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Jahrbücher

des

Vereins für mecklenburgische Geschichte
und Altertumskunde,

 

gegründet von Friedrich Lisch,
fortgesetzt von Friedrich Wigger und Hermann Grotefend.

 


 

Achtundachtzigster Jahrgang.

herausgegeben von

Archivdirektor Dr. F. Stuhr,

als 1. Sekretär des Vereins.

 

Mit angehängtem Jahresbericht.
auf Kosten des Vereins.

 

 

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Schwerin, 1924.

Druck und Vertrieb der Bärensprungschen Hofbuchdruckerei.
Vertreter: K. F. Koehler, Leipzig.

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Inhalt des Jahrbuchs.


Seite
I. Die Geschichte der mecklenburgischen Landessteuern und der Landstände bis zu der Neuordnung des Jahres 1555. Von Archivar Dr. Paul Steinmann 1
II. Geschichte des Schweriner Hoftheaters 1855- 1882. Von Dr. Helene Tank, Mirow 59
III. Die Aufführungen des Schweriner Hoftheaters in Doberan, Ludwigslust und Wismar. Von Dr. Helene Tank, Mirow 111
IV. Die ältern mecklenburgischen Städteansichten. Von Pastor Friedrich Bachmann. Pampow 117
V. Die geschichtliche und landeskundliche Literatur Mecklenburgs 1923-1924. Von Archivdirektor Dr. Friedrich Stuhr 225
Jahresbericht (mit Anlage) 237

Anhang

Über die Familie Spiegelberg : Sippenkundliche Untersuchungen.  
  Von Dr. med. Rudolf Spiegelberg, Insel Poel i. M. 1
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I.

Die Geschichte der mecklenburgischen Landessteuern und der Landstände bis zu der Neuordnung des Jahres 1555

von

Archivar Dr. Paul Steinmann.

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Die Arbeit lag in ihren wesentlichen Ergebnissen bereits Ende 1913 der Rostocker philosophischen Fakultät als Beantwortung einer von ihr gestellten Preisaufgabe vor und wurde am 28. Februar 1914 mit dem vollen ersten Preis gekrönt. Weitere Forschungen und Funde in den Archiven machten eine (Erweiterung, Vertiefung und Umarbeit erforderlich, die z. T. durch meine mebrjährige Teilnahme am Kriege verzögert wurde. Die Promotion erfolgte am 12. August 1914. Referent war mein verehrter Lehrer Prof. Dr. Reincke-Bloch, dem ich für seine vielfachen Anregungen und Förderungen zu besonderem Dank verpflichtet bin.

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Übersicht über die ganze Arbeit und ihre Hauptergebnisse. * )


I. Geschichte der Landessteuern und der Landstände in Mecklenburg bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts.

D ie ordentliche Bede, eine öffentlich-rechtliche, teils in Geld, teils in Naturalien entrichtete Abgabe (Steuer), bestand in Mecklenburg bereits geraume Zeit vor den sog. Bedeverträgen (besser Bedereversalen: 1275 und 1285 Herrschaft Werle, 1279 Grafschaft Schwerin), wie in Übereinstimmung mit Urkunden insbesondere Rückschlüsse aus den Bezeichnungen olde bede, rechte bede für die ordentliche Bede, nyge bede für die durch die Bedereversalen geschaffene ao. Bede (Landbede) in den Schoßregistern des 15. Jahrhunderts ergeben. Sehr wahrscheinlich wurde die ordentliche Bede bereits mit der deutschen Kolonisation eingeführt. Die Bedereversalen betreffen nur die ao. Bede. Nur diese war für die Entwicklung des Ständewesens von Bedeutung. - Mit der Kolonisation wurden, wie vor allem Rückschlüsse aus späteren Einrichtungen ergeben, freiwillige Gaben (dona gratuita) bei besonderen die fürstliche Familie betreffenden Anlässen (Hochzeit, Kindtaufe, Regierungsantritt usw.) eingeführt, gezahlt teils in Geld, teils in Naturalien, und zwar in schwankender und ungleichmäßiger Höhe. Bei einem Teil der Anlässe erfolgte die - möglicherweise aber schon in Altdeutschland vollzogene - Fortentwicklung zur unregelmäßigen Bede, nur in Geld, gewohnheitsgemäß, aber gleichfalls freiwillig gezahlt, indem der Landesherr sich an die einzelnen Grundherren wandte. Motiv der Bedeforderung war die Notdurft (necessitas) des Fürsten (und des Landes), die rechtliche Grundlage bei den Lehnsleuten das Lehnsverhältnis, bei Geistlichkeit und Städten wohl das Untertanenverhältnis. Ein Satz von bestimmter Höhe und damit die ao.


*) Diese Übersicht wird hier abgedruckt, weil in diesem Jahrbuch nur der I. Teil erscheint.
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Bede (Landbede) wurde erst durch die Bedereversalen geschaffen. Diese betreffen Schuldentilgungen großen Stils: Die Vasallen geben auch von ihrer sonst grundsätzlich steuerfreien Eigenwirtschaft (Hofhufen), dafür empfangen sie den Revers (Schadlosbrief). Sie erhalten hierbei als geschlossene Einheit, gleichsam als Korporation, das Steuerbewilligungsrecht für alle ao. Beden (Landbeden), auch, wie Schweriner Reversalen und Rückschlüsse aus späteren Zuständen ergeben, für die der 3 - 4 Ehren- und Notfälle (Heirat einer Prinzessin usw.). Rechtliche Grundlage für alle Landbeden sind aber im 14./16. Jahrhundert nicht diese Bede "verträge", sondern die necessitas (Notdurft, Bedürfnis) des Fürsten und des Landes. In den Herrschaften Rostock und Mecklenburg sind, wie insbesondere Analogie- und Rückschlüsse ergeben, wahrscheinlich keine Schuldentilgungen großen Stils vorgenommen und daher keine Bedereversalen erteilt worden. Das Steuerbewilligungsrecht wird hier gewohnheitsrechtlich, infolge der Vormundschaftsregierungen und nach Vorbild der Verhältnisse in Werle und Schwerin, erwachsen sein.

Durch die deutsche Kolonisation wurden die Voraussetzungen, die "Elemente" des späteren Ständestaates, die 3 privilegierten Berufsstände: Adel, Geistlichkeit und Städte, geschaffen. Eine Heranziehung aller Mitglieder eines Standes oder gar aller 3 Stände bei allgemeinen Landesangelegenheiten gab es in der älteren Zeit nicht: Die mecklenburgischen Fürsten nahmen häufig - freiwillig und nicht pflichtmäßig - ihre Regierungshandlungen zunächst mit Rat der aus angesehenen und einflußreichen Geistlichen, Vasallen und Bürgern (Ratsherren) bestehenden Großen oder Ältesten des Landes (maiores, seniores terrae) vor. Seit etwa Mitte des 13. Jahrhunderts wurden dagegen, veranlaßt durch stärkeres Hervortreten des weltlichen Lehnsgedankens, durch beginnende Entklerikalisierung der Weltanschauung und durch Weiterausbau der städtischen Selbstverwaltung, in der Regel nur noch die angesehensten der Vasallen hinzugezogen ("Vorgeschichte" der Landstände). - Die eigentliche Geschichte der mecklenburgischen Landstände beginnt in den 70er und 80er Jahren des 13. Jahrhunderts, und zwar in der Herrschaft Mecklenburg (1275 - 77) und wahrscheinlich auch in Rostock (1282 ff.) infolge von Vormundschaftsstreitigkeiten bzw. Vormundschaftsregierung, in Werle (1275, 1285) und Schwerin (1279) durch Entwicklung und Bedürfnis des Steuerwesens (Schuldentilgungen großen Stils, Bedereversalen). Die gesamten Vasallen der betreffenden Herrschaft werden erstmalig zu dem betreffenden Zweck zusammenberufen und erhalten als Gesamtheit von den Fürsten ein Recht auf Mitwirkung bei

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Thronstreitigkeiten und Vormundschaften bzw. bei Steuerbewilligungen bei den betreffenden Ereignissen und für die Zukunft. Sie vertreten bei diesen Anlässen das ganze Land. Städte - abgesehen von den Seestädten Rostock (Herrschaft Rostock) und Wismar (Herrschaft Mecklenburg), die aber allezeit eine Sonderstellung einnahmen: dem ständischen Verband nicht ein-, sondern beigeordnet - und Geistlichkeit werden noch nicht als Korporation herangezogen. Die Steuerumlage erfolgte bei ihnen auf Grund von Einzelverhandlungen. Die neubegründeten landständischen Verfassungen der 4 selbständigen mecklenburgischen Einzelherrschaften werden um dieselbe Zeit weiter ausgebaut und ergänzt durch Begründung des Instituts der Räte, der consiliarii (= consilium: Rat), indem bestimmte angesehene und einflußreiche Vasallen auf Grund von besonderm Ratseid zu consiliariis ernannt wurden. Diese haben ihre Keime in den maiores und seniores terrae, bzw. in den angesehensten der Vasallen und sind andererseits die Vorläufer der Landräte und im wesentlichen mit ihnen identisch.

II. Geschichte der ao. Landessteuern und der Landstände in Mecklenburg im 14. und 15. Jahrhundert bis zur Entstehung der mecklenburgischen Gesamtlandstände.

Urkunden und besonders Bederegister ergeben folgendes:

Ao. Bede und Landbede sind identisch, ihre Erhebung war durchaus üblich und häufig, Landbeden und Verpfändungen von Ämtern usw. bestanden nebeneinander, Landbeden gingen nicht über einzelne Vogteien, Städte bzw. Grundherrschaften, sondern über das ganze Territorium (Land) als allgemeine Landessteuer: generalis exactio seu precaria (generalis peticio) per nostram (totam) terram [= dominium] 1305, 1314, [ge-]mene landbede 1353 usw., bzw. als besondere Landbede: petitio specialis, über 1 - 2 Stände. Landtage, auf denen Landbeden bewilligt wurden, können im 14./15. Jahrhundert keineswegs selten gewesen sein, zumal da "das Bedürfnis nach Steuern ein dauerndes" war. - Als zweite Art von ao. Landessteuern ist für das 14./15. Jahrhundert anzunehmen, wenn auch erst Wende 15./16. Jahrhunderts klarer hervortretend, die neu entstandene Heersteuer (Roßdienst-, Pferde-, Knechte-, Wagengeld), gezahlt als Ablösungsgeld für nicht geleisteten Lehns- bzw. Waffendienst, aber auch als reine Steuerform für andere Zwecke.

Es erfolgte Weiterausbau der landständischen Verfassungen in allen 4 selbständigen Einzelherrschaften (Territorien) zunächst durch Heranziehung der Landstädte zu den Versammlungen der

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Vasallen im 14. Jahrhundert (nachweisbar zuerst in Stargard 1304, Werle 1341, Schwerin 1345, Mecklenburg 1353). Gründe: Landfriedens- und Steuerbedürfnisse, wirtschaftlicher Aufschwung der Städte. Die Prälaten wurden von den Fürsten regelmäßig erst seit den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts hinzugezogen, wohl infolge der Änderung der Kirchenpolitik: Anfänge des Landeskirchentums. Die Macht der Landstände war in den einzelnen Territorien und Zeiten verschieden, groß vor allem in Werle (Wenden), ferner in Stargard, gering in Mecklenburg. Die Persönlichkeit des Fürsten, längere Minderjährigkeitsregierungen, Größe der Städte sind hierfür maßgebend gewesen.

III. Geschichte der ao. Steuern und der Landstände unter Magnus' II. Regierung (1477 - 1505).

Als dritte Art der ao. Landessteuern tritt neu auf der gemeine Pfennig, als Reichs- und später auch als Landessteuer erhoben. Neu sind die von jetzt ab häufig erhobenen Reichssteuern; Steuerarten: Landbede, gemeiner Pfennig, Heersteuer. Von der großen Schuldenlast befreite Magnus II. sein Land nicht durch häufigere Forderung von Landbeden - für Schulden wurde nur 1, vielleicht sogar nur 1/2 Landbede erhoben (1479) -, sondern durch eine geniale Finanz-, Wirtschafts- und Verwaltungspolitik (s. Mecklbg. Jahrb. 86 S. 91 ff.). Magnus Bestrebungen zur Aufrichtung der Landes- (Steuer-, Gerichts-, Kirchen-, Jagd-, Zoll-, Münz-, Lehns-) hoheit richteten sich nicht gegen die Gesamtheit der Landstände, sondern gegen einige wenige besonders bevorrechtete Mitglieder derselben. Er hatte hiermit nur zum Teil Erfolg - insbesondere endigte sein Streit mit Rostock im allgemeinen nicht mit einem Sieg der Fürstengewalt -, doch wurden die Selbständigkeitsgelüste zurückgedrängt. Ausgangspunkt für diese neuzeitlichen, absolutistischen Bestrebungen war eine neue Idee vom Staat und Herrscherberuf: das Gottesgnadentum, und zwar in seiner juristisch-staatsrechtlichen Form. Es wurde aus dem jetzt zuerst ins Staatsrecht rezipierten römischen Recht übernommen und beruht letzten Endes auf orientalischen Vorstellungen.

Die Zusammenschließung der Landstände der selbständigen mecklenburgischen Einzelherrschaften zu den mecklenburgischen Gesamtlandständen erfolgte nicht durch die "Bedürfnisse der Steuerbewilligungen", sondern infolge der Streitigkeiten des Herzogs Magnus II. mit Rostock um die Durchführung der Landeshoheit, indem die Gesamtlandstände als Vermittler oder Richter hierfür herangezogen wurden. Der erste mecklenburgische Gesamtlandtag

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(ao. Rechtstag), mit dem eine fortlaufende Reihe der vereinigten Landtage beginnt, war mit Sicherheit der vom 1. August 1484 zu Wismar. - Dagegen erfolgte noch 1488 die Bewilligung der Landbede auf Sonderlandtagen der einzelnen Territorien und erst einige Jahre später auf Gesamtlandtagen. - Im übrigen haben Landtage (ao. Rechtstage) wegen Streitigkeiten zwischen Magnus und Ständemitgliedern weit häufiger als die wegen Steuerbewilligungen getagt. Wenn auch die meisten der Gesamtlandtage (ao. Rechtstage) von Magnus berufen wurden, so hat doch zu dem ersten mecklenburgischen Gesamtlandtag, wie auch zu den meisten nächstfolgenden aus den Jahren 1484 - 86 die Stadt Rostock den Anstoß gegeben.

IV. Steuer- und ständische Verhältnisse unter Magnus' II. Söhnen bis 1535.

Bei Steuerforderungen zeigt sich nunmehr gelegentlich ein Widerstand der Gesamtheit der Stände, und zwar gegen zu schnell aufeinander folgende Forderung von Landbeden und gegen Ansetzung von zu frühen Hebungsterminen. Organisiert wurde der Widerstand der Gesamtlandstände aber erst durch die Union der Landstände von 1523, die sehr wahrscheinlich auf Veranlassung Heinrichs V. von den Ständen abgeschlossen wurde, und zwar gegen Albrechts VII. Gelüste auf Landesteilung. Im Hinblick und mit Berufung auf diese Union verlangen und erreichen die Landstände von 1527 ab, daß die Heersteuer von jetzt ab von allen Ständen regelrecht auf Landtagen bewilligt werden sollte - bislang hatten sich die Herzöge an einzelne Ständemitglieder gewandt. Auch sonst verstanden es die Stände bald, die Union gegen die Herzöge auszuspielen, insbesondere wurde sie benutzt, um die Herzöge zu nötigen, die Rechtspflege und die Gerechtigkeiten der Gesamtstände sowie der einzelnen Ständemitglieder besser zu wahren. Die Union vom 1. August 1523 war der Abschluß der bisherigen Entwicklung: es erfolgte der feste korporative Zusammenschluß der Gesamtlandstände. Wichtig war die dabei erfolgte Schaffung eines besonderen von den Ständen selbst für ihre Zwecke geschaffenen Organs, des großen Unions- (23er) Ausschusses, der bald durch den kleinen (12er) Ausschuß ersetzt wurde. An ihn gelangten die Beschwerden von Ständemitgliedern gegen die Fürsten und gegeneinander, er übernahm die Weitergabe an die Fürsten und sorgte für Ansetzung von ordentlichen Rechtstagen und Landtagen. Bereits nach wenig mehr als 10 Jahren zeigten sich aber stärkere Verfallserscheinungen am ständischen Verfassungsbau. Insbesondere stellte der 12er Aus-

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schuß bald nach 1535 seine Tätigkeit ein. Gründe: Durch den Hausvertrag von 1534 war die Gefahr der totalen Landesteilung für längere Zeit gebannt; die wirtschafts- und handelspolitischen Betätigungen des Adels verursachten einen Gegensatz zwischen Städten und Adel; die Gravamina konnten nunmehr auf den zahlreichen wegen Schuldentilgung angesetzten Landtagen überreicht werden. Der Ausschuß tat auch nichts, um den Untergang des Prälatenstandes zu verhindern, ja, er scheint dies sogar unterstützt und beschleunigt zu haben.

V. Steuer- und ständische Verhältnisse unter Magnus' II. Söhnen und Enkeln von 1535 - 1555.

Vor allem Albrechts VII. leichtfertig unternommener Versuch, den dänischen Königsthron zu gewinnen (1535/36), führte zur völligen Zerrüttung seiner Finanzverhältnisse. Die Stände bewilligten von 1538 ab zur Bezahlung der Schulden fast Jahr für Jahr einfache und seit Albrechts Tod (1547) auch doppelte Landbeden. Die Versuche, ergiebigere, die eignen Einkünfte der Grundherrn und das Vermögen und den Handel der Bürger belastende Steuerarten (1/2 100. Pfennig, Bierakzise) bewilligt zu erhalten, scheiterten anfänglich vor allem am Widerstande der Seestädte Rostock und Wismar. 1553 wurde aber Albrechts Söhnen neben der doppelten Landbede von den Landstädten der 1/2 100. Pfennig und vom Adel das Roßdienstgeld auf 3 Jahre bewilligt, aber nur einmal erhoben. Rostock und Wismar beharrten in ihrem Widerstand gegen den 1/2 100. Pfennig. Streitigkeiten zwischen Johann Albrecht I. und Ulrich um die Landesteilung und Einfall und "Brandschatzung" Heinrichs von Braunschweig (Sommer 1554) verzögerten das Schuldentilgungswerk. Für die Erhebung der von den Ständen für Abzug der braunschweigischen Reiter 1554 bewilligten 1 1/2 Landbede waren zum ersten Mal ständische Ober- und wahrscheinlich auch Untereinnehmer tätig, die von dem ständischen Ausschuß, der von den Ständen für Verhandlungen mit Heinrich von Braunschweig eingesetzt war, verordnet waren und an ihn und nicht an die fürstliche Zentralkasse (Kammer, Renterei) das Geld ablieferten. Auch hatte der Ausschuß zum ersten Mal die Stände in Steuerangelegenheiten verschrieben, und zwar war diese "Ausübung von Hoheitsrechten" durch den Ausschuß auf Johann Albrechts ausdrücklichen Wunsch erfolgt! Infolge von Ulrichs Bestrebungen nach totaler Landesteilung erneuerten die Stände am 5. Dezember 1554 den schon in Vergessenheit geratenen kleinen Unions- (12er) Ausschuß. Schließlich verzichtete Ulrich im Wismarer Gemein-

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schaftsvertrag (11. März 1555) infolge des Widerstandes der Stände und Johann Albrechts auf die Totalteilung und begnügte sich mit der Gesamtregierung mit Nutzungsteilung. Im selben Jahre erfolgte die Übernahme der gesamten fürstlichen Schulden durch die Stände und die Einigung über Steuerart: doppelte Landbede der Bauern und Bürger, Malzakzise der Bürger, Pacht- und Saatgeld von den eignen Einkünften des Adels 5 Jahre lang zu zahlen. Rostock und Wismar nahmen aber hieran nicht teil. Es gelang auch den Ständen nicht, beide Städte ihrem Mehrheitsbeschluß zu unterwerfen und sie zur Erlegung der Steuern zu zwingen. Sie konnten nach langen Verhandlungen nur dazu bewogen werden, nach wie vor freiwillige Fixa als Quoten zu der Abtragung der fürstlichen Schulden zu entrichten. Die Verwaltung der für die Tilgung fürstlicher Schulden bewilligten Steuern ging seit der Neuordnung des Jahres 1555 für immer in die Verwaltung der Stände über. Die Leitung erhielt 1555 ein aus 12 Adligen bestehender ständischer Schuldentilgungsausschuß, aus dem sich schon 1558 aus praktischen Gründen ein aus 4 Adligen bestehender kleinerer Ausschuß entwickelte. - Ein permanenter ständischer Ausschuß für alle ständischen Angelegenheiten, der sog. Engere Ausschuß, bestand aber erst von 1621 ab.- Die Erträge der Steuer gingen an eine neugegründete ständische Kasse (später Landkasten genannt), Einnahme und Kontrolle wurden durch ständische Organe vorgenommen. Verhängnisvoll wurde diese Entwicklung den adligen Bauern, da dem Landesherrn der Überblick über Zahl und Veränderung dieser Bauernstellen verloren ging und sein Interesse an der Erhaltung eines möglichst zahlreichen und zahlungskräftigen Bauernstandes und an der Wiederbesetzung der wüsten und gelegten Bauernstellen schwand. Das vom vergrößerten Hofacker des Adels zu zahlende Saatgeld wurde als vollwertiger Ersatz für die von den gelegten oder wüsten Bauernhufen hinfort nicht mehr gezahlte Landbede angesehen. Noch im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts verschwanden fast alle bislang üblichen Fälle von Landbeden (Reise zum Kaiser, zum Regalienempfang, Bezahlung von fürstlichen Schulden usw.), erstickt durch die allgemeinen von jetzt ab chronisch werdenden Schuldentilgungen großen Stils. Nur die Prinzessinnensteuer blieb von Bestand. Aber auch sie fiel bald der ständischen Verwaltung anheim.


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Geschichte der Landessteuern und der Landstände in Mecklenburg bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts.


1. Geschichte der ordentlichen und der außerordentlichen Bede in den selbständigen mecklenburgischen Einzelherrschaften, insbesondere die Einführung der ordentlichen Bede in Mecklenburg, die Entstehung der ao. Bede (Landbede) und ihre Vorgeschichte: die unregelmäßige Bede und die freiwilligen Gaben (dona gratuita).

Nach Ansicht der Forscher, welche die älteren mecklenburgischen Steuerverhältnisse eingehender behandelt haben (Brennecke 1 ), Techen 2 ), Ihde 3 ) ), erhoben die mecklenburgischen Fürsten bis ungefähr zur Mitte des 13. Jahrhunderts nur eine unregelmäßige (außerordentliche) und noch nicht auf eine bestimmte Höhe fixierte Steuer, - zumeist petitio, verschiedentlich auch exactio, späterhin meist precaria und mit deutschem Ausdruck bede genannt 4 ) -, bei verschiedenartigen,


1) Brennecke, Die ordentlichen direkten Staatssteuern Mecklenburgs im Mittelalter. Jahrb. d. V. f. mecklbg. Geschichte (Jb.) 65 S. 20/30.
2) Techen, Über die Bede in Mecklenburg bis zum Jahre 1385. Jb. 67 S. 39/42 und S. 66. Techens Darlegungen liefern hier wie z. T. auch später allerdings nicht recht greifbare Ergebnisse für diese grundlegenden Fragen, da er in erster Linie die Ausdrucksweise der Urkunden prüfen will. Doch scheint auch er der Ansicht zu sein, daß bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts hinein neben bzw. als Fortentwicklung von zwangsweise erhobenen oder freiwilligen Abgaben (vgl. Text S. 14) nur eine unregelmäßig erhobene Bede in Mecklenburg vorkommt.
3) Ihde, Amt Schwerin, Rost. gekrönte Preisschrift 1909. Auch Beiheft zu Jb. 77, S. 31/32. Eine knappe Zusammenfassung der Ergebnisse Brenneckes, Techens und z. T. auch Ihdes bietet Hübner, Die ordentliche Kontribution Mecklenburgs 1911.
4) Der Ausdruck peticio im Verein mit exactio begegnet in unserer Gegend zuerst 1150 in einer vom König Konrad dem Bistum Havelberg für dessen Kolonisationsunternehmungen ausgestellten Urkunde, sodann 1158 in der Gründungsurkunde des Bistums Ratzeburg, (  ...  )
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noch nicht fest bestimmten Notfällen (Bedürfnisse, necessitates), wozu auch die Reservatfälle der sog. Bedeverträge von 1276, 1279 und 1285: Heirat einer Prinzessin, Heirat, Ritterschlag und Gefangenschaft eines Fürsten (die bekannten 3 - 4 Ehren- und Notfälle) gehörten. Die mecklenburgischen Fürsten erhoben nach Ihdes Ansicht diese unregelmäßige Bede willkürlich, ohne vorherige Bewilligung ihrer Lehnsmannen, kraft ihrer landesherrlichen Gewalt, als eine öffentlich - rechtliche und nicht als eine privatrechtliche Abgabe 5 ). Derselben Auffassung sind auch Rachfahl 6 ) und Spangenberg 7 ), welche den Versuch machen, die einheitlichen Grundlinien der allgemeinen Entwicklung des Steuer- und Ständewesens in den deutschen Territorien des Mittelalters zu ziehen. Während aber beide die für unsere Gegend in Frage kommenden Steuerverhältnisse des kolonialen Deutschlands stärker berücksichtigen, ja z. T. für ihre Untersuchungen grundlegend machen, hat von Below, der z. T. vor ihnen selbst oder durch seine Schüler grundlegende Untersuchungen über die Bede angestellt hat 8 ), sich in der Hauptsache auf das altdeutsche Gebiet beschränkt.


(  ...  ) in der Urkunde eines mecklenburgischen Fürsten zuerst 1192 für Kloster Doberan; peticio allein zuerst 1222. Techen S. 2/4, 7. Gegen Brenneckes Annahme S. 4, daß exactio mit peticio durchaus synonym ist, haben sich mit Recht Techen S. 4, 7/8, 21, 39 und Ihde S. 27 gewandt: Exactio ist "jede beliebige landesherrliche Forderung und Auflage", "vorzüglich" ist es ein "weiterer Begriff": Leistung, Abgabe, Auflage, es kann aber auch ein engerer Begriff sein: Erpressung, Schatzung, Steuer, verschiedentlich ist es auch mit peticio identisch. Vgl. noch Text S. 14. Precaria, der Haupt-Terminus technicus des 14. Jahrhunderts, begegnet von 1274 ab, bede erst seit 1304 - in der Zusammensetzung bedecorn einmal geraume Zeit vorher (1257). Techen S. 13/14.
5) S. 27.
6) Rachfahl, Alte und neue Landesvertretung in Deutschland, Jahrb. f. Gesetzgebung u. Volkswirtschaft Jahrg. 33 Heft I, 1909, S. 96.
7) Spangenberg, Vom Lehnsstaat zum Ständestaat, 1912, S. 14 Anm., 45/46, 53/55. Vgl. auch Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg im Mittelalter, 1908, S. 336 ff., 372/73.
8) Handwörterbuch der Staatswissenschaft, Art. Bede. Landständische Verfassung in Jülich-Berg bis 1511, 1890, Teil III Heft 1 S. 5/6, 11, 22, 55. Der deutsche Staat des Mittelalters, 1914, S. 331, 339. Probleme der Wirtschaftsgeschichte, 1920, S. 622 ff.: Die älteste deutsche Steuer. Entsprechend dem auf altdeutschem Gebiet üblichen Sprachgebrauch bezeichnet von Below die ord. Bede schlechthin als "die Bede" oder als "landesherrliche Bede", während er die "später aufkommende" ao. Bede (Landbede) als "landständische Steuer" bezeichnet. Below hat aber fast nur die fertige ordentliche Bede und insbesondere ihren Rechtscharakter untersucht, wenig oder gar nicht die historische Entwicklung, welche die ordentliche Bede bis zu ihrer Fixierung und Verjährlichung durchgemacht hat. Ebenso untersucht er fast nur die fertige landständische Steuer (Landbede) und fast nicht ihre Vorläuferin, die (  ...  )
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Er ist der Ansicht, daß auf altdeutschem Gebiet die ordentliche (jährliche) Bede als eine fixierte Abgabe seit Ende des 12. Jahrhunderts von den (werdenden) Landesherren eingeführt sei, als eine von der Bewilligung unabhängige Zwangsabgabe (Steuer), die als öffentlich- rechtliche Abgabe von den Landesherren kraft ihrer landesherrlichen Gewalt erhoben wurde. Auf die unregelmäßige Bede geht von Below nicht näher ein.

Über die Entwicklung des Steuerwesens etwa seit der Mitte des 13. Jahrhunderts, insbesondere aber über die Beurteilung der sog. Bedeverträge (in Mecklenburg 1276, 1279, 1285 abgeschlossen), gehen die Ansichten stark auseinander. Dies gilt schon hinsichtlich der Ursache und der Entstehungszeit der in mecklenburgischen Städten vom Jahre 1259, auf dem platten Lande von 1292 ab mit Sicherheit urkundlich nachweisbaren ordentlichen (jährlichen) Bede. Rachfahl 9 ) und Spangenberg 10 )sind im Gegensatz zuvon Below der Ansicht, daß die alte ao. (unregelmäßige) Bede erst durch die Bedeverträge zu einer festen ordentlichen, jährlichen Bede umgewandelt sei infolge des steigenden Bedürfnisses der Landesherren nach Steuern und als Entschädigung für die Aufgabe des unbeschränkten fürstlichen Besteuerungsrechtes. Brennecke nimmt an, daß schon kurz vor den sog. Bedeverträgen die ordentliche Bede sich eingebürgert habe 11 ). Derselben Ansicht scheint auch Techen zu sein 12 ). Nach Ihde 13 ) bemühen sich die Fürsten, die unregelmäßig erhobene Bede zu verjährlichen; aber nur den Städten gegenüber gelingt es, dies durchzusetzen. Freilich anders, als es wohl beabsichtigt war: Statt der direkten Einzelbesteuerung entrichtet die Stadt als Gesamtheit ein Fixum, das später Orbör 14 ) genannt wurde. Dagegen benutzen Vasallen und Geist-


(  ...  ) vor der Zeit der sog. Bedeverträge erhobene alte unregelmäßige Bede. Gelegentlich meint er, daß die ordentliche Bede in einer früheren Periode wohl bittweise erhoben sei, wie der Name zeige, und zwar überwiegend in schwankender Höhe. Vgl. noch Anm. 16.
9) S. 94/99.
10) Vom Lehnsstaat zum Ständestaat S. 14 Anm., 45 ff., 132. Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg im Mittelalter S. 339 ff.
11) S. 24/30.
12) S. 39/42 und S. 66. Fast scheint es aber so, als ob Techen meint, daß die Bede in irgendeiner Form sich eingebürgert habe.
13) S. 31/32, 36, 37
14) Ich stimme hier gegen Hegel, Geschichte der mecklenburgischen Landstände bis zum Jahre 1555, 1856, S. 36, und Böhlau, Fiskus, landesherrliches und Landesvermögen im Großherzogtum Mecklenburg - Schwerin, 1877, S. 9, mit Ihde S. 36/37 über das Wesen der Orbör überein. Sie wird noch jetzt von verschiedenen mecklenburgischen Städten an den Staat gezahlt.
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liche eine Zwangslage (Verschuldung) des Landesherrn und "erlangen, daß alle und jede Bedeforderung hinfort aufgehoben wurde; nur für einige ganz bestimmte Anlässe sollte auch künftig eine Bede (die außerordentliche) gezahlt werden". Diese gleichsam als Konzession geschaffene ao. Bede habe nicht der Bewilligung durch die Stände bedurft. Eine jährliche Bede ist nach Ihdes Ansicht aber trotz der Bedeverträge etwa seit 1300 von den Fürsten durchgesetzt worden.

Auch Techen und Hübner sind der Ansicht, daß diese ao. Bede der Reservatfälle ohne Bewilligung der Mannen erhoben wurde 15 ). Alle drei setzen im Gegensatz dazu, die - nach Ihde erst nach 1300 neu entstandene - ao. Bede wegen Not des Landes und des Fürsten, die der Bewilligung bedurfte 16 ).

Spangenberg sieht in den Verträgen ein Kompromiß zwischen dem grundsätzlich geübten Besteuerungsrecht der Fürsten und dem Bestreben der Mannen, den Fürsten dieses unter Ausnutzung ihrer Geldverlegenheit zu nehmen. Das landesherrliche Besteuerungsrecht wird zwar beseitigt, aber für bestimmte Fälle können die Fürsten eine ao. Steuer fordern, die nun aber von der Bewilligung der Mannen abhängig wird. Freilich steht dabei dem Recht der Steuerforderung ein gleiches Recht der Steuerfreiheit gegenüber 17 ).

Schließlich sei noch erwähnt, daß nach Brenneckes Ansicht in diesen Verträgen die ao. Bede wieder von neuem auftritt, die nunmehr von einer vorherigen Bewilligung abhängig ist 18 ).

Bei diesen vielfältigen Widersprüchen und Abweichungen ist es vor allem erforderlich, die bestimmteren Nachrichten über ordentliche und a o. (unregelmäßige) Beden, die sich in den Urkunden der einzelnen mecklenburgischen Ter-


15) Techen S. 32/33, Hübner S. 8.
16) Ihde S. 37, Techen S. 33, Hübner S. 8. von Below, Probleme der Wirtschaftsgeschichte S. 657/58. meint, daß die bekannten 3 - 4 Fälle "einen Übergang von der [ord.] Bede zur landständischen Steuer" [Landbede] darstellen. Die übrigen landst. Steuern hätten "auf völlig freier Bewilligung" beruht, während zum Unterschied davon bei den 3 - 4 Fällen "dem Landesherrn herkömmlich das Recht zustand, sich mit einer Steuerforderung an seine Landstände zu wenden, wobei wir freilich aus den Quellen nicht immer volle Klarheit darüber gewinnen, ob die Stände wirklich ohne weiteres die geforderte Steuer gewähren sollten oder sich die Bestimmung der Höhe vorbehalten durften, oder ob der Landesherr gar nur das formelle Recht hatte, sie um eine Bewilligung zu ersuchen".
17) S. Anm. 7. Vgl. noch Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg im Mittelalter S. 375.
18) S. 26/29.
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ritorien von der Mitte des 13. bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts finden, kurz zusammenzustellen 19 ) und sie genauer nachzuprüfen. Denn infolge der unbestimmten und vieldeutigen Ausdrucksweise der Urkunden der vorangehenden Zeit ist es nicht möglich, lediglich auf Grund dieser Urkunden über die Bede und ihre Entwicklung bis etwa 1250 zu irgendwelchen festeren Ergebnissen zu gelangen 20 ). Die Urkunden reden nämlich in der Hauptsache von den petitiones (exactionos) bzw. der petitio (exactio), womit nicht nur Beden - entweder unregelmäßige (außerordentliche) oder ordentliche, oder beide zusammen -, sondern auch irgendwelche auf Grund von Bitte, Vereinbarung oder Zwang erhobenen Abgaben 21 ) bezeichnet sein können.

In der Herrschaft Werle wird 1264 der Stadt Güstrow das Privilegium verliehen, ein jährliches, nicht erhöhbares Fixum von 100 M an Stelle der bisher vom Landesherrn direkt erhobenen Bede zu bezahlen, die nunmehr in den Besitz der Stadt übergeht 22 ). 4. Oktober 1276 wird einem Vasallen die Bede (precaria) von 4 Hufen in einem Dorfe zu Lehen gegeben 23 ). 12. November 1276 wird von Vasallen und Geistlichkeit der Herrschaften Gnoien und Güstrow eine auf 3 Jahre sich erstreckende ao. Bede im Betrage von 8 ß jährlich von der Hufe - auch von den in der eignen Kultur befindlichen Hufen der Vasallen und der Geistlichkeit - zur Schuldentilgung bewilligt, die grundsätzliche Freiheit von der (ao.) Bede wird von den Fürsten den Vasallen und Geistlichen verbrieft, nur 2 Reservatfälle: Ritterschlag der Söhne und Heirat der Töchter (2 bzw. 4 ß von der Hufe - die Eigenkultur ausgenommen -) werden vorbehalten 24 ). 1279 wird für


19) Als Grundlage diente Techens Zusammenstellung über ao. Beden S. 22 ff., die auf Grund systematischer Durchsicht der Urkunden der betreffenden Zeit nachgeprüft und ergänzt wurde, insbesondere durch Hinzufügung der Urkunden, die Aufklärung über jährliche Beden geben. Techens Zweifel (S. 22, 34/38) an der Identität von gemeinen und ao. Beden (identisch mit Landbeden) sind, wie sich insbesondere aus den Verhältnissen des 15./16. Jahrhunderts ergibt, unbegründet. Vgl. auch Ihde S. 37.
20) S. Techens Zusammenstellung S. 2/7, vgl. auch seine Bemerkungen S. 39/41.
21) Daran ist mit Techen S. 4, 7/8, vgl. auch S. 21 und 39, auf Grund der Ausdrucksweise der Urk. (s. Text S. 17/18) und insbesondere bei den peticiones in Hinblick auf die freiwilligen Gaben (dona gratuita, Text S. 35/38), gegen Ihde S. 27 festzuhalten.
22) Brennecke S. 60, Techen S. 60/61, M. U. -B. 1015; vgl. noch Urk. v. 22. Juli 1292 M. U.-B. 2171.
23) M. U.-B. 1409.
24) Techen S. 24/25: M. U.-B. 1413, 1414.
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Hufen und Katen einer Pfarre die Befreiung von aller (ao.) Bede verbrieft, sooft und soviel sie von andern Hufen in den fürstlichen Vogteien (in terris nostris) erhoben wird 25 ). 1281 erklären die Fürsten von Werle, daß sie von den Mühlen des Klosters Dargun der von ihren Vorfahren verbrieften Freiheit entgegen jährliche exactiones erhoben haben - wobei hier noch die Frage offengelassen werden soll, ob damit Auflagen, Schatzungen oder Beden gemeint sind 26 ). 1282 wird dem Kloster Doberan für eine Mühle der Schutz vor quolibet genere exactionis seu importune petitionis versprochen 27 ). 1285 wurde von den Vasallen der Vogteien Röbel, Malchow, Wredenhagen der dritte Teil der fürstlichen Schulden bezahlt, offenbar wieder durch eine ao. Bede, die grundsätzliche Freiheit von jeder Bedeleistung (ab omni exactione peticionis) wird ausgesprochen, nur 3 Reservatfälle: Heirat und Ritterschlag der Fürsten und Heirat der Prinzessinnen (2 bzw. 4 ß von der Hufe - die Eigenkultur ausgenommen -), werden vorbehalten 28 ). 1292 wird für zwei an die Stadt Plau verkaufte Dörfer die Befreiung von der jährlichen Bede (ab exactione, que dicitur annua petitio) verbrieft 29 ).

In der Grafschaft Schwerin behält sich der Graf 1257 bei der Verleihung von Eigentum eines Dorfes an Kloster Zarrentin die Bede (peticio) vor, wenn in seinem Lande (terra) eine allgemeine Bede (generalis peticio) erhoben wird. 1258 klagt dasselbe Kloster, daß die Vögte des Grafen die Klostergüter mit vielen widerrechtlichen (inportunis) Schatzungen und Beden (exactionibus necnon peticionibus) heimgesucht hätten 30 ). 1271 verpflichten sich die Grafen dem Schweriner Domkapitel gegenüber, von den Einwohnern eines verkauften Dorfes keine Beden, keine ungebürlichen Schatzungen zu erheben, außer den gemeinen, bisher gewohnheitsgemäß innegehabten und auch von den Einwohnern der anderen Dörfer ihres Landes (districtus) wahrgenommenen Beden (communes petitiones). 1278 verleihen sie demselben Domkapitel das Eigentum von 5 Hufen eines Dorfes, die Bauern sollen verpflichtet sein, die allgemeine Bede (petitionem generalem) zu entrichten, wie die Untertanen der Vasallen des Grafen 31 ). 1279


25) Techen S. 25: M. U.-B. 1490.
26) Techen S. 40: M. U.-B. 1578; Techen meint, daß es jährliche Beden sind, Ihde S. 32 Note 66 hält dies nicht für völlig sicher, da exactio nicht immer Bede bedeutet; doch siehe Text S. 25.
27) Techen S. 9: M. U.-B. 1614.
28) Techen S. 25: M. U.-B. 1781.
29) Techen S. 40, Ihde S. 31/32 Note 57 und 66: M. U.-B. 2165.
30) Techen S. 22 u. 9: M. U.-B. 801, 822.
31) Techen S. 22: M. U.-B. 1213, 1472.
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wurde von den Mannen der Vogteien Wittenburg und Boizenburg nur für dieses Jahr 1 M lüb. von der Hufe der Untersassen gegeben, doch unter der Bedingung, daß sie dauernd von jeder Bede frei sein sollten mit der Ausnahme, daß die Grafen bei ihrer Gefangenschaft und bei Heirat der Kinder das Land bitten können, ihnen bei ihren Aufwendungen zu Hilfe zu kommen 32 ). 1301 verkaufte der Graf von Schwerin der Stadt Boizenburg die (ordentliche) Bede für 200 M lüb. und verpflichtete sich, von dem Rat der Stadt niemals (ordentliche) Bede zu verlangen 33 ). 1330 wird die jährliche Bede als etwas auf dem platten Lande übliches bezeichnet 34 ).

In der Herrschaft Rostock ist mit Sicherheit 1259 und 1260, mit Wahrscheinlichkeit aber bereits vor 1257/58 eine ordentliche Bede ("peticio") in Form eines Fixums, später (seit 1324) Orbör genannt, in der Stadt Rostock nachweisbar 35 ). 1271 befreit der Fürst von Rostock die Untertanen des Klosters Dargun von jeder Erpressung von Beden, Zöllen und andern Leistungen und von allen Kriegsdiensten außer bei des Fürsten und des Landes allgemeiner Not (universalis necessitas), doch sollen sie die allgemeine Bede (universalis peticio), falls sie erhoben wird, gleichwie die Untertanen der Vasallen entrichten 36 ).

In der Herrschaft Mecklenburg bestätigt 1257 der Fürst dem Kloster Doberan in einem Dorfe das Bedekorn (annonam, que bedecorn vocatur) 37 ). 1267 weist der Fürst dem Kloster Rehna eine jährliche Hebung von 7 M aus der Stadt Grevesmühlen einige Jahre lang an, die bisher die Ratsherren


32) Techen S. 22/23: M. U.-B. 1504 A, B.
33) M. U.-B. 2756.
34) Techen S. 23: M. U.-B. 5142.
35) Beiträge zur Geschichte der Stadt Rostock II 2 S. 10 u. 19; vgl. M. U.-B. 878 (1260), 4527 (1324). 1262 wurde das jährliche Fixum der petitio auf 250 M rost. für die jetzt zu einer einheitlichen Gemeinde zusammengefaßte Stadt, die bislang aus zwei Sondergemeinden bestand, durch den Landesherrn festgesetzt. (M. U.-B. 959, vgl. Koppmann, Geschichte der Stadt Rostock, 1887, S. 17.) Im Rostocker Stadtarchiv befinden sich noch die Fragmente eines bisher noch nicht veröffentlichten Stadtbuchs. Nach Koppmanns und Dragendorffs Ansicht ist es das älteste der Rostocker Stadtbücher und spätestens gleichzusetzen mit dem ältesten bisher herausgegebenen, das bis ins Jahr 1257 zurückreicht. In diesem ältesten Stadtbuch finden sich verschiedene Eintragungen, die Koppmann und Dragendorff auf die Zeit vor 1257/58 datieren, über die jährliche petitio in Form einer Pauschalsumme. Gleichzeitig begegnet uns schon der Schoß (collecta), der reine Stadtsteuer war.
36) Techen S. 27/28: M. U.-B. 1233.
37) M. U.-B. 792.
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der Stadt dem Fürsten gewohnheitsmäßig entrichtet hatten 38 ). Es ist recht wahrscheinlich, daß wir es hier mit der jährlichen Bede zu tun haben, da in mecklenburg-schwerinschen Städten außer dieser keine andere jährliche Abgabe an den Landesherrn vorkommt. In Grevesmühlen wurde die Bede offensichtlich bereits vor 1267 in Form einer Pauschalsumme entrichtet, da der Fürst das Geld mittelbar durch die Ratsherren erhielt. Hernach hören wir in der Herrschaft Mecklenburg erst von 1298 ab wieder von Befreiungen von allen Beden, worin auch die ao. (gemeinen) Landbeden miteingeschlossen sein sollen, oder es werden diese vorbehalten 39 ).

Diese Zusammenstellung zeigt zunächst mit Sicherheit, daß vor der Zeit der sog. Bedeverträge in den Städten jährliche Beden existierten, und daß auf dem platten Lande unregelmäßig erhobene, also nicht jährliche, allgemeine, über das ganze Land, insbesondere über die Untertanen der Vasallen und der Geistlichkeit gehende Beben gewohnheitsmäßig von den Fürsten erhoben wurden. Über Art und Höhe dieser unregelmäßigen Bede erfahren wir nichts Näheres. Bestimmte Sätze finden sich erst in den sog. Bedeverträgen. Da diese unregelmäßige Bede dieselben Bezeichnungen hat (generalis, universalis, communis petitio) wie die seit den sog. Bedeverträgen begegnende ao. Bede ("landbede", "mene (ghemeyne) landbede", "ghemeyne (mene) bede aver unse land" usw.), so ist sie unmittelbare Vorläuferin derselben. Die unregel-


38) M. U.-B. 1107.
39) Techen S. 28. - Die Steuerverhältnisse derHerrschaft Stargard kommen für die Entwickelung der allgemeinen mecklenburgischen Steuerverhältnisse im 13. Jahrhundert nicht in Betracht, da diese Herrschaft erst endgültig 1304 von Brandenburg an Mecklenburg als Lehn kam. Grundlegend für die Herrschaft Stargard ist der Bedevertrag der brandenburgischen Markgrafen der Salzwedelschen Linie von 1280 (M. U.-B. 1548). Auch die Bedeverträge des benachbarten Bistums Ratzeburg aus den Jahren 1280 und 1282 (M. U.-B. 1550, 1633) - hinzu kommt der bisher noch nicht herangezogene Schadlosbrief von 1303 (M. U.-B. 2893) - berücksichtige ich nicht weiter, da in der von mir behandelten Zeit eine engere Gemeinschaft zwischen Ratzeburg und den mecklenburgischen Herrschaften nicht bestand. Bemerkt werden mag, daß in der Ratzeburger Urkunde von 1282 ein Bedefall (Empfang der Regalien) auftritt, der in Mecklenburg erst etwa 200 Jahre später zuerst überliefert ist. In der Mark Brandenburg kam die bislang übliche unregelmäßige Bede wegen Besuchs des Kaiserhofes durch die Bedeverträge von 1280/82 in Fortfall. Merklinghaus, Die Bedeverfassung der Mark Brandenburg bis zum 14. Jahrhundert, Forschungen zur brandenburg - preußischen Geschichte VIII, 1, 1895, S. 87/88, S. 64/65, 67. Doch wurde dieser Fall später wieder eingeführt, vgl. Text S. 30/31.
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mäßige Bede muß ferner, wie aus den Schweriner Urkunden von 1257, 1271, 1278 und aus der Rostocker von 1271 hervorgeht, eine allgemein übliche, anerkannte, verbindliche, gleichsam gesetzmäßige Einrichtung gewesen sein. Sie ist daher nicht gleichzusetzen mit den importunis exactionibus oder petitionibus, die außergewöhnliche, gewaltsame Erhebungen bzw. Erpressungen von irgendwelchen Leistungen, Schatzungen oder Beden darstellen 40 ). Die Schweriner Urkunde von 1257, insbesondere die von 1271, ebenso die Rostocker Urkunde von 1271 machen es aber wahrscheinlich, daß neben der unregelmäßigen Bede noch eine andere, im gewissen prinzipiellen Gegensatz dazu stehende, also vielleicht regelmäßige (jährliche) Bede auf dem platten Lande üblich war. Die mecklenburgische Urkunde von 1257 dürfte dies sogar recht wahrscheinlich machen, denn die Kornbede begegnet späterhin als Teil der ordentlichen Bede 41 ). Dasselbe ist der Fall bei der werleschen Urkunde vom 4. Oktober 1276, denn offenbar wird dort die Bede von den 4 Hufen als eine regelmäßige Nutzung verliehen.

Einer genaueren Interpretation bedürfen noch bei ihrer grundlegenden Bedeutung die sog. Bedeverträge, zumal da vielfach angenommen wird, daß in ihnen auch Verträge über die ordentliche Bede abgeschlossen wurden.

In den beiden Urkunden vom 12. November 1276 beurkunden Heinrich und Johann, Herren von Werle, das damals noch ungeteilt war, folgendes: Von Schulden einstmals beschwert, hätten sie ihre Vasallen und Geistlichen in der Herrschaft (dominium) Gnoien bzw. Güstrow gebeten, ihnen bei der Tilgung der Schulden zur Hilfe zu kommen. Diese geruhten endlich löblicherweise ihre Bitten zu erhören in der Weise, daß sie von jeder Hufe in der Herrschaft, zugleich mit den unter ihrer eignen Kultur befindlichen Hufen, drei Jahre lang jährlich 8 ß den Herren zur Hilfe geben sollten. Nach Ablauf dieser drei Jahre sollten sie frei sein von dieser Bede. Die Herren erklären weiterhin, daß sie Vasallen und Geistliche von solcher obenerwähnten Bede grundsätzlich befreit hätten, unter folgender mit der Vasallen und Geistlichen Zustimmung hinzugefügten Bedingung: Vasallen und Geistliche wollen den Fürsten


40) Zu solchen Übergriffen nötigte die Fürsten ihre zunehmende Verschuldung. Diese Übergriffe werden sich wohl so gut wie ganz gegen die Geistlichkeit gerichtet haben; daß sie auch den Lehnsmannen gegenüber erfolgten, ist bei der Stellung der Vasallen zu den Fürsten nicht anzunehmen. Vgl. Text S. 48/49. Über die auf gleicher Stufe stehenden Streitigkeiten der Fürsten mit der Geistlichkeit um den Zehnten s. Text S. 48.
41) Ihde S. 28, 35.
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zur Hilfe geben von der Hufe - die Eigenkultur ausgenommen - 2 ß bei Ritterschlag der Söhne und 4 ß bei Heirat der Töchter, wenn die Fürsten die Feste selbst ausgerichtet haben 42 ).

An Inhalt ähnlich ist die Urkunde von 1285 der Herren von Werle-Parchim: Anläßlich ihrer Notdurft (necessitas) und Bitte haben die Vasallen in den Vogteien Röbel, Malchow und der Feste Wenden (Wredenhagen) sie von dem dritten Teil der Schulden, nämlich von 2000 M, befreit. Für die Bezahlung der Schulden ist offenbar eine ao. Bede erhoben worden - vielleicht auch von der Eigenkultur der Vasallen - , wie sich aus dem weiteren Zusatz ergibt: Die Fürsten erklären, daß für solche erwiesenen Wohltaten alle Vasallen und Bauern der genannten Gegenden ständig von jeder Bedeleistung (ab omni exactione peticionis) frei sein sollen, indem aber - mit Zustimmung der Vasallen - die Bedingung hinzugefügt wird: Bei eigner Eheschließung der Fürsten und beim Empfang der Ritterwürde, wenn die Feste durch die Fürsten selbst gefeiert würden - es handelt sich hier um junge, unverheiratete Fürsten -, wollen die Vasallen von jeder Hufe, ihre Eigenkultur ausgenommen, 2 ß geben, wenn aber eine Prinzessin verheiratet wird, von der Hufe 4 ß 43 ).

Aus dem Umstand, daß beide Urkunden in mancher Hinsicht inhaltlich übereinstimmen, während das Formular verschieden ist, kann man wohl schließen, daß beide Urkunden in einem inneren, rechtlichen und sachlichen Zusammenhang stehen. Sei es, daß dies die in den werleschen Herrschaften allgemein üblichen Verhältnisse waren, sei es - und dies dünkt mich das Wahrscheinlichere -, daß auch für die Vogteien Röbel, Malchow und Wredenhagen vor der Urkunde von 1285 dasselbe Recht galt wie 1276 für Gnoien und Güstrow, daß also auch für diese Gegenden ein sog. Bedevertrag um 1276 abgeschlossen war. Dies ermöglicht uns dann, eine Verbindung zwischen den Urkunden von 1276 und 1285 zu ziehen.

Die Urkunden von 1276 und 1285 ergeben zunächst, daß Ihdes Annahme, daß die von Bewilligung der Mannen abhängige ao. Bede wegen "Not" (necessitas) der Fürsten oder des Landes - ein wichtiger Fall der necessitas war auch in der Zukunft die fürstliche Verschuldung - erst nach 1300 auftaucht 44 ), unrichtig ist. Sie erscheint vielmehr in den Bedeverträgen gleichzeitig mit den ao. Beden der Reservatfälle.


42) M. U.-B. 1413, 1414.
43) M. U.-B. 1781.
44) S. 37.
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Die ao. Bede zur Bezahlung von Schulden wurde, wie aus den genannten Urkunden in Übereinstimmung mit der herrschenden Ansicht sicher hervorgeht, von den Fürsten erbeten, von den Mannen bewilligt, und zwar nicht nur von den Bauernhufen, sondern auch - dies sei besonders hervorgehoben - von den sonst grundsätzlich abgabefreien Hofhufen der Grundherren. Diese besondere Abgabe und Leistung wurde als ein Geschenk gewährt, für das die Fürsten ihren Mannen den unbehelligten Besitz aller bei der Kolonisation (novella plantatio) für die Lehen gewährten Freiheiten insbesondere die ungehinderte Gerichtsbarkeit über die Untersassen der Vasallen (1276 und 1285), auch neue Freiheiten und Begünstigungen - Verlegung des Landdinges in Dörfer und Verbot des Verhaftens von Vasallen in Städten (1285) - zusichern. Ob die ao. Beden der Reservatfälle der Bewilligung bedurften, oder ob dies nicht erforderlich war, geht aus den genannten Urkunden nicht hervor. Eine sichere Nachricht über die ordentliche Bede ergibt sich aus den Urkunden keineswegs, denn in den beiden Urkunden von 1276 ist nur von der ao. Bede die Rede, von der die Mannen und Geistlichen befreit sein sollen. Ferner steht es durchaus nicht fest, daß, wie Ihde annimmt, in der Urkunde von 1285 mit der Freiheit von aller Bedeforderung auch die Freiheit von ordentlicher Bede ausgedrückt sein soll. Betrachtet man den Inhalt dieser Urkunde im Zusammenhang und berücksichtigt man die Urkunde von 1276, so kommt man zu der Vermutung, daß die Freiheit von allen ao. Beden, d. h. von den bisher üblichen, unregelmäßig erhobenen (ao.) Beden beurkundet wird, da dieser Satz an derselben Stelle steht, wo 1276 die Freiheit von diesem besonderen Fall (Schuldentilgung) der ao. Bede ausgedrückt wird, während hier ein solcher Satz, der die Schadloserklärung enthält, fehlt.

Am 27. Juli 1279 beurkunden die Grafen Helmold und Nikolaus von Schwerin, daß sie mit ihren Vasallen der Vogtei Wittenburg (bzw. Boizenburg) vereinbart haben, daß deren Untersassen als Bede 1 M lüb. von der Hufe, aber nur in diesem Jahr, entrichten sollten, unter der Bedingung, daß sie dauernd von jeder Bede frei sein sollten. Doch mit der Ausnahme, daß bei Gefangenschaft des Herrschers und bei Heirat der Kinder die Grafen das Land bitten können, ihnen bei ihren Ausgaben zur Hilfe zu kommen. - Auch hier werden den Vasallen alte, seit der novella plantatio gebrauchte Rechte und Freiheiten (insbesondere die unbehelligte Ausübung der Gerichtsbarkeit), sowie neue (Aufhören der gräflichen Münzgerechtigkeit) verbrieft, und schließlich werden die Pflichten und Rechte beim

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Aufgebot genauer geregelt 45 ). - Den werleschen Bedeverträgen gegenüber ist es aber auffallend, daß die Schweriner Vasallen von ihren Hofhufen keine ao. Bede geben. Doch ist der von der Bauerhufe zu leistende Jahresbetrag höher als in Werle. Besonders auffallend ist der Unterschied zwischen Betrag der Schweriner ao. Bede und der der werleschen Reservatfälle. Ich möchte daher annehmen, daß die Vasallen, um die Zahlung der für die damalige Zeit sicherlich nicht unbeträchtliche Summe von 1 M lüb. zu ermöglichen, den Bauern für das Jahr Erleichterungen an grundherrlichen Abgaben gewährten, so daß auch die Vasallen selbst, wenn auch indirekt, an der ao. Bede beteiligt waren.

Auch bei diesen beiden Schweriner Urkunden ist es durchaus nicht sicher, daß mit der Freiheit von aller Bede auch die Freiheit von einer ordentlichen Bede gemeint ist, der Zusammenhang legt es auch hier wiederum nahe, anzunehmen, daß nur die Freiheit von der alten ao. (unregelmäßigen) Bede gemeint ist. In beiden Urkunden wird ein eigentlicher Anlaß für die Entrichtung der Bede nicht genannt. Höchstens könnte man denken, sie sei eine Gegenleistung für die von den Grafen den Vasallen erwiesenen Vergünstigungen hinsichtlich des Gerichts-, Lehns- und Münzwesens. Jedoch sei bemerkt, daß in der von mir behandelten Zeit eine ao. Bede ohne zwingenden Anlaß 46 ), ferner eine solche als bloßes Entgelt für erwiesene Gunstbezeugungen nicht vorgekommen ist, diese erscheinen vielmehr nur als etwas Nebensächliches. Wir werden also auch hier eine solche "necessitas" als Grund der Bedeerhebung annehmen können; naheliegend ist es, sie gleichfalls in einer Verschuldung der Grafen zu suchen.

Diese beiden Urkunden von 1279 ergeben nun mit Sicherheit, daß in der Grafschaft Schwerin auch die ao. Beden der Reservatfälle der Bewilligung der Mannen bedurften. Wir werden auch - gegen Ihdes, Techens und Hübners Ansicht 47 ) - für die werleschen Herrschaften die Notwendigkeit ständischer Bewilligung annehmen können, zumal da Techen und Ihde zu ihrer Annahme


45) M. U.-B. 1504 A, B. - Das Regest, das von einem Erlaß der regelmäßigen Bede spricht, ist durchaus falsch. - Wie Rachfahl S. 96 zu der Ansicht kommen konnte, daß in diesen beiden Urkunden die Bede fixiert wird, "so daß sie fortan den Charakter einer ordentlichen Jahresabgabe annimmt", ist mir rätselhaft. Die Bede, deren Höhe auf 1 M. lüb. festgesetzt wird und nur in diesem Jahre gegeben werden soll, kann nur die ao. Bede sein.
46) Techen betont dies mit Recht S. 33.
47) Auch Rachfahl meint (S. 97), daß nach dem Bedevertrage von 1285 die Fürsten bei den Reservatfällen "ohne weiteres" eine Steuer ausschreiben durften.
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nur durch das Schweigen der Urkunden von 1275 und 1285 über den Punkt der Bewilligung gekommen sind. Dieses Nichterwähnen der Bewilligung läßt sich mit Spangenberg 48 ) aber sehr wohl dadurch erklären, daß es den Mannen nicht auf die Erreichung eines Steuerbewilligungsrechtes ankam, sondern daß ihnen dies so nebenbei zufiel als Kompromiß für ihren Anspruch auf grundsätzliche Freiheit von der ao. (unregelmäßigen) Bede.

Diese Annahme gewinnt aber durch Rückschlüsse aus späteren Verhältnissen noch sehr an Wahrscheinlichkeit. Es wurden nämlich nicht, wie von Hübner behauptet worden ist, die ao. Beden der Reservatfälle, insbesondere die Prinzessinnensteuer erst im 16. Jahrhundert an vorangehende ständische Bewilligung geknüpft 49 ), sondern die Prinzessinnensteuer, der einzige Fall der Reservatfälle, der sich dauernd gehalten hat und über den wir seit Ausgang des 15. Jahrhunderts (von 1481 ab) bestimmtere aktenmäßige Nachrichten haben, bedurfte in der Gesamtherrschaft stets der Bewilligung durch die Stände auf Landtagen 50 ). Es hindert nichts, anzunehmen, daß dies bereits lange vor 1481 auch in den Teilherrschaften üblich war.

Ebensowenig ist später der von Ihde, Techen, Hübner und von Below betonte grundsätzliche Unterschied zwischen den ao. Beden der Reservatfälle und der wegen Not (necessitas) des Fürsten und .des Landes vorhanden. Die Urkunden bzw. Akten des 14. bis


48) Vom Lehnsstaat zum Ständestaat S. 53/54.
49) S. 8.
50) Die Prinzessinnensteuer hat sich ununterbrochen bis in die jüngst vergangene Zeit hinein gehalten, und zwar in ihrer ursprünglichen Form als Landbede (Hufensteuer auf dem Lande, Haus- (Erben-) Steuer in den Städten, s. Anm. 53). Ihre Höhe setzte der Landesgrundgesetzliche Erbvergleich von 1755 auf 20 000 Rtlr. fest, ihre Umlage erfolgte nach dem Terzquotensystem: Domanium, Ritterschaft und Landschaft (= Städte) zahlten je 1/3 von 11/12 des Gesamtbetrages; 1/12 entrichtete die Stadt Rostock. Zum letztenmal wurde die Prinzessinnensteuer bei der Heirat der Kronprinzessin Cecilie erhoben (1905), und zwar in Höhe von 70 000 M (20 000 Rtlr. N 2/3, = 3,50 M), wozu noch der Beitrag der 1897 in den landständischen Verband wieder aufgenommenen Stadt Wismar und ihrer Güter in Höhe von 3099 M kam. Geheimes und Hauptarchiv Schwerin (S. A.), Landschaft (Vorderstädte) mecklenbg. u. wend. Kreises III E. Sachsse, Mecklenburgische Urkunden und Daten, 1900, S. 483/84, 805/10. Mecklb.-Schwerin. Regierungsblatt 1904 Nr. 47. Die Bedefälle wegen Gefangenschaft und Ritterschlag werden gegen Ende des Mittelalters als Folge der veränderten Kriegsverfassung in Wegfall gekommen sein. Überliefert ist nur einmal (1428/29) eine Landbede wegen Gefangenschaft eines (Stargarder) Fürsten, doch fehlen darüber eingehendere Nachrichten. Über den Bedefall wegen Heirat eines Fürsten vgl. Text S. 35/38.
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16. Jahrhundert kennen, wie wir noch sehen werden, in den Teilherrschaften sowie in der Gesamtherrschaft nur eine einheitliche, von der Bewilligung abhängige, wegen necessitas (Notdurft, Bedürfnis) des Fürsten und des Landes erhobene ao. Bede (Landbede). Es umfaßt dabei die necessitas auch die ao. Beden der Reservatfälle 51 ).

Von einer 1300 der Stadt Rostock zur Aufbringung einer Schatzung für den Abzug feindlicher Fürsten auferlegten Pauschalsumme 52 ) abgesehen, findet sich im 13. Jahrhundert keine urkundliche Nachricht über unregelmäßige bzw. ao. Beden (Landbeden) in den Städten der mecklenburgischen Einzelherrschaften. Trotzdem kann es keinem Zweifel unterliegen, daß sie tatsächlich erhoben sind. Was die ao. Bede (Landbede) anbetrifft, so ist auf Grund von Rückschlüssen aus den Verhältnissen des 15./16. Jahrhunderts anzunehmen, daß ihre Umlage bereits im 13. Jahrhundert in den meisten Städten als Haus- (Erben-) Steuer erfolgte, d. h. in einer nach der Größe der Häuser und des zugehörigen Landes abgestuften Abgabe 53 ). Ferner wird in den meisten Städten die Erhebung der


51) S. Text S. 31/32.
52) Kirchberg bei Westphalen, Monumenta inedita, 1745, IV S. 839/40. M. U.-B. 2583, 2598, 2748, 2749. Detmar-Chronik, Die Chroniken der deutschen Städte Bd. 19. Lübeck Bd. 1, 1884, S. 384.
53) Zum erstenmal wird der Haus- (Erben-) Steuermodus der Städte anläßlich der Landbede von 1479 erwähnt, doch deutet alles darauf hin, daß der Modus etwas Übliches war. Im Verlaufe des Streites um die genannte Landbede verlangten die Herzöge 1482 von der Stadt Rostock vom Giebelhause 1 G., von einem andern gemeinen Hause 1 M lüb., von der Bude 8 ß, vom Keller 4 ß. 1488 forderten sie von jedem Hause 1 G., von der Bude 1/2 G. (= 12 ß), vom Keller 8 ß. (S. A., Stadtakten Rostock, (Onera.) Dieser Satz begegnet hinfort in dem von uns behandelten Zeitabschnitt als Normalsatz in den mecklenburgischen Städten. Der von Ihde S. 44 genannte Satz gehört einer späteren Zeit an. Gelegentlich schwanken die Abstufungen: Volles Erbe, halbes Erbe, Bude (= Keller), vgl. auch für die spätere Zeit Ihde S. 42/44, bes. Anm. 212. Statt der Bezeichnungen: (ganzes) Haus, Bude (halbes Haus), finden sich auch die Benennungen: Erbe (ganzes, heles Erbe), halbes Erbe, hele Wacht, halve Wacht. Einige Städte gaben ein Fixum (ein "genannt"). Außer Rostock und Wismar, die aber eine Sonderstellung einnahmen, waren es im 16. Jahrhundert Wittenburg, Grabow, Krakow, wahrscheinlich auch Dömitz und Fürstenberg. Goldberg gab von alters von jedem Hause 7 ß. - Auf dem platten Lande herrschte dagegen der Hufenmodus. Er begegnet zuerst in den Bedereversalen, doch dürfte der Normalsatz des 14./16. Jahrhunderts: 1 Hufe 1 M (16 ß), 1 Katen 4 ß lüb. wohl erst im 14. Jahrhundert festgesetzt sein, jedenfalls haben die Landbeden der Reservatfälle in den werleschen Bedereversalen von 1276 und 1285 bedeutend niedrigere Sätze (s. Text S. 14/15). Die Sand- oder Hakenhufen (= wend. Hufen) gaben meist nur die Hälfte des Satzes: 8 ß, doch (  ...  )
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Landbede durch landesherrliche Beamte erfolgt sein. Dagegen haben die beiden Seestädte Rostock und Wismar sicher nur gelegentlich Pauschalsummen als freiwillige Beiträge zu Landbeden bezahlt 54 ). Die Entrichtung der Landbede war auch bei den Städten eine freiwillige Leistung, die wenigstens bei den beiden Seestädten und den größeren Landstädten sicherlich auf Grund von Einzelverhandlungen erfolgte 55 ), während die kleinen Städte wohl ohne weiteres auf Grund einer Aufforderung der Landesherren zahlten, falls von Mannen (und Geistlichkeit) eine Landbede bewilligt war.

Bei der Frage nach der Zeit der Einführung der ordentlichen Bede in Mecklenburg - insbesondere auf dem platten Lande - dürften wir über die aus den sog. Bedeverträgen gewonnenen negativen Ergebnisse und über die einen geringeren oder größeren Grad der Wahrscheinlichkeit habenden Feststellung auf Grund der Schweriner, mecklenburgischen, Rostocker und werleschen Urkunden von 1257, 1271 und vom 4. Oktober 1276 schwerlich - wenigstens auf Grund der mecklenburgischen Urkunden des 12. .- 13. Jahrhunderts, bei deren knappen Ausdrucksweise - je hinauskommen, wenn uns nicht einige alte, volkstümliche Ausdrücke die Möglichkeit geben würden, durch Rückschlüsse zu festen Ergebnissen zu gelangen. In den sog. Schloß - Registern und -Rechnungen des 15. und des beginnenden 16. Jahrhunderts wird nämlich die ordentliche Bede in den Vogteien verschiedener mecklenburgischer Einzelherrschaften (Mecklenburg, Rostock, Schwerin, Nebenland Grabow) auch als "olde bede" und als "rechte bede", die ao. Bede (Landbede) dagegen als "nyge bede", "nova precaria", bezeichnet 56 ). Es muß also die ordentliche Bede die ältere sein, wo-


(  ...  ) kommen auch Hufen mit 16, 12 oder 10 ß vor. Manche Dörfer gaben nicht nach Hufenzahl, sondern nur Pauschalsummen (ein genannt, summengelt, nach summenzahl = Überreste der wendischen Agrarform: Kommunismus), vgl. Witte, Wendische Bevölkerungsreste in Mecklenburg, 1905, S. 33, 37, 41/45, 49, 51/53, 57, 59/61, 64/66, 68/72, 74/76, 78/79, 82/83, 85, 108/09. Sehr selten ist die Zahlung nach Morgen, nach Ruten oder die Lieferung von Naturalien.
54) Vgl. Anm. 96.
55) Analog den Verträgen über die Fixierung der ord. Bede (Orbör) in den Städten. Erst im 14. Jahrhundert wurden die Städte zu den Versammlungen der Vasallen, auf denen über derartige Landesangelegenheiten verhandelt wurde, von den mecklenburgischen Fürsten hinzugezogen. Noch 1374 verpflichteten sich die werleschen Städte Parchim, Malchin, Teterow, Lage, daß keine der Städte dem Landesherrn allein eine Landbede geben sollte, wenn dies nicht zuvor auf einer Zusammenkunft der Städte vereinbart wäre. M. U.-B. 10 635.
56) Vogteien: Gadebusch 1448, 1453; Neustadt 1464, 1467, 1468, 1475, 1476; Grabow 1475; Bukow 1473; Schwaan-Bukow 1475; Schwaan und Abtei Doberan ohne Jahr, Hs. der l. Jahrzehnte des 16. Jahr- (  ...  )
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gegen die ao. Bede (Landbede) zu einer bestimmten Zeit neu eingeführt sein muß, so daß sie dem Volke im Vergleich zur ordentlichen Bede als "nyge" Bede erschien. Dieser Zeitpunkt kann nur die Zeit der sog. Bedeverträge gewesen sein, in denen die auf eine bestimmte Höhe fixierte ao. Bede (Landbede) zuerst auftritt.

Es muß auch diese ao. Bede (Landbede) von ihrer Vorstufe, der unregelmäßig erhobenen Bede, sich äußerlich durch ein charakteristisches Merkmal unterschieden haben, durch das sie andererseits eine größere Ähnlichkeit mit der ordentlichen Bede erhielt. Dies wird vermutlich in Hinblick auf die Angaben der Bedeverträge und nach Rückschlüssen aus den Verhältnissen im 14.- 16. Jahrhundert die Fixierung auf eine bestimmte Höhe gewesen sein.

Dies Ergebnis über die Existenz der jährlichen Bede vor den Bedeverträgen berechtigt uns zu der Annahme, daß mit den in der werleschen Urkunde von 1281 erwähnten jährlich widerrechtlich erhobenen exactiones die jährliche Bede gemeint ist 57 ), die in diesem Falle in Widerspruch mit einer früher erteilten Befreiung erhoben war. Eine solche Erhebung mußte natürlich als unrechtmäßige "Schatzung" empfunden werden. Diese Urkunde deutet übrigens auch darauf hin, daß die ordentliche Bede bereits geraume Zeit vor den Bedeverträgen auf dem platten Lande üblich war. Es hätte sich auch sonst nicht im Bewußtsein des Volkes die Vorstellung von einer "olden bede" bilden und 2 - 300 Jahre hindurch lebendig erhalten können.

In einigen Städten läßt sich, wie wir sahen, das Vorhandensein einer ordentlichen jährlichen Bede urkundlich 10 - 20 Jahre vor den sog. Bedeverträgen nachweisen: In Grevesmühlen wahrscheinlich 1267, in Güstrow 1264, in Rostock mit Sicherheit 1259, mit Wahrscheinlichkeit vor 1257/58, und zwar in Grevesmühlen mit Wahrscheinlichkeit, in Güstrow und Rostock mit Sicherheit bereits in Form eines Fixums. In Güstrow tritt dieses in dem genannten Jahre an Stelle der bisher - sicherlich schon längere Zeit üblichen Einzelumlage und Erhebung durch den Landesherrn.


(  ...  ) hunderts. Wie der Vergleich mit den Registern der ord. und ao. Bede (Landbede) ergibt, kann rechte bede nur die ord. Bede sein. Auf dieselbe Weise wie nyge bede könnte auch der besonders im 15. Jahrhundert statt Landbede angewandte Ausdruck "nabede" entstanden sein. Ihde meint S. 29/30, daß der Name nabede daher rühre, daß sie vielfach nach der größtenteils um Michaelis fälligen ord. Bede im Winter erhoben wurde. Auch diese Erklärung hat mancherlei Einleuchtendes. - Bederegister der Herrschaften Stargard und Wenden sind aus dem 15. Jahrhundert gar nicht bzw. nur ganz vereinzelt erhalten.
57) S. Text S. 15.
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Auch in Rostock wird sie bereits längere Zeit vor den genannten Jahren gebräuchlich gewesen sein, wenn es auch bei der mächtigen Stellung Rostocks recht zweifelhaft sein mag, daß hier je der Landesherr selbst die Erhebung vornahm 58 ), und eine rein städtische Steuer in Gestalt des Schosses uns gleichzeitig mit der fixierten ordentlichen Bede (Orbör) begegnet 59 ). Weiter zurück läßt sich urkundlich die ordentliche Bede in Mecklenburg nicht verfolgen. Es wäre aber nicht richtig, wenn man das erste Auftreten der ordentlichen Bede in Urkunden mit ihrer Einführung gleichsetzen wollte. Denn die Urkunden geben uns recht häufig nur Ausnahmebestimmungen an, während die Regel selten und oft erst spät hervortritt. Da aber die Forschung meist nur die Urkunden berücksichtigt hat, so versagen vielfach alle Interpretierungskünste bei der Darstellung älterer Steuer- und Verfassungsverhältnisse. Das Gewöhnliche liegt oft hinter den Urkunden verborgen, es tritt meist erst in späteren Jahrhunderten, wo sich Akten, Register und Rechnungen vorfinden - in Mecklenburg etwa seit der Mitte des 15. Jahrhunderts - zutage 60 ).

Wir werden nun auch hier die Beweiskraft der Fossilien "olde", "nyge", "rechte bede" nicht überschätzen, wenn wir es unter Anlehnung an die oben genannten Ergebnisse der direkten Überlieferung für sicher halten, daß die ordentliche Bede bereits vor der Mitte des 13. Jahrhunderts in Mecklenburg als feste Einrichtung bestand. Damit ist denn auch Spangenbergs und Rachfahls Ansicht, daß die ordentliche Bede erst durch die Bedeverträge ins Leben gerufen wurde, für Mecklenburg widerlegt. Die alten Ausdrücke olde bede, rechte bede machen es sogar sehr wahrscheinlich, daß die ordentliche Bede bereits bei der - nach einigen Ansätzen in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts - in der Hauptsache vom Ende des ersten Jahrzehnts des 13. Jahrhunderts ab durchgeführten deutschen Kolonisation bereits in fester Form eingeführt wurde. Dafür spricht zunächst der Stand der Steuerentwicklung auf altdeutschem Gebiet, wo uns gleichfalls in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, ja z. T. bereits im 12. Jahrhundert eine ordentliche Bede von Städten,


58) Techen S. 60. Über das analoge Verhältnis in den größeren Städten der Mark Brandenburg vgl. Merklinghaus, Die Bedeverfassung der Mark Brandenburg bis zum 14. Jahrhundert S. 87/88.
59) S. Anm. 35, vgl. Staude, Die direkten Steuern der Stadt Rostock im Mittelalter, Jb. 77 S. 133.
60) Vgl. Anm. 142. Grundsätzlich müssen die Akten des 15./16. Jahrhunderts den Ausgangspunkt für derartige Untersuchungen bilden.
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Vogteien und Dörfern des Königsgutes und der Territorialfürsten begegnet 61 ). Ferner sehen wir aus dem Lokatorvertrag über die Ansiedlung in dem Walde von Schartau bei Magdeburg, der sicher aus der Zeit vor dem 25. August 1192 stammt und wohl in den 80er Jahren des 12. Jahrhunderts verfaßt sein mag, daß tatsächlich auf ostdeutschem Gebiet die auf eine bestimmte Höhe fixierte ordentliche Bede (von der Hufe jährlich - "annuatim" - 1 ß "ad collectam, que vulgo bede dicitur") neben jährlichen Leistungen an Zins, Pacht und Zehnten bei der Kolonisation auf dem platten Lande eingeführt wurde 62 ). Wir haben es hier und in Mecklenburg sicher nicht mit vereinzelten, frühen Erscheinungen hinsichtlich des Auftretens der ordentlichen Bede zu tun, denn die Ausdrücke alte, neue, rechte Bede sind auch sonst bezeugt 63 ). Eine gründliche Untersuchung der Steuerregister des 15. und 16. Jahrhunderts in andern deutschen, besonders ostdeutschen Territorien dürfte wohl darüber genügend Aufschluß geben.

Jedenfalls dürfte aber schon jetzt soviel sicher sein, daß die Brandenburger Bedeverträge von 1280/82, durch die ja nach der herrschenden Ansicht die ordentliche Bede erst in Brandenburg eingeführt ist 64 ), keineswegs eine Norm der Entwicklung und Entstehung der ordentlichen Bede widerspiegeln. Wir haben es vielmehr nur mit einer Ausnahmeerscheinung zu tun 65 ). Vielleicht aber existierte die ordentliche Bede auch in Brandenburg bereits vor den Bedeverträgen. Durch die Bedeverträge scheint sie wie


61) Zeumer, Die deutschen Städtesteuern, insbesondere die städtischen Reichssteuern im 12. und 13. Jahrhundert, Schmollers staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen 1. Bd. 2. Heft 1878, S. 9, 12; Zeumer, Zur Geschichte der Reichssteuern im früheren Mittelalter, Histor. Zeitschrift 81 S. 31: Brunner, Grundzüge d. d. Rechtsgeschichte 2, 1903, S. 130/31; von Below im Handwörterbuch der Staatswissenschaft, Art. Bede; Landst. Verf. von Jülich-Berg Teil III Heft 1 S. 5/6, 55, Der deutsche Staat im Mittelalter I S. 331, Probleme der Wirtschaftsgeschichte S. 623, 626, 654.
62) Kötschke, Quellen zur Geschichte der ostd. Kolonisation im 12. bis 14. Jahrhundert, 1912, S. 35/36; Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg 5 S. 228; ebendort 43 S. 154; Forschungen zur deutschen Geschichte 10 S. 643/48.
63) Grimm, Deutsches Wörterbuch I S. 1221; Rachfahl S. 98 Anm. 1.
64) Merklinghaus S. 67; Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg im Mittelalter S. 339 ff.; Spangenberg, Vom Lehnsstaat zum Ständestaat S. 47/48.
65) Schmoller, Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte. 1898, S. 119, meint, daß in Brandenburg der Stand der Zinsverfassung "eine frühe Entwicklung der Steuern überflüssig gemacht habe". Vgl. auch Merklinghaus S. 59, 67.
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die ao. Bede eine Zeitlang - bis zur Erlegung der Bedekaufsumme - außer Kraft gesetzt zu sein. Sie wurde, wie es scheint, erst vom Andreastage 1282 an wieder, und zwar nunmehr zu einem niedrigeren Satze als früher, von neuem erhoben 66 ).

Was Mecklenburg anbetrifft, so ist soviel sicher, daß im


66) Vgl. Riedel, Cod. dipl. Brandbg. A. X. 215 (1282) Befreiung: ab omni minuta petitionis donatione. Wenn 1240 die Stadt Spandau auf 8 Jahre ab omni exactione, petitione, precaria . . befreit wird (Riedel, Cod. dipl. Brandbg. A. XI. S. 3), so könnte damit entgegen Merklinghaus' Ausführungen (S. 66) auch die ordentl. Bede gemeint sein. Es ist ferner die Frage aufzuwerfen, was mit der pensio annua, die uns in den Gründungsurkunden märkischer Städte (Frankfurt 1253, Neu Landsberg 1257, Riedel, Cod. dipl. Brandbg. A. XXIII. S. 1, XVIII. S. 369), insbesondere auch in den Gründungsurkunden stargardischer Städte: Friedland (1244), Neubrandenburg und Lychen (1248) (M. U.-B. 559, 600, 601) begegnet, gemeint ist. Entgegen der herrschenden Ansicht (Merklinghaus S. 66 Anm.6; Boll, Geschichte des Landes Stargard, 1846, I S. 70/72; Hegel, Geschichte der mecklenburgischen Landstände, 1856, S. 36/37; vgl. noch Brennecke S. 57/59; Ihde S. 234 Anm. 129), daß in den Urkunden überhaupt nur von einer Abgabe, dem Grundzins (Areal-[Hausstellen-, Wöhrden-] und Hufenzins), die Rede ist, scheint es so, als ob die pensio annua (annualis, annuatim), die der Markgraf erhält, etwas anderes ist, als der Zins (census), von dem die Städtegründer 1/3 erhalten und 2/3 der Markgraf. Daher ist es möglich, daß hier mit der pensio annua die ord. Bede bezeichnet ist. (Vgl. auch von Mülverstedt, Die älteste Verfassung der Landstände in der Mark Brandenburg vornämlich im 16. und 17. Jahrhundert, 1858, S. 186; vgl. S. 189/93.) Es wird ja auch mit pensio annua in märkischen Urkunden Ende des 13. Jahrhunderts (1296) bis Mitte des 14. Jahrhunderts (Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung S. 349 Anm. 4), wie auch späterhin in einer mecklenburgischen Urkunde (M. U.-B. 10 859, 1376 Stadt Güstrow) die zu einem Fixum gewordene ord. Bede (Orbör) bezeichnet. Andererseits scheint aber auch pensio annua - wenigstens auf dem platten Lande - die Bezeichnung für den Zins (Pacht) gewesen zu sein. Cod. dipl. Brandbg. A. XIII. S. 218 (1275). Es scheinen die öffentlichrechtlichen und die privatrechtlichen Abgaben hier nicht eben klar im Ausdruck geschieden zu sein. So wird ja auch in dem brandenburgischen Bedevertrag vom 1. Mai 1281 die jährliche Bede als census . . . nomine precarie bezeichnet. Cod. dipl. Brandbg. C. I. S. 11. Schuld daran dürfte in der Hauptsache wohl der Umstand-sein, daß für die Berechnung der Höhe der ord. Bede die Höhe des Zinses zugrunde gelegt wurde (Merklinghaus S. 72 ff.). Auch die Tatsache, daß bereits 1208 (Cod dipl. Brandbg. A. XVII. S. 2) das fixierte Bedekorn begegnet, könnte entgegen Merklinghaus' Ausführungen (S. 66) für unsere Vermutung sprechen. Ferner könnten entgegen Merklinghaus' Darlegungen (S. 90) die im 14. Jahrhundert in der Mark wenn auch selten gebrauchten Ausdrücke exactio originalis bzw. Urbede für Orbör (Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung S. 349 Anm. 4) von derselben Bedeutung sein wie der Ausdruck olde bede. Eine Entscheidung können auch hier wohl nur Steuerregister des 15./16. Jahrhunderts bringen.
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13. Jahrhundert die ordentliche Bede in keinerlei Beziehung steht zu der Entwicklung des mecklenburgischen Ständewesens. Auch in späterer Zeit hat sie hierfür keine Bedeutung gehabt 67 ). Da alles dafür spricht, daß die ordentliche Bede als etwas Fertiges in Mecklenburg bei der Kolonisation eingeführt ist, so können wir auch nicht näher auf die Frage nach der Entstehung der ordentlichen Bede und ihrer Entwicklung bis zu ihrer Verjährlichung und Fixierung eingehen, dies läßt sich nur in altdeutschen Territorien behandeln. Doch ist soviel sicher, daß, wie der Name Bede = Bitte anzeigt, die ordentliche Bede ursprünglich eine bittweise erhobene Abgabe war. Aus ihr muß sich im Laufe der Zeiten eine Sitte und schließlich eine Pflicht entwickelt haben 68 ). Was den Rechtscharakter der ordentlichen Bede anbetrifft, so möchte ich mich auch der herrschenden Ansicht anschließen, daß sie eine öffentlich-rechtliche Abgabe, einer Steuer ist, die von den Landesherren auf Grund ihrer landesherrlichen Gewalt erhoben wurde 69 ).

Nur für die Herrschaft Werle und für die Grafschaft Schwerin sind "Bedeverträge" überliefert. Es ist nun die Frage, ob wir annehmen dürfen, daß auch in den Herrschaften Mecklenburg und Rostock solche "Bedeverträge" abgeschlossen sind.

Auf Grund von Rückschlüssen aus den späteren Steuerverhältnissen in Mecklenburg und im Hinblick auf die der Mark Brandenburg möchte ich, wie hernach näher dargelegt werden soll, annehmen, daß dies nicht der Fall war. Allerdings haben auch die Fürsten der Herrschaft Mecklenburg um die Zeit der sog. Bedeverträge


67) Auf die weitere Geschichte der ord. Bede, die sich z. T. bis in die Gegenwart hinein gehalten hat, auf ihre Veräußerung, ihr allmähliches Entschwinden aus dem landesherrlichen Besitz und auf ihre Umwandlung in eine Reallast brauche ich daher auch nicht weiter einzugehen. Ich verweise hierfür auf Brennecke S. 100 ff. und Ihde S. 32. 34/35. Doch bin ich der Ansicht, daß die ord. Bede nur da, wo sie von Adel, Geistlichkeit oder Städten erworben ist, im Laufe der Zeit zu einer privatrechtlichen Abgabe geworden ist, daß sie dagegen sonst ihren öffentlichrechtlichen Charakter bewahrt hat, da diese von Haus aus öffentlichrechtliche Abgabe hier nicht diesen Charakter einbüßen konnte. Auch auf eine andere ordentliche Steuer, die sog. Münzpfennige, brauche ich nicht einzugehen, ich verweise dafür auf Techen S. 63/66, Ihde S. 55/56.
68) S. das mittelniederdeutsche Sprichwort: Erst ene bede, denn ene sede, denn ene plicht. Schiller-Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 1875, I. S. 167.
69) Vgl. Brennecke S. 7/22, Techen S. 39/42, 66, Ihde S. 27, doch wird hier zwischen der unregelmäßigen Bede und der ord. Bede kein genügender Unterschied gemacht.
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mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, vor allem aber müssen die Fürsten der Herrschaft Rostock recht verschuldet gewesen sein. Doch haben augenscheinlich diese Fürsten, insbesondere die Rostocker, unter Ausnutzung der Finanzkraft der Stadt Rostock, in der Hauptsache durch das auch später recht beliebte Mittel der Veräußerung von Grund und Boden oder von Gerechtsamen sich zu helfen gesucht 70 ). Ausdrücklich bezeugt wird uns in einer Urkunde von 1286, daß Nikolaus das Kind für die Bezahlung der Schulden seines Vaters der Stadt Rostock wichtigen Grundbesitz verkaufte 71 ).

Daß aber auch in der Herrschaft Mecklenburg ungefähr seit der Zeit der sog. Bedeverträge die regelrechte Bewilligung für die ao. Bede (Landbede) erforderlich war, zeigen bereits die Urkunden von 1305, 1314 und 1315 72 ). Wir dürfen annehmen, daß die Bewilligung, ohne daß ein regelrechter "Bedevertrag" abgeschlossen wurde, sich ganz von selbst durchsetzte 73 ). Jedenfalls dürfte dies in der Herrschaft Mecklenburg eine natürliche Folge der besonderen Verhältnisse des Vormundschaftsstreites (1275 ff.) und der Vormundschaftsregierung gewesen sein 74 ). Ähnlich werden die Verhältnisse in der Herrschaft Rostock gewesen sein, zumal da auch hier die jungen Fürsten, insbesondere Nikolaus das Kind, nach dem 1282 erfolgten Tode des Fürsten Waldemar längere Zeit unter Vormundschaft standen 75 ). Von Bedeutung dürfte auch für beide Herrschaften das Vorbild der Herrschaft Werle und der Grafschaft Schwerin gewesen sein. Die durch Analogie-und Rückschlüsse gewonnenen Gründe für unsere Annahme, daß in den Herrschaften Mecklenburg und Rostock keine Bedeverträge abgeschlossen wurden, sind nun die folgenden: Es werden nämlich in der Mark Brandenburg vielfach bei Steuerbewilligungen im 14. bis 16. Jahrhundert zunächst (1338) die alten Reservatfälle der Bedeverträge von 1280/81 (Gefangenschaft des Markgrafen,


70) Herrschaft Mecklenburg: M. U.-B. 854, 877 (1260), 969 (1262), 1122 (1267), 1488, 1497 (1279), 1870 (1286). Herrschaft Rostock: M. U.-B. 686 (1252), 1381 (1275), 1444 (1277), 1474 (1278), 1514 (1280), 1634 (1282), 1676 (1283). Es ist recht wohl möglich, daß in beiden Herrschaften neben den Veräußerungen und Verpfändungen auch gewöhnliche unregelmäßige bzw. ao. Beden - d. h. in geringerer Höhe und ohne Beteiligung der Eigenkultur der Grundherrn - erhoben wurden, wie dies auch im 15. und 16. Jahrhundert der Fall war. Vgl. Text S. 53.
71) M. U.-B. 1836.
72) Techen S. 28, 29, 38: M. U.-B. 3040, 3694, 3782.
73) Vgl. auch Rachfahl S. 99.
74) S. Text S. 50 ff.
75) S. Text S. 53.
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Kriegsgefahr, necessitas legitima [Verlust einer Hauptschlacht]), dann aber (1343 ff.) daneben auch andere (Heirat der Töchter, Ritterschlag der Söhne - später ebenso wie der Fall der Gefangenschaft des Markgrafen in Wegfall gekommen -, Reise zum kaiserlichen Hof [Regalienempfang], Reichs- und Kreissteuern, Legations-, Fortifikationskosten, Kammerzieler), als Fälle, bei denen dem Markgrafen (Kurfürsten) ein Recht auf Bedeforderung zustand, ausdrücklich reserviert 76 ). Dagegen findet sich weder in den mecklenburgischen Teilherrschaften, noch in der späteren mecklenburgischen Gesamtherrschaft etwas Derartiges in den Urkunden, Registern und Akten des 14. - 16. Jahrhunderts. Es wird bis zu den Reversalen von 1555 und 1561 einschließlich hier immer allgemein nur die necessitas oder instantia (Notdurft, Bedürfnis, Not) des Fürsten und des Landes als Grundlage für die Steuerforderung genannt 77 ). Einige die Insel Poel betreffende Urkunden der Herrschaft Mecklenburg aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erläutern uns diesen Begriff der necessitas näher und zeigen deutlich, daß eine Beschränkung des Rechtes der Bede-


76) von Mülverstedt S. 199/203. Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg im Mittelalter S. 383/84.
77) Über diese "necessitas" (nod.) in mecklenburgischen und werleschen Urkunden des 14. Jahrhunderts s. Techen S. 33/34, ferner M. U.-B. 2922, 23, 1304 (Herrschaft Stargard). Gesamtherrschaft Mecklenburg: Von der Landbede von 1479 heißt es einmal, daß sie "to unsen noden" erbeten sei: Stadtarchiv Rostock (Ro. A.), Korresp. m. d. Landesherrn 3. VIII. 1482. Anläßlich der Landbede von 1528 erklären die Herzöge, daß die Landbede "zu zeiten und gemeinlich nach vorscheyninge etzlicher jar, adir zu fürfallenden ansehenlichen anligen ingereumt wirdt". S. A. Steuerakten G. A. I. C. 2. II. 1529. Der Landtag Wismar 19. (20.) III, 1542 wurde der "beschwerlichen notdurften" wegen ausgeschrieben. In den Reversen vom 5. VII. 1555 und 25. IX. 1561 heißt es: ". . . . ob einige [landbeden] den landesfürsten in künftigen zeiten aus redlichen fürfallenden ursachen vonnöten". Sachsse S. 239, 256. - Vgl. dazu noch Cartellieri, Peter von Aragon und die sizil. Vesper, 1904, S. 103 Anm. 3 (1267); Maerker, Die Collecta in der Monarchia Sicula,. 1889, S. 6; E. Mayer, Ital. Verf.-Gesch. I S. 321; von Gneist, Engl. Verf.-Gesch., 1882, S. 171. Decretales Gregorii cap. 6 Liber III Tit. 39. Cum apostolus (anno 1179): Prohibemus etiam, ne subditos suos talliis et exactionibus episcopi gravare praesumant. Sustinemus autem pro multis necessitatibus, quae aliquotiens superveniunt, ut si manifesta ac rationabilis causa exstiterit, cum caritate moderatum ab eis valeant auxilium postulare. Bei Johann Teutonicus (von Schulte, Die Geschichte der Quellen und Literatur des kanonischen Rechtes von Gratian bis auf Papst Gregor IX. 1875 S. 173) heißt es in seinem vor 1215 vollendeten Apparatus ad decretum, benutzte Ausgabe Basel 1512, fol. 232 (Glosse zu Decretum Gratiani cap. 40 Causa XVI. quaestio 1 Generaliter sancimus): . . . sed episcopus tempore necessitatis cum charitate aliquid moderate potest ab eis petere.
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forderung auf 2 - 3 Reservatfällen in der Teilherrschaft Mecklenburg um diese Zeit nicht bestand, sondern daß bei verschiedenartigen und recht weitgehenden Anlässen (Hochzeiten, Kindbetten, Ritterschlag, Kriegsnot, Schulden), ja bei neu aufkommenden Notfällen und Bedürfnissen ao. Beden (Landbeden) bzw. ao. freiwillige Gaben (dona gratuita) in Geld und Naturalien entrichtet wurden 78 ). Hiermit stimmen auch die tatsächlichen Verhältnisse überein. Denn zur Zeit der Bedeverträge war in Mecklenburg an einige der späteren Fälle der Landbede noch nicht zu denken: Landbede als Ablösung für nicht geleisteten Roßdienst (wahrscheinlich erst im 14. Jahrhundert aufgekommen), als Hilfe zu den Kosten der Reichsbelehnung und der Reisen zum Kaiser oder zum Reichstag (nachweisbar im 15./16. Jahrhundert, Mecklenburg wurde erst 1348 Reichslehn), als Reichssteuer (erst seit Ende des 15. Jahrhunderts erhoben). Sie sind also neu aufgekommen, aber wir merken nichts davon, daß deswegen irgendwelche neue Bedeverträge abgeschlossen wurden. Die Forderung, Bewilligung und Erhebung vollzieht sich, wie die Akten des 15./16. Jahrhunderts zeigen, in derselben Form wie die der übrigen.

Die Verhältnisse bei den tatsächlich erhobenen Landbeden wegen Schulden 79 ) ergeben ferner, daß Hübners Annahme, daß jedesmal, bevor eine gemeine Landbede wegen Schulden erhoben wurde, ein besonderer Bedevertrag abgeschlossen werden mußte 80 ), falsch ist.

Hübner übersah bei seiner lediglich auf Grund der sog. Bedeverträge des 13. und der Steuerreversalen des 16./17. Jahrhunderts vorgenommenen Konstruktion, daß das Charakteristische


78) M. U.-B. 4927 f. (1328), 5221 (1331), 5404 (1333), 6360 (1543). Die Ähnlichkeit der in Frage kommenden Stellen der Urkunde von 1328 mit denen eines die Frage nach Rostocks Steuerpflicht behandelnden Rechtsgutachtens (consilium) von [1482] (S. A., Stadtakten Rostock Onera), das in der Hauptsache auf den Werken von dem 13. und 14. Jahrhundert angehörenden Glossatoren des römischen Rechts beruht (vgl. Anm. 107), ist bemerkenswert: Beide kennen nur ein uneingeschränktes, nicht auf bestimmte Fälle festgelegtes Bedeforderungsrecht. Ferner heißt es auch in der Urkunde: . . seu causarum aliarum quibuscunque casibus emergencium faciendis vel dandis und mit gleichem Sinn und wörtlichem Anklang im Consilium: Si aliquis casus de novo emergat und: pro hiis causis et aliis similibus emergentiis. Dem Hersteller der Urkunde war offensichtlich das römische Recht und seine Glossatoren bekannt!
79) 1 1359 (M. U.-B. 8561), 1386/87, (M. U.-B. 11 760, 61) 1479, 1517/18, 1531 ff.
80) S. 8. Auch Hegels Auffassung S. 62 ist nicht zutreffend.
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und Wesentliche bei beiden Gruppen darin besteht, daß es sich jedesmal um eine Schuldentilgung großen Stils handelte und vor allem, daß dazu auch die Grundherren freiwillig von ihrer Eigenwirtschaft Steuer zahlten bzw. eine ungewöhnliche Belastung ihrer Untertanen zuließen, obwohl ihre Steuerfreiheit bei der Kolonisation (nova plantatio) durch Privilegien festgesetzt war. Als Gegenleistung für ihre Opfer verlangten und erhielten sie daher auch neben der Bestätigung alter Privilegien vor allem die Bewidmung mit neuen. Dagegen findet sich entgegen der herrschenden Ansicht 81 ) nichts von einer Gegenleistung bei den gewöhnlichen Landbeden wegen Schulden im 14. - 16. Jahrhundert. Einer der wichtigsten Gründe für die Ausstellung der Bedeverträge war daher der Umstand, daß die Mannen einen Revers, einen Schadlosbrief, ausgestellt haben wollten, der ihnen ihr altes, eben durchbrochenes Privilegium der Bedefreiheit der Hofhufen sicherte und verhinderte, daß die gegenwärtige Steuerleistung von den Hofhufen als Präjudiz bei zukünftigen Steuern von den Fürsten ausgenutzt werden konnte. Man bezeichnet daher auch die Bedeverträge des 13. Jahrhunderts besser als Bedereversalen im Einklang mit den Reversalen des 16./l7. Jahrhunderts, mit denen sie inhaltlich ja eine große Ähnlichkeit haben.

Die Urkunden, Regesten und Akten des 14. - 16. Jahrhunderts ergeben also, daß die Einschränkung der Bedeforderung auf zwei bis drei Reservatfälle, welche in den werleschen und Schweriner Bedereversalen festgesetzt wurde, weder eine Nachwirkung in mecklenburgischen Teilherrschaften (Wenden, Mecklenburg), noch in der Gesamtherrschaft gehabt hat. Es bestand vielmehr im 14. bis 16. Jahrhundert in den Teilherrschaften und hernach in der Gesamtherrschaft ein durch notwendige Bedürfnisse bestimmtes, uneingeschränktes Steuerforderungsrecht der Landesherren, die "Freiheit, um eine Bede fragen zu dürfen", dem allerdings ein gleiches Recht der Stände auf Steuerbewilligung gegenüberstand 82 ).

Hegel behauptet 83 ), daß die mecklenburgischen Landesherren zur Zeit der Bedereversalen, wenn sie von den Ständen (Vasallen) ao. Beden forderten, sich nicht an ihr ganzes Land, sondern an einzelne Vogteien (terrae) gewandt hätten. Dies ist aber nicht zutreffend. Bereits die Reversalen von 1276 84 ) sind Mannen und Geistlichkeit der Herrschaft (dominium) Güstrow (= Werle -


81) Spangenberg, Vom Lehnsstaat zum Ständestaat S. 82, 84.
82) Böhlau, Fiskus S. 30/31, Hegel S. 111.
83) S. 62, 74, 107; vgl. auch Böhlau, Fiskus S. 14.
84) M. U.-B. 1413, 1414.
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Güstrow), bzw. der Herrschaft Gnoien 85 ) gegeben worden. Wenn auch die Reversalen von 1279 86 ) den Vasallen der Vogteien Wittenburg und Boizenburg gesondert ausgestellt sind, so ist dies keineswegs eine Bestätigung für Hegels Auffassung; denn als es schon längst Landstände in den selbständigen mecklenburgischen Teilherrschaften gab, war es noch Sitte, daß bei Huldigungen und Privilegienbestätigungen sich einzelne Vogteien Sonderurkunden ausstellen ließen 87 ). Geradezu gegen Hegels Ansicht spricht der Umstand, daß beide Urkunden am selben Tage und Ort ausgestellt sind und daß in beiden Urkunden dieselben Zeugen auftreten 88 ). Wenn schließlich die Fürsten von Werle ihren Vasallen in den Vogteien Röbel, Malchow und Wenden (Wredenhagen) über die Übernahme von dem dritten Teil ihrer Schulden 1285 einen Revers ausstellen 89 ), so darf man daraus schließen, daß die fehlenden zwei Drittel von den übrigen Vasallen getragen wurden, und daß diesen gleichfalls zur selben Zeit nicht mehr erhaltene Reverse ausgestellt wurden. Dafür spricht schon der Ausstellungsort Sprenz, der in keiner der genannten Vogteien, sondern beträchtlich nördlicher liegt. Für die eigenartige Verteilung der Schulden mögen irgendwelche praktischen Gesichtspunkte maßgebend gewesen sein. Wie ja eine in mancher Hinsicht ähnliche Verteilung der fürstlichen Schulden auf die einzelnen Stände von den Rostockern noch auf dem Landtage zu Güstrow am 23. Mai 1555 vorgeschlagen wurde. Auch die Nachrichten über die allgemeinen, über das ganze Land (Herrschaft) gehenden ao. Beden (Landbeden) des 13. und des 14./15. Jahrhunderts bestätigen durchaus unsere Auffassung 90 ).

Schließlich ist noch die Frage nach der Art und dem Aussehen der ao. Bede (Landbede) in den mecklenburgischen Herrschaften vor der Zeit der Bedereversalen - also der unregelmäßigen Bede - zu behandeln.

Wir nahmen auf Grund der Ausdrucksweise der Urkunden mit Techen an, daß bis etwa 1250 und z. T. darüber hinaus mit


85) Gnoien begegnet uns noch in dem Teilungsvertrag von 1480 (Sachsse, Mecklbg. Urkunden und Daten S. 175 u. 177) neben den Landen Mecklenburg, Stargard, Wenden und der Grafschaft Schwerin als ein besonderer Landesteil.
86) M. U.-B. 1504 A u. B.
87) Vgl. Jb. 14 S. 119 (1414), S. 120 (1436), Jb. 17 S. 335/37 (1437), S. 142 (1477). Vgl. auch von Below, Landständische Verfassung v. Jülich-Berg bis 1511, Teil II S. 26, 36.
88) Die Urkunde B hat nur einen Zeugen, Hinricus de Blücher, mehr.
89) M. U.-B. 1781.
90) Ähnlich waren auch die Verhältnisse bei der Heersteuer von 1395. M. U.-B. 12 791.
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den peticiones bzw. exactiones sowohl unregelmäßige Beden, als auch irgendwelche durch Bitte, Vereinbarung oder Zwang erhobenen Abgaben gemeint sind. Dagegen haben wir es in den Fällen, wo von der generalis peticio (bzw. universalis petitio, communes peticiones) die Rede ist, sicher mit der unregelmäßigen Bede zu tun. Diese wurde als allgemeine Bede von allen Untertanen des platten Landes gewohnheitsmäßig entrichtet. Ein fester Satz begegnet uns erst in den ao. Beden (Landbeden) der Bedereversalen. Es ist anzunehmen, daß die unregelmäßige Bede in ungleichmäßiger Höhe erhoben wurde 91 ), und daß ein fester, gleichförmiger Satz erst durch die Bedereversalen geschaffen wurde.

Zu weiteren Ergebnissen - auch über die Verhältnisse in den Städten - kommen wir auch hier wieder durch die Rückschlüsse von alten Gebräuchen und Ausdrücken. Während in dem zweiten werleschen und im Schweriner Bederevers ein Reservatfall die Heirat der Fürsten war, findet sich dieser Fall einer ao. Bede später in der mecklenburgischen Gesamtherrschaft nicht, wie die Akten und Register des 15. und 16. Jahrhunderts mit Sicherheit ergeben. Dagegen tritt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine eigenartige, Steuer, Landsteuer, Schatzung oder Gift genannte Abgabe zutage, die teils in Geld, teils in Naturalien bei der Heirat der Fürsten und auch bei deren Kindtaufen von den Bauern und von den Einwohnern der Städte erhoben wurde. Die Höhe der Geld- und Naturalleistungen war aber nicht gleichförmig, sondern verschieden. Diese Abgabe bedurfte nicht einer besonderen Bewilligung durch die Stände auf einem Landtag, sondern wurde auf bloßes Anfordern, z. T. auch auf Grund von Einzelverhandlungen, den Herzögen gewohnheitsmäßig entrichtet, aber als ein freiwilliges Geschenk ("zu verehrung geschenkt"). Wir dürfen wohl annehmen, daß dieser Brauch der freiwilligen Geschenke bei den betreffenden Anlässen eine besondere Einrichtung der alten Teilherrschaft Mecklenburg war, die hernach auf die Gesamtherrschaft übertragen wurde. Jedenfalls waren diese Abgaben nach Herzog Albrechts des Schönen Erklärung (1524/25) von alters her üblich 92 ). Im übrigen gab auch die Stadt Rostock im


91) Vgl. S. 25. Ebenso wie die Höhe der ord. Bede nicht gleichmäßig, sondern verschieden war (Ihde, Amt Schwerin S. 32/33), wird es bei der unregelmäßigen Bede gewesen sein, weil die Neuansiedlung in den Dörfern und Vogteien zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Umständen und Bedingungen erfolgte.
92) S. A., Landesteilungsakten Vol. 1, 18, 19. 1513 bestanden anläßlich von Heinrichs V. Hochzeit diese Leistungen in Geldgeschenken der Landstädte und Geistlichkeit, ferner in Geldablösungen der Städte für die zum Lehns- und Aufgebotswesen gehörenden Ehrendienste (Stellung (  ...  )
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14.-16. Jahrhundert bei diesen und andern Anlässen (Besuche, Huldigungen, Begräbnis, Rückkehr von Pilgerfahrt, Reise zum Kaiser) derartige freiwillige Geschenke (Fische, Schwäne, Pferde, silberne Gefäße, Geldsummen). Sie wurden, wie es einmal (1537) in einer Rostocker Landtagsinstruktion heißt, als Herzog Heinrich anläßlich der Hochzeit seiner beiden Töchter 40 G. für ein Pferd begehrte, "voreeret . . ane vörplichtinge und nhadele privilegien und older frygheit" 93 ). Solche und ähnliche freiwilligen Gaben haben sich besonders bei der Hochzeit von jungen, nichtregierenden


(  ...  ) von Gewappneten bzw. Wagen bei Festlichkeiten der fürstlichen Familie (Hochzeiten, Kindtaufen, Begräbnissen, Reisen) und schließlich in Ochsengeld, das von den Ämtern her kam, wohl Ablösung für die von den Bauern sonst in Natura gegebenen Ochsen (Rentereiregister). - Über die Ehrendienste der adl. Lehnsleute, der Geistlichkeit und Städte vgl. Jb. 9 S. 170/73; Lisch, Urkunden und Forschungen zur Geschichte des Geschlechts Behr, 1861, IV S. 167 - 173; Lisch, Urkundensammlung zur Geschichte des Geschlechts von Maltzan, 1842, IV S. 511/12. S. A., Aufgebotsakten 22. XI. 1537. Stargarder Amtsbuch 1624. Nach einem Register von [1524] (S. A., Landesteilungsakten Vol. 20) erhielt Albrecht bei seiner Hochzeit gleichfalls Geldablösungen von den Städten statt der beim Ehrengefolgsdienst zu stellenden Knechte (4 G. für jeden Knecht) auf Grund eines Anschlags nach der heimischen Musterrolle. Die Tarthäuser Mönche gaben 30 G. Die Bauern des Klosters Zarrentin 9 ß an Geld und 3 Scheffel Hafer von der Hufe, außerdem je 8 Bauern 1 Ochsen, die Bauern des Klosters Ribnitz von der Hufe 8 ß und 3 Scheffel Hafer. Schließlich hatte Herzog Albrecht noch von der Stadt Ribnitz von jedem Hause 1 M haben wollen statt der 20 G., welche die Stadt als Pauschalsumme geben wollte, und von der Stadt Neukalen von jedem Hause 1 G. Auf einem Landtage im Jahre 1524 an der Sagsdorfer Brücke (S. A., Landtagsakten) beklagte sich Heinrich bei den Ständen, daß diese "steur und schattinge" ungebührlich und ungewöhnlich gewesen sei. Augenscheinlich hatte Albrecht den "armen Leuten" mehr, als bisher üblich war, "aufgelegt" und gewaltsam "abgedrungen". - Es erhielten übrigens auch die Inhaber von adl. Lehngütern von ihren Bauern Geld und Naturalien bei Hochzeit der Grundherrn oder bei Heirat ihrer Töchter oder Schwestern als "Hochzeitssteuer", ferner bei Kindtaufen. Lisch, Maltzan. Urk. III S. 147 (1573). Graf von Oeynhausen, Geschichte der ritterschaftl. Lehnbauernschaft Steder-Niendorf, 1903, S. 11 (1601). S. A., Lehnsakten Generalia, Hochzeitssteuer 1621. Nach einem undatierten, etwa aus dem Jahre 1525 stammenden Verzeichnis sollte in den Gebieten der Klöster für die fürstliche Kindtaufe jeder Bauer geben: 1 Gans, 2 Hühner, 1 Stiege (20 Stück) Eier und für die Hufe 3 Scheffel Hafer, 4 Hüfner zusammen 1 Hammel, 8 Kätner desgl., 2 Kätner zusammen 1 Gans, 1 Kätner 1 Huhn, 1/2 Stiege Eier, 1 Kätner, wenn er Acker hat oder wenn er Schmied ist, 2 Scheffel Hafer. Sämtliche Hüfner und Kätner eines Dorfes zusammem 4 Tonnen Bier.
93) Ro. A., Acta, betr. Geschenke von Schwänen, Lachs, Stör usw. an die Landesherrn; Acta, Erbhuldigungen; Korr. mit Wismar 28. XI. 1480; Korr. m. d. Landesherrn 19. XI. 1499; Fräuleinsteuer 12. VI. 1512. Vgl. noch M. U.-B. 11 247 (1379/80): "150 M ob petitionem [= Bitte] (  ...  )
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Fürsten, bei der Taufe eines Prinzen und beim Regierungsantritt eines Fürsten als sog. "dona gratuita" z. T. bis in die jüngstvergangene Zeit hinein gehalten. Seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts begegnen darüber eingehendere Nachrichten 94 ). Sie wurden jetzt bereits auf Konventen 95 ) bzw. Landtagen bewilligt, und zwar in Form von Kleinodien oder Geldsummen. Wenn die Stände


(  ...  ) . . in subsidium exequiarum." Ro. A., Weinamtsrechnungen 1431/32, Schoßrechnungen 1479, 1512/13, 1527; Acciserechnungen 1496/97, 1505/06, 1507/08. Ungeordnete Landtagsakten: Fragment einer Instruktion für Rost. Ratssendeboten zum Landtag (wahrsch. 26. XI. 1537). 1557 stellte es die Stadt in Abrede, daß sie verpflichtet sei, an Johann Albrecht zur Taufe einige lebende Schwäne zu liefern. Sie betrachtete sie nur als eine Verehrung.
94) S. A., Landschaft (Vorderstädte) mecklenburgischen und wendischen Kreises I C Landesherrl. Ehren und Trauerfälle. 1612 wurden 3000 Rtlr. und anscheinend 3 Pokale als "Präsente" zur Taufe eines Prinzen gegeben. Die Umlage dieses "Patenpfennigs" erfolgte in der Art, daß auf dem Lande von jedem Lehnpferd 8 Rtlr., in den Städten von jedem Hause 1 fl. 6 ß gegeben wurde. Doch gaben hier nur die größeren Städte, die übrigens auch nur vom Landesherrn zur Taufe geladen waren. Dagegen gaben 1665 bereits alle Städte zum Patenpfennig. Die 3000 Rtlr. wurden hier je zur Hälfte von Ritterschaft und Landschaft (= Städte) getragen. Rostock gab 200 Rtlr. 1748 betrug das Gevattern-Präsent 10 000 Rtlr. Bei der Vermählung von jungen, noch nicht zur Regierung gelangten Fürsten wurde eine bestimmte Summe (1743 8000, 1767 5000, 1775 2000 Rtlr.) zur Unterhaltung des fürstlichen Haushaltes als jährlicher freiwilliger Beitrag ("Subsidium", "adjutum", "Beisteuer") gezahlt. - Gelegentlich findet sich die Bestimmung, daß der Vater des jungen Fürsten 1/3 der Unterhaltungskosten vom Domanium beisteuern sollte. - 1748 wurden zu den "Vermählungsspesen" ein einmaliges besonderes "don gratuit" von 8000 Rtlr. gegeben. Das den Fürsten bei ihrem Regierungsantritt (nach der Huldigung) gegebene "don gratuit", "freiwilliges donum oder Geschenke" bestand im 17. Jahrhundert in einem silbernen Service im Werte von 5000 Rtlrn. Im 18. bis 20. Jahrhundert scheint bares Geld gegeben zu sein: 1703 12 000, 1748 24 000, 1757 16 000 Rtlr. "Nach altem Herkommen werden in Mecklenburg-Schwerin einem neuen Landesherrn beim Antritt seiner Regierung die Gesinnung treuer Liebe und Anhänglichkeit von Ritter- und Landschaft durch Darbietung eines doni gratuiti zum Ausdruck gebracht", heißt es im Landtagsprotokoll von 1901. Die Höhe dieses donum gratuitum war "in dem herkömmlichen Abmaß" 24 000 Rtlr. Gold = 79 776 M, wovon Rostock 1/12, die übrigen 11/12 von Ritter- und Landschaft des mecklenburgischen und wendischen Kreises je zur Hälfte aufgebracht wurden. 1757 betrug der Beitrag von der Hufe 2 Rtlr., 1901 und früher wurde der Betrag teils aus ständischen Kassen, teils durch Anleihe gedeckt. - Friedrich Franz I. erhielt übrigens 1806/07 eine besondere "Sublevation" von 6000 Rtlrn., als er während der französischen Okkupation sich in Altona aufhielt.
95) Konvente waren Versammlungen der Stände, deren Einberufung nicht durch den Landesherrn, sondern durch die Landmarschälle bzw. Landräte und Deputierte des Engeren Ausschusses erfolgte.
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sich auch moralisch verpflichtet fühlten, diese "Präsente" zu leisten, so wurde doch die Freiwilligkeit der Leistung des "don gratuit" betont, und z. T. wurden auch besondere Reversalien verlangt, damit die Leistung nicht als Präjudiz dienen konnte 96 ). Diese bei besonderen Anlässen und Bedürfnissen der fürstlichen Familie entrichteten freiwilligen Gaben, die ursprünglich teils in Geld, teils in Naturalien ungleichförmig erhoben wurden, dürften als Überreste einer älteren Epoche das älteste Stadium der ao. Bede (Landbede) darstellen. Diese freiwilligen Gaben werden bei der Kolonisation in Anlehnung an altdeutsche Verhältnisse 97 ) in Mecklenburg eingeführt sein. Möglicherweise fand aber ein Teil von ihnen bereits bei der Kolonisation in festerer Gestalt, nämlich zu der unregelmäßigen Bede umgewandelt, in Mecklenburg Eingang. Allerdings begegnet die unregelmäßige Bede urkundlich erst bald nach der Mitte des 13. Jahrhunderts 98 ), doch können hierbei Zufälligkeiten der Überlieferung vorliegen. Nach den Bedereversalen nämlich könnte bereits bei der Kolonisation (novella plantatio) den Grundherren die Freiheit von der unregelmäßigen Bede für ihre Hofhufen zugesichert sein 99 ), insbesondere aber war es um 1183 in Altdeutschland bei allen Bischöfen und andern Landesfürsten Sitte, derartige unregelmäßige Beden (exactiones sive petitiones) auszuschreiben, so oft ein unvermeidliches Bedürfnis (inevitabilis necessitas) sie dazu nötige 100 ).

Nach Ansicht von Rachfahl, Spangenberg und Ihde sollen, wie im Anfang erwähnt, die Fürsten diese unregelmäßigen Beden willkürlich erhoben haben. Es kann aber billig bezweifelt werden, daß dies in der Regel wirklich der Fall gewesen ist, weil


96) Solche freiwilligen Geschenke stellen auch die Fixa dar, welche Rostock und Wismar seit Ausgang des 15. Jahrhunderts zur Landbede entrichteten, ferner die als subsidia charitativa bezeichneten Leistungen der Johanniter und anderer geistlicher Korporationen im 14. Jahrhundert. Ähnlich lagen die Verhältnisse bei der zweiten Art von ao. Steuern, die in Mecklenburg begegnen, bei der wahrscheinlich erst im Laufe des 14. Jahrhunderts aufgekommenen Heersteuer (Roßdienstgeld, Knechtegeld genannt). Sie wurde erst von 1527 ab von den Ständen gemeinschaftlich auf Landtagen bewilligt. Vorher wurde sie auf Anfordern oder auf Grund von Einzelverhandlungen gewohnheitsmäßig, aber freiwillig entrichtet.
97) Freiwillige Gaben bei der Hochzeit einer Königstochter, bei der Wehrhaftmachung eines Königssohns usw. gab es bereits im fränkischen Reich. Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte, 1887, II S. 70.
98) S. Text S. 15/18.
99) M. U.-B. 1413, 1781, vgl. auch 1504 A u. B und 1550. Falls nicht etwa, was auch möglich ist, den Lehnsleuten ganz allgemein die Freiheit von allen Abgaben zugesichert wurde.
100) Zeumer, Die deutschen Städtesteuern S. 9.
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diese Beden eine Zwischenstufe zwischen den freiwilligen Gaben und den ebenfalls freiwilligen Landbeden waren. Vielmehr ist anzunehmen, daß auch hierbei Brauch, Herkommen und freier Wille eine Rolle gespielt haben. Außerdem werden wir noch sehen, daß die mecklenburgischen Fürsten in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die aus Prälaten, slavischen und deutschen Adligen und Ratsherren der bedeutenderen Städte sich zusammensetzenden Großen ihres Landes, sodann die Angesehensten der Vasallen und von den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts ab die Räte (Landräte) zwar nicht pflichtmäßig, wohl aber auf Grund von Herkommen und Brauch häufig zu allen möglichen Regierungs- und Verwaltungsmaßnahmen heranzogen und deren Rat und Zustimmung einholten. Somit ist auch anzunehmen, daß, falls unregelmäßige Beden erhoben werden sollten, zuvor diese einflußreichen Kreise zu Rate gezogen wurden 101 ). Jedenfalls hören wir in späterer Zeit (1521) einmal gelegentlich, daß "es gewonlich und gebräuchlich herbracht sei, daß die Herzöge, wenn eine Landbede gefordert werden sollte, sich zuvor mit etlichen ihrer Räte (Landräte) unterredet hätten" 102 ). Insbesondere bei neuen, nicht bei der Kolonisation durch Vertrag oder hernach gewohnheitsrechtlich festgesetzten Fällen von Bedeforderungen, sowie bei häufigeren Forderungen, wird eine Zustimmung der führenden Kreise üblich und auch für die Fürsten ratsam gewesen sein, um bei der Steuererhebung nicht auf Widerstand zu stoßen. Freilich zu Berufungen der gesamten Vasallen usw. des betreffenden Landes ist es nach den überlieferten Nachrichten erst zur Zeit der Bedereversalen gekommen, wo die besonders neuartige, ungewöhnliche, durch die Schuldentilgung großen Stils notwendige Steuer dies erforderlich machte. Jedenfalls erwarben die Vasallen in der Herrschaft Werle und in der Grafschaft Schwerin bei diesen Anlässen als geschlossene Einheit, gleichsam als Korporation, ein Recht auf Steuerbewilligung, wie wir noch näher darlegen werden 103 ).

Rachfahl, Spangenberg und Ihde nehmen ferner hinsichtlich des Rechtscharakters der unregelmäßigen Bede an, daß sie kraft landesherrlicher Gewalt erhoben wurde. Die mecklenburgischen Urkunden vor der Zeit der Bedereversalen ergeben für diese Annahme keinen Anhalt 104 ). Überhaupt sagt nur die Urkunde von 1271 etwas Näheres aus. Ebenso wie hernach bei der ao. Bede (Landbede) wird hier die allgemeine Notdurft (universalis necessitas) des


101) S. Text S. 46 ff.
102) S. A., Landesteilungsakten Vol. 8, 24. XII. 1521.
103) S. Text S. 53/54.
104) Techen S. 42.
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Fürsten und des Landes genannt 105 ). Die Not des Landes als Motiv der Bedeforderung dürfte aber erst ganz jungen Datums sein 106 ). Ursprünglich wird das rein persönliche Moment der Notdurft des Fürsten das Motiv der Forderung einer unregelmäßigen Bede gewesen sein. Die rechtliche Grundlage für eine solche Forderung war bei den Lehnsleuten das Lehnsverhältnis, zurückgehend auf die ursprüngliche Verpflichtung des Lehnsmannes zur Leistung von "consilium et auxilium" 107 ). Dagegen wird bei der Geistlichkeit und den Städten das Untertanenverhältnis die Rechtsgrundlage für die Bedeforderung gewesen sein.


105) S. Text S. 16.
106) S. Text S. 53/54.
107) Die drei bis vier bekannten Ehren- und Notfälle begegnen uns in England als auxilia, feudal aids: von Gneist, Engl. Verfassungsgeschichte, 1882, S. 165, 171; Docke, Geschichte der Steuern des britischen Reiches, 1866, S. 177 ff.; in Frankreich als aides feodales: Holtzmann, Französische Verfassungsgeschichte, 1910, S. 259; in Sizilien als lehnsrechtl. Hülfe, adiutorium: Winkelmann, Geschichte Kaiser Friedrichs II. 1863, S. 358/59; Maerker, Die Collecta in der Monarchia Sicula S. 5/6; Wilda, Zur sizilianischen, Gesetzgebung, Steuer- und Finanzverwaltung unter Kaiser Friedrich II., 1889, S. 18. Es ist daher sicher, daß diese drei bis vier Fälle im Lehnswesen ihre Rechtsgrundlage haben. Auch das werlesche Bedereversal von 1285 scheint darauf noch hinzudeuten, denn das Reversal, das aber nicht nur diese drei bis vier Fälle, sondern auch die Bede wegen Bezahlung von fürstlichen Schulden betrifft, wird als collacio pheodalis, als Lehnsvertrag, bezeichnet. Freilich ist diese nicht mehr zutreffende Bezeichnung ein Überrest, eine Erinnerung an die frühere, eben zum Abschluß gekommene Epoche des Lehnsstaates, denn durch die Bedereversalen ist wenigstens in der Herrschaft Werle und in der Grafschaft Schwerin der Ständestaat begründet worden. S. Text S. 53/54. Das Consilium von [1482] (s. Anm. 78) ergab, daß die dort zitierten mittelalterlichen Glossatoren über Fälle von Bedeforderung wichtige Bemerkungen haben. Besonders bemerkenswert ist es aber, daß hier die Bedefälle z. T. eine starke Vermehrung erfahren: Raymundus de Pennaforte nennt in seiner wahrscheinlich um 1235 verfaßten Summa 4 Fälle (causae iustae): 1. Verteidigung des Vaterlandes, 2. Kreuzzug gegen Heiden und Ketzer, 3. Gefangenschaft des Fürsten, 4. Reise zum Kaiser, um ein Privilegium zu empfangen. Er setzt aber bereits hinzu: et si qua alia causa similis emergat. von Schulte, Die Geschichte der Quellen und Literatur des kanonischen Rechts von Gratian bis auf Papst Gregor IX., 1875, II S. 408. Von mir benutzte Ausgabe der Summa: Verona, 1744, S. 169/70, vgl. 117 Sp. 2. Henricus de Segusia, genannt Hostiensis, verzeichnet in seiner zwischen 1250 und 1261 verfaßten Summa außer diesen 4 Fällen noch 6 neue: 5. Wege- und Brückenwiederherstellung, 6. Abschließung eines Kaufes, 7. Verheiratung einer Tochter, 8. Ritterschlag, 9. irgendwelche andere schwere und unerträgliche Aufwendungen, 10. Armut und Verschuldung, und setzt hinzu: in talibus et similibus (von Schulte II S. 123 - 29. Benutzte Ausgabe der Summa aurea: Basel, 1573, S. 960 f.). Fall 6 - 10 faßt er unter dem Begriff der necessitas zusammen. Schließlich nennt (  ...  )
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2. Vorgeschichte der Landstände und (Entstehung der landständischen Verfassungen in den selbständigen mecklenburgischen Einzelherrschaften.

Die Ansichten über Zeitpunkt und Ursachen der Entstehung der Landstände sowie über ihre weitere Entwicklung gehen noch vielfach auseinander, wenn auch manche älteren Meinungen wohl endgültig aufgegeben sind. Von einer oft falschen Bewertung dessen, worüber Urkunden etwas aussagen können, abgesehen, liegt es zunächst daran, daß nicht immer genügend zwischen der Vor-


(  ...  ) Albericus de Rosate († 1354), der auf Raymundus und Hostiensis zurückgeht, außerdem noch: 11. Empfang und Neuerwerbung eines Lehen, 12. Schuldlose Verurteilung; von Schulte II S. 245/46. Benutzte Ausgabe: Dictionarium iuris tam civilis quam canonici Venedig 1573 Litera J.
Hostiensis beruft sich auf die consuctudo generalis. Er und Raymundus beziehen sich ferner u. a. auf den bekannten Brief des Bischofs Fulbert von Chartres über den Lehnseid (ungef. 1020): Decretum Gratiani cap. 18 Causa XXII. quaestio 5. De forma fidelitatis . . Qui domino suo fidelitatem iurat, ista sex semper in memoria debet habere: incolume, tutum, honestum, utile, facile, possibile . . restat, ut in eisdem sex supradictis consilium et auxilium domino suo fideliter praestet. Vgl. den von Hostiensis in seiner Summa lib. III Rubr. de Feudis, 10 (S. 772/73) angeführten Vers: Incolumem, facile, tutum quoque, possibile, honestum - utile consilium fidus dabit auxiliumque und seine ausführlichen Glossen. Es geht hieraus hervor, daß alle Fälle einer Bedeforderung - nicht bloß die drei bis vier bekannten Ehren- und Notfälle - ihre lehnsrechtliche Grundlage in der Leistung von "Rat und Hülfe" hatten, zu welcher der Lehnsmann zur Wahrung der bekannten Pflichten gegen seinen Lehnsherrn eidlich verbunden war.
Vielleicht würde es sich lohnen, diese Bedefälle noch weiter zurück im römischen Recht und bei seinen Glossatoren zu verfolgen, es könnte sich dabei noch Näheres ergeben über ihre Entstehung und über ihre Grundlage - z. T. im römischen Recht? - Hingewiesen sei insbesondere auf die Stelle: Decretum Gratiani cap. 14. Distinctio 86, non satis (anno 377): . . Grandis culpa, si sciente te fidelis egeat, si scias eum sine sumptu esse, fame laborare, aerumnam perpeti, qui praesertim egere erubescat: si in causam ceciderit, aut captivitatis suorum, aut calumniae, et non adiuves: si sit in carcere, et poenis et suppliciis propter debitum aliquod iustus exerucietur: (nam etsi omnibus debetur misericordia, tamen iusto amplius): si tempore afflictionis suae nihil a te impetret: si tempore periculi, quo rapitur ad mortem, plus apud te pecunia tua valeat, quam vita morituri, non est leve peccatum. Im übrigen - vgl. noch von Below, Die landständische Verfassung von Jülich-Berg bis 1511 Teil I S. 24. Ungeklärt ist noch die Frage, wann und wie aus der ursprünglichen Pflicht des Lehnsmannes, auxilium zu leisten, eine Freiwilligkeit entstand. Vielleicht würde hierüber eine vergleichende Geschichte der Bedereversalen der west- und südeuropäischen Staaten unter Heranziehung der Glossatoren des römischen Rechts Näheres ergeben.
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geschichte der Landstände und ihrer eigentlichen Geschichte geschieden wird 108 ). Insbesondere wird die genauere Zeitgrenze zwischen beiden Epochen vielfach nicht klar erkannt: Wir haben es mit Landständen von dem Zeitpunkt ab zu tun, seit dem bestimmte berufsständische, zu einer Korporation zusammengeschlossene Bevölkerungskreise bei besonderen für das ganze Land wichtigen Angelegenheiten die Interessen des Landes den Fürsten gegenüber vertreten und seitdem der Landesherr verpflichtet ist, Rat und Zustimmung der genannten Bevölkerungskreise bei besonderen Anlässen einzuholen 109 ). Vor allem aber wird bei denjenigen Staaten, die im Laufe der Zeit aus einzelnen, selbständigen Territorien zusammengeschmolzen sind - dazu gehört auch Mecklenburg - vielfach der Stand der Entwicklung der landständischen Verfassung in den einzelnen selbständigen Territorien (Einzelherrschaften) unterschätzt und das Vorhandensein einer landständischen Verfassung erst der Zeit zugeschrieben, in welcher die dauernde Vereinigung der Einzelherrschaften eines Landes zu einer Gesamtherrschaft erfolgte.

Hegel hat in seiner Geschichte der mecklenburgischen Landstände die Ansicht ausgesprochen, daß die landständischen Rechte und die fürstliche Landeshoheit gemeinsam entstanden sind in einer Entwicklung, deren Abschluß die Einigung der "Landstände" (d. h. der Landstände in den Einzelherrschaften) zu einer "gemeinsamen Landschaft" (d. h. zu mecklenburgischen Gesamtlandständen) und die Herstellung der fürstlichen Landeshoheit gegen Ende des 15. Jahrhunderts bildet. Im 13. Jahrhundert liegen seiner Ansicht nach nur die unsicheren, keimartigen Anfänge der Landeshoheit und der Landstände 110 ). Hegel meint ferner, daß die landständische Vereinigung ihren Anfang nicht durch einen freiwilligen Entschluß, einen Konföderationsakt, der Stände selbst genommen hat, sondern


108) Vgl. Rachfahl S. 91/93.
109) Vgl. von Below, Territorium und Stadt S. 168. Landständische Verfassung von Jülich-Berg bis 1511 Teil II S. 12/13. Rachfahl S. 103 ff. Gegen Luschin von Ebengreuth, Die Anfänge der Landstände, Histor. Zeitschrift Bd. 78 S. 431 s. Rachfahls Darlegungen S. 93. Doch ist Rachfahls eigne Definition S. 92 nicht empfehlenswert, da die "Existenz eines Landtages als eines dauernden Verfassungsinstituts zur Vertretung des Landes" bei der Eigenart der Hauptquellen des 13. und 14., z. T. auch des 15. Jahrhunderts, der Urkunden, die fast nur die Ausnahme, nicht aber die Regel behandeln (vgl. Anm. 142), nur in den seltensten Fällen nachweisbar ist. Spangenbergs Darlegungen und Definitionen, Vom Lehnsstaat zum Ständestaat S. 147/54, gelten nicht für die Landstände, sondern nur für die gegen Ende des Mittelalters aus den Landständen selbständiger (Territorien zusammengeflossenen Gesamtlandstände.
110) S. III/IV, 6, 101 ff.
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als natürliche Folge der gemeinsamen Beziehungen der Stände zur Landesherrschaft, als Folge der Entwicklung, des Weiterausbaus und der Befestigung der Landesherrschaft, der Bildung von Territorien, entstanden ist. Den Zeitpunkt, wo der Zusammenschluß der einzelnen Stände den Anfang nahm, verlegt er für die Teilherrschaften Stargard und Wenden ins 14. Jahrhundert 111 ). Der Herrschaft Mecklenburg habe, so meint er, vor der Entstehung der mecklenburgischen Gesamtlandstände ein ständischer Verband gefehlt - wie übrigens auch der 1358 mit der Teilherrschaft Mecklenburg vereinigten Grafschaft Schwerin. Allerdings weist er gelegentlich auf die Bedeutung der dreimal (1275 ff., 1329 ff., 1424 ff.) z. T. durch Mitglieder der Stände ausgeübte Vormundschaftsregierung in der Teilherrschaft Mecklenburg hin. Ja, er meint sogar, daß beim Streit um die Vormundschaft 1275 ff. die fürstlichen Vasallen und die Ratmänner der Stadt Wismar als "Vertreter des Landes, als Stände" auftreten. Auch bei der Vormundschaftsregierung von 1329 ff. spricht Hegel von den Ständen, d. h. den Mannen und Städten des Landes 112 ). Ferner weist er darauf hin 113 ), daß bei der Eventualhuldigung von 1418 Stände der Teilherrschaft Mecklenburg auftreten. Trotzdem ist er hernach an entscheidender Stelle merkwürdigerweise der Ansicht, daß in der Teilherrschaft Mecklenburg - ebensowenig wie in der Grafschaft Schwerin - ein landständischer Verband existiert habe, sondern nur ein lediglich durch die Person des Herrschers zusammengehaltenes lockeres Gefüge von selbständigen Vogteien 114 ). Schließlich muß noch hervorgehoben werden, daß er dem Steuerwesen für die Entstehung und Entwicklung der Landstände (in den Teilherrschaften) keinerlei Bedeutung zuspricht, da er der Ansicht ist, daß die Fürsten bei Steuerforderungen sich an die Vasallen bzw. Stände der einzelnen "Landschaften" oder "Bezirke" (Vogteien) und nicht an die gesamten Vasallen bzw. an die gesamten Stände ihres ganzen Landes (Territoriums) wandten. Diese Ansicht ist aber, wie wir schon dargelegt haben, durchaus irrig 115 ). Schuld an diesen Irrtümern ist neben der Tatsache, daß Hegels Untersuchungen vor Herausgabe des M. U. B. entstanden sind, der Umstand, daß er eine falsche Vorstellung von der Konsolidation der Einzelherrschaften hat.

von Below sieht als Gründe für die Entstehung der landständischen Verfassung an: Die Fortschritte in der Konsolidierung


111) S. 71/83, vgl. S. 3.
112) S. 58/60.
113) S. 76.
114) S. 81/83, vgl. auch S. 75 und 78/79.
115) S. 62/63, 74/107. Vgl. Text S. 33/34.
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der Landesherrschaften, hauptsächlich aber die Bewilligung von neuen militärischen und Steuerleistungen und insbesondere das Eingreifen der Stände bei Thronstreitigkeiten 116 ). Die Vorgeschichte der landständischen Verfassung verlegt er ins 13. Jahrhundert und früher, während er die Entstehung der landständischen Verfassung im allgemeinen dem 14. Jahrhundert zuweist, und zwar von dem Zeitpunkt ab, seit dem die Städte zu den Versammlungen der Vasallen hinzugezogen werden. Doch meint er, daß es so scheint, als ob in einigen ostdeutschen Territorien - darunter auch Mecklenburg - sich bereits im 13. Jahrhundert eine "wirkliche landständische Verfassung ausgebildet habe" 117 ).

Auch Rachfahl vertritt letztgenannte These, doch sieht er die Gründe hierfür in der Hauptsache in der Entwicklung des Steuerwesens, in dem steigenden Bedürfnis der Landesherren, das teils im Zusammenhang mit den sog. Bedeverträgen (Bedereversalen), teils gewohnheitsrechtlich sich ausgebildet habe 118 ).

Luschin von Ebengreuth scheidet nicht klar die Vorgeschichte von der eigentlichen Geschichte der Landstände und verlegt daher im allgemeinen den Anfang der Landstände in einen zu frühen Zeitraum 119 ).

Spangenberg meint, daß nur vorübergehende Ansätze einer landständischen Verfassung am Ende des 13. Jahrhunderts entstanden sind, während erst seit der Mitte des 14. Jahrhunderts, seit dem Hinzutritt der Städte zu den Versammlungen der Ritterschaft, den Rittertagen, die Anfänge einer wirklichen landständischen Verfassung beginnen. Ihre endgültige Ausgestaltung und ihren Abschluß habe sie erst im 15. Jahrhundert gefunden im Zusammenhang mit der Entwicklung der Landeshoheit 120 ). Die Ursache der Entstehung und Entwicklung der Landstände sieht auch Spangenberg in der Hauptsache im Steuerwesen 121 ).

Noch radikaler als Spangenberg gehtHartung vor, indem er die Bedeverträge des 13. Jahrhunderts noch ganz der Periode des Lehnstaates - also der Vorgeschichte der Landstände - zuweist. Von einem Ständestaat, einer landständischen Verfassung, könne man erst im 15. und z. T. erst im 16. Jahrhundert sprechen.


116) Territorium und Stadt S. 173/76.
117) Territorium und Stadt S. 168/72. Landständische Verfassung von Jülich-Berg bis 1511 Teil II S. 20, 49, 53 ff., vgl. Spangenberg, Vom Lehnsstaat zum Ständestaat S. 95 Anm. 1.
118) S. 94/100.
119) S. 430/31, 439, 447.
120) S. 45/56, 94/95 und Anm. 121.
121) S. 45/56, 82/84, 94, 115, 130, 132/35, 140, 148.
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Im 14. Jahrhundert hätten sich erst die Elemente des Ständestaates gebildet 122 ). Beide kommen zu diesen Ergebnissen, weil sie die ständische Entwicklung in den Teilherrschaften unterschätzen.

Nach dem Vorbilde der benachbarten deutschen Grafen und Bischöfe riefen ungefähr vom Ende des ersten Jahrzehnts des 13. Jahrhunderts ab auch die slavischen Fürsten Mecklenburgs, Heinrich Burwy, seine Söhne und Enkel, deutsche Ansiedler in großer Masse herbei, da die auf niedriger Kulturstufe stehenden und durch die unaufhörlichen Kriege stark reduzierten Wenden nicht fähig waren, die für den Wiederaufbau des Landes erforderliche Neu- und Mehrsiedlung vorzunehmen.

Allerdings waren die unmittelbaren Vorteile, welche die Kolonisation 123 ) bot, mit unvermeidlichen Nachteilen verbunden, die z. T. aber erst in der Folgezeit hervortraten. Um die deutschen Kolonisten herbeizulocken und festzuhalten, mußten nämlich die mecklenburgischen Fürsten auf eine eigne und unmittelbare Nutzung mannigfaltiger Herrschaftsrechte und recht umfangreicher Strecken ihres Landes verzichten. Ja, es sollte für die Zukunft nicht allein in wirtschaftlicher, sondern vor allem in politischer Hinsicht verhängnisvoll werden, daß so durch die Einführung der deutschen Wirtschaftsformen: Grundherrschaft und Städtewesen, eine beträchtliche Menge von Untertanen dem unmittelbaren Machtgebot der Herrscher entzogen wurde, so daß diese Abgaben und Leistungen - insbesondere neue - nur mittelbar durch Vereinbarung mit ihren Grundherren oder Obrigkeiten und durch deren Vermittlung erhalten konnten. So wurde denn durch die deutsche Kolonisation, durch Übertragung von Grundbesitz und Hoheitsrechten in Form von mannigfaltigen Privilegien an die deutschen, nach Berufsständen gegliederten Siedler (Kleriker, Adlige und Bürger) die Voraussetzung, gleichsam der Baugrund des späteren Ständestaates geschaffen 124 ). Es bildeten sich zunächst aber nur die "Elemente" des Ständestaates, nicht mehr, denn die Fürsten


122) Historische Zeitschrift 113 S. 350/51. Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart ² 1922 S. 35/36, 55.
123) Ernst, Die Kolonisation Mecklenburgs im 12. und 13. Jahrhundert, Schirrmachers Beiträge zur Geschichte Mecklenburgs II 1875; Witte, Wendische Bevölkerungsreste in Mecklenburg 1905, Mecklenburgische Geschichte I S. 85 ff.; Reifferscheid, Der Kirchenbau in Mecklenburg und Neuvorpommern zur Zeit der deutschen Kolonisation, Pomm. Jb. 2. Ergänzungsband 1910.
124) Hegel S. 9 ff. Vgl. auch meine Abhandlung über die Finanz-, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Regierungspolitik der mecklenburgischen Herzöge im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, Jb. 86 S. 93/94. Über Inhalt und Umfang der Privilegien s. Hegel S. 24/47.
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hatten es bei der Kolonisation und in der nächstfolgenden Zeit nur mit einzelnen Mitgliedern der erwähnten Berufsstände zu tun. Bis der Zusammenschluß aller Glieder des betreffenden Standes zu einer Einheit erfolgte und gar bis weiterhin die drei Stände zur Gesamtheit der Stände in den mecklenburgischen Einzelherrschaften zusammengeschlossen wurden, dauerte es noch geraume Zeit.

Die obotritischen Fürsten Mecklenburgs herrschten über ihr Land wenigstens im 12. Jahrhundert so gut wie unumschränkt. Ihre Landesherrlichkeit war bei Beginn der Kolonisation etwas Fertiges. Sie wuchs nicht erst im 12./13. Jahrhundert aus verschiedenartigen Hoheitsrechten zusammen. Es kann daher die Entstehung der landständischen Verfassung mit der Konsolidierung der Territorien und der Entwicklung der Landesherrlichkeit in Mecklenburg ebensowenig wie in andern ostdeutschen Territorien in Zusammenhang stehen 125 ). Trotz dieses absolutistischen Charakters ihrer Herrschaft hielten die slavischen Fürsten Mecklenburgs es offensichtlich für gut und nützlich, bei manchen Regierungshandlungen sich der Mitwirkung und des Rates derjenigen aus der Zahl der Edlen ihres Landes zu bedienen, die ihr besonderes Vertrauen genossen und im besondern Ansehen standen. Dies lassen noch die Zeugenreihen der ältesten Urkunden mecklenburgischer Fürsten, insbesondere die Urkunde vom 24. Juni 1218 (dominationis nostre maioribus tam Slavis, quam Theutonicis presentibus 126 ) deutlich erkennen. Zu den slavischen Großen traten bei der durch Pribislav begründeten Christianisierung naturgemäß die bedeutendsten Vertreter der deutschen Geistlichkeit (Bischof und Domherren von Schwerin, Abt und Konventualen von Doberan, von Dargun, Propst von Sonnenkamp [Neukloster], Priester von Rostock, Goderac usw.). So hatte der mecklenburgische Staat bis gegen Ende des 2. Jahrzehnts des 13. Jahrhunderts neben dem slavischen noch einen stark klerikalen Charakter, in Einklang mit der damals allgemein herrschenden kirchlich-


125) Hegel S. 9/13. Beltz, Zur ältesten Geschichte Mecklenburgs, Schweriner Gymn.-Progr. 1893 S. 10, 13/14, 16, 28. Mecklbg. Geschichte in Einzeldarstellungen Heft II: Wagner, Die Wendenzeit, 1899, S. 12/13. Witte, Mecklbg. Geschichte I S. 20. von Sommerfeld, Beiträge zur Verfassungs- und Ständegeschichte der Mark Brandenburg im Mittelalter. Veröff. d. Ver. f. Gesch. d. Mark Brandbg., 1904, S. 17/22. Rachfahl S. 94. Vgl. noch Jb. 86 S. 93. Hier wie dort erübrigt sich ein Eingehen auf die andersartigen staatsrechtlichen Verhältnisse in den früheren Jahrhunderten, da hier nur die Verhältnisse unmittelbar vor der Kolonisation in Frage kommen.
126) M. U.-B. 244.
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jenseitigen Weltanschauung 127 ). Dies änderte sich, als die Germanisation im großen und systematischer durchgeführt wurde und die Fürsten in großen Mengen altdeutsche Ministeriale, Bauern und Bürger als Siedlungsunternehmer (Lokatoren) ins Land gerufen hatten, die das bisher von den Fürsten und der Geistlichkeit nur in bescheidenem Umfange ausgeübte Siedlungswerk erst in den rechten Fluß bringen und vollenden sollten 128 ). Seit dem Jahre 1220 treten wie mit einem Schlage die Edlen (slavi) mit wendischen Namen in den Zeugenreihen der Urkunden stark zurück und machen Lehnsleuten (milites) mit deutschen Namen Platz. Die slavischen Edlen müssen zu einem geringeren Teil zurückgedrängt, zu einem größeren Teil aber schnell germanisiert worden sein 129 ). Jedenfalls sind sie bald mit den inzwischen zu mecklenburgischen Adligen gewordenen deutschen Lokatoren des platten Landes zu einem einheitlichen mecklenburgischen Lehnsadel verschmolzen 130 ). Nachdem Rostock sein erstes Privilegium erhalten hatte (1218), wird vom nächsten Jahrzehnt ab eine ganze Reihe von Städten durch die Fürsten gegründet (Gadebusch 1225, Parchim 1225/26, Wismar zwischen 1222 und 1229 usw.) 131 ). Der alte Obotritenstaat wurde so immer mehr zu einem deutschen Staat. Wenn nun die mecklenburgischen Fürsten häufig als Berater und Zeugen zu ihren Regierungshandlungen Angehörige der Geistlichkeit, des Lehnsadels und gelegentlich auch Ratsherren und Bürger der einen oder der andern der neugegründeten Städte, insbesondere der beiden Seestädte Rostock und Wismar, heranzogen, so handelten sie damit in deutschem Sinne. Es war bekanntlich in Altdeutschland Sitte und Brauch, daß die Fürsten sich des Rates ihrer Großen bei Regierungshandlungen bedienten. Diese Großen werden in mecklenburgischen Urkunden gelegentlich als maiores dominationis (1218), als seniores terrae (1236, 1261), als sapientes (1261), als pru-


127) Bezeichnend ist es, daß bereits Pribislav 1172/73 eine Wallfahrt nach dem Heiligen Lande unternahm und Heinrich Burwy I. sich 1218 an einem Kreuzzug gegen die Esten beteiligte. Witte I S. 94, 149. Der Einfluß der höheren Geistlichkeit ist in dieser Periode sicher sehr bedeutend gewesen.
128) Witte I S. 131/32.
129) Vgl. auch Witte I S. 132, 136/38. Der Ausdruck miles begegnet in den Urkunden der Obotritenfürsten zuerst 1219 (M. U.-B. 258).
130) Die Bedereversalen von 1276, 1279, 1285: M. U.-B. 1413, 1414, 1504 A, B, 1781 kennen - wie übrigens auch die sonstigen Urkunden des 13. Jahrhunderts - nur ein einheitliches, bei der Kolonisation (novella plantatio) eingeführtes deutsches Lehnsrecht.
131) Witte I S. 133/34. Techen, Abriß der Geschichte Wismars bis zur Revolution, 1922, S. 3.
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dentes (1238, 1246, 1248) als fideles (1237, 1238) oder als providi (1241) bzw. als providi et honesti (1261) bezeichnet 132 ).

Als aber etwa um die Mitte des 13. Jahrhunderts das Werk der Christianisierung und Germanisation in der Hauptsache abgeschlossen war, da trat, wie die Zeugenreihen zeigen, die Geistlichkeit immer mehr in den Hintergrund und die Lehnsleute treten immer stärker hervor. Wie ja auch sonst die Entklerikalisierung und Verweltlichung der Weltanschauung immer stärker sich bemerkbar machte und die weltliche Tendenz der Zeit in der weltlich-ritterlichen Kultur ihren Ausdruck fand. Schuld an dieser Absonderung waren auch die besonderen Privilegien und Gerechtsame (Eigentum) der Geistlichkeit und ihre Stellung als internationaler, ultramontaner Klerus. Überdies wurde das frühere harmonische Einvernehmen der Geistlichkeit mit den Fürsten durch die infolge ihrer zunehmenden Geldnot seit Mitte des 13. Jahrhunderts 133 ) ausbrechenden Streitigkeiten um den Zehnten und durch andere Übergriffe (unrechtmäßige und gewaltsame Erhebungen von Beden und andern Leistungen 134 ) stark gestört. Eine ähnliche Absonderung erfuhren nach der Befestigung der Verhältnisse und durch Weiterausbau ihrer Selbstverwaltung die Städte - insbesondere die Seestädte Rostock und Wismar - infolge ihrer besonderen Freiheiten, Privilegien und Gerechtsame (Eigentum, nicht Lehn). Dagegen blieben die Adligen durch das Lehnsverhältnis eng mit den Fürsten verbunden. Da ferner nach Abschluß der Kolonisation die äußere Politik und die dadurch hervorgerufenen kriegerischen Verwicklungen die Hauptrolle spielten, so wurde bei der Eigenart der mittelalterlichen Heeresverfassung und bei der überwiegend ländlichen Kultur des Landes der mecklenburgische Lehnsadel der wichtigste Stand im Lande.

Aus dem absolutistisch regierten Obotritenstaat war nun ein deutscher Lehnsstaat geworden.

Die Fürsten der mecklenburgischen Einzelherrschaften bedienten sich nunmehr - etwa seit der Mitte des Jahrhunderts - bei den meisten ihrer Regierungshandlungen in der Hauptsache nur des Rates und der Zustimmung ihrer Vasallen 135 ). Es waren


132) M. U.-B. 244, 446, 458, 913, 485, 580, 603, 463, 479, 527, 935.
133) Vgl. Jb. 86 S. 94.
134) Witte I S. 166/69. Text 15/16. Bezeichnend ist es, daß die Vormundschaftsregierung 1226 ff. auch von Prälaten ausgeübt wurde (Lisch, Jb. 10 S. 6), während dies 1277 ff. nicht mehr der Fall war.
135) Die Formel consilio vasallorum nostrorum begegnet zuerst in den Herrschaften: Rostock: 1253 (M. U.-B. 713), Mecklenburg: 1261 (M. U.-B. 929), Werle: consilio et consensu vasallorum nostrorum 1262 (M. U.-B. 967), Grafschaft Schwerin: 1285 (M. U.-B. 1809). Den- (  ...  )
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dies, wie die Zeugenreihen und gelegentlich auch die Ausdrucksweise der Urkunden zeigen, nicht alle Vasallen 136 ), sondern die angesehensten aus der Zahl der Vasallen: rittermäßige Grundherren - nur ausnahmsweise treten Knappen auf -, rittermäßige Vögte und Burgmannen der bedeutendsten Burgen des Landes (Rostock, Wismar, Gadebusch, Güstrow usw.), von den Hofämtern der Truchseß. Von ihnen wurden bald mehr, bald weniger, bald diese, bald jene berufen, wenn auch einige, die besonders häufig auftreten, gleichsam den Kern bildeten. Diese angesehensten der Vasallen sind einerseits die unmittelbaren Vorläufer der consiliarii (Räte, Landräte), während sie andrerseits ihre Keime haben in den maiores et seniores terre, wenigstens soweit diese sich aus Vasallen zusammensetzten. Mit Rat und Zustimmung der Großen des Landes bzw. der angesehensten der Vasallen haben die mecklenburgischen Fürsten bis zu den 70er Jahren des 13. Jahrhunderts die Hauptsache der laufenden Regierungs- und Verwaltungsangelegenheiten erledigt. Eine Verpflichtung der Fürsten, Rat und Zustimmung dieser Kreise einzuholen, bestand in der genannten Periode nicht. Denn es war nur freier Wille der Fürsten, sich dieser Zustimmung zu vergewissern, wenn es auch üblich, nützlich und ratsam war, um größere Sicherheiten für ihre Maßnahmen zu erlangen und um etwaigen Widerständen zuvorzukommen. Dagegen war es nach Lehnsrecht Pflicht der Vasallen, dem Lehnsherrn den schuldigen Rat zu erteilen 137 ).


(  ...  ) selben Sinn werden die Formeln haben: consilio providorum, consilio prudentum virorum (viri providi et honesti), consilio fidelium nostrorum (M. U.-B. 952, 1143, 1292, 1490). Häufig fehlt auch jede Formel.
136) Consilio . . . et aliorum vasallorum nostrorum, qui tunc aderant 1262 (M. U.-B. 959); . . . ad premissa specialiter vocati et rogati 1276 (M. U.-B. 1409).
137) von Below, Territorium und Stadt S. 169. Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung S. 15, 110. Von einem "Recht auf Mitwirkung", das sich im Laufe der Zeiten ausgebildet habe, wie Radloff, Das landesfürstliche Beamtentum Mecklenburgs im Mittelalter, Diss. Kiel 1910, S. 5, 25, 38/39 will, kann auch bei den Räten (Landräten) im Mittelalter keine Rede sein. Dies lassen selbst noch die Reversalen von 1572 (aufgenommen in die Reversalen von 1621 und in den Landesgrund-gesetzlichen Erbvergleich von 1755, Sachsse, Mecklbg. Urk. und Daten S. 267, 330/31, 492) und besonders deren Vorverhandlungen erkennen. Spalding, Mecklbg. öffentl. Landesverhandlungen, 1792, S. 41, 55. - Ein Recht auf Mitwirkung scheint sich erst im Laufe des 17. Jahrhunderts angebahnt zu haben. Vgl. Text S. 58. - Bezeichnend ist es auch, daß nur sehr selten alle Räte (Landräte) berufen wurden. In der Regel waren es nur einige beliebig ausgewählte oder, wie es gelegentlich in Urkunden und Akten heißt, etliche der ältesten, oder die trefflichsten und verständigsten Räte.
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Die Periode, in der die Fürsten nur die Großen des Landes bzw. die angesehensten ihrer Vasallen zu Regierungshandlungen heranziehen, gehört der Vorgeschichte des Ständestaates, der Periode des Lehnsstaates, an.

Die eigentliche Geschichte der Landstände in den mecklenburgischen Teilherrschaften beginnt in den 70er und 80er Jahren des 13. Jahrhunderts.

Zuerst können wir die Anfänge der landständischen Verfassung in der Herrschaft Mecklenburg nachweisen, anläßlich der Händel um die Vormundschaft über die Söhne Heinrichs des Pilgers. Dieser hatte vor seiner Fahrt ins heilige Land im Jahre 1271 die Regentschaft seiner Gemahlin Anastasia übertragen. Bei dringender Not sollten aber seine beiden Vettern, Heinrich und Johann von Werle, die Vormundschaft übernehmen 138 ). Als Anfang 1275 die Nachricht von Heinrichs des Pilgers Gefangennahme in die Heimat gelangte, versammelten die beiden werleschen Fürsten in Wismar bei der fürstlichen Burg die gesamten Vasallen (communes vasallos) Heinrichs des Pilgers und den gesamten Rat von Wismar und erklärten ihnen, daß sie auf Grund der Weisung Heinrichs des Pilgers die Vormundschaft übernehmen wollten. Die Brüder Heinrichs des Pilgers, Fürst Johann von Gadebusch und Nikolaus, Propst zu Schwerin und Lübeck, die zu dieser Versammlung erschienen waren, erhoben dagegen Widerspruch und machten wegen ihrer näheren Verwandtschaft Rechte auf Vormundschaft geltend. Die Wismarer Burgmannen - die angesehensten und Führer der Vasallen - ergriffen für die werleschen Brüder Partei und weigerten sich, die Brüder Heinrichs des Pilgers in die Burg einzulassen. Darauf schritt Fürst Johann von Gadebusch zur Fehde und verbrannte die Höfe der Burgmannen. Nun berief der alte Nikolaus von Werle, der Vater der beiden werleschen Brüder, wiederum nach Wismar die gesamten Vasallen Heinrichs des Pilgers und den Rat von Wismar, um zu vermitteln. In der Marienkirche beschlossen der alte Nikolaus mitsamt der Fürstin Anastasia und den verständigeren (prudentioribus) der Vasallen, mit Zustimmung der gesamten Vasallen, Johann von Gadebusch samt 6 Rittern als Vormünder zu wählen. Dies wurde allen Vasallen der Herrschaft angezeigt, die es guthießen. Auch die Wismarer Ratsherren und viele an-


138) Witte I S. 170/71.
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dere Wismarer Bürger waren zugegen und hörten es (1275). Im Jahre 1276 ergriff Fürst Johann von Gadebusch in einer Fehde des Markgrafen von Brandenburg und des Grafen von Schwerin mit den Fürsten von Werle für diese Partei. Er erlitt aber eine Niederlage und mußte 500 M Kriegskosten bezahlen. Hierauf entstand ein Streit zwischen ihm und dem Vogt von Gadebusch und Vormundschaftsmitglied Ulrich von Blücher. Die Stadt Wismar vermittelte nun und bat, einen Tag in der Stadt zu friedlichen Vergleichsverhandlungen anzusetzen. Hier erschien aber Ulrich von Blücher mit "auswärtigen Herren", dem Bischof von Schwerin, den Fürsten von Werle und dem Grafen von Schwerin, entgegen der Verabredung bewaffnet und setzte Johann von Gadebusch und seinen Bruder, den Propst Nikolaus, der inzwischen als Mitvormund anerkannt war, trotz ihres Protestes ab. Darauf verschrieb der Bischof von Schwerin die gesamten Vasallen der Herrschaft Mecklenburg zu einem Tag vor der Stadt Sternberg. Als sie dort eintrafen, fanden sie die Fürsten von Werle, den Grafen von Schwerin und einige Vasallen der Herrschaft Mecklenburg bewaffnet vor. Diese zwangen die gesamten Vasallen, die Herren von Werle als Vormünder anzuerkennen (1277). Nach einer längeren Fehde, in der nur noch die Stadt Wismar in der Hand der Fürstin Anastasia blieb, errang Fürst Johann von Gadebusch überraschend einen entscheidenden Sieg, der ihm und seinem Bruder mitsamt einigen mecklenburgischen Rittern bis zur Großjährigkeit der Kinder Ulrichs des Pilgers die Vormundschaft endgültig sicherte 139 ).

Die genannten drei Versammlungen können wir mit Fug und Recht als die ersten überlieferten Landtage der Teilherrschaft Mecklenburg bezeichnen, denn die gesamten Vasallen der Herrschaft Mecklenburg, die uns hier mit Sicherheit zuerst als eine geschlossene Einheit, gleichsam als Korporation, begegnen, vertreten - unter Zuziehung der Stadt Wismar - das ganze Land (Teilherrschaft) Mecklenburg und seine Interessen. Die Vasallen und die Stadt Wismar werden von den Fürsten berufen, um deren Ansichten und Pläne anzuhören, werden um ihre Meinung befragt und zur Parteinahme und zu einer Entscheidung aufgefordert, von der das Schicksal des ganzen Territoriums abhängt. Den bedeutendsten Einfluß haben ohne Zweifel die Vasallen, sie sind die eigentlichen Vertreter des Landes, die Landstände. Bezeichnend


139) Gleichzeitige chronistische Aufzeichnung von Hand des Wismarer Stadtschreibers im Wismarer Stadtbuch, M. U.-B. 1382, Jb. 3 S. 37 ff.; M. U.-B. 1431, 1505.
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ist das selbständige Handeln und Vorgehen der führenden Vasallen, der Wismarer Burgmannen und Ulrich von Blüchers. Die Stadt Wismar ist dem ständischen Verband nicht fest eingegliedert, sondern nur beigeordnet, wie besonders deutlich der zweite Landtag zeigt. Wismar hat schon hier, wie es hernach dauernd bei dieser Stadt ebenso wie bei Rostock der Fall war, nur die eignen Interessen vertreten. Wie ja bekanntlich diese beiden bedeutendsten Städte Mecklenburgs im Mittelalter eine eigenartige Mittelstellung zwischen Hansestädten und fürstlichen Städten einnahmen und auch in der Neuzeit als "Seestädte" im Gegensatz zu den kleineren "Landstädten" bis in die jüngste Vergangenheit hinein im mecklenburgischen Verfassungsleben eine Sonderstellung hatten. - Hinzugezogen wurde die Stadt Wismar wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, nicht etwa als Vertreterin der übrigen Städte. Wenn die übrigen Städte der Herrschaft zu diesen Anlässen nicht hinzugezogen werden, so liegt dies daran, daß sie wirtschaftlich noch zu unbedeutend und von den Vögten und Mannen der in oder bei den Städten befindlichen fürstlichen Burgen noch zu abhängig waren und somit von diesen sozusagen als Unmündige mitvertreten wurden 140 ). Die Geistlichkeit der Herrschaft erscheint nicht, da sie um diese Zeit nicht mehr zu den allgemeinen Landesgeschäften berufen wurde. Propst Nikolaus von Schwerin und Lübeck tritt nur als Mitglied der fürstlichen Familie, nicht etwa als Prälat, auf. Besonders bemerkenswert ist der zweite Landtag, der in seinem Verlauf durchaus mit dem der Landtage des 16. Jahrhunderts übereinstimmt 141 ). Die Fürsten verhandeln zunächst gesondert mit den angesehensten der Vasallen, die den Landräten des 16. Jahrhunderts gleichzusetzen sind. Das Verhandlungsergebnis wird zur endgültigen und bindenden Beschlußfassung der Vollversammlung vorgelegt. Hervorgehoben werden muß noch, daß der dritte Landtag wahrscheinlich an der Sagsdorfer Brücke in der Nähe von Sternberg tagte, dem Orte, wo auch in späteren Jahrhunderten häufig Landtage stattfanden 142 ).


140) Sie sind übrigens auch im 14. bis 16. Jahrhundert - im Gegensatz zu den wendischen und stargardischen Städten - bei Landesangelegenheiten nicht besonders hervorgetreten.
141) S. z. B. Hegel S. 207/08 (1555), Spalding I S. 18/19 (1557).
142) Vgl. Jb. 12 S. 182. Die Überlieferung dieser drei Landtage ist ein schlagender Beweis dafür, daß diese und verwandte Dinge nicht in den Urkunden, sondern hinter ihnen zu suchen sind. Wir erfahren lediglich aus zwei Urkunden aus den Jahren 1277 und 1279 (M. U.-B. 1431, 1505), daß eine Vormundschaft, bestehend aus Fürstin Anastasia, den Fürsten Johann und Nikolaus und aus einigen Rittern, eingesetzt war. Alles übrige, was die Chronik berichtet, war lediglich Gegen- (  ...  )
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Wahrscheinlich ist es auch in der Herrschaft Rostock infolge der Vormundschaftsregierung, die nach dem frühzeitigen Ableben des Fürsten Waldemar (1282) über seine jugendlichen Söhne, insbesondere über Nikolaus das Kind, den letzten Fürsten der Herrschaft, eingerichtet wurde, zur Begründung der landständischen Verfassung - Vasallen der Herrschaft und (beigeordnet) Stadt Rostock - gekommen, wie Konsensvermerke und Zeugenreihen einiger Urkunden aus den Jahren 1283 - 91 ergeben 143 ). Ferner meldet die Doberansche Genealogie, daß die Ratmänner von Rostock und die Vasallen des Fürsten ihm als "Beschützer" (tutor) den König von Dänemark bestimmten (1301) 144 ).

In den beiden übrigen Teilherrschaften steht nach den überlieferten Nachrichten die Entstehung einer landständischen Verfassung im unmittelbaren Zusammenhang mit der Entwicklung des Steuerwesens, mit der Entstehung der ao. Bede (Landbede) 145 ). In der Herrschaft Werle wurden 1276, in der Grafschaft Schwerin 1279 die Vasallen erstmalig als Gesamtheit von den Landesherren versammelt, um über die Tilgung der fürstlichen Schulden zu beraten. Sie bewilligten dafür ao. Beden (Landbeden) auf mehrere Jahre oder in beträchtlicher Höhe von den Hufen der Bauern und sogar von ihrer Eigenwirtschaft. Die Vasallen der genannten Herrschaften erhielten bei dieser Gelegenheit als geschlossene Einheit, gleichsam als Korporation, das wichtige Recht auf Steuerbewilligung - das Fundament des ständischen Staates. Dagegen wird sich dies in den Herrschaften Mecklenburg und Rostock etwa um dieselbe Zeit als Folge der Vormundschaftsregierung und nach werleschem und schwerinschem Vorbild gewohnheitsrechtlich durchgesetzt haben. Denn es ist recht wohl möglich), daß neben Verpfändungen auch gewöhnliche, unregelmäßige bzw. ao. Beden (Landbeden) zum Zwecke der Bezahlung eines Teils der Schulden erbeten wurden 146 ). Der Gedanke, daß die Vasallen bei den Schuldentilgungsbeden und bei künftigen Landbeden das Land vertreten, tritt deutlich in den Bedereversalen zutage: 1276 bewilligen Geistlichkeit und Vasallen von jeder


(  ...  ) stand mündlicher Verhandlungen. Erst als man in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zum schriftlichen Verfahren überging, treten in den Akten und Registern die Landtage an die Oberfläche. Lediglich auf Grund von Urkunden wüßten wir auch im 15./16. Jahrhundert nur von ganz vereinzelten der zahlreichen Landtage.
143) M. U.-B. 1676, 1723, 7217, 1836, 1868, 2121. Jb, 50 S. 263/66; vgl. dazu Anm. 142.
144) Jb. 11 S. 14.
145) S. Text S. 18 ff.
146) S. Anm. 70.
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Hufe in der Herrschaft den Fürsten auf 3 Jahre die Landbede, 1285 wird die reversalmäßige Zusicherung erteilt, daß alle Vasallen und Bauern ständig von jeder Bedeleistung frei sein sollen, 1279 wird in dem den Vasallen der Grafschaft Schwerin erteilten Bedereversal verbrieft, daß die Grafen bei künftigen Bedeforderungen das Land um eine Landbede bitten können 147 ). Wenn ferner den Vasallen bei dieser Gelegenheit das Aufhören der gräflichen Münzgerechtigkeit gegen Zahlung einer jährlichen Münzsteuer (der sog. Münzpfennige) verbrieft wird, so vertreten auch hierbei die Vasallen eine Angelegenheit des ganzen Landes. Wie die Bedereversalen zeigen, waren auch bei diesen beiden Herrschaften die Landstädte zu den landständischen Versammlungen noch nicht hinzugezogen. Die Gründe sind dieselben wie bei der Herrschaft Mecklenburg. Wenn 1276 in der Herrschaft Werle neben den Vasallen auch die Geistlichkeit begegnet, 1285 dagegen nicht, wie ja auch nicht in Mecklenburg und Schwerin, so kann ich darin nur eine Ausnahme, gleichsam einen letzten Ausläufer einer früheren Periode sehen, eine letzte Nachwirkung der Zeit, wo die Geistlichkeit noch zu den maiores et seniores terrae zählte. Es dürfte dies daran liegen, daß in Werle die Germanisation erst später als in den andern Herrschaften begann und zum Abschluß gelangte. Die landständischen Verfassungen in den mecklenburgischen Einzelherrschaften sind also teils durch Vormundschaftsstreitigkeiten, teils durch die Entwicklung des Steuerwesens entstanden. In jedem Falle sind sie aber nicht aus Einungen der Vasallen hervorgegangen, sondern sie stellen Schöpfungen der Landesherren dar, indem diese es sind, die die gesamten Vasallen ihrer Territorien erstmalig zusammenberiefen. Ebensowenig maßen sich die Vasallen die Befugnis, das ganze Land zu vertreten, selbstherrlich an, diese Befugnis wird ihnen vielmehr von den Fürsten erteilt.

Die in den mecklenburgischen Einzelherrschaften in den 70er


147) Treffend bemerkt Rachfahl S. 96 zu diesem Bedereversal: " . . zur Vertretung des Landes bei der [künftigen] Steuerbewilligung sind natürlich diejenigen befugt, mit denen die Grafen den vorliegenden Vertrag geschlossen haben, nämlich die milites et vasalli." Ähnlich sagt er S. 97 vom Bedereversal von 1285: "Die Konsequenz des Umstandes, daß es sich um ein Privileg handelt, welches der Ritterschaft dieser Länder gewährt worden ist, besteht darin, daß dieser bei weiteren Beden ein Steuerbewilligungsrecht in Vertretung der genannten Länder gebührt."
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und 80er Jahren des 13. Jahrhunderts begründeten landständischen Verfassungen erhielten um dieselbe Zeit eine weitere Ausgestaltung und Ergänzung durch die Begründung des Instituts des fürstlichen Rates (consilium, rad), der Räte (consiliarii, secretarii, rede, redere, radgevere usw.). Consiliarii begegnen urkundlich zuerst in den Herrschaften: Rostock 1284 - vielleicht schon 1283 und 1281 -, Mecklenburg 1284, Werle 1285, Schwerin 1297 148 ). Dies letztgenannte Datum, wie der Umstand, daß einerseits von den als consiliarii bezeichneten Personen in den Zeugenreihen verschiedene bereits geraume Zeit vorher begegnen, während sie andrerseits hernach häufig in den Zeugenreihen ohne die ausdrückliche Bezeichnung consiliarii auftreten, zeigt übrigens, daß die erste urkundliche Erwähnung durchaus nicht mit dem Jahr der Einführung des Rates identisch zu sein braucht 149 ). Dieser fürstliche Rat ist - wenigstens in Mecklenburg - nicht eine "Übergangsform" in der Entwicklung der Landstände gewesen 150 ), sondern gleichzeitig mit der Begründung der Landstände in fester Form entstanden 151 ), wenn er auch in seinen Keimen an sich weiter zurückreicht. Er bestand nicht an Stelle der Landstände, sondern neben diesen 152 ). Zu einem Teil ist er ein Stück des landständischen Organismus, denn entgegen Spangenbergs Ansicht sind die Räte (Landräte) von der Begründung bis in die jüngste Vergangenheit hinein in


148) M. U.-B. 1723, 1676, 1581, 1744, 1788, 2452.
149) M. U.-B. Bd. XII (Register) S. 428 ff.; vgl. Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg S. 1 ff. über den inneren Zusammenhang zwischen Konsenzvermerk und Zeugenreihen, S. 6 Anm. 4 über Mecklenburg. Im Bistum Schwerin begegnen consiliarii bereits 1271 (M. U.-B. 1210), in der Mark Brandenburg seit Beginn der 80er Jahre, Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung S. 28. Die Bezeichnungen für die Räte sind in Mecklenburg im 13./14. Jahrhundert übrigens recht verschiedenartig: neben consiliarii finden sich die Bezeichnungen secretarii, discreti, vasalli, milites, fideles, providi et honesti usw.
150) Luschin von Ebengreuth S. 441 ff.
151) Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung, ist S. 31/33 der Ansicht, daß in den deutschen Territorien die erste Erwähnung von consiliarii mit den ersten Ansätzen einer ständischen Verfassung zusammenfällt. Dagegen meint er S. 92 (vgl. auch Rachfahl S. 93/94 Anm. 1), daß der Rat entstanden ist, vordem es wirkliche Landstände gab, in jener Übergangszeit, die erst zur ständischen Entwicklung führte. Hingegen meint er Vom Lehnsstaat zum Ständestaat S. 71/72, daß der Rat nicht Vorläufer der landständischen Verfassung gewesen ist. Diese Widersprüche scheinen in seiner Text S. 44 (vgl. auch S. 42) dargelegten Grundauffassung ihre Ursache zu haben.
152) Vgl. auch von Below, Territorium und Stadt S. 225 Anm. 2. Spangenberg, Vom Lehnsstaat zum Ständestaat S. 72.
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Mecklenburg ein Glied der Verfassung gewesen. Denn die Landräte wurden ganz allgemein "zu den Landsachen in fürfallenden Nöthen zu Rate gezogen" 153 ), insbesondere wurden die auf den Landtagen zu behandelnden Angelegenheiten, bevor sie der Gesamtheit der Stände vorgetragen wurden, den Räten (Landräten) vorgelegt und mit ihnen beraten 154 ). Zum andern Teil war aber derselbe fürstliche Rat ein Organ der fürstlichen Verwaltung, aber nur bis ins 16. Jahrhundert hinein. Diese Aufgabe ging seit der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert allmählich auf die neuen Berufsbeamten der Zentralverwaltung (Kanzler, Sekretäre, Rentmeister, Hofmeister [Hofmarschall]) und auf die Hofräte über 155 ). In Mecklenburg hat es nur einen Rat, nicht einen zweifachen - einen gewöhnlichen und einen engeren - gegeben 156 ). Der Rat nimmt eine Zwischenstellung zwischen Landesherren und Ständen ein: Die Räte (Landräte) sind die persönlichen Räte der Fürsten und gleichzeitig die einflußreichsten Führer und Vertreter der Stände. Die Räte des 13./15. Jahrhunderts sind, wie schon angedeutet, im Grunde genommen nichts anderes als die Landräte der Neuzeit und neuesten Zeit. Es sind dieselben Kreise, dieselben Persönlichkeiten, wie besonders deutlich an der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert hervortritt, die uns fortlaufend begegnen. Wenn auch die Bezeichnung Landräte in Mecklenburg erst um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert aufkommt, so ist dies nicht weiter verwunderlich, da diese Bezeichnung im Gegensatz zu dem damals als etwas Neues eingerichteten Institut der Hofräte aufkam und Sinn hatte. Seit Beginn der Neuzeit verblaßte mit dem Verfall des Lehnswesens nur immer mehr die persönliche Verpflichtung der Landräte gegen den Landesherrn, die Eigenschaft als Führer


153) Sachsse S. 267 (1572), 330/31 (1621), 492 (1755).
154) Dies zeigen besonders deutlich die Akten des 15./l6. Jahrhunderts, z. B. 1521, s. Text S. 39, 1557, Spalding I S. 18/19. Vgl. noch (Text S. 50, 52 (1275).
155) Vgl. Jb. 86 S. 101 ff., 111 ff. Spangenberg, Vom Lehnsstaat zum Ständestaat S. 60/61. Dagegen halten sich Landräte als Organe der Gerichtsverfassung bis ins 19. Jahrhundert hinein, und zwar als Beisitzer neben den gelehrten Räten (Hofräten) im Land- und Hofgericht. Sachsse S. 267 (1572), 329/30 (1621), 492 (1755). Vgl. noch Jb. 86 S. 108, 116.
156) Vgl. Jb. 86 S. 112/113, consiliarii, secretarii und discreti werden durchaus synonym gebraucht. Auch eine Scheidung der Räte in Räte von Haus aus und wesentliche Räte ist in Mecklenburg im Mittelalter fremd. - Anderer Ansicht ist Spangenberg für die Mark Brandenburg, Hof- und Zentralverwaltung S. 62 ff., 88, 112/113. - Diese Ausdrücke begegnen erst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, und zwar nur als Unterabteilungen der Hofräte, auch eine praktische Scheidung war dem Mittelalter fremd. S. Jb. 86 S. 113, 115.
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und Vertreter der Stände dagegen trat in immer stärkerem Grade hervor, ferner gaben sie die Teilnahme an der fürstlichen Verwaltung an die Berufsbeamten und Hofräte ab 157 ).

Die Begründung des Instituts der consiliarii bedeutet aber in Mecklenburg ebensowenig wie in andern ostdeutschen Kolonialländern etwas grundsätzlich Neues. Es erfolgte hier keineswegs wie in Altdeutschland ein Bruch mit der Vergangenheit durch die Heranziehung der Ministerialen zu den Regierungsgeschäften an Stelle der Vasallen, da es in Mecklenburg ebensowenig wie in Ostdeutschland Ministeriale gegeben hat 158 ). Die consiliarii haben in Mecklenburg ihre unmittelbaren Vorläufer in den zu Rate gezogenen angesehensten der Vasallen. Dieselben Kreise begegnen uns nach wie vor, verschiedentlich treten dieselben Vasallen hernach unter den consiliariis auf, die uns schon früher unter den angesehensten der Vasallen begegnen. Diese wiederum haben ihre Keime, wie auch hier die Identität der Personen in den Zeugenreihen zeigt, in den maiores et seniores terrae. Ein Unterschied besteht nur darin, daß etwa seit Mitte des 13. Jahrhunderts die Geistlichen nicht mehr hinzugezogen werden. Wenn auch die Bezeichnung sworen rad nur einmal begegnet 159 ) und der erste erhaltene Landratseid erst aus dem Jahre 1577 stammt, so ist es doch nicht zweifelhaft, daß das, was die consiliarii von ihren unmittelbaren Vorgängern unterscheidet, eben der besondere Ratseid war, der gewissen hervorragenden Lehnsmannen bei der Ernennung zu consiliariis auferlegt wurde. Vorher war die Zahl der zur Ratserteilung herangezogenen Vasallen größer und die Auswahl beliebiger, da im Prinzip jeder Vasall auf Grund seines Lehnseides aufgefordert werden konnte, wenn auch in der Praxis gewöhnlich nur die angesehensten und einflußreichsten Vasallen zu den Regierungsgeschäften hinzugezogen wurden. Es hat also das Institut der Landräte in der durch Lehnseid festgesetzten Pflicht des Vasallen, dem Lehnsherrn Rat zu erteilen, seine Grundlage. Die Räte (Landräte) setzten sich in den meisten Perioden ausschließlich aus Adligen zusammen. Zwar begegnen Rostock und Wismar bereits früh unter den consiliariis bzw. ihren Vorläufern und hernach unter den Landräten 160 ), aber bei der besonderen,


157) Vgl. auch Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung S. 63/70.
158) S. Jb. 86 S. 111/116.
159) M. U.-B. 8263 (1356).
160) Z. B. M. U.-B. 244 (1218), 1444 (1277), 7217 (1286), 5152 (1330), 5778 (1337), 12 323 (1391). Sachsse S. 152/54 (1424). In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts werden sie regelmäßig zu den Versammlungen der Landräte geladen, auch waren Gesandte der beiden Städte neben Landräten Beisitzer im Hof- und Landgericht.
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mehr oder minder stark an Autonomie angrenzenden Stellung der beiden Seestädte sind ihre Abgesandten den eigentlichen Landräten nur beigeordnet gewesen. Sie vertraten in der Regel nicht wie die adligen Landräte die gesamten Landesinteressen, sondern nur die Interessen ihrer Städte. Nur vorübergehend hat Rostock im Engern Ausschuß von 1622 ab sämtliche See- und Landstädte vertreten 161 ). Die ältere Bezeichnung consiliarii bzw. Landräte ist hier also nicht korrekt, die jüngere Zeit bezeichnete die Abgesandten von Rostock - Wismar schied durch den Westfälischen Frieden aus - richtiger nicht als Landräte, sondern als Deputierte der Stadt Rostock 162 ). Im 14. und 15. Jahrhundert erfuhr der Kreis der Landräte eine Erweiterung dadurch, daß noch mehr Hofbeamte und auch Kanzleibeamte, insbesondere der Kanzler 163 ), sowie seit den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts auch Prälaten zu Landräten ernannt wurden. Beide Kategorien verloren aber im Laufe des 16. Jahrhunderts infolge des Aufkommens der Berufsbeamten und der Hofräte bzw. durch die Beseitigung des Prälatenstandes infolge der Reformation diese Stellung 164 ). Die bis in die ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts hinein noch ziemlich große Zahl der adligen Landräte 165 ) scheint bereits um die Mitte des Jahrhunderts eine starke Verminderung erfahren zu haben. Anfang des 17. Jahrhunderts sind es nur einige wenige, doch ist die Zahl noch nicht eine bestimmte, sondern schwankend. Nach dem Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich von 1755 sollten es 8 Landräte, 4 für das Herzogtum Schwerin, 4 für das Herzogtum Güstrow einschließlich des Stargardschen Kreises sein. Doch bildeten die Landräte auch jetzt nicht ein Kollegium. Bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts hinein scheinen die Landesherren die Landräte frei - ohne Vorschlag der Stände - ernannt zu haben. Ein Vorschlagsrecht der Stände scheint erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aufgekommen zu sein 166 ).


161) Sachsse S. 348/49, im Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich von 1755 dagegen sind die drei Vorderstädte die Vertreter der Landstädte.
162) Z. B. Spalding III S. 15, 201, 221 (1650, 54); Sachsse S. 489/91 §§ 157, 166, 167 (1755).
163) Radloff, Das landesfürstliche Beamtentum Mecklenburgs im Mittelalter, Diss. Kiel 1910, S. 30.
164) Doch werden später noch gelegentlich ehemalige Hofbeamte (z. B. 1662 ein Geh. Rat, 1665 ein Kammerdirektor) zu Landräten ernannt. S. A., Landratsakten.
165) So begegnen um 1520 einmal 23 Landräte aus der Reihe der Ritterschaft mit einem Male.
166) S. A., Landratsakten. Sachsse S. 491/92.
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II.

Geschichte des Schweriner Hoftheaters 1855-1882

von

Dr. Helene Tank=Mirow.

Vignette
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Intendanz Friedrich von Flotow 1855-1863 1 ).

N ach dem plötzlichen Tode des Intendanten Zöllner trat ein kurzes Jnterimistikum in der Tbeaterleitung ein, währenddessen die beiden RegifSeure Schmale und Beckmann, unterstützt vom Rendanten Stocks, die Leitung des Theaterbetriebes hatten. Bei außerordentlichen Fällen griff das Ministerium unmittelbar ein. Jnzwischen waren auf Befehl des Großherzogs Verhandlungen mit Friedrich von Flotow 2 ) angeknüpft worden. Dieser entstammte einem alten mecklenburgischen Adelsgeschlecht und hatte -mit sechs seiner Opern bereits in Schwerin die Bühne erobert. Bei der Leitung der Erstaufführung der Oper "Stradella" war er dem Hof und dem Schweriner Publikum schon persönlich bekannt geworden. Der Großherzog glaubte in ihm den geeigneten Mann für die Theaterleitung gefunden zu haben, zumal ihm bekannt war, daß Flotow während seines langjährigen Aufenthalts in Paris in enger Beziehung zu den dortigen Theatern gestanden hatte. So trat denn Friedrich von Flotow am 8. Dezember 1855 sein Amt als Hoftheaterintendant an und wurde am 11. Dezember 1855 zum Kammerherrn ernannt. Auf Friedrich Franz II. Wunsch, der bei der Neugestaltung der Theaterverhältnisse erst weitere Erfahrungen sammeln wollte, wurde Flotow zunächst nur auf ein Jahr verpflichtet; am 6. November 1856 erfolgte dann die feste Anstellung, aus der er im Frühling 1863 wieder schied. Die


1) Fortsetzung zu Jahrbuch 87, S. 106.
2) Geb. 26. April 1812 als Sohn des Rittmeisters Wilhelm von Flotow auf Teutendorf bei Tessin. Seinen früh sich zeigenden musikalischen Neigungen folgend, studierte er seit 1828 in Paris Musik. Er fand dort gute Lehrmeister und befruchtende Anregung, besonders durch die Vorstellungen der "Opera comique", die auf seine eigenen Kompositionen von nachhaltiger Wirkung waren. Mit den bekanntesten Musikern jener Zeit, wie Auber, Meyerbeer, Rossini, Gounod, Chopin u. a., trat er in Verbindung und auch teilweise in Wettbewerb um die Pariser Bühne. Nach seiner Schweriner Zeit ging er zunächst nach Paris und lebte dann seit 1868 auf einem Landgut bei Wien; er starb am 24. Januar 1883 in Darmstadt. Den letzten größeren Erfolg erlebte er 1869 in Paris mit seiner Oper "L'ombre", die aber in Deutschland als "Sein Schatten" nicht sehr gefiel.
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Stellung des neuen Intendanten erfuhr insofern eine große Veränderung, als ein großer Teil seiner Pflichten auf den seit 1. Okt. 1855 angestellten technischen Direktor und Oberregisseur Steiner übertragen wurde. In einem Brief des Staatsrats von Schroetter ist die Stellung des neuen Intendanten so formuliert: "Dem Intendanten soll die oberste Leitung aller administrativen Seiten des Hoftheaters unmittelbar unter dem Ministerium, Abteilung für Kunst, und die unmittelbare Vermittelung zwischen Seiner Königlichen Hoheit und dem Theater zustehen." Aus Flotows eigenen Aufzeichnungen 3 ) geht dann hervor, daß das Ministerium sich außer bei der jährlichen Abrechnung wenig um das Theater kümmerte, der Großherzog Friedrich Franz II. selbst aber reges Interesse für das Kunstinstitut zeigte und mit sichtlichem Vergnügen auf die Vorschläge des Intendanten einging. Diese bezogen sich zunächst und hauptsächlich auf die Reorganisation des Orchesters, wobei die Heranziehung des Musikdirektors Alois Schmitt für die Schweriner Oper von der größten Bedeutung wurde. Auf diesem Gebiet beruhte Flotows größtes Verdienst für das Hoftheater. Wie weit er in den Theaterbetrieb persönlich eingriff, läßt sich aus Mangel an Material schlecht beurteilen. Die Zeitungskritik erlaubte sich hierüber kein Urteil, und Akten für diese Zeit fehlen fast ganz. Karl Sontag äußert sich nicht gerade sehr günstig über ihn 4 ); danach enttäuschte er die auf sein künstlerisches Wirken gesetzten Erwartungen, kümmerte sich wenig um seine Schauspieler und überließ alles Steiner. Er komponierte viel und ging zu Aufführungen seiner neuen Sachen oft lange auf Urlaub, bis er schließlich sein Amt ganz niederlegte. Vorher schlug er dem Großherzog den ihm befreundeten Gustav zu Putlitz als seinen Nachfolger vor. Während seiner Amtstätigkeit komponierte er außer einigen kleineren Opern und Zwischenaktmusiken auch Konzert- und Kammermusikstücke, deren Manuskripte bei dem Brand verloren gegangen sind.

Regie.

Wie schon erwähnt, lag die technische Leitung seit 1. Okt. 1855 in den Händen von Julius August Wilhelm Steiner 5 ), der ebenso wie Flotow zunächst nur auf ein Jahr verpflichtet wurde


3) Friedrich von Flotows Leben, von seiner Witwe, Leipzig 1892 S. 126.
4) A. a. O. S. 168.
5) Seit 1841 war Steiner bei der Bühne, zehn Jahre Schauspieler und Regisseur, in Nürnberg, Magdeburg, Riga und Bremen. 1844 war er in Luxemburg, 1849/50 in Lübeck Theaterdirektor, 1853 - 55 in Dessau technischer Direktor. Gest. in Schwerin am 5. Juni 1889.
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mit einem Gehalt von 800 Tlr. 1856 wurde auf Flotows Anraten der Kontrakt bei 1000 Tlr. Gehalt auf fünf Jahre verlängert und nach nochmaliger Verlängerung 1861 erhielt er am 9. April 1863 unter Ernennung zum Hoftheaterdirektor eine feste Anstellung, in der er bis zu seiner Pensionierung am 1. Juli 1883 verblieb. Auf Grund seiner Schrift "Zur Reorganisation der Theaterverhältnisse" 6 ), Bremen 1849, in der er seine Theatererfahrungen niedergelegt hatte, und nach eingehenden Erkundigungen in Dessau, wo er zuletzt als technischer Direktor tätig gewesen war, war seine Anstellung erfolgt. Sein Kontrakt verpflichtete ihn zur artistischen und technischen Leitung, d. h. er hatte das Repertoire zu entwerfen, Regisseure anzustellen, als Oberregisseur die Proben zu leiten und daneben für alle wirtschaftlichen und finanziellen Fragen in weitestem Umfange zu sorgen, auch Engagementsreisen zu unternehmen und das Theater auf seinen Reisen nach Doberan und Wismar zu begleiten. Danach fiel ihm tatsächlich der Hauptanteil an der Leitung zu, die ihm außerhalb Schwerins und während der längeren Urlaubsreisen des Intendanten ganz überlassen wurde. Als Regisseure unterstützten ihn im Schauspiel der alte Schmale. Für den Lustspiel- und Opernregisseur Beckmann trat 1856 - 59 Emil Pohl ein, der, selbst Verfasser von kleinen Lustspielen und Possen, für die Inszenierung befähigter war als der alternde Beckmann. Von 1861 ab wird Anton Feltscher als Lustspiel-regisseur genannt, daneben Ernst Schnabel von 1861 - 87. In der Opernregie betätigte sich 1858/59 Gliemann und, als dieser starb, der Bassist Hinze 1859-68.

Repertoire.

Die ganze Periode der Flotowschen Leitung ist gekennzeichnet durch die Vorliebe für französische Musik, sowie auch für französische Übersetzungen, die in allen möglichen Bearbeitungen die deutschen Bühnen überschwemmten. Doch kamen daneben auch klassische Autoren verhältnismäßig oft zu Wort, am häufigsten von allen Shakespeare mit 54 Aufführungen. Außer den in Schwerin schon bekannten Werken erschienen neu auf dem Spielplan "Julius Cäsar" am 6. April 1856 mit Carl Sontag als "Antonius" und Gliemann als "Brutus". Die Gesamtleistung kann nicht bedeutend genannt werden. Als Festaufführung am 28. Februar 1860 wurde unter großem Beifall "Ein Wintermärchen" in der Dingelstedtschen


6) Seine Ausführungen stimmen im wesentlichen überein mit Eduard Devrients Gedanken in seiner Schrift "Über Verhältnisse der Theater zweiten und dritten Ranges". Beide fordern künstlerische Leitung unter Oberaufsicht der Regierung.
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Bearbeitung gegeben; die dazu nötige Musik komponierte Flotow selbst. Es konnte in derselben Saison noch fünfmal gegeben werden. Der 20. Februar 1861 brachte den "Coriolan" mit Feltscher in der Titelrolle, und am 24. April 1861 machten die Schweriner zum erstenmal die Bekanntschaft mit "Richard III.", den "Bogumil Dawison" sehr wuchtig zum Ausdruck brachte. Das ganze Stück war aber sehr beschnitten, so daß nur die Gestalt Richards III. zur Wirkung kam und das Werk an Tiefe verlor. Im April 1862 erschien ferner noch "Macbeth" in der Dingelstedtschen Fassung, während die Schillersche Übertragung schon 1852 einmal über die Schweriner Bühne gegangen war. Im Mai 1862 "König Heinrich IV." in Laubes Bearbeitung. - An zweiter Stelle war Goethe mit 33 Aufführungen seiner Werke vertreten, davon erlebten "Egmont", "Faust" und "Iphigenie" die meisten Aufführungen, letztere am 28. Februar 1856 zum erstenmal gespielt. Während Carl Sontags Engagement bis 1859 wurde auch "Tasso" einige Male gegeben. Seine Nachfolger schienen sich weniger dafür zu eignen. Das "Gretchen" im "Faust" fand in Wilhelmine Seebach eine gute Darstellerin; auch ihre berühmte Schwester Marie trat in dieser Rolle im Februar 1858 mit großem Erfolg in Schwerin auf. Außer der "Iphigenie" ist als neu im Spielplan nur die von Eduard Devrient szenisch eingerichtete "Erste Walpurgisnacht" zu verzeichnen, die mit Musik von Mendelssohn am 20. April 1863 unter lebhaftem Beifall über die Bühne ging. - Schillersche Dramen kamen in 31 Aufführungen zu Gehör. Neu war seine Übertragung von Gozzis "Turandot, Prinzessin von China" im Januar 1857 und von Picards "Parasit" im Mai 1856. In der Saison 1857/58 "Wallensteins Lager" und die "Piccolomini". Zu Schillers hundertstem Geburtstag 1859 wurde ein von Halm verfaßtes Festspiel und das szenisch eingerichtete "Lied von der Glocke" mit Musik von Lindpaintner aufgeführt. Eine ausgezeichnete Aufführung von der "Braut von Messina" fand im Dezember 1860 statt und "Don Carlos" wurde im Dezember 1858 mit Carl Sontag als "Marquis Posá" neu einstudiert. - Großer Beliebtheit erfreute sich Robert' Benedix, der mit 46 Aufführungen den fremdländischen Lustspielen gegenüber eine achtungswerte Stellung einnahm. Von den vier neuen Lustspielen "Der Weiberfeind", "Die Dienstboten", "Die Schuldbewußten" und "Der Störenfried" wurden die Dienstboten ein sehr beliebtes Repertoirestück durch die vortreffliche Wiedergabe der Köchin Christine durch Frau Lafrenz. - Charlotte Birch-Pfeiffers Stücke kamen 27mal zur Aufführung. Die im März 1857 neu erschienene "Grille" war sehr beliebt, ebenfalls "Ein

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Kind des Glücks" im Februar 1861. An sie reihen sich ferner Töpfer mit 23 Aufführungen, Carl Blum mit 22, Putlitz mit 19, Lessing mit 14, Bauernfeld und Gutzkow mit 12, Raupach und Rosenthal mit 10 und Laube mit 7. Demgegenüber erschienen Übersetzungen fremder Stücke etwa in 100 Aufführungen, darunter "Der Geizige" von Molière im Januar 1859. - Von Putlitz waren neu "Das Testament des Großen Kurfürsten" 7 ), Februar 1859. Ferner zur Feier des 25jährigen Bestehens des Hoftheaters am 17. Januar 1861 "Don Juan de Austria" 8 ) mit Musik vom Schweriner Musiker Härtel und im Oktober 1861 "Wilhelm von Oranien in Whitehall", das unter Anwesenheit des Dichters hier seine Uraufführung erlebte. Flotow hatte die Zwischenaktsmusik dazu komponiert und Putlitz war schon bei den Proben anwesend gewesen. Zum 28. Februar 1863 wurde sein "Waldemar" 9 ) als Festaufführung gewählt, dem nur eine kurze Bühnenlaufbahn beschieden war. - In derselben Saison wurden noch Werke von drei bedeutenden Dramatikern in Schwerin zum erstenmal gespielt, und zwar im Dezember 1862 die ersten beiden Teile der Hebbelschen Nibelungen-Trilogie "Der gehörnte Siegfried" und "Siegfrieds Tod", für die das Publikum wenigstens soviel Interesse zeigte, daß sie im März wiederholt werden konnten. Am 8. März 1863 Grillparzers "Medea" mit der berühmten Tragödin Fanny Janauschek, zu deren bevorzugtesten Rollen die "Medea" gehörte. Sie verfehlte auch auf das dicht besetzte Haus in Schwerin nicht ihre Wirkung. Hebbel sowie Grillparzer erschienen sonst nicht im Repertoire. Als dritte bedeutende Neuerscheinung wurde im November 1863 der "Prinz von Homburg" von Kleist gegeben, von dem außerdem nur im Dezember 1860 eine verunglückte Aufführung vom "Käthchen von Heilbronn" zu verzeichnen ist. - Von den vielen neuen Lustspielen und Schwänken von Hersch, Pohl, Conradi, Kalisch, Lederer, Räder usw. erfreute sich das historische Lustspiel die "Anna Lise" von Hersch und die Posse "Robert und Bertram" ganz besonderer Beliebtheit beim Publikum und hielten sich lange auf dem Spielplan, während die übrigen mehr oder weniger schnell wieder verschwanden. Vom Schweriner Dichter Hobein, der zu festlichen Gelegenheiten oft Prologe dichtete, wurde im Dezember 1858 ein


7) Uraufführung 1858 in Breslau mit Julie Rettich und Josef Wagner.
8) Uraufführung 1860 in Leipzig.
9) Uraufführung im Linzer Sommertheater mit Julie Rettich, darauf sechsmal in Berlin, dann von der Bühne verschwunden.
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Lustspiel "Mazarins Pate" mit Erfolg uraufgeführt, doch kam es über eine lokale Bedeutung desselben nicht hinaus.

Das Opern repertoire der Jahre 1855 - 63 bringt an neuen Opern wenig Bedeutendes. Von den schon bekannten Opern wurden viele neu einstudiert und erschienen unter der sorgfältigen und einsichtsvollen Leitung des neuen Kapellmeisters Schmitt in verbesserter Aufführung. Durch eine zweckmäßige Umgruppierung im Orchester, durch Neubesetzung einzelner Instrumente und besonders durch verständnisvolle Einstudierung gelang es ihm, die einzelnen Werke viel feiner zu Gehör zu bringen und damit das künstlerische Niveau der Oper bedeutend zu heben. Die Wagnerschen Opern traten im allgemeinen gegenüber den vorhergehenden Jahren mehr zurück; es sind im ganzen 16 Aufführungen zu verzeichnen, an denen "Tannhäuser" den größten Anteil hatte und außer 1862/63 in jeder Saison mindestens einmal gespielt wurde. Die beste "Tannhäuser" -Aufführung soll am 22. November 1859 stattgefunden haben mit dem neuen Tenor Arnold (1859-66) als "Tannhäuser". Im Februar 1860 erschien "Lohengrin" nach längerer Ruhepause neu einstudiert und ausgestattet auf der Bühne und erzielte noch weit mehr Beifall als beim ersten Erscheinen in Schwerin. - Friedrich von Flotow selbst kam während seiner Intendanz mit größeren und kleineren Kompositionen 48mal zu Gehör. Neben den beiden beliebten Opern "Martha" und "Stradella" war neu im März 1856 "Albin oder Pflegesohn", Oper in 3 Akten, die kurz vorher in Wien die erste Aufführung erlebte. In Schwerin wurde sie nur viermal aufgeführt und vermochte sich auch in der späteren Umarbeitung als "Müller von Meran" nicht durchzusetzen. Am 26. Mai 1857 wurde als Galavorstellung zur Einweihung des Schweriner Schlosses die eigens zu diesem Zweck komponierte Oper "Johann Albrecht", später "Andreas Mylius" genannt, aufgeführt. Über eine lokale Bedeutung kam die Oper jedoch nicht hinaus. Auch "Indra" wurde wieder hervorgeholt, ließ aber das Publikum ziemlich kalt. An kleineren Kompositionen sind zu nennen: im Dezember 1857 die einaktige Operette "Pianella" als Uraufführung und am 10. Januar 1862 die "Witwe Grapin"; außerdem die Musik zu zwei Balletten, zu Shakespeares "Wintermärchen" und zu "Wilhelm von Oranien in Whitehall" von Putlitz. - Die zunächst größte Anzahl von Aufführungen erreichten Mozarts Opern mit 38. "Don Juan" und "Figaro" fehlten in keiner Saison und übten immer wieder gleiche Anziehungskraft aus. Ebenso die "Zauberflöte" und die im Februar 1858 neu einstudierte "Entführung aus dem Serail". Ganz neu war für die Schweriner

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seine Oper "Titus" am 27. Februar 1859, die jedoch nur zweimal gespielt wurde. - Es folgten Weber und Meyerbeer mit je 33 Aufführungen, von letzterem neu die "Dinorah" als Festoper am 28. Februar 1861; Auber mit 29, Rossini und Donizetti mit je 24, Bellini mit 17, Halévy mit 10, Boieldieu mit 8 usw. Beethovens "Fidelio", unter Schmitt neu einstudiert, gelangte zwölfmal zur Aufführung, in der Titelrolle besonders gut besetzt durch Frl. Bianchi (1856-61). Die übrigen deutschen Komponisten traten weit dahinter zurück. Lortzing ist mit vier Opern in nur 7 Aufführungen vertreten, Marschner in 5, Kreutzer in 4 und Spohr ganz vom Spielplan verschwunden. Als neu dagegen tauchte Nikolai auf mit seiner beliebten Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" am 26. Dezember 1855, die bis 1863 achtmal gespielt wurde. Bisher in Schwerin noch nicht bekannt waren Verdi und Maillart; von ersterem erschien "Rigoletto" im Dezember 1860 auf dem Spielplan, von letzterem "Das Glöckchen des Eremiten" im November 1862. - Mit Offenbachs "Verlobung bei der Laterne" kam am 25. Dezember 1859 auch die von ihm eigentlich erst geschaffene Gattung der Operette nach Schwerin. Hier wie überall fand die leichte Unterhaltungsmusik viel Gefallen, besonders "Orpheus in der Hölle" am 26. November 1861 sagte dem schaulustigen Publikum sehr zu. - Von dem guten Ruf, den die Schweriner Oper auch außerhalb Schwerins genoß, zeugt eine Einladung des gesamten Opernpersonals zur Einweihung des neuerbauten Stadttheaters in Lübeck im März 1858. Mit drei Opern von Weber, Mozart und Flotow wurde dem neuen Hause die Weihe gegeben, am 3. März eröffnete der "Freischütz" die Bühne. Es folgte am 5. "Figaros Hochzeit" und am 7. "Martha". Die Aufführungen unter Schmitts Leitung übertrafen alle auf sie gesetzten Erwartungen und legten ein schönes Zeugnis ab für die Leistungen der Schweriner Oper im allgemeinen 10 ).

Personal des Schauspiels.

Im männlichen Schauspielpersonal trat zunächst mit der neuen Intendanz keine Veränderung ein. Die ersten Heldenrollen waren mit Carl Sontag und, als dieser sich immer mehr den Charakterrollen zuwandte, mit Adolf Bethge besetzt, der, seit 1850 engagiert, sich allmählich zu einem bedeutenden Schauspieler entwickelte; er gehörte bis 1882 der Bühne an. Für den 1859


10) Mecklb. Ztg. März 1858.
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scheidenden Carl Sontag trat Anton Feltscher ein 11 ); 1861 wurde er zum Lustspielregisseur ernannt. Im tragischen Fach leistete er als "Faust" und in Shakespearerollen Bedeutendes bis 1870. In einer Schrift "Zur Erkenntnis deutscher Theaterzustände" 1869 legt er feines Verständnis für die Schauspielkunst und regen Eifer um ihre Hebung an den Tag. Er betont besonders die Wichtigkeit der Proben und eine Vertiefung der Tätigkeit eines Regisseurs. - Für den 1859 verstorbenen Gliemann trat 1860 Friedrich Keller 12 ) in das Fach der ersten Väter und älteren Helden ein, das er bis 1869 bei stets wachsendem Erfolg innehatte. Die Rollen des 1860 scheidenden Ellmenreich wurden ebenfalls von Feltscher und Keller mit übernommen. Als erster Komiker erfreute noch während dieser ganzen Periode Josef Peters die Schweriner mit seinem köstlichen, derben Humor und seinem ungewöhnlichen Improvisationstalent. Zweite komische Rollen spielten von 1856 - 59 Emil Pohl und der zugleich auch als zweiter Liebhaber in der Oper beschäftigte Gustav Hübsch 1852 - 65. Neben ihm sind noch von Prosky 1859 - 61 und Potonay 1861 - 63 als Liebhaber erwähnenswert. - Mehr Wechsel ist im weiblichen Personal des Schauspiels zu beobachten, in dem nur Frau Lafrenz für die Rollen der komischen Alten noch bis 1866 blieb. Als erste Liebhaberin und tragische Heldin folgte auf Frl. Harke Elise Truhn 1856 - 58, die spätere Frau Bethge, die sich auch bühnenschriftstellerisch betätigte. Ihr folgte 1858/59 Laura Ernst. 1859 - 61 war dieses Fach mit Wilhelmine Seebach 13 ) besonders gut besetzt. In diesen Jahren standen die klassischen Aufführungen auf einer verhältnismäßig hohen Stufe. Ihr folgte 1861/62 Frl. Sänger und im gleichen Jahr trat Frau Rosa Otto-Martineck 14 ) in


11) Geb. 15. Februar ? in Riga, nahm dramatischen Unterricht bei Carl Töpfer, war 1849 - 52 in Weimar, 52 - 56 in Cassel, 56 - 59 in Braunschweig, 59 - 70 in Schwerin engagiert. Danach als Oberregisseur in Cöln, Freiburg und Prag. Gest. 14. Juli 1886.
12) Geb. 7. Mai 1823 in Hannover, gest. während seines zweiten Schweriner Engagements (1882 - 85) auf der Bühne am 16. März 1885 als "Cajetan" in der "Braut von Messina".
13) Als Tochter des Volkskomikers Wilhelm Seebach in Berlin geboren, wurde sie in Cöln zur Soubrette ausgebildet und nahm dann in Hamburg bei Frau Peroni - Glasbrenner dramatischen Unterricht. Als tragische Liebhaberin wirkte sie in Mannheim, Cöln, Coburg und Schwerin 1859 - 61. Während dieser Zeit wurde sie von Laube als Gast ans Burgtheater geladen. 1861 -84 trat sie in Meiningen, 1884 - 94 in Königsberg auf.
14) Geb. 10. Mai 1836 in Magdeburg, kam 1855 nach Königsberg, dann nach Mannheim und wirkte 1861 - 96 in Schwerin, wo sie 1897 zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Als erste Liebhaberin, Heldin und[fnpage] Heldenmutter bestand sie siegreich neben ersten Bühnengrößen; in Klassik und in Konversationsstücken war sie hervorragend. Als besonderer Vorzug wurde es ihr angerechnet, daß sie es stets verschmähte, sozusagen auf Wirkung zu spielen, um dadurch dem Publikum den betreffenden Charakter zugänglich zu machen. (Trotz glänzender Angebote von außerhalb blieb sie der Schweriner Bühne treu.
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den Verband der Hofbühne ein. Mit ihr gewann das Hoftheater eine bedeutende Kraft, die in der Entfaltung ihrer Fähigkeiten, besonders unter Wolzogens Intendanz, eine Zierde der Bühne wurde. - Als jugendliche Liebhaberin waren engagiert: Frl. Butze 1855 - 58, Frl. Ramler 1858/59, Frl. Steffen 1859/60, Frl. Preßburg 1861/62; für naive Rollen: Frl. Schunke 1855/56, Frl. von Schultzendorf 1856-59, Frl. Dietz 1860/61, Frl. Philippine Brand 1861 - 72, die, zunächst nur in kleinen Rollen auftretend, sich zu einer hochbegabten und beliebten Schauspielerin entwickelte. - Das seit 1850 mit Frau Fischer besetzte Fach der Heldenmütter blieb bei deren Fortgang 1856 einige Jahre unbesetzt. Es wurde zeitweise durch Christine Gollmann 1854 - 1900 vertreten, deren eigentliche Rollen damals die der komischen Mütter in Lustspiel und Oper waren, und die erst später in jenes Rollenfach hineinwuchs. 1858 - 60 war Frau Mittel - Weißbach engagiert, und 1860 - 62 fanden diese Rollen in Franziska Ritter - Wagner 15 ) eine würdige Vertreterin. Sie spielte daneben auch noch tragische Heldinnen. - Im Opernpersonal waren unverändert besetzt: die Baritonrollen durch André 1854 - 71, der neben dem Parrod noch bis 1859 tätig war, und die Baßpartien durch Hinze 1841 - 76 und Rossi 1845 - 76. Als erster Tenor war 1855 - 59 Rafter engagiert, dem 1859 - 66 Arnold folgte. Dieser war besonders als "Tannhäuser" sehr geschätzt, mit seinem Eintritt machte sich eine Belebung der Oper bemerkbar. Zweite Tenoristen waren Eckert 1854 - 57, Seyffart 1857 - 59, Frey 1859 - 61, Waldmann 1861 - 64. Als erste dramatische Sängerin wurde für Frau Oswald Frl. Bianchi verpflichtet 1856 - 61, Natalie Haenisch 1861-63. Für Koloraturpartien waren 1854 - 56 Frl. Mayerhöfer, 1856 - 61 Frl. Ubrich, spätere Königl. Hannöversche Kammersängerin, 1861/62 Frl. Weyringer und 1862/63 Frau Roll-Mayerhöfer.

Gäste.

Als hervorragende Gäste im Schauspiel sind zu nennen: Emil Devrient, der schon Ende der 30er Jahre in Schwerin auf-


15) Vgl. Jahrbuch 87, S. 96.
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getreten war. Er spielte vom 8. bis 23. Mai 1856 unter anderem den "Marquis Posa", "Hamlet", "Tasso" und verschiedene Lustspielrollen; vom 27. April bis 15. Mai 1857 trat er in 9 Rollen auf. Am 23. und 25. März 1858 in Gutzkows "Werner" und in "Stille Wasser sind tief", beide Vorstellungen für den Pensionsfonds. Am 11. und 12. Dezember 1859 nochmals in zwei Gastrollen. - Marie Seebach 16 ), die unvergeßliche große Tragödin, kam 1858/59 aus ihrem Engagement in Hannover nach Schwerin und trat vom 26. Februar bis 3. März an vier Abenden bei aufgehobenem Abonnement und erhöhten Preisen unter großem Zuspruch des Publikums auf. Besonders ihr "Gretchen" im "Faust" und ihre "Julia" entzückten die Schauspieler. - Bogumil Dawison, Emil Devrients Rivale in Dresden, trat zum erstenmal in Schwerin vom 19. bis 30. April 1861 in vier klassischen Rollen und in zwei Lustspielen auf als "Hamlet", "Mephisto", "Richard II." und "Shylock". Er gab seinen Rollen stets ein eigenes Gepräge, ohne der traditionellen Auffassung zu folgen, und erzielte damit auch in Schwerin großen Beifall. - Vom 8. bis 11. März trat die als "deutsche Rachel" bekannte Fanny Janauscheck in drei Rollen auf, von denen die "Medea" den größten Eindruck hinterließ. - An Operngästen erschienen: der Tenorist Theodor Formes aus Berlin, 1857 als "Tannhäuser" und "Masaniello" und im Mai desselben Jahres als "Andreas Mylius" bei der ersten Aufführung von Flotows "Johann Albrecht". Ferner der in Schwerin schon bekannte Tichatschek, der vom 25. März bis 1. April 1859 zweimal den "Eleazar", "Robert den Teufel" und "Tannhäuser" sang. - Désirée Artôt, die berühmte Schülerin der Viardot-Garcia, entzückte die Schweriner vom 13. bis 18. Dezember 1861 als "Regimentstochter", "Rosine" im "Figaro" und als "Amine" in Bellinis "Nachtwandlerin". In derselben Saison sang Luise Köster-Schlegel am 28. Februar 1862 noch einmal ihre Lieblingsrolle "Fidelio". Vom 26. Januar bis 1. Februar schließlich sang der "König der Tenore" Theodor Wachtel an 5 Abenden in Schwerin. Seine Glanzrolle, den Chapelou" im "Postillion von Lonjumeau", mußte er wiederholen. Die Begeisterung im Publikum schlug hohe Wellen. Man bewunderte sowohl seine schöne Stimme als auch seine schauspielerischen Leistungen. In seiner Anfängerzeit war Wachtel


16) Geb. 24. Februar 1830 in Riga. Sie ging zunächst zur Oper, nahm dann dramatischen Unterricht bei Benedix. Im Sommer 1849 trat sie als Soubrette und jugendliche Liebhaberin in Doberan auf. 1866 - 68 gab sie Gastspiele, 1887 - 89 wirkte sie in Berlin. Gest. 3. August 1897.
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1849 - 50 in Schwerin engagiert gewesen, ohne jedoch damals besonders hervorzutreten. - Die Gastspiele zweier berühmter Tänzerinnen: Miß Lydia Thompson aus London und Victorine Legrain aus Paris, sollten für das in dieser Zeit schlecht besetzte Ballett entschädigen.

Kapellmeister und Orchester.

Das wichtigste, was der Intendant von Flotow für das Schweriner Hoftheater geleistet hat, ist die Aufbesserung des Orchesters. In erster Linie erfolgte auf sein Anraten die Heranziehung des Kapellmeisters Alois Schmitt 17 ), mit dessen Namen der Aufschwung des Schweriner Musiklebens eng verknüpft ist. Am 1. Oktober 1856 trat er als Hofkapellmeister ein und hat bis zum 1. Oktober 1892 in unermüdlicher Tätigkeit gewirkt. Sein Hauptinteresse galt zunächst dem Orchester, wobei er vom Intendanten wirksam unterstützt wurde. Er verstand es wie kein anderer, tüchtige Kräfte zu finden und zu fesseln. Unter seiner Leitung bildete sich bald ein Stamm gutgeschulter Musiker heran, mit denen er es unternehmen konnte, große Orchesterwerke zur Aufführung zu bringen. Unter den bis 1863 neugewonnenen Orchesterkräften sind besonders zu nennen: Hugo Zahn 1857 - 93, der sich als Konzertmeister einen Namen gemacht hat; Gustav Härtl 18 ) 1858 - 63, er gehörte als Violinist dem ersten Schweriner Streichquartett an und trat auch als Komponist mit mehreren Kompositionen an die Öffentlichkeit; ferner der Waldhornist Fritz Becker 1859 - 92 und der Bratschist Eduard Kupfer 1860 - 97, der sich ebenfalls als Komponist betätigte. Die Kapelle bestand aus 24 ordentlichen Mitgliedern, von denen 10 Hofmusiker und 14 Kapellisten waren, und aus 22 - 26 dem Hoftheater kontraktlich verpflichteten Hoboisten als Hilfsmusikern. Dazu außer dem Kapellmeister A. Schmitt ein Musikdirektor: von 1856 - 63 Johann Adolf Schmiedekampf; 1861/62 berief Flotow zur Vertretung des erkrankten Schmitt den als Operettenkomponisten bekannten Richard Genée. Der Chor Stand nach wie vor unter der fein-


17) Geb. 2. Februar 1827 in Hannover, erhielt Klavierunterricht beim Vater und machte als Pianist mehrere Jahre lang Kunstreisen durch Deutschland, Belgien, Frankreich usw. Darauf wirkte er als Theaterkapellmeister in Aachen und Frankfurt a. M., wo er seine Jugendoper "Tritby" auf die Bühne brachte. 1856 war er bereits mit dem Großherzog von Baden Verpflichtungen für Karlsruhe eingegangen; diese wurden durch Friedrich Franz II. persönliches Eingreifen wieder rückgängig gemacht.
18) 1865 - 73 war H. in Schwerin Musikdirektor und Dirigent des Balletts.
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sinnigen Leitung von Stocks, der in der Heranbildung neuer Kräfte unermüdlich tätig war. - Durch den Eintritt Schmitts war nicht nur neues Leben in die Oper gebracht worden, sondern es begann damit zugleich eine rege Konzerttätigkeit. Die 1850/51 bereits versuchsweise eingeführten Orchester-Abonnementskonzerte wurden auf sein Betreiben wieder eingerichtet und seit 1856 regelmäßig ausgeführt, und zwar vier Konzerte während einer Saison. Dazu kamen seit 1859 die "Soireen für Salon- und Kammermusik", die auch viermal stattfanden; außerdem gelegentliche Wohltätigkeitskonzerte. Schmitt selbst beteiligte sich dabei oft als Pianist, Mitglieder des Opernpersonals und des Orchesters traten als Solisten auf, und namhafte auswärtige Künstler wurden dazu gewonnen. Die nur teilweise erhaltenen Konzertprogramme bezeugen das feine musikalische Verständnis des Kapellmeisters und sein Bemühen, das Schweriner Publikum zum Verständnis und Genuß klassischer Musik zu erziehen. Am 22. März 1859 konnte zum erstenmal in Schwerin Beethovens 9. Symphonie gespielt werden. Auch außerhalb des Theaters zeigte sich Schmitts Wirksamkeit 19 ).

Die Finanzen.

Mit der Neubesetzung der Leitung 1855 durch zwei Kräfte und durch sonstige Änderungen im Betrieb trat ein Mehraufwand von etwa 4000 Tlr. ein. Der Zuschuß betrug rund 44 000 Tlr. und wuchs bis 1863 auf etwa 50 000 Tlr. an. Das Verhältnis der Einnahmen und Ausgaben stellte sich nach wie vor, abgesehen von einigen Schwankungen, auf 1 : 3. 1861/62 scheint ein besonders ungünstiges Jahr gewesen zu sein. Es standen 19 877 Tlr. Einnahmen 70 527 Tlr. Ausgaben gegenüber. Mit den stets vermehrten Ausgaben konnten die Einnahmen nicht in gleicher Weise steigen, da die Eintrittspreise, abgesehen von einer geringen Erhöhung des Abonnements, auf der gleichen Stufe blieben. Die bisher üblichen Dutzendbilletts wurden aufgehoben, da diese gewöhnlich durch Unterhändler vertrieben wurden. Akten über Gagenzahlungen fehlen für diese Zeit ganz. - In diese Periode fällt auch die Gründung eines Pensionsfonds als eines Gliedes der "Prosperantia", die 1857 durch Louis Schneider in Berlin begründet wurde, sich jedoch nach einigen Jahren wieder auflösen mußte. Für Schwerin traten die Statuten erst vom 1. Juli 1861 in Kraft. Es wurde jährlich mindestens eine Vorstellung zugunsten dieses Fonds veranstaltet.


19) Vgl. Clemens Meyer, Gesch. d. M. - Schw. Hofkapelle, S. 206 ff.
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Publikum.

Über das Publikum läßt sich wenig sagen, was für diese Epoche besonders charakteristisch wäre. Flotow selbst äußert sich darüber folgendermaßen 20 ): "Ein liebenswürdiges Publikum, das Gebotene, wenn es ihm gut schien, freundlich aufnehmend, das weniger Gute mit Stillschweigen übergehend und das Langweilige durch leere Häuser zurückweisend. Die Kritik war so friedliebend, als wäre sie im Salon des Intendanten verfaßt . . ." Durchweg waren Lustspiel und Oper am besuchtesten, doch bei berühmten Gastspielen waren auch die Schauspiele sehr besetzt. Im Januar 1861 klagt die Kritik über geringes Interesse des gebildeten Publikums für Faustaufführungen; im übrigen finden sich jedoch wenig diesbezügliche Bemerkungen.

Intendanz Gustav Gans Edler Herr zu Putlitz
1863 - 1867.

Auf Flotows Vorschlag übertrug Großherzog Friedrich Franz II. den Intendantenposten an Gustav Heinrich zu Putlitz 21 ), einen Edelmann aus der Priegnitz, der als dramatischer Schriftsteller für die Bühne großes Interesse hegte. In Schwerin war er nicht mehr unbekannt, mehrere seiner Werke waren schon über die Bühne des Hoftheaters gegangen und bei der Einstudierung seines "Wilhelm von Oranien in Whitehall" war er 1861 in Schwerin selbst zugegen gewesen. Er nahm den ihm übertra-


20) Fr. von Flotows Leben, a. a. O., S. 126.
21) Gustav Heinrich Gans Edler Herr zu Putlitz, geb. 20. März 1821 auf dem väterlichen Gut Retzin in der Priegnitz. Nach juristischem Studium in Berlin trat er in die diplomatische Laufbahn ein, aus der er 1848 schied, um sich teils der Bewirtschaftung seines Gutes, teils seinen dichterischen Interessen zu widmen. Als Student in Berlin mit allen Theatern vertraut, machte er Bekanntschaft mit den Bühnengrößen und -Schriftstellern in jener Zeit. Besonders durch die Aufführungen des französischen Theaters in Berlin wurde er zu eigenem Schaffen angeregt. Ein längerer Aufenthalt in Paris 1849 - 50 ermöglichte ihm die genaue Kenntnisnahme des dortigen musterhaften Theaterbetriebs und des Verhältnisses der dramatischen Schriftsteller zur Bühne, was nachhaltigen Eindruck auf ihn machte. Mit Friedrich von Flotow war er seit 1850 bekannt und arbeitete 1852 mit ihm an "Indra". Charlotte Birch - Pfeiffer und Friedrich Halm hatten auf sein dichterisches Schaffen unmittelbaren Einfluß. Am Tage der Ernennung zum Hoftheater-Intendanten wurde ihm auch die Kammerherrnwürde verliehen. Am 1.Mai 1864 wurde P. zum General - Intendanten ernannt. 1873 übernahm er dasselbe Amt in Karlsruhe. Kurze Zeit war er Hofmarschall beim Kronprinzen von Preußen. Gest. Retzin 5. September 1890.
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genen Posten um so lieber an, als er gerade in jener Zeit in den Erfolgen seiner letzten Bühnenwerke ziemlich enttäuscht worden war. Seine Stellung gab ihm Gelegenheit, der Bühne auf andere Weise zu dienen und zugleich für sein eigenes Schaffen reiche Erfahrung zu sammeln. Am 17. März 1863 verpflichtete er sich zunächst auf drei Jahre, denen noch ein weiteres folgte, so daß er von 1863-67 die Leitung in Händen hatte. Das Ziel, das er dabei im Auge hatte, drückt er selbst folgendermaßen aus: "Der dramatischen Literatur gegenüber wollte ich jede edlere Bestrebung fördern, unterstützen, die Darstellung durch sorgfältiges Ensemble zu möglichster Vollendung bringen, den Geschmack des Publikums vom Unedlen, Frivolen, nur die Unterhaltung des Augenblicks Fördernden ablenken und ihn durch vorsichtiges Hinführen zu den poetischen Schätzen unserer dramatischen Literatur zu bilden suchen, dem ganzen Schauspielerstande aber wollte ich eine geachtete Stellung in der Gesellschaft erringen und ihm gegenüber manches Vorurteil besiegen 22 )." Diese Absichten zu verwirklichen, schien ihm nach der aktenmäßig festgelegten Stellung des Intendanten zunächst unmöglich 23 ). Danach hatte sich einerseits das Ministerium jegliche Entscheidung bei Engagements und Anschaffungen und in der Verwaltung vorbehalten, andererseits waren Steiner weitgehende Befugnisse eingeräumt, so daß in der Theorie ein Intendant überflüssig erschien. Minister von Schrötter räumte ihm jedoch auf eine diesbezügliche Anfrage hin völlige Machtvollkommenheit ein. Mit Direktor Steiner und Kapellmeister Schmitt, die beide zum Vorstand gehörten, einigte er sich bald über die Abgrenzung des Tätigkeitsfeldes. Der Großherzog ließ sich allwöchentlich vom Intendanten Vortrag halten, wobei er feines Verständnis und auch eigene Ansichten zeigte; er ließ im übrigen Putlitz freie Hand und schenkte ihm unumschränktes Vertrauen, was dieser in seinen Erinnerungen dankbarst anerkennt. Putlitz' Hauptinteresse lag auf dem Gebiet des Schauspiels; die Oper war bei Alois Schmitt in guten Händen, und der Intendant kümmerte sich nur, wenn nötig, um deren dramatische Seite und Inszenierung. Vor allem legte er Wert auf Harmonie in der Gesamtdarstellung eines Bühnenwerkes und hielt es für seine allereigenste Aufgabe, darüber zu wachen, daß nichts aus dem Rahmen eines Kunstwerkes herausfalle. Dabei kamen ihm seine Erfahrungen als dramatischer Schriftsteller sehr zu statten, ebenfalls seine Bekanntschaft mit vielen Bühnen. Folgende Theorie stellte er sich für


22) G. zu Putlitz, Theatererinnerungen, Berlin 1875, Bd. II, S. 2.
23) Diese Akten selbst müssen verloren gegangen sein, es fanden sich nur Bestimmungen für Steiner.
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seine Tätigkeit auf: "Ich wollte die Stücke, die dessen bedurften, dramatisch bearbeiten oder einrichten und dann abwartend den Proben assistieren, jeden Darsteller sich selbst entwickeln lassen und nur dann mit Rat und Besprechung eingreifen, wenn die Einzelleistung mir aus der Idee des Stückes herauszulenken schien 24 )." Dem gesteckten Ziel konnte er mit den vorhandenen Mitteln und Kräften im Lustspiel und Konversationsstück am nächsten kommen; deshalb wurde auch letzteres hauptsächlich gepflegt. Auf diesem Gebiet erreichte die Schweriner Bühne unter seiner Leitung einen hohen Grad von Vollkommenheit, so daß sie sich mit größeren Bühnen darin messen konnte. Das Streben des Intendanten nach künstlerischer Vollendung der Aufführungen und seine rege Anteilnahme an der Entwicklung der einzelnen Schauspieler in ihren Fähigkeiten wirkte belebend auf das ganze Institut. Dazu kam sein freundliches persönliches Verhältnis zu den Mitgliedern und Angestellten, deren bester Anwalt er stets auch nach außen hin war. Die soziale Stellung der Schauspieler suchte er nach Kräften zu heben. Für die Hebung ihrer wirtschaftlichen Lage sorgte er durch Neugründung eines Pensionsfonds. Als Putlitz 1867 nach vierjähriger reger Tätigkeit aus Familienrücksichten Schwerin verließ, bedauerte man allgemein sein Scheiden. Der Großherzog verlieh ihm aus Anerkennung das Großkomturkreuz des Hausordens der wendischen Krone und das Hoftheaterpersonal überreichte seinem gütigen und einsichtsvollen Leiter ein sinnreiches Abschiedsgeschenk. Er hat das Theater um ein Bedeutendes gehoben, wenn auch das Hauptgewicht der Leistungen auf einem Gebiet lag, das noch nicht den Höhepunkt dramatischer Kunst ausmacht. Jedenfalls hat er eine gute Grundlage gelegt, auf der sein Nachfolger erfolgreich weiter bauen konnte.

Regie.

Wie oben bereits erwähnt, führte der Intendant die oberste Regie selbst; er fehlte fast bei keiner Probe und verfuhr dabei nach den ihn leitenden Grundsätzen. Neben der reichen Anregung, die er zu geben vermochte, lernte er dabei auch für sein eigenes dramatisches Schaffen; sagte er doch selbst, daß er die praktische Kenntnis, Rollen zu schreiben, erst bei seiner vierjährigen praktischen Tätigkeit in Schwerin gelernt habe. Die geschäftliche und technische Leitung überließ er in der Hauptsache Julius Steiner, der auch während der Doberaner Spielzeit das Theater begleitete. Die Opernregie führte der Bassist Hinze gemeinsam mit Alois Schmitt bis 1868. In der Regie des Schauspiels wirkte seit 1861


24) Putlitz a. a. O. Bd. II, S. 26 f.
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Anton Feltscher und von 1865 ab auch der als Komiker engagierte Leopold Günther. In Feltscher fand Putlitz gute Unterstützung beim Einstudieren des Konversationsstückes, das er für die beste Schule der Schauspieler hielt. Das Zusammenspiel in diesem Stück war bereits am Ende der ersten Saison so gut, daß am 6. März 1864 das Scribesche "Glas Wasser" ohne Souffleur gespielt werden konnte, ein Wagnis, das nur nach sorgfältigem Studium möglich ist.

Repertoire.

Bei der Vorliebe des Intendanten für das Konversationsstück ist es erklärlich, daß dieses im Repertoire den größten Raum einnahm. Da es nun an abendfüllenden Stücken oft fehlte, waren die Lustspielabende sehr häufig durch zwei, drei, auch vier Bühnenwerkchen ausgefüllt. Daneben fehlte es nicht an ernsten Dramen, von denen manche Aufführung durch Anwesenheit bedeutender Gäste zu einem künstlerischen Ereignis wurde. Die Bekanntschaft des Intendanten mit verschiedenen Dichtern führte zu mehreren Uraufführungen; Putlitz war nämlich bemüht, den Dichtern ihre schwierige Stellung zur Bühne, die er selbst oft hemmend empfunden hatte, dadurch zu erleichtern, daß er ihnen Gelegenheit bot, ihre Werke zur Aufführung zu bringen. Auch die Oper brachte während der vier Jahre manche bedeutende Neuigkeit im Spielplan. Alle möglichen festlichen Begebenheiten am Hofe, wie auch Gedenktage für Dichter und Komponisten wurden mit Festaufführungen gefeiert, zu denen meist der Intendant selbst einen Prolog dichtete.

Schauspiel . Von den klassischen Dichtern stand Shakespeare an erster Stelle mit 24 Aufführungen, und zwar im besonderen mit seinen Lustspielen. Der "Sommernachtstraum", den die Schweriner, wie Putlitz behauptet, nicht leiden konnten, wurde am 26. [Syymbol]ktober 1863 als Festaufführung zur Verlobungsfeier des Großherzogs mit Prinzessin Anna von Hessen gegeben. Besonders die neuartige Auffassung der Rolle des "Puck" durch Frl. Röckel und später durch Frl. Brand brachte dem Publikum das Stück näher. Die Feier des 300jährigen Geburtstags Shakespeares veranlaßte Putlitz zu einer Bearbeitung des schon 1855 in der Schlegelschen Fassung gegebenen Lustspiels "Was ihr wollt", das er durch geschickte Inszenierung auf drei Akte beschränkte. Die dazu gehörige Musik komponierte ein Kapellmeister André; vorauf ging ein von Friedrich Halm gedichtetes Festspiel "Ein Abend in Titschfield", das Szenen aus Shakespeares Werken am Hofe der Königin Elisabeth darstellte. Das Lustspiel gefiel in Schwerin sehr. Es

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wurde am 18. und 28. März 1864 gespielt, im Mai darauf auch unter Beifall in Berlin bei einem Gesamtgastspiel der Schweriner Kräfte. Nicht ganz so gefiel das im April 1866 neu aufgeführte "Wie es euch gefällt" in einer szenischen Bearbeitung von Pabst. Neben diesen neuen Lustspielen waren im Repertoire vertreten "Viel Lärm um nichts", "Kaufmann von Venedig", "Romeo und Julia", besonders beliebt mit Frl. Röckel als "Julia"; im Januar 1866 "Richard III." mit Dawison und im März 1867 "Heinrich IV." mit Theodor Döring als "Falstaff". - Neben Shakespeare kam Schiller in 22 Aufführungen zum Gehör. Neu war darunter am 8. Dezember 1865 seine Bearbeitung eines französischen Stoffes in "Der Neffe als Onkel", außerdem die von Lindpaintner mit Musik versehene Ballade "Hero und Leander", die Julie Rettich am 30. März 1864 während ihres Gastspiels sprach. Am 29. März spielte sie in der neueinstudierten "Braut von Messina" die Rolle der "Isabella"; diese Aufführung gehörte zu den besten klassischen Aufführungen dieser Jahre überhaupt. - Goethes Dramen erreichten nur 14 Aufführungen. Der "Egmont" wurde am 13. Oktober 1864 unverkürzt gegeben mit Frau Otto - Martineck als "Fürstin von Parma", für deren Rolle früher keine geeignete Vertreterin vorhanden war. 1865/66 wurde "Faust" mit Frl. Röckel als "Gretchen" zweimal gespielt; "Iphigenie" 1864/65 mit Frau Ritter-Wagner und 1865/66 mit Fanny Janauscheck als Gast. - Lessings "Nathan" hatte Putlitz für die erste Vorstellung unter seiner Leitung in Schwerin gewählt, da aber das Publikum sich sehr ablehnend verhielt, erschien er nicht wieder auf dem Spielplan. Von Lessings anderen Werken wurde nur noch "Minna von Barnhelm" gespielt, und zwar am 22. Januar 1867 zur Feier seines Geburtstages. - Von Kleist kam nur "Käthchen von Heilbronn" einmal im Februar 1866 zur Aufführung und von Grillparzer nur "Medea" 1867 mit der Janausckeck. - Hebbels "Siegfrieds Tod" wurde im Februar 1864 aufgeführt und durch einen von Putlitz gedichteten Gedenkspruch zu einer Totenfeier für den im Dezember 1863 verstorbenen Dichter gestempelt. - Iffland, Kotzebue, Raupach, Gutzkow und Laube sind nur mit ein bis zwei Aufführungen vertreten. Durch die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Putlitz und Friedrich Halm kam am 30. November 1863 die Uraufführung seines Dramas "Wildfeuer" zustande, das durch die Vertreterin der Titelrolle, Frl. Röckel 25 ), während ihres Engagements in Schwerin


25) In ihrem Wiener Engagement 1866 - 71 und 1879 - 96 sowie auf Gastspielreisen trat Frl. Röckel oft in dieser Rolle, die zu ihren besten zählte, auf und errang dem Stück damit überall großen Beifall.
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zu einem beliebten Repertoirestück wurde und nur ihr den Erfolg zu danken hatte. In Frankfurt a. M. und Mannheim, wo es darauf in anderer Besetzung gespielt wurde, wies das Publikum es mit Entrüstung zurück. Der etwas bedenkliche Stoff konnte nur mit einer besonders dafür geeigneten Schauspielerin wirken. - Noch zwei Uraufführungen bot die erste Saison: am 2. Februar 1864 G. von Vinckes Erstlingswerk "Im Feuer", Lustspiel in 3 Akten, und am 28. Februar "Andreas Hofer" von Carl Immermann in der Bearbeitung von Putlitz. Der Beifall war zunächst groß. Auf allgemeines Verlangen wurde es im März wiederholt, aber schon bei einer dritten Aufführung zeigte das Publikum nur noch geringes Interesse. - Am 29. Januar 1865 brachte Putlitz das kurz vorher entstandene Schauspiel "Prinzessin von Montpensier" von Brachvogel als Uraufführung mit viel Erfolg auf die Bühne. Bis 1867 wurde das Stück noch achtmal aufgeführt und setzte sich auch auf anderen Bühnen durch. - Als letztes von Putlitz selbst eingeübtes Stück kam am 5. April 1867 Geibels "Sophonisbe" in einer Uraufführung auf die Schweriner Bühne, nachdem es unter Beisein des Dichters sorgfältig einstudiert worden war. Frau Otto - Martineck war eine gute Vertreterin der "Sophonisbe" und erzielte für die an sich undramatische Tragödie Geibels in Schwerin lebhaften Erfolg. Ähnlich galt bei einer früheren Aufführung seiner "Brunhilde" am 2. März 1866 der reiche Beifall weniger dem Stück als der vortrefflichen Leistung der Janauscheck als "Brunhilde". - In die Reihe der Uraufführungen gehört noch Charlotte Birch - Pfeiffers Schauspiel "Eine Sylvesternacht" am 31. Oktober 1864, das vom Publikum kühl aufgenommen wurde. Ihre Werke kamen mit 21 Aufführungen im ganzen verhältnismäßig oft auf den Spielplan. -

Von den Lustspieldichtern war der bevorzugteste Benedix. Er erreichte mit 29 Aufführungen von allen Autoren überhaupt die höchste Ziffer. Neu waren von ihm "Der Dritte", einaktiges Lustspiel, im Dezember 1863 und einige kleinere Lustspiele. Am meisten kamen "Die Dienstboten" zur Aufführung. Neben ihm waren vertreten Töpfer mit 11 Aufführungen, Pohl mit 7, Blum und Bauernfeld mit 6, Nestroy mit 2, Freytag mit nur einer. Eine Posse von Kalisch und Pohl "Namenlos" war beim Publikum ausnehmend beliebt. - Von den ausländischen Dichtern war Scribe am häufigsten vertreten. Sein "Glas Wasser" zog noch immer. Neu waren die fünfaktigen Lustspiele "Feenhände" im November 1864, "Gönnerschaften" im November 1866 und die "Verleumdung" im Februar 1867. - Als Abschluß

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der Betrachtung des Schauspielrepertoires sei noch von den Bühnenwerken des Intendanten selbst die Rede. Es fanden während der vier Jahre 21 Aufführungen davon statt; die erste Saison brachte außer der Bearbeitung von "Was ihr wollt" nur zwei kleine Einakter "Liebe und Arrest" und "Der Brockenstrauß". Zu den nach Abschluß der Saison im Mai 1864 stattfindenden Vermählungsfeierlichkeiten des Großherzogs dichtete Putlitz ein Festspiel "Maienzauber", zu dem Alois Schmitt passende Musik komponierte. Das Spiel brachte in sinnvoller Fassung lebende Bilder aus der mecklenburgischen Geschichte, von denen besonders die Bekränzung von Paul Friedrichs Standbild vom Publikum jubelnd begrüßt wurde. Die Saison 1864/65 brachte zwei neue Lustspiele:

Der Einakter "Zeichen der Liebe" erschien am 14. November 1864 anonym unter großem Beifall, das dreiaktige Lustspiel "Um die Krone" am 2. April 1865, beide als Uraufführungen. Das letztere erregte in dem dichtbesetzten Hause einen wahren Beifallssturm, der zum größten Teil jedenfalls der Person des Dichters galt. Das Interesse am Stück erlahmte denn auch bald, und auf anderen Bühnen hat es auch kein sonderliches Glück gemacht. 1865/66 kam nur ein kleines Weihnachtsspiel für Kinder mit Musik von Schmitt heraus und in der letzten Saison 1866/67 ein dreiaktiges Lustspiel "Spielt nicht mit dem Feuer", das fast auf allen deutschen Bühnen eine Zeitlang heimisch geworden ist.

Oper . Bei der Entwerfung des Opernrepertoires kam es zwischen Putlitz und Schmitt zuweilen zu Meinungsverschiedenheiten 26 ). Der Intendant hielt es für angebracht, im Interesse seiner Theaterkasse dem Geschmack des Publikums möglichst entgegenzukommen, während der Kapellmeister mehr die idealere Richtung durchzusetzen bemüht war. Dem öfteren Sieg der Putlitzschen Ansicht ist es daher zuzuschreiben, wenn Wagner und Mozart hinter anderen zurücktreten. Meyerbeer erstritt mit 27 Vorstellungen den Vorrang; den Hauptanteil hatte daran die am 19. Januar 1866 zum erstenmal gespielte "Afrikanerin", die noch in derselben Saison achtmal bei stets vollem Hause wiederholt wurde, eine für Schwerin seltene Erscheinung. Nächst Meyerbeer steht Lortzing mit 19 Aufführungen. Die am 23. Oktober 1865 in reicher Ausstattung auf die Bühne gebrachte "Undine", ebenso wie der "Waffenschmied" waren beliebte Zugstücke. - Ebenfalls Gounods "Margarethe", die zum erstenmal am 30. Januar 1864 erschien, fand viel Beifall und erlebte bis 1867 17 Aufführungen. Es folgen Weber mit 17, Mozart und Flotow mit je 15


26) Putlitz a. a. O. Bd. II, S. 7.
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und Auber mit 12 Aufführungen. Wagners "Tannhäuser" und "Lohengrin" kamen dagegen nur achtmal zur Aufführung; seine Bearbeitung der Gluckschen "Iphigenie" zweimal. Von Verdis neun Aufführungen gehörten die meisten dem am 14. Januar 1864 zum erstenmal gespielten "Troubadour", Donizetti und Rossini sind ebenfalls mit 9 Aufführungen vertreten, Bellini mit 8, Méhul mit 6, Halévy mit 5, Beethoven mit 3, Hérold und Offenbach mit je 2. Außer den schon genannten Neuerscheinungen im Opernrepertoire ist noch die Uraufführung von Härtels "Carabiniers" am 8. November 1866 zu verzeichnen, sie fand unter persönlicher Leitung des Komponisten, eines Mitgliedes der Kapelle, statt. Nach einmaliger Wiederholung verschwand sie wieder vom Spielplan.

Personal.

Schauspiel. Die ersten Herrenrollen im Schauspiel wurden, außer der des ersten Komikers, während dieser vier Jahre nicht neu besetzt. Am 27. April 1865 starb der vielbeliebte Komiker Peters, mit dem die Bühne eine bedeutende Kraft verlor. Am 11. Februar 1864 hatte er sein 24jähriges Jubiläum an der Schweriner Bühne gefeiert; während seiner langen Tätigkeit war er mit dem Schweriner Publikum eng verwachsen, so daß sein Nachfolger keine leichte Stellung hatte. Als solcher wurde Leopold Günther 27 ) gewonnen, der sich als Bearbeiter französischer Stücke und älterer Singspiele bereits einen Namen gemacht hatte. Bei vielseitiger Begabung gewann er bald die Gunst des Publikums. Sein Musikverständnis ermöglichte ihm auch die Mitwirkung in Singspiel und Oper. Für kleinere Rollen wurde 1863 Wilhelm von Horax engagiert 28 ), der als jugendlicher Liebhaber bald eine tüchtige Stütze des Lustspiels wurde, so daß er auch an den Gesamtgastspielen teilnehmen konnte. - Die ersten Heldinnen spielte Frau Otto - Martineck; jugendliche Liebhaberin war von 1863 - 66 Louisabeth Röckel 29 ), die sich beson-


27) Geb. 28. April 1825 in Berlin, 1837 - 43 Chorknabe am Königstädtischen Theater, dann engagiert in Hamburg, Lübeck, Bremen usw. Gründete 1853 mit van Lier in Amsterdam das Deutsche Theater und leitete es bis 1856, darauf in Braunschweig, Nürnberg und Berlin tätig. 1856 - 98 in Schwerin, seit 1868 Regisseur der Posse, des Singspiels und der großen Oper, 1894 zum Oberregisseur ernannt.
28) Sohn des Augsburger Theaterdirektors Maximilian von Horax.
29) Geb. 30. Oktober 1841 in Weimar als Tochter des Musikdirektors August Röckel. Erstes Auftreten 1858 als "Käthchen" auf der Weimarer Bühne, dort bis 1868 engagiert, 1863 - 66 in Schwerin, 1866 - 71 und 1879 - 96 in Wien, dazwischen Gastreisen, 1898 - 1900 am Schillertheater in Berlin.
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ders durch ihre Rolle als "René, genannt Wildfeuer", in Halbes Schauspiel einen Namen in der Bühnenwelt erworben hat. In Schwerin begann sie auch das Studium klassischer Rollen und hatte besonders als "Gretchen", "Julia", "Klärchen" und "Cordelia" viel Erfolg. 1866 - 68 trat an ihre Stelle Hermine Delia vom Berliner Schauspielhaus, eine besonders fürs Konversationsfach sehr begabte Darstellerin. Die Rollen der komischen Alten spielte bis 1866 noch Frau Lafrenz, bei ihrem Abgang wurde Amalie Schramm 30 ) engagiert, die bis 1872 in Schwerin blieb. Vortrefflich war sie als "Marthe" im "Faust" und als "Irmentraut" im "Waffenschmied".

Oper. Im Opernpersonal trat für den ersten Tenor Arnold 1866 Braun aus Königsberg ein, nachdem er im April 1865 als "Tannhäuser" mit Erfolg gastiert hatte; den zweiten Tenor Waldmann löste 1864 - 67 Schüller ab. Der Bassist Hinze feierte am 2. April 1866 sein 25jähriges Jubiläum. Als Benefizvorstellung für ihn wurde "Fidelio" gegeben. Als junger Bariton neben André war 1864/65 Carl Otto und 1865 - 68 Roschlau engagiert. - Erste dramatische Sängerin war von 1863 - 77 Frl. Barn, für Koloraturpartien 1863/64 Frl. Fließ und 1864 - 67 Frl. Anna Reiß,die als "Elsa" in "Lohengrin" 1864 zum erstenmal auftrat und bald in Schwerin sehr beliebt wurde. Für die Soubrette Frl. Mejo trat 1864/65 Frl. Anstensen ein, 1865/66 Frl. Bußler und 1866 - 69 Frl. Murjahn.

Gäste.

Über den Grundsatz, der den Intendanten beim Abschluß von Gastspielen leitete, schreibt er selbst folgendes: "So viel als möglich und im Interesse des Theaters und des Publikums zu liegen schien, versuchte ich es, durch Gastspiele dem Repertoire Abwechselung zu schaffen, das Interesse zu beleben und auch den Mitgliedern neue Anregung und gute Vorbilder zu geben. . . .Gern habe ich den Gastspielen die Hand geboten, die mir Vorstellungen ermöglichten, namentlich einzelner klassischer Werke, die eigene Kräfte allein nicht überwältigt hätten, und die vorzuführen selbst in vereinzelter Darstellung mir wünschenswert erschien, so "Richard III.", selbst "Wallenstein" mit Bogumil Dawison, "Die Braut von Messina" mit Julie Rettich u. a. m. Hier liegt wahrhaft künstlerischer Gewinn für Bühne und Publikum: die möglichst vollkommene Darstellung eines Meisterwerkes der Literatur, und in


30) Geb. 31. Oktober 1826 in Memel. Zunächst Koloratursängerin in Berlin. 1855 verlor sie ihre Stimme und ging zum Schauspiel über.
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dieser Rücksicht wird ein Gastspiel durchaus gerechtfertigt 31 ). Diesem Grundsatze folgend, zog er in den vier Jahren eine Reihe hervorragender Künstler zu Gastspielen heran: Auguste von Bärndorf, Meisterin im Konversationstück, aus Hannover gab vom 9. bis 16. November 1863 fünf Gastrollen, u. a. die "Donna Diana" von Moreto - West. Julie Rettich 32 ), persönlich mit Putlitz und seiner Familie von Wien her befreundet, spielte im März 1864 die "Isabella" in der "Braut von Messina" und die "Dorothea von Holstein" im "Testament des Großen Kurfürsten" von Putlitz. Minona Frib - Blumauer, die von 1854 - 86 in Berlin als gefeierte Schauspielerin besonders komische Charakterrollen spielte, trat vom 1. bis 5. April 1864 in sechs kleineren Lustspielen auf. Carl Sontag aus Hannover spielte vom 16. bis 23. Oktober 1864 einige Lustspielrollen, worauf er sich in seinen späteren Jahren immer mehr beschränkte. Hermann Hendrichs, den Putlitz den "letzten Romantiker auf der Bühne" nannte, gab vom 27. bis 31. Oktober 1864 fünf Gastrollen, u. a. als "Struensee", "Tell", "Dr. Robin"; besonders als "Tell" gefiel er den Schwerinern sehr gut. Der bekannte Friedrich Haase trat vom 4. bis 7. April 1865 zum erstenmal in Schwerin auf; als "Chevalier von Rocheferrier" erregte er in dem bis aufs Orchester ausverkauften Hause einen wahren Beifallssturm, während seine Art, den "Bonjour" in "Wiener in Paris" zu spielen, das Schweriner Publikum "chokierte". In derselben Saison trat Franziska Ritter - Wagner vom Januar bis 1. März in elf Rollen auf, unter denen besonders die "Iphigenie" hervorragte. Bogumil Dawison gab vom 27. Januar bis 11. Februar 1866 neun Gastrollen, u. a. als "Mephisto", "Richard III." und "Wallenstein". Den "Narcis" von Brachvogel spielte er zugunsten des Pensionsfonds. Fanny Janauscheck trat vom 21. Februar bis 2. März 1861 als "Königin Elisabeth" in Laubes "Graf Essex", als "Iphigenie" und als "Brunhild" in Geibels Tragödie auf. Das Haus war bei ihren Gastvorstellungen dicht besetzt. Im nächsten Jahr kam sie noch einmal und bot den Schwerinern vom 26. Januar bis 6. Februar in fünf Rollen große künstlerische Genüsse. Als letzter in der Reihe ist Theodor Döring zu nennen, der Nachfolger Seydelmanns in Berlin von 1845 - 78. Er spielte vom 24. bis 29. März 1867 an vier Abenden in Schwerin außer verschiedenen Lustspielrollen den "Falstaff" in Shakespeares "Heinrich IV."


31) Putlitz a. a. O. Bd. II, S. 193 f. und S. 196.
32) Geb. Gley aus Neustrelitz, wo ihre Eltern engagiert waren. Sie trat 1825 in Dresden zum erstenmal auf und wurde dort bis 1830 engagiert. 1835 - 66 war sie in Wien Nachfolgerin der Sofie Müller.
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In allen Rollen gefiel er mit seinem urgemütlichen und zu wahrer Herzensheiterkeit hinreißenden Humor den Schwerinern sehr; seine Darstellung des "Falstaff" soll nach zeitgenössischen Urteilen eine der hervorragendsten Leistung in der Schauspielkunst gewesen sein 33 ). - Die Gäste in der Oper sind weniger zahlreich. Der in Schwerin schon bekannte Tichatscheck sang am 20. und 23. Dezember 1863 den "Tannhäuser" und "Masaniello". Vom 18. bis 23. Januar 1864 gab die italienische Operngesellschaft Morelli drei Vorstellungen von italienischen Opern, und vom 22. bis 26. Februar desselben Jahres sang Leonore Deahna die Rolle des "Romeo" in Bellinis "Montechi und Capuletti", "Don Pedro" in der neuen Oper "Claudine" von Franz und die "Gräfin" im "Figaro". Der berühmte Stuttgarter Tenor Sontheim sang vom 15. bis 23. März 1866 in vier Gastrollen zum erstenmal in Schwerin. Im folgenden Jahr vom 3. bis 13. Januar in fünf Rollen. Er wurde zu den bedeutendsten Tenoristen seiner Zeit gerechnet und soll seine Stimme bis ins hohe Greisenalter in seltener Klangschönheit behalten haben. Die hannöversche Kammersängerin Asminde Ubrich, 1856 - 61 in Schwerin, sang vom 18. bis 26. November 1866 in drei Gastrollen die "Margarethe", "Rosine" im "Barbier von Sevilla" und "Die Lady Harriet" in Flotows "Martha".

Kapellmeister und Orchester.

Das Orchester machte auch während dieser vier Jahre unter Alois Schmitts kunstverständiger Leitung weitere Fortschritte. Während bei der Festsetzung des Opernrepertoires Intendant und Kapellmeister zusammenwirkten, wobei ersterer die Rücksichten auf die Theaterkasse besonders geltend zu machen suchte, hatte Schmitt in der Gestaltung der Konzerte völlig freie Hand und konnte hier ganz seinen künstlerischen Neigungen folgen, die besonders auf klassische Musik gerichtet waren. In dem Rendanten und Chordirektor Stocks, der ein durchgebildeter Musiker war, fand er wirksame Unterstützung in seinen Bestrebungen. Für den Chor bildete Stocks unermüdlich neue Kräfte heran; bei der Wahl der Mitglieder achtete er sowohl auf musikalische Begabung als auch auf die Unbescholtenheit der Privatverhältnisse und legte damit "das Fundament zu einem sittlichen Ton beim Theater, der weitergreifend die glücklichsten Folgen hatte". - Die Stelle des zweiten Musikdirektors war nach Schmiedekampfs Tod im Februar 1864 eine Zeitlang nicht besetzt. 1865 - 73 war der schon früher als Hofmusiker im Orchester beschäftigte Gustav Härtel als Musik-


33) Vgl. Monty Jakobs "Deutsche Schauspielkunst".
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direktor und Dirigent des Balletts tätig. In den Abonnementskonzerten und Kammermusikabenden wirkten die Mitglieder der Oper und die ersten Orchesterkräfte als Solisten mit; an hervorragenden auswärtigen Künstlern wurden herangezogen: 1864/65 die Gebrüder Müller, das Hofquartet aus Sachsen - Meiningen, die Pianistin Frau Clara Schumann, die Hofopernsängerin aus Dresden, Frau Krebs - Michalesi, und der Konzertsänger Julius Stockhausen. 1865/66 der Violinvirtuose Ludwig Strauß, Hans von Bülow und der gefeierte Violinmeister Joseph Joachim, der am 13. Januar 1866 das Beethovenkonzert zum erstenmal in Schwerin zu Gehör brachte. 1866/67 die Pianistin Alide Topp und der später in Schwerin engagierte Sänger Carl Hill, der am 11. Dezember 1866 bei einer Aufführung des Eliasoratoriums durch den Schweriner Gesangverein auch den "Elias" sang.

Die Finanzen.

Bei der Übergabe der Intendantur an Putlitz 1863/64 wurde der Zuschuß um etwa 10 000 Tlr. erhöht. Dadurch war die Möglichkeit gegeben, den in den letzten Jahren vernachlässigten Fundus wieder aufzubessern und den Gagenetat zu erhöhen. Um etwas freiere Handhabung in der finanziellen Leitung zu haben, schlug Putlitz eine Reformierung der Finanzverhältnisse vor, wobei ihm das Ministerium vertrauensvoll entgegenkam. Es wurde im April 1865 ein fester Zuschuß von 62 000 Tlr. bewilligt, der im äußersten Fall 63 000 Tlr. betragen durfte. Die vom Publikum durch erhöhte Eintrittspreise erzielten Mehreinnahmen wollte Putlitz dem Theater und somit dem Publikum selbst wieder zugute kommen lassen. Er hoffte, dadurch regeres Interesse beim Publikum zu wecken, das sich sonst ganz auf die fürstliche Unterstützung verließ. So konnte er auch im Oktober 1864 eine Erhöhung der Eintrittspreise wagen, ohne auf allzugroßen Widerstand zu stoßen. Allerdings war die Erhöhung 34 ) auch keine sehr bedeutende. Die

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Abonnementspreise wurden um 5 Sch. für jede Vorstellung erhöht. Über den Gagenetat bemerkt Putlitz in einem Schreiben ans Ministerium 35 ), daß Bühnen wie Berlin, Wien, Dresden und größere Stadttheater das Zwei- und Dreifache an Gage zahlten. In Schwerin schwankte der Gagenetat in diesen Jahren zwischen 45 000 und 49 000 Tlr., davon ging bei der Anhäufung älterer Kräfte etwa ein Drittel an solche, die nicht mehr gebraucht werden konnten. Daher trat Putlitz schon während des ersten Jahres seiner Intendanz energisch für Gründung des Pensionsfonds ein, der später für diese Schwierigkeit wenigstens teilweise eine Lösung bringen sollte. Gleichzeitig damit wird auch der Beitritt zum Bühnenkartellverband erfolgt sein. 1866 nahm Putlitz jedenfalls an der in Frankfurt tagenden Intendantenversammlung teil, genau ist der Zeitpunkt des Beitritts nicht nach den Akten festzustellen.

Publikum.

Dem Publikum suchte Putlitz bei seiner Leitung möglichst entgegenzukommen, was ihm jedoch nicht immer leicht wurde. Er schildert sein Verhältnis zum Publikum wie einen fast beständigen Kampf. Das Repertoire mußte stets abwechslungsreich sein. Es wurden viele Stücke mit einer Aufführung abgetan, im allgemeinen ein- bis zwei-, höchstens dreimal wiederholt. Nur bei außergewöhnlich ansprechenden Stücken, wie z. B. Meyerbeers "Afrikanerin", überstieg die Zahl der Aufführungen die gewöhnliche Grenze. Im November 1863 schreibt Putlitz an Guisbert von Vincke: "Das Publikum ist am schwierigsten, viel unzufrieden, Feind alles Klassischen, Shakespeare wird gehaßt, Schiller und Goethe mit Nasenrümpfen behandelt. Wiederholt wird höchstens einmal wegen des Abonnements," und in seinen Erinnerungen heißt es: "Das Publikum zeigt große Nachsicht gegen die Schauspieler, die ihm durch die Gewohnheit lieb geworden waren, übertriebene Treue für die, welche fortgingen, sogar für die, welche vor Jahrzehnten der Tod oder ein anderes Engagement ihm entführt hatte, verglich fortwährend, hatte Mißtrauen gegen alles Neue und Unbekannte, Abneigung gegen Neuerungen, Vorurteile gegen Künstler, die erst ins Engagement traten, und scheute jede sichtbare Hingabe, jedes Zeichen, hingerissen, gerührt oder erheitert zu sein" 36 ). Andererseits aber erkannte er willig Vorzüge des


35) Akten des Geh. u. Haupt-Archivs.
36) Putlitz a. a. O. Bd. II, S. 32.
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Publikums an, deren einer z. B. in der Ablehnung alles Unnatürlichen, Frivolen und Unsittlichen lag.

Intendanz Alfred von Wolzogen 1867 - 1882.

Bevor Putlitz aus Schwerin schied, schlug er dem Großherzog zur Neubesetzung des Intendantenpostens einen Mann vor, dem er mit gutem Gewissen und vollem Vertrauen in seine Fähigkeiten die Leitung des ihm liebgewordenen Kunstinstituts überlassen zu können glaubte. Dieser Mann war Alfred von Wolzogen 37 ), königlich preußischer Regierungsrat in Breslau, der durch kunstkritische und kunstphilosophische Schriften sein reges Interesse an der Kunst bereits öffentlich gezeigt hatte. Im besonderen zog es ihn zur Schauspielkunst, und schon 1858 hatte er sich in München und 1867 in Dresden um den freigewordenen Intendantenposten beworben, um mit der Kunst selbst in nähere Berührung zu kommen. So ging er bereitwillig auf das Schweriner Angebot ein und wurde, nachdem er sich im Januar 1867 dem Großherzog persönlich vorgestellt hatte, zum 1. Oktober des Jahres vorläufig auf ein Jahr als Intendant verpflichtet. Am 28. Februar 1868 erfolgte seine Ernennung zum Kammerherrn, das Patent als Hoftheaterintendant wurde ihm dann endgültig am 31. März 1868 verliehen. Dieses Amt, dem er von nun ab seine ganze Lebenskraft widmete, versah er in unermüdlicher Tätigkeit und unter wachsendem Erfolg bis zu einer im März 1882 eintretenden Krankheit, von der ein sanfter Tod ihn am 13. Januar 1883 in San Remo erlöste.

Die 15 Jahre seiner Leitung bedeuten für das Schweriner Hoftheater eine Zeit hoher Blüte. Der auf Ausübung edler klassischer Kunst bedachte Intendant war ehrlich bestrebt, mit den verfügbaren Mitteln auf allen Gebieten das Höchstmögliche zu er-


37) Carl August Alfred Freiherr von Wolzogen, geb. am 27. April 1823 in Frankfurt a. M., besuchte 1836 - 40 das Pädagogium in Halle, 1840/41 die Klosterschule zu Roßleben und widmete sich dann in Berlin dem juristischem Studium. Während dieser Zeit stand er in lebhafter Beziehung zur Theaterwelt; aus diesen Jahren stammt auch die Freundschaft mit Putlitz, den gleiche Liebe zur Kunst mit ihm verband. Nach Abschluß seiner Studien trat er 1853 in Berlin in Staatsdienste, wurde aber 1854 einer politischen Schrift wegen nach Breslau versetzt. Hier widmete er sich neben seinem Beruf einer regen schriftstellerischen Tätigkeit. 1859/60 schrieb er für die Breslauer Zeitungen Theaterkritiken, die sich durch Begründung auf streng künstlerische Prinzipien auszeichneten und daher der Theaterdirektion bald unbequem wurden.
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reichen. Vor allem galt seine Sorgfalt dem Studium klassischer Dramen, die er in guter Darstellung dem Publikum nahe zu bringen suchte. Die von ihm bald erkannte Notwendigkeit, "daß ein möglichst nach idealen Prinzipien geleitetes kleineres Hoftheater, um auf eigenen Füßen zu stehen, sich in seiner ernsteren Richtung auf den Charakter einer gründlichen ,Schule' zur Heranbildung junger Talente auf dem Fundamente eines edlen Stiles und in künstlerisch anständiger Gemeinsamkeit beschränken müsse", veranlaßte ihn, sich vornehmlich dieser Schulung zu widmen. Seine eigene Begabung für dramatische Deklamation wandte er mit viel Geschick und Erfolg in der Belehrung berufener schauspielerischer Talente an; eine Reihe bedeutender Bühnenkünstler sind aus seiner Schule hervorgegangen. In diesem direkten bildenden Verkehr mit der lebendigen Kunst lag recht eigentlich die ganze künstlerische, ja geistige Begabung seiner allseitig gleich rezeptiven wie anregenden Natur 38 ). Sein Bestreben bei der Schulung der Schauspieler ging stets darauf hinaus, aus dem natürlichen Sprechtone heraus eine gleichmäßig rein und prägnant ausgearbeitete Kunstsprache zu bilden, während er die eigentlich schauspielerischen Leistungen der einzelnen durch sorgsam mitgeteiltes Verständnis zu heben suchte. Auch außerhalb des Theaters stand er in lebhafter Verbindung mit seinen Mitgliedern und wirkte im gesellschaftlichen Verkehr in vieler Beziehung befruchtend. Ältere Schweriner erinnern sich noch heute gern an den anregenden Umgang in seinem Hause. Nach außen vertrat Wolzogen das Theater als Mitglied des Bühnenkartellvereins; 1871 wurde er in die Fünferkommission gewählt, die zur Bühnenreform Stellung nehmen sollte. 1873 trat er in der Generalversammlung der Deutschen Bühnengenossenschaft 39 ) als Vertreter der Mitglieder des Schweriner Hoftheaters für das Wohl der Schauspieler und gegen die Tyrannei der Theateragenten ein. Bei all seinen Reden und Schriften betonte er immer wieder die hohe künstlerische Aufgabe eines Theaters. - In dieser Beziehung hatte er in Schwerin keinen schweren Stand, da der Großherzog gerade echte und gute Kunst liebte und schützte, andererseits fand er in Alois Schmitt einen treuen, begeisterten Mitkämpfer. Schwieriger dagegen war seine Stellung zum Publikum, das zum größten Teil mehr Gefallen an leichterer Kost fand und erst nach und nach durch die immer besser gelungenen Aufführungen gewonnen wurde. Von 1874/75 ab führte der


38) Vgl. H. P. von Wolzogen, Carl August Alfred von Wolzogen, biograph. Erinnerungsbild 1883.
39) Gegründet 1871 von Ludwig Barnay, Ernst Possart u. a.
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Intendant Volksvorstellungen klassischer Dramen zu halben Preisen ein, um einerseits Gelegenheit zu öfteren Wiederholungen zu geben, andererseits um in der großen Menge Interesse und Liebe für die Werke unserer großen Dichter zu wecken und lebendig zu erhalten. Wenn das auch nicht immer gelang, und der Intendant aus pekuniären Gründen zuweilen auf den Geschmack des Publikums Rücksicht nehmen mußte, so erreichte er es doch, das Hoftheater im großen und ganzen auf ein höheres künstlerisches Niveau zu erheben, das den Vergleich mit andern Theatern gleichen Ranges nicht zu scheuen brauchte und manche sogar weit überragte.

Regie.

Die Regie des Schauspiels führte im wesentlichen der Intendant selbst mit kundiger Hand. Mit jungen Kräften übte er deren Rollen ein und achtete bei allen Aufführungen auf Wahrung eines guten Gesamteindrucks. Die Bedeutung des Oberregisseurs Steiner trat mehr in den Hintergrund, seine Tätigkeit beschränkte sich immer mehr auf das Geschäftliche. Seit 1868 war Leopold Günther, der seit 1865 engagierte erste Komiker, Regisseur der Posse, des Singspiels und der großen Oper. Er machte sich besonders bei der schwierigen Inszenierung der großen Wagneropern verdient. Als Regisseur des Lustspiels wirkte von 1861 - 87 Ernst Schnabel, der nebenher nur in kleineren Rollen beschäftigt wurde.

Repertoire.

Ein Blick aufs Repertoire zeigt das Streben der Intendanz nach Veredelung des Geschmackes. Deutsche Kunst steht im Schauspiel wie in der Oper im Vordergrund. Die Gestaltung der Spielabende wurde im ganzen einfacher gehalten; die Zusammensetzung von Konzerten und Lustspielen hörte auf, die Zwischenaktsmusiken wurden bei klassischen Stücken eingestellt und der musikalische Teil auf eine den Abend einleitende Ouverture beschränkt oder auch ganz weggelassen. Das Ballett wurde immer mehr eingeschränkt und schließlich ganz abgeschafft, um Mittel für Verbesserung der Sologesangskräfte zu ersparen.

Das Schauspiel repertoire weist verhältnismäßig sehr viele klassische Stücke auf, von denen Wolzogen selbst viele bearbeitete. Sein Vorgänger hatte besonders das Konversationsstück gepflegt, daher waren die vorhandenen Kräfte auch weniger fürs ernste Drama geeignet, mit Ausnahme von Frau Otto - Martineck und Keller, die den Stamm bildeten für das von nun an unter persön-

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licher Leitung des Intendanten gepflegte klassische Drama. Unter den während dieser 15 Jahre zur Aufführung gelangten klassischen Autoren steht Shakespeare mit 107 Aufführungen weit voran, Schiller ist mit 76 vertreten, Goethe mit 61, Lessing mit 26 und Kleist mit 20. - Von Shakespeare kamen von den in Schwerin bereits bekannten Stücken "Hamlet" und "Der Kaufmann von Venedig" fast in jeder Saison auf die Bühne, im Februar 1869 wurde "Hamlet" mit Feltscher in der Titelrolle neu einstudiert, im Dezember 1870 spielte Friedrich Haase als Gast den "Hamlet"; dabei gefiel ihm die vom Intendanten geschulte Hermine Bland als "Ophelia" so gut, daß er sie im nächsten Jahr nach Leipzig engagierte. Auch "Romeo und Julia", "Othello" usw. wurden häufig gespielt. 1872/73 brachte der Intendant zwei von ihm selbst für die deutsche Bühne eingerichtete Schauspiele heraus: am 18. Oktober "Cymbelin" und am 4. Dezember "Maß für Maß". Ersteres wurde wie auch kurz vorher in Leipzig mit warmer Teilnahme aufgenommen, es war von Wolzogen geschickt deutscher Sitte angepaßt. 1874/75 unternahm der Intendant es sodann, die bis auf "Richard III." und "Heinrich IV." in Schwerin noch nicht gegebenen englischen Königsdramen in einem geschlossenen Zyklus auf die Bühne zu bringen. Zu diesem Zweck bearbeitete er die Historiendramen von "Richard II." bis "Richard III." auf Grundlage des Schlegelschen Textes. Die erste (Lancaster-) Trilogie: "Richard II.", "Heinrich IV." und "Heinrich V." wurde am 7., 9. und 11. Dezember 1874 gespielt; die zweite (York-) Trilogie: "Heinrich VI.", "Eduard IV." (im englischen Original "Heinrich VI. dritter Teil" genannt) und "Richard III." am 24. und 26. Februar und 1. März. Bei der Besetzung der einzelnen Rollen war darauf Bedacht genommen, daß ein und dieselbe Person, soweit deren Alter im Stück dies irgend zuließ, von demselben Darsteller in allen Dramen durchgeführt wurde. Das Schauspiel "Richard II." übernahm Wolzogen ohne wesentliche Änderung, bei "Heinrich IV." verschmolz er die beiden Teile zu einem Schauspiel und übernahm nur die 4. Szene des 4. Aktes, die Sterbeszene Heinrichs IV., in den Anfang von "Heinrich V". Zu dieser Szene komponierte Schmitt passende Orchestermusik, die sich durch Ernst und Bedeutung der Auffassung auszeichnete. Nach der Aufführung von "Heinrich IV." bemerkt die Kritik, daß die komischen Szenen bei gutem Spiel die ernsten bei weitem überragten. - Zu "Heinrich VI." benutzte Wolzogen in der Hauptsache den zweiten Teil des Shakespeareschen, vom ersten Teil nur die erste Szene des 4. Aktes, die Begründung der Parteien der roten und weißen Rose durch Heinrich VI. in Frankreich. Als Abschluß wählte er vom dritten Teil die erste

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Szene, in der Heinrich VI. seinen Gegner Richard von York als Thronfolger anerkennt. Im übrigen wurde der dritte Teil von "Heinrich VI." unter Änderung des Titels ziemlich unverändert beibehalten. "Richard III." kam jetzt zum erstenmal in ungetrübtem Gesamteindruck auf die Bühne. Diese mit großer Mühe und aufopferndem Fleiß aller Beteiligten zustande gekommenen Aufführungen waren für ein verhältnismäßig kleines Theater eine hervorragende Leistung. Das nicht sehr leicht zugängliche Publikum wurde mächtig erfaßt; am Schluß des letzten Teils wurde der Intendant stürmisch hervorgerufen, um ihm die wohlverdiente Anerkennung zu erweisen. - Bei einer Wiederholung von "Richard III." und den beiden Falstaffstücken "Heinrich IV." und "Heinrich V." am 15., 23. und 26. April 1875 waren die Aufführungen noch abgerundeter, im Publikum machte sich jedoch eine Ermattung des Interesses in schlecht besuchten Häusern bemerkbar 40 ). Im April 1876 wurde die zweite Trilogie in neuer Überarbeitung aufgeführt, die durch zweckmäßige Kürzungen der Kampfszenen und Wiedereinfügung einzelner bedeutender Momente die großen Geschichtsbilder in ihrem Zusammenhang noch eindringlicher wirken ließ. - Im Januar 1877 folgte dann noch eine Aufführung der ersten Trilogie. Der große Monolog im 5. Akt von "Richard II." wurde melodramatisch durch eine von Schmitt komponierte Begleitung unterstützt und von Drude meisterhaft vorgetragen. Am 1. Oktober 1880 kam dann zum erstenmal in Schwerin noch "König Johann" zur Aufführung, mit dem Shakespeare die Reihe der Geschichtsdramen eröffnet. Die Titelrolle wurde von Drude besonders gut wiedergegeben. Auch Rosa Otto - Martineck als "Constanze" und Bertha Tullinger als "Arthur" zeichneten sich aus. Der Eindruck aufs Publikum war jedoch sehr gering. Der Großherzog hielt es aus Kassenrücksichten für geboten, das klassische Repertoire von nun an überhaupt einzuschränken. - Schillers Dramen, von denen die "Jungfrau von Orleans" und "Maria Stuart" beim Publikum entschieden den Vorzug hatten, wurden vom Intendanten in möglichst getreuer Form wiedergegeben. So z. B. am 10. November 1871 "Wilhelm Tell" mit der sonst immer gestrichenen Parricida - Szene. Am 10. November 1869 wurde zum erstenmal das ganze "Demetrius"-Fragment aufgeführt. Schillers Dramen wurden besonders gern zu Volksvor-


40) Der aus sieben Dramen bestehende Zyklus in Dingelstedts Bearbeitung wurde 1866 in Weimar und 1875 in Wien nacheinander fortlaufend gespielt. Eine Ermattung des Publikums wurde auch dort beobachtet.
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stellungen gewählt; als erste von diesen Veranstaltungen wurde am 18. Januar 1875 die "Jungfrau von Orleans" mit Frl. Hennies als "Johanna" gespielt. Eine Vorstellung von "Kabale und Liebe" am 1. Dezember 1879 mit Bertha Tullinger als "Luise Millerin" bezeichnet Wolzogen selbst als die beste klassische Aufführung des Winters; auch die Kritik ist des Lobes voll, bedauert aber das geringe Interesse des Publikums für klassische Aufführungen. Mit der Wallensteintrilogie machte Wolzogen am 11. November 1868 den Versuch, die drei Teile an einem Abend in einer von ihm zusammengestellten fünfaktigen Tragödie zur Aufführung zu bringen. Die Vorstellung dauerte 3 1/2 Stunden, Keller war ein vorzüglicher Wallensteindarsteller. Einige Jahre hielt sich der "Wallenstein" in dieser Form in Schwerin auf der Bühne 41 ), aber im März 1877 wurde "Wallensteins Tod" wieder in der von Schiller geschaffenen Form aufgeführt, und zwar in einer recht guten Aufführung. - Goethes Dramen wurden ebenfalls vom Intendanten selbst sorgfältig einstudiert. Der "Faust" wurde außer 1875/76, 1879/80 und 1881/82 in jeder Saison ein, bis zweimal aufgeführt. In der ersten Saison unter Wolzogen am 19. Januar 1868 bei einem Gastspiel von Luise Erhartt aus Berlin als "Gretchen" erschien die Fausttragödie in neuer Einrichtung und Anordnung. Das Gretchen fand in der jugendlichen Hermine Bland (1868 - 71) und später in Bertha Tullinger (1879 - 84) besonders seelenvolle Darstellerinnen, ebenso wie auch das "Klärchen" im "Egmont", der nächst "Faust" am meisten zur Aufführung kam. Auch die "Geschwister", "Tasso", "Don Carlos", "Götz" und "Clavigo" erschienen mehrere Male auf dem Spielplan und zum erstenmal in Schwerin das von Ingeborg von Bronsart in Musik gesetzte Singspiel "Jery und Bätely" am 16. Februar 1876. - Von den 26 Aufführungen Lessingscher Dramen gehören 10 der "Emilia Galotti" und 7 dem Lustspiel "Minna von Barnhelm", auch der "Nathan" wurde mehrere Male eingeübt. Zum erstenmal in Schwerin wurde am 11. März 1868 sein kleines Lustspiel die "Juden" auf die Bühne gebracht und zu seinem Geburtstag am 22. Januar 1869 "Miß Sara Sampson". Letzteres durfte jedoch nicht wiederholt werden, da der Hof daran Anstoß nahm. - Der bisher in Schwerin sehr wenig gespielte Kleist ist in dieser Periode mit 20 Aufführungen vertreten. Davon gehörten die meisten dem beliebten Volksschauspiel "Käthchen von Heilbronn", ferner kamen noch "Der Prinz von Homburg" und "Der zer-


41) Außer in Schwerin kam diese Wallensteinbearbeitung nur einmal in Berlin zur Aufführung.
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brochene Krug" auf die Bühne. - Grillparzers "Sappho" wurde viermal gespielt, wobei Rosa Otto - Martineck als "Sappho" ihre reiche Begabung gut zum Ausdruck brachte. - Calderons Kunst suchte Wolzogen den Schwerinern in zwei Bearbeitungen nahe zu bringen. Im Oktober 1869 erschien der "Wundertätige Magus" und im Januar 1870 "Der standhafte Prinz", zu dem Schmitt passende Musik komponierte. Beide Aufführungen ließen das Publikum ziemlich kalt, ebenso das von Fr. C. Schubert bearbeitete Lustspiel "Vom Regen in die Traufe" im April 1874. - Literarhistorisch interessant ist ferner ein Versuch Wolzogens, die bis dahin als gänzlich unaufführbar betrachteten Hohenstauffendramen von Christian Dietrich Grabbe auf die Bühne zu bringen. Zu diesem Zweck machte der Intendant eine Bearbeitung der an mangelnder formaler Bewältigung des Stoffes krankenden Dramen; dabei verstand er es, die charakteristischen Schönheiten der Dichtung herauszuschälen. Schmitt komponierte auch hierzu die Musik. Die erste Aufführung dieser Dramen fand im Dezember 1875 statt, am 6. "Kaiser Friedrich Barbarossa" und am 8. "Kaiser Heinrich VI." Zwei Berliner Kritiker, Dr. Max Remy und Dr. Oscar Blumenthal 42 ) waren zu den Aufführungen nach Schwerin gekommen; ersterer schrieb im Dezember in der Vossischen Zeitung 43 ): "Wolzogen hat die Tat getan und dem Vorurteil, welches die Grabbeschen Hohenstauffen als schwer oder gar nicht aufführbar von der Bühne fernhielt, eine glänzende Niederlage bereitet. . . Es kam darauf an, in beiden Stücken durch Beseitigung des Episodischen die Wirkung möglichst auf die Haupthandlung zu konzentrieren, und dies ist auch durch geschickte Streichung und szenische Kombination vom Bearbeiter wesentlich erreicht worden. . . Die Härten der Grabbeschen Verse hat der Bearbeiter mit sicherer Hand beseitigt. Bei der Darstellung im Schweriner Hoftheater zeigte sich im ganzen wie im einzelnen überall die Hand des kunstverständigen Regisseurs, der hier mit dem Intendanten identisch ist. Die Massenszenen waren geschickt arrangiert und wurden mit vorzüglicher Präzision ausgeführt. Die einzelnen Darsteller spielten mit Lust und Liebe. . ." Eine Wiederholung, bei der durch Kürzungen der Eindruck noch erhöht wurde, fand auf allerhöchsten Befehl am 12. und 13. Dezember 1875 zu halben Preisen statt. Trotz einer außerordentlich beifälligen


42) Blumenthal hatte 1874 eine Ausgabe der Grabbeschen Werke in Detmold herausgegeben und damit das literarische Interesse auf ihn gelenkt.
43) Abgedr. in den Mecklb. Anzeigen 1876 Nr. 6.
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Aufnahme in Schwerin blieb das Beispiel ohne Nachahmung in der Bühnenwelt. Am 30. Oktober 1877 wurde ferner auch Grabbes "Don Juan und Faust" zum erstenmal aufgeführt 44 ), ohne im Publikum besonderes Interesse zu erregen. Frl. von Ernest machte als "Donna Anna" aus der Rolle, was daraus zu machen war, den Gegensätzen des Stückes "stand sie wie eine Heilige gegenüber". Am 1. November 1877 fand eine Wiederholung in Wismar statt. - Mehr Glück machte Wolzogens Bearbeitung des indischen Schauspiels "Sakuntala" von Kalidasa, das am 29. Januar 1869 als Festvorstellung zum Geburtstag der Großherzogin Marie mit Musik von Schmitt und Härtel zum erstenmal über die Bühne ging. Die Aufführung fand viel Beifall und wurde in derselben Saison noch zweimal wiederholt. Hermine Bland war für "Sakuntala" wie geschaffen und errang später auch in Leipzig, München und Stuttgart in dieser Rolle viel Erfolg 45 ). Am 23. April und 1. November 1880 fanden noch zwei Aufführungen mit der Bertha Tullinger als "Sakuntala" statt, die als mustergültig bezeichnet wurden. Über die Bearbeitung als solche schrieb der Kritiker Carl Müller eine anerkennende Kritik 46 ), in der er besonders die Schönheit der Sprache und die Gewandtheit des dramatischen Baues betonte, durch die Wolzogen es verstanden habe, Kalidasas altindische Fabel den Anforderungen eines modernen Dramas anzupassen. - Wolzogens eigene Stücke, die er in Breslau mit L. A. von Winterfeld zusammen verfaßt hatte, kamen nur einmal zur Aufführung, und zwar am 16. März 1868 das Schauspiel "Die Fürstin Orsini" und am 25. Oktober 1869 "Blanche", ebenfalls ein fünfaktiges Schauspiel, außerdem noch ein kleines Lustspiel "Die glückliche Braut" am 6. Oktober 1871. Im Dezember 1871 wurde ein nach John Brinckman gedichtetes Weihnachtsmärchen "Die armen Zwillinge" mit Musik von Härtel zum erstenmal gespielt und später als Kindervorstellung noch mehrmals aufgeführt. - Auch die griechische Tragödie fand eine Neubelebung am Schweriner Hoftheater. Am 5. April 1869 wurde "König Oedipus" von Sophokles in der Bearbeitung von A. Wilbrandt zum erstenmal gegeben, anschließend daran das Satyrspiel "Der Cyklop" von Euripides; am 18. Dezember 1871 folgte dann Sophokles' "Antigone", ebenfalls von Wilbrandt bearbeitet und von Schmitt


44) Vorher war es nur von der A. Pichlerschen Gesellschaft in Detmold und Lüneburg einmal gespielt worden.
45) "Sakuntala" ging außerdem noch über die Bühnen von Oldenburg, Breslau, Mannheim, Weimar, Berlin, Wien, Prag, Mainz, Königsberg und Karlsruhe.
46) Mecklb. Zeitung, April 1880.
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und Härtel mit Musik versehen. Vom 14. bis 16. Januar 1874 erschien in sinnreicher Zusammenstellung: "Orestes", eine zweiaktige Bearbeitung der Aeschyleischen "Grabesspenderinnen", Goethes "Iphigenie" und die einaktige "Elektra" von H. Allmers; den Abschluß bildete wieder der "Zyklop" von Euripides. - Von den modernen nordischen Dramatikern kamen Björnson mit drei neuen Dramen auf den Spielplan: am 10. Januar 1876 "Ein Fallissement", Schauspiel in 4 Akten, am 3. März 1876 "Die Neuvermählten", Schauspiel in 2 Akten, und am 24. November 1880 das vieraktige Schauspiel "Leonarda" in einer Übersetzung von Lobedanz. - Ibsen kam am 15. November 1876 mit den "Kronprätendenten" in der Übersetzung von Strodtmann zum erstenmal auf die Schweriner Bühne. - Von den Stücken des früheren Intendanten Putlitz fanden 52 Aufführungen statt, darunter außer 6 neuen kleinen Lustspielen sein Schauspiel "Rolf Berndt" am 14. November 1879 zum erstenmal und am 18. November 1881 die "Idealisten", Schauspiel in 5 Akten, das im Oktober 1881 in Hamburg seine Uraufführung erlebt hatte. Seine Werke fanden beim Schweriner Publikum stets viel Anklang.

Ein großer Raum im Repertoire mußte schon aus pekuniären Rücksichten dem Lustspiel eingeräumt werden, für das Wolzogen ein gut zusammen eingespieltes Personal vorfand. Ein Zurücktreten der vielen französischen Stücke ist deutlich zu beobachten. Der Intendant war sichtlich bemüht, auch in Lustspiel und Posse das Gediegenste auszuwählen und vor allem die deutsche Kunst in den Vordergrund zu bringen. Von den Lustspieldichtern erstritt Gustav Moser bei weitem den Vorrang mit 115 Aufführungen seiner Lustspiele und Schwänke, von denen er einige in Gemeinschaft mit Schönthan oder L'Arronge verfaßte. Letztere, besonders L' Arronge, kamen auch mit selbständigen Werken auf den Spielplan. Außerordentlich beliebt waren von Moser: "Registrator auf Reisen", "Ultimo", "Krieg im Frieden" und "Unsere Frauen". Außerdem wurden in den letzten Jahren mindestens ein oder zwei neue kleine Lustspiele von ihm einstudiert. Dagegen trat Benedix in den letzten Jahren mehr zurück, seine Stücke erlebten 47 Aufführungen; die erste Neuaufführung unter Wolzogen war "Der Bahnhof" von Benedix, Lustspiel in 3 Akten, im Oktober 1866, es folgte 1869 das vieraktige Lustspiel "Die relegierten Studenten" u. a. m. - Sehr viel Anklang fanden in Schwerin die von Gassmann - Krüger für die Bühne eingerichteten Reuterschen Dichtungen: "Inspektor Bräsig", Lebensbild in 5 Akten, im Oktober 1870 und das fünfaktige Zeitbild "Ut de Franzosentid" im Mai 1876. Eins von Reuters selten gespielten

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Lustspielen "Die drei Langhänse" 47 ) kam am 25. April 1879 in einer Bearbeitung von Pohl auf die Bühne. - Im übrigen war Bauernfeld mit 19 Aufführungen vertreten, Hersch mit 11, Pohl mit 31, Töpfer mit 19, Nestroy mit 6 u. a.; auch Leopold Günther und seine Tochter Murie lieferten für die Schweriner Bühne verschiedene kleine dramatische Werke, ebenso die von 1875 - 78 engagierte Marie von Ernest.

Das Opern repertoire dieser Zeit ist ebenfalls dadurch gekennzeichnet, daß es hauptsächlich Werke deutscher Meister aufweist. Zwei Hauptmomente sind hier besonders zu betonen, die in der Geschichte des Hoftheaters von Wichtigkeit sind: einerseits die sorgfältige Pflege Mozartscher Opern und andererseits die für ein verhältnismäßig kleines Theater mühsame und kostspielige Einstudierung von Wagners großen Musikdramen. Hiermit ging Schwerin fast allen großen Theatern voran und hat dadurch wesentlich dazu beigetragen, die Werke des großen Meisters bekanntzumachen. Es vereinigten sich hier in glücklichster Weise die Interessen des Intendanten und des Kapellmeisters, die ihrerseits in allen Beteiligten Liebe zur Sache zu erwecken verstanden. Nicht zum wenigsten hatte der Großherzog selbst ein Verdienst am Gelingen; durch rege persönliche Anteilnahme und durch pekuniäre Beihilfe förderte er diese außergewöhnlichen Leistungen.

Was Mozart anbetrifft, so galt die Reform in erster Linie der Oper "Don Juan". Hierbei war der Intendant selbst die treibende Kraft. Während seiner Breslauer Zeit hatte er sich in theoretischen Auseinandersetzungen um eine szenische und textliche Reinigung der in beiden Beziehungen im Laufe der Zeit verunstalteten Oper bemüht; der Fund des ursprünglichen italienischen Textbuches des Lorenzo da Ponte hatte ihn dazu veranlaßt. Unter Mitarbeit von Bernhard Gugler 48 ), der eine getreue Übersetzung des von Mozart benutzten Textes lieferte, und einigen andern Mozartkennern 49 ) war die Oper mit Benutzung der Originalpartitur in ihrer ursprünglichen Form wieder hergestellt worden. Wolzogen entwarf dazu ein vollständiges Szenarium 50 ) und


47) Dieses Lustspiel entstand mit zwei anderen in den Jahren 1856 - 63 und wurde später von Reuter selbst noch umgearbeitet, wobei er den Dialog einiger Personen ins Plattdeutsche brachte.
48) Rektor der Polytechnischen Schule in Stuttgart.
49) Dr. Wendling aus Nymphenburg und Dr. C. Niese aus Dresden.
50) Als Buch erschienen 1869 in Breslau unter dem Titel "Don Juan, Oper in 2 Akten von W. A. Mozart, neu szeniert und mit Erläuterungen versehen" von A. von Wolzogen.
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brachte es in Schwerin zu Mozarts 113. Geburtstag am 27. Januar 1869 mit neuen, von ihm angegebenen Dekorationen zur Aufführung. Zu diesem Tage war eine Einladung an alle Bühnenleiter, Kapellmeister und Regisseure der deutschen Bühnen und an erste Kritiker ergangen 51 ); erschienen war jedoch nur Theaterdirektor Lobe aus Breslau, Hofkapellmeister Radecke als Vertreter Hülsens und der Berliner Kritiker Dr. Kugler. Das Interesse beim Schweriner Publikum war groß, zunächst zeigte sich jedoch gegenüber der neuen Form eine Befremdung, die erst allmählich wich, um einem begeisterten Beifall Platz zu machen. Dieser galt in erster Linie der sehr gelungenen Inszenierung mit den vom Theatermaler Willbrandt verfertigten Dekorationen. Der neue Text von Gugler fand weniger Anklang. Man vermißte darin alte, lieb gewordene Stellen. Dies ist auch wohl der Hauptgrund dafür gewesen, daß sich diese Form der Oper auf andern Bühnen nicht eingebürgert hat, denn die stilisierte Inszenierung Wolzogens war nicht ausführbar ohne den eng damit verbundenen Text. Eine Kritik Kuglers 52 ) zollt der Bearbeitung jedoch uneingeschränktes Lob, sie betont vor allem die innige Verbindung zwischen dem neuen Text und der neuen Szenierung und die große Feinheit, mit der jeder Ausdruck den Wendungen des Komponisten angepaßt sei. Weniger günstig lauten andere Kritiken 53 ) über die Textrevision, alle sind sich dagegen einig im Lob der szenischen Einrichtung. In der Wiederherstellung des zweiten Finale, das vorher nie gespielt wurde, sah man allgemein das Hauptverdienst der Bearbeitung, und dieses sowie Einzelheiten aus der Inszenierung sind von andern Bühnen vielfach übernommen worden. Im allgemeinen blieb dies Unternehmen jedoch nur ein ehrenvoller Versuch, Mozarts Meisterwerke in einer möglichst getreuen Form wiederzugeben. Für die heutige Bühne kann die im Geiste jener Zeit naturalistische Stilisierung der Oper durch Wolzogens Szenarium auch nicht mehr maßgebend sein, da der moderne Geschmack ein wesentlich anderer ist. In Schwerin konnte die Oper in ihrer neuen Form in derselben Saison noch viermal wiederholt werden und ist auch, solange Schmitt Kapellmeister war, stets so aufgeführt worden. Die anfänglich mit Streichquartett und Klavier begleiteten Secco-Rezitative wurden seit September 1871 vom Kapellmeister nur mit Klavier begleitet, wie es zu Mozarts Zeiten üblich gewesen war. - Von den übrigen Mozartopern erschien


51) "Signale für die musikalische Welt" 1869, S. 137.
52) Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1869, Nr. 44.
53) P. von Kücken in "Signale f. d. m. Welt" 1869, S. 217 f.
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"Cosi fan tutte" am 29. Februar 1868 ebenfalls mit Text von Gugler in einer einmaligen Aufführung, ferner am 10. Dezember 1871 sein "Idomeneus", der auch nur dreimal gespielt wurde, und am 20. Dezember 1872 der "Schauspieldirektor" mit neuem Text, der jedoch den sonst üblichen von Louis Schneider nicht zu verdrängen vermochte. Seine andern größeren Opern "Figaros Hochzeit" und "Die Zauberflöte" wurden neu einstudiert und neben "Don Juan" oft gegeben. Es kamen im ganzen 78 Mozartaufführungen zustande.

Für die Geschichte des Theaters noch bedeutender waren die Wagneraufführungen dieser Periode, im besonderen die epochemachenden Walküreaufführungen von 1878. Von den bisher in Schwerin bekannten Werken wurde der "Fliegende Holländer" im Mai 1868 mit Carl Hill in der Titelrolle neu einstudiert und gleich "Tannhäuser" und "Lohengrin" in der Saison mehrere Male gespielt. Nur im Kriegsjahr 1870/71 konnten wegen erheblicher Lücken im Orchester keine großen Opern gegeben werden. Am Ende der ersten Saison 1867/68 wurde "Rienzi" einstudiert und am 3. Mai zum erstenmal unter lebhaftem Beifall gespielt; am 10. Mai fand eine Wiederholung statt, eine weitere Aufführung mußte wegen Heiserkeit des Rienzi - Sängers ausfallen. 1869/70 wurde es noch zweimal gespielt. Wagner selbst war auf der Suche nach den geeigneten Kräften für die ersten Bayreuther Festspiele nach Schwerin gekommen und hatte am 26. Januar 1873 einer Aufführung des "Fliegenden Holländers" beigewohnt. Carl Hill gefiel ihm darin so gut, daß er ihn für die Alberich - Rolle im Ring für Bayreuth gewann. Bei dem Wagner zu Ehren veranstalteten Festessen in Sterns Hotel nahm der Meister Gelegenheit, in warmen Worten anzuerkennen, wieviel man in Schwerin für Förderung seiner Werke getan habe 54 ). Seit den Bayreuther Festspielen vom 13. bis 17. August 1876 wuchs das Interesse für Wagners Kunst in Schwerin. 1877 war auf ausdrücklichen Wunsch des Großherzogs, der selbst an den Festspielen teilgenommen hatte, das Aufführungsrecht des Nibelungenringes erworben worden 55 ). Während der Wintersaison 1877/78 ging man zunächst an die Einstudierung der "Walküre", die hier in Schwerin nach Bayreuth zum erstenmal über die Bühne gehen sollte. Es war dies für eine Bühne wie Schwerin kein kleines Unternehmen und zeugt für die bedeutenden Fähigkeiten sowohl der Leiter als auch der Mitwirkenden. Nach umfangreichen Vorbereitungen konnte die erste Auf-


54) Vgl. Quade, Chronik der Stadt Schwerin, 1892.
55) Es wurden dafür 6000 Mk. gezahlt.
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führung am 7. Januar 1878 stattfinden 56 ). Die Kostüme und Requisiten waren genau nach Bayreuther Muster entworfen und die Bühnenbilder von Willbrandt im Anschluß an die Hoffmannschen Entwürfe angefertigt. Die wabernde Lohe im letzten Akte wurde nicht wie in Bayreuth 1876 durch beleuchtete Dämpfe, sondern durch richtige Flammen dargestellt. Die Erscheinung der Walküren in den Wolken fiel aus. Die Aufführung sollte laut Theaterzettel von 6 bis 10 1/2 Uhr dauern. Bei der Leitung des Orchesters zeigte sich das Kunstverständnis von Alois Schmitt, der am Regisseur Günther und am Chordirektor Stocks bei der Einstudierung tüchtige Helfer hatte. Der Intendant konnte nur noch den Proben beiwohnen, da eine längere Krankheit ihn für den Rest der Saison dienstunfähig machte. Die unter größter Sorgfalt vorbereitete Aufführung erregte im Publikum einen wahren Beifallssturm. Die Kritik betont besonders die glänzenden Leistungen des Orchesters und das harmonische Zusammenwirken mit den Darstellern. Die Aufmerksamkeit der gesamten Musikwelt richtete sich mit Spannung auf Schwerin, von allen Seiten strömten kunstliebende Besucher herbei. Die erste Wiederholung fand schon am 9. Januar statt, die zweite am 20. Hierzu waren Extrazüge für Besucher aus Rostock, Güstrow und Wismar eingelegt, die 730 Fremde herbeiführten. Das Haus konnte kaum alle Zuschauer fassen. Am 31. Januar fand wieder eine Vorstellung für Schweriner statt, am 9. Februar eine für Besucher aus Lübeck, Schönberg und Grevesmühlen, zu der etwa 550 Fremde mit Extrazug erschienen. Zum 24. Februar kamen aus Hamburg und Lübeck gegen 500 Kunstfreunde. Am 1. März wiederum eine Vorstellung für Schweriner und am 24. März eine Aufführung, zu der 95 Mitglieder des Berliner Wagner - Vereins mit Extrazug kamen. Unter den Berliner Gästen befanden sich viele angesehene Persönlichkeiten, u. a. Paul Lindau, damals Redakteur der "Gegenwart", Ernst Dohm, Redakteur des "Kladderadatsch", und Kalisch. Der Beifall war auch nach dieser Aufführung groß. Am 12. und 28. April waren wieder Vorstellungen für Schweriner und am 12. Mai nochmals eine für Fremde, so daß die "Walküre" im


56) Besetzung der 1. Walkürenaufführung:
Besetzung der 1. Walkürenaufführung
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ganzen elfmal in dieser Saison aufgeführt wurde. Die Anerkennung der Schweriner Aufführung war allgemein, selbst die verwöhnten Berliner hielten mit ihrem Lob nicht zurück; Paul Lindau gestand zu, daß die [Symbolperngesellschaft des Schweriner Hoftheaters geradezu den Enthusiasmus der Berliner Gäste erregt habe, und daß selbst denen, die in Bayreuth gewesen waren, die Aufführung keine Enttäuschung, sondern manche freudige Überraschung bereitet habe 57 ). Vor allen Dingen fand Hill als "Wotan" uneingeschränkte Anerkennung. Er soll Betz, seinen Vorgänger in dieser Rolle in Bayreuth, vollkommen erreicht haben. Auch alle übrigen Sänger und Sängerinnen fanden reiche Anerkennung, nicht zum wenigsten das Orchester mit seinem trefflichen Leiter. Die letzte Szene mit dem Feuerzauber brachte, wenn auch noch keine endgültige Lösung der Aufgabe, so doch Bayreuth gegenüber einen Fortschritt. - Im Herbst des Jahres 1878 ging man an die Einstudierung von "Siegfried". Am 6. Oktober 1878 konnte die erste Aufführung stattfinden 58 ). Eine Wiederholung für auswärtige Besucher folgte am 20. Oktober; dazu wurde aus Hamburg und Lübeck ein Extrazug eingelegt. Eine weitere Aufführung kam dann noch am 27. Oktober zustande. Das Interesse im Publikum war jedoch im Vergleich mit dem für die "Walküre" nur gering, alle drei Vorstellungen fanden bei nicht ganz ausverkauftem Hause statt. Der Grund lag eines Teils in der weniger gelungenen Aufführung, andererseits in dem Umstand, daß der hohen Kosten wegen die Vorstellungen zu hohen Preisen stattfinden mußten. Auch machte diese Aufführung schon deshalb nicht so viel von sich reden, weil der "Siegfried" inzwischen auch schon in Leipzig herausgebracht worden war. Der Komponist und Musikschriftsteller W. Langhans behauptet, daß die Aufführung hinsichtlich der schwierigen Inszenierung einen Vergleich mit Bayreuth keineswegs zu scheuen habe, obgleich in Schwerin nicht alles gelungen sei 59 ). - Nachdem der Intendant dem Großherzog über die großen Unkosten, die durch Aufführung des Nibelungenringes verursacht wurden, Bericht erstattet hatte, wurde beschlossen, die "Götterdämmerung" nur ein-


57) Kritik aus der "Gegenwart", abgedr. in den Mecklb. Anzeigen 1878 Nr. 77.
58) Besetzung der ersten Siegfried-Aufführung:
Besetzung der ersten Siegfried-Aufführung
59) Artikel der "Neuen Berliner Musikzeitung", abgedr. in den Mecklb. Anzeigen 1878, Nr. 245.
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zustudieren, falls es innerhalb des Etats möglich wäre. Da dies nicht der Fall war, und die vorhandenen Kräfte auch als nicht zureichend erachtet wurden, sah man von einer Aufführung dieses letzten Teils vorläufig ab. Im November 1878 wurde die "Walküre" noch zweimal bei nicht ganz vollem Hause aufgeführt. Darauf ließ man den Ring ruhen. - In der Saison 1881/82 wurden auch die "Meistersinger" einstudiert, die inzwischen ihren Siegeszug über die deutschen Bühnen angetreten hatten. Die erste Aufführung in Schwerin fand am 11. November 1881 statt 60 ). Sie erregte im Publikum helle Begeisterung. Von den Solokräften waren besonders gut: Hill als "Hans Sachs", Witt als "Walther" und Frl. Galfy als "Eva". Wiederholungen der Aufführung fanden am 13. und 20. November, 30. Dezember 1881, 15. Januar und 5. März 1882 statt. -

Außer Mozart und Wagner, dessen Werke in 134 Aufführungen auf die Bühne kamen, wurden auch die andern deutschen Opernkomponisten bevorzugt. Webers Opern erlebten 69 Aufführungen. 1874/75 wurde "Euryanthe" neu einstudiert und der "Freischütz" mit neuen Dekorationen versehen, die dem Publikum sehr gefielen. Lortzing war mit 61 Aufführungen vertreten, Beethovens "Fidelio" wurde 20mal gespielt. Kreuter gelangte mit seinen Opern 34mal auf die Bühne, Marschner 20mal, davon in erster Linie mit "Hans Heiling"; im Februar 1881 wurde sein "Vampyr" neu einstudiert. Neu waren auf dem Gebiet der deutschen Oper im Oktober 1872 der "Haideschacht" von Franz Holstein, der es nur zu drei Aufführungen brachte, und im März 1876 die der "Widerspenstigen Zähmung" von dem früh verstorbenen Komponisten Hermann Götz. Von demselben Komponisten ging eine nachgelassene, von Franck vollendete Oper "Francesca da Rimini" am 15. Januar 1882 unter großem Beifall über die Bühne und wurde bis zum Brand des Theaters am 16. April noch dreimal wiederholt. Eine vierte angesetzte Wiederholung wurde am 22. April als Konzertaufführung im Saal der Tonhalle zum Besten der Familie des verunglückten Feuerwehrmanns Berger gegeben. Als neu ist noch im März 1877 die Spieloper "Das goldene Kreuz" von Ignaz Brüll zu verzeichnen; sie wurde 1875 in Wien zum erstenmal gespielt und hat sich seitdem bis heute auf dem Spielplan gehalten. - Von den französischen


60) Besetzung der ersten Meistersinger-Aufführung:
Besetzung der ersten Meistersinger-Aufführung
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und italienischen Opernkomponisten steht Auber mit 58 Aufführungen an erster Stelle, neu war im April 1879 seine Oper "Der erste Glückstag". Neben ihm folgt Meyerbeer mit 44 Aufführungen, an denen die "Hugenotten" den größten Anteil hatten. Ferner Verdi mit 39 Aufführungen, sein "Maskenball" am 27. Februar 1880 zum erstenmal in Schwerin. Donizetti war an 31 Abenden vertreten, Gounod an 30. Flotows Opern erlebten nur 26 Aufführungen in diesen Jahren, davon zum erstenmal die komische Oper "Zilda" im Dezember 1867, die nach einer zweiten Aufführung wieder vom Spielplan verschwand, und am 1. März 1879 die vieraktige Oper "Alma", in früherer Form "Indra" genannt 61 ). Boieldieu war mit 19 Aufführungen vertreten, Rossini mit 18, Halévy mit 16, außerdem Nikolai, Méhul, Adam u. a. m. Als neu in der Reihe der ausländischen Komponisten erschienen Delibes, dessen komische Oper "Der König hat's gesagt" einigen Anklang fand, und Charles Thomas mit der komischen Oper "Raymond" im Januar 1870 und mit "Mignon" im Februar 1875; letztere wurde ein beliebtes Repertoirestück.

Personal.

Schauspiel . Gemäß dem Charakter einer gründlichen Schulung zur Heranbildung junger Talente, den Wolzogen dem Hoftheater wenigstens auf dem Gebiet des ernsten Dramas zu geben suchte, ist im Personal ein häufiger Wechsel zu beobachten. Der Intendant war unermüdlich, junge begabte Schauspieler und Schauspielerinnen heranzuziehen und in seinem Sinne weiter zu bilden und zu fördern.

Die ersten Heldenrollen spielte zunächst Adolf Bethge 1850 - 82, ihm gelang besonders gut der "Egmont". In den 70er Jahren ging er allmählich zum älteren Fach über. Neben ihm spielte auch Anton Feltscher bis 1870 erste Helden. 1871 - 78 wurde Wilhelm Schneider 62 ) verpflichtet; er begann in Schwerin seine Bühnenlaufbahn als jugendlicher Held. Wolzogen erkannte jedoch bald seine Begabung fürs Fach der älteren Helden und Charakterrollen und beschäftigte ihn dementsprechend. Schneider entwickelte sich bald zu einem vortrefflichen Darsteller; bei der


61) Vgl. Jahrbuch 87, S. 87.
62) Geb. 19. Sept. 1847 in Petersburg, kam 1871 nach Schwerin, 1878 wurde er für 8000 Mk. Gage ans Münchener Hoftheater engagiert, wo er 1881 zum Regisseur ernannt wurde und lange Jahre wirkte.
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Aufführung der Shakespeareschen Geschichtsdramen zeichnete er sich als "Heinrich IV." besonders aus. 1878 wurde Albert Baumann sein Nachfolger, der bis 1882 der Bühne angehörte. Jugendliche Liebhaber und Helden spielte bis 1868 noch Wilhelm von Horax, dessen Begabung jedoch hauptsächlich im Konversationsstück lag; 1868 - 70 Pachert, 1870/71 Richelsen, der später in Dresden ein geschätzter Liebhaber wurde, 1871/72 von Ernest, 1872 - 74 Krebs, neben ihm Goritz, 1874/75 Hans Lortzing, Sohn des Komponisten; da dieser jedoch nicht sonderlich gefiel, wurde 1875 für ihn Otto Ottbert engagiert, der im Lustspiel sehr gut war und sich im klassischen Drama, z. B. auch als "Heinrich V." und "Heinrich VI.", auszeichnete. 1878 - 91 wirkte dann in seinem Fach Friedrich Rosée. - Das Charakterfach erlitt durch Friedrich Kellers Abschied 1869 einen bedeutenden Verlust. 1869/70 spielte seine Rollen ein Amerikaner Freemann, der viel Talent hatte, jedoch, von Schulden erdrückt, bald durchging. 1871/72 wurde Siegwart Friedmann 63 ), der erste und einzige Schüler Dawisons, gewonnen, zugleich mit ihm seine Gattin, die durch Lasalles Tod berüchtigt gewordene Helene von Rakowitza, geb. von Döniges. Ihre Begabung lag im Fach der Salondamen, doch versuchte sie sich auch in klassischen Rollen. An Friedmanns Stelle trat 1872 Max Drude, der das Charakterfach bis über diese Periode hinaus gut vertrat. Als "Falstaff" und "Richard III." zeichnete er sich besonders aus. Als 2. Charakterspieler ist 1872 - 78 Wassermann zu nennen, der in Schwerin seine Bühnenlaufbahn begann und später in Karlsruhe viel Lorbeeren erntete. - Als erster Komiker und Buffo in der Oper war Leopold Günther sehr beliebt; in ihm hatte das Theater eine bedeutende Stütze, sowohl als Schauspieler als auch als Regisseur. Zweite komische Rollen spielte 1868 - 70 Meinhold, 1862 - 87 Wilhelm Otto.-

Unter dem weiblichen Schauspielpersonal blieb während der ganzen Zeit Frau Rosa Otto-Martineck dem Hoftheater getreu, obgleich ihr glänzende Angebote von größeren Theatern gemacht wurden. In den 70er Jahren vollzog sie mit viel Geschick


63) Geb. 25. April 1842 in Budapest, 1863 in Breslau engagiert, 1864 in Berlin, 1871/72 in Schwerin. Hier bezahlte der Großherzog aus seiner Schatulle 1600 Tlr., um das Engagement Friedmanns und seiner Gemahlin als Kuriosität zu ermöglichen. 1872 - 76 ging Friedmann nach Wien, 1876 - 78 nach Hamburg, später auf Gastreisen. 1883 beteiligte er sich an der Gründung des Deutschen Theaters in Berlin.
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den Übergang vom Fach der Heldinnen zu dem der Heldenmütter. Ihr selten schönes, melodisches Organ verstand sie hervorragend zu meistern; in Rollen mit vorwiegend rethorischer Bedeutung war sie daher vorzüglich. Für die jugendliche Heldin und Liebhaberin Hermine Delia gewann der Intendant die noch sehr jugendliche Hermine Bland 64 ) 1868 - 71, die er selbst sorgsam und mit viel Erfolg zur tragischen Liebhaberin ausbildete. Sie gewann sehr bald die Herzen der Schweriner, die sie bei ihrem Abschied in der Rolle der "Julia" mit Blumen überschütteten. 1868/69 teilten sich Frl. Hahn und 1869/70 Clara Truhn mit ihr als Anfängerinnen in die tragischen Rollen, ebenso 1870/71 die oben erwähnte Gattin Friedmanns. Als Nachfolgerin der Hermine Bland wirkte 1872 - 75 Emilia Hennies 65 ), die für das tragische Fach sehr begabt war. 1875 - 78 war für ihr Fach die auch als Schriftstellerin bekannte Marie von Ernest engagiert. Sie war 1874 im Berliner Viktoria - Theater zum erstenmal aufgetreten. Im Sommer 1875 studierte Wolzogen mit ihr in Berlin die Rollen des "Klärchen", "Gretchen", der "Emilia" und der "Louise Millerin" ein. Ihr folgte 1878/79 Melanie von Lacroix und 1879 - 84 die 16jährige Bertha Tullinger, die unter den Nachfolgerinnen der Bland die talentvollste war. Ebenfalls unter persönlicher Leitung des Intendanten reifte sie zu einer bedeutenden Schauspielerin heran. Als 1882 ihr Kontrakt ablief, wurde ihre Gage von 2200 M auf 3000 M erhöht, um ihre Kraft dem Theater zu erhalten. Seit September 1882 spielte sie auch mit viel Erfolg graziöse Lustspielliebhaberinnen. - Als Vertreterin der naiven Rollen war die seit 1861 engagierte Philippine Brand noch bis 1872 beschäftigt, auch Rollen der Salondame übernahm sie seit 1868, da aus Geldmangel seitdem keine besondere Kraft dafür engagiert war. Nach ihr folgten verschiedene Vertreterinnen, die sie jedoch nicht erreichten: 1873/74 Frl. Rosée, 1873 - 76 Emilia Becker, 1876/77 Frl. Spettini, 1877/78 Frl. Hülsen, 1878/79 Frl. Link und Frl. Masson, 1879 - 82 Frl. Reichenbach. Seit 1879 wurde wieder eine Salondame engagiert, und zwar bis 1880 Frl. Berger, 1880 - 82 Seraphine Détschy, die sehr bald beliebt wurde. - Als komische Alte blieb Amalie Schramm bis 1872, dann übernahm ihre Rollen zum größten


64) Geb. 24. Dez. 1852 in Wien, 1867/68 erstes Engagement in Cöln, 1868 - 71 in Schwerin, 1871 - 73 in Leipzig, 1874/75 am Wiener Stadttheater, 1875 - 99 in München als tragische Heldin von großem Ruf.
65) 1873 verheiratet mit Wilhelm Schneider und von der Bühne abgegangen.
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Teil die seit 1854 in Schwerin engagierte Christine Gollmann, die im Schauspiel sowie in der Oper viel beschäftigt wurde; am 19. November 1879 feierte sie unter lebhafter Anteilnahme des Publikums ihr 25jähriges Jubiläum. Oper . Der "höchst musikalische, aber reizlose" Heldentenor Braun ging 1868 ab und für ihn wurde Ferdinand Jäger 66 ) aus Cassel engagiert. In dem 1868 neu einstudierten "Lohengrin" schuf er in der Titelrolle eine Glanzleistung; auch als "Tannhäuser" überragte er seine Vorgänger in Schwerin bei weitem. Sein Nachfolger Hermann Schrötter 1870 - 73 erreichte ihn nicht, noch weniger 1873/74 Küch, der schon im nächsten Jahr 1874/75 durch Georg Lederer ersetzt wurde. Diesem lag auch die Lohengrinrolle besonders gut. Bedeutender war jedoch Anton Schott 67 ) 1875 - 77; er war bisher lyrischer Tenor am Berliner Hoftheater gewesen, fand sich aber unter Schmitts Leitung überraschend schnell in sein erweitertes Rollenfach hinein. Sein erstes Auftreten als "Tannhäuser" in der festlichen Aufführung, die das Schauspielhaus nach dem erweiterten Umbau neu einweihte, übertraf bereits die Erwartungen, die man auf ihn setzte. Sein Nachfolger wurde Josef von Witt 68 ); er gastierte 1877/78 zunächst längere Zeit, wurde 1. Februar 1878 fest engagiert und blieb bis 1887 in Schwerin; er war ein viel beliebter, auch in Konzerten oft tätiger Sänger. - Lyrische Tenorrollen sang 1867/68 Seydlmayer, 1868 - 72 Bohlig und seit 1872 Weber. - Für das bis 1868 durch Roschlau besetzte Baritonfach machte Schmitt für das Hoftheater eine glänzende Erwerbung mit Carl Hill. Dieser war 1840 in Idstein in Nassau geboren und wurde zunächst Postbeamter in Frankfurt a. M. Seine schöne Stimme erregte Aufsehen; ange-


66) Geb. 25. Dez. 1839 in Hanau, trat 1865 in Dresden zum erstenmal auf, darauf tätig in Cöln, Hamburg, Berlin, Stuttgart und Cassel. Nach seiner Schweriner Zeit ging er 1870 wieder nach Dresden, 1876 sang er bei den ersten Bayreuther Festspielen den Siegfried und galt lange Jahre als der erste Repräsentant des neuen dramatischen Gesangstils. Seit Anfang der 90er Jahre wirkte er als Gesangslehrer und starb am 13. Juni 1902.
67) Geb. 1846 auf Stauffeneck, war zunächst Offizier, als solcher im Feldzug 1870/71; dann musikalische Ausbildung unter Leitung der Agnese Schebest. 1872 - 75 lyrischer Tenor in Berlin, 1875/77 Schwerin, 1877 - 81 Hannover, danach als Wagnersänger auf Gastspielreisen.
68) Josef Fileck, Edler von Wittinghausen, gen. von Witt, wurde 1843 in Prag geboren. 1867 musikalische Ausbildung in Berlin, dann 1868/69 in Graz, 1869 - 77 in Dresden, 1877 - 87 in Schwerin. Gestorben 17. September 1887.
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feuert durch ein Lob Richard Wagners, der ihn 1862 in Frankfurt singen hörte, ließ er sich ausbilden und widmete sich zunächst dem Oratorien- und Konzertgesang. Erst auf besonderes Anraten von Alois Schmitt wählte er die Bühnenlaufbahn. Am 11. Dezember 1866 sang er zum erstenmal in Schwerin bei der Aufführung des Eliasoratoriums und am 14. Dezember 1868 in einem Konzert. 1868 wurde er am .Hoftheater engagiert 69 ) und betrat als "Jakob" in Méhuls "Joseph in Ägypten" zum erstenmal überhaupt die Bühne. Trotz vieler lockender Anträge blieb er bis zum Ende seiner Bühnenlaufbahn in Schwerin. Am 16. März 1890 trat er zum letztenmal auf in der Rolle des "Fliegenden Holländers". Auf eigenen Antrag wurde er drei Jahre vor Ablauf seines Kontraktes pensioniert und starb am 17. Januar 1893 in geistiger Umnachtung in Schwerin. Er war in diesen Jahren der Stern der Schweriner Oper und hat den Ruf derselben mit begründen helfen. Auf ausgedehnten Gastspielreisen in Deutschland und im Auslande erwarb er viel Ruhm. An Wagners Londoner Konzertunternehmen im Mai 1877 war auch er beteiligt; 1876 sang er in Bayreuth den "Alberich" und 1878 in Schwerin unter allgemeiner Bewunderung den "Wotan", ferner den "Wanderer" im "Siegfried" und den "Hans Sachs" in den "Meistersingern", außerdem viele andere Rollen. - Die ersten Baßpartien sang bis 1876 Hinze, seit 1872 neben ihm Otto Drewes, der 1866 - 68 schon als Anfänger in Schwerin war. Am 16. September 1897 feierte er sein 25jähriges Jubiläum. Für den Bassisten André 1854 - 71, der ebenso wie Hinze auch im Schauspiel aushalf, trat 1871 - 73 Mühe ein, 1879 - 89 von Willem.

Das Fach der ersten dramatischen Sängerin war 1867/68 mit Eugenie Pappenheim nur mäßig besetzt. Ihr folgte 1868 - 71 Marianne Lüdecke aus Karlsruhe; ihre .Hauptrolle war die "Senta". 1871 - ist Frl. Csányi zu nennen, die besonders als Wagnersängerin vortrefflich war. Sie verließ die Bühne und verheiratete sich mit Alois Schmitt. An ihre Stelle trat 1873 - 76 Virginia Gungl, Tochter des Komponisten Joseph Gungl. Als sie nach einer glänzenden Abschiedsrolle als "Elsa" Schwerin verließ, trat an ihre Stelle Thoma Börs 1876 - 79, eine grundgebildete Sängerin, die sich bei den Aufführungen der "Walküre" als "Sieglinde" und später als "Brünhilde" besondere Anerken-


69) Als Kammersänger wurde er für 3000 Mk. verpflichtet, als Hofopernsänger für 2400 Mk. und Spielhonorar, später auch 3000 Mk. 1882 wurde sein Kontrakt unter 600 Mk. Gehaltszulage verlängert und ihm die Zusicherung einer Pension von 3600 Mk. gegeben.
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nung erwarb. 1879 - 82 sang Frl. Köppler erste Partien und neben ihr wurde für hochdramatische Rollen Hermine Galfy aus Königsberg engagiert, die von 1880 - 86 der Bühne angehörte. Außerdem sind für erste Sopranpartien noch Frl. Schaffrot 1870 - 72 und Leontine von Dötscher 1877 - 82 zu erwähnen. - Als Koloratursängerin war seit 1866 Magdalene Murjahn engagiert. Sie studierte im Sommer 1868 bei der berühmten Gesangskünstlerin Pauline Viardot - Garcia, verließ aber schon 1869 unter allgemeinem Bedauern Schwerin. 1869 - 72 vertrat ihre Rollen Josephine Rudolff, 1873/74 Frl. Manschinger, 1874 - 79 Frl. Lindemann, Tochter des Casseler Sängers E. Lindemann. Ihre Nachfolgerin war 1879 - 82 Lona Gulowsen, ebenfalls eine Schülerin der Garcia. Unter den Soubretten zeichnete sich in dieser Zeit besonders Kätchen Rothaus, 1874 - 76, und als Mezzo - Sopran-Sängerin Katharina Lorch 1868 - 70. - Für den 1866 ausscheidenden Ballettmeister Louis Bernadelli wurde 1867 Polletin engagiert und als Solotänzerin Frl. Fugmann; beide gingen jedoch 1872 ab, da das Ballett abgeschafft wurde. Für Gruppierungen und Chortänze in der Oper wurde Frau Lydia Hinze, geb. Bernadelli, von 1872 - 76 verpflichtet.

Gäste.

Im Schauspiel sind verhältnismäßig wenig Gastspiele zu verzeichnen, da der Intendant meist mit eigenen Kräften auszukommen suchte und nur außergewöhnliche Größen zuweilen zur Belebung des Repertoires heranzog. Darunter sind zu nennen: Emil Devrient vom 4. bis 19. November 1867 in acht Rollen, am 18. November 1867 vor König Wilhelm trat er als "Rubens in Madrid" auf 70 ). Ferner Carl Sontag, der aus alter Anhänglichkeit stets jubelnd begrüßt wurde. Im Februar 1869 und im Januar 1873 trat er in je zwei kleinen Lustspielen auf. Vom 20. Februar bis 1. März 1874 spielte er an vier Abenden unter besonderem Beifall seine Glanzrolle als "Dr. Wespe". - Louise Erhartt aus Berlin wurde im Januar 1868 für drei Gastrollen gewonnen und hinterließ als "Klärchen", "Gretchen" und "Maria


70) Nach der Vorstellung sagte der König zum Intendanten: "Wenn Sie das Stück wieder geben, so lassen Sie den Rubens eine Photographie von seiner Geliebten ausbitten, dann können Sie sich die vier nächsten Akte sparen." - Devrient bekam für diese Gratisvorstellung einen Brillantring.
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Stuart" in Schwerin einen unverlöschlichen Eindruck 71 ). - Friedrich Haase, von 1870 - 76 Direktor des Leipziger Stadttheaters, spielte im Dezember 1869 an drei Abenden in Schwerin bei völlig ausverkauftem Hause, außer mehreren Lustspielrollen auch den "Hamlet". - Emmerich Robert aus Wien trat vom 5. bis 12. März 1875 zum erstenmal in Schwerin auf, und zwar als "Romeo", "Hamlet", "Mortimer" und "Max Piccolomini", 1878 kam auch der berühmte Ludwig Barnay nach Schwerin und trat vom 7. bis 27. Februar in fünf Rollen auf, u. a. als "Marquis Posa" und "Graf Essex". - Der Wiener Komiker Wilhelm Knaack trat am 28. und 29. März 1881 in sechs Stücken vor völlig ausverkauftem Hause auf, während er im folgenden Jahr vom 12. bis 27. März nicht mehr so viel Anziehungskraft auszuüben vermochte.

Etwas zahlreicher waren die Operngäste von 1877 - 82: Die ungarische Sängerin Aglaya Orgeni, eine Schülerin der Garcia, war ein beliebter Gast in Schwerin. 1868 sang sie vom 18. März bis 4. April in sechs Rollen, im März 1874 an zwei Abenden und vom 12. Januar bis 18. April 1888 in sechzehn Rollen. Darunter war die Erstaufführung von Verdis "Maskenball" am 27. Februar, bei der sie die "Amelia" sang, und am 4. März eine Lohengrinvorstellung, in der sie als "Elsa" neben Anton Schott als "Lohengrin" und Marianne Brandt (Berlin) als "Ortrud" auftrat. - Pauline Lucca aus Berlin sang am 27. April 1868 in einem einmaligen Gastspiel die "Margarethe" "primadonnenhaft gleichgültig" (für 500 Tlr. Honorar). Theodor Wachtel sang vom 21. bis 26. November 1873 den "Raoul", "Manrico" und seine Lieblingsrolle den "Chapelou" zum Besten der Witwenkasse des Orchesters. - Der Berliner Hofopernsänger Franz Diener trat vom 19. bis 28. Januar 1874 in vier Opernvorstellungen auf, davon zweimal als "Lohengrin"; außerdem auch in zwei Konzerten. - In derselben Saison am 6. April William Müller aus Hannover als "Tannhäuser"; am 9. März 1879 mit Mathilde Mallinger zusammen in "Lohengrin". - Im April 1875 trat der Münchener Tenor Franz Nachbauer als "Lohengrin" in der silbernen Rüstung König Ludwigs II. und als "Raoul" auf. Beide Vorstellungen fanden bei erhöhten Preisen zugunsten der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger und des Pensionsfonds statt. - Die damals in Berlin engagierte Minna Hauk kam am 25. Februar 1877 zu einmaligem Gastspiel nach Schwerin und begeisterte als "Mignon" das vollbesetzte Haus.


71) Für diese wie auch für die meisten andern Gastvorstellungen wurde ein Spezialabonnement ausgegeben.
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Kapellmeister und Orchester.

Alois Schmitt entwickelte in dieser Zeit eine sehr rege Tätigkeit als Leiter der Kapelle, die er durch Berufung tüchtiger Kräfte fast ganz neu zusammensetzte 72 ). 1873 bestand sie aus 30 engagierten Mitgliedern, drei auswärtigen Musikern, drei Schweriner Hilfsmusikern und neun Hoboisten mit fester Gage für sieben Monate. In den 60er Jahren war der Etat für die Kapelle herabgesetzt worden, wurde nun aber auf dringendes Anraten des Intendanten und Kapellmeisters wieder erhöht, da größere Opern sonst nicht gespielt werden konnten. Im Verhältnis zu andern Theatern 73 ) wurde in Schwerin immerhin noch wenig für die Kapelle ausgegeben. Wenn trotzdem die Aufführungen der großen Wagneropern gelangen, so ist das der umsichtigen Leitung Schmitts in erster Linie zuzuschreiben. Als dieser am 19. November 1881 sein 25jähriges Jubiläum feierte, wurden ihm viele Beweise der Anerkennung zuteil. Bei der am folgenden Tage stattfindenden Meistersingeraufführung nahm auch das Publikum Gelegenheit, ihm seine Anerkennung und Verehrung auszudrücken. Außer den üblichen Konzertveranstaltungen im Abonnement, zu denen viele namhafte Künstler jener Zeit herangezogen wurden 74 ), veranstaltete Schmitt im Januar und Februar 1881 zum erstenmal in Schwerin musikalische Morgenfeiern. An sechs Sonntagen wurden nacheinander alle neun Symphonien Beethovens und vier Ouverturen zur Aufführung gebracht. Auch fanden das 5., 7. und 8. der Mecklenburgischen Musikfeste in Schwerin unter seiner Leitung statt. Im März 1878 erließ er in den Zeitungen einen Aufruf zur Gründung eines Mecklenburgischen Wagnervereins, als Zweigverein des Bayreuther, zur Erleichterung und Förderung der im Sommer 1880 geplanten "Parsifal"-Aufführung in Bayreuth. Ob dieser Verein damals zustande gekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnisnahme. - Musikdirektor war 1870 - 73 Gustav Härtel, 1873 - 77 Wilhelm Stade. 1881 wurde Arthur Meißner als Leiter der Spieloper engagiert. Er wurde 1892 Hofkapellmeister, 1920 Generalmusikdirektor, und war bis 1. Januar 1922 in Schwerin tätig. - Christian Daniel Stocks leitete den Chor noch bis 1881, nach seinem Tode übernahm 1881 - 92 Fritz Becker dieses Amt, der bereits seit 1859 als Hornist in der Kapelle tätig war.


72) Vgl. Clemens Meyer a. a. O ., S. 222 - 227.
73) 1867/68 zahlte man für die Kapelle in Mannheim 12 600 Tlr., Cassel 18 328 Tlr., Braunschweig 17 343 Tlr., Dessau 22 685 Tlr., Weimar 17 140 Tlr. In Schwerin dagegen 9681 Tlr. und seit 1869 12 - 13 000 Tlr.
74) Vgl. Clemens Meyer a. a. O., S. 204 f.
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Die Finanzen und das Publikum.

Mit Beginn der neuen Intendanz 1867 wurde der Zuschuß um 4000 Tlr. etwa erhöht und betrug danach gegen 67 000 Tlr. Bei den steigenden Lebensbedürfnissen und Gagen genügten die Mittel jedoch noch nicht, und trotz Ersparnissen auf manchen Gebieten konnte der Etat nicht innegehalten werden. Der Intendant schlug deshalb vor, entweder erhöhte Opernpreise einzuführen und durch günstigere Bahnverbindung Fremden den Theaterbesuch zu erleichtern oder die Oper ganz abzuschaffen und nur die Kapelle zu erhalten für ein mit dem Theater verbundenes Konzertinstitut. Auch schlug er vor, die Vorstellungen in Doberan fallen zu lassen, da die dortigen Einnahmen im Verhältnis zu den Kosten viel zu gering waren. Dies geschah denn auch seit dem Sommer 1874. 1873/74 wurden zur teilweisen Deckung der Mehrkosten die Eintrittspreise erhöht 75 ), da man an ein Aufgeben der Oper nicht denken wollte. Auch wurden durch den inneren Umbau des Theaters 1875/76 zweihundertacht Kassenplätze gewonnen, die eine Mehreinnahme ermöglichten. Zu Anfang der 70er Jahre machte sich hier wie überall die Theaterkrisis bemerkbar; auch hatte das Hoftheater damals unter der Konkurrenz des Thaliatheaters zu leiden, das weit in den Winter hinein Vorstellungen gab, zu denen sich das Publikum sehr hingezogen fühlte. Besonders die Vorstellungen der Offenbachschen Operetten waren sehr beliebt. Um so mehr mußte daher der Intendant darauf bedacht sein, das Publikum durch gute Aufführungen an das Hoftheater zu fesseln. Um mehr Gelegenheit zu haben, die klassischen Aufführungen zu wiederholen, führte er von 1874/75 ab Volksvorstellungen zu halben Preisen ein. Gelegentlich einer Kritik von "Romeo und Julia" im Februar 1881 heißt es u. a.: "Der Herr Intendant zeigt auch in diesem Spiel, welches Interesse er für das große Drama in seinem Personal zu wecken und im Publikum zu fördern


75) Preise seit Januar 1874, mit geringen Variationen bis 1882:
Preise seit Januar 1874, mit geringen Variationen bis 1882
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weiß. Denn wir erleben es bei guter Aufführung und gutem Studium klassischer Dichtungen, daß auch im Publikum sich eine Zustimmung zeigt, die bis dahin nicht bestand. Die Freude an dergleichen Darstellungen, wie sie jetzt geboten werden, übt sich auch im fleißigeren Besuch des Hauses 76 )." Im allgemeinen war die Oper jedoch beliebter und erfreute sich eines zahlreicheren Besuches.

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76) Mecklb. Anzeigen 1881, Nr. 32.
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III.

Die Aufführungen
des Schweriner Hoftheaters
in Doberan, Ludwigslust und
Wismar

von

Dr. Helene Tank=Mirow.

Vignette
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D ie Geschichte des Schweriner Hoftheaters von 1836 bis 1882 1 ) wäre nicht vollständig, wollte man nicht einen Blick werfen auf seine Wirksamkeit außerhalb Schwerins. Diese verteilte sich in den ersten Jahren auf die Städte Doberan, Ludwigslust und Wismar. Der Aufenthalt in Doberan und Ludwigslust entsprach dem Sommer- und Herbstaufenthalt des Hofes an diesen Orten, der Wismarer Aufenthalt dagegen war ein Rest der unter Krampe und den andern Direktoren üblichen Sitte, in allen größeren Städten Mecklenburgs Vorstellungen zu geben. So führte das Theater in den ersten Jahren, als noch alle drei Städte besucht wurden, ein Wanderleben, das für die Schauspieler selbst vielerlei Unbequemlichkeiten mit sich brachte und auch in finanzieller Hinsicht eher nachteilig als vorteilhaft wurde. In künstlerischer Beziehung kann man diese auswärtigen Spielzeiten als eine Vorübung für die Schweriner Zeit ansehen, die jedenfalls immer den Schwerpunkt in der Tätigkeit des Theaters bildete, und aus diesem Grunde haben sie sicherlich ihr Gutes gehabt. Andererseits war es für die Künstler schwierig, sich immer wieder an neue Verhältnisse zu gewöhnen, und das Publikum in diesen Städten war auch viel zu klein, um einen wirksamen Einfluß ausüben zu können. Großherzog Paul Friedrich ließ zugunsten der Schweriner Spielzeit den Aufenthalt in Wismar und Ludwigslust eingehen, und nur Doberan blieb als dauernder Sommeraufenthalt des Theaters. Nach 1842 wurden in Wismar jedoch die Aufführungen wieder aufgenommen.

Doberan.

In Doberan fanden die Vorstellungen des Hoftheaters von 1836-73 jährlich in den Monaten Juli und Auguft statt, in der Zeit, wo reges Badeleben in dem kleinen Ort herrschte. Das Hoftheater trug hier durchaus das Gepräge eines Sommertheaters, die Kunstleistungen wurden nur nach dem Grade der gebotenen Unterhaltung beurteilt. Daher konnte es geschehen, daß sogar bei einem Gastspiel des berühmten Carl Seydelmann die Teilnahme nur sehr mäßig war, während die Tänzerin Marie Taglioni aus Petersburg bei aufgehobenem Abonnement verschiedene Abende in einer Saison vor dicht besetztem Hause tanzen konnte 2 ). - Das Repertoire war im wesentlichen das gleiche wie in Schwerin, doch überwog hier noch mehr die leichtere Kunst. Für große klassische


1) Jahrbuch 87, S. 71 .und 88, S. 59.
2) 1838 an vier Tanzabenden 2462 TIr. 21 Sch. Einnahmen,
1839 an fünf Tanzabenden 3533 TIr. 40 Sch. Einnahmen,
1840 an vier Tanzabenden 2399 TIr. - Sch. Einnahmen.
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Aufführungen und große Opern reichte schon die Bühne und die Maschinerie nicht aus. Trotzdem wagte man sich hier an "Tannhäuser" und "Lohengrin" heran, die dann auch wohl den bescheidenen Verhältnissen entsprechend ausgefallen sein mögen. Bis 1855 leitete der Intendant Zöllner selbst das Theater in Doberan; seit Anstellung des technischen Direktors Steiner 1856 überließ man diesem die Leitung, und die Intendanten kamen nur vorübergehend selbst dorthin, um etwaigen Gastspielen neuer Kräfte beizuwohnen. Das Personal mußte sich verpflichten, das Theater auf seinen Wanderungen überall hin zu begleiten; dieser Umstand beeinträchtigte häufig das Engagement bedeutender Künstler. Die Musik für die Oper stellte auch hier die Theaterkapelle, die außer dem Theaterdienst Promenadenkonzerte auszuführen hatte. Zur Verstärkung wurden Mitglieder der ebenfalls zu diesem Zweck anwesenden Militärkapelle herangezogen, auch gelegentlich Mitglieder des Rostocker Hornistenkorps, wie z. B. im August 1840.

Das Schauspielhaus, in dem die Vorstellungen stattfanden, war 1805/06 von dem Baumeister Severin, dem Schöpfer aller größeren Bauten Doberans aus jener Zeit, erbaut worden. Als Vorbilder dienten ihm das Theater in Charlottenburg und das Goethetheater in Lauchstädt. Es war in Doberan am sogenannten Kamp gelegen, an der Stelle, wo jetzt das Gebäude des Gymnasiums steht, und machte von außen den Eindruck eines vornehmen Bürgerhauses. Ein langgestreckter, rechteckiger Grundriß nahm die Bühne mit den dahinterliegenden Garderoben und den ovalförmigen Zuschauerraum auf. Das Haus war zweigeschossig mit Mansarddach und regelmäßig gegliederter Fassade 3 ). Es maß in der Länge 139 Fuß, in der Breite 62 1/2 Fuß, in der Höhe 34 Fuß. Die Öffnung der verhältnismäßig großen Bühne war 30 Fuß breit, 22 Fuß hoch bei einer Tiefe von 45 Fuß. An den Seiten befanden sich je sechs feste Kulissenleitern, auch waren vier Versenkungen angebracht. Die Garderobenverhältnisse waren recht primitiv; für die Verwaltung war gar kein Platz vorhanden. Die Eingänge von der Straße führten unmittelbar in die Korridore ohne Vorflur. An den Raum für das Orchester schloß sich der Sperrsitz, dahinter befand sich, um einige Stufen erhöht, die fürstliche Loge und daran anschließend Parkett und Parterre. Die ovalen Wände des Parketts waren durch hohe Arkaden durchbrochen, hinter denen in halber Höhe die Galerie angebracht war. Der Zuschauerraum faßte 311 Plätze; die Preise betrugen seit 1848 für: Parkett 36 Sch., I. Rang für Doberaner 20 Sch., Rangloge 14 Sch., Galerie 8 Sch.


3) Abbildungen in dem Buch von Dr. Hans Thielcke: Die Bauten des Seebades Doberan - Heiligendamm um 1800 und ihr Baumeister Carl Theodor Severin.
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Im Abonnement hatten die Doberaner Vorzugspreise vor den Fremden, 1860 wurde dieser Unterschied jedoch aufgehoben. - Während in Ludwigslust bereits 1847 und in Wismar 1859 die letzte Saison stattfand, hielten sich die Doberaner Spielzeiten auf Wunsch des Großherzogs noch bis 1873. Auf mehrfaches Drängen seitens der Intendantur wurden sie dann, besonders aus finanziellen Gründen, aufgegeben. 1859 hatte man versuchsweise schon keine Opern gegeben, dadurch waren die Einnahmen aber nur noch kläglicher ausgefallen. Seit dem Sommer 1874 wurde das Schauspielhaus dem Rostocker Theaterdirektor Deutschinger mit einer Beihilfe von 500 Tlr. überlassen. 1889 wurde das Gebäude abgebrochen, um dem Gymnasium Platz zu machen.

Ludwigslust.

Eigentliche Herbstspielzeiten fanden in Ludwigslust nur in den Jahren 1836/37, 1843, 1845 und 1847 im Oktober und November statt. In den andern Jahren wurden nur vereinzelte Vorstellungen gegeben, die durch besondere Ereignisse an dem zeitweise dort anwesenden Hof veranlaßt wurden. Gespielt wurde in dem 1833 von Demmler zu diesem Zwecke hergerichteten Saal des Sozietäts - Gebäudes, das am 20. Oktober 1832 von Krampes Gesellschaft eingeweiht wurde. Die "Sozietät" bekam dafür täglich 2 Tlr. Miete. Die Zuschauerplätze stiegen von der Ballustrade des Orchesters amphitheatralisch auf bis zur Galerie, Bogengänge fehlten. An die Plätze für die Fürstlichkeiten in der vorderen Reihe schlossen sich unmittelbar die des Parketts an. Die Ausstattung war sehr einfach. Einige Polstersessel für die fürstliche Familie, Rohrstühle für den Hof, im übrigen Holzbänke. Die Bühne war sehr klein und bot wenig Möglichkeit für künstlerische Szenerie. Die Musik stellte die Hofkapelle, deren Mitglieder bis 1837 in Ludwigslust ansässig waren. Paul Friedrich hatte sich als Erbgroßherzog um das Ludwigsluster Theater besonders bemüht; auf seinen Wunsch war der Saal umgebaut worden. Während seiner Regierung ging zwar die regelmäßige Spielzeit ein, aber es fanden doch jedes Jahr einige Aufführungen statt. Die Preise der Plätze betrugen für: Parkett 28 Sch., Stehplatz 24 Sch., Parterre 16 Sch., Galerie 8 Sch.

Wismar.

Seit der Begründung des Hoftheaters wurde nur noch 1836 vom 2. September bis 7. Oktober in dem alten, kleinen Theater gespielt, das im linken Flügel des Rathauses untergebracht war. Hier hatten Krampe und die früheren Prinzipale mit ihren Gesellschaften schon gespielt. Das Innere muß nach Albert Ellmen-

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reichs Beschreibung 4 ) sehr primitiv gewesen sein. 1837 ließ Großherzog Paul Friedrich zugunsten Schwerins die Wismarer Saison eingehen. 1842 ward sie jedoch wieder aufgenommen, und bis 1847 spielte das Theater abwechselnd ein Jahr in Wismar und im folgenden Jahr in Ludwigslust. Von 1847 - 59 dann jedes Jahr einige Wochen im Herbst in Wismar. Die Stadt hatte 1840 - 42 ein neues Haus für 40 000 Tlr. erbauen lassen nach Plänen von Baumeister Thormann, die von Demmler etwas modifiziert waren. Das Haus umfaßte ein Parkett, zwei Ränge, Galerie und Proszeniumsloge; es wurde am 2. Oktober 1842 mit Halms "Sohn der Wildnis" eingeweiht. Die Intendantur verpflichtete sich durch einen am 29. Juni 1842 abgeschlossenen Kontrakt 5 ) zu etwa 50 Vorstellungen im Oktober und November. Abgesehen von der eingebauten Maschinerie hatte die Intendantur alles zum Betrieb der Vorstellungen zu liefern und 400 Tlr. Miete zu zahlen. Dagegen verpflichtete sich die Stadt, während der Dauer des Kontraktes keiner andern Theatergesellschaft Konzession zu erteilen. 1859 wurde bei Ablauf des letzten Kontraktes kein neuer abgeschlossen. Das Personal verzichtete bei Wegfall der Wismarer Saison freiwillig auf 2 1/2 % der Gage, ja bat sogar um die Abschaffung. Materieller Gewinn war auch hier in Wismar für das Hoftheater niemals vorhanden, obgleich die Stadt bedeutend größer war als Doberan und Ludwigslust. Die Preise der Plätze 6 ) hielten sich auf ähnlicher Höhe wie dort. Die Oper wurde durch Heranziehung der Schweriner Hilfsmusiker noch besonders teuer, da in Wismar selbst keine Militärkapelle vorhanden war. Die Leitung des Theaters hatte auch hier nach Zöllners Tode Julius Steiner. Von bedeutenden Bühnenwerken kamen in Wismar vor Schwerin zur Erstaufführung: 1844 "Fiesco", 1845 "Die Karlsschüler" von Laube und die Oper "Hans Heiling" von Marschner, 1852 "Das Lügen" von Benedix, 1856 der "Königsleutnant" und 1858 "Der Geizige" von Molière. - Als 1875/76 der innere Umbau des Schweriner Theaters den Beginn der Vorstellungen verzögerte, wurden vom 26. September bis 20. Oktober 1875 und vom 1. Oktober bis 5. November 1876 Vorstellungen in Wismar gegeben. Die Proben dazu fanden im Schweriner Thalia - Theater statt. Auch sonst fanden in Rostock und Wismar gelegentliche Gastspiele statt.

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4) Mecklb. Zeitung 1921, Sonntagsbeil. Nr. 39.
5) Hoftheaterakten des Ministeriums für Kunst in Schwerin.
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IV.

Die ältern mecklenburgischen Städteansichten

von

P. Friedrich Bachmann, Pampow.

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Vorbemerkung.

Seit A. Glöckler in seinen Berichten über die Bildersammlung unsers Geschichtsvereins, Jahresbericht XX 1855 S. 46 ff., eine Übersicht der ihm bekannt gewordenen ältern mecklenburgischen Ansichten usw. aus Sammelwerken gegeben, zu der in den folgenden Jahren nur noch ganz spärliche Nachträge kamen, hat die Erforschung unserer Städtebilder fast ganz geruht. Nur die Pläne konnten in meiner landeskundlichen Literatur Mecklenburgs 1889 berücksichtigt werden, freilich bei der Lückenhaftigkeit der damals bestehenden Sammlungen auch nur in wenig vollständiger Weise. Inzwischen sind mehrere unserer öffentlichen Anstalten auf folgerichtige Zusammenbringung des zerstreuten Stoffes bedacht gewesen, und ich selber habe eine nicht unbedeutende Menge der Blätter zusammengetragen, vor allem aber auch eine gründlichere Erforschung der großen allgemeinen Sammelwerke unternommen, in denen sich auch mecklenburgische Abbildungen zerstreut finden, und für deren Bibliographie bisher äußerst wenig geschehen ist. So darf ich es wagen, nicht nur eine geschichtliche Übersicht über das mecklenburgische ältere Städtebild, sondern im Anschluß daran auch eine bibliographische Aufstellung des bisher bekannten Stoffes zu geben, in der Hoffnung, daß infolge dieser Veröffentlichung noch manches bisher nicht Bekannte oder nicht Beachtete ans Tageslicht kommen werde, sicher für die handschriftlichen, wahrscheinlich auch für die graphischen Blätter.

Die nun vorliegende Zusammenstellung wäre nicht möglich gewesen, wenn ich nicht allseitig freundliche entgegenkommende Unterstützung gefunden hätte; es ist mir deshalb ein lebhaftes Bedürfnis, den Vorständen und Beamten der Universitäts- und der Landesbibliothek zu Rostock, der Regierungsbibliothek zu Schwerin, der Archive zu Schwerin, Rostock und Wismar, des Landesmuseums zu Schwerin, der Geschichts- und Altertumsvereine zu Schwerin und Rostock, weiter des Germanischen Nationalmuseums zu Nürnberg, des Kupferstichkabinetts zu Berlin, der Stadtbibliothek zu Hamburg und der Kartenabteilungen der Staatsbibliotheken zu Berlin und München, sowie im besonderen den Herren Dr. Dr. Dragendorff, Josephi, Kohfeldt, Stuhr und Techen für solche Förderung vorliegender Arbeit auch an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank auszusprechen.

P. Friedrich Bachmann - Pampow.

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I. Einleitendes.

Wenn auch schon die Antike kunstfertige Stadtpläne hervorgebracht hatte, wie den in den berühmten kapitolinischen Fragmenten erhaltenen Plan von Rom nach seinen 14 Regionen, so findet sich doch im Mittelalter kein einziges Beispiel dafür; auf den Weltkarten dieser Zeit sind die Namen der wichtigsten Städte in einen Kreis geschrieben, höchstens die Orte selber in kleinen schematischen Figuren mit Türmen und Zinnen dargestellt 1 ). Erst allmählich wagt sich die Kunst an die Wiedergabe einzelner Ortschaften und Baulichkeiten, zunächst auf dem Hintergrunde biblischer Darstellungen; so wird um 1480 auf dem Krellschen Altarbild in St. Lorenz zu Nürnberg diese Stadt, auf der Wolgemuthschen Kreuztragung in St. Sebald daselbst Bamberg, auf einem Flügelaltar im Museum der Universität Würzburg eine Teilansicht der fränkischen Bischofstadt gegeben.

Zu größerer Verbreitung gelangt die deutsche Stadtansicht, losgelöst von der Malerei, aber erst, als gegen das Ende des 15. Jahrhunderts das illustrierte Buch aufkam. Reisewerke und Weltchroniken bringen neben Phantasiebildern auch eigene Aufnahmen von wichtigen Orten, so die Breydenbachschen Reisen in das Heilige Land 1486 und die von Wolgemuth und Pleydenwurff mit Holzschnitten reich gezierte Schedelsche Weltchronik von 1493; daneben, ja schon etwas eher, findet sich Abbildung des Druckorts in einzelnen Werken, so Köln im Fasciculus temporum des Werner Rolevinck von 1474, Lübeck im Rudimentum noviciorum von 1475. Vielfach werden aber bis weit ins 16. Jahrhundert hinein zur Illustration von


1) Für die Geschichte des älteren Stadtbildes ist zu vergleichen Valerian von Loga, die Stadtansichten in Hartman Schedels Weltchronik, Lpz. Diss. 1888 (S.- A. a. Jahrb. preuß. Kunstslgn. IX, 1888, S. 93 - 107; 184 - 196, m. 1 Tafel), ferner Karl Schaefer, Stadtpläne und Prospekte vom 15. bis zum 18. Jahrh., Mitt. Germ. Nationalmuseum 1888 S. 57 - 64, Nachtrag S. 88: auf beiden beruhen die Ausführungen in Max Kahn, Die Stadtansicht von Würzburg, München 1918. 8°.
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geschichtlichen und erdkundlichen Werken noch typische Holzschnitte verwandt, von denen die einen zur Darstellung aller möglichen verschiedenen Personen, die andern zur Wiedergabe der verschiedensten Ortschaften durch denselben Holzstock dienen müssen.

II. Mecklenburgische Gemälde und Handzeichnungen.

Mecklenburg geht in dem ältesten Zeitabschnitte noch fast leer aus; an Gemälden hat sich wohl nur das von Schlie I 235 (2. Aufl. S. 236) nur ganz im Vorbeigehen erwähnte große Bild im Kreuzgange des Klosters zum Heil. Kreuz in Rostock erhalten, das die Gründung des Klosters durch die Königin Margarete von Dänemark darstellt. Das Bild zeigt in vier Gruppen die Übergabe des Reliquiars mit dem Stück vom Heil. Kreuz durch den Papst, im Hintergrunde die Engelsburg, dann die Königin zu Pferd ans Ufer reitend, ferner den Meeressturm und am Ufer der Warnow die Orte Margne (Marienehe), Lichtenhagen und Burg Schmarl, in der rechten Ecke die Königin inmitten der Nonnen vor den Klostergebäuden, über die das Kröpeliner Tor und der Jakobiturm hervorragen. Dem ganzen Aufbau wie dem Gegenstande nach kann das - stark verschmutzte - Bild ja nur aus der Zeit vor der Reformation herrühren; wie viel des Ursprünglichen sich aber unter den groben Übermalungen durch Carel Willbrant ("1705") 2 ) und 1765 erhalten hat, kann nur eine gründliche Reinigung und Wiederherstellung ergeben. Zeitlich an die Urform dieses Gemäldes ragt heran ein eigenartiges Überbleibsel aus dem Jahre 1534. In einer bis ans Reichskammergericht gegangenen Klage der Familie von Weltzin über den Fahrenhorst genannten Wald in der Nähe von Lübz reicht sie eine sehr umfangreiche Karte der streitigen Forst mit gesamter Umgebung beim Gericht ein; auf dieser finden sich Ansichten von Lübz, Kuppentin, Broock, Bobzin und der alten Dorfstätte Babetzin (Bobzin), vor allem aber, wohl einzig in ihrer Art aus so früher Zeit 3 ), die Abbildung der Weltzinschen Burganlage zu Weisin, wie sie auch von Schlie in seinem 4. Bande wiedergegeben ist. Wenn man das Bild der Kuppentiner Kirche mit deren heutigem Aussehen vergleicht, so wird


2) Woher das Jahr 1705 in Schlie 2. Aufl. stammt, war nicht festzustellen; das Rost. Etwas I 1737 S. 678 hat nur den Namen des Malers, nicht das Jahr; ein Maler Karl Wilbrandt arbeitet 1643 an dem Gehäuse der astronomischen Uhr in St. Marien (Schlie I, 30).
3) Abgebildet bei Schlie IV, 547; auffälligerweise wird Burg und Abbildung bei Piper, Burgenkunde, nicht erwähnt, auch nicht in der neuesten Auflage von 1912.
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man wie dieses auch die übrigen für getreue Wiedergaben des damaligen Aussehens halten dürfen.

Auch aus späterer Zeit ist an Gemälden und Handzeichnungen nur wenig aufbehalten; es dürfte sich empfehlen, dieses wenige zuerst zusammenfassend zu erwähnen, bevor auf die graphisch vervielfältigten Blätter eingegangen wird, um so mehr, als ein Einfluß der ersteren auf letztere fast nirgends hervortritt.

Von wenigen reinen Vermessungskarten und geometrischen Plänen abgesehen ist hier zunächst die bekannte Darstellung - Ansicht kann man nicht wohl sagen - der Stadt Rostock nebst Umgebung von Warnemünde bis Güstrow und Bützow durch Vicke Schorler zu nennen, 1578 - 1586 entstanden 4 ); in schöner photographischer Wiedergabe ist sie von Raphael Peters vervielfältigt. Die ganze Darstellung ist im Spiegelbilde gehalten (auch wohl St. Marien!) und zeigt die Gebäude der Stadt in zwei langen Reihen übereinander; für nicht mehr erhaltene Gebäude ist ihr Quellenwert mir zweifelhaft.

Ebenfalls noch dem 16. Jahrhundert gehört ein leider nur in einer - anscheinend aber getreuen - Nachzeichnung erhaltener Plan der Stadt Woldegk von 1580 an, ursprünglich von J. C. Casime aufgenommen. Es ist ein scheinbar geometrischer Grundriß, aber die öffentlichen und privaten Gebäude sind auf der Seite liegend eingezeichnet, also ein sehr urwüchsiger Ersatz für eine Vogelschauansicht; da eine spätere wohl dem Ende des 17. Jahrhunderts angehörende Federzeichnung die Stadt schon ganz ohne Mauern darstellt, hat diese dem Verein für Meckl. Geschichte gehörende Nachzeichnung erheblichen geschichtlichen Wert 5 ).

In den Anfang des 17. Jahrhunderts dürfte eine Vogelschauansicht der alten Festung Dömitz zu setzen sein, in brauner Federzeichnung, noch vor der neuen Umwallung. im Besitz des Schweriner Archivs, wo sich auch ein rein geometrischer Plan für Dömitz' Neubefestigung von Ger. Evert Piloot befindet. Von demselben Baumeister sind auch Zeichnungen für den Schweriner Schloßbau und das Haus zu Kraack und ein Plan von Strelitz erhalten 6 ). In die Zeit des Dreißigjährigen Krieges führt uns der im Besitz des Vereins für Meckl. Geschichte befindliche Entwurf Johann von


4) Vgl. Ernst Dragendorff in Beitr. Gesch. Rost. IV, 1, 1904 S. 31 - 38.
5) S. G. C. F. Lisch' Darstellung der Stadt Woldegk auf Grund dieses Plans und seiner Beischriften in JMG. XXXVIII, 1873, S. 70 - 83.
6) S. Schlie II, 608/9; III, 22; Piloots Plan für die Festung auf Poel zu Wiggers Arbeit in JMG. 48.
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Valckenburghs für die neue Befestigung von Rostock 1624, den Wilh. Rogge sehr verkleinert und vereinfacht im JMG. 51 1886 Tafel X wiedergibt; Rogge irrt aber, wenn er meint, daß nur die auf seiner Tafel XI eingezeichneten Werke zur Ausführung gekommen seien, vielmehr beweist ein großer, dem Schweriner Archiv gehörender Plan der Belagerung und Wiedereroberung der Stadt durch die Herzoge unter General Calckum von Lohausen 1631, daß erheblich mehr Werke vorhanden waren, und zwar alle die, welche ein später zu erwähnender seltener Merianscher Vogelschauplan enthält. Noch wichtiger ist eine Federzeichnung von Rostock, von der Hand des Rostocker Malers Emanuel Block 1640 geschaffen, durch einen unaufgeklärten Zufall. in die Bibliothek zu Bamberg verschlagen, wo Walter Josephi sie 1904 entdeckt hat 7 ). Da der Zeichner - von Thieme - Becker irrtümlich, wohl in Verwechselung mit seinem Bruder Benjamin, Porträtmaler benannt - Rostocker Kind war und dort von 1608 bis etwa 1688 lebte, so hat diese Ansicht die Vermutung größter Zuverlässigkeit für sich. Das Bild ist etwas links von der Fähre aus aufgenommen, es zeigt die Türme ein wenig überhöht und bietet am Strande dieselben acht Bastionen wie der vorerwähnte Belagerungsplan und das Meriansche Blatt. Da die Darstellung, von der durch den andern Standpunkt bedingten Verschiebung des Bildes abgesehen, recht genau mit der älteren Merianschen Ansicht (in Werdenhagen 1641) übereinstimmt, dabei auch durchaus den Eindruck einer Vorlage für den Kupferstich macht, so könnte man vermuten, daß Emanuel Block für Merians Werk zwei Aufnahmen angefertigt habe, von denen die eine durch Stich veröffentlicht, die andere, Zeichnung geblieben, nach Bamberg gelangt wäre. Wegen der Wichtigkeit dieses Bildes ist es in etwas verkleinertem Lichtdruck vorliegender Arbeit beigegeben.

Von Schlie in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts gesetzt, aber wohl nicht vor seiner Mitte entstanden, bietet uns eine künstlerisch fein durchgeführte kolorierte Federzeichnung im Besitz des Schweriner Museums eine Ansicht von Wismar von der Hafenseite; während das Stadtbild auf Braun und Hogenberg zurückzugehen scheint, ist der Vordergrund selbständig behandelt und zeigt vor allem ein großes Schiff mit mecklenburgischer Flagge im Vordergrunde. Ob die - neuere - Bestimmung auf dem Unter-


7) Siehe dessen Aufsatz in der Rost. Ztg. 1904 Nr. 217; eine etwas verkleinerte Wiedergabe bietet Tafel I dieser Arbeit; leider ist durch ein Versehen bei der Vervielfältigung die im Urbild ganz deutliche Jahreszahl 1640 in 1646 verschlimmbessert.
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lageblatt "Beerstraten † 1685" richtig ist, dürfte zweifelhaft sein; von den vier bei Thieme - Becker und den zwei bei Wurzbach verzeichneten Künstlern dieses Namens paßt das angegebene Todesjahr auf keinen; außerdem sind - wenn auch undeutlich - am untern Rande die Buchstaben P R oder P B zu erkennen, die auch auf einen andern Künstler hinweisen dürften. Das schöne, bei Schlie stark verkleinerte Blatt verdiente eine originalgetreue farbige Wiedergabe 8 ).

Vielleicht schon etwas früher entstand ein großes Reiterbildnis des Herzogs Johann Albrecht II., auf dem sich zur Linken das Güstrower Schloß und der rechts davon liegende Teil der Stadt dargestellt findet; nicht unwesentlich jünger ist ein ähnliches Bildnis Herzog Friedrich Wilhelms, auf dem man im Hintergrunde das Schweriner Schloß sieht; es dürfte nach der Tracht in die ersten Regierungsjahre des Fürsten, also bald nach 1692 fallen 9 ). Aus der Zeit seines Vorgängers Christian Ludwig I. stammt offenbar eine große Tuschzeichnung, anscheinend von französischem Künstler, Schloß, Schloßgarten und Stadt Schwerin darstellend, die Stadt mit ihrer Befestigung wohl wenig ähnlich. Ebenfalls der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehört ein größeres Gemälde der Stadt Ratzeburg an, das sich im früher Engholmschen, jetzt Bouchholtzschen Hause auf dem Domhofe befindet, es stellt die Stadt mit dem alten Schloß von Süden her dar; seine Zuverlässigkeit ist von Max Schmidt in seiner Chronik mit Unrecht angezweifelt, es gibt vielmehr noch besser als die Gerdt Hanesche Vogelschauansicht (s. u.) ein Bild der Stadt vor der Niederlegung des Schlosses (1690) und der Zerstörung der Stadt durch die Feuersbrunst bei der Beschießung 1693. In einem Parchimer Mittelschulprogramm von 1882 hat J. Boesch eine Handzeichnung in Lichtdruck veröffentlicht, die "Parchim inwendig undt außwendig" in Ansicht und aus der Vogelschau wiedergibt, in ziemlich roher Federzeichnung, offenbar ins letzte Drittel des Jahrhunderts fallend; leider fehlt jede Angabe, wo das Original sich befindet.

Besonders wichtig erscheint ein Album mit 55 Tuschzeichnungen im Besitz der Rostocker Landesbibliothek, das zwar im Dunckelmannschen Kataloge von 1905 kurz verzeichnet und ins 18. Jahrhundert gesetzt ist, anscheinend aber bisher völlig unbeachtet blieb. Alle Blätter sind offenbar vom selben Zeichner


8) Wiedergegeben bei Schlie II, 18.
9) Beide Bilder befinden sich im Schlosse zu Ludwigslust; ihren Nachweis nebst Photographie verdanke ich der Freundlichkeit des Herrn Professor Josephi.
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gemacht, mit herzlich ungeschickter Hand und ohne Perspektive, soweit es sich um eigene Aufnahmen handelt; aber für den größten Teil der dargestellten Orte haben wir hier die erste Aufnahme. Fünf Blätter sind treue Wiedergaben aus Merian - Zeillers Topographie von 1653, unter den andern finden sich Rostock und Wismar noch mit den 1703 umgewehten Turmhelmen, Grabow und Strelitz vor dem Brande. Zeitlich werden die Blätter also gegen das Ende des 17. Jahrhunderts anzusetzen sein; vielleicht weist die Wismarsche Ansicht auf "vor 1661". Die meisten Blätter sind etwa 140 X 170 mm groß, zwei von Güstrow 180 X 280 und 157 X 283. Folgende vorher noch nicht wiedergegebene Städte finden sich hier zum ersten Male: Gnoyen, Krackow, Malchin, Parchim, Röbel, Sternberg, Waren, und aus dem Stargardschen Kreise Neubrandenburg, Friedland, Woldegk; Rostock und Wismar sind in selbständigem Bilde vorhanden, ebenso die zweite Aufnahme von Güstrow. Dann findet sich eine größere Reihe von "Häusern", d. i. Fürsten- und Amtssitzen: Boizenburg, Buckow, Dömitz, Güstrow, Grabow, Gadebusch, Goldberg, Grevismühlen, Mecklenburg, Neustadt, Neukalen, Plau, Schwerin, Schwaan, Stavenhagen, Werdenhagen [!], Walsmühlen, Wittenburg, aus dem Strelitzschen: Fürstenberg, Strelitz, Stargard, Feldberg, Wesenberg, ferner die Klöster und geistlichen Niederlassungen Dargun, Dobbertin, Doberan, Eldena, Ivenack, Kraack, Neukloster, Ribnitz, Rehna, Tönninges Hof [== Tempzin], Zarrentin, ferner Broda, Nemerow, Mirow aus Meckl.- Strelitz; nach Merian sind wiedergegeben die eine Ansicht von Güstrow und Neukloster, ferner Dömitz, Gadebusch, Rühn. Trotz der zeichnerischen Mängel wäre das Album im ortsgeschichtlichen Interesse einer Vervielfältigung wert.

Aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wären, von reinen Plänen abgesehen, deren besonders die Belagerungen von Wismar eine Reihe bieten, noch folgende Aufnahmen hervorzuheben: von Bützow eine Ansicht aus SW 1734, von J. F. Leverentz gezeichnet (Schweriner Archiv, wo auch Befestigungsentwürfe durch Generalleutnant von Schwerin u. a.), von Grabow mehrere Zeichnungen vor dem Brande, von denen Schlie zwei zu III 182 abbildete, ohne ihre Herkunft anzugeben, von Güstrow eine Tuschzeichnung von F. B. Werner (in einem Antiquarkataloge von Volckmann "a. d. Anfg. d. 18. Jahrh." verzeichnet, Verbleib unbekannt, sicher um 1720/30. der Hauptzeit Werners) und eine Federzeichnung auf einem Apothekerlehrbriefe von 1737 im Besitz des Vereins für Meckl. Geschichte, von Ratzeburg eine Ansicht

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auf einem Plan des Wiederaufbaus der Stadt nach dem Brande, von C. F. F. von Plessen (Kartenabteilung der Berl. Staatsbibl., offenbar gleichzeitig mit einem ähnlichen Plane von H. C. H. Schumacher von 1706, der damit zusammengebunden ist). Von Rostock sind im Schweriner Archiv zwei wenig gute Ansichten aus 1719 von der Strand- und aus 1737 von der Landseite, letztere von Z. Voigt gezeichnet; eine ebenfalls schlechte Darstellung von der Landseite 1744 ist in der Univ.- Bibl. und im Alt.- Museum zu Rostock vorhanden 10 ). Belagerungspläne von Wismar 1715 zeigen mehrfach zwar die Stadt als Plan, die Umgebung aber in Vogelschauansicht; das Exemplar des Meckl. Geschichtsvereins gibt sich als 1732 angefertigte Nachzeichnung einer Aufnahme des Generalmajors von Schmettau. Ein besonders gut ausgeführtes Stück ist eine im Schweriner Archiv befindliche "Karte" des ehemaligen Tiergartens bei Neustadt, die ganz in Vogelschau gehalten ist, einschließlich des Dorfes Lütken Laasch, dagegen sind die Orte Grabow, Klenow, Groten Laasch, Neustadt in sehr gut gezeichneter Seitenansicht mit Farben wiedergegeben; da Grabow vor dem Brande, Klenow vor dem ersten Schloßbau dargestellt ist, muß das undatierte Blatt vor 1724 fallen. Damit wären die mir bekannt gewordenen irgendwie wichtigen, nicht vervielfältigten Darstellungen erschöpft 10a ); von irgendeinem Einfluß auf die graphisch wiedergegebenen Blätter ist außer bei dem Belagerungsplan von Rostock und vielleicht der Emanuel Blockschen Zeichnung nichts zu spüren.

III. Graphische Darstellungen.

Ist die Zahl und der Einfluß von Gemälden und Handzeichnungen mithin gering, so sind wir für eine geschichtliche Übersicht der mecklenburgischen Ansichten wesentlich auf graphische Darstellungen angewiesen, wie sie sich in Sammelwerken und Einzelblättern uns bieten. Freilich so gut wie die großen süddeutschen Städte oder unsere Nachbarstadt Lübeck haben wir es nicht gehabt: weder in der Schedelschen Weltchronik von 1493


10) 1924 in der Bilderbeilage Nr. 11 zum Rostocker Anzeiger wiedergegeben.
10a) Das von Jesse, Gesch. der Stadt Schwerin, Lief. 3 Taf. XXVII wiedergegebene Ölbild aus dem Schweriner Archiv, die Stadt vom Schloß aus darstellend, wird zwar dort "um 1735" bezeichnet, aber von F. Stuhr wegen der darauf abgebildeten Uniformen erst um 1760 gesetzt, fällt also aus dem zeitlichen Rahmen dieser Arbeit heraus.
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noch in der ein halbes Jahrhundert jüngeren Cosmographen 11 ) des Sebastian Münster findet sich eine mecklenburgische Ansicht. Einige andere Sammelwerke scheinen dagegen solche zu bieten; so sehen wir in der von Konrad Bothe verfaßten "Cronecke der Sassen", 1492 bei Peter Schöffer in Mainz gedruckt, die Orte Mekelenborch, Sweryn, Rosseborge, Wyßmar, in der späteren Bearbeitung "Chronica der Sachsen und Niedersachsen" von Joh. Pomarius, Magdeburg 1588, wenigstens Schwerin abgebildet. Aber alle diese Bilder sind schematische Darstellungen, die für viele andere Orte gleichfalls dienen müssen, so bei Bothe Mecklenburg auch für Oldenburg, Magdeburg u. a., Schwerin sogar in zwei verschiedenen Bildern für Helmstädt, Halle und Riga, Ratzeburg auch für Lübeck und Schwerin, bei Pomarius "Schwerin" gar für etwa zwanzig verschiedene Orte. Der naive Sinn jener Zeit machte auf naturgetreue Einzelwiedergabe noch wenig Anspruch.

Aber daneben machte sich doch etwa seit den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts vieler Orts das Bedürfnis nach getreuerer bildlicher Wiedergabe der Heimat geltend; so entstanden eine stattliche Reihe von großen Einzelansichten. wie von Freiburg im Breisgau, von Augsburg, die große Anton von Woensamsche Ansicht von Köln und die ebenfalls gewaltig große von Lübeck 12 ), fast alle in Holzschnitt ausgeführt. Gerade ihrer Größe wegen sind sie insgesamt so gut wie verschollen und nur in Einzelstücken erhalten. Bald fingen dann Briefmaler und Formschneider an, aus der Herausgabe solcher Ansichten ein Geschäft zu machen, wobei man freilich damals noch nicht so sehr den Wert auf künstlerisch ausgeglichene Aufnahmen von einem bestimmten Standpunkte auslegte, sondern mehr darauf, daß solche Bilder alle wichtigen Gebäude des betreffenden Orts zur Anschauung brachten, auch wenn sie sich gar nicht von einer Stelle aus tatsächlich übersehen ließen. In dieser Art arbeitete neben andern Augsburger und Nürnberger Künstlern auch der nachher näher zu erwähnende Nürnberger Formschneider Hans Weigel. Andere Künstler suchten dem


11) Zuerst nur mit Phantasiebildern erschienen zu Basel 1544, sowohl deutsch wie lateinisch, dann neu bearbeitet mit zahlreichen Karten und Städtebildern 1550, ebenfalls in beiden Sprachen, später auch noch in französischer, italienischer, englischer, böhmischer, vielleicht auch polnischer Ausgabe herausgekommen, im ganzen in etwa 50 Drucken, bis 1650; siehe Viktor Hantzsch, Sebastian Münster, Leipzig 1898.
12) Von Johannes Geffcken 1855 in Steindruck neu herausgegeben, seitdem öfter vervielfältigt, zuletzt 1906 für die Versammlung des Hans. Geschichtsvereins mit erläuterndem Text von Friedrich Bruns.
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gleichen Bedürfnis durch Darstellungen aus der Vogelschau zu entsprechen, wie z. B. in manchen großen Ansichten der Münsterschen Cosmographey. Rein geometrische Pläne dagegen treten erst erheblich später in die Öffentlichkeit, sind mehr für praktische Zwecke bestimmt und offenbar beim großen Publikum unbeliebt, weshalb man auf ihnen gern wenigstens die bedeutendsten Gebäude aus der Vogelschau wiedergab, eine Weise, auf die der Pharusplan der letzten Jahre wieder zurückkam. Man hat so zu unterscheiden die reine, mehr oder weniger perspektivische Ansicht, die Vogelschauansicht, den geometrischen Plan und den Vogelschauplan 13 ). Nach Vorausschickung dieser allgemeineren Bemerkungen gehe ich nun zur Beschreibung der einzelnen graphischen mecklenburgischen Städtebilder über.

1. Hans Weigel.

Vom vorher schon genannten Nürnberger Formschneider, Briefmaler und Händler Hans Weigel 14 ) verdanken wir die ersten graphischen Ansichten von zwei mecklenburgischen Orten, von Rostock und Wismar. Von ihm wie von Martin Weigel wissen Nagler u. a. eine reichhaltige Tätigkeit zu berichten. Unter anderm besitzt das Germanische Nationalmuseum zu Nürnberg große Ansichten von Bremen, Rostock, Wismar in altkoloriertem Holzschnitt, aus je drei Holzstöcken gedruckt und dann zusammengeklebt; ein ganz gleiches Blatt von Köln ist im dortigen Hahnentor - Museum vorhanden und s. 3. von Merlo beschrieben 15 ). Rostock trägt die angedruckte Adresse Hans Weigels, Bremen und Köln dazu das Monogramm M W im Bilde (wohl sicher als Martin Weigel aufzulösen), Wismar nur das letztere. Entstehungszeit und künstlerische Herkunft aller vier Blätter muß offenbar dieselbe sein. Im Germanischen Museum ist noch ein weiteres Blatt von Hans Weigel, Nürnberg selber vom Galgenhof bis Wöhrd darstellend, aber von vier Holzstöcken gedruckt und nach der feineren Arbeit wie der jüngern Form der Wappenschilde u. a. nicht unerheblich später entstanden. Dies Blatt setzt man in Nürnberg um das Jahr 1575. Schon hiernach müssen


13) In der am Schlusse folgenden Aufstellung als A, Av, P und Pv bezeichnet.
14) Nach Baader im Jahrb. f. Kunstwiss. I, 1868, S. 221 ff. ist Hans Weigel (Weygel) d. Ä. von 1548 bis etwa 1563 nachzuweisen; 1572 und 1577 Hans Weygel der Jüngere, 1578 Katharina Hannsen Weigels Witwe; neben ihm findet sich ein Martin Weigel 1553 als Briefmaler und Formschneider zu Augsburg, 1569 zu Nürnberg; höchst wahrscheinlich ist er der M W unserer Ansichten.
15) Ann. d. hist. Vereins Heft 46, 1887, S. 167 ff.
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jene vier andern Blätter also als älter angesehen werden. Karl Schäfer setzt sie in die Mitte des Jahrhunderts, und ich glaube die Zeit auf etwa 1550 - 1560 annehmen zu sollen. Freilich hat H Giske 16 ) das Bild von Rostock in ganz bedeutend spätere Zeit verlegt; er sucht die Gründe dafür in dem der Rostocker Abbildung angeklebten Gedicht (auch Köln hat wie viele solcher Flugblätter ein solches angehängt), das sich in den Schlußversen

"Das jr geluck grun, plu vnd wachs
Das wunscht jr zu Nurnberg Hanns S."

als von Hans Sachs verfaßt gibt. Vor allem aus metrischen Gründen will Giske die Verse dem Nürnberger Dichter absprechen und deshalb Holzschnitt und Gedicht frühestens ans Ende der achtziger Jahre (S. 31), ja in die neunziger Jahre (S. 28) verlegen. Nun ist, auch wenn man die mancherlei Fehler des Abdrucks bei Gustav Floerke 17 ) nach dem Original verbessert, zuzugeben, daß vorliegendes Gedicht nicht gerade zu Hans Sachs' besten Dichtungen gehört; doch teilt es das mit manchem andern seiner über 6000 Werke; der Hans Sachs - Biograph Ernst Mummenhoff - Nürnberg, dem ich vor Jahren das Gedicht vorlegte, hatte kein Bedenken gegen des Dichters Verfasserschaft. Übrigens ist das Gedicht, das auf Münsters deutsche Cosmographey in der Textfassung von 1550 18 ) zurückgeht, von Giske z. T. mißverstanden worden; so glaubt er, die Verse 100 - 104, die von durch Kaiser Maximilian beendeter "viel zwietracht" "des glaubens halb" handeln, auf den Augsburger Religionsfrieden beziehen zu sollen, und nimmt aus der so dem Dichter zugemuteten Verwechselung von Karl V. und Maximilian II. einen Hauptgrund, das Gedicht so spät zu datieren; wer aber die Rostocker Geschichte genauer kennt, weiß, daß nur die durch Kaiser Maximilian I. 1495 beigelegte Rostocker Domfehde gemeint sein kann.

Entscheidend aber gegen Giskes späte Datierung ist der Umstand, daß sich schon in dem 1572 erschienenen ersten Bande der sog. Kölner Kosmographie von Braun und Hogenberg, auf die ich nachher noch näher eingehen werde, Nachstiche der Weigelschen Ansichten von Bremen, Rostock und Wismar finden. Sonach müssen die Originale also vorher, und damit sicher


16) Archiv f. Lit. - Gesch. X S. 13 ff.
17) In F. Schirrmachers Beiträgen zur Geschichte Mecklenburgs (I), 1872, S. 129 - 32.
18) Von Giske nur nach einem Abdruck von 1592 verglichen; jener ältere Abdruck bietet S. 964 auch die von G. vermißte Quelle für den Schluß des Gedichtes.
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zu Lebzeiten Hans Sachs' († 1576) erschienen sein. Es ist aber völlig undenkbar, daß ein Nürnberger Verleger, während der Nürnberger Dichter noch lebte, ihm das Gedicht eines andern Verfassers untergeschoben haben sollte, um so weniger, als von diesem selben Verleger des Dichters eigenes Bildnis herausgegeben worden ist, auch - wenn ich nicht irre - noch andere seiner Schnitte mit Sachsschen Gedichten verbunden vorkommen. Ein Gedicht zu einer ähnlichen großen Ansicht von Altenburg in Holstein verfaßte Hans Sachs für den Verleger Georg Lauer in Nürnberg (Drug. hist. Bilderatlas I A Nr. 8).

Zu der Datierung "vor 1572", die ich nach der noch rohen Technik, wie der Form der Wappen etwa bis 1550 - 60 heraufsetzen möchte, stimmt nun auch bei beiden Ansichten der Befund der dargestellten Gebäude, was ich besonders für Rostock etwas näher erweisen möchte. Wenn freilich Floerke a. a. O. annimmt, das Rathaus bestehe noch aus zwei getrennten Giebelhäusern, so übersieht er, daß diese bereits 1315 durch die gotische siebentürmige Giebelwand verbunden wurden; m. E. ist hier, sei es schon in der ursprünglichen Zeichnung, sei es - wahrscheinlicher - bei der Übertragung auf den Holzstock eine Lücke geblieben: vom Rathaus ist weiter nichts vorhanden, als das eine spitze Türmchen. Dagegen sehen wir als Steintor noch den alten Bau mit gotischen Zackengiebeln, den Johann Albrecht I. am 1. März 1566 abreißen ließ, und dessen noch heute stehender Nachfolger 1574 zu bauen begonnen ward. Auffällig schon für den ersten Blick ist der ungefüge dicke Turm der Jakobikirche mit glatter Helmpyramide; Professor Josephi sprach mir gegenüber einmal die Vermutung aus, daß der Holzschneider ein auf der Zeichnung den Turm umgebendes Baugerüst irrtümlich als Umriß des Turmes selbst auf den Holzstock übertragen hätte; dazu würde stimmen, daß nach Lindebergs von Schlie gebilligtem Bericht der Turmbau erst 1588 vollendet ward. Aber da der zu Rostock lebende Vicke Schorler auf seiner Darstellung noch 1583 der Kirche dieselbe Turmform verleiht, so muß der Turm doch wohl erst kurz vor 1588 die schlanke Spitze mit den beiden Laternen bekommen haben, wie sie sich zuerst auf der größeren Braun und Hogenbergschen Ansicht von 1596 zeigt. Von der Petrikirche ist das Schiff nicht mehr auf Zeichnung oder Holzstock hinaufgegangen; nur der Turm ohne Helm ist vorhanden. Die Zerstörung des Helms durch einen Blitzschlag erfolgte am St. Gallentage (16. Okt.) 1543, die Wiederaufrichtung um 1575, in welchem Jahre am 30. (wohl nicht 13.) September der noch nicht vollendete Helm herabgeweht und erst 1577 wiederher-

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gestellt wurde. der Turm von St. Nikolai zeigt ebenso wie auf dem Braunschen Bilde die vier Giebel, die der Nachstich bei Westphalen in acht (!) verhunzt hat. Nach Tagebuchnachrichten aus 1600 - 1625 19 ) ist der Helm einschließlich der vier Steingiebel 1618 abgebrochen und 1619 ohne deren Wiederherstellung neu gebaut; auffälligerweise finden sich die Giebel aber noch auf dem größeren Merianschen Blatt, während sie bei Grape mit Recht fehlen 20 ).

Die Weigelsche "Abconterfeitung der Stadt Wießmer" ist einem ähnlichen Geschick in der Höhe unterlegen, wie Rostock in der Breite; die Spitze des Nikolaiturms und - vielleicht - die kleine zwischen den vier Turmgiebeln von St. Marien belegene Spitze gingen nicht mehr auf den Holzstock hinauf; letztere mag aber nach dem Brande von 1539 noch nicht wieder erneuert gewesen sein. Im übrigen macht das Wismarsche Bild infolge seiner beiderseitigen landschaftlichen Umrahmung einen künstlerisch schon etwas befriedigenderen Eindruck als das Rostocker.

Die beiden Weigelschen Blätter 21 ), besonders aber das Rostocker, haben nun einen lange Zeit währenden Einfluß geübt, worauf bei Besprechung der Braun und Hogenbergschen Ansichten genauer einzugehen ist.

2. "Rostock" 1564.

Es gibt eine Darstellung der zu Rostock 1564 zwischen Dänen, Schweden und Lübeck geführten Friedensverhandlungen, links oben eine Seeschlacht, rechts ein hochgetürmtes Gebäude, Rostochium bezeichnet, mit den verhandelnden Staatsmännern auf offenem Altan; über einem Toreingang hängt das fünfschildige mecklenburgische Wappen zwischen zwei aus Schießscharten ragen-


19) Neue Rost. Nachr. 1841 Nr. 66 ff., vgl. auch Schlie I, 607.
20) Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf einen lange fortgeschleppten Irrtum hinweisen, den sowohl Floerke wie Schlie gläubig hinnahmen. Beide berichten nach Lindebergs Chronik S. 157, daß der Nikolaiturm am 16. Oktober 1543 und am 30. September 1575 zerstört sei, das sind dieselben Daten, die für den Petriturm nach Bauinschrift wirklich feststehen, aber durch ein Versehen, wohl Mißverständnis des Lindebergschen Randdatums, auch auf Nikolai übertragen wurden. Eine wirkliche zweimalige "Duplizität der Fälle" wäre sicher in der Chronik ganz anders hervorgehoben. Diese beiden Stürze des Nikolaiturms sind fortan aus der Rostocker Baugeschichte zu streichen.
21) Durch ein günstiges Geschick sind die Holzstöcke der beiden Bilder erhalten und mit der v. Derschauschen Sammlung in den Besitz des Berliner Kupferstichkabinetts gekommen; neue Abzüge sind in den Besitz des Schweriner Archivs u. Rostocker Vereins übergegangen; etwas verkleinerte Wiedergaben sind dieser Arbeit als Tafel II und III beigegeben.
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den Geschützmündungen. Unten beschreiben links vier Verszeilen die Seeschlacht, rechts finden sich drei Reihen Text über die Friedensverhandlungen. Das Bild hat aber keinerlei Ähnlichkeit mit Rostock; bei genauerer Betrachtung ergibt sich oben rechts und unten ausgeschliffene Schrift. Man erkennt: es ist eine alte Platte hierfür umgestochen. Sie hat offenbar zu der großen Folge der Franz Hogenbergschen Geschichtsblätter gehört, die im letzten Drittel des 16. und im Anfang des 17. Jahrhunderts in etwa 400 Blättern zunächst die Begebenheiten der niederländischen Kriege, dann aber auch andere zeitgeschichtliche Ereignisse wiedergeben. Von Franz Hogenbergs Hand ist die Platte sicher gestochen; in zwei von mir durchgesehenen Sammelbänden dieser Stiche in Hamburg und München - beide wie stets nur einen Teil der Folge enthaltend - fand ich die Urplatte nicht; ich vermute, daß sie ursprünglich den Friedensschluß auf der Isle aux Boeufs bei Orleans am 13. März 1563 darstellte 22 ). Unser Blatt in umgestochener Fassung scheint verwendet in Gaspar Ens Rerum Danicarum a Friderico II. . . gestarum historia, bella Ditmarsicum & Suecicum complectens. Francofurti, impensis Petri Fischeri 1593, Tafel 9 23 ). - Als Bild von Rostock muß es ausscheiden.

3. Braun und Hogenberg und ihre Nachfolger.

Eine der bedeutendsten Erscheinungen nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa und darüber hinaus war eine Sammlung von Städtebildern, die ein Kölner Geistlicher Georg Braun 24 ) nach sorgfältiger Vorbereitung herausgab, die sog. Kölner Kosmographie, allmählich auf 6 Bände angewachsen. Im Verein mit den Stechern Franz Hogenberg und Simon von den Neuwel (Novellanus) erschien 1572 ein erster Band, noch nicht als liber primus bezeichnet, betitelt "civitates orbis terrarum", außer dem Kupfertitel und lateinischer Vorrede 59 Doppeltafeln in Großfolio enthaltend, die auf der Außenseite erklärenden lateinischen Text, auf den Innenseiten zum Teil eine, zum Teil 2, 3, ja 6 Ansichten in guter Kupferradierung boten; die Tafeln wurden sowohl schwarz wie auch koloriert ausgegeben. Da das Werk großen Anklang und Absatz fand, folgte etwa 1576 der zweite, 1581 der dritte, um 1588 der vierte, um 1597 der fünfte und 1617 der sechste Band, alle in gleichem Umfange, nur der


22) Drugulin, Hist. Bilderatlas Nr. 217 bzw. Nr. 76 unter III, 20.
23) Drugulin, a. a. O. Nachtrag Nr. 175 a.
24) * 1542, † 1622, 80 Jahre alt, als Dechant an S. Maria ad gradus zu Köln.
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fünfte enthält 10 Tafeln mehr. Von 1574 an erschien auch eine Ausgabe mit deutschem, etwas später auch mit französischem Text. Alle Bände wurden wieder und wieder aufgelegt: vom ersten Band konnte ich bisher etwa 24 verschiedene Drucke, wenigstens der Vorstücke, feststellen, bis zum sechsten in etwa 10; vor allem ward der Text immer wieder in neuem Satz gedruckt, später auch erweitert und weiter fortgeführt, was ich z. B. bei einem der meckl. Blätter bis 1631 fand. Aber auch die Platten erlitten mannigfache Veränderungen, oft, weil Verbesserungen, etwa an den Trachten und Wappen, anzubringen waren, manchmal ward auch eine Platte durch eine ganz neue ersetzt, vielleicht weil die alte zerbrach.

Georg Braun war aufs emsigste bemüht, sich nicht bloß an vorhandene ältere Vorbilder zu halten, wozu er im ersten Bande noch z. T. genötigt war, sondern er suchte durch tüchtige Künstler Originalaufnahmen zu erhalten; so hat besonders Georg Hufnagel und sein Sohn Jakob viele Bilder beigesteuert. Aber Braun benutzte auch seine weitreichenden Verbindungen mit hohen Herren zur Förderung seines Werkes. So stand er in regem Briefwechsel mit dem Produx Cimbriae, dem schleswigschen Statthalter Heinrich Rantzau, der ihm eine größere Zahl von Aufnahmen besonders norddeutscher Städte zukommen ließ. Auch die mecklenburgischen Blätter des fünften Bandes verdankt Braun seiner Vermittelung. Über die Ansicht von Wismar hat sich ein Briefwechsel im dortigen Ratsarchiv erhalten, ein deutsches Schreiben von Bürgermeister und Rat an Heinrich Rantzau vom 17. Juni 1595 und ein lateinischer Dankbrief Georg Brauns vom 25. September, wobei er einen Abzug der fertig gestochenen Ansicht zum Dank übersendet. Beide Briefe sind s. 3. durch Vermittelung des Dr. Fr. Crull von Heinrich Lempertz veröffentlicht 25 ), werden aber als Anlage II von neuem in von Dr. Techen genau verglichenem Abdruck wiedergegeben, da sie an jenem entlegenen Orte für uns fast verschollen sind. Die Wismarsche Ansicht (nebst Beschreibung) ist vom Ratsherrn Georg Jule "ins Werk gericht" - was vielleicht nur auf den Text geht -, die von Ratzeburg durch Gerdt Hane 1588 gezeichnet, der Künstler der Rostocker Ansicht ist unbekannt. Wenn Westphalen auf seinem schlechten Nachstich sie dem Petrus Lindeberg zuschreibt, so hat er die Textüberschrift mißverstanden; der Text ist die ein wenig gekürzte Topographie Rostocks, die Lindeberg, übrigens ein für


25) Annalen des hist. Vereins f. d. Niederrhein, Heft 36, Köln 1881 S. 181 - 183. Weitere Bemühungen Rantzaus für das Braunsche Werk weist Bertheau in 3. Schlesw.-Holst. Gesch. 21, 1891, S. 309 - 13, nach.
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Heinrich Rantzau vielfach arbeitender Gelehrter, 1594 in lateinischer Sprache veröffentlicht hatte.

Auch nach Brauns Tode blieben die Platten zunächst noch in Köln; später erwarb sie Johannes Jansson in Amsterdam, der sie geographisch ordnete und durch zahlreiche prächtige neue Blätter, meist von Wenzel Hollar gestochen, vermehrte, auch unmodern gewordene Schildumrahmungen durch zeitgemäßere ersetzte. So erschien das Werk um 1657 neu in 8 Bänden 26 ) auf Groß - Papier mit vielfach erweitertem Texte; die beiden 1657 ausgegebenen Oberdeutschland umfassenden Bände führen auf dem Kupfertitel die Aufschrift: Theatrum exhibens illustriores principesque Germaniae superioris civitates, auf dem Buchdrucktitel aber: Urbium . . . tabulae. Der Text ist nur lateinisch. In dieser Ausgabe finden wir alle fünf in Köln ausgegebenen meckl. Bilder wieder und dazu eine prachtvolle Vogelschauansicht Rostocks von Wenzel Hollar, deren Zeichnung aber erheblich weiter zurückliegen muß. Die Verlagsnachfolger veröffentlichten dann im Jahre 1682 eine Auswahl der wichtigsten und besten Platten in zwei Bänden unter holländischem Titel 27 ), wobei auf manchen Platten veraltete Staffagen ausgeschliffen und durch andere Vordergründe ersetzt wurden (so auch bei dem Blatte Wismar). Diese wie die folgenden Ausgaben sind ohne Text auf der Rückseite der Stiche. Wohl in den neunziger Jahren des Jahrhunderts erwarb dann die Platten der Amsterdamer Stecher und Verleger Frederick de Wit, der sie mit seiner Adresse versah und neu geordnet unter dreisprachigem Titel 28 ), aber ohne Jahreszahl herausgab. Endlich gelangte wenigstens ein Teil der Platten im Anfang des 18. Jahrhunderts in den Besitz des Leydener Verlegers Peter van der Aa, der aus ihnen und vielen andern von ihm zusammengekauften


26) Belgium sive Germania inferior, 2 Bände, 1657; Germania superior, 2 Bände, 1657; Gallia et Helvetia, o. J.; Hispania et ad Orientem et Austrum versae civitates, o. J.; Italia, o. J.; Urbes septentrionales, o. J.
27) Tooneel der vermaarste Koop - Steeden en Handels - plaatsen van de geheele Wereld. T'Amsterdam by de Erfgenamen van Sal t . Joannes Janssonius van Waesberge. 1682, Gr.-Fol. - Auf Verwechselung mit diesem Werk dürfte die häufige Anführung in Antiquariatskatalogen "Blaeus Koopstede" zurückzuführen sein, die ich nirgends, auch nicht in Amsterdam, feststellen konnte.
28) Theatrum praecipuarum totius Europae urbium . . Afbeeldinge van de vornaamste steden van Europa . . . Le theatre de plusieurs plans et profils des plus renommeez villes de l'Europe. T'Amsterdam by Frederick de Wit. o. J. Gr.- Fol.
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Kupferplatten ein umfangreiches Bilderwerk 29 ) in 66 Bänden um 1729 zusammenstellte, von denen vier Bände mit 155 Tafeln Deutschland umfassen; aus Braun findet sich darin nur noch die größere Ansicht von Wismar in stark abgetriebenem Abdruck.

Auf das Werk Brauns und seine Wandlungen mußte etwas genauer eingegangen werden, da es für die Städteansichten bis auf Merians Zeit größten Einfluß geübt hat, auch auf die mecklenburgischen; wir wenden uns nun diesen im besondern zu.

Der erste Band des Braunschen Städtebuchs enthält als Blatt 27 der lateinischen, 28 der deutschen und französischen Ausgabe eine Platte mit vier Ansichten, oben Wittenberg (fälschlich Wittenburg bezeichnet) und Frankfurt a. O., unten links Rostock, rechts Wismar, beide verkleinerte Nachstiche nach Hans Weigel, erstere Ansicht aber links durch Petrikirche und Tor ergänzt, beide aber mit verhängnisvoller Verwechselung 30 ) der Überschriften, so daß zur Linken Wismaria, zur Rechten Rostochium steht. Dieses Versehen beeinflußt auf viele Jahrzehnte alle späteren Nachbildungen dieser Stiche. Aus unbekanntem Grunde wird diese Platte bald verändert und erhält statt der Seitenansicht von Wittenberg eine wenig gute Vogelschauansicht dieser Stadt. Nach einigen Jahren muß die Platte ganz verunglückt sein und wird durch eine viel gröber gestochene ersetzt, auf der die Ansichten näher zusammengerückt, auch die Überschriften anders abgeteilt und ohne Verzierungen sind.

Etwa 1597 - diese Jahreszahl tragen die drei jüngsten Ansichten des Bandes - bringt Band V als Nr. 43, 46, 47 die schon oben erwähnten drei ganzseitigen Bilder von Ratzeburg, Wismar und Rostock, besonders die beiden letzteren vortreffliche, perspektivisch gehaltene Ansichten, von denen Wismar nun das spitze Türmchen zwischen den vier Turmgiebeln an St. Marien aufweist. Rostock hat bei St. Petri wie St. Nikolai spitze hohe Helme, bei Nikolai aus vier dreieckigen Giebeln aufsteigend; bei St. Jakobi sieht man die wohl 1588 entstandene neuere Turmform, aber mit dreifacher (!) Laterne, das siebentürmige Rathaus ist deutlich zu erkenmen, dagegen sind am Strande nicht sieben, sondern acht (und eine kleine in einem Häuschen endigende) "Kopmans-


29) Galérie agréable du monde [p. 39 - 42] tome I - IV de l'empire d'Allemagne . . . Leyde, Pierre van der Aa (1729). Kl. - Fol.
30) In Band I finden sich mehrere derartige Verwechselungen; so ist eine Ansicht von Stade (Blatt 24/25) als Oldenburg in Holstein bezeichnet; auf Blatt 40/41 sind Straubing und Regensburg vertauscht, doch ist dieses Versehen bemerkt und in den späteren Ausgaben die Überschriften durch Umstechen berichtigt.
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brüggen" vorhanden. Neu aufgenommen in diesem Bande ist ein Bild von Ratzeburg, aus der Vogelschau gesehen, im Vordergrunde das später (1690) völlig abgerissene, z. T. unter Wasser gesetzte alte Schloß, dahinter die Stadt mit den früheren, nach dem Brande von 1693 ganz veränderten Straßenzügen und mit dem Dom.

In der Neuausgabe von Jansson 1657 werden nicht nur alle früheren Blätter unverändert wiederholt, nur unter andern Nummern (119 Ratzeburg, 122 Rostock, 152 Wismar, 155 Wittenberg - Frankfurt - Wismar - Rostock), sondern es tritt als Blatt 123 eine herrliche Vogelschauansicht Rostocks von dem berühmten Kupferstecher Wenzel Hollar (1607 - 1677), einem Schüler des älteren Matthaeus Merian, hinzu, unten links acht sehr zierliche Trachtenfiguren, unten rechts 36 Erklärungsnummern enthaltend. Durch die genau von Norden her geschehene Aufnahme ist die Wiedergabe des Rathauses unmöglich gewesen; aber für viele andere Gebäude gibt das Bild die einzige ältere Darstellung, die wir haben. Bei St. Nikolai fehlen - in Bestätigung der oben angeführten Nachricht - bereits die vier Giebel des Turms. Das Mönchentor erscheint gleich dem Lager - Tor und anderen mit abgetrepptem Giebel, was klar gegen die Wirklichkeit des Renaissance - Prachtbaus bei Vicke Schorler spricht; er ist sicher nicht zur Ausführung gekommen. Das Kröpeliner Tor hat seinen 1597 noch vorhandenen Wehrgang nicht mehr.

Aus verschiedenen schon und noch nicht vorhandenen Baulichkeiten hat W. Josephi 31 ) festgestellt, daß die Vorlage zu Hollars Stich schon zwischen 1624 und 1626 entstanden sein muß; darnach hat Hollar sie schwerlich selber aufgenommen, auch wenn er - was die geschichtlichen Ereignisse in Böhmen mir wahrscheinlich machen - schon erheblich früher als 1627 aus Böhmen verbannt sein dürfte.

Bei der späteren Neuausgabe durch die Jansson - Waesbergeschen Erben erleidet nur eine der Braunschen Platten, das größere Blatt Wismar, eine erhebliche Veränderung: es wird der ganze Vordergrund mit den Trachtenfiguren herausgeschliffen, die Platte erheblich verschmälert und ein neuer Vordergrund eingestochen, der links eine breite Kuff unter Segel und ein Bot, rechts Fischer und


31) Meckl. Nachr. 1916 Nr. 128; daß Hollar aber die Oberwarnow als Querwarnow auf dem Stiche bezeichnet habe, ist ein wohl durch irgendeinen Flecken oder Punkt im O auf dem betr. Exemplar des Blattes veranlaßter Irrtum des Verfassers; auf allen von mir gesehenen Abdrücken steht deutlich Querwarnow, niederdeutsch für Oberwarnow.
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Weidevieh nebst einem Knaben zu Pferde aufweist; durch diese Änderungen, besonders auch des Verhältnisses der Höhe zur Breite der Platte, hat das Bild an künstlerischer Wirkung gewonnen.

4. Nachbildungen nach Braun und Hogenberg.

Die Braun und Hogenbergschen Ansichten, zunächst die beiden ältesten von 1572, haben vielen andern Städtebildern als Vorlage gedient, wodurch die Verwechselung der Namen immer weiter ging, bis endlich Wismar seine eigene Darstellung ganz einbüßte, weil sein fälschlich den Namen Rostock tragendes Bild bald durch ein wirklich Rostock vorstellendes Blatt ersetzt wurde.

1. Um 1580 erschien in Venedig eine große Folge kleiner Ansichten, meist von Francesco Valegio, einige auch von Martin Rota gestochen, anscheinend zunächst einzeln ausgegeben 32 ), erst hernach mit einem Titelblatt "Raccolta di le piv illvstri et famose citta di tvtto il mondo" versehen. Eine zweite gegen 1600 herausgekommene Ausgabe vereinigte je zwei Stiche auf einer Seite und erhielt ein sehr reich ausgestattetes Titelkupfer, worin ein ausführlicherer Titel "Teatro delle piv illvstri et famose citta del mondo. . . In Venetia Donato Rasicoti forma . . ." mit Rötel eingedruckt war. Beide Ausgaben bieten ziemlich flüchtige Nachstiche von Wismaria (= Rostock) und Rostochium (= Wismar) nach Braun I, mit je vier Zeilen Text am untern Rande; in der zweiten Ausgabe sind Wismaria und Brema, Rostochium und Ossenborgh je auf einem Blatte abgedruckt.

2. Wenig später gab der betriebsame Verleger Nikolaus Basse in Frankfurt am Main ein Städtebuch heraus, das sich in der ersten Ausgabe 1581 als eine Neubearbeitung eines "Summarischen Auszug von Erbauung und Ankunft etlicher namhaftiger Stätte" des D. Wolffgang Jobst durch den Marburger Prokurator Abraham Saur von (aus) Franckenberg 33 ) gibt, in der zweiten 1585 aber letzteren allein als Verfasser nennt. Aber erst die dritte Ausgabe von 1587 bringt einige (6) Städteansichten in Holzschnitt in schmalem Querformat; nur der Text aller drei Ausgaben geht


32) Dafür spricht, daß die wenigen vorkommenden Exemplare der ersten Ausgabe stets in der Zahl der Ansichten abweichen und fast immer des Titelblatts entbehren. Außer den Titelblättern habe ich 321 verschiedene Ansichten feststellen können.
33) Es führt nun den Titel: Parvum theatrum urbium, das ist erster Anblick und summarischer Auszug von Erbauung . . . namhafter Städte . . . Frankfurt 1581, 85, 87 in Kl.- 8°, 1590, 93, 95, 1610 in Groß - 8°. - Es werden auch noch Ausgaben mit andern Jahreszahlen angeführt, doch dürften nur die oben genannten wirklich erschienen sein.
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auch auf Mecklenburg mit Rostock und Wismar ein. Dann aber nimmt der Verleger eine einschneidende Verbesserung vor; wohl von 1590, sicher von 1593 ab sind die weiteren Ausgaben mit zwar kleinen, aber sehr zierlich in Holz geschnittenen Städtebildern versehen, und nun finden wir S. 115 die Abbildung von Wismar nach Braun, aber mit der Überschrift "Die Stadt Rostock" (so in der Ausgabe von 1593); 1595 wird der Text erweitert und Rostock - Wismar auf die S. 162 versetzt, welchen Platz es auch in der letzten 8°- Ausgabe von 1610 bewahrt; 1658 wird das Werk von Hermann-Adolph Authes neu bearbeitet und, textlich stark vermehrt, in 4° neu herausgegeben; das alte Bild kehrt hier unter R S. 73 wieder.

Basse wußte aber mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und gab neben diesem deutschen 1595 auch ein lateinisches Städtebuch in 4° heraus, von dem Würzburger Universitätslehrer und Leibarzt Adrianus Romanus bearbeitet, unter dem Titel Parvvm theatrvm vrbivm sive vrbivm praecipvarvm totivs orbis . . . descriptio, das 1608 in neuer Auflage erschien; beide Drucke enthalten S. 106 denselben Holzschnitt von Wismar als Rostochium.

Endlich verlegte Basse auch des Pfarrherrn Johann Rauw (Ravius) zu Wetter große deutsche Kosmographie 34 ), die in einem starken Foliobande, reich illustriert, zuerst 1597 erschien; auch sie enthält denselben Holzschnitt von Wismar - Rostock auf S. 496.Obwohl das Werk besser bearbeitet war als das von Münster und von Viktor Hantzsch in seiner Arbeit über diesen S. 161 als treffliche Arbeit gelobt wird, scheint ihm doch kein buchhändlerischer Erfolg beschieden gewesen zu sein; denn die beiden späteren Auflagen von 1612 und 1624 erweisen sich bei genauerem Vergleich als Titelausgaben des ersten Drucks mit entsprechend veränderten Vorstücken. So erklärt sich auch, daß Rauws Werk recht selten ist.

3. Von 1608 an gab Antonius von Albizi (Albitius), der lange Jahre zu Augsburg und dann zu Kempten lebte, wo er 1626 im Alter von 78 Jahren starb, in zahlreichen lateinischen und deutschen Ausgaben "Christlicher Fürsten und Potentaten Stamm-


34) Die erste Ausgabe ist betitelt: Cosmographia, das ist . . Beschreibung . . ., die zweite: Weltbeschreibung, das ist eine schöne . . . Cosmographia . . ., die dritte wieder: Cosmographia, das ist eine schöne . . . Weltbeschreibung . . . Daß schon früher, etwa 1574 oder 1576, eine Ausgabe des Werkes erschienen sei, beruht auf Irrtum, dem auch v. Loga a. a. O. S. 2 verfiel; es liegt wohl eine Verwechselung mit dem einen Unterteil des General - Chronikon vor.
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bäume" in Großfolio heraus, deren von Daniel Custos hergestellte Stiche er am Fuß mit Ansichten schmücken ließ; so trägt der Stammbaum der mecklenburgischen Herzoge unten die Ansicht Rostochium, von St. Petri bis St. Johannis reichend, ziemlich frei nach Braun Band V. Mir lagen Ausgaben von 1619 und 1627 vor, nicht im Bilde, sondern nur im vermehrten Stammbaum verschieden.

4. Der Leydener Geograph und Historiker Petrus Bertius, der schon 1612 fünf Bücher geographischer "Tabeln" veröffentlicht hatte, gab 1616 im Verlage von Joannes Jansson zu Amsterdam heraus: Commentariorum rerum Germanicarum libri tres, Querfolio, reich mit gestochenen Karten und Ansichten geziert, letztere nach Braun und Hogenberg; S. 652 ist Rostock, S. 715 Wismar enthalten, beide mit lateinischem Text auf der Rückseite des folgenden Blattes. Während aber "Wismar" dem alten Rostocker Vorbild aus Braun I weiter folgt, findet sich als "Rostock" eine nicht üble verkleinerte Nachbildung der großen Ansicht aus Braun Band V; von den dortigen zehn Trachtenbildern sind vier übernommen. So liegen in Wahrheit jetzt zwei Abbildungen von Rostock, keine von Wismar mehr vor. Der Stecher ist nicht genannt; mehrfach wird Peter von den Keere (Kaerius) als solcher angegeben; doch ist mir das nicht gerade wahrscheinlich, da - als einzige - die Ansicht von Würzburg ein bis jetzt nicht gedeutetes Monogramm aufweist, das Keer jedenfalls nicht angehört. Die zweite Auflage 1632 wiederholt dieselben Stiche an gleicher Stelle, eine dritte erscheint 1635 in 12° ohne Bilder; dagegen ist der Stich von Rostock (nach Braun V) 1620 auch für das - sehr seltene - holländische Werk benutzt: "T'Keyser - Ryck van Duytsch - land . . . met een verhael van de Academien . . .", das ebenfalls in Janssons Verlage erschien. Ferner finden sich beide meckl. Blätter wie viele der anderen auch in sehr gutem Abdruck ohne Text auf der Rückseite, ob einzeln oder in einem Werk zusammen erschienen, konnte ich bisher nicht feststellen 35 ).

5. Vom Jahre 1623 an gab der Frankfurter Kupferstecher Eberhard Kiefer in zwei Folgen von je acht Heften ein sehr zierlich gestochenes Städtebuch in klein quer - 4° heraus, in dem jedes


35) Jedenfalls gehören sie nicht zu Matth. Dresser, Von den fürnehmsten Städten . . Leipzig 1607, 4°., wie Katalog 143 von Ludw. Rosenthal unter Nr. 1882 will; es sind nur in das betr. Exemplar dieses Werkes viele der Bertiusschen Bilder eingeklebt. Wer übrigens auch die Bertiusschen Texte zu Rostock und Wismar sammeln will, findet sie auf der Rückseite der Ansichten von Rufach und Wittenberg.
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Blatt außer der Ansicht ein Sinnbild, ein "Emblem" enthält, das mit dem Ortsbilde - wie er ausdrücklich erklärt - in keinerlei Zusammenhang steht, auch durch Sinnsprüche und Reime erläutert wird. Zur Auswahl dieser Embleme und zur Verfertigung der Verse bediente Kiefer sich des damals in Frankfurt lebenden "kaiserlich gekrönten Dichters" Daniel Meisner aus Commothau in Böhmen, der aber schon über der Bearbeitung des 6. Heftes hinstarb. An den Stichen hat er überhaupt keinen Teil, und es ist unverdiente Ehre, wenn man das Werk immer nach ihm, statt nach Kieser benennt; die Verse zu den folgenden Teilen haben u. a. Liebold, Gottfried, Kornmann geliefert. Das Werk selbst führte den lateinischen und deutschen Titel: Thesaurus philopoliticus . . . Politisches Schatzkästlein. Kieser gewann für das Werk, an dem er anscheinend selber nicht mitarbeitete (wenigstens findet sich auf keinem Blatt sein Name oder Monogramm), hervorragend tüchtige Stecher; im 1. Bande wirkte außer Sebastian Furck vor allem Matthaeus Merian d. Ä. mit, von dem nicht nur der Stich, sondern auch viele Aufnahmen herrühren. Bei Kiesers im November 1631 erfolgten Tode lag die Sammlung in zwei Bänden oder 16 Heften mit über 800 Kupferstichen vollendet vor. Hernach erwarb Paul Fürst in Nürnberg die Platten, ordnete sie neu und gab sie von 1637 an unter dem Titel Sciographia cosmica in acht Bänden neu heraus, seine Erben 1678 nochmals als Sciagraphia cosmica, spätere Besitzer der Platten noch ein- bis zweimal. Während für süd- und mitteldeutsche Orte sich viele Neuaufnahmen finden, begnügte das Werk sich für unsere Gegenden mit Wiedergabe der Braunschen Bilder, anscheinend z. T. auf dem Umwege über Bertius. Im 1. Heft der Kieferschen Ausgabe erschien Rostock als Blatt 40 (= Braun V), im vierten Ratzeburg als Blatt 34 und im siebenten "Wismar" als Blatt 51, letzteres wieder Rostock nach Braun I bietend. Verschiedene Änderungen an Inschriften und Nummern lassen fünf verschiedene Plattenzustände feststellen, aber wohl nicht durchweg bei allen Blättern; von "Wismar" lagen mir alle fünf vor.

6. Nach Gustav Adolfs Siegeszuge durch Deutschland verfaßte der Pfarrer Johann Ludwig Gottfried 36 ) zu Offenbach im


36) Ihn hat G. Droysen in seiner Habilitationsschrift "Arlanibaeus, Godofredus, Abelinus", Berl. 1864, 4°, fälschlich zu einem Pseudonym für Joh. Phil. Abelinus gemacht, während es sich um zwei grundverschiedene Personen handelt; darauf wird gelegentlich einmal näher einzugehen sein. Bedauerlicherweise sind viele Bibliotheken Droysen gefolgt und stellen alle Schriften Joh. Ludwig Gottfrieds unter Abelinus ein.
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Ysenburgischen eine Schrift "Inventarium Sueciae d. i. Beschreibung des Königreichs Schweden", die 1632 bei Friedrich Hulsius zu Frankfurt in Folio herauskam und nach Gustav Adolfs Tode mit einem Nachtrage vermehrt ward. Das Buch ist nicht nur mit den von Seb. Furck gestochenen Bildnissen schwedischer Könige geschmückt, sondern auch mit einer großen Zahl von eingedruckten Städtebildern in äußerst feiner Radierung, auch einigen losen Tafeln geziert; sie sind schwerlich von Hulsius selber gestochen, zwei führen ein noch nicht aufgelöstes Monogramm HK 37 ). Auf S. 362 ist Rostock, auf S. 372 "Wismar" dargestellt, wieder beides Rostock nach Braun wie bei Bertius und Kiefer.

7. Eine sehr mäßige, z. T. irreführende Nachbildung der großen Rostocker Ansicht bei Braun V gibt E. J. von Westphalen in seinen Monumenta inedita Band III zu Sp. 782, fälschlich den Stich nach der Zeichnung Lindebergs benennend. Neben anderen Veränderungen hat er dem Nikolaiturm auf jeder Seite 2, also 8 Giebeldreiecke gegeben! Zu den Trachtenbildern hat er noch einige lateinische Erklärungen hinzugefügt, die dann auf dem Tiedemannschen Steindruck, der Werner Reinholds Chronik von Rostock 1836 beigegeben ward, ins Deutsche übertragen wurden. Während ich sonst nicht auf neuere Nachbildungen alter Bilder eingehen kann, muß ich doch auf eine eigenartige freie Wiedergabe dieser Ansicht in sehr frühem Steindruck hinweisen, in der die Trachtenfiguren stark in den Vordergrund treten, das Stadtbild mehr nebensächlich erscheint 38 ).

5. Moritz Sachssche Ansicht von Rostock.

Im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts wirkt in Rostock als Buchdrucker Moritz Sachs (Saxo), von Stieda 39 ) zu den Privat-


37) An Matthaeus Merian ist wegen seiner gleichzeitig herausgegebenen Historischen Chronik (in späterer Auflage: Band II des Theatrum Europaeum) schwerlich als Stecher zu denken, wenn auch die Art der seinen ähnlich ist und auffälliger Weise die Ansicht von Köln im Inventarium auf Merians seltenen Stich der Stadt aus 1620 zurückgeht.
38) Bildersammlung des Ver. Meckl. Gesch. - Eine sehr gute Wiedergabe der größeren Braunschen Ansicht gibt u. a. eine Rostocker Studentenballeinladung von 1898; wie lange sich aber eingewurzelte Fehler hinziehen, beweist eine englische Zeitschrift von 1851 (Samml. d. Rost. Alt.-Vereins), die als "Rostock in Germany" noch eine Nachbildung der in Wahrheit Wismar darstellenden Ansicht aus Braun I 1572 enthält!
39) Studien z. Gesch. des Buchdrucks u. Buchhandels in Mecklenburg (S.-A. a. Arch. z. Gesch. d. D. Buchhandels XVII) 1894 S. 74.
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buchdruckern gezählt, aber wie von den Hansestädten, so auch vom Rat der Stadt für amtliche Drucksachen benutzt; gerade auf derartigen Verordnungen wendet er 1614 und 1623, vielleicht noch öfter, einen Titelholzschnitt an, der die Stadt Rostock von SW, also von der Landseite her, wiedergibt; er ist roh gearbeitet, aber immerhin eine selbständige Aufnahme, freilich bei dem kleinen Maßstab und der ziemlich schülerhaften Zeichnungsart von wenig Bedeutung für die Rostocker Baugeschichte; das Kröpeliner Tor hat noch den Wehrgang, St. Nikolai noch die vier Turmgiebel, die 1618 abgebrochen wurden.

6. Gustav Adolfs Siegeszug.

Wie schon 1620/21 auf größeren Kupferstichen die Städte zusammengestellt wurden, die sich Spinola ergeben mußten - mir lag einer mit 37 Städtebildern vor -, so ließ sich Kupferstecher- und Verlegergewerbe auch die Gelegenheit nicht entgehen, Gustav Adolfs Siegeszug durch Deutschland in ähnlicher Weise zu verherrlichen. Teilweise ließ man selbständige Flugblätter erscheinen, teilweise gab man solche Ansichtsblätter auch Flugschriften bei, wie z. B. einer deutschen Ausgabe der Arma Suecica. Mir sind z. T. aus eigener Anschauung, z. T. aus Snoilsky 40 ) zehn derartige Darstellungen bekannt, vermutlich noch nicht alle erschienenen, da gerade von losen Flugblättern viel hat verloren gehen müssen. Bald geben diese Blätter nur in einfachen Feldern aneinandergereiht die eroberten Städte wieder, bald in einem Gustav Adolfs Bildnis umgebenden Schneckenband, bald als einen langen Strom, den der Papst auf Gustav Adolfs Lanzenstoß erbricht. Auch viele mecklenburgische Städte sind nach Zeitfolge der Eroberung darunter, aber nur bei wenigen scheint ein Streben nach Ähnlichkeit vorzuliegen, die meisten muten uns als reine Phantasiebilder an; zum hundertjährigen Gedächtnis gab 1730 der Augsburger Kupferstecher Elias Baeck alias Heldenmuth eine ähnliche Zusammenstellung auf zwei Blättern heraus, die sogar 205 Städte umfaßt. Genannt werden auf diesen Flugblättern Neubrandenburg, Gadebusch, Schwerin, Güstrow, Rostock, Ribnitz, Malchin (Walchein!), Fürstenberg, Sternberg, Grevismühlen, Parchim, Plau, Dömitz, Neustadt (ob in Meckl.?), Wismar, einige öfter, manche nur einmal.


40) Karl Snoilsky, Svenska historiska planscher, Stockholm 1893 - 95, Sond.- Ausg. aus Kongl. Bibliotekets Samlingar XV - XVIII.
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7. Matthaeus Merian und seine Nachfolgerschaft.

Zu den drei bisher allein graphisch dargestellten mecklenburgischen Orten treten erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts weitere Orte hinzu, als Matthaeus Merians Erben zu Frankfurt am Main in Fortsetzung des von ihrem Vater begonnenen großen Werkes der deutschen Topographieen im Jahre 1653 41 ) zur Herausgabe der Topographia Saxoniae Inferioris, der Beschreibung Niedersachsens, schritten. Freilich zwei Stiche hatte schon der Vater Merian 42 ) in der großen illustrierten Folioausgabe des Tractatus de rebus publicis Hanseaticis von Johannes Angelius von Werdenhagen dargeboten, die 1641 zu Frankfurt erschien, nachdem ein erster Druck zehn Jahre früher zu Leyden in zwei dicken Sedezbändchen herausgekommen war. In dieser großen Ausgabe findet sich unter den 191 Kupfern als Nr. 90/91 ein Doppelblatt mit der Ansicht von Wismar und Rostock; beide erinnern im übrigen noch an Brauns größere Darstellung, haben aber für beide Städte an der Hafenseite eine Reihe neuer Befestigungen; kleinere Abweichungen auf der Rostocker Ansicht (nur sechs Rathaustürme, Fraterhaus ohne Turm, auch wohl die Abweichungen am Jakobiturm) dürften ungenauer Arbeit des Stechers zur Last fallen. Diese beiden Ansichten werden nicht nur unverändert in der Topographie wiederholt, sondern sogar noch dem 1734 erschienenen 20. Bande des Theatrum Europaeum wieder beigegeben, der die Jahre 1713-1715 behandelt.

Wie schon oben erwähnt, trat dann im Jahre 1653 die "Topographia Saxoniae Inferioris Das ist Beschreibung der Vornehmsten Stätte vnnd Plätz in dem hochl: NiderSachß. Crayß" ans Licht, die mit Ausnahme von Braunschweig - Lüneburg, dem auf Wunsch der Herzoge ein besonderer Band gewidmet ward, das ganze niedersächsische Gebiet bis nach Magdeburg und Halle hinauf behandelte. Auch dieser Band legt Zeugnis ab für die künstlerischen Absichten und Fähigkeiten der Herausgeber; den Text stellte wie meist Martin Zeiller zusammen, Stich und Druck besorgte und überwachte Merians zweiter Sohn Caspar, während


41) In meiner Meckl. Lit. Nr. 400 ist durch einen Druckfehler 1651 gesagt; im ganzen gibt es drei verschiedene Drucke mit mehreren Unterarten; alle tragen dieselbe Jahreszahl 1653 auf dem Titel, obwohl der zweite etwa 1670/80, der dritte etwa 1700 erschienen ist.
42) * zu Basel 1593, † zu Langenschwalbach, begraben zu Frankfurt 1650.
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dem älteren Bruder Matthaeus dem Jüngeren 43 ) mehr die Fortsetzung des Theatrum Europaeum oblag. Auffallen muß für unser Gebiet, daß die Topographie keine Ansicht von Ratzeburg bringt; infolgedessen wirkt die Braunsche Abbildung noch bis in das letzte Viertel des Jahrhunderts nach. Dagegen finden sich zwölf neue mecklenburgische Blätter.

Für Rostock gibt das Werk noch eine größere 65 cm breite Ansicht, den Standpunkt ein wenig verschoben gegen die von 1641, wenn auch sonst ihr sehr ähnlich; manche Fehler sind berichtigt; so hat das Fraterhaus wieder seinen Turm, das Rathaus die siebente Spitze; manches andere aber gibt zu Bedenken Anlaß, so wenn der Jakobiturm wieder - nach Braun - lange Blenden und eine einfachere Spitze ohne Galerie erhalten hat, auch wenn an der Hafenseite weniger Bastionen vorhanden sind als bei Werdenhagen 1641; bietet das Kröpeliner Tor auch hier noch seinen Wehrgang, so muß gegen die Richtigkeit dieser Einzelheit ein Vergleich mit dem oben besprochenen Hollarschen Vogelschaubilde sprechen.

Einigen Exemplaren der zweiten Ausgabe des ersten Drucks des Werks ist ein oben bei dem handschriftlichen Belagerungsplan von 1631 schon erwähnter "Wahrer Geometrischer Grundtriß der Stadtt Rostock" als Vogelschauplan beigegeben, mit 54 Erklärungen; hier hat - richtig! - St. Nikolai schon keine Turmgiebel mehr und der Wehrgang am Kröpeliner Tor ist fortgefallen. Vermutlich ist die Platte bald zerbrochen, was bei der Wichtigkeit und Zuverlässigkeit des Planes zu bedauern ist.

Ein ähnlicher Vogelschauplan findet sich, und zwar stets, für Wismar; er zeigt die während des großen Krieges auf Wallensteins Drängen errichtete fünfseitige Zitadelle.

Zu diesen beiden altbekannten Städten treten nun eine Reihe weiterer, die bisher noch keine Abbildung fanden, vor allem die beiden Residenzstädte Schwerin und Güstrow, erstere in einer sehr schönen Ansicht, die noch das Bild der Stadt vor dem Brande, auch die alte Schelfkirche, aufbehalten hat, von Caspar Merian selber gestochen; von Güstrow finden wir zwei Blätter, ein von demselben Künstler herrührendes Bild von Südosten aus mit dem Schloß im Vordergrunde, und einen großen Vogelschauplan, durch Carl Henr. à Osten gezeichnet. Weiter finden wir die beiden Nebenresidenzen Bützow und Gadebusch , die Festung Dömitz , Kloster Rühn, sowie das 1648 schwedisch


43) Matthaeus d. J. * zu Basel 1621, † zu Frankfurt 1687, Caspar * zu Frankfurt 1627, † wohl Anfang 1691, nicht zu Frankfurt, vielleicht zu Wertheim.
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gewordene Neukloster, endlich einen ziemlich kümmerlichen Grundriß von Plau; mehrfach sind zwei Orte auf einer Platte dargestellt 44 ). Auch eine Karte von Mecklenburg 45 ) ist dem Werke beigegeben.

Es ist nicht anzunehmen, daß etwa Caspar Merian selber diese neuen Ansichten an Ort und Stelle aufgenommen hat, vielmehr möchte ich glauben, daß Matthaeus der Jüngere, der längere Zeit als Porträtmaler den schwedischen Feldmarschall Karl Gustav von Wrangel begleitete und 1650 mit ihm in Wismar 46 ) war, der Vermittler, schwerlich der Zeichner, der Aufnahmen gewesen ist.

Der Einfluß der Merianschen Topographie auf unsere Städteabbildungen ist nicht minder groß gewesen als der des Braunschen Werks, er erstreckt sich bis weit ins 18. Jahrhundert hinein, ja - wenn auch vielleicht über eine Zwischenstation hinweg - bis zu den rohen Stichen im Privilegierten Zittauischen Tagebuch, wo wir 1801, 1804, 1818 noch Stiche von Güstrow, Rostock, Wismar, Dömitz nach Merian finden.

1. Zuerst traten die Holländer auf den Plan: 1656 gab der Amsterdamer Verleger Aegidius Janßon Valckenier "Regnorum Sueciae, Gothiae, . . & Urbis Wismariae descriptio nova" in 12° heraus, deren Widmung der Ulmer Rektor Martin Zeiller 1649 unterzeichnet (also wohl ein Nachdruck!), mit einer größeren Karte und vielen zierlichen Städteansichten und Plänen geschmückt; zu der S. 545 - 59 reichenden Beschreibung von Wismar ist ein Nachstich) des Merianschen Vogelschauplans beigegeben. Dann folgt 1658 im Verlage von Johannes Janßon junior, ebenfalls zu Amsterdam, der erste lateinische Bädeker in Taschenformat, eine Übersetzung des in Folio erschienenen deutschen Reisebuchs desselben Martin Zeiller; sie führt auf dem Buchdrucktitel die Bezeichnung "Fidus Achates", auf dem Kupfertitel "Itinerarium Germaniae" und ist mit einer sehr großen Zahl


44) Eine Ansicht der mecklenburgischen Stadt Wittenburg, die öfter in Katalogen aufgeführt wird, gibt es nicht; es liegt Verwechselung mit Wittenberg (Top. Obersachsen) oder Wittenborg (Top. Braunschweig) vor.
45) Weder auf dieser Karte noch auf der gleichfalls beigegebenen von Holstein finden sich Ratzeburger und Schaalsee angegeben, Fehler, die sich bis gegen Ende des Jahrhunderts auf allen Karten fortschleppen, für den letzteren sogar erst im 18. Jahrh. Berichtigung finden.
46) Von dort mußte er wegen des am 19. Juni erfolgten Todes seines Vaters nach Frankfurt heimkehren.
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von guten Kupfern, wohl ausnahmslos nach Merian, ausgestattet; zu S. 194 finden wir eine Ansicht von Rostock nach Merian 1641, zu S. 197 einen Nachstich desselben Plans von Wismar wie 1656, aber in abweichendem Neustich.

2. Dann kamen auch in Deutschland Länderbeschreibungen und Reiseführer in Kleinformat auf, die ebenfalls mit kleinen Nachstichen Merianscher Blätter geziert wurden, u. a. im Verlage von Christoph Riegel, David Funck, W. E. Felsecker, alle in Nürnberg, Daniel Bartholomäi in Ulm u. a. Sie benutzen teilweise dieselben Platten, stechen auch wohl einer dem andern nach. Durch die Unsitte der Antiquare, solche kleinen Blätter den Werken zu entnehmen und einzeln zu verkaufen, ist es sehr erschwert, diese meist in Größe von 6 1/2 zu 11 1/2 cm gehaltenen Blättchen den einzelnen Quellen zuzuweisen. Mir liegen, z. T. mit leichten Veränderungen nach Merian, Dömitz, Güstrow, Rostock, Wismar, meist in mehrfacher Aufmachung, vor, von denen ersteres der "Beschreibung des Elbstroms", letztere drei u. a. dem "Getreuen Reisegefährt durch Ober- und Niederteutschland", beide bei Christoph Riegel um 1686 (ob auch schon 1668?) erschienen, zuzuweisen sind, vielleicht daneben aber auch den Werken anderer oben genannter Verleger.

3. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts beginnt und zieht sich bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hin eine große Folge von meist zart gestochenen Ansichten und Plänen, die der aufeinanderfolgenden Arbeit von drei Kupferstechern und Verlegern in Augsburg ihr Entstehen und Wachsen verdanken: Johann Stridbeck junior, Gabriel Bodenehr und als letzter Besitzer der Platten Georg Christoph Kilian. Ersterer fing an, die Kriegsschauplätze etwa vom letzten Drittel des 17. Jahrhunderts ab durch Sammlungen von Karten, Plänen und Ansichten der schaulustigen Welt vor Augen zu führen, u. a. brachte er schon den Titel "Curioses Staats- und Kriegs-Theatrum in - - "auf, den sein Nachfolger Bodenehr dann für mehr als vierzig Gebiete fortführte. Letzterer faßte dann aber außerdem die Karten, die Pläne, die Ansichten je für sich in Sammelwerken, dem "Atlas Curieux", der "Force d'Europe" (drei Bände) und "Europens Pracht und Macht" (ebenfalls drei Bände) zusammen, denen dann der dritte Plattenbesitzer Kilian nachträglich nur seine Adresse aufsetzte. In diesen großen Sammelwerken sind die Blätter der einzelnen Teile mit fortlaufenden Nummern versehen, in den Einzeltheatern nicht. Für unser Gebiet kommen aus Stridbecks Tätigkeit in Be-

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tracht nach Merian Wismar in Ansicht und Vogelschauplan (und nach einem später zu erwähnenden Werke von De Fer Plan von Wismar, rings mit Vaubanschen Befestigungen umgeben, wie sie in dieser Form nicht zur Ausführung gekommen sind). Diese drei Blätter gehören wahrscheinlich zu der Sammlung "Nordische Länder. Unterschiedliche dieser Zeit berufene Länder, Gegenden, Städte . . . vorgestellet", sicher aber hernach zu Stridbecks "Curioses Staats- und Kriegstheatrum Dermaliger Begebenheiten in den nordischen Reichen", beide in Querfolio. Gabriel Bodenehr gab dann 1717 ein "Curioses Staats- und Kriegstheatrum . . . in Holstein, Pommern und Mecklenburg" heraus, dem außer obigen drei Blättern, die zum Teil Textvermehrung erhielten, weiter enthalten waren: Güstrow Vogelschauplan, Rostock ebenso und größere Ansicht, endlich Ansicht von Schwerin, alle nach Merian. Ferner befindet sich im ersten Bande von "Europens Pracht und Macht" (um 1720) unter Nr. 75 ein gut gestochenes Blatt "Grodno Im Großherzogthum Litthauen"; in Wahrheit stellt es, wie der Augenschein lehrt, eine Ansicht von Güstrow nach Merian dar; aber bei der Eingravierung der Überschrift ist dem Stecher ein Mißgeschick begegnet, das in zwei Jahrhunderten bisher nicht festgestellt ward 47 ).

4. Als Einzelblatt liegt mir noch ein weiterer Nachstich der Merianschen Ansicht von Wismar vor, er ist bei gleicher Breite in der Höhe etwas zusammengerückt und trägt oben die Überschrift Wismaria ohne Wappen; ich vermute, daß er zu einem Flugblatt aus der Zeit der Eroberung durch die Dänen 1675 gehört.

5. Die Meriansche Abbildung von Schwerin und Güstrow und die Braunsche von Ratzeburg, aber jedesmal nur das Schloß, sind als Schmuck zweier hessischer Stammbäume benutzt, die einem Begräbnis - Prachtwerk beigefügt sind, dessen Titel lautet "Unverwelklicher Zedernbaum zum ewigen Angedenken an Georg II. von Hessen", herausgegeben von D. Johann Tack 48 ), 1662 zu Gießen in Großfolio erschienen; die Stiche sind von A. Haelwegh und J. Schweitzer.


47) Von den genannten Blättern gehören in Force d'Europe Teil I die beiden Pläne von Wismar als Nr. 194, 195, in Teil II die von Güstrow und Rostock als Nr. 33 und 84, in Europens Macht und Pracht Teil I Grodno (Nr. 75), Rostock (140), Schwerin (151), Wismar (193).
48) So oder Tackius heißt der Verfasser, nicht Tackig, was Antiquare gern aus der mißverstandenen Abkürzung 9 für us machen.
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8. Der Kalender des Nicolaus Perleberg.

Zu Anfang des Jahres 1657 gab der "verordnete Schreib- und Rechenmeister" in Rostock Nicolaus Perleberg einen immerwährenden Kalender unter der Aufschrift Calendarium Perpetuum heraus, von 1656 bis 1760 reichend, und widmete das in Kupfer gestochene Blatt den Bürgermeistern, Syndicis und Ratsverwandten der Stadt. Das große mit allegorischen und astronomischen Bildern, Aderlaßmann u. dgl. reich gezierte Blatt enthält unten eine Ansicht von Rostock aus NW, die anscheinend selbständig aufgenommen ist; auffälligerweise haben dabei die Türme von St. Nikolai und St. Petri [!] Giebeldreiecke. Außer den 13 beigeschriebenen Erklärungen findet sich zu beiden Seiten des Bildes eine kurze Beschreibung von Rostock.

9. Durch geschichtliche Ereignisse seit dem Dreißigjährigen Kriege veranlaßte Bilder.

Infolge der Abtretung Wismars an Schweden durch den Westfälischen Frieden wurde Mecklenburg mehrfach Schauplatz der Kämpfe, in die Schweden verwickelt ward; es ist daher kein Zufall, daß wie in den Druckschriften so auch bei den Abbildungen Rostock ganz zurücktritt, dagegen Wismar eine große Rolle spielt.

1. Nur ein schwerer Unglücksfall, der Rostocker Brand von 1677, gibt noch zu einem Bilde von Rostock die Veranlassung; in einem kleinen Sammelwerk "der verunruhigte holländische Löwe", herausgegeben von Amadeus von Fridleben 49 ), seit 1673 zu Nürnberg in 12° erscheinend, finden sich auch andere geschichtliche Ereignisse dargestellt. So enthält der zehnte Teil, 1678 erschienen, zu S. 443 eine Darstellung des brennenden Rostock; der Stecher des Blattes aber hat seine Vorlage (Merian - Werdenhagen 1641) irrtümlich richtig auf die Platte übertragen, so daß der Abdruck verkehrt, also im Spiegelbilde erscheint; die Zeichnung des Feuers und der Rauchwolken aber hat er richtig in den Osten seiner Wiedergabe verlegt, so daß tatsächlich auf dem Bilde nicht die Altstadt, sondern die Neustadt brennt, ein dritter Fall von Irrungen bei Wiedergabe mecklenburgischer Bilder.


49) Sonst Deckname für den Mystiker Abraham von Franckenberg, der aber schon 1652 †, hier also von einem andern Verf. benutzt.
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Zwei andere etwas spätere Darstellungen von Unglücksfällen möchte ich hier gleich anschließen, um hernach die eigentlich kriegsgeschichtlichen Bilder ungetrennt zu behandeln.

Am 28. Juli 1699 schlug der Blitz zu Wismar in die Pulvertürme beim Lübschen Tore, wodurch ein großer Teil der Neustadt mit dem Tore zerstört wurde. Das gab der Nürnberger Buchhändlerfirma von J. I. Felseckers Erben Anlaß, das Ereignis auf einem Flugblatte 50 ) abzubilden und zu beschreiben; auch in einer kleinen Nachbildung, ferner auf einem Nachtragsblatt zu Chr. Weigels Sculptura historiarum et temporum memoratrix unter Nr. VII ist das Ereignis wiedergegeben, letzteres anscheinend aber ganz freie Darstellung.

Das herzogliche Schloß zu Grabow, in dem damals der Herzog Christian Ludwig, jüngerer Bruder Karl Leopolds, später an dessen Statt vom Kaiser als Administrator eingesetzt und endlich regierender Herzog, seine Hofhaltung führte, ward am 3. Juni 1725 mit der ganzen Stadt durch eine Feuersbrunst zerstört. Dieses Ereignis gab nicht nur zu verschiedenen Brandpredigten Anlaß, sondern auch zu einem Kupferstiche in 4° mit der Aufschrift "Das durch Feuers Wuth verbrande Grabow". Über den Künstler ist mir nichts bekannt geworden.

2. Der 1675 von den Schweden gegen Brandenburg und Dänemark geführte Krieg läßt Wismar und Umgegend zu einem Brennpunkt der Ereignisse werden. Zunächst wird die Insel Poel von den Brandenburgern eingenommen, was zu einem Kupferstich im Theatrum Europaeum 51 ) den Anlaß gibt, auf dem außer dem befestigten Schlosse von Poel auch die Stadt Wismar, wenn auch nur klein, in Vogelschau dargestellt ist. Viel zahlreicher sind die Abbildungen der Belagerung und am 13./23. Dezember 1675 geschehenen Eroberung von Wismar selber durch die Dänen. Besondere Flugblätter, u. a. bei Th. v. Wiering in Hamburg erschienen, Tafeln im Diarium Europaeum wie in verschiedenen Werken von Eberh. Werner Happelius und verschiedene Einzelblätter geben teils die Beschießung der Stadt, teils Vogelschaupläne derselben, z. T. auch der befestigten Insel Walfisch wieder. Eine lebendige Darstellung der Beschießung mit Abbildung des dänischen Königspaares hoch zu Roß im Vordergrunde stach Jan Luyken für Valkenier - Mullers Verwirrtes


50) Drugulin, Bilderatlas 3550.
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Europa 52 ). Dagegen ist ein großer, von Georg Haas nach C. A. Lorentzens Gemälde um 1800 angefertigter Kupferstich "Staden Vismars Beleiring" ein reines Phantasiebild 53 ).

Denselben kriegerischen Ereignissen gehört auch eine Darstellung von der Eroberung der Damgartener Schanze durch die Brandenburger 1678 an, die im Theatrum Europaeum 51 ) erschien; ich erwähne sie, weil sie eine kleine Vogelschauansicht von Ribnitz enthält.

3. Nachdem Wismar im Frieden von St. Germain 1679 wieder in schwedischen Besitz gelangt war, bemühten sich die Schweden, die Stadt zu einer starken, ja uneinnehmbaren Festung auszubauen. Ein für diese Neubefestigung bestimmter Entwurf nach rein Vaubanscher Manier, der auf die Bodenverhältnisse keine Rücksicht nimmt, ist freilich in dieser Form nicht zur Ausführung gekommen, läuft aber nach seiner ersten Bekanntgabe durch De Fer zu Paris in seiner Force de l'Europe in vielen Nachbildungen herum, u. a. den schon vorher erwähnten von Stridbeck - Bodenehr, dann von Person, Inselin u. a., um zuletzt noch in dem großen Homannschen Städteatlas gegen 1720 wieder aufzutauchen. Weniger häufig finden sich Darstellungen der wirklich zur Ausführung gelangten Befestigungen, die meisten gehören wohl erst in die Zeit der letzten Belagerungen von 1711/12 und 1715/16.

4. Im Jahre 1693 rückte der König Christian V. von Dänemark vor das vom Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig - Celle neu befestigte Ratzeburg und schoß es im August in Brand, vermochte es aber nicht zur Übergabe zu zwingen. Auch dies Ereignis gab zu Flugschriften und zahlreichen bildlichen Darstellungen Anlaß; dabei findet sich noch mehrfach die alte Darstellung von Gerdt Hane 1588 aus Braun und Hogenberg wiederholt. So erschien damals "Beschreibung des Polabenlandes und des darin belegenen uralten Stiffts . . . Ratzeburg" 0. 0. 1693. 4° 54 ), im beschreibenden Teil z. T. wörtliche Wiedergabe aus Konrad von Hövelen 1667 55 ). Dem Werk ist nicht nur ein links und rechts verkürzter


(  ...  ) Band XI 1682.
52) Amsterdam 1677 - 83 3 Bände in Folio, dies Blatt in Band II 1680 zu S. 802.
53) Eine verkleinerte Wiedergabe in Steindruck ward 1836 dem Allg. Meckl. Volksbuch beigegeben.
51) Band XI 1682.
54) Meckl. Lit. Nr.??? "2220; eine zweite Tafel liegt dem Expl. der Schweriner Reg.- Bibl. bei, ist aber ein selbständiges Blatt; das Werk dürfte bei Thomas von Wiering in Hamburg erschienen sein.
55) Meckl. Lit. Nr. 4975 a.
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Nachstich der Braunschen Ansicht, sondern auch ein größerer "Eigentlicher Abriss der . . . 1693 durch . . . dänische Bombardierung ausgebrandten Stadt . . Ratzeburg" beigegeben, der dann in Amsterdam von L. Scherm für den Verlag von Pieter Persoy nachgestochen ward; verkleinerte, immer unähnlicher werdende Nachbildungen bringen dann das Theatrum Europaeum 56 ), De Fer in seinen verschiedenen Ausgaben u. a., wobei das Bild des Doms immer ungeheuerlicher wird und zuletzt der Turm ganz frei zu stehen kommt.

5. Endlich zog der nordische Krieg Mecklenburg in sein Kampfgebiet ein: die Schlacht bei Gadebusch am 20. Dezember 1712, in der Steenbock die vereinigten Dänen und Sachsen schlug, hat zu manchen Darstellungen Anlaß gegeben, von denen die Ansichten aber meist keine treuen Bilder der betreffenden Orte bieten, während die verschiedenen Schlachtpläne zuverlässiger sind.

6. Noch viel reichhaltiger ist die Ausbeute der Belagerung und Eroberung von Wismar durch die Brandenburger und Dänen 1715/16. Neben einer größeren Anzahl von Situationsplänen und Umgebungskarten, die meist die Stadt in einfachem Grundriß, die Umgebung in mehr oder weniger ähnlicher Vogelschau darstellen, findet sich eine holländische Ansicht der Stadt über einem Belagerungsplan, eine andere unten auf der von Joh. Bapt. Homann herausgegeben Particulier Carte der Gegend von Wismar von Heinr. Varenius und eine Ansicht von J. P. Busch. Auch ein namenloser und ein von Happelius veröffentlichter und bei Klüver wiederholter Aufriß (der zweite mit Grundriß) des Forts Walfisch in seiner letzten Form gehören in diese Zeit.

7. Endlich gab der von den Truppen Karl Leopolds unter Generalmajor Schwerin, dem späteren preußischen Generalfeldmarschall, gegen die Exekutions - Kreistruppen erfochtene Sieg bei Walsmühlen zu einem Flugblatt und zu einem Schlachtenplan in des Happelius "historischem Kern" Veranlassung.

10. Ansichten aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Die reinen Ansichten etwa bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts schließen sich in Auffassung und Technik noch den früheren an; nach der Mitte des Jahrhunderts macht sich eine neue Richtung geltend, die mehr von künstlerischen Gesichtspunkten beeinflußt ist. Hier ist vor allem Findorff zu nennen. Diese Zeit wird deshalb


56) Band XIV 1702.
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einer späteren besonderen Darstellung zu überlassen und zum Schluß nur noch ein kurzer Blick auf die früheren Blätter dieses Jahrhunderts zu werfen sein.

1. Da erscheint als das älteste eine kleine Rostocker Ansicht eines ungenannten Stechers, welche dem 1707 erschienenen "Evangelischen Rostock" des Zacharias Grape beigefügt ist. Sie scheint eine von Merian wohl beeinflußte, aber immerhin selbständige Einzelheiten bietende Aufnahme zu sein; auffälligerweise ist von einer Brandlücke kaum etwas zu bemerken, wie sie die spätere Wernersche Ansicht noch aufweist. Demselben Werke ist auch noch ein kleines Bild der St. Nikolaikirche mit dem 1703 heruntergewehten Turmhelm beigegeben.

2. Zweifellos selbständige Neuaufnahmen stellen dann die beiden großen Ansichten von Rostock und Wismar dar, die der aus Schlesien stammende F. B. Werner ums Jahr 1720/30, wie zahlreiche andere im In- und Ausland, für einen Augsburger Verleger gezeichnet hat, für Jeremias Wolff († 1724), dessen Erbe und Schwiegersohn G. B. Probst die Platten später mit seinem eigenen Namen und mit Nummern versehen hat 57 ). Die freilich ein wenig nüchtern anmutenden großen Blätter sind dadurch wichtig, daß sie uns ein treues Bild der beiden Städte nach Sturm- und Feuer - Unglück wie Kriegsschaden geben. Beide Nikolaikirchen sind ohne die hohen Helme, in Wismar sind die Wälle und Schanzen verschwunden und "Ackerbau" an deren Stelle getreten, in Rostock sind außer der Fischerbastion nur bei wenigen Strandtoren noch Schanzenreste erkennbar, vor allem aber zeigt sich hinter der Strandmauer noch eine gewaltige, seit dem Brande von 1677 bisher unbebaut gebliebene Fläche, von jenseit der Koßfelder bis zur Lager - Straße reichend.

Dieselbe Zeichnung von Rostock hat Werner in kleinerem Format für die Verleger Joseph Friedrich Leopold († 1726) zu Augsburg und dessen Sohn Johann Christian geliefert, die ebenfalls eine größere Folge von Städteansichten herausgaben; Wismar findet sich in dieser Sammlung nicht, Rostock sicher zuerst ohne, später mit der Folge - Nummer R 14 erschienen; auf dem Rostocker Blatte wird der Zeichner nicht ausdrücklich genannt, wohl aber bei manchen anderen Stichen dieser Reihe.

Etwa um 1740 veröffentlichte dann der Verleger Johann Peter Wolff zu Nürnberg und nach ihm seine Erben eine neue


57) Auch die Adresse Joh. Friedr. Probst findet sich auf nicht meckl. Blättern; vielleicht war das schon ein Sohn von G. B. Probst.
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Sammlung von Ansichten, deren Stecher nicht genannt wird, aber nach Heberle J. Chr. Dehne sein soll; darin erschien als Nr. 63 Rostock, als Nr. 74 Wismar; beide Blätter sind ziemlich flüchtige Kopien Werners, Rostock mit viel breiterem Vorland am Strande.

An die Wernersche Ansicht von Rostock lehnt sich noch ein Ziertitel an, der Heinrich Müllers Evangelischem Herzensspiegel nebst Joachim Lütkemanns Apostolischer Aufmunterung vorgelegt ward; die Sammlung erschien in einem dicken Quartbande wohl in vielen Auflagen; der Stich zeigt oben einen Mann, der sich im Spiegel beschaut (nach Jakobi 1, 23. 24), unten eine Ansicht von Rostock; mir lag ein Abzug von 1752 aus dem Verlage von J. J. Adler vor, anscheinend nicht der früheste Abdruck der Platte.

3. Ebenfalls zur Ausschmückung von Druckwerken bestimmt sind mir noch folgende kleinere Abbildungen anderer mecklenburgischer Orte bekannt: eine selbständige Vogelschauansicht von Güstrow zu Thomas Analecta Gustroviensia 1706 58 ), eine kleine rohe Ansicht derselben Stadt zu Thiel, Der Domkirche zu Güstrow 500jähriges Alter 1726 59 ), und ein Titelkupfer zum Ratzeburgischen (Dom-) Gesangbuch von 1720, von Andreas Hartz verlegt (wohl noch nicht in der ersten Ausgabe von 1715), mit Ansicht der Stadt Ratzeburg, auch diese beiden Bilder selbständig, aber ohne künstlerischen Wert.

*                *
*

Ein weiter Weg durch vielfach trockenen Stoff ist es, den diese Darstellung über mehrere Jahrhunderte geführt. Möchte die Fülle von Eindrücken, welche uns die mannigfaltige Gestaltung des älteren mecklenburgischen Stadtbildes darbietet, in einem Ziele münden, Liebe zu Vaterstadt und Vaterland zu wecken und zu mehren!

Nachtrag.

Während des Drucks kam mir zu Ohren, daß ein kurze Zeit in Rostock tätig gewesener Gelehrter auf dem im Rostocker Altertums - Museum befindlichen, aus dem St. Johanniskloster stammender Altar der heiligen drei Könige eine Abbildung von Rostock festgestellt habe. Da Schlie diesen Altar I 242 nur ganz vorüber-


58) Meckl. Lit. Nr. 4765.
59) Meckl. Lit. Nr. 4766.
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gehend erwähnt (wie leider grundsätzlich alle in Museen versetzten Kunstdenkmäler) 60 ), so war mir dies Bild unbekannt geblieben. Eine durch Herrn Professor Josephi und Herrn Dr. Reifferscheid freundlich vorgenommene Besichtigung ergab aber zweifellos, daß die auf dem Bilde der Meeresfahrt, dem "andern Wege" (Matth. 2, 12), der drei Könige "dargestellte Stadtansicht die übliche Phantasiestadt mit Türmen, Toren und Wasser ist". Eine persönliche Augenscheinnahme bestätigte das durchaus: weder Tore noch Türme stimmen zu dem Rostocker Stadtbilde, höchstens hat eine dicht am Strande liegende Kirche etwas Ähnlichkeit mit der tatsächlich an der Landseite belegenen St. Nikolaikirche.

Dagegen wies eine von G. C. F. Lisch JMG. XXI 1856 S. 285 gegebene Notiz auf ein Bild der Herzogin Ursula, 1586 als Äbtissin des Klosters Ribnitz verstorben, das bald nach ihrem Tode angefertigt "im Hintergrunde eine alte Ansicht der Stadt Ribnitz" enthalten sollte. Dieses auffälligerweise nicht an der Stätte ihres langjährigen Wirkens, sondern in der Sakristei des Klosters Rühn erhaltene Bildnis wird von Schlie IV 87 nur kurz ohne Erwähnung der Ansicht gestreift. Eine im Museum befindliche Photographie aber bestätigt die Richtigkeit der Lischschen Angabe; wenigstens die Ribnitzer Stadtkirche ist mit Sicherheit zu erkennen, wogegen ein ganz rechts befindlicher hoher Turm das Kloster wohl nur andeuten soll, aber schwerlich in dieser Form bestanden hat.

Endlich teilt mir nach Druck der ersten Bogen dieser Arbeit Herr Archivrat Dr. Techen mit, daß die kleine, 1539 abgebrannte Spitze zwischen den Giebeln des St. Marienturms in Wismar nur zwischen 1544 und 1551 wieder erbaut sein kann, da die mit Ausnahme dieser Jahre seit 1539 vollständig erhaltenen Kirchenrechnungen den Bau nicht erwähnen. Damit bestätigt sich die oben S. 131 ausgesprochene Vermutung, und das Fehlen dieses Türmchens auf dem Weigelschen Bilde wird zu einem neuen Beweise für die frühe Ansetzung des Wismarschen (und damit auch des Rostocker) Holzschnitts.

Vignette

60) Dies war aber nicht der Hauptaltar, welcher vielmehr nach Rost. Etw. 1740 S. 459 Bilder aus dem Leben Johannes des Täufers enthielt.
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Anlage I.

Das Hans Sachssche Gedicht
zu Hans Weigels Ansicht von Rostock.

Unter dem Originalholzschnitt der Ansicht von Rostock, im Besitz des Germanischen Museums, finden sich folgende Verse:

S Ewastian Münsterus hat
Beschrieben Rostock die alte Stat
In dem Mechelburgischen Reich
Wie König Prißbelaus gleich
5 Der letzte König alda was
Als derselbig verschieden was
Als man nach Christi geburt fürwar
Zelt. 1278. [?] 1 ) Jar.
Ward er begraben [zu] 2 ) Gustraw
10 Im Thumstifft Cecilia der Junckfraw

Welchen er gestifftet het
4. Ehlich Sön verlassen het
Die 4. tailten die Herrschafft gleich
In 4. tail gutwillig gleich
15 Johanni dem Eltsten gfiel die Herrschafft
Meckelbnrg [!] die Stat vnd Herrschafft
Der Ander Son Börin genandt
War Rostock die Stat Leut vnd Landt
Dem Dritten Son Nicolao
20 Wurd Warthlisch vnd Wendisch also

1) Sehr undeutliche Ziffer, anders als in Zeile 25 die 2 in 20; es möchte doch 1178 zu lesen sein.
2) Durch Druckfehler ausgefallen.
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Prißbilao / dem Jüngsten Son mit nam
Ward Sumbach vnd Burcham
Mit jr Herrschafft Leut vnde Land
Johann der Elter wie obgenandt
25 Hat 20. jar gestudiert fleissigkleich
Auff der Hohenschul in Franckreich
Zu Pariß mit Fürsten vnd Herrn
Von Marsilien vnd Cipern
Dem jungen König vnd Hairat jme
30 In baiden seiner Schwester Söne 3 )

Im aber ist verhairat worn
Des Graffen von Horn Schwester erkorn
Verhairat auch Ehlich geben thun
Nicalor [!] 4 ) Baldemari Son
35 War das Kind von Rostock genandt
Verhairat sich vntrewer hand
Dem Frewlein von Lippen sich Ehlich gab
Schlug doch die Hairat wider ab
Dergleich Marggraff Albrecht Tochter
40 Verhairt er auch mit gefehr

Darnach die Hairat auch abschlug
Derhalb sich grosser Krieg zu trug
Von Brandenburg Marggraff Albrecht
Kriegt wider Rostock sie durchecht
45 Mit Mort vnd brant verderbt das Land
Da gab sich Rostock in die hand
Dem König von Denmarck sie zubefriden
Da hat Rostock erst vnglück erliten
Vnd kam darnach erst Leut vnd Landt
50 König Heinrich dem Lewen in sein hand

Vnd duldet mancherley gefahr
Darnach 1279. jar
Zog mit dem König von Franckreich
Wider der Christen feind geleich
55 Da er mit dem Köngischen Heer
Am feind einleget grosse Ehr
Vnd Ehrlich abgefertigt ward

3) Offenbar Druckfehler für Eine.
4) Desgl. für Nicalot.
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Vnd saß frölich auff die heimfart
Da auff dem Adriatischen Meer
60 Gefangen war vnd beraubet seer

Vnd ward von den Raubern gfürt
Gehn Alkeyer da jn erst rürt
Vom dritten Soltan von dem er war
Gefencklich gehalten 25. jar
65 Der 4. Soltan erbarmet sich
Sein / vnd ließ jn frey ledigklich
Als eim getrewen Ehren frummen
Darnach ist er in Zipern komen
Mit grosser frewd genomen an
70 Von allen seinen vnterthan

Vnd auch von Armasia
Seiner Ehlichen Fürstin da
Ein Fürstin auß pomern geborn
Ist vor auch felschlich ansprochen worn
75 Von zweyen als wer sie jn versprochen
Zu der Ehe das doch wird gerocheu[!]
Da jr lieber Herr wider kam
Vnd diese zwen mit spot vnd scham
Wurden gefangen der ein verprent
80 Der ander ertrencket im wasser elend

Doch starb der Fürst kürtzlich fürwar
Als man zelt 1298. jar
Vnd wurd zu Toberan begraben
Nach dem wir gar viel Fürsten haben
85 Die in Rostock haben regiert
Hat die Stat erbawet wol vnd geziert
Mit Stifften / Klöstern vnd Pasteien
Mit Thürn vnd Mawer befestigt seien
Dafüret Rostock schwere Krieg
90 Offt mit verlust vnd kleinem sieg

Sambt den Selendischen Stetten
Die sie mit in jr püntnus hetten
Als Rostock / Lübeck vnd Hamburg
Wißmar / Sund vnd auch Lünenburg
95 Mit jren Nachbarn König vnd Fürsten
Welche auch war nach Kriegen dürsten
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Des wart beschwert Leut vnde Landt
Wann man gleich macht fried vnd anstandt
So bestund jr fried selten lang
100 Der Krieg gwan widerumb anfang

Des glaubens halb wart viel zwitracht
Biß doch entlich ward fried gemacht
Durch Keiser Maximilian
Der biß auff vnser zeit bestan
105 Gott geb lenger das sich mit ehrn
Mit Hendeln vnd arbeit mögen neern
1419. jar.
Zu Rostock auffgerichtet war
Ein Hohe schul da man noch heut
110 Auffzeucht gelert vnd Geistlich leut

Zu Geistlich vnd Weltlichem stand
Die darkommen auß manchem Land
Gott geb der Stat häil / fried vnd glück
Das sie zunem in allem stück
115 Sein heilig wort zu aller zeit
Halt in hertzlicher ainigkeit
Das jr gelück grün / plü vnd wachs
Das wünscht jn zu Nürnberg Hanns S.[achs]
Gedruckt zu Nürnberg bey Hanns
Weigel Formschneider.
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Anlage II.

Zwei Briefe über die Braunsche Ansicht
von Wismar 1595.

I.

Vnßere freundtliche Dienste zuuor. Gestrenger vndt Edler, vielgunstiger Herr vndt freundt. E. Gestr. schreiben wegen des operis chronici oder Theatri Vrbium, welches H. Georgius Bruno, Decanus in Collen, zu ediren furhabens vndt im werck seie, vndt darinnen dieser Stadt Wißmar nicht allein von deren Ankunfft, erbawung, vffnehmen vndt Anderm zu gedencken, sondern auch die Abcontrafactur derselben vff überschickten bericht vnd Abriß dem operi zu inseriren willens, haben wir empfangen vndt ferners inhalltts vernommen. Laßen vnß derowegen solch rühmlich furhaben vndt meinung obgemelttem Auctoris nicht allein gantz woll gefallen, Sondern thun vnß auch gegen E. Gestr. deren geneigten gemüetts vndt gutten willens, daß dieselbe auch solches an vns gelangen zu laßen sich so willfährig erzeigt dienstvndt freundtlich bedancken, Wollen es auch vmb E. Gestr. vnßers vermuegens hinwiederumb nach gelegenheitt zu beschulden eingedenck sein vndt befleißigen.

So viell aber den angezogenen grundtlichen bericht vff obberurtte stucke belangen thutt, haben wir denselben, so viell für dießmahll geschehen konnen, extrahirn laßen, vndt nebenn dem Abriß E. Gestr. Dienern Jochim Schumachern zugestellet, dienstfr. pittendt E. Gestr. ob dem Verzug, so wegen einfallender leibesschwacheitt des Abcontrafehters erwachsen, keinen Verdruß haben wöllen, haben wir E. Gestr. vff deren schreibenn fr. nicht verhaltten muegen, dieselbe hiemitt in Gottes gn. schutz zu glücklicher langwüriger wollfartt treulich empfehlendt. Datum vntter vnßerm Statt Secrett, den 17en Monatts Tag Junij Anno 95.

Burgermeister vndt Rahtt
der Statt Wißmar.

Dem Gestrengen vndt Edlen Herrn Heinrich Rantzowen, der Königl. Maytt zue Dennmarcken In dero furstenthumb Schleßwich Holsten. etc. Statthalttern, Rahtt vnndt Ambtman vff Segeberge, zum Bredenberge, Rantzow etc. Erbgeseßen, Vnnßerm viellgünstigen herrn vndt freunde.

     (Konzept.)
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II.

Nobiles, Magnifici et Amplissimi Domini, Domini obsermi.

Quia Illustris ac Nobilis vir, Dominus Henricus Ranzouius Danicorum Ducatuum Gubernator, summus mihi patronus ac fautor, pro singulari affectione sua, qua omnes bonos, tam exteros quam vicinos, heroica beneuolentia ac humanitate amplectitur, vrbem vestram Wismariam eo honore affecit, vt in publicum mundi Theatrum omnibus spectanda prodeat, dum eius typum ad nos transmisit, vt quinto Vrbium praecipuarum Tomo, cuius editionem nunc paramus, inseretur. Cuius quidem honestissimo desiderio, quia per omnia satis esse faciendum existimaremus, praesentatum nobis exemplar in laminam celari statim curauimus. Cuius ad Magnificas et Amplissimas D. Vestras exemplar ea spe et expectatione transmittimus, vt eo ipso Amplissimo Senatui Vestro officium non ingratum praestitum esse, tandem aliquando cognoscamus.

Deus Opt. Max. Magnificas et Amplissimas D. Vestras totamque Wismariensem rempublicam multos in annos saluam florentemque conseruare dignetur. Ex Musaeo nostro Coloniensi XXV Semptembris [!] MDXCV Nobilibus, Magnificis et Amplissimis D. Vestris

Omnibus officijs peramanter addictus
Georgius Braun D.

Nobilibus, Magnificis et Amplissimis viris ac Dominis, Dominis Consulibus et Senatoribus florentissimae ciuitatis Wismariensis, Dominis meis obseruantissimis

        Wismariam.

Gesiegelt mit einem runden Siegel, enthaltend einen geteilten Schild, in dessen oberem Felde ein heraldisch rechtshin springendes halbes Pferd. Darüber die Initialen G B.

Konzept des ersten und Original des zweiten Schreibens im Ratsarchiv zu Wismar. Herr Archivrat Dr. Techen hat die Freundlichkeit gehabt, dem Text nach den Handschriften zu vergleichen, sowie auch das Siegel richtig zu stellen.

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Anlage III.

Aufstellung
der ältern mecklenburgischen Ansichten.
Vorbemerkung.

Es gebot sich für die Aufstellung Trennung des handschriftlichen und des vervielfältigten Stoffes, da letzterer mit einer einzigen Ausnahme von ersterem nicht beeinflußt erscheint, und daher eine Durcheinanderordnung nach der Art, wie sie Zangemeister in seiner Übersicht der Ansichten des Heidelberger Schlosses 1 ) vorgenommen hat, nur verwirrend gewirkt hätte. Bei dem Verzeichnis der vervielfältigten Bilder, denen die wenigen rein geometrischen Pläne und Belagerungskarten anzuschließen sich aus Rücksichten der Übersichtlichkeit und Vollständigkeit empfahl, konnte es fraglich erscheinen, ob nicht eine nach Orten getrennte oder eine rein durch die Zeitfolge des Erscheinens bestimmte Anordnung zu wählen sei; doch wäre durch erstere das zeitlich und sachlich Zusammengehörige auseinandergerissen, bei letzterer aber der Einfluß der einzelnen Hauptdarstellungen nicht erkennbar geblieben. So schien es das Beste, in der nach der Zeit des Erscheinens geordneten Reihe der Grunddarstellungen jeder von diesen gleich ihre alten Nachbildungen folgen zu lassen. Dabei sind diese grundlegenden Bilder durch fetten Druck der laufenden Nummer kenntlich gemacht. Neuere Wiedergaben sind in der Regel höchstens anmerkungsweise erwähnt; nur mit drei ältern Steindrucken ist aus in der Sache liegenden Gründen eine Ausnahme gemacht (Nr. 24. 25. 132).

Im übrigen wolle man kleine Ungleichheiten in der Aufmachung der einzelnen Titel entschuldigen, wie sie Aufnahme an so verschiedenen Orten und zu oft weit auseinanderliegenden Zeiten mit sich bringen mußte, wodurch auch ein Vergleichen mancher Blätter miteinander ausgeschlossen war.

Der leichten Auffindung der dargestellten Orte dient ein Ortsregister am Schluß; ebenso sind Künstler, Herausgeber und Bearbeiter in einem zweiten Verzeichnis zusammengefaßt.

Vignette

1) Mitt. z. Gesch. d. Heidelb. Schlosses Heft 2/4. Heidelberg 1886.
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Abkürzungen.

Der Raumersparnis halber sind folgende Abkürzungen verwendet:

A = Seitenansicht.
Av = Vogelschauansicht.
P = Reiner Plan.
Pv = Plan mit Vogelschaudarstellung der wichtigeren Gebäude.
ZE. = Zeichenerklärung
Plrd. = Plattenrand.
Kst. = Kupferstich.
Hlz. = Holzschnitt.
Z. = Zeile, Zeilen.
N., S., SO. usw. = die Himmelsgegenden.
m., o., u. = Mitte, oben, unten.
l. = links    stets vom Beschauer, wenn nicht ausdrücklich her(aldisch) dabei vermerkt.
r. = rechts    stets vom Beschauer, wenn nicht ausdrücklich her(aldisch) dabei vermerkt.
Lit. = meine landeskundliche Literatur, Güstrow 1889.
*

Die Einfassung der Bilder, mit einfacher, doppelter, starker, schwacher Linie ist mit |, ||, | | , bezeichnet.

Plattenverschiedenheiten sind durch A., B., C., Verschiedenheiten des Buchdrucktextes durch a), b), c) angemerkt.

Die Größe ist in Millimetern, erst Höhe, dann Breite, angegeben, bei zwei Ziffern in Bruchform bedeutet die obere die Stich-, die untere die Plattengröße.

* kennzeichnet von mir selbstgesehene und aufgenommene Blätter.

*
Sammlungsbesitz ist bezeichnet:
VMG. = Meckl.Geschichtsverein zu Schwerin.
Archiv = Geh. und Haupt-Archiv zu Schwerin.
Museum = Landesmuseum zu Schwerin.
Rost. Alt. = Altertums-Verein von Rostock.
Univ. Bibl. = Universitätsbibliothek von Rostock.
LandesBibl. = Früh. Landesbibliothek 1a ) von Rostock.
Cr. = die von Dr. Fr. Crull der Stadt Wismar vermachte einzigartige Sammlung von Wismarschen Bildern, mit der jetzt einzelne Blätter aus früherem Stadtbesitz vereinigt sind.
Vignette

1a) Die Landesbibliothek ist seit 1. 4. 1924 mit der Univ. Bibl. vereinigt, hat aber ihre gesonderte Aufstellung behalten.
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A. Gemälde und Zeichnungen.

1. Vor 1600.

*1.

Gemälde, in mehreren aufeinanderfolgenden Darstellungen die Gründungsgeschichte des Klosters zum Heiligen Kreuz zu Rostock darstellend, von l. nach r. die Übergabe einer Monstranz mit dem Splitter des H. Kreuzes vom Papst an die kniende Königin Margarethe von Dänemark, im Hintergrunde die Engelsburg; dann Ritt der Königin, die Monstranz in der Hand, zum Ufer; weiter auf einer Art Halbinsel Marienehe, Lichtenhagen, Schmarl, r. davon Meeressturm, am meisten rechts die Königin mit den Nonnen vor den Klostergebäuden, darüberragend Kröpeliner Tor und Jakobiturm; in der r. u. Ecke in einem Schilde: Die Stadt Rostock. Am untern Rande des Bildes eine Gedächtnisinschrift.

Gemälde, etwa 8 X 2 m groß, mehrfach übermalt, nach Schlie u. a. 1705 [?] von Carel Willbrant u. 1765, daher ist unsicher, was davon noch ursprünglich ist; gründliche Reinigung und Beseitigung der Übermalung wäre erwünscht. - Im Kreuzgang des Klosters hängend.

*2.

Darstellung des Waldes Fahrenhorst mit Umgebung aus der Vogelschau, Norden zur Linken, größere Ansichten, meist von der Seite, einige auch als Av in farbiger Ausführung bietend von folgenden Orten: Das Dorff Kubbentin, Der weltzin Bohausung zw wesyn, Das Dorff Brucke, Die Luptze, Babetzin, Die Dorfstede Babetzin, dabei "ein alte zerfallene Kirche".

Kolorierte Federzeichnung in sehr großem Maßstabe, etwa 1 3/4 m hoch und 2 1/2m breit. Archiv Schwerin; anläßlich eines Prozesses der Weltzins auf Weisin über die Fahrenhorst 1534 angefertigt und aus dem Reichskammergericht zu Wetzlar nach Schwerin abgeliefert; hieraus ist die Abbildung der alten Burganlage zu Weisin bei Schlie IV 547 entnommen, leider aber nicht die der Kirche von Kuppentin und der Burg Lübz.

*3. Darstellung der Stadt Rostock und folgender Orte ihrer Nachbarschaft: Warnemünde, Lütten - und Groß - Klein, Marienehe, Bramow, Kessin, Kavelstorf, Hohen Sprentz, Schwaan, Käselow, Güstrow, Liessow, Hof Wolken, Bützow mit Kloster [?] Bethlehem, die übrigen Orte aus der Vogel-
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schau, die Stadt selber in zwei langen Reihen gezeichnet, alles im Spiegelbilde.

Federzeichnung mit Wasserfarben koloriert, von Vicke Schorler von 1578 - 1586 hergestellt. 60 cm hoch, über 18 m lang. Rostocker Ratsarchiv; photographische Wiedergabe von Raphael Peters etwa 1890 auf 12 Platten von je 143 X 377; vgl. den Aufsatz von Ernst Dragendorff in Beitr. Rost. Gesch. IV, 1 1904 S. 31 - 38.

*4.

Plan der Stadt Woldegk; scheinbar geometrischer Grundriß, aber alle Straßen mit von der Seite gesehenen Häusern ausgeführt, auch alle öffentlichen Gebäude ebenso eingezeichnet, also ein sehr urwüchsiger Ersatz für eine Vogelschauansicht. Überschrift: Die Ansehnliche Stadt Woldegck. Unten ein Bericht, daß dieser Grundriß 1580 von J. C. Casime aufgenommen, jetzt wieder aufgefunden und nun der vorliegende Plan nach dem alten Riß durch den Amtsmaurermeister Joh. Joach. Saeger neu abgezeichnet sei 1780.

Beschädigte Handzeichnung 442 X 632. Rings herum viele handschriftliche Erläuterungen; vgl. G. C. F. Lisch in JMG. a. a. O. - Lit. 373.

4 a.

Ansicht der Stadt Ribnitz im Hintergrunde eines Bildnisses der Herzogin Ursula von Mecklenburg, der langjährigen Äbtissin des Klosters Ribnitz (1539 - 86); sie kniet l. im Klostergewand vor einem r. stehenden hohen Kruzifix, in der Mitte u. auf einem verzierten Schild die Inschrift: V. G. G. VRSVL | A. G H. Z. M. F. Z. |. W. G. Z. S. D. L. R. |. V. S. F. VND DOMI | NA. Z. RIBNIT. Z. STARB. | ANNO. 15.86. Darüber das fünfschildige mecklenburgische Wappen. Dahinter eine Stadtansicht, die offenbar Ribnitz darstellen soll, die Stadtkirche ist deutlich zu erkennen, zur R. aber das Kloster durch einen hohen Turm angedeutet. Über die Fürstin und das Stadtbild zum Kruzifix geht ein Spruchband mit der Inschrift: MISERERE MEI FILI DAVID (.)

Ölgemälde in der Sakristei zu Rühn. * Photographie im Museum zu Schwerin.

2. Von 1600 bis 1700.

*5.

Vogelschauansicht der alten Festung Dömitz in | , vor der neuen Umwallung, nur mit Zugbrücke und Plankenzaun, l. jenseits des Grabens Wirtschaftsgebäude "pferdt Stall", vorn u. "[na]ch den Flecken", sonst keine Beischriften.

Gute Federzeichnung in braun. 311 X 456. Archiv. - Anfang des 17. Jahrh. - Bei Vorlage des unbezeichneten Blattes anläßlich eines Vortrages wurden Zweifel gegen die Bestimmung als Dömitz erhoben.

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*6.

Neue Befestigung von Dömitz, rein geometrischer Plan in ||, geplant als fünfseitiges Werk, innen: die Veste | Deumets. Unter dem Maßstab (300 Schue = 91 mm): par Ger: Euers pyloot. Architect 9  & Geometra (.)

Federz. 512 X 642. Archiv, etwa 1612 ff.

*7.

Ansicht und Grundriß des alten Komthurat-, spätern Jagdhauses zu Kraack in ||, mit dem Entwurf des geplanten, aber nicht ausgeführten Umbaus; o. l. das alte, o. r. das neue Gebäude, darunter l. zwei Grundrisse des alten, r. des neuen Gebäudes. Unterschrift: La veille [!] Edefice de Cracko reduict en Vne aultre forme semblablement le pourtraict du fond (.) le 27 d' auguste | en l'an 1612 | Ger: Piloot fe.

Federz. 371 X 311. Museum. - Abb. bei Schlie III, 22 2 ).

*7 a.

Plan der Stadt Strelitz vor dem Brande 1619, nur wenige - stehengebliebene? - Gebäude sind aus der Vogelschau dargestellt, u. a. Wassermühle und Wesenberger Tor, auswärts der Mühle ist eine ähnliche Darstellung durch Beschneiden zerstört.

Federz. 300 X 370. Zeichnung von G. E. Piloot, bei einem Bericht über den Wiederaufbau im Archiv.

*8.

Plan für die neue Befestigung von Rostock, in der Mitte Inschrift: plan der Stadt Rostock 1624 | In de maent Augusti | Johan Van Valckenburgh ff; am Strande Bastion vor dem Petritor, zwei kleine zwischen ihm und der Fischerbastion, eine vor dem Kröpeliner Tor, drei bis zum Steintor, eine zwischen ihm und dem Mühlentor, eine l. vom Mühlentor, eine in den Brüchen.

Leicht kol. Hdz. 400 X 520. VMG. - Vereinfachte Abbildung bei W. Rogge in JMG. LI 1886 Taf. X zu S. 342 ff. - Lit. Nr. 305. Im Rost. Ratsarchiv zwei gleichzeitige Kopien, die eine mit weiterer Einzeichnung einer einfacheren Befestigungslinie, die 100 000. fl. billiger sein sollte; ferner dort ähnlicher Plan von 1613 in doppelter Ausfertigung, aber mit Einzeichnung der