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Feuersteinbeile
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I.

Mittheilung

über

zwei rohe Feuersteinbeile

aus der Ostsee bei Warnemünde.

Von

Professor E. Geinitz

zu Rostock.


I m Sommer 1882 fand ich an dem Strande östlich von Warnemünde, bei dem als "Rosenort" bezeichneten niedrigen Abbruchsufer der Rostocker Haide ein roh gearbeitetes, vom Wasser etwas abgerolltes Feuersteinbeil. Dasselbe, auf Tafel I, Fig. 1 in halber natürlicher Größe abgebildet, besteht aus blaugrauem Feuerstein und hat eine stumpf lanzettliche Form. Es ist 15,5 cm lang, mit einer größten Breite in seinem unteren Anfang von 5,5 cm, an der Spitze sich zu 3,5 cm verjüngend; seine größte Dicke beträgt 2,5 cm. Seine Bearbeitung ist durch große unregelmäßige, flach muschlige Abspaltungsstücke auf beiden Seiten angedeutet; die (nicht abgebildete) Rückseite zeigt eine unvollkommnere Form, indem hier die ursprüngliche oder durch Zufall abgespaltene Oberfläche in unregelmäßiger flacher Krümmung vorherrscht und nur an den Rändern die kleinen muschligen Schlagflächen erscheinen. Jedenfalls hat aber das Ganze eine Form, die entschieden als Kunstproduct aufzufassen ist. Durch Abrollung im Meereswasser sind die scharfen Kanten verloren gegangen, gewissermassen abgerieben.

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Das Stück, im Rostocker Universitäts=Museum aufbewahrt, bietet nach zwei Richtungen besonderes Interesse. Einmal wegen seiner primitiven Form, die an Producte der älteren Steinzeit, z. B. an die Feuersteinkeile von Amiens, erinnert. Wenn man auch annehmen kann, daß bei dem Abreiben und Abstoßen unter den Strandkieseln einige Ecken und Kanten verloren gegangen, andere Schlagflächen auch neu hinzugekommen sein mögen, so bleibt doch immer noch eine sehr primitive Gestalt des Steinbeiles bestehen.

Zweitens ist die Fundstelle von hohem Interesse. Vor dem Lande, am Strand unmittelbar an der See, in einer Gegend, der Rostocker Haide zugehörig, wo im Hinterlande (Hinrichshäger Revier) prähistorische Orte ("Hünengräber") bekannt sind, und wo eine sogen. säculare Senkung geologisch nachgewiesen ist. 1 ) Das bei größeren Fluthen beobachtete Zurückweichen des Strandes hat wohl seine Hauptursache in dem säcularen Sinken unserer Ostseeküstenländer. So wie durch dieses Phänomen die Torflager mit ihren Baumstubben jetzt vor den Strand, unter den Seespiegel gerathen sind, sind auch die Reste des prähistorischen Menschen an den Seegrund gelangt; wie die Bruchstücke der Torflager als Torfgerölle an den Strand ausgeworfen werden, so ähnlich gelangte auch unser Steinbeil wieder zur Tagesfläche, um hier durch einen glücklichen Zufall aufgefunden zu werden. -

Im Frühjahr 1885 machte Herr Dr. med. Sprengell=Lüneburg am Strande vor dem Pavillonhotel in Warnemünde einen ganz analogen Fund, den er freundlichst dem Rostocker Museum überließ. Es ist ein stark vom Wasser abgerollter und abstoßener Keil aus blaugrauem Feuerstein, in Fig. 2 zu etwa 2/3 natürlicher Größe photographisch abgebildet, 12 cm lang, hinten 4 cm breit, sich nach vorn verjüngend zu 3 cm und alsdann stumpf zugespitzt, hier 2 cm dick, hinten 3 cm, von vier fast ebenen, wenig eingebuchteten Flächen begrenzt, mit nicht ausgekerbten, aber durch das Wasser abgerundeten Kanten, hat er ungefähr die Form eines noch jetzt gebräuchlichen Hammers.

Auch dieser Fund bestätigt das oben über die säculare Landsenkung Gesagte. -


1) Vergl. E. Geinitz: über die gegenwärtige Senkung der meklenburgischen Ostseeküste in Zeitschr. d. deutsch. geolog. Gesellsch. 1883, S. 301; und 6. Beitrag z. Geol. Mekl., Arch. d. Ver. d. Fr. d. Naturgesch. Mekl. 1884.
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Zur Ergänzung dieser Mittheilung sei noch der Fund erwähnt, der im Sommer 1884 westlich Warnemünde gemacht wurde. In der nahe am Strande an der Grenze der Warnemünder und Diedrichshäger Fluren gelegenen, jetzt eingegangenen Kalk=Grube des Herrn Steffen zu Diedrichshagen fand man in dem Torf, der in einer Mächtigkeit von 0,5 m unter 2 m Dünensand verdeckt ist, vier Steinbeile, von denen meines Wissens zwei an das Schweriner Museum abgeliefert worden sind. Hier waren also die menschlichen Reste noch auf ursprünglicher Lagerstätte. Dasselbe Torflager, zum Grenzgebiet der weiten Breitling=Niederung gehörig, erstreckt sich in seinem nördlichen Theile bereits an den Seeboden hinaus, ganz ebenso wie die Torflager östlich von Warnemünde.

 

Vignette
[Aufsatz]
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II.

Das Ende der Bronzezeit

in Meklenburg.

Von

Dr. Robert Beltz .


U nter den vorgeschichtlichen Funden in Meklenburg sind es besonders zwei Gruppen, welche sich aus der Fülle der Einzelerscheinungen herausnehmen und zu einem zusammenhängenden Ganzen zusammenschließen lassen; es sind das die Funde der reinen ("nordischen") Bronzezeit und der älteren ("römischen") Eisenzeit. Beide Perioden haben eine scharf ausgeprägte Physiognomie, und die sie charakterisirenden Merkmale unterscheiden sie bestimmend von einander und von anderen. Die Bestattungsform der reinen Bronzezeit ist ganz überwiegend die Beerdigung, die Beisetzung die in kegelförmigen Hügeln; den Bestatteten sind Waffen (Schwerter), Geräthe ("Kelte" und Messer) und Schmuckgegenstände (Ringe für Kopf, Hals, Hand, und Nadeln, bes. "Fibeln") beigegeben - alles durch Bronzeguß hergestellt; gelegentlich kommen noch Steingeräthe, ferner auch die jüngeren getriebenen Bronzen, Glas. selbst Eisen vor, der Masse der alten Bronzen gegenüber wie versprengte Einzelheiten erscheinend. Dieselbe Bestattungsform mit denselben Beigaben findet sich in Hannover, Schleswig=Holstein, den nördlichen Theilen von Sachsen und Brandenburg, dem westlichen Pommern und dem ganzen skandinavischen Norden, wenn auch überall mit wichtigen localen Verschiedenheiten, und giebt uns das Recht von einer "nordischen Bronzezeit" (um das verpönte Wort "Cultur" zu vermeiden) zu sprechen. Wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln, daß die Träger dieser Cultur =

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stufe germanische Stämme gewesen sind, und können nach ziemlich sicheren Combinationen das fünfte vorchristliche Jahrhundert etwa als Endpunkt annehmen, während der Anfang im Dunkel sich verliert. - Die andere Periode ist die "römische" Eisenzeit. Hier ist Alles anders. Die Leichen werden verbrannt, die Knochen in Urnen gesammelt, und diese in den Erdboden eingegraben. Die Beigaben bestehen überwiegend in Eisengeräth, besonders Messern und kleinen Toilettengegenständen; die Bronzegegenstände sind unzweifelhaft Erzeugnisse römischer Provincialindustrie. Urnenfelder dieser Art erstrecken sich über den ganzen Norden, sie sind unzweifelhaft germanisch und gehören den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt an. - Also an Stelle der Beerdigung tritt der Leichenbrand, an Stelle der Beisetzung in aufgeworfenen Hügeln die im Boden, an die Stelle der Bronze das Eisen. - Neben diesen Combinationen kommen nun aber auch andere vor, und zwar fehlen von den acht möglichen nur zwei in Meklenburg gänzlich: Begräbnisse und Urnenbeisetzung der Eisenzeit in Hügeln, während die vier anderen noch übrigen in der Reihenfolge sich finden, daß Beisetzung eines unverbrannten Leichnams der Bronzezeit im Boden neben Bestattungen der oben charakterisirten Art wenigstens an einer Stelle beobachtet ist (in Friedrichsruhe, s. Jahrb. XLVII, S. 276), daß sich Urnenbegräbnisse in Hügeln mit jüngeren Bronzen daran anschließen und Urnenfelder mit Bronzen, leider bisher wenig beachtet, den Uebergang zur Bestattungsform der Eisenzeit bilden. Ganz spät, am Ende der Heidenzeit, werden diese dann durch Skelettgräber abgelöst (worüber zuletzt Jahrb. XLIX, S. 21). Nach diesem Schema also sind es zwei Bestattungen, welche die Vermittelung zwischen der reinen Bronzezeit und der reinen Eisenzeit bilden, und es ist der Zeitraum von etwa 400 vor Christo bis zum Beginn unserer Zeitrechnung, den wir dafür zur Verfügung haben. Es ist ein Zeitraum von größtem geschichtlichem Interesse, da in ihm zuerst der germanische Norden in den Gesichtskreis der geschichtlichen Völker tritt, aber auch für den Archäologen von größter Bedeutung, da das spätere Culturmetall, das Eisen, damals seine Herrschaft auch im Norden antritt. Leider sind gerade die Funde dieser Zeit bei uns verhältnißmäßig spärlich und wenig imponirend; aber es ist an der Zeit, ihnen näher zu treten und den Versuch zu machen, ein zusammenhängendes Bild der heimischen Vorgeschichte in jener Periode aus den Einzelerscheinungen herzustellen und mit Hülfe der analogen Erscheinungen in den Nachbarländern zu erklären. Zu letzteren haben wir ja jetzt in dem bekannten Werke des Norwegers Ingvald Undset: "Das erste Auf=

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treten des Eisens in Nordeuropa", das vortrefflichste Hülfsmittel.

Demgemäß behandeln wir die Bestattungsformen, welche in der Zeit des Uebergangs von der reinen Bronzezeit zur reinen Eisenzeit vorkommen, die Beigaben in diesen Gräbern und die Cultureinflüsse, auf welche dieselben hinweisen.


Gemeinsam ist dem ganzen zu behandelnden Abschnitte, daß die Gebeine nach dem Leichenbrande in Urnen ("Ossuarien") gesammelt und diese Urnen in Steinen verpackt beigesetzt sind; meistens sind es flache Steine, welche kistenartig die Urne einschließen. Die Beigaben liegen in den Urnen auf oder zwischen den Knochen. Solche Urnenbeisetzungen finden sich nun zunächst in Gräbern, die ganz den Kegelgräbern gleichen, aber im Allgemeinen niedriger sind; oft ist das Grab auch äußerlich durch einen Steinkranz bezeichnet, oft noch in alter Weise auf dem Urboden ein Steindamm aufgebrückt, auf welchem die kleine Steinkiste steht, von einem Steinhaufen, über dem dann der größere Erdhügel sich wölbt, geschützt. Das in anderen Ländern häufig Beobachtete, daß die Urnenbeisetzung in einem Hügel stattgefunden hat, in welchem schon eine Bestattung der alten Bronzezeit sich befand, ist hier seltener, nur für Slate. Grabow und vielleicht Bollbrücke hat es Wahrscheinlichkeit. Dieses scheint die älteste Form zu sein. Dahin gehören die Gräber von Alt=Schwerin, Moltzow (a), Borkow, Jörnsdorf. 1 ) Eine weitere Entwickelung ist dann, daß die Steinkiste, oft auch mehrere, über dem Urboden im Kerne oder Mantel des Hügels sich findet; so in Lübstorf, Goldberg, Pampow und besonders Perdöhl. Oft bilden dann die Hügel nur ganz flache, runde oder längliche Erhöhungen (Kläden, Dobbin, Kuppentin, Grabow, Lelkendorf, Rothenmoor), und schließlich wird die Urne in natürlichen Boden eingegraben und der Hügel darüber aufgeschüttet (Sukow, Vietlübbe, Liepen, Klink. [a]) Hierher gehören ferner die Gräber von Karstädt, Eikhof, Warlin, bei denen die Fundberichte zu einer bestimmteren Einfügung in die Entwickelungsreihe nicht ausreichen. - Neben diesen aus Erde oder Sand aufgetragenen Hügeln finden sich solche, deren Kern von Steinen gebildet ist; hier steht die Urne meist in der Mitte des Hügels, dessen Höhe zwischen 2 1/4 m und 1/2 m beträgt. Sie werden erwähnt bei Moltzow (b),


1) Die Litteraturnachweise siehe in der alphabetischen Zusammenstellung am Schluß.
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Gallentin, Zickhusen, Meyersdorf, Retzow, Kiekindemark, besonders schön scheint ein großes Grab von Marnitz gewesen zu sein. Mit dem Aufwerfen von flachen, runden Hügeln über den im Urboden stehenden Urnen ist schon der Uebergang gemacht zu den Begräbnissen, wo in natürlichen flachen Hügeln Urnen beigesetzt sind, diese meist in großer Menge. In Rambow fanden sich in einem 30 m langen, 15 m breiten Hügel solche Urnensetzungen, äußerlich durch Steinringe erkennbar, und Aehnliches wird von einem Funde bei Gadebusch berichtet. Ohne äußeres Merkmal waren Urnengräber von Moltzow (c) in zwei Hügeln von 60 m, resp. 36 m Länge, 30 m, resp. 18 m Breite, und von Ludwigslust (Kleinow). Findet die Beisetzung nun nicht in Hügeln, sondern im natürlichen Boden statt, so ist das Urnenfeld fertig, und wir haben die Bestattungsform der Eisenzeit erreicht. Derartiges ist aber bisher in Meklenburg für diese Periode sehr wenig beobachtet, für Klink (b) und Steinhagen wahrscheinlich, constatirt für Reutershof wo die kleine Steinkiste 70 cm tief im flachen Boden, und zwar auf einem Steinpflaster stand. - Die eben gegebene Entwickelungsreihe hat nun nicht die Bedeutung, daß sie eine Zeitfolge der einzelnen besprochenen Gräber aufstellen will; dazu wäre man nur dann berechtigt, wenn auch an den darin niedergelegten Gegenständen eine parallel laufende typologische Entwickelung zu verfolgen wäre; und wir werden unten sehen, daß das nicht der Fall ist. Sie will nur nachweisen, daß in den Formen ein allmählicher Uebergang vom Kegelgrab zum Urnenfelde stattfindet. Und damit ist schon eines erreicht: wir sind nicht mehr gezwungen, eine gewaltsame Unterbrechung am Ende der Kegelgräberperiode anzunehmen und das Auftreten einer ganz neuen Grabform etwa mit dem Auftreten einer ganz neuen Bevölkerung zu erklären, zu welcher Anschauungsweise man bekanntlich früher neigte. Wir dürfen annehmen, daß die Veränderung der Grabform sich auf eigenem Boden vollzogen hat, nicht importirt ist, zumal, um das Ergebniß einer späteren Betrachtung vorauszunehmen, die Beigaben im Wesentlichen in allen die gleichen sind und nicht, wie es in Nachbarländern in der That geschehen zu sein scheint, eine veränderte Beeinflussung durch Importgegenstände auch eine Veränderung der Grabformen herbeigeführt hat, oder doch von ihr begleitet ist. Mit dieser Auffassung stimmt überein, daß Begräbnißformen, welche in unsere Entwickelungsreihe nicht recht hineinpassen, bei uns so gut wie gar nicht vorkommen. So fehlen gänzlich die "Brandgrubengräber", d. h. die Beisetzung der verbrannten Gebeine in kesselförmigen Gruben, wie sie besonders in Bornholm in einer verwandten Periode häufig sind, und auch

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die "Steinkistengräber", d. h. aus Steinplatten zusammengesetzte Behältnisse für oft sehr zahlreiche Urnen, deren classisches Land West =Preußen zu sein scheint. Allerdings werden größere Steinkisten mit mehreren Urnen auch bei uns erwähnt (Pampow, Bandow, Moltzow, Perdöhl, bes. aber Grabow und Stralendorf, wo sogar 10 Urnen zusammen standen); aber diese sind wohl nur durch Erweiterung der einfachen Urnensetzung entstanden, nicht etwa als Reminiscenz der Grabkammern der Hünengräber aufzufassen. -

Vergleichen wir nun die Vorkommnisse in den Nachbarländern (Undset, S. 321 flgd.), so ist das Bild im Wesentlichen dasselbe. Es überwiegt die Hügelbestattung je weiter nach Norden, desto mehr; sie herrscht in den Gebieten an der unteren Elbe, in Holstein, Pommern, dem nördlichen Brandenburg; westlich davon werden die Urnenfelder schon in der Bronzezeit häufiger und erhalten das Uebergewicht im Süden: Sachsen, die Lausitz, Schlesien, Posen bilden ein zusammenhängendes Gebiet ihrer Herrschaft, in dessen nördlichen Theilen sie sich mit den Hügelgräbern berühren. In Pommern scheinen diese Hügel nach Osten hin zu verschwinden, und zwar erst durch Urnenfelder, dann durch Steinkistengräber abgelöst zu werden. Ein weiteres Verfolgen dieser Verhältnisse ist für unsere Zwecke nicht nöthig; es genügt der Nachweis, daß das Verbreitungsgebiet unserer Urnenbestattungen sich mit dem Schauplatze der "nordischen" Bronzezeit im Wesentlichen deckt.


Wir gehen damit zu der Behandlung der Beigaben über.

1. Die Urnen.

Fast sämmtliche hier zu behandelnde Urnen sind Grabgefäße, d. h. mit Knochen, gelegentlich auch Asche, gefüllt. Die Sitte, dem Verstorbenen sein Hausgeräth an Töpfen u. s. w. mitzugeben, die sich besonders in den schönen und großen Urnensetzungen von Posen und der Lausitz ausspricht, hat hier nicht geherrscht. Gewöhnlich ist es auch nur eine einzelne Urne, welche in der Steinpackung sich befindet; doch sind bis auf 6 beobachtet. In der Behandlung der Urnenformen schließe ich mich an die Besprechung von Lisch (Jahrb. XI, S. 353: "die Graburnen der Kegelgräber") an.

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Urne

Die zuerst begegnende Form (A) sind die großen

ungehenkelten Urnen mit abgerundetem Bauchrande, der etwa in der halben Höhe liegt, meist kurzem, etwas eingezogenem Halse und ohne Rand. Besonders typisch sind die Urnen von Liepen, Kummer, Gadebusch, Stolpe, Grabow, Perdöhl, Kleinow, Klink in der Größe von 35 - 18 cm. Aehnlich sind noch Urnen von Bollbrücke, Perdöhl (5 Ex.) und von Ludwigslust (3 Ex.). Von derselben Grundform, aber darin abweichend, daß der Halsansatz durch eine umlaufende Linie bezeichnet ist, sind Exemplare von Ludwigslust (2), Klink, Spornitz (abgeb. Frid. - Franc. V. 7), Grabow, die beiden letzteren auch noch dadurch ausgezeichnet, daß sie am Bauche durch schräge eingekerbte Rippen verziert sind. Weitere Abweichungen bestehen in einer Erhöhung des Halses (2 Ex. von Ludwigslust, Klink), einer Erhöhung des Bauchrandes (2 von Perdöhl), und ganz vereinzelt in der Umbiegung des Halsrandes (an einem schönen Exemplare von Grabow). - Diese Urnenform erstreckt sich nun weit über unser Gebiet hinweg, es ist die gewöhnliche Form der Ossuarien in schlesischen und posenschen Urnenfeldern (Undset VIII, 1), auch eine der Hauptformen der berühmten lausitzer Thongefäße, jedoch mit localem Unterschiede, indem dort der Halsansatz meist markirt ist und der gebogene Halsrand häufiger erscheint (Undset XIX, 2). Schon in die beginnende Eisenzeit hineinreichend tritt sie in Holstein (Grabhügel von Grevenkrug mit Schwert der "Hallstadt"periode, U. XXVIII, 14) und Brandenburg (Urnenfeld mit la Tène - Sachen, U. XXI, 20) auf. Fügen wir dazu gleiche Urnen aus Hügeln mit Urnensetzung in Hannover (v. Estorff, Heidnische Alterthümer von Ueltzen XV, 9) und Dänemark (Aarböger 1876, S. 146, Fig. 20), und ähnliche aus den östlichen Steinkistengräbern (U. XIII, 3), so ergiebt sich eine Gleichheit der

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Urnenform für ein weites Gebiet, welche nicht zufällig sein kann und auf einen engen Culturzusammenhang dieser Gegenden in einer bestimmten Periode schließen läßt, dem wir im Folgenden näher zu kommen versuchen wollen.

Urne

Noch charakteristischer für unser Gebiet ist aber eine zweite Form (B), deren wesentliches Merkmal der scharfe Bauchrand bildet, auch hier meist in halber Höhe der Gefäße liegend; auch bei ihnen schließt der Hals gerade ab. Wir haben sie in Gräbern von Bollbrücke (2 Ex.), Grabow (2 Ex.), Jörnsdorf, Kläden (2 Ex.), Kleinow=Ludwigslust (8 Ex.), Marnitz, Meyersdorf, Mölln, Perdöhl, Sparow, Spornitz, Vietlübbe, Wittenburg, Woserin. Abweichungen von der Grundform finden sich in der Weise, daß der Bauchrand gelegentlich etwas stumpfer ist, ferner, daß der Hals oder der untere Theil etwas eingezogen ist, so besonders bei Mölln. Eigenartig ist ein Spornitzer Exemplar, wo der Hals stark eingezogen, der untere Theil aber stark nach außen gerundet ist. Mit solchen Merkmalen ist der Uebergang zu Formen gemacht, welche weit in die Eisenzeit hineinreichen; in Eisengräbern von Müß, Häven und Pritzier sind Urnen gefunden, die der Möllner z. B. sehr ähneln. Merkwürdig ist, daß diese beiden Formen (A und B) bei uns selten neben einander sich finden: von den 40 Orten, an denen wir Grabstätten für unsere Periode in Anspruch nehmen und von denen die große Mehrzahl mehrere Urnen geliefert hat, sind es nur Bollbrücke, Grabow, Ludwigslust=Kleinow, Perdöhl, die beide Formen enthalten. Daß unser Typus B der jüngere ist, ist unzweifelhaft; daß aber alle Gräber, in denen er vorkommt, dadurch als jüngere charakterisirt werden, ist damit noch nicht gesagt. - Das Verbreitungsgebiet dieser Form ist nun ein ungleich beschränkteres als das von A. In Böhmen und Schlesien 1 ) häufig, verbreitet sie


1) Im Provincialmuseum in Breslau habe ich mir einen Fund von Tscheidt (  ...  )
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sich durch die Lausitz (U. XVIII, 1; Jentsch, Gymnasialprogramm von Guben 1883, S. 4; Behla, Die Urnenfriedhöfe in der Lausitz, Tafel 1, 2) bis nach Brandenburg und in die Altmark, auch hier bis in die Eisenzeit hineinreichend. Dort berührt dieser Typus also unser Gebiet und erstreckt sich noch weiter Elbabwärts. Rautenberg (bei Koppmann, Aus Hamburgs Vergangenheit S. 19) bildet eine solche Urne als typisch für sein Gebiet ab, in Holstein scheint er zu fehlen und ebenso in Hannover, desgleichen ist er in unserm Osten selten. (Eine Urne gleich der Spornitzer s. bei Kühne, Baltische Studien XXXIII, Taf. 5, 31, aus Rügen, mit denselben Beigaben, von denen wir unten sprechen werden.) Es will nach diesen Fundverhältnissen fast scheinen, als ob diese Urnenform von Süden her auf dem Elbwege nach Norden gedrungen wäre, was sehr wohl mit dem Umstande stimmt, daß die darin gefundenen Beigaben sich überall gleichen. Daß sie in den südlichen Gegenden in Urnenfeldern, bei uns in Hügeln erscheint, streitet mit dieser Auffassung nicht, da der Norden an seiner traditionellen Form der Hügelbestattung sehr lange festgehalten hat.

Verwandt mit A ist eine bei uns seltene Form (C): Urnen mit wenig entwickeltem Bauchrande, die also der Cylinderform sich nähern.

Urne

Wir haben sie aus älterer Zeit in Gräbern von Krenzlin und Rakow, aus unserer Zeit nur bei Perdöhl, Warlin, Kläden, Bollbrücke und Gallentin (3 Ex., das eine abgebildete etwas abweichend). Die Seltenheit dieser Form ist dadurch bemerkenswerth, daß sie in verwandten Gebieten gerade sehr häufig ist: so besonders im Osten, in Posen und Preußen. Es ist dieses die Form, welche vielen der bekannten Gesichtsurnen zu Grunde liegt (besonders deutlich erkennbar an dem in der Berliner Zeitschrift für Ethnologie 1877, Vhdlngn. S. 220, abgebildeten Exemplare). Ich kann auf diese wunderliche Specialität unsers Weichselgebietes hier nicht eingehen


(  ...  ) notirt, der neben solchen Urnen dieselben Ringe und dieselben Fundverhältnisse zeigte, wie unser Ludwigsluster im Fr. Fr. S. 63.
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und verweise auf die bei Undset S. 123 angeführte höchst interessante Litteratur; bis Meklenburg ist keine versprengt worden, ihre Gleichzeitigkeit mit unseren Brandgräbern ist aber durch Gleichartigkeit der Beigaben sicher gestellt.

Urne

Getrennt von diesen drei Grundformen behandte ich die Henkelurnen (D), weil dieselben seltener als Ossuarien dienen und meist als Beigaben erscheinen; demgemäß sind sie im Ganzen kleiner. Die einhenkligen (Da) gehen meist, wie die abgebildeten aus Gallentin und Perdöhl, auf die Grundform A. zurück. Wir haben sie aus Göhlen, Perdöhl, Gallentin, Neu=Wendorf ,Steinbek, Rothenmoor, Spornitz, die letzteren besonders hübsch und ebenfalls mit dem oben bemerkten Einschnitte am Halse. Ihre Größe wechselt von 30 bis 16 cm; kleinere topf= oder tassenartige haben wir aus Perdöhl, Kläden, Retzow, Gallentin, Meyersdorf, Spornitz, Kiekindemark, Pampow. Interessant ist besonders das Spornitzer Gefäß; dasselbe hat Schrägeindrücke am Bauch und unten am Boden ein Grübchen; nahe liegt der Gedanke, daß wir darin eine Nachahmung der italischen

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Bronzetechnik sehen, der Schalen, wie wir sie aus der Bronzezeit häufig, z. B. von Dahmen haben; derselbe gerippte Rand findet sich bei einem solchen Bronzegefäße von Weisin (Kegelgrab). 1 ) Von der erwähnten Grundform weicht ab ein Ludwigsluster Exemplar, welches einen sehr tief liegenden Bauchrand und einen hohen, flaschenartigen Hals hat, und ein Gallentiner, welches auf die Grundform A zurückgeht. - In diesem Zusammenhange mag auch ein Exemplar aus Warlin erwähnt werden, welches für uns einzig ist: dasselbe hat nämlich keinen ausgebildeten Henkel, sondern nur einen henkelartigen Ansatz, der in einen kleinen Halbmond endet. In altitalischen Terramare=Funden spielt eine ähnliche ansa lunata (s. Helbig, Italiker in der Poebene, Tafel I) eine Rolle, wohl aber ohne Zusammenhang mit unserm Gegenstande. Verwandt dagegen scheint eine Urne unsers Typus C aus einem Grabfelde von Tangermünde, welche 4 solche "platte, horizontal vorspringende, solide Knöpfe mit halbmondförmiger Ausbuchtung" zeigt (abgeb. in Zeitschr. f. Ethnol. 1883, Verhdlng. S. 374). -

Die Urnen mit zwei Henkeln (Db) zeigen einige Abweichungen. Hier haben die größten eine fast cylindrische Gestalt (zwei von Ludwigslust gleich der bei U. XI, 9 aus Posen und Jentsch, Gubener Programm 1883, 1). Solche, die auf Typus B zurückgehen, fanden sich in Mittelgröße zu Ludwigslust und Zickhusen. Gerade diese geschmackvolle Form ist häufig und weit verbreitet; sie ist eine Hauptform der lausitzischen und sächsischen Felder und der altmärkischen und niederelbischen Hügel (U. XVIII, 1, Rautenberg a. a. O. S. 19, Fig. 6) in Brandenburg reicht sie bis in die beginnende Eisenzeit hinein.

Urne

Die kleinen Gefäße mit zwei Henkeln gehen ebenso oft auf A (das hieneben abgebildete stammt aus Perdöhl), als auf B (Gallentin, Klink, Sembzin, Sukow) zurück.

Noch einige seltnere Formen sind zu erwähnen. Schalenförmige Henkelurnen (E) fanden sich in Kläden, ein elegantes Exemplar von 19 cm Höhe und 32 cm oberen Durchmessers hat einen ausgebogenen Rand und Schrägrippen am Bauche. Ein ähnliches ist in einer ganz vor Kurzem vorgenommenen Ausgrabung bei Bobzin aus der ältesten Eisenzeit ("la Tène") gefunden.


1) Näheres darüber zuletzt Jahrb. XLVII, S. 290 und 273.
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Urne

Das nebenbei abgebildete Moltzower Näpfchen hat ebenfalls die Vertiefung außen im Boden und erinnert auch in der Form an die getriebenen Bronzeschalen. Aehnliche größere flache Schalen dienen sehr oft als Deckel der Urnen (z. B. bei Klink, Ludwigslust, Perdöhl), sind aber bei den Ausgrabungen meist zerbrochen.

Eine seltsame Form haben die fast sargförmigen "Schachtelurnen" aus Sukow und Sandkrug (letztere nicht erhalten). In Holstein sollen sie häufiger sein (U. S. 302); interessant ist dort der Hügelfund von Wannbüttel, wo in der Urne eine reiche Ausstattung an Bronzekleingeräth, aber auch ein Schwert lag. Noch sonderbarer ist die Sitte, die Gebeine in Thongebilden, welche die Hausform nachahmen, beizusetzen. Die Anzahl dieser "Hausurnen" auf deutschem Boden ist eine beschränkte, ihr Verbreitungsgebiet ein begrenztes, und zwar bezeichnet das in Kiekindemark gefundene Exemplar die Nordgrenze. Auf die interessanten Folgerungen über die älteste deutsche Hausform, die man aus diesen Urnen gezogen hat, kann ich hier nicht eingehen und verweise auf die Schriften von Hennig und von Meitzen über das deutsche Haus; doch sind die ethnischen Deutungen des Letzteren mit Vorsicht aufzunehmen.

Aus dieser Uebersicht über die Urnen ergiebt sich, daß der Formenreichthum gerade kein großer ist. Und auch die Ornamentirung ist eine ziemlich einfache. Die Farbe ist ganz überwiegend die; natürliche hellbraune des Thones; nur selten sind geschwärzte Gefäße, und diese nicht annähernd von der Schönheit der späteren aus der Eisenzeit. Bemalung findet sich nie; auch plastische Verzierungen sind selten. Auf das Fehlen der "Gesichtsurnen" ist schon hingewiesen, aber auch die bei Urnen vom "lausitzer Typus" so beliebte Verzierung durch starke, herausgearbeitete oder aufgesetzte Buckel fehlt; wir haben ein einziges Exemplar, aus dem eigenartigen Grabe von Slate, auf welches schon oben hingewiesen ist. Eine Urne (C) von Bollbrücke hat am Rande einen herumlaufenden Wulst mit Einkerbungen. Sonst bestehen die vorkommenden Verzierungen in Schrägrippen (A in Spornitz, Grabow, Da in Retzow, Spornitz, D b in Retzow, Liepen, E in Kläden), oder in starken regelmäßigen Linien, die um den Hals herumlaufend in spitzen Winkeln an einander stoßen [nur Fahrenhaupt (B) und Göhlen (Da)], oder in concentrischen Bogenlinien unter dem Halsansatze (Perdöhl Da),

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oder in einer etwas künstlicheren Combination von Punkt und Strichornament (Da zu Pampow, Db zu Retzow und Liepen, hier zugleich mit Schrägrippen, Gallentin), oder schließlich in ganz flüchtigen, mit einem kammartigen Instrument eingeritzten Verzierungen am unteren Theile, - so zu Grabow (A) und Rothenmoor (Scherbe). Ein recht bezeichnendes Exemplar dieser Art von unserm Typus A ist in Tangermünde zusammen mit der oben besprochenen Urne gefunden.

Das Gesammtergebniß aus dieser Betrachtung der Urnen giebt demnach kein hervorragend günstiges Bild von der Geschicklichkeit und dem Geschmack unserer Töpferei, die sich nicht entfernt messen kann z. B. mit der Lausitz, dem classischen Lande der Thongefäße in dieser Periode. Urnen von eleganter Form und feiner Arbeit kommen vor, sind aber selten und zeigen zum Theil solche Abweichungen von der Grundform, daß man bei einigen (z. B. bei solchen aus Slate, Spornitz, Liepen, Retzow) fast an einen Import denken möchte.

2. Die Bronzen.

Es ist durchgehende Sitte der letzten Bronzezeit, die Beigaben unverbrannt den Gebeinen in der Urne zuzufügen. Schon dadurch wird das Mitgeben, z. B. von Schwertern erschwert. Aber auch sonst fällt eine gewisse Aermlichkeit auf; im Verhältniß zu der Zahl der aufgedeckten Urnen sind die Beigaben recht spärlich. Man hat das oft so zu erklären gesucht, daß unsere Gräber denen mit reicher Ausstattung gleichzeitig und Grabstätten des niederen Volkes seien; dem widerspricht aber, daß die Bronzefunde derselben ganz andere Formen zeigen. Wer mit der Anschauung unserer reichen und in sich zusammenhängenden alten Bronzezeit an diese Gräber in ihrer Gesammtheit herantritt, der fühlt sich in eine ganz fremde Formenwelt versetzt, wo Alles enger, kleiner und kümmerlicher ist; und wenn man sich zu einer Sonderung dieser unscheinbaren Dinge entschließt, so findet man, daß dieselben schwer zu localisiren sind, daß sich dieselben Nadeln, Messer u. s. w. über weite Gebiete hin erstrecken, ohne daß man immer angeben könnte, wo denn gerade diese Form sich entwickelt, oder woher sie ihren Weg zu uns gefunden hätte. Erst mit dem Auftreten der ältesten mitteleuropäischen Eisenculturen bekommen wir wieder festen Boden unter die Füße und können bestimmte Exportstätten constatiren. Für unsere Zeit müssen wir meist darauf verzichten, zu bestimmen, ob der betreffende Gegenstand hier zu Lande gearbeitet ist oder nicht; einen Mittelpunkt der Metallbearbeitung hat unser Land aber auf keinen Fall

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mehr gebildet. Und wenn man wirklich den Umstand, daß man jetzt dem Helden statt Schwert und Speer - Rasirmesser und Haarzange mit ins Grab giebt, nur als eine mehr zufällige Veränderung der Sitte auffassen wollte, die uns nicht berechtigt, Schlüsse auf den allgemeinen Culturzustand zu machen, so bezeichnet doch dieses Verschwinden der heimischen Industrie einen Rückgang öffentlichen Lebens, der eine Erklärung ercheischt. Das ist natürlich auf strenge wissenschaftlichem Wege nicht möglich; es läßt sich aber auch nichts dagegen sagen, wenn man sich vorstellt, daß, wie ich mich schon früher ausgedrückt habe, das Volk unserer Bronzezeit in jenen stürmischen Zeiten wilder Völkerbewegungen (sind doch Cimbern und Teutonen sicherlich nur die am meisten nach Süden getriebene Woge einer den ganzen Norden berührenden Fluthung!) den besten Theil seiner Kraft abgegeben und sich nur ganz allmählich, vielleicht durch Aufnahme neuer Stämme unterstützt, wieder zu der Blüthe erhoben habe, in der es die Funde aus dem Beginn unserer Zeitrechnung zeigen. Doch, wie gesagt, das gehört der Phantasie an. Ich begnüge mich im Folgenden das Material vorzuführen.

Nach dem Obigen ist es noch mehr das Fehlen der älteren Formen als das Erscheinen von neuen, welches unsere Periode charakterisirt. Es fehlen gänzlich die Dolche, die Schaftkelte, Diademe, Schmuckdosen. Handbergen, eine Hauptcharakterform der meklenburgischen Bronzezeit, werden an zweien unserer Fundstätten erwähnt: bei Göhlen, wo aber ein genauerer Fundbericht fehlt, und bei Kläden, wo jüngere und ältere Bestattungen sich neben einander finden; ebenso ist es mit einer Speerspitze ältester Form, die zusammen mit einem Armring in einem Hügel von Retzow ohne Urne sich fand. Auch wo Schwerter erwähnt werden, bei Sukow und Kläden, sind sie nicht aus Urnenbegräbnissen entnommen, sondern aus Hügeln älterer Form. Dagegen finden sich häufiger kleine Nachbildungen von Schwertern, die wir als "symbolische" bezeichnen. Ich will auf den eigenthümlichsten Fund der Art, den von Kummer, wo eine Schwertform nachgebildet ist 1 ), die sich selbst in Gräbern gar nicht findet, nicht eingehen, da ich das Grab von Kummer der älteren Zeit zuschreibe. Dagegen finden sich in Urnen kleine Spitzen von 6 - 10 cm Länge, die ich hierher zähle, obwohl sie meist als Pfeilspitzen bezeichnet werden, wozu sie ja unzweifelhaft auch gebraucht sein können (Abbildungen


1) S. u. a. Lindenschmit, Alterth. uns. h. B. II, 8, 2, Fig. 17, und S. Müller, Nord. Bronzezeit S. 16.
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im Frid. - Franc. XXV, 7, und bei Rygh, Antiquités norvegiennes 113), und zwar in Spornitz, Eikhof, Sukow, Jörnsdorf. Das ist aber auch Alles, was wir an Waffen in unseren Gräbern haben. Selten sind auch die Celte, das am reichlichsten gebrauchte Geräth der Bronzezeit. Wir haben nur einen Hohlcelt (aus Göhlen=Montelius, Antiquités suédoises 147) und drei Flachcelte mit starken Seitenrändern aus Göhlen und Retzow (= Montelius, A. s. 140), - beides Formen, die in Gräbern der älteren Zeit fast gar nicht vorkommen und nur aus Einzelfunden oder Moorfunden, die ich im Allgemeinen für jünger halte als die Grabfunde, bekannt sind. Als Einzelheit erscheint es auch, wenn in Sukow zwei Sicheln von der bekannten Bronzealterform (s. Frid. - Franc. XVII, 7; Montelius, A. s. 183) sich finden. Auch hierin berühren sich unsere Gräber mit den lausitzer Urnenfeldern 1 ), wo Celte und Sicheln gelegentlich vorkommen. - Durchgängig treten dagegen folgende Gruppen von Fundstücken auf:

I. Messer.

Ein durchgehender Unterschied findet sich zwischen diesen und den älteren. Letztere haben eine flache, fast halbmondförmige, nach unten gebogene Klinge; sie sind nordisch und so häufig, daß ich auf das Nähere hier nicht eingehe. Auf unserm Gebiete sind sie in Göhlen, Kläden, Sukow gefunden, - Orten, wo, wie schon oben erwähnt, ältere und jüngere Begräbnisse sich neben einander finden; die Fundberichte geben nicht an, daß sie aus Urnen stammten. Der jüngeren Zeit gehören dagegen die Messer an, deren Klinge am Ende nach oben gebogen ist oder aus einem drei= oder viereckigen Stück Bronze besteht. Auch hier bestehen bedeutende Unterschiede.

1. Als einen Importgegenstand von Südwesten her dürfen wir das schöne Messer von Vietlübbe betrachten (genau=Montelius, A. s. 193). Dasselbe hat eine starke, nach oben gebogene, 25 cm lange Klinge und Linearverzierungen im Charakter der Bronzezeit oben auf der Kante. Leider fehlt der Griff. Diese Messer gehören zu den verbreitetsten Alterthumsgegenständen. S. Müller a. a. O. S. 45 giebt die Nachweise von Ungarn bis Eng=


1) Für dieselben verweise ich ein= für allemal auf die Abhandlung von Jentsch in den letzten Jahrgängen der Zeitschr. f. Ethnol. und desselben Gubener Programme 1883 u. 1885: , R. Behla, Lausitzer Urnenfriedhöfe (Luckau 1882) und Undser, S. 180 flgd.
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land, Tröltsch, Fundstatistik S. 42, für Süddeutschland, Lindenschmit A. u. h. B. II, 8, Tafel 2, eine Reihe von Abbildungen dieses Typus. Ihre Heimath scheinen die schweizer Pfahlbauten zu sein, wo sie sehr zahlreich, gefunden sind, und daneben die Gußformen für dieselben (Groß, les Protohelvètes XXVIII, 6 u. f.); daß sie aber nicht alle von dort exportirt, sondern auch anderwärts selbständig gegossen sind, beweist eine bei Müncheberg gefundene Gußform. In unsern ältern Gräbern fehlen sie gänzlich, und auch in den jüngeren ist nur dieses eine gefunden, - uns interessant als Beleg dafür, wie in dieser Periode das Gebiet der nordischen Bronzecultur von der schweizerischen berührt wurde.

2. Messer mit nach vorn gebogenem Griff. Dieselben haben eine breite, flache Klinge von viereckiger Grundform. Sie erinnern sehr an eine schon in der älteren Zeit vorkommende Form: die Messer mit Pferdekopfgriff, die bei uns gelegentlich in älteren Gräbern erscheinen (so in Friedrichsruhe, Jahrb. XLVII, S. 262) und im Norden häufig sind (s. u. a. S. Müller a. a. O. S. 41). Offenbar sind sie als Entwickelung oder vielmehr Verkümmerung dieses der "östlichen, jüngeren Richtung" der Bronzecultur (S. Müller) angehörenden Typus aufzufassen. Wir haben sie aus Dobbin (abgeb. Tafel II, 1) und Sukow, und offenbar gehört die Mehrzahl der Messer aus Bronzeblech, die nur einen Griffansatz haben, hierher. Es sind das die von Sukow (2 weitere Exemplare), Karstädt, Steinhagen, Picher, Klink, Alt=Schwerin, Retzow Perdöhl, Rehberg. Solche Klingen gehören dem ganzen nordischen Gebiete an, scheinen aber auch in dieser jüngeren Periode im Osten ungleich häufiger zu sein.

3. Messer mit zurückgebogenem Griff, die Grundform der Klinge ist viereckig oder dreieckig. Auch hier ist die Grundform in einer älteren Bronzezeit zu suchen; die bekannten Messer mit rückwärts gerollter Spirale geben das Vorbild. 1 ) Ich kann hier auf die verschiedenen Erklärungsversuche für die Ableitung dieser Grundform selbst nicht eingehen. Ich sehe mit S. Müller darin eine westliche Form und halte mit ihm eine Entstehung aus schweizer Pfahlbautypen sehr wohl für möglich. Sehr oft sind die Klingen dieser Messer mit Wellenornamenten versehen, aus denen das eigenartige Schiffsornament sich entwickelt. Wir haben diese Form in älteren Gräbern nur einmal, und zwar unverziert (in dem etwas verdächtigen Grabe von Prislich); das Schiffsorna=


1) Bei Lindenschmit A. II, 3, Taf. 3, findet man mehrere Exemplare dieses Typus.
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ment findet sich auch nur einmal, nämlich in dem jüngeren Grabe von Meyersdorf (s. Taf. II, Fig. 2). Sonst aber kommt diese Messerform in unserer Periode ziemlich oft vor, mit einem an alten Bronzen häufigen Ornament in Spornitz (Taf. I, Fig. 3) unverziert in Steinbeck 1 ), Lübstorf, Gallentin, Göhlen 1 ). Vietlübbe, - alle diese mit viereckiger Klinge, dann in Stolpe, Jörnsdorf, Greven, Steinbeck 1 ), Sparow 1 ), Spornitz 1 ), Eikhof, Bandow, diese mit dreieckiger Klinge.

4. Durch Combination der gebogenen Klinge unserer Form 1 und des rückgebogenen Griffes von 3 ergiebt sich eine Weiterentwickelung, welche Tafel II, Fig. 4 darstellt. Dahin gehören Messer von Sukow, Lelkendorf. Dobbin (das abgebildete Exemplar), Warlow, Stralendorf, Rehberg.

5. Gelegentlich wird auch der Griff durch eine Oese gebildet. Taf. II, Fig. 5 zeigt ein aus der eben besprochenen Form hervorgegangenes Exemplar aus Kiekindemark; ähnlich ist eines aus Zepkow; auf unsere Form 3 gehen Messer aus Perdöhl, Stolpe und Sukow zurück.

Alle diese Formen sind uns nicht eigen. Wie das von Kiekindemark ist eines aus dem holsteiner Urnenfunde von Meßdorf, wie das von Perdöhl (Form 5) eines aus Hannover (Lindenschmit a. a. O. Fig. 15), Exemplare von Form 3 sind in Dänemark in einem Hügelfunde junger Bronzezeit (Aarböger 1868, S. 117, Fig. 12) auf Sylt in mehreren Hügeln mit Schwertern, Pincetten u. s. w. gefunden, aber auch in einem Urnenfelde von Pinneberg (U. XXVIII, 16), Form 4 ist in Hannover sehr häufig (Kemble, Horae feriales, und v. Estorff, Heidn. Alterth. von Ueltzen an mehreren Stellen) u. s. w. Im Allgemeinen scheinen sie westlich in eine höhere Zeit hinaufzureichen (Schalkholz i. Holstein: Form 5 mit Diadem), sind aber überall als junge Entwickelungen alter Bronzen aufzufassen.

II. Pincetten.

Diese eigenthümlichen kleinen Geräthe, deren Bestimmung noch immer nicht über allen Zweifel festgestellt ist, erscheinen schon in älterer Zeit und reichen noch in eine spätere hinein; jedoch ist es unsere Periode, aus der die große Mehrzahl stammt. Ihre Grundform (s. Tafel II, F. 6) ist immer dieselbe und erträgt nur geringe Abweichungen; ihre Größe wechselt zwischen 4 und 11 cm. Oft


1) Vielleicht älter.
1) Vielleicht älter.
1) Vielleicht älter.
1) Vielleicht älter.
1) Vielleicht älter.
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sind sie ganz unverziert (s. Bastian u. Voß, Bronzeschwerter XVI, 29), so in Klink 3 Exemplare, andere in Eikhof, Lelkendorf, Retzow, Dobbin; meist aber haben sie drei erhabene Punkte (wie Montelius, A. s. 200, 201; Rygh, A. n. 121), so in Dobbin, Sukow, Spornitz, Greven. Dazu treten noch Strich= oder Linearverzierungen, so bei Rambow, Dobbin (das auf Taf. II, Fig. 6 abgebildete Exemplar) und Toddin. Manchmal fehlen auch die Punkte, und es treten Wellenlinien im Charakter des Meyersdorfer Messers dafür ein, so in Lüssow, Bandow und Stralendorf. Eigenthümlich ist, daß die Herstellung verschieden ist; die Mehrzahl ist offenbar gegossen, einige aber sind aus Bronzeblech gebogen; so erscheinen die Punkte oft massiv aufgesetzt, wie bei dem abgebildeten Exemplar, oft von innen heraus getrieben.

Sie scheinen über den ganzen Norden ziemlich gleich verbreitet und kommen meist mit den flachen Messern zusammen vor; die mit Wellenornament sind mehr dem Westen eigen, im Osten sind sie fast alle einfach. Nach Süden zu verschwinden sie gänzlich und charakterisiren sich dadurch als Product der nordischen Bronzecultur.

III. Nadeln.

Die ganze Bronzezeit ist überaus reich an Nadeln verschiedensten Gebrauches und verschiedenster Form. Wir beobachten aber hier dasselbe wie bei den Messern, daß nämlich die alten, kräftigen, originalen Formen verschwinden und fremden das Feld räumen, deren Herkunft und Entstehung sich theilweise nachweisen läßt.

1. Am meisten erinnern noch an die alten Formen einige gerade, kräftig gearbeitete Nadeln mit plattem oder kugeligem Kopfe, so die von Lelkendorf (Taf. II, Fig. 7), Hagenow, Kiekindemark (Taf. II, 8), Kläden; der Kopf verschwindet bei einer aus Alt=Schwerin. Aehnliche Formen sind in sächsischen, lausitzer und posener Urnenfeldern nicht selten und reichen dort bis in die Eisenzeit hinein.

2. Daran schließen sich gerade Nadeln mit kleinem kugeligem oder plattem Kopfe von zarter Arbeit; solche fanden sich zu Gallentin (Taf. II, Fig. 9), Stralendorf, Klink (2 Exemplare). Diese Nadeln sind nun fast überall sehr häufig, und zwar scheinen sie im Süden (Schweiz) noch häufiger vorzukommen als im Norden: ob sie darum, wie S. Müller (a. a. O. S. 118) meint, von dort importirt sind, bleibe dahingestellt, da sie sich ja auch sehr gut aus den nordischen Formen erklären lassen. Für uns interessant ist ein, soviel ich weiß, noch nicht publicirter Grabfund von Milaver

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bei Domaglic im Prager Museum, wo diese Nadel neben einem Kesselwagen (ähnlich wie unser berühmter aus Peccatel) und einer Schale gleich der des Friedrichsruher Glockenbergs (s. Jahrb. XLVII, S. 273) gefunden ist.

3. Beide erwähnte Formen können nicht als Charakterformen der behandelten Zeit gelten; das sind erst die Nadeln mit Biegung. Da erscheinen zunächst die stark gearbeiteten mit gebogenem Kopfe. Taf. II, Fig. 10 giebt die Grundform (s. auch Montelius, A. s. 215). Alle haben eine oben vierseitige starke Nadel und sind gleich groß, 8 cm. Wir haben sie aus Bandow, Eikhof, Leussow, Prislich, Stolpe, Sukow (das abgeb. Exemplar). Diese Nadeln sind nun entschieden nordisch und scheinen ein sehr beschränktes Gebiet zu haben; höchst interessant ist u. a. die bei Undset, a. a. O. Fig. 46, abgebildete Nadel aus einem Urnengrabe auf Fünen. Hier wird nämlich der Kopf von einem Menschengesichte gebildet, wie es ähnlich an Messern u. ä. dieser Zeit vorkommt. Seltener sind Nadeln gleicher Arbeit mit flach segelartigem oder scheibenförmigem Kopfe, so 3 Exemplare von Sukow (s. Taf. II, Fig. 11).

4. Besonders eigenthümlich sind die Nadeln mit gebogenem Halse wie Tafel II, Fig. 12. Der Kopf wird meist von einer hohlen Schale gebildet. Solche Exemplare haben wir aus Klink, Vietlübbe, Kläden, Poltnitz (das abgeb. Exemplar), Spornitz; nur mit einfacher Biegung: von Gallentin; doppelte Biegung mit kegelförmigem oder rundem Knopfe zeigen Nadeln von Gadebusch, Borkow, Retzow, außerdem enthält die Sammlung zwei zerbrochene Exemplare von Liepen und Perdohl. Aehnliche Nadeln enthalten einige Gräber von älterem Charakter; hier ist die Biegung einfach und der Kopf sein profilirt, so bei Stolpe, Kummer und Toddin (abgeb. Frid. - Franc. XXXII, 25). Besonders interessant ist es, daß bei dem reichen Ringfund von Ludwigslust eine gleiche Nadel aus Eisen zu Tage getreten ist, über die unten zu sprechen sein wird.

Aus den nordischen Bronzen ist diese Nadel nicht zu erklären, aber auch ein schweizer Exportgegenstand scheint sie nicht zu sein; wenigstens habe ich sie in den meisten schweizer Museen unter den Pfahlbaufunden vergeblich gesucht. Dagegen sind sie in Grabfunden Süddeutschlands, besonders in Baiern, sehr häufig, allerdings nicht die mit Schale, sondern die mit massivem Kopfe (s. Tröltsch, Fundstatistik der vorrömischen Metallzeit, Fig. 76). Nach einer freundlichen mündlichen Mittheilung von Dr. Otto Tischler (Königsberg) gehen sie weit nach Frankreich hinein und

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sind besonders in der Franche Comté häufig. Im nördlichen Gebiete erscheinen sie vor Allem im Osten massenhaft, merkwürdiger Weise noch nicht in Böhmen, aber sonst im ganzen rechtselbischen Gebiete, allerdings auch hier im Ganzen häufiger mit massivem Kopfe, als mit Schale (Nachweise bei Undset); in Holstein sind sie seltener, in Hannover wohl nur sporadisch. Vielfach reicht diese Nadel in die Eisenzeit hinein und ist, was wir unten noch zu besprechen haben, einer der Bronzegegenstände, der mit am frühesten in Eisen nachgebildet ist. - Verwandt mit dieser Form ist eine gerade Nadel, welche die eigenthümliche Schale als Kopf hat, so aus Sukow; sie kommt in Sachsen (U. XXII, 4), Pommern (s. Kühne a. a. O.) und Holstein vor.

Schien uns bei dieser Form der schweizer Ursprung nicht bewiesen, so ist derselbe um so unzweifelhafter bei der nächsten,

5. Nadeln mit spiralig umgebogenem Kopfe, gelegentlich mit einer Einbiegung unter demselben. In den Museen in Bern, Freiburg und Lausanne liegen sie aus benachbarten Pfahlbaufunden in größter Masse, und zwar gewöhnlich zusammen mit Messern gleich dem oben besprochenen aus Vietlübbe, aber auch mit getriebenen Bronzegefäßen. Sehr oft saß in der spiraligen Umbiegung ein Ring. Merkwürdig ist nun, daß solche Nadeln ebenso wie die getriebenen Bronzeschalen bei uns gelegentlich in Mooren gefunden werden. Damit wird eine Gleichzeitigkeit mehrerer Moorfunde mit unsern jüngeren Grabfunden constatirt, welche möglicherweise zu einer schärferen Scheidung der Moorfunde führen wird. Solche Moorfunde sind von Bützow, Roggow und Sülz eingeliefert: in Gräbern haben wir die Nadel nur bei Greven und Ludwigslust (Kleinow). - Auch diese Form ist im Norden allgemein verbreitet, besonders, wie es scheint, wiederum im Osten; in Kiel habe ich sie aus Funden notirt, welche dieselbe Zusammensetzung haben, wie die oben erwähnten schweizer Pfahlbaufunde, aber auch aus einem der ältesten Urnenfelder der Eisenzeit, dem von Ohrsen. Es mischen sich überhaupt in Holstein die Bronzefunde mit Eisenfunden viel häufiger als bei uns, wo der Uebergang nach den bisherigen Beobachtungen doch noch ein recht schroffer ist. Liegen erst die erwarteten Publicationen der holsteinischen und niederelbischen Urnenfelder vor, so dürfen wir daraus auch für das Verständniß unserer jüngsten Bronzezeit den reichsten Gewinn erhoffen.

6. Auch Nadeln mit Oehr, ganz wie unsere Nähnadeln, kommen vor; so in Alt=Schwerin, Hagonow, Perdöhl, Sukow (s. Montelius, A. s. 205). In der älteren Bronzezeit fehlen sie,

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reichen aber in die Eisenzeit hinein, wie es ja bei einem so nützlichen Geräthe natürlich ist.

7. In diesem Zusammenhamge seien auch die Pfriemen erwähnt, einfache Bronzestifte, oben vierkantig, von 4 - 10 cm Länge (s. Montelius, S. 204). Sie stammen zum Theil aus älteren Gräbern in unserer Zeit, aus denen zu Ludwigslust, Bandow, Klink, Dobbin, Vietlübbe (eingeklemmt in einen Knochen).

IV. Ringe.

Diese erscheinen in Menge und in großem Reichthum der Formen.

a. Halsringe.

1. Halsringe mit schrägen Riefeln (sog. torques) von wechselnder Torsion (s. unten die Abbildung) sind eine wichtige und weit verbreitete Form. 3 Exemplare sind in Vietlübbe gefunden; sie sind verhältnißmäßig schwach (Durchmesser des Drahtes 0,5 cm) und haben sehr flache Riefeln mit vier Wendestellen. Diese Form (s. Montelius, a. a. O. 227) scheint der folgenden zu Grunde zu liegen. - S. Müller a, a. O. S. 102 giebt ihre Verbreitung an. Danach hat sich diese Ringform in Mitteldeutschland entwickelt und erscheint daher in den skandinavischen Ländern nur unter Verhältnissen, welche sie als Fremdlinge charakterisiren. Besonders wichtig ist der Fund von Ludwigslust. Hier wurden vier Ringe ähnlicher Art gefunden, die man als Weiterentwickelung dieses Typus ansehen kann. (S. Montelius, S. 229; Müller a. a. O. S. 102; Frid. - Franc. XXXII, 3). Alle vier sind gleich, offenbar in einer Form gegossen und die Rillen nachgefeilt, sie haben sieben Wendestellen und eine Dicke von 1 1/2 cm.

Halsring

Ein gleicher Ring ist in einem Grabe von Krebsförden gefunden, doch ist leider kein genauerer Fundbericht vorhanden; sonst kommen sie nur in Moorfunden vor, so in Walsmühlen, Lübbersdorf, Warin, Kolbow, Reinshagen, Krusenhagen, also wiederum mit Uebereinstimmung, auf deren Wichtigkeit schon oben hingewiesen ist.

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Während diese Ringe bei uns nur der Bronzezeit angehören, treten sie sonst fast überall zusammen mit Eisen auf. Wenn sie aber v. Tröltsch, Fundstatistik Fig. 49, daher direct der la Tène - Priode zuweist, so ist man dazu nach dem oben Gesagten nicht berechtigt; die Entwickelung dieser Ringe ist entschieden noch auf dem Boden einer Bronzecultur vor sich gegangen. In der Schweiz scheinen sie zu fehlen; den ganzen Rhein entlang aber erscheinen sie in Grabhügeln und Urnenfeldern.

Ein besonders wichtiger Mischfund ist der durch Virchow mehrmals besprochene von Priment in Posen (s. bes. Compte rendu du congrès international de Stockholm 1874, I, S. 522). Hier wurde nämlich in einer Kiste von getriebener Arbeit im Charakter der Hallstadtcultur ein solcher torques neben einer eisernen Axt gefunden, also die Vertreter von drei Perioden neben einander. Auch sonst findet sich bei Torques mit Hallstadtsachen zusammen (Fund aus der Ukermark, U. S. 193), während er an anderen Stellen, z. B. in Holstein, mit la Tène - Typen, ja sogar mit römischen Fibeln zusammen (Pinneberg, U. S. 317) erscheint. Auch bei uns ist er ja mit einer eisernen Nadel zusammen gefunden. Sehr bemerkenswerth ist aber, daß die oben erwähnten Moorfunde zum Theil viel ältere Formen enthalten, ein Umstand, der darauf hinzudeuten scheint, daß die Bronzezeit bei uns sich länger gehalten hat als in den anderen Ländern.

2. Halsringe mit gleichlaufender Riefelung. Bei mehreren derselben ist der Uebergang zur Linearverzierung deutlich erkennbar, so bei einem Ludwigsluster Exemplar, wo der dem Charnier sich nähernde Theil mit Zickzacklinien im Geschmack der älteren Bronzezeit versehen ist.

Halsring

Will man diese verschiedenen Ringformen durch die Construction einer typologischen Entwickelungsreihe erklären, so muß man die geriefelten voranstellen und die Linien als Andeutung der Riefelung auffassen. Das stimmt aber mit den Funden gar nicht. Gerade der ältesten Bronzezeit sind geriefelte Bronzeringe ganz fremd, und die Verzierung ist überwiegend linear. Ich glaube demnach, daß die geriefelten Ringe von einer südlichen, jüngeren Bronzecultur eingedrungen und mit der nordischen Praxis eine Verbindung eingegangen sind, kann aber bei dem geringen nur vorliegenden Material eine Ausführung in das Einzelne nicht

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wagen. Die Enden sind verschieden gestaltet; entweder sind sie gerade und spitz zulaufend, oder sie biegen sich zu einer Oese um, oder sie fassen über einander und bilden so einen Haken. Wir haben sie aus Ludwigslust (8 Exemplare mit rückgebogener Oese, drei unverziert; s. auch Jahrb. XLVIII, S. 330), Sukow, Retzow, Alt=Schwerin, Rothenmoor, Vietlübbe, Steinhagen, Spornitz (das abgeb. Stück) mit stärkerer oder geringerer Riefelung und meistens überfassenden Haken, und ein ganz unverziertes Exemplar aus Klink.

b. Handringe.

Die Handringe sind das häufigste Fundstück unserer älteren Bronzezeit und haben gerade auf meklenburgischem Boden eine sehr reiche Entwickelung durchgemacht. In unserer Periode werden sie seltener, und treten zum Theil in Formen auf, die sich aus den älteren nicht erklären lassen.

1. Aeltere einheimische Formen sind nur in dem Ludwigsluster Ringfunde und in Retzow vertreten. Und auch da ist es bezeichnend, daß in Ludwigslust die starken Ringe mit ovalem oder rautenförmigem Durchschnitt nicht vorkommen, sondern nur die nach innen ausgekehlten mit starken Verticaleinschnitten auf der Außenseite (s. Frid. - Franc. XXII, 9). Wir dürfen diese als jüngste Entwickelung der alten Form erklären, was mit ihrem Vorkommen in Gräbern von Peccatel, Slate, Holzendorf, Grabow, Friedrichsruhe, und in Moorfunden von Roggow und Marnitz, welche meist schon eine "Hinneigung zu südlichen Culturen" (in Peccatel: der getriebene Kesselwagen, zu Slate: die Buckelurnen, zu Friedrichsruhe: Thonperlen! u. s. w.) zeigen, vortrefflich paßt. Die (4) Exemplare von Retzow haben einen ovalen Querdurchschnitt und charakterisiren sich dadurch als älter, dagegen sind ebenfalls relativ jung die flachen, dünnen, ziemlich hohen Ludwigsluster Ringe (Fr. - Fr. XXII, 8), welche dem Norden fremd zu sein scheinen.

2. Aeltere, fremde Formen. Ich bezeichne damit die Ringe, die nach S. Müller einer östlichen Cultur zuzuschreiben sind und bei uns als Fremdlinge in Mooren erscheinen (s. S. Müller, a. a. O. S. 32, Fig. 30) Das hier abgeb. Exemplar

Handring
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entstammt einem Moorfunde von Roga 1 ), ganz ähnliche sind aber in Gräbern von Ludwigslust (Kleinow), Alt=Schwerin, Vietlübbe und Borkow gefunden - also wiederum eine Gleichzeitigkeit von Moorfunden und unsern Gräbern!

3. Geriefelte Ringe. Für sie gilt dasselbe, was oben bei den Halsringen gesagt ist; doch sind sie nicht häufig (Kleinow, Sukow, Klink, Grabow) und sehr undedeutend.

4. Wichtiger, aber leider nur in undedeutenden Exemplaren vertreten, sind die Ringe mit einer stollenartigen Erhebung am Ende, die sich schon hierdurch von den älteren, welche sämmtlich gerade abschließen, unterscheiden. Wir haben sie aus Sukow, Alt=Schwerin, Reutershof, Kleinow, Hagenow. Ihre südliche Herkunft ist unzweifelhaft.


Eigenartig sind Ringe mit Oesen, die ich hier anhangsweise bespreche. Sie scheinen eine für Holstein specifische Form zu sein und sind dort in jüngster Zeit in Massen gefunden, meistens schon in Funden der Eisenzeit (s. J. Mestorf bei Undset S. 307). Ihre Bedeutung ist noch räthselhaft. Wir haben sie aus Karstädt und Alt=Schwerin.

c. Kleinere Ringe.

Diese wechseln zwischen 1 1/2 und 5 cm und dienten sicher verschiedenen Zwecken. In der Schweiz findet man sie häufig in der Oese der Nadel mit gebogenem Kopfe (unserm Typus 5), aber auch in solchen Massen auf einander liegend, daß der Gebrauch als Werthmetall hier wahrscheinlich wird und die Bezeichnung als "Geldring" berechtigt erscheint, zumal sie zum Theil so schwach gearbeitet sind, daß ein praktischer Gebrauch sich ausschließt. Bei uns kommen sie schon in älteren Gräbern vor, aber meist von kräftigerer Arbeit; später werden sie sehr häufig (Göhlen, Reutershof, Stolpe, Sukow, Ludwigslust, Retzow, Steinhagen, Bollbrücke, Lelkendorf, Sembzin, Kuppentin, Moltzow, Klink, Kläden u. s. w.). Einige ganz unregelmäßige darf man sicher als Geldringe ansehen, so die von Moltzow und Sukow.


1) In den "Gießerfunden" sind Reste solcher Ringe enthalten; eine einheimsche Fabrikation beweist das aber noch nicht, da gerade diese Funde viel Fremdartiges bieten. Ich gedenke später einmal diese Frage genau zu behandeln.
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Doch kommen auch künstlichere Fingerringe vor, so in Ludwigslust einer in Form einer Handberge und einer in Form eines Spiralcylinders mit umgebogener Oese; sonst auch einfachere Spiralwindungen in der Art der Goldringe, so in Ludwigslust, Spornitz und Grabow; in Spornitz auch ein massiver Ring von 1 cm Höhe, wie sie aus der älteren Bronzezeit aus Bronze oder Gold in Friedrichsruhe sich finden (s. Jahrb. XLVII, Tafel VI, 8 und 9).

V. Fibeln.

Fibel

Dieses häufige Fundstück der älteren Bronzezeit verschwindet in unserer Periode allmählich. Seine Grundform ist hier dieselbe wie früher, Spiralplatten, flacher oder gewundener Bügel, am Nadelende Querbalken oder Verdickung. Ich halte die hier abgebildete Form von Retzow für die ältere, und ihr Vorkommen würde befremden, wenn nicht gerade Retzow mehrere ältere Typen bewahrt hätte und auch durch die Bauart seiner Gräber sich als relativ alt charakterisirte. Ein zweiter Fibelfund ist der von Vietlübbe; der Bügel ist massiv, aber schmal, mit Zickzacklinien verziert. Ueber das Verhältniß dieser Form, in der man früher die Grundform sah, zu der im Retzower Stück vertretenen ist schon im Jahrb. XLVIII, S. 316 gesprochen. Ein drittes Exemplar stammt von Sukow her; der Bügel ist stark, rund, mit Linien verziert, der Nadelkopf ist eine durchbrochene Scheibe (ähnliche Exemplare bei Undset, études sur l'age de bronze de la Hongrie IX, 1). Einige andere sind leider nur in Bruchstücken erhalten, so die Platte einer Nadel (?) von Klink, eine flache, massive Platte mit rundem Bügel von Kläden (s. Undset études VII, 3) und eine Nadel von Gallentin. Alle haben den Charakter der westlichen (älteren) Bronzezeit; Formen der älteren Eisenzeit (Hallstadt und la Tène) fehlen gänzlich. Es ist interessant, daß auch sonst, wo am norddeutschem Gebiete in unserer Zeit Fibeln vorkommen, es

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gerade diese eben besprochenen sind, so in Brandenburg (U. XX, 6), in der Altmark (U. Fig. 15), in der Provinz Sachsen (U. S. 216).

VI. Knöpfe.

Die früher so häufigen Doppelknöpfe mit zwei flachen, oft fein verzierten Platten verschwinden. Häufig werden aber die Stachelknöpfe in verschiedenen Formen, eine dem Norden eigene Erscheinung. Solche haben wir aus Vietlübbe (vgl. Frid. - Franc. XXIV, 3; Montelius, a. a. O. 197; Rygh, A. n. 122), Dobbin (das hieneben abgeb. Exemplar), Klink, Grabow, Kläden (hübsche Uebergangsform), Sukow (2 Exemplare), Retzow (s. Rautenberg a. a. O. S. 7). - Daneben finden sich Knöpfe mit einer Oese unten; oben haben sie meistens eine Spitze und sind mit concentrischen Kreisen um dieselbe verziert; ihr Durchmesser beträgt 3 bis 5 cm. Solche sind im Museum aus Klink (2 Exemplare), Dobbin, Alt= Schwerin (3 Exemplare), Rothenmoor und aus mehreren älteren Gräbern.

Knopf

Ueberblicken wir die Resultate, welche wir aus der Betrachtung dieses Materials an Bronzen gezogen haben, so ergiebt sich: die Formen der alten Bronzezeit, in der Meklenburg zu dem westlichen Gebiete gehörte, verschwinden allmählich mit dem Ueberwiegen des Leichenbrandes; es entwickeln sich daraus einige neue, welche aber einen geringeren Grad von Geschmack und Geschicklichkeit bekunden. Formen, welche einer östlichen Bronzecultur angehören, treten gelegentlich dazu, werden aber durch Moorfunde ungleich besser vertreten als durch Grabfunde. Dagegen macht sich eine starke Beeinflussung von Süden her geltend: Charakterformen der schweizer Pfahlbauten dringen vor, und Formen, deren Entwickelung wir in Mitteldeutschland suchen müssen, treten auf und verschmelzen zum Theil mit älteren einheimischen; das archäologische Gesammtbild Meklenburgs unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von dem des größten Theils von Norddeutschland. Die Selbständigkeit und Originalität der früheren Zeit ist verloren. - Eine Beeinflussung durch diejenige mitteleuropäische Metallindustrie, in deren Gefolge die meisten anderen Länder zuerst das Eisen erhalten haben, die

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keltische (nach Hallstadt und la Tène benannte), ist nicht nachweisbar.

3. Das Eisen.

Nach aller Analogie sollte man in unsern Gräbern ein allmähliches Eindringen des Eisens erwarten. Es liegen aber nur außerordentlich wenige Beobachtungen in dieser Richtung vor. Dabei fallen solche Vorkommnisse weg, wie bei Vietlübbe, Friedrichsruhe und neuerdings in einem noch nicht veröffentlichten Funde von Karow, wo Eisen unter Umständen, welche eine gleichzeitige Beisetzung unwahrscheinlich machen, gefunden ist. Sicher erscheint der Fund einer eisernen Sichel bei Weisin (J. XI, S. 383) aus einer Zeit, welche der unseren noch vorangeht, eines leider formlosen Eisenstückes aus einer Urne bei Borkow und einer "Hakenfibel" von Perdöhl. Besonders wichtig aber ist eine eiserne Nadel mit Einbiegung aus Ludwigslust. Denn da haben wir doch offenbar die Nachbildung einer in jener Zeit gebräuchlichen Form in dem neuen, fremden Material, dem Eisen, vor uns und damit den Beweis, daß man auf nordischem Gebiete sich die neue Technik, möge man sie bekommen haben, woher man wolle, zu einer Zeit angeeignet hat, wo man noch in der alten Formenwelt lebte. Daß diese Erscheinung keine vereinzelte ist, lehrt eine Durchmusterung des von Undset gesammelten Materials. Es sind beobachtet in Gräbern, die den unseren entsprechen, eiserne Sicheln von Bronzealterformen in Urnenfeldern der Lausitz, eiserne Messer von unserer Form 2 mit Pferdekopf in Honnover (z. B. bei Lüneburg mit einem Torques von wechselnder Torsion), eiserne Pincetten in West=Preußen, eiserne Nadeln mit schwanenhalsartiger Einbiegung in Pommern (s. Kühne, Baltische Studien XXXIII, Taf. I, Fig. 9) und in West=Preußen, Nadeln wie die Ludwigsluster, die uns zu dieser Zusammenstellung veranlaßt, in Posen in einer Gesichtsurne, welche dieselbe Nadel als Ornament auf der Oberfläche eingeritzt zeigte (s. Voß in der Berliner Ztschr. f. Ethnologie IX, S. 451, Taf. XX, 7 u. 8), in Brandenburg in Urnen mit Hallstadtgeräthen, in Braunschweig mit la Tène - Sachen, in Hannover in einer Hallstädter Kiste (also dieselbe Erscheinung wie im Funde von Priment, s. o.) und in Urnenfeldern mit Eisen, eiserne Torques in Schlesien, Posen, Hannover, Lauenburg, zusammen mit Nadeln der jüngsten Bronzezeit und mit la Tène - Fibeln. Schon diese Beispiele genügen, um zu beweisen, wie das Eisen an Stelle der Bronze verarbeitet zu werden anfängt. Höchst

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sonderbar ist es allerdings, daß diese ältesten constatirten Eisenfunde schon eine Nachbildung localer Formen enthalten und nicht Erzeugnisse einer fremdartigen Eisentechnik. Wie das zu erklären ist, kann ich um so eher dahingestellt sein lassen, als gerade unser meklenburgischer Boden sich mit der Hergabe von Mischfunden bisher sehr spröde gezeigt hat. Ein Begräbniß der Hallstadt=Periode ist nur einmal beobachtet (bei Sembzin), und aus der la Tène - Periode ist erst nach Abschluß dieser Bemerkungen von dem Verfasser ein Urnenfeld untersucht (bei Bobzin). Wie und woher wir also unser erstes Eisen bekommen haben, bleibe hier ununtersucht; es genügt, dargestellt zu haben, wie das archäologische Material beschaffen gewesen ist, zu dem das Eisen hinzutrat. Das wenig Imponirende dieses Gesammtbildes erklärt am besten seinen raschen Sieg.

Suchen wir nun zum Schluß unsere Periode zeitlich zu bestimmen, oder vielmehr die zu Beginn gegebene zeitliche Bestimmung zu begründen! Chronologisch fest steht die Epoche starken römischen Einflusses. Geschichtliche Ueberlieferung und der archäologische Bestand, darunter Münzen, weisen dieselbe dem Beginne unserer Zeitrechnung zu. Nach der Analogie der Nachbarländer sollte man annehmen, daß zwischen dieser Periode und der jüngsten Bronzezeit auch bei uns eine la Tène - Periode gelegen habe, das heißt eine Zeit, in der eine für uns südliche Eisencultur (der schweizer Name will nicht sagen, daß es directe schweizer Beeinflussung gewesen sei, welche dieser Periode bei uns zu Grunde liege; als Sitze dieser la Tène - Cultur nimmt man vielmehr Thüringen und rheinische Districte an) geherrscht hat. Damit stimmt der Umstand, daß wir das Verschwinden der Bronzen eigentlich nicht beobachten können. In den Urnenfeldern der Eisenzeit sind sie eben nicht mehr da; und es ist doch anzunehmen, daß es eine Zeit gab, in der ein allmähliches Verschwinden stattgefunden hat. Auch chronologisch ist es kaum denkbar, daß erst um die Zeit von Chrtsti Geburt das Eisen bei uns herrschend geworden sein sollte, da es in Nachbarländern, deren innigen Zusammenhang die ganze obige Ausführung zeigt, schon in italischen Gefäßen gefunden wird, die nach gesicherten Ergebnissen dem vierten Jahrhundert v. Chr. angehören. Demnach glaube ich allerdings, daß wir auch in Meklenburg eine, natürlich nur kurze, la Tène - Periode gehabt haben, und einzelne Funde haben schon früher wenigstens einen Einfluß bewiesen. Jedenfalls aber würde die Zeitbestimmung von zweihundert Jahren (U. S. 344) für uns zu hoch sein. Wir werden uns bescheiden müssen zu sagen, daß die Bronzezeit im Laufe der

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letzten beiden vorchristlichen Jahrhunderte aufgehört hat - Viel schwieriger ist der Anfang unserer Epoche festzustellen. Sind es doch nur allmähliche Veränderungen, welche wir wahrnehmen, und sind es doch wohl nur langsam wirkende Factoren gewesen, die ihre Physiognomie bestimmen! Wenn wir aber schon in älteren Gräbern einen starken südlichen Import (getriebene Bronzesachen und Glas) bemerken, so können wir hoffen, den terminus post quem zu finden, indem wir bestimmen, in welcher Zeit die uns ja viel besser bekannten Culturverhältnisse Norditaliens u s. w. solchen Export nach dem Norden ermöglichten. Dieser Export hat um das Jahr 400 n. Chr. aufgehört (s. Jahrb. XLVII, S. 291); Handelsbeziehungen zwischen Meklenburg und Norditalien aber viel höher hinaufzurücken, als es undedingt nöthig ist, wird kaum jemand geneigt sein. Ich glaube, wir können uns begnügen, das fünfte Jahrhundert v. Chr. als das zu bezeichnen, in dem Glas und Bronzen von Süden her zu uns gedrungen sind. Daß diese Fremdlinge an das Ende der älteren Bronzezeit gehören, beweisen die relativ jungen Typen von Bronzealterfunden, die mit ihnen zusammen vorkommen; und so dürfen wir, wenn wir überhaupt eine feste Zeitbestimmung angeben wollen, etwa mit dem Jahre 400 v. Chr. unsere Periode der jüngsten Bronzezeit beginnen.


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Zu der Tafel II.

1. Messer von Dobbin (Katalog=Nr. 2136).
2. Messer von Meyersdorf (K.=N. 519).
3. Messer von Spornitz (K=N. L. II. . . . 34).
4. Messer von Dobbin (K.=N. 2137).
5. Messer von Kiekindemark (K.=N. 2181).
6. Pincette von Dobbin (K.=N. 2139).
7. Nadel von Lelkendorf (K.=N. 44).
8. Nadel von Kiekindemark (K.=N. 2182).
9. Nadel von Gallentin (K.=N 291).
10. Nadel von Sukow (K.=N. 2420).
11. Nadel von Sukow (K.=N. 2403).
12. Nadel von Poltnitz (K.=N. B. 137).

Zu den dem Texte beigegebenen Abbildungen.

1. Urne, Typus A (s. Jahrb. XI, S. 356), S. 9.
2. Urne, Typus B (s. Jahrb. XI, S. 357), S. 10.
3. Urne von Gallentin (s. Jahrb. XI, S. 365), S. 11.
4. Henkelurne, Typus D (s. Jahrb. XI, S. 359), S. 12.
5. Henkelurne, Typus D (s. Jahrb. XI, S. 360), S. 12.
6. Kleine Henkelurne (s. Jahrb. XI, S. 362), S. 13.
7. desgl. (s. Jahrb. XI, S. 363), S. 14.
8. Torques von Ludwigslust (s. Jahrb. XIV, S. 332), S. 23.
9. Halsring von Spornitz (s. Jahrb. XIV, S. 322), S. 24.
10. Armring von Roga (s. Jahrb. VII B, 36), S. 25.
11. Fibel von Retzow (s. Jahrb. IX, S 331), S. 27.
12. Stachelknopf von Dobbin (s. Jahrb, XI, S. 378), S. 28.


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Messer und Nadeln
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Litteraturnachweise.

Alt=Schwerin Jahrb. 12, 413;17, 367.
Bandow J. 29, 139.
Bollbrücke J. 48, 327.
Borkow J. 2B, 42.
Dobbin J. 11, 377.
Eikhof J. 2 B, 44.
Fahrenhaupt J. 24, 281.
Gadebusch (nicht publicirt).
Gallentin J. 2 B, 35; 4 B, 34.
Göhlen Frid. - Franc. 53, 68.
Goldberg J. 24, 272.
Grabow Fr. - Fr. 56, 68; J. 18, 247.
Greven Fr. - Fr. 52.
Jörnsdorf J. 41, 164.
Karstedt J. 26, 136.
Kiekindemark J. 3 B, 57; 10, 280; 11, 388.
Kläden J. 16, 258; 38, 140.
Kleinow s. Ludwigslust.
Klink J. 3 B, 64, 66; 12, 397; 13, 374; 47, 294.
Kummer Fr. - Fr. 51.
Kuppentin J. 10, 292.
Lelkendorf J. 2 B, 43.
Levensdorf J. 13, 375.
Liepen J. 10, 294; 11, 395.
Lübstorf J. 4 B, 36.
Ludwigslust J. 2B, 45; Fr. - Fr. 63.
Marnitz J. 33, 135.
Meyersdorf J. 5 B, 45.
Moltzow J. 6 B, 136; 7 B, 22; 16, 259.
Pampow J. 2 B, 42.
Perdöhl J. 5 B, 48.
Poltnitz (nicht publicirt).
Prislich Fr. - Fr. 67.
Rambow J. 7 B, 25.
Retzow Fr. - Fr. 71; J. 3 B, 64; 5 B, 64; 9, 381; 10, 278; 11, 384.
Reutershof J. 47, 292.
Rothenmoor J. 7 B, 24; 16, 260.
Sembzin J. 10, 290; 19, 311.
Slate J. 38, 129.
Sparow Fr. - Fr. 61.
Spornitz Pr. - Fr. 49.
Steinbek Fr. - Fr. 54.
Steinhagen (nicht publicirt).
Stolpe J. 11, 388: Fr. - Fr. 52.
Stralendorf Fr. - Fr. 58.
Sukow J. 13, 367.
Toddin Fr. - Fr. 54.
Vietlübbe J. 9, 379; 11, 391; 13, 372.
Warlin J. 5 B, 109.
Neu=Wendorf J. 27, 176.
Zickhusen J. 6 B, 138.

 

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III.

Prähistorische Untersuchungen

im

Großherzogthum Meklenburg - Strelitz.

Von

Dr. Gustav von Buchwald.


I. Kratzeburg.

I n dem Accessionskataloge des Georgiums zu Neustrelitz findet sich zum Jahre 1861 folgende Eintragung von der Hand des Bibliothekars Gentzen: "März 1861: Der Eigenthümer eines Bauerhofes in Kratzeburg überbrachte mir 20 Bronzestücke, welche er beim Steinausbrechen auf seinem Ackerstücke gefunden hatte." (Hier folgt eine kurze Beschreibung.) "Oct. 8. Dem Anfordern des Bauern Frank=Kratzeburg, die Stelle des pag. 195 - 198 beschriebenen Bronzefundes einmal selbst anzusehen, um mich zu überzeugen, daß hier noch Vieles zu finden sein würde, wenn ich hier eine regelrechte Grabung anstellen wolle, Folge leistend, fuhr ich in Begleitung des Premierlieutenants Eggers, als das Wetter einigermaßen zu einer solchen Arbeit günstig erschien, nach Kratzeburg. Leider hatte der p. Frank seinen Acker, auf welchem er die Alterthümer gefunden hatte, am Tage vorher mit Roggen besäet, wodurch unsre Absicht, dort eine Nachsuchung zu halten, vereitelt wurde. Der Bauer Frank hatte aber bei der Besäung abermals mehrere Alterthumsgegenstände gefunden, die ihm leider von einem kleinen Knaben, der sie auf einem großen Stein, auf welchen er sie gelegt, fand, mit einem anderen Steine in Stücke geschlagen waren. Was mir davon noch zu Händen kam, waren 2 Stückchen Bronze, wovon

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das dünnere einer Nadel angehört haben mag, und ein 9 - 10 Zoll langer dünner Bronzedraht, der aber auch schon aus drei Enden bestand. Was er in seiner Vollständigkeit für eine Figur gebildet hat, läßt sich nicht mehr ermitteln." - Eine genauere Untersuchung hat der alternde Gentzen nicht angestellt; der Bauer Frank konnte mir aber ungefähr die Stelle noch angeben. Mehrere große Haufen zusammengeworfener Steine bezeichneten das Fundfeld, in welchem noch "en groten Urnen" zu finden sei. "Der große Urnen" bezeichnete im Munde meines Gewährsmannes eine Steinsetzung und war auch vorhanden. Ich fand im Laufe des Sommers 1885 Gelegenheit, das ganze Feld zu untersuchen, unter Beihülfe meiner Frau, des Herrn Archivregistrators W. Müller, welcher Maße und Zeichnungen aufnahm und später die beifolgenden Taf. III - VIII zeichnete, und des Küsters und Lehrers Kühne in Kratzeburg, der sich durch rege Theilnahme ein besonderes Verdienst um das Georgium erwarb.

Das Fundfeld liegt zwischen dem Capellenberge und dem Schulzensee, dem Adamsdorfer Weg und der Langfeldschonung, die nach ihm genannt ist. Der Boden ist seit unvordenklicher Zeit Ackerland und besteht aus gelbem Sande. Daß einst die Gräbergruppen auf flachen Hügeln lagen, ist noch erkennbar; denn die Sandschichten des Urbodens steigen. Mehrere zusammengeworfene Steinhaufen zeugen davon, daß die Landwirthschaft hier zerstörend gewirkt hat. Zu Bauzwecken sind seit langer Zeit größere Steine in Wagenladungen hinweg gefahren. In der Nähe des höchstliegenden der jetzigen Steinhaufen hat Bauer Frank seine Funde gemacht und nachgegraben. Hier fanden sich nur noch Scherben von zerstörten Urnen in großer Zahl. Etwa fünfzig Schritte von diesem Haufen zeigte sich eine leichte Bodenerhöhung, "en lütten Oewer", und es ward behauptet, daß in dieser Gegend der wendische König in einem goldenen Sarge begraben sei.

Bei knapp 1/3 m Tiefe stieß der Spaten auf Steine, welche ich durch Abschürfung von oben und einen Graben an den Seiten freilegen ließ. Die Setzung war oben flach wie ein Pflaster, etwa 1 1/3 m mächtig, und bildete ein ziemlich regelmäßiges Quadrat von 4 m Seitenlänge. Das erschien mir als ein günstiger Anfangspunkt für die Untersuchung; denn von dieser regelmäßigen Figur aus ließen sich Distancen mit dem Kompaß leicht bestimmen. In dem Folgenden wird stets nach Kompaßrichtung ohne Rücksicht auf die Abweichung der Nadel berechnet; denn wer später auf dem Langfelde die Stellen aufsuchen will, wird dies auch nur mit dem Kompaß in der Hand thun.

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Auch sachlich empfahl sich diese Steinsetzung, deren äußeren Rand ich stehen ließ, zum Anfangspunkt der Untersuchung. In ihrem Innern fanden sich nur eine Bronzenadel (Tafel V, Nr. 2) und ein flaches Messer, dem der rückgebogene Sförmige Griff fehlte, in 25 cm Tiefe in der Nordostecke. Nach Südwesten hin aber bedeckte eine starke schwarze Brandschicht die Steine und war tief in deren Fugen gesunken; das ganze Material hatte hier lange und anscheinend stärker geglüht als im Nordosten. Bei einer der zunächst gefundenen Urnen ganz in der Nähe dieser Setzung fanden sich kleine Stückchen des bekannten "Urnenharzes", und man möchte auf den Gedanken kommen, daß unser Steinquadrat ein Altar für Brandopfer gewesen sei. Das könnte immerhin möglich bleiben, auch wenn man das Steinquadrat als Brandherd auffaßt. Hostmann 1 ) bemerkt, daß nach seinen Versuchen ein Scheiterhaufen von 800 Cubikfuß Holz noch nicht genüge, um die organischen Bestandtheile einer Leiche zu verbrennen. Da aber die Kochherde vom "Burgwall" an der Grenze nach Pieverstorf beweisen, daß man die Wirkung des glühenden Steines kannte, so glaube ich: die Steinsetzung diente als Brandherd bei der Feuerbestattung selber. Alle die vielen Kohlentheilchen, die ich untersuchte, weisen stets das charakteristische Zellengebilde der Eiche auf, und diese konnte höchstens an den Sümpfen am Schulzensee, am Krummensee und am Käbelich in spärlicher Zahl oder auf den Höhen hinter dem Krummensee gedeihen. Das Holz mußte also weit hergeholt werden. Deswegen glaube ich, daß man mehr mit glühenden Kohlen als mit flackernder Flamme verbrannte. Für letztere wäre ein stetes, rasches Zutragen von Holz nöthig und oft nicht möglich gewesen, die Wirkung der ersteren aber mußte der glühende Stein unterstützen. Auch wenn man mit Hostmann der Ueberzeugung ist, daß die Knochenreste nach dem Zerkleinern noch einmal geglüht wurden, so war dazu eine solche Steinsetzung durchaus praktisch. Ich werde demnach diese Setzung als den ersten Brandherd bezeichnen und mit Bhd. zur Distanzmessung abkürzen. Für die Himmelsrichtungen dienen die gewöhnlichen Initialen, für die Urnen wähle ich Zahlen und Buchstaben. Die geben die Zeitfolge unserer Funde nach Zahl, großem Alphabet, kleinem und griechischem, so daß sich der Weg meiner Untersuchung genau verfolgen läßt.

Bhd.= Mitte nach O. 2,50 m ringförmige Steinsetzung von 1 m Mächtigkeit, in deren Mitte: Urne 1, völlig zerdrückt.


1) Der Urnenfriedhof bei Darzau (Braunschweig 1874) S. 6, Anm. 2.
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Bhd.=Mitte nach O. hart am Rande: Urne 2 mit Binnenurne, sehr zerdrückt.

Bhd.=Mitte nach W. am Rande: Urne 3 mit Binnenurne; 3,50 weiter nach W. Urne 4 mit leidlich erhaltener Binnenurne. Zwischen 3 und 4 in der Mitte in einem ganz stumpfen Winkel nach S. Urne 5.

Diese Urnen bestanden wie alle anderen, von denen nicht ausdrücklich Anderes bemerkt wird, aus Thon, der mit grobem Steingruß vermengt, dann mit leidlich geschlemmtem Thon inwendig und auswendig verstrichen und an offenem Feuer gebrannt war. Die Form ist freihändig gemacht, ohne Kunst, ohne scharfe Profilirung; Urne 2 auf Tafel VI bei Undset und Urne 10, Tafel VII, geben die Grundformen. Zu allen Urnen hat eine Deckelschale gehört, die stets an einem Rande ein Henk hat. Zumeist ist sie zerstört.

Bhd. 8,50 m nach O., also 6 m von 1, in gleicher Richtung Urne F.

Bhd. =NO.=Ecke 9 m ONO., NNW. von F, steht Urne A. Mit dieser beginnt eine eigene Gruppe A : B=3/4 m O.; B : D=3/4 m NO.; D : E=1 m NW.; E : C=1/2 m SW.; C : A=1/2 m SSO.

Sondirungen in der Richtung auf Urne 1 hin und auf Bhd. ergaben nichts, Sondirungslinien nach Süden hin brachten nur F zu Tage. Die Vermuthung lag nahe, es möge sich ein Kreis von Gräbern um Bhd. herum ziehen.

Eine Linie von C in nordwestlicher Richtung führte auf a, 7,50 m NO. von der Nordostecke Bhd., 1 m nordwestlich davon ergab das Doppelgrab b und b 1. Urne c etwa 4 m Nordwest von a, zu 8,50 m Nord von Mitte Bhd. über 2 hinaus. Urne d, 10,50 m W. von c zu 11,50 m NW.=Ecke Bhd., Urne e 4 m SSW. von d zu 8,50 m von Nordwestecke Bhd., Urne f in fast gleicher Richtung von e zu 8 m von Nordwestecke Bhd.

Hier hörte jedes auch nur annähernd regelmäßige Zahlenverhältniß auf, und auch die je 4 m von a : c : d : f genügen nicht, um planmäßige Beisetzung zu behaupten. Die anscheinende Regelmäßigkeit wird gestört durch eine kleinere Brandstelle zwischen b und c und eine größere zwischen d und e. Auch e macht eine Ausnahme insofern, daß sie auf Brandreste gestellt ist. Nicht unmöglich wäre es, diese Brandstellen mit flachen Steinsetzungen als Leichenmahlsherde aufzufassen, ebenso wie eine dritte bei der g - i; aber Spuren der Mahlzeit fanden sich nicht.

Die Gruppe g - k stand: Urne h, 13 m W. von der Südwestecke Bhd, h : g=1 m NW, g : k=3 m SW., k : 1=1,50 m SO., 1 : i=0,75 cm S., i : h 3,50 m NO.

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Nach SSW., 91 Schritte von Bhd., stand eng an einander gedrängt die Gruppe a, ß, ?. Nur Urne 4 war mit Gruß und faustgroßen Steinen umpackt, alle anderen hatten regelmäßige Setzungen von großen Steinen. Die Bezeichnung Steinkiste ist verwirrend; denn sie erweckt das Bild eines viereckigen Hohlraumes, in dem die Urne frei steht. Das ist hier nicht der Fall. Die Steine sind stets der runden Form der Urne angepaßt, oft mit Geschick schalenartig gespalten. Besonders bei C fand sich solche Schalenartige Form aus rothem Granit. Oben war die Setzung ursprünglich wohl stets mit einem flachen Deckelstein geschlossen; doch fehlten diese zumeist. Bei k fand sich ein solcher noch, denn sie lag ein wenig tiefer als die anderen. Bei C war der Deckelstein tief in die Urne eingedrungen. Die Steinumsetzung der Urnen war manchmal aus zwei, sogar aus drei Steinreihen gemacht, so daß die Einzelgräber sich näher berührten, als man nach unseren von Mitte zu Mitte der Urne angegebenen Maßen denken möchte. Die Gruppen g - k, A - E und a - α - γ standen ohne Zweifel in innerem Connex. Zu der Urne C gehörte die Bestattung E, welche nur Brandreste und Menschenknochen ohne Urne und Beigaben enthielt; denn die Steinumsetzung von C ging bis hart an die Brandreste heran. Es machte durchaus den Eindruck, als ob die ganze Bestattung E nur eine Beigabe - etwa ein verbrannter Sklave - zu E sei.

Die Maße, welche an den Urnen aufgenommen werden konnten, sind: Urne 2: Boden 12 cm, größte Bauchweite 25 cm. Urne A. C. f: Boden 12 cm, größte Bauchweite 35 cm, obere Randweite 31 cm. Urne F: größte Bauchweite 26 cm. Urne a und d: Boden 12 cm, größte Bauchweite 32 cm, volle Höhe 31 cm; die Verengung zum Halse begann 15 cm vom Boden und ergab 19 cm als obere Randweite. Urne c hatte inclusive Deckelschale 20 cm Höhe von Boden zu Boden und 23 cm größte Bauchweite, der Urnenboden war 12 cm und der Deckelboden 11 cm weit. Urne b hatte 19 cm Höhe und 28 cm Randweite. Mit dem Maße der immer einmal gehenkelten Deckelschale von i stimmen ungefähr die A. C. f: Bodenseite 11 cm, Höhe 8 cm, Randweite 42 cm.

Doch macht Deckel i eine Ausnahme darin, daß er durch eingekratzte Striche ornamentirt ist, als wie, wenn man den noch feuchten Thon mit einem abgenutzten Reisigbesen bestrichen hätte.

Als Ornamentirungen kommen nur Fingertupfen und grade Striche bei Scherben vor, die sich auf dem Platze fanden.

Durchaus verschieden ist die Urne b 1 in der Forrn Tafel III, Figur 1. Auch sie ist freihändig gemacht und durch concave Ein-

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drücke in Linienform verziert. Der Rand ist gewunden wie ein torques. Der Boden besteht aus concentrischen Hohlringen, die sich nach dem mittleren Eindruck zu erheben.

Die Binnenurnen, die über der Knochenpackung stehen, zerfallen in die vier auf Tafel III gezeichneten Hauptformen. Sie gehören zu sämmtlichen Urnen, waren aber bei der Mehrzahl so hülflos lädirt, daß es sich nicht lohnte, die Scherben alle aufzuheben; sie finden sich nur in zwei reparirten Fragmenten in β u. γ. Tafel III, Fig. 2, ist aus C entnommen und nicht die gewöhnliche Form, Fig. 2 und 3 stammen aus Urne α; sie standen neben einander. Figur 2 hat in der steilen Form Aehnlichkeit mit dem zusammengesetzten Fragment aus Urne 4. Doch ist bei diesem Fragment nicht zu erkennen, ob es auch eine Tülle hatte. Die Tüllenurne ist bis jetzt noch nicht in dieser Form im Georgium vertreten. Daselbst befinden sich zwei vasenförmige, klingend gebrannte Tüllengefäße, die mit großer Salopperie und viel Ungeschick auf der Drehscheibe gearbeitet sind, und eine nicht hellklingende freihändige Mittelform mit ganz kleiner Tülle. Die genaueren Fundorte sind undekannt, doch gehören sie nicht nach Schlesien, sondern nach Vergleichung mit meinen neuesten Funden aus Fürstensee ins Land. Eine ebenso liederlich angeknetete Tülle fand ich unter Scherben in Fürstensee (Eisen, gedrehte und freihändige Töpfe). Die tassenähnliche Form 3 ist öfter vertreten und scheint die gewöhnliche zu sein: denn zu ihr stimmen die meisten Scherben, besonders das Fragment aus Urne 2. Die Form 4 und 5, aus i und e entnommen, ist auch nicht ganz selten.

Die Beigaben sind nicht reich, wie gewöhnlich in dieser Periode. Man möchte fast mit Sophus Müller glauben, jeder Mensch habe selber für seinen Comfort im Jenseit sorgen sollen; denn der einzige kunstvollere Fund, der mit diesen Funden in Zusammenhang zu stehen scheint, ist Depotfund. Die durchgehende Spärlichkeit der Urnenfunde ist im Verhältniß zu dem Reichthum der Dépotfunde scheint mir jedoch eher mit der beginnenden Entwickelung des Erbrechts zusammenzuhängen. Es scheint, daß man hier auf einer Stufe angelangt war, wo die Furcht vor der Seele des Todten nicht mehr so stark war, daß man ihm seine volle Habe nachsandte, sondern nur, was er am Leib trug und zur Zeit seines Todes bei sich hatte. Das völlige Fehlen von Beigaben in so vielen Fällen scheint sich daraus am besten zu erklären, daß der Todte eben nichts als seine Bekleidung trug, als er starb. Auf das Nähere über die Entstehung des Erbrechts einzugehen, dessen

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Entwicklung allerdings ohne prähistorische Forschung gar nicht zu begreifen ist, muß ich mir hier versagen.

Eine Beschreibung der sämmtlichen älteren Fundobjecte des Feldes zu geben, halte ich für überflüssig. Ich wähle hier nur die charakteristischen Formen aus und zähle voll nur auf, was durch meine eigene Hand aus der Urne genommen und bei den letzten Ausgrabungen gefunden ward.

Unter dem Deckel von i fand sich ganz oben auf den Knochenresten ein bronzener Fingerring. Die sämmtlichen Urnen bei Bhd und westwärts davon waren ohne Beigabe. Der bearbeitete Feuerstein (Tafel III, Fig. 8), entweder ein schlecht gearbeitetes Speerspitzenfragment oder ein Stein zum Feuerschlagen, lag in der Nähe von Urne 1, jedoch nicht in derselben. Er hatte aber wie die anderen Feuersteinwaffen mit auf dem Brandstoß gelegen.

Die steinerne Lanzenspitze, vom Feuer arg beschädigt und mitten durchgesprungen, Tafel III, Fig. 9, war mit kleinen Fragmenten von ganz dünnem Bronzedraht die einzige Beigabe von Urne C.

Die Gruppe α, β, γ, so hart aneinander gerückt, daß nur gleichzeitige Beisetzung denkbar ist, enthielt:

α. 1) die beiden Doppelknöpfe Tafel VII, 1 und 4; 2) das verbogene Armband Tafel VI, 5; 3) die Schmuckfragmente Tafel VI, 6 und 7; 4) Bronzepartikeln, die den Knochen angeschmolzen waren; 5) die Pfeilspitze aus Stein, Tafel III, 7; 6) die zerbrochene Lanzenspitze aus Stein, Tafel III, 6.

β. 1) die beiden Doppelknöpfe Tafel VII, 2 und 3; 2) das durchbrochene Scheermesserfragment Tafel IV, 1; 3) den Pfriemen Tafel IV, 7, mit den Grifffragmenten; 6) ganz dünne Drahtfragmente; 7) die tordirten Fragmente Tafel IV, 4; 8) einen Tropfen abgeschmolzener Bronze und minimale Drahtfragmente.

γ. den Spindelstein, Tafel VII, 5.

Das Messer, welches im Brandherd gefunden ward, ist dem Tafel IV, 1 abgebildeten durchaus ähnlich. Die Nadel ist Tafel V, 2 abgebildet. Die Nadel 1 ist einmal, die Nadel 3 mehrmals unter den von Frank auf derselben Stelle gefundenen vertreten. Die schmale, dünne Dolchklinge Tafel V, 4 hat mit den anderen Dolchen des Georgiums keine Aehnlichkeit, wohl aber mit Schwertern aus Dépotfunden, denen ebenfalls die erhöhte Mittelrippe fehlt (Globzow a. d. Müritz, Wendorf).

Das Messer V, 5 mit vorgebogenem, aufgerolltem Griff ist hier nicht weiter vertreten. Das Messer V, 7 ist in dieser Form

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auch nur einmal vertreten; doch giebt es noch ein Grifffragment. Aehnlich so, nur mit der Schneide nach der umgekehrten Seite und ohne die Punzentupfen, nur durch Strichlagen am Griff ornamentirt, ist das, welches ich in Friedland von Herrn Kerkow für das Georgium geschenkt erhielt. (Fundort: Moor am Kavelpaß bei Friedland.)

Das Messer V, 6 mit dem herzförmigen Griffansatz findet sein Pendant in Tafel IV, 3 (Zechow, woselbst noch ein Fragment desselben Typus gefunden ist).

Wenden wir uns nun zu den flachen Messern mit Sförmigem, rückgebogenem Griff, welchen Sophus Müller in seiner "nordischen Bronzezeit und deren Periodentheilung" so viele Aufmerksamkeit schenkt.

Zur ältesten oder östlichen Form müßte eigentlich Messer 5 auf Tafel V gehören; denn der Griff neigt sich nach vorne. Ob die Formen mit einem Thierkopfe am Griffende älter sind oder die mit mehr oder minder aufgerollten Abschlüssen, darüber möchte ich keine Meinung aussprechen. Bei einigen schönen tordirten Halsringen des Georgiums zeigt sich die Gleichzeitigkeit und gleichartige Herkunft undedingt an der Arbeit; aber bei einem biegt das Schlußende in einen einfachen Haken um, bei dem zweiten hat dieser ein Paar Augen, bei dem dritten ein Paar Augen und einen deutlich markirten Schnabel. Wenn auch der Grundsatz richtig sein wird, daß eine lästige Nothwendigkeit den Anstoß zum Ornament giebt, z. B. Bindfadenornamente an Hohlcelten 1 ) als Reminiscenz aus der Zeit, wo das Bahnende des einfachen Celtes an den Schaft gebunden ward, oder Bandornamente aus gleicher Rücksicht auf den Tüllen von Lanzenspitzen, so halte ich es doch für falsch, die einzelnen Stücke nur nach dem Alter ihrer formbestimmenden Idee in jüngere oder ältere einzutheilen. Die Figur 35 bei S. Müller, S. 40, hat übrigens keinen einfachen Haken, sondern einen Thierkopf mit Augen und unentwickeltem Munde. Die Idee, welche durch die Messer 35 und 36 versinnbildlicht wird, ist offenbar dieselbe wie die Gravirung auf 37: nur stellt dort das Messer ein Schiff mit verziertem Borde und einer als Bugspriet dienenden Gallionsfigur dar, wie sie später die Drachen oder die "Wellenrosse" der Vikinger trugen.

Die jüngere oder westliche Form mit der rückwärts gerollten Spirale, resp. der Sförmigen Umbiegung weist zunächst das Schiff als Zeichnung auf der Klinge in umgekehrter Stellung auf, nämlich


1) Vgl. Virchow gegen Olshausen in den Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie 1885, S. 368.
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mit dem Kiele nach dem Rücken des Messers. Müller zählt S. 43 derartige Messer auf: in Hannover 4, Kiel 11, Jütland 7, Fünen 3, Seeland 3. Aus dem ganzen östlicher liegenden norddeutschen Gebiet ist ihm nur 1 Exemplar mit einem roh eingeritzten Schiffe bekannt, nämlich unser Kratzeburgisches von dem Grabfeld am Capellenberge Tafel VI, 2. Hätte der Bibliothekar Gentzen die Zechow=Funde nicht so ungeschickt aufgeheftet gehabt, würde dem sorgfältigen Beobachter das Messer Tafel VI, 1 (Zechow, Ausgrabung 1845, Grab 4) wohl nicht entgangen sein. "Je weiter man nach Osten kommt, desto spärlicher werden diese Messer, desto roher diese Ornamente." Roher ist nun das Zechow=Messer auf jeden Fall nicht; aber die Schiffzeichnung ist bedeutend weniger charakteristisch. Die Uebergangsform zu dem verzierten Bordrande der Messer, deren Ganzes ein Schiff bedeuten will, zeigt Tafel IV, 2, aus dem Zechow (Gräbergruppe von 11 Plätzen ohne genaue Aufzählung, aus welcher Urne die Funde stammen).

Eine Sonderung nach geradem oder rundem Rücken zu machen halte ich für überflüssig; denn die Uebergangsformen zu geraden wie zu halbkreisförmigen Messern beweisen nichts für die Provenienz. Messer mit geradem Rücken wie VI, 3 (Kratzeburg) finden sich auch im Zechow=Funde und anderswo. Auch die Umbiegung über das S hinaus wie Tafel VI, 4 (Kratzeburg) zu Tafel VI, 1 (Zechow) beweist nichts.

Nur das dürfte als feststehend anzusehen sein, daß das Schiffsornament auf Import durch ein seebefahrenes Volk hinweist. Will man nach einer religiösen Vorstellung suchen, die dem Schiffe entspricht, so bietet sich in dem Kahne des Maui bei den Maoris, der Mondsichel, die beste Deutung. Gegen Sophus Müllers Ansicht von der westlichen Importgruppe spricht das nicht, eher im Gegentheil. Nur müßte man annehmen, daß die Fundgruppe der steinumsetzten, flachliegenden (das thun auch die auf Hügeln) - Gräber Kratzeburg, Zechow, Grammertin, Rollenhagen (1860, 1878), nebst den Dépotfunden aus Wendorf (1860), Wesenberg (Pomel, 1838, Hängebecken), Weisdin (1862, Hängebecken), kurz fast das ganze Fundgebiet des Stargader Kreises ein Sammelplatz wäre, in dem sich in eigenthümlicher Weise West =, Ost= und Süd=Import vermischten. Und das ist in der That der Fall. Es kann, geographisch betrachtet, nicht anders sein.

Charakteristisch für diese Periode ist die Ornamentirung der Pincetten. Die getriebenen Buckel fehlen nicht bei Kratzeburg, Tafel VIII, 1, 2, 3 u. 4, Zechow (1845, Grab 3), Rollenhagen

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(1860). Die eingravirten Verzierungen haben mehr oder minder Aehnlichkeit mit einander. Die Punze wird seltener gebraucht als der Grabstichel.

Die Nadelformen Taf. V, 1 u. 2, sind mit Varianten im Georgium mehrfach vertreten, den breitesten Kopf hat die Nadel aus Zechow (1845, Grab II, Urne B).- Die Pfriemenform ist ungemein häufig Zechow: 8, Kratzeburg: 2, Rollenhagen 1860: 1 und auch in anderen Funden). Bei Rollenhagen (1860) fiel mir auf, daß sich da, wo die Nadel rund zu werden beginnt, ein dünner Golddraht herumwindet. Der Fund Tafel IV, Nr. 7, dessen Pendant Nr. 6 aus dem Zechow=Funde entnommen ist, erklärte mir das: es ist ein Griffende. Unter den Knochenfragmenten von Urne ß fand sich der Pfriemen 7 so, daß noch ein Stück gebogenen, papierdünnen Bronzebleches mit einem kleinen Loche an dem vierkantigen Schaftende fest saß, aber beim Herausnehmen trotz aller Vorsicht zerfiel. Am oberen Ende des vierkantigen Schaftes sitzt noch ein Stück der Füllung des Griffes. Einer dieser Pfriemen aus dem Zechow=Funde ist tordirt. Die tordirten Armring=Fragmente Tafel IV, 4 aus Urne ß finden sich in ähnlicher Weise auch in dem Zechow=Funde. Ihren Zweck mag Figur 5, unbekannten Fundorts erklären.

Das hübsch ornamentirte Armband aus dem Männergrabe a, Tafel VI, 5 nebst den Fragmenten 6 und 7 ist im Zechow=Funde nicht vorgekommen, wohl aber finden sich ähnliche Fragmente in dem Funde von Karpin (1845), auf den wir noch zurückkommen.

Die Gleichzeitigkeit der Funde aus dem sogenannten Wendenkirchof beim rothen Kruge im Zechow und der bei Kratzeburg gemachten kann wohl nicht bestritten werden, trotzdem Gentzen behauptet, zwischen den Gräbern im Zechow sei eine Differenz gewesen in den Steinsetzungen. Seine Angaben sind viel zu unpräcise, als daß sie hier Gewicht haben könnten. Die Steinwaffen, wie auch die steinerne Pfeilspitze des Fundes von Grammertin zeigen, daß wir hier noch ein reines Bronzezeitalter vor uns haben. Die beiden Funde zu Rollenhagen, welche Undset (Das erste Auftreten des Eisens in Nord=Europa S. 256) besprochen, gehören in dieselbe Kategorie. Ein Zweifel, daß diese Funde sämmtlich in die vorrömische Zeit gehören, kann nicht aufkommen.

Die Eisentheile des Karpin=Fundes, der sonst in allen Theilen mit den hier gemachten correspondirt, spricht dagegen nicht. Der Bericht des Tischlers Behrend zu Karpin (1845) lautet: "Er habe zum Bau seines Hauses die erforderlichen Feldsteine aus einem etwa 50 Fuß im Durchmesser haltenden Hügel auf der Karpiner

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Feldmark rechts von dem Wege, welcher von Karpin nach Gr.=Schönfeld führt, geholt. Beim Ausbrechen derselben sei er auf eine Brandstelle getroffen, an der südöstlichen aber auf Urnen, deren Zahl wohl zwölf erreicht haben möchte. Zum Theil hätten sie in Steinkisten gestanden, welche mit einem platten Deckstein zugedeckt gewesen wären. Die meisten aber hätten im Sande gestanden 1 ) und wären von der Last der Steine 2 ) schon zerdrückt gewesen. Aus drei Urnen hätte er den Inhalt herausgefunden, ohne jedoch die Urnen unversehrt zu bergen." Aus einer Urne ergaben sich ein flaches Messer von dem Typus 3 auf Tafel VI und eine eiserne Nadel; sie scheint denen mit schalenförmigem Kopf und Umbiegung am Halse ähnlich gewesen zu sein. Aus den beiden folgenden Urnen waren zwei Bronzenadeln herausgekommen, deren eine mit V, 1 Aehnlichkeit hat, deren andere ohne Ornamente ist. Aus Urne 5 ergaben sich Bronzefragmente mit Ornamentirung wie VI, 5, in denen zwei eiserne Niete sitzen, und ein Fragment, anscheinend von einem Tüllencelt.

Daß wir mit den Funden Kratzeburg und Zechow in einer Epoche stehen, wo die altitalische Eisencultur in hoher Blüthe stand, ist mit Sichercheit anzunehmen; für Rollenhagen (1878) hat Undset es bestätigt. Ob aber der Karpin=Fund nicht schon in die römische Zeit hinein gehört, das läßt sich kaum sagen. Vielleicht enthält er das älteste nachweisbare Eisen bei uns - aber es ist auch möglich, daß sich ältere Objecte auf spätere Zeit vererbt haben. Das ornamentirte Band mit den eisernen Nieten hat entschieden stark vom Brande gelitten, das Messer aber ist sicher wenig gebraucht. Scheinbar würde die geringe Abnutzung gegen die Vererbung sprechen, in Wirklichkeit plaidirt sie gerade dafür; denn die best erhaltenen Werkzeuge, die wir jetzt haben, erbten wir aus den Moorfunden.

Es erübrigt sich nunmehr zu untersuchen, wo diese vorrömischen Germanen, deren Reliquien uns das Langfeld aufbewahrt, gesiedelt haben.

Soweit bisher die Siedlungen der Germanen gleicher Gulturhöhe bestimmt sind, ergaben sich in der ostelbischen Ebene und auch westwärts davon die folgenden Kriterien: hohe Sanddünen, resp. auch Lehmberge mit Wasser in der Nähe, leichter Boden prävalirt. Der Volksmund nennt noch heute solche Siedelungsplätze "Burgwall". Derselbe Ausdruck wird aber auch von den wendischen Befesti=


1) Das läßt auf spätere römische Zeit (vgl. die Funde von Peetsch) schließen.
2) Also des Deckelsteines.
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gungen im Sumpfe gebraucht, desgleichen von Schanzen, die nachweislich erst zur Zeit des 30jährigen und des nordischen Krieges entstanden sind.

Meklenburgische Prähistorie hat zuerst lange darunter gelitten, daß sie, einer Bezeichnung des Volkmundes nachgebend, spätgermanische Begräbnißplätze mit dem falschen Namen "Wendenkirchhof" belegte. Bei der heillosen Verwirrung, die in der archäologischen Terminologie eingerissen ist, erscheint eine Enthaltsamkeit in derartigen Kunstausdrücken als dringend geboten. Ohne auf die wendischen Befestigungen eingehen zu wollen, sei hier nur hervorgehoben, daß bei den germanischen "Burgwällen" dieser Epoche bei uns in der Regel weder etwas von Burg noch von Wall zu bemerken ist, während bei wendischen Burgwällen noch heute ein Schanzenbau vorkommt, der eine gewisse Aehnlichkeit mit den modernen Befestigungen hat. Unser Germane der Bronzeperiode siedelte gern auf freier Anhöhe, zu welcher ein fahrbarer Weg führte. Solide Blockhäuser baute er nicht, die charakteristischen "Klehmstaken" werden nicht gefunden, wohl aber Thonklumpen, die Brand gefühlt haben. Die größte Wahrscheinlichkeit hat es, daß er Zelte aus Fellen zur Wohnung benutzte. Wenn Wälle und Verhaue um den Berg gezogen waren, so wird das nur an schwächeren Stellen gewesen sein - südlichere Stämme der gleichen Zeit bauten sogar recht feste Wälle.

Benachbart dem Langfelde liegt der Capellenberg, der nach dem Schulzensee durch Einwirkung des Hakens und des Pfluges allerdings hier abgeflacht ist, auf seiner anderen Seite nach dem Krummen=See hin aber sein scharfes, altes Profil noch beibehalten hat. Der Weg von Kratzeburg nach Liepen und Adamsdorf führt über den Capellenberg. Der Krüger Wacholz zu Kratzeburg sagt aus, daß gerade hier Alterthümer in früherer Zeit gefunden seien. Der Spindelstein Tafel VII, Fig. 6 ist am Capellenberge gefunden.

Offensichtlich war einst der Zugang nach Kratzeburg und auch der nach Adamsdorf hin viel schmäler.

Sollte zu irgend einer Zeit eine Grenze mit Befestigung oder mit Wachtposten oder Wachtdörfern in dieser Gegend gezogen sein, so wäre es unbegreiflich, wenn der Capellenberg von Leuten, die überhaupt dazu Anhöhen benutzten, nicht gebraucht wäre. Er könnte sogar heute noch militairisch in Betracht kommen. - Eine wirklich große germanische Niederlassung lag auf dem sogenannten

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"Burgwalle" 1 ) nach der Pieverstorfer Grenze zu, die größte, welche ich bis jetzt gesehen habe. Steil stürzt der Berg ab in den Dambeker See nach Westen, welcher früher sicher weiter als jetzt um den Berg herumbog; nach der nordwestlichen Seite ist eine sumpfige Niederung, das "Glockensoll", "wo die Glocken versunken sind"; von da läuft eine Schlucht, die früher tiefer war, auf die noch sehr jungen Wiesen am Lehmsee hin, so daß er fast von drei Seiten von Sumpf und Wasser umgeben war. Wie die Wege aus dem Vorland zwischen Kratzeburg und der Müritz nur am Capellenberg vorbei nach Liepen und Adamsdorf führen konnten, so mußte der Weg, welcher über die zweite Furtstelle der Havelniederung bei Dambek vorbei führte, am "Burgwall" vorüber. Faßt man auf der Generalstabscharte die Wege und die beiden Punkte Burgwall und Capellenberg ins Auge, so zeigen sich beide durch den Krummen=See mit dessen unpassirbarer sumpfiger Fortsetzung zum Lehmsee verbunden. Wer von Westen her kam, mußte entweder über Dambek oder über Kratzeburg die Wege passiren, welche diese beiden Höhen decken.

Wunder nehmen müßte es, wenn nicht beide Anlagen in irgend einem Nexus 2 ) gestanden hätten, zumal wenn sich zeigen läßt, daß sie zu gleicher Zeit besiedelt waren.

Nach den vier Himmelsrichtungen hin setzte ich den untersuchenden Spaten auf der 30,000 qm betragenden Höhenfläche des Burgwalles ein und kam nach kurzem Suchen stets auf Brandstellen. Gefäßscherben bedecken die ganze Höhe; die Formen, die Ornamentirungen durch rohe Strichlagen und Fingertupfen und die ganze Art der Mache stimmt mit den Grabfunden der Gegend vom Capellenberg überein. Die Brandstellen erwiesen sich als Feuerherde. Etwa 63 cm tief kam eine dunklere, breite, verwehte Schicht, die aus Asche und Kohlentheilchen bestand, dann folgte eine schmale kohlengeschwärzte Schicht als Rest des letzten Brandes, unter dieser lag eine unregelmäßige Steinsetzung, die völlig rußgeschwärzt war. Sie hatte als Herd gedient. Darunter lag eine Kohlenschicht bis zu 1 m Mächtigkeit und etwa 1 1/2 qm Umfang. In dieser, unter den Steinen, lagen je mehr je tiefer zahllose rußgeschwärzte Scherben. Knochen fanden sich nur an einer Stelle zahlreich, in größerer Menge aber am Abhang nach dem Dambeker


1) Derselbe wird 1257 (M. Urk.=Buch Nr. 789) castrum Zcarnitz genannt. W.
2) Vgl. meine weiteren Ausführungen über die Siedelungslinie in Virchows Bericht über die anthropologische Excursion nach Neustrelitz I. c. S. 363 f.
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See zu. Man hatte die Abfälle, zumeist Rinderknochen, also reinlicher Weise fortgeschafft.

Neu gefunden ist auf der Oberfläche des Berges nur das Fragment einer nicht ornamentirten Zierscheibe aus Bronze. Aus einem Moderbruche nach der Pieverstorfer Seite hin ergab sich ein Dépotfund, die Schalenfibel Tafel VIII, Fig. 5, und ein tordirter Halsring.

Die Fibel, die einzige, die hier überhaupt gefunden ist, gehört in dieselbe Epoche wie der große Wendorfer Dépotfund, in dem eine ganz ähnliche vorkommt. Figur 5 zeigt den Bügel etwas nach rechts geneigt, damit die Ornamentirung voll gesehen werden kann. Im Gegensatz zu der hübschen Arbeit steht die rohe Flickstelle am Bügelende. Man hat ihn ganz ungeschickt mit überheißer Bronze angegossen, als er abgebrochen war.

Ein recht hübsches Beil aus Grünstein, mit einer begonnenen Centrumsbohrung, ist ebenfalls Moorfund von dieser Seite. Nach der Kratzeburger Seite ist ein minder geschickter Steinkeil aus ähnlichem Material ohne Bohrung gefunden. Zwei große Mahlsteine aus Granit sind am Rande des Berges selbst entdeckt und nachweislich von ihm herabgebracht.

Nach diesen Beobachtungen kann die Gleichzeitigkeit zwischen den Grabfeld= und den Burgwall=Funden und dem Wendorfer Moorfund nicht bestritten werden. Die Scherben führen allein schon den durchschlagenden Beweis. Wir kommen aber noch einen Schritt weiter mit den Funden auf dem Burgwall: er ist vor Einführung des Eisens verlassen und seit derselben nicht wieder benutzt.

Nach der Kratzeburger Seite hin fand ich andere Brandstellen. Ich führte eine Regenfurche durch einen 6 m langen und 2 m tiefen Einschnitt weiter fort. Da zeigte sich eine ca. 63 m tiefe Kohlenschicht, die vom Rande herabgefallen sein mußte. Es waren am Rande des Berges mehrere große Eichenbalken durch Feuer vernichtet und herabgestürzt. Einer derselben muß 22 cm dick gewesen sein, wie sich noch an der Faserschicht ausmessen ließ. Um auf ein festes Palissadenwerk zu schließen. dazu waren mir die schwarzen Schichten nicht fortlaufend genug.

Hierauf hin eine gewaltsame Zerstörung behaupten zu wollen, das erscheint mir viel zu gewagt; aber wo blieben die Bewohner? Wer waren ihre Nachfolger? Zwischen ihnen und den einwandernden Slaven liegt mehr als ein halbes, vielleicht ein volles Jahrtausend.

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Aus der Niederung, aus Kratzeburg 1 ) selber haben wir eine leichte Speerspitze und Bolzpfeilspitzen, wie sie in die Eisenepoche gehören, deren Urnenform durch den Darzauer Typus repräsentirt wird. In einer glänzend schwarzen Urne der Rudolphi'schen Sammlung aus der Friedländer Gegend fanden sich mehrere solcher Bolzpfeilspitzen, die Moorfunde am Kavelpasse haben noch mehrere geliefert. Wir haben hier einen starken Hinweis darauf, daß der Germane mit der schwarzen Urne, der Armbrust, den Ohrringen mit der blauen, vermuthlich auf den jüngst in Thüringen entdeckten Glashütten hergestellten, Glasperle und der la Tène - Fibel mit eingedrucktem Kreuz, schon in der Niederung gewohnt hat. Es erscheint mir im höchsten Grade problematisch, daß erst der Wende die Wiesen= und Wassercultur eingeführt haben soll.

Soweit die Forschung bis jetzt ein Recht hat, sich zu äußern, haben in Kratzeburg niemals Wenden gewohnt. Selbst der älteste Name, der seit 1256 urkundlich ist (M. U.= B. 777), ist deutsch: er heißt Werder. Um zu beweisen, daß hier je Slaven gesiedelt haben, müßten specifisch slavische Funde gemacht werden. Bis diese vorhanden sind, ist es geradezu gegen alle objective historische Kritik, anzunehmen, das Dorf Kratzeburg=Werder habe einst Wustrow geheißen.

Vignette

1) Der Gleichklang mit Ratzeburg von Race darf nicht zu Ableitung aus dem Wendischen verführen; vgl. Kratzberg in Oberbayern, Kratzen in Niederbayern, Kratzenberg in Schleswig, Kratzenhof bei Cassel, Kratzenmühle bei Coblenz, Kratzer, Kratzerach und Kratzerhöhle in Würtemberg, Kratzerimbach in Bayern, Kratzholz bei Düsseldorf, Kratzhahn bei Coblenz, Kratzhof in Bayern u. s. w. Vgl. den Namen Crasceman M. U.=B. 2729, und Kratz madd=Widerrede.
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Tafel III     

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Tafel IV     

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Tafel V     

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Tafel VI     

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Tafel VII     

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Tafel VIII     

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IV.

Das bäuerliche Hufenwesen in Meklenburg

zur Zeit des Mittelalters.

Vom

Landsyndicus Ahlers

zu Neubrandenburg.


J e weiter das Meklenburgische Urkundenbuch in der Veröffentlichung unseres Urkundenschatzes fortschreitet, um so lebhafter regt sich der Wunsch, daß das vorliegende reiche Material einer systematischen Bearbeitung unterzogen, und auf diesem Wege für die Cultur= und Rechtsgeschichte des Landes nutzbar gemacht werde. In den Urkunden bewegt sich das Verkehrsleben jener entlegenen Zeit; die Verfasser derselben, anfänglich Geistliche, später juristisch gebildete Laien, meist in amtlichen Stellungen, hatten dem Umstande Rechnung zu tragen, daß ein codificirtes Recht auf keinem Gebiete des Rechtslebens vorhanden war, und daß die gewohnheitsrechtlichen Normen, welche für die einzelnen Gesellschaftsclassen und deren Verhältnisse zur Anwendung kamen, noch den ursprünglich flüssigen und biegsamen Charakter bewahrten; daher das individuelle und mannigfache Gepräge der Urkunden, welche oft überraschende Einblicke in die zum Grunde liegenden ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse und in den Wechsel derselben gestatten. Eine systematische Bearbeitung dieses Materials ist daher im Stande, die Farben zu dem allgemeinen Geschichtsbilde zu liefern, einzelne Lücken desselben auszufüllen, herkömmliche Anschauungen zu berichtigen, und diejenigen Punkte zu bezeichnen, wo unsere Kenntniß noch mangelhaft ist und wir einstweilen noch auf Vermuthungen uns angewiesen finden.

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Die vortrefflichen Register, welche wir für die ersten zehn Bände des Urkundenbuches besitzen, ermöglichen erst eine solche Bearbeitung; sie sind jedoch ihrem Zwecke nach weit davon entfernt, dieselbe ersetzen zu können. Es wird die Aufgabe darin bestehen müssen, den relevanten Inhalt der Urkunden nach leitenden Gesichtspunkten, welche die Entwickelung einer Geschichtsepoche beherrschen, zu ordnen und in die zukommende Beleuchtung zu stellen; erst dann wird sich ein Bild gewinnen lassen, welches für die allgemeine Landesgeschichte verwerthet werden kann, und welches zugleich den Vorzug einer quellenmäßigen Begründung in Anspruch nehmen darf.

Es ist der Zweck der nachfolgenden Blätter, auf einem Gebiete, welches im Urkundenbuche einen besonders breiten Raum einnimmt, und welches zugleich für die Landesgeschichte bis tief in die Neuzeit hinein von hervorragendem Interesse ist - von der bäuerlichen Hufen=Verfassung und den dadurch bedingten Verhättnissen des Bauernstandes bei uns zur Zeit des Mittelalters - eine Darstellung in dem eben besprochenen Sinne zu versuchen. Es wird sich hierbei empfehlen, die Lage und Verhältnisse, wie sie um die Mitte des 14. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkte der Entwickelung, entgegentreten, in allgemeinen Umrissen voranzustellen, um die Bedeutung des Gegenstandes und den Umfang der Aufgabe vorweg erkennen zu lassen. Die Einzelheiten, soweit sie für das Ganze von Bedeutung sind, werden durch Bezugnahme auf das Urkundenbuch und die sonst zu Gebote stehenden Hülfsmittel zu erhärten, besondere Punkte in einem speciellen Theil weiter auszuführen sein.

Jede geschichtliche Betrachtung der bäuerlichen Verhältnisse des Landes muß von der deutschen Besiedelung desselben ihren Ausgang nehmen. Eine nachhaltige und ununterbrochen fortschreitende Germanisirung beginnt für Meklenburg und Pommern erst in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts, nach den entscheidenden Siegen Heinrichs des Löwen und seiner Sachsen über die meklenburgischen und pommerschen Fürsten. 1 ) Schon mit dem Beginn dieser Periode tritt uns die Eintheilung des gesammten für den Feldbau bestimmten Bodens in bäuerliche Hufen (mansi) entgegen, deren eine bestimmte Zahl zu einer Dorfschaft (villa) gehörte. Die territorialen Bezirke, welche die Dorfschaft mit ihren Aeckern, Weiden, Wiesen, Holzungen und Gewässern in sich begreifen, also die einzelnen Ortschaften, sind zum größten Theil aus der wen=


1) Vergl. Lisch, in Jahrbuch VII, 158; Wigger in Jahrb. XXVIII.
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dischen Zeit schon überliefert. Neue Dörfer - die Hagendörfer (indagines) - entstehen auf ausgerodetem Waldland und auf wüsten, mit Rusch und Busch bedeckten Flächen; die bei weitem größte Zahl der Ortschaftsnamen läßt jedoch die wendische Herkunft der Bezeichnung, und damit die wendische Herkunft der Ortschaft in ihren früheren und späteren Grenzen erkennen.

Nachdem nun die deutsche Besiedelung sich befestigt, und auch der zahlreich zurückgebliebenen wendischen Bevölkerung ihren Stempel aufgedrückt hatte, nahmen alle privatrechtlichen und öffentlich rechtlichen Verhältnisse, welche den für die ländliche Bewirthschaftung bestimmten Boden betreffen, ihren Ausgangspunkt von der bäuerlichen Hufe. Fast die gesammte landwirthschaftliche Production ruhte bei uns auf den Schultern des Kleinbauern, der regelmäßig noch mit eigner Hofwehr die Hufe bestellt, oft auch Eigenthümer der Gebäude ist. Aus dem Ertrage der Hufe hat er zunächst den jährlich wiederkehrenden Anforderungen der öffentlichen Gewalt, welche als Reallast auf der Hufe ruhen, zu entsprechen; er hat an den Landesherrn die ordentliche Bede, precaria sive petitio solita, auch erbliche Bede in den späteren Urkunden genannt 1 ), in zwei Terminen, zu Martini und Walpurgis, zu entrichten; die Bede wird von den landesherrlichen Unterbeamten eingefordert und besteht zum größeren Theil in Geld, zum kleineren Theil in dem dreifachen Korn, der annona triplex. Die ordentliche Bede, welche schon in früher Zeit den Charakter eines feststehenden und bevorzugten Canons angenommen hat, erreicht ihrem Betrage nach den Werth von 30 Scheffeln Hartkorn (Roggen und Gerste) für jede Hufe, wenn - für die Mitte des 14. Jahrhunderts - der Scheffel Hartkorn zu 1 Schilling Lübisch oder 1 1/2 Schilling wendisch, und zwei Scheffel Hafer gleich einem Scheffel Hartkorn angenommen werden (U.= B.VIII, p. 177, Nr.1331); je nach Ertragsfähigkeit der Hufe kann sie darunter bleiben, aber auch in einzelnen Fällen diesen Werthbetrag übersteigen. Ihrem Rechtsgrunde nach ist sie aufzufassen als eine für die Aufgabe des unbeschränkten Herrenrechtes der wendischen Landesherren, für die Befreiung vom Kriegsdienst und für die Gewährung des Schutzes, der tuitio, gezahlte Abgabe 2 ). Die alt hergebrachten Befugnisse des wendischen Landesherrn, der Zuwachs, welchen dieselben durch die


1) Boll, Geschichte des Landes Stargard II, p. 394.
2) Vgl. U.=B. IX, p. 518: ea defensione fovere volumus, sicut alios nostre terre incolas, nobis justiciam et annuam pensionem dantes, pacifice tueri tenebimur et servare.
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deutsche Vogteigewalt erhielten, und die veränderte Kriegs=Verfassung, wonach der Kriegsdienst von den Lehnsleuten geleistet werden mußte, haben ohne Zweifel in ihrer Vereinigung zu einer so hohen Belastung der bäuerlichen Hufe geführt. Die ordentliche Bede kann für jene Zeit als der feststehende Beitrag des Grundbesitzes zu den ordentlichen Kosten des Landes=Regiments und zum Unterhalt des fürstlichen Hauses angesehen werden; aber nicht lange Zeit währte es, bis diese bedeutende Einnahmequelle den Händen der Landesherren mehr und mehr entschwand. Zunächst wurde aller landesherrliche und Privatbesitz, der zur Dotirung der Klöster und geistlichen Stiftungen zur Verwendung kam, regelmäßig von der ordentlichen Bede befreit; der Betrag derselben konnte alsdann der Pachtleistung der Bauern zugeschlagen werden. Sodann verleitete der rentenartige Characker derselben dazu, bei eintretenden Geldverlegenheiten, die sich in steigender Progression für die landesherrlichen Cassen wiederholten, über die Bedeleistung ganzer Ortschaften, oft ganzer Vogteien, durch Verkauf oder Verpfändung zu verfügen. So ist allmählich die alte Geldbede (precaria denariorum) wohl ganz verloren gegangen; von der Kornbede, der annona triplex, gewöhnlich 2 Scheffel Roggen, 2 Scheffel Gerste, 2 Scheffel Hafer von jeder bäuerlichen Hufe, haben sich nicht unerhebliche Reste bis auf die Gegenwart erhalten. In dem Gutachten von Wigger vom Jahre 1875, in Band 29 der baltischen Studien, ist überzeugend nachgewiesen, daß die unter dem Namen Hundekorn vielfach vorkommende Kornabgabe in Pommern, sowie die Kornabgabe von einer Anzahl ritterschaftlicher Güter in Meklenburg an den landesherrlichen Kornboden, welche bei uns den Namen Pacht angenommen hat, derjenige Theil der alten Bede ist, welchen die Fürsten zum Behufe ihrer Hofwirthschaft in dreierlei Korn erhoben.

Eine weitere feste Belastung ergab sich für die bäuerlichen Hufen aus dem Zehntrecht der Bischöfe. Herzog Heinrich von Sachsen bestimmte in der Dotationsurkunde für das Bisthum Ratzeburg, 1158, daß die Slaven im ganzen Bereiche der von ihm gestifteten Bisthümer einen Bischofszins in der Höhe von 3 Maß (kuriz) Roggen, 1 Schilling, 1 Topp Flachs und 1 Huhn von jedem Haken erlegen sollten; davon sollte der Pfarrer 2 Pfennige und 1 Maß Korn beziehen; wenn aber erst nach Austreibung der Slaven das ganze Land zehntpflichtig gemacht worden, so sollte der ganze Zehnte dem Bischof gehören, und dieser sich mit dem Grundherrn über die Dotirung der Parochialkirchen dahin vereinbaren, daß eine jede mit 4 mansi cum censu et decima ausge=

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stattet werde. Der Zehntpflicht waren außer den deutschen Colonen auch diejenigen wendischen Bauern, welche zu deutschem Rechte (jure Teutonico) angesetzt wurden, unterworfen. Es wurde unterschieden zwischen dem großen Zehnten, der decima in campo, und der decima minuta, welche von dem Zuwachs des Viehs und vom ländlichen Nebenerwerb zu erlegen war. Im Anschluß an die obige Werthangabe wegen der ordentlichen Bede darf schon hier bemerkt werden, daß nach der Heberolle von Neu=Kloster (Urk.=Buch VI, S. 403, Ao. 1319) sich der durchschnittliche Werth der decima in campo cum minuta, quando redimitur, berechnete auf 25 Scheffel Hartkorn; die Mehrzahl der Hufen in den Klosterdörfern, welchen Ablösung zugestanden ist, zahlt 24 bis 28 Scheffel Hartkorn für den vollen Zehnten. Diese Angaben gestatten einen wichtigen Rückschluß auf den Bruttokörnerertrag der Hufen, wobei freilich der in einem Procentsatz schwer zu bestimmende Werth der decima minuta - eine Berechnung derselben finden wir bei Woldenhagen (a. a. O. S. 407) angegeben - allemal zurückzurechnen ist. - Der geistliche Zehnte theilte insofern das Schicksal der ordentlichen Bede, als er sehr bald in andere Hände überging, in die Hand der Landesherren und der Grundeigenthümer durch Belehnung und sonstige Vereinbarung, in die Hand der Klöster und sonstigen geistlichen Stiftungen durch die Dotationsurkunden. Er konnte sich dann mit der Bede und mit dem restirenden Pachtnutzungs=Aequivalent zu einer einheitlichen Leistung der Bauern an den Grundherrn vereinigen, die dem vollen Nutzungswerthe entsprach; nur die klösterlichen Verwaltungen hielten noch lange den Unterschied zwischen dem Zehnten und den sonstigen bäuerlichen Leistungen aufrecht.

Was nun nach Abzug der ordentlichen Bede und des Zehnten vom Ertragswerth der Hufe noch übrig blieb, bildete den Gegenstand der Behandlung und Vereinbarung mit dem Grundherrn zur Feststellung des bäuerlichen Pachtzinses, des census, Zins, auch pactus und pensio genannt. Waren ordentliche Bede und Zehnten abglöst, so konnte der census, welcher bald in Korn, bald in Geld bestimmt wurde, den gesammten Pachtnutzwerth der Hufe zum Ausdruck bringen. Aus den zum Gute gehörigen Forsten und Torfstichen mußte das nöthige Feuerungsmaterial, aus den Forsten außerdem das zu Reparaturen und Neubauten erforderliche Bauholz dem Bauern verabfolgt werden; gutsherrliche Anweisung war allemal nachzusuchen, wie in der schon angezogenen Heberolle von Neu=Kloster verschiedentlich bemerkt wird. Daß die Wiesennutzung nach Maßgabe ihres Hufenbesitzes den Dorfbewohnern zustand,

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war selbstverständlich; Jagd und Fischerei (mit Ausnahme etwa der kleinen Uferfischerei) blieben dem Grundherrn vorbehalten, welcher aus der Fischereipacht oft erhebliche Einnahmen zog.

Es ist oben für die Bauerdörfer von Neu=Kloster - 30 und einige an der Zahl - der durchschnittliche Werthbetrag des Zehnten auf 25 Scheffel Hartkorn angegeben; die Zusammenstellung der Dörfer, in welchen pro censu et decima eine einheitliche Abgabe erhoben wird - wenn wir die dazu gehörigen Hagendörfer und die wenigen Dörfer, welche in Geld zahlen, nicht mit zum Ansatz bringen - ergiebt nun das überraschende Resultat; einer durchschnittlichen Leistung von 50 Scheffeln Hartkorn für jede Hufe, also das Doppelte des Zehnten; die Mehrzahl der Dörfer bewegt sich mit dem Hufenzins zwischen 45 bis 55 Scheffeln Hartkorn; in einem Falle (Warin) werden nur 24 Scheffel, in einem Falle (Klein=Schwaß bei Rostock) werden 72 Scheffel für die Hufe gegeben.

Deutlich treten in dem mehrgedachten Heberegister die Hagendörfer des Klosters - Techentinerhagen, Arnesse (Arenssee), Brunshaupten - hervor. Hier wird von der Hufe nur ein solidus, offensichtlich in signum recognitionis, pro censu gezahlt; dagegen sind sie dem Zehntzuge unterworfen; die zu Techentinerhagen gaben pro decima, quando redimitur, für jede Hufe 24 Scheffel Hartkorn. Eine Anzahl dieser Hägerbauern hat dem Kloster speciales redditus de mansis eorum - verkauft, bis zu 3 Mark 4 Schilling pro Hufe. Wir haben es hier also mit deutschen Colonisten zu thun, welche den Boden erst urbar gemacht, größtentheils wohl dem Wald abgewonnen haben; sie haben die Dörfer erbaut und mit Hofwehren besetzt; von ihnen erhebt das Kloster nur den vollen geistlichen Zehnten neben einer kleinen Recognitionsabgabe. In der Rentenzahlung, welche das Kloster von einigen derselben gekauft; hat, dürfen wir das Aequivalent einer Capitalzuwendung, welche den Pflichtigen für die Zwecke der ersten Einrichtung gemacht ist, und zugleich die Anerkennung eines dinglichen Rechtes derselben an ihren Hufen erkennen.

Zur Vervolständigung des Bildes, welches aus jener Heberolle bezüglich der klösterlichen Bauerstellen entgegentritt, ist nun noch anzuführen, daß das Kloster außer einigen 30 Bauerdörfern auch mehrere Gutshöfe - in Pinnow, Brunshaupten, Dessyn (Groß=Tessin), Knipafh (bei Warin), Warin und Neuhof - besaß, welche es mit eigenem Gesinde bewirthschaftete. Diese Höfe sind zum Theil in derselben Ortschaft, zu welcher eine Bauerschaft gehört, gelegen (Brunshaupten, Gr.=Tessin, Warin); die Bauern sind zu

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diesen Höfen nicht dienstpflichtig; nur einzelnen kleinen Hausbesitzern und Käthnern liegt neben der Lieferung von Hühnern und einer Zahlung de agro adjacente auch ein biduanum servicium de qualibet domo ob. Aus dem Lohnregister des Klosters etwa vom Jahre 1320 (Urk.=Buch VI, Nr. 4242) entnehmen wir, daß auf den Gutshöfen durchschnittlich 12 bis 16 Knechte, Jungen (juvenes), Schäfer (opiliones), Hirten, und außerdem 2 bis 4 Mägde gehalten wurden; die Sommerlöhnung (pretium estivale) beträgt für dies Personal pro Hof 12 bis 20 Mark wendisch, der Lohn für die Großknechte 26 Schilling wend. Münze bis herunter zu 2 1/2 Schilling für die Pflegerin der Kälber (ancilla vitulorum). Das Speckregister des Klosters vom J. 1320 (Urk.=Buch VI, Nr. 4229) berichtet, daß beim Beginn der Erntezeit (dominica die ante festum beati Jacobi) aus den Vorräthen des Klosters an jeden dieser Höfe 5 bis 7 Seiten Speck (latera lardi) für die Leute geliefert wurden.

Der Einblick, welchen wir aus dem Vorstehenden in die ökonomische Lage des Bauernstandes, zunächst in den ausgedehnten klösterlichen Besitzungen, gewinnen, wird weiterhin zu vervollständigen sein, insbesondere durch Vergleichung mit andern Gebieten des Landes und durch eine nähere Betrachtung der bäuerlichen Hufe nach Größe und Bewirthschaftungsweise. Für die Zwecke dieser einleitenden Darstellung haben wir jetzt noch einen Blick auf die Rechtsverhältnisse des Bauernstandes und auf die Beschaffenheit seines Besitzrechtes zu werfen. Dabei scheiden wir zunächst aus die Hägerdörfer und die Bauerschaften im Bisthum Ratzeburg.

In keinem Theil des Landes wurde die deutsche Besiedelung in so kurzer Zeit und so planmäßig zur Ausführung gebracht, als im Stiftstande der Bischöfe von Ratzeburg (terra Boitin). Es fehlt zwar an näheren Angaben über den Hergang bei der Besiedelung und über die den ersten Hauswirthen (gleichfalls coloni in den Urkunden genannt) bewilligten Bedingungen; die ununterbrochene Continuität, welche für die Ratzeburger Verhältnisse bis in die Neuzeit hinein anzunehmen ist, gestattet jedoch uns hiervon ein deutliches Bild zu machen. Es gab schon im Beginne der Colonisation eine Anzahl von herrschaftlichen Höfen, zu welchen umliegende wendische Bauerschaften dienstpflichtig waren; diese Höfe mit zugehörigem Ackerwerk, 12 bis 15 an der Zahl, sind von nahezu 70 Bauerndörfern umgeben; die weitere Entfernung einzelner Bauerschaften von der curia war in damaliger Zeit kein Hinderniß, dieselben zu den Hofediensten - Spann= und Handdiensten - heranzuziehen. Durch die verheerenden Kriege, welche der nova plantatio

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in diesen Gegenden voraufgegangen, war ein großer Theil der Ortschaften wüst geworden; der Rest der slavischen Bewohner wurde ohne Schwierigkeit ausgetrieben, wie dies schon in der Stiftungsurkunde des Bisthums in Aussicht genommen war. Die Neubesetzung der Dorfschaften erfolgte nun durch massenhaften Zuzug aus Westfalen und den Wesergegenden, welche schon das Kriegsgefolge Heinrichs des Löwen gestellt hatten; ohne Zweifel waren hierbei im Auftrage der Bischöfe Unternehmer thätig, welchen die Anwerbung und die Bekanntgebung der Bedingungen oblag.

Wir begegnen diesen Unternehmern - possessores, magistri genannt, wenn sie durch Landzuweisung in den von ihnen besetzten Ortschaften entschädigt wurden - vielfach in Pommern zur Zeit der dortigen Colonisation (von Bilow, Abgabenverhältnisse in Pommern, 1843, S. 29); ohne die Thätigkeit solcher Werbeagenten ist die in so kurzer Zeit erfolgte Neubesetzung der Ratzeburger Dorfschaften nicht wohl denkbar. In Westfalen und den Wesergegenden gehörte die große Masse der Bauern dem Stande der Hörigen - litones - der älteren Form der Leibeigenschaft -, an (Wiegand, Provinzialrecht von Minden, S. 1834, II., S. 111 seqq.); unausgesetzt lieferte diese in damaliger Zeit reichlich fließende Quelle das Material für die Besiedelung der Ostseeländer. Die Bedingungen, welche die Unternehmer bieten konnten, waren für besitzlose, einem unfreien Stande angehörige Leute verlockend genug: Befreiung von der Hörigkeit, welche durch Verhandlung mit den Grundeigenthümern, meistens Klöstern und sonstigen geistlichen Besitzern, leicht zu erlangen war; Uebernahme einer schon vorhandenen Bauerstelle mit einer, wenn auch beschränkten, Erblichkeit 1 ) und mit gewöhnlichen bäuerlichen Leistungen; gleichzeitige Besetzung der ganzen Dorfschaft mit Genossen derselben Gegend und Herkunft. Ihre Verpflichtungen bestanden wesentlich, außer dem Zehnten von dem, was sie auf ihren Hufen bauten und gewannen, in den Hand= und Spanndiensten zur Bewirthschaftung der bischöflichen Höfe, in sonstigen Herren= und Capitelsdiensten, endlich in verschiedenen Geldabgaben von meist nicht erheblichem Betrage, welche bei der Neuregulirung der Bauerschaften zu Anfang dieses Jahrhunderts (conf. die Versicherungsurkunde bei Masch, Gesetz=Sammlung, S. 262) als Dienst=, Pacht=, Flachs=, Spinn=, Schneidel=, Schweine=, Monats= und Fuhrgeld bezeichnet werden. - Obgleich nun der Schwerpunkt der bäuerlichen Leistungen in den Frohnden und der Dienst=


1) Vgl. die Constitution wegen Wiederbesetzung der Bauerhöfe vm 30. Juli 1776 sub 1, bei Masch, Gesetz=Samml. S. 253.
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pflicht ruhte, welche anderwärts einer selbstständigen Entwickelung des Bauernstandes besonders hinderlich gewesen sind, so ist dennoch im Ratzeburgischen ein kräftiger Bauernstand sehr rasch emporgekommen; die Gleichartigkeit der Verhältnisse in 60 bis 70 Dorfschaften, welche das ganze Stiftsland bedeckten, das milde bischöfliche Regiment, die vorzügliche Bodenbeschaffenheit begünstigte nicht nur den Wohlstand der Bauern, sondern auch die Ausbildung der bäuerlichen Rechtsinstitute des Anerbenrechtes und was damit für das bäuerliche Familienleben in Verbindung steht, sowie die Ausbildung einer auf umfänglichen Gemeinschaftsbesitz gestützten Dorfverfassung. Eine erhebliche Milderung der nach den herrschaftlichen Höfen zu leistenden Frohnden wurde dadurch bewirkt, daß die einzelnen Dorfschaften in der Dienstpflicht alternirten, so daß jede Dorfschaft im zweiten oder dritten Jahre für ein ganzes Jahr dienstfrei wurde. Für das schon früh befestigte Recht der Ratzeburgischen Bauerschaften mag die Urkunde vom 2. Febr. 1320 (Urk.=B. VI, S. 508) als Beleg dienen; darnach verkaufte der Bischof Marquard seiner Dorfschaft Malzow - colonis nostris omnibus in dicta villa morantibus - eine angrenzende abgeholzte Fläche Landes für 400 Mark Lübisch, unter Auferlegung eines nicht zu erhöhenden Zinses (census) von 20 Mark jährlich und unter Befreiung dieser Fläche von Zehnten, Diensten und sonstigen Abgaben (exactiones seu tallias). Nach Masch, Geschichte des Bisthums Ratzeburg S. 222, wird die Urkunde noch jetzt wohl erhalten von der Dorfschaft Malzow aufbewahrt.

Das Gegenstück hierzu bildet die das Dorf Römnitz betreffende Urkunde vom Jahre 1285 (U.=B. III, S. 194). Der Bischof Isfried hatte sich mit dem Domcapitel durch Ueberlassung von Zehnten und ganzen Gütern im Jahre 1194 auseinandergesetzt (U.=B. I, Nr. 154; Masch a. a. O. S. 90, 97, 187); zu den dem Capitel überwiesenen Gütern gehörte Römnitz. Fast 100 Jahre später entschließt sich das Capitel zur Niederlegung des Dorfes und zur Aufrichtung einer Hofwirthschaft; den Bauern, 15 an der Zahl, wird zum Abzuge nach einem Jahr und 14 Wochen gekündigt, und sie nehmen die Kündigung an, weil sie, wenn sie auch seit langer Zeit (multo tempore) die Dorfländereien genutzt, doch kein Erbrecht an ihren Stellen hatten (in quibus hereditatem non habebant, de permissione et gratia Ratzeburgensis ecclesiae coluissent); sie bedingen nur, daß ihnen der Werth ihrer Gebäude und der Gartenbestellungsarbeiten nach einer Schätzung durch beiderseits zu erwählende Taxanten in baarem Gelde bezahlt werde; was zugestanden und nach dem vom Vogt und

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Rath von Ratzeburg ausgestellten Zeugniß ausgeführt wird; die gezahlten Entschädigungen betragen zusammen 60 Mark. - Diese Urkunde ist in mehrfacher Beziehung von Bedeutung. Zunächst haben wir es nicht mit zurückgebliebenen und etwa bisher übersehenen wendischen Bauern zu thun, wenn nicht die deutschen Namen der in der Urkunde einzeln aufgeführten Bauern (villani) täuschen; sie sitzen anscheinend schon seit Beginn der Colonisation (multo tempore) auf ihren Hufen. Jedenfalls haben sie die hereditas, das erbliche Recht, nicht erworben und müssen daher auf Kündigung weichen.

So werden in dem Präbenden=Verzeichniß des Domcapitels zu Lübeck aus dem Jahre 1263 und in dem Verzeichniß der zur Domkirche zu Lübeck gehörenden Vicareien vom Jahre 1264 (Mekl. Urk.=B. II, S. 222, 239) diejenigen mansi, deren hereditas den coloni oder rustici zusteht, einzeln hervorgehoben; ebenso der Rückkauf der mansi mit hereditas in einzelnen Fällen; es geschieht dies zu dem Zwecke, damit die Vicareien=Inhaber die Befugniß erlangen, hujusmodi hereditatem locandi, cum placuerit, pro ampliori.

Die Erblichkeit des Colonatbesitzes beruhte also auf besonderem Rechtstitel; wo sie nicht zugestanden war, war der Colon einer Erhöhung des census und der Kündigung ausgesetzt. - In gleicher Lage befanden sich die Zinsbauern des Sachsenspiegels, Landrecht II, 60, §. 1, wo es heißt: "Will ein Mann seinen Zinsmann, der zu dem Gute nicht geboren ist, von dem Gute weisen, so soll er ihm kündigen zu Lichtmeß. Dasselbe soll der Mann thun, wenn er es verlassen will." Das Recht des Zinsbauern ist nach dem Sachsenspiegel sogar beschränkt auf die Lebzeit des Herrn, der ihm das Gut verliehen hat auch wenn dies auf "beschiedene Jahre" geschehen ist, "soll man es dem Erben wiedererstatten, weil er (der Erblasser) es nicht länger geweren mochte, als, so lange er lebte" (III, Art. 77 ibid.); ferner: Erbzinszahlung mag der Herr des Dorfes an dem Gute gewähren, wo die Bauern ein neues Dorf von wilder Wurzel besetzen (III, Art. 80, §. 1 ibid.).

Die zuletzt angeführte Stelle des Sachsenspiegels führt uns zu einer zweiten Classe von bäuerlichen Besitzrechten, welche eine besondere Stellung zur Zeit des Mittelalters bei uns einnahmen, zu den Hagendörfern (indagines in den Urkunden genannt) und Hagenhufen. Zur Zeit der deutschen Besiedelung gab es, wie schon bemerkt, weite Strecken Landes, die, obwohl zum Ackerbau geeignet, bisher nicht angebaut und urbar gemacht waren, die solitudines und loci horroris der Urkunden, Land, welches noch in Rusch und Busch lag; außerdem überwog in einzelnen Gegenden

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der Wald derartig, daß der Boden erst stückweise durch Umwandlung in Acker nutzbar gemacht werden konnte. Die wendische Bevölkerung hatte den Anbau nur zu des Lebens Nothdurft betrieben; Jagd, Fischerei, Viehzucht waren ihr zusagender; es fehlte ihr ein Geschick und Unternehmungsgeist, vor allem aber an dem erforderlichen Vermögen, um einen noch uncultivirten Boden dem Anbau zu unterwerfen, die Wohn= und Wirthschaftsgebäude neu herzustellen und das Wirthschafts=Inventarium, die Hofwehr, aus eignen Mitteln zu beschaffen. Es war daher das Absehen der Grundbesitzer darauf gerichtet, deutsche Colonisten, welche der vorliegenden Aufgabe zu genügen im Stande waren, heranzuziehen. Selbstverständlich mußten die zu stehenden Bedingungen den von den Anziehenden zu bringenden Opfern entsprechen. Vor allem mußte dauerndes erbliches Besitzrecht, die hereditas an Grund und Boden, zugestanden werden, und Befreiung von allen Abgaben bis zu dem Zeitpunkt, wo die Höfe eingerichtet und zum Ertrage gebracht waren; die demnächst zu entrichtende Abgabe mußte erheblich geringer bemessen werden, als wie die von cultivirtem Boden und eingerichteten Wirthschaften zu erlegende. Wir haben bereits oben bei den Bauerschaften von Neu=Kloster gesehen, daß die Hagendörfer nur einen Recognitions= census von I solidus pro manso zu entrichten hatten, außer dem vollen geistlichen Zehnten; endlich war die Befreiung von bäuerlichen Diensten wesentlich und unerläßlich für ein dem Erbpachtbesitz nahekommendes Verhältniß.

Der Name Hagen, indago, gleichbedeutend mit Umzäunung, führt auf die mensura, qua metiri solent indagines, und auf die justitia, que vulgariter dicitur hagersche recht. (U.=B. III, S. 227, Ao. 1286; IV, S. 219, Ao. 1268). Es wurde die Hägerhufe mit dem Meßseil (per funiculum) in der Art zugemessen, daß zunächst die Begrenzung des dem Ackerbau zuzuführenden Bodens gesichert und festgestellt wurde, und zwar in einer zusammenhängenden Fläche. Selbstverständlich war auch der zu überweisende Flächeninhalt Gegenstand der Vereinbarung und Feststellung; dieser wurde nach Morgen (jugera) bestimmt.

Wir berühren hier ein für die mittelalterlichen Agrarverhältnisse ebenso wichtiges als schwieriges Gebiet, die Frage nach den Ackermaßen, welche man zur Anwendung brachte, und nach der Zahl der Morgen, welche einer bäuerlichen Hufe beigelegt wurde. Es mag an dieser Stelle schon bemerkt werden, daß der Morgen, dem Begriffe nach entsprechend der Arbeitsleistung eines Tages von zwei Zugthieren, in älterer Zeit kein geometrisch bestimmtes Flächenmaß bedeutete, sondern gleichbedeutend genommen

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wurde mit der Fläche, welche für die Aussaat einer bestimmten Quantität Hartkorns erforderlich war. Erst in neuerer Zeit, seit die Gesetzgebung begann sich mit den agrarischen Verhältnissen zu beschäftigen, ist es zu einer Umwandlung der alten, nach Einsaat bestimmten Flächenmaße in geometrisch bestimmte Maße gekommen. Eine solche Bestimmung hätte für Meklenburg bei der großen Verschiedenheit der thatsächlich bestehenden Verhältnisse ganz besondere Schwierigkeit gehabt; es hat sich daher auch der Erbvergleich von 1755 für die Zwecke der Besteuerung der städtischen Ländereien (§. 47, sub II) auf die Bestimmung beschränkt, daß ein Morgen Ackers zu 4 Scheffeln Rostocker Maße, worunter Hartkorn zu verstehen, angenommen werden solle. - Dazu kommt, daß man schon im Mittelalter an verschiedenen Orten in Meklenburg bald nach großen, bald nach kleinen Scheffeln rechnete; die Leistungen von den Hufen derselben Ortschaft sind sogar bald nach großen, bald nach kleinen Scheffeln berechnet. (U.=B. VIII, S. 549, Ao. 1335; VI, S. 456, Ao. 1319.) Und während es in dem Verzeichniß der "zugehörigen Dinge zum Gotteshause Givetzin" vom 26. Mai 1575 - welches noch jetzt im Original dem Gevetziner Kirchenrechnungsbuche anliegt - heißt: "7 Morgen Land im großen Felde, darin fallen 14 Schepel Korn; 3 Morgen Land im Mittelfelde, darin fallen 6 Schepel Korn", wird wegen der auf der Friedländer Feldmark belegenen 996 catastrirten Morgen in dem P. M. einer dortigen Magistratsperson vom 4. October 1861 berichtet, daß diese bisher nicht vermessenen Morgen durchschnittlich von 3 Scheffeln Aussaat seien, "aber auch von 1 bis 6 Scheffel in der Größe wachsend."

Kehren wir nach dieser Abschweifung zu den Hägerhufen zurück, so ist für die Verhältnisse der Rostocker Hägerdörfer - Rövershagen, Wasmodeshagen, Porrikeshagen, das in U.=B. VII, S. 253 abgedruckte Kämmerei=Register vom Jahre 1325 von besonderem Interesse. Von den 22 Hufen in Rövershagen, 25 in Wasmodeshagen, 6 1/4 in Porrikeshagen waren zur Zeit der Landesvermessung um die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch 12 Hufen mit Einschluß der Schulzenhufe und der Pfarrhufe in Rövershagen (nach Ausweis der Directorial=Karte) vorhanden; an Stelle der übrigen waren längst die Pachthöfe Oberhagen, Niederhagen, Purkshof eingerichtet. Jene 12 Hufen entsprechen genau der im Kämmerei=Register gegebenen Beschreibung. In unmittelbarer Folge neben einander erstrecken sie sich von der Grenze von Purkshof in Längsstreifen versus nemus, die Rostocker Heide; sie werden auf dieser Seite begrenzt durch die Dorfstraße und die an

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derselben belegenen Gehöfte, welche sich in der ganzen Ausdehnung quer vor die zugehörigen Hufen legen. Zwischen Dorf und Heide befindet sich ein mannigfaltig und unregelmäßig gestalteter Complex von Ackerfiguren, Wiesen, Brüchern, Buscagen, Brinken u. s. w., welcher seinem Flächeninhalte nach dem Hufencomplex etwa gleichkommt; es ist dies das Ueberland, der overslach des Registers, welcher den Colonen von Rövershagen zu dem sehr mäßigen Preise von 10 Mark jährlich aus dem Grunde überlassen war, weil sie die Dotation der Pfarre daselbst mit 1 1/2 Hufen aus eigenen Mitteln beschafft hatten; auch die Schulzenhufe enthielt 1 1/2 Hufen. Während nun die Aufmessung der Hufen ohne das Ueberland einen von 6700 □Ruthen bis 7300 □Ruthen wechselnden Flächeninhalt ergeben hat ist die Pfarrhufe ohne Ueberland zu 12,095 □Ruthen, die Schulzenhufe zu 10,646 □Ruthen vermessen worden. Ob bei diesen Ungleichheiten eine verschiedene Bonität der Ackerflächen bei der anfänglichen Zumessung zur Berücksichtigung gekommen, ob Gräben, Wege, Wasserlöcher abgerechnet worden, oder ob wir es nur mit den Unvollkommenheiten des Meßverfahrens zu thun haben, muß dahingestellt bleiben; jedenfalls entspricht das Bild, welches die Directorialkarte von Rövershagen gewährt, im Großen und Ganzen der im alten Rostocker Kämmerei=Register gegebenen Beschreibung der Hägerhufen. Wenn es nun in demselben weiter heißt: qui mansi longitudinem habebunt septem jugerum et dimidii versus nemus, so können wir im Beihalte der aus der Directorialkarte sich ergebenden Maße die Länge und Breite eines Morgens und den Flächeninhalt einer Hufe berechnen. Zunächst ergiebt der vermessene Gesammtflächeninhalt der fraglichen 10 Bauerhufen, 1 1/2 Pfarrhufen, 1 1/2 Schulzenhufen, zusammen also von 13 Hufen - ohne das Ueberland - 93,177 □Ruthen, wozu für kleinere, besonders vermessene Figuren innerhalb der Hufen noch ein Geringes hinzukommt. Wir können also den durchschnittlichen Flächeninhalt der Hägerhufe auf 7200 □Ruthen mit ziemlicher Genauigkeit annehmen. Die Breiten=Dimensionen der einzelnen ganzen Hufen variiren nach der Directorialkarte von 22 Ruthen bis 30 Ruthen, die Längen=Dimensionen entsprechend von 240 Ruthen bis 330 Ruthen; als mittlere Zahl nach welcher das Kämmereiregister gerechnet haben wird, ergeben sich für die Breite 24 Ruthen, für die Länge 300 Ruthen, also für jede Hufe wiederum 7200 □Ruthen. Haben daher in der Längsrichtung 7 1/2 Morgen hinter einander gelegen, so erhalten wir für den Morgen eine Länge von 40 Ruthen, eine Breite von 6 Ruthen, einen Flächeninhalt von 240 □Ruthen für den Morgen,

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gleich 4 Scheffeln Rostocker Maß Aussaat, und 30 Morgen für die Hägerhufe. - Dies also scheint die mensura, qua metiri solent indagines, wenigstens für die Rostocker Hägerhufen gewesen zu sein; die Ruthe ist die 16füßige meklenburgische (virga, que vulgariter dicitur metrode, habens in longitudine XVI pedes, U.=B. VIII, S. 431). - Die per funiculum zugemessene Hägerhufe war größer als eine gewöhnliche Bauerhufe; wir werden später sehen, daß die letztere im Lande Stargard, und wohl auch in anderen Theilen unseres Landes, nur etwa zwei Drittel einer Rostocker Hägerhufe befaßte, und daß die Frage, wie viel Morgen Ackers man auf eine gewöhnliche Bauerhufe zu rechnen habe, wesentlich davon abhängt, wie man den Morgen bestimmt, also ob man, wie das Geveziner Kirchenrechnungsbuch 2 Scheffel großes Maßes, oder wie in Rostock 4 Scheffel kleines Maßes an Einsaat auf den Morgen rechnete. Eine praktische Bedeutung hat diese Frage, wie schon aus Obigem erhellt, zunächst nur für die Hägerhufen.

Die Besitzer derselben standen den übrigen bäuerlichen Besitzern insofern gleich, als sie der Gerichtsbarkeit des Grundherrn, von welchem sie ihr Recht ableiteten, unterstanden (U.=B. IV, S. 219, Ao. 1268); ferner gleich in Bezug auf die Benutzung von Wiese, Weide, Wald und Torfstich. Ihre Leistung konnte erhöht werden, wenn sie im Laufe der Zeit mehr Land für den Ackerbau oder sonstige private Nutzung in Besitz genommen hatten, als ihnen zugemessen war, was gerade bei den Hägerhufen häufig vorkommen konnte.

Wurden Hägerhufen auf geistlichem fundus errichtet, so bestand die Leistung, wie wir gesehen haben, wesentlich in der Zehntpflicht; grundbesitzende Laien, selbst der Landesherr, konnte Hägerhufen und Dörfer nach der Natur der Sache nur auf zehntfreiem Boden errichten. Daß in unseren Gegenden der Zehnte im Laufe des Mittelalters durch Infeudation und sonstigen Vertrag in die Hand der grundbesitzenden Laien zum größten Theil übergegangen war, ist schon oben bemerkt worden.

Auf zehntfreiem Boden, der nicht zugleich bedefrei gemacht worden, handelte es sich zunächst um das Aequivalent der fürstlichen Rechte, die ordentliche Bede. In dieser Beziehung sind die Urkunden vom 30. März 1320 und vom 22. Mai 1328 im U.=B. VI, S. 519; VII, S. 551, besonders lehrreich.

Die Pöler Dörfer und Hufen nebst sieben Dörfern auf dem benachbarten Festlande waren im Jahre 1318 vom Fürsten Heinrich II. von Meklenburg den Rittern von Plessen, von Preen,

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von Stralendorf mit allen fürstlichen Rechten für Schuld zu vollem Eigenthum übertragen (appropriata et dimissa cum mero et vero domimo, U.=B. VI, S. 387). Im Jahre 1320 verkaufen die genannten domini an Lübische Bürger 5 Hufen in Timmendorf, worunter sich 2 Hainhufen oder Hägerhufen befanden, für 164 Mark Lübisch. Die Leistungen der Hufen werden aufgeführt und betragen für jede Hägerhufe 11 1/4 Scheffel Hartkorn und 4 1/2 Schilling Lübisch, für jede der übrigen 3 Hufen 23 3/4. Scheffel Hartkorn und 4 1/2 Schilling Lübisch. Außerdem wird den Käufern verkauft die ordentliche Bede (precaria) für 120 Mark Lübisch, "in qua precaria pro suo libito voluntatis perfruendo posse plenum habebunt, sicut hactenus nos et ante nos nobilis dominus noster Magnopolensis dinoscitur habuisse"; gegen diese Zahlung, also 24 Mark Lübisch pro Hufe, werden die Käufer und deren Colonen befreit erklärt von allen "onera serviciorum, laborum seu vectigalium, nec ad aliqua violentarum exactionum, prestationum seu precariarum gravamina in perpetuum adstringentur"; nur den Käufern gegenüber sollen den Colonen diese Verpflichtungen in Zukunft nach obliegen. - Im Jahre 1328 verkaufen dieselben Verkäufer an einen der früheren Käufer wiederum 7 Hufen in Timmendorf, worunter gleichfalls 2 Hainhufen; der Kaufpreis beträgt 270 Mark Lübisch; außerdem werden verkauft für 200 Mark Lübisch die vorgedachten fürstlichen Rechte, und wird mit den Colonen selbst ein Ablösungs=Vertrag geschlossen. Werden hierbei nun die Pachtleistungen der erstgenannten 5 Colonen zum Grunde gelegt, wie nach Inhalt der Urkunde undedenklich geschehen kann, so beträgt die jährlich von den Colonen, mit Einschluß der Hagenbauern, zu zahlende Ablösungssumme für die ordentliche Bede 30 Schilling Lübisch pro manso, dem Werthe nach gleich ebenso viel Scheffeln Hartkorn.

Wir ersehen hieraus, daß es außer den Hagendörfern auch vereinzelte Hagenhufen in anderen Dörfern gab, und daß, wenn der Landesherr der Grundbesitzer war, an die Stelle des geistlichen Zehnten in den Kloster=Dörfern die ordentliche Bede oder deren Geldwerth trat. Und wenn oben der Betrag des Zehnten für die Klosterhufen bei Neukloster auf 24 Scheffel Hartkorn angegeben worden sind, so erhellt, daß die landesherrliche ordentliche Bede diesen Werthbetrag noch überstieg und die volle Hälfte von dem Pachtwerth der Hufe für sich in Anspruch nahm. -

Bevor wir nun zu den Rechtsverhältnissen der übrigen bäuerlichen Besitzer, welche der landesherrlichen oder einer ritterschaftlichen Grundherrschaft unterworfen waren, übergehen, ist im An=

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schluß an das über die Hägerhufen Beigebrachte noch einer damit verwandten Erscheinung zu gedenken.

Einzelne Bauerhofsbesitzer oder ganze Bauerschaften erwerben durch Kauf oder sonstigen onerosen Titel das erbliche Besitzrecht, die hereditas, an ihren Hufen von ihren Grundherren; sie erkaufen für sich und ihre Nachkommen die Befreiung von der Nachmessung und die Unveränderlichkeit ihrer derzeitigen Leistungen; sie schließen wegen einzelner Leistungen Fixirungs=Verträge mit ihren Grundherren, welche perpetuis temporibus gelten sollen; sie erwerben Berechtigungen in Bezug auf Holz= und Torfnutzung durch förmlichen Vertrag, in einzelnen Fällen auch die Befugniß zu Eigenthums=Dispositionen durch Verkauf; die Befugniß, den Bauerhof selbst zu verkaufen, wird in der in den Jahrbüchern VII, S. 306 abgedruckten Urkunde vom Jahre 1507 als Einräumung des Bauerkaufes im Gegensatz zu dem rechten Landkauf (U=B. XIII, S. 470) bezeichnet. In allen diesen Fällen werden die bäuerlichen Leistungen, welche unabänderlich auf der Hufe ruhen sollen, genau bestimmt.

Man kann nicht sagen, daß durch die Zugestehung des erblichen Besitzrechtes oder der Unabänderlichkeit der Leistungen die Besitzer schon das volle dingliche Recht der Hägerhufen, wie solches aus dem Rostocker Stadtbuche (U.=B. V, S. 502) entgegentritt, erworben hätten. Denn wir sehen, daß die Befugniß zu Eigenthums=Dispositionen, insbesondere zum Verkauf der Hufen oder zugehöriger Gerechtsame, besonders erworben und zugestanden sein mußte. Da die Frage ob und in welchem Umfange ein erbliches Besitzrecht der Bauern an ihren Hufen anzunehmen sei, für die Folgezeit eine bedeutende Rolle spielt, so lassen wir einzelnes hierauf Bezügliche, was theilweise schon im Obigen berührt ist, aus dem Urkundenbuche folgen.

U=B. II, S. 222. In dem Verzeichniß der Präbenden des Domcapitels zu Lübeck vom Jahre 1263 heißt es bei Johannsdorf (bei Dassow) und Fährdorf (auf Pöl): hereditas est colonorum; bei Seedorf (unweit Benkendorf): hereditas dicitur esse colonorum.

U.=B. II, S. 239. In dem Verzeichniß der Vicarien in der Domkirche zu Lübeck vom Jahre 1264: bei 2 mansi auf Pöl hereditas est rusticorum. In Fährdorf haben die vicarii die hereditas von 4 3/4 Hufen; sie haben daher die Befugniß "hujusmodi hereditatem locandi, cum placuerit, pro ampliori." In Bleese, Amts Gadebusch: "hereditas est rusticorum"; dagegen haben die vicarii auf Pöl "prope ecclesiam" (Kirchdorf) "2 mansi, quorum hereditas libera est vicariorum."

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Urk.=Buch II, S. 419. Im Jahre 1271 bezeugen Abt und Convent in Dargun, daß mit den Bauern zu Polchow (cum civibus de Polchowe) dahin Vereinbarung getroffen sei, daß die Dorfschaft für alle Zeiten aus 10 zinspflichtigen und 2 zinsfreien Hufen bestehen, und die Hufen keinerlei Nachmessung unterworfen sein sollen (ipsi mansi sic sub numero tantummodo 12 mansorum ipsis [civibus] perpetuo perseverent). Der Census von jeder Hufe wird auf 48 Scheffel Hartkorn, 2 Schillinge pro porco (für die Mast) und für die decima minuta auf 1 Huhn und 1 ligatura lini bestimmt.

U.=B. III, S. 635. Die Herren von Büren zu Prebberede verkaufen im Jahre 1296 ihren civibus fidelissimis daselbst den zum Dorf gehörigen Acker mit dem Ueberschlag für 70 Mark, unter Auferlegung einer Hufen=Abgabe (pro pensione et censu) von 65 Scheffeln Hartkorns, 4 Schillingen de censu porcorum, quod vulgare suinscult dicitur, 1 top lini, von jedem Hause 1 Huhn. Ausgenommen vom Verkaufe sind die Mühle, die Fischerei, der Wald. Wer von den Verkäufern in Zukunft in Prebberede wohnen will, kann nihil mansionis ibidem obtinere, nisi quod propriis denariis emere sibi posset; wenn aber einer derselben oder deren Erben zufällig dort übernachten muß, so hat ihn der magister civium, auch burmester genannt, aufzunehmen, wogegen ihm ein Erlaß von 4 Scheffeln Roggen, 4 Scheffeln Gerste und 4 Scheffeln Hafer an dem Zins (census) zugestanden wird. - Im Jahre 1311 (U.=B. V, S. 573) erwerben die Bauern daselbst von denselben Verkäufern auch die in dem privilegio primo von 1296 noch vorbehaltenen Gegenstände durch Kauf, pro se et suis successoribus jure hereditario libere perpetuo possidendum. Doch wird die den Bauern eingeräumte Befugniß, unum juger cespitum vendere, cui volunt, besonders erwähnt.

U.=B. VI, S. 261. Das Kloster Dargun verkauft im Jahre 1317 seinen Bauern in Walkendorf den ususfructus der Walkendorfer Waldung, begiebt sich der Befugniß, zum Verkauf Holz fällen zu lassen, oder anderweitig über die Substanz zu verfügen, sichert Befreiung von der Nachmessung für alle Zeiten zu, sowie die Unveränderlichkeit der census vel pensiones; prout nunc distincti sunt agri ipsorum et mansorum distinctiones, sic eos ipsi et ipsorum posteri tempore possideant sempiterno. Der Kellermeister (cellerarius) des Klosters mit Zuziehung von vier Bauern, welche die Dorfschaft aus sich erwählt, hat die ordnungsmäßige Ausübung des ususfructus an der Waldung zu über=

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wachen. Für diese Gerechtsame hat die Dorfschaft 200 Mark gewöhnlicher Münze bezahlt.

U.=B. VII, S. 232. Die Fürsten von Werle geben im Jahre 1325 der Stadt Waren das Eigenthum des Dorfes Glewest, mit der näheren Bestimmung: "wenn sie - Rathmannen und Stadtgemeinde - ausgekauft haben die Erblichkeit der Einwohner dieses Dorfes, dann mögen sie die Erblichkeit zerbrechen und gründlich zerstören, so daß das Dorf und das dabei Gelegene ewig wüst bleiben soll."

U.=B. X, S. 126. Die Herren von Gubkow verkaufen im Jahre 1347 den viris discretis universis et singulis villanis seu colonis in villa Pranghendorp commorantibus, Unterthanen des Klosters Doberan, dimidium mansum cespitum, qui vulgariter dicitur torfmur, für 38 Mark Sundisch zum Ausstechen, mit der näheren Bestimmung, daß die verkaufte Fläche 20 jugera enthalten solle, und daß die vorgenannten villani suique heredes et successores possidere et exfodere debent et debebunt ad tanti temporis duracionem, quousque dictus dimidius mansus sespitum funditus - fuerit exfossus. Wenn dies geschehen, dann soll der fundus an die Verkäufer und deren Erben zurückfallen. Auf die Zusicherung, daß der dimidus mansus sespitum 20 Morgen enthalten solle, wird später zurückzukommen sein.

Lisch, Jahrbücher VII, S. 306. Hermann von der Lühe überläßt im Jahre 1507 den Bauern Martin und Heinrich Ilow den Burgwall zu Ilow für sich, ihre Erben und Nachkommen, zu brauchen, zu besitzen und besitzen zu lassen, gegen einen jährlichen Zins und 13 Tage Dienst im ganzen Jahr, mit der Nebenbestimmung, daß die Käufer auch den "Bauerkauf davon haben sollen", und daß der Zins und die Dienste niemals erhöht werden dürfen.

U.=B. XIII, S. 9. Busse von der Dolle auf Badresch verkauft im Jahre 1351 an die Söhne des früheren Schulzen zu Badresch, Gerke und Nanne Evert und deren rechte Erbnehmer, den daselbst belegenen bomgarden nebst anstoßendem Werder, 4 Hufen enthaltend, mit Antheil an der Hölzung, und wird von Seiten des Verkäufers außer dem Vorkaufsrecht bedungen eine Recognitionszahlung (to ener urkunde) von 8 wendischen Schillingen jährlich. - Unter den Nachkommen der Käufer entstehen Streitigkeiten über ihre Antheile am Baumgarten, welche von den Nachkommen der Verkäufer im Jahre 1514 dahin geschlichtet werden, daß der eine Theil für sich und seine leiblichen Erben 2 Hufen und die Hälfte des Holzes in Besitz und Gebrauch behalten soll;

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wenn sein Geschlecht ausgestorben, soll das vorbenannte Gut ungetheilt und unverkauft dem Geschlechte der Hanneken Evert zufallen.

U.=B. IX, S. 607. Bei dem Verkaufe der Dörfer Seedorf, Brandenhusen und Weitendorf und von 3 Hufen zu Wangern auf Pöl Seitens der Ritter von Stralendorf an das Heil. Geist=Hospital zu Lübek im Jahre 1344 ist mit den coloni dictarum villarum et mansorum vereinbart (bona et libera voluntate arbitrati sunt), daß sie außer ihrem gewöhnlichen census jährlich von jeder Hufe loco precarie duas marcas den. Lub. - perpetuis temporibus dare debeant expedite.

U.= B. XIII, S. 696. Im Jahre 1355 überläßt Herzog Johann von Meklenburg=Stargard an Vicke Mund ein Drittel der Bedehebungen aus dessen 29 Hufen in Beseritz; die Bede wird von 30 Schillingen Brandenburgisch auf 20 für die Hufe gemindert: die geminderten 10 Schillinge soll Vicke Mund jährlich von den Bauern, die zu den Hufen gehören, erheben, also lange, bis sie ihm oder seinen Erben diese 10 Schilling Bede abgelöst haben. - 1 Schilling Brandenb. wird für jene Zeit gleich 2 Schilling wendisch und gleich 1 Scheffel Hartkorn großen Maßes zu rechnen sein.

Diese Beispiele werden sich durch eine Nachlese aus dem Urkundenbuche leicht vermehren lassen; wir ersehen daraus, daß sich im Laufe des Mittelalters in einem weiten Umfange erbliches Recht und dingliche Berechtigungen an den Bauerhufen ausgebildet hatten, daß jedoch diese Berechtigungen nur durch Verträge mit der Grundherrschaft erworben werden konnten. -

Wir haben jetzt noch einen Blick zu werfen auf die Rechtsverhältnisse der großen Masse der übrigen bäuerlichen Besitzer, welche im Bereiche der landesherrlichen Vogteien und der ritterschaftlichen Güter angesessen waren und weder Hägerhufenrecht, noch erbliche Berechtigung erworben hatten.

Hier ist vor Allem Gewicht darauf zu legen, daß bei der deutschen Colonisation eine starke, in einzelnen Gegenden (außerhalb der Grafschaft Schwerin) wohl überwiegende wendische Bevölkerung auf dem platten Lande zurückblieb, welche, abgeschnitten von ihren Stammesgenossen und rings umgeben von deutschen Städten und deutschen Colonisten, sehr bald deutsche Sprache, Sitte und Familiennamen annahm und mit der deutschen Bevölkerung im Laufe der nächsten Jahrhunderte völlig verschmolz. Nur in den Städten machte sich der Unterschied beider Nationalitäten noch lange Zeit hindurch, bis in die Neuzeit hinein, geltend, für die ländliche Bevölkerung bestanden ähnliche Hindernisse, wie sie sie

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z. B. das Zunftwesen der Städte mit sich brachte, nicht; wurden wendische Bauern zu deutschem Rechte, jure Teutonico, angesetzt, also zehnt= und zinspflichtig gemacht, so kamen sie in eine den deutschen Colonen völig gleiche Rechtslage.

Helmold in seiner Slaven=Chronik II, Cap. 14 berichtet, daß, nachdem Heinrich der Löwe seinen Frieden mit Pribislav gemacht, das ganze Slavenland bis nach Schwerin, olim insidiis horrida et pene deserta, jetzt mit Gottes Hülfe fast in eine einzige sächsische Colonie verwandelt sei: Pribislav habe die Burgen Meklenburg, Ilow und Rostock erbaut, beziehungsweise wieder aufgerichtet, und habe in deren Bereich die slavischen Völker angesiedelt (in terminis eorum collocavit). Für den den wendischen Landesherrn verbliebenen Machtbereich ist nach Wiederherstellung des Friedens an eine weitere Rückwanderung der durch langjährige Kriege schon stark gelichteten wendischen Bevölkerung nicht zu denken; deutsche Colonisten schoben sich überall ein, wo es galt, ertragsfähiges Land dem Boden abzugewinnen und urbar zu machen, oder wo die wendische Bevölkerung zur Besetzung der Dörfer nicht ausreichte und nicht hinreichend leistungsfähig sich auswies. Die letztere wurde dann oft auf einem besonderen Theil der Dorffeldmark angesiedelt, und entstanden alsdann zwei besondere Ortschaften desselben Namens neben einander, welche nach Größe oder Nationalität ihrer Bewohner unterschieden wurden. Man sieht, wie sehr hierdurch einerseits eine Verschmelzung beider Nationalitäten durch Umwandelung der wendischen Elemente gefördert wurde; andererseits ist klar, daß sich der deutschen Colonisation von Anfang an ein Element zugesellte, welches der weiteren Entwickelung deutsch=rechtlicher Institutionen im Bauernstande nicht förderlich war.

Wir geben auch hier einige Belegstücke aus dem Urkundenbuche.

Der Bischof Dietrich von Lübek, zu dessen Sprengel die Insel Pöl gehörte, beurkundet im Jahre 1210 (U.=B. I, S. 187), daß diese Insel bisher noch von Slaven bewohnt gewesen, daß aber propter penuriam et paucitatem hominum gentis illius eam (insulam Poele) excolere non valentium der Fürst Heinrich von Meklenburg (Borwin) deutsche Colonen auf derselben angesammelt habe; der Fürst habe für diese Colonen beharrlich der Unterwerfung derselben unter die Zehntpflicht sich widersetzt. In Erwägung nun, tutum non esse cum eo, qui haberet sociam multitudinem, contendere, habe sich der Bischof auf Vergleich eingelassen: ut aliqua in pace obtineremus, aliqua contemnenda putavimus. Es sei daher, nach Berathschlagung mit dem Schweriner

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Bischof, dem Doberaner Abt und dem eigenen Capitel, die eine Hälfte der von den deutschen Colonen zu erhebenden Zehnten dem Fürsten zu Lehn gegeben, außerdem für 12 Hufen die Zehntpflicht duch lehnsweise Uebertragung ganz aufgegeben.

Das Dorf Brüsewitz, Amts Schwerin, ist noch im Jahre 1220 von Slaven bewohnt. Als in diesem Jahre der Graf Gunzel von Schwerin dieses Gut seiner Gemahlin Oda schenkt, verleiht er den Slaven ipsam villam inhabitantibus et postmodum inhabitare volentibus das jus Teuthonicale; 3 mansi werden jure feodali ausgethan, damit die Inhaber - als Dorfschulzen - darüber wachen, ut ipsius ville Slavi de bonis suis diligencius responderent. (U.=B. I, S. 250.)

Fürst Heinrich von Meklenburg verleiht im Jahre 1315 dem Kloster Doberan die vollen Eigenthumsrechte mit der hohen und niederen Gerichtsbarkeit über die slavischen Dörfer Stülow und Hohenfelde und bestimmt in der Verleihungs=Urkunde, quod omnis ordinatio jurisdictionis in predictis villis debet esse et fieri jure Slavicali, prout antiquitus Slavi usi fuerunt. (U.=B. VI, S. 134.)

Eine Anzahl von Slaven zu Jatzke, Kreis Stargard, nehmen gegen das Kloster Broda im Jahre 1330 die curia Jazke nomine hereditario in Anspruch. Sie werden durch Zahlung von 45 Mark wegen dieser ihrer Ansprache abgefunden (U.=B. VIII, S. 145).

Noch ist Bezug zu nehmen auf die vielbesprochene Urkunde vom 14. Novbr. 1221 (U.=B. I, S. 261 und Codex Pomeran. dipl. I, S. 310), durch welche zwischen dem Fürsten von Rügen und dem Bischof von Schwerin die Zehntpflicht von Deutschen und Wenden im Lande Tribsees und die fürstlichen Antheile am Zehnten regulirt werden; es wird dabei unterschieden zwischen den Slaven, welche den Deutschen ihre Aecker abgetreten haben und weiter zurückgewichen sind, und denjenigen, welche adhuc cum Teuthonicis resident.

Das jus Teuthonicale, welches für die deutschen Colonen galt und in welches die Slaven durch Verleihung eintraten, äußerte sich nun hauptsächlich in den nachstehenden Beziehungen:

1. in der Rechtssprechung nach deutschem Rechte und deutschem Gerichts=Verfahren durch den landesherrlichen Vogt in dem öffentlichen Landding; von der Verpflichtung, im Landding (commune terrae placitum) zu erscheinen, werden die Bauern in den geistlichen und ritterschaftlichen Besitzungen im weitesten Umfang befreit, durch Uebertragung der Gerichtsbarkeit auf die Grundherren; die niedere Gerichts=

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barkeit gehört zum jus vasallicum; die höhere, das jus manus et colli, ist Gegenstand zahlreicher Special=Verleihungen. (U.=B. II, S. 553, 554, Privileg der Mannen und Geistlichen des Landes Gnoien und der Herrschaft Güstrow.) Das deutsche Compositionensystem gestaltete die Strafgerichtsbarkeit zu einer ergiebigen Einnahmequelle.

2. Hiermit im Zusammenhang steht, daß die bäuerlichen Besitzer alle unmittelbare Berührung mit der öffentlichen Gewalt verloren und Hintersassen (subditi) ihrer Grundherren wurden. Von der Grundherrschaft hat der Colon sein Besitzrecht abzuleiten, er untersteht ihrer Gerichtsbarkeit; sie bewilligt für ihn die außerordentliche Bede, welche in besonderen Fällen - zum Abtrag fürstlicher Schulden, zur Kehrung von Landesnoth, zur Aussteuer fürstlicher Töchter, endlich bei Ertheilung der Ritterwürde an einen fürstlichen Sohn - vom Landesherrn gefordert wird und ohne Bewilligung nicht erhoben werden darf. Zur Landes=Vertheidigung müssen sie sich allemal zur Verfügung stellen, wenn sie dazu aufgeboten werden, von sonstigen fürstlichen Diensten, welche auch nach der nova plantatio den bäuerlichen Besitzern noch obliegen, insbesondere von Burg= und Brückendienst, können sie durch ein besonderes Privileg entbunden werden.

3. Ihre Leistungen gegen den Grundherrn bestehen in einem festen Zins (census) und in gemessenen Diensten, wenn solche besonders vorbehalten waren, was nicht immer der Fall war. Der census wurde meistens in dem dreifachen Korn - Roggen, Gerste, Hafer - entrichtet; das Bestreben der Grundherrschaften war auf Umwandlung in Geld, wenigstens zu einem Theile, gerichtet, um die Versilberung und das Verfahren des Korns von sich abzuwälzen. Die Verpflichtung zu Diensten nimmt anfänglich, wie wir schon bei Neukloster gesehen haben, eine untergeordnete Stelle ein; sie war Gegenstand des Verkaufes und der Ablösung. So werden die dem v. Hagen zustehenden Dienste in Küssow von 4 mansi im Jahre 1322 mit Vorbehalt des Rückkaufes für 20 Mark an das St. Johannis=Kloster zu Lübeck verkauft, was nach damaligem Zinsfuß einem Werthbetrage von 8 Schillingen pro Jahr und Hufe entspricht (U.=B. VIII., S. 322). - Nebenabgaben werden entrichtet pro porcis, für Schweinemast in den Gutswaldungen, und pro dorland, terra arida, nicht umgebrochenes Land, was gewöhnlich Käthnern und sonstigen außerhalb der Hufen angesetzten Leuten zur Ausnutzung überlassen wird.

4. Ihr Besitzrecht an den Hufen kann nur als ein kündbares Nutzungsrecht, mit Zins- und Dienstpflicht, bezeichnet werden, so

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lange sie nicht von der Grundherrschaft die Erbzinsgerechtigkeit, die hereditas, in irgend einer Form erworben haben. Wir beziehen uns dieserhalb auf das oben wegen Verleihung erblicher und dinglicher Rechte schon Beigebrachte, und treten daher insoweit in Widerspruch zu den früheren Darstellungen, insbesondere bei Hegel Geschichte der Meklenb. Landstände (1856), S. 45, und Balck, Domaniale Verhältnisse (1864), S. 106, wonach als ursprüngliches Besitz=Verhältniß der Bauern an ihren Hufen die erbliche Leihe angenommen wurde. Nachdem das meklenburgische Urkundenbuch und die sonstigen neueren Publicationen von Urkunden=Material einen tieferen Einblick in die bezüglichen Verhältnisse gestattet haben, ist schon von Balck, Finanz=Verhältnisse u. s. w. (1877), Band I, S. 82 bis 90 das Richtige zur Darstellung gebracht. Es ist eben in Meklenburg aus verschiedenen (theilweise schon angedeuteten) Gründen nicht zu der Entwickelung gekommen, welche andere umliegende Länder, namentlich diejenigen, aus welchen die deutsche Colonisation der Ostseeprovinzen ihren Ursprung genommen, aufweisen, nämlich zu einer Fortbildung und Befestigung der Erblichkeits=Verhältnisse, für welche das Mittelalter in weitem Umfange die Anfänge geschaffen hatte; kein gesetzgeberischer Act nach dieser Richtung ist in Meklenburg bis zu den Reversalen von 1621 sub XVI erfolgt. Durch diese wurde die dem Landesrecht entsprechende Regel der Kündbarkeit nulla vel immemorialis temporis detentione obstante aufrecht erhalten und eingeschärft, und nur der Beweis einer Erbzinsgerechtigkeit, eines jus emphyteuticum und dergleichen dem Einzelnen freigelassen.

Es ist schon von Balck a. a. O. S. 90 mit Recht bemerkt, daß es zur Zeit der Reversalen wohl nur wenigen Bauern gelungen war, aus dem Elend der vergangenen Jahrhunderte ihre Besitzes=Urkunden zu retten.

5. Auch die Anfänge einer Gemeinde= Verfassung sind durch die gemeinschaftliche Nutzung von Wiese, Weide und Wald und durch die Einsetzung des Schulzenamtes gegeben; es sind jedoch diese Anfänge nicht zu einer nachhaltigen Entwickelung gelangt. Dem Schulzen stand überall eine niedere Gerichtsbarkeit zu, welche er ohne Zuziehung von Dorfgenossen nicht ausüben konnte; nach dem Privileg für die Mannen im Lande Gnoien und in der Herrschaft Güstrow vom Jahre 1276 (U.=B. II, S. 553) soll der Hintersasse der Ritterschaft und der Geistlichkeit allemal zuächst coram domino suo, sub quo residens est, vel suo villico, belangt werden; wir sehen aber, daß die Schulzen sehr bald in die Stellung herrschaftlicher Beamten, welche nur die Erhebung des

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Zinses und die Leistung der Dienste zu besorgen haben, zurücktreten. Andererseits findet sich seine Spur der dem bäuerlichen Familienrechte angehörigen Rechtsinstitute eines Anerben= und Altentheils=Rechtes, der Abfindung u. s. w., durch welche die Lebensfähigkeit des Bauernstandes bedingt wird, und welche bei den Ratzeburger Bauerschaften zur vollen Entwickelung gelangt sind.

So sehen wir denn gegen Ende des Mittelalters mit dem Eintritt der entsprechenden großen Veränderungen in den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen die Bauerschaften in dem übrigen Meklenburg mehr und mehr in die Stellung gedrängt, welche die Glosse zum Sachsenspiegel III, 45 (bei Kraut, Grundriß, 5. Ausgabe, S. 452, unter 28) den Meiern und Hofleuten anweist, welchen man ein Gut austhut; sie sind "auf dem Gute gleich als Gäste, kommen darauf und ziehen wieder davon, nach der Erbherren Willen und Geheiß." Zwar bestand neben den zahlreichen Fällen eines erblichen Besitzrechtes an den Hufen eine factische Erblichkeit im weitesten Umfange; denn der zinspflichtige Colon war regelmäßig Eigenthümer der Hofwehr und hatte Eigenthumsrecht an den von ihm hergerichteten Gebäuden; er mußte also in Kündigungsfällen entschädigt werden, es mußte eine neue Hofwehr beschafft und ein leistungsfähiger neuer Colon gewonnen werden. Aber diese Erschwerungen hinderten die Kündigung nicht, wenn es sich darum handelte, die herrschaftliche curia durch Zulegung von bäuerlichen mansi zu vergrößern und wirthschaftlich selbständig zu machen.

Wir treten damit in die Periode der Bildung des Großgrundbesitzes, zu welchem der bäuerliche Hufenbesitz das Material hergeben mußte. Mit diesem Momente trat auch eine gänzliche Veränderung in der Stellung der übrigbleibenden bäuerlichen Besitzer ein; an die Stelle der Zinspflicht trat die Dienst= und Frohnpflicht zum herrschaftlichen Hofe, wenigstens zum größeren und überwiegenden Theile. Durch die Veränderung der Kriegs =Verfassung und des Hofdienstes fanden die Lehnsleute sich darauf angewiesen, festen Wohnsitz auf ihren Gütern zu nehmen und ökonomischer Beschäftigung sich zu widmen; zu Kriegsdiensten wurden sie im 16. Jahrhundert nur selten, und hernach bald überhaupt nicht mehr aufgeboten, und im Rathe der Fürsten nahmen die Rechtsgelehrten ihren Platz ein. Es wurde jetzt auf Grundlage des Kündigungsrechtes Alles den veränderten Verhältnissen entsprechend eingerichtet; mehrere Hufen, oft 3 bis 4, wurden in eine bäuerliche Hand gelegt, um die Leistungsfähigkeit für die Hofdienste herzustellen, und daneben einen, wenn auch abgeminderten census,

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zu conserviren. 1 ) Im Verlaufe dieses Processes wird allmählich etwa die Hälfte der Bauerhufen dem Hofacker beigelegt; das ist der Zustand, welchem wir zur Zeit der Landes=Vermessung auf einer großen Zahl von ritterschaftlichen Gütern begegnen.

In diese Entwickelung fällt nun ein anderes Moment, welches die letzten Reste der Selbständigkeit des Bauernstandes beseitigen mußte: die regelmäßig wiederkehrenden und steigenden steuerlichen Anforderungen der landesherrlichen und der Reichsstaatsgewalt. Ritterschaft, Klöster und Städte konnten sich in den meisten Fällen einer Bewilligung, wie sie der Landesherr forderte, nicht entziehen, da für die Reichserfordernisse und für die bereits oben bezeichneten Fälle das jus collectandi der Landesherren mehr und mehr zur Geltung kam: aber der modus der Aufbringung war durch die inzwischen eingetretenen Veränderungen in eine unheilbare Verwirrung gerathen. Die Ritterschaft machte geltend, daß der modus der alten Landbede, also die Realsteuer nach Bauerhufen und städtischen Erben, für alle Theile der allein verfassungsmäßige und gesetzliche sei; sie bezog sich auf ihre alten Privilegien, wonach für den Fall einer allgemeinen Landbede die sub cultura dominorum befindlichen Hufen steuerfrei sein sollten: sie hielt im Principe fest an dem Grundsatze der Abwälzung der Steuerlast auf die bäuerlichen Hintersassen, für welche sie die Steuer bewilligte. Aber es fehlte an einer gesetzlichen Bestimmung über das zulässige Maß der Umwandlung von Bauerhufen in Hofhufen, wie solche in andern Ländern getroffen war; der Landesherr wollte das Privileg nur für die Zahl der ursprünglich zum Rittersitz gehörigen Hufen zugestehen, welche in den meisten Fällen sich jeder sicheren Ermittelung entzog. Andererseits gerieth die Ritterschaft in Conflict mit den Städten, welche mit ihrem Erbenmodus der wachsenden Steuerlast nicht mehr genügen konnten und sich über Prägravation durch die für ritterschaftliche Hofhufen beanspruchte Steuerfreiheit zu beklagen hatten. Die von Fall zu Fall von den Städten bewilligten Consumtionssteuern riefen den Widerspruch der Ritterschaft hervor, da die Gutserzeugnisse indirect hierdurch mit ergriffen wurden. Und wenn auch von der Ritterschaft nicht bestritten werden konnte, daß von ihr ein besonderer steuerlicher Zutrag wegen der wegfallenden Kriegsdienste zu leisten sei, so hatte doch eine Feststellung der Ritterpferdgelder um so größere Schwierigkeiten, als einer beträchtlichen Zahl von ritterschaftlichen Gütern die Verpflichtung zum ser-


1) Vgl. das Amtsbuch der Comturei Nemerow vom Jahre 1572, Jahrbücher IX, S. 88.
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vitium dextrarii durch besonderen Vertrag vom Landesherrn erlassen war.

Die Darstellung dieser Streitigkeiten und der dadurch verursachten Wirren fällt außerhalb des Bereiches unserer Aufgabe und gehört der neueren Geschichte an. Zwei Jahrhunderte hindurch war man unausgesetzt bemüht, einen neuen modus für die Anlegung von Realsteuern, im Anschluß an die alte bäuerliche Hufen=Verfassung, welche in Trümmer zerfallen war, zu finden. Alle diese Versuche mißglückten. Es mag an dieser Stelle als besonders bezeichnend nur noch hervorgehoben werden, daß man schließlich dahin gelangte, auf das der alten wendischen Hakenhufe zum Grunde liegende Princip zurückzugreifen und die Realsteuern nach der Zahl der bespannten Haken, gleich gut ob Hofhaken oder Bauerhaken, anzulegen. Nach solchem Hakenmodus wurden im Stargardschen Kreise alle Landes= und Kreis=Anlagen, sowie der Zutrag zur ordentlichen Contribution bis zur Publication des neuen ritterschaftlichen Hufen=Catasters erhoben.

Ihren Abschluß fand diese Periode erst, nachdem man sich über völlig neue Grundlagen für das Steuerwesen geeinigt hatte; für die Ritterschaft im Wege einer allgemeinen Landes=Vermessung und Bonitirung, für die Städte durch Einführung einer Consumtions= und Handelssteuer, neben welcher der alte städtische Erbenmodus in eine untergeordnete Stellung zurücktrat.

Um das vorstehend gezeichnete Bild zum Abschluß zu bringen, ist nur noch hinzuzufügen, daß die Theorie von der Leibeigenschaft und der glebae adscriptio der Gutsunterthanen im engsten Zusammenhange stand mit der Bildung des Großgrundbesitzes in der Ritterschaft, der Pachthöfe in den landesherrlichen Domainen. Der Bauerstand war durch die Umwandlung der Zinspflicht in eine Dienst= und Frohnpflicht mehr und mehr in eine persönlich abhängige Stellung gerathen; er verarmte, und der Grundherr wurde Eigenthümer der Hofwehr und der Gebäude. Damit war das Band, welches den Bauern bisher an die Scholle gefesselt hatte, gelockert; es galt jetzt durch eine künstliche Interpretation seiner Eigenschaft als Gutsunterthan, subditus, ihn festzuhalten, und der Auswanderung in die Städte einen Riegel vorzuschieben. Die landesherrlichen Beamten und Pfandbesitzer in den Domainen hatten hierbei das gleiche Interesse wie die Ritterschaft. So kam die alte Hörigkeit, welche ein großer Theil der deutschen Colonen in der Heimath zurückgelassen hatte, wieder in neuer Form zur Geltung; der deutschen Colonisation fehlte von Anfang an der innere Zusammenhang und die Gemeindeorganisation, um sich dieser durch die Zeitverhältnisse

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herbeigeführten Umwandlung mit Erfolg widersetzen zu können. Wir haben weiter noch hinzuzufügen, daß durch die Verwüstungen des 30jährigen Krieges, welche in einzelnen Aemtern nicht den zehnten Theil des Bauerstandes übrig ließen 1 ), der historische Zusammenhang zwischen den neu entstehenden Verhältnissen und der alten bäuerlichen Hufenverfassung vollends zerrissen wurde, bis auf wenige Trümmerreste, welche sich bis in die Neuzeit hinein gerettet haben und Zeugniß von den früheren Zuständen ablegen.

Es bleibt zum Abschluß unserer Arbeit noch übrig, die eben gedachten Beziehungen, soweit sie in der Gegenwart noch erkennbar, vorzuführen und daran einige Bemerkungen über wirthschaftliche und Größenverhältnisse der alten Hufen, sowie über die Feldmaße, nach welchen man rechnete, zu knüpfen.

Als Reste der alten bäuerlichen Hufenverfassung sind zu bezeichnen:

1. die Vorschriften der Polizeiordnung vom 2. luli 1572 im Titel "von Jagen", betreffend die Ausübung der Jagd durch mehrere Mitbesitzer, das sogenannte Vier=Hufen=Recht;

2. die Kornabgabe, welche von einer Anzahl von ritterschaftlichen Gütern in Meklenburg alljährlich an den landesherrlichen Kornboden als sogenanntes Pacht= oder Hundekorn zu erlegen ist;

3. die Meßkornabgabe der Meklenb. Kirchenordnung fol. 141 an die Pfarren von Hufen und Katen;

4. der den Pfarren zu deren Dotation nach Hufen beigelegte Landbesitz;

5. die Antheile, welche einzelne Hauptgüter oder die Großherzogliche Kammer in ritterschaftlichen Gütern besitzen.

Wir bemerken hierzu:

ad 1. Die Polizeiordnung von 1572 enthält eine Reihe von werthvollen Zeugnissen über den früheren Rechtszustand. Aus dem Titel "von Jagen" entnehmen wir zunächst, daß vor den Reversalen von 1621, Art. XIX, ein Jagdfolgerecht in Meklenburg noch nicht zur Anerkennung gelangt war, und daß zur Zeit der Polizeiordnung noch galt, was die Entscheidung des Bischofs Rudolf von Schwerin - zur Schlichtung verschiedener Streitigkeiten zwischen den Grafen von Schwerin und von Danneberg im Jahre 1262 ergangen (U.=B. II, S. 203) - bezeugt: item de venatione taliter ordinamus, quod nullus prosequetur feram iaventam


1) Vgl. die Uebersichten von Groth, Jahrbücher VI, S. 132,
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in terra propria ultra disterminationem suam in terminis alterius.

Erwägt man, daß die ältesten Spuren des Jagdfolgerechtes bis in die Zeit der Volksrechte zurückreichen (Entscheidungen des Ober =Appell.=Gerichtes zu Rostock, Band VI, S. 114), und daß der Sachsenspiegel (II, Art. 61, §. 4) dasselbe schon in weiterem Umfange (den Bannforsten gegenüber) anerkennt ats die beinahe 400 Jahre späteren Reversalen, so dürfen wir hierin ein Zeugniß für die Abgeschlossenheit unserer Rechtsbildung im Mittelalter und für den geringen Einfluß der deutschrechtlichen Anschauungen auf unser Landrecht erblicken. Sebst für das Land Stargard, welches im 13. Jahrhundert die colonisirende Thätigkeit der Markgrafen von Brandenburg im reichen Maße erfahren hatte, gilt ein Gleiches. Mit Recht bemerkt Böhlau in seinem Landrecht I, S. 259: "Mit der territorialen Entwickelung des märkischen - auf dem Sachsenspiegel beruhenden - Landrechtes hat das meklenburgische Land Stargard keinen Zusammenhang."

Von größerem Interesse für den Gegenstand unserer Untersuchung ist die auf das Vierhufenrecht bezügliche Vorschrift der Polizeiordnung in demselben Titel.

Wenn auf demselben Gute sich verschiedene domini befinden, so wird wegen der Jagdberechtigung unterschieden, ob mehrere desselben Geschlechtes ein Dorf besitzen, oder verschiedene Geschlechter fast gleiche Antheile haben, oder endlich, ob bei einer Verschiedenheit der besitzenden Geschlechter ein Unterschied in der Art hervortritt, daß einzelne nur einen oder zwei Bauern im Dorfe und weniger als 4 Hufen auf der Feldmark besitzen; in diesem letzteren Falle findet Ausschluß von der Jagdberechtigung, in den beiden ersteren Fällen gemeinschaftliche Ausübung - die Koppeljagd - statt.

Das Bild der Besitzverhältnisse an Grund und Boden, welches aus diesen Bestimmungen entgegentritt, ist bezeichnend für jene Zeit. Man kann wohl sagen, daß, mit Ausnahme des landesherrlichen, des geistlichen und des städtischen Besitzes, die Zersplitterung der Besitzrechte an Grund und Boden in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters und zu Anfang der Neuzeit die Regel bildete. Es werden unausgesetzt aus demselben Gutscomplexe einzelne Bauerhöfe mit allen herrschaftlichen Rechten verkauft, verpfändet, durch Erbtheilung erworben; es sitzen mehrere ritterschaftliche Familien auf verschiedenen Höfen in demselben Gute; jeder Besitzer hat Hufen auf der Feldmark und Bauern im Dorfe; die Zahl der in propria cultura dominorum befindlichen mansi ist noch eine ge=

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ringe, 4 bis 6, so viel als zur Aufrechterhaltung eines eigenen Haushaltes erforderlich schien; auch giebt es viele domini ohne herrschaftliche curia; zu diesen gehören vielfach städtische Bürger und geistliche Herren und Stiftungen. Das Creditbedürfniß wurde durch Verkauf oder antichretische Verpfändung einzelner Bauerhufen, oder auch der davon zu erlegenden Abgaben an precaria und census befriedigt; auch die bäuerlichen Dienste wurden verkauft und verpfändet. Zweierlei Momente waren es nun, welche ein Auseinanderfallen des Gutes in einzelne Parcelen verhinderten. Zunächst richtete sich der Anspruch des Lehnsherrn auf die gebührenden Lehnsdienste, insbesondere die Stellung des Lehnspferdes, dextrarius, gegen das ganze Gut; bei Theilungen und Abverkäufen mußte dieser Punkt besonders regulirt werden. Sodann - und dies war die Hauptsache - mußte Wald, Wiese, Weide, Torfstich, überhaupt Alles, was außerhalb des Hufenschlages der Dorfschaft lag, gemeinschaftlich bleiben, die gemeinschaftliche Nutzung nach Maßgabe der Hufenzahl wird allemal reservirt und zugestanden (U.=B. XIII, S. 56); also ein eigenthümliches Gemisch von condominium pro diviso und pro indiviso.

Die Beantwortung der Frage, wie in vorkommenden Fällen noch heute die Vorschrift der Polizeiordnung zur Anwendung zu bringen sein möchte, liegt außerhalb unserer Aufgabe; über die historischen Gesichtspunkte, welche sich hierbei geltend machen, glauben wir jedoch Einiges bemerken zu dürfen.

Für die heutige Anwendung tritt die Schwierigkeit entgegen, daß die alten Bauerhufen nirgends mehr vorhanden sind; sie sind mit den wirthschaftlichen Veränderungen, welche mit dem Aufkommen des Großgrundbesitzes Hand in Hand gingen, zu Grunde gegangen, und ist nur von einer geringen Zahl von Gütern der frühere Bestand an bäuerlichen Hufen sicher bekannt. Aber auch wenn diese Zahl bekannt ist, so ist damit noch nichts über Größe und Flächeninhalt entschieden, weil die Hufe nur das Ackerland befaßte, und das Verhältniß zwischen Acker, Wiese, Wald im Laufe der Jahrhunderte hier und da große Veränderungen erlitten hat. Es fragt sich daher, ob für die alten Bauerhufen ein durchschnittliches Größenmaß anzunehmen sei, und ob hiernach Bezeichnungen wie: una quarta mansi usualis - ein Viertel Landes einer gewöhnlichen Hufe (Lisch, Urkunden des Geschlechtes von Oertzen, II, S. 158 und 162, Ao. 1455) zu deuten seien. Wir werden hierauf weiterhin zurückkommen.

In dem von einer deutschen Juristenfacultät unter dem 11. Febr. 1878 in einer meklenburgischen Proceßsache wegen Tur=

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bation der Jagdgerechtigkeit abgegebenen Erkenntniß heißt es, unter Bezugnahme auf die Miscell. histor. jurid. Mecklenb. IV, 1749, pag. 86: "Daß die 4 Hufen (der Polizeiordnung von 1572) nicht als Haken= oder Bauerhufen, sondern als Ritter=Hof= oder Landhufen im Sinne der damaligen Bezeichnungen zu nehmen seien, war längst nicht mehr zweifelhaft." Die in den Miscellanea 1. c. abgedruckte Proceßschrift will den Nachweis führen, daß derjenige, welcher nicht 4 Landhufen, die Hufe zu 100 Scheffeln gerechnet, auf einer Feldmark besitzet, keine separirte Schafhütung und Hürdenschlag halten könne.

Ein Blick in jene Proceßschrift und in die dort angezogene Anlage A sub c ergiebt die völlige Werthlosigkeit derselben für die meklenburgischen Verhältnisse, wie solche zur Zeit der Polizeiordnung noch bestanden, und als Grundlage für eine gesetzliche Bestimmung in Bezug genommen werden durften; die sogenannte Landhufe zu 100 Scheffeln 1 ) gehört einer viel späteren Zeit willkürlicher administrativer Regulirungen an und hat nur für das Domanium vorübergehende Geltung gehabt. Sodann ergiebt die angezogene Anlage A sub c (Miscell. 1. c. pag. 93), daß im Jahre 1681 zu Geifswald erkannt worden, daß Kläger wohl berechtigt auf seinen - 8 wüsten Bauerhufen eine Schäferei anzulegen.

Hieraus wird gefolgert, daß in Meklenburg "8 Bauerhufen, so 4 Landhufen ausmachen", gleichfalls erfordert werden - weil die pommersche Landesgewohnheit mit der Meklenburgischen fast einerlei sei." - Es ist hierbei übersehen, daß in Pommern durch einen Act der Gesetzgebung, zur Beseitigung von Ungewißheiten bei den Steueranlagen, im Jahre 1616 bestimmt wurde, daß 15 Morgen für eine Hakenhufe, 30 Morgen für eine Landhufe, 60 Morgen für eine Hägerhufe gerechnet werden sollen (von Bilow, Abgabenverhältnisse in Pommern, 1843, S. 122), während für die Kurmark Brandenburg um die Mitte des vorigen Jahrhunderts festgesetzt wurde, daß in allen königlichen Aemtern und Domainen nur einerlei Art von Hufengröße zu 30 Morgen à 180 □Ruthen Magdeburgisch (gegen den pommerschen Morgen à 300 □Ruthen, der 16füßigen Ruthe!) angenommen werden solle. (Scholz, Provinzialrecht der Kurmark Brandenburg, 1854, Band I, S. 52. 53). Es dürfte hieraus zur Genüge erhellen, daß von den oben ge=


1) Vgl. die Landmesser=Instruction des Herzogs Friedrich Wilhelm vom 16. Novbr. 1703 bei von Gloeden, politisch prakt. Wochenbl. II, 1847, S. 348,
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dachten Bestimmungen des pommerschen oder des märkischen Rechtes für Meklenburg kein Gebrauch zu machen; ein Unterschied zwischen Hakenhufen und Landhufen tritt bei uns seit der deutschen Besiedelung nirgends hervor; eine Veränderung in den Größenverhältnissen trat nicht ein, wenn Bauerhufen eingezogen wurden zur cultara propria dominorum; die Unterscheidung zwischen Hofhufen und Bauerhufen ist dader insoweit als eine fehlsame zu bezeichnen. Endlich spricht die Polizeiordnung nur von Bauern im Dorfe und von Hufen auf der Feldmark.

ad 2. Es ist schon oben bemerkt, daß ein Theil der ordentlichen Bede in Korn zu erlegen war, und daß diese Kornabgabe im Laufe des Mittelalters, sowohl in Pommern als in Meklenburg, den Namen Hundekorn, annona canina, frumentum canum, angenommen hat. 1 ) Die Untersuchung darüber, wie diese Bezeichnung, welche bei uns später wieder durch den Namen Pachtkorn verdrängt wurde, entstanden sei, darf als völlig geschlossen noch nicht angesehen werden; wir verweisen dieserhalb auf die in Separat=Abdruck erschienenen Gutachten des weiland Staatsarchivars Dr. Klempin in Stettin und des Geheimen Archivraths Dr. Wigger, sowie auf die Einleitung und den Anhang vom Appellationsgerichts=Präsidenten Dr. Kühne, 1879. Uns interessirt nur, daß diese Abgabe sich nach Hufenzahl bestimmte, und daß gewöhnlich von jeder Hufe 6 Scheffel des dreifachen Korns - 2 Roggen, 2 Gerste, 2 Hafer - zu erlegen waren. (U.=B. X, S. 104, Ao. 1347; Schröder, Pap. Meklenburg II, S. 1363, Ao. 1357.)

Dies ist der Betrag der precaria major, welche zu Martini fällig war; daneben wurde in früherer Zeit noch eine precaria minor, in dem halben Betrage der ersteren, zu Walpurgis erhoben. Im Jahre 1303 schenkt Fürst Heinrich von Meklenburg der Johannitercomturei zu Nemerow 8 Hufen zu Staven, oder vielmehr die libertas und proprietas dieser Hufen - was mit der Aufgabe der fürstlichen Rechte gleichbedeutend war -, insbesondere cum precaria majori et minori. (U.=B. V, S. 115.) Die erstere beträgt nach der Urkunde 24 solidi slav. und 6 Scheffel des dreifachen Korns, die letztere die Hälfte, also eine Gesammtabgabe von 2 Mark 4 Solidi und 9 Scheffeln Korn von jeder Hufe. Wenige Jahre später werden die redditus in proventu seu pachto von 8 mansi in Staven, pro Hufe ein brandenburgisch talentum betragend, verkauft. Da für jene Zeit (U. =B. VII, S. 29, Ao. 1322)


1) U.=B. X, S. 243, Ao. 1349.
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1 Schilling brandenburgisch gleich gerechnet wird mit 28 slav. denar., so blieben neben der precaria für Pachtnutzung noch 46 2/3 solid. slav., nahezu 3 Mark; auch hier erreichte die ordentliche Bede in ihrem ursprünglichen Betrage die volle Hälfte des Pachtwerthes.

Bei den ritterschaftlichen Gütern, welche noch heute mit dieser Abgabe belastet sind, werden wir, wenn der Betrag der precaria major für die spätere Zeit zum Grunde gelegt wird, aus der Höhe der Abgabe auf die Zahl der Hufen, welche das Gut enthielt, schließen können, mit Sicherheit jedoch nur dann, wenn das Ergebniß anderweitig durch die Meßkornabgabe und durch den nachweisbaren Bestand des Gutes an Ackerfläche controlirt werden lann.

Das Gut Sadelkow, ritterschaftl. Amts Stargard, hat alljährlich an den landesherrlichen Kornboden zu Stargard zu liefern 6 Drömt 6 Scheffel Roggen, ebenso viel Gerste und ebenso viel Hafer, im Ganzen 234 Scheffel des dreifachen Korns, jetzt Berliner Maße. Außerdem muß, laut des alten bis auf das Jahr 1691 zurückreichenden Qittungsbuches, eine Geldabgabe von 9 fl. 18 ß., also 234 Schillinge, ebenso viel Schillinge als Scheffel Korn, an das Amt Stargard gezahlt werden. Die Kornlieferung führt auf 39 Hufen; hiermit stimmt auch die Meßkornabgabe an die Pfarre zu Rühlow überein. Wir haben es hier also anscheinend mit völlig normalen Verhältnissen zu thun, und werden weiterhin sehen, daß hiermit auch der Ackerbestand zur Zeit der Directorial=Vermessung übereinstimmt. Noch im Jahre 1408 konnten die Herzoge Johann und Ulrich von Meklenburg einer Vicarei zu Friedland überweisen (Boll, Geschichte des Landes Stargard, II, S. 351): "sexaginta marcarum redditus in villa Zadelcow de precariis nostris in pecuniis et frumentis ibidem - antequam nos seu aliquis nostrorum nomine quicquam percipiet de nostris precariis ville prenarrate."

Die Kornabgabe von Leppin - 6 Drömt Roggen, ebenso viel Gerste und Hafer, führt auf 36 Hufen; als Meßkorn an die Pfarre werden 38 1/2 Scheffel Roggen entrichtet.

Die Kornabgabe von Gantzkow beträgt 3 Drömt 6 Scheffel Roggen, ebenso viel Gerste und Hafer, was auf 21 noch bedepflichtige Hufen schließen läßt. Die Meßkornabgabe von Gantzkow an die Pfarre zu Brunn beträgt dagegen 42 Scheffel Roggen. - Die an das Großh. Amt Stargard von Gantzkow zu zahlende Orbede beträgt 2 Thlr. 30 ß. - jährlich, also, wie bei Sadelkow, ebenso viel Schillinge als Scheffel Korn.

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Vom Gute Möllenbeck werden alljährlich an den Kornboden zu Stargard geliefert 15 3/4 Scheffel Roggen, ebenso viel Gerste und Hafer; außerdem 47 Schillinge, der Scheffelzahl entsprechend. Hier ist also die Abgabe nur noch für 7 7/8 Hufen von Bestand geblieben.

Wir haben nur noch hinzuzufügen, daß die Kornbede erlegt wird von dem auf der Hufe gewachsenen Korn. Die annona canina wird in deutschen Urkunden bezeichnet als die "Jahrfrucht von den Hufen" (Schroeder, Papistisches Meklenb. II, S. 1363, 1366); der Pflichtige konnte nicht angehalten werden, wenn ohne sein Verschulden mangelhaftes Korn auf der Hufe gewachsen war, besseres Korn zu kaufen. Ob hierin durch den Uebergang der bäuerlichen Reallasten auf die Gutsherrschaften sich etwas geändert habe, müssen wir dahin gestellt sein lassen; zu vergleichen ist Band VI, S. 293, der Entscheidungen des Ober=Appellationsgerichts zu Rostock.

ad 3. Die Meßkornabgabe tritt uns schon zu Anfang des 14. Jahrhunderts als eine regelmäßige Leistung der coloni parochiales entgegen; sie war neben dem Zehnten, welcher dem Bischof gebührte, zu erlegen; sie wird als ecclesiastica annona ad sustentationem sacerdotis bezeichnet und ergänzt die Ausstattung mit Pfarrland.

Im Jahre 1305 (U.=B. V, S. 217) wird die neu errichtete Pfarre zu Schlakendorf bei Neukalen mit 2 Pfarrhufen dotirt; die villa Karniz wird ihrem Sprengel beigelegt; von jeder Hufe sollen 1 Scheffel Roggen und 1 Scheffel Hafer ad sustentationem sacerdotis, 1 Scheffel Hafer außerdem ad sustentationem custodis gegeben werden.

Im Jahre 1309 (U.=B. V, S. 450) wird die Capella in Brodersdorf, bisher Filial von Rökwitz, zu einer Pfarrkirche erhoben, mit 2 Pfarrhufen dotirt; ihrem Sprengel werden die villae Dargbent und Bralyn beigelegt. Pro ecclesiastica annona soll jede Hufe in Brodersdorf, sicut antea facere consueverunt, 1 Scheffel Roggen geben, die beiden eingepfarrten Ortschaften 1/2 Scheffel Roggen von jeder Hufe.

Der neu errichteten Pfarre in Kulrade werden die villae Buckhorst und Emekenhagen im Jahre 1310 (U.=B. V, S. 506) beigelegt, und hierbei wird bestimmt, daß die coloni parochiales dieser Dörfer, soweit sie bisher nur 1/2 Scheffel Korn gegeben, in Zukunft einen ganzen Scheffel, und soweit sie bisher nur 1 denarium praebendalem gegeben, in Zukunft 2 Denare geben sollen.

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Es konnte daher die meklenburgische Kirchenordnung fol. 141 bestimmen, daß das "gebührliche Meßkorn, als von der Hufen einen Scheffel und von dem Katen einen halben Scheffel", überall gegeben werden solle.

Die Geltendmachung dieses Anspruches gegen die zum Hoffelde eingezogenen Hufen stieß jedoch vielfach auf Widerspruch. Ein Gleiches war in Pommern der Fall; auch dort wurde, meist mit Erfolg, behauptet, daß das Meßkorn "nur an den contribuablen, aber nicht an den Ritterhufen hafte." (Padberg, die ländliche Verfassung der Provinz Pommern, 1861, S. 223.) Wir können daher aus der Meßkornabgabe einen sicheren Rückschluß auf die Zahl der alten Bauerhufen eines Gutes nicht machen, auch wenn davon abgesehen wird, daß auch die Katen derselben unterworfen waren.

ad 4. Die von Herzog Heinrich dem Löwen im Jahre 1158 in der Stiftungsurkunde für das Bisthum Ratzeburg getroffene Anordnung: postquam autem Slavis ejectis terra decimalis facta fuerit, decima tota vacabit episcopo, qui cum domino fundi de dotibus aget ecclesiarum parochialium, scilicet ut - quatuor mansis dotentur cum censu et decima" - ist wegen der Parochial=Kirchen nicht in dem vorgeschriebenen Umfang zur Ausführung gekommen. Im Jahre 1319 wurde den sämmtlichen zur Diöcese Ratzeburg gehörigen Pfarrern und Vicarien aufgegeben, eine Taxe ihrer Pfarreinkünfte aufzustellen; aus den (im U.=B. VI, S. 453 flgd. abgedruckten) Taxen sehen wir, daß die Mehrzahl der Pfarren nur 2 bis 3 Hufen besaß und daneben auf anderweitige, mehr oder weniger feststehende Einkünfte angewiesen war. Eine Zusammenstellung der Taxen vom Jahre 1335, mit welcher der Pfarrer Petrus zu Schönberg beauftragt wurde, findet sich U.=B. VIII, S. 540 flgd. abgedruckt. Danach waren abgeschätzt:

Abschätzung der Hufen

Die Hufen sollen abgeschätzt werden, prout locari possunt aliis cultoribus ad colendum; die freiwilligen Hebungen, oblaciones, secundum quod communiter obveniunt. Es sollte angenommen werden

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Abschätzung der Hufen

Die Kirchen=Visitations=Protocolle aus dem 16. und 17. Jahrhundert ergeben vielfach einen Besitz der Pfarren von 2 bis 4, oft bis 6 Hufen; bei großen Pfarren sind gewöhnlich Vicarienäcker der dos zugeschlagen. Ein großer Theil dieses Besitzes ist aber durch die Wirren während und nach der Reformation, mehr noch durch die Verwüstungen des 30jährigen Krieges verloren gegangen, oder doch in Streit und Ungewißheit gerathen; die Rubrik der nicht mehr nachweisbaren geistlichen Ländereien, für welche an Kirche und Pfarre seit unvordenklicher Zeit eine bestimmte jährliche Entschädigung von den Gutsherren gezahlt wird, ist in unsern Gutsbeschreibungen (§. 5 sub 2 der revidirten Hypothekenordnung für Landgüter vom 18. October 1848) noch immer ziemlich stark vertreten.

Ein Zeugniß dafür, daß die Pfarrhufen ebenso wie alle Bauerhufen an den gemeinschaftlichen Nutzungen der Dorfgenossen nach Hufenzahl participirten, findet sich noch im landesgrundgesetzlichen Erbvergleich von 1755, §. 13; es sollen bei den Pfarrhufen für jede 175 Scheffel an saatbarem Lande oder an urbaren Wiesengründen, 125 Scheffel an Außenweide, oder in Rusch und Busch gerechnet werden; mit anderen Worten: es sollen 175 Scheffel Pfarrland wegen der zuständigen Nutzungen an den außerhalb des Hufenschlages der Dorfschaft belegenen Objecten für eine volle Hufe von 300 Scheffeln gerechnet, beziehungsweise zum Abzuge gebracht werden.

ad 5. Die Antheile, welche das eine ritterschaftliche Gut in dem andern, und welche die Großherzogliche Kammer in einzelnen ritterschaftlichen Gütern besitzt, sind in vielen Fällen darauf zurückzuführen, daß einzelne bäuerliche Hufen sich in der Hand benachbarter Gutsbesitzer befanden und wegen eines besonderen Nutzens dieser Verbindung mit dem benachbarten Gute sich der allmählich fortschreitenden Consolidation des Hufenbesitzes in der Hand dessen, welcher die Lehnspflichten zu erfüllen hatte, entzogen haben. Eine wichtige Rolle bei dieser Consolidation spielt in früherer Zeit, als noch die Particularadjudicationen einzelner Gutstheile in täglicher Uebung standen, das Reluitionsrecht, worüber das Nähere bei Tornow, de feudis Meckl. 1708, p. 652, nachgesehen werden kann.

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Wir kehren zu der anfänglichen Aufgabe, ein Bild der bäuerlichen Hufen=Verfassung in Meklenburg zur Zeit des Mittelalters zu geben, zurück, und vervollständigen die obige Darstellung durch einige Bemerkungen über wirthschaftliche Verhältnisse, über Größe der Hufen und über Flächenmaße, soweit wir aus den Urkunden Aufschlüsse hierüber entnehmen können.

1. Als Ausgangspunkt für die hierauf bezügliche Untersuchung ist die Frage anzusehen, ob die Hufeneintheilung, wie sie im Beginne der deutschen Besiedelung überall bei uns entgegentritt, als eine aus früherer Zeit überkommene Einrichtung aufzufassen, oder ob neue Auftheilung und Vermessung des dem Ackerbau dienenden Bodens dabei stattgefunden habe. Wir sehen hierbei natürlich ab von den Hägerhufen und Hägerdörfern, über welche schon oben gehandelt ist; die Frage kann nur für die große Masse der Dörfer und Ortschaften, welche schon zur wendischen Zeit bestanden haben, gestellt werden. Wird dieselbe im Sinne der ersteren Alternative beantwortet, so würde sich zunächst in Bezug auf die Zahl der Hufen (mansi) und der wendischen Haken (unci), welche zu einer Ortschaft gehören, eine Uebereinstimmung, also ein unveränderter Uebergang der alten in die neue Einrichtung ergeben müssen; daß sich daneben die Ackerfläche der Hufen durch Heranziehung von bisher unbebauten, zu den Haken gehörigen Flächen vergrößert haben könne, würde mit dieser Annahme vereinbarlich sein. -

Wir neigen zu der Annahme, daß die Zahl der Hufen in den einzelnen Ortschaften als eine von alter Zeit her überkommene anzusehen sei. Zunächst ist außer Zweifel, daß einem wendischen Hufen ein bestimmtes Ackermaß mit Antheil an der gemeinschaftlichen Nutzung von Wald, Wiese, Weide und Wasser entsprach. Im Jahre 1297 verkauft Fürst Witzlav von Rügen an die Unterthanen im Dorfe Patzig das Erbe des Dorfes und das Erbe von 20 1/2 Haken, die zu dem Dorfe liegen. Von jedem Haken sollen die Käufer und ihre rechten Erben jährlich entrichten 24 Schillinge gewöhnlicher Münze, 4 Hühner, 20 Eier, 1 Maß (coretz) Roggen, 1 Maß Hafer; damit sollen sie los und frei sein von aller ringen Rechtigkeit (minori justicia in der lateinischen Uebersetzung) wegen Dienste und gastynge. Diese Pacht soll niemals erhöht werden; die Haken sollen niemals beritten oder gemessen werden (predicti unci nunquam debent amplius equitari vel metiri. (Fabricius, Urkunden des Fürstenthums Rügen III, S. 129.)

Von demselben Fürsten wird im Jahre 1300 die hereditas von 16 1/2 Haken, welche zu den Dörfern Cyrosewitz und Dunecitz gehören, den villarum civibus et eorum heredibus mit allen

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Nutzungen, prout habuerant ab antiquo, verkauft, mit der Befugniß zur Veräußerung. Item nupcias liberas habebunt, equos et canes dominorum non tenebunt, a vecturis et procurationibus advocatorum et subadvocatorum erunt liberi et exempti. (Das. S. 616.)

Dem Kloster Hiddensee wird im Jahre 1302 das Eigenthum des Dorfes Lehsten und eines Hakens in Rentzize geschenkt. (Das. S. 124.)

Für 8 Mark gewöhnlicher Münze wurde die hereditas von 2 Haken in Moyselkowe im Jahre 1285 erworben. (Das. S. 54.)

Wir sehen, daß im Fürstenthum Rügen auf die Haken dieselben Verkehrsformen angewandt werden, wie zu gleicher Zeit in Meklenburg auf die Hufen (mansi); die Besitzer der Haken kennzeichnen sich als Wenden, denen das jus Teuthonicum nicht verliehen ist; sie geben geringere Abgaben als die Hufenbesitzer, weil sie einen Theil ihres privaten Besitzes nur als Weide nutzen, und werden bei solcher Nutzung von ihren wendischen Landesherren belassen.

2. Für die Annahme, daß die Zahl der Hufen in den einzelnen Ortschaften eine von Alters her, aus der Zeit vor der deutschen Besiedelung überkommene sei, spricht ferner der Umstand, daß unsere Urkunden von einer neuen Auftheilung oder Vermessung der Aecker nicht die leiseste Spur enthalten. Bei der Nachmessung, welcher zahlreiche Ortschaften im ersten Jahrhundert der deutschen Besiedelung unterworfen werden, handelt es sich zunächst immer um die Ermittelung des numerus mansorum quem habebant (villae) ex antiquo (U.=B. III, S. 308, A.o. 1288); aus den überschießenden Aeckern, de excrescenti residuo et superfluo mensurationis, quod vulgo overslach dicitur, werden neue Hufen und neue Ortschaften gebildet. Im Jahre 1270 (U.=B. II, S. 390) bestätigt der Fürst Nicolaus von Werle der Johanniter=Comturei Mirow die Schenkungen, welche derselben von ihm, seinem Vater und seinen Brüdern zugewendet worden; es sei zwischen dem fürstlichen Vogt und der Comturei questio seu controversia super dicta donatione suborta, quod plures agr[i] seu mans[i] extra donationem predictam fuissent inventi; gegen Zahlung von 100 Mark Silbers verzichtet der Fürst auf das Recht der Nachmessung und bestimmt die Grenzen der Dorfschaften. - Der Corveyer Annalist bei Wigger, Meklenburg. Annalen, S. 145, erzählt, daß die Circipaner nach Corvey eine Abgabe de uniuscujusque - unci cultura, quem nostrates aratrum vocitant, entrichtet hätten;

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aratrum ist aber der technische Ausdruck für das zur Hufe (mansus) gehörige Ackerland. (Waitz, Altdeutsche Hufe, 1854, S. 22.)

Der Bischof Albert von Lübeck bestimmt im Jahre 1249 nach Vereinbarung mit den Grafen von Holstein und Stormarn über Zehnten im Lande Oldenburg und Dassow (U.=B. I, S. 587), daß de sex villis Theutonicis, in quibus prius pro decima soluebantur sex modii ordei de aratro, nunc - quatuor modii siliginis de manso quolibet - exsolvantur. 1 ) - Die Königin Margarete von Dänemark schenkt im Jahre 1272 dem Nonnenkloster zum heil. Kreuz in Rostock - Schmarl villam - culturam quatuor continentem aratrorum. (M. U.=B. II, S. 430, vgl. S. 359.)

Aus allem diesem folgt freilich zunächst nur, daß uncus das zu einer slavischen Hufe, aratrum das zu einer deutschen Hufe gehörige Ackerland bedeutete; nirgends finden wir aber einen Größenunterschied angedeutet. Der Unterschied lag in der persönlichen Stellung der Besitzer und in der dadurch bedingten Verschiedenheit der Leistungen an Korn und Geld; der Wende war dem jus commune servitutis unterworfen, so lange er nicht in das deutsche Recht durch Verleihung desselben eingetreten war. (U=B. IV, B, S. 470, servitus.)

Wenn ferner die brandenburgischen Markgrafen wenige Jahre nach dem Erwerbe einer bis dahin wendischen Landschaft, des Landes Stargard, zur Gründung der Städte Neu=Brandenburg, Friedland, Lychen eine Anzahl von mansi bestimmen und überweisen, so wird dabei der Bestand der alten Ortschaften, deren Namen wir zum Theil noch kennen, an wendischen Hufen zum Grunde gelegt sein; an eine voraufgegangene Regulirung der Feldmarken und dabei erfolgte Umwandlung der Hakenhufen in mansi ist doch nicht wohl zu denken.

Endlich entspricht die Größe der Hufen im Lande Stargard, so weit sie durch Nachrechnung noch ermittelt werden kann, durchweg der altpommerschen und rügenschen Hakenhufe, welche, wie schon bemerkt, im Jahre 1616 zu 15 Morgen à 300 □Ruthen der 16füßigen Ruthe, also zu 4500 □Ruthen meklenbg. angenommen wurde; worüber weiter unten das Nähere.

3. Die Nachmessung der Hufen, das equitare vel metiri der rügianisch=pommerschen Urkunden, geschieht ea mensura, quae in vulgari hofslach dicitur (U.=B. V, S. 151, 227, 241), und be=


1) Vgl. wegen der 4 Scheffel Roggen pro decima, der pessima consuetudo Sadelbandiae, das Zehntregister des Bisth. Ratzeburg, U.=B. I, 6. 377.
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zieht sich zunächst auf die Abgrenzung des im privaten Besitz der Dorfbewohner befindlichen Ackerlandes, des Hufenschlages der Dorfschaft, von den der gemeinen Nutzung der Hufenbesitzer unterworfenen Gutstheilen; die Feststellung der Gutsgrenzen ist dabei Voraussetzung, und diese gehört, wo sie erforderlich wird, einem andern Verfahren an. Eine Nachmessung zu veranstalten, gehörte zu den Prärogativen des Landesherrn; von dem sich ergebenden Ueberland mußten ihm die precariae und die servitia nach Hufenzahl geleistet werden, welche er de jure et consuetudine, wie es in den Urkunden heißt von jeder Hufe in Anspruch nahm. Es wurde daher dieses Mittel zu finanziellen Zwecken vielfach in Anwendung gesetzt. Außer der Abgrenzung des privaten von dem der gemeinen Nutzung unterworfenen Lande hatte man hierbei jedoch selbstverständlich auch einen mehr oder weniger bestimmten Flächen=Inhalt der Hufen an saatbarem Lande vor Augen; auf eine solche Messung mußte recurrirt werden, wenn die Abgrenzung des Hufenlandes ein sicheres Resultat nicht ergab, oder wenn eine bestimmte Hufenzahl nicht mehr bekannt war. Die Unvollkommenheit des Meßverfahrens zeigt sich besonders in dem pommerschen equitare, bei welchem wohl an ein Abreiten des Grenzzuges der Hufen oder der Feldmark zu denken ist. - Wir führen einiges hierauf Bezügliche aus unseren Urkunden an.

Im Jahre 1309 (U.=B. V, S. 518) verkauft Fürst Nicolaus von Werle dem Kloster Doberan das Gut Niex - die villa cum proprietate et omni prorsus utilitate - für 2000 Mark wend. absque certo numero mansorum.

1342 (U=B. IX, S. 365) verkaufen die Fürsten Nicolaus und Bernhard von Werle den Johanniterrittern zu Mirow die proprietas - also nur die fürstlichen Rechte - universorum mansorum adjacentes ville Cakeldutten für 45 Mark Lübisch - sine agrorum mensura.

Dagegen verkaufen die Gebrüder Thun im Jahre 1338 (U.=B. IX, S. 133) dem Kloster Ribnitz mansos et agros, qui spectabant ad curiam Dalvitz - ita tamen, quod prius agri mensurentur, ad sciendum mansorum numerum et pecunie certam summam. Für jede aus der Messung sich ergebende Hufe sollen 150 Mark Sundisch gezahlt werden.

Die Fürsten von Werle verleihen im Jahre 1273 (U.=B. II, S. 453) der Johanniter=Comturei Mirow die Dörfer Zirtow und Lenz mit 36 und 12 Hufen, mit dem Hinzufügen: que ville si mensurarentur et tres mansi invenirentur, predictis fratribus

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sunt collati, si vero super predictum numerum excresceret, de nobis emere debent fratres.

Johann, Herzog von Meklenburg=Stargard, verkauft 1355 (U.=B.XIII, S. 663) an die Johanniter=Comturei Nemerow ein Stück Wald mit Grund und Boden ("dat holt unde dy stede des sulven holtes"), angenommen zu einer Hufe, für 5 Mark und 100 wendische Pfennige; würde aber mehr gefunden, wenn man das Holz messen würde, so soll für jeglichen Morgen so viel bezahlt werden, "als er ghulde an der Huve."

4. Bevor wir nun in eine nähere Erörterung über Größe von Hufen und Morgen eintreten, ist noch die Frage zu beantworten, ob eine Gemengelage des Hufenlandes, oder ob die Lage in einem Stück, die Einzelhufe, als Regel anzunehmen.

Bekannt ist, daß schon im Beginn der Neuzeit, im 16. Jahrhundert, sich ein großer Theil der Hufen in Gemengelage in Folge der Dreifelderwirthschaft befand; wir beziehen uns einstweilen auf das Amtsbuch der Comturei zu Nemerow von 1572 in den Jahrbüchern, Band IX. S. 88 u. 89.

Wie weit dieser Zustand für den ritterschaftlichen Besitz zgurückreicht, ob er schon während des Mittelalters die Regel bildete, ob und in welchem Umfange daneben Einzelhufen in zusammenhängenden Stücken vorkommen, und wie sich hierzu die einer herrschaftlichen curia anfänglich zugelegten mansi sub cultura dominorum verhielten, muß einer näheren Erforschung vorbehalten bleiben, und steht zu hoffen, daß die folgenden Bände des Urkundenbuches das dürftige Material, welches zur Zeit für diese Frage uns vorliegt, vervollständigen werden. Jedenfalls sind die Städte auf ihrem zu Stadtrecht liegenden Gebiete schon sehr früh mit der Einführung der Drei=Felder=Wirthschaft und Flurzwang für die ganze Feldmark vorgegangen. Wir lassen Einiges, was auf Einzelhufen gedeutet werden kann, aus den Urkunden folgen.

Heinrich von Meklenburg verkauft im Jahre 1309 (U.=B. V, S. 451) der Stadt Gadebusch das Dorf Zwemin zur Stadtfeldmark zu Lübischem Rechte. Possunt etiam predicti cives quinque vel sex mansos ab eorum civitate nimium distantes, si ipsis placuerit, sub eadem proprietate et libertate locare quibusdam colonis et rusticis ad colendum -.

Von Lübbersdorf werden in den Jahren 1327 bis 1332 (U=B. VII, S. 475, 524; VIII, S. 243, 272) nach und nach eine Anzahl Hufen, anscheinend zehn, welche zu den Höfen in Lübbersdorf liegen (jacentes ad ipsorum - der Verkäufer - curias) an die Stadt Friedland verkauft und zu Stadtrecht gelegt.

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Diese Hufen bilden noch heute einen deutlich erkennbaren besonderen Abschnitt der Friedländer Feldmark, welcher sich wie eine Landzunge in die angrenzende Lübbersdorfer Feldmark hinein erstreckt.

Die Johanniter=Comturei Nemerow erwirbt im Jahre 1303 (U.=B. V, S. 116) das Eigenthum von 8 Hufen in Staven, quos habent fratres - dicti de Stoven in isto latere, sicut advenitur de opido dicto Vredeland in Stoven, villam predictam. -

Die Polizeiordnung von 1572 verbietet im Titel von Roden und Verwüstung der Holzungen den Bauern "ihre Aecker mit überschwenklichen großen Zeunen zu befrieden"; dagegen soll ein jeder binnen Jahresfrist "um seine Felder und Aecker Feldsteine setzen oder Graben aufwerfen, und allenthalben nach Gelegenheit, Weiden, Mast =, Obst= und andere fruchtbare und nützliche Bäume setzen und pflanzen."

In welchem Zusammenhange die Drei=Felder=Wirthschaft mit der Bildung des Großgrundbesitzes sich befinde, wird erst durch weitere Localforschungen aufgehellt werden können. Jedenfalls war diese Bewirthschaftungsweise schon zu Anfang des 16. Jahrhunderts allgemein verbreitet. Die einzelnen Schläge zerfielen gewöhnlich wieder in eine Anzahl von Ackerblöcken, in Gewanne, in welchen sowohl die Bauerhufen als die Hofhufen einzelne Stücke haben, so daß eine jede Hufe in jedem Schlage zum dritten Theil ihres Bestandes vertreten ist, in den einzelnen Gewannen aber verschieden, je nach der Größe derselben und nach ökonomischen Rücksichten.

Auf den Stadtfeldern ist die Drei=Felder=Wirthschaft wahrscheinlich schon bald nach der Gründung der Städte eingeführt. Die Neubrandenburger Feldmark hatte vor der Separation an Acker

im Stargarder Schlage 311,006 □Ruthen,
im Trollenhäger Schlage 320,367 □Ruthen,
im Küssower Schlage 298,842 □Ruthen,
---------- --------
Summe der Hufen an Acker = 930,215 □Ruthen.

Nur in den beiden ersteren Schlägen war die Feldmark in Gewanne eingetheilt, und zwar, abgesehen von den sogenannten Füllungen, der Trollenhäger Schlag in 5 Gewanne von sehr ungleicher Größe, der Stargarder Schlag in 7 Gewanne; der Küssower Schlag von durchweg gleicher Bodenbeschaffenheit enthielt keine Gewanne; jeder Hufe, beziehungsweise jedem Hufenpaar war

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sein Antheil in dem Küssower Schlage in einem zusammenhängenden Stücke zugewiesen.

Der Artikel 6 der zuletzt unter dem 25. April 1818 landesherrlich confirmirten Bauzunfts=Artikel für die Vorderstadt Neubranbenburg lautet: "Es soll keinem Bürger, er sei in oder außerhalb der Zunft, gestattet werden, mehr Vieh zu halten, als ihm nach Verhältniß seines Ackerwerkes unentbehrlich ist, nämlich einem jeden Baumann, so er nur eine Hufe hat, 2 Pferde und 10 Schafe; so er ein Paar Hufen, 4 Pferde, 2 Ochsen, 20 Schafe: dem, der 3 Hufen hat, 4 Pferde, 2 Ochsen, 30 Schafe: und dem, der 4 oder mehr Hufen hat, 6 Pferde, 4 Ochsen, und nicht darüber, nebst den Schafen nach voriger Proportion."

Die Feldmark der Stadt Friedland zerfällt in 3 Schläge, das Steinfeld, das Treptowsche Feld, das Burgfeld; jeder Schlag enthält ein Binnenfeld und ein Draußenfeld. Es sind im Ganzen 11 Gewanne in dem Hufenlande, in welchem jede Hufe ihr Stück hat, im Burgfeld 4, im Steinfeld 4, im Treptowschen Feld 3 Gewanne. Nach Scheffeln à 100 □Ruthen sind

vorhanden an Acker im Ganzen 14,200 Scheffel;
davon lagen in Morgen u. Kämpen 3100 "
----- ------------ -----------
und in Hufen 11,100 Scheffel.

Es sind 164 Hufen vorhanden, so daß auf jede Hufe etwa 64 Scheffel entfallen. Daß zu den 150 Ackerhufen, mit welchen Friedland bei seiner Gründung dotirt worden, schon im Jahre 1270 an Ueberland durch landesherrliche Verleihung 44 Hufen (U.=B. II, S. 385: Boll Gesch. des Landes Stargard I, 293), in den Jahren 1327 bis 1332 fernere 10 Hufen durch Kauf von Lübbersdorf hinzukamen, ist schon oben bemerkt.

5. Die Frage nach der durchschnittlichen Größe der alten Bauerhufen kann nur auf Grund localer Ermittlungen und Berechnungen beantwortet werden, und haben daher die Ergebnisse solcher Ermittlungen zunächst nur einen localen Werth in Anspruch zu nehmen. Es führen jedoch schon die vielfachen Nachmessungen der Hufen darauf hin, daß man für einen größeren Bereich ein bestimmtes Ackermaß vor Augen hatte; Ungleichheiten zwischen den nachgemessenen und den von der Nachmessung befreiten Hufen werden sich vielfach auch innerhalb desselben Bereiches ergeben müssen, da die letzteren das Ueberland mit dem Hufenland zu vereinigen pflegten.

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Einen bestimmten Anhalt gewähren zunächst die Stadtfeldmarken, deren ursprünglicher Hufenbestand bekannt ist; Veränderungen der Ackerfläche durch veränderte Benutzungsweise, sowie durch Zuwachs oder Abgang, können jedoch auch hier eingetreten sein.

Die Neubrandenburger Feldmark hat sich, soweit die Nachrichten reichen, in ihrem ursprünglichen Bestande bis auf die Jetztzeit erhalten: sie enthielt bis zur Separation noch die ihr zugewiesene Zahl von 200 Ackerhufen

Neubrandenburger Feldmark

1) Nach dem vorliegenden Hufenregister; aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts.
2) Aus dem P. M. vom 1.August 1862 bei den Acten des Friedländer Magistrats, betr. Separation.

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Auf die Hufe würden also entfallen von dem gesammten Ackerfelde 7000 □Ruthen, von dem in Hufen liegenden Lande 5440 □Ruthen. Es leidet jedoch keinen Zweifel, daß bei der Friedländer Feldmark weitere Veränderungen von Erheblichkeit eingetreten sind, welche eine Zurückführung der gegenwärtig vorhandenen Ackerfläche auf einen ursprünglichen Hufenstand nicht nur erschweren, sondern wohl unmöglich machen. Im Jahre 1288 (U.=B. III, S. 320) verkaufte der Markgraf Albrecht von Brandenburg an die Stadt Friedland das gesammte Uebermaß in den Dörfern Schwichtenberg. Klokow und Hagen (Sandhagen) an Acker, Wiesen, Wald: wahrscheinlich ist dieses Uebermaß, dessen Größe wir nicht kennen, im Wege einer neuen Regulirung der Stadtfeldmark, welche in großer Ausdehnung mit Sandhagen grenzt, zu jener zugeschlagen und hat zu einer Vergrößerung der Hufen geführt, sowie zu einer neuen Bestimmung der Hufenzahl, welche jetzt 164 zu etwa 6400 □Ruthen beträgt. Außerdem wird durch Umwandelung Ackerland gewonnen sein: Wald und Wiese durchsetzen noch heute die ausgedehnte Feldmark an vielen Stellen, und werden in früherer Zeit einen noch größeren Umfang gehabt haben.

Wir lassen einige ritterschaftliche Güter im Stargardschen Kreise, deren Hufenzahl oben aus dem Betrage der Kornbede und des Meßkorns ermittelt worden oder sonst bekannt ist, mit ihrem Ackerbestand zur Zeit der Landesvermessung folgen, um vergleichbare Zahlen für die Größe der Hufen zu gewinnen. Die aus Bede und Meßkorn ermittelte Hufenzahl ist allemal nur als Minimalzahl anzusehen, weil die von Alters her zur herrschaftlichen curia gehörigen Hofhufen sich diesen Abgaben vielfach entzogen haben, wie schon oben bemerkt worden. Außerdem waren die Pfarrhufen abgabenfrei.

Das Gut Sadelkow hatte zur Zeit der Landes=Vermessung unter dem Pflug 177,960 Ruthen an Hof= und Bauerländereien; für 39 oben nachgewiesene Hufen ergeben sich pro Hufe 4565 □Ruthen, also annähernd die gleiche Zahl, wie für die Neubrandenburger Hufen.

Das Gut Gantzkow hatte zur gedachten Zeit an Hof= und Baueracker 209,707 □Ruthen: für 42 Hufen, für welche Meßforn erlegt wird, ergeben sich pro Hufe 4970 □Ruthen.

Das Gut Staven, früher dem Domanium angehörig, ist nicht vermessen und bonitirt; nach gütiger Mittheilung des Herrn Gutsbesitzers Schlaeger beträgt die gesammte Ackerfläche unter dem Pflug gegenwärtig etwa

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Abschätzung der Hufen

Der alte Hufenstand von Leppin konnte aus Bede und Meßkorn nicht sicher berechnet werden, erstere führte auf 36, letztere auf 38 1/2 Hufen. Unzweifelhaft hat Leppin, wie der Vergleich seines Areals mit den voraufgehend genannten Gütern, namentlich mit Staven, ergiebt, einen höheren Hufenstand gehabt, und werden hier die der Zahl nach unbekannten Hofhufen sich der Bede= und Meßkorn =Abgabe entzogen haben; für 38 Hufen würden sich 6554 □Ruthen pro Hufe ergeben.

Die geringeren Zahlen, welche sich zwischen 4500 bis 5000 □Ruthen pro Hufe bewegen, werden die richtigen Durchschnittszahlen sein; schon wegen ihrer Uebereinstimmung mit der Zahl, welche für den intact gebliebenen Bestand der Neubrandenburger Hufen gefunden ist, und, fügen wir hinzu, wegen ihrer Uebereinstimmung mit dem für die pommersche und rügensche Hakenhufe durch die pommersche Gesetzgebung im 17. Jahrhunderte angenommenen Normalmaß von 15 Morgen à 300 □Ruthen der 16füßigen Ruthe. Die sogen. Landhufe von 30 Morgen à 300 □Ruth. der 16füßigen Ruthe ist nichts weiter als zwei in eine Hand gelegte alte bäuerliche Hufen, ein Verhältniß, welches schon in der Polizei=Ordnung von 1572, Titel "von Jagen": "1 oder 2 Bauern im Dorfe und weniger denn 4 Hufen auf der Feldmark" zum Ausdruck gebracht ist. - Nach dem "wendisch=rügianer Landgebrauch" aus der ersten

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Hälfte des 16. Jahrhunderts von Mathäus v. Normann (Ausgabe von Gadebusch 1777, Tit. 104 "Von den Höfen, Erben und Cathen der Bauern") wurde auf Rügen unterschieden zwischen Höfen nnd Erben; zu ersteren gehörten 2 oder 3 Hufen; das Erbe ist halb so groß und hat eine Haken=Hufe "und 2 oder 3 Haken "up das üterste"; Kotzen aber sind, die 8 Morgen, ringer oder "wenig mehr", an Acker zu bauen haben." - Die Rostocker Hägerhufe enthielt, wie oben ausgeführt ist, nach der anfänglichen Zumessung 7200 □Ruthen mekl. oder 30 Morgen à 240 □Ruthen; daß sie mit dem Ueberland, welches den Hufen später beigelegt wurde, nahezu die doppelte Größe erreichte, ist gleichfalls schon bemerkt worden.

6. Es ist jetzt noch Einiges über das alte Morgenmaß, über die jugera, denen wir so oft in den Urkunden begegnen, beizubringen.

Unzweifelhaft hat den letzteren ein bestimmtes Größen=Verhältniß der Hufe, und daß dieselbe eine bestimmte Zahl von Morgen in sich begreife, vorgeschwebt; es soll ein Stück Land nachgemessen werden, um zu erfahren, wie viel es an Hufen befasse; ein Stück Waldland wird zu einer Hufe angenommen und verkauft, mit Vorbehalt der Ausmessung; wenn sich mehr findet als eine Hufe, so soll das Uebrige nach Morgenzahl bezahlt werden. Aber nirgends wird die Verhältnißzahl von Morgen zu Hufe. oder der Flächeninhalt eines Morgens genannt; erst die späteren Urkunden aus dem Beginne der Neuzeit geben hierüber Aufschluß.

Uns scheint der Grund hiervon darin zu liegen, daß man unter Hufe und Morgen noch kein bestimmtes Flächenmaß verstand, sondern ein nach localer Gewohnheit, nach der Bodenbeschaffenheit und nach den üblichen Getreidemaßen wechselndes Maß, welches daher erst nach örtlichen Verhältnissen seine nähere Bestimmung erhielt. Daß der Morgen sich überall nach Scheffeln Aussaat bestimmte, ist bereits oben bemerkt.

Wir haben schon angeführt, daß nach dem Geveziner Kirchenrechnungsbuch 2 Scheffel großes Maßes Aussaat auf den Morgen gerechnet werden, und daß auf dem Friedländer Stadtfelde die Morgen durchschnittlich 3 Scheffel großes Maßes Aussaat enthalten, "aber auch von 1 bis 6 Scheffel in der Größe wachsend." Wir lassen noch einiges Bezügliche folgen:

Nach dem Amtsbuche der Comturei Nemerow vom Jahre 1572 (Jahrb. IX, S. 90) liegt der Acker des Dorfes Rowa in 3 Feldern, "sind nicht alle gleich groß, seyen in einen jeden Morgen gemistet Land 2 Scheffel."

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Der Entwurf zu einem modus contribuendi für die Städte, welcher aus den Verhandlungen zwischen ritterschaftlichen und städtischen Bevollmächtigten am 18. September 1748 hervorging, lautete sub 2 von Ländereien: "Von einem Morgen besäeten Acker durch die Bank 4 Schilling." Der von den Städten des Stargardschen Kreises im Mai 1754 vorgelegte "Contributionsplan derer Städte Stargardschen Kreises" schlug vor:

"2. von Aeckern, Wiesen und Gärten ein Scheffel Aussat nach der Landesmessung an bonitirtem Acker, sowohl im Winter= als Sommerschlage, exclusive der Brachfelder 2 Schilling." Der hierauf von den Städten bei den Verhandlungen mit der Ritterschaft vorgelegte, von letzterer am 11. Mai 1754 genehmigte modus lautete:

"Städtischer modus contribuendi.
"II. Von Ländereien.

"Von einem Morgen Acker, der nicht in Schlägen liegt, und alle Jahre besäet werden kann, à 4 Scheffel Rostocker Maße, wenn er besäet ist, jährlich 4 Schilling." Diese Fassung ist unverändert in den landesgrundgesetzlichen Erbvergleich §. 47 übergegangen.

Man hat sich also schließlich für den Rostocker Scheffel Aussaat als Flächenmaß entschieden, nachdem dieser Scheffel als Bonitirungsmaß für die ritterschaftlichen Hufen grundleglich gemacht war. Der Rostoder Morgen beträgt darnach 240 □Ruthen mekl. oder Lübisch; wir haben oben gesehen, daß man schon bei der Abmessung der Hägerhufen dieses Maß in Anwendung brachte.

Auf die Frage, wie viel Morgen man auf die gewöhnliche Bauerhufe gerechnet habe, erhalten wir eine Antwort aus der Nr. 77 der Beilagen zur Streitschrift (von Freiherrn von Ditmar, herzoglichem Vicecanzler): "Das letzte Wort zur Behauptung der Auseinandersetzungs=Convention" (1751). Der Pastor Gutzmer zu Sternberg hat sich zum Visitations=Protocoll von 1623 beschwert, daß von den - damals wüsten - Hufen zu Schönfeld, welche der Kirchenökonomie zu Sternberg eigenthümlich gehörten, die Bauern zu Kobrow "ein gar geringes Heuergeld, nemlich von jeder Hufe 12 Schillinge, seit langen Jahren zahlten." Er bittet den Bauern aufzuerlegen, daß sie in Zukunft 4 Gulden von jeder Hufe geben; bei 12 Schillingen entfielen auf jeden Morgen nur 4 Pfennige, bei 4 Florenen auf jeden Morgen 4 Schillinge. Beide Rechnungen führen auf 24 Morgen pro Hufe, wenn berücksichtigt wird, daß damals auf den Gulden 24 ßl. und auf den Groschen 16 Pfennige, auf den Schilling also 8 Pfennige

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gerechnet wurden. (Rudloff, Neuere Geschichte v. Mekl. 1821, I, S. 332.)

Wenn eine Hufe sich durch einen Zuwachs, insbesondere an Ueberland, vergrößert hatte, so enthielt sie folgeweise mehr jugera als eine gewöhnliche Hufe; dies wurde in den Urkunden zum Ausdruck gebracht, wenn dazu besondere Veranlassung vorlag, z. B. dann, wenn Zehntberechtigungen verkauft wurden, welche von Rechts wegen und ohne Weiteres auch das Ueberland ergriffen und deshalb einen höheren Werth hatten, wenn die Zahl der jugera größer war, als die gewöhnliche. In der Urkunde bei Schröder, P. M. II, S. 1590 wird von Seiten der Herren von dem Berge der Zehnte von 3 1/2 Hufen in Alten - Gamme - im Bergedorfschen - an den Bischof zu Ratzeburg verkauft, im Jahre 1389. Es sind 5 Hufenbesitzer vorhanden, welche mit ihrem Besitz genannt werden. Drei halbe Hufen sind im Besitze von ebenso viel Colonen, der vierte hat 30 Morgen, der fünfte 25 Morgen, also je 6 und 1 Morgen mehr als eine Hufe.

Wird das Wort mansus nur in der Bedeutung eines Flächenmaßes gebraucht, so kam es weniger auf diese immerhin etwas unbestimmte Bezeichnung, als auf die Zahl der jugera an, welche die in Frage stehende Fläche enthalten sollte. In der bereits oben angeführten Urkunde vom Jahre 1347 (U.=B. X, S. 126) wird ein dimidius mansus cespitum (Torf) mit der näheren Bestimmung verkauft, daß diese Fläche 20 jugera enthalten sollte. - Die vom Herzog Johann von Meklenburg=Stargard im Jahre 1355 (U.=B. XIII, S. 663) an die Johanniter=Comturei Nemerow verkaufte Holzfläche ist zu 1 mansus angenommen und bezahlt, jedoch mit Vorbehalt der Nachmessung und der Nachzahlung für jeden mehr gefundenen Morgen.

Mit den 24 Morgen pro Hufe stimmt auch ungefähr die Hufe auf dem Neubrandenburger Stadtfelde überein, welche zu 45 Scheffeln Aussaat großes Maßes, also auf etwas weniger, vor der Separation beständig angenommen wurde. Nach Haubold, Sächsisches Privatrecht (1820) §. 175, werden in Sachsen gewöhnlich 24 Aecker auf eine Hufe gerechnet, obwohl die Anzahl der Aecker nach der Verschiedenheit des Bodens und der Gegenden verschieden sei. Nach Pufendorf, Observat. II, obs. 185, pag. 422, wurden im Braunschweigischen und Lüneburgischen gewöhnlich 30 Morgen, an manchen Orten aber auch 24 und 20 Morgen auf eine Hufe gerechnet, und zwar der Morgen zu 120 □Ruthen der 16füßigen Ruthe, womit der Magdeburgische Morgen=180 □Ruthen der 12füßigen Ruthe nahezu übereinstimmt.

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Wir erkennen in allem diesem den vorwiegend localen Charakter des Morgen=Maßes; der calenbergische Morgen ist nicht halb so groß als wie der pommersche von 300 □Ruthen; durch Meklenburg selbst geht die Verschiedenheit des nach großem Scheffel und nach Rostocker Scheffel bestimmten Maßes. Der Wismarsche, Güstrower und Schweriner Scheffel unterscheiden sich nur wenig von dem Rostocker. Der Grabower, Parchimsche, Warensche Scheffel stimmten ungefähr mit dem großen Scheffel der Mark Brandenburg, dem späteren Berliner Scheffel, überein (vgl. Vaterlandskunde von Raabe, Bd. II, S. 194). - Für die Eintheilung der gewöhnlichen Bauerhufe in 24 Morgen als allgemein üblich spricht übrigens noch der Umstand, daß oft nach Achtel=Hufen gerechnet wird, dimidium quartale (U.=B. VIII, S. 28, und das Register sub voce quartale), was eine durch 8 theilbare Zahl voraussetzt.

Wir schließen unsere Arbeit mit dem Wunsche, daß sie zu weiteren Ermittelungen auf diesem Gebiete und damit zur Bestätigung oder Berichtigung der von uns gefundenen Ergebnisse veranlassen möge.

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V.

Zur Baugeschichte der Burg Stargard i. M. 1 )

Von

Bürgermeister Dr. O. Pieper

zu Penzlin.


D ie Slaven fanden hier eine "alte Burg" der Germanen vor und nannten den Platz deshalb Stargard. Da sie dem Ort einen Namen gaben und ihn bewohnten, ist anzunehmen, daß sie trotz der nicht durch Wasser geschützten Lage die alte Befestigung nicht ganz unbenutzt gelassen haben, da sie keineswegs - anders z. B. auf Rügen - nur in Sümpfen etc. . Wallburgen hatten.

Von den alten Wällen ist indessen meiner Ansicht nach nichts mehr vorhanden. Es ist meines Wissens ohne Beispiel, daß die alten Umwallungen, anstatt ein Plateau oder einen Kessel zu umschließen, um den Fuß eines Hügels geführt wären, wie jetzt in Stargard. Die alte Umwallung wird vielmehr den oberen Rand der jetzigen inneren (Haupt=) Burg umschlossen haben, und ist bei Anlegung der Hofburg im 13. Jahrhundert abgeräumt und planirt werden. Eine mittelalterliche Burg schützte sich nur durch hohe Ringmauern, Thürme und Gräben; erst als - wesentlich erst im 16. Jahrhundert - verbesserte Feuergeschütze mehr ausschließlich gebraucht wurden, kamen wieder vorgelegte Wälle mit ausgedehnteren, zum Theil ausgemauerten Gräben in Anwendung. Was hiervon bei der Burg Stargard noch erhalten ist, stammt also aus dieser Zeit.


1) Auf mir unlängst gegebene Veranlassung habe ich in Nachstehendem ohne Herbeiziehung urkundlichen Materials (das übrigens nur unzulänglich vorhanden sein soll) lediglich die Schlüsse aufgezeichnet, welche ich aus dem gegenwärtigen Zustande der Burg auf ihre Baugeschichte zu ziehen vermochte.
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Die im 13. Jahrhundert aufgebaute Burg mußte als "Hofburg" gleich einen größeren Umfang mit Vor= und Hauptburg haben, der im Wesentlichen dem heute bebauten Theil entsprochen hat. Der südlich der Vorburg gelegene freie umwallte Platz dürfte später, eben bei der Umwallung, etwa im 16. Jahrhundert, hinzugefügt sein. Vor dem Thorhause ging über den früher tieferen Graben jedenfalls eine Zugbrücke. Die großen Bögen in der Façade der oberen Hälfte des Thorhauses sind nur Blendbögen zur Verzierung, die später der größeren Haltbarkeit wegen ausgemauert wurden. Dieses obere Stockwerk des Thorhauses ist allem Anscheine nach später aufgesetzt. Es deutet mit seinen Spitzbogen auf eine jüngere Zeit als der untere Theil, bei welchem der vorhandene Rundbogenfries, dessen Schenkel auf kleinen Consölchen ruhen, mit Sicherheit (vgl. Otte, Gesch. d. deutschen Baukunst 1874, S. 306 u. 308) gerade auf das 13. Jahrhundert hinweist. Durch diesen späteren Aufsatz erklärt es sich auch, daß das Thorhaus keine Einrichtung für eine Zugbrücke mehr zeigt. Nach der Hauptburg hin war das Thorhaus, von welchem hier nur die Seitenwand erhalten ist, sehr wahrscheinlich durch ein Fallgitter geschlossen. 1 )

Das zweite, innere Thorhaus lag links neben dem jetzigen zweiten und zeigt hier seinen später vermauerten Thorbogen. Während das jetzige innere Thor in grader Linie hinter das äußere gelegt ist, war dies - entsprechend dem Princip bei mittelalterlichen Wehrbauten - bei dem älteren Thor nicht der Fall. Ein jetzt noch vor letzterem stehender Mauerrest wird als die vormalige Außenwand des älteren Thorbaues anzusehen sein. Neben dem Hauptthorbogen ist hier noch das seiner Zeit übliche kleinere Thor für Fußgänger zu erkennen. Vor diesem Thorbau wird sehr wahrscheinlich ein zweiter Graben mit Zugbrücke gewesen sein.

Daneben liegt die ehemalige Burgkapelle, deren jetziger Mauerabschluß an der äußeren Giebelseite einstweilen noch Räthsel aufgiebt.

Das jetzige Wohnhaus des ersten Beamten mit seinen Reihen regelmäßiger großer Fenster auch nach außen, Mangel an


1) Allerdings wohl nicht ursprünglich; denn wie der Straßburger Stadtbaumeister Daniel Speckle († 1589) in seiner "Architectura von Festungen", Th. III, Cap. 2, bemerkt, hat man erst zu seiner Zeit "allenthalben" das Fallgitter von der vorderen nach der hinteren Seite des Thorhauses verlegt.
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Steinbänken in den Fensternischen, überhaupt bis auf die Mauerstärke ein ganz moderner Bau, ist - abgesehen vielleicht von den Kellern - etwa 17. Jahrhunderts.

Der Berchfrit gehört dagegen dem ersten Bau (des 13. Jahrhunderts) an. In diesem Jahrhundert waren - nach Cohausen, Bonner Jahrbücher XXVIII, 47 f. - die Berchfrite, wenn sie rund waren, der Ringmauer abgewendet, und Abtritt und Kamin, wie sie bei dem Stargarder Berchfrit vorhanden sind, finden sich vereinzelt schon bei Berchfriten des 12. Jahrhunderts. Der Eingang lag in Stargard, wie überall bis ins 15. Jahrhundert, über dem untersten, als Verließ dienenden Geschoß. Statt der beweglichen Leiter, die ursprünglich hinauf führte, hat man später an der äußeren Thurmwand die in ihren Spuren noch erkennbare bequemere, kurze Wendeltreppe bis dahinauf geführt und dann zuletzt zu ebener Erde den jetzigen Eingang durch das vormalige Verließ durchgebrochen. Der alte Eingang bietet insofern eine auffallende Anomalie, als er der Angriffsseite fast direkt entgegen gekehrt ist, während der Eingang zu den Berchfriten - bevor er gegen Schluß der Burgenzeit zu ebener Erde angebracht wurde - immer der Angriffsseite abgekehrt lag.

Die Angriffsmittel des Mittelalters - Untergrabung, Mauerbrecher, Steinschleudern und Armbrüste - waren in der Höhe nicht so wirksam, daß man nicht unbeschadet der Sicherheit in dem nur von oben vertheidigten Berchfrit für die höheren Stockwerke durch Verdünnung der Mauer sich vermehrten Innenraum hätte schaffen können. Demgemäß pflegt die Mauerdicke in jedem höheren Stockwerk (nach Cohausen 1. c.) um 6 bis 11 Zoll abzunehmen. In dem Stargarder Berchfrit ist diese Verjüngung eine stärkere, indem sie - von 3,95 m Mauerdicke unten bis zu 2 m oben - in jedem Stockwerk 34 bis 85 cm, also 13 bis 32 1/2 Zoll, beträgt Die Mauer besteht, wie in Norddeutschland gewöhnlich, aus einem mit Mauersteinen bekleideten Kern von großen Feldsteinen.

Die Vertheidigung des Berchfrits geschah (von einem hier nicht vorhandenen hölzernen Umgang abgesehen) nur aus den Zinnen, mit welchen die Mauer oben abschloß. Die Zinnenlücken (Fenster) zwischen den Wintbergen betragen daher etwa 75 bis 120 cm, um entweder für einen oder für zwei Schützen Raum zu geben. Die Wintbergen selbst mußten den aufrecht stehenden Schützen decken. Man sieht hieraus, welche wohl aus Unkenntniß entstandene Spielerei die jetzt den Stargarder Berchfrit bekrönende zierliche Zinnenreihe ist. Dieselbe ist 1823 (?) zugleich mit einer

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Erhöhung des Thurmes aufgemauert. Die alten Zinnen sind darunter noch im äußeren Mauerwerke erkennbar.

Der neben dem Berchfrit vorhandene halb unterirdische Gang in den Wallgraben hinab ist wahrscheinlich der bequemeren Verbindung wegen zur Zeit der späteren Befestigung angelegt, wenngleich es auch bei mittelalterlichen Burgbauten nicht an Nebenpforten und geheimen unterirdischen Ausgängen fehlte.

Vignette

 

 

Einen vom Herrn Baumeister Koeppel gezeichneten Grundriß der jetzigen Burg Stargard geben wir auf der folgenden Seite, Tafel IX.

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Tafel IX.      

Burg Stargard.

~~~~~~~~~~~~~

a. Weg von der Stadt.
b. Thor.
c. Alter Wallgraben.
d. Wirthschaftshof.
e. Zweites Thor.
f. Früheres zweites Thor.
g. Mauerstumpf.
h; Alte Kirche.
i. Thurm.
k. Treppe in den Wallgraben.
l. Wohngebäude.
m. Wirthschaftsgebäude.
n. Spätere Ausdehnung der Befestigung.
o. Ringmauer.
Burg Stargard
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VI.

Das Bisthum Schwerin

in der evangelischen Zeit.

Vom

Archivar Dr. Fr. Schildt.

III. Theil.


III. Die äußere Geschichte des Bisthums.

[Fortsetzung und Schluß zu Jahrbuch XLVII, S. 146 ff., und XLIX, S. 145 ff.]

D ie äußere Geschichte des Bisthums hat vorzugsweise die Stellung dieses Landes zum Reich und seine Beziehungen zu andern Reichsländern zu behandeln. Bei der geringen Bedeutung des Ländchens kommen Beziehungen zu außerdeutschen Staaten nur ausnahmsweise vor, und zwar handelt es sich hier nur um die benachbarten Königreiche Dänemark und Schweden.

A. Das Bisthum als deutscher Reichsstand.

Moser zählt in seinem 1767 erschienenen Buche: "Von denen teutschen Reichsständen" zu denjenigen Staaten, welche zur weltlichen Fürstenbank gehörten, als 31sten das Stift Schwerin. Dasselbe nahm nach seiner Angabe dieselbe Stellung ein wie die benachbarten evangelischen Stifter Ratzeburg und Lübek; nur hatte das letztgenannte nicht seinen Sitz auf der weltlichen Fürstenbank, die ihm nicht genügte, sondern mit Osnabrück auf der Querbank, die diesen beiden nach der Reformation bewilligt wurde, als sie sich vergeblich bemüht hatten, die geistliche Bank zu behaupten.

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In der Geschichte des ersten Schweriner Bischofs Berno von Wigger (Jahrb. XXVIII, S. 3 ff.) wird nachgewiesen, daß das Oberhaupt des Stifts Schwerin als ein Lehnsmann des Kaisers anzusehen ist. Denn der Kaiser allein hatte nach dem Wormser Concordat von 1122 von der Kirche das Recht erhalten, die Bischöfe im Reich durch das Scepter mit Regalien zu belehnen. Wenn nun auch der erste Schweriner Bischof Berno diese Belehnung nicht aus der Hand des Kaisers selbst empfing, so erhielt er sie doch im Auftrage desselben durch Herzog Heinrich von Sachsen, welchem zu dem Zwecke besondere Vollmacht verliehen war. Denn ausdrücklich hatte Kaiser Friedrich bestimmt, daß Herzog Heinrich in den Wendenlanden jenseits der Elbe den neu zu gründenden Kirchen Verleihungen von Reichsgütern machen könnte, und daß die von ihm eingesetzten Bischöfe allemal von der Hand des Herzogs als von der des Königs (Kaisers) zu nehmen hätten, was königlichen Rechtes sei (S. 75). Das Recht den Bischof zu wählen nahmen die Wendenfürsten zwar noch bis 1195 in Anspruch, im übrigen war aber der Schweriner Bischof von ihnen wie von den Grafen von Schwerin völlig unabhängig, da er sein Bisthum als dos ecclesiae erhielt und mit dem "Reichsgut" cum omni integritate et utilitate nunc et in postmodum profutura sine aliqua exceptione investirt wurde.

Wenn nun dies alles der Ordnung und dem Gebrauch gemäß war, und wenn auch die übrigen Bischöfe des Reichs als von der benachbarten Landeshoheit unabhängige Reichsfürsten in ihren Stiftern regierten, ohne daß ihnen dies ihr Recht angefochten wurde, und wenn selbstverständlich die staatsrechtliche Stellung des Bischofs sich in den säcularisirten Stiftern, wie Ratzeburg und Lübek, ohne Widerspruch auf die protestantischen Administratoren als deren Nachfolger vererbte: so sollte man denken, daß man auch dem Administrator des Stifts Schwerin seine Reichsstandschaft nicht hätte bestreiten können. Thatsächlich ist es aber doch geschehen. Und gerade der erste Administrator, Herzog Ulrich von Meklenburg, verfocht während der ganzen Zeit seiner langen Regierung mit großem Eifer und großer Ausdauer die Behauptung, daß das Stift Schwerin nicht reichsunmittelbar sei. Seine Gegner waren in diesem Streite außer dem Reichsfiscal besonders die Stiftsstände und unter diesen wiederum vor allen die Capitularen. Aber auch nach dem Tode Ulrichs von Meklenburg war diese Streitfrage eine offene, indem die nachfolgenden Herzoge von Meklenburg gleich wie er die Abhängigkeit des Stifts von ihren Herzogthümern zu behaupten suchten.

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Unbedingt ist der Streit um die Stellung des Stifts zum Reich und zu Meklenburg mit der anziehendste und wichtigste Theil der Stiftsgeschichte, und gerade dieser Zeit ist schon längst in ausführlicher Weise behandelt in der 1741 anonym erschienenen Schrift: "Historische Nachricht von der Verfassung des Fürstenthums Schwerin besonders in Politicis", und in Rudloff's d. ä. "Verhältniß zwischen dem Herzogthum Meklenburg und dem Bisthum Schwerin" (1774). Erfreulich ist es nun zwar für den Verfasser der Geschichte des evangelischen Stifts Schwerin nicht, bekennen zu müssen, daß er die bedeutendste Frage dieser Zeit schon gelöst vorgefunden hat; aber darum darf er doch das ganze Capitel nicht übergehen und auf die Vorarbeiten verweisen. Die Vollständigkeit der Darstellung schon erlaubt das sicher nicht. Nun ist aber auch in beiden genannten Schriften das ganze vorhandene Actenmaterial nicht benutzt, und außerdem kommt es deren Verfassern nicht so sehr auf die historische Entwicklung dieses Streites, die gerade unser Interesse vorwiegend in Anspruch nimmt, als auf die rechtliche Widerlegung der Behauptung an, daß das Stift von Meklenburg abhängig sei. Wir gehen also neben ihnen unsern eigenen Weg, freilich in dem Bewußtsein, daß wir mit ihnen ungefähr zu demselben Ziele gelangen werden.

Vorerst noch darzuthun, welche staatsrechtliche Stellung das Stiftsoberhaupt während der 400 Jahre des Katholicismus einnahm, würde nicht nur zu umständlich und weitläufig für unsre Zwecke sein, sondern scheint uns bis auf wenige orientirende Daten auch völlig überflüssig. Wir beschränken uns daher auf das Nothwendigste.

Soviel muß man einräumen, daß die Bischöfe von Schwerin, obwohl sie officielle Einladungen zum Reichstage bekamen, nachweislich - wenigstens ist es bis jetzt nicht nachgewiesen - niemals thatsächlich einen Sitz auf der Fürstenbank des Reichs eingenommen und also niemals ihr votum virile ausgeübt haben. Aber das thaten auch viele andere Reichsfürsten nie, und trotzdem behielten sie diese Rechte. Dagegen steht aber ganz fest, daß das Stift Schwerin ebenso wie die übrigen reichsunmittelbaren Staaten in den Matrikeln des Reichs und des Kreises nicht überschlagen wurde. 1 ) Beispielsweise wurde das Stift in der Matrikel von 1464 und 1467 (Archivacten über Reichsanlagen und=Steuern; Lünig, Reichsarchiv II, S. 83) zu 10 Mann zu Roß und 24 Mann zu Fuß veranschlagt, 1471 dieser Anschlag auf 5 zu Roß


1) Vgl. Rudloff, S. 73.
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und 7 zu Fuß ermäßigt (L. II, 100), dann 1480 wieder auf 8 zu Roß und 10 zu Fuß (L. II, 116), und nochmals 1481, als das ganze Reich 20,000 Mann stellen sollte, auf 10 zu Roß und 10 zu Fuß erhöht. (Archivacten.) 1 ) Auf dem berühmten Reichstage zu Worms 1521 lautete der Anschlag für Schwerin auf 12 zu Roß und 19 zu Fuß, 1 ) . später (1545) wieder auf 10 zu Roß und 10 zu Fuß. 2 ) Zum Vergleich mag hier angeführt werden, daß die Stifter Lübek seit 1545 5 zu Roß und 0 zu Fuß und Ratzeburg 5 zu Roß und 15 zu Fuß stellten. (L. IV, 448 und Archivacten.)

Daß die Bischöfe sich als Reichsfürsten ansahen und von anderen dafür gehalten wurden, beweisen mehrere Verträge, welche sie mit Landesherren schlossen, z. B. 1319 mit König Erich von Dänemark und Herzog Heinrich von Meklenburg, 1397 mit Herzog Albrecht (König von Schweden) und Herzog Johann von Meklenburg. Nun findet sich aber im hiesigen Hauptarchiv in einer gleichzeitigen Abschrift eine Urkunde Herzog Heinrichs von Meklenburg vom Jahre 1468 (13. Septbr.), welche wohl geeignet ist, den Glauben zu erwecken, daß die Bischöfe bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ihre Selbständigkeit wenigstens theilweise verloren hatten. Es handelte sich damals um eine Hülfe, welche der Bischof Werner dem Herzog in seiner Fehde mit Pommern=Stettin leisten sollte. Der Bischof sah durch die Heeresfolge seine Einnahmen aus Pommern gefährdet und hatte deshalb um Erlaß dieser Verpflichtung gebeten, welcher ihm auch gewährt wurde. Die darüber ausgestellte Urkunde enthält den Satz: alse vns denne de erwerdighen heren vnde vedere biscope tor tiid wesende vnser kerken Swerin mit mandenste vorplichtet sint, vns natoridende vnde volghende, wanner vns dat van noeden is, - - darvmme hebben wii deme gnanten heren Wernere vnde den sinen de tiid sines leuendes sodanes denstes vmme sundergher gunst vnde gnade vnde andere denste vnde welker ghifte vnde schenke willen - - - degher vnde all vordreghen vnde vorlaten vnde ene vnde de sinen gnedichliken mede ouergesehn. 3 ) Das sind nicht Worte, wie sie in Verträgen zwischen einander nebengeordneten Reichsfürsten üblich


1) Lünig II, 120 giebt den Anschlag fälschlich auf 8 z. R. und 20 z. F. an.
1) Lünig II, 120 giebt den Anschlag fälschlich auf 8 z. R. und 20 z. F. an.
2) Die Geldzahlung dafür betrug monatlich für einen Reuter 12, für einen Fußknecht 4 Gulden. Nach der Matrikel des niedersächsischen Kreises verlangte man vom Stift Schwerin 1521 12 zu Roß und 19 zu Fuß oder an Geld 220 Gulden monatlich. Zu den Kammergerichts=Zielern sollte das Stift jährlch 30 Gulden zahlen. (Acta, betr. Reichsanlagen.)
3) Großh. Geh. u. Hauptarchiv, Brandenburgica M, 9, B=d.
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sind, das ist vielmehr die Sprache eines Lehnsherrn seinem Vasallen gegenüber. Es kann uns daher auch nicht mehr wundern, wenn 1494 die Herzoge Magnus und Balthasar von Meklenburg von der Stadt Bützow einen Beitrag zur Kaiserbede forderten. 1 ) Daß sie ihn aber erhalten haben, ist mindestens zweifelhaft, da Bischof Petrus entschiedene Einsprache erhob. Nicht mehr so ganz sicher fühlte sich derselbe Bischof, als die Herzoge Heinrich und Albrecht von Meklenburg 1510 und die folgenden Jahre gleichfalls Kaiserbede und Fräuleinsteuer aus dem Stift verlangten. Er behauptete nur, daß er von einer solchen Verpflichtung seines Bisthums nichts wisse, sich aber darnach erkundigen wolle. Die Herzoge bedrängten nun den Bischof mehr und mehr, und derselbe ließ sich endlich, obgleich er noch bestritt, daß das Stift früher Landbede an Meklenburg gezahlt habe, zu dem am Tage Silvestri Papae (31. Dec.) 1514 zu Schwerin geschlossenen Vertrage 2 ) herbei, nach welchem, vorbehältlich beiderseitiger Rechte,

1) das Stift jedesmal zur meklenburgischen Landsteuer 500 Mark Lüb. als Schutzgeld zahlen soll,

2) Meklenburg dafür alle Verpflichtungen des Stifts dem Reich gegenüber auf sich nimmt.

Nun ging es schrittweise weiter. 1526 lud Herzog Albrecht die Stadt Bützow zum meklenburgischen Landtage auf der Sagsdorfer Brücke ein. Das Stift ließ dem Herzog durch Professor Conrad Pegel entgegnen, das sei wider alle Gewohnheit; wohl habe der Bischof aber dessen Stellvertreter an der meklenburgischen Ständeversammlung auf der Sagsdorfer Brücke wegen des Stifts Theil genommen, aber die Stiftsstände seien nie dazu gefordert. Wie man den Streit löste, ist aus den Acten nicht zu ersehen; doch darf man nach den späteren Vorgängen annehmen, daß Bützow der Aufforderung nicht Folge leistete.

Das Verhältniß des Stifts zum Reich und zu Meklenburg immer unklarer erscheinen zu lassen, war nun die Regierung des Bischofs Magnus (postulirt 1516, Bischof 1532 - 1550), der ein Sohn des meklenburgischen Herzogs Heinrich des Friedfertigen war, vor allem schuld. Schon als meklenburgischer Prinz kümmerte Magnus sich weniger um das Ansehen des kleinen Ländchens, als um die Macht seines eigenen Heimathslandes. Und da während


1) Contributions=Acten des Stifts.
2) Contributions=Acten. Von dem Vertrage ist vorhanden das plattdeutsche Concept, eine plattdeutsche und eine vom Notar Georg Oldendorp beglaubigte hochdeutsche Abschrift.
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seiner Minderjährigkeit sein Vater als Vormund auch im Stift die Regierung führte, und während dieser Zeit alle Gefälle und Einkünfte aus dem Stift ebenso wie aus dem Herzogthum Meklenburg in die fürstliche Kammer Heinrichs flossen 1 ) ,so daß Meklenburg damals völlig, um in der Sprache jener Zeit zu reden, der "ausziehende", das Stift aber der "ausgezogene" Stand wurde: da verwirrten sich die Meinungen auch fachkundiger Leute so sehr, daß später eine große Zahl ehrenhafter Zeugen behaupten konnte, das Stift sei dem Reich gegenüber immer von Meklenburg vertreten und gelte nicht für einen reichsunmittelbaren Stand. Aehnlich war die Ansicht des Bischofs Magnus selbst. Er glaubte, daß durch die von Meklenburg gezahlten Reichsabgaben den Anforderungen des Reichs an das Stift genügt sei, und wollte weiter nichts leisten. Natürlich gerieth er darum aber mit dem Reichsfiscal in Conflict, der ihn bis an sein Ende mit Strafanträgen und Processen verfolgte.

1. Die Regierungszeit Ulrichs I.

Nach solchen Vorgängen trat der entschlossene, thatkräftige Herzog Ulrich von Meklenburg 1550 die Stiftsregierung an. Auch er hielt das Stift für ein Meklenburg incorporirtes Land und setzte darum den von Herzog Magnus ererbten Proceß mit dem Reichsfiscal beim kaiserlichen Kammergericht fort. 2 )

Vorhanden ist eine Quittung aus dem Jahre 1545 über die Leistung der Reichsabgaben von den meklenburgischen Herzogen und im Besonderen auch vom Bischof Herzog Magnus wegen des Stifts Schwerin. Es war also 1545 vom Stift die Reichsanlage gezahlt; aber seitdem wurde von Seiten des Bischofs wieder die Exemtion des Stifts vorgewandt, um die Zahlung zu verweigern. Deshalb brachte denn der Reichsfiscal auf dem Reichstage zu Augsburg 1548 seine Beschwerde wider Magnus vor und erwirkte


1) Historische Nachricht, S 29.
2) Der meklenburgische Theilungsvertrag, geschlossen zwischen den Herzogen Johann Albrecht und Ulrich 1555 zu Wismar, bezeugt auf das Unzweideutigste den Glauben beider Herzoge an die Oberhoheit Meklenburgs über das Stift (Rudloff, S. 69 ff.). Sebstverständlich konnte aber dieser Vertrag dem Stifte Schwerin von seinen Rechten nichts nehmen, da Herzog Ulrich, wenn er auch Administrator des Stifts war, keine Stiftsrechte ohne Zustimmung des Capitels, das nicht gefragt wurde, vergeben durfte. Ohnehin wäre auch noch die Bestätigung des Kaisers als Oberlehnsherrn nöthig gewesen. Da also die Bestimmungen des Vertrages von 1555 für das Stift völlig unverbindlich sind, so bedarf derselbe hier weiter keiner Berücksichtigung.
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dadurch eine Ladung desselben "als vermeintlich unbilligen eximirten Principalen" und wider den Herzog Heinrich von Meklenburg "als vermeintlichen Eximenten" des Bischofs. Der auf demselben Reichstag gefaßte Beschluß der Reichsstände, "daß auch zu völliger Leistung der bewilligten Reichshülfe die Stände, so durch andere ausgezogen, ein jeder seine gebührende Anlage dies Mal selbst zu erlegen oder aber von ihretwegen die ausziehenden Stände dieselbe zu erstatten schuldig sein sollten", ließ den Meklenburgern wenig Hoffnung, daß sie mit ihrem Einspruch durchdringen würden. Jedenfalls aber konnte man eines erreichen, was bei der bedrängten Finanzlage den Angeklagten höchst wichtig war, man konnte Zeit gewinnen. Es scheint auch, als ob der Anwalt Meklenburgs und des Stifts, der Dr. juris Michael (von) Kaden, es sich besonders angelegen sein ließ, die Streitfrage hinzuhalten. Es wurde eine Menge Streitschriften gewechselt. Auf die Ladung folgte die Vollmacht des Anwalts, darauf die petitio articulata des Fiscals, weiter die responsiones cum annexis articulis defensionalibus seu elisivis Herzog Heinrichs, übergeben zu Speier 16. Nov. 1549, die Probationsschrift des Fiscals, die articuli additionales cum petitione der Herzoge, die exceptiones contra praetensos additionales articulos et in eventum responsiones Fiscalis und die dicta testium.

Das alles erlebte freilich Bischof Magnus nicht mehr, und auch Kaden, der auf vielfaches Ermahnen endlich im Jahre 1556 auch die Vollmacht Ulrichs I. beibrachte, gab wie andere Processe auch diesen auf und verlebte (am 13. Juni 1561 erscheint er zuletzt als Anwalt Ulrichs) seine letzten Jahre in Ruhe. Für ihn trat, zuerst 11. Oct. 1561, wieder der Dr. Heinrich Burckhardt als Anwalt der Meklenburger auf.

Auf dem Kreistag zu Halberstadt 1551 brachte als Vertreter Meklenburgs und des Stifts Dr. Hoffmann die Beschwerden seiner Mandanten über die zu hohen Ansätze der Reichsanlagen vor. Dem Stift war 1545, wie schon angegeben, seine Leistung zu der Vertheidigung der Reichsgrenzen auf 10 Mann zu Roß und 10 zu Fuß ermäßigt, aber auch dieser Anforderung zu genügen hielt Ulrich sich nicht verpflichtet. Hoffmann erklärte den Kreisständen, daß das Stift immer als von Meklenburg incorporirt betrachtet sei, daß dasselbe ohne Zweifel für ein "exemt Gliedmaß" gehalten werden müsse, und daß Herzog Ulrich "diesfalls in quasi possessione libera" sich befinde. Zwar würde dies durch den Reichsfiscal bestritten, aber man führe eben deshalb noch den Proceß, und der Herzog hoffe Recht zu behalten. Ohnehin

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sei der Anschlag zu groß, da das Stift nur ein armes Land sei "ohne Bergwerk, Weinwachs oder Salzwerk". Die Stifter Brandenburg, Ratzeburg und Schleswig seien geringer angeschlagen als Schwerin, obgleich sie sicher nicht ärmer wären. Andere Stifter hätten nur einen Anschlag auf 5 zu Roß (er meinte damit Lübek, das in der That so niedrig angeschlagen war); daher könne man auf keinen Fall von Schwerin 10 zu Roß und 10 zu Fuß fordern.

Zunächst zahlte man nun diese Abgabe nicht, und bald war man denn auch große Summen schuldig. 1557 betrugen die Rückstände des Stifts Schwerin nach der Rechnung des Kreislegekastens zu Lübek 640 Meißnische Gulden oder 560 Thaler. Im nächsten Jahre erging deshalb eine Mahnung an das Capitel; zugleich forderte man auch das "aufgegebene Geschütz und Munition zu stellen", widrigen Falls man mit einer Klage beim Kaiser und Kammergericht vorgehen werde. Außer diesem Anschlag forderte aber das Reich noch andere Abgaben. Auf dem Reichstage zu Worms 1551 legte man dem Stift auf 4 Jahre eine jährliche Steuer von 37 1/2 Gulden Kammerzieler auf, die in 2 Raten das Jahr, jedes Mal mit 18 Gulden 3 Ort, zu zahlen war. Diese 8 Kammerzieler waren selbst 1561 noch nicht entrichtet, obgleich bis dahin bereits wieder 13 neue Zieler verfallen waren. Die Summe aller fälligen Zieler seit 1548 betrug 608 Gulden. Durch vielfaches Vertrösten auf Zahlungen nur hatte sich der Reichfiscal so lange hinhalten lassen; aber am 20. Oct 1561 erwirkte er doch endlich ein gerichtliches Erkenntniß, daß Herzog Ulrich ungeachtet der vorgebrachten "articulirten Exception Parition thun" solle. Trotzdem wurde nicht gezahlt, ja es restirte selbst schon die 29. Rate: da erst beschloß der Fiscal mit Verkündigung der Execution vorzugehen, damit er die Kammerzieler in der Höhe von 750 Gulden und dazu die "Legationskosten in Frankreich" von 82 Gulden 30 Kreuzern aus dem Stift erhalte.

Da die vielen Beschwerden wegen der Reichsanschläge den Abgeordneten der Reichstage zu lästig wurden, so hatte man schon 1548 beschlossen, daß die Reichsstände ihre Einreden auf den Kreistagen vorbringen sollten. Von hier aus sollten dann die Verhältnisse durch Commissare untersucht und deren Ermittelungen einer Moderations=Commission des Reichs vorgelegt werden. Der Weg bis dahin war aber ein sehr langer und mühsamer; und kam man endlich mit seinen Acten zur Stelle, so fand man die Thür verschlossen, wie wir später sehen werden.

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Zu den Kreistagen, die vom Erzstift Magdeburg und dem Herzogthum Braunschweig=Lüneburg als Kreisdirectoren im niedersächsischen Kreise berufen wurden, gingen die Einladungen zur Zeit Ulrichs I. nicht an den Stiftsregenten, sondern an das Schweriner Domcapitel mit der Aufforderung, "die Seinigen, mit genugsamer Instruction versehen, zu schicken." Das Capitel schickte aber niemand; es bat Herzog Ulrich, der doch schon als Herzog von Meklenburg seine Abgeordneten sandte, um Vertretung: "Dieweil denn E. F. G. diesfalls derselben Domcapitel pflegen in Gnaden zu vertreten, als zweifeln wir nicht, E. F. G. werden dasjenige, was sich derselben Stifts und Capitels halben hierin zu beschaffen gebührt, auch anzuordnen wissen." Das Capitel wurde also im 16. Jahrhundert als ein Kreisstand geachtet; es hieß darum auch ausdrücklich in dem Kreisausschreiben: Euch und die andern Stände dieses löblichen niedersächsischen Kreises." 1589 meinte Herzog Ulrich sogar, daß das Capitel den letzten Kreistag selbst beschickt habe, aber seine Ansicht war doch wohl irrig.

Die Lage des Stifts bei der Menge der sich noch jährlich mehrenden Reichsschulden war freilich keineswegs beneidenswerth; es ist daher auch begreiflich genug, daß Herzog Ulrich es sich angelegen sein ließ, ein Erkenntniß des Reichskammergerichts zu erhalten, welches das Stift für incorporirt erklärte und ihn von allen Zahlungen befreite. Die übrigen Herzoge von Meklenburg unterstützten ihn, zwar aus andern Gründen, thatkräftig genug. 1557 hatte man in dieser Angelegenheit im Hause des meklenburgischen Kanzlers Johann von Lucka auf Befehl Herzog Johann Albrechts wider das Vorgehen des Reichsfiscals das Instrumentum appellationis an das Kammergericht verfertigen lassen und dieses mit 61 Rthlrn. an Dr. von Kaden nach Speier geschickt. Es kam auch wirklich nicht gar lange darauf die Einladung zum Termin. Unterm 15. April 1561 wurde Herzog Ulrich ad mandatum imperatoris auf den 1. Juli desselben Jahres nach Speier citirt. Das Urtheil wurde am 21. October 1561 publicirt, es war in possessorio erkannt und lautete 1 ): "In Sachen kais. Fiscals, Klägers, wider Herrn Heinrich und Herrn Johann Albrecht, Herzoge zu Meklenburg, exemtionis, ist allem Vorbringen nach zu Recht erkannt, daß die Beklagte das Stift und Bisthum Schwerin als einen sonderbaren Stand des Heil. Reichs bis zu Erörterung des petitorii an allen specificirten, seit der Zeit der Rechtfertigung bis hieher rückständigen Zielen und Reichsanschlägen, auch künf=


1) Historische Nachricht, Anlage G.
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tigen Reichshülfen, zu vertreten und zu bezahlen schuldig seien bei Pön" u. s. w. Ulrich protestirte zwar 1562 durch seinen Anwalt gegen dies Erkenntniß, im Besondern dagegen, daß das Stift bis zur Erörterung des noch streitigen petitorii als ein sonderbarer Stand des Reichs gelten solle; doch hatte er anscheinend selbst wenig Hoffnung, mit seinem Protest etwas zu erreichen, da er von jetzt an das Stift durch Einberufung der Stiftsstände nach Bützow und durch gesondertes Einsammeln der Contribution als ein setbständiges Reichsland behandelte. 1 ) Sofort suchte Herzog Ulrich auch den meklenburgischen Amtleuten das Erheben von Steuern im Stift zu verwehren. 1562 schon erklärte er den Beamten zu Bukow: Früher hätten zwar die Stiftsleute an Meklenburg gesteuert, da man das Stift für incorporirt gehalten; im vorigen Sommer sei aber dasselbe durch Urtheil des Kammergerichts ein "sonderbarer Reichsstand" geworden, der selbst seine Steuern zu zahlen habe. Es habe nun aber Herzog Johann Albrecht zugesagt, er wolle auf dem jetzigen Reichstag zu Frankfurt, wohin er selbst gereist sei, dafür wirken, daß das Stift als incorporirt anerkannt werde; bis zur Wiederkehr des Herzogs möchten sie daher gegen die Stiftsunterthanen nichts unternehmen.

Am 4. Juli 1562 eröffnete Ulrich zu Bützow seinen ersten Stiftstag. Er machte die Stände mit dem Urtheil des Kammergerichts bekannt, das in possessorio ergangen sei, weil das Reich glaube wegen der Hebungen aus dem Stift "im Besitz und Posseß" zu sein, da dasselbe vor 14 Jahren (1548) als ein "sonderbarer Stand" Reichsanlagen gegeben habe. Die ganze Summe der Forderungen, der alten und der neuen, betrug 2430 Gulden schwerer Münze (1 G.=16 Batzen). Die Stände gingen natürlich ungern auf diese hohe Forderung ein; sie fanden sich aber endlich bereit, obwohl sie meinten, daß die Reichssteuer von des Bischofs Tafelgeldern gezahlt werden müsse, auf Martini für die Hufe 2 Mark Lüb. und für das städtische Haus 1 Gulden zu zahlen, wenn Ulrich ihnen einen Revers ausstellen wolle, daß sie künftig mit diesen Abgaben verschont blieben. Ulrich nahm das Anerbieten an und stellte am 13. Februar 1563 den Revers aus.

Um die Beschwerden des Stifts besser beurtheilen zu können, beschloß man eine Commission zu erwählen, welche durch ein umfängliches Zeugenverhör und durch Inspection schriftlicher Urkunden die Wahrheit ermittetn sollte. Der meklenburgische und Stiftsanwalt Dr. Burckhardt schlug als Reichscommissare das Dom=


1) Hist. Nachr. S. 29; Rudloff, S. 76.
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capitel zu Havelberg und den Magistrat zu Stralsund vor, das Kammergericht nahm beide an und ernannte seinerseits noch den Dr. jur. Langenbeck zu Hamburg, welcher ex officio ad instantiam fiscalis den Commissaren beigeordnet wurde. Nun beeilten sich beide Parteien, ihre Beweisstücke und Frageartikel der Commission zu übermitteln. Der Fiscal des Kammergerichts Dr. Vollandt suchte darzuthun, daß die Bischöfe von Schwerin in früherer Zeit immer als Reichsfürsten gegolten, daß sie sich erst später in den besonderen Schutz der Herzoge von Meklenburg begeben, und daß dann diese allmählich sich Hoheitsrechte über das Stift angemaßt hätten. Als Anwalt Meklenburgs und des Stifts war Dr. Bouke thätig. Er sollte selbst nach Stralsund reisen, um vor dem dortigen Magistrat seine Mandanten zu vertreten; da ihn aber "Leibesschwachheit" daran hinderte, so schickte er seine Beweisstücke mit einem langen Schreiben nach Stralsund ab.

Nun luden die Commissare die Zeugen zum Verhör ein, welches am 10. Mai 1563 auf dem Rathhause zu Güstrow stattfand. Der Dr. Vollandt hatte als Vertreter des Reichs den Notar und Rechenmeister Magister Thomas Fischer zu Rostock deputirt mit der Befugniß, nöthigenfalls einen andern für sich schicken zu dürfen. Fischer machte von dieser Befugniß Gebrauch und substituirte den Notar Christoph Lewenstein. Der Vertreter der Herzoge, Dr. Bouke, nahm aber den Notar Lewenstein nicht an, "da der substituens Fischer eine anrüchige Person sei, und auch Lewenstein früher als herzoglich meklenburgischer Einspänniger wegen verdächtiger Sachen aus seinem Dienste hätte entlassen werden müssen. Die Commission wählte endlich, um vorwärts zu kommen, den Stadtschreiber Martin Probst zu Güstrow. Die Namen der Commissare hat Verfasser nicht vollständig ermitteln können; ob aus Havelberg ein Domherr kam, ist ungewiß. aus Stralsund sollte der Bürgermeister Dr. Nic. Gentzkow geschickt werden, und wahrscheinlich wird er gekommen sein. Als Notar fungirte der Stralsunder "Mitrathsfreund und Secretär" Bartholomäus Zastrow.

Die geladenen Zeugen waren alle bis auf zwei erschienen und wurden in folgender Reihenfolge verhört: 1) Kurd von der Lühe (70 Jahre alt), 2) Hartwig von Bülow auf Pokrent (70 J.), 3) Hans Sperling auf Rüting (63 od. 64 J.), 4) Professor Mag. Konrad Pegel zu Rostock (70 J.), 5) Gregor Dethlef, früher Präceptor zu Tönnieshof (Tempzin), jetzt (verheirathet) zu Rostock (69 J.), 6) Heinrich Gültzow, Wandschneider, früher Bürgermeister zu Rostock (74 J.), 7) Tönnies Preen, Edelmann zu Wismar

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(60 J.), 8) Brauer Peter Zander zu Schwerin (67 J.), 9) Bürgermeister Eitel Schencke zu Neubrandenburg (55 J. alt, "98,000 Fl. reich"), 10) Bürger Heinr. Aelkopf zu Wismar, früher Herzog Albrechts Küchenmeister (60 J.), 11) Bürger Urban Lamprecht zu Wismar, zu Herzog Heinrichs Zeit in der Kanzlei angestellt (55 J.), 12) Bürger Jacob Eger zu Schwerin (50 J.). Die beiden nicht erschienenen Zeugen 13) Lütke von Quitzow zu Perleberg (80 J.) und 14) Heinrich von Hahn zu Pleez (80 J.) wurden in ihren Wohnungen verhört.

Die Aussagen der Zeugen erstrecken sich nur über das, was sie selbst erlebt haben konnten, und alle meinen, daß das Stift seit ihrer Lebenszeit ein von Meklenburg abhängiges Land gewesen sei: Die Jurisdiction sei zwar im Stift von den Bischöfen selbst exercirt, aber die Steuer habe Meklenburg erhoben und an das Reich gezahlt. Die Bischöfe wären früher Prälaten Meklenburgs gewesen. Dethlef will die Bischöfe Conrad Loste, Johannes Thun und Petrus Wolckow perpönlich gekannt haben, sie seien immer "gnädige Herren", nie "Fürsten" genannt worden. Pegel weiß, daß Bischof Petrus Wolckow den Freiwerber Herzog Heinrichs bei der Pfalzgräfin gemacht habe.

Der von den Commissaren (auch vom Havelberger Capitel) unterschriebene und untersiegelte rotulus testium wurde am 11. März 1564 verschlossen von Dr. Burckhardt zu Speier übergeben. Ob er aber auch daselbst gelesen worden? Zweifelhaft ist es mindestens. Wir wissen nur, daß der Fiscal noch im Jahre 1564 die Siegel des Rotulus auf ihre Echtheit prüfte. Dann haben wir erst wieder Nachricht aus dem Jahre 1571, wo der Piscal, jedenfalls als Gegenbeweis wider die Zeugenaussagen, die Reichslehnbücher zu Speier vorlegte, um seine Behauptung zu rechtfertigen, daß das Stift Schwerin als reichsunmittelbares Land gelten müsse. Vielleicht kümmerte das hohe Gericht sich auch nicht weiter um diese Beweisstücke; doch versprach dasselbe 1573, diese Bücher auf des Piscals Verlangen wieder zurückzugeben, wenn es statt derer beglaubigte Abschriften bekomme.

Daß neben Herzog Ulrich auch dessen Bruder Johann Albrecht bemüht war, noch nach dem Erkenntniß des Kammergerichts die Oberherrschaft Meklenburgs über das Stift zu beweisen und zur Anerkennung zu bringen, ist actenmäßig erwiesen. 1565 handelte Dr. Jacob Thomingk zu Leipzig, damals einer Reichslegestadt, d. h. einem Ort, an welchem Reichssteuern eingezahlt wurden, im Auftrage des Herzogs Johann Albrecht. Er war damals mit

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der Abfassung eines Berichtes "in puncto reductionis" (der Reichsabgaben) "et episcopatus Suerinensis" beschäftigt.

Da man aber endlich einsehen mußte, daß alle Anstrengungen, die Anerkennung der Abhängigkeit des Stifts von Meklenburg und in Folge dessen Abgabenfreiheit dieses Landes zu erlangen, sicher noch auf lange Zeit vergeblich sein würden, so versuchte man auf einem andern Wege wenigstens einen Theil der drückenden Reichsabgaben los zu werden. Man bewarb sich um so eifriger um Moderation. Um Steuerermäßigung zu erhalten, durften die Reichsstaaten sich nach dem Beschluß des Reichstages von 1548, welcher Beschluß im Jahre 1566 erneuert wurde, nicht mehr an diese hohe Versammlung selbst, sondern nur an die Kreistage wenden, welche die Verhältnisse prüfen und dann das gewonnene Material einer eigens dazu eingesetzten Moderations=Commission des Reichs zur Beurtheilung einsenden sollten. Trotzdem versuchte Ulrich noch 1566 auf dem Reichstage zu Augsburg Abminderung seiner Reichsschulden, die auf 3840 Gulden angewachsen waren, zu erlangen. so hoch, hielt er der Versammlung vor, sei kein Reichsstand belegt, daß er mehr als ein ganzes Jahreseinkommen zahlen müßte. Wie erklärlich, war aber seine Mühe hier vergebens, und er zahlte darum zu Leipzig, wenn auch mit Protest.

Nach diesem vergeblichen Bemühen wandte man sich dann an die Kreisvertretung. Auf dem Kreistage zu Halberstadt überreichten die Vertreter Ulrichs: Joachim von Holstein und Dr. Joh. Bouke, am 3. Nov. 1566 die gravamina des Stifts Schwerin, in welchen bewiesen wurde, daß dies Ländchen die hohen Reichsabgaben nicht zu zahlen vermöchte, da dessen große Einnahme aus den Wallfahrten nach dem heiligen Blut in Schwerin ("jährlich etliche viel tausend Gulden") aufgehört habe, da viele neue Kirchendiener angestellt, ein ganzes Consistorium eingesetzt wäre, und die Domschule mehr Lehrer erfordere als früher, da seit 13 oder 14 Jahren die Einkünfte aus Pommern und ebenso aus Meklenburg fast alle ausblieben, und da endlich das Stift auch Meklenburg gegenüber Verpflichtungen erfüllen müßte. Unter diesen Verpflichtungen verstand man die von einigen Stiftsunterthanen geforderten Dienste, meklenburgische Steuern und Landbede, welche man "als ein Mitgliedmaß" zahlen müsse, und die Kostenbeiträge zu den meklenburgischen Gerichtstagen. Die Einnahme im Stift sei so gering, daß Herzog Ulrich jährlich aus seinen Einkünften in Meklenburg zuschießen müsse. Administrator und Capitel bäten daher um eine Entfreiung vom Reichsanschlag auf 15 oder 20 Jahre. Sollte aber unterdeß in dem schwebenden Proceß das Stift für reichs=

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unmittelbar endgüttig erklärt werden, so bitte man um eine Herabsetzung des Anschlages bis auf 1/3, denn mehr zu leisten sei das Stift außer Stande.

Damit nun dieser Antrag des Stifts nicht ganz in Vergessenheit gerathe, was derzeit leicht möglich war, brachten die Bevollmächtigten Ulrichs auf dem Kreistage zu Lüneburg 1567 - es waren dieselben wie 1566 - wiederum eine Petition um Moderation ein. Die Begründung derselben war der vom vorigen Jahre gleich; nur behauptete man noch in einem Subscript, daß man einen namhaften Ausfall der Einkünfte habe, seitdem die Wallfahrt nach Sternberg aufgehört habe, denn dahin sei "eine viel größere Wallfahrt und Zulauf gewesen" als nach Schwerin. Die Forderungen waren etwas herabgesetzt: es wurde gebeten, man wolle das Stift auf 15 oder 20 Jahre oder bis zur Entscheidung der Frage über die Reichsunmittelbarkeit nur zu 1/3 des bisherigen Anschlages verpflichten.

Der Kreistag ging dies Mal in der That auf den Antrag ein; denn er bestimmte, daß Ulrich am nächsten Montag nach Judica zu Lüneburg den Beweis seiner Behauptungen führen sollte. Diese Frist aber erschien dem Herzog zu kurz, und er bat deshalb um einen späteren Termin, der auch bewilligt wurde. Nun wurde Lübek beauftragt, durch Subdelegirte am Mittwoch nach Palmsonntag zu Wismar ein Zeugenverhör zu halten und urkundliche Beweise entgegenzunehmen. Zur Ueberlieferung der brieflichen Beweisstücke und zur Vertretung des Stifts überhaupt deputirte Herzog Ulrich den Dr. Georg Kummer und den Rentmeister Gabriel Bruckmann. Das Verhör begann unter dem Vorsitz des Lübischen Rathsverwandten Dr. juris Penningbuttel am Nachmittage des 26. März 1567 auf dem Rathhause zu Wismar. Die beiden genannten Vertreter des Stifts wurden vor Beginn der Verhandlungen von dem Vorsitzenden vereidigt. Als Zeugen wurden verhört: der Kirchenstructuar Burchard Schmidt, die Vicare Johann Dieckmann und Christian Vidimer, der Schelfvogt Hans Schmidt, der Superintendent Dr. Wolfgang Peristerus, der Rector der Domschule Mag. Heinrich Timannus, alle zu Schwerin, der Küchenmeister Grammerius zu Bützow, der Stiftsmonitor Jacob Rigemann ebendaselbst und 7 Bauern. Ihre Aussagen waren für Ulrich entschieden günstig, denn alle Zeugen waren von der Zahlungsunfähigkeit des Stifts überzeugt, das mit Abgaben übermäßig belastet sei. 1 )


1) Einige Mittheilungen der Zeugen, die sonst für die vorliegende Dar= (  ...  )
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Ehe aber noch von einer Berücksichtigung der Stiftsbeschwerden und der eben eingeholten Beweise für dieselben die Rede sein konnte, kam dies arme Land in große Verlegenheit, da der Reichsfiscal wieder hartnäckig Zahlung verlangte. Herzog Ulrich sah sich deshalb genötigt d. d. Güstrow, 5. August 1567, schriftlich Protest einzulegen. Aber schon unterm 21. Octbr. desselben Jahres erhielt er aus Speier die Mittheilung, daß wegen der rückständigen 1920 Gulden Reichsschulden, wegen welcher er nach Reichstagsbeschluß schon in die Pön der Acht oder statt deren der Privation gefallen sei, am 39. Tage nach Empfang des Schreibens er selbst oder ein Bevollmächtigter vor dem Kammergericht erscheinen solle, um begründete Einreden vorzubringen oder "um aller Regalien, Privilegien, Freiheiten, Gnaden, Rechte und Gerechtigkeiten, die er vom römischen Reiche habe, privirt zu werden." Noch bevor Ulrich diese Ladung in Händen haben konnte, am 25. Octbr., ließ er unter Leitung des Hofraths Welß durch den Notar Reimann zu Wismar ein Appellations=Instrument an das Reichskammergericht verfertigen, in welchem er sich über das Urtheil des Moderationstages zu Worms, das ihm wieder den alten Anschlag, 10 zu Roß und 10 zu Fuß, auferlegte, auf das Aeußerste beschwerte. Aber Alles war umsonst. Der Abschied des Kammergerichts vom 17. October 1568 verkündete dem Stiftsanwalt Dr. Kirrwangen, daß er innerhalb der erbetenen Frist, die nicht näher bekannt ist, Anzeige der geschehenen Zahlung zu machen habe, widrigenfalls auf ferneres Anrufen des Fiscals ergehen solle, was Rechtes sei. Nun wurden von Stifts wegen 1631 Thlr. gezahlt, aber nicht auf einmal, da Ulrich noch in demselben Jahre gemahnt wurde, den Rest von 640 Gulden zu erlegen.

Als im folgenden Jahre wieder die Reichsanschläge nicht entrichtet waren, verlor der Procurator Dr. Kirrwangen den Muth noch ferner dem Stifte helfen zu können, und Herzog Ulrich mußte den gelehrten Dr. juris Teuber in Wittenberg ersuchen, er möge Kirrwangen Rath ertheilen.


(  ...  ) stellung weniger von Belang sind, mögen hier in Anmerkung gegeben werden. Es wurde von Vidimer mitgeteilt, das zu Schwerin im Dom früher 3 Blöcke gestanden hätten, in welche die Wallfahrer ihre Opfer legten, was 2 Mal jährlich, coena dominica und ascensionis geschehen sei. Die Gaben, in der Höhe von etwa 500 Gulden jährlich, wären in 3 Theile getheilt und an den Bischof, an das Capitel und an die Kirche gegeben, In der katholischen Zeit, wurde behauptet, hätten 97 Dörfer in Pommern an das Stift gezahlt.
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Nicht lange darauf, 1571, war das Stift wieder 9 Römermonate schuldig. Da der Fiscal drängte, suchte man wieder Hülfe beim Kreistage. Deshalb überreichte der bischöfliche Anwalt Joh. von Hagen am 8. Mai zu Lüneburg eine Petition um Moderation. Die subdelegirten Inquisitoren (bischöflich Bremische, lüneburgische und Lübische Abgeordnete) wiesen ihn an, er solle die gravamina und die schriftliche Begründung derselben bald bereit halten, damit sie sogleich nach dem Abschied des Kreistages zu Braunschweig an den Erzbischof von Magdeburg, den ersten Kreisdirector, geschickt werden könnten. v. Hagen reiste daher sofort zu Joach. Wopersnow, um sich von demselben Rath zu holen. Er erhielt die Zusicherung, daß die Briefe und Urkunden bis Ende Mai abgeschrieben sein könnten. Auch ein Zeugenverhör sollte wieder stattfinden, und zwar wieder wie 1566 unter der Leitung Lübeks, das zu dem Zwecke die Zeugen zu ascensionis domini nach Warin forderte. Wismar hatte man auf Wunsch Ulrichs nicht wieder gewählt, weil die Versammlung dort zu theuer geworden war.

Das Verhör begann unter Leitung der beiden Lübischen Rathsherren Franz und Heinrich von Stiten am Freitag, 25. Mai 1571, Morgens 9 Uhr, in der "Sommerstube" der Burg zu Warin. Als Notar fungirte Simon Hennings, und als Bevollmächtigte Ulrichs erschienen der Dekan Joachim Wopersnow, der Domherr Otto Wackerbarth und der Rentmeister Gabriel Bruckmann, Nachmittags kam noch Johann Grammerius hinzu. Zu Zeugen waren berufen: der Vicar Christian Vidimer, der Domherr Georg Hübner, der Superintendent Dr. Peristerus, der Rector Mag. Timann, der Vicar und Domstructuar Schmidt, alle zu Schwerin, der Küchenmeister Hans Möller zu Warin u. a. Das Verhör war am 26. Mai Mittags beendet, und es begann nun die Prüfung der schriftlichen Beweisstücke. Alle Copien wurden mit den vom Secretär Joh. von Hagen vorgelegten Originalien verglichen. Am nächsten Montag mußte der Notar Hennings noch den Vicar Schmidt zu Schwerin verhören, da dieser zu Warin nicht erschienen war.

Der Moderationstag des Reiches war auf Ende Juli zu Frankfurt a. M. bestimmt. Aus jedem Kreise waren 2 Moderatoren erwählt, aus dem niedersächsischen Rath Uden für Magdeburg und Syndicus Lüder für Nordhausen. Im Auftrage des Stifts reiste Dr. Bouke nach Frankfurt. Er war mit Vollmacht und Instruction hinlänglich versehen; aber er konnte doch nichts ausrichten, da unter den vielen Anträgen (41) der des Stifts Schwerin gar nicht vorgenommen, sondern an den am 1. August zu Frankfurt statt=

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findenden Deputationstag verwiesen wurde. Hier überreichte nun Bouke eine Petition, in welcher er hervorhob, daß die Moderation mit der fraglichen Exemption nichts zu thun habe. Aber auch der Deputationstag ließ die Stiftssache unerörtert in der Mainzischen Kanzlei liegen.

Auf dem Stiftstage zu Bützow 1576 klagte die Stiftsregierung, daß die Contribution für die vielen Ausgaben nicht mehr ausreiche; in letzter Zeit sei sehr viel Geld vom Reich gefordert: "Kammergerichts=Unterhaltung, Bau=, Wartgeld, behörliche Gegenstände, Hülfe, Expeditionen, Reichs=, Kreistage, Legationen." Dazu habe der Administrator die Kosten der Bewerbung um Moderation allein tragen müssen. Daß aber aus dem Stift mehr aufkommen würde als bisher, war mindestens zweifelhaft, da schon jetzt nicht alle Steuern mehr eingingen. Es blieb also wohl nichts weiter übrig, als noch einmal dem Kreistage mit dem Antrag auf Moderation zu kommen. Und schon im Frühling 1577 sehen wir die Kreisinquisitoren zu Lüneburg wieder mit der Stiftsangelegenheit beschäftigt. Sie versprachen unterm 1. Mai das Actenmaterial zum bevorstehenden Moderationstag (1. Aug.) nach Frankfurt a. M. zu schicken. Neues Material bekamen sie indessen nicht, da Ulrich es verweigerte, fernere Probationen zu geben. Nach Frankfurt sollte wieder Bouke reisen, aber er wollte nicht, da er sich nicht wohl befand. Auch Andere lehnten die Reise ab, wie der Propst Heinrich von der Lühe (auf Thelkow) und der Domherr Otto Wackerbarth. Endlich fand sich Dr. Esaias Hoffmann bereit und reiste ab. Er war in Frankfurt anscheinend sehr thätig; denn überall, wo er Zutritt fand, hielt er um Beschleunigung der Verhandlungen an, ohne indessen dafür mehr als "gute Vertröstungen" zu bekommen. Er meinte daher, "daß dieses ein langsam Werk werden wolle"; er hätte auch ebenso gut behaupten können, daß es vergebliches Bemühen wäre. Denn die Zahl der Anträge war außerordentlich groß, 136 Stände baten um Moderation, und die zum 1. August berufenen Moderatoren waren am 10. August noch nicht einmal vollständig erschienen. so wurde aus der Moderation des Stifts wieder nichts.

Die Forderungen des Reichs wurden aber nicht geringer. Nach der 1576 bewilligten 6jährigen Türkensteuer betrug die Stiftsabgabe jährlich 1600 Gulden, also in 6 Jahren fast 10,000 Gulden. Die ganze Einnahme des Stifts belief sich dagegen nach Angabe der Regierung nur auf 2514 Thlr. 23 ßl. 7 1/2 Pfennig jährlich. Ohne Anleihen ging es lange nicht mehr; aber auch dies Mittel die Schuld zu tilgen konnte keine dauernde Rettung bringen,

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sondern endlich nur größere Verlegenheiten bereiten. 1583, als das Stift schon 4000 Gulden schuldig, und vom Reich mit der Acht und poena dupli beim Ausbleiben der Steuern bedroht war, wollte es darum auch nicht anders mehr gehen, als daß man wieder durch Bitte um Moderation (wie gewöhnlich auf 3 zu Roß und 3 zu Fuß) wo möglich, wenn nicht Ermäßigung, so doch Aufschub zu erlangen suchte. Wiederum wurde die alte Klage auf dem Kreistage zu Halberstadt 1583 vorgetragen, wiederum nahm sich diese Versammlung des Stiftes an und bestimmte Bremen, Braunschweig=Lüneburg und Lübek zu Inquisitoren. Diese schrieben auf Antrag des Dr. Heinr. Husanus einen Termin zum Zeugenverhör nach Sternberg aus, zuerst auf den 30. April, an welchem Tage das Verhör wegen des Ausbleibens Vieler unterbleiben mußte, und dann auf den 14. Juni. An diesem Tage erschienen vor den Subdelegirten des Kreises als Zeugen 4 Ratzeburger Domherren (wegen des Vergleichs mit dem Stift daselbst), 11 pommersche Unterthanen (wegen der Einkünfte aus Pommern), ferner Stiftshauptmann Jürgen Wackerbarth, Jürgen von Bülow auf Zibühl, Bürgermeister Peter Rittorff zu Bützow, Secretär Joh. von Hagen zu Bützow und Vicar Christian Videmeier (Vidimer) zu Schwerin. Ihre Aussagen bewiesen, daß das Stift Schwerin seit der Reformation nur geringe Einkünfte hatte, und daß im Besondern Ratzeburg viel besser gestellt sei. Wackerbarth erklärte, daß anderswo die Unterthanen von der Hufe nur 4 Schillinge zahlten, im Stift Schwerin aber 2 Gulden von jeder Hufe gegeben werden müßten; das wäre viel zu hart für die Stiftsbewohner, und doch reichten die Einnahmen dieses Ländchens lange nicht. 1 )

Auch die dies Mal erwachsenen Acten wurden an die Moderations=Commission des Reichs geschickt, natürlich ohne Erfolg; aber durch den Fiscal=Procurator wurde die Stiftsschuld 1584 wenigstens bis auf 1110 Guld. 15 Gr. erlassen. Dies Geld wurde zwar gezahlt; aber damit war nichts gewonnen, denn nun forderte das Reich wieder die ganze rückständige Summe! Die Moderations=Acten von 1583 wurden wiederholt dem Reichstage vor=


1) Wackerbarth, gegen 70 Jahre alt, weiß noch wohl, "daß früher in Schwerin auf dem Kirchhof ein Pfaffe im Kübel gestanden, der das heilige Blut in den Händen gehabt habe. Dabei sei ein anderer Pape mit einem Kesser gestanden, um das Opfergeld zu empfangen. Wenn der Kesser voll gewesen, sei ein Loch in der Mauer an der Kirchen gehauen, dadurch habe der Pfaffe dies Opfer in die Kirche gebracht, sei darnach wieder gekommen und habe noch mehr geholt, wie er (Zeuge) in seiner Jugend selbst gesehen."
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gelegt; 1590 waren sie von den Moderatoren noch nicht geöffnet. Unterdessen war die Stiftsschuld wieder auf 8640 Gulden angewachsen. Als nun Herzog Ulrich deshalb von des Kreises wegen gemahnt wurde, erklärte er, es wäre die Frage der Exemption des Stifts noch nicht entschieden, auch habe er keine Antwort auf seine Bitte um Moderation; daher sei er zunächst mit einer Mahnung billig zu verschonen. Aber auf die Mahnung von 1593 konnte er antworten, daß es derselben nicht bedurft habe, da er bereits vor 2 Monaten sein "Gebürniß" wegen des Stiftes Schwerin erlegen lassen, wie die Quittung der Einnahmen ausweise. Ebenso zahlte Ulrich in den nächsten Jahren, jedoch immer cum solita protestatione, wie es in den Contributions=Acten heißt. 1598 und 99 wurden sogar 4690 Thlr. in die Legestädte abgeführt, zu welchem Zwecke man sich freilich 4000 Thlr. (von Andreas Meyer zu Hamburg) leihen mußte. Und immer noch mehrten sich die Anforderungen des Reichs. 1601 verlangte man "eilends" 14 Römermonate in 2 Raten, von denen jeder dem Stifte 70 Thlr. oder 160 Guld. rhein. kostete, und 1603 bewilligte der Reichstag wegen der Türkennoth sogar 86 Monate, in 4 Jahren zu zahlen. Beim Ausbleiben der Zahlung sollte der Fiscal sofort beim Kammergericht auf die Pön der Acht oder auf Privation anhalten, und gegen Herzog Ulrich I. geschah dies auch wieder. Als aber der Befehl zur Verantwortung, datirt vom 23. September 1603, in Meklenburg eintraf, war der mit Zahlungsbefehlen viel verfolgte Stiftsregent bereits zur ewigen Ruhe eingegangen.

53 Jahre hatte Ulrich das Stift beherrscht, und fast während dieser ganzen Zeit hatte er mit dem Reichsfiscal den Prozeß wegen der Exemption des Stifts geführt und mit dem Reichstag, dem Kreistag und der Moderations=Commission sich um die Höhe der Stiftsbeiträge zu den Reichsanlagen gestritten; aber weder der Proceß noch die Moderationsfrage war vor seinem Tode beendet worden. Das waren die herrlichen Zeiten des heiligen römischen Reiches!

2. Die Regierungszeit Ulrichs II. bis zum 30jährigen Kriege.

Mit dem Antritt der Regierung des Administrators Ulrich II., des dänischen Prinzen, änderte sich die Sachlage von Grund auf. Während Ulrich I. mit größter Ausdauer sich für die Anerkennung der Abhängigkeit des Stifts von Meklenburg bemühte, verfocht Ulrich II. von vorne herein mit allem Eifer die Unabhängigkeit

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seines neu erworbenen Landes. Der Proceß mit dem Reichsfiscal um die Exemption des Stifts war also nun selbstredend zu Ende, soweit die Herzoge von Meklenburg ihn ruhen ließen; denn zwischen dem Stift und dem Reiche bestand über diese Frage keine Meinungsverschiedenheit mehr. Meklenburg blieb nun zwar nicht ganz unthätig, aber es kümmerte sich auch nicht direct um diese Angelegenheit, sondern suchte nur seine Oberherrschaft über das Stift bei dem Streit um die Abhängigkeit desselben vom meklenburgischen Landgericht zu verfechten, wie wir später sehen werden. Doch der Kampf um die Zahlungen ans Reich wurde von Ulrich II. mit dem Fiscal fortgesetzt.

Ehe wir aber dieses unerquickliche Thema wieder berühren, wollen wir zunächst sehen, wie der neue Stiftsregent sich als deutschen Fürsten einführte.

Unter d. 28. Febr. 1604 erließen die Kreisdirectoren die Einladungen zum Kreistage; für das Stift Schwerin war das Einladungsschreiben nicht mehr, wie nachweisbar noch 1602, an das Domcapitel, sondern an den Administrator gerichtet. Ulrich II. war, als es zu Bützow eintraf, in Dresden, daher nahm es sein Kanzler Erasmus Reutze in Empfang. Reutze schrieb nun sogleich an Ulrich II.: So lange Ulrich I. zugleich Meklenburg und das Stift Schwerin regiert habe, seien an den Stiftsregenten niemals besondere Reichs= und Kreisausschreiben ergangen, "dasselbe habe auch keine Session und Stimme gehalten und gegeben, sondern, was von wegen des Fürstenthums Meklenburg gewilligt und beschlossen sei, das habe auch im Stift müssen gelten und angenommen werden." Jetzt sei es anders. Da dies nun während der Regierung Ulrichs II. der erste Kreistag sei, so möge der Herzog auch Session und Stimme halten und einnehmen als ein besonderer Stand des Reichs und also durch diese Gelegenheit das Stift in "seine uralte Dignität und Hoheit und in die Possession der Frei= und Gerechtigkeit der andern Reichs= und Kreisstände" wieder setzen. Was die Personenfrage beträfe, so würden gewöhnlich Rechtsgelehrte zu Abgeordneten genommen, er (Reutze) wäre aber bis jetzt noch der einzige Rechtsgelehrte im Rathe Ulrichs. Solle er den Kreistag besuchen, so wäre zu erwägen, ob auch einer aus dem Domcapitel mit ihm kommen müsse. Beim ersten Male wäre das wohl wünschenswerth, weil ein Domherr ihn bei der Vertheidigung der Stiftsstimme, wenn diese etwa sollte streitig gemacht werden, bei dessen Sachkenntniß gut unterstützen könnte. Herzog Ulrich möge nun vorläufig zur Instruction mit dem Kurfürsten von Sachsen wegen der Vorlagen correspondiren.

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Zugleich richtete Reutze ein Schreiben an das Magdeburger Domcapitel, um dasselbe zu bitten, daß es sich des Stiftsabgeordneten annehme, da dieser zum ersten Male auf dem Kreistage erscheinen würde. Wenn er keine Aussicht habe, von den Kreisständen als Mitglied angenommen zu werden, so solle er lieber vor Eröffnung der Versammlung zurückkehren.

Dem Administrator übersandte er zur Unterschrift 4 Schriftstücke: eine Vollmacht für den Abgeordneten, zwei Briefe an die kreisausschreibenden Stände Magdeburg und Braunschweig und ein Schreiben an Meklenburg, um dessen Zustimmung zu dem Vorhaben zu gewinnen. Ulrich schickte diese Acten unterschrieben zurück, indem er einen ganz kurzen Brief vom 13. April an seinen Kanzler beifügte, um demselben mitzutheilen, daß er damit einverstanden sei, wenn Reutze und der Dekan Heinrich von Bülow zum Kreistag reisten. Das war allerdings in dieser wichtigen Angelegenheit auffallend wenig.

Reutze traf am 6. Mai zum Kreistage in Halberstadt ein und überreichte noch Abends die Briefe an Magdeburg und Braunschweig. Auf den andern Morgen wurde er zur Entgegennahme der Antwort auf das Rathhaus bestellt. Dort erwiderten die Kreisdirectoren, man wolle die Stiftssache allen Kreisständen vortragen, Reutze möchte sich auf eine Stunde gedulden. Nachmittags 2 Uhr erhielt der Stiftskanzler von Magdeburg die Antwort, Meklenburg hätte ein besonderes Recht auf das Stift beansprucht und behaupte, es sei in possessione wegen Ratzeburgs vor dem Stift Schwerin zu sitzen. Aber nach der Kreismatrikel und nach alten Kreisabschieden sei beschlossen, daß das Stift Schwerin nach Lübek und vor Ratzeburg Sitz haben solle, "doch jedem in seinem Rechte ohne Schaden." Reutze nahm den Sitz an mit dem Bemerken, daß er Meklenburg in Bezug auf das Stift Schwerin nichts geständig sei.

Darauf traten die Stände zusammen; Reutze setzte sich nächst Sachsen=Lauenburg. Nach der Eröffnung der Sitzung wiederholte der Magdeburgische Kanzler zuerst den Vergleich der Stände wegen der Session Schwerins, und ebenso wiederholte Reutz seine Protestation.

Somit war also das Stift Schwerin wieder in seine alte Würde als unmittelbarer Reichsstand aufgenommen und eingetreten.

Von den Verhandlungen auf dem Kreistage, der vom 7. bis 13. Mai dauerte, beansprucht unsere Theilnahme am meisten der Antrag Reutzes auf Moderation für das Stift. Er begründete

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seinen Antrag damit, daß er erklärte, der Anschlag des Stifts sei so hoch, daß dabei die Stiftsunterthanen zu Grunde gehen müßten. Man möge eifrig betreiben, daß die schon so lange schwebende Angelegenheit endlich beim Reiche entschieden werde. Noch beim Abschied übergab Reutze an die Stände ein Promemoria, welches die Bitte um Hülfe ausspricht, damit die Mainzische Kanzlei endlich (nach etwa 50 Jahren!) die Stifts=Moderation erledige. Bei der Umfrage nach Restanten erklärte Reutze, daß auf Erkundigung bei der meklenburgischen Renterei ihm die Antwort geworden, das Stift Schwerin sei nichts schuldig.

Da Ulrich I. als Herzog von Meklenburg Kreisoberster gewesen war, so mußte nun nach seinem Tode ein Nachfolger in diesem Amte gewählt werden. Vorgeschlagen waren Herzog Heinrich Julius von Braunschweig=Lüneburg, bisher Stellvertreter des Obersten, und Herzog Karl von Meklenburg. Reutze wählte Heinrich Julius, der die Majorität der Stimmen erhielt, Karl wurde dessen Stellvertreter.

Unter den Unterschriften des Kreisabschiedes steht an 10. Stelle, nach Lübek und vor Ratzeburg: "Stift Schwerin, Dr. Erasmus Reutze."

Noch ein paar Male treffen wir den Kanzler Reutze als Vertreter des Stifts auf den Kreistagen, 1615 wurde aber sein Nachfolger, Kanzler und Rath Heinrich Stallmeister, dahin abgeordnet 1 ), 1619 vertrat das Stift Schwerin der lüneburgische Kanzler Erich Heidemann mit, und später, selbst noch zur Zeit Ulrichs III., wurde der stiftische Rath Dr. Theodor Bussius geschickt. Da unter Ulrich III. der König von Dänemark mehr als der Administrator im Stift regierte, so richtete man sich gewöhnlich so ein, daß die von Dänemark bestimmten holsteinischen Gesandten zugleich das Stift Schwerin mit vertraten. Die Unterschrift Schwerins stand stets zwischen den Stiftern Lübek und Ratzeburg.

Mit den Reichsabgaben verhielt es sich aber doch nicht so, wie Reutze auf dem Kreistage 1604 in Folge seiner Erkundigung bei der meklenburgischen Renterei gemeint hatte. Wir haben früher gesehen, daß bald nach dem Tode Ulrichs I. eine gerichtliche Mahnung eintraf, welche noch an den verstorbenen Stiftsregenten gerichtet war. Der Kammerbote brachte die Meldung von dem Ableben Ulrichs I. nach Speier, und dort wurde deshalb sofort das


1) Die Mitteilung über Reutzes Kanzleramt (XLIX, 173) ist hiernach zu vervollständigen.
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Schreiben an Ulrich II. adressirt. Es waren nämlich zwei Termine, Jacobi und Weihnacht 1603, nicht gezahlt. Auch vom Kaiser erhielt Ulrich II. ein Schreiben, er möchte die Schuld baldigst, spätestens bis Ostern 1604 abtragen. Jedenfalls geschah dies aber nicht, denn Ulrich wurde bald darauf wegen seiner Reichsschulden zum 30. Juli vor das Kammergericht gefordert, woselbst er sich durch den Advocaten Sigismund Haffner vertreten ließ. Uebrigens zahlte er vorher zu Leipzig 3360 Gulden, wie sein Großvater, mit Protest.

Das Moderationswerk ruhte noch immer; die vom Stift vor bald 40 Jahren eingereichten Beweisstücke lagen noch 1604 uneröffnet zu Speier. Unter d. 16. März 1605 übergab der Fiscal Karl Seiblin an das Kammergericht eine Exceptionsschrift, in welcher er behauptete, daß er eine von Ulrich II. erwähnte Moderation nie gesehen; habe das Stift wirklich einmal Ermäßigung erhalten, so sei das jedenfalls längst wieder geändert, und er müsse daher bis zur gerichtlichen Entscheidung nach dem gewohnten Anschlag die Beiträge fordern.

Als Ulrich II. im Jahre 1605 in Ungarn war und sich bei dieser Gelegenheit persönlich beim Kaiser für das Stift verwandte, schrieb Dr. Ernst Cothmann (unterm 11. Aug.) in dieser Angelegenheit an den Administrator. Er offenbart uns wunderliche Dinge von den Zuständen im Reiche. Bei der Bewerbung des Stifts um Moderation seien zwei Anwälte, Kirrwangen und Niebuhr, eher gestorben, als sie die Attestationen hätten anbringen können. 1595 wußte man gar nicht, wo die Schriften geblieben. Nun wurde Cothmann nach Speier geschickt, um sie zu suchen, und er fand sie endlich bei den Erben Kirrwangens. Aber sie an die rechte Behörde zu bringen, war ihm unmöglich. Er übergab sie daher dem Dr. Kremer zu Speier. Auch Kremer wurde von den Reichsdeputirten abgewiesen, die nach der Behauptung Cothmanns nicht eine einzige Moderationssache erledigten. Cothmann rieth endlich, Ulrich möge sich direct an den Kaiser wenden und sich mit diesem zu vergleichen suchen.

Diesen Rath befolgte der Herzog. Der Kaiser ließ auch wirklich beim Fiscal Erkundigungen einziehen; aber dabei wird es wohl geblieben sein, jedenfalls fand Ulrich II. sich veranlaßt, am 25. April 1606 seinen Antrag beim Kaiser zu wiederholen, indem er zugleich erklärte, er wolle bis zu ausgemachter Sache den halben Anschlag (5 zu R. und 5 zu F.) zahlen. In den nächsten Jahren zahlte er in der That die Hälfte; aber das half ihm wenig, denn das Reich war damit nicht zufrieden, und die Schuld des

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Stifts wuchs also ungeheuer an. Im Jahre 1605 z. B., wo 14 Monate, 7 zu Johannis und 7 zu Michaelis, die für das Stift 2 Mal 980 Thlr.=1960 Thlr. betrugen, bewilligt waren, blieb Ulrich von dieser Forderung in einem Jahr schon 980 Thlr. schuldig. So ging es weiter, bis der Fiscal wieder ernster drohte, und man nicht umhin konnte, durch Anleihen die Schuld zu decken. 1611 schrieb Ulrich an den postulirten Erzbischof von Magdeburg, er sei außer Stande, die vom Kaiser geforderten Beiträge zu zahlen, da das Stift wegen der früheren Reichs= und Kreisauflagen so hoch verschuldet und verarmt sei, daß die Stiftsstände erklärt hätten, sie wüßten im Geringsten keinen Rath mehr zu finden. Er erhielt die Antwort, die Beschlüsse seien per majora gefaßt, und Keiner würde sich deshalb weigern dürfen zu zahlen, 1615 wurde auf dem niedersächsischen Kreistag beschlossen, daß jeder Stand sein Contingent selbst stellen sollte, von dem ganzen Kreise wurden 500 zu Roß und 3000 zu Fuß gefordert. Das war wohl eine Abwechselung, eine Erleichterung keineswegs. So wurde die Noth immer größer und das Drängen des Fiscal immer härter. Wir dürfen es wohl unterlassen, diese Zustände noch für die späteren Jahre näher zu beleuchten. Nur möchten wir noch mittheilen, daß selbst 1623 die aus der Zeit Ulrichs I. herstammende Reichsschuld noch nicht gezahlt war, und daß, wie es sich aber von selbst versteht, das Stift niemals Moderation erhielt.

Als Ulrich II. gestorben war, gingen die Einladungen zu den Kreistagen wieder an das Domcapitel, vielleicht weil man nicht recht wußte, wer im Stifte regierte.

Was die Stellung des Stifts zu den Reichstagen betrifft, so müssen wir bekennen, daß wir hierüber wenig Nachricht haben. Als Ulrich I. regierte, bekam das Stift wohl kaum eine besondere Einladung zu denselben. Ulrich II. wurde zuerst zu dem auf den 24. April 1613 anberaumten Reichstag "als ein Fürst und Stand des Reichs ordentlich mit beschrieben." Er deputirte für sein Stift den braunschweig=lüneburgischen Abgeordneten Dr. Erich Heidemann; dieser wurde aber wie alle Gesandten aus protestantischen geistlichen Stiftern von den katholischen Reichsständen nicht angenommen. (Rudloff, Verhältniß des Stifts zu Meklenburg S. 94.) In den Archivacten haben wir außerdem noch eine Mittheilung, sie findet sich unter den Reichstagsacten, die Meklenburg betreffen. Nach derselben lief 1614 ein kaiserliches Einladungsschreiben zum Reichstag, der am 1. Febr. 1615 eröffnet werden sollte, zu Bützow ein mit der Adresse: "Dem Ehrwürdigen Unsern lieben Andächtigen N. Bischof zu Schwerin." Man wußte also in der kaiserlichen Kanzlei

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nicht einmal den Namen des Stiftsregenten, nachdem derselbe schon 11 Jahre in diesem Lande geherrscht hatte. Ulrich II. gab auf diese Einladung wiederum dem Dr. Heidemann Vollmacht und Instruction; dies Mal ganz vergebens, denn der ausgeschriebene Reichstag fand überhaupt nicht statt.

3. Die Zeit des 30jährigen Krieges.

Als der Aufstand in Böhmen vom Jahre 1618 größere Kreise des deutschen Reiches und sogar zum Theil das Ausland mit auf den Kampfplatz rief, begann man auch im niedersächsischen Kreise sich zu rüsten, um etwaigen feindlichen Einfällen Widerstand leisten zu können. Der Kreisoberste in Niedersachsen war damals Herzog Christian von Braunschweig=Lüneburg. Von diesem erhielt der Administrator des Stifts Schwerin unter d. 17. März 1619 die zweite Aufforderung, sich zum Kampfe bereit zu halten. Herzog Ulrich solle "sich bei der gefährlichen Zeit mit der im Kreise bewilligten Tripelhülfe an gutem geworbenen Kriegsvolk zu Roß und zu Fuß, auch allem, was an Artillerie und sonst dazu gehörig, gefaßt machen und halten", damit bald nach Ostern eine Generalmusterung stattfinden könne. Die Pässe des eigenen Landes solle er mit dem Landvolk wohl besetzen. Er solle stets auf der Hut sein und alle Nachrichten über kriegerische Ereignisse sofort dem Kreisobersten mittheilen. Antwort wurde sofort durch den Ueberbringer des Schreibens erbeten, und Herzog Ulrich gab dieselbe unterm 7. April dahin ab, daß er jeder Zeit mit seinem Volke bereit sein wolle, wie es sich gebühre. Am 21. Mai setzte er nun seinen Lehnsmann Otto v. Flotow (aus Stuer) zum Kriegshauptmann ein; aber das Heer, welches derselbe im Namen Ulrichs commandiren sollte, war noch nicht vorhanden, v. Flotow sollte es erst selbst anwerben. An Sold wurden ihm für den Monat 10 Speciesthaler versprochen. Als der Kanzler Stallmeister am 7. Juni 1619 den nur in Veranlassung der Rüstung berufenen Stiftstag zu Bützow eröffnete, machte er die versammelten Stände damit bekannt, daß in Niedersachsen eine Tripelhülfe 1 ) gefordert würde, deren Musterung schon am 8. Juni, also am nächsten Tage, geschehen solle. Das Stift hätte 15 Pferde geworben und für jedes 10 Speciesthaler gegeben. Der Kreis bewillige als Monatssold für den Reiter 16 Gulden, für den Commandeur 160 Gulden.


1) Die einfache Hülfe des Kreises bestand in 293 Reitern und 1407 Fußknechten.
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Die Stände antworteten durch den Stiftsmarschall v. Vieregge, die für die Pferde ausgelegten 150 Thaler sollten auf den Herbst wieder erstattet werden. Die nächsten Monatszahlungen möge der Herzog nur auslegen. Uebrigens sei die Rüstung nicht so eilig, da man sehe, daß in Meklenburg noch garnichts gethan werde. Der Stiftstag war damit wieder zu Ende und konnte noch am 7. Juni geschlossen werden.

Ueber die Rüstung erfahren wir weiter nichts; auf den Stiftstagen der nächsten Jahre wird nur mitgetheilt, daß wegen der kriegerischen Ereignisse höhere Contribution nöthig sei.

Auf dem Kreistage zu Braunschweig, der am 26. Jan. 1623 eröffnet wurde, bildete die Hauptvorlage die Berathung über die Vertheidigung des Kreises "gegen das andringende Kriegsvolk". Der Schwerinsche Gesandte Bussius hatte die Weisung erhalten, in dieser Angelegenheit "sich auf die Stimme des Vorsitzenden und insonderheit darauf zu achten, wie die dänisch=holsteinischen Gesandten sich resolviren" würden. Es wurde eine triplicirte Tripelhülfe (triplum in triplo) bewilligt, die für das Stift Schwerin 72 Reiter oder, wenn man nicht so viele Pferde stellen konnte, 54 Reiter und 54 Fußknechte betrug 1 ), denn für 1 Reiter zählte man 3 Mann zu Fuß. Bussius, der diese Forderung am 10. Februar dem Administrator schriftlich mittheilte, meinte, es würde in Betreff der Kosten gleich sein, ob das Stift lauter Reiter oder Reiter und Fußknechte stellte. Das Monatsgeld wäre in beiden Fällen ganz gleich, bei der Reiterei käme aber der Anritt in Betracht, der im 1. Falle 720 Thlr., im 2. Falle 540 Thlr. koste. Nun müßten aber auch wieder den Fußsoldaten Gewehr, Kraut und Loth geliefert werden, welche Gegenstände die Reiter sich selbst anschafften; daher würden auch selbst beim Anritt beide Arten von Rüstung gleich theuer werden. Die Lüneburg=Zelleschen Kreistagsgesandten hatten noch den besonderen Auftrag, Herzog Ulrich von Schwerin das Commando über 1000 Pferde anzubieten; wir wissen aus den späteren Vorgängen, daß Ulrich dies Commando nicht annahm.

Mit bemerkenswerther Eile berief der Herzog Ulrich die Stiftsstände auf den 10. März 1623 nach Bützow; aber die meisten derselben blieben ohne Entschuldigung aus, als ob sie nichts Gutes ahnten, und die Sitzung mußte bis auf den 7. April vertagt werden. Da erst konnte der Regierungs=Commissar den


1) Hiernach war der Stiftsanschlag allerdings ermäßigt, nämlich statt der früheren 10 zu R. und 10 zu F. auf 6 zu R. u. 6. zu F.
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Ständen die Mittheilung von den außerordentlichen Forderungen des Kreises machen. Zunächst seien die Kosten zu tragen für das triplum triplicatum, das für den Anritt 72 X 10=720 Thlr. und an Monatsgeld 72 X 12=864 Thlr. betrüge. Außer diesem triplum in triplo sollte aber noch halb so viel Mannschaft als Nachschub bereit gehalten werden, und wenn auch das nicht genügte, sollte der zehnte, ja selbst der fünfte Mann zur Vertheidigung des Vaterlandes gebraucht werden; deshalb habe sich Jeder stets bereit zu halten. Mit Angst und Zagen hörten die Stände diese Verkündigung. Woher sollte das verarmte Land die Mittel nehmen? In etwas beruhigte allerdings der patriotische Beschluß des Kreistages, der ebenfalls mitgetheilt wurde, daß nämlich, "damit die Armen nicht den größten Theil der Last tragen müßten, Alle, Geistliche und Weltliche, selbst die Kreisfürsten von allen Gütern, Kleidern, Kleinodien u. s. w. den 50sten Theil zahlen sollten, und dabei wolle man des Adels und der reisigen Knechte Pferde, Geschütze, Harnische, Pulver u. a. nicht rechnen. Und zur Ehre des Stifts sei es gesagt, daß weder Fürst noch Stände dieses kleinen Landes an patriotischem Eifer hinter den hochherzigen Entschlüssen des Kreises zurückblieben. Ulrich hatte bereits auf eigene Gefahr hin 7000 Gulden für die ersten Bedürfnisse aufgeliehen, die Stände übernahmen diese Anleihe willig als Landeschuld und stellten am 10. April die Obligation aus, auch bewilligten sie außerdem eine Anleihe von 2000 Gulden. Zur allmählichen Tilgung der Schuld sollte von jetzt an die Contribution vierfach gezahlt werden, das machte für den Roßdienst 30 Thlr., für 1 Hufe 2 Thlr. Dagegen baten die Stände, der Herzog möge die Reserve, das 1/2 triplum in triplo, zunächst noch nicht ausrüsten, und diese Bitte wurde unter der Bedingung gewährt, daß man sich wolle "männiglich in Bereitschaft halten, mit Gut und Blut und allem Vermögen zu fürstoßenden Ungelegenheiten zu treten." Die ganze Verhandlung ging in Folge des willigen Zugeständnisses der Stände so rasch von Statten, daß der Abschied des Stiftstages noch an demselben Tage, 7. April, erfolgte.

Aber der gute Wille allein konnte doch nicht genügen, und die Kräfte fehlten. Die bewilligte hohe Contribution ging nur theilweise ein, die Anleihe reichte nicht aus, und an dem Contingent, das schon im Frühling gemustert werden sollte, fehlten immer noch 32 Reiter; 40 hatte man also zusammengebracht. Daher wurden die Stände zum 6. October wieder nach Bützow berufen, wo sie beschlossen, daß die Contribution sofort gezahlt und, wenn das nicht geschähe, unverweilt Execution verhängt werden sollte.

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Das war allerdings leicht gesagt, aber es fragte sich doch sehr, ob die Excecution überall von Wirkung sein würde. Sie war es nicht, wie wir bald sehen werden.

In der äußersten Verlegenheit, in welche die Schulden das Stift gebracht hatten, segnete der Administrator Ulrich II. das Zeitliche, 27. März 1624. sein Tod wurde wohl von Vielen, und zwar aufrichtig bedauert, denn er war ein milder und wohlthätiger Regent; aber wie für ihn selbst, brachte er auch für das Stift eine Erlösung aus großer Noth. Denn bei den unmündigen Jahren des nachfolgenden Administrators Ulrich III. übernahm dessen Vater, König Christian IV. von Dänemark, zunächst das Regiment, und der König hatte wenigstens Mittel zu helfen. Da nun Christian IV., jetzt Kreisoberster in Niederdeutschland, nicht wenig Lust zeigte, im Reiche immer mehr festen Fuß zu gewinnen, so konnte es ihm nicht schwer werden, für das Stift einige Mittel zu wagen; denn mit seiner Hülfe wuchsen billiger Weise seine Ansprüche. In der Hoffnung, dies Ländchen einmal dauernd für sein Haus zu gewinnen, hatte er sicher auch am 15. April 1624 für das Stift den Schutzbrief ausgestellt, und in derselben Hoffnung erbot er sich gleich nach Uebernahme der Regierung zur Deckung der Stiftsschulden große Summen vorzustrecken. Am 20. December 1624 ließ er den zu Bützow versammelten Stiftsständen eröffnen, daß er gegen eine ständische Schuldverschreibung zur Bezahlung der Stiftsschuld, welche damals schon 21,000 Gulden betrug, diese Summe auf ein Jahr leihen wolle. Das Anerbieten schien aber den Rittern, natürlich wegen der ungewöhnlichen Höhe der Anleihe, doch zu bedenklich, und sie weigerten deshalb ihre Unterschrift unter die geforderte Obligation zu setzen, indem sie zugleich behaupteten, daß Capitel und Städte hinlänglich Sicherheit gewähren könnten. Wie es endlich mit der Schuldverschreibung wurde, ist nicht bekannt; doch steht fest, daß der König Geld schickte.

So erfreulich es nun sein mochte, daß durch die Zahlung Dänemarks die erste Noth wieder gekehrt wurde, so unbequem war eine andere Sendung aus demselben Lande, die zu Anfang 1625 eintraf, nämlich 400 Mann dänische Einquartierung. König Christian wollte, daß die Truppen auf das ganze Stift vertheilt würden, aber die Regierung sah die Noth der Bauern und beschloß diese zu verschonen; die 3 Städte sollten die Soldaten allein aufnehmen: Bützow 200, Warin und die Schelfstadt je 100 Mann. Aber die beiden kleinen Städte baten so inständig um Verschonung, daß man schließlich Bützow die ganze Last allein auferlegte, freilich

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in der Hoffnung, daß die fremden Völker bald wieder abziehen würden. Das geschah indessen nicht, im Gegentheil meldete König Christian noch eine Compagnie Reiter dazu an. Da berief die Regierung in ihrer Verlegenheit wieder den Stiftstag, der am 11. April zu Bützow eröffnet wurde. Die Stände erklärten hier, daß der königliche Major (Vorbrandt) die Zehrungskosten für dite Bützower Einquartierung zahlen müßte, Adel und Bauern würden ohnehin täglich von durchstreifenden Rotten gebrandschatzt; übrigens wäre es auch im niedersächsischen Kreise nicht gebräuchlich, daß die vom Adel und ihre Bauern mit Einquartierungskosten beschwert würden. Endlich kam man zu dem Beschluß, die Stände sollten für die Einquartierung contribuiren; dem Rittmeister der angemeldeten Reiter wollte man 300 Gulden verehren, damit er vorbeiziehe. Sicher ist aber, daß die Reiter im Stifte blieben. So wurde für die Einquartierung wieder alles durch Contributionen zusammengebrachte Geld verbraucht, und die regelmäßigen Forderungen des Reiches wurden nicht bezahlt.

Als der Kanzler am 23. Febr. 1626 wieder den Stiftstag eröffnete, forderte er: 1) man solle sich zum Roßdienst bereit halten, 2) die Contribution müsse verdoppelt werden, 3) gegen die Säumigen solle sofort mit Execution vorgegangen werden. Die Ritter antworteten auf die erste Proposition, sie wollten mehr thun, als wozu sie verpflichtet wären, und für 1/2 Pferd 2 Pferde bereit halten, dann sollten aber auch die Städte den dritten Mann stellen. Doppelte Steuer bewilligten die Stände nicht, sie schlugen wieder eine Anleihe vor. Schließlich beklagte man sich allgemein über die Saumseligkeit des Capitels, "man möchte wohl dessen gründliche Ursache wissen."

Die Einberufung der Stände geschah jetzt sehr häufig 1626 z. B. fünf Mal, im Februar, im April, zwei Mal im September und ein Mal im December. 1 ) Auf dem ersten Stiftstage im


1) Auf einem dieser Stiftstage meldeten sich die Wittwen Hennichow und Zander und baten um Entschädigung für die Einquartierung des Majors Vorbrandt. Jürgen Wackerbarth erwiderte, "der Major hätte sich gern gefunden, wo junge Wittwen vorhanden gewesen, und diese möchten ihn auch wohl gern gehabt haben, sie müßten deshalb mit so einer dankbaren Soldatenzahlung friedlich sein." Stiftshauptmann v. Hagen fügte hinzu, beim Abmarsch habe Vorbrandt ihn gefragt, ob er ihn künftig gern wieder aufnehme. Hagen habe geantwortet, darnach als er seinen Abschied hier nehme. Da hätte der Major zu Frau Hennichow gesagt: "Meine tugendsame Frau, was sagt Ihr dazu?" Frau Hennichow: "Mein lieber (  ...  )
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September wurde die Mittheilung von der Niederlage König Chistians bei Lutter am Barenberge (27. Aug) gemacht, aber auch die andere, daß der Kreis nun noch größere Truppenmassen ausrüsten wollte und deshalb bis zu Ende des Krieges ein triplum in triplo forderte. Außerdem wolle jetzt König Christian das dem Stift geliehene Geld, welches sich auf 9000 Thlr. beliefe, wieder haben. Das hatte der Heereszug Christians dem kleinen Stiftslande eingebracht; freilich war dasselbe auch bei dieser Gelegenheit die Einquartierung, welche mit in den Kampf zog, los geworden, wenn auch nur auf kurze Zeit.

Keiner wußte zu rathen, wie man die geforderten hohen Summen aufbringen könnte; die Contribution zu erhöhen schien unmöglich, und neue Anleihen waren sehr bedenklich, da das Stift außer der dänischen Schuld schon 19,000 Gulden geliehen hatte. Die Stände gingen daher auseinander, um nach nochmaliger Ueberlegung wieder zusammenzutreten und dann Rath zu geben. Es wurde endlich eine hohe Contribution zu Michaelis gefordert, von welcher aber am 8. December noch nichts eingegangen war.

Unterdessen waren auch schon längst die Dänen wieder da. Anfangs October kam der Capitain Schweinitz mit 200 Mann, welche man in den Bützower Amtsdörfern einquartierte, und am 20. November vertheilte man die neu angemeldeten unter Capitain Helmers stehenden 300 Dänen auf Bützow (60 M.), Warin (30), die Schelfe (30), das Domcapitel (30), die bischöflichen Bauern (70) und auf die Ritterschaft (80). Die Schweinitzischen sollten, so hieß es, jetzt wieder abziehen.

Als diese Einquartierung kam, verließen die Domherren das Land und suchten sich größtentheils Wohnungen in Lübek. Von dort aus beklagten sie sich bitter über die Verwüstungen der Dänen in ihren Stiftsgütern, indem sie bei Herzog Adolf Friedrich von Meklenburg Schutz suchten. Ihre Klagen betreffen ausschließlich das willkürliche, rücksichtslose Betragen der Soldaten, das in damaliger Zeit, wie hinlänglich bekannt, gang und gäbe war. Naiv klingt die Beschwerde der Capitularen, daß die fremden Völker "uns unersuchet sich einquartiert" und sogar die Domhöfe belegt hätten. Am 27. April 1627 schrieb Adolf Friedrich den Capitularen, daß "berührtes Kriegsvolk mehrentheils abgeführet und ihren Weg nach der Mark Brandenburg genommen."


(  ...  ) Major, ich bin so recht wohl mit Euch zufrieden." Die Stände versprachen aber doch, daß die Hennichow 30, die Zander 50 Gulden aus dem Stiftskasten haben sollte.
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Es hatte guten Grund, daß die Dänen Meklenburg räumten; denn sie fürchteten von den anrückenden kaiserlichen Heeren abgeschnitten zu werden. Im Sommer 1627 erschienen schon die Kaiserlichen in Meklenburg, und im Herbst desselben Jahres hatte der kaiserliche Oberst Hans Jürgen von Arnim Bützow besetzt. Die Capitularen baten nun wieder von Lübek aus (6. Oct), Herzog Adolf Friedrich möge doch bei v. Arnim auswirken, daß das Stift wieder frei werde, da es ja nie vom Kaiser abgefallen sei. Sie hatten insofern Recht, als das Stift weiter nichts gethan hatte, als wozu es Mächtigere zwangen; aber es hatte in zu naher Beziehung zu dem Könige von Dänemark gestanden, und das war für den Kaiser ein hinreichender Grund zur Verurtheilung. Nachdem durch die Urkunde vom 9. Januar 1 ) 1628 der Kaiser Ferdinand dem Grafen Wallenstein die Herzogthümer Meklenburg als ein Unterpfand für dessen Forderungen überwiesen hatte, lieferte er ihm unterm 16 Jan. auch das Bisthum Schwerin wie die andern geistlichen Stifter des Landes aus. 2 ) Unter d 1. Juli, nachdem Wallenstein Meklenburg schon in Besitz genommen hatte, gab er seinem Commissarius Heinrich Niemann, der auch bei der Pfandhuldigung der meklenburgischen Stände zugegen gewesen war, Instruction und Vollmacht zur Besitzergreifung im Stift. Er sollte sofort nach Bützow reisen und

1) den Stiftshauptmann Heinrich v. Hagen abdanken und alle übrigen Diener und Unterthanen der Stiftsämter ihrer bisherigen Eidespflichten entbinden, an Stelle v. Hagens aber den Ulrich v. Pentz wieder als Stiftshauptmann einsetzen,

2) die Unterthanen Wallenstein huldigen und schwören lassen und dem neuen Stiftshauptmann anweisen,

3) alle Stiftsintraden und alle vorhandenen Vorräthe einziehen,

4) die Aemter mit den nöthigen Dienern bis auf Wallensteins weitere Anweisung und Ratification besetzen,

5) allen Vorrath inventarisiren lassen. Darnach sollte Niemann sich sofort nach Schwerin begeben und daselbst

6) der Capitularen Hofe, Häuser und Ackerwerke, besonders auf der Schelfe, zu Rampe, Medewege und Warkstorf einziehen und es dort mit der Bestellung der Diener wie zu Bützow halten,


1) Es ist der Gleichmäßigkeit wegen auch hier der alte Kalenderstil gebraucht.
2) Raabe, Vaterlandskunde S. 930.
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7) das Capitelshaus versiegeln, es wieder eröffnen, die Sachen darin inventarisiren und von da auf das Haus Schwerin transferiren und dort verwahren,

8) an allen Stifts= und Capitelsbesitzungen (Aemtern, Höfen und Häusern) das friedländische Wappen anbringen.

Niemann wird seine Aufträge schon am 2. und 3. Juli in Bützow ausgeführt haben, denn am 4. und 5. kam er nachweislich dem Befehl in Schwerin nach.

Gegen diesen Gewaltact erhob sich kaum Widerspruch. Der Administrator Ulrich III. war wohl vor dem Einmarsche der Kaiserlichen aus dem Stifte gewichen. Seine letzte Regentenhandlung, die nachsweisbar ist, war die schleunige Einberufung des Stiftstages vom 29. Nov. auf den 1. Dec. 1626. In den Lübeker Friedensverhandlungen versuchte wohl Dänemark für alle Fürsten des niedersächsischen Kreises eine "General =Amnestie" zu erwirken, aber der Kaiser wollte davon nichts wissen. Er forderte vielmehr, daß der König von Dänemark alle Rechte, die er oder seine Söhne in Niedersachsen (außer Holstein) und andern Kreisen beanspruchen möchten, aufgebe, und der König willigte endlich in die Bedingung des Friedensschlusses vom 27. Mai (6. Juni 1629), "daß er sich des heil. römischen Reichs Sachen anderer Gestalt nicht, als deroselben wie einem Fürsten und Stand des Reichs wegen des Herzogthums Holstein gebührt, auch der Erz= und Stifter für sich und dero geliebten Herren Söhne, unter was Prätext und Schein ein solches auch sein und geschehen möchte, ferner nicht anmaßen" werde. Nur die Capitularen richteten unterm 11. Juli 1629 eine Vorstellung und Bitte an Wallenstein, worin sie ausführten, daß ihre Curien und Landgüter sequestrirt worden, ohne daß sie als die rechtmäßigen Besitzer zur Vertheidigung citirt seien, daß sie nichts verschuldet, selbst sich zu keiner Consultation gebrauchen lassen, und daß das Stift schon 12 Jahre vor dem Passauer Vertrage reformirt und seitdem von vielen Kaisern bestätigt worden. (Die Behauptung von der kaiserlichen Bestätigung war übrigens nicht wahr.) Wallenstein hätte darum auch wohl nur die jura episcopalia occupiren wollen; er wäre ja selbst Reichsfürst und würde als solcher gewiß die Reichsverfassung respectiren wollen. Mit den übrigen reformirten Stiftern sei so hart nicht verfahren. Daher möge er die Sequestration ihrer Privathöfe und=Curien wieder cassiren, er solle dann bald Ursache haben, sie noch mit mehr Gnade zu favorisiren.

Das Schreiben der Domherren wurde am 13. Juli der Wallensteinschen Regierung vorgelegt, worauf unterm 16. Juli die

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Antwort erfolgte: "Nachdem die Sequestration der Domherren Güter und Curien des Stifts Schwerin specialiter et directo ab illustrissimo unserm gn. Fürsten und Herrn anbefohlen sein soll, davon uns das Geringste nicht zukommen, wir auch keine Ursache wissen mögen, warum S. f. g. die sequestration verordnet, als ist uns nicht thunlich, hierin etwas zu unserm Bedenken zu eröffnen, sondern haltens dafür, daß S. f. g. zu dero glücklicher Anheimkunft des Capitels Suchen und Bitten selbst unterthänig müsse fürgebracht werden." Es unterzeichneten die Räthe Dr. Oberbergk, Meier und Dr. Eggebrecht.

Ferner ist ein von Gebhard v. Moltke, dem Rathe Wallensteins, unterschriebenes Memorial vom 30. Juli vorhanden, auf welchem unter andern Angelegenheiten auch der Antrag der Domherren wegen ihrer Güter verzeichnet steht. Dieser Antrag enthält die Randbemerkung: "Abgeschlagen". Ob nun dieser Beschluß des Fürsten dem auf Antwort wartenden Capitels=Syndicus nicht mitgetheilt wurde, oder ob die Capitularen eine etwaige mündliche Mittheilung nicht für eine genügende Antwort hielten, ist aus den Acten nicht ersichtlich; so viel steht aber fest, daß das Capitel unterm 1. Oct. seine Bitte wiederholte, da es bisher von Wallenstein keine Antwort bekommen habe. Die Domherren forderten noch einmal "Restitution ihrer Privatgüter", weil sie, wo nicht ihres Privatvortheils, so doch in Anbetracht ihres dem Stift zu leisteten Eides nicht umhin könnten, "sich dieser Sachen angelegen sein zu lassen."

Den größten Gegner fand das Capitel in der Wallensteinschen Kammer. Als die Capitularen am Dom zu Schwerin ein kaiserliches mandatum avocatorium, von dem weiter nichts berichtet wird, anheften ließen und auch vom Stiftshauptmann v. Pentz verlangten, daß er zu Bützow dasselbe thue, rieth die Kammer, man müsse das mandatum abreißen und dafür das kaiserliche Edict über Wallensteins Belehnung anschlagen. Die Capitularen suchten doch nur sich allmählich wieder einzuschleichen. Es wäre noch ein Capitels=Syndicus und ein Stiftssuperintendent in Schwerin, diese müßten cassirt werden; denn da kein Capitel mehr vorhanden sei, so bedürfe es auch keiner Capitelsbeamten mehr.

Wie Wallenstein selbst über das Verhältniß des Stifts zum Reiche und zu Meklenburg dachte, ist aus den vorhandenen Acten mit Sicherheit nicht zu ersehen, anscheinend hielt er das Land für reichsunmittelbar. Als der Herzog seinen Rath Gebhard v. Moltke 1628 mit den früher im Besitz der Familie von Moltke befindlichen Stiftsdörfern Passin, Bahlen, Parkow und halb Penzin

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(s. Beschreibung des Stifts) belehnen wollte, fragte er bei seiner Regierung, seiner Kammer und seinem Hofgericht zu Güstrow an, warum das Stift früher für incorporirt gehalten sei. Die Antwort fiel dahin aus, daß wegen des Vertrages von 1514, nach welchem das Stift zu allen meklenburgischen Contributionen 500 Mark Lüb. beitragen müsse, wegen des vom Herzog Heinrich ausgestellten Schutzbriefes (Hist. Nachricht, Anlage O) das Land für incorporirt zu halten sei, auch gelte im Stifte meklenburgisches Lehnsrecht.

Trotzdem wurden die Stiftslehnsleute und=Stände, das Capitel eingeschlossen, d. d. Güstrow, 18. März 1629 ad mandatum proprium suae celsitudinis auf den 25. April nach Güstrow zu einer Art von Stiftstag berufen. Sie sollten sich Abends zuvor auf der herzoglichen Kanzlei melden und bei Strafe von 30 Thlrn. nicht ausbleiben. Der Zweck des Stiftstages war die Bezahlung der Stistsschuld von 20,000 Gulden, welche das Land aufbringen sollte (Domcapitel 780 G., Amt Bützow 2600, Zibühl 780, Amt Rühn mit Hermannshagen 1296, Amt Warin mit Gallentin 2100, Stadt Bützow 4380, St. Warin 900, die Schelfe 1020, Katelbogen und Moisall 690 Gulden u. s. w.).

Die herzogliche Kammer machte vor Eröffnung der Sitzung darauf aufmerksam, daß die Einladung des "gewesenen" Domcapitels Wallenstein höchst präjudicirlich sei. Dasselbe dürfe nicht als Capitel und die Capitularen ("diese Subjecte") nicht als "Stiftsmembra" anerkannt werden, da sie seit der Occupation schon aus dem Stifte gewichen seien. Nun würden sie um so steifer auf die Restitution ihrer Güter dringen. Das Stift wäre überhaupt von Wallenstein incorporirt nnd ein Gliedmaß Meklenburgs. Ferner könnten sie, die Kammer, nur auf ausdrücklichen Befehl Wallensteins es zulassen, daß auch die Kammergüter (die Domanialämter) mit besteuert würden. Endlich wollte man, daß auch der Rath G. v. Moltke, dem seines Vetters Güter im Stift restituirt wären, mit zum Stiftstage eingeladen würde.

Wie es auf der Versammlung der Stände herging, ist nicht bekannt; nur wird mitgetheilt, daß das Capitel von Lübek aus seinen Syndicus Dr. Wedemann zum Stiftstage schickte, und daß man in die Bezahlung der Schuld willigte.

Bald darauf aber, 6. Juni 1629, wurde Wallenstein statt der Pfandbelehnung das Herzogthum Meklenburg mit den zugehörigen Ländern als erbliches Fürstenthum vom Kaiser verliehen. Das Bisthum Schwerin war von König Christian IV. von Dänemark im Lübeker Frieden vom 12. (22.) Mai desselben Jahres an Meklenburg, d. h.

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an Wallenstein, abgetreten. (Raabe, Vaterlandskunde, S. 935.) Seitdem ist von der Selbständigkeit des Stiftes unter Wallensteins Regierung nicht mehr die Rede. Als die meklenburgischen Stände im Januar 1630 nach Güstrow zur Leistung der Erbhuldigung gerufen waren, erhielten auch die Ritterschaft und Städte des Stifts eine Einladung, die Capitularen wurden dieser Ehre aber nicht mehr gewürdigt. Die Stiftsstände fanden es zwar befremdend, daß in der Ladung ihres Landes nicht besonders gedacht, sondern dasselbe nur als Anhängsel von Meklenburg betrachtet war; doch auf die Erklärung des Wallensteinschen Kanzlers, daß sie als Mitglieder der meklenburgischen Stände angesehen werden sollten, weigerten sie sich nicht lange mehr zu erscheinen. Sie versuchten nur noch in Güstrow selbst ihre alten Privilegien zu sichern und baten um Ausschreibung einer Contribution, damit sie von der Bürgschaft für die Stiftsschuld, welche ohne Zinsen auf 12,000 Gulden angewachsen war, befreit würden.

Zur Deputation, die von den Ständen zur Berathschlagung der Huldigungs=Angelegenheit gewählt war, gehörten aus dem Stifte Schwerin die beiden Ritter Jürgen Wackerbarth auf Katelbogen und Moisall und Berthold Parkentin auf Tieplitz. Sicher schwuren auch die Stiftsstände, wie die meklenburgischen Stände, am 22. Jan. 1630 "bei versperrten Thoren mit Soldaten umgeben" (Frank IX, 94) den Erbhuldigungseid für Wallenstein.

Unterdessen war Wallenstein selbst schon aus Meklenburg abgereist, um nie wieder zurückzukehren, und seine Herrschaft war ihrem Ende nahe.

Schon im September 1630 rückte der König Gustav Adolf von Schweden in Meklenburg ein, um dies Land und mit ihm auch das Stift Schwerin von dem Usurpator Wallenstein zu befreien, was ihm mit Hülfe der angestammten meklenburgischen Herzoge im nächsten Jahre größtentheils gelang. Wallenstein befahl zwar noch von Böhmen aus 1631 die Ausführung der Bestimmungen des Lübeker Friedens im Stift, indem er seinem Statthalter Obersten Wingiersky den Auftrag gab, die Stiftsgüter Zibühl und Gallentin dem Könige von Dänemark oder dessen Commissar Daniel Troje einzuräumen und seinem Oberhofmeister Grafen zu Liechtenstein, der von dem Friedländer Zibühl zum Geschenk bekommen hatte, auf andere Weise zu entschädigen; aber abgesehen davon, daß die eignen Beamten des Herzogs diesen Befehl nur mangelhaft und unvollständig ausführten, so daß Troje sich deshalb zweimal beklagte, hatten diese Maßregeln nur eine kurze Dauer. Unterm 16. September 1631 berichtete Troje, daß

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die Schweden am 21. Juni 1631 zuerst in Bützow eingerückt seien und seitdem das Stift, besonders die Städte Bützow und Warin, furchtbar verwüsteten. Das war das Ende einer und der Anfang einer andern Fremdherrschaft in diesem Lande.

Die Schweden waren also seit dem 21. Juni in der That in Besitz des Bisthums; aber als rechtmäßigen Regenten sah sich noch immer, wie in der zweiten Abtheilung (der innern Geschichte) mitgetheilt ist, der in der Fremde weilende dänische Prinz Administrator Ulrich III. an, und auch Herzog Adolf Friedrich von Meklenburg suchte jetzt ein Recht an dieses Land geltend zu machen, auf welches er vermöge der Capitulation von 1625, für seinen Sohn Christian ausgestellt, wohl einige Ansprüche machen konnte. Unterm 5. Septbr. 1631 schrieb er an den Domherrn Vollrath v. Plessen, die Capitularen hätten versprochen, ihm 1000 Thlr. zu contribuiren (wohl unter der Voraussicht, daß Adolf Friedrich ihnen ihre Stiftsgüter wieder verschaffe), jetzt brauche er Geld, sie möchten also zahlen; sonst würde er die Capitelsgüter einziehen, die ihm ohnehin jure belli gehörten. Diese Drohung hatte freilich Angesichts der erfolgten Besitzergreifung des Landes durch die Schweden nicht sonderlich viel zu bedeuten, und sicher können wir voraussetzen, daß die vorsichtigen Capitularen nicht zahlten. Aber noch öfter versuchte Herzog Adolf Friedrich als Stiftsregent aufzutreten.

Die Schweden setzten sich indessen im Bewußtsein ihrer Uebermacht schleunigst überall im Stift als die Herren fest und suchten zunächst im wahren Sinne des Worts aus diesem Besitz Capital zu schlagen. Der Feldmarschall Achatius Tott brandschatzte das Stift mit Contributionen auf das Härteste. Von Buxtehude aus erließ er unterm 6. Mai 1632 den Befehl, zur Aufbringung von 1800 Thlrn. Werbungsgelder, da er 3 neue Compagnien aufrichten wollte, welchen vom Stift Löhnung und Quartier gegeben werden sollte. Alle Zahlungen mußten an den Commandanten von Wismar geschehen. Damit aber die erpreßten Gelder ja den richtigen Weg fänden, wurde Heinrich Janeke, ein Meklenburger, unterm 9. Mai 1632 mit einem Gehalt von 30 Thlrn. monatlich zum Inspector des Stifts bestellt. 1 ) Ihm lag speciell die Ueberwachung


1) Dieser Janeke ist eines der schlechtesten Subjecte, die uns in Meklenburg während des 30jährigen Krieges begegnen. Er wirthschaftete auf die schamloseste Weise für sich und seinen Anhang im Stift, indem er Regierung und Unterthanen beide betrog. Im Jan. 1633 mußte er sich wegen 36 Betrugsfälle in Bützow gerichtlich verantworten. Nach den (  ...  )
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der Stiftsintraden und die Ueberführung derselben nach Wismar ob. Nach einem Briefe Jürgen Wackerbarths an Herzog Adolf Friedrich d. d. Rühn 1 ), 18. Mai 1632 wurde Janeke am 14. Mai von dem schwedischen Reichskanzler und General=Kriegscommissar Erich Anderßen mit Vollmacht und Instruction ins Stift geschickt.

Aus eben diesem Schreiben Wackerbarths geht hervor, daß der Herzog Adolf Friedrich glaubte, er würde die Stiftssteuer in Empfang nehmen sollen, wie er auch sonst behauptete, daß er "Ordinanz in Händen" habe, die Steuer im Stift zu dirigiren. Deshalb intervenirte er fortwährend für das Capitel, von dessen Curien in Schwerin die Schweden wider früheren Gebrauch ebenfalls Steuern forderten. Selbstverständlich wollte hierdurch zugleich der meklenburgische Herzog, welcher keine Mühe sparte das Stift zu gewinnen, zu diesem seinem Vorhaben die Capitularen geneigt machen.

Den Bestrebungen Adolf Friedrichs für das Capitel trat aber der Stiftsinspector Janeke mit allem Eifer entgegen. Am 5. Juli 1632 beauftragte er den Pächter von Medewege, Amtmann Caspar Eßlinger, mit dem Einsammeln der Steuern in den Capitelsdörfern und=Häusern und befahl ihm zugleich, dem Syndicus Wedemann, welcher den Besitz der Capitularen vertheidigte, "keine Possession zu gestatten", nöthigen Falls solle er bewaffnete Hülfe zur Abwehr bekommen. Eßlinger schickte denn auch noch im Herbste 1632 dem Syndicus 8 Musquetiere ins Haus.

Das Schicksal des Bisthums lag, wie das anderer Länder Norddeutschlands, damals zumeist in den Händen des schwedischen Geheimen und Kriegsraths Salvius, den der König Gustav Adolf zum General=Commissar in Niedersachsen eingesetzt hatte. Die Herzoge von Meklenburg waren durch den Vertrag mit Gustav Adolf vom 19. (29.) Febr. 1632 vollständig von Schweden abhängig geworden. Bei dieser Sachlage blieb Herzog Adolf Friedrich nichts Anderes übrig, wollte er nicht auf das Stift verzichten, als dem schwedischen Gewalthaber Salvius gute Worte zu geben. Und daran ließ der Herzog es denn auch nicht fehlen. Am 6. Mai 1632 schrieb er an Salvius, es wäre selbst für Schweden besser,


(  ...  ) Zeugenaussagen waren sämmtliche Anklagen völlig wahr. Janeke war übrigens seit dem Herbst 1632 seines Dienstes entsetzt.
1) Wackerbarth scheint nach diesem Schreiben seinen Wohnsitz in Rühn gehabt zu haben, er war also wohl, wie sein Großvater, der Stiftshauptmann, Provisor des Klosters. Hiernach ist die Mittheilung über die Kloster=Provisoren im 2. Theil dieser Stiftsgeschichte zu berechtigen.
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daß das Stift einen gewissen Administrator habe. In der Alliance der Herzoge von Meklenburg mit König Gustav Adolf wäre des Stiftes nicht gedacht, also Verträge hinderten nicht, das Land "um ein Billiges" ihm oder seinen Söhnen zu gönnen. Darauf schickte er seinen Archivar und Lehnssecretär Simon Gabriel zur Nedden mit einem Brief vom 9. Mai an Salvius, um u. a. denselben zu bitten, daß er die Zustimmung des Königs und dessen Kanzlers Oxenstierna zur Ueberlassung des Stifts an des Herzogs ältesten Sohn Christian erwirke. Auch die Capitularen wünschten, daß Prinz Christian Administrator würde. Die Leistungen des Landes für Schweden könnten durch einen Vertrag fest bestimmt werden. Auf diese Weise würden die ewigen Brandschatzungen aufhören, die das Ländchen völlig zu Grunde richteten. Salvius gab zur Nedden schon einige Zusicherungen, und unterm 6. September 1632 vcrkündigte er von Hamburg aus, daß er zwar ohne speciellen Auftrag, aber doch im Namen des Königs von Schweden dem Herzog Adolf Friedrich die Oberinspection des Stifts übertragen habe, damit er dasselbe "der königlichen Kriegskasse und den armen Unterthanen zum Besten" administriren lasse.

Wie es scheint, befriedigte dies Resultat seiner Bemühungen Adolf Friedrich nicht; es war in der That auch peinlich genug für ihn, daß er, der Herzog von Meklenburg, sich von einem schwedischen Beamten zum Oberinspector sollte ernennen lassen und sich somit unter diesen stellen. Der Geh. Rath Hartwig v. Plessen auf Zehna widerrieth dem Herzoge gradezu, diese Art der Administration zu übernehmen. "Denn obwohl", sagte er, "die possessio semper est aurea, so ist doch die ganze Uebertragung nicht legal, und das wird Schaden bringen. Vor allem müssen erst der König von Schweden und die Capitularen zu dem Vorschlag ihre Zustimmung gegeben haben." Adolf Friedrich theilte die Bedenken v. Passow's sofort Salvius mit und fügte hinzu, er wollte lieber, daß anstatt seiner dem Domherrn und herzoglichen Rath Vollrath v. Plessen oder Hartwig v. Passow provisorisch die Administration übertragen werde. Der Rath der Capitularen, welcher in dieser Sache von Adolf Friedrich eingeholt wurde, fiel unbestimmt aus. Die Herren antworteten mit vielen Klagen über die schlechte Wirthschaft im Stift, baten um die Zurückgabe ihrer Landgüter und meinten endlich es wäre erklärlich, daß Adolf Friedrich sich wegen der Postulation seines Sohnes mehr um das Stift kümmern wolle.

Indessen nahm Adolf Friedrich doch zunächst an, was ihm geboten war; unterm 15. October 1632 theilte er dem bisherigen

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Stiftsinspector Janeke mit, daß Salvius ihm die Inspection übertragen, wonach Janeke sich zu richten habe. Janeke antwortete, er müsse gröblich bei Salvius verleumdet sein; er wolle aber gern Adolf Friedrich gehorchen.

So standen die Sachen im Stift, als die Nachricht eintraf, daß der Schwedenkönig am 6./16. November 1632 gefallen sei. Der Reichskanzler Oxenstierna übernahm nun, wie bekannt, im Namen der Krone Schwedens die Leitung der schwedischen Angelegenheiten in Deutschland, an ihn mußte sich nun also Adolf Friedrich wenden, um seine Wünsche in Betreff des Stifts erfüllt zu sehen. Er schickte deshalb bald nach Gustavs Adolfs Tode v. Passow an Oxenstierna, damit er um die Bestätigung der Stiftsinspection und um Verhaltungsmaßregeln bitte. Mit Salvius knüpfte er im nächsten Sommer (1633) Unterhandlungen an wegen Ueberlassung des Stiftes gegen eine jährliche Pacht; aber noch ehe diese Verhandlungen zu Stande kamen, erhielt der Herzog (durch den General=Major Lohausen; die Nachricht von dem Tode des rechtmäßigen Stiftsregenten, Administrators Ulrich III. (Vgl. 2. Theil, Administratoren.) Das änderte wieder die ganze Sachlage.

Rechtlich war jetzt in Folge der Capitulation von 1625 der meklenburgische Prinz Christian Administrator im Stift, und für ihn durfte mit ebenso gutem Recht sein Vater Herzog Adolf Friedrich die Regierung antreten. Aber die Schweden befanden sich im Besitz dieses Landes, das ihnen nach ihrer Ansicht jure belli gehörte. Das deutsche Reich war nicht in der Lage, zeigte auch keine Neigung, sich um diese Angelegenheit zu kümmern, und Adolf Friedrich konnte darum nur auf dem Wege gütlicher Verhandlungen mit Schweden zu seinem rechtmäßigen Besitz gelangen, d. h. bittend auf dem Gnadenwege das erhalten, was er von Rechts wegen zu fordern hatte. Der Herzog betrat diesen ihm allein übrig gebliebenen Weg.

Die Hauptentscheidung über das Schicksal des Stiftslandes lag jetzt in den Händen des schwedischen Kanzlers Oxenstierna, und ihn suchte daher auch Adolf Friedrich mit Aufbieten vieler Mühe für sich zu gewinnen. Daß er sich (12. Sept.) an die schwedischen Reichsräthe in Stockholm wandte und um Uebergabe des Bisthums bat, "das die Krone Dänemark zwar nach Tractaten mit dem Kaiser aufgegeben und jetzt die Schweden in Besitz genommen, das diese aber trotzdem aus Rücksicht auf den jungen Herzog Ulrich (den Administrator), welcher für das Evangelium kämpfte, niemals von Dänemark verlangt hätten", erscheint als eine bloße

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Formsache gegenüber den Anstrengungen, mit welchen der Herzog sich die Zustimmung des Kanzlers verschaffen mußte. Ebenso war die Begrüßung der Königin von Schweden um das Stift wohl nur eine Höflichkeitsform, die wenigstens nicht schaden konnte.

Zunächst hoffte Adolf Friedrich durch Fremde den gewaltigen Kanzler günstig stimmen zu können; deshalb mußten der Erzbischof Friedrich von Bremen, ein dänischer Prinz und Bruder des verstorbenen Admimstrators Ulrich III., sowie der schwedische Legat Salvius sich für ihn bei demselben verwenden. Beide zeigten sich willfährig genug, aber das Werk ging trotzdem nicht von Statten. Endlich erklärte der Bremer Erzbischof, Oxenstierna habe es übel genommen, daß der Herzog nicht eigne Gesandte an ihn geschickt, und deshalb das Bisthum dem königlichen Stallmeister von der Schulenburg und dessen Erben versprochen, doch nur unter der Bedingung, daß das Land "für ein Stück Geld" wieder an Adolf Friedrich solle abgetreten werden, wenn es verlangt würde. Schulenburg sei indessen schon "ableibig" geworden (gestorben). Dieselbe Nachricht kam bald darauf auch von Chr. Hans v. Bülow, dem Gesandten des Bremer Erzbischofs, aus Lübek, mit dem Zusatz, daß Oxenstierna nach v. d. Schulenburgs Tode den Lehnbrief über das Stift wieder an sich genommen habe. Nun beeilte sich Herzog Adolf Friedrich, Abgeordnete aus Meklenburg an den Kanzler zu senden. Er wählte dazu den Geh. Rath v. Passow auf Zehna und den Kanzler Dietrich Reinking, welche, mit ausführlicher Anweisung wohl versehen, noch im Januar 1634 abreisten. Gern wäre der Herzog selbst mit ihnen gegangen, wie er Salvius schrieb, aber die Herzogin Anna Marie, seine Gemahlin, sowie die junge Prinzessin Juliane waren so bedenklich erkrankt (sie starben beide Anfangs Februar), daß er es nicht wagen durfte, seine Familie zu verlassen.

Aus der Instruction für die Gesandten v. Passow und Reinking, die auch die Art der Anmeldung, Begrüßung, Entschuldigung des späten Eintreffens ausführlich vorschrieb, interessirt uns besonders die Mittheilung, daß der König Gustav Adolf dem Herzoge zu Frankfurt a. M. mündlich Hoffnung auf das Stift gemacht, wie es Oxenstierna selbst gehört habe. Eine "Geheime Post=Instruction" bestimmte:

1) Die Gesandten möchten zunächst zusehen, daß der Herzog das Stift umsonst erhalte, da Meklenburg im Kriege so viel gelitten.

2) Fordere Schweden eine Entschädigung, so sollte ein Regiment zu Fuß, mit dem Mustermonat versehen, angeboten werden;

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würde aber Geld verlangt, so solle man aufs Aeußerste handeln und bis 20,000 Thlr. bieten.

3) Müsse man mit Schulenburgs Erben verhandeln, so solle man diesen höchstens ebenso viel bieten; wenn sie darauf aber nicht eingehen wollten, an Adolf Friedrich referiren.

4) Verlange man eine eigne Capitulation, so solle dies ebenfalls ad referendum angenommen werden.

5) Zu Geschenken für die vornehmsten Diener (Secretär und Schreiber) Oxenstiernas seien 3000 Thlr. bestimmt.

6) Wolle man das Stift nur als schwedisches Lehn anbieten, so müßten die Gesandten sofort mit der Post abreisen.

Die erste Nachricht über die Gesandtschaft des Herzogs brachte ein Brief v. Passows d. d. Magdeburg, d. 25. Jan. Man erfuhr, daß Oxenstierna ganz gnädig gewesen, und so nebenbei, daß der Hof Wolken (an den schwedischen Residenten Alexander v. Eßken in Erfurt) verschenkt sei. Am 30. Jan. berichtete v. Passow wieder, daß er dem Marschall Banér ein gutes Pferd versprochen habe, was der Herzog billigte, obgleich er Banér "schon mit Zollbefreiung einer großen Anzahl seines eigenen Korns, so die Elbe hinunter passiret, gratificiret." Am 1. Febr. schrieben v. Passow und Reinking, sie hätten gestern Oxenstierna in Magdeburg gesprochen, derselbe habe sich gegen Adolf Friedrich günstig gezeigt. Heute reise der schwedische Kanzler nach Halberstadt ab, wohin sie ihm folgen würden, denn dort wolle er Resolution geben. Am 9. Febr. würde Oxenstierna mit dem Kurfürsten von Brandenburg in Stendal zusammentreffen, ob der Herzog nicht auch dahin reisen möchte. 1 ) Am 10. Febr. hatte v. Passow wieder eine Unterredung mit Oxenstierna, in welcher das Stift durante hoc bello als Recognition von Schweden angeboten wurde, wie die Stifter Fulda und Hersfeld dem Landgrafen Wilhelm von Hessen gegeben seien. Mehr wollte man nicht bewilligen, damit kein Präjudiz geschaffen würde. v. Passow wies auf das jus quaesitum Meklenburgs hin, dessen sich der Landgraf und Andere nicht rühmen könnten. Auch am nächsten Tage führte die Verhandlung zu keinem Resultat. Am


1) Aus der Reise des Herzogs nach Stendal zum 9. Febr. konnte nichts werden, weil der Brief zu spät in Meklenenburg ankam; außerdem hätten es auch die beiden erwähnten Todesfälle in der herzoglichen Familie wohl kaum gestattet. Uebrigens hat Adolf Friedrich später brieflich den Kurfürsten von Brandenburg um Fürsprache.
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14. Febr., als v. Passow grade mit dem Schreiben eines Briefes beschäftigt war, der wenig Hoffnung für den Herzog enthielt, kam Salvius persönlich zu dem meklenburgischen Gesandten, um mitzutheilen, daß Oxenstierna jetzt wohl von seinen harten Bedingungen abstehen werde. Vielleicht war dieser Umschlag in Folge einer Unterredung mit dem Kurfürsten von Brandenburg geschehen, denn am 12. oder 13. Febr. reiste Oxenstierna nach v. Passows Bericht nach Stendal, vielleicht auch hatte ihn Salvius bewirkt. Ebenfalls am 14. Febr. schrieb endlich auch der schwedische Kanzler selbst an den Herzog von Meklenburg. Zwar theilte er nichts Genaues mit; doch sagte er, daß er sich gegen die meklenburgischen Gesandten so erklärt habe, daß Adolf Friedrich "darob verhoffentlich ein gutes Contentement haben werde." Der Herzog schöpfte viel Hoffnung aus diesem Brief und antwortete sehr verbindlich. Und wirklich ging es von jetzt an rascher, als man erwarten durfte. Oxenstierna hatte in der That jetzt die Absicht, das Stift außer den schon von Schweden verschenkten Gütern unter annehmbaren Bedingungen dem Herzog zu überlassen; er glaubte zwar zuerst noch, vorher die Zustimmung aus Schweden einholen zu müssen, doch entschloß er sich bald wieder als bevollmächtigter Generalagent selbständig seine Absicht auszuführen. Am 15. Febr. 1634 ertheilte er Salvius die Vollmacht, den Herzog Adolf Friedrich in das Stift einzuweisen. Daß dies am 24. März geschah, ist bereits im 2. Teil dieser Geschichte unter der Administration Adolf Friedrichs mitgetheilt.

Was die von Schweden verschenkten Stiftsgüter betrifft, so sind damit gemeint: 1) der Hof Hermannshagen mit den dienstpflichtigen Dörfern Jürgenshagen, Göllin, Glambek und Qualitz, welche der König Gustav Adolf im September 1632 an Adam Heinrich v. Pentz gab (s. I. Theil unter Hermannshagen); 2) der Hof Wolken mit dem zugehörigen Dorfe Zepelin und die Officialei zu Rostock c. p., welche am 9. Jan. 1634 der schwedische Resident Eßken zu Erfurt für sich und seine Erben als Geschenk erhielt. Da aber Adolf Friedrich großen Werth grade auf diese beiden Besitzungen legte, "da Wolken dem Hause Bützow Feuerung und Küchennothdurft liefern müsse, und da mit der Officialei die geistliche Jurisdiction und das jus patronatus über die Rostocker Universität zusammenhinge". so beredete Oxenstierna selbst den Residenten Eßken, er möge gegen die Erfüllung anderer Wünsche diese Geschenke wieder abtreten, was denn auch bald darauf geschah. 3) Gr.=Medewege c. p., seit 1631 im Besitz des Vice =Admirals Ryning, 4) Rampe, im Besitz des Obersten v. Salzburger, 5) Zibühl, zwar

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noch im Besitz des dänischen Königs und von Troje 1 ) verwaltet, doch trotzdem von der Krone Schweden an den Obersten Wrangel verschenkt. Die Capitelsgüter waren völlig für ihre früheren Besitzer verloren, vom Domanium und Kloster Rühn waren nicht unbedeutende Stücke losgetrennt; nur die Lehngüter, freilich grausam verwüstet, hatte man bis auf Zibühl nicht angetastet.

Die Steuerkraft des Landes war gänzlich erschöpft, und was unter harten Drohungen und Executionen noch aufkam, mußte nach Adolf Friedrichs eigenem Bericht (vom 24. Aug. 1634) dem schwedischen General Redwein (oder Ritwein) gegeben werden, da derselbe eine Assignation auf die Stiftscontribution in der Höhe bis monatlich 500 Thlr. hatte. Der Besitz des Landes war also wahrlich nicht begehrenswerth, wenn es nicht bald anders wurde.

Wegen der Art der Verleihung von Schweden und wegen des Anspruchs Redweins auf die Contribution war das Stift noch immer für das Reich oder richtiger für den niederdeutschen Kreis - denn die Macht des Reiches erstreckte sich augenblicklich überhaupt nicht so weit - so gut wie verloren. Doch versuchte der Kreistag wenigstens jetzt wieder wie in früherer Zeit seine Forderungen an das Stift zu stellen (seit einigen Jahren war auch das unmöglich gewesen), wenn es auch zunächst noch nicht viel Erfolg hatte.

Am schlimmsten waren augenscheinlich die Capitularen behandelt, da ihnen alle ihre Landgüter genommen waren, so daß als Capitetsbesitz nur die ziemlich werthlosen, verfallenen Domhöfe in Schwerin übrig blieben; und diese Höfe wurden mit Contribution hart belegt, die fortwährend durch schwedische Execution beigetrieben wurde.

Bei dem überall herrschenden Elend ging der Wunsch, geordnete Verhältnisse wieder im Stifte anzubahnen, bald genug von den unter der schwedischen Steuer schwer leidenden Ständen aus. Nachdem vereinzelte Klagen wegen der Executionen längst dem Herzog Adolf Friedrich die große Noth der Stiftsunterthanen geschildert hatten, wandten sich Ritterschaft und Städte unterm 10. September 1634 an ihren neuen Regenten mit der Bitte um Ansetzung eines Stiftstages, damit die Steuern wenigstens gerechter vertheilt werden möchten. Adolf Friedrich berief die Stände zum 8. Januar 1635 nach Bützow, wo neben den alten Vertretern des Landes auch die von den Dänen und Schweden neu eingewiesenen


1) Troje hatte auch noch Namens seines Königs den Hof Gallentin in Besitz.
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Gutsbesitzer, wie Troje auf Zibühl und Gallentin, der Admiral Ryning auf Gr.=Medewege und der Oberst v. Saltzburger auf Rampe, sowie der Schelfvogt zu Schwerin erscheinen sollten. Troje weigerte sich aber zu kommen, da er nach seiner Meinung von dem meklenburgischen Herzog gar nicht abhängig sei.

Auf diesem Stiftstage wurde mitgetheilt, daß auf dem vorigjährigen Kreistage zu Halberstadt beschlossen sei, das Stift Schwerin solle bezahlen: für Munition 1020 Thlr., für einen einfachen Römerzug 66 Thlr. 16 ggr, für Proviant 1700 Thlr, als Kreishülfe (8 Monate, 1. Mai bis 31. Dec.) 6400 Thlr. und noch einmal für Proviant 2400 Thlr., zusammen 11,586 Thlr. 16 ggr. Davon dürfte abgerechnet werden die an Redwein gezahlte Steuer von 1275 Thlr. 44; es blieben also zu zahlen 10,310 Thlr. 36 ßl. Das Stift Schwerin wurde noch immer vom Kreistag sehr hoch besteuert, da es einen Anschlag von 8 zu Roß hatte, während man vom Stift Lübek nur 3 zu Roß und von Ratzeburg nur 1 zu Roß und 3 zu Fuß verlangte.

Die Stände zeigten sich willig die Contribution zu zahlen; doch machten sie zur Bedingung, daß auch von den Stiftsgütern, die in fremdem Besitz waren, und von dem Domanium, das seit 9 Jahren frei ausgegangen sei gesteuert würde. Ferner verlangte man zum Stiftskasten 4 Schlösser, für den Stiftshauptmann, das Copitel, die Ritterschaft und die Stadt Bützow je eins. Einige Ritter beklagten sich über ungleiche Vertheilung des Roßdienstes, u. a. v. Warnstedt auf Vogelsang, der unter Wallensteins Herrschaft auf der Proscriptionsliste gestanden hatte. Sehr traurig klangen die Klagen der Städte über die Einquartierung. Der Oberstlieutenant Osterling hatte vom September 1634 her bis jetzt mit einer Compagnie Dragoner in Warin gelegen und die Stadt hatte deshalb 2096 G. 8 ßl. verausgaben müssen. Warin hatte große Schulden, ein Haus nach dem andern wurde verlassen und blieb wüst, "daß solches einen Stein in der Erde erbarmen möchte." Bützow hatte 9000 G. Schulden, und der dritte Theil der Häuser war zerstört.

In dem Stiftsabschied vom 10. Januar wurde versprochen, es sollten alle rückständigen Steuern im Domanium, in den Capitelsgütern und in Zibühl und Gallentin eingefordert werden, den Stiftskasten wollte man revidiren, die Beschwerden wegen des Roßdienstes untersuchen lassen, die Ausgaben für Einquartierung sollten von der Kreissteuer abgerechnet werden, und endlich wollte man versuchen, Warin von der Einquartierung zu befreien.

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Das klang wenigstens tröstlich und war sicher gut gemeint; aber wie sollten alle diese guten Absichten zur Ausführung kommen? Bei der Einhebung der Contribution stieß man sofort auf Widerstand. Als nach Zibühl und Gallentin, sowie nach Rampe und Medewege Execution gelegt wurde, gingen die Beschwerden deshalb an den König von Dänemark und an die schwedische Commandantur zu Wismar. König Christian schrieb sogar in dieser Angelegenheit an Adolf Friedrich, und aus Wismar erhielt der Stiftshauptmann v. Grävenitz die Drohung, man wolle es ihm gedenken, man habe auch Soldaten, und es käme darauf an, wer den Platz behaupte.

In demselben Jahre, 1635, wurde noch ein Ausschuß der ständischen Mitglieder nach Bützow gerufen; es ist dies das einzige Mal, daß wir während der 100 Jahre der Administration von einer solchen Versammlung hören. Eingeladen waren: das Capitel, der Stiftsmarschall Friedr. Vieregge zu Gischow, Barthold v. Parkentin zu Bolz (und Tieplitz), Hauptmann Heinr. v. Hagen zu Rühn, Stiftshauptmann v. Grävenitz zu Bützow, Bürgermeister Peter Strauß zu Bützow, Bürgermeister Daniel Pfeil zu Warin und Schelfvogt Arnd Fentzahn von der Schelfe. Vom Capitel erschien der Domherr V. v. Plessen, v. Parkentin ließ sich durch den Stiftsmarschall vertreten; die Städte Warin und die Schelfe sandten keinen Abgeordneten, auch von einer Vertretung derselben ist keine Rede. Die Versammlung tagte vom 12. bis 16. März, um wegen des Steuermodus, welcher auf dem letzten Stiftstage verabredet war, Berathungen zu pflegen, weil die Steuern nicht eingingen. Selbstverständlich konnte auch der Ausschuß nicht helfen. Die Zahlungen blieben nach wie vor größtentheils aus: Viele schickten statt Geldes Abrechnungen für Einquartierung. Da riß dem Kreisobersten die Geduld, er beorderte den Kreiscassier, in militärischer Begleitung die Stiftscontribution selbst einzutreiben, und drohte, ein ganzes Regiment Soldaten schicken zu wollen, wenn nicht Zahlung erfolgte. Adolf Friedrich wollte nun dasselbe beim Kreise versuchen, was die Stiftsunterthanen beim Stiftskasten gethan hatten, d. h. er ließ durch den Domherrn v. Plessen Rechnungen über die Kosten der Einquartierung der Redweinschen und Osterlingschen Völker aufsetzen, und diese sollten in den Kreiskasten als Zahlung geschickt werden. Wir wissen nicht, welchen Erfolg dieses Unternehmen hatte. Das ist aber sicher, daß das Stift den geforderten Anschlag nicht zusammenbrachte; denn im Sommer 1635 verfügte man erst über 2640 G., während man 19,027 G. zahlen sollte; und ebenso stellt fest, daß Administrator und Stände im

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Jahre 1635 eine Anleihe von 6000 Thlrn. bei dem Hamburger Kaufmann Block machten.

Im Herbst 1635 theilte Adolf Friedrich den Stiftsständen schriftlich mit, daß der letzte Kreistag zu Lüneburg beschlossen habe, es sollten alle festen Orte und alle Städte mit Kreisvolk belegt werden. Nach Bützow würden deshalb ungefähr 300 Mann geschickt werden. Der Herzog beabsichtigte "wegen der gefährlichen Zustände" nicht, die Stände zusammenzurufen; es sollten die nöthigen Gelder für die Verpflegung der Kreistruppen ohne vorhergehende Berathung auf dem Stiftstage, aber sine praejudicio gezahlt werden. Doch da es nicht ging, mußten die Stände am 8. October nach Bützow kommen. Die Soldaten waren damals schon in Bützow eingerückt, anscheinend für die entvölkerte und verarmte Stadt in sehr erheblicher Anzahl; denn die Stände baten, man möchte doch die Stadt bis auf 2 Compagnien befreien, was auch in dem Abschied des Stiftstages verheißen und später wirklich ausgeführt wurde. Bützow beherbergte später mehrere Jahre lang 2 Compagnien Musquetiere, zusammen gegen 300 Mann stark. Für die Verpflegung derselben sollte das platte Land der Stadt zur Hülfe kommen; aber die Ritterschaft wehrte sich gegen diesen Beschluß, da sie ohnehin an den schwedischen Commandanten von Wismar zahlen müsse, obwohl dieser vom Domanium und von den Städten ebenso gut seinen Tribut forderte. Als nun im nächsten Frühjahr, 1636, wieder der Stiftstag tagen sollte, fanden sich so wenig Mitglieder ein, daß man, zumal da Keiner vom Capitel geschickt war, beschloß, unverrichteter Sache wieder abzureisen. Schon waren die meisten aus der Stadt fort, da traf noch der Domherr v. Plessen ein; die Versammlung kam aber nicht mehr zu Stande.

So ging es in den nächsten Jahren weiter; man mühte sich vergebens ab, die alten Schulden zu bezahlen und den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Dem Kreis gegenüber hielt man sich zu Zahlungen verpflichtet; und wenn die Möglichkeit vorhanden gewesen wäre, so hätte man diese Last garnicht so ungern getragen. Aber es fehlten beständig die Mittel, und das Stift stürzte sich in unerschwingliche Schulden. Von der Blockschen Schuld waren erst 2000 Thlr. abgetragen und lange keine Zinsen mehr gezahlt. Da nun dieser Gläubiger häufig mahnte, u. a. auch durch den Cand. jur. Abraham Kayser, welcher später im Auftrag Adolf Friedrichs den Osnabrücker Friedensverhandlungen beiwohnte, so mußten die Stände am 31. Juli 1638 zum Stiftstage nach Bützow kommen, um Rath zu suchen. Aber sie fanden ihn nicht, und noch lange nach dem westfälischen Frieden klagten die Blockschen Erben

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wegen dieser Schuld. Bei dieser Sachlage erscheint es als eine Unverschämtheit, wenn die "befreundeten" Schweden, die unter dem Versprechen zu helfen gekommen waren, fortwährend bis zu Ende des Krieges durch den Commandanten zu Wismar Contributionen in dem armen Stiftslande ausschreiben und durch Execution beitreiben ließen. Zweimal erreichte die Noth der viel gequälten Stiftsunterthanen noch den Gipfelpunkt; es war das 1637 und 1638 während des Banérschen Zuges nach dem Norden, dem die Kaiserlichen und die Sachsen folgten, und 1643 - 45 während der massenhaften schwedischen Durchzüge unter Torstenson und Wrangel, denen ebenfalls die Kaiserlichen nachrückten. Die gesetzliche und gewohnheitsmäßige Ordnung wurde durch diese Ereignisse im Kleinen, in Stadt und Dorf und in der Familie, allerdings völlig untergraben; doch hielt man sie im Staatsregiment im Ganzen aufrecht. Denn selbst zu den Zeiten der greulichsten kriegerischen Verwüstungen wurden die Stiftstage einberufen und beschickt 1 ), und man verhandelte dort nach Aussage der Protocolle immer noch mit einer Ruhe, die mit Recht Bewunderung verdient.

Wie schwer Bürger und Bauern im 30jährigen Kriege litten, geht zur Genüge aus den Beschreibungen im ersten Theil dieser Arbeit hervor und ist außerdem aus den Berichten über andere Länder hinlänglich bekannt; wir dürfen es uns daher ersparen, die schauerliche Noth zusammenfassend darzustellen. Nur möchten wir auf Grund der im 2. Theil bekannt gemachten kirchlichen Visitations=Protocolle eine Berechnung anstellen über die Anzahl der Personen, welche den Frieden in der Heimath erlebten. Die erwähnten Protocolle geben zum Jahre 1642 die Seelenzahl von 6 Stiftsgemeinden an. Diese Zahl erreicht nur 1/7 bis 1/8 (genauer 10/76) der jetzigen Bevölkerung. Ist die Verwüstung des Krieges im ganzen Stift, was mehr als wahrscheinlich, ebenso groß gewesen, so wohnten 1642 auf demselben Raume, den jetzt etwa 30,000 Einwohner bevölkern, nicht ganz 4000 Menschen. 2 )

Ganz verschwunden ist übrigens im Stift Schwerin während des 30jährigen Krieges kein Ort. In Nisbill wohnte zwar 1639 nur noch ein Kossat, und die Häuser des Dorfes waren ebenfalls


1) Ob in den 5 Jahren 1639 - 43 Stiftstage gehalten wurden, wissen wir nicht, die Acten berichten darüber nichts.
2) Für das ganze Gebiet des jetzigen Großherzogthums Meklenburg=Schwerin würden wir unter Voraussetzung gleicher Verhältnisse im Jahre 1642 auf eine Bevölkerungszahl von 76,000 kommen. E. Boll bleibt in seiner Geschichte Meklenburgs bei ähnlicher Berechnung noch hinter dieser Zahl zurück, indem er nur 40 - 50,000 Seelen erhält.
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bis auf eines eingeäschert; aber es wurde dort doch bald wieder von Neuem gebaut. Tieplitz war während der Vormundschaft für den jungen v. Parkentin um 1641 eine Zeit lang von Menschen ganz verlassen, und das Feld lag unbebaut. Ebenso stand es höchst wahrscheinlich gegen Ende des Krieges um Schependorf, und nicht viel besser um Lübzin, da um 1643 die Besitzer, die v. Preenschen und v. Maltzanschen Erben, dies Gut mit seinen beiden Rittersitzen wegen Schulden aufgaben. Aber alle Orte aus jener Zeit, mit Ausnahme der drei im 18. Jahrhundert untergegangenen Dörfer Bahlen und Trepzow bei Bützow und Hilgendorf bei Schwerin, sind noch heute vorhanden. In dieser Hinsicht mag das Stift Schwerin vor manchen andern deutschen Staaten einen Vorzug haben, im Uebrigen darf es sich dessen gewiß nicht rühmen. Auch hier lernte man ebenso gut wie anderswo das maßlose Elend und den ganzen Jammer des schrecklichsten Krieges kennen, und auch hier flehten schon lange Alle, welche noch nicht völlig abgestumpft oder gar verwildert waren, inbrünstig um Frieden.

4. Der westfälische Frieden.

Endlich nach langem, langem Sehnen kam die Botschaft aus dem Westen, daß die Herrscher der Völker, des Streitens müde, beschlossen hätten, durch friedliche Unterhandlungen sich zu einigen, und daß zu dem Zwecke ihre Bevollmächtigten in den beiden westfälischen Städten Münster und Osnabrück die Friedensbedingungen erörterten. Das war im Herbste 1643. Es ist allgemein bekannt, wie bitter diejenigen getäuscht wurden, welche voreilig jetzt in kurzer Zeit den Frieden erwarteten. Die langen Kriegsjahre hatten die Verhältnisse dermaßen verwirrt, daß die Lösung des Knotens schwer wurde und viele Jahre erforderte. Wir brauchen indessen den langwierigen Verhandlungen in Westfalen nicht Schritt für Schritt zu folgen, wir suchen nur die paar Stunden heraus, in welchen man sich um das künftige Schicksal unsres Stiftes stritt, und werden darum bald zum Ziele gelangen.

Als Bevollmächtigter des Stifts Schwerin wurde von Herzog Adolf Friedrich der Geh. Rath Dr. Abraham Kayser, welcher auch das Herzogthum Meklenburg=Schwerin vertrat, nach Osnabrück geschickt. Kayser reiste im December 1644 zu dem Congresse ab. Als er aber dort für das Stift sein Votum abgeben wollte, erhob sich lebhafter Widerspruch, da im Prager Friedensschluß von 1635 den protestantischen Stiftern das Stimmrecht auf 40 Jahre ge=

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nommen war. Kayser gab daher unter Protest bie Stiftsstimme auf. Er versuchte aber als meklenburgischer Abgeordneter mit anerkennenswerther Ausdauer und mit vielem Geschick die großen Opfer, welche Schweden als Entschädigung von Meklenburg forderte, abzumindern. Doch es war ihm unmöglich, den Gewaltigen gegenüber auch nur etwas zu erreichen, so sehr er auch durch die patriotischen, bestimmten Erklärungen seines Herzogs, der bekannte, lieber sterben zu wollen als das beste Kleinod seines Landes (Wismar) dahin zu geben, unterstützt wurde.

1647 wurde als Entschädigung für die an Schweden abzutretenden Gebiete Wismar, Röl und Amt Neukloster Meklenburg= Schwerin zuerst das Stift Schwerin (neben dem Stift Ratzeburg) angeboten, und zwar in der Weise, daß der Herzog Adolf Friedrich die Hälfte der Canonicate sollte zu seinem Kammergute legen können. Adolf Friedrich lehnte dies Anerbieten ab. Denn was waren diese beiden Länder für ein Ersatz, da er das eine längst als sein Eigenthum ansah, und das andere seinem Neffen, dem jungen Herzog Gustav Adolf von Meklenburg=Güstrow, gehörte? Adolf Friedrich war überhaupt noch nicht geneigt, Entschädigungen für Wismar anzunehmen, da er diese Stadt noch immer zu behalten hoffte. Da kamen die Schweden mit der Erklärung, daß sie Wismar als Reichslehn vom Kaiser annehmen würden. Das änderte die ganze Sachlage; denn nun waren die kaiserlichen Abgeordneten diesem Begehren nicht mehr abgeneigt, und die beste Stütze Meklenburgs fehlte. Die KaiserIichen, ja Abraham Kayser selbst, riethen nun dem Herzog, für Wismar anzunehmen, was er erhalten könne. Zwar ging Adolf Friedrich auch jetzt noch nicht auf diesen Rath ein, er versuchte erst das Letzte, durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem schwedischen Königshause die Königin selbst zur Nachgiebigkeit zu bewegen, indem er seinen Sohn, den Prinzen Karl, nach Schweden schickte; als dieser aber, mit einem Geldgeschenk freundlich von der Königin entlassen, unverrichteter Sache wieder zurückkehrte, da reiste Dr. Kayser nach Osnabrück, um in die Abtretung Wismars zu willigen, wenn es unter der Bedingung,wie seiner Zeit Emden an Holland gekommen, an Schweden gegeben würde. Doch jetzt war alles zu spät, die Abtretung Wismars als Reichslehn war bereits in das Friedensinstrument aufgenommen. Selbst als Entschädigung war nichts mehr zu Vergeben übrig als die beiden Stifter Schwerin und Ratzeburg. Wohl oder übel mußte darum Dr. Kayser in die endgültige Bestimmung des Westfälischen Friedens willigen, die nach §. 12 des Friedensinstruments im deutschen Texte lautet:

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"Für dasjenige aber, so dem Herzog von Meklenburg zu Schwerin, Herrn Adolf Friedrich, in Veränderung der Stadt und Hafens Wismars abgehet, soll ihm und seinen männlichen Leibeserben zukommen das Bisthum Schwerin und Ratzeburg als ein immerwährendes unmittelbares Lehn [jedoch vorbehältlich der zuständigen Rechte des Hauses Sachsen=Lauenburg und anderer benachbarten, wie auch besagter Diöces 1 )] sammt allen Gerechtigkeiten, schriftlichen Urkunden, Archiv, Registern und andern Zugehörungen, mit der Freiheit, an beiden Orten nach Abgang der jetziger Zeit residirenden Canoniker die Canonicate abzutilgen und alle Renten der fürstlichen Tafel zu appliciren, und soll auch bei den Reichs= und des niedersächsischen Kreises Conventen seine Session, auch zwiefachen fürstlichen Titel und Stimme haben." Das ganze instrumentum pacis wurde von den Bevollmächtigten am 14. (24.) October 1648 in öffentlicher Versammlung unterschrieben und besiegelt und am folgenden Tage feierlich bekannt gegeben. Die Unterschrift Kaysers, welcher "wegen Meklenburg=Schwerins für sich und in Vormundschaft von Meklenburg=Güstrow" zeichnete, steht an 20. Stelle.

Die amtliche Mittheilung von dem Friedensschluß an das Stift Schwerin geschah auf dem Stiftstage zu Bützow am 11. Nov. 1648 gleich nach Eröffnung besselben durch Dr. Hein Morgens 10 Uhr. Leider folgte auf diese erfreuliche Kunde sofort die Erklärung, daß die Stände, zu denen man diesmal auch die Domina und die Provisoren des Klosters Rühn rechnete, den hohen Beitrag von 12,816 Reichsgulden oder 8514 Thlr. zur Entschädigung an Schweden, das nach §. 16 des Friedens 5 Mill. Thlr. "zur Abdankung der Truppen" aus sieben Kreisen des Reiches erhielt, bewilligen sollten. Die Stände begehrten Abtritt bis zum Montag den 13. Nov. Als sie wieder zusammentrafen, willigten sie ein, daß das Entschädigungsgeld im Stifte als Gontribution aufgebracht würde; aber ohne Execution möchte es wohl nicht möglich sein, meinten sie, und besorgt fragten sie, ob denn der schwedische Major Königsmark, welcher mit seinen Soldaten in Bützow lag, die Executionsmannschaft stellen sollte. Adolf Friedrich war aber der Ansicht, daß man jetzt nicht mehr Fremde gebrauchen müsse.

Es handelte sich nun vor allem um den Steuermodus, nach welchem gezahlt werden sollte. Darüber war man sich sofort einig, daß Alle herangezogen werden müßten, und damit dies geschähe, bestimmte man, daß ein Kopfgeld von allen Personen über 10


1) Diese Parenthese bezieht sich nur auf Ratzeburg.
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Jahre, mit Ausnahme der Geistlichen und der Schuldiener und deren Familien, und eine Hufen =, Vieh= und Einkommensteuer zu entrichten sei. Für das Kopfgeld theilte man die Bevölkerung in 4 Klassen, in der letzten (niedrigsten) Klasse sollte der Mann 1/2 Thlr., die Frau 16 ßl. und das Kind 8 ßl. geben; es war dies ganz der Modus, wie er in Meklenburg verordnet wurde. Zur bessern Sicherung der Stiftskasse wurden die Einnehmer am 16. Nov. vereidigt.

Das Steueredict, datirt vom 14. Nov., wurde gedruckt, von allen Kanzeln verlesen und darauf an die Kirchthüren, Schulzengerichte und Krüge geheftet. Kennen lernte es also Jeder; aber doch zahlten Viele nicht, weil es Vielen unmöglich war. Endlich am 16. Sept. 1649 theilte der Herzog dem Gouverneur von Wismar mit, daß er die erste Rate von 4960 Thlrn. (3 Raten waren zu Osnabrück vereinbart) in Empfang nehmen und den Friedensbedingungen gemäß jetzt die fremden Truppen aus dem Lande schicken möge. Erst, als dies geschehen, war der Herzog als "Fürst von Schwerin" im alleinigen, ungestörten Besitz des Landes.

Die Aufbringung des Restes von der schwedischen Kriegsentschädigung war freilich auch noch nicht leicht, aber die Summe wurde doch endlich gezahlt.

Von außen her war der neue Fürst von Schwerin von jetzt an völlig unbehelligt; nur in dem eignen kleinen Lande erhob sich Widerspruch gegen die von ihm geplante Vollziehung der Osnabrücker Beschlüsse, und zwar von Seiten der noch übrig gebliebenen Domherren. Wie wir eingesehen haben, bestimmte §. 12 des Friedensinstruments, daß der Herzog befugt sei, in beiden ihm als Fürstenthümer überwiesenen Stiftern Schwerin und Ratzeburg "nach Abgang der jetziger Zeit residirenden Canoniker die Canonicate abzutilgen und alle Renten der fürstlichen Tafel zu appliciren." Die Canonicate hatten früher bestanden in den Domherrenhöfen zu Schwerin, in einer größeren Anzahl fruchtbarer Landgüter und in einzelnen Hebungen aus verschiedenen Dörfern. Die Landgüter wurden von den Capitularen selbst größtentheils veräußert, nach 1622 besaßen sie nur Medewege. c. p., Rampe c. p., Warkstorf und den Schelfbauhof. 1627 hatten diese Güter Fremde in Besitz genommen, während die früheren Inhaber geflohen waren, und 1648 wirthschafteten auf den drei zuerst genannten Höfen die Schweden; nur den Schelfbauhof hatte ein Capitular, der Dekan v. Wackerbarth, inne.

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Während des Krieges verfielen die altersschwachen, schon längst schlecht erhaltenen Curien, und die Hebungen wurden wohl kaum gefordert, sicher nicht gegeben. Auf die ziemlich werthlosen Curien und auf die sehr unzuverlässigen Hebungen machte Adolf Friedrich keinen Anspruch; dahingegen glaubte er die Landgüter jetzt als sein Eigenthum ansehen zu dürfen. Die Capitularen behaupteten aber, daß ihnen diese Besitzungen vermöge der Capitulation von 1634 müßten ausgeliefert werden; und daher entbrannte der Streit, der denn gelegentlich auch die Aufsicht über den Dom und über das Kloster Rühn berührte. Der Herzog eignete sich nämlich das Patronat über den Dom und das Ober=Provisorat über Rühn an, und die Domherren versuchten eine Zeit lang, ihm diese Rechte streitig zu machen.

Unterm 13. Febr. 1649 erinnerte das Capitel, welches jetzt seinen Wohnsitz wieder von Lübek nach Schwerin verlegt hatte, den Herzog zuerst an die verheißene Restitution der Landgüter. Adolf Friedrich antwortete damit, daß er am 27. Febr. Befehl gab, Medewege, Rampe und Warkstorf zu inventarisiren, "weil er diese Güter in Possession nehmen" wolle.

Die Bitte um Rückgabe der Güter wurde von den Domherren am 5. April wiederholt, und bei dieser Gelegenheit dem Herzog vorgeworfen, daß er widerrechtlich die Pfarre zu Baumgarten mit dem Bützower Rector besetzt habe; denn das Patronat zu Baumgarten gebühre dem Kloster Rühn und folglich ihnen als den gesetzlichen Provisoren desselben. Da seine Antwort erfolgte, so schrieben die Capitularen abermals am 25. Mai und forderten nun auch das Patronat über den Dom, an dem der Herzog eigenmächtig und widerrechtlich bauen lasse. Auf die Klage vom 30. Juli erhielten sie endlich die Weisung, sie sollten in der Unterschrift die Bezeichnungen Dekan, Senior und Capitularen weglassen und nur ihre Namen unterschreiben, dann würden sie schon Antwort bekommen.

Wie diese Antwort aber ausfallen würde, konnten die Domherren aus des Horzogs Befehl vom 28. August schließen, der den Stiftshauptmann Rabensteiner und den Küchenmeister Nortmann zu Bützow anwies, "alsofort das Kloster Rühn und die zu der Stifts= und Domkirche gehörigen Gefälle und Intraden, wie dieselben Namen haben, und wo sie auch anzutreffen sein mögen, in wirkliche Possession und Besitz zu nehmen." Noch deutlicher war der den Notaren Rachel und Reppenhagen vom Herzog gegebene Befehl (31. Oct.), daß sie sich zu Ulrich v. Wackerbarth und Dr. Wedemann begeben sollten und von diesen fordern: das Capitels=

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Archiv mit den Acten, Original=Obligationen, Urkunden, Registern, Kirchenbüchern und Rechnungen, die Capitulationen Meklenburgs mit dem Capitel und die Reverse Meklenburgs, ferner alle Siegel und alle Schlüssel. Sie sollten alle diese Sachen zu den übrigen ihnen anvertrauten Stiftssachen legen und demnächst, daß es geschehen, berichten.

Nach einer Beschwerde des Dekans v. Wackerbarth vom 4. Nov. 1649, daß nämlich der Herzog seinen Viehfutterer von seinem (des Dekans) Bauhof zur Schelfe habe vertreiben lassen, dürfen wir wohl annehmen, daß Adolf Friedrich nunmehr auch Besitz vom Bauhof ergriff.

Zu Anfang des folgenden Jahres, d. d. 9. Febr. 1650, erhielt der Herzog wieder eine Petition der Domherren Ulrich v. Wackerbarth, Georg v. Behr, Hartwig v. Wackerbarth. Matthias v. Behr, Henning Matthias v. Lützow (Balthasar v. Bothmer, der sich hatte abfinden lassen, verweigerte die Unterschrift), in welcher um die Rückgabe der Landgüter gebeten und über Adolf Friedrichs Eingriffe in die Rechte des Capitels bezüglich des Klosters Rühn und des Schweriner Doms Beschwerde geführt wurde. Jetzt beachtete der Herzog die wiederholten Klagen wenigstens so weit, daß er von seinen Räthen Dr. Albrecht Hein, Dr. Meier, Dr. Kayser und Dr. Daniel Nicolai ein Gutachten über dieselben forderte. Diese Räthe gaben darauf ihr Urtheil unterm 27. Aug. 1650 schriftlich dahin ab, daß Adolf Friedrich Anfangs wohl hätte milder verfahren können, und daß er weiter gekommen wäre, wenn er dem einen oder dem andern der Capitularen, und nicht grade dem Bestverdienten, etwas mehr hätte zufließen lassen, um das Capitel zu spalten. Dadurch würde man jetzt drohende Weitläufigkeiten, welche bei dem Zustande des Fürstenthums, der schwedischen Krone Compartement und dem bekannten unruhigen "Schwindelhirn" des Georg v. Behr nicht gering zu achten seien, leicht vermieden haben. Vor allem rieth man, das Vorgehen gegen Rühn zu ändern. Dem Kloster müßten seine Gerechtsame als einem Stand des Fürstenthums gewahrt werden; es dürfe daher nicht dem herzoglichen Beamten unterstellt werden. Adolf Friedrich möge wieder einen tüchtigen Propst bestellen, der auf Landtagen das Kloster vertrete. Da man höre, daß das Kloster eingehen solle, beabsichtige sogar der König von Dänemark, "dessen Aeltermutter dasselbe mit Intraden augmentirt sind gleichsam wieder aufgerichtet habe, dagegen einzuschreiten. Auch eine Antwort an die Capitularen wurde aufgesetzt, aber wohl nicht abgeschickt; jedenfalls kam sie nicht in die Hände der Adressaten. In dieser Antwort behauptete der Herzog, daß die Domherren sich

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auf die Capitulation von 1634 nicht mehr berufen dürften, da diese durch das instrumentum pacis aufgehoben sei. Georg v. Behr und Hartwig v. Wackerbarth hätten nichts zu fordern, denn sie wären nie Domherren gewesen und hätten auch in wohl 10 Jahren keinen Psalm in der Domkirche gesungen. Ulrich v. Wackerbarth solle Rampe haben; aber erst müsse er die Structurgelder der Domkirche herausgeben. Den Titel eines Dekans könne er nicht bekommen, weil kein Collegium mehr vorhanden: wolle er Capitular genannt werden, so möge das geschehen.

Die Wünsche Ulrich v. Wackerbarths wollte man also bis zu einem gewissen Grade erfüllen, denn der war ein alter Mann und konnte Rampe nicht lange mehr besitzen; übrigens hoffte man auch, ihn dadurch von den übrigen Domherren zu trennen. Als aber die Unterhandlungen mit ihm begannen, erhob Matthias v. Behr Einspruch, da er der Ansicht war, das zu allen Verfügungen über Capitelsgüter sämmtliche Capitularen ihre Zustimmung geben müßten.

Auf eine nochmalige Mahnung des Capitels vom 18. Mai 1601 ordnete Adolf Friedrich endlich eine Conferenz an, welche am 12. und 13. August zu Schwerin stattfand und von Seiten des Herzogs durch die Doctoren Meier und Nicolai, von Seiten des Capitels durch die beiden v. Wackerbarth, Matthias v. Behr, v. Lützow und Syndicus Wedemann besucht wurde. Von allen Vorschlägen der Herzoglichen nahmen aber die Capitularen nur einen an, den nämlich, daß die Rückstände von den ihnen jährlich versprochenen 600 Thlrn. Entschädigungsgelder gezahlt werden sollten. Dahingegen widersprachen sie entschieden den Erklärungen:

1) daß kein Propst vorhanden sei und darum das Propsteilehn Medewege dem Herzog gehöre,

2) daß der Herzog das Dekanatsgut Rampe auf dem Wege des Vertrages mit Ulrich v. Wackerbarth, dem er dafür jährlich 200 Thlr. geboten habe, erwerben wolle,

3) daß der Herzog Warkstorf mit Recht besitze, da der Senior v. Bothmer es ihm gegen eine goldene Kette mit Brustbild und eine jährliche Rente von 300 Thlrn. abgetreten habe.

4) daß die Klagen wegen des Klosters Rühn, wenn sie von der Domina specificirt eingereicht würden, untersucht werden sollten.

Die Capitularen behaupteten, der Dekan Ulrich v. Wackerbarth sei zum Propst erwählt und die übrigen Domherren in Folge dessen der Reihe nach aufgerückt, es seien also wieder ein Propst, Dekan, Senior und Subsenior vorhanden, und diesen gebühreten die

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4 Capitelsgüter, für deren Besitz sie an das eine sonst nicht dotirte Canonicat jährlich etwas abgeben müßten. Ihre Gravamina bezüglich des Klosters Rühn gaben sie schriftlich ab. Damit wurde die Conferenz geschlossen.

Die Domherren erhielten die Güter nicht. Mit unermüdlicher Ausdauer setzten sie aber ihre Petitionen fort, die allmählich in Drohungen mit dem Kammergericht übergingen, und endlich schickten sie wirklich eine umfassende Klageschrift an das Reich ab. Darauf erhielt Adolf Friedrich einen Befehl des Kaisers aus Regensburg vom 23. Sept. 1653, daß er die Capitularen gemäß des westfälischen Friedens "alsobald" befriedigen solle. Um den kaiserlichen Brief wurde ein Umschlag gelegt, auf welchem geschrieben steht:

"Dieses hat Herr Dr. Hein beantworten sollen, ist aber wegen anderer J. F. G. Geschäfte davon behindert, auch endlich darüber gar zum Deputationstage nach Speier verreisen müssen."

Das letzte vorhandene Schriftstück in dieser Angelegenheit ist ein Brief der Domherren an den Herzog (Schwerin, 21. Jan. 1654), in welchem sie um eine Conferenz bitten, damit über die Restitution der Capitelsgüter verhandelt werden könne. Diese Conferenz wurde ihnen jedenfalls nicht mehr bewilligt, und die ganze Streitfrage wird so allmählich still begraben worden sein. Selbstverständlich war sie aber endgültig erledigt durch das Absterben der letzten Capitularen, das in nicht allzu ferner Zeit erfolgt sein muß.

Wie die Ansprüche auf die Landgüter, erloschen mit dem Tode der Domherren auch ihre Forderungen in Hinsicht des Klosters Rühn und des Schweriner Doms, und Adolf Friedrich sah endlich alle Versprechungen, welche ihm der westfälische Friede machte, im frühern Stifte Schwerin erfüllt. Da war er auch ohne Widerspruch im Innern dieses Landes im Besitz aller ihm zugesicherten Rechte eines Fürsten von Schwerin.

B. Der Streit mit Meklenburg um die Jurisdiction im Stift.

Wäre die Reichsunmittelbarkeit des Stifts zu keiner Zeit angefochten worden, so würde die Jurisdiction unzweifelhaft in den zweiten Abschnitt der Stiftsgeschichte, welcher die inneren Verhältnisse behandelt, gehören. Da aber die Herzoge von Meklenburg seit der Reformation die Unabhängigkeit dieses Landes nicht anerkannten, im Gegentheil auf das Nachdrücklichste die Oberhoheit Meklenburgs suchten geltend zu machen, so wurde die interne Angelegenheit der Rechtspflege eine Streitfrage zwischen dem Stift

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und Meklenburg und bedarf daher der Behandlung in der äußern Geschichte des Bisthums. Um nun die Darstellung der Jurisdictions=Verhältnisse nicht durch eine Trennung der Materie zu erschweren, behandeln wir die ganze Angelegenheit hier an dieser Stelle, obwohl wir wissen, daß unsre Erörterungen zum Theil nicht hierher gehören.

Dieselbe Frage, welche wir hiermit zu behandeln unternehmen, ist ebenfalls schon, wie die Frage der Reichsunmittelbarkeit des Stifts überhaupt, anonym in der Schrift: "Historische Nachrichten von der Verfassung des Fürstenthums Schwerin" (1741) und von Rudloff in seinem Verhältniß zwischen dem Herzogthum Meklenburg und dem Bisthum Schwerin (1774) ausführlich besprochen. Wir werden darum uns auf diese beiden Schriften gelegentlich beziehen können, im Uebrigen halten wir es für unsre Aufgabe ohne Rücksicht auf dieselben bloß nach den Acten des Geh. und Hauptarchivs Aufschluß über diese sehr verwickelte Angelegenheit zu geben.

Einen Einblick in die Rechtspflege während der letzten katholischen Zeit gewährt das Privilegium, welches der Bischof Petrus 1508 der Stadt Bützow ertheilte (Hist. Nachr. Anlage R.). Darnach sollten in der Stadt für Rechtsprechung 3 Instanzen sein:

1) der Stapel, 2) der Rath der Stadt, 3) der Bischof. Der Bischof will das Endurtheil, von dem keine Appellation gestattet sein soll, auf der Brücke vor der Burg zu Bützow fällen. Nach Ansicht des Stiftsoberhauptes konnte hiernach von einem Recht Meklenburgs auf die Rechtspflege im Bisthum keine Rede sein. Die Jurisdiction in der ersten evangelischen Zeit illustriren 3 Fälle, welche actenmäßig bezeugt sind.

1) Klaus Johannsen tritt ein Erbe in Dalberg gegen Entschädigung an Jochim Rehmann zu Dalberg ab. Die Entschädigung wurde nicht völlig entrichtet; deshalb klagt Johannsen, jetzt Bürger zu Lübek, auf Herausgabe des Erbes. "Up Klage und Antwort ist die Burschap in die Vindinge gewiesen, und darnach durch den Vindesman vor Schwerinsch Recht affgespraken", daß Rehmann den Rest der Schuld bezahlen und das Erbe behalten soll. Das Urtheil, d. d. "Donnerstag nach nativitatis Mariae" 1551, ist vom Capitel, zu dessen Besitz Dalberg gehörte, untersiegelt.

Johannsen appellirt "vor die Brugge tho Butzow." 1503, Donnerstag nach Gallen, findet unter Leitung des Stiftshauptmanns Jürgen Wackerbarth der Gerichtstag vor der Schloßbrücke zu Bützow statt. Der Kläger erscheint nicht, aber der Stadtvogt

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von Bützow gieb eine Erklärung, warum derselbe ausgeblieben. Nun wird "die Burschap in die Vindinge gewiset", und der "Vindesman" bestätigt das 1. Urtheil. Wackerbarth steht dem Beklagten hierüber ein Attest aus.

2) Ludwig Krüger, Bürger zu Schwerin, Kläger, wider das Domcapitel daselbst Beklagten, wegen eines Kampes Acker. Der Stiftshauptmann ladet unterm 7. Oct. 1579 Dr. Martin Bollfraß, Dr. Es. Hoffmann und Amtmann v. Leisten zum Versuch eines gütlichen Vergleichs nach Bützow. Sollte der Vergleich nicht zu Stande kommen, so sollen die Parteien Klage und Antwort, jede doppelt ausgefertigt, innerhalb je 8 Wochen schriftlich einreichen zum Gutachten einer juristischen Facultät. Als Notar wird der Stadtschreiber zu Bützow bestellt. Der 1. Termin findet am 23. Oct. 1579 statt; am 5. Juni 1081 wird im Namen des Herzogs Ulrich das Urtheil gefällt, daß das Capitel den Acker abtreten, Krüger dagegen diesem die versprochenen 2 Mark zahlen soll.

Das Capitel, welches von vorne herein exceptio fori eingewandt hat, appellirt an Ulrich als Bischof, und falls dieser die Appellation nicht annehmen will, an den Kaiser. Ulrich läßt die Berufung zu. Nun werden die Acten an die Facultät zu Frankfurt geschickt, welche in dem Urtheil vom 4. Oct. 1583 dem Capitel den Acker zuspricht. Dies Urtheil wird als Rechtsspruch am 19. Nov. 1583 in der Rathsstube zu Güstrow in Gegenwart Krügers und des Capitelssyndicus Lorenz Niebuhr von Bollfraß und Hoffmann verkündet.

3) Das Schusteramt zu Sternberg klagt gegen das Schusteramt zu Bützow, welches ihm den Einkauf von Haut und Lohe auf dem Bützower Jahrmarkt nicht gestatten will. Die juristische Facultät zu Rostock spricht in einem Gutachten vom 29. Juni 1594 den Sternbergern das Recht des Einkaufs zu. Dies Gutachten wird als Urtheil am 3. Aug. 1594 zu Güstrow den Parteien bekannt gemacht. Die Bützower wenden exceptio fori ein und appelliren an Herzog Ulrich als Bischof. Ulrich bestätigt nach dem Erkenntniß der juristischen Facultät zu Frankfurt das Urtheil erster Instanz unterm 18. Febr. 1596.

Aus dem bischöflichen Privileg für Bützow und aus den 3 überlieferten Fällen der Rechtspflege geht hervor, daß Ulrich bei seinem Regierungsantritt im Stift in Civilsachen einen dreifachen Instanzenweg vorfand: 1) ein Schöffengericht, in Bützow der Stapel genannt, unter Leitung der Ortsobrigkeit, 2) ein Appellationsgericht in Bützow unter der Leitung des Raths, in den

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übrigen Landestheilen, wahrscheinlich auch in der Ritterschaft, nachweislich auf dem Capitelgebiet und sicher in Warin, das amtssässig, und auf der Schelfe, die größtentheils in erster Instanz unter der Jurisdiction des Capitels stand, in zweiter Instanz also ein Appellationsgericht unter Leitung des Stiftshauptmanns, der sich wohl einige Rechtsgelehrte zur Hülfe nahm, 3) ein Oberappellationsgericht in der endgültigen Entscheidung des Bischofs selbst. Eine Abhängigkeit von Meklenburg ist hier nicht einmal angedeutet; und wenn auch in den beiden zuletzt genannten Fällen die Parteien in die meklenburgische Stadt Güstrow, die Residenz des Herzogs Ulrich, gefordert wurden, so ist das zwar nicht in der Ordnung, doch ist weiter nichts von einem Anspruch Meklenburgs auf die Rechtspflege im Stift zu erkennen.

Daß in geistlichen Sachen der Bischof zur katholischen Zeit nicht bloß im eigenen Stiftslande, sondern in seiner ganzen Diöcese richterliche Gewalt hatte, ist setbstverständlich. Nach Einführung der Reformation verlor er, nunmehr in der Regel bloß Administrator genannt, zwar das Richteramt außerhalb der Stiftsgrenzen; aber in seinem Bisthum selbst war er natürlich ebenso gut wie jeder protestantische Fürst wirklicher Bischof. Thatsächlich ließ allerdings der erste Administrator Ulrich in den ersten Jahren seiner Stiftsregierung vielfach seine bischöflichen Rechte und Pflichten durch seine meklenburgischen Geistlichen ausüben, wir meinen, ohne daß darum das Stift von seinen Rechten etwas verlieren konnte; doch sah er bald genug ein, daß auf diese Weise Kirche und Sitte nicht genügend gepflegt werden konnte, und setzte deshalb nicht bloß 1561 einen eignen Stiftssuperintendenten, sondern auch 1567 ein eignes Stifts=Consistorium ein. (S. 1. Theil, S. 254 und 256.) Daß diese seine Beschlüsse indessen durch das Drängen der Stände, besonders des Capitels, rascher gezeitigt wurden, wollen wir keineswegs verhehlen, aber das ändert sicher nichts an der Thatsache.

Die Ausübung der Polizeigewalt gebührte in allen niedern Sachen der Ortsobrigkeit, also außerhalb des Domaniums, wo die bischöflichen Beamten im Auftrage des Administrators die Ordnung aufrecht erhielten, dem Capitel, den Magistraten und der Ritterschaft in ihren Gebieten. Oberster Polizeiherr sollte natürlich überall der Administrator sein; aber Ulrich I. pflegte die höchste Polizeigewalt im Stift als Herzog von Meklenburg zu üben; in dieser Hinsicht erkannte er wohl niemals die Selbständigkeit des Bisthums an. So ließ er 1572 (2. Th., S. 162) die meklenburgische Polizei= und Landordnung auch im Stift im Namen der

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meklenburgischen Herzoge verkünden, und diese Veröffentlichung wurde selbst auf wiederholtes Ersuchen der Stiftsstände nicht durch eine andre im Namen des Bischofs ersetzt.

Wie nun Ulrich I. in Polizei=Angelegenheiten das Stift seinem Herzogthum Meklenburg unterordnete, so versuchte er auch auf andern Gebieten die Oberhoheit des größeren Landes über das kleinere geltend zu machen. Zu Hülfe kam ihm hierbei die Unklarheit der Verhältnisse, die in dem gemeinschaftlichen Oberhaupte beider Staaten begründet war, und die selbst durch die höchste Instanz im deutschen Reiche nicht gehoben werden konnte. So ereignete es sich, daß die Parteien in reinen Stiftsangelegenheiten sich an meklenburgische Gerichte wandten, um sich Recht zu holen, und die meklenburgischen Gerichte verweigerten diesen Parteien ihr Urtheil nicht. Das sahen die Stiftsstände freilich nur eine Zeit lang ruhig an; denn bald, jedenfalls seitdem sie in ihrer Ansicht von der Selbständigkeit des Stiftes durch das Kammergerichtsurtheil von 1561 bestärkt waren, erhoben sie lauten Widerspruch gegen diese Art der Rechtspflege auf den Stiftstagen und bei andern Gelegenheiten, und endlich wurde die Lösung dieser viel erörterten Frage, wie die über die Reichsunmittelbarkeit überhaupt, ebenfalls dem höchsten Reichsgericht anheimgegeben, natürlich ebenfalls ohne Erfolg.

Am bedenklichsten war für das Stift und die Vertreter seiner Rechte der Umstand, daß die alte mittelalterliche Gerichtsorganisation nicht mehr genügte, und zumal seitdem in den Nachbarländern, wie in Meklenburg, an Stelle der abgebrauchten Institute neue, angemessenere Gerichtshöfe entstanden waren. Dies gilt in allen Civilsachen seit der neuen meklenburgischen Hof= und Landgerichts=Ordnung von 1568. Die Stiftsstände sahen das wohl ein; denn daher mehrten sich seitdem ihre Bitten um Errichtung eigner Stiftsgerichte in den 70er Jahren. Allen voran ging aber das Capitel. Unterm 30. Dec. 1570 übergaben die Capitularen an Ulrich einen schriftlichen Vortrag mit der Bitte, der Administrator möchte, da kein ordentliches Gericht im Lande vorhanden, und die Stiftsbewohner also gezwungen seien fremde Gerichtshöfe anzusprechen, baldigst ein eignes Stiftsgericht anordnen. Ulrich gab keine bestimmt ablehnende Antwort, aber auch keine volle Zusage. Wenn er künftig, erwiderte er, von Stiftsverwandten deshalb gebeten werde, so wolle er sich auch "der gnädigen Gebühr zu verhalten wissen." So sehr nöthig seien eigne Stiftsgerichte nicht, da die meisten Stiftsstände auch in Meklenburg angesessen wären und also dort ihren Gerichtshof haben könnten. Das Capitel ent=

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gegnete, das Stift würde seine Selbständigkeit verlieren, wenn es keine eigne Jurisdiction habe. Daß auch Stiftsstände in Meklenburg ansässig wären, könne auf sein Urtheil in dieser Sache keinen Einfluß haben. Es müsse seiner Pflicht nach wiederholt um eigne Jurisdiction bitten. Ulrich meinte aber, seine Vorgänger hätten kein eignes Stiftsgericht gehalten, so brauche er es auch nicht, zumal da sein Bedürfniß dafür vorhanden sei.

Als man auf dem Stiftstage 1576 die Regierung wegen der Polizeiordnung interpellirte, ließ der Herzog Ulrich den Ständen antworten, das Stift läge mitten im Herzogthum Meklenburg und bedürfe dessen Schutz, man könne sich darum nicht ganz von Meklenburg lossagen. Die Polizeiordnung wäre publicirt, und das genüge; es sei gleich, wie es geschehen. Sie würde darum im Stift ebenso nützlich sein wie im Herzogthum. Die Stände erwiderten, den Nutzen bestreite man nicht, darum handle es sich auch nicht. Die Polizeiordnung sei im Namen Meklenburgs publicirt, und das könne dem Stifte präjudicirlich werden. Sie wären erbötig, mit dem Administrator eine eigne Polizeiordnung zu berathen. so gingen die Verhandlungen mehrere Jahre fort, bis die Stände sich ruhig gefallen ließen, was sie nicht ändern konnten.

Man verstand es in früherer Zeit meisterhaft durch Streiten über Nebendinge eine Sache hinzuhalten; ja es war diese Kunst so sehr geübt worden, daß sie völlig zur Gewohnheit wurde. Dies erklärt auch, wie es nur möglich sein konnte, daß man eine im Ganzen einfache Frage mehrere Jahrzehnte erörterte, ohne zu Ende zu kommen. Nach eben dieser Gewohnheit wurde die Frage über die Stiftsjurisdiction behandelt. Für den Geschichtsschreiber ist es in der That ein Glück, daß diese umständlichen Verhandlungen nur zum kleinen Theil überliefert sind. Wir werden aber in Rücksicht auf den Leser selbst von den vorhandenen Berichten nur die Hauptmomente auswählen.

Am 15. Juli 1583 machte Herzog Ulrich den Ständen das Anerbieten eines besondern Judiciums und einer besondern Polizeiordnung für das Stift. Er meinte damit aber nur ein Gericht erster Instanz, und dies wollte er auch nur in Rücksicht auf die nicht in Meklenburg ansässigen Stiftsstände einrichten. Nach des Herzogs Bestimmung vom 20. Jan. 1588 sollten die Kosten von Regierung und Ständen gemeinschaftlich getragen werden. Die Appellationen sollten nach wie vor an das meklenburgische Hofgericht gehen. Das wäre nicht mehr als billig, meinte der Administrator, denn das Capitel wisse recht gut, daß das Hofgericht immer mit für das Stift Recht gesprochen habe, deshalb hätten

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die früheren Bischöfe und Administratoren selbst mit im Hofgericht gesessen, und noch jetzt schicke das Capitel einen Assessor in dasselbe. Die Domherren glaubten mehr beanspruchen zu können und nahmen das Anerbieten des Administrators in dieser Beschränkung nicht an. Sie forderten auch ein Gericht zweiter Instanz und verlangten, daß die Regierung die Kosten für die Jurisdiction allein trage, da sie allein die Gerichtsgefälle bekomme.

Unterm 18. März 1588 erklärten die Capitularen, früher sei allerdings weder im Stift, noch in den benachbarten Fürstenthümern ein ordentliches Obergericht vorhanden gewesen; jetzt seien aber in den Nachbarländern Obergerichte eingesetzt, und was andern Unterthanen zu Theil werde, habe Ulrich auch dem Stift versprochen. Die Appellationen ans meklenburgische Hofgericht dürfe man nicht zulassen, da man beweisen könne, daß die Bischöfe immer die oberste Gerichtsgewalt im Stift geübt hätten. Die Appellationen wären sonst immer ad episcopum Suerinensem gegangen. Daß man auf Ulrichs Begehren seit einigen Jahren einen Capitular als Assessor zum Hofgericht schicke, könne kein Grund sein dem Stift die Obergerichtsgewalt zu nehmen.

Da die Forderungen der Domherren nicht aufhörten, gab Herzog Ulrich 1591 seinen Räthen Dr. Jac. Bording und Dr. E. Cothmann den Auftrag, die gravamina des Capitels entgegenzunehmen und über dieselben zu berichten. Das Capitel übergab nun (28. Sept.) diesen Räthen seine Vorschläge, welche in Kürze darauf hinausliefen, daß Ulrich verpflichtet sei, dem Stift die Obergerichtsgewalt zu lassen, zumal da er dies selbst verschiedentlich eingeräumt habe. Die Appellationen in zweiter und dritter Instanz dürften nicht aus dem Stift gehen. Wegen der Kosten hoffe man sich zu vergleichen; die übrigen Stiftsstände würden auch wohl einen Theil derselben auf sich nehmen, denn sie allein zu tragen sei das Capitel keineswegs verpflichtet.

Am 1. Mai 1593 wurden der Propst Otto v. Wackerbarth und der Canonicus Joachim v. Bassewitz zu einer persönlichen Vorstellung an Ulrich geschickt. Sie wiesen besonders darauf hin, daß die Lehnsleute Hardenack und Otto v. Wackerbarth, welche nur im Stifte ansässig seien, wider ihren Willen vor das Hofgericht gezogen wären; das sei ein Nothstand, der abgestellt werden müsse. Ulrich erwiderte dem Capitel am 4. Mai schriftlich, "wenn die Stiftsstände die Unkosten darauf wenden wollten", so könne ein besonderes Stiftsgericht eingesetzt werden. Dann sollten aber hinfort die Stiftsstände, welche nicht in Meklenburg ansässig wären, nur an den Bischof appelliren und weiter nicht. Das gefiel wieder

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den Capitularen nicht, sie glaubten, daß die Stände die Kosten nicht allein zu tragen brauchten, und wollten außerdem auch die Appellationen an das Reich frei gelassen haben. Da schrieb Ulrich unterm 19. Nov. 1593, da das Capitel sein Anerbieten nicht angenommen habe, so sehe er sich veranlaßt dasselbe zurückzuziehen. Dadurch war die ganze Streitfrage wieder an ihren Ausgangspunkt zurückversetzt. Daß das Capitel nun noch Erklärungen abgab und Resolutionen faßte, konnte so gut wie garnichts nutzen. Wir übergehen darum dieselben mit Stillschweigen und dürfen das um so eher, als nun die Angelegenheit in ein anderes, ernsteres Stadium trat.

Der Fall, welcher eine Wendung der Dinge hervorbrachte, ist folgender. Der Rath zu Bützow wurde von Catharina Schröder puncto injuriarum beim Land= und Hofgericht zu Güstrow verklagt. Beklagter wandte exceptio fori ein; aber am 22. Januar 1594 erschien zu Güstrow das Urtheil, das der Rath sich in dieser Sache vor dem Hofgericht einzufinden habe.

Nachdem der Bützower Magistrat nun noch vergeblich versucht hatte, durch eine Vorstellung bei Herzog Ulrich sich von dem fremden Gerichtshof zu befreien, wandte er sich mit einer Bitte um Unterstützung an das Domcapitel, um mit diesem vereint an das Reichskammergericht appelliren zu können. Das Capitel versagte natürlich seine Hülfe nicht. Aber so rasch, wie der Magistrat es wünschte, war die schwerfällige Corporation nicht vorwärts zu bringen, nur ein einziger Capitular, der Dompropst v. Wackerbarth, entwickelte einen großen Eifer. Er reiste im April nach Bützow und nahm dort am 18. aus der Hand des Notars Giesenhagen ein "documentum protestationis urbis Bucensis" entgegen, in welchem erklärt wurde, die Stadt Bützow wolle vor Gott, dem Bischof, dem Stifte und der Posterität entschuldigt sein, wenn der Bischof und das Capitel sich dieser gerechten Sache nicht annähmen. v. Wackerbarth übergab, aber nur für seine eigne Person, nicht im Namen des Capitels, eine Gegenprotestation, in welcher er behauptete, das Capitel habe die Appellation der Stadt an das Kammergericht wohl unterstützen wollen, habe aber erklären müssen, daß die Angelegenheit erst in einer Capitelssitzung zu berathen und demnächst darüber an den Administrator zu berichten sei. Das sei jetzt alles geschehen, ja man habe auch dem Rathe zu Bützow mitgetheilt, was man an Herzog Ulrich berichtet. Die Antwort desselben werde der Rath ebenfalls erfahren. Uebrigens wolle das Capitel auch jetzt schon Hülfe leisten, man möge nur bestimmen, ob es durch Rathschläge oder durch Geldmittel geschehen solle.

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Die Bereitwilligkeit des Capitels, sogar Geld zur Verfügung zu stellen, war vielleicht mehr durch einen andern Fall veranlaßt, der für die Domherren noch bedenklicher sein durfte als das Urtheil gegen Bützow. In der Klagesache Caspar Rapps gegen Jürgen v. Wopersnow pto. debiti, jetzt executionis, ergingen nämlich unterm 22. Jan. 1594 aus dem Hofgericht zu Güstrow executoriales an den Amtmann zu Bützow auf des Beklagten Gut Dämelow und seinen Antheil an der Mühle zu Rubow, d. h. auf Güter, welche im Stifte lagen. Das Capitel protestirte auf eignen Antrieb gegen dies Verfahren und suchte umständlich nachzuweisen, daß Stift als reichsunmittelbares Land nicht von einem fremden Gericht abhängig sein könne.

Endlich waren denn auch im Capitel die Vorbereitungen so weit erledigt, das ein gemeinsames Vorgehen mit Bützow möglich war. Auf dem Stiftstage im October 1594 überreichten Capitel und Städte - es hatte sich also auch Warin angeschlossen - ein Schreiben an Herzog Ulrich, um ihre schon früher ausgesprochene Bitte um ein eignes Appellationsgericht zu wiederholen, "weil das Stift ein sonderbarer Stand des Reichs allwege gewesen, wie auch durch gegenwärtigen Stiftstag bezeugt würde, und weil das Stift immer seine sonderliche hohe Jurisdiction gehabt habe und noch habe." Der Herzog habe sich auf fast allen Stiftstagen erboten ein eignes Gericht im Stift zu bestellen, er möge daher jetzt bündige Zusage geben; andern Falls müsse man an das Reichskammergericht appelliren.

Von bedeutender Wirkung war dies Schreiben allerdings nicht; aber es wurde doch auch nicht ganz unbeachtet bei Seite gelegt, denn Herzog Ulrich forderte bald darauf, um sich genau zu informiren, von dem Gelehrten Dr. E. Cothmann einen Bericht über das Verhältniß des Stifts zu Meklenburg, besonders in Bezug auf die Jurisdiction. Dieser Bericht, abgefaßt unterm 8. Jan. 1595, hatte fast ausschließlich das Protocoll des Zeugenverhörs zu Güstrow 1563, bei welchem es sich um die Frage der Reichsunmittelbarkeit des Stifts handelte (S. 113), zur Grundlage. Wie nun dort die Zeugen größtentheils von der Abhängigkeit des Stifts von Meklenburg überzeugt gewesen waren, so behauptet auch Cothmann mit denselben Beweisen wie jene, daß Meklenburg Hoheitsrechte im Stifte besitze. Indessen, meinte er, sei doch erwiesen, daß die Bischöfe immer das "exercitium jurisdictionis" in bürgerlichen und peinlichen Sachen gehabt und noch hätten, doch wollte er darunter nur die Jurisdiction erster Instanz verstehen.

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Auf Anrathen Cothmanns wurde dann am 20. Jan. 1595 zu Güstrow ein "consilium principis" gehalten, welchem 3 Landräthe: Joh. v. Cramon, Jürgen v. Raben und Dietrich v. Bevernest, und 3 Gelehrte: Dr. Albinus, Dr. E. Cothmann und Dr. Möller, beiwohnten. Das Resultat dieser Berathung war die Erklärung, daß es sich hinlänglich beweisen ließe, wie die Stiftsunterthanen immer vor dem Güstrower Hofgericht Recht gesucht; Meklenburg sei also in dieser Hinsicht in possessione. Wollten die Capitularen den meklenburgischen Herzogen das Recht der Jurisdiction im Stift streitig machen, so müßten sie noch bessere Gründe vorbringen als bisher; vor allem müßten sie die alten Verträge zwischen den Herzogen und den Bischöfen, von denen sie sprächen, bekannt geben, und wenn das geschehen sei, so sollte ihnen darauf von Cothmann geantwortet werden. In diesem Sinne wurde endlich nach abermaliger Petition des Capitels unterm 20. März 1595 die Antwort erlassen.

Ulrich hatte aber unterdessen am 21. Jan. 1595 sowohl das Domcapitel wie den Magistrat zu Bützow wegen Ungehorsams gegen das meklenburgische Hofgericht 1 ) in je 100 Mark Strafe verurtheilt, und dies wurde die Veranlassung, daß beide, Capitel und Magistrat, unterm 30. Jan. an das Reichskammergericht appellirten. Zum Anwalt bestellten die Appellanten den Dr. Marsilius Bergner. In der Anklageschrift behaupteten sie, daß der Herzog erst seit 20 Jahren versucht habe, die Stiftsleute vor das Güstrower Landgericht zu ziehen, früher sei das unerhört gewesen. Das meklenburgische Gericht sei aber für Bewohner des reichsunmittelbaren Stiftes incompetent; die Stiftsstände hätten ein Recht, eigne Gerichte zu fordern, und Ulrich selbst hätte noch auf dem Stiftstage 1563 in Folge Bewilligung der Reichsanlagen von Seiten der Stände ihnen durch einen Revers alle ihre Rechte gesichert.

Eins muß hier auffallen, nämlich daß die Ritterschaft, die auf den Stiftstagen in den 70er Jahren, zu welcher Zeit nach Aussage der genannten Appellanten die Ladungen der Stiftsleute vor das meklenburgische Hofgericht zuerst stattfanden, so eifrig die Selbständigkeit der Stiftsjurisdiction vertrat, jetzt ihre früheren Genossen ganz im Stiche ließ. Warum das geschah, erklärten die Stiftsritter selbst: sie scheuten die Kosten, und ihnen war es jetzt ebenso


1) Bützow erschien nicht auf die Ladung des Hofgerichts, wie oben mitgetheilt ist; worin der Ungehorsam des Capitels bestand, ist nicht bekannt.
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lieb, vor den Herzogen von Meklenburg wie vor dem Administrator Recht zu geben und zu nehmen, weil sie doch größtentheils auch in Meklenburg ansässig waren.

Aller Gewohnheit zuwider forderte das Kammergericht auf die Anklage sehr bald von Herzog Ulrich die Einsendung der Acten über die beiden Gerichtsfälle: Cath. Schröder wider den Magistrat zu Bützow und Caspar Rapp wider Jürgen v. Wopersnow, und ebenso ungewöhnlich rasch, schon unterm 10. Mai 1595, wurde der Herzog auf den 24. Juli nach Speier zu Gericht geladen. Der Fortgang des Processes war aber wieder in alter Weise langsam, sehr langsam, und das ganze Ergebniß der vielen Schreibereien von beiden Seiten so gering, daß es der Mittheilung schwerlich werth ist.

Meklenburgischer Anwalt in diesem Proceß war Dr. Joh. Jac. Kremer, der zuerst 1595 von Herzog Ulrich, dann 1604 von Herzog Karl und endlich 1611 von den beiden Herzogen Adolf Friedrich und Johann Albrecht Vollmachten erhielt. Kremer, der sich häufig vom Professor E. Cothmann Rath holte, verlangte vorerst von der Gegenpartei die Ablegung des Appellationseides vor dem Forum, von welchem appellirt wurde, d. h. vor dem Güstrower Hofgericht. Diese Forderung schien aber dem Capitel unerhört, da es noch niemals die Competenz dieses Gerichts anerkannt habe. Wenn es überhaupt den Eid schwören werde, so könne es nur mit Protest geschehen. Das wird man denn wohl gethan haben; jedenfalls übergab Dr. Bergner 1601 das documentum paritionis in Betreff des Appellationseides. Es ist erklärlich, daß der ganze Proceß bis in die Unendlichkeit dauern mußte, wenn die Erfüllung einer einzigen Förmlichkeit ihn viele Jahre aufhalten konnte. Es nimmt daher nicht Wunder, daß Herzog Ulrich II. noch 1613 von diesem 1595 begonnenen Proceß sagen konnte, "er schwebe zu Speier noch in unerörterten Rechten."

Uebrigens gesellten sich zu diesem ersten Proceß bald andere; denn Herzog Ulrich I. forderte trotz der Klage beim Kammergericht nach wie vor die Stiftsleute vor das meklenburgische Hofgericht, und die Capitularen unterließen es nicht, auch wegen dieser neuen Beeinträchtigungen der von ihnen beanspruchten Rechte Beschwerden nach Speier zu senden. In einer dieser nachträglich angebrachten Klagen erhielt das Capitel ein sehr günstiges Urtheil von dem Kammergericht. Dasselbe erklärte nämlich am 24. März 1598 "in Sachen des Capitels wider Herzog Ulrich pto. primae appellationis in specie Simon Gerdes Wittwe", daß diese Gerdes nicht

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verpflichtet sei, vor dem Güstrower Hofgericht sich zugestellen, wie ihr von Herzog Ulrich befohlen, und daß ihr die in dieser Streitfrage erwachsenen Gerichtskosten zu ersetzen seien.

Die letzte Nachricht über die Verhandlungen zu Speier findet sich in einem Actenverzeichniß, welches die einfache Notiz enthält: "Completum (d. h. das Actenmaterial) 21. Nov. 1613." Ein die ganze Frage entscheidendes Urtheil ist nicht gefällt worden.

Mehr Mittheilungen als über den Proceß enthalten die Acten über die gleichzeitig geführten, gütlichen Ausgleichsverhandlungen in dieser Streitsache. Anscheinend regte das Capitel zuerst diesen Ausgleichsversuch an, da es unterm 13. Oct. 1595 an Herzog Ulrich ein "articulirtes Libell" sandte, mit der Bitte, der Herzog möchte dagegen seine Bedenken mittheilen, damit man gütlich verhandeln könne. Ob auf dies Libell eine directe Antwort erfolgte, wissen wir nicht, dahingegen ist bekannt, daß Ulrich auf Bitten der Königin Sophie von Dänemark, an welche sich das Capitel auf Grund der Postulation des jungen dänischen Prinzen zum Coadjutor des Stifts gewandt hatte, unterm 4. Nov. 1595 eine "Tagefahrt" auf den 9. Dec. zu Güstrow anordnete, zu welcher er seine Räthe Joh. v. Cramon auf Woserin, Jürgen v. Raben d. ä. auf Stük, Dietrich v. Bevernest auf Lüsewitz, Dietrich v. Maltzan auf Ulrichshusen, Dr. Joh. Albinus, der sich wegen Krankheit entschuldigte, Dr. Barth. Clinge, Claus v. Below auf Weisin, Dr. E. Cothmann, Dr. Hajo v. Nessen und nachträglich noch Amtmann Christoph v. Rohr zu Stavenhagen, "weil er zuvor das Amt Bützow eingehabt", einlud, und zugleich das Capitel aufforderte, zwei oder drei Deputirte zu schicken. Später wurde für Güstrow als Versammlungsort Bützow bestimmt, weil Ulrich dann dort grade anwesend sei.

Das Capitel wählte zu seinen Vertretern auf der Conferenz den Propst O. v. Wackerbarth, den Dekan Ludolf v. Schack und den Senior Joach. v. Bassewitz. Aus Vorsicht wünschten die Capitularen sich vor den Verhandlungen mit den übrigen Stiftsständen, Ritterschaft und Städten, zu verständigen und luden diese darum zu einer Besprechung am Tage vorher ein, was Herzog Ulrich für ganz Verfassungswidrig hielt und scharf tadelte. Daß unter diesen Umständen die Ritterschaft sich zur Berathung einstellte, ist unwahrscheinlich, vielleicht fand sich aber der Magistrat zu Bützow dazu geneigt. Weil ferner die Capitularen wohl einsahen, daß sie dem herzoglichen Gesandten gegenüber, da diesem die Leitung der Verhandlungen zukam, allein einen schweren Stand haben möchten, so sahen sie sich nach starken Bundesgenossen um,

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und diese glaubten sie in Dänemark finden zu können. Denn die dänische Königsfamilie hatte wegen der oben erwähnten Postulation des Prinzen Ulrich wohl ein Interesse daran, daß dem Stift auch in der Jurisdiction seine Selbständigkeit gewahrt blieb. Das Capitel bat also wiederum die Königin Sophie, und diese schickte darauf zu der Versammlung drei ihrer Räthe: Hans Blume auf Seedorf und Neverstorf (Domdekan zu Lübek und Hofmeister des Prinzen Ulrich), Dr. Ludwig Pintzier und Apitz von Grünenberg nach Bützow. Es handelte sich nun aber darum, mit welchem Recht diese dänischen Gesandten Zutritt zur Versammlung begehren konnten, und wie sie dort auftreten sollten. Das Capitel meinte, sie müßten als die Abgesandten des erwählten Nachfolgers von Herzog Ulrich als Substitute des Administrators fungiren; ja sie wünschten sogar, daß den Gesandten des Successors Ulrichs das Directorium auf der Conferenz übertragen würde; aber Ulrich erklärte, er brauche keine Substitute. Die dänischen Räthe werden darum wohl von der Theilnahme an den officiellen Verhandlungen ausgeschlossen worden sein; jedenfalls wird nicht mitgetheilt, daß sie etwas Erhebliches ausgerichtet haben; doch durften sie dem Herzog Ulrich am 8. Dec. ihre Creditive überreichen.

Da die Capitularen am 9. Dec. eine "Supplication" an Herzog Ulrich einreichten, so wurde die Conferenz sofort bis zum 11. ausgesetzt. Nach Eröffnung derselben wurden die Domherren aufgefordert, ihre Beschwerden vorzutragen. Sie erklärten, die Jurisdictionsfrage sei nun seit 25 Jahren auf allen Stiftstagen tractirt. Bisher hätten sie die Sache nicht so sehr ernst genommen, weil das meklenburgische Hofgericht bisher nicht auf den Gerichtszwang bestanden hätte, wie jetzt. Daß aber, wie von Seiten Meklenburgs behauptet wurde, durch die Beschickung des Hofgerichts mit einem Domherrn als Assessor Zugeständnisse der meklenburgischen Obergerichtsgewalt gemacht seien, könne man nicht gelten lassen, denn dieser Domherr würde wegen der überall gültigen "dignitas ecclesiastica" gefordert und wegen der nahen Verwandtschaft mit Meklenburg vom Stifte gegeben.

Nach längeren Debatten schlugen die fürstlichen Räthe vor, es solle im Stift ein Gericht I. Instanz bestehen, die Appellationen an das meklenburgische Hofgericht gehen, aber die Execution des Berufungsurtheils dem Richter erster Instanz verbleiben, oder es sollten Rechtsgutachten von 2 oder 3 Juristenfacultäten eingeholt werden. Beide Vorschläge fanden die Billigung der Domherren nicht, lieber wollten sie, wie sie sagten, den Proceß beim Kammergericht weiter gehen lassen. Die fürstlichen Räthe waren mit der Fortsetzung des Pro=

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cesses einverstanden, behaupteten aber, daß während desselben das Hofgericht in possessione jurisdictionis bliebe. Der Bericht über die Conferenz schließt: "Und weil man befunden, daß ungeachtet vielfältiger eingewandter Mühe und Fleißes die Sache auf seinen andern Weg hat beigelegt werden können, so habens die Unterhändler auch dabei müssen beruhen lassen und der Handlung abdanken." 1 )

Am 14. Dec. 1595 erfolgte der Bescheid Ulrichs:

1) Es sei erwiesen, daß Stiftsunterthanen und = Stände, die nicht in Meklenburg begütert, sich dem meklenburgischen Landgericht gestellt hätten.

2) 1523 hätten die Stiftsstände bei den Verträgen und der Conföderation Meklenburgs mit seinen Ständen den meklenburgischen Herzogen willigen Gehorsam geleistet.

3) Nach den 1564 beim Kammergericht publicirten Kundschaften über die Exemption des Stifts 2 ) sei das Stift Meklenburg incorporirt.

4) Die Bestätigung der meklenburgischen Land= und Hofgerichtsordnung durch den Kaiser beweise, daß Einer aus dem Stift ats Stand des Herzogthums dem Land= und Hofgericht verwandt gemacht werden solle. Otto v. Wackerbarth selbst habe oft als Stiftsstand dem Landgericht beigewohnt.

5) Stiftsunterthanen hätten vor dem meklenburgischen Consistorium Recht genommen, auch noch nach 1586, obwohl damals auf Wunsch Wackerbarths die Consistoriales Befehl bekommen, Stiftseingesessene nicht zu richten.

6) Sogar als Partei habe der jetzige Propst zweimal vor dem meklenburgischen Landgericht gestanden.


1) Hajo v. Nessen erzählte später (1619) über den Schluß dieser Conferenz: "Endlich warf man dem Capitel vor, daß es sich schon früher in der That dem mekl. Hofgerichte unterworfen hätte, worauf die ganze Zunft: Wackerbarth, Schack und Bassewitz, überlaut erklärten, wenn das erwiesen sei, so müßten sie lose, leichtfertige und keine redliche Leute sein, da sie ferner dem Hofgericht die subjection streiten sollten. Joh. Kellermann mußte nun schleunigst nach Güstrow reisen und die Acten holen. Als diese vorgelegt wurden, waren sie sehr bestürzt; O. Wackerbarth aber, als ein alter Fuchs, suchte sich mit allerlei Ränken zu helfen. Der Fürst aber sagte: "Ihr habt Euch selbst gescholten, dafür will ich Euch hinfüro auch halten", und damit ging er aus dem Zimmer, und die Capitularen gingen wie beschniene Hunde vom Hause, ohne zur Tafel gefordert zu sein."
2) Es können nur die Aussagen der Zeugen von 1563 gemeint sein, vielleicht wurden diese 1564 zu Speier bekannt gemacht.
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7) In der Klagesache gegen den kaiserlichen Fiscal pto. exemptionis habe 1583 zu Sternberg (s. S. 120) O. v. Wackerbarth, damals Dekan, selbst mit Joach. v. Bassewitz u. a. die vom Administrator und Capitel aufgesetzten articuli probatorii dem kais. Subdelegirten übergeben.

8) Daß das Stift in criminalibus et civilibus peculiaris jurisdictio habe, nehme man nicht in Abrede. Es wäre der Administrator auch geneigt, auf gewisse Zeit im Jahr Stiftsstände und Räthe nach Bützow zu entbieten, damit sie dort "vorfallende Sachen in seinem Namen verabschieden."

9) Obwohl bisher die Stiftsleute nach eignem Bekenntniß des Capitels in prima instantia am meklenburgischen Landgericht mit Recht belangt worden, so wolle Ulrich doch sich dahin erklären, daß Stiftsbewohner sich künftig nur ad secundam instantiam an dies Gericht wenden sollen.

Als Beweis für die Behauptung in Nr. 1 wurde eine Anzahl von Processen aufgeführt, in welchen Stiftsleute das Urtheil des Güstrower Gerichts eingeholt haben.

Die Capitularen erwiderten darauf schriftlich am 16. December 1595:

1) Die von der Gegenpartei angezogenen Beispiele von Gerichtsverhandlungen zu Güstrow seien schon früher genügend widerlegt. Bisher gäbe es kein Exempel wider die Stiftsstände, dem nicht widersprochen, und das nicht von der Obrigkeit inhibirt sei. Sie suchen darauf einzelne Fälle als nicht zutreffend darzustellen.

2) Das Capitel habe immer beim Administrator darum angehalten, daß die Stiftslehnsleute actione personali und ihrer Stiftsgüter halber ratione domicilii nirgends anders als im Stift gerichtlich belangt werden könnten.

3) Der Administrator habe nur gefordert, daß auch in Meklenburg ansässige Stiftslehnsleute vor dem meklenburgischen Gericht Recht nehmen und geben sollten.

4) Die Capitularen räumen nicht ein. daß sie als Parteien vor dem meklenburgischen Hofgericht gestanden, sondern behaupten, daß sie auf eine desfallsige Ladung hätten einwenden lassen, sie seien nicht verpflichtet, der Ladung zu folgen.

An die Königin=Wittwe in Dänemark schrieb Herzog Ulrich unterm 17. Dec., die Capitularen hätten seit 1570 widerrechtlich ein besonderes Stiftsgericht begehrt. Das Stift sei kein selbständiger Reichsstand, wenn auch Bischof Magnus dem Reich einmal (1546) für das Stift besonders contribuirt, und seit dann die Stifts=

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contribution in gleicher Weise habe entrichtet werden müssen, sei dies doch immer mit Protest geschehen. Durch den meklenburgischen Vertrag von 1523, welchen zwei Domherren mit unterschrieben, würde die Abhängigkeit der Stiftsstände von Meklenburg völlig bewiesen. Uebrigens habe der Propst v. Wackerbarth seit 27 Jahren als Assessor im meklenburgischen Hofgericht gesessen. Um aber Weiterungen zu vermeiden, habe er, der Herzog, sich bereit erklärt, mit Beihülfe der Stiftsstände ein eignes Gericht im Bisthum zu halten, doch müßten die Appellationen von diesem ebenfalls an das meklenburgische Hofgericht gehen. Er habe zur Schlichtung des Streites vorgeschlagen, man wolle sich Rechtsbelehrungen von zwei unparteiischen juristischen Facultäten holen, und bei ungleichem Urtheil dieser eine dritte Facultät entscheiden lassen. Diesen Vorschlag aber wollten die Capitularen nicht annehmen. Endlich erzählte er noch, daß im Jahre 1574 das ganze Capitel von Joach. v. Wopersnow beim Hofgericht zu Güstrow verklagt sei und diesem Gericht seinen Procurator gestellt habe. Nachdem die Königin den Herzog Ulrich dann noch einmal gebeten hatte, er möge, trotzdem die Verhandlungen "unfruchtbar abgegangen", noch einmal versuchen, Einigkeit herzustellen, damit "seine Successoren deshalb nicht von Meklenburg und dem Capitel beschwert" würden, versprach der Herzog, er wolle sich der Jurisdictionsfrage noch ferner angelegen sein lassen.

Einer der Domherren, Joach. v. Bassewitz, zugleich herzoglicher Amtmann zu Dobbertin, sagte sich unmittelbar nach der Güstrower Conferenz von dem Vorgehen des Capitels los. Am Montag nach Weihnachten (1595) schrieb er an Herzog Ulrich, er habe sich bisher wegen seines Eides den übrigen Capitularen angeschlossen, da aber dies von dem Herzog übel vermerkt würde, so solle ihm seines Fürsten "Wohlgewogenheit und Gnade viel lieber sein als vorgedachte Sache." Um den Herzog wieder ganz zu versöhnen, suchte er die Vermittelung von dessen Gemahlin, der Herzogin Anna, nach, und so erlangte er wieder Gnade.

Nicht so glücklich wie er war sein College Otto v. Wackerbarth, welcher zweimal an die Herzogin Anna schrieb, um die Gunst seines Fürsten wieder zu erhalten. Herzog Ulrich traute ihm als dem Hauptführer der Domherren in dem Jurisdictionsstreit nicht mehr.

Der Vorschlag Ulrichs Rechtsgutachten einzuholen kam indessen doch so weit zur Ausführung, das die Domherren die juristische Facultät zu Helmstedt unterm 22. Dec. 1595 um ein Urtheil baten. Aus dem dieser Bitte angeschlossenen Bericht mag

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mitgetheilt werden, daß Herzog Ulrich, nachdem er vom Capitel und der Stadt Bützow wegen des oben erwähnten Falles beim Reichskammergericht verklagt sei, "trotz 3 erhaltener kaiserlicher Inhibitiones sich unterstanden" habe, auch andere Stiftsstände und bischöfliche Amtleute vor sein Hofgericht zu ziehen. Die Frage welche die Facultät ihnen beantworten sollte, lautete: "Hat nach Inhalt der übersandten Acten das Stift die Jurisdiction I., II. und III. instantiae an Meklenburg verloren?"

Die übersandten Acten waren nach einem Inhaltsverzeichniß Abschriften von Urkunden, welche die Stiftung und die kaiserlichen und päpstlichen Confirmationen des Bisthums, sowie die Verträge der Bischöfe und des Capitels mit den Herzogthümern Meklenburg, der Grafschaft Schwerin und dem Königreich Dänemark betreffen 1 ), und Abschriften von den Acten, die in neuerer Zeit in diesem Streit mit Herzog Ulrich erwachsen waren.

Das Helmstedter Urtheil wurde schon am 5. Jan. 1596 gefällt; es lautete: "Durch die übersandten Acten, inc. der vorgekommenen Fälle der Rechtsprechung des meklenburgischen Hofgerichts, ist die possessio jurisdictionis Meklenburgs nicht genügend erwiesen, um so weniger, das man an das Hofgericht und nicht an pro tempore administratorem appelliren müsse."

Mit diesem Gutachten wandten sich nun die Domherren an die meklenburgischen Räthe, welche der Bützower Conferenz im vorigen Monat beigewohnt hatten, und baten, sie möchten sich der Streitfrage um die Stiftsjurisdiction annehmen, damit dieselbe gütlich beigelegt werde. Die Räthe berichteten aber zunächst an ihren Herzog, und dieser erwiderte ihnen, das der Bericht der Domherren an die Juristenfacultät nicht capitulariter (jedenfalls fehlte die Mitwirkung v. Bassewitzens) gefaßt sei, und darum weder er, noch die Antwort der Facultät eine Bedeutung habe. Der Herzog wollte, daß das Capitel diese Sache noch einmal einer "unverdächtigen" Facultät vortrage.

Seinerseits ließ nun Herzog Ulrich mit dem Ersuchen um ein Rechtsgutachten einen Bericht an die Juristenfacultät zu Frankfurt (d. d. 31. Jan. 1596) aufsetzen, in welchem die Sachlage folgendermaßen dargestellt wurde:


1) Mekl. Urk.=B. Nr. 56, 57, 91, 149, 202, 930, 1766, 4075, 4082, 4314, 4786, ferner Kaiser Karls IV. Schutzbrief von 1354, Herzog Heinrichs von Meklenburg Schutzbrief von 1453, Kaiser Maximilians Privileg von 1515.
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1) Das Bisthum Schwerin sei 1062 von Ulrichs Vorfahren Gottschalk gestiftet und fundirt, 1170 von Herzog Heinrich von Sachsen renovirt und darauf von den meklenburgischen Herzogen und anderen dotirt. 1 )

2) Die meklenburgischen Herzoge hätten immer "Hoheit, Gerechtigkeit und Jurisdiction am Stift gehabt und exercirt."

3) Die Bischöfe seien von den meklenburgischen Herzogen immer zu Rath gefordert, zu Legationen gebraucht und zu Landtagen verschrieben.

4) Das Stift sei von Meklenburg mit Collecten und andern oneribus belegt.

5) Der (bekannte) Vertrag von 1523 sei vom Bischof und Capitel als einem Prälatenstand mit dem bischöflichen Secret und dem Capitelsiegel untersiegelt.

6) Seit Bischof Magnus 1546 die Türkensteuer selbständig, obwohl mit Protest, gezahlt habe, sei das Bisthum als ein besonderer Stand in die Reichsmatrikel geschrieben; aber hiergegen hätten die Herzoge von Meklenburg Verwahrung eingelegt und führten auch noch jetzt deshalb einen Proceß mtt dem Reichsfiscal.

7) Durch die Constitution von 1571 sei Meklenburg in 6 Kirchenkreise getheilt, das Bisthum Schwerin gehöre mit der Grafschaft Schwerin zu einem (dem 4.) dieser Kreise, und es müsse aus dem Stift vom Urtheil des Superintendenten an das Consistorium in Rostock appellirt werden. 2 ) Es hätten auch Stiftsunterthanen in der That an das Rostocker Consistorium und von diesem wieder an das meklenburgische Hofgericht appellirt. 3 ) Auf Bitten des


1) Als Quelle dieser Nachrichten sind angeführt: Krantz Vand. lib. IV, cap. 8 u. Metrop., lib. 4, cap. 40 u. 43.
2) Diese Darstellung ist, wie wir aus dem 2. Theil S. 254 ff. wissen, unrichtig. Thatsächlich war der Stiftssuperintendent nur zu Ulrichs I. Zeit zugleich Superintendent in der Grafschaft. Das Stift hatte sein eignes Consistorium nach der Verordnung von 1567.
3) Diese Behauptung ist zwar richtig; aber es hätte doch hinzugefügt werden müssen, daß Herzog Ulrich unterm 12. Jan. 1586 den Kirchengerichtsräthen zu Rostock befahl, keine Stiftssachen anzunehmen, sondern dieselben an ihn, den Herzog, zu schicken, damit sie dem Stiftsconsistorium übergeben und so dem Stift "in nichts präjudicirt" werde. Trotzdem erschien freilich 19. März 1588 in Sachen des Claus Scherff zu Bützow wider seine Ehefrau pto. Ehebruchs nach den gerichtlichen Verhandlungen des Consistoriums zu Rostock im Namen Ulrichs das Urtheil, und von diesem Urtheil wurde an das Güstrower Hofgericht appellirt. Die Capitularen behaupteten nun, dieser Fall sei ganz unpräjudicirlich, da von einem incompetenten Gericht an ein anderes incompetentes appellirt sei.
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Capitels habe zwar Ulrich "auf gewisse Maße consentirt" und bisweilen ein besonderes Stiftsconsistorium gehalten; aber trotzdem habe das Rostocker Consistorium immer "freien Lauf gehabt."

8) In der verbesserten meklenburgischen Land= und Hofgerichts=Ordnung, welche 1569 vom Kaiser bestätigt und 1570 publicirt worden, werde bestimmt, daß in diesem Judicium 4 Landräthe, 4 gelehrte Räthe, 1 Doctor der Universität, 1 Gelehrter aus dem Stift und 2 Bürgermeister (aus Rostock und Wismar) sitzen sollen. Diese Gerichtsordnung sei unter Beirath von Stiftsständen entworfen, und seit ihrer Einführung habe immer Einer aus dem Stift, u. a. der Propst v. Wackerbarth, dem Hofgericht als Assessor beigewohnt. 1 )

9) "Etliche" aus dem Capitel hätten aber ein besonderes Stiftsgericht gewünscht und sich am 30. Dec. 1570 über das meklenburgische Hofgericht bei Ulrich beklagt.

10) Der Herzog habe nach vielen Verhandlungen sich endlich für den Mittelweg erklärt und soweit nachgegeben, daß er ein eignes Stiftsgericht, von welchem aber an das meklenburgische Hofgericht appellirt werden dürfe, versprochen habe.

11) Darauf sei er am 4. Mai 1593 noch weiter gegangen und habe bewilligt, daß in reinen Stiftssachen nur an den Bischof solle appellirt werden. Weil aber die Domherren auch die Appellation an das kaiserliche Kammergericht hätten haben wollen, die bisher nie stattgefunden, so hätte der Herzog am 19. Nov. 1593 sein früheres Zugeständniß wieder zurückgenommen und seinen Befehl vom 20. Jan. 1588 erneuert.

12) 1594 wäre der Magistrat zu Bützow ob male administratam justitiam vor das meklenburgische Land= und Hofgericht citirt, er hätte aber durch seinen Syndicus exceptionem fori einwenden lassen. Als nun Ulrich unterm 22. Jan. 1594 dem Magistrat befohlen, sich der Ordnung gemäß diesem Gericht zu stellen, da hätten der Magistrat und das Domcapitel an das Kammergericht appellirt. Weiter wird nun über die Bützower Conferenz im December 1595 berichtet und bei der Gelegenheit erzählt, daß trotz des Widerspruchs der Capitularen mehrere Fälle, in welchen bloße Stiftsdifferenzen von dem meklenburgischen Gericht erledigt


1) Auch dies hat seine Richtigkeit. Nach seinen eignen Rechnungen liquidirte v. Wackerbarth mehrmals seine Ausgaben während der Gerichtssitzungen zu Güstrow. In der letzten Rechnung (von 1597) fordert er für 15 Tage (12. bis 27. Jan.) 19 Thlr. 3 ßl. Lüb.
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worden, könnten nachgewiesen werden. 1 ) Nachdem dann mitgetheilt ist, daß die Capitularen den Vorschlag des Herzogs Facultäts=Gutachten einzuholen, nicht angenommen, wird endlich die Frage gestellt, ob das meklenburgische Land= und Hofgericht in possessione vel quasi jurisdictionis et superioritatis sei.

Das aus Frankfurt geschickte Facultäts=Gutachten gab selbstredend dem Herzog Ulrich völlig Recht.

Nach Herzog Ulrichs Wunsch hätte nun, da die beiden Rechtsgutachten ungleich waren, ein drittes, entscheidendes Urtheil eingeholt werden müssen. Dazu kam es aber anscheinend nicht, doch ließ man auch die Streitfrage nicht ganz ruhen. Es verhandelten die Parteien bald wieder schriftlich. Unterm 27. April 1597 schlug der Herzog dem Capitel vor, es sei das Beste, daß bis zur Entscheidung des Kammergerichts ein Stiftsgericht erster Instanz auf des Administrators und des Capitels gemeinsame Kosten angeordnet und von diesem nöthigenfalls an das meklenburgische Hofgericht appellirt werde. Das Capitel erwiderte 22. Oct. 97, daß es diese Appellation nicht zulassen dürfe, lieber möge wieder wie früher die Berufung an die bischöfliche Kammer gestattet werden.

Seitdem geriethen die Vergleichsversuche ins Stocken, und zwar aus dem Grunde, weil der Propst v. Wackerbarth, der eifrigste Vertheidiger der Unabhängigkeit des Stifts, alt und schwach wurde und endlich, 1599, aus dem Leben schied. Erst nach mehreren Jahren, 20. Jan. 1602, fordert Herzog Ulrich das Capitel zur Fortsetzung der gütlichen Verhandlungen, die seit Wackerbarth's Tode unterbrochen seien, wieder brieflich auf. Die Domherren baten dann in ihrer Antwort auf Ulrichs Brief um eine Conferenz in Bützow, zu welcher auch der Coadjutor Ulrich II. geladen werden möchte. Sie erhielten nun zwar die Einladung nach Bützow zum 1. Nov. 1602, zugleich aber auch die entschiedene Erklärung, daß der Herzog den Coadjutor nicht laden werde, "weil wir des Stifts vollkommene Administration vor uns behalten wollen." Nach langem Besinnen antwortete das Capitel am 30. October mit einer Ausflucht, daß es die Conferenz nicht beschicken könne, weil diese nicht dem Capitel im Namen Ulrichs,


1) Angeführt sind folgende Fälle: 1) die Klage gegen die von Preen auf Lübzin, welche nicht in Meklenburg begütert seien und sich doch dem mekl. Gericht gestellt hätten. 2) Der Proceß von Wopersnow's Erben wider das Capitel (1574 u. 75). Hier sei zwar exceptio fori eingewandt, aber nicht appellirt. 3) Die Klage des Bernd Rosenhagen wider die von Bülow auf Zibühl pto. des Gutes Zibühl, in welcher am 16. April 1589 von dem Hofgericht das Urtheil vekündet worden.
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sondern nur dem Propst durch den Rath Reutze, und zwar bei Gelegenheit eines andern Schreibens angekündigt worden. Mit einer Ausflucht, sagen wir, denn jedenfalls mußte wenigstens der Propst wissen, daß das Capitel ganz förmlich eingeladen war, da sich unter den Acten, welche später im Besitz seiner Erben waren, eine von Herzog Ulrich eigenhändig unterschriebene, erbrochene Einladung an das Capitel vom 22. Juni findet.

Dies ist die letzte Nachricht über den Jurisdictionsstreit zur Zeit Ulrichs I. Mit dem Regierungsantritt Ulrichs II. änderte sich die Sachlage, wie in dem oben erzählten Streit um die Unmittelbarkeit des Stifts überhaupt, insofern wesentlich, als nun mit den Ständen der Administrator nicht nur das Jurisdictionsrecht des Stifts verfocht, sondern auch ohne Weiteres selbständige Stiftsgerichte einsetzte. Man war sich also im eignen Lande völlig einig, und es galt nur den Kampf gegen Meklenburg auszufechten.

Leider ist über die Jurisdiction im Stift während der Herrschaft der beiden dänischen Prinzen (1603 - 1626) so gut wie garnichts überliefert; aber eben weil keine Nachrichten vorhanden sind, dürfen wir annehmen, daß die Rechtspflege nach den Bestimmungen der Capitulationen der beiden Administratoren (von 1597 und 1622) und zur Zufriedenheit der Stiftsstände geübt wurde. Darnach werden die Stiftsstände in ihren Gebieten die Jurisdiction 1. Instanz erhalten, die Administratoren hingegen im Domanium und in der amtssässigen Stadt Warin die niedere Gerichtsbarkeit durch ihre Beamten verwaltet haben. Ein Gericht 2. Instanz kann nicht gefehlt haben, allem Anschein nach fungirte als solches die bischöfliche Kanzlei zu Bützow; denn nachweislich war noch unter der Herrschaft des Herzogs Adolf Friedrich die bischöfliche Kanzlei das Hauptgericht im Stift. Wo es nöthig war, werden außerdem die Administratoren die Appellation an das Reichskammergericht gestattet haben.

In Meklenburg folgte dem Herzog Ulrich dessen jüngster Bruder Karl in der Regierung (1603 bis 1610); er erbte mit dem Thron des Herzogthums Meklenburg (= Güstrow) auch den Streit um die Hoheitsrechte über das Stift. Seine Ansicht über diese Streitfrage war der seines Vorgängers gleich, aber sein Eifer und seine Ausdauer waren viel geringer. Uebrigens wurde ihm auch kräftiger Widerstand geleistet, und er befand sich nicht mehr wie Ulrich I. in possessione des streitigen Rechts.

Utrich II. hatte kaum die Stiftsregierung angetreten, als er seinen festen Willen, die selbständige Jurisdictionsgewalt des Stifts

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entschieden zu vertheidigen, unzweideutig kund gab. Schon am 1. Mai 1603 nämlich verbot er dem Dompropst v. Bassewitz, einer etwaigen Einladung zur Assessur beim meklenburgischen Hofgericht zu folgen, und am Tage darauf schrieb er an Herzog Karl, daß es dem Bisthum Schwerin nicht zum Präjudiz gereichen solle, wenn das Capitel früher aus seiner Mitte einen Assessor zum Hofgericht geschickt habe. Er beanspruche völlig selbständige Jurisdiction für sein Stift, doch sei er, um den vorhandenen Streit aus der Welt zu schaffen, erbötig, in gütliche Verhandlungen mit Meklenburg zu treten. Herzog Karl antwortete (6. Mai), er wisse nichts von Differenzen wegen der Jurisdiction, müsse darum auch Ulrichs Protestation "an ihren Ort gestellt sein" lassen. Den von dem frühern Propst Otto v. Wackerbarth ohne Wissen Ulrichs I. und des Capitels beim Reiche anhängig gemachten Appellations=Proceß wolle auch er gern auf gütlichem Wege beigelegt sehen.

Wie früher dem Propst, verbot Ulrich II. unterm 8. Juni 1603 dem ganzen Capitel die Beschickung des Hofgerichts bis zur rechtlichen Entscheidung der Streitfrage, "damit kein Präjudiz entstehe." Vorgebeugt war also zur Genüge.

Als nun Herzog Karl am 30. Aug. 1603 dem Capitel befahl, "die aus seinem Mittel hiebevor dem Gericht verwandt gemachte Person" zum Hofgericht am 4. Oct. nach Wismar zu schicken, mußte der Propst v. Bassewitz dem Herzog zunächst persönlich erklären, daß das Capitel seinem Befehl nicht Folge leisten könne, und darauf (22. Septbr.) wurde vom Capitel diese Erklärung, der eine Abschrift von Ulrichs II. Verbot beigelegt war, schriftlich abgegeben. Das Capitel sandte in der That den Assessor nicht, und Herzog Karl verlangte es auch anscheinend seitdem nicht wieder.

Unter der Herrschaft der Herzoge Adolf Friedrich von Meklenburg=Schwerin (1608 bis 1658) und Johann Albrecht II. von Meklenburg=Güstrow (1611 bis 1636) wurde wiederum der Assessor vom Capitel verlangt, und zwar für das Hofgericht zu Rostock. Aber Ulrich II. verbot sofort (12. Febr. 1610) wieder den Protonotarien des Hofgerichts, Einladungen an das Domcapitel zu schicken. Sollte es geschehen, so drohte er, so würde er "die Boten dergestallt empfangen, daß andre sich daran bedenken und stoßen sollten." Und dem Capitel befahl er (eod.), die Hofgerichtsboten mit ihrem Einladungsschreiben wieder zurückzuschicken. Wenn dieselben trotzdem aber wieder kämen, so sollten sie zum dritten Mal gefangen genommen und auf den Thurm zu Warin gesetzt werden.

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Natürlich theilten die Protonotarien das Schreiben Ulrichs II. den meklenburgischen Herzogen mit, und diese erklärten darauf am 7. Jan. 1611, Meklenburg habe das Recht, vom Capitel einen Assessor zum Hofgericht zu fordern; Ulrich möge daher dem Capitel befehlen, die Assessur zu leisten. Der Administrator erwiderte am 21. Jan., daß er die verlangte Assessur nicht zulassen werde. Wenn auch zu Ulrichs I. Zeit ein Domherr in Meklenburg Gerichtsassessor gewesen wäre, so bedeute das für ihn nichts, und seit seiner Regierung stelle das Capitel den Assessor nicht mehr. Das Stift sei "immediato statu dem Reiche zugethan", er wundere sich darum, daß man die Assessur aus demselben verlange. Herzog Karl habe es nie gethan. (!)

Wahrscheinlich ruhte der Streit nun wieder eine Weile, bis die beiden meklenburgischen Herzoge am 27. Nov. 1612 in einem sehr ausführlichen Schreiben, ähnlich wie Herzog Ulrich I. 1596, die Jurisdictionsrechte ihres Landes über das Stift begründeten und schließlich baten, der Administrator möge dem Capitel befehlen, daß es den Assessor wieder zum Hofgericht stelle. Ulrich II. vertrat aber in einem ebenso ausführlichen Antwortsschreiben vom 1. Jan. 1613 in der Weise, wie früher die Capitularen, die Rechte des Stifts. Neu sind nur die Behauptungen, daß die Nachricht der Historiker über die Gründung des Stifts durch Gottschalk "ungewissen Grund" habe, daß in der vom Kaiser bestätigten meklenburgischen Landgerichtsordnung nichts von der Pflicht des Stiftes stehe, und daß die Bestimmung von 1570 ein großer Mißverstand und daher nicht präjudicirlich sei, zumal da das Capitel protestirt habe. Und selbst kaiserliche Confirmationen könnten niemals Rechte Andrer nehmen. Die Capitularen hätten früher die Assessur nur precarie ihrem Administrator zu Gefallen honoris et officii gratia geleistet. Es wäre also diese Assessur nur "ein pur, lauter freiwillig Ding"; sie hätte wohl zur Zeit Ulrichs I. Platz finden mögen, für die jetzigen Verhältnisse passe sie nicht mehr. Die Herzoge möchten darum von ihrer Forderung abstehen, wie es Herzog Karl gethan, der doch auch in Meklenburg regiert habe, oder aber den Streit vor dem Kammergericht ausfechten.

Die meklenburgischen Herzoge suchten nun nach Empfang von Ulrichs II. Schreiben sich darüber zu verständigen, was zu thun sei. Johann Albrecht meinte zwar, daß der Administrator die Reichsunmittelbarkeit keineswegs besitze, und ebenso wie die Session auf den Kreistagen sich auch die Jurisdiction im Stift anmaße; aber er war doch zweifelhaft, ob Meklenburg jetzt etwas ausrichten könne. Darum stellte er es Adolf Friedrich anheim zu entscheiden,

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ob der Jurisdictionsstreit fortgesetzt werden solle oder nicht. Dieser scheint übrigens nicht zur Fortsetzung geneigt gewesen zu sein, und der Streit wird in Folge dessen viele Jahre geruht haben.

Aber Herzog Johann Albrecht konnte ihn doch nicht ganz vergessen. Immerfort erwog er, wie er die schon von Ulrich I. beanspruchte Jurisdiction im Stift gewinne, und kam dabei auf den Gedanken, er wolle das Gutachten der Frankfurter Facultät, welches jener Herzog im Jahre 1596 (S. 173) einforderte, als Beweismittel für sein Recht benutzen. Dieses Gutachten war aber nicht mehr aufzufinden, und er bat darum Adolf Friedrich, daß er ein Gesuch an die genannte Facultät um eine Copie jenes Rechtsspruches mit unterschreiben und außerdem in Wismar, wo zu Johann Albrechts I. Zeit die Rechtstage gehalten worden, möge nachforschen lassen, ob das Capitel schon damals, also vor der Einführung der Hofgerichtsordnung, einen Assessor geschickt habe. Adolf Friedrich unterschrieb und ließ auch die Nachforschungen im Wismarschen Rathsarchiv anstehen. Die Resultate derselben sind nicht bekannt; vermuthlich waren sie negativ, da die Acten wiederum seit einer Reihe von Jahren über diesen Gegenstand völlig schweigen.

Indessen hatte man in den nächsten Jahren wegen der Kreisunruhen auch nicht Zeit, um diese Fragen sich zu kümmern, und ganz unmöglich war es den meklenburgischen Herzogen, als sie, aus ihrem Lande vertrieben, Wallenstein die Herrschaft in Meklenburg und im Stift Schwerin ganz überlassen mußten. Während dieser Zeit ging es eben so, wie es dem jeweiligen Gewalthaber oder dessen Räthen beliebte. Zur Zeit Wallensteins wurde das Stift für ein Meklenburg incorporirtes Land angesehen, so wünschte es vor allem die herzogliche Kammer; eine eigne Stiftsjurisdiction brauchte man darum nicht. Aus einem Schreiben des Herzogs Adolf Friedrich vom 12. Jan. 1637 geht hervor, daß die Stiftsunterthanen durch eine "Verordnung des Friedländers" an das Güstrower Gericht gewiesen wurden. Ebenso erzählt Martin Bökel (1592 - 99 Kanzlei=Substitut, 1599 - 1603 Visitations=Notar unter Herzog Ulrich), daß unter Wallenstein weder zu Bützow, noch zu Güstrow eine Stiftsregierung oder=Kanzlei gehalten sei. Alle Stiftsunterthanen hätten in der Meklenburg=Güstrow'schen Kanzlei "activ und passiv" zu Recht bestanden. Die Stiftsacten wären nicht abgesondert worden, "sondern mit den übrigen in ein Gesammtalphabet und Corpus gereiht", aber nach Aemtern geordnet. Unter der Herrschaft der Schweden kann von einer geordneten Rechtspflege um so weniger die Rede sein,

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als das Stift sich damals völlig im Belagerungszustand befand. Die schwedischen militärischen Commandeure werden wie in andern Dingen auch in Rechtsfragen nach ihrem Ermessen haben entscheiden lassen. Wir haben übrigens über diese ganze Zeit actenmäßige Berichte garnicht. Erst als Herzog Adolf Friedrich Aussicht gewann, die Herrschaft im Bisthum zu erlangen, erfahren wir wieder Etwas über den Jurisdictionsstreit. Unterm 23. Sept. 1633 erinnerte nämlich Herzog Johann Albrecht daran, das das Domcapitel früher einen Assessor zum Landgericht geschickt habe. Er wünschte, das jetzt das Capitel wieder von beiden meklenburgischen Herzogen aufgefordert würde, die Assessur zu leisten. Adolf Friedrich wollte aber nicht mit auffordern; denn er verhandelte grade mit den Domherren wegen seiner Capitulation und mußte Alles vermeiden, was diese Herren ihm entfremden konnte. Ob er darum auf einen zweiten Wunsch seines Bruders, daß das Hofgericht im Namen der Herzoge ohne deren Unterschrift die Aufforderung an das Capitel erlasse, einging, ist wenigstens zweifelhaft

In der 1634 mit dem Capitel abgeschlossenen Capitulation (2. Th., S. 205 ff.) versprach Herzog Adolf Friedrich, für eine gute selbständige Justizpflege im Stift zu sorgen. Den Ständen sollte auf ihrem Gebiet, wie früher, die niedere Gerichtsbarkeit überlassen werden, als ein höheres Gericht sollte die herzogliche (Stifts=) Kanzlei fungiren, der zu dem Zwecke ein Capitular beigeordnet werde (Capitulation §. 5, 12, 13, 18). In Betreff der geistlichen Jurisdiction verhieß er "gebührende Verordnungen". Und der Herzog hielt als Stiftsregent sein Versprechen gewissenhaft. Denn die noch wiederholt versuchten Uebergriffe des meklenburgischen Hofgerichts auf die Stiftsrechtspflege wies er mit aller Entschiedenheit zurück. Als 1635 wider Jürgen v. Warnstädt auf Vogelsang (bei Neubukow), der wegen Schuld von dem Wismarschen Bürger Maaß verklagt und vom meklenburgischen Hofgericht, damals zu Sternberg, verurtheilt war, die erkannte Execution von den Beamten zu Doberan vollzogen werden sollte, verbot der Herzog die Execution, da das Hofgericht in Stiftssachen kein Urtheil fällen dürfe, weil "solche Sachen an die herzogliche Kanzlei in Schwerin gehen." Ebenso befahl er 1637 dem Sternberger Gericht, das mit Strafmandaten gegen Stiftshauptmann Heinrich v. Hagen vorging, den Stiftshauptmann nicht weiter zu belästigen, "da er billig allein für uns und unsre Schwerinsche Stiftskanzlei zu besprechen." Wiederum erklärte er 1637, das Hofgericht solle die Klage wider den Stiftslehnsmann v. Levetzow auf Gülzow fahren lassen,

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da bestimmt wäre, "daß unsre Stiftsstände, =Lehnsleute und =Unterthanen für unserm Gericht zu Recht stehen sollen, deßwegen unsre bischöfliche Regierung in unsrer Residenz Schwerin angeordnet. Wir befehlen Euch demnach gnädiglich, daß Ihr diese Sache wegen des Gutes Gülzow, des Friedländers Verordnung ungeachtet, dahin remittirt."

So blieb es bis über den westfälischen Frieden hinaus; denn noch 1654 schrieb Adolf Friedrich an das Sternberger Hofgericht, es habe widerrechtlich das Testament des verstorbenen Chr. Grabow auf Prüzen publicirt, da das Gut Prüzen zum Stift gehöre. Es müsse daher das Testament sofort an die Schweriner Kanzlei geschickt werden.

Und der Proceß: Meklenburg wider das Stift pto. jurisdictionis? - Er "schwebte noch zu Speier in unerörterten Rechten."

C. Die Besitzungen und Rechte bei Administratoren außerhalb
der Stiftsgrenzen in Meklenburg.

1) Die Officialei Rostock.

Zwei Stiftsinstitute besonderer Art waren die Officialei zu Rostock und die Collectorei zu Waren. Mit dem Aufhören der geistlichen Gerichtsbarkeit über die ganze bischöfliche Diöcese wurden nämlich die Archidiaconate überflüssig, und es fragte sich nun, wer künftig die Hebungen derselben, den alten Bischofszehnten, einnehmen sollte. Während die Einkünfte der übrigen Archidiaconate verloren gingen, rettete der Administrator die des Rostocker und des Warener Sprengels und bildete aus diesen die genannten Hebungsämter.

Zur Officialei in Rostock gehörte ein Haus mit Nebengebäuden (jetzt das Teutenwinkelsche Amtshaus am Amberg Nr. 12), welche gewöhnlich der Einnehmer der Officialei=Hebungen, Officialist genannt, bewohnte. Die Gebäude und deren Insassen standen unter der Jurisdiction des Stiftsadministrators, waren also von der Rostocker Gerichtsbarkeit befreit, ebenso waren sie frei von allen städtischen Lasten. Als in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts neben andern Differenzen auch Streitigkeiten der Landesherren mit der Stadt Rostock wegen der Jurisdiction auf der Officialei entstanden waren, versuchte man eine gütliche Beilegung derselben. Herzog Adolf Friedrich schloß in Folge dessen unterm 22. Nov. 1642 für sich und in Vormundschaft des Herzogs Gustav Adolf

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mit Rostock einen Vertrag, welcher in Bezug auf die Officialei lautete:

"Die Officialei belangend, ist beliebet und bewilliget, wann jemand daselbst delinquiren und sich in die Stadt salviren, daselbst aber oder sonst in der Stadt Botmäßigkeit betroffen oder angehalten würde, daß derselbe I. F. G. gegen einen Revers jedes Mal unweigerlich ausgefolget soll werden. Es soll aber über den Missethäter oder sonst sein Recht auf der Officialei gehalten, sondern derselbe nach geschehener Ausfolgung, oder da er auch in loco angehalten wäre worden, außerhalb der Stadt Rostock und derselben Botmäßigkeit an Ort und Enden, da es I. F. G. gefällig, von I. F. G. Dienern geführt, die Sache cognoscirt, Urtheil und Recht darüber gesprochen und exequirt werden. Hingegen haben I. F. G. gnädig versprochen, wenn jemand in der Stadt Rostock und derselben Botmäßigkeit delinquiren und sich in die Officialei retiriren würde, daß Sie denselben ebenmäßig gegen einen Revers der Stadt Rostock jedes Mal unweigerlich ausfolgen lassen wollen."

Zur Officialei gehörte um 1600 das Recht Bier und Wein zu schenken, doch wußte man 1620 nicht sicher, ob die Schankgerechtigkeit schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts bestanden habe.

Bei dem Hause lag der Garten der Oficialei; früher gehörten derselben, wie nach Aussage des Capitäns Michel Graß "der alte Elias Möller" 1620 behauptet haben soll, 2 Gärten und das "Münchefeld" bei Bentwisch von 8 Hufen Landes. Dies Mönchfeld war aber damals längst in den Besitz des Rostocker Rathes gekommen, der einen Theil davon an Henning Beselin erblich verkauft hatte. Nach andern Behauptungen sollten früher zur Officialei mehrere Häuser mit Gärten gehört haben. Wenn das der Fall war, so werden diese Besitzungen in der Reformation verloren gegangen sein.

Werthvoll war die Rostocker Officialei für das Stift weniger wegen des Wohnhauses, als wegen der beträchtlichen Hebungen, die seit alter Zeit mit ihr verbunden waren. Das Landbuch für das Stift Schwerin von 1581 berichtet, daß die Officialei beziehe:

1) Geldhebungen

aus Rostock 1 ), Lage, Gr. und Kl. Wardow, "Gr. Preßen" (Bresen bei Sülze), Gr. und Kl. Lantow, Kl. Ridsenow,


1) Die gesperrt gedruckten Orte sind auch in der Officialei=Rechnung von 1670/71 aufgeführt.
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Kl. Wozezen (Wozeten bei Lage), Kronskamp, Damen, Dummerstorf, Scharstorf, Gr. Reze (Reez bei Schwan), Sanitz, Niekrenz, Reppelin, Kl. Reppelin, Petschow, Godow (A. Ribnitz), Bussewitz, Steinfeld (bei Rostock), Allerstorf, Jankendorf, Poppendorf, Fahrenhaupt (Varnnhop), Kölzow, Dettmannstorf, Kl. Tessin (bei der Stadt Tessin), Grammerstorf (jetzt nur noch Gramstorfer Feldmark bei Tessin), Helmstorf, Stormstorf, der "wüsten Feldmark Kl. Gnevitz, v. d. Lühe zu Külzow gehörig", Kammin (bei Lage), Kossow, Kötwin, Weitendorf (bei Lage), "Dopstorf (Deperstorf bei Tessin), "Warnnstorf" (Wahrstorf), "Wendorf" (Wenendorf), "Canekel" (Kankel bei Schwan), Dolgen, Siemitz, Röknitz, Knegendorf, "Luzow" 1 ), "Peryede" 2 ), Kritzkow, Zehlendorf, Bentwisch, Albersdorf, Kl. Kussewitz, Harmstorf, Riekdahl, Pastow, Teschendorf, Hohen Schwarfs ("Schwervitz"), Ikendorf, Fresendorf, Neuendorf (bei Rostock), Fienstorf, Wozeze (Zeez bei Schwan?), Kukstorf, Dudendorf, Kuhlrade, in Summe 139 Fl. 3 ßl. 6 Pf. oder 210 Mark 2 ßl.

2) Kornzehnten, a. Roggen

aus Lütten Klein, Gr. Ridsenow, Finkenberg, Bentwisch, Albertsdorf, Riekdahl, Schmadebek, Barnstorf, ("Parrenstorf, 4 Hufen hat die Stadt Rostock zu einem Hof zusammengelegt und gibt dafür"), Sildemow, Gr. Schwaß, Niendorf (Kirchsp. Biestow), in Summe 17 Dpt. 8 3/4 Schff.

b. Gerste

aus Lütten Klein, Gr. Ridsenow, Finkenberg, Bentwisch, Neuendorf (bei Rostock), Schmadebek, Barnstorf, Sildemow, Gr. Schwaß, Niendorf (Kirchsp. Biestow), in Summe 16 Dpt. 10 Schff. 3 Faß.

c. Hafer

aus Lütten Klein, Gr. und Kl. Lantow, Gr. Ridsenow, Dummerstorf, Damm, Schlage, Kokendorf, Goldenitz (bei Schwan), Finkenberg, Bussewitz, Steinfeld, Brünkendorf (Brunekend.), Helmstorf, Kammin, Kossow, Kötwin, Weitendorf, Bentwisch, Albertsdorf, Riekdahl, Pastow, Teschendorf, Schmadebek, Neuendorf (bei Rostock), Barn=


1) Wohl Lissow bei Lage.
2) Untergegangen in der Gegend von Kritzkow.
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storf, Fienstorf, Kl. Kussewitz, Harmstorf, Sildemow, Gr. Schwaß, Niendorf (Kirchsp. Biestow), in Summe 130 Dpt. 5 Schff.

Die ganze Summe der Kornhebung betrug also fast 2000 Scheffel und hatte selbst im 16. Jahrhundert einen Werth von etwa 2000 Mark.

Die Officialei=Rechnung von 1670/71 zählt außer den gesperrt gedruckten Ortschaften noch auf: 1) bei der Geldhebung: Kossow, Bandelstorf, Schlage, Göldenitz, Kokendorf und Kassebohm, 2) bei der Roggenhebung: Kassebohm und Pastow. Sie kommt in der ganzen Jahreseinnahme auf 237 Fl. 14 ßl. 10 Pf., 14 Dpt. 4 Schff. Roggen, 11 Dpt. 5 Schff. Gerste und 115 Dpt. 3/4 Schff. Hafer.

Die Hebungen nahm ein im Solde des Administrators stehender Beamter, der Officialist, ein. 1567 wurde von Herzog Ulrich dem Rath Georg Kummer die Officialei (als Wohnung?) verliehen. Später besorgte der Kanzler Jacob Bording die Geschäfte eines Officialisten; doch wurden sie ihm bald lästig, und Herzog Ulrich befahl deshalb am 31. Jan. 1581 dem Amtmann Bastian Barner zu Doberan, die Schlüssel der Officialei an sich zu nehmen, natürlich um Bording abzulösen. Ob diese beiden Beamten auf der Officialei selbst wohnten, berichten die Acten nicht; aber der schon genannte alte Elias Möller sagt 1621 als Zeuge aus, daß dort nach einander ihre Wohnung hatten: Dr. Hoffmann, Dr. Bouke, "der Maler" (Geometer) Peter Bökel, Johann Thielcke und Barner. In der Reihenfolge der Bewohner irrte sich Möller, wie wir bald sehen werden, doch dürfen wir ihm sonst wohl Glauben schenken. 1600 bewarb sich Peter Lange, der früher 6 Jahre Küchenschreiber und Diener bei dem Herzog Ulrich II., dem damaligen Coadjutor des Stifts, gewesen war, um die Officialei=Wohnung, "die Bastian Barner eine geraume Zeit verwaltet." Anscheinend bekam er sie nicht oder nur für kurze Zeit, denn die Acten berichten bald, daß Johann Thielcke den Dienst erhielt. Später verrichtete den Officialeidienst "auf bestimmte Jahre", die 1613 "bald um waren", Joachim v. Bassewitz d. j. zu Hohen=Lukow; nach diesem bekam Michel Graß die Verwaltung. Die Verwalter mußten damals Caution stellen und Rechnung ablegen. 1630 wurde Chr. Polack Officialist. Unterm 9. Jan. 1634 schenkte der schwedische Kanzler Oxenstierna dem Residenten Eßken zu Erfurt zur Anerkennung seiner Dienste neben dem Hofe Wolken mit dem dienstpflichtigen Dorfe Zeppelin die Officialei zu Rostock erblich, wie sie die Schweden "jure belli" besaßen. Da aber dem

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Herzog Adolf Friedrich, welcher zu der Zeit um den Besitz des Stiftes Schwerin mit dem schwedischen Kanzler verhandelte, sehr viel an der Officialei gelegen war, "durch welche das Stift die geistliche Jurisdiction und das jus patronatus über die Rostocker Akademie habe", so fragte Oxenstierna schon am 7. März desselben Jahres Eßken, ob er nicht die Officialei gegen ein anderes Geschenk abtreten wolle, da dieser Besitz wegen seiner besonderen Beziehungen zu der Universität einem Privatmanne nicht wohl anstehe. Eßken wird nun wohl dem