtsbezirke Hagenow, Lübtheen, Dömitz, Ludwigslust, Grabow, Neustadt Hier fehlt jede Nachricht.

9. Oestlicher Küstenstrich und Untere Warnow=Gebiet, umfassend die Amtsgerichtsbezirke Kröpelin (zum größten Theil), Doberan, Schwaan (zum größten Theil), Rostock, Ribnitz. Hier sind nur unbestimmte Nachrichten bekannt geworden.

Diese Verbreitung der Hünengräber entspricht den von der Natur des Landes gegebenen Bedingungen, Vergleicht man die

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angegebenen Gebiete mit der Geinitz'schen geologischen Eintheilung desLandes, 1 ) so ergiebt sich ein interessanter Parallelismus. In den beiden ausgedehnten Heiden, sowohl der südwestlichen Thalsand=Heide mit der Lewitzniederung (Geinitz, Landstrich 6), als der Rostock=Ribnitzer (Geinitz, Landstrich 7), fehlen die Hünengräber; besonders die Grenzen des erstgenannten decken sich genau mit unserem achten Bezirk. Die Erklärung ist einfach: es fehlte hier das erforderliche Steinmaterial, und die Terrainbildung mit ihren unregelmäßigen Wasserläufen mußte die Besiedelung erschweren. In der That finden sich auch Einzelfunde der Steinzeit im achten Bezirk sehr vereinzelt Aehnlich liegen die Verhältnisse im neunten. Arm an Hünengräbern ist auch Geinitz Landstrich 1 (Wariner Mulde, Heidegebiet von Dobbertin=Waren=Fürstenberg).

Umgekehrt entsprechen die an Hünengräbern reichen Gebiete im Allgemeinen der Richtung der Höhenzüge des Landes bezw. dem Gange der Endmoränen; so unser erster Bezirk dem Nordwestende der nördlichen Hauptmoräne (vergl. Geinitz, Uebersichtskarte der Endmoränen, in Landwirthschaftliche Annalen 1894) und noch mehr unser dritter (Elde=) Bezirk dem mittleren Laufe der südlichen Endmoräne von Leizen bei Röbel bis Schwerin. Auch der kleinere fünfte Bezirk an der Warnow und die kleine Gruppe von Hünengräbern südlich des Malchiner Sees (Bezirk 6) schließt sich an das Endmoränengebiet an. Sehr zu beachten ist aber, daß durchaus nicht überall, wo das Steinmaterial vorhanden war, auch Hünengräber gebaut sind; so liegt der ganze mittlere Theil der nördlichen Endmoräne (Krevtsee=Eikelberg, s. Geinitz, a. a. O., S. 179 ff.) in der an Hünengräbern armen Gegend (Bezirk 6). Wir dürfen gewiß eine sehr verschieden starke Besiedelung des Landes in der Steinzeit annehmen. Das Vorkommen der Hünengräber allein würde dafür keinen Maßstab geben, da in Meklenburg sicher ebenso wie in den Nachbarländern auch Grabstätten ohne Steinbauten bestanden haben; aber auch die Vertheilung der Einzelfunde führt darauf. Ganz leer an gelegentlichen Steinzeitfunden ist keine Gegend; die zahlreichsten sind aber in denselben Gebieten gemacht, in denen die Hünengräber liegen; und umgekehrt sind Einzelfunde seltener in den Theilen, wo auch die Hünengräber fehlen, besonders im Südwesten. Nicht zur Besiedelung luden die Sandgebiete, besonders


1) z. B. Geinitz, Die mecklenburgischen Höhenrücken in Lehmanns Forschungen zur deutschen Landes= und Volkskunde. Stuttgart 1886, S. 215 ff.
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mit Heideboden, ein, und ebenso war der schwere Boden für die einfachen Arbeitsgeräthe unzugänglich, und die fruchtbarsten Landstriche bildeten in der Steinzeit sicher noch feuchte, unwohnliche Urwälder. So sind denn auch der größere Theil des Klützer Ort, ein Landstrich bei Gadebusch, ferner Kröpelin=Doberan, Bützow= Güstrow, Teterow=Malchin=Stavenhagen=Penzlin arm an Steinalterthümern. Ich verzichte darauf, eine Statistik der in den Schweriner Sammlungen aufbewahrten Steinsachen zu geben; dieselbe würde zu einem ausreichenden Bilde nicht genügen, da nur ein kleiner Bruchtheil der im Lande gefundenen Steinsachen nach Schwerin gekommen ist. Die Zahl der im Privatbesitz oder kleineren öffentlichen Sammlungen verstreuten Sachen ist ganz erstaunlich groß.

Wir besitzen eingehendere Studien über Vorkommen und Form der deutschen Hünengräber bisher nur in der werthvollen Abhandlung von Krause und Schötensack über die megalithischen Gräber der Altmark, Zeitschrift für Ethnologie, 1893. Dort ist nachgewiesen, daß in der Altmark ausschließlich die diluvialen Hochflächen in der Steinzeit Spuren einer dauernden Besiedelung nachweisen. Wir dürfen dasselbe in Meklenburg annehmen. Aus unserer nach der Peltz'schen Höhenschichtenkarte angefertigten vorgeschichtlichen Karte ergiebt sich, daß die Landstriche unter 20 Meter Höhe keine Steinalterthümer aufweisen und daß die aufgezählten, an Hünengräbern reichen Gebiete meist der Zone von 40-60 und 60-80 Metern angehören. Besonders bei dem Abfall des diluvialen Hochplateaus bei Neukalen und östlich von Wismar ist es deutlich, wie die Hünengräber an den Rändern dieser inselartigen Flächen entlang gehen. In den noch höher gelegenen Strichen (über 100 Meter) fehlen sie wieder.


Das folgende Verzeichniß (I) der in Meklenburg bekannt gewordenen Hünengräber macht weder auf Vollständigkeit noch völlige Korrektheit Anspruch. Es will nur die Vorarbeit zu einer kartographisch genauen Aufnahme aller noch vorhandenen Reste sein, wie sie in Deutschland bisher nur die Altmark in dem genannten Werke von Krause und Schötensack besitzt. Sie beruht nur zum Theil auf eigener Kenntniß des Verfassers, zum andern aus Berichten, älteren, welche meist in den Jahrbüchern niedergelegt sind, und neueren, welche überwiegend den Inventarisirungsarbeiten der Großherzoglichen Kommission zur Erhaltung der Denkmäler verdankt werden. Manche der aufgezählten Gräber mögen indessen

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verschwunden sein, andere sind der Aufmerksamkeit der Beobachter entgangen. Unter diesen Umständen begnügen wir uns mit einer einfachen Aufzählung und verzichten auf nähere Angaben über den Erhaltungszustand. Erhaltene, d. h. im Wesentlichen unberührte, Gräber gehören zu den größten Seltenheiten. Die große Mehrzahl ist bis in neuere Zeit hin unachtsam zerstört und das unschätzbare Material verloren. Die Zahl der mit genügender Sorgfalt aufgedeckten ist sehr gering. Da die Beschreibungen sich meist mit allgemeineren Angaben begnügen, werden auch wir nur zwischen Steinkammern und Hünenbetten scheiden. Steinkisten sind äußerlich nicht erkennbar. Allen Freunden landeskundlicher Forschung sei auch auf diesem Wege die Bitte ausgesprochen, durch Mittheilung und möglichst genaue Beschreibung der ihnen zugänglichen Hünengräber nach den oben gegebenen Gesichtspunkten dem noch bestehenden Mangel abzuhelfen.


I. Hünengräber in Mecklenburg=Schwerin.

Die mit [ ] bezeichneten sind nicht mehr vorhanden; aus den mit * bezeichneten befinden sich Funde im Großherzoglichen Museum.

I. Landgerichtsbezirk Schwerin.

Grevesmühlen. Jameler Revier: 1) Hünenbett ("Grab von Naschendorf"), Frid. Franc., S. 18 und 73. Jahrb. 3 B, S. 113; 33, S. 113. Schlie, Denkmäler II, S. 422. 2) Steinkammer ("Grab von Everstorf"), Jahrb. 11, S. 344; 33, S. 113. 3) und 4) zerstörte Steinkammern. Holm: Steinkammer, Jahrb. 2 B, S. 107. [Schwansee: Form? Jahrb. 32, S. 210.] (6 weitere Fundplätze s. Tabelle II.) Summe 9 Fundplätze.
Rehna. Kl.=Hundorf: 3 kleine Steinkammern. (2 weitere siehe Tabelle II.) Summe 3.
Gadebusch. (1, s. Tabelle II.) Summe 1.
Wismar. Proseken: Hünenbett, Jahrb. 3 B, S. 119. [Moidentin: Hünenbett, Jahrb. 4 B, S. 72.] (3, s. Tabelle II.) Summe 5.
Schwerin. Zülow: Hünenbett, Jahrb. 2 B, S. 108; 3 B, S. 36. [Kleefeld, Jahrb. 7 B, S. 56.] (5, s. Tabelle II.) Summe 7.
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Wittenburg. *Goldenbow: Hünenbett, Jahrb. 5 B, S. 26. [5, S. Tabelle II.] Summe 6.
Boizenburg. [Granzin: 3 Hünenbetten. Jahrb. 4 B, S. 76.]
Crivitz. * Friedrichsruhe: 3 Hünenbetten, Jahrb. 24, S. 259. *Goldenbow (gewöhnlich mit Ruthenbeck bezeichnet): Steinkammer, Jahrb. 5, S. 101; 33, S. 113. Raduhn: Hünenbett, Jahrb. 2 B, S. 108. Radepohl: Hünenbett. Goldenbow: 7 Hünenbetten, Jahrb. 2 B, S. 108. Kritzow: 2 Hünenbetten (?). [Zapel: Jahrb. 2 B, S. 108.] (1, s. Tabelle II] Summe 8.
Parchim: *Frauenmark: Steinkammer. Domsühl: mehrere Hünenbetten und Steinkammern, Jahrb. 2 B, S. 108. *Siggelkow: 2 Hünenbetten, Frid. Franc., S. 74. Grebbin: 2 Reste zerstörter Steinkammern. Severin: Reste mehrerer Gräber. (3, siehe Tabelle II.) Summe 8.

Aus Hagenow, Lübtheen, Dömitz, Ludwigslust, Grabow, Neustadt keine bekannt, so wenig wie in Tabelle II.

II. Landgerichtsbezirk Güstrow.

Lübz. Wilsen: Steinkammer. Sandkrug: Hünenbett. [Bobzin: Steinkammer.] [Gischow, zwei Steinkammern, Frid. Franc, S. 76.] (5, s. Tabelle II.) Summe 9.
Plau. Karow: zerstörte Steinkammer; früher mehr, Jahrb. 8, S. 94, 9, S. 355. *Barkow: Hünenbett. (3, siehe Tabelle II) Summe 5.
Goldberg. Damerow: zerstörtes Hünenbett; früher mehr, Jahrb. 9, S. 368. [Dobbin: unterirdische Steinkammer.] (1, s. Tabelle II.) Summe 3.
Sternberg. *Dabel: 2 Steinkammern, Frid. Franc., S. 77; Kl.=Görnow: große Steinkammer; früher mehr, Jahrb. 4 B, S. 68; Frid. Franc., S. 17. Eickelberg: Steinkammer, Jahrb. 4 B, S. 69. [Eickhof: Hünenbett, Jahrb. 4 B, S. 69.] Summe 4.
Warin. Gr.=Labenz: Hünenbett, Jahrb. 3 B, S. 115. Warin: Hünenbett. Schimm: kleine Steinkammer. Summe 3.
Bützow. *Katelbogen: 2 große Steinkammern, Frid. Franc., S. 17, 73. Jahrb. 12, S. 304. Langen=Trechow: Hünenbett, Jahrb. 14, S. 309. Warnkenhagen: Form? [Qualitz: Hünenbett und andere. Frid. Franc., S. 17.] (1, s. Tabelle II.) Summe 5.
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Güstrow. Plaaz: Steinkammer, Jahrb. 8 B, S. 90. [Boldebuck: Steinkammer in einem Kegelgrab, Jahrb. 25, S. 214.] [Vogelsang, Jahrb. 3 B, S. 119.] (1, s. Tabelle II.) Summe 4.
Laage. *Kronskamp: Steinkammer, Jahrb. 40, S. 145. Schlie I, S. 450. Cammin: zwei große Steinkammern. (2, s. Tabelle II.) Summe 4.
Dargun. Dargun: Steinkammer, gestört ("Kowelin"). Alt=Kalen: Steinkammer, Schlie I, S. 585. Wolkow: Steinkammer (?). Upost (Brudersdorfer Revier): Hünenbett, Schlie I, S. 587. Schlutow (Finkenthaler Revier): 2 große Steinkammern. *Schlutow (Feld): 3 große Steinkammern. *Finkenthal: Steinkammer. Kl.=Methling: Hünenbett (?) im Hinterholm [Darbein: Jahrb. 4 B, S. 70.] (2, s. Tabelle II.) Summe 11.
Neukalen. Gehmkendorf: 3 große Steinkammern. [Kämmerich, Schlie I, S. 585.] (1, siehe Tabelle I.) Summe 3.
Stavenhagen. [Stavenhagen: Hünenbett, Jahrb. 3 B, S. 117; Kittendorf? Jahrb. 3 B, S. 119.] Summe 2.
Krakow. Serrahn: 2 Hünenbetten. Lüdershagen: 3 Gräber (erhalten?), Jahrb. 9, S. 358. (2, s. Tabelle II.) Summe 4.
Malchow. *Sparow: große Steinkammer, Frid. Franc., S. 77; Jahrb. 4 B, S. 70. *Stuer und Neu=Stuer: mehrere Hünenbetten und Steinkammern. Alt=Gaarz. Blücherhof: Hünenbett, Jahrb. 38, S. 111. Blücher: Hünenbett. Lexow: Steinkammer, [Poppentin: Steinkammern, Jahrb. 12, S. 399.] [Sietow: Steinkammern, Jahrb. 8 B, S. 93.] [Sembzin: Steinkammer.] (4, s. Tabelle II.) Summe 14.
Röbel. Zierzow: Steinkammer, Jahrb. 8 B, S. 93. Schamper Mühle: Steinkammer. Retzow: Steinkammer. Summe 3.
Waren. Waren: 3 Steinkammern. (3, siehe Tab. II.) Summe 4.
Malchin. Faulenrost: Steinkammer. Basedow: Steinkammern, *Steinkiste. (4, s. Tabelle II.) Summe 6.

Aus Brüel, Teterow, Penzlin keine, sowenig wie in Tabelle II.

III. Landgerichtsbezirk Rostock.

Neubukow. Neu=Gaarz: 2 Steinkammern, Jahrb. 9, S. 355. Mechelsdorf: Hünenbett, Steinkammer, Jahrb. 9,  
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S. 355. *Blengow: unterirdische Steinkammer, Jahrb. 37, S. 195. (2, S. Tabelle II.) Summe 5.
Kröpelin. Meschendorf: Hünenbett und Steinkammer. Hohen=Niendorf: Hünenbett und Steinkammer. [Heiligenhagen, Jahrb. 18, S. 260. Hünenbett.] Summe 3.
Doberan. Bollbrücke: Steinkammer in einem Kegelgrabe, Jahrb. 48, S. 320. Summe 1.
Schwaan. (2, s. Tabelle II.) Summe 2.
Tessin. Liepen: 7 Steinkammern, Jahrb. 6 B, S. 75. Schlie I, S. 435. Thelkow: Steinkammer, Schlie I, S. 435. Drüsewitz (Christianenhof): 2 Hünenbetten, Schlie I, S. 438, *Stassow: 3 (fast zerstörte) Hünenbetten, Jahrb. 38, S. 110. Stormsdorf: Hünenbett (?), große Steinkammer, Schlie I, S. 434. Gnewitz. *Zarnewanz: (6?) große Steinkammern, Schlie I, S. 433. Teutendorf: 4 Hünenbetten, Schlie I, S. 434. *Vilz: 2 Hünenbetten, Steinkammer, Schlie I, S. 432. [Wohrenstorf: Hünenbett. Schlie I, S. 437, unter Petschow.] [Boddin, Jahrb. 24, S. 259.] (2, s. Tabelle II.) Summe 13.
Gnoien. Basse: Steinkammer. Kranichshof: 2 Hünenbetten, kleine Steinkammer. (5, s. Tabelle II.) Summe 7.
Sülze=Marlow. Fahrenhaupt: Hünenbett (?), Schlie I, S. 399. Summe 1.

Rostock und Ribnitz keine, wie Tabelle II; dort ein fraglicher Fund

.

II. Ausgegrabene Hünengräber.

Bei den mit * versehenen Orten sind Gräber erhalten.

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3. Neure Ausgrabungen.

Hünengräber von Zarnewans.

(Katalog=Nummer St. 97-106.)

Die Gegend um Tessin enthält zur Zeit noch die größte Zahl von erhaltenen Hünengräbern. Zu beiden Seiten des tief eingeschnittenen Recknitzthals sind Steinzeitliche Reste in Fülle bekannt geworden; in einem kleineren Streifen liegen Hüuengräber am linken Ufer (Wohrenstorf, dann auf den Gebieten der benachbarten Güter Teutendorf, Stormsdorf, Zarnewanz, Gnewitz), in einem breiteren auf dem rechten Ufer (Drüsewitz, Vilz, Kowalz, Thelkow, Liepen, Stassow, Nustrow, Basse). Während nach der ersten Seite hin die genannten Gräber die am weitesten nach

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Norden vorgeschobenen sind, hängen sie nach Osten mit einer ebenfalls reichen Gruppe um Gnoien und Dargun zusammen, welche ihren natürlichen Abschluß in den großen Niederungen an der Grenze nach Pommern hin findet. Im Wesentlichen umfaßt dieses Gebiet die Amtsgerichtsbezirke Dargun, Gnoien und Tessin (östticher Theil). Während von den Hünengräbern der Gnoiener Gegend wenigstens einige sachgemäß aufgedeckt waren (z. B. bei Remlin von Ritter, S. Jahrb. 9, S. 362), fehlte es für die Tessiner bisher gänzlich an genauerer Kenntniß, und Verfasser begrüßte daher dankbar die von dem Besitzer von Zarnewanz, Herrn Grafen Bassewitz auf Dalwitz, gewährte Genehmigung, die dortigen Gräber zu untersuchen. Die Ausgrabung hat unter thätiger Mitwirkung des Herrn Bürgermeisters Kossel in Tessin am 4. und 5. April 1899 stattgefunden. Die Gräber sollen erhalten bleiben und sind nur so weit angegraben, daß ihre Form und Gesammtanlage deutlich erkennbar bleibt.

1.

Gelegen östlich vom Orte gleich hinter den letzten Häusern, rechts von dem zu den Recknitzwiesen führenden Wege. Das Grab

Abbildung 1.
Abbildung 1.

liegt in sandigem Acker auf flachem Boden; ein Steinkranz soll es früher umgeben haben, doch ist davon jetzt nichts mehr vorhanden. Das Grab (vergl. Abb. 1 und 2) bildet eine längliche Steinkammer in ostnordost=westsüdwestlicher Richtung, die von

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außen gemessen 7,5 m lang, 3,5 m breit und 1,55 m hoch ist, während der innere Raum ungefähr 5,5, 2,5 und 0,80 m beträgt. Je vier Tragsteine an den beiden Längsseiten, durchschnittlich von 1 m Länge, 0,60 m Breite und 0,85 m Höhe, zu denen zwei größere an den Schmalseiten kommen, tragen vier gewaltige Decksteine von durchschnittlich 2 m Länge, 1,25 m Breite und 0,75 m Höhe; die größten waren die beiden äußeren. Diese liegen auch noch an ihrem Platze, während die mittleren sich gesenkt und die Tragsteine etwas verschoben haben. Die Zwischenräume zwischen den Trägern waren sehr künstlich ausgefüllt: auf dem Urboden durch aufrecht stehende Platten (meist von Sandstein), darüber von aufeinander gelegten Platten, derenFugen mit flachen Keilsteinen, ebenfalls meist aus Sandstein, ausgezwickt waren. Es fehlte die Verkleidungder Fuge zwischen dem (von Westen gerechnet)

Abbildung 2.
Abbildung 2.

dritten und vierten Träger an der Nordseite; hier standen zwei kleinere Platten (etwa 0,40 m hoch) vor den Trägern und eine gleiche senkrecht davor, eine dieser parallele auf der andern Seite scheint weggebrochen zu sein; es war sicher, wie an vielen Gräbern beobachtet, der Eingang. Die Decksteine lagen vollständig frei, während die Träger nur etwa 0.10 m aus dem herangebrachten Erdmantel heraussahen.

Eine vollständige Ausräumung des Grabraums wäre nur bei Entfernung der Decksteine möglich gewesen und ist demnach, um das Gesammtbild des Grabes nicht zu vernichten, unterblieben. Doch ließ sich das Innere an drei Stellen erreichen. Es stellte sich dabei heraus, daß die Fugensteine sich im Innern des Grabes fortsetzten und dort mauerartige Schichtungen bildeten,

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durch welche das Grab in vier getrennte Abtheilungen geschieden wurde. Drei konnten untersucht werden: 1. Unter dem ersten Deckstein (von Westen), zugänglich von der Südecke, die nur schwach geschlossen war. Der Grund bestand aus festem Lehm, anscheinend einer Lehmdiele. Der ganze Raum war mit Erde angefüllt; in dieser, also nicht nur auf dem Grunde, fanden sich eine Anzahl Scherben von einem sehr schön verzierten Thongefäße. Die Stücke genügen leider nicht zu einer Wiederherstellung. Es ist ein größeres Gefäß von guter Arbeit, der Thon ist ziemlich fein und der Brand fest, die Dicke der Wandung etwa 9 mm. Die Farbe ist ungleich, meist röthlichbraun. Zur Bestimmnng der Form dient besonders ein leicht eingebogenes Randstück, 6,5 cm hoch, unten abschließend in einer leicht erhöhten Kante, unter der die Wandung sich stark einbiegt. (Abb. 3.)

Abbildung 3.
Abbildung 3.

Die Grundform war höchstwahrscheinlich die einer größeren Schale, ähnlich der vonTatschow, Jahrb. 63, S. 81, oder Ostorf, ebenda, S. 80. Das Gefäß ist sehr hübsch verziert; oben am Rande eine Doppelreihe kleiner tiefer zweitheiliger Kerben, unten eine gleiche Reihe, dazwischen ein vierfaches Zickzackband, gebildet durch spitzwinklig zusammenlaufende Linien, die mit einem kleinen Stäbchen mit Doppelspitze eingedrückt sind. Unter dem Rande an der Wandung die üblichen Hängezierrathe, gebildet durch 6 Parallellinien von 3,75 cm Breite und 3 cm Länge, in Entfernung von etwa 2,5 cm; auch diese mit einem Stäbchen mit Doppelspitze tief eingestochen. Thongefäße dieser Technik, Stichverzierung ohne Furche (oder Kanal) (vergl. dazu u. a. Brunner, Steinzeitliche Keramik in Brandenburg, S. 25), sind bei uns nicht gerade häufig und gehören ohne Zweifel einer frühen Periode der jüngeren Steinzeit an.

Außerdem fanden sich kleine geschlagene Feuersteinstücke, Spähne mit scharfen Rändern, die zum Theil als Messer oder Schaber gedient haben mögen, eine Anzahl jener geglühten Feuersteine, die in den Hünengräbern allgemein üblich sind und wahrscheinlich ein Pflaster gebildet haben; auch Kohle, ein Zeichen, daß

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hier Feuer gebrannt ist. (Natürlich ist das kein Beweis für Leichenbrand, sondern Feuer können in sehr verschiedener Weise bei den Leichenfeierlichkeiten zur Anwendung gekommen sein.) Von menschlichen Gebeinen keine Spur. Offenbar ist diese Grabkammer schon einmal durchwühlt, und der Inhalt, der für die Thäter werthlos war, durch einander gekommen.

2. unter dem zweiten Decksteine; zugänglich nur an einer kleinen Stelle, nahe der Südwand. Hier fanden sich besonders viele geglühte Feuersteine, die sichtlich den Boden bedeckten, auf ihnen zwei sehr einfache Feuersteinmesser; das eine länglich rund mit gewölbter Oberfläche, die durch den natürlichen Stein gebildet wird, und glatter Unterseite, Abnutzungsspuren an den Rändern, 10 cm lang; das andere in der bekannten Form der prismatischen Messer mit scharfem, hohem Mittelgrat, 5,5 cm lang, und ein Feuersteinspahn. Auch lag hier eine kleine, unregelmäßig geformte Sandsteinplatte, 10 cm lang und etwa 2 cm dick, wohl ein Schleifstein.

3. Unter dem dritten Steine am Nordende nahe dem Eingange. Der Grund bestand aus festem Lehm; geglühte Feuersteine sind nicht beobachtet; auf dem Lehm ein Steinpflaster und auf diesem, in gestreckter Lage nach Osten gerichtet, deutlich erkennbare Reste eines Beigesetzten. Vom Kopfe ist nichts erhalten, aber die Oberschenkel lagen noch unberührt. Neben diesen Gebeinen an drei Stellen, etwa dem Oberarm, Becken und Unterschenkel entsprechend, drei Thongefäße, die in dem festen Lehm zerdrückt waren und von denen nur Stücke gerettet werden konnten. Es sind: ein becherartiges Gefäß mit dünner Wandung und gleichmäßig hellbrauner Oberfläche. 3,75 cm unter dem Rande biegt sich das Gefäß stark ein. (Abb. 4.)

Abbildung 4.
Abbildung 4.

Am oberen Rande ist ein Streifen gebildet durch zwei Reihen vertikaler Stiche, von da gehen fast bis zum Fuße etwa 1 cm breite Streifen in "Tannenwedelmuster", d. h. an einen Mittelstrich setzen sich an beiden Seiten nach oben gerichtete kleine Schräglinien an. In Form und Verzierung scheint sich das Gefäß dem a. a. O., S. 82 abgebildeten Blengower anzuschließen, war aber wesentlich kleiner.

Das Tannenwedel= (oder Fischgräten=Muster haben wir auch sonst, so bei Blengow und Lübow, aber dort ohne Mittelgrat.

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Es ist in der Steinzeit weit verbreitet, zeigt aber meist nach unten gerichtete Schrägstriche. Gerade in unseren Nachbarländern scheint es seltener zu sein, kommt aber auch dort vor, z. B. im Lübeckschen (Lübecker Festschrift 1897, IV, 4 an einem angeblich aus dem Waldhusener Hünengrabe stammenden Gefäße), und an einem Gefäße aus dem "Denghooge", einem "Ganggrabe" von Sylt (Mestorf, Vorgesch. Alterth. Schlesw.=Holst., XVII, Abb. 145). An diesen Beispielen fehlt der scharfe Mittelgrat, und an eine Nachbildung, eines Tannenwedels etwa, ist sicher nicht gedacht, während bei dem Zarnewanzer die Umdeutung des "Sparremnotivs" in eine Nachahmung des Wedels wohl möglich scheint.

Eine vereinzelte Scherbe zeigt das Tannenwedelmotiv etwas verändert, es wechseln ein Streifen mit Mittelgrat und einer ohne, neben einander. Ein drittes, kleines Thongefäß ist schwärzlich, sehr starkwandig und unverziert, leider so unvollständig, daß Näheres nicht zu sagen ist.

Außerdem (die Lage ist unsicher) ein Stück von einem ungeschliffenen Feuersteinmeißel. Auch in einem, anscheinend sehr alten, Hünengrabe von Neu=Gaarz (bei Waren) ist nur ein derartiger Meißel gefunden, desgleichen in einem Hünengrabe von Maßlow (s. unten S. 130).

Die Ausstattung des Grabes schließt sich an unsere anderen Hünengräber an. Von besonderem Interesse ist das Thongefäß der ersten Kammer. Sicher gehört das Grab in eine ältere Zeit der neolithischen Periode.

2.

Nördlich von diesem Grabe, 550 m entfernt, links von dem Wege nach Gnewitz, liegt auf sandigem Acker ein flacher, mit einigen Kiefern bestandener Hügel, auf dem eine Erhöhung in der Form der Hünenbetten sich findet. Diese ist genau nord=südlich gerichtet und hat eine Länge von 18 und eine Breite von 5,20 m bei 1 m Höhe. Auf ihr liegt eine Steinlagerung von 15 m Länge und 2,20 m Breite, bestehend aus 70 bis 80 neben einander gelegten größeren Steinen von meist 0,60 bis 1 m Durchmesser; am Nordende sind sie etwas größer. Unter diesen Steinen befindet sich eine etwa 0,20 m starke Schicht reinen gelben Sandes, dann eine zweite Schicht kleinerer Steine von durchschnittsich 0,25 m Stärke, die dammartig gelegt sind. Quer durch den Hügel ging an mehreren Stellen (sicher an zwei, wahrscheinlich noch an einer dritten) eine mauerartige Schichtung von

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Steinen, wie sie den unteren Damm bilden. Durch diese wird der innere Raum in mehrere Abtheilungen (deutlich erkennbar war eine in der Mitte des Hügels von etwa 3 m Länge und 2 m Breite) geschieden, in denen man die Grabräume erwarten sollte. Es fand sich aber weder hier noch sonst in dem Hügel irgend ein Artefakt oder eine Spur der Benutzung, auch war der Grund des Hügels, der bei 1 m Tiefe erreicht wurde, nicht abgedämmt oder mit einer Lehmdiele versehen, sondern der Urboden hob sich nur durch seine andere Schichtung und Färbung ab. Trotzdem ist für die Anlage kein anderer Zweck ersichtlich, als der als Grabstätte. Es ist sehr wohl möglich, daß in dem lockeren, durchlässigen Boden die Körper ganz spurlos vergangen sind.

Die Bauart des Hügels ist eigenartig und uns durch kein weiteres Beispiel bekannt. Am meisten erinnert daran ein 1839 aufgegrabenes Hünengrab von Helm (Jahrb. 4 B, S. 21), wo ebenfalls von der Steinbedeckung eines sehr ärmlich ausgestatteten Hünengrabes, dessen Inneres in verschiedene Abtheilungen getrennt war, die Rede ist. Sehr wahrscheinlich gehört unser Grab in die oben S. 86 besprochene Gruppe der Hünenbetten ohne Steinkammern.

3.

Ein drittes Grab ist im März 1899 von Arbeitern, welche Steine suchten, angetroffen und zerstört. Es lag etwa 800 m südöstlich von dem ersten in dem Acker zwischen den beiden zur Recknitz führenden Wegen. Nach der Beschreibung bildeten vier Steine von etwa 1 m Länge einen rechteckigen Raum unter der Erde, wohl eine Grabkammer, deren Deckstein über die Erdoberfläche gereicht hatte und entfernt ist. In dem Raume lagen vier Steingeräthe, je zwei übereinander, nämlich:

1. Keil von weißgrauem Feuerstein von der Grundform D I, gut geschliffen, an der Schneide nachgearbeitet, und zwar nur durch Schlagen, nicht durch Schleifen. Länge 16, Breite oben 4,5, unten 6,75, größte Dicke (8 von unten) 2,5 cm.

2. Der Rest eines gleichen, sehr schönen und großen Keils derselben Art, wahrscheinlich Grundform D II. Länge noch 11, Breite unten 8, gr. D. 2,5 cm.

3. Keil aus dioritartigem Gestein, Grundform B a II; ungewöhnlich schönes Stück mit scharfen Kanten und feinem Schliff. Länge 10, Breite oben 3,5, unten 7,5, gr. D. (6,5 von unten) 2 cm.

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4. Ein gleicher Keil, aber stärker verwittert. Länge 14, Breite oben 3,5, unten 6,75, gr. D. (5,5 von unten) 2 cm.

Die Stücke befinden sich in der Sammlung des Herrn Bürgermeisters von Rentz in Teterow.

Der Fund ist nach verschiedenen Seiten von Interesse. Sowohl Feuersteinkeile von der Grundform D, als auch Dioritkeile überchaupt sind in Hünengräbern sehr selten (vergl. Jahrb. 63, S. 35 und 39); nach den Erfahrungen der skandinavischen Archäologen scheint der Typus D (das "dünnnackige" Beil Sophus Müllers; vergl. Müller, Nordische Alterthumskunde I, S. 67, Ordning 54) in eine der frühesten Perioden der jüngeren Steinzeit zu gehören. Ebenso stehen die einfachen vierseitigen Kammern, zumal die fast ganz im Erdboden gelegenen, an dem Anfange der Entwickelungsreihe.

Unsere meklenburgischen Hünengräber in eine chronologische Reihenfolge zu bringen, ist kaum angängig; dazu haben wir zu wenig sachgemäße Ausgrabungen. Leider ist ja auch das vorliegende Grab zerstört; über Leichenreste oder Thongefäße verlautet nichts. Aber daß es eins der allerältesten unter den überhaupt bekannt gewordenen ist, darf nach dem Obigen als sicher gelten.

In den drei Zarnewanzer Gräbern haben wir drei verschiedene steinzeitliche Typen, den ältesten stellt 3, den jüngsten 2 dar. Die anderen Gräber der Feldmark (ich habe noch sieben gezählt) gehören nach dem Augenschein und der an einem vorgenommenen Ausgrabung der folgenden Periode, der Bronze=Zeit, an.

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Hünengräber von Woldzegarten.

(Katalog=Nummer St. 25-27.)

In der Südwestecke des Woldzegartener Forstes (bei Malchow) am Abhange einer Endmoräne, die hier ein stark coupirtes Gelände mit großem Blockreichthum bildet, nahe den Scheiden von Rogeez, Käselin und Leizen, lagen eine größere Anzahl kleinerer Hünengräber.

Der Besitzer des Gutes, Herr von Flotow auf Walow, hatte die Freundlichkeit, auf diese bisher unbeachtet gebliebenen Denkmäler aufmerksam zu machen und eine vom Verfasser am 24. April 1897 vorgenommene Untersuchung thatkräftig zu fördern. In Angriff genommen sind vier Gräber, welche alle auf ebenem Boden gelegen und in diesen hineingegraben waren.

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I. (Vergl. beistehende Skizze, Abb. 5.) Vierseitige Kammer;

Abbildung 5.
Abbildung 5.

0,90 m tief, 1,38 m lang (in nordwest=südöstlicher Richtung) und 0,80 m breit. Die Wände der Kammer wurden auf drei Seiten gebildet von flachen, auf die hohe Kante gestellten Geschiebesteinen, die 0,80 m hoch waren und 0,10 m über den Urboden ragten; die Fugen waren mit Keilsteinen, besonders aus gespaltenem rothen Sandstein, eng geschlossen. An der Südwestseite fehlte der Wandstein, dagegen fanden sich hier einige mittelgroße Steine, welche wohl eine Art Eingang gebildet haben. In der Kammer lag ein großer platter (nicht gewölbter) Stein, 1,40 m lang, 0,80 m breit und 0,35 m hoch, offenbar der Deckstein, der seiner Ausmessung nach gerade zur Ueberdeckung des Raumes hinreichte. Vor dem Eingange zwei etwa 50 cm lange Reihen kleiner Steine. Die Kammer war leer, wahrscheinlich seit Langem ausgeräumt, denn sie hatte sich seitdem ganz mit Erde gefüllt In der aufgeworfenen Erde fanden sich einige Scherben einfachster Art, braun, unverziert und zu zeitlicher Bestimmung nicht hinreichend.

II. Dem ersten gleich, nur lag hier der Eingang auf der Schmalseite und im Südosten. Die Steinreihen und ein Deckstein fehlen. Tiefe 0,80 m, Länge (nordwest=südöstlich) 1,30 m, Breite 0,80 m. Kein Inhalt.

III. Gleich dem vorigen, aber streng quadratisch; die Steine sind noch stärker, wie bei den andern; der Eingang, von dem noch einige kleinere Steine an Ort und Stelle lagen, auch hier im Südosten. Der Deckstein fehlt. Durchmesser 1,30 m, Tiefe 0,70 m. Kein Inhalt.

IV. Von den andern in mehreren Punkten abweichend; alle vier Seiten werden von je einem sehr großen Steine gebildet, über denen zwei große, dachförmig gewölbte Blöcke als Decksteine lagerten, die jetzt eingesunken sind. Länge (nordwest=südöstlich)

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1,90 m, Breite 1,10 m, Tiefe 0,70 m. In der Erde einige Scherben und ein kleines Feuersteinmesser.

Der Boden bestand bei allen vier Gräbern aus festgestampftem Lehm. Einige weißgeglühte und an der Oberfläche gerissene Feuersteinstücke fanden sich, aber zu wenig, als daß man sie hier, wie es in andern Fällen mit gutem Grunde geschehen ist (vergl. z. B. Lisch, Jahrb. 30, S. 118 und oben S. 113) für ein Pflaster halten könnte.

Daß die Woldzegartener Gräber schon ausgeraubt waren, ist in hohem Grade zu bedauern, denn Sie gehören einer Grabform an, die in Meklenburg bisher nicht beobachtet ist. Wir haben oben die Entwickelung der steinzeitlichen Begräbnißform besprochen und betont, wie aus der Steinkammer die Steinkiste wird. Unsere Gräber haben noch die Form der Kammer; bei dreien wenigstens ist ein seitlicher Eingang anzunehmen, aber der Deckstein des ersten ist die flache Platte, wie sie die Steinkistengräber (vergl. unten S. 121 das Grab von Basedow) charakterisirt, und die Gräber liegen im Boden ohne Hügel oder Langbett; sie scheinen also eine Uebergangsform von den freistehenden Kammern der älteren Periode zu den Kistengräbern der jüngeren darzustellen. Aehnliche Grabformen sind in Pommern beobachtet, wo man Sie ebenfalls in einen jüngeren Abschnitt der Steinzeit versetzt (vergl. Schumann, Kultur Pommerns, S. 20).

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Hünengrab von Garvsmühlen.

(Katalog=Nummer St. 15-21. 94.)

Bei dem zu dem Gute Blengow (bei Neubukow) gehörenden Vorwerke Garvsmühlen lag neben einem alleinstehenden Hause zwischen Alt=Gaarz und Westhof ein Hünenbett, welches in den letzten Jahren allmählich abgetragen ist. Das Grab hatte eine Länge von 13,5 m (ostwestlich) und eine Breite von 5 m. Eine Grabkammer war äußerlich nicht erkennbar, doch war das Grab umstellt mit 14 großen und schönen Umfassungssteinen. Eine Ausgrabung, welche Verfasser am 5. Oktober 1895 mit freundlicher Unterstützung des Herrn Beste auf Blengow unter Mitwirkung des Herrn SenatorLisch aus Schwerin vorgenommen hat, ergab Folgendes:

Der Hügel bestand aus lockerer, schwarzgrauer Erde und war etwa 1,25 m hoch aufgetragen. Ganz am südlichen Ende auf dem Urboden an den Umfassungssteinen fand sich ein

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Haufe menschlicher Gebeine wirr durcheinander, die, wie sich bei der Ordnung ergab, vier Skeletten angehörten. Bei der völligen Abräumung sind weitere vier Skelette gefunden, deren Reste im September 1898 von Herrn Beste der Großherzoglichen Sammlung übergeben sind. Die Gebeine machen zwar den Eindruck hohen Alters; sie gehören aber schwerlich zu der alten Grabanlage, sondern entstammen wohl einer benachbarten Grabstätte (Wendenzeit?), sind bei der Feldarbeit gefunden und hier zusammengetragen. Zwischen den Gebeinen lag ein Feuersteinspahn ("prismatisches Messer") einfachster Form. Der Grund des Hügels war abgedämmt mit größeren, flachen Geschiebesteinen. 4,5 m vom westlichen Ende stand auf diesem Damme quer in dem Hügel ein mächtiger Granitblock von etwa 2 m Länge und 1,5 m Höhe, dessen eine, nach Westen gerichtete, Seite ganz glatt war. Durch ihn wird der Hügel in zwei ungleiche Abschnitte getheilt. An Altsachen fanden sich in dem westlichen Abschnitte nur zwei kleine charakterlose Scherben. Dagegen stand im östlichen Ende auf dem Urboden zwischen den Steinen des Dammes in starken Steinen verpackt eine Graburne, gefüllt mit Knochen und Asche. Sie ist zerdrückt, aber ihre Form erkennbar. Von einer ziemlich schmalen Standfläche weitet sie sich zu einem Umfange von etwa 70 cm aus, den sie bei 13 cm Höhe erreicht, dann biegt sich der Rand leicht nach außen, die ganze Höhe wird etwa 16 cm betragen haben. Die Farbe ist graubraun. Leider fehlen Verzierungen gänzlich; aber die Form redet schon deutlich genug. Von den kugeligen, becher= und flaschenförmigen Gefäßen, welche die echte Steinzeit charakterisiren, unterscheidet sie sich wesentlich; sie erinnert dagegen an die breiten, vasenförmigen Gefäße der Bronzezeit. - Ebendahin führt ein Zweites in der Nähe stehendes Gefäß ohne Inhalt, von dem leider außer einer derben, glatt abschließenden Standfläche und einem leicht nach außen gebogenen Rande nichts zu erkennen ist.

Verwandte Formen (stärkere Ausbauchung, leicht gebogener Rand, allerdings wohl stets mit Henkeln) sind am Ende der Steinzeit in unseren Nachbarländern weit verbreitet; vergl. z. B. Steinkistengräber von Pommern (Schumann, Nachr. über d. A., 1898, S. 86), wo die Beziehungen dieser Form zu den mitteldeutschen jüngststeinzeitlichen dargelegt sind. (Uebrigens ist auch in Meklenburg in einem Hünengrabe bei Molzow ein Becher mit Henkel gefunden, freilich unter nicht ganz sicheren Verhältnissen. Lisch, Jahrb. 10, S. 263 ff.)

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Leider sind die Erscheinungen des Garvsmühlener Hünengrabes mehrdeutig. Daß das Grab selbst seiner Anlage nach steinzeitlich ist, kann nicht bezweifelt werden. Ob aber die Urnen der Steinzeit angehören oder eine spätere Nachbestattung bilden, wage ich nicht zu entscheiden.

Ebenso ist die Bedeutung des großen Steines in der Mitte nicht sicher. Es kann der Rest einer Grabkammer sein, deren andere Steine schon früher weggebrochen sind. Es kann aber auch eine Querwand sein, durch welche der Hügel in zwei Abtheilungen getrennt wird, in der Art, wie bei den oben S. 86 angeführten Beobachtungen von Wittenburg u. s. w. Hierfür spricht die Abdämmung des ganzen Bodens. Die Ausbeute der Gräber dieser wenig beachteten Gruppe (Hünenbetten ohne Steinkammern) ist stets nur unbedeutend gewesen.

Ist diese Auffassung richtig und ist die Leichenbrandurne steinzeitlich, so haben wir dieses Grab in eine ganz junge Periode der Steinzeit zu setzen (S. oben S. 90), in der die alte Sitte der Grabkammern und der Beisetzung unverbrannter Leichen verschwindet. Anscheinend ist es das einzige seiner Art in jener an steinzeitlichen Gräbern und Einzelfunden überaus reichen Gegend.

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Steinkistengrab von Basedow.

(Katalog=Nummer St. 95. 96.)

Die Landschaft südlich vom Malchiner See ist seit Langem ein ergiebiges Gebiet für Steinzeitliche Funde gewesen; von Rothenmoor, Sagel und besonders Molzow stammen wichtige Grabfunde. Bei der Anlage der Chaussee Malchin-Dahmen sind nun auch auf Basedower Gebiet eine unerwartet große Anzahl von Grabstätten z. Th. angeschnitten, z. Th. zerstört, und es hat sich herausgestellt, daß der ganze Basedower "Thiergarten", die Waldung südlich vom See bis zur Scheide, voller Grabhügel ist. Die Basedower Gräber gehören sehr verschiedenen Zeiten an; fast alle vorgeschichtlichen Perioden sind vertreten.

Aus der Steinzeit finden sich nicht weniger als drei verschiedene Typen: zwei Steinkammern, von denen die eine sicher, die andere wahrscheinlich schon längst ausgebeutet sind, im Park; ein Steinkistengrab im "Thiergarten" und ein Flachgrab am Wege nach Malchin. Verfasser hat, dank der entgegenkommenden Unterstützung des Herrn Grafen Hahn auf Basedow, wiederholt, vom 16. bis 18. Juli und am 30. Dezember 1898, die vorgeschichtlichen Vorkommnisse in und bei Basedow untersucht.

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Ueber das Steinkistengrab sei hier bemerkt: Das Grab lag nahe der Rothenmoorer Scheide im sog. "dicken Busch", rechts von dem alten Landwege, der jetzt chaussirt ist, im Walde; es bildete äußerlich einen flachen, rundlichen Hügel, wie sie in jenem Walde in großer Zahl vorhanden sind und bei denen bisher ein künstlicher Ursprung nicht vermuthet ward. Arbeiter, welche nach Steinen für die Chaussee suchten, fanden in dem Hügel unmittelbar unter der Oberfläche eine bedeutende Steinschichtung von etwa 1,5 m Höhe und unter dieser die Steinkiste. Die Steine waren zu einer rundlichen Erhöhung über der Kiste gehäuft. Diese selbst bildete ein Rechteck von 1 m Höhe, 1,75 m Länge und 1 m Breite (innen) mit nordsüdlicher Längenachse; Sie steht anscheinend auf dem Boden einer natürlichen flachen Erhebung. Die Wände der Kiste waren aus flachen Platten aus Granit oder Sandstein von durchschnittlich 1 m Höhe errichtet, drei Seiten wurden von je einer, die vierte von zwei gebildet, darüber lag eine einzige Platte aus weißem Sandstein, 2,30 m lang, 1,80 m breit, 0,25 m dick. Die Deckplatte zeigt kleine rundliche Vertiefungen, die bekannten "Schalen" der Hünengräber. Die Arbeiter hoben diese Deckplatte auf und räumten die Kiste aus, ehe Sie ihren Fund meldeten. Unsere Kenntniß über den Inhalt beruht also leider nur auf ihren Aussagen. Danach war die Kiste ganz mit Sand gefüllt; in einer Ecke an der Nordseite der Kiste lagen zwei Haufen von Gebeinen, der eine anscheinend quer über dem andern, davor einThongefäß. Steinsachen sind nicht beobachtet. In der ausgeworfenen Erde ist später eine steinerne Pfeilspitze einfachster Form gefunden. Die Mitte der Kiste war leer. Gebeine und Thongefäß befinden sich jetzt im Großherzoglichen Museum. Die Gebeine gehören zwei Personen an, einer sehr kräftig gebauten und einer zarteren. Die Schädelkapseln sind erhalten. Eine fachmännische Untersuchung hat bisher nicht stattgefunden.

Nach dem Berichte sind die Beerdigten an den Wänden sitzend oder hockend, jedenfalls nicht ausgestreckt liegend, bestattet und ihnen Beigaben zu Füßen gelegt. Das Thongefäß (nur zu 3/4 erhalten) hat die Form einer kugeligen Flasche. (Abb. 6.) Der Thon ist ziemlich gut geschlemmt und gut gebrannt; die Oberfläche ganz hell graubraun und glänzend. Schmale Standfläche, rundlicher Leib, scharf ansetzender gerader Hals; zwei kleine Henkel am Halsansatze. Höhe 18,5, Durchmesser der Standfläche 5, der Mündung etwa 8, Höhe des Halses 6,5, größter Umfang (6 von unten) 47 cm. Die Gefäßform ist uns

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nicht fremd; wir haben schon drei Stücke aus ganz ähnlichen Gräbern: 1. Neukalen (3205) aus einem "kleinen Hünengrabe", welches

Abbildung 6.
Abbildung 6.

1852 geöffnet wurde und außer der Urne ebenfalls nur Gebeine enthielt (Jahrb. 21, S. 229). Diese Urne gleicht der besprochenen, auch in der Farbe, nur ist sie etwas flachkugeliger. 2. Molzow (741); aus einem Hünenbett mit Steinkisten, geöffnet 1840; verziert mit Perpendikulärlinien, daneben eine zweite Urne und Gebeine, s. Jahrb. 6 B, S. 134, abgeb. Jahrb. 10, S. 255; 13, S. 79. 3. Molzow (2090), aus einer mit einem Steinringe umgebenen Steinkiste, geöffnet 1844.

Die Urne ist der vorigen gleich, auch hier fanden sich nur Gebeine, S. Jahrb. 10, S. 264. Die drei Fundstätten dieser Urnen liegen nicht weit von einander, die Fundverhältnisse sind in allen Fällen dieselben. Wir dürfen also diese Urnenform als eine Charakterform unserer Steinkistengräber ansehen. Einige gleiche Gefäße befinden sich in dem Museum von Neubrandenburg, stammend von dem benachbarten Neuenkirchen, wo sie mit Keilen und Feuersteinmessern zusammen in einem Moderbruch gefunden sind, an einer Stelle, wo man einen Pfahlbau vermuthet. Auch in Dänemark gehören sie den Steinkistengräbern an (Petersen, a. a. O., S. 151); desgl. in Pommern (Gr.=Rambin: Walter, Lemcke=Festschrift, S. 8-12. Lebahn: Schumann, Zeitschrift für Ethnologie, 1889, Verhandlungen S. 217).

Eine Urne von verwandter Form stammt aus einem Hünenbett von Helm, in dem keine Steinkammer beobachtet ist, wohl aber Sandsteinplatten, wie sie die Steinkisten zu bilden pflegen, gefunden sind; S. Jahrb. 5 B, S. 22; 10, S. 255 und 63, S. 80 (mit Abbildung). Etwas weiter entfernt ist eine Urne aus einem Hünenbette mit Steinkammer von Remlin (s. Jahrb. 9, S. 362 und 10, S. 259, auch Jahrb. 63, S. 79), welche der Amphorenform sich nähert. Ohne Zweifel ist dieser (Remliner) Typus älter als der Molzower u. s. w., welcher wohl aus ihm hervorgegangen ist.

Steinkistengräber lösen, wie schon oben mehrmals erwähnt, die Steinkammergräber ab. Das Grab ist ein typisches Steinkistengrab; doch scheint in dem vorliegenden Falle die Form der in Steinkammern üblichen Beisetzung noch beibehalten zu sein.

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Neu für meklenburgische Hünengräber ist die Ueberdeckung mit einer Steinhäufung, eine Sitte, die erst in der Bronzezeit allgemein wird.

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Flachgräber von Basedow.

Bei dem Chausseebau 1898, wo die oben beschriebene Steinkiste gefunden wurde, ist auf einem anderen Theile des Basedower Gebiets, fast 5 Kilometer entfernt, noch ein zweiter Grabplatz aufgedeckt Die Fundstelle ist der "Fuchsberg", der Kamm eines Höhenrückens zwischen den Niederungen am See und der Moor= Strecke Basedow-Malchin, südlich von dem Wege nach Malchin. Der Boden ist leicht und sandig. Hier sind in geringer Tiefe, 30 bis 40 cm, mehrere Skelette frei im Boden liegend gefunden. Größere Steinsetzungen fehlten, doch scheinen sie von einer Steineinfassung umgeben zu sein. Ueber die Art ihrer Lagerung, Orientirung u. s. w. ist nichts beobachtet. Bei einem Leichnam lagen zwei prachtvolle Feuersteindolche (jetzt in der Sammlung des Herrn Grafen Hahn auf Basedow). 1. Typus II c 2 (Jahrb. 63, S. 43): der Griff fein gekröselt, unten glatt, rhombisch, Klinge mit kleinen Parallelmuschelungen von der allerfeinsten Arbeit. Farbe grau; Länge 25,5, Länge des Griffs 9, größte Breite des Blattes 4 (10 von der Spitze), Breite des Griffs unten 3,75 cm. 2. Typus III 2: sonst dem vorigen sehr ähnlich, aber alles einfacher, der Griff unten fast quadratisch abschneidend. Länge 18, Länge des Griffs 7, größte Breite (6,5 von der Spitze) 3 cm

Es ist schon a. a. O., S. 51 darauf hingewiesen, daß die besser gearbeiteten Dolche den Hünengräbern fremd sind und an das Ende der Periode gehören werden, wo die Hünengräber durch andere Grabformen ersetzt werden. Das Basedower Grab giebt dazu eine vortreffliche Bestätigung. Auch in Holstein ist in einem entsprechenden Grabe ein solcher Dolch gefunden (Oersdorf, Kirchspiel Hademarschen, s. Mestorf, Mitth. des A.=V. in Schlesw.=Holst., V, S. 17). Flachgräber ohne größere Steinsetzungen gehören ebenso an das Ende der Periode, wie die fein geschlagenen Dolche.

Auch in den angrenzenden "Basedower Wiesen" ist bei der Torfgewinnung 1896 ein schöner Dolch von Typus III. 2 gefunden von 20 cm Länge, der dem oben unter 2 beschriebenen fast ganz gleicht. Auch sonst sind in den Wiesen oft Steinsachen,

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Thierknochen, Pfähle gefunden, und es ist die Möglichkeit ins Auge zu fassen, daß hier Pfahlbauten waren, deren Bewohnern die Gräber auf dem Fuchsberge angehören.

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Hünengrab von Alt=Sammit (Nr. 3).

(Katalog=Nummer St. 2. 3.)

Im Jahre 1860 sind bei Alt=Sammit (bei Krakow) zwei bedeutende Steinkammern abgetragen, die nach Form und Inhalt unsere am besten charakterisirten Hünengräber darstellen; vergl. den eingehenden Bericht von Lisch, Jahrb. 26, S. 115 ff. 1883 ist dort ein drittes Hünengrab angeschnitten und leider zerstört, ehe eine sachkundige Untersuchung stattgefunden hatte. Die Ermittelung der Fundverhältnisse hat sich Herr Fabrikant Lorenz in Krakow angelegen sein lassen, wobei besonders die Aussagen des Herrn Inspektors Homann in Alt=Sammit zu Grunde gelegt sind. Danach unterschied sich dieses Grab von den beiden andern ganz wesentlich. Es war ein Lehmhügel von 5 m Durchmesser, das Grab äußerlich nicht sichtbar; im Hügel eine Steinschichtung von Feldsteinen, darunter ein länglicher Raum, ausgesetzt mit platten Steinen, nur 1,25 m lang und 0,60 m breit. Von einem Decksteine verlautet nichts. Nach dem Berichte scheint das Grab ein Steinkistengrab im Charakter des eben besprochenen von Basedow (S. 121) gewesen zu sein. Gebeine sind nicht beobachtet worden, eine "Urne" ist verworfen. Bewahrt sind 6 Feuersteingeräthe vortrefflichster Arbeit, von denen zwei von Herrn Lorenz der Großherzoglichen Sammlung übergeben, die übrigen in verschiedene Hände gelangt sind. Die beiden in Schwerin befindlichen Stücke sind: Keil von der Grundform B I, beschrieben Jahrb. 63, S. 17; Meißel von der Grundform B, beschrieben ebenda, S. 40.

Beide Geräthe gleichen in Form und Arbeit genau den Stücken, welche den früheren Alt=Sammiter Gräbern entnommen sind und werden demnach auch derselben Zeit angehören. Wir hätten demnach hier Steinkammergräber und ein Steinkistengrab neben einander, ein seltenes Vorkommniß, welches den Mangel eines einwandfreien Fundberichts doppelt fühlbar macht.

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Grab (?) von Russow.

(Katalog=Nummer St. 22.)

In der Nähe des Hofes Russow bei Neubukow wurde 1895 auf ebenem Terrain, 30 cm unter der Oberfläche, eine

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Steinsetzung aufgedeckt, die sich als eine steinzeitliche Anlage erwies. Herr Landrath von Oertzen auf Roggow hat über den Fund berichtet und den Inhalt dem Großherzoglichen Mufeum überwiesen. In der Tiefe von 1,5 m lag ein runder Steindamm; auf diesem standen vier größere flache Steine von 60-80 cm neben einander und bildeten einen quadratischen Raum; über diesem lag keine Deckplatte, sondern ein zweiter Steindamm. In dem Raume fand sich nichts als ein kleines Thongefäß (abgebildet beistehend), leider nur zur Hälfte erhalten.

Abbildung 7.
Abbildung 7.

Es hat die rothbraune Thonfarbe, die Form eines geschweiften Bechers und einen leicht gekerbten Rand. Höhe 7 cm, Durchmesser der Grundfläche 4 cm. Unter dem Rande läuft ein doppeltes Band von je drei gebrochenen Linien, die durch kleine eingedrückte Vertiefungen gebildet werden, das Zickzackornament, in Mitteldeutschtand ein beliebtes steinzeitliches Motiv (vergl. Goetze, Gefäßformen, Tafel 2, S. 27 ff.; Brunner, Steinzeitliche Keramik in Brandenburg, S. 15 und 19), welches besonders auch an den "geschweiften Bechern" häufig ist. Unbestritten gehört diese Becherform bei uns an den Ausgang der neolithischen Periode.

Die Deutung des Russower Fundes wird unsicher bleiben. Von Gebeinen wird nichts berichtet. Grabanlagen der erwähnten Art, die als steinzeitliche Gräber nachgewiesen wären, sind nicht bekannt; wir können den Fund also nur mit allem Vorbehalt als Grabfund bezeichnen. Im Uebrigen schließt er sich den Beobachtungen, die in jener an steinzeitlichen Funden so ungemein reichen Gegend gemacht sind, vortrefftich an. Steinzeitliche Skelettgräber und Grubenwohnungen sind in dem benachbarten Roggow gefunden, und in Russow selbst ist ein Pfahlbau wahrscheinlich gemacht. (Jahrb. 31, S. 51.)

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Steinzeitliches (?) Grab von Tannenhof.

(Katalog=Nummer St. 74-76.)

Auf dem Felde des Gutes Tannenhof (bei Lübz) wurde im Februar 1896 am Ende eines sandigen, stark mit Steinen durchsetzten Höhenzuges eine Grabstätte frei gelegt Der Platz

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liegt etwa 500 m südöstlich vom Hofe, 26 m von den Benthener Tannen und 200 m von dem Benthen-Lindenbecker Wege entfernt. Auf dem ganzen Schlage liegen Urnenscherben; in einer ganz zerfallenen Urne fand sich eine kleine bronzene "Stange", die leider nicht bewahrt ist In der Tiefe von 30 bis 50 cm Stand eine längliche Steinsetzung von ungefähr 75 cm Länge und 1 m Höhe. Seitwärts von diesem Steinwall, dessen Bedeutung unklar ist, stand etwa 70 cm tief eine braune Urne, nach der Beschreibung in bronzezeitlichem Charakter. Am Fuße des Walles ein kleines Thongefäß, in dem zwischen Sand ein zweites, noch kleineres Gefäß und eine steinerne Pfeilspitze lag. Diese drei Stücke sind 1898 mit der Sammlung Langermann in das Großherzogliche Museum gelangt; der Fundbericht beruht auf brieflicher Mittheilung des Herrn P. Langermann von 1896.

Das größereThongefäß (Abb. 8) ist 6 cm hoch und oben 6,5, unten 6 cm breit Die Wandung biegt sich nur schwach nach außen und zieht sich unter dem leicht gebogenen Rande zu einer flachen Hohlkehle zusammen. Die Farbe ist die hellbraune des Thons, der Thon mit Quarz gemischt.

Abbildung 8.
Abbildung 8.

Das kleinere ist 4 cm hoch und oben ebenso breit, der Boden hat 3 cm Breite. Die Form gleicht genau dem andern. Die Pfeilspitze ist äußerst Sauber gearbeitet in der Jahrb. 63, S. 53 unten abgebildeten Form.

Wenn wir die Anlage hier unter den steinzeitlichen Funden aufzählen, so geschieht es mit vollem Zweifel; sie kann ebensogut bronzezeitlich sein. Die Form der Gefäße ist wenig charakteristisch (ähnliche steinzeitliche s. z. B. Walter, Lemcke=Festschrift 1898, S. 19 u. 20; Mestorf, Mitth. des anthropol. Vereins Schlesw.=Holst, 1899, S.32); und die Pfeilspitze allein beweist nichts für die Steinzeit, da gerade diese Form der Pfeilspitzen in bronzezeitlichen Gräbern häufig ist (s. unten), doch lagen in allen den aufgezählten Fällen die Pfeilspitzen neben einem beerdigten Leichnam; es ist das erste Mal, daß eine Pfeilspitze in einem Gefäße beobachtet ist.

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Steinkistengrab von Friedland.

In dem kleinen, aber an wichtigen Funden reichen Museum von Neubrandenburg befindet sich eine Urne (Katalog=Nr. 1145) mit dem Vermerk: Steinkistengrab von Friedland 1881; in der Urne sollen zerbrannte Knochen gefunden sein; die Urne ist beim Bahnbau gefunden, ein genauer Fundbericht liegt leider nicht vor. Die Urne (Abb. 9) baucht sich von einer schmalen Standfläche weit aus, ein hoher Hals setzt in scharfem Winkel an, oberhalb der größten Ausbauchung sitzen vier Henkel, und an der Wandung befindet sich das bekannte Hängeornament, je drei Striche, und zwar Schnurornament.

Der Fund ist nach mehreren Seiten von besonderem Interesse: zunächst ist es eine der sehr seltenen steinzeitlichen Grabstellen mit Leichenbrand; sodann bietet die Urne für uns ganz Neues. Sie entspricht genau der Hauptform der "Thüringischen Schnurkeramik", der Amphore, wie sie Goetze.Gefäßformen, T. 1 ff.,

Abbildung 9.
Abbildung 9.

darstellt. Daß die Thüringer Schnurkeramik auch das nordische Steinzeitgebiet beeinflußt hat und ins Besondere eine große Anzahl "geschweifter Becher" als Importgegenstände anzusehen sind, ist schon lange bekannt (vergl. Goetze, Neolithischer Handel, Seite 9). Soweit ich sehe, ist es das erste Mal, daß auch eine Amphore hier beobachtet wird. Sehr merkwürdig ist es nun, daß die Amphore als Leichenbrandbehälter dient. Für Pommern ist festgestellt (nach Schumann's Formulirung, Nachr. über deutsche Alterthumsfunde 1898, S. 89): Steinkisten mit stichverzierten Amphoren als einheimische Begräbnißart, Flachgräber mit schnurverzierten Bechern als fremde (vom Süden eingedrungene) Begräbnißform gehen am Ende der Steinzeit neben einander her;

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Kreuzungen finden statt, sind aber selten. Eine solche Kreuzung bietet das Friedländer Grab: Steinkiste mit Schnurverzierter (fremder) Amphore. Das gliedert sich den bisherigen Beobachtungen sehr gut an, indem die Amphore der Friedländer Form im Allgemeinen einer älteren Stufe angehört als der schnurverzierte Becher in der nach dem Norden gedrungenen Form (Goetze, Gefäßformen, S. 46) und ebenso die Steinkisten den Flachgräbern gegenüber eine ältere Begräbnißart darstellen. Neu aber ist das Auftreten des Leichenbrandes. Steinkistengräber mit Leichenbrand sind meines Wissens noch nie beobachtet. Wo Leichenbrand am Ende der Steinzeit erscheint, hat er sich in Flachgräbern gefunden, und fast stets mit Anzeichen beginnender Metallzeit Nach seiner Bauart und Urnenform ist das Friedländer Grab wohl das älteste überhaupt bekannt gewordene mit Leichenbrand.

Auch außer dem Friedländer Grabe befinden sich im Neubrandenburger Museum eine Anzahl bemerkenswerther Steinzeitlicher Grabstellen; in dem gegebenen Zusammenhange besonders: Krappmühl (bei Neubrandenburg) 1877: "In einem Kieslager, zwei Fuß tief unter der Oberfläche, zwei Skelette in gestreckter Lage ohne jede Steinsetzung. Eine becherförmige Urne ohne Ornamente, die zwischen den Schädeln stand, enthielt eine Anzahl von Hundezähnen, die alle am Wurzelende durchbohrt sind, und die zweifelos als Halsschmuck [oder Gürtelschmuck] gedient haben." Brückner, 26. Jahresbericht des Museums von Neubrandenburg 1898, Seite 4. Durchbohrte Hundezähne sind in ganz gleicher Form in Ostorf gefunden, die Beigabe von Bechern bei Flachgräbern ist allgemein; wir sehen demnach in dem Grabe eines der Flachgräber vom Ende der Steinzeit (s. oben S. 88). Brückner hat in der angeführten, sehr verdienstlichen Arbeit die Schädel einer vergleichenden Betrachtung unterzogen und bemerkt, daß die Krappmühler (wie auch Ostorfer) Schädel im Gegensatz zu der Brachiocephalie der meisten "paläolithischen" Schädel dolichocephal sind; da er den Fund in Parallele mit dem altsteinzeitlichen Grabe von Plau stellt, sah er darin eine "paläolithische" Grabstelle. Nach dem Gesagten gehört der Fund nicht an den Anfang, sondern an das Ende der Steinperiode, und da gliedern sich die Krappmühler Schädel vortrefflich der von Brückner, S. 6, aufgestellten Reihe ein.


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Außerdem befinden sich in der Schweriner Sammlung mehrere Fundstücke, die nach der Angabe ihrer früheren Besitzer aus Hünengräbern stammen sollen. Eine Entscheidung über die Glaubwürdigkeit dieser Angaben ist nicht mehr möglich, zumal der Name "Hünengräber" eine Sammelbezeichnung für alle möglichen vorgeschichtlichen Anlagen geworden ist.

1. Wustrow bei Neubukow. Zwei Keile, einer von der Grundform D II (Jahrb. 63, S. 34), einer derb zugehauen (S. unten S. 160). Auf den Reichthum der Neubukower Gegend an steinzeitlichen Dingen ist schon oben mehrfach hingewiesen, doch wird gerade die Halbinsel Wustrow weniger genannt, auch sind diese Keilformen im Allgemeinen den Gräbern fremd.

2. Maßlow bei Wismar. Meißel Typus B, ganz ungeschliffen (a. a. O., S. 40, vergl. Abb. 10),

Abbildung 10.
Abbildung 10.

vielleicht auch ein Dolch Typus II b 2 (a. a. O., S. 47). Die Angabe gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, daß bei Maßlow eine ganze Anzahl Hünengräber zerstört sind; vergl. das Verzeichniß S. 100. Meißel gehören zu dem regelmäßigsten Bestande der Hünengräber; ungeschliffene allerdings sind bisher nur aus Gräbern von Neu=Gaarz und Zarnewanz bekannt geworden.

3. Kowalz bei Tessin. Axt: Typus I B1 b (a. a. O., S. 63). Ueber die Zerstörung von dortigen Hünengräbern und die dabei gefundenen, aber zerstreuten Altsachen wird bereits Jahrb. 3 B, S. 118 berichtet; die dort als noch vorhanden genannten Anlagen sind seitdem auch verschwunden, und einer mag diese Axt entstammen, wenn auch Aexte, besonders der einfacheren Form, in unseren Gräbern recht selten sind.

4. Kargow bei Waren. Sehr Schöne Axt, Typus II 1 b (a. a. O., S. 66, vergl. Abb. 11).

Abbildung 11.
Abbildung 11.

Der Sammler, von dem diese Axt erworben wurde (Struck), war ein zuverlässiger Beobachter.

Ob ein Dolch von Zarnewanz bei Tessin, Typus II b 2 (a. a. O., S. 48), der oben S. 110 besprochenen Gräbergruppe entstammt, ist unsicher.

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Ansiedlungen der Steinzeit.

Die steinzeitlichen Grabstätten gestatteten, eine Aufeinanderfolge verschiedener Grabgebräuche festzustellen: Kleine und größere megalithische Grabkammern, Hünenbetten, Steinkisten, Flachgräber (und Urnengräber?) stellen vier (oder fünf?) zeitlich getrennte Stufen dar, in welchen eine völlige Aenderung der alten Gebräuche und doch wohl auch der Anschauungen vor sich geht. Diese Aenderungen sind nicht spontan entstanden, sondern hängen mit auswärtigen Beziehungen eng zusammen. Die einfachere Grabkammer umfaßt einen großen Theil des westlichen Europa; Steinkisten und Flachgräber sind Formen der mitteldeutschen Steinzeit; eigenthümlich nordisch ist nur das Hünenbett. Es ist noch zu untersuchen, ob die Verschiedenheit der Grabformen eine solche Bedeutung hat, daß Sie zu einer Periodeneintheilung innerhalb der Steinzeit berechtigt; das läßt sich nur durch eine andere Untersuchung erreichen, wie weit die anderen Erscheinungen steinzeitlicher Kultur dieser Entwicklung entsprechen. In Frage kommen da zuerst die Wohnstätten.

Es liegen folgende Beobachtungen vor:

1. Dreveskirchen (bei Neubukow). Auf dem "Klingenberge" und dem "Rauhberge", an einer Hügelkette südwestlich vom Hofe, die zur Ostsee abfällt, sind bis 1,5 m tief in lehmigem Boden auf Sandschollen seit 1853 eine größere Anzahl (über fünfzig) von Stellen mit Kulturresten beobachtet. Der Durchmesser der (rundlichen) Gruben betrug gewöhnlich nur 1,25 m, eine größere Anlage zeigte 3,5 m und war durch eine Mauer aus stärkeren Steinen in zwei Hälften getheilt. Auf dem Boden der Grube war ein Steinpflaster, darauf Brandstellen mit Thierknochen, Feuersteingeräthen, Reibsteinen und Gefäßscherben, die zwei Gruppen, derbere Vorrathstöpfe und besser gearbeitete Schalen und Krüge, bilden. Lisch hat mehrmals über diese Siedelung berichtet; zuletzt (zusammenfassend) Jahrb. 30, S. 123; über einige später eingelieferte Keile S. Jahrb. 63, S. 25 u. 28.

2. Hinter=Bollhagen (bei Doberan). "Ein viereckiger Raum, 3' tief unter der Erdoberfläche, mit großen Steinen an den Wänden ausgesetzt und mit kleinen Steinen gepflastert, auf diesem Fußboden mit schmieriger Masse bedeckt" so ein Bericht vom Jahre 1855; vergl. Jahrb. 20, S. 276. Da an Geräthen nichts gefunden ist, läßt sich über die zeitliche Anlage nichts sagen. Wohngruben, deren Wände durch Steine gebildet werden, sind aus keiner Periode bekannt geworden. Es mag die ver=

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meintliche Wohngrube ein Hünengrab im Charakter derer von Woldzegarten gewesen sein.

3. Breesen (bei Gadebusch). Drei kreisrunde Gruben von etwa 1,75 m Tiefe, elwa 2 m von einander entfernt im Dreieck liegend; Grund konkav, mit Scherben, Kohlen, Asche; an Altsachen fanden sich nur zwei Reibsteine. Beobachtet 1858; vergl. Jahrb. 26, S. 127.

4. Wismar; am Galgenberge. Grube von 1,75 bis 2,50 m Durchmesser mit Kohlen, Topfscherben und Muschelschalen. Vergl. Jahrb. 30, S. 128. Leider ist nichts aufbewahrt.

5. Roggow (bei Neubukow). Auf dem an vorgeschichtlichen Dingen ungemein reichen Gebiete von Roggow sind 1864 und die folgenden Jahre an fünf verschiedenen Stellen Wohngruben gefunden, über die Lisch, Jahrb. 31, S. 53 ff. und 39, S. 118 berichtet. Die dort unter 2) aufgezählten scheiden wir aus, da sie mehr den in den letzten Jahren massenhaft bekannt gewordenen wendischen Wohngruben entsprechen; über die unter 3) und 5) genannten ist nichts Genaueres bekannt geworden. Steinzeitlicher Ursprung bleibt wahrscheinlich bei zweien: Gruppe 1; runde Stellen von 1,8 bis 2,4 m Durchmesser und 1,25 m Tiefe mit den Resten dickwandiger Gefäße, auf einer Bodenwelle südlich vom Hofe; und Gruppe 4; am Steilufer am Salzhaff drei runde Gruben (eine vierte s. Jahrb. 32, S. 220) von 1,8 m Durchmesser und 1 m Tiefe; ausgelegt mit einer Lehmdiele, darauf herdartige Steinsetzung mit den Resten mehrerer grobwandiger und zwei feinerer Gefäße, Thierknochen und zwei Reibsteinen.

6. Pölitz (bei Güstrow). Auf der Kuppe einer Anhöhe, des "Sippenberges", Gruben von nur etwa 1,25 m Durchmesser und (ursprünglich) wohl ebenso tief, mit schwarzer Masse, Gefäßscherben, Thierknochen; sehr wenig Geräthe, darunter vier kleine Schleifsteine, sechs "scheibenartige Feuersteinsplitter" und ein Stechwerkzeug aus der Ulna eines Hirsches. (Jahrb. 34, S. 203.)

Die Ausbeute dieser Wohngruben ist außerordentlich gering, und zur zeitlichen Bestimmung verwendbar sind in mehreren Fällen nur die Reibsteine. So viel aber ist klar, daß sie alle der neolithischen Periode angehören; Geräthe in altsteinzeitlichem Charakter finden sich hier nur ausnahmsweise, so in Dreveskirchen, aber vergesellschaftet mit den voll ausgeprägten Formen.

Die Arbeitsstätten für Steingeräthe.

Sehr zahlreich sind die Stellen, auf denen kleinere Geräthe aus Feuerstein, besonders die prismatischen Messer, in Massen

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liegen; die Mehrzahl der Fundstücke sind klein, unscheinbar, oft unfertig oder verbraucht. Schönere, gut erhaltene Sachen finden sich nur vereinzelt. Lisch nannte diese Stellen "Feuersteinmanufakturen" (so schon 1838; s. Jahrb. 3 B, S. 41), ausgehend von der ohne Zweifel richtigen Annahme, daß an den betreffenden Orten die Geräthe hergestellt seien, und daß die Masse der Ueberbleibsel Spähne und verworfene Stücke seien. so wird der Name sein Recht behalten, auch wenn man ihn dahin einschränken muß, daß die Stellen nicht ausschließlich Werkstätten gewesen sind, sondern meist Ansiedlungen der steinzeitlichen Bevölkerung, wie Feuerstellen, Urnenscherben und das Vorkommen zahlreicher offenbar gebrauchter Gegenstände einerseits, der Mangel an unfertigen größeren und besseren andererseits beweisen. Das Bild dieser Arbeitsstätten ist im Wesentlichen immer dasselbe. Fast ohne Ausnahme finden sie sich auf sandigem, höher gelegenem Boden an einer größeren Wasserfläche. Die Oberfläche des Bodens ist mit den Splittern u. s. w. bedeckt, oder, wo der Flugsand wirkt, liegen sie unter diesem vergraben. Fast überall hat ihre Verstreuung sichtlich auf freiem Boden stattgefunden. Gleich bei den ersten Beobachtungen ist es aufgefallen, daß diese Arbeitsstätten sich in einigen Gegenden häufen. So liegen nahe bei einander am Nordufer der Seekette Müritz=, Kölpin=, Flesensee die Fundstätten von Eldenburg (Jahrb. 41, S. 161; 42, S. 131), Klink (Jahrb. 3 B, S. 41; vergl. auch Jahrb. 63, S. 37), Damerow (Jahrb. 7 B, S. 46), Jabel (Jahrbuch 10, S. 262), Nossentin (Jahrb. 33. S. 120); auch an dem benachbarten Plauer See sind sie beobachtet (Jahrb. 33, S. 121). Eine zweite Gruppe liegt am Schweriner See und wird unten zur Besprechung kommen. An zwei Stellen sind Arbeitsstätten auch unmittelbar an der (jetzigen) Seeküste gefunden: zwischen Brunshaupten und Arendsee auf dem ziemlich niedrigen Uferstreifen Messer, Schaber, Keil ältester Form (s. Jahrb. 9, S. 362; auch 63, S. 6), und besonders auf dem hohen Ufer des Fischlandes östlich von Wustrow. Auch das am Heiligen Damm gefundene starke spahnförmige Messer (Jahrb. 41, S. 162) ist schwerlich ein vereinzelter Fund. Die Wustrower Stelle hat die zahlreichsten und in manchen Stücken abweichende Funde ergeben und wird unten zu einer gesonderten Besprechung kommen. Von anderen Stellen sind noch früher erwähnt bezw. durch ältere Funde im Großherzoglichen Museum vertreten: 1. Friedrichshöhe (bei Rostock): Messer mit Reibsteinen, Keilen und anderem steinzeitlichen Geräth (s. u. a. Jahrb. 63, S. 5). 2. Tressow (bei Wismar):

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an einer nach einer feuchten Wiesenniederung sich abdachenden Anhöhe Spähne mit zahlreichem anderen Geräth; auch sonst ist die Feldmark reich an Steinsachen; s. Jahrb. 18, S. 231 u. 243. 3. Satow (bei Kröpelin): "im See" eine Anzahl prismatischer Messer, auf dem Felde zahlreiche einzelne Steinsachen; s. Jahrbuch 12, S. 406. 4. Kladow (bei Crivitz): einzeln gesammelt eine Anzahl prismatischer Messer, ein ovaler Schaber, Nucleus, Spahnspalter. 5. Weselsdorf (bei Ludwigslust), aus einer an Steinsachen sehr armen Gegend: in einer Sandscholle eine Anzahl prismatischer Messer. 6. Kröpelin (ohne Fundbericht): prismatische Messer. 7. Alt=Karin (bei Kröpelin): zahlreiche Steinsachen auf dem Felde gesammelt, darunter überwiegend größere prismatische Messer, ferner ein Keil ältester Form, ein großer Bohrer, aber auch fünf zum Theil sehr schöne Feuersteinkeile (s. Jahrb. 63, S. 24 ff.). 8. Alt=Steinhorst (bei Sülze). Gelegentlich gefunden Steingeräthe aller Typen, darunter auch zahlreiche Messer (vergl. Jahrb. 63, S. 15 ff.). 9. Pinnow (bei Crivitz): ziemlich formlose Steine, die aber Spuren der Benutzung zeigen. 10. Weitendorf (bei Brüel): einige alte Keile (Jahrbuch 63, S. 6), aber auch junge Typen mit Messern u. s. w. 11. Bützow: auf dem Mahnkenberge eine Anzahl Feuersteinspähne, Messer, Nucleus. 12. Borkow (bei Plau): eine Anzahl schöner prismatischer Messer und ein "halbmondförmiges Messer", Grundform II. 13. Insel Walfisch (bei Wismar): drei stark abgenutzte größere Messer. 14. Dettmannsdorf (bei Sülze): Im Neubrandenburger Museum liegen eine größere Anzahl Messer, Pfeilspitzen einfacherer Form, daneben aber auch schönere und besser gearbeitete Feuersteinsachen, welche offenbar einer Wohn= oder Arbeitsstätte entstammen. Näheres über den Fundplatz ist nicht bekannt geworden.


Für eine genauere Festlegung der zeitlichen Stellung bieten diese Arbeitsstätten kein ausreichendes Material. Die prismatischen Messer, welche die ganz überwiegende Masse der Funde bilden, sind fast zeitlos. Sie finden sich in Hünengräbern und noch auf wendischen Burgwällen, wo sie keine zufälligen Beimengungen sein können. Paläolithische Stücke sind selten; sie überwiegen in dem Funde von Wustrow; die gut abgesuchten Feldmarken von Roggow, Steffenshagen, Alt=Steinhorst u. s. w. haben alle steinzeitlichen Typen ergeben: die große Mehrzahl der Arbeitsstätten gehört also sicher der neolithischen Periode an. In Holstein sind Arbeitsstätten und Wohnplätze auf derselben

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Feldmark mit Muldengräbern gefunden und damit der zeitliche Zusammenhang festgelegt (Mestorf, Mitth. d. anthropologischen Alterthumsvereins in Schleswig=Holstein V, S. 22); in dieser glücklichen Lage sind wir noch nicht, aber da bei der großen Mehrzahl der erwähnten Fundplätze Hünengräber nicht erwähnt werden, ja, sie zum Theil aus Gebieten stammen, die an Hüuengräbern überhaupt arm sind, werden auch wir die zu den Arbeitsstätten gehörenden Gräber eher unter den Skelettgräbern als unter den Hünengräbern zu suchen haben.


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Hierzu kommen nun eine Anzahl neuerer Beobachtungen:

Wir zählen zunächst die in der Umgebung von Schwerin gemachten auf, wobei vielfach auf ältere Funde zurückgegriffen werden muß.

Ansiedlungen bei Schwerin.

Als ganz besonders ergiebig haben sich die Ufer des Schweriner Sees erwiesen. Wir zählen hier auf:

1. Raben=Steinfeld. (K.=Nr. St. 10.) Bereits 1846 waren an dem Steilufer in der sog. Seekoppel die typischen Stücke beobachtet (vergl. Jahrb. 11, S. 345; auch Jahrb. 63, S. 25). Neuerdings hat Herr Hofgraveur Lenthe aus Schwerin in dem zum See abfallenden Garten seines Grundstückes eine Unsumme von Messern, Spähnen u. s. w. gefunden und in größerer Anzahl dem Großherzoglichen Museum überwiesen. Es sind in großer Gleichmäßigkeit die drei= oder vierkantigen "prismatischen" Messer, meist kleine Exemplare, einige mit scharfer z. Th. gebogener Spitze, auch einige Nuclei. Feuerstellen sind beobachtet, aber keine Scherben. In einer Sandgrube auf dem Vorsprunge am Ufer sind u. a. Gebeine, Messer und ein durchbohrter Zahn beobachtet.

2. Kalkwerder. (K.=Nr. St. 51.) Im Garten des Wohnhauses der früheren Ziegelei und in dem benachbarten Großherzoglichen Küchengarten sind zahlreiche Spähne u. s. w. gefunden, aber auch fertige, z. Th. sehr schön gearbeitete Sachen. So sind als Geschenk des Herrn Stargard in das Museum gelangt: ein Dioritkeil (s. unten), ein Feuersteinkeil (a. a. O., S. 26), ein Meißel (a. a. O., S. 40), ein "halbmondförmiges Messer" (a.a.O., S. 56) und ein Reibstein (a. a. O., S. 77). Auch eingerammte Pfähle sind gelegentlich beobachtet. Da der ganze Boden sich wenig über den Spiegel des Großen Sees erhebt, hat man es hier wahrscheinlich mit Pfahlbauten zu thun, wozu auch die ge=

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fundenen Sachen, die dem Ende der Steinzeit nahe liegen, vortrefflich stimmen.

3. Kaninchenwerder. (K.=Nr. St. 1.) Einem aufmerksamen Sammler stoßen hier fast überall bearbeitete Steinsachen auf, allerdings meist unscheinbarer Art. Ueber ein keilartiges Stück in der Form der älteren Steinzeit vergl. a. a. O., S. 6. Nach den Beobachtungen des Herrn Maler Körner in Schwerin, der sich seit Jahren die Erforschung der Schweriner Umgegend, besonders nach Steinsachen, hat angelegen sein lassen, ist besonders das steile Abbruchufer an der Westseite ergiebig. Hier sind z. B. eine zerbrochene Axt, ein Dioritkeil und ein Knochenmeißel geborgen. Auf der kiesigen Anhöhe hinter der Gastwirthschaft ist 1888 in geringer Tiefe ein Skelett, anscheinend in "liegend hockender" Stellung gefunden. In der Sammlung befinden sich außer den genannten vier roh zugeschlagene Stücke, drei Messer, ein Schleifstein, ein Feuersteinkeil (C a), ein Dioritkeil und ein Meißel.

4. Am Ostorfer See. Am Nordufer, wo in jüngster Zeit die Ostorfer Villenkolonie entstanden ist, wurden bei dem Bau des ältesten Hauses, der damaligen Villa Suhrland, eine großere Anzahl der typischen Feuersteingeräthe gefunden, von denen eine Sammlung in die Großherzogliche Alterthümersammlung gelangt ist (1867 flgd.; Jahrb. 39, S. 120). Doch kann die Fundstelle nicht groß gewesen sein; denn bei den Neubauten ist allerdings ein schöner Urstierschädel (jetzt im Universitätsmuseum in Rostock auf dem Nieskeschen Grundstückf gefunden, Feuersteinsachen aber ganz vereinzelt. Ueber einen schönen Dolch vergl. a. a. O., S. 50, über einen sehr schönen Nucleus Jahrb. 3 B, S. 40. - Auch gegenüber dieser Stelle, bei dem Bahndurchschnitt, scheint eine Ansiedlung gewesen zu sein, von der aber nur ein Keil gerettet werden konnte; vgl. a. a. O., S. 25. Ebenso sind auf dem Friedhofe vereinzelt sehr einfache und alterthümlich anmuthende Messer gefunden; über eins vergl. Jahrb. 44, S. 71. - Daß die kleine Insel im See außerordentlich schöne und seltene Steinsachen geliefert hat, die auch einer Wohnstätte (nicht einem Grabe) zuzuschreiben sein werden, ist schon mehrmals besprochen; vergl. a. a. O., S. 80.

In weiterer Entfernung von Schwerin gehört hierher:

5. Die Insel Lieps im nördlichen Theile des Sees (zu Gallentin gehörig). Auch hier ist, wie auf dem Kaninchenwerder, besonders das Steile Abbruchufer am Nordende ergiebig gewesen;

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eine Anzahl von Stücken der typischen Art sind durch Herrn Körner in das Museum gelangt.

Ueber Pinnow und Kladow s. oben.

Außer von den fünf genannten Fundstellen haben in der Stadt Schwerin nnd ihrer Umgebung noch folgende Stellen vereinzelte steinzeitliche Funde ergeben:

1. 2. Am Neumühler See und am Lankower See einige derbe roh zugehauene Blöcke und eine angefangene Axt.

3. Von Zippendorf sind roh bearbeitete Stücke wiederholt eingeliefert.

4. Auf dem Schelfwerder sind zu verschiedenen Zeiten Steingeräthe in paläolithischem Charakter gefunden. Siehe a. a. O., S. 5; auch ein ungeschliffener, sehr großer Feuersteinkeil und eine kleine Dolchspitze (II a c) stammen von dort. Leider ist Genaues über den Fundort nicht aufgezeichnet; nahe der früheren Jägerkaserne ist 1883 eine kleine zerbrochene Axt aus schiefrigem Gestein und eine Anzahl Feuersteinmesser als Geschenk des Herrn Schütt in die Sammlung gelangt. (K.=Nr. St. 3.)

5. Vom Ostorfer Halse stammen zwei Dioritäxte, eine einfache keilförmige (a. a. O., S. 38), eine mit angefangener Bohrung und ein prismatisches Messer.

6. Auf der Schloßinsel sind einige sehr schöne Steinsachen gefunden, welche beweisen, daß die Stelle der alten Wendenburg schon in sehr viel früheren Perioden bewohnt gewesen ist, sei es, daß auch hier eine Insel, oder daß ein Pfahlbau als Ansiedlung gedient hat. Dahin gehören eine einfache Dioritaxt (a. a. O., S. 62) und eine größere Dolch= oder Lanzenklinge.

Außerdem sind eine Anzahl Einzelfunde gemacht:

1. Prismatisches Messer (III b. III) in der Wittenburgerstraße. 2. Desgleichen (4601) in der Amtsstraße, bei der Turnhalle 1879. 3. Keil (Gl. IV. 1. 358), Grundform B I, in der Johann Albrechtstraße (Jahrb. 63, S. 18). 4. Dolch (2072), Grundform II B 2; am Fuße des "Treppenberges" (Kommandantenstraße). 5. Hirschhorngriff (4632) beim Bau des Museums.

In der Umgegend von Schwerin: Keil (4404), Grundform B I, offenbar im See gelegen. Meißel (Gl. IV. 2. 34), Stadtfeldmark. Dolch (2934), Grundform II B 2, zwischen Schwerin und Wismar in einer Mergelgrube. Axt (L I A 1 a 54), sehr schöne Grundform II 1 c, im Amte Schwerin. Geschweifte Axt "im See nahe der Lieps".

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Ohne nähere Fundangabe: Keil (3), Grundform D I. Jahrb. 1 B, S. 14. Keil (Gl. IV. 1. 175), Grundform B II, mit geschweifter Schneide. Keil (Gl. IV. 1. 223), Grundform A. Jahrb. 63, S. 15.

Gegenüber diesem Reichthum an Wohnstellen und Einzelfunden ist die Armuth der Schweriner Gegend an Gräbern sehr auffallend. Besonders Hünengräber fehlen auf weitere Entfernung hier gänzlich.

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Ansiedlung von Steffenshagen.
(Katalog=Nummer St. 48-62).

Bei Hof Steffenshagen (bei Kröpelin) hat Herr Paul Langermann eine große Anzahl steinzeitlicher Geräthe zusammengebracht, welche das Vorhandensein einer steinzeitlichen Ansiedlung außer Frage stellen, wenn auch Wohngruben u. dergl. nicht aufgedeckt sind. Brandstellen und Gefäßscherben sind beobachtet, aber an entlegenen Stellen und ohne charakteristische Formen; es scheint sich danach die Besiedelung auf eine größere Fläche zu erstrecken, ähnlich wie bei Wustrow=Niehagen (s. unten). Die Sachen lagen verstreut auf dem Felde und sind gelegentlich gesammelt; der Fundort ist nur bei einzelnen genauer bestimmt. Wir zählen sie demnach zusammen auf und bemerken die Fundverhältnisse, so weit sie bekannt sind, bei den einzelnen Gruppen.

"Prismatische" Messer. Die bekannten spahnförmigen Messer, leicht gewölbt mit flacher Unterseite, mehrflächiger Oberseite und seitlicher Schneide bilden auch hier die Hauptmasse der Funde. Es sind 137 Stück gesammelt, fast durchgängig einfache Exemplare mit einem scharfen Mittelgrat; die Länge beträgt 2 bis 8 cm. Zu bemerken sind nur einige mit vorn gebogener und zugespitzter Schneide, die also den Uebergang zu den Bohrern, Lanzenspitzen oder Angelhaken bilden, und ein Stück, welches mit einem kleinen Loch versehen ist, das erste durchbohrte Feuersteingeräth unserer Sammlung. Auch ein sehr schöner "Nucleus" ist dabei gefunden, konisch, mit zehn Schlagflächen, 5 cm lang; sehr ähnlich S. Müller, a. a. O., 7. Bemerkenswerth ist auch ein Messer, welches nicht aus dem natürlichen Steine, sondern mit Benutzung eines Absplisses von einem geschliffenen Feuersteinkeil hergestellt ist.

Rundschaber. Meist unregelmäßige Formen: 21 Stück.

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Geräthe von wenig ausgeprägter Form. 128 wenig charakteristische Stücke, meist länglich, oft Messern ähnlich, jedenfalls überwiegend zum Schneiden benutzt, da die Seitenkanten abgenutzt sind.

Geräthe mit einer Spitze, großflächig zugeschlagen. 107 Stücke, meist länglich flach, mit höherem Mittelgrate wie die prismatischen Messer; rundliche Formen mit kürzerer Spitze sind seltener. Alle Formen sind wenig ausgeprägt und sei darum hier zwischen den bei S. Müller, 28 bis 32, abgebildeten Typen kein Unterschied gemacht; 29 und 30 sind bei uns weniger häufig als die andern. Auch ist es unmöglich, über den Gebrauch dieser Spitzen Genaueres zu sagen; zum größten Theile sind es wohl Bohrer, aber andere mögen auch als Lanzen=, Pfeil= u. s.w. Spitzen gebraucht sein.

Pfeilspitzen. Vier schöne Stücke, eine mit scharfem Mittelgrat gleich den prismatischen Messern (vergl. Tannenhof 1), zwei flache mit gedengelter Schneide (= Tannenhof 2), und eine von seltener Form, großflächig, Seiten gedengelt, mit tiefem Ausschnitt an der unteren Seite.

Roh zugehauene Stücke paläolithischen Charakters. 1. "In einem Torfgrund". Großflächig. Grundform ein dreiseitiges Prisma; alle Kanten gleich scharf. Weißgrau. Länge 10 cm. 2. Gelblichweiß. Zwei scharfe Kanten, höherer Mittelgrat auf der einen, schwächerer auf der anderen Seite; an beiden Enden spitz. Aehnlich Müller 21. Länge 9, größte Breite 2,5 cm. 3. Auf dem "Baher Berge" mit vielen Messern und anderen Steingeräthen. Weißgrau. Spitze eines dolchartigen Geräthes; Länge noch 7, gr. Breite 2,25 cm. 4. Gefunden mit 55 b, auch ähnlich diesem, aber die Endigungen gerundeter. Weißgrau. Länge 6,5, gr. D. 2,25 cm. 5. Großmuschelige Lanzenspitze einfachster Form. Weißgrau. Länge 6, größte Breite 2,5 cm. 6. Kleiner, großmuschelig geschlagener Keil mit spitzem Bahnende, stark gewölbten Flächen und breiter Schneide. Aehnlich Müller, a. a. O., 14. Weiß opak. Länge 6, Breite an der Schneide 3 cm. 7. Spitze einer großmuscheligen einfachen Lanzenspitze. Weißgrau. Noch 5 cm lang.

Feuerstein=Keile. 1. Hohlkeil. Grundform B I. Brauner Stein. Großmuschelig und unregelmäßig zugeschlagen und dann geschliffen. Länge 8, Breite oben 1,5, unten 3 cm, gr. D. (1 cm von unten) 3,25 cm. 2. unregelmäßig, groß=

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muschelig zugehauen, dann geschliffen. Gelbweiß opak. Länge 8, Breite oben 2, unten 4 cm, gr. D. (4,5 cm von unten) 1,25 cm.

Keil; unregelmäßig, hellgrün, anscheinend Diorit. Länge 8, Breite oben 3, unten 5,5 cm, gr. D. (3 cm von unten) 2 cm.

Meißel. 1. Grundform A. Schwärzlichgrau, gefleckt. Oben großmuschelig, unten geschliffen. Länge 16,5, Breite oben 2,25, unten 1,25 cm, gr. D. (10,5 cm von unten) 1,75 cm. 2. Grundform A. Schwarzgrau, erhalten nur der obere Theil. Länge noch 5,5 cm. 3. Grundform B. Gelbbraun. Auch die Seiten angeschliffen. Länge 11,5, Breite oben 1,25, unten 1,50 cm, gr. D. (8,5 cm von unten) 1,25 cm.

Aexte. 1. Grundform I B 1. Leider nur die Spitze erhalten. Seltenes Stück, etwa wie S. Müller 97. Schlank und dünn, längliches Schaftloch; anscheinend hellgrüner Diorit. Länge noch 11, Hohe 2 cm. 2. Grundform III β 1. Scharfkantig, die Schneide nach unten gebogen. Unvollständige Bohrung; erhalten nur der vordere Theil. Länge noch 9, Höhe 3 und 4 cm.

Axtartiges Geräth" Bruchstück, welches möglicherweise einem ähnlichen Stücke wie dem unten abgebildeten von Laage angehört. Länge noch 7, Höhe 2 cm.

Lanzenspitzen und Dolche. Zerbrochene Stücke, deren Einordnung nicht möglich ist.

Halbmondförmige Messer. 1. Weißgrau. Länge 8,25, Breite 2,25 cm. Grundform I. 2. Weißgrau, unregelmäßige Form. Grundform III. Länge 8, Breite 3 cm. Dazu sechs unvollständige Stücke.

Schleifsteine. 1. Sandstein, unregelmäßig vierseitig, die Breitseiten durch den Gebrauch leicht vertieft. Länge 17, Breite 6-7, Höhe 3-5 cm. 2. Schiefriges Gestein, unregelmäßig vierseitig; geringe Spuren der Benutzung, mag auch als Axt gedient haben. Länge 10, größte Breite (in der Mitte) 2, Höhe 2-3,5 cm.

Aus der Aufzählung geht hervor, daß ältere und jüngere Typen sich neben einander finden, doch sind die paläolithischen nicht charakteristisch genug, um die Ansiedlung in diese Zeit verlegen zu dürfen.

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Ansiedlung von Tannenhof.
(Katalog=Nummer St. 63-73.)

Wie bei Hof Steffenshagen, hat auch auf der Feldmark von Tannenhof (bei Lübz) Herr P. Langermann eine größere Anzahl steinzeitlicher Sachen geborgen. Im ganzen lagen sie weniger dicht zusammen wie dort, werden aber immerhin nicht als zufällig verlorene Stücke, sondern Abfallreste einer hier siedelnden und hier ihre Geräthe arbeitenden Bevölkerung aufzufassen sein. Ueber einen Grabfund, der möglicherweise damit zusammenhängt, ist schon oben (S. 126) gesprochen.

Die Fundstücke vertheilen sich auf folgende Gruppen:

Prismatische Messer. 63 einfache Messer, besser gearbeitet nur zwei von 7 und 9,5 cm Länge. Auch ein kleinerer Nucleus ist hier gefunden, und ein prismatisches Messer mit sägeartigen Einkerbungen, ähnlich wie S. Müller, Ordning, Abb. 9.

Rundschaber. 18 Stücke von wenig ausgeprägter Form. Sonderbar ist einer, welcher aus dem Abspliß eines geschliffenen Feuersteinkeils gebildet ist.

Geräthe von wenig ausgeprägter Form. Wie bei Steffenshagen überwiegen längliche, zum Schneiden bestimmte Formen. 95 Stück.

Geräthe mit einer Spitze. 23 Stücke, meist aus prismatischen Messern gearbeitet und als Pfeil= und Lanzenspitzen, zum Theil auch Angelhaken verwendbar.

Paläolithische Formen und roh zugehauene Keile. 1. Alle Seiten scharfkantig, offenbar benutzt; die eine Seite flach, die andere mit hohem, flachem Mittelgrat; großmuschelig geschlagen. Eine in der älteren Steinzeit überall verbreitete Form, Siehe S. Müller, Ordning, Abb. 3. Auch Jahrb. 63, S. 4, das Stück von Tessenow. Grünlichgrauer Feuerstein. Länge 7,5, Breite oben 2,5, unten 3 cm. (Gl. IV. 1. 459.) 2. Klein, keilartig, großmuschelig, scharfkantig, untere Seite flach, obere mit leichtem Mittelgrate. Weiß. Aehnlich den "Spahnspaltern" von Zapel und Prieschendorf. S. Müller, a. a. O., 17; Jahrbuch 63, S. 5. (Gl. IV. 1. 462.)

Pfeilspitzen. 17 zugespitzte kleine Feuersteingeräthe, die man als Pfeilspitzen auffassen muß. Sie theilen sich in folgende Arten: 1. Großflächig, die Schneiden durch Absprengen gebildet, in der Art der prismatischen Messer mit

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scharfer, hoher Mittelkante. 11 Stück. 2. Großflächig, ohne Mittelkante, verhältnißmäßig breiter als die erste Gruppe, die Seiten zum Theil nachgedengelt, in einem Fall mit seitlicher Einkerbung für den Schaft. 4 Stück. Vergl. Jahrb. 63, S. 53. 3. Kleinmuschelig, die Seiten gedengelt, am unteren Ende sich zuspitzend. 1 Stück. 4. Größere dreiseitige Spitze, muschelig geschlagen, Seiten gedengelt. Länge 5, Breite unten 3 cm.

"Pfeilspitzen mit querstehender Schneide". Gelegentlich finden sich, besonders in West= und Mitteleuropa, in steinzeitlichen Funden kleine, großflächige Feuersteinspähne mit breiter Schneide; in Dänemark sind mehrere solcher Stücke als Pfeilspitze geschäftet gefunden, und so rechtfertigt sich die obige Benennung. Vergl. S. Müller, Ordmng, 17, und über Herstellung und Gebrauch Müller, Nordische Alterthumskunde, S. 33. Auch hier ist ein Stück gefunden, nur 3,5 cm lang.

Aexte. 1. Diorit; stark, nur zur Hälfte erhalten. Länge noch 10, Höhe 6 cm. Grundform I B 1. (L I A 1 a 136.) 2. Grundform II 1 c. Geradaxt mit achtseitigem, scharfkantigem Bahnende. s. Jahrb. 63, S. 66.

Lanzenspitzen und Dolche. Drei zerbrochene Stücke, deren Grundform nicht mehr erkennbar ist.

Halbmondförmiges Messer. Einzelfund; ob zu den bei Tannenhof beobachteten Ansiedlungen gehörend, fraglich. Weißgrau, Typus II, aber unregelmäßig. Die eine Seite etwas nach unten gebogen. Länge 11, Breite 3 cm. (Gl. III b 44.)

Feuersteinkeil. Grundform B II. Nur der untere Theil. Dunkelgrau. Länge noch 5, Breite der Schneide 4,5 cm. (Gl. IV. 1. 468.)

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Ansiedlung von Klinken.
(Katalog=Nummer St. 46.)

Auf einer sandigen Kuppe, gegenüber dem Burgwall von Friedrichsruh, rechts von dem Wege nach der Poels, die ziemlich steil in die tiefe Wiesenniederung abfällt, sind 1896 zwei steinerne Pfeilspitzen nahe der Oberfläche gefunden. Die Spitzen schließen sich keiner der im Jahrb. 63, S. 53 und 54, abgebildeten Formen an, sondern sind einfach dreiseitig ohne Einkerbung; die eine, 3 cm lang und mit einer dicken weißen Schicht überzogen, nur zugeschlagen, die andere, 2,5 cm lang und hellgrau, fein gedengelt. Sie sind 1897 als Geschenk des Gymnasiasten

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H. Schmidt aus Klinken in die Großherzogliche Sammlung gelangt (Katalog=Nummer L I F 1 a 54. 55). Bei einer weiteren Durchforschung des Platzes sind zahlreiche Feuersteinsplitter, "prismatische Messer", zerbrochene Feuersteingeräthe (z. B. die Hälfte eines halbmondförmigen Messers) gefunden. Ich habe die Stelle am 28. September 1897 zum Theil durchgraben, aber keine besonders zu beachtende Einzelstelle gefunden; die Gegenstände lagen regellos über der Oberfläche zerstreut. Offenbar stammen Sie von einer steinzeitlichen Ansiedlung, auf der Steingeräthe hergestellt sind. Die Lage ist die allgemein beliebte: eine sandige Kuppe, die zum Wasser abfällt. In der ausgedehnten Moor= und Wiesenniederung westlich von Klinken sind schon mehrfach wohl erhaltene Feuersteingeräthe gefunden, von denen einige in den Besitz des Herrn Uhrmacher Schröder in Crivitz gekommen sind. Auch gegenüber unserer Stelle auf der anderen Seite des Weges befand sich bis vor Kurzem ein steil abfallender Sandberg, in dem vereinzelte Feuersteinmesser vorkamen, daneben aber auch ein Grabfeld aus einer viel jüngeren periode, der la Tène=Zeit.

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Ansiedlung bei Wustrow und Niehagen.
(Katalog=Nummer St. 77-93.)

Ueber die reichhaltige steinzeitliche Fundstelle auf dem Fischlande haben die Herren Dr. Lettow und Professor Geinitz unten (im Anhang) berichtet. Herr Dr. Lettow hat eine Anzahl der typischen Fundstücke dem Großherzoglichen Museum zum Geschenk gemacht. Unter diesen sind besonders zu bemerken: Bohrer, auffallend große und starke Stücke, Rundschaber, Pfeilspitzen von allen Typen, auch die sog. "querschneidigen", z. Th. außerordentlich feine Exemplare; "prismatische Messer" der verschiedenen Formen, z. B. auch an der Schmalseite abgenutzt, also als Meißel oder dergl. benutzt; formlose oder rundliche Steine, z. Th. mit stark abgenutzten Flächen, die offenbar zum Schlagen oder Klopfen benutzt wurden und über deren Bestimmung im Einzelnen, ob sie bei der Feuerbereitung, oder als Keulen, Schleudersteine, Gewichte gebraucht wurden, sich nichts entscheiden lassen wird. Von besonderem Interesse sind einige geschliffene Keile mit scharfen Seitenkanten, eine Uebergangsform vom ungeschliffenen Keil zu Typus D. Unter den zahllosen Scherben, welche auf der steinzeitlichen Ansiedlung liegen, befinden sich solche aus ganz verschiedenen Zeiten, aber

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auch eine große Anzahl sicher steinzeitliche. Es sind dieses Stückchen von etwa 50 mm Dicke mit braunrother Färbung und den charakteristischen Ornamenten, tiefen Linien, die zum Theil auf ihrem Grunde noch Stichverzierung zeigen. Unter den Mustern sind erkennbar Streifen herabhängender Parallellinien, wie Jahrb. 63, S. 86, Abbildung b, und ein Gitterornament, wie ebenda S. 84 (Zickhusen), beides Zierformen, die einer jüngeren Periode zugehören. Von den anderen steinzeitlichen Wohnplätzen und "Feuersteinmanufakturen" unterscheidet sich die besprochene durch ein stärkeres Hervortreten einiger sonst seltener Formen, besonders der Bohrer und Rundschaber. Einen einheitlich paläolithischen Charakter haben die Funde nicht, wie die Besprechung unten zeigen wird, wenn auch die älteren Typen und Uebergangsformen weit überwiegen. Einer genaueren Bestimmung entzieht sich der Fund, da alle bisher gefundenen Sachen zerstreute Gegenstände darstellen, und nicht aus geschlossenen Fundstellen, wie Wohngruben oder Gräbern stammen. Als Feuersteinmanufaktur möchte ich diese Stelle nicht bezeichnen, da sehr viele sehr wohl brauchbare und, wie die Abnutzung zeigt, auch gebrauchte Gegenstände angetroffen sind. Auch Brandstellen sind angetroffen, die doch wohl Wohngruben entstammen.

Moorfunde.

Bekanntlich sind die Moore eine sehr ergiebige Fundstätte vorgeschichtlicher Funde; sowohl in der Stein= wie in der Bronzezeit kann man eine gesonderte Gruppe der Moorfunde aufstellen, wie es zuerst Worsaae gethan hat. Die Veranlassungen, aus denen Altsachen in See= oder Wasserbecken, aus denen die jetzigen Moore sich gebildet haben, gerathen sind, werden selbstverständtich sehr verschieden sein, und der Zufall spielt hier seine Rolle. Doch handelt es sich im Folgenden nicht um einzelne im Moor gefundene Gegenstände, sondern um Funde mehrerer Gegenstände, deren Zusammengehörigkeit durch die Fundverhältnisse gesichert wird, sei es, daß sie absichtlich geborgen, oder daß die Fundgruppen die Reste einer Anlage im Wasser sind. Eigenthümlich ist es, daß dieselbe Sitte, besonders kostbare Dinge an geschützten Stellen, so mit Vorliebe in jetzigen Mooren, oder unter einem großen Steine zu bergen, von der Steinzeit durch die Bronzezeit hindurchgeht, ein Umstand, der einen Zusammenhang der zu Grunde liegenden Anschauungen voraussetzt, wie wir ja auch

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sonst oft veranlaßt sind, jüngere Stein= und Bronzezeit nur als verschiedene Kulturstufen desselben Volkes anzusehen.

Unter unseren Moorfunden glauben wir zwei Gruppen scheiden zu sollen, die wir kurz als "Depotfunde" und "Pfahlbauten" bezeichnen wollen.

Die ersteren umfassen besonders schön gearbeitete Steingeräthe (hauptsächlich lange Keile der Grundform D, halbmondförmige Messer [oft paarweise] und Dolche), sämmtlich von Typen, die in Hünengräbern fast ganz fehlen, die wohl als Opfer= oder Votivgaben, jedenfalls zu irgend einem symbolischen Zweck an entlegener Stelle geborgen sind. (Vgl. Petersen, hypothesen om religiöse offer-og votivfund in Nord. Aarböger 1890.) Als Beispiel sei ein Fund von Wakendorf (bei Neubukow) angeführt, wo 1/2 m tief im Torf ein Dolch im Boden steckend, umgeben von halbmondförmigen Messern, gefunden wurde. Zu dieser Gruppe gehören die Mehrzahl der gelegentlichen Funde in Mooren. Vergl. das Verzeichniß S. 146; dieses Verzeichniß führt auch einige Einzelfunde aus Mooren auf, doch nur solche, wo nach glaubwürdigen Berichten mehr gefunden sein soll, oder wo die Lage des Moores eine absichtliche Bergung wahrscheinlich macht.

Ganz anderen Charakter zeigt die zweite Fundgruppe. Sehr häufig finden sich in Mooren Pfähle und Thierknochen; wo letztere gespalten und mit Steinartefakten zusammen gefunden werden, ist ein Pfahlbau zu vermuthen. Gegen die Annahme von Pfahlbauten im Gebiete der nordischen Steinzeit besteht in Fachkreisen ein weitgehendes Mißtrauen. Und doch ist der Pfahlbau von Wismar eine archäologisch vollkommen gesicherte Erscheinung. Die Pfahlbauhütten sind von Lisch selbst untersucht, die Thierknochen als die von domesticirten Thieren von Rütimeyer bestimmt, Steinartefakte in Masse gefunden. Der Zweifel knüpft besonders an die Fälschungen von Büsch an, dem Lisch ein zu weitgehendes und zu lange bewahrtes Vertrauen schenkte. Diese Fälschungen beziehen sich oder selbstverständlich nicht auf die Anlage des Pfahlbaues, auch nicht auf die Masse der Funde, sondern auf einige Kuriositäten, die das Bild des Wismarschen Pfahlbaues noch interessanter machen sollten. Auch nachdem Büsch längst unschädlich gemacht worden war, sind noch immer, z. Th. unter den Augen der zuverlässigsten und völlig sachkundiger Zeugen (ich nenne nur Herrn Karl Mann in Wismar) dieselben Steingeräthe und Pfähle in derselben Lagerung weiter

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gefunden. Wenn in den seitdem verflossenen dreißig Jahren kein zweiter Pfahlbau aufgedeckt ist, so erklärt sich dieses durch die Schwierigkeit der Untersuchung. Daß hier eine der ersten Aufgaben der heimischen Alterthumspflege liegt, ist wohl allgemein anerkannt, und es wird sich hoffentlich bald eine günstige Gelegenheit finden, um an einer der Stellen, wo Pfahlbauten anzunehmen sind, Bestätigung zu finden. Die älteren Beobachtungen sind von Lisch in den Jahrbüchern eingehend besprochen und werden in unserem Verzeichniß angeführt werden. An Funden sind seitdem dazu gekommen:

1. Pfahlbauten von Redentin (bei Wismar). Hirschhornaxt (Jahrb. 63, S. 9), Meißel (ebenda S. 41), halbmondförmiges Messer (ebenda S. 56), Keil (unten S. 172 ff.).

2. Pfahlbau von Mühl=Rosin (bei Güstrow). Zu älteren Funden sind dazugekommen: ein Dolch, Grundform II b 2 (ebenda S. 47), drei halbmondförmige Messer (ebenda S. 55 und 56).

Die bisher nicht veröffentlichten Stellen, welche nach den oben erwähnten Kriterien als pfahlbauverdächtig anzusehen sind, werden unten S. 154 ff. besprochen werden.

Verzeichniß der Moorfunde.

Aus der folgenden Aufzählung ergeben sich sehr bezeichnende Unterschiede zwischen Moorfunden und Hünengräbern; die Vertheilung über das Land ist eine ganz andere: die reichsten Hünengräbergebiete (Malchow, Tessin, Grevesmühlen) haben Moorfunde bisher überhaupt nicht ergeben. Hier spielt der Zufall sicher eine große Rolle, aber unzweifelhaft ist es auch, daß die Moorfunde im Ganzen einer jüngeren Periode angehören als die Hünengräber und eher den Flachgräbern gleichzeitig sind.

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Aus Grevesmühlen, Gadebusch, Boizenburg, Parchim keine; ebenso keine aus Lübtheen, Dömitz, Ludwigslust, Grabow, Neustadt (wo auch keine Hünengräber).

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Keine von Ribnitz und Tessin.


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Neuere Ausgrabungen.

Pfahlbauten (?) von Bülow.

Die Gegend von Rehna ist an steinzeitlichen Funden ungemein reich. Südlich vom Orte liegt bei Demen, Hof Nesow, Klein=Hundorf, Benzin eine Gruppe von Hünengräbern ältester Form, von denen einige noch jetzt erhalten sind; in der weiten Niederung nördlich, wesche die Radegast durchfließt, sind auf Rehnaer Stadtgebiet und bei Vitense schöne Moorfunde gemacht; besonders stark aber scheint das hoch gelegene Gebiet von Bülow besiedelt gewesen zu sein. Einzelne Sachen werden hier sehr häufig gefunden, und es scheint jetzt auch eine steinzeitliche Ansiedlung nachgewiesen werden zu können. Um die Sammlung der Rehnaer Alterthümer hat sich in den letzten Jahren besonders Herr Kaufmann Rohde in Rehna verdient gemacht, dem wir auch die Kenntniß der zu besprechenden Stellen verdanken.

Hinter dem ausgebauten Erbpachtgehöft Nr.VI, 2 km westlich von Rehna, liegt in einer abflußlosen Mulde, auf hohem Gelände, ein kleines Torfmoor (sog. "Langerieh") von etwa 275 m Länge und 100 m Breite. Bei der Torfgewinnung sind hier regelmäßig Baumstämme, Pfähle, Holzkohlen, Thierknochen, Haselnüsse, vereinzelt auch steinerne Geräthe und Thongefäße zu Tage getreten, leider aber früher nicht bewahrt. Verfasser hat darauf hin den Ort am 24. Juni 1896 mit thätiger Beihülfe des Besitzers, Erbpächter Klatt, untersucht. Besonders wurde eine Stelle in Angriff genommen, an der nach Klatts Aussage früher einmal ein Thongefäß, nach dem Berichte starkwandig, von kugeliger Form und schwarzgrauer Farbe, unter einem Balken gefunden ist; in der Nähe lagen zwei Feuersteinkeile und viele Thierknochen. Es ergab sich, daß der Torf hier nur etwa 75 cm tief steht, während näher den Rändern des Moores erst bei 3,50 m Tiefe der Grund erreicht wurde. Meine Ausgrabung ergab, daß an der Fundstelle eine Anzahl Pfähle, ich zählte zwölf, im Moore steckten, leider so mürbe, daß keiner ganz herausgezogen werden konnte und daher über die Art der Bearbeitung, besonders der Zuspitzung, sich nichts Genaueres bestimmen ließ. Nur das läßt sich sagen, daß sie behauen waren, denn die Oberfläche der meisten zeigte gerade Flächen. Auch über das Verhältniß der Pfähle zu einander läßt sich nichts mehr bestimmen.

An Fundstücken aus dem Langerieh sind bisher bewahrt: 1. Ein schöner Feuersteinkeil, Grundform D I; s. Jahrb. 63, S. 31.

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2. Eine Gefäßscherbe. 3. Ein Rinderhorn, welches seine Substanz so verändert hat, daß es vollständig wie Holz aussieht; eine fachmännische Bestimmung hat noch nicht stattgefunden.

Dieses Material ist noch zu gering, um die Bülower Fundstelle mit Sicherheit zu den Pfahlbauten zählen zu dürfen. Hierzu ist man erst berechtigt, wenn zwischen den regelmäßig gesetzten Pfählen eine einheitliche Kulturschicht sich findet, wie es in dem Wismarschen Pfahlbau in der That nachgewiesen ist. Jedenfalls aber schließen die bisher vereinzelten Beobachtungen sich am leichtesten zu dem Bilde eines Pfahlbaues zusammen. Die zeitliche Stellung unterliegt keinem Zweifel. Keile und Thongefäße sind sicher steinzeitlich.

Zweifelhafter ist ein zweiter Fundort auf Bülower Gebiet. Südlich von dem genannten "Langerieh", zwischen Gehöft VI und dem Dorfe, liegt ein zweites, ausgedehnteres Moor (600 m lang und im Durchschnitt 200 m breit), genannt "Ollen Bülow". Auch diesem haben die Besitzer, die Erbpächter Burmeister und Lüth, schon oftmals Steingeräthe entnommen. Erhalten sind eine Dioritaxt (s. Jahrb. 63, S. 61) und ein Schleifstein (Jahrbuch 63, S. 78); vielleicht gehört dahin auch der Jahrb. 63, S. 27, beschriebene Feuersteinkeil von Grundform C B II. Aber Beobachtungen über Pfähle, Thierknochen u. s. w. sind in diesem Moore noch nicht gemacht.

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Pfahlbau (?) von Goldberg.

In dem städtischen Torfmoor an der Lüschow bei Goldberg (See nördlich von der Stadt) sind aus der untersten Torfschicht, die etwa 2,25 m tief liegt, mehrmals steinzeitliche Dinge zu Tage gefördert worden. Herr Bürgermeister Dr. König hat dem Großherzoglichen Museum eingesandt (1895): 1. ein becherartiges Thongefäß, vergl. Jahrb. 63, S. 83; 2. ein kleines Henkelgefäß; 3. einen Reibstein.

Das größere Thongesäß findet seine Analogie in breitmündigen Bechern, welche z. B. dem Pfahlbau von Wismar und den Steinkistengräbern von Molzow aus einer jüngeren Periode der Steinzeit entnommen sind. Die an der angeführten Stelle gemachte Vermuthung, daß diese Gefäßform eine lokal meklenburgische sei, findet ihre weitere Bekräftigung dadurch, daß Sie weder in Brandenburg (vergl. Brunner, steinzeitliche Keramik in Brandenburg; Archiv für Anthropologie 1898), noch in Pommern (vergl. Walter, Steinzeitliche Gefäße des Stettiner Museums;

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Lemcke=Festschrift 1898) üblich gewesen ist. Eine verwandte Form ist auf Rügen in einem Moore bei Gingst gefunden unter Verhältnissen, die ebenfalls auf einen Pfahlbau schließen lassen. (S. Baier, Zeitschrift für Ethnologie 1896, Verhandlungen S. 353.)

Reibsteine gehören begreiflicher Weise zu den häufigsten Fundstücken der Pfahlbauten und anderen Ansiedelungen; ihr Vorkommen macht es stets wahrscheinlich, daß eine Ansiedelung in der Nähe war. Pfähle und Thierknochen sind bei Goldberg beobachtet, aber nicht bewahrt. Bis auf Weiteres können wir demnach nur von der Wahrscheinlichkeit eines Pfahlbaues reden.

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Pfahlbau (??) von Friedrichsdorf.

Bei der Torfgewinnung sind in den Mooren bei dem Gute Friedrichsdorf (bei Neubukow) sehr häufig Pfähle, zahlreiche Thierknochen und Steingeräthe angetroffen. Leider sind weder Gegenstände in ausreichender Menge erhalten noch genauere Beobachtungen angestellt.

Aufbewahrt und von Herrn von Plessen auf Friedrichsdorf dem Großherzoglichen Museum übergeben (1894) sind nur zwei starke Rinderhörner, welche nach der Bestimmung des Herrn Professors Adametz in Krakau einem Urstier (bos primigenius), und zwar von der wilden Rasse, angehören (vergl. Archiv des Vereins der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg, 51, 1897, S. 43). Friedrichsdorf liegt an jenem Küstenstriche bei Wismar, der für steinzeitliche Beobachtungen jeder Art, besonders über Ansiedlungen, sowohl Pfahlbauten wie Grubenwohnungen, sich als der allerergiebigste im Lande erwiesen hat. Demnach müssen wir auch die oben gegebenen Beobachtungen, so wenig Greifbares sie bisher enthalten, für künftige Forschung vormerken.

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Pfahlbau von Dargun.

In den ausgedehnten moorigen Wiesen, die südlich von Dargun am Röcknitzbach und der Peene sich hinziehen, ist eine Gruppe von Altsachen gefunden, welche höchst wahrscheinlich einem Pfahlbau angehören. Die Fundstelle liegt 2,7 km vom Orte, zwischen dem jetzigen Laufe des Röcknitzbaches und dem Wendischteichholze in den sog. Klein=Rosin=Wiesen, auf dem Antheile des Erbpächters Trog (Nr. 9). Die Sachen sind mit der etwa 4 m tief gehenden Maschine, angeblich aus tieferen Lagen, gehoben und bereits 1871 in den Besitz des Herrn G. Kellner in Dargun gekommen, wo sie sich zur Zeit noch befinden. Zahl=

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reiche senkrecht stehende Pfähle und eine Fülle von Thierknochen sind beobachtet, aber nicht bewahrt. Pfähle sollen auch neuerdings noch zu Tage getreten sein, über andere Funde verlautet nichts.

Die Fundstücke sind: 1. Keil von Feuerstein, sehr hübsch gearbeitet, grau, 7,5 cm lang. Grundform D 1. 2. Meißel von Feuerstein, schwarz, nicht geschliffen, fein muschelig geschlagen, 10 cm lang. 3. Klinge aus Feuerstein, weiß, einfache Form ohne Schaft, unten scharfkantig schließend (I a), sehr schön gearbeitet; die Seiten ziemlich hoch gewölbt und zum großen Theil geschliffen, eine sehr seltene Erscheinung, 24 cm lang, 3,5 cm größte Breite. Aus Dänemark bildet die Grundform Müller, Ordning- 153, ab, doch sind jene Exemplare nicht geschliffen; unter den Nye stenalders former (Aarböger 1896, S. 381) bespricht Müller auch diese dort nur an zwei Stücken beobachtete Abschleifung als eine besonders seltene Erscheinung. 4. Dolch mit unten verbreitetem Griff und gekröselter Mittelkante; Grundform II c 2, graubraun, 19,5 cm lang. 5. Dolch mit gekröseltem Griff; Grundform III 2, grau, 19 cm lang. 6. 7. Reste von zwei ähnlichen Dolchen. 8. Pfriemen aus Hirschhorn, schmal und spitz, 21,5 cm lang. 9. Reste eines umfangreichen Thongefäßes, dessen Grundform etwa die der a. a.O., S. 80, dargestetlten Ostorfer Schalen ist, (vergl. auch das Gefäß von Satzkorn imOsthavellande bei Brunner, Steinzeitl. Keramik in Brandenburg, Abbildung 6), welches aber einen breiteren Boden gehabt haben soll. Die Farbe ist schwarz; erhalten sind Theile des leicht eingezogenen Randes und

Abbildung 12.
Abbildung 12.

der etwas sich ausbiegenden Wandung. Die Verzierung besteht aus tief eingezogenen Linien; am Halse ein Saum von unregelmäßigen Vierecken mit kleinen Spitzen, darunter zwei Reihen kleiner Parallelstriche, am Ansatz der Wandung das übliche Hängeornament, hier bestehend aus kleineren und größeren Streifen, auf denen Sparren und Perpendikulärlinien mit seitlichen Schrägstrichen abwechseln. - Die zeitliche Stellung dieser

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Gefäßform ist noch nicht fest bestimmt. Es scheint, daß die Schalenform auf unserem Boden nicht der ältesten Stufe steinzeitlicher Keramik angehört, doch ist das Material noch zu gering.

Jedenfalls aber gehört der Fund als Ganzes einer jüngeren neolithischen Periode an. Alle Gegenstände sind ganz besonders zierlich gearbeitet, und es zeigen sich einzelne Formen, so die Dolche, welche der älteren, durch die Hünengräber charakterisirten Gruppe noch fremd sind. Auch der Pfahlbau von Wismar ist auf Grund der dort auftretenden Krugform innerhalb der Steinzeit ziemlich weit hinabzurücken; damit stimmen die Darguner Verhältnisse überein. Wenn die bisherigen Beobachtungen eine Verallgemeinerung rechtfertigen, dürften wir sagen: die Pfahlbauten auf unserem Boden sind nicht gleichzeitig mit den Hünengräbern, sondern den Steinkistengräbern.

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Pfahlbau (?) von Consrade.

Im Störthal sind bei Consrade (bei Schwerin) sehr oft Steinsachen gefunden, z. Th. bei Flußregulirungsarbeiten, z. Th. bei der Torfgewinnung. Auch Pfähle und Thierknochen sind vielfach beobachtet. Genauere Fundberichte liegen nicht vor; der verstorbene Oberförster Drepper berichtete, daß eine "Sandscholle" im Moor sich als besonders ergiebig erwiesen hätte, hat aber gerade an dieser Stelle nichts über Pfähle und Knochen erfahren. Gefunden sind hier zwei Klingen (Jahrb. 63, S. 44 und 47), neun halbmondförmige Messer (ebenda S. 56, 57 und unten), ein Keil von Grundform D 1 und ein prismatisches Messer, also die gewöhnliche Zusammenstellung.

Auch in dem benachbarten Plate sind Steinsachen unter ähnlichen Verhältnissen gefunden, aber anscheinend vereinzelter.

Ueber einen bei Schwerin (auf dem Kalkwerder) zu vermuthenden Pfahlbau s. oben S. 135. Auch bei Waren ist neuerdings durch den Fund einer Harpune aus Knochen ein Pfahlbau wahrscheinlich gemacht.

Auch im Strelitzischen Landestheile werden Pfahlbauten vermuthet. so befindet sich im Museum zu Neubrandenburg ein Fund von Thongefäßen, Feuersteinmessern und Sägen u. s. w., der einem Moderbruche bei dem benachbarten Dorfe Neuenkirchen entnommen ist. Näheres ist darüber nicht bekannt geworden. Ueber eine dort gefundene Gefäßform, die in eine jüngere Periode der Steinzeit gehört, s. oben S. 123.

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Neuerwerbungen und Nachträge.

Seit Abschluß der letzten Veröffentlichung (Juni 1897) sind für das Großherzogliche Museum zwei Sammlungen erworben:

1. Sammlung des Händlers Schilling in Hamburg; gekauft Herbst 1897. Feuersteingeräthe von überwiegend vortrefflicher Erhaltung. Die Sammlung soll hauptsächlich im südwestlichen Meklenburg zusammengebracht sein; die Echtheit der Stücke ist zweifellos, aber den Fundorten gegenüber scheint jene Vorsicht angebracht, welche bei allen aus dritter Hand erworbenen Altsachen geboten ist; wir geben sie darum sämmtlich mit einem (?).

2. Sammlung des Wirthschafters Langermann; geschenkt von dem Vater, Herrn Amtsanwalt Langermann in Hagenow Dezember 1898. Pul Langermann, geb. 1873 in Hagenow, gest. 1897 in Tannenhof bei Lübz, hat von klein auf mit Eifer und Geschick vorgeschichtliche Dinge gesammelt und in seinen verschiedenen Stellungen als Landmann, besonders in Hof Steffenshagen und Tannenhof, eine große Anzahl von Steinsachen, die überwiegend sogen. "Feuersteinmanufakturen" entstammen, zusammengebracht.


Wir schließen uns bei der folgenden Aufzählung der im Jahrb. 63 gegebenen Ordnung unserer Altsachen an. Die Geräthe älteren Charakters lassen eine bis in das Einzelne durchgeführte Klassifizirung unthunlich erscheinen, da hier die Formen sehr in einander übergehen und selbst die Scheidung zwischen natürlichem, nur benutzten und absichtlich geformtem Stein nicht immer möglich ist.

Die Geräthe mit einer Spitze (Jahrb. 63, S. 3) sind oben bei den Gesammtfunden von Steffenshagen, Tannenhof, Wustrow behandelt, wobei eine bisher hier wenig vertretene, echt paläolithische Form, der scharfkantige Bohrer, besonders hervortritt.

Geräthe mit einer Schneide.

1. Derb zugehauene axt= und keilförmige Geräthe (Jahrb. 63, S. 4).

Tressow (bei Grevesmühlen), von einer durch zahlreiche Funde (vergl. oben S. 133) als "Feuersteinmanufaktur" der jüngeren Steinzeit bekannt gewordenen Stelle. Einfach zugeschlagener Spahn mit scharfen Kanten, der auch an den Seiten

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Abnutzungsspuren zeigt; weiß. Länge 11, Breite oben 2, unten 4,5 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 231).

Gegend von Rostock (näheres nicht bekannt). Scharfkantig und großmuschelig, beide Seiten mit hohem Mittelgrate, die eine mehr als die andere. Die Grundform des späteren Meißels; besonders in Westeuropa vertreten. S. Evans, a. a. O., 154; S. Müller, .a. a. O. 21; Jahrb. 63, S. 5, das Stück von Pogreß mit Abbildung. Hellweißgrau; Länge 10,5, Breite in der Mitte 3 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 458).

Wustrow (bei Neubukow). Feuersteinblock von der Form eines Keils vom Typus C b I. Interessant für die Art der Bearbeitung der Keile. Die Breitseiten und die Schneide werden von dem natürlichen Steine gebildet und zeigen noch keine Spur von Bearbeitung, die Schmalseiten und das Bahnende sind gerade abgeschnitten. Grau. Länge 15, Breite oben 3, unten 5,5, größte Dicke (6 cm von unten) 2,5 cm. Erworben 1885 mit dem Jahrb. 63, S. 34, beschriebenen Stücke. Die Angabe, daß beide aus einem Hünengrabe stammten, ist unwahrscheinlich. (Gr. S., Gl. IV. 1. 316.)

Hagenow. Kleiner, großflächiger, scharfkantiger Spalter von der Grundform S. Müller, Abb. 11. Aehnlich dem "Schaber" von Neu=Käterhagen Jahrb. 63, S. 7, aber flacher. Hellgrau; Länge 5, Breite ob. 2,5, unt. 4,5 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S. Gl. IV. 1. 460).

Goldenitz (bei Schwaan). Grundform gleich dem Stücke von Rostock, aber flacher. Weißgrau; Länge 8, Breite in der Mitte 2,75 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 461).

Zapel (bei Crivitz). Die untere Seite glatt, die obere dreiseitig mit schmalem Grate, dadurch an die "prismatischen Messer" erinnernd, Schneide gewölbt; großflächig zugeschlagen; opak weißer Feuerstein. Länge 8,5 cm, Breite der Schneide 5,5 cm. Das Geräth trägt den Charakter der "Spalter" aus den dänischen Muschelhaufen und gehört sicher in eine sehr alte Periode der Steinzeit (vergl. S. Müller, a. a. O. 3 und 14; Mestorf, a. a. O. 11); ein ganz gleiches ist bisher hier nicht bekannt geworden. Unser Stück nimmt eine Mittelstellung ein zwischen den a. a. O. S. 5 und 7 abgebildeten von Friedrichshöhe und Neu=Käterhagen. Der Fundort ist sandiger Acker an dem Wege von Zapel nach Goethen, vor der Biegung des Weges zur Brücke.

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Geschenkt von dem Gymnasiasten Hans Schmidt aus Klinken 1898 (Gr. S., Gl. III a. 131).

Eldenburg (bei Waren). Auf der bekannten "Feuersteinmanufaktur". Mittelding zwischen dem paläolithischen Längsschaber und dem Keil; die eine Seite glatt, die andere muschelig geschlagen; zum Theil noch der natürliche Stein. Dunkelgrau. L. 6, Br. 3 cm. Geschenk des Herrn Senator Geist in Waren, 1899. (Gr. S., Gl. IV. 1. 475.)

(Weitere S. oben S. 141 bei Tannenhof.)

2. Prismatische Messer (S. Jahrb. 63, S. 7).

Hagenow (?). Zehn Stück von verschiedener Länge (12 bis 5,5 cm) und verschiedener Färbung, schwerlich von einer Stelle; alle von der typischen Grundform; die obere Kante meist scharf, bei zweien gedengelt, bei mehreren eine schmale Fläche. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. III a. 127).

Boizenburg (?). Drei Stücke verschiedener Färbung; gegen 9 cm lang. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. III a. 128).

Melkof (bei Lübtheen) (?). Drei Stück, hellgrau; 10 bis 6 cm lang. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. III a. 129).

Holthusen (bei Schwerin) (?). Schmaler Spahn von 10 cm Länge, grau. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. III a. 130).

Weitere s. oben bei dem Abschnitte über die Ansiedlungen.

3. Rundschaber.

Die gewöhnlich als "Rundschaber" bezeichneten Feuersteinscheiben sind in Meklenburg nicht besonders häufig. Es sind flache Feuersteinscheiben, meist sehr wenig bearbeitet, deren Ränder ziemlich gleichmäßig abgenutzt sind. Der Durchmesser beträgt durchschnittlich ungefähr 5 cm. Vergl. S. Müller 1. S. bei Steffenshagen, Tannenhof und unten bei Wustrow (mit Abbildung).

Feuersteinkeile.

Grundform A. (Jahrb. 63, S. 13.)
Allseitig mit scharfen Kanten.

Malchin. Gefunden auf dem Stadtfelde. Zum Theil noch der natürliche Stein, Schneide abgenutzt. Aehnlich dem Jahrbuch 63, S. 15, abgebildeten Stück von Lalchow. Länge 12, Breite oben 2,5, unten 5 cm; grau und weiß gesprenkelt. Ge=

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schenk des Herrn Pastor Walter in Malchin, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 447).

Techentin (bei Ludwigslust). Seltenere Form, indem die untere Seite flach, die obere aber stark gewölbt ist, und so der Uebergang von paläolithischen Formen deutlich wird; muschelig geschlagen, nur die Schneide geschliffen. Siehe S. Müller, Abb. 53. In unserer Sammlung ein ähnliches Stück von Gnewitz, S. Jahrb. 63, S. 15. Ungleichmäßig dunkelgrau; L. 10, Br. o. 2,5, u. 3,5 cm. Geschenk des Herrn Kaufmann Schnapauff in Hagenow, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 470).

Ankershagen (bei Penzlin). Unregelmäßige Form; großflächiger Spalter mit geschliffener Schneide; weiß. L. 8, Br. o. 2, u. 3,25 cm. Geschenk des Herrn Grafen A. Bernstorff, 1892 (Gr. S., Gl. IV. 1. 368).

Grundform B. (Jahrb. 63, S. 16.) Breitseiten gerade oder nur schwach gewölbt; dünne, im Allgemeinen gleichmäßig dicke Schmalseiten, meist ungeschliffen; Bahnende schmal rechtseitig.
B I. Die Schneide wesentlich breiter als das Bahnende.

Lankow (bei Schwerin). Gefunden nahe dem Dorfe aus dem Acker der Erbpachthuse Nr. VI, auf der schon mehrfach Steinsachen beobachtet sind. Zwei Stück, von ähnlicher Form, das größere mit stärkerer Breitseite und dadurch der Uebergangsform zu Typus C sich nähernd; dunkelgrau und hellgrau. Länge 15 (11), Breite oben 2,25 (2), unten 5 (4), größte Dicke (7 [5] cm von unten) 2 (1) cm. Geschenk des Herrn Schulzen Abel in Lankow, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 453. 454).

Goldenitz (bei Lübtheen). Breitseiten ganz geschliffen, Schneide nach außen gebogen; grau. L. 13, Br. o. 2,25, u. 4, gr. D. (7 cm v. u.) 1,5 cm. Gefunden mit einem Keil vom Typus D in einer Sandgrube zwischen dem Hofe und den Tannen, in welcher auch ein bronzezeitliches Grab aufgedeckt wurde. Geschenk des Herrn Rittmeister von Könemann auf Goldenitz, 1898 (Gr. S, Gl. IV. 1. 451).

Warlitz (bei Hagenow). Schlank und schmal, Bahnende unregelmäßig; grau. L. 13, Br. o. 2, u. 4,5, gr. D. (6 cm v. u.) 1 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 465).

Kalkhorst (bei Dassow). Schlankes Exemplar, an der Schneide ausgebrochen; grau. L. 13, Br. o, 2, u. 5, gr. D.

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(5,5 cm v. u.) 1 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 218).

Kalkhorst (bei Dassow). Breiter als das vorige Exemplar; grauweiß. L. 12, Br. o. 2, u. 5, gr. D. (7 cm v. u.) 1,25 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 227).

Melkof (bei Lübtheen) (?). Bahnende angeschliffen, Schneide stark nach außen gebogen (geschweift), ähnlich dem Stück von Löwitz, a. a. O. S. 19; gelb. L. 12,5, Br. o. 3, u. 5,5, gr. D. (4,5 cm v. u.) 1,5 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 419).

Lübsee (bei Rehna). Bahnende beschädigt; Hohlkeil; hellbräunlich. L. 12, Br. u. 4,5, gr. D. (5 cm v. u.) 1,25 cm. Sammlung Splitter, 1876 (Gr. S., Gl. IV. 1. 263).

Kleinen (?). Die eine Breitseite an der Schneide stark nach außen, die andere stark nach innen gewölbt (Hohlkeil); gelbbraun. L. 11, Br. o. 1,5, u. 4,5, gr. D. (6 cm v. u.) 1,25 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 421).

Krusenhagen (bei Wismar). Bläulichgrau. L. 11,5, Br. o. 2, u. 3,5, gr. D. (ziemlich) gleichmäßig) 1 cm. Geschenk des Herrn Dr. Crull in Wismar, 1873 (V.=S. 4407). Krusenhagen ist wie das benachbarte Redentin die Fundstelle zahlreicher Feuersteinartefakte. Ob auch hier Pfahlbauten bestanden haben, bleibt zu untersuchen.

Steinbeck (bei Gadebusch). Grünlichgrau. L. 11,75, Br. o. 1,5, u. 4, gr. D. (ziemlich gleichmäßig) 1,25 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 216).

Pritzier (bei Lübtheen). Der obere Theil großmuschelig geschlagen, die Schneide schön geschliffen; weißgrau. L. 11,5, Br. o. 2, u. 5, gr. D. (5,5 cm v. u.) 2 cm. Gefunden 1862 in dem Tannengehölz "Lütteheide", welches südlich der Bahn in der Niederung liegt. Der Fundort ist von Interesse, da das Heidegebiet des südwestlichen Meklenburg an steinzeitlichen Funden so gut wie leer ist; unser Exemplar ist das einzige mit gesicherter Fundnotiz. Geschenk des Herrn Kammerherrn v. Könemann auf Ppritzier, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 449).

Büchen (?). Bahnende nur zugehauen, Schneide geschweift; grau und röthlichbraun. L. 10, Br. o. 1,75, u. 5, gr. D. (7 cm v. u.) 1,5 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 420).

Lübtheen (?). Hohlkeil, ähnlich dem von Kleinen, aber beide Wölbungen weniger stark; braunroth und weiß gefleckt. L. 10,5, Br. o. 2, u. 3,5, gr. D. (gleichmäßig in der ganzen

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Mitte) 1,5 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 422).

Stubbendorf (bei Dargun). Gefunden 1895 in dem Garten des Gastwirths Schmidt. Ungemein feines und zierliches Stück, am Bahnende und den Schmalseiten muschelig geschlagen, an den Seiten gezahnt; die eine Seite ist stärker gewölbt als die andere, in der Art der Hohlteile; röthlichweiß. L. 9, Br. o. 1,5, u. 4, gr. D. (1 cm v. u.) 4,5 cm. Erworben 1899 (Gr. S., Gl. IV. 1. 472).

Tressow (bei Grevesmühlen). Von der oben S. 133 erwähnten "Feuersteinmanufaktur". Stark verjüngt, Schneide leicht geschweift; weißgrau. L. 9, Br. o. 1,25, u. 4,5, gr. D. (ziemlich gleichmäßig) 1 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 221).

Steffenshagen. Zwei Stück s. o. S. 138.

Unvollständige Stücke von der Grundform B I.

Wotenitz (bei Grevesmühlen). Nur der Theil am Bahnende erhalten; braun. Länge noch 9 cm. Sammlung v. Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 235).

Tessenow (bei Parchim). Nur Schneide; grau. L. noch 5,5 cm. Sammlung von Voß, 1882 (Gr. S., Gl. IV. 1. 279).

Pritzier. Der obere Theil eines großen schönen Stückes; weißgrau. L. 7, Br. o. 2,25 cm. Gefunden 1885 in der "Rädekoppel" (nahe den Tannen an der Goldenitzer Scheide, von deren anderer Seite die S. 162 und 171 . besprochenen Keile stammen, also nicht wie das Stück oben S. 163 im Heidegebiete, sondern an dem alten Abfall zum Elbthal). Geschenk des Herrn v. Könemann auf Pritzier, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 450).

Plate (bei Schwerin). Bei der Störregulirung gefunden, wohl von einem Pfahlbau. Zerbrochen; erhalten der untere Theil. L. noch 9 cm. Schwärzlich. Geschenk des Herrn Pastor Klähn in Plate, 1891 (Gr. S., Gl. IV. 1. 364).

Alt=Karin (bei Neubukow). Weiß; zerbrochen, Mittelstück noch 4 cm lang. Geschenk des Herrn Grafen A. Bernstorff, 1884 (Gr. S., Gl. IV. 1. 313).

B II. Der Durchschnitt annähernd rechteckig; wesentlich seltener als B I.

Hagenow (?). Der echte Typus von Lisch "Streitmeißel", an der einen Breitseite nachgeschliffen und dadurch scheinbar

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sich dem Typus C II b nähernd; grau, mit schwarzen Streifen. L. 13, Br. o. 3, u. 5, gr. D. (6 cm v. u.) 1,5 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 423).

Hagenow (?). Ganz ungeschliffen. Grünlichgrau durchscheinend. L. 11, Br. o. 3, u. 4, gr. D. (in der ganzen Mitte) 1 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 424).

Rahnenfelde (bei Penzlin) [Vorwerk zu Puchow]. Auf dem "Heuwerder", inwitten der Abfallreste einer spätwendischen Ansiedlung. Der obere Theil verschmälert sich etwas zur leichteren Aufnahme des Schaftes; grauschwarz. Uebergangstypus zu D II. L. 7,25, Br. o. 2,50, u. 3,25, gr. D. (4,2 cm v. u.) 1 cm. Ausgegraben im April 1898 von dem Verfasser. Eine Zugehörigkeit zu der wendischen Kulturschicht ist nicht anzunehmen, zumal dort auch eine unzweifelhaft steinzeitliche Scherbe gefunden ist; vergl. Jahrb. 63, S. 82. (Gr. S., Gl. IV. 1. 448.)

Waren. Sehr einfach zugehauen, Schmalseiten fast scharfkantig; grau. L. 6, Br. o. 2,25, u. 4, gr. D. (ziemlich gleichmäßig) 0,75 cm. Sammlung Struck, 1886 (Gr. S., Gl. IV. 1. 321).

Grundform C. (Jahrb. 63, S. 20.)
Breitseiten meist gewölbt; Schmalseiten breit, selten geschliffen; Bahnende unbearbeitet oder rechtseitig, oft mit Spuren der Benutzung ("Arbeitskeile").
C a. Die größte Dicke näher dem Bahnende.
I. Durchschnitt trapezförmig.

Boizenburg (?). Schneide schön geschliffen, Bahnende regelmäßig rechtseitig; braun. L. 16,5, Br. o. 2,5, u. 6, gr. D. (11 cm v. u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 425).

Melkof (?). Bahnende leicht gewölbt und abgenutzt; die Breitseiten ungleich stark gewölbt; gelbbraun. L. 12,5, Br. o. 2, u. 5, gr. D. (8 cm v. u.) 1,5 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 427).

Tressow (bei Grevesmühlen). Gefunden mit dem oben beschriebenen Exemplare von der Grundform B I. Regelmäßig gebildetes rechteckiges Bahnende; braun. L. 10,25, Br. o. 3, u. 4,25, gr. D. (8,5 cm v. u.) 1,75 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 213).

Holthusen (bei Schwerin) (?). Seltenes Stück. Das Bahnende ungewöhnlich gerade und rechtseitig, die Schneide leicht

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nach außen gebogen; grau. L. 10, Br. o. 2,5, u. 5, gr. D. (7 cm v. u.) 2, Bahnende 2,5 und 2 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 429).

Lübtheen (?). Rundlicher als die meisten Stücke dieser Grundform, auch die Schmalseiten zum Theil geschliffen; braunroth und weiß gefleckt. L. 9,5, Br. o. 2, u. 4, gr. D. (6,5 cm v. u.) 2 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 430).

Cordshagen (bei Rehna). Uebergangsform zu D I, sehr schöne Schneide, Seiten leicht gekräselt; grau. L. 9,5, Br. o. 1,5, u. 5, gr. D. (5,5 cm v. u.) 1,5 cm. Sammlung Splitter, 1876 (Gr. S., Gl. IV. 1. 262).

Behnkenhagen (bei Ribnitz). Gefunden 1895 beim Stämmeroden im Schutzbezirk Behnkenhagen, etwa 1 m tief. Einfach, am Bahnende zersplittert, an der Schneide ausgesprungen; grauweiß. L. 8, Br. o. 3, u. 4, gr. D. (5,5 cm v. u.) 2,25 cm. Die Gegend, in der der Keil gefunden ist, ist bekanntlich an steinzeitlichen Funden außerordentlich arm; wir besaßen bisher aus dem Amtsgerichtsbezirk Ribnitz (abgesehen vom Fischlande) nur drei Keile. Als ganz unbewohnt haben wir uns aber, wie auch dieser Fund zeigt, das weite Heidegebiet im Nordosten nicht vorzustellen. Geschenk des Herrn Forstrendant Köpping in Dargun, 1899 (V.=S. 4937).

II. Durchschnitt annähernd rechteckig.

Kleinen (?). Bahnende der rohe Stein, auch die Schmalseiten nur roh zugehauen; hellgrau mit weißen Flecken. L. 17, Br. o. 4, u. 5, gr. D. (9,5 v. u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 426).

C b. Die größte Dicke näher der Schneide.
I. Durchschnitt trapezförmig.

Brahlstorf (?). Ganz ungeschliffen; Bahnende schmal rechtseitig und schiefliegend; rothbraun und gelblich. L. 19, Br. o. 3, u. 6, gr. D. (8 cm v. u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 440).

Brahlstorf (?). Bahnende beschädigt; dunkelgelb. L. 17, Br. o. 3,25, u. 6, gr. D. (8 cm v. u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 433).

Brahlstorf (?). Schmalseiten roh zugehauen und angeschliffen; dunkelgelbbraun. L. 17, Br. o. 4, u. 5,25, gr. D.

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(7 cm v. u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 431).

Brahlstorf (?). Bahnende schmal, Schmalseiten sorgsam geschlagen und leicht gewölbt (Uebergang zu Typus D); gelbbraun. L. 16, Br. o. 3, u. 5, gr. D. (8 cm v. u.) 2 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1.432).

Brahlstorf (?). Ganz ungeschliffen; Bahnende unregelmäßig; weißlichgelb. L. 15,5, Br. o. 3, u. 5, gr. D. (7 cm v.u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1.439).

Brahlstorf (?). Ganz ungeschliffen; Bahnende unregelmäßig; rothbraun, weiß gesprenkelt. L. 15,5, Br. o. 2, u. 5,25, gr. D. (7 cm v. u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 441).

Tressow (bei Grevesmühlen) [vergl. oben S. 164 und sonst]. Schönes schlankes Stück; grauweiß mit rothbraunen Flecken und Streifen. L. 17, Br. o. 3, u. 5,5, gr. D. (8 cm v. u.) 2,5 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 207).

Kladow (bei Schwerin). Prachtstück; die Schmalseiten und der obere Theil feinmuschelig geschlagen, die eine Breitseite nach außen, die andere nach innen gewölbt (Hohlkeil); rothbraun. L. 17, Br. o. 2,15, u. 6,25, gr. D. (7 cm v. u.) 2,25 cm. Geschenk des Herrn Dr. G. von Buchwald 1879 (V.=S. 4619).

Kleinen (?). Interessantes Stück: die eine Breitseite ist stark gewölbt und unten gut geschliffen, zieht sich dann etwas zusammen, wie um einem Schafte mehr Halt zu geben, ähnlich wie an dem bei Müller, Ordning 70, abgebildeten Feuersteinkeil, oder dem im Jahrb. 63, S. 37, abgebildeten Dioritkeil. Duffgrau. L. 17, Br. o. 3, u. 5,5, gr. D. (8 cm v. u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 434).

Melkof (?). Interessantes, in seiner Art einziges Stück. Ganz ungeschliffen, die Breitseiten behandelt wie bei dem nächsten Stück, doch ist die konkave Wölbung noch stärker (Hohlkeil), und die Schneide verbreitert sich stärker nach den Seiten. Grauweiß. L. 16, Br. o. 2,5, u. 7, gr. D. (6 cm v. u.) 2 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 442). Von ungeschliffenen Hohlkeilen besitzt die Sammlung nur noch ein Stück (Barnekow, s. Jahrb. 63, S. 20).

Melkof (?). Ganz ungeschliffen; die eine Breitseite stark nach außen, die andere leicht nach innen gewölbt (Uebergang zum Hohlkeil). Braunroth mit weißgrauen Sprenkeln. L. 15,5, Br. o. 1,5, u. 5, gr. D. (6 cm v. u.) 2 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 428).

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Holthusen (?). Besonders starkes Stück, Bahnende unregelmäßig; duffgrau. L. 15,5, Br. o. 2,75, u. 5,5, gr. D. (7 cm v. u.) 3,5 (!) cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 435).

Holthusen (?). Dem vorigen ähnlich. Weißgrau. L. 15,5, Br. o. 2,25, u. 5, gr. D. (7 cm v. u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 436).

Fundort unbekannt. Schneide und Bahnende stark ausgebrochen; wechselnd gelbbraun und weißlich. L. 15, Br. o. 3, u. 4, gr. D. (6,5 cm v. u.) 2,25 cm. Erworben 1883 (Gr. S., Gl. IV. 1. 283).

Dassow. Regelmäßig; starkes Bahnende: gelblichweiß. L. 14, Br. o. 3, u. 5,5, ar. D. (7 cm v. u.) 3 cm. Geschenk des Herrn K. Mann in Wismar, 1877 (V.=S. 4562).

Arpshagen (bei Klütz). Einfaches, starkes Exemplar; bräunlich. L. 13, Br. o. 2, u. 5, gr. D. (5 cm v. u.) 2,5 cm. Geschenk des Herrn K. Mann in Wismar, 1877 (V.=S. 4537).

Boizenburg (?). Breitseiten ungleich gewölbt, Schmalseiten angeschliffen; duffgrau. L. 14, Br. o. 2, u. 5, gr. D. (7 cm v. u.) 2,25 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 437).

Lübtheen (?). Bahnende unregelmäßig; hellgrau und braun. L. 14, Br. o. 3, u. 5,5, gr. D. (7 cm v. u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 438).

Weitendorf (ohne Angabe, von welchem Orte dieses Namens; eine ergiebige Fundstätte von Feuersteingeräthen liegt bei Weitendorf bei Brüel). Starker Arbeitskeil mit schiefem Bahnende; gelbbraun. L. 14, Br. o. 3, u. 5, gr. D. (3 cm v. u.) 7 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 202).

Bakendorf (bei Hagenow). Derb, auch an den Schmalseiten zum Theil geschliffen. L. 13, Br. o. 3, u. 4,5, gr. D. (6 cm v. u.) 2,5 cm. Eingeliefert 1891 (Gr. S., Gl. IV. 1. 359).

Tressow (bei Grevesmühlen) [vergl. oben]. Stark beschädigt an der Schneide und der einen Breitseite. L. noch 13, Br. o. 3, u. 5, gr. D. (6 cm v. u.) 2 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 232).

Hagenow. Derb, einfach, am Bahnende der natürliche Stein; hellgrau. L. 13, Br. o. 1,5, u. 6, gr. D. (4 cm v. u.) 2,5 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 464).

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Hagenow. Unregelmäßig; das Bahnende in einer scharfen Kante endigend. Gelb. L. 13, Br. o. 2,5, u. 4, gr. Br. (1,5 cm v. u.) 3,5 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 463).

Waren. Sehr derb und unregelmäßig; rothbraun. L. 13, Br. o. 2,5, u. 4,5, gr. D. (6 cm v. u.) 2,5 cm. Erworben 1877 (V.=S. 4523).

Wismar. Großflächig geschlagen, wenig geschliffen, Schneide stark abgenutzt; weiß inkrustirt, wohl vom Wasser. L. 13, Br. o. 2,5, u. 5,25, gr. D. (6 cm v. u.) 2,25 cm. Geschenk des Herrn K. Mann in Wismar, 1877 (V.=S. 4532).

Wozeten (bei Laage). Rundlich und ganz geschliffen; Uebergangsform zu D I; rothbraun mit hellen Flecken. L. 13, Br. o. 3, u. 6, gr. D. (6,5 cm v. u.) 2 cm. Geschenk des Herrn Pastor Beyer in Laage, 1891 (Gr. S., Gl. IV. 1. 367).

Dummerstorf (bei Rostock). Starkes Exemplar; der obere Theil schmäler (zur Befestigung in einer Handhabe); weiß. L. 11, Br. o. 3, u. 5, gr. D. (5 cm v. o.) 2,25 cm. Sammlung von Preen, 1893 (Gr. S., Gl. IV. 1. 398).

Kogel (bei Ratzeburg). Schönes typisches Stück. Nur an der Schneide geschliffen. Weiß. L. 16, Br. o. 2,5, u. 5, gr. D. (5,5 cm v. u.) 2,25 cm. Geschenk des Herrn Oekonomierath Harms in Schlutow, 1899 (V.=S. 4931).

II. Durchschnitt annähernd rechteckig.

Rohlstorf (bei Wismar). Grau, oben noch der rohe Stein. L. 13, Br. o. 4, u. 4,5, gr. D. (7 cm v. u.) 2,5 cm. Geschenk des Herrn Dr. Crull, 1873 (V.=S. 4408).

Kalkhorst (bei Grevesmühlen). Bahnende abgesplittert; dunkelbraun. L. 13, Br. o. 3,5, u. 4, gr. D. (7 cm v. u.) 1,75 cm. Geschenk des Herrn K. Mann, 1877 (V.=S. 4563).

Eldenburg (bei Waren). Auf der schon mehrmals genannten "Feuersteinmanufaktur". Interedsant als Uebergangsform zwischen A und C, indem die eine Schmalseite nur eine schmale, unregelmäßige Kante bildet. Muschelig geschlagen; Schneide schön geschliffen. Glänzend dunkelgrau. L. 7, Br. o. 2,25 u. 3, gr. D. (3 v. u.) 1,25 cm. Geschenk des Herrn Senator Geist in Waren, 1899. (Gr. S., Gl. IV. 1.476.)

Unvollständige Stücke der Grundform C.

Medewege (bei Schwerin). Derb; erhalten das Bahnende; gelbbraun. L. noch 15 cm. Geschenk des Herrn Behrens in Schwerin, 1878 (V.=S. 4565).

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Kalkhorst (bei Grevesmühlen). Derb; erhalten zur Hälfte (Schneidentheil); gelbbraun. L. noch 12 cm. Geschenk des Herrn Karl Mann in Wismar, 1877 (V.=S. 4538).

Benzin (bei Rehna). Der mittlere Theil; weiß. L. noch 15 cm. Sammlung Splitter, 1876 (Gr. S., Gl. IV. 1. 257).

Tarnewitz (bei Grevesmühlen). Der mittlereTheil; grauweiß. L. noch 10 cm. Samml.von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 233).

Wendorf (bei Wismar). Am Ufer gefunden. Der mittlere Theil; rothbraun. L. noch 9 cm. Sammlung v. Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 238).

Käselow (bei Gadebusch). Der Schneidentheil; grauweiß. L. noch 9 cm. Samml. von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 226).

Steinbeck (bei Gadebusch). Schneidentheil; grauweiß. L. noch 6,5 cm. Samml. von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 239).

Prieschendorf (bei Grevesmühlen). Schneide; gelbbraun. L. noch 5 cm. Sammlung Peitzner, 1893 (Gr. S., Gl. IV. 1. 383).

Tessenow (bei Parchim). Schneide; grau. L. noch 4,5 cm. Sammlung von Voß, 1882 (Gr. S., Gl. IV. 1. 280).

Tressow (bei Grevesmühlen) [s. oben]. Der obere Theil; grau. L. noch 7,25 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 240).

Alt=Karin (bei Kröpelin). Wohl von einer "Feuersteinmanufaktur"; der obere Theil; weiß. Länge noch 8 cm. Geschenk des Herrn Grafen A. Bernstorff, 1888 (Gr. S., Gl. IV. 1. 312).

Wozinkel (bei Parchim). Nur der obere Theil; graublau. L. noch 5,5 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 467).

Wozinkel (bei Parchim). Nur der obere Theil; schwarzgrau. L. noch 7 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 466).

Goldenitz (bei Schwaan). Nur der obere Theil; gelblichgrau. L. noch 5 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 469).

Grundform D. (Jahrb. 63, S. 29.)
Alle Seiten gewölbt und meist auch geschliffen; Bahnende gewöhnlich aus einer schmalen Kante bestehend.
D I. Mit stärkerer Verjüngung.

Boizenburg (?). Vollständig geschliffen, Breitseiten stark gewölbt; rothbraun. L. 15, Br. o. 2,5, u. 5, gr. D. (5,5 cm

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v. u.) 2 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 444).

Elmenhorst (bei Grevesmühlen). Auf dem Acker gefunden. Auf der unteren Seite stärker gewölbt als auf der oberen (Uebergang zum Hohlteil). Das Bahnende ist abgebrochen; Farbe jetzt gelbbraun, ursprünglich weißgrau. L. noch 13, Br. o. 4,5, u. 6, gr. D. 2 cm. Geschenk des Herrn Lehrer Prange in Elmenhorst, 1899 (Gr. S., Gl. IV. 1. 473).

Goldenitz (bei Lübtheen). Zweimal nachgeschliffen; am oberen Theile ausgebrochen; gelbbraun. L. 10, Br. o. 3,5, u. 6, gr. D. (4 cm v. u.) 1 cm. Gefunden und erworben wie das Stück vom Typus B I oben S. 162 (Gr. S., Gl. IV. 1. 452).

Eldenburg (bei Waren). Auf der seit lange bekannten "Feuersteinmanufaktur" (S. oben S. 133). Sehr schön gearbeitetes, schlankes Stück; ganz geglättet, die Schneide nachgeschliffen und schräg (ein seltener Fall bei diesem Typus). Weißgrau. L. 10, Br. o. 3, u. 4,5, gr. D. (3 cm v. u.) 1 cm. Geschenk des Herrn Senator Geist in Waren, 1899 (Gr. S., Gl. IV. 1. 477).

Muchow (bei Grabow). Auf dem Felde gefunden. Derbes Stück, Uebergangsform zu C I, indem das Bahnende in einer Fläche abschneidet; ganz geschliffen; an der Oberfläche gelbbraun, wie es die grauweißen Feuersteingeräthe durch Lagern in eisenhaltigem Sande leicht werden. L. 9,5, Br. o. 2,75, u. 4,5, gr. D. (5,5 cm v. u.) 2 cm. Geschenk des Herrn Präpositus Ihlefeld in Muchow, 1899 (Gr. S., Gl. IV. 1. 471).

Weitendorf (vergl. oben S. 168). Schwarz, auf einer Seite mit weißer Schicht. L. 9, Br. o. 2, u. 4,25, gr. D. (5 cm v. u.) 1,25 cm. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 222).

Hohlkeile, auf Grundform D I zurückgehend.

Dreveskirchen (bei Neubukow). Wahrscheinlich aus einer der oben S. 131 beschriebenen Wohnstätten der Steinzeit (vergl. auch Jahrb. 63, S. 25 und 28). Stark konkaver Hohlteil, an der Schneide verletzt, Seiten ungeschliffen; Uebergangsform zu B I. Grauweiß mit rothbraunen Flecken und Streifen. L. 12, Br. o. 2, u. 5, gr. D. (7 cm v. u.) 1,75 cm. Geschenk des Herrn Karl Mann, 1877 (V.=S. 4541).

Friedrichshagen (bei Grevesmühlen). Sehr ähnlich dem a. a. O. S. 34 beschriebenen zweiten Stück von Dummerstorf. L. 11, Br. o. 1,5, u. 5,5, gr. D. (8 cm v. u.) 2 cm; weißgrau.

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Gefunden auf dem Acker und geschenkt von Herrn Erbpächter H. Dreves in Friedrichshagen 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 455).

D II. Mit schwächerer Verjüngung. (Durchschnitt annähernd rechteckig.)

Elmenhorst (bei Grevesmühlen). Auf dem Acker gefunden (aber nicht zusammen mit dem eben genannten Exemplar). Prachtstück. Ganz ungeschliffen, an allen Seiten, auch den Kanten der Schmalseiten, scharf zugeschlagen; dunkelrothbraun. L. 21, Br. o. 6, u. 8, gr. D. (13 cm v. u.) 2 cm. Erworben 1899 (Gr. S., Gl. IV. 1. 474).

Boizenburg (?). Schmalseiten angeschliffen; duffgrau. L. 17,5, Br. o. 4, u. 6, gr. D. (4,5 cm v. u.) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 443).

Fahren (bei Wismar). Stark, Schmalseiten nicht geschliffen, Uebergang zu C b II; mit einer weißen Schicht überzogen. L. 16, Br. o. 5, u. 7, gr. D. (7 cm v. u.) 3 cm. Geschenk des Herrn Dr. Crull in Wismar, 1880 (V.=S. 4597).

Hagenow (?). Bahnende gebildet von einer schmalen Fläche; grau. L. 14,5, Br. o. 5, u. 5, gr. D. (6,5 cm v. u.) 2 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 446).

Hagenow (?). Weißgrau. L. 13, Br. o. 4, u. 5,5, gr. D. (6 cm v. u.) 1,5 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 1. 445).

Wozeten (bei Laage). Die Schneide auf beiden Seiten nachgeschliffen; rothbraun. L. 13,5, Br. o. 6,5, u. 7,5, gr. D. (6,5 cm v. u.) 1,5 cm. Geschenk des Herrn Pastor Beyer in Laage, 1892 (Gr. S., Gl. IV. 1. 366).

Redentin (bei Wismar). In dem Hofmoor, wo ein Pfahlbau vermuthet wird; vergl. das Verzeichniß auf S. 148. Interessantes Stück, indem es zum Theil noch den rohen Stein zeigt und grobmuschelig geschlagen ist, aber an den Seitenrändern und an dem oberen Theile der Breitseiten (nicht an der Schneide) Spuren vom Schliff hat Dunkelgelbbraun. L. 13,25, Br. o. 5, u. 6,25, gr. D. (ziemlich gleichmäßig) 1,75 cm. Geschenk des Herrn Karl Mann, 1889 (Gr. S., Gl. IV. 1. 348).

Gnewitz (bei Tessin). Weißlich. L. 11,5, Br. o. 4,5, u. 5,25, gr. D. (5 cm v. u.) 1,25 cm. Geschenk des Herrn von der Lühe auf Gnewitz, 1877 (V.=S. 4566).

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Ziesendorf (bei Schwaan). Derb, mit Abnutzungsspuren am Bahnende. Rothbraun. L. 9, Br. o. 3,5, u. 5,5, gr. D. (5 cm v. u.) 2 cm. Geschenk des Herrn Rentner Iven in Doberan, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 456).

Unvollständige Exemplare der Grundform D.

Alt=Steinhorst (bei Sülze). Wohl von der durch zahlreiche Funde (vergl. oben S. 134) festgestellten Wohnstelle. Der obere Theil eines schönen Stückes der Grundform D I. Gelblichbraun. L. noch 13 cm. Geschenk des Herrn Grafen A. Bernstorff, 1884 (Gr. S., Gl. IV. 1. 303).

Redentin (bei Wismar). Aus dem Dorfmoor (Pfahlbau?, vergl. das Verzeichniß S. 148); gelblichbraun; der untere Theil. L. noch 7 cm. Geschenk des Herrn Wachtmeister Cords in Wismar, 1889 (Gr. S., Gl. IV. 1. 339).

Redentin. Aus dem Müllermoor (Pfahlbau?, vergl. a. a. O.); braungelb; der untere Theil eines schönen Hohlkeils. L. noch 7 cm. Geschenk des Herrn Karl Mann, 1889 (Gr. S., Gl. IV. 1. 349).

Käselow (bei Gadebusch). Der obere Theil eines längeren Stückes vom Typus D I; weißgrau, noch 7 cm lang. Sammlung von Rantzau, 1871 (Gr. S., Gl. IV. 1. 242).

Tessenow (bei Parchim). Der mittlere Theil, noch 5 cm lang; weißgrau. Sammlung von Voß, 1882 (Gr. S., Gl. IV. 1. 281).

Kladow (bei Schwerin). Der untere Theil eines starken Exemplars, noch 13 cm lang; weiß. Geschenk des Herrn Dr. von Buchwald, 1879 (V.=S. 4622).

Keile aus andern Gesteinsarten. (Jahrb. 63, S. 35.)

B a II. Breite Seitenflächen, größte Dicke dem Bahnende näher als der Schneide, trapezförmiger Durchschnitt.

Ziesendorf (bei Schwaan). Hellgrüner Diorit; Bahnende leicht gerundet. Länge 11, Breite oben 3, unten 5, größte Dicke (6,5 cm von unten) 2 cm. Geschenk des Herrn Iven in Doberan, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 1. 457).

Rehna. Gefunden mit dem unten besprochenen Stück. Am Bahnende etwas beschädigt Grünlicher Diorit, z. Th. schwarz angelaufen. L. 15, Br. o. 3, u. 6, gr. D. (8,5 cm v. u.) 4 cm. Erworben wie 4935 (V.=S. 4936).

Ein Stück von Steffenshagen s. oben S. 140.

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B a III. Durchschnitt annähernd rechteckig.

Rehna. Gegen 1892 in den Benziner Tannen gefunden beim Aufräumen eines Grabens zwischen Bruch und Tannenland, etwa 2 m tief, zusammen mit einem zweiten, sehr ähnlichen Stück (S. oben). Schönes Stück, am Bahnende beschädigt, mit scharfen Kanten, gut geschliffen mit Ausnahme des oberen Theils, wo das Stück sich etwas verschmälert, offenbar um bequemer in einen Schaft eingelassen zu werden (vergl. das Jahrb. 63, S. 37, abgebildete ebenfalls von Rehna stammende Stück). Grünlicher Diorit, an der einen Breitseite schwarz und braun angelaufen. L. 17,5, Br. o. 5, u. 5,5, gr. D. (11,5 cm v. u.) 3 cm. Geschenk des Herrn Forstrendant Köpping in Dargun, 1899 (V.=S. 4935).

Meißel. (Jahrb. 63, S. 39.)

Grundform A. Die obere (Schlag=) Fläche breiter als die Schneide.

Lübtheen (?). Zerbrochen, nur der untere Theil erhalten; braun und weiß gefleckt Länge noch 10,5, Breite oben 2, unten 1,25, größte Dicke 2 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 2. 59).

Ziesendorf (bei Schwaan). Hellgrau. L. 12, Br. o. 2, u. 1,25, gr. D. 2 cm. Geschenk des Herrn Iven in Doberan, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 2. 62).

Wozinkel (bei Parchim). Charakteristisches Stück. Das obere Ende der natürliche Stein, dann großmuschelig geschlagen. Die Schneide klein und gut geschliffen. Weißgrau. L. 13,5, Br. o. 2,25, u. 1,25 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 2. 66).

Dazu zwei Stücke von Steffenshagen und Zarnewanz (s. o.).

Grundform B. Oben und unten ziemlich gleich breit

Ziesendorf (bei Schwaan). Dunkelgrau. L. 21, Br. o. und u. 1,25, gr. D. (12 cm v. u.) 2 cm. Geschenk des Herrn Iven in Doberan, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 2. 61).

Zarnewanz (bei Tessin). Die Schneide gewölbt, also ein Hohlmeißel; alle Seiten geschliffen; z. Th. verletzt. L. 11,5, Br. 2, gr. D. 2 cm. Geschenk des Herrn von der Lühe auf Gnewitz, 1878 (V.=S. 4576).

Lübtheen (?). In der Mitte stärker als oben und unten; am oberen Theile nicht geschliffen; dunkelgelbbraun. L. 9,

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Br. o. und u. 1,25, in der Mitte 1,75, gr. D. (in der Mitte) 1,25 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 2. 58).

Glashagen (bei Doberan). Ganz ungeschliffen, an paläolithische Formen erinnernd, auch scharfkantig. Aehnliche Stücke von Woltersdorf und Einzelfunde s. Jahrb. 63, S. 41. Dunkelgrau. L. 9, Br. o. und u. 1,5 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 2. 64).

Grundform C. Die Schneidefläche breiter als die Schlagfläche.

Glashagen (bei Doberan). Dunkelgrau. L. 15, Br. o. 1,5, u. 2,25, gr. D. (7,5 cm v. u.) 1,5 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 2. 63).

Wozinkel (bei Parchim). Nur der untere Theil; dunkelgrau. L. noch 6 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. IV. 2. 65).

Unbestimmt, weil zerbrochen: Lübtheen (?). Nur der untere Theil erhalten. Weißgrau. L. noch 7,5, Br. o. 2, u. 1,5, gr. D. 2 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. IV. 2. 60).

Lanzenspitzen und Dolche.

Grundform 1. Klingen ohne Schaft (Jahrb. 63, S. 42.)
a. Die größte Breite liegt nach unten.

Lübtheen (?). Die obere Seite stärker gewölbt; ziemlich derb geschlagen; in Arbeit und Form ähnlich dem Jahrb. 63, S. 44, abgebildeten Stücke von Suckow. Hellgrau. Länge 9,5, größte Breite (4,5 cm von unten) 3 cm. Sammlung Schilling, 1897 (Gr. S., Gl. III c. 107).

Wozinkel (bei Parchim). Flach, unten konkav gebogen, eine ziemlich seltene Erscheinung; vergl. Jahrb. 63, S. 52, und S. Müller, Abbild. 155. Grau opak; leider fehlt die Spitze. L. noch 8, Br. u. 4,5 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. III c. 111).

Grundform II. Klingen mit flachem Schaft.
a. Spitze Schaftzunge.

Goldenitz (bei Lübtheen). Flach, scharf absetzender Schaft, leider zum größten Theil abgebrochen. Weißgrau. L. noch 7,5,

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L

. der Spitze 6, Breite 4 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. III c. 113).

b. Der Schaft mit parallelen Rändern.

Ziesendorf (bei Schwaan). Gelbbraun, Griff derbmuscheliger als die Klinge. L. 16, L. des Griffs 6, gr. Br. (7,5 cm v. u.) 3, Br. des Griffes 1,75 cm. Geschenk des Herrn Iven in Doberan, 1898 (Gr. S., Gl. III c. 108).

c. Der Griff sich unten verbreiternd.

Schlutow (bei Gnoien). Gefunden 1880 auf dem Felde beim Pflügen. Einfaches Stück, der Griff mit leichtem Mittelgrate. Gelbbraun, Griff schwärzlich. L. 14, L. des Griffs 6, gr. Br. (9 cm v. u.) 2,25 cm. Geschenk des Herrn Oekonomierath Harms in Schlutow, 1899 (V=.S. 4932).

Grundform III. Klingen mit vierseitigem Schaft.
1. Einfachere.

Glashagen (bei Doberan). Breites Blatt, unregelmäßig geformter Griff, theilweise aus dem natürlichen Stein bestehend; Uebergangsform zu II c 1. Grünlichbraun gefleckt. L. 15, L. des Griffs 6, gr. Br. (10 cm v. u.) 4 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. III c.109).

2. Künstlichere.

Glashagen (bei Doberan). Weißgrau, alle Kanten des Griffs gekröselt. L. 17,5, L. des Griffs 7,5, gr. Br. (12 cm v. u.) 2,5 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. III c. 110).

Zerbrochene Exemplare, deren Einordung nicht möglich ist, sind eingeliefert von den Feuersteinmanufakturen von Steffenshagen (zwei, St. 60 a. und b.) und Tannenhof (drei, St. 71 a. c. d.), sowie von Wozinkel (Gl. III c. 112); alle aus der Sammlung Langermann.

Pfeilspitzen. (Jahrb. 63, S. 53.)

Grundform B.

Granzin (bei Lübz). (?, der Fundort ist nicht ganz sicher.) Zusammen gefunden mit den Resten einer bronzenen Schale,

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welche der Jahrb. 47, Tafel VI (2), Fig. 10, abgebildeten von Friedrichsruh genau gleicht. Der Fund entstammt wohl einem bronzezeitlichen Grabe. Die Pfeilspitze ist dünn, fein geschlagen, die Ränder leicht nach außen gebogen, die halbrunde Kerbe klein. Länge 4, größte Breite 2 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Br. 481). - Jahrb. 63, S. 54, ist die zeitliche Stellung dieser Pfeilspitze besprochen und darauf hingewiesen, daß die Mehrzahl in bronzezeitlichen Gräbern gefunden ist. Zu den fünf dort aufgezählten Plätzen kommt jetzt noch ein Flachgrab der Bronzezeit von Loiz (bei Sternberg), wo zwei derartige Spitzen neben einem Flachschwert vom Mycenaetypus gefunden sind, und der Fund von Granzin (?) oben. Aber auch in einem steinzeitlichen Hünengrabe ist seitdem eine Pfeilspitze aufgetaucht, dem bekannten "Heisterstein" bei Waren; das Stück befindet sich im Besitz des Herrn Senator Geist in Waren.

Ueber einen Grabfund von Tannenhof s. oben S. 126. Ueber Pfeilspitzen aus Ansiedlungen oben S. 141 ff. Auch die sog. Pfeilspitzen mit querstehender Schneide" sind schon oben besprochen S. 142.

Halbmondförmige Messer. (Jahrb. 63, S. 54.)

Consrade (bei Schwerin). Im Störthal, wo schon zahlreiche steinzeitliche Geräthe, die auf Pfahlbauten schließen lassen, gefunden sind. Hellgrau opak. Grundform II. L. 14,5, Br. 4,5 cm. Sägeartige Einkerbungen auf der inneren Einbiegung. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. III b. 43).

Tarnow (bei Bützow). Auf dem "Silberberge". Grundform II. (s. Jahrb. 63, S. 55); grau, mit schwarzen Sprenkeln; an einer Spitze beschädigt. Länge noch 11, Breite 3 cm. Geschenk des Herrn E. Schmidt in Tieplitz, 1897 (Gr. S., Gl. III b. 42).

Barkow (bei Plau). Mit einer Anzahl prismatischer Messer. Grundform II. L. 7,5, Br. 2,25 cm; hellgrau. Sammlung Splitter, 1871 (Gr. S., Gl. III b. 24).

Friedrichsruh (bei Crivitz). In einer tief liegenden Wiese beim Ziehen eines Grabens gefunden 1897. Grundform III (a. a. O., S. 56); dunkelgrau; beide Schneideflächen gedengelt. L. 9,5, Br. 3,5 cm. Geschenk des Herrn Schulze Thieß in Friedrichsruh, 1897.

Wozinkel (bei Parchim). An dem einen Ende beschädigt;

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weißgrau. Grundform III. L. noch 7,5, Br. 2 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., Gl. III b. 46).

Ueber Steffenshagen und Tannenhof s. oben.

Unvollständige Stücke, deren Grundform nicht mehr deutlich erkennbar ist, die aber überwiegend dem Typus III angehören, sind erworben von Gramnitz (b. Hagenow; Gl. III b. 45); Wozinkel (bei Parchim; Gl. III b. 47 und 48); beide aus der Sammlung Langermann.

Auch bei Wustrow=Niehagen sind mehrere Reste gefunden; s. unten S. 187.

Aexte. (Jahrb. 63, S. 58.)

Blankenberg (bei Brüel). Grundform I B 1 b, s. Jahrbuch 63, S. 60. Gefunden auf der Hufe Hof Brüel beim Ackern 1895. Schieferiges Gestein; an der unteren Seite beschädigt. Die Form ist unregelmäßig, die Seiten verschieden gewölbt. Länge 16,5, Sschaftloch 6,5 vom Ende, größte Breite (am Bahnende) 5, Höhe (gleichmäßig) 3,5 cm. Das siebenzehnte Exemplar seiner Art (Jahrb. 63, S. 64), einfacher wie die meisten dort aufgezählten. Geschenk des Herrn Hans Nizze in Blankenberg, 1899 (Gr. S., L I A 1 a. 137).

Klein=Viegeln (bei Laage). Grundform II 2 b, s. a. a. O., S. 67. Gefunden 2,5 m tief auf Bauernacker in einer sumpfigen Wiese. Diorit; an der Schneide und dem Bahnende beschädigt; hinten gerade und hammerartig abschließend, am Schaftloch sich erweiternd. L. 8, gr. Br. (am Schaftloch) 4,5, H. 3 cm (gleichmäßig), Entfernung des Bahnendes von der Mitte des Schaftloches 4,5 cm. Erworben 1898 (Gr. S., L I A 1 a. 134).

Banzkow (bei Schwerin). Im Juli 1897 "bei der Korrektion der Stör etwa 400 m oberhalb der Banzkower Brücke im Störbett mit dem Dampfbagger heraufbefördert" (Bericht des Herrn Distriktsbaumeister Klett) und an das Großh. Museum eingeliefert. Die Axt (Abb. 13) besteht aus einem feinkörnigen, harten, homogenen Gestein von grünschwarzer Farbe, wohl Kieselschiefer; sie war in der Mitte zerbrochen und ist auch sonst mehrfach beschädigt. Ihre Form ist selten. Von dem Bahnende, welches schmal und leicht gebogen ist und Spuren der Abnutzung zeigt, verbreitert sie sich bis zu dem großen Schaftloch mit leichtem Anwachsen der Höhe, und wird dann nach der leicht geschweiften Schneide zu schmaler und niedriger. Die obere und untere

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Seite ist leicht vertieft, die anderen Seiten nach oben und unten schräg geschliffen. Dadurch kommt die Axt den "facettirten" Aexten nahe. L, 12, gr. Br. (im Schaftloch, 5,5 cm vomBahnende) 5, H. am Bahnende 3,25, i. Schaftloch 4, an der Schneide 3,5 cm. (L I A 1 a. 131.)

Abbildung 13.
Abbildung 13.

Die Form ist selten und bei uns bisher nicht vertreten. Am nächsten kommt ihr der Jahrb. 63, S. 69, beschriebene Typus II 3 c. Vergl. auch Montelius, Ant. suéd. 40. Voß=Stimming, Alterth. v. Brandenburg I, 3, 3. Mestorf, Alterth. v. Schl.=H., 81. Im Ganzen erinnert die Axt mehr an mitteldeutsche Formen als an nordische und dürfte als eingeführter Gegenstand anzusehen sein.

Cambs (bei Schwerin). Gefunden auf dem Felde beim Ackern. Im Schaftloch zerbrochen, erhalten nur der Schneidentheil. Ein außerordentlich schönes Stück von dem Jahrb., 63, S. 71, beschriebenen Typus III β 2. Material anscheinend feinkörniger Diorit (hellgrün). Oben und unten leicht vertieft, die Schneide rund und nach unten verlängert, am Schaftloch eine kleine Leiste. L. noch 11, Dicke 3 und 5,5 cm, Durchmesser des Schaftlochs 2 cm. Von den meklenburgischen Stücken ähnelt am Meisten das a. a. O. abgebildete von Ruest. Ein sehr ähnliches siehe Mestorf, Vorgesch. Alterth. aus Schl.=H. XIV, Nr. 98; ein gleiches S. Müller, Ordning, Fig. 75. Groß ist die Zahl der bekannt gewordenen Aexte dieser Art überhaupt nicht, und ihr Verbreitungsgebiet scheint über die jütische Halbinsel wenig hinauszugehen. Die Vertiefung, die Leisten, besonders die untere Ausbiegung am Ende sprechen für eine Nachahmung metallener Vorbilder, und in der That kommen ähnlich geformte Aexte aus Kupfer nicht selten vor. Geschenk des Herrn Diestel auf Cambs, 1898 (Gr. S., L I A 1 a.133).

Glashagen (bei Doberan). Grundform II 1 c. Nur das hintere Ende erhalten. L. noch 6, H. 4 cm. Sammlung Langermann, 1898 (Gr. S., L I A 1 a.135).

Laage. Gefunden in den sog. Schwenknitztannen, südlich der Stadt, beim Stämmeroden. Diorit; der Stein wenig bearbeitet; das Loch in der Mitte. L. 12, gr. Br. 7 cm. Höhe am Bahnende 3 cm. (Abb. 14.) Das Geräth gehört zu den Jahrb. 63,

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Abbildung 14.
Abbildung 14.

S. 75, besprochenen seltenen, bei denen das Schaftloch senkrecht zur Schneide steht, und ist das erste vollständige Stück, welches in Meklenburg gefunden ist. Geschenk des Herrn Pastor Beyer in Laage, 1898 (Gr. S., L I A 1 a.132).


Berichtigungen zu Jahrbuch 63, S. 1 ff.

S. 5 Z. 5 v. u. l. Prieschendorf. S. 14 Z. 11 v. o. l. 38. S. 14 Z. 5 v. u. l. stimmt (für paßt). S. 15 Z. 9 v. o. l. Baier S. 18. S. 15, Keil von Lalchow, l. 32 6 . S. 17 bei den Keilen von Alt=Sammit und Degtow l. größte Dicke (für Durchmesser). S. 20. Der Keil von Barnekow ist zugleich Hohlkeil. S. 21. Bei C a I l. Keile mit trapezförmigem Durchschnitt. Die S. 21 und 34 als von Beckerwitz stammend aufgeführten Keile sind nach an Ort und Stelle eingezogenen Erkundigungen in einem Moore von Krusenhagen gefunden. S. 21 Z. 4 v. u. l. unten. Der Keil von Rostock hat eine geschweifte Schneide. S. 22 Z. 13 v. 4. l. nahe (für in). S. 24 Z. 4 v. u. l. 28 3 . S. 26. Der Keil von Alt=Steinhorst Gl. IV. 1. 306 ist ein Hohlkeil. S. 26 Z. 6 v. u. l. 264 (für 184). S. 28. Keil von Beckerwitz zu streichen. S. 30 Z. 13 v. u. (l. 36 0 ). S. 32. Der Keil von Käselow ist ein Hohlkeil. S. 33. Die Keile von Konow und Remlin sind nicht geschliffen. S. 33 Z. 9 v. o. l. 31 5 . S. 34 Z. 21 v. o. l. 3 9 6. S. 34. Der Keil von Gr.=Krankow ist kein Hohlkeil, sondern ein ungeschliffenes Exemplar vom Typus D. S. 44 Z. 14 v. o. l. 4 0 . S. 46 Z. 9 v. o. l. 6 7 . S. 50 Z. 1 v. u. l. 83 (für 95). S. 51 Z. 11 v. o. l. Fundort unbekannt (für Kritzow). S. 51 Z. 13 v. u. Von dem Typus II c 2 sind Einzelfunde 5, Grabfunde 1 (Sanitz s. o. S. 89). S. 56 Z. 2 v. o. l. 2 3 ; Z. 15 v. o. l. 4369 (für 4060). S. 80 Z. 23 v. o. l. 39 (für 15). S. 81 Z. 2 nachtragen: St. 40.


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Anhang.

Fundstätte von Feuersteingeräthen

bei Ostseebadb Wustrow a. d. Fischland.
Von
E. Geinitz =Rostock und Dr. Lettow =Wustrow.
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A uf dem sogen. "Hohen Ufer" nördlich von Wustrow auf dem Fischland fand Dr. Lettow 1 ) im Herbst 1898 an der Stelle, wo zum Zwecke der Uferbefestigung vor zwei Jahren große Mengen Sand abgefahren waren, und auch jetzt noch Sand von den Niehäger Bauern geholt wird, eine ungeheure Menge von bearbeiteten Feuersteinen und dabei auch viele gute Feuersteingeräthe, sowie Thongefäßscherben (Urnenscherben) und fossile Knochen. Nach gemeinsamer Besichtigung der Fundstätte und der gesammelten Gegenstände sind wir in der Lage, Folgendes über das Terrain und die gefundenen Stücke zu berichten:

Die Stelle liegt auf dem "Hohen Ufer" von Niehagen da, wo auf dem Meßtischblatt Wustrow am Strand das Wort "Glippe" steht. Hier lagert auf dem blauen und gelben Geschiebemergel gelber Heidesand, in dessen obern Lagen die bis 1/2 m mächtige Schicht des bekannten Ortsteins (auch Ur und Klashahn genannt) entwickelt ist, jenes rostbraunen, im feuchten Zustand oft schwärzlichen, festen Ausscheidungsprodukts der einstigen Oberfläche des Heidesandes; über ihm liegt schwarzer, grauer und weißer Sand, der sog. Bleisand, und dieser ist noch bedeckt von grauem oder gelbem Flugsand, der z. Th. eine Mächtigkeit


1) In Wirklichkeit machten die ersten Funde schon im Sommer 1898 Frau Dr. Lettow und vor einigen Jahren (1893) Herr Dr. Beltz=Schwerin.
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von 3 m erreicht. Immer über der Ortsteinschicht, die sich aus dem Niveau der ganzen Stätte stellenweise bis zu einer Höhe von 1-2 m erhebt und dann wieder allmählich abfällt, finden sich die Feuersteingeräthe; wir gruben sie aus ihrem ursprünglichen Lager heraus und fanden sie zu Tausenden auf der bis zum Ortstein abgetragenen Fläche. Der von hier massenhaft fortgeschaffte Sand, der vermuthlich noch viele fertige und unfertige Sachen enthielt, ist vom "Hohen Ufer" heruntergeschüttet, so daß in späteren Jahren, wenn die Wellen ihr Zerstörungswerk an den Uferbefestigungen vollendet haben, wohl leicht unten am Ostseestrande selbst Feuersteingeräthe gefunden werden können. Die auf eine Länge von 300 m und eine Breite von ca. 200 m freigelegte Fläche war übersäet mit Feuersteinsplittern. Auch in den ausgetretenen Wegen südlich von hier von der Niehäger Scheide an finden sie sich massenhaft (vereinzelt auch noch bis in die Gegend vor dem Strandhotel und dem Strandpavillon von Wustrow). Ihr Vorkommen reicht nach Norden bis an den Berg westlich vom Signalpunkt (dem trigonometrischen Dreieck von Althagen), sodaß mithin die Stätte eine Längserstreckung von ca. 2 km hat. Auf den angrenzenden Feldern findet man auch vielfach noch Feuersteinsplitter und fertige und zerbrochene Feuersteingeräthe, doch ist naturgemäß eine Abgrenzung der Stätte nach ihrer Breite z. Z. nicht möglich. Auch unverkennbare Spuren von Brandstätten sind gefunden. Doch darf man sich bei der Bestimmung derselben nicht täuschen lassen durch den schwarzen und grauen Sand oder durch den dunkelbraunen Ortstein; Beides sind durch Humus gefärbte natürliche Bildüngen (vergl. auch unten angebrannte Knochen, angebranntes Holz und Schlacken).

Der Sand ist der feinkörnige, gelbe Heidesand, wie er in gleicher Beschaffenheit in der