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Inhalt:

Jahrbücher

des

Vereins für mecklenburgische Geschichte
und Altertumskunde,

 

gegründet von Friedrich Lisch,
fortgesetzt von Friedrich Wigger und Hermann Grotefend.

 


 

Dreiundneunzigster Jahrgang.

herausgegeben von

Staatsarchivdirektor Dr. F. Stuhr,

als 1. Sekretär des Vereins.

 

Mit angehängtem Jahresbericht.

 


 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Schwerin, 1929.

Druck und Vertrieb der Bärensprungschen Hofbuchdruckerei..

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Inhalt des Jahrbuchs.

  Seite
I. Hermann Stannius und die Universität Rostock 1837 bis 1854. Von Geh. Hofrat Professor Dr. Wilhelm Stieda - Leipzig 1
II. Die Rostocker Stadtverfassung bis zur Ausbildung der bürgerlichen Selbstverwaltung (um 1325). Von Dr. Paul Meyer - Wittenberge 37
III. Die Entwicklung des Hagenower Bürgerhauses aus dem niedersächsischen Bauernhause. Mit 8 Tafeln Abbildungen. Von Ministerialrat Geh. Oberbaurat Johann Friedrich Pries - Schwerin 115
IV. Das Kreditwesen des ritterschaftlichen Grundbesitzes in Mecklenburg nach dem Siebenjährigen Kriege bis zur Gründung des Ritterschaftlichen Kreditvereins im Jahre 1819. Von Diplomvolkswirt Dr. Gerhard Körber - Hamburg 153
V. Die Rechte der Stadt Wismar an Bucht und Hafen. Von Archivrat Dr. Friedrich Techen - Wismar 267
VI. Die geschichtliche und landeskundliche Literatur Mecklenburgs 1928/29. Von Staatsarchivrat Dr. Werner Strecker - Schwerin 283
VII. Bücherbesprechungen:
    Festschrift für Hermann Reincke-Bloch. Zu seinem sechzigsten Geburtstage überreicht von seinen Schülern. Breslau (Trewendt und Granier) 1927 (Werner Strecker) 299
    Georg Schnath, Die Gebietsentwicklung Niedersachsens (Veröffentlichungen der Wirtschaftwissenschaftl. Gesellsch. z. Studium Niedersachsens, Reihe A, Heft 8). Hannover (Selbstverlag der Gesellschaft) 1929. (Friedrich Stuhr) 300
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  Seite
    Georg Krüger, Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Freistaates Mecklenburg-Strelitz. I. Bd., III. Abt. Neubrandenburg (Brünslow) 1929. (Paul Steinmann) 301
    Johs. Warncke, Die Edelschmiedekunst in Lübeck und ihre Meister (Veröffentlichungen z. Gesch. der Freien u. Hansestadt Lübeck, Bd. 8) Lübeck (Schmidt-Römhild) 1927. (Friedrich Stuhr) 303
    Gustav Willgeroth, Die Mecklenburgischen Ärzte von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Schwerin (Landesgeschäftsstelle des Meckl. Ärztevereinsbundes) 1929. (Friedrich Stuhr) 303
    Hermann Krause, System der landständischen Verfassung Mecklenburgs in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Rostock (Hinstorff) 1927. (Paul Steinmann) 304
    Bernhard Koerner, Deutsches Geschlechterbuch (Genealogisches Handbuch Bürgerlicher Familien. 57. Bd. Görlitz (C. A. Starke) 1928. (Max Baller) 306
    Dettlof Graf von Schwerin, Feldmarschall Schwerin, ein Lebensbild aus Preußens großer Zeit. Berlin (Mittler & Sohn) 1928. (Arthur v. Oertzen) 307
    Johann Friedrich Pries, Die Entwicklung des mecklenburgischen Niedersachsenhauses zum Querhause und das mecklenburgische Seemannshaus. Stuttgart (Engelhorns Nachf.) 1928. (Werner Strecker) 309
VIII. Die Rheinkarte des Kaspar Vopelius. Von Bibliotheksdirektor Regierungsrat Dr. Wilhelm Voß - Schwerin 309
IX. Reincke-Bloch zum Gedächtnis. Von Professor Dr. Hans Spangenberg - Rostock. Mit Bildnis 317
Jahresbericht (mit Anlagen A und B) 321
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I.

Hermann Stannius
und die Universität Rostock
1837-1854

von

Wilhelm Stieda.

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I m Oktober 1837 wurde Hermann Stannius aus Hamburg, damals Assistent am Friedrichstädtischen Krankenhause in Berlin, an die Universität Rostock berufen. Hier hat er als ordentlicher Professor der vergleichenden Anatomie, Physiologie und allgemeinen Pathologie im Verein namentlich mit Karl Friedrich Strempel 1 ) glänzend gewirkt und dazu beigetragen, den Ruf der medizinischen Fakultät insbesondere, sowie der Hochschule überhaupt, zu steigern. Leider setzte eine unheilbare Erkrankung der bedeutsamen akademischen und wissenschaftlichen Tätigkeit des hochbegabten Forschers und Lehrers vorzeitig ein Ende. Aus seiner guten Zeit von 1836-1854 haben sich 29 Briefe an den hervorragenden Fachgenossen Rudolf Wagner, zuerst in Erlangen, dann in Göttingen, erhalten. Sie verdienten, soweit ich den fachwissenschaftlichen Inhalt beurteilen kann, wohl vollständig veröffentlicht zu werden, wozu freilich an dieser Stelle kein Platz wäre. Es sind jedoch in den Briefen Ausführungen über die Universität, an der er zu lehren ausersehen war, enthalten, die gewiß weitere Kreise fesseln können. Sie sollen nachstehend, entweder im Wortlaute des Briefschreibers, oder seiner Erzählung folgend, mitgeteilt werden.

Friedrich Hermann Stannius wurde am 15. März 1808 in Hamburg geboren. Seine Eltern waren der in Neu Gattersleben bei Magdeburg 1777 geborene Kaufmann Johann Wilhelm Julius Stannius, der 1798 nach Hamburg kam, und Johanna Flügge, die 1782 in Hamburg geboren war. Die Großeltern Stannius' waren der spätere preußische Plantagen-Inspektor Friedrich August Stannius zu Tapiau bei Königsberg i. Pr. und dessen Ehefrau Magdalene Juliane, geb. Benecke. Die Eltern der Mutter Stannius' waren Hermann Flügge und Maria Dorothea, geb. Peters, wie es scheint, ebenfalls dem kaufmännischen Berufe angehörig.


1) Joh. K. F. Strempel, 1800-1872, geboren zu Bössow bei Grevesmühlen, gest. in Ludwigslust. Blanck-Wilhelmi, Die Mecklenburgischen Ärzte, 1901, Nr. 481. Willgeroth, Die Mecklenburgischen Ärzte, 1929, S. 252. Allgemeine Deutsche Biographie (später A.D.B. zitiert) 36, S. 573.
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Der Vater Johann Wilhelm starb früh, am 13. November 1813, und hinterließ Frau und Kinder in nicht eben befriedigenden Umständen. Frau Johanna Stannius eröffnete im Jahre 1826 in Hamburg eine Mädchenschule, an der ihre damals 15jährige Tochter Marie Sophie ihr wacker half, auch Musikunterricht erteilte. Bei dem großen Brande von 1842 brannte die Schule ab. Frau Stannius nahm dann den Unterricht in einem Hause außerhalb der Stadt vor dem Tor wieder auf, wohin die meisten Schülerinnen folgten. Die Konzession wurde später, von allen 5 Hauptpastoren unterschrieben, auf die Tochter Sophie übertragen, die eine Zeitlang die Schule fortsetzte, aber schließlich aufgab. Mutter und Tochter fanden dann jedoch in den unterdessen zu guten Stellungen gekommenen Söhnen und Brüdern eine Stütze, so daß sie einen sorgenfreien Lebensabend hatten. Frau Johanna starb am 18. August 1862; das Todesjahr von Fräulein Sophie ist unbekannt 1a ).

Die Eltern Stannius' hatten 5 Kinder, außer dem Professor noch zwei Söhne und zwei Töchter. Eine Tochter Johanna starb 12jährig, ein Sohn im zartesten Kindesalter. Ein am 28. Februar 1810 in Hamburg geborener Sohn Wilhelm wurde Kaufmann, erwarb 1864 in Hamburg das Bürgerrecht, nachdem er längere Zeit im Auslande (Frankreich?) gelebt hatte, und starb in Stuttgart am 25. September 1870. Er namentlich war in der Lage, für Mutter und Schwester sorgen zu können.

Hermann besuchte die Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg und wurde am 1. Mai 1825 in die Matrikel des dortigen akademischen Gymnasiums als Student der Medizin eingetragen. Seit 1828 studierte er in Heidelberg und Breslau und wurde an der letzteren Universität am 26. November 1831 zum Dr. med. promoviert. Darauf wurde er am Friedrichstädtischen Krankenhause in Berlin Assistent und übte gleichzeitig die medizinische Praxis in der Stadt. Aus dieser Zeit hat sich ein liebevoller Brief der Mutter Stannius erhalten, der das Ansehen bezeugt, das Hermann Stannius bereits in jungen Jahren genoß. Die Mutter berichtet ihrem Sohne (im Mai 1837), daß ihr Gartennachbar Pastor Noodt ihr eine Stunde lang von ihm erzählt habe. Der Gewährsmann hob hervor, daß unter allen Gelehrten, die Hamburg ins Preußische abgegeben habe, Hermann Stannius obenan stehe und in


1a) Gef. Mitteilung des Staatsarchivs in Hamburg.
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Berlin allgemeine Achtung genieße. Auch der Buchhändler Enslin in Berlin habe nur Günstiges über ihn erzählt. "In Hamburg," fügte die Mutter mit berechtigtem Stolze hinzu, "ist nur eine Stimme, wenn von Dir die Rede ist. Du seist sowohl als Gelehrter als als Mensch und praktischer Arzt ein höchst schätzenswerter Mann." Mag bei dieser Beurteilung auch Mutterliebe mit im Spiele sein, Stannius' Bedeutung trat doch früh hervor. In Berlin war er trotz seiner Jugend ein beliebter Arzt, der in einem Jahre 1600 Taler an Honoraren verdienen konnte, und seine wissenschaftlichen Publikationen zeugten von ungewöhnlicher Begabung und Schaffenskraft. Schon in Breslau gab er 1832 mit Schummel "Beiträge zur Entomologie" heraus, und in Berlin erschien 1837 der erste Teil eines Lehrbuches der Allgemeinen Pathologie, das er freilich nicht fortgesetzt hat. Diese und andere wissenschaftliche Leistungen verschafften ihm die Professur in Rostock 2 ).

In Rostock war am 19. Januar 1837 der als Arzt und medizinischer Gelehrter zu großer Bedeutung gekommene Professor Samuel Gottlieb von Vogel 3 ) in hohem Alter, beinahe 87 Jahre alt, an der Grippe gestorben. Seit 1789 ordentlicher Professor der Medizin, hatte er als herzoglicher Leibarzt und als Förderer des Seebades von Heiligendamm-Doberan sich um seine zweite Heimat - er stammte aus Erfurt - die größten Verdienste erworben. Nun galt es, so vielseitig und allumfassend seine Tätigkeit gewesen war, an der Universität, die in bezug auf naturwissenschaftliche und medizinische Studienanstalten sehr wenig entwickelt war, Spezialforscher für die einzelnen Gebiete des Medizinstudiums zu berufen. Der erste Professor, der in dieser Richtung gewonnen wurde, war Stannius.

Unter den Vorgeschlagenen befand sich auch der Name von Rudolf Wagner 4 ), der damals Ordinarius in Erlangen war. Indes lagen diesem die Vorlesungen, die er in Rostock hätte auf sich nehmen müssen, fern, und er hatte bei einem ihm


2) Blanck-Wilhelmi, a. a. O., Nr. 557. Willgeroth, a. a. O., S. 256. - A.D.B. 35, S.446.
3) 1750-1837. A.D.B. 40, S. 124. - Heinrich Rohlfs, Deutsches Archiv f. Gesch. d. Medizin u. med. Geographie. - Blanck-Wilhelmi, Nr. 261. Willgeroth, S. 246.
4) 1805-1864; seit 1829 in Erlangen Privatdozent, 1833 a.o. Professor d. Zoologie daselbst, 1840 o. Professor der Physiologie in Göttingen. A.D.B. 40, S. 573.
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vollkommen zusagenden Wirkungskreis eine äußerlich günstige Stellung, so daß sich kaum erwarten ließ, er werde die verhältnismäßig größere Universität mit einer kleineren vertauschen wollen. In diesen Erwägungen lag der Grund, daß Stannius am 23. März 1837 an Rudolf Wagner schrieb und ihn bat für den wahrscheinlichen Fall, daß er selbst einem Rufe nach Rostock zu folgen keine Neigung haben würde, seine Wahl zu fördern. Die Rostocker Vorschlagsliste war einem Berliner Professor unterbreitet worden, der sich über alle Genannten mit Ausnahme von Rudolf Wagner ungünstig geäußert, dafür aber Hermann Stannius in Vorschlag gebracht hatte. "Wieviel mir daran gelegen ist," schrieb dieser an Wagner, "endlich einmal in eine ruhige Situation zu kommen, in der es mir möglich wird, wissenschaftliche Arbeiten vorzunehmen und fortzusetzen, kann ich Ihnen nicht beschreiben; muß man sich aber den ganzen Tag der Praxis wegen in den Straßen des weiten Berlin herumtummeln, so ist abends Lust und Kraft zur Arbeit vergangen. Sie werden daher leicht begreifen, mit welcher gespannten Erwartung ich einem Schreiben von Ihnen, verehrter Herr Professor, entgegensehe, da ich entschlossen bin, allen fremden und eignen Schritten völlig Einhalt zu thun, im Falle Sie ernstlich auf jene Stelle reflectiren."

Auch Karl Theodor von Siebold 5 ), damals als Gynäkolog in Danzig tätig, hatte sich auf die Professur in Rostock Hoffnung gemacht. Er war sogar nach einem Briefe von ihm an R. Wagner vom 6. Juli 1837 in Rostock empfohlen worden, nachdem Wagner den Ruf endgültig abgelehnt hatte. Siebold wäre gern nach Rostock gegangen, schon um aus seiner Tätigkeit, die ihm nicht viel Freude bereitete, nämlich der des praktischen Geburtshelfers, herauszukommen. "Wenn diese Rostocker Professur von der Art ist", schreibt er dem ein Jahr jüngeren Erlanger Kollegen, "daß ein Familienvater sorgenfrei davon leben kann, so würde ich mich freuen, sie ausfüllen zu dürfen, indem ich dann mehr Gelegenheit haben würde, meiner Wissenschaft in einem noch weiteren Umfange zu nützen, als ich es bisher konnte. Könnten Sie zur Erfüllung dieses meines größten Wunsches etwas beitragen, so würde ich mich gegen Ew. Wohlgeboren stets verpflichtet fühlen müssen." R. Wagner hat demnach kaum den Wunsch von Stannius erfüllt, ihn in


5) 1804-1885. A.D.B. 34, S. 186.
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Rostock zu empfehlen. Unter den Brief hat er bemerkt: "Inwieweit kann man mit gutem Gewissen Jemand, den man nicht ganz genau kennt, zu einer solchen Stelle empfehlen?" Dennoch erhielt Stannius den Ruf, vermutlich infolge der warmen Empfehlung eines Mannes in Berlin, der ihn gut kannte und seine Wirksamkeit aus eigener Anschauung zu beurteilen vermochte. Siebold, der damals schon 33 Jahre alt war und den jüngeren Stannius sich vorgezogen sah, mag wohl über das Fehlschlagen seiner Hoffnungen im Innern bedrückt gewesen sein. Er ist jedoch im späteren Leben reich entschädigt worden, indem er als Nachfolger R. Wagners in Erlangen über Freiburg i. Br. 1853 nach München kam, wo er mehr als 30 Jahre wirken konnte, während sein einst glücklicherer Rivale 20 Jahre lang in todesähnlicher Erstarrung lebte.

Für Rostock war damals freilich die Berufung von Stannius ein großer Vorteil, denn die beiden Jahrzehnte, die er der Universität in ungeschwächter Kraft widmen konnte, gehören zu den bedeutsamsten in der Entwicklung der medizinischen Fakultät.

Im November 1837 war Stannius in Rostock eingerichtet, und vom 9. November 1838 ist ein Brief an R. Wagner datiert, der über seine Erfahrungen berichtet. Der Anfang war schwer für ihn. Er fand die Zustände anders, als er erwartet hatte. Der Kreis seiner Pflichtvorlesungen war umfangreich und die vorhandenen literarischen Hilfsmittel erwiesen sich als unzureichend. "Es fügte sich gleich bei meiner Berufung Manches anders, als ich es erwartet hatte. Während in den ersten Briefen, welche ich von hier aus in Berlin erhielt, von einer Wiederbesetzung der Vogelschen Stelle, wie sie bestand, die Rede war, wurde mir bei meiner offiziellen Berufung zur Pflicht gemacht, Physiologie, vergleichende Anatomie und allgemeine Pathologie nebst Encyclopädie und Geschichte der Medizin zu lesen. ... Fast alle diese Fächer waren früher wenig (Physiologie) oder gar nicht berücksichtigt worden. Nun fehlt es auch natürlich in betreff der literarischen Hülfsmittel und der Sammlungen am Nothwendigsten. Glücklicherweise wurden in den Versteigerungen der Bibliotheken von Vogel, Treviranus 6 ),


6) Gottfried Reinhold T. 1776-1837; seit 1797 Professor der Mathematik und Medizin an dem Gymnasium illustre in Bremen; A.D.B. 38, S. 588.
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Hieronymi 7 ) vortreffliche Werke erstanden, die eine bedeutende Lücke ausfüllen. Anderes ward neu acquirirt. Zu einer vergleichenden pathologisch-anatomischen Sammlung ist der Grund gelegt und hoffentlich wird das Werk Unterstützung von seiten der Regierung und somit auch Förderung finden."

Die Medizinische Fakultät, in die Stannius eintrat, war klein und umfaßte im Sommersemester 1837 nur 4 Ordinariate: Johann Wilhelm Josephi 8 ) für Chirurgie und Geburtshilfe, Heinrich Spitta 9 ) für Therapie und Klinik, Carl Friedrich Strempel für Chirurgie und Augenheilkunde, Karl Friedrich Quittenbaum 10 ) für Anatomie und Chirurgie. Außerdem standen 6 Privatdozenten zur Verfügung, wohl alle gleichzeitig praktische Ärzte. In diesem Bestande blieb die Fakultät lange. Erst nach dem 1845 erfolgten Tode Josephis trat Christian Krauel 11 ) in die Fakultät ein und nach dem Abgange Quittenbaums im Sommersemester 1853 Carl Bergmann 12 ) als Anatom. Unter den Privatdozenten war die Verschiebung stärker. Im Sommersemester 1850 waren es ihrer 4: Johann Friedrich Wilhelm Lesenberg 13 ), Johann Schröder 14 ), August


7) Joh. Friedr. Heinz von H. 1767 1836; seit 1794 Leibarzt des Herzogs Carl in Neustrelitz; später Direktor des dort 1812 errichteten Medizinalkollegiums. Blanck-Wilhelmi, Nr. 308. Willgeroth, S. 178.
8) 1763-1845, geboren zu Braunschweig. Seit 1789 a.o. Professor und Prosektor. Am 30. März 1792 o. Professor. Blanck-Wilhelmi, Nr. 294. Willgeroth, S. 247. Gurlt-Hirsch, Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte, 3 (1886), S. 415.
9) Heinrich Helmerich Ludwig S., 1799-1860, Privatdozent in Göttingen, 1. Februar 1825 Professor der Medizin in Rostock. Blanck-Wilhelmi, Nr. 443. Willgeroth, S. 252.
10) 1793-1852, seit 11. Oktober 1821 Prosektor und a.o. Professor der Medizin in Rostock, 7. Februar 1831 o. Professor daselbst. Blanck-Wilhelmi, Nr. 438. Willgeroth, S. 251.
11) 1800-1854, geborener Rostocker, Sohn des dortigen praktischen Arztes, Privatdozent in Rostock, 9. Mai 1838 a.o. Professor, 21. April 1846 o. Professor. Blanck-Wilhelmi, Nr. 490. Willgeroth, S. 251.
12) Carl Georg Lucas Christian B., 1814-1865, Privatdozent in Göttingen, 1843 daselbst a.o. Professor, 2. Oktober 1852 als o. Professor nach Rostock berufen und 29. Oktober 1852 ins Konzil eingeführt. Blanck-Wilhelmi, Nr. 613. Willgeroth, S. 259.
13) 1802-1857, geboren in Ludwigslust, 1830 Privatdozent in Rostock, Stadtphysikus seit 8. Mai 1840. Blanck-Wilhelmi, Nr. 509. Willgeroth, S. 253.
14) Johannes Theodor Ludwig S., 1799-1878. Seit 1833 Privatdozent in Rostock; von 1835-1865 Arzt der Irrenheil- und Pflegeanstalt zu St. Katharinen daselbst. Blanck-Wilhelmi, Nr. 510. Willgeroth, S. 253.
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Kortüm 15 ) und August Strempel 16 ), zu welchen seit dem Wintersemester 1850/51 Ludwig Dragendorff 17 ) als Privatdozent für Geburtshilfe hinzukam.

Mit den Kollegen wußte sich Stannius gut zu stellen. Aus seiner Feder rührte die Gratulationsschrift der Medizinischen Fakultät zum 50jährigen Professorenjubilum von Johann Wilhelm Josephi im Jahre 1839 her.

Es war Stannius' eifrigstes Bestreben, seit er in Rostock war, in diesem Kreise älterer Kollegen, die Sammlungen und die Bibliothek, die dem Unterricht dienen sollten, und die von diesen vernachlässigt worden waren, neu einzurichten und zu vervollständigen. Über alles und jedes, "über jedes kleine Bedürfnis" wollten die Fakultät und die Regierung unterrichtet sein, und der neue Professor hatte vollauf mit Abfassung von Gutachten und Berichten zu tun. Was der übrigens "treffliche, äußerst eifrige College Strempel" an pathologischen Präparaten zusammengebracht hatte, genügte dem jungen Forscher nicht. Auch der geistige Verkehr mit den Berufskollegen befriedigte ihn nicht ganz, und so bat er Rudolf Wagner, im Briefwechsel mit ihm zu bleiben. "Sie glauben nicht, wie sehr ich mich nach solcher Mittheilung sehne."

Rudolf Wagner, der nur wenige Jahre älter war als Stannius, siedelte 1840 nach Göttingen über und scheint dann doch nicht Muße genug gefunden zu haben, um dem Ansinnen zu entsprechen. Wenigstens liegen zwischen diesem Briefe und dem nächsten, vom 25. Mai 1842, Jahre. Entweder blieben also Stannius' Briefe unbeantwortet, oder beide empfanden das Bedürfnis wechselseitigen Verkehrs nicht in dem Umfange, wie es ursprünglich den Anschein hatte. Auch nach 1842 wurde der Verkehr nicht reger, indem Jahre vergingen, ohne daß ein Brief von Stannius bei Wagner eintraf; wenigstens ist kein Brief nachzuweisen, obwohl R. Wagner seine Korrespondenz vollständig aufzubewahren pflegte. Eine solche Pause erstreckte


15) August Karl Friedr. Ludwig K., 1810-1884. Von Herbst 1848 bis Herbst 1853 praktischer Arzt in Rostock, 1849 Privatdozent, seit 1853 Badearzt in Doberan. Blanck-Wilhelmi, Nr. 548. Willgeroth, S. 39.
16) 1822-1852, praktischer Arzt und Privatdozent in Rostock. Blanck-Wilhelmi, Nr. 694. Willgeroth, S. 258.
17) Ludwig Friedrich Christian D., 1811-1856, geborener Rostocker, praktischer Arzt und seit Ostern 1834 Privatdozent. Blanck-Wilhelmi, Nr. 571. Willgeroth, S. 255.
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sich vom April 1844 bis Oktober 1849. Besonders reich war das Jahr 1850 an Briefen; die folgenden Jahre bis zum Schluß des Briefwechsels wiesen dann regelmäßig einige Schreiben auf.

In dem Brief von 1842 warf der Hamburger Brand seinen Schatten. Stannius war im Interesse seiner Familie sofort beim Ausbruch auf den Schauplatz des Unglücks geeilt, wodurch die Beantwortung eines Wagnerschen Briefes verzögert wurde.

Nachgerade fühlte sich Stannius in Rostock nicht behaglich. Die Enge und Kleinheit der Zustände drückte ihn. Auf Veranlassung Wagners hatte er sich für eine Berufung des Juristen Briegleb 18 ) nach Rostock interessiert, ohne Erfolg. Aber da mittlerweile Preußen auf Beselers 19 ) Befürwortung Briegleb zu gewinnen trachtete, meinte Stannius, ihm gratulieren zu sollen, "daß ihm von Rostock aus kein Antrag zu Theil geworden. Ich muß es offen gestehen, die hiesigen Verhältnisse sind kläglich; es fehlt der geistige Schwung und die erforderliche Regsamkeit durchaus. Die Zahl der Strebsamen ist überaus gering; kaum Einen hat jede Fakultät aufzuweisen; der wissenschaftliche Verkehr fällt somit eigentlich völlig weg; die wissenschaftlichen Hülfsmittel sind spärlich vorhanden; das vorhandene wird unregelmäßig administrirt; so erlahmt mancher, der den Hemmnissen nicht entgegenzutreten vermag, und wendet sich ganz den Vergnügungen und Zerstreuungen zu, denen der reiche Ort die Fülle bietet, denen zu folgen fast als Ehrenpunkt gilt. Ein beträchtlicher Theil der Zeit der Strebsamen wird noch durch administrative Geschäfte in Anspruch genommen, denn lange Gutachten werden beständig gefordert, damit man antworten könne: die Vorschläge seien nicht annehmbar. Zwei Ihrer Collegen: Hofmann 20 ) aus Erlangen und Thoel 21 ) sind berufen und werden, wie ich höre, kommen. Beiden will ich wünschen, daß ihre Erwartungen nicht zu hoch gespannt sind."


18) Hans Karl B., 1805-1879. A.D.B. 47, S. 233.
19) Georg Beseler, 1809-1888. A.D.B. 46, S. 445.
20) Joh. Christian Konrad v. Hofmann (1810-1877) wurde 1842 von Erlangen berufen, wo er seit 1838 Privatdozent in der theologischen Fakultät und 1841 zum a.o. Professor ernannt war. A.D.B. 12, S. 631.
21) Johann Heinrich Thoel, 1807-1884, in Lübeck geboren, seit Dezember 1829 Privatdozent in Göttingen, 1837 a.o. Professor daselbst, von Herbst 1842 bis 1849 Ordinarius in Rostock, dann wieder nach Göttingen zurück. A.D.B. 38, S. 47. - Stintzing-Landsberg, Gesch. der Jurisprudenz 3, 2 S. 626; 3, 3 S. 271.
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Wenn auch diese Betrachtungen über die wissenschaftliche Einstellung seiner Kollegen wohl in vorübergehendem Unmut niedergeschrieben waren und sicher über das Ziel hinausschossen, so blieb allerdings die Beschränktheit der Mittel bedauerlich. Aus einem Verzeichnis von Dubletten seiner Bibliothek, deren sich Rudolf Wagner zu entäußern wünschte, will Stannius für 139 1/2 Taler Bücher erwerben, nach denen er teilweise "Jahre lang vergeblich geangelt hatte". Der Betrag verringerte sich später um 5 Taler, da Wagner einige Bücher nicht zu dem vorgeschlagenen Preise ablassen wollte. Doch Stannius bekam weder den größeren, noch den kleineren Betrag zum Ankauf. Man mutete ihm zu, die Bücher auf seinen eigenen Namen zu kaufen, wozu er freilich, vermutlich weil er keinen anderen Ausweg sah, selbst angeregt hatte, und sicherte ihm zu, sie später zugunsten des Instituts ihm abzunehmen. "Ich eilte," schreibt Stannius am 30. März 1843, "damit zu unserem Vice-Kanzler 22 ) und stellte ihm den Antrag, er möge unsere Desideria für die Universitäts-Bibliothek übernehmen. Er erklärte es bei gänzlicher Erschöpfung der Casse vorläufig für unmöglich, genehmigte dagegen meinen Vorschlag, im Laufe von 1 1/2 Jahren durch außerordentliche Bewilligungen mir die Bücher wieder abzunehmen, wenn ich sie jetzt auf meinen Namen übernähme." Er nennt die Titel und fährt dann fort: "Nun möchte ich Sie bitten, mir diese Summe entweder auf den eben genannten Zeitraum oder wenigstens bis Ostern 1844 zu stunden, da ich sie sogleich zu erlegen außer Stande bin. Sollten Sie die Güte haben, auf meinen Vorschlag einzugehen, so würde ich Sie ersuchen, mir die Bücher baldmöglichst zu übersenden."

In demselben Sinne, voller Eifer die Büchersammlung zu erweitern und zu vervollständigen, schreibt er einige Wochen später, am 10. April 1843: "Für Ihre Bereitwilligkeit, mir oder vielmehr unserer Universitäts-Bibliothek einige Ihrer verkäuflichen Bücher unter den von mir proponirten Bedingungen abzulassen, sage ich Ihnen meinen herzlichsten Dank. Ich hoffe, der einliegende Schein wird Ihrem Verlangen gemäß ausgestellt sein. Auf die Bücher freue ich mich sehr; lieb wäre es mir freilich gewesen, wenn die "Annales des sciences naturelles" mitgekommen wären. Sollten Sie sie später abzustehen geneigt sein, so bitte ich sehr, meiner nicht zu vergessen.


22) Dr. Karl Friedrich v. Both.
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Blainville 23 ) und Swan 24 ) besitzen wir glücklicher Weise. Überhaupt ist für vergleichende Anatomie bei uns viel vorhanden, weil ich die mit in das Fach der Medicin hineinziehen kann, was bei der systematischen Zoologie und bei zoologischen Zeitschriften nicht angeht. Sie erwähnen den Agassiz 25 ), natürlich fehlt er uns; wieviel besitzen Sie von dem Werke und zu welchem Preise sind Sie geneigt, ihn abzustehen? Wollen Sie etwa noch andere, namentlich mit Abbildungen versehene Werke über systematische Zoologie verkaufen?"

War die Unzulänglichkeit der Universitätsbibliothek ein Übelstand, über den Stannius häufig klagen mußte, und der ihm bei seinem vorwärtsstrebenden Forscherdrang besonders lästig wurde, so blieben doch die Lichtseiten in der akademischen Wirksamkeit nicht aus. "Ich habe Aussicht," ließ er sich am 30. März 1843 vernehmen, "unserer Universität ein neues hochwichtiges Institut einzuverleiben: die jetzt in Schwerin bestehende Tierarzneischule. Sollte mir dies gelingen und sollte ich die Direktion gegen eine geringe jährliche Entschädigung erhalten, so würde ich mich in Rostock sehr glücklich fühlen und einen Wirkungskreis haben, den ich schwerlich je mit einem anderen vertauschen würde. Vorläufig bedarf es noch weitläuftiger Verhandlungen, um die Sache in den Gang zu bringen. Dies ganz unter uns."

Die Tierarzneischule in Schwerin, um die es sich vorstehend handelt, wurde 1825 eröffnet und war aus einer etwa 1815 in Carlshof bei Rostock errichteten Anstalt hervorgegangen. Ihr damaliger Direktor, Professor Steinhoff hatte sich, unbekannt aus welchen Gründen, für ihre Überführung nach Schwerin, wo sie dem Marstallamte unterstellt war, lebhaft interessiert. Er hatte dann eine Verordnung vom 27. April 1825 veranlaßt, nach der alle Tierärzte des Landes vom Di-


23) Ducrotay de Blainville, Henri Marie, Zoolog und Anatom, 1778-1850, seit 1812 Professor der vergleichenden Zoologie, Anatomie und Physiologie in Paris.
24) Theodor Schwann, Naturforscher, 1810-1882, geboren in Neuß, seit 1838 Professor der Anatomie in Löwen, 1848 in Lüttich und seit 1858 zugleich Professor der Physiologie ebenda. Starb in Köln.
25) Ludw. Joh. Rud. A., Naturforscher, 1807-1873, zuletzt Professor der Zoologie und Mineralogie in New-Cambridge (Massachusetts, Vereinigte Staaten). Louis A., Leben und Briefe, herausgegeben von Elisabeth Cary A., deutsch von Mettenius, 1886.
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rektor geprüft sein mußten. Nachdem Professor Steinhoff am 28. Februar 1843 gestorben war, wurde der Betrieb der Schule eingestellt, und die praktischen Tierärzte mußten nun ihre Ausbildung auswärts suchen, blieben jedoch verpflichtet, sich einer Prüfung in Schwerin zu unterwerfen. Der Augenblick für eine Rückführung der wichtigen Anstalt nach Rostock war somit sehr günstig. Die Prüfung der Tierärzte nahmen der Kreisphysikus und der Roßarzt am Marstall ab. Leider erreichte Stannius die Verwirklichung seines Wunsches nicht, und er hatte nur die Genugtuung, daß durch Verfügung vom 5. Juni 1845 er, sowie der Tierarzt Urban in Rostock, mit der Abnahme der Prüfung betraut wurden. Er war bereits von seiner akademischen Tätigkeit zurückgetreten, als am 15. Oktober 1863 die Prüfung der Tierärzte der Medizinalkommission in Rostock unter Zuziehung eines bewährten Tierarztes übertragen wurde. Die Bestrebungen des Privatdozenten Dr. Cohn in Rostock, die Tierarzneischule nach Rostock mit Angliederung an die Universität ins Leben zu rufen, hatten ebenfalls keinen Erfolg, weil die Medizinalkommission sich dagegen aussprach und die Kosten zu hoch schienen. Es bezeugt jedoch die Richtigkeit des Stanniusschen Wunsches, daß 1911, also lange nach seinem Tode, die Frage der Errichtung einer veterinärärztlichen Fakultät in Rostock von neuem aufgenommen wurde und wohl glücklich gelöst worden wäre, wenn nicht der Weltkrieg dazwischen gekommen wäre 26 ).

Nicht nur die Bibliothek, auch die Sammlung von Tieren und Präparaten für den akademischen Unterricht erweckten dauernd das Interesse von Stannius. Am 10. April 1843 schrieb er dem Freunde, der offenbar an allem, was in Rostock vor sich ging, Anteil nahm: "Unsere vergleichende anatomische Sammlung hat durch einen Chimpanzen wieder einen wertvollen Zuwachs erhalten; der Großherzog hatte auf einen Specialantrag von mir außerordentlicher Weise eine Summe zu seinem Ankaufe bewilligt. Thiere erlangen sich leichter als Bücher. Aber leider stehen alle unsere Schätze in buntester Unordnung auf dem Boden, der Diele, in Zimmern und Kellern. Alles harrt der Vollendung des neuen für das Museum bestimmten Gebäudes, das hoffentlich Ostern 1844 bezogen werden kann. Ich freue mich sehr darauf, Alles hübsch aufgestellt zu sehen und allseitig benutzen zu können."


26) Gef. Mitteilung des Herrn Ministerialrat Jörn in Schwerin.
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Als Stannius im Herbste 1837 in Rostock eintraf, stand das Institut für vergleichende Anatomie und Physiologie auf dem Papier. Überhaupt sah es mit den zum Studium der Naturwissenschaften bestimmten Instituten, obwohl seit den 30er Jahren ein Umschwung sich gezeigt hatte, recht trübselig aus. Die naturhistorische Sammlung war 1832 durch Professor Strempel im Weißen Colleg neu aufgestellt, dem mathematischen und dem physikalischen Kabinett je ein besonderer Raum zugewiesen und 1834 das Chemische Laboratorium gegründet worden 27 ). Stannius schuf nun Mitte 1838 sein Institut, indem das Naturhistorische Museum die wenigen zootomischen Präparate und zum Skelettieren sich eignenden, in Alkohol aufbewahrten Wirbeltiere abgab. Es wurde in einem Mietshause, in dem Stannius selbst wohnte, untergebracht.

Daß der eifrige Forscher sich dabei nicht beruhigen konnte, lag auf der Hand, und er wählte das richtige Mittel, um Interesse für sein Fach zu erwecken. Er gab im Jahre 1840 einen Bericht heraus, der eine wissenschaftliche Abhandlung enthielt, über die neue Schöpfung sich aussprach und schließlich die inländischen Ärzte zur Einsendung von Präparaten aufforderte. Infolgedessen fühlten sich nicht nur die Inländer bewogen, dem Wunsche zu entsprechen, sondern auch die Universitäten zogen über das in Rostock geschaffene Institut Nachrichten ein. So kam Stannius zu dem Institute, das ihn in seiner Geringfügigkeit auf die Dauer freilich nicht befriedigen konnte.

Erst 1840 wurde das dem Weißen Colleg benachbarte, dem Kloster zum Heil. Kreuz gehörige, am Blücherplatz gelegene Grundstück angekauft und auf ihm ein Gebäude errichtet, das sämtlichen naturwissenschaftlichen Instituten zweckmäßige Räumlichkeiten bot. Damals bekam auch das vergleichende anatomisch-physiologische Institut ein Arbeitslokal in einem hinter dem westlichen Ende des Weißen Collegii erbauten kleinen Gebäude 28 ). Im Herbste 1844 wurde dann das neue Museum der Benutzung übergeben. Im südlichen Saale


27) Herm. Karsten, Zur Geschichte der naturwissenschaftlichen Institute der Universität Rostock. Rektorats-Programm, 1846, S. 3 und 4.
28) Max Braun, Zoologie, vergleichende Anatomie usw. bei den Universitäten Bützow und Rostock. Rostock 1891. Als Manuskript gedruckt. S. 33 ff. A. F. Lorenz, Die Universitäts-Gebäude zu Rostock und ihre Geschichte. Rostock 1919.
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des zweiten Stockwerks des großen Gebäudes kam die Abteilung der zoologischen Sammlung, die die Wirbeltiere aus der Klasse der Amphibien und Fische und die wirbellosen Tiere umfaßte, zur Aufstellung. Die südliche Seite des dritten Stockwerks wurde der anatomisch-physiologischen Sammlung eingeräumt, und dort wurden auch die Vorlesungen gehalten 29 ).

Für die Bibliothek hatte er die Freude, die zuerst schmerzlich vermißten "Annales" doch noch erwerben zu können. Darüber schrieb er am 5. Mai 1843: "Ihr Anerbieten, uns auch die "Annales des sciences naturelles" überlassen zu wollen, hat mich sehr erfreut, und ich übersende Ihnen hiermit den gewünschten Empfangsschein. Leider wird vorläufig wohl schwerlich mehr zu erreichen sein, da die Mittel der Universitäts-Casse in der That völlig erschöpft sind. So gerne ich selbst mir Mancherlei anschaffte, muß ich es doch unterlassen, da ich von meiner Einnahme bei dem theuren Leben in Rostock auch gar nichts dazu erübrigen kann."

Indes Stannius hatte nicht nur Interesse für Bücher und Sammlungen, er hatte auch ein warmes Herz für die neu berufenen Kollegen und verfolgte mit lebhaftem Anteil ihr Einleben. Am 10. April heißt es: "Thoel und Hofmann scheinen sich hier sehr gut zu gefallen. Hofmanns kommen zum Jubiläum nach Erlangen, wo Sie sie wohl sehen werden. Sie gefallen hier sehr. Thoel macht zum Heirathen noch keine Anstalt, er hat im Laufe des Winters viel getanzt, besucht sehr regelmäßig das Theater, arbeitet am zweiten Theile seines Handelsrechtes und scheint es nicht zu bereuen, nach Rostock gekommen zu sein. Daß er einen vortrefflichen Weinkeller besitzt und einen liebenswürdigen Wirth macht, wenn es darauf ankömmt, mit Austern zu tractiren, kann ich bezeugen. Die Geister seiner Weine spucken noch in meinem Körper, - daher die Confusion dieses Briefes."

Etwas später, am 30. September 1843, berichtet er dann, daß Thoel anderen Sinns geworden, sehr bald dem Beispiel Vogels gefolgt sei und sich verlobt habe. Mit wem, unterläßt er zu schreiben.

Die Teuerung in Rostock befremdet ihn, da sie ihn hindert, die kostbaren Bücher zu erwerben, deren er für seine wissenschaftliche Arbeit bedarf. Es ist ihm ein Trost, daß auch der


29) H. Karsten, a. a. O., S. 8.
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Kollege Hofmann "nicht wenig verwundert über die hiesige Theuerung" sich ausgesprochen. Dennoch ist er gastfrei und lädt zum 15. Oktober 1843 Rudolf Wagner und seine Frau zu sich nach Rostock ein. "Es soll mich sehr freuen, Sie im nächsten Jahre hier zu sehen; ich rechne aber mit Bestimmtheit darauf, daß Sie und Ihre Frau Gemahlin einige Tage bei uns verweilen, d. h. in meinem Hause wohnen. Die See ist auch von Warnemünde aus aufs Schönste in Augenschein zu nehmen. Rostock war im vorigen Sommer von Fremden besucht wie nie zuvor. Baum 30 ) aus Greifswald, war zweimal hier; Michaelis 31 ) aus Kiel, Valentiner 32 ) aus Kiel, viele Berliner Ärzte, Hornschuch 33 ), Kröger 34 ) aus Kopenhagen, Elvers 35 ), Beseler 36 ) und viele andere stellten sich der Reihe nach ein. Flemming 37 ) aus Schwerin präsidierte in einer Versammlung der Mecklenburgischen Ärzte, die meinem Institute eine außerordentliche Unterstützung von 100 Thalern votiert haben."

Auf die Vergrößerung und Erweiterung der Bibliothek und der Sammlungen bleibt Stannius beständig bedacht. Er macht sich zum Vermittler des Wunsches des Kollegen Karsten 38 ), der Agassiz, Poissons fossiles, für die Universitätsbibliothek zu erwerben wünschte. Ausnahmsweise konnte die Zahlung sogleich geleistet werden, da für das betreffende Fach noch Kassenvorrat vorhanden war. Die Werke von Carus und

der Rechte in Rostock. A.D.B. 46, S. 445. Erlebtes und Erstrebtes, Berlin 1884.


30) Wilhelm Baum, 1799-1883, seit 1842 o. Professor der Chirurgie in Greifswald, später in Göttingen. A.D.B. 46, S. 250.
31) Gustav Adolf Michaelis, 1798-1848, seit 1841 o. Professor der Gynäkologie in Greifswald. A.D.B. 21, S. 679.
32) Vielleicht Georg Theodor Valentiner gemeint, 1820-1877, der 1843 in Kiel Dr. med geworden war und später Oberarzt der Schleswig-Holsteinischen Marine wurde.
33) Christian Friedrich Hornschuch, 1793-1850, o. Professor der Botanik in Greifswald. A.D.B. 13, S. 158.
34) Kroeger, nicht nachweisbar, wer gemeint.
35) Christ. Friedr. Elvers, 1777-1858, von 1828-1841 o. Professor der Rechte in Rostock. A.D.B. 6, S. 75.
36) Georg Beseler, 1809-1888, von 1837-1842 o. Professor
37) Karl Friedr. Flemming, 1799-1880, dirigierender Arzt der Heilanstalt Sachsenberg bei Schwerin seit ihrer Eröffnung im Jahre 1830. Blanck-Wilhelmi, Nr. 473. Willgeroth, S. 340.
38) Hermann K., 1809-1877; seit 1836 Professor der Mathematik und Physik in Rostock.
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d'Alton 39 ), die Wagner offenbar auch in der Lage war abgeben zu können, besaß die Universitätsbibliothek bereits. ..."Überhaupt sind wir an comparativ-anatomischen Werken im ganzen reich; nur das Fach der Zoologie ist verwaiset. - Den "Naumann" hätte ich äußerst gerne; im vorigen Jahre wurde uns ein schönes Exemplar von Finke in Berlin angeboten zu 94 Thaler pr. Cour.; es war aber leider kein Geld in Cassa."

Die Zahlung konnte dann leider doch nicht, wie in dem Briefe vom 15. Oktober 1843 in Aussicht gestellt, sofort erfolgen, sondern erst im April des folgenden Jahres. "Die Zahlung für Agassiz," heißt es in einem Briefe vom 6. April 1844, "ist erfolgt. Wir bitten Sie um Übersendung der beiden letzten Hefte. Die Zahlung für die übrigen Bücher hat in diesen Tagen stattgefunden; ich habe das Geld erst vorgestern erhalten und sogleich dem zweiten Bibliothekar, Baron Nettelbladt, zur Absendung an Voß übergeben; ob es abgeschickt ist oder nicht, weiß ich nicht; gestern sagte mir N., es sei kein preuß. Courant am Orte zu haben. Ich möchte Sie ersuchen, mir sogleich nach Empfang der Anzeige von Ankunft des Geldes eine Quittung auszustellen, die ich, da das Geld eine Extra-Bewilligung ist, bei der Regierung einreichen muß."

Über die Sammlungen berichtet er im Oktober 1843: "Sie machen schöne Fortschritte; neben dem Chimpanzen habe ich jetzt auch einen Orang-Utang aufzuweisen." So große Freude ihm deren Vergrößerung bereitete, so stimmte doch die wachsende, mit ihrer Ausdehnung verbundene Arbeitslast ihn gelegentlich traurig. Sie hält ihn von der Vollendung begonnener Untersuchungen ab. "Eine ganze Reihe von Aufsätzen liegt unvollendet da und immer kömmt Neues," schreibt er am 7. November 1844, "das mich abzieht, da es augenblicklich absolvirt sein will. Es ist eine eigne Lage, eine große Sammlung gründen sollen und in Ermangelung eines Assistenten überall selbst Hand anlegen müssen. Da vergehen ganze Tage mit technischen Arbeiten. Bis Ostern muß außerdem ein Grundriß der vergleichenden Anatomie der Wirbelthiere vollendet sein." Mit dem Chirurgen Neese, den er infolge der Zuwendung der Mecklenburgischen Ärzte hatte einstellen können, war er zunächst zufrieden, bald aber beschwerte er sich über die Unzuverlässigkeit

Jahrbuch des Vereins f. mecklb. Gesch. LXXXXIII.


39) Eduard d'Alton, 1803-1854, seit 1834 Professor der Anatomie in Halle.
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des Assistenten und Aufwärters. Seufzend klagt er im Jahresbericht für 1843/44 über "beständige Unreinlichkeit des Arbeitszimmers, Abwesenheit des Aufwärters, mangelhafte Verpflegung der Thiere, absichtliche Verstümmelung der Scelete, Fortschaffen von Präparaten und Instrumenten" 40 ). Und einige Jahr später heißt es in einem Briefe vom 9. Dezember 1849: "Man ist hier in Rostock in Bezug auf die neuesten literarischen Erscheinungen in trauriger Lage; sie kommen leider oft sehr spät, auch wohl gar nicht. Überhaupt fehlt Communication. So bleibt Manches liegen, weil man nicht sicher weiß, ob wirklich neu, oder in Verlegenheit geräth, wenn es mitzutheilen sein dürfte." So erklärt er, daß er erst im Dezember 1849 seine Schrift über das peripherische Nervensystem der Fische, die schon vor Jahren erscheinen sollte, überreichen kann. Sie ist als Rektoratsprogramm erschienen. Das Titelblatt hat bei seinem Namen den Zusatz: d. 3. Rektor. Das Vorwort datiert vom Oktober 1849 und bringt den Dank zum Ausdruck, daß es ihm an seinem Wohnsitze, der derartige Forschungen begünstige, gelungen sei, die Arbeit zu vollenden. "Die folgende Arbeit", heißt es, "ist das Ergebnis langjähriger, aber häufig durch anderweitige Studien und Berufsgeschäfte unterbrochener Forschungen, deren Versuche sich durch den für ichthyologische Untersuchungen so trefflich geeigneten Wohnort des Verfassers begünstigt ward."

Zu alledem kam, daß früh sich Vorboten der schweren Krankheit, die ihn später heimsuchte, geltend gemacht haben müssen. Nachdem vom 5. Mai 1843 an der Briefwechsel einige Monate geruht hatte, läßt er sich am 30. September folgendermaßen vernehmen: "Nach langer Unterbrechung unseres Briefwechsels, die zum theil durch überhäufte Geschäfte, zum theil durch anhaltendes Kränkeln herbeigeführt war, komme ich endlich wieder zum Schreiben." Und im November desselben Jahres glaubt er den Vorschlag Wagners, die Nerven-Physiologie für sein Handbuch bearbeiten zu wollen, ablehnen zu müssen, sofern der Ablieferungstermin des Manuskripts auf Pfingsten 1844 festgesetzt wäre. Auch wegen eines anderen Beitrages, mit dem er im Rückstande geblieben war, entschuldigte


40) M. Braun, Zoologie, vergleichende Anatomie und die entsprechenden Sammlungen bei den Universitäten Bützow und Rostock. Rostock 1891. S. 35. Als Manuskript gedruckt.
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er sich: "Sie müssen es mir nicht übelnehmen, wenn ich auch mit dem Artikel "Lebensperioden" im Rückstande bleibe; im vorigen Winter hätte ich ihn gerne geliefert, da fehlte es weder an Zeit noch an Kräften. Jetzt habe ich noch mit ernsten Nachwehen meiner letzten Krankheit zu kämpfen, und dabei lasten andere Arbeiten sehr auf mir." Er hat dann tatsächlich für das Handwörterbuch der Physiologie, von dem 1842 der erste Band ausgegeben wurde, nicht mehr als den Beitrag "Fieber" (S. 481-484) geliefert.

In geradezu düsterer Stimmung aber schreibt er am Weihnachtsabende 1844 dem verehrten Freunde: "Mir ist's traurig ergangen, seit ich meinen letzten Brief an Sie schrieb; sonst würde ich prompter in Beantwortung Ihrer später empfangenen Zeilen gewesen sein. Das fortdauernde Kränkeln, dem ich seit der Mitte des vorigen Sommers ausgesetzt war, hat eine Verstimmung des Gemüthes nach sich gezogen, die mich zu jeder ernsten Thätigkeit lange Zeit unfähig machte, und die ich noch immer nicht ganz zu überwinden vermag. Die völlig divergirenden Urtheile zweier consultirten Ärzte über den Grund meines Krankseins führten ein dumpfes Grübeln über meinen körperlichen Zustand herbei und widerwärtige Berührungen von außen her mußten natürlich diesen Unmuth und die damit verbundene Reizbarkeit aufs höchste steigern. Wenn ich nun auch mehr und mehr einsehe, daß die von einem meiner Ärzte und mir selbst gehegten Befürchtungen übertrieben und vielleicht selbst grundlos waren, so bin ich doch immer noch nicht in der Fassung, irgend eine Arbeit zu unternehmen. Dazu fehlt aller Muth. Ich muß Sie daher dringend bitten, mir vorläufig die versprochenen Artikel zu erlassen, denn Sie glauben nicht, wie der bloße Gedanke daran gegenwärtig mich noch peinigt. Später wirds wieder gehen. Wählen Sie die Überschrift "Perioden des Lebens" oder "Umlauf des Lebens", dann kann ichs nach einigen Monaten bearbeiten. Denn wenn ich jetzt wieder anfange, thätig zu sein, so ist's die vergleichende Anatomie, der ich mich zuwende, und von der schon im Herbste 6-7 Bogen vollendet waren." Am Schlusse dieses Briefes aber heißt es: "Es ist ein trauriges Loos, im äußersten Winkel Deutschlands zu sitzen, wo jedes selbständige wissenschaftliche Organ fehlt, und es auf die Gnade eines fremden Potentaten ankommen lassen zu müssen, ob eine Mittheilung zu tage gefördert werden soll oder nicht."

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Mehrere Jahre verstrichen, ohne daß Briefe gewechselt wurden. Nach dem Briefe vom 6. April 1844 liegt ein kürzerer Brief erst wieder vom 9. Dezember 1849 und ein sehr ausführlicher vom 1. Februar 1850 vor. Es hatte sich zwischen beiden Fachgelehrten eine Spannung entwickelt, die das Freundschaftsverhältnis zu ersticken drohte. Stannius hatte bei seinen Studien über die vergleichende Anatomie, der er sich immer mit besonderer Neigung zuwandte, Rud. Wagners Lehrbuch der vergleichenden Anatomie benutzt, das 1834/35 ausgegeben war, und dabei gleich anderen Forschern es als einen Mangel empfunden, daß keine neue Auflage den mittlerweile erreichten höheren Stand der Wissenschaft berücksichtigt hatte. Unter diesem Eindrucke hatte er Wagner nahegelegt, eine neue Auflage in Angriff zu nehmen, für die er ihm in uneigennütziger Weise die Ergebnisse seiner bisherigen Forschungen zur Verfügung gestellt hatte. Wagner hatte jedoch dankend abgelehnt und sich dahin geäußert, daß er von einer neuen Auflage absehe. Daraufhin hatte Stannius sich mit Siebold verständigt und mit ihm zusammen ein Lehrbuch der vergleichenden Anatomie in Angriff genommen. Während dieses Buch in Arbeit war - der zweite Teil erschien unter dem Titel "Lehrbuch der vergl. Anatomie, Wirbelthiere", Berlin 1846 -, besann sich Wagner anders und ließ unter dem Titel "Lehrbuch der Zootomie" zum größten Erstaunen von Stannius in den Jahren 1843-47 eine zweite Auflage erscheinen. In ihr fand Stannius einige veraltete Anschauungen, die durch seine eigenen Beobachtungen, die Wagner unberücksichtigt gelassen hatte, widerlegt worden waren. Im Unmute darüber hatte er sich in einer Wagner offenbar verletzenden Auseinandersetzung seines eigenen Lehrbuches über dessen irrtümliche Auffassung geäußert. Wagner hatte ihn deswegen zur Rede gestellt, und in dem eingehenden Briefe vom 1. Februar 1850 wurde nun die Differenz in freundschaftlicher Weise beglichen. Man setzte sich freimütig sachlich auseinander, und die Fortdauer der Freundschaft und des Sachverständnisses für die beiderseitigen Forschungsergebnisse war nicht in Frage gezogen. In diesem Briefe nimmt Stannius auf seinen leidenden Zustand mehrfach Bezug. Die heftigsten Neuralgien hätten ihn heimgesucht und alles habe ihn, der "damals schwer krank gewesen", irritiert.

Wie ihn sein ehrlicher Wahrheitssinn schnell zu einer Aussöhnung mit Wagner kommen ließ, so hatte er auch das Be-

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dürfnis, sich anderer anzunehmen und für andere einzutreten. Aus irgendeinem Grunde war Thoel, der mittlerweile nach Göttingen übergesiedelt war, zu Wagner in ein Mißverhältnis geraten. Stannius bedauerte es und fügte hinzu: "Ich habe Thoel hier sehr lieb gewonnen, und es hatte sich zwischen uns ein sehr inniges Verhältnis gebildet. Wir sahen uns täglich. Was um so eher geschehen mußte, als auch unsere Frauen vollständig miteinander harmonirten. Hoffentlich werden Ihre Differenzen bald und leicht ausgeglichen sein." Gern hätte Stannius Göttingen besucht, wohin "Sie, Thoel, Baum 41 ), Hansen 42 ), Ribbentropp 43 ) und Andere ihn zogen". Er sah jedoch kaum die Möglichkeit zu einer solchen Reise, "indem ich, wenn überhaupt eine solche möglich sein wird, an eine Seeküste eilen werde, die mir größere Ausbeute verspricht, als unsere verhältnismäßig sehr arme Ostsee".

Eine Hiobspost konnte er sich nicht enthalten am Schluß dem Fachgenossen mitzuteilen, wenn sie auch zunächst an Schrecken verloren hatte. Sie betraf die drohende Schließung der Universität. "Unserer Universität wurde eine Zeit lang mit Aufhebung gedroht. Die Gefahr ist - Dank sei unserem Großherzoge - wenigstens vorläufig vollkommen beseitigt. Die zu Ostern vakant werdende chemische Professur ist denn auch durch Professor Schulz 44 ) aus Greifswald glücklich, und wie ich hoffe, sehr gut wieder besetzt worden. Ich habe harte Kämpfe in dieser Angelegenheit mit unserem Ministerium mit großem Erfolge durchgekämpft, bin aber auch abgespannt und kränkelnd von meiner Mission nach Schwerin zurückgekehrt. Mich greifen dergleichen Dinge immer auch körperlich an." Der Grund, daß Stannius in die Berufung eines Mitgliedes der philosophischen


41) Baum war im Frühjahr 1849 von Greifswald nach Göttingen übergesiedelt.
42) Sollte der Nationalökonom Georg Hanssen, 1809-1894, gemeint sein, der seit 1848 o. Professor in Göttingen war.
43) Georg Julius Ribbentropp, 1798-1874, seit 1832 o. Professor des Römischen Rechts in Göttingen.
44) Franz Ferdinand Schulze (nicht Schulz, wie Stannius schreibt), 1815 in Naumburg geboren, starb als Professor in Rostock schon am 14. April 1873. Ursprünglich der Theologie, dann den Naturwissenschaften, insbesondere der Zoologie zugewandt, wurde er Assistent in Eilhard Mitscherlichs Laboratorium und seit 1837 Lehrer der Chemie und Physik an der Akademie zu Eldena und gleichzeitig Privatdozent in Greifswald. A.D.B. 34, S. 750.
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Fakultät so stark eingriff, dürfte wohl darin gelegen haben, daß er seit dem Sommersemester 1850 die Rektoratsgeschäfte führte. Im Index Lectionum in Academia Rostochiensi ist er erstmalig im Sommersemester 1850 als Rektor geführt. Aber schon am 5. März 1850 berichtete er von den Rektoratsgeschäften, daß sie "ganz ungewöhnlich groß, weitläuftig und zeitraubend" seien. Im Frühjahr 1850 folgte Franz Ferdinand Schulze, der seit 1837 als Privatdozent und bald darnach als außerordentlicher Professor für Chemie und Technologie angestellt war, dem Rufe nach Rostock als ordentlicher Professor für Physik, Chemie und Pharmacie. Demnach muß Stannius schon vor dem Antritt des Rektorats mit der Berufung amtlich zu tun gehabt haben. Sonst hätte er auch nicht ihretwegen in Schwerin sein müssen. Eine Reise dorthin war in jenen Tagen keinenfalls so bequem wie heute, und demnach war seine körperliche Angegriffenheit erklärlich. In demselben Briefe äußert sich Stannius übrigens in höchst charakteristischer Weise über sich selbst: "Ich bin weder rasch in Publicationen, noch sehe ich auf Andere herab oder bin mir der Schwächen meiner nicht bewußt. Der Brief, den ich an die Uebersetzer meiner vergleichenden Anatomie geschrieben, ist beinahe heftig und grob ablehnend, weil ich mich schäme, daß sie 5 Jahre nach ihrem Entstehen in alter Gestalt und mit solchen Lobhudeleien versehen in die Welt tritt. Von demjenigen, was ich entschieden Neues geliefert, mag ich allerdings gerne, daß es als solches anerkannt und nicht umgangen werde, oder so angeführt, als fände ein blindes Huhn auch einmal eine Erbse. Ich könnte Ihnen Beispiele von unverdientem Lobe, wie auch von unverdientem Tadel und Aehnlichem genug aufweisen. Sie werden mir indessen schwerlich nachweisen können, daß ich in öffentliches Gezänke solcher Art mich je eingelassen habe. Manchmal ärgere ich mich aber wirklich über Angaben, die mir aus der Luft gegriffen scheinen, wie sie z. B. in den Arbeiten von Valentin 45 ), Budge 46 ),


45) Gabriel Gustav Valentin, 1810-1883. Professor der Physiologie in Bern seit 1836, wo er 45 Jahre segensreich als Forscher und Lehrer wirkte.
46) Ludwig Julius Budge, 1811-1888. Seit 1842 Privatdozent in Bonn für Anatomie und Physiologie, seit 1847 daselbst Extraordinarius. A.D.B. 47, S. 337.
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Harleß 47 ), meiner auf wiederholte Prüfungen sich stützenden Ansicht nach, genug vorkommen. Ich habe in meinen Tagebüchern Material genug, um gegen gewisse Versuche von Valentin und Budge, wie gegen andere von Harleß, ganz umfassende Aufsätze zu schreiben. Aber was wäre im Grund damit genützt?"

Für seine Studien fand Stannius nicht immer den geeignetsten Boden. Am 26. März 1850 beklagt er, sich kein ausreichendes Material verschaffen zu können, und entschuldigt sich bei Wagner, ihm nichts Reiferes und Abgeschlossenes auf neurologischem Gebiete überweisen zu können. "Leider bin ich auch nicht um einen Schritt weiter gelangt, als ich es bereits im Mai vorigen Jahres war. Der Grund davon ist einfach folgender: im Winter hatte ich wenig Neigung, die begonnenen Untersuchungen fortzusetzen, und jetzt, wo es seit Wochen weder an Zeit noch an Lust gebricht, mangelt es an allem geeigneten Materiale. Nur in den 3 Frühlingsmonaten April, Mai und Juni kann ich zu solchen Fischen gelangen, die mir besonders geeignet zu dergleichen Arbeiten erscheinen. Wenn ich auch jetzt täglich auf den Markt schicke, erhalte ich nichts, was mir brauchbar wäre; immer erfolgt die Antwort: der Wasserstand sei zu hoch, an den Küsten werde nicht gefischt, weil Alles mit Ausrüstung der Seeschiffe beschäftigt sei, und jetzt, wo die Warnow mit dünnem Eise belegt ist, ist sogar die Communication mit Warnemünde gehemmt. Die Zeit des Ueberflusses wird bald genug kommen, vielleicht aber erst dann, wenn Vorlesungen und Sitzungen wieder begonnen haben, denn unsere Ferien sind jetzt den Ihrigen ganz conform. So muß ich mich schon gedulden, so gerne ich immer wieder an die Arbeit ginge." Und 5 Tage später, am 31. März 1850, drückt ihn wieder die Enge der kleinen Hochschule. Er hat keinen guten Zeichner zur Verfügung. Dankbar erkennt er an, daß seine Frau 48 ) ihm hilft, aber sie vermag es nicht bei mikroskopischen Objekten, zumal seine eigenen Skizzen allzu


47) Kann Johann Christian Friedrich Harleß, 1773-1853, gemeint sein? Seit 1818 Professor der Medizin in Bonn und viel beschäftigter Arzt. Sein "Versuch einer vollständigen Geschichte der Hirn- und Nervenlehre" erschien deutsch 1801. A.D.B. S.10, S. 605.
48) Frau Berta Stannius, geb. Fromm, starb 7. Mai 1905 im 87. Lebensjahre.
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dürftig seien. "Dann kann ich auch zu wenig frei über meine Zeit disponieren, um zu einem bestimmten Termine eine größere Arbeit zu liefern. Ich muß immer auf alle möglichen Störungen gefaßt sein, und auf Hülfe kann ich von keiner Seite her rechnen. Ich habe keinen Prosector, keinen Assistenten, nicht einmal einen für gröbere Arbeiten brauchbaren Aufwärter, und nur selten findet sich ein Studirender, der ein halbes Interesse für Zootomie und Physiologie hätte. Das sind die Nachtseiten der kleinsten deutschen Universität! Es hat lange innere Kämpfe gekostet, bis ich die gehörige Resignation gefunden und über all den Schattenseiten auch manche Lichtseiten des Hierseyns erkannt und mich mit ihnen befreundet habe. Infandum regis jubes renovare dolorem!"

Bei alledem hing er an der Hochschule, deren Gedeihen seine ganze Kraft und Liebe gewidmet war. Es klingt wie ein Triumphschrei, als er 26. März 1850 schreibt: "Unsere Universität, deren Fortbestand zweifelhaft war, ist gerettet. Ich habe ein Paar Reisen nach Schwerin nicht scheuen dürfen, und gewisse Pläne sind als gescheitert zu betrachten. In wenigen Tagen erwarten wir zwei neue Professoren, den Juristen Budde 49 ) aus Halle und den Chemikar Schultze aus Greifswald. Auf letzteren freue ich mich besonders. Sein Vorgänger Blücher 50 ) war ein vortrefflicher Mensch und College, aber zu sehr mit seinem großen Gute beschäftigt, als daß er anderen Interessen sich hätte zuwenden können. Es ist wieder eine juristische Professur vakant. Würde Ihr Zachariae 51 ) zu haben sein? Würde er allzu hohe Bedingungen aufstellen? Er soll in Hannover nicht besonders angesehen sein. Bitte lassen Sie diese Angelegenheit aber vorläufig ganz unter uns. Würde Zachariae wirklich zu kommen geneigt sein, so könnte ich jetzt sehr thätig dafür sein."


49) Johann Friedrich B., erscheint erstmalig im Index lectionum f. d. S.-S. 1850.
50) Hans Helmuth Friedrich v. B., 1805-1862. Von 1831 bis 1850 Professor der Chemie und Pharmazie in Rostock; dann Gutsbesitzer von Wasdow.
51) Heinrich Albert Zachariae, 1806-1875. Seit 1842 o. Professor des Staatsrechts und Kriminalprozesses in Göttingen. A.D.B. 44, S. 617.
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Die zeitlich nun folgenden Briefe sind rein fachwissenschaftlicher Natur. Am 13. Mai 1850 heißt es: "Ich habe jetzt vollauf zu thun, da es an Fischen nicht mangelt. Diese Zeit muß benutzt werden, denn sie ist leider von kurzer Dauer. Fast war ich entschlossen, Sie zu Pfingsten zu besuchen. Ein Schwager Thoel's hatte mich dringend gebeten, mit ihm unsern schreibfaulen Freund zu überraschen, und ich hatte schon zugesagt, als ein Besuch, der sich mir ankündigte, den Plan vereitelte."

Im Herbst kam es doch zu einer Erholung. Die Reise führte auch nach Göttingen, wo ihm viele Beweise entgegenkommender Güte von Rudolf Wagner und seiner Frau zuteil wurden. Dafür dankte er am 4. Oktober desselben Jahres in einem Briefe, der deswegen besonders anziehend ist, weil er über seine Wünsche und Hoffnungen sich äußert. Es scheint, als ob Wagner ihm einige Aussicht zu einer Professur in Göttingen eröffnete. Vielleicht war damals davon die Rede, daß Wagner nach München berufen werden sollte. Denn für ihn und Stannius gleichzeitig war kaum die Möglichkeit gegeben. "So wäre ich denn heimgekehrt in mein stilles Rostock", schreibt er am genannten Tage, "und bewege mich wieder in den gewohnten Verhältnissen. Die Reise hat einen äußerst wohlthuenden Eindruck auf mich gemacht und hätte nur freundliche Erinnerungen mir hinterlassen, wäre sie nicht zuletzt noch durch den Unfall meines Hermann 52 ) etwas getrübt worden. Der arme Junge hat sich den Fuß verstaucht und muß noch immer ruhen. Indessen gehts heute schon bedeutend besser. - So viele deutsche Universitäten ich bis jetzt auch näher kennen gelernt habe, - nirgends haben mich alle Verhältnisse so angesprochen als in Ihrem freundlichen Göttingen. Ich wiederhole Ihnen, was ich bereits früher ausgesprochen, Ihre Universität hat, meiner vollsten Überzeugung nach, eine reiche schöne Zukunft zu erwarten. Sie wird, sie muß mehr noch erlangen, als sie jemals hatte. Wie ganz anders bei Ihnen, als auf den preußischen Universitäten, als in Heidel-


52) Der älteste, 1842 geborene Sohn, der nach vollendetem juristischem Studium sich der Konsulatslaufbahn zuwandte und längere Zeit Generalkonsul des Deutschen Reichs in Smyrna war. Er starb 1912. Rostocker Anzeiger vom 25. September 1912. Willgeroth, S. 256.
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berg, als in Würzburg und München. Sie haben die tüchtigsten Lehrkräfte, die nicht durch anderweitige Ansprüche zersplittert werden, die nicht auf die Bahnen falschen Ehrgeizes abgelenkt werden, die allein auf Lehre und Wissenschaft sich concentriren. Sie besitzen wissenschaftliche Anstalten, zum Theil großartig, zum Theil ausreichend für Unterricht wie für eigene Forschungen. Ihre Universität behauptet dem Ministerium wie dem Lande gegenüber eine würdige Stellung. Das Alles ist ausreichend, Ihnen Ihren Rang anzuweisen, und, wie die deutschen Verhältnisse liegen, Sie werden ihn unbestritten behaupten. Daß bei solchen Eindrücken unsere letzte Unterredung zehnmal und hundertmal schon in meinem Kopfe sich wiederholt hat, daß manches Ihrer Worte hin und her gedeutet ist, werden Sie begreiflich finden. Aber selbst auf die Gefahr hin, sie falsch verstanden, irrig gedeutet zu haben, wiederhole ich Ihnen, daß ich mich äußerst glücklich schätzen würde, in Ihrem Kreise zu wirken, daß ich gewisse Opfer, die ein Verlassen und Aufgeben meiner gegenwärtigen Verhältnisse nothwendig nach sich ziehen müßte, nicht scheuen würde, falls es mir vergönnt sein könnte, Ihnen anzugehören. Sie werden mich nicht mißverstehen; es sind nicht äußere Verhältnisse, die mich locken; es ist das Verlangen, einer Universität im eigentlichsten Sinne des Wortes eingegliedert dort zu werden."

Leider mußte dieser Wunsch unerfüllt bleiben. Wagner kam nicht nach München und die Stelle des vergleichenden Anatomen und Zoologen wurde anders besetzt. Offenbar kam es Stannius damals nicht darauf an, Rostock verlassen zu können, weil es ihm dort nicht behagte. Vielmehr blieb er der Hochschule, die ihn aus seiner anstrengenden praktischen Tätigkeit für die Wissenschaft gewonnen hatte, dankbar verpflichtet und unterließ nichts, was ihm in seiner Lage möglich war, namentlich in der Zeit seines Rektorats, zu ihrer Hebung beizutragen. Das Schicksal der Universität lag ihm immer am Herzen. Aber die Begrenzung der Möglichkeit zu wissenschaftlicher Betätigung erlaubte ihm nicht, seine Fittige so zu entfalten, wie er es sich wünschte. Das Ministerium mußte mit den knappen zur Verfügung stehenden Mitteln haushalten. Erst sehr viel später, als die Stände die Bedeutung der Universität für das ganze Land richtiger würdigen lernten, entschlossen sie sich, den landesherrlichen Mitteln entgegenzukom-

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men und sie durch ihre finanzielle Mithilfe zu verstärken. Dadurch wurde ein Aufschwung des medizinischen Unterrichts möglich in neu errichteten schönen Kliniken, die Stannius seiner Zeit vermißte. 53 ) Daß Stannius nicht um jeden Preis Rostock aufzugeben geneigt war, beweist sein Brief vom 5. Novbr. 1850 als Antwort auf eine Aussicht, nach Breslau berufen zu werden, die ihm Rudolf Wagner erschlossen hatte. Göttingen blieb sein Ideal. Die Hoffnung auf Breslau beglückte ihn nicht, und die Zumutung, sich um die dortige Professur zu bewerben, wies er weit von sich. "Ihr letzter Brief hat gewisse Hoffnungen, welche zu nähren ich anfing, verscheucht. Gerade die mögliche Aussicht, der vergleichenden Anatomie, in Verbindung mit Zoologie, ausschließlich mich widmen zu können, gerade der Wunsch, es in Göttingen zu können, waren es, die mich hoben, aufregten und zu jenem Briefe vermochten. Ich dachte es mir schön, an einer Universität, wie Göttingen, zu wirken, wo so viele edle Kräfte versammelt sind. Sie eröffnen eine entfernte Aussicht auf Breslau; Sie ermuntern zu direkten Schritten. Nach reiflicher Überlegung werde ich dies keinenfalls thun. Bewirbt man sich um eine solche Stelle, so muß man, meiner Ansicht nach, die feste Absicht haben, sie eventuell zu übernehmen. Und ob ich das in Breslau dürfte, weiß ich nicht. Die zu bringenden Opfer müßten immer sehr groß sein, und solche Opfer bringt man nur gegen andere erhebliche Vortheile. Zu solchen würde ich zählen: die durch ausgezeichnete Collegen zu erwartende Anregung, die Anwesenheit jüngerer wissenschaftlich strebender Docenten, eine größere Anzahl befähigter und eifriger Studirender; große wissenschaftliche Hülfsmittel, einen angenehmen Aufenthaltsort. Inwiefern das Alles in Breslau sich finden würde, darüber bin ich zweifelhaft, und eben deshalb verhalte ich mich so stille, daß ich einen Brief, den ich in anderen Angelegenheiten an Siebold geschrieben haben würde, ungeschrieben lasse. Kömmt ohne meine directe oder indirecte Theilnahme eine Vocation, so wird mir das jedenfalls erfreulich sein, mag ich sie annehmen oder ablehnen, worüber ich mir augenblicklich selbst keinerlei Rechenschaft zu geben ver-


53) Richard N. Wegner, Zur Geschichte der anatomischen Forschung an der Universität Rostock, Wiesbaden 1917, S. 139 ff. Auch unter dem Titel: Merkel und Bonnet, Anatomische Hefte, 165. Heft.
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mag. Wenn eine Aufhebung unserer Universität wirklich in Aussicht stände, dann würde ich nicht schwanken." Bei alledem darf man nicht vergessen, daß die Zeit seines Rostocker Aufenthalts eine in wissenschaftlicher Hinsicht außerordentlich fruchtbare war, es ihm also durchaus gelang, trotz entgegenstehender Schwierigkeiten allgemein anerkannte Leistungen zu schaffen. Sein "Lehrbuch der vergleichenden Anatomie der Wirbelthiere" wurde in Rostock fertig (1846 in Berlin gedruckt), und das Aufsehen erregende "peripherische Nervensystem der Fische, anatomisch und physiologisch untersucht," erschien 1849 54 ).

War er mithin durchaus nicht geneigt, unter allen Umständen Rostock zu verlassen, wo er nunmehr bereits 16 Jahre tätig war, so war er gleichwohl nie völlig ausgesöhnt mit den Zuständen. Es beunruhigte ihn das Cliquenwesen unter den Kollegen, das kein rechtes Behagen aufkommen ließ. Am 25. Januar 1851 erkundigt er sich nach dem Wohlergehen und den Arbeiten, mit denen Wagner augenblicklich beschäftigt sei, und fährt dann fort: "Ich meinersseits habe nur bis gegen Anfang December sie (sc. die Arbeiten) observiren können; von da an sind Zeit und Kräfte durch so mannichfache geschäftliche Arbeiten in Anspruch genommen, daß ich mich seit einigen Tagen völlig erschöpft fühle. Ich fühle mich nicht leicht durch eine Geschäftslast gebeugt und gedrückt, wenigstens nicht, so lange ich mir von ihrer Übernahme ersprießliche Folgen versprechen kann; wenn sie aber durch Parteiumtriebe unnütz vergrößert wird, so wird sie mir widerlich, und dies Stadium ist da oder steht wenigstens, allem Anscheine nach, nahe bevor. Die divergirenden Richtungen, welche im Großen unser Vaterland zu zersplittern drohten und noch drohen, geben in engeren Kreisen sich auch kund." In dieser Beziehung hatte schon Georg Beseler, der von 1837-41 in Rostock eine Professur bekleidete, zu klagen gehabt. Er schreibt in seinen Erinnerungen 55 ), daß er, obwohl seine Frau einer in Mecklenburg sehr angesehenen und verbreiteten Familie angehörte, doch nicht recht warm im Lande geworden sei. Die Schuld daran schob er dem engen Partikularismus, der sich


54) Nachweis seiner sämtlichen Veröffentlichungen bei A. Blanck-Wilhelmi, Nr.551, und bei Wegner, a.a.O., S. 129.
55) Erlebtes und Erstrebtes, 1884, S. 38.
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allenthalben breit mache, und den Zerwürfnissen und Parteiungen an der Universität zu. Daran mochte sich in dem Jahrzehnt, seit Beseler Rostock verlassen hatte, nicht viel geändert haben.

Es scheint mir, daß bei den mitunter hart ausfallenden Urteilen über die Landesuniversität wohl auch der Kränklichkeit von Stannius Rechnung getragen werden muß. Als geborener Hamburger hätte ihm das Klima nichts anhaben sollen, aber wenn er manchesmal Personen und Dinge zu scharf ansah. so warf wahrscheinlich seine spätere Krankheit ihre Schatten voraus. Jedenfalls war er im Frühjahr 1851 wieder krank. "Ein heftiger Anfall von Grippe hatte mich sehr mitgenommen; eine Unvorsichtigkeit bei einer sehr starken Blutentziehung hätte sehr böse Folgen haben können; eine hartnäckige Augenentzündung ist es aber, die mich noch immer von aller Thätigkeit zurückhält und, allem Anscheine nach, noch längere Zeit zu halber Unthätigkeit zwingen wird. Die laufenden Geschäfte absolviren, herumschlendern, meinen Hermann unterrichten, - das ist Alles, was ich mir gestatten darf. An wissenschaftliches Arbeiten ist nicht zu denken, und mein Programm wird ungeschrieben bleiben. Schöne Aussichten für einen Sommer, in dem ich recht eifrig zu arbeiten dachte! Ich werde mich nun auf meine Vorlesungen zu beschränken haben, für die eine größere Anzahl von Zuhörern als in den letzten Jahren sich einzufinden scheint."

Einen damals, wie es scheint, verbreiteten Mißstand an deutschen Universitäten berührt er am Schluß mit kurzen Worten, die zugleich seine ehrenhafte und redliche Gesinnung bekunden, die jeden Umweg, auf dem man zu einer Professur gelangen könnte, verabscheut. "Ihre Meldungs-Nachrichten für die Langenbecksche Stelle 56 ) haben mich sehr unangenehm


56) Konrad Johann Martin Langenbeck, 1776-1851, war seit 1814 o. Professor der Anatomie und Chirurgie in Göttingen. Im Jahre 1848 mußte er auf Wunsch der Regierung seine Stellung als Lehrer der Chirurgie und Direktor der Chirurgischen Klinik aufgeben und wurde auf die anatomische Professur beschränkt. Obwohl er im 72. Lebensjahre stand, besaß er eine solche Rüstigkeit des Körpers und Frische des Geistes, daß er den Verzicht bitter empfand. Sein Nachfolger wurde Wilhelm Baum aus Greifswald. A.D.B. 17, S. 667; 46, S. 251.
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berührt. Ich hasse dies Meldungs-System, das immer mehr überhand zu nehmen scheint. An die Greifswalder Facultät sind, wie ich höre, nicht weniger als 14 Gesuche der Art betreffend die Hornschuch'sche Professur eingegangen. Ein Professor muß sich rufen lassen, muß gewünscht werden; sonst bekömmt er meist eine schiefe Stellung. Und was kömmt bei solchen Meldungen heraus? Die tüchtigsten Männer werden unter nichtigen Vorwänden allenfalls perhorrescirt. So ist es z. B. Rathke 57 ) in Bonn gegangen, wo Troschel 58 ) ihm vorgezogen ward; so früher schon Baer 59 ) in Halle, der d'Alton 60 ) nachstehen mußte." Die trübe Stimmung, die Stannius heimsuchte, wollte nicht mehr weichen. Im Herbste war er auf einer Versammlung in Berlin gewesen, wo er mit Rud. Wagner zusammengetroffen war. Darauf hin schrieb er am 10. November 1851: "In Berlin konnte ich Ihnen am letzten Abende nicht mehr Lebewohl sagen, was mir sehr leid that; ich war müde und abgespannt und mußte das Bett suchen. Unterwegs hierher hatte ich noch die große Freude, Thöls auf einige Augenblicke zu begrüßen. Es ist außerordentlich wohlthuend, die alten Freunde, wenn auch nur auf Momente, wiederzusehen. Hier bin ich isolirter als je, und werde es fast vollständig sein, wenn Leist's 61 ), dem ein Ruf nach Tübingen drohen soll, uns verließen. Ich lese diesen Winter wenig; nur vergleichende Anatomie und Histologie. Da bleibt mir Zeit zu Arbeiten und ich benutze sie."

Aus den Jahren 1852 und 1853 liegt nur je ein Brief vor. Das Schreiben vom 9. Januar 1852 enthält die Klage, daß er sich körperlich und geistig abgespannt fühle, "wie mich schon


57) Martin Heinrich Rathke, 1793-1860, Anatom und Embryolog. A.D.B. 27, S. 352.
58) Franz Hermann Troschel wurde 1844 Privatdozent in Berlin nud 1847 in Bonn a.o. Professor, am 8. April 1881 daselbst Ordinarius.
59) Karl Ernst v. Baer, 1792-1876, berühmter Naturforscher. A.D.B. 46, S. 207.
60) Eduard d'Alton, 1803-1854.
61) Burkhard Wilhelm Leist, 1819-1906; 1842 Privatdozent in Göttingen, 1846 a.o. Professor daselbst, 1847 o. Professor in Rostock, 1853 nach Jena. J. Bekker, B. W. Leist und seine Äqualen, in Zeitschrift der Savigny-Stiftung, Rom. Abt. 28. Stintzing-Landsberg, Geschichte der Jurisprudenz 3, 2, S. 350.
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Frau Thöl hier sah und ich es täglich mehr werde." Im übrigen ist weder in diesem, noch in dem Briefe aus dem folgenden Jahr eine Bemerkung über Rostock gemacht. Dann kommt am 9. Januar 1854 ein Seufzer über seine Zurückgezogenheit in Rostock. Er übersendet Wagner eine neue Arbeit und bittet um nachsichtige Beurteilung, die gewiß nicht nötig war. Er meint jedoch: "in der ultima Thule wird es Einem schwer, den in den Capitalen der Wissenschaft Thronenden genug zu thun, und doch geräth ein Strebender gar leicht in die Versuchung, von Zeit zu Zeit zu dokumentiren, daß er des Fortschritts sich befleißigt; ob er dabei auf rechtem Wege sich befindet oder in Holzwege sich hat ablenken lassen, darüber erwartet er den Ausspruch Anderer." Im übrigen lebte er damals in entsetzlicher Spannung und Unruhe. Sein Sohn war an einem Darmleiden erkrankt, und er fürchtete für sein Leben. Die Sorge um das Kind dauerte einige Zeit, und er gab ihr erneut in einem undatierten Briefe, der wohl noch aus dem Anfang Januar 1854 stammt, rührenden Ausdruck. Eben dieser Brief ist von anerkennender warmer Dankbarkeit der Hochschule gegenüber, an der er seinen wissenschaftlichen Ruf begründet hatte, wenn er auch nicht frei von schmerzlich berührenden Eingeständnissen ist. "Eine andere Sorge neben dieser um meinen Sohn habe ich nicht. Seit ich die Erfahrung gemacht, daß eine Theilnahme an wissenschaftlichen Untersuchungen von solchen, bei denen sie vorausgesetzt werden dürfte, versagt werden kann, bin ich hier ganz zufrieden und beruhigt, und so war z. B. meine Stimmung auch während der Paar Tage, die ich im vorigen Herbste in Göttingen verbrachte. Thöls und Leists versicherten, mich nie ruhiger, zufriedener und heiterer gesehen zu haben. Sie wissen, ich habe mich oft fortgesehnt von hier; dabei war und blieb das wesentlichste Motiv immer das eine: aus meiner wissenschaftlichen Isolirung herauszukommen, meine Untersuchungen Anderen demonstriren, Urtheile Anderer darüber unmittelbar entgegennehmen zu können, an wissenschaftlichem Material und Umgang keinen Mangel zu leiden. Daneben tauchte dann auch der Wunsch auf nach einem größeren Auditorium, denn als Lehrer blos von zweien oder dreien zu wirken, ist nicht angenehm. Mit Ausnahme dieser Punkte bin ich hier zufrieden; eine im ganzen nicht bureaukratische Regierung, ein tüchtiger braver Men-

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schenschlag, Umgangsverhältnisse mannichfacher Art, Freunde in weiten Kreisen und wenn auch weniger nahestehende in der eigenen Facultät, so doch sehr eng verbundene aus anderen Facultäten, dabei eine mäßige, aber vor Sorgen schützende Einnahme. Erwäge ich diese, durch langjährige Erfahrung erprobten Vorzüge und daneben die Ungewißheit, ob ich an einer größeren Universität die gewünschte Theilnahme Anderer an meinen wissenschaftlichen Bestrebungen wirklich finden würde, so stellt sich nothwendig ein Gefühl der relativen Zufriedenheit heraus, und das hat mich, abgesehen von dem entsetzlichen Unglück, das mich getroffen, nicht verlassen. Mit Ausnahme der letzten Monate habe ich über Jahr und Tag gearbeitet mit soviel Lust und Liebe, wie nie zuvor, habe, mit Ausnahme der Vorlesungen und Sitzungen, die Stadt Rostock kaum betreten, in meinem Garten mit meinen Kindern und einigen Freunden die nicht der Arbeit gewidmete Zeit verbringend. Die Liebe zu naturwissenschaftlichen Untersuchungen und, wie ich hoffe, auch die Pietät gegen die Natur hat zugenommen. Da ich einmal zu einer neuen Ausgabe meines Handbuches mich hatte entschließen müssen, war ich genöthigt, Vieles im Zusammenhang durchzuarbeiten, und das ist immer fruchtbar, wenn auch, bei minder interessanten Abschnitten, beschwerlich. Das Arbeiten ist meine Freude; liegt mein Machwerk fertig da, dann verwünsche ich es, und es ist nicht meine Schuld, daß meine beiden letzten Publicationen ausgegeben sind; ohne einen nicht abgegebenen Brief wäre die erste nie erschienen, und in betreff des Handbuches müssen Berliner Gönner thätig gewesen sein, denn noch Mitte December schrieb ich den Verlegern unter Anbietung vollen Ersatzes für die Druckkosten etc. auf eine Weise, daß ich alles eher als eine sehr artige Antwort und Einsendung der Freiexemplare erwartet hätte. Mein Unmuth und meine Unzufriedenheit mit dem Handbuche sind durch einen äußerst freundlichen Brief J. Müller's 62 ) gewichen, der schon die Aushängebogen eingesehen hatte.


62) Johannes Müller, 1801-1858, der große Anatom und Physiolog, Professor in Berlin. Von dem durch v. Siebold und Stannius in Angriff genommenen Handbuch der Zootomie erschien der von Stannius bearbeitete Teil, Handbuch der Wirbeltiere, in 2. Auflage 1854 und das dazu gehörende 2. Buch, Zootomie der Amphibien,
(  ...  )
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Was speciell Breslau anbetrifft, so will ich nicht läugnen, daß es mir lieb gewesen wäre, wenn man mich gerufen hätte. Unter günstigen Anerbietungen wäre ich auch wahrscheinlich hingegangen. Aber ich bin ja nicht einmal vorgeschlagen, und doch haben sich angeblich so Viele für meine Berufung interessirt. Nun auch Frerichs! 63 )

Deutschland hat eine Universität und die heißt Göttingen. Das ist mein alter Satz, von dem ich nicht weiche; nicht daß ich persönliche Wünsche mehr hätte oder hoffte oder gar beneidete. Sie wissen: die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht."

Diesem Briefe ist noch einer, vom 26. Oktober 1854, gefolgt, der indes, lediglich fachwissenschaftlichen Inhalts, für weitere Kreise kein Interesse bietet. Wie es gekommen sein mag, daß der Briefwechsel aufhörte, entzieht sich meiner Kenntnis. Ein Briefnachlaß und die Tagebücher von Hermann Stannius, die er einmal erwähnt, die vielleicht Aufschluß geben würden, haben sich nicht erhalten. Wahrscheinlich ist der Grund in der zunehmenden Kränklichkeit zu suchen. Sie wurde Veranlassung, daß am 2. Oktober 1852, nach Quittenbaum's Tode am 14. August 1852, Professor Bergmann 64 ) aus Göttingen als ordentlicher Professor der Anatomie nach Rostock berufen werden mußte. Ihm fiel 1863 die Vertretung der Physiologie zu.

Im Herbste 1861 fühlte der oft kränkelnde Mann sich wieder einmal behaglich. In einem durch seinen Zustand kaum gerechtfertigten Vorgefühl eines nahenden Todes schrieb er


(  ...  ) ebenfalls in 2. Auflage 1856. Die 2. Auflage des Handbuches der Wirbeltiere erschien Berlin 1854. In dem Vorwort, das aus Rostock von Ende Juli 1853 datiert ist, wünscht er sich für die neue Bearbeitung eine ähnliche Nachsicht, wie sie der ersten Auflage zuteil geworden wäre. Der zweite Abschnitt, Zootomie der Amphibien, erschien in 2. Auflage 1856 mit einer von Ostern 1856 datierten Widmung.
63) Friedrich Theodor v. Frerichs, 1819-1885. Seit 1852 o. Professor der Medizin in Breslau, seit 1859 in Berlin. A.D.B. 21, S. 782.
64) Carl Bergmann, 1814-1865. Seit 1843 Extraordinarius in Göttingen, seit 2. Oktober 1852 in Rostock. M. Braun, Zoologie usw., S.36 Anm. 1. - Blanck-Wilhelmi, Nr. 613. - R. N. Wegner. a. a. O., S. 130.
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auf einem Zettel eine "Disposition für den Fall meines baldigen Ablebens". Das eigenhändig geschriebene und "H. Stannius Rostock November 1861" unterzeichnete Schriftstück, dem eine eingehendere Ausführung nicht gefolgt zu sein scheint, lautet: "Da ich einen baldigen Tod zu erwarten habe, so bitte ich meine liebe Frau und meine lieben Kinder, mich in liebevollem Andenken zu behalten, meine gute liebe Frau namentlich, manche Schwäche mir zu vergeben und die Überzeugung zu bewahren, daß ich sie als meinen Schutzengel auf meinem Lebenspfade verehrt habe und verehre. Meinem Sohn Hermann empfehle ich Fleiß, Ausdauer und Treue im Kleinen wie im Großen. Was er auch werden möge, er gebe sich dem Berufe mit Liebe und Treue hin.

Meinen geringen Nachlaß mögen Frau und Kinder sich theilen. Vor Allem aber wünsche ich, daß es Hermann während seiner Studienzeit an nichts fehle.

Von meinen Büchern wünsche ich, daß wenigstens die kleinen Schriften und Dissertationen dem zootomischen Institute der Universität als Andenken an mich übergeben werden. Auch anderes Einzelne, das interessiren könnte, stelle ich der Universität zur Disposition."

Dieser kurzen Aufzeichnung sind aus dem Mai 1862 noch folgende Zeilen auf dem gleichen Blatt angereiht: "Meine Papiere wünsche ich vernichtet! Desgleichen meine Briefe; wenigstens soll keinerlei Mißbrauch damit getrieben werden. Auch das Manuscript mit Excerpten aus Göthe."

Dauernd gehörte also sein warmes Interesse der Hochschule, die ihn aus der ihm nicht zusagenden medizinischen Praxis befreit hatte. Ihr vermachte er einen Teil seiner Bücher. Daß er in seinen kargen Mußestunden sich gern in Goethe zu vertiefen pflegte, erfährt man nur aus dem Nachtrage. Gewiß im höchsten Grade bedauerlich, daß auch diese Papiere, seinem Wunsche gemäß, haben vernichtet werden müssen. Über seinen Zustand irrte er sich. Zwar wurde er kränker, aber der Tod kam nicht so schnell. Im Jahresbericht vom 30. Oktober 1862 klagte Stannius über Krankheit, die ihn nötigte, um vorläufige Entbindung von den Vorlesungen über Physiologie zu bitten und einen Teil der Objekte, Instrumente und der Etatssumme an Professor Bergmann abzutreten. Im Sommer 1863 übernahm Bergmann in der Tat

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die Direktion des Instituts, für das er freilich wenig mehr tun konnte, da er selbst krank und längere Zeit von Rostock abwesend sein mußte. Die pathologischen Vorlesungen waren wohl schon durch Ackermann 65 ), der 1856 Privatdozent und seit 24. Mai 1859 außerordentlicher Professor der Medizin in Rostock geworden war, übernommen.

Zehn Jahre nach dem letzten Briefe von Stannius starb Rudolf Wagner in Göttingen. Daß Stannius sein Nachfolger hätte werden können, war bei seinen unterdessen erreichten Lebensjahren ausgeschlossen. Ihn hatte im Jahr vorher der geistige Tod ergriffen, ein schweres Schicksal für den arbeitslustigen und ideenreichen Mann, der in diesem traurigen Zustande noch zwei Jahrzehnte verbringen mußte.

Aus dem Institut für vergleichende und pathologische Anatomie und Physiologie, das Stannius mit so großem Verständnis und warmer Liebe für die von ihm vertretene Wissenschaft schuf und ausbaute, sind später drei Universitätsinstitute geworden. Der pathologische Teil wurde zuerst 1863 abgetrennt und Professor Ackermann übertragen, der bis 1873 die ordentliche Professur der Pathologie verwaltete und der erste Direktor des pathologischen Instituts wurde. Sein Nachfolger war Emil Ponfick, der 1876 nach Göttingen übersiedelte. Das anthropologische und das vergleichend-anatomische Institut wurde nach Bergmann's Tode seit 1865 von Franz Eilhard Schulze verwaltet, der seit 1863 Prosektor am anatomischen Institut und zugleich Konservator am Zoologischen Museum war. Er wurde am 26. August 1865 Professor extraordinarius der vergleichenden Anatomie und Direktor des für den Lehrbetrieb derselben vorgesehenen Instituts (des einst von Stannius begündeten und ausgebauten). Im Jahre 1871 wurde Schulze zum ordentlichen Professor der Zoologie und vergleichenden Anatomie ernannt und damit war die notwendig gewordene Trennung des Lehrgebietes der beiden Schwesterwissenschaften, der menschlichen Anatomie und der vergleichenden Anatomie, durchgeführt. Schulze's Nachfolger wurde 1873 Hermann Grenacher. Die Physiologie wurde dann 1865 von


65) Hans Conrad Carl Theodor Ackermann, 1825-1896. Seit 1865 o. Professor der Medizin in Rostock und seit Michaelis 1873 in Halle. Blanck-Wilhelmi, Nr. 718. Willgeroth, S. 259.
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der vergleichenden Anatomie getrennt und mit der Berufung von Professor Henke auf den Lehrstuhl der Anatomie ein neues Ordinariat für Physiologie in der medizinischen Fakultät errichtet. Die neue Professur erhielt am 21. Juli 1865 Hermann Aubert 66 ).

 

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66) M. Braun, a. a. O., S. 36. R. N. Wegner, a. a. O., S. 135.
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II.

Die Rostocker Stadtverfassung
bis zur Ausbildung der
bürgerlichen Selbstverwaltung
(um 1325)

von

Paul Meyer.

 

Vignette

 

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Die Arbeit ist von der philosophischen Fakultät der Universität Rostock als Dissertation angenommen.
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Inhaltsverzeichnis.

I. Kapitel: Die Entwicklung der Stadt Rostock bis zur Entstehung einer Gesamtgemeinde 41
II. Kapitel: Die Verfassung unter vorwiegend landesherrlichem Einfluß 47
a) Die Bewidmung der Stadt mit dem Lübischen Stadtrecht und die Entstehung des Rates 47
b) Grundzüge der Stadtverfassung um 1218 52
1. Die Stellung des Vogtes 52
2. Die Befugnisse des Rates 53
III. Kapitel: Stadt und Landesherr im Kampfe um die Stadtherrschaft 57
a) Erweiterung der Stadtfeldmark und Beseitigung der fürstlichen Burgen 58
b) Erwerbung des Fischerei- und Strandrechtes 60
c) Steuer- und Finanzverwaltung 62
d) Zoll- und Münzwesen 67
e) Geleitsrecht- und Judenregal 71
f) Gerichtswesen 73
IV. Kapitel: Die Verfassung Rostocks seit der Ausbildung der bürgerlichen Selbstverwaltung 77
a) Das Verhältnis der Stadt zum Landesherrn 78
b) Der Rat als Organ der Selbstverwaltung 81
1. Die soziale Zusammensetzung des Rates 81
2. Das aktive und passive Wahlrecht 93
3. Amtsdauer, Zahl und Besoldung der Ratsherren 94
4. Der Kompetenzbereich des Rates 97
5. Ratsdeputationen und städtische Beamte 106
c) Die Gemeinde 112

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Kapitel I.

Die Entwicklung der Stadt Rostock
bis zur Entstehung einer Gesamtgemeinde.

Während die wendische rechts der Warnow gelegene Burg Rostock bereits im Jahre 1160 durch den Chronisten Saxo Grammaticus erwähnt wird 1 ), besitzen wir das erste schriftliche Zeugnis für das Bestehen der deutschen Stadt Rostock erst für das Jahr 1218, als nämlich Fürst Heinrich Borwin I. ihr den Gebrauch des Lübischen Stadtrechtes bestätigte 2 ).

Man hat verschiedentlich die Meinung vertreten, daß bereits durch eine Urkunde des Fürsten Niklot aus dem Jahre 1189 die Anfänge einer deutschen Siedlung links der Warnow bezeugt werden, nämlich in der Gegend, wo sich heute die Petrikirche befindet. Diese Ansicht ist jedoch äußerst anfechtbar, und die neueren Forschungsergebnisse haben sie nicht bestätigt. Es handelt sich hierbei um das viel zitierte Privilegium des Slavenfürsten Niklot für das Kloster Doberan, in dem es zum Jahre 1189 heißt: "Concessi insuper eisdem fratribus, quatinus emant vel vendant libere in foro nostro (nämlich Rostock) absque teloneo; homines autem illorum, qui sunt negociatores, pellifices, sutores, mercatores vel aliarum artium, ut habeant necessitatem cotidie vendendi aut emendi, dent ad annum sex denarios, et de cetero absque teloneo negocientur in foro nostro 3 )." Den Klosterbrüdern von Doberan wurde also auf dem Markte des Fürsten Niklot Zollfreiheit im Handel gewährt, desgleichen ihren Leuten, den Krämern, Kürschnern,


1) Ex Saxonis gestis Danorum, ed. 1892 Pertz, M.G., SS. XXIX S. 108.
2) M.U.B. (Mecklenburgisches Urkundenbuch) I Nr. 244.
3) M.U.B. I Nr. 148.
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Schuhmachern, Kaufleuten und anderen Handwerkern, unter der Bedingung, daß sie jährlich 6 Pfennige Zoll zahlten. Die strittige Frage ist die: Ist unter dem "foro nostro" der alte wendische Markt rechts der Warnow zu verstehen oder bereits ein deutscher Markt links der Warnow und damit das spätere deutsche Rostock. Lisch und Mann, welche zum ersten Male gründliche Forschungen hierüber angestellt haben 4 ), sind schon damals zu der Überzeugung gelangt, daß sich dieser Ausdruck keinesfalls auf einen deutschen Markt beziehen könne. Dieselbe Ansicht vertritt K. E. H. Krause in seinem Aufsatz "Rostock im Mittelalter" 5 )5). Demgegenüber hat Herrlich nachzuweisen versucht, daß man es hier bereits mit einem Unternehmen deutschen Charakters zu tun habe 6 ). Diese Meinung vertritt auch Koppmann 7 ), desgleichen, ihm folgend, Schlie 8 ). Jedoch in der neueren Forschung ist man zu der ursprünglichen Auffassung zurückgekehrt, so Hofmeister in seinem Aufsatz: "Zur historischen Topographie Rostocks" 9 ) und vor allem Ludwig Krause in seiner umfangreichen 1925 erschienenen Arbeit: "Zur Rostocker Topographie" 10 ). Die ursprüngliche schon von Lisch und Mann vertretene Meinung erscheint hiernach als die bei weitem wahrscheinlichere.

Unsere Kenntnis von einer deutschen Stadt Rostock beginnt also erst mit dem Jahre 1218. Am 24. Juni d. Jahres beurkundete * ) Heinrich Borwin I., daß er sich mit Zustimmung seiner Söhne Heinrich und Nikolaus entschlossen habe, die


4) Vgl. Lisch und Mann, Beiträge zur älteren Geschichte Rostocks, Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte (im Folgenden zitiert: Jahrbücher) Bd. 21 (1856) S. 3 ff. -
5) Hansische Geschichtsblätter (im Folgenden zitiert: Hans. G.B.), Jahrg. 1884 S. 44
6) Vgl. Herrlich, Geschichte Rostocks im 13. Jahrhundert (bei Schirrmacher, Beiträge zur Gesch. Mecklenburgs Bd. I 1872) S. 4 f.
7) Vgl. Koppmann, Gesch. der Stadt Rostock (1887) S. 2 und Jahrbücher Bd. 52 S. 186.
8) Vgl. Schlie, Kunst- und Geschichtsdenkmäler des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin, Bd. I S. 1.
9) Beiträge zur Geschichte der Stadt Rostock (im Folgenden zitiert: Beiträge) Bd. IV, 4 S. 3.
10) Beiträge Bd. XIII S. 22.
*) Die Echtheit der Urkunde wird von Dr. W. Biereye-Rostock bestritten. Da seine Abhandlung zur Zeit, als Dr. Meyers Arbeit gedruckt wurde, noch nicht veröffentlicht war, ist es nicht möglich gewesen, schon hier zu seinen Ergebnissen Stellung zu nehmen.
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Stadt Rostock auszubauen (Rozstok oppidum delegimus astruendum). Er gewährte den Einwohnern Zollfreiheit in seiner ganzen Herrschaft und bestätigte ihnen den Gebrauch des Lübischen Stadtrechtes 11 ). Man darf die Urkunde nicht in dem Sinne interpretieren, daß man etwa annimmt, Heinrich Borwin habe im Jahre 1218 erst angefangen, die Stadt gewissermaßen aus dem Nichts heraus zu errichten. Eine derartige Annahme wäre nur berechtigt, wenn es im Text der Urkunde nicht "astruendum" sondern "exstruendum" hieße. Das letztere bedeutet "errichten, erbauen", "astruendum" dagegen "ausbauen". Wir haben es nicht mit einer Neugründung, sondern mit dem Ausbau und der Förderung einer schon im Jahre 1218 vorhandenen Siedlung zu tun. Die Worte der zum Jahre 1218 ausgestellten Urkunde: "Lubicensis civitatis juris beneficio habito nunc et habendo stabilientes confirmamus" 12 ) weisen außerdem deutlich daraufhin, daß das Lübische Stadtrecht bereits vor 1218 von den Einwohnern gebraucht wurde, so daß in dieser Zeit eine Gemeinde schon vorhanden gewesen sein muß 13 ). Das Bestehen einer Stadtgemeinde wird schließlich noch dadurch bezeugt, daß in der Zeugenreihe der Urkunde neben einem Priester Stephan 14 ), wahrscheinlich dem an der Petrikirche tätigen Geistlichen 15 ), 10 Ratmänner (consules) von Rostock namentlich aufgeführt werden.

Wenn wir uns nun die Frage vorlegen, wann und wie die Siedlung und spätere Stadt Rostock entstanden ist, so lassen uns die Quellen hierbei vollständig im Stich. Wir sind deshalb lediglich auf Vermutungen angewiesen. Nach den von Ludwig Krause angestellten Forschungen dürften wir berechtigt sein, die Anfänge des deutschen Rostocks in die letzten Jahre des 12. Jahrhunderts zu verlegen 16 ). Mit der Aus-


11) M.U.B. I Nr. 244. - Die Urkunde ist zitiert Kap. II, S. 47 f.
12) M.U.B. I Nr. 244.
13) Vgl. Herrlich a. a. O. S. 6 Anm. 1.
14) M.U.B. I Nr. 244: "Stephano sacerdote".
15) Der Priester Stephan wird noch in 2 Urkunden vom Jahre 1219 erwähnt, und zwar ausdrücklich mit der Bezeichnung "in" bzw. "de Rodestoc" (M.U.B. I Nr. 254 u. 255). Vgl. Lisch und Mann a. a. O. S. 12 u. Koppmann, Jahrbücher Bd. 52 S. 187.
16) Vgl. zum Folgenden Ludwig Krause a. a. O. S. 26 ff.
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breitung der sächsischen Macht durch Heinrich den Löwen war es damals dem deutschen Handel gelungen, den bis dahin in Mecklenburg überwiegenden nordischen Einfluß allmählich zu verdrängen. Um diese Zeit hatten die deutschen Kaufleute im Rheinland, in Westfalen und an der Elbe bereits mehrfach gemeinsame auswärtige Handelsniederlassungen begründet. Wahrscheinlich sind sie damals auch über Lübeck an die Warnow vorgedrungen, um hier feste Handelsfaktoreien zu begründen und sich dauernd niederzulassen. Das rechts der Warnow gelegene Gelände des wendischen Marktes bei St. Clemens war wegen des naßkalten nebligen Klimas und wegen der häufigen Überschwemmungsgefahr nicht verlockend für eine Ansiedlung. Dagegen bildete das Gelände der heutigen Altstadt Rostock einen weit besser geeigneten Ort für eine Niederlassung. Die Lage dieses Platzes bot neben den natürlichen geographischen Vorzügen noch den Vorteil, daß die Deutschen hier abseits von den Wenden ihre Wohnsitze aufschlagen konnten. So wird hier um 1200 eine Ansiedlung deutscher Kaufleute entstanden sein. War erst einmal durch den deutschen Kaufmann ein fester Grundstock gelegt, so wird es an Nachzüglern aus dem Westen Deutschlands nicht gefehlt haben; denn gerade in jener Zeit, als durch die Befestigung der dänischen Herrschaft in den Ostseeländern eine Pause in den Kämpfen zwischen Deutschen und Wenden eingetreten war, lebte erneut die deutsche Siedlungstätigkeit von Wagrien bis Pommern mächtig auf 17 ). Nachdem die Ansiedler festen Fuß gefaßt hatten, wird sich ihr natürliches Streben darauf gerichtet haben, die nötige Bewegungsfreiheit für eine gedeihliche Weiterentwickelung ihrer Gemeinde zu erlangen, und das gelang ihnen durch das Privileg Borwins vom Jahre 1218, durch welches der Stadt der Gebrauch des Lübischen Stadtrechtes bestätigt wurde.

Infolge der geographisch äußerst günstigen Lage und wohl auch wegen der bedeutenden Vorteile, welche das Lübische Recht den Einwohnern Rostocks gewährte, vergrößerte sich die Stadt sehr schnell. Wenn bisher von der Stadt Rostock die Rede war, so handelte es sich lediglich um die Altstadt mit der Petrikirche. Jedoch schon im Jahre 1252 war aus der kleinen


17) Vgl. Witte, Mecklenburgische Geschichte, Wismar 1925 I S. 120 ff.
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Ansiedlung eine dreigliedrige Stadtgemeinde geworden. Neben der Altstadt waren in rascher Folge zwei neue Stadtgebilde unabhängig von der ersten Gründung entstanden, und zwar die Mittelstadt mit der Marienkirche und die Neustadt mit der Jakobikirche 18 ). Die Marienkirche wird urkundlich zuerst 1232 erwähnt 19 ); sie muß aber schon 1 Jahr früher bestanden haben, denn in der Zeugenreihe einer Urkunde vom Jahre 1231 werden zwei Rostocker Pfarrer genannt 20 ), von denen der eine wahrscheinlich sein Amt in der Marienkirche ausübte 21 ). Im Jahre 1252 wird dann neben den Geistlichen von St. Petri und St. Marien auch ein Pfarrer von St. Jakobi genannt 22 ), ein Beweis, daß damals auch schon die Jakobistadt - das ist die dritte Gemeinde - bestand. Im Jahre 1252 führen demnach drei Einzelgemeinden nebeneinander je ein gesondertes Dasein. Die einzelnen Städte bildeten nicht nur getrennte Pfarrgemeinden, sondern auch die innere Verwaltung wurde gesondert durchgeführt.

Die neu entstandene Jakobistadt aber konnte den beiden übrigen Städten, besonders der nunmehr zwischen Alt- und Neustadt eingeschlossenen Mittelstadt sehr gefährlich werden. Sie konnte ihren Schwesterstädten infolge ihrer günstigen Lage den gesamten Landverkehr nach Westen hin, wenn auch nicht ganz abschneiden, so doch wesentlich behindern und erschweren. Vielleicht setzten auch aus diesem Grunde Verhandlungen ein, mit dem Ziel, eine Vereinigung der Einzelgemeinden zu vollziehen. Fürst Borwin III. gab bereits im Jahre 1262 im Ein-


18) Diese Art der Stadterweiterung durch Gründung einer Schwesterstadt neben der alten Ansiedlung war ein damals vielfach üblicher Brauch. So entstand in Brandenburg, Quedlinburg, Hildesheim, Herford und zahlreichen anderen Städten neben der Altstadt eine Neustadt. An der Spree lagen sich die Schwesterstädte Berlin und Köln als selbständige Gemeinwesen gegenüber und in Braunschweig wurde die herzogliche Burg sogar von fünf Weichbildern umschlossen. - Vgl. S. Rietschel, die Städtepolitik Heinrichs des Löwen, Histor. Zeitschrift Bd. CII, S. 254 ff.
19) M.U.B. I Nr. 318: "in S. Marienkirchen zu Rostogh".
20) M.U.B. I Nr. 391: "Walterus, Gerhardus plebani de Roztoc."
21) Die Auffassung von Lisch und Mann, wonach der eine der Pfarrer der Nikolaikirche zuzuweisen ist (Lisch u. Mann a. a. O. S. 15), kann nicht aufrecht erhalten werden. Vgl. hierüber Hofmeister a. a. O. S. 10 und Ludwig Krause a. a. O. S. 30.
22) M.U.B. II Nr. 686: "Johannes de sancto Petro, prepositus Amilius de sancta Maria, Heinricus de sancto Jacobo."
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verständnis mit den Fürsten Nikolaus von Werle und Heinrich von Mecklenburg seine Genehmigung zum Zusammenschluß der einzelnen Städte. In der hierüber ausgestellten Urkunde heißt es: "statuimus et dedimus, ut unum consilium sit tocius civitatis et iudicium, quod prius erat in duo divisum" 23 ). Der tatsächliche Zusammenschluß ließ indessen noch einige Jahre auf sich warten, wahrscheinlich, weil man sich über die Art und Weise der praktischen Durchführung nicht so schnell verständigen konnte. Vielleicht hat der im Jahre 1264 stattgefundene Brand Rostocks 24 ) den Gang der Verhandlungen beschleunigt, denn am 29. Juni 1265 einigten sich die Gemeinden in der Form, daß Gericht und Rat von ganz Rostock nach dem Markte der Mittelstadt verlegt werden sollten 25).

Unter den Zeugen dieser Einigungsurkunde wird außer den Geistlichen von St. Petri, St. Marien und St. Jakobi auch ein Pfarrer non St. Nikolai erwähnt 26 ), so daß damals auch die Nikolaigemeinde schon ein Bestandteil der Gesamtstadt gewesen sein muß. Die Nikolaigemeinde wird zum ersten Male 1257 erwähnt 27 ). Wann und wie diese Siedlung entstanden ist, wissen wir nicht, doch dürfte es sich hierbei wohl nicht um eine ursprünglich deutsche, sondern um eine wendische Siedlung handeln, die später in der deutschen Stadt aufgegangen ist 28 ).

Es ist nun merkwürdig, daß in den uns erhaltenen Urkunden, die Rostock vor 1265 erteilt worden sind, nirgends die Rede ist non den Einzelstädten, sondern immer nur von der Stadt Rostock, mit Ausnahme der Urkunde vom Jahre 1262.


23) M.U.B. II Nr. 959. - Da nach dem Wortlaut der Urkunde nur 2 getrennte Verwaltungsorgane bzw. 2 Gerichte vorhanden waren, müssen wir annehmen, daß die Jakobistadt es bis zu dieser Zeit noch nicht zu einer organisierten Verwaltung gebracht hatte.
24) Eine Urkunde vom 12. Oktober 1264 beginnt mit den Worten: "Cum igitur dilectos burgenses civitatis nostre Roztoe afflictos incendio graviter videremus" ..... (M.U.B. II Nr. 1021).
26) "dominus Ludowicus de sancto Nycolao."
27) Stadtbuch, Fragment I, 2 (an späteren Stellen zitiert: St.-B.-Fragm.), gedruckt Beiträge Bd. III, 1 S. 3.
28) Vgl. Ludwig Krause a. a. O. S. 29 f.
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Ebenso ist bei den angeführten Ratsmitgliedern nie ersichtlich, im Namen welcher Einzelstadt sie handeln. Diese Tatsache legt die Vermutung nahe, daß die einzelnen Gemeinden auch schon vor ihrer Vereinigung nach außen als ein geschlossenes Ganzes auftraten. Hierfür mußten Gründe vorhanden sein, und diese werden uns bei folgender Erwägung klar: Genau genommen waren durch das Privileg vom Jahre 1218 nur den Bürgern der Petristadt das Lübische Stadtrecht urkundlich bestätigt und die Zollfreiheit verliehen worden. Dagegen konnten die Bewohner der später gegründeten Mittel- und Neustadt rechtlich keinen Anspruch auf diese Freiheiten machen, wenn sie den Fürsten als vollkommen gesonderte Einheiten gegenübertraten. Um sich den Gebrauch des Lübischen Stadtrechtes und die sonstigen Vorteile zu sichern, werden sie vorgezogen haben, nach außen gemeinsam mit der Petristadt aufzutreten. Erst als im Jahre 1252 durch fürstliche Verleihung der Gebrauch des Lübischen Stadtrechtes auf die gesamte Stadtfeldmark ausgedehnt wurde 29 ), trat in dieser Situation eine Änderung ein. Trotzdem blieben sich die Einwohner der Petristadt dessen bewußt, daß nur ihre engere Stadtgemeinde der eigentliche Träger der der Stadt Rostock von fürstlicher Seite verliehenen Privilegien war, denn in der Einigungsurkunde vom Jahre 1265 wurde ausdrücklich bestimmt, daß die Privilegien der Stadt an einem sicheren Orte "in parochia sancti Petri" aufbewahrt werden sollten 30 ).

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Kapitel II.

Die Verfassung
unter vorwiegend landesherrlichem Einfluß.

a) Die Bewidmung Rostocks mit dem Lübischen Stadtrecht
und die Entstehung des Rates.

Wie bereits erwähnt, bestätigte am 24. Juni 1218 Fürst Heinrich Borwin I. den Einwohnern der Stadt Rostock den Gebrauch des Lübischen Stadtrechtes. Die hierüber ausgestellte Urkunde lautet: "Notum sit ..., qualiter ego Bor-


29) M.U.B. II Nr. 686.
30) M.U.B. II Nr. 1051.
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winus, necnon filii mei ... Rozstok oppidum divina prosperante clementia delegimus astruendum. Ut vero predicti loci excultores eum securius appetentes pace firma libertate fulciantur omnimoda, tam presentes quam futuros in edificiis, areis, terris cultis et incultis ... omnimoda in iuriditione nostra thelonii exemptione Lubicensis civitatis juris beneficio habito nunc et habendo stabilientes confirmamus ..." 31 ). Dieses Dokument ist uns nicht im Original, sondern nur als Transsumpt in einer Bestätigungsurkunde erhalten, welche der gleichnamige Enkel Heinrich Borwins der Stadt im Jahre 1252 ausstellte 32 ). In dem Privileg von 1218 ist nicht von einer Bewidmung der Stadt mit dem Lübischen Stadtrecht die Rede, sondern lediglich von einer Bestätigung des schon im Gebrauch befindlichen Rechtes. Man könnte aus dieser Tatsache den Schluß ziehen, daß der Stadt schon zu einer früheren Zeit das Lübische Recht durch ein Privilegium verliehen worden war und wir es bei der 1218 ausgestellten Urkunde nur mit der Bestätigung einer früheren Bewidmungsurkunde zu tun haben. Diese Annahme hat jedoch wenig Wahrscheinlichkeit für sich. Erstens fehlt die urkundliche Nachricht über das Vorhandensein eines früheren Freiheitsbriefes, und zweitens würde dieser Annahme der Wortlaut der Bestätigungsurkunde von 1252 widersprechen, in der ausdrücklich gesagt wird: "Noverint ... Borwinum civitatem Rozstok ... primitus condidisse, quam in hunc modum firmitate sui privilegii stabilivit: ...", worauf das der Stadt 1218 erteilte Privileg im Wortlaut folgt 33 ). Der Ausdruck "confirmamus" kann vielleicht so erklärt werden, daß es sich in der Urkunde von 1218 um die Bestätigung von Rechtszuständen handelt, die sich unter fürstlicher Billigung in der neu entstandenen Siedlung gebildet hatten und erst später durch das uns erhaltene Privileg volle Rechtsgültigkeit erhielten 34 ).

Das lübische Stadtrecht muß sich zu damaliger Zeit eines hohen Ansehens erfreut haben; denn nachdem es Rostock ver-


31) M.U.B. I Nr. 244.
32) M.U.B. II Nr. 686.
33) M.U.B. II Nr. 686.
34) Vgl. Herrlich a. a. O. S.6 Anm. 1.
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liehen worden war, folgten bald zahlreiche andere Städte nach, so 1234 Stralsund 35 ), 1250 Greifswald i. Pommern 36 ), 1266 Wismar 37 ), und ferner bediente man sich auch in Ribnitz des Lübischen Stadtrechtes 38 ). In welchem Jahre das Lübische Stadtrecht in Rostock eingeführt worden ist, läßt sich nicht sagen. Wir können nur feststellen, daß es 1218 bereits im Gebrauch war.

In der Urkunde von 1218 tritt uns Rostock als Territorialstadt der mecklenburgischen Fürsten entgegen. Der Fürst des Territoriums war zugleich der Herr der neu entstandenen Stadt. Als äußeres Zeichen der landesherrlichen Gewalt sind die fürstlichen Burgen in der Stadt anzusehen. Von einer Burg in der Altstadt wissen wir nur der Sage nach. Irgendwelche sicheren Nachrichten über Entstehung, Lage und Untergang dieser Burg sind nicht bekannt. Vermutlich lag sie zwischen der Wenden-, Gärtner-, Faulen Straße und dem Amberg 39 ). In der Mittelstadt kündet der noch heute vorhandene Straßenname "Am Burgwall" von dem einstigen Vorhandensein einer Burg. Diese lag wahrscheinlich am Warnowabhang zwischen der Koßfelder Straße und dem "Burgwall", dort, wo der letztere noch heute die Krümmung aufweist 40 ). Zum Bau einer fürstlichen Burg in der Neustadt ist es nicht mehr gekommen. Die nach Selbständigkeit und Freiheit strebenden Bürger erreichten im Jahre 1266 von Fürst Waldemar, daß der zum Bau einer Burg am Bramower Tor errichtete Wall abgetragen wurde 41 ).

Als persönlichen Vertreter der landesherrlichen Gewalt finden wir den "advocatus" oder den Vogt in der Stadt. Dieser stadtherrliche Beamte läßt sich in Rostock urkundlich erst seit 1229 nachweisen. In der Zeugenreihe einer Urkunde aus diesem Jahre wird ein Vogt Bertram von Rostock aufgeführt 42 ), der 1231 auch als Kastellan von Rostock bezeichnet


35) M.U.B. I Nr. 424: "eandem iustitiam et libertatem contulimus, que civitati Rostok est collata."
36) M.U.B. II Nr. 1011.
37) M.U.B. II Nr. 1078.
38) M.U.B. I Nr. 794.
39) Vgl. Ludwig Krause a. a. O. S. 38.
40) Vgl. Ludwig Krause a. a. O. S. 39.
41) M.U.B. II Nr. 1096. - Vgl. Ludwig Krause a. a. O. S. 40.
42) M.U.B. I Nr. 368: "Bertrammus de Roztock advocatus."
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wird 43 ). Seit welcher Zeit ein fürstlicher Vogt tatsächlich in Rostock vorhanden war, läßt sich nicht feststellen; doch dürfen wir wohl annehmen, daß dieses Amt vom Landesherrn geschaffen wurde, sobald die neu entstandene Gemeinde sich als lebens- und entwickelungsfähig erwiesen hatte.

Neben der landesherrlichen Gewalt tritt uns in dem Privilegium von 1218 der Stadtrat entgegen. Unter den Zeugen der Urkunde werden 10 Rostocker Ratmannen namentlich aufgeführt, und zwar heißt es: "eiusdem opidi consulibus Heinrico Fabro, Heinrico Pramule, Hermanno, Rodolfo, Ludero, Bertrammo, Wizelo, Lamberto, Bodone, Heinrico Lantfer" 44 ). An dieser Stelle wird zum ersten Male ein Rostocker Ratskollegium urkundlich erwähnt. Da nach dem Wortlaut des Privilegiums der Gebrauch des Lübischen Rechtes vor 1218 anzusetzen ist, muß auch die Institution des Rates bereits vor diesem Jahre in Rostock vorhanden gewesen sein; seit welcher Zeit, wissen wir allerdings nicht. Die Ratsmitglieder haben wahrscheinlich auch schon vor 1218 den Titel "consules" geführt, denn in Lübeck tritt diese Bezeichnung bereits im Jahre 1201 auf 45 ).

Die Frage, auf welchem Wege der Rat in Rostock entstanden ist, läßt sich nicht sicher beantworten. Werfen wir einen Blick auf die entsprechenden Verhältnisse in anderen Städten, so finden wir, daß hier und dort der Rat sich aus oder doch im Zusammenhang mit einem bereits bestehenden Schöffenkollegium entwickelt hat, das zunächst neben den gerichtlichen auch kommunale Funktionen ausübte 46 ). Ein derartiger Vorgang kommt für Rostock nicht in Frage, aus dem einfachen Grunde, weil es hier kein besonderes Schöffenkollegium gegeben hat. In einer Urkunde aus dem Jahre 1301 heißt es zwar einmal:


43) M.U.B. I Nr. 391: "Bertrammus castellanus de Roztock."
44) M.U.B. I Nr. 244.
45) Vgl. Reincke-Bloch, der Freibrief Friedrichs I. für Lübeck und der Ursprung der Ratsverfassung in Deutschland, Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Gesch. u. Altertumskunde Bd. XVI, 1914, S. 14.
46) Vgl. Schröder - v. Künßberg, Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte, 6. Auflage 1922, S. 692 f., Rietchel, die Städtepolitik Heinrichs des Löwen, Histor. Zeitschr. Bd. CII, S. 263 ff. u. Eberle, Das Ratskollegium in den deutschen Städten des Mittelalters bis zur Zeit der Zunftkämpfe (Freiburger Dissertation 1914) § 9.
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"discr. viros et honestos consules, scabinos et universitatem tocius civitatis Ruzstok" 47 ), jedoch sind wir nach meiner Meinung nicht berechtigt, hieraus das Bestehen eines Schöffenkollegiums abzuleiten, von dem sonst niemals die Rede ist. Mit dem Ausdruck "scabini" sind sicherlich die Ratsherren gemeint, die das Amt eines Beisitzers im Gericht ausübten. Hierfür spricht auch die Tatsache, daß die Urkunde aus der Kanzlei des Markgrafen von Brandenburg stammt. Die "scabini" sind daher wahrscheinlich aus Unkenntnis der Rostocker Verhältnisse besonders neben Rat und Gemeinde aufgeführt worden.

Eine weitere Möglichkeit wäre die Entstehung des Rates aus einem sogenannten Unternehmerkonsortium. So sucht Rörig nachzuweisen, daß die im Jahre 1157 erfolgte Wiedergründung Lübecks unter Heinrich dem Löwen die Tat eines "Unternehmerkonsortiums" gewesen sei. Dieses Konsortium ist nach Rörigs Meinung als der Vorläufer des Lübecker Rates anzusehen. Einen ähnlichen Gründungsakt nimmt Rörig auch für Freiburg i. B. an 48 ). Nach dem für Rostock vorhandenen Quellenmaterial glaube ich nicht, einen ähnlichen Gründungsakt bzw. eine entsprechende Entstehung des Rates für Rostock annehmen zu dürfen.

Es ist als wahrscheinlich anzusehen, daß die Mitglieder des ersten Ratskollegiums in Rostock von dem Landesherrn in ihre Ämter eingesetzt worden sind. Diese Annahme läßt sich durch spätere uns bekannte Ereignisse rechtfertigen. Als im Jahre 1314 acht Rostocker Ratsherren, die infolge innerer Wirren aus Rostock vertrieben waren, mit dem Landesherrn Fürst Heinrich von Mecklenburg in Verbindung traten, um die verfassungsrechtlichen Zustände in der Stadt wiederherzustellen, wurde urkundlich festgesetzt, daß der Landesherr gemeinsam mit den acht Ratsherren einen neuen Rat einsetzen sollte 49 ). Ferner war der Rostocker Rat, wie aus einer Urkunde vom Jahre 1314 hervorgeht, alljährlich nach seiner Umsetzung ver-


47) M.U.B. V Nr. 2749.
48) Vgl. F. Rörig, Der Markt von Lübeck, Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte, Breslau 1928, S. 40 ff.; vgl. auch ebend. S. 25, 254, 268, 269 Anm. 33 über die Gründung Rostocks.
49) M.U.B. VI Nr. 3669. - Die einschlägige Stelle der Urkunde ist zitiert Kapitel IV, b, 2, S. 93.
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pflichtet, dem Landesherrn den Huldigungseid zu leisten. In der Urkunde heißt es: "adicientes quoque, quod nostri successores, consules eiusdem civitatis Roztoch consequente seu succedente tempore singulis annis, quando electi de novo fuerint, per iuramenta fidelitatis homagyum facient" 50 ). Diese Tatsachen lassen daraut schließen, daß die Amtsgewalt der Ratsherren abgeleitet ist aus der landesherrlichen Gewalt. Wir sind demnach wohl zu der Annahme berechtigt, daß der Landesherr die Mitglieder des ersten Ratskollegiums in Rostock in ihre Ämter eingesetzt hat 51 ). Ob bei der Einsetzung der ersten Ratsherren auch die Bürgergemeinde beteiligt war, vielleicht dergestalt, daß ihr ein Vorschlagsrecht zugebilligt war, läßt sich nicht entscheiden.

b) Grundzüge der Stadtverfassung um 1218.

1. Die Stellung des Vogtes.

Die Verwaltung der Stadt hat um 1218 unter dem vorwiegenden Einfluß des Landesherrn gestanden. Der fürstliche Vogt, der die landesherrliche Gewalt in der Stadt vertrat, hatte in jener Zeit eine mächtige Stellung inne. Wahrscheinlich hatte er seinen Sitz auf der fürstlichen Burg 52 ), wodurch seine Position schon äußerlich als machtvoll und überragend gekennzeichnet wurde. Der "advocatus" war der Vertreter des Gerichtsherrn und führte daher den Vorsitz bei der Ausübung der höheren Gerichtsbarkeit 53 ). Ferner standen ihm auch wichtige administrative Befugnisse zu. Das letztere können wir daraus schließen, daß in Urkunden des Rates aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts der Vogt verschiedentlich neben Rat und Gemeinde an erster Stelle genannt wird, und zwar handelt es sich um folgende Fälle: 1. Vogt, Rat und Gemeinde urkunden über eine von Rostock und Lübeck


50) M.U.B. VI Nr. 3674.
51) Rörig a. a. O. S. 254 schreibt: "von dem um 1218 gegründeten Rostock, wo von vornherein als bürgerliche Behörde die consules auftreten, vermutlich auch hier im engsten Zusammenhang mit dem Gründungsvorgang stehend"; S. 268: "Rostock beginnt gleich mit der fertigen Ratsverfassung, wie sie in Lübeck damals längst sich durchgesetzt hatte."
52) Vgl. Ludwig Krause a. a. O. S.39.
53) M.U.B. III Nr. 1671: "sedente pro tribunali Dethardo advocato ..."
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gegenseitig erfolgte Verzichtleistung auf Schadenersatzansprüche (1257) 54 ), 2. Vogt und Rat bezeugen, daß die Bürger von Ribnitz sich des zu Lübeck und Rostock üblichen Rechtes bedienen (1257) 55 ), 3. ein Schreiben rechtlichen Inhalts ist von Lübeck gerichtet an den Vogt und den Rat von Rostock (ca. 1267) 56 ). Diese drei Fälle beziehen sich sämtlich auf den Verkehr des Rostocker Rates mit anderen Städten und zeigen, daß der Rat in der ersten Zeit seiner Tätigkeit nicht als der ausschließliche Vertreter der Stadt auftrat, sondern vom fürstlichen Vogt überwacht wurde.

Auch in der inneren Verwaltung muß der Vogt um 1218 eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben. Allein die Tatsache, daß sich damals wahrscheinlich noch sämtliche Regalien in der Hand des Landesherren befanden, weist auf ein umfangreiches Kompetenzgebiet des fürstlichen Beamten hin. Da an den Vogt noch in späterer Zeit häufig die Bede 57 ) bezahlt wurde 58 ), hatte er wahrscheinlich auch dafür zu sorgen, daß die von der Stadt an den Landesherrn zu zahlenden Abgaben pünktlich einkamen.

2. Die Befugnisse des Rates.

Die Befugnisse, welche dem Rate um 1218 zustanden, waren wahrscheinlich noch nicht sehr umfangreich. Nach den uns erhaltenen Quellen dürfen wir wohl annehmen, daß die Überwachung und Regulierung des Marktverkehrs einen Teil seiner ersten Rechte bildete. Dem Rate stand wahrscheinlich eine Marktgerichtsbarkeit zu, die sich in der Hauptsache auf


54) M.U.B. II Nr. 786.
55) M.U.B. II Nr. 794.
56) M.U.B. II Nr. 1106.
57) Über "Bede" vgl. Kap. III, c, S. 62.
58) M.U.B. II Nr. 1140 (Jahr 1268). Ratsarchiv Rostock, Stadtbuch-Fragment (im Folgenden zitiert: St. B. Fragm.) III, 1, fol. 8 a (ca. 1274/75): "dabuntur advocato de petitione pasche ..."; ebd. fol. 14 b (ca. 1270/75): "Domino Georgio de Maiorken (d. i. der Vogt) date sunt 30 mr. de petitione ..."; ebd. fol. 17 a (ca. 1270 bis 1275): "Cum dominus Georgius de Maiorken recepit VI mr. et duos solidos, fatebatur, peticionem domini W. de pasca totam datam." - St.-B.-Fragm. III, 3 fol. 1 a. (1279): "civitas dedit domino Frederico de Kerichtorp advocato 40 mr." - Rostocker Stadtbuch (im Folgenden zitiert: St.-B.), I. fol. 68 a (ca. 1270): "De peticione domini Waldemari, que erit Michaelis, dabuntur Bernardo scriptori 36 1/2. Si autem Bernardus non fuerit, dabuntur domino Georgio ..."
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Maß, Gewicht und Qualität der Waren erstreckte. Daß der Rat ein derartiges Aufsichtsrecht besaß und ausübte, ist aus einem 1275 entstandenen Geldbußenregister ersichtlich, worin es u. a. heißt: "Ecghehardus sutor emendavit 12 sol. de malo coreo, Monec 6 sol. de parvis vitris, Lutfridus Wullenwewer 10 sol. pro falso pondere, Rapesulver 10 sol. de malo ardorio" 59 ). Es ist anzunehmen, daß die hier aufgeführten Vergehen selbständig vom Rate gesühnt wurden, und daß die gezahlten Strafgelder der Stadtkasse zugute kamen; ein Ratsbeschluß aus dem Jahre 1275 besagt: "Consules arbitrati sunt, quod, quicunque vadiaverit 20 sol., illos dabit civitati. Si autem poterit gratiam consequi, non dabit minus quam 10 sol." 60 ). Der Rat hatte wahrscheinlich auch das Aufsichtsrecht darüber, daß die marktgesetzlichen Bestimmungen, wie das Verbot des Vorkaufs usw., beachtet wurden. Hierauf beziehen sich folgende Aufzeichnungen: "Jacobus magnus piscator totiens excessit in preempcione piscium" 61 ), "Pistor in domo Wasmodi emit carnes in navi. Engelbertus Buckelberg et faber in domo Frisonum emerunt ferrum in navi" 62 ).

Die uns erhaltenen Verordnungen über die allgemeine Regulierung des Marktverkehrs sind ebenfalls auf die Tätigkeit des Rates zurückzuführen, so daß diesem wahrscheinlich auch das Verordnungsrecht in Marktangelegenheiten zustand. Die erste uns erhaltene Bestimmung dieser Art stammt aus dem Jahre 1265 und war durch die damals erfolgte Vereinigung der Einzelgemeinden notwendig geworden. Es wurde in dieser Verordnung vom Rate und der Gemeinde festgesetzt, daß die Marktverhältnisse in der Petri- und Mariengemeinde durch die Zusammenlegung der einzelnen Städte nicht geändert werden sollten. Die Vieh- und Pferdemärkte sollten nach wie vor auf dem Markte der Jakobigemeinde stattfinden, wohin außerdem der Haupthopfenhandel verlegt wurde 63 ). Im Jahre 1278 bestimmten "consules cum senioribus civitatis", daß die städtischen Verkaufsbuden im Rat-


59) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 5 b, 6 a, z. T. veröffentlicht M.U.B. II. Nr. 1374.
60) M.U.B. II. Nr. 1379.
61) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 9 b (ca. 1274/75).
62) St.-B.-Fragm. III, 5 fol. 1 a (ca. 1278).
63) M.U.B. II Nr. 1051.
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hause zweimal jährlich unter den Interessenten ausgelost werden sollten 64 ), wahrscheinlich, um eine einwandfreie Verteilung zu gewährleisten. Wenn auch die uns erhaltenen Quellen über die Tätigkeit des Rates in der Überwachung und Regulierung des Marktverkehrs nur bis 1274/75 bzw. 1265 zurückreichen, so ist es doch wahrscheinlich, daß dieser Zweig der städtischen Verwaltung mit zu der ursprünglichen Kompetenz des Rates gehört hat, zeigt doch der Entwicklungsgang in zahlreichen anderen Städten, daß die Überwachung des Marktverkehrs vielfach die erste Aufgabe des neu entstandenen Rates gewesen ist 65 ).

Auf dem Gebiete der Rechtspflege gehörte wahrscheinlich die freiwillige Gerichtsbarkeit zum anfänglichen Kompetenzbereich des Rates. Schon nach dem ältesten uns erhaltenen Stadtbuchfragment, das vermutlich noch vor 1257 entstanden ist, finden die Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit "coram consulibus" statt 66 ). In dem Stadtbuchblatt von 1257/58 finden sich in den Aufzeichnungen über die Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit folgende Ausdrücke: "coram consulibus universis", "in presencia consulum", "consules testantur" oder "notum sit universis consulibus" 67 ), welche sämtlich darauf hinweisen, daß die freiwillige Gerichtsbarkeit vom Rate gehandhabt wurde. Dieselben Ausdrücke kehren auch in späterer Zeit in den Aufzeichnungen über die einzelnen Tatbestände der freiwilligen Gerichtsbarkeit stets wieder 68 ), Ein weiteres Recht des Rates war die Teilnahme an der Ausübung der höheren Gerichtsbarkeit. Das für Kriminalsachen zuständige fürstliche Vogtgericht setzte sich aus dem "advocatus" als Vorsitzendem und mehreren Ratsherren, welche als Beisitzer fungierten, zusammen. Eine Aufzeichnung vom Jahre 1283 über eine Verfestung führt neben dem Vogt 4 Ratsherren als Gerichtspersonen an 69 ). Seit 1301 werden stets nur noch


64) M.U.B. II Nr. 1447.
65) Vgl. Schröder- v. Künßberg a. a. O. S. 693 u. Eberle a. a. O. § 8.
66) St.-B.-Fragm. I, 1 fol. 3 a, 3 b, 4 b und öfter.
67) St.-B.-Fragm. I, 2 veröffentlicht: Beiträge Bd. III, 1 S. 3 ff.
68) St.-B. I fol. 1 b, 2 a, 2 b usw., auch sehr häufig in anderen Stadtbüchern.
69) M.U.B. III Nr. 1671: "sedente pro tribunali ...... Henrico Monacho, Johanne de Bruneswich, Alberto de Cosveld et Euerhardo Nachtraven."
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2 Ratsherren als Beisitzer genannt 70 ). Die dem Rate um 1218 zustehenden Befugnisse dürften hiermit wohl erschöpft sein.

Im Anschluß hieran müssen wir noch zu einer von Lisch und Mann geäußerten Ansicht Stellung nehmen: Aus dem Jahre 1360 ist uns ein Aktenstück erhalten, das sich auf den Streit der Stadt Rostock mit dem Lübischen Domherrn Heinrich von Femern bezieht. Hierin heißt es: "Quod proconsules et consules dicti opidi a fundatione ipsius et a tempore, cuius in contrarium memoria hominum non existit, potuerunt et consuerunt facere et fecerunt statuta, precepta et mandata et collectas inponere opidanis in opido Rozstok, prout eis tamquam ad hoc iuratis super possessionibus, domibus et hereditatibus in dicto opido et in districtu eorum constitutis visum est expedire. Super quibus statutis, preceptis, mandatis et consuetudinibus dictis proconsulibus et consulibus nunquam fuit facta vel mota contradictio, precipue in foro ecclesiastico ...." 71 ). Lisch und Mann haben auf Grund dieser Stelle die "ursprünglichen Rechte" des Rates folgendermaßen umschrieben: "Repräsentation und Vertretung der Stadt, die volle Verwaltung des Stadtvermögens ..., die Annahme der neuen Bürger, der Beisitz im Gericht, die Feststellung der Bürgersprache und der Amtsrollen, sowie die Erlassung der sonstigen Verordnungen" 72 ). Diese Auffassung muß nach meiner Meinung zurückgewiesen werden. Erstens stammt dieses Aktenstück aus viel späterer Zeit und ist schon deshalb als historische Quelle für die ältere Zeit mit Vorsicht zu benutzen, und zweitens haben wir es hier mit den Worten eines Autors zu tun, der höchst wahrscheinlich nach einseitigen Gesichtspunkten urteilte. Es handelt sich bei diesem Aktenstück um Ausführungen, die von dem Anwalt des Rostocker Bürgermeisters, also einer Partei des Prozesses gemacht worden sind mit dem Zwecke, die geistliche Gerichtsbarkeit als unstatthaft zurückzuweisen. Wir dürfen aus diesem Grunde bei dem Autor den Willen zu wirklicher Objektivität nicht voraussetzen.

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70) M.U.B. V Nr. 2731, 2763 und häufiger.
71) M.U.B. XIV Nr. 8749, 2.
72) Vgl. Lisch und Mann a. a. O. S. 13, Anm. 3.
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Kapitel III.

Stadt und Landesherr
im Kampfe um die Stadtherrschaft.

Das Verhältnis der Stadt zu ihrem Landesherrn hat während des 13. Jahrhunderts und der folgenden Jahrzehnte beträchtliche Umgestaltungen erfahren. Wir können die Beobachtung machen, daß im Laufe der Zeit wichtige Hoheitsrechte des fürstlichen Stadtherrn in die Hände der "civitas" übergehen. Der Kompetenzbereich des Stadtrates nimmt dadurch allmählich an Umfang zu, während die ursprünglich überragende Machtstellung des Landesfürsten in der Stadt schwindet. Eine wesentliche Ursache für diese Entwicklung ist neben anderen der Geldmangel der Fürsten gewesen. Wie wir noch sehen werden, hat die Stadt in vielen Fällen Rechte und Liegenschaften durch Kauf aus fürstlicher Hand erworben. Schon diese Tatsache läßt wohl auf ein dringendes Geldbedürfnis der Fürsten schließen. Die finanzielle Bedrängnis der Fürsten kommt außerdem auch in anderer Form zum Ausdruck. So besagt eine Stadtbuch-Notiz aus den 50er Jahren des 13. Jahrhunderts, daß Fürst Borwin der Stadt mit über 100 Mark "alter Schulden" verpflichtet ist 73 ). Fürst Waldemar verpfändete im Jahre 1282 gegen ein Darlehn von 300 Mark 40 Mark jährlicher Rente aus der Rostocker Bede 74 ). Er nahm also Kapitalien zu einem Zinsfuß von über 13 % auf, während damals bei derartigen Renten nur ein Zinsfuß von 10 % üblich war 75 ). Sein Sohn Nikolaus überließ im Jahre 1286 der Stadt umfangreiche Ländereien. Als Gegenleistung mußte die Stadt die Schulden seines Vaters bezahlen 76 ). Auch diese Tatsachen lassen auf die finanzielle Not der Fürsten schließen.


73) St.-B.-Fragm. I, 1 fol. 7 b: "... dominus Borwinus tenetur civitati 100 mr. et 9 mr. de antiquo debito."
74) M.U.B. III Nr. 1634.
75) Vgl. St.-B. II fol. 48 a, 48 b, 54 a, 59 a, 66 b, 74 a und öfter.
76) M.U.B. III Nr. 1836.
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Bevor wir uns nun mit der rechtlichen Seite des Verhältnisses der Stadt zum Landesherrn befassen, werfen wir einen Blick auf die Gestaltung der Stadtfeldmark.

a) Erweiterung der Stadtfeldmark und Beseitigung der fürstlichen Burgen 77 ).

Die Begründung der Stadtfeldmark geht auf das Privilegium von 1218 zurück, das den Einwohnern Rostocks das Lübische Stadtrecht bestätigte für ihre "Ländereien, Äcker, Felder, Wiesen, Weiden, Wälder, Fischereien und Jagden, Gewässer und Wasserläufe, Wege und Unwege, Ab- und Zugänge" 78 ). Diese langatmige Aufzählung der verschiedenen Geländearten in der Urkunde beruht allerdings nur auf einem damals üblichen Kanzleigebrauch 79 ), und man darf hieraus nicht schließen, daß die Ansiedler im Jahre 1218 alle diese Geländearten tatsächlich schon besessen hätten. Es ist vielmehr anzunehmen, daß das ursprüngliche Eigentum der Stadt wahrscheinlich nicht über die Zingeln vor dem Stein- und Kröpeliner Tor und vor dem Petri- und Mühlentor nicht über die Warnow hinausgegangen ist 80 ). Ausdrücklich als solche erwähnt wird die Stadtfeldmark erst im Jahre 1252, als Borwin III. den Geltungsbereich des Stadtrechtes auf die gesamten der Stadt gehörigen Ländereien ausdehnte 81 ). Der Grund und Boden innerhalb der Stadtgrenze wurde damit dem Rate als Obrigkeit unterstellt. Am 12. Oktober 1264 überließ Fürst Borwin den Bürgern auch seine sonstigen Rechte, die er noch an deren Feldmark hatte. Es heißt in der Urkunde: "Preterea iura per portum ipsorum in Warnemunde et per omnes terminos dicte civitatis versus campum, qui vulgariter markschede nuncupatur, sepedictis burgensibus nostris damus cum sua utilitate eternaliter possi-


77) Vgl. Ludwig Krause a. a. O. S. 37 ff. und S. 54 ff.
78) M.U.B. I Nr. 244.
79) Vgl. M.U.B. III Nr. 1784, 1788, 1792, 1812, 1817, 1847 und öfter.
80) Vgl. Ludwig Krause a. a. O. S. 56.
81) M.U.B. II Nr. 686: "Volumus insuper, ut in omnibus terminis suis, qui vulgariter markescede vocantur, iure gaudeant civitatis."
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denda" 82 ). Hierdurch hatte die "civitas" die ausschließliche Verfügungsgewalt über die Stadtfeldmark erhalten. Es geht weiter aus der Urkunde hervor, daß das Warnemünder Hafengebiet damals schon zum Eigentum der Stadt gehörte.

Die erste uns überlieferte Erweiterung der Stadtfeldmark fand im Jahre 1252 statt. Damals erwarb die Stadt von Fürst Borwin für einen Kaufpreis von 450 Mark das Gebiet der Rostocker Heide 83 ). Im Jahre 1264 schenkte derselbe Borwin der Stadt den fürstlichen Anteil an dem Bruche vor der Petristadt 84 ), und am 21. Dezember 1275 verkaufte Fürst Waldemar den Rostockern das Dorf Nemezow mit der gesamten Lype 85 ). Im Jahre 1286 überließ Fürst Nikolaus der Stadt dafür, daß sie die Schulden seines Vaters bezahlte, das Dorf Wendisch Wik, den Burgwall mit der sich bis zum Mühlendamm erstreckenden Wiese und die Pferdewiese bei Warnemünde 86 ). Im Jahre 1323 schließlich kaufte die Stadt von Fürst Heinrich von Mecklenburg das Dorf Warnemünde 87 ). Auf diese Weise war der Geltungsbereich des Stadtrechtes und damit auch der Herrschaftsbereich des Stadtrates ganz beträchtlich in die Breite gewachsen.

Ebenso wie die Stadt bestrebt war, die städtischen Liegenschaften auf Kosten des landesherrlichen Besitzes zu vermehren, war sie erfolgreich bemüht, die befestigten Anlagen der Fürsten in bzw. bei der Stadt zu beseitigen, um sich desto ungehemmter entwickeln zu können. Wann die vermutlich in der Altstadt gelegene Burg und die Burg in der Mittelstadt von den Fürsten aufgegeben worden sind, wissen wir nicht. Wie bereits erwähnt, erreichten die Bürger im Jahre 1266 von Fürst Waldemar, daß die Vorbereitungen für den Bau einer fürstlichen Burg am Bramower Tore, das ist in der damaligen Neustadt, für immer eingestellt wurden 88 ). Seit dieser Zeit


82) M.U.B. II Nr. 1021. - Herrlich a. a. O. S. 17 f. interpretiert diese Stelle folgendermaßen: "Borwin erneuert die Verzichtleistung auf alle Zölle und Abgaben im Warnemünder Hafen." Diese Interpretation hat durchaus keine Berechtigung.
83) M.U.B. II Nr. 686.
84) M.U.B. II Nr. 1021.
85) M.U.B. II Nr. 1381.
86) M.U.B. III Nr. 1836.
87) M.U.B. VII Nr. 4422.
88) M.U.B. II Nr. 1096.
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mußten sich die Landesfürsten damit begnügen, einen unbefestigten Fürstenhof in der Stadt zu unterhalten, der später - etwa seit der Mitte des 15. Jahrhunderts - in Privatbesitz überging 89 ). Ein weiterer Fortschritt zur Selbständigkeit der Kommune erfolgte im Jahre 1278. Damals brachte die Stadt den Grund und Boden der fürstlichen Hundsburg an der Warnow in ihren Besitz und erhielt gleichzeitig das Versprechen, daß in Zukunft von Seiten des Landesherrn keine Befestigungen an der Warnow im Umkreis einer Meile errichtet werden sollten 90 ). Auch in späterer Zeit war die Stadt bemüht, irgendwelche in ihrer Interessensphäre von den Fürsten errichtete befestigte Anlagen zu schleifen. So erwarb sie im Jahre 1322 auf Abbruch die von den Dänen erbaute Festung zu Warnemünde 91 ).

Während die fürstlichen Befestigungen in und bei der Stadt beseitigt wurden, schritten die Bürger ihrerseits dazu, die Stadt mit einer Mauer zu umgeben. Wann die Stadtmauer errichtet worden ist, läßt sich nicht feststellen. Um 1270/75 wird gebucht: "14 mr. date sunt pro lapidibus ad murum" 92 ). Wir finden ferner um 1280 verschiedentlich Aufzeichnungen, wonach von Bürgern Geldbeträge "ad murum" an die Stadt bezahlt worden sind. Es heißt z. B.: "Hillebrandus faber 1 mr. ad murum in pascha persolvet" oder "Hinricus Jampesvar sutor I (Druckfehler) mr. ad murum" 93 ), Ähnliche Aufzeichnungen treffen wir häufiger in dieser Zeit an 94 ).

b) Erwerbung des Fischerei- und Strandrechtes.

In den Besitz des Fischereirechtes auf der Unterwarnow gelangte Rostock im Jahre 1252. Borwin III. überließ damals der Stadt die Fischerei auf der Warnow bis Warnemünde und


89) Die urkundlichen Nachrichten über den Fürstenhof sind zusammengestellt M.U.B. II Nr. 1422, Note. - Vgl. auch Ludwig Krause a. a. O. S.41.
90) M.U.B. II Nr. 1474. - Vgl. Ludwig Krause a. a. O. S. 43 ff.
91) M.U.B. VII Nr. 4377.
92) St.-B.-Fragm. III 1 fol. 16 b.
93) St.-B.-Fragm. III, 5 (1278-1294) fol. 1 b.
94) St.-B.-Fragm. III, 5 fol. 2 a, 2 b, 3 a. - St.-B.-Fragm. III, 2 (1279-1280) fol. 3 a.
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darüber hinaus auf dem offenen Meer, soweit die Witterung es gestattete. Es heißt in der Urkunde: "... a ponte aquatico proximo ecclesie sancti Petri et sic per alveum fluminis Warnowe usque Warnemunde, necnon extra portum in marinis fluctibus eos tanto dotamus beneficio piscature, quantum pre intemperie aeris audeant attemptare" 95 ). Im Jahre 1323 bestätigte Fürst Heinrich von Mecklenburg der Stadt den Besitz dieses Rechtes 96 ). Daneben erlangte die Stadt auch noch andere Fischereigerechtigkeiten, die z. T. später verpachtet oder auch verpfändet wurden 97 ).

Das Strandrecht für den Rostocker Hafen ging ebenfalls im Jahre 1252 aus der Hand des Fürsten in die der Stadt über. In jenem Jahre versprach Fürst Borwin, daß er hinfort auf alle Rechte an den im Rostocker Hafen gestrandeten Schiffen verzichte. Die einschlägige Stelle der Urkunde lautet: "Si vero in portu ipsorum ... navis collidatur, nobis in ea vel rebus attinentibus nichil iuris penitus usurpamus" 98 ). Das Strandrecht hatte zu damaliger Zeit wahrscheinlich schon seine ursprüngliche Bedeutung, wonach Schiffbrüchige mit Leib und Gut dem Strandherrn verfallen waren, verloren, denn bereits im Jahre 1220 hatte Borwin I. das Strandrecht in dieser Form in seiner ganzen Herrschaft aufgehoben 99 ). Es wird damals wohl nur noch auf herrenloses Strandgut oder gegenüber reklamierenden Eigentümern auf den Bergelohn angewendet worden sein 100 ).


95) M.U.B. II Nr.686.
96) M.U.B. VII Nr. 4422.
97) M.U.B. V Nr. 3134. - St.-B.-Fragm. II, 5 fol. 6 b (1312): "Civitas posuit Heyen piscariam supra quatuor rotas pro 40 mr. den. Et quando civitas sibi 40 mr. solverit, tunc piscaria est libra." - Vgl. auch Ahrens, Die Wohlfahrtspolitik des Rostocker Rates, Rostocker Diss. 1927, Beiträge Bd. XV S.24.
98) M.U.B. II Nr. 686.
99) M.U.B. I Nr.268: "Igitur ne tam abhominanda consuetudo in posteros nostros quasi heredetario iure radicem figat, ipsam radicitus decrevimus exstirpari, statuentes, ut, si quis naufragium apud littora nostra perpessos molestaverit in rebus aut personis, tamquam violator pacis atque iusticie contemptor reus iudicio deputetur." - Vgl. Herrlich a. a. O. S. 15.
100) Vgl. Schröder-v. Künßberg a. a. O. S.580.
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c) Steuer- und Finanzverwaltung.

Die "civitas" als Gesamtheit war ihrem Stadtherrn zur Zahlung von Geldabgaben verpflichtet. Diese Steuer, welche in den Stadtbüchern meistens als "petitio" (Bede) bezeichnet ist, wird schon im ältesten Stadtbuch-Fragment mehrfach erwähnt. Sie war eine direkte Steuer und wurde von dem Rate an den Landesherrn oder auch an dessen Vertreter, den "advocatus" 101 ), gezahlt. Es heißt z. B. "Consules concesserunt domino meo de peticione paschali 20 mr." 102 ), oder "Consules dederunt domino terre de peticione Michaelis 40 mr." 103 ). In der Praxis war es häufig so, daß der Landesherr die Bede z. T. im voraus an seine Gläubiger verpfändet hatte. Die "petitio" wurde dann am fälligen Termin gleich an diese ausgezahlt, wie es aus folgenden Inskriptionen ersichtlich ist: "De petitione Michaelis demonstravit dominus meus primo Johanni Albo 15 1/2 mr. 1 sol. minus, item Ludolfo Stormclocke 7 mr. et Herbordo Meibom 9 mr., item domino Johanni Peniz 20 mr." 104 ), oder "Dominus Johannes de Brunswic recipiet de peticione a nunc pascha per annum 100 mr. den." 105 ). Die Höhe der Summe, welche die Stadt vor dem Jahre 1262 an den Landesherrn an Bede zahlen mußte, ist uns nicht bekannt. Im Jahre 1262 wurde dann diese Steuer auf eine jährlich zu zahlende Pauschalsumme von 250 Mark festgesetzt 106 ). Aus Stadtbuch-Inskriptionen von ca. 1268-1279 und mehreren Quittungen, die dem Rat in der Zeit von 1324-1343 von den Fürsten über gezahlte Bede oder "Orbör" 107 ) ausgestellt wurden, geht hervor, daß die Steuer in zwei Raten zu Ostern und Michaelis


101) Vgl. Anmerkung 58.
102) St.-B.-Fragm. I, 1 fol. 2 b.
103) M.U.B. II Nr. 878 (Jahr 1260).
104) St.-B.-Fragm.I, l fol. 2 b.
105) Ebendort fol. 6 a. - Vgl. auch fol. 7 b.
106) M.U.B. II Nr. 959: "statuimus et dedimus ...., ut petitionem nostram nobis singulis annis persolvant, videlicet ducentas et quinquaginta marcas denariorum eiusdem civitatis monete."
107) Der Name "Orbör" für "Bede" findet sich zuerst 1324: "nostros annuos redditus, qui vulgo orbore dicuntur." (M.U.B. VII Nr. 4527).
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fällig war 108 ). In einer Empfangsbescheinigung, die Fürst Albrecht dem Rate im Jahre 1346 über 500 Mark gezahlter Orbör (für 2 Jahre) ausstellte, werden als Zahlungstermine die Tage Philippi und Jakobi (1. Mai) und Martini (11. Nov.) namhaft gemacht, und zwar waren am 1. Mai 160 Mark und am 11. November 90 Mark fällig 109 ). Irgendwelche Nachrichten über die Erhebung weiterer fürstlicher Steuern in der Stadt sind nicht überliefert, und wir können daher wohl annehmen, daß die Bede die einzige von der Stadt an den Landesherrn zu zahlende direkte Steuer war.

In diesem Zusammenhang ist eine Stadtbuch-Inskription von Wichtigkeit, welche vermutlich in das Jahr 1268 zu setzen ist und u. a. zwei Eintragungen folgenden Wortlauts enthält: "Item quinquaginta marce date sunt domino Waldemaro de petitione, que erit Michaelis. In pascha de ipsa petitione 32 marcas pro vino et pro allecibus 21 m." 110 ). Bei der ersten Buchung kann es sich nur um eine im voraus geleistete Abschlagszahlung auf die Bede handeln. Die Worte der zweiten Buchung "de ipsa petitione" sollen offenbar darauf hinweisen, daß es sich ebenfalls um eine Bedezahlung handelt, außerdem aber werden "vinum" und "alleces" angegeben. Der Sinn dieser Notiz ist nicht klar zu erkennen. Es ist möglich, daß wir es hierbei mit einer Bedezahlung zu tun haben, die in Form von Naturalien, nämlich Wein und Heringen, geleistet wurde.

Die Quellen über die Steuer- und Finanzverwaltung Rostocks beginnen ungefähr mit dem Jahre 1260/62 und zeigen, daß die "civitas" seit der Zeit in diesem Zweige der städtischen Verwaltung weitgehende Selbständigkeit besaß. Als wichtigste städtische Steuer wurde die "collecta" erhoben, die auch "tallia" oder "schot" (Schoß) genannt wurde 111 ). Über den Charakter dieser Steuer erfahren wir Näheres aus


108) St.-B. I fol. 67 b, 86 b. - St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 8 a, 13 b, 14 b, 17 a. - St.-B.-Fragm. III, 3 fol. 1 a. - M.U.B. VII Nr. 4527, 4894, VIII Nr. 5674, 5688, IX Nr. 6312.
109) M.U.B. X Nr. 6637.
110) M.U.B. II Nr. 1140.
111) M.U.B. VI Nr. 3743: "tallie, que schot communiter nuncupatur." - M.U.B. XIV Nr. 8547: "collecta, dicta vulgariter schod." - Vgl. auch M.U.B. V Nr. 3144, 3184.
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einer Urkunde vom Jahre 1279: Ein Ritter erwirbt ein Grundstück und übernimmt außer anderen Lasten die Pflicht, für das Grundstück "collecta" zu zahlen. Er darf das Grundstück außerdem nur an einen Bürger weiterverkaufen 112 ). Es geht hieraus hervor, daß die Bürger der Stadt steuerpflichtige Personen sind, und daß Grund und Boden Steuerobjekt ist. Die "collecta" ist demnach eine direkte Vermögenssteuer 113 ).

Zum ersten Male tritt uns die "collecta" in einem Stadtbuch-Fragment entgegen, das nach Dragendorff etwa 1260/62 entstanden ist und eine Abrechnung der Stadt mit einer Reihe von Gläubigern enthält. Die Stadt hatte von zahlreichen Bürgern Anleihen erhalten, und die Abtragung der Schuld erfolgte zum Teil in der Weise, daß die Gläubiger solange von ihrer Schoßpflicht befreit waren, bis ihr Guthaben erschöpft war 114 ). Es heißt z. B.: "Andreas de Cosfelt prestitit puram marcam. Quam demit pro duabus collectis", oder "Gerlagus de Cosfelde prestitit 5 mr. den. Illas demit pro 2 collectis" 115 ). Der Steuereinnehmer für die "collecta" ist hiernach die "civitas". Zahlreiche Stadtbuch-Inskriptionen beweisen außerdem, daß die Stadt oder der Rat als Träger der Verwaltung selbständig über die Einnahmen aus der "collecta" verfügte. Zum Jahre 1284 lesen wir im Stadtbuch: "Notum sit, quod Salathiel Judeus civitati prestitit 400 mr., quas sibi debet solvere civitas sub hac forma, quod recipiet in proxima collecta 100 mr. et in secunda collecta 100 mr. et sic de aliis collectis, donec sibi dicta


112) M.U.B. II Nr. 1480: "Reimboldus vendidit domino Redago militi hereditatem suam tali pacto, quod de ea vigilet et collectam faciat ....; et si eam vendere voluerit, nulli eam vendere potest, preterquam uni civium."
113) Vgl. Staude, Die direkten Steuern der Stadt Rostock im Mittelalter. (Jahrbücher Bd. 77) 1912 S. 133 ff.
114) Vgl. Dragendorff, Beiträge Bd. III, 1 S. 29 f.
115) Beiträge III, 1 S. 37. - In ähnlicher Weise verfuhr die Stadt auch häufig in späterer Zeit, um Schulden zu tilgen, z. B. St.-B.-Fragm. IV, 2 fol. 158 b: "Civitas tenetur Conrado 50 mr. den. .... Tres mr. defalcavit pro collecta." - Ebendort fol. 159 b: "Civitas vendidit Gerwino Wilden 5 mr. redditus pro 50 mr. den. ....... Et consules deputabunt sibi ad talliam hos redditus." - Vgl. auch ebendort fol. 161 b. - St.-B.-Fragm. II, 3 fol. 5 a. - St.-B.-Fragm. II, 4 fol. 5 b und St.-B. III fol. 150 a.
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pecunia totaliter sit soluta" 116 ). In besonderen Fällen stand es auch der Stadt zu, Befreiung von der Schoßpflicht zu erteilen 117 ).

Neben der "collecta" hatte der Rat auch das Recht, Verbrauchssteuern für einzelne Marktartikel zu erheben, was aus der im Jahre 1275 erlassenen Verordnung über die Hopfensteuer ersichtlich ist. Der hierüber gefaßte Beschluß des Rates lautet: "Item quicunque voluerit humulum vendere assidue, debet habere dolium in foro, et inde dabit in anno 1 mr. Si duo simul stant et vendunt, dabunt 2 mr.; et si quatuor socii de uno dolio vendunt, dabunt 4 mr. in anno" 118 ). Es hat den Anschein, als ob eine ähnliche Steuer auch für Butter erhoben wurde, denn wir finden hin und wieder verzeichnet, daß Gewerbetreibende Abgaben "de butyro" zahlten 119 ).

Die übrigen städtischen Einnahmen setzten sich aus Abgaben privatrechtlichen Charakters zusammen. Die "civitas" tritt uns als Eigentümer des Marktplatzes entgegen, und daher kamen ihr die von den Gewerbetreibenden für die Marktplätze zu zahlenden Standgelder zu. Die Stadt war ferner im Besitz zahlreicher Marktbuden, welche an die Krämer der Stadt vermietet wurden. Über diese Verhältnisse gibt uns ein Kämmerei-Register vom Jahre 1325 Aufschluß, das u. a. einen "liber de redditibus civitatis, quos officiales ac manuales de locis suis perpetuo singulis annis temporibus solutionis determinatis erogabunt", enthält 120 ). Es finden sich hierin u. a. folgende Aufzeichnungen: "Primo pannicide unam marcam de quolibet loco in theatro dabunt singulis annis . . . ., sed pannicide in propriis domibus


116) M.U.B. III Nr. 1756. - Ähnlich häufiger, z. B. St.-B.-Fragm. III, 8 fol. 41 a: "refundet eidem de prima collecta." - St.-B.-Fragm. IV, 2 fol. 161 b: "de prima talia dictos denarios recipiet ..." - St.-B.-Fragm. II, 4: "Quas (nämlich 30 Mark) recipiet de prima talia. - Vgl. auch M.U.B. III Nr. 1856, 2122; V Nr. 3374; VI Nr. 4241.
117) M.U.B. III Nr. 1709: "Notum sit, quod ipsum, quamdiu in civitate manserit a collecta supportavit." - Vgl. auch M.U.B. III Nr. 1719; V Nr. 3144.
118) M.U.B. II Nr. 1379.
119) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 6 a: "Hermannus de Ruda dedit 6 sol. de butyro." "Tidemann Volmann niger 8 sol. de butyro" und öfter.
120) M.U.B. VII Nr. 4608.
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pannum vendentes octo solidos eodem termino civitati erogabunt. Cerdones de palude de locis suis universis supra theatrum dabunt triginta marcarum redditus ... civitati annuatim. Item notandum, quod albi cerdones, qui witgherwer dicuntur, de locis suis dabunt civitati in universo duas marcas denariorum ..." 121 ). Die Gelder, welche als Pacht für die öffentlichen städtischen Wagen gezahlt wurden, flossen ebenfalls in die Stadtkasse 122 ). Weiter verfügte die Stadt über Einnahmen aus Schlachthäusern 123 ), Türmen und Torhäusern 124 ), die ebenfalls an Gewerbetreibende vermietet wurden.

Ferner bildete die Stadtfeldmark eine wichtige Einnahmequelle für die Stadtkasse. Die "civitas" war im Laufe der Zeit in den Besitz umfangreicher Liegenschaften gelangt. Diese Ländereien verpachtete die Stadt zu einem großen Teil nun ihrerseits an die Bürger. Es handelt sich hierbei um Gärten, Wiesen, Äcker und auch ganze Bauernhöfe in den städtischen Dörfern. So lautet eine Stadtbuchnotiz von 1273: "Arnoldus et Johannes ... habent de civitate ortum unum apud Nemezov, de quo singulis annis ... civitati dabunt 8 mr. perpetuo" 125 ). Sehr häufig finden sich Abgaben der sogenannten "graminarii", d. h. der Wiesenpächter 126 ), in den Stadtbüchern, etwa in folgender Art: "Anno domini


121) Ebendort S. 256.
122) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 1 b (1270/75): "De libra super aquam 3 mr. dabit Petrus et optinebit eam ad duos annos." - Ebendort fol. 4 a: "Thidericus cum kalibe convenit libram civitatis ad duos annos pro 20 mr." - Vgl. auch M.U.B. II Nr. 1175, Note; St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 4 b, St.-B.-Fragm. III, 4 fol. 8 a, St.-B.-Fragm. III, 5 fol. 3 a; St.-B. VII fol. 55 b; M.U.B. VI Nr. 4064, VII Nr. 4844.
123) M.U.B. III Nr. 2194: "Hermannus fartor convenit domum mactatoriam pro 5 1/2 mr. den." Ähnlich öfter.
124) M.U.B. III Nr. 2256: "Arnoldus rasor habet duas testudines in muro retro domum suam, de quibus solvet annuatim civitati 12 sol. ...." - "Nycolaus de Molendino convenit turrim iuxta portam supra quatuor rotas ad 12 annos, de qua dabit annis singulis 24 sol. ..." Ähnlich öfter.
125) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 12 b. - Ähnlich häufiger, vgl. St.-B.-Fragm. III, 3 fol. 2 a. - St.-B.-Fragm. III, 4 fol. 1 b, 8 b; M.U.B. III Nr. 1992.
126) Über "graminarii" vgl. Dragendorff, Rostocks älteste Gewerbetreibende, Beiträge II, 4, 1899 S. 30.
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1281. Graminarii dederunt 7 mr. et 4 sol. Item 6 mr. et 2 sol ... etc." 127 ). Nicht minder zahlreich sind Pachteingänge für städtische Äcker gebucht. Zum Jahre 1284 heißt es z. B.: "Johannes Molkenere recepit a civitate 3 iugera, que habebit 3 annos gratis. Quarto anno dabit de quolibet iugere 1 mr." 128 ). Seltener dagegen finden wir städtische Bauernhöfe in Pacht gegeben. So heißt es 1292: "Gerhardus carnifex tenet curiam supra Wich ... et dabit annis singulis 12 mr. 129 ).

Die Selbständigkeit der Stadt in der Finanzverwaltung zeigt sich endlich auch in den zahlreichen städtischen Anleihen, die vom Rate aufgenommen wurden. Die erste Anleihe dieser Art, von der wir Kunde haben, fällt in das Jahr 1262 130 ), weitere folgen 1283 131 ), 1284 132 ) und 1286 133 ).

d) Zoll- und Münzwesen.

Als Borwin im Jahre 1218 den Einwohnern Rostocks den Gebrauch des Lübischen Stadtrechtes bestätigte, erteilte er ihnen zugleich Zollfreiheit in seinem ganzen Herrschaftsbereich 134 ). Dagegen hatten die auswärtigen Kaufleute, wenn sie nach Rostock kamen, für ihre Waren einen bestimmten Zoll an den Landesherrn zu entrichten, wobei es sich in der Hauptsache wohl um Importzölle gehandelt hat. Im Jahre 1252 versprach Fürst Borwin der Stadt, den freien Handel nicht zu stören, jedoch fügte er im Hinblick auf die auswärtigen Kaufleute ausdrücklich den Vorbehalt hinzu: "dummodo adstricti iuri theloneario erogent, quod tenentur" 135 ). Auch das


127) St.-B.-Fragm. III, 3 fol (Druckfehler) 1 a. - Vgl. ebendort fol. 2 a. - St.-B.-Fragm. III, 4 fol. 5 b, 7 a, 7 b; M.U.B. III Nr. 2195 und öfter.
128) St.-B.-Fragm. III, 4 fol. 4 b (es folgen 6 Eintragungen ähnlichen Charakters). - Vgl. auch ebendort fol. 6 a. - St.-B.-Fragm. III, 8 fol. 38 b. - M.U.B. III Nr. 1742, 1992.
129) St.-B.-Fragm. III, 8 fol. 41 b. - Vgl. auch M.U.B. III Nr. 1901, Note, 1918, 2155.
130) M.U.B. II Nr. 962.
131) M.U.B. III Nr. 1683, 1693.
132) M.U.B. III Nr. 1756.
133) M.U.B. III Nr. 1856.
134) M.U.B. I Nr. 244: "omnimoda in iuridictione nostra thelonii exemptione."
135) M.U.B. II Nr. 686.
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Recht der Zollbefreiung stand dem Landesherrn zu. So erteilte Fürst Waldemar im Jahre 1267 den Lübeckern Befreiung vom Zoll für Rostock und die anderen Orte seines Herrschaftsbereiches 136 ).

Seit dem Jahre 1311 finden sich in steigendem Maße in den Stadtbüchern Aufzeichnungen über den An- bzw. Verkauf von Renten aus dem Rostocker Zolle durch Private. So wurden z. B. 1311 verpfändet "30 mr. redditus, quos habet in theloneo" 137 ), oder zum Jahre 1313 heißt es: "Johannes ... posuit 1 mr. redditus in theloneo pro 10 mr." 138 ). Diese "redditus in theloneo" waren jährliche Zahlungen aus dem Rostocker Zolle, die vom Landesherrn an Private verpfändet worden sind und nun weiterverkauft wurden. Derartige Fälle mehren sich besonders stark seit 1315 139 ). Mitunter ist in den Aufzeichnungen ausdrücklich die Bedingung hinzugefügt, daß dem Landesherrn das Rückkaufsrecht für die Renten zusteht 140 ), ein deutliches Zeichen dafür, daß die Fürsten bestrebt waren, nach Möglichkeit die Zolleinnahmen ungeteilt für sich zu erhalten.

Es gelang auch der Stadt vorläufig nicht, sich in den Besitz des Zollrechtes zu setzen. Noch unter dem 8. April 1347 verschrieb Herzog Albrecht einem Gläubiger für eine Schuld von 500 Mark 30 Mark jährlicher Rente "in deme tollen to Rozstoke" 141 ), d. h. der Landesherr verfügte damals noch selbständig über die Zolleinnahmen in Rostock.

Für das Verhältnis der Stadt zum Landesherrn hinsichtlich des Zollwesens ist noch eine urkundliche Bestimmung von 1264 wichtig. Damals schenkte Borwin III. den Bürgern Rostocks


136) M.U.B. II Nr. 1125, VII Nr. 4810.
137) St.-B.-Fragm. II, 5, fol. 5 a.
138) St.-B.-Fragm. II, 6 fol. 7 a.
139) St.-B. V fol. 137 b, St.-B. VI fol. 17 b, 23 b, 33 a und öfter; St.-B. VII fol. 12 a, 15 a, 16 a, 22 a und öfter. - St.-B.-Fragm. II, 7 fol. 1 b, 5 a, 7 b; St.-B.-Fragm. II, 9 fol. 1 b, 2 b. - M.U.B. VII Nr. 4819, VIII Nr. 5307.
140) St.-B. VI fol. 24 b (1215): "Decem mr. redditus ... sicut ipse tenuit in theloneo Rozstoc, quos, dominus rex (der dänische König hatte damals vorübergehend die Herrschaft über Rostock erworben) redimere poterit. - Vgl. auch ebendort fol. 25 a, 25 b. - M.U.B. VII Nr. 4640, 4746.
141) M.U.B. X Nr. 6746.
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"freie Fuhr zu allen Mühlen" (vecturam per omnia molendina sua liberam dictis burgensibus ... indulgemus) 142 ). Diese Bestimmung deutet darauf hin, daß die Bürger Rostocks bis zum Jahre 1264 zur Zahlung eines landesherrlichen Zolles, vielleicht eines Straßenzolles oder einer ähnlichen Abgabe, verpflichtet waren, wenn sie ihr Korn nach den Mühlen fahren wollten. Näheres läßt sich hierüber nicht feststellen.

Die Rostocker Münze wird bereits in dem ältesten Stadtbuch-Fragment häufig erwähnt. Die Aufzeichnungen lassen den Schluß zu, daß die fürstliche Münze schon in den 50er Jahren des 13. Jahrhunderts zwar nicht in das Eigentum, wohl aber in die Verwaltung der Stadt übergegangen war. Es heißt z. B.: "Dominus meus (d. i. der Landesfürst) recepit de moneta: primo domino Reimberto 62 mr., item Conrado de Godebuz 6 mr. ..., item Conrado de Darzowe 6 mr. ..." 143 ), oder an anderer Stelle: "Dominus meus premonstravit domino Reinberto 9 mr. de moneta. Item domino Bertrammo Institori 14 mr. Item Stormclocke 15 mr. ... etc." 144 ). Es handelt sich bei diesen Buchungen um Zahlungen an verschiedene Bürger der Stadt, die der Rat "de moneta" im Auftrage des Landesfürsten leistet. Der Rat wird ausdrücklich an mehreren Stellen als zahlende Instanz angeführt, so z. B. 1259/60: "Consules dederunt domino Burwino de moneta 100 mr." 145 ) oder etwa 1270/75: "Consules promiserunt H. Sapienti, Conrado Parvo et Johanni de Luneburg 70 mr. unam minus de moneta istius anni, sicut domino Burwino dare tenentur" 146 ). Ähnliche Aufzeichnungen finden sich häufig 147 ). Die Zahlungen des Rates "de moneta" sind wahrscheinlich die von der Stadt an den Landesherrn zu zahlenden Abgaben für die Überlassung der Münze. In der Praxis wurden anscheinend die Zahlungen - ebenso wie bei der Bede 148 ) - häufig in der Weise geleistet, daß der Rat


142) M.U.B. II Nr. 1021.
143) St. -B.-Fragm. I,1 fol. 2 a.
144) Ebendort fol. 4 b.
145) Beiträge Bd. II, 2.
146) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 16 b.
147) Vgl. St.-B.-Fragm. I, 1 fol. 2 a, 2 b, 4 b, 6 a. - M.U.B. II Nr. 1140. - St.-B. I fol. 71 a. - St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 15a, 16 b.
148) Vgl. Kap. III, c, S. 62.
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die fälligen Beträge auf Anweisung des Fürsten direkt an Gläubiger des letzteren auszahlte.

Die Annahme, daß die fürstliche Münze bereits seit den 50er Jahren des 13. Jahrhunderts unter der Verwaltung der "civitas" stand, wird außerdem dadurch gerechtfertigt, daß um 1260 in Rostock ein "magister monete" vorhanden war, der, nach verschiedenen Stadtbuch-Inskriptionen zu urteilen, ein städtischer Beamter gewesen sein muß. Dieser Münzmeister bewohnte nämlich ein Haus, dessen innere Einrichtung städtisches Eigentum war. Zum Jahre 1260 heißt es: "Cum magister monete in lecto egritudinis jaceret et communicasset et iniunctus esset, recognovit, quod universa bona, que habebit in domo, in culcitris, pulvinaribus, ollis eriis, cocliaribus, et quicquid ibi erat, haberet de civitate" 149 ). Um dieselbe Zeit wird gebucht, daß der Münzer Silber empfangen hat, das zum Nutzen der Stadt verwendet werden soll 150 ).

Als Rat und Bürger Rostocks im Jahre 1323 dem Fürsten Heinrich von Mecklenburg gehuldigt hatten, bestätigte dieser der "civitas" ihre Rechte hinsichtlich der Münze in folgender Weise: "adicientes, quod monetam nostram in ipsa civitate habeant et de nostro consensu et scitu custodiant et nusquam alias in terris nostris in locis inconsuetis denarii fabricentur" 151 ). Die landesherrliche Münze ging dann im Jahre 1325 mit sämtlichem Zubehör für einen Kaufpreis von 1000 Mark in den Besitz der Stadt über, und gleichzeitig erwarb diese damit das alleinige Münzprägerecht für die gesamte fürstliche Herrschaft Rostock 152 ). In der Verkaufsurkunde wurde bestimmt, daß in keinem anderen Orte des Herrschaftsbereiches wie Ribnitz, Sülz, Marlow, Tessin, Kröpelin, Warnemünde oder in Dörfern und Vogteien Münzen hergestellt werden durften, sondern die Rostocker Münze mußte


149) Beiträge II, 2 S. 18.
150) M.U.B. IV Nr. 2683. - Vgl. Dragendorff, Beiträge Bd. II, 3 S. 80.
151) M.U.B. VII Nr. 4449.
152) M.U.B. VII Nr. 4675: "vendidimus rationabiliter ac dimisimus ..... monetam nostram ibidem cum omni fructu et utilitate, cum campsuris ac libertate et cum omnibus aliis attinenciis ...."
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in der ganzen Herrschaft Rostock als verbindliches Zahlungsmittel angenommen werden 153 ).

Im engen Zusammenhang mit der Münze stand das Wechselgeschäft. Schon etwa 1270 wird in einem Kämmerei-Register verzeichnet, daß die Wechsler Abgaben an die Stadt bezahlt haben 154 ). Das Wechselgeschäft als solches wird 1304 zum ersten Male urkundlich erwähnt, und zwar unterstand es hiernach der Verfügungsgewalt der Stadt. Es heißt: "Civitas dimisit Johanni Scilling illos sexdecim mr. redditus, quos Bernardus filius Arnoldi de Kyra solvere tenetur de campsura" 155 ). Im Jahre 1319 vergab der Rat das Wechselgeschäft auf 3 Jahre an Nikolaus von Kyritz. In der Aufzeichnung hierüber wird ausdrücklich bemerkt: "Finitis tribus annis campsura ad civitatem revertetur" 156 ).

e) Geleitsrecht und Judenregal.

Quellenmäßige Belege dafür, daß das Geleitsrecht für Rostock ursprünglich im Besitze des Landesherrn gewesen ist, sind uns nicht erhalten. Nach den uns überlieferten Quellen finden wir den Rat im Besitze des Geleitrechtes am Ende des 13. Jahrhunderts. In einer Urkunde vom 26. November 1299, durch welches sich "consules universi, novi et veteres, necnon communitas civitatis" verpflichteten, an mehrere Fürsten 5000 Mark zu zahlen, heißt es: "Promittimus etiam eisdem, nos una cum domino nostro Nicolao de Rostoc conducere bona fide pro omnibus, qui faciunt vel dimittunt aliquid nostri causa, ad locum, quem prefati principes duxerint eligendum" 157 ). König Erich von Däne-


153) Ebendort: "quod nusquam locorum extra civitatem nostram Rozstok in districtu dominii nostri Rozstokcensis, utpote Rybeniz, Sulta, Marlow, Tessin, Cropelin, Warnemünde, in villis vel in advocatiis aut in terminis earundem civitatum ... umquam denarii de cetero debeant fabricari, sed denarii in Rozstok fabricati iuxta tenorem premissum dativi ubique locorum per totum dominium nostrum Rozstokcense predictum debeant recipi."
154) St.-B.-Fragm. III, 3, fol. 7 b: "Campsores post hoc 5 mr. 4 sol. minus, post hoc 3 mr.; 16 mr."
155) St.-B. III fol. 160 b.
156) M.U.B. VI Nr. 4073.
157) M.U.B. IV Nr. 2583.
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mark beschuldigte um 1312 den Rat von Rostock in mehreren Fällen des Geleitbruches 158 ). Am 13. März 1315 beurkundeten Bürgermeister und Rat von Rostock, daß die Leute und Güter des Klosters Doberan keines freien Geleites in der Stadt bedurften 159 ). Aus späterer Zeit sind uns mehrere Fälle überliefert, in denen Verbrecher verfestet wurden, weil sie Personen verletzt hatten, die unter dem Geleit des Rates standen. Es heißt zum Jahre 1337: "quod Berchane armigerum infra conductum dominorum consulum vulneraverunt" 160 ) oder 1343: "quod percusserunt ... in presencia domini nostri Magnopolensis et sub conductu dominorum consulum huius civitatis" 161 ).

Das Judenregal hat in Rostock keine große Rolle gespielt. Nur eine einzige aus dem Jahre 1283 stammende Aufzeichnung gibt uns hierüber Aufschluß. Damals nahm die Stadt bei dem Juden Salathiel eine Anleihe auf und versprach ihm nach 2 Jahren freien Abzug, falls er sich nicht mit der Landesherrin über einen längeren Aufenthalt einigen würde. Die Inskription lautet: "Finitis autem duobus annis, si cum domina terre uniri non poterit, cum bonis suis recedendi habebit libram potestatem" 162 ). Hieraus ist ersichtlich, daß die in Rostock ansässigen Juden Verpflichtungen gegenüber dem Landesherrn hatten. Es wird sich hierbei wahr-


158) M.U.B. V Nr. 3504: "Vi drog ind udi deris By, under deris obne Leyde, huor de giorde offte forsamling imod os imorcke oc der med brod leyden. Item sidst vi vilde vere udi deris By, vilde de icke giffue os Leyde, uden til it vist Antal, vort Gods der inde blifuendis. Item under Leyde gifuen haffue de fanget en vor Drostis Karle." - "Wir zogen unter ihrem offenen Geleit in ihre Stadt, wo sie häufige Versammlungen insgeheim gegen uns veranstalteten und damit das Geleite brachen. Weiter wollten sie das letzte Mal, als wir in unserer Stadt sein wollten, uns kein Geleite geben, außer auf eine gewisse Anzahl, bei Verbleib unserer Güter in derselben. Ferner haben sie während gegebenen Geleits einen Knecht unseres Drosten gefangen genommen.
159) M.U.B. VI Nr. 3743: "nullo conductu vel securatione indigeant."
160) M.U.B. IX Nr. 5782.
161) M.U.B. IX Nr. 6321. - Vgl. auch M.U.B. IX Nr. 5855 und Nettelbladt, Von dem Ursprunge der Stadt Rostock Gerechtsame, Rostock 1757 S. 151 f.
162) M.U.B. III Nr. 1683.
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scheinlich um Geldabgaben gehandelt haben. Das Judenregal befand sich demnach in jener Zeit in fürstlicher Hand. Weitere Quellen sind uns hierüber nicht erhalten 163 ).

f) Das Gerichtswesen.

Im städtischen Gerichtswesen jener Zeit haben wir zu unterscheiden zwischen der höheren oder der Kriminalgerichtsbarkeit, der zivilen Gerichtsbarkeit, der freiwilligen Gerichtsbarkeit und einer Polizeigerichtsbarkeit. Im Laufe der Zeit ist es der "civitas" gelungen, sämtliche Zweige des Gerichtswesens in ihre Hand zu bringen.

Der Landesherr war zugleich der Gerichtsherr der Stadt, und daher gebührte ihm der Vorsitz bei der Ausübung der höheren Gerichtsbarkeit. In der Praxis übte der Landesherr jedoch dieses Amt nicht persönlich aus, sondern ließ sich durch seinen Vogt vertreten. Das fürstliche Vogtgericht bestand bis zum Jahre 1358 aus dem "advocatus", der den Vorsitz führte, und 2 Ratsherren, die als Beisitzer fungierten 164 ). Bei der Erwerbung der höheren Gerichtsbarkeit ging die Stadt in der Weise vor, daß sie dieses Hoheitsrecht zunächst für einzelne Gebiete und schließlich für den gesamten Umkreis des städtischen Herrschaftsbereiches in ihre Hand brachte. Nach den uns überlieferten Quellen erlangte die "civitas" die Kriminalgerichtsbarkeit zuerst für die Rostocker Heide. Im Jahre 1323 bestätigte nämlich Fürst Heinrich von Mecklenburg Rat und Bürgerschaft den Besitz des im Jahre 1252 erworbenen Waldgebietes mit folgenden Worten: "Unde ad noticiam ... volumus pervenire, nos dilectis nobis consulibus et universitati in Rozstok silvam quandam, quam primitus a domino Borwino comparaverant, cum omni proprietate, iudicio supremo et ymo ... liberaliter contulisse" 165 ). Nach dem Wortlaut dieser Urkunde besaß die Stadt bereits im Jahre 1323 die höhere Gerichtsbarkeit für den Bereich der Rostocker Heide. In demselben Jahre kaufte die Stadt von Fürst Heinrich das Dorf Warnemünde "cum fundo, proprie-


163) Vgl. Herrlich a. a. O. S. 49 ff.
164) M.U.B. V Nr. 2731. - Ratsarchiv Rostock, Liber proscriptorum (im Folgenden zitiert: Lib. proscr.) fol. 1 a ff.
165) M.U.B. VII Nr. 4424.
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tate et iudicio quolibet maiore et minore" 166 ). Dazu kam im Jahre 1331 Barnstorf, dessen Bede und gesamtes Gericht Fürst Heinrich im Jahre 1319 einem Rostocker Bürger abgetreten hatte 167 ), welcher seinerseits beides 12 Jahre später an die Stadt verkaufte. Es heißt in der hierüber ausgestellten Urkunde: "... cum iudicio maiore, scilicet manus et colli, ac minore, cum omni fructu et utilitate" 168 ). Im Jahre 1358 erwarb dann die "civitas" von Herzog Albrecht von Mecklenburg für einen Kaufpreis von 2000 Mark die volle Gerichtsbarkeit innerhalb des gesamten städtischen Herrschaftsbereiches 169 ).

Über das Verhältnis der Beisitzer zum fürstlichen Vogt gewinnen wir näheren Aufschluß durch den sogenannten "Liber proscriptorum", der Aufzeichnungen über Verfestungen, Stadtverschwörungen und Stadtverweisungen aus der Zeit von 1301 bis 1379 enthält. Aus den zahlreichen Eintragungen ist ersichtlich, daß die Bedeutung des "advocatus" gegenüber der der Beisitzer allmählich abnimmt 170 ). Bis zum Jahre 1341 wird in den Aufzeichnungen in der Regel der Name des Vogtes vor denen der Beisitzer genannt. Es heißt z. B.: "Hanc causam iudicavit: Michel, advocatus, ascessores: Gerhardus Reyneri et Hinricus Albus" 171 ). Seit 1341 dagegen stehen die Namen der Beisitzer stets an erster Stelle, wie in folgender Eintragung: ... Judices: dominus Hinricus de Vemeren, dominus Hinricus Quast et Gerhardus advocatus 172 ). Nachdem die Stadt im Jahre 1358 die volle Gerichtsbarkeit für ihr Gebiet erworben hatte, verschwindet der Name des Vogtes vollständig aus dem "Liber proscriptorum". Als Gerichtspersonen werden hinfort nur noch die beiden Ratsherren aufgeführt, die nunmehr als "iudices civitatis" 173 )


166) Ebendort.
167) M.U.B. VII Nr. 4063.
168) M.U.B. VIII Nr. 5229. - Die fürstliche Bestätigung dieses Kaufes erfolgte im Jahre 1333. (M.U.B. VIII Nr. 5447.)
169) M.U.B. XIV Nr. 8533: ".... totum et integrum nostrum iudicium maius ac medium et minus et ius ad ipsum pertinens ..."
170) Vgl. zum Folgenden M.U.B. V Einl. S. XVII ff.
171) Lib. proscr. fol. 2 a. - Vgl. auch fol. 2 b, 3 a, 3 b, 4 a und öfter. - M.U.B. V Nr. 2731, 2763, 2839 und öfter.
172) Lib. proscr. fol. 46 a. - Vgl. auch fol. 46 b, 47 a ff. M.U.B. IX Nr. 6106, 6180, 6321 und öfter.
173) Lib. proscr. fol. 76 b, 80 a, 90 a und öfter.
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"iudices et advocati ex parte dominorum consulum" 174 ) oder am häufigsten als "iudices et advocati" 175 ) bezeichnet werden.

Die beiden als Beisitzer fungierenden Ratsherren führen bis zum Jahre 1337 lediglich den Titel: "assessores" 176 ) oder auch nur "consules" 177 ), jedoch seit 1337 werden sie "iudices" 178 ) genannt.

Während in den Aufzeichnungen des "Liber proscriptorum" über Verfestungen stets das fürstliche Vogtgericht (bis 1358) als richtende Instanz angeführt wird, finden wir, daß vereinzelt auch schon vor 1358 Stadtverweisungen vom Rate ausgesprochen wurden. So wurden im Jahre 1338 mehrere Personen "coram consistorio" der Stadt verwiesen 179 ), oder in einem anderen Falle heißt es: "Consules prohibuerunt Hennekino Raat, filio Olrici Rat, civitatem penes suum proprium collum" 180 ). Ferner wird der "ganze Rat" 181 ) in mehreren Meineidsverfahren als richtende Instanz genannt. Es heißt in zwei Aufzeichnungen: "Dit is wiltlich deme gantzen rade" 182 ) und an anderer Stelle: "Hir war over die gantze rat, de dit scrieven liet" 183 ). Diese Fälle müssen wohl als Ausnahmen angesehen werden.

Während die Kriminalgerichtsbarkeit erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts vollständig an die Stadt übergegangen ist, finden wir die übrigen Zweige des Gerichtswesens schon zu bedeutend früherer Zeit in der Hand der Stadt. Als richtende Instanz in einem Zivilprozeß wird der Rat zum ersten Male im Jahre 1265 genannt. Damals wurde Heinrich von Tessin "coram consulibus" verurteilt, und zwar durfte er nach dem ergangenen Urteilsspruch sein Haus nur unter der


174) Lib. proscr. fol. 60 a, 60 b.
175) Lib. proscr. fol. 60 b, 61 a, 61 b, 62 a und öfter.
176) Lib. proscr. fol. 1 b, 2 a, 2 b und öfter. - M.U.B. V Nr. 2839, 3194 und öfter.
177) Lib. proscr. fol. 10 a. - M.U.B. V Nr. 2763, 3147, 3267 und öfter.
178) Lib. proscr. fol. 15 b, 16 a, 16 b und öfter. - M.U.B. IX Nr. 5785, 5786, 5787, 5788 und öfter.
179) Lib. proscr. fol. 17 b, 18 a, 20 a.
180) Lib. proscr. fol. 19 a.
181) Über den Ausdruck "ganzer Rat" vgl. Kap. IV b, 3 S. 94.
182) M.U.B. III Nr. 2385, 2386.
183) M.U.B. III Nr. 2424. - Vgl. auch Nr. 2423.
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Bedingung verkaufen oder verpfänden, daß er an die Rostocker Kirchen die Summe von 33 Mark zahlte 184 ). Im Jahre 1282 entschied der Rat die Streitigkeiten mehrerer Bürger mit dem Kloster Neuenkamp wegen Güter in Kordshagen 185 ). Der Träger der Zivilgerichtsbarkeit war hiernach der Rat; die Zivilprozesse wurden von den "consules" entschieden. Seit welcher Zeit die "civitas" im Besitze der zivilen Gerichtsbarkeit war, läßt sich nicht feststellen.

Gegen die Entscheidung des Rostocker Rates war eine Appellation an den Lübecker Rat als höhere Instanz möglich. Als im Jahre 1270/71 ein Rostocker Ratsherr wegen Bruchs des Amtsgeheimnisses mit einer Buße von 60 Mark bestraft worden war, drohte ihm der Rat "Hanc causam conscribi faciemus et Lubecam transmittemus" 186 ). Im Jahre 1358 wurden die Befugnisse des Rates durch Herzog Albrecht von Mecklenburg dahin erweitert, daß es in Zukunft der Entscheidung der Ratsherren überlassen wurde, ob sie in den einzelnen Fällen eine Appellation von Rostock nach Lübeck zulassen wollten 187 ).

Wie Lübeck für Rostock, so bildete Rostock wiederum einen Obergerichtshof für Stralsund. Als der Stralsunder Rat sich im Jahre 1295 damit einverstanden erklärte, daß vom Hofe zu Nowgorod nur nach Lübeck appelliert werden durfte, behielt er sich ausdrücklich für die in Stralsund anhängig gemachten Rechtssachen den Instanzenweg Rostock-Lübeck vor 188 ).

Von der freiwilligen Gerichtsbarkeit war schon an früherer Stelle die Rede. Dieser Zweig des Gerichtswesens gehörte


184) St.-B. I fol. 23 b: "Hynricus de Tussin arbitratus est coram consulibus, quod hereditatem suam non vendat nec exponat alicui pro pignore, nisi prius persolvat ecclesiis in Rozstok 33 mr. den."
185) M.U.B. III Nr. 1636.
186) M.U.B. II Nr. 1206.
187) M.U.B XIV Nr. 8533: "Adicimus eciam, quod dicti consules .... licite poterunt prohibere omnes appellationes faciendas et interponendas ad consules in Lubeke a quibuscunque diffinitionibus, pronunciationibus et sentenciis per eosdem consules Rozstoccenses dandis et ferendis, et eas eciam quandocunque et quocienscunque ipsis placuerit, in omnibus causis generalibus et specialibus admittere et prohibere, prout eorum fuerit arbitrii, commodi et voluntatis."
188) M.U.B. III Nr. 2361.
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wahrscheinlich zu dem anfänglichen Kompetenzbereich des Rates, denn schon nach dem ältesten uns erhaltenen Stadtbuch-Fragment finden die Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit stets ihre Erledigung "coram consulibus" 189 ).

Ebenso dürfen wir wohl annehmen, daß, wie bereits erwähnt, auch die Polizeigerichtsbarkeit, soweit sie sich auf die Überwachung des Marktverkehrs erstreckte, zu den ursprünglichen Befugnissen des Rates gehörte 190 ). In dem bereits oben zitierten Geldbußenregister vom Jahre 1275 finden sich u. a. auch Geldstrafen für Vergehen folgender Art verzeichnet: "Johannes emendavit 10 sol., quod percussit Sameke", "Petrus Deme emendavit 10 sol. de percussione", "Steminc emendavit 10 sol. de percussione beachii ...", "Bernert Widenese 10 sol., quod extraxit cultellum", "Johannes Rozstok 18 sol. de lesione Ladercoper" etc. 191 ). Es handelt sich hierbei um weniger schwere Vergehen, wie Schlägerei und Verstöße gegen die im Interesse der allgemeinen Sicherheit erlassenen Verordnungen. Diese Fälle fanden wahrscheinlich, ebenso wie die Übertretungen der marktgesetzlichen Bestimmungen, ihre Sühne vor dem Rate. In welchem Jahre die "civitas" dieses Recht erworben hat, darüber geben uns die Quellen keinen Aufschluß.

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Kapitel IV.

Die Verfassung Rostocks seit der Ausbildung
der bürgerlichen Selbstverwaltung.

In ständig fortschreitender Entwicklung war es den zielbewußten Bestrebungen der Bürger gelungen, den anfangs vorherrschenden Einfluß des Landesherrn auf die Verwaltung der Stadt allmählich zu verdrängen. Die Fürsten hatten es nicht verhindern können, daß die Gewalt über die "civitas" allmählich ihren Händen entglitt. Die städtische Feldmark hatte sich beträchtlich auf Kosten des landesherrlichen Besitzes


189) Vgl. Kap. II, b 2 S. 55.
190) Vgl. Kap. II, b 2 S. 53 f.
191) St. -B.-Fragm. III, 1 fol. 5 b, 6 a.
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erweitert, die fürstlichen Burgen, einst das Wahrzeichen für die landesherrliche Macht in der Stadt, waren geschleift worden. Das Fischerei- und Strandrecht war aus der Hand der Fürsten in die der Stadt übergegangen. In der Steuer- und Finanzverwaltung besaßen die Bürger seit den 60er Jahren des 13. Jahrhunderts weitgehende Selbständigkeit. Auch die städtische Münze, die sich anfangs im fürstlichen Besitz befand, war Eigentum der Stadt geworden, und schließlich gelang es der "civitas" auch, die volle Gerichtsbarkeit für den gesamten Umkreis der städtischen Besitzungen an sich zu bringen. Bereits um 1325 war, abgesehen von wenigen Rechten, die dem Landesherrn noch in der Stadt verblieben waren, die bürgerliche Selbstverwaltung voll ausgebildet.

Soweit es die Quellen gestatten, soll im Folgenden der Versuch gemacht werden, einen Überblick über die verfassungsrechtlichen Zustände der Stadt um 1325 zu geben.

a) Das Verhältnis der Stadt zum Landesherrn.

Die große Veränderung, die in dem Verhältnis der Stadt zu ihrem Landesherrn eingetreten war, zeigt sich nicht nur in der inneren Verwaltung der "civitas", sondern auch in den wirtschaftlichen und politischen Beziehungen, die Rostock seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit den übrigen Ostseestädten unterhielt. In der ersten Zeit seiner Tätigkeit trat der Rat nicht als der ausschließliche Vertreter der Stadt nach außen auf, sondern er wurde in seinem Verkehr mit anderen Städten vom fürstlichen Vogt überwacht 192 ). Seit dem Jahre 1257 jedoch begann die "civitas" selbständig mit anderen Städten in Verbindung zu treten 193 ). Sie traf nicht nur Abmachungen rechtlicher und wirtschaftlicher Natur mit den übrigen deutschen Ostseestädten 194 ), sondern führte mit diesen sogar einen siegreichen Krieg gegen Norwegen 195 ). Durch die gemeinsamen Beschlüsse der Ostseestädte Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald wurde damals der Grund-


192) Vgl. Kap. II, b 1 S. 52 f.
193) Vgl. Koppmann, Rostocks Stellung in der Hanse, Jahrbücher LII 1887 S. 192 ff.
194) M.U.B. II Nr. 786, 847, 873, 1586.
195) M.U.B. III Nr. 1733, 1806. - Vgl. Koppmann, Jahrbücher LII S. 193 f.
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stein gelegt für den mächtigen hansischen Städtebund, der schon in jener Zeit Rostock zu einer hohen politischen Machtstellung verhalf. Im Jahre 1293 wurde zur Erhaltung des Friedens und zum Nutzen der Kaufleute zwischen den genannten Städten ein dreijähriges Schutzbündnis abgeschlossen 196 ), und als dieses Bündnis auf weitere drei Jahre verlängert wurde, verpflichteten sich die Städte, im Kriegsfalle einander selbst gegen den eigenen Landesherrn finanzielle Hilfe zu leisten 197 ). Diese Tatsache legt Zeugnis davon ab, daß Rostock am Ende des 13. Jahrhunderts fast zu einem selbständigen Staat im Territorium des Landesherrn geworden war 198 ). Allerdings war diese hohe politische Machtstellung der Stadt nicht von langer Dauer. In dem Kampfe, der in den beiden ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts unter der Führung des dänischen Königs vom deutschen Fürstentum gegen die deutschen Ostseestädte geführt wurde, wurde im Jahre 1312 auch Rostock niedergeworfen 199 ), so daß dem Streben der Stadt nach voller Selbständigkeit eine Grenze gesetzt war. Die Niederwerfung Rostocks kam schließlich den Mecklenburger Fürsten zugute, denn im Jahre 1317 erhielt Fürst Heinrich von Mecklenburg das Land Rostock von König Erich von Dänemark zu erblichem Lehen 200 ). Wenn auch durch den für Rostock ungünstigen Ausgang des Kampfes die politische Machtstellung der Stadt für längere Zeit stark gemindert war, so blieben der "civitas" doch die im Laufe der Zeit erworbenen Rechte und Freiheiten erhalten. Am 19. April 1313 wurden die Gerechtsame der Stadt Rostock urkundlich von König Erich bestätigt 201 ). Durch die kriegerischen Ereignisse wurde demnach das rechtliche Verhältnis der Stadt zu der landesherrlichen Gewalt auf die Dauer nicht geändert.


196) M.U.B. III Nr. 2248.
197) M.U.B. III Nr. 2414.
198) Vgl. Fischer, Heinrich der Löwe von Mecklenburg (Rostocker Dissertation 1889) S. 43.
199) Vgl. Koppmann, Jahrbücher LII S. 200 ff. und Schäfer, Die Hansestädte und König Waldemar von Dänemark, Jena 1879, S. 92 ff.
200) M.U.B. VI Nr. 3871.
201) M.U.B. VI Nr. 3608: "Dictique consules et cives nostri Rozstokcenses de cetero in regno nostro gaudere debebunt libere omnibus iuribus et libertatibus eisdem concessis per privilegia progenitorum nostrorum seu nostra ...."
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Als Zeichen dafür, daß die Stadt den Landesfürsten als rechtmäßigen Herrn über sich anerkannte, war sie verpflichtet, dem Fürsten zu huldigen. Der Huldigungseid wurde vom Rate geleistet und urkundlich festgelegt. Eine solche Huldigungsurkunde ist uns aus dem Jahre 1314 erhalten. Nachdem die Namen der einzelnen Ratsherren aufgeführt worden sind, heißt es: "... protestamur, quod magnifico principi, domino nostro domino Erico regi Danorum, ac nobili domino Hinrico Magnopolensi ipsius nomine per iuramenta fidelitatis homagyum fecimus, quod vulgariter dicitur hulden" 202 ). In dieser Urkunde wurde außerdem bestimmt, daß künftig der Rat alljährlich nach seiner Neuwahl den Huldigungseid leisten sollte 203 ). Nach erfolgter Huldigung pflegte der Landesherr die Privilegien und Gerechtsame der Stadt urkundlich zu bestätigen. Derartige Bestätigungsurkunden sind uns aus den Jahren 1323 und 1349 erhalten 204 ).

Als ständiger Vertreter der landesherrlichen Gewalt war auch noch um 1325 der "advocatus" im Dienste des Fürsten in der Stadt tätig, jedoch hatte sein Amt keine große Bedeutung mehr. Aus den Ratsurkunden ist sein Name schon seit den 80er Jahren des 13. Jahrhunderts vollständig geschwunden, so daß als Aussteller der Urkunden nur noch Rat und Gemeinde genannt werden 205 ). Das einzige Amt, das dem "advocatus" noch in der Stadt verblieben war, war der Vorsitz bei der Ausübung der höheren Gerichtsbarkeit. Dieses Amt hat er bis zum Jahre 1358 behauptet, bis er auch auf diesem Posten durch städtische Richter abgelöst wurde 206 ).

In finanzieller Hinsicht waren dem Landesherrn zwei wichtige Rechte verblieben. Die Stadt war ihm nach wie vor zur Zahlung der jährlichen Bede von 250 Mark verpflichtet 207 ), und ferner gebührte dem Fürsten die Einnahme aus dem Rostocker Zolle 208 ). Ob die Stadt an der Verwaltung der Zoll-


202) M.U.B. VI Nr. 3674.
203) Ebendort. - Die einschlägige Stelle der Urkunde ist zitiert Kap. II a S. 52.
204) M.U.B. VII Nr. 4449, X Nr. 6944. - Vgl. auch X Nr. 6955.
205) M.U.B. III Nr. 1649: "consules ceterique burgenses" (1282) und ebenso ein Jahr später (M.U.B. III Nr. 1669).
206) Lib. proscr. fol. 60 ff. - Vgl. Kap. III f S. 74 f.
207) Vgl. Kap. III c S. 62 f.
208) Vgl. Kap. III d S. 68 f.
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angelegenheiten beteiligt war, läßt sich nicht feststellen. In den Stadtbüchern werden hin und wieder "theolonarii" oder Zöllner erwähnt 209 ), jedoch ist es nicht erkennbar, ob es sich um städtische oder fürstliche Beamte handelt.

Damit sind die dem Fürsten in der Stadt zustehenden Rechte erschöpft. Es zeigt sich, daß die ursprünglich überragende Machtstellung des Landesherrn in der Stadt verschwunden ist. Demgegenüber aber hatte sich die Institution des Rates zu immer größerer Bedeutung erhoben.

b) Der Rat als Organ der Selbstverwaltung.

Als Hauptträger der bürgerlichen Selbstverwaltung besaß der Rat um 1325 die eigentliche Regierungsgewalt in der Stadt. An der Spitze des Rates standen Bürgermeister, die in den Urkunden als "proconsules'', "burgimagistri", "magistri civium" oder als "magistri burgensium" bezeichnet werden 210 ), jedoch traten diese wie allgemein in den mittelalterlichen Städten bei weitem nicht so in den Vordergrund wie in der modernen Stadt 211 ). Den Bürgermeistern stand es zu, die Ratssitzungen zu leiten. So heißt es einmal zum Jahre 1343: "duo proconsules ... sedem consulum Rozstok regentes" 212 ). Weitere Nachrichten über besondere Funktionen der Bürgermeister sind uns nicht überliefert. Wir dürfen deshalb wohl annehmen, daß sie gegenüber den übrigen Ratsmitgliedern keine weiteren erheblichen Vorrechte besaßen. Die eigentliche Bedeutung für die Verwaltung der Stadt kommt daher dem Rate als Gesamtheit zu. Wir versuchen nun zunächst, uns ein Bild von der sozialen Zusammensetzung des Rates zu machen.

1. Die soziale Zusammensetzung des Rates.

Der Kreis der Rostocker Ratsherren setzte sich wahrscheinlich in der Hauptsache aus Kaufleuten zusammen. Schon die Namen mehrerer Ratsherren weisen darauf hin, daß ihre Träger den kaufmännischen Kreisen der Stadt entstammten.


209) M.U.B. III Nr. 1705, V Nr. 3140.
210) M.U.B. III Nr. 2008, VII Nr. 4461, IX Nr. 6030, 6567, X Nr. 6802, IV Nr. 2488, IX Nr. 5967, VIII Nr. 5454, VI Nr. 4131.
211) Vgl. v. Below, Vom Mittelalter zur Neuzeit, Leipzig 1924, S. 52.
212) M.U.B. IX Nr. 6295.
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Derartige im Rate auftretende Namen sind folgende: Lübbert Dünafahrer (1289) 213 ), Heinrich von Gotland, der auch Heinrich Gotlandfahrer genannt wird (1268) 214 ), Heinrich von Kurland (1312) 215 ), Ludolf und Arnold von Gotland (1312 bzw. 1333) 216 ) und Gottfried Isländer (1319) 217 ). Diese Ratsherren haben wahrscheinlich ihre Namen nach den Ländern erhalten, mit denen sie die meisten Handelsbeziehungen unterhielten. Daß Ludolf von Gotland tatsächlich mit gotländischen Bürgern in geschäftlicher Verbindung stand, geht daraus hervor, daß er gemeinsam mit seinem Bruder im Jahre 1301 von zwei Bürgern zu Wisby eine Anleihe von 400 Mark erhielt 218 ). Auch der Name Kopman = Kaufmann, der im Rate bereits 1267 auftaucht 219 ), läßt auf die kaufmännische Tätigkeit seines Trägers schließen. Aus den Stadtbüchern geht ferner hervor, daß eine ganze Reihe von Ratsherren im Besitze eines "granarium" war. Wahrscheinlich haben wir hierunter einen Getreidespeicher zu verstehen, denn der Getreidehandel hat in Rostock von jeher eine große Rolle gespielt 220 ). Keinesfalls darf man das Wort "granarium" mit "Scheune" übersetzen; zur Bezeichnung eines der Unterbringung von Erntevorräten dienenden Gebäudes gebrauchen die Stadtschreiber stets das Wort "horreum" 221 ). Die im Besitze eines "granarium" befindlichen Ratsherren dürfen wir wohl ebenfalls als Kaufleute betrachten. Es sind dies folgende: Johannes Mönch


213) M.U.B. III Nr. 2006. - Die diesem und den folgenden Namen in Klammern hinzugefügte Zahl bedeutet das Jahr, in dem die Personen zum ersten Male im Rate nachweisbar sind.
214) M.U.B. II Nr. 1138, IV Nr. 2424. - Vgl. auch IV Nr. 2488, 2598.
215) M.U.B. V Einl. S. XII.
216) M.U.B. V Einl. S. XIII, M.U.B. VIII Nr. 5411.
217) M.U.B. V Einl. S. XIX.
218) M.U.B. V Nr. 2739.
219) M.U.B. II Nr. 1101.
220) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 9.
221) Das Wort "horreum" tritt daher meistens in Verbindung mit einer "curia" auf, so z. B. St.-B. VII fol. 12 a: "Wulbrandus vendidit horreum et curiam ... et duos mansos." oder ebenda fol. 20 b: "Johannes Gunter et domina Lysa .... vendiderunt tres mansos .... Item vendiderunt curiam et horreum." Ähnlich sehr oft. - Vgl. St.-B. V fol. 135 a, St.-B. VI fol. 20 b, 47 b, 57 b, St.-B. VII fol. 5 b, 51 a, 68 b, 75 b.
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(1252) 222 ), Hermann v. Lage (1257) 223 ), Johannes Rathenow (1257) 224 ), Johannes v. Staden (1262) 225 ), Heinrich Adolphi (1262) 226 ), Heinrich v. Hart (1278) 227 ), Nikolaus v. Möhlen (1280) 228 ), Johannes Rufus (1284) 229 ), Marquart v. Ribnitz (1285) 230 ), Arnold Quast (1287) 231 ), Johann Nising (1287) 232 ), Bernhard Kopmann (1287) 233 ), Herder [cum macula] (1288) 234 ), Lübbert Dünafahrer (1289) 235 ) und Konrad Dubben (um 1298) 236 ).

Es läßt sich weiterhin feststellen, daß einige Ratsherren über größeren Grundbesitz verfügten, den sie teils zu Eigentum erworben, teils von Fürsten oder Rittern zu Lehn erhalten hatten. Im letzteren Falle waren die Ratsmitglieder regelmäßig von den Vasallendiensten befreit, meistens gegen Zahlung eines mäßigen Jahreszinses. Es handelt sich hierbei wahrscheinlich ebenfalls um Kaufleute, die das im Handel erworbene Kapital nutzbringend in Landbesitz anlegten. Zu dieser Annahme berechtigen uns folgende Tatsachen: 1. Wir wissen, daß der Ratsherr Johann Pape (1279) 237 ) Schiffseigentümer war 238 ) und daß er im Jahre 1284 eine Reise nach Halkill in Norwegen unternehmen mußte, um von einem dortigen Schuldner eine größere Geldsumme einzutreiben 239 ). Wir können ihn daher den kaufmännischen Kreisen zurechnen. Außerdem aber finden wir ihn auch im Besitz von Landgut.


222) M.U.B. II Nr. 938.
223) Ebendort.
224) St.-B. II fol. 112 b.
225) St.-B. II fol. 7 b.
226) St.-B. II fol. 48 b.
227) St.-B. II fol. 20 a.
228) St.-B. IV fol. 15 a.
229) St.-B. II fol. 141 a, - St.-B. III fol. 75 b.
230) St.-B. II fol. 141 b.
231) St.-B. II fol. 30 a.
232) St.-B. II fol. 160 a.
233) St.-B. IV fol. 166 b.
234) St.-B. V fol. 105 a.
235) St.-B. III fol. 100 b.
236) St.-B. IV fol. 174 b. - St.-B. V fol. 32 a.
237) M.U.B. II Nr. 1507.
238) St.-B. I fol. 61 a: "Johannes Pape posuit navem suam cum armamentis ...."
239) M.U.B. III Nr. 1738.
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Er wurde im Jahre 1283 gemeinsam mit dem Ratsherrn Albrecht Lore (1261) 240 ) von dem Ritter Gerhard v. Rostock mit dem Dorf Kassebohm belehnt unter der Bedingung, daß sie an Stelle der zu leistenden Lehndienste einen Jahreszins von 2 Mark zahlten 241 ). 2. Der Ratsherr Nikolaus von Möhlen war im Besitze eines "granarium" 242 ), gehörte also wahrscheinlich ebenfalls den kaufmännischen Kreisen der Stadt an. Er und sein Sohn wurden im Jahre 1285 von Fürst Heinrich von Werle mit dem Dorf Dolgen belehnt, und zwar wurden sie von den Lehndiensten gegen eine jährliche Abgabe von einem Pfund Honig befreit 243 ). Diese beiden Beispiele zeigen uns, daß die kaufmännische Tätigkeit der Ratsherren und der Besitz von Landgütern in engem Zusammenhang stehen. Es ist uns weiterhin aus einer testamentarischen Verfügung bekannt, daß die Familie von Baumgarten, von der ein Vertreter zuerst im Jahre 1265 im Rate nachweisbar ist 244 ), umfangreiche Ländereien in Brinkendorf, Diedrichshagen, Prangendorf und Mönchhagen besaß 245 ). Im Jahre 1278 verkauften die Fürsten Heinrich und Johann von Werle dem Ratsherrn Gerhard von Lage (1280) 246 ) das Dorf Bölkow zu Lehen mit der Bestimmung: "quolibet servitute remota" 247 ). Der Ratsherr Heinrich Frese (1284) 248 ) kaufte gemeinsam mit der Stadt Rostock im Jahre 1284 von Fürst Heinrich von Werle das Dorf Spotendorf zu Eigentumsrecht 249 ). Zwei Jahre später verzichtete Heinrich Frese auf sein Eigentumsrecht zugunsten der Stadt, erhielt aber dafür für sich und seine Erben die unbeschränkte materielle Nutzung des Dorfes 250 ). Im Jahre 1304 endlich verlieh Fürst Nikolaus


240) M.U.B. II Nr. 924.
241) M.U.B. III Nr. 1694: "..... hoc excepto, quod de ipsa villa in nullo servicio nec exactione tenebuntur, sed pro servicio michi .... duas marcas usualis monete annis singulis ministrabunt."
242) St.-B. IV fol. 15 a.
243) M.U.B. III Nr. 1792. - Vgl. auch III Nr. 2329 und 2342.
244) M.U.B. II Nr. 1041.
245) M.U.B. II Nr. 1203.
246) M.U.B. II Nr. 1520.
247) M.U.B. II Nr. 1459.
248) M.U.B. III Nr. 1718.
249) M.U.B. III Nr. 1730.
250) M.U.B. III Nr. 1847.
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von Werle dem Ratsherrn Johann von Dame (1314) 251 ) und dessen Brüdern das Dorf Niex "absque servicio quolibet" 252 ).

Handwerker finden wir nur ganz vereinzelt im Rate. Im Jahre 1259 war "Rodolfus pellifex" Mitglied des Rates 253 ), und außerdem wissen wir, daß Johann Kempe, der im Jahre 1287 dem Rate angehörte, Handwerker war 254 ). Weitere urkundliche Belege dafür, daß Handwerker im Rate vertreten waren, sind nicht überliefert 255 ). Da nach dem Rechte der Stadt Lübeck Handwerker nicht in den Rat gewählt werden durften 256 ), ist es wahrscheinlich, daß die Handwerker in Rostock ebenso wie in Lübeck bereits seit dem Bestehen des Rates in der Regel von der Teilnahme am Ratsstuhle ausgeschlossen waren 257 ).

Wir kommen also zu folgendem Ergebnis: Im Rate waren wahrscheinlich in der Hauptsache Kaufleute vertreten, die zum Teil den Fernhandel betrieben und die zum Teil das im Handel erworbene Kapital in Landgütern anlegten. Dagegen waren die Handwerker wahrscheinlich in der Regel nicht im Rate vertreten.

Wenn wir nun die für die einzelnen Jahre überlieferten Verzeichnisse der Ratsmitglieder miteinander vergleichen, so ergibt sich, daß die meisten Namen sehr häufig wiederkehren. Als Ratsherren lassen sich z. B. nachweisen:


251) M.U.B. VI Nr. 3674.
252) M.U.B. V Nr. 2970.
253) M.U.B. II Nr. 838.
254) M.U.B. III Nr. 1889, 1956.
255) Es treten im Rate auch folgende Namen auf: 1218: Hinricus Faber (M.U.B. I Nr. 244), 1252: Gerardus Lore (M.U.B. II Nr. 686), der auch unter dem Namen "Cerdo" vorkommt (M.U.B. IV Nr. 2637), 1252: Eilardus Faber (M.U.B. II Nr. 686) und 1279: "Elerus Pannicida" (M.U.B. II Nr. 1507); jedoch handelt es sich hierbei wohl nicht um Berufsbezeichnungen, sondern um Familiennamen; man kann daher diese Personen nicht den Handwerkerkreisen zurechnen.
256) Schon die erste Verfassung, die Lübeck von Heinrich dem Löwen erhielt, schloß die Handwerker von der Teilnahme am Ratsstuhle aus. - Vgl. C. Wehrmann, das Lübeckische Patriziat (Hans. G. B. Jahrg. 1872) S. 93.
257) Nicht in allen Städten, die sich des lübischen Stadtrechtes bedienten, wurde die Bestimmung durchgeführt. In Wismar waren z. B. die Handwerker bis zum Jahre 1323 ratsfähig. - Vgl. Techen, Abriß der Geschichte Wismars bis zur Revolution, Wismar 1922, S. 20.
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Hermann v. Lage für die Jahre; 1257, 1262, 1265, 1266, 1275, 1281 258 ).

Hermann Witt; 1259, 1261, 1263, 1266, 1267, 1275, 1278 259 ).

Andreas v. Kosfeld: 1259, 1265, 1266, 1268?, 1275 260 ).

Albrecht Lore: 1261, 1265, 1266, 1277, 1278, 1281, 1282 261 ).

Heinrich Wiese: 1262, 1263, 1265, 1266, 1267, 1275, 1277, 1278, 1279, 1281, 1282, 1284, 1285, 1296/1300 262 ).

Engelbert v. Baumgarten: 1262, 1265, 1275, 1277, 1279, 1280, 1283 263 ).

Reineke, Reimberts Sohn: 1266, 1267, 1275, 1278, 1282, 1283, 1285, 1286, 1297 264 ).

Albrecht v. Kosfeld: 1275?, 1279, 1280, 1282, 1283, 1286, 1288, 1289, 1298 265 ).

Reineke v. Lage: 1275, 1278, 1282, 1283, 1286, 1293, 1294, 1296, 1297 266 ).

Herder: 1278, 1279, 1281, 1282 267 ).

Die häufige Wiederkehr der einzelnen Namen in den Ver-zeichnissen der Ratsmitglieder läßt wohl den Schluß zu, daß sich in Rostock schon im 13. Jahrhundert ein Kreis von Familien oder Geschlechtern gebildet hatte, deren Angehörige in der


258) M.U.B. II Nr. 793, 962, 973, 1041, 1051, 1076, 1096, 1381, III Nr.1565, 1568, 1586.
259) M.U.B. II Nr. 835, 924, 931, 973, IV Nr. 2685, II Nr. 1076, 1096, 1102, 1381, 1474, IV Nr. 2710.
260) M.U.B. II Nr. 835, 836, 1041, 1051, 1076, 1096, 1140, 1381.
261) M.U.B. II Nr. 924, 1041, 1051, 1076, 1444, IV Nr. 2710, II Nr. 1474, III Nr.1565, 1586, 1591, 1615, 1625, 1628.
262) M.U.B. II Nr. 962, 973, 1041, 1051, 1076, 1096, 1125, 1381, 1444, IV Nr. 2710, II Nr. 1474, 1507, III Nr. 1565, 1586, 1591, 1615, 1625, 1628, 1718, 1729, 1782, 2424.
263) M.U.B. II Nr. 962, 1041, 1051, 1381, 1441, 1507, 1520, III Nr. 1670.
264) M.U.B. II Nr. 1076, 1096, 1102, 1125, 1381, 1459, III Nr. 1615, 1625, 1628, 1670, 1693, 1700, 1715.
265) M.U.B. II Nr. 1378, 1507, 1520, III Nr. 1615, 1622, 1625, 1626, 1628, 1670, 1671, 1693, 1700, 1836, 1837, 1841, 1847, 1956, 2008, 2018, IV Nr. 2488.
266) M.U.B. II Nr. 1378, 1474, III Nr. 1615, 1625, 1628, 1670, 1693, 1700, 1837, 1841, 1847, 2227, 2262, 2416, 2009, Note, 2424, IV Nr. 2441, 2483, 2428.
267) M.U.B. IV Nr. 2710, II Nr. 1474, 1507, III Nr. 1565, 1586, 1591, 1615, 1625, 1628.
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Regel in den Rat gewählt zu werden pflegten, und der deshalb das Recht der ausschließlichen Ratsfähigkeit für sich in Anspruch nahm. Da die Erneuerung des Rates alljährlich auf dem Wege der Kooptation, d. h. der Selbstergänzung, erfolgte 268 ), war es dem jeweils fungierenden Rate naturgemäß sehr leicht, eine seinen Wünschen entsprechende Neuwahl zu treffen. Wahrscheinlich bildete sich auf diese Weise eine sozial abgeschlossene bürgerliche Oberschicht, die den Anspruch der ausschließlichen Ratsfähigkeit erhob und damit die Grundlage schuf für das spätere Rostocker Patriziat. Dieses städtische Patriziat tritt uns in späterer Zeit als der Kreis der "beslechteten" entgegen 269 ).

Auch andere urkundliche Zeugnisse berechtigen uns, die Anfänge für die Ausbildung einer patrizischen Oberschicht in Rostock in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts zu verlegen. In dieser Zeit werden verschiedentlich "seniores civitatis" und "discretiores civitatis" erwähnt, die in einigen Fällen an der Verwaltungstätigkeit des Rates teilnehmen 270 ). So wurde im Jahre 1278 die Verordnung über die Verlosung der städtischen Marktbuden von den "consules cum senioribus civitatis" erlassen 271 ). Im Jahre 1283 verzichtete ein städti-


268) Vgl. Kap. IV b, 2 S. 93.
269) Es heißt im Artikel 35 des Bürgerbriefes vom 22. Februar 1428: "Item so en schal me nemande in den Radt kessen, de beslechtet is, oc nene swegers." - Diese Bestimmung hatte den Zweck, die Geschlechter von der Besetzung des Rates auszuschließen. Der Bürgerbrief ist veröffentlicht bei Lange, Rostocker Verfassungskämpfe bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts (Rostocker Gymnasialprogramm 1888) S. 27 ff.
270) Die Rostockische Chronik spricht zum Jahre 1313 von "beslechteten" und "riken lude" und an einer anderen Stelle heißt es: "do sammelte de Radt de oppersten van den borgeren." - Vgl. Rostockische Chronik, ed. v. Schröter, Beiträge zur Mecklenburgischen Geschichtskunde Bd. I, 1, 1826, S. 19 f. u. S. 29. Da jedoch die Rostockische Chronik keine historische Selbständigkeit besitzt, sondern in ihrer Darstellung völlig von der Reimchronik des Ernst v. Kirchberg abhängig ist, dürfen wir diesen Worten keine Bedeutung beimessen. Vgl. Koppmann, Rundschau über die Literatur der Hansischen Geschichte, Hans. G. B. Jahrg. 1872, S. 161 ff., K. E. H. Krause, Über den 1. u. 2. Teil der Rostocker Chronik (Rostocker Gymnasialprogramm 1873) S. 1 ff.; derselbe, Die Chronistik Rostocks, Hans. G. B. Jahrg. 1873, S. 163 f. und Koppmann, Übersicht über die Rostockische Historiographie, Beiträge Bd. I, 1 1890, S. 1.
271) M.U.B. II Nr. 1447.
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scher Vogt "coram discretioribus nostre civitatis" auf den Ersatz von Geld, welches er im Interesse der Stadt ausgegeben hatte 272 ), und ein Jahr später heißt es: "De quo dum consules mirarentur satis, vocatis ad se discretioribus civitatis" 273 ). Wahrscheinlich haben wir unter diesen "seniores civitatis" oder "discretiores civitatis" den Kreis derjenigen Bürger zu verstehen, die als ratsfähig galten 274 ).

Eine ähnliche bürgerliche Oberschicht, die das Recht der ausschließlichen Ratsfähigkeit für sich in Anspruch nahm, läßt sich urkundlich auch in zahlreichen anderen Städten nachweisen. So werden z. B. im dritten Straßburger Stadtrecht (1245 bis 1260) "consules et ceteri meliores et sapientiores" einander gegenübergestellt und an einer anderen Stelle werden "consules et ceteri cives civitatis" voneinander geschieden. Es folgt hieraus, daß die "consules" in Straßburg nur aus dem Kreise der "meliores et sapientiores" entnommen wurden 275 ). Das Heilbronner Stadtrecht von 1281 enthält sogar die Bestimmung, daß die Ratsherren "de melioribus et utilioribus civitatis" gewählt werden mußten. In Basel werden zum Jahre 1118 "civium nobiliores", in Worms (1110) und Aachen (1160) "cives maiores" erwähnt 276 ). In der zwischen 1165 und 1170 entstandenen Soester Stadturkunde werden "meliores" aufgeführt 277 ), und schließlich werden uns um 1275 in Lindau "burgenses pociores Lindaugiae" und "nobiles familiae in Lindou" bezeugt 278 ).

Es ist somit sehr wahrscheinlich, daß sich in Rostock schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein Kreis von


272) M.U.B. III Nr. 1926.
273) M.U.B. III Nr. 1977.
274) Die "seniores" werden auch in Lübeck urkundlich bezeugt. Eine Urkunde vom Jahre 1266 lehrt uns, daß in Lübeck die "seniores" identisch waren mit den "maiores". - Urkundenbuch der Stadt Lübeck Bd. I Nr. 284: "suo et maiorum sive seniorum nomine."
275) Vgl. Eberle a. a. O. § 12 und Foltz, Beiträge zur Geschichte des Patriziates in den deutschen Städten vor dem Ausbruch der Zunftkämpfe (Marburger Dissertation 1899) S. 21.
276) Vgl. Eberle a. a. O. § 12 u. Foltz a. a. O. S. 41 u. S. 64.
277) Vgl. v. Klocke, Patriziat und Stadtadel im alten Soest, Pfingstblätter des Hansischen Geschichtsvereins, XVIII, 1927 S. 11.
278) Vgl. Keller, Patriziat und Geschlechterherrschaft in der Reichsstadt Lindau, Deutschrechtliche Beiträge, herausgegeben von Konrad Beyerle Bd. I, 5 1908 S. 396.
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angesehenen Familien oder Geschlechtern gebildet hatte, deren Angehörige fast ausschließlich in den Rat gewählt zu werden pflegten. Dadurch, daß in der Hauptsache nur die Angehörigen eines engeren Familienkreises in den Rat gewählt wurden, wurde die politische Macht in der Stadt naturgemäß in die Hand dieser bürgerlichen Oberschicht gelegt und der Gemeinde der Einfluß auf die Leitung der Stadt zum Teil entzogen. Es entstand auf diese Weise eine Geschlechterherrschaft in der Stadt 279 ). Die Geschlechterherrschaft hat in Rostock bis in das 15. Jahrhundert hinein gedauert. Erst in den Verfassungskämpfen, welche die Stadt in der Zeit von 1427 bis 1439 erfüllten, ist es der Gemeinde gelungen, die Macht der im Rate vertretenen Geschlechter zu brechen. Das Ergebnis der damaligen inneren Kämpfe war der Vertrag vom Jahre 1439. Hiernach sollte der aus den Vertretern der Geschlechter bestehende Rat gemeinsam mit einem weiteren Rate, der unter Mitwirkung eines aus 60 Personen bestehenden Bürgerausschusses, den sogenannten "Sechzigern", gewählt worden war, die Regierung der Stadt übernehmen 280 ).

Bestrebungen der Gemeinde, eine Änderung in der Besetzung der Ratsämter durchzuführen und damit die Macht der im Rate vertretenen Geschlechter zu brechen, machen sich auch schon in der uns beschäftigenden Zeit bemerkbar. Insbesondere strebten die Handwerker danach, Einfluß auf die Besetzung des Ratsstuhles zu erringen. Bereits am Ende des 13. Jahrhunderts hören wir von Verfassungskämpfen in Rostock. Um 1287 wurden 6 Ratsherren (Johann v. Lemhus, Reineke, Reimberts Sohn, Dietrich Koggenmeister, Reineke von Lage, Reinhard Lore und Johann Zöllner) aus der Stadt vertrieben und ihrer Habe beraubt. Sechs andere (Johann Rode, Eberhard Nachtrabe, Heinrich Mönch, Heinrich von Ivendorf, Johann Kempe und Christian von der Altstadt) wurden an


279) Auch Lisch ist der Ansicht, daß sich "schon im 13. Jahrhundert in Rostock einflußreiche vornehme Geschlechter gebildet hatten, welche allein den Rat besetzten". - Vgl. Lisch, Über das Rostocker Patriziat, Jahrbücher Bd. XI, 1846, S. 177. Ähnlich äußert sich Lange a. a. O. S. 3: "Eine Anzahl von vornehmen Geschlechtern hatte sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt, sich als allein ratsfähig zu betrachten." Vgl. auch Koppmann, Gesch. der Stadt Rostock, S. 27.
280) Vgl. Lange a. a. O. S. 17 ff., Koppmann, Gesch. der Stadt Rostock S. 27 ff und Lisch a. a. O. S. 179.
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ihre Stelle gesetzt 281 ). Von den letzteren war Johann Kempe Handwerker 282 ). Von Heinrich v. Ivendorf wissen wir, daß er sechs Handwerksämtern eine Beteiligung am Ratsstuhle zugelobt hatte. Er stellte dieses Versprechen später vor dem Rate eidlich in Abrede und wurde deshalb als des Meineides überwiesen verfestet. Es heißt in der Stadtbuchaufzeichnung: "Dit is deme rade witlich, dat ses ammete vor sie quemen unde segeden, dat her Heinric van Ibendorpe im den rat lovede, in to kesende unde to besittende" 283 ). Es liegt daher die Vermutung nahe, daß auch schon bei diesen Ereignissen der Eintritt von Handwerkern in den Rat eine Rolle gespielt hat 284 ). Die sechs vertriebenen Ratsherren wandten sich zunächst an den Schweriner Bischof und dann an den Erzbischof von Bremen, während die sechs neuen Ratsherren und die Gemeinde Rostock an den Papst appellierten 285 ). Außerdem versuchten die Städte Lübeck, Wismar und Greifswald vermittelnd einzugreifen 286 ). Die Streitigkeiten endeten damit, daß die vertriebenen Ratsherren wieder in ihre Ämter eingesetzt wurden; wir finden sie in späterer Zeit sämtlich wieder im Rate vor 287 ).

Zu neuen Unruhen kam es im Jahre 1312 in der Stadt. Den äußeren Anlaß hierzu bot der Kampf König Erichs von Dänemark und des Fürsten Heinrich von Mecklenburg gegen Rostock. Wie uns die Reimchronik des Ernst v. Kirchberg 288 ) und die auf ihr beruhende Rostockische Chronik von 1310 bis 1314 289 ) berichten, brach nach der Übergabe des von den Rostockern besetzten Turmes bei Warnemünde (17. September 1312) ein Aufruhr in der Stadt aus. Ein Teil der Ratsherren wurde ermordet, acht andere (Arnold Kopmann, Arnold Quast, Wasmot, Bernhard Kopman, Otbert von Zelow, Therwin Wilde, Tige und Heinrich Sclichtop) 290 ) verließen die Stadt,


281) M.U.B. II Nr. 2003.
282) M.U.B. III Nr. 1956, Note.
283) M.U.B. III Nr. 2423.
284) Vgl. M.U.B. II Nr. 2003, Note. - Herrlich a. a. O. S. 43. - Koppmann, Gesch. der Stadt Rostock, S. 19, und Lange a. a. O. S. 4.
285) M.U.B. II Nr. 2003.
286) Hanserezesse Bd. I Nr. 61.
287) M.U.B. III Nr. 2227, 2262, 2416; IV Nr. 2441, 2442, 2483, 2488.
288) Ernst v. Kirchberg, ed. von Westphalen, Monumenta inedita rerum Germanicarum, Bd. IV, Leipzig 1745 Kap. 148.
289) Rostockische Chronik a. a. O. S. 26 ff.
290) M.U.B. VI Nr. 3669.
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und ein neuer Rat wurde gewählt 291 ). Diese Unruhen gingen wahrscheinlich in der Hauptsache von den Handwerkern aus, denn im weiteren Verlauf der inneren Kämpfe wurde der neu eingesetzte Rat gezwungen, einen sogenannten Bürgerbrief zu besiegeln, der den Älterleuten, d. h. den Vorsitzenden der Handwerkerzünfte einen Einfluß auf die Besetzung der Ratsämter einräumte. Der Bürgerbrief ist uns nicht erhalten, und wir wissen von seinem Inhalt nur durch die Reimchronik des Ernst v. Kirchberg. Dieser berichtet hierüber:

"Also sy solden kysen nicht
ymans zu des rades phlicht,
an dy die aldirmanne wolden,
zu rade sy dy kysen solden" 292 ).

In welcher Weise die Älterleute an der Wahl des Rates teilnehmen sollten, darüber ist uns nichts bekannt. Eine weitere Bestimmung des Bürgerbriefes bezieht sich auf die Gerichtsbarkeit des Rates; nach dem Bericht Kirchbergs sollte der Rat nur mit Zustimmung der Älterleute Strafen an Geld und Gut verhängen. Es heißt bei Kirchberg:

"Der Rad solde keyne bruche richten,
mit namen daz an gelt und gud
ginge, an ires wissins mud,
ob die aldirmanne icht tobin" 293 ).

Die dritte Bestimmung des Bürgerbriefes, von der Kirchberg uns berichtet, enthält das Verbot für alle Bürger, für irgendeinen Edelmann Bürgschaft zu leisten:

"Es solde keyn burgir ouch gelobin
me vur keynen hovemann,
wilchir stunde der solde vordan
daz burfeczog kundigen offinbar,
idel vnd vnwerlich gar" 294 ).


291) Vgl. Lange a. a. O. S. 4 ff. - Koppmann, Die Ereignisse von 1312 Sept. 17 bis 1314 Jan. 21, Jahrbücher Bd. 56 S. 33 ff.; derselbe, Gesch. der Stadt Rostock S. 20.
292) Kirchberg a. a. O. Kap. CL. - Vgl. auch Rostockische Chronik a. a. O. S. 30 ff. Die einschlägige Stelle aus Kirchbergs Reimchronik ist abgedruckt M.U.B. VI Nr. 3590.
293) Ebendort.
294) Ebendort.
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Diese Neuerung sollte wahrscheinlich verhindern, daß Mitglieder des Rates von Fürsten oder Rittern Landgüter zu Lehen erhielten und auf diese Weise mit den fürstlichen oder ritterlichen Lehnsherren in nähere Verbindung kamen. Auch in späterer Zeit ging das Bestreben der Bürgerschaft dahin, die mit Landgut ausgestatteten Personen vom Rate fernzuhalten. So lautet Artikel 10 des Bürgerbriefes vom Jahre 1408: "Item wille my nemande in den Radt kessen, de landtgudt hefft; ock schal nyn man mer landtgudes thokopen, de nu in dem Rade is" 295 ).

Die hauptsächlich zugunsten der Handwerkerämter durchgesetzten Verfassungsänderungen hatten nur ganz kurzen Bestand. Auf Betreiben der oben erwähnten acht vertriebenen Ratsherren schritt Fürst Heinrich von Mecklenburg gegen die Neugestaltung der inneren Verhältnisse in Rostock ein. Am 14. Januar 1314 hielt er Gericht in der Stadt. Die acht vertriebenen Ratmannen wurden wieder in ihre Ämter eingesetzt und wählten mit Fürst Heinrich gemeinsam einen neuen Rat, der sich von nun an wieder in der alten Weise selbst ergänzte 296 ). Dagegen wurde gegen mindestens 58 Personen, meistens Handwerker, "qui fecerunt congregationes pessimas, per quas iuriditionen Lubicensen leserunt et civitatem Roztok multis malis perturbaverunt", die Verfestung ausgesprochen 297 ). Der Bürgerbrief aber wurde von Fürst Heinrich eigenhändig zerrissen und verbrannt 298 ).. Der Versuch, eine Änderung in der Besetzung der Ratsämter durchzuführen, war damit fehlgeschlagen. Für das ganze 14. Jahrhundert sind uns keine weiteren Nachrichten über Verfassungskämpfe in Rostock überliefert 299 ). Wir können daher wohl annehmen, daß während dieser Zeit die soziale Zusammensetzung des Rates keine wesentliche Änderung erfahren hat.


295) Der Bürgerbrief ist veröffentlicht bei Lange a. a. O. S. 25 ff. Dieser Artikel wurde in derselben Fassung auch in den Bürgerbrief vom Jahre 1428 aufgenommen, Lange a. a. O. S. 28.
296) M.U.B. VI Nr. 3669. - Kirchberg a. a. O. Kap. 152. - Rostockische Chronik a. a. O. S. 40 ff.
297) M.U.B. VI Nr. 3672.
298) Kirchberg a. a. O. Kap. 152, Rostockische Chronik S. 40 ff.
299) Vgl. Lange a. a. O. S. 11.
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2. Das aktive und passive Wahlrecht.

Eine Wahlrechtsordnung oder eine ähnliche Bestimmung über die Art und Weise der Bestellung des Rostocker Rates ist uns nicht überliefert, jedoch deuten die Quellen darauf hin, daß die Neubildung des Rates alljährlich durch Kooptation erfolgte. Als im Jahre 1314 die acht Ratsherren, die infolge der inneren Kämpfe aus der Stadt vertrieben waren, mit Fürst Heinrich von Mecklenburg einen Vertrag über ihre Wiedereinsetzung in das Ratsamt abschlossen, wurde vereinbart, daß der Fürst gemeinsam mit den vertriebenen Ratsherren einen neuen Rat einsetzen sollte; in Zukunft aber sollte sich der Rat dann wieder selbst ergänzen. Die Vereinbarung lautet: "Ipse dominus Hinricus una nobiscum eligere debebimus consules ista vise, prout nos utrobique valeamus exvedire; post hec nos consules eligere debemus novos consules, sicut ab antiquo" 300 ). Das Kooptationsrecht des Rates wird hier als von alters her gebräuchlich bezeichnet. In der Praxis wirkte sich das Recht der Selbstergänzung so aus, daß nicht alle Mitglieder jährlich aus dem Rate ausschieden, sondern nur ein Teil. In zahlreichen Fällen können wir beobachten, daß Ratsherren mehrere Jahre nacheinander im Amte waren. Wie wir bereits oben festgestellt haben, kehren zwar die einzelnen Namen in den Verzeichnissen der Ratsmitglieder sehr häufig wieder 301 ), jedoch in unregelmäßigen Zeitabständen. Ein bestimmter Ratsturnus, d. h. der Brauch, daß sich mehrere Räte gegenseitig in einer festen Reihenfolge im Amte ablösten, hat sich demnach in Rostock nicht eingebürgert.

Das passive Wahlrecht unterlag ähnlich wie in vielen anderen Städten 302 ) auch in Rostock einschränkenden Bestimmungen. Die Handwerker waren wahrscheinlich in der Regel von der Teilnahme am Ratsstuhle ausgeschlossen. Seit der Ausbildung einer: patrizischen Oberschicht, deren Anfänge wir in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts setzen können 303 ), wurde das passive Wahlrecht wahrscheinlich praktisch eingeschränkt auf die Angehörigen eines engeren Familienkreises,


300) M.U.B. VI Nr. 3669.
301) Vgl. Kap. IV, b, 1 S. 85 f.
302) Vgl. Eberle a. a. O. § 12.
303) Vgl. Kap. IV, b, 1 S. 88 f.
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die sich allein als ratsfähig betrachteten. Wie schon erwähnt, tritt uns diese bürgerliche Oberschicht später als der Kreis der "beslechteten" entgegen 304 ).

3. Amtsdauer, Zahl und Besoldung der Ratsherren.

Die Rostocker Ratsherren traten ihr Amt am Tage Petri Stuhlbesteigung (22. Februar) an, und zwar für die Dauer eines Jahres 305 ). In einer Aufzeichnung der fungierenden Ratsmitglieder vom Jahre 1281 heißt es ausdrücklich: "Anno domini 1281 in die cathedre Petri consilio presidebant" 306 ). In anderen Verzeichnissen werden die neuen Ratsherren kurz nach dem 22. Februar genannt 307 ). War der neue Rat gewählt, so waren die Ratsherren des vergangenen Jahres noch nicht völlig ihres Amtes ledig, sondern bei wichtigen Entscheidungen wurden sie von dem neuen Rat mit hinzugezogen. In solchen Fällen führte das Ratskollegium den Namen "ganzer Rat" oder "consules novi et veteres", während man sich zur Bezeichnung des einfachen Rates des Ausdrucks "consules consilio presidentes" bediente 308 ). Die Ratsherren waren also nach Absolvierung ihres Amtsjahres noch ein weiteres Jahr zum Bereitschaftsdienst verpflichtet, um über einzelne wichtige Entscheidungen mitzuberaten. Am Eingang einer Verordnung vom Jahre 1292, welche die Grundbesitzer verpflichtete, sich gegenseitig beim Bau der Mauern zwischen den einzelnen Grundstücken behilflich zu sein, heißt es: "Arbitrati sunt consules novi et veteres" 309 ). Ein Meineidverfahren wurde (1296-1300) verhandelt vor "deme menen rade, beyde olde unde nyie", und in derselben Aufzeichnung heißt es am Schluß: "Hir war over die gantze rat" 310 ). "Consules novi et veteres" untersagten im Jahre 1298 Bernhard Molzan, als Fürsprecher vor Gericht aufzutreten 311 ). Derselbe Terminus


304) Vgl. Kapitel IV, b. 1 S. 87 und Anm. 269.
305) Vgl. M.U.B. V Einl. S. XII und S. XVIII.
306) M.U.B. III Nr. 1565.
307) M.U.B. IV Nr. 2710: "in vigilia beati Mathie." - III Nr. 1889: "post Mathie." - III Nr. 1837: "in octava Mathie."
308) M.U.B. II Nr. 962.
309) M.U.B. III Nr. 2186.
310) M.U.B. III Nr. 2424.
311) M.U.B. IV Nr. 2488.
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findet sich 1309 in der Willkür des Rates über die nach Lübeck verwiesenen Rechtshändel 312 ), in einer Aufzeichnung über die Verpachtung der Stadtwage vom Jahre 1327 313 ), in einer Ratsverordnung über Maßnahmen gegen säumige Zinszahler vom Jahre 1328 314 ) und schließlich in einer Abrechnung des Rates über geliehene Gelder, ebenfalls aus dem Jahre 1328 315 ).

Die Zahl der Rostocker Ratsherren war anscheinend nicht gesetzlich festgelegt, sondern mitunter sogar beträchtlichen Schwankungen unterworfen 316 ). Für eine ganze Reihe von Jahren liegen uns Verzeichnisse von Ratsmitgliedern vor, jedoch läßt es sich in den einzelnen Fällen nicht feststellen, ob es sich um ein vollständiges Verzeichnis handelt. Häufig ist der Ausdruck "consilio presidentes" den Namensverzeichnissen der "consules" hinzugefügt, ein Zeichen, daß wir es in diesen Fällen (in der folgenden Aufstellung gekennzeichnet durch +) mit dem einfachen Rate zu tun haben. Für die einzelnen Jahre sind uns folgende Zahlen überliefert:

1218: 10 317 ), 1252: 23 (wahrscheinlich der ganze Rat) 318 ), 1257: 16 319 ), 1258: 16 320 ), 1261: 14 + 321 ), 1263: 16 + 322 ),


312) M.U.B. V Nr. 3302.
313) M.U.B. VII Nr. 4844.
314) M.U.B. VII Nr. 4938.
315) M.U.B. VII Nr. 4996.
316) Lisch und Mann (a. a. O. S. 13) und ebenso Koppmann (Gesch. der Stadt Rostock S. 18) haben angenommen, daß die Zahl der Ratsherren auf 24 festgelegt war. Sie sind wahrscheinlich von der Tatsache ausgegangen, daß im Jahre 1252 23 "consules" auftreten, und daß die Zahl 12 bzw. 24 auch in den Ratskollegien anderer Städte häufig eine Rolle spielt. Diese Ansicht ist nicht haltbar. Wir treffen auch in anderen Städten nicht immer die Zahl von 12 bzw. 24 Ratsherren an; so haben wir z. B. in Osnabrück deren nur 16, in Straubing 8 und in Worms 15 (vgl. Eberle a. a. O. § 14). Es läßt sich außerdem geltend machen, daß höchstwahrscheinlich auch in Lübeck die Anzahl der Ratsmitglieder nicht gesetzlich vorgeschrieben war. (Vgl. Frensdorff, Die Stadt- und Gerichtsverfassung Lübecks im 12. und 13. Jahrhundert, Lübeck 1861, S. 101.).
317) M.U.B. I Nr. 244.
318) M.U.B. II Nr. 686.
319) M.U.B. II Nr. 793.
320) Beiträge Bd. III, 1 S. 10, Nr. 69.
321) M.U.B. II Nr. 924.
322) M.U.B. II Nr. 973.
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1264-65: 18 323 ), 1266-67: 18 + 324 ), 1278: 17 + 325 ). In den Jahren 1279 und 1280 steigt dann plötzlich die Zahl auf 24 an, wobei es ausdrücklich heißt: "consilio presidentes" 326 ). Irgend ein Grund für diese starke Vermehrung der Ratssitze ist nicht ersichtlich. Im Jahre 1281 beträgt dann die Zahl wieder 18 + 327 ).

1282: 17 + 328 ), 1283: 18 + 329 ), 1284: 18 + 330 ), 1286: 17 + 331 ), 1287: 18 + 332 ), 1288: 18 + 333 ), 1314: 21 334 ).

Der "ganze Rat" bestand im Jahre 1262 aus 24 Mitgliedern 335 ). Dieselbe Ziffer ist für das Jahr 1298 überliefert 336 ). Dagegen werden in einer in die Jahre 1296 bis 1300 fallenden Urkunde für den "ganzen Rat" 36 Mitglieder namhaft gemacht 337 ).

Wie in den meisten mittelalterlichen Städten 338 ) war auch in Rostock das Amt des Ratsherrn ein Ehrenamt, d. h. es war unbesoldet. Der ehrenamtliche Charakter des Ratsamtes schloß jedoch nicht aus, daß die Ratsherren bestimmte Entschädigungen für ihren Arbeitsaufwand erhielten. Eine solche Amtsentschädigung der "consules" war der "solidus ad bibendum". Im Jahre 1289 verpfändete der Rat eine städtische Wiese unter der Bedingung, daß der Empfänger "singulis annis solvet consulibus 8 sol. ad bibendum" 339 ). Die Ratsherren hatten hiernach wahrscheinlich das Recht, die für einen bestimmten Teil der städtischen Liegenschaften ein-


323) M.U.B. IV Nr. 2685, II Nr. 1041.
324) M.U.B. II Nr. 1076, 1102.
325) M.U.B. IV Nr. 2710.
326) M.U.B. II Nr. 1507. - St.-B.-Fragm. III, 6 fol. 2 b u. 3 a. - M.U.B. II Nr. 1520.
327) M.U.B. III Nr. 1565.
328) M.U.B. III Nr. 1615, 1625, 1628.
329) M.U.B. III Nr. 1670, 1693.
330) M.U.B. III Nr. 1718; - St.-B. II fol. 92 b. - St.-B.-Fragm. III, 5 f, 3 b.
331) M.U.B. III Nr. 1837, 1841, 1847.
332) M.U.B. III Nr. 1889.
333) M.U.B. III Nr. 1956.
334) M.U.B. IV Nr. 3674.
335) M.U.B. II Nr. 962.
336) M.U.B. IV Nr. 2488.
337) M.U.B. III Nr. 2424.
338) Vgl. Eberle a. a. O. § 18.
339) M.U.B. III Nr. 2033.
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kommenden Gelder "ad bibendum" zu verwenden. Eine ähnliche Einrichtung bestand auch in Wismar. Hier nannte man die Amtsentschädigung der Ratsherren "denarii ad vinum consulum" 340 ).

4. Der Kompetenzbereich des Rates.

Der Kompetenzbereich des Stadtrates besaß im Mittelalter einen außerordentlich großen Umfang. Das mittelalterliche Rostock war ja nicht nur Gemeinde, sondern es hatte sich zu einem fast selbständigen Stadtstaat im Territorium des Landesherrn entwickelt. Der Rat besaß daher in jener Zeit eine weit höhere Bedeutung als etwa das Stadtverordnetenkollegium in der Gegenwart. Er war in höherem Maße, als heute das Stadtverordnetenkollegium es ist, der Regent der Stadt.

Der Rat vertrat die Stadt nach außen gegenüber dem Landesherrn und anderen Ländern oder Gemeinden. Durch ihn wurde dem Landesherrn der Huldigungseid geleistet. Er zahlte auch die dem Fürsten zustehende Steuer, die jährliche Bede 341 ). Als Vertreter der Stadt gegenüber auswärtigen Mächten entfaltete der Rat eine lebhafte Tätigkeit, die besonders in den politischen und wirtschaftlichen Abkommen zwischen Rostock und anderen Ostseestädten zutage tritt. So faßten im Jahre 1259 die Städte Lübeck, Rostock und Wismar gemeinsam den Beschluß, daß See- und Straßenräuber bei allen Städten und Kaufleuten (ab universis civitatibus et mercatoribus) als verfestet gelten sollten 342 ). Um 1260 und wiederum um 1265 wurden von den Städten gemeinsame Beschlüsse gefaßt "in subsidium omnium mercatorum, qui iure Lubicensi gaudeant et reguntur" 343 ). Im Jahre 1283 wurde zu Rostock ein großes Landfriedensbündnis abgeschlossen, an dem außer einer Reihe von Fürsten auch die "consules et universitates" der Städte Lübeck, Wismar, Rostock, Greifswald, Stralsund, Stettin, Demmin und Anklam beteiligt waren 344 ),

Jahrbuch des Vereins f. mecklb. Gesch. LXXXXIII.


340) M.U.B. III Nr. 2090. Vgl. auch Bd. IX Nr. 6529.
341) Vgl. Kap. III, c, S. 62.
342) M.U.B. II Nr. 847.
343) M.U.B. II Nr. 873, 1030.
344) M.U.B. III Nr. 1682.
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und ein Jahr später traten die diesem Landfriedensbündnis angehörenden Städte in Wismar zusammen und beschlossen, die Getreideausfuhr auf den Verkehr untereinander zu beschränken und die Einfuhr norwegischer Waren zu verbieten 345 ). Im Jahre 1293 schließlich wurde von den Ratmannen der Städte Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald für die Dauer von 3 Jahren ein Schutzbündnis abgeschlossen, das im Jahre 1296 auf weitere 3 Jahre verlängert wurde 346 ).

Auf dem Gebiete der inneren städtischen Angelegenheiten erstreckte sich der Kompetenzbereich des Rates nicht nur auf die einzelnen Zweige der Verwaltung, sondern auch auf die Gerichtsbarkeit. Solange das für die Ausübung der Kriminalgerichtsbarkeit zuständige fürstliche Vogtgericht sich in der Stadt befand (bis 1358), fungierten zwei Ratsherren, die "assessores" oder "iudices" als Beisitzer unter dem Vorsitz des fürstlichen "advocatus". Seit 1358 saßen die beiden Ratsherren selbständig zu Gericht 347 ). Der Rat war außerdem der Träger der Zivilgerichtsbarkeit. Nach den uns überlieferten Quellen wurden die Zivilprozesse "coram consulibus", d. h. vor dem "plenum" des Rates entschieden. Der Lübecker Rat bildete im Bereiche der zivilen Gerichtsbarkeit eine Appellationsinstanz für Rostock 348 ). Bei schwierigeren Rechtsfällen wandte der Rat auch das Mittel der Konsultation an, d. h. er wandte sich an den Obergerichtshof in Lübeck und holte sich hier Rechtsbelehrung 349 ). Den "consules" standen zu diesem Zwecke besondere städtische Beamte, die "rhetores", zur Verfügung. Eine Ratswillkür vom Jahre 1275 bestimmte, daß die Rhetoren, wenn sie in einer verwickelten Rechtssache Dienstags, Mittwochs oder Freitags nach Lübeck gesandt wurden, am Mittwoch der folgenden Woche den Fall in Lübeck zur Sprache bringen sollten 350 ). Die genaue Vorschrift der Reise-


345) M.U.B. III Nr. 1733.
346) M.U.B. III Nr. 2248. 2414. - Vgl. Koppmann, Jahrbücher Bd. LII, S. 193 ff.
347) Vgl. Kap. III, f, S. 74 f.
348) Vgl. Kap. III, f, S. 75 f.
349) Vgl. v. Below, Das ältere deutsche Städtewesen und Bürgertum, Bielefeld und Leipzig 1905, S. 77.
350) M.U.B. II Nr. 1379.
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dauer hatte wahrscheinlich den Zweck, die Erledigung der schwebenden Prozesse zu beschleunigen. Um einer Verschleppung der nach Lübeck verwiesenen Prozesse vorzubeugen, erließ der Rat im Jahre 1309 eine Willkür. Hiernach sollten Anwälte, die absichtlich einen an das Obergericht verwiesenen Prozeß verschleppten, 3 Mark Silber Strafe bezahlen; außerdem mußten sie die der gegnerischen Partei durch die Verschleppung entstandenen Kosten ersetzen 351 ). Der Rat hatte auch das Recht, jemanden als "prolocutor" oder Fürsprecher vor Gericht abzulehnen. Von diesem Rechte machten die "consules" im Jahre 1298 Gebrauch, als sie Bernhard Molzahn untersagten, als "prolocutor in civitate Roztoc" aufzutreten 352 ). Sehr umfangreich war dann die Tätigkeit des Rates auf dem Gebiete der freiwilligen Gerichtsbarkeit, deren Akte ebenso wie die Zivilprozesse "coram consulibus" ihre Erledigung fanden. Die einzelnen Tatbestände der freiwilligen Gerichtsbarkeit, wie Käufe und Verkäufe von Häusern und Renten, Verpfändungen, Testaments- und Erbschaftssachen, Alimentations- und Lehrverträge usw., wurden in das Stadtbuch eingetragen. Der Rat übte schließlich eine Polizeigerichtsbarkeit aus, die sich auf Übertretungen der marktgesetzlichen Bestimmungen, auf Gewicht, Maß und Qualität der Waren, sowie auf weniger schwere Verstöße gegen die im Interesse der allgemeinen Sicherheit erlassenen Verordnungen erstreckte 353 ).

Neben der Rechtspflege bildete die Steuer- und Finanzverwaltung eine der wichtigsten Aufgaben des Rates. Der Rat sorgte für die Erhebung der städtischen Steuern. Unter den Steuern nahm die direkte Vermögenssteuer, die "collecta", auch "tallia" oder Schoß genannt, die erste Stelle ein. Außerdem erhob der Rat auch Verbrauchssteuern für einzelne Marktartikel. So waren z. B. der Hopfen- und wahrscheinlich auch der Butterverkauf auf dem Markte einer Steuer unterworfen 354 ). Weitere Einnahmequellen der "civitas" bildeten die Standgelder und Mieten, welche die Gewerbetreibenden


351) M.U.B. V Nr. 3302.
352) M.U.B. IV Nr. 2488.
353) Vgl. Kap. III, f, S. 76 f.
354) Vgl. Kap. III, c, S. 65.
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oder sonstigen Interessenten für die Marktplätze und städtischen Verkaufsbuden, sowie für andere städtische Gebäude, wie Schlachthäuser, Türme und Torhäuser zu zahlen hatten. Dazu kamen weitere Abgaben privatrechtlicher Art, wie Pachtgelder für die vom Rate vergebenen städtischen Gärten, Wiesen, Äcker und Bauernhöfe in den Stadtdörfern.

In welcher Weise die Münze verwaltet wurde, läßt sich aus den Quellen nicht erkennen. Da diese jedoch wahrscheinlich schon seit den 50er Jahren des 13. Jahrhunderts in die Verwaltung der Stadt übergegangen war 355 ), dürfen wir wohl annehmen, daß auch hierfür der Rat zuständig war. Im 15. Jahrhundert bestand für die Verwaltung der Münze ein besonderes Münzamt, das von zwei Ratsherren geleitet wurde 356 ).

Eine bedeutsame Pflicht der Stadtobrigkeit war ferner die Sorge für den Schutz der Stadt gegen äußere und innere Feinde. Der Rat hatte darüber zu wachen, daß die städtischen Befestigungen in Ordnung gehalten wurden. Wahrscheinlich war in der ältesten Zeit jeder Bürger verpflichtet, am Mauerbau mitzuwirken 357 ). Nach einer im "Liber arbitriorum" aufgezeichneten Ratswillkür mußte jeder, der in ein Handwerkeramt eintreten wollte, Geld für die Mauer geben 358 ). Besondere Aufmerksamkeit hatte der Rat auf die Ausbildung des städtischen Militärwesens zu richten. Das städtische Militärwesen beruhte auf dem Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht. Jeder Bürger war verpflichtet, mit der Waffe in der Hand für die Verteidigung der Stadt einzutreten. Wie uns aus späterer Zeit überliefert ist, verlangte der Rat, daß die Bürger Waffen und Pferde hielten 359 ). In Friedenszeiten waren die Bürger zu einem Wachdienst verpflichtet. Bei Hausverkäufen mußten die Käufer mitunter ausdrücklich die Verpflichtung zum Wachdienst übernehmen 360 ). Wenn sich ein Bürger wider-


355) Vgl. Kap. III, d, S. 69 f.
356) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 2.
357) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 28.
358) Beiträge Bd. I, 4 S. 65: "Si vero voluerit aliquod officium intrare, dabit pecuniam ad murum."
359) Beiträge Bd. IV, 2 S. 51.
360) M.U.B. III Nr. 1722.
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rechtlich dieser Pflicht entzog, konnte er bestraft werden 361 ). Befreiungen von der Wachpflicht ließ der Rat nur in Ausnahmefällen zu 362 ). Dieser Wachdienst der Bürger diente wahrscheinlich zu einem großen Teil als militärischer Schutz der Stadt nach außen. In einer Ratsurkunde vom Jahre 1315 ist nämlich die Rede von einer Verpflichtung der Bürger "ad vigilias nocturnas seu custodias valuarum, portarum, fortaliciorum vel murorum" 363 ). Es geht hieraus hervor, daß der Hauptzweck dieser Bürgerpflicht die Bewachung der städtischen Befestigungen war. Mochte auch die Bürgerwehr eine große Bedeutung für die Sicherheit der Stadt besitzen, so ist es dennoch zu verstehen, daß sie im Ernstfalle nicht immer für die Verteidigung der Stadt genügte. Der Rat sah sich deshalb gezwungen, in Kriegsfällen oder Zeiten drohender Gefahr geübte Söldner anzuwerben. Im Jahre 1300 wurden z. B. von den "consules" die Ritter Reimar von Wachholz, Berthold von Artlenburg und deren "socii" auf ein halbes Jahr in Sold genommen 364 ), und aus dem Jahre 1311 ist uns eine Urkunde überliefert, nach der der Rat Hermann Horn und Genossen, im ganzen 11 Personen, darunter 5 Reiter und 3 Bogenschützen, auf ebenso lange Zeit als Söldner in seinen Dienst nahm 365 ).

Das der mittelalterlichen Stadt eigentümlichste Gebiet der Verwaltung war die "Polizei", wie man seit Ende des Mittelalters diesen Verwaltungsbezirk zu benennen pflegte 366 ). Wir haben hierunter die Wohlfahrtspflege des Rates im weitesten Sinne des Wortes zu verstehen. Dazu gehören die Lebensmittel- und Teuerungspolitik des Rates, die Sicherheits-, Straßen-, Bau-, Feuer- und Sittenpolizei und schließlich auch die Tätigkeit des Rates für Krankenpflege und Armenfürsorge.

In der Lebensmittel- und Teuerungspolitik war es die hauptsächliche Aufgabe des Rates, dafür zu sorgen, daß die notwendigen Lebensmittel in zureichender Menge, zu ange-


361) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 6 a: "Swetsin emendavit 2 sol. de vigiliis."
362) M.U.B. III Nr. 1709, 1719; V Nr. 3144; VI Nr. 3743.
363) M.U.B. VI Nr. 3743.
364) Beiträge Bd. III, 1 S. 47.
365) Beiträge Bd. III, 1 S. 52.
366) Vgl. v. Below, Städtewesen und Bürgertum, S. 99 ff.
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messenen Preisen und in guter Qualität ohne Zwischenhandel erworben werden konnten. Der Rat mußte auf den Handel in der Weise einwirken, daß sowohl die Interessen des städtischen Käufers als auch die des Verkäufers geschützt wurden. Um hier überhaupt die Möglichkeit des Eingreifens zu haben, galt es, den Handel an die Öffentlichkeit zu zwingen. Kauf und Verkauf durften nur an den vom Rate festgesetzten Orten und nur zu bestimmten Zeiten vor sich gehen 367 ). Diese Vorschrift wurde ergänzt durch das Verbot des Vorkaufs und den Wägezwang. Beides ist uns schon aus dem Jahre 1275 bezeugt. Damals wurde ein Bürger wegen "preempcio piscium" und ein anderer "de butyro non ponderato" bestraft 368 ). Um den in Rostock angesessenen Kaufleuten Vorteile zu verschaffen, waren die Gäste, d. h. die fremden in die Stadt kommenden Kaufleute, durch besondere Vorschriften in der Ausübung des Handels beschränkt. Im Jahre 1275 hatte sich ein Bürger strafbar gemacht, "quod hospitibus emerat annonam" 369 ). Es ist anzunehmen, daß für die einzelnen Gewerbe auch in der uns beschäftigenden Zeit schon besondere Vorschriften bestanden. Diese sind allerdings erst in späterer Zeit urkundlich nachweisbar 370 ). Im einzelnen sorgte dann auch die vom Rate ausgeübte marktpolizeiliche Aufsicht dafür, daß die Bürger nicht durch minderwertige Qualität oder falsches Gewicht der Waren übervorteilt wurden 371 ).

Die Sicherheitspolizei lag ursprünglich wohl ausschließlich in den Händen der Bürgerschaft. Wahrscheinlich dienten die Nachtwachen der Bürger nicht allein als militärischer Schutz, sondern sie hatten daneben auch den Zweck, die innere Sicherheit in der Stadt zu gewährleisten 372 ). Neben die Bürger traten schon frühzeitig von der Stadt angestellte Wächter oder Polizeimannschaften, die teilweise beritten waren. Zum


367) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 8 und Kötzschke, Grundzüge der deutschen Wirtschaftsgeschichte bis zum 17. Jahrhundert, 2. Auflage, Leipzig und Berlin 1923 (Meister, Grundriß der Geschichtswissenschaft) S. 126.
368) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 6 a, 9 b.
369) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 5 b.
370) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 9 ff.
371) Vgl. Kap. II, b, 2 S. 53 f.
372) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 28.
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Jahre 1275 heißt es: "Tercio in noctis silentio, cum vigiles equitaverunt" 373 ). Wahrscheinlich sind diese Wächter identisch mit den seit 1349 in den Kämmereiregistern regelmäßig auftauchenden "servi equitature" 374 ). Die städtischen Wachtmannschaften wurden zu ihrer Pflicht durch einen Eid angehalten, und außerdem übten die Ratsherren eine persönliche Kontrolle des Nachtschutzes aus 375 ). Um Zusammenstöße und Schlägereien zu verhüten, bestand für die Einwohner das Verbot, Waffen zu tragen. Auch machte sich derjenige strafbar, der im Verlaufe eines Streites das Messer zog. Es heißt im ältesten Stadtbuchfragment: "nocturno tempore deprehensus est cum armis; ... noctis similiter armata manu est deprehensus, pro quo eandem sententiam est arbitratus" 376 ). Im Jahre 1275 mußte ein Bürger 10 sol. Strafe zahlen, "quod extraxit cultellum" 377 ), und im Jahre 1352 wurde eine Person wegen dieses Vergehens sogar verfestet 378 ).

Die Tätigkeit des Rates auf dem Gebiete der Straßenpolizei erstreckte sich auf die Sorge für die Instandhaltung und Reinigung der Straßen, der öffentlichen Plätze und Gebäude und der städtischen Verkaufsstände 379 ). Die Instandhaltung von Brücken überließ die Stadt wahrscheinlich auch einzelnen Bürgern, die für ihre Arbeit eine jährliche Entschädigung erhielten 380 ). Von großer Bedeutung für die Stadt war die Erhaltung des Warnemünder Hafens. Vor allem kam es hierbei darauf an, die Einfahrt in See vor der Versandung zu schützen. Schon im Jahre 1288 hören wir von einem Angebot an den Rat, wonach ein Bürger gegen eine Entschädigung von 400 Mark und Lieferung von 100 000 Ziegelsteinen die Warnow-


373) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 9 b.
374) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 30, Anm. 141.
375) St.-B.-Fragm. I, 1 fol. 8 a: "a consulibus, qui custodiebant vigilias noctis." - Vgl. Ahrens a. a. O. S. 30.
376) St.-B.-Fragm. I, 1 fol. 8 b.
377) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 5 b.
378) Lib. proscr. fol. 49 b.
379) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 32 f.
380) Beiträge Bd. III, 1 S. 8 Nr. 56 (1258): "Thidericus de Hildensem faciet pontem trans aquam Vlet, quanto tempore manserit ibidem, et propter hoc dabuntur ei 12 sol. singulis annis."
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mündung bei ruhigem Meer 5 Jahre hindurch in einer Tiefe von 6 Ellen erhalten wollte 381 ).

Die uns überlieferten baupolizeilichen Maßnahmen des Rates zielten darauf ab, eine allzu enge Bauweise in der Stadt zu verhüten, die Errichtung von Ziegelbauten an Stelle von Holz- und Lehmhäusern zu fördern und das Verhältnis der Nachbargrundstücke zueinander zu regeln. Als die Stadt im Jahre 1307 dem Kloster zum heiligen Kreuz in Rostock einen Platz zum Bau von Häusern verkaufte, schrieb sie vor, daß jedes der zu bauenden Häuser einen Hof von 34 Fuß Länge haben sollte 382 ). Offenbar sollte diese Vorschrift für Licht und Luft in der Stadt sorgen. Die Förderung von Ziegelbauten, welche wahrscheinlich wegen der Feuersicherheit betrieben wurde, geschah in der Weise, daß die Stadt einzelnen Bürgern zum Bau von Ziegelhäusern finanzielle Beihilfen gewährte. Im engen Zusammenhang mit den baupolizeilichen Maßnahmen stehen die im Interesse der Feuersicherheit erlassenen Vorschriften. Wahrscheinlich unterlagen die Gewerbe, welche mit offenem Feuer arbeiteten, einer besonderen feuerpolizeilichen Kontrolle. Nach einer in die Jahre 1279/80 fallenden Stadtbuchnotiz waren anscheinend die Älterleute der Schmiedezunft verpflichtet, die Essen ihrer Amtsbrüder zu prüfen und darüber zu wachen, daß diese nicht fahrlässig mit dem Feuer umgingen 383 ). Wahrscheinlich war auch das Brauen aus Gründen der Feuersicherheit für die Nachtzeit verboten 384 ). Brandstiftung wurde schwer bestraft. So mußte in den 50er Jahren des 13. Jahrhunderts ein Bürger die Stadt verschwören, lediglich weil er gedroht hatte, "comburere civitatem" 385 ).

Eine Sittenpolizei ist in Rostock erst für das 14. Jahrhundert nachweisbar. Es gab auch damals in Rostock schon weibliche Personen, die aus der Liebe ein Gewerbe machten.


381) M.U.B. III Nr. 1977.
382) M.U.B. V Nr. 3184.
383) Beiträge Bd. II, 3 S. 72: "Johannes Widenbrugge, Hinricus Tulendhorp, Hinricus de Homburg fabri respicere debent ignem et Johannes Gote."
384) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 5 b: "Uxor Halshaghen 4 sol. dedit, quod braxavit nocte."
385) St.-B.-Fragm. I, 1 fol. 1 b.
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Wahrscheinlich wurden sie vom Rate geduldet und nur dann zur Verantwortung gezogen, wenn sie sich anderweitig strafbar machten. So mußten im Jahre 1319 zwei "meretrices" die Stadt verschwören, weil sie einem Bürger 22 sol. entwendet hatten 386 ). Der Versuch, ehrbare Frauen und Mädchen zur Unzucht zu verleiten, wurde scheinbar streng bestraft, denn als im Jahre 1310 mehrere Personen wegen dieses Vergehens die Stadt verschwören mußten, wurde der Aufzeichnung ausdrücklich die Bemerkung hinzugefügt: "propter hoc nunquam redibunt" 387 ). Ein originelles Beispiel aus dem Jahre 1338 zeigt uns, daß der Rat auch diejenigen Personen zur Verantwortung zog, die in irgend einer Weise den öffentlichen Anstand verletzten. Die Aufzeichnung lautet: "Item Thideke Zothebotter carnifex abiuravit civitatem coram consistorio penes collum suum propterea, quod posuit dactilum porcinum, quod in vulgo eyn pezerik dicitur, supra tybiam de una suwe et sic vendidit suas carnes" 388 ).

Auf dem Gebiete des Gesundheitswesens hat der Rat schon in früher Zeit eine Tätigkeit entfaltet. Ärzte finden wir bereits im 13. Jahrhundert in der Stadt. Im ältesten Stadtbuch-Fragment wird ein "magister Sibertus medicus" erwähnt 389 ), und in den 80er Jahren werden sogar drei Ärzte urkundlich genannt: "Johannes medicus, Rodolphus cyrurcigus" und "Bertrammus medicus" 390 ). Diese Ärzte standen wahrscheinlich nicht im Dienste der Stadt, jedoch da der letztere von der Wach- und Schoßpflicht befreit war 391 ), dürfen wir wohl annehmen, daß der Rat auf die Anwesenheit von Ärzten in der Stadt Wert legte. Auch "apothecarii" treten uns verschiedentlich in Stadtbuch-Aufzeichnungen des 13. Jahrhunderts entgegen 392 ). Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts werden in den Gewettrechnungen wiederholt größere Aus-


386) M.U.B. VI Nr. 4044.
387) M.U.B. V Nr. 3365.
388) M.U.B. IX Nr. 5856.
389) St.-B.-Fragm. I, 1.
390) M.U.B. III Nr. 1607. - St.-B. II fol. 140 a. - M.U.B. III Nr. 1569, 2103.
391) M.U.B. III Nr. 1709.
392) Beiträge Bd. II, 2 S. 21 Nr. 114. - M.U.B. II Nr. 951, III Nr. 1560.
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gaben für Apotheker gebucht 393 ). Es scheint hieraus hervorzugehen, daß einige Apotheker in dieser Zeit im Dienste der Stadt standen. Für die Unterbringung von Kranken dienten besondere geistliche Institute, das Hospital zum heiligen Geist und das St. Georgs-Hospital. Beide werden schon im Jahre 1259/60 urkundlich bezeugt 394 ). Außer den Kranken fanden in ihnen auch Arme Aufnahme 395 ). Die finanziellen Mittel für die Kranken- und Armenfürsorge wurden wohl zum größten Teil durch private Stiftungen aufgebracht 396 ), nur in einzelnen Fällen leistete die Stadt auch Beihilfen 397 ). Die Verwaltung der Spenden für die Armen stand wahrscheinlich dem Rate zu. Es heißt im ältesten Stadtbuch-Fragment: "Reliquam partem hereditatis resignavit consulibus, ut convertant ad elemosinas pauperum et ubicumque voluerint" 398 )(im Text andere Zahl), und einige Zeit später: "... et alia pars de pleno consensu consulum inter pauperes dividetur" 399 ). Für die Isolierung der Geisteskranken war eine besondere Einrichtung vorhanden, die sogenannte "Torenkiste", die urkundlich zuerst im Jahre 1355 erwähnt wird. Für die Erhaltung und Reinigung dieses Gelasses sorgte die Stadt 400 ).

5. Ratsdeputationen und städtische Beamte.

Die Fülle der den "consules" gestellten Aufgaben hat schon im 13. Jahrhundert zu einer Art Arbeitsteilung im Rate geführt. Es bildeten sich innerhalb des Rates engere Ausschüsse oder Deputationen, denen bestimmte Gebiete der städtischen Verwaltung oder der Rechtspflege zugeteilt wurden. Die Amtsdauer dieser Ratsdeputationen betrug ebenso wie die des Rates ein Jahr 401 ).


393) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 45 f.
394) Beiträge Bd. II, 2 S. 9 Nr. 17 und M.U.B. II Nr. 865.
395) M.U.B. X Nr. 7139.
396) M.U.B. II Nr. 865, 924, 1104, 1153, 1200 und öfter.
397) St.-B. I fol. 71 a: "Consules concesserunt sancto spiritui 55 mr. den."
398) St.-B.-Fragm. I, 1 fol. 3 b.
399) St.-B. II fol. 1 b,
400) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 47.
401) Vgl. M.U.B. V Einl. S. XII und S. XVIII.
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Die wichtigste Ratsdeputation war die der Kämmereiherren oder "camerarii". Sie setzte sich anfangs aus drei Mitgliedern zusammen 402 ), seit 1321 werden meistens nur noch zwei genannt 403 ). Die bedeutendste Aufgabe der Kämmereiherren war die Verwaltung des städtischen Vermögens. Sie empfingen und leisteten Zahlungen für die Stadtkasse. Es heißt z. B. zum Jahre 1275: "Camerarii acceperunt duas mr. ad usus civitatis" 404 ), oder zum Jahre 1301: "Civitas vendidit ... 5 mr. redditus pro 50 mr. den. de cista erogandos annis singulis per camerarios ..." 405 ). Ähnliche Inskriptionen finden sich häufiger 406 ). Städtische Grundstücke wurden im Auftrage des Rates von den Kämmerern verkauft oder verpachtet, wie es in folgenden Stadtbuch-Aufzeichnungen niedergelegt ist: "Gotscalcus ... Hermannus Lyse et Bernardus Copman camerarii ex iussu consulum omnium vendiderunt ... hereditatem unam" 407 ), oder "Civitas vendidit ... spacium unum ... quod spacium Lutbertus Dunevar, Johannes de Lemhus, Hermannus Lise (Kämmerer) resignaverunt ex iussu consulum" 408 ). Bei der Ausübung der freiwilligen Gerichtsbarkeit stand den Kämmerern der Vorsitz zu. Sehr häufig wurden ihre Namen den Inskriptionen hinzugefügt mit dem Hinweis: "tabule presidebant" 409 ). Schließlich lag den Kämmereiherren noch die Verwaltung des städtischen Archivs ob. Im Jahre 1265 wurde urkundlich bestimmt, daß die der Stadt verliehenen Privilegien an einem sicheren Orte der Petristadt "sub custodia trium camerariorum" aufbewahrt werden sollten 410 ).


402) M.U.B. II Nr. 1051.
403) Ein Namensverzeichnis der Kämmerer für die Zeit von 1295 bis 1350 ist abgedruckt M.U.B. V Einl. S. XII ff.
404) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 4 b.
405) St.-B. III fol. 154 a.
406) M.U.B. III Nr. 1693, IV Nr. 2441. - St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 16 b. - St.-B. III fol. 31 a, 88 b, 154 b, 179 a. - St.-B.-Fragm. II, 6 fol. 1 a.
407) St.-B. IV fol. 96 b.
408) St.-B. III fol. 131 a. - Vgl. auch St.-B.-Fragm. III, 2 fol. 4 a. - St.-B. III fol. 161 a, 161 b. - St.-B. VII fol. 31 a, 39 b. - St.-B.-Fragm. III, 10 fol. 1 a. - M.U.B. V Nr. 2848, 2875 und öfter.
409) M.U B. III Nr. 1560, 1568, 1569, 2103, 2175 und öfter.
410) M.U.B. II Nr. 1051.
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Eine weitere Ratsdeputation tritt uns in den beiden "assessores" oder "iudices" entgegen, die unter dem Vorsitz des fürstlichen "advocatus" als Beisitzer im Kriminalgericht fungierten und seit 1358 selbständig zu Gericht saßen 411 ).

Die Deputationen der Wein-, Schoß-, Münz-, Wedde- und Bauherren lassen sich in der uns beschäftigenden Zeit noch nicht nachweisen 412 ).

In ihrer Verwaltungstätigkeit wurden die Ratsherren unterstützt durch eine Reihe von Personen, die im Dienste der Stadt angestellt waren, und die man als besoldete Berufsbeamten bezeichnen kann. Die Anstellung dieser städtischen Beamten erfolgte wahrscheinlich durch den Rat, der auch die Höhe der Besoldung festsetzte. So traf der Rat im Jahre 1260 mit einem Schreiber und mehreren Boten eine Vereinbarung über das zu zahlende Gehalt. Die Aufzeichnung trägt die Überschrift: "Statuta consulum cum scriptore et nunciis eorum" 413 ).

Unter den städtischen Beamten sind in erster Linie die Stadtschreiber zu nennen, die in den Urkunden als "notarii" oder "scriptores civitatis" bezeichnet werden. Zwischen diesen Benennungen bestand wahrscheinlich kein Unterschied, denn der Stadtschreiber Gerhard wird sowohl mit dem Titel "notarius" als auch mit "scriptor civitatis" erwähnt 414 ). Auch in der Besoldung der "notarii" und "scriptores" bestand kein Unterschied. Sie betrug um 1260 6 Mark jährlich 415 ). Die Beschäftigung der Stadtschreiber bestand wahrscheinlich in der Ausstellung von Urkunden, in der Führung der Stadtbücher und sonstigen Kanzleiarbeiten.

Zum ersten Male wird urkundlich ein Stadtschreiber im Jahre 1257 erwähnt. Ein Stadtbuch-Fragment aus dieser Zeit


411) Vgl. Kap. III, f S. 73 f. - Ein Namensverzeichnis der "assessores" oder "iudices" für die Zeit von 1302-1375 ist abgedruckt M.U.B. V Einl. S. XVIII f.
412) Vgl. Ahrens a. a. O. S. 2 und Koppmann, Gesch. der Stadt Rostock S. 18.
413) M.U.B. IV Nr. 2674.
414) M.U.B. V Einl. S. VII.
415) M.U.B. II Nr. 835, IV Nr. 2674. - Vgl. Dragendorff, Beiträge Bd. II, 4 S. 66 f.
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beginnt mit den Worten: "Anno 1257 sub Alexandro scriptore civitatis" 416 ). Im Jahre 1259 wurde Heinrich von Bremen für zwei Jahre als Notar von der Stadt angestellt 417 ). Wahrscheinlich wurde der Dienstvertrag zwischen ihm und der Stadt später verlängert, denn Heinrich von Bremen wird noch im Jahre 1286 als "notarius civitatis" bezeichnet 418 ). Aus dem Jahre 1279 liegt uns ein Stadtbuch-Fragment vor, dessen Niederschrift begonnen wurde "per manum Arnoldi" 419 ). Seit dem Jahre 1325 finden wir den Notar Gerhard im Dienste der Stadt. Dessen Vorgänger war Volbertus 420 ). Gerhard legte sein Amt im Jahre 1358 nieder. Sein Nachfolger wurde Bernhard Steinbrink 421 ).

Neben den Stadtschreibern treten uns Ratsboten und Stadtdiener entgegen, die "nuncii consulum" und "famuli" oder "servi civitatis". Das jährliche Gehalt der Ratsboten betrug im Jahre 1260 zwei Mark 422 ). Wahrscheinlich erhielten die Ratsboten und Stadtdiener außer ihrem Gehalt freie Kleidung von der Stadt. In einer Kämmereirechnung von etwa 1283 ist unter Ausgaben gebucht: "Item Volmaro 6 1/2 mr. pro tunicis nuntiorum" 423 ), und 1350 heißt es an entsprechender Stelle: "Item 3 1/2 mr. pro tunicis servorum" 424 ). Im Jahre 1260 standen vier "nuncii consulum" in städtischen Diensten 425 ). Nach einer Stadtbuch-Notiz von 1274 übertrugen die Ratsherren dem "maiori nuncio Hermanno" und dem Ratsboten Konrad je eine Baustelle 426 ). Es werden ferner urkundlich erwähnt, 1282: "Wernerus nuncius civitatis" 427 ) und 1296: "Henricus sagittarius


416) Beiträge Bd. III, 1 S. 3.
417) M.U.B. II Nr. 835.
418) M.U.B. III Nr. 1877. - Vgl. auch St.-B. I fol. 71 a.
419) M.U.B. III Nr. 1507.
420) M.U.B. V Einl. S. VII: "Volbertus quondam notarius vendidit Gerrardo suo successori ...."
421) M.U.B. V Einl. S. VIII.
422) M.U.B. IV Nr. 2674.
423) M.U.B. III Nr. 1705.
424) M.U.B. X Nr. 7118.
425) M.U.B. IV Nr. 2674.
426) M.U.B. II Nr. 1320. - St.-B. II fol. 13 a.
427) St.-B. II fol. 70 b.
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civitatis nuncius" 428 ). An Stadtdienern lassen sich urkundlich nachweisen: 1307: "Willekinus civitatis famulus" 429 ) und 1348/49: "Wulfardus servus civitatis" 430 ). Im Jahre 1351 wurden zwei Personen verfestet, "quod famulum civitatis percusserunt" 431 ).

Ein wichtiges städtisches Amt war das des Münzmeisters. Diesem war wahrscheinlich die Prägung der Münzen anvertraut. Aus dem 13. Jahrhundert ist uns nur der Name eines Münzmeisters überliefert: "Albertus magister monete" 432 ). Im Jahre 1306 wird ein "Wulfardus monetarius" 433 ) und 1320/21 "Bernardus monetarius" erwähnt 434 ). Welches Gehalt der Münzmeister bezog, darüber ist uns nichts bekannt.

Für die Verwaltung des sehr umfangreichen städtischen Grundbesitzes und der städtischen Dörfer stellte die Stadt besondere Vögte an. Diese lassen sich erst für das 14. Jahrhundert nachweisen. Zum Jahre 1305 heißt es: "Henricus de Todendorp, tunc advocatus consulum in bonis civitatis" 435 ). Ferner werden "Volziko de Alen" und "Gerhardus de Lawe" im Jahre 1314 als "advocati civitatis" bezeichnet 436 ). In Warnemünde tritt uns im Jahre 1339 ein städtischer Vogt entgegen. Nach einer Stadtbuch-Inskription dieses Jahres erfolgte die Auflassung eines dortigen Hauses "coram advocato et omnibus civibus ibidem" 437 ).

Außerdem finden wir im Dienste der Stadt "advocati", die nicht in der inneren Verwaltung der Stadt tätig waren, sondern ihren Sitz in auswärtigen Städten hatten. Vermutlich lag ihnen die Pflicht ob, in ihrem Wirkungskreis die


428) St.-B. IV fol. 37 a. - Vgl. Dragendorff, Beiträge Bd. II, 4 S. 67.
429) M.U.B. V Nr. 3161.
430) M.U.B. X Nr. 6826.
431) M.U.B. V Einl. S. XXI.
432) M.U.B. IV Nr. 2683. - Vgl. Dragendorff, Beiträge Bd. II, 3 S. 80.
433) M.U.B. V Nr. 3073.
434) M.U.B. VI Nr. 4240.
435) M.U.B. V Nr. 2991. - Vgl. auch St.-B. V fol. 154 a.
436) St.-B. V fol. 155 b.
437) M.U.B. IX Nr. 5991.
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Interessen der Stadt Rostock zu vertreten und die Rostocker Bürger während ihres Aufenthaltes in der Fremde zu unterstützen. Ein derartiger Rostocker Vogt befand sich (1275) am Hofe des Fürsten Witzlav von Rügen 438 ) und (1283) in Schonen in Dänemark 439 ).

In Stadtbuch-Aufzeichnungen von 1267 und 1281 wird auch ein "advocatus Slavorum" erwähnt 440 ), jedoch läßt es sich nicht feststellen, ob es sich hierbei um einen fürstlichen oder städtischen Beamten handelt.

Zur Unterstützung des Rates in der Rechtsprechung dienten ebenfalls besondere städtische Angestellte, die sogenannten Rhetoren. Diese wurden vom Rate insbesondere dafür verwendet, in schwierigeren Rechtsfällen von dem Obergerichtshof in Lübeck Rechtsbelehrung zu holen 441 ). An Rhetoren lassen sich in Rostock nachweisen, 1268: "Sybernus retor 442 ), Bertrammus retor 443 ), Meineco retor" 444 ), 1275: "Thancmarus retor" 445 ), 1295: "Henricus Lange retor" 446 ).

Schließlich sind unter den städtischen Beamten noch die Büttel und Wächter zu nennen. Der Büttel oder "preco" war der Gerichtsdiener und Gefangenenaufseher. Er wird urkundlich in Rostock zuerst 1268/70 erwähnt 447 ). Im Jahre 1342 wurde ein Büttel verfestet, weil er mit einem Gefangenen entflohen war, und 1354 traf dieselbe Strafe einen anderen aus einem ähnlichen Grunde 448 ). Städtische Wächter werden in den Quellen nur sehr selten erwähnt. Um 1270/75 treten uns berittene "vigiles" entgegen 449 ). Seit 1349 werden regel-


438) M.U.B. II Nr. 1372.
439) M.U.B. III Nr. 1705: "Item advocato in Nore." Vgl. auch M.U.B. III Nr. 1226, VI Nr. 3788, VII Nr. 4956.
440) M.U.B. IV Nr. 2692, III Nr. 1559.
441) Vgl. Kap. IV, b, 4 S. 98 f.
442) St.-B. I fol. 39 a.
443) St.-B. I fol. 46 a.
444) St.-B. I fol. 47 a, 54 b.
445) St.-B. II fol. 5 a, 30 b, 48 b und öfter.
446) St.-B. IV fol. 27 b.
447) M.U.B. II Nr. 1152.
448) M.U.B. V Einl. S. XXII.
449) St.-B.-Fragm. III, 1 fol. 9 b.
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mäßig in den Kämmereiregistern Ausgaben "pro tunicis servorum equitature" gebucht 450 ). Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um städtische Wächter.

c) Die Gemeinde.

Die Gemeinde setzte sich aus den in der Stadt ansässigen Bürgern zusammen. Wer Mitglied der Bürgergemeinde werden wollte, hatte das Bürgerrecht oder die "civilitas" zu erwerben. Das Recht der Bürgerannahme stand dem Rate zu, und zwar waren es die Kämmerer, die, wie es scheint, über diesen Akt entschieden. Eine Willkür des Rates bestimmte: "Item si aliquis voluerit effici burgensis, debet venire ad camerarios civitatis et acquirere civilitatem" 451 ). Für die Bürgerannahme war es erforderlich, daß der Bewerber einen Bürgen stellte. Dieser mußte wahrscheinlich ein in der Stadt angesessener Bürger sein und für die Dauer von 5 Jahren dafür die Gewähr übernehmen, daß der neu Aufgenommene die Bürgerpflichten erfüllte. In einem Verzeichnis neu aufgenommener Bürger von etwa 1259 heißt es einleitend: "Isti sunt fideiussores illorum, qui habent civilitatem, ut conservent iusticiam civitatis ad quinque annos". Hiernach folgt das Verzeichnis der neuen Bürger mit ihren Bürgen, z. B.: "Ysenart, fideiussit pro civilitate Ludekini ad V annos, Andras de Cosfelde fideiussit similiter pro Johanne de Lussen ad V annos etc." 452 ). Aus dem Jahre 1334 ist uns eine Aufzeichnung überliefert, nach der ein neu aufgenommener Bürger jährlich 1 Mark "pro sua civilitate" zahlen mußte 453 ). Ob wir es in diesem Falle mit einer Ausnahme zu tun haben, oder ob regelmäßig von den neuen Bürgern ein Geldbetrag erhoben wurde, läßt sich nicht entscheiden.

Die Gemeinde oder die "universitas civium" war der Träger der Privilegien, welche der Stadt von fürstlicher Seite


450) M.U.B. X Nr. 6826. - Vgl. Ahrens a. a. O. S. 30.
451) Beiträge Bd. I, 4 S. 66.
452) M.U.B. II Nr. 836.
453) M.U.B. VII Nr. 4806.
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erteilt waren. In den der Stadt während des 13. Jahrhunderts verliehenen Privilegien werden stets als Empfänger die Bürger oder Einwohner Rostocks genannt 454 ), dagegen werden in den Privilegien des 14. Jahrhunderts als Empfänger regelmäßig die "consules" und die Gemeinde aufgeführt 455 ).

Die allgemeinen Pflichten der Bürger waren in erster Linie die Wach- und Schoßpflicht, außerdem waren die Bürger zur Mitarbeit an der Mauer und am Bau von Straßen und Brücken verpflichtet 456 ). Diesen und anderen Pflichten der Gemeinde stand das wichtige Recht des "civiloquium" gegenüber, m. a. W. die Gemeinde besaß das Recht, durch Beschlüsse der Bürgerversammlung oder Bürgersprache in die Entscheidung wichtiger Dinge einzugreifen. Daß es in Rostock eine derartige Institution gab, lehrt uns eine Urkunde von 1270/71, welche mit folgenden Worten beginnt: "Cum esset civiloquium in civitate Rozstok, Wulphardus Luscus cepit contradicere decretum totius civitatis et reclamare . ." 457 ). Das Wort "civiloquium" bedeutet hier sicher die Versammlung der gesamten Bürger, denn es ist ausdrücklich die Rede von einem Beschluß der ganzen Gemeinde 458 ). Leider ist die zitierte Quelle die einzige, welche uns über die wichtige Institution des "civiloquium" Auskunft gibt. Bei welchen Gelegenheiten die Bürgerversammlung stattfand und wer diese einberief, ist uns aus dem Quellenmaterial der älteren Zeit nicht bekannt. Wahrscheinlich erfolgte im Jahre 1265 die Vereinigung der drei Rostocker Einzelgemeinden durch einen Bürgerversammlungsbeschluß, denn die hierüber ausgestellte


454) M.U.B. I Nr. 244; II Nr. 686, 959, 1021, 1096, 1381; III Nr. 1836.
455) M.U.B. VII Nr. 4377, 4424, 4675; XIV Nr. 8533.
456) M.U.B. VI Nr. 3743.
457) M.U.B. II Nr. 1207.
458) Das Wort "civiloquium" kommt, wie aus späterer Zeit überliefert ist, auch in einer anderen Bedeutung vor. Man verstand darunter auch eine Sammlung von Verordnungen, größtenteils polizeilichen Charakters, die an bestimmten Tagen von der Laube des Rathauses herab durch den wortführenden Bürgermeister der versammelten Bürgerschaft verkündet wurden. - Vgl. Dragendorff, Die Rostocker Burspraken, Beiträge Bd. VI, 2 1905 S. 47 und Frensdorff a. a. O. S. 165.
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Urkunde beginnt mit den Worten: "consules et universitas civitatis Roztok" 459 ).

Vignette

459) M.U.B. II Nr. 1051. - Auch sonst wird in den vom Rate ausgehenden Urkunden als Aussteller fast immer die Gemeinde neben den "consules" aufgeführt, so 1257: "consilium et commune civitatis Rozstokiensis", 1275: "consules necnon universitas burgensium de Rostock", 1282: "consules ceterique burgenses de Roztoc", ebenso 1283, 1284: "nos consules ceterique burgenses civitatis Rozstoc", 1293: "consules universitas et burgensium in Rozstoc", ebenso 1312 (M.U.B. II Nr. 786, 1361; III Nr. 1649, 1669, 1715, 2241; V Nr. 2770, 3537.) Aus dieser Formulierung dürfen wir wahrscheinlich nicht schließen, daß die in den Urkunden niedergelegten Beschlüsse unter ausdrücklicher Zustimmung der Bürgerversammlung zustande gekommen sind. Die Gemeinde wird meistens auch in den Urkunden anderer Städte neben dem Rat genannt, (vgl. Eberle a. a. O. § 8) und ferner wird sie auch häufig in den an die Stadt Rostock gerichteten Urkunden besonders neben dem Rate aufgeführt. (M.U.B. VII Nr. 4377, 4424, 4675; XIV Nr. 8533.) Es ist daher wahrscheinlich, daß diese Formulierung auf eine damals allgemein übliche Kanzleisitte zurückzuführen ist.
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III.

Die Entwicklung
des Hagenower Bürgerhauses
aus dem
niedersächsischen Bauernhause

von

Johann Friedrich Pries.

Mit 8 Tafeln Abbildungen.

 

Vignette
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Die Anregung zu der folgenden Arbeit gab Herr Amtsgerichtsrat Schlüter in Hagenow. Herr cand. phil. Steinmann, der vorher schon die Inschriften der Hagenower Häuser festgestellt hatte, half mir bei den Aufmessungen.

Zur Vermeidung längerer Worterklärungen im Text, wie sie die bautechnischen Fachausdrücke sonst erfordern würden, sind diese nach einem von Professor Otto Gruber 1 ) gegebenen Beispiele als Anhang in einem alphabetischen Verzeichnis zusammengestellt.

In den beigegebenen Zeichnungen, Taf. 1 bis 8, ist, wo nicht ausdrücklich etwas anderes bemerkt ist, der gegenwärtige Zustand wiedergegeben. Nur bei solchen Veränderungen, die erst von den jetzigen Eigentümern vorgenommen sind und bei denen diese den früheren Zustand noch genau angeben konnten, ist der letztere eingezeichnet. Die Bezeichnungen "rechts" und "links", die im Text gebraucht sind, sind in den Zeichnungen vom Beschauer aus zu verstehen. Das ist zwar heraldisch verkehrt, der Mehrzahl der Leser aber bequemer.

 

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1) Gruber, Otto, "Deutsche Bauern- und Ackerbürgerhäuser", Karlsruhe 1926.
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Einleitung.

Noch vor kurzem wurde es allgemein als selbstverständlich angenommen, daß sich das Bürgerhaus aus dem Bauernhause der gleichen Landschaft entwickelt habe. Erst in neuerer Zeit erheben sich Stimmen, die dies in Abrede nehmen und für das städtische Bürgerhaus, wenigstens einzelne seiner Formen, eine selbständige Entwicklung aus der Urform des Hauses, dem Einraume, heraus annehmen. Als Beispiel sei nur auf die Äußerung Paulys 2 ) hingewiesen: "Ausgesprochene Vermutungen über die Ableitung der städtischen Wohnhausform aus der bäuerlichen finden ... im Kieler Bürgerhause keine Stütze". Ich möchte diesen Satz noch dahin erweitern, daß das mittelalterliche Kaufmannshaus der Hansestädte im Gebiete des Niedersachsenhauses rechts der Elbe jedenfalls nicht von dem niedersächsischen Bauernhause ostelbischer Form abzuleiten ist. Andererseits würde es unbedacht sein, die engen Beziehungen zwischen Bauernhaus und Bürgerhaus in Abrede nehmen zu wollen, die man beim Durchwandern ländlicher Orte und der Kleinstädte Westfalens und der Weserberglande augenscheinlich wahrnimmt. In dem Werke Hugo Ebinghaus 3 ) über das Ackerbürgerhaus jener Gegenden ist aber ein Unterschied gemacht zwischen dem städtischen Hause, das aus dem Bauernhause hervorgegangen, und dem, "das aus dem Einraumhaus entstanden ist", wenn auch das Ergebnis der Entwicklung schließlich das gleiche oder wenigstens ein ganz ähnliches war. Diese Entwicklung geht bei dem aus dem Bauernhause hervorgegangenen Stadthause auf den "Anbau", auf die ursprüngliche Dreiteilung des Hauses in Mittelraum und Abseiten oder Kübbungen zurück, während bei dem aus dem Einraume her-


2) Pauly, Georg, "Die Raumgestaltung des Altkieler Bürgerhauses", Nordelbingen, Beiträge zur Heimatforschung. Flensburg 1927.
3) Ebinghaus, Hugo, (Druckfehler) Das Ackerbürgerhaus der Städte Westfalens und des Wesertales", Dresden 1912.
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vorgegangenen Hause der "Einbau" von Einzelräumen, später von Raumverbindungen, in den Einraum die Ursache der Raumentwicklung ist 4 ). Es sind also - wie oft bei wissenschaftlichen Streitfragen - beide Ansichten teils richtig, teils falsch, und es kommt dabei in der Hauptsache darauf an, wo der Vergleich einsetzt, ob im Beginn, während oder am Schlusse der Entwicklung. Nur wo und soweit man diese in ihrem ganzen Verlauf verfolgen kann, wird man sich bestimmt für eine Ansicht entscheiden können.

Letzteres ist beim Hagenower Bürgerhause, wie es bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts gestaltet war, soweit der Fall, daß seine Herkunft aus dem Bauernhause ohne Lücken nachgewiesen werden kann. Als Bauernhaus kommt babei freilich von vorneherein am Orte selbst nur eine schon zum Ackerbürgerhause fortgeschrittene Form in Betracht, und auch diese jetzt nur noch in bereits umgebauter Gestalt. Der Grund dafür, daß hier dieser Nachweis erbracht werden kann, liegt in der Entwicklung der Stadt, die sich von jener der meisten Städte des Landes wesentlich unterscheidet. Die Amtsstadt Hagenow, die jetzt etwa 4500 Einwohner hat, wird schon um 1370 als Stadt, oppidum, erwähnt, bleibt aber bis 1754 amtssässig, ist also bis dahin nicht mit den vollen Rechten einer Stadt, mit einer Stadtverfassung, ausgestattet. Die Stadt selbst war auch nie befestigt. Sie hat zwar, wenigstens an einem Teil der Feldmark, eine Landwehr gehabt, ihre Tore aber waren schlichte Schlagbäume, die die lange Hauptstraße an beiden Enden abschlossen. Dieser Zustand ist auffallend, da manche Umstände dafür sprechen, daß Hagenow früh der Marktort für eine verhältnismäßig große Umgegend sein mußte. Alle Nachbarstädte, mit Ausnahme von Wittenburg, sind ungewöhnlich weit von Hagenow entfernt und von ihm durch größere Wald- und Wiesengebiete, früher auch durch jetzt angebaute Heidestrecken geschieden, so daß die Stadt seit je Mittelpunkt des örtlichen Verkehrs eines recht großen Bezirkes war. Auch für den Durchgangsverkehr von Lübeck in die Mark mochte der Ort als Rastplatz Bedeutung haben. Immerhin mag der Umstand, daß die Stadt nicht voll selbständig war, der Anlaß sein. daß sich dort länger ländliche


4) Daß von vielen Forschern die Abseiten des Niedersachsenhauses nach ihrer Herkunft nicht als "Anbau" angesehen werden, sei bemerkt.
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Verhältnisse hielten als in anderen, wenn auch kleineren und weniger bedeutenden Städten. Wenn man von den neuen Straßen und von der Hauptstraße, die sich in ihrem Verlauf zum Marktplatz erweitert, absieht, tritt dies noch heute in Erscheinung. Ein neuer Aufschwung der Stadt und ihre neuere bauliche Entwicklung ist durch die Erbauung der Berlin-Hamburger Eisenbahn um das Jahr 1840 veranlaßt. Lag auch der Bahnhof, jetzt Hagenow-Land, etwa 3 km von der Stadtmitte entfernt, so brachte er doch einen Bevölkerungszuwachs und einen erhöhten Verkehr, da von Hagenow aus bald eine Bahn nach Mecklenburg hinein gebaut wurde, die mehrere Jahrzehnte hindurch der wichtigste Zubringer der großen Verkehrslinie blieb, weil sie das größte Hinterland hatte.

Daß in einer solchen Stadt, deren Gemarkung etwa 2550 ha groß ist, wovon das meiste Land unter dem Pfluge liegt, die Ackerwirtschaft eine wichtige Rolle spielen mußte, liegt auf der Hand. Nach den Ackerbürgerhäusern zu urteilen, müssen die kleineren Betriebe, etwa in der Größe von Büdnereien, vorherrschend gewesen sein. Größere "Bauhöfe" hat es dort anscheinend nicht gegeben, nur das am Markt belegene Stadtvogtgehöft, auf das noch ausführlicher zurückzukommen ist, läßt erkennen, daß dort einst eine größere Landwirtschaft, mindestens in dem Umfange eines heutigen "Hofes", betrieben sein muß. Welche Stellung der herzogliche Stadtvogt in der amtssässigen Stadt gehabt haben mag, ist nicht ganz klar. Nach der Hofrangordnung vom 25. Juli 1704 gehörte ein Stadtvogt der 17. Gruppe an, während die Bürgermeister im allgemeinen in der 15., Advokaten in der 14., Amtmänner in der 13., Droste in der 7. Gruppe waren. Die Stadtvögte scheinen jedoch in den amtssässigen Städten zugleich Stadtrichter und nebenher Steuereinnehmer, Lizent-Inspektor, gewesen zu sein. Jedenfalls muß der Stadtvogt von Hagenow ein recht hochmögender Herr gewesen sein. Wie der älteste Staatskalender, von 1776, nachweist, vereinigte später auch der Bürgermeister mit seinem Posten das Amt des Stadtrichters und Steuereinnehmers. Er soll auch im Stadtvogthause gewohnt haben, das zunächst als Rathaus benutzt wurde.

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Das ältere Ackerbürgerhaus.

Das ältere Ackerbürgerhaus Hagenows zeigt alle wesentlichen Kennzeichen des Vierständerhauses, in einzelnen Ausführungen des Dreiständerhauses, mit Durchgangsdiele. Die Wohnung ist meist eine Vorderwohnung, doch kommt auch die Seitenwohnung vor. Die Diele kann auch als Sackdiele bezeichnet werden, da sie in den meisten dieser Häuser, vielleicht in allen, namentlich in denen mit Vorderwohnung, durch eine Windfangwand in einen Vorderflur und die hintere Auffahrtsdiele geteilt ist. Einzelne dieser Häuser, und zwar die stattlicheren, finden sich in der Hauptstraße der Stadt und am Markt, in größerer Zahl liegen sie in dem südöstlichen, als "Klunk" 5 ) bezeichneten Stadtteile. Hier sind sie namentlich in der Bergstraße in einer, von der Straße und von ihrer Hofseite aus gesehen, interessanten Gruppe erhalten. Dabei fallen recht eigenartige Gestaltungsformen, Anschluß der Abseiten unter einer Art Mansardendach und dergleichen mehr, auf. Mehrere gute Bilder solcher Häuser, auch der genannten Gruppe an der Bergstraße, bringen die Mecklenburgischen Monatshefte im März 1928 6 ). Soweit diese Häuser nicht eine allseitig freie, an Straßen und ihren Hof stoßende Lage haben, sondern als Reihenhäuser aufgebaut sind, sind sie durch Traufgänge voneinander geschieden. Diese sind so schmal, daß sie eben begangen werden können, nicht so breit wie die Warnemünder Tüschen, die als Durchgang für eine hochtragende Kuh angelegt sein mußten. Dazu ist hier kein Anlaß, da die Hofplätze der Grundstücke teils von Hinterstraßen aus, teils durch breite Einfahrten zugänglich sind.

Wohl keines dieser Gebäude hat noch seine ursprüngliche Raumeinteilung oder Raumbenutzung, aus allen scheinen die Stallräume entfernt und in später erbaute Nebengebäude verlegt zu sein. Dabei wurde die Hauptwohnung oft durch Hinzunahme einer früheren Altenteilerwohnung vergrößert und in


5) "de Klunk", "in'n Klunk" - nicht: "up'n Klunk".
6) Schlüter, Ernst, "Die kleine Stadt", mit Lichtbildaufnahmen von F. Müschen, Mecklenbg. Monatshefte 1928.
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den früheren Stallräumen eine zweite Wohnung, zunächst wohl als Mietswohnung, eingerichtet. Häufig wurde dann die Diele durch weitere Durchteilungen verbaut. Man erkennt die ursprüngliche Einrichtung zum Teil nur noch daran, daß im Holzverbande des hinteren Giebels die alte Umrahmung des Dielen-Einfahrtstores erhalten ist. Bei einzelnen Häusern ist aber auch diese schon verschwunden. Wann diese Umbauten der größtenteils im Anfange oder um die Mitte des 18. Jahrhunderts erbauten Häuser im allgemeinen vorgenommen sind, ist nicht mehr bekannt. Vielleicht mögen schon die 1808 aufgehobenen Bestimmungen über die Gewährung von Bauhülfen, auf die ich später zurückkomme, den ersten Anlaß hierzu gegeben haben, im Verein mit dem Empfinden, daß es den städtischen Verhältnissen nicht mehr angemessen sei, mit dem Vieh unter einem Dache zu wohnen. Es mag aber auch ein anderer Umstand, auf den ich später komme, oder ein durch den Eisenbahnbau um 1840 verursachter Wohnungsmangel den Anstoß zu diesen Umbauten gegeben haben. In einzelnen Fällen geschah ein solcher, weil die Ackerwirtschaft aufgegeben und das Haus für einen anderen Gewerbebetrieb eingerichtet wurde.

Tafel 1 und 2 geben Beispiele solcher ursprünglichen Ackerbürgerhäuser. Das Dreiständerhaus (Tafel 1), das aus dem zuletzt angegebenen Grunde verändert ist, zeigt noch seine alte Raumeinteilung, freilich bei veränderter Raumbenutzung. Wie letztere ursprünglich gewesen sein mag, ist in einer zweiten Zeichnung des Grundrisses angegeben. Diese Vermutung stützt sich auf die von der Frau des Besitzers ohne dazu gegebene Veranlassung gemachte Mitteilung, daß das Haus früher zwei Küchen gehabt habe. Das Torgerüst des Straßengiebels läßt noch das ursprüngliche Einfahrtstor erkennen. Der Torsturz trägt die Inschrift: "Las dich Herr Jesu Christ, durch mein Gebeth bewegen, kom in mein Haus und Hertz und bring uns deinen Seeg - Hans. Joachim. Dreyer. - Catharina. Dreyern. - Anno 1743 - Den 28 May." Das Tor ist jetzt durch Fachwerk ausgebaut, in dem sich eine Haustür mit Seitenfenstern befindet. Ein Hineinfahren in das Haus würde heute nicht mehr möglich sein, weil die Decke der Diele tiefer, d. h. in die Höhe der alten Stubendecken, hinabgelegt ist. Die Ausführung dieser Deckensenkung war einfach, da es sich nicht um eine zum Hauptverbande des Hauses gehörige Balkenlage, son-

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Bild: Hagenow i. M. Teichstr.11
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dern nur um eine lose eingebaute Senkbalkenlage - süddeutsch deutlicher als "Zwischenbühne" bezeichnet - handelte. Dieser Einbau eines Fachwerks mit Tür und Fenstern in die alte Toröffnung, verbunden mit der Tieferlegung der Decke über der früheren Auffahrtsdiele, findet sich bei allen den Häusern, bei denen nicht der Umbau noch gründlicher vorgenommen ist; insbesondere ist er bei der erwähnten Häusergruppe an der Bergstraße von der Hofseite her gut erkennbar. Diese bei zahlreichen Häusern in gleicher Weise vollzogene Änderung ist dadurch lehrreich, daß sie zeigt, wie sich solche Veränderungen und damit die Gewohnheiten im Bau- und Wohnungswesen in älterer Zeit in volkstümlicher Weise fortentwickelten. Was zunächst vielleicht ein geschickter Handwerker mehrmals mit Erfolg ausgeführt hat, wird bald allgemein nachgeahmt und damit zum Typ.

Das zweite Beispiel, Tafel 2, zeigt ein Vierständerhaus und einen sehr weit durchgeführten Umbau des früheren Wirtschaftsteiles, dafür aber eine wenig veränderte Vorderwohnung. Wie man die ursprüngliche Einrichtung des Hauses vermuten darf, ist auch hier in einer zweiten Grundrißzeichnung angegeben. Wie die Einteilung der Ställe im einzelnen gewesen sein mag, ist nicht mehr festzustellen. Nach der Örtlichkeit mag man annehmen, daß sich links der Kuhstall für 3 oder 4 Kühe mit Nachzucht, Gänse- und Hühnerstall befunden haben, rechts ein Pferdestall für 2 Pferde, Futterkammer, Holzstall; die Schweine mögen auf dem Hofe in leicht gebauten Koben untergebracht gewesen sein. Die Einfahrt in das Haus muß über den Hof gegangen sein, wo sie freilich heute wegen einer neueren Schmiedewerkstatt nicht mehr möglich sein würde. Die Verwandtschaft dieses Hauses mit dem alten Niedersachsenhause des Landes, das im größten Teile Mecklenburgs, bis an eine Linie Plauer See - Kummerower See, verbreitet ist oder seine Herkunft von diesem, ist durch die Durchgangs- oder Sackdiele und durch die Lage von Wohnung und Stall zu dieser gekennzeichnet. Vorderhaus und Hinterhaus haben jetzt verschiedene Besitzer. Nach einer Feststellung des Herrn Stadtinspektors Kiencke ist die Aufteilung eines Hauses bzw. Grundstückes unter zwei Besitzer in Hagenow so häufig, daß ein "Statut betreffend die Theilbarkeit der städtischen Grundstücke zu Hagenow", landesherrlich bestätigt unterm 15. April 1859,

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Bild: Hagenow i. M. Hirtenstr.2
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erlassen werden mußte, um allzu schwierigen Rechtsverhältnissen vorzubeugen. Der häufigste Anlaß zu diesen Teilungen scheint eine Erbauseinandersetzung gewesen zu sein. Anfangs hat man sich damit begnügt, daß die Beteiligten ihren Vertrag dem Rate vorlegten, der eine entsprechende Eintragung in das Grundbuch vornahm. So einfach wie im vorliegenden Falle ist die Teilung aber nicht immer durchgeführt. Herr Amtsgerichtsrat Schlüter, der in die städtischen Grundbuchakten Einsicht nahm, erwähnt eine Grundstücksaufteilung, bei der die Trennlinie durch Haus, Stall und Hof dreimal im rechten und einmal im schiefen Winkel umsprang. Doch die Trennfläche bleibt hier wenigstens eine senkrechte. Im Süden, schon in südlichen deutschen Ländern, wechseln bekanntlich die Hausbesitzer häufig geschoßweise.

Auch bei unseren mecklenburgischen Bauernhäusern ist die Durchgangsdiele, wie sie die beschriebenen Häuser aufweisen, am verbreitetsten und gleichfalls häufig zur Sackdiele umgewandelt, während Flettdielen und Flettarmdielen selten vorkommen. Bei aller Verwandtschaft des Grundrisses besteht aber ein Unterschied im Aufbau zwischen den Bauernhäusern und den Hagenower Ackerbürgerhäusern. Die alten Bauernhäuser sind überwiegend Zweiständerhäuser; nur in einigen, von Folkers näher festgestellten Gegenden, namentlich im Ratzeburgischen und um Doberan herum, kommt daneben das Dreiständerhaus als typische Hausform vor. Das Vierständerhaus ist dagegen nur vereinzelt im Lande anzutreffen, etwa als Landkrug und auf dem schon städtisch beeinflußten Kiez bei Neustadt-Glewe. Die Hauptgebiete des Vierständerhauses sind: Westfalen, die Weserberglande, die Umgegend Hildesheims und die Altmark, wo sich diese Hausform schon vor Jahrhunderten aus dem Zweiständerhause entwickelt hat. Gewöhnlich findet man angegeben, daß dies unter dem Einflusse der benachbarten mitteldeutschen, zweistöckigen Häuser geschehen sei. Ich bin der Ansicht, daß zu jener Zeit auch schon die städtischen Bürgerhäuser des eigenen Gebietes dazu die Anregung gegeben haben können. Auch für die Hagenower Ackerbürgerhäuser nehme ich an, daß zu ihrer Erbauung als Vierständerhäuser nicht etwa die Bekanntschaft der Handwerker mit solchen von der Wanderschaft her geführt hat, sondern in erster Linie der Gedanke, daß diese mehr einen

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städtischen Charakter trugen als das landübliche Zweiständerhaus mit seinen niedrigen Abseiten. Zu jener Zeit sah der Städter - was uns zum Glück fremd geworden ist - mit einer gewissermaßen mitleidigen Mißachtung auf den Landbewohner herab und vermied ängstlich alles, was geeignet war, ihn mit jenem in Vergleich zu bringen. Dazu gehörte das im Ringe niedrige Haus mit dem hohen Dach; das städtische Haus mußte "hoch heraus" gebaut sein.

Diese Anschauung wurde auch von oben her amtlich unterstützt, war also allgemein und wurde durch die Art, in der Bauhülfen für städtische Wohnhausbauten gewährt wurden, bestärkt. Wegen der Bauhülfsgelder bestimmt der landesgrundgesetzliche Erbvergleich vom 18. April 1755 im § 62: "An die Neubauenden, wenn sie eine wüste oder abgetrennte Stelle neu bebauet, sollen ... nach dem Werth des Hauses, wenn es 400 Reichsthaler und darunter taxiret ist, 15 pro Cent, über solche Summe aber 20 pro Cent von Unsrer Steuer-Einnahme in bisher üblichen Ratis baar entrichtet werden." Nun sind zwar die Hagenower Häuser schon vor 1755 erbaut, aber die Worte "in bisher üblichen Ratis" deuten auf eine schon bestehende Einrichtung hin. Dazu ist bei den Herzoglichen Resolutionen vom 21. Dezember 1748 zu den "Angelegenheiten der Städte ..." unter Nr. 25 schon auf ein "Reglement von Anno 1708" hingewiesen, nach dem Neubauenden "ein gewisses und Erkläckliches aus der Accise" zufließen und ein Gleiches denen gewährt werden soll, "welche ihre Scheuren zu Häuser entrichten, alte ganz baufällige Häuser repariren und mit Ziegeln behangen lassen". Eine Vorschrift vom 22. April 1765 läßt sogar unter Umständen Hülfsgelder im Betrage von 25 % der Baukosten zu, bedingt aber dabei, daß die "zu erbauenden Häuser in den Hauptstraßen 2 Stockwerk hoch aufzuführen; die in den Quergassen erlaubten Häuser aber können zwar nur eine Etage hoch gebauet werden, jedoch müssen selbige mit Giebeln versehen sein." Die Bauhülfsgelder scheinen dann reichlich ausgenutzt zu sein, denn in einem Reskript an die Landräte und Deputierte zum Engeren Ausschuß der Ritter- und Landschaft vom 17. Dezember 1803 wird bemerkt, daß sich viele wegen Erwartung der Bauhülfe zu leichtfertigem Bauen verleiten lassen, und daß es "viele ledige oder wenigstens kärglich bewohnte Häuser gibt". Nachdem sich

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dann die Landschaft (die Stadtvertretungen) auf dem Konvokationstage vom 1. Oktober 1808 dahin erklärt hat, "daß sie auf die bisherigen Bauhülfen ... Verzicht leisten wolle", wird unterm 7. Dezember 1808 bekanntgemacht, "daß vom 1. Januar 1809 an die §§ 62 und 63 des landesgrundgesetzlichen Erbvertrages ... außer Wirkung gesetzt seien". -

Das im vorigen Absatze erwähnte, in den älteren Gesetzsammlungen nicht abgedruckte "Reglement von Anno 1708" scheint nach den Feststellungen des Meckl.-Schw. Geheimen- und Hauptarchivs eine nicht mehr aufzufindende Verordnung vom 9. März 1708 zu sein, die mit einer gleichfalls nicht mehr vorhandenen vom 29. Oktober 1712 in einer Verordnung des Herzogs Carl Leopold vom 30. April 1717 erwähnt wird. Diese letztere gibt ein wenig erfreuliches Bild von den Anschauungen jener Zeit; in ihr lautet es nach einer Einleitung: "Alß renoviren Wir hiemit so wohl die von Anno 1708 den 9 Martii als auch die von Anno 1712 den 29. Octobr in Druck publicirte [Verordnung] Unsern Steuer-Commissariis und Einnehmern, denen Deputirten von Raht und der Bürgerschafft, Krafft dieses ernstlich und bey Verlust Ihrer Chargen, Gefängniß und anderer Straffen, daß sie ein mehrers nicht pro taxatione, alß ihnen in vorbemeldter Verordnung vom 29. Octobr 1712 § 3 gnädigst bewilliget, nehmen sollen, obgleich diejenigen so die Taxation begehren, ihnen freywillig ein mehreres offeriren würden." Daß die Bauhülfsgelder zu unsachlichen Bauausführungen verleiteten, sucht einer der Magistrate in einem sehr ausführlichen Schriftsatze zu widerlegen; die Mehrheit der Magistrate scheint aber Erfahrungen gemacht zu haben, die sich mit denen der Regierung deckten.

Der Entwicklungsgang der Bauhülfsgeldersache spiegelt sich in den Hagenower Häusern recht deutlich wieder und zeigt, daß die volkstümliche Behandlung des Bauern- und Bürgerhausbaues in manchen Gegenden Deutschlands stark von obrigkeitlichem Einfluß geleitet und unter Umständen umgebogen wurde. Bei Besichtigung der Häuser drängt sich einem die Erkenntnis auf, daß die auf der Senkbalkenlage angelegten oberen Räume recht wenig Zweck haben. Ähnlich liegt es mit den oberen Abseitenkammern des westfälischen Vierständerhauses, ja auch mit dem oberen Stockwerk des mitteldeutschen oder sog. fränkischen Hauses. Man macht immer wieder die Wahrnehmung,

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daß diese oberen Räume nur recht schwach ausgenutzt sind und daß einige Giebelstuben im Dachraume mehr Nutzen schaffen würden als jene Räume. Erst wenn das obere Stockwerk so eingerichtet ist und eine solche Höhe hat, daß dort besondere Mietswohnungen untergebracht werden können, sieht man es, in Mitteldeutschland auch auf dem Lande, in wirtschaftlicher Weise verwendet. Auch in Hagenow hat selbst die gegenwärtige Wohnungsnot nicht zu einer stärkeren Ausnutzung dieser oberen Räume geführt, weil sie so niedrig sind, daß man nur eben aufrecht darin stehen kann, ein größerer Mensch sich kaum auf die Zehen stellen darf, ohne mit dem Kopfe oben anzustoßen. Die Ursache der Anlage dieser Räume ist also in erster Linie die vermeintliche stattlichere Erscheinung des Hauses. Daneben wird man aber auch die höheren Bauhülfsgelder im Auge gehabt haben, die gezahlt wurden, wenn das Haus zweistöckig erbaut wurde. Dem mag nun entgegengehalten werden, daß die auf den Tafeln 1, 2, 5-7 dargestellten Häuser nach den unter "Geschoß" und "Stockwerk" in den Worterklärungen am Schlusse dieser Arbeit gemachten Angaben nicht zweistöckig, sondern nur zweigeschossig sind. Das ist richtig, aber so genaue technische und sprachliche Unterscheidungen machte die Abschätzungskommission zweifellos noch nicht, die aus zwei vereidigten Baugewerksmeistern als Schätzern, dem Steuereinnehmer als Geschäftsleiter und einem Magistratsmitgliede bestand und nachweisbar öfter bei ihren Abschätzungen die Kostenabrechnungen der Bauenden benutzte. Auch der herzogliche Rat, der die Vorschriften vom 22. April 1765 entworfen hat, wird kaum so genau unterschieden haben. Dann hätte er nicht im folgenden Satze von einer Etage sprechen dürfen, wo er ein einstöckiges Haus im Auge hat, und das zu einer Zeit, wo in seinen Gesellschaftskreisen noch vielfach Französisch die Umgangssprache war. Der Franzose kennt eine Etage nur über dem Rez de chaussée, dem Erdgeschoß, das der Deutsche Parterre nennt. Daß sich der biedere Kleinstädter diese Sprachverwirrung zunutze machte und die erhöhte Bauhülfe für das zweistöckige Haus wahrnahm, ohne seinen Bau nach gleichem Maßstab zu verteuern, wird ihm niemand verargen. Ob etwa der Umstand, daß Beihülfen auch solchen Bauenden gewährt wurden, die "ihre Scheueren zu Häusern entrichten" wollten, einen Anstoß dazu gegeben hat, die Wirtschaftsräume der

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Ackerbürgerhäuser in Wohnräume zu verwandeln, läßt sich nicht mehr feststellen. Man ersieht aus allem diesem, einmal, daß die von der Regierung unterm 17. Dezember 1803 geäußerten Bedenken nicht unbegründet waren, weiter aber, daß man die Wurzeln der angewandten Ästhetik manchmal an anderer Stelle suchen muß, als im Kunstgeschichtslehrbuch.

Ein Unterschied zwischen diesen Ackerbürgerhäusern und den mecklenburgischen Bauernhäusern einerseits, den westfälischen Vierständerhäusern andererseits, der aber mit der Herkunft aus der gleichen Stammform nichts zu tun hat, besteht darin, daß bei den zuerst genannten Häusern die Auffahrtdiele auch vor dem Einlegen einer Senkbalkenlage über ihr nicht für das Einbringen von Kornfudern geeignet war, weil ihre Höhe dazu nicht ausreicht. Die Dielentore haben allgemein nur eine Höhe von 2,85 m, gleich 10 Fuß hamburgischen Maßes, während die Kornfuder bei Pferdebespannung schon derzeit etwa 3,45 m, 12 Fuß hamburgischen Maßes, lichte Torhöhe erforderten. Die heute im südwestlichen Mecklenburg in kleinen Wirtschaften übliche Kuhanspannung wird, jedenfalls in der Stadt, noch nicht bekannt gewesen sein, die geringe Torhöhe also damit erklärt werden müssen, daß sie nur für Heufuder berechnet war, die niedriger geladen zu werden pflegen. Die geringere Breite der Diele ist damit zu begründen, daß auf ihr nicht gedroschen wurde, weil Kornscheunen innerhalb der Stadt verboten waren. Bereits die Polizeiordnung der mecklenburgischen Herzöge Heinrich und Albrecht von 1516 (gedruckt Jahrb. 57 S. 279) schreiben im § 54 vor: "Van Schünen: Idt scolen ock förder en edder mehr Schunen in die Stedde nicht gebuwet, sunder dar vör gesettet werden". Die Bestimmung wurde noch mehrmals und in verschärfter Form wiederholt, so daß sie zur Zeit der Erbauung jener Ackerbürgerhäuser wirksam war und es bei den Städten, so auch in der Nähe des Klunk, besondere Scheunenviertel oder Scheunenstraßen gab. Daß in Hagenow das Stallende der Häuser mit dem Dielentor im allgemeinen nach hinten gelegt ist, während wenigstens das Einfahrtstor beim Niedersachsenhause sonst der Straße zugewandt ist, ist offenbar auch aus dem Schönheitsempfinden der Erbauungszeit hervorgegangen. Das auf Tafel 1 dargestellte Haus zeigt den selteneren umgekehrten Fall, der dort in der Örtlichkeit, namentlich den Gefällverhältnissen des Grundstücks, seine Be-

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gründung findet. Die im Vordergiebel angebrachte Haustür gibt den Häusern ein städtisches Aussehen und läßt es nach der Straße hin nicht erkennen, daß die Wirtschaftsräume mit im Hause liegen. Trotz aller dieser Unterschiede gegenüber dem Bauernhause läßt sich ihre Herkunft aus diesem nicht verkennen.

Das Gleiche zeigt sogar das damals vornehmste Wohnhaus der Stadt,

das Stadtvogthaus,

das auf Tafel 3 und 4 dargestellt ist. Wann dies Haus erbaut ist, ist nicht bekannt. Es ist anzunehmen, daß dies vor Verleihung der Stadtverfassung von 1756 an die Stadt Hagenow, ja vor Beginn der Verhandlungen hierüber geschehen sein wird, da es sonst schwerlich den ihm beigelegten Namen tragen würde. Das Haus ist voll zweistöckig erbaut, d. h. Erdgeschoß und Obergeschoß sind durch eine regelrechte Balkenlage, nicht bloß durch eine Zwischenbühne getrennt und haben jedes voneinander unabhängige, selbständige Ring- und Innenwände. Für seine Anlage ist kennzeichnend, daß es ursprünglich der Länge nach auf einer mittleren Diele durchfahren werden konnte. Freilich ist das jetzt infolge Umbaues nicht mehr möglich. Im Holzverband des hinteren Giebels ist der frühere Torrahmen deutlich erkennbar und ist ersichtlich, daß die jetzige Hoftür die frühere Haustür ist. Der Hinterflur im Erdgeschoß muß einst die Breite gehabt haben, die jetzt noch der Flur des Obergeschosses aufweist, d. h. die Wand ei ist von gh, wo sie unter rs stand, nach ei in die Diele hineingerückt. Mochte man früher beim Fachwerkbau auch häufig versäumen, Wand auf Wand zu stellen, so sprechen hier doch mehrere Umstände dafür, daß die angegebene Verschiebung vorgenommen ist, am augenfälligsten die Lage der Windeluke in der Decke. Sollte bei dieser ein Wagen unterfahren können, wie es ihr Zweck verlangt, so muß die Wand ei früher etwa bei gh gestanden haben. Auch die Windfangwand il kann erst gezogen sein, als man die Kornwinde nicht mehr benutzte. Endlich mußte die Treppe zum Obergeschoß etwas anders, nämlich steiler, angeordnet gewesen sein, wofür auch die Art spricht, in der der Verschlag unter der Treppe als Mädchenschlafstelle eingerichtet war. Der jetzige gemauerte und geputzte Vorder-

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Bild: Hagenow i. M. Früheres Stadtvogthaus
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giebel am Markt ist eine neuere Schürze, der Flügel, der die Waschküche und den größten Teil einer kleinen Nebenwohnung enthält, ein späterer Anbau. Das Haupthaus ist jetzt in vier Wohnungen aufgeteilt, die auf eine gemeinsame Benutzung der Flure, von denen der obere, fast 80 qm große ein herrlicher Kinderspielplatz ist, angewiesen sind. Welche Räume zu den einzelnen Wohnungen zusammengelegt sind, lassen die beigefügten Nummern erkennen. In der blinkenden Sauberkeit der Wohnungen war kein Unterschied, als wir unangemeldet zur Aufnahme in das Haus kamen.

Über die frühere Einrichtung und Benutzung des Hauses ist nichts bekannt, nur weiß man, erkennt man auch noch, daß der Raum pstu in der jetzigen Wohnung 4 früher eine Küche gewesen ist. Ich vermute die folgende ursprüngliche Einrichtung des Hauses: die Erdgeschoßräume des Vorderhauses, bis zur Linie fn, waren Geschäftsräume, Terminzimmer, Kasse, Schreibstuben usw., das ganze Obergeschoß enthielt die Wohnung des Stadtvogtes, bestehend aus 7 Stuben, der Küche und Nebenräumen, wie Kleiderkammern, Vorratskammern usw., diese in dem Stück oprs. Von den hinteren Räumen im Erdgeschoß wird der unterkellerte Teil klmn die große Wasch- und Wirtschaftsküche mit Backstube, Milchkammer usw. enthalten haben, ghkl gehörte zur Diele und in dfgh vermute ich den früheren Kuhstall. Ein solcher fehlt nämlich auf dem Gehöft und ist auch kein Platz da, wo er ursprünglich gestanden haben möchte. Ein früherer Pferde- und Schweinestall, in dem sich auch Holzstall, Schauer usw. befanden, liegt gegenüber af jenseits der Auffahrt auf das Gehöft und sein Heuboden lag für die Versorgung des im Hause befindlichen Kuhstalles ganz bequem. Die Winde im Hause läßt darauf schließen, daß der Hausboden als Kornboden benutzt wurde. Winden zur Beförderung von Garben oder Heu waren in Mecklenburg, wie wohl überall in Norddeutschland, in älterer Zeit nicht bekannt. Die Scheune des Gehöfts liegt ganz im Hintergrunde des Grundstückes, das an ein kleines Wiesental der Schmarr stößt, also außerhalb der Stadt. Im Zusammenhang mit der Scheune kann der Kuhstall nicht gestanden haben, da er dann vom Hause zu weit entfernt gewesen wäre. Allgemein wird, von großen Gutswirtschaften abgesehen, der Kuhstall möglichst nahe bei der

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Bild: Hagenow i. M. Früheres Stadtvogthaus
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Wohnung angeordnet, da die Hausfrau die Milchwirtschaft mit beaufsichtigt.

So zeigt sich selbst in diesem Hause noch ein ursprünglicher Zusammenhang mit dem altsächsischen Bauernhause. Auch die weitere Entwicklung des Ackerbürgerhauses zu einem Querhause und wie daraus

das spätere Bürgerhaus

entstanden ist, läßt sich in Hagenow gut verfolgen. Wie sich in Mecklenburg beim Bauernhause die Umwandlung aus einem Längshause in ein Querhaus vollzogen hat, habe ich an anderer Stelle ausgeführt 7 ). Wilhelm Peßler 8 ) gibt in seinen Schriften mehrfach Beispiele dafür, wie durch Umbau aus einem Längshause ein Querhaus wurde. Wie solche Veränderungen im westlichen Grenzgebiete des Niedersachsenhauses vor sich gegangen sind, erörtern in anschaulicher Weise Aufsätze von Dütschke 9 ) und Schell 10 ). Auch dort ist der frühere Kuhstall in einst vornehmen Häusern nachgewiesen.

Beim Bürgerhause ist der Übergang vom Längshause zum Querhause naturgemäß einfacher als beim Bauernhause. Der augenfälligste Unterschied zwischen den besprochenen Ackerbürgerhäusern und den späteren Bürgerhäusern in Hagenow liegt am Äußern darin, daß aus den Giebelhäusern Traufenhäuser wurden, nach der Einrichtung darin, daß das Bürgerhaus vor vorneherein keine Ställe enthält, sondern neben den Wohnräumen nur Geschäftsräume für ein bürgerliches Gewerbe, Läden oder Werkstätten.

In dem Hagenower Stadtteile Klunk steht das nach der Angabe auf der Wetterfahne 1767 erbaute Querhaus oder Traufenhaus Tafel 5 von fast quadratischer Grundfläche,


7) Pries, Johann Friedrich, "Die Entwicklung des mecklenburgischen Niedersachsenhauses zum Querhause und das mecklenburgische Seemannshaus", Forsch. zur deutschen Landes- und Volkskunde, Stuttgart 1928.
8) Peßler, Wilhelm, "Das altsächsische Bauernhaus in seiner geographischen Verbreitung", Braunschweig 1906.
9) Dütschke, Gottfr., "Die älteste Bevölkerung des Wuppertales nach ihren Höfen", Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 1908.
10) Schell, Otto, "Einige Beiträge zur Entwicklung des bergischen Hauses", Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 1905.
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Bild: Hagenow i. M. Hirtenstr.10
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9,00 m in der Straßenfront lang, 8,90 m tief. Vielleicht ist die geringe Abweichung vom Quadrat nur durch einen Ausführungsfehler oder durch Sackungen entstanden, oder es handelt sich nur um einen Meßfehler. Das Haus konnte also genau so gut als Längshaus wie als Querhaus, d. h. mit parallel wie mit senkrecht zur First geführter Diele erbaut werden. Der Grundriß hat, wenn man davon absieht, daß das Haus nur Wohnräume und keine Ställe enthält, nahe Verwandtschaft mit dem Wohnteile der als Vierständerhäuser erbauten Ackerbürgerhäuser in ihrer ursprünglichen Anlage. Die Mitte nimmt die von der Vorder- zur Hinterfront durchgehende Diele ein, die freilich, da sie nicht befahren wird, zu einem Flurgang zusammengeschrumpft ist. Dieser ist hier wie der Flur der bisher besprochenen Häuser durch einen Windfang zugfreier gemacht. Jederseits der Diele liegt eine Wohnung, deren eine ursprünglich als Altenteilerwohnung gedacht sein mag; die Anordnung der Räume folgt den bei den Ackerbürgerhäusern zu beobachtenden Grundsätzen, nach denen sie in einfacher Folge aneinandergereiht sind. Auch darin gleicht dies Haus jenen, daß die Ständer seiner Fachwerkwände in einem Stück von der Schwelle bis unter das Dach durchgehen, das Haus also auch einstöckig, aber, wie es bei jenen der Fall war, durch eine Senkbalkenlage in zwei Geschosse geteilt ist. Die oberen Räume sind auch bei diesem Hause aus den dort erörterten Gründen ziemlich wertlos und wären zweckmäßiger in Giebelstuben des Dachraumes untergebracht gewesen, da dieser hier unbenutzt ist, weil der Heuboden im Stalle liegt. Das Zwischengeschoß dürfte also auch hier nur der erhöhten Bauhülfe seine Entstehung verdanken, wobei in diesem Falle schon das bei den älteren Häusern gegebene Beispiel die unmittelbare Anregung gegeben haben mag.

Bis an das Dach oder, genauer gesagt, bis an die Dachbalkenlage oder noch genauer: bis an die die Dachbalkenlage tragenden Wandrähme, d. h. bis an die Linie xy der Zeichnung, unterscheidet sich das Haus in nichts von einem Längshause, dort setzt die Firstschwenkung ein. Den gleichen Vorgang kann man besonders gut und häufig in westfälischen Klein- und Landstädten beobachten; ihn schildert Steinacker 11 )


11) Steinacker, Karl, über Bauernhäuser im Kreise Holzminden "Bau- und Kunstdenkmäler des Herzogtums Braunschweig", Bd. 4, Braunschweig 1907.
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anschaulich bei der Beschreibung braunschweigischer Häuser im Wesertale. Zeitlich dürfte der Vorgang dort und hier ungefähr zusammenfallen und dieselbe Ursache haben, nämlich den Wandel in den Schönheitsanschauungen, der in jener Zeit aus der Gestaltung der Bauschöpfungen des Barock hervorgegangen war. Ein näheres Eingehen hierauf gehört an dieser Stelle nicht zur Sache, es muß die Anführung der Tatsache genügen: das Giebelhaus galt nicht als vornehm. Dies kommt auch in den Verordnungen des 18. Jahrhunderts zum Ausdruck und durch sie zur allgemeinen Geltung. Eine Zirkularverordnung des Herzogs Friedrich vom 18. September 1770 verlangt, daß "der Bau neuer Häuser [in den Städten] regulair und schicklich eingerichtet werden soll" und daß "bey Streckung der Sohlen ... darauf zu halten sey, daß en froute an der Gasse ... die grade Linie beybehalten werde", wozu am 28. Juni 1771 die weitere Erläuterung gegeben wurde, daß "alle neu erbaut werdenden Häuser als Quergebäude angelegt ... werden sollen". Das hier besprochene Haus ist freilich schon vor Erlaß dieser Vorschriften erbaut, aber solche wurden damals noch nicht auf Grund theoretischer Erwägungen erlassen, sondern waren ein Niederschlag der herrschenden Anschauung und Sitte. Das Schönheitsgefühl der Zeit hatte sich schon allgemein geltend gemacht, bevor jener Erlaß herausgegeben wurde, der freilich am 29. Juli 1786 noch einmal verschärft wiederholt werden mußte.

Einen weiteren Entwicklungsschritt stellt das Haus Lange Straße 56, Tafel 6 und 7, dar, dessen Erbauungszeit um 1780 liegen mag. Bei seiner Betrachtung hat man sich den Flügelanbau und die der Küche vorgebaute Spülküche als spätere Zutaten, die Speisekammer (Spk) als nachträglichen Einbau fortzudenken. Auch die Trennung des Hausflures in Vorder- und Hinterflur wird nicht ursprünglich sein. Sieht man von diesen Teilen ab, so hat man wieder ein Haus mit durchgehender Diele, dem Flur, und jederseits einer Wohnung. Vom Beschauer aus rechts liegt die ursprüngliche Altenteilswohnung, wieder aus Stube (jetzt Laden), Kammer und Küche bestehend, links die Hauptwohnung mit vier Räumen. In ersterer ist die Raumverbindung noch die alte, bei der die Gemächer in einer Reihe an die Diele angeschlossen sind, in der Hauptwohnung liegen sie in zwei Fluchten, nach vorne

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Bild: Hagenow i. M. Langestr. 56
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Bild: Hagenow i. M. Langestr.56
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Stube und Kammer, nach hinten Küche und zweite Stube. Diese Zusammenstellung der Räume, die im 18. Jahrhundert auch schon bei mecklenburgischen Bauernhäusern vorkommt, die als Querhäuser erbaut sind, ist bei älteren Büdnereien sehr verbreitet; auch bei der Mehrzahl aller Häuslereien im Lande trifft man sie an. Auf ihre zweckmäßige Anwendung dort weist später ein Runderlaß der Großherzoglichen Kammer vom 24. Mai 1850 ausdrücklich hin. Die Entstehung dieser Wohnungseinteilung aus der eines alten Sackdielen-Bauernhauses durch mehrfache Umwandlungen habe ich in meiner schon erwähnten Schrift nachgewiesen. Das hier zu wiederholen, würde zu weit führen. Für das auf der Senkbalkenlage liegende Zwischengeschoß treffen die oben über solche gemachten Bemerkungen auch zu, wenn sich hier in diesem auch eine kleine Mietswohnung befindet, deren alleinstehende Bewohnerin sich an die niedrigen Räume gewöhnt haben mag. Die hintere Stube der Hauptwohnung ist in der Art einer "Upkamer" (s. Worterklärungen) unterkellert und daher auch recht niedrig. Zum Keller, in den die Kartoffeln usw. vom Torweg aus durch kleine Schächte hineingeschüttet werden, führt von der Küche aus eine Treppe durch ein Kellerschaff hinab. Eine neuere Anlage des Hauses ist der Torweg, der nötig ist, da die eigentliche Diele des Hauses, der Flur, von der Straße aus nicht befahren werden kann. Ob man ursprünglich vom Hof aus auf die Diele fahren konnte, um mit einem Wagen an die Winde zu gelangen, ist infolge der Um- und Anbauten an der Hinterseite nicht mehr zu erkennen. Vielleicht mußten die Kornsäcke von der Hoftür bis zur Winde getragen werden. Der Torweg ist als eine überbaute Hofauffahrt anzusehen. Die Frage wurde bestritten, ob ein solcher Torweg dann als Bestandteil des Hauses zu werten sei oder nicht. Die "Gravamina der Städte in Steuersachen" vom 6. Januar 1783 enthalten unter Nr. 23 die Beschwerde: "Daß die Bauhülfsgelder wider §§ 62 und 63 des Landes-Vergleichs auf mancherley Art verkürzt werden, indem a) ... b) die Thorwege am Hause mit den darüber gebaueten Zimmern, auch Thorflügeln, aus der Taxe weggelassen ... würden." Die Resolution lautet: "Thorwege und Thorflügel, wenn jene mit Wohnzimmern überbauet sind, sollen mit zur Taxe gebracht und berechnet werden." Im vorliegenden Falle wird es also

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für den Torweg keine Bauhülfsgelder gegeben haben, da er nicht mit Zimmern überbaut ist; doch ist nicht bekannt, ob die Handhabung der Bestimmungen von vorneherein im Lande eine gleichmäßige war.

Das Haus enthält noch manches, was für das Bild der Wohnkultur der guten alten Zeit Bedeutung hat, Wandschränke auf dem Flur und in der Küche, das Guckfenster zwischen Wohnstube und Flur zur Überwachung der Haustür und anderes. Von diesem Fensterchen erzählte der humorvolle Besitzer, daß es unter einem seiner Vorgänger, einem Ratsherrn, dazu gedient habe, die Pässe der wandernden Handwerksgesellen hindurchzureichen. Die Frau Senator scheint also auf saubere Dielen in der Stube gehalten zu haben. Ein interessanter Fund war unlängst im Torwege beim Legen eines Sieles gemacht: mehrere stark verschlissene Mühlensteine von geringen Abmessungen, die dort vergraben waren. Hierin zeigt sich ein Stück Kulturgeschichte. Untern 24. Mai 1719 hatte die Kayserliche Executions-Kommission verboten, Handquerren anzulegen, durch die die Mühlengerechtsame oder die Mahlsteuer wohl recht häufig umgangen wurden. Sie hatte die "Haupt- und Ambt-Leute, auch Magistrate" angewiesen, daß sie "alle Querren hinweg und ins Gerichte nehmen ... lassen", auch die Müller ermächtigt, "diejenigen Häuser und Orte, woselbst sie dergleichen Querren vermuten, zu visitieren". Das scheint mit solchem Erfolge und solcher Dauer geschehen zu sein, daß man es darüber vergessen hat, die Steine wieder hervorzuholen.

Wie Tafel 8 zeigt, läßt sich die Ableitung des Hagenower Bürgerhauses vom Bauernhause noch bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein verfolgen. Das um diese Zeit erbaute Haus ist, da keine Bauhülfsgelder mehr gewährt wurden, einstöckig angelegt, doch mit einem Aufbau unter Schleppdach versehen, der auch auf eine obrigkeitliche Anordnung zurückgeführt werden kann. Die oben, auf Seite 14, angeführte Bestimmung von 1765, es dürften in den Quergassen Häuser "zwar nur eine Etage hoch gebaut werden, jedoch müssen selbige mit Giebeln versehen sein", leidet offenbar auch an einer sprachlichen Ungenauigkeit, wenn man den Worten unsere heutigen Begriffsbestimmungen zugrunde legt. Beim Durchwandern unserer kleinen Städte kommt man auf die Vermutung, daß mit "Giebeln" hier Frontispize, zu deutsch:

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Bild: Hagenow i. M. Hagenstr. 20
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Zwerchhäuser, gemeint gewesen sein müssen. Diese bieten nun wegen der Kehlen, mit denen ihr Dach an das Hauptdach anschließt, namentlich bei einem Pfannendache einige, doch häufig überschätzte Schwierigkeiten in der Herstellung und in der Erhaltung. Das wird einen findigen Hagenower Zimmermeister dahin geführt haben, dem Aufbau ein Schleppdach zu geben. Diese Ausführungsweise kommt natürlich auch sonst öfter vor, für Hagenow ist sie aber typisch und eine charakteristische Erscheinung in den Straßenbildern.

Im Grundriß muß man das Haus, wenn man seine Herkunft aus den vorher beschriebenen Häusern verstehen will, nach der Linie xy in zwei Häuser zerlegen, bei deren einem der Torweg, dem anderen der Flur den Vorraum zu je zwei Wohnungen abgibt. Wieder ist beiderseits neben dem Vorraum je eine aus Stube, Küche, Kammer bestehende Wohnung angeordnet. Ein Unterschied und Fortschritt besteht nun darin, daß die Küchen und Kammern in der Mehrzahl der Wohnungen anders, und zwar so gelegt sind, daß beide unmittelbares Licht von der freiliegenden hinteren Hausfront her erhalten. Dies ist erreicht, indem die Räume, wie in der Hauptwohnung des vorigen Beispiels, in zwei Fluchten angeordnet wurden. Das Haus enthielt ursprünglich sechs fast genau gleichwertige Kleinbürgerwohnungen. Wie es jetzt zu zwei etwas größeren Wohnungen und zu zwei Witwenwohnungen ausgenutzt ist, ist auf der Zeichnung angegeben.

Da der Altersunterschied der besprochenen Häuser kaum hundert Jahre beträgt, können die Angaben über

die Bauart der Häuser,

auf die bisher noch nicht eingegangen wurde, zusammengefaßt werden. Die Fortentwicklung der Häuser in Grundriß und Aufbau läßt sich zwar auch unabhängig von ihrer Bauart erörtern; einen mittelbaren Einfluß üben darauf aber Baustoffe und Bauverbände doch aus, so daß das Bild ohne ihre Beschreibung unvollständig bleiben würde.

Die Grundmauern der in dieser Abhandlung besprochenen Häuser sind von Feldsteinen aufgesetzt, die Kellerwände teils gleichfalls von solchen, teils von Ziegeln gemauert und die Keller in manchen Häusern mit Ziegeln überwölbt, in anderen,

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namentlich wenn es sich um kleine Halbkeller handelt, mit Balkendecken versehen. Hierauf sind die Häuser in Fachwerk errichtet, wobei man am Äußeren Eichenholz, im Innern einschließlich der Dachstühle Kiefernholz verwandte. Beide Holzarten waren aus städtischen Waldungen und nahen fürstlichen Forsten in guter Beschaffenheit zu haben. Zierfachwerk fehlt, der Umrahmung der Dielentore ist dadurch eine gefälligere Form gegeben, daß die Kopfbandstreben unter dem Torsturz bogenförmig ausgeschnitten sind. Torsturze oder Giebelbalken haben bei manchen Häusern eine in Blockbuchstaben eingehauene Inschrift. Wie schon die Zeichnungen zeigen, fällt im Fachwerk der Wände auf, daß wenig Streben angewandt sind, ohne daß deshalb besondere Nachteile wahrzunehmen wären. Eine am 16. April 1765 amtlich herausgegebene "Instruction, nach welcher die Zimmerleute bey Verzimmerung aller und jeder, auch der schlechtesten Gebäude sich zu richten haben", gibt genaue Anweisungen über Einzelheiten des Holzverbandes, erwähnt aber mit keinem Worte die Streben. Vielleicht war das ein Anlaß, von diesen sonst für so wichtig gehaltenen Gliedern des Gebälkes abzusehen. Die Senkbalkenlagen sind ziemlich willkürlich gelegt, zuweilen in dem gleichen Zwischengeschoß zum Teil senkrecht, teilweise parallel zur First. Teils liegen sie auf Riegeln, so daß ihre Köpfe außen sichtbar sind, teils sind sie in die Ständer oder Riegel eingezapft und dann außen nicht wahrzunehmen. Die älteren Dachstühle sind einfache Kehlbalkendachstühle, in die nur in größeren Häusern Stuhlwände zum Längenverband eingezogen sind. Der Sparrenabstand hat die ungewöhnliche Weite von 1,75 bis 2,25 m statt etwa 1 m, man sah daher auch überall Notsparren nachträglich eingefügt.

Das Fachwerk scheint in seinen Feldern schon allgemein mit Ziegeln ausgemauert zu sein. Gemusterte Tafelausmauerungen, von denen auf Blatt 6 Beispiele gegeben sind, sieht man selten; an einem Hause sind noch Donnerbesen undeutlich zu erkennen. Von außen sind die Häuser vielfach getüncht, seltener vorher verputzt, im Innern sind die Wände in den Stuben, ebenso wie die Windelböden der Decken, allgemein verputzt, nur in Nebenräumen ist noch der Holzverband der Wände und Balkenlagen unbekleidet. Zu den Ziegeldächern sind bei einigen Häusern Zungensteine verwandt, das vor-

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herrschende Dach ist aber das Pfannendach. Ursprünglich werden die Pfannen mit Strohwiepen eingedeckt gewesen sein, womit der ungewöhnliche Sparrenabstand zu erklären sein würde. Daß man man (Druckfehler) auf diesen Häusern Rohrdächer gehabt haben sollte, wird nicht in Frage kommen. Bei diesen war der im Lande übliche Sparrenabstand noch größer, er betrug 2,85 bis 3,45 m oder 10 bis 12 Fuß hamburgischen Maßes. Eine Verordnung vom 9. Juni 1764 erwähnt zwar noch Strohdächer in den Städten, doch wird es sich da um Scheunen handeln. Nach den "Artikuln der Brand-Assecurations-Gesellschaft der Städte", landesherrlich bestätigt am 30. Juli 1785, durften in einer aufzunehmenden Stadt keine mit Strohwiepen gedeckten Ziegeldächer mehr vorhanden sein. Durch das Eindecken der Pfannen mit Kalkmörtel wurden die Dächer soviel schwerer, daß sich die Notsparren erforderlich erwiesen.

In den Stuben und bewohnten Kammern hat man heute allgemein Dielungen, auf den Fluren und in den Wirtschaftsräumen Estriche oder Ziegelpflaster. Im Hause Langestraße 56 hatte der Hausflur bis zum vorigen Jahre einen Belag von roten Ziegelplatten in der Größe zweier Ziegel, wie sie in den älteren Warenverzeichnissen der amtlichen Ziegeleien als Pflasterziegel oder Fliesen aufgeführt sind. Der anderwärts, z. B. in Stralsund, in Doberan für diese Platten gebräuchliche Name "Alstraken" schien in Hagenow nicht bekannt zu sein; auch habe ich nicht erfahren, ob sie dort noch häufiger anzutreffen sind. Sie waren an dieser Stelle durch einen Terrazoestrich ersetzt und zur Kellerpflasterung herabgesunken. Im übrigen ist über den Ausbau der Häuser nichts Besonderes zu bemerken, doch ist auf eine gediegene Art von Haustüren hinzuweisen, die sich in der Stadt in gleicher Ausführung, wohl alle von demselben Tischler angefertigt, in größerer Zahl, also als eine typische Erscheinung des Ortes finden. Es ist eine Verdoppelungstür, die außen mit quadratischen Feldern in Rahmen belegt ist, wobei dann die Rahmenkreuzungen mit kleinen Platten bekleidet sind. Im Märzheft der "Mecklenburgischen Monatshefte" 1928 ist auf S. 122 als Abb. 3 eine solche Tür wiedergegeben. Hier und da fanden sich noch kleine, in Karniesblei verglaste Fenster, alte Kachelöfen von einst wertvollerer Erscheinung nur noch einige Langestraße 56. Herde mit Schwibbogen sind in der Stadt gleichfalls seit 1785

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nicht mehr zulässig, man sieht aber noch manche offene Herde mit Rauchfang darüber und auf diesen gesetzten steigbaren Schornstein, der regelmäßig noch zur First hinausgeführt war. Die Rauchfänge waren häufig durch seitliche Herdmauern, selten durch einen Holzpfosten gestützt, ein am Deckenbalken aufgehängter Rauchfang wurde nur in einem der besichtigten Häuser angetroffen. Die Erscheinung, daß eine allgemeine Verbesserung des inneren Ausbaues der Häuser eintritt, wenn eine Stadt mit neuen Betriebsanlagen, Kanalisation, Wasser- und Gasleitung, Elektrizitätsanschluß versehen wird, war auch in Hagenow zu beobachten.

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Die weitere Entwicklung des Bürgerhauses
und dieser Vorgang an andern Orten.

Die weitere Entwicklung des Hagenower Bürgerhauses gesondert zu verfolgen, hat für die gestellte Aufgabe keine Bedeutung. Die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, die Zeit nach den Freiheitskriegen bringt zunächst keine wesentliche Veränderungen. Mit dem wachsenden Eisenbahnverkehr verschwinden dann die örtlichen Eigentümlichkeiten und der Entwicklungsgang wird in größeren Bezirken der gleiche. Dazu kommt, daß von jener Zeit ab auch das bürgerliche Bauwesen nicht mehr auf volkstümlicher Überlieferung und handwerksmäßig erworbener Übung beruht, sondern eine schulmäßig erlernte Tätigkeit wird, so daß die Schulen, nicht mehr das örtliche Herkommen, die Unterschiede bestimmen. Dabei gründet sich der Fortschritt im bürgerlichen Bauwesen nicht auf einer Erforschung seiner geschichtlichen Entwicklung, sondern sucht seine Gesetze von den Werken der höheren Kunst abzuleiten. Das gereichte dem bürgerlichen Wohnungswesen sehr zum Nachteil, das durch Eindringen der Bauspekulation und der vermehrten Ausnutzung der Häuser zu Mietswohnungen weiter verschlechtert wurde und sich von diesen Schäden erst jetzt zu erholen beginnt.

Wenn es hier unternommen ist, aus dem Entwicklungsgange für eine einzelne Stadt die Herkunft des Bürgerhauses aus dem Bauernhause nachzuweisen, so muß doch wiederholt vor einer Verallgemeinerung dieses Ergebnisses gewarnt

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werden. Zweifellos wird sich in anderen Städten, in denen die Bedingungen andere waren, die z. B. schon im Mittelalter ein enger Befestigungsgürtel umschloß, das Gegenteil von dem hier Dargelegten nachweisen lassen. Kleine Unterschiede, die manchmal auf rein persönlichen Einflüssen beruhen, geben der Beweisführung vielleicht schon eine andere Richtung. In dem Hagenow benachbarten Neustadt-Glewe ist das Bild bereits ein etwas anderes. Die Häuser auf dem noch nicht eingemeindeten Ortsteile Kiez stehen den mecklenburgischen Bauernhäusern näher als die älteren Hagenower Ackerbürgerhäuser; in der Stadt hat sich das Giebel- und Längshaus, auch als wirklich zweistöckiges Haus, offenbar länger gehalten als in Hagenow. Damit ist aber noch nicht bewiesen, daß das Neustadt-Glewesche Bürgerhaus als eine jüngere Form des Hauses vom Kiez anzusehen sei. Das kann der Fall sein, braucht es aber nicht zu sein. Daß man in Hagenow die Firstschwenkung früher vornahm, kann daran liegen, daß der erste wirkliche Bürgermeister der jungen Stadt - er hieß Mussäus - den neuen Anschauungen eifriger Rechnung trug als sein Kollege in Neustadt-Glewe. Es sind also zunächst Einzeluntersuchungen zu machen, bevor man sichere Folgerungen machen kann, und diese müssen zunächst in einer größeren Zahl von Städten angestellt werden, bevor man allgemein Gesetze aus den Untersuchungen herleiten darf. Mit anderen Worten: die Synthese führt in diesem Falle sicherer zum Ziel als die Analyse.

Auch in anderer Richtung ist vor voreiligen Schlüssen zu warnen. Lesern, die sich eingehender mit der Hausforschung beschäftigt haben, mag an den in den Zeichnungen dargestellten Häusern aufgefallen sein, daß die Raumanordnung, namentlich des Hauses auf Tafel 5, an den von Hunziker 12 ) als "dreisässiges" Haus bezeichneten Haustyp erinnert, der vornehmlich in Oberdeutschland vorkommt. Anderes erinnert wieder an die von Meringer 13 ) als "Mittelflurhaus" bezeichnete Hausart, die auch in Mittel- und Oberdeutschland verbreitet ist. Daraus irgendwelche näheren Beziehungen her-


12) Hunziker, "Das Schweizerhaus nach seinen landschaftlichen Formen und seiner geschichtlichen Entwicklung", Aarau 1910. 1914.
13) Meringer, Rudolf, "Studien zur germanischen Volkskunde", Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien 1891. 1893.
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leiten zu wollen, kann zu bedenklichen Schlüssen führen. Es muß zugegeben werden, daß man, vom mitteldeutschen Hause ausgehend, auch einen Entwicklungsgang finden kann, der auf die Hagenower, als Querhäuser erbauten Bürgerhäuser hinführt. Vielleicht ist der Weg sogar einfacher, als wenn man das Niedersachsenhaus als Ausgangspunkt annimmt. Das hätte aber nicht dem Zweck dieser Ausführungen entsprochen, der eben der war, nachzuweisen, daß man, vom Niedersachsenhause ausgehend, auf dem Wege einer fortlaufenden Entwicklung zu dem eine ganz andere Erscheinung bietenden Bürgerhause gelangen kann.

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Worterklärungen.

Abseite, en sind die seitlichen Nebenräume des Niedersachsenhauses, s. dort.

Bauhof, als B. wurden ursprünglich die Wirtschaftshöfe der Burgen, Klöster usw. bezeichnet, in manchen Städten nennt man die größeren Ackerwirtschaften so und in diesem Sinne ist das Wort hier gebraucht. Weiter werden die Baustofflager- und Zimmerplätze der Werften und Städte als Bauhöfe bezeichnet, was hier jedoch nicht in Betracht kommt.

Dreisässiges Haus, nach dem "Wörterbuch der schweizerischen Sprache" ein "Haus, das quer zum First hintereinander angeordnet Stube, Küche und ein drittes, verschieden benanntes Gemach enthält". Die Hausform findet sich insbesondere bei Häusern der Alpenländer, dem altoberschwäbischen Hause, dem Schwarzwaldhause usw. Nach Hunziker hat sie ihre Urform in Burgund.

Dreiständerhaus, s. Niedersachsenhaus.

Durchgangsdiele, s. Niedersachsenhaus.

Fachwerk. Volkstümlich wird darunter eine Art von Wänden verstanden, die aus dem Gebälk, d. h. einem Rahmenwerk (als tragenden Teil) und Füllungen der einzelnen umrahmten Fächer (als wandabschließenden Teilen) bestehen. Das Rahmenwerk ist aus der Schwelle, den senkrechten Ständern oder Stielen und dem Rähm als oberem Abschluß zusammengesetzt; zur Verbindung der Ständer und als Halt für die Füllungen dienen wagerechte Riegel, gegen Verschiebungen wird das Rahmenwerk durch schräge Streben gesichert. Die Füllungen oder Austafelungen bestanden in älterer Zeit aus Staken oder Flechtwerk mit Lehmbewurf (Klehmwerk oder Kleibwerk), später aus einer Ausmauerung von Ziegeln. Statt der Austafelung oder als Wärmeschutz auf dieser kann auch eine Bretterbekleidung usw. angewandt werden.

Flett, Flettarm, Flettdiele, s. Niedersachsenhaus.

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Frontispiz, ein Dachaufbau, dessen Vorderwand eine Fortsetzung der ansteigenden Ringwand ist, dessen Seitenwände und Dach (in der Regel ein Satteldach) an das Hauptdach des Gebäudes anschließen. Die deutsche Bezeichnung ist: Zwerchhaus.

Geschoß, die in genau oder annähernd gleicher Höhe liegenden Räume eines Hauses bilden ein "Geschoß"; man unterscheidet Erdgeschoß, 1., 2., usw. Obergeschoß, Dachgeschoß. Für die oberen Geschosse ist im allgemeinen Bedingung, daß ihre Räume auf der gleichen Balkenlage liegen. Zwischengeschoß s. unten. Vom Geschoß ist das "Stockwerk" zu unterscheiden, s. dort. In Frankreich wird das Erdgeschoß als Rez de chaussée bezeichnet, die Obergeschosse als 1., 2. usw. Etage, die in Deutschland viel angewandte Bezeichnung des Erdgeschosses als Parterre ist in Frankreich nicht üblich, da dies Wort dort einen anderen Sinn hat.

Halbkeller, ein nur wenig in den Erdboden eingeschnittener Keller, dessen Decke höher liegt als der Fußboden der Erdgeschoßräume, so daß zu der über dem Keller liegenden Kammer oder Stube einige Stufen hinaufführen. S. auch "Upkamer".

Handquerre, eine Handmühle.

Hinterwohnung, s. Niedersachsenhaus.

Kehlbalkendach, ein Dach, das aus Sparren und diese miteinander versteifenden Hölzern, den Kehlbalken, hergestellt ist. Die Sparren sind bei einem solchen Dachstuhl in der Regel in die Balkenköpfe der Dachbalkenlage eingezapft. Als Längenverband sind bei größeren Dächern eine oder mehrere Stuhlwände (s. dort) eingebaut. Beispiele geben die Tafeln.

Kellerschaff, ein Einbau in einen Raum über einer Kellertreppe, dessen oberen Abschluß eine schräge Falltür bildet. Nach Dethlefsen 14 ) eine ostpreußische Eigenart, es kommt aber auch in Mecklenburg in Häusern des 18. Jahrhunderts viel vor und wäre hier vielleicht "Kellerschapp" zu schreiben.

Kübbung, die nordwestdeutsche Bezeichnung der Abseiten des Niedersachsenhauses.

Längshaus, ein Haus, dessen Eingangsraum (Diele, Flur usw.) in der Firstrichtung in das Haus hineinführt und dessen Haustür daher im Giebel liegt; häufig, aber nicht immer, gleichbedeutend mit Giebelhaus. Der Gegensatz ist Querhaus.

Mansarddach, ein gebrochenes Dach, benannt nach dem französischen Architekten François Mansart, 1598 bis 1666, der als sein Erfinder gilt.

Mitteldeutsches Haus, die in Deutschland verbreitetste Bauernhausform, vielfach (völkerkundlich nicht ganz richtig) auch als "fränkisches Haus" bezeichnet. Die Räume dieses Hauses liegen in ältester Zeit bei genau oder ungefähr gleicher Höhe quer zur Firstrichtung nebeneinander, gewöhnlich in der Folge: Stube, Kochflur, Stall. Später werden diese Räume


14) Dethlefsen, Richard, "Bauernhäuser und Holzkirchen in Ostpreußen", Berlin 1911.
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durch Scheidewände, die in der Firstrichtung stehen, durchgeteilt, auch der Stall oft zur Stube oder zu Kammern gemacht und weitere Räume angeschlossen. In Mittel- und Westdeutschland ist dies Haus in der Regel zweistöckig, im nordöstlichen Deutschland einstöckig. In dieser Ausstattung ist es auch im südöstlichen Mecklenburg die gewöhnliche Bauernhausform, in den Ausschlußgebieten Rossow und Netzeband kommt es auch zweistöckig vor. Auf eigentlichen Bauerngehöften steht das mitteldeutsche Haus gewöhnlich als besonderes Wohnhaus auf dem regelmäßig angelegten Gehöft, als Kleinbauernhaus ist es auch mit Stall- und anderen Wirtschaftsräumen vereinigt. Seiner Natur nach ist das mitteldeutsche Haus ein Querhaus, ausnahmsweise kommt auch ein Eingang vom Giebel aus vor.

Mittelflurhaus ist von Meringa eine Hausform benannt, bei der ein Flur in der Mitte des Hauses von einer Frontwand zur gegenüberliegenden Frontwand hindurchgeht. Die Wohn- und Wirtschaftsräume liegen rechts und links von diesem Flur. Auf Häuser mit einem in der Längsrichtung hindurchgeführten Mittelflur, wie sie auch in Oberdeutschland vorkommen, pflegt man den Ausdruck M. nicht anzuwenden, keinenfalls aber auf Niedersachsenhäuser mit Durchgangsdiele (s. Niedersachsenhaus). Die Gegensätze sind Seitenflurhaus und Eckflurhaus. Sie kommen hier nicht in Betracht.

Niedersachsenhaus. Die Entstehung des Niedersachsenhauses, für die verschiedene Vermutungen aufgestellt sind, ist unaufgeklärt und strittig. Nach Mecklenburg ist es im 11. bis 13. Jahrhundert durch einwandernde Niedersachsen gebracht und von der im Lande gebliebenen wendischen Bevölkerung angenommen. Es besteht in seiner ältesten nachweisbaren Form aus einer hohen, breiten Halle, der Diele, an deren Langseiten niedrige Wohn- und Stallräume als "Abseiten" angeklappt sind. In dieser Form heißt das Haus ein "Durchgangsdielenhaus". Mündet die Diele am hinteren Ende in einen die ganze Hausbreite einnehmenden Raum, dem "Flett", das in der Mitte die Dielenhöhe, an den Seiten die Abseitenhöhe hat, so heißt das Haus "Flettdielenhaus" und behält diesen Namen auch, wenn an das Flett, an der hinteren Giebelseite des Hauses, Stuben und Kammern, das "Kammerfach", angebaut ist. Wird ein Seitenteil des Flettes zu einem geschlossenen Raum gemacht, so entsteht das "Flettarmhaus", werden beide Seitenteile des Fletts nach der Diele hin abgeschlossen oder wird beim Durchgangsdielenhause an den hinteren Giebel ein Kammerfach angebaut, so entsteht das "Sackdielenhaus". Beim Durchgangsdielenhause unterscheidet man solche mit "Vorderwohnung" oder "Hinterwohnung", bei der die Wohnräume am vorderen oder hinteren Giebel beiderseits vom Eingange liegen, von denen mit "Seitenwohnung", deren Wohnräume alle auf einer Seite der Diele liegen, während sich die Ställe an die andere Dielenseite anschließen. Für die genannten vier hauptsächlichsten Formen des Grundrisses gibt es drei Hauptformen

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des Aufbaues. Werden Decke und Dach des Mittelbaues, der Diele, am Ende oder nahe den Enden des Deckenbalkens durch zwei Reihen Ständer oder durch zwei Wände unterstützt, während die Deckenbalken und Sparren der Abseiten (zunächst) nur nebensächlich an den Mittelbau angefügt sind, so heißt das Haus ein "Zweiständerhaus". Gehen dagegen die Außenwände der Abseiten ganz bis an die Hauptbalkenlage hoch, die sich dann, ebenso wie das Dach, über die ganze Hausbreite erstreckt, so entsteht das "Vierständerhaus". Zeigt das Haus an einer Langseite die eine, an der andern die andere Ausführungsart, so ist es ein "Dreiständerhaus". Weitere Unter- und Abarten des Niedersachsenhauses interessieren an dieser Stelle nicht.

Notsparren sind nachträglich zwischen zwei zum ursprünglichen Dachverbande gehörige Sparren leicht eingebaute Zwischensparren.

Pfannendach, ein mit ~-förmigen Dachziegeln (Pfannen) eingedecktes Dach. Zur Dichtung benutzte man früher kleine Strohbünde, Strohdocken oder Strohwiepen, die wegen Feuersgefahr demnächst verboten wurden. Seitdem dichtet man mit Kalkmörtel.

Querhaus, ein Haus, dessen Eingangsraum, Diele oder Flur, von einer Langseite, Traufseite, aus senkrecht zur First in das Haus hineinführt, dessen Haustür daher auch in einer Langseite liegt. Gewöhnlich, doch nicht immer, gleichbedeutend mit Traufenhaus. Der Gegensatz ist das Längshaus.

Querre, s. Handquerre.

Sackdiele, -enhaus, s. Niedersachsenhaus.

Schleppdach, eine aus dem Hauptdache heraustretende kleinere Dachfläche, die ihr Gefälle in derselben Richtung, ihre Traufe an derselben Seite wie das Hauptdach hat.

Seitenwohnung, s. Niedersachsenhaus.

Senkbalkenlage, die Balkenlage einer Zwischendecke im Fachwerkhause, die nicht auf dem Rähm einer Fachwerkwand liegt und zwei Stockwerke voneinander trennt, sondern etwa in halber Höhe eines höheren Stockwerks in dessen Wände eingelassen ist. Die Balkenenden einer Senkbalkenlage sind dabei in die Fachwerkständer eingezapft oder ruhen auf Riegeln oder in der Austafelung des Fachwerks.

Stockwerk, d. h. das auf Stöcken (Ständern, Stielen) stehende Werk, umfaßt die von zusammenhängenden Fachwerkwänden umschlossenen Räume eines Hauses, deren Fußboden auf der gleichen Hauptbalkenlage liegt. Ein Erdgeschoß ist hiernach strenge genommen kein Stockwerk. Eine Senkbalkenlage (s. dort) teilt die Räume nach der Höhe nicht in Stockwerke, sondern nur in Geschosse, da die Ständer der Fachwerkwand für die unteren Räume die gleichen sind wie für die oberen. Der Ausdruck "Stockwerk" hat hiernach nur im Fachwerkbau Sinn, beim gemauerten Hause (ein massives Haus gibt es nicht, sein Zweck verlangt, daß es innen hohl ist) nur, wenn nach älterer Weise die Innenwände von Fachwerk sind.

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Stuhlwand nennt man eine aus Ständern, Rähmen und Kopfbändern bestehende Unterstützung eines Dachstuhles. Beim Kehlbalkendach liegen die Rähme der Stuhlwände unter den Kehlbalken und haben häufig nur den Zweck, einen Längenverband des Dachstuhles zu bilden.

Torsturz ist der die Toröffnung oben abschließende Balken, der mit seinen Enden auf oder in den Torständern ruht und mit diesen durch Kopfbandstreben verbunden zu sein pflegt, die ihn gleichzeitig unterstützen. In gleichem Sinne spricht man von einem Türsturz und Fenstersturz.

Traufgang, ein schmaler Gang zwischen zwei Häusern zur Ableitung des Traufwassers der Dächer auf die Straße. In nicht kanalisierten Orten werden auch die Küchen- und sonstigen Hausabwässer durch den Traufgang abgeleitet. Bildet der Traufgang bei entsprechender Breite auch den Zugang zum Hof, so heißt er Wich oder Bauwich, in den Küstenorten auch Tüsche von tüschen = zwischen. In anderen Gegenden hat man noch weitere Bezeichnungen für diese Gänge.

Tüsche, s. Traufgang.

Upkamer, der in Schleswig-Holstein gebräuchliche Name für eine unterkellerte Kammer, deren Fußboden einige Stufen höher liegt als der Erdgeschoßfußboden, weil der Keller (oft wegen hohen Grundwasserstandes) wenig in die Erde eingeschnitten ist. Zu der Kammer führt gewöhnlich eine kleine aufklappbare Treppe hinauf, unter der die Stiege zum Keller liegt. S. auch Halbkeller.

Verdoppelungstür, eine aus einer doppelten Bretterlage gefertigte Tür. Die innere Brettlage pflegt glatt zu sein, die äußere aus schmalen Brettern in einem Rahmen oder Rahmen und Füllungen zu bestehen. Im 18. Jahrhundert die übliche Ausführungsart für Haustüren, die in neuerer Zeit wieder vielfach angewandt wird.

Vierständerhaus, s. Niedersachsenhaus.

Vorderwohnung, s. Niedersachsenhaus.

Windelboden, die ältere Art der Ausfüllung der Decke zwischen den Deckenbalken, bestehend aus strohumwickelten Staken, deren Umwickelung mit Lehmschlamm durchtränkt ist. Die umwickelten Staken werden in Falze der Deckenbalken eingetrieben und dann von unten mit Lehm beworfen und glattgerieben oder einschließlich der Balken verputzt.

Zungensteindach, ein mit Zungensteinen (Biberschwänzen), d. h. ebenen, in der Regel am unteren Rande abgerundeten Platten, eingedecktes Ziegeldach.

Zweiständerhaus, s. Niedersachsenhaus.

Zwerchhaus, s. Frontispiz.

Zwischenbühne, eine süddeutsche Bezeichnung der Senkbalkenlage oder richtiger der Senkbalkendecke.

Zwischengeschoß, das auf einer Senkbalkenlage liegende Geschoß, auch zuweilen als Halbgeschoß bezeichnet.

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IV.

Das Kreditwesen
des ritterschaftlichen Grundbesitzes
in Mecklenburg
nach dem Siebenjährigen Kriege
bis zur Gründung des Ritterschaftlichen Kreditvereins
im Jahre 1819

von

Gerhard Körber.

 

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Vorwort.

Der vorliegenden Arbeit ist im wesentlichen das einschlägige Aktenmaterial des Mecklenburg-Schwerinschen Geheimen und Haupt-Archivs in Schwerin sowie des Mecklenburg-Strelitzschen Hauptarchivs in Neustrelitz zugrunde gelegt worden. Sie möchte einen Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Mecklenburgs und darüber hinaus zur Geschichte des agraren Kreditwesens in Deutschland liefern. Die Wahl des Zeitabschnittes wurde durch den Gang der Entwicklung bestimmt. Vor allem sollte dargelegt werden, wie die aus dem reinen Individualkredit sich ergebenden Schwierigkeiten die Einführung des organisierten Anstaltskredits zur unabweislichen Notwendigkeit gemacht haben. Dabei waren insbesondere die Agrarkreditverhältnisse in Preußen, das auf diesem Gebiete von vornherein führend gewesen ist, vergleichsweise heranzuziehen.

 

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort 154
Einleitung

Die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Mecklenburg um die Mitte des 18. Jahrhunderts

157
  Die Agrarverfassung. - Die ständische Verfassung. - Der Übergang von der Dreifelder- zur Schlagwirtschaft. - Der Siebenjährige Krieg.  
I. Teil.

Die Kreditkrise in Mecklenburg nach dem Siebenjährigen Kriege (1765 bis 1776)

I. Abschnitt: Ursachen und Entstehung der Krise 165
  Die Münzverschlechterung im Siebenjährigen Kriege. Ihre Wirkung auf den allgemeinen Preisstand und auf die Verschuldung der Güter. Die Reform des Münzwesens. Die Geldnot. Der Verschuldungszustand der Güter. Die Entstehung der Notlage nach dem Kriege. Kreditnot und Konkurse.  
II. Abschnitt: Der Verfall des Realkredits und seine Ursachen
1. Kapitel. Das ritterschaftliche Hypothekenwesen 176
  Mangelhaftes Pfandrechtssystem, daher ungenügende Sicherung der Gläubiger.  
2. Kapitel. Das Konkurswesen 181
  Verfall des älteren Rechts. Rechtsverwirrung und Prozeßwillkür. Mangelnder Gläubigerschutz.  
III. Abschnitt: Die Bestrebungen zur Beseitigung der Kreditnot
1. Kapitel. Versuch einer Reform des Kreditrechts 194
  Die geplante Einführung eines Landeshypothekenbuchs mit reiner Altersrangfolge. Richtlinien für die Taxation der Güter. Vorschläge zur Verbesserung des Konkursrechtes. Die Ablehnung der Reformvorschläge. Zur Linderung der Kreditnot wird die Aufnahme einer ausländischen Anleihe beschlossen.  
2. Kapitel. Die Aufnahme einer ausländischen Anleihe auf den Landkasten 203
3. Kapitel. Vorgeschlagene Maßnahmen zur Beseitigung des Geldmangels 206
  Beschränkung des Verbrauchs ausländischer Waren zur Erzielung einer aktiven Handelsbilanz. Förderung der inländischen Gewerbe.  
IV. Abschnitt: Die mecklenburgischen Agrarkreditverhältnisse im Vergleich zu den preußischen 209
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II. Teil.

Die Wiedererstarkung des ritterschaftlichen Agrarkredits in Mecklenburg (1776 bis 1805)

I. Abschnitt: Günstige Konjunkturen für die mecklenburgische Landwirtschaft 213
  Der Verkauf der Konkursgüter. Holzausfuhr nach Holland und England. Steigende Getreideausfuhr nach Hamburg. Die Hochkonjunktur während der französischen Revolution und der Koalitionskriege. Die Getreidepreise.  
II. Abschnitt: Die Güterspekulation infolge der günstigen Konjunkturen 219
  Die Steigerung der Güterpreise und ihre Ursachen. Güterhandel und Spekulation. Ihr Einfluß auf die Verschuldung. Die Güterspekulation in Preußen.  
III. Abschnitt: Bestrebungen zur Verbesserung des Geld- und Kreditwesens 228
  Verschlechterung der Wirtschaftslage infolge ungünstiger Ernten. Geldmangel und Wucher. Vorschläge zur Festigung des Realkredits und zur Behebung des Geldmangels.  
III. Teil.

Die mecklenburgische Kreditkrise zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die Gründung des Ritterschaftlichen Kreditvereins (1805 bis 1819)

I. Abschnitt: Ursachen und Verlauf der Kreditkrise 236
  Höhe und Art der Güterverschuldung. Real- und Personalkredit. Der Rückgang der Konjunktur und seine Folgen: Kreditstockung, Wucher. Indult und Konkurse. Verschärfung der Notlage infolge der Kontinentalsperre. Der Generalindult. Maßnahmen zur Abschwächung der Kreditkrise.  
II. Abschnitt: Die Vorschläge und Verhandlungen zur Gründung eines Kreditvereins 248
  Vorschläge zur Gründung einer landschaftsähnlichen Kreditanstalt. Der Plan eines Vorbereitungsverbandes. Gegensätze zwischen Ritter- und Landschaft. Erfolgreiche Verhandlungen der Ritterschaft mit den Landesherren.  
III. Abschnitt: Wesen und Aufbau des Ritterschaftlichen Kreditvereins von 1819 256
Schlußwort 259
Anhang 261

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Einleitung.

Die wirtschaftlichen und politischen
Verhältnisse in Mecklenburg um die Mitte
des 18. Jahrhunderts.

Die Anfänge der Gutswirtschaft in Mecklenburg fallen in den Beginn des 16. Jahrhunderts. Dem Beispiele des Herzogs Magnus II. (1477-1503) folgend, gingen einige Adlige damals dazu über, ihr Getreide im großen auf dem Flußwege nach auswärts abzusetzen 1 ). Von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges vollzog sich dann bei steter Erweiterung der Gutsbetriebe die allmähliche Ausbildung der Grund- zur Gutsherrschaft ganz allgemein, besonders gefördert durch die im 16. Jahrhundert gewaltig steigenden Getreide- und Wollpreise (Preisrevolution!) und die politische Erstarkung der Ritterschaft, die die Grundlage für die immer weitergehende Steigerung der bäuerlichen Dienste bildete 2 ). Der Schwerpunkt des gutswirtschaftlichen Betriebes lag in der Getreide- und Wollproduktion, deren Überschüsse besonders nach Hamburg und Lübeck verkauft wurden.

Der alles verheerende Dreißigjährige Krieg legte den Grund zum völligen Niedergang des mecklenburgischen Bauernstandes. In der Gesinde- und Bauernordnung


1) P. Steinmann, Finanz-, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Regierungspolitik der meckl. Herzöge im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit: Meckl. Jahrb. 86 (1922), S. 117 ff.
2) H. Maybaum, Die Entstehung der Gutsherrschaft im nordwestlichen Mecklenburg: Beihefte zur Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, VI. Heft (Stuttgart 1926), S. 145 ff.
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von 1645 fand die "Leibeigenschaft" ihre gesetzliche Anerkennung. Durch die Verschlechterung der bäuerlichen Besitzrechte waren dem "Bauernlegen" keine Schranken mehr gesetzt. Die geldliche Notlage des Adels nach dem Kriege bildete einen starken Antrieb, die Gutseinkünfte durch vermehrten Anbau zu steigern. Was lag da näher, als das Hoffeld durch Einziehen von Bauernland zu erweitern? Begünstigt wurde die Ausdehnung der Gutsherrschaft weiter durch die Schwäche der fürstlichen Gewalt, durch die günstigen Konjunkturen, die sich aus dem steigenden auswärtigen Getreidebedarf (Holland, Spanien, Portugal, später England) ergaben, und von Beginn des 18. Jahrhunderts ab durch den allmählichen Übergang von der Dreifelderwirtschaft zu einem intensiveren Betriebssystem, der Schlagwirtschaft. So finden wir denn im 18. Jahrhundert den mecklenburgischen Adel als einen Stand kapitalistisch eingestellter agrarischer Großunternehmer vor, dessen staatspolitischer Einfluß so überwiegend war, daß Lamprecht 3 ) Mecklenburg mit einer Adelsrepublik verglichen hat.

Die Vormachtstellung der Ritterschaft fand ihre gesetzliche Sanktion durch den Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich von 1755. Die Steuerfreiheit der Ritterhufen blieb erhalten. Die Ritterschaft brauchte nur für die in ihrem Besitz befindlichen ehemaligen Bauernhufen, deren Flächenraum mangels genauer Ermittlungsmöglichkeiten auf die Hälfte des damaligen gesamten ritterschaftlichen Gutsbesitzes festgesetzt wurde, die ordentliche Landeskontribution zu entrichten. Die Erhebung dieser Steuer erfolgte nach einem Hufenkataster, das in den Jahren 1756 bis 1778 durch Vermessung und Bonitierung der ritterschaftlichen Güter hergestellt wurde. Begrifflich wurde die Hufe auf 300 bonitierte Scheffel Aussaat festgelegt. Je nach der Bodengüte wurde eine verschiedene, und zwar mit abnehmender Güte steigende Fläche auf den Scheffel gerechnet. Der Steuersatz betrug nach dem Erbvergleich für eine Hufe 9 Tlr. N 2/3 (Leipziger Münzfuß) 4 ). Die übrigen von der Ritterschaft zu entrichtenden Abgaben stellten keine wesentliche Belastung dar. Die ausschließlich zu ständischen Zwecken benötigten Gelder


3) Lamprecht, Deutsche Geschichte, III. Abt., 2. Band, S. 252 ff.
4) Nach der Vermessung wurde der Satz im Schwerinschen auf 11, im Strelitzschen auf 10 Tlr. 6 Schillinge erhöht, da die vermessene Hufenzahl hinter der ursprünglich angenommenen zurückblieb.
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brachten die Stände durch sogen. Anlagen auf, die dem gemeinsamen Landkasten zuflossen.

Die Träger der ständischen Verfassung waren das Korps der Ritterschaft und das Korps der Landschaft. Ersteres bestand aus den etwa 600 Rittergutsbesitzern des Landes, letzteres aus den Obrigkeiten der 46 landtagsfähigen Städte. Beide Stände gliederten sich nach drei Kreisen: dem mecklenburgischen, dem wendischen und dem stargardischen. Auf den Landtagen und Landeskonventen leitete das Direktorium die Geschäfte der Ritter- und Landschaft, sonst der Engere Ausschuß; beide setzten sich aus Vertretern der Stände zusammen. Die ritterschaftlichen Mitglieder des E. A. bildeten zugleich den E. A. der Ritterschaft. Eine entsprechende Vertretung der Landschaft bestand nicht. Von den Versammlungen der Stände waren die wichtigsten der alljährlich im Herbst stattfindende Landtag, der durch den Landesherrn einberufen wurde, sowie die beiden Landeskonvente, die in jedem Frühjahr und Herbst im Ständehaus zu Rostock abgehalten wurden. Die Landtagsverhandlungen fanden teils im Plenum, teils in den "Kommitten" (Kommissionen) statt. Bei Beschlußfassungen war jedes Ständemitglied einfach stimmberechtigt. Der gewaltigen Stimmenmehrheit der Ritterschaft konnte die Landschaft mit der sogen. itio in partes begegnen. In diesem Falle erfolgte die Beschlußfassung nach Ständen, wobei diese als gleichberechtigt galten 5 ). Außer dem Steuerbewilligungsrecht hatten die Stände Mitwirkungsrechte bei der Landesgesetzgebung und Anteil an der Ausübung der Landesverwaltung und -gerichtsbarkeit. Die Ritterschaft war von allen Zöllen sowie von den städtischen Abgaben befreit. Vor dem Erlaß eines Kornausfuhrverbots durch den Landesherrn mußten gemäß §§ 365/6 Erbvergleichs die Vertreter der Stände gehört werden.

Ferner sollte die Ritterschaft nach Art. 19 des Erbvergleichs "bei ihrem landsittlichen Eigentumsrecht über ihre leibeigenen Gutsuntertanen und deren innehabendes Ackerwerk und Geschäfte unbeschwert belassen" werden und "die Verlegung und Niederlegung einem jeden Gutsherrn dergestalt frei und unbenommen" bleiben, "daß er den Bauern von einem Dorf zum


5) Nach Boll, Geschichte Mecklenburgs, 2. Teil, S. 410 hat die Landschaft von diesem Vetorecht "aus naheliegenden Gründen" nur wenig Gebrauch gemacht.
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andern zu setzen und dessen Acker zum Hofacker zu nehmen oder sonst dasselbe zu nutzen, Fug und Macht haben soll"; jedoch sollte "die gänzliche Niederlegung der Dörfer und der Bauernschaften" ohne landesherrliche Erlaubnis nicht zulässig sein. Die Gutsuntertanen waren entweder Bauern oder Einlieger (Tagelöhner). Nach der Größe der zur eigenen Nutzung überlassenen Ackerfläche unterschied man Voll-, Halb- und Viertelbauern. In der Regel gehörte den Gutsherren auch die Hofwehr der Bauern, d. i. der Bestand an Vieh sowie an Acker- und Hausgerät. Die Hand- und Spanndienste der ritterschaftlichen Bauern kannten keine Grenzen. Nach von Ferber 6 ) mußte der Vollbauer dem Herrn täglich je ein Gespann Pferde und Ochsen, einen Knecht, einen Jungen und ein Mädchen überlassen, während der Erntezeit außerdem zwei Mäher und Binder. Im Winter mußte der Bauer mit seinen Pferden die Kornfuhren übernehmen. Boll 7 ) führt wohl nicht zu Unrecht auf die übertriebene Ausnutzung des mecklenburgischen Landvolkes dessen damaligen moralischen Tiefstand zurück.

Bemerkenswert ist, daß in Mecklenburg sowohl die Allodial- als auch die Lehnsgüter frei veräußerlich, frei verschuldbar und frei verpachtbar waren. Bürgerliche waren von dem Erwerb eines Rittergutes nicht ausgeschlossen. Mit dem Besitz eines Rittergutes war die Landstandschaft, d. h. das Stimmrecht auf dem Landtag usw., und ferner die patrimoniale Gerichtshoheit verbunden.

Die wirtschaftliche Entwicklung Mecklenburgs im 18. Jahrhundert steht unter dem Zeichen des Überganges von der Dreifelderwirtschaft zur holsteinischen Koppelwirtschaft, aus der sich dann die mecklenburgische Schlagwirtschaft entwickelte. Bei der Dreifelderwirtschaft war das Ackerland in drei Schläge geteilt, die abwechselnd mit Winterkorn und Sommerkorn bestellt wurden und dann in der Brache blieben. Auf besonders gutem Boden wurde vereinzelt auch eine vierschlägige Wirtschaft betrieben. Unter diesem extensiven Betriebssystem hatte die Viehzucht für den Landwirt als Einnahmequelle keine große Bedeutung; ihr eigentlicher Zweck lag in der Dung-


6) v. Ferber, Grundzüge zur Wertschätzung der Landgüter in M., 1796. § 20.
7) A. a. O. S. 474 ff.
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produktion. Die Rindvieh- und Schafherden wurden meistens verpachtet. Der Mangel an gutem Weideland gestattete keine rationelle Viehwirtschaft.

Den ersten erfolgreichen Versuch mit der Einführung der holsteinischen Koppelwirtschaft unternahm der Oberlanddrost v. d. Lühe etwa um 1700 auf seinem Gute Panzow bei Neubukow 8 ). Auf Grund der dabei erzielten Vorteile gingen mit der Zeit immer mehr Gutsbesitzer zu dem neuen Betriebssystem über. Während in der holsteinischen Landwirtschaft auch schon damals die Viehzucht an erster und der Getreidebau an zweiter Stelle stand, ging das Bestreben der mecklenburgischen Landwirte dahin, das Schwergewicht ihres Betriebes, nämlich den Getreidebau, auf das neue Feldsystem zu übertragen. Nach vielen Versuchen setzte sich dann gegen Ende des 18. Jahrhunderts die sogen. Schlagwirtschaft (siebenschlägige Feldgraswirtschaft) als das den Bedingungen der mecklenburgischen Landwirtschaft am besten entsprechende Betriebssystem durch. Die günstige Wirkung des Systemwechsels lag vor allem in einer erheblichen Steigerung der Getreideerträge. Im Zusammenhang mit der Einführung des neuen Systems stand aber auch der im 18. Jahrhundert in Mecklenburg aufkommende Anbau von Klee und Kartoffeln. Hierdurch wurde eine bessere Viehhaltung ermöglicht und insbesondere der Grund zu einer lohnenderen Milchviehwirtschaft gelegt.

Die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt die Koppelwirtschaft in Mecklenburg allgemein durchgeführt wurde, ist bis heute quellenmäßig nicht genügend erforscht. Es steht nur fest, daß im Strelitzschen die verbesserte Wirtschaft erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts allgemein eingeführt wurde. Während Dade 9 ) in seiner Arbeit zu dem Schluß kommt, daß im Schwerinschen gegen 1750 durchgehends auf allen ritterschaftlichen Gütern die holsteinische Koppelwirtschaft eingeführt war, glaubt Mielck 10 ), diese Ansicht aus verschiedenen Gründen bezweifeln zu müssen. Er nimmt an, daß in der Ritterschaft der Übergang von der Dreifelder- zur Koppelwirtschaft erst


8) Dade, Die Entstehung der meckl. Schlagwirtschaft, 1891, S. 65 ff.
9) A. a. O. S. 80.
10) Mielck, Die meckl. Bonitierung nach Scheffel Saat auf Grund des Landesgrundgesetzl. Erbvergleichs usw., Rostock 1926, S. 11 ff.
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während der Bonitierung der Rittergüter, in den Jahren 1756 bis 1778, erfolgt ist. Dieser Auffassung muß entgegengehalten werden, daß während der von 1765 bis 1776 anhaltenden schweren Kreditkrise in Mecklenburg ein mit so hohen Unkosten verbundener Systemwechsel in größerem Umfange kaum durchführbar gewesen sein wird. Ferner wird in den Kreditakten der mecklenburgischen Archive an zahlreichen Stellen betont, daß die hohe Verschuldung der Güter bei Ausbruch der Kreditkrise auf die Einführung der verbesserten Wirtschaft mit zurückzuführen sei. Somit dürfte anzunehmen sein, daß schon vor dem Siebenjährigen Kriege die Koppelwirtschaft auf nicht wenigen schwerinschen Rittergütern Eingang gefunden hatte.

Die Schattenseite dieser Wirtschaftsreform war, daß zahlreiche Bauern von ihren Wirtschaften vertrieben und zu Tagelöhnern wurden bzw. die vom Hof entfernter liegenden schlechten Äcker zugeteilt erhielten. Nach von Langermann 11 ) hatte die Einführung der Koppelwirtschaft zur Folge, daß bis zum Inkrafttreten des Erbvergleichs eine beträchtliche Anzahl Bauerndörfer sozusagen von der Erde verschwand. Die Äcker wurden dem Hofland einverleibt und die Bauern zu Einliegern gemacht. In solchen Maßnahmen kommt das starke Erwerbsstreben der Gutsherren zum Ausdruck, das vor keinem Mittel haltmachte, die Gutseinnahmen zu steigern. Die damaligen Intensivierungs- und Rationalisierungsbestrebungen müssen wohl weniger als Mittel zur Sanierung hochbelasteter Betriebe, sondern vielmehr als der Ausfluß einer durchaus kapitalistischen Wirtschaftsauffassung gewertet werden. Bei der günstigen Verkehrslage Mecklenburg-Schwerins war der Getreideabsatz für die meisten Güter dieses Landes der Menge nach unbeschränkt. Die günstigen Verhältnisse mußten zu einer Steigerung der Roherträge durch Verbesserung der Wirtschaftsmethode geradezu herausfordern. Diese Annahme findet mittelbar ihre Bestätigung darin, daß auf den strelitzschen Gütern trotz des um die Mitte des 18. Jahrhunderts vorhandenen hohen Verschuldungszustandes 12 ) die Schlagwirtschaft erst viel später als im Schwerinschen eingeführt wurde. Das Verharren


11) Zitiert bei Boll, a. a. O. S. 539 ff.
12) Acta Regiminalia, betr. das von der Ritterschaft stargard. Kreises zu errichtende Land- und Hypothekenbuch. 1753/71.
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bei der Dreifelderwirtschaft dürfte auf die agrarische Schutzzollpolitik Friedrich Wilhelms I. von Preußen zurückzuführen sein, der in den 30er Jahren die Einfuhr mecklenburgischen Getreides verbot und dieses Verbot bis zu seinem Tode (1740) aufrechterhielt 13 ). Auch die Handelspolitik Friedrichs des Großen hielt an den Erschwerungen und Verboten der Einfuhr fremden Getreides fest. So gestaltete sich der auswärtige Getreideabsatz für Mecklenburg-Strelitz, das wegen seiner Verkehrslage hauptsächlich auf den Absatz nach Preußen angewiesen war, äußerst schwierig.

Die Umstellung der Betriebe auf das neue Wirtschaftssystem erforderte Kapital und die neue Betriebsweise, die man gegenüber der vorigen als eine kapitalintensive bezeichnen kann, eine erhebliche Verstärkung der Betriebsmittel. Die Beschaffung des nötigen Kapitals auf dem Kreditwege machte keine Schwierigkeiten, nachdem die durch das neue Betriebssystem zu erzielenden Erfolge als feststehend angesehen wurden. Andererseits war mangels ausreichender Anlagemöglichkeiten das Kreditangebot in damaliger Zeit außerordentlich groß. Stellte die Beleihung des landwirtschaftlichen Grund und Bodens eine Hauptgelegenheit zur Kapitalanlage dar, so bot dieser aber auch, besonders in Zeiten günstiger Konjunktur, eine außerordentliche Sicherheit. Die Gewährung von landwirtschaftlichem Hypothekarkredit wurde in Mecklenburg durch die Konjunkturen besonders stark beeinflußt, da die Rittergüter im allgemeinen keine Hypothekenbücher eingerichtet hatten, und somit die Kreditgeber die Sicherheit ihrer hypothekarischen Forderungen außer auf Grund der persönlichen Verhältnisse des Kreditnehmenden hauptsächlich nur an der jeweiligen wirtschaftlichen Lage des Landes beurteilen konnten. Unter diesem Blickpunkt darf man aber die Kreditverhältnisse der mecklenburgischen Landwirtschaft z. Zt. des Überganges auf die Koppelwirtschaft als günstige bezeichnen.

Die Aufnahme von Hypothekarkredit erfolgte gewöhnlich während der landesüblichen Zahlungstermine (Antoni- und Trinitatis-Termin), an denen in der Regel die gekündigten Hypotheken, die Hypothekenzinsen, Pachtsummen usw. zur Auszahlung fällig wurden. In den betreffenden Tagen kamen


13) Naudé, Die Getreidehandelspolitik Brandenburg-Preußens bis 1740, Acta Borussica, 1901, S. 236 ff.
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die kapitalsuchenden Grundbesitzer und die Kapitalbesitzer in Rostock, Schwerin oder Güstrow zusammen, und alle größeren Geldgeschäfte wurden in kürzester Frist abgewickelt. Dadurch, daß sich in den Tagen des Termins die gesamte Kapitalnachfrage der Grundbesitzer und das gesamte Kapitalangebot des Landes an wenigen Orten zusammendrängte, wurde gewissermaßen ein Landeskapitalmarkt gebildet, auf dem der Zinssatz börsenmäßig zustande kam. Dieser Verkehr in Geldkapitalien hatte außerdem den Vorteil, daß viele Forderungen durch Abrechnung ausgeglichen und so der Bedarf an Bargeld in hohem Maße eingeschränkt wurde.

Die günstige Entwicklung der mecklenburgischen Landwirtschaft seit der Einführung der Koppelwirtschaft wurde durch den Siebenjährigen Krieg jäh unterbrochen. Während das Strelitzer Land neutral blieb, schloß sich der Schweriner Herzog, der an ein baldiges Unterliegen Preußens glaubte, Österreich an, in der Hoffnung, dadurch seinem Lande einen Gebietszuwachs verschaffen zu können. Dieses Bündnis hatte für das Schweriner Land, das im Laufe des Krieges von preußischen Truppen verschiedene Male besetzt wurde, verheerende Folgen. Durch ungemessene und mit äußerster Strenge durchgeführte Beitreibungen an Geld, Getreide und Vieh geriet das Land in schwerste Not. Der durch Kontributionen und Lieferungen aller Art dem Lande erwachsene Gesamtschaden erreichte die gewaltige Summe von 8 Millionen Taler in guter Münze 14 ). Zu diesen schweren Verlusten an Geld und Gut traten die überaus schädlichen wirtschaftlichen Folgen, die sich aus der Münzverschlechterung während des Krieges sowie der anschließenden Reduktion des Münzfußes ergaben und zu der Entstehung der Kreditkrise nach dem Kriege wesentlich beitrugen.


14) Boll a. a. O. S. 307.
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I. Teil.

Die Kreditkrise in Mecklenburg nach dem Siebenjährigen Kriege (1765 bis 1780).

I. Abschnitt.

Ursachen und Entstehung der Krise.

Bei Abschluß des Erbvergleichs im Jahre 1755 lag das Münzwesen in Mecklenburg-Schwerin völlig darnieder. Es fehlte an einem von dem Landesherrn festgesetzten allgemeinen Münzfuße, und die im Lande umlaufende mecklenburgische Münze reichte bei weitem nicht zur Deckung des Zahlungsmittelbedarfes aus. Einen wenn auch nur unzulänglichen Ausgleich schaffte der Umlauf auswärtiger, größtenteils aber geringhaltiger Münzsorten.

In dem Erbvergleich behielt sich der Landesherr die Einführung des "alten" schweren 11 1/3-Talerfußes vor, während die Ritterschaft für die Zahlung der Landeskontribution sich den Leipziger N2/3-Fuß (12-Talerfuß) ausbedang. Mit Patent vom 26. 11. 1757 kündigte der Landesfürst die Wiedereinführung des alten hergebrachten Münzfußes zu Beginn des Jahres 1758 an. Die Verwirklichung dieses Vorhabens wurde jedoch durch die während des Siebenjährigen Krieges in Preußen und in anderen deutschen Staaten vorgenommenen Münzverschlechterungen unmöglich gemacht.

Schon gegen Ende des Jahres 1757 nahm die Vermehrung der auswärtigen geringhaltigen Münzen in Mecklenburg überhand. Durch Beschneiden und Auswägen der noch kursierenden vollhaltigen Münzen wurde das "gute" Geld schließlich ganz und gar verdrängt. Das leichte Geld wurde vorwiegend durch die Einmärsche der preußischen Truppen nach Mecklenburg eingebracht.

Bei dieser Zerrüttung des Geldwesens blieb dem Landesfürsten freilich nur übrig, "sich den hohen Nachbarn einigermaßen zu konformiren, um die Lande nicht von auswärtigen Münzstätten mit den geringhaltigsten Münzsorten überschwemmt zu sehen" 15 ). Nicht zuletzt war der Entschluß zur


15) Reskript vom 11. 6. 1760.
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Münzverschlechterung durch die Zahlung hoher Kontributionsgelder an Preußen mit bestimmt.

Das für die Neuprägungen erforderliche Silber wurde durch Einschmelzen von Silbergeschirr, alten Speziestalern und von sonstigen guten Münzsorten gewonnen. Bei jeder neuen Verminderung des Feingehaltes wurde die umlaufende bessere Münze wieder eingeschmolzen. Zur leichteren Unterscheidung der verschiedenhaltigen Münzsorten erhielten die Münzen bei gleichbleibendem Stempel besondere Merkmale, z. B. Rosen oder Blumen mit 5, 4 oder 3 Blättern, mit gefüllten oder offenen Kelchen usw., die aber nur den Münzoffizianten und Juden bekannt waren 16 ). Der Landesfürst erzielte durch die Münzverschlechterung einen erheblichen Münzgewinn, der trotz gänzlichen Ausbleibens der Landeseinkünfte und trotz der immer höher gespannten preußischen Forderungen die Ansammlung eines ansehnlichen Schatzes zuließ. 1762 war der Wert der mecklenburgischen Münze im Verkehr so weit gesunken, daß 350 Taler zur Einwechslung von 100 Reichstalern N2/3 nötig waren.

Auch in Mecklenburg-Strelitz, wo 1701 an Stelle des schweren Talerfußes der Leipziger Fuß eingeführt war, führte die allgemeine Münzzerrüttung des Siebenjährigen Krieges zwangsläufig zu einer fortschreitenden Münzverschlechterung, obschon dieses Land von den preußischen Kontributionsforderungen so gut wie verschont blieb. Die Verringerung des Feingehaltes der Münzen blieb nicht weit hinter derjenigen im Schwerinschen zurück.

Hand in Hand mit den Truppeneinmärschen und der Verschlechterung des Münzfußes nahm die Vermehrung der umlaufenden Geldmenge in Mecklenburg reißend zu. Nach Evers 17 ) wurden in Mecklenburg-Schwerin im Laufe des Krieges viele Millionen Taler immer geringhaltiger werdenden Geldes geprägt. Die preußischen Truppen aber drängten den Landeseinwohnern das mitgebrachte leichte Geld zum vollen Nennwerte auf.

Die Überschwemmung des Landes mit leichter Münze zog alle Folgen nach sich, die mit dem auftreten einer Inflation gegeben sind. Eine zunehmende Verteuerung aller Güter, die


16) Siehe Evers, Meckl. Münzverfassung, 8. Abschnitt.
17) A. a. O. S. 222.
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jedoch für die verschiedenen Waren ungleichmäßig war, trat ein. Während für Lebensmittel in den Städten, für gewerbliche Produkte und auswärtige Waren im ganzen Lande eine starke Preissteigerung der Geldentwertung folgte und zeitweise sogar wöchentliche Preiserhöhungen vorkamen, waren vor allem die Kornpreise "so wohlfeil, als selbige in verschiedenen Jahren vor dem Kriege bei weit besseren Münzsorten nicht gewesen. Hierbei muß das Land täglich ärmer werden und der Ruin der meisten Eingesessenen unausbleiblich erfolgen" 18 ). 1760 wurden für den Scheffel Roggen nur 28 bis 30 Schillinge in entwerteter mecklenburgischer Münze erzielt. Freilich war zur selben Zeit in Lübeck der Preis des Roggens in schwerer Münze auch nicht wesentlich höher; er betrug 15 bis 16 Schillinge N2/3 für den Scheffel 19 ). Deshalb darf der äußerst niedrige Kornpreis in Mecklenburg nicht allein der Geldentwertung zugeschrieben werden. Durch den Krieg bedingte Stockungen im Absatz sowie in der Versorgung der armen Volksschichten und der dadurch hervorgerufene Überschuß dürften den niedrigen Stand der Kornpreise mit verursacht haben. In Mecklenburg-Strelitz stiegen freilich die Getreidepreise vorübergehend infolge der unbeschränkten Absatzmöglichkeit nach Preußen außerordentlich 20 ). In den Kriegsjahren 1761/62 nahmen die preußischen Requisitionen im Schweriner Lande solchen Umfang an, daß auf den meisten Gütern nur in geringem Maße Erzeugnisse für den freien Absatz übrig blieben. Sofern für die Zwangslieferungen überhaupt etwas gezahlt wurde, geschah dies unzureichend mit leichter Münze. Infolge der gewaltsamen Aushebungen mecklenburgischer Einwohner für die preußische Armee mangelte es auch an Arbeitskräften auf dem Lande, wodurch die Erträge der Güter besonders in den letzten Kriegsjahren einen starken Rückgang erfuhren. Im Kriege ist "öfters in einem Jahre von den mehrsten Gütern mehr abgegeben worden, als sie aufgebracht haben; so haben sich natürlicherweise auch hierdurch die Schulden häufen müssen" 21 ).

Hinsichtlich der Schuldentilgung war die Inflation, besonders für die hochverschuldeten Gutsbesitzer, von überaus


18) Acta, den Verfall des Münzwesens betreffend, 1760. Schwerin.
19) Reskript des Schweriner Landesfürsten vom 9. 8. 1760.
20) Boll a. a. O. S. 309.
21) Akte vom Kreditwesen in Mecklenburg 1766/68.
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verhängnisvoller Wirkung. Der gemeinrechtliche Grundsatz, daß "bonitas intrinseca tempore contractus" vom Schuldner zu erstatten sei 22 ), hatte auch in Mecklenburg Geltung. Die Rückzahlung und Verzinsung der regelmäßig in N2/3, aber auch in "gutem alten" Golde aufgenommenen Leihkapitalien mußte also in ebendenselben Münzsorten bzw. mit einem diesen Münzsorten entsprechenden Geldbetrage erfolgen. Diese Verpflichtung war für die Gutsbesitzer außerordentlich drückend. Während das Aufgeld für die guten Münzsorten mit der zunehmenden Geldentwertung sich ständig erhöhte, folgten die an sich unzureichenden Kornpreise nur allmählich der allgemeinen Preissteigerung. Die Abdeckung gekündigter Kapitalien, aber auch die Zinszahlungen seitens der hochverschuldeten Güter konnten deshalb vielfach nur im Wege neuer und erhöhter Schuldaufnahmen ermöglicht werden. Unter diesen Verhältnissen wurde nicht nur die in den Kriegszeiten ohnehin verminderte Rentabilität auf zahlreichen Gütern völlig beseitigt, sondern auch die Verschuldung wesentlich gesteigert.

Nach Zustandekommen des Hubertusburger Friedens im Februar 1763 wurde das leichte Geld in allen deutschen Staaten durch Münzreformen beseitigt. In Preußen wurde der Graumannsche 14-Talerfuß wieder eingeführt, in Holstein, Lübeck und Hamburg wurde der sogenannte schwere Fuß, in Hannover und Schwedisch-Vorpommern der Leipziger Fuß beibehalten. Während Mecklenburg-Strelitz gleich Sachsen, Braunschweig usw. zu dem 13 1/3-Talerfuß (Konventionsfuß) überging, gab Mecklenburg-Schwerin dem schweren 11 1/3-Talerfuß den Vorzug. Die Aufhebung des bisherigen leichten Fußes wurde hier zum 1. März 1763 verordnet. Neben der neuen Münze sollte auch dänische, holsteinische, Lübecker und Hamburger Münze, und zwar grobe als auch Scheidemünze, wie früher umlaufsfähig sein.

Da eine ausreichende Versorgung des Landes mit der schweren Münze nicht sogleich möglich war, wurde die leichte Münze erst mit Wirkung vom 1. Juni 1765 endgültig verrufen. Der schwere Münzfuß, dessen Einführung hauptsächlich wohl in Rücksicht auf den Handel mit Lübeck und Hamburg


22) Stampe, Deutsches Schuldentilgungsrecht (Sitzungsbericht der Preuß. Akademie der Wissenschaften) 1925.
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geschah, ist für die weitere Entwicklung des mecklenburgischen Geldwesens nur von Nachteil gewesen. Obgleich in den der Münzreform folgenden zehn Jahren mehrere hunderttausend Taler an grober Münze und Schillingen vollwertig ausgeprägt wurden, herrschte dennoch im Lande beständiger Mangel an dieser Münze. Infolge ihrer Güte wurde sie von Geldwechslern und Juden sogleich ins Ausland, besonders nach Hamburg, geschafft. Selbst die Scheidemünze wurde wegen ihres viel zu hohen Feingehalts dem Verkehr entzogen. Minderhaltige auswärtige Münzsorten, die als vollwertig umliefen, versahen den Gelddienst im Lande. Ähnlich lagen die Verhältnisse auch in Mecklenburg-Strelitz. Hier wäre wegen der Nachbarschaft Preußens die Einführung des Graumannschen Talerfußes ohne Frage zweckmäßiger gewesen.

Durch die Einführung des schweren Münzfußes wurden die N2/3-Stücke keineswegs außer Kurs gesetzt. Im großen Geldverkehr, so beim Verkauf von Landgütern, bei Verpachtungen, Anleihen, blieben sie allgemein das herkömmliche Zahlungsmittel. Auch die Hufensteuer wurde in N2/3-Stücken entrichtet.

In Mecklenburg-Strelitz wurden die großen Zahlungen wegen mangelnder Konventionsmünze in Gold, im Fürstentum Ratzeburg aber wegen der nahen Lage bei Lübeck, Hamburg und Holstein, in schwerem Gelde geleistet, so daß drei verschiedene Münzsorten, abgesehen von den bei kleinen Zahlungen auch gebräuchlichen preußischen, hannöverschen und schwedisch-pommerschen Münzsorten, in Mecklenburg umliefen 23 ).

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Rückkehr zu der stabilen Münzverfassung eine Gesundung des Geldwesens nicht herbeigeführt hat. Da eine Münzparität zwischen der schweren mecklenburgischen und der leichteren auswärtigen Münze nicht festgestellt war und letztere in Mecklenburg als vollwertig angenommen wurde, bewirkte der schwere Münzfuß, daß die mecklenburgische Münze von "Geldwucherern" an auswärtige Münzstätten mit Vorteil verkauft wurde. Ständiger gänzlicher Mangel an verfassungsmäßiger Münze und unzureichende Versorgung des Landes mit den verkehrsüblichen N2/3-Stücken waren die Folge der unzweckmäßigen Wahl des schweren Münzfußes, die von dem Landesfürsten


23) Evers, Meckl. Münzverfassung, § 21.
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entgegen den Bedenken der Landstände getroffen war. Die durch die Außerkurssetzung der schlechten Münze ohnehin entstandene Knappheit an brauchbaren Zahlungsmitteln wurde durch diese widrigen Münzverhältnisse aufs äußerste gesteigert. Bei der geringen Ausbildung des bargeldlosen Verkehrs trug der Mangel an Umlaufsmitteln zu einer Verschärfung der damals einsetzenden Kreditnot bei und erweckte den falschen Glauben, daß eine Abhilfe der Kreditnot nur im Wege einer Vermehrung der im Lande umlaufenden Geldmenge erfolgen könnte.

Die gekennzeichnete Notlage der Landwirtschaft in Mecklenburg-Schwerin entwickelte sich nach dem Kriege zu einer schweren und anhaltenden Kreditkrise. Bei ihrer Darstellung soll zunächst der Verschuldungszustand des ritterschaftlichen Gutsbesitzes untersucht werden, um dann auf die vielerlei Umstände, die zur Kreditnot führten, überzugehen. Die Ursachen des Kreditverfalls werden dagegen im folgenden Abschnitt gesondert behandelt.

Auf Grund der zeitgenössischen Berichte ist die Annahme gerechtfertigt, daß in Mecklenburg-Schwerin bereits vor dem Siebenjährigen Kriege die Verschuldung der Güter nicht unbedeutend, in manchen Fällen sogar recht hoch gewesen ist. Einen wesentlichen Verschuldungsfaktor bildete der Übergang von der Dreifelder- zur Schlagwirtschaft, der sich in Mecklenburg-Schwerin seit den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts in ständig zunehmendem Maße vollzog. Die Durchführung der Schlagwirtschaft war mit erheblichen Anschaffungskosten für Vieh, Ackergeräte usw. verbunden. "Die Ritterschaft hatte die Güter über die Hälfte verbessert, solches war aber nicht ohne große Kosten geschehen. Der Ertrag war verdoppelt, solches gab aber auch Gelegenheit, daß die Schulden verdoppelt wurden. Die Creditores sind meistens Ausländer" 24 ). Dabei blieb die neue Art der Bodennutzung anfangs für viele Güter nicht nur ohne Vorteil, sondern hatte sogar Verluste zur Folge. Nach dem Vorbild der holsteinischen Koppelwirtschaft wurde nämlich die Milchviehhaltung stark vermehrt. In diesem Punkte war jedoch die Nachahmung des holsteinischen Wirtschaftssystems verfehlt. Infolge der geringen Güte der


24) Akte vom Kreditwesen in Mecklenburg 1766/68.
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mecklenburgischen Weiden war bei großem Viehstapel der Milchertrag nur gering und der Dung von schlechter Beschaffenheit. Mangel an Winterfutter ließ das Vieh mit der Zeit verkümmern. Erst seit den 70er Jahren versuchte man durch Kleebau die Viehhaltung zu verbessern. Die Anpassung der holsteinischen Koppelwirtschaft an die natürlichen Bedingungen des mecklenburgischen Landes, d. h. der schließliche Übergang zur siebenschlägigen Feldgraswirtschaft 25 ), ist das Ergebnis vieler kostspieliger Versuche gewesen. Deshalb pflegte man auch damals von der Koppelwirtschaft zu sagen: sie mache arme Väter, aber reiche Kinder 26 ).

Eine starke Zunahme der Verschuldung setzte um die Mitte des Jahrhunderts als Folge spekulativen Güterhandels ein. Den Anlaß hierzu gaben die bedeutend gestiegenen Güterpreise, die sich aus dem verbesserten Betriebssystem, teils auch aus dem Umstand ergaben, daß nach längerem Streit zwischen Landesherrn und Ritterschaft letztere zum Entgelt für erlittene Schäden von der Entrichtung der Kontribution einige Jahre hindurch befreit blieb.(Druckfehler) von Engel schreibt in seinen Briefen 27 ), daß "die Gütersucht gleich einer epidemischen Krankheit um sich griff. Ein jeder wollte Landwirt werden, er mochte nun Einsicht und Vermögen dazu haben oder nicht". Weiter berichtet er: "Hier im Lande wird mit Gütern ein Handel getrieben, wie man ihn sonst mit Pferden auf einem öffentlichen Markte treibt. Ein jeder sucht durch Güterkaufen sein Glück zu machen, welches jedoch nur wenige dabei finden. Hat nun ein und anderer es nicht gefunden, so sucht er das gekaufte Gut, welches er dem Scheine nach durch veränderte Schläge, auch wohl durch einige neue Bauten ansehnlich verbessert hat, wieder los zu werden, und um nicht zu falliren, setzt er einen hohen Preis darauf, wozu ihm die angeblichen Verbesserungen das Recht geben, - und, was zum Erstaunen ist, er findet einen noch größeren Thoren, als er selbst gewesen ist. So gehen denn die Güter von einer Hand in die andere."

Wie die Akten erkennen lassen, wurden die Güterkäufe meistens mit fremdem Kapital, das in reichlichen Mengen zu


25) 1. Gedüngte Brache, 2. Winterkorn, 3. und 4. Sommerkorn, 5.-7. Weide.
26) Boll, Geschichte Mecklenburgs, II. Band S. 508.
27) Zitiert bei Boll a. a. O. S. 547 ff.
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niedrigem Zins angeboten wurde, finanziert. "Es könnten Beispiele angeführt werden, daß vor 10 bis 20 Jahren Personen, welche ein gutes Gerücht hatten, zum Güterkauf mehr Geld offeriert ist, als sie benötigten" 28 ). (Druckfehler) von Holstein auf Kl.-Luckow berichtet im Jahre 1767: "Die gewesene Situation des Landmannes bis etwa 1764 machte, daß ein jeder Geschmack bekam, Hauswirt zu werden, und sein Augenmerk bloß auf die damalige profitable Zeit richtete. Leute mit einem kleinen Kapital hatten die Dreistigkeit, große Güter mit mehresten fremden Geldern aufs teuerste aufzukaufen, wozu öfters nicht der fünfte, ja nicht der sechste Teil ihr eigenes Geld war. Der damalige Geldüberfluß machte dies alles leicht praktikabel. Mit fremden Geldern meliorierte und baute man gewaltig, um den nötig habenden Kredit vollkommen aufrecht zu erhalten" 28). Und aus einem anonymen Promemoria 28) entnehmen wir: "Noch während des Krieges hat man es allgemein für richtig gehalten, daß derjenige, der zu 4 % kaufte, sicher und gut gekauft habe. Das stimmte auch, denn wer in hiesigen Gegenden Gelder gebrauchte, der konnte zu 4, ja wohl gar zu 3 1/2 % genug erhalten, weil der Satz dazumal unstreitig war, daß des Geldes immer mehr, der Grundstücke aber nicht mehr würden."

Auch waren Fälle hoher Erbgeldverschuldung nicht selten. Das Direktorium führte in seiner Erklärung auf dem Landtag von 1766 aus, daß die väterlichen Güter oft zu so hohem Preise übernommen würden, daß der Besitzer bloß Pächter seiner Miterben und väterlichen Gläubiger werde und kaum subsistieren könne.

Zusammenfassend stellen wir fest, daß die Leichtigkeit der Verschuldung begründet lag in der günstigen Wirtschaftslage des Landes, den gestiegenen Güterpreisen und dem reichlichen Angebot von Kapital zu niedrigem Zins. Der Mangel an sonstigen Kapitalanlagemöglichkeiten begünstigte das Steigen der hypothekarischen Verschuldung außerordentlich. Viele Güter hatten die Grenze der bei günstiger Konjunktur wirtschaftlich noch tragbaren Verschuldung erreicht. Eine rückläufige Konjunktur mußte notwendigerweise einen gefährlichen Rückschlag auf die ländlichen Realkreditverhältnisse zur Folge haben.


28) Acta von Herstellung des Kredits in Mecklenburg 1766/68.
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Für einzelne Güter trat der Rückschlag bereits ein, als auf Grund des Erbvergleichs von 1755 die einbehaltene Kontribution 29 ) innerhalb kurzer Zeit nachentrichtet werden mußte. Dazu kommt, daß in den Jahren 1751/52 die schon 1744 nach Mecklenburg eingeschleppte Rinderpest besonders heftig gewütet hatte. Das Vieh war massenweise eingegangen, und infolge ungenügender Düngung der Äcker fielen die Kornernten so schlecht aus, daß 1754/56 Korn eingeführt und die Kornausfuhr verboten werden mußte 30 ). Damals "fingen viele Familien in ihren Kreditumständen an zu wanken" 31 ). Allgemein erfolgte der Rückschlag aber erst nach dem Kriege. Auf die schweren Kriegsschäden, veranlaßt durch die Besetzung des Schweriner Landes mit preußischen Truppen, auf die nachteiligen Folgen der Münzverschlechterung sowie auf die große Geldknappheit nach dem Kriege infolge Reduktion des Münzfußes ist bereits hingewiesen worden. Aber noch zahlreiche sonstige Momente steigerten die Notlage des Grundbesitzes ins Unerträgliche. Typisch als Deflationserscheinung ist der übermäßig hohe allgemeine Preisstand nach dem Kriege, jedoch mit Ausnahme für Getreide. "Alle Waren, aller Lohn, alle Handwerkerarbeit ist ungemein erhöhet; Fuhrlohn, Posten, der Wirte Rechnungen in den Städten haben keine Schranken noch Maß." - "Was wir aus den Städten holen, wie auch den Tagelohn an die Handwerker müssen wir nach dem schweren Gelde ebenso hoch bezahlen, als wir es ehedem an leichtem Gelde kaufen und bezahlen konnten. Es ist augenscheinlich, daß man bei jedem auszugebenden Thaler 6 bis 8 ßl bar verliert" 32 ). Zuverlässige Angaben über den Stand der Getreidepreise unmittelbar nach dem Kriege liegen nur für Mecklenburg-Strelitz vor 33 ), während für Mecklenburg-Schwerin die Getreidepreise erst von 1771 ab nachgewiesen sind. Im Strelitzschen hatten die Preise für 1 Scheffel Roggen, Gerste und Hafer im Jahre 1762 die erstaunliche Höhe von 90, 60 und 31 Schil-


29) s. S. 171.
30) Akte vom Kreditwesen in Mecklenburg 1766/68.
31) Sammlung aller das Kreditwesen in Mecklenburg betreffenden Stücke.
32) Akte vom Kreditwesen in Mecklenburg 1766/68.
33) Nützliche Beiträge zu den Neuen Strelitz. Anzeigen, 1770, 8. und 9. Stück.
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lingen in guter Münze erreicht. Im nächsten Jahre erfolgte dann der gewaltige Preissturz auf 22, 20 und 12 Schillinge, der wohl durch den Wegfall des preußischen Kriegsbedarfes verursacht wurde.

Von allerschlimmster Wirkung war die in den Jahren 1765/67 wieder auftretende Rinderpest. "Am heftigsten und allgemeinsten war sie im Jahre 1766, wo sie so aufräumte, daß im Herbste fast das meiste Vieh hingefallen war" 34 ). Viele Güter waren wirtschaftlich nicht mehr in der Lage, neues Vieh anzuschaffen. Andererseits wurde auch das von auswärts wiederbeschaffte Vieh oft in kurzer Zeit von der Seuche weggerafft. Das Viehsterben bereitete besonders den zur Schlagwirtschaft übergegangenen, also den höher verschuldeten Betrieben schweren Schaden, da nicht nur die Erträge aus den Holländereien wegfielen, sondern auch die Äcker bei unzureichender Bedüngung nur geringe Roherträge lieferten und teils wegen Zugviehmangels nicht bestellt werden konnten. Die Folge war "vieljähriger fast allgemeiner Mißwachs", und 1766 mußte Mecklenburg abermalig Korn einführen 35 ).

Dabei wurde die Ausfuhr aller übrigen Agrarprodukte (Schweine, Hammel, Wolle) infolge des allzu schweren Münzfußes 36 ) erschwert bzw. unterbunden. "Was wir zu veräußern haben, würden wir weit besser und größer nach den lüneburgischen und preußischen Landen hin debitieren können, wenn nicht die schwere Münze und der Drittelcours den Käufer von unseren Landen den Weg nach Polen wiese" 37 ). "Für die hannöverschen, preußischen und Quedlinburger Vieh- und Schweinekäufer sind infolge des hier eingeführten schweren Kurantgeldes die Zehrkosten sehr hoch, natürlich auch die zu erlegenden Zölle und Akzisen. Diesen sonst in Mecklenburg so häufig gekommenen Aufkäufern wird es schlechterdings unmöglich, diesen für die Landbegüterten ehedem so zuträglich gewesenen Handlungszweig zu kultiviren" 38 ).

Alle die genannten Umstände: die Kriegsschäden, die unzureichende Preisgestaltung nach dem Kriege, die Ertragsein-


34) Boll a. a. O. S. 545.
35) Akte vom Kreditwesen in Mecklenburg 1769.
36) s. S. 168.
37) Akte vom Kreditwesen in Mecklenburg 1766/68.
38) Desgl. 1769.
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bußen infolge der Rinderpest, die erschwerte Ausfuhr von Agrarprodukten führten fast allgemein zur Unrentabilität und zum