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Inhalt:

Jahrbücher

des

Vereins für meklenburgische Geschichte
und Alterthumskunde,

aus

den Arbeiten des Vereins

herausgegeben

von

Dr. G. C. Friedrich Lisch,

großherzoglich meklenburgischem Archiv=Rath,
Conservator der Kunstdenkmäler des Landes, Regierungs=Bibliothekar,
Director der großherzoglichen Alterthümer= und Münzen=Sammlungen zu Schwerin,
Commandeur des Dannebrog=Ordens, Ritter des Nordstern=, des Rothen Adler= und des Oldenburgischen Verdienst=Ordens, Inhaber der großherzogl. meklenburgischen goldenen Verdienst=Medaille und der königl. hannoverschen goldenen Ehren=Medaille für Wissenschaft und Kunst am Bande, der kaiserlich österreichischen und der großen kaiserlich russischen goldenen Verdienst=Medaille für Wissenschaft,
wirklichem Mitgliede der königlichen Gesellschaft für nordische Alterthumskunde zu Kopenhagen und der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Stockholm, correspondirendem Mitgliede der königlichenAkademie der Wissenschaften zu Göttingen, der kaiserl. archäologischen Gesellschaft zu St. Petersburg, der kaiserl. Gesellschaft zu Abbeville und der oberlausitz. Gesellschaft der Wissensch. zu Görlitz,
wirklichem Mitgliede der archäologischen Gesellschaft zu Moskau
Ehrenmitgliede
der geschichts= und alterthumsforschenden Gesellschaften zu Dresden, Mainz, Hohenleuben, Meiningen, Würzburg, Königsberg, Lüneburg, Emden, Luxemburg, Christiania, Zürich und Greifswald,
correspondirendem Mitgliede
der geschichts= und alterthumsforschenden Gesellschaften zu Lübeck, Hamburg, Kiel, Stettin, Hannover, Leipzig, Halle, Jena, Berlin, Salzwedel, Breslau, Cassel, Regensburg, Kopenhagen, Gratz, Reval, Riga, Leyden, Antwerpen und Stockholm,
als
erstem Secretair des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde.


Funfunddreißigster Jahrgang.


Mit 2 Steindrucktafeln und 2 Holzschnitten.
Mit angehängten Quartalberichten.
Auf Kosten des Vereins.
Vignette

In Commission in der Stillerschen Hofbuchhandlung.

Schwerin, 1870.

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Gedruckt in der Hofbuchdruckerei von Dr. F. W. Bärensprung.
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Inhaltsanzeige.


A. Jahrbücher für Geschichte.

Seite
I. Ueber des Herzogs Ulrich von Meklenburg=Güstrow Bestrebungen für Kunst und Wissenschaft, von dem Geheimen Archiv=Rath Dr. Lisch zu Schwerin 3
Nachtrag: Ueber den Baumeister Philipp Brandin S. 95.
Nachträge unten: Domkirche zu Güstrow S. 165.
II. Wallensteins Abzug aus Meklenburg im Jahre 1629, von demselben 45
III. Wallensteins Armenversorgungs=Ordnung für Meklenburg, von demselben 80
IV. Wallensteins Gesandtschaft an den König Christian IV. von Dänemark 1629, von demselben 88
V. Rückkehr des Herzogs Johann Albrecht II. von Meklenburg und seiner Familie in Güstrow1631, von demselben 90
VI. Ueber das Wappen der alten Grafen von Schwerin, von demselben 93
VII. Ueber den Baumeister Philipp Brandin zu Güstrow, von demselben 95

B. Jahrbücher für Alterthumskunde.

I. Zur Alterthumskunde im engern Sinne.
Vorchristliche Zeit.
Römergräber in Meklenburg, von dem Geheimen Archiv=Rath Dr. Lisch 99
1) Römische Alterthümer von Grabow 99
2) Römergräber von Häven 106
Mit 2 Steindrucktafeln und 2 Holzschnitten.
Anhang: Römische Münze des Kaisers Hadrian 164
Nachtrag: Römergräber auf Seeland S. 225.
II. Zur Baukunde.
Christliches Mittelalter.
Kirchliche Bauwerke.
Die Domkirche zu Güstrow, von demselben 165
Die Kirche zu Lüssow, von demselben 201
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Die Kirche zu Hohen=Sprenz, von demselben 207
Kunstwerke der Klosterkirche zu Ribnitz, von demselben 212
III. Zur Naturkunde.
Rennthierhorn von Möllenbeck, von demselben 215
Rennthierhorn von Mellenau, von dem Professor Dr. Virchow zu Berlin 216
Eßbare Muscheln im Meerbusen von Wismar, von dem Geheimen Archiv=Rath Dr. Lisch 219
Elenthiere und Auerochsen in neuern Zeiten in Norddeutschland, von demselben 223
IV. Nachtrag zu den Römergräbern in Meklenburg.
Das Grab von Varpelev auf Seeland, von demselben 225

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A.

Jahrbücher

für

Geschichte.

 


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I.

Ueber

des Herzogs Ulrich von Meklenburg=Güstrow

Bestrebungen

für Kunst und Wissenschaft,

von

G. C. F. Lisch.


Z u den hervorragendsten Gestalten in unserm Vaterlande, nicht allein des 16. Jahrhunderts, sondern der ganzen Geschichte der Heimath, gehören die beiden herzoglichen Brüder Johann Albrecht zu Schwerin und Ulrich zu Güstrow, während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Beide, in jeder Hinsicht groß und bedeutend, waren doch an Sinn und Richtung sehr verschieden, wie denn auch bekanntlich ihre Neigungen oft weit auseinander gingen und selbst Zerwürfnisse zwischen ihnen den Frieden trübten. Johann Albrecht war mehr geistreich, rasch und durchgreifend in Entschluß und That und dabei ganz ein Mann der Wissenschaft, ein Reformator. Ulrich war mehr nachdenkend, bedächtig und sorgend nach jeder Seite hin, mehr ein Mann der Kunst, wenn er auch selbst schriftstellerte, ein Conservator. Nach diesen Eigenthümlichkeiten richten sich denn auch die Werke, die sie hinterlassen haben. Schon die Art und Weise ihres Begräbnisses deutet auf ihren Sinn. Während Johann Albrecht in einem einfachen hölzernen Sarge mit plattem Deckel in einem gewöhnlichen leinenen Leichentuche 1 ) beigesetzt ist, zeigen Ulrich's Grab und Begräbniß eine Pracht und Gediegenheit, wie sie sonst in Meklenburg nicht zu finden sind.


1) Vgl. Jahrb XIII, S. 176.
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Die glänzendsten Zeugnisse für Ulriche Sinn und Wirken geben die von ihm hinterlassenen Werke in seiner Residenz Güstrow, namentlich das noch dauerhafte, großartige Schloß und die vielen prachtvollen Denkmäler im Dom, welche aus jener Zeit ihres gleichen in Norddeutschland suchen. Dabei offenbart sich noch ein ernster, gründlicher Sinn für geschichtliche Forschungen und kirchliche Frömmigkeit.

Es fragt sich nun, durch welche Mittel und auf welchen Wegen Herzog Ulrich diese Werke hat ausführen lassen. So viel ist jetzt gewiß, daß er persönlich vielfach thätig bei der Ausführung der Werke war. Auch stand ihm seine völlig gleich gesinnte, edle erste Gemahlin Elisabeth von Dänemark († 1586), deren Neffe und Schwiegersohn der gleich gesinnte König Friedrich I. von Dänemark war, rathend und thatend rüstig zur Seite. Aber es ist bis jetzt fast völlig unbekannt, welcher Werkzeuge beide sich zur Ausführung ihrer Entwürfe bedienten und wie die Werke, die sie schufen, zu Stande kamen. Dies mag theils daher kommen, daß diese Saite der Geschichte im Lande bisher wenig angeschlagen, vielmehr lange vernachlässigt ist, theils daher, daß in den Archiven gesammelter und geordneter Stoff hierüber fast ganz fehlt und die versteckten Nachrichten nur mühsam und in langer Zeit zusammengesucht werden müssen und sich schwer zu einem anschaulichen Bilde gestalten lassen.

Es mag daher willkommen sein, einige Grundzüge zur Geschichte der künstlerischen und wissenschaftlichen Bestrebungen Herzogs Ulrich zum ersten Male zu entwerfen. Diese Arbeit wird um so dankbarer sein, als die Zeit Herzogs Ulrich eine unverkennbare Aehnlichkeit mit der Zeit hat, in der wir leben.

1.
Professor Dr. David Chyträus.

Dr. David Chyträus, 1551 † 25. Juni 1600 Professor der Theologie an der Universität Rostock, einer der bedeutendsten Männer seiner Zeit und tief und gründlich erfahren und gebildet nicht allein im kirchlichen, sondern auch im gesammten wissenschaftlichen und staatlichen Leben, war der getreueste Gehülfe beider Herzoge. In der ersten Zeit seiner Amtsführung stand er mehr mit dem Herzoge Johann Albrecht in Verkehr, wie seine noch vorhandenen zahlreichen Briefe an denselben beweisen, welche fast ohne Ausnahme

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in lateinischer Sprache geschrieben sind. Nach dem Tode des Herzogs Johann Albrecht († 1576) trat er dem Herzoge Ulrich in einem lebhaften, fast nur deutsch geschriebenen Briefwechsel und in persönlichen Unterhaltungen näher, da sich vorzüglich seit dieser Zeit die geschichtlichen und künstlerischen Bestrebungen dieses Herzogs zu entwickeln anfingen.

2.
Erste fürstliche Genealogie.

Der Herzog Ulrich beschäftigte sich selbst lebhaft mit der Entwerfung und Richtigstellung der Stammtafel seines fürstlichen Hauses und der Erforschung von Ahnentafeln, und bediente sich dazu ununterbrochen der Hülfe des Professors Chyträus, welcher bekanntlich auch gediegener und angesehener Geschichtsforscher war.

In diesem Sinne hatte der Herzog auch einen fürstlichen Stammbaum zum Druck befördert, welcher aber völlig untergegangen zu sein scheint. Chyträus schreibt am 16. Januar 1575 an den Herzog: "E. f. g. gnediges Schreiben wegen ettlicher Exemplar E. f. g. loblicher vorfharen der Hertzogen zu Mekelburgk Stam=Register hab ich vnterthenig entpfangen vnd mit allem vleiße nach reinen Exemplaren bey den Buchfhürern vnd Andern nachgefraget. Aber es hat der Buchdruckher innerhalb drey oder vier Jharen kein Exemplar mer gehabt. So sind sie auch anderst wor nicht zu bekhomen. Will derhalben mit vnserm Buchtruckher Jacobo Lucio handlen, das ers folgende woche widervm fuhrnehme vnd auff das forderlichst volenden sol. Vberschicke E. f. g. hierbei vnterthäniglich ein alte Genealogiam, die ich an meiner wandt gehabt, ob E. f. g. dieselbige wollen vleissiger vbersehen lassen, vnd was darin zu endern oder zu verbessern, mich gnediglich erinnern."

Es ist also wohl keine Aussicht vorhanden, daß von dieser Genealogie noch Exemplare gefunden werden sollten. Es entstand jedoch durch diesen Mangel der Plan zur Herausgabe einer "neuen Genealogie" in Form eines Baums, "welche viel zierlicher vnd scheinlicher, denn des vorigen Abdrucks."

Der Herzog Ulrich trat auch selbst als Schriftsteller auf: er gab die "Hauptstücke christlicher Lehre nach

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"Ordnung des Katechismi" heraus. Das Buch erschien im Verlage des Buchbinders und Buchhändlers Werner Lange zu Güstrow, welcher es in Leipzig mit angemessenem Glanz drucken ließ. Das ziemlich starke Buch ist in Quartformat auf gutem Papier mit großen, schönen Lettern gedruckt und jede Seite ist mit reichen Randleisten in Holzschnitt eingefaßt, in denen sich oft das sächsische Wappen befindet. Das Werk erschien zuerst im J. 1594. Da es aber so rasch abging, daß es gleich vergriffen ward, so veranstaltete W. Lange schon im J. 1595 eine zweite Auflage, welche jedoch erst im J. 1600 herauskam. Diese beiden Auflagen geben folgende Aufklärungen.

Der Titel der ersten Auflage lautet: 1 )

Kurtze wiederholung
etlicher fürnemer
HEuptstücke
Christlicher Lehre,
Nach Ordnung des Catechismi,
Durch eine hohe Fürstliche
Person zusammen getragen.
Mit einer Vorrede Andreae Ce=
lichii. Meckelnburgischen Superintendenten.
Leipzig.
Anno M.D.XC.IIII.
Cvm Privilegio.

Die Rückseite enthält das Meklenburgische Wappen in Holzschnit.

Auf der dritten Seite steht:

VOn Gottes
gnaden Wir Vlrich
Hertzogk zu Meckelnburgk,
Fürst zu Wenden, Graff zu
Schwerin, der Lande Ro=


1) Die Regierungs=Bibliothek zu Schwerin besitzt seit dem J. 1869 ein Exemplar durch Ueberweisung aus der Schweriner Gymnasial=Bibliothek. Dieses Exemplar stammt zuletzt wahrscheinlich aus der Bibliothek des Prinzen Ludwig.
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stogk vnd Stargardt Herr,
Bekennen hiemit, das aus
vnserm Beuehlich diß Büch=
lein in Druck verfertiget vnd
ausgangen, im jahr
1594.

Die Rückseite des zweiten Blattes enthält eine Bitte an Gott, aus Bibelsprüchen zusammengesetzt.

Darauf folgt die Vorrede des Superintendenten Andreas Celichius, "geschrieben im eingange des 1593 Jahres", und hierauf ein Vorwort des Herzogs Ulrich mit dem Inhaltsverzeichniß.

Am Ende steht:

Gedruckt zu Leipzig, bey
Michael Lantzenberger.
In Verlegung Werneri Langen,
Buchbinders vnd Buchhendlers
zu Güstrow.
Anno
M.D.XCIIII.

Die zweite Auflage 1 ), welche auf dem Titel die Jahreszahl

Anno M.DC.
Cvm Privilegio.

hat, stimmt mit der ersten Auflage ganz überein, enthält jedoch S. 6-8 eine Widmung mehr.

Gewidmet ist diese Auflage nämlich der Herzogin Anna, zweiten Gemahlin des Herzogs Ulrich, von dem Verleger, Buchhändler Werner Lange zu Güstrow, am Tage Philippi und Jacobi 1595. Dieser sagt: "daß die hochfürstliche arbeit, so E. F. G. Herr vnd Gemahl, mein gnediger Fürst vnd Herr, vorm jar in öffentlichen Druck bringen lassen, so schleunig abgangen, vnd die leute so begierlich vnd mit solcher verwunderung gelesen, das man es jetzt anderweit von newen auflegen müssen."

Am Ende der zweiten Auflage steht:

Gedrukt zu Leipzig bey
Michael Lantzenberger.


1) Die Regierungs=Bibliothek zu Schwerin besitzt seit längerer Zeit ein Exemplar dieser zweiten Auflage.
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In verlegung Werner Langen
Buchbinders vnd Buchhendlers
zu Güstrow.
Anno
M.DC.

Der herzogliche Befehl auf S. 3 ist in der zweiten Auflage auch vom J. 1595 datirt.

3.
Der Maler Cornelius Krommeny.

Um das Jahr 1576 nahm der Herzog Ulrich zur Ausführung seiner und seiner Gemahlin Elisabeth vielen und großen künstlerischen Bestrebungen auch den Maler Cornelius Krommeny als Hofmaler an seinen Hof in Dienst, welcher, so lange er vorkommt, immer unter dem "Hofgesinde außerhalb Hofes" aufgeführt wird. Krommeny unterschreibt sich selbst in Briefen und auf Bildern immer "Cornelius Krommeny". Er war ohne Zweifel ein Niederländer, da er eine stark holländisch gefärbte Schreibweise bis zu Ende seines Lebens beibehielt 1 ) und kurz vor dem Schluß seines Wirkens noch eine Reise nach dem "Niederland" machte. Leider giebt es fast gar keine ausführlicheren Nachrichten über ihn, so wie über alle andern Künstler des 16. Jahrhunderts, in den Archiven; ein ungefährer Ueberblick läßt sich fast nur aus den glücklicher Weise ziemlich vollständig erhaltenen Hofrechnungen und gelegentlichen Andeutungen, auch wohl Kunstwerken zusammenstellen. Krommeny wird im J. 1576 (Pfingsten) in die Dienste des Herzogs Ulrich getreten sein. Bis in das Rechnungsjahr 1574-75 kommt er in den Hofrechnungen nicht vor. Jedoch ist es möglich und wahrscheinlich, daß er schon vor dem J. 1576 als freier Künstler ohne Anstellung in Güstrow lebte. Zuerst erscheint er in der Hofrechnung vom J. 1576 mit einer halbjährigen Besoldung 2 ) von 62 1/2 Thaler oder 83 Gulden 8 ßl.

"Hoffgesinde ausserhalb houes.
Michaelis Anno etc. . 76.

Cornelius Krummenei Maler vff ein halb Jar ann 62 1/2 Talern vermuge seiner bestallung 83 Fl. 8 ßl.

Betagt Martini Anno etc. . 76."

1) Vgl. Beilagen Nr. 6 und 10.
2) Vgl. auch Beilagen Nr. 6 und 10.
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Seit dieser Zeit wird er in den Hofrechnungen mit demselben Namen und Titel, an derselben Stelle und mit demselben Gehalt ununterbrochen bis in das Jahr 1598 aufgeführt. Er bewohnte ein Haus, wahrscheinlich ein fürstliches oder ehemaliges Dom=Haus, am Dom=Kirchhof "neben dem Superintendenten (seit 1568) Dr. Conrad Becker 1 )" und hielt sich einen Gehülfen. Der Herzog gebrauchte ihn zur Ausführung vieler Dinge. So z. B. mußte er durch seinen Gehülfen, wohl nach seinen Kartons, Wappen unter die im "Hofsaal" aufgehängten Hirschgeweihe machen lassen. In den Hofrechnungen heißt es: "Cornelii Malers gesellen, der die Wapen an den hirßzweigen in der Hofestuben gemacht, trinckgelt gebenn den 25. May 1580, 16 ßl." "Meister Antonio Baroldt für 13 hirßgehörner inn meines g. h. gemach vnnd im vntersten Sale zu Gustrow antzuschlagenn vund Compertimenta darumb zu machen, den 29 Februarii Ao. etc. . 80 geben fur jedes 1/2 Taler. 8 Fl. 16 ßl"

Seinen Hauptberuf fand Krommeny aber in der Portrait=Malerei. Und von Werken dieses Kunstzweiges sind uns glücklicher Weise noch mehrere gute und sicher verbürgte Stücke erhalten, und zwar in der herrlichen Kirche zu Doberan. Die edle Herzogin Elisabeth restaurirte und schmückte nicht allein die Domkirche zu Güstrow, sondern beförderte auch mit allen Kräften und richtigem Blick die Restauration der Kirche zu Doberan. In der Lobrede auf die Herzogin bei deren Begräbniß am 23. November 1586, welche Chyträus hielt, heißt es: "Die herrliche Closter=Kirchen zu Doberan, darin von anfang der Christlichen Religion in diesen Landen von 400 jahren hero die loblichen Fursten zu Meckelnburg, darunter auch ihr erster Herr vnd Ehegemahl Hertzog Magnus, ire begrebnus gehabt, als sie in dieser vnserer zeit Religions verenderung von den Fursten eingenomen vnd durch lanckheit der zeit bawfellig worden, hat sie (die Herzogin) bey den Hertzogen zu Meckelnburg so lang angehalten vnd mit vermanen vnd bitte nicht abgelassen, bis sie ihren hochloblichen Voreltern zu schuldigen Ehren nicht mit geringen vnkosten dieselbige wiederumb ernewert vnd allenthalben gebessert vnd gezieret haben."

Ohne Zweifel noch in der allerletzten Zeit des Lebens der Fürstin ließ der Herzog die großen Fürstenbilder


1) Vgl. Beilage Nr. 4.
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malen, welche auf den steinernen Chorschranken um den Altar zwischen den Pfeilern aufgestellt wurden, wo sie noch heute wohl erhalten stehen. Von Cornelius Krommeny sind die Bilder des Herzogs Ulrich und seiner Aeltern, des Herzogs Albrecht des Schönen († 1547), welcher in Doberan dicht hinter dem Altare begraben liegt, und der Herzogin Anna († 1567). Diese Bilder sind alle von Krommeny bezeichnet:

Herzog Ulrich:
"Ao. 1578. Corneli 9 K rom eny fecit 1587."
Herzog Albrecht:
"Corneli 9 K rom eny fecit 1587."
Herzogin Anna:
"Corneli 9 K rom eny fecit 1589"

Außerdem malte er, sicher nach alten Vorbildern, auch das Bild des ersten meklenburgischen Herzogs Albrecht I. des Großen (†1379), welches hinter dem Altare hängt mit der Inschrift:

"Anno MCCCLXX1X obiit illustrissimus
princeps dominus Albertus."
     "Cor. K rom eny fecit Ao. 1589."

Von diesem Gemälde ward ein zweites gleichartiges Exemplar im fürstlichen Amtshause zu Doberan aufbewahrt, jetzt im Antiquarium zu Schwerin, und darnach copirt in der Ahnengallerie des Schlosses zu Schwerin.

Alle diese Bilder, ganze Figuren in Lebensgröße, sind auf Holz äußerst gewissenhaft und tüchtig gemalt und geben von der Meisterschaft des Künstlers vollgültiges Zeugniß, namentlich das Bild des Herzogs Ulrich.

Das Bild der zweiten Gemahlin des Herzogs (seit 1588) in Doberan ist auf Leinewand gemalt und ohne Namen, also wohl von einem andern Künstler. Das Bild der ersten Gemahlin Elisabeth ist nicht in Doberan.

Möglich ist, daß auch der Altar der Kirche zu Rühn mit den Bildern des Herzogs Ulrich und seiner ersten Gemahlin Elisabeth, welcher 1570 errichtet ward, schon von Krommeny ist. Aber es läßt sich nichts darüber bestimmen, da Krommeny damals noch nicht als Hofmaler in Dienst stand. Vielleicht ist das Bild der Prinzessin und Aebtissin Ursula († 1586) in der Kirche zu Rühn auch von Krommeny.

Im J. 1597 machte Krommeny noch eine weite Reise in seine Heimath. Es heißt in der Hofrechnung von Michaelis 1596 bis dahin 1597:

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"Hofgesinde.

     Cornelius Krummeney Maler 57 Fl. 16 ßl.
NB. 83 Fl. 8 ßl. sollte er vf 1/2 Jar haben, ist aber 8 Wochen in Niederlandt gewesen, dafür hat er sich 25 Fl. 16 ßl. abkurtzen lassen."

Zuletzt kommt er im J. 1598 vor in der Hofrechnung von Michaelis 1597 bis dahin 1598:

Hofgesindts Besoldung.

     Diener ausserhalb Houes.
Cornelius Krummeney Maler, betagt Pfingsten Anno etc. . 98: 83 Fl. 8 ßl."

In den Rechnungen von 1599-1600 wird er nicht mehr aufgeführt.

Am Ende seines Wirkens wird schon der Maler Peter Bökel, zu Wismar wohnhaft (vgl. Jahrb. IX, S. 203), auch ein Niederländer, früher zu Schwerin (Jahrb. V, S. 54), genannt, z. B. in der Verrechnung von Michaelis 1597 bis Michaelis 1598:

"Malern.

     M. Peter Bökeln für der Hertzoginnen zu Braunschweig Contrafait, so etwas mehr als ein Brustbilde gewesen, laut seiner Quitantz betzalt den 11 Octobris Anno etc. . 97 an 20 Talern 27 Fl. 12 ßl."
     "M. Peter Bökeln für M. g. h. Contrefey 15 Taler vnd 3 Taler in der Sechsischen grentz zum dritten teil vermuge seines zettels betzalt den 22 Aprilis (1598) 25 Fl. 5 ßl."

4.
Zweite fürstliche Genealogie.

Als von der ersten fürstlich=meklenburgischen Genealogie kein Exemplar mehr zu finden war, entstand in dem Herzoge Ulrich der Gedanke, eine neue Genealogie herauszugeben. Er gab daher seinem Gelehrten Dr. David Chyträus den Befehl, "von der Genealogia S. F. G. löblichen voranhern in Form eines Baums, "wie der Herzog den 1 ) selbst erstlich formiret, ordentlich zu setzen vnd drucken zu lassen." Chyträus nahm sofort am 8. Febr. 1575 den Auftrag an, obgleich er seine Bedenken äußerte; er meinte


1) Vgl. Beilage Nr. 2.
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auch, "die Form eines Arboris sei wohl viel zierlicher vnd scheinlicher, denn des vorigen Abdrucks," "aber dagegen habe es diese Vngelegenheit, daß nicht allein viel mehr Zeitt vnd vnkost mit dem Reissen vnd Formschneiden darauf gehe," sondern auch vorzüglich, "daß keine Historien oder Vorzeichnissen S. F. G. voranhern löblicher Stiftungen vnd derer fürstlichen Thaten bequemlich könnten dazu gesetzt werden u. s. w." Dazu kam die große Schwierigkeit der geschichtlichen Arbeit. Die Archive waren noch lange nicht ausreichend gesammelt und geordnet, und es ergab sich im Fortschritt der Arbeit und späterhin bei ähnlichen Gelegenheiten ganz klar, daß man die zunächst liegenden Dinge nicht kannte. Es fehlten z. B. noch im J. 1596 nicht allein sichere Nachrichten über die Geburtszeiten der Aeltern des Herzogs, sondern sogar über den Geburtstag des Herzogs selbst, vieler anderer Mängel nicht zu gedenken. So sagt Chyträus im J. 1596 selbst, daß als er vor neun Jahren kurz "vor des Herzogs voriger Gemahlin hochlöblicher seliger Gedächtniß Leichenbestätigung Wegen der Oration den Herzog darnach habe fragen müssen, dieser weder von seiner Gemahlin, noch von seinem selbsteigenen Geburtstag berichtet" gewesen sei. Der Herzog mußte also ununterbrochen in der Geschichte selbst mitarbeiten, und Chyträus wandte sich auch immerfort an ihn selbst. Man sieht aber hieraus, daß selbst die gleichzeitigen Angaben noch immer sehr unsicher sein können. Chyträus nahm die Ausführung des Auftrages an. Schon am 13. Februar 1575 1 ) schickte er dem Herzoge den Entwurf der "Genealogie, welche er eigenhändig, so gut als er gekonnt, in einen Baum geordnet," entworfen hatte und bat den Herzog, daß er den Entwurf "fleißig übersehen und ihm melden möge, was er darin geändert, umgesetzt oder sonst zierlicher formirt haben wolle. Dann werde er mit allem Fleiß und Treuen den Maler und Formschneider unterrichten."


Der Formschneider und Buchdrucker Jacob Lucius Siebenbürger.

Zur Ausführung des Holzschnittes und des Drucks bediente man sich des Buchdruckers Jacob Lucius, Siebenbürger (Jacobus Lucius, Transsylvanus), aus Kronstadt in Siebenbürgen, welcher zugleich Formschneider war. Dieser


1) Vgl. Beilage Nr. 1.
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war im J. 1564 aus Wittenberg nach Rostock gekommen und hatte dort die neu errichtete Universitäts=Buchdruckerei übernommen 1 ), wodurch er auch mit Chyträus in vielfache Berührung getreten war. Sein letztes Hauptwerk in Rostock ist die hier besprochene Genealogie, deren Vollendung sich sehr lange hinzog. Am Ende des Jahre 1578 ward er als Universitäts=Buchdrucker nach Helmstädt berufen. Chyträus schreibt am 6. Decbr. 1578 an den Herzoge daß "der Drucker sich im Land zu Brunswig von Herzog Julio zu S. F. G. Uniuersitet in Helmstedt one alle exception bestellen lassen vnd albereit zwey Heuser daselbst gekaufft!" habe. Am 16. März 1579 ward Stephan Möllmann ("Stephanus Myliander"), welcher schon längere Zeit auch Buchdrucker in Rostock gewesen war, zum Universitäts=Buchdrucker empfohlen und darauf auch angenommen. Am 2. April 1579 berichtet das Universitäts=Concilium, daß es "erfahren habe, daß Lucius sich nach Helmstädt begeben werde." Das Geschäft war mit Lucius nicht gut gegangen: er war nachlässig und träge und nicht begütert genug, weshalb es immer an dem nöthigen Papier fehlte. Sonst wird ihm nachgerühmt, daß er ein "kunstreicher Mann" gewesen sei. Das Concilium sagt, es sei bekannt, "was für Beschwerden und große Ungelegenheit bei Lucii Zeiten vorgefallen, weil derselbe nicht in gutem Vermögen und nicht mit genugsamem Papier stets eingerichtet gewesen sei, da er doch sonst ein kunstreicher Mann war und reine Lettern hatte."


Als Chyträus mit dem Entwurf seines Baumes der Genealogie am 13. Febr. 1575 fertig geworden war, wird der Maler Krommeny schon in Güstrow gewesen sein, da Chyträus dem Herzoge versichert, er werde dem Maler und Formschneider mit allem Fleiß Anweisung geben, und da Krommeny bei der Vollendung des Werkes sich als den Maler desselben nennt. Chyträus machte aber gleich dem Herzoge zu der baldigen Ausführung keine Aussicht, "da der Formschneider etwas faul und langsam sei 2 )." Am 10. Mai 1575 ließ Chyträus dem Herzoge durch den "gegenwärtigen Maler" die Zeichnung vorlegen und bat ihn um sorgfaltige Prüfung, auch um Entscheidung, ob das Werk in Holzschnitt oder in Kupferstich ausgeführt werden solle 3 ).


1) Vgl. Jahrb. V, S. 154, und XXIII. S. 121 flgd.
2) Vgl. Beilage Nr. 1.
3) Vgl. Beilage Nr. 2.
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Die Ausführung gerieth aber in Stocken, wahrscheinlich wegen der Schwierigkeit der geschichtlichen Forschungen, welche viel Zeit wegnahmen, und da auch dem Dr. Chyträus "im Anfang von ettlichen Stücken zweifelhafftige Gedanken eingefallen" waren. Im Anfange des J. 1577 nahm Clyträus den Plan wieder auf und trat über die Ausführung mit dem Herzoge, den er vielfach um Rath fragte 1 ), in lebhaften Briefwechsel wegen allerlei Bedenken, namentlich da des Herzogs Bruder Johann Albrecht während der Zeit gestorben war. Der Herzog schickte nun den "Abriß" des Baumes, wie er selbst "ihn vor zwei Jahren erstlich gerissen", an Chyträus und bat diesen um seine Erklärung. Chyträus gab diese am 29. Januar 1577 und bat den Herzog, dem "Maler" die etwanigen Aenderungen mitzutheilen: "jedoch müsse jemand, der von der Genealogie Verstand habe, mit bei dem Maler sein." Chyträus stellte nun dem Herzoge zur Wahl, den Baum in Holz schneiden oder in Kupfer stechen zu lassen; wegen des Kupferstichs hatte er mit "Matthes Ungern" geredet. Schließlich rieth Chyträus, "falls die Genealogia in Rostock gedruckt werden sollte, auf schön, weiß, reinlich und doch stark Median=Papier 2 ) Bedacht zu nehmen, da in Rostock noch allenthalben nur graue, nichtige Märkische Makulaturen für Papier verkauft würden." Am 2. Februar 1577 war die Ausführung fest bestimmt 3 ). Der Herzog schickte in sehr verständiger Weise "seinen Maler" Cornelius Krommeny mit allen "Abrissen" zu Chyträus, damit "er von diesem selbst in Gegenwärtigkeit bedeutet werden möchte." Zugleich meldete der Herzog, daß "er sich auch mit dem Buchdrucker Lucius wegen des Formschneidens verglichen" habe, und bat, da "dieser zu Zeiten mit der Arbeit säumig und träge umzugehen pflege, ihn zuweilen zu förderlicher Abrichtung anzuhalten." Nun ging es mit allem Ernst an die Arbeit. Schon am 19. Februar 1577 schickte der fleißige und entschiedene Chyträus dem Maler Cornelius Krommeny von der Genealogie das "Stück, das sie beide zu Rostock mit einander entworfen," und beauftragte ihn, jetzt den ersten und zweiten Holzstock zu zeichnen ("reißen"), indem er die Ansicht äußerte, es sei


1) Zur Entschuldigung seiner Belästigung des Herzogs führt Chyträus des Kaisers Ferdinand I. Ausspruch an: "Besser, zwier gefragt, denn ein Mal Unrecht gethan" (d. h. Unrichtiges).
2) Im J. 1588 waren in Meklenburg zu Grabow und Neustadt gute fürstliche Papiermühlen Vgl. Jahrb. XXXIV, S. 176.
3) Vgl. Beilage Nr. 3.
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wohl am zweckmäßigsten, daß der ganze Baum an dem Orte, wo der Herzog gegenwärtig sei, gezeichnet würde, damit man von demselben immer sogleich Bescheid über zweifelhaftige Stücke erlangen könne 1 ). Am 1. April 1577 waren einige Formen fertig und gesetzt 2 ). In der ersten Hälfte des J. 1578 wurden die ganzen Exemplare fertig und davon ein Theil an den Herzog geschickt. Am 4. Julii 1578 schickte der Buchdrucker Jacob Lucius noch 10 Exemplare an den Herzog 3 ).

Dieser fürstliche Stammbaum von vortrefflicher Ausführung ist noch in 2 Exemplaren vorhanden, einem im großherzoglichen Staats=Archive zu Schwerin, aus dem Brande vom 1. Decbr. 1865 gerettet, und einem auf der großherzoglichen Regierungs=Bibliothek daselbst, beide gleich nach dem Druck auf Leinwand gezogen. Der Stammbaum besteht aus sechs zusammengeklebten großen Papierbogen 4 ) und ist mit den Rändern 6 3/4 Fuß Hamb. Maaß lang und 2 Fuß breit, oder im Holzschnitt 70 Zoll 2 Linien lang und 20 Zoll 4 Linien breit 5 ). Der Stammbaum stellt einen großen Baum mit Aesten und Früchten ("Aepfeln"), auch kleinen Blättern dar. Um den Baum ist ein Band geschlungen, auf den die Namen der Stammhalter gedruckt sind; die Namen der Seitenlinien stehen auf den Früchten. Dazwischen sind hin und wieder Tafeln mit geschichtlichen Nachrichten.

Eingerahmt stehen oben in der Randliste die große Jahreszahl 1578 und der Titel in fünf Zeilen.


1) Vgl. Beilage Nr. 4. Dieser Brief ist eines der wenigen Schriftstücke, welche von dem Maler Cornelius Krommeny reden.
2) Zu dieser Zeit hatte der Herzog dem Professor Chyträus ein Rieß Papier geschenkt, welches "gar ein gut, weiß, reinlich, stark und wolgeleimt Papier war, dergleichen er die 26 Jar, weil er in Rostock gewesen, noch keines gesehen, das in diesen Landen gemacht wäre." Wahrscheinlich ist der Brief auf einem Bogen von diesem Papier geschrieben, welches allerdings sehr gut ist und einen gekrönten meklenburgischen Stierkopf als Wasserzeichen hat.
3) Vgl. Beilage Nr. 5.
4) Nicht aus "sieben Stöcken", wie Wiechmann im Jahrb. XXIII, S. 122, sagt, es sei denn, daß man annähme, das große Meklenburgische Wappen habe einen eigenen "Stock" gebildet. Es sind aber nur sechs Bogen Papier, und das Wappen kann auch keinen eigenen Stock gebildet haben, da die Ränder zum Theil in die nebenstehenden Holzschnitte des Baumes übergreifen.
5) Vgl. daselbst auch die Beschreibung.
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1578.

Der Durchleuchtigen Hochgebornen Fürsten vnd Herrn, ║ Der Hertzogen zu Meckelnburg, Fürsten zu Wenden, Graffen zu Schwerin, der ║ Lande Rostock vnd Stargard Herrn GENEALOGIA oder Stam Register, aus bewerten vrkunden vnd documenten, von ║ ANTHYRIO biß auff den jetzigen regirenden Landesfürsten HERTOG VLRICHEN ║ zu Meckelnburg, zusammen verfasset vnd gezogen.

Umrahmt ist das Ganze mit einer ungefähr 2 Zoll breiten Zierleiste in Holzschnitt, in welcher Geräthe aller Art, vorherrschend aber Waffen und Trophäen, in Gruppen dargestellt sind. Oben in der Zierleiste steht an jeder Seite unter einem Thronhimmel ein ovaler Schild mit dem Meklenburgischen Stierkopfe. In der Mitte der Zierleiste stehen an jeder Seite unter einer Krone die verschlungenen Buchstaben VE (Vlrich und Elisabeth). In der untern Hälfte des Feldes steht links ein großes fünfschildiges Meklenburgisches Wappen mit Helmen und Schildhaltern. Darunter steht ein lateinisches Gedicht (von Dr. David Chyträus) mit der Ueberschrift: "Illustriss. Ducum Megapol. Insignia." Unten in den Zierleisten steht:

links: rechts:
Cornelius Cro- Jacobus Lucius
menei pin. Trans, sculpsit.
ganz unten unter der Zierleiste:
Gedruckt zu Rostock, durch Jacobum Lucium
Siebenbürger.

So sind auf diese Weise die Namen aller Theilnehmer am Werke im Andenken erhalten.

Der Herzog Ulrich hielt sehr viel auf diesen Stammbaum als eine Ehrensache und ließ in kurzen Fristen fortwährend Exemplare drucken, wie aus des Dr. Chyträus Briefen hervorgeht. Auch heißt es in einer Abrechnung von Lucius vom 29. Januar 1579:

"Noch habe ich S. F. G. geschigkt 20 Exemplaria der Genealogien bei D. Dauid, das Exemplar 8 ßl., thut 5 Thlr.

Noch D. Dauid geschigkt 6 Exemplar der Genealogien, so ehr S. F. G. nicht zugeschicket, . . . 1 Thlr. 16 ßl."

Die 20 Exemplare hatte Lucius dem Herzoge am 31. December 1578 geschickt.

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Der Herzog gebrauchte die Exemplare auch zum Verschicken an fremde Höfe. Er kam daher auf den Gedanken, einige Exemplare auf Pergament drucken, auch einige auf Leinwand ziehen zu lassen. Von dem Druck auf Pergament rieth Lucius mit einsichtiger Erfahrung ab 1 ), da das Pergament sich zu leicht ziehe; auch war damals die Fertigkeit im Pergamentdruck schon vorüber. Dagegen rieth Lucius mehr dazu, Exemplare auf "feine mittelmäßige" Leinwand ziehen und einige derselben illuminiren zu lassen 1 ). Lucius illuminirte auch ein Exemplar zur Probe; in einer Abrechnung heißt es:

"Ich habe nicht bekohmen vor das illuminirte Exemplar der Genealogi, ist vor das illuminiren vnd Leinwandt 1 Thlr. 12 ßl."

Während der Zeit erfolgte seine Berufung nach Helmstädt. Dem Herzoge hatten die illuminirten Exemplare gefallen 2 ) und wünschte mehr zu haben. Lucius mußte aber an seine Uebersiedelung nach Helmstädt denken und hatte keine Zeit. Er führte daher dem Professor Chyträus den "Illuministen Albrecht de Veld, von Nürnberg bürtig", zu, welchen Chyträus sogleich am 6. December 1578 an das herzogliche Hoflager auf Probe schickte. Ein Jahr später ließ der Herzog noch Exemplare illuminiren. In der Hofrechnung von Michaelis 1579 bis dahin 1580 heißt es:

"Albrecht vonn der Hollen Malernn, der meinem gnedigen heren etliche Arbeitt vnd sonderlich die Genealogia der Hertzogen zu Meckelnburg illuminiret vnd die gebur oder Arbeittslohnn zum mehrenteill vonn meinem g. h. auß der Cammer empfangen, auff s. f. g. beuelh durch derselbenn Jungen Stralendorffen den Rest betzalt zu Butzow denn 4 Januarii Anno etc. . 80 2 Fl."

Auch ließ der Herzog viele Exemplare des großen Mecklenburgischen Wappens aus der Genealogie besonders drucken. In der Abrechnung mit Lucius vom 29. Jan. 1579 heißt es:


1) Vgl. Beilage Nr. 5.
1) Vgl. Beilage Nr. 5.
2) Chyträus hatte im Anfange den nicht üblen Einfall gehabt, "daß es nicht vnzierlich stünde, wenn die Namen der regirenden Landtfursten im stammen durchaus mit roter farb gedrucket würden." Hieraus ist aber nichts geworden.
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"Noch S. F. G. gedruckt 100 wapen, ist 1 Thlr. 16 ßl."
"Noch 100 wapen zum 2 mahl gedruckt, ist 1 Thlr. 16 ßl."
"Vor diese wapen, vor papir vnd dinten 2 Thlr."

Dieses Wappen wird das große Wappen aus der Genealogie sein, da es zu derselben Zeit mit dieser in großer Menge einzeln gedruckt ward; es ist ein anderes Wappen, als die, welche vor den verschiedenen herzoglichen Landes=Ordnungen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. stehen 1 ), und wahrscheinlich alle älter sind. Das Wappen in der Genealogie ist größer und besser, als die frühern. Es ist mit dem daneben stehenden Theil des Baumes und der Einfassung auf einem und demselben Stock geschnitten, da die Ränder aller drei Theile in einander übergreifen, also nicht einzelne Stücke gebildet haben können. Das Wappen in der Genealogie wird also als Abklatschung in Metall aus der Tafel herausgeschnitten und in einzelnen Abdrücken von dem Herzoge nur zum Verschenken und zu Verzierungen gebraucht sein. Einzelne Exemplare haben sich nicht erhalten.

Endlich überließ Lucius dem Herzoge auch Lettern: "S. F. G. Buchstaben zu Titeln geschigkt für 2 Thlr."

Zum Druck der Wappen auf Pergament erbot sich Lucius 2 ), da das Format nicht so groß war.

Zum Schluß der Verhandlungen schickte Lucius dem Herzoge am 31. Decbr. noch 20 Exemplare der Genealogie. Der Herzog wollte noch mehr "gedruckt" haben; dazu war es aber, wie Lucius berichtet, zu spät, da "die Schrift schon aus einander genommen war" 2 ). Lucius wird aber noch Exemplare auf dem Lager gehabt haben.

Am Ende des J. 1578 war Lucius kränklich gewesen, vielleicht in Folge einer Reise nach Helmstädt. Als er wieder hergestellt war, reiste er nach Güstrow, um Abschied zu nehmen und mit dem Herzoge am 29. Januar 1579 Abrechnung zu halten, nach welcher er noch 104 Thaler 4 ßl. ausgezahlt erhielt: "Darauff zuuor von M. g. h. empfangen "100 taler. Resten ihme 4 taler 4 ßl., habe ich von Johanne Iseben (Rentmeister) hewt dato ist der 29 Januarii anno 79 entfangen. Jacobus Lucius manu propria."


1) Vgl. Wiechmann a. a. O. S. 123.
2) Vgl. Beilage Nr. 7.
2) Vgl. Beilage Nr. 7.
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Gegen Anfang des Frühlings 1579 brach Lucius nach Helmstädt auf. Der Herzog wird schließlich den Rest der Auflage der Genealogie von dem Lager des Lucius, da damals die Buchdrucker zugleich Buchhändler waren, gekauft haben. Denn es heißt in der Hofrechnung von Michaelis 1578 bis dahin 1579: "Jacobo Lucio, Buchdrucker zu Rostock, fur 90 Exemplar der Hertzogen zu Meckelnburg Genealogien den 28 Aprilis geben für jedes 5 ßl.: 18 Fl. 18 ßl."

Damit haben die Nachrichten über die Genealogie und das Wirken des Buchdrucks Lucius in Meklenburg ein Ende.

5.
Der Bildhauer und Baumeister Philipp Brandin.

Einer der thätigsten und tüchtigsten Männer in dem Künstlerkreise des Herzogs Ulrich, wenn auch bisher fast gar nicht bekannt, war Philipp Brandin, eine ächte Künstlernatur von altem Schrot und Korn, welcher, nach der guten Weise des 16. Jahrunderts, in allen verwandten Zweigen seiner Kunst nicht allein zu entwerfen, sondern auch selbst auszuführen verstand. Woher er stammte und wann er nach Meklenburg kam, ist bisher nicht zu erforschen gewesen.

Der Herzog Ulrich wohnte zuerst auf der alten bischöflichen Residenz zu Bützow. Nachdem er sich am 26. Febr. 1556 mit der edlen dänischen Prinzessin Elisabeth, Wittwe seines Vetters, Herzogs und Bischofs Magnus, vermählt hatte, bezog er das alte Schloß zu Güstrow. Kaum hatte das junge Ehepaar sich übergesiedelt, als im J. 1557 der östliche, jetzt abgebrochene Flügel des Schlosses abbrannte. Hiemit beginnt die große Bauthätigkeit des Herzogs. Am 9. Februar 1558 schloß er mit dem Baumeister Franz Parr einen Contract über die "Wiedererbauung des abgebrannten Hauses zu Güstrow 1 )", welche sicher bis 1565 dauerte. Damit verschwindet Franz Parr aus der Geschichte der Kunstbestrebungen des Herzogs Ulrich.

Mehr als wahrscheinlich kam Philipp Brandin schon mit dem Ende dieser Bauthätigkeit nach Güstrow 2 ), da er


1) Vgl. Jahrb. V, S. 23 und 70.
2) Von 1558-1561 arbeitete Christoph Parr, welcher später auch "Baumeister" des Herzoge Johann Albrecht zu Schwerin ward, als "Steinmetz" unter seinem Bruder Franz Parr an dem neuen Schloßbau zu Güstrow. In der Zeit 1562-1564 arbeitete ein anderer Steinmetz Hans Strale am Schloßbau zu Güstrow. Vgl. Jahrb. V, S. 25.
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gleich nach der Vollendung des Schloßflügels selbstthätig in Güstrow auftritt. Etwas später erscheint er ununterbrochen in Thätigkeit neben dem Maler Cornelius Krommeny, mit dem er unter des Herzogs Leitung Hand in Hand ging, so daß diesen beiden Männern wohl alle in Güstrow noch vorhandenen alten Kunstwerke aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. zuzuschreiben sind.

Zuerst wird Philipp Brandin nur als "Steinmetz", d. h. Bildhauer, aufgeführt, obgleich er als solcher auch schon schwierige Bauten übernahm. In der Hofrechnung von Michaelis 1578 bis dahin 1579 heißt es unter den Ausgaben an "Steinmetzen" zum 2. August 1579:

"Steinmetzen.

     Meister Philip Brandin vor das verdingte gewelbe inn der hofestueben zu Gustrow geben zu 2 vnterschiedtlichen malenn vermuge seiner Quitantzen an 220 Talern, 293 Fl. 8 ßl.

     "Item demselben von wegen der Liberei am Garten vnd anderer Arbeit darneben im garten, Item fur das Wapen am Pforthause auß beuell meiner g. Frauwenn denn andern Augusti geben laut seiner Quitantzen 240 Taler, 320 Fl.

Nota: Hat hirzu von den Amptleuten zu Gustrow empfangen 110 taler und also fur die gantze arbeit bekommen 350 Taler.

     "Item noch demselben vorlegt geldt fur 12  Bleywitt, so Meister Cornelius bekommen, 1 Fl. 18 ßl."

Philipp Brandin erwarb ein eigenes Haus in Güstrow. Im J. 1581 schenkte ihm die Herzogin, wohl in besonderer Anerkennung für seine Arbeiten, ihr und ihres Gemahls Wappen in Glasmalerei für sein Haus. In der Hofrechnung von Michaelis 1580 bis dahin 1581 heißt es:

     "Meister Philip Brandin für meines g. hernn etc. . Wapen so er in sein hauß setzen lassen, auß beuell meiner g. frawen, den letzten Januarii geben 2 Fl. 16 ßl."

Es war damals Mode am Hofe, begünstigten und verdienten Dienern und auch öffentlichen Gebäuden, wie Kirchen und Schulen, zum Andenken und zur Anerkennung Glaswappen zu schenken. So erhielten z. B. in demselben Jahre auch die beiden Hof=Secretaire Matz Emme und Christoph

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Mörder und die Domschule des Herzogs Wappen geschenkt 1 ). Der Preis für ein Wappen war 1 Gulden 8 ßl. Da nun für Philipp Brandin 2 Gulden 16 ßl. verausgabt waren und die Herzogin die Verausgabung befohlen hatte, so wird Brandin 2 Wappen erhalten haben. Auch der Rath Dr. Erasmus Reutze erhielt später des Herzogs und der Herzogin Wappen.

Nach Ausführung vieler achtungswerther Werke erhob der Herzog Ulrich den Steinmetzen und Bildhauer Philipp Brandin, wahrscheinlich Bartholomäi (24. August) 1583, zum Baumeister und nahm ihn als Hofdiener oder Hofbaumeister in festen Dienst mit einem Gehalt von 50 Thalern oder 66 Gulden 16 ßl. Seit dieser Zeit werden Krommeny und Brandin regelmäßig allein als Hofkünstler in den Hofrechnungen aufgeführt. Es heißt in jedem Jahrgange, z. B.:

"Hoffgesindts=Besoldung.
Diener ausserhalb Hofes.          
Michaelis 1583 bis Michaelis 1584.
"Cornelius Krummenei Maler 83 Fl. 8 ßl.
betagt Pfingsten Anno etc. . 84.
Philip Brandin Bawmeister 66 Fl. 16 ßl.
betagt Bartolomei Anno etc. . 84."

Das Gehalt des Malers Krommeny war immer zu Pfingsten, das Gehalt des Baumeisters Brandin immer zu Bartholomäi fällig.

In dieser Weise werden die beiden Künstler alljährlich aufgeführt. Philipp Brandin erscheint zuletzt in der Hofrechnung von Michaelis 1593 bis 1594. Seit dem Jahre 1595 kommt der Name Philipp Brandin nicht mehr vor. Cornelius Krommeny erscheint zuletzt im J. 1598.


1) Matz Emmen fur meines g. h. Wapenn, so er in sein hauß setzenn lassenn, geben ex mandato denn 15 Aprilis 1 Fl. 8 ßl.
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Christoff Mördernn fur meines g. h. Wapen, so er in sein
hauß setzen lassenn, denn 21 Aprilis, auß beuel meines g. h. gebenn 1 Fl. 8 ßl.
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Fur ein Venster mitt meines g. h. wapenn vnd 2 schlichte Venstern darneben, so in die Schuele zu Gustrow gesetzt wordenn, auß beuell meiner g. F. geben den 27 Junii 2 Fl. 6 ßl.
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Herzoglich=Güstrowsche Hof=Rechnung Mich. 1580 bis Mich. 1581.
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Fur M. g. h. vnd M. g. f. Vensterwapen, so in D. Reutzen Hauß zu Gustrow kommen, dem Glaser betzalt den 23 Januarii 2 Fl 18 ßl.- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Daselbst Michaelis 1597 bis Michaelis 1598.
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Dem Bildhauer und Baumeister öffnete sich ein weites Feld zur Wirksamkeit. Seit dem J. 1565 nahm ihn die Restauration der Domkirche zu Güstrow wohl ununterbrochen in Anspruch, wie weiter unten erzählt werden soll.

Alle seine Kräfte mußte aber Brandin aufbieten, als am 3. Decbr. 1586 der nördliche Flügel des Schlosses abbrannte 1 ) und ohne Zweifel dadurch die übrigen Theile auch sehr litten. Der Herzog ließ die abgebrannten Theile in den Jahren 1587 und 1588 wieder aufbauen und noch lange die Ausschmückung fortsetzen. An dem Thurme des südlichen Flügels im Schloßhofe stehen hoch oben die Wappen des Herzogs Ulrich und der Herzogin Elisabeth mit einer Inschrift, welche jedoch so hoch sitzt und verwittert ist, daß sie von unten nicht gelesen werden kann. Unter dem Erker am Thurme des nördlichen Flügels, dem eben erwähnten Thurme gegenüber, steht zu beiden Seiten des Meklenburgischen Wappens folgende Inschrift 2 ):

NACHDEM AO. 1586 HER HER VLRICH
DEN 3 DEC. DAS ALTE H. Z. M. DIESES
HAVS ABBRANNTE ANNO 87 VND
HAT DER DURCHL. 88 WIDER
HOCHG. EVRST VD ERBAWET. H. G. V. V. G.

Der Herzog war während dieses Baues Wittwer, daher ist allein das Meklenburgische Wappen angebracht.

Sicher erhielt das ganze Schloß um die Zeit des zweiten Baues unter Herzog Ulrich die einheitliche äußere Gestalt, die es noch jetzt 3 ) zeigte und es läßt sich nicht zweifeln,


1) Vgl. Besser's Geschichte der Vorderstadt Güstrow S. 364 und 398.
2) Ueber dem Haupteingange des Schlosses steht das Meklenburgische Wappen und eine Inschrifttafel, welche jedoch sehr verwittert ist. Nach einer mir vom Herrn Ober=Inspector von Sprewitz mitgetheilten Entzifferung und Ergänzung lautet diese Inschrift in lateinischen Unzialen:
   Der durchlauchtige hochgeborne [Furst] und Herr Herr Karl, Herzog [zu Mecklenburg, Furst zu] Wenden, [Graf zu Schwerin und Ratzeburg], der Lande Rostock und Stargard Herr, hat nach an[getret]ener seiner furstlichen Gnaden Regierung dies Haus wiederumb renoviren lassen anno domini 1604.
Diese Restauration unter dem Herzoge Carl, welcher 1603, † 1610, regierte und unvermählt blieb, wird nicht von großer Bedeutung gewesen sein und steht mit den Bau=Perioden des Schlosses in keinem Zusammenhange.
3) In den neuern Zeiten ist und wird noch mancher Schmuck dieses Prachtwerkes an Gesimsen, Thürmen, Schornsteinen u. s. w in dem alten Style wieder hergestellt. Das Schloß hatte lange Zeit wüst gestanden und oft zum Tummelplatz für die Jugend gedient, war während des Napoleonischen Feldzuges nach und ans Rußland ein Haupt=Lazareth (  ...  )
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daß Philipp Brandin der Schöpfer des Anblicks ist, dessen wir uns noch jetzt erfreuen. Der von ihm neu gebaute Flügel zeigt äußerlich dieselbe Architektur, wie die andern Flügel.

Wenn in den Jahrb. V, S. 24, Note 2, berichtet ist, daß der Herzog Ulrich im J. 1590 seinem Baumeister Philipp Brandin dem Könige von Dänemark zur Ausführung des königlichen Baues zu Nyköping 1 ) überlassen habe, so kann unter dieser Ueberlassung nur eine zeitweilige, ein Ausleihen, verstanden werden, da Brandin bis in das Jahr 1594 ununterbrochen im Solde des Herzogs stand.

Nachdem im J. 1594 alle Arbeiten am Schlosse und auch wohl zum größten Theile im Dome vollendet waren, verschwindet Philipp Brandin im J. 1595 aus der Geschichte. Krommeny folgte ihm im J. 1598. Ihnen folgte David Chyträus im Tode am 25. Juni 1600.

Der edle Herzog Ulrich starb auch am 14. März 1603 als "Nestor" der deutschen Fürsten, 76 Jahre alt.

6.
Restauration der Domkirche.

Kaum war im J. 1565 der Schloßbau nach dem ersten Brande fertig geworden, als das hohe Fürstenpaar daran ging, die Domkirche wieder herzustellen, welche seit einer Reihe von Jahren wüst gestanden hatte und als Wagenschauer 2 ) benutzt dem gänzlichen Verfall entgegen ging. Die edle Herzogin Elisabeth ließ es sich nicht nehmen, den größten Theil der Sorge und der Kosten für das Werk zu tragen, an welchem sicher wohl Philipp Brandin, vielleicht auch Cornelius Krommeny schon thätig waren. David Chyträus spricht sich hierüber ganz bestimmt aus. Es ist ein schönes Zeugniß für das seltene Verhältniß dieses Gelehrten zu dem güstrowschen Fürstenhofe, daß grade er nach dem Abscheiden der Herzogin († 1586) nach Güstrow berufen ward, um ihr im Dome die Leichenrede zu halten.


(  ...  ) und ward darauf, bis jetzt, Landarbeitshaus. Daß es unter solchen Verhältnissen sich noch so erhielt, wie man es heute sieht, ist ein halber Wunder zu nennen.
1) Dies ist wohl das Schloß zu Nyköping auf Falster, welches die Königin Sophie, Ulrich's Tochter, später als Wittwe bewohnte; Falster und Laland waren das Leibgedinge der Königin (vgl. Jahrb. IX, S. 137). Wahrscheinlich erhielt Brandin den Auftrag durch Vermittelung der Königin, welche ihn am Güstrowschen Hofe kennen gelernt haben wird.
2) Vgl. Thomas Analecta Güstroviensia, 1706, p. 150.
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In der "Lobrede auf die Herzogin Elisabeth, bey der fürstlichen begräbnis in der Thumkirchen zu Güstrow am 23. Nouembris anno 1568 gehalten durch D. Davidem Chytraeum," sagt dieser:

"Hat sie darzu etliche verfalne Kirchen hin vnd wider auffs newe bessern vnd vernewen lassen. Dann sie auch diese Thumkirch, in die ehr S. Caecilien (welcher gedechtnus die Christliche Kirche gestriges tages begangen) vor zeiten gestifftet, als sie gantz öde vnd wüste gewesen, durch ihren fleiß vnd mildigkeit also schön vnd herrlich, wie wir vor augen sehen, ernewert vnd ausgeputzet, vnd vnter andern mit der Durchleuchtigen vnd Hochgebornen Fürsten vnd Herrn der Hertzogen zu Meckelnburg künstlich gehawner Genealogi gezieret vnd sich vnd ihrem lieben Herrn vnd Ehegemahl zur Ruhkamer erwelet hat."

Die Herzogin begann die Restauration 1 ) im J. 1565, welche nach drei Jahren vollendet ward, so daß die Kirche am ersten Sonntage nach Neujahr (4. Januars 1568 wieder eingeweihet werden konnte. Aus dieser Restauration und den Folgezeiten sind außer den fürstlichen Epitaphien, welche besonders besprochen werden müssen, noch die steinerne Kanzel und die Taufe, welche erst 1593 fertig geworden sein soll, vorhanden, welche wohl sicher von Philip Brandin gemacht sind. Die fürstliche Empore 2 ) der Kanzel gegenüber, wird wohl noch von dem Baumeister Franz Parr erbauet sein. Zum Andenken dieses Baues ward hinter dem Altare eine noch vorhandene Tafel mit folgender Inschrift 3 ) aufgerichtet: "Nach unsers Herrn und Seeligmachers Christi Geburt 1565 hat die Durchlauchtige Hochgebohrne Fürstin und Frau Elisabeth, gebohren aus Königlichen Stamm zu Dennemarck, Hertzogin zu Mecklenburg, Fürstin zu Wenden, Grevin zu Schwerin, der Lande Rostock und Stargard Frau, angefangen diese Thumkirche, welche schier verfallen und zu einem wüsten Hause geworden, dem lieben Gott und seinem heiligen Worte zu Ehren wiederum zu bauen, bessern und renoviren, und ist die erste Christliche Predigt darin geschehen anno 68, Sonntags nach dem neuen Jahr."


1) In den neuesten Zeiten ist nach drei hundert Jahren 1865-1868 die Domkirche, welche wieder baufällig und in schlechten Zeiten sehr entstellt war, wieder gründlich, angemessen und schön restaurirt.
2) Diese fürstliche Empore ist bei dieser jüngsten Restauration abgebrochen, da sie den Bau sehr entstellte.
3) Nach Thiele der Domkirchen in Güstrow Fünfhundertjähriges Alter, 1726, S. 85.
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Den größten Schmuck verliehen die Kirche die prachtvollen großen Epitaphien, welche in den folgenden Abschnitten besprochen werden sollen.

7.
Borwin's II. Grab und Epitaphium.

Die Domkirche zu Güstrow besitzt einen außerordentlich reichen Schmuck in den großen, prachtvollen Epitaphien, welche die lange nördliche Chorwand zieren. Diese Epitaphien sind in ihrer Art die bedeutendsten Werke, welche Meklenburg besitzt und im nordöstlichen Deutschland kaum ihres gleichen finden. Diese Denkmäler sind die Epitaphien auf den Fürsten Borwin, auf die Herzogin Dorothea und auf den Herzog Ulrich und seine beiden Gemahlinnen. Wenn auch die Herzogin Elisabeth 1565-1568 die Restauration der Kirche übernahm, so wird es sich doch ihr hoher Gemahl nicht haben nehmen lassen, mit ihr zu wetteifern. Und so wird es mehr als wahrscheinlich sein, daß der Herzog die Denkmäler auf den Fürsten Borwin II., den Stifter des Doms (1226), übernahm. Zuerst ward das Grab des Stifters vor dem Altare mit einer noch stehenden, mit Inschriften und Wappen geschmückten Tumba 1 ) von nordischem Marmor bedeckt, nachdem das uralte hölzerne Bild, welches nach mittelalterlichem Gebrauche wohl auf einem hölzernen Sarkophage lag, entfernt war. Dann ward dem Stifter ein sehr großes und hohes Epitaphium zunächst am Altare aus Sandstein aufgeführt. Es enthält die freilich erdichtete, liegende Colossal=Bildsäule des Fürsten und an der Wand unter einem von hohen Säulen getragenen Baldachin im Renaissance=Styl den fürstlichen Stammbaum von dem Stammhalter Borwin II. bis auf Ulrich und Johann Albrecht und deren Kinder nicht allein mit den Namen, sondern auch mit den kleinen Relief=Brustbildern der Personen.

Leider giebt es äußerst wenige Nachrichten über diese Epitaphien, da die Kosten für Kunstwerke nach einzelnen Andeutungen immer von der fürstlichen "Kammer" oder Schatulle, wie wir jetzt sagen, bezahlt und wohl meistentheils mündlich bestellt und geordnet wurden. Wir haben nur die sichere Nachricht, daß das Epitaphium Borwins sicher im J. 1577 vollendet, also ohne Zweifel in unmittelbarer Folge der Restauration der Kirche ausgeführt war. Als nämlich


1) Als bei der letzten Kirchenrestauration die Tumba mehr in die Mittellinie der Kirche, die sie früher nicht einnahm, gerückt ward, zeigte sich, daß die Ueberreste des Körpers gänzlich vergangen waren.
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der Druck der großen Genealogie (vgl. oben S. 11) im Gange war, sandte David Chyträus am 1. April 1577 dem Herzoge zur Correctur das Stück, welches schon in Güstrow ausgeführt war; er schreibt:

"Habe das stuk von E. f. g. loblichen vorfaren Genealogia, so in E. f. g. Thumbkirchen zu Gustrow gesetzt, drucken lassen, welches E. f. g. zu besehen vnd zu verbessern ich hiemit vntertheniglich zusende."

Die Zeit der Vollendung wird auch durch Inschriften bestätigt. Ueber dem Hauptgesimse steht nämlich.

H. G. V. V. G.
1575.
VLRICH H. Z. MECKLENBVRGK.
A. I. G. G.
ELISABETH H. Z. MECKLENBURGK.

Am Fuße steht 1 ):

"Genealogia der Herzogen zu Mecklenburg, anfahend von Hinrico Burvino, Burvini Sohn, Stiffter dieses Thumbs Anno Dni. 1226, - - welchem - - zu gedechtnus und dem Furstlichen Stammen zu ehren Herzog Ulrich zu Mecklenburg diese arbeit vorfertigen 2 ) lassen nach Christi geburt 1574.

Dieses Denkmal ward also von dem Herzoge Ulrich allein errichtet. Die Bildsäule und die Genealogie waren im J. 1574, der Baldachin im J. 1575 fertig geworden.

Ohne Zweifel ist der Stammbaum von David Chyträus entworfen und geordnet, und die Bildhauerei von Philipp Brandin ausgeführt, wahrscheinlich nach Zeichnungen von Cornelius Krommeny.

8.
Epitaphium der Herzogin Dorothea.

Sicherern Anhalt und willkommene Bestätigung für die hier ausgesprochenen Ansichten giebt das zunächst auf das Epitaphium Borwins folgende Grabmal der Herzogin Dorothea, Gemahlin des Herzogs Christoph, eines jüngern


1) Die Inschriften sind hier nach Thiele der Dom=Kirchen zu Güstrow fünfhundertjähriges Alter, 1726 gegeben.
2) Das Wort "verfertigen" bedeutet im 16. Jahrh. "vollenden, zu Ende bringen," nicht bloß, wie jetzt, "machen".
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Bruders des Herzogs Ulrich. Dorothea war eine Tochter des Königs Friedrich I. von Dänemark und eine jüngere Schwester der Herzogin Elisabeth und am 27. October 1573 mit dem Herzoge Christoph (zu Gadebusch) vermählt, starb aber schon am 11. November 1575. Daß die Herzogin im Dome zu Güstrow ihr Grab und Denkmal fand, hatte gewiß in der Liebe der Schwester Grund. Das Denkmal, welches seit dem J. 1576 begonnen sein wird, zeigt die liegende Bildsäule der Herzogin aus weißem Alabaster unter einem niedrigen Baldachin, welchem von rothen Marmorsäulen getragen wird. Dieses Werk ist sicher von Philipp Brandin. Auf der Umrahmung der Rückwand steht unten hinter der liegenden Figur auf einem kleinen Renaissance=Schilde:

PHILIPP BRANDIN FECIT.

Hier haben wir also einen sichern Beweis. Wahrscheinlich führte Krommeny die Zeichnungen aus, da dieser im J. 1576 als Hofmaler ganz in den Dienst des Herzogs trat.

Eben so sicher ist, daß die Herzogin Elisabeth dieses Denkmal auf ihre alleinigen Kosten setzen ließ, wie dies schon von vorne herein wahrscheinlich ist. Dies sagt bestimmt die Inschrift:

Haec moesta Elisabeth posuit monumenta sorori.

9.
Epitaphium des Herzogs Ulrich und seiner beiden Gemahlinnen.

Bei weitem das größte und kostbarste Werk, im Renaissance=Styl, im Dome zu Güstrow ist aber das Epitaphium auf den Herzog Ulrich und seine beiden Gemahlinnen Elisabeth und Anna in alabasternen Colossal=Bildsäulen, welche hinter einander vor reich geschmückten Betpulten knieend und betend dargestellt sind. Die hohe Rückwand, überdacht von einem Baldachin, welcher von zwei großen allegorischen Karyatiden (Fides und Prudentia) getragen wird, enthält auf einem Grunde von schwarzem festen Gestein die Ahnentafel der drei Personen in weißem Alabaster mit den Namen, Reliefbrustbildern und Wappen aller Ahnen. Das Werk ist im höchsten Grade großartig, edel und sauber aufgeführt und beurkundet die seltene Kunstpflege der hohen Personen. Leider sind fast gar keine genaue Nachrichten darüber vorhanden. Die Anlage ist ohne Zweifel von der Herzogin Elisabeth bei der Restauration der Domkirche

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(1565-1568) gemacht. Chyträus sagt in seiner Lobrede auf die Herzogin bei ihrem Begräbniß, daß "sie diese Domkirche, also schön und herrlich, wie vor Augen zu sehen, ausgeputzt und sich und ihrem lieben Herrn und Ehegemahl zur Ruhekammer erwählt habe." Dazu stimmt auch die Nachricht, daß der Herzog 37 Jahre vor seinem Tode, also im J. 1566, seine Begräbnißgruft habe bauen und 17 Jahre vor seinem Tode, also im J. 1586, beim Hinscheiden seiner ersten Gemahlin Elisabeth, seinen Sarg habe machen lassen.

Zu dem Bau der Epitaphien übernahm der Herzog für sein Epitaphium die Kosten zu einer Hälfte und seine Gemahlin Elisabeth für sich die andere Hälfte. Es geht auch noch die Sage, obgleich schriftliche Bestätigung bisher nicht zu finden gewesen ist, daß beide fürstliche Personen noch bei ihrem Leben den lebhaftesten Antheil an der Ausführung genommen haben. Die Vollendung des Werkes wird aber sehr lange Zeit erfordert haben. Es haben sich nur wenige Andeutungen in den Hofrechnungen von 1580 und 1581 finden lassen, aus denen hervorgeht, daß der Herzog immer den halben Theil der Kosten trug. Es heißt in den Hofrechnungen:

"Ern Heinrich Schabbeln vnd einem Engelschen zur Wißmar Conradt genant verlegt geldt wegen des Alabaster, so auß Engelandt soll gebracht werdenn, zum halben Teill, auß beuell meines g. f. vnd hernn wiedergeben vnd bey des Rentmeisters haußfrauwenn zugeschickt den 24 Aprilis Ao. etc. . 80: 200 Fl.

Nota. Es sein 300 Taler gewesenn, dauon M. g. fraw den andern halben teil betzalt."

Herzoglich=Güstrowsche Hof=Rechnung von Mich. 1579 bis 1580.

"Ewaldt Schmalenn zu Domitz fur den Alabasterstein vonn Hamburgk bis gein Moderitz 1 ) zu bringenn, zum halben teill wegen M. g. h. entrichtet denn 16 Aprilis: 30 Fl."

Daselbst Michaelis 1580 bis Michaelis 1581. Die Epitaphien auf den Herzog Ulrich und die Herzogin Elisabeth waren im J. 1586 fertig, wahrscheinlich jedoch ohne den Baldachin und die Karyatiden, da diese auch das Epi=


1) Die Steine von England gingen also aufwärts auf der Elbe und Elde bis Möderitz bei Parchim, wo sie umgeladen und von wo sie zu Lande weiter befördert wurden.
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taphium der zweiten Gemahlin des Herzogs einschließen. Wenn beim Begräbniß der Herzogin Elisabeth am 23. Novbr. 1586 gab Chyträus auch die Ahnentafel des Herzogs und seiner Gemahlin heraus und bezeichnet sie als: "Stammregister von J. F. G. Sechszehen Vrahnen her, in der Thumkirchen zu Güstrow bey dem fürstlichen Begrebnus künstlich ausgehawen."

Hiemit stimmen auch einige Angaben auf den Denkmälern selbst überein.

Ueber dem Herzoge Ulrich steht auf dem Hauptgesimse das meklenburgische Wappen und die Inschrift:

1585.
H. G. V. V. G.
(Herr Gott Verleih Vns Gnad.)
VLRICH HERZOG ZV MECKLENBVRGK.

Ueber der Herzogin Elisabeth steht auf dem Hauptgesimse das dänische Wappen und die Inschrift:

1585.
A. N. G. W.
(Alles Nach Gottes Willen.)
ELISABETH HERZOGIN ZV MECKLENBVRGK.

Eine Inschrift beginnt:

Dieses Grabmahl vnd Monument
Liess auffrichten kurtz fur ihrem end
Frau Elisabeth aus der Krohn
Zu Dennemargk gebohren schon u. s. w.

Diese beiden Denkmäler wurden also kurz vor dem Tode der Herzogin Elisabeth fertig.

Daß aber das ganze Epitaphium nicht bei Lebzeiten der Herzogin Elisabeth fertig geworden ist, dafür liegt der sichere Beweis darin, daß den letzten, dritten Theil dieses großen Werkes das Epitaphium auf die Herzogin Anna bildet, an die man selbstverständlich bei der Anlage noch nicht denken konnte. Die Herzogin Elisabeth starb am 15. Octbr. 1586 unerwartet in Dänemark 1 ), zwei Monate vor dem zweiten großen Schloßbrande, und der Herzog Ulrich vermählte sich wieder am 9. December 1588 mit der Herzogin Anna von Pommern, welche erst am 10. Septbr. 1626 starb. Das Werk konnte also erst am Ende des


1) Vgl. Jahrb. IX, s. 154.
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16. Jahrhunderts ganz fertig werden, namentlich da Chyträus noch im J. 1596 an Ahnentafeln für den Herzog und die Herzogin arbeitete und den Herzog um Nachrichten bat. Am 12. Februar 1596 schreibt er: "Auff E. F. G. gnadigen befehl hab E. F. G. vnd derselben hertzliebster gemahlin vnd Herrn Vettern Stamm=Register von ihren sechzehen oder zwey vnd dreißig Ahnen hergeführet, ich mit vleiß durchgesehen." Die Anlage und Zeichnung wird gewiß noch von Krommeny mit Brandins Hülfe entworfen, die Bildhauerei zum größten Theil von Brandin, welcher sicher bis in das Jahr 1594 in des Herzogs Diensten stand, ausgeführt sein. Die genealogische Arbeit ist jedenfalls von Chyträus.

Der größere Theil des Epitaphiums der Herzogin Anna wird in dieser spätem Zeit gemacht sein, da auch die Rückwand aus anderm und schlechterm Gestein, schwarz angestrichenem grauen Sandstein, bestand und vor einigen Jahren erneuert werden mußte.

Den Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert wieder das Denkmal selbst. Ueber der Herzogin Anna steht auf dem Hauptgesimse das Pommersche Wappen und die Inschrift:

1599.
H. G. A. A. N.
(Hilf Gott Aus Aller Noth.)
ANNA HERZOGIN ZV MECKLENBVRGK.

Das Denkmal ist also im J. 1599 fertig geworden. Durch welche Künstler es zu Ende geführt ist, hat sich noch nicht ermitteln lassen.

Herzog Ulrich nahm an der tüchtigen Ausführung den lebhaftester Antheil. Thiele (a. a. O. S. 117) berichtet:

"Man hat sogar eine Tradition, daß der Herzogin Anna das Haupt dreymahl abgenommen und daran geändert worden, bevor es diesen curieusen Herrn contentiren wollen."

Die Werke sind wirklich ausgezeichnet zu nennen. Schon Thiele sagt (1726): "Es wird auch sowohl an den "Statuen, als Historien, nicht ohne sonderbare Admiration betrachtet, wie accurat alle Musculi, Lineament und Kleidung ausgearbeitet und exprimiret worden, also daß man siehet, es habe der Herr Hertzog die zu der Zeit berühmteste und geschickteste Künstler darzu erfordert gehabt."

Diese Kunstwerke haben daher auch nicht allein immer die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sondern auch

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besondere Theilnahme erweckt. Thiele sagt: "Es ist bisher, wie billig, darüber gehalten, daß diese herrliche Antiquitet in gutem Stande erhalten werde. Wie denn Anno 1614, imgleichen Anno 1653, Anno 1682 und abermahl Anno 1709 das gantze Werck renoviret und alles Abgestoßene wieder ergäntzet worden." Seit der Zeit blieb die Kirche vernachlässigt, bis sie im J. 1812 sehr hart mitgenommen ward, indem sie bei dem Zuge der Franzosen nach Rußland zum Heu= und Strohmagazin benutzt und dabei ganz rücksichtslos behandelt ward. Namentlich litten dabei die fürstlichen Epitaphien nicht wenig und das Alter hatte zum Theil auch seine Rechte geltend gemacht. Zwar ward nach dem Abzuge der Franzosen die Kirche wieder gereinigt und das zerbrochene wieder zusammengesucht. Aber eine gründliche Restauration nicht nur der Kunstwerke, sondern auch der fürstlichen Särge in dem "Dormitorium" Herzogs Ulrich, ward erst im J. 1849 durch die besondere Fürsorge des regierenden Großherzogs Friedrich Franz II. vorgenommen.

Daß der Herzog sich um diese Zeit noch viel mit Entwerfung von Ahnentafeln beschäftigte, beweiset eine auf Leinwand in Oel gemalte meklenburgische Ahnentafel auf 16 Ahnen, mit Namentafeln, Wappen und Brustbildern und der Jahreszahl 1593, 3 3/4 Fuß hoch und 3 1/4 Fuß breit, ein leichter Entwurf zur künstlerischen Ausführung, welche im herzoglichen Schlosse zu Schwerin als alte Leinewand verworfen war, jetzt aber restaurirt im großherzoglichen Antiquarium aufbewahrt wird. Vielleicht ist dieser Entwurf noch von Krommeny, welcher bis 1598 in des Herzogs Diensten arbeitete.

10.
Fürstliche Ahnentafeln.

Chyträus hatte zu den großen Epitaphien im Dome zu Güstrow auch die Ahnentafeln auf den Wänden entworfen. Der unerwartete Tod der Herzogin Elisabeth am 15. Octbr. 1586 war die Veranlassung, daß der Herzog den Druck derselben wünschte. Da Chyträus die große Ehre hatte, zur Leichenrede seiner hohen Gönnerin zum 23. Novbr. 1586 nach Güstrow berufen zu werden, so wünschte der Herzog, daß dem Abdruck der Leichenrede auch die Ahnentafeln beigegeben würden. Am 29. Januar 1587 schrieb Chyträus an

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den Herzog: "E. F. G. Stamm=Register sind gestern abend spat allererst in der Druckerei gefertiget. Hiebei verwart werden E. F. G. funffzig zu entpfangen wissen, welche also gedruckt, das man sie zu der Oration bequem binden kan."

Dies sind die der im J. 1587 herausgegebenen Leichenrede beigebundenen Ahnentafeln, wie folgt:

1) Lobrede der Herzogin Elisabeth
Anno 1586
in der Thumkirchen zu Güstrow
am 23 Nouembris 1586
gehalten
durch
D. Davidem Chytraeum.
Rostock 1587.

Angehängt ist:

Herrn Vlrichen Herzogen etc. .
Stamregister
von J. F. G. Sechszehen Vrahnen her.
In der Thumkirchen zu Güstrow
bey dem fürstlichen Begrebnus
künstlich ausgehawen.

Ferner ist angehängt:

Der Herzogin Elisabeth etc. .
Geburts Lini
von Sechszehen Ahnen her.
In der Thumkirchen zu Gustrow bey J. F. G.
Grab zierlich vffgerichtet.

2) Ferner diese Schriften in lateinischer Bearbeitung:

Oratio in funere Elisabethae etc.
a Davide Chytraeo.

Eben so angehängt:

Stemma Elisabethae.
Item
Stemma Vlrici
a sedecim abavis deductum.

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Auch einzelne Sonderabdrücke dieser Ahnentafeln sind noch vorhanden.

Der Herzog Ulrich setzte aber mit Chyträus die Forschungen in den Ahnentafeln noch lange, sicher bis in das Jahr 1596, fort, da die Bearbeitung von Ahnentafeln durch die Schwierigkeit der Herbeischaffung gediegenen Stoffes äußerst mühsam ist.

11.
Epitaphium der Herzogin Ursula
in der Klosterkirche zu Ribnitz.

Am 22. April 1586, in demselben Jahre, in welchem die Herzogin Elisabeth starb und ein zweiter Brand einen großen Theil des Güstrowschen Schlosses zerstörte, starb auch die Herzogin Ursula, Vaterbrudertochter des Herzogs Ulrich, Domina des Damenstiftes, früher Aebtissin des Clarissen=Klosters zu Ribnitz, welche bis zu ihrem Tode dem katholischen Glauben anhing. Nachdem die Bauten am Schlosse und an der Domkirche zu Güstrow ziemlich vollendet waren, faßte der Herzog den Entschluß, der Herzogin Ursula in der Klosterkirche zu Ribnitz ein "Epitaphium" zu errichten. Er ließ daher, ohne Zweifel durch Krommeny und Brandin, einen Entwurf (einen "Patron") machen und sandte am 23. Januar 1590 den Riß zu der Rückwand, welche die 16 Ahnen enthalten sollte, an den Professor Chyträus, mit dem Auftrage, diese in den Riß einzutragen 1 ).

Chyträus schickte schon am folgenden Tage die 16 Ahnen zurück 2 ). Auch jetzt entstanden wieder Schwierigkeiten in der Erforschung richtiger Angaben. Es fehlten Nachrichten über des Markgrafen Jacob von Baden Gemahlin; Chyträus verhieß, dieselben baldmöglichst durch einen "Speierschen Boten" von einem markgräflichen Rath einzuholen. Auch über Ereignisse in der herzoglichen Familie war man noch nicht im Klaren. So schreibt der Herzog am 3. März 1590 an Chyträus: "Unsere Geburtszeit belangend, ist uns nicht "unbewußt, daß dieselbe von Etlichen ungleich gesetzt wird, desgleichen wann unser in Gott ruhender Herr Vater gefreiet und Beilager gehalten, keine gewisse Nachrichtung haben, so können Wir euch davon keinen eigentlichen Bericht zuschreiben."

Das Epitaphium, welches noch steht, ist ein großes Werk aus Sandstein und lobt den Meister; es ist sehr sinnig


1) Vgl. Beilage Nr. 8.
2) Vgl. Beilage Nr. 9.
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und künstlerisch ausgeführt. Die Herzogin ist liegend in der Tracht ihres Ordens in Lebensgröße dargestellt. Die Karyatiden, welche den Baldachin tragen, sind zwei sehr gut modellirte Clarissen=Nonnen. Die Hinterwand bedeckt die Ahnentafel mit Namen, Brustbildern und Inschriften. Das Werk ist dem Epitaphium Borwins sehr ähnlich. Es ward schon im J. 1590 vollendet, da diese Jahreszahl unter der Hauptinschrift steht. Chyträus war mit dem hohen Epitaphium nicht recht zufrieden; er schreibt am 12. Februar 1596 an den Herzog, daß er "der Abtissin zu Ribnitz Frewlein Vrsula 16 Ahnen die Zeit zusamen ordnen müssen, die zu Ribnitz bey dem begrebniß, wiewol schier gantz vnleserlich, ausgehawen; were besser, das sie mit schöner groben liter vff ein patent gedruckt neben den ausgehawenen angehefftet oder auff ein bret geleimpt wurden, so kunde mans besser lesen."

Diese Nachrichten über dieses Werk sind bisher ganz unbekannt gewesen.

Das Epitaphium war mit der Zeit doch etwas verwittert. Im Jahre 1861 ward es auf Befehl und Kosten des regierenden Großherzogs Friedrich Franz II. vollkommen restaurirt, wobei auch die Inschrift an dem Ruhebette, welche sehr stark verwittert war, ganz neu gemacht werden mußte, mit Hülfe alter Chroniken und Archivnachrichten, so daß sie wohl ganz zuverlässig ist, wie folgt, in Unzialen:

Der hochwirdigen in godt dvrchleuchtigen hochgeb[oernen furstin vnd frewlein frewlein] ║ VRSVLA ║ gebornen hertzogin zu meckelnburg, fvrstin zu wenden grewin zv swerin der land rostock vndt stargardt frewlein vnd ║ [domina zv] ribbenitz welche im iar 1510 geborn von ivgent avf in disem closter bei der vorigen domina ires hern vaters ║ [schwester] frewlin dorothea ertzogin nach derselben abschied anno christi 1526 abtissin worden als ein verstendige ║ [godtsfvrchtige] demotige fvrstin mit aller christlichen tvgenden exempel vnd vorbild iren gantzen convent vnd andern ║ [fvrgelevchte]t vnd als sie 60 iar dem closter loblich fvrgesta[nd]en zvletz im 76 iar ires alters avf s. georgen [aben]d im iahr ║ [1586 in] godt seliglich entschlaffen hat dises monument [zu] rvhm vnd erhn der durchlevchtig hoc[hgeborn] furst vnd ║ her virich hertzog zv meckelnbvrg avs vetterlicher lie[be vnd] zvneigung zvm ewigen gedechtnvs [nachsetzen vnd] ║ avfrichten lassen anno MDXC.

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12.
Zeittafel.

1547. Jan. 7. Herzog Albrecht der Schöne zu Güstrow stirbt.
1551. - Dr. David Chyträus Professor zu Rostock.
1552. Febr. 6. Herzog Heinrich der Friedfertige stirbt.
1556. Febr. 26. Herzogs Ulrich Vermählung mit Elisabeth.
1556. - Herzogs Ulrich Uebersiedelung nach Güstrow.
1557. - Erster Schloßbrand zu Güstrow.
1558. Febr. 9. Franz Parr Schloßbaumeister zu Güstrow.
1564. - Buchdrucker und Formschneider Jacob Lucius in Rostock.
1565. - Dom=Kirchen=Restauration zu Güstrow.
1568. Jan. 4. Einweihung der Domkirche zu Güstrow.
1568. - Erste fürstliche Genealogie.
1575. - Des Fürsten Heinrich Borwin II. Epitaphium.
1575. Nov. 11. Herzogin Dorothea stirbt.
1576. Pfingsten. Cornelius Krommeny Hofmaler.
1578. - Philipp Brandin Bildhauer.
1578. - Der Herzogin Dorothea Epitaphium.
1578. - Zweite fürstliche Genealogie.
1579. Ostern. Formschneider Jacob Lucius zieht nach Helmstädt.
1583. Aug. 24. Philipp Brandin Hofbaumeister.
1585. - Des Herzogs Ulrich Epitaphium.
1585. - Der Herzogin Elisabeth Epitaphium.
1586. April 22. Prinzessin Ursula zu Ribnitz stirbt.
1586. Octbr. 15. Herzogin Elisabeth stirbt.
1586. Decbr. 8. Zweiter Schloßbrand zu Güstrow.
1587. - Fürstliche Ahnentafeln.
1587. - Schloßrestauration zu Güstrow.
1587. - Fürstliche Bilder in Doberan von Krommeny.
1588. Decbr. 9. Herzogs Ulrich Vermählung mit Anna. 1590. - Epitaphium der Prinzessin Ursula zu Ribnitz.
1594. - Schloßbau zu Güstrow vollendet.
1594. - Bildhauer und Baumeister Philipp Brandin zuletzt.
1598. - Maler Cornelius Krommeny zuletzt.
1599. - Der Herzogin Anna Epitaphium.
1600. Juni 25. Professor Dr. David Chyträus stirbt.
1603. März 14. Herzog Ulrich stirbt.

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Beilagen.


Nr. 1.

Professor Dr. David Chyträus zu Rostock an den Herzog Ulrich von Meklenburg.

D. d. Rostock. 1575. Febr. 13.

Durchleuchtiger, Hochgeborner Furst. E. f. g. sind meine vnterthönige gehorsame Dienste allezeit zuuoran bereit. Gnediger Herr. E. f. g. gnedigem befehl nach, hab E. f. g. löblichen VorAnherrn Genealogiam Ich in einen Arborem geordnet, vnd so gut, Als Ich gekondt, entworffen, bitte vnterthöniglich, E. f. g. wolten beygelegte Abschrifft der Genealogia, gnediglich vnd mit vleiß vbersehen, vnd was E. f. g. darin wollen geendert oder vmgesetzt oder sonst zierlicher formiret haben, mir gnediglich anzeigen lassen, Denn Ichs mit allem vleiss vnd trewen beide dem Maler vnd formschneider berichten will. Aber wie gut vnd bald sie ire arbeit verrichten werden, kan E. f. g. Ich nicht gewiß vertrösten, Denn sonderlich der formschneider etwas faul vnd langsam ist. Wils aber, wie gemeldet, an meinem vleiß vnd trewen nicht erwinden lassen. Denn E. f. g. vnterthönig zu dienen, erkenne Ich mich allezeit schuldig. Datum in E. f. g. Stadt Rostock, Am Sontag Esto mihi, Ao. etc. . 1575.

E. F. G.

Vnterthöniger     
Diener          
Dauid Chytræus.   

Dem Durchleuchtigen Hochgebornen
Fursten vnd Herrn, Herrn Vlrichen,
Herzogen zu Mekelburg, Fursten zu
Wenden, Grauen zu Swerin, der Land
Rostok vnd Stargard Herrn, meinem
gnedigen Herrn.

Nach dem Original im staats=Archive zu Schwerin. Nur die Unterschrift ist von Chyträus Hand.

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Nr. 2.

Professor Dr. David Chyträus zu Rostock an den Herzog Ulrich von Meklenburg.

D. d. Rostock. 1575. Mai 10.

Gottes gnad durch vnsern Heiland Jesum Christum, sampt meinem vnterthönigen gehorsam vnd vleissigem Gebett für E. f. g. langwirige vnd selige Regierung zuuor. Durchleuchter, Hochgeborner Furst, Gnediger Herr. Auff E. f. g. gnedigen befheel ist das gantze Stamregister oder Genealogia E. f. g. loblichen Voranherrn, in form eines zierlichen Baums, wie den E. f. g. selbs erstlich formiret, von gegenwertigem Mäler abgerissen, welchen E. f. g. gnediglich besehen vnd ferner vorbessern werden, sonderlich was den Zierat des Stammes, der äst, blätter, Täfelin, Spruche vnd dergleichen belanget. Was aber die Apffel, darinn E. f. g. vnd derselben hochloblichen vorfarn Namen innzuschreiben, antrifft, müssen dieselben also richtig außgeteilet vnd geordnet bleiben, das man deutlich vnd vnterschiedlich sehen khan, welcher Vatter oder Son? welches Brüder oder Bruderkinder sind? welche Herrn zu Werla, Stargard, Rostock mit welchen Hertzogen zu Mekelnburg ieder Zeitt gelebet haben? wie solches in disem Abriß, meines einfaltigen erachtens, mit zimlicher fursichtigkeit vnd vleiss geschehen ist. Bitte derhalben E. f. g. wollen dise Ordnung gnediglich bedenken vnd darinn nicht leichtlich ettwas enderen lassen. So es auch E. f. g. wöllen in Holtz schneiden lassen, darff der formschneider nicht mehr als disen blossen Abriß schneiden: denn die Schrifften darnach in den zugerichten Stock von dem Drücker gesetz werden. Derhalben sie auch ietzund außgelassen. Sol es aber in Kupffer gestochen werden, so muß alles, was in die Apffel vnd Tafelin gehöret, vff das vleissigst vnd zierlichst geschrieben sein, damit es der Kupfferstecher, so viel möglich, recht vnd formlich nachstechen khonne. Was sonst vnser Bedenken hin vnd wider in disem Abriß gewesen, wird E. f. g. der Mäler villeicht vnterthönig berichten khonnen. E. f. g. bin Ich vnterthöniglich allezeitt zu dienen gantz willig. Datum in E. f. g. Stadt Rostek, 10 May, Anno 1575.

E. F. G.

Vnterthöniger     
Diener        
Dauid         
Chytræus.     

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Dem Durchleuchtigen, Hochgebornen
Fursten vnd Herrn, Herrn Vlrichen,
Hertzogen zu Mekelburg, Fürsten zu Wen=
den, Grauen zu Swerin, der Land Rostok
vnd Stargard Herrn, meinem gnedigen Herrn etc. .

(L. S.)

Nach dem Original im Staatsarchive zu Schwerin. Nur die Unterschrift ist von Chyträus Hand. Unter der Adresse steht von des Herzogs Ulrich eigener Hand:
     "Doctor Dauiden schreyben belangett vnsere Genealogia. 1575".


Nr. 3.

Herzog Ulrich von Meklenburg an den Professor Dr. David Chyträus zu Rostock.

D. d. Güstrow. 1577. Februar 2.

Von Gottes gnaden Virich Herzogk zu Meckelburgk etc. .

Vnsern gnedigen grus zuuor. Wirdiger, Hochgelarter, lieber Andechtiger vnd getreuwer. Wir haben euwer widerschreiben empfangen vnd alles einhalts gnedig vormerckt, Wiewoll wir vns nun euwer bedencken in denen stucken, so euch eingefallen, durchaus gefelligk sein lassenn vnd vnsern Maler desen also zu vnterrichten gneigt gewesenn, So haben wir es gleichwoll treglicher geachtet, das der Maler solchs von euch selbst in iegenwertigkeit bedeutet werden möchte, damit er denen dingen desto richtiger nachzugehenn, Vnnd Ihn derwegenn zu euch abgefertiget, Ihme auch alle drei Abrieß mit aufgegebenn, Gnedig begerendt, Ihr wollet Ihme in angezeigten stücken dermassen, wie Ihr dauon in euwerm schreiben meldet, anweisung gebenn.

Wir haben auch mit Lucio dem Buchtrucker vns alhie wegen der Formen zu schneiden vorglichenn. Weill wir aber wissenn das er zu zeiten mit der arbeit was seumigk vnd treg pfleget vmbzugehenn, Als wollet Ihr Ihn bei weilen an förderlicher abrichtung derselben zu erinnern vnd dartzu anzuhalten unbeschwert sein.

Vnd halten es dafür, Das vnsere Brueder, so in Ihren Kindtlichen Jharen abgestorbenn, wie auch vnsere Schwester

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die Hertzogin zu Churlandt, nur gar ausgelassenn werdenn, Inmassen wir dan, wie Ihr zu ersehenn, denselben mit einem Strich durchzogenn.

Die Eptissin zu Ribniz Frewlein Vrsula ist iunger dan dero Schwester Fraw Sophia etwan Hertzogin zu Lueneburgk, wie wir solchs gleicher gestaldt bei das Laubwergk vertzeichent habenn.

Wolten wir euch hinwider gnedig vormeldenn Vnd seindt euch mit gnaden gneigt. Datum Gustrouw, den andern Februarii, Anno etc. . LXXVII.

Dem Würdigen vnd Hochgelarten
vnserm Professorn zu Rostogk vnd lieben
Andechtigen vnd getreuwen Errn Dauidi
Chytræo der heilligen schrifft Doctorn.

Nach dem Concept im Staats=Archive zu Schwerin.


Nr. 4.

Pofessor Dr. David Chyträus an den herzoglich Güstrowschen Hofmaler Cornelius Krommeny.

D. d. Rostock. 1577. Februar 19.

Mein willigen dienst zuvor. Erbar, kunstreicher, günstiger Mester Corneli. Es schreibt mein Gnediger Herr Hertzog Vlrich, das ich den Abriss von der Genealogia Euch auff das erste zuschicken sol. Derhalben ich das stück, so wir allhie miteinander entworffen, hiebet euch zusende. Moget den ersten vnd andern Stock erstlich reissen. Vnter dess muß ich meinen Gnedigen Herrn noch von ettlichen Personen, deren in dem mir newlichst zugeschikten Buch viel mehr als zuvor verzeichnet sind, vntertheniglich berichten vnd I. F. G. erklerung darauff bitten. Es were wol am bequemsten, das der gantze baum an dem ort, da I. F. G. gegenwertig, gerissen würde, damit man als bald I. F. G. von allen zweifelhafftigen stüken fragen vnd bescheid darauff erlangen mochte. Bitte, wollet vnbeschweret den ersten Stok mit dem Titel ietzund allein abreissen, damit Lucius etwas zu schneiden kriege. Hiemit Gott befholen. Datum Rostok, 19 Februar 1577.

Dauid Chytraeus.     

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Dem Ersamen vnd Kunstreichen Mester
     Cornelius Maler

zu Güstrow                               
bey dem Thum neben D. Conradus Beker wonhafftig.

(L. S.)

Nach dem Originale ganz von der Hand des Dr. David Chyträus geschrieben, im Staats=Archive zu Schwerin.


Nr. 5.

Universitäts=Buchdrucker Jacobus Lucius (Siebenbürger) zu Rostock an den Professor Dr. David Chyträus daselbst.

(D. d. Rostock. 1578. Juli 4.)

Clarissime domine doctor. Ich habe von meim g. h. schreiben noch vmb 10 Exemplaria s. f. g. Genealogien, die schike ich ewer Acht. Ex., s. f. g. zuzuschiken, weil ewe A. E. sein f. g. doch auch schreiben will. Da nu s. f. g. welche begerd auff pargamen zu druken oder daß welche auff leinwat möchten getzogen werden, wil iche noch s. f. g. beger machen. Wen aber welche sollen iluminirt werden, so were nicht besser, als auff pfein mitelmescig leinwat, aldt oder nei, zu ferschiken wöld sichs beßer schiken. Den daß pargament wird leichtlich runtzlich vnd vngestald, do sichs verzeucht, auff leinwat bleibts aber fein glat vnd rein etc. .

Jacobus Lucius.                     

Nach dem eigenhändigen Original im Staats=Archive zu Schwerin, dem Herzoge Ulrich zu Güstrow durch den Professor Dr. David Chyträus übersandt am 4. Julii 1578.


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Nr. 6.

Des herzoglich Güstrowschen Hofmalers Cornelius Krommeny Besoldungs=Bescheinigung.

D. d. Güstrow. 1578. Decbr. 28.

Ghenedyger vorst vndt Heer. Uwer vorstelyker ghenaden Dienner Cornelius Kro m mit Querstrich eny bekenne by disse myen oblygatye entfangen te hebben di Somme van tweensostich daelder vnd 16 ßl., tot 32 ßl. de daelder gherekent, tor causa van een half Jaer besoldinge, dat my op Maertynus laestleden verschonen was anno 1578. In kennisse van dien soe hebbe ick Cornelius vorscreuen disse myen oblygatie met myn gewontlyke handtscrift onderscreuen dissen den 28en Decembris dach vnd Datum als voren.

By my Cornelius
Krōmeny.

Nach dem eigenhändigen Originale im Staatsarchive zu Schwerin.

Auf der Rückseite stehen die Registraturen:

Quitantz des Malers Cornely Krummeney auf 83 Fl. 8 ßl. halbjerige Besoldung betagt Martini Ao. etc. . 78.
Dieß Quitantz habe ich Jürgen Hagemeister nach schliessung meines Registers vmb richtigkeit willen Johansen Eisebeinen in seine Rechenschafft zugeschlagen.


Nr. 7.

Universitäts=Buchdrucker Jacobus Lucius (Siebenbürger) zu Rostock an den Professor Dr. David Chyträus daselbst.

(D. d. Rostock. 1578. Decbr. 31.)

Clarissime domine doctor. Ich habe m. g. f. vnd h. schreiben an Ewr A. Exelens vernomen von wegen der Genealogien auf pargamen etc. . vnd thue ewr A. E. schrifftlich bricht darauff, weil ich noch nicht darff außgehen

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schwachheit halber. Waß die Exemplaria belangt auff papir, schike ich ewr A. E. 20 Exemplaria, die wolt ir m. g. h. zuschiken; ich will sie zu sein f. g. Rechnung zeichnen. Waß die wapen belangt, will ich auch druken, wen ich zu paß werd. Will aber s. f. g. Etliche wapen auf pargamen haben, will ich gern druken. Mit den Genealogien ist es zu spet, den die Schrifft ist gantz wider von einander genomen, vnd wolle fill vnkosten nemen, wen es solt wider gedruckt werden. So schickt sich daß pargamen auch nicht zum Illuminiren, den es entwirfft sich; so wist ich auch nicht wo men itzt solch groß pargamen sol bekomen. Diß kan ewr A. E. meinen g. f. vnd hern berichten etc. . Am newen jars abend.

Jacobus Lucius.     

Nach dem eigenhändigen Original im Staats=Archive zu Schwerin, dem Herzoge Ulrich zu Güstrow durch den Professor Dr. David Chyträus übersandt durch ein Schreiben, welches schon vom 30. Decbr. (1578) datirt ist.


Nr. 8.

Herzog Ulrich von Meklenburg an den Professor Dr. David Chyträus zu Rostock.

D. d. Güstrow. 1590. Januar 23.

Vlrich etc. .

Vnsern gnedigen grus zuuor. Ehrwürdiger, Hochgelarter, Andechtiger vnd lieber getreuwer. Wir geben euch gnedigk zu erkennen, das wir entschlossen, weilland der Hochwirdigen, Hochgebornen Fürstin Frewlin Vrsulen, gebornen Herzogin zu Meckelburgk etc. ., Eptissin zu Ribnitz, loblicher vnd seliger gedechtnis, zum gedechtnis in die Kirch zu Ribnitz ein Epitaphium nach ausweisung beiverwarter Patron aufrichten zu lassen, an welchs verfertigung auch die Steinmezen albereit im wergk sein. Vnd weill dan die Wapen der Sechzehn Ahnen von Vater vnd Mutter darin sollen gehauwen werden, welchen man nachzusuchen iezo dieß orts vast keine zeit haben kan, als begern wir gnediglich, Ihr wellet euch so uill der weill nemen vnd euch der Geschlechter aus den alten Genealogiis ersuchen (?) vnd eines jeden Geschlechtsnamen bei die Schilde in das

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iegenwertige Patron verzeichnen vnd vns dan dasselbe förderlich widerumb nachero gen Gustrouw vberschicken. Daran thut Ihr vns zu gefallen in gnaden zu erkennen. Datum Gustrouw, den 23. Januarii, Anno 1590.

An                                               
D. Dauidum Chytræum.     

Nach dem Concept im staatsarchive zu schwerin.


Nr. 9.

Professor Dr. David Chyträus zu Rostock an den Herzog Ulrich von Meklenburg.

D. d. Rostock. 1590. Januar 24.

Gottes Gnad durch vnsern Heiland Jesum Christum sampt meinem vnterthenigen Gehorsam vnd gebet für E. F. G. langwirige vnd selige regierung iederzeit zuuor. Gnediger Herr. E. F. G. gnedigen befheel, weiland der hochwirdigen, hochgebornen Fürstin Frewlin Vrsula, gebornen Hertzogin zu Mekelnburg etc. ., Eptißen zu Ribnitz, Epitaphium belangend hab ich heute auff den Mittag vntertheniglich entpfangen vnd als bald die sechzehen Ahnen vffgesucht vnd in beygefügt vorzeichnis gebracht, welches E. F. G. gnediglich durchsehen vnd was darin zu uerendern oder zu uermehren oder sonst bedencklich furfallen mag, mich gnediglich erinnern werden. Ein Person, nemlich Marggraff Jacobs zu Baden Gemahl, mangelt vnter der praw Mutter Ahnen, welche ich alhie nicht zu erkunden weiß, biß mir etwa durch ein speierschen Boten an einen Marggrafischen Raht zu schreiben gelegenheit furfellet. Welches E. F. G. zu vntertheniger Antwort ich wiederum vermelden sollen. Denn E. F. G. vnterthenige angeneme dienst zu erzeigen, bin ich ieder Zeit willig vnd pflichtig. Datum in E. F. G. Stadt Rostock, am Abend Conuersionis Pauli, 24 Januarii, Anno 1590.

E. F. G.

vntertheniger               
D. Dauid.     

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Dem Durchleuchtigen, Hochgebornen,
Fursten vnd Herrn Herrn VLRICHEN,
Hertzogen zu Mekelnburg, Fürsten zu
Wenden, Grafen zu schwerin, der Landen
Rostock vnd stargard Herrn, meinem
gnedigen Herrn.

Nach dem Originale im staats=Archive zu schwerin. Nur die Namen=Unterschrift ist von des Dr. Chyträus eigener Hand.


Nr. 10.

Des herzoglich Güstrowschen Hofmalers Cornelius Krommeny Besoldungs=Bescheinigung.

D. d. Güstrow. 1592. (Mai.)

Bekenne by disse mynen Handtscrift entfangen to hebben von dem Eerbaren Johannes Iisebeen de somme van 83 gulden 8 ßl. tor oersaken van ein halff iaer besoldinge dat my op pynxten bedacht is disses iaers van tueentnegentich. In oerconde von dien so hebbe ick disse mynen handtscrifft met myn gewoentlyke handt vndt naem onderscreuen.

Cornelis Krōmeny.     

Nach dem eigenhändigen Originale im Staatsarchive zu schwerin.

Auf der Rückseite steht folgende Registratur:

Cornely Krummeneyen Malers Quitantz vf 83 Fl. 8 ßl. halbjerige Besoldung betagt Pfingsten Ao. etc. . 92.

Vignette
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II.

Wallensteins Abzug

aus Meklenburg

im Jahre 1629.

Von

Dr. G. C. F. Lisch.


Vorrede.

S eit länger als einem Vierteljahrhundert war es mein Wunsch und Wille, das Leben und Wirken Wallensteins als Landesherrn zu schildern, da es noch ganz an einer erschöpfenden Darstellung der wenigen wichtigen Jahre fehlt, in denen der bedeutende Mann in seinem neuen Lande Ruhe und Glück zu finden und zu schützen hoffte. Die Arbeit war außerordentlich schwer und groß. Denn das meklenburgische Staats=Archiv besitzt keine Spur von Haus= und Cabinets=Acten des Friedländers, welche er jedes Mal mit sich und schließlich nach seinen böhmischen Hausgütern geführt haben wird. Alle Acten des meklenburgischen Staats=Archivs aus Wallensteins Zeit sind Regierungsacten. Aber da die meklenburgischen Archivare den Eindringling, und zwar mit Recht, als Landesherrn betrachteten, so sind alle von ihm und seiner Regierung ausgegangenen Erlasse und die Acten über deren Folgen jedes Mal nach dem System des Archivs zu den Acten gelegt, wohin sie dem Inhalt nach gehören, und daher über das ganze Archiv zerstreut. Es liegt also z. B. die Berufung eines protestantischen Theologen zu einer Landpfarre bei den Acten dieser Pfarre unter der Rubrik Pfarrbesetzung nach der Zeitfolge. Es ist daher klar, daß nur ein meklenburgischer Archivar den Herzog von Friedland als Landesherrn von Meklenburg schildern kann.

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Ich richtete daher seit meiner Berufung ins Staats=Archiv mein unablässiges Augenmerk auf diesen Gegenstand und sammelte eine große Menge zerstreuter Nachrichten; namentlich aber holte ich aus dem Vorrath der in den letzten Jahrhunderten zurückgelegten und noch nicht geordneten und eingereiheten Acten (im Archive seit alter Zeit "Rejectanea" genannt) bei deren wiederholter Durchmusterung beträchtliche Massen bisher unbekannt gewesener Wallensteinscher Verwaltungsacten hervor und bewahrte sie abgesondert im Archive auf, bis ein günstiger Zeitpunct zu ihrer Bearbeitung und Einreihung gekommen sein würde.

Ich begann schon an die Ausführung meiner lange vorbereiteten Arbeit zu denken, als am 1. December 1865 durch ein verhängnißvolles Geschick das ganze Regierungsgebäude, in welchem sich auch das Staats=Archiv befand, bis auf den Grund ausbrannte. Zwar gelang es übermenschlicher Anstrengung und aufopfernder Hülfe und Theilnahme, in wenig Stunden das ganze Staats=Archiv zu retten; aber die Ordnung und der vollständige Ueberblick war durch die allgemeine Verwirrung auf einige Jahre aufgehoben. Vor allen hatten die noch zurückgelegten Acten das Schicksal, weit unter die übrigen Acten zerstreut zu werden. Zwar ist bei der Neuordnung des Archivs in den nächsten Jahren nach dem Brande manches von meinen "Wallensteinianen" wieder in meine Hände gekommen; manches ist aber von den Hülfsarbeitern bei der Neuordnung zu den Verwaltungsacten an die gehörige Stelle gelegt, ohne daß sich jetzt nachweisen ließe, welche Acten es gewesen sein mögen. Außerdem trat mir für die Verwirklichung meines Wunsches nicht allein während der letzten Jahre bei der Neugestaltung des Archivs, sondern überhaupt bei vermehrter Wirksamkeit und Lebensdauer Mangel an Zeit hindernd in den Weg.

Ich habe daher meinen Plan, eine möglichst vollständige Schilderung Wallensteins als Landesherrn von Meklenburg zu liefern, namentlich bei vorgerücktem Alter, für meine Person leider aufgeben müssen. Ich werde es aber versuchen, nach und nach einzelne Seiten seines Lebens und Wirkens darzustellen, da ich durch die Länge der Zeit wohl mehr Erfahrung in der Sache gewonnen habe, als mancher Andere.

Ein günstiges Geschick spielte mir bei der Neugestaltung des Staats=Archivs einige Actenstücke in die Hände, welche mehr als alle andern, vielleicht allein, im Stande sind, das häusliche und landesherrliche Leben und die Regierungsweise Wallensteins erkennen zu lassen. Und mit der Mittheilung

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dieser Nachrichten, welche Wallenstein als Menschen zeigen, obgleich manche Seiten als etwas kleinlich angesehen werden mögen, will ich den Anfang machen, da die Beleuchtung dieser Seite dringend nothwendig erscheint, um eine breitere Grundlage für die richtige Würdigung des Charakters zu gewinnen. So Gott will, werden ähnliche Darstellungen im Laufe der Zeit folgen können.

 


 

Wallenstein war jedenfalls nicht allein als Kriegsmann, sondern auch als Regent ein ungewöhnlich bedeutender Mensch, wenn er in Meklenburg auch als harter Eroberer und Eindringling betrachtet ward und angesehen werden mußte. Von seinen Thaten als Herrscher ist aber bisher sehr wenig bekannt geworden; noch weniger kennt man seine Lebens= und Regierungsweise: es fehlt darüber in den meklenburgischen Archiven fast ganz an Nachrichten. Und doch ist es von großer Wichtigkeit, einen solchen Mann in seinem ganzen Thun, Treiben und Wesen, auch in seinem häuslichen Leben möglichst genau kennen zu lernen. Sehr ergiebigen Stoff zu einer solchen Forschung geben die erst vor kurzer Zeit glücklicher Weise entdeckten Acten über seinen Abzug aus Meklenburg, die ihn sehr genau erkennen lassen.

Am 17. Julii 1628 betrat Wallenstein als Herzog von Meklenburg von Stralsund her, über Tribsees und Gnoien, das Land und nahm an demselben Tage seinen Wohnsitz zu Güstrow, in der Mitte des Landes, wo er ein großes, schönes, ziemlich neues (noch heute sehr stattliches) Schloß vorfand, während das Schloß zu Schwerin schon dem Verfalle entgegen ging (vgl. Jahrb. V, S. 256 flgd.). Wallenstein war gerade ein Jahr in Meklenburg, und in diesem Jahre vollführte er die ganze Umgestaltung des Landes. Zwar ließ er die uralte landständische Verfassung und deren Vertretung bestehen; aber alles Andere ward umgeformt. Nicht lange nach seiner Ankunft trennte er die Rechtspflege, nach vielen Collegien, und die Verwaltung ("Kammer"), alle Collegien mit zahlreichen, eingebornen Beamten, von der Landes=Regierung und richtete einen so wohl geordneten "Staat" ein, als man ihn selbst in neuern Zeiten nur

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darstellen konnte 1 ). Daneben errichtete er, außer dem "Cabinet" für Kriegs=, Reichs= und Haus=Angelegenheiten, in welchem seine bekannten Obersten als Arbeiter saßen, noch eine Regierungs="Canzlei" mit großem Personal für die Oberleitung der Regierung, das Lehnswesen und die gesammte Landes=Polizei, also eine "Cabinets=Regierung", an deren Spitze er selbst leitend stand. Außerdem war im ganzen Lande Alles genau nach diesen Oberbehörden geordnet 2 ) und ward überall mit straffen Zügeln gelenkt, indem ohne Ausnahme ein unbedingter Gehorsam gefordert ward 3 ).

Aber auch in seinem Hause, welches mit großem fürstlichen, ja kaiserlichen Aufwande regiert ward, mußte nach seinen Lieblingsneigungen und Lebensbedürfnissen Alles gründlich umgestaltet werden. Wallenstein liebte vor allen Dingen die gewiß sehr alte, leichtere, vornehme böhmische Lebensweise an Nahrung durch Geflügel, Fische, Gemüse 4 ), Obst, wie man sie heute wohl in Böhmen trifft. Daher ging es vorzüglich seit dem Anfange des Frühlings 1629 an ein Graben und Wirtschaften, so daß die ganzen Umgebungen des Schlosses weithin völlig umgestaltet wurden. Alte, störende Gebäude wurden niedergerissen, große Gemüse= und Lustgärten angelegt, Samen und Pflanzen aus Italien herbeigeschafft 5 ), Fasanen aus Böhmen geholt. Daher ist in Verzeichnissen aller Art aus jener Zeit viel von jungen Gänsen, jungen Hühnern, Truthühnern ("Indianen"), Tauben, Fasanen, und daneben von "ungesalzener Butter" die Rede, welche in Meklenburg noch heute nie verwandt wird. Auch


1) Es kann hier das Ergebniß nur kurz angedeutet werden. Einzelne beweisende Ausführungen muß ich mir für spätere Zeiten vorbehalten.
2) Schon Thomas, Analecta Gustroviensia, 1706, p. 228, fällt ein ziemlich richtiges Urtheil über Wallenstein als Landesherrn von Meklenburg, wenn er sagt:
   "Praeter opinionem evenit, ut severitatem temperaret Wallensteinius ille mira quadam prudentia, qua non solum res omnes suo loco suisque legibus permisit, sed Gustroviae imprimis tamquam sedi suae splendorem rerumque affluentiam conciliare voluit. Sicque non tam perdidit, quam conservavit, ampliavitque Gustroviam, ut sedes esset postea principi justo eo gratior, eo liberalior."
3) Ein schlagendes Beispiel giebt die folgende Abhandlung über die Armenversorgung.
4) Obgleich neben dem Schlosse in weiter Ausdehnung auch 6 Küchengärten angelegt waren, erhielten doch im Frühling 1629 die fürstlichen Gärtner zu Neustadt und Grabow Befehl, "wöchentlich allerlei Salat und Kraut" einzuschicken.
5) Die Gewächs=Verzeichnisse des Güstrowschen Schloßgartens von dem Gärtner Lacher, 1628, sind sehr beachtenswerth.
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böhmischer Wein ward im Schlosse zu Güstrow getrunken. Nachdem König Gustav Adolf von Schweden 1630 den deutschen Boden betreten hatte, strebte Wallenstein darnach, sich in Rostock festzusetzen. Am 16. Mai 1631 ließ Wallenstein befehlen, für seinen "Vetter Graf Bertold von Waldstein" von dem "in Schwerin vorhandenen böhmischen Wein so viel Stücke, als immer möglich, alsbald nach Rostock zu liefern 1 ).

Wie es im ersten Frühling 1629 herging, ist deutlich in dem folgenden Berichte eines Meklenburgers im Staats=Archive zu Schwerin zu lesen, welcher leider ohne Datum und Namen ist.

"Es lesset sich fast schlecht ahn, immassen Fridlandicus sich nunmehr vernehmen lest, Er wolle Mekelborg nicht reumen, er werde dan mit dem schwerde darauß getrieben, welches bestetigt der effect daß starke bauen auff vielen embtern. Zu Gustrow ist die neue (reformirte) Kirche fast abgebrochen, die Cantzley, Reithauß, Ballhauß vnd dabei gelegene heuser müssen auch fort. - Den Rehten ist befohlen, ihr bedencken schrifftlig auffzusetzen, wie daß land könne herfur gebracht vnd im auffnehmen kommen. - Der bauhoff wirt zum garten abgebrochen vnd hinten dem furstlichen hause, da zuvor der thiergarten gewesen vnd itzo der acker ist, soll im frulinck mit eichen vnd buchen bepflanzet werden. - Aus Italia werden viele frembde Samen vnd fruchte geholet, die in den garten im lande sollen geseet vnd gepflanzet werden. - Es sein vber hundert Vasanen auß Böhmen kommen, die meist versetzet werden."

Mit besonderer Vorliebe betrieb Wallenstein bald nach seiner Ankunft die Versetzung von Fasanen nach Meklenburg. Am 29. Decbr. 1628 verordnete er: "nachdem Wir ehtliche Phasane in vnsern Aemptern vnd deren Holtzingen vnd gefilden setzen vnd fliegen lassen vnd gemeinet durch solche gelegenheit zu vnser lust mit der ahrt Vögl vnsere Wiltbahnen zu verbessern, alle den Phasanen schädliche Thiere


1) Berthold Wallenstein ließ zu gleicher Zeit "alle zu Güstrow vorhandenen Tapezereien" und Teppiche nach Rostock bringen. - Auch viele Kamin=Geräte an "Eisen, Schaufeln, Gabeln, Zangen, Schürhaken" waren auf dem Schlosse zu Güstrow unter "des Generals von Friedland Sachen, auch Bilder aus dem Ovidio."
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"vnd Vögel möglichst aus dem Wege zu räumen", und setzte Schießgelder, gegen Vorzeigung der Köpfe, aus, - befahl auch, auf nicht fürstlichem Grund die Fasanen zu schonen.

Bald nach seinem Abzuge aus Meklenburg ward auf seinen Befehl auf dem "Gutower Werder", das ist die jetzige "Schön=Insel" im Gutower oder Insel=See, ein Fasanenhaus gebauet. So heißt es in der Baurechnung vom J. 1629: "19-25 October, 6 Tage 3 Zimmerleute aufm "Wehrder zum Phasan=Hause." Am 27. Januar 1630 erging ein Befehl, einen "neuen Garten auf dem Gutower Werder anrichten zu lassen" 1 ).

Wir werden diesen und ähnlichen Neigungen im Verfolge dieser Darstellung noch öfter begegnen.

Daneben ging die bekannte Neigung zur Astrologie. Noch wenige Tage vor seinem Abzuge aus Meklenburg heißt es in der Baurechnung: "1629, Junii 29 bis Julii 4, Der "Hoftischler Meister Pankratz mit dessen Gesellen und Jungen 1 Woche Arbeiten am Thurm und Fensterrahmen, wie auch für I. F. G. und dem Mathematico einen laden gemacht."

Nachdem Wallenstein grade ein Jahr in Meklenburg zu Güstrow verweilt hatte, beschloß er aufzubrechen und zunächst nach Mitteldeutschland abzuziehen. Alle Veranstaltungen zu dieser Reise wurden, namentlich bei dem damaligen Zustande der Landstraßen, immer rechtzeitig vorher genau getroffen. Und hieraus lernt man vorzüglich viele Eigenthümlichkeiten Wallensteins genau kennen.

Wallenstein machte in seinem Hofhalte den allergrößten Aufwand, wie er selbst am kaiserlichen Hofhalt nicht vorkam. Wir haben hierüber eine gleichzeitige Schilderung in einer handschriftlichen 2 ) Beschreibung des Herzogthums Meklenburg von Cosmus von Simmern von 1616 und den folgenden Jahren. Dieser sagt über Wallensteins Hofhaltung Folgendes.


1) Nach völliger Beendigung des dreißigjährigen Krieges ließ der Herzog Gustav Adolph von Meklenburg=Güstrow, der diesen "Werder" besonders liebte, den Fasanengarten auf demselben wieder aufrichten. Am 24. März 1666 erließ er einen Befehl, "auf dem Gutower Werder bey dem Fasan=Garten den umgefallenen Zaun alsobald wieder zurecht zu machen."
2) Im Besitze des Freiherrn Julius v. Bohlen auf Bohlendorf, jetzt auch in Abschrift in der Bibliothek Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs von Meklenburg=Schwerin. Diese Chronik ist eine sonst fast ganz werthlose Zusammenstoppelung von Nachrichten aus den damals vorhandenen bekannten meklenburgischen Chroniken. Es hat fast allein die hier mitgetheilte Nachricht einigen Werth.
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"Wie ich aus eines vohrnemen adelichen mannes schreiben, sub dato den 20 Februar anno 1629 aus Güstrow geschrieben, erfahren, ist eine solche hoffhaltunge, dergleichen bey itzigem, auch vorigen Römischen kayser nicht gesehen, vorhanden, daß sich darüber nicht genugsam zu verwundern. Dan ihme in die 70 graffen, freyherren und vom adell, über aller maßen stattlich gekleidet, auffwarten. Item 100 leibschützen und 24 trabanten, seine köche, küchenmeister, stallmeister und futterschreiber, gehen alle in gülden ketten, und werden täglich 2 freye fürstliche taffelen gehalten, darzu dan alle tage 24 scheffel auff brott und semmelen muß geschaffet werden. Aufn futter werden gehalten 170 hauptpferde, item 140 klepper, 160 guttschenpferde, wie auch 50 maulesel. Die speisen werden alle in großen silbernen schüßelen, so woll waß gekocht, alß auch confectschalen dirigiret zu tisch getragen, und alles sehr sauber, strenge und ordentlich gehalten."

Hiemit stimmen denn auch die urkundlichen Nachrichten völlig überein.

Am 8. Julii 1629 ward der Aufbruch zum 13. Julii bestimmt und die nöthige Anordnung 1 ) getroffen. Wallenstein wollte am Montag den 13. Julii 1629 von Güstrow aufbrechen und das erste Nachtlager in der kleinen Stadt Sternberg halten; hiezu sollte man "das Rathhaus säubern, "Holz herbeischaffen und was sonst zur Ausrichtung nöthig" sei. Am Dienstag den 14. Julii wollte er nach Schwerin aufbrechen und hier 4 Nächte verharren. Endlich wollte er am Sonnabend den 18. Julii von Schwerin bis Neustadt reisen und hier die letzte Nacht in Meklenburg schlafen. In dem Zuge waren 220 Personen und 440 Bagagepferde, so wie eine Compagnie Reiter von 60 Pferden 2 ), die "Leib=Guardi", also ungefähr so viel Pferde, wie Cosmus von Simmern in den Wallensteinschen Ställen angiebt. Zur Geschäftsführung begleiteten 3 ) ihn außer dem Cabinet der "Herr Custos" und während des Aufenthalts in Schwerin zur Ertheilung von Aufklärungen und Annahme von Verwaltungsbefehlen der Kammer=Präsident von der Lühe.


1) Vgl. Beilage Nr. 1.
2) Vgl. Beilage Nr. 2.
3) Vgl. Beilagen Nr. 10 und 18.
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Für das bloße Nachtlager in Sternberg, welches nur 3 Meilen von Güstrow entfernt ist, wurden keine besondern Maaßregeln genommen.

Aber für den Aufenthalt in Schwerin und Neustadt, wo Wallenstein längere Zeit verweilen wollte, wurden sehr umfassende Veranstaltungen getroffen. Die Hauptausführung ward dem Hauptmann Joachim von der Lühe zu Schwerin übertragen. Zunächst ward für den Hofhalt und die Speisung so vieler Personen ein sehr beträchtlicher Küchenzettel 1 ) ausgeschrieben und der Hauptmann v. d. Lühe "ganz ernstlich befehligt, sich bei Zeiten mit aller Nothdurft einzurichten, damit an keinem Mangel gespürt werde 2 )". Vorzüglich ward ihm aufgetragen, "sich mit guten Fischen zu versehen, damit er am einfallenden Fischtage (Freitag) die Nothdurft ausgeben könne 3 ) Etwa der vierte Theil der ausgeschriebenen Vorräthe war für Neustadt bestimmt 4 ). Das Waizenmehl sollte von Dömitz geholt werden 5 ). Zur Verpflegung des vielen Volks waren in Schwerin 2000 Commißbrote von 2 Pfund bestellt 6 ). Dem Proviantmeister zu Bützow ward aufgegeben, von dem auf dem dortigen Amte vorräthigen Roggen mahlen und daraus Commißbrot für die Kutscher bei den Bagage=Pferden backen zu lassen, für jede Person täglich 2 Pfund 7 ). Besonders umfassende Vorkehrungen wurden zur Unterhaltung der vielen Pferde getroffen. Von Güstrow sollte schon Hafer geschickt werden, wahrscheinlich nach Sternberg. Dann aber sollten von der fürstlichen "Officialei" (Amtsbehörde) zu Rostock 167 Drömt Hafer geliefert und durch die Amtsunterthanen der Aemter Schwan, Bützow und Rühn nach Schwerin gefahren werden 8 ). Der Amtmann zu Schwan ward mit der Besorgung beauftragt und "ganz ernstlich befehligt, keine Säumniß darin zu zeigen, so lieb es ihm sei, Seiner Fürstlichen Gnaden Ungnade zu vermeiden 9 )." Außerdem wurden von den Aemtern Schwan, Bützow und Rühn 66


1) Vgl. Beilage Nr 3.
2) Vgl. Beilage Nr. 1 und 2.
3) Vgl. daselbst.
4) Vgl. daselbst.
5) Vgl. Beilage Nr. 2.
6) Vgl. Beilage Nr. 3.
7) Vgl. Beilage Nr. 6.
8) Vgl. Beilagen Nr. 4 und 5.
9) Vgl. Beilage Nr. 5.
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Drömt Hafer bereit gehalten und davon ungefähr 25 Drömt abgegeben 1 ). Endlich sollten von dem Amte Dömitz noch gegen 14 Drömt Hafer "in aller Eil von dannen abgefordert werden 2 )".

Für den Aufenthalt in Neustadt war schon dadurch gesorgt, daß der vierte Theil des ausgeschriebenen Proviants für Neustadt bestimmt war 3 ). Außerdem ward dem Amte Neustadt befohlen, "sich mit allerhand Provision gefaßt zu halten 4 )" und von der Herzogin Mutter Sophie zu Lübz, welche im Lande geblieben war, "ungesäumt 3 Last Hafer abzufordern, welche aus der fürstlichen Rentkammer bezahlt werden sollten 5 )".

Ganz besondere Aufmerksamkeit muß der Befehl erregen: "Es soll ein groß Faß mit Eis bei Nacht nach Schwerin geschickt werden 6 )." Wallenstein liebte also den Genuß von Eis, den er ohne Zweifel von Oesterreich herüberbrachte. Das Eis wird auf seiner letzten Reise in Meklenburg noch öfter eine Rolle spielen.

Wallenstein langte am Dienstag den 14. Julii 1629 in Schwerin an. Er war vorher nur ein Mal kurze Zeit in Schwerin gewesen, im Anfang December auf seiner Rückreise aus Holstein, in ungünstiger Jahreszeit, wo es wohl rauh sein kann. Die Sagen von Bauten und Anpflanzungen in Schwerin durch ihn lassen sich in keiner Weise beweisen: die Sagen von Bauten, von Wallensteinschen Flügeln am Schlosse u. s. w. haben sich alle als falsch erwiesen. Wallenstein hat in Schwerin nichts bauen lassen.

Von Wallensteins Aufenthalt während der ausgesetzten 4 Tage wissen wir so gut wie nichts, als daß zum Fischtag, Freitag den 17. Julii, ungesäumt 3 Schock Karpfen von Wittenburg, einem Leibgedings=Amte der Herzogin Mutter Sophie von Lübz, geholt und deshalb "baar aus der Rentkammer bezahlt werden sollten 7 )."

Schwerin muß dem neuen Herrscher in der guten Jahreszeit sehr gefallen haben. "Seine Fürstliche Gnade hatten ihr


1) Vgl. Beilage Nr. 8.
2) Vgl. Beilage Nr. 1.
3) Vgl. Beilage Nr. 1.
4) Vgl. Beilage Nr. 10.
5) Vgl. Beilage Nr. 7.
6) Vgl. Beilage Nr. 1.
7) Vgl. Beilage Nr. 9.
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"Vorhaben in etwas verändert" und beschlossen, "noch etzliche Tage in Schwerin zu verharren 1 )." Er blieb noch drei Tage, bis zum Dienstag den 21. Julii, in Schwerin.

Nun ging aber der Proviant aus. Es mußten daher in der größten Eile von allen Ecken und Enden her bei Tag und Nacht neue Vorräthe herbeigeschafft werden. Es wurden schon am 17. Julii Eilboten mit Befehlen ausgeschickt. Zunächst ward dem Hauptmann zu Neustadt, 4 Meilen von Schwerin, Freitag den 17. Julii befohlen, daß er alle dort zu des Herzogs Ankunft vorräthig gehaltenen Fische, als Hechte, Barsche und Forellen, lebendig und frisch zum andern Morgen "gar früh um 4 Uhr ohne einigen Aufenthalt" nach Schwerin schicken, die übrigen bestellten Victualien aber "so viel möglich wohl verwahrlich und frisch aufbewahren solle 2 )." An demselben Tage erhielten die Beamten zu Gadebusch, Tempzin, Wittenburg und Warin, um der Noth zu steuern, den "ernstlichen Befehl 3 )" einen "großen Vorrath von Eiern" nach Schwerin zu senden; der Beamte zu Meklenburg sollte Angesichts des Befehls 8 Schock Eier zusammenbringen und dieselben "sammt so viel Gartengewächs als möglich, so wie alle Butter am folgenden Tage nach Schwerin schicken"; in Crivitz sollten Eier und "alle Butter" in der Stadt aufgekauft werden. In Güstrow sollten sogleich 2 Drömt (Waizen?) gemahlen werden und das Mehl bis spätestens Sonntag Mittag in Schwerin vorhanden sein. Auch 16 Schock Eier wurden am Sonntage noch von dem Küchenmeister zu Güstrow eingefordert 4 ). So wurden alle ungefähr 2 bis 4 Meilen um Schwerin liegenden Aemter und Städte in Bewegung gesetzt und entblößt, um den großen fürstlichen Hofstaat zu erhalten. Der Amtmann zu Meklenburg erhielt die Weisung, zum Freitag und Sonnabend "See= und andere Fische zu früher Tageszeit" einzusenden 5 ). Sehr bezeichnend sind bei der Vorliebe Wallensteins für frisches Obst die Veranstaltungen, seine Neigung zu befriedigen. Dem Amtmann zu Meklenburg, 3 Meilen von Schwerin, ward befohlen, die Kirschen nicht auf


1) Vgl. Beilagen Nr. 10 und 11.
2) Vgl. Beilage Nr. 10.
3) Vgl. Beilage Nr. 11.
4) Vgl. Beilage Nr. 15.
5) Vgl. Beilage Nr. 14.
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Wagen zu schicken, sondern nach Schwerin tragen zu lassen 1 ). Ganz unerhört mag es sein, daß der Hauptmann Joachim v. d. Lühe, "um Ihro Fürstlichen Gnaden unterthänige Willfahrung zu bezeigen", am Sonntage den 19. Julii einen eilenden Boten an seinen Oheim Joachim von Möllendorf zu Dargelütz bei Parchim (5 Meilen von Schwerin) schickte, der besonders guten Obstbau getrieben haben wird, mit der Bitte, "wenn er irgend gute Kirschen oder sonst Obst" habe, es sogleich durch den Ueberbringer verabfolgen zu lassen 2 ). So mußte alle Welt die allergrößten Anstrengungen machen, um den leisesten Wünschen des strengen Gebieters zuvorzukommen.

Sehr ungnädig aber vermerkte Wallenstein, daß man seinen eigenen ausgesprochenen Wünschen nicht genau nachkam. Wie schon oben bemerkt ist, liebte Wallenstein vorherrschend den Genuß von Eis. Schon zur Abreise von Güstrow war befohlen, ein "groß" Faß "mit Eis nach Schwerin zu schicken." Nun hatte aber der Gärtner zu Güstrow das "Eis sehr unfleißig in "kleine" Fässer verpackt", so daß es größten Theils geschmolzen war. Darüber hatte Ihro Fürstliche Gnade sich sehr ungnädig vernehmen lassen. Es erging daher am Sonntage den 19. Julii "von wegen Ihro Fürstlichen Gnaden der ernstliche Befehl 3 ), bei Vermeidung scharfer Strafe das Eis so einzupacken, daß es ohne zu schmelzen bei Nachtzeit könne verfahren werden, und zum Montag Morgen früh 4 Uhr wieder ein "großes" Faß Eis unter Aufsicht eines Gärtnergesellen nach Schwerin zu schaffen", wozu der Küchenmeister ihm "Angesichts" gute Fuhren verschaffen solle: bei einer Entfernung von 7 Meilen Landweg allerdings ein sehr harter Befehl.

Der Eisgenuß lag dem Herrscher so sehr im Sinne, daß er am Montag den 20. Julii den Hauptleuten zu Schwerin, Neustadt, Doberan und Stargard "ernstlich" befahl 4 ) bei guter Zeit zwei Eisgruben nach Art und Modell, wie die zu Güstrow, bauen und mit Eis für Ihro Fürstlichen Gnaden Hofstaat füllen zu lassen; auch sollte zu Güstrow eine zweite Eisgrube angelegt werden. Dieser sehr bezeichnende Befehl ist wohl einer der letzten von Wallenstein selbst im Lande erlassenen Befehle.


1) Vgl. Beilage Nr. 14.
2) Vgl. Beilage Nr. 12.
3) Vgl. Beilage Nr. 13.
4) Vgl. Beilage Nr. 17.
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Daß der Befehl befolgt ward, darf nicht bezweifelt werden. Nach des Bauschreibers zu Güstrow Rechnungen waren dort vom 26. October bis zum 6. December 1629 mehrere Teichgräber und Zimmerleute beim Bau des zweiten Eiskellers beschäftigt; so heißt es zum 26. October bis 1. November: "6 Tage 4 Zimmerleute an der Ayßkuhlen und an der Decken zum Gange vor der Ayßkuhlen", u. s. w.

Am Dienstag, den 21. Julii 1629, zog Wallenstein von Schwerin nach Neustadt, wo er einen halben Tag und eine Nacht zu bleiben beschlossen hatte. Die kleine Stadt Neustadt an der Elde war damals ein lebhafter Ort. Es war dort ein altes Schloß, welches noch steht, und der Herzog Adolph Friedrich hatte wegen des nahen großen Jagdreviers in der Lewitz=Waldung das neue Schloß anlegen lassen. Durch den in der Gegend häufigen Raseneisenstein blüheten hier Eisenwerke. Die Elde bot günstige Gelegenheit zur Flußschifffahrt und zu Mühlen.

Die Beamten in Neustadt waren der Hauptmann Joachim von Kleinow und der Küchenmeister Friedrich Thesandt, ein sehr tüchtiger, einflußreicher Mann, welcher 1621 bis 1645 Küchenmeister zu Neustadt, dann Rentmeister des Herzogs Adolph Friedrich war. Von Thesandt ist ein ausführlicher und genauer Bericht 1 ) über den Aufenthalt Wallensteins in Neustadt an den hochgestellten und gewichtigen Kammer=Präsidenten Hans Heinrich von der Lühe erhalten, welcher eine sehr klare und lebhafte Schilderung Wallensteins nach seinem häuslichen und geschäftlichen Leben giebt. Dieser Bericht ist bei weitem eine der wichtigsten Quellen für die Beurtheilung Wallensteins als Landesherrn.

Selbstverständlich war für Wallensteins kurzen Aufenthalt in Neustadt auch lange vorher gesorgt. Schon am 8. Julii wurden die dortigen Beamten von der bevorstehenden Ankunft unterrichtet und angewiesen, "etwa den vierten Theil des "für Schwerin ausgeschriebenen Proviants" vorräthig zu halten 2 ). An Hafer sollte der Küchenmeister 3 Last von der Herzogin Mutter zu Lübz gegen baare Bezahlung kaufen und sich außerdem noch auf 3 Last gefaßt machen 3 ). Da Wallenstein in Schwerin 3 Tage länger blieb, als er


1) Vgl. Beilage Nr. 18.
2) Vgl. Beilage Nr. 1.
3) Vgl. Beilage Nr. 7.
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ursprünglich beabsichtigt hatte, so litten dadurch allerdings die Vorkehrungen einige Abänderung. So mußte z. B. der Küchenmeister die für den Aufenthalt in Neustadt bestimmten Fische am Sonnabend eilig nach Schwerin schicken und für neuen Vorrath für Neustadt sorgen, wobei ihm aufgegeben ward, die übrigen "Victualien frisch zu erhalten" 1 ). Dennoch konnte Thesandt an den Kammer=Präsidenten berichten, "daß Ihre Fürstlichen Gnaden mit dem Tractement," wie auch an dem (unentbehrlichen) "Obst in Gnaden friedlich gewesen seien, so daß weder von Ihro Fürstlichen Gnaden, noch von Deroselben Officieren und Dienern einige Irrung vorgegangen" sei 2 ). Nur gab es mit den "vielen Abfuhren die größte Beschwer, da hierüber gar keine Ordinanz erlassen war; dennoch konnte alle Nothurft" befriedigt werden. Das unentbehrliche Eis durfte auch hier nicht fehlen; es waren zu Wallensteins Ankunft "ganze 4 Fässer" in Neustadt angekommen, von denen 2 Fässer auf die Weiterreise nach Perleberg vorausgeschickt wurden 3 ), von wo an der Eisgenuß wohl aufhören mußte.

Am Dienstag, den 21. Julii 1629, brach Wallenstein von Schwerin auf, wahrscheinlich sehr früh, da er bei den sandigen Wegen schon um 11 Uhr Vormittags in Neustadt anlangte, das 4 Meilen von Schwerin entfernt ist. Er selbst wohnte mit seiner nähern Umgebung und der Dienerschaft auf dem alten Schlosse, welches freilich klein und niedrig ist und sich mit den Schlössern zu Güstrow und Schwerin nicht messen kann. Der "Herr Custos" und der Kammer=Präsident, der aber nicht mit nach Neustadt reiste, sondern nach Güstrow ging, sammt der Canzlei sollten "im Hause des Hauptmanns gegen Bezahlung logiren" 4 ).

So wie Wallenstein in Neustadt ankam, fing er gleich an zu regieren. Augenblicklich schickte er von seinem Zimmer hinunter und ließ den Hauptmann v. Kleinow rufen und fragen, zu welchem Zwecke das ganz nahe bei dem alten Schlosse stehende, damals noch nicht ganz fertige neue Schloß ("Haus") angelegt und erbauet sei. Als man ihm darüber keine Auskunft geben konnte, so ließ er den Hauptmann auf sein Zimmer kommen und befahl, daß man dieses


1) Vgl. Beilage Nr. 10.
2) Vgl. Beilage Nr. 18.
3) Vgl. Beilage Nr. 18.
4) Vgl. Beilage Nr. 10.
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neue Gebäude nicht solle verfallen, sondern unter Dach halten lassen, auch der Kammer hinterbringen solle, daß dies sein Befehl sei.

Dann erkundigte er sich gleich nach den für die Flußschifffahrt auf der Elde sehr wichtigen Schleusen und befahl ebenmäßig, daß dieselben gebauet werden sollten.

Um 12 Uhr aß er zu Mittag in dem Gemache, welches Herzog Adolph Friedrich früher bewohnt hatte. Nach der Tafel legte er sich zur Ruhe in dem Zimmer der Herzogin, welches sein Schlafgemach ward.

Nachmittags um 3 Uhr fuhr er zur Besichtigung umher und der Hauptmann mußte ihn zu Pferde begleiten. Besonders ließ er sich die Eisenhütte 1 ) angelegen sein. Er ging hinein, setzte sich allein nieder und sah das Kugelgießen an. Weiter forschte er bei dem Meister, wie lange das Werk bestanden habe und ob nicht auch ein Eisenhammer vorhanden oder da gewesen sei. Dieser berichtete darauf, es sei kein Eisenhammer vorhanden, aber die fürstliche Wittwe habe einen auf ihrem zweiten Leibgedingsamte Wittenburg. Auf die Frage, warum man denn keinen in Neustadt angelegt habe, ward ihm die Antwort, daß es wegen des Kriegswesens nicht hätte sein können. Er ging jedoch noch weiter, rief den Hauptmann herbei und forschte, wohin die Kugeln, welche hier gegossen wurden, kämen. Der Hauptmann berichtete, der v. Arnim habe eine gute Partie bekommen, auch der "spanische Ambassadeur" zu Wismar etliche davon. Da fuhr Wallenstein auf: "Er ist den Teufel ein spanischer Ambassadeur, er dient dem Kaiser." Nachdem der Hauptmann zurückgetreten war, stand auch er auf und rief den Hauptmann wieder heran: "er wolle wissen, woher man es habe, daß ein spanischer Ambassadeur zu Wismar sei, wolle aber solcher Worte nicht mehr gewärtig sein." Als der Hauptmann berichtete, er wisse es von dem Hüttenmeister, so schwieg Wallenstein, ohne weiter in diesen zu dringen.

Nach Untersuchung der Werke fuhr er 2 Stunden lang zur Besichtigung im Felde spazieren.


1) Gleich nach seiner Ankunft in Meklenburg hatte Wallenstein die Betreibung des Eisenwerkes zu Neustadt befohlen und am 11. August 1628 den Eisenschmelzer und Gießer in seinen besondern Dienst genommen; vgl. Jahrb. VII, S. 65. Es wurden in Neustadt vorherrschend Kugeln gegossen.
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Als er zurückkehrte, ging er sogleich auf sein Zimmer und ließ Obst fordern, und darauf den Hauptmann rufen und befahl ihm, die Schreiben an den Kammer=Präsidenten, welche wohl während der Besichtigungsfahrt ausgefertiget waren, nach Güstrow zu schicken. Und damit legte er sich schlafen.

Die Bagage ging schon die Nacht vorweg. Auch die letzten 2 Fässer Eis wurden vorausgeschickt.

Am Mittwoch, den 22. Julii 1629, Morgens 5 Uhr, brach Wallenstein von Neustadt auf und nahm seinen Weg auf Perleberg. Er ist nie wieder nach Meklenburg gekommen.

Noch an demselben Tage, den 22. Julii, traf er nach andern Berichten zu Wolmirstedt bei Magdeburg ein.

Der Landreiter von Neustadt hatte, wahrscheinlich als Wegweiser, mitreiten müssen. Dieser kam am 23. Julii Nachts wieder in Neustadt an, worauf Thesandt sogleich am 24. Julii Morgens früh "citissime" den unten mitgetheilten Bericht an den Kammer=Präsidenten Hans Heinrich von der Lühe zu Güstrow abstattete.

Also war nach genauer Schilderung ein Tag in dem Leben Wallensteins, der letzte in Meklenburg.

 


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Beilagen.


Nr. 1.

Hauptbefehl an die betreffenden Hauptleute zur Aufnahme Wallensteins in Sternberg, Schwerin und Neustadt auf seiner Abreise aus Meklenburg.

D. d. Güstrow. 1629. Julii 8.

Nachdem I. F. g. negst kunftigen Montag, wird sein der 13 huius, mit der hofstadt von hinnen aufbrechen und

1) selbiges nachtlager zu Sterneberg halten werden:
2) dingstages zu Schwerin anlangen, auch daselbst vier nacht verharren werden:

Demnach sol der Heubtman

1) Churt Behre,
2) Jochim von der Luhe

hiemit gantz ernstlich befehligt sein, sich beizeiten mit aller noturft

3) (vnd etwa den vierdten theil von eingelegter verzeichnus: nach Newstadt)

einzurichten, damit an keinem mangel verspüret werde. Der haber sol ihme von hinnen bei zeiten hinvberschicket werden. Wornach er sich zu richten. Datum Gustrow, den 8 July, ao. 1629.

An

1) Churt Behren,

2) Mut. mutandis an Jochim von der Luhe,
     woselbst ein postscriptum anzuhengen:

"Der heubtman muß sich auch mit guten Fischen versehen, damit er am einfallenden fischtage die noturft ausgeben konne."

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3) Mut. mutand. an Newstadt:
"vnd sambstages zur Newstadt das nachtlager halten werden etc. ."
Postscr.

Es sollen auch 13 Dr. vnd 7 1/2 Sch. weis haber, so noch zu Dömitz vorhanden, in aller eil von dannen abgefordert vnd erkundigung angestellet werden, ob vnd wie viele haber noch dafelbst wider angekommen, damit derselbe bei zeiten auch abgeholet werden kann.

Oben im Anfange des Bogens stehen kurze Notizen, von anderer, wahrscheinlich von der Hand eines obern Beamten, welche für die Ausfertigung des vorstehenden und der folgenden Befehle maßgebend gewesen sind:

I. F. G. reise.

"Montack zum Sternberg. Dienstack zu Schwerin auff 4 Nacht. Von dannen auff Neustadt.
NB. Es soll in ein groeß Faeß mit eise bey nachtzeidt nach Schwerin geschiecket werden.
NB. Dem Herrn Stadhalter zu erinnern, wie starck I. F. G. reise woll, sonderlich mit viel pferden."

Die Rückaufschrift zu diesem und den folgenden eingelegten Befehlen lautet:

Ausrichtunge

zu Ihr. Fr. Gn. aufbruch den 13/23 Julii ao. 1629 von Gustrow nach Schwerin.

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archive zu Schwerin.


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Nr. 2.

Besonderer Befehl au den Hanptmann Joachim v. d. Lühe zu Schwerin zur Aufnahme Wallensteins in Schwerin auf seiner Abreise aus Meklenburg.

D. d. Güstrow. 1629. Julii 8.

Nachdem J. F. G. negstkunftigen Montag, wird sein der 13. huius mit der hoffstadt, wie auch einer Compagnie reuter von 60 pferden, Item 440 bagagepferden vnd darbei 220 personen von hinnen auffbrechen vnd dingstags zue Schwerin anlangen, auch daselbst vier nacht verharren werden, Demnach soll der heuptman Jochim von der Lühe hiemit gantz ernstlich befehliget sein, bei zeiten die noturft vermoge eingelegter verzeichnuß zu verschaffen, damit an keinem mangel verspuret werde. Der haber soll ihme von hinnen vberschicket werden; das weitzenmehl aber sol er von Dömitz holen laßen. Wornach er sich zu richten. Datum Gustrow, den 8. July Anno 1629.

Ad mandatum suae Celsitudinis     
proprium.                      

P. S.

Er soll sich auch mit guten Fischen versehen, damit er am einfallenden Fischtage die notturft ausgeben kann.


In Beziehung auf das letzte Erforderniß bei dem voraufgehenden Hauptbefehle steht unter dem vorstehenden Specialbefehle von andern Händen:

     "NB.
Ein comp. reutter
wirdt I. F. G. begleitten: 60 pferde.
Item die bagagepferde: 440 pferde.
Wie viell persohnen: 220 persohnen.
Weitzenmehl soll der Heubtman von Domitz holen lassen."

Nach diesen Angaben ist der vorstehende Befehl am Rande vervollständigt.

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.


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Nr. 3.

Verzeichniß der Lebensrnittel für die Hofhaltung Wallensteins auf 4 Tage Aufenthalt in Schwein.

(D. d. Güstrow. 1629. Julii 8.)

Waß in Ihr. Fürstl. Gnaden Hofhaltung vff 4 tage vonnöten sein wirtt.

6 Ochsen.
16 Kelber guhtt und feist.
60 Hammel guhtt und feist.
48 Lemmer guhtt und feist.
2 feiste Schweine.
12 Seitten Speck.
50 Gense 1 ).
16 Indiani 2 ).
120 Alte und Junge Hüner.
20 Pahr Tauben.
30 schock Eyer.
3 Tonnen gesaltzene Butter.
28  vngesalzene Butter 3 ).
40  Ins[chlit]= Lichter.
48 Stübichen süße Milch.
4 Pott Rohm.
100 Ertenne Topfte, groß vnd klein.
10 Buch Papier.
2 Drömbt weitzenmehl des besten.
2 Drömbt schon rogkenmehl.
2000 Commißbroeth, igliches 2  .
90 Tonnen biehr.
1 Tonne Eßigk.

1) Der Jahreszeit nach können dies nur ungemästete junge Gänse sein, welche bekanntlich in Norddeutschland nicht gegessen werden; ihre Verwendung ist also wohl ein neu eingeführter Brauch der Wallensteinschen Küche. In Norddeutschland ißt man die Gänse seit alter Zeit bekanntlich erst ungefähr seit Martini: daher die "Martins=Gänse".
2) "Indiani" sind "Indianische Hühner", oder "Truthühner, Puter" oder "Kuhnen". In Speisezetteln des 17. Jahrh. kommen oft "Indianische Hühner" neben "Kapaunen" vor.
3) Ungesalzene Butter ist auch in Norddeutschland nicht Gebrauch, also auch wohl neu eingeführt.
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Fische.
4 schock Karpffen.
10 schock Karauschen.
6 schock Hechtte.
4 schock braßem.
8 schock barse.
4 schock Schley.
2 schock frische Ahlen.
1 Tonne Herringk.
120  Stockfisch.
10 schock Plateisen 1 ), dürre.
1/2 Tonne Lax.

Nach einem Original im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.


Nr. 4.

Befehl an die fürstliche Officialei zu Rostock zur Uebsendung von 167 Drömt Hafer nach Schwein zu den Bedürfnissen der Hofhaltung Wallensteins auf seiner Abreise aus Meklenburg.

D. d. Güstrow. 1629. Juli 8.

Von wegen I. F. g. wird dero factoren vnd Officiali zu Rostock, Martino Sillern vnd Carl Caspar Danckwart, hiemit angezeiget, das die Beambte zu Schwan, Butzow vnd Ruhne befehligt, 167 Drompt Habern mit einander von dannen zu holen vnd gen Schwerin gegen I. f. g. ankunft daselbst zu verschaffen, Sollen demnach einem jeden, so viel er wird laden konnen, davon abfolgen, auch sich darauf quitiren laßen vnd berechnen. Daran geschicht I. f. g. meinung. Datum Gustrow, den 8. July ao. 1629.

An

Martin Sillern vnd               
Carl Caspar Danckwart.     

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.



1) "Plateisen, dürre", sind "Schollen" aus der Nordsee, getrocknet eingeführte Handelswaare, ebenso wie "Stockfische" und "Lachs".
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Nr. 5.

Befehl an die fürstlichen Aemter zu Schwan, Bützow, Rühn, auch Doberan, die nöthigen Bauerwagen zur Ueberführung von 167 Drömt Hafer von Rostock nach Schwein zu den Bedürfnissen der Hofhaltung Wallensteins auf seiner Abreise aus Meklenburg aufzubringen.

D. d. Güstrow. 1629. Julii 8.

Nachdem I. f. g. am kunftigen Dingstag zu Schwerin anlangen und vier nacht daselbst verharren werden, derhalben die verordnung gemachet, das die ambtsvnderthanen aus den embtern Schwan, Butzow und Ruhne sich alsobald vergleichen sollen, eine anzahl wagen aufzubringen vnd 167 drompt Habern von Rostock abzuholen vnd darhin zu verschaffen, Als sol der Amtman zu Schwan Levin Holstein hirmit ganz ernstlich befehligt sein, derselben ungeseumbt nachzukommen, vnd so viel wagen ihm zukommen werden, angesichts nach Rostock an Martinum Sillern zu schicken, daselbst den Habern gegen seine quitung enpfangen vnd dem haubtman zu Schwerin Jochim von der Luhe auff deßelben quitung wider zu liefern, vnd weil hieranne mercklich gelegen, muß er kein seumnus dafur nehmen, so lieb ihm ist, I. F. g. vngnade zu vermeiden.

Datum Gustrow, den 8. July ao. 1629.

   An
Ambman zu Schwan.
      In simili
Butzow
Ruhne
Dobbran sol auch holen.

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.


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Nr. 6.

Befehl an den Proviantmeister zu Bützow, den nöthigen Roggen zu Commisbrot für die Kutscher bei den Bagagepferden mahlen und Brot daraus backen zu lassen, zur Abreise Wallensteins aus Meklenburg.

D. d. Güstrow. 1629. Julii 8.

Der proviant=Meister zu Butzow Palm Fricke soll von dem vorhandenen rogken daselbst mahlen laßen vnd Commisbrot daraus backen, daßelbe den Kutzscher bei den bagage-pferden auf des geschirmeisters quitung ausgeben, nehmlich auf iede person teglich zwei pfund. Do auch kein haber auf gemeldte Bagage-pferde mehr vorhanden, sol er morgen fruhe nach Schwaen schicken, woselbst der Ambman die noturft von Rostock holen vnd gegen des Butzowschen Kuchmeisters quitung ihnen mittheilen wird. Wornach er sich zu richten. Datum Gustrow, den 8. July ao. 1629.

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.


Nr. 7.

Befehl an den Küchenmeister Friedrich Thesandt zu Neustadt, von der Herzogin Mutter Sophie zu Lübz 3 Last Hafer zu dem Aufenthalte Wallensteins in Neustadt bei dessen Abreise aus Meklenburg holen zu lassen.

D. d. Güstrow. 1629. Julii 10.

Von wegen I. F. g. wird Dero Kuchmeister zur Newstad Friedrich Theßant hiemit angezeiget, das er vngeseumbt, noch für I. F. g. ankunft, drey last habern von der hertzogin zu Lubtze auf seine quitung abfordern solle, welche aus der furstl. Rent=Cammer sollen bezahlet werden, inmaßen deswegen an I. F. g. nach Lubtze geschrieben. Vber solche drey last muß er sich noch auf 3

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last gefast machen, damit er in der ausrichtung desto beßer zukommen konne. Datum Gustrow, den 10. Jul. ao. 1629.

An

Friedrich Theßant.                

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.


Nr. 8.

Berechnung des zur Abreise Wallensteins aus Meklenburg für dessen Hofhaltung aus den Aemtern Schwan, Bützow und Rühn gelieferten und gebrauchten Hafers.

1629. Julii 11 - 13.

R. 14. Julii 1629 zu Schwerin.

Haber

zu I. F. G. Ausrichtung
von andern Embtern gelieffert.

Berechnung für Hofhaltung
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Berechnung für Hofhaltung

Nach dem Original im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.


Nr. 9.

Befehl, von Wittenburg 3 Schock Karpfen zur Hofhaltung Wallensteins auf dessen Abreise aus Meklenburg käuflich zu holen.

D. d. (Schwerin). 1629. (Julii 15.)

1) Fiat. mand. an Cristian Palacken, das ehr naher Wittenborg sich ohngeseumet machen vnd alda kegen den Freytack zu rechter Zeidt 3 schoeck karpfen zur hoffstadt einbringe.

2) An Wittenburg, das ehr kegen Quitung 3 schock karpfen abfolgen lasse, sie sollen bahr aus der Renthkammer gezahlet werden.

Außgefertigt den 19/20. July Ao. 1629.

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin. - Das Datum der Ausfertigung stimmt nicht zu dem Wochentage "Freitag" (17. Julii), welcher als "Fischtag" sicher richtig ist. Der Befehl wird also ungefähr am 15 Julii erlassen und vielleicht nachträglich erst am 19. Julii "ausgefertigt" sein, da die Eile groß war und daher ein Hofdiener zur persönlichen Abholung abgeschickt ward.


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Nr. 10.

Befehl an den Küchenmeister Friedrich Thesandt zu Neustadt, die dort vorhandenen Fische schleunigst nach Schwerin zu schicken, da Wallenstein sein Vorhaben geändert und einige Tage länger in Schwerin zu bleiben die Absicht habe, auch sich darauf einzurichten den Herrn Custos und den Kammerpräsidenten v. d. Lühe in seine Wohnung aufzunehmen.

D. d. Schwerin. 1629. Julii 17.

Ob woll vff befehl I. F. G. die ordinanz gemacht, daß sich der Heuptman zur Newstadt gegen I. F. G. ankunfft mit allerhandt provision am Freytage gefast halten solle vnd aber I. F. G. itzo ihr Voirhaben in etwas verendert, So wirt demnach obgemeltem Heuptman von wegen I. F. G. befohlen, das er die daselbst vorhande Fische, als Hechte, Barße vnd Forellen, so viel deren vorhanden, lebendigk vnd frisch morgen [Sonnabents] gar früe vmb vier Vhr ohn einigen vffenthalt alhie einschicken, vnd was sonsten an victualien außerhalb der Fische bei Ihm bestellet, so viel möglich wollverwarlich vnd frisch beibehalten solle. Wornach er sich zu richten. Datum Schwerin, den 17 July ao. 1629.

Ad mandatum Illustrissimi
proprium.           

Post.

Es soll auch der heuptman befehliget sein, den Hrn. Custos vnd I. F. G. Cammer=Praesidenten neben der Canzlei in sein hauß zu losiren vnd sich mit nohtturfftigen eßen vnd trincken vmb bezahlung gebürlich zu uersehen.

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin. - In dem Concept steht: "morgen Freytags", an einer Stelle, wo viel geändert ist. Dies ist aber wahrscheinlich ein Versehen, denn der morgende Tag nach Freitag, dem 17. Julii, wenn dieses Datum richtig ist, war Sonnabend. Die ersten Befehle Wallensteins, nach seinem Entschlusse, noch länger in Schwerin zu bleiben, sind aber vom 17. Julii datirt, und seine ursprüngliche Absicht war auch, am Sonnabend in Neustadt zu übernachten.


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Nr. 11.

Befehl an mehrere Aemter, schleunigst Eier, auch Gemüse und Butter nach Schwerin zu schicken, da Wallenstein auf seiner Abreise aus Meklenburg einige Tage länger, als Anfangs bestimmt, daselbst zu bleiben beabsichtige

D. d. Schwerin. 1629. Julii 17.

Nachdem I. F. G. noch etzliche tage alhie verharren werden vnd vnvermuetlich ein großer vorraht an Eyern erfordert wird, Als sol der Haubtman zu . . . . . . . hiemit ernstlich befehligt sein, . . . . schock eyer angesichts anhero nach Schwerin gegen der hieschen beambten quitung einzuliefern vnd zu berechnen, solches sol ihne in rechnung paßirt werden, vnd weil es die noturft erfordert, wird er sich desto fleisiger darnach achten. Datum Schwerin, den 17. Julii, ao. 1629.

An

Gadebusch 3 schock. - Tonnieshoff 4 schock.
Wittenborg 4 schock. - Warin 4 schock.

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.
Vorauf sind kurz folgende Befehle zur Ausfertigung von anderer Hand geschrieben:

Nach Gustrow.

Daß die alda vorhandene 2 Dr. mehl angesichts alda sollen gemahlen und das mehl dauon zum lengsten am Sontage mittage alhie sein.

Nach Mecklenburg.

Daß ehr angesichts 8 schock Eyer von den ampts vnderthanen zue wege gebracht (!) vnd do sie alda nicht vollig auf zue treiben, so viele mit zue kauffen, das sie morgen Sonnabents , zue sambt so viel gartengewechs alß muglich, zue sambt aller butter gewiße anhero sein mugen.

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Eyer von Criuitz 2 schock, so alda vorhanden, vnd 3 schock in der Stat zu kauffen, vnd alle butter.

Eyer von Gadebusch 3 schock.
Eyer von Wittenborch 1 schock.
Eyer von Tonnießhoff 4 schock.
Eyer von Wahrin 4 schock.


Nr. 12.

(Des Hauptmanns Joachim v. d. Lühe zu Schwerin) Bitte an Joachim v. Möllendorf auf Dargelütz, für Wallenstein gutes, frisches Obst zu übersenden.

D. d. Schwerin. 1629. Julii 19.

WollEdler, Gestrenger vnd vester, Inbesonderß vielgeliebter oheim vnd bruder. Es ist mein ganz freundlich pitte, ehr wolle I. F. G. die vnterthenige willfehrung bezeigen vnd da ehr irgend gutte kirschen oder sonsten oebest hatt, ohnbeschwerd bey zeigern anhero folgen laßen, welches Dieselbe ihm gnedig bezahlen laßen werden, vnd fur meine person verpleibe ich ihme iederzeit zu dienst geflißen. Datum Schwerin, den 19 Jul., ao. 1629.

An

Jochim Mollendorff     
auff Dargeluze.       

Nach dem Coneept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin von derselben Hand, wie der Befehl über die Nachschickung von Eis von demselben Datum, Nr. 13.


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Nr. 13.

Wallensteinscher Befehl (durch den Hauptmann Joachim v. d. Lühe zu Schwerin) über die Nachschickung von Eis von Güstrow nach Schwerin auf die Abreise Wallensteins.

(D. d. Schwerin. 1629. Julii 19.)

Alldieweill die thadt selbsten erwiesen, das der garthener zu Gustrow das eiß, so von dann hervbergeschiecket, sehr ohnfleißig in kleine Fessern vorwahret, mehr theill zersmolzen gewesen vnd I. F. G. da vber sich ohngnedig vornemen lassen, Als wirdt wegen I. F. G. dem garthener alda ernstlig vnd bey vormeidung scharffer straeff hiemit anbefohelen, das eiß also in die fesser einzumachen, das es ohnversmolzen hervber bey nachtzeit kan gesandt werden, massen ehr dan die vorsehung thuen soll, das kegen montagk gar frue zu 4 Vhren alhie wiederumb ein groeß Faeß mit eiß obigem befehelig gemeeß hervber geschiecket werd, vnd soll ihm der Kuchemeister dazu gutte fuehr angesichtes vorschaeffen, er aber einen garthener gesellen dabey ordenen.

Ist ausgefertigt den 19 Jul. ao. 1629.     

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin


Nr. 14.

Befehl an den Amtmann zu Meklenburg wegen Lieferung von Kirschen und Fischeu nach Schwein.

D. d. Schwerin. 1629. Julii 19.

Fiat Mand. An Meckelb. Das ehr die Kirschen nicht auff wagen, sondern an hero vbertragen lasse vnd teglig welche einschicken. Auch auff Freitack vnd Sonabend sehe= vnd ander fische zu fruer tagezeidt einschicken.

Ist abgegangen den 19. Jul. 1629. Schwerin.     

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin. - Die Concpte der Befehle vom 19. Julii sind außerordentlich unleserlich geschrieben, besonders das gegenwärtige.


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Nr. 15.

Befehl an den Küchumeister zu Güstrow, 16 Schock Eier zur Hofhaltung Wallensteins nach Schwerin einzusenden.

D. d. Schwerin. 1629. Julii 19.

Nachdem I. F. G. noch etzliche tage alhie verpleiben werden, Als sol der Kuchmeister zu Gustrow hiemit befehligt sein, sechzehn schock Eyer zusammenzubringen vnd gegen der hieschen beambten quitung heruber zu liefern. Daran geschigt I. F. G. meinung. Datum Schwerin, den 19 Jul., ao. 1629.

An

David Schutten.                

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.


Nr. 16.

Befehl an den Küchenmeister zu Dömitz, über das zur Hofhaltung Wallensteins bei dessen Abreise aus Meklenburg nach Schwerin beftimmte Korn specificirte Rechnung auzufertigen und einzusenden.

D. d. Schwerin. 1629. Julii 19.

Von wegen I. F. G. wird Dero Kuchmeister zu Dömitz hiemit ernstlich anbefohlen, Er solle eigentlich specificiren vnd aufsetzen, wie das iungst angekommene korn durch die darzu verordente ambtsvnterthanen sey aufgefuhret, wie viel es in alles gewesen vnd wohin es geliefert, auch was davon aufgeschuttet worden, vnd sol derselben verzeichnußen zwo verfertigen, die eine dem Rentmeister nach Gustrow vnd die andere anhero schicken. Wornach er sich zu richten. Datum Schwerin, den 19 Julii, 1629.

An

Christoff Gardemin.                

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.


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Nr. 17.

Wallensteins Befehl (durch den Kammer=Präsidenten Hans Hinrich v. d. Lühe), in verschiedenen Aemtern Eisgruben anzulegen.

D. d. Schwerin. 1629. Julii 20.

Von wegen I. F. G. wird Dero Haubtman zu . . . . . . hiemit ernstlich anbefohlen, das er bei guter Zeit zwo eisgruben solle laßen machen, dieselbe mit balen durchlegen vnd mit einem tache bedecken nach art vnd model, wie die zu Gustrow ist, vnd solche alle beide auf den Winter, geliebts Gott, mit eiß laßen füllen, damit es für I. F. G. Hoffstatt behalten werden konne. Die vnkosten sol er von des ambts intraden nehmen vnd berechnen. Solcher ist I. F. G. eigentliche meinunge. Datum Schwerin, den 20/30. Julii ao. 1629.

Ad mandatum etc.          

          An

Schwerin.
     In simili an
Newstad,
Dobbran,
Stargard,
Gustrow, das sie noch eine gleich wie die vorige sollen machen laßen.

Nach dem Concept im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.


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Nr. 18.

Bericht des Küchenmeisters Friedrich Thesandt zu Neustadt an den Kammer=Präsidenten Hans Heinrich v. d. Lühe zu Güstrow über den Aufenthalt Wallenstein's zu Neustadt und dessen Abreise aus Meklenburg.

D. d. Neustadt. 1629. Julii 24.

WollEdler, Gestrenger vndt Vester. Demselben seintt meine gefließene Vermugensdiennste iederzeitt zuuor. Großgunstiger Herr Cammer=Präsident 1 ), Hochgeerter Forderer.

Diese nacht vmb 1 Vhr ist der Landtreiter 2 ) wieder anhero gelangtt.

I. F. g., V. g. f. vndt Herrn ausrichtung 3 ) betreffendt seint Dieselben alhie mit solchem tractement an speisung, wie auch obst 4 ) also vorgangen, das Dieselben damit in gnaden friedtlich geweßen, daß dahero so wenig von I. F. g. alß auch Deroselben officir vndt Diner einige irrung vorgangen.

Am Dingstagk mittagk vmb 11 Vhren seintt I. F. g. hie an gelanget, wie sie in dem Platz von der Gutzsche gesessen, Gestrax auff Ihre logement gegangen, darauf herunter geschicket, den Heuptman Kleinowen 5 ) fodern vndt fragen laßen, zu waß ende daß Neuwe Hauß 6 )


1) Hans Heinrich von der Lühe auf Thelkow Antheil und Wandrum war von Wallenstein zu der wichtigen Stelle eines Kammerpräsidenten berufen. Sein Bruder Paschen ward Hof= und Landgerichts=Präsident. Volrath v. d. Lühe auf Schulenberg ward wirklicher Geheimer Rath. Die von der Lühe mußten unter Wallenstein die wichtigsten Aemter übernehmen, dafür aber in der Folge hart büßen. Vgl. Lisch Gesch. des Geschlechts Hahn II, S. 336 flgd., und Jahrb. XVII, S. 207.
2) Der reitende Amtsbote, welcher dem Wallensteinschen Zug die Wege nach Perleberg hatte zeigen und auch wohl die Amtsfuhren beaufsichtigen müssen.
3) Vgl. oben S. 56 flgd.
4) Vgl. oben S. 48 flgd. und Beilage Nr. 12.
5) Gottschalk v. Kleinow war 1629-1630 Amtshauptmann zu Neustadt, vorher zu Grabow. Er war von dem Gute Kleinow (jetzt Ludwigslust), welches er mit seinen Brüdern im J. 1616 an den Herzog Johann Albrecht II. verkauft hatte. Vorher war 1624-1628 Lüdeke Hahn auf Arensberg Hauptmann zu Neustadt, Dömitz und Eldena gewesen.
6) Das neue Schloß zu Neustadt (nicht weit von dem alten), welches der Herzog Adolph Friedrich I. (zum Jagdschloß) 1620 und 1621 in den Mauern bis zum Dache hatte aufführen, aber noch nicht ausbauen lassen. Vgl. Lisch Meklenburg in Bildern, I, 1842, S. 36 flgd., mit Abbildung.
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angelegt vndt erbawet, Darauff derselbe geandtworttet, das ihm solhes vnbewust, Zumahll eß vor seiner Zeit angelegt worden. Nach diesem haben I. f. g. denselben in Dero Zimmer erfordert, angetzeigt, das man daß Neuwe gebeute nicht solle verfallen laßen, Sondern solhes vnter tach zu halten, der Cammer auch hinterbringen, das solches I. f. g. befehelich were.

Nach den Schleusen 7 ) haben I. f. g. auch gefragt vndt ebenmeßig befohlen, daß dieselben gebawet werden sollen.

Vmb 12 Vhr haben I. f. g. Maltzeitt in dem Gemach 8 ), do I. f. g. hertzogk Adolph Friedrich vor diesem in losiret, gehaltten, in I. f. g. der Hertzogin gemach geschlaffen. Wie die Maltzeit vorbei, haben sich I. f. g. zur ruche gelegtt.

Vmb 3 Vhren seint dieselben nach dem Schmeltzen=Ofen 9 ) gefaren, den hauptman mit zu reiten antzeigen laßen. Wie sie nun in die Hutte komen, haben sie sich Nieder gesetztt, die Kuchelen gießen 10 ) angesehen, den Meister 11 ) gefraget, wie lange solch werck do gewesen, worauff ehr berichtett, daß eß nun drei Jar lang gestanden. Noch ein Eisen=Hamer haben I. f. g. auch gefraget, ob einer hie gewesen oder noch were, worauff I. f. g. berichtett, das I. f. g. die Fürstliche Wittib zu Luptze 12 ) zu Wittenborch einen hette. I. f. g. haben zwar angetzogen, worumb man hie auch keinen angeleget, worauff der Meister geantworttet, daß eß biß dahero wegen vergangenen Kriegeßwesen nicht sein konnen.


7) Am 3. Dezember 1628 hatte Wallenstein befohlen, zur Beförderung der Stromschifffahrt die Schleusen bei Neustadt und Dömitz in guten Stand zu setzen und die neue Elde auszusäubern und besonders die drei ersten bei Neustadt gelegenen Schleusen wieder herzustellen. Vgl. v. Lützow Mecklenb. Gesch. III, S. 230.
8) Auf dem alten Schlosse.
9) In Meklenburg waren bei Neustadt seit alter Zeit Eisenwerke für Raseneisenstein; vgl. Lisch Geschichte der Eisengewinnung in Meklenburg aus inländischem Rasenerz in Jahrb. VII, S. 52 flgd.
10) Es wurden zu der Zeit vorzüglich nur eiserne kugeln gegossen; vgl. daselbst S. 64 flgd.
11) Der Eisenschmelzer und Gießer Meister Martin Hoyer vom Harz war von Wallenstein am 11 August 1628 von neuem in Dienst genommen; vgl. daselbst S. 64 und S. 116-117.
12) Die Herzogin Mutter "Sophie von Lübz" hatte in ihrem zweiten Leibgedingsamte Wittenburg zu Wohld seit dem J. 1614 einen Eisenhammer; vgl. daselbst, S. 67 flgd.
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Endtlich haben I. f. g. den Hauptman Kleinowen zu sich gefodertt, gefraget, wohin die Kuchelen, so gegoßen, kommen, Worauf der den vnderthenigen bericht getahn, das der von Arnheimb ein guete Partei bekommen. So hette auch der Spanische Ambaßator munsur Gabriel de ror 13 ) etzliche dauon bekommen; worauf I. f. g. geantworttet, ehr ist den teuffell ein Spanischer ambassator, Ehr dinet den Kaiser. Damit der Heuptman wider zuruck getreten. I. f. g. seint noch ein weill geseßen, entlich aufgestanden, den Heuptman wieder gefodert, erstlich angefangen, I. f. g. wollt wißen, woher manß hette, daß ein Spanischer Ambassator zur Wißmar, vndt wollten sie solche wortt nicht mer gewertig sein, worauf der Heuptman bericht getahn, das ehrs von dem Meister des Hochenofens gehortt, wobei eß geplieben vndt nichts mer gedacht worden.

Von der Hutten seint I. F. g. inß felt Spatziren faren, woll 2 Stunde außgewesen.

Wie dieselben wieder ein kommen, auf Ihr losier gangen, obst 14 ) foderen laßen, hernaher den Heuptman foderen laßen, die schreiben an E. Gest. haltende vff Gustrow 15 ) zu schicken anbefohlen, sich damit schlaffen gelegtt.

Die nacht ist die pagagi wegkgangen.

Den morgen vmb 5 Vhren seint I. f. g. von hinnen auch aufgebrochen vndt vff Perlebergk 16 ) ihren wegk genommen.


13) Gabriel de Roy (nicht Ror) trat im J. 1627 beim Könige von Polen als spanischer Gesandter auf, namentlich in Danzig. Später war er 1628 auf dem Hanseconvente in Lübek und hielt sich dort auf, wo Schwarzenberg als kaiserlicher Gesandter fungirte. Im December 1628 zog er nach Wismar, wo er zwei Häuser am Markte, welche den Landesherren gehörten, einnahm und ein Haus daraus bauen ließ. Wahrscheinlich war dies das Haus an der Südseite des Marktes, welches früher dem Rentmeister Andreas Meyer gehörte, das spätere Commandantenhaus. Am 28 Julii 1628 wohnte "Hauptmann Kleinow zu Wismar" in dem fürstlichen Hause am Markte; vgl. oben Note 5.
14) Wallenstein liebte sehr Obst; vgl. oben S. 48 und 51 und Beilagen Nr. 12 und Nr. 14.
15) Der Kammerpräsident Hans Heinrich v. d.Lühe hatte seinen Wohnsitz in Güstrow und war schon vor Wallensteins Abzug dahin zurückgekehrt.
16) Dies war am 22. Julii. Wallenstein kam noch an demselben Tage in Wolmirstedt und "vor Magdeburg" an, da es Schreiben giebt, die schon vom 22. Julii von Wolmirstedt datirt sind. Vom 1. August an finden wir ihn zu Halberstadt. - Wallenstein zog am 21. Julii Morgens von Schwerin nach Neustadt. Der Herzog Adolph Friedrich von Meklenburg war seit dem 20. Julii und den folgenden Tagen nahe (  ...  )
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Ist also hie nichts wiedrigs im vbrigen vorgelauffen.

Der Heuptmann Kleinow ist vf abermahligen befehelich den morgen vor I. f. g. hiekunfft hie angelangtt; I. f. g. haben sonsten gantz nicht gefraget, ob ehr hie Heuptman bleibe 17 ).

Eiß 18 ) seint hie gantzer vier vaßer kommen, wouon noch 2 veßer vff Perlebergk geschicket worden.

Jochim Lutzow 19 ) ist von hie schon wegk gewesen.

Die vielen abfuren, so alhie gefordert, ist das großeste beschwer gewesen, zu mahl man dauon gantz keine ordinantz gehaptt, sondern wie sie vffbrechen wollen, ein ieder die wagen gefodert; es hatt gleichwoll ein ieder die notturfft bekommen, daß eß auch kein wunder erreget.

Dieß E. Gestr. ich dinstlich hinterpringen wollen, Derselben ich zu uermuglichen diensten bereit willig verpleibe. Newstatt in eil den 24 Julii 1629.

E. Gestr.                              
dienstw.                     
Friedrich Thesandt.

Dem WollEdlen, Gestrengen vndt
Vesten Hanß Heinrich von der Luhen,
F. Mecklenb. Cammer=praesidenten zu
Gustrow, auf Wandrumb 20 ) vndt Gallen=
tin 21 ) Erbgeseßen, Meinem insonders


(  ...  ) an Wallensteins Straße vorbei wieder durch sein Land nach Lübek gezogen, über Putlitz, Marnitz, Parchim, Schwerin. Vgl. Jahrb. XII, S. 96. Er kam am 25. Julii von Putlitz bei Parchim vorbei nach Tramm und am 26. Julii von Tramm bei Schwerin Vorbei nach Rehna.
17) Vgl. oben Anmerkung 5
18) Ueber den Genuß von Eis, vgl. oben S. 53 und S. 55 und Beilage Nr. 13 und Nr. 17.
19) Joachim v. Lützow war Hauptmann zu Schwerin.
20) Hans Heinrich v. d. Lühe war aus dem Hause Thelkow bei Tessin und Mitbesitzer des Gutes. Im J. 1625 hatte er Wandrum bei Schwerin gekauft.
21) Am 19. Junii 1629, also kurz vor Wallenstein's Abzug aus Meklenburg, hatte Wallenstein den Kammer=Präsidenten H. H. v. d. Lühe in außerordentlich anerkennenden Ausdrücken mit dem schönen Hofe Gallentin, nördlich von Schwerin am See, "zu recompens seines angenehmen Fleißes u. s. w. aus Gnaden beliehen."
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großgunstigen herrn vndt hochgeerten
forderern.

Cito.
Cito. Vmb 7 Vhr vormittags
Cito. alhie abgefertigt.
Citissime.               

(L. S.)

Registratur.

Friedrich Thesand.

Bericht I. p. G. ankunft vnd wider abreden

zur Newstad.

R. 24 July ao. 1629.

Nach dem Original im Geh. und Haupt=Archiv zu Schwerin.

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III.

Wallensteins Armenversorgungs=Ordnung

für Mecklenburg.

Von

Dr. G. C. F. Lisch.


E ines der treffendsten Beispiele, wie Wallenstein in seinem neuen Lande regierte, giebt sein Bemühen für die Armenversorgung. Bis zu seiner Zeit waren die Armen auf die Aufnahme in die alten Armenhäuser zum Heiligen Geist und zum Sanct Georg und auf den "Bettel" angewiesen. Wallenstein in eigener Person setzte die Ordnung der Armenversorgung für das ganze Land in einer Stunde ins Werk und forderte die ganze Ausführung seiner Befehle während einer Zeit von vier Monaten! Nach seinem Tode ging aber durch die Greuel des Krieges diese ganze Ordnung, ja alles Neue wieder unter und in den vorigen Zustand zurück, und man konnte sich zweihundert Jahre lang nicht zu einer durchgreifenden Operation der Uebel erheben. Alte Leute werden sich noch erinnern, daß noch im Anfange dieses Jahrhunderts der "Bettel" "um Gottes willen" in voller Blüthe stand. Erst seit ungefähr fünfzig Jahren hat man angefangen, diesem Zweige der Volkswirthschaft ernstere Sorge zu widmen, freilich mit mächtigen Vorarbeiten und Berathungen, und ist gerade jetzt im Begriffe, über gründliche Heilmittel ernsthaft nachzudenken. Wallenstein nahm die Sache sehr ernst, aber machte sie sich leichter. Seine Regierung war klug, aber straff. Ein Befehl von ihm war genügend: der Ausführung hätte sich wohl Niemand zu widersetzen gewagt.

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Neben den großen Oberbehörden, die Wallenstein in kurzer Zeit gebildet hatte, richtete er auch eine Regierungs="Canzlei" mit großem Personal ein. Diese Canzlei verwaltete besonders das Lehnswesen, aber außerdem auch die gesammte Landes=Polizei und sonstige Regierung, so daß man sie wohl eine "Cabinets=Regierung" nennen kann. An der Spitze dieser Canzlei stand Wallenstein selbst. Zum Director war der "Canzler Johann Eberhard von Elz", aus dem Kur=Trierschen stammend, eingesetzt, welcher mit Wallenstein ins Land kam und tief mit in seines Herrn ganzes Geschick verwickelt war. Ein sehr thätiger und bekannter untergeordneter Arbeiter in dieser Canzlei war Peter Graß, "Lehns=Secretarius und Archivarius." Diese Personen treten denn auch in den vorliegenden Acten auf.

Der Frühling des Jahres 1629 ist besonders reich an neuen Einrichtungen und Verfügungen, nachdem Wallenstein die gehörigen Anordnungen getroffen hatte, sein Land näher kennen zu lernen.

Eine der merkwürdigsten Handlungen Wallensteins ist seine Ordnung über die Armenversorgung, die in den anliegenden Blättern enthalten ist, welche mir ein glücklicher Zufall im Staats=Archive in die Hände spielte. Wallenstein hatte erforschen lassen, daß es im Lande wenigstens 300 völlig Arme gebe, welche ohne alle Mittel zur Erhaltung ihres Lebens waren, ähnlich den Bewohnern des jetzigen Landarbeitshauses zu Güstrow in dem schönen Schlosse, in welchem Wallenstein vor 240 Jahren wohnte und die Armen=Ordnung erließ. Es war von seinen Beamten eine Ordnung entworfen, welche ihm aber durchaus nicht gefiel und "allerlei Difficultät" hervorgerufen hatte, ohne Zweifel weil man sich wegen der Kosten und der Verwaltungsweise nicht einigen konnte. Da griff er rasch selbst ein und gab die Grundzüge zu einer andern "Instruction" an, welche der Canzler von Elz selbst sogleich niederschrieb 1 ) und dem Archivar Graß zu sofortiger Ausfertigung übergab, mit der Anweisung: "Der Herr hat eine andere Instruction zu fertigen ungefähr des Inhalts etc. ." Diese Instruction, welche im höchsten Grade straff und befehlhaberisch gehalten ist, war in jeder Hinsicht etwas Neues und stellte den ganzen bisherigen Gebrauch auf den Kopf.


1) Vgl. Beilage Nr. 1.
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Die Grundzüge dieser Instruction sind sehr einfach und kurz folgende. Die Armen sind den Kirchspielen zuzuweisen, zu denen sie gehören; zu den Armen eines Kirchspiels gehören nicht allein diejenigen, welche darin ansässig sind, sondern auch alle diejenigen, welche darin gedient und gearbeitet haben, darin erkrankt und zu Schaden gekommen sind. Die Armen eines jeden Kirchspiels sind (zur Gewinnung einer Statistik) mit Fleiß zu erforschen. Jedes Kirchspiel soll seine Armen selbst unterhalten. Zur Aufnahme und Unterhaltung der Armen soll in jedem Kirchspiele in dem Kirchdorfe ein ausreichendes Armenhaus gebauet werden und den Armen sollen die Erhaltungsmittel jährlich auf Dionysii (9. October) durch die Kirchen=Juraten gereicht werden. Die Beiträge der Eingepfarrten sollen nach Bedürfniß in Gemäßheit der Hufen von deren Besitzern nach der Kornaussaat eingetrieben werden.

Mit dieser Verordnung war der schwierigen Sache allerdings gründlich geholfen, wenn sich auch nicht leugnen läßt, daß die Cabinets=Befehle, denn so muß man die Verordnungen nennen, sehr hart waren und der landständischen Berathung und Beschlußnahme ermangelten.

Es handelte sich nun um die richtige und möglichst rasche Ausführung der Verordnung. Die Landstände waren in Güstrow versammelt. Wallenstein bestellte daher aus jedem der drei landständischen Kreise den Landmarschall und einen Deputirten und für das ehemalige Bisthum Schwerin zwei adelige Deputirte und den Küchenmeister zu Bützow zu "Armenhaus=Deputirten". In Hinsicht auf die Form der Bestallung ist hervorzuheben, daß Wallenstein für das Bisthum die bisherigen Formen: Stift Schwerin und Stift Bützow, abschaffte und dafür den Namen "Bützower Kreis" einführte, da fortan "kreisweise" verwaltet werden sollte. Um die Absicht sicher zu erreichen, sollte die Arbeit augenblicklich angegriffen werden. Dem Archivar Graß ward hinsichtlich der Ausfertigung der Befehle geboten: "Dies "muß in continenti geschehen, weil die Personen noch "hier" versammelt sind. Zugleich ward demselben die Ausfertigung einer Nachschrift 1 ) befohlen des Inhalts, daß "die Deputirten bis zu endlichem Schluß nicht auseinander weichen" sollten. Ja, Wallenstein ging so weit, zu befehlen, nicht allein daß die Deputirten "bis zum endlichen


1) Vgl. Beilagen Nr. 2 und Nr. 3, Postscript.
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Beschluß" versammelt bleiben, sondern auch auf seinen Befehl der versammelten Ritterschaft vermelden sollten, vor schließlicher Vereinigung nicht von einander zu weichen 1 ).

Die Sache ward mit der größten Eile und Kraft betrieben. Am 13. Mai 1629 ward der Befehl zur Beschlußnahme erlassen. Schon zum 29. September sollten alle Armenhäuser "fertig" und am 9. October mit Armen besetzt sein. Außerdem sollten die Deputirten noch auf "Conservationsmittel" bedacht sein, damit das "löbliche Werk in richtigem Stande verbleiben" möge. Zum bessern Unterricht und zur Nachachtung ward schließlich den Deputirten noch "Ihro Fürstlichen Gnaden Armenhaus=Ordnung" zugesandt; hiemit ist wohl Wallensteins Ordnung für dessen böhmische Besitzungen gemeint, welche sich bisher nicht hat finden lassen, jedoch in Folge der gegenwärtigen Anregung vielleicht noch entdeckt wird.

Wallensteins Gesinnung und Regierungsweise läßt sich wohl aus keinem andern Verfahren so klar erkennen, als aus dieser Armen=Ordnung.

Daß die Sache in Angriff genommen ist, kann bei Wallenstein's entschiedener Willensrichtung keinem Zweifel unterliegen. Es ist aber durch die gräulichen Verwüstungen der folgenden Jahre, nicht selten auch durch die Freunde, von der ganzen Geschichte nichs weiter übrig geblieben, als die nachfolgenden Blätter Papier im Archive!



1) Vgl. Beilagen Nr. 3 und 2.
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Beilagen.


Nr. 1.

Wallenstein's Cabinets=Befehl über die Versorgung der Armen in Meklenburg.

(D. d. Güstrow. 1629. Mai 13.)

Großgünstiger Herr Archivarie.

Der Herr hat ein andere Instruction zu fertigen ahn stat deren wegen der 300 armen, vngefher deß inhalts:

Weil mit der ganz gewißen Zahl der 300 armen allerlei difficultäten befunden, alß stellen I. F. g. den Deputirten, alß des

  / Hening Lutzow.
1) Meklenburgischen Crayses       < Alb. Did. Pleß.
  \ Husan.
2) Wendischen Crayß   / Wicke Moltzan.
  \ D. Lindemann.

3) Stargardischen Crayß 

  / Claus Han.
  \ Bogslaf Beer.
  / Bartold Perkentin
4) Bützower Crayß < Jörg Wakerbart.
  \ Küchmeister zu Bützow.

(Man soll nit mehr setzen: stifft Schwerin und stifft Bützow, sondern also Craysweise)

daß sie auf angesetzten termin dahin bedacht seyen:

1) Damit ein iedes Kirspel durch das ganze land seine eigne arme selbes vnderhalten, vnd sollen hiervnder auch die frembde, so etwen im kirspel gedienet oder gearbeitet, zu krankheit vnd schaden kommen, verstanden werden.

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2) Vnd soll in iedem Kirspel, da die Kirch befindlich, ein armen hauß nach gelegenheit desselben gebaut werden.

3) Dar zu ein gewißer termin alß biß Michaelis (29. September) anzusetzen, in welchem es verfertigt vnd nechsten Dionisii (9. October) mit armen besetzt soll werden, vnd sollen die plätz von der Freiheit, da keine vorhanden, sonst an bequemen orth, welcher von gemeiner anlag den eigentumsherrn bezahlt werden muß, genommen werden.

4) Soll in iedem Kirspel auf etzliche mehr armen, alß ietz darin, weil in der künfftig sie sich mehren könten, ein gewisse zahl angesetzt werden. Man sol mit Fleiß in iederm Kirspel die armen erforschen vnd also auf dieselbe die anlag richten, damit gleich wohl, wen etwa mehr mit der Zeit sich befinden werden, dieselbe auch vnderhalten möchten werden.

5) Die Hauptanlag soll gentzlich auf korn nach saat vnd huefen gewidmet werden.

6) Die Dörfer, so in die Landstätt gepfart, sollen mit den selben ihr quotam pro rata auch tragen vnd ihr armen dargegen hinein zu schaffen befugt sein.

7) Eß sollen die deputirte dahin es vermitteln, daß die einnamen der armen auf Dionysii järlich richtig den Juraten eingebracht vnd vnder die armen ausgetheilt werden.

8) Wo nach dieser Ordnung eines Kirspels armen anderer orthen sich befinden, soll das Kirspel nach befindung davor gehalten sein.

9) Die Deputirte sollen auf ein gewiß conservationsmittel bedacht sein, damit diß lobliche werk in richtigem stand verpleiben möge.

Vndt wirdt zu desto besserer nachrichtung den Commissarien I. F. g. Armenheuser=Ordnung hiermit copeilich zugesendet.

NB. Ein klein schreiben ahn iedern Circul's Herrn Commissarios beneben der instruction.

Diß muß in continenti geschehen, weil die personen noch hier.

Im Staatsarchive zu Schwerin, ganz von der Hand des Wallensteinschen Canzlers von Elz.


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Nr. 2.

Wallensteins Befehl an die Armenhaus=Deputirten, bis zum endlichen Beschluß über die Armenversorgung versammelt zu bleiben.

(D. d. Güstrow. 1629. Mai 13.)

Großgunstiger Herr Peter Graß. Er wolle ohnbeschwert loco postscripti an die zu den Armen heusern deputirte Herrn Commissarios einen bevelch aufsetzen, daß sie, biß zu endlichem schlus, nicht von einander weichen sollen. Eltt mit v. s.

Dhfwilliger                              
Elz Cantzler.          

Im Staats=Archive zu Schwerin, ganz von der Hand des Wallensteinschen Canzlers von Elz.


Nr. 3.

Wallenstein's Bestellung der landständischen Deputirten zur Ausführung der neuen Armenversorgungs=Ordnung.

D. d. Güstrow. 1629. Mai 13.

Albrecht etc. .

Vnsern gnedigen gruß zuuor. Ehrnuöste, liebe getrewen. Beiuerwahrt habet Ihr vnsere Instruction wegen anrichtunge armen heußer vnd vnderhalttung armer leute darin zu empfangen, Mit gnedigem begehren vnd befehlig, das Ihr Euch darnach gehorsamlich richtet vnd alles wie sich gebuertt effectuirt vnd zu wercke setzet. Daran geschicht vnser gnediger wil vnd meinung, vnd pleiben Euch mit gnaden wol beigethan vnd gewogen. Datum Gustrow, den 13. May Ao. 1629.

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Den Ehrnuösten vnsern respective Rhat, Mecklenburgischen Crayß Landtmarschallen
vnd lieben getrewen
Henneke Lutzowen zum Eichhoffe vnd
Albrecht Dieterich von Pleßen zum Newenhoffe.

Den Ehrnuösten vnd Hochgelärten, vnserm respective Rhat, Wendischen Crayß Landtmarschallen
vnd lieben getrewen
Vicke Moltzahn zu Grubenhagen vnd
Thomae Lindeman der Rechte Doctorn von
Professorn in vnser Vniuersität Rostock.

Den Ehrnuösten von Hochgelärten vnserm respective Vice=Landtrichter, Stargardischen Crayß Landtmarschallen
vnd lieben getrewen
Claus Hahnen zu Baßdow vnd
Bogißlaff Behr zu Rempelin.

Den Erbarn vnsern Lehenleuten respective Kuchmeister zu Butzow
vnd lieben getrewen
Bartholtt Berkentin zum Boltz,
Jürgen Wackerbahrten zu Katelbogen vnd
Claus Schmellen.

Post scriptum.

Auch Ehrnuöste, liebe getrewen, ist vnser gnedigs begehren vnd befehlig an Euch, das Ihr nit allein fur Ewre Persohn bis zu enttlichem beschlus in beuorstehender zusammenkunfft der sachen abwartet, sondern der samptlichen anwesenden Ritterschafft an vnsere staht anmeldet, das Sie auch Ihres theils fur solchem vereinigten schlus nit von einander weichen sollen. Datum ut in literis.

Im Staats=Archive zu Schwerin von der Hand des Lehns=Secretairs und Archivars Peter Graß.

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IV.

Albrecht von Waldstein, Herzog zu Friedland und Meklenburg, empfiehlt sich dem Könige Christian IV. von Dänemark durch seinen Gesandten, den Obristen Albrecht von Wingiersky, Statthalter von Meklenburg.

D. d. Schwerin. 1629. Julii 19.

Durchleichtigster Großmöchtiger Künig, gnediger Herr.

Ewe Küniglich würden seindt meine gehorsame dienst iederzeitt bevor. Demnach auf erfolgten frieden Ihr Kay. Matt. volck aus Ewe Küniglich würden landen abgeführt, verlangt mich Deroselben hienführo bey allen vorfallenden ocasionen gehorsamlich zu dienen vndt dabey zu erkönnen zu geben, wie hoch ich Dero Künigliche person ehre vndt aestimire, als hab ich führweisern dieß den Obriesten Wengerski zu Ewe Küniglich würden abgefertigt vndt demselben befohlen, sie meiner gehorsamen diensten zu versichern, vndt dabey mich in allem deme, so Deroselben von mir angenehm vndt lieb sein möchte, zu oferiren, wie Ewe Küniglich würden von ihme mitt mehrerm zu vernehmen vndt das gewüsse vertrauen zu mir zu setzen geruhen wollen, daß ich allezeitt sein vndt bleiben werde

Ewer Küniglich würden

gehorsamer Diener             
Albrecht Herzog zu Mech. Frdt. Sag.

Schwerin, den 29 Juli mpp.
Ao. 1629.

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Dem Durchleuchtigsten Fürsten vndt
Herrn Herrn Christian dem Vierten zue
Dennemarck, Norwegen, der Wenden vndt
Gothen König, Hertzogen zu Schleßwig,
Holstain, Stormarn vndt der Dietmarschen, Graffen zue Oldenburg vnd Del=
menhorst etc. ., Vnserm gnedigen Herrn.

(L. S.)

Nach der buchstäblich getreuen Abschrift von dem (mit Ausnahme der Aufschrift oder Adresse) ganz von Wallensteins eigener Hand geschriebenen Originale im königlich dänischen Geheimen Archive zu Kopenhagen (Mecklenb. Correspondenz), von mir am 11. Junii 1859 in Kopenhagen genommen. (Ganz eigenhändige Schriftstücke von Wallenstein gehören in Meklenburg zu den allergrößten Seltenheiten.)
Das Schreiben ist während Wallensteins Abzug aus Meklenburg bei seinem Reiseaufenthalt in Schwerin vom 14. bis 21. Julii 1629 erlassen (vgl. oben S. 51, 53, 56) und nach dem alten oder julianischen Kalender datirt. Es ist also nach unserer Zeitrechnung am 19. Julii geschrieben, da Wallenstein schon am 21. Julii Schwerin verließ.
Die Gesandtschaft war eine Folge des am 12 Mai 1629 zwischen dem Kaiser und dem Könige von Dänemark geschlossenen Friedens, nach welchem Dänemark auch den Friedländer als Herzog von Meklenburg anerkennen sollte.

G. C. F. Lisch.      

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V.

Rückkehr des Herzogs Johann Albrecht II.
und seiner Familie

in Güstrow

nach der Wallensteinschen Verbannung.

Von

Dr. G. C. F. Lisch.


U nmittelbar nach der Abreise Wallensteins aus Meklenburg im Julii 1629 setzten sich die Herzoge von Meklenburg wieder in der Nähe ihres Landes fest; sie gingen im Geheimen quer durch Meklenburg und nahmen ihren Wohnsitz zu Hamsfelde bei Lübek und in Lübek. Aber erst nach zwei Jahren, nachdem der Schwedenkönig Gustav Adolph siegreich geblieben war, konnten die Herzoge es wagen, ihr Land wieder zu gewinnen. Am 17. Julii 1631 brachen sie von Lübek auf: Herzog Adolph Friedrich I. nahm am 19. Julii sein Schloß Schwerin ein und Herzog Johann Albrecht II. erreichte am 21. Julii sein Schloß Güstrow, das die Residenz Wallensteins gewesen war, nicht mit dem Gepränge, von dem gefabelt ist. Die Familien der Fürsten blieben aber einstweilen noch zurück. Die Herzogin Eleonore Marie, Gemahlin des Herzogs Johann Albrecht, konnte erst am 10. Septbr. 1631 mit ihren Kindern in ihre alte Wohnung zu Güstrow zurückkehren. Wie traurig aber es nicht nur im Schlosse, sondern auch in der Familie aussah, wird folgender Brief des Herzogs Johann Albrecht an seinen Bruder Adolph Friedrich lehren, der keiner weitern Auslegung bedarf.

Unser freundbrüderlich dienste und was wir sonsten mehr liebes und gutes vermögen zuuor. Hochgeborener Furst, freundlicher, vielgliebter Bruder

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vnd Geuatter. E. Ld. können wir mit betrubtem gemuhte nicht verhalten, Nachdem die Hochgeborne Fürstin Frauw Eleonora Maria, Herzogin zur Meklenburgk, Vnsere freundliche, Vielgliebte Gemahlin, nebenst Vnsern Furstlichen Kindern am verschienen Sonnabendt alhie in Vnsere hoffstatt wiederumb angelangt Vnd wir nebenst E. Ld. wol gehoffet, das auff die nunmehr Viertehalbiherige in der fremde ausgestandene trangksahle sich entlich fröhliche ergetzlichkeit solle ereugnet habenn, das dennoch dem lieben Gott es anders gefallenn, indem Vnser iüngstes herzliebe Tochterlein Freuwlein Eleonora, welches zuuor an einem fieber etwas Vnpeßlich gewesen, heut nach Mittage um 11 Uhren durch den zeitlichen thot aus dieser weldt, ohn zweifel fur Vielem Vngluck, hinwegk gerapffet, welches abermal zugestandenes Creuz zu vberstehn der Barmherzige Gott Vns Christliche geduldt gnediglich verleihen wolle, vnd schopfen das brüderliche Vertrauwen, E. Ld. mit Vns Christliche condolentz hirüber haben vnd tragen verde. Vnnd weil Wir dan von der Rostogker belagerung nicht lange abseinn vnd Vns alhie auffhalten konnen, auch alhie auff Vnserm hauß es dermaßen ruiniret, das Wir, wie es sich sonsten wol gebuhren wolle, die einlosirung, auch folgents die leichbestattung zu bestellen nicht gelegenheit haben, So seinn wir gemeint, solch Vnser Verstorbenes herzliebstes Tochterlein in weinig Tagen, aber dennoch ohne sonderliche Pompen, hiedoch mit Christlichen Ceremonien in sein ruhebetlein beisetzen zu lassen, Vnnd E. Ld. haben Wir es nicht verhalten wollen. Thun dieselbe damit der algewaltigen beschutzung Gottes trewlich befehlen. Datum Gustrow, den 12 Septembris, Anno 1631.

Von Gottes gnaden Hans Albrecht,
Coadjutor des Stiffts Ratzeburgk,
Hertzogk zue Meklenburgk, Furst zu
Wenden, Graffe zu Schwerin, der Lande
Rostogk u. Stargart Herr etc. .
          Dein trewer Bruder Allezeit.
                    HAHzMechl.

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Dem Hochgebornen Fursten Hern
Adolph Friedrichn, Hertzogen zu Mecklen=
burgk etc. ., Vnserm freundlichen gliebten
Brudern vnd Gevattern.

(L. S.)

Nach dem Original im Staats=Archive zu Schwerin.

 

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VI.

Ueber das Wappen der alten Grafen

von Schwerin,

vom

Dr. G. C. F. Lisch.


Nachtrag zu Jahrb. XXXIV, S. 149.

I ch habe in den Jahrbüchern a. a. O. über das "Wappen" der Grafen von Schwerin meine Meinung dahin ausgesprochen, daß nur der (in gold und roth) quer getheilte Schild das "Wappen" der Grafen, die Lindwürmer und das Roß auf den ältesten Siegeln aber nur willkürlich angenommene Bilder oder Symbole seien. Zur Unterstützung dieser Meinung muß man nach Gründen, wenn auch nur Wahrscheinlichkeitsgründen, forschen, und da finde ich, außer den von mir angegebenen, noch einen Grund nach meiner Meinung schlagend für meine Ansicht. Alle Frauen des gräflichen Hauses führen nämlich auf ihren Siegeln, und zwar die Frauen zuerst, nur den quer getheilten Schild neben ihrem väterlichen Stammwappen, eben so die gräflichen Töchter denselben Schild neben dem Wappenschilde des Gemahls, und nie die Lindwürmer oder das Roß: so die Gräfin Merislave, Gemahlin des Grafen Nicolaus I., auf ihrem großen (1319) und ihrem kleinen Siegel (1326); die Gräfin Rixe, Gemahlin des Grafen Gunzelin VI. (1326); die Herzogin Beate, Tochter des Grafen Gunzelin VI.,

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Gemahlin des Herzogs Albrecht IV. von Sachsen=Lauenburg (1336); die Gräfin Lyse oder Elisabeth, Gemahlin des Grafen Nicolaus II. (1350). Diese Anwendung scheint mir für die Frage entscheidend zu sein. Auf den Siegeln der Frauen sollen bestimmt die Familien des Vaters und des Gemahls so angegeben werden, daß man diese sicher erkennen kann, und dazu kann nur das angeerbte "Wappen" helfen, aber kein willkürlich gewähltes Sinnbild, welches in der Ferne nicht immer bekannt und erklärungsfähig war. Man muß also den Schild auf den Siegeln der Frauen immer und allein für das Wappen halten.

 

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VII.

Ueber

den Baumeister Philip Brandin

zu Güstrow.

Vom

Dr. G. C. F. Lisch.


Nachtrag zu Jahrb. XXXV, S. 19 flgd.

I n den Jahrbüchern, oben S. 19 flgd., habe ich dargelegt, daß der Bildhauer Philipp Brandin (seit 1578 in Güstrow) während der Zeit 1583 bis 1595 auch Hofbaumeister des Herzogs Ulrich zu Güstrow war und das Schloß und den Dom so prachtvoll herstellte, wie wir diese Werke noch jetzt sehen. Nun meint der Herr Dr. Crull zu Wismar, daß auch "das eigenthümliche alterthümliche Haus" am Domkirchhof, die "alte Canzlei", ein Werk Brandin's sei. In den Jahrb. XXIV, S. 50 flgd., habe ich die Geschichte dieses Hauses mitgetheilt. Im Jahre 1580 kaufte der herzogliche Hofmarschall Joachim v. d. Lühe auf Püttelkow, auch Klosterhauptmann zu Dobbertin, den Platz, welcher damals wüst lag, und bauete hier ein Haus. Dieses Haus ging später auf Dietrich v. Hobe auf Wasdow über, welcher es 1629 an Wallenstein zur Justiz=Canzlei verkaufte. Seit dieser Zeit blieb es Sitz der Justiz=Canzlei, darauf des Hof= und Landgerichts, bis es in den neuern Zeiten zum Schulhause genommen ward. Dieses Haus am Domkirchhof, mit einem vorspringenden schmalen Flügel und

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einem kleinen Vorhofe, steht in seinem eigenthümlichen Aeußern im Renaissance=Styl noch so, wie es erbaut ist, im Ziegelrohbau mit Sandstein=Gliederungen, wenn auch schon etwas schadhaft.

Daß dieses das Haus ist, welches Joachim v. d. Lühe erbauete, beweiset die in Stein gehauene Inschrift am Straßengiebel, welche also lautet:

IOACH. V. D. LVHE
SIBI
ET GRATAE POSTE
RITATI
ANNO DOMINI
CI C Spiegelbild . I C Spiegelbild . XXCIII.

An den eisernen Ankern im Vorhofe stehen die Buchstaben:

I. V. D. L.

Das Haus ward also im Jahre 1583 fertig, also in dem Jahre, in welchem der Bildhauer Philipp Brandin zum Hofbaumeister erhoben ward. Es ist daher im höchsten Grade wahrscheinlich, daß dieses Haus, welches sich fast 300 Jahre fest erhalten hat, ein Werk des Baumeisters Philipp Brandin ist.

 

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B.

Jahrbücher

für

Alterthumskunde.


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Römische Alterthümer aus den Gräbern von Häven in Meklenburg.
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Römergräber in Meklenburg,

von

Dr. G. C. F. Lisch.

Mit Abbildungen vom Bau=Conducteur Luckow

auf zwei Steindrucktafeln * ).

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I.

Römische Alterthümer von Grabow.


V or dem Jahre 1839 wurden in der Nähe der an dem Elde=Flusse liegenden Stadt Grabow in einer "Sandgrube" mehrere merkwürdige und schöne römische Alterthümer gefunden, namentlich eine (zerbrochene) große "bronzene Vase" mit metallenem Henkel und eingravirten Darstellungen am obern Rande, eine große flache bronzene "Kasserolle" (Schale), eine silberne "Fibula" und Fragmente einer "gläsernen Schale". Diese Alterthümer wurden, wie damals häufig geschah und noch jetzt geschehen mag, im Stillen nach Hamburg geschafft und hier zum Verkaufe


*) Herr Bau=Conducteur Luckow in Schwerin hat in klarer Auffassung der Antike die im Folgenden beschriebenen römischen Alterthümer gezeichnet und die Zeichnungen dem Vereine geschenkt, wodurch die zwei beigegebenen Steindrucktafeln haben gebildet werden können, welche in der Anstalt des Herrn J. G. Tiedemann in Rostock getreu lithographirt sind.
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gestellt, ohne Zweifel wegen des dabei auch gefundenen edlen Metalls. Mein Freund Thomsen, der berühmte Director des königlich Dänischen Alterthums=Museums zu Kopenhagen, fand sie auf einer Reise im Jahre 1839 hier und kaufte sie für das Museum an. Sie sind in dem Accessions=Kataloge zu Kopenhagen folgendermaßen verzeichnet: "1839. Gekauft. Nr. 5179, 5180, 5181 und 5182" (benannt wie oben angegeben). "Nach Angabe sind diese sämmtlichen Sachen vor mehreren Jahren gefunden in einer Sandgrube in der Nähe von Grabow im Meklenburgischen. In Verbindung damit wurde gefunden ein prächtiger Goldring von ungefähr 40 Ducaten Gewicht". Im Jahre 1841 wurden nachträglich aus demselben Funde wieder nach Kopenhagen verkauft, nach dem Accessions=Kataloge: "1841. Gekauft. Nr. 5888. "Zwei Sporen von einer bisher unbekannten Form von Silber. Nr. 5889. Ein Sieb von Bronze, eingesetzt in eine Kasserolle (Kelle), welche auf das genaueste zu dem Siebe paßt. Diese beiden Stücke snd gefunden in der "Nähe von Grabow im Meklenburgischen in einer natürlichen Sandbank, welche in der heidnischen Zeit als Begräbnißstätte (?) benutzt war. In derselben Sandbank wurden 1839 die unter Nr. 5179 bis 5182 aufgeführten ausgezeichneten Gegenstände gefunden." Nr. 5890. "Abguß" eines "massiv goldenen Ringes (wie schon oben angeführt ist), welcher in derselben Sandbank gefunden ist."

Es leidet bei dem gewissenhaften Forschungs= und Verwaltungsgeiste Thomsen's keinen Zweifel, daß alle diese Angaben durchaus zuverlässig sind. In Grabow ist aber nie etwas davon bekannt geworden. Unser forschendes Mitglied Rector Römer, welcher schon zu jener Zeit in Grabow lebte und von je her wissenschaftliche Ereignisse mit scharfem und sicherm Blicke verfolgte, schreibt jetzt aus Grabow in Folge einer Anfrage: "Wenn 1839 hier überall etwas davon bekannt geworden wäre, so hätte ich wohl sicher auch Kunde davon erhalten; jetzt ist eben so sicher keine Aufklärung mehr zu erwarten."

Der Fund ist also in Meklenburg verheimlicht und im Stillen aus dem Lande gebracht, ohne Zweifel des werthvollen Goldringes wegen, von welchem aber glücklicher Weise vorher ein getreuer "Abguß" gemacht und bis jetzt erhalten ist. Es sind vor 30 und mehr Jahren bei Gelegenheit der Wegebauten und Ackermergelungen viele alte goldene Sachen aus Meklenburg nach Hamburg in den Schmelztiegel gegangen,

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wie ich selbst dort gehört habe, daß z. B. daselbst mehrere "goldene Pferdeschuhe" (also Diademe) aus Meklenburg verkauft und eingeschmolzen seien, und auch das Gold des ungewöhnlich großen Ringes von Bresegard im Jahre 1844 (vgl. Jahrb. IX, S. 383) in einen Hamburger Schmelztiegel wanderte, so wie auch der große goldene Ring von Woosten (vgl. Jahrb. XVI, S. 268) im Jahre 1850 erst eine Reise nach Hamburg machen mußte, von wo er aber glücklicher Weise zurückgeholt ward.

Dieser römische Fund von Grabow ward jedoch mit andern ähnlichen in Kopenhagen noch nicht veröffentlicht, wohl aus dem Grunde, um erst tiefere vergleichende Studien zu machen und weil vieles andere für Dänemark Wichtigere gebieterisch den Vorrang forderte.

Nachdem Thomsen am 21. Mai 1865 gestorben war, ward Worsaae Director der berühmten königlich Dänischen Alterthums=Museen. Dieser entschloß sich nun im August 1868 mit "wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit", wie die Meklenburgischen Anzeigen sich ausdrücken, den ganzen werthvollen Fund an das Meklenburgische Alterthums=Museum zu Schwerin, zu welchem er seit vielen Jahren in den engsten Beziehungen steht, als Geschenk zurückzugeben, in der Ansicht, daß ein wichtiger Fund nur in dem Lande seine wissenschaftliche Bedeutung hat, wo er gemacht ist, vorausgesetzt, daß er hier benutzt und bearbeitet wird. Wie sehr Recht Worsaae gehabt und gethan hat, beweiset der unten zur Sprache kommende römische Fund von Häven, welcher wenige Monate nach der Ankunft des Grabowschen Fundes in Schwerin gemacht ward und welcher erst seine rechte Bedeutung und Erläuterung durch diesen erhält, wie der Grabowsche Fund wieder durch den Hävenschen beleuchtet wird.

Ob nun der Fund von Grabow aus einem Begräbnisse 1 ) stammt, wie wohl anzunehmen sein wird, oder nicht, läßt sich durchaus nicht mehr ermitteln, da weiter keine Nachrichten als die oben mitgetheilten vorhanden sind.


1) Unmittelbar vor der Stadt Grabow an der Eisenbahn, namentlich an der rechten Seite von Ludwigslust her, erblickt man in dem Tannen=Gehölze auf dem sandigen Boden viele runde und längliche Hügel. Es ist möglich, daß diese Hügel zusammengewehete Flugsandhaufen, möglich aber auch, daß sie Gräber sind. Dergleichen Erscheinungen täuschen oft sehr. So waren in den Tannen von Slate bei Parchim gleiche Hügel, die man bisher für Sandwehen hielt, wie sie oft in Tannenwäldern vorkommen, die sich aber bei der Untersuchung des Innern als Kegelgräber erwiesen. Vgl. Jahrbücher XXXIII, S. 129.
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Die Alterthümer von Grabow sind nun folgende:

l) Ein großer, "glockenförmiger Krater" 1 ) ("Vase", "Eimer" oder "Kessel") von Bronze, an Größe, Gestalt und Arbeit ganz wie der auf der Steindrucktafel I, Fig. 1, abgebildete, mit bronzenem Eimerhenkel, leider zerbrochen, da die ganze untere Hälfte fehlt, welche, wie andere Gefäße dieser Art, ohne Zweifel einen kleinen Fuß gehabt hat. Der obere Durchmesser dieses Gefäßes ist gegen 10 Zoll, die Höhe wird ungefähr 11 Zoll oder gegen einen Fuß betragen haben. Der obere Rand ist mit einer gravirten Kante von 2 Zoll Breite verziert, auf welcher an jeder Seite 6 laufende wilde Thiere, wie Hirsche, Eber, Bären, Panther, Löwen und Hunde, dargestellt sind, zwischen zwei eigenthümlich, aber sicher stylisirten Bäumen unter jedem Henkelloche und zwischen einzelnen ähnlichen Baumblättern, welche versilbert gewesen zu sein scheinen. Der bronzene, massive, runde Eimerhenkel ist mit Querreifen verziert. Dieses Gefäß ist an Arbeit und Verzierungen einem andern fast gleich, welches bei Himlingöie auf Seeland mit andern römischen Alterthümern gefunden und in Worsaae Nordiske Oldsager (Zweite Auflage, 1859), p. 74, Nr. 302, abgebildet ist, und fast noch mehr den Gefäßen aus dem Funde von Häven gleich, wie unten gezeigt werden wird. Auch in den römischen Funden von Groß=Kelle (Jahresbericht III, B., S. 44, und welche eine glockenförmige, unten abgerundete Gestalt und einen oft sehr geschmackvoll gebildeten, runden Fuß haben, welcher gewöhnlich auf der untern Seite mit Parallelkreisen verziert ist. "Eimer" und "Kesscl", welche den Krateren allerdings nahe stehen, haben mehr senkrechte Wände und einen flachen oder platten Boden.


1) und von Hagenow (vgl. Jahresbericht VIII, B., S. 42, und Abbildung, Fig. 6) findet sich ein großes Bronzegefäß. Ein ganz ähnliches "Bronzegefäß" mit Randverzierung von Thieren ward 1835 bei dem Dorfe Börry an der Weser gefunden und zuerst vom Forstrath Wächter in Brönnenbergs Vaterländischem Archiv, Hannover, Jahrgang 1840, S. 1 flgd., und dann vom Amtsassessor Einfeld in der Zeitschrift des histor. Vereins für Niedersachsen, Jahrg. 1854, Hannover 1856, Lithogr. Fig. 1, S. 11, abgebildet und beschrieben; an beiden Stellen sind noch ähnliche Funde aus dem Hannoverschen aufgezählt.
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2) Eine große "Kasserolle" oder große, flache Schale mit hohem, steilem Rand, aus Bronze, 11 Zoll im Durchmesser und 3 1/2 Zoll hoch, mit flachem Boden, auf der Drehbank nachgedreht, mit vertieften Zirkelschlägen auf dem Boden verziert. Auf einer Stelle des Seitenrandes ist ein Stück ausgebrochen; hier ist wahrscheinlich ein Griff angelöthet gewesen, wie an einer andern "Kasserolle" in dem Funde von Hagenow (vgl. Abbildung a. a. O. Fig. 4). Auch die Funde von Himlingöie und Häven enthalten eine ähnliche große "Kasserolle". - Eine ganz gleiche bronzene Schale ward im Hannoverschen zu Grethem im Amte Ahlden (Lüneburg) neben einem Krater gefunden; vgl. Einfeld a. a. O. S. 30, Litographie Fig. 4.

3) Eine Kelle und

4) ein Sieb von Bronze, welches auf das genaueste in die Kelle paßt, so daß nicht nur die beiden Handgriffe in den Linien übereinstimmen, sondern auch ein Loch in beiden Handgriffen, um beide Geräthe zusammen aufzuhängen, ganz den Geräthen auf der Steindrucktafel I, Fig. 3 und 4 gleich. Auch diese Geräthe sind auf der Drehbank abgedreht und polirt (vgl. auch Worsaae Nordiske Oldsager p. 76, Nr. 309 und 310). Kellen und Siebe, sowohl einzeln, als zusammengehörend, finden sich ebenfalls nicht nur öfter vereinzelt, sondern merkwürdiger Weise fast in jedem größern römischen Funde in den Ostseeländern. Auch in dem dänischen Funde von Himlingöie und in den meklenburgischen Funden von Groß=Kelle und Hagenow wurden sie angetroffen (vgl. Jahresbericht III, S. 45, und VIII, S. 41, und Abbildungen a. a. O.) Ebenso finden sie sich doppelt in dem Funde von Häven (vgl. unten). Die Kellengriffe haben oft Fabrikstempel.

5) Eine Heftel von Silber mit Spiralfeder, von der bekannten Einrichtung der Hefteln der alten Eisenzeit. Diese Heftel hat das besondere Kennzeichen, daß auf dem Ende des Bügels eine kleine runde Platte befestigt ist, welche innerhalb eines niedrigen Randes mit einer farbigen Verzierung von Glas, Kitt oder Stein belegt gewesen sein wird, welche verloren gegangen ist; man kann jedoch noch leise Spuren von einem Befestigungskitt bemerken. Eine gleiche Platte hat oben auf dem Bügel, an der Verbindungsstelle mit der Spiralfeder, gesessen, ist aber verloren gegangen; jedoch sitzt noch der Befestigungsstift in dem Bügel. Aehnliche Hefteln aus den südlichem Gegenden mit einer Scheibe sind in Lindenschmit's Alterthümern, Band II, Heft 6, Taf. 3,

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abgebildet. In dem Funde von Häven (vgl. unten) befinden sich neben 3 Gerippen auch 3 solche Hefteln, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 22, 23 und 24, welche mit der Grabowschen Heftel übereinstimmen. In dem Funde von Hagenow ist eine eiserne Heftel, von gleicher Einrichtung, aber ohne Verzierungsplatte, jedoch an den Rändern mit Silberperlen besetzt.

6) Ein Paar Sporen aus Silber mit Bügeln, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 27 a. und b., eine höchst seltene und werthvolle Erscheinung. Der Sporn besteht aus einem auf der Drehbank abgedreheten, schön geformten Stachel, wie alle alten Sporen aus einem solchen Stachel auf einem kurzen Stuhl, ohne Bügel, bestehen . Die Grabowschen Sporen haben aber einen Bügel, wie gewöhnlich die römischen Sporen. Ganz eigenthümlich ist aber die Einrichtung, daß die Knöpfe zum Anknöpfen des Befestigungsriemens am Ende des Bügels auf der Innern Seite desselben sitzen 1 ). Das hintere Ende über und unter dem Stachel läuft in Blechstreifen aus, mit denen der Sporn am Schuhzeuge wahrscheinlich angenietet oder angenagelt gewesen ist (Fig. 27 b.) Glücklicher Weise hat Lindenschmit zwei eben so construirte Sporen aus Bronze in den Rheinlanden (1 im Museum zu Wiesbaden und 1 von Rheinzabern) erforscht und in seinen Alterthümern Band II, Heft 1, Taf. 7, Fig. 1 und 2, abgebildet und in der Erläuterung für "römische Sporen" erklärt. In den neuesten Zeiten wurden zu Dürrenberg unweit des Saaleufers in einem heidnischen Grabe neben offenbar römischen Geräthen auch zwei silberne Sporen gefunden; der Fund ist nach England gewandert. (Vgl. Anzeiger des German. Museums, 1868, Nr. 4, S. 148.) Die Sammlungen zu Schwerin besitzen auch einen bronzenen Sporn mit Stachel und Bügel aus einem Grabe in Holstein.

7) Ein goldener Ring, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 26, ward in derselben Sandbank bei Grabow gefunden, aber leider eingeschmolzen; jedoch ist er vor dem Einschmelzen noch abgeformt und in Blei abgegossen und vergoldet. Diese getreue Nachbildung befindet sich jetzt


1) Auch die Stachelsporen aus den heimischen Brandgräbern haben die Knöpfe auf der innern Seite des Stuhls, auf dem der Stachel sitzt. Vgl. Jahrb. VI, B., S. 145, mit Holzschnitt und einer Tafel Abbildungen. Vgl. auch den bronzenen Stachelsporn in dem römischen Funde von Hagenow in Jahrb. VIII, B., S. 44, und Lithographie Fig. 14; dieser Sporn könnte auch römisch sein.
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auch im Museum zu Schwerin. Wenn auch das Original verloren ist, so ist es doch von hoher Wichtigkeit, daß der Ring bei den römischen Geräthen gefunden ist. Der Ring hat ursprünglich eine ovale Gestalt gehabt, wie die sogenannten "Eidringe", hat jedoch keine hohlen Halbkugeln an den Enden. Der Ring ist ganz glatt, geöffnet und gegen die stumpf abgeschnittenen Ende etwas dicker auslaufend. Schon beim Auffinden war das eine Ende abgehauen und gegen das andere Ende gebogen. So war der Ring noch "ungefähr 40 Ducaten schwer." Dieser Ring gleicht ganz einem in Ungarn gefundenen goldenen Ringe. In Ungarn bei Céke, Zempliner Comitat, ward im J. 1856 viel eigenthümlicher Goldschmuck gefunden, dessen Formen lebhaft an einen andern Fund von Wulzeshofen in Oesterreich und an den merkwürdigen Fund von Wotenitz in Meklenburg erinnern, in denen sich höchst wahrscheinlich etrurische Schmucksachen befinden. (Vgl. Jahrb. XXVI, S. 161 flgd.) In dem Funde von Céke war auch ein dem Grabowschen ganz gleicher "Ring aus gutem Golde, massiv, 44 1/2 Ducaten schwer, 2" 10'" und 1" 10 1/2'" im Durchmesser, ganz glatt, in der Mitte schwacher, gegen die stumpf abgeschnittenen Enden dicker"; vgl. Kenner, Beiträge zu einer Chronik der archäologischen Funde der österreichischen Monarchie 1862-1863, im Archiv für Kunde österreichischer Geschichts=Quellen, Bd. 33, Wien, 1865, S. 106. Ich halte den goldenen Ring von Grabow für einen "Geldring", da er ganz glatt und ein Ende abgehauen ist. Lindenschmit in seinen Alterthümern theilt Band I, Heft 10, Taf. 1, Nr. 5 auch einen Bronzering von derselben Form (im Museum zu Wiesbaden) mit. Vgl. auch Worsaae Nordiske Oldsager, Taf. 112 Nr. 459.

8) Endlich wurden "Fragmente einer Glasschale gefunden, welche auswendig mit Streifen verziert war, die theils rund herumgingen, theils auf dem untern Theile sich als Blätter um den Fuß sammelten." So berichtet der Kopenhagener Accessions=Katalog. Leider sind diese Bruchstücke aber verlegt und bis jetzt noch nicht wieder aufgefunden. Auch zu Häven ist bei den römischen Geräthen eine Glasschale gefunden (vgl. unten).

Geschrieben zu Schwerin im April 1869.


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II.

Römische Alterthümer von Häven.

Entdeckungsgeschichte.


A m 17. Decbr. 1868 machte der Herr Domanial=Pächter Jenßen bei dem zuständigen Domanial=Amte Warin die Anzeige, daß er auf dem Felde seines Domanial=Pachthofes Häven, in der Nähe von Brüel und Tempzin, beim Sandgraben, ungefähr 5 Fuß tief, mehrere alterthümliche "Kochgeräthschaften" neben menschlichen Gerippen gefunden habe. Das großherzogliche Amt machte mir sogleich die Anzeige von dem Funde und empfahl dem Herrn Jenßen die sorgfältige Aufbewahrung desselben. Da ich nach den ungefähren Benennungen einzelner Fundstücke, z. B. "Kochgeräthschaften, Eimer, Spangen" u. s. w., auf einen seltenen Fund schließen zu können Ursache hatte, so erbat ich mir die Sachen baldmöglichst nach Warin oder Schwerin. Der Herr Geheime Kammerrath Brandes zu Warin hatte die Güte, die Alterthümer durch einen eigenen Wagen nach Warin holen zu lassen und am 24. Decbr. mir nach Schwerin zu übersenden.

Ich erkannte in den Alterthümern sogleich römische Geräthe und ward nicht wenig in Bewegung gesetzt, da erst kurz vorher, am 17. Octbr., der viel besprochene und berühmte große Silberfund bei Hildesheim gemacht war, der nach meiner Ansicht ohne Zweifel römischen Ursprung hatte. Zwar kann sich der Fund von Häven mit dem von Hildesheim an Metallwerth und Kunstarbeit nicht messen; aber der Fund von Häven wird sicher eine große geschichtliche Bedeutung erlangen und hierin den Vorrang vor dem Hildesheimer Fund behaupten können, wie die unten folgende Beschreibung ergeben wird.

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Die Menschengebeine hatte Herr Jenßen 5 Fuß tief vergraben lassen. Bei der durch die Untersuchung zu erwartenden Wichtigkeit des Fundes bat ich den Herrn Jenßen, die Gebeine wieder ausgraben zu lassen und mir baldmöglichst zu übersenden, was denn auch am 4. Januar 1869 geschah. Eine Untersuchung und Nachgrabung durch mich selbst war bei der Ungunst der winterlichen Witterung unthunlich, auch unnöthig, da die Alterthümer schon vollständig ausgegraben und die Gerippe gehoben waren, die Bestattungsweise also an Ort und Stelle nicht mehr beobachtet werden konnte. Ich empfahl aber dem Herrn Jenßen dringend, falls man im Fortschritt der Erdarbeiten wieder auf Begräbnisse stoßen sollte, dieselben mit Erde bedeckt durchaus unangerührt zu lassen, bis ich sie persönlich aufdecken würde.

Ich kann die Aufmerksamkeit, Gewissenhaftigkeit, Sorgfalt und Freundlichkeit des Herrn Jenßen, durch den allein der Fund gerettet und zur Kenntniß gekommen ist, nicht genug rühmen und muß auch die enthaltsame Treue anerkennen, welche er in allen seinen Arbeiten zu erwecken gewußt hat.

Am 25. Februar 1869 meldete mir Herr Jenßen, daß wieder 2 Gerippe, am 1. März, daß mehrere Alterthümer vereinzelt, am 17. März, daß noch 1 Gerippe gefunden sei, welche alle unberührt in der Erde liegend vorhanden seien.

Nachdem nach kurzer Zeit das Wetter günstiger geworden und der Frost sicher aus der Erde gewichen war, reiste ich zum 20. März 1869 nach Häven, um dort, in ununterbrochener Gegenwart und mit Hülfe und Zeugniß des Herrn Pächters Carl Jenßen und seines Herrn Bruders, des Oekonomen Franz Jenßen aus Wismar, so wie meines Sohnes Stud. juris Friedrich Wilhelm Lisch, die Oertlichkeiten und die Gräber genau zu untersuchen und die noch vorhandenen Alterthümer durch Hülfe von drei anstelligen und besonnenen Arbeitern aufzunehmen. Ich bin daher im Stande, ganz genauen und sichern, vollständigen und verbürgten Bericht zu erstatten.

Das jetzige Domanial=Gut Häven 1 ) liegt ungefähr in der Mitte des Landes Meklenburg=Schwerin, 3 Meilen südlich von dem Ostseehafen von Wismar, ungefähr 10 Meilen östlich rechts von der Elbe und ungefähr 8 Meilen


1) Das Gut führt jetzt den plattdeutschen Namen Häven, breit ausgesprochen. Es war im Mittelalter, sicher das 16. Jahrhundert hindurch, ein Lehn der adeligen Familie von Plate, welche auch Jarchow (  ...  )
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nördlich von Grabow, vielleicht an einem alten Landwege von Süden her, in der Nähe des Städtchens Brüel und des ehemaligen Antoniusklosters Tempzin. Das Gut hat fruchtbaren, nicht zu schweren Boden und hat früher ohne Zweifel auch noch Wald gehabt. Der Hof liegt an einem sehr lang gestreckten, schmalen See, dem "Keetzer See" 1 ), dessen mannigfach gestalteten und mit Wald und Feld geschmückten jenseitigen Ufer eine reizende Aussicht von dem Hofe Häven und den Anblick eines großen, schönen Flusses bieten. Die Lage ist daher zu einer Ansiedelung außerordentlich günstig gelegen.

Die Fundstelle läßt sich genau angeben und beschreiben. Sie liegt gerade nördlich von dem Hofe Häven, dicht rechts am Wege nach Langen=Jarchow, nicht weit von der Gutsgrenze und von einer Langen=Jarchowschen Büdnerei, welche schräge gegenüber links an dem Wege steht. Hier ist eine natürliche, niedrige Anhöhe, die in der Mitte eine fast kreisrunde, natürliche, niedrige, flache Erhebung von einigen hundert Fuß Durchmesser hat, welche aus Sand besteht. Da Herr Jenßen zur Trockenlegung, Erhöhung und Besserung einiger Hofstellen und Wege Sand gebrauchte, so ließ er diese Erhöhung abtragen und kam dabei ganz zufällig zu der Entdeckung der Alterthümer.

Die Begräbnißstellen waren weder durch Hügel oder künstliche Erhöhungen, noch durch irgend ein anderes Merkmal bezeichnet. Nach den Berichten alter Leute haben früher Eichen auf dem Platze gestanden.

Jetzt ist dieser Platz wieder geebnet und unter den Pflug gebracht.


(  ...  ) besaßen, mit einem Querbalken im Schilde. Das Gut führt im 15. und 16. Jahrhundert immer und häufig den Namen "to den hôuen" oder " ho e uen" (hôen) und trägt diesen Namen wohl deshalb, weil auf demselben mehrere Höfe lagen, wie z. B. Henneke von Wedel auf Schlagstorf 1413 auch einen Hof "to den houen" und das Kloster Tempzin schon früh Pfandbesitz daselbst hatte. Im Jahre 1504 verkauften die von Plate das Gut an die nahe Antonius=Präceptorei Tempzin und im Jahre 1510 kam der See an dieselbe. Würde das Gut von "Hufen" den Namen haben, so würde dieser mittelalterlich wohl "to den hůuen" gelautet haben, was aber nie der Fall ist.
1) Dem Hofe Häven gerade südlich gegenüber am andern Ufer des Sees liegt das Gut Keetz, in früheren Zeiten lange ein Lehn der adeligen Familie Sperling. Die Lage von Häven wird oft nach diesem Gute bezeichnet: "belegen by Ketze" oder "by deme see to Ketze". Der See kam im Jahre 1510 an das Kloster Tempzin und dadurch zu dem Gute Häven.
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Es sind zwar öfter Funde von vielen und einzelnen, immer ähnlichen Alterthümern in Meklenburg, im Lande Lüneburg und vorzüglich auf den dänischen Inseln gemacht, aber nie, so viel ich weiß, bei menschlichen Gerippen. Die Fundstelle von Häven zeichnet sich also vor allen andern bisher bekannt gewordenen dadurch aus, daß sie ohne Zweifel eine Begräbnißstelle ist und vorzüglich dadurch wichtige Anhaltspunkte darbieten kann.

Die Aufgrabung des Platzes zerfällt selbstverständlich in zwei Abtheilungen, je nachdem entweder Herr Jenßen allein die zuerst gefundenen Gegenstände an sich genommen und abgeliefert, oder in Gemeinschaft mit mir die später gefundenen Leichen aufgenommen hat. Zu der Beschreibung der ersten Aufgrabung hat Herr Jenßen zwar die nöthigen Beobachtungen gemacht und kann jedem einzelnen Begräbnisse die dazu gehörenden Alterthümer nachweisen, es lassen sich aber die Schädel nicht mehr bestimmten Gräbern und Alterthümern zuweiscn. Ich muß daher in der Beschreibung der Gräber den Berichten des Herrn Jenßen folgen.

Beschreibung.

A. Erste Aufgrabung.

Herr Jenßen grub drei Gräber auf. Die einzelnen Leichen waren ohne Leichenbrand 5 bis 6 Fuß tief im Sande in Reihen begraben, ohne irgend eine Spur von Umhüllung. Neben allen Gerippen lagen Alterthümer, welche alle als römische zu erkennen sind. Jede Leiche war in der Tiefe mit einem runden Haufen von Steinen, "Feldsteinen", d. i. Granitfindlingen ungefähr von Menschenkopfgröße, zugedeckt, welche während der zweiten Aufgrabung noch auf dem Platze aufgehäuft lagen. Die einzelnen Gräber waren ungefähr 10 Fuß von einander entfernt.

Die Gerippe sind ziemlich gut erhalten und fest, alle von ausgewachsenen Menschen. Die Schädel, alle drei Langschädel ("dolichocephal"), sind beinahe vollständig. Die Zähne sind vollzählig und meistentheils gesund. Ein Schädel hat eine hohe, gerade Stirn mit stark ausgeprägten Augenbrauenbogen; die Zähne sind schon etwas abgeschliffen. Eine zweite Stirn ist etwas schmaler; die Zähne sind noch

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kräftiger. Eine dritte Stirn ist niedriger, die Schädelbeine sind feiner, die Zähne schon sehr abgeschliffen.

Die Beinknochen sind sehr lang und haben sicher sehr großen Menschen gehört. Zwei gleich lange rechte Oberschenkelknochen (femur), also von zwei Gerippen stammend, sind 21 1/2 Zoll Hamb. Maaß oder 51 Centimetres lang.

Professor His erklärt die beiden ziemlich gut erhaltenen Schädel Nr. 1 und 2 aus der ersten Aufgrabung für "exquisit dolichocephal" von der römischen Form der "Hohberg=Form" und in bemerkenswerther Weise übereinstimmend (vgl. unten die Beurtheilung von His am Ende der Schlußfolgerungen). Der Schädel Nr. 3, welcher nur in der vorderen Hälfte erhalten ist, ähnelt den beiden ersten Schädeln und wird sicher auch dolichocephal sein. Der Schädel Nr. 1 stammt "unzweifelhaft von einem Manne", während der Schädel Nr. 2 "möglicher Weise weiblichen Ursprunges sein kann". Nach den beigegebenen Alterthümern werden aber alle 3 Gräber Nr. 1, 2 und 3 Männergräber sein.

Grab Nr. 1.

In einem Grabe der ersten Aufgrabung wurden folgende Sachen gefunden.

1) Ein großer glockenförmiger "Krater" ("Vase, Eimer oder Kessel"), abgebildet auf der Steindrucktafel 1, Fig. 1 und Fig. 1a. und 1b., von Bronze, mit einem dünnen, breiten, gravirten bronzenen Eimerhenkel, leider in der untern Hälfte zerbrochen 1 ), so daß von dem Boden nur der kleine, schwere, gedrehete und mit eingedreheten Ringen verzierte Fuß vorhanden ist. Die obere Oeffnung des Gefäßes hat 8 1/2 Hamburger Zoll oder genau 20 Centimetres im Durchmesser. Der obere Rand hat eine reich verzierte Kante von 2 Zoll Breite, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 1a. und 1b. Den äußersten Saum bildet ein gravirter Eierstab von ungefähr 1/2 Zoll Breite, in welchem die kleinen, hohlen Eier von sehr dünnem Blech aufgesetzt und vergoldet sind. Den untern Saum dieser Verzierung bildet ein gravirtes gedrehtes Seil von ungefähr 3/8 Zoll Breite. Dazwischen liegt ein Band, welches mit phantastischen Ge=


1) Die römischen Bronze=Krateren sind häufig schon in der Erde fest stehend zerbrochen. Die Wandungen sind nämlich gewöhnlich außerordentlich dünne, dagegen der dicke Rand und der massige Henkel, eben so der Fuß sehr stark und schwer.
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stalten reich gravirt ist. Unter jedem der beiden untern Henkelöhre ist ein kleiner, auf einem Delphin reitender Eros dargestellt. Den übrigen Raum füllen an jeder Seite vier tritonenartige Thiergestalten oder Seeungethüme, von denen je zwei den Eroten, und je zwei einander entgegengekehrt sind. Die tritonenartigen Seeungethüme bestehen im Vordertheil aus vierfüßigen Thieren, welche mit den Vorderbeinen ausschreiten, im Hintertheil aus gewundenen Fischschwänzen, welche sich mit den Schwanzflossen berühren. Alle diese Verzierungen sind, mit Ausnahme der Eier, gravirt und die vertieften Linien scheinen nach einigen leichten Spuren mit Silber ausgelegt gewesen zu sein.

Der Herr Dr. Rolle zu Homburg v. d. H. hat nach der mitgeteilten Lithographie diese Seeungethüme von der naturhistorischen Seite studirt und seine Ansichten im Folgenden mitgetheilt.

Der Delphin, auf dem ein Eros reitet, mit der kugeligen Stirn und der kurzen Schnauze, ist Delphinus Orca (der große Delphin), Butzkopf, den Alten als Orca bekannt und auf Münzen dargestellt. Dieser Delphin ist mehr an den atlantischen Küsten verbreitet, als im Mittelmeer. Dieser Delphin erscheint mit dem Seestier und mit Eroten auch in K. O. Müller's Denkmälern der alten Kunst, I, Taf. 40, Fig. 175.

Die übrigen Gestalten erklärt Herr Dr. Rolle folgendermaßen. Die Seeungethüme des Randes können also erklärt werden:

im obern Streifen der Lithographie des Randes Fig. 1a., von links nach rechts:

See=Pferd, See=Stier; - See=Dachs, See=Wolf,

im untern Streifen der Lithographie des Randes Fig. 1b., von links nach rechts:

See=Hund?, See=Pferd; - See=Biber, See=Greif.

Von diesen Figuren zeigen die mit dem Biberkopf und dem Dachskopf eine gewisse zoologische Treue. Zwei der andern, der Seewolf und das vordere Bild der zweiten Reihe, schweifen wohl stark von der Natur ab und sind vielleicht bloße Phantasiebilder, an deren Entzifferung die Mühe verloren geht.

Der Eber ist fast identisch mit dem Bilde auf einer antiken Münze in K. O. Müller's Denkm. I, Taf. 68, Fig. 881; jedoch ist die Zeichnung bei Müller feiner und zierlicher ausgeführt.

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Das Seepferd mit dem Lotus=Schwanz erscheint bei K. O. Müller II, Taf. 6, Fig. 68, zusammen mit Aphrodite und Eros; es soll eine Münze der Bruttier sein.

Der auf der Kante mehrfach wiederholte Doppelkegel läßt sich mit nichts so sehr vergleichen, als mit der mittelmeerischen Kegelschnecke (Conus Mediterraneus). Diese Art lebt im Mittelmeer, wo sie bis zur Südküste von Portugal reicht; an der atlantischen Küste von Europa fehlt sie.

(Die am Rande der Kante vielfach stehenden gerippten Kegel scheinen Herzmuscheln (Cardium) oder Kammmuscheln (Pecten) darstellen zu sollen.)

Darf man auf Delphinus Orca und Conus Mediterraneus Gewicht legen, so würden diese auf Massilia, wenn auch nicht als Fabricationsstätte, doch als Ursprung des Musters deuten, eine Hypothese, die freilich wenig mehr als ein Fingerzeig ist.

Dieser Krater ist ganz dem bei Grabow gefundenen, oben Nr. 1 beschriebenen gleich und beide deuten auf einen gleichzeitigen, sich unmittelbar berührenden Verkehr.

2) Ein etwas kleinerer, glockenförmiger "Krater" von Bronze, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 17, stärker in den Wänden und vollständig erhalten, 8 Zoll hoch und 8 Zoll im Durchmesser weit, mit einem kleinen gedreheten Fuße, mit einem starken, gegossenen, runden Eimerhenkel, welcher mit feinen doppelten Querlinien verziert ist, in natürlicher Größe an der Stelle und mit der Art und Weise der Einhängung abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 17 a.

Am obern Rande und unter dem Fuße sind sehr feine concentrische Kreise eingedrehet, die sich auch sehr häufig auf Gefäßen dieser Art finden. Die untere Seite des gewöhnlich schweren Fußes ist in der Regel mit reichen, abgedreheten Kreisen verziert.

Der hier beschriebene und in natürlicher Stärke abgebildete Kraterhenkel, welcher an großen Bronze=Gefäßen einer gewissen Zeit oft vorkommt, ist für diese Zeit und diese Geräthe ganz bestimmt bezeichnend. Er findet sich ebenso auch an dem Krater von Grabow, oben Grabow Nr. 1, und an den Hävenschen Gefäßen in Grab 2, Nr. 10, und in Grab 6, Nr. 43; im Museum zu Wiesbaden ist ein ganz gleicher Henkel von Heddernheim (vgl. unten) und auch in Hannover und Dänemark haben mehrere Bronzegefäße denselben Henkel. Vgl. Einfeld a. a. O. Lithographie Fig. 2, und Worsaae Nordiske Oldsager, p. 74, Fig. 302.

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Nur der Henkel an dem gravirten Krater von Häven, Grab 1, Nr. 1, hat einen abweichenden, breiten, dünnen Henkel, ähnlich den Henkeln an den hölzernen Eimern in Grab 2, Nr. 14 und 15.

Auffallend ist es, daß der sonst so kunstreich gearbeitete Krater Nr. 1 einen so schlichten Henkel ("Seil", wie man es niederdeutsch nennt) hat. Vielleicht ist dieser aber nur ein Nothhenkel. Es giebt römische "Kessel" und Eimer, welche zwei Henkel haben, wie z. B. der Kessel von Börry im Hannoverschen und das Eimer von Pansdorf (vgl. unten) im Lübeckischen. Man hat die Frage wiederholt erörtert, warum die Römer manchen Krateren zwei Henkel gegeben haben. Ich meine, daß dadurch das Schwanken und Ueberfließen des mit Flüssigkeiten gefüllten Kessels vermieden wird, wenn man ihn an zwei zusammen gefaßten Henkeln trägt und hebt. Die Einrichtung ist also sehr praktisch. Auch mochten die zwei Henkeln, einzeln gefaßt, zum leichtern Tragen und Heben durch zwei Personen dienen können, da ein solcher mit Flüssigkeit gefüllter Kessel doch immer an 40 Pfund schwer sein wird.

Der Hävensche Krater Nr. 1 hat nun auf dem Rande einen aufstehenden starken Lappen, welcher 3 Löcher hat. In dem obern Loche hängt der Henkel. Unter diesem Loche sind auseinander stehend noch 2 Löcher (vgl. Taf. I, Fig. 1 und Fig. 1a.), welche keinen Zweck zu haben scheinen. Aber sicher sind sie dazu bestimmt, auch zwei Henkel aufnehmen zu können. Da diese vielleicht gefehlt haben, oder als überflüssig ausgenommen und anders verwandt sind, so hat man sich damit begnügt einen einzigen einfachem Henkel, wie einen solchen die hölzernen Eimer haben, in das obere Loch einzuhängen. Daher die 3 Löcher.

Dieser "Kessel" Fig. 17 giebt ein klares Bild von der Gestalt der übrigen zerbrochenen "Krateren".

In beiden Kesseln sitzt bis zu ungefähr 2/3 des innern Raumes unten eine dünne Schicht von einer weißlichen, von Grünspan etwas grün gefärbten Masse, welche ein Niederschlag von den dem Todten mitgegebenen Speisen oder Getränken sein mag. Auch auf den dänischen Inseln ist diese Masse in römischen "Kesseln" beobachtet worden.

3) Eine große flache Schale von Bronze, leider zerbrochen, welche 3 bis 3 1/2 Zoll hoch gewesen sein mag und 10 Zoll im Durchmesser hat, mit flachem Boden. Außen

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und innen ist das Gefäß mit feinen eingedreheten Linien verziert. An einer Seite ist eine birnenförmige Löthstelle erkennbar, an welcher sicher ein Griff angelöthet gewesen ist. Eine gleiche Schale ward auch bei Grabow gefunden; vgl. oben S. 103.

4) Eine Kelle von Bronze und

5) ein Sieb von Bronze, welches so genau in die Kelle paßt, daß auch die Umrisse der beiden Griffe vollständig congruiren, abgebildet auf der Steindrucktafel 1, Fig. 3 und 4. Auch haben beide, wie schon die Verschiedenheit des Rostes zeigt, in dem Grabe in einander gestanden. Die Kelle ist 2 1/2 Zoll hoch und 5 Zoll weit im Innern Durchmesser, hat einen abgeflachten Boden und ist an dem Rande und auf dem Boden mit feinen eingedreheten Linien verziert. Das Sieb ist verhältnißmäßig ein wenig kleiner und auf dem Boden mehr abgerundet, so daß das Gefäß, wenn man es allein hinstellt, auf den Griff zurückfällt, wie fast alle in den nordischen Ländern gefundenen römischen Siebe. Die Sieblöcher sind in schönen Figuren geordnet.

Diese Gefäße werden fälschlich "Kasserollen" genannt. "Kasserollen" sind größere und flachere Gefäße mit Griff zum Braten; eher könnte man die unter Nr. 3 aufgeführte flache "Schale" eine "Kasserolle" nennen. Diese hier gefundenen Gefäße sind ohne Zweifel Kellen, und zwar Schöpfkellen, zum Schöpfen von Flüssigkeiten; für Kasserollen würde das stets die Kelle begleitende Sieb ganz überflüssig und unerklärlich sein. Auch in dem Hildesheimer Silberfund sind "Kellen", wie die von mir untersuchten Gypsabgüsse beweisen, aber keine Kasserollen. Schon im J. 1838 habe ich bei der Erklärung der prachtvoll ciselirten silbernen Kelle, welche in Meklenburg auf dem Gute Groß=Kelle bei Röbel mit ähnlichen römischen Geräthen, wie zu Häven, gefunden ward und mit jedem Geräte dieser Art eine Vergleichung aushält, diese Geräthe für "Schöpfkellen" erklärt; vgl. Jahrbücher III, B, S. 46 flgd. - Kellen (auch mit römischen Fabrikstempeln) und Siebe finden sich im Norden in den meisten römischen Funden und gehören zu den sichersten Kennzeichen römischen Ursprunges, da dieselben römische Erfindung zu sein scheinen. (Vgl. Jahrb. XI, S. 397.) Sie werden viel später nicht mehr vorkommen. Schon aus der Auffindung von Kellen konnte man mit Sicherheit schließen, daß der Hildesheimer Fund ein römischer sei.

6) Ein Becher von geschliffenem, "weißem", wasserhellem Glase, in Gestalt und Größe ungefähr einer abgerundeten

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Obertasse, leider zerbrochen, und nur in einer senkrechten Hälfte vorhanden, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 20. Das Gefäß ist ungefähr 2 1/2 Zoll hoch und 4 1/4 Zoll weit und hat einen abgerundeten Boden, so daß es kaum hat stehen können. Die Außenfläche und der Boden sind durch eingeschliffene senkrechte Linien verziert; dazwischen läuft gegen den Bodenrand ein Band von eingeschliffenen Halbkugeln. - Auch in dem römischen Funde von Grabow fand sich ein gläsernes Gefäß. - In den römischen Funden von den dänischen Inseln im Museum zu Kopenhagen finden sich viele Gläser, welche theils an Gestalt, theils an Schleiferei dem Hävenschen Glase gleich sind. Ein Glas von "Lille Varlöse Kro" ist an Form gleich. Gläser in den Funden von Taastrup und Höirup sind mit denselben eingeschliffenen Halbkugeln verziert, welche jedoch ein wenig mehr oval sind. Ein großes becherförmiges Glas ist ganz wie das Hävensche mit auswechselnden Reihen von eingeschliffenen senkrechten Linien und Halbkugeln verziert, welche jedoch nach der Form des Glases größer und in den Halbkugeln ovaler sind. Ein großes becherförmiges Glas ist mit eingeschliffenen sehr großen Halbkugeln verziert. Es ist also nicht zu bezweifeln, daß das Hävensche Glas römischen Ursprunges ist, wenn es auch fast ganz neu und wasserhell erscheint. Auch in Kopenhagen sind in römischen Funden wasserhelle Gläser von derselben Form, während mehrere große geschliffene becherförmige Gläser dunkel angelaufen sind.

Ich bin geneigt, in den hier bisher aufgezählten Geräthen den vollständigen römischen Trinkapparat zu erkennen, den man bei dem eigentlichen "Trinken" ("commissatio") anwandte und den, nach alten Ueberlieferungen, auch die alten Deutschen wohl gerne gebrauchten. Bei den Trinkgelagen ward der Wein gemischt und gewürzt, theils mit Wasser bei den schwereren italiänischen Weinen, theils aber auch gewiß mit Gewürzen, Kräutern und Früchten. Diese Mischung geschah in dem Kessel oder Krater (κρατίρ), "Mischkrug". Dies sind unsere hier gefundenen Bronzekessel. Zu dem Krater gehörte eine Untersatzschale (ίποκρατίριου), theils um den Krater, der in der Regel einen kleinen Fuß hatte, bei der Mischung darauf zu stellen, theils um die nassen Schöpfkellen darauf zu legen. Das Getränk schöpfte man aus dem Krater mit der Kelle und dem Siebe ("siebartigem Trichter", ίδμός, ύλισχτήρ colum, saccus, sacculus) in die Becher, so daß man mit Kelle und Sieb zugleich schöpfte, dann das Sieb mit dem derbem Rückstande

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aus der Kelle nahm und es auf die Schale legte, und dann mit der Kelle in die Becher goß. Auch goß man das Getränk wohl über Eis in dem Siebe. Vgl. Römische Privatalterthümer von J. Marquardt, I, 1861, S. 341 flgd. Es ist dies ganz das heutige Verfahren bei der "Bowle", nur daß uns das Sieb unbekannt ist. - Auch in dem Funde von Grabow befindet sich eine Kelle und ein Sieb, welche ebenfalls genau congruiren und in den Formen fast ganz mit diesen von Häven übereinstimmen; vgl. S. 103.

Zur größern Vervollständigung fand sich in diesem Grabe noch

7) eine Schere von Bronze und

8) ein Messer von Bronze. Bronzene Scheren und Messer kommen fast in allen größern römischen Funden im Norden vor und sind ebenfalls ein ziemlich sicheres Kennzeichen römischen Ursprunges. Bronzene Scheren und Messer sind bei römischen Funden in Meklenburg öfter gefunden, theils einzeln oder mit wenigen Alterthümern, theils in größern römischen Funden, z. B. in dem Funde von Groß=Kelle (Jahrb. III, B, S. 52 und 53, und Abbildung zu Jahrb. V, B, Fig. 5 und 6) und in dem Funde von Hagenow (Jahrb. VIII, B, S. 43, und Abbildung Fig. 7). Die Scheren haben die Gestalt der heutigen Schafscheren, mit einem elastischen Bügel. Wahrscheinlich war die Schere eine neue römische oder doch verhältnißmäßig junge Erfindung und daher wohl ein begehrter Handelsartikel. In der Steinzeit konnte man natürlich noch keine Scheren haben. Auch aus der Bronzezeit, so lange sie ihre Eigenthümlichkeiten bewahrt, ist mir nie eine Schere vorgekommen. Die Schere scheint erst mit den römischen Alterthümern der ältern Kaiserzeit aufzutreten und kommt dann, gewöhnlich von Eisen, seit der altern Eisenzeit im Norden häufig vor. Die Sache verdient allerdings eine gründliche, weit reichende Untersuchung aus Alterthumsfunden.

9) Eine "Heftel" von Silber, oder "Gewandnadel" mit Spiralfeder, von der bekannten Einrichtung, wie sich dergleichen fast in jedem Grabe finden. Diese Heftel, welche nur kurz ist, ähnlich der Heftel auf der Steindrucktafel II, Fig. 22, hat ebenfalls die von den einheimischen Hefteln abweichende Einrichtung, daß am untern Ende des Bügels eine ovale, nicht polirte Platte befestigt ist, welche, wie es auch den Anschein hat, mit farbigem Schmuck belegt

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gewesen 1 ) ist, welcher sich aber nicht erhalten hat. Das obere Ende des Bügels ist mit 2 dünnen Perlenreihen von Gold zwischen 2 silbernen verziert. In fast allen Gräbern dieses Begräbnißplatzes fand sich eine solche Heftel. Auch ward eine solche in dem Funde von Grabow gefunden; vgl. oben S. 103. Diese Art von Hefteln mit den runden Verzierungsplatten scheint ganz römisch zu sein, da dergleichen in den heimischen Gräbern nicht vorkommen.

Grab Nr. 2.

In einem zweiten Grabe der ersten Aufgrabung wurden folgende Sachen gefunden.

10) Ein großer glockenförmiger Krater von Bronze, ähnlich dem Krater auf der Steindrucktafel II, Fig. 17, in der untern Hälfte leider zerbrochen und verbogen, 9 Zoll im Durchmesser weit, mit einem kleinen gedreheten Fuße, mit einem etwas verbogenen und an beiden Enden zerbrochenen, gegossenen, massiven, starken, runden Eimerhenkel, welcher mit feinen doppelten Querlinien verziert ist. Diese Henkel sind ganz charakteristisch und finden sich genau so an Bronzegefäßen im Nassauischen und im Hannoverschen, eben so an den meisten römischen Bronze=Krateren aus römischen Funden von den dänischen Inseln im Museum zu Kopenhagen. Der obere Rand und der Fuß sind mit feinen, eingedreheten Linien verziert. Dieser Krater gleicht also dem kleinen Krater Nr. 2, ist aber viel größer, als dieser.

11) Eine Kelle von Bronze und

12) ein Sieb von Bronze, wie die auf der Steindrucktafel I, Fig. 3 und 4 abgebildeten, sehr dünne und sauber gearbeitet, zusammen gehörend, wenn auch die Umrisse des Siebgriffes nicht ganz genau mit denen des Kellengriffes congruiren, eben so wie die Kelle und das Sieb Nr. 4 und 5, jedoch 4 Zoll weit, und zierlicher. Die Kelle


1) Baron v. Bonstetten bildet 3 ähnliche "römische" ("de forme romaine") Hefteln ab, die am Ende des Bügels ebenfalls eine runde Verzierungsplatte haben, welche mit einer farbigen Glaspaste belegt ist ("rosette en pâte de verre"). Sie stammen aus einem Grabe mit einer "beerdigten" Leiche ("tombe à inhumation") bei Mutenz bei Basel, welches ebenfalls in den Kiessand gegraben und auf dem Erdboden nicht gekennzeichnet war. Das Grab enthielt 8 Hefteln. Vgl. De Bonstetten Supplenent au récueil d'antiquités Suisses, Lausanne, 1860, p. 25 und Planche XVIII, Fig. 7, 8, 9. Vgl. Second Supplement, p. 15 und Planche XII, Fig. 2 et 3.
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ist inwendig und auf dem Boden mit eingedreheten Linien verziert. Die Linien der Sieblöcher sind denen des Siebes Nr. 5 ganz gleich, so daß man annehmen muß, beide seien von demselben Arbeiter gefertigt.

13) Eine Heftel von Bronze mit Spiralfeder, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 23. Der Bügel läuft unten in eine runde Platte aus und ist oben mit einer größern ovalen Platte belegt, welche nach allen Anzeichen mit farbigem Schmuck verziert gewesen ist, wie oben die Heftel Nr. 9 und die Heftel von Grabow. Die Enden der Querstange, um welche sich die Spiralfeder schlingt, sind mit 2 feinen silbernen Perlenrändern verziert.

14) und 15) Zwei gleiche Eimer von Holz 1 ) mit Bronzebeschlag, sehr merkwürdige Alterthümer, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 16. Das braune Holz ist außerordentlich fein an Fasern und sehr dünn und untadelhaft geschickt gearbeitet; es ist unter dem Randbeschlag vollkommen erhalten, in den Seitenwänden und im Boden aber zerbrochen und spurlos verschwunden. Die "Stäbe" sind nur ungefähr 1/8 Zoll oder 1/4 Centimeter dick und regelrecht geglättet, wie polirt. Jedes Eimer ist in der Mündung 8 1/4 Zoll weit im Durchmesser und ist ungefähr 9 Zoll hoch gewesen. Jedes Eimer hat 3 Haupt=Bänder aus Bronze=Blech gehabt, welche 3/4 Zoll breit sind. Jedes Band ist von einem schmalen, 1 /8 Zoll breiten Verzierungsstreifen begleitet, welcher mit getriebenen, runden Buckeln verziert ist. Zwischen je 2 Haupt=Bändern liegt noch ein solcher schmaler Verzierungsstreifen. Der obere Rand des Eimers ist durch ein schmales Bronzeband gehalten, welches an beiden Seiten, über das erste Hauptband und das Holz übergreift. Die Oehren mit Lappen für die hübsch geformten bronzenen Henkel sind auf das obere Hauptband und das Holz fest genietet.

Es ist von Wichtigkeit zu wissen, von welchem Holze die Eimer gemacht sind, schon um daraus vielleicht schließen


1) Auch in Dänemark, wo ähnliche römische Geräte oft gefunden werden, sind in neuern Zeiten zu Thorslunde bei Kopenhagen gefunden: eine Kasserolle, ein Sieb, ein Griff und Bruchstücke von einer Kasserolle, Bruchstücke von einem schwarzen Thongefäß und von einem Holzeimer, bei einigen Knochen; vgl. Aarböger for Nordisk Oldkyndighed, 1868, Heft II, p. 132, Nr. 88. Ein offenbar römisches in Dänemark gefundenes Holzeimer ist abgebildet in Worsaae Nordiske Oldsager, 1859, p. 76, Fig. 311.
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zu können, ob sie hier zu Lande gemacht oder fertig eingeführt seien. Schon aus dem feinen, festen, ebenen Fasergefüge ließ sich vermuthen, daß das Holz ein "edleres" sei und von keinem bekannten nordischen Baume stamme, da auch alle Eigenthümlichkeiten dieser Hölzer fehlen. Mein sicher bewährter Freund Dr. Röper, Professor der Botanik an der Universität zu Rostock, hat nach genauen Untersuchungen und mit Sachkenntniß sichern Aufschluß gegeben. "Eibenholz (Taxus baccata) lieferte die Stäbe zu diesen römischen Eimern; daran ist wegen des eigenthümlichen Baues gar nicht zu zweifeln. Das Kernholz der Eibe ist von Natur fest und so braun, wie das vorliegende Bruchstück; die jüngsten Jahresringe sind fast so hell, wie Buchenholz. Dieser "Splint" ist aber ganz bestimmt zu den Eimern nicht verwandt worden. Von Cedern, Pinien, Zirbeltannen ist das Eimerholz entschieden auch nicht. Es kann nur Eibenholz (Taxus baccata) sein. Wo dieses Holz aber gewachsen ist, läßt sich selbstverständlich nicht entscheiden. Die Eibe ist (als Waldbaum) jetzt in Mittel=Europa überall selten, jedoch war sie in frühern Zeiten auch an der Ostsee häufiger; jedoch ist es nicht gewiß, ob ursprünglich, oder eingeführt. In Meklenburg ist nur noch ein uralter Stamm am Leben in der Rostocker Haide mitten im Walde bei Rövershagen; in Pommern und auf Rügen ist sie auch schon fast ausgestorben; in der Provinz Preußen ist sie noch häufiger. Aber am Harze wird sie bald ausgerottet sein, so wie auch in der Schweiz, wo sie, einzelne Ausnahmen an unerreichbaren Abgründen ausgenommen, den Holzschnitzern erlegen ist 1 )." Auch der Herr Dr. Schwendener, Professor der Botanik an der Universität zu Basel, dem auch ein Stück Holz zur Ansicht vorgelegt ward, urtheilt, daß das "Holz nach mikroskopischer Untersuchung zweifellos Taxusholz" ist. - Es ist daher wohl nicht zu bezweifeln, daß diese Eimer schon zusammengefügt hier eingeführt wurden. Denn theils dürfte es


1) Im Taunus=Lande ist nach Versicherung dortiger Botaniker und Forstmänner auch kein Eibenholz mehr zu finden. Nach alten Berichten standen jedoch noch vor hundert Jahren vor der Saalburg, welche man damals für die Ruinen eines "Schlosses" hielt, "Hecken" von Taxus und Buxbaum und nach alten Archiv=Nachrichten standen, nach Mittheilungen des Herrn Baumeisters Jacobi zu Homburg, auch auf der Höhe des Altkönig Eibenbäume. Diese Bemerkungen mögen für den unten folgenden Abschnitt: "Vergleichungen und Zeitbestimmung" von Werth sein.
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den Verfertigern hier an dem ihnen gewiß wohl bekannten Holze 1 ), theils an den nötigen Geräthen zur Bearbeitung und an den Werkzeugen und dem nöthigen Metall zu dem reichen Bronzebeschlag gefehlt haben. Die Eimer sind also wohl ohne Zweifel aus Eibenholz in den römischen Staaten gemacht und fertig in den Norden eingeführt. Von einheimischen Gefäßen finden sich in diesen Gräbern zur nothdürftigen Aushülfe nur die bekannten grobkörnigen Thongefäße.

Im Museum zu Kopenhagen sind in römischen Funden von den dänischen Inseln ungefähr 6 hölzerne Eimer mit Bronzebeschlag gefunden, welche ziemlich gut erhalten, jedoch von gröberem Holze zu sein scheinen und nicht so reich verziert sind; der Boden ist weiter, als die Oeffnung, während die Hävenschen Beschlagreifen alle gleich weit sind.

Es sind auch sonst in Norddeutschland römische Eimer, zum Theil mit Holzresten, gefunden, wenn man die Gefäße mit senkrechten Wänden und flachem Boden vom Durchmesser des Gefäßes und des Oeffnungsrandes "Eimer" nennt, wogegen die "Krateren" oder Kessel eine glockenförmige Gestalt und einen kleinen, runden, abgedreheten Fuß haben. Bei Luttum im Amte Verden wurden in 3 Grabhügeln in jedem ein bronzenes Eimer gefunden, welche in Form und Arbeit alle gleich und 6 1/4 und 7 Zoll hoch sind, und bei Nienburg an der Weser ward in einem Hügelgrabe ein gleiches Eimer gefunden. Alle waren früher in der Sammlung des Grafen Münster, von demselben ausgegraben, jetzt in den Sammlungen zu Hannover. In den Eimern lagen zerbrannte Menschenknochen und auch kleine bronzene und eiserne Alterthümer. Diese Bronze=Eimer sind dadurch verziert, daß in der Wandung 7 und 8 erhabene halbrunde Reifen oder Wulste von innen nach außen geschlagen oder getrieben, oder "ausgewalzt", und die Enden fest und sauber vernietet sind. Jedes Eimer hat merkwürdiger Weise zwei eiserne Henkel. Der obere Rand des Eimers, von denen einer ziemlich gut erhalten und zu der Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen, Jahrgang 1854, Hannover 1856, Lithographie Fig. 5 abgebildet ist, ist von außen nach innen rund eingebogen und


1) Ueber das hohe Alter und die Dicke der Eibenbäume in Britannien vgl. A. v. Humboldt Ansichten der Natur, Bd. II, Stuttgart, 1869, S. 80.
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bildet eine Röhre von fast 1/4 Zoll Durchmesser, in welcher eine mehr als Strohhalm dicke, runde, hölzerne Ruthe steckt, offenbar zn dem Zwecke, daß der Rand nicht so leicht eingedeckt werden kann. Dieses Holz, in den ausgebrochenen Stellen des Randes deutlich zu sehen, ist durch das Kupferoxyd vollkommen und fest erhalten, von blaßgrüner Farbe und anscheinend "Weidenholz". Vgl. Zeitschrift a. a. O. Hannover: Ueber einige im Königreiche Hannover gefundene römische Bronze=Arbeiten, von Einfeld, S. 31 flgd. - Nach der brieflichen Mittheilung des Herrn Studienraths Müller zu Hannover sind im Hannoverschen auch hölzerne "Eimer" mit Bronzebeschlag gefunden, jedoch ist die "hölzerne Futterung" leider "gänzlich verschwunden".

Ein bisher noch nicht bekannt gewordenes, werthvolles, gleiches Eimer, wie die Hannoverschen, ward auch in der Nähe der Ostsee gefunden und ist im Besitze des um die Alterthumsforschung verdienten Lübeker Oberförsters Haug zu Waldhausen bei Lübek, welcher die große Güte gehabt hat, mir genaue Nachrichten und gute Photographien des Eimers einzusenden. Vor ungefähr 20 Jahren untersuchte Herr Haug auf dem Felde des Dorfes Pansdorf, 1 3/4 Meilen nördlich von der Stadt Lübek im Fürstenthume Lübek, hart an der Chaussee von Lübek nach Eutin, mehrere Kegelgräber. In einem damals noch ungefähr 3 Fuß hohen, im Innern mit einem großen Steinringe eingefaßten Hügel dicht vor dem Dorfe fand Herr Haug unter einem wohlgefügten rundlichen Pflaster von faustgroßen Feldsteinen in einer Kiste von flachen rothen Sandsteinen das erwähnte römische Bronzeeimer, zum Theil mit schönem edlen Rost bedeckt, welche mit zerbrannten Knochen, Asche und Sand gefüllt war, worin eine sichelförmige Messerklinge von Eisen lag. Das Eimer, 12 3/8 Zoll hoch und 11 1/2 Zoll im Durchmesser und 5 Pfund 1 Loth schwer, ist aus ziemlich starker, schöner Bronze so "getrieben", daß in der Wandung von innen nach außen 12 erhabene, halbrunde Reifen "geschlagen" oder getrieben und die Enden kunstvoll vernietet sind. Der oberste Reifen oder Rand ist zur Stärkung um einen als Korn dienenden eisernen Reif geschlagen, welcher stark gerostet ist. Das Gefäß hat zwei schlichte, massiv bronzene Henkel von ungefähr 1/4 Zoll Durchmesser, welche in langen Enden in thierkopfartige Verzierungen auslaufen; die Henkelhalter sind sauber angenietet. Der Boden ist außen mit breiten und schmalen erhabenen Reifen abgedreht.

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Es kann immer möglich sein, daß diese Gräber mit bronzenen Eimern, welche als Aschenurnen dienten, Römer=Gräber mit verbrannten Leichen waren.

Grab Nr. 3.

In einem dritten Grabe der ersten Aufgrabung wurden folgende Sachen gefunden.

16) Eine Kelle von Bronze, von Größe, Gestalt und Arbeit, wie die Kelle Nr. 11, jedoch ohne Sieb.

17) Eine Heftel von Bronze, ebenfalls mit 2 runden Verzierungsscheiben auf dem Bügel, fast ganz wie die Heftel Nr. 13. Der Bügel ist mit einem, die Querstange mit drei feinen silbernen Perlenrändern verziert.

Außerordentlich merkwürdig und wichtig ist die Auffindung von 3 thönernen Gefäßen in diesem Grabe, welche wohl sicher einheimische Arbeiten sind; eines dieser Gefäße ist abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 18. Sie sind ziemlich gut erhalten, schwarz von Farbe und alle mit Verzierungen geschmückt. Man gelangt durch Hülfe der römischen Alterthümer, mit denen sie zusammen gefunden sind, zu einer ungefähren Zeitbestimmung einer gewisse Art von heimischen Begräbnissen. Auch in einem andern Grabe der zweiten Aufgrabung von Häven fanden sich ähnliche thönerne Urnen. Die Formen sind mehr cylindrisch und die Verzierungen bestehen vorherrschend aus Zickzacklinien. Die Masse ist nach einheimischer heidnischer Weise bereitet, indem sie mit Sand durchknetet und nur am offenen Feuer gedörrt ist, nicht nach römischer Weise gebrannt 1 ). Die Urnen gleichen den Urnen der einheimischen alten Eisenzeit, z. B. den Urnen des reichen, früher sogenannten Wendenkirchhofs von Pritzier, der sich auch durch Glas und Silber auszeichnete (vgl. Jahrb. VIII, B, S. 58 flgd.), welche ich schon 1847 für die "ältern" Urnen der Eisenzeit erklärt habe (vgl. Jahrb. XIII, S. 428). Auch die Urnen aus dem Pfahlbau von Vimfow sind diesen ähnlich (vgl. Jahrb. XXXII, S. 227). Diese Urnen sind ohne Zweifel statt der römischen Bronze=Kessel und Schalen, welche hier ganz fehlen, in das Grab gesetzt.


1) Römische Thongefäße sind in Meklenburg nicht anders gefunden als in dem Grabe von Bibow, Jahrb. II, S. 50 mit Abbildungen; diese sind aber viel älter, als der Fund von Häven, und haben einen ganz andern Character als die römischen Thongefäße im Taunuslande. Das Fehlen römischer Thongefäße ist durch die Zerbrechlichkeit und die weiten Wege leicht zu erklären.
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18) Eine große Urne von Thon, mit engem Halse, und mit einem Fuß, 7 1/2 Zoll hoch, vorherrschend mit horizontalen Parallellinien verziert.

19) Eine mittlere Urne von Thon, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 19, 4 1/2 Zoll hoch, fast ganz so, wie die hieneben abgebildete Urne von Pritzier (vgl. Jahrb. XII, S. 429), auf dem Bauchrande mit einer dreifachen Zickzacklinie und darüber mit einem Bande von Querstrichen verziert. Die Urne hat einen Henkel gehabt, welcher jedoch abgebrochen ist.

Urne

Auch in einem römischen Funde von den dänischen Inseln im Museum zu Kopenhagen ist eine heimische thönerne Urne, welche denselben Charakter an Form und Verzierung und dieselbe Größe hat, wie die Hävensche, wenn auch einzelne kleine Verschiedenheiten auf dänische Fabrication schließen lassen.

20) Eine kleine Urne von Thon, 2 1/2 Zoll hoch, überall reich und eigenthümlich verziert, leider nur noch in einem freilich großen Bruchstück vorhanden.

B. Zweite Aufgrabung.

Nachdem man nach der ersten Aufgrabung wieder auf drei Leichen gestoßen war, welche auf meinen dringenden Wunsch unangerührt in der Tiefe lagen, begab ich mich nach Häven, um diese Gräber selbst aufzudecken und zu erforschen. Die Gräber alle lagen auf der runden Höhe, wie es scheint in einem Kreise umher oder in zwei Reihen. Zwei Gräber lagen in der Nähe der drei zuerst aufgedeckten, das dritte Grab lag diesen gegenüber. Die ziemlich wohl erhaltenen Gerippe lagen 5 Fuß tief ausgestreckt im Sande, die Arme an den Seiten liegend. Die Alterthümer lagen auf verschiedenen Theilen des Gerippes oder standen zu den Füßen. Diese zuletzt aufgedeckten drei Gräber waren nicht mit Steinen zugedeckt, sondern lagen im reinen Sande. Dem Anscheine nach und nach den mitgegebenen Alterthümern waren die Gräber Nr. 5 und 6 Frauengräber. Alle Leichen lagen, ganz abweichend von sonstigen Bestattungs=

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weisen, mit dem Kopfe im Norden, so daß das Gesicht nach Süden (oder höchstens Südsüdwest) schauete.

Münzen sind trotz aller Aufmerksamkeit nicht gefunden. Auch Fabrikstempel und sonstige Zeichen sind nicht beobachtet.

Grab Nr. 4.

In einem Grabe am nördlichen Abhange des Hügels außerhalb der Gräberreihe, an der westlichen Seite der früher aufgedeckten Gräber, am Ende, ward ein gegen Süden gerichtetes Gerippe, jedoch gar nichts weiter gefunden. Der Schädel ist groß und stark und nähert sich stark der brachycephalen Form. Er steht dem "exquisit brachycephalen" Schädel Nr. 5 sehr nahe, ist aber größer und weniger edel in den Linien. Die Zähne sind alle gesund und noch nicht angegriffen, die Arm= und Beinknochen sind nicht stark. Es ist möglich, daß hier ein Sklave begraben ward.

Grab Nr. 5.

In einem andern Grabe an der östlichen Seite der früher aufgedeckten Gräber lag ein ebenfalls gegen Süden gerichtetes Gerippe. Der Schädel ist wohl erhalten und gebildet; die Zähne sind alle gesund, glänzend weiß und noch nicht angegriffen; die Arm= und Beinknochen sind schmächtig. Nach dem Urtheil des Herrn Professor His zu Basel (vgl. unten am Ende der Schlußfolgerungen) ist der sehr klar ausgeprägte Schädel "brachycephal" (Kurzschädel) von der "alemannischen Disentisform" und scheint "nach dem Stand der Näthe und der Beschaffenheit der Zähne einem jungem Individuum anzugehören". Nach den Beigaben zu urtheilen, barg das Grab wohl sicher eine weibliche Leiche.

Gefäße standen in diesem Grabe nicht.

Oben auf der Brust lag

21) eine Heftel von Silber, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 22, ebenfalls mit einer ovalen Schere zur Aufnahme von Verzierungen am Ende des Bügels, die größte von allen auf dem Begräbnißplatze gefundenen Hefteln, gut 1 1/2 Loth schwer.

Auf der Brust entlang lagen 3 runde Knöpfe, welche jedenfalls von Wichtigkeit sind. Diese Knöpfe, welche 1 Zoll

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im Durchmesser haben, bestehen aus einer dünnen, vergoldeten Silberplatte, eingefaßt von einem glatten silbernen Ringe, welcher innen und außen von einem Perlenrande begleitet wird. In die Platte ist von hinten ein Reliefbild gepreßt, welches ziemlich hoch liegt. Es wäre möglich, daß diese Reliefbilder über alte Münzen abgepreßt sind; jedoch sind die Bilder auf den Knöpfen ein wenig höher, als auf Münzen, und von Inschriften ist keine Spur vorfanden.

22) Ein Knopf von vergoldetem Silber mit dem Bilde eines Vogels, welcher auf einem liegenden Fisch steht und mit dem Schnabel den Kopf des Fisches hackt, vollständig erhalten, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 5. Diese Darstellung weiset auf südöstliche Gegenden, auf die Länder des Pontus Euxinus (Schwarze Meer) hin, auf Mösien. Wiberg 1 ) sagt bei der Aufzählung der Funde auf den pontisch=baltischen Handelsstraßen: "Zwenikorodska=Kreis: ein griechischer Bronzehelm, eine vergoldete Platte mit darauf abgebildetem Vogel, der einen Fisch zerreißt, wie man oft auf Münzen von Olbia, Sinope und Istros findet". Ein auf einem Delphin sitzender Vogel (Adler) war das Zeichen für die Stadt Istros in Mösien 2 ) (vgl. Mionnet Déscription I, p. 356). Eben so sehr scheint diese Darstellung auf die Stadt Olbia hinzudeuten. Olbia 3 ) war eine Colonie im Nordwesten des Pontus, wo der "Hypanis" (Bug) und "Borysthenes" (Dnieper) in eine gemeinschaftliche Bucht (Liman) münden, von den Milesiern gegründet. Es giebt kaum einen Ort, der wichtiger für uns wäre, als dieser, von welchem, mit dem Handel zugleich, die aufdämmernde Civilisation ihre Strahlen allmälig über das große sarmatische Tiefland in der Richtung nach dem baltischen Norden ausdehnte." Im Museum des Fürsten Kotschoubey 4 ) finden sich Zeichen von Olbia mit einem Fische, auch eine Münze mit einem Vogel auf

modernisirt dargestellt ist. Die Münze ist abgebildet Vol. I, Tab. IV, No. 4.


1) Vgl. C. F. Wiberg: Der Einfluß der klassischen Völker auf den Norden durch den Handelsverkehr. Aus dem Schwedischen von J. Mestorf. Hamburg, 1867, S. 92.
2) Die 8. Legion, welche eine lange Zeit des Kaiserreichs am Rhein und auf der Saalburg stand, lag bis zum J. 70 in Mösien.
3) Vgl. Wiberg a. a. O. S. 36 flgd.
4) Vgl. das große Werk: "Déscription du Musée de feu le prince de Kotschoubey, par B. de Köhne", St. Petersbourg, 1857, Vol. I.
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einem Fische, "welche vielleicht zwei der Hauptbilder von Olbia vereinigt".

23) Ein Knopf von vergoldetem Silber mit dem Bilde eines laufenden Ebers, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 6. Der Leib des Ebers ist ganz zerdrückt. Kopf, Rücken, Beine und Schwanz sind jedoch gut erhalten; der kurze Schwanz ist nach Schweine Art gekrümmt und deutlich erkennbar. Der Eber erscheint häufig auf gallischen Münzen; vgl. Mionnet Supplément I, p. 186, Nr. 312 - 315, 328, 337, 339 - 349. Professor Holmboe in Christiania hat vor kurzem eine kleine Abhandlung darüber geschrieben in "Videnskabernes Forhandlinger for 1868: "Om Vildsviintypen paa galliske og indiska Mynter". Das Wildschwein kommt aber auch in Mösien vor, z. B. als Feldzeichen; vgl. Dr. Gaedechens: "Eberkopf und Gorgoneion als Amulete" in Jahrbüchern des Vereins der Rheinlande, Bonn, Heft XLVI, S. 26 flgd., und hier unten am Ende der "Vergleichung und Zeitbestimmung".

24) Ein dritter Knopf von vergoldetem Silber ist ganz zerdrückt und nicht mehr erkennbar.

25) Eine auf einen Bronzestreifen genietete kleine runde Bronzeplatte von gleicher Größe läßt keine Bestimmung errathen, eben so wenig

26), eine kleine runde Bronzeplatte von gleicher Größe.

Am Oberleibe lag

27) ein Kamm von Knochen, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 25, Bruchstück, sehr gut gearbeitet, im Ganzen 2 Zoll, in den Zähnen 1 1/4 Zoll hoch, am Griffe auf beiden Seiten durch Bronzeniete mit Elfenbeinplatten belegt, welche mit Punctlinien verziert sind. Auch in den römischen Funden von den dänischen Inseln im Museum zu Kopenhagen finden sich viele Kämme, welche an Form und Arbeit gleich sind.

Ferner lag am Oberleibe

28) eine durchsichtige, rundliche, hellgrüne Glasperle.

Am Gürtel und an der Gegend des Oberschenkels lagen

29) eine Schnalle von Silber ganz glatt, gut 1 Loth schwer, und

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30) eine Schnalle von Bronze, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 7, deren Bügelenden Vogelköpfe darstellen.

Endlich fanden sich zur Seite Streifen von schwärzlichem Moder, welcher theils faserig, theils glatt war, und von Zeug oder Leder, aber auch von Holz sein kann. Dabei lagen 4 silberne Beschläge.

31) Ein Beschlag von Silber, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 8 in der Mitte wie ein Ring gestaltet, welcher nach zwei Seiten hin in breite Lappen ausläuft, von denen der eine 3 Niete am Ende hat. Auf der Rückseite sitzen Stücke von dem schwarzen Moder.

32) und 33) Zwei Streifen Silberblech, 1 3/4 Zoll lang und 1/2 Zoll breit, welche je auf einen gleich großen Streifen Bronzeblech in einem kleinen Abstande genietet sind, so daß irgend ein starker Stoff, vielleicht Leder, zugleich damit festgenietet gewesen ist.

34) Zwei zungenartige, an einem Ende zusammengenietete Silberstreifen, 1 3/4 Zoll lang.

Grab Nr. 6.

In einem andern Grabe, den bisher beschriebenen Gräbern gegenüber, lag, mit dem Gesichte gegen Süden gerichtet, ein Gerippe. Der Schädel war auf die rechte Seite gefallen und an dieser Seite zerbrochen und zum Theil vergangen; innerhalb des Schädels sind grüne Rostflecke, ein Zeichen, daß beim Verwesen bronzene Schmucksachen hineingefallen gewesen sind. Der sonst gut erhaltene Schädel und der Unterkiefer sind sehr klein und schmal, die Stirn ist sehr schmal und niedrig; die Zähne sind klein, die Weisheitszähne so eben im Durchbruch. Die Schädelwände sind sehr dünne, die Schädelnäthe noch nicht fest verwachsen. Die übrigen Knochen waren sehr dünne und stark vergangen.

Hiernach und nach den aufgefundenen Schmucksachen war dies die Leiche eines jungen Frauenzimmers.

Auf der Brust lag

35) eine dünne Heftel von Bronze, wie die Abbildung auf der Steindrucktafel II, Fig. 24, jedoch ohne aufgelegte runde Verzierungsplatten.

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In der Gegend des Oberleibes und Kopfes lag noch

36) ein Ring von Bronze, 1 1/4 Zoll im Durchmesser, welcher in einem Niet oder Haft beweglich hängt, und

37) eine spitze Nadel von Bronze mit einem kleinen Knopfe, 6 1/2 Zoll lang.

Am Halse und am Schädel lag eine große Menge verschiedenartiger Schmuckperlen, welche zum großen Theile aus dem mit Sand vollgeschlämmten Schädel herausgeholt wurden.

38) Mehrere kleine gepreßte Halbkugeln von Bronze, wie kleine Muscheln, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 15, 5/8 Zoll im Durchmesser, auf der Oberfläche ganz mit kleinen Pünctchen besäet, welche von innen herausgetrieben sind. An einem Ende laufen sie in ein schmales Bronzeband aus, durch welches immer zwei solcher Halbkugeln zum Anhängen mit einander verbunden gewesen sind, wie noch ein vollständiges Exemplar aus zwei Hälften beweiset. Es wurden aus diesem Grabe 7 Hälften herausgeholt, jedoch haben sich schon vorher noch mehrere gefunden. Wahrscheinlich dienten diese Bronze=Muscheln zum Halsschmuck.

Ferner fanden sich in der Gegend des Halses und der Brust

39) 10 Halsbandperlen verschiedener Art: 7 runde Perlen von rothem, weißem, schwarzen und blauem undurchsichtigen Glase, zum Theil mosaikartig eingelegt, z. B. eine durchsichtige hochblaue Perle mit weißen Sternblumen, 2 weiße Stangenperlen, 1 bernsteinerne Stangenperle, wie die Abbildungen auf der Steindrucktafel I, Fig. 9 bis 13. Eine grünlich=weiße, undurchsichtige, gereifelte runde Perle ist abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 11. Die vielen in dem Begräbnißplatze von Pritzier gefundenen Glassachen sind den Hävenschen gleich (vgl. Jahrb. VIII, B, S. 65 und 73); dies scheint auf einen gleichzeitigen Handelsverkehr zu deuten.

40) Ein großer Knopf von Bernstein, 1 1/8 Zoll im Durchmesser, auf der Oberfläche verwittert.

41) Zwei kleine Knöpfe von (hellbraunem) Bernstein, 3/4 Zoll im Durchmesser, nicht verwittert.

42) Sechs beutelförmige oder birnenförmige Bommeln von (hellerem) Bernstein, abgebildet

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auf der Steindrucktafel I, Fig. 14, 1 Zoll lang, davon 1 vollständig und 2 zerbrochen, 4 auf der Oberfläche verwittert.

In der Nähe des rechten Kniees stand

43) ein großer, glockenförmiger Krater von Bronze, wie der auf der Steindrucktafel II, Fig. 17, 8 1/2 Zoll im Durchmesser weit, mit einem kleinen, starken Fuß und einem gegossenen, schweren Eimerhenkel, welcher mit doppelten Querreifen verziert ist. Als der Krater einigermaßen enthüllt war, stand er in seiner vollen Form noch ganz aufrecht; aber bei der Befreiung von der Erde zeigte sich, daß die ungewöhnlich dünnen Wände überall gänzlich zerbrochen waren. Und so zerfiel das Gefäß denn auch bald durch den Druck der Erde, mit der er gefüllt war, in viele Stücke. Nur der fast zu starke Rand mit dem Henkel und der starke Fuß sind unversehrt geblieben 1 ). Verziert war der Krater, wie gewöhnlich, mit feinen eingedreheten Linien.

Auch in diesem Grabe fanden sich mehrere thönerne Gefäße von einheimischer Fabrik, wie in dem Grabe Nr. 3.

Zunächst dicht an dem Fuße des Bronze=Kraters lag

44) eine kleine schwarze Urne von Thon, 4 Zoll hoch, mit einem hohlen Fuß, wohl schon eine Nachahmung der bronzenen Kraterfüße, vollständig erhalten. Die Verzierungen sind den Verzierungen der zu Nr. 19 abgebildeten Urne äußerst ähnlich.

Zu den Füßen standen zwei größere thönerne Urnen, welche zwar zerbrochen, aber doch zum größten Theil erhalten sind:

45) eine Urne von Thon, 6 Zoll hoch, mit 2 Knoten am Rande und mit Zickzacklinien und Parallellinien verziert;

46) eine Urne von Thon, 4 1/2 Zoll hoch, eben so verziert.

47) Ein Stückchen Eisen, wahrscheinlich Bruchstück eines Messerchens, 1/2 Quadratzoll groß, stark gerostet. Dies ist die einzige Spur von Eisen in dem ganzen Funde. Vgl. Nr. 49.


1) Diese Bronze=Krateren, welche einen sehr starken Rand und Henkel und einen sehr schweren Fuß haben, sind meistentheils in der Seitenwand äußerst dünne und daher gewöhnlich in der untern Hälfte zerbrochen.
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C. Beiläufige Funde.

Außer diesen hier aufgezählten Alterthümern hat Herr Jenßen in der letzten Zeit vor der zweiten Aufgrabung noch mehrere werthvolle Sachen nach und nach gefunden, immer sogleich an sich genommen und mir bei der Aufnehmung der drei letzten Leichen überliefert. Nach Herrn Jenßen's Mittheilung sind sie nach und nach vereinzelt an verschiedenen Stellen auf dem Begräbnißplatze beim Abfahren des Sandes gefunden. Es ist aber auch möglich, entweder daß diese Sachen noch von den Gräbern der ersten Aufgrabung stammen, oder von den Gräbern der zweiten Aufgrabung, deren Umfang man vielleicht zu nahe gekommen ist, wofür manche Stücke zu sprechen scheinen. Zu besondern Gräbern werden diese Sachen nicht gehört haben, da bisher keine anderen Gerippe als die aufgeführten 6 entdeckt sind. Genug, die im folgenden aufgezählten Alterthümer lassen sich keinem bestimmten Grabe zutheilen. Jedoch ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie zum größten Theile zu dem Grabe Nr. 6 gehören.

Diese Alterthümer sind folgende.

48) Eine große, runde, gewölbte Schale oder Schüssel von Bronze, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 2, mit sehr geschickt gedrehetem Fuße, 15 Zoll im Durchmesser in der Oeffnung und 5 Zoll hoch. Der Rost im Innern ist sehr verschieden, theils grün, theils blau, an einer großen Stelle fehlt er ganz. Auf dem Boden sind geringe Spuren des weißlichen Bodensatzes. Diese verschiedenen Farben kommen gewiß von Dingen her, die man in der Schüssel beigesetzt hat.

49) Ein kleines Eimer von Holz, ähnlich wie das Eimer auf der Steindrucktafel II, Fig. 16, mit bronzenem, verziertem Eimerhenkel und Beschlagrand und 4 bronzenen Beschlagreifen von 1 1/8 Zoll Breite; sonstige Verzierungen sind nicht vorhanden. Dieses Eimer ist bedeutend kleiner, als die zu dem Grabe Nr. 2 gehörenden, oben unter Nr. 14 und 15 beschriebenen hölzernen Eimer. Der Oeffnungsrand hat nur 5 1/2 Zoll im Durchmesser und das ganze Eimer wird nur ungefähr 6 Zoll hoch gewesen sein. Das Holz ist sehr dünne ausgearbeitet und scheint dickfaseriger zu sein, als das Holz der großen Eimer. An einem Henkelende sitzt etwas Eisenrost; vgl. Nr. 47.

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50) Eine kleine Heftel von Silber, mit einer ganz kleinen ovalen Verzierungsplatte am obern Ende des Bügels.

51) Eine spitze Nadel von Bronze mit rundem Knopf, 4 1/2 Zoll lang.

52) Ein Halsband oder Kopfband von Silber, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 21, mit Haken und Oese an den Enden, vor den Enden 2 Zoll lang mit Silberdrath und Perlenrändern umwunden, gegen 5 Zoll im Durchmesser und gegen 15 Zoll im Umfang, gut 2 Loth schwer.

53) Ein kleiner, starker Ring von Bronze, 2 Zoll im Durchmesser.

54) Ein noch kleinerer, dicker Ring von Bronze, 3/4 Zoll im Durchmesser.

55) Zwei ganz feine, gleiche Ringe von Bronze, eben so groß, vielleicht Ohrringe.

56) 8 kleine gepreßte Halbkugeln, muschelartige Ohrbommmeln?, genau wie die in dem Grabe Nr. 6 unter Nr. 38 aufgeführten Halbkugeln, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 15, und ohne Zweifel dazu gehörend oder aus demselben Vorrath stammend.

57) 15 undurchsichtige Glasperlen, von denen 10 rund, 5 stangenförmig; einige sind einfarbig, z. B. 2 rothe, 2 schwarze, 1 hellblaue runde Perle und 1 weiße Stangenperle, andere sind mosaikartig eingelegt, z. B. rothe Perlen mit gelben Sternblumen, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 10, grüne mit gelben, blaue mit weißen, weiße mit schwarzen Blumen, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 9; zwei weiße Stangenperlen sind mit einem rothen, eine rothe Stangenperle mit einem weißen eingelegten Zickzackbande verziert, abgebildet auf der Steindrucktafel I, Fig. 12 und 13. Die bunten mosaikartigen Einlegungen gehen immer durch die ganze Perle hindurch, wie einige zerbrochene Stücke zeigen. Diese Halsbandperlen sind denen im Grabe Nr. 6 gefundenen, unter Nr. 39 aufgeführten ganz gleich und gehören vielleicht zu denselben.

58) 1 ) Eine kleine Urne von T hon, hellbraun von Farbe, mit engem Halse, 4 Zoll hoch, über dem Bauchrande


1) Dieser Hävensche Fund ist also auch ungefähr eben so groß, wie der Hildesheimer Silberfund, welcher auch, "Größeres und Kleineres zusammengerechnet, über sechzig Stücke" enthält.
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mit horizontalen Parallelreifen und unter demselben mit kleinen, hangenden Halbkreisen verziert, also den übrigen Thongefäßen dieses Begräbnißplatzes ähnlich.

Geschrieben zu Schwerin, im April 1869.


Schlußfolgerungen.

1) Die Fundstellen von Häven sind ohne Zweifel Gräber. Die Leichen waren alle nach einem erkennbaren bestimmten Gebrauche regelmäßig beigesetzt und mit den Bestattungsgebräuchen sichtbar und vollständig vorhanden. Es kann hier also weder von einer vergrabenen Beute oder einem Schatze, noch von einem durch Zerstörung ehemaliger Wohnungen versunkenen Hausrath die Rede sein.

2) Alle den Leichen beigegebenen Sachen sind römische, mit alleiniger Ausnahme der thönernen Töpfe. Von den vielen bronzenen Gefäßen, von den zahlreichen silbernen und bronzenen Schmucksachen, von den gläsernen Perlen und dem gläsernen Becher kann es nach den Formen und nach der Art der Arbeit nicht bezweifelt werden 1 ), daß sie römischen Ursprunges sind, und es bedarf diese Behauptung keiner weitern Begründung. Die Vollkommenheit der römischen Arbeiten dieser Art ist auf den ersten Blick durchaus sicher und klar zu erkennen, da alle andern gleichzeitigen Sachen nicht entfernt einen Vergleich damit aushalten.

Ein Einwand gegen diese Annahme könnte gemacht werden in Beziehung auf die "Hefteln" oder "Gewandnadeln" Nr. 9, 13, 17, 21 und 35 und die Schere Nr. 7.

Die Hefteln, mit einem Bügel mit Scheide und einem quer liegenden, aufgerollten Spiraldrath mit einer Nadel mit Federkraft, die in die Scheide einspringt, (in den neuesten Zeiten in kümmerlicher Weise als "Sicherheitsnadeln" wieder nachgeahmt), sind zu einer gewissen heidnischen Zeit wenigstens in Mittel=Europa ganz allgemein verbreitet gewesen. In Gräbern der eigentlichen Bronzezeit sind sie wohl nie gefunden; hier kommen nur die Gewandnadeln mit zwei


1) Vgl. Jahrb. XI, 1846, S. 397.
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flachen Spiralplatten und einer Nadel ohne Federkraft vor; vgl. Abbildung Jahrb. IX, S. 331. Die Gewandnadeln mit einer "Springfeder" muß ich für eine römische oder hetruskische Erfindung halten, welche sich sehr rasch der allgemeinsten Verbreitung erfreute. Sie sind im nordöstlichen Deutschland sehr zahlreich vorhanden und finden sich fast in jeder Urne der altern Eisenzeit. Aber weil die Construction dieser Hefteln überall dieselbe ist, darf man nicht alle einem bestimmten Volke zuschreiben. Die Nordländer halten alle im Norden gefundenen Hefteln dieser Art gerne für nordländische. Andere halten wieder alle Gewandnadeln dieser Art für römische 1 ). Es wird gerathen sein, je nach den Umgebungen im Funde und nach der Bestattungsweise scharfe Unterschiede zu machen. Es giebt ganz geringe Unterschiede, welche für verschiedene Herkunft reden. Die zu Häven gefundenen Hefteln, abgebildet auf der Steindrucktafel II, Fig. 22, 23 und 24, zeichnen sich nicht nur durch eine größere Schlankheit und gefälligere Form, so wie durch zarte Silberarbeit und Vergoldung aus, sondern vorzüglich dadurch, daß der Bügel mit kleinen ovalen Platten belegt ist, welche nicht polirt sind, vielmehr auf der rauhen Fläche noch geringe Reste von einem schwärzlichen Kitt zeigen, auf welchem ohne Zweifel irgend ein kleiner bildlicher Schmuck gesessen hat. Unter den vielen Hunderten, ja Tausenden von heimischen Gewandnadeln, welche im nordöstlichen Tieflande Deutschlands wohl seit Jahrhunderten ausgegraben und ausgepflügt sind und von denen ein bezeichnender Repräsentant hieneben abgebildet ist, ist noch keine einzige beobachtet, welche diese ovalen Plättchen trüge. Solche Hefteln verrathen einen Ursprung aus einer kunstreichern Werkstätte. Im nordöstlichen Deutschland sind sie nur bei römischen Geräthen gefunden. Lindenschmit giebt sie auch für römische aus (vgl. oben Fund von Grabow Nr. 5) und ich muß ihm ganz beistimmen. Vgl. Nr. 9.

Gewandnadel

1) Noch in den neuesten Zeiten scheinen viele Gewandnadeln dieser Art für römische ausgegeben zu sein, die es vielleicht nicht sind. In den Jahrbüchern des Vereins im Rheinlande, Bonn, Heft XLVI, 1869, S. 45 flgd., werden in einem Aufsatze vom Prof. Dr. Aus'm Werth über (  ...  )
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Ganz ähnlich verhält es sich mit den bronzenen Scheren in Gestalt der "Schafscheren 1 )", welche sich in Meklenburg fast in jedem römischen Funde gezeigt haben. Die Schere ist ebenfalls wohl eine junge römische Erfindung und daher auch wohl gangbarer Handelsartikel geworden. In der Steinzeit konnte es natürlicher Weise keine Scheren geben: man schnitt mit gespaltenen oder geschliffenen Feuersteinen oder mit Spanmessern, und zwar gewiß recht gut. Aus der Bronzezeit ist wohl noch nie eine Schere zum Vorschein gekommen, plötzlich erscheinen die Scheren in der ältern Eisenzeit ziemlich häufig, jedoch in den heimischen Gräbern des Nordens vorherrschend immer aus Eisen, in den verschiedensten Größen. In Meklenburg sind sie grade nicht selten in einheimischen Brandurnen. Von bronzenen Scheren hat sich aber bis jetzt nur ein Exemplar in einem Begräbnißplatze der Eisenzeit gefunden, welches freilich dieselbe Construction hat, wie die römischen Scheren, aber doch einen andern Charakter im Einzelnen. Ich kann daher die bronzenen Scheren, welche mit römischen Alterthümern gefunden werden, auch nur für römische halten.

Die bearbeiteten Bernsteinperlen können auch nicht bestimmt für nordischen Ursprung zeugen, wenn der Ursprung des rohen Bernsteins auch vorzugsweise der Norden sein mag. Ich habe im Museum zu Wiesbaden aus den römischen Ruinen von Heddernheim (vgl. unten) dieselben Bernsteinperlen gefunden, wie in den Gräbern zu Häven.

Endlich sind die hölzernen Eimer Nr. 14 und 15 und Nr. 49 sicher römischen Ursprunges, sowohl nach dem Holze, als nach der Sauberkeit der Arbeit und dem Schmuck des Beschlages.

Es bleiben also nur die thönernen Gefäße in dem Grabe 2, Nr. 18, 19, 20, in dem Grabe 6, Nr. 44, 45, 46, und in den beiläufigen Funden, Nr. 58, übrig, welche für


(  ...  ) "Römische Gewandnadeln", namentlich über diejenigen aus dem Nachlasse des verstorbenen Dr. Fritz Hahn zu Hannover, viele Stücke abgebildet, welche ich nicht ganz sicher für römische ausgeben möchte, namentlich nicht diejenigen, welche im Pyrmonter Brunnen bei der Ausräumung desselben gefunden sind. Solche Hefteln sind in norddeutschen heimischen Gräbern sehr zahlreich verbreitet.
1) Die Schere besteht aus zwei Messern durch einen Bügel zur Handhabung verbunden. Jede römische Scherenklinge gleicht daher ganz einer römischen Messerklinge, welche gewöhnlich neben der Schere gefunden wird.
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einen nordischen Ursprung zeugen könnten. Und allerdings sind diese sicher nordisch, d. h. hier meklenburgisch. Sie sind in Masse, Form und Verzierung ganz den zahlreichen, bekannten, einheimischen Gefäßen gleich, welche in die alte Eisenzeit fallen, und haben nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit den zahllosen, bekannten römischen Thongefäßen. Aber diese Beigabe einheimischer Handwerksarbeit läßt sich sicher sehr leicht erklären. Nach der beobachteten Ausstattung der Hävenschen Gräber war ohne Zweifel ein bestimmter Gebrauch Sitte, nach welchem man den Todten außer dem Schmuck eine Anzahl gewisser Geräthe (mit Speise und Trank) mit ins Grab gab, Kessel, Schalen, Kellen, Becher u. s. w. 1 ). So finden wir das Grab Nr. 1 mit bronzenen Gefäßen vollständig ausgestattet. In dem Grabe Nr. 2 sind bronzene Gefäße durch zwei hölzerne Eimer ersetzt. Im Grabe Nr. 3 fanden sich statt aller größern Bronze=Gefäße 3 thönerne Gefäße und eben so im Grabe Nr. 6 neben einem Krater ebenfalls 3 thönerne Gefäße. Die thönernen Gefäße sind also zum Ersatze für die bronzenen Kessel und Schalen und die gläsernen Becher beigesetzt, welche man entweder nicht vorräthig hatte oder nicht weggeben wollte.

Die besondere Wichtigkeit des Hävenschen Fundes besteht vorzüglich darin, daß er vollständige Gräber enthielt, eine Beobachtung, die hier im Norden zum ersten Male gemacht ist. Es sind im deutschen und skandinavischen Norden zwar schon oft römische Funde mit zahlreichen Alterthümern gemacht, zuweilen auch mit "Knochen", aber es ist noch von keinem nachgewiesen, daß er aus einem Grabe stammt. Auch mögen in Gräbern der ältern Eisenzeit, selbst mit begrabenen Leichen, auch römische Sachen gefunden sein, aber diese Gräber enthielten wieder nicht ausschließlich römische Sachen.

3) Die Gräber von Häven sind also Römer=Gräber . Zwar mag dieses Ergebniß der Forschung überraschend und ungewohnt erscheinen, und es ist mir schon vielfach der Einwand gemacht, die Römer seien ja nie in die Ostseeländer gekommen, d. h. die Schrift schweige davon. Aber der Inhalt der Gräber, wie er im Vorstehenden ganz zuverlässig beschrieben ist, läßt sich nicht wegleugnen: die Römer


1) In den sehr häufigen römischen Brandgräbern, wie z. B. im Walde bei der Saalburg viele aufgedeckt sind und offensichtlich noch viele liegen, finden sich auch gewöhnlich zwei größere und einige kleine thönerne Gefäße.
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sind da. Zu der Zeit des römischen Kaiserreichs, d. h. zur Zeit der ältern Eisenperiode, ist in Meklenburg durchaus nur Leichenbrand Sitte, und es ist den Todten, deren Gebeine immer nur in Einer Urne verwahrt sind, nur sehr wenig Geräth oder Schmuck in die eine Aschenurne mitgegeben, meistentheils aus Eisen, wie ein Messer, eine Heftel, ein zusammengebogenes Schwert, ein Schildnabel, ein Paar Sporen ohne Bügel und dgl. Beigesetzte Gefäße, zu Speise und Trank bestimmt, wie sie sich in allen Römergräbern, auch mit verbrannten Leichen, finden, sind in Tausenden von Begräbnissen nie bemerkt worden. Auch hat Niemand im Lande eine unverbrannte Leiche mit Beigaben aus der ältern Eisenzeit in einem Grabe gefunden. Den Einwurf, daß man zwar dergleichen bis jetzt außer zu Häven noch nicht gefunden habe, aber später wohl noch finden könne, kann ich als völlig unbegründet nicht gelten lassen, da ein solcher Satz jede beliebige Annahme begründen könnte, alle Erfahrung aber dagegen spricht. Ueberdies sind die bei den Leichen gefundenen Alterthümer nur römische, und auch die Bestattungsweise ist römisch, da in der spätem Kaiserzeit das Begraben immer mehr Sitte ward und die Mitgaben nach römischer Weise beigesetzt wurden.

Statt eigener Forschungen kann ich nichts Besseres thun, als hier die Darstellungen im Auszuge mittheilen, welche J. Marquard in seinen "Römischen Privatalterthümern" Bd. I, 1864, S. 367 flgd. gegeben hat.

(S. 367.) "Was die Art der Bestattung (bei den Römern) betrifft, so ist der von den Alten selbst bemerklich gemachte Unterschied, daß die Todten bei den Orientalen begraben, bei den Griechen und Römern aber verbrannt wurden, nur von bedingter Richtigkeit. - - - In Rom und Latium ist das Begraben älteste Sitte. - - - Kinder, ehe sie Zähne haben, werden immer begraben, desgleichen arme Leute; und obgleich in den XII Tafeln schon das sepelire und urere neben einander vorkommt, so erhielt sich in vielen Familien die Sitte des Begräbnisses bis in späte Zeit wie z. B. in der gens Cornelia Sulla der erste war, welcher verbrannt, nicht begraben wurde. Wie in Rom, so bestand auch in Italien die zweifache Art der Bestattung: in ein und demselben Grabe finden sich Skelette - - und daneben Aschenurnen. In der späteren Kaiserzeit wird das Begraben immer mehr Sitte, bis endlich das Christenthum das Verbrennen ganz abstellte."

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"Das Grab ist nach der übereinstimmenden Ansicht des (römischen) Alterthums eine Wohnung, in welche der Verstorbene einzieht, um dort eine andere und bessere, aber doch seinem frühern Leben entsprechende Existenz zu beginnen. - - Daher werden dem Todten Kleider, Geld, Schmuck, ein Ameublement, Lebensmittel und Eß= und Trinkgeschirre mitgegeben, dem Krieger seine Waffen, dem Handwerker oder Künstler sein Handwerkszeug, der Frau ihre Toilettengegenstände, dem Kinde sein Spielzeug: die ganze Masse von Gegenständen des häuslichen Lebens, welche unsere Museen bewahren, stammt zum großen Theile aus Gräbern her."

Diese Schilderungen stimmen genau mit den Hävenschen Gräbern überein. Sehr bemerkenswerth ist der Umstand, daß in den Hävenschen Gräbern die Köpfe im Norden, die Füße im Süden lagen, die Leichen also nach Süden, ihrer Heimath, schaueten, eine Bestattungsweise, welche in den baltischen Ländern zu keiner Zeit beobachtet ist. Uebrigens werden die hier begrabenen Menschen Kaufleute gewesen sein, da sich keine Art von Waffe in den Gräbern fand.

Schon vor mehr als 30 Jahren ward in Meklenburg zu Bibow, nur eine halbe Meile nördlich von Häven, ein unzweifelhaft römisches Grab mit römischer Urne, Untersatzschale, Lampe, Glasflasche und mit Münzen gefunden, welche zur Zeit des Kaisers Augustus geprägt sind; vgl. Jahrbücher II, B, S. 50 flgd. Dieses Grab ist jedoch viel älter, als die Gräber von Häven.

Nicht weit von Brüel, so in der Nähe von Häven, ward beim Bau der Chaussee ein Denar des Kaisers Commodus vom J. 183 n. Chr. gefunden; vgl. Jahresbericht VIII, B, S. 87.

Daß in Dänemark viele römische Alterthümer, wie die Hävenschen gefunden sind, ist schon wiederholt erwähnt und in den dänischen Zeitschriften behandelt.

Auch in dein mit Meklenburg benachbarten Lüneburger Tieflande, zwischen Elbe und Weser, wohin die Römer als Sieger in der mittleren Kaiserzeit nicht gekommen sind, sind wiederholt gleiche Sachen gefunden; vgl. Einfeld über einige im Königreiche Hannover gefundene römische Bronzearbeiten, in der Zeitschrift des Histor. Vereins für Niedersachsen, Jahrgang 1854 (Hannover 1856), mit Abbildungen. So sind die Kessel oder Krateren nach den Abbildungen

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Fig. 1, 2, 3 ganz den Hävenschen gleich. Wie die gravirten Kessel von Grabow und Häven ist auch ein zweihenkeliger Kessel von Börry an der Weser am Rande gravirt. Bei Gretheim im Amte Ahlden (im Lüneburgischen) ward beim Abgraben eines Sandhügels (!) ein Bronzekessel und eine Kasserolle gefunden; auch Kellen mit Sieb sind im Lüneburgischen entdeckt: Alles wie die Sachen von Häven.

Am 7. Junii 1869 war ich in Hannover, um die Sachen zu vergleichen. Die Vereinssammlungen in Hannover enthalten aus dem Lande 4 Bronze=Krateren ohne Verzierungen, unter diesen einen aus der nordwärts gelegenen Landdrostei Stade, und 1 Bronze=Krater mit Randverzierungen. Die Krateren ohne gravirten figürlichen Schmuck sind nur mit feinen eingedreheten Linien verziert, wie auch die von Häven. Die Größen sind verschieden. Die massiven Henkel mit den Querreifen sind aber alle den Hävenschen ganz gleich. - Sehr ähnlich an Größe, Form und Verzierung ist der ebenfalls zerbrochene zweihenkelige Krater von Börry. Der gravirte Rand ist im Ganzen ähnlich. Die obere Einfassung durch einen Eierstab, von dem jedoch die Eierplatten abgefallen sind, und die untere Einfassung mit dem gedreheten Seil sind denselben Verzierungen von Häven gleich. Aber die Kante selbst ist reicher und anders gearbeitet, nämlich im "Flach=Relief". Es scheint nämlich, als wenn der Grund ausgegraben und die Figuren stehen geblieben und bearbeitet sind, so daß die Figuren ganz flache, abgerundete Reliefs bilden. Der ganze Charakter und der Rost ist aber dem des Kraters von Häven gleich. - Andere große Bronzegefäße in der Sammlung sind mehr vasen= oder kannenförmig. - Kellen fehlen in den Hannoverschen Sammlungen fast ganz, obgleich sie im Lande öfter gefunden sind. Ich habe nur eine ganz zerbrochene, große Kelle, mit großem Griff, aus der Landdrostei Stade finden können. Siebe habe ich gar nicht bemerkt. - Die Eimer, welche hölzerne Futterung gehabt haben sollen, sind von Bronze und von den Hävenschen verschieden.

In Betrachtung dieser Funde sagt Einfeld, daß die Römer zu keiner Zeit "Niederlassungen" im Hannoverschen gehabt haben und daß ein directer friedlicher Verkehr während eines längern Zeitraums kaum anzunehmen sei, daß er wenigstens keine Beweise dafür habe finden können; er ist vielmehr geneigt zu glauben, daß sehr viele, wenn nicht die meisten der römischen Gegenstände, welche im nördlichen

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Deutschland ausgegraben werden, hierher aus dem Jahrhunderte lang romanisirten England gelangt sind. Er führt jedoch die Stelle des Tacitus Ann. II, 62 an, welcher von römischen Händlern in Germanien zu seiner Zeit erzählt: "ein flüchtiger Jüngling Catualda habe bei den Markomannen Hausirer (lixae) und Kaufleute aus dem römischen Reiche getroffen, welche der Handelsverkehr, dann die Begierde nach Gelderwerb, endlich die Gleichgültigkeit gegen das Vaterland von ihrer Heimat in Feindesland versetzt habe".

Wenn nun auch freilich diese Stelle kein Beweis für die Zeit sein kann, in welche die Hävenschen Alterthümer fallen mögen, so giebt sie doch zu erkennen, daß in allen Zeiten und Umständen ein friedlicher kaufmännischer Verkehr von Feindesland in Feindesland denkbar und möglich ist.

Ich will zwar nicht bestimmt behaupten, aber kann doch nur annehmen, unter Versicherung bereitwilliger Annahme besserer Belehrung, daß der Begräbnißplatz von Häven der Begräbnißplatz einer römischen Handelsniederlassung ist, wenn auch die Händler und Künstler auch gerade nicht aus Rom und Latium, sondern wahrscheinlich nur aus römischen Provinzen kamen.


Auch die in den Hävenschen Gräbern gefundenen Schädel scheinen für römischen Ursprung zu sprechen. Zwar ist es äußerst schwierig und mißlich, "aus den Schädeln alter Grabstätten ohne Weiteres den Typus der betreffenden Völkerstämme zu bestimmen", namentlich bei den römischen Gräbern, da "wir mit Bestimmtheit wissen, daß die Römer schon sehr früh ein Mischvolk gewesen sind, in welchem Elemente völlig verschiedener Art zusammen getroffen sind" 1 ); es lassen sich aber mit Hülfe der Alterthumswissenschaft wohl Ergebnisse finden, welche nicht allzusehr zu unterschätzen sind. Ich sandte daher die drei am Besten erhaltenen und zu Untersuchungen zu gebrauchenden Schädel aus den Gräbern Nr. 1, Nr. 2 und Nr. 5 an die mit Forschungen dieser Art vertrauten


1) Nach Professor His in Basel: "Beschreibung einiger Schädel altschweizerischer Bevölkerung nebst Bemerkungen über die Aufstellung von Schädeltypen", im Archiv für Anthropologie, Bd. I, S. 69 flgd.
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Herren Professoren Rütimeyer und His zu Basel 1 ), um so mehr, da in der Schweiz seit uralter Zeit sehr verschiedene Völkerschaften zusammenstoßen. Eine Vergleichung mit Meklenburg angehörenden Schädeln aus der Eisenzeit war nicht möglich, da in dieser Zeit in Meklenburg allgemein Leichenbrand herrscht und aus derselben noch kein nicht verbranntes Gerippe gefunden ist, trotz der zahlreichen Gräber aus dieser Periode. Herr Professor His hat nun die Güte gehabt, folgende vortreffliche einläßliche Beurtheilung dieser Schädel einzusenden.

"Die Schädel sind bezeichnet: Häven Nr. 1, Nr. 2 und Nr. 5. Von diesen ist Nr. 5 vollständig erhalten. An Nr. 1 und 2 fehlt die Basis des Schädels und das Gesicht; an Nr. 2 fehlen beide Schläfenbeine, an Nr. 1 ein Schläfenbein; an Nr. 2 ist die Gegend zwischen beiden Augenbrauenbogen defect. Zu Nr. 1 gehört ein vollständig erhaltener und mit intactem Gebiß versehener Unterkiefer."

"Sowohl an Nr. 1 als an Nr. 2 ist die äußere Knochenplatte der Schädelknochen angefressen, die Schwammsubstanz theilweise bloßgelegt. An Nr. 5 ist von einer solchen Veränderung der Oberfläche keine Spur zu bemerken."

"Von den 3 Schädeln sind nun Nr. 1. und Nr. 2. auf den ersten Blick von Nr. 5 zu unterscheiden: sie sind exquisit "dolichocephal" (Langschädel), "während Nr. 5 brachycephal (Kurzschädel) ist. Eine weitere Beachtung ergiebt ferner, daß die beiden erst bezeichneten Schädel jener viel verbreiteten Form angehören, welche wir selbst in unsern Crania Helvetica" " Hohbergform " 2 ), Ecker in den "Crania


1) Bekannt durch "Crania Helvetica, Sammlung schweizerischer Schädelformen, in Gemeinschaft mit Ludwig Rütimeyer bearbeitet von Wilhelm "His 1864." Dieses Werk ist nach den Messungen und Benennungen die Grundlage der hier folgenden Untersuchungen.
2) Rütimeyer und His unterscheiden in ihrem Werke über die altschweizerischen Schädel 4 Formen, welche sie "nach beliebigen Fundorten, nach dem "Vorbild der geologischen Schichten=Bezeichnungen, völlig indifferente Namen" beigelegt und nach einer "Uebersichtstafel bei Anlaß eines öffentlichen Vortrages von His zusammengestellt" kurz bestimmt haben.
1)"Sion=Form, von Sitten, Canton Wallis, dolichocephal (althelvetische Form);
2) Hohberg=Form, vom Hohberg bei Solothurn, dolichocephal (römische Form);
3) Belair=Form, von Beiair bei Lausanne, dolichocephal (burgundische Form);
4) Disentis=Form, von Disentis in Graubündten, brachycephal (Alemannische Form)"
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Germaniae merid. occid." "Reihengräberform" genannt haben. Beide Schädel zeichnen sich außer durch bedeutende Länge und Schmalheit durch das schwache Hervortreten der Scheitelhöcker und durch das pyramidenförmig abgesetzte Hinterhaupt aus. In der Ansicht von hinten zeigen beide Schädel parallele seitliche Begrenzungslinien, ja bei Nr. 1 convergiren die beiden Seitenlinien der Occipitalnonn etwas nach oben. Nr. 1 zeigt außerdem den charakteristischen Glabellenwulst unserer Hohberg=Schädel."

"Die Maaße 1 ) bestimmte ich also:

Nr. 1. Nr. 2. Mittelmaaße
unserer Hohberg=Form.
"Länge: 196 mm. 196 mm. 192 mm.
"Größte Breite: 145 " 145 " 135.8 "
"Längen=Breiten=Index: 0.745 " 0.745 " 70.7 "
"Höhe: 140 (?) (?) 140.7 "

"Obwohl Nr. 2 minder kräftige Muskellinien hat, als Nr. 1 und möglicher Weise weiblichen Ursprungs ist, während Nr. 1 unzweifelhaft von einem Manne stammt, so stimmen beide Schädel in ihren Dimensionen doch in bemerkenswerther Weise überein. Die größte Breite übersteigt bei beiden um 9 mm. das Mittelmaaß unserer Hohberg=Köpfe, die Länge um 4 mm."

"Der dritte Schädel, mit Nr. 5 bezeichnet, scheint nach dem Stand der Näthe und der Beschaffenheit der Zähne einem Jüngern Individuum angehört zu haben. Es ist ein kurzer, ziemlich hoher Schädel ( brachycephal ), in seinen Eigenthümlichkeiten unserer Disentis=Form 2 ) entsprechend, mit rasch abgeschnittenem Hinterhaupt, stark ausgeprägten Scheitelhöckern, fast senkrecht abfallender Stirn, sehr mäßigen Augenbrauen=Wulsten, fast quadratischen Augenhöhlen=Oeffnungen, ziemlich fein geschnittener Nase und völlig orthognath."


1) Die Hohbergform charakterisirt His in der "Uebersichtstafel" folgendermaßen: "Sehr langer, schmaler Schädel mit pyramidal vorspringendem, langem Hinterkopf, völlig verstrichenen Scheitelhöckern, starker Sagittalcrista, meist höher als breit, Gesicht lang, schmal, über der Nasenwurzel bilden die zusammenfließenden Augenbrauenbogen einen starken mittlern Wulst, die Augenhöhlenöffnungen sind hoch".
2) Die Disentis=Form charakterisirt His in der "Uebersichts=Tafel" folgendermaßen: "kurzer und breiter, beinahe cubischer Schädel mit senkrecht abfallendem Hinterhaupt, starken Scheitelhöckern und mäßiger Sagittalcrista; Augenbrauenbogen schwach entwickelt, Nasenwurzel weniger eingezogen".
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"Die Maaße sind:

Mittelmaaße
unserer Disentis=Form.
"Länge: 178mm. 170.6mm.
"Größte Breite: 150 " 147.6 "
"Höhe: 151 " 139.6 "
"Längen=Breiten=Index: 0.813 " 0.865 "

"Ueber die Abstammung der Hohberg=Form , zu welcher die beiden Schädel Nr. 1 und Nr. 2 gehören, existirt bereits eine kleine Literatur. Vogt, welcher unsere "Hohberg= Köpfe" Anfangs "Apostel=Köpfe" nannte, glaubte sie den in die Schweiz eingedrungenen irischen Aposteln zuschreiben zu müssen (Vorlesungen über den Menschen, 1863, Bd. 2, S. 167). Ob er diese Behauptung nach aufrecht hält, ist mir unbekannt; sie scheint überhaupt nie ernst gemeint gewesen zu sein. Wir selbst hatten in unsern "Crania Helvetica" (S. 38) die Vermuthung aufgestellt, es sei uns in die Schweiz der Hohberg=Schädel durch die Römer 1 ) importirt worden. Hiefür sprach der Umstand, daß diese Form bei uns erst mit dem Auftreten der Römer erscheint, dann in manchen Grabstätten vorwiegend sich vorfindet, um in späterer Zeit hinter andern Formen wieder mehr zurückzutreten. Unterstützt ward ferner unsere Vermuthung durch die Form=Uebereinstimmung des bekannten Römerschädels der Blumenbachschen Sammlung, so wie durch die eines Herrn Professor Seligmann in Wien angehörigen Römerschädels


1) Rütimeyer und His sagen in den "Crania Helvetica": S. 20: "Fast alle dem Hohberg=Typus zuzählbaren Schädel haben wir aus römischen oder nachrömischen Begräbnißplätzen erhalten und dasselbe gilt auch von den Mischlingen dieser Form mit den andern." - S. 22: "Die Verbreitung der Hohbergform in der Jetztzeit scheint keine bedeutende zu sein." - S. 38: "Der Hohberg=Schädel hat, so viel wir bis jetzt wissen, eine ganz begrenzte Periode des Auftretens. Mit Sicherheit treffen wir seine Vertreter nur in der Periode, die der römischen Colonisation des Landes nachgefolgt ist. In der Fundstätte - - bei Grenchen finden wir die Form neben Disentis= und neben Sion=Köpfen, also bereits in völlig gemischter Gesellschaft. Das Zusammentreffen der neuen Schädelform mit der Beherrschung des Landes durch die Römer läßt die Vermuthung wach werden, daß die von uns nach dem Hohberg benannte Form die Form des eigentlichen Römer=Kopfes gewesen sei. Es ist zwar klar, daß nicht Alles, was während der Kaiserzeit als Römer in die Provinz gegangen war, wirklich italischen Ursprunges sein mußte. Allein - - die Vergleichung mit dem alten Blumenbachschen Römer=Schädel zu Göttingen ist so befriedigend ausgefallen als möglich" u. s. w.
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mit unsern Hohberg=Schädeln. Ferner glaubten wir in den Köpfen mancher altrömischer Münzen mit Bestimmtheit den Hohberg=Kopf wieder zu finden."

"Unsere Vermuthung ist von verschiedenen Seiten angegriffen worden, von Ecker in seinen Crania German. mer. occ. p. 86, von Bonté in Bulletins de la société d'Anthropologie de Paris, Tom. VI, von C. Vogt (Internationaler archäol. Congreß in Neuenburg). In den verschiedenen Entgegnungen wird hervorgehoben, daß in Römergräbern vielfach eine breite, flache Schädelform sich finde, die besonders durch Maggiorani beschrieben worden ist. Ich habe mich über meinen Standpunkt in dieser Frage in einem kleinen Aufsatz 1 ) im Archiv für Anthropologie, Bd. I, so wie in einer Entgegnung auf die confusen Bemerkungen von Bonté in den Bulletins de la soc. d'Anthropol. ausgesprochen, und ich finde keinen Grund, von dem dort eingenommenen Standpunkt abzugehen. Einen Römerschädel giebt es sicherlich nicht, so wenig als es einen deutschen oder einen Schweizerschädel giebt. Unter den Römern als einem notorischen Mischvolke waren sicherlich verschiedene Formen gemengt. Daß aber unter diesen Formen die Hohberg=Form eine der hauptsächlichsten war, das scheint mir nach dem bis jetzt vorliegenden Material völlig unbestreitbar. Ob diese Form in ein Land durch die Römer importirt worden sei, oder ob sie schon in römischen Zeiten von anderer Seite her in dasselbe eingedrungen sei, das kann nicht durch einen einzelnen Grabbefund, sondern nur durch eine eingehende Vergleichung sehr zahlreicher Befunde entschieden werden" 2 ).


1) Das ist die oben S. 139 Note 1 erwähnte Abhandlung.
2) Das System von Rütimeyer und His scheint auch durch den Fund von Häven auf eine glänzende Weise bestätigt zu werden, da hier ein vielfach belegter Fund vorliegt. Die exquisiten Exemplare sind auf den ersten Blick zwingend und stimmen genau zu den beschriebenen Formen. Die beiden gleichen Langschädel werden nach den übrigen Knochen Männern und nach den mitgegebenen Geräthen Römern, vielleicht aus den Grenzen des alten Reichs, angehören; der Kurzschädel gehört nach den übrigen Knochen und den Alterthümern einem jungen weiblichen Wesen, welches wohl aus einer entferntem Provinz oder einem eroberten Lande stammte. So viel ist gewiß, daß neben zwei muthmaßlichen Römerschädeln ein ganz fremdartiger Schädel lag.          G. C. F. Lisch.
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"Was die Abstammung 1 ) der ( brachycephalen ) Distensis=Form , Schädel Nr. 5 , betrifft, so sind darüber die Untersuchungen kaum begonnen, geschweige denn geschlossen. Allem Anscheine nach reicht diese Form wenigstens in Süddeutschland über die römische Zeit zurück." Basel, den 6. Juni 1869. W. His.

Dies ist die eingehende Beurtheilung der drei Schädel durch den scharf und umsichtig blickenden Forscher und Fachmann. Und in der That sind die hervorgehobenen Kennzeichen der verschiedenen Formen im Allgemeinen selbst für einen gebildeten Laien auf den ersten Blick erkennbar und überraschend. Die beiden ersten Schädel Nr. 1 und Nr. 2 sind sehr ausgebildete, einander ganz gleiche Langschädel ("dolichocephal"), während Nr. 5 ein scharf ausgebildeter Kurzschädel ("brachycephal") ist, der in jeder Hinsicht von den beiden andern abweicht. Und hiermit scheinen auch die mitgegebenen Alterthümer übereinzustimmen. Von dem Schädel Nr. 1 meint His daß er "unzweifelhaft von einem Manne" stammt, von dem Schädel Nr. 2 aber, daß er möglicher Weise weiblichen Ursprungs sein könne. Die Alterthümer=Mitgaben der Gräber Nr. 1, 2 und 3 mit den "dolichocephalen" Schädeln der "römischen Hohberg=Form" und den langen Gliedern deuten aber alle auf männliche Leichen. Das Grab Nr. 4 mag einem Sklaven angehören, da ihm nichts mit ins Grab gegeben ist. Die Gräber Nr. 5 und Nr. 6 werden aber nach dem sicher dabei gefundenen reichlichen weiblichen Schmuck weiblichen


1) Rütimeyer und His sagen in den Crania Helvetica S. 28 flgd. hierüber Folgendes: "Wenn die bisher betrachteten drei Schädelformen in früher vergangenen Perioden eine ausgedehntere Verbreitung in unserm Lande gefunden haben mögen, so tritt in der Gegenwart der Disentis=Typus beträchtlich in den Vordergrund - - Eine Sonderstellung hat man in neuerer Zeit geglaubt der Schädelform Graubündtens zuweisen zu müssen und ein allerdings auffällig gebauter Schädel unserer Sammlung hat Retzius veranlaßt, die Rhätier neben Basken und Finnen als Rest einer brachycephalen Urbevölkerung Europas hinzustellen. - - Auch v. Baer glaubt, den Rhätier=Schädel als Typus der Urbevölkerung aufrecht erhalten zu müssen und zwischen ihm und dem Etrusker=Schädel gewisse Beziehungen erkennen zu können - - Ob die Disentis=Form in ganz Graubündten die vorherrschende und ob sie diejenige der alten von den Römern unterjochten Rhätier gewesen sei, das vermögen wir bis jetzt nicht zu sagen; es wird die Beantwortung dieser Frage eine besondere Aufgabe bilden müssen So viel aber ist gewiß, daß alle die Schädel, die man bis dahin als specifische Rhätier angesehen und beschrieben hat, derselben an Form angehören, die über die ganze Schweiz verbreitet vorkommt." - (In der Saalburg stand lange Zeit die 2 Cohorte der Rhätier. G. C. F. Lisch.)
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Leichen gehört haben. Und von diesen hatte die Leiche Nr. 5 einen auffallend klar ausgebildeten Kurzschädel der "brachycephalen alemannischen Disentis=Form", die Leiche Nr. 6 aber einen nicht sehr bestimmt ausgeprägten, leider zerbrochenen Langschädel. Der unschöne Kurzschädel Nr. 4 wird einem Sklaven aus fernen Landen angehört haben.

Es ist daher, um dem Leitfaden der Archäologie zu folgen, ziemlich wahrscheinlich, daß die Schädel in den Gräbern Nr. 1, 2 und 3 Männern aus dem alten, italischen Römerreiche gehörten, die Schädel in den Gräbern Nr. 5 und 6 aber Schädel von Weibern der "alemannischen "Disentis=Form" aus Rhätien oder Graubündten waren. Es werden in Häven also römische Männer mit aus alemannischen oder andern Provinzen stammenden Frauen begraben 1 ) sein.


Vergleichung und Zeitbestimmung.

Diese meine Ansicht, daß die Gräber von Häven die Gräber einer kleinen römischen Handels=Niederlassung oder Wandercolonie seien, habe ich hinterher durch eine merkwürdige, überraschende Entdeckung, wie ich hoffe, vollständig erläutert und bestätigt gefunden, über welche ich etwas weiter auszuholen mich veranlaßt sehe, da sie von der allergrößten Wichtigkeit für die alte Bildungsgeschichte des Nordens werden kann. Hoch berühmt und außerordentlich merkwürdig sind die zahlreichen römischen Alterthümer, welche bei dem Dorfe Heddernheim an der Nidda, zwischen Frankfurt a/M. und Homburg v. d. H. ausgegraben und theils weit zerstreut, zum größten Theile aber für das Alterthums=Museum zu Wiesbaden erworben sind. Hier


1) Vielleicht kann die Bestattungsweise auch noch einen schwachen Anhaltspunct geben. Alle 6 Leichen waren gleich tief, und, wie es scheint, auf gleiche Weise in ebener Erde begraben und es war in der Bestattungsweise kein wesentlicher Unterschied zu bemerken. Aber in den 3 ersten Gräbern, welche wahrscheinlich Männer mit dolichocephalen Schädeln enthielten, waren die Leichen in der Tiefe mit Steinen zugedeckt, während in den 3 letzten Gräbern, welche wahrscheinlich Frauen mit brachycephalen Schädeln enthielten, die Leichen mit bloßer Erde bedeckt waren.
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findet man aus Heddernheim einen großen Reichthum an kleinen Alterthümern, an Inschriften und Altären, unter denen derberühmte, große und schöne Mithras=Altar ein unschätzbares Alterthums=Kleinod ist, besonders aber eine große Fülle von Gefäßen aller Art, von denen der massenhafte Reichthum der wohl erhaltenen gläsernen Gefäße aller Art wahrhaft Staunen erregend ist und wohl kaum seines gleichen findet. Weniger bedeutend und verhältnißmäßig schwach vertreten sind dagegen in diesem Museum von Heddernheim die bronzenen Gefäße.

Um diesen Heddernheimer Schatz näher zu untersuchen, war ich am 10. Mai 1869 im Museum zu Wiesbaden. Ich sah alle Nachrichten über die Ausgrabungen vollkommen bestätigt. Ich fand von Heddernheim einen schönen Bronze=Krater (Kessel), welcher dort 1840 in einer "verschütteten Cisterne" 1 ) gefunden ist, auch einige wenige Kellen und Siebe, ferner Schnallen, Glasperlen, Bernsteinperlen, - alles durchaus den bei Häven gefundenen Gegenständen völlig gleich 2 ). Nachdem ich einen allgemeinen Ueberblick gewonnen hatte, wandte ich mich zur eingehenden Untersuchung dieser nicht zahlreichen Bronzen und brachte den Bronze=Krater näher ans Licht. Groß war allerdings mein Erstaunen und meine Ueberraschung, als ich sah, daß dieser Krater von Heddernheim dem oben unter Nr. 1 beschriebenen und auf der Steindrucktafel I, Fig. 1 abgebildeten gravirten Bronze=Krater von Häven völlig gleich und ein "Gegenstück" dazu ist. Gestalt, Größe und Arbeit sind durchaus gleich, eben so der Rost. Der Rand=Durchmesser des Kraters von Heddernheim beträgt nach der vom Herrn Dr. Kekulé in meiner Gegenwart vorgenommenen Messung gerade 20 Centimetres. Genau denselben Durchmesser hat auch der gravirte Krater von Häven. Beide werden also über dieselbe Form gegossen sein.


1) Nach des jetzigen Museums=Conservators Herrn Dr. Kekulé zu Wiesbaden Mittheilung ist "dieser Krater laut Etikette im J. 1840" und zwar der Tradition zufolge in einem "Brunnen" gefunden. Nach der Versicherung des Herrn Staats=Archivars Dr. Rossel, jetzt zu Idstein, früher auch Conservator am Museum zu Wiesbaden, welcher den Fund und die Entdeckung desselben kennt, ist der Krater vielmehr in einer "verschütteten Cisterne" gefunden. Diese Nachricht bestimmt die Auffindungsweise etwas schärfer.
2) Merkwürdiger Weise fehlen die bronzenen Scheren im Museum zu Wiesbaden ganz. Dagegen sind dort die eisernen Scheren aus der fränkischen und merovingischen Zeit nicht selten.
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Um ganz sicher zu gehen, schickte mir der Herr Bau=Conducteur Luckow zu Schwerin eine Zeichnung des ganzen Verzierungsstreifens, in natürlicher Größe, den ich dem Herrn Conservator Dr. Kekulé zu Wiesbaden zur genauen Vergleichung übersandte, namentlich um zu ermitteln, ob beide Gefäße über eine und dieselbe modellirte Form gegossen sind, oder ob sie Verschiedenheiten im Einzelnen zeigen, also jedes für sich gearbeitet ist. Nach Herrn Dr. Kekulé's genauer Vergleichung und Beschreibung in Grundlage der Zeichnung sind beide Gefäße nicht nach derselben Zeichnung verziert, sondern zeigen allerdings Verschiedenheiten im Einzelnen. Herr Dr. Kekulé berichtet nun: "Die beiden einfassenden Ornamentstreifen oben mit dem Eierstab und unten mit dem Seil sind gleich. In dem mittleren Hauptstreifen sind die Figuren aber nur zum Theil gleich und in anderer Anordnung. Die auf Delphinen reitenden Eroten und die diesen zunächst stehenden Tritonen oder "Meerwunder" (mit dem Elens= und dem Wildschweinskopfe) sind gleich, stehen aber an andern Stellen. Dagegen sind die je zwei Tritonen zwischen den Gruppen mit den Eroten auf dem Heddernheimer Krater nicht vorhanden", sondern die Gruppen mit den Eroten wiederholen sich, so daß 4 Eroten vorhanden sind. Herr Dr. Kekulé schließt mit dem Urtheil: "Das Ganze macht durchaus ähnlichen oder gleichen Eindruck in Art und Zeichnung". Auffallend an dem Krater von Häven ist die ärmliche Ausstattung des (Eimer =)Henkels. Dieser mag aber jüngern Ursprungs sein, denn die andern Krateren von Häven haben rund und voll gegossene, mit Querstreifen verzierte Henkel. Dem Krater von Heddernheim fehlt auch der Henkel; aber neben demselben wird ein runder Henkel aufbewahrt, welcher den übrigen Henkeln von Häven ganz gleich ist und wahrscheinlich zu dem Krater gehört. Eine Abbildung des Heddernheimer Kraters an dieser Stelle ist nicht nöthig, da beide Stücke, wie ich fest versichern kann, in ihrer Erscheinung im Ganzen völlig gleich sind.

Es ist nun nicht anders denkbar, als daß beide Stücke von demselben Künstler 1 ), aus derselben Werkstätte, aus denselben Waarenhandel, aus derselben Zeit herstammen, daß beide jedoch mit selbstständiger künstlerischer Freiheit, nicht fabrikmäßig über eine und dieselbe Form ge=


1) Daß in Heddernheim auch viel Kunstgeschicklichkeit herrschte, beweist der außerordentlich schöne, berühmte Mithras=Altar.
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arbeitet sind. Bestätigend ist der Umstand, daß grade auch die Kellen und Siebe, die Schnallen und Glasperlen, vorzüglich die scheibenförmigen Knöpfe aus Bernstein von Heddernheim mit denselben Gegenständen von Häven übereinstimmen.

In Heddernheim werden wir also für eine gewisse Zeit den Ausgangspunct der römischen Cultur für den Norden suchen müssen. Daß aber alle im Norden gefundenen Alterthümer römischer Arbeit in Heddernheim gemacht wurden, läßt sich nicht nachweisen oder wahrscheinlich machen. Heddernheim mag vielmehr eine Kaufstadt gewesen sein, welche ihre Waaren von Mainz oder weiter her bezog 1 ). Die Bedeutung dieses Punctes veranlaßt mich, eine kurze Untersuchung über diese große römische Niederlassung zu geben 2 ), um so mehr, da übersichtliche Darstellungen noch nicht vorhanden zu sein scheinen.

Als die Römer am Rhein entlang in das Herz Deutschlands vorzudringen strebten, scheint die fruchtbare südliche Tiefebene Nassaus (das "Taunus=Land" oder der "Rheingau"), das Land der Mattiaker, noch mit Wald bedeckt gewesen zu sein, wie noch heute die ganze Gebirgshöhe des Taunus. Erst als Drusus das Castell Mainz gegenüber (Castellum Drusi), noch heute Castel genannt, errichtet und dadurch die Stadt Mainz (Mogontiacum, Civitas Mattiacorum) und die dabei angelegte Brücke über den Main gesichert hatte, begann man, nach und nach eine befestigte militairische Vertheidigungslinie auf dem Kamme des Taunus gegen die Einfälle der nördlich davon wohnenden Germanen, namentlich der wilden Chatten, aufzuführen und die Grenze des eigentlichen römischen Reiches gegen Norden hin festzustellen 3 ).


1) Zu derselben Ansicht ist auch der gelehrte Dr. Friedrich Rolle zu Homburg v. d. H. in Veranlassung der Hävenschen Entdeckung gekommen; vgl. dessen "Neue Aufschlüsse über Handel und Gewerbe am Taunus zur Zeit der römischen Herrschaft", im "Taunusboten", Homburg, 1869, Nr. 38, Junii 27.
2) Dankbar erkenne ich hiebei den Rath und die Unterstützung meines verehrten Freundes und Collegen des Staats=Archivars Dr. Rossel, jetzt zu Idstein, welcher früher auch Conservator des Museums zu Wiesbaden war und oft selbst zu Heddernheim gegraben hat. Dankend muß ich auch die Gefälligkeit des Herrn Stadtbibliothekars Hamel zu Homburg v. d. H. rühmen, welcher mir die nöthige, oft weit zerstreute Literatur herbeischaffte.
3) "Erst vom J. 70 n. Chr. erscheint die Wichtigkeit von Mainz als "römisches Standquartier sich zu datiren." Vgl. Schierenberg, Die Römer im Cheruskerlande, Frankfurt a. M., 1862, S. 8.
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Dies ist der seit langen Zeiten bekannte, berühmte Pfahlgraben oder der "römische Grenzwall" ("Limes Imperii Romani") 1 ). Dies ist ein großer Wall, von beiden Seiten, namentlich an der Außenseite, mit Gräben versehen, welcher auf der Höhe mit Pallisaden und in Zwischenräumen mit kleinen Castellen oder Wachhäusern verschanzt war. Der Pfahlgraben läuft vom Rhein her von Ems über den ganzen Kamm und die Höhen des Taunus=Gebirges, so daß er immer den Nordabfall des Gebirges beherrscht, gegen Osten hin in die fruchtbare Ebene der Wetterau und läßt sich noch heute sehr wohl erkennen, auch sogar nach Bayern hinein bis an die Donau verfolgen. In der Mitte des Taunus auf der Höhe am Pfahlgraben liegt nun die Saalburg 2 ), das Haupt=Castell in der nördlichen Römergrenze, als Schlüssel zum germanischen Gebiete von hoher Bedeutung. Die Saalburg liegt 1304 Fuß hoch, 1 Meile nördlich von Homburg 3 ) vor der Höhe, auf einer weit hin erkennbaren Einsattelung des Gebirges an der noch jetzt gebräuchlichen Straße, der Hauptstraße von Homburg nach Usingen und weiter nach Weilburg, an dem von Mainz und der Taunus=Ebene her allein zugänglichen Uebergangspuncte über den Taunus; die Lage des Castells ist mit großer Ortskenntniß gewählt. Man darf dieses Castell mit größter Wahrscheinlichkeit als das von Drusus (im J. 9 n. Chr.) erbauete und nach der Niederlage des Varus wieder zerstörte Castell ansehen, welches Germanicus (im J. 15 n. Chr.) bei seinem Feldzuge gegen die Chatten auf dem Berge Taunus wieder herstellte (Tac. Ann. I, 56), das Arctaunum des Ptolomäus. Dieses römische Castell der Saalburg hat seitdem so lange bestanden, als hier die römische Herrschaft von Bestand war. Jedoch hat sich bei den Untersuchungen eine fünfmalige, vielleicht in kürzeren Zeiträumen statt gehabte Zerstörung


1) Vgl. auch die Gauen des Taunus und ihre Denkmäler von Professor Dr. Lehne, in den Annalen des Vereins für Nassauische Alterthümer etc. ., Bd.I, 1830, S. 5, 9, 11 flgd.
2) Vgl. "Die Saalburg bei Homburg", von Dr. Jos. v. Hefner, nach handschriftlichen Bemerkungen erschienen zu Homburg im Novbr. 1857, 6 Seiten und 1 Grundplan.
3) Am 21. Mai 1869 war ich zum dritten Male auf der Saalburg, und zwar in der lehrreichen Begleitung des kundigen Staats=Archivars Dr. Rossel aus Idstein, welcher an der Entdeckung und Aufgrabung der römischen Alterthümer im Taunus=Lande vielfach Theil genommen hat.
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des Castells erkennen lassen. In der Saalburg standen 1 ), mit den Hauptsitzen in Mainz, bis in das 3. Jahrh. n. Chr. die 22. Legion ("Legio XXII primigema pia fidelis"), nach der Eroberung von Britannien neu errichtet und seit dem J. 60 zum Schutze der Rhein= und Taunuslinie bestimmt, und die 8. Legion ("Legio VIII Augusta"), von Vespasian aus Mösien um das J. 70 eben dahin berufen; ferner standen hier lange Zeit die 2 Cohorte der Rhätier ("Cohors II Raetorum") und die 4 Cohorte der Vindeliker ("Cohors IV Vindelicorum"), rüstige Gebirgsleute, im Bauen geschickt, wie noch heute, auch die 1 Cohorte der Damascener ("Cohors I Flavia Damascenorum"). "Wenige Cohorten haben so viele Denkmale ihrer Bauthätigkeit am ganzen Taunus entlang hinterlassen, als die 4 Cohorte der Vindeliker." Uebrigens sind in dem Nassauer und Homburger Lande zahllose Ziegel 2 ) mit den Stempeln der genannten Legionen und Cohorten aufgefunden und theils weit verbreitet, vielleicht auch verbraucht, theils in den Museen massenhaft aufgespeichert 3 ).

Der Pfahlgraben und die Saalburg waren zwar schon seit langer Zeit bekannt, aber wenig gewürdigt. Die Saalburg lag früher unbeachtet entfernt vom Wege im dichten Walde, mit Wald bestanden. Man benutzte die Steine viel zu Neubauten, wie in Heddernheim; die Ruinen sollen in frühern Zeiten beträchtlich höher gewesen sein. Noch in neuern Zeiten sind viele Steine zu Neubauten abgefahren, namentlich wohl auch zum Bau der Chaussee nach Usingen, welche jetzt dicht an der Saalburg vorüberführt 4 ). Erst in


1) Vgl. auch: Ein Militair=Diplom Kaiser Trajans im Römercastell zu Wiesbaden. Von Dr. K. Rossel, Bibliothek=Secretair und Conservator zu Wiesbaden. Wiesbaden, 1858, S. 45-62.
2) Die auf der Saalburg gefundenen Münzen, meist silberne, sind von Commodus (180-192) und Septimius Severus (193-211).
3) Noch heute liegen viele dieser Ziegel in den Ruinen der Saalburg und die Umgebungen weit umher werden sicher noch sehr viele ähnliche und andere Alterthümer bergen.
4) Die hier kurz als Resultate vorgetragenen Ansichten über das Taunusland und die einzelnen Oertlichkeiten sind wohl die am meisten verbreiteten und begründeten. Andere, z. B. Schierenberg, in seinem angeführten Buche: Die Römer im Cheruskerlande, verlegen den ganzen Schauplatz der Kämpfe der Römer und Germanen, und den Taunus, weit nördlich nach Westphalen hinein, in die Gegend von Paderborn. Freilich ist der Name Taunus (früher und noch jetzt die "Höhe") für einen bestimmten Gebirgszug sehr jung; aber die Alterthümer scheinen doch dafür zu sprechen, daß das jetzt sogenannte Taunus=Gebirge der Taunus der Römer ist.
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den neuesten Zeiten ward durch die überaus freigebige und bedeutende Unterstützung des Landgrafen Ferdinand von Hessen=Homburg vor ungefähr 20 Jahren eine planmäßige Aufgrabung und Aufräumung der Saalburg veranstaltet, welche der um die Saalburg hochverdiente Archivar Habel zu Schierstein mehrere Jahre hindurch leitete. Zugleich ward bei der Saalburg ein Försterhaus zur Ueberwachung und zu einer Gastwirthschaft für Besucher erbauet, welches einen der angenehmsten Puncte der Gegend bildet. Durch die Aufgrabungen wurden die Fundamente des Castells vollständig und klar bloß gelegt, wie sie noch heute ganz frei liegen. Auch wurden, rechts am Wege nach Usingen, vor der Saalburg, neben dem Försterhause an 50 Gräber in der Nähe aufgedeckt, welche alle Leichenbrand zeigten 1 ). Das Castell selbst ist 704 rheinländ. Fuß lang und 465 Fuß breit und mag zur Zeit immer ungefähr 2 Cohorten gefaßt haben. Neben dem Castell haben sich auch Ueberreste von bürgerlichen Ansiedelungen für Veteranen von sehr großer Ausdehnung gefunden. Alterthümer haben sich in bedeutender Menge gefunden; sie wurden früher im Schlosse zu Homburg aufbewahrt, sind aber seit 1866 nach Darmstadt gebracht, was allerdings zu bedauern ist, da sie in Homburg in der Nähe der Saalburg größere Dienste leisten dürften, als in weiterer Entfernung.

Zu gleicher Zeit wurden die Forschungen zur Wiederauffindung des "Pfahlgrabens" von vielen Seiten her sehr lebhaft betrieben.

Von der Saalburg ging eine große, 10 bis 20 Fuß breite, römische Kunststraße in der graden Richtung durch die Ebene nach Frankfurt hin, nahe bei Homburg vorbei, nach dem nahen Heddernheim, jedenfalls auch nach Mainz, von der sich an mehreren Stellen, namentlich im Walde unmittelbar vor der Saalburg, noch Ueberreste finden.

Eine Meile rückwärts von der Saalburg, in der fruchtbaren Ebene auf der letzten Felskuppe, steht das Schloß Homburg mit dem alten, kleinen Städtchen. Es ist wahrscheinlich, daß der Ort ebenfalls ein römischer Sitz war,


1) Es liegen hier in dem Walde noch heute sehr zahlreiche Gruppen und Reihen von Gräbern, welche noch nicht berührt sind. Eines der aufgedeckten Gräber, welches noch vollständig erhalten und noch nicht berührt ist, ist in Einfassung und unter Verschluß gebracht, um Forschern die an dieser Stelle üblich gewesene Bestattungsweise zeigen zu können.
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wenn sich auch nichts dafür zum Beweise anführen läßt, da die Saalburg doch von der Fruchtebene aus verproviantirt werden mußte. Auch die Salzbrunnen, welche seit ungefähr 1835 bekanntlich als Heilbrunnen gebraucht werden, mögen Veranlassung zu einer uralten Ansiedelung 1 ) gewesen sein. Die Nachrichten über diese Salzquellen reichen bis zum J. 817 unter Kaiser Ludwig I. zurück, wo sie als zur Feldmark Stedti (Oberstedten und Niederstedten bei Homburg) im Nidda=Gau gehörende Brunnen 1 ) aufgeführt werden ("cum fonte ad salem faciendum") 2 ). Aber erst seit 1622 ward der Salzbrunnen gefaßt und ein Salinenwerk dabei angelegt, welches nach völliger Zerstörung durch den dreißigjährigen Krieg im J. 1666 3 ) wieder aufgerichtet, jedoch nach mehrfachen Unterbrechungen und fehlgeschlagenen Untersuchungen wegen der Schwäche der Soole im J. 1740 4 ) ganz aufgegeben 5 ) ward.

Die römische Kunstheerstraße von Heddernheim nach der Saalburg ging dicht bei Homburg und den ganz nahe bei Homburg liegenden Dörfern Dornholzhausen und Kirdorf, der ältesten christlichen Ansiedelung in dieser Gegend, vorüber. Südöstlich von Homburg durchschnitt die Eisenbahn von Homburg nach Frankfurt bei dem ersten Wärterhäuschen die Römerstraße; der Besitzer des Feldes, Herr Ruppel zu Homburg, hat mir mitgetheilt, daß er diese Straßenstrecke auf der Länge seines Feldes erst im J. 1868 habe ausbrechen lassen, um das Feld urbar zu machen. Die Straße war mit größern "Kopfsteinen" gepflastert und mit Kies und Grand beschüttet. Nordwestlich von Homburg durchschnitt die Römerstraße bei dem dicht bei Homburg stehenden "Alleehause" an der großen "Pappelallee" nach dem nahen Dorn=


1) Bei der Fassung des "Stahlbrunnens", nahe bei den alten Salzbrunnen, ist in neuern Zeiten gegen 10 Fuß tief ein schönes römisches Thongefäß gefunden. Auch am "Wingertsberg" in der Nähe der Brunnen sind römische Ziegel beobachtet.
1) Bei der Fassung des "Stahlbrunnens", nahe bei den alten Salzbrunnen, ist in neuern Zeiten gegen 10 Fuß tief ein schönes römisches Thongefäß gefunden. Auch am "Wingertsberg" in der Nähe der Brunnen sind römische Ziegel beobachtet.
2) Vgl. Dr. Rolle Uebersicht der geognostischen Verhältnisse von Homburg v. d. H. und der Umgegend, S. 27, aus den Beilagen zum Amts= und Intelligenz=Blatt für das Amt Homburg. Der kundigen und gelehrten Führung des Herrn Dr. Rolle zu Homburg verdanke ich manche schätzbare Aufklärung und literarische Unterstützung.
3) Nach einer Inschrift in Holz, welche bei der Aufräumung des jetzigen "Kaiserbrunnens" gefunden ist, auf der Homburger Stadt=Bibliothek.
4) Vgl. Rolle a. a. O. und Dr. Pauli: Homburg und seine Heilquellen, 2. Auflage, 1844, S. 137 flgd.
5) Der letzte Salzbrunnen ist noch heute an einer umzäunten Stelle neben einem uralten, mächtigen Weidenstumpf in unmittelbarer Nähe des "Ludwigsbrunnens" erkennbar.
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holzhausen hin die jetzige Chaussee, wie mir Herr Dr. Rossel und kundige Homburger versichert haben. Bei Kirdorf an dem "Rabenstein" und dem Ende des "Burggrabens" und "Burgfeldes" wurden 1868 und 1869 römische Fundamente ausgebrochen, deren letzte Reste ich 1869 noch selbst gesehen habe. Ueberhaupt aber ließen sich früher die alten Römerstraßen durch die Taunus=Ebene noch an vielen Stellen verfolgen.

Noch eine Meile weiter rückwärts gegen Süden gegen Frankfurt a/M. hin liegt in der großen Fruchtebene an der Nidda, welche östlich und südöstlich das Taunusland begrenzt und bei Höchst bei Frankfurt a/M. mündet, das Dorf Heddernheim, wo sich die berühmten, merkwürdigen römischen Ruinen 1 ) fanden. Nach der festen Besetzung von Mainz und der Saalburg mußte irgend eine Sicherung der Niddalinie 2 ) gegen die Wetterau hin eine Hauptsorge der Römer sein, da von dieser so leicht zugänglichen Seite ihre Flanke bloß gestellt und die Hauptfeste Mainz eben so leicht angreifbar war. Aber erst, nachdem der Kaiser Trajan (98-117) das "ehemalige, vom Kaiser Claudius verlassene "Occupations=System wieder annahm, dachte er an die Linie "Nidda" und deren Sicherung und Ausbildung, und unter dem Kaiser Hadrian (117-138) mögen die ersten Anfänge zur Ausführung dieses Gedankens gemacht sein. Jedoch liegen keine Spuren einer so frühen Colonisirung vor und man ist zur Annahme der Colonisirung unter Hadrian nur durch den Namen Heddernheim oder Hädernheim veranlaßt, welchen man durch Hadrians=heim früher fast allgemein erklären zu müssen glaubte. Aber diese Annahme wird durch keine Entdeckung unterstützt und ist bis jetzt nur eine "unsichere Vermuthung". Die Colonie wird aber erst seit dieser Zeit gegründet sein, da sich zu Heddernheim außer dem erwähnten berühmten Mithras=Altar noch mehrere kleinere Mithras=Denkmäler gefunden haben und der Mi=


1) Vgl. vorzüglich: "Die römischen Ruinen bei Heddernheim", von F. G. Habel in Schierstein, in den Annalen des Vereins für Nassauische Alterthumskunde und Geschichtsforschung, Bd. I, Wiesbaden, 1830, S. 45 flgd.
2) "Spuren von römischen Niederlassungen auf der linken Mainseite, Frankfurt gegenüber, sind nicht bekannt, und wenn auch römische Gegenstände gefunden werden, so kamen solche durch den nahen Verkehr in die Hände der Alemannen, sie sind mithin kein Beweis von römischen Niederlassungen." Dr. Römer=Büchner Beiträge zur Geschichte der Stadt Frankfurt a. M., 1853, S. 13.
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thras=Dienst 1 ) erst unter Trajan im J. 101 n. Chr. in Rom eingeführt ward.

"Keine Stelle der ganzen Gegend mochte sich mehr zur Anlegung eines befestigten Vorpostens eignen, als eben diese, auf einer sanften Anhöhe in der Ebene am Flusse liegende, von keinem nähern Berge beherrschte Stelle", welche doch weit umher einen freien Ueberblick gewährt.

"Der jetzige Ort Heddernheim selbst enthält keine Spuren römischer Ueberreste. Dagegen gelangt man 500 Schritte westlich von diesem Dorfe auf dem nach dem nahen Praunheim führenden Vicinalwege" zu einem großen, ringsum abgegrabenen, erhöheten Felde, welches die Landleute das Heidenfeld 2 ) nennen. Es ist ein unregelmäßiges trapezoidisches Viereck, 1200 Schritte lang und 5 bis 700 Schritte breit, und hat einen Flächeninhalt von beinahe 300 Morgen. Wenn auch die Anlage sehr bedeutend war, so war sie doch kein Castell, vielmehr eine bürgerliche Niederlassung, eine Stadt, welche allerdings gegen den ersten Angriff der drohenden Nachbarschaft befestigt war. "Es war eine "Militaircolonie", eine bestigte Municipal=Stadt ("civitas Taunensium"), welche einer großen Masse alter Soldaten, die nach Vollendung ihrer stürmischen Dienstjahre dem bürgerlichen Leben zurückgegeben wurden, Wohnung und Unterhalt gab." Für diese Ansicht zeugt auch der römische Name des Ortes, welcher nach mehrern in den Ruinen gefundenen Steininschriften 3 ) Novus vivus (= Neuheim, Neustadt oder Neuweiler) hieß und offenbar auf eine "bürgerliche Niederlassung hinweiset". Eine bedeutende, vielfach wichtige Inschrift vom J. 230 beginnt:

"In honorem domus divinae. Genium plateae Novi Vici cum aedicula et ara Titi Flavii Sanctinus, miles legionis vicesimae secundae primigeniae Aleyandrinae piae fidens, etc.


1) Vgl. , "Der Mithras=Tempel in den römischen Ruinen bei Heddernheim", von F. G. Habel, in den Annalen, Bd. I, Heft 2 und 3, 1830, S. 161 flgd.
2) Urkunden von 1452 und 1460 geben dem Trümmerfelde den Namen "Heddernburg"; vgl. Mittheilungen des Vereins zu Frankfurt nach Becker im Neujahrsblatt 1868.
3) Vgl. Inscriptiones ducatus Nassoviensis latinae (von Klein und Becker) in den Annalen des Vereins für Nassauische Alterthumskunde etc. ., Bd. IV, Heft 3, Wiesbaden, 1855, p. 485 flgd. (auch im Separat=Abdruck von p. 1 an). Vgl. auch die deutsche Abhandlung: Römische Inschriften in Nassau, von Klein, in Annalen etc. ., Bd. IV, Heft 2, S. 291 flgd.
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Wahrscheinlich ist die Colonie auf einmal entstanden, um genug Mannschaft gegen Ueberfall beisammen zu haben, und aus demselben Grunde vernothwendigte sich auch die baldige Anlegung einer festen Stadtmauer 1 ). Von der Stadtmauer waren früher noch Spuren in den Fundamenten vorhanden. Noch heute läuft ringsherum ein Fahrweg, der in den ältesten Flurbüchern der "Mauerweg" genannt wird.

Dieses "Heidenfeld" ist seit Jahrhunderten in der Gegend bekannt und die "ganze Oberfläche war mit Trümmern zerstörter Gebäude und Gefäße bedeckt. Seit Jahrhunderten dienten diese ausgedehnten Ruinen dem Landmanne als Steinbruch für sein Baubedürfniß; alles Mauerwerk, welches man an Gebäuden in Heddernheim, Praunheim und den Wegen der nächsten Ortschaften wahrnimmt, kommt aus diesem Felde." - Es ist beobachtet, daß die Germanen, als sie siegten, Alles mit unbeschreiblicher Wuth zertrümmert haben müssen.

Gleich nach der Stiftung des Vereins für nassauische Geschichte und Alterthumskunde im Jahre 1823, in Folge dessen das Museum im Jahre 1824 gegründet ward, beschloß der Verein, genaue Untersuchungen an Ort und Stelle vornehmen zu lassen und beauftragte damit den verstorbenen Archivar Habel 2 ), welcher das größte Verdienst um diese Forschung und Sammlung hat: das Heidenfeld ist die wichtigste Fundgrube für das Museum geblieben. Seitdem ist viele Jahre lang gegraben und durch Schenkung und Kauf der reiche Schatz erworben, welcher das Museum zu Wiesbaden ziert.

Ueber die Bedeutung des noch nicht sehr bekannten Ortes Heddernheim (Novus Vicus) giebt es wohl noch keine übersichtlich gehaltene, scharf bestimmende Beurtheilung. Die vorstehende Schilderung habe ich sehr mühsam aus sehr vielen zerstreuten Mittheilungen entwerfen müssen. Erst nach Vollendung derselben kommt mir nun die klar und bündig aufgefaßte Schilderung 3 ) vom Professor J. Becker zu Frankfurt a/M. in die Hände, welche ich wegen ihrer Klarheit und


1) In einer Grenzregulirungs=Urkunde vom J. 1610 werden die "Heddernheimer Burgmauern" erwähnt. Vgl. Becker im Frankfurter Neujahrs=Blatt, 1868, S. 5 Note 1.
2) Vgl. Habel in den angeführten Annalen etc. ., S. 48 flgd.
3) Vgl. J. Becker Grabschrift eines Römischen Panzerritter=Officiers aus Rödelheim, Neujahrs=Blatt des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt a/M., 1868, S. 5.
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Auctorität hier noch mitzutheilen nicht unterlassen kann. "In dem weiten, reich gesegneten Tiefgrunde, welcher, von der Nidda durchzogen, von den Abhängen des obern Taunus zum Maine sich hinabsenkt, ist bis jetzt kein Ort aufgefunden worden, welcher als Fundstätte von Alterthümern aus römischer Zeit irgend wie mit dem schon lange her und immer noch ergiebigen Trümmerfelde zwischen den Dörfern Heddernheim und Praunheim, eine Wegstunde nordwestlich von Frankfurt a/M., verglichen werden könnte. Die große Menge, reiche Mannigfaltigkeit und nicht zu unterschätzende Bedeutung der auf jener Stätte des einstigen Novus Vicus zu Tage geförderten Denkmäler giebt ein so vollwichtiges Zeugniß von der ehemaligen Blüthe dieses Mittelpunktes des Taunensischen Gemeinwesens (civitas Taunensium), daß alle übrigen Spuren Römischen Anbaues, welche sich der Nidda entlang und weiterhin zwischen ihr und dem Maine verfolgen lassen, nur so zu sagen als Reste vereinzelter Ausläufer des Hauptortes selbst in der Gestalt von kleinen Dörfern (vici) und Gehöften, Landhäusern. Fabrikanlagen. Töpfereien u. a. m. gedacht werden können. Diese Annahme ist sicherlich um so begründeter, als einerseits die ganze Dürftigkeit jener Spuren römischen Anbaues, andererseits die Auffindung zur Seite der nach dem Novus Vicus und weiter nach dem Castelle und der Niederlassung am römischen Grenzwalle (Saalburg) ziehenden Straßen diese untergeordnete Bedeutung bis jetzt wenigstens unverkennbar beurkunden."

Am 15. Mai 1869 besuchte ich Heddernheim. Jetzt ist nicht die geringste Spur von Trümmern auf dem Heidenfelde mehr übrig. Zwar läßt sich das ganze erhöhete, mit einer Obstbaumreihe eingefaßte Plateau der ehemaligen römischen Stadt mit dem noch vorhandenen "Mauerweg" umher noch klar erkennen; aber die ganze Oberfläche ist geebnet, gereinigt und bis auf den äußersten Rand als Ackerland mit Feldfrüchten besetzt. Mitunter werden in der Tiefe, wo noch viel Schutt liegt, von den einzelnen Grundbesitzern bei Grabungen "im Winter" noch einzelne Alterthümer gefunden, welche aber gewöhnlich unter der Hand an Liebhaber verschwinden.

Die Zeit der Anlage der Colonie 1 ) ist, wie gesagt, nicht zu ergründen; aber die Blütezeit derselben wird in


1) "Der Kaiser Caracalla (211-217) gab allen denjenigen, welche sich in den römischen Reichsgrenzen befanden, wozu also auch das (  ...  )
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die Zeit der Kaiser Alexander Severus (222-235) 1 ) und Maximinus (235-238) fallen. Die meisten zu Heddernheim gefundenen Inschriftsteine 2 ), welche sich datiren lassen, fallen in diese Zeit, z. B. in die Jahre 229, 230 n. Chr. Ein sicheres Zeichen, daß sie noch unter der kurzen Regierung des Kaisers Maximin (235-238) blühte, ist die merkwürdige Erscheinung, daß auf 5 nassauischen Inschriftsteinen, von denen 2 aus Heddernheim, der Name Alexander ausgemeißelt ist; nach der Ermordung des Kaisers Alexander Severus ließ sein roher Nachfolger Maximin den Namen Alexander tilgen 3 ), "der wohl die Erinnerung an die veranlaßte Ermordung seines Wohltäters mit dem Namen desselben vertilgen zu können glaubte." In diese Zeit muß also die vollendete Ausbildung fallen, da die Inschriftsteine dieser Zeit angehören. Ein Mithrasstein von Heddernheim ist noch aus der Zeit des Kaisers Gordian (238-244) vom Jahre 241.

Mit Sicherheit läßt sich also der Bestand der Stadt Novus Vicus nur für die Zeit der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts nach Christi Geburt feststellen 4 ).

In oder kurz vor diese Zeit werden denn auch wohl die meisten der zu Heddernheim gefundenen Alterthümer, welche damals verloren gegangen sein werden, und darunter der oben erwähnte gravirte Krater und die Kellen und Siebe, fallen.


(  ...  ) "Taunusland bis an den Pfahlgraben gehörte, das römische Bürgerrecht". (Dig. I, Lib. 5, L. 17.) Dr. Römer=Büchner Beiträge zur Geschichte der Stadt Frankfurt a/M., 1853, S. 16.
1) Zu Kremmin bei Grabow ward eine Kupfermünze von Alexander Severus vom Jahre 227 ausgepflügt; vgl. Jahrb. II, B, S. 52.
2) "Es lassen sich im Museum von Wiesbaden genau zwei Classen von Inschriften unterscheiden: eine frühere, von der Zeit Vespasians oder noch etwas früher hinauf bis auf Hadrian (70-138 n. Chr.), und eine spätere, von Antoninus Pius bis auf Alexander Severus (138-236 n. Chr.). Rossel: Ein Militair=Diplom etc. . a. a. O., S. 56."
3) Vgl. Habel: Die römischen Ruinen bei Heddernheim, in den Annalen etc. ., Bd. I, Wiesbaden, 1830, S. 75. - Inscript. Nass. 1. c. zu Inschrift Nr. 1.
4) "Die erste Erwähnung der cives Taunenses zu Heddernheim ist vom Jahre 230, die letzte vom Jahre 242, und bald nachher, um 250, hören die römischen Inschriften im Taunusgebiet ganz auf". Dr. Römer=Büchner a. a. O. - Vgl. auch Rossel: Ein Militair=Diplom etc. . a. a. O., S. 56.
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Und diese Nachweisung bildet den einzigen Anhaltspunkt für die Zeit, aus welcher die Alterthümer von Häven stammen, welche also in die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts n. Chr. fallen werden. Denn die Alterthümer von Heddernheim müssen bei der Zerstörung von Novus Vicus verschüttet worden sein. Nach früheren Beobachtungen stammen die meisten andern römischen Alterthümer im Norden auch aus der Zeit der Antonine (138-161 und 161-180) und deren Nachfolger.

Wann die Stadt Novus Vicus zerstört ist, darüber giebt es gar keine Nachrichten. Die jüngste datirte Inschrift ist die so eben erwähnte vom Jahre 241, und schon vor und nach dem Jahre 250 beginnen die Anfänge der deutschen Einfälle 1 ) und Erhebungen gegen das Römerreich und die fortwährenden Niederlagen der Römer. Die Anlage mag schon im dritten Jahrhundert n. Chr. 2 ) zerstört sein.

Römer=Büchner, Geschichte der Stadt Frankfurt a/M., fügt S. 16 hinzu: "Daß bei der Zerstörung von Novus Vicus sich manche der dortigen Bewohner hier ansiedelten, darf als sehr wahrscheinlich angenommen werden, so wie auch, daß mit dem Ende der Römerherrschaft auf der rechten Mainseite, und nachdem Valentinian I. im Jahre 374 mit Makrian zu Mainz einen Frieden geschlossen, nicht alle Römer von hier sich entfernten, sondern gemischt mit der deutschen Bevölkerung ferner als Römer=Deutsche an ihren Wohnorten verblieben. Selbst in den Personen=Namen, die noch bis heute in hiesiger Stadt und nächster Umgebung vorkommen, finden sich Römer=Namen".

Von Heddernheim mögen also Römer nach Häven gekommen sein.


1) Vgl. Becker: Grabschrift eines römischen Panzerritter=Officiers aus Rödelheim, im Neujahrs=Blatt des Vereins zu Frankfurt a/M. 1868, S. 24 flgd.
2) Eben so war es in Britannien. "Die englischen Museen besitzen mehr denn zwei Dutzend Barren und Würfel von Zinn, die mit den Namen der römischen Kaiser von Claudius bis auf Antoninus und Alexander Severus gestempelt sind. - Die Münzen der Kaiser beweisen, daß der Handel gegen die Regierung von Alexander Severus aufgehört hat. Die jüngsten Münzen stammen von Alexander Severus her." Fr. de Rougemont, L'age du bronze, Paris, 1866, p. 124 sq. Deutsche Uebersetzung von Keerl: Die Bronzezeit, von Fr. de Rougemont, Gütersloh, 1869, S. 119, 120, 143.
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Daß die Römer in Heddernheim auch Handel 1 ) trieben, beweiset ein daselbst gefundener Altar, welcher dem "Händler" oder Handels=Gott Merkur geweihet ist, mit der Inschrift:

I. HONOREM . D D
MER . CV . R . I . O . NEG
O . TI . A . TO . RI.
(In honorem domus divinae.
Mercurio neg-
otiatori.)

Ein anderer Altar ist dem Mercurius Cissonius oder Cesonius geweihet; Cesonius ist ein celtischer Beinamen des Merkur von bis jetzt unbekannter Bedeutung.

Mehr als wahrscheinlich ist nun von den Römern der Taunus=Provinz, namentlich von Heddernheim (Novus Vicus), daß sie Handel nach dem Norden getrieben. Die Wege waren die noch jetzt allein gangbaren alten Heerstraßen und in den neuesten Zeiten von den Eisenbahnen wieder aufgenommenen Wege. Diese gehen theils durch die Thäler der Nidda, Lahn und Fulda 2 ), theils durch die Thäler der Kinzig und Fulda in die Thäler der Weser und der Leine (bei Hildesheim (!) vorbei) in die norddeutschen Tiefebenen bis an das Meer (also ungefähr von Mainz über Heddernheim, Friedberg, Marburg, Cassel, Nordheim, Hildesheim u. s. w.).

Nach den übersichtlichen Aufzählungen der römischen Alterthumsfunde von Wiberg 3 ) sind auch die am meisten


1) Auch Dr. Rolle zu Homburg will in Novus Vicus auf eine "ansehnliche Taunenser Kaufmannschaft" schließen, die aber sich vielleicht nur mit Zwischenhandel befaßte und ihre Fabrikate von Mainz oder noch weiter her bezog". Vgl. Taunusbote, Homburg v. d. H., 1869, Nr. 38, Junii 27.
2) Gräber von Römern oder von römischem Einflusse scheinen auch die bei Ketten "an der Rhön", also nicht weit von der Handelsstraße aufgedeckten Gräber mit ihren vielen Silber=Ringen und Glasperlen zu sein, worüber mir während des Drucks dieses Bogens die "Ausgrabungs=Berichte aus Thüringen von Dr. Klopfleisch, Weimar, 1869", zu Händen kommen. Leider sind in dieser kleinen, an Hypothesen überreichen Schrift die Beschreibungen der Alterthümer so wenig genügend und verglichen, daß man sich keine klare Vorstellung davon machen kann.
3) Vgl. Der Einfluß der klassischen Völker auf den Norden durch den Handelsverkehr, von C. F. Wiberg, Oberlehrer am Gymnasium zu Gefle. Aus dem Schwedischen übersetzt von Johanna Mestorf. Hamburg, 1867. S. 110 flgd. - Auch Bodrag till kännedomen om Grekers och Romares förbindelse med Norden, af C. F. Wiberg, Gefle, 1861.
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bezeichnenden römischen Alterthümer auf dieser Handelsstraße gefunden. Auch Wiberg nimmt eine römische "Lahn=Magdeburger Handelsstraße an, vom Rhein längs der Lahn an die mittlere Elbe" 1 ).

Außer in Kurhessen sind in den braunschweig=lüneburgischen Landen gefunden z. B. bei Ahlden an der Aller eine Kasserolle und eine Urne von Bronze; bei Dornte, Amts Oldenstadt, zwei hübsche Bronzegefäße mit Handhabe; bei Klein=Hesebech, Amts Medingen, ein ähnliches Gefäß; bei Seedorf, Amts Medingen, ein niedriges, rundes, geräumiges Bronze=Gefäß mit Handhabe, geschmückt mit Thier=Figuren, und ein Herkulesbild von schön patinirter Bronze; bei Barskamp, Amts Blekede an der Elbe, ein hübsches Gefäß von Terra sigillata mit dem Bildnisse eines Jägers im Relief bei Sottdorf, Amts Salzhausen an der Elbe, eine römische bronzene Schüssel mit Fabrikstempel; bei Lühmühlen, Amts Salzhausen, ein Bronzedeckel mit einem schönen epheubekränzten weiblichen Kopfe in Relief u. s. w.

Die große Straße scheint sich in Mittel=Hannover verzweigt und auf verschiedenen Wegen an den noch heute benutzten Hafenstellen an der Nord= und Ostsee ausgemündet zu haben: an der Weser (Bremen), wo der Bronze=Krater von Börry gefunden ist (vgl. oben S. 102); an der Elbe (Hamburg), wo in der Landdrostei Stade die Bronze=Kelle gefunden ist (vgl. oben S. 138); an der Trave (Lübek), wo zu Pansdorf bei Lübek auch ein Bronze=Eimer gefunden ist (vgl. oben S. 121);Von den meisten im nördlichen Deutschland entdeckten römischen Gefäßen wird berichtet, daß sie in Grabhügeln gefunden und zu Knochen= und Aschenurnen benutzt gewesen seien. Zu Sottorf bei Salzhausen wurden in mehreren Kegelgräbern außer Bruchstücken von römischen Bronze=Gefäßen auch 6 Gewandnadeln, zum Theil mit silbernen Knöpfen, gefunden, welche nach der Beschreibung römische Arbeit zu sein und den Hefteln von Häven zu gleichen scheinen. Vgl. Einfeld a. a. O., S. 41 flgd. Es dürfte nicht unwahrscheinlich sein, daß alle diese Brandhügel mit römischen Alterthümern ebenfalls Römer=Gräber mit verbrannten Leichen sind, und daß z. B. auch bei Sottorf an der Elbe eine römische Niederlassung war.


1) an dem Meerbusen von Wismar, wohin die römischen Funde von Grabow und Häven gehören.
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Wenn sich auch von diesen hier ausgesprochenen Folgerungen nichts unumstößlich beweisen läßt, so scheint doch manches sehr wahrscheinlich und wenigstens ein Anfang zu weiterer Forschung gemacht zu sein.

Außer den beiden gleichen gravirten Krateren und mehreren kleineren Alterthümern, welche Heddernheim und Häven gemeinsam sind, ziehen noch andere Dinge die Aufmerksamkeit auf sich.

Von Wichtigkeit können die beiden oben unter Nr. 22 und 23 aufgeführten silbernen Relief=Knöpfe sein, dereine mit dem Bilde eines auf einem Fische stehenden Vogels, der andere mit dem Bilde eines Ebers; jener könnte Zeichen der Städte Istros in Mösien oder Olbia sein, dieser deutet zunächst auf Gallien. Außerdem war aber der Eber 1 ) auch ein Feldzeichen in Mösien. Nun aber hatte die VIII. Legion, welche seit dem Jahre 70 sicher bis auf Alexander Severus (222-235) im Taunuslande stand und hier oft vorkommt, vorher in Mösien gestanden.

Doch können solche Anführungen nur gewagte Ansichten sein, welche sich auch für nichts anderes ausgeben wollen.


Weiterführung.

Wenn nun durch die Vergleichung der gleichen Alterthümer von Häven und Heddernheim ein wohl nicht ganz unbegründeter Anhaltspunkt für Herkunft und Zeit derselben gewonnen ist, so läßt sich von denselben nicht unschwer auch auf andere ähnliche Alterthümer schließen.

Es sind in Meklenburg und Dänemark häufig römische Alterthümer, wiederholt in großer Anzahl beisammen, gefunden. Manche dieser Funde scheinen einer andern Zeit anzugehören


1) Vgl. Eberkopf und Gorgoneion als Amulete, von Dr. Rud. Gaedechens in Jena, in Jahrbüchern des Vereins im Rheinlande, Heft XLVI, Bonn, 1869, S. 26 flgd. "Wir finden das Wildschwein auf Reliefen, kleinen Bronzen u. s. w." - Anm. 25: "auf Münzen des Kaisers Caraealla (217) (vgl. Rapp in den Jahrb. XXXV, Taf. III), auf gallischen und celtischen Münzen u. s. w., - Anm. 65: Feldzeichen mit Eber. Nicht anders die Coralli in Nieder=Mösien."
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und einen andern Ursprung zu haben, als der von Häven, z. B. die oben S. 103 erwähnten Funde von Gr.=Kelle, mit der prachtvollen silbernen Kelle, und der Fund von Hagenow, nicht weit von Grabow, mit der schönen Gießkanne, wenn sich in beiden auch Kellen finden. Aber der oben S. 99 flgd. beschriebene Fund von Grabow stimmt durchaus mit dem Funde von Häven überein: hier fand sich auch ein Krater von derselben Form, mit demselben Henkel, mit derselben Technik in der Gravirung geschmückt, wenn auch die Figuren andere sind; hier fand sich auch eine Schale, eine Kelle, ein Sieb, eine Heftel mit einer auf dem Bügel angelötheten Verzierungsplatte, selbst ein Glas. Es laßt sich nicht bezweifeln, daß der Fund von Häven gleichen und gleichzeitigen Ursprung mit dem Funde von Grabow hat.

Gleichen Ursprung wird der oben S. 102 besprochene Fund von Himlingöie auf Seeland haben, dessen Arbeit mit der der hävenschen und heddernheimer Bronzekessel gleich ist. Diese Wahrnehmung wird auf noch mehr römische Funde der Insel Seeland zurück schließen lassen.

Ich bemerke noch besonders, daß sich die hornförmigen Glasgefäße, die bei römischen Alterthümern in Dänemark gefunden sind, sich in vielen Exemplaren auch in dem Funde von Heddernheim im Museum zu Wiesbaden finden.

Es läßt sich aber auch, was sehr merkwürdig und einflußreich zu sein scheint, von dem Funde von Häven weiter auf einheimische Funde der älteren Eisenzeit in Meklenburg zurück schließen. Die vielen großen Begräbnißplätze mit den vielen Aschenurnen unter der ebenen Erdoberfläche enthalten zwar durchaus nur verbrannte Leichen mit Beigabe von wenig Hausgeräth und Schmuck, meistentheils von Eisen, seltener von Bronze, mitunter auch von Silber, welches sonst nicht vorkommt. Aber auf manchen Begräbnißplätzen dieser Art fanden sich doch Sachen, welche gradezu auf die Quellen von Häven und Heddernheim hinweisen. Vor allen andern ist es der oben S. 122 erwähnte Begräbnißplatz von Pritzier, welcher die meiste Aehnlichkeit mit den römischen Gräbern hat. Es ist oben S. 122 und S. 134 nachgewiesen, daß die thönernen Urnen, welche den Römer=Gräbern von Häven zum Ersatz für fehlende Bronze=Kessel und Schalen beigegeben wurden, den einheimischen Urnen von Pritzier völlig gleich sind, diese also mit jenen von gleichem Alter sein müssen. Es giebt aus dem "Kirchhof" von Pritzier aber noch andere Dinge, welche eine Verbindung

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mit dem Hävenschen Funde in Aussicht stellen. Dies sind die zu Pritzier zahlreich gefundenen Glasperlen, welche den oben unter Nr. 39 und 57 aufgeführten römischen Glasperlen von Häven gleich sind. Endlich sind zu Pritzier allein, und sonst nicht, mehrere Glasgefäße gefunden, welche nach Heddernheim weisen. Zwar sind die Glasgefäße von Pritzier durch den Leichenbrand vielfach verbogen, zusammengedrückt und zusammengeschmolzen, und daher oft nicht klar in den Formen zu erkennen; aber das Glas von Pritzier ist dasselbe dünne und weiße, nicht ganz reinliche, etwas grünliche Glas, welches sich in Heddernheim in so großer Menge findet. Es wird daher nicht sehr gewagt sein, zu schließen, daß die römischen Händler von Häven nach Pritzier verkauft haben.

So viel wenigstens scheint mit Sicherheit angenommen werden zu können, daß die ältere Eisenzeit in Meklenburg bis in die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts n. Chr. reicht.

Geschrieben zu Homburg v. d. H., im Mai 1869.

 


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Anhang.


Während der Correctur dieser Bogen gelangt in die Schweriner Sammlungen noch ein kleiner römischer Fund, der hier noch eine Stelle finden mag, da er aus ganz zuverlässiger Quelle kommt.

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Römische Münze des Kaisers Hadrian.

Auf dem zu dem Hauptgute Klein=Vielen gehörenden Nebengute Hartwigshof, bei der Stadt Penzlin, an der südöstlichsten Grenze von Meklenburg=Schwerin, ward im Jahre 1869 in der Nähe eines heidnischen Grabes eine wohl erhaltene kleine Bronze=Münze des Kaisers Hadrian (119-127 n. Chr.) gefunden und von dem Gutsbesitzer Herrn Jahn, Mitgliede des Vereins, dem Vereine geschenkt.

V.=S. Der mit Lorbeer bekränzte Kopf des Kaisers; Umschrift:

IMP CAESAR TRAIAN HADRIANUS AVG

R.=S. Eine stehende weibliche Figur mit einer Wage (bilanx) in der rechten Hand und einem Füllhorn im linken Arme; Umschrift:

P M TR P — COS III

G. C. F. Lisch.     

 

Vignette
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Römische Alterthümer aus den Gräbern von Häven und Grabow in Meklenburg.
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II. Zur Baukunde.


Christliches Mittelalter.

Kirchliche Bauwerke.


Die Domkirche zu Güstrow,

von

Dr. G. C. F. Lisch.


Einleitung.

Da die Domkirche zu Güstrow im Mauerwerk baufällig zu werden anfing und das Mobiliar im Innern schlecht und verfallen, auch sehr unkünstlerisch war und engend und störend wirkte, so ward eine gründliche Restauration des Baues beschlossen, welche in der Zeit 1865-1868 unter der Leitung des Landbaumeisters Koch ausgeführt ist, wodurch das Innere der Kirche ein ganz anderes Ansehen als früher bekommen hat. Die Einweihung ward am dritten Advent=Sonntage, 13. December, 1868 unter lebhafter Betheiligung und großer Befriedigung vollzogen. Schon einige Jahre vorher war der Giebel des südlichen Kreuzschiffes so unsicher geworden, daß er umzufallen drohete. Noch etwas früher waren freilich schon einige entstellende und Schaden bringende Anbauten an der Nordseite des Chors, welche zum Wagenschauer für die "Superintendentenkutsche" und zu Vorrathskammern dienten, abgebrochen. Bei der letzten Restauration fielen aber auch an der Südseite des Chors die letzten entstellenden Anbauten, welche zu Kalkschuppen und andern Materialienkammern benutzt wurden.

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Ich habe den Bau schon im J. 1843 in den Jahrb. VIII, S. 97 ausführlich beschrieben und beurtheilt. Im Allgemeinen hat sich meine dort ausgesprochene Ansicht bestätigt. Es sind aber seitdem und während der letzten Restauration, bei der ich ununterbrochen und häufig untersuchend beiräthig gewesen bin, so manche wichtige Entdeckungen gemacht, daß es nöthig ist, dieselben vorzutragen und zu benutzen, und zugleich zu zeigen, wie die Kirche entstand und wuchs, wie sie ursprünglich aussah, wie sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts restaurirt, im 17. und 18. Jahrhundert vielfach entstellt ward und wie sie endlich jetzt wieder neu geworden.

1) Der älteste Theil der Kirche ist der mittlere Theil des jetzt stehenden Baues: das ganze Kreuzschiff und die erste Hälfte des Chors daneben. Das Collegiatstift ward am 3. Junii 1226 von dem Fürsten Heinrich Borwin II. auf seinem Sterbebette gegründet. Der Bau dieses Theils der Kirche wird und muß bald darauf ausgeführt sein, denn er ist ganz im Uebergangsstyl und der nördliche Giebel des Kreuzschiffes ist mit Ausnahme der Fenster noch im romanischen Style ausgeführt: die Pforte und die Friese zeigen den Rundbogen und die Wandsäulen im Innern sind noch romanisirend. Die alte Kirche ist mit der des Klosters Neukloster, welcher 1219 gestiftet ward, in gleichem Style. Der alte Altarraum wird im 15. Jahrhundert, als zu beschränkt, abgebrochen sein; er muß ein ganz anderes Ansehen gehabt haben, als jetzt.

2) Das Schiff mit Thurm und Seitenschiffen ist ohne Zweifel im J. 1335 ganz fertig geworden und geweihet. Der Styl ist der altgothische. Man vergleiche den Beweis unten in dem Abschnitt über die Reliquiengruft.

3) Die beiden Kapellenreihen sind nach und nach bald darauf im 14. Jahrhundert fertig geworden. Die jüngste Kapelle an der Nordseite ist 1388 gestiftet und die jüngste Kapelle an der Südseite 1394 fertig geworden. In beiden Jahren stand schon der Thurm. Man vergleiche unten den Abschnitt über die Kapellen an den Seitenschiffen.

4) Der Chor ist wahrscheinlich nach Vollendung des Schiffes im 15. Jahrhundert an der Stelle des abgebrochenen alten Altarraumes, welchem wohl zu beschränkt war, neu angebauet, freilich in nicht sehr festem Mauerwerk. Urkundliche Nachrichten giebt es darüber nicht. Es läßt sich nur nach dem Baustyl urtheilen.

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Das Domstift ward im J. 1552 aufgehoben. Am Mittwoch nach Cantate 1552 schickten die fürstlichen Commissarien die "Kleinodien" der Kirche an die heimgelassenen fürstlichen Räthe ein.

Hierauf stand die Kirche, da das Domherrenstift einem Kloster ähnlich gewesen und die Gemeinde sehr klein war, lange Zeit leer und war ganz verfallen und wüste, so daß sie sogar zum Wagenschauer gebraucht ward. Da faßte die hoch verdiente Herzogin Elisabeth, des Königs Friedrich I. von Dänemark Tochter, des Herzogs Ulrich erste Gemahlin, im J. 1565 den Entschluß, die Kirche restauriren zu lassen, was denn auch in zwei Jahren ausgeführt ward. Die erste protestantische Predigt ward am Sonntage nach Neujahr 1568 in der restaurirten Kirche gehalten.

Darauf schmückte der Herzog Ulrich selbst die Kirche mit vielen prachtvollen Denkmälern, welche zu den bedeutendsten Kunstwerken in Meklenburg gehören. Die wichtigsten dieser Werke sind und waren: das große Epitaphium auf den Fürsten Heinrich Borwin II., den Gründer der Kirche, desselben Sarkophag, die Kanzel, der Taufstein, die großen Epitaphien auf den Herzog Ulrich selbst und seine beiden Gemahlinnen, die fürstliche Empore im südlichen Kreuzschiffe und die Orgel, die beiden letzten bei der jüngsten Restauration abgebrochen.

Die darauf folgende Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts hatten der Kirche nur Schaden gebracht und sie vielfach entstellt.

Deshalb war die jetzige Restauration nicht allein angemessen, sondern auch nothwendig. Und diese ist denn auch unter der lebhaftesten Beförderung und Theilnahme Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs Friedrich Franz in der Zeit von 1865 bis 1868, also grade dreihundert Jahre nach der vorletzten Restauration, würdig und stylgemäß ausgeführt. Im J. 1865 ward der baufällige Giebel des südlichen Seitenschiffes neu aufgeführt und das daran stoßende Gewölbe und Dach restaurirt. Pfingsten 1866 begann die Restauration der Wände und Gewölbe, von denen die Gewölbe des Altarraumes ganz neu gebauet werden mußten. In den Jahren 1867 und 1868 wurden der Ausbau und die Decorirung des Innern, die Fußböden und das Gestühle ausgeführt, die Chorfenster gemalt und der alte Altar durchgängig neu vergoldet, bis endlich nach Vollendung der neuen Orgel die Kirche am 13. December 1868 wieder eingeweihet werden konnte.

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Nach diesen geschichtlichen Gesichtspunkten muß die neueste Restauration und überhaupt das ganze Gebäude beurtheilt werden. Genauere Aufklärung und manche tiefere Blicke in die Kunst der alten Zeiten und der Jetztzeit werden, bei Betrachtung des Gebäudes selbst, die folgenden Abschnitte geben.


Der Altar

ist ein großer Flügelaltar mit Doppelflügeln (Diptychon), 8 Fuß hoch, ohne die Krönung, und 26 Fuß breit, in jedem Flügel also 6 1/2 Fuß breit.

Die Vorderseite

ist mit geschnitzten und vergoldeten und bemalten Figuren auf figurirtem Goldgrunde geschmückt, und so fest und dauerhaft gearbeitet, daß der alte Kreidegrund mit wenig Ausnahmen hat erhalten werden können.

Das Mittelstück der Mitteltafel stellt die Kreuzigung Christi in einer großen figurenreichen Gruppe dar. Neben dem Kreuzesstamme knieen 2 kleine betende Figuren: zur Rechten ein Mann in weitem Rock mit langem, lockigem Haar, welcher die Mütze vor sich liegen hat, zur Linken ein ganz in einen Harnisch gekleideter Mann, welcher den Helm vor sich liegen hat. Zwischen beiden steht am Kreuzesstamme das fünfschildige herzogliche Wappen mit dem Helme. Das Wappen ist noch sehr unbeholfen und die Schilde stehen alle verkehrt; die Schilde, welche rechts stehen eilten (für Meklenburg und Stargard), stehen links, und umgekehrt; der Werlesche Stierkopf steht noch grade; der Stargardische Arm ist noch ganz einfach, ohne Aermel und Wolke u. s. w. Dieses Wappen, und also auch der Altar, muß also aus der ersten Zeit nach der Einführung des fünfschildigen Wappens stammen, also in die Zeit 1490-1500. Die beiden knieenden Personen sind daher ohne Zweifel die Schenker, die Herzoge Magnus († 1503) und Balthasar († 1507). Die Kunstarbeit ist also verhältnißmäßig jung, jedoch noch recht gut.

Die ganze Vorderansicht ist durch eine Quertheilung in 2 Abtheilungen von verschiedener Höhe gebracht. Die obere, höhere Abtheilung enthält große, stehende Figuren; die untere Abtheilung, welche ungefähr halb so groß ist wie die obere, enthält kleine, sitzende Figuren. Jede Figur steht unter einem reichen, durchbrochenen Baldachin.

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Die ganze obere Reihe enthält, außer der Kreuzigung, die 12 Apostel (mit Paulus, Philippus fehlt) und 4 Hauptheilige des Domes, die untere Reihe 16 Heilige.

Die Figuren sind gut gezeichnet und geschnitzt. Auf dem figurirten Goldgrunde steht in dem Heiligenscheine eines jeden Heiligen dessen Name. Der Vergolder ist aber sehr ungebildet und ungeschickt gewesen, da er theils viele Namen verunstaltet und verstümmelt, theils mehrere verwechselt und ausgelassen hat. Hinter jedem Namen folgt das Gebet: OR A PRO NOBIS, von welchem aber gewöhnlich nur 1 bis 3 Buchstaben ausgedrückt sind.

Die Figuren sind folgende, mit den buchstäblichen Bezeichnungen in den Heiligenscheinen:

Oberer Reihe.

Mitteltafel.

Die Kreuzigung Christi, im Mittelstück durchgehend.

Zur Rechten:

1) S. Johannes der Täufer: S A NCTVS IOH A NN, der Vorläufer Christi, zeigt mit dem rechten Zeigefinger auf das Lamm, welches er auf einem Buche auf dem linken Arme trägt.

2) S. Cäcilia: S A NCT A S e CILI, die Localheilige des Doms ("Cäcilien=Kirche" vgl. Jahrb. XX, S. 238), gekrönte Jungfrau mit einem offenen Buche in der rechten und einem Lilienstengel in der linken Hand. Auf dem Buche steht in gothischer Minusel aus dem Ende des 15. Jahrhunderts geschrieben:

Buch der S. Cäcilia
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Ein silbernes Bild der H. Cäcilie im Dom hatte nach einem alten Inventarium (bei Thiele Beschr. S. 62) auch "eine vergüldete Ruhte" in der linken Hand.

3) S. Petrus: S A NCTVS P e TRI, ein Schlüssel und Buch.

Zur Linken:

4) S. Paulus: S A NCTVS P A VLVS, Schwert fehlt, ohne Buch.

5) S. Katharina: S A NCT A K A TRN, die Braut Christi, gekrönte Jungfrau, Schwert in der rechten, Rad in der linken Hand.

6) S. Sebastian: S A NCTVS S e B A , an eine Säule gebunden, von Pfeilen durchbohrt.

Rechter Flügel.

7) S. Johannes Ev.: S A NCTVS IOH A , den Kelch segnend.

8) S. Jacobus d. j.: S A NCTVS I A CODV, Walkerbaum fehlt, geschlossenes Buch.

9) S. Thomas: S A NCTVS TOMVS, Lanze fehlt, geschlossenes Buch.

10) S. Jacobus d. ä.: S A NCTVS I A COD, mit Pilgerhut und Tasche, Pilgerstab fehlt, geschlossenes Buch.

11) S. Mathias: S A NCTVS M A TI e , Beil fehlt, geschlossenes Buch.

Linker Flügel.

12) S. Matthäus: S A NCTVS M A T e VS, Hellebarde fehlt, offenes Buch.

13) S. Bartholomäus: S A NCTVS B e RTO e LM, Messer, geschlossenes Buch.

14) S. Andreas: S A NCTVS A NDR e A , Schrägekreuz fehlt, ohne Buch.

15) S. Simon: S A NCTVS SIMON, Säge fehlt, geschlossenes Buch.

16) S. Judas Thaddäus: S A NCTVS IVD e , Keule fehlt, geschlossenes Buch.

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Untere Reihe.

Mitteltafel.

Die Kreuzigung Christi im Mittelstück durchgehend.

Zur Rechten:

1) S. Gregorius: S A NCTVS A VGVSS. Ein Papst mit der dreifachen Krone, Buch in der linken Hand haltend, Stab mit dreifachem Kreuz in der rechten Hand fehlt mit der Hand. Die Umschrift (Sanctus Augustinus), welche in Nr. 6 noch ein Mal vorkommt, ist also falsch. Der Papst kann nur der H. Gregor sein. Bei der Pfarrkirche gab es eine S. Gregorius=Kapelle und eine S. Gregorius= und S. Augustinus=Brüderschaft.

2) S. Margaretha: S A NCT A K A TRIN, gekrönte Jungfrau, mit einem Drachen zu den Füßen und einem offenen Buche in der Rechten; das Schwert in der Linken fehlt. Auch diese Umschrift (Sancta Katharina) ist falsch, da eine gekrönte Jungfrau mit dem Drachen zu Füßen nur die H. Margaretha sein kann, und die H. Katharina schon in der obern Reihe Nr. 5 mit Sicherheit steht.

3) S. Albertus: S A NCTVS A NLB, Bischof mit einem Buche in der rechten und einem Bischofsstabe in der linken Hand. Dies wird nur der H. Albertus (Albertus magnus) sein können.

Zur Linken:

4) S. Hieronymus: S A NCTVS I e RONI, in rundem Cardinalshut, Buch in der Rechten, Kreuzstab mit einfachem Kreuz in der Linken.

5) S. Dorothea: S A NCT A DOROT e , gekrönte Jungfrau, mit einem Korbe in der Rechten, mit der Linken den Mantel haltend.

6) S. Augustinus: S A NCTVS A VGVSS, Bischof, mit dem Stabe in der Rechten und einem Buche in der Linken. Diese Figur stellt ohne Zweifel richtig den Heil. Augustinus dar, und nicht die Figur Nr. 1.

Rechter Flügel.

7) S. Agnes: S A NCT A   A NG e N, gekrönte Jungfrau, ein Buch, auf dem ein Lamm liegt, in der Linken haltend, Dolch in der Rechten fehlt.

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8) S. Laurentius: S A NCTVS L A VV, als Diakon, offenes Buch in der Linken, Rost in der Rechten fehlt.

9) S. Barbara: S A NCT A B e RB e , gekrönte Jungfrau, offenes Buch in der rechten Hand, Thurm im linken Arme.

10) S. Brandanus: S A NCTVS BRND A , in Mönchs= oder Abts=Gewande, mit einer Kappe auf dem Kopfe, in der Linken ein offenes Buch haltend, in der Rechten eine brennende Kerze (mit dreitheiliger Flamme) tragend. Dieser Heilige ist ohne Zweifel der H. Brandanus, Abt. Dies wird auch durch ein handschriftliches Inventarium des Kirchensilbers vom J. 1552, bei der Säcularisirung, bestätigt, in welchem, außer einigen Marienbildern, auch aufgeführt wird: "Ein silbern Brandanus, mit einer silbern Monstrantze, wiget XI marck XII Loth." In einem andern Inventarium, bei Thiele Beschreibung S. 62, werden die Bilder der Hauptheiligen des Doms, aber nicht das des H. Brandanus, aufgeführt. Der H. Brandanus kommt äußerst selten vor; ja er wird in den neuern Ikonographien gar nicht einmal genannt und selbst die Acta Sanctorum lassen über die Deutung des Attributs in der rechten Hand im Stiche. Die meiste Aufklärung giebt das plattdeutsche "Leuent der Hylgen, Basel, 1517, Samerdel, Fol. CCXL" flgd., welches sehr viel, 15 Druckseiten in Folio, von diesem Heiligen mittheilt, jedoch Fol. CCXLVIIb. auch berichtet: "De grote lerer Vincencius, de do vele hystorien beschryfft, de schafft nicht vele van disseme Brandano, men he secht, wo id ein abbet gewest is vnde hofft vele mönnecke vnder fick ghehadt vnde hefft ock vele wandert: men dat yd alle war schal wezen, alze syne hystorien hyr geschreuen ludet, wil he nycht löuen." Das Attribut der Kerze bezieht sich ohne Zweifel auf ein Ereigniß, welches er erlebt haben soll, da in der Lebensbeschreibung kein Stoff zur Deutung eines andern ähnlichen Attributs zu finden ist. Auf seinen Meerfahrten kam Brandanus in ein Kloster auf einer Insel und in die Kirche: "Do quam en vurich schote in eyn vynster vnde entfengede alle de lampen vor den altaren, do vloech dat schoet wedder vth dem vinster. Do fragede sunthe Brandanus: We deyt des morgens de kersen wedder vth? De abbet sede: Kum vnde see dat wunder ghades; see, du süest de kersen bernen, men dat wert nicht vormynret, wente dat is eyn geystlich lycht. Do fragede sunte Brandanus: Wo mach ein geystlik lycht in einem licham bernen? De abbet antworde vnde sprack: Heffstu nicht gelesen, da de

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busk Moysi brande vp dem berge Sinai vnde bleeff doch vngeseriget (Fol. CCXLIIIb). Der fremde Abt erzählt auch: "Wy hebben hyr nicht tho ethende, daer wy vüer tho behouen. Ock schadet vns nicht hette edder kolde, vnde in den ambachten der tyde entfangen sick süluen de lychte, de wy mit vns vth vnsen landen brochten, vnde werden nicht vormynret van der guede ghades (Fol. CCXLIIIa)." - Es ist also außer Zweifel, daß das Attribut des H. Brandanus eine brennende Kerze ist. - Wie der H. Brandanus in den Dom zu Güstrow gekommen ist, läßt sich noch nicht ermitteln; vielleicht ward er durch eine besondere Begebenheit oder Schenkung eingeführt. Von Bedeutung mag es sein, daß auch die Kirche zu Malchin, deren Pfarre seit 1301 mit einer Domherrnstelle in Güstrow vereinigt war, einen "Altar Brandani" hatte, dessen Patronat ganz dem Malchiner Rath gehörte. - Auch im Dome zu Schwerin war ein Altar Brandani.

11) S. Gertrud: S A NCT A G e RDR e V, gekrönte Jungfrau, ein Hospital mit beiden Händen im linken Arme haltend.

Linker Flügel.

12) S. Apollonia: S A NT A   A PLONI, gekrönte Jungfrau, offenes Buch in der Linken, Zange mit Zahn fehlt in der Rechten.

13) S. Michael: S A NCTVS MICH A EL, Jüngling, mit Flügeln, Drache zu den Füßen, Schwert und Lanze fehlen.

14) S. Agathe: S A NCTVS (!) A G A T A , gekrönte Jungfrau, ein Buch mit beiden Händen haltend.

15) S. Mauritius: S A CTVS MOVRISV, Ritter, Mohr, einen rothen Schild mit goldenem Kreuz in der Linken haltend, Fahne in der Rechten fehlt.

16) S. Maria Magdalena: S A NCT A M A RI A , im Schleier, mit der Salbenbüchse.

Erste Doppelflügel.

Wenn die ersten Flügel zugeschlagen und dadurch die geschnitzten Figuren verdeckt werden, so zeigen sich auf der ganzen Ausdehnung auf vier Tafeln Gemälde, welche recht gut gemalt und ausgezeichnet gut erhalten sind. Jede Tafel hat 4 gleich große Gemälde. Die 16 Gemälde im Ganzen

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stellen die Passion Christi dar und wurden früher während der Fastenzeit zur Anschauung gebracht. Die Gemälde sind in der Ansicht von links nach rechts folgende.

Obere Reihe.