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Inhalt:

Jahrbücher

des

Vereins für meklenburgische Geschichte
und Alterthumskunde,

 

gegründet von                  fortgesetzt von
Geh. Archivrat Dr. Lisch. Geh. Archivrath Dr. Wigger.

 


 

Einundsechszigster Jahrgang

herausgegeben
von

Archivrath Dr. H. Grotefend,

als 1. Sekretär des Vereins.

 


Mit angehängten Quartalberichten und Jahresbericht.

 

 

Auf Kosten des Vereins.

 

 

Vignette

Schwerin, 1895.

Druck und Vertrieb der Bärensprungschen Hofbuchdruckerei.
Kommissionär: K. F. Koehler, Leipzig.

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Inhalt des Jahrbuchs.


I. Zur Topographie des alten Schwerin. Von Baudirector a. D. Hübbe S. 1
II. Wismar und die Vemgerichte. Von Dr. F. Techen in Wismar S. 15
III. Ein Protokollbuch des Schweriner Niedergerichts. Von Dr. Friedrich Stuhr S. 75
IV. Eine Hugenotten=Kolonie in Meklenburg. Von Professor Dr. Wilhelm Stieda in Rostock S. 81
V. Angelus Sala. Ein Vortrag, gehalten von Professor emer. Dr. G. Dragendorff zu Rostock S. 165
VI. Neue Funde aus der jüngeren Bronzezeit in Meklenburg. Von Dr. R. Beltz S. 182
VII. Das Lied vom König Anthyrius. Von Bibliothekar Dr. Ad. Hofmeister in Rostock S. 239
VIII. Die meklenburgische Vogtei Schwaan. Von Gymnasialprofessor Dr. Rudloff S. 254
  1. Entstehung der Vogtei S. 255
  2. Die Abtei Doberan und die Grenzen der Herrschaft Rostock S. 265
  3. Die Werle=Meklenburgische und die stiftsländische Grenze der Vogtei S. 289
  4. Die älteren Meklenburgischen Landestheilungen S. 338
IX. Seeräuberei an Meklenburgischer Küste. Von Dr. Friedrich Stuhr S. 365

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Inhalt der Berichte.


Nachträge zu den Stammtafeln des Großherzoglichen Hauses (Jahrb. L) I, 2
Einzeldrucke geistlicher Gedichte des Herzogs Gustav Adolph von Meklenburg I, 6
Untergegangene Ortschaften I, 9
Das Steinkreuz zu Schönberg I, 10
Jagdfalken I, 12
Münzfund von Mamerow I, 12
Die Wappen in der Kirche zu Sternberg II, 18
Der Wiederaufbau des Schweriner Rathauses nach dem Stadtbrande von 1651 II, 22
Alterthümer von Sülten bei Stavenhagen II, 25
Wie die Rostocker Fischer ihre Privilegien erhielten II, 27
Die Statue des Heiligen Christophorus in der Kirche zu Warnemünde II, 27
Hausmarken (?) aus Warnemünde II, 28
Mistewoi (Mistizlav) III, 30
Die Wappen in der Kirche zu Sternberg (Berichtigung zu II, 18 ff.) III, 36

 

Vignette
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I.

Zur Topographie des alten Schwerin.

Von

H. W. C. Hübbe.

D ie unter meiner Oberleitung vor einigen Jahren in den Straßen der Stadt Schwerin zwecks deren Kanalisation stattgehabten Aufgrabungen des Untergrundes haben mancherlei zu Gesicht gebracht, was für die topographische Geschichte der Stadt von Interesse ist. Im Verein für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde habe ich darüber im Jahre 1891 bereits einige Vorträge gehalten, deren Inhalt nun auch im Jahrbuch wiedergegeben werden mag.

In Band 42 des Jahrbuches hat Herr Senator Lisch auf Grund der ersten 10 Bände des Meklenburgischen Urkundenbuches die Entstehung der Stadt und ihre Entwickelung zum späteren Zustande geschildert und dabei zweifelsohne die vorhandenen älteren Urkunden vollständig benutzt. Dagegen hat er zu seiner Darstellung nur sehr kurz (auf S. 86) ein im Großherzoglichen Geheimen und Hauptarchiv aufbewahrtes Memorial des Baumeisters Wedel nebst Grundriß herangezogen, welches in genauen Maßen die Flächen des im Jahre 1651 abgebrannten Stadttheils und die für den Wiederaufbau in Vorschlag gebrachten, hernach ausgeführten Umänderungen bezeichnet und für die Kenntniß des ältesten Zustandes der Stadt sehr wichtig ist. Es dürfte gewiß von Interesse sein, wenn dasselbe nebst Plan im Jahrbuch zum Abdruck gebracht würde.

Einleitend möge hier Bekanntes kurz vorangeschickt werden, dem ich hin und wieder Bemerkungen zur Erwägung beifüge.

In der dem Wendischen verwandten russischen Sprache heißt ein wildes reißendes Thier Swerj; davon das Adjektiv swerinüi, und

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unter Abwerfung der Endung spricht der Russe in Verbindung mit "Land" oder "Ort" swerin; also nicht, wie bislang wohl gedeutet ward, "Thiergarten"=Swerinez, sondern "Wildethier=Land", "Wildethier=Ort" ist die Deutung des Namens der Stadt Schwerin und des Gaues, in welchem sie liegt. Diesem Charakter des Landes entsprechen die Ortsnamen Medewege, urkundlich Medewede, von Medwedj der Bär, und Thurow, niedergelegtes Dorf in der Schweriner Feldmark, Genitiv Pluralis von Tur, der Ur oder Auerochs, sowie vielleicht noch andere mehr. In diesem wilden, waldreichen Lande lag auf einer kleinen niedrigen Insel, vielleicht künstlichen Erhöhung, rings von Wasser umgeben, die alte wendische Burg Swerin; nach ihrer Zerstörung ward auf derselben Stelle die sächsische Burg erbaut, der Ursprung des jetzigen Schlosses. Zwischen der Burginsel und dem hohen Festlande (beim jetzigen Marienplatze) und von letzterem durch eine Sumpfniederung getrennt, lag eine lang nach Norden hingestreckte Hochinsel, auf deren südlichem Ende Herzog Heinrich der Löwe 1161 die Sachsenstadt Schwerin gründete und dem Grafen Gunzelin überwies.

1. Schwerin innerhalb der Planken, bis 1340.

Von dem größeren nördlichen Theile der Insel, der Schelfe, ward die Stadt durch einen Stadtgraben abgetrennt. Im Niederländischen 1 ) heißt Schelfer Splitter, Abkerbung; in Urkunden findet sich gleichbedeutend auch das Wort scala, Kerbstock; es mag nun der Einschnitt des Stadtgrabens oder auch mehrere in der Insel vorkommende natürliche Einbuchtungen ihr den Namen gegeben haben.

Grundbedingungen einer Stadtgründung waren in älterer Zeit: Sicherung gegen Feinde, Kornmühle, Kirche, Fischerei, Zufahrt. Auch für Schwerin suchte man diese Bedingungen zu erfüllen.

Zur Wendenzeit war der Pfaffenteich noch ein Zipfel des mit dem Großen See in offener Verbindung stehenden Ziegelsees. Bei Gründung der Stadt Schwerin ward dieser Zipfel durch Anlage des Spielthordamms vom Ziegelsee abgetrennt, und durch Anlage eines von der Höhe der Stadt beim Kreuz der Schusterstraße und Engen Straße bis an die Höhe südwärts des jetzigen Marienplatzes reichenden Mühlendammes das aus dem Medeweger See durch die Aue herabkommende Wasser um etwa 2 1/2 Meter angestaut, so daß sich ein


1) Bekanntlich zog Herzog Heinrich der Löwe zu seinen Kolonisationen an der Elbe und in den Wendenlanden vielfach Niederländer, welche des Wasserbaues kundig waren, heran, und erklärt sich dadurch wohl das Vorkommen mancher niederländischer Worte.
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größerer Mühlenteich bildete, welcher auch einen Theil der Niederung im Westen der Stadt bedeckte. In vorgedachtem Mühlendamm, auf der Stelle des an der Ecke von Schloß= und Kaiser=Wilhelmstraße belegenen Herbordt'schen Hauses (Cataster=Nr. 978) ward von dem Grafen eine Kornwassermühle erbaut, welche ihr Triebwasser aus dem Mühlenteiche mittelst eines Mühlen= oder Fließgrabens empfing und nach dem Burgsee abführte. Diese hernach auch Binnenmühle genannte Grafenmühle ist vor etwa 60 Jahren aufgehoben. Zur Vergrößerung des Triebwassers ward auch der Ostorfer See durch Anlage des Dammes beim Püsserkrug auf gleiche Höhe mit dem Pfaffenteiche angestaut und sein Wasser mittelst eines am Fuß der Höhe hergestellten und durch einen Damm gegen den Burgsee abgetrennten Grabens (der Seeke) nahe oberhalb der Mühle dem Fließgraben zugeführt. Bei Aufhebung der Grafenmühle ist der Wasserstand des Pfaffenteiches, wie ich aus mancherlei örtlichen Umständen schon muthmaßte und hernach auch die Akten des Großherzoglichen Amtes ergeben haben, um etwa 80 Centimeter gesenkt, so daß er ursprünglich der Stauhöhe des Ostorfer Sees gleich war.

Eine zweite, dem Bischofe gehörige Kornwassermühle, die Bischofs=, auch Außenmühle genannt und schon 1171 urkundlich erwähnt, ward vom Medeweger See mittelst der Aue getrieben und förderte das Wasser in den Pfaffenteich. Auch diese Mühle ist bereits aufgehoben, ihre Stelle (Cat.=Nr. 1042) aber bekannt; ihr Mühlendamm erstreckt sich quer über die Aue von Höhe zu Höhe. Da der Pfaffenteich einst höheren Wasserstand hatte und die Bischofsmühle etwa 2 Meter Stauhöhe gehabt haben wird, so dürfte auch der Medeweger See früher 1 1/2 bis 2 Meter höher gestauet gewesen sein, als jetzt.

Die Schelfe gelangt durch verschiedene Verleihungen der Grafen nach und nach ganz in den Besitz des Bischofs. Der Spielthordamm, als dem Zwecke der Grafenmühle dienend, wird von den Grafen unterhalten. Laut eines mit dem Bischofe im Jahre 1284 geschlossenen Vertrages darf der Graf die zur Unterhaltung erforderliche Erde von dem auf bischöflichem Gebiete (vermuthlich der Schelfe) belegenen Weinberge (vinea) entnehmen; auch soll der Damm (via nova per aquam) von den Bewohnern der Schelfe nicht als Weg benutzt werden (das Befahren mit Wagen verdirbt den Damm). Deshalb ist quer über den Damm ein Zaun gesetzt, ein Spiltun (aus dünnen Pfählen - spilen - und Flechtwerk), im Gegensatze zu einer Festungsplanke, welche Vertheidigungszwecken dient.

Die älteste zur Sicherung der Stadt dienende Einschließung war eine Planke; außerhalb derselben befand sich ein Stadtgraben und innerhalb ein von den Vertheidigern benutzter Laufweg. Des Stadt=
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grabens im Norden der Stadt gegen die Schelfe, vom Pfaffenteiche bis zum Beutelsee, ist bereits vorhin gedacht worden; die innerhalb desselben befindliche Planke setzte sich im Westen des Domplatzes längs des sumpfigen Uferlandes des Pfaffenteiches bis zur Schmiedestraße fort. Der hinter der Planke hier angelegte Laufweg war vermuthlich im Laufe der Zeit von der Geistlichkeit anderweitig benutzt und eingegangen, denn in einem Vertrage vom Jahre 1313 verpflichtet sich das Domkapitel, an den Planken hinter der Domkirche herum vom Schmiedethor bis zum Schelfthor einen Weg (spätere Bischofstraße und Friedrichstraße) anzulegen und diesen nebst einem Laufwege vom Markte quer über den Kirchhof nach den Planken den Bürgern bei feindlichem Angriffe offen zu halten. Ostwärts des Schelfthors lag hinter der Planke der bischöfliche Obstgarten, welchen Bischof Hermann 1267 dem Domkapitel schenkte, bis ans Moor.

Die Felsenfundamente des nordwärts zur Schelfe hinausführenden Schelfthores sind beim Sielbau in der Königstraße zwischen Friedrichstraße und Burgstraße gefunden; letztere lag also außerhalb der Planke. Vor dem Thore lag quer durch den Stadtgraben ein Damm, in dem sich ein Siel befand, durch welches das Wasser des Pfaffenteichs nach dem Beutelsee abfloß, wenn es eine gewisse Maximalhöhe, die Stauhöhe der Grafenmühle, überschritt. Bei einer Erneuerung dieses Siels hatte das damals im Besitze der Mühle befindliche Kloster Reinfeld im Jahrre 1344 mit dem Domkapitel wegen der zulässigen Höhenlage einen Streit; das Kloster hatte Interesse an möglichst hoher Lage des Durchlaufsiels und dementsprechend großer Stauhöhe des Pfaffenteiches, das Kapitel dagegen an möglichst tiefer Lage, demgemäß geringerer Ueberstauung des Westrandes der in seinem Besitze befindlichen Schelfe und geringerer Höhe des Unterwassers seiner Bischofsmühle. Die Reste des Durchlaufsiels wurden bei der Aufgrabung in der Königstraße gefunden und zeigten, daß der Pfaffenteich, wie bereits erwähnt, ehemals eine größere Stauhöhe besaß, als jetzt.

Der mehr gedachte Grundriß des abgebrannten Stadttheils von 1651 zeigt vom Kreuz der Schmiedestraße und jetzigen Wladimirstraße in grader Linie bis zur Mitte der ersten Engen Straße, und dann die Richtung ändernd, in gerader Linie weiter bis zur Bischofsmühle eine Straße, die Faule Grube. Ich erblicke hierin die Lage des ältesten Stadtgrabens, dessen Spuren beim Sielbau in der Mitte der ersten Engen Straße gefunden sind; im Kreuz der Schmiedestraße und Wladimir=Bischofstraße stand dann das älteste Schmiedethor; von ihm zog sich die Planke in gerader Linie zur Mitte der ersten Engen Straße, bog hier nach Osten um und folgte

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über die Höhe hinweg bis an das Moor den Engen Straßen und der Salzstraße, die als Laufwege gedient haben werden. In der Königstraße wurden beim Sielbau an der südlichen Ecke der Salzstraße Felsenfundamente gefunden, welche einem zur fürstlichen Burg hinausführenden Thore angehört haben dürften.

Die älteste Stadt innerhalb der Planken erfüllte somit den Raum zwischen der Salzstraße, der zweiten Engen (1651 Zwerch=) Straße, der ersten Engen Straße bis zu deren Mitte, von hier hinüber zum Kreuze der Wladimir= und Schmiedestraße, Bischofstraße, Friedrichstraße, und bis an die Burgstraße. Ostwärts reichte die Stadt bis an das für Bebauung wenig geeignete Moor und entbehrte auf dieser Seite vermuthlich der Planken, da das Sumpfland genügende Sicherung gewährte. Hier wird die städtische Bebauung sich noch auf die höher liegende Schlachterstraße erstreckt haben, während die Baderstraße, dem unehrlichen Charakter des Badergeschäftes entsprechend, sicherlich den Rand der ältesten Stadt bezeichnet.

Nach dem Memorial von 1651 über den Wiederaufbau des abgebrannten Stadttheiles hatten Schusterstraße und Markt vor dem Brande andere Richtung und Form. Die Ostseite von Königstraße und Markt war auch vormals annähernd in gleicher Lage wie jetzt. Eckhaus der südlichen Königstraße (früheren Filterstraße) am Markt und an der Schusterstraße war das Haus von Wilde (609), dessen nördliche Seitengrenze die Südseite des Marktes bildete; die Grundstücke von Zander (610) und Dr. Bäßmann (611) waren noch freier Platz; die Pumpe auf Dr. Bäßmanns Hofe war vor dem Brande die Marktpumpe und wird in dem Memorial ausdrücklich erwähnt. Die Schusterstraße ging dann in schräger Richtung nach dem Theilpunkte der zweiten und ersten Engen Straße durch den hinteren Theil der Grundstücke von Brunnengräber (614/15) und von Zanzig (616), und in gleicher Richtung weiter bis zur Schloßstraße, wo wir in dem vorspringenden Hause von Stargardt (694) diese ehemalige schräge Richtung der Schusterstraße und deren Ecke noch erkennen; die Fundamente der Häuser an der alten Schusterstraße haben wir bei der Sielaufgrabung, die Straße schräge durchkreuzend, gefunden. Die Westseite des Marktes war bis an das Haus von Dr. Bäßmann vorgerückt; das Grundstück des Restaurateurs Jörg (612) lag mit der südöstlichen Ecke am Anfang der Schusterstraße, mit der östlichen Seitengrenze am Markte, und mit dieser in gleicher Richtung zog sich die Westseite des Marktes bis zu der in gerader Richtung ostwärts verlängerten Südseite der Schmiedestraße.

Südlich vor dem jetzigen Neuen Gebäude lag ein dreieckiger Baublock, dessen Ostseite neben dem jetzigen Rathhause eine Verlängerung der nördlichen Königsstraße (ehemaligen Steinstraße) bildete,

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und dessen Spitze sich neben dem überwölbten Durchgange des Rathhauses befand. Der keilförmige Raum zwischen der schrägen Südwestseite des Baublocks, der verlängerten Südseite der Schmiedestraße und den jetzt Zegelin (642) und Nieske (644) gehörigen Häusern war auch vor dem Brande von 1651 freier Platz, an dessen Nordwestecke in etwas geänderter Richtung der noch vorhandene Aufgang zum Dom lag. Der Markt hatte also einst, abgesehen von dem Keil, eine rechteckige Form von 60 Meter Länge und 20 Meter Breite, während er jetzt 60 Meter lang und 52 Meter breit ist. Bekanntlich hat Herzog Friedrich nochmals den Markt nordwärts durch Abbruch mehrerer Häuser um circa 5 Meter verlängert und durch den Bau des Neuen Gebäudes künstlerisch begrenzt.

Der Hauptzugang der Stadt befand sich anfänglich in der Schusterstraße, wo im Kreuze mit den Engen Straßen das Thor in den Planken gewesen sein wird; der Weg führte auf dem Mühlendamm (der südlichen Hälfte der Schusterstraße und dem Westende der Schloßstraße) und auf einer Brücke über das Mühlengerinne bei der Grafenmühle vorbei durch die Niederung nach dem hohen Lande beim jetzigen Marienplatze; dies Thor mag Mühlenthor genannt sein.

Die südöstliche Hälfte dieser vorbeschriebenen alten Stadt war gräflich und gehörte den Bürgern, die nordwestliche Hälfte war bischöflich und gehörte der Geistlichkeit; diese Theilung ist jedenfalls von Anfang an durch den Sachsenherzog Heinrich erfolgt, als er die Stadt gründete. Als dieser 1171 das alte Wendenbisthum von Meklenburg nach Schwerin verlegte und mit Gütern neu bewidmete, gab er ihm zwar außer anderem entfernteren Besitze nur die Pfarre in Schwerin und die bei Schwerin liegende Insel (den Schelfwerder), spätere Erneuerungen und Bestätigungen der Stiftungsurkunde bezeugen jedoch, daß die Geistlichkeit die Hälfte der Stadt in Anspruch genommen hat. So heißt es 1178: "ein Theil der Insel Schwerin nach Theilung des Herzogs", und 1186: "der Theil der Stadt Schwerin vom Hause des Fischers Suck zum alten Begräbnißplatze gerade hindurch geschieden" gehöre dem Bischofe; aus einer kaiserlichen Confirmationsurkunde von 1211 erfahren wir, daß dieses Haus des Fischers Suck auf dem südlichen Theile der Sumpfniederung lag, und aus einem Vergleiche von 1284, daß damals auf der Stelle des ehemaligen Fischerhauses das Heilige Geist=Haus errichtet war, das bis auf die neueste Zeit als städtisches Armenhaus an der Ecke der Wladimir= und ersten Engen Straße gestanden hat (jetzt Grundstück des Klempnermeisters Kruse, Nr. 678).

Das Fischerhaus stand außerhalb der Stadtplanke, denn die Fischer lagen ihrem Berufe nächtlicher Weile ob und konnten bei Thor=

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schluß nicht in der Stadt sein. Ebenso lag das Heilige Geist=Haus außerhalb der Stadt; Stiftungen dieses Namens entstanden auch in Hamburg und in andern Städten in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts unmittelbar innerhalb oder außerhalb der Stadtmauer in der Nähe des Thores, um Pilger, Kranke, Reisende zu beherbergen, welche man in die Stadt nicht einlassen wollte, sei es wegen des Thorschlusses oder aus anderen Gründen; man nannte diese Stifte oder deren betreffende Annexe dann auch wohl Gasthäuser.

Der andere Endpunkt der Grenze zwischen der gräflichen und bischöflichen Stadthälfte war ein alter Begräbnißplatz, cimeterium vetus, dessen Spur bei der Sielaufgrabung hinter dem Rathhause neben dem Hofe des Rathskellers gefunden ward; nach der Beschaffenheit der freigelegten Gräber dürfte dies ein Begräbnißplatz der Wenden aus der ersten christlichen Zeit sein, die 1066 ins Heidenthum wieder zurückfiel. Nach der Urkunde von 1267 lag zwischen diesem Begräbnißplatze und der Stadtplanke beim Schelfthor der dem Domkapitel vom Bischof geschenkte Obstgarten; letzteren finden wir also in den Grundstücken vom Stadthause bis zur Burgstraße, den Begräbnißplatz unter dem nördlichen Theile des jetzigen Rathhauses und dem Stadthause. Die gräfl.=bischöfl. Grenze ging somit, wie die Urkunde von 1284 besagt, vom Heiligen Geist=Hause quer über den Laufweg hinter der Stadtplanke allmählich den Hügel hinan, mitten über den Marktplatz zum Begräbnißplatze und endete am Moor.

Obgleich jedenfalls schon 1161 eine Kapelle St. Marien in der Stadt erbaut sein wird, in welcher 1185 Graf Gunzelin I. beigesetzt und in welche 1222 das Heilige Blut gebracht ward, und 1171 der Grundstein zum Dom neben dieser Kapelle gelegt ist, haben Bischof und Geistlichkeit zunächst doch ihre Stadthälfte anscheinend nur wenig angebaut und benutzt, zumal der Bischof nicht in Schwerin residirte. Daneben werden zwei Umstände darauf gedrängt haben, die Bürgerstadt zu erweitern: die Enge des ihr ursprünglich gesteckten Raumes und die Beschädigung des zum Aufstau des Wassers bestimmten Dammes der Grafenmühle durch die darüber verkehrenden Wagen und Heerden; denn für die Stadt, das Schloß und die Schelfe war dazumal nur dieser eine Ausgang vorhanden.

Wir sehen, daß der Graf, vermuthlich schon vor 1238, die Bürgerstadt in den bischöflichen Stadttheil vorgerückt hat und sich dieserhalb nachträglich 1284 mit dem Bischofe vergleicht. Der letztere giebt dem Grafen in diesem Vergleiche den dreiseitigen Stadttheil zwischen der alten Grenzlinie (Heilige Geist=Haus - alter Begräbnißplatz) einerseits und einer Linie vom Schmiedethor über jetzt unbekannte Stellen gleichfalls bis zum alten Begräbnißplatze, zu Lehn.

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Die neue Grenzlinie entspricht also ungefähr der jetzigen Südgrenze des Domgebietes mit geradliniger Verlängerung bis zum Moor hinab. Auf diesem Dreieck hatte der Graf die Schmiedestraße angelegt und vor derselben in der Stadtplanke (bei der Wladimir=Bischofstraße) das Schmiedethor erbaut. Die Sielaufgrabungen zeigten, daß hier in 2 bis 2 1/2 Meter Tiefe unter dem Straßenpflaster auf moorigem Untergrunde ein alter Knüppeldamm liegt, dessen westliches Ende bei der Wladimirstraße sich nur wenig über den ehemaligen Stand des Pfaffenteiches erhebt; die Schmiedestraße fiel also einst viel steiler als jetzt vom Markte zum Thore ab. Beiläufig sei bemerkt, daß man damals weichen Straßengrund noch nicht mit Steinen, sondern mit Holzstämmen (Knüppeln) brückte; auch in der Königstraße (ehemaligen Steinstraße) ward bei der Aufgrabung zwischen dem Stadthause und dem ehemaligen Schelfthor in 1 Meter Tiefe unter dem Straßenpflaster ein Knüppeldamm gefunden.

1238 verständigten sich Domkapitel und Graf gelegentlich einer Bischofswahl dahin, daß der Graf und der neuzuwählende Bischof sich innerhalb Jahresfrist wegen Erbauung einer Bischofswohnung in Schwerin vereinbaren sollten; die bevorstehende, 1248 erfolgte Fertigstellung und Weihung des Domes wird die Uebersiedlung des Bischofs dringend gemacht haben. In Folge dessen wird die Bischofswohnung, der Bischofshof (das jetzige Postgrundstück), außerhalb der Stadtplanke im sumpfigen Uferlande des Pfaffenteiches erbaut; das Jahr dieser Erbauung und der Uebersiedlung des Bischofs ist mir nicht bekannt.

1298 verkauften die Grafen ihre Mühle an das holsteinische Kloster Reinfeld; dabei wurde verabredet, daß der Mühlendamm nicht mit Wagen befahren, noch mit Vieh betrieben werden dürfe, und daß die Mühle nicht zur Stadt gehöre; zur Mühle ward der Fischfang auf Steinwurfsweite oberhalb und unterhalb des Mühlengerinnes gegeben, in welchem damals 4 Wasserräder (früher - prius - neben - praeter - den 4 noch mehr - aliae - Räder; Urk. 1298) gingen. Das Kloster scheint aus diesem Vertrage Veranlassung genommen zu haben, die Sumpfniederung oberhalb der Mühle am Mühlendamm auf größere Entfernung hin, vielleicht längs des ganzen südlichen Endes der Schusterstraße bis an das Stadtthor, in Besitz zu nehmen und aufzuhöhen, 1326 auch für gut befunden zu haben, der Stadt Schwerin sich anzuschließen und sich vom Rath den Platz außerhalb der Stadt, auf welchem die Mühle stand, und zwar innerhalb des Zaunes, an beiden Seiten des Grabens, zu ewigem Besitze nach Bürgerrecht zusichern zu lassen, sowie ebenso den Platz "auf der neuen Stadt", wie ihn der Klosterbruder Gerd eingefriedigt und mit Scheunen und Speichern bebaut hatte.

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Der Reinfelder Verwalter der Mühle hatte also an dem Mühlendamme auf der Seite nach dem Stadtthore hin, vielleicht auch auf der andern bis an den Holzzaun, welcher quer über den Mühlendamm gesetzt war und ihn gegen Wagenfahrt und Viehtrift schützte, sowie auch die Mühle gegen feindlichen Ueberfall vorläufig sicherte, Gebäude zu Kornspeichern und für andere Zwecke, vielleicht auch zu Wohnungen, errichtet, welche bereits den Namen der neuen Stadt im Volksmunde trugen. Dieser neue Stadttheil ist meiner Ansicht nach die südliche Hälfte der Schusterstraße und die Schloßstraße von der Schusterstraße bis zur Kaiser Wilhelmstraße (Lisch hält ihn für das Glaisin, U.=B.VII, Nr. 4712, Anm.); und als Zubehör wird das Kloster auch die ganze Niederung des Fließgrabens südwärts des Heiligen Geist=Hauses (die Steinwurfsweite!) in Besitz genommen haben.

Der Graf scheint wegen dieser Vorkommnisse in Wissenheit und damit einverstanden gewesen zu sein, denn er nimmt in den nächsten Jahren mehrfach an Verhandlungen mit dem Kloster Theil. 1328 tritt der Schweriner Bürger Hermann Wend an den Grafen ein Klappensiel oder Wehr (gurgustrium) ab, welches bei der Grafenmühle lag, und wegen dessen er mit dem Kloster in Streit war; daß dies Wehr die Faule Grube (den Stadtgraben, welcher durch die Anlage des Bischofshofes seinen Wasserzufluß verloren hatte und dadurch faul geworden sein wird) zu wirklichem oder vermeintlichem Nachtheil der Mühle aufstauete und entleerte, ist wahrscheinlich; der gräfliche Vogt bezeugt die Erledigung des Streites.

1331 vergleicht sich die Stadt mit dem Kloster Reinfeld wegen Spülung des Stadtgrabens; der Graf tritt diesem Vertrage 1339 bei. Die Stadt hatte einen neuen Zuflußgraben vom Fließgraben zum Stadtgraben neben dem Heiligen Geist=Hause hergestellt (der bis vor Kurzem noch als Wasserlauf vorhanden gewesen ist bei Scharffenberg (674) die Wladimirstraße kreuzte und bei Haase (994) in der Kaiser Wilhelmstraße in den Fließgraben mündete) und in diesem Zuflußgraben ein Wehr oder Schleuse zum Anstauen des Wassers querdurchgelegt. Die Verträge bestimmen nun, daß das Kloster, so oft es nöthig ist, das Schloß dieser Schleuse öffnen und Wasser zum Spülen des Stadtgrabens aus= und einlaufen lassen solle; es könne aber statt dessen auch in dem Stadtgraben am unteren Ende bei der Mühlenbrücke ein Schoß oder Schütte (gurgustrium, vorescutte) anlegen, durch dessen Schließung oder Oeffnung das Wasser des Stadtgrabens angestauet, beziehlich direct in das Mühlengerinne geleitet werden konnte, alles Maßregeln, um die Spülung des faulen Gewässers mit der Nutzbarmachung des Spülwassers für die Mühlräder zu vereinigen, und den Graben vertheidigungsfähig voll Wasser zu halten.

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Als der Graf in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Ausfahrt aus der Stadt beim Mühlenthor über seinen Mühlendamm aufhob und die Schmiedestraße mit dem Schmiedethor anlegte, mußte er außerhalb dieses Thors über das Sumpfgewässer und den Fließgraben eine Brücke nach dem hohen Festlande beim jetzigen Marienplatze bauen; es geschah dies auf eingerammten Pfählen (eine Bolbrügge). Wir nennen den Rammblock jetzt Bär, der Niederländer nennt ihn Boll (Bullen, Stier), das Rammen (engl.: ram = Widder) selbst "bollen"; so ist "Bollwerk" ein Uferdeckwerk von eingerammten Pfählen, nicht zu verwechseln mit dem in der Technik jetzt gebräuchlichen Ausdruck "Bohlwerk," mit Bohlen bekleidete Uferbefestigung.

Seine "Bolbrügge" schenkt der Graf (nach 1326) als innerhalb der städtischen Feldmark, also außerhalb der Stadtplanken belegen, an die Stadt, um sich "mit Mauern und andern bequemen Festungen zu befesten", und bezeugt dies 1340. Es handelt sich hier meiner Ansicht nach um das Terrain, auf welchem die Brücke lag, nämlich um den dem Grafen gehörigen Sumpf des Pfaffenteichs zwischen dem Schmiedethore und dem Heiligen Geist=Hause, beziehlich vom Bischofshofe bis an die von der Reinfelder Mühle aus in Besitz genommene Fläche, einschließlich des mit Holz und Sträuchern bewachsenen westlichen Abhanges. Wir sehen also das Jahr 1340 als Beginn des Besitzes der Stadt an der Niederung und an dem Fließgraben zwischen Schmiedestraße und Helenenstraße, in welchem Gewässertheile ihr seit jener Zeit auch die Fischerei zuständig gewesen ist, während weiterhin neben dem Bischofshofe das Gewässer und die Fischerei bischöflich geworden waren.

Die Brücke führte vermuthlich zunächst vom Schmiedethor südwärts nach der Stelle, an welcher hernach zwischen ihr und der Stadtplanke das Heilige Geist=Haus als Herberge der Reisenden erbauet ward, und dann in der Richtung der Helenenstraße über den tieferen Wasserlauf nach der Landhöhe.

2. Schwerin innerhalb der Mauern, nach 1340.

Schon seit 1326 (Fromm, Chron.) hatte die Stadt mit dem Bau von Mauern begonnen. Die vorgeschobene Lage der Mühle und der Hinausbau des Bischofshofes wird es dem Grafen haben zweckmäßig erscheinen lassen, die Stadtbefestigung zwischen diesen beiden Endpunkten zu verbessern. Die Stadt bauet nun statt der Planke die weiter in die Niederung hinausgerückte Mauer, vom Bischofshofe bis an die Mühle. 1331 liegt die neue Schleuse und das Heilige Geist=Haus schon innerhalb der Stadtmauer. Mühlenthor und

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Schmiedethor werden neugebauet, neben dem Heiligen Geist=Haus, in der Mauer ein Thurm, der später, als beim Aufhören dieser Mauerbefestigung ihn ein Plötzky kaufte, Plötzenthurm genannt ward. Die Fundamente des neuen Schmiedethors haben wir beim Sielbau unten in der Schmiedestraße neben Bärensprung & Ehlers Hause (660) gefunden; das neue Mühlenthor lag neben der Mühle (Herbordts Haus) auf dem Mühlendamm (jetzigen Schloßstraße), wo im Untergrunde jetzt auch der Schutt gefunden ward; die Fundamente des Plötzenthurms sind in der Mitte der dritten Engenstraße gefunden. Die Mauer zog sich also, wie auch ein vorhandener Plan aus dem vorigen Jahrhundert zeigt, im Bogen vom Schmiedethor zum Mühlenthor, und erst bei späterem Abbruche der Mauer sind die Grundstücke in die gerade Linie der jetzigen Kaiser Wilhelmstraße vorgerückt.

Nach Wegräumung der entbehrlich gewordenen Planke zwischen dem Schmiedethor und dem Heiligen Geist=Hause konnte der hinter ihr befindliche Laufweg als städtische Straße bebauet, auch bis zur Mühle südwärts verlängert werden; auch auf der anderen Seite des neben der Straße liegenden Grabens wurden vielleicht Häuser gebaut. Dieser Graben, der nun durch Einschütten von Hausunrath erst recht faul geworden sein wird, ward schon vor dem Brande von 1651 zugeschüttet, wie aus dem Memorial und Plan von 1651 ersichtlich ist; der Graben übertrug den Namen "Faule Grube" auf die Straße, die beim Wiederaufbau nach jenem Brande ebenso, wie die Schusterstraße, in die heutige gerade Richtung mit 10 Meter Breite verlegt ist.

Das Terrain außerhalb der Stadt zwischen dem Moor, der Stadtplanke, dem Mühlendamm, dem Burgsee und dem Schloß wird als Burgfreiheit im Besitze des Grafen geblieben sein; über dasselbe führte vom Schloß her bis zum Mühlendamm eine Straße (die jetzige Schloßstraße) mit Abzweigung zur Stadt (jetzige Königstraße). Der Abhang des festen Landes erstreckte sich etwa längs der Ritterstraße, Schloßstraße bis zur Königstraße und schräg hinüber zum alten Mühlenthor; bis an diesen Abhang reicht im Untergrunde das Sumpfland des Burgsees, in welchem die Straßendämme aufgehöht worden sind.

Die Schlacht von Bornhövede hatte 1227 die Dänenherrschaft vernichtet, in den nordalbingischen Ländern wieder gesichertere Verhältnisse geschaffen und Muth zu Stadterweiterungen und anderen Unternehmungen gegeben. Wie in Hamburg und Lübeck, so ward damals auch in Schwerin ein Franziskanerkloster gegründet, für welches der Graf den Platz außerhalb der Stadt, wo das jetzige ältere Regierungsgebäude steht, anwies, und dessen Baukosten aus den seit 1222 fließenden Einnahmen aus der Verehrung des Heiligen

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Blutes bestritten wurden; 1236 war das Kloster nebst Kirche und Begräbnißplatz bereits fertig. Mit Wirthschaftsräumen, Gartenbenutzung etc. . dehnte das Kloster sich vermuthlich in der Folgezeit in dem Uferlande des Burgsees am Abhange der Schloßstraße nach der Mühle hin aus, und so entstanden vielleicht die Anfänge der jetzigen Klosterstraße, die früher "Hinter dem Klosterhof" genannt ward.

1345 bezeugte der Rath der Stadt Schwerin dem Grafen, daß der innerhalb der städtischen Feldmark, also außerhalb der Stadt belegene Kobelendalen dem Grafen gehöre; Kovel heißt im Niederdeutschen die Mönchskutte; ich möchte zur Erwägung verstellen, ob dies Kuttenthal etwa die von den Mönchen hinter dem Klosterhofe in (widerrechtliche?) Benutzung genommene Niederung bedeutet?

In der Folge wird der Graf auf seinem Terrain vor seinem Schloß noch weitere Anweisungen von Bauplätzen, namentlich an Personen, die zu seinem Hofhalte in Beziehung standen, vorgenommen haben. So verspricht Graf Gunzelin 1266 dem Grafen Adolf von Dannenberg einen Wohnplatz "beim Kloster oder in der neuen Stadt," also etwa an der jetzigen Schloßstraße. Im Jahre 1403 ist im Besitz der Familie Split ein Ritterhof auf dem Tappenhagen, 1 ) einer sich im Zusammenhange mit dem Terrain der jetzigen Glaisinstraßen gleich einem Zapfen von der Schloßstraße her in das sumpfige Moor erstreckenden Höhe festeren thonigen Untergrundes; der Hof wird 1439 Splitshof genannt und gehörte später den Raven auf Stück (daher später Ravensburg genannt). Es entsteht also hier: allmählich aus dem Bedürfnisse der gräflichen Hofhaltung (z. B. Ritterstraße) ein neuer Stadttheil, der im Anschluß an die untenstehende Note bald nach 1476 einschließlich des Moors zu Stadtrecht gelegt sein wird.

Die im 14. Jahrhundert zwischen dem Schmiedethor und der Mühle von den Bürgern errichtete Mauer ist abseiten der Geistlichkeit um den Bischofshof herumgeführt und an Stelle der Planken auch längs der Nordseite der Stadt erbaut worden. Das Fundament der Mauer wurde vor einigen Jahren bei Außhebung eines Baugrundes an der Nordseite der Friedrichstraße freigelegt; dasselbe ist in 1 1/2 Meter Breite aus großen Felsen ohne Mörtel hergestellt, und an der Außenseite gegen den Stadtgraben durch eine Wand von dicht an einander eingerammten Rundpfählen von 40 Centimeter


1) Um 1409 zahlen 2 bäuerliche Bewohner des Tappenhagen je 1 Mark Sundisch (wie die Ostorfer) an das Amt Schwerin; 1454 wohnten 5 dort; 1476 kommt der Tappenhagen zuletzt in den Amtsregistern vor.
         Der Herausgeber.
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Durchmesser gegen Unterspülung gesichert; seine Unterseite lag 1 Meter unter der ehemaligen Stauhöhe des Pfaffenteiches (dem ehemaligen Wasserstande des Stadtgrabens), und die Köpfe der Pfähle standen etwa 25 Centimeter unter diesem Wasserstande.

Ueber den Beginn städtischen Anbaues in dem Moor ist mir nichts bekannt; Fromm setzt die Erweiterung Schwerins in die Moore um das Jahr 1500; muthmaßliche Fundamente der vielleicht in späterer Zeit verlängerten Stadtmauer haben sich bei der Sielaufgrabung im unteren Theile der jetzigen Burgstraße bis an den großen Moor und auch quer über diese Straße hinweg vorgefunden. Die obere schmale Strecke der Straße "Großer Moor" scheint nicht ursprünglich vorhanden gewesen zu sein; die an ihr liegenden Grundstücke haben so geringe Tiefe, daß die darauf stehenden Häuser an der Hinterseite weder Höfe noch Fenster besitzen. Man gewinnt den Eindruck, als ob diese Straßenstrecke erst nachträglich über ein an der Königstraße belegen gewesenes Grundstück gelegt sei, um einen neuen Zugang nach dem Moor zu gewinnen. Der ursprüngliche Zugang zum Moor ging über die Schlachterstraße, sowie über den Laufweg hinter der Stadtplanke (die Salzstraße), und von hier aus wird auch die Bebauung des Moors mit Häusern in der Baderstraße ihren Anfang genommen haben. Der Plan von 1651 zeigt die Stadtmauer längs Burgstraße, Tappenhagen bis zum Burgsee.

Die in der zweiten Hälfte des dreißigjährigen Krieges erfolgte Anlage eines bastionirten Walles mit Graben von der Klosterstraße bis zum Pfaffenteich in der Niederung ist aus noch vorhandenen Plänen bekannt (vergl. den Plan in Jahrb. LIII); die Spuren dieser Anlage haben sich beim Sielbau in der Helenenstraße und Martinstraße im Untergrunde vorgefunden. Diese Anlagen haben die genaue ehemalige Lage des Stadtzuganges (der Bolbrücke) unauffindbar gemacht.

Die genauere Lage des alten Wenden=Wohnplatzes Schwerin ist durch die bisherigen Forschungen noch nicht ermittelt. Wahrscheinlich haben die bei der Burg wohnenden Wenden ihre Wohnstätten in der Nähe ihres ersten christlichen Begräbnißplatzes gehabt; da sie bei Anlage der Sachsenstadt in dieser nicht wohnen bleiben konnten, hat der Herzog sie vielleicht nach der Schelfe übersiedeln lassen, die vorhandenen Urkunden geben darüber aber keinerlei Nachricht, und auch örtlich lassen sich keine Spuren als Fingerzeig bislang entdecken.

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Der Marktplatz

vor und nach dem Brande von 1651.
Der Marktplatz vor und nach dem Brande von 1651.
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Das alte Schwerin innerhalb

der Planken vor 1340
1 : 10000
Das alte Schwerin innerhalb der Planken vor 1340

Erklärung der Buchstaben:

a. Das Schelfthor,
b. das Schmiedethor,
c. das Mühlenthor,
d. das Burgthor,
e.der alte Begräbnisplatz
f. das Heilige Geist Haus, vorher Fischer Suck,
g. das alte Rathhaus,
f-e. - . - . - die Grenze zwischen dem gräflichen und bischöflichenStadttheil,
h-e. - . - . - desgl. die spätere Grenze,
i. die Marktpumpe.

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Schwerin

innerhalb der Mauer nach 1340
1:10000
Schwerin innerhalb der Mauer nach 1340

Erklärung der Buchstaben

a. DasSchelfthor,
b. das Schmiedethor,
c. das Mühlenthor,
d. der Plötzenthurm,
e. der alte Begräbnisplatz,
f. das Heilige Geist Haus,
g. das alte Rathhaus,
i. die Marktpumpe.

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II.

Wismar und die Vemgerichte.

Von

Dr. F. Techen.

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W ohl keine Einrichtung des Mittelalters ist dem Namen nach so allgemein bekannt wie die heilige Veme, und mit keiner verbindet die Allgemeinheit bestimmtere Vorstellungen. Das Verdienst fällt, abgesehen davon, daß das Geheimnißvolle immer anzieht, vor Allem den Dichtern Goethe, Kleist und Immermann zu. Die beiden ersten tragen aber auch die Schuld, daß die verbreiteten Vorstellungen durchaus irrig sind und trotz aller Bemühungen der Geschichtsforscher und Geschichtschreiber, so lange man den Götz und das Käthchen von Heilbronn auf der Bühne sehen oder lesen wird, irrig bleiben und immer aufs Neue zu bekämpfen sein werden.

Aus diesem Grunde ist es nicht nur erlaubt, sondern unumgänglich einleitungsweise darzulegen, was die neuere Forschung über Wesen und Geschichte der Veme festgestellt hat. Ich schließe mich dabei vor Allem an Lindners Veme (Münster und Paderborn 1888) an und benutze daneben Wächters Beiträge zur Deutschen Geschichte (Tübingen 1845) und Wigand, das Femgericht Westphalens (Hamm 1825).

Wenn die Gleichheit des Wortes Veme, das nebeneinander in den Formen »veme, vemme, vime, vimme, veyme« vorkommt, mit dem mitteldeutschen Feimen (Kornschober) und dem hiesigen Fimm (hundert Bund Rohr) als höchst wahrscheinlich angenommen werden muß, so kann über die ursprüngliche Bedeutung "Vereinigung, Verband" kein Zweifel aufkommen, um so weniger als das Wort »veem« im Sinne von Gesellschaft, Genossenschaft, Schaar, Haufe noch im Niederländischen fortlebt. Daß sinnlich Greifbare ist immer daß Aelteste.

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In der Anwendung auf das Rechtsleben würde Veme zunächst Gerichtsgenossenschaft, Gerichtsverband, dann synonym mit Gericht und insbesondere ein über gewisse todeswürdige Verbrechen befindendes Strafgericht gewesen sein. Namentlich im Osten erscheinen unabhängig von der westfälischen Einrichtung außerordentliche Gerichte zur Wahrung des Land= und Stadtfriedens 1 ) unter dem Namen »veme«. Hier ist die ursprüngliche Bedeutung noch sehr durchscheinend. Auch diese Gerichte befanden über Verbrechen, die mit dem Tode zu ahnden waren, über Todtschlag, Raub, Diebstahl, und zwar nicht nach gemeinem Rechte. Von Strafgericht aus ergibt sich die Bedeutung Strafe und die Bildung eines Verbums »vemen« strafen ungezwungen. Der Umstand, daß die letzte Bedeutung in der Litteratur 2 ) zuerst, schon im zwölften Jahrhunderte, belegt ist, beweist nichts gegen die Entwicklung. 3 )

In Westfalen, der Heimath der bekannten Vemgerichte im engern Sinne, war übrigens ihr eigentlicher Name Freigerichte. Sie reichen bis in das graue Alterthum zurück, hatten Civil= und Kriminalcompetenz und waren ursprünglich gar nichts besonderes. Erst dadurch, daß Verfassung und Recht in Westfahlen sich anders entwickelten als im übrigen Deutschland, daß dort der Stand der Freien sich in größerem Maße hielt daß die Freigrafen fortwährend sich den Bann vom Könige einholten und somit die Gerichte den Zusammenhang mit dem Könige bewahrten, erst dadurch erhielten sie ein eigenes Gepräge. Sie müssen schon in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts einen bedeutenden Ruf erlangt haben. Im Jahre 1332 erwirkte sich der Bischof von Minden, Herzog Ludwig von Braunschweig=Lüneburg, vom Könige die Befugniß, in seinem freien Herzogthum im Stifte Freigerichte zu besitzen unter Königsbann nach Vemerecht, wie es in Westfalen Recht sei an weltlichem Rechte. Es folgte 1348 der Landgraf Herman von Hessen, 1349 die Abtei Korvey, dann eine ganze Reihe geistlicher und weltlicher Fürsten in der Nähe Westfalens und Engerns. Auch die Fürsten in Westfalen selbst begannen sich um die Freistühle zu kümmern, und vor Allen die kölnischen Erzbischöfe. Sie erreichten 1374 die Anerkennung, daß nur in ihrer Herrschaft, dem Herzogthume Westfalen, Freigrafschaft bestehn dürfe, ohne daß dies für die nächstbetheiligten Bis=


1) Z. B. in Braunschweig. S. Varges, Die Gerichtsverfassung der Stadt Braunschweig, S. 53 - 59.
2) Benecke=Müller=Zarncke, Mittelhochdeutsches Wörterbuch unter »veme« und »vemen«.
3) Jostes vertritt die Zurückführung des Worts auf die Bedeutung Vereinigung, bei Lindner, (S. 304 - 308.
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thümer Münster und Osnabrück bemerkbare Folgen gehabt hätte. Im Jahre 1382 erhielt der Erzbischof Friedrich von Saarwerden das Recht, die Freigrafen seines Herzogthums selbst zu investiren, da die Schwierigkeit zum Könige zu gelangen, oft verschulde, daß die erledigten Stühle nicht besetzt würden. Sein Nachfolger Dietrich von Mörs erwarb 1422 das Recht, alle Freigrafen in Westfalen jährlich zu versammeln und übte das Recht der Bestätigung und Belehnung der Freigrafen auch außerhalb seines Herzogthums.

Sodann scheinen die westfälischen Landfrieden aus den siebziger Jahren des vierzehnten Jahrhunderts von Einfluß darauf gewesen zu sein, daß sich die Freigerichte besonders die Bestrafung der Friedensbrecher, Mörder, Räuber, Diebe angelegen sein ließen.

Bald begann sich die Thätigkeit der Gerichte, die im Anfange natürlich auf ihren eigenen Sprengel beschränkt gewesen waren, über Westfahlen hinaus zu erstrecken. Sie Berechtigung dazu leitete man aus dem Umstande her, daß sie unter Königsbanne richteten, also eigentlich königliche wären, des Königs Gericht aber überall zuständig sei. Und die strenge und rasch geübte Gerechtigkeit wird vermuthlich die Auswärtigen mehr und mehr veranlaßt haben, ihr Recht, das sie an zuständiger Stelle nicht erlangen konnten, hier zu suchen, wie sie es von Rechts wegen an des Königs Hofe hätten thun müssen.

Im Jahre 1379 versicherte sich Minden des Schutzes der Grafen von Ravensberg gegen die Freigerichte, Herford ward zwischen 1374 und 1385 vorgeladen, 1385 hatte Hildesheim Verdrießlichkeiten, 1386 ergeht eine Warnung vor dem Umsichgreifen der Freigerichte nach Oberdeutschland, 1387 haben Frankfurt und Köln mit diesen Gerichten zu schaffen, 1396 planen schon die sächsischen Städte ein Bündniß dawider, 1399 werden Lübecker Bürger vorgeladen, und so geht es weiter.

König Wenzel verfügte auf eine Beschwerde Goslars 1385, wenn der Bürgermeister oder sein Stellvertreter selbsiebent die Schuld eines Verklagten beschwöre, so dürfe dieser nicht zum Reinigungseide zugelassen werden, doch solle diese Satzung nicht dem westfälischen Landfrieden und den freien Stühlen daselbst zum Schaden gereichen. Dann sah sich 1408 König Ruprecht veranlaßt, über Wesen, Verfahren und Ansprüche der Freigerichte genauere Erkundigungen einzuziehen, die Ruprechtschen Fragen. Sein Nachfolger König Siegmund ward selbst Schöffe. Zu dessen Zeit wurden 1430 die Soester und Dortmunder Kapitel abgehalten und in seinem Todesjahre 1437 die Arnsberger Reformation beschlossen, unter König Friedrich III. 1442 die Frankfurter Reformation. Wenn man hier auch die Freigerichte einzudämmen suchte, so fanden sie doch An=

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erkennung dafür, daß sie bei Rechtsverweigerung durch den eigentlichen Richter zuständig seien.

Die Sachen, die vor sie gehörten, werden verschieden aufgezählt, in fünf bis zwölf Punkten, was sich hauptsächlich durch mehr oder minder scharfe Abgrenzung erklärt. Nach den Dortmunder Aufstellungen waren »vemewroge« 1 ) 1. Raub und jede Gewaltthat gegen Kirchen und Geistliche, 2. Diebstahl oder einem andern das Seine nehmen wider Recht und unverwahrter Ehre (also ohne Absage), 3. Beraubung einer Kindbetterin oder eines Sterbenden, 4. Reraub (Beraubung eines Todten), 5. Mordbrand und Mord, 6.Verrath, 7. Verrath der Veme an einen Nichtwissenden, 8. Nothzucht, 9. Fälschung von Münze oder Gut, 10. Raub auf der Kaiserstraße, 11. Meineid und Treulosigkeit, 12. wenn einer nicht zu Ehren antworten will auf Stätten, wo es sich gebührt. Vermöge dieses letzten Punktes konnte All und Jedes, auch Geldschuld, wegen deren im Uebrigen die Ansichten geschwankt haben und die von Rechtswegen nicht dahin gehörte, vor die Freigerichte gezogen werden.

Was die Einrichtung anlangt, so waren die Gerichtsstätten althergebracht im Freien, mit Vorliebe an erhöhten Orten unter einem Baume. Gerichtszeit war der Lauf des Tages zwischen Aufgang und Untergang der Sonne. Richter (Vorsitzender) ein Freigraf, d. h. kein Graf in dem heutigen beschränkten Sinne des Wortes, sondern ein freier Mann, dem das Richteramt unter diesem Titel von dem Stuhlherrn, dem Edlen oder Fürsten oder der Stadt, in deren Gebiete die Mahlstätte lag, verliehen war, und der den Bann, die Gerichtsgewalt, vom Könige oder dessen Vertreter erworben hatte. Der älteste bekannte Eid, den der Freigraf dabei zu leisten hatte, verpflichtete ihn, dem Reiche, den Kaisern und Königen und dem Erzbischofe und dessen Nachfolgern gehorsam zu sein, Niemand zum Freischöffen zu machen, der nicht durch Ruf, Geburt und sonst geeignet sei, und der nicht Treue gegen Reich, Kaiser und die Kölner Kirche gelobt habe, und sein Amt gerecht und gesetzmäßig zu führen.

Das Urtheil fanden die Freischöffen, ursprünglich die Freien, die im Gebiete des Stuhles Grundeigenthum hatten, dann, als deren Zahl zusammenschmolz, die Ministerialen, Bauern und Bürger, die den Eid geleistet hatten. Freie Geburt war Bedingung, und guter Ruf. Zu geloben hatte der Freischöffe Geheimhaltung der Veme »vor man, vor wif, vor torf, vor twich, vor stock, vor stein, vor gras, vor grein«, daß er alle vemwrogigen Sachen, die er glaublich erfahre, vor Gericht bringen und das aus keinen Rücksichten


1) Der Rüge der Veme unterworfen, durch das Vemgericht zu strafen.
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unterlassen wolle. Er gewann das Recht ihm genommenes Gut, wo er es in der Freigrafschaft traf, wiederzunehmen, den Dieb zu hängen oder laufen zu lassen oder vor Gericht zu bringen. 1 ) Außerdem Vorrechte in der Ladung, falls ihm selbst etwas zur Last gelegt ward, und Vorzüge in der Vertheidigung und im Anbringen einer Klage. Er hatte aber die Pflicht, Vervemte, wenn es von ihm mit genügenden Beweisen gefordert ward, richten zu helfen und auch bei Ladungen mitzuwirken. Auf den Verrath des Geheimnisses der Veme stand eine schrecklich ausgemalte Todesstrafe. Die Sporteln für die Aufnahme unter die Schöffen waren bedeutend, und mochte auch ein Erlaß gewährt werden, so muß doch ihr Ansatz warnen, eine übermäßige Ausdehnung des Schöffenthums anzunehmen. Freilich wissen wir, daß König Siegmund selbst wie schon erwähnt ist, Markgraf Friedrich I. von Brandenburg, die sächsischen Herzoge Friedrich I. und II. und Wilhelm, Herzoge von Baiern und Oesterreich, Pfalzgrafen, Landgrafen von Hessen und andere Fürsten, von Geistlichen der Erzbischof Johann II. von Mainz, Bischöfe von Brixen und Speier, um minder hoher Prälaten zu geschweigen, sich hatten wissend machen lassen. Und wenn 1428 der schwäbische Städtebund es in Erwägung zog, ob nicht jede Stadt einige Glieder ihres Rathes sollte Freischöffen werden heißen, so muß man sich doch besondere Vortheile davon versprochen haben, während ein Zeitgenosse in Bremen 1436 es für eine Tollheit erklärte. Wer klagen wollte, wird in der Regel wissend geworden sein, vielfach auch, wer sich einer Klage erwehren wollte.

Auf die von einem Freischöffen erhobene Klage ward erst entschieden, ob die Sache vemwroge sei, dann der Beklagte vorgeladen, und zwar wurden dem Freischöffen drei Termine bewilligt, dem Nichtwissenden in der Regel nur Einer. Gewöhnlich gieng eine Warnung voraus. Der Beweis ward gegen den Ausgebliebenen, nachdem richtige Ladung festgestellt war, dadurch geführt, daß der Kläger seine Klage beschwor und sechs Freischöffen als Eideshelfer seinen Eid als rein und nicht mein ihrerseits eidlich bekräftigten. Darauf erfolgte die Vervemung (wofür die Formel gewechselt hat), und der Freigraf gebot allen Freigrafen und Freischöffen bei ihren Eiden, den Vervemten, sobald sie seiner habhaft werden könnten, an den nächsten Baum zu hängen. Der erscheinende Beklagte oder sein Vertreter konnte durch genügend verbürgtes Gelöbniß, gehörigen Ortes sich zum Rechte stellen zu wollen, das Verfahren durchbrechen und ebenso Fristen gewinnen. Wie es hergieng, wenn der Beklagte


1) Rechtsbuch aus dem funfzehnten Jahrhunderte, bei Wigand, S. 557.
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erschienen war und sich auf das Verfahren einließ, ist nicht sicher bekannt, da von einem solchen Vorgang keine Urkunde zeugt. Ueber das ergangene Urtheil ward, falls es nicht sofort vollstreckt werden konnte, dem Kläger eine Urkunde ausgestellt, und seine Sache war es, für Vollzug zu sorgen. Ihm Hülfe durch die Freischöffen zu schaffen, dienten die geheime Losung und andere Zeichen, an denen die Schöffen einander erkannten. Selbdritt konnten sie an jedem Orte den Spruch durch Hängen vollziehen, und zum Zeichen, daß die Veme gewaltet, stießen sie ein Messer in den Baum.

Die Zahl der auf diese Weise vollzogenen Hinrichtungen kann nach den wenigen darüber vorhandenen Nachrichten so groß kaum gewesen sein, daß sich daraus der Schrecken vor den westfälischen Freigerichten erklären ließe. Und auch nur zum sehr geringen Theile wird es sich aus dem Eindrucke des Geheimnißvollen des Verfahrens auf ein böses Gewissen erklären lassen. Das Selbstbewußtsein, mit dem die Gerichte handelten, wird der Wirkung nicht verfehlt haben, da sie selbst Fürsten vorladeten und vervemten. Am schwersten mag es für die Städter ins Gewicht gefallen sein, daß die Vervemung jedem Schnapphahn den Anlaß bieten konnte, nicht nur den Betroffenen selbst und sein Gut, sondern auch jeden seiner Mitbürger aufzugreifen, 1 ) und die Furcht davor wird es gewesen sein, was die Städte so früh zu Klagen über und zu Maßregeln gegen die Gerichte trieb.

Der Weg, den man wählte, war verschieden. Entweder suchte man sich Einfluß auf Freistühle zu verschaffen, wie Frankfurt und Deventer; oder man wollte, wie Bremen, keinen oder, wie Höxter, nur eine geringe Anzahl Vemenoten (Vemgenossen) in der Stadt dulden; oder man schloß Bündnisse ab wie die sächsischen und brandenburgischen Städte, wobei man sich zu Rechte erbieten und im Falle der Erfolglosigkeit den Kläger verfesten und an die Acht sich nicht kehren wollte. Auch der Hansebund befaßte sich wiederholt mit der Sache. Schon 1417 hatte Lübeck seinen Abgesandten in Konstanz angewiesen, ein Privileg für seine Bürger wider Ladungen vor die freien Stühle zu gewinnen. 2 ) Ob mit Erfolg, steht dahin. Denn Köln zwar hatte 1415 ein solches erhalten, später aber wollte König Siegmund davon nichts wissen und erklärte sogar das Kölner für ungültig. 1447 ward auf dem allgemeinen Hansetage zu Lübeck beschlossen, daß außer in den westfälischen Städten Niemand in einer


1) Vgl. das Urtheil des Freigrafen zu Brakel 1460, September 4 (im Anhange).
2) Hanserecesse A.VI, S. 429.
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Hansestadt Freischöffe werden dürfe, und wer es dennoch würde, sein Bürgerrecht verlieren solle. 1 ) Auf diesen Receß wurden die livländischen Städte verwiesen, als sie nach vier Jahren wieder über die heimlichen Gerichte klagten, 2 ) und 1456 ward der Beschluß auf Bremens Beschwerden erneuert. 3 ) Eingeschränkt mag dadurch der bekämpfte Mißbrauch sein, wegen dessen in Augsburg sogar 1468 zwei Bürger hingerichtet wurden, aber ausgerottet ward er nicht. Ja, als 1474 der wismarsche Rath einem lübischen Unterthan sein formales, aber, wie es scheint, nicht wirkliches Recht, 4 ) nicht gewähren wollte, konnte Lübeck warnen, aus solchen Ursachen würden fremde, ausheimische Gerichte gesucht, die westfälischen nämlich. Bei solcher durchleuchtenden bundesbeschlußwidrigen Nachsicht ist es dann kein Wunder, wenn auch später solche Fälle begegnen.

In Wismar war der Rath, der durch zwei Richteherren als Beisitzer wohl von Anfang an Einfluß auf das Vogtgericht hatte, frühzeitig darauf ausgewesen, dies zu erwerben, und es war ihm bereits im Jahre 1308 gelungen. Der unglückliche Kampf mit dem Landesherrn führte jedoch 1311 zur Aufgabe desselben, wie anderer Privilegien. In den folgenden Jahrzehnten war die Vogtei bald an diesen, bald an jenen verpfändet und gelangte erst Ausgangs des Jahres 1373 dauernd in den Besitz der Stadt, bis in unsern Tagen, nach rund fünfhundert Jahren, die städtische Gerichtshoheit dem neuen Reiche zum Opfer fiel. Wie auf das weltliche, so warf auch auf das geistliche Gericht der Rath bei Zeiten sein Auge, nur daß an dessen Erwerb nicht zu denken war und man sich darauf beschränken mußte, alle Uebergriffe abzuweisen, zu denen dies Gericht nur allzu geneigt war. So willkürte der Rath 1330, man wolle über jeden Laien richten, der einen Kleriker stäche oder schlüge, wie der Bischof über den Kleriker, der sich in dieser Weise an einem Laien vergriffe, und in der Bürgersprache ward es von 1373 an


1) Hanserecesse B. III, S. 183, 28; 334, 2.
2) Hanserecesse B. III, S. 570, 10.
3) Hanserecesse B. IV, S. 324, 9. Die angeführten Stellen hat theils Lindner, theils der Zufall an die Hand gegeben; durchgesucht habe ich die Hanserecesse nicht.
4) Zu Avendorf auf Femern war Klawes Kröger erschlagen. Auf ein Zeugniß der Kämmerer und Geschworenen des Landes hin, wonach Thewes Loman, Hinr. Holste und Hans Boisel aus Wismar den Frevel verübt hatten, verlangte Hans Kröger, der Bruder des Erschlagenen, Entschädigung. Die Wismarschen aber wollten ihre Unschuld beschwören (Schreiben Lübecks an Wismar 1474, Juni 8 und Juni 27). 1481, Januar 31, erklärte Hans Kröger nach einer Verhandlung vor zwei Bürgermeistern und den Richteherren in Wismar, daß er den Beschuldigten Glauben schenke und nimmer auf die Klage zurückkommen wolle. (Zeugebuch, S. 191 - 193.)
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eingeschärft, daß kein Bürger seinen Mitbürger außer vor dem lübischen Gerichte des Raths verklage, noch seine Sache zur Verfolgung an einen Geistlichen abtrete. Im Jahre 1400 erwarb die Stadt vom Papste das Privileg, daß kein Bürger vor ein auswärtiges geistliches Gericht gezogen werden dürfe. Das Verbot der Bürgersprache, die Sache an Geistliche abzutreten, legt die Annahme nahe, daß unter dem verpönten fremden Gerichte vorzugsweise das geistliche zu verstehn sei. 1 ) Aber ohne Zweifel war darauf die Warnung nicht beschränkt: finden wir doch schon geraume Zeit vorher, von 1347 an, in der Bürgersprache die allgemeine Mahnung, es solle sich keiner beifallen lassen, über erlittenes Unrecht, das er verschweigen könne, auswärts zu klagen; komme er heim, so solle er erhalten, was lübisches Rechtes sei. Trotzdem mußte der Rath es erfahren, daß Bürger gegen ihn selbst die westfälischen Gerichte anriefen.

Die Brüder Johann und Lüdeke Banzkowe hatten, damit ihr Vater, der Bürgermeister Herr Johann Banzkowe, vom Rade zum Schwerte begnadigt würde, geloben müssen, wegen der Verurtheilung keine Klage gegen die Stadt zu erheben. 2 ) Sie sahen ihren Eid aber als erzwungen an, und der Jüngere wenigstens hielt sich nicht für gebunden und strebte nach Genugthuung. Zu diesem Zwecke klagte er vor dem Freistuhl zu Sachsenhausen, den damals als Freigraf Kurt Rube besaß, während Graf Heinrich zu Waldeck Stuhlherr war. Er erreichte, daß dieser, in dessen Dienst er trat, den Rath der Stadt Lüneburg um Vermittlung angieng, damit die Beklagten, Rathmannen und Bürger, den Kläger befriedigten, wobei er für den Weigerungsfall mit seinen heimlichen Gerichten drohte. 3 ) Gleichzeitig setzte der Freigraf Kurt Rube den verklagten Bürgern eine Frist von vierzehn Tagen, um dem Rechte zu genügen, wenn sie nicht wollten, daß er über ihren Leib und ihre Ehre zu Gericht säße. 4 ) Wirklich beschritt der Rath den Weg der Verhandlungen und beeilte sich, durch Vermittlung der Herzogin Katharina das Verfahren der Veme abzuwenden. 5 ) Was daraus geworden, ist unbekannt, denn die Genugthuung, die die Banzkowe erlangten, ward ihnen in Folge des Einschreitens König Siegmunds. 6 )


1) So in der That ausdrücklich 1480: Nen borger edder borgersche schall den anderen theen vor ein geistlick recht. Nach dem Verschwinden der geistlichen Gerichte werden 1572 ff. wieder die fremden Gerichte und das Klagen auswärts verboten.
2) Jahrb. 55, S. 65 f.
3) Jahrb. 55, S. 69 f.
4) Jahrb. 55, S. 70 f.
5) Jahrb. 55, S. 72 f.
6) Jahrb. 55, S. 58 - 64.
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Ueber einige andere Rechtsfälle unterrichten uns nur vereinzelte Urkunden oder Stadtbuchschriften. So erklärte 1436 der lübische Bürger Hinrik Lippe vor dem Niederen Stadtbuche, er habe Berthold Weitendorf und Genossen vor einem freien Stuhle in Westfalen angesprochen, nun aber seien sie gütlich verglichen. 1 ) Dietrich v. Bodberg und seine Hausfrau Elske waren aus unbekannten Gründen vom wismarschen Rathe in die Büttelei gesetzt, hernach zu Urfehde gezwungen und der Stadt verwiesen. Er war oder ward Freischöffe und belangte wegen des ihm geschehenen Unrechtes den Rath vor Johann v. Hülschede, Freigrafen zu Brakel. Die Wismarschen suchten sich der Ladung zu entziehen, indem sie den Lübecker Rath veranlaßten, die Sache an sich abzufordern als das Haupt der Hanse und Oberrichter der von Wismar. Diese Abforderung ward jedoch 1460, September 4, von dem Freigerichte, als Freistuhls Recht nicht entsprechend, nicht angenommen und die Beklagten wegen Ausbleibens in Buße und Kosten und zu Genugthuung verurtheilt, der Kläger aber des erzwungenen Eides ledig gesprochen. Mehr geht aus der einzigen, im Anhange abgedruckten Urkunde nicht hervor.

Noch weniger ist aus der Urkunde 2 ) des Freigrafen zu Bergfeld, Heinrich 3 ) zum Busche, zu entnehmen, der die wegen einer gegen Herman Rampe 4 ) verübten Gewaltthat vor seinem Freistuhle ehemals


1) Pauli, Lübeckische Zustände III, S. 203, Urk. 171. Lübisches Urkundenbuch VII, S. 646 f.
2) Gedruckt im Anhange.
3) Lindner gibt ihm S. 174 wohl irrthümlich den Vornamen Herman. S. 550 nennt er ihn selbst Heinrich (1461), und mit diesem Vornamen werden wir ihn noch unten S. 26 wiederfinden (1468).
4) Möglicher Weise steht mit dem letzten Handel das folgende undatirte Schreiben des Herman Scharpenberg an den wismarschen Rath in Verbindung:
Vruntliken grut touorn. Leuen sunderghe gude vrunde, also gy screuen vmme Hermen Rampen, dat ik den scole huset vnde hauet hebben myt Clawes Pundes gude, dar segghe ik nen tho vnde hebbe des nicht ghedan. He was vppe myme velde vnde was my des an sinne. Des sede ik em des nen. He wolde de lude hebben bunden an dat holt an de r u gghen, des gunde ik vmme der lude willen, dat he se lauen ! . led an den krocht ! . Do my dat tho wetende ward, dat id jwe (iw mit durchstrichenem w) gholt, do wolde ik se dar nicht lengher hebben vnde hete se gan. Were id, dat gy my des nicht belouen wolden, wen gy my scriuen, so wil ik kamen an jw stad vnde wil dat vorantwerde ! , also id my boret to vorantwerdende. Dar mede gade bevalen. Screven vnder myme ingesegele. Hermen Scarpenbergh to Bernstorp. Papier, mit dem Reste eines Siegels. Dieser Herman Rampe, der nicht mit dem etwas früheren Rathmanne und dem etwas späteren Bäcker gleiches Namens zu verwechseln ist, war vermuthlich der Stiefvater des Hans Sperling, dem der Nachlaß seiner Mutter Ida 1473 ausgefolgt ward.
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vervemten Wismarschen nach erfolgter Sühne auf Rampes Bitte wieder in den Frieden einsetzte (1467, November 26).

Wenig aufgehellt ist auch der Rechtshandel über den Nachlaß der Tilse Thieleman, obwohl ein volles Dutzend Urkunden darüber vorhanden sind. Ihr Bruder und Erbe Rekart Hageman hatte viel mehr zu erben gehofft als die 253 Mk. 6 ß. lüb., die man ihm nach Bezahlung der Schulden und der Nachsteuer (Abschoß, Zehnten) auskehrte, und verkaufte seine vermeintlichen weiteren Ansprüche an Johann Rekarding zu Herford um 600 rheinische Gulden. 1 ) Dieser machte darauf bei verschiedenen Freistühlen Klagen gegen den Rath und die Bürgerschaft anhängig, und trotz der Abforderung der Sache durch die Herzoge ward auch, nachdem Bielefeld zweimal für die Wismarschen Frist erwirkt hatte, 1440, Juni 30, von dem Freigrafen Kurt Stute die Acht der Veme über funfzehn Rathmannen und vierzehn Bürger ausgesprochen, darunter merkwürdiger Weise auch über Rekart Hageman.

Da die im Anhange wortgetreu wiedergegebene Urkunde den Hergang vor Gericht lebendig schildert so mag eine Umschreibung hier ihre Stelle finden. Nach Erzählung der Vorgeschichte fahrt der Richter fort: "So ist denn der genannte Johann Rekarding heute zu rechter Gerichtszeit bei Tage vor mir am freien Stuhle zu Schildesche erschienen und ließ mich durch seinen Fürsprech fragen, ob ich ihm der Vorladung der von der Wismar und der Fristen geständig wäre. Das räumte ich ein. Da forderte er mich bei meinem Eide auf, über die von der Wismar Gericht zu halten. So heischte ich die Vorbenannten bei ihren Taufnamen nach Osten, nach Westen, nach Süden und nach Norden drei Male 2 ) hinter einander bei ihrem Halse, der schuldigen Buße und der höchsten Strafe, in die sie dem heiligen Reiche, mir und allen Freischöffen durch die beklagte Frevelthat verfallen sind, wenn noch jemand von ihretwegen erschienen sei, noch für sie Rede zu stehn für ihr Leben und ihre Ehre.

"Da weder die Verklagten noch jemand von ihretwegen erschienen war, so ließ der Kläger durch seinen Fürsprech um ein rechtmäßiges


1) Da 1441 der rheinische Gulden zu 20 ß. 9 Pf. lüb. festgesetzt ward (Hanserecesse B. II, S. 445), so handelte es sich um eine Summe von 778 Mk. 2 ß. lüb.
2) Der Freigraf zu Brakel heischt die Beklagten drei Male und zum vierten Male über das Recht hinaus (1460, (September 4). Ebenso wird Herzog Heinrich von Baiern vor dem Freistuhle zu Limburg 1429 geheischt. (Thiersch, Vervemung Herzog Heinrichs, S. 73.) Vergl. auch die Hegungsformel des Arnsberger Rechtsbuches bei Wigand, S. 552.
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Urtheil unter Königsbann fragen, wie er seine Klage recht bezeugen und wahren sollte um seinem Schöffeneide zu genügen, und Königsbanne, des heiligen Reiches Rechte und den Verklagten nicht zu nahe zu treten. Darauf ward für Recht gewiesen, der Kläger solle sich bereit machen bloßes Hauptes und sich vor des Königs Bank vor mir dem Freigrafen auf seine Knie niedersetzen und zwei Finger seiner Rechten auf das Schwert und den Strick legen. So that er. So stabte ich ihm einen Eid dieses Lautes, daß die Verklagten ihrer Frevelthat wegen wider ihn, da sie oftmals ihm in Ehre und Recht fehlsam geblieben, daß sie des Königs Feinde, des Herzogs Feinde, aller Freigrafen Feinde und aller Freischöffen Feinde seien und solcher Frevelthat halber den Strick wohl verdient haben. Daß ihm Gott so helfe und die Heiligen. Das bewährten nach seinem Eide ebenso folgende sechs echte, rechte Freischöffen Hinr. vom Hagen, Herman Stacius, Hinr. Ukeman, Herm. Aldach, Albert Polman, Herm. Pothof, und schwuren gestabtes Eides also: den Eid, den Johann Rekarding nun eben geschworen hat, daß der recht sei, rein und nicht mein, so euch Gott helfe und die Heiligen.

"Danach heischte mich der vorgeschriebene Kläger durch seinen Fürsprech bei meinem dem Könige geleisteten Eide die letzte Sentenz der Veme über die verklagten Frevler (die hier aufgezählt werden) zu verhängen. Das that ich und durfte es meines Eides wegen nicht lassen also: die beklagten, überführten, gerichteten Männer alle vorgenannt nehme ich, der vorbenannte Freigraf, aus allen Frieden, Rechten, Privilegien, die Päpste und Kaiser gesetzt und bestätigt haben, setzen und bestätigen, und die Fürsten, Herren, Ritter und Knappen, Schöffen und Freie beschworen haben und beschwören, und setze sie aus allen Frieden, aus allen Rechten und Privilegien vorgenannt in des römischen Königs Bann und Strafe, in den höchsten Unfrieden und gebe ihre Leiber allen unvernünftigen Thieren und Vögeln zum Fraße und befehle ihre Seele in Gottes Macht. Daselbst gab ich der Freigraf mit meinen Schöffen Zeichen und Schein über den Spruch der Veme, wie es sich von Rechts wegen gebührte.

"Weiter fragte der Fürsprech des Klägers um ein rechtes Urtheil unter Königs Bann, wie Schöffen, die diese vorbenannten verklagten, gerichteten, verurtheilten, vervemten Leute, nachdem sie unter Königs Banne rechtmäßig überwunden seien - wie Schöffen, die diese Leute etwa träfen und sie überwältigen könnten, mit ihnen fahren sollten um ihren Eiden genug zu thun und des Königs Bann zu stärken. Darauf ward gewiesen, man sollte ihnen einen Strick oder eine Weide um den Hals flechten und sie von der Erde auf in die Luft aufziehen, so hoch man könne.

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"Weiter fragte der Fürsprech um ein rechtmäßiges Urtheil unter Königsbanne, wie man mit dem fahren solle, der etwa die Vervemten vertheidigte, schirmte, schützte. Darauf ward gewiesen, den oder die solle man behandeln und mit ihnen thun, wie mit den Vervemten selbst." Es folgt die Aufzählung der Freischöffen, die zu Gerichte gesessen hatten, Beglaubigung und Datum.

Das Urtheil war gesprochen, scheint aber keine Wirkung gehabt zu haben, da zwei Jahre später der Gograf Lüdeke Tegheler zum Heinlo neun andere genannte Bürger und Einwohner Wismars und alle dort lebenden Mannspersonen über zwölf Jahre, ausgenommen Ritter und Geistliche, auf die Klage desselben Rekarding friedlos legte, nachdem sie trotz dreifacher Ladung ausgeblieben waren (1442, April 10). Dreißig Jahre gehn ins Land, und Johann Rekarding ist noch nicht befriedigt. Er hat aber nicht geruht und einen Partner Gert tor Kerken, mit anderm Namen Goldschmid, gewonnen, der die Sache auch beim Hofgerichte anhängig gemacht hatte. Doch der ist darüber hingestorben und hat seinem Sohne Hinrik Goldschmid seinen Theil an dem Processe vererbt. Da endlich kommt, da der Freigraf Kurt Pekelhering die Sache auf Gelovesbriefe Herzog Heinrichs von Meklenburg und die Bürgschaft zweier im Lande Begüterter nach den Bestimmungen der Frankfurter Reformation abgeben mußte, ein Vergleich zu Stande, und Johann Rekarding und sein Partner verzichteten gegen 200 Mk. lüb. auf ihre Ansprüche (1470, August 17). Leider erfahren wir nicht, was ihm und der Stadt der Handel gekostet hat.

Ein anderer Fall. Dadurch, daß das Haus des Peter Loste eingestürzt war, hatte das seines Nachbarn Hinrik Schulte solchen Schaden genommen, daß es geräumt werden mußte. Die beiden Nachbarn geriethen in Händel, in deren Verlaufe Schulte in die Hechte gesetzt ward. Sein gleichnamiger Sohn brachte deshalb vor dem oben genannten Freigrafen Heinrich zum Busche eine Klage an. Der Streit ward 1468 verglichen. Der ältere Schulte erhielt eine Entschädigung und verpflichtete sich, seinen Sohn zum Zurückziehen der Klage zu veranlassen. (Zeugebuch, S. 121 f.)

Unbekannt war also die Stadt nicht mit dem Verfahren der Freigerichte, als zu Ende der achtziger Jahre der Hutfilter Hinrik Kracht 1 ) seinen Proceß begann. Er hatte, wie es scheint durch Heirath,


1) Ein Hutfilter Hinrik Kracht lebte 1469 in Lübeck: Wehrmann, die älteren Lübeckischen Zunftrollen, S. 474. In Wismar kommt H. K. im Zeugebuche S. 160 und 218 (1477, 1483) vor, und ohne Vornamen als Besitzer einer Bude in der Krämerstraße 1475 und 1477 in den Registern über die kleine Wacht. (Vergl. Hans. Geschichtsbl. 19, S. 87.)
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ein Haus "hinter dem Rathhause," nach damaliger Benennung "bei dem Hohen Hause" 1 ) oder in der Alt=Wismarstraße, an der Nordseite und eine Bude in der Krämerstraße an der Ostseite in Besitz. Beide lagen nahe zusammen und standen durch die Höfe vielleicht in Verbindung. In der Bude in der Krämerstraße ward Hutfilterei betrieben, in dem Hause Hinterm Rathhause aber wohnte Johann Dudenborch, 2 ) dessen Frau Agneta Hinrik Krachts Stieftochter war. Als diese im Wochenbette lag, gerieth aus irgend einem Grunde Hinrik Kracht mit dem Amte der Hutfilter wegen eines Gesellen in Uneinigkeit, und der Werkmeister Herman Klokow holte in Eintracht mit seinen Amtsbrüdern Arnd Hollander, Hinrik Wend und Peter Praell 3 ) den ungehorsamen Gesellen aus der Werkstatt und ließ ihn gefangen setzen. Der Geselle versöhnte sich später mit dem Amte vor den Bürgermeistern und in Gegenwart Hinrik Krachts und wird Urfehde geschworen haben. Auch der Schwiegersohn, der demnach irgendwie betheiligt gewesen sein muß, machte seinen Frieden. Hinrik Kracht dagegen konnte sich nicht beruhigen, sondern ward aufsätzig, so daß er schließlich die Stadt räumen mußte, und da er meinte, mit Stadt= und Landrecht nichts ausrichten zu können, so klagte er durch einen Verwandten Bernd Kock in Westfalen vor dem Freigrafen Werner v. d. Sunderhues, 4 ) Richter des Freistuhls unter den Sieben Linden im Kirchspiele Laer. Er beschuldigte Bürgermeister und Rath, sie hätten zugegeben, daß die Hutfilter seiner Tochter Kindbett und (sie) in dem heiligen Amte, worin sie in großer Schwäche lag, beraubt hätten mit Gewalt und gewaffneter Hand, 5 ) und daß sie seinen Gesellen herausgenommen hätten und gefangen, ihn selbst aber in der Folge mehr als einmal ohne Recht und Gericht aus der Stadt vertrieben. Die Sache ward für vemwroge erkannt, und am 7. October


1) Das Hohe. Haus ist das Eckhaus an der Krämerstraße und Hinter dem Rathhause.
2) Sollte er derselbe sein, den die Rostocker 1511 ergriffen und in Ribnitz gefänglich festhalten ließen, weil er des Herzogs Unterthanen vielfach muthwilliger Weise vor die westfälischen Gerichte gefordert habe ? Jahrb. 54, S. 205. Hier Dudenberg. In Wismar ist er, abgesehen von dem weiter unten Angeführten, sonst nicht bezeugt. - Den Nachlaß eines Bruders des Hinr. Kracht hatte die Witwe Konrad Retmeiers 1477 zu reguliren (Zeugebuch S. 160). In dieser Familie findet sich der Vorname Agneta. (Jahrb. 54, S. 127, Nr. 123*.)
3) Nur er ist sonst als Hutfilter nachzuweisen; verstorben 1513. (Zeugebuch, S. 319.)
4) Lindner kennt ihn nur auf den Stühlen zu Altenforde und Landwering, sowie zu Bertramming.
5) Nach der Erzählung in der zweiten Ladung.
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wurden Richter, Bürgermeister, Schöffen 1 ) und Rath, Bürger und Einwohner geladen, sich deshalb am 24. November vor dem genannten Stuhle im freien, offenbaren 2 ) Gerichte zu verantworten. Die Ladung war am 21. October in den Händen des Raths.

Man suchte, da man ihr nachzukommen nicht geneigt war, die Vermittlung der Landesherren, der Herzoge Magnus und Balthasar, nach, und diese forderten in einem Briefe vom 6. November gemäß der Frankfurter Reformation die Klage dem Freistuhle ab und vor ihr Gericht. Denn nie wären die Beklagten vor ihnen, als ihren ordentlichen Richtern, mit Recht verfolgt noch hätten sie sich geweigert, zu Rechte zu stehn, vielmehr jetzt noch ausdrücklich sich erklärt, sie, die Herzoge, sollten ihrer zu Recht und Freundschaft mächtig sein, und hätten dafür die Bürgschaft zweier glaubwürdiger, guter, erbgesessener Mannen beigebracht. Auch die von Volrath vom Lohe zu Scharfstorf und Hinrik Bersse zu Rambow geleistete Bürgschaft liegt urkundlich vor, vom selben Tage datirt wie der Herzoge Brief. Mit diesen Briefen machte sich der Kleriker und spätere Stadtschreiber Herman Krumthunger auf den Weg. Aber weder saß der Richter am Tage der Ladung zu Gerichte, noch war der Kläger erschienen. Dieser ließ zwei Tage später durch seinen Sachwalt angeben, er sei lügnerischer Weise zwecks Vergleichsverhandlungen in Ratzeburg besendet worden und habe deshalb den Termin nicht innehalten können. Jener wollte im Dienste seines Herrn an einem Orte gewesen sein, von wo aus er, durch Wassersnoth gehindert, seinen Richtstuhl zu erreichen unvermögend gewesen sei.

In solcher Lage begnügte sich Herman Krumthunger, sich von drei Freischöffen bezeugen zu lassen, daß er mit seinen Briefen zu rechter Zeit und auf rechter Stelle erschienen sei, Kläger aber und Richter sich nicht eingefunden hätten, was sie nach Freienstuhls Rechte vor zwei weiteren Freischöffen als Zeugen mit einem Kreuzpfenninge 3 ) wahr machten (1489, December 3). Ehe die Urkunde darüber ausgestellt war, hatte aber der Freigraf Werner v. d. Sunderhues eine neue Sitzung gehalten, die alte Klage zum zweiten Male angenommen, für vemwroge erkannt und die Wismarschen (Richter, Bürgermeister,


1) Ungenaue Anreden fremder Behörden gemäß den heimischen Verhältnissen trifft man häufig. Richter und Schöffen hätten fehlen müssen.
2) Diese Ladung Auswärtiger vor das offenbare Gericht ist mit der Erklärung Schröders, Rechtsgeschichte, 2. Aufl., S. 564, nicht in Einklang zu bringen.
3) Wenn ein beklagter Freischöffe durch seinen Eid sich der Klage entledigt, wirft er vor dem Grafen einen Kreuzpfenning hin und geht seiner Wege. Lindner, Veme, S. 573.
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Rathmannen und Einwohner, alles was männlich ist und zwölf Jahre alt) wiederholt auf den 9. Februar des folgenden Jahres geladen. Die vom 26. November datirte Ladung heftete die Hausfrau Krachts am 21. December an den Thürpfosten des Hauses des Bürgermeisters Gert Loste. Für das neue Verfahren bevollmächtigte, da die Vollmacht Herman Krumthungers nur auf die Ladung zum 24. November lautete, der Rath den Canonicus Herrn Johann Vernouwer und den Bürger Hinrik Krumthunger, beide aus Dülmen und Mitaussteller der Urkunde vom 3. December, in umfassender Weise, um die Abberufung der Sache auf Grund der älteren Urkunden zu erlangen, zugleich aber auch den Kläger für die Kosten haftbar zu machen, in die er durch seine lügenhafte Klage und insbesondere durch den Rechtstag vom 24. November die Beklagten gestürzt hatte. Die Bevollmächtigten wurden aber noch besser ausgerüstet, um auch vor der Veme dem Kläger den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Am 9. und 13. Januar 1490 nahmen die beiden Notare Herman Krumthunger und Johann Betzendorp beglaubigte und von dem bischöflich ratzeburgischen General=Official Magister Joh. Gronow besiegelte Instrumente über Aussagen Joh. Dudenborchs und Herm. Klokows auf. Joh. Dudenborch erklärte in der großen Schreiberei vor den drei geschäftsführenden Bürgermeistern auf die Fragen des Stadtsekretärs Mag. Gottfried Perseval: 1) daß weder er noch seine Hausfrau Hinrik Kracht oder sonst wen zu ihrem Sachwalt in Klagen gegen den Rath bestellt hätten, 2) daß sie überhaupt und in Sonderheit in der Sache, wegen der Werner v. d. Sunderhues den Rath vor seinen Stuhl geladen, keine Klage hätten, 3) daß Hinrik Krachts Knecht aus seiner Hausfrau Kindbett und Kram nicht genommen wäre, und der Rath auch nicht seine Zustimmung dazu gegeben hätte, sondern Herman Klokow hätte den Knecht aus seines Herren Werkstatt um Unthat und Vergehn holen lassen, und zwischen seinem Hause und jener Bude lägen noch zwei Wohnungen; deshalb habe er und seine Hausfrau mit dem Rathe keinen Unwillen und sei auch mit Herm. Klokow in Gegenwart Hinr. Krachts vor den Bürgermeistern verglichen, wisse auch mit dem Amte der Hutfilter nur Freundschaft, 4) seine Frau Agneta wäre nicht Hinrik Krachts Tochter, sondern seine Stieftochter, so daß jenem nicht zukomme, sie zu vertreten.

Der Hutfilter Herm. Klokow sagte auf Befragen des Bürgermeisters Gert Loste ebenso aus, daß die Werkstätte Krachts und das Kindbetthaus durch andere Wohnungen getrennt wären, daß er ohne Beliebung des Raths den Knecht in der Werkstatt habe greifen lassen, daß der Knecht sich mit ihm verglichen habe. Wahr gemacht ward

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seine Aussage noch durch Arnd Hollander, Hinr. Wend, Peter Praell, die bei der Gefangennahme des Knechtes wie beim Vergleiche zugegen gewesen, und aus deren Zeugniß wir erfahren, daß, wie schon erwähnt, Dudenborchs Haus Hinter dem Rathause lag.

Gebraucht wurden die so fürsorglich beschafften Notariatsurkunden nicht. Denn am vorletzten Tage des Januars, also beträchtliche Zeit vor dem Termine, wies der Freigraf Hinr. Kracht mit seiner Klage und Ansprache auf Grund der Urkunden vom 6. November, die er auf Geheiß seines Stuhlherrn, des Herren zu Steinfurt Grafen Eberwin von Bentheim, annehmen mußte, an die meklenburgischen Herzoge zu Austrag in Güte oder Recht. Der Graf besiegelte die Urkunde mit.

Hierauf forderten die Herzoge Magnus und Balthasar am 25. März. beide Parteien auf, am 8. April vor ihnen in Schwerin zu erscheinen, damit man einen Vergleich suche, ladeten sie aber zugleich für den Fall, daß daraus nichts würde, auf den 23. April nach Boizenburg vor ihr Gericht zu rechtlicher Entscheidung.

Es konnte nicht fehlen, daß der wismarsche Rath darauf eingieng, Hinrik Kracht jedoch war übel damit zufrieden, daß er statt Kaiserrechtes schwerinsches Recht, d. h. Landrecht eintauschen sollte. Er behauptete in die Abberufung nicht eingewilligt zu haben und wollte beim Vemgericht und seiner Klage beharren. Freilich wäre er, so schreibt er, auf Zureden seiner Fürsten darauf eingegangen, es mit Güte zu versuchen, und liege deshalb schon drei Wochen zu Ratzeburg und warte, wolle auch noch eine Woche dort warten; aber könne ihm keine Güte widerfahren, die ihm behage, so sei ihm von seinen Herren aller Beistand in seinem Rechte zugesagt. Als Richter erkenne er, der nie Bürger, sondern nur Einwohner in Wismar gewesen sei, die meklenburgischen Herzoge nicht an und appellire von ihrer Ladung, deren Termin er festlicher Zeiten halber so wie so nicht annehmen könne, an den freien Stuhl. Das ist der Inhalt zweier Briefe, die ihm sein Sohn geschrieben hatte, und die er am 1. April an die Herzoge und den wismarschen Rath absandte. Er kam auch nicht, während der wismarsche Bürgermeister Joh. Hoppenacke 1 ) zur Vertretung seiner Stadt pünktlich in Schwerin war und erklärte, auch den zweiten Termin in Boizenburg innehalten zu wollen. Der aber kam nicht zu Stande. Denn die Herzoge waren über die vom Kläger eingegangenen Briefe, die beide am 8. April in Schwerin verlesen wurden, empört und fanden es unerträglich, daß Kracht die


1) Seine Vollmacht (im wismarschen Raths=Archive, das alle benutzten Urkunden aufbewahrt) ist merkwürdiger Weise vom 26. März (ame sonauende vor Palme sondaghe) 1491 datirt.
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vom Grafen von Bentheim besiegelte Urkunde Lügen zu strafen wagte. Sie schrieben deshalb unter Beifügung von Abschriften an den Herzog Johann von Sachsen und baten ihn, den frechen Mann in Ratzeburg anzuhalten, damit er seiner Schreiben wegen vor dem Grafen Eberwin, der in Kürze nach Schwerin kommen werde, sich verantworte. Wirklich willfahrte ihnen der Herzog und schickte Kracht gefangen auf seinem Wagen nach Schwerin, wo unterdeß der Graf zu Besuch 1 ) eingetroffen war. Am 7. Mai ward in Gegenwart der wismarschen Rathssendeboten die Sache vor den Fürsten aufgenommen, und es wurden, nachdem Herzog Magnus kurz über die Vorgeschichte berichtet hatte, zunächst die bösen Briefe vorgelesen. Noch war Hinrik Kracht fest und wollte von der Remission nichts wissen, behauptete aber merkwürdiger Weise, er habe den Rath gar nicht vor dem Freigrafen verklagt oder vor ihn laden lassen. Das ertrug der Graf nicht und nahm nach Vorlesung der Ladungsbriefe den störrigen Ränkeschmid selbst ins Gebet und hielt ihm vor, daß der Remissionsbrief vor der Besiegelung ihm zweimal vorgelesen und mit seiner Bewilligung vollzogen sei, wie er selbst auch wisse, daß Kracht die Wismarschen habe laden lassen. Der Graf mag nicht gerade sanftmüthig geredet haben, und gefangen obendrein war der arme Sünder in keiner beneidenswerthen Lage. So ist es begreiflich, daß er klein beigab, die Remission als mit seinem Wissen und Willen geschehen anerkannte und wegen der Briefe, die er aus Furcht geschrieben habe, um Vergebung bat. Als ihm diese auf Fürsprache des Herzogs Magnus und der Räthe zu Theil geworden war, verzichtete er weiter frei und ungezwungen, wie es in der darüber aufgenommenen Urkunde heißt, auf alle Klage und Zusprache an die Wismarschen wie an die Hutfilter im besonderen, da er dazu keine Ursache hätte, und schwur Urfehde. (Urkunde von 1490, Mai 14).

Hinrik Kracht war hartnäckig und verbissen genug, auch jetzt seine Sache noch nicht verloren zu geben. Wieder wandte er sich an die Veme, um von dem Eide entbunden zu werden. Ein Kapitelstag zu Arnsberg 2 ) im Baumgarten unter der Burg sollte darüber entscheiden.

Auf das Anschreiben des Freigrafen Gert Strukelman bevollmächtigte 1491, August 22, der wismarsche Rath nun den Grafen


1) Die Hamburger Kämmereirechnungen verzeichnen (III, S. 573, Z. 16 f.) nach den Auszügen Laurents unter dem Jahre 1491: 67  14 ß pro expensis comitis de Benthem hic personaliter cum sua conthorali constituti. Ob ein Irrthum vorliegt oder der Graf zum zweiten Male eine Reise nach Osten angetreten hat, vermag ich nicht zu entscheiden.
2) Kapitelstage sollten nach der Arnsberger Reformation jährlich an bequemer Stätte gehalten werden. Lindner, Veme, S. 422.
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Eberwin von Bentheim und Herrn Eberwin von Steinfurt, seinen Vetter, mit der Befugniß ihrerseitz Vertreter zu bestellen. Der Auftrag ging dahin, der Lossprechung vom Eide entgegen zu treten und Hinrik Kracht seines Unterfangens wegen für meineidig richten zu lassen, ihn außerdem aber noch auf die Kosten zu belangen, die sich auf über 200 rheinische Gulden beliefen. Zu besserer Abwehr ward noch eine Urkunde vom Herzog Heinrich von Sachsen erwirkt darüber, daß der wismarsche Rath an der Gefangensetzung Krachts gänzlich unbeteiligt gewesen sei (1491, August 17).

Wiewohl die Verhandlung erst auf den 20. September 1491 angesetzt war, saß Gert Strukelman schon am 19. zu Gericht. Es war eine stattliche Versammlung von fürstlichen Räthen, Rittern und Freigrafen, die uns hier entgegentritt. Vierunddreizig derselben zählt die Urkunde bei Namen auf, ohne ein vollständiges Verzeichniß zu geben. Die Verhandlung zerfällt in drei Theile.

Hinrik Kracht erhob seine Klage, er sei ungebührlich von den Wismarschen zu Eiden gedrängt worden, und bat um Lösung davon. 1 ) Dagegen ließ der Vertreter seiner Gegner Christian Berschamp die von Herzog Magnus und dem Grafen von Bentheim über die Urfehde des Klägers ausgesandte Urkunde lesen und danach ein Urtheil fragen, ob Kracht, wenn er die gelesenen Briefe und Instrumente 2 ) vor diesem Gerichte nicht widerlegen könne, diese Sache gewonnen haben solle. Das Urtheil stellte der Richter an Evert v. Ekell und Johann v. Tulen, Bürgermeister von Brilon. Diese wiesen darauf mit Folge für Recht: Hinrik Kracht könne mit seinen schlichten Worten die Briefe nicht widerlegen, sondern nur mit Recht. Zugelassen ward das Urtheil von den drei Freischöffen Gödert de Wrede, Johann Voigt zu Ahusen und Herman Budde, Freigraf zu Osnabrück.

Hierin geschlagen, ließ Hinrik Kracht durch seinen Fürsprech um ein Urtheil bitten, ob er darunter leiden solle, wenn die vor einem Freistuhl anhängig gewordene Sache auf die Gelovesbriefe und Bürgschaft hin, nicht nach Freienstuhls Rechte, von dem Stuhle abgegeben sei. Darüber ward das Urtheil an Dietrich v. Hanxleide und Thieleman Kukelheym, Bürgermeister zu Emden, gestellt. Sie wiesen unter Folge für Recht: hätte Hinrik Kracht nicht seine Zustimmung dazu gegeben, daß die Klage anderswohin verwiesen werde, so solle er des


1) So hatte 1460, September 4, der Freigraf zu Brakel Dietrich v. Bodberg des erzwungenen Eides ledig erkannt. (S. die Urkunde im Anhange.)
2) breue vnd instrument auch vorher; von den genannten Fürsten kann aber nur Eine Urkunde in Frage kommen.
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genießen. 1 ) Auch dies Urtheil ließen drei Freischöffen zu: Evert v. d. Broke, Hinrik v. Berinkhusen und Herman Middendorp, Freigraf zu Münster.

Dagegen ließ der wismarsche Sachwalt das dritte Urtheil fragen, ob Hinrik Kracht schuldig sei, der Stadt ihre Kosten und ihren Schaden zu ersetzen, da die vorgelegten Urkunden als von Macht erkannt seien. Das Urtheil wiesen Wigant v. Hanxleide und Gert Krösener zu Geseke unter Folge dahin, er sei schuldig, Ersatz zu leisten. Drei schildbürtige Freischöffen Güntherman v. Plettenburg, Heidenrich v. Enße genannt Schneidewind und Tonies Schurman ließen es zu.

Sonach war die Entscheidung durchaus zu Ungunsten des Hinrik Kracht gefallen. Er blieb nach dem Spruche an seinen Eid und seine Urfehde gebunden. Das mittlere Urtheil mochte ihm ein Trost sein, aber auch danach hätte er erst erweisen müssen, daß er in die Abgabe des Processes nicht gewilligt habe, was er schwerlich konnte. Brauchbarer als das mittlere Urtheil für Kracht war für die Wismarschen das letzte. Aber dennoch ist es wahrscheinlicher, daß sie nichts erhalten haben, als daß sie zu ihrem Gelde gekommen sind, da wir annehmen müssen, daß ihr Gegner vor Beginn seines Processes bei den Vemgerichten alle Beziehungen zu der Stadt sorglich wird gelöst haben. Gering waren die Unkosten nicht und mit den 200 rheinischen Gulden, deren Ersatz man am 22. August beanspruchte, kaum zu hoch berechnet, wenn wir bedenken, daß allein der letzte Gerichtstag nach einer erhaltenen Abrechnung 2 ) 41 rheinische Gulden kostete. Fast scheint es, als ob Hans Dudenborch die Sache später wieder aufgenommen hat. Leider ist aber nur ein kurzes Regest 3 ) erhalten.


1) Nach dem im Dortmunder Kapitel 1430 gefundenen Weisthume sollte der Angeklagte, der in gehöriger Weise zu Rechte stehn wollte und das verbürgte, von weiterer Verfolgung frei sein. (Lindner, Veme, S. 226.) Noch im selben Jahre übrigens widersetzte sich der Freigraf Clawes Düker der Abforderung einer Sache und behauptete, Sachen, die man im heimlichen Gerichte richten solle, gebühre sich nicht aus der heimlichen Acht vor offene Gerichte zu ziehen oder in gemeine Tage, und beharrte auch darauf. (Thiersch, Vervemung Herzog Heinrichs von Baiern, S. 122, 125, 131. Angeführt von Lindner, S. 435, 554). Gemäß der Frankfurter Reformation mußte unter den Bedingungen des Dortmunder Weisthums der Abforderung nachgegeben werden. Wächter, Beiträge, S. 189. Vergl. auch das Urtheil des Freistuhls zu Brakel 1460, September 4 (im Anhange). Uebrigens hatte Kracht seine Einwilligung in die Abforderung gegeben.
2) S. im Anhange.
3) Schreiben der Freigrafen zu Wartberg an Bürgermeister und Rath in Sachen Hans Dudenborgs gegen die Hutmacher zu Wismar 1494; Schreiben derselben an das Amt der Hutmacher in gleicher Sache 1495. Der Verbleib der ehemals in Händen des Prof. Crain befindlichen Urkunden ist unbekannt.
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Wenn sonach die strengsten in der Bürgersprache angedrohten. Strafen nicht hinderten, daß Bürger gegen Mitbürger und Obrigkeit die Veme anriefen, und wenn bei den Vemgerichten so leichtfertige Klagen anzubringen Gelegenheit war, wenn es nur durch Vermittlung des Stuhlherrn zu erreichen war, daß der Freigraf bei Erfüllung aller Bedingungen der Frankfurter Reformation von 1442 die Klage an den zuständigen Richter wies, und dann noch der Kläger einwenden konnte, er habe seine Zustimmung dazu nicht gegeben, und der Kapitelstag das Urtheil fällte, ohne solche Einwilligung sei die Verweisung nichtig: dann war es hohe Zeit, gegen den Mißbrauch der Vemgerichte neue Schranken zu ziehen oder die alten zu erneuern und aufrecht zu halten. Es dauerte auch nur wenige Jahre nach Austrag des Krachtschen Processes, daß Kaiser Maximalian zu Worms 1495 eine neue Reformation verkündete. Noch aber ward den Vemgerichten nicht verboten, sich mit auswärtigen Sachen zu befassen, vielmehr wurden sie aufs neue anerkannt als gegebene Instanzen bei Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung, nur ward ihnen geboten, der Abforderung durch den ordentlichen Richter nachzugeben bei Strafe von 20 Mark löthiges Goldes, und wurden Schritte diesem Statute zuwider für ungiltig und nichtig erklärt. In demselben Jahre, 1495 Juni 28 erwirkte sich Herzog Magnus von Meklenburg einen Schutzbrief 1 ) wider die westfälischen Gerichte, wie solche auch für Bayern und Württemberg ertheilt wurden. 2 ) Möglicherweise haben die Krachtschen Händel einigen Anlaß dazu gegeben, aber auch sonst hatten die letzten Jahrzehnte unbequeme Berührungen mit jenen Gerichten gebracht. 3 ) Trotz dieses Schutzbriefes blieb man jedoch nicht unbehelligt, vielmehr sahen sich die Herzoge Heinrich und Albrecht im Beginne des Jahres 1512 vielleicht in Rücksicht auf die Dudenbergschen 4 ) Streitigkeiten veranlaßt ein Mandat 5 ) gegen die westfälischen Gerichte zu veröffentlichen, während gleichzeitig auf dem Reichstage zu Trier ein Antrag auf ihre Aufhebung gestellt ward. 6 ) Aufgehoben wurden diese Gerichte nun zwar nicht, aber die wachsende Macht der


1) Transsumt des bischöflich ratzeburgischen Generalofficials Herman Winterpoell von 1510 März 27 im wismarschen Raths=Archive. Chemnitz bei Gerdes, Nützliche Sammlung, S. 623. Rudloff, Mecklenburgische Geschichte II, S. 987.
2) Lindner, Veme, S. 525.
3) Hofmeister, Jahrb. 54, S. 205 Rudloff, Mecklenburgische Geschichte II, S. 987.
4) S. oben S. 27.
5) Hofmeister, Jahrb. 54, S. 202 - 204; übrigens gedenkt Rudloff, Neuere Geschichte von Mecklenburg I, S. 337, des Mandates.
6) Wächter, Beiträge, S. 144. Wigand, Femgericht, S. 540, Anm. 168.
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Landesfürsten und das Kammergericht drängten sie rasch zurück, und schon im Jahre 1516 fand man es in Meklenburg überflüssig, der westfälischen Gerichte in der Polizeiordnung auch nur zu gedenken, während man sich der Uebergriffe geistlicher Gerichte noch zu erwehren hatte. 1 ) Was Wismar belangt, so scheinen Hinrik Kracht und sein Schwiegersohn die letzten gewesen zu sein, die diese Gerichte gegen die Stadt oder ihre Bürger angerufen haben.

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Urkunden.

I.

1440, Juni 30. [Schildesche.]

Der Freigraf Konrad Stute vervemt auf die Klage Johann Rekardings benannte Bürgermeister, Rathmannen und Bürger der Stadt Wismar.

Ick Conrait Stute, vrijgreue des hillighen romschen rikes vnde des irlufftigesten vnde hoegheboren ffursten vnde heren hern Gerardes to Guilke vnde Berghe hertoghen vnde greuen to Rauensberge in der herschopp van Rauensberge, 2 ) enkenne vnde betuge vor allen vrienbencken vriengreuen vrien vnde vrienschepen, dat ick hebbe bezeten vnde bezät dess romschen koninges st oe l in der hemeliken achte des hillighen rikes in den jaren vnsses heren, alse men screff dusentverhundert vnde vertigh jaer, des neisten mandages na sunte Antonius daghe, dar vor my is ghekomen an de koningliken dinxstät vnde vrienstöl to Schildesche, belegen in der herschopp van Rauensberge 2 ) vorgescreuen, de ersame Johan Rekardingk, in vortiden borgher to (to) Heruorde, vnde was swerliken clagende ouermiddest synem ghebeden ghewunnennen ! vnde toghelaten vorspraken ouer eyndelss borgermester ratman vnde borgher der stät Wismar also nemptliken Hinr. Daruesouw Peter Wilde Petir Luste Gert Welsyn Gert Stubbe Otbart Ludestorpp Hermen Rampe Hermen Cropelyn Johan Zasse Johan Kertzeb oe m Hinrich Peill Johan Otbracht Johan Werckman Hermen


1) Abdruck der Polizeiordnung von Groth in Jahrb. 57, S. 285 § 10.
2) Abgekürzt Raue n mit Querstrich .
2) Abgekürzt Raue n mit Querstrich .
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Vrome Hinrich Wezebom Hinrik Knute Hermen Biter Johan Halenbeke Albert Voirt schipper Bomgarde schipper Gronuart Hermen van Oldendorppe Reyneke van Leiden Hinrick Kyndeman Johan Kyndeman Gert Amesuort Jacob Junge Lubertus Stolscriuer vnde Rekart Hagheman, welke claghe sick ho eir liff vnde ere was andrepende vnde na ghezette vnde rechte des hilgen rikes hemeliken achte veymwrogich ghewiset vnde irkandt wart, vnde wan my aldar aff mit ordelen vnde mit rechte de vorbenomden gelick vnwetene lude to vorbodenne, so sick dat geborde. So hebb ick de vorbenomden vorbodet an de koningliken dinxstat vnde vrienstoll to Schildesche vorgescreuen vor eyn openbar gherichte nemptliken vpp den anderen dinxedagh na der hilgen hochtijt Paschen nu erst vorgangen, dar ze nicht en weren offte nemant van erer wegen vullmechtich dar en hadden en ere liff vnde ere to vorantwerende, vnde also dem hilgen rike vnhorsam vnde dem kleger vorgescreuen nederuellich synt gheworden. So quam vpp dessen vorbenompten dinxedagh Johan Rekardingk vorbenompt ouermiddest synem toghelaten vorspraken vnd eschede gherichtes ouer desse vorbenomden, dar ick emme to staden moste, vnde opende alldar syne clage ouer desse vorbenompten vnde wolde swerlike vnde honlike rechtuorderinge kegen de gevordert heben 1 ) de to vorvorende, dar he sick to ghekneyt vnde ghetogen hadde, also geborlick is. Dar do vor beden de ersamen borgermeistere vnde rat to Biluelde mit anderen erberen des hillighen rikes vrienschepen vnde enne des eyne vorlenginge kregen van der tijt vorgescreuen wente des neisten dinxedages na sunte Bonifacius daghe nu neist vorleden, vpp welkem daghe vorgescreuen de vorbenomden van der Wysmar auer nicht en weren in mathen vorgescreuen. So quam Johan vorbenompt vnde eschede auer de ergenanten gherichts vnde ene to rechte to stadenne vnde sick auer darto beredde se to vorvorende, zo ze emme to velen tijden vnde nöch ere vnde rechtes vorbleuen. Dar auer de ersamen borgermestere vnde rat to Biluelde vnde de erber vrome knape Lambert van Beuissen, amptman der herschopp van Rauensberge, 2 ) vor beden vnde enne des noch eyne vorlenginge kregen van dem vorgescreuen daghe wente des neisten donredaghes na sunte Peters vnde Pauls daghe der hillighen apostell, auer n u neist vorgangen, vnde


1) heb n mit Querstrich .
2) Raue n mit Querstrich .
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den van Wyssmar dat vnde eren inghezeten weren scriuende. Dar ze allet nicht vpp gheachtet heben 1 ) vnde solker vorbiddinge vnde vorlenginge van daghen to daghen vorgescreuen, vmme god vnde den koningk vor ze gedayn, so vorgerort is, van der handt gheslagen heben. 1 ) So is dan de vorbenomde Johan Rekardingk vpp datum desses breues vor mi ghekomen an den vorgerorden vrienstoll to Schildesche to rechter richtetyt daghes vnde leyt my vraghen vormiddest synem vorspraken, offt ick emme ouk der vorbodinge mit den vorbenomden van der Wyssmar vnde den ! vorlengingen 2 ) van bede wegen vorbenompt van tijden to tijden in mathe vorgescreuen, emme doch alle tyt vnhinderlick syner rechtuorderinge, also tostonde. Des ick emme also tostont vnde enkentlik was. So reypp he my do än vnde eschede van my by mynem eyde, dem hilgen rike ghedayn, auer de vorbenomden van der Wissmar to richtenne. So esschede ick de vorbenomden bij eren dopelnamen in osten, int westen, int s u den vnde int norden dre warue vnder eynss bij erem halze koir vnde hogesten wedde, dar ze dem hilligen rike my vnde allen vrienschepen in der beclageden oueldat nederuellich ane gheworden synt, offt noch jement van erer wegen dar were en noch ere liff vnde ere to vorantwerende. Nademme de vorbenompten beclagheden dar nicht en weren offte nement van erer wegen in mathe vorgescreuen, so leyt de vorbenomde kleger darna ouermiddest synem vorspraken vraghen eyns rechten ordels vndir koninges banne, wo he zyne klage to rechte betugen vnde bewarden zolde, dat he synen ghehuldeden scheppeneneyden 3 ) vulldede, koninges banne vnde des hilligen rikes rechte, vnde de vorbenomden beclageden nicht en vorkorttede. Dar wart vpp ghewiset, de kleger vorgescreuen zolde sick bereden blotes houedes vnde zetten zick vor des koninges bänck vor my vrigreuen vorbenompt an de kne vnde leygen twe vynger vthe syner rechteren handt vpp dat swert vnde den r ee p. Dem he also dede. So stauede ick emme eynen eyt ludende aldus, dat de vorbenomden beclageden vmme der oueldat an emme ghedayn, so ze emme to velen tyden ere vnde rechtes weren vnde synt vorbleuen, so syn de des koninges vyande, des hertogen vyande, aller vrigreuen vyandt vnde aller vrienschepen


1) heb n mit Querstrich .
1) heb n mit Querstrich .
2) Abgekürzt.
3) schēpenē.
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vyant vnde heb[e]n vmme alsolker oueldat des repes wall vordenet, dat emme göt so helpe vnde de hilligen. Dat na synem eyde desse nabescreuen seysse echte rechte vriescheppenen 1 ) nemptliken Hinrich van dem Haghen Hermen Stacius Hinrich Vkeman Hermen Ald ae gh Albert Polman vnde Hermen Poth oe ff ouk also wardeden vnde stauedes eydes weren swerende in dessir wise: den eydt, den Johan Rekardingk n u nelkest ghesworen hefft, dat de sij recht reyne vnde nicht ghemeyne, dat juw göt so helpe vnde hilghen. Darna esschede my de vorgescreuen kleger vormiddest synem vorspraken bij mynem eyde, dem koninghe gedayn, de lesten sentencien der v ee me ouer de vorgescreuen beclageden oueldedere ne[m]ptliken Hinrich Daruesouw Petir Wilde Petir Lüste Gert Welzyn Gert Stubbe Otbart Ludestorpp Hermen Rampe Hermen Kropelyn Johan Zasse Johan Kertzebom Hinrich Peyl Johan Otbracht Johan Werckman Hermen Vröme Hinrich Wezeböm Hinrich Kn u te Hermen Biter Johan Halenbeke Albert Voirt schipper Bomgärde schipper Gronuart Hermen van Oldendörppe Reyneke van Leyden Hinrick Kyndeman Johan Kyndeman Gert Amesvort Jacob Junghe Lubbertus Stolscriuer vnde Rekart Hagheman. Dat ick also dede vnde van myner eyde wegen nicht laten mochte in dessir wise: de beclageden vorwunnenen vorrichteden manne alle vorbenompt neme ick vrigreue vorgescreuen vth allen vreden rechten vnde vrigheiden, de pawesse vnde keysers gesat vnde bestediget heben 2 ) zetten vnde bestedigen vnde vort ffursten heren ritter vnde knapen scheppenen 3 ) vnde vrien beswarn heben 2 ) vnde besweren, vnde zette ze vth allen vreden van allen rechten vnde vrigheiden vorgescreuen in des romschen koninges ban vnde wedde in den hoghesten vnvrede vnde geue ere liff allen vnredeliken deren vnde voghelen to vorterende vnde beuele ere zele in godes ghewält. Dar sulues gaff ick vrigreue mit mynen scheppenen 3 ) teken vnde schyn der vorgescreuen sentencien der vëme, also sick dat in demme rechten ghebörde. De sulue vorsprake des klegers vorgescreuen vraghede vorder eyns rechten ordels vndir koninges banne, nademme desse vorbenomden Hinr. Daruesouw Petir Wilde Petir Luste alle in mathe vorbenompt beclagheden vorrichteden vorvorden vorvemeden manne vndir koninges banne to rechte


1) -schepēnen.
2) heb n mit Querstrich .
3) schepenēn.
2) heb n mit Querstrich .
3) schepenēn.
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vorwunnen synt, offt de jenige scheppen anquemen vnde de bekrechtigen konden, wo ze mit den varen zolden, dat [se] eren eyden vulldeden koninges ban to sterkende. Dar wart vpp ghewiset, men zolde en stricken eynen rep offt eyne weden vmme den hals vnde hoyn de vpp van der erden an de lucht, zo men hoghest mochte. Vorder vraghede de vorspräke eyns ordelss to rechte vnder koninges banne, offt de vorgescreuen vorvemeden jement vordegedingende beschermende offte beschuddede, wo men myt den gennen varen zölde. Dar wart vpp ghewiset, den offte de zolde men holden vnde mit enne vortvaren ghelick den vorvemeden sakewolden. Do desse vorgescreuen klaghe gherichte ordell vnde vëme gingen vpp datum desses breues tijde vnde stede in mathe vorgescreuen, dar weren an vnde ouer erberen echten vrienschepen genoch nemptliken Johan van dem Rede de elder Johan Stute Hermans Wernekingh Wessell Hanenbom Ludiken van Grest de junger Johan van dem Rede de junger Euerhardus Bolte Hermen Stakebrant Hermen tor Linden Diderik van Hoxer vnde veler andern des hilligen rikes echten rechten vrienschepen, de dat vorgescreuen gerichte mede bestonden vnde behorden. Desses to tughe vnde in eyne orkunde der warheit so heb ich Conrait Stute vrigreue vorbenompt myn ingesegel myt [den] ingesegeln der ersamen vnde beschedenen Johans van dem Rede borgermesters Johans Stuten Hermans Wernekinges Wessel Hanenbomes Ludiken van Grest des jungern Johans van dem Rede des jungern Euerhardus Bolten vnde Hermans Stokebrandes witliken neden an dessen breff gehangen. Datum et actum sub ano domini millesimo quadringentesimo quadragesimo fferia quinta proxima post ffestum beatorum Petri et Pauli apostolorum.

Dessen breff en sall nement lesen effte horen llesen, he en sii eyn vryg schepen des hyllyghen rykes.

Das Pergament ist nur einseitig zum Schreiben bereitet.

Angehängt sind 11 grüngefärbte, ehemals in Pergamentblättchen eingenähte Siegel:

1) im Schilde drei Wecken (Stuten). Umschrift: Sigillum • conradi • stuten.

2) im Schilde drei Rohrfahnen (?). Umschrift: s johan van dem rede.

3) Merk. Umschrift: Sigillum • johannis stute.

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4) Merk in einem Sechspasse. Umschrift: s • hermanni wernekinck.

5) in einem von einem übergeschneppten Dreipasse umschlossenen Schilde ein Hahn (?). Umschrift: S . . . . . ABOM.

6) Merk in einem von einem Dreipasse mit eingeschalteten Spitzen umgebenen Schilde. Umschrift: Sigillvm • lvdolsi • de • grest.

7) Schildzeichen unkenntlich. Umschrift: s • iohan • van • dem • [rede].

8) Merk. Umschrift unlesbar.

9) brennender Stock? Umschrift: S • herman [stokebrand].

10) im Schilde drei Bolzen. Umschrift: S • everharardi • bolten.

11) im Schilde drei Stierköpfe. Umschrift: S • diderice • de • hvxer ~ .


II.

1460, September 4. [Brakel.]

Johann v. Hülschede, Freigraf zu Brakel, verkündet ein Urtheil auf die Klage Dietrichs v. Bodberg wider den wismarschen Rath.

Ich Johan van Hulschede, eyn bewort richter des hilgen richs vnd eyn gehuldet frigreff der frien graschafft ! vnd frienstoils zu Brakel bij Dortmunde, don kunt, als ich dan claghen halb Diderichs van Bodberghe eyns echten rechten frienscheffen des hilgen richs vurzijts beschrieben vnd verboden heb laten die ersamen manne heren borgermestere vnd raid der stad Wismar vnd ir burger vnd in sunderheit heren Peter Langen - Johans her Hinrich Speck her Bertold Knorreken her Bernd Pegel her Herman Vrom her Herman Bijter her Vlrich Malchow her Diderich Wilde her Bertold Nyeman her Bertold Steynbrinck her Hinrich Langhen her Johan Wils her Reyneke van Leyden her Meynnard Ampsford vnd her Hinrich Wiltzijn, darumb daz sie den vorgnanten Diderich van Bodberch vnd Elsken syn eliche husfrow myt irer eigener gewald entweldiget vnd sunder gerichte vnd weder recht behafftet vnd in die boedelije heben 1 ) laten setten als mysdedige


1) hebn.
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lude vnd en wolden sie to neyner vnscholt entschuldinge oder sich to vorantworden, als recht is, nicht staden vnd heben 1 ) sie darenbouen vnuerschulder sake vt irer(er) stad verjaget vnd verdreuen kegen god ere vnd recht bouen dat, dat hey irer ticht vnd beschuldinge vnschuldich vunden sij, vnd heben 1 ) en ok hijrenbouen to vngeborliken gelofften vnd eiden genotiget vnd gedrungen myt harder vencknisse, myt vil mer worden, sich der clage vp den donresdach na sunte Egidius dage des hilgen abts dato 2 ) dijsses brieffs to vorantworden etc. Also betuge ich Johan frigreff vorscreuen vor allen irluchtigen eirwerdigen hogeboren fursten hern greuen edelen baronen ritteren knechten steden amptluden richteren voigten borgermestern reden allen ersamen friegreuen vnd echten rechten frieschepen dess hilgen richs, dat ich vp datum disses brieffs besat stat vnd stoill den frienstoll to Brakell myt ordell vnd recht gespannender banck, to richten, als frienstols recht is. Dar vor my kamen is Diderich van Bodberch eyn echt recht friescheffe 3 ) des hilgen richs vnd badt mich vmb eynen vorsprechen, des ich eme van gerichtes wegene gunde.

Also thoende hey vnd leit lezen die ware copie der citacien, darinne die vorscreuen van der Wismar geladen syn, vnd betugede, als recht is, dat den van der Wißmar die vorscreuen citacie in eyn des borgermesters hand tor Wißmar geantwart sij, vnd bad darumb eyns ordels, off die citacie icht geantwart sij, als frienstols recht is. Darup is gewist: ja. Darna bad my die cleger durch synen vurspreken dey vorgnanten verclageden van der Wißmar in dat gerichte to eischen, off sie dar icht weren oder eymand van erer wegen, die sey myt rechte vorantworden wolde, dat ich also dede, als recht is, eyne werff, ander werff, derde werff vnd veyrde werff auer recht. Also en weren sey dar nicht oder nyemand van erer wegen, sunder ich thoende vnd leit lezen eynen openen besiegelden brieff, van den erberen wisen hern borgermestern vnd raide der stad Lubeke vtgesand, vp pergament geschreuen, myt irer stades anhangendem siegele besiegelt, vor mynem huse vnd woninge vpgeslagen also gevunden hangende, inholden[de] dat de hern van Lubeke der van Wismar sake vor sich vordern als eyn houet der hense vnd ouerrichtere der van Wißmar, also dat ich my der sake entslaen vnd die


1) hebn.
1) hebn.
2) dat E .
3) friescheff E .
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vor sey wijsen solde etc. Darup vragede ik to behoeff aller frigreuen vnd friescheffen des hilgen richs eyns rechten gemeynen ordels, off eymand solliche swaer vemwroge clage, ingebracht vnd geclaget als recht is, myt sollichen sendebrieuen, dey geynen gelouen nicht in en hielden, vt des hilgen richs ouersten friengerichte to enigen anderen openbaren dagen oder gerichten trecken mogen, dat sey dar vtgedregen werde, sey en werde dar dan vtgetogen, als frienstols recht is. Darup is gewist myt gemeyner volge der frier schepen vor recht: men en solle noch en moge geyne vemwroge sake, in des hilgen richs ouersten friengerichte ingebracht vnd geclaget is, als recht is, nicht teyn noch wisen vp openbar gerichte ader dage vt to dragen, sey en werde dar dan vtgetogen, als recht is des frienstols. Darna is auer myt gemeyner volge der frienschepen vor recht erkant: nadem eyn ißlich der verclageden van der Wißmar sijn lijff vnd ere vp synen 1 ) richtlichen dagh nicht en heb vorantwardt, so sij eyn itzlich van en darumb dem gerichte in peen vnd bruch verfallen vnd verpent, als frienstols recht is, vnd der cleger heb darto sijn clage hinderteil kosten vnd schaden vp sij gewonnen, so groit hey den iromende thugende vnd warende wurde, als frienstols recht is. Den hey dan also geromet getuget bewaret vnd behalden hefft to guder achtinge vp twehundert lubesche marck, darto dat sey em wandell vnd bote doen sollen na syner eren noittrofft, as ! id sich gebort na ergangenen saken, als frienstols recht is. Darup is vorder erkant, off dey van der Wißmar dem clegere die erstanden erzugede summe gulden nicht betalen wolden in geborliker tijd, dat hey asdan, oder wey em darto hulpe, den vorscreuen verclageden van der Wißmar die vorscreuen erstanden summe gulden wol affmanen mochten an eren lijuen vnd guden to water to lande in richs steden heren steden vrijen steden vp tollen slossen merckden wibbolden ! dorfferen vnd vp allen enden myt der vorscreuen gerichtes penen, vnd an der maninge en solden de clegere syn helpere ader wer dat van erent wegen dede nicht freuelen noch doen, dat sey wer bettern oder buyssen durffe, tegen dat hilge riche oder sus tegen eymande anders, bisunder alle fursten heren grauen edelen baronen rittere knechte stede amptlude richtere vnd sus alle des richs vnderdanen sollen na frienstols rechte dem clegere synen helperen


1) synē.
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vnd wey dat van erent wegen dede bijstendich behulpen vnd toredich syn, den verclageden van der Wißmar de(r) erzugede[n] summe gulden ab zu manen. Ok is vorder erkant myt gemeyner volge vor recht gewist, ob eymand dem clegere oder sijnen hulffern tegen dijsse sijne erstanden recht wederstant dede freuelichen in versmehenisse dess hilgen richs ouersten friengerichtz rechte, daz die freueler vnd vngehorsamer dem clegere myt der seluen clage vnd erstanden rechte vnd dem friengerichte myt der seluen peen vnd bruch verfallen vnd verpeent sall syn, als den verclageden en dat ok aff to manen in maiten vorscreuen. Ok is vorder myt gemeyner volge vor recht erkant: nadem de ersame borgermestere vnd raid der stad Wißmar den vorscreuen meister Dideriche van Bodberch vmb pynliche clage to vnrechte heben 1 ) setten laten, der hey vnschuldich vunden is, vnd en darumb vorder to lofften eiden vnd verschriuinge gedrungen heben , 1 ) dat hey des geweltlichen vnuerschulden dranges loffte verschriuinge vnd eide nicht schuldich en sij to holden, vnd em dey ok nicht hinderlich syn en solle an synen lyue eren vnd gelympe.

Alle disse vorscreuen articule ordele vnd rechte synt togelaten bestediget veruolget, nicht wedersproken, dar vort ordel vnd recht ouer gevunden vnd gewist is, dat der nyemand wederspreken en sall noch en mach bij swaren penen des hilgen richs, dar ich ok myn orkunde vp entfangen heb, als recht is. Dar mit ouer vnd ane weren stantnoten des gerichtz myt namen die vesten vnd erberen Ernst van Mengede Herbert Tasche Egghart Goltsmet Hinrich Dorstelman Euert Draedtoger Lambert Loer Hinrich van Brakel Kirstien Wagenhalss Johannes Brekerueldt Johan im Sswanen Hinrich Mummart Hinrich to Bodeking Engelbert Koster Herman Heyderhoff Johan Stopinck Herman Bockeman Johan Benthem Hannes Bitebeir, eyn gesworen frijfroue dess vorscreuen gerichtz, vnd vill mer echten rechten frienschepen genoich. In orkunde disser vorscreuen punte heb ich Johan van Hulschede de frigreff vorscreuen van gerichtz wegen vort Euert Draedtogher Hinrich Dorstelman Johan van Luneren, wert to deme Swanen, vnd Engelbert Koster stantnoten alle vorscreuen sementliken vnse ingesiegele to tuge an dissen brieff gehangen. Datum ano domini millesimo quadringentesimo sexagesimo feria quinta post beati Egidij abbatis.


1) heb n mit Querstrich .
1) heb n mit Querstrich .
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Auf der Rückseite: condempnacio vrigrauij contra Wismarienses propter non comparicionem in primo termino cum condempnacione expensarum ad instanciam Dirick Botberges, non obstante quod littere caucionales fuerunt directe et fixe ante domum vrigrauij.

Auf grobem, nur einseitig zum Schreiben bereitetem Pergamente.

Angehängt sind fünf, zum Theil zerfallende Siegel in vollständig grün gefärbtes Wachs gedrückt:

1) Im Schilde ein quergelegter Zweig der Stechpalme (Huls) mit 3 Blättern (2/1). Vielleicht war der Schild von einem Engel gehalten. Umschrift (an der rechten Ecke des Schildes beginnend): s • joh. . . . . chede.

2) Besonders klein. Im Schilde ein Merk. Umschrift: s[igillum e]vert. . . . .

3) Hahn im Schilde. Helm mit wallenden Decken. Umschrift (rechts neben dem Schilde beginnend): s hinrich dorstelman.

4) Schwan im Schilde. Umschrift: S- IOh[ A ]N IN D e N SW A AN e .

5) Merk (?) im Schilde. Umschrift: [s en] gelbe . . . c ? vstos ?


III.

1467, November 26. [Bergfeld.]

Hinrik to dem Busche, Freigraf zu Bergfeld, spricht die Wismarschen, nachdem sie sich mit Herman Ramp vertragen haben, der Acht los.

Ick Hinrick ten B u sche, van keyserliker gewalt vrijgreue der herscop vrienstole to Rauensberge van beuele des h oe chgebornen fforsten vnnd heren hern Gerdes to G u like vnnd tom Berge hertoge vnnd greue to Rauensberge mynes gnedigen gnedigen leuen heren, do kund vnnd bekenne vor alswemme openbar betugende, dat vor my gekommen is dalingh vor den vrienst oe l to Berchuelde to rechter richtetijt dages, dar ick stede vnnd st oe l gecledet hadde rechter gespannener banck na vrienst oe ls rechte, Herman Rampe van der Wysm ae r vnnd leet seggen ouermyts sinem gewunnen vorspraken, dem ick enne in gerichte georlouet hadde, wo in geledenen tijden vor

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dessen vrienstole irschennen sy Herman Rampe vorscreuen, dar ick den st oe l gecledet hadde rechter gespannener banck na vrienstols rechte to richtene, ouer lijff vnnd ere, vnnd clagede clegelijken ouer de erbaren heren borgermestere vnnd rad vnnd gantze gemeenheit der stad ter Wysm ae r, wtgesecht alle geistlike personen vnnd wat beneden twelff j ae r oe lt vnnd bouen se u entich jar olt, man personen, wo geweltliken ze emme sines liues vnnd gudes entweldiget hadden, dat vor my na vrienstols rechte irkant wart veemwrogich to sine, dat ick vrijgreue vorscreuen ouermyts boden vnnd breuen, na vrienstols rechte wtgesand, den vorscreuen herren borgermesteren vnnd rade vnnd gantzer gemeenheit der stad ter Wysm ae r verkundigede primo, secundo, tercio peremptorie na vrienst oe ls rechte, vp zecker termine na der breue ynneholde, en getekent, ere vulmechtigen dar to zendene ere lijff vnnd ere na vrienstols rechte tegen den vorscreuen cleger to verantwerne ! . Alse do de termine vmme quemen ad hoc deputati, clagede de vorscreuen cleger; dat doch ten besten borgermestern vnnd rade vnnd gantzer gemeenheit der stad ter Wysmar verlenget w ae rt; ten lesten wan de vorscreuen cleger myt ordelen vnnd rechte vnnd verwan de vorscreuen heren borgermestere vnnd rad vnnd gantze gemenheit vorscreuen na vrienstols rechte echtlos rechtlos vnnd vredel oe s vervemmede veru oe rde vnnd verachtede se (vnnd na zate des groten keyser Karoli) 1 ). Des ze allet lange tijt nicht en achteden, dar ze gode vnnd dem hilligen rijke na ynneholde der reformacien vnnd mynem st oe lheren in grote zware pene na vrienstols rechte veruallen sin. Yodoch dem almechtigen gode to loue vnnd dem hilligen rijke ten eren de vorscreuen borgermestere vnnd rad vnnd gantze gemenheit der stad ter Wysmar vorscreuen sin to bekantnisse gekommen vnnd sick myt den vorscreuen cleger vereiniget vnnd verdregen, des de vorscreuen cleger tosteit, is my na vrienstols rechte irkant myt vmbeschuldenen ordelen vnnd vmme bede des vorscreuen clegers also, dat ick ze van keyserliker gewalt wegene myt des clegers v u lborde na vrienstols rechte absolu ee r, vnnd alle de processe darvp geg ae n, watterleye de ock sin, sollen ouermyts dessen mynen besegelden breue casseret vnnd annichileret wesen, vnnd zette ze wedder in den vrede van beuele mynes ampts, dar ze god vnnd das hillige rijke na zate des grot(er)en keyser Karoli er der vorscreuen clage mede


1) () sollte wohl zwei Reihen tiefer stehn, hinter reformacien.
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gevriet hadden, in dem namen des vaders vnnd des zonnes vnnd des hilligen geistes. Hyr weren mede an vnnd ouer Wylhelm de voget der herscop to Rauensberge Wylhelm Blome Micheel Bonyngh Detmar Querner vnnd velle guder lude genoch. In eyn getuch der warheit heb ick vrijgreue vorscreuen myn ingesegel an dessen breff gehangen. Datum anno domini m° cccc° sexagesimo septimo des donredages na sunte Katherinen dage.

Auf formlosem Pergamente. Auf der Rückseite: absolucio Hermanni Rampen. Angehängt ist das (zerfallende) Siegel. Schild unkenntlich, Helmschmuck ein Busch. Umschrift unlesbar.


IV.

1489, October 7. Siebenlinden.

Werner v. d. Sunderhus, Freigraf zu den Siebenlinden, ladet die Wismarschen auf die Klage des Hinrik Kracht zum 24. November vor sein Gericht.

Wettet richter borghermester scheppene vndt raidt borgher vnd inwonner enen itlicken myt sinem namen vnd thonaimen der stad Wijssmer, dat ick Werner van dem Sunderh ue ss van keyserlicher macht vnd ghewalt vrijgreue etc. vp hude dach, data desses breffs den vrijenst oe l vnder den Seuen lynden belegen in deme stichte van Monster vnd in deme kerspele van Laer mijt willen des stolheren mijt ordele vnd rechte becledet vnd ghespannender banck besetten hebe to richtene auer lijff eer vnd ghelymp in den vrijen apenbaren gherichte na vrijenstols rechte. Dar vor my ghekomen vnd erschennen is Bernt Kock eyn vulmechtich cleger vnd procurator Hinricke Cracht sinem natuirlicken mage van blodes weghene vnd clagede auermitz sinem ghewunnenen vorspraken sere swarlicken juwen lijffe eer vnd ghelympe sere hoe andreppende, wo dat gij ghehenget vnd mede belouet hebn, dat de hotffyltekers bynnen juwer staet siner dochter kyndelbedde vnd ampt, dar se van groten krancheiden ynne lach, geschynnet hebn myt weldiger vnd wapender hant vnd hebn dar enen knecht vth ghenomen vnd gheffangen, dar deme vorgenanten Hinricke grote vnghenade myt kost vnd schaden ane gescheyn sij, vnd sprecken

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ok vp dat hilge rijke vnd alle echte rechte vrijschepene, de dat hilge rijke hebn belouet vnd besworen, vnd vernichten dat ghenne, dat pauwes vnd keyser van notsaken desser welt ingesat vnd bestediget hebn, dat allent ghescheyn is weder got eer vnd recht, darvmme desse vorscreuene clage auer juw mijt ordele vnd rechte gheffuinden vnd ghewiset is vor deme vrijenstolen tho richtene. Soe hefft my de vorscreuene cleger vnd procurator mijt ordele vnd rechte affghewonnen, dat ick juw darvmme eysschen verscriuen vnd verboden mot laten, als sick gebort na vrijenstols rechte. Soe ghebeyde eyssche vnd mane ick jw van weghene myns vrigreuen ampts vnd van macht der vrienstole vnd legghe juw enen stefflicken richtliken plichdagh in crafft desses breffs vnd myne boden vpten nesten dinxedagh nest na sunte Clements dach nest tokomende 1 ) vor den vorscreuen vrienst oe l vnder den Seuen lynden tho rechter richtetijd daghes, vnd verantworden alsdan dar juwe lijff eer vnd ghelymp in den vrijgen apenbaren gherichte teghen deme vorscreuen cleger vnd clage, eder we alsdan der clage myt rechte tho done 2 ) sall hebn, vor my eder enen andern vrijgreuen, de alsdan den vorscreuen vrienstol mit ordel vnd rechte besittende 1 ) sal werden. Dar wettet jw wyslicken in dem besten na tho richtene, vp dat solk swar gerichte vermydet werde vnd de leste swar smelicke sentencie nicht auer jw gheworuen en werde. Ghescreuen vnder mynem segel vpten gudensdagh nest na sunte Remigius dach in deme jare vnsses heren m cccc lxxxixo

Werner van deme Sunderhuss,
van keyserlichir ghewalt vrijgreue etc.

An deme richter borghermestern scheppene vnd raidt borgher vnd inwonner der stadt Wijssmer mijnen guden ffrunde geschreuen.

Unter der Adresse von anderer Hand: prima citacio.

Auf Papier, das zusammengefaltet gewesen ist. Siegel fehlt.



1) Kome n mit Querstrich , besitte n mit Querstrich ; sonst ist im flectirten Infinitive n mit Querstrich häufig in ne aufgelöst.
2) ausgeschrieben.
1) Kome n mit Querstrich , besitte n mit Querstrich ; sonst ist im flectirten Infinitive n mit Querstrich häufig in ne aufgelöst.
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V.

1489, November 6. Wismar.

Magnus und Balthasar Herzoge von Meklenburg fordern die vor dem Freistuhle zu den Siebenlinden gegen die Wismarschen erhobene Klage von dort ab.

Wij Magnuß vnnde Baltasar gebrudere, van gods gnaden hertoghen to Mekelenborgh fursten to Wenden greuen to Swerin Stargarde vnde Roßtock etc. der lande herenn, doen kunth bekennen vnnde betughen apenbar in vnde mit dessem breue vor alßweme, watterleie stads eere vnnde werdicheit de sin, de ene zeen lesen edder horen lesen, vnde to sunderghen vor juw ersamen Werner van dem Sunderh ue ß van keiserliker gewald vrigreuen etc. des vrijenstoels vnnder den Souen linden beleghen in dem stichte van Munster in dem kerspell van L ae r, dat de ersamen borgermestere vnde ratmanne in dem namen eerer alle ok borgheren vnde inwonren vnser stad Wißmer vpp datum desses breues sint vor vns irschenen vorbringhende vnde thogende ene citacie, darinne gij en vpp vnde van claghe eyns genometh Bernd Kock klegher vnde procurator Hinrick Krachts gesworne borger tor Wißmer vor juw vor dem vrijenstole vorbenomet vpp den negesten dinxtedach na sunte Clementes daghe negest komende to rechter richtetidt dages geladen hebben, vnde wante denne de suluen vnse borgermestere ratmanne borghere vnde gemeente sodaner sake haluen in juwer citacien bestemmet nye vor vns geborliken iß voruolghet noch rechtes to pleghende geweigert, sunder zijck in erer aller namen vorbestemmet vpp datum van dessen vor vns alse eren ordentliken vnde geborliken richteren to eren rechte vnde aller bildicheidt gebaden hebben dem obgnanten klegher edder deßhaluen sinem vulmechtigen vnuortaghert to donde in vruntschop vnnde rechte, so vele zee van eere vnde rechte mogen plichtich sin, darto wij see ok vorbeden vnde erer vullmechtich wesen willen in krafft desses breues, so zee dat ok dorch twe louenwerdighe gude manne in vnsen landen erffsettenn mid enem geloues breue na inholde der konyngliken reformatien hebben vorwisseth vnde vorborgheth. Worup is vnse fruntlike bede vnde beghere, gij hirup de sake in juwer citacien beruret vor vns alse des beclageden parthes geborliken vnde ordentliken richteren wisen vnde remitteren, wante wij dem obgnanten klegher

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edder sinen vulmechtigen rechtes auer de vnsen vorgnant behelpende willen sin, worto wij vnns gutwillich to zinde vorbeden in krafft desses breues, hebben wij ok deshaluen dem suluen klegher sinem vulmechtigen edder de hee mit sijck bringende werdt gegeuen vnde jegenwordigen geuen eyn zeker vast veilich vnde strack geleide an vnde aff vor vns de vnsen vnde alle, der wij mogen vnde schalen mechtich zin vnde de vmme vnsen willen don vnde laten willen vnde schalen, sunder argelist. Hir juw geborlick inne to hebben vnde hirenbauen tegen dat innehold der konningliken reformatien, to Ffranckfordt gegeuen gesettet vnde geordineret in den jaren vnses heren dusentverhunderttwevndeveftich ! an vnser leuen frouwen auende assumpcionis, vnbeswart to latende vnde auer see nicht to procederende, vorschulde wij na gebore gerne, wante gij woll wethen vnde besynnen mogen, wo gij hirenbauen richteden vnde procedereden, dat sodane denne eyn vngerichte van nenem gewerde krafftloeß vnde machtloß were na inholde der vorberureden reformatien vnde gij vnde de kleger vnde welke meer derweghen in pine vallende wurden, dat jw swarliken bekomen wolde, welk vns leeth were. Hirumme begheren wij desses juwe bescreuen antwerth, dar de vnsen vorbenomet zijck na richten schalen, bij dessem jegenwordigher ! brieffbringher vnnsen geswarnen baden to desser sake vthgeferdighet. In ghetuchnisse der warheidt hebben wij Magnus vnde Baltasar hertoghen vorgnant vnse ingeseghell bij eynander mid gantzer wisschopp benedene hethen henghen an dessen brieff, geuen vnnde screuen bynnen der Wißmer na gods borth veertheinhundert darna in deme neghenvnndeachtigesteme jare ame vrigdaghe na alle gades hillighen daghe.

Auf Pergament. Angehängt sind zwei hinten eingekerbte Siegel mit rothen Platten.

1) in einem Dreipasse 3 Schilde: oben der Stierkopf, unten rechts der Greif, unten links getheilt. Umschrift auf einem umgeschlungenen Bande links vom oberen Schilde beginnend: S. Magni ducis magnopolē comitis zwe.

2) Der geschweifte Schild ist getheilt und im obern Felde gespalten. Oben vorn der Stierkopf, hinten getheilt; unten der Greif. Auf dem in kühnen Windungen herumgeschlungenen Bande: s dvcis baltasaris magnopolensis.

Auf der Rückseite: littera saluiconductus principum.


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VI.

1489, November 26. [Siebenlinden.]

Der Freigraf Werner van dem Sunderhus ladet auf die Klage Hinrik Krachts die Wismarschen zum zweiten Male vor seinen Richterstuhl.

Wettet richter borgermester raitmanne borgher vnd inwonner vnd de van mannes kunne sementliken vnd einn itlick[en], de van twelff jaren olt sint, wo gij de namen vnd thonamen vp der doepe entffangen heb[e]n, der stadt Wyssmer, dat ick Werner van deme Sunderhuss, van keyserlicher macht vnde ghewalt vrijgreue etc., vp hude dach data desses breffs den vrijgenst oe l, belegen in deme stichte van Monster in deme karspele tho Laer vnder deme Seuen lynden belegen is, myt willen des stolheren mijt ordel vnde rechte becledet vnde gespannender banck besetten hebe in deme vrien apenbaren gherichte tho richtene auer lijff eer vnd ghelymp na vrijenstols rechte.

Daer vor my ghekomen vnde erschennen is Berndt Koick, eyn vulmechtich cleger vnd procurator Hinrick Kracht, vndersate des ghestichtes van Monster vnde sinen natuerlicken maech van blodes wegene, auermitz sinem ghewunnenen vorspraken vnd clagede sere swerlicken juwe lijffe eer vnde ghelymp sere hoe andrepende, soe wo dat ick juw dorch sine mercklicke claghe jw in uorghangen tijden vor deme vrijenstol vorscreuen vormitz mijnem besegelden vorbotz breue hedde dagen vnde enen stefflicken richtedagh in der citacien na vrienstols rechte leggen laten als nementlick vp deme dinxedagh nest na sunte Cleme[n]te dage vor den vorscreuen vrienst oe l, bynnen alsolker vorbodinge gij myt twen juwen ffrunden den seluen houetsaken Hinricke Kracht heb[e]n besant tho Rosseborch vnd myt valschen loghenachtigen bottschopen an em vorsocht vnd ghetoüet, dat gij juwe vrunde by em schicken wolden vnde vmme de clage to vruntschopen van em scheyden, des Hinrick Cracht oren valschen logenthaligen worden thoghelouet hefft, vnde em also langhe ghetouet myt worden, dat he sinen betekenden richtedagh vor den vorscreuen vrienst oe l nicht holden en konde. Ok so was ick vrigreue vorscreuen vp den stefflicken richtedaghe dorch beuel myns stolheren to solker stede, dat ick dorch noet des waters tho deme richtedage nicht komen en konde. Darvp so

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hefft de vorscreuen cleger vnde procurator sine erste clage weder opent int gherichte vormitz sinem gewunnenen vorspraken, wo dat gij ghehenghet vnd beleyuet heb[e]n, dat de hoetffilters bynnen juwer stat siner dochter kyndelbedde vnde in dem hilgen ampte, dar se van groten krancheiden inne lach, gheschynnet heb[e]n myt weldiger vnd wopender hant vnde heb[e]n dar Hinrix knecht vt ghenomen vnde ghevangen, dar deme vorscreuen Hinricke grote vngenade myt kost vnde schaden vp ghekomen is, vnde sprecken ok vp dat hilge rijke, dat pauwes vnde keyser bestediget heb[e]n vnd al echten rechten vrijenschepenn beuolen to warne vnde tho vermeren na al ore macht, vnd heb[e]n Hinricke ok mer dan eens sünder richt vnde recht vth juwer stat ghejaghet vnd verdreuen vnd heb[e]n dat allent ghedaen teghen got eer vnde recht. Welker vorscreuen claghe vnde ansprake mijt rechtem ordele auer jw gheffvnden vnd ghewiset wort vor deme vrijenstolen tho richtene. Soe hefft my de vorscreuen cleger vnde procurator myt ordel vnde rechte affghewunnen, dat ick jw darvmme eysschen vorscriuen vnd verboden mot laten, als sick gebort na vrijenstols rechte. Soe ghebeyde eyssche vnde mane ick jw van weghene myns vrijgreuen ampts vnde van keyserlicher macht der vrienst oe le vnde legge jw enen stefflicken richtliken plichdagh in crafft desses breffs vor den vorbenompten vrienstol vnder den Seuen lynden vpten dinxedagh nest na sunte Aghaten daghe der hilgen juncfrowen nest komende na datum dis breues tho rechter richtetijd daghes vnd gebeyde jw personlicken myt juwes selues lyffe aldar to komene in dat vrijge apenbar gerichte vnd verantworden aldar juwe lijff eer vnde ghelymp na lude der clage vnde na vrienstols rechte tegen deme vorscreuenen cleger vnde procurator oder we der vorscreuenen clage alsdan mit rechte tdone ! sall heb[e]n vor my eder enem anderen vrigreuen, de alsdan den vorscreuen vrienstol myt ordele vnde rechte besittende sall werden. Dar wettet jw wyslicken in den besten na tho richtene, vp dat de leste swar smelicke sentiencie ! der veme nicht auer jw gheffordert vnd gheworuen en werde. Gescreuen vnder mynem segel vpten donnersdagh nest na sunte Katharinen dage der hilgen juncfrowen in deme jare vnsses hern dusentveyrhundert neghen vnd tachtentich

Werner van deme Sunderhuess, van
keyserlicher macht vnde gewalt vrigreue etc.
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Auf der Rückseite: An dem ricchter borghermestern raitmann borgher vnde inwonner vnd al de van mannes kunne bauen twelff jaer olt synt der stat Wyssmer, wo gij namen vnde thonamen vpter doepe entffanghen heb[e]n, kome desse breff. - Ebenfalls auf der Rückseite: secunda citacio und: In die beati Thome vxor Hinrici Krachtes portauit hujusmodi litteram ad domum domini Gerhardi Losten et posuit eandem ad truncum.

Auf Papier mit Resten des schließenden grünen Siegels.


VII.

1489, December 3.

Drei Freischöffen bezeugen, dass an dem für die Wismarschen anberaumten Termine weder Freigraf noch Kläger am Freistuhle unter den Siebenlinden erschienen sind.

Wij Johannes Vernouwer canonicus to Dulmen Jasper van Schedelike erffsettenn to den Osthoue vnnde Hinrick Krumthungher borgher to Dulmen echte vrijschepenne des Romeschen riks bekennen vnnde betughen apenbaer vor alle den jennen, de dessen brieff seende lesende vnnde horende werden, watterleie staits vnde werdicheith de sin, dat wij ame dinxtedage na sunte Clementes daghe negest vorleden vor dem vrienstole to Laer in dem stichte van Munster vnder den Souen linden beleghen mid Hermanno Krumthungher clerico, van den ersamen rade borgheren vnd inwonren der stad Wißmer mit gelouesbreuen der durchluchtighen vnd hoechgeboren fursten vnd heren heren Magnus vnnd Baltasar gebroderen hertoghen to Mekelenborg etc. vor den gnanten vrienstoll to bringhende vthgeschickt vnd gesanth, to rechter richtetidt dages sint gewesen vnd irschenen, alsodane vorscreuen geloues breue na vrienstols rechte dem vrijgreuen to auerantwordende vnd vor to bringhende, hebben denne dar de rechte richtetid daghes samptliken vorbeidet vnd gewachtet, vnd noch vrijgreue edder klegher vppe den vorscreuen vrienstole is worden gefunden edder geseen. Worumme wij sodane afwesinghe des vrigreuen vnnd kleghers mit enen gecrutzigheden pennynghe na vrienstols rechte hebben beorkundighet in biwesennde der

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beschedenen Gerd Backelthueß vnd Johan Lindouwen borghere to Dulmen ok echte rechte vrijschepenne des Romesschen riks. Desses to getuchnisse vnnd merer beuestinghe der warheith hebben wij Johannes Jasper vnd Hinrick vorbenomet vnse ingesegele witliken na eynander benedene laten henghen an dessen brieff, geuen vnd screuen in den jaren vnses heren dusentveerhundertameneghenvndachtigesten ame donredage na sunte Andreaß dage des hillighen apostels.

Auf Pergament. Angehängt sind drei kleine Siegel in dunkelgrünem Wachse:

1) Im Schilde ein Merk. S, [d n mit Querstrich i] iohannis vernower.

2) Im Schilde anscheinend zwei Stierschädel. S-. . . . [V A N S c e D e L e K e

3) ganz verdrückt.

Auf der Rückseite: testimonium de absencia vrigrauij, quando non venit ad judicium nec Hinrick Kracht aut eius procurator etc.


VIII.

1490, Januar 9. Wismar.

Notariatsinstrument über die Aussagen Johann Dudenborgs betreffend den Ungrund der Krachtschen Klage.

In gades namen, amen. In dem jare na der borth des sulften dusentveerhundertneghentich in der achten indictien ame sonauende de dar was de neghede dagh des maents Januarij tor tertien tidt edder darbij pontificatus des alderhilligesten in god vaders vnde heren heren Innocencij van gotliker vorsichticheit paweß des achten in sinem sosten jare vor dem werdighen vnde vorsichtighen manne heren vnde mester Johanne Gronouwen in den geistliken rechten baculario vnde des erwerdighen in god vaders vnde heren heren Johanne bisschoppe to Raceborch officiali vnde staetholdere vnde in vnser apenbaren notariorum vnde tughe vndergescreuen jegenwordicheit sint de ersamen vnde vorsichtighen manne vnde heren Gerd Lost Bernd Peghel vnde Johan Hoppenacke borgermestere in ereme des rades borghere vnde inwonre der stad Wismer namen van der eynen vnde Johan Duden

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borgh borgher dar suluest van siner eghenen vnde Agneten siner eeliken husfrouwen wegene, den Hinrick Kracht nomet siner dochter man, van der anderen ziden irschenen vnde vorgekomen. Vnde de obgnanten borgermestere in erem vnde erer borgher vnde inwonre namen dorch den werdighen heren magistrum Gotfridum Perseualen erer stad sindicum vnde secretarium hebben vpdecken vorgheuen vnde dem obgnanten Johan Dudenborghe laten vraghen, offte hee edder sin husfrouwe Agneta Hinrick Krachte den raeth borghere vnde inwonre der stad Wismer vorbenomet vor de vrienstole edder anders wor to citerende vnde ladende in eren procuratorem hebbn ! gesettet vnde vulmechtich gemaket. Warto de vorscreuen Johan antworde, dat hee edder sin husfrouwe Hinrick Krachte to nenen saken hedden gemechtighet, ok van en jemande vor de vrienstole edder anders wor to citerende nicht en were mechtich gemaketh, Hinricke ok nene macht van erer wegene in nenen saken jeghen den raeth borghere vnde inwonre vorbenomet to hebbende tostünden. Vurder wart dorch den obgnanten mester Gotfridum Johanne vorgnant gefraghet, offt hee ok jenighe tosprake hedde gehath edder noch hedde teghen den vorscreuen raeth borghere vnde inwonre van schynnynghe berouynghe vnde entwedemynghe weghen, de siner husfrouwen in ereme kindelbedde vnde krame schalen gescheen vnde wedderfaren wesen, dat de raeth tor Wismer gehenghet vnde beleueth schale hebbn, so ene citacie dorch Werner vam Sunderhueß vppe vorforderinghe Hinrick Krachtes vnde sines procuratoris vthgesant dat vormeldet. Dar dan Johan vorbenomet to antworde vnde sede, dat hee to dem obgnanten rade borgheren vnde inwonren nene tosprake derwegen edder anderer sake haluen en hedde, ok Hinrick Krachtes knecht vth siner husfrouwen kindelbedde vnde krame nicht en were ghenomen, de raeth ok sodanß nicht en hedde gedaen noch doen laten bewillet edder bevulberdeth ! , sunder eyn genomet Hermen Klokow hedde(n) in vorledenen tiden vmme vndaeth vnde vorwerckinghe enen knecht mit rechte vppe Hinrick Krachts werckstede in der Kremerstrate belegen antasten laten, welker bode vnde werckstede doch van Hinricks huses vthghanghe vnde inghanghe was vnde noch were de veerde wonynghe, so dat hee edder sin husfrouwe derwegene mit dem rade borgheren vnde inwonren nenen vnwillen, sunder alle lieue vnde fruntschopp en wuste, vnde ok mit dem obgnanten Hermen Klokouwen fruntliken vnde

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gutliken in biwesende des vorscreuen Hinrick Krachts vor den obgnanten heren borgermesteren were in vorghanghenen jaren vorenighet vnde gesleten vnde sick an beiden tziden ghentzliken vorlaten vnde derwegene mit dem rade borgheren vnde inwonren vnde Hermen Klokowen vorgnnant 1 ) ok mit deme ampte der hoetuiltere anders nicht wen lieue vnde fruntschop en wuste, so hee apenbare seede tostont vnde bekande. Wart Johanne breider gefraghet, oft Agneta sin husfrowe vorbenomet Hinrick Krachts dochter were. Darup Johan vorbenomet antworde: neen, see Hinrick Krachts husfrouwen, vnde nicht Hinricks, dochter were; sin eelike vnde echte husfrouwe were vnde qweme Hinrick Krachte nicht to vordedinghende.

Vppe desse vorscreuen bekantnisse de 2 ) ergnanten heren borgermestere in erem ok erer borghere vnde inwonre namen esscheden vnde beden vns apenbaren notarien vnde vndergescreuenen schriueren, wij en dar eyn instrumentum 3 ) edder meer vp maken vnde gheuen wolden. Desse dinghe alle sint gescheen tor Wißmer in der groten schriüerije in dem jare indictien daghe maente vnde pontificatu so bauen gescreuen steith in jeghenwordicheit der beschedenen manne Hans Warendorpp Drewes Voß vnde Hinrick Runeman borghere tor Wißmer des vorbenomden Raceburgeschen stichts tughe hir sundergen tho gheesscheth vnnde ghebedenn.

Vnde ick Hermannus Krumthungher clerick des gestichts van Munster van pawesliker vnde keiserliker gewalt notarius vnde vor dem werdigen vnde vorsichtigen manne heren vnde mester Johanne Gronouwen officiali bauen gescreuen in desser sake apenbaer schriuer - - - ick mit dem beschedenen Johanne Beitzendorp clerike Lubesches stichts van keiserliker gewalt notarius vndergescreuen samptliken gheesschet - - - vnde darumme dit jegenwordighe apenbaere instrumentum mit myner eghenen hant geschreuen, ok mit mynen gewontliken signetum 3 ) namen vnde tonamen mede mit anhenghinghe des vorbenomeden heren officiaels ingeseghele getekent vnde beuestighet - - -.

Vnde ick Johannes Betzendorp - - -.

Die zweite Unterschrift von anderer Hand. Daneben die Zeichen der Notare. Angehängt ist das dritte im wismarschen Rathsarchive


1) Ueber der zweiten Silbe ein Strich.
2) Ursprünglich wohl der.
3) Abgekürzt.
3) Abgekürzt.
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im 15. Jahrhunderte beobachtete Officialatssiegel (mit rother Platte): Bischofsmütze mit Bändern im sternbesäeten Felde. Umschrift: Sigillvm • oficiolatvs razebbvrgēs ×

Dies Siegel ist von 1490 an wahrgenommen, das vorhergehende von 1423 - 1485, das erste, Masch unbekannte im Jahre 1422. Die Angaben bei Masch, Geschichte des Bisthums Ratzeburg, S. 706, sind ungenau.

Auf der Rückseite: Instrumentum secundi actus continens, quomodo Johan Dudenborch nomine sui et sue vxoris filie Krachtes fatebatur, quod Hinr. Kracht non fuisset ab eo neque sua vxore constitütus ad citandum aliquem etc. et quod ipse et sua vxor nullam haberent impeticionem contra Wisma[r]ien[ses] etc.


IX.

1490, Januar 13. Wismar.

Notariatsinstrument über die Aussagen Herman Klokows und Genossen betreffend die Ergreifung des Krachtschen Gesellen.

In gades namen, amen. In dem jare na der borth des sulften dusentveerhunderthneghentich in der achten indictien am midweken de dar was de drutteynde dach des maentz Januarij tor tercien tid edder darbi pontificatus des alderhilligesten in god vaders vnnde heren heren Innocencij van gotliker vorsichticheit pawes des achten in sinem sosten jare vor dem werdigen vnde vorsichtigen manne vnde heren mester Johanne Gronouwen in den geistliken rechten baculario vnnde des erwerdighen in god vaders vnde heren Johanne bisschoppe to Raceborgh staetholder vnde officiaell auer dat stichte Raceborgh vnnde in vnser apenbaren notariorum vnde tughe vndergescreuen jeghenwordicheit de ersamen vnde vorsichtigen manne vnde heren Gerd Lost Bernd Peghell vnde Johan Hoppenacke borgermestere in erem des rades aller borghere vnde inwonre namen der stad Wismer Raceborgesches stichts van der eynen vnde Hermen Klokow hoetuilter van der anderen zide sint erschenen vnde vorgekomenn. Dar de obgnante her Gerd Lost in ereme des rades borghere vnde inwonre namen vorbenomet dem vorscreuen Hermen Klokouwen

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vpdeckede vnde vorgaff, wo Werner vam Sunderhueß, vrijgreue des vrienstoels to Laer in dem stichte van Munster vnder den Souen linden belegen, ene citacie vppe vorforderinghe Hinrick Krachts vnde sines procuratoris schale hebbn vthgesant, darinne den raeth borgere vnde inwonre vorbenomet to rechte gedaghet vnde citeret, darumme dat see gehenghet vnde beleuet schalen hebben, dat de hotuilters bynnen erer stad siner dochter kindelbedde vnde in dem hilligen ampte, dar see van groten kranckheiden inne lach, geschynnet scholden hebben mid weldigher vnde wapender hanth vnde dar Hinricks knecht vthgenamen vnde gefangen, wo de citacie dat wider heft begrepen, vurder dem obgnanten Hermene vraghende, oft de raeth borgere vnde inwonre tor Wismer vorbenomet em sodane 1 ) hedden geheten, dat hee scholde Hinrick Krachtes knecht mit wapene vnde wald nemen vth deme huse, dar Hinricks steiffdochter dat kindelbedde inne lach, den kraem also beschynnen, vnde oft sodane 1 ) van em ok were gescheen. Dar de vorscreuen Hermen Klokow to antworde vnde apenbaer sede, dat de raeth borgere vnde inwonre nicht en hedden gehenghet beleuet bewillet edder bevulbordet mit weldigher vnde wapender hant Hinrick Krachtes wiues dochter kindelbedde vnnde kraem to schynnende vnde to entwedemende edder jemande darvth tho nemende, ok van em ofte den hotuilteren edder anders nummende nicht geschynnet edder entwedemet were, sunder in vorledenen jaren sick hedde begeuen, dat hee in Hinrick Krachtes bode vnde werckstede in der Kremerstrate belegen verne van Hinrick Krachtes huses vthgange vnde inganghe, dar de obgnante frouwe in dem krame vnde kindelbedde inne lach, de veerde bode vnde woninghe was in ener anderen strate, enen knecht mit rechte hedde laten (vnde) 2 ) antasten vmme etliker tosprake vndaet vnde vorwerkinghe willen, worumme hee vnde de sulue knecht, alse hee loeß was, mit willen vnde vulborde ok biwesende des obgnanten Hinrick Krachtes vor den vorscreuen heren borgermesteren weren vorenighet vnde vorliket vnde de ene den anderen ghentzliken vnde entliken hedden vorlaten. Sodanne to bewisende vnde war to makende sint to der suluen tid vnde stede vor den obgnanten heren officiaele, dorch den obgnanten Hermen Klokouwen mit rechte darto gefordert, gekomen Arnd Hollander Hinrick Wenth vnde Peter Praell borgere tor


1) soda n mit Querstrich .
1) soda n mit Querstrich .
2) Durch feine Striche getilgt.
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Wismer nicht van vruchten, nicht vmme gelt gifte edder gaue leue ofte leeth noch vmme fruntschop edder haetz willen, sunder richtliken van dwanghe vnde hethe na rechtes vormage des obgnanten heren officiaels vppe dat hillige euangelium eere vinghere leggende gestaueder eede lifliken to gade sinen hilligen vnde bi dem hilligen euangelio geswaren tughet vnde war gemaket, dat see geseen vnde dar an vnde auer hedden gewesen, dat Hermen Klokow vorbenomet vmme etliker tosprake vndaet vnde vorwerckinge willen den vorbenomeden knecht in Hinrick Krachtes bode vnde werckstede in der Kremerstrate belegen mit rechte hadde laten antasten, van Hinrick Krachtes wonhuses vthganghe vnde inghanghe vmme(n) den orth in ener anderen strate, de Oldewismer strate genomet, de veerde bode vnde woninge was vnde is, vnde nicht in Hinricks huse edder in sines wiues dochter kindelbedde vnde krame, de raeth borgere vnde inwonre vorbenomet ok sodane 1 ) nicht en hadden gehengheth beleuet edder bevulbordet, ok dat Hermen Klokow vnde de vorgnante Kracht (sick) nicht lange darna vor den obgnanten heren borgermesteren in biwesende vnde mit willen vnde vulborth Hinrick Krachtes sint vorenighet vnde gesleten vnde de ene den anderen gentzliken hedde vorlaten, dar see ok mede an vnde auer hedden gewesen. Vppe welker vorscreuen rede antworde tuchnisse vnde eede de ergnanten heren borgermestere in ereme des rades borghere vnde inwonre namen esscheden vnde beden vns apenbaren notarios vnde vndergescreuen schriueren, so vns ok de obgnante here officiaell vororleuede ! geboeth vnde hete, wij en dar eyn instrumentum 2 ) edder meer, ok so vele der van noden wurde, vpp maken vnde geuen scholden, vnde de obgnante here officiael tor warheit vnde merer sekerheith sines ambachts ingesegell benedene heft laten hengen an dit jegenwordige instrumentum 2 ). Vnde desse alle sint also gescheen tor Wismer in der groten schriuerie des rades in dem jare indictien dage maente vnde pontificatu, so bauen gescreuen steith, in jegenwordicheit der beschedenen manne Gerd Westuaell Hans Hardenacke vnde Michel Borneke borgere tor Wismer tughe hir sundergen to geeschet vnnde gebedenn.

Beglaubigung im Ganzen wie zu 1490, Januar 9. Angehängt ist das ebenda beschriebene Officialatssiegel. Auf Pergament.


1) soda n mit Querstrich .
2) Abgekürzt.
2) Abgekürzt.
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Auf der Rückseite: Instrumentum tertii actus continens in se testimonium, quod violencia non fuit facta in domo Hinr. Krachtes et filie ejusdem in puerperio jacentis.


X.

1490, Januar 30. [Siebenlinden.]

Der Freigraf Werner van dem Sunderhus verweist die Klage Hinrik Krachts an die Herzoge von Meklenburg.

Ick Werner van dem Sunderhueß, van keiserliker gewalt vrijgreue des vrijenstoels to Laer in dem stichte van Munster vnder den Souen linden beleghen, bekenne vnde betughe apenbaer in vnde mit dessem apenen breue, dat ick alsodane sake claghe vnde tosprake, alse Hinrick Kracht to dem ersamen rade borgheren vnde inwonren der stad Wismer vorment to hebbene, darumme see van my vor den obgnanten vrienstoell citeret vnde geladen weren, vppe gelouesbreue der durchluchtighen vnde hoechgeboren fursten vnde herenn heren Magnus vnde Baltasar gebroderen hertoghen to Mekelenborch ffursten to Wenden vnde der duchtighen Volreth vam Loe vnde Hinrick Bertzen erffsettenn in dem lande to Mekelenborgh, dorch Hermannum Krumthungher vulmechtighen procuratorem der stad van der Wismer an my geschickt, van hethe willen vnde vulborde des edelen vnde wolgeboren heren heren Euerwin greuen van Benthem vnde heren to Stenforde stoelheren des obgnanten vrienstoels sodane breue mit der orkunde hebbe entfanghen na vrienstoels rechte vnde de sulue sake vor de vorgnanten fursten alse behorlike vnde ordentlike richtere des beclagheden parthes hebbe remitteret vnde gewiseth, sodane claghe vnde sake entliken na claghe vnde antworde beider parthe in fruntschop edder rechte to richtene vnde scheidene. In getuchnisse der warheit hebbe ik Werner vrigreue vorbenomet myn ingeseghel an dessen breeff gehanghen, vnde wante wij Euerwin greue vorgescreuen dit bekennen vnde beleuen, so hebben wij tot merer beuestnisse der warheit alse stolhere des vurgnanten vrigenstoels vnse seghell vor an dessen breff doen vnde hethen hanghen in dem jare vnses heren dusentveerhundertneghentich des saterdages na sunte Pawels dage conuersionis.

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Angehängt sind 2 Siegel:

1) Reste in grünem Wachse; das erhaltene Rücksiegel wie an Nr. XIV;

2) in rechtsgelehntem Schilde unkenntliche Figur, darüber ein Helm. Umschrift unlesbar.

Auf der Rückseite: Dith is de remissie, worinne Hinr. Krachtes sake wert gewiset vor de fursten van Mekelenborch.


XI.

1490, April 1. Ratzeburg.

Schreiben Hinrik Krachts an die Herzoge Magnus und Balthasar.

Jwer gnaden gudtwillige arme dener Hinrik Cracht den irluchtigen hochgeboren fursten vnde heren heren Magnus vnde Baltasar, gebruderen hartoghen to Mekelenborg fursten to Wenden greuen to Zwerin Rozstok vnde Stergarden der lande heren, mynen gunstigen gnedigen leuen heren willige dinste touoren. Irluchtigen hochgeboren fursten, gnedigen leuen heren, so denne jwer furstliken gnaden scriffte an my geda e n vormelden sulke sake, de ik jegen myne wedderparte vor deme vorsichtigen Werner van deme Sunderhuß van keyserliker macht friggreuen des frigenstols to Laer ime stichte to Munster etc. int recht gestellet hebbe, vorfordert vp jwer gnaden gelouesbreue vnde etliker gudenmanne, de wolgeboren here Euerwin here to Stenforde stolhere des vpgnanten frigenstols jwen furstliken gnaden alze behorliken vnde ordentliken richteren schole hebben remitteret vnde to jw gewiset nach clage vnde antworde der parte in fruntscop vnde rechte to richten vnde entscheiden, bogherende, ick an deme donredage neghest komende vor Paschen nomeliken an deme guden donredage vor jwe gnade wolde wesen to Zwerin, konde myne sake in fruntscop nicht werden bigelecht, scholde ick syn tho Boytzenborch des frigdages na Quasimodogeniti to rechte, dar do gij my citeren yn crafte jwer scrifte, de ik yn allen puncten to guder mate, so se inholden, wol hebbe vorstan: do ik arm man jwen furstliken gnaden darvp dinstliken weten, so ik tegen myne parte thor Wißmer, dar ik nyn borgher men eyn inwoner waß, nicht irrisen mochte, hebbe myn recht to bemanende ime keyserrechte vor deme frigenstole vorsocht vnde

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hebbe see dar laten citeren. In deme Zwerinschen rechte bofruchte ik my bohalynge hinder vnde schaden. Ick hebbe gen vulbordt des to Zwerin ime rechte to uorsokende darto gegeuen. Dar ik myn recht to bemanende hebbe angehauen, dar denke ik des furder to endigende. Id en is ne gehordt, dat welke sake, de vor deme frigenstole ime keiserrechte to bemanende worden betenget, wedder, dar see nicht bemanet, mochten werden gewiset. Jwe furstlike gnaden scriuen my en guden donredage to Zwerin to wesende fruntscop in der sake to beramende ofte vordt des frigdages na Quasimodogeniti to Boytzenborch ime rechte vor jwen gnaden to wesende: in der stillen weke holdet me noch ghestlik ofte werlick recht vnde en handelt men ok nene sake; des frigdages na Quasimodogeniti vorgeroret hebbe wij den dach sancti Greorgij, dar ik nicht denke ane to rechte to kamende alze vp enen stekeden rechtdach. Ok en vulborde ik nicht an jwen gnade alse an mynen richter, schaden hinder vnde anxste haluen appellere ik van sodaner citatien vnde schete myn recht to sokende vor den frigenstole, dar ik des angehauen hebbe. Bidde deger denstliken jwen [gnaden] my des nicht willen vorkeren vnde de jwen darto mochten hebben, my lik vnde wandell van en moge boschen, furder schade vnde nadeel moghe vorbliuen, vordene ik tegen jwe furstliken gnaden wor ik mach, irkennet de almechtige godt, deme ik de vilgenanten jwe furstliken gnaden lange gesundt to sineme dinste bouele. Gescreuen vth Rasseborch anno etc. xc0 des donredages vor Palme vnder signete.

Transsumirt in dem Notariats=Instrumente von 1490, April 8.


XII.

1490 [zwischen März 25 und April 8] [Ratzeburg.]

Schreiben Hinrik Krachts an den wismarschen Rath.

Hinrick Cracht. An de erßamen heren tor Wißmar zal disse breff, vruntliken gescreuen.

Erßamen leuen heren tor Wißmer. Alße gij vthgesandt hadden Hermannus jwen dener vnde alß jwe leue wol wet, dat he der fursten seghel vnde breue vnde twe gudemans an jenne heren vnde fursten gebracht hefft: so beden my myne heren vnde fursten, dat ik wolde vmme erer bede willen vnde

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then hijr to jw vnde vorsukent vp de negede in fruntschoppen. Muchte my fruntscop wedderfaren, de zolde ik nemen; oft sake weren, dat my nyn vruntscop muchte wedderfaren de my haghede, zo sal ik to myneme gnedigen heren wedder kamen vor er leue, zo en willen se myner nicht vorlaten, se willen my behulplick wesen in allent dat recht is. So hebben se my gebeden, dat ik id sus vorzoken zal, wert zake, dat des sus nicht enschege, so were myn recht desto starker, ick en hadde dar nyne kynder by, do dyt sus geflegen wordt, ik hadde dar schepen vnde radtlude by etc. Vortmer ersamen leuen heren, zo my is to weten geworden, dat Hermannus gebraeht hefft enen apenen breff vnde logenafftigen breff vor jwe leue, dar nicht en ware wort mede is: do 1 ) vragede eyn borghermester, oft Hinrik Cracht dar ok mede by was jegenwordich, do de breff gescreuen wordt, do zede he: ja. Ersamen leuen heren, jwer leue dat nicht tho hone willen then, vnnde kans my nicht ouerbowisen, zo lucht he idt alße eyn vorwunden schalk. Leuen heren, wan dat so schien were, zo wolde ik yn myn eghene hus wol myt myner werdynnen licht u erdiger henne komen mit terynge, dat ik to Raceborch nicht liggen drofte vnde teren: dat kan jwe leue wol kesen vnde kennen, dat dat zo nicht en is. Vnde lach ghint vnde beide wol ver weken na em, vnde to Raceborch gewesen ok nu dre weken. So wil ik jwer leue to willen noch achte dage lanck dar touen vnde ok nicht lenck, krige ik nyn antwordt vnder der tidt. Vnde wil mynen heren dat tor kennynghe gheuen, wodt my geghan is. Hijr wetet jw wißliken in den besten na to richten. Gescreuen mit der hast, datum anno domini mccccxc0.

Transsumirt in dem Notariats=Instrument 1490, April 8.


XIII.

1490, Mai 7. Schwerin.

Notariatsinstrument über Verhandlungen in Sachsen Krachts vor Herzog Magnus von Meklenburg und Graf Eberwin von Bentheim.

In gades namen, amen. In der ! jarenn na der bordt des sulfften dusenthveerhunderthneghentigh in der achten indictien


1) Mit großem Anfangsbuchstaben.
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ame vridaghe de dar was de souede dagh des maents Maij tor vesper tidt edder darbij pontificatus des alderhillighesten in god vaders vnnde vnses herenn heren Innocencij van gotliker vorsichticheith pawes des achten in sineme sosten jare vor deme irluchtighen hoechgeborenn fursten vnde heren heren Magnus hertoghen to Mekelenborgh ffursten to Wenden greuen to Swerin Rostock vnnde Stargarde etc. der lande herenn ok vor deme edelen vnnde wolgeborenn heren heren Euerwine heren to Stenforde vnnde greuen van Benthem vnnde in vnser apenbaren notariorum vnde tughe vnderghescreuen jeghenwordicheith is gekomen vnde irschenen Hinrick Kracht wandages borgher vnde inwonre tor Wißmer gewesen. Vnnde de vorbennomede 1 ) here Magnus was redende vnde vorgheuende, wo sodanne sake claghe vnnde tosprake, alse de obgnante Hinrick Kracht to deme ersamen rade tor Wißmer vormeende to hebbende, vor sine gnade vnnde siner gnaden broder herenn Balthasar alse erffborenn herenn ordentlike vnde behorlike richtere des beclagheden partes were ghewiseth vnnde remitteret inn fruntschopp edder mit rechte na claghe anthworde vnde rechtes irkantnisse to richtende vnde vorscheidennde, so ene remissie, dorch den gnanten herenn Euerwin vnde Werner vame Sunderhues vrigreuen des vrienstols to Laer vorseghelt an ere gnade gesanth, were vormeldennde. In macht der vorberureden remissien ere gnade hadde esschen vordaghen vnnde citerenn laten den ersamen raeth borgher vnnde inwonre tor Wismer vnde den gnanten Hinrick Kracht to Swerin ame gudendonredaghe negest vorganghen vor ere gnade to komende vnde irschinende vor to nemende vnde to uorsokende, oft sodane vorbeandede sake in fruntschop gesleten vnde bighelecht mochte werden, weret auerst de fruntschopp to der tid sick nicht en wurde vindende, de obgnanten beiden parthe to Boitzenborch ame vridaghe na Quasimodogeniti done 2 ) erstkomende hedden eisschen vnde citeren laten, de sake vor eren gnaden richtliken to vorhandelende vnde aldar rechtes to ghenetende vnde entgheldennde. Vppe welkereme vorberureden gudendonredaghe de ersame her Johan Hoppenacke borghermester in deme namen vnde van wegen des obghemelten rades borgere vnnde inwonre tor Wismer vulmechtich vnde gehorsammich erer gnaden scrifften vnde vorbeandeden citacien


1) vorbe n mit Querstrich n mit Querstrich .
2) do n mit Querstrich .
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to Swerin vor eren gnaden were gewesen na to ghande vnde genoch to donde der vorberureden remissien, wo behorlick vnde recht were, in deme namen obgnannt 1 ) sick hedde vorbaden ok sick beclagheth des vnhorsammes vthbliuendes vnde contumatien Hinrick Krachts vnde darvan apenbare protestatien gedaen vnnde aldar ok getogheth vnnde lesen laten enen breeff, dorch den gnanten Hinrick Kracht an den obgnanten raith tor Wismer ghescreuen, wo sodanne vorberurede remissie dorch den gnanten heren Euerwin vnde Werner siner gnaden vrigreuen vorseghelt loghenafftich vnnde nicht eynn waer worth were in sick holdennde etc. De velegnannte here Magnus vurder vortellede, wo sine gnade vnde siner gnaden broder vorgnannt 1 ) ok van Hinrick Krachte enen breff hedden entfangen vnnde aldar lesen laten, worinne Hinrick Kracht der vorberurede[n] remissien vorsakede, erer gnaden gerichte vorachtede vnde versmaede, der remissien ok nicht na to ghande vnde genoech gedachte to donde, sunder hedde wreueliken appelleret ane wise vnnde forme der rechte vor den obgnanten vrienstoell to Laer, also des gnanten herenn Euerwins vnde Werners vrigreuen seghell vnnde breue de obgnanten remissien erer gnaden recht vnnde gherichte geloichenth vorachteth vorsmaeth vnde darvp schentlikenn vnnde honliken, wo vorberuret, gescreuen vnnde gesecht, so eynn apenbaer instrumentum * ) de obgnanten remissien citacien vnnde sendebreue in sick holdennde vnde gantze vorhandell vorberuret breider hefft begrepen, dorch my Petrum Sadelkouwen notarium vndergescreuen ghemaketh. Worumme ere gnaden to lieffmode vnnde behegheliken willen deme obgnanten herenn Euerwine vnnde sinen vrigreuen hedden klegheliken laten claghen vnde angefallen 2 ) den irluchtighenn hoichgeborenn fursten vnde heren heren Johan hertoghen to Sassen Engherenn vnnde Westualen, sijne gnade den gnanten vntuchtighen man schender vnnde honspreker Hinrick Krachte in siner gnaden stadt Raceborgh wesennde mochte vpholden an de tokumpst des obgnanten herenn Euerwins, de denne vnlanghes to Swerin bij sine gnade wurde komende, alsdan to beseende vnnde irkennende, off sodanne remissie 3 ) richtliken vnnde gheborliken, edder nicht, so Hinrick Kracht hedde gescreuenn, were geforderth vnnde vorworuen. Vnnde darvpp de sulue Hinrick Kracht van deme gnanten herenn van Sassen


1) gnā n mit Querstrich nt, was meist in gnante, gnanten aufzulösen war.
1) gnā n mit Querstrich t, was meist in gnante, gnanten aufzulösen war.
*) Notariats=Instrument von 1490 April 8.
2) ge ganz fein über der Zeile nachgetragen.
3) Am Rande.
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to Raceborgh in siner gnaden stadt were mit rechte entholden. So alse denne de velegnante(n) here Euerwin nu aldar jeghenwordich bij sinen gnaden were, hedde de obgnante here Johan hertoghe to Sassen den gnanten Hinrick Kracht aldar gesanth, sodaner vndaeth vorbescreuen sick to uorantwordende vnnde enthlegghennde edder derweghen van dem obgnanten heren Euerwine vnde ok sinen gnaden mit rechte to scheidennde. Vnnde darto ock den obgnanten ersamen raeth tor Wismer hedde don vorschriuen, so dar de ersamen her Johan Hoppenacke borghermester vorbennomet 1 ), her Johan Bantzkouw rathman vnnde magister Gotfridus Perseuale secretarius in deme namen vnnde van weghenn des rades borghere vnnde inwonre tor Wismer vullmechtich vorqwemen vnnde irschenen noch na tho ghande vnnde ghenoech to donnde der vorberureden remissien, wo behorlick (vnnde behorlick) 2 ) vnnde recht were. Wor sodanne vorberureden honliken vnnde schentlike breue, van Hinrick Krachte an de obgnanten fursten van Mekelenborgh vnnde ok an den raeth tor Wißmer gesanth, wurden van worden to worden gelesen. Der de sulue Hinrick tostünth, vnde dorch sinen sone gescreuen vnde van eme vthgesanth werenn apenbar bekande, vnnde der vorbeandeden remissien noch vorsakede, ok apenbaer sede, hee den raeth tor Wismer vor deme obgnanten Werner vame Sunderhueß vrigreuen nicht vorclagheth noch citerenn hedde laten. Worupp de gnanten sendebaden vnnde ghedeputereden des rades tor Wismer twe citacien dorch den obgnanten Werner vame Sunderhueß vrigreuen vpp vorforderinghe Hinrick Krachtes an den raeth borghere vnnde inwonre tor Wißmer gescreuen vnde gesanth togheden vnnde lesen lethen, vnnde de obgnante here Euerwin stolhere des vorscreuenen vrienstoels to Laer in sineme namen ok des obgnanten Werners siner gnaden vrigreuen sodanne lochinche vorachtinghe honlike bekantnisse vnnde schriuenth Hinrick Krachtes vorbescreuen vorantworde vnnde sede aldus: Hinrick Kracht, du vnredelike man, worumme lochenstu vnnse 3 ) vnnde vnses vrigreuen seghell vnnde breue? westu nicht, dat wij sodane claghe vnde tosprake, alse du jeghen den ersamen raeth tor Wismer vormeendest to hebbennde vnnde vor deme vorbenomden vnse ! frienstole anghehauen, vppe noghafftighe geloueß vnnde gheleides breue mit dineme willen vnnde wulborde an de fursten van Mekelenborgh in fruntschopp offt rechte to richtennde na


1) vorbe n mit Querstrich n mit Querstrich .
2) Durch Unterstreichung getilgt.
3) Abgekürzt.
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vormoghe vnnde inholde der suluen remissien, van vnns vnnde vnsen obgnanten vrigreuen dij twe male vorghelesen, eer see van vnns vorseghelt warth, hebbn remitteret vnnde ghewiseth? vnnde alse du ok apenbaer secht, du hebbest nicht geclagheth auer den raeth tor Wismer vnnde den ok nicht laten citerenn, dar du denne loghenafftighenn vnnde vnredeliken ane hefft ghesproken vnnde dij darvor grote pene vnnde straffinghe woll behorede, wante du jeghen de warheith valßliken vnnde bedrechliken secht. Vurder segghennde, dat siner gnade witlick kundich vnde bekanth were, dat Hinrick Kracht vorbennomet 1 ) deme vorscreuenen Werner siner gnadenn vrigreuen auer de van der Wismer hedde geclagheth vnnde den ! ock citeren lathen. Alse de obgnante here Euerwin in vorbeschreuener wise den vorscreuenen Hinrick Kracht vmme siner loghenne willen hadde gestraffeth vnnde der warheith tuchnisse gegeuen, Hinrick Kracht vrij ledich vnnde loeß, vngheengheth vnde vnghedwengheth, vppe vrien vothen vnde wolberadens modes willichlikenn vnde nicht van anxstes wegen apenbar sede tostont vnnde bekande, dat sodanne afforderinghe vnnde remissie siner sake vnde tosprake ok der suluen remissien vorseghelinghe dorch den obgnanten herenn Euerwin vnnde Werner siner gnaden vrijgreuen mit sinen willen vnde vulborde were bescheen, vnnde darenbauen sodanne loichinghe der remissien vorachtinghe seghell vnnde breue ok vorsakinghe der vorclaghinghe vnnde citacien, auer den raeth tor Wismer gedaen vnnde andere honlike rede vnnde schriuenth an de obgnanten fursten van Mekelenborgh vnnde an den raeth tor Wismer, wo vorbescreuenn is, bescheen, dorch em van vruchten vnnde beschermynghe willen were gesecht vnnde gescreuen, vnnde straffenth derweghenn woll hedde vordeenth. Bekande ok furder de sulue Hinrick Kracht, dat ene de vorscreuen here Johan hertoghe to Sassen mit rechte vmme sines vorscreuenen honliken vnnde schentliken schriuendes vnde segghendes willen hedde ghetoueth vnnde vpgheholden, vnnde em darumme aldar to Swerin vor de obgnanten herenn gesanth, were eme alle mit rechte bescheen, bath vmme gades willen eme sodanne alle vorlaten vnnde vorgheuen mochte werden. Worumme de velegnante here Euerwin eme sodanne vmme de leue gades ok des obgnanten herenn Magnuß vnnde erer beider redere bede willen vorleeth vnnde vorghaff, wall dat deme suluen


1) vorbe n mit Querstrich n mit Querstrich .
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Hinricke grote pene vnnde straffinghe darvor scholde gheeghenth hebbnn vnnde anghelecht worden, dar de vorscreuenn Hinrick Kracht den obgnanten fursten herenn vnnde eren rederenn hoechlikenn vor bedanckede. De sulue Hinrick Kracht hefft ock vor denn herenn vorbennomet 1 ) vnghenodigheth vnnde vnbedwunghenn mit vrijen willen vnnde wolbedachten mode vor sick sijne eruen frunde vnnde alßweme gheistlick edder wertlick gheborenn vnnde vngheborenn ghentzliken vnnde all avergheuen vnnde vorlaten auerghaff vnnde vorleeth alle sake claghe vnnde tosprake, de hee jeghen den raeth borghere inwonre vnnde hotuiltere der vorgnanten stadt Wißmer jenigherwise ghehath mochte hebbnn edder noch hedde, alse hee doch nicht en hedde, so hee apenbaer tostonth vnnde bekande, wo vorberuret werdt, see were groith offt kleyne, hemelick edder apenbare, vnnde lauede in guden truwen vnnde sekereme gelouen in nenen tokomenden tiden vppe den vorscreuenen raeth borghere inwonre vnnde hotuiltere tor Wißmer vmme jenighe sake, wente an dessen dagh tusschen en irresen, to sprekende sakende offt claghende vor neneme gherichte gheistlick offt werlick hemelick offt apenbaer, sunder eer beste weruen vnnde doen vnnde eer argheste affwerenn vnnde kerenn na alle sijneme vormoghe, so hee dath ock lijffliken to gade vnnde den hillighenn reckeliken vnnde redeliken vnghenodigheth vnnde vnbedwunghen mith vpgherichteden vingherenn stauedes eedes hefft gheswaren vnnde gelaueth to ewighenn tiden vnuorbrokeliken to holdennde, vnnde darvpp personlikenn edder numment van siner weghenne in nenen tokomennden tiden vp to manende sakennde vnde sprekennde.

Vppe welke vorbescreuene dinghe alle vnnde eynn islick bisunderenn de obgnanten sendebaden van der Wismer in deme namen vorbescreuenn eisscheden vnnde beden vnns vndergescreuenn notarios en hirvpp eyn edder meer instrumentum vnnde instrumenta vnde so vele der van nodenn wurde to hebbennde gheuen vnnde maken wolden.

Dith is gescheen to Swerin vppe der borch in deme jare indictien daghe maente pontificatu stede vnnde stunde bauen ghescreuen in jeghenwordicheith vnde biwesennde der werdighenn vnnde duchtighen magistri Liborij Meyers, in beiden rechten doctoris vnnde der obgnanten fursten van Mekelenborgh cancellarij, her Bertoldt Oborch ritter Schotte Beuer marsschalk


1) vorbe n mit Querstrich n mit Querstrich .
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des gestichtes to Munster Clawes Lutzow Ciriacus Biswangk Clawes Hoiger borghermester vnnde Titke Schulte rathman to Swerin tughe hijrto gheescheth vnnde sunderlinx ghebedenn.

Et ego Petrus Sadelkow clericus Hauelbergensis diocesis publicus sacris apostolica et imperiali auctoritatibus notarius, quia premissis - - - vnacum connotario meo - - - interfui -- - -.

Et ego Hermannus Krumthungher clericus Monasteriensis diocesis publicus sacris apostolica et imperiali auctoritatibus notarius, quia - - - - ideoque hoc presens publicum instrumentum manu mea propria conscriptum cum eodem subscripsi - - -.

Auf Pergament mit den Zeichen der Notare, die Beglaubigung Sadelkows von dessen Hand.

Auf der Rückseite: Eyn instrumentum des vorhandels to Swerin vor hertoch Magnuß vnnde heren Euerwine bescheen ame vrijdaghe vor Vocem jocunditatis, 1 ) so ok der obgnanten heren vorseghelde breeff des suluen vorhandels haluen is vormeldennde.


XIV.

1490, Mai 14. Schwerin.

Herzog Magnus von Meklenburg und Graf Eberwin von Bentheim beurkunden den Versicht Hinrik Krachts auf jegliche Klage gegen die Stadt Wismar und die dortigen Hutfilter.

Wij Magnuß van godts gnaden hertoghe to Meklenborgh ffurste 2 ) to Wenden greue 3 ) to Swerin Roßtock vnnde Stargharde etc. der lande here vnnde Eeuerwinn 4 ) der suluen gnade greue van Benthem vnde here to Stenforde bekennen vnnde betughen apenbaer vor alßweme in krafft desses breues, dat vor vnns in jeghenwordicheith vnnser nagescreuenen redere ok in biwesende der ersamen ere Johan Hoppenacken borgermester vnde ere Johan Bantzkouwen rathmanne vnde Grotfridi Perseualen secretarij ime namen vnde van weghen des gantzen


1) Die Verhandlung hatte am Freitage vor Cantate statt; es liegt eine Verwechselung mit der folgenden Urkunde vor.
2) Ursprünglich ffursten.
3) Ursprünglich greuen.
4) Eeuerwi n mit Querstrich .
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rades borgher vnde inwonre der stadt Wißmer vulmechtighen sendebaden vnde houethmanne is irschenen Hinrick Kracht, wandaghes borgher vnnde inwonre tor Wismer gewesen, hefft apenbaer, vngheenghet vnde vngedwenghet ok nicht van 1 ) anxstes weghen vppe vrigen voten bekanth vnnde togestaen, dath hee vnnse 2 ) heren Eüerwinß vorgnant vnde vnses vrigreuen Werner vam Sunderhueß vnses frigenstoels to Laer seghell vnde breue vntuchtliken an den ersamen raedt tor Wismer hadde gescreuen, de suluen seghell vnde breue gestraffeth vnde geloichendt, alse sin schriuent claerliken wol vthwisede, welk hee tostunth vnnde bekande sin sane van sineme hethe gescreuen hadde, bath de sulue Hinrick sijck sodane vmme gades willen to vorlatende vnde vorgheuende, szo wij eme des, dar hee wol na gebore grote pene vnde straff vmme gheeghenth hadde, vmme de leue gades ok des vpgnanten heren Magnuß van Mekelenborg etc. vnde vnser beider redere bede willen vorlaten vnde vorgheuen hebben. Ok vorbadt heft de sulue Hinrick Kracht vor vnns in mathen, wo vorscreuen, hekanth, dat de hochgeborenn furste here Johan to Sassen Engheren vnde Westualen en vppe vnse hertich Magnus beclaghinghe to liefmode vnde tome besten den vorscreuen heren Euerwin vnde vrijgreuen des vrienstoels to Laer vmme sines vnthemelikenn vnde schentliken vnde loghenaftighen schriuendes willen vorbeandet mid rechte besatet vnde beherdeth hadde in siner gnaden gerichte to Raceborgh vnde sodane mid rechte eme were bescheen, dar wij here Euerwin vorgnant den vorgnanten heren Magnuße van Mekelenborg etc. vnde heren Johan to Sassen etc. hoechliken vor bedancken. De sulue Hinrick Kracht vorth vor vnns heren vorbenomet heft mid luden klaren stemmen gesecht, oft hee jenighe sake claghe edder tosprake jeghen den raidt borgher vnde inwonre der suluen stadt Wißmer mochte gehadt hebben edder noch hedde, see were groith edder kleyne, heft de sulue Hinrick vor uns heren vorgnannt 3 ) gentzliken vnde alle mid vrigen willen vnde wolbedachten mode vor sijk sine eruen frunde vnde alßweme gheistlick vnde wertlick gheboren vnde vngeboren vorlaten vnde gelaueth 4 ) in guden truwen in sekereme louen nummer vpp den raidt borgher vnde inwonre edder ock de hoetfiltere tor Wißmer vmme jenighe sake, wente an dessen dach irresen,


1) Ueber der Zeile.
2) Abgekürzt.
3) gna n mit Querstrich t.
4) Ursprünglich begonnen vor.
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to sprekende sakende ofte claghende vor neneme gerichte geistlick oft wertlick, so hee dat to gade vnde den hillighen reckeliken vnde redeliken mid vpgerichteden vingheren stauedes eedes heft geswaren vnde gelaueth vnuorbrokeliken to holdende, so eyn apenbaer instrumentum, dorch enen louenwerdighen apenbarenn schriuer vnde notarium Petrum Sadelkow darvp gemaketh, woll wider vnde breider is vormeldende. Hir an vnde ouer sint gewesen van vnses 1 ) hertighe Magnus weghen de werdighen vnnde duchtighen doctor Liborius Meyer cancellarius Claweß Lutzow marschalk Ciliax van Bijßwanck Clawes Hoiger borgermester vnde Titke Schulte rathman to Swerin vnnde van vnses 1 ) heren Euerwins weghene here Bertold van Oborch ritter vnde Schotte de Beueren marschalk des stichts to Munster vnde welke mere andere de tughes vnde louen werdich sinth. In orkunde vnnde grotereme gelouen hebben wij hertich Magnus vnde here Euerwin vorbenomet vmme bede willen vnde esschinghe der obgnanten sendebaden van der Wismer vnde Hinrick Krachtes dessen vnsen breeff gegeuen vnde vnse ingheseghele witliken henghen hethen beneden an dessen breeff, screuen to Swerin ame vridaghe vor Vocem jocunditatis in den jaren vnses heren dusentveerhunderthneghentigh.

Auf Pergament. Der letzte Satz mit anderer Tinte geschrieben. Es hangen zwei Siegel:

1. das des Herzogs Magnus, wie an 1489, November 6, mit rother Platte und zwei Fingereindrücken auf der Kehrseite;

2. rechtsgelehnter Schild, gespalten, vorn mit Pfenningen besetzt, hinten ein Schwan. Helm mit wallender Helmdecke. Helmschmuck: ein männlicher Rumpf mit übergebogener spitzer Mütze. Umschrift: S. everwin graue to bentem her to stenfvrde. Auf der Kehrseite ein Helm mit wachsendem Schwane in einem abgeeckten Rechtecke (Ringsiegel). Neben und unter dem Helme die Buchstaben: g h a Das ganze Siegel in grünem Wachs.

Auf der Rückseite: Eyn breeff vppe de vorlatinghe ede vnde gheloffte Hinrick Krachtes dorch den irluchtighen hochgeboren fursten vnde heren heren Magnus hertoghen to Mekelenborch etc. vnde den edelen vnde wolgeboren heren heren Euerwin heren to Stenforde vorseghellt etc.



1) Abgekürzt.
1) Abgekürzt.
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XV.

1491, September 19. [Arnsberg.]

Der Freigraf Gert Strukelman richtet auf dem Kapitelstage zu Arnsberg in der Klage Hinrik Krachts gegen die Wismarschen.

Ich Gerhart Strukelman, eyn gewerdich richter des heiligen Romschen richs von keyserlicher vnnd konnixlicher macht vnd gewalt, eyn gehuldet frigra u e z u Arnsberch, vorkundigen ! offentlich in dissem brieue allen fursten grauen frien rittern vnnd knechten vnd vnderthanen des richs vnd besundern allen erbern frigrauen vnd echten rechten frienscheffen, de dessen tegenwordigen breiff sehen vnnd horen lesen, dat ich vff hude datum d u sses brie u es stat vnd stoill den frienstoill z u Arnsberch in dem bomgarden gelegen, de konnixliche vnd keyserliche eliche dinckstat vnd stoell myt ordell vnd rechte gespannender banck vp eynem gemeynen gerichtlichen capittelsdage hude aldar gelacht besessen becleiden vnnd beslossen hain, zu richten o u er lieff vnd ere vnder konnix banne nach frienstols rechten als von macht vnd be u ell des erwerdigsten hoichgeborn dorle u chtigesten fursten vnd hern hern Herman ertzbusschoff zu Colle, des heiligen Romschen richs durch Ytalienn ertzcantzlere koirfurst herzoge zu Westualen vnd zu Enger etc., stathelder vnd vorweser der frier heymlicher gerichte etc., myns genedigsten lieuen hern, myt bisitten der strengen vesten frommen vnd ersamen siner furstlichenn genaden reden ritterschaften vnd frigreuen myt namen Philips von Hoerde z u diser zijt sta[t]helder von siner furstlichen genade wegen vnd vort Goddert de Wrede Euert von dem Broke Diederich von Hanxsleide Heydenrich von Enße gnant Snidewint Euert von Ekell Johan von Schorle Adrian von Enße Thonijs Schurman Johan von Tulen Wigant von Hanxsleide Henrich von Berinnckh u ßenn Diderich R u mp Gunterman von Plettenberch vnd von frigreuen Bernt bouen dem Dorpe z u Bal u e Heinrich Smet zu Volckmerßenn Hans von Twerne zu dem Frienhagen Herman Middendorp zu Munster Ludeke von der Mollen zu Soist Euert de Helt zu Vnna Sil u ester Lorinden zur Lantauwe Johan Ysinck zu Assinckhusen Johan Lampe der von Meruelde Werneke von dem Sunderhuiß der Valken Hunolt Linne to Rede Herman Budde zu Osenbrugge Johan Seltzer zu Asschenberge Rotger Hardelop z u Vilgist Tilman

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tor Schuren zu Boickholte J u rgen Denleder tom Hollenor Henne Weuer zum Cansteyn Jurgen Cost zu Dorpmunden Steffen Steynwech zu Corbecke vnnd Jacob myt den Hunden. Dair vor myr frigreuen in gerichte des gemeynen capittels der heymlicher beslossen achte komen vnd irschenen ist de erber Cristianus Berschamp, wlmechtig procurator der ersamen vnnd vorsichtigen borgermestere vnd rait der stat Wismer, tegen Heinrich Craicht hoit u ilter, so als de sul[u]e Henrich sich vor myr sere swairlich richtlichen beclaget hadde, wy de von der Wismer en vngeburlich zu eiden vnd geloften gedrungen hedden, dairvmb he sek myt dissem gerichte vp dissen dach datum dusses brieues wolde witlichen in capittell entslain vnd quiteren laissen, dat ich dan den vurscreuenen von der Wismer vorkundiget hain als recht ist. So hait de vurscreuen Heinrich Craicht hoituiltere tegen de vorscreuenen von der Wismer sine clage vor my frigre u en luden vnd reden laissen. Dair entgegen de vorscreuen Cristianus procurator von wegen der stat von der Wismer breue vnd instrument, dorch den hoichgeboren fursten vnd hern hern Mangnus von Mekelenborch vnd hern Euenvin hern to Steynuerden vnnd greuen von Benthem vißgesant, horen vnd lesen laissen, de dan von macht vnd gewerde myt rechte zugelaissen sien, dairdurch de vorscreuen Heinrich sich sullicher eide vnd gelofte nicht entslain konde.

Dairvp de v u rscreuen Cristianus procurator eyns rechten ordels hait laissen vragen: nadem he de breve vnd instrument, de he hette horen vnnd lesen laissen - off de Heinrich Craicht by dissem gerichte sittendes tijde ! nich wedderlegen konde als recht ist. offt he icht dan vp en d u sse sake erwunnen sulle ha u e[n], off wat dairvmb recht wiere. Dat ordell stalte ek an Euert von Ekell vnd Johan von Tulen borgemester zu Brilon, de myt gemeyner volge dairvff vor recht gewiset hauen: de bre u e, der gnante Cristianus hette horen vnd lesen laissen, moge de vorgescreuen Heinrich myt sinen slechten worden nicht wedderlegen dan alleine myt rechte. Dat ordell wart togelaten myt dissen dren echten frienscheffen Goddert dem Wreden Johan Voigt zu Ahusen vnnd Herman Budden frigreuen z u Osenbrugge besat.

Item, dair entegen de vorscreuen Heinrich Craicht durch sinen erwunnen vorspreken eyns rechten ordels laissen vragen: nadem de sake myt dem frienstole angehauen wiere vnd dairvp de von der Wismer gelouen vnd borgen gedain hedden vnd de sake nicht na frienstoils rechte vorvtert were, off auch

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dan der sel u e Heinrich der sake vorlustich solde werden, offt wat dairvmb recht were. Dat ordell stalte ich an Diderich von Hanxsleide vnd Tilmanne Kukelheym borgermester zu Ruden, de myt gemeyner volge dairvp vor recht gewiset hauen: were dat also, dat de sake myt rechte nicht vorwiset were vnd Heinrich des nit gefulbordet hedde, des mocht he geneten. Dat ordell wart zugelaissen vnd besat myt dussen dren echten rechten frienscheffen Euert von dem Broke Heinrich von Berinckhusen vnd Herman Middendorp frigreue zu Munster.

Item, dairvff ließ Cristianus procurator vorgescreuen eyns rechten ordels vragen: nadem de instrumente segell vnnd bre u e, von den fursten vnd hern tegen den vurscreuen Heinrich gege u en vnd hir gelesen, (weren) von macht vnnd gewerde erkant weren, off dan de sulue Henrich der stat van der Wismer ir kost vnd schaden auch schuldich were zu richten, off wat dairvmb recht were. Dat ordell stalte ich an Wigande von Hanxsleide vnd Gert Krosener zu Geseke, de myt gemeyner volge dairvp vor recht gewiset hauen, dat de vorgnante Heinrich der stat von der Wismer cost vnd schaden schuldich were zu richten. Dat ordell wart zugelaissen vnd besat myt dissen dren echten rechten schiltburdigen frienscheffen Gunterman von Plettenberch vnnd Heidenrich von Enße gnant Snidewint vnd Thonnijs Schurmann.

Alle d u sse vorgescreuen ordele vnnd processe sint togelaten besat beorkundet vnd nicht wedderachtet, dair ich myne orkunde vp entfangen hain, vnd ich frigreue vorscreuen hain des z u ork u nde der warheyt myn segell von gerichtzwegen an d u ssen brieff gehangen vnnd hain vort zu merem getuchnisse gebeden den vorscreuen Philips von Hoerde lantdrostenn Herman Middendorp frigreuen zu Munster vnd Ludeken von der Mollen frigreuen zu Soist, dat se er segell by dat myne an d u ssen brieff gehangen hauen, des wir Philips Herman vnnd Ludecke also bekennen. Gegeuen m den jaren unsers hern dusentvierhunderteynvndnegentich des nesten mandages nach sint Lambe[r]tz dage.

Von 4 Siegeln ist das dritte verloren.

1. Stehender Mann barhaupt mit Strauch in der Rechten, mit der Linken einen Schild haltend. Der links gekehrte Schild ist umgekehrt gabelförmig getheilt und jeder Platz mit einer Raute belegt. Umschrift: Si gerh . . . strukelma vrigre.

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2. viergetheilter Schild. Im ersten und vierten Felde ein Löwe (?), im zweiten und dritten eine fünfblätterige Blume. Umschrift: Sigillum . . . h[oer]de.

4. auf dem Helme ein Flug, sonst unkenntlich.

Auf der Rückseite: In causa Krachtes, alse id vor deme capittel schach to Arnsberghe.

XVI.

Kostenrechnung.

Item. Dit is dat gennen, dat ick hebbe vthgegeüen vor den richteschin vnde vor de boselinge vnde dem vorspraken der sake haluen Hinr. Krachtes vnde der van der Wismer.

Item. Vor denn richteschin tho schriuende gegeüen v r. gulden.

Item. Deme richter to üorsegelden gegeüen ij r. gulden vnde j postlatz gulden.

Item. j r. gülden vor des lantdrosten segell.

Item. ij. r. gulden den andern frigreuen gegeüen to uorsegelde.

Item. Deme vorspraken, den ick myt my to Arnsberge hadde, gegeuen iij r. gülden vor sin arbeyt.

Item. j r. gülden, den de vorsprake uppe deme weghe vorterde vth vnde tho huisß.

Item. v r. gulden in gerichte gegeuen tho kostgelde, dar men noch xx to aff schuldich is, de her Hinr. Hasert hefft vorlecht.

Item. j r. gulden vthgegeuen dem baden, de de xx gulden brochte auer tho Arnsberge.

Item. j postlatz gulden vthgelecht to wine deme lantdrosten vnde her Gossen Ketteler ritter.

Item. Dit is bouen alle teringhe vnde kost vthgelecht.

Summa xxj gulden.

Auf einem Papierblatte der Urkunde von 1491, September 19, beiliegend.


Druckfehler.

Seite 45, Z. 3 tilge das, hinter richtene.

" 45, Z. 2 v. u. lies dat statt das.

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III.

Ein Protokoll des Schweriner Niedergerichts.

Von

Dr. Friedrich Stuhr.

~~~~~~~

D as Schweriner Niedergericht (Stapel), das seine Sitzungen im Rathhause abhielt, hat bei dem Stadtbrande von 1651, ebenso wie der Magistrat, seine im sogen. langen Gewölbe des Rathhauses aufbewahrten Acten eingebüßt. Außer wenigen rauchgeschwärzten Fragmenten, die nach Fromm 1 ) damals geborgen wurden, ist uns von den Niedergerichtsacten vor 1651 nur das kurz vor dem Brande abgeschlossene Protokollbuch durch einen glücklichen Zufall erhalten. 2 ) Wahrscheinlich war es zur Zeit des Brandes von dem Stadtvogt oder einem Beisitzer des Gerichts zur Benutzung in seine Wohnung genommen. Welche Schicksale das Buch dann weiter durchgemacht hat, darüber lassen sich Vermuthungen, die auch nur etwas Wahrscheinlichkeit für sich haben, nicht aufstellen. Das Protokollbuch ist neuerdings in der hiesigen Regierungsbibliothek vorgefunden und von dort 1892 an das Geheime und Haupt=Archiv abgegeben, während ein Theil (S. 47 - 70) von den in dem eigentlichen Buche fehlenden ersten 90 Seiten schon vorher im Archiv bei den Jurisdictionsacten der Stadt Schwerin gelegen hat, ohne jedoch bisher als Bruchstück des Protokollbuches erkannt zu sein. Jetzt sind beide Theile im Archiv wieder vereinigt. Da die Eintragungen in dieses Protokollbuch manchen für das damalige Wirthschaftsleben interessanten Zug enthalten, so ist eine kurze Besprechung 3 ) wohl gerechtfertigt.


1) Fromm, Chronik von Schwerin, Schwerin 1862, S. 227.
2) An Acten des Schweriner Magistrates sind aus der Zeit vor dem Stadtbrande von 1651 erhalten: 1. ein Urteilsbuch in Folio mit Eintragungen aus den Jahren 1539 - 1594, jetzt in der Universitäts=Bibliothek zu Rostock. 2. ein Stadtbuch in Folio, angelegt am 1. December 1424, mit Eintragungen über Häuser= und Grundstücksverlassungen bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts, im Besitze der Stadt Schwerin, s. Böhlau, Beiträge zum Schweriner Stadtrecht, in der Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Bd. IX, S. 276 u. n.
3) Für die folgenden Ausführungen sind auch benutzt die Acten über die Stadt Schwerin im Geh. und Haupt=Archiv.
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Das Protokollbuch, ein Folio=Band von 4 cm Dicke, ist geheftet in eine Pergamenthandschrift mit Aufzeichnungen aus dem Evangelium Matthäi von Cap. 7, Mitte des 10. Verses, bis Cap 8, Mitte des 15. Verses. Auf den vom Evangelientext freigelassenen Stellen des Pergamentes finden sich die Worte: "Protocollum judiciale den 10. Mai 1648 gehalten per me Johannem Germann p. t. Actuarrum, vnnd ist geschehen bey Zeiten des Herrn Stadtrichterß Samuelis Meußling vnd der Aßeßoren Herrn Theodori Fuxii vnd Nicolai Hoppen."

Die damalige Besetzung des Gerichts ist aus dieser Notiz ersichtlich. Der Stadtvogt Moißling war herzoglicher Beamter und führte in dem Gerichte den Vorsitz. Die anderen Beiden waren vom Magistrat aus der Zahl der Rathsherren ausgewählt und dem Vogt als Gerichtsassessoren beigegeben. Der jüngere von ihnen vereinigte in seiner Person stadtverfassungsmäßig zugleich das Amt eines Stadthauptmanns. 1 ) Als solcher läßt sich Nicolaus Hoppe 1654 aus Acten nachweisen; wahrscheinlich hat er das Amt schon 1648 zu Beginn des Protokollbuches inne gehabt. Außer diesen werden noch die Rathsherren und Stadtkämmerer Heinrich Scheffuß und Peter Malchow, zumal bei Häuserbesichtigungen und Taxierungen, im Protokollbuch genannt.

Einen eigenen Actuar hatte das Gericht in den vergangenen unruhigen Kriegszeiten nicht mehr gehabt. Zu diesem Amt hatte sich Niemand gefunden, weil das feste Gehalt nur 10 fl. jährlich betrug und die Accidentien gleichfalls äußerst gering waren; aushülfsweise hatte der Stadtsecretair Christoph Schlotthuber die Protokolle besorgt. Am 14. Januar 1648 suchte das Gericht beim Herzog um Anstellung eines besondern Gerichtsactuars und um Erhöhung seiner Besoldung aus den einkommenden Brüchen nach, da der Stadtsecretair mit den Raths=Kämmerei= und gemeinen Sachen genug zu thun habe, und die Parteien sich beschwerten, daß dieselbe Person beim Rath und Niedergericht protokollire. Auf dieses Gesuch hin wurden am 20. Januar desselben Jahres 10 fl. aus den Gerichtsbrüchen als Zulage zum Gehalt bewilligt, und dann wurde Johann Germann als Actuar bestellt, der das obige Protokollbuch anlegte. Doch schon am 24. Juli 1648 bat Germann um die vakante Schelfvogtsstelle, weil Besoldung und Sporteln bei der Actuarstelle zu schlecht wären, als daß sich ein redlicher Mann davon ernähren könnte. Diese Bitte wurde ihm nicht gewährt, doch wurde sein Salair als Gerichtsactuar 1650 auf 30 Thlr.


1) Fromm, S. 41.
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erhöht. Nach einem Vermerk im Protokollbuch verwaltete Germann das Amt eines Gerichtsactuars bis zum 31. Juli 1650, an welchem Tage er zum Stadtsecretair befördert wurde. Sein Nachfolger beim Gericht wurde David Stein.

Als Gerichtsdiener fungirte 1648 und 1649 nachweisbar Daniel Reddelin.

Mit den Eintragungen in das Protokollbuch hat Germann wahrscheinlich gleich nach Anlegung des Buches, also im Mai 1648, begonnen; doch sind die Protokolle auf den ersten 90 Seiten herausgerissen und größtentheils verloren gegangen. Auf den im Archive neuerdings gefundenen Blättern (S. 47 - 70) stehen nächst einer Zeugenvernehmung, deren Datirung fehlt, die Protokolle vom 29. Juni bis 18. Juli 1648. Auf S. 91 setzt das Buch mit dem Protokoll vom 4. September 1648 und dem Schluß des unmittelbar voraufgehenden wieder ein. Die Paginirung ist unter Ueberschlagung einer Seite bis 410 fortgeführt, und folgen dann noch 49 nicht numerirte Seiten. Das Protokollbuch umfaßte also ursprünglich 460, jetzt noch 394 Seiten.

Die Protokolle vertheilen sich, abgesehen von der Lücke zwischen Juli und September 1648, ziemlich gleichmäßig auf die Zeit vom 29. Juni 1848 zum 14. März 1651. Sie enthalten zunächst oben links herausgerückt eine Angabe der Parteien, dann im Text eine kurze Darstellung der Sachlage, häufig unter Anführung der Zeugenaussagen und zum Schluß den Bescheid des Gerichts oder einen Vermerk über den durch das Gericht herbeigeführten Vergleich.

Das Niedergericht zog die Bürger vor sein Forum in allen straf= und civilrechtlichen Fällen unter Zulässigkeit der Appellation an den Rath und übte die Markt=, Bau= und Straßenpolizei aus. Die im Protokollbuch angeführten Gerichtsfälle bieten nicht viel Interessantes, dagegen lohnt es sich sehr, die Ausübung der Polizeibefugnisse des Niedergerichts zu betrachten.

Eine Revision des Brodes nach Gewicht und Beschaffenheit hat, wie sich aus den regelmäßigen Eintragungen des Jahres 1649 in das Protokollbuch schließen läßt, bei den Bäckern monatlich einmal stattgefunden. Zugegen waren in den meisten Fällen der Stadtvogt Samuel Moißling und einer der Gerichtsassessoren, nur in einem Fall wird Nicolaus Hoppe allein aufgeführt. Der Befund wurde im Protokollbuch notirt, und bei mangelhaftem Gewicht oder bei Unsauberkeit des Brodes wurden Bemerkungen über verhängte Strafen hinzugefügt. In vielen Fällen ist auch der Einkaufspreis des Scheffels Roggen und Weizen dabei angegeben. Die umstehende Tabelle giebt davon eine Uebersicht:

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Tabelle mit Eintragungen des Jahres 1649

Man beobachtet, daß der Preis des Scheffels Roggen in 2 Jahren, von 1648 - 1650, allmählich um über das Doppelte steigt, nämlich von 23 auf 54 ßl. Die Ernte von 1648 muß recht schlecht gewesen sein, denn sie hat das Steigen des Preises von 23 ßl. im Juli auf 30 ßl. im October nicht zu verhindern vermocht. Ein vorübergehendes Fallen des Preises ist zwar nach der Ernte von 1619 zu konstatiren; denn während der Scheffel Roggen im Juni dieses Jahres 44 ßl. kostete, ist der Preis im August auf 40 ßl. zurückgegangen. Doch wird auch die Ernte von 1649 ungünstig ausgefallen sein, da der Scheffel Roggen im October schon wieder 44 ßl., im Frühjahr des nächsten Jahres sogar 56 ßl. kostete. Leider sind die Aufzeichnungen aus dem Jahr 1650 sehr unvollständig. Man kann aus den wenigen Notizen nur feststellen, daß der Preis, wahrscheinlich wieder in Folge der Ernte, im Herbst von 56 ßl. auf 54 ßl. heruntergegangen ist.

Vom Weizen weiß man noch weniger als vom Roggen, doch ist auch bei jenem das Steigen des Preises in der kurzen Zeit vom October 1649 bis zum September 1650 von 54 auf 70 ßl. auffallend und nur damit zu erklären, daß schlechte Ernten damals noch nicht durch umfangreiche Einfuhr von außen ausgeglichen werden konnten.

Ganz anders stellten sich die Kornpreise wenige Jahre später. Nach der reichen Ernte des Jahres 1653 konnte man den Scheffel Roggen und Weizen schon für 12 ßl. 1 ) einkaufen, und im Februar 1655 betrug nach einem im Archiv erhaltenen Gesuch des Schweriner Bäckeramtes um Herabsetzung des ordnungsmäßig zu liefernden Brodgewichtes der Preis des Scheffels Roggen 16 ßl., des Scheffels Weizen 32 ßl.


1) Fromm, S. 230.
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Es wird nicht uninteressant sein, an dieser Stelle einzuschalten, welches Brodgewicht die Bäcker nach der bis 1655 gültigen Bäckerordnung je nach dem Preise des Korns zu liefern hatten. Im Folgenden sind aus den im Archiv vorliegenden Tabellen die Angaben zusammengestellt, die den Kornpreisen des Protokollbuches entsprechen:

Tabelle entsprechend Protokollbuch zusammengestellt

Es müssen die Kornpreise des Jahres 1650 in Schwerin ganz abnorm hoch gewesen sein, da sie in der Bäckerordnung ursprünglich sowohl für Weizen als für Roggen nicht vorgesehen waren. Die Roggentabellen reichen nur bis zum Preise von 48 ßl. für den Scheffel hinauf und sind auch nicht erweitert; die ursprünglich die Preise bis 50 ßl. umfassende Weizentabelle hat jedoch auf der Rückseite einen Nachtrag von 51 - 60 ßl.

Ebenso wie die Bäcker wurden auch die Schlachter beständig controllirt. Nach einer Eintragung ins Protocollbuch vom 10. April 1649 hatte der Herzog am verwichenen Sonnabend mit ganz ungnädigem Mißfallen vermerkt, daß das Amt der Schlachter kein Rindfleisch in die Schranken geschafft, sondern dieselben habe leer stehen lassen, was dem Amte eine Gerichtsstrafe von 10 Thlr. eintrug. Am 4. Juni desselben Jahres wurde der Verkaufspreis des Pfundes Hammelfleisch auf 2 ßl. festgesetzt. Die Verordnung wurde jedoch nicht befolgt, vielmehr wie vorher 2 1/2 ßl. für das Pfund gefordert. Darauf wurde das Amt am 18. Juni 1649 von Neuem mit einer Geldstrafe belegt und zugleich der Preis des Pfundes Kuhfleisch auf 3 Sechslinge festgesetzt. So wird sich der Preis bis Ende des Sommers 1650 gehalten haben. Im Herbste 1650 machte das Gericht bekannt, es würde das Fleisch in den benachbarten Städten nach glaubwürdiger Kundschaft weit wohlfeiler verkauft als in Schwerin; er ordnete am 23. October an, das Pfund Rind= und Hammelfleisch sei fernerhin für 21 Pf. (1 ßl. 9 Pf.) zu verkaufen. Doch war der Preis des

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Rind= und Hammelfleisches im März 1651 bereits wieder auf 2 ßl. 3 Pf. gestiegen.

Die Bierbrauer und Zäpfer wurden im Mai und Juni 1649 angewiesen, einerseits stets gutes Bier zu brauen, andererseits sich beim Ausschank der Maße zu bedienen, die das Gericht hierfür angeordnet habe.

Die Amts= und Freihöcker sollen sich nach einer Bestimmung vom 23. September 1648 mit dem Preise ihrer Waaren nach den Lübeckern richten.

Wie das Gericht nach Obigem streng darauf hielt daß die Zünfte den Einwohnern die Lebensmittel nicht vertheuerten, so suchte es auch jeglichen Vorkauf der in die Stadt eingeführten Waaren zu verhindern. 1650 ergingen zwei Verordnungen an die Bewohner der Neustadt (Schelfe), die über den See eingeführten Waaren, wie Korn und Hühner, nicht aufzukaufen, weil durch solches Beginnen Theuerungen in der Stadt hervorgerufen würden.

Schließlich sei aus dem Protokollbuch noch ein alter Gebrauch der Bürger bei Besichtigung der Feuerstätten erwähnt. Am 17. September 1649 wurden die Bürger zu diesem Zweck vom Gericht zusammengerufen und sind danach zunächst die Ungehorsamen,. so nicht erschienen, auf je 1 fl. 8 ßl. gepfändet worden, fürs Ander ist ein alter Gebrauch und Gewohnheit, daß die jüngsten Bürger, so sich mit den ältesten Bürgern bei dieser Zusammenkunft ergötzen wollen, zuvor ihre Schuldigkeit ablegen und sich mit etwa 1 fl. an Gelde oder auch nach Gelegenheit mit einem guten Schinken zum Frühstück freundlichst bezeigen müssen.

Worauf dann für diesmal Jochim Löwe, Christian Rohne, Peter Schulze und Simon Gudeknecht zur Konfirmation ihrer Gewohnheit sich mit der Bürgerei als die jüngsten Bürger freundlichst abgefunden haben mit Bitte, weil auch vermuthlich noch ältere und jüngere Bürger seien, die ihre Schuldigkeit noch nicht abgelegt haben, daß selbige künftig mal nicht vergessen, sondern gleicher Gestalt nebst ihnen gebührlich angesehen werden mögen.

Das Niedergericht benutzte nach dem Rathhausbrande von 1651 zunächst eine Miethswohnung als Gerichtsstube. Als das diese Wohnung enthaltende Haus 1652 zum Verkauf kam, wurde dem Niedergericht auf Bitten des Stadtvogts Samuel Moißling die am Kirchhof belegene Rathsbude zur Gerichtsstube eingeräumt und zugleich dem Magistrat durch ein herzogliches Mandat vom 30. October 1652 befohlen, für schleunige Reparirung der Gerichtsstube im Rathhaus Sorge zu tragen.

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IV.

Eine Hugenotten=Kolonie in Meklenburg.

Von

Wilhelm Stieda.

~~~~~~~~~~~
1.

Die Unduldsamkeit der katholischen Kirche gegen Andersgläubige veranlaßte seit der Mitte des 16. Jahrhunderts verschiedene Länder zur Aufnahme einer erheblichen Anzahl von Fremdlingen, eine That, die zunächst durch Humanität dictiert, ihnen doch sämmtlich zum Vortheil gereichen sollte. Nicht weniger als 200 hugenottische Gemeinden sind auf diese Weise nach und nach auf deutschem Boden erwachsen und wenn sie sich auch keineswegs alle bis auf den heutigen Tag erhalten haben, so ist doch unverkennbar wohl überall der Einfluß, den sie in wirthschaftlicher und sozialer Beziehung ausgeübt haben, ein wohlthätiger und einschneidender gewesen. Die Fremden brachten die Kenntniß einer Reihe unbekannter oder wenig gekannter Gewerbszweige nach Deutschland und trugen sowohl durch deren geschickte Ausübung zur Vervollkommnung und Ausbreitung der Industrie, als auch durch die Lebensgewohnheiten, denen sie huldigten, an vielen Orten zur Verfeinerung der Sitten bei.

Alle diese Einwanderer, die übrigens in Holland, in England, in Dänemark, in der Schweiz ebenfalls freundlich aufgenommen wurden, sahen sich in der Hauptsache durch drei Ereignisse veranlaßt, ihr Vaterland aufzugeben. Aus den spanischen Niederlanden wurden die Reformierten durch die Verfolgungen unter Karl V., Philipp II. und dem Herzog von Alba vertrieben und in Frankreich war einerseits die Pariser Bluthochzeit unter Karl IX. und Katharina von Medicis im Jahre 1573, sowie andererseits die Aufhebung des Edicts von Nantes unter Ludwig XIV. im Jahre 1685 der Grund, daß so viele Protestanten, wenn auch mit blutendem Herzen sich von ihrer Heimath losrissen, um in der Ferne die Toleranz zu suchen,

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die ihnen zu Hause versagt blieb. Je nachdem von wo sie kamen, unterscheidet man bei ihnen Wallonen, Waldenser und Hugenotten oder Réfugiés.

Die ersteren sind Niederländer; ein erheblicher Theil von ihnen stammt aus der ehemaligen Provinz Flandern, aus den Städten Lille, Valenciennes, Antwerpen, Gent. Sie fanden in Norddeutschland, in Hamburg, in Bremen, in Stade, aber auch im Süden, in der Rheinpfalz und in der Kurpfalz, in Annweiler, Otterberg, Frankenthal, St. Lambrecht=Grevenhausen, Billigheim, Mannheim, Heidelberg Unterkunft.

Die Waldenser kamen aus Piemont, aus den schönen breiten, von himmelragenden Bergen umgebenen Thälern, die sich am südlichen Abhange der gewaltigen Alpenkette, etwa 15 Stunden westlich von Turin befinden, besonders aus St. Martin, Perusa und Lucerna. 1 ) Nicht Wenige aber flüchteten auch aus dem im Jahre 1685 noch zu Frankreich gehörenden Alpenthale Pragela am Oberlaufe des reißenden Gebirgsbaches Clusone, der sich in den Po ergießt. Sie haben in Deutschland etwa 60 Kolonien gegründet, die theils unmittelbar vor und nach der Aufhebung des Edicts von Nantes gebildet, theils im Laufe der Jahre 1698 - 1699 errichtet wurden. Ihnen schlossen sich Franzosen aus der Dauphiné und der Provence an. Sie haben zum Theil in Württemberg, zum Theil in Hessen=Homburg, am Fuße des Taunus, in Friedrichsdorf und Dornholzhausen, in der Nähe von Frankfurt a. M., in Walldorf und in Hessen=Darmstadt, Rohrbach, Wembach und Hahn Unterkunft gefunden. 2 ) Unter den Hugenotten oder Réfugiés endlich versteht man die nach der Bluthochzeit und der Aufhebung des Edicts von Nantes aus Frankreich in größeren Schaaren fortziehenden Reformierten.

In Deutschland beginnt der Zuzug der Fremdlinge bereits im Reformationszeitalter. 3 ) Zur Zeit Luthers und Calvins findet man nicht nur einzelne protestantische Franzosen in deutschen Städten ansässig, sondern man stößt bereits auf ganze Gemeinden - die Flüchtlingskirchen (églises du refuge), wie Tollin sie nennt. Die


1) Vergl. Fr. v. Bezold, Geschichte der deutschen Reformation, 1890, S. 104 ff.; G. E. Seitz, Geschichte der von Antwerpen nach Frankfurt a. M. verpflanzten niederländischen Gemeinde, fortgesetzt und herausgegeben von Dechent 1885, J. A. v. Recklingshausen, Reformationsgeschichte der Länder Jülich, Berg, Kleve etc. . 1818; Geschichtsblätter des deutschen Hugenotten=Vereins 1890 - 95.
2) Geschichtsblätter, 1. Zehnt, Heft 3, S. 3; 3. Zehnt, Heft 5, 6, 9; 4. Zehnt, Heft 1, 2, 9.
3) Henri Tollin, Geschichte der französischen Kolonie von Magdeburg, 1886 - 1894, 1. Bd., S. 229.
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nachweislich ältesten scheinen die in Straßburg und Mömpelgard seit 1538, in Wesel seit 1544 zu sein. 1 ) Im Jahre 1554 wurde die wallonische Gemeinde in Emden 2 ) und doch wohl gleichzeitig auch in Frankfurt a. M. gestiftet und auch in Bremen, das bereits im 16. Jahrhundert als "Herberge der Kirche" bezeichnet wird, haben damals flüchtige Niederländer Zuflucht gefunden 3 ) Zu einer förmlichen Fremdengemeinde kam es erst im Jahre 1680. Durch besonders menschenfreundliches Entgegenkommen zeichnete sich die Kurpfalz aus, in der Friedrich III. der Fromme regierte. Auf seine Veranlassung entstanden um 1561 - 1563 die Fremdencolonien Frankenthal, Mannheim, Schönau, Heidelberg und St. Lambrecht 4 ) Verheirathet mit der Wittwe des niederländichen Grafen Greverode nahm er sich der Landsleute seiner Gemahlin nach Kräften an. Als er aber 1576 starb und sein Sohn Ludwig VI. zur Regierung kam, der mit seiner Gemahlin eine strenge lutherische Richtung vertrat, so daß die Reformierten stellenweise in Bedrängniß geriethen, eröffnete einem Theile derselben der Pfalzgraf Johann Casimir in der Rheinpfalz sein Gebiet. So entstand die wallonische Kolonie zu Otterberg im Jahre 1578. 5 ) Auch noch im 16. Jahrhundert erwuchs - 1588 - die wallonische Gemeinde in, Stade. 6 )

In der Mitte des 16. Jahrhunderts - um 1553 - war es auch, daß sich die aus Gent nach England und Dänemark geflüchteten Wallonen, als in jenen Ländern die Bedingungen zum dauernden Aufenthalt nicht gegeben schienen, nach Rostock und Wismar wandten, um die dortigen Behörden für ihre Niederlassung geneigt zu machen. Etwas später versuchten vertriebene Reformierte, die aus Frankreich und Belgien in Deutschland eingewandert waren, sich in Rostock niederzulassen. 7 ) Näheres über diese Ereignisse hat sich indeß leider nicht ermitteln lassen, da die von ihnen handelnden Acten, die seinerzeit noch Professor Krabbe vorgelegen hatten, ohne daß er Eingehendes aus ihnen mittheilte, sich neuerdings im Rostocker Rathsarchiv nicht mehr finden ließen.

In Frankreich änderte sich unterdessen die Sachlage insoweit, als in dem Edict von Nantes Heinrich IV. seinen ehemaligen Glaubens=


1) Schickler, Les églises du refuge, 1882.
2) Geschichtsblätter, 1. Zehnt. Heft 2, S. 4.
3) Geschichtsblätter, 1. Zehnt, Heft 8, S. 5.
4) Geschichtsblätter, 2. Zehnt, Heft 2, S. 7.
5) Geschichtsblätter, 1. Zehnt, Heft 7, S. 8.
6) Richard Ehrenberg, Altona unter Schauenburgischer Herrschaft Heft 6: Piper, Die Reformierten Altonas S. 2.
7) Krabbe, Aus dem kirchlichen und wissenschaftlichen Leben Rostocks, 1863, S. 395, Anmerkung.
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genossen Religions= und Kultusfreiheit zugestand. Aber wenn sich die Verhältnisse für die Protestanten überhaupt besserten - von langer Dauer war dieser Wechsel der Gesinnung nicht und ganz befriedigend wurde die Lage nie. Wohl hatte das Edict den Grundsatz der Toleranz verkündet, verboten, die Reformierten an ihrem Gewissen zu schädigen, ihnen ihre Kinder zu nehmen, ihre Gottesdienste zu stören, sie aus Beamtenstellen auszuschließen u. s. w. Und nach vier Bürgerkriegen von mehr als 30 Jahren freute man sich der gesetzlichen Ruhe, auf die man nunmehr rechnen zu können glaubte. Aber bald kam die Unehrlichkeit des Erlasses zum Vorschein und schon von der Schaukelpolitik Heinrichs IV. zog die katholische Geistlichkeit größeren Vortheil als die reformierten Synoden. Maria von Medicis ging bereits soweit, das Edict aufzuheben, und wenn auch nach zweijährigem blutigem Kampfe, in dem nur Rohan-s Geschicklichkeit zu danken war, daß die Hugenotten nicht völlig besiegt wurden, Ludwig XIII. das Edict auf-s Neue bestätigte, so hörte doch der Protestantismus auf, eine politische Macht zu sein und büßte seine propagandistische Kraft ein.

Ludwig XIV., von Anfang seiner Selbstregierung an den Protestanten gram, wünschte seine katholische Gesinnung um so mehr zu bethätigen, als er dem Papste entgegentreten mußte, und bekräftigte zunächst alle Edicte und Reglements, Decrete und Declarationen, die seine Vorgänger behufs Einschränkung des Edicts von Nantes erlassen hatten. Daneben suchte er durch Milde zu wirken und durch Bekehrungen die Zahl der Reformierten zu mindern. Den Uebertretenden wurden Gnadenbeweise und Belohnungen zu Theil und für gemeinere Naturen wurden die Seelenkaufskassen gegründet, die aus Hugenottenseelen Schnell=Katholiken schufen. Die Erfolge, die der junge König überraschender Weise mit diesen Schritten erzielte, bestärkten ihn in dem Gedanken, daß der Grundsatz, dem er huldigen wollte - Einheit des christlichen Glaubens - der richtige sei, und so schritt er am 1. Februar 1669 zu jener Declaration, die das Wesen des Protestantismus vernichtete. Die reformierten Geistlichen beispielsweise wurden angehalten, sobald das heilige Sacrament oder Crucifix auf der Straße an ihnen vorübergetragen wurde, ihre Reverenz zu machen, "damit Protestanten und Katholiken in guter Freundschaft, Einigkeit und Eintracht leben." Nunmehr betrieb man die Maßregeln zur Herstellung des Katholicismus energischer. Man erklärte jeden Protestanten von seinem siebenten Lebensjahre an für gesetzlich befähigt, mit einem Eide zur katholischen Religion überzutreten, und es genügte, daß ein Kind, durch Geschenke und Liebkosungen verlockt, an Stirn und Brust das Zeichen des Kreuzes machte, um es den Eltern weg=

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zunehmen und in ein Kloster zu thun. Heirathen zwischen Katholiken und Protestanten wurden für nichtig, aus solchen Verbindungen hervorgegangene Kinder für erblos erklärt. Uebertritt zum Protestantismus wurde mit dem Tode bestraft. Keine reformierte Frau durfte den Beruf einer Wehemutter ausüben. Stellen von Notaren, Sachwaltern, Gerichtsdienern und Sergeanten durften keinem Hugenotten übertragen werden. Sogar von den Vertrauensstellungen eines Apothekers und Gewürzhändlers, eines Buchdruckers und Buchhändlers, eines Advokaten und Arztes blieben die Protestanten ausgeschlossen. Als alle diese Anordnungen keine gehörigen Erfolge erzielten, erfand man die gestiefelten Missionen oder Dragonnaden, deren Gewaltthaten zwar nicht das königliche Ohr erreicht zu haben scheinen, die aber doch in-s Ausland drangen, so daß der Kurfürst von Brandenburg durch seinen Gesandten in Paris dem allerchristlichsten König Vorstellungen machen ließ. 1 )

Bei solcher Sachlage kann es nicht in Verwunderung setzen, daß während des 17. Jahrhunderts der Zuzug nach Deutschland fortdauerte. Zu Anfang desselben ließ der Graf von Schauenburg in Altona die Errichtung einer reformierten Gemeinde zu. 2 ) Dann ließ der Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz, der neben dem Dorfe Mannheim eine feste Stadt errrichten wollte, am 24. Januar 1607 eine Einladung in hochdeutscher, niederländischer und französischer Sprache ausgehen, sich in der neuen Gründung niederzulassen und sein Ruf fand ein weites Echo. Schon in wenigen Jahren war der Ort mit etlichen hundert Hausgesessenen bewohnt. 3 ) Später constituierten sich reformierte Gemeinden in Cassel 1616, zu Bischweiler in Zweibrücken 1618, zu Bremen 1623, zu Mühlhausen im Elsaß 1661. 4 ) Als im Jahre 1644 die Stadt Mannheim erst von Franzosen, später von Bayern, so niedergeworfen wurde, "daß außer den Wällen, dem Rathhause und etlichen Mauern und Kellern" nichts übrig blieb, verschwanden die Fremdlinge. Erst das Entgegenkommen des Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, der im Jahre 1652 einen kurzen Bericht "von der Stadt Mannheim Gelegenheit und Situation" herausgeben ließ, bewirkte, daß die wallonischen, fränkischen und französischen Flüchtlinge in die ihnen lieb gewordenen Trümmer zurückkehrten und sich neue ihnen anschlossen. 5 ) Ungefähr zehn Jahre später scheint die Fremdenkolonie in Billigheim und Umgebung


1) Vergl. zu dem Vorstehenden Tollin, a. a. O., 1. Bd., S. 1 - 27.
2) Rich. Ehrenberg, a. a. O., Heft 6.
3) Geschichtsblätter, 4. Zehnt, Heft 3 und 4, S. 4.
4) Tollin, a. a. O., 1. Bd., S. 242.
5) Geschichtsblätter, 4. Zehnt, Heft 3 und 4, S. 6.
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(Rheinpfalz) ihren Anfang genommen zu haben. 1 ) Die gleichen Vergünstigungen, die Karl Ludwig für die Niederlassung in Mannheim gewährt hatte, gestand sein Nachfolger, der Kurfürst Karl, in den Jahren 1680, 1682 und 1683 zu, und unter den Einwanderern, die so angezogen wurden, fanden sich Hugenotten aus Paris, der Champagne, Burgund, Poitou, Picardie, Gascogne, Metz, Sedan und der französischen Schweiz 2 ) Im Jahre 1670 erfolgte auch die erste hugenottische Privatgründung in Brandenburg. Es ist die vom Grafen von Schwerin begründete Kolonie Alt=Landsberg, in der sich sieben bis acht Hugenottenfamilien ansässig machten. Kaum zwei Jahre darauf - am 10. Juni 1672 -rief der Kurfürst Friedrich Wilhelm die erste Staatskolonie, die französische Gemeinde, etwa 100 Personen umfassend, in Berlin in-s Leben. 3 ) Ebenso duldete Georg Wilhelm von Braunschweig=Lüneburg=Celle in Lüneburg die Hugenotten und beschenkte sie außerdem - am 6. August 1684 - mit industriellen Freiheiten und Steuerprivilegien. Eine förmliche Einladung aber an die französischen Protestanten erließ der Landgraf Karl I. von Hessen=Kassel, in der er ihnen die günstigsten Landstriche bezeichnete, zehn Freijahre mit Verlängerung für die Manufacturisten gewährte, Baustellen schenkte, Zunftrechte zusicherte, herrschaftliche Privilegien versprach, dazu französische Tempel, Pastoren und Schulmeister. 4 )

Regte sich mithin, lange bevor die Aufhebung des Edicts von Nantes in Aussicht stand, allerorten das Mitgefühl für die um ihren Glauben leidenden Märtyrer, so ist es erfreulich, daß man in Meklenburg nicht weniger bereitwillig war, sie freundlich aufzunehmen. Am 24. Juli 1683 wandte sich die Stadt Bützow an den Herzog Christian Louis I von Meklenburg mit der Bitte, "die aus Frankreich vertriebenen Reformierten" bei sich empfangen zu dürfen. Sie erinnerte an das früher gegebene Versprechen, dem "sehr nahrlosen und in den letzten Zügen liegenden Ort durch Anziehung frömder Nationen" aufhelfen zu wollen, wollte davon gehört haben, daß Flüchtlinge sich nach Rostock zu wenden beabsichtigten und wünschte dem zuvorzukommen. Da unter den Franzosen sich besonders viele Tuchmacher befänden, so böte ihre Walkmühle manche Erleichterung, "welche sie sonst so leicht an einem anderen Ort nicht finden werden." 5 ) Mit der größten Bereitwilligkeit ging der Herzog auf diese Anregung ein. Schon


1) Geschichtsblätter, 3. Zehnt, Heft 2, S. 9.
2) Tollin, a. a. O., 1. Bd., S. 250 - 251.
3) Geschichtsblätter, 1. Zehnt, Heft 4.
4) Tollin, a. a. O., 1. Bd., S. 260 - 261.
5) Actenstücke Nr. 1.
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wenige Tage, nachdem er das Schreiben erhalten, forderte er die Bützower auf, sich nach den Exulanten umzusehen, nach ihren Forderungen zu erkundigen und ihm sofort zu berichten. 1 ) Indessen ist der Plan damals doch noch nicht zur Ausführung gekommen.

Jedoch nicht nur in Deutschland, auch in anderen Staaten bezeugte man den französischen Protestanten Sympathie. Das Toleranz=Edict des Königs Erich XIV. von Schweden hatte schon am 18. Februar 1561 die im französischen Bürgerkriege unterlegenen Reformierten eingeladen, sich in seinem Lande niederzulassen, wo nur immer es ihnen gefallen würde.

In England hatte Eduard VI. es gleichsam als Pflicht der Obrigkeit bezeichnet, für alle Unglücklichen zu sorgen, welche um der Religion willen bedrückt oder verbannt worden wären, und wenn auch seine Nachfolgerin nicht derselben noblen Gesinnung huldigte, so finden wir wenigstens seit 1561 regelmäßige Versammlungen der übergesiedelten Wallonen und Franzosen in der Krypta der Kathedrale zu Canterbury. Noch vor der Aufhebung des Edicts von Nantes gab es in 12 Orten Hugenottenkirchen, und Karl II. erklärte, obwohl er von Ludwig XIV. Subsidiengelder empfing, offen, den um ihres Glaubens willen verfolgten Protestanten beistehen zu wollen. Fast gleichzeitig erließ König Christian V. von Dänemark, der in der gleichen Lage war wie der englische Souverain, ein Edict, durch welches den aus Frankreich auswandernden Augsburger Konfessionsverwandten acht Freijahre, Beibehaltung ihrer Grade und Ehren, den Adligen und Officieren ihr Rang, den Gründern von Fabriken hingegen Häuser, Vorschüsse und allerlei Privilegien versprochen wurden. Am meisten aber bethätigte Holland sein lebhaftes Interesse. Gleich auf die Kunde der ersten Dragonnaden lud es durch Erlaß vom 25. September 1681 die bedrängten Glaubensgenossen zu sich ein. Die Harlemer Zeitung brandmarkte das wiederauflebende Mittelalter schonungslos vor Europa und die Stadt Amsterdam verlieh allen in ihr sich niederlassenden Flüchtlingen das Bürgerrecht. Die im December 1682 "zum Troste der muthigen Bekenner" ausgeschriebene Collecte brachte allein in der Stadt Leiden gegen 20 000 fl. ein. Selbst die Juden in Amsterdam steuerten zum Hugenottenfonds das erkleckliche Sümmchen von 40 000 Gulden. Die französisch redenden reichen wallonischen Kolonien, die in den Jahren 1578 bis 1589 in Amsterdam, Leiden, Harlem, Delft, Utrecht, Dortrecht und Middenburg errichtet worden waren, erleichterten den Ankömmlingen die Ansiedelung. 2 )


1) Actenstücke Nr. 2.
2) Tollin, a. a. O., 1. Bd., S. 230 - 240.
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In Frankreich reiste mittlerweile in der Umgebung des Königs der Plan, das Edict von Nantes zu widerrufen. Ludwig XIV. selbst soll lange der Ansicht gewesen sein, daß es dessen nicht bedürfe, sondern der französische Protestantismus erlöschen werde, ganz sacht und ohne Aufsehen, wie ein kaum noch glimmender Docht. Sein Beichtvater Lachaise jedoch und der Kriegsminister Louvois, die in den Gemächern der Frau von Maintenon den Entwurf zum Widerruf ersannen, legten es ihm nahe, was für ein großes Werk es sei, wenn ganz Frankreich nur eine Religion hätte. Dazu kam ein dynastisches Interesse. Lange, selbst mitten im Bürgerkriege, hatten die Protestanten ihre königstreue Gesinnung erwiesen. Katholiken waren es gewesen, die die frevelnde Hand gegen Heinrich IV., gegen Ludwig XIII. aufgehoben hatten. Nun aber spielte sich das verhängnißvolle Drama in England unter seinen Augen, von Protestanten aufgeführt, ab, und es erwachte der Argwohn, daß die Andersgläubigen Feinde des monarchischen Regiments, Anhänger der republikanischen Gleichheit sein könnten. Endlich mag die Ueberzeugung mitgespielt haben, daß das Edict thatsächlich nicht mehr galt, der Protestantismus überhaupt im Schwinden war und die wenigen, welche noch bisher mit der Bekehrung gezögert hatten, sofort übertreten würden, wenn der königliche Wille im Widerruf klar zu Tage läge. So gab er den Einflüsterungen, die sich an ihn herandrängten, nach und unterzeichnete am 14. October 1685 das Edict von Fontainebleau. Was er auf-s Spiel setzte - ob er es klar vorher erwogen hatte, bleibe dahingestellt. Wohl konnte ihm der Reichthum der Protestanten bekannt sein, geläufig, was in den hugenottischen Universitäten Sedan, Saumur und Montauban, für die Wissenschaft gethan war, bekannt, wie die Industrie Frankreichs durch die Reformierten gefördert war, in wessen Händen sich die Lohgerbereien der Touraine, die Wollmanufacturen des Südens, die Seiden= und Sammetfabriken von Lyon und Tours, die Papierfabriken in der Auvergne befanden. Aber er wollte seine Augen verschlossen halten, oder Alles trat zurück gegen den Gedanken, der ihn ganz erfüllt hatte, - Einheit der Religion.

Was nun folgte, ist zu bekannt, als daß ich dabei zu verweilen brauche. Auf die Einzelheiten der Greuelthaten der Verfolger, des Muths und hochherziger Gesinnung auf Seite der Verfolgten kann nicht weiter eingegangen werden. Am Bekanntesten ist der Aufruhr in den Cevennen geworden, den die Camisarden, die sich schon unter Heinrich IV. aufgebäumt hatten, auf-s Neue heraufbeschworen und der durch die meisterhafte Schilderung Ludwig Tiecks in weiten Kreisen bekannt geworden ist. Mit Frankreich fertig, wandte Ludwig XIV.

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sich den Waldensern des Piemont, den Wallonen der Pfalz zu. Damals war es, daß Frankenthal, Mannheim, Heidelberg Trümmerhaufen wurden.

In Frankreich jubelte man über die errungene politisch=kirchliche Einheit und auch im Auslande war man theilweise geneigt einzustimmen. Die Höfe von Wien, London und Rom wetteiferten darin, Ludwig XIV. zu preisen. 1 ) Aber da, wo man schon früher mit Trauer im Herzen, voll Mitleid mit ihrem Schicksal die Flüchtlinge gern aufgenommen hatte, öffnete man jetzt erst recht Thür und Thor. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg unterdrückte alle Bedenken, die er als Bundesgenosse Ludwig XIV. und weil er von Frankreich recht bedeutende Subsidiengelder empfing, haben mochte, und lud durch das berühmte Edict von Potsdam vom 29. October 1685 die Vertriebenen zu sich ein. Zollfreiheit für die mitgebrachten Waaren, Steuerfreiheit auf 6 Jahre, Geldvorschüsse für industrielle Unternehmungen, Acker für Landleute, kurz Privilegien aller Art, vor allen Dingen natürlich freie Ausübung ihrer Religion, wurde den Ankömmlingen zu Theil. Dazu gesellten sich, soweit es die allerdings nur engen Verhältnisse des Brandenburgischen Hofs und der brandenburgischen Bevölkerung gestatteten, materielle Unterstützung. So entstanden nach und nach in Magdeburg, Halberstadt (1685), Groß= und Klein=Ziethen, Halle (1686), Minden, Oranienburg 2 ) - im Ganzen an einigen 40 Orten 59 Flüchtlingsgemeinden im brandenburgisch=preußischen Staat. 3 )

Aehnlich fiel das Edict aus, mit dem kaum einen Monat später, am 23. November 1685, Markgraf Christian Ernst von Bayreuth hugenottische Ansiedler zu sich entbot. Etwa 1000 Résugiés gründeten vom October 1686 bis 1688 in Erlangen eine besondere Fabrikstadt, die im Gegensatz zur Altstadt den Namen "Neu=Erlang oder Christian=Erlang" führte und bald zu einer blühenden Kolonie geworden war. 4 ) Desgleichen versprach Ernst August von Hannover am 1. December 1685 den Hugenotten zwanzigjährige Steuerfreiheit für ihre Waaren, fünfundzwanzigjährige für die neuerbauten Häuser, Zulassung zu allen Diensten und Ehrenämtern, besondere Gerichtsbarkeit und freie Religionsausübung. In Celle aber wurde mit


1) Tollin, a. a. O., 1 Bd., S. 33 - 46.
2) Vergl. die Geschichte der genannten Kolonieen in Geschichtsblätter, 1. Zehnt Heft 1; 2. Zehnt, Heft 3 und 5; 3. Zehnt, Heft 4; 4. Zehnt, Heft 5, 6, 7, 8.
3) Tollin, a. a. O., 1. Bd., S. 287.
4) Georg Schanz, Zur Geschichte der Colonisation und Industrie in Franken, 1884.
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Erlaubniß des Herzogs von Braunschweig=Lüneburg=Celle am 20. December 1688 eine hugenottische Gemeinde gegründet. Kurz vorher - im Jahre 1686 - hatte der Landgraf von Hessen=Homburg, Friedrich mit dem silbernen Bein, in seine Hauptstadt Flüchtlinge aus der Picardie, Jsle de France, Val Pragelas aufgenommen und gestand ihnen durch Patent vom 13. März 1687 zehn Freijahre, eigenen Gottesdienst, eigene Prediger und Richter zu. Ein Jahrzehnt später etwa - am 22. April 1699 - forderte der Landgraf Ernst Ludwig von Hessen=Darmstadt die Waldenser auf, sich bei zehnjährigen Freiheiten bei ihm niederzulassen und in demselben Jahre - am 27. September - siedelte Eberhard Ludwig von Württemberg arme Waldenser auf dem Ostabhange, des Schwarzwaldes an, wo sie trotz der unfruchtbaren Gegend recht gut gediehen. 1 )

Auf diese Weise entstanden, da man in außerdeutschen Ländern ebenfalls fortfuhr, die schon früher gehegten Sympathien für die armen Vertriebenen zu bekunden - schon am 3. Januar und 5. März 1685 waren eine dänische und eine englische Aufforderung ergangen -, vor den Thoren Frankreichs diese neuen Gemeinden. In Deutschland, Holland, der Schweiz, England, Dänemark und Schweden, selbst in Rußland und Nordamerika, in Guyana und im Caplande ließen sich die Franzosen nieder trotz der strengen Verbote der Auswanderung und der Konfiscation ihrer Güter, denen sie ausgesetzt waren.

In diese bewegte Zeit fällt nun auch das Auftreten der französischen Kolonie in Meklenburg.

2.

Vom 24. October 1698 2 ) datiert das Edict des Herzogs Friedrich Wilhelm wegen Aufnahme französischer Réfugiés. Dasselbe ist jedoch nicht als eine allgemeine Einladung, die in die Welt hinausging, anzusehen, sondern stellt einen Vertrag dar, der mit einem Kaufmann Salomon Jordan über die Ansiedelung von Franzosen abgeschlossen wurde. Demgemäß ist von einer Zusicherung der freien Religionsausübung nur nebenher die Rede. Artikel 2 lautet u. a,: nous ferons faire une grande sale pour y pouvoir tenir leur devotion. Wohl aber werden Punkt für Punkt die Verpflichtungen, welche die beiden Kontrahenten gegenseitig auf sich nehmen, genau festgestellt.


1) Tollin, a. a. O., 1 Bd, S. 259 - 271.
2) Actenstücke Nr. 3.
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Sieur Jordan stellt in Aussicht, 30 wohlhabende Familien - "des familles riches et qui ont de quoi fournir aux autres ce qui leur est necessaire" -, von denen zwei Drittel mit der Verarbeitung von Wolle, ein Drittel mit der Bearbeitung des Flachses vertraut ist, zur Ansiedelung zu bewegen.

Diese Famlien müssen mündlich und schriftlich versprechen, dem Herzog treu zu sein, seinen Vortheil überall wahrnehmen zu wollen und das Land nicht nach Ablauf der ihnen bewilligten Freijahre zu verlassen, es sei denn, daß sie ebensoviele gewöhnliche Jahre hinterher hier verbracht hätten.

Der Herzog seinerseits sichert den Ankömmlingen für 6 Jahre freie Wohnung und Steuerfreiheit zu. Er verspricht ein Haus erbauen zu wollen, in dessen Mitte ein großer Raum - une grande sale - für die Abhaltung des Gottesdienstes bestimmt werden soll. Denjenigen, die selbst bauen wollen, wird ein Bauplatz unentgeltlich angewiesen, Holz und Steine geliefert werden und für diese die Steuerfreiheit auf 10 Jahre verlängert. Für den Unterhalt eines Predigers und eines Schulmeisters werden 200 Thlr. ausgeworfen. Mit 4 Familien soll der Versuch gemacht werden, sie als Tabackpflanzer auf dem Lande anzusiedeln. Land und einiges Nutzvieh soll ihnen zu Theil werden. Eine größere Anzahl als 30 Familien anzusiedeln, behält sich der Herzog vor. Jedenfalls darf Niemand kommen, bevor er sich angemeldet hat und angenommen ist.

Der Ort, wo die Kolonie errichtet werden sollte, ist nicht genannt. Da aber für den Fall, daß das zu erbauende Haus beim Eintreffen der Franzosen noch nicht fertig sein würde, vorgesehen wird, ihnen Wohnungen in der Stadt und "à la Schelffe" einzuräumen, so kann nur Schwerin in Aussicht genommen gewesen sein. Erst in dem späteren Edict, vom 1. August 1699 1 ), wird Bützow namhaft gemacht und seine Lage als eine außerordentlich günstige gepriesen. Bützow" heißt es im Artikel 2, "est une ville située au milieu de pais, voisine de Lubec, Hambourg, Rostoc et Wismar et de la mer baltique, d-ou l-on peut facilement negotier en Dannemarc et en Suède comme aussi en Prusse, Livonie, Curland etc."

Die zweite Verordnung wird offenbar dazu ausersehen gewesen sein, an die in Deutschland zerstreuten Franzosen versandt zu werden. Denn in ihr wird denen, die kommen wollen, volle Religionsfreiheit zugestanden, sowie das Recht, nach den Gesetzen des Landes Manufacturen und Gewerbe betreiben zu können. Auch Landleute,


1) Actenstücke Nr. 4.
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namentlich Tabacksbauer, werden willkommen geheißen, und man stellt ihnen in Aussicht, mit Ländereien und Nutzvieh unterstützt zu werden.

Die in diesen Edicten gewährleisteten Privilegien decken sich in der Hauptsache mit dem, was den Réfugiés in anderen deutschen Ländern bewilligt worden war. Von einem bei den Acten liegenden undatirten Memoire eines sonst weiter nicht erwähnten Franzosen Pierre Pillon über die zweckmäßigste Anordnung der zu begründenden Manufacturen, das augenscheinlich in diese Zeit fällt 1 ), weichen sie in einem wichtigen Punkte ab. Jener legte nämlich großes Gewicht darauf, daß eine Handelsgesellschaft mit 16 - 20 000 Thalern Kapital eröffnet und dieser die Aufgabe zugewiesen würde, Wolle einzukaufen, die Arbeiter zu bezahlen oder ihnen Vorschüsse zu gewähren - kurz eben die Rolle des Verlegers zu übernehmen. Offenbar war hierin ein Gedanke angeregt, der große Berücksichtigung verdiente und dessen Ausführung eine andere Entwickelung der Kolonie bewirkt hätte.

Ziemlich unverblümt tritt uns in diesen Edicten der Wunsch des Herzogs entgegen, der meklenburgischen Industrie durch die Réfugiés aufzuhelfen. Mochte auch Mitleid mit der Lage der Bedrängten die Haupttriebfeder zu ihrer Aufnahme sein, kamen sie einmal, so erforderte die Klugheit, die Kolonie möglichst vortheilhaft für das ganze Land einzurichten. Daher verlangte der Herzog reiche Familien, fleißige und geschickte Gewerbetreibende, insbesondere Wollen= und Leinarbeiter und wünschte, sich diejenigen, denen er den Aufenthalt gewährte, auszuwählen. Daß gerade Bützow als der geeignetste Ort für die Kolonie erachtet wurde, mag mit der einige Jahre vorher von dort ergangenen Anregung zusammenhängen. Außerdem aber kam in Betracht, daß man seitens der Regierung Bützow zu heben wünschte. Wie eine etwas spätere Beschwerde der Ritterschaft des Schwerinschen Fürstenthums bezeugt, hatte man schon begonnen "zu Restabilirung des Bützowischen Stadtwesens" die auf den einzelnen Gütern ansässigen Handwerker nach Bützow zu ziehen, was der Adel sich nicht gefallen lassen wollte, obgleich er selbst zugestehen mußte, daß "die wenigen Handwerker, so wir auff unsern gütern haben, miserabel, sind." 2 ) Daher mochte man nun in den Réfugiés den ersehnten Succurs erblicken, der bei dem guten Rufe, welcher ihnen in gewerblicher Beziehung vorausging, auch viel mehr versprach.

Dank den Bemühungen des Sieur Jordan und den in Aussicht gestellten Vergünstigungen trat die Kolonie richtig ins Leben. Aller=


1) Actenstücke Nr. 35.
2) Actenstücke Nr. 5.
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dings scheint es nicht möglich gewesen zu sein, dreißig Familien zu finden. Immerhin findet sich am 1. Mai 1700 1 ) in Bützow eine französische Gesellschaft, die aus 11 Ehepaaren mit 13 Kindern, 11 unverheiratheten Männern, meist jüngeren Gehülfen, einer Wittwe und zwei Dienstboten, im Ganzen 49 Personen besteht. Außerdem waren in Schwerin zwei Ehepaare mit 3 Kindern und ein Unverheiratheter, im Ganzen 8 Personen. Jedoch waren beim ersten Osterfeste, das die Réfugiés in Meklenburg feierten, mehr als 600 Personen anwesend, da auch andere im Lande weilende Franzosen und einige aus dem benachbarten Pommern und aus Wismar sich eingefunden hatten.

Dem Wunsche des Herzogs nach industriellen Kräften war insofern Genüge geleistet, als mit Ausnahme des Predigers und 3 Landleuten, sämmtliche Kolonisten ein Handwerk betrieben. Nur die Wittwe scheint eine bedenkliche Errungenschaft gewesen zu sein, da von ihr gesagt ist "ernehret sich mit Brandweinschencken und ein bisgen Hökerey." Unter den Gewerbetreibenden erscheinen Zeug= und Raschweber, Etaminmacher, Wollkämmer, Hut= und Strumpfmacher. Selbst der Küster betrieb im Nebenberufe die Sergenweberei.

Bis zum August des nächsten Jahres hatte sich das Bild einigermaßen verschoben. An die Stelle des Predigers Durand trat Herr Deschamps. Ferner hatten 2 Wollkämmer=Familien, die über Mangel an Beschäftigung klagten und vom Ackerbau nichts wissen wollten, den Wanderstab weitergesetzt. Dafür waren aber einige neue Familien hinzugekommen: Tabacks= als auch Wollenarbeiter, so daß im Ganzen mit Einschluß der Schweriner Réfugiés die Zahl der zur Bützower Kolonie zu rechnenden Personen am 10. August 1701 sich auf 82 belief. 2 ) Ueber die Entwickelung der Kolonie in den nächsten Jahren ist man leider wenig unterrichtet. Aus zwei Rescripten des Herzogs (vom 26. Mai und 7. Juni) an das Amt Grevesmühlen, daß keine Wolle mehr an Ausländer verkauft und den Schäfern nahe gelegt werden sollte, 50 Stein Wolle gegen baare Bezahlung an den Oeconomen Zander nach Bützow für die dortige Manufactur zu liefern, ersieht man, daß die Regierung die neuen Ankömmlinge sich nicht selbst überließ, sondern für sie sorgte, indem sie zunächst den erforderlichen Rohstoff zu beschaffen suchte. Dagegen lag es weniger in ihrer Macht, nach einer anderen, nicht minder wesentlichen Richtung zu helfen, nämlich für den Absatz der Erzeugnisse zu sorgen. Die Eingabe eines Hutmachers und eines Strumpfwirkers, dahin gehend, daß


1) Actenstücke Nr. 6.
2) Actenstücke Nr. 7.
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die zur Livrée der Hofbediensteten erforderlichen Gegenstände von ihnen genommen werden möchten, sowie das Schreiben des Predigers Deschamps 1 ) deuten diesen Mißstand an. Beide Franzosen betonen, daß ihre Erzeugnisse gut seien und daß, wenn die Regierung sich nicht entschließen könne, von ihren Erzeugnissen regelmäßig etwas zu kaufen, sie ihren Unterhalt nicht zu gewinnen vermöchten. Pastor Deschamps aber befürwortet nicht nur die Bitte eines Tuchmachers um Vorschüsse behufs Anschaffung von Werkzeug und Rohstoff, sondern spricht ebenfalls den Wunsch aus, daß der Herzog die Tücher, die man so wird herstellen können, zur Kleidung seines Heeres kaufen möchte. Auch soll der Hof den Absatz der Erzeugnisse zweier guter Hutmacher und mehrerer Strumpfwirker begünstigen, weil diese sonst nicht existiren könnten.

Ob für die Unterbringung der Flüchtlinge in passenden Wohnräumen gesorgt war, muß unentschieden bleiben. Im Mai 1700 wurde an einem Manufacturhause - so nannte man die für die Fremden bestimmten Wohngebäude - noch gebaut, wobei sich Schwierigkeiten darin zeigten, daß die zur Anfuhr verpflichteten Personen alle zu gleicher Zeit das erforderliche Bauholz anfahren wollten, eben zu der Zeit, wo ihre Pferde sonst mit landwirthschaftlichen Arbeiten nicht beschäftigt waren.

Verhängnißvoller als diese Unzuträglichkeiten, von denen man hoffen konnte, im Laufe der Jahre befreit zu werden, drohte für das Gedeihen der Kolonie der Umstand zu werden, daß der Herzog in Herrn Salomon Jordan, dem eigentlichen Organisator der Kolonie, keinen ganz glücklichen Griff gethan hatte. Verdrießlichkeiten der Regierung mit ihm ließen eine schnelle Wiederauflösung der kaum entstandenen Ansiedelung befürchten. Wie in solchen Fällen häufig, lassen die archivalischen Nachrichten keine deutliche Vorstellung von dem, was vorgekommen zu, und mehr vermuthend als beweisend kann zur Aufdeckung des Zusammenhanges geschritten werden. Salomon Jordan gehörte zu jenen nicht unbemittelten Marchands fabricants, wie sie zahlreich aus Frankreich einwanderten, die durch Verbindung der Fabrikthätigkeit mit ausgedehntem Handel, die gleichzeitig auf den Absatz der Erzeugnisse Bedacht nahm, die Großindustrie besonders emporbrachten. Mit Scharfblick hatte er erkannt, daß in Meklenburg mit seiner verbreiteten Schafzucht der Rohstoff für eine Industrie verhältnißmäßig wohlfeil zu haben war, nämlich Wolle, und daran knüpfte er den Gedanken, die Tuchmacherei im Großen zu betreiben. Von einer "Drapperie" ist mehrfach die Rede. Auch


1) Actenstücke Nr. 8.
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der Pastor Deschamps erwärmt sich für sie und hebt beim Herzoge die Verdienste Jordan-s um das Zustandekommen derselben gelegentlich hervor. 1 ) Die zur Verarbeitung nöthigen Personen konnte er aber nicht hoffen, so ohne Weiteres in Meklenburg zu finden. Weder die Zahl der ihm sich etwa zur Verfügung stellenden Kräfte noch ihre Geschicklichkeit dürfte seinen Ansprüchen genügt haben, und so hatte er dem Herzog seinen Vorschlag zur Begründung der Kolonie unterbreitet, mit der er gleichzeitig seinen bedrängten Landsleuten einen Dienst zu leisten hoffen durfte. Für sich selbst rechnete er außer der Förderung seines Geschäftsinteresses auf eine Belohnung oder ein Jahresgehalt vom Herzog, das ihm möglicher Weise für den Fall des Gelingens zugesagt worden sein mag. In einem Schreiben an den Herzog bittet der Prediger Deschamps ausdrücklich, daß dem Jordan zugewandt werde "la pension, qu-il attand depuis si longtemps comme une faveur, dont on a toujours récompensé ceux qui ont fonde des colonies." 1 )

Wie er es angefangen hat, die ursprünglich ihm lächelnde Gunst des Herzogs zu verscherzen, ob er, sich vielleicht zu sehr als Unternehmer fühlend, seine armen Landsleute in Bützow bedrückte, wird ewig Geheimniß bleiben müssen. Der Kammerrath Varenius schreibt bereits im Mai 1700 gelegentlich einer Inspection der Kolonie, bei der er einige Unregelmäßigkeiten in Bezug auf die Vertheilung von Korn und Wolle gefunden zu haben glaubte, an Herrn Secretair Duwe: "Daß sie Jordan los werden sollen, damit sind sie alle sehr wohl zufrieden, ausgenommen Durand, welcher ihm etwas Geld geliehen." Jordan selbst war mit der ihm angewiesenen Stellung und mit dem langsamen Gange der Dinge nicht einverstanden. Er ersuchte den Minister Grafen Horn, ihm vollständige Freiheit in der Errichtung der Tuchfabrik, namentlich Machtvollkommenheit in Bezug auf die Vertheilung der Wolle unter die Kolonisten, einräumen zu wollen, 2 ) und als man ihm das nicht zugestand, vielleicht auch mit der Auszahlung der Pension zögerte, scheint er seinen Einfluß dazu gemißbraucht zu haben, die Franzosen zum Aufgeben von Bützow zu bewegen. Wenigstens war er dessen angeklagt und der Verdacht bis zu den Ohren des Herzogs gedrungen, so daß eine von allen Mitgliedern der Kolonie unterzeichnete Ehrenerklärung am 30.April 1703 3 ) demselben überreicht wird, in der versucht wurde, Herrn Jordan als schuldlos hinzustellen. Er sollte sie nie zum Verlassen Meklenburgs


1) Actenstücke Nr. 8.
1) Actenstücke Nr. 8.
2) Actenstücke Nr. 9.
3) Actenstücke Nr. 10.
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aufgefordert haben. Vielmehr bitten sie, ihm das versprochene Gehalt auszuzahlen, damit er unter ihnen bleiben und ihnen seinen nützlichen Beistand fernerhin leihen könne. Sogar Madame Jordan hält es für angezeigt, sich in einem directen Gesuch an den Staatsminister Grafen Horn zu wenden, um diesen zu bewegen, ihrem Manne den ferneren Aufenthalt in Meklenburg zu gestatten. 1 ) Indeß fruchten alle diese Vorstellungen nicht, und Sieur Jordan als ein unruhiger Geist wurde aus der Kolonie verbannt. In den Acten kommt er später nicht mehr vor.

3.

Nachdem diese Krisis glücklich überwunden war, trachtete man darnach, die Zahl der Einwanderer thunlichst zu vermehren und veranlaßte eine zweite Einwanderung. Im September 1703 schloß der Herzog abermals mit einigen französischen Kaufleuten einen Vertrag ab behufs Ansiedelung einer größeren Zahl von Réfugiés in Bützow. Der damals gedruckten "Beschreibung derer favorablen Conditionen, so des zu Mecklenburg=Schwerin und Güstrau regierenden Hertzogs Durchlaucht denen zu einer zweyten Golonie in Bützau sich angebenden frantzösischen reformirten Flüchtlingen gnädigst accordiret," können wir die Einzelheiten dieses zweiten Versuches entnehmen. 2 )

Drei in Hamburg wohnende Kaufleute, Jacques Vignoles, Alexandre Flavard und Nicolas Gentien, versprachen, 50 französische Familien in das Land zu führen, vorzugsweise Handwerker, "so Wolle verarbeiten." Dieselben sollten redlichen und untadelhaften Rufes sein.

Jede Familie erhielt 50 Thaler Lösegeld, sowie auf die Dauer von 6 Jahren ein allerdings erst zu erbauendes Haus miethfrei. Für die gleiche Zeit wurde allen Freiheit von Auflagen und Steuern versprochen, während man ihnen die Rechte aller sonstigen Unterthanen zusicherte. Die freie Ausübung der reformierten Religion war selbstverständlich. Ein großer Saal im Bützower Schlosse wurde für diesen Zweck einstweilen als Versammlungsort zugestanden, so lange, bis man an den Bau einer Kirche gehen konnte. Den Prediger, welchen die Kolonie sich selbst wählen durfte, versprach der Herzog mit freier Wohnung und 250 Thlr. aus Staatsmitteln zu besolden.

Den Vertrieb der von den Eingewanderten herzustellenden Waaren übernahmen die drei genannten Kaufleute und wurden gleichzeitig zu Hoflieferanten ernannt, mit der Verpflichtung, Alles, was der Herzog


1) Actenstücke Nr. 11.
2) Actenstücke Nr. 12.
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und sein Hof an Brocaten, goldenen, silbernen, seidenen und wollenen Stoffen, bordierten Kleidern u. dgl. m. nöthig haben würde, "ohne Vorschuß aus der ersten Hand kommen zu lassen und vor einen raisonnablen Preis an unseren Hof zu liefern." Ein Jeder von ihnen erhielt für seine Bemühungen um die Beschaffung der betreffenden Familien ein Geschenk von 30 Thalern. Endlich sprach der letzte Paragraph der Bedingungen von einem zunächst einzuführenden Zoll auf Strümpfe, Hüte, Wollenstoffe, Tücher, Taback u. s. w., "um dadurch nicht allein den Verkauf der einheimischen Wahren zu befordern, sondern auch mehr Leute einzuführen." Voraussetzung war nur, daß diese Gegenstände, deren Absatz der Herzog befördert wissen wollte, in ausreichender Menge im Lande erzeugt würden. Zur Unterstützung bei der Arbeit und behufs Ausbreitung der Geschicklichkeit sollten die Réfugiés junge Meklenburger als Lehrlinge annehmen.

Auch dieses Mal gelang es nicht, die in Aussicht genommene Zahl von Familien in-s Land zu ziehen. Einer der drei Kaufleute, Herr Vignoles, scheint sich überhaupt von vornherein garnicht bei der Ausführung des Vorhabens betheiligt zu haben; wenigstens ist nur von den beiden anderen die Rede. Nach einem Verzeichniß, welches die Franzosen im August 1704 aufstellten, hatten sie 10 Ehepaare mit 13 Kindern und 4 Unverheirathete zur Uebersiedelung nach Bützow zu bewegen vermocht. 1 ) Allerdings wird einer etwas späteren Eingabe der Organisatoren an den Herrn Kammerrath Varenius eine Namensliste von 41 Familien angeschlossen, die zur Niederlassung in Meklenburg bereit wären, vorausgesetzt, daß die dort Anwesenden mit den Verhältnissen zufrieden seien. Dabei wird bemerkt, daß 27 andere Familien, die sich zur Zeit in Halle, Schwabach und Erlangen aufhielten, ebenfalls nicht abgeneigt wären, nach Meklenburg zu kommen. 2 ) Doch hat es offenbar bei der guten Absicht dieser Personen sein Bewenden gehabt. Denn in einem in Rostock am Ende des Jahres 1704: aufgenommenen Protokoll über die in Bützow und Güstrow anwesenden, d. h. wohl neuerdings hinzugekommenen Franzosen und ihre persönlichen Verhältnisse sind nur 5 Unverheirathete und 9 Ehepaare mit 6 Kindern, d. h. im Ganzen 29 Personen, aufgeführt. 3 ) Im Jahre 1707 aber weist die französische Kolonie in Bützow nicht mehr als 143 Personen auf. Demnach kann der Wunsch des Herzogs nach einer größeren Zahl von Einwanderern kaum in Erfüllung gegangen sein. Da schon im


1) Actenstücke Nr. 15.
2) Actenstücke Nr. 18.
3) Actenstücke Nr. 19.
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Jahre 1701 sich einige 80 Franzosen in Bützow eingefunden hatten, von denen einige, denen es schlechterdings nicht gelang, sich einzuleben, wieder fortgezogen waren, so können bei der zweiten Einwanderung wohl nicht viel mehr als 50 - 60 Personen eingetroffen sein.

Daß dieselben nicht direct aus Frankreich kamen, liegt auf der Hand. Um diese Zeit hatten in Norddeutschland bereits an mehreren Stellen Niederlassungen von Réfugiés stattgefunden, in Hamburg, Magdeburg, Halle, Stendal, Berlin und anderen Orten, ohne daß es denselben überall gelungen wäre, sich in die vorgefundenen Verhältnisse einzuleben. Manchesmal ereigneten sich Konflicte mit den Aufsichtsbehörden, dann schienen Einzelnen die Aussichten auf lohnenden Erwerb nicht glänzend genug, und so gab es im ersten Jahrzehnt nach Aufhebung des Edicts von Nantes mehrfache Hin= und Herwanderungen. Ich vermuthe, das unsere Réfugiés aus Hamburg und Magdeburg gekommen sein werden: auf ersteres schließe ich, weil die Kaufleute, mit denen der Herzog verhandelt, als dort wohnend erwähnt werden; an Magdeburg denke ich wegen vielfacher Uebereinstimmung der Namen dortiger und hiesiger Réfugiés, obgleich natürlich ein zwingender Beweis darin nicht gesehen werden kann.

Sah der Herzog seine Hoffnungen in Bezug auf die Zahl der Ankömmlinge getäuscht, so kann er in Bezug auf ihre Berufe ebensowenig befriedigt gewesen sein. Wir wissen, daß er namentlich die Wollindustrie in-s Auge gefaßt hatte. Jedoch erscheinen unter den neuen Ankömmlingen nur ein Wollkämmer, ein Tuchmacher, ein Färber und ein Strumpfstricker. Die andern, sind Lohgerber, Knopfmacher, Handschuhmacher, Tischler, Tabacks= und Waidbauer. Auch einem Schmied begegnen wir, dessen Specialität die Herstellung von Strumpfstühlen war. Indeß mochten doch diese Handwerker, bei dem Mangel an Gewerbetreibenden im Allgemeinen, schließlich nicht unwillkommen sein.

Alle diese Leute waren mit wenigen Ausnahmen blutarm, erhielten ihre 5 - 10 Thlr. Transportgelder und waren froher Erwartung der Vortheile und Privilegien, die ihnen in Bützow zugedacht waren. Sie werden in dem erwähnten Rostocker Kammerprotokoll als "pauvre" oder "ohne Mittel" charakterisiert. 1 ) Nur von dem einen Tuchmacher heißt es, daß er "bei guten Mitteln ist und andere Leute kann arbeiten lassen", d. h. also andere Gewerbetreibende verlegen. Genannt wird auch ein Adliger, Theophile de Moreau, seigneur de Delrose, der die Absicht hatte, ein Landgut zu kaufen. Natürlich blieb dieser, wenn überhaupt in Meklenburg,


1) Actenstücke Nr. 19.
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jedenfalls nicht in Bützow. Diese Mittellosigkeit, die man auch bei den Mitgliedern der ersten Kolonie vermuthen darf, obgleich sie bei ihnen nicht ausdrücklich bezeugt wird, verschuldete es, daß unsere Fremden sich anfangs garnicht in Bützow zurechtzufinden vermochten und unaufhörlich mit Bitten und Beschwerden der Regierung nahten. Der Herzog seinerseits suchte mit den nicht sehr ansehnlichen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, dieselben thunlichst zu fördern. Noch im November 1703 beauftragte er den Generalmajor von Bergholtz, dem er die oberste Aufsicht über die Einrichtung der Kolonie übertragen hatte, 25 Häuser für die zu erwartenden Familien erbauen zu lassen. Für diesen Zweck wies er 8000 Thlr. an, welche die Renterei zwar nicht augenblicklich herzugeben im Stande war, die aber geliehen werden sollten. Dreitausend Thaler glaubte man zu Beginn des nächsten Jahres zurückzahlen zu können, den Rest versprach man mit 6 Prozent zu verzinsen und nach und nach aus den Rentereigefällen zurückzuerstatten. Als nun nicht so viele Familien, wie erwartet wurden, erschienen, verlor die Kammer, die den Bau leiten sollte, die Lust und sprach sich dahin aus, daß "die angewandte Mühe übel compensiret wehre." Es bedurfte der ganzen Energie Bergholtz-s, um den Bau zu Ende zu führen. Er betonte gewiß richtig, daß, "so lange keine Häuser erbauet sind und zur Manufactur keine andere Anstalt als bishero gemacht ist," man nicht hoffen könne, mit der Kolonie zu reussieren.

Daß unter solchen Umständen nicht alle die ursprünglich projectierten 25 Häuser gebaut wurden, verstand sich von selbst. Immerhin begann der Bau, und im August des Jahres 1704 war ein Haus für 4 Familien, dessen Herstellung zwischen 700 und 800 Thalern gekostet hatte, fertig. Schon im October desselben Jahres befahl der Herzog, ein anderes Haus von 100 Fuß Länge und 35 Fuß Breite zu erbauen und, um an den Kosten zu sparen, wurden vier Dreyviertel Hüfner aus Niendorf mit Anfuhr der Materialien und der Handarbeit beim Bau beauftragt. Ein drittes Haus, für sechs Familien, entstand in der Zeit von Johannis 1705 bis 1706, und wenn auch langsam, so rückten doch nach und nach die anderen geplanten und nöthigen Bauten ebenfalls vor. Einer "Specification. derjenigen Häuser, welche Ihre Hochfürstliche Durchlaucht in Bützow neu erbauen und kauffen lassen" vom April 1708 entnimmt man, daß im Ganzen sieben Häuser verschiedener Größe, theils kleinere für eine Familie, theils größere für 2, 4, und 6 Familien erbaut worden waren. Ueber die gesammten Kosten, welche dieser Bau verursacht hatte, fehlen die Angaben. In einer gelegentlichen Aufzeichnung darüber, was der Herzog in den Jahren 1698, 1699, 1700 und

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1703 für die Franzosen ausgegeben hatte, ist die allerdings nicht große Summe von 1328 Gulden verzeichnet. Doch kann darin natürlich der Häuserbau nicht mit eingerechnet sein. Vereinzelt erfährt man von einer Unterstützung, die er im Jahre 1709 einem Strumpfwirker Pierre Gineous im Betrage von 30 Thalern und im Jahre 1710 einem anderen, Jeremias Vial, im Betrage von 200 Thalern "zur fortsetzung seiner profession" bewilligte. Gewiß läßt sich annehmen, daß bei dem Interesse, das der Herzog für die Kolonie hatte, er soviel in seinen Kräften stand für die Mitglieder gethan haben wird. Nur dürften eben Wollen und Können, wie im benachbarten Brandenburg, nicht immer im Einklang gewesen sein.

An allgemeinen Maßregeln zur Förderung des Gewerbewesens wurde im Mai 1705 das frühere Edict über die Wollaufkäuferei in Erinnerung gebracht. Es sollte überall bekannt gemacht und "affigiret", auch auf seinen Inhalt in allem Ernst gehalten werden. Daran schloß sich eine Schauordnung für die Tuchmacher in allen meklenburgischen Städten, die darauf abzielte, durch besonders dazu verordnete Werkmeister die Weberei beaufsichtigen zu lassen und es auf diese Weise zu ermöglichen, daß Tücher von besserer Beschaffenheit als bisher hergestellt würden. 1 ) Ferner wurde im September befohlen, daß die Lohe in einem gewissen Umkreise von Bützow gesammelt und zur Aufnahme der Gerberei nach der Stadt gebracht werden solle.

Was auf diese Weise geschah, war doch zu wenig, um die Franzosen befriedigen zu können. Daß dem Herzog keine ansehnlichen Mittel zur Verfügung standen, war klar. Wenn jedoch die versprochenen zehn Thaler Transportgelder den einzelnen Familien nicht ausgezahlt, wenn die guten Wohnhäuser, die man Flavard und Gentien in Aussicht gestellt hatte, ihnen nicht eingeräumt, sondern sie in einigen Zimmern des Schlosses untergebracht wurden, so kann man es den Fremdlingen nicht verdenken, daß sie mit Anträgen und Bitten nicht nachließen. Besonders mit dem General Bergholtz, der von Güstrow aus als herzoglicher Kommissar die Kolonie leitete, konnten sie sich nicht recht verständigen. Sie klagten, daß er das zinslose Dahrlehn von 6000 Thalern auf vier Jahre, das er ihnen versprochen, nicht besorgt habe, daß er einzelne Réfugiés in seinem Privatinteresse beschäftige, während sie die Errichtung eines Magazins befürworteten, an das alle Kolonisten ihre Erzeugnisse abliefern sollten, um so einen Handel in-s Ausland in Scene setzen zu können. Bergholtz seinerseits stellte überhaupt in Abrede, mehr versprochen zu


1) Parchimsche Gesetzsammlung, 2. Aufl., Bd. 5, Nr. 1448.
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haben, als er bot, und beschuldigte die Franzosen, dem Vertrage nicht nachgekommen zu sein, statt ordentlicher und fleißiger Arbeiter eine "Racaille" nach Bützow gebracht zu haben, von der drei bereits wieder desertiert seien. 1 )

Gleichwohl werden die Franzosen insofern nicht ohne Grund geklagt haben, als sich nicht alle Versprechen, die man ihnen gemacht hatte, schnell sofort erfüllen ließen. Schon im Mai 1704 beschweren sich die Unternehmer bei der Kammer, weil sich nicht Alles so glatt abspielt, wie sie sich möglicher Weise gedacht hatten, worauf ihnen der Bescheid wird, sie sollten sich nur gedulden; was in der Declaration ihnen zugesichert sei, werde stricte gehalten werden. Da das doch nicht geschieht, so formulieren die beiden Kaufleute in einem Berichte die Bedingungen, unter denen die 8 oder 9 Ehepaare, die bereits in Bützow waren, sich niedergelassen hätten und unter denen eine weitere Entwickelung der Kolonie denkbar wäre. 2 ) Sie bitten um Auskehrung der versprochenen Transportgelder und um einen Vorschuß von 2000 Thalern für ein zu errichtendes Magazin oder um Wolle in demselben Werthe. Sie wünschen 2 Hufen Landes mit 10 jähriger Abgabenfreiheit und Felderbestellung durch die meklenburgischen Bauern, Baumaterial zum Hausbau, die Berechtigung zur Veranstaltung einer Lotterie verschiedener Waaren im Werthe von 10 000 Thalern. Die Kammer, welche über diese und ähnliche Vorschläge eingehend berieth, verhielt sich im Allgemeinen denselben zustimmend gegenüber. Sie versprach die 10 Thaler Reisegeld sobald als möglich auszuzahlen, jede fähige Familie gerne mit Wolle oder baarem Gelde zu unterstützen, damit sie ihr Gewerbe beginnen könne. Flavard und Gentien sollten jeder das versprochene gute Wohnhaus, eventuell Land bekommen. Selbst die Lotterie wird erlaubt, vorausgesetzt, daß die Bedingungen der Kammer vorher unterbreitet würden. Aber kurze Zeit darauf weist die Kammer den Licent=Inspector in Bützow an, vom 1. October 1705 die Franzosen gleichfalls zur Licentzahlung heranzuziehen. Diese Maßregel stand jedenfalls mit den zugestandenen sechs Freijahren nicht im Einklang und vermuthlich stieß auch die Ausführung der anderen Versprechungen auf Widerspruch. Wenigstens wird man zu dieser Auffassung gedrängt, da die beiden Unternehmer sich im September 1704 direct an den Herzog wandten und ihn um die Bewilligung ihrer Forderungen baten, die so wenig bedeuteten "pour un si grand prince". 3 ) Gleichzeitig gingen sie auch den Kammerrath Varenius darum an, ein


1) Actenstücke Nr. 14.
2) Actenstücke Nr. 15.
3) Actenstücke Nr. 17.
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freundliches Wort für seine Landsleute an maßgebender Stelle einzulegen. 1 ) In bewegenden Worten schilderten sie die Ungewißheit ihrer Lage, die allen Fortschritt hemme, das Ungemach, dem sie im Allgemeinen ausgesetzt seien: "vous savez depuis combien de temps nous sommes en souffrance." Kurz, die Situation wird immer gespannter und ungemüthlicher und im April 1706 2 ) bat Herr Flavard endlich um seine Entlassung. "C-est Messeigneurs," schreibt er der Kammer, "le mauvais traitement, que j-ai recu dans ce pais despuis le jour de mon arrivée jusques à présan tant de celui, qui avait direction ci devant de la colonie que de plusieurs particulliers à qui j-ai rendu service." Dann setzt er in leidenschaftlicher Sprache die Gründe auseinander, die ihn zum Fortgehen zwängen. Zwei Jahre lang habe er in Bützow verlebt in der Hoffnung, daß Alles sich besser gestalten würde, keine Unkosten gescheut, mehr als 1000 Thaler für seine Familie ausgegeben, aber durch die Fehler des Herrn General Bergholtz habe er nicht zu reussieren vermocht. Flavard siedelte nunmehr nach Lübeck über, wo er sich ein Haus zu bauen beabsichtigte und das Material schon eingekauft hatte. Ohne Weiteres ließ die Kammer ihn übrigens nicht ziehen, sondern machte Versuche, ihn zu halten, die leider vergebliche waren. Mit dem anderen Unternehmer, Herrn Gentien,. kam es nicht bis zum Bruch. Freilich hatte er nur 100 Thaler Vorschuß verlangt, wovon ihm bis zum Herbst 1706 60 ausgezahlt worden waren. Aber vermuthlich war er nicht im Stande, seinen Wohnsitz zu wechseln und blieb.

Wer bei diesem Zerwürfniß die Hauptschuld trägt, ob die Franzosen übertrieben, - wer möchte auf Grundlage der spärlich erhaltenen schriftlichen Nachrichten aus jenen Tagen entscheiden ! Wie ein Eingeständniß der Kammer sieht es aus, daß sie später Herrn Flavard aus Lübeck zurückberief und ihm ein jährliches Gehalt von 60 Thalern versprach. Doch auch dieses zu zahlen, scheint keine Möglichkeit gewesen zu sein, da im December 1710 die Wittwe Flavards versucht, das, was man ihrem verstorbenen Manne schuldig geblieben, zu erlangen.

4.

Auch die zweite Kolonie hatte also mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen und wollte nicht recht gedeihen. Der Licent=Commissar Engel, der im September 1705 Bützow auf einer Reise streifte und


1) Actenstücke Nr. 18.
2) Actenstücke Nr. 22.
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darüber an den Kammerrath Varenius berichtete, bezweifelte, nachdem er die Manufactur in Augenschein genommen, ihre Lebensfähigkeit. Er meinte, "daß solche Bützowsche Manufacturen auf itzigem Fuße nicht bestehen können und werden, sondern die Manufacturiers wieder verlaufen müssen." Und dieser Gedanke beherrscht noch 12 Jahre später den Prediger Deschamps, da er im Hinblick auf seine traurige Lage um seine Entlassung bat. Jedoch ließ sich der treue Seelsorger bewegen, zu bleiben und harrte bis zu seinem 1730 erfolgten Tode bei seiner kleinen Gemeinde aus.

Einzelne Kolonisten strebten ebenfalls wieder fort. So bat im Juli 1707 ein Etaminmacher Pierre Tardiff, die Ansiedelung verlassen zu dürfen, da seine Frau, die er sich aus Berlin geholt, die Luft in Bützow nicht vertrage, allezeit unpäßlich sei, überdies ihre kränkliche Mutter in Berlin pflegen müsse. 1 ) Die Kammer gewährte seine Bitte und verlangte nur die Rückerstattung der auf ihn verwandten Unkosten, fügte aber im Uebrigen dem Bescheide die Bemerkung hinzu, "daß man hinkünftig den Franzosen nicht gestatten dürfe, Weiber aus Berlin zu nehmen, dann sie dadurch debauchiret würden." Die durch ihn verursachten Unkosten berechnete die Kammer in diesem Falle auf 50 Rthlr. Sie nahm die Hausmiethe für 4 Jahre zu 16 Rthlr. an, berechnete den Ausfall an Konsumtionssteuern in den sechs Freijahren auf 5 Rthlr. 32 Schillinge, und die 8 jährige Befreiung von allen "bürgerlichen Oneribus" offenbar zu etwa 28 Rthlr. Diese Rechnung wollte dem Franzosen nicht einleuchten; er entschuldigte sich mit seiner Armuth und bat um Ermäßigung des Betrages auf 30 Rthlr., versprach auch, falls die Gesundheit seiner Frau es gestatte, wieder nach Bützow zurückkehren zu wollen. Bemerkenswerth ist in seinen Ausführungen die Behauptung, daß er 120 Rthlr. baar nach Meklenburg mitgebracht und bei seiner Niederlassung zugesetzt haben wollte. 2 )

Schlauer fing es der Strumpfwirker Pierre Gineous an, der, weil er den Vorschuß von 30 Thalern zurückzuerstatten nicht im Stande war, mit seiner Frau, die eine Deutsche war, im Jahre 1709 heimlich nach Hannover entwich. Allerdings wurde er dort von der Polizei erfaßt und über seine Flucht verhört, aber die meklenburgische Regierung leistete Verzicht darauf, ihn zurückzunehmen, da aus der Kolonie berichtet wurde, daß Mann und Frau nicht in gutem Rufe ständen. "Und hat man ihnen die Schuld geben wollen, als wenn sie beiderseits Liebhaber von Brandwein wären."


1) Actenstücke Nr. 29, 30.
2) Actenstücke Nr. 30, 31.
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In die Zeit unmittelbar nach Begründung der zweiten Kolonie fällt ein Schreiben des Königs von Preußen, der den Herzog von Meklenburg ersuchte, sich der Flüchtlinge aus dem Fürstenthum Orange annehmen zu wollen. 1 ) Die brandenburgische Erbschaft des Ländchens Orange, mitten im südlichen Frankreich am linken Ufer der Rhône gelegen, kam im Jahre 1704 definitiv an Frankreich. Die Folge davon war, daß der größte Theil der oranischen Protestanten, die auf Grund des Edicts von Fontainebleau jetzt rechtlos wurden, Neigung zeigte, nach Preußen auszuwandern, dessen König sie als ihren rechtmäßigen Herrscher ansahen.

Der Präsident des oranischen Parlaments wandte sich mit der Bitte um Hülfe nicht vergeblich an König Friedrich I. Nicht nur, daß dieser eine Kollekte für die Orangeois veranstalten ließ, erklärte er sich auch bereit, sie in sein Land aufzunehmen und suchte offenbar ihrer Niederlassung anderswo ebenfalls die Wege zu ebnen. 2 ) Diesem Bestreben verdankt das erwähnte Schreiben des preußischen Königs seine Entstehung. Es wird in ihm gesagt, daß man in Brandenburg schon mit der "Subsistentz einer großen Anzahl frantzösischer Refugiirter, wie auch Wallonen und Pfältzer chargiret sei," und der Herzog daher ersucht, seinerseits mit einer "Beysteuer der Noth und Misere dieser armen vertriebenen Leute" abhelfen zu wollen.

Aus den Abgängen Einzelner auf unerträgliche Zustände in der Kolonie folgern zu wollen, wäre wohl voreilig. Die Ansprüche waren eben verschieden, die Acclimatisation für an andere Lebensverhältnisse gewöhnte Personen nicht leicht. Kein Wunder, wenn die Fremden wieder fortziehen wollten, falls sich an einem anderen Orte ein besseres Unterkommen bot.

An die Stelle der Abziehenden traten übrigens Andere. Wenigstens sind in den Acten verschiedene Anmeldungen und Gesuche um Niederlassung unter den gleichen Bedingungen, wie sie den ersten Kolonisten gewährt worden waren, enthalten. Ist auch nicht immer bemerkt, daß der Bitte Gehör geschenkt wurde, so ist es doch in der Regel gewiß der Fall gewesen, da es ja eben darauf ankam, Menschen heranzuziehen. So siedelte im Jahre 1704 ein Strumpfwirkergeselle Abraham Martineau aus Berlin mit Familie, 1707 ein Lohgerber Guillaume Missolle von Güstrow nach Bützow über. Im September 1705 bittet ein Weißgerber Jean Bicheur, der Kapital genug besitzt, seine Profession fortzusetzen, um Aufnahme, die bereitwilligst zugestanden wird. Im Jahre 1711 meldet sich ein französischer


1) Actenstücke Nr. 13.
2) Geschichtsblätter, 1. Zehnt, Heft 4, S. 41.
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Wollkämmer, der zugleich Winterstrümpfe zu scheren und zu walken weiß, und im October 1712 wollen vier französische Familien nach Bützow kommen, die aber freilich, "da mit Manufacturen bey jetzigen Zeiten wenig zu verdienen," um Zuweisung von Acker bitten. So fand sich für den Verlust bald Ersatz, und auch an Vorschlägen, die keine Berücksichtigung finden konnten, fehlte es nicht. So meldete sich 1705 ein Passementeur Jacque l-Anglois, der gegen 100 Thaler Vorschuß und 20 Thaler zur Aufstellung eines Stuhles, der Eigenthum des Herzogs bleiben sollte, alle Posamentier=Arbeit in Gold, Silber und Seide, die man bisher aus der Fremde bezogen hatte, zu leisten versprach. Noch größere Anforderungen an die herzogliche Kasse stellte Essaye Huot aus Berlin, der eine Gold= und Silber=Tressen=Fabrik in Bützow zu errichten bereit war und in einem umfangreichen Memorial seine Ideen auseinandersetzt. Er wollte 7 - 8 Arbeiter mitbringen, alles Werkzeug anschaffen, in 3 Monaten das Geschäft in Gang setzen und den Hof sowie Privatpersonen alle Zeit mit guter frischer Waare befriedigen. Dafür verlangte er aber ein ausschließliches Privileg für seine Anstalt, eine freie gute Wohnung, 10 jährige Abgabenfreiheit für alle an der Manufactur Betheiligten und einen Vorschuß von 2000 Thalern, von denen er nur die Hälfte allmählich zurückzuzahlen bereit war, die andere Hälfte als Geschenk aufgefaßt wissen wollte. Da war es wohl erklärlich, daß ihm geantwortet werden mußte: auf einen derartigen Vorschuß könne man keine Hoffnung machen.

Und nicht nur Franzosen, auch deutsche Gewerbetreibende erklärten auf die Kunde von der Eröffnung der Kolonie in Bützow ihre Bereitwilligkeit, sich derselben anzuschließen. Ein reisender Handwerksbursch, Joh. Christian Eisensen aus Kassel, wollte zwar, da er gehört, "daß Ihre Hochfürstliche Durchlaucht gnädigst gesinnet allerhandt professiones in Dehro Lande anzunehmen," in Schwerin sich als Strumpfwirker niederlassen, wurde aber bedeutet. nach Bützow zu gehen. Aus Lüneburg wurde ein Wandmachergesell, Abraham Dietrich Molle, nach Bützow berufen. Ein aus Meklenburg stammender Goldschläger, Tobias Eckhardt, war bereit, als "Hofgoldschläger" und mit einem Privileg nebst 200 Thalern Vorschuß wieder in seine Heimath zurückzukehren. Ein Berliner, Georg Christian Jänisch, erbot sich, da man ihm das Land Meklenburg sehr gerühmt habe - es habe alle Regalien und sei sonderlich reich an Wolle -, eine Tuchmacherei in Scene zu setzen.

Gerade dieses letzte Gewerbe hatte von jeher des Herzogs Aufmerksamkeit erregt. Da nun die berufliche Zusammensetzung der französischen Kolonisten in dieser Richtung nicht genügte, entschloß er

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sich, deutsche Tuchmacher zu berufen. Im October 1705 theilt der Herzog dem Bützower Amtsschreiber mit, daß er bereit sei, dieselben Zugeständnisse, welche den Réfugiés gemacht seien, auch deutschen Tuchmachern einzuräumen, d. h. Freijahre und 10 Thaler Reisekosten. So kamen denn, unter denselben Bedingungen wie die Franzosen, wie es scheint, aus Sachsen, 5 Tuchmacher und 1 Tuchscherer an und installierten sich in Bützow. Mit dieser Industrie hing die oben erwähnte Schauordnung zusammen. Allgemein war die Klage erhoben worden, daß der 30 jährige Krieg die früher blühende meklenburgische Tuchmacherei in Verfall gebracht und damit den Städten sehr geschadet habe. Ein undatirtes Memoire, welches "ohnvergreiffliche Gedancken das in denen Mecklenburgischen Städten zerfallen Gewercks der Tuchmacher und deßen Wiedereinführung betreffend" ausspricht, betont, daß man diese Handwerker von auswärts heranziehen, ihnen einige Freijahre zugestehen, sie mit Wolle versehen und den Tuchhandel ordnen müßte. 1 ) Wirklich ließ sich die Bützower Tuchmacherei Anfangs gut an. Der Licent=Inspector Pachasius Zander berichtet im October 1706, sie sei in solchem Zustande, daß man sich mit der Zeit einen guten Progreß versprechen könne. Aber bald entsteht auch bei den Deutschen Unzufriedenheit. Sie klagen, daß sie nicht wissen, wohin mit den Laken; man hätte ihnen versprochen, dieselben für die Montierung abzunehmen; aber das sei nicht geschehen, und obwohl sie bereit wären, sie billiger zu verkaufen als gewöhnlich, so fänden sie keine Abnehmer und hätten lange Zeit keinen Heller Geld im Hause gehabt. Später beschweren sie sich über die ihnen angewiesenen Wohnungen, die zu eng und nicht gut genug seien. Namentlich der Boden gewähre nicht genügenden Raum, um die Wolle darauf lagern zu können; statt der Miethe bitten sie den Herzog, Laken von ihnen annehmen zu wollen. Gerade diese Leute hatten nach der Specificatio vom Jahre 1707 ganz ansehnliche Geldvorschüsse erhalten. August Tiell hatte 235 Rthlr., Heinrich Schütt 253 Rthlr., ein dritter Tuchmacher 197 Rthlr., ein vierter 119 Rthlr. u. s. w. empfangen.

5.

Die gleichen Klagen, wie die deutschen Tuchmacher, erhoben auch die Franzosen und berührten damit einen Punkt, der wahrscheinlich die Hauptursache für die geringe Entwickelung der Kolonie gewesen ist. Die Gewerbetreibenden vermochten ihre Erzeugnisse nicht abzusetzen. Bützows Bevölkerung war wenig kauffähig; weitere Märkte zu besuchen, fehlte Zeit und Kenntniß. Es mangelte eben der Unternehmer


1) Actenstücke Nr. 36.
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oder Verleger, der die Handwerker auf seine Rechnung hätte beschäftigen und auf sein Risiko den Vertrieb der Waaren übernehmen können. Die Hutmacher können ihre Liverey "vnd Musquetirer=Hüte, die Strumpfmacher ihre Strümpfe, namentlich Mondirungs=Strümpfe für Grenadiere" nicht loswerden. In Güstrow, wohin sie sich mit ihren Waaren wenden, empfängt man sie unfreundlich, weil die dortigen Kaufleute aus Leipzig, Magdeburg und anderen Orten ihre Waaren zu beziehen gewohnt sind und diese Handelsverbindungen nicht abbrechen wollen. Der Hausierhandel beeinträchtigt den Absatz, und es bleibt den Franzosen nichts übrig, als gleichfalls mit ihren Erzeugnissen hausieren zu gehen, wozu sie aber wieder besonderer Erlaubniß bedürfen. Im August 1705 bitten sie den Herzog um das Recht zum Besuche aller Messen und Jahrmärkte im ganzen Lande. 1 ) "Mier armen Refugé, der große Mühe hat zu leben und mit högstem Fleiß sugett sich retlich zu ernehren", bittet der Hutmacher Pierre Lance, zu gönnen, daß er seine Waaren "in högst gedachtem hochfürstlichen lande verhandelen kann und mein stücklein brot retlich sugen mach, auch ungehindert reisen möge."

Diesem Uebelstande abzuhelfen, hatte der Herzog in Schwerin ein Magazin ins Leben gerufen, an dessen Spitze er den Pulvermacher Parruquier und Handelsmann Pierre Colla, gleichfalls ein Réfugié, stellte, und ihn mit der Aufgabe betraute, von den Bützower Manufacturisten Waaren zu bestimmten Preisen aufzukaufen und mit Gewinn im Publikum abzusetzen. Hüte, Strümpfe, Handschuhe und Etamin - das waren vorzüglich die Gegenstände, welche laut dem ihm gewordenen Auftrag Colla aufkaufen sollte. 2 ) Außerdem scheinen im Allgemeinen die meklenburgischen Kaufleute vom Herzog aufgefordert worden zu sein, den Réfugiés ihre Erzeugnisse abzunehmen. Indeß, es war leichter, Waaren aufzustapeln, als sie an den Mann zu bringen, und das Magazin war bald angefüllt mit den genannten Gegenständen, für die sich keine Liebhaber fanden. Nach einem Memorial des Colla vom August 1706 waren für 1821 Thaler und einige Schillinge Waaren der bezeichneten Art vorhanden und von Anfang November 1705 bis Ende August 1706 nur für 457 Thaler verkauft worden. 3 ) Daraus folgte dann, daß die Manufacturisten sehr lange auf Bezahlung warten mußten oder, was wohl noch schlimmer war, mit ihrem Angebot ganz zurückgewiesen wurden, wie es dem Hutmacher Pierre Almeras mit seinen 300 Militair= oder Dragoner=Hüten ging. 4 )


1) Actenstücke Nr. 20.
2) Actenstücke Nr. 21.
3) Actenstücke Nr. 24.
4) Actenstücke Nr. 27.
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Unter diesen Umständen ließ der Herzog im März 1706 einige Kaufleute aus Schwerin und Güstrow vor die Kammer rufen, um mit ihnen die beste Lösung der Absatzfrage zu erörtern. Colla schlug vor, daß die sämmtlichen meklenburgischen Kaufleute die in dem Magazin enthaltenen Waaren übernähmen, auf den Import fremder Waaren ein Zoll gelegt und das Herumziehen der Hausierer und Savoyarden wegen der Konkurrenz verboten werde. So sehr sie mit dem letzteren Punkte einverstanden waren, von den beiden ersten wollten sie nichts wissen. Seidenhändler Heyn und Hofschneider Franck aus Schwerin, Seidenkrämer le Plaht, Martiny und Burckey aus Güstrow - sie lehnten einstimmig die Anträge ab und versprachen nur, von den Farikanten in Bützow, sofern diese gute Gegenstände zu billigen Preisen liefern würden, Waaren nehmen zu wollen. Doch damit gab die Kammer sich nicht zufrieden. Man trug den genannten Kaufleuten auf, sich mit ihren Kollegen in den anderen Städten ins Einverständniß zu setzen. Es entspinnen sich nun monatelange Verhandlungen, bis die Kaufleute, in die Enge getrieben, nachgeben und die Waaren des Magazins zu übernehmen sich bereit erklären. Anfangs bitten sie dafür um das Recht, ihre auf der Leipziger Messe eingekauften Tücher und Stoffe zollfrei in Meklenburg einführen zu dürfen. Später stellen sie aber eine ganze Reihe von Bedingungen. Vor allen Dingen ist das Magazin aufzulösen und bitten sie, man wolle sie "in Gnaden mit dem Zumuhten" verschonen, Alles, was im Lande erzeugt werde, behufs Weiterverkaufs annehmen zu müssen. Das würde ihr Ruin sein. Ihren Handel mit Tüchern und Boyen wollen sie frei ohne Accise und sonstige Beschwer betreiben; Tuchmacher sollen nur ihre eigenen, nicht importierte oder fremde Tücher ausschneiden, Juden, Westfälinger und Savoyarden nicht hausieren dürfen. Wird ihnen dies Alles zugestanden, so sind sie bereit, die Magazin=Waaren zu einem angemessenen Werthe an sich zu nehmen.

Wirklich befahl der Herzog im Juli 1706 seinen Zöllnern in Waren, Malchin, Plau, Güstrow, Neustadt und Gadebusch bis auf Weiteres eingeführte Tücher, Boye und wollene Stoffe ohne Accise=Erhebung durchzulassen. Der Erlaß eines Verbots des Hausierhandels wurde für das Neujahr 1707 in Aussicht genommen und auch bei den übrigen Forderungen erhob die Kammer keine Bedenken. Dagegen wurden jetzt die Kaufleute, welche mittlerweile die Waaren besichtigt hatten, zaghaft. Die halbseidenen und wollenen Stoffe seien gänzlich aus der Mode und gar nicht mehr zu brauchen. Sie würden sie den Würmern zum Verderb hinlegen müssen. Die Sergen seien so schlecht, daß sie nicht eimnal gutem Rasch glichen.

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Aehnlich werden die anderen Waaren heruntergerissen. "Herzogl. Durchlaucht seien mit denselben dem uns dabey eröffneten Preyß nach, gar übel versehen undt beladen," und sie selbst würden vermuthlich zu ihrem größten Schaden sie erwerben. Als trotzdem der Vertrag zum Abschluß kommt, wollen die Vertreter die Waaren nicht gleich mitnehmen, unter dem Vorwande, daß sie nicht Geld genug bei sich hätten. Aber aller Widerstand hilft ihnen nicht. Sie erhalten 4 wöchentlichen Kredit und müssen mit den Waaren abziehen. Daß die einberufenen Vertreter des Kaufmannsstandes die Waaren nicht allein behalten konnten und wollten, lag auf der Hand. Daher wurde denn ein Verzeichniß aller meklenburgischen Kaufleute aufgestellt, und jedem nach der Größe seines Geschäfts Betheiligung zugemuthet. Bei der Durchführung dieser Repartition zeigten sich auch noch allerlei Schwierigkeiten. 1 ) Die Sternberger Kaufleute sträubten sich, weil sie nur mit "Hack" und "Nettlers Wahren," nicht auch mit Wollenmanufacturen handelten. Die Krämer in Neukalen betonen, daß ihr "Stedtlein nur ein geringer Ohrt sei vnd sie sich mehrentheilß mit ein weinich ackerbauw erhalten müssen." Neubukow erklärt, daß der Ort schlecht und nahrlos sei und von Hamburger und Leipziger Juden mit Waaren überschwemmt würde. Brüel erhebt Einspruch "weil an diesem geringen Ohrt nur 2 Nätler sein, die mit nichts anderes als ein wenig tähr vnd Thran, aber gar nicht mit Wollenmanufacturen handeln."

Endlich scheint das weitläuftige Werk doch beendet, die Repartition vollzogen worden zu sein und nur noch in dem Eingehen der Gelder einige Schwierigkeit sich gezeigt zu haben, da Colla im October 1706 klagte, daß er noch nicht aus allen Städten Geld erhalten hätte.

Indeß mit diesem einmaligen Ausverkauf des Magazins war die Absatzfrage für unsere Réfugiés nicht als gelöst zu betrachten. Vielleicht gerade deshalb, weil sie sich eben mit Waaren hatten versehen müssen, oder aus anderen Gründen, weigerten sich die Kaufleute, den Bützow-schen Manufacturisten ihre Fabrikate abzunehmen, und diesen blieb kein anderer Ausweg, als am 12. Januar 1707 dem Herzog ihre Noth zu klagen. Sie meinten, daß ihre Erzeugnisse nicht schlechter wären als diejenigen, welche die Kaufleute aus dem Auslande bezögen, und baten den Herzog anzuordnen, daß die Kaufleute von ihnen kaufen sollten, damit das Geld, so sie aus dem Lande senden, im Lande bleiben müsse. Der Herzog sah die unbehagliche Situation der Franzosen vollkommen ein und keine 8 Tage verflossen, da erging, in ziemlich ungnädigem Tone gehalten, ein Patent an alle


1) Actenstücke Nr. 25.
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meklenburgischen Krämer, den Bützow-schen Kolonisten ihre Erzeugnisse unweigerlich abzunehmen. 1 ) Mit großen Unkosten und Mühen sei zum Besten des Landes die Manufactur an Hüten, Tüchern, Boyen, Strümpfen, Stoffen u. m. begründet, und nun wollte die Kaufmannschaft von ihr nichts wissen. Der Herzog verlangte eine unumwundene Erklärung, ob man sich seinen Anordnungen fügen wolle oder nicht. Wenn man auf seine Wünsche nicht Rücksicht nähme, so drohte er "harte imposten" auf die Einfuhr auswärtiger Waaren, falls solche im Inlande gleichfalls hervorgebracht würden, legen zu wollen. In längerem Schreiben versuchen die bestürzten Krämer jede Schuld von sich abzuwälzen. Sie nehmen in Abrede, den Ankauf ihnen angebotener Waaren verweigert zu haben, und nennen 2 oder 3 der ihrigen, die Dutzende von Strümpfen, Handschuhen, Hüten gekauft hätten. Was ihnen an Tüchern vorgelegt sei, wäre nur Ausschuß gewesen. Die besseren Stücke hätten die Tuchmacher selber ausgeschnitten. Sie bitten den Herzog, sie nicht zu zwingen, den Fabrikanten alle ihre Waaren abzukaufen, denn das wäre noch schlimmer als das Magazin, das sie zu ihrem größten Schaden einmal weggekauft. Was gut und preiswürdig sei, wären sie gerne bereit, den Bützowern abzunehmen. Den Rest könnten dieselben ja im Lande hausierend vertreiben.

Wir wissen leider nicht, was der Herzog hierauf geantwortet hat, da die Acten an dieser Stelle versagen. Zum Aeußersten, zu den Importzöllen, hat er es nicht kommen lassen, und das wäre doch das einzige gewesen, wodurch man den französischen Gewerbetreibenden hätte helfen können. Die meklenburgische Bevölkerung fand an den inländischen Erzeugnissen keinen Geschmack und hielt sich bisher auf den Messen an die fremden Händler oder wenigstens die fremden Waaren. Die inländischen Krämer stellten auch die gleiche Güte und Beschaffenheit der inländischen Fabrikate und der Ausländischen in Abrede; die Gewerbetreibenden behaupteten sie. Die Kaufleute zu zwingen in einer Zeit, wo der Handel notorisch litt, wo die Städte, die sich noch einigermaßen hielten, wie Güstrow und Parchim, mehr und mehr zurückgingen, sich mit schwer absetzbaren Waaren zu beladen, bot nicht viel Aussicht auf Erfolg. Aber das Publikum durch Zölle und hohe Preise auswärtiger Fabrikate zum Gebrauch der einheimischen Producte zu erziehen, wäre zweckmäßig gewesen. Doch Friedrich Wilhelm, so wenig wie seine Nachfolger, konnte sich zu diesem Schritte, der allerdings manche Interessen verletzt hätte, entschließen.


1) Actenstücke Nr. 28.
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Wenige Nachrichten nur haben sich über die Kolonie in den folgenden Jahren in den Acten erhalten, die aber immerhin erkennen lassen, daß man an maßgebender Stelle fortfuhr, sich für ihre Mitglieder zu interessieren. Im Jahre 1739 glaubte einer der Hugenotten, der Kupferschmied Jacques Bernard, sich über die Konkurrenz, die ihm ein Berufsgenosse in Güstrow bereitete, beschweren zu müssen. Sein Vater Daniel, der zu dieser Zeit der Aelteste in der Kolonie und lange Mitpächter des Bauhofs gewesen war, ersuchte die Herzogin=Wittwe Sophie Charlotte, sich in dieser Angelegenheit beim regierenden Herzog für ihn zu verwenden, und diese war sogleich bereit dazu. In Anerkennung der Tüchtigkeit der Bittsteller: - "daß diese Leute jederzeit einen guten und anständigen Wandel geführet und die Aufnahme der Colonie in alle Weise mit befördert" - befürwortete sie, im Hinblick darauf, daß in Artikel 15 des Edicts von 1699 das "freie Exercitium erlernter Professionen" zugesichert sei, das Gesuch. Der Herzog gestand daraufhin in der That das erbetene Privileg zum alleinigen Betriebe zu, obwohl in dem angezogenen Paragraphen gar nicht von einer ausschließlichen Berechtigung die Rede ist, sondern nur schlechthin die Erlaubniß zum Betriebe von Gewerbe und Handel ertheilt wird. 1 )

In demselben Jahre drohte der Kolonie ein nicht unerheblicher materieller Verlust. Es hatte nämlich am 3. Februar 1725 ein gewisser Abraham Köhler in Rostock der reformierten Gemeinde ein Kapital von 500 Reichsthalern geschenkt, das der Frau Katharina Dorothea Knesebeck, geb. Schwederin, geliehen worden war. Die 25 Thaler Zins, welche diese zahlte, erhielt der Prediger. Nun machte die Schuldnerin Bankerott, und die Kolonie bat daher den Herzog am 11. Mai 1739, dahin Sorge tragen zu wollen, daß ihr das Vermögen nicht verloren ginge. Der Herzog war wohlwollend genug, sofort 2 ) deshalb an den Rostocker Rath zu schreiben, der aber erst vier Wochen später zu antworten Zeit fand. 3 ) Die Antwort lautete dahin, daß es fraglich sei, ob die Knesebeckschen Kinder die Schulden ihrer Mutter anerkennen würden, und daß man deshalb an das hochfürstliche Land= und Hofgericht appellieren müsse. Was aus der Angelegenheit geworden, entzieht sich unserer Kenntniß.

6.

Auf diese Weise konnte die französische Kolonie einen ihrer wesentlichen Zwecke nur unvollkommen erreichen. Für die Hebung


1) Vergl. Actenstücke Nr. 4, Artikel XV.
2) 22. Mai 1739.
3) 27. Juni 1739.
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des gewerblichen Lebens in Meklenburg ist sie von Bedeutung nicht geworden und von durchschlagendem Erfolge waren ihre Bestrebungen nicht gekrönt. Bützow ist eine gewerbereiche Stadt nicht geworden und viel Anregung zu weiterer Entfaltung von Industrien im Lande von ihr keinenfalls ausgegangen.

Ein unverhältnißmäßig großer Theil der Réfugiés gab überhaupt den Gewerbebetrieb auf und wandte sich der Landwirthschaft zu, indem sie Taback und Waid bauten. Schon im Jahre 1703 hatten 7 Franzosen zusammen 95 1/2 Scheffel Acker mit Taback und Waid bestellt. Für Manchen derselben war der Bau des Tabacksfeldes zunächst nur Nebenbeschäftigung, aber in dem Maße, als die Absatzschwierigkeiten für ihre gewerblichen Erzeugnisse wuchsen, wandten sie sich mehr und mehr der Tabackskultur zu. Zu den sieben haben sich bis zum Jahre 1706 fünf andere Réfugiés hinzugesellt, und alle zusammen bewirthschaften 178 Scheffel Acker gegen eine jährliche Pacht von 1 Thlr. 8 Schill. pro Scheffel. Nach einer, möglicher Weise freilich nicht ganz zuverlässigen Statistik waren im Jahre 1707 von 36 selbstständigen Gewerbetreibenden der Kolonie nicht weniger als 11 Tabackpflanzer. Die Gruppierung der Kolonisten nach ihrem Berufe zeigt folgende Erwerbsthätigkeiten:

Seiden= und Wollenweberei . . . 1
Tuchmacherei 1
Färberei 1
Weißgerberei 1
Wollkämmerei 1
Schmiederei (Specialitat: Strumpfstühle) 1
Tischlerei 1
Maschen= und Strumpfstrickerei 2
Schneiderei 2
Schuhmacherei 2
Handschuhmacherei 2
Hutmacherei 3
Strumpfweberei 3
Etamin= und Kreppweberei 4
Tabacksbau (einer auch gleichzeitig Waidbau) 11

Die Ländereien, die die Tabackpflanzer bewirthschafteten, gehörten zum sogenannten Bauhof, den Amtmann Roland gepachtet hatte. Als dessen Pacht im Jahre 1711 erlosch, wurde von der Kammer der ganze Bauhof den Franzosen verpachtet, von denen 6 den Vertrag im Namen der übrigen und gegen die Verpflichtung abschlossen, allen noch etwa kommenden Réfugiés Aecker zu einem bestimmten Preise zur Verfügung zu stellen.

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Indeß selbst mit dem Tabacksbau wollte es den Kolonisten auf die Dauer nicht glücken. Der Gewinn, den sie muthmaßlich zuerst erzielten, reizte Viele zur Nachahmung, und so wurde die Konkurrenz zu groß. Hausierer erschwerten mit demVertrieb auswärtiger Tabacke den Absatz des Bützow-schen, und die in Dömitz, Schwerin, Plau, Waren, Malchin wohnhaften Tabackspinner zogen die Verarbeitung fremder Tabacke vor. Auch diese Kolonisten klagten demnach über Mangel an Absatz, beispielsweise noch im Jahre 1721 dem Herzog Karl Leopold, der indeß kaum in der Lage gewesen sein wird, hierin Wandel zu schaffen. 1 ) Gegen 1770 treten nur noch zwei Réfugiés als Pächter auf, und im Jahre 1780 erhält Müller Hillemann die Pacht des Bauhofes. Damit war dann diese Verbindung mit der französischen Kolonie ebenfalls gelöscht, und die Spuren des einstigen Tabackbaues sind verwischt.

Bei allen diesen wenig ermunternden Erfahrungen gab man doch an maßgebender Stelle den Gedanken nicht auf, vermuthlich durch die Erfolge anderer Länder angeregt, durch die Hugenotten etwas für die Entwickelung des Gewerbewesens zu erreichen. Im Jahre 1751 forderte der Herzog Christian Ludwig den Vorsteher und die Aeltesten der Kolonie auf, sich darnach umzusehen, ob sie noch einige der in Deutschland herumziehenden Landsleute für Bützow gewinnen konnten. Herr Delagarde schlug daraufhin vor, daß man nach verschiedenen Orten schreiben, den Fremden Reisegeld bewilligen und gewisse "Promessen" für die Niederlassung in Bützow machen müsse. Die Kammer, die sich gutachtlich zu äußern hatte, war ebenfalls geneigt, auf die Pläne des Herzogs einzugehen, und betonte nur, daß es darauf ankäme, Wollspinner und Wollarbeiter zur Niederlassung zu bewegen. Delagarde schrieb dann in der That in diesem Sinne einige Briefe; aber die Zeit war längst vorüber. Man verfolgte in Frankreich die Protestanten nicht mehr, und die in Deutschland ansässig gewordenen waren nicht mehr wanderlustig, sondern blieben an dem Orte, wo man sie zuerst freundlich aufgenommen hatte.

Wer heute in Bützow den Spuren der französischen Kolonie nachgeht, findet wenig. Der Gottesacker, der lange Zeit die französischen Todten aufnahm, ist als Privateigenthum in einen blühenden und grünenden Garten verwandelt worden, nunmehr in der Stadt, früher vor dem Thore. Die französischen Familien sind bis auf zwei ausgestorben, die aber von dem Berufe ihrer Vorfahren sich abgewandt haben, und deren Mitgliedern man die fremdländische Abstammung kaum noch ansieht. Wenige wissen überhaupt noch von


1) Actenstücke Nr. 34.
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der Niederlassung der Franzosen zu erzählen. Nur das Kirchenhaus, in bekannter Schlichtheit gehalten, bezeugt uns die Fortexistenz der reformierten Gemeinde, die indeß zur Zeit wenig mehr Mitglieder als im Anfang des vorigen Jahrhunderts umfaßt.

Bei alledem ist es kein unrühmliches Blatt der meklenburgischen Geschichte, das vorstehend aufgeschlagen ist. Immer wird es unserer Landesgeistlichkeit zur Ehre gereichen, daß sie der freien Ausübung der Religion nahestehender Andersgläubiger kein Hinderniß in den Weg gelegt hat. Weder in älterer noch in jüngerer Zeit haben die Reformierten je Ursache gehabt, sich über Bedrückungen, die an anderen Orten auf die Dauer doch nicht ausblieben, zu beschweren. Vor allen Dingen aber muß das Vorgehen des Herzogs unsere volle Sympathie haben. Zu einer Zeit, wo über die Erfolge der Niederlassungen in anderen Ländern noch wenig Erfahrungen vorlagen, geht er unerschrocken daran, eine solche in seinem Lande zu versuchen. Obgleich er der materiellen Opfer, die er wird bringen müssen, sich bewußt ist, auf manche Reibung und Verdrießlichkeit von vornherein gefaßt sein muß, besinnt er sich keinen Augenblick, seinerseits den Bedrängten beizustehen. Um so lieber glaubt er es thun zu dürfen, als er in richtiger Würdigung und Erkenntniß dessen, was seinem Lande fehlt, hofft, die gewerbliche Thätigkeit zu größerer Entwickelung durch sie bringen zu können. Wenn dieser Plan sich nicht in seinem ganzen Umfange verwirklichen ließ, wenn aus allen Bestrebungen verhältnißmäßig geringe Früchte erwuchsen, so trifft deshalb doch nicht den Urheber die Schuld. Wer die volkswirthschaftlichen Zustände von damals im Lichte der heutigen Erfahrung betrachtet und die Fehler wahrnimmt, die gemacht wurden, hat es leichter, die ganze Unternehmung zu beurtheilen, als derjenige, der mitten in den Verhältnissen lebte. Schon der bloße Versuch, sie in Scene zu setzen, verdient unsere Bewunderung, denn er zeigt uns den Monarchen Allen voran, für neue Ideen eintretend. Der Gedanke zu dem Friedrich Wilhelm anregte, - die Hebung des gewerblichen Lebens in Meklenburg - er hat auch die kommenden Generationen beeinflußt, und schließlich darf nicht übersehen werden, daß die Hauptsache war, den Vertriebenen eine Zuflucht zu bieten. Die Belebung der Industrie, die von ihnen erwartet wurde, stand in zweiter Linie.

~~~~~~~~~
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Actenstücke.


Sämmtliche nachstehend veröffentlichten Stücke stammen, soweit sie nicht schon gedruckt sind und hier nur wegen ihrer Seltenheit noch einmal im Zusammenhange aufgenommen wurden, aus dem Großherzoglichen Geheimen und Haupt=Archiv in Schwerin. Die Schreibweise ist unverändert die der Originale. Die meisten Stücke habe ich selbst copiert; einige, nämlich die Nummern 1, 2, 13, 14, 29, 30, 31, 33, verdanke ich der gütigen Bereitwilligkeit des Herrn Archiv=Registrators Jahr. Die Datierung ergiebt sich in vielen Fällen aus dem Vermerk auf den Acten.

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1.

Bürgermeister und Rath der Stadt Bützow erbieten sich zur Aufnahme der Hugenotten - 1683, Juli 24.

Durchleuchtigster Hertzog, Gnädigster Fürst undt Herr.

Ew. Hochfürstl. Durchl. müßen wier unterthänigst hinterbringen, wie daß wier in gewiße erfahrung gebracht, alß solte eine zimliche anzahl von denen auß Franckreich vertriebenen Reformirten Vorhabens gewesen seyn, sich in Rostock niederzulaßen und ihre Handthierung; alda zu treiben, welches ihnen aber wegen ein und anderer darzwischen gekommenen Verhinderniß mißgelungen seyn soll. Nun erinnern Ew. Hochfürstl. Durchl. Sich gnäigst, wie Sie schon vordem durch anziehung solcher undt dergleichen frömder Nationen diesen sehr nahrlosen und in letzten Zügen liegenden Ort wiederum aufzuhelffen gnädigst intentioniret gewesen, auch überdem zu verschiedenen mahlen unß anbefohlen auf Vorschläge bedacht zu seyn, auf was art die wüsten plätze wieder aufzubauen und also die Stadt in einen beßeren Standt, wie sie anitzo leider ist, gesetzet werden möchte.

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Demnach ersuchen Ew. Hochfürstl. Durchl. wier gantz unterthänigst, Sie geruhen nach Dero hohen Vermögenheit eß dahin gnädigst zu vermitteln, daß diese leute, fals sie noch bey der Hand und ferner belieben tragen in diesem Lande zu verbleiben, sich alhie niederlaßen mögen, angesehen sie an diesem Ort ebensowol alß in Rostock oder sonsten wo ihre Handthierung treiben können, auch zu dem raum undt platz alhie gnug finden, und wie man vermeinet, daß ein guth theil derselbigen auß Tuchmachern bestehen soll, haben sie zu ihrer beßern bequemligkeit die Walckmüel bey der Hand, welches sie sonst so leicht an einem andern Ort nicht finden werden. Wie nun dieses zu Ew. Hochfürstl. Durchl. eigenem interesse, auch dieser wüsten Stadt zur aufnahm undt wollfahrt gereichet, alß getrösten wier unß gnädigster Erhörung stets verharrende

Ew. Hochfürstl. Durchl.
Bützo d. 24. Julij
Anno 1683.
  unterthänigste getreue und
gehorsahmste Diener
Burgermeister und Raht alhie.

2.

Herzog Christian Louis I. ermuntert die Stadt Bützow, Schritte zur Aufnahme der Hugenotten zu thun - 1683, Juli 30.

C. L.

Ehrsahme, liebe getreue, Unß ist der Gebur nach referiret worden, was ihr wegen der Vertriebenen Reformirten auß Franckreich, daß sich diesselbe alda in der Stadt niederlaßen mögen, unterthänigst angezeiget und im Vorschlage gebracht. Wir geben darauff zur gnädigsten Andwort, daß ihr Euch erkundigen, woselbsten sothane exulanten sich itzo auffhalten, und wann ihr solches erfahren habt, ihre Vorschläge von ihnen vernehmen und davon sofort zu fernerer Unser Verordnung unterthänigst referiren sollet. Darnach p.

Schwerin d. 30. Jul. 1683.

M. P. v. B.

An die supplicanten.


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3.

Edict wegen der Aufnahme der Hugenotten in Meklenburg - 1698, October 24.

Nach einer im Schweriner Archiv vorhandenen gedruckten Vorlage.

Nous Fridrich Guillaume par la grace de Dieu Duc de Mecklenbourg, Prince des Vandales, de Sverin & de Ratzebourg, Comte de Sverin, Seigneur des Terres de Rostock & de Stargard, Faisons sçavoir à tous, que Nous avons accordé à Salomon Jordan à ses instantes prières & très humbles remonstrations la grace, d-établir une colonie des refugiés François dans notre pais, aux conditions svivantes.

1. Nous permettons à Salomon Jordan de procurer à ce dessein, s-il est possible, des familles riches et qui ont de quoi fournir aux autres, ce qui leur est necessaire: S-il on n-en sçauroit trouver si aisées, il a à choisir des gens, qui y sont habiles & necessaires & dont la pluspart sçavent travailler en lin & en laine.

2. Nous ferons bâtir une grande maison capable de tenir trente Familles, & nous donnerons à chacune de celles une poöle & une chambre: au milieu de cette maison nous ferons faire une grande Sale, pour y pouvoir tenir leur devotion. Elles y demeureront pendant six ans, sans payer aucun louage, & elles seront exemptes de toutes les tailles pendant ce temps là. Si la dite maison n-estoit pas encore achevée à leur arrivement, nous leur donnerons des habitations à la ville & à la Schelffe, & nous en payerons pour eux le louage. Nous comprenons aussi dans ces privileges, outre les dites trente familles, d-autres, qui ont envie de s-etablir icy & qui sont necessaires à la colonie; neantmoins qu-elles ne viennent pas, avant qu-on les ait demandé & qu-on leur en ait ecrit. S-il y en, qui veuillent bâtir elles mêmes, on leur assignera des places libres & on leur fournira sur la place du bois & pierres, &e en ce cas elles jouiront d'immunité pendant dix ans.

3. Nous accommoderons au commencement pour preuve quatre familles à la campagne & nous les aiderons du bois & d-autre choses necessaires à batir, en quoi les pa?sans aussi les assisteront. Nous leurs donnerons aussi des terres & quelques bêtes, á labourer & cultiver les dites terres & le Tabac, avec la promesse, quand nous verrons leur capacité,

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d-en établir encor d-autres. Cellescy auront aussi toutes les immunités pendant six ans.

4. Salomon Jordan aura soin de chercher deux parties de ces trente familles, qui sçavent travailler en laine, & l-une, qui peut faire du lin, ce que nous laisons à sa direction & à sa dexterité.

5. Nous donnerons deux cent écus, outre les logemens, sçavoir une poöle & une chambre à chacun, pour l-entretien d-un ministre & d-un maitre d-Ecole, qui fera aussi l-office de Diacre.

6. Elles s-obligeront par serment et par ecrit, à nous étre fideles, en cherchant notre profit & notre interest & en détournant ce, qui est contraire à cela, & à ne pas quiter ce pa?s aprés les dix ans d-Immunité passés, à moin qu-elles n-ayent demeurés aprés autant d-années, qu-elles en ont joui d-exemption. En foy de quoi nous avons signé ces presentes & sçellé du cachet de nos armes.

Fait à Sverin le 24 d-Octobr. 1698.

Fridrich Guillaume. (L. S.)


4.

Edict wegen der Aufnahme der Hugenotten in Meklenburg - 1699, August 1.

Nach einer in der Rostocker Universitäts - Bibliothek, Nr. 4060 (18) vorhandenen gedruckten Vorlage.

Declaration de Son Altesse Serenissime Monseigneur Frederic Guilleaume, Duc de Meqvelbourg, Prince des Vandales, Sverin et Ratzebourg, Comte de Sverin, Seigneur des Terres Rostock et Stargard en Faveur des Francois Protestans Refugiez.

Nous Frederic Guilleaume, Par La Grace De Dieu Duc De Meqvelbourg, Prince Des Vandales, Sverin Et Ratzebourg, Comte De Sverin, Seigneur Des Terres Rostock Et Stargard à tous ceux, qui ces presentes verrons, Salut.

Ayant apris, qu-il y a une infinité des persones, qvi sortent tous les jours de France pour cause de Religion et qui cherchent des lieux propres à pouvoir s-establir, pour servir Dieu selon les mouvements de leur consciences, nous, meu de

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compassion et de charité, avons bien voulu les secourir et leur procurer à l-exemple de plusieurs Princes Protestans de l-empire des établissements dans nos états et les y faire subsister sous le benefice de diverses privileges, dont la teneur s-ensuit.

I. Nous avons resolu d-établir les dits Francois, qui voudront venir habiter dans nos etats, à Butzow, qui est une ville située au milieu du pais, voisine de Lubec, Hambourg, Rostoc et Wismar et de la mer baltique, d-ou l-on peut facilement negotier en Dannemarc et en Suede comme aussi en Prusse, Livonie, Curland etc.

II. Nous promettons aux Francois, qui viendront s-établir dans nos pais, et à tous leur descendants le libre exercice de la Religion reformée et l-usage de leur discipline sur le pied, quel est recû dans le pais de Brandenbourg.

III. Nous promettons aux dits Francois refugiés, de leur entretenir un Ministre et un Chantre, auxquels nous donnerons des apointements suffisants pour leur entretien, nous reservans seulement le droit, de confirmer le dit ministre dans sa vocation.

IIII. Pour finir toutes les Disputes, querelles et procés, qui pourroient survenir parmi les dits Francois refugiés, nous ferons choix d-une persone eclairée de la méme nation, que nous établirons dans la Colonie en qualité de Directeur, et qui aura soin de les accomoder ou de juger des Differents, qui pourroient survenir entr-eux.

V. S-il arrivoit, qu-un Allemand eut quelque Dispute ou Procés avec un Francois, le Directeur Francois établi en jugera conjointement avec le Baillif du lieu ou telle persone, qu-il nous plaira de nommer.

VI. Pour prevenir toutes sortes d-injustice et de partialité, nous établirons un de nos Conseillers pour premier Directeur, au quel on se pourvoira en dernier ressort, et qui tachera d-aceorder les parties à l-amiable, mais qui pourtant fera son rapport à notre grand conseil des choses les plus importantes.

VII. En cas que la colonie, que nous voulons établir, vint à s-augmenter, nous permettrons aux dits Francois refugiés, de s-établir des officiers particuliers pour le Commerce, comme Conseillers des negoces, Echevins, Sergeants et autres. pourvu que ce soit de notre Scû et Consentement.

VIII. Nous permettons aussi aux dits Francois, d-avoir des Maitres d-ecole, pour apprendre et instruire la jeunesse.

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IX. Nous declarons et promettons, de regarder les dits Francois Refugiés sur le pied de nos autres sujets et en cette qualité les admettre, eux et leur Descendans, à tous les droits, privileges et prerogatives, dont jouissent nos sujets naturels.

X. Leur Pasteur et Officier, que nous aurons établi parmi eux, jouiront des ménes avantages et immunitez, dont jouissent ceux du méme Character parmi nos sujets naturels.

XI. Les Francois Refugiés pourront disposer des leur biens, soit par Testament, soit par Donation ou autrement, de la méme manière yue nos sujets naturels.

XII. Comme nous voulons faire tout nótre possible, pour faciliter l-établissement des dits Francois, nous leur promettons une exemption de toutes sortes de Droits, Charges, impots, courvées pendant l-espace de six ans à conter du jour de notre Declaration, apres quoy ils seront obligé de contribuer sur le pied de nos autres sujets.

XIII. Toutes les Marchandises, que les Francois, qui voudront s-établir dans notre pais, apporteront avec eux, comme aussi toutes celles, que ceux, qui sont établis, voudront faire sortir, seront franches des Douanes et peages pendant les six années de Franchise.

XIIII. Pour faciliter le debit des marchandises, qui se fabriqueront par les dits Francois, nous promettons de nous en servir preferablement à celle des pais etrangers.

XV. Nous permettons l-établissement de toutes sortes de manufactures, professions et arts, et donnons à tous la liberté de negotier selon les Loix du pais et de commerce.

XVI. Nous aurons soin d-assigner des maisons à tous les Francois, qui viendront, dans lesquelles ils pouront habiter pendant l-espace de quatre années, sans payer aucun louage, pourvû qu-il paroisse, que ce soient des gens utiles à la Colonie.

XVII. A ceux, qui voudront batir des maisons, nous leur fairons sentir nos graces à l-egard des materieaux et avec cela dix années de Franchise pour la maison, pour le reste ils demeureront sur le pied des autres Francois.

XVIII. Au cas que des laboureurs ou gens, qui travaillent la terre, veulent venir s-établir dans nos pais, nous leur assignerons des terres, qu-ils pourront cultiver, planter du Tabac, et nous leurs donnerons les materiaux necessaires, pour batir des maisons dans les lieux, qui leurs seront assignées, avec la Franchise de dix années pour les maisons, qu'il batiront.

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XIX. Nous promettons de plus aux dits laboureurs, de les assister de bestiaux, pour cultiver leur terre, comme chevaux ou boeufs, et de les en faire jouir quatre années de Franchise, à condition, que, le terme étant échû, ils nous rembourseront la valeur des dits bestiaux selon l-estimation, qui en aura été faite, et seront obligées aux mémes charges que nos autres sujets, ou bien à payer la somme, dont on sera convenu, selon la quantité de terre, qui leur aura été assignée.

XX. On leur assignera avec des terres des paturages, ou ils pourrout faire paitre leurs bestiaux en toute liberté.

XXI. On établira les dits laboureurs auprés de Butzow, afin qu-ils ayent la facilité de pouvoir se rendre dans les assemblées de devotion, qui se tiendront dans la dite ville.

XXII. Pour faciliter aux Francois le moyen de travailler, nous leur promettons la preference de la vente de laine du pais, en les payant au pris courent.

XXIII. Nous assignerons outre les lieux, ou les dits Francois pourront faire l-exercice de leur religion, un cemetiere, ou ils pourront enterrer leur morts, en toute liberté et selon leur pratique ordinaire.

XXIIII. Enfin notre volonté est, d-accorder aux Francois Refugiés toutes Franchises, Libertez et Immunitez pendant l-espace de six années et de dix pour ceux, qui batiront des maisons, à condition, yu-ils nous presteront le serment de fidelité des leur arrivée dans le pais et qu-ils se conduiront sagement et qu-apres le terme echû des dites Franchises ils payeront les mémes Droits que nos autres sujets, à moins yu- il ni fut derogé par une Declaration particuliere de notre part. Promettans pour nos et les Princes nos Successeurs de faire executer la dite Declaration.

Fait à Sverin le 1 Aoust l-An- 1699.

Frederic Guilleaume. (L. S.)


5.

Beschwerde der Ritterschaft des Schwerinschen Fürstenthums über die Entziehung von Handwerkern - 1700, April 28.

Durchl. Hertzog, gnädigster Fürst und Herr.

Alss Ew. Hochfürstl. Durchl. zu Restabilirung des Bützowischen Stadtwesens verordnete commissarii unter andern aus unsern

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gütern die handwercker nach Bützow citiren lassen, auch wier bey densenselben unß der uhrsachen halber erkündiget, auch zur antwort erhalten, daß sie vom lande geschaffet werden und sich in die stäte begeben solten, so berichten Ew. Hochfürstl. Durchl. wier hiedurch, daß die wenigen handwercker, so wier auff unsern gütern haben, zum theil unsere unterthanen und dabey miserabel sind und sonsten ihr brodt nicht erwerben können, theils auch in unsern diensten stehen oder auch schuhlmeister sind und also nicht abgeschaffet werden können. Dannenhero leben wier der unterthänigen zuversicht, Ew. Hochfürstl. Durchl. werden solches in ungnaden nicht vermerken. Wier verbleiben Ew. Hochfürstl. Durchl. gesamte Ritterschaft deren Schwerinschen Fürstenthums. Bützow d. 28. April 1700.


6.

Verzeichniß der in Bützow und Schwerin angesiedelten Hugenotten - 1700, Mai 1.

Verzeichnüß derer heute den 1. May anno 1700 in Bützow befindlichen Frantzösischen Refugirten nach ihren Nahmen Alter undt Prefessionen.

1. Jean Aimieu sind zwey Etaminmacher und compag=

2. Pierre Tardieu nons miteinander, noch junge unbeheyrathete Leute, können aber auch Tuch und andere Zeuge machen, sind in Sprevitzen Hause, die aber solches Hauß aufgesaget, daher sie auf Johannis anderwerts untergebracht werden müssen.

3. Jeremie Vial, ein Strumpfmacher, hat eine Fraw, ein Kind und 2 Gesellen, wohnt in dem erkaufften und reparirten Hause.

4. Louis du Tour, auch ein Strumpfmacher, hat eine Fraw, kein Kind und 1 Gesellen, wohnt in demselben Hause.

5. Pierre Armeras, ein Hutmacher, hat eine Fraw, ein Kind und 1 Gesellen, wohnt auch dorten,

6. Louis Guyon, ein Tuch=Serge und Bojen auch Raschmacher; ist allein und wohnt in Warckenthins Hause.

7. Louis Tapernon,ein Etaminmacher, so aber auch andere Zeüge und Tücher machen kan; hat eine Fraw und hier erst kürtzlich hochzeit gehalten, in demselben Hause.

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8. Eine Wittwe, Boullets genandt, ist gantz allein und ernehret sich mit Brandweinschencken und ein bisgen Hökerey. Ist in Gildemeisters Hause, da sie eine Stube hat, so aber auch aufgesaget ist.

9. Jean Masseron, ist ein Färber, ein Tuch= Zeug= und Etaminmacher, hat eine Fraw und 5 Kinder, davon das älteste 10 Jahr alt ist, logirt in des Connestable Nimroths Hause.

10. David Mauran, 1 Fraw und 1 Kind. Er ist ein (Etaminmacher und kan allerhand Seide und Wollen.

11. Claude Prot, ein Wollkämmer, hat 1 Fraw und 3 Kinder, logiert in Claes Vahlen Hause.

12. Bastian Audy, Wollkämmer, hat 1 Fraw und 1 Kind, logirt in Reppihnen oder Königs Hause.

Diese beiden klagen, daß sie nichts zu thun haben, dann die andern ihre Wolle selbst kämmen. Von Ackerbau wollen sie ungern Profession machen, können sich aber mit nichtes einrichten.

13. Isaac Chaix,ein Tabacspflantzer, hat 1 Fraw, 1 Kind, wohnet in Rosenowen Hause und hat einen Cameraden, der heist Jean Brocs.

14. Borset, 1 Wollkratzer, hat nichts zu thun; ist ledig.

15. Salecru, ist Küster und Etaminen= auch Sergenmacher und ist fleißig, ist ledig. Diese Beede sind in Kirchhofs Hause.

16. Colomps, Etaminmachergesell, arbeitet bey Jean Aimieu et Tardieu. Vid. sup. n. 1. 2.

17. Abraham, Wollkämmer bey Vial dem Strumpfmacher.

18 Julien, ein Bauer zu Tarnow, hat 1 Fraw und einen Vetter bey sich; so ihm hilfft; kombt guet zurecht.

In Sverin sindt:

19. Charles François, ein Schuster, hat 1 Fraw und 1 Kind.

20. Pierre Croset, ein Handschuhmacher, hat 1 Fraw und 2 Kinder.

21. Pierre Tourrès, ein Parugvenmachergesell, sucht jetzt andere Condition.

Zu obigen kombt der reformirte Prediger Monsieur Durand nebst Frawen und Cesinde, und berichtet derselbe, daß den ersten Ostertag ihre Gemeine weit über 100 Persohnen angewachsen gewesen, dann damahl viele Frembde hie aus dem Lande, auch aus Pommern und Wißmar sich hie angefunden.


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7.

Verzeichniss der Mitglieder der französischen Kolonie in Bützow - 1701, August 10.

Mémoire touchant la colonie françoise de Butzeau, faità Butzeau le 10 d-Août 1701.

1. Mr. Deschamps Pasteur 1  
2. Mr. Salomon Jordan, a une femme & quatre enfants 6  
3. Jaques Duclos, maitre teinturier, a femme & deux enfants 4  
4. Pierre Almeras, maitre chappelier, a femme & un enfant avec un compagnon 4  
5. Jean Arnal, maitre chappelier, a femme & deux enfants avec un compagnon 5  
6. Jeremie Vial, manufacturier en bas, a femme & un enfant avec six compagnons 9  
7. Louis Dufour, manufacturier en bas, a femme & deux compagnons 4  
8. Jean Masseron, maitre serger & etaminier, a femme & cinq enfants 7  
9. David Mauran, maitre etaminier, a femme & un enfant 3  
10. Louis Tapernon, maitre etaminier ou serger, a femme & un enfant avec deux compagnons 5  
11. Jean Eymieu & Pierre Tardieu, associez manufacturiers en serges & en etamines, ont deux compagnons 4  
12. Honoré Duplan, ouvrier en laine, a une femme Jean Dugat, ouvrier en laine, a une femme & un enfant 2  
13. Jean Dugat, ouvrier en laine, a une femme & un enfant 3  
14. Isac Chais, tabaquier, a femme & deux enfants 4  
15. Daniel Bernard, tabaquier, a femme & un enfant 3  
16. Jean Broue, tabaquier, encore garçon 1  
17. Jacques Roux, tabaquier, a femme & un enfant 3  
18. Claude Julien, tabaquier, & laboureur à Tarnau, a une femme & un enfant, un associé & un compagnon 5  
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19. Pierre Berieu, maitre fondeur, a sa femme 2  
20. Louise Roume, fileuse 1  
21. Charles, maitre cordonnier, a sa femme & une enfant a Swerin 3  
22. Pierre Thourez, perruquier, a un frere & un associé nommé Massein, aussi a Swerin 3  
En tout 82 personnes.

8.

Schreiben des Predigers der reformierten Gemeinde in Bützow, Deschamps an den Minister Grafen Horn in Angelegenheiten der Kolonie - 1703, April 23.

Monseigneur. Je prends encore la liberté, de supplier V. Excellence pour la reponse, que le drappier françois attand depuis environ trois mois sur les propositions, qu-il a faittes de fabriquer ici toutes sortes de draps moyennant, qu-on lui fasse construire et fournir toutes les machines propres à son art, qu-on lui avance une cinquantaine de quintaux de laine, qu-il remboursera en marchandises quelques années apres sans interet, et que Son Altesse Seren. ait la bonté, de prendre argent comptant les draps par préference pour habiller ses troupes et ses domestiques et qu-enfin on fasse mettre en état la maison du tirage des bourgeois avec le louage franc pendant six ans et dix années de franchise. Je doutte, que jamais prince ait établi une telle manufacture dans son pays sans accorder de telles graces, et j-espère, que, si Son Altesse veut dien ne pas refuser celles ci, elles ne seront pas perdues, ni inutiles non plus que celles qui ont été faittes à nos autres manufacturiers, lesquels les ont déjà payées en partie à Mr. Zander ou sont tous bien en état de les rendre en argent ou en marchandise, quand on voudra. Comme je compte toujours sur les bontez, que V. Exc. me fit l-honneur, il y a pres de deux ans, de me temoigner ici pour l-avancement de notre colonie, si necessaire et si utile dans ce pays, je ne puis m-empecher de lui representer que pour la faire fleurir d-une maniere, qui fasse honneur et qui apporte du profit à S. A. S., il est de la dernière importance 1) que l-on etablisse la drapperie 2) que le sieur Jordan, qui attire cette fabrique, comme il a procuré toutes les autres,

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ait pour ses peines et pour celles, qu-il se donnera de plus en plus à l-avenir, la pension, qu-il attand depuis si longtemps comme une faveur, dont on a toujours récompensé ceux, qui ont fondé des colonies. 3) que l-on nous adresse a quelque personne du conseil pour la surintendance de nos affaires, monsieur Varenius ne pouvant guere s-en meler. 4) que selon la première déclaration de S. A. S. en faveur de nos réfugiez, sur laquelle ils sont venus, on leur laisse la franchise des logements pour six ans et non pas simplement pour quatre 5) que la cour ait la bonté de favoriser le débit des ouvrages de nos deux bons chapeliers et de ceux des douze metiers de bas, que nous avons, qui ne peuvent se soutenir sans celle. 6) que l-on assigne des terres de S. A. ou des terres d-eglise, dont il y a ici quantité que les bourgeois ont a raison de 12 s. par cheffel et qu-ils afferment à nos gens a raison de deux becus la meme mesure, à plusieurs familles de tabaquiers qui rempliront bientôt ce pays de tout le tabac necessaire sans qu-il faille l-y fair venir d-ailleurs. Si V. Exc. goutte les considerations et qu-elle daigne les appuyer aupres de S. A. S., ce sera le moyen d-encourager nos gens a se batir des maisons ici et a s-y fixer avec une entiere certitude. Je prie tres humblement V. Excellence de me pardonner cette longue lettre et d-agréer que je l-assure toujours d-être avec beaucoup de respect Monseigneur de V. Excellence le tres humble et tres obeissant serviteur.

A Butzeau le 23 d-avril 1703.

Deschamps.


9.

Salomon Jordan an den Grafen Horn - ca. 1703.

A son Excellence Monseigneur le compte de Horn,
   premier president du conseil privé de S. A. S.

Monseigneur. Je prens la liberté d-adresser ces lignes a votre E. pour la suplier tres humblement d-ordoner, que l-on finisse mon conte jusques a le jourdhuy a celle fin, que je puisse me retirer à Butzeau en diligence y estant necessaire pour les resolutions, qu-il faudra prendre pour l-advancement de la colonie.

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V. E. aura la bonté de considerer que depuis quarante jours, que je suis parti de Butzeau, mon absence ne peut manquer de porter un grand préjudice, en sorte que s-il plait à V. E. de me rendre responsable de payer le blé ou autres choses pour ceux qui n-auront pas le moyen.

Je supplie V. E. d-ordonner a l-advenir, que j-aye un pouvoir absolu pour distribuer la laine et autres choses à ceux que je trouveray à propros d-autant plus que l-on me rabat sur mon conte, argent, oû blé plus de 60 risd., que je n-ay point fait bailler.

Il est a souhaiter sans perdre du temps d-avantage, si V. E. est toujours dans la volonté d-establir la laine que j-ay proposé, voici justement le temps, qu-il faut prendre, avant qu-on coupe les laines pour la provision de toute l-année, de manière que s-il V. E. veut me laisser entierement conduire cet affaire, je travailleray de tout mon coeur pour la faire reussir en mettant les choses sur un pié, qu-on puisse faire un fondement solide. Voilà le sentiment de la personne, qui se dit et se dira toute sa vie avec un profond respet de Votre Excellene Monseigneur

  le tres humble, le très obeissant
et tres fidele serviteur
Salomon Jordan.

10.

Ehrenerklärung der Mitglieder der französischien Kolonie in Bützow zu Gunsten des Salomon Jordan - 1703, August 30.

A Son Altesse Serenissime Monseigneur le Duc de Mecklembourg.

Nous les François de la colonie de Butzeau ayant appris, qu-on accuse le sieur Salomon Jordan d-avoir voulu la transporter ailleurs hors des etats de Son Altesse Serenissime, prenons la liberté de luy declarer tres humblement n-avoir point estés sollicités par luy ny directement ny indirectement a quitter ce pays, mais assurons au contraire, qu-il n-attendoit que sa pension pour nous procurer le débit de nos ouvrages et divers moyens de nous soutenir de plus en plus; cest ce quy fait que nous supplions Son Altesse Serenissime d-affermir par la dite pension le dit Jordan au millieu de nous, affin qu-il

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nous puisse continuer ses soins, quy nous sont tres utilles et necessaires, promettant tous ensemble a Son Altesse Serenissime, que nous ferons toujours tous nos efforts pour ne pas nous rendre indignes de ses graces et pour vivre comme ses plus fidelles sujets et continueront tous ensemble nos voeux au ciel pour la conservation de la sante et bonne prosperité de la Sacrée Personne de Son Altesse Serenissime et de Toute Son Auguste Maison.

Jean Harnal. Dupuys. Jeremie Vial. Jean Eymieu.
Pierre Lance. Louis Tapernons. Pierre Tardif. Louis Dufourt.
Ysac Chaix. Duclos. Isaac de Voucienne. Chaber.
Jean Brou. Daniel Roussell. Dauid Mauran. Jean Bourget.
Horie. Carle. Jean Martin. Daniel Baratier. Gourand.
Pierre Poncet. Abranniel. Daniel Bernard. Roux.

Je prends aussi la liberté d-attester à S. A. S. avoir toujours vu le dit Sr. Jordan dans les sentiments marquer par cette suplique. A Butzeau ce 30 d-Août 1 ) 1703. Deschamps.


11.

Schreiben der Madame Jordan an den Grafen Horn - c. 1703.

A Son Exellence Monseigneur le comte d-Horn.

La Jordan inplore la bonté et le quité de votre excellence, pour quil soit permis a son mari de vivre dans ce pays avec la meme liberté qu-auparavant, sans y etre regardé comme un homme, quil en faut chasser comme dangereux pour la colonie apres tant de soins et de penes, qu-il a prises pour la fonder. La supliante demande très humblement pour luy la grace d-etre reconu pour un homme, qui n-a jamais voulu trahir les interes de S. A. S. et qui, quoy qu-il n-ait pas eu de train ni d-équipages, a toujours taché de faire les choses en honeur et en consiance et les auret misses sur un meilleur pied, en amenant ici un plus grand nombre de familles, s-il avoit eté plus favorisé. La supliante est avec un profont respect Monseigneur de votre excellence la tres humble et tres obeisante servante la Jordan.



1) Auf S. 95 unten ist statt 30. April zu lesen: 30. August.
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12.

Edict wegen der Niederlassung der Hugenotten in Meklenburg - 1703, September 24.

Nach einer in der Rostocker Universitäts=Bibliothek - Mk. 7590 - vorhandenen gedruckten Vorlage.

Beschreibung derer favorablen Conditionen, So Des zu Mecklenburg, Schwerin und Güstrau, Regierenden Herren Hertzogs / Hoch=Fürstl. Durchl. Denen zu einer zweyten Colonie in Bützau sich angebenden Frantzösischen Refomirten Flüchtlingen gnädigst accordiret / Anno 1703 d. 24. Septembris.

Von GOttes Gnaden Friedrich Wilhelm, Hertzog zu Mecklenburg / Fürst zu Wenden / Schwerin und Ratzeburg / auch Graff zu Schwerin / der Lande Rostock und Stargard Herr.

Thun hiemit kund allen und jeden / absonderlich denenjenigen Fabricanten, so künfftig in Unsern Landen kommen werden / wie Wir gesonnen / gleich wie andere Teutsche Fürsten und Herrn Unserer Nachbahrschaft / durch Errichtung einer neuen Colonie Unsere Lande Volckreicher zu machen / und solche im besseren Stande, als wie Sie vor diesen gewesen, zu setzen / nachdemmahlen Wir abmercken, wie solche durch die Gnade GOttes von Natur dazu sonderlich beqvem und gelegen seind; umb dann solches Unseren Landen heylsahmes Vorhaben ins Werck zu setzen, haben sich unterthänigst angegeben drey Frantzösische Kauffleute / als JacobVignole, Alexandre Flavard, und Nicolaus Gentien, welche Uns vorgestellet 50 Frantzösische Familien in diese Lande zuführen / wovon der meiste Theil Handwercker / so Wolle verarbeiten / seyn sollen / wobey sie dann expresse verheissen / daß gemelte Familien schlechter Dinges und zu erst aus Franckreich oder den Ohrten, wo Sie vertrieben worden / kommen sollen: Also daß sich dieselbe nicht unter einen anderen Herrn vorhero niedergelassen / noch unter dessen Protection einige beneficia genossen haben; so sich aber dennoch einige dergleichen finden mögten / sollen sie nicht recipiret merden / es sey dann, daß sie mit einem gültigen Pass versehen wären / zumahlen Unser Absehen vornemblich dahin gehet / daß gemelte Familien aus redlichen / auffrichtigen und untadelhafften Leuten bestehen m[Fußnote]ssen. Damit dann diese höchstangelegene Sache einen bessern Fortgang gewinne / so sind mit obgemelten drey Frantzosen folgende Conditones und Puncten verabgeredet:

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1. Umb denen 50 Familien die benötigte Unkosten zu ihrem transport ertreglicher zu machen / so soll einer jeden Familie 10 Reichsthaler / und nicht weniger denen 3 Kauffleuten jedem 30 Reichsthaler geschencket werden / welches Geld sie alsofort / wann sie sich in Güstrou angeben / von Unsern Ober=Hauptmann und General - Major von Bergholtz zu empfangen haben.

2. Soll die gantze Colonie zu Bützau auffgerichtet werden / woselbst Wir unter Verordnung und Anweisung gemelten Unsers Ober Haubtmanns 25. Häuser wollen bauen lassen / dergestalt daß in jedem Hause zwey Familien wohnen können / was deßwegen die 3. Kauffleute betrifft / mögen dieselbe auff Unsern Schloß zu Bützau / wie Wir es ihnen anweisen lassen / und es am beqvemesten seyn / wohnen.

3. Sollen allen Familien, so bald sie sich hie im Lande angeben / in Güstrau / Schwan oder Bützau Wohnungen angewiesen werden / woselbst sich sich das erste Jahr und biß ihre Häuser erbauet / auffhalten können / ohne daß sie schuldig seyn sollen, Heuer oder andere Aufflagen davor abzutragen.

4. So bald die Häuser in Bützau erbauet sind / wird ihnen noch auff die 6 ersten Jahr die Qvartiers Freyheit gestattet / also daß sie deswegen nichts zu bezahlen haben / jedennoch erlegen sie die Accise oder ordinaire Consumptions=Steur / als wozu sie sich von selbsten erbohten.

5. Uber dehm sollen sie frey seyn von allen Aufflagen und Beschwerden / so wol was ihre Persohnen als Güther angehet / insonderheit geniessen sie die Freyheit aller Wahren und materialien, so sie zur Arbeit gebrauchen / imgleichen so sie albereit verfertiget haben oder bringen lassen / dergestalt daß sie davor innerhalb und vor Verlauff 6. Jahren nichts bezahlen. Nachdehm aber die 6. Jahr vorbey sind, sollen sie gehalten seyn / alle onera gleich wie andere Unterthanen und Bürger abzutragen.

6. Imgleichen sind sie gleich wie Unsere andere Unterthanen und Bürger in alle dehm, was ihre Gewerbe zu Wasser und Lande angehet / zu consideriren / und geniessen alle Freyheiten / Privilegien und Sicherheiten auff dem Fues / als solche Unsern andern Unterthanen und Bürgern gnädigst gestattet werden.

7. Erlauben und gestatten Wir der Colonie zu bestimten Zeiten das freye exercitium der Reformirten Religion Krafft einer darüber verordnenden Constitution. Wie dann so lange die Colonie nicht in dem Stande, daß sie eine Kirche bauen könne / der grosse Saal auff dem Schloß zu Bützau verwilliget werden soll / in welchen die andere Frantzosen / so jetzo in Bützau

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sind, ihren Gottesdienst halten / wann aber die Colonie dergestalt mit der Zeit zunimmet und in den Stand kömpt / daß eine Kirche von Ihr erbauet werden könne / So gestatten Wir darzu von nun an die Freyheit / und wollen einen Platz darzu anweisen lassen / nicht weniger einen Orth zum Kirchhoff / als welchen Wir ihnen beständigst zu eigen überlassen / und umb den Kirchbau zu befordern / sollen dazu einige materialien gereichet werden. / Wir verheissen auch der Colonie einen Prediger zu halten / und densellen / nebst freyer Wohnung Jährlich mit 250 Reichsthaler zu salariren / welchen zu wehlen die Colonie freye Macht haben soll / nur daß Wir uns die Confirmation vorbehalten. Was den Cantor anlanget / so ist albereit einer in Bützau / welcher den Dienst zugleich bey der neuen Colonie zu verwalten hat.

8. Soll die neue Colonie, so wohl was ihre Religion als Gewerbe betrifft / von niemand als bloß von Uns dependiren / in dessen wird solche unter Verordnung Unseres Ober=Haubtmanns und General - Majors von Bergholtz errichtet.

9. Wie dann nun ferner die oberwehnte 3 Kauffleute nach aller Möglichkeit dahin zu sehen haben / wie das Beste und Aufnehmen der Colonie möge befordert werden / und sie nicht weniger verbunden und schuldig sind, dahin zu trachten / daß die verfertigte Wahren verkaufft werden / und also aus einer Hand in die andere gehen mögen / (jedennoch daß auch die Handwercker gute / tüchtige / gangbahre und unthadelhaffte Wahren verfertigen), So gestatten Wir denen obgedachten drey Kauffleuten aus sonderbahre Gnaden / so wohl en gros als in Stücken zu handeln / und allerhand Kauffmannschafft mit den Wahren, so sie von den Handwerckern der Colonie kauffen / zu treiben / daneben ihnen der Titul als Hoff=Kauffleute gnädigst beygeleget wird / also daß sie auff Unsere Commission / welche ihnen dazu gegeben werden soll / allerhand Sorten von Brocade, Goldenen / Silbernen / Seidenen und Wollenen Etoffen, brodirte Kleider und dergleichen / ohne Vorschuß aus der ersten Hand kommen lassen / und vor einen raisonablen Preiß an Unsern Hoff lieffern mögen / mit dem Bedinge / daß wann die Wahren und etoffen nicht anständig / die Kaufleute gehalten seyn sollen / solche wieder zunehmen / und Uns deßwegen keine Unkosten anzumuhten / und damit dann schließl. und

10. Diese Colonie desto füglicher errichtet werde / so wollen Wir auff alle Wahren, so ins Land gebracht werden / als Strümpffe / Hüthe / Wollene Stoffen / Tücher / Toback und dergleichen / Aufflagen setzen / umb dadurch nicht allein dem Verkauff der Wahren

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zu befördern / sondern auch mehr Leute einzuführen / jedoch mit dem Bedinge, daß vorhero sattsahme Wahren im Lande verfertiget seyn müssen / um Unsere Unterthanen damit zu versehen. Die Fabricanten der Colonie sollen auch gehalten seyn, junge Leute aus Unserem Lande / so zur Arbeit geschickt / und darzu Lust bezeugen / als Gesellen und Lehrjungen anzunehmen / zu welchem Ende Wir eine Verordnung / gleich wie in dem Brandenburgischen / außgeben wollen / damit solcher gestalt die Lehrlinge gesichert seyn / und wissen mögen / wie sie sich gegen ihre Meisters aufzuführen haben / und gute disciplin gehalten werde / auch dergestalt die Colonie von Tagen zu Tagen wachsen und ansehnlicher werden möge. Wie Wir dann alle solche Conditiones, welche in diesem offenen Patent gesetzet / allen den jenigen / so tüchtige Leute und noch hinkünfftig dieser Colonie sich zuzufügen Belieben tragen / gnädigst accordiren. Als Wir demnach solcher gestalt mit gemelten 3. Frantzosen dieses errichtet / und obige articulos in allen Puncten accordiret haben / so haben Wir solche auch jedermänniglich, so hier an part nehmen / kund machen / und sonderlich denen 50 Familien, so die 3 Frantzösische Kauffleute introduciren werden / offentliche notice davon ertheilen wollen. So geschehen Rostock den 24. Sept. Anno 1703.

Friedrich Wilhelm. (L. S.)             


13.

König Friedrich I. von Preußen an Herzog Friedrich Wilhelm von Meklenburg wegen Unterstützung von Flüchtlingen aus dem Fürstenthum Orange - 1704, Mai 28.

Von Gottes gnaden, Friderich König in Preußen, Marggraff zu Brandenburg, des heyl Röm. Reichs Ertz Cämmerer und Churfürst, Souverainer Printz von Oranien, zu Magdeburg, Cleve, Jülich, Berg, Stettin, Pommern, der Caßuben und Wenden, auch in Schlesien zu Croßen Hertzog, Burg Graff zu Nürnberg, Fürst zu Halberstad, Minden und Camin, Graff zu Hohenzollern, der Marck, Ruppin, Ravensberg, Lingen, Meurs, Buhren undt Lehrdam, Marquis zu der Vehre und Vlißingen, Herr zu Ravenstein, Lauenburg und Bütow, auch Arlay undt Breda pp. Unsere Freundschafft und was Wir mehr liebes und gutes vermügen zuvor, Durchleuchtiger Fürst, freundlich lieber

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Vetter. Ew, Lbd. ist sonder weitleufftige Vorstellung bekand, was vor Drangsaalen und Verfolgung die arme Evangelisch - Reformirte Einwohner in dem Fürstenthum Orange erlitten, und wie selbige mit Hinterlaßung ihrer Haab und Güther fast nackend und bloß der Religion halber das bittere Elendt zu bauen und sich in das exilium zu begeben gezwungen worden. Nun seyndt diese arme Leuthe im verwichenem Jahre in nicht geringer Anzahl in der Schweitz angelanget, und, weilen das Landt dieselbe wegen des engen Begriffs und Bekandten Korn=Mangels nicht mehr ertragen und unterhalten kan, im Wercke begriffen, sich nach Unsern Landen zu begeben. Wir können auch diese umb der Religion Willen vertriebene Leuthe aufzunehmen Uns umb so viel weniger entbrechen, als Sie durch die auf Uns rechtmäßig verstamte Succession des Füürstenthumbs Orange ohne dem bereits unter Unserer Bothmäßigkeit gehören. Nachdem aber zu derselben Unterbringung, und umb Ihnen insgesambt zu ihrer Subsistenz, Hahrung undt Unterhalt, einem jeden nach seinem Stande und Condition, zu verhelffen, ein großes erfordert wirdt, Wir auch ohnedem mit der Subsistentz einer großen Anzahl Frantzösischer Refugijrten, wie auch Wallonen und Pfältzer Uns chargiret befinden; So setzen Wir zu Ew. Lbd das volkommene Vertrauen, es werden dieselbe Dero Bekandten pietät nach die Noth und Misere dieser armen vertriebenen Leute mit zu Hertzen nehmen, und Sie in selbiger mit einer Beysteuer aus Dehro Landen subleviren helffen: Allermaßen Wir dan auch zu dem Ende in Unsern Landen eine gute Summe Geldes aufzubringen im Werck begriffen seyn. Wir haben dannenhero mehrermeldte Orangische Refugijrte Deroselben aufs Kräfftigste hiedurch recommendiren und dieselbe anbey freundvetterlich ersuchen wollen, Ihnen Dero Hülffe und Gutthätigkeit vermittelst einer erkleklichen Steuer angedeyhen zu laßen, welches Sie zu ohnaufhörlichen Gebeth für Dero Wollfarth und beglückte Regierung veranlaßen wirdt, Wir aber bey allen Vorfallenheiten mit mutueller Freündschafft zu erwiedern Uns angelegen seyn laßen werden, Die Wir Derosselben zu deren Erweisung stets geflißen verbleiben. Geben Schönhausen den 28 ten May 1704.

    Ew. Lbd.
(gez.) freundtwilliger
Friderich R.
An
den Hertzog von Mecklenburg=
Schwerin, wegen der orangischen
Refugijrten.
         
Pfr. Fuchs.

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14.

Generalmajor Bergholtz in Güstrow an die Kammer wegen der Vorbereitungen zur Aufnahme der Hugenotten in Bützow - 1704, August 13.

Wohlgeborne Hochzuehrende Herrn OberHaubtmann
Geheime Cammer= und CammerRähte.

Auff dehren an mich abgelaßenes geehrtes schreiben ertheile zur dinstl. Nachricht, daß, wan es mit der gar geringen Anzahl der vorhandenen Frantzosischen Familien albereit sein bewenden haben möchte, die angewandte Mühe übel compensiret wehre, im Gegentheil finde ich, daß die anschaffung der Familien am leichtesten seyn wird, wan wir nur vorhero auff eine Aert und Manier solche zu recipiren und unterzubringen bedacht sind, wozu dan die Wohnungen vornehmlich erfordert werden. Dahero werden meine Hochgeehrte Herren selbst ermeßen, wie unumgänglich die Fortsetzung des Baus erfordert wird. Den so lange keine Hauser erbauet sind und zur Manufactur keine andere Anstalt als bishero gemacht ist, sehe ich nicht, wie wir glücklich reussiren konnen, zumahlen wen die familien hin und wieder zerstreuet und nicht an einem Oert angewiesen werden konnen, Serenissimo nicht allein zur last sind, sondern es wird sich auch eine gute familie hieher zu begeben Scheu tragen. Dannenhero finde ich höchst nöhtig, daß mit der Anfahrung des Holtzes aus der Rühnischen Gegend allerdings continuiret werde. Hingegen konte man in anderweitiger Zufuhr bis zu Sr. Hochfürstl. Durchl. Gott gebe glücklichen retour und also fernerer gnedigster Verordnung menagiren.

Was mein sentiment wegen Fluvard und Gentien betrift, so finde ich nicht, daß dieselbe nach billiger Erlegung der empfangenen transportgelder ferner auffgehalten zu werden meritiren. Wollen dieselbe sich aber anheischig machen und auff einige Weise Sicherheit stellen, gute familien ins land zu bringen, so werde ich nimmer zuwieder seyn, daß ihnen ein beneficium accordiret werde, und wil, was meine Hochgeehrte Herrn Serenissimo profitable zu seyn einhellig achten, nur gefallen laßen, den en particulier habe ich ihnen nichts versprochen, sondern Sie vielmehr angewiesen, Sich der Hochfürstl. declaration gemeß aufzuführen. Wolten Sie auch zur anschaffung 50 familien sich mehr anheischig machen, als Sie albereit laut der declaration unterthenigst verbunden sind, so wird auch solches keine große

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Sache seyn, zumahlen ich, wie albereit erwehnet, familien ohne Unterscheid her zu bringen gar leicht achte, es sey den, daß Sie gute familien einführen und sich dadurch ein beneficium erwerben wollen, sonsten haben Sie sich nicht weiter recommendiret, als daß Sie eine Racaille hergezogen, wovon albereit 3 desertiret. Was Sie sonsten in erhobener Klage wegen der acciss vor Fug oder Unfug haben mögten, indehm solche der gestalt reguliret, daß darin schier alle onera begrieffen und sie solcher gestalt keiner privilegien sich zu erfreuen haben, davon werde ich mündlich mit meinen hochgeehrten Herrn zu reden Gelegenheit nehmen, welches albereit geschehen währe, wen mich nicht einige Tage her angehaltene übele disposition abgehalten hätte, indeßen verharre ich

Meiner Hochzuehrenden Herrn OberHeubtman
Geheime=Cammer= und Cammer=Rehten
Schuldigst undt Dienst ergebenster
(gez.) v. Bergholtz

Güstrou d. 13. Aug. 1704.


15.

Bericht der beiden Kaufleute Alexander Flavard und Nicolai Gentien über die Bedingungen, unter denen eine Niedelassung von Hugenotten in Meklenburg erfolgen könnte, nebst einem Verzeichniss der Familien, die durch ihre Vermittelung bereits in Meklenburg sich befänden - 1704, August 22.

Alexandre Flavard et Nicolas Gentien marchands a Butzau deziran de s-afermir dans cest estat et d-j atirer des familhies et bonne manufature et aiant reçeu permission expresse de vos Exellances de doner leurs propositions les plus propres a faire rehusir leurs entreprizes, c-est pour cella, qu-ils presantent les propositions suivantes.

1. Que eux et toutes les familhies qu-ils ont fait ou fairont venir, seront establies sous les mesmes droits et privileges contenues dans la patante de ceux de la premiere colonie et qu-ils ne composeront que un mesme corps avec eux et que chaque familhie recevra a son arivée aiant des bons temoig-

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nages la somme de dix risdaller, que messieurs de la chambre leurs fairont conter en pur doun.

2. Qu-il soit establi un magazin au dit Butzau soubs la conduitte des dits Flavard et Gentien, qui sera asorti de plusieurs sortes de leines propres a leur manufature. et c-est pour cella qu-ils supplient Vos E. E. de leur accorder en leine du pais jusques a la somme de deux mille risdaller de la quelle somme ils seront cautioné et en peieront les intherests au quatre pour cent pandant six années. apres lequel temps ils s-obligent de rendre le capital.

3. Qu-il soit accordé franc au dits Flavard et Gentien une maisoun propre pour leur manufature et magazin et que Ihors qu-ils voudront se batir des maizons, qu-il plaize a la cour, de leur accorder la place, le boix et materiaux necessaires.

4. Que tous les ouvriers propres a travalier la terre pouroun s-etablir avec les mesmes droits et privileges ci dernier et que l-on leur balhiera a rante perpetuelle les terres a un juste prix, que messieurs de la chambre fiseront.

5. Qu-il leur soit permis de fair tirer une lotterie composée de plusieurs marchandizes jusques a la valeur de dix mille risdaller, qui sera composée le plus avantageusement qui sera possible.

6. Et comme les dits Flavard et Gentien ont esté obliges de faire beaucoup de fraix pandant une année et qu-ils seront encore obliger d-en faire d-avantage pour atirer de bonnes familhies, ils demandent en grace particuliere. qu-il plaize a la cour de leur accorder pour les indamnizer le bien de campagne qu-ils ont demandé avec la faculté des courvées pour dix années de franchise, apres lequel temps ils en peieront la rante ficxe a perpetuité comme ils conviendront a present et si la ditte terre ne se put pas doner, ils supplient la cour de leur en accorder un autre a la place proche de Butzau ou bien qu-il ait la bonté de les indamnizer en argean ou leine du pais.

Ils supplient messieurs de la chambre de mettre fin a cette affaire et de leur accorder tousjours leurs puissante protession.

Rolle des familhies, qui sont venues par le mojen de Alexandre Flavard et Nicolas Gentyen:

Monsieur Secheaie, son epouze et un enfan, faizant le pastel et autres tintures;

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Monsieur Theophille de Moreau, seigneur de Debrose, gentilhomme cest pour faire valoir de terres;

Monsieur Breis et sa femme, manufaturier comode et faisan travalier a son propre ;

Le sieur Ginjoux et sa femme, ouvrier en leine;

Armand, sa femme, un enfant, ausi ouvrier en leine;

Nouvel, cerurier, faisant les metiers de bas, aiant un garsoun;

Nouvel, son frère, teinturier habille;

Curj, sa femme et enfan, menuzier;

Seisé, gantier, sa femme et enfan;

Un boutonnier Guerin avec sa femme;

Un tanneur Dussi avec femme et enfans;

Monsieur Gentien et sa femme;

Flavard, sa femme et sept enfans.


16.

Beschwerde des David Seiehaye über Schaden, welchen Rindvieh auf seinem mit Waid bepflanzten Acker angerichtet hat - 1704, October.

Messeigneur.

David Seichehaye represente avec resped à vos Excelance qui luy est arrivé un grand domage par sept beuff qu-il a trouvé mardy 14 me octobre sur sa piesse de pastel qui long tout mangé. Le dit Seichehaye a fait conduire les sept beuff a la bauhoff. Le suppliant espere de vos Excelance iustisse sur son domage etant la segonde foit, que le domage luy arrive, et le supliant n-est point en estat de suporté un si grand perte.

D. Seiehaye.


17.

Die Kaufleute Flavard und Gentien tragen dem Herzog von Meklenburg die Bitte vor, ihre Landsleute in der Weise unterstützen zu wollen, wie er versprochen - 1704, September 3.

A Son Altesse Serenissime Monseigneur le Duc Regnant de Meklembourg.

Alexandre Flavard et Nicolas Gentien represantent tres humblement à Son Altesse Serenissime qu-aiant heu l-honeur

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de Lui presanter a Butzau une supplique pour obtenir une reponce a celles qu-ils ont heu l-honeur d-adresser a vostre Altesse Serenissime, soit par la voie de la chambre que par celle de monsieur le secretaire privé Douve, ils demandent tres humblement a. V. A. S. la grace de les tirer a presant de la facheuze incertitude, ou ils sont despuis plus d-un an sur leur etablissement, et qu-il plaise a S. A. S. de leur accorder leur demande estant fort peu considerable pour un si grand prince puis qu-elle ne consiste que a mille escus en argean ou en leine du pais ou bien a la place de cette somme la jouissance pandant dix années de deux oufs 1 ) de terre avec la faculté des courvées. Les supplians sont venus expres de Butzau pour avoir la reponce qu-ils atandent tousjours de la faveur singuliere et de la generosité de vostre A. S. afin qu-ils puissent travailler plus utillement a faire venir comme ils ont desja fait plusieurs autres bonnes familhies et y faire flurir la colonie et ils continueront leurs veux les plus ardents pour sa prosperitte comme estant avec le plus profond respet ses tres humbles obeissans et tres fidelles sujets.


18.

Die Kaufleute Flavard und Gentien ersuchen den Präsidenten des Geheimen Raths, von Varenius, ihre Eingabe beim Herzog unterstützen zu wollen, und unterbreiten ihm ein Verzeichniss der Hugenotten - Familien, die auf ihre Veranlassung nach Bützow gekommen wären - 1704, Sep-tember 3.

Très humble supplique à Monsieur de Varenius.

Monsieur. Nous vous supplions tres humblement d-avoir la bonté de nous procurer au plustost une favorable resolution de S. A. S. sur les justes demandes, que nous avons faittes. Vous saves mousieur, depuis combien de temps nous sommes en souffrance non sulement par le manque a la promesse de 6000 risd. pour quatre années sans intherest, qui nous fut faitte en pleine chambre par le directeur establi par S. A. S., mais ausi pour les grands fraits, que nous avons fait et faisons


1) Hufen.
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tous les jours, despuis que messieurs de la chambre nous ont ordoné par une patante en datte du 25 mai dernier de nous doner passiance nous assuran, que nous serions satisfaits si bien qu-a tous egards, nos demandes ne sauroit estre plus justes et nous ne doutons pas, que la cour, qui n-a pas reffuzé de rattifier toutes les promesses, que le dit directeur a faittes suivant le pouvoir, qu-il en avoit reçeu de la part de S. A. S., ne laisera pas sans effet celle ci faitte de la propre bouche de messieurs de la chambre, nous vous prions bien humblement monsieur, de vouloir representer toutes ces choses a. S. A. S. et la supplier pour nous d-avoir la bonté d-i avoir esgard et de nous tirer au plustost de cette malheureuse incertitude par une derniere et favorable resolution, vous assuran monsieur, que de quelle maniere, que la cour s-esplique la desus, cella nous sera mieux que de vivre comme nous vivons, et soies persuadé monsieur, que vous n-obligeres pas des ingrads, mais des personnes, qui vous seront toujours avec un profond respect vos tres humbles et tres obeissans serviteurs Flavard et Gentien.

Depuis le temps, que nous sommes arrives, nous avons esté obligés de braser dans le chateau et, comme les cheminées ne sont pas faittes pour un si grand feu, nous vous prions monsieur, d-avoir la bonté d-ordoner monsieur le baillif de nous permettre de braser en bas dans la cuisine de S. A. S., ou il ni tien rien et qui ne lui ser que au mesure usage.

Rolle des familhies, que nous presantons a monsieur de Varenius pour lui faire voir, comme nous nous sommes transportés ici en honette gens pour tenir nostre parolle, et que la faute de ce, que la colonie n-est pas accomplie, vien de la part de monsieur de Berkolz, qui n-a pas tenu ce, qui nous avoit esté promis en plaine chambre, et establi directeur de la part de S. A. S. aiant fait travalié, comme il fait encore, a son profit particulier, ce qu-il devoit nous estre livré pour former ici le magazin pour fournir a nostre traitté suivant les patantes aus familhies, qui estoit prestes a venir, dont ci desous le non est especiffié primo:

  1 Flavard, sa femme, 7 enfans;
  1 Gentien, sa femme et son frere;
  12 dont vous en aves prix le non a Rostoq,
font  14 arivées outre ceux, qui s-en sont en alés.

Celles, qui devoit nous suivre et qui pouroit le faire encore, si nous sommes contant, sont

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  1 Monsieur Olivié, marchand et faisant fabriquer ausi de bas, femme et 3 enfans;
  1 M. Bretonn, femme et enfan, a 3 metiers de bas a lui;
  1 M. Perinion, femme et enfan, marchand negotian;
  1 M. Seruieire, femme, manufacturie;
  1 M. Marc, appotiquaire et chirurgien habille, nous estant necessaire, femme et enfan, et riche;
  1 M. Brunel, sa femme, 4 enfans, faisant savoun et amidoun, comode;
  1 M. Lamoureux, brodeur, sa femme, 1 enfan;
  1 M. Valantin, femme, enfan, pour de terres promises au comansement de bouche et par lettre par monsieur de Berkoz;
  1 le sieur Martin, femme et enfan, habille pour les metiers a bas, et comode;
  1 Rouviret et sa femme, cardeur;
  1 Reymond, femme et enfan, pour de terres;
  1 le sieur Combes, ouvrier en rubans et galons de soie et fil, et son frere;
  1 Izac Bonnet, femme et enfan, faiseur de bas;
  1 Pierre Galot, sa mere et sa soeur, ouvrier ausi en laine;
  1 François Delbrun, femme et enfan, de mesme;
  1 Estienne Griza, manufaturier
  1 son beau frere, sa femme, associés et pour de terres;
  1 Noé Erançois, sa femme et enfan, estaminié, sa femme Holandoise, faisant toute sorte de beaux ouvrages;
  1 Jean Berard, cuisinier, comode;
  1 son paran, garsoun et péruquier;
  1 Louis Philipe, sa femme, 5 enfans, faisant de bas, aiant un metier a lui;
  1 Samuel Brujas, jardinier, sa femme, 2 enfans, vouloit achaipter quelque terre;
  1 Louis, sa femme, habille tourneur pour toute sorte de menuzerie, menuzié;
  1 Haumel Vef, faiseur d-estamine, comode;
  1 Guilhaume Montagné, sa femme, habille ouvrier pour le melange des laines;
  2 familhies que le ci dessus devoit amener avec lui suivant ce qu-il me marqua que je conois.
----------------  
  41 familhies outre le tapisié habille homme, qui nous estoit tres necessaire qui s-en est en aller outre 3 autres;
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  22 familhies qui estoit à Halle, qui venoit de Chevaubac et Erlang dont il y hut deux deputes qui vindrent trouver Flavard à Berlin deux jours avant son depart pour leur marquer le jour, qu-il devoit partir pour s-en venir a Butzau ou Gustrau, et Flavard lui aiant promis de leur escrire des estre arivé a Gustrau, il fut bien surprix de voir que m. le general, qui ne devoit estre que directeur, fut change en metre de tout ce qui a fait la dissention et rompu toutes nos mesures;
  5 familhies que Mr. Cregut, nostre ministre, devoit amener ausi avec lui, tout de personnes aiant de quoi.
----------------  
Familhies 68 De tout ci dessus nous pouvons le justiffier par tesmoins et par sermant en foi d-onette gens et ce sur ce que nous demandons d-estre indamnizés et maintenus sous le bon plaisir de S. A. S., puisque la faute ne vien pas de nous. Ce qui je justiffie dautrui plus clairement ce que si nous avions esté de malhonette gens et si nous n-avions pas esté scurs de pouvoir tenir nostre parolle, nous ne serions pas venus de la manière que nous le sommes c-est de quoi nous vous supplions tres humblement, comme nous avons fait desja despuis quatorse mois, que nous sommes en soufrance prie de vouloir examiner et voir, que il est impossible, que nous puissions sucister plus longtemps dans l-etat, ou nous sommes, sans nous espuiser.

19.

Kammerprotokoll über die in Meklenburg sich aufhaltenden Hugenotten - 1704, December 16.

Protocollum bei Anwesenheit der Franzosen von der neuen Colonie. Rostock d. 16. Dec. 1704 in Presence Herrn Geh. Cammerrath Neubauer und Cammerrath Dörcksen.

1. Pierre Gillon ist ein Strumpfmacher und macht gestrichte Strümpfe, fein und grob. Offeriret sein Handwerck hie im Lande zu lehren an allerhand Lehrlinge. Seine Strümpfe und Handschuche sind gewalcket. Scheinen gut zu sein. Hat eine Fraw, aber kein Kind, wohnet in Bützow und bittet um freie Wohnung,

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so meinet er mit der Zeit ein Hauß zu bauen. Hat 5 Thlr. Transportgelder bekommen.

2. Daniel Claude ist ein Lohgerber und arbeitet vor Generalmajor Bergholzen Rechnung in Güstrow. Offerirt sich in Bützow wohl ein klein Hauß anzubauen, wenn ihm geholffen werden könte, daß er da sein eigen werck anfinge. Hat 1 Fraw und ein Kind. Hat kein Transportgeld bekommen.

3. Jean Philip Bury, ein Lohgerber, arbeitet mit dem vorigen in Compagnie, wil sich aber gern separiren und, wan eine kleine Lohmühle in Bützaw gebawet wird, womit sich ihne viele behelffen können, auch mit der Zeit da anzubawen. Hat 1 Fraw, 1 Kind. Hat 5 Thlr. Transportgeld bekommen.

4. Guillaume Aubanôt ist ein Tabacsbauer und wohnt zu Bützow, alwo er sich gern niederlassen wil. Bittet um etwas Land und ein Quartir. Hat eine verlobte Braut in der Marck Brandenburg, die er wil nachkommen lassen. Hat kein Transportgeld krigt.

5. Abraham Cury ist ein Tischler und Stuhlmacher, und wohnet noch in Güstrow, allwo er gute Arbeit hat, wil aber sich gern nach Bützow begeben. Zu bauen hat er noch keine Lust, weil ihm die Mittel noch mangeln, mit der Zeit wil er sich wohl resolviren. Hat eine Fraw, noch aber kein Kind. Hat 10 Thlr. Transportgelder gekrigt.

6. Jean Guerry, ein Knopfmacher, wohnt in Güstrow, klagt daß er nicht viel zu thun habe, weil ihm Verlag mangelt. Ist gantz gebrechlich. Bittet, wenn bei dem Hofstaat ihm Knopf= und Trompetenquäste auch dergleichen Arbeit gegönnet werden könte. Hat 1 Fraw und 1 Kind. Bittet, ob er nicht nach Sverin könte gebracht und dort mit Verlag geholffen werden, Hat 10 Thlr. Transportgeld krigt.

7. Jean Armand ist ein Wollkämmer und Seiffensieder, ist pauvre, doch arbeitet er bald in Bützow, bald in Güstrow und suchet dergestalt sein Brod, wo er kan. Hat 1 Fraw, 1 Kind. Hat 8 1/2 Thlr. Transport bekommen.

8. Florin Glaise ist seiner Profession ein Lohgerber, treibt es aber nicht mehr, sondern handelt mit Strümpfen und Handschuch, Hüten etc. ., wohnt sonst in Bützow und trägt der dortigen Leute ihre Wahren herum. Hat 1 Fraw, 1 Kind. Hat nichtß genoßen in 2 Jahren, so er hier ist.

9. Noch ist in Güstrow ein Tuchmacher, so ziemlich bei Jahren, heißt Monsieur Breu, der wil gern nach Bützow, weil

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er Mittel hat und andere Leute kan arbeiten laßen. Hat eine Fraw, aber kein Kind und ist sonsten bei guten Mitteln.

10. Noch ist ein Färber da, so gut ist, hat aber, weil er vor Herrn Generalmajor Bergholz arbeitet, nicht herübergewolt.

11. Anthoine Saizet, ein Handschuchmacher, wohnet in Güstrow, weiß die Felle zuzubereiten und macht sonst gute Handschuch. Arbeitet bisher vor den General Bergholz Rechnung. Meint, wann er im Sverin Hoffarbeit bekommen könte. Hat 1 Fraw, 1 Kind. Hat 9 Thlr. Transportgelder bekommen.

12. 13. Noch sind zu Bützow 2 Lieutenants, so Bastille bauen.

14. Item ein Schmidt, so der Strumpfmacher ihre Tauen 1 ) zu machen weiß. Haben Jeder 10 Thlr. Transport bekommen, thun 30 Thlr.

Die gegenwärtig gewesene Leute wie auch die beide Kaufleute bitten, daß ihnen die depensirten wenigen Kosten refundiret werden möchten.


20.

Die Hugenotten in Bützow suchen um die Berechtigung zum freien Handel in Meklenburg nach - 1705, Ende Juli

A Son Altesse Serenissime Monseigneur le duc regnant de Mecklenbourg.

Les manufacturiers françois de Butzeau ayant été contraints de revenir dernierement de la foire de Gustrow sans pouvoir rien vendre de leurs marchandises a cause des impots, que les commis de S. A. S. dans la ditte ville y vouloient mettre les ayant ensuite renvoyes aux marchands, qui dirent n-en avoir pas de besoin, ils suplient très humblement S. A. S. de faire en sorte que les dits manufacturiers ayent la liberté et la franchise entiere de leur petit commerce dans toutes les foires et que les marchands s-accomodent avec eux puisqu-ils leur offrent de leur donner ce qu-ils fabriquent aussi bien conditionne et à aussi bon marché que ce qui peut venir d-ailleurs. Ils s-engageront volontiers à ne rien vendre en detail par le pays et par les maisons, si les dits marchands veulent bien se charger de prendre tous leurs ouvrages a un prix raisonnable. Ils pourront meme travailler des laines étrangeres pour des


1) Webstühle.
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ouvrages plus fins, si les dits marchands s-obligent a les leur acheter par préference sur le juste pied, dont on sera convenu. Mais autrement ils ne peuvent subsister qu-en cherchant a debiter leurs marchandises partout et dans les foires et hors des foires. Ils ont surtout un extreme besoin que S. A. S. ait la bonté de se souvenir d-eux selon ses declarations pour leur faire prendre par préference leurs marchandises pour ses troupes et pour sa maison. Les manufactures ne pouvant obsolument se soutenir, si l-on ne leur fait la grace de favoriser leur debit mieux que par le passé et par des bons reglements bien executes à l-avenir. Les suppliants en attandant. qu-il plaise à S. A. S. de répondre favorablement a leur requete, continueront leurs voeux tres ardents pour sa prosperité, etant avec un profond respect ses tres humbles et tres fideles sujets.


21.

Herzog Friedrich Wilhelm weist den Pulvermacher Pierre Colla an, von Mitgliedern der französischen Kolonie in Bützow gewisse Waaren zu kaufen - 1706, März 16.

F. W.

Eß wird der Pulvermacher Pierre Colla hiemit gnädigst befehliget, daß Er von denen gesambten Frantzosen auß Bützow folgende Wahren sich liefern laßen soll, alß:

  1. Von denen Hutmachern Einen Huth von 32 ßl. bis 2 Rthl. und zwar von jeder sorte 3 Stück und zwar von jedem Hutmacher soviel.
  2. Von denen Strümpffmachern Ein paar strümpff von 32 ßl. bis 2 Rthl. und von jeder sorte 3 Paar, und zwar von jedem Strümpffmacher so viel.
  3. Von denen Handschumachern Ein Paar Handschuh von 8 bis 12 ßl und zwar etliche Dousin, wie auch
  4. Von denen Etamin=Machern, von jedem ein Stück von 38 Ellen à Elle 12 ßl. und verschiedene Stücke von Farbe.

An dem p.

Schwerin d. 16. Martij 1706.

Nomine Camerae.

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22.

Entlassungsgesuch des Alexandre Flavard - 1706, 20. April.

Je supplie tres humblement Vos Ezellances de vouloir prendre la peine de lire les raisons, qui m-obligent a quitter les estats de Son Altesse Serenissime Monseigneur le Duc Regnant du Meklenbourg, i estant venu avec ma familhie et effets pour satisfaire en honette homme avec les autres a ce, dont nous estions engatges.

C-est Messeigneurs le mauvais traitement, que j-ai reçeu dans ce pais despuis le jour de mon arivée jusques a présan tant de celui, qui avoit direction ci devant de la colonie, que de plusieurs particulliers, a qui j-ai randu service. Je croi, qu-il n-est pas necessaire messeigneurs de vous reiterer les grands fraits, ou j-ai esté espozé jusques a presan par la faute de monsieur de Berkolz, cella vous a esté cognu suffizamment par les divers voiages et represantations, que j-ai esté si souvant obligé de faire aupres de Vos E., sans que cella aie produit aucun effet pandant l-espace de deux années, ce qui faisoit bien voir clerement a Vos E., que c-estoit bien mon intention de rester dans ce pais, mais voian, que je n-ai peu rien advancer et que je n-ai reçeu que de deplaizir de plusieurs a qui j-ai presté mon bien ou partie i est encore, et dans un undroit eztrémement borné pour pouvoir entréprendre quelque chose de considerable, estant chargé d-une grande familhie de sept enfans, a la quelle il faut que je pourvoie non seulement a leur entretien mais ausi a leurs education, et ne voiant pas ici lieu de la manière que les affaires i sont pour i pouvoir survenir: Toutes ses raisons m-ont obligé apres deux ans quatre mois de sojour dans Butzeau et mille risdaller de depanse, que j-ai faitte pour l-entretien de ma familhie faux fraix ou pertes, comme je ne le peu que trop justiffier, de prendre la resolution de chercher un etablissement alhieurs pour pouvoir faire elever ma familhie suivant leur ran et travaillier à leur pourvoir les choses necessaires et dans un endroit, ou je puisse oublier toutes les traverses, pertes et anuis, que j-ai reçeus dans ce pais, c-est pour cella, que j-ai fait aranter une maison a Lubeck et fait achaipter 1 ) bois et autres choses, qu-il me faut a mon arivèe, la rante courant sur mon conte despuis paques, et gi serois arivé dimanche passé sans l-ordre, que j-ai reçeu par mon-


1) acheter.
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sieur Zandre de la part de Vos Ezellances, pour me rendre ici a Suerin, a quoi je n-ai pas voulu manquer d-obeir, estant avec un profond respect de Vos Ezellances

  Vostre tres humble
et tres obeissant serviteur
Flavard.

23.

Kaufmann Wilcke in Güstrow an den Kaufmann Pierre Colla in Schwerin in Sachen zollfreier Einfuhr - 1706, April 30.

Monsieur Monsieur Pierre Colla, Marchand à Schwerin. Franco.

Güstrau Anno 1706, d. 30. April.

Monsieur mon três cher cousin.

Ich zweiffele nicht mein voriges, worinnen wegen herr Lüning bericht gethan, wirdt richtig eingelauffen sein. Dieses nuhn beschiehet auff befehl meines Herrn Schwiegervaters auß Leipzig Euch zu ersuchen bey der Hochfürstlichen Cammer zu solicitiren damit Sie cito ein Befehl an dem Stadtvoygt in Plau erhalten möchten umb die anitzo von Leipzig mitbringende Wahren frey und ohne Visitation passiren zu lassen und damit Sie die Wahren durch aufpackung aldar so sehr nicht ruiniren dürffen.

Indehme die sämbtliche Kauffmanschafft der hochfürstlichen Cammer ja versprochen Ihnen von das habende Wahrenlager abzuhelffen.

Monsieur Odery bitte zu grüßen, wo es ihn wollgehet, soll es mir lieb seyn; ich vermeinte Ihm noch allhier bey meiner zuhaußkunfft von Berlin zu finden und thut mir weh, das meine Keinder den Anfang des Frantzösischen wieder vergessen sollen. Meine Frau und ich grüßen seine ganze Famille und erwahrte cito dero Antwort, womit verbleibe

  Monsieur vostre très humble
serviteur Wilcke.

P. S. Ich glaube herr Johan Martin wirdt Euch wegen freylassung der Wahren auch bereits geschrieben haben.


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24.

Inventur des Magazins für den Verkauf der Bützower Manufacturwaaren in Schwerin, aufgenommen durch Pierre Colla - 1706, August 24.

Invantation über die Wahren, so ich noch zu Verkauff in Henden habe auß Ihro Hochfürstl Durchl. Magazin. Swerin d. 24ten augusty 1706.

Memorial von alle die Wahren, so Sein Hochfürstl. Durchl. durch mich in dero magazin haben kauffen lassen und was ich noch in Vorraht habe.

1. An Etamine habe ich noch 58½ Stück, kosten 488 39
2. Ditto an wollen Stoff und allerley colleurdt 1 ) sarge 125 21½
3. An allerley colleurde Strümpffe ist vorhanden 713 25
4. An allerley handtschen ist in Vorraht noch für 230 22
An allerley preiß an hüedt ist noch 263   8
Das ist die gansse Summa was ich noch in magazin habe. 1821 Rthlr. 19½ Sch.,

Swerin den 24. augusty 1706.

Transport von der andern seit, waß ich noch an Wahren

in Vorath habe 1821 Rthlr. 19½ Sch.,
Folget was ich noch wieder ausgeliefert habe
An den pastelplanter die 34  Saht wieder gegeben, kosten      2   4
Ditto die lämerfell hab ich an den Handtschmacher wieder verkaufft für    49 24
An Schulde hab ich noch ausstehen in allen die summa von  179 37
Contant hab ich verkaufft von dem 9. Novembre 1705 biß d. 24. Aug. 1706 für die summa von  457 24

1) gefärbt.
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Ich Pierre Colla habe auß den magazin in allem ausgenohmen an wahren, so ich mich decortiren lassen will     56 24½
Das ist das ganß Capitall wieder 2567 10

Ich hab aus die Wahren verdienet, so ich verkauft, die

Summa von 22 16

Davon gehet ab, das ich ausgeleget habe, wie folget:

Für 3½ buch groß papier - 28
Die kasten auff dem Schloß und wieder herunter zu dragen gegeben - 10
Für Brieffporto, so ich bezahlt habe 4 18
2 Pahr Strümpf, so mir verdorben seint in magazin à 38 sl. ist 1 28
  --------------
Rthlr. 6 36
Bleibt das ich schaffen muss an profit 15 28
  --------------
Rthlr. 22 16

25.

Bericht des Pierre Colla über den Verkauf der Magazinwaaren - 1706, August 31.

Durchlauchtigster Hertzog, Gnädigster Fürst und Herr.

Ich kan nicht umbhin Ew. Hochfürstliche Durchlaucht unterthänigsten zu remonstriren, wie mir die sämbtlichen Cramer diese beykommende Memorial auff 14 Städten gelassen benebenst die außtheilung der wahren, was ein jedtweder zu seinen theilen zukömbt in henden gelassen, welches sich beläufft auff 215 Rthlr. und 22 Rthlr. 20 Sch. an Unkostung, als gelanget mein unterthänigsten bitten an Ew. Hochfürstliche Durchlaucht, sie geruhen gnädigsten das ihnen moege sämbtlichen Cramer anbefohlen, das sie ihren Wahren moege abholen und dabey gleich das geldt, was sie schuldig, luute den gemachten zettel zu bezahlen, damit das ich einmahln zu den capitall gelangen kan. Getröst mir gnädigster Erhöerung.

Verbleibe lebenslang Ew. Hochfürstl. Durchlaucht unterthänigster Diener

Pierre Colla.

Swerin d, 31. Aug 1706.

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Memorial was mir die Cramer alhier gelassen haben an wahren, so sie die außteilung selbst gemacht und was ein jedtweder stadt geben muß wie folget

1. Brühl an Wahren Rthlr. 10 Unkosten 1 R. 2 Sch.
2. Wahren " 8 " - " 40 "
3. Räbel " 16 " 1 " 32 "
4. Tätherow " 10 " 1 " 2 "
5. Neyen Buchow " 10 " 1 " 2 "
6. Malchow " 10 " 1 " 2 "
7. Sterenberg " 20 " 2 " 4 "
8. Hagenaw " 30 " 3 " 6 "
9. Rehne " 25 " 2 " 30 "
10. Dassow " 14 " 1 " 22 "
11. Genoyen " 12 " 1 " 12 "
12. Dessien " 10 " 1 " 2 "
13. Neinenkahl " 30 " 3 " 6 "
14. Dömitz " 10 " 1 " 2 "
 
Capitall Rthlr. 215, Unkosten 22 R. 20 Sch.

26.

Eingabe der Bützower Manufacturiers beim Herzog wegen Bezahlung ihrer Waaren - 1706, October 3.

Durchleuchtigster Hertzoch, Gnädigster Fürst undt Herr.

Wier Mannifacturiers refusiers zu Bützow geben Ewr. Hochf. Durchlaucht mit allen underthänigsten respect wissent, daß demnach wier sehr lange mit unßer bezahlung vor gelieferte Wahren in hochfürstl. Maccasin gewardet, zu letzsten hat die hochfürstl. Cammer unß biß verwigenen 1 ) Michaely abgewiesen, wohrauf wier unß verlassen undt hat ein jeder seine benötigte wolle undt waß er sonsten zu seiner arbeit nötig von denen Kauffleude geborgett in der meinung, daß ein jeder alsgemelt seine bezahlung erhalten würde, werden wir von unsern Creditoren pressiret zu bezahlen, wessenwegen wier Ewer Hochf. Durchl. underthänigst bitten uns refusiers in gnaden ansehn undt uns nicht wieder abweißen, damit sich ein jeder mit allen under=


1) verwichenen.
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thänigsten respect erweißen kann zu verbleiben Eur Hochf. Durchl. underthänigste getreue

Bützow d. 3ten 8br.
Anno 1706.
Jean Eymieu.
Pierre Almeras.
Louis Tappernon.
Jean Arnall.
     Gentien.
Jean Maseron.
Pierre Tardieu.

27.

Beschwerde des Hutmachers Pierre Almeras in Bützow wegen Verweigerung des Ankaufs seiner Hüte durch das Schweriner Magazin - 1706, October 13.

Monseigneur - Pierre Almeras, mettre chapelier refugié a Butzeau, ce trouvant charge de 300 chapeaux propre pour milices et pour dragon, monsieur Colla n-an ayant point voulu recevoir dans le magasin quoique le supplian l-an aye prier et qu-il ay pris seux de l-autre chapelier. Cella oblige le supliant a recourir a son Altesse Serenissime pour la suplier tres humblemant d-ordoner que ces 300 chapeau luy soin pris a celle fin qu-il puisse avec ce argent payer ce qu-il doit a S. A. S. et quelque autre chose qu-il doit alieur et qu-il puisse subsister avec sa famille. Le supliant fera des veux pour la prosperite de vostre Altesse Serenissime et pour celle de son illustre maizon.

a Butzeau 13 oct. 1706. Piere Almeras.

28.

Herzoglicher Patent=Erlaß an sämmtliche meklenburgische Krämer zu Gunsten der Bützower Manufacturisten unter Androhung harter Eingangszölle auf fremde Waaren - 1707, Januar 19.

Friedrich Wilhelm etc. .

Wir haben nicht anders alß gantz mißfällig vernehmen können, wie daß sämbtliche Cramere Unserer Hertzogthümer und

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Lande die hiesigen, im lande mit großen Kosten von Unß angelegte Manufacturen an Hüten, Strümpffen, Stoffen, Etaminen, Handschuen, auch Tüchern und Boyen etc. . so gar verächtlich tractiret, und insonderheit nach der Zeit, da Sie das hiesige geringe Magazin anzunehmen persuadiret und angehalten worden, gantz vorbeygangen, die Fabricanten, wenn Sie ihre Waaren zu debitiren gesuchet schimpfflich abgewiesen, ihnen nichts abgenommen und dadurch diese guten leuten, so Wir dem Publico zum besten mit Müh ins Land gezogen, gleichsahm wieder zu entweichen und ihre profession anzugeben genöthiget. Wann aber solches höchst unbillig und von gar schädlicher Consequence, dazu ihrem hie so sancté gethanen Versprechen (da Sie diesen leuten jährlich eine gute Parthey ihrer Waaren abzunehmen und Sie dadurch ihre Handwercke immer mehr und mehr zu cxcoliren auffzumuntern sich anheißig gemacht) gantz entgegen und Wir daher ihrer Wiedersetzlichkeit nachzusehn ferner nicht gemeynet seyn, umb so viel weniger, da man von der Bonitet der hier im lande verfertigten Waaren genugsahm versichert ist, die leute auch im Preise ihnen dergestalt zu fügen erbötig seind, daß Sie damit friedlich seyn können: Solchem nach ist hiemit unser gnädigster und ernster Befehl, daß Sie, gemelte Cramer, sich innerhalb 3 wochen, ob Sie denen leuten unter billigen Conditionen hinfüro ihre fabricirte Wahren abnehmen wollen oder nicht, erklären, da dann im wiedrigen und auff den Fall der ferneren Verwegerung Wir auff andere Remedia bedacht seyn und die hie in unseren Landen fabricirten und an.Güte den frembden wenig nachgebenden Waaren durch gewisse harte anzulegende Imposten auff Einfuhr der außwärtigen Waaren auch sonst auf andre Arth in einen beständigen Gang zu bringen mit Fleiß und Ernst suchen werden und Sie, obbemelte Cramere, mit ihren gewöhnlichen Querelen ferner nicht gehöret werden sollen. Wornach Sie sich zu richten.

A. Varenius.

Schwerin den 19. Janr. 1707.


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29.

Bitte des Etaminmachers Pierre Tardiff in Bützow, ihn aus der Kolonie entlassen zu wollen - 1707, Juli 5.

A son Altesse Serenisime
    Monseingneur le Duc Regnant de Mecklenburg
                     Tres humblement.

Durchleutigster Hertzog Gnädigst Fürst
undt Herr.

Ich kan nicht umbhin Ew. Hochfürstl. unterthänigst zu Remonstriren, Wie daß ich mich in die 8 Jahren in Bützow niedergesetzet habe und mein profescion als ein Etamienmacher alda gewohnet, So hab ich eine Frau aus Berlin gehayrahtet, aber Leiders So Lang als meine Frau in Bützow gewesen, ist sie Leiders allezeit unpäßlich gewesen, Weilen sie die Lufft zu Bützow nicht ertragen kan, So bin ich gezwungen worden meine arme Frau nach Berlin hinfalhren Laßen, theils umb ihre gesundtheit theils auch umb ihr alte mutter, die in Berlin ist, und weil daß die Schwiegermutter kein Kindern mehr hat als meine Frau, die Ihre in Ihren Alters eine Handtreichung thun kan, als hat mir meine Frau aus Berlin geschrieben, daß ich mich Solle mit Erster bey sie einfinden umb aldar mit ihr zu wohnen, weil sie unmöglich in Bützow wieder kommen können, Und auch Ihre mutterliche Erbschafft zu observiren, Als Bitt ich Ew. Hochfürstl. Durchl gantz unterthänigst mir meine Erlaßung aus Bützow zu geben und mir zu gleichen einen pass Von Bützow nach Berlin reichen Laßen. Waß die Freyheiten und Sonsten frey Losement, so ich in wehrerder Zeit von Ew. Hochfürstl Durchl. aldar genoßen, so will ichs Ew. Hochfürstl. Durchl. wieder Bezahlen, ob ich zwar anitzo kein bahr geldt habe, jedoch will ich So viel wahr geben als was ich Empfangen habe. Getröste mich gnädigster erhörung, verbleibe Lebenslang

Ew. Hochfürstl Durchl.           
Unterthänigster Diener
Pierre Tardiff.   

Swerin d. 5. Jülly 1707.


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30.

Bericht des Inspectors Paschasius Zander in Bützow über Pierre Tardiff - 1707, Juli 10.

Unterthänigste Relation
     Paschasü Zanders

Betreffend die erlaßung des Frantzosen Pierre Tardiff und wieviel derselbe in seinen Frei=Jahren consumiret, auch wie hoch sich seine HaußMiete erstrecke.

Durchleuchtigster Hertzog,
   Gnädigster Fürst und Herr!

Auff Ew. Hochfürstl. Durchl. erhaltenen gnädigsten Befehl, die erlaßung des Frantzosen Pierre Tardiff betreffend, berichte in unterthänigkeit, daß umb der consequence willen es zwar besser gewesen, daß er geblieben wäre; Weil er aber an der erwartenden Erbschafft in Berlien wegen seiner und seiner Frauen abwesenheit schaden zu nehmen vermeinet, dieselbe auch dieses Orts allerdigns nicht gesund gewesen und er also zu bleiben nicht zu persuadiren stehet; So habe im nachsehen befunden, daß seine Consumption in den 6 Frei=Jahren sich auf 5 Rthl. 32 ßl. und die HaußMiete in 4 Jahren auf 16 Rthl. erstrecken würde, und weil er nunmehro ins 8te Jahr von allen Bürgerlichen oneribus dieses Orts exempt gewesen, so stelle zu Ew. Hochfürstl Durchl. gnädigsten decision, ob er auch dieser wegen an hiesige Stadt eine kleine recognition zu geben gehalten seyn soll und verbleibe lebenslang

Ew. Hochfürstl. Durchl.           
Unterthänigster und Getreuer
Diener
Bützow den 10. July
Anno 1707.

Paschasius Zander.

31.

Bitte des Pierre Tardiff um Ermäßigung der zurückzuzahlenden Summe - 1707, Juli 16.

Unterthänigste Bitte
Pierre Tardirff

daß die von ihm gefoderte 50 Rthl. mögen moderiret und ihm zu 30 Rthl. gelaßen werden.

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Durchleuchtigster Hertzog,              
Gnädigster Fürst und Herr!

Alß Ew. Hochfürstl. Durchl. durch den Licent=Inspector Zander mir gnädigst ankündigen laßen, daß, wen ich von hier ziehen wollte, ich eins vor alles 50 Rthl. erlegen sollte, So gebe darauf zur unterthänigsten Nachricht, daß das Meinige kaum so viel wehrt ist, ich auch so viel bahr Geld nicht auffzubringen weiß, da ich doch mit guten Gewißen bezeugen kann, daß ich an bahren Gelde 120 Rthl. in dieses Land gebracht, welches ich hier alles zugesetzet und anjetzo nichtes übrig habe alß einige Wahren und einige kleine Schulden, dannenhero viel besser gethan hätte, daß ich vor Gesell gearbeitet, wobey ich meinen Unterhalt verdienet und das Meinige conserviret hätte, auch wegen meiner Consumption und Wohnung nichts geben dürffen. Diesemnach ersuche Ew. Hochfürstl Durch!. hiedurch unterthänigst, Sie geruhen gnädigst, und laßen es mir zu 30 Rthl., wovor ich in ermangelung bahren Geldes so viel wahren bei meinem hiesigen Cameraden Jean Emié laßen will, alß zu Bezahlung der 30 Rthl. nöhtig seyn werden, welcher auch sogleich nach deren Verkauffung das Geld liefern soll, an was Ohrt es Ew. Hfstl. Durchl. verlangen, wobey mich zugleich hiedurch obligire, daß, zum Fall ich meine Frau persuadiren kan und es ihre Gesundheit zulaßen will, ich mich hieselbst wieder einstellen wolle, wobey ich lebenslang verharre


Bützow d. 16. July
Anno 1707.
Ew. Hochfürstl. Durchl.       
Unterthänigster Diener
Pierre Tardiff.

32.

Bericht über die Leistungen der deutschen Tuchmacher in Bützow - 1707, Juli 26.

Specificatio waß bey hiesigen Tuchmachern an Laken, Boy, gesponnene und ungesponnene Wolle, item an Handwerksgeräht in Vorraht befunden anno 1707, den 26. July.

August Tiell.
An weißen Laken 1 Stück.
An mellirten Laken 8 "
An Boy 2 "
An ungesponnene Wolle 41 Stein
An gesponnen garn 232 Pfd.
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Ein altes jedoch fertiges Tau 1 ) mit zugehörigen Handwercksgeräht.

Hergegen hat er an Vorschuß empfangen 235 Rthlr. 45 Sch. und darauff an Herrn Gabriel Francken geliefert 9 Stück Livrélaken à 10 Rthlr., thut 90 Rthlr., und bleibt also schuldig 145 Rthlr. 45 Sch.

Hinrich Schütt.
An weißen Laken 1 Stück.
An mellirten Laken 5 "
Zwey Stück Boy, so angeschnitten, machen zusammen aus 90 Elle.
An ungesponnene Wolle 8 Stein.
An gesponnen garn 99 Pfd.

Ein neu fertiges Tau mit allen zugehörigen Handwerksgeräht.

Hergegen hat er an Vorschuß bekommen mit dem Handwerksgeräht 253 Rthlr. 30 Sch. Darauff hat er an Herrn Francken geliefert 12 St[Sybol]ck Livrélaken à 10 Rthlr., thut 120 Rthlr., und bleibet also schuldig 133 Rthlr. 30 Sch.

Gottfrid Berend.
An weißen laken 3 Stück.
An mellirten laken 12 "
An Boy 3 "
An ungesponnene Wolle 50 Stein.
An gesponnen Garn 37½ Pfd.

Ein neu fertig Tau mit allen zugehörigen Handwercksgeräht Hergegen hat er an Vorschuß bekommen mit den Handwercksgeräht 197 Rthlr 8 Sch. und darauff an Herrn Francken geliefert 3 Stück Livrélaken à 10 Rthlr., thut 30 Rthlr., bleibt also schuldig 167 Rthlr. 8 Sch.

Jochim Möller.
An weißen Laken 3 Stück.
An mellirten Laken 3 "
An Boy 1/2 "
An ungesponnene Wolle 42 Stein.
An gesponnen Garn 123 Pfd.

Ein fertig Tau mit zugehörigen Handwerksgeräht.

Hergegen hat er an Vorschuß bekommen 107 Rthlr., worauff noch nichts bezahlet.


1) Webstuhl.
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Hans Heinrich.
An mellirten Laken 1 Stück.
An weißen Laken, so gewalket 6 "
An weißen Laken, so noch ungewalket 4 "
An Boy 24 Ellen.
An ungesponnene Wolle 48 Stein.
An gesponnene Wolle 30 Pfd.

Hat kein eigen Tau, sondern wirket mit auff seines Sohnes Tau. Hat an Vorschuß bekommen 119 Rthlr. 43 Sch. und noch nichts darauff bezahlt.

Hans Heinrich Heinrichs.
An weißen Laken 8 Stück.
An mellirten Laken 1 "
An Boy 2 "
An gesponnen Garn 93 Pfd.
An ungesponnen Wolle 48 Stein.

Ein neu fertig Tau mit zugehörigen Handwercksgeräht. Dagegen hat er an Vorschuß bekommen 105 Rthlr. 28 Sch., worauff noch nichts bezahlet.

P. Zander.


33.

Nachweis der in Bützow erbauten und zur Aufnahme der Hugenotten bestimmten Häuser - 1708, April 28.

Specificatio derjenigen Häuser, welche Ihre Hochfürstl. Durchl. in Bützow neu erbauen und kauffen laßen, von wem Sie bewohnet und nur annoch bißher für Miet=Gelder gegeben werden, Item welche Einwohner derselben annoch frey, und wie lange Sie solcher gestalt nach Hochfürstl. Verordnung annoch zu wohnen haben.

An Neüen Häusern sind erbauet

1. Ein Hauß für dem Rühner Thor, worinnen für jetzo wohnen:
1. Ein Hutmacher Jean Arnald, deßen Frey Jahre sich auff Weynachten Ao. 1707 geendiget, gibt nechstkünfftigen Weynachten 16 fl.
2. Sein gesell und mit= Interessent Pierre Lange, deßelben Frey= Jahre sich sodan gleicher gestalt geendiget, und gibt auff Weynachten Anno 1708 14 fl.
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3. Der Frantzösische Küster Duvoussien gibt auff negstkünfftigen Weynachten 14 fl.
4. Der Estaminmacher Tapperneau gibt für sein bewohnendes antheil auff Michael 1708 26 fl.
Diese Leute insgesambt Sollicitiren sehr, daß Ihnen das Hauß oben etwaß beßer außgebauet werden möge.
2. Ein geringes Hauß bey der Maur, bewohnet für jetzo ein Lohgerber Guillaume Missoll, gibt dafür negstkünfftigen Michaelis an heür 12 fl.