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Verein für mecklenburgische Geschichte und
Altertumskunde

 
 

Mecklenburgische

   

Jahrbücher

 
 
   

Gegründet von Friedrich Lisch

 
 
 
 
   

103. Jahrgang 1939

 

Schwerin in Meckl.

Druck und Vertrieb der Bärensprungschen Buchdruckerei
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Herausgegeben vom Staatsarchivdirektor
Dr. Strecker, Schwerin
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Dr. Adolf Langfeld
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Dr. Richard Wossidlo
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Inhalt.

Seite
I. Weiteres über die Baugeschichte des Schlosses Lübz. Von Adolf Friedrich Lorenz, Potsdam 1
II. Alt-Rostocker Professoren. Von Geh. Hofrat Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Stieda, Leipzig † 17
III. Das "Petermännchen" -Bild im Schweriner Schloß und seine ursprüngliche Bedeutung. Von Dr. phil. Ernst Friedrich v. Monroy, Freiburg i. Br. 67
IV. Rerik. Von Dr. phil. Willy Krogmann, Hamburg 77
V. Adolf Friedrich von Schack und Anselm Feuerbach. Originalbriefe des Künstlers und seiner Mutter im mecklenburgischen Geheimen und Hauptarchiv zu Schwerin. Herausgegeben von Museumsdirektor a. D. Prof. Dr. Walter Josephi, Schwerin 85
VI. Die geschichtliche und landeskundliche Literatur Mecklenburgs 1938 - 1939. Von Staatsarchivdirektor a. D. Dr. Friedrich Stuhr 167
Jahresbericht (mit Anlagen A und B) 189
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I.

Weiteres über die Baugeschichte
des Schlosses Lübz

von

Adolf Friedrich Lorenz.

 

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Schloß Lübz, der weiße Turm.
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Schloß Lübz, Lageplan.
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Durch den Bericht des Herrn Propst Bernhard über den Techelschen Turm und die Karte von 1726 im Band 100 dieser Jahrbücher sind meine früheren Studien über die sehr undeutliche Baugeschichte der bedeutenden fürstlichen Burg Lübz soweit gefördert worden, daß ich glaube, nunmehr zu einem gewissen Abschluß gekommen zu sein. Manches wird aber nur durch eine systematische Ausgrabung geklärt werden können, zu der ich keine Gelegenheit hatte.

Die Erforschung der Baugeschichte wird dadurch erschwert, daß außer dem Amtsturm (weißen Turm) und einigen unbedeutenden Bauresten nichts über der Erde erhalten geblieben ist. Auch ist das Schloß in dem Skizzenbuch der mecklenburgischen Schlösser aus dem 17. Jahrhundert, das sich auf der Rostocker Universitätsbibliothek befindet, nicht enthalten. Nur der Plan von 1726, ein Stadtplan von 1830, die Nordansicht auf der Karte der Fahrenhorst von 1534 und die Inventare von 1576 und 1592 geben neben verhältnismäßig reichem Aktenstoff im Geheimen und Haupt-Archiv die Grundlage für einen Rekonstruktionsversuch. Manche brauchbare Vergleiche aus meinen Untersuchungen der meisten anderen mecklenburgischen Schlösser runden das Bild ab.

Die Erbauer der Burg benutzten die Eldeinsel, die durch den Hauptarm des Flusses westwärts und den sogenannten Sägemühlenarm ostwärts gebildet wird. Hier überschreitet die Landstraße von Parchim nach Plau den Fluß. Der höchste Teil der Insel nördlich von der Straße wurde durch einen künstlichen Wassergraben von dem südlichen, vom Städtchen eingenommenen Teil abgetrennt. Der Straßendamm bildete zugleich den Stau für die fürstlichen Mühlen und die Wasserhaltung des Grabens. Es wurde die übliche Rundburg, zunächst wohl mit Wall und Pallisaden, bald jedoch mit Mauern umgeben, angelegt, in deren Mitte sich der runde Bergfried erhob. Ein starkes, tiefes ge-

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wölbtes Torhaus, in dem auch die Kapelle lag, führte hinauf. Davor erstreckte sich - ob mit trennendem Halsgraben, ist nicht festzustellen - die niedrigere Vorburg, zum Teil von Mauern, zum Teil von Wällen umzogen. Ähnliche Anlagen finden sich in den gleichfalls von Brandenburg angelegten Festen Stargard, Strelitz, Fürstenberg, Stavenhagen und Wredenhagen, nur daß bei letzteren drei ein Bergfried und in Strelitz, Fürstenberg und Stavenhagen das Torhaus nicht nachzuweisen ist. Ähnlich sind Bützow, Dömitz, Gadebusch, Schwaan, Wittenburg und Schwerin, nur fehlt in letzteren und in Fürstenberg und Wredenhagen die Vorburg. Die Burgen in Warin, Neustadt und Plau sind jünger und ganz regelmäßige Anlagen.

Das Neue Haus.

Folgen wir ungefähr dem Rundgang der Inventare in Uhrzeigerrichtung, so beginnen wir auf der Hauptburg mit dem Neuen Hause (Nr. 4 des Lageplans). Es wird beschrieben als ein dreistöckiges, gemauertes Gebäude, teils mit flachen, teils mit Hohlziegeln gedeckt.

1534 schloß Herzog Heinrich V. mit Bernd Vogt zu Lübz einen Vertrag, daß er am langen Hause, "da jetztund die Harnischkammer ist, auf beiden Enden zwei Giebel auf die welsche Arth mit außgebauten Erknern, darin man einen Tisch sezen kann, aufziehn" und die große Hofstube in Ordnung bringen soll; auch sollten im Hof "Pilor gesezt und mit gewelbte Strichbögen ubermauert werden", wobei alle Mauern und Pfeiler gerappt, getüncht und grau und schwarz gemacht werden sollten. Ich vermute, daß es sich hier um eine Dekorationsmalerei mit Quadern und Bändern, vielleicht auch mit figürlichen Schilderungen handelt, wie sie von dem gleichzeitigen Hause Herzog Heinrichs im Schweriner Schloßkomplex berichtet werden ("trojanische Historie in schwartz und weiß"). Alle Gemächer erhielten neue Fenster und wurden gründlichst instandgesetzt. 1534 wurde dem Bernd Vogt auch die Ausführung eines Gangs "auf Schwibbogen zum Torn, so außwärts nach dem Walle stehet" samt "heimlichen Gemach" in Auftrag gegeben. Dieser Gang wird 1576 und 1592 in Verbindung mit dem weißen Turm erwähnt.

Die große Hofstube war auf drei Pfeilern gewölbt, sie hatte einen Kachelofen. 1576 wird in (?) ihr ein Fachwerkausbau mit Ziegeldach erwähnt, der ein "Kontor", eine Stube

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und eine Kammer enthielt. 1592 ist dagegen von einer Durchtrennung der Hofstube mit einem Gitter die Rede. Es handelt sich offenbar bei ersterem um einen bei Herrenhäusern des 16. Jahrhunderts im Brandenburgischen vielfach anzutreffenden Anbau, der später durch Abtrennung eines gesonderten Teils des Raumes mittels einer Schranke ersetzt wurde. Zu den oberen Gemächern führte ein Windelstein. Unter der Hofstube lag nach der Küche zu ein gewölbter Weinkeller.

Die Lage dieses Gebäudes läßt sich nach folgenden Merkmalen einwandfrei festlegen: Der gewölbte Weinkeller ist noch unter dem Untergeschoß des jetzigen Amtshauses erhalten. Da er nach Westen zu, wo sich die Küche anschloß (Lageplan Nr. 7), jetzt aber mitten unter dem Hause ohne Verbindung mit der Außenwelt liegt, so ist zu folgern, daß das alte Gebäude nicht so weit westwärts reichte wie das heutige, sondern mit dem Keller abschloß und auch nicht die heutige Tiefe hatte; denn der Keller muß ja zum Hofe hin Zugang, Licht und Luft gehabt haben. Erhalten ist ferner im Untergeschoß eine lange Strecke der stadtseitigen Außenwand bis etwa 11/2 m Höhe. Einen weiteren Anhaltspunkt gibt das Mauerwerk des Zuganges zum Untergeschoß vom Hofe her; es enthält einen Teil des Unterbaus des Windelsteins, der sich hier mit schräger Wandführung zwischen Neues Haus und Küche klemmt. Hierbei ist zu bedenken, daß das heutige Untergeschoß das ehemalige Erdgeschoß ist und der Boden auf dem Hof durch Schuttmassen um etwa 11/2 bis 2 m höher liegen wird als früher. Auch der Plan von 1726 bestätigt, obgleich maßstäblich ungenau, diese Lage.

Genannt wird 1576 und 1592 ein kleiner gemauerter Anbau für die Küchenschreiberei, der am Fuße des Westgiebels gelegen haben muß, denn 1650 wird erwogen, ihm bei Neuaufziehen des Giebels abzubrechen, und ein zweistöckiger Anbau stadtwärts mit zwei Stuben und einer Kammer, das "Neu Gebeu" genannt (Lageplan Nr. 6 und 5).

Die Giebel in welscher Art sind nun auf der Karte der Fahrenhorst, die wohl gleich nach der Fertigstellung des Baus von 1534 entstanden ist, mit ihrem Halbkreisabschluß deutlich zu erkennen. Ich nehme auch hier an, daß die Giebel, das oberste Geschoß und das "Neu Gebeu" die Frührenaissanceformen des Hauses Herzog Heinrichs in Schwerin zeigten. Die beiden unteren Geschosse werden noch gotisch gewesen sein.

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Der weiße Turm.

Der durch den Schwibbogen mit dem Neuen Haus verbundene weiße Turm (Lageplan Nr. 12), der heutige Amtsturm, enthält fünf überwölbte Geschosse. Das unterste ist in den Inventaren als Gefängnis bezeichnet, es hat auch fünf tiefe, abschließbare Nischen zum Anketten Gefangener und zwei Eingänge (davon einer vermauert), durch die das Gefängnis nur zu erreichen war; denn es fehlt die Verbindung mit dem oberen Geschoß durch eine Treppe oder ein Angstloch. Die drei folgenden Geschosse haben Schießscharten für Handfeuerwaffen. Sie stehen durch sehr enge, leicht zu verteidigende Treppen mit einander in Verbindung. (Vergl. den gleichaltrigen Bergfried in Plau.) In das unterste führen zwei Türen, eine vom Wall her, eine von der Burg. Das zweite Geschoß hat eine Nische für einen Kachelofen mit Rauchabzug durch eine kreuzförmige Öffnung, das dritte einen Kamin. Die Gewölbe sind Kuppeln auf kreisförmiger oder achteckiger Grundlage. Das oberste Geschoß hat dagegen von Brüstungshöhe ab Mauerwerk aus kleinformatigen Steinen, ein rippenloses Sterngewölbe auf sechseckiger Grundlage und war wohnlich eingerichtet; von hier führte auch die Verbindung zum Neuen Hause hinüber.

Die auffällig romanischen Formen der unteren vier Geschosse (Treppenfries, doppeltes deutsches Band und doppelter Rundbogenfries) haben zu der Annahme geführt, daß der Turm, wenn nicht der Bergfried selber, so doch ein Bestandteil der ersten Anlage von 1308 sei. Hierbei hat man zunächst übersehen, daß um 1300 romanische Formen, auch in dem entlegensten Winkel des Binnenlandes und abseits der großen Einflußgebiete der hansischen und märkischen Gotik nicht mehr vorkommen. (Die ältesten Rostocker Wehrbauten um 1270 sind schon ausgesprochen frühgotisch.) Ferner gibt es um diese Zeit noch keine runden Wehrtürme, sondern nur rechteckige oder halbrunde Wiekhäuser. Erstere kommen erst um 1400 auf und sind dann schon für Feuerwaffen eingerichtet. So auch der Lübzer Turm, der den Zweck hatte, den Graben aus der Höhe zu bestreichen. Sein unterstes, wegen seiner geringen Mauerstärke gegen Sturmböcke und Feuergeschütze wenig gesichertes Geschoß wird durch den vorgeschütteten Erdwall, der auch spätmittelalterlich ist, gedeckt. Im übrigen scheint er als detachierter Verteidigungspunkt vor der Ringmauer der Hauptburg ohne direkten Zusammenhang mit dieser gestanden zu

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haben, denn es findet sich hier keine Ansatzspur einer Mauer, wohl aber eine solche im Zuge der Ringmauer der Vorburg, die auf der Zingelmannschen Aufnahme im Inventarisationswerk übrigens noch gezeichnet ist.

Die scheinbar romanischen Formen sind eine stilistische Erscheinung, die sich gerade in Mecklenburg in der Zeit des Abklingens der Gotik um 1500 öfter findet; sie liebt den Rundbogen und die allereinfachsten Ziegelornamente und leitet zu den oft sehr schönen Ziegelrohbau-Nutzbauten des 16. und 17. Jahrhunderts über, die besonders in den Giebelhäusern und Speichern der Hansestädte vorkommen. Hierhin gehören außer dem Lübzer Kirchturm unter andern auch die Kirchtürme in Lübow und Hohen Mistorf, der obere Teil des Turmes auf Poel, das Westportal des Lübeker Domes und der spätmittelalterliche Bergfried in Neustadt. Auch der eigenartige Spitzbogen im untersten Geschoß ist spätgotisch. (Beispiel: das jetzige Haupttor in Stargard).

Der weiße Turm ist daher, bis auf das oberste Geschoß, in Zeit um 1500 zu setzen. Er ist aber nicht der Turm, den 1509 Andreas Techel baute, noch der, der 1511 dem Baumeister Pantelitz aufgetragen wird. Denn er hat zwar eine Höhe von drei Ruten = rund 14 m, aber nicht einen Innendurchmesser von 10 Fuß = 2,87 m, sondern durchschnittlich von 4,00 m; auch sind sein äußerer und innerer Umfangskreis konzentrisch und nicht exzentrisch wie beim Turm von Pantelitz. Diesem und dem Techelschen Turm werden wir später begegnen.

Zwischen 1500 und 1534 wird das oberste Geschoß bei Erhöhung um etwa 2 m zu Wohnzwecken umgebaut worden sein, denn die Brücke soll zu Ihrer Fürstlichen Gnaden Gemach führen, das noch durch "Went von eynander geschuret ist", auch sollen diese Wände beseitigt werden. Das kleinformatige Mauerwerk enthält die Nischen und die Spuren der Oeffnungen von Fenstern, deren oberer Abschluß meist zerstört ist. Das Sterngewölbe mag ebenfalls damals entstanden sein, ebenso die hölzernen Türüberdeckungen, deren eine den für 1500 charakteristischen eselsrückenförmigen Ausschnitt hat. Auf der Fahrenhorster Karte ist ein sehr spitzer Helm genau an der Stelle sichtbar, an der der weiße Turm im Bilde erscheinen muß. Der enge ringförmige Mauerkranz auf dem Rücken des Sterngewölbes und die rinnenförmige Vertiefung am Dachfuß führen mich zu der Annahme, daß dieser spitze Helm auf dem Mauerkranz ruhte und die Rinne hinter einem offenen

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Zinnenkranz lief. Weitere Bauspuren, die von der Tätigkeit Vogts herrühren, oder auch erst 1558, als Meister Johann (Parr?) Geld für den Ausbau eines Turms erhielt, entstanden sein mögen, zeigen den Ausbruch eines großen und hohen Fensters nach Süden. Ob spitzer Helm, Zinnenkranz und ein Gesims darunter schon 1558 oder erst im 18. Jahrhundert beseitigt sind, ist nicht zu sagen, denn die 1576 und 1592 erwähnte Deckung mit flachen Ziegeln kann sowohl auf jene als auch auf den jetzigen stumpfen Kegel passen.

Die im Inventar genannte und heute noch vorhandene Tür mit Eisenbeschlag und dem mecklenburgischen Wappen führte in die auf der Vorburg anstoßende Hauptmannswohnung (Lageplan Nr. 18).

Durch den Umbau von 1534 wird der Turm auch zu dem Namen "weiß" gekommen sein. Noch heute ist der weiße Bewurf nicht nur an den Stellen, wo später das Hauptmannshaus anstieß, sichtbar.

Die Küche und das lange alte Haus.

Wir kehren zur Hauptburg zurück. Hier folgt anschließend an den Windelstein des Neuen Hauses, durch den Arkadengang mit diesem verbunden, die Küche (Lageplan Nr. 7), ein gemauertes dreistöckiges (1576 zweistöckiges), mit flachen Ziegeln gedecktes Gebäude, dessen nur 1592 genannter Windelstein mit dem des Neuen Hauses identisch sein wird. Es enthielt über der Küche und Speisekammer einige Kammern, Fleisch- und Rauchboden. Vor ihm lag ein Brunnen, dessen Schindeldach 1592 erwähnt wird und dessen Bretterverschlag um 1600 erneuert wurde.

Das den Schloßhof nordwärts abschließende lange alte Haus (Lageplan Nr. 8) hat 1592 nach der Elde zu einen neuen gemauerten Giebel erhalten, sonst ist es im Oberstock in Fachwerk errichtet, das die Fahrenhorster Karte deutlich wiedergibt. Es enthielt im Erdgeschoß Brau- und Backhaus und einige Kammern, darunter den Bierkeller, darüber drei Kornböden, durch eine äußere Holztreppe zugänglich. 1576 stand daran anlehnend nach dem Tor zu ein verfallener zweistöckiger Fachwerksbau. (Lageplan Nr. 9).

Das neue Gebäude.

Dieser Anbau und der östliche Teil des langen alten Hauses sind offenbar dem 1592 noch nicht erwähnten "Neuen Gebeude"

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oder "Stockgartenwerts, so die selige Fürstin soll haben erbauen laßen" (Herzogin Sophie, die das Schloß von 1592 bis 1634 bewohnte) gewichen, das die nordöstliche Ecke des Schloßvierecks einnahm. (Lageplan Nr. 10). Etwa um 1600 wird der Plan dazu erwähnt, auch wurde 50 Last Kalk gekauft. Die zu 1605 datierten Wappen des Herzogs Johann und der Herzogin Sophie, die jetzt am Amtshaus eingemauert sind, die Wetterfahnen von 1633 mit den herzoglichen Wappen und ein vor dem Gestütsgebäude liegender Stein (dorische Pfeilerbasis) stammen sicher von diesem Gebäude. 1613 war der Bau im wesentlichen vollendet. Er trug dem gesteigerten Wohn- und Repräsentationsbedürfnis Rechnung, das sich im Beginn des 17. Jahrhunderts an allen deutschen Fürstenhöfen geltend machte (in Mecklenburg Umbau des Schweriner und Neubau der Schlösser in Neustadt und Poel, Umbau von Dargun), und enthielt anscheinend zahlreiche reich ausgestattete Gemächer, von denen eines 1655, wohl wegen seiner Ledertapeten, als das güldne Gemach bezeichnet wird, auch werden ein großer Saal und kostbare steinerne Tür- und Kamingewände erwähnt.

Ich entnehme daraus, daß in den Akten von 1655 bis 73 sowohl zwei Giebel nach der Elde zu und ein Giebel nach dem großen Platz (Vorburg) zu erwähnt werden, die oben geschilderte Lage ostwärts des alten langen Hauses und vor dem blauen Turm (Lageplan Nr. 11) und schließe auch aus den Angaben dieser Berichte, daß wir uns ein etwa dreistöckiges Gebäude mit zahlreichen Zwerchgiebeln und Erkern, einem Doppelgiebel an der nordwestlich vorspringenden Ecke, einer zweigeschossigen Galerie und einem Windelstein vorzustellen haben. Als Baumeister käme, falls der Bau von Schwerin ausging, G. E. Piloot in Frage, der zu dieser Zeit in Diensten des Herzogs Adolf Friedrich stand und in Schwerin, Dömitz, Neustadt und auf Poel baute, von Güstrow aus der allerdings schon 1594 verstorbene Brandin oder der Darguner Baumeister Michel Falck.

Der blaue Turm.

In welchem Umfange dieser Turm bei dem Neubau von 1605-13 erhalten blieb, ist nicht zu sagen. Jedenfalls ist er auf dem Plan von 1726 mit ganzer Kreisfläche dargestellt. Er hatte zwei gewölbte Gefängnisgeschosse und eine wüste Kammer, war alo nicht für Verteidigung eingerichtet, und

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hatte ein Spandach (Schindel). Sein Name "blauer Turm" kann also nicht wie sonst auf die Deckung mit Schiefer zurückgeführt werden, doch können die Schindel blau gestrichen gewesen sein. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß die schlanke Spitze auf der Fahrenhorst-Karte ihm zugehört und nicht dem weißen Turm, denn eine solche Spitze kann auch mit Schindeln gedeckt werden. Er ist aber zweifellos nicht der Pantelitzsche Turm von 1511, der mit seinem bis zu vier Metern starkem Mauerwerk ein ausgesprochener Batterieturm oder "Rondeel" für Geschütze gewesen ist. Denn diese Stelle der Burg war eigentlich kaum von fortifikatorischer Bedeutung. Vielmehr nehme ich an, daß er der Techelsche Turm von 1509 war, der nur 10 Fuß Innendurchmesser, also mit je 7 Fuß Wandstärke zusammen 24 Fuß = rund 7 m Gesamtdurchmesser gehabt haben kann.

Der Pantelitzsche Turm, wenn er überhaupt zur Ausführung kam, mag auf der Vorburg und zwar zwecks Beherrschung der Landstraße und der Abzweigung nordwärts nach Güstrow bei der Sägemühlenbrücke gestanden haben. Dann wäre er es, der 1562 zum Abbruch bestimmt wird und tatsächlich abgebrochen ist, denn die Inventare erwähnen ihn nicht mehr (Lageplan Nr. 26).

Das Torhaus mit der Kapelle.

Das Torhaus (Lageplan Nr. 3) wird beschrieben als ein zweistöckiges Gebäude, darunter der Torweg (also drei Geschosse), bedeckt mit einem Hohlziegeldach und drei zierlichen Giebeln. Diese Dreizahl kann nur so gedeutet werden, daß ein besonderer Giebel auf dem Windelstein saß. Im ersten Stock über dem Torweg lag die Kapelle, reich ausgemalt und mit vergoldetem Schnitzwerk geziert, durch eine Treppe mit den oberen Gemächern, die früher die Herzogin bewohnte, verbunden. Ihr Altar stand in einem "Rundeel" (1673), also einer kleinen, wohl aus der Mauerdicke ausgesparten Apsis.

Der Bau ist, wie der in Stargard, für Burgen dieser Gegend typisch. Die heilige Stätte der Kapelle schützt das Tor. Da dieses im Anfang oft der einzige massive Bau ist, enthält es auch zunächst die Wohngemächer, wird daher oft als das alte Haus bezeichnet. Frühgotische Torhäuser dieser Art, bei denen allerdings die Nutzung der oberen Geschosse nicht immer überliefert ist, waren auch in Wredenhagen und Wittenburg, vermut-

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lich auch in Grabow. Auch in Gadebusch führte das Tor durch das in zwei Geschossen gemauerte alte fürstliche Haus. Die Bauformen werden daher auch hier frühgotisch, für das oberste Geschoß, den Windelstein und die Giebel vielleicht spätgotisch gewesen sein. Außer zwei festen Torflügeln wird eine Sicherung, etwa durch eine Zugbrücke, wie in Stargard, nicht erwähnt, doch kann eine solche vorhanden gewesen sein und über einen trockenen Graben geführt haben.

Der Bergfried. (Lageplan Nr. 1.)

Die Fahrenhorst-Karte und die Inventare beschreiben ihn und seine Lage so klar, daß eine Erörterung darüber, ob der heutige Amtsturm nicht vielleicht doch der Bergfried gewesen sein könnte, überflüssig ist.

Nach den Inventaren lag er "mitten im Platze am neuen langen Hause", dabei sicher auch dicht vor dem Torhaus.

Er wird etwa dem Stargarder Turm ähnlich gewesen sein, doch zeichnen ihn der hohe spätmittelalterliche Helm mit seinen gegiebelten Gußerkern und seinen Ziertürmchen an der Spitze vor diesem aus. 1576 heißt es aber schon, er sei oben gewölbt, habe aber kein Dach; 1592 wird die hohe Leiter daran erwähnt, später erscheint er nicht mehr. Wann ist er abgebrochen? Ist er es, dessen Abbruch 1562 beabsichtigt, aber nicht vollendet ist? Oder ist es anzunehmen, daß er bei Errichtung des Neuen Gebäudes, weil er den Platz doch sehr beengte, entfernt wurde? Der 1655 erwähnte baufällige Windelstein am runden Turm auf dem großen Platz, auf den ich noch zurückkomme, kann nicht gemeint sein, denn unter dieser Bezeichnung wird später immer nur die Vorburg verstanden.

Die Vorburg.

Die Vorburg, deren Fläche auch Unterer oder Großer Platz genannt wird, ist in den Inventaren nicht mit der gleichen Deutlichkeit beschrieben wie die Hauptburg, besonders nicht an den Punkten, wo der Beschreibende auch die verstreuten Außenanlagen, z. B. die Brücken über die Elde und die zum heutigen Bauhof führende Straße bei seinem Rundgang in seine Schilderung hineinbeziehen will. Ich bin daher hier noch mehr auf Kombinationen angewiesen als bei der Hauptburg.

Wieder in Uhrzeigerrichtung herumgehend, finden wir zunächst als Anbau an den weißen Turm das "Hauptmanns-

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Losament" (Lageplan Nr. 18). Es war in Fachwerk, unter Benutzung der an den Turm stoßenden Ringmauer (Lageplan Nr. 15) errichtet, 10 Gebinde, also etwa 15 m lang und mit doppelten Ziegeln gedeckt. Die Anschlußspuren am weißen Turm sind noch heute deutlich in Balkenlöchern, Fußboden-Einstemmungen und der oberen Dachkante zu sehen. Die dort ebenfalls sichtbare untere Dachkante muß von einem älteren, niedrigeren und frei vor der Mauer stehenden Gebäude stammen. Der in den Berichten von 1650 - 73 genannte Windelstein am runden Turm auf dem großen Platz kann nach meiner Meinung nur eine Treppenanlage für dieses Gebäude an der Stelle, wo die eiserne Tür mit dem Wappen aus dem Hause in den weißen Turm führte, bedeuten, denn sonst ist ein runter Turm auf dem Platze, abgesehen von dem blauen Turm, der aber von der Hauptburg aus zugänglich gewesen sein muß, nicht recht denkbar.

Es folgt dann das Alt-Frauen-Losament (Lageplan Nr. 20), ein bescheidenes, nur fünf Gebinde langes, zweistöckiges Fachwerkhäuschen, das ich in Verbindung mit der "hohen alten Mauer" (Lageplan Nr. 15) und einem mit Plankwerk umgebenen Gärtchen (nach dem Inventar von 1592) als Anlehnung an den Mauerzug der Vorburg annehme, der sich vom blauen Turm auf der hier überlieferten Gebäude- bzw. Grenzlinie zum Bauhöfer Weg hinzog.

Hier ist auf der Karte von 1726 ein runder Turm angedeutet (Lageplan Nr. 21). Die Inventare erwähnen ihn nicht. Vielleicht handelt es sich um den Rest eines abgebrochenen Turmes, den zu erwähnen nicht wert war; vielleicht sogar des Pantelitzschen Turmes, der den Ausgang nach Norden schützte?

Denn an dieser Stelle muß ein gesicherter Ausgang nach Norden gewesen sein. Das Inventar von 1592, das gerade hier besonders unklar wird, wie auch der Plan von 1726 hier versagt, erwähnt eine Pforte in einem Plankwerk, sodann eine Brücke von fünf Fachen, also etwa 10 m lang, die ich mir nur als Ueberbrückung eines alten trockenen Grabens erklären kann, dann wieder ein Plankwerk bis zu einem Pforthäuslein, das am "Umlauf des Eldenstroms" (Sägemühlenarm) lag und den Zugang zu einer Zugbrücke (Schäferbrücke) bewachte.

Von ersterer Brücke aus ging ein Plankwerk (Lageplan Nr. 22) um den Wall bis an die Elde, also auf dem um die Vor-

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burg geschütteten Wall, den der Plan von 1726 zeigt und der sich südlich und westlich von der Hauptburg (heute in den Terrassen vor dem Amtshause erhalten) fortsetzte. Jenseits der Schäferbrücke werden ein großes Tor (wohl an Stelle des heutigen Bauhofs als Ausgang zur Güstrower Landstraße), ein Kohlgarten (auf dem Plan von 1726 angegeben), und die weiter hinaus liegende "Brugke über den Eldenstromb von zehen Fachen langk" mit Zugbrücke (die Weinbrücke) genannt.

Auf der Vorburg finden wir noch einen Hühner- und Hundestall von 4 Gebinden, ein Wagenschauer von 6 Gebinden und einen alten Stall von 4 Gebinden (Lageplan Nr. 24 und 25) angegeben, deren Lage nicht einwandfrei zu deuten ist.

Das ist aber mit dem "aldt gemauert Gebeu" der Fall (Lageplan Nr. 28), das sich östlich an das Tor der Vorburg (Lageplan Nr. 16), deutlich dem Zuge der Ringmauer folgend, anlehnte und den Stall des Küchenmeisters und zwei Böden enthielt. Dieses Bauwerk ist auf der Karte der Fahrenhorst links neben dem Spitzdach des Tores mit seinem hohen Dach leicht erkennbar. Es bildete zusammen mit dem Tor (Lageplan Nr. 16) und dem langen Stall (Lageplan Nr. 27) einen auf dem Plan von 1726 nicht leicht deutbaren Komplex, der sich aber dadurch erklärt, daß das schief an das Tor ansetzende "aldt Gebeu" bis dicht an die innere Tor-Laibung reichte. Der 45 Gebinde lange, 1576 "neu" genannte Stall, gemauert, zweistöckig, mit flachen Ziegeln gedeckt, enthielt die Pferdeställe der Reisigen, daneben eine Kammer "am Ende nach das Altfrauenlosament zu" (wodurch auch dessen Lage bestimmt wird) und zwei Kornböden. Er durchschnitt den ursprünglich weit geräumigeren Platz. Nach dem Plan von 1726 blieb hierbei nördlich bei dem Turm Nr. 21 keine Durchfahrt frei, doch wird dies auf ungenauer Zeichnung beruhen.

Das Torhaus war mit seinen drei Böden über der gewölbten Durchfahrt, neben der sich ein Pförtnergewölbe befand, ein ziemlich hohes und auch tiefes Bauwerk, das mit seinem steilen, mit Doppelziegeln gedeckten Walmdach auf der Fahrenhorster Karte hoch aufragt. Es hatte eine Uhr mit Schlagwerk, von dem die jetzt auf dem Amtsturm hängende Glocke von 1471 stammen könnte, die nach dem Abbruch dorthin überführt wurde. Zur Stadt über den breiten Graben führte eine lange Brücke mit Zugbrücke, an deren Ende ein weiteres Pforthaus aus Fachwerk mit einer Anlehnung stand.

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Westlich vom Tor wurde der Ring der Vorburg durch die Küchenmeisterei (Lageplan Nr. 17) geschlosen, ein gemauertes, wie die anstoßende Hauptmannswohnung auf der Mauer aufsitzendes, zweistöckiges Gebäude, das außer einer Wohnung die kleine Hofstube enthielt.

Nebenbei werden genannt "Peter Gardeners Losament" offenbar am Fuße des Neuen Hauses innerhalb des Walles gelegen, mit einem Destilierofen, sowie außerhalb des Walles, vermutlich auf der kleinen Eldeinsel, das Waschhaus (Lageplan Nr. 19) an der Stelle des noch bis vor kurzem dort stehenden Häuschens; denn bei den Sicherungsmaßnahmen am Neuen Haus um 1655 ist von dem nahe liegenden Waschhaus die Rede, ebenso von dem durch diese Arbeiten gefährdeten Destillierofen.

Auch ist der große Garten nordwärts zu erwähnen, dessen nördliche Abschlußmauer 1936 in ihren Fundamenten gefunden wurde. Der heutige Garten, der die nördliche Hälfte der Insel einnimmt, ist erst später angelegt worden.

Der Glanzzeit des 16. Jahrhunderts, in dem die mecklenburgischen Fürsten ihre unwohnlichen mittelalterlichen Burgen unter Berufung italienischer, niederländischer, schlesischer und sächsischer Architekten zu prunkvollen Schlössern ausbauten wie Schwerin, Wismar, Gadebusch, Dömitz, Güstrow, Dargun und Lübz, folgte nach kurzer Nachblüte um 1600, wie fast überall in Deutschland, der rasche Verfall, zum Teil durch die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges, zum Teil durch Interesselosigkeit und Geldnot verursacht. So mancher Fürst baute nach seinem, mindestens aber dem neusten Geschmack prunkvolle Häuser und ließ die Bauten seiner Vorgänger unbenutzt und oft unfertig liegen; die kaum bewohnten Gebäude, deren Dächer nicht genügend instandgehalten wurden, verfielen sehr schnell; ungenügende Gründung oder unsachgemäße Verwendung von Haustein führte zu Sackungen und Einstürzen und zu schneller Verwitterung des kostbaren Baustoffes, den zu ersetzen zu teuer wurde, und die übermäßig großen und nur von einem reichen fürstlichen Haushalt bewohnbaren Liegenschaften verkamen in der Hand von Pfandbesitzern (in Lübz der Familie von Barnewitz) oder interesselosen Amtleuten. Die Akten der Zeit sind voll von Klagen über den drohenden Ruin und von Besichtigungen, deren praktisches Ergebnis meist recht mager war.

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Im Jahre 1650 wird zuerst berichtet: Die Galerien sind durchweicht und eingefallen, sodaß die kostbaren Steinsäulen in Gefahr sind, das Gewölbe der großen Hofstube ist zerspalten und abgestützt, das Dach und die Balkenlagen des Neuen Hauses sind versackt und ausgewichen und stehen auf Stützen, der Giebel eldenwärts ist gerissen, sodaß die Küchenschreiberei und die Destillierkammer werden weg müssen. Die drei Giebel des Torhauses sind noch zu retten, aber die Galerien vor Küche und Keller müssen niedergenommen werden. Das Mauerwerk der Küche ist eldenwärts gerissen und ausgewichen. Besonders schlecht sah es mit dem Neubau von 1613 aus. Seine kleinen Giebel und Erker gartenwärts müßten heruntergenommen werden, da das Mauerwerk geborsten sei, ebenso das Dach mit dem Giebel nach der Elde und einigen Sparren, da es den Saal am Boden schon eine Elle eingedrückt habe. Auch die neuen Gewölbe des Brau- und Backhauses seien gestützt. Ebenso seien alle Windelstiegen gebrechlich.

Darauf wurde 1654 ein Kontrakt mit dem Maurermeister Adam Wettstein abgeschlossen. Er sollte u. a. das Neue Haus gründlich von Schutt und Steingrus reinigen und das Mauerwerk ausbessern, vor allem nach dem Waschhause zu einen neuen Giebel aufziehen, ferner an der Küche das Mauerwerk herunternehmen, neu aufführen und mit zwei Pfeilern stützen, dabei den großen Schornstein in Ordnung bringen. Die Ausführung dieser Bauten zog sich bis nach 1657 hin. 1655 erfolgte eine nochmalige Besichtigung, auch 1657 wurden die Schäden ausführlich aufgezählt. Besonders der Neue Bau war dem Einsturz nahe, vor allem der Windelstein und die Galerie, Steingrus und zerfallenes Holz bedeckten die Räume und man fürchtete, daß die Schuttmassen "den Eldenstrohm und den Mühlstrohm verstopfen."

Aber schon 1665 heißt es, daß die Wettsteinschen Arbeiten nichts genutzt hätten und neue Schäden zu verzeichnen seien. Es vergehen weitere acht Jahre, ohne daß etwas geschieht. 1673 ist die Schilderung des Verfalls noch eindringlicher. Der gewölbte Gang vor der Küche ist eingefallen, doch stehen noch die Pfeiler aus gotländischem Stein mit ihren Gewölbeankern, 1681 hat der Bau kein Dach mehr. Die Gewölbe sind meist eingefallen, die Treppen nicht passierbar. Auch vom neuen Bau stehen 1673 nur noch die Mauern und einige Pfeiler der Galerie. Zuletzt heißt es 1681, "daß das fürstliche Hauß ganz vierkantig zugebawet gewesen", also kaum noch stand,

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und daß von den drei Giebeln des Torhauses zwei ganz eingefallen seien. 1694 berichtete Frau von Barnewitz, die das untere Schloß (wohl das Hauptmannshaus) bewohnte, das Tor sei zum Herunterfallen, und von 1691 - 1706 währt der allmähliche Verkauf auf Abbruch, insbesondere nach dem großen Brande von 1698, zum Wiederaufbau des Städtchens.

Ähnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm, sah es mit anderen mecklenburgischen Fürstenschlössern aus. Die Armut der Zeit, Interesselosigkeit und das Feuer ließen in erschreckend kurzer Zeit, oft innerhalb eines Menschenalters, kostspielige und künstlerisch hochstehende Bauten zu Trümmerhaufen werden. Den Spuren dieser Bauten nachzugehen und sie in Bild und Wort wieder erstehen zu lassen, ist gerade in Mecklenburg von besonderer Bedeutung, da die hohe Baukultur des Landes im 16. Jahrhundert, vielleicht mit Ausnahme des Fürstenhof es in Wismar und des Güstrower Schlosses, viel zu wenig bekannt ist.

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Schloß Lübz um 1600.
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II.

Alt-Rostocker Professoren

von

Wilhelm Stieda †

 

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Bei Gelegenheit des Universitätsjubiläums von 1919 hat uns Professor Kohfeldt in anziehender Weise von den ehrwürdigen Professoren berichtet, die im 18. Jahrhundert eine Zierde der berühmten und einst viel besuchten Hochschule waren. Doch auch die Professoren, die vor mehr als hundert Jahren in Rostock wirkten, verdienen aus ihrem Schlummer wieder ins Gedächtnis der Gegenwart zurückgerufen zu werden. Die Bibliotheken in Leipzig und Berlin besitzen Briefe von Rostocker Gelehrten, die einst viel genannt wurden. Sie werden nachstehend erstmalig veröffentlicht und bieten Gelegenheit, uns mit ihren Schreibern aufs neue vertraut zu machen.

1.

Jakob Sigismund Beck (1761 - 1840) 1 ).

Jakob Sigismund Becks Wiege stand in Westpreußen. Er ist am 6. August 1761 in Marienburg als Sohn eines Predigers geboren und hat als Student in Königsberg zu den Füßen Kants gesessen. Er kam dann nach Halle, wo er zuerst Gymnasiallehrer war und sich 1791 für das Fach der Philosophie habilitierte. Die ersten Jahre seines Hallischen Aufenthalts waren kümmerlich. Erst nach und nach wurde sein Leben heiterer; er gewann viele und herzliche Freunde, "nachdem er fünf Jahre für die Studenten ein wahrer obscurus war" 2 ). Er fand allmählich Beifall, konnte sich von der Lehrerstelle am Gymnasium frei machen und sich ganz dem akademischen Berufe widmen. Graf Keyserling, der ihm 1790 ein Darlehen von 100 Talern gewährt hatte, erstattete er diese Summe bis zum 17. Juni 1795 zurück. Sehr viel hatte Kant durch seine


1) Neuer Nekrolog der Deutschen XVIII, 928. Allgem. Deutsche Biographie 2, S. 214.
2) Kants Gesammelte Werke 12 (1902), Briefwechsel Band 3 S. 25 Nr. 631: Beck an Kant, 17. Juni 1795.
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Fürsprache zur Besserung seiner materiellen Lage beigetragen. Beck hörte daher Zeit seines Lebens nicht auf, dem hochverehrten Lehrer dankbar zu sein.

Noch im Jahre seiner Habilitation erhielt er den Titel eines außerordentlichen Professors und ward 1799 zum Ordinarius der Metaphysik ernannt. Als in Kurland um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert die Errichtung einer Landesuniversität erwogen wurde, deren Sitz Mitau sein sollte, dachte man bei der Besetzung der Professur für Philosophie auch an Beck 3 ). Bei der mehrere Jahre später in Livland erfolgten Begründung der Hochschule Dorpat 4 ) ist es zu einer Berufung Becks nicht gekommen. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß Beck 1799 einen Ruf als Ordinarius der Metaphysik an die Universität Rostock erhielt und infolgedessen wohl nicht mehr geneigt war, in den fernen Osten abzuwandern. In Rostock hat seine Tätigkeit bis zum 29. August 1840 gedauert. Die langjährige Wirksamkeit war segensreich. Von Johannis 1808 bis dahin 1809 bekleidete er das Amt des Rektors. Er konnte 45 Studenten immatrikulieren, eine für jene Jahre hohe Zahl. Von 1789 bis 1814 betrug die Zahl der jährlich neu hinzutretenden Studenten in der Regel nicht mehr als 20 bis 30. Nur einige Jahre außer dem Beckschen Rektoratsjahr erfreuten sich stärkerer Frequenz, so 1789: 72; 1793: 52; 1797: 47; 1800: 48; 1806: 51 5 ).

Die Anhänglichkeit an seinen großen Lehrer Kant hat Beck dadurch bewiesen, daß er sich angelegen sein ließ, dessen Gedanken und Theorien für ein größeres Publikum zu erläutern und verständlich zu machen. So entstanden 1793 - 95 der "Erläuternde Auszug aus den kritischen Schriften des Professors J. Kant", in zwei Teilen, und 1798 der "Einzig mögliche Standpunkt, aus welchem die kritische Philosophie beurteilt werden muß". Mit der letzteren Schrift weicht Beck allerdings nicht unwesentlich von Kant ab und nähert sich mehr der Auffassung Berkeleys. Prantl 6 ) nennt ihn in mancher Beziehung den Vorläufer Fichtes.


3) Kants Ges. Werke 12, S. 119, Nr. 686: Kant an Beck, 19. November 1796.
4) Vergl. W. Stieda, Alt-Dorpat, 1926.
5) Eschenbachs Annalen II S. 170 ff. Ad. Hofmeister, Die Matrikel der Universität Rostock IV, V. Fr. Eulenburg, die Frequenz der deutschen Universitäten, Leipzig 1904.
6) A. D. B. 2 S. 215.
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Becks Beziehungen zu Kant spiegeln sich in seinem Briefwechsel mit ihm von 1789 bis 1794, also meistens noch in Becks Hallischer Zeit, wieder. Kant schrieb ihm in diesem Zeitraum elf Briefe, von denen sich neun erhalten haben, und empfing von Beck dreizehn. In den Jahren 1795 - 97 flaut der Briefwechsel ab. Kant schreibt nur noch zweimal, Beck sechsmal. Nach dem Oktober 1797 sind keine Briefe von Beck mehr an Kant gelangt. Vielleicht hängt das mit der obenerwähnten von Kant abweichenden Schrift Becks zusammen. Aus der Rostocker Zeit sind bis jetzt keine Briefe an die Oeffentlichkeit gekommen.

Von Königsberg hatte Beck nach beendigtem Studium sich im Mai 1789 zunächst nach Leipzig gewandt, wohin ihm Kant ein Empfehlungsschreiben an Professor Friedrich Gottlieb Born 7 ) mitgegeben hatte. Born vertrat in Leipzig die Kantische Philosophie und war insofern gewiß geeignet, sich des jüngeren Gelehrten, der die gleichen Ziele verfolgte, anzunehmen. Indes scheint Born sich nicht viel um Beck gekümmert zu haben. Einige Aussichten eröffneten sich dem jungen Philosophen, aber da er keine Mittel besaß, um "ohne Verdienst leben zu können", mußte er die Stadt wieder verlassen. Weder eine Hofmeisterstelle noch eine Beschäftigung bei einem Buchhändler wollten sich ihm erschließen. Er siedelte daher noch in demselben Jahre nach Berlin über, wo der Bibliothekar Biester 8 ) sich seiner freundlich annahm und ihm Newtons Schriften zur Benutzung in seiner Wohnung mitgab.

Über die Professoren der Philosophie in Leipzig urteilte Beck nicht gerade anerkennend. Zwar der Strom der Zuhörer zu den philosophischen Hörsälen sei "reißend", aber Platner 9 ) war in seinen Augen doch ein jämmerlicher Mann, der seinen Zuhörern gegen die Kantische Philosophie Mißtrauen einflößte. Professor Caesar 10 ), den er wegen seines gutmütigen Charakters schätzte, bemühte sich, das Kantische System zu studieren, nur waren die Bedenken, die er äußerte, unklar. Born hatte einen schlechten Vortrag. Der Professor der Physik


7) 1743 - 1807. A. D. B. 3 S. 163.
8) Joh. Erich B. (1749 - 1816), seit 1784 Bibliothekar an der öffentlichen Bibliothek in Berlin, Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift. A. D. B. 2 S. 632.
9) Ernst P. (1744 - 1818), seit 1780 ordentl. Professor der Physiologie, seit 1801 auch Philosophieprofessor. A. D. B. 26 S. 258.
10) Karl Adolf C. (1741 - 1810), seit 1789 ordentl. Professor der Philosophie. A. D. B. 3 S. 687.
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Hindenburg 11 ) erfreute sich weniger Zuhörer, obwohl er durch einen vortrefflichen Vortrag ausgezeichnet war. Die Vernachlässigung gerade des Fachs, das Hindenburg vertrat, wurde von Beck auf "die tändelnde Art" zu studieren, zurückgeführt, die in Leipzig im Gebrauch zu sein scheine 12 ).

Geneigt, die akademische Laufbahn einzuschlagen, vermochte Beck in Berlin auch nicht Fuß zu fassen und siedelte 1791 nach Halle über, wo er die Magisterprüfung bestand und damit das Recht erwarb, Vorlesungen zu halten. Er schickte Kant seine Dissertation und versprach, falls er Zuhörer zu philosophischen Vorlesungen finden sollte, "im stillen die Überzeugung zu verbreiten, die Ihr mündlicher und schriftlicher Unterricht in mir bewirkt hat" 13 ).

Derartige Zusicherungen früherer Schüler mochte Kant häufiger gehört haben. In diesem Falle glaubte er Beck und freute sich, daß dieser in seiner Magisterdissertation seine Begriffe "weit richtiger aufgefaßt habe als viele andere, die ihm sonst Beifall zu erkennen gegeben hätten." Von Wohlwollen für den jungen Freund durchdrungen, er der 68jährige, hatte er ihn dem Kanzler v. Hoffmann 14 ) empfohlen, der sich denn auch durchaus günstig über den jungen Gelehrten aussprach. "Ihm nützlich zu seyn, soll mir Wonne werden", hatte er an Kant geschrieben 15 ), allerdings hinzugefügt, daß er sein Entlassungsgesuch bereits eingereicht habe und daher nicht erwarten könne, daß sein Wort bei der Universität oder beim Oberschulkollegium große Wirkung haben werde. Er versprach aber jedenfalls, sich für den "verdienten Mann" zu verwenden. Kant hielt eine "Subsistenz, die auf bloßer Lesung von Collegien beruhe," für mißlich und hatte daher Beck geraten, sich um eine Stelle beim Pädagogio oder "was dem ähnlich ist" zu bewerben. Er rechnete dabei auf die Unterstützung Hoffmanns. Im übrigen war Kant großzügig genug, dem armen Schlucker zu schreiben, daß er seine Briefe an ihn nicht frankieren solle, "welches ich für Beleidigung aufnehmen würde" 16 ).


11) Karl Friedr. H. (1741 - 1808). A. D. B. 12 S. 456.
12) Kants Ges. Werke 11 S. 67 Nr. 348: Beck an Kant, 1. August 1789.
13) Ebd. S. 239. Nr. 434: Beck an Kant, 19. April 1791.
14) Carl Christoph von H. (1735 - 1801), seit 1786 Kanzler der Universität Halle.
15) Kants Ges. Werke 11 S. 243 Nr. 438: Kant an Beck, 9. Mai 1791.
16) Ebd. S. 245 Nr. 438: Kant an Beck, 9. Mai 1791.
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Über diese wohlwollende Haltung des verehrten Lehrers war Beck natürlich sehr erfreut. Von der Erlaubnis, seine Briefe unfrankiert zu lassen, machte er freilich einen weitgehenden Gebrauch, indem er dem nächsten Brief an Kant eine Einlage an Professor Kraus 17 ) beifügte 18 ).

Dem Rate Kants, seine Existenz nicht allein auf das Honorar aus den Vorlesungen zu gründen, war Beck gefolgt. Er hatte zwar nicht durch Kanzler v. Hoffmann, aber durch Verwendung des Professors Jakob 19 ) die Stelle eines Kollaborators am Gymnasium übernommen, die ihm 90 bis 100 Taler jährlich abwarf. Zugleich erwarb er die Anwartschaft auf den Posten eines Schulkollegen, den Jakob eben aufgegeben hatte, der aber schon an einen älteren Angestellten der Anstalt vergeben worden war. Mit seinen Vorlesungen hatte Beck zunächst weniger Glück. Zu einem Kolleg, das er nach Klügels Lehrbuch 20 ) über reine Mathematik las, hatten sich acht Studenten eingefunden, "die aber wahrscheinlich mir nichts bezahlen werden", und für die angekündigte philosophische Vorlesung hatte sich niemand bei ihm gemeldet. Beck wurde jedoch dadurch nicht mutlos, sondern hoffte, daß man den Nutzen seiner Vorlesungen bald einsehen werde. An der Kantischen Lehre, die er "liebgewonnen" hatte, hielt er fest. Die Kritik der reinen Vernunft zu studieren, war ihm "Herzenssache". Lediglich aus Freude an der Wahrheit arbeitete er, während er bei den sonstigen Anhängern, den "lauten Freunden" unmoralische Gewinnsucht vermutete 21 ).

Kant, durch solche Offenbarungen gewiß erfreut, hörte nicht auf, dem jungen Philosophen sein Wohlwollen zu bezeugen. Als der Buchhändler Hartknoch in Riga, mit dem Kant in dauernder Verbindung stand und der einige seiner Bücher verlegt hat, sich 1791 an ihn mit der Bitte wandte, ihm einen tüchtigen Mann nachzuweisen, der aus Kants Kritischen Schriften einen nach seiner eigenen Manier abgefaßten und mit der Originalität seiner eigenen Denkungsart "zusammen-


17) Karl Chrstn. Friedrich K. (1781 - 1832), Professor der Philosophie in Königsberg. A. D. B. 17 S. 75.
18) Kants Ges. Werke 11 S. 251 Nr. 442: Beck an Kant, 1. Juni 1791.
19) Ldw. Heinr. J. (1759 - 1827), Professor der Philosophie in Halle. A. D. B. 13 S. 689.
20) Georg Sim. K. (1739 - 1812), Professor der Mathematik in Halle. A. D. B. 16 S. 253.
21) Kants Ges. Werke 11 S. 249 Nr. 442.
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Kant, keinen dazu geeigneteren und zuverlässigeren als Sie vorschlagen. Es handelt sich um die oben erwähnte Schrift, auf deren Abfassung Beck sicher freudig eingegangen ist.

Auch in der Folge schenkte Kant seinem einstigen Schüler Vertrauen. Beck hatte dem Verleger Hartknoch direkt geantwortet und mit der Zusage das Angebot zum Verlage zweier neuer Schriften aus seiner Feder verbunden. Das Thema der einen war "Reinholds 23 ) Theorie des Vorstellungsvermögens", und das der anderen "Die Gegenüberstellung der Humeschen und Kantischen Philosophie". Beck hatte Kant um Rat gefragt, und dieser riet ihm, erstere Aufgabe fallen zu lassen, wenigstens zunächst. Er befürchtete vielleicht eine schärfere Auseinandersetzung, denn er erbot sich, einen brieflichen Verkehr mit Reinhold zu vermitteln, damit sich beide freundschaftlich miteinander verständigen könnten. Beck solle sich lieber "vor der Hand" an die Bearbeitung der zweiten Schrift machen 24 ). Beck war, wie er im Oktober 1791 an Kant schrieb, auf diese Themata gekommen durch "behutsame Überlegung." Da die Vorlesungen eines neuen Magisters "eine mißliche Sache" seien und seine anderweitigen Einkünfte keineswegs ausreichten, um zu "subsistieren", wollte er sich durch Bücherschreiben eine Einnahmequelle erschließen. Zugleich übersandte er Kant eine Probe seiner Aufsätze über die Theorie des Vorstellungsvermögens, in Form von Briefen an einen Hallischen Freund, den Magister Rath 25 ), "der im Stillen die Kritik beherzigt" und ein paar Aufsätze als Antworten versprochen habe, sodaß die ganze Schrift vielleicht acht Bogen stark werden könne. - Den von Kant gewünschten Auszug aus dessen kritischen Schriften niederzuschreiben, werde ihm vorzüglich "ein angenehmes Geschäfte seyn, weil Sie mir erlauben, meine Bedenklichkeiten gerade Ihnen vorzulegen." Die Kritik der reinen Vernunft habe er mit dem herzlichsten Interesse studiert, die Kritik der praktischen Vernunft sei seit ihrem Erscheinen seine Bibel 26 ).


23) Karl Leonhard R. (1758 - 1825), Professor der Philosophie in Jena seit 1787. A. D. B. 28 S. 82.
24) Kants Ges. Werke 11 Nr. 457: Kant an Beck.
25) Rudoph Gotthold R. (1758 - 1814), Rektor am Gymnasium in Halle.
26) Kants Ges. Werke 11 S. 281 Nr. 458.
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Kant war damals Dekan der philosophischen Fakultät, stark geschäftlich in Anspruch genommenen und konnte erst am 2. November antworten 27 ). Er riet nun nicht weiter ab, die Reinholdsche Theorie zu bearbeiten, scheint jedoch befürchtet zu haben, daß Beck die ihr anhängende Dunkelheit trotz seiner Gabe der "Deutlichkeit auf angenehme Art" nicht bewältigen werde. Kant selber habe sich bisher noch nicht hineinzudenken vermocht. Wahrscheinlich unter dem Einfluß dieser Mahnung hat dann Beck die Arbeit fallen lassen. Auch den Vergleich zwischen Kant und Hume schob er zunächst auf und konzentrierte seine Kräfte auf die Anfertigung des Auszugs, der ihm übertragen war 28 ). Philosophische Bedenken, die er gegen Kants Aufstellung geäußert hatte, widerlegte dieser in einem Briefe vom 20. Januar des folgenden Jahres 29 ). Beck wollte dann das Manuskript des Auszugs Kant oder dem Königsberger Hofprediger Schultz 30 ) zur Durchsicht vorlegen 31 ). Kant meinte, die Arbeit getrost Schultz überlassen zu können, Beck aber, ängstlich darauf gerichtet, den Gedankengang des Meisters zutreffend wiederzugeben, bat, daß Kant wenigstens die Blätter "von der Deduction der Categorieen und der Grundsätze" prüfen möge. Denn von diesen Ausführungen hielt er "am meisten" und besorgte sie etwa "falsch gefaßt" oder "nicht wunschgemäß dargestellt zu haben" 32 ).

Kant hatte an dem ihm übersandten Manuskript des Auszugs nichts Erhebliches zurechtzustellen, aber gerade den Abschnitt von der Deduktion der Kategorien und Grundsätze nicht genau durchgesehen, weil er sich in dem gewünschten Termin der Rücksendung versehen hatte. Er hatte Oktober gelesen statt November. Demgemäß stellte er Beck anheim, ihm diese Blätter noch einmal zuzusenden 33 ). Im übrigen schlug er vor, den Auszug so zu fassen und zu kürzen, daß er als Grundlage für Vorlesungen dienen könne. Diese Abrundung des


27) Kants Ges. Werke 11 S. 290 Nr. 464: Kant an Beck, 2. November 1791.
28) Ebd. S. 297 Nr. 467: Beck an Kant, 11. November 1791.
29) Ebd. S. 300: Kant an Beck, 20. Januar 1792.
30) Johann Schultz (1739 - 1805), Hofprediger und Professor der Mathematik in Königsberg.
31) Kants Ges. Werke 11 S. 325 Nr. 483: Beck an Kant, 31. Mai 1792.
32) Ebd. S. 335 Nr. 488: Kant an Beck, 3. Juli 1792. S. 346 Nr. 495: Beck an Kant, 8. September 1792.
33) Ebd. Nr. 504, S. 361: Kant an Beck, 16./17. Oktober 1792..
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Manuskriptes würde freilich etwas schwer fallen, weil die transzendentale Dialektik einen ziemlichen Raum beanspruche.

Beck schickte das Manuskript noch einmal zurück. Es war ihm auch darum zu tun, bekannt zu geben, daß Kant um die Aufstellung des Auszugs wisse; er bat daher den Meister, ihm die Worte, in denen diese Mitteilung geschehen könne, vorzuschreiben. Den allgemeinen Titel schlug er vor zu fassen: "I. Erläuternder Auszug aus den critischen Schriften des Herrn Professor Kant; II. Auszug aus der Critick der Urtheilskraft und eine erläuternde Darstellung der metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaften" 34 ). Kant machte "Erinnerungen von nur geringer Erheblichkeit" und erklärte sich mit der Fassung des Titels einverstanden 35 ).

Im April 1793 war der Druck des ersten Bandes fertig und Beck in der Lage, ein Exemplar Kant zu übersenden. In Verlegenheit geriet er indes durch den Buchhändler Hartknoch. Dieser hatte sich von Kant versprechen lassen, auf dem Titel bemerken zu dürfen, daß Kant um die Arbeit gewußt habe. Hartknoch glaubte, mit einer solchen Äußerung die Schrift den Buchhändlern auf der Messe besser empfehlen zu können. Nun war Beck im Zweifel, in welcher Form dem Wunsch des Verlegers Rechnung getragen werden könnte, zumal da er auf eine frühere Anfrage bei Kant keinen Bescheid erhalten hatte. Schließlich ist eine derartige Erklärung unterblieben.

Nach wie vor fühlte sich Beck seinem Lehrer für die Güte, die er bei der Durchführung seiner Arbeit ihm erwiesen hatte, nachdrücklichst verpflichtet. Seine äußeren Umstände hätten sich dadurch gebessert; er habe viel mehr Einsicht in die kritische Philosophie gewonnen und erkenne mehr als jemals die "wichtige Wohlthat", die Kant der Menschheit durch seine Arbeiten erweise. Er pries sich glücklich, daß er daran Anteil nehmen könne, war sich aber auch darüber klar geworden, daß "nur ein unermüdetes Nachdenken" dazu gehöre, den Sinn Kantischer Gedankengänge richtig zu erfassen. Gleichzeitig übesandte er das Manuskript des zweiten Bandes, der den Auszug aus der Kritik der Urteilskraft, der Einleitung und der Exposition eines reinen Geschmacksurteils, enthalten sollte. Kant möge die Freundschaft für ihn haben, es durchzusehen und die Stellen anzumerken, wo er den Sinn verfehlt oder


34) Kants Ges. Werke 11 S. 369 Nr. 512: Beck an Kant, 10. November 1792.
35) Ebd. S. 379 Nr. 516: Kant an Beck, 4. Dezember 1792.
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wenigstens nicht deutlich dargestellt habe 36 ). Ein Exemplar der "Kritik der Urteilskraft" hatte Kant ihm durch den Buchhändler Lagarde 37 ), der die Schrift verlegt hatte, zugehen lassen 38 ). Er verzichtete aber "bey seinem Alter und manchen sich durchkreuzenden vielen Beschäftigungen" auf die Durchsicht des übermittelten Probestückes und glaubte dem "eigenen Prüfungsgeiste" Becks vertrauen zu dürfen. Immerhin übersandte er die zur Vorrede für die Kritik bestimmt gewesene, aber wegen ihrer Weitläufigkeit verworfene Abhandlung, weil Beck vielleicht eines oder das andere daraus für feinen "concentrirten Auszug" werde benutzen können. (18. August) 39 ).

Beck hatte, als er am 24. August 1793 40 ) aufs neue sich an Kant wandte, dessen Brief vom 18. August 1793 noch nicht in Händen. Wohl aber fühlte er sich, je tiefer er in die Kantischen Gedankengänge eindrang, desto mehr verpflichtet, dem Meister für alle Anregung und Belehrung zu danken. Meine Seele, schrieb er, hat sich "noch nie einem Gelehrten so verbunden gefühlt als Ihnen, ehrwürdiger Mann." Seit er Kants Vorträge in Königsberg gehört, habe er "sehr viel Vertrauen" zu ihm gefaßt; "aber ich gestehe auch, daß bey den Schwierigkeiten, die mich lange gedruckt haben, dieses Vertrauen öfters zwischen dem zu Ihnen und dem zu mir selbst gewankt hat." Sorgfältig habe er immerfort Kants Schriften studiert und sich selbst dadurch auch besser kennengelernt. "Was wohl einem vernünftigen Wesen das wünschenswürdigste Gut seyn muß", das habe ihm die Kantische Philosophie gewährt. Wenn, wie er meinte, sonst sehr berühmte Männer der kritischen Philosophie Kants ihre Zustimmung versagten, so lag das nach seiner Auffassung wohl daran, daß sie den "mächtigen Unterschied" zwischen Denken und Erkennen nicht erfaßt hatten. Nun kamen ihm aber über dem Studium der Kantischen metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaften Zweifel. Namentlich war ihm der Begriff der Qantität der Materie nicht verständlich, und wenn er dieses Unvermögen, sich eine deutliche Vorstellung zu schaffen, auch auf seinen eigenen Kopf zurückführte, so bat er doch um eine Erläuterung 41 ).


36) Kants Ges. Werke 11 S. 411 Nr. 538: Beck an Kant, 30. April 1793.
37) Francois Théodore de Lagarde (1755 - ?), Buchhändler in Berlin.
38) Kants Ges. Werke 11 S. 389 Nr. 521a und 522.
39) Ebd. S. 426 Nr. 551: Kant an Beck, 18. August 1793.
40) Ebd. S. 427 Nr. 552: Beck an Kant, 24. August 1793.
41) Ebd. S. 427 - 29 Nr. 552: Beck an Kant, 24. August 1793.
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Kant dürfte diesen Brief nicht mehr beantwortet haben; wenigstens sind in seinem Briefwechsel keine Andeutungen darüber vorhanden. Beck war dadurch keineswegs verletzt, sondern besorgt, ob er etwa "unverständlich gefragt" habe und erkundigte sich, ob Kant vielleicht eine ungünstigere Meinung von ihm bekommen habe 42 ). Auch hierauf blieb die Antwort aus.

Mittlerweile faßte der fleißige Beck den Plan zu einer neuen Schrift, den er dem Meister vortrug. Er war sich darüber klar, daß Kant, "vom Alter gedrückt", ihm sein Urteil nicht werde Schreiben können, "obwohl seine Briefe ihm die kostbarsten Geschenke" seien 43 ). Doch bat er, bei Hartknoch ein freundliches Wort für den Verlag einfließen zu lassen. Je nachdem wie diese Befürwortung ausfiel, erwartete er die Geneigtheit des Buchhändlers, auf seinen Antrag einzugehen 44 ). Das Thema der ins Auge gefaßten Untersuchung bildete die "ursprüngliche Beylegung (der Beziehung einer Vorstellung, als Bestimmung des Subjects, auf ein von ihr unterschiedenes Object, dadurch sie ein Erkenntnisstück wird, nicht blos Gefühl ist" 45 ). Kant war dieses Mal sehr rasch mit einigen Bedenken bei der Hand 46 ), die jedoch den Verfasser nicht entmutigen, sondern nur auf einige vielleicht von ihm übersehene Punkte aufmerksam machen sollten. Auf diese Einwände kann hier nicht eingegangen werden. Jedenfalls wogen sie nicht schwer, denn Kant hatte bei Hartknoch den Verlag der beabsichtigten Schrift befürwortet, doch wohl ein Beweis, daß er Beck nichts Unnützes oder Unbrauchbares zutraute.

Im September 1794 war auch der zweite Band des Auszuges aus Kants kritischen Schriften beendet und konnte dem Meister übersandt werden 47 ). Bescheiden meinte Beck, daß die Arbeit wohl vollkommener ausgefallen wäre, wenn er schon mit der Gewandtheit an ihre Abfassung hätte gehen können, die er bei dem nunmehrigen Abschluß der Schrift durch das Studium Kants erworben hab. Zu Michaelis 1795 sollte der dritte Band unter dem Titel: "Einzig möglicher Standpunkt,


42) Kants Ges. Werke 11 S. 489 Nr. 595: Beck an Kant, 17. Juni 1794.
43) Ebd. S. 492 Nr. 595.
44) Ebd. S. 492 Nr. 595.
45) Ebd. S. 495 Nr. 599: Kant an Beck, 1. Juli 1794.
46) Ebd. S. 496.
47) Ebd. S. 504 Nr. 604: Beck an Kant, 16. September 1794.
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aus welchem die critische Philosophie beurtheilt werden muß" erscheinen. Beck kündigte ihn im Juni 1795 an 48 ); der Band ist jedoch erst 1796 an die Öffentlichkeit gelangt. Des Verfassers Absicht war, mit ihm "zu zeigen, daß die Categorien der Verstandesgebrauch selbst sind, daß sie allen Verstand und alles Verstehen ausmachen und daß der wahre Geist der critischen Philosophie .. darin besteht, daß dieselbe an ihrer Transcendentalphilosophie die Kunst, sich selbst zu verstehen, aufgestellt habe."

Kant vermochte auf diese Briefe "so angenehm sie mir auch allemale waren" nicht mehr zu antworten und machte sich deshalb selbst Vorwürfe. Seine Gesundheit war wohl so "ziemlich", aber seine Konstitution nicht so stark, daß er nicht genötigt gewesen wäre, mit seinen Beschäftigungen zu wechseln und sie gelegentlich völlig zu unterbrechen 49 ). Diesem Briefe ist noch ein Schreiben vom 20. Juni 1797 gefolgt, das letzte, das Kant an seinen Schüler gerichtet hat, das jedoch nur durch seine Erwähnung in anderen Briefen bekannt ist 50 ).

In zwei Schreiben vom 20. und 24. Juni 1797 verteidigte sich Beck gegen die vom Hofprediger Schultz wider ihn erhobenen Vorwürfe, daß er mit seinen Ausführungen zu Kant in Gegensatz getreten sei. Noch später wehrte er sich gegen die Unterschiebung einer unredlichen Absicht durch den Hofprediger sowie dagegen, daß dieser ihn "mit den neuen philosophischen Irrlichtern in eine Classe" setze 51 ). Kant hat allerdings selbst das Mißliche in Becks Darstellung der kritischen Philosophie empfunden, sich aber auf eine Kontroverse nicht eingelassen. In einem Briefe an Tieftrunk 52 ) schreibt er, daß es nicht nötig sei, andere mit dieser Meinungsverschiedenheit (Mißhelligkeiten nennt Kant sie) bekannt zu machen 53 ).

Ohne auf den verschiedenen Standpunkt Kants und Becks einzugehen, soll doch hervorgehoben werden, daß Beck ein durchaus loyaler Mann gewesen zu sein scheint, der nur seine von Kant abweichende Auffassung nicht unterdrücken mochte, obwohl ihm klar war, daß er seinen einstigen Lehrer und


48) Kants Ges. Werke 12 S. 25 Nr. 631: Beck an Kant, 17. Juni 1795.
49) Ebd. S. 161 Nr. 716b, vor dem 20. Juni 1797.
50) Ebd. Nr. 717, 719.
51) Ebd. S. 198 Nr. 737.
52) Ebd. S. 198 Nr. 737: Beck an Kant, 9. September 1797.
53) Johann Heinrich T. (1760 - 1837), Professor der Philosophie in Halle. A. D. B. 38, S. 286.
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gütigen Freund dadurch schwer kränkte. In einem Briefe an Kant vom 9. September 1797 bemerkt er jedoch ausdrücklich, daß er ,,fast Lust" habe, in einer philosophischen Arbeit das Fehlerhafte seiner bisherigen Darstellungen auszubessern 54 ). Ob er damit den dritten Band seines Auszugs meinte, bleibe dahingestellt. Jedenfalls lehnte er es ab, daß man ihm nachsagte, sich mit Fichte auf dem gleichen Wege zu befinden 55 ), und er erklärte Kant, daß er unendlich weit entfernt von dem ,,Fichtischen Unsinn" sei 56 ). Fichte wollte er sich freilich nicht durch eine Entgegnung ,,auf den Hals laden", aber er wollte zum Ausdruck bringen, daß er nicht gesonnen gewesen sei ,,den Stifter der critischen Philosophie im Geringsten zu compromittiren" 57 ). Beck erbat sich zu diesem abzufassenden Aufsatze die Zustimmung Kants, ohne die er nicht gerne etwas tun möchte. Aber Kant hat nicht mehr darauf geantwortet, und so ist diese Abhandlung Becks wohl unterblieben.

Ob Beck sich das Zerwürfnis mit Kant sehr zu Herzen genommen hat, läßt sich nicht sagen. Jedenfalls hat er keinen Versuch mehr gemacht, sich Kant brieflich wieder zu nähern. Er hätte wohl Zeit dazu gehabt, denn Kant ist erst acht Jahre nach der Ausgabe des dritten Bandes des Beckschen Auszuges gestorben.

Beck beabsichtigte, im September 1797 nach Leipzig überzusiedeln, obwohl er doch früher über die dortigen Vertreter der Philosophie sich nicht gerade anerkennend geäußert hatte. Es gab aber in Leipzig ein Collegium Beatae Mariae Virginis, eine Stiftung, auf dessen reiche Stipendien in Preußen geborene Gelehrte Anspruch erheben konnten. Man hatte ihm Aussicht auf ein solches Stipendium gemacht. Aber bald darauf erreichte ihn der Ruf auf das Ordinariat in Rostock, das er begreiflicher Weise einer unsicheren Stellung vorzog. Aus seiner Rostocker Zeit sind bisher keine Briefe von ihm bekannt geworden. Nur der eine, vom Oktober 1800, der im Folgenden abgedruckt ist, hat sich in der Universitätsbibliothek zu Leipzig gefunden.

Der Empfänger dieses Briefes, Friedrich Bouterwek, war kurz vorher, nach Feders 58 ) Übersiedelung nach Hannover,


54) Kants Ges. Werke 12 S. 199 Nr. 737.
55) Ebd. S. 174.
56) Ebd. S. 173.
57) Ebd. S. 175.
58) Joh. Georg Heinr. F. (1740 - 1821), seit 1768 Professor der Philosophie in Göttingen. A. D. B. 6 S. 595.
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außerordentlicher Professor der Philosophie in Göttingen geworden. Geboren 1766 zu Oker am Harz, wo sein Vater Hüttenbeamter war, erhielt er auf dem Karolinum in Braunschweig seit 1781 eine sehr gute Schulbildung, die er auf der Universität Göttingen, wohin er 1784 zog, vervollständigen konnte. Er studierte Jurisprudenz, bestand das juristische Examen in Celle, blieb jedoch der ihm in Hannover sich eröffnenden juristischen Laufbahn nicht treu, sondern widmete sich philosophischen und belletristischen Studien. Er kam 1789 zum zweiten Male nach Göttingen, errang mit einer Schrift "Über die Hindernisse des Selbstdenkens in Deutschland" den Doktorhut und begann seit 1791, Vorlesungen über Kantische Philosophie zu halten. Über sein Vorhaben, die Kritik der reinen Vernunft nach Kants System öffentlich vorzutragen, machte er Kant am 17. September 1792 Mitteilung 59 ) unter gleichzeitiger Übersendung des Plans, nach dem er, zum ersten Male an der Georg-August-Universität, den Vortrag einrichten wollte. Kant antwortete ermunternd, lobte den Plan als wohl ausgedacht und freute sich über die Vereinigung der scholastischen Genauigkeit in der Bestimmung der Begriffe mit der Popularität einer blühenden Einbildungskraft 60 ).

Befriedigende Erfolge scheint jedoch Bouterwek mit seinen Vorlesungen nicht erzielt zu haben, denn er ging bald danach auf Reisen, zuerst in die Schweiz, dann nach Darmstadt, wo er sich zu längerem Aufenthalte entschloß und ebenfalls über die Kantische Philosophie Vorlesungen hielt. 1796 kehrte er zum zweiten Male nach Göttingen zurück, nahm seine akademische Tätigkeit wieder auf und wurde an Feders Stelle zum außerordentlichen Professor ernannt. Wahrscheinlich aber waren Gehalt und sonstige Einkünfte so gering, daß er auf eine andere Professur sann, und deshalb wandte er sich an Professor Beck in Rostock.

In Greifswald war nämlich der Vertreter der Kameralwissenschaften, der aus Jena berufene Professor Georg Stumpf, 1798 gestorben 61 ), und Bouterwek trat an Beck mit der Bitte heran, sich für ihn in Greifswald einzusetzen. Beck ging sofort hierauf ein und verwandte sich namentlich bei dem General-


59) Kants Ges. Werke 11 Nr. S. 354. 497: Bouterwek an Kant, 17. September 1792.
60) Ebd. S. 417 Nr. 543: Kant an Bouterwek, 7. Mai 1793.
61) J. G. L. Kosegarten, Geschichte der Universität Greifswald, 1857, I S. 314.
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superintendenten und Professor der Theologie Gottlieb Schlegel 62 ) für Bouterwek. Indes vermochte diese Fürsprache nichts auszurichten, kam wohl überhaupt zu spät. Nicht weniger als zehn Gelehrte standen auf der Vorschlagsliste. Bouterwek jedoch war nicht darunter, und die Wahl fiel, nachdem Crome 63 ) in Gießen abgelehnt hatte, auf Professor Canzler 64 ) in Göttingen.

Schlug Bouterweks Bewerbung um Greifswald fehl, so hatte er ebensowenig Erfolg in Halle. Dort hatte er sich unter der Hand um eine Lehrstelle am königlichen Pädagogium beworben. Professor Voigtel 65 ) in Halle hatte von dieser Bewerbung gehört und sich ungünstig in einem Briefe an Beck über Bouterwek geäußert. Beck bemühte sich zwar, ihn in Schutz zu nehmen, aber geholfen hat es nicht. Greifswald wie Halle blieben Bouterwek verschlossen. Doch schlugen diese Enttäuschungen zu seinem Glücke aus. Er wurde in Göttingen 1802 ordentlicher Professor und war schließlich einer der angesehensten und geschätztesten Lehrer der Georgia Augusta 66 ).

Die Frau Professor Förster, die in dem folgenden Briefe Becks erwähnt wird, könnte die Witwe von Johann Christian Förster 67 ) gewesen sein, dem Domprediger und Schulinspektor zu Naumburg, späteren Superintendenten in Weißenfels, die eine Tochter des Rektors an der Naumburger Domschule Gottfried August Lobeck war. Nach dem frühen Tode ihres Gatten mag die Frau Professor nach Göttingen gezogen sein. Ich komme auf diesen Gedanken, weil der Bruder der Frau Förster der Professor der Philologie Christian August Lobeck in Königsberg war und Beck dort ihre Bekanntschaft gemacht haben könnte. Vielleicht ist aber statt Förster zu lesen Forster und die Witwe von Johann Reinhold Forster gemeint, der 1798 in Halle als Professor starb 68 ).


62) 1739 - 1810. Recke-Napiersky, Allgem. Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon 4 S. 68; Kosegarten a. a. O. I S. 310.
63) 1753 - 1833. A. D. B. 4 S. 606. Wilh. Stieda, Die Nationalökonomie als Universitätswissenschaft, 1907, Register.
64) 1764 - 1811. Kosegarten, a. a. O. I S. 314. W. Stieda a. a. O. Register.
65) Traugott Gotthold V. (1766 - 1843), A. D. B. 40 S. 212.
66) A. D. B. 3 S. 213. Allgemeine Hannoversche Biographie III (1916) S. 249.
67) 1754 - 1800. A. D. B. 7 S. 189.
68) 1729 - 1798. A. D. B. 7 S. 172.
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Rostock, den 4ten Februar 1800 69 ).

Sehr wertgeschätzter Freund!

In diesem Augenblick habe ich Ihren Brief erhalten, und ich eile, ihn mit der rückgehenden Post zu beantworten. Ich wünsche, daß Sie überzeugt seyn mögen, daß die Greifswalder Angelegenheit in Ansehung Ihrer mir nicht gleichgültig gewesen ist. Ich schätze Sie und Ihre Freundschaft und habe mir das Glück gewünscht, Sie hier in der Nähe zu haben. Zu dem Ende war ich so thätig für Sie, als es mir möglich war. Diese Möglichkeit erstreckte sich aber nicht weiter, als Sie dem Generalsuperintendent Schlegel, einem fast etwas simpeln Mann, der aber zugleich ein Mann von großer Herzensgüte ist und der mich in seine Affection genommen hat, als einen braven Mann und so zu schildern, als ich Sie kenne. Noch ehe ich Ihren Brief erhielt, ging ich, jedoch mit der gehörigen Delicatesse, um Sie nicht zu compromittiren, soweit, daß ich, als verstehe es sich von selbst, merken ließ, daß Sie nicht schwierig seyn würden, sich der allgemein geltenden Regel von Erkenntlichkeit zu unterwerfen. Ich habe zwey Briefe deshalb erhalten, von welchen ich einen noch gefunden, den andern aber verlegt habe. Man hat den Canzler aus Göttingen gewählt, und Sie werden den Grund, weshalb Sie nicht gewählt worden sind, aus beyliegendem Briefe ersehen und das Gerücht bestätigt finden, das schon damals, als ich noch in Halle war, davon verlautete.

Was Ihre Bitte betrifft, keinem meiner Hallischen Freunde ein Wort von Ihrem Briefe oder dieser ganzen Sache zu schreiben, so können Sie mir wohl die Überlegung zutrauen, die mich finden lassen muß, daß diese Mittheilungen Ihnen unangenehm seyn würden. Ich habe niemandem etwas davon geschrieben. Indessen will ich soviel zu Ihrer Nachricht sagen. Voigtel erwähnt in seinem letzten Briefe Ihre Bemühungen um das Königliche Collegium. Voigtel ist ein sehr braver Mann und mein herzlichster Freund, den ich so lieb habe, wie Sie nur immer Ihrem Freunde Lafontaine zugethan seyn können. Ihm begegnete aber das Menschliche, in seinem Briefe etwas unwillig gegen Sie zu thun. In einem Briefe an ihn, der schon geschlossen und versiegelt, mit diesem zugleich und beynahe diesen Augenblick abzugehen


69) Das Original des Briefes befindet sich in der Kestnerschen Sammlung der Leipziger Universitätsbibliothek.
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bereit liegt, mache ich ihm deshalb freundschaftliche Vorwürfe und sage ihm, daß ich im Gegentheil mich herzlich freue, daß Sie reussirt haben, da es keine Kleinigkeit ist, Weib und Kind mit Schriftstellerey zu erhalten und daß Sie ein braver Mann sind, dem ich dieses Glück gönne. Bey dieser Gelegenheit schreibe ich ihm, daß ich es lieber gesehen hätte, wenn Sie nach Greifswald gekommen wären und daß ich selbst mir darum Mühe gegeben habe, daß aber nichts daraus wurde, weil Sie in Ihrer Fortsetzung der Stöverschen Arbeit den Carl XII. gelästert haben. Ich bin zu faul, den Brief wieder aufzubrechen, und kann nicht den geringsten Grund bemerken, warum Ihnen diese Bemerkung nicht gleichgültig seyn sollte. Also mag es dabey bleiben.

Und nun, mein theuerster Freund, will ich Sie noch von meiner herzlichen Theilnahme an Ihrem Glück versichern. Möge es bald besser kommen!

Die Prof[essorin] Förster mit ihrer Demoiselle Tochter wohnt wahrscheinlich jetzt mit Ihnen unter einem Dach, und Sie schreiben mir kein Wort davon?

Mit den 140 + 20 Rthlrn., die Sie erhalten haben, ist auch die Verpflichtung, für die Nachwelt zu sorgen, größer geworden. Bey dem einen Kinde kann es nun nicht bleiben. Erst heißt es "Seyd fruchtbar und mehret euch" und dann heißt es ferner: "Herrschet über die Fische im Meer etc." Mit Ihrer Thätigkeit im Ehestande wird sich der Segen des Herrn vergrößern.

Grüßen Sie Ihre liebe Frau und behalten auch lieb Ihren treuen Freund

Beck.     

 

2.

Viktor Aimé Huber (1800 - 1869).

Nur wenige Jahre hat Viktor Aimé Huber der Universität Rostock angehört. Aber er hat treu und fleißig seines Lehramts gewaltet und in seinen Studien den Grund gelegt zu der späteren allgemein ihm entgegengetragenen Anerkennung; auch das geistige Leben des Landes, dem er für kurze Zeit angehörte, hat Vorteil von ihm gehabt.

Viktor Aimé Huber ist der Sohn von Therese Heyne, der Tochter des Göttinger Philologen, aus deren zweiter Ehe mit Ludwig Ferdinand Huber, den sie nach dem im Januar 1794

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erfolgten Tode ihres ersten Gatten Georg Forster heiratete 70 ). Sein Vater Ludwig Ferdinand Huber 71 ), der, in Paris geboren, als politischer und belletristischer Schriftsteller bekannt geworden war, starb im Dezember 1804 in Dresden; sein Großvater Michael Huber 72 ), geboren 1727 in Frankenhausen in Niederbayern, von 1742 - 1766 in Paris lebend, mit einer Französin verheiratet, war seit 1766 mit einem aus der kurfürstlichen Schatulle bezahlten Gehalt als Lektor der französischen Sprache an der Universität Leipzig tätig, wo er am 15. April 1804 starb.

Über V. A. Huber hat Rudolf Elvers im Jahre 1874 eine zweibändige Biographie veröffentlicht, die auf Briefen aufgebaut ist, die Huber an seinen Schwiegervater Klugkist in Bremen gerichtet hat. Es sind indes auch sonst auf den Bibliotheken von Berlin und Stuttgart Hubersche Briefe vorhanden, die noch nicht bekannt und auch nicht zu seiner Charakteristik verwandt worden sind. Sofern sie aus der Rostocker Zeit stammen, werden sie nachstehend mitgeteilt, um im Zusammenhange mit Elvers' Ausführungen zur Darstellung seines Aufenthalts in Rostock beizutragen. In Hofwyl von Fellenberg erzogen, der ein Freund seines Vaters war, und zu dem er gebracht wurde, als er, noch nicht fünfjährig, den Vater verlor und seine Mutter bei Verwandten in der Umgebung von Ulm auf dem Lande eine Zuflucht gefunden hatte, kam er 1816 nach Göttingen, wo er Medizin studierte und im Hause seiner Stiefgroßmutter Heyne wohnte. Im Sommer 1820 in Würzburg zum Doktor der Medizin promoviert, begab er sich im Frühjahr 1821 auf Reisen, angeblich um seine medizinische Bildung zu vervollständigen, beschäftigte sich aber in Paris, Spanien, Portugal, Edinburg, London vorzugsweise, wenn nicht ausschließlich mit Kunst und Literatur. Im Sommer 1824 nach Deutschland zurückgekehrt, lebte er zeitweise in Göttingen, Augsburg und München, sich geschichtlichen und sprachlichen Studien widmend, und nahm im Herbste 1828 eine Stelle als Lehrer der Geschichte der neueren Sprachen an der Handelsschule in Bremen an. Er hatte sich mittlerweile dafür entschieden, Universitätslehrer zu werden und betrachtete das Bremer Lehramt lediglich als eine Zwischenstation 73 ). Berufun-


70) Therese Huber, (1764 - 1829), A. D. B. 13 S. 240.
71) 1764 - 1804. A. D. B. 13 S. 236.
72) A. D. B. 13 S. 246.
73) Elvers a. a. O. 2 S. 20.
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gen als Oberbibliothekar an einer größeren Bibliothek und als Redakteur einer hannöverschen Zeitung lehnte er ab, folgte dagegen einem gegen Ende des Jahres 1832 an ihn ergehenden Ruf als ordentlicher Professor der Geschichte und der abendländischen Sprachen in Rostock. Zu Ostern 1833 traf er dort ein, nachdem er schon zwischen Weihnachten 1832 und Neujahr 1833 eine in damaliger Zeit beschwerliche Reise nach Rostock unternommen hatte, um eine Wohnung zu mieten. Diese Winterreise auf den unbequemen Mecklenburger Postwagen erweckten in ihm die Vorstellung, daß fortan der persönliche Verkehr mit der übrigen Welt nur mit großen Opfern möglich sein werde, und ein im Postwagen geführtes Gespräch ließ das Vorurteil entstehen, daß der Glanz, den der zukünftige Wohnsitz auch nur in nächster Nähe um sich verbreite, sehr gering sei. Zwar fand er hernach in Rostock und Mecklenburg manches, was ihm anziehend und sympathisch war 74 ), doch gewinnt man den Eindruck, daß er nie recht warm dort wurde und, im völligen Gegensatz zu vielen anderen jüngeren Gelehrten, die mit größter Freude und Genugtuung an ihre Rostocker Jahre zurückdenken, froh war, die mecklenburgische Landesuniversität wieder verlassen zu können.

Zunächst befriedigte ihn die religiöse Auffassung der Kreise, zu denen er sich gesellte. Hubers Großvater und Vater gehörten der katholischen Kirche an, Viktor Aimé dagegen neigte dem Protestantismus zu. Besonders in Bremen nach seiner Verlobung mit Auguste Klugkist gewann er Einblick in das tägliche Leben eines von einfacher Frömmigkeit getragenen Hauses. Zu einem Konfessionswechsel konnte er sich jedoch längere Zeit nicht entschließen und war auch zweifelhaft, welcher der beiden protestantischen Schwesterkirchen er den Vorzug geben sollte. Schließlich vollzog er am 15. Oktober 1829 bei dem Pastor Fr. Ad. Krummacher 75 ) den Übertritt zur reformierten Kirche. Gerade war in Mecklenburg seit der zweiten Hälfte der 20er Jahre das kirchlich-religiöse Leben stärker erwacht. Mitglieder der Rostocker Justizkanzlei, Gutsbesitzer, Offiziere u. a. bekannten sich als gläubige Christen, freilich nicht ohne von einer Gegenströmung als "Pietisten" verschrien zu werden. Insbesondere hatte die von Friederike


74) Elvers a. a. O. 2 S. 21.
75) Ebd. 1 S. 345 - 346.
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Drümmer gegründete Erziehungsanstalt für junge Mädchen unter Angriffen zu leiden. Viktor Aimé, angeregt durch seine einstigen Göttinger Universitätsfreunde Elvers 76 ) und Spitta 77 ), die er als Universitätskollegen wiederfand und die bei seiner Berufung nach Rostock eifrig mitgewirkt hatten, schloß sich diesen Kreisen an. Zwar von einem gewissen Konventikelwesen, das sich breit machen wollte, hielt er sich fern, aber er übernahm an der Drümmerschen Anstalt einige Unterrichtsstunden und wurde als Berater, Vermittler und Mahner dem um jenes Institut sich bildenden Kreise von Wert. Auch bei Maßregeln zur Abhilfe sozialer Mißstände war er tätig; die erste Kleinkinderbewahranstalt in Rostock entsprang seiner Initiative 78 ).

An der Geselligkeit in Rostock, die für viele der dortigen Professoren einen nicht zu leugnenden Reiz hatte, fand er kein Gefallen. Er kaufte sich nach Jahresfrist mit Hilfe seines Schwiegervaters ein Haus in der Kleinen Mönchenstraße und hoffte sich dadurch zum längeren Verweilen an der kleinen Universität bewogen zu fühlen. Doch an Festlichkeiten, wie sie damals noch vorgekommen sein sollen, "die von Mittags bis zum hellen Morgen dauerten" und an der überreichen "obotritischen Küche" fand er keinen Geschmack. Sein Freundeskreis bestand wesentlich in den schon genannten Kollegen, dem Justizrat von Oertzen, Major von Stein, dem Professor der Technologie Becker und dessen Gattin, einer Tochter des Botanikers Link, und namentlich der Frau von Gadow, geborenen von Preen, die auf ihrem zwei Meilen von Rostock entfernten Gute Groß-Potrems wohnte und einen großen Einfluß auf die gläubigen Christen der Umgegend ausübte. Nicht weniger fesselte ihn das Seebad Warnemünde, wo er mehrmals einen längeren Sommeraufenthalt nahm 79 ).

Der Hochschule, deren Frequenz gering war, begegnete er nicht mit der Freude, die man hätte erwarten dürfen. Unzufrieden meldete er am 1 8. Mai 1833 dem Schwiegervater, daß die Zahl aller Studierenden im laufenden Semester nur 50 bis 60 betrage und die literarischen Studien bisher so vernachlässigt seien, daß das Interesse für sie geradezu erst ge-


76) Christian Friedrich E. (1777 - 1858), von 1828 - 41 Professor in Rostock. A. D. B. 6 S. 75.
77) Heinrich S. (1799 - 1860). A. D. B. 35 S. 204.
78) Elvers a. a. O. 2 S. 25.
79) Ebd. S. 42, 43.
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schaffen werden müsse 80 ). Und gegen das Ende des Jahres, am 13. Dezember 1833, heißt es: "Unser Universitätsleben geht seinen schläfrigen Gang. Mein Publikum über altdeutsche Poesie hat indessen mehr Interesse gefunden, als ich erwartete, und ich habe ein volles Auditorium, was mir um des Gegenstandes willen besonders lieb ist. Es ist doch immer ein Beweis, daß noch etwas zu machen wäre, wenn sich nur einige Gleichgesinnte fänden. Aber (abgesehen von den Anderen) die philosophische Fakultät liegt wirklich gar zu sehr im Argen, und wenn es irgend mit dem Geiste der Jugend besser werden sollte, so muß bei den Lehern angefangen werden" 81 ). Also auch mit seinen Kollegen war er nicht zufrieden. Nur ein außerordentlicher Professor Schmidt, "ein sehr tüchtiger geistreicher und selbständiger junger Mann" fand Gnade vor seinen Augen. Zwei Jahre später, am 6. Dezember 1835, sprach er sogar über die Haltung des derzeitigen Rektors sein Mißfallen aus: "Der jetzige Rector, der noch dazu unser Nachbar ist, bietet in seinen Privatverhältnissen die ärgerlichsten und die ganze Stadt erfüllenden Skandalosa dar. Die Schimpfereien in seinem Hause hatten am letzten Sonntag Morgen einen großen Auflauf auf der Straße herbeigeführt. Und ein solcher Gesell ist unser Haupt und soll Zucht und Ehrbarkeit unter unserer Jugend handhaben" 82 ).

Seine Vorlesungen betrafen nach den Lektionskatalogen neuere Geschichte, Literaturgeschichte und Privatissima über neuere Sprachen. Einzelne Vorlesungen fanden eine für die damaligen Zeiten sehr große Teilnahme, so die über die Geschichte der Reformation. Bei anderen haperte es. Im Sommer 1835 schreibt er: "Wenn ich Ihnen seither von meinen Vorlesungen nichts geschrieben habe, so hat das seinen sehr guten Grund darin, daß ich keine zu Stande gebracht habe. Vier Stunden Englisch mit 3 bis 4 Scholaren, eigentlich privatissime, nur daß nichts dafür bezahlt wird, sind kaum zu rechnen." Er hatte Geschichte Europas vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Westfälischen Frieden und Geschichte der Poesie der romanischen Völker angekündigt, jedoch kein Zuhörer wollte sich finden. Überhaupt brachte er weder im Wintersemester 1834/35 noch im Sommersemester 1835 eine


80) Elvers, S. 35.
81) Ebd. S. 35.
82) Ebd. S. 39.
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historische oder literarhistorische Vorlesung zustande, mit Ausnahme des Zwangskollegs über mecklenburgische Geschichte. Er fand immerhin ein Gutes darin, daß der "alberne Brod- oder Honorar- oder Zuhörerneid, wie er z. B. in Göttingen blühte," wegfiel. Aber es ist doch Verzweiflung darin, wenn er ausruft: "Keine Zuhörer haben, ist die Regel, und es gilt, als sei es so in der Ordnung" 83 ). Und in dem schon erwähnten Briefe vom 6. Dezember 1835 heißt es: "Daß ich nur ein englisches Collegium zu vier Stunden wöchentlich zu Stande gebracht habe, kann mich um so weniger befremden, da die nothwendigen Brotfächer theils gar nicht, theils nur mit sieben bis zehn Zuhörern zu Stande kamen. Das ist um so trauriger, als die Zahl der Studenten zugenommen hat und über hundert beträgt" 84 ). Nur der junge Philosoph Schmidt erfreute sich eines größeren Zulaufs. Er konnte einen Kreis von einigen 30 Jüngern um sich scharen, "und das philophirt kreuz und quer."

Im übrigen drückte Huber die Enge der Verhältnisse. Die aus Stiftungsmitteln verfügbaren Summen konnten selbstverständlich nicht allen von den Professoren erhobenen Forderungen genügen. So war die Bibliothek nicht groß und konnte Huber, der für seine Studien ausländischer Literatur bedurfte, nicht genügen. Diesem Umstande verdankt der im Folgenden abgedruckte Brief an Professor Wilhelm Grimm in Göttingen vom 15. Mai 1833 seine Entstehung. Huber kannte Jakob und Wilhelm Grimm von seiner Göttinger Studienzeit her und schätzte sie hoch. Als sie 1837 zu den berühmten "Göttinger Sieben" gehörten, die die Universität verlassen mußten, hatte Huber das größte Verständnis für ihre Haltung und bemühte sich bei gelegentlichem Aufenthalte in Berlin vergeblich, für sie eine neue Anstellung zu finden. In einem Briefe aus Berlin vom 13. April 1838 heißt es u. a.: "Ternite hatte die Courage, mit Müffling über die Grimms zu sprechen und ihn an mich zu verweisen ... , ich habe mich begnügen müssen, ihm eine lange Epistel zu schreiben. Mit Böckh habe ich auch darüber gesprochen; aber der hat wenig Muth, und wie gesagt, ich hoffe für Grimms gar nichts - um so weniger, da Jacob Grimm auch etwas über die Göttinger Angelegenheit schreiben wird 85 ). Später urteilte Huber merkwürdig scharf über die beiden berühmten Brüder. Am 26. Februar 1840 schreibt er:


83) Elvers, S. 37.
84) Ebd. S. 38.
85) Ebd. S. 76.
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"Grimms sind doch gar zu einseitig und in mancher Hinsicht, möchte ich sagen, beschränkt, ohne damit eigentlich einen Tadel aussprechen zu wollen. Im Gegentheil hat es in Verbindung mit so vielem Bedeutenden und Guten etwas Ehrwürdiges und Rührendes. So ist z. B. ihre politische Einseitigkeit geradezu Unschuld, besonders bei Jacob, der wirklich in der kindlichsten Unschuld die tollsten liberalen Deraisonnements vorbringen kann, die eigentlich in ihrer wahren Bedeutung und in ihrem Zusammenhange ganz gegen seine Natur und Meinung sein würden. Schade ist es, daß er doch vom Christenthum keine Ader hat, - und seltsam, daß er eigentlich auch keinen rechten Sinn für Poesie hat, selbst nicht für den poetischen Werth der Dinge, mit denen er sich sein Leben lang beschäftigt hat, - jedoch mit Ausnahmen. Nach anderen Dingen frägt er gar nichts - höchstens etwa nach Shakespeare. Wilhelm ist viel empfänglicher, vielseitiger. Aber dennoch Eins in's Andere sind sie und die Frau doch eben gar liebe Leute und wahrhaft anhänglich an die, welche sich in dieser Zeit bewährt haben" 86 ). Mit Wilhelm Grimm blieb Huber auch in dauernder Beziehung, und außer den beiden im Folgenden mitgeteilten Briefen aus den Rostocker Jahren, sind noch andere unveröffentlichte vorhanden.

Rostock, 15. 5. 33 87 ).

Geehrter Herr und Freund.

Sie haben auf eine frühere Anfrage so gütig geantwortet, daß ich es wage, mich auch jetzt noch einmal an Sie zu wenden, um so mehr, da diesmal eher eine Ihnen selbst werthe Sache, als ich, in Betracht kömmt. Aus Respekt vor Ihrer Zeit gehe ich sogleich zur Sache. Ich lese Geschichte der Litteratur, wobei ich unsrer ältern deutschen Poesie nach bestem Vermögen ihren gebührenden Platz zu geben suche - beiläufig gesagt, handelt es sich dabei, wie Sie leicht denken werden, um das discendo discimus für mich, da ich zwar einige der Hauptgedichte aus der Zeit schon lange einzeln kenne und liebe, aber noch nie Gelegenheit hatte, mir den historischen Zusammenhang usw. deutlich zu machen. - Bei diesem Bemühen nun steht mir der klägliche Mangel auch an den nothwendigsten Hülfsmitteln auf hiesiger Bibliothek im Wege, da sich nie Jemand für die Sache inter-


86) Elvers, S. 100.
87) Original in der Preuß. Staatsbibliothek zu Berlin.
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essirt hat. Ich habe nun zwar über eine geringe Summe jährlich zu verfügen, die ich z. Theil diesem Zweige zuwenden werde; da dies aber immer nur sehr wenig sein kann, so habe ich es erlangt, daß von dem sog. Completirungsfond etwa 40 Thaler auf einem Brett hergegeben werden, um einen Anfang zu machen. Je weniger das ist, desto mehr kömmt es drauf an, das Wichtigste auszusuchen, und da ich hierin keines Menschen Rath so hoch achte als den Ihrigen - meiner eigenen Weisheit gar nicht zu gedenken, so geht meine Bitte dahin, daß Sie mir nur auf einem Zettel, mit möglichstem Zeitverlust, die Werke aufzeichnen, die Sie in ähnlichem Falle, d. h. mit 40 Thl., und wo noch nichts vorhanden ist als das Nibelungenlied, anschaffen würden. Zunächst kommt es wohl darauf an, die Sachen selbst, die Gedichte, so weit sie herausgegeben sind, zu haben - d. h. die bedeutendsten. Fürchtete ich nicht, Ihre Geduld zu misbrauchen, so hätte ich freilich noch manches auf dem Herzen, z. B. meinen herzlichen Dank für die Deutsche Heldensage, die mich in meinem frühern Abscheu vor dem Moneschen historisch-mythologischen Unsinn so wohlthätig bestärkt hat.

Mit nochmaliger Entschuldigung und aufrichtiger Hochachtung

E. Wohlgeborn            
ergebenster        
V. A. Huber.    

Noch eine Frage: wo, wann und von wem ist das Lied von Gudrun herausgegeben?

Mittlerweile hatte Huber begonnen, sich mit dem Studium der mecklenburgischen Geschichte zu beschäftigen. In einem Briefe vom 15. Februar 1835 schreibt er: "Ich sitze jetzt mitten in den Quellensammlungen der deutschen und nordischen Geschichte. Mein nächster Zweck ist zwar mecklenburgische Geschichte", und einige Monate später, am 29. Juli: "Nachdem ich die mecklenburgische Geschichte einigermaßen bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts perlustrirt und eine Zeit lang gemeint habe, ich könnte die ältesten Zeiten, die slavica, deren Dunkelheit mir fast unüberwindlich schien, auf sich beruhen lassen, bin ich doch wieder darauf zurückgekommen" 88 ).


88) Elvers, a. a. O. S. 25, 26.
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Im zweiten Jahre seines Rostocker Aufenthalts begründete er die Mecklenburgischen Blätter, einerseits in der Hoffnung, Einfluß auf das geistige Leben auszuüben, andererseits mit dem praktischen Nebenzweck, für die von ihm eröffnete Kleinkinderbewahranstalt einige Mittel zu gewinnen. Die Mecklenburgischen Blätter erschienen 1834 mit 14tägigen Zwischenräumen, Nr. 1 - 9; und 1835, Nr. 10 - 26; sie behandelten in gemeinfaßlicher Weise Geschichte, Literatur, Kunst, Völkerkunde und Politik, vornehmlich vom lokalen Gesichtspunkte aus 89 ). Das Vorwort forderte die Mitarbeiter zur Verwertung des reichen und mannigfaltigen Stoffes auf, den die Vergangenheit Mecklenburgs biete. Leider hatte die Zeitschrift kein langes Leben. Sie teilte das Schicksal einer vor Jahren unter dem gleichen Titel begonnenen periodischen Unternehmung, die es nur auf 12 Stücke in den Jahren 1817 und 1818 brachte und dann wieder einging. Pekuniär entwickelte sie sich nicht ungünstig, aber die Mitarbeiter stellten sich nicht in der erwarteten Menge ein, die Zensur machte Schwierigkeiten. So durfte Huber nicht die in Rostock im Volksunterricht herrschenden Zustände erörtern. Mißmutig bemerkt er in seinem Schlußwort, daß äußerer Zwang und ein Gefühl herzlichen Ekels ihm den Mund darüber verschlösse, welchen Schwierigkeiten und Hindernissen sein Unternehmen habe erliegen müssen.

Der Rechte der Universität nahm sich Huber mit lebhaftem Interesse an. Die Hochschule besaß eine große Selbständigkeit, insofern ihr Vermögen durch ihre eigenen Organe nach den Beschlüssen des Konzils verwaltet wurde. Es war jedoch eine den Universitäten ungünstige Zeit. Die Beschlüsse des Bundestages hatten die mecklenburgische Regierung veranlaßt, einen Regierungskommissar einzusetzen, dessen Ernennung störend empfunden wurde, weil er in den überkommenen Organismus nicht recht hineinpaßte. Infolge mehrfacher dadurch entstandener Reibungen entzog eine großherzogliche Verordnung vom 17. Juni 1834 der Universität die Verwaltung ihres Vermögens und unterstellte diese einer unter dem Vorsitz des Regierungsbevollmächtigten gebildeten besonderen Kommission. Wohl lehnten sich Rektor und Konzil hiergegen auf, indes ihre Eingabe vom 18. August 1834, an deren Ausarbeitung Huber einen wesentlichen Anteil hatte, blieb ohne Erfolg, und die


89) Fr. Bachmann, Die landeskundliche Literatur über die Großherzogtümer Mecklenburg. Güstrow 1889. S. 39.
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Verstimmung nahm zu. Bei der üblichen Audienz, die der Großherzog Friedrich Franz I. in Doberan Rektor und Dekanen zu gewähren pflegte, trat sie in mißverständlicher Weise hervor. Der Großherzog rügte nämlich in seiner Ansprache, daß die Professoren nicht mehr Staatsbürger sein wollten, während in der Eingabe nur gestanden hatte, daß sie keine Staatsdiener seien, sondern Glieder einer selbständigen Korporation 90 ). Huber ließ damals (1834) im Verlage von Hoffmann & Campe eine Schrift unter dem Titel "Einige Zweifel und Bemerkungen gegen einige Ansichten über die teutschen Universitäten, deren Verfall und Reform" erscheinen, worin er namentlich auch den Beschränkungen der korporativen Selbständigkeit der Universitäten entgegentrat 91 ).

Mit dem damaligen Vizekanzler von Both, der sicher nur das Beste der Universität im Auge hatte, stand Huber durchaus freundschaftlich, aber gerade weil er sich nicht verhehlen mochte, daß auf Seiten der Universitäts-Verwaltung manches nicht in Ordnung gewesen war, ergriff ihn Ungeduld. Unmutig schrieb er am 15. Februar 1835: "Ich meines Orts gestehe, daß, da fortan nur von Convenienz, von Willkür und dem leidigen allgemeinen guten Willen Einzelner oder eines Einzelnen die Rede ist, mein Interesse für die Universität als solche todt ist. Wenn die Sache als Ganzes entschieden, das Spiel verloren ist, so scheint es mir kindisch und unwürdig, noch um untergeordneter Details willen zu krakehlen, Unrecht sogar, ein neues System, was man nicht mehr abwenden kann und was am Ende auch seine guten Seiten hat, wenn es sich normal entwickeln kann, durch hoffnungslosen Widerspruch zu stören oder zu erschweren" 92 ).

So zeigte sich Huber durchaus nicht als starrer Doktrinär, sondern nachgiebig und versöhnlich. Den Universitäten und ihrer geschichtlichen Entwicklung hat er Zeit seines Lebens sein Interesse bewahrt. Besonders hatten die Universitäten Englands es ihm angetan. Auf seinen früheren Reisen hatte er 1824 Oxford besucht, und die damals davongetragenen Eindrücke waren so lebhaft, daß er zehn Jahre später, 1834, in den Mecklenburgischen Blättern einen eingehenden Aufsatz "Blicke auf die englischen Universitäten" veröffentlichte 93 ).


90) Elvers, a. a. O. S. 33.
91) Ebd. S. 28.
92) Ebd. S. 34.
93) Ebd. S. 55.
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Diesem Umstande verdankt der nachstehende Brief vom 4. Dezember 1835 an Professor Meier in Halle seine Entstehung. Moritz Hermann Eduard Meier 94 ) war 1819 in Halle Privatdozent geworden und im folgenden Jahre als außerordentlicher Professor der Altertumswissenschaft und klassischen Philologie nach Greifswald berufen. Nach dem Rücktritt des Hofrats Seidler eröffnete sich ihm in Halle das Ordinariat, und er siedelte 1825 dorthin zurück. Einer reichen literarischen Tätigkeit obliegend, war er seit 1828 Mitredakteur der "Allgemeinen Literaturzeitung" und bearbeitete seit 1830, zuerst in Gemeinschaft mit Kämtz, seit 1842 allein die dritte Sektion der Ersch- und Gruberschen Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste. Dabei hatte er sich offenbar nach Mitarbeitern umgesehen und war auf Huber wegen der englischen Universitäten geraten.

Rostock, 4. 11. 35 95 ).

Ew. Hochwohlgeborn

habe ich die Ehre auf deren geneigte Zuschrift vom 29. Okt. zu erwidern, daß ich zwar im Ganzen nicht abgeneigt bin, an der Bearbeitung der bezeichneten Abtheilung der Ersch-Gruberschen Encyclopädie Theil zu nehmen, auch den bezeichneten Artikel Oxford zu liefern. Indessen muß ich bemerken, daß ich zu einem Artikel der Art schwerlich Zeit finden würde, wohl aber für mehre - oder, wenn Sie wollen, daß es mir nicht der Mühe verlohnt um einer aus meinem Wege liegenden Arbeit der Art den Lauf meiner vorliegenden Arbeiten zu unterbrechen, während ich dagegen wohl meine Arbeitspläne für die nächste Zeit im Ganzen abändern könnte, um einer Reihe von so1chen Arbeiten Raum zu geben. Dabei käme es nun aber wieder ganz darauf an, welcher Art diese Artikel wären und ob ich Lust, Beruf und Mittel hätte, sie zu übernehmen. Darüber fehlen mir aber alle Data, und dürfte es am besten sein, Ew. Hochwohlgeborn theilten mir einige Artikel aus dem Gebiete der neuer Geschichte und Literatur mit, welche noch nicht vergeben sind, nebst Beifügung des einem jeden ungefähr zugestandenen Raums. Dann erst könnte ich bestimmt entscheiden, ob ich einige und welche passende für mich fände. Oxford würde dann zwar jedenfalls darunter sein kön-


94) 1796 - 1855. A. D. B. 21 S. 209.
95) Original auf der Preuß. Staatsbibliothek zu Berlin.
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nen, doch muß ich bemerken, daß ich auch dazu erst einige Hülfsmittel von auswärts herbeizuschaffen suchen müßte - indem der Aufsatz, dessen Sie erwähnen, das Resultat früher gesammelter Notizen ist, deren Quellen mir hier fehlen und die zumal hinsichtlich der Geschichte keinesweges ausreichen. Dann müßte ich vor allen Dingen auch wissen, in wie weit bei dieser Gelegenheit das Englische Universitätswesen im Allgemeinen hineingezogen werden kann; bis auf einen gewissen Punkt ist es unumgänglich nöthig, um die Bedeutung einer einzelnen Universität wie Oxford deutlich zu machen. Schließlich muß ich noch dringend ersuchen, bei der Stellung der Termine von der Überzeugung auszugehen, daß ich das Versprochene zur rechten Zeit liefern werde und daß es nicht nöthig ist, mir einen kürzern Termin zu setzen, um es im längsten zu erhalten. Ich sage dies, weil es mir nahmentlich mit der jetzigen Verlagshandlung der Encyclopädie so gegangen ist, daß Artikel binnen 8 Wochen gefordert wurden, die am Ende erst binnen Jahr und Tag nöthig waren. Ich habe leider die altmodige Gewohnheit, in solchen Dingen gewissenhaft zu sein, und muß eben deshalb das bekannte: "Bange machen gilt nicht" für mich in Anspruch nehmen. Jedenfalls aber müßte ich auch von Ihrer Seite auf baldige Antwort dringen, damit ich wisse, woran ich bin und meine Anstalten, zunächst für Oxford treffen könne.

Ew. Hochwohlgeborn            
ergebenster        
V. A. Huber.    

Zur Ausführung der in diesem Briefe geäußerten Pläne ist es nicht gekommen. Der Aufsatz über Oxford ist allerdings bei Ersch und Gruber zu finden 96 ). Das Material, das Huber sammelte, wuchs ihm derart unter den Händen, daß er vorzog, es nicht in einzelnen Artikeln zu verkrümeln, sondern im Zusammenhange zu einem Buche zu verarbeiten. Am 23. November 1837 schrieb er an Professor Meier: "Hat man einen Gegenstand einmal angefaßt, so will er durchgearbeitet und ausgeführt werden. Ich habe nun noch einige fehlende Materialien gewonnen, und so kann es ein opusculum von 15 Bogen werden, welches die Sache für's erste absolvirt" 97 ).


96) Band 8 S. 146 ff.
97) Elvers, a. a. O. S. 56.
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Es wurde jedoch mehr daraus. In den Jahren 1839 und 1840 erschien in zwei Bänden, 63 Bogen stark, das Buch "Die englischen Universitäten, eine Vorarbeit zur englischen Litteraturgeschichte." Dieses Buch fand große Anerkennung, wurde einige Jahre später, 1843, ins Englische übersetzt und verschaffte Huber rühmliches Ansehen 98 ). Damals war er indes schon lange nicht mehr in Rostock, sondern hatte seinen Weg über Marburg nach Berlin gemacht, wo er seit 1843 an der Universität wirkte.

Aber noch einen bemerkenswerten Brief von Huber aus seiner Rostocker Zeit können wir mitteilen. Das ist ein weiterer Brief an Wilhelm Grimm, vom 1. Dezember 1835, der Huber insofern besondere Ehre macht, als er sich darin für einen talentvollen jüngeren Kollegen, Hävernick, 99 ) verwandte. Dieser, am 29. Dezember 1811 zu Kröpelin in Mecklenburg, wo sein Vater Prediger war, geboren, war 1831 Lizentiat der Theologie und Doktor der Philosophie geworden und auf Empfehlung von Hengstenberg und Tholuck im folgenden Jahre nach Genf an die von der Société évangélique de Genève begründete Ecole de théologie berufen. Dort hatte er jedoch keinen rechten Boden gefunden. Er war in seine Heimat zurückgekehrt, wo er sich zu Michaelis 1834, unterstützt von der Erbgroßherzogin Auguste von Mecklenburg-Schwerin, in der Rostocker theologischen Fakultät habilitierte. Dieser Schritt war nicht ohne Bedenken von der Fakultät zugelassen worden, und Hävernick hatte einen schweren Stand.

Rostock, 1. 12. 35 100 ).

Wohlgeborner

Hochzuverehrender Herr Professor!

Indem ich mir erlaube, geehrter Herr, mich in einer etwas delikaten fremden Angelegenheit an Sie zu wenden, muß ich nicht blos überhaupt mein Vertrauen auf Ihre erprobte Nachsicht schärfen, sondern besonders auch bitten, daß aller Nachtheil, der aus einem solchen Schritt erwachsen dürfte, zumal in Ihrer guten Meinung, mich und nicht jenen dritten treffen möge, zu dessen Gunsten ich zu reden habe. In der


98) Elvers, a. a. O., S. 59. Den zweiten Teil seines Buches widmete Huber dem Kronprinzen von Preußen.
99) Heinrich Andreas Christoph H. (1811 - 1845). A. D. B. 11 S. 118.
100) Original auf der Preuß. Staatsbibliothek zu Berlin.
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That ist es die Hoffnung, daß jedenfalls diesem kein Nachtheil erwachsen könne, allein, welche mich bestimmt, mich an Sie zu wenden. Ob Sie in der Sache etwas thun können oder wollen, kann ich durchaus nicht mit Bestimmtheit angeben - jedenfalls, hoff ich, ist dabei nichts gewagt. Die Sache ist aber diese.

Wir haben hier seit etwa einem Jahr als Privatdocenten der theologischen Fakultät einen jungen sehr tüchtigen Mann, Lic. Hävernick, dem damals von einer sonst sehr einflußreichen Seite her sehr bestimmte Hoffnungen einer Anstellung und (wenn auch anfangs geringen) Besoldung gemacht wurde[n], wodurch er sich bewegen ließ, anderweitige, günstige Verhältnisse und Aussichten aufzugeben, und nach seinem Vaterland zurückzukehren. Jene Hoffnungen sind nun, und ich darf mit gutem Gewissen sagen, durch Umstände und Einflüsse, die ihm nur zur Ehre gereichen, zerstört worden, und er ist genöthigt sich anderweitig nach einer Stellung umzusehen, da er als bloser Privatdocent hier keine Aussicht hat, sich auch nur den nothdürftigsten Unterhalt zu erwerben. Daran ist nicht nur die geringe Anzahl der Studirenden Schuld, sondern eben auch jene Einflüsse, die seiner Beförderung im Wege stehen und die ich am kürzesten als "rationalistische und todtorthodoxkirchliche Feindschaft gegen das lebendige evangelische Christenthum" bezeichnen kann. Eine traurige, eckelhafte Mischung, welche zumal in der hiesigen theolog. Fakultät vorherrscht und das ganze Land seit so langen Jahren mit Todtengebeinen anfüllt, die man eben um jeden Preis vor dem Hauch eines neuen Lebens bewahren will, der von jüngern, auswärts gebildeten Männern ausgehen könnte. Nun hat mein Freund Hävernick erfahren, daß in Marburg eine theologische Professur erledigt ist, und zwar eine exegetische, welches grade sein Hauptfach ist. Sein dringender Wunsch wäre nun, unter irgend annehmbaren Bedingungen dort eine Anstellung zu finden. Er bat mich, deshalb an S. Excellenz den Herrn Minister von Hassenpflug zu schreiben, indem er irriger Weise glaubte, daß ich in einem solchen Verhältniß zu demselben stehe, wodurch dies ihm nützen könnte. Da ich eine solche Verwendung von meiner Seite als ganz unpassend und unbefugt ablehnen mußte, fiel mir ein, ob nicht vielleicht durch Sie bei Gelegenheit etwas zu Hävernicks Gunsten bei Ihrem Schwager geschehen könnte. Dies die Veranlassung meines Schreibens.

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Hävernicks Ruf in der theologischen Welt kann für einen so jungen Mann gewiß ein sehr bedeutender genannt werden. Sein Commentar über das Buch Daniel (1832) ist von allen Seiten, sogar von Gegnern seiner religiösen Ansicht, anerkannt, auch schon ins Englische übersetzt worden. Auch seine zahlreichen Beiträge zu Tholucks litter. Anzeiger, sowie zu der Berl. Evangel. Kirchenzeitung sollen sehr gediegen sein. Binnen wenig Wochen wird von ihm eine Einleitung in das alte Testament erscheinen, welche er selbst für eine viel gereiftere Frucht hält und auf die er sich bes. berufen zu können glaubt. Inwieweit nun diese Leistungen Berücksichtigung in diesem Fall verdienen mögen, muß ich natürlich Andern zu entscheiden überlassen. Für den Charakter des Verf. aber, seinen aufrichtigen, lebendigen Eifer für sein Fach und für dessen höhere Bedeutung zumal - für die Sache des Christenthums kann ich das bestimmteste günstigste Zeugnis ablegen. Noch muß ich hinzusetzen, daß die Gefahren, welche wohl früher aus zu jugendlicher Schärfe und Heftigkeit entspringen konnten, durch die Milde und Besonnenheit, welche als Frucht früher Erfahrungen in einem frommen und kindlichen Gemüthe nicht ausbleiben konnten, völlig beseitigt worden sind. Wenigstens hat er hier unter sehr schwierigen Verhältnissen nie Anlaß zu einem irgend gegründeten Tadel gegeben. Ich halte es für meine Pflicht, dies hier bestimmt auszusprechen, da sein Nahme in den Halleschen Streitigkeiten vor einigen Jahren von Böswilligen auf eine Weise verflochten und genannt wurde, die ihm vielleicht auch jetzt noch schaden könnte, wenn sie von eben jener Seite wieder angeregt und aufgewärmt werden sollte.

Ob Sie nun, werther Herr, überall in solchen Angelegenheiten bei Ihrem Herrn Schwager Etwas zu wirken Lust oder Gelegenheit haben - ob Sie es hier können oder mögen würden - darüber bin ich, wie gesagt, ganz und gar im Dunkeln. Ich selbst kann mich nur durch meinen dringenden Wunsch entschuldigen, einem tüchtigen jungen Mann zu helfen und zugleich die Sache zu fördern, und durch meine Überzeugung, daß Sie jedenfalls einen solchen Beweggrund verstehen werden.

Daß der Umstand, daß es sich grade um Marburg handelt, bei mir eine eigne Bedeutung hat, kann ich nicht läugnen. Es ist nun grade ein Jahr, daß Ihr Herr Schwager mich mit einem Ruf dorthin erfreute und beehrte, den

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anzunehmen so viele Gründe und Wünsche mich drängten, den ich aber aus andern Gründen, die mir überwiegend schienen, ablehnen zu müssen glaubte. Ob in Folge jener Verhandlungen, die bei mir ein bleibendes Gefühl der Achtung und des Vertrauens gegen Ihren Herrn Schwager begründet haben, mein Nahme einen guten oder irgend einen Klang bei ihm behalten hat, und ob und wie er zu Gunsten H.'s genannt werden kann, muß ich lediglich Ihrem gütigen Ermessen anheimstellen. Leider haben die seit einem Jahr in den Verhältnissen der Universität eingetretenen Veränderungen aller Art mir oft Gelegenheit gegeben zu bereuen, daß ich jenen Ruf nicht annahm. Damals war noch die Möglichkeit vorhanden, daß Alles sich günstig entscheiden konnte, was seitdem gegen uns entschieden worden ist; eben jene Möglichkeit aber machte es mir zur Pflicht, hier zu bleiben, bis die Entscheidung eingetreten. Doch das ist vorbei, und ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie damit belästige. Jedenfalls kann ich es nun Hävernick oder jedem meiner Collegen um so weniger verdenken, wenn er sich nach einer andern Stellung umsieht, und ihm gönne ich am liebsten, was ich damals verscherzte. Doch Basta und rebasta.

Mit herzlichster Achtung ergebenst
der Ihrige     
V. A. Huber.

Ihrem Herrn Bruder bitte ich mich bestens zu empfehlen.

Einige Tage nachdem dieser Brief an Wilhelm Grimm abgegangen war, schrieb Huber seinem Schwiegervater (6. Dezbr.): "Dem theologischen Privatdocenten Hävernick, einem Mecklenburger, von dem wir ein neues Leben in dem Todtengebein der theologischen Facultät erwarteten und dem bei seiner Hierherkunft unter der Hand die bestimmtesten Zusicherungen eines wenigstens nothdürftigen Gehalts gemacht waren, ist sein auf diese Zusicherungen begründetes Gesuch schnöde abgeschlagen worden, und er muß sich nun nach einer Stellung in Preußen umsehen. Sein neuestes im Druck befindliches Werk, Einleitung zu den Büchern des Alten Testaments, soll überaus tüchtig sein 101 ).

Indes Hubers Bemühungen, den ihm befreundeten Hävernick in Marburg unterzubringen, scheiterten. Aber er hatte


101) Elvers, a. a. O. S. 38, 39.
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die Freude, daß der von ihm Hochgeschätzte 1837, also schon nach dem Abgange Hubers aus Rostock, zum außerordentlichen Professor der Theologie und zum Prediger an der Klosterkirche ernannt wurde. Auch ehrte ihn die Universität Erlangen, indem sie ihn zum Doktor der Theologie promovierte. Es gelang ihm aber nicht, in der Heimat festen Fuß zu fassen. 1841 ging er als ordentlicher Professor der Theologie nach Königsberg. Auch dort hat er keinen leichten Stand gehabt und ist jung gestorben, in Neustrelitz, wohin er sich nach einer Operation zum Besuch von Verwandten begeben hatte 102 ). Mit Konrad v. Hofmann, dem angesehenen Mitgliede der Rostocker theologischen Fakultät, war er, einst mit ihm befreundet, in Konflikt geraten, weil er dessen grundlegendem Werke "Weissagung und Erfüllung" mit einer "wahren Wut" entgegengetreten war 103 ). Jedenfalls, wie immer man heute über Hävernick, der in der Schule Hengstenbergs groß geworden war, denken mag, hat Huber sich für keinen Unwürdigen eingesetzt.

Hubers weitere Schicksale können hier nicht verfolgt werden. Er siedelte im Herbste 1837 nach Marburg und von dort 1843 nach Berlin über. 1852 gab er seine Lehrtätigkeit auf und wählte Wernigerode zu seinem Wohnsitz, wo er eine fruchtbringende Tätigkeit zugunsten des Genossenschaftswesens ausübte. Er ist 1869 gestorben.

3.

Johann Christian Konrad von Hofmann (1810 - 1877).

Konrad von Hofmann ist als Sohn kleiner Gewerbsleute in Nürnberg geboren und unter kärglichen Verhältnissen aufgewachsen. Dennoch wurde ihm der Besuch eines Gymnasiums ermöglicht, und er konnte auch 1827 die Universität Erlangen aufsuchen, wo er Theologie und Geschichte studierte. Zwei Jahre später wurde er in Berlin im gräflich v. Bülow-Dennewitzschen Hause Lehrer und setzte gleichzeitig seine Studien fort. Hengstenberg und Schleiermacher befriedigten ihn nicht, während Ranke auf ihn einen tiefgreifenden Einfluß ausübte, so daß er beschloß, sich ganz dem Studium der Geschichte hin-


102) A. D. B. a. a. O.
103) Charlotte Schmid, Briefe von J. Chr. K. v. Hofmann an Heinrich Schmid, 1910, S. 77.
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zugeben. Immerhin unterzog er sich nach beendetem Studium 1832 der Prüfung für die Kandidaten des Predigtamts in Ansbach und übernahm den Unterricht in Religion, Geschichte und hebräischer Sprache am Gymnasium in Erlangen. Drei Jahre darauf promovierte er in der philosophischen Fakultät und wurde Repetent der Theologie. Im Jahre 1838 habilitierte er sich in Erlangen bei der theologischen Fakultät, nachdem er zwei wertvolle Geschichtswerke veröffentlicht hatte, darunter ein Lehrbuch der Weltgeschichte für Gymnasien, das zwar eine zweite Auflage 1842 erlebte, aber sich nicht dauernd im Gebrauche hielt. Nunmehr galt sein Denken und Sinnen wieder der Theologie, auf deren Gebiete er ein grundlegendes Buch: "Weissagung und Erfüllung" schuf. Er wurde zum außerordentlichen Professor für die exegetische Theologie ernannt, und 1842 als Ordinarius dieses Fachs nach Rostock berufen 104 ). Hier hat er sechs Semester lang eine sehr fruchtbringende Wirksamkeit entfaltet, verließ jedoch die ihm liebgewordene Universität im Winter 1845, um eine Professur an der Hochschule seines Heimatlandes, Erlangen, zu übernehmen, wo er in hochangesehener Stellung bis an sein Lebensende tätig geblieben ist, auch politisch wirksam als Abgeordneter des Wahlkreises Erlangen-Fürth. Als Deputierter der Universität nahm er an den Generalsynoden von 1873 und 1877 teil.

Aus seiner Rostocker Zeit haben sich Briefe erhalten, die er an seinen Freund und späteren Kollegen in Erlangen, Heinrich Schmid 105 ), gerichtet hat. Sie sind zusammen mit seinen anderen Briefen an denselben Freund von Charlotte Schmid herausgegeben worden 106 ).

Im Ganzen liegen 28 Briefe aus Rostock vor, von denen einige, an verschiedenen Tagen geschrieben, doch zusammen abgegangen sind. Auf das Jahr 1842 entfallen 4, auf 1843 9, auf 1844 5, auf 1845 10 Schreiben. Ob die Herausgeberin sämtliche Briefe veröffentlicht oder nur eine Auswahl getroffen hat, bemerkt sie nicht. Der erste Brief ist vom 12. Oktober 1842 datiert, der letzte vom 6. September 1845; die meisten sind recht ausführlich, wenn auch mit mehr oder weniger langen Zwischenräumen verfaßt.


104) A. D. B. 12 S. 631.
105) A. D. B. 54 S. 83, 1811 - 1885.
106) Briefe von J. Chr. K. v. Hofmann an Heinr. Schmid. Leipzig 1910.
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Der Empfänger dieser Briefe, Heinrich Schmid, ein Jahr jünger als Hofmann, hat diesen zehn Jahre überlebt. Beide sind miteinander in herzlicher Freundschaft verbunden gewesen, was die Länge der Briefe und die umfangreichen Mitteilungen über Rostock erklärlich macht. Schmid, verheiratet mit einer Tochter des Erlanger Professors Henke 107 ), ein Schwager des Göttinger Professors der Physiologie Rudolf Wagner 108 ), war gleich Hofmann seit 1837 Repetent bei der theologischen Fakultät in Erlangen und habilitierte sich 1846 als Privatdozent, nach dem eine Aussicht, als Prediger in Nördlingen, wo seine verwitwete Mutter wohnte, angestellt zu werden, sich zerschlagen hatte. Vermutlich ist es dem Einfluß Hofmanns mit zuzuschreiben, daß Schmid 1848 außerordentlicher und 1852 ordentlicher Professor der Kirchengeschichte wurde.

In den ersten Tagen des Oktobers 1842 kamen Hofmanns in Rostock an und konnten bald im Dunkhorstschen Hause eine Wohnung beziehen. Sie war schön, groß und bequem, "eine angenehme Wohnung, wo es nur gestern Abend des starken Sturmes von der See wegen etwas unangenehm rauchte" 109 ). Die Hauswirte waren entgegenkommend und liebenswürdig; sie standen dem jungen Paar "mit Rat und Tat ebenso erfahren und klug wie dienstfertig zur Seite", besorgten Torf und Kartoffeln und alles andere Nötige oder nötig Scheinende. Hofmann fühlte sich in seiner Wohnung recht behaglich, saß, seine "Bücher im Rücken, an einem Tische, der eigentlich vor ein Sopha und die darüber hängende Schule von Athen gehört, der aber einstweilen mein in passiver Arbeit begriffenes Stehpult vertreten muß. Meinem Fenster gegenüber ein schönes altes Giebelhaus, ein Teil der Rückseite des alten Rathauses, dessen Thürmchen über jenes herüberlugen."

Auch die Stadt selbst sagte ihm zu. Ich möchte dir, schreibt er dem Freunde, "alles zeigen, die schöne Stadt in ihrer unverwischten Altertümlichkeit und hanseatischen Ernsthaftigkeit, den Blücherplatz mit dem Marschall Vorwärts, dessen Befehlswort die Universität ihm gegenüber schon zu verstehen scheint, indem sie an ihrer unansehnlichen Seite ein stattliches Gebäude für ihre Sammlungen aufrichtet."

Ebenso wohl ward ihm zu Mute beim Hinblick auf die Menschen, die er kennenlernte, und die Freunde, die er all-


107) Christ. Heinr. Adolf H. (1775 - 1843), A. D. B. 11 S. 751.
108) Rudolf W. (1805 - 1864), A. D. B. 40 S. 573.
109) Brief vom 12. Oktober 1842. Ch. Schmid S. 9.
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mählich erwarb. Schon am 12. Oktober 1842, als er wenig länger als eine Woche in Rostock lebte, sprach er von den "vielen wackeren Männern und guten Christen" samt ihren Frauen, denen er schon begegnet war. Röper, Professor der Botanik 110 ) und zur Zeit Rektor, sowie Krabbe "der herzlich gute Mann, aber nicht recht starkknochige Theologe", hatten die Ankommenden am Eilwagen empfangen, "obschon es nach 9 Uhr abends und häßliches Regenwetter war". Senator Passow überwies ihnen, ohne daß sie erst darum baten, aus der Stadtwaldung, die ihm unterstand, gutes Holz, mehr als sie glaubten für den Winter brauchen zu müssen. Weniger sagten Hofmann die fremdbürtigen Herren Kollegen zu, unter denen er den "einen und den anderen E .. l" bereits glaubte bemerkt zu haben. Besonders fiel ihm "das leidige Geschlecht der königlichen Sachsen" auf die Nerven, "welches in den drei freien Hansestädten sich eingenistet hat und an Ablegern nicht fehlen ließ, die an dem Marke der Universität saugen und nichts hervorbringen als Totenäpfel." Außer Krabbe 111 ), von dem sich trennen zu müssen, ihm später den größten Schmerz bereitete ("Wenn Du wüßtest", schreibt er am 27. Juni 1845, "was es mich kostet, mich von meinem theuren Krabbe loszureißen, den ich von meinem Scheiden vielfältig schwer betroffen sehe im persönlichen Verhältnisse wie im öffentlichen und amtlichen Leben") wurde namentlich Kliefoth 112 ) sein treuer Freund. Kliefoth war damals Pastor zu Ludwigslust. Hofmann lernte ihn am 1. Mai 1843 kennen, als er mit ihm und dem Superintendenten Vermehren in Güstrow die neue Prüfungsordnung für das Tentamen der Theologen zu entwerfen hatte. Er kam ihm schnell nahe, wie er in einem Briefe vom 21. Mai ausführt. "Er ist meines Alters, ein Jahr älter, klein wie ich, eingefallenes Gesicht, dem man viel innerliche und äußerliche Arbeit anmerkt; bestimmt und klar wie ein Geschäftsmann, umfassenden, freien Blicks als Mann der Wissenschaft, ohne Anmaßung, aber seiner bedeutsamen Stellung sich bewußt." Vorher hatte er dem Freunde mitgeteilt: "Das hiesige Urteil über diesen Mann ist schwankend. Daß er geistvoll und kräftig und fürs Kirchenregiment sehr befähigt ist, rühmen alle, dagegen erheben sich auch Bedenken über seine wissen-


110) Johannes August Christian R. (1801 - 85), A. D. B. 29 S. 149.
111) Otto Carsten K. (1805 - 73), seit 1840 Ordinarius der theologischen Fakultät und Universitätsprediger, A. D. B. 17 S. 2 bis 3.
112) Theodor Friedrich Dethlof K. (1810 - 95), A. D. B. 51 S. 218.
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schaftliche Richtung und über seine Neigung zu herrschen, welche mit gesundem und ernstem Glauben sich nicht vertragen 113 ).

Weniger gut vermochte er sich mit Julius Wiggers zu verständigen, der seit 1837 Privatdozent an der Universität war. Ein Sohn des verdienstvollen Rostocker Professors der Theologie Gustav Friedrich Wiggers 114 ), hatte er im September 1842 den ersten Band seiner "Kirchlichen Statistik oder Darstellung der gesamten christlichen Kirche nach ihrem gegenwärtigen inneren und äußeren Zustande" 115 ) erscheinen lassen, dem im Oktober des nächsten Jahres der zweite, das Werk abschließende Band folgte. Offenbar daraufhin hatte er sich nach Hofmann 116 ) Aussicht gemacht, an Fritsches Stelle von der Fakultät in Vorschlag gebracht zu werden. Das aber hatte Krabbe aus sachlichen Gründen zu verhindern gewußt. Wiggers rächte sich dadurch, daß er "eine giftige Schrift" gegen Krabbe veröffentlichte. Krabbe erwiderte, und Wiggers ließ ein zweites Wort über rein biblischen und kirchlichen Supernaturalismus ausgehen, das gerade in den Tagen, als Krabbes Frau starb, an die Öffentlichkeit trat. Hofmann fühlte sich bewogen, in den Streit einzugreifen. "Um so mehr", schrieb er am 1. April 1843 117 ), "mußte ich es für meine Pflicht hatten, dem Menschen eine verdiente Züchtigung zukommen zu lassen, damit Krabbe den zweiten Wisch wenigstens in den ersten Tagen seines Leides auch nicht einmal zu lesen veranlaßt wäre. Ich hatte mir ohnehin vorgenommen, wenn Wiggers sich zum zweiten Male vernehmen lassen würde, ihm zu zeigen, was er für einen Beruf habe, die kirchliche Wissenschaft zu vertreten. Das habe ich denn auch gethan: am Freitag bekam ich den Wisch, am Montag war meine Gegenschrift fertig, am Mittwoch las ich sie einem consessus vor, der aus Karsten, Hegel, Röper und Strempel 118 ) bestand, und den nächsten


113) Brief vom 18. Januar 1843. Ch. Schmid S. 19.
114) 1777 - 1860. Seit 1808 Inhaber einer rätlichen, seit 1810 einer herzoglichen Theologie-Professur, viermal Rektor, seit 1858 Oberkonsistorialrat. A. D. B. 42 S. 464. Er war seit 1823 Senior der theologischen Fakultät, seit 1845 des gesamten Professorenkollegiums.
115) Hamb. u. Gotha, Friedr. u. Andreas Perthes.
116) Ch. Schmid S. 10.
117) Ebd. S. 28.
118) Joh. Karl Friedr. St. (1800 - 72); seit 1826 Professor der Chirurgie in Rostock. A. D. B. 36 S. 573.
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Dienstag wurde sie ausgegeben ... In Stadt und Land hat sie ihre Wirkung gethan. Kliefoth ließ mir sagen, über derselben habe sich ihm das Alpdrücken, welches er bei dem Streite gehabt, in Heiterkeit verwandelt. Wiggers hat natürlich etwas erwidert, aber so inhaltsleer, unkräftig und langweilig, daß der Streit damit glücklich zu Ende gebracht ist, und das wollte ich nur. Und so reut mich die Zeit nicht, welche ich daran gewendet, ob Du Dir gleich denken kannst, daß ich sie mir schwer abmüßigte."

Julius Wiggers stellt in seinen Erinnerungen "Aus meinem Leben" 119 ) diese Polemik etwas anders dar. Er scheint es für seine Pflicht gehalten zu haben, für seinen Vater einzutreten, der bei den Verhandlungen über die Besetzung der durch den Tod Anton Theodor Hartmanns 120 ) erledigten Professur für die Auslegung des Alten Testaments wohl nicht gut abgeschnitten hatte. Damals kam es zu einem wenig erfreulichen Konflikt zwischen der theologischen und der medizinischen Fakultät, von der ein Mitglied sich zu häßlichen Äußerungen über die theologischen Kollegen hinreißen ließ. Die Angelegenheit endete mit der Berufung Krabbes, dem das Mitdirektorium des von Wiggers geleitetem homiletisch-katechetischen Seminars und die Leitung von dessen homiletischer Abteilung übertragen wurde. Julius Wiggers glaubte nun, da ihm das Antrittsprogramm, das nach damaliger Gepflogenheit von Krabbe veröffentlicht wurde, nicht zusagte, den Anlaß zu einer Auseinandersetzung zwischen der freieren und "einer unter der Herrschaft des Buchstabens stehenden" Richtung gefunden zu haben. Wiggers war mit dem Erfolge seiner Streitschriften, die Hofmann despektierlich abtut, nicht unzufrieden, aber ehrlich genug, um aus einem Briefe eines ihm befreundeten mecklenburgischen Pastors, den er selbst als gelehrt und einsichtsvoll anerkannte, eine Stelle mitzuteilen, die beweist, daß er keineswegs Ursache hatte, auf den begonnenen Streit stolz zu sein. Der nicht genannte Freund, der zugab, daß Wiggers sich bemüht habe, die persönliche Leidenschaft zu unterdrücken, schreibt: "Es gelingt Dir nicht; jeder


119) Leipzig 1901.
120) 1774 - 1838, seit 1811 ordentlicher Professor der Theologie in Rostock, verdient außer um die Kritik des Alten Testaments auch um die Erforschung der morgenländischen Sprachen. Seine Auffassung des Judentums und dessen staatsbürgerlicher Stellung verwickelte ihn in eine heftige Polemik mit dem jüdischen Prediger Gotth. Salomon in Hamburg. A. D. B. 10 S. 680.
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muß merken, daß Du nicht bloß Deines Gegners theologische Richtung besiegen, sondern daß Du auch Deinen Gegner persönlich vernichten willst. Jeder wird, glaube ich, sagen müssen, daß Du in denselben Fehler gefallen bist, den Du an Deinem Gegner tadelst."

Der Freund, der das Manuskript gelesen hatte, meinte auch, "daß kein Nutzen für die Kirche daraus erwachsen" werde. Auch Wiggers' Vater verhehlte seine Bedenken nicht, trat indes der Entscheidungsfreiheit des Sohnes nicht entgegen. Hofmanns Schrift, die nach Wiggers bei den Freunden und früheren Kollegen des Verfassers in Erlangen sicherem Vernehmen nach durch die Art, wie er seine Aufgabe gelöst hatte, Anstoß erregt haben sollte, rief die Entgegnung hervor, die Hofmann in dem Briefe vom 1. April erwähnt 121 ). Aber wenn man heute, nach bald hundert Jahren, über den unerquicklichen Streit urteilen darf, so hat offenbar Hofmann das Richtige getroffen, wenn er es auch im Tone versehen haben mag 122 ). Heute lächelt man über diese Meinungsverschiedenheiten, die einige Jahre vorher, bei der Berufung Krabbes, zu einer Versiegelung der Konzilsakten und ihrer Aufbewahrung im Universitätsarchiv geführt hatten.

Am 2. November 1842 wurde Hofmann in das Konzil eingeführt, zusammen mit dem Juristen Thöl 123 ). Da der derzeitige Rektor Joh. Röper, "ein braver, christlicher Mann" war, ging diese Formalität "nicht unerquicklich" vor sich. Hofmann sprach sich unumwunden über das aus, was er für seine Verpflichtung von Gottes und Rechts wegen hielt. In der Fakultät verlief die Begrüßung, die erst am 22. November 1842 erfolgte, nicht so glücklich. Der Dekan sah die Einführung als etwas Ungebräuchliches und Formelles an, sagte in seiner Ansprache, daß es mit den Geschäften der Fakultät so gut wie gar nichts auf sich habe, daß er überzeugt sei, Hofmann werde allezeit kollegialisch handeln, und überreichte ihm den Schlüssel zu den Missive-Mappen, in denen die Fakultätsangelegenheiten verschlossen zur Abstimmung herumgetragen zu werden pflegten. In seiner Antwort schlug Hofmann die Geschäfte der Fakultät etwas höher an und "gab der erwar-


121) Gedruckt bei J. M. Oeberg, Rostock, unter Zensur des Vizekanzlers Dr. v. Both.
122) Vgl. J. Wiggers, Aus meinem Leben S. 71 - 77.
123) Heinrich T. (1807 - 1884), von 1842 - 1849 Ordinarius der Juristenfakultät in Rostock, später in Göttingen. A. D. B. 38 S. 47.
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teten Kollegialität die nach Vorgängen, wie Krabbe sie erlebt hat, notwendige Restriction. Das Protokoll wurde diktiert und vorgelesen, die Kollegen beglückwünschten mich, und so war der Aktus von nicht ganz 10 Minuten zu Ende" 124 ). Am 3. November 1842 begann Hofmann seine Vorlesungen mit einem Publikum über alttestamentliche Geschichte vor drei Zuhörern. "An die richtete ich meine Darlegung des theologischen Bestrebens, welchem ich mich an hiesiger Universität zu widmen gedächte, und der Bedeutung, welche mir die biblische Geschichte in der theologischen Wissenschaft hätte. Du kannst Dir denken, daß sich mein Auge erst gar nicht gewöhnen wollte, auf diesen drei Häuptern zu ruhen" 125 ). Später kamen noch zwei Zuhörer dazu. In den Exegeticis, die er ebenfalls mit drei Studenten anfing, stieg die Zahl allmählich gleichfalls auf fünf, und zu den Interpretationsübungen fanden sich sogar sechs ein. Es war keine für die Hochschule sehr günstige Zeit, in der Hofmann in Rostock erschien. Die Gesamtzahl der in der theologischen Fakultät immatrikulierten Studenten belief sich auf 22, von denen, wenn nicht alle, so doch die Mehrzahl "wegen der Stipendien und des Convikts wegen" gekommen waren. Ausländer verirrten sich, wie Hofmann bemerkt, kaum nach Rostock, weil das Leben hier kostspieliger war als anderswo und "viel weniger als irgendwo zu haben war."

In einem anderen Briefe 126 ) spricht er von einem Studenten aus Hamburg, den er scherzhaft als Mitglied der "theologischen Fremdenlegion" bezeichnet.

Unter diesen Umständen erfüllte seine Lehrtätigkeit ihn nicht mit großer Freude. "Der Gedanke an meine Vorlesungen" schrieb er am 18. Januar 1843 127 ), "hat mich dieser Tage fast unmutig machen wollen. Ist es nicht arg, daß ich meine wenigen Zuhörer nur in der neutestamentlichen Exegese regelmäßig beisammen, in den beiden alttestamentlichen Vorlesungen dagegen immer nur die Hälfte vor mir habe? Ich habe schon oft vor zweien gelesen, wenn der dritte fleißige gerade krank war." Hofmann verlor gleichwohl den Mut nicht. Er sagte sich selbst, daß nur langsam die Liebe zur Kenntnis des alten Testaments in den Studenten erwachen werde. Er ver-


124) Brief vom 29. November 1842, Ch. Schmid, S. 11.
125) Ch. Schmid a. a. O. S. 11 und 12.
126) Ebd. S. 20, Brief vom 18. Januar 1843.
127) Ebd. S. 18.
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traute auf die Hilfe des Herrn und war entschlossen auszuharren. Zu einem in jeder Woche von ihm veranstalteten Konversatorium kamen nicht nur alle Teilnehmer regelmäßig, sondern es offenbarte sich ein ernstes und lebendiges Interesse, sodaß ihm immer wieder neuer Mut für die Vorlesungen erwuchs. Mit der Zeit nahm seine Tätigkeit einen mehr und mehr befriedigenden Verlauf. Schon im Dezember 1842 konnte er eine Vermehrung der Zahl seiner Zuhörer melden 128 ), er hatte ihrer fünf für den Römerbrief, fünf für den Jesaias, sechs für die alttestamentliche Geschichte und sieben für das Konversatorium. Im Februar des neuen Jahres 129 ) erklärte er sich mit dem Besuch der alttestamentlichen Vorlesungen zufriedener. "Es fehlen mir jetzt nur ein Saufaus und ein Jenenser." Seine Auffassung der alttestamentlichen Geschichte schien ihm Bahn gebrochen zu haben, und er erlebte die Freude, daß einmal drei, ein anderes Mal vier Studenten ihn abends aufsuchten, um mit ihm die Grundsätze seiner Darstellung zu erörtern. Doch war ihm im Hinblick auf das kommende Semester bange ums Herz, da drei seiner Zuhörer zu Ostern 1843 nach Berlin zu gehen beabsichtigten.

Seine Besorgnis erwies sich jedoch als unbegründet, denn er konnte im Sommersemester 1843, am 21. Mai 130 ), mitteilen: "Den zweiten Teil des Jesaias lese ich vor sieben, die Korintherbriefe, um welche ich dringend angegangen worden, für elf, aber neutestamentliche Geschichte nur für zwei, da diejenigen, welche die alttestamentliche gehört haben, fast alle nach Berlin gegangen sind". Somit hatte er Ursache, zufrieden zu sein, und wollte die exegetischen Konversatorien in der nächsten Woche von neuem beginnen.

Sehr bemerkenswert ist ein Vergleich, den er in einem Briefe vom 1. April 1843 zwischen den Studenten der Theologie in Erlangen und in Rostock zieht 131 ). Die Erlanger hätten mehr positive Kenntnisse und mehr theologische Anregung voraus, die Rostocker dagegen mehr Unbefangenheit; beides liege an der Beschaffenheit der sie bildenden Umgebung. "Es war freilich nicht sonderlich tröstlich und ermunternd für mich, wenn ich in meinen alttestamentlichen Vorlesungen regelmäßig nur drei und erst in den letzten acht Wochen vier Zuhörer vor


128) Ch. Schmid, a. a. O. S. 13.
129) Ebd. S. 23.
130) Ebd. S. 37.
131) Ebd. S. 24 und 25.
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mir sah, aber nachdem ich in der Konversation die Schwäche der Vorkenntnis wahrgenommen, mit welcher sie für das Studium des Jesaias versehen waren, so mußte ich mich vielmehr wundern, daß so viele mit Fleiß und Sorgfalt Vorlesungen beigewohnt hatten, welche ihnen eine ganz unverhältnismäßige Mühe machen mußten. Denn bloß zu hören und nachzuschreiben, durften sie sich nicht genug sein lassen, da sie bei Bewerbung um Konvikt oder Stipendien bereit sein müssen, eine Prüfung über das Gehörte zu bestehen. Da nun bis jetzt bei den theologischen Kandidatenprüfungen das Hebräische sehr leicht genommen wurde, so war desto mehr Versuchung vorhanden, sich einer Vorlesung über den Jesaias zu entschlagen und sich etwa mit Hahns Psalmenerklärungen zu begnügen." Trotzdem ließ sein Eifer keinen Augenblick nach. Als er im Herbst 1843 zum 100jährigen Jubiläum der Universität Erlangen fahren sollte, machte er sich Gedanken, wie sich die Reise mit seinen Vorlesungen vertragen werde. In Rostock begannen die Somnmerferien damals am 24. Juli, und am 24. August fingen die Vorlesungen wieder an. Da er bis dahin nicht zurück sein konnte, beabsichtigte er, bis zum 31. Juli zu lesen 132 ).

Weniger vermochte sich seine Frau mit dem geringen akademischen Wirkungskreis abzufinden. Sie sprach "abgesehen davon, daß er ihr wenige Thaler bringt" fleißig "von neuer Auswanderung" 133 ). Sie sehnte sich somit nach einem finanziell ergiebigeren Platze. Auch ihm war selbstverständlich die geringe Zuhörerzahl nicht gleichgültig, aber er blieb ruhig in der Gewißheit, für jetzt am Orte seines Berufes zu sein. "Und das hat mir der Herr von jeher als eine besondere Gunst gewährt, daß ich über den gegenwärtigen Augenblick nicht viel hinausdenke." Es kamen denn auch bessere Zeiten. Am 2. Mai 1844 begann er um sieben Uhr Morgens seine Vorlesungen, mit denen es sich günstiger anließ als im vorhergehenden Semester. Im Winter hatten sich einige Studenten, "die sogenannten Rationalisten" zusammengetan, um Julius Wiggers zu einer Zuhörerschaft zu verhelfen. Das hatte zweifellos die Hofmannschen Vorlesungen beeinträchtigt. Doch hatte Wiggers seine Getreuen nicht zu fesseln vermocht, daher war im Sommersemester keine neue Agitation zu seinen Gunsten unternommen worden. So konnte Hofmann am 18. Mai 1844


132) Ch. Schmid, S. 40, Brief vom 24. Juni 1843.
133) Ebd. S. 52, Brief vom 14. Oktober 1843.
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melden: "Ich lese über ausgewählte Psalmen sechsstündig, über den Brief an die Hebräer sechsstündig, über alttestamentliche Geschichte vierstündig, über den dogmatischen Gebrauch der heiligen Schrift, eine erbetene Fortsetzung, dreistündig, also in der Woche 19 Stunden. In der ersten Vorlesung habe ich 12, in der zweiten sechs, in der dritten 11, in der vierten vier Zuhörer. Von des Morgens 7 Uhr bis des Abends 9 Uhr habe ich angestrengtest zu arbeiten, die Essensstunde 1 bis 2 Uhr ausgenommen" 134 ).

Auch im Wintersemester 1844/45 konnte Hofmann sich der gleichen Erfolge rühmen. Am 5. November 1844 begann er die Vorlesungen die "verhältnismäßig gut besucht sind, die über das Evangelium Johannes von neun, die über Jesaias 1 - 35 von elf Zuhörern. Auch ein exegetisches Konversatorium ist wieder im Gang, zu welchem sich ihrer 14 eingestellt haben, sodaß ich es in zwei teilen mußte" 135 ). Und das alles erreichte der unermüdliche Professor, obwohl die Zahl der Theologie-Studierenden nicht stieg. Die günstigen Ergebnisse hatte er somit nur seiner Emsigkeit, seinem Fleiß und seiner glücklichen Beredsamkeit zu danken. Für die Hochschule hat dieser Pflichteifer jüngerer Männer den größten Nutzen gehabt. So wie Hofmann die Zustände in den vierziger Jahren darstellt, waren sie auch in den achtziger Jahren. Damals zählte die Juristenfakultät oft nicht mehr als 25 Studenten, und die Professoren mußten ihre Vorlesungen vor wenigen halten. Bedingt es auch der Charakter der Universität, daß diese jungen Gelehrten, die später angesehene oder gar berühmte Vertreter ihrer Fächer wurden, nach einigen Jahren die Stätte, wo sie zu wirken angefangen hatten, wieder verließen, - ihre Hingabe an das ihnen anvertraute Lehramt hat für das Land und die Ausbildung künftiger Beamten, Lehrer, Pastoren die größten Vorteile gehabt. Hofmanns Erfolg hielt bis zum letzten Tage seiner kurzen Rostocker Zeit an, und als der Ruf nach Erlangen an ihn herantrat, war er durchaus nicht ohne weiteres geneigt, die ihm lieb gewordene Hochschule wieder zu verlassen. "Ich habe meinen Beruf, einen recht vollen und freudigen Beruf hier gefunden, Arbeit in Fülle und glückliches Gedeihen derselben." "Warum soll ich Mecklenburg und Rostock verlassen? Du wirst meinen Brief erhalten haben, in welchem ich


134) Ch. Schmid, S. 65, Exaudi 1844.
135) Ebd. S. 75, 16. November 1844.
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meine Freude ausspreche, in einem Lande zu leben, wo nicht nur keine Feindseligkeiten gegen unsere Kirche, sondern auch keine Torheiten aus ihrer Mitte zu fürchten sind" 136 ). Er verglich die gute materielle Lage in Rostock, wo er doch nicht mehr als 1300 Taler im ganzen bezog, aber günstige Pensionsbedingungen für eine etwaige Witwe vorhanden waren, mit der beschränkteren Einnahme und geringeren Witwenpension in Erlangen 137 ). Doch solche Abwägung des Vorteilhafteren gaben bei einem so vornehm denkenden Manne wie Hofmann nicht den Ausschlag. Hatte ihn in Rostock das Gefühl beseelt, daß er dort stehe, wohin ihn Gottes Wille gestellt habe, so sagte er sich auch wieder im Juni 1845, "daß nun Gottes Wille sei, ins Vaterland zurückzukehren" 138 ). Diese Überzeugung ersparte ihm freilich die inneren Kämpfe nicht, sodaß er mit sich und anderen ringen mußte.

Zu seiner akademischen Tätigkeit gehörte die zweckmäßigere Ordnung des Prüfungswesens. Als Hofmann nach Rostock kam, fand er einen "wahrhaft erschreckenden Überfluß von Kandidaten" vor 139 ). Er rührte daher, daß jeder Superintendent diejenigen, die sich bei ihm meldeten, examinierte und "so leicht keiner durchfiel." Hofmann hat es als seine Pflicht angesehen, hierin Wandel zu schaffen. Er machte sich alsbald an die Aufstellung einer neuen amtlichen Prüfungsordnung, deren Grundzüge, soviel ich weiß, bis auf den heutigen Tag nicht angetastet sind. Im April 1843 wurden er und Krabbe zu Mitgliedern einer Prüfungskommission ernannt, die den Auftrag erhielt, eine Examensordnung auszuarbeiten. Der Güstrower Superintendent Vermehren und Pastor Kliefoth in Ludwigslust wurden ebenfalls berufen. Hofmann nahm an der Regelung des ersten Examens (pro licentia concionandi) teil, Krabbe an der des zweiten (pro munere). Die Sitzungen sollten unter dem Vorsitz des Superintendenten stattfinden, "Ranges und Standes halber" 140 ). Am 1. Mai 1843 reiste Hofmann nach Güstrow, wo Kliefoth schon eingetroffen war.

"Unsere Arbeit währte am Dienstag (d. h. den 2ten Mai) von 10 bis 2 und von 6 - 9 Uhr, am Mittwoch von 9 - 1/24 Uhr. Kliefoth führte das Protokoll und kam uns, namentlich mir,


136) Ch. Schmid, S. 87, 7. April 1845.
137) Ebd. S. 88.
138) Ebd. S. 93.
139) Ebd. S. 12.
140) Ebd. S. 26.
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mit seiner Geschäftskenntnis sehr zustatten, denn der Superintendent wußte so recht nicht, was an der bisherigen Prüfungsordnung anders werden sollte; ich wußte es wohl, hätte es aber ohne Kliefoth unmöglich in Gesetzesform bringen können, denn sowie wir sie faßten, sollte sie als Gesetz bekannt gemacht werden" 141 ). Auch eine Geschäftsordnung mußten die Herren ausarbeiten. Die Einzelheiten der neuen Ordnung wären hier nicht am Platze. Es bestand die Absicht, daß das Rigorosum, "welches bis jetzt immer zuerst bei der Bewerbung um eine Stelle zu bestehen war und für welches auch eine neue feste Ordnung" eintrat, unter der Legion alter Kandidaten ausräumte. Die von selbst Zurücktretenden oder Durchfallenden sollten dann in der Zivilverwaltung untergebracht werden. Auch sollte mit dem Grundsatz gebrochen werden, daß die Kandidaten, falls sie nicht Patronatspfarren bekamen, zuvor sich als Rektoren oder Kollaboratoren an den Schulen der kleineren Städte betätigt haben mußten. Endlich wünschte der Großherzog die Versetzung von einer Pfarre zur anderen wegen deren besserer Dotierung vermieden zu sehen und stellte daher in Aussicht, die geringer dotierten Pfarren aufzubessern. Mit Kliefoth verstand sich Hofmann ausgezeichnet. "Auch die Stunden, wo wir von dieser Arbeit ruhten, verflossen Kliefoth und mir nicht unnütz: ich trug ihm Wünsche vor, die er vertreten soll, er teilte mir Pläne der Regierung mit" 142 ). Auch mit dem Kanzleirat von Wick, einem Freunde Hävernicks, einem trefflichen, liebenswürdigen Menschen, tüchtig gebildeten Gelehrten und innig frommen Christen, war er in jenen Tagen viel zusammen.

Eine wesentliche Rolle hat Hofmann in den Angelegenheiten der Mission gespielt. Ausführlich kann darauf hier nicht eingegangen werden. Nur einige Hauptpunkte mögen hervorgehoben sein. Als er in Rostock eintraf, bestand hier ein Missionsverein, mit dem der streng lutherische Landrat von Maltzahn nicht völlig einverstanden war. Er hatte, wie Hofmann am 12. Oktober 1842 dem Freunde mitteilt, gehofft. daß der Neuberufene zu dem Verein in einen gewissen Gegensatz treten werde. Dazu konnte sich jedoch Hofmann nicht verstehen: "Zu schwach sind hier noch die Anfänge christlichen Lebens, hier und in Hamburg, als daß man ihren Fortgang


141) Ch. Schmid, S. 31 ff.
142) Ebd. S. 33.
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durch Handlungen stören dürfte, welche eine starke Grundlage geförderter Erkenntnis zur Voraussetzung haben. Und was ist es mit dem Dresdner Institut? Dazu habe ich mich in der Überzeugung bestärkt durch das, was ich hier und in Hamburg habe äußern hören, daß eine ganz andere Gestaltung der Missionstätigkeit als die mit Seminarien jetziger Art behaftete nicht gar zu lange wird auf sich warten lassen. Ich harre ihr verlangend entgegen" 143 ). War er zunächst zurückhaltend, so drängte man ihn und kam damit einem schon in ihm rege gewordenen Wunsch entgegen, "sobald als möglich Vorlesungen über Mission und Missionsgeschichte zu halten. Die einen sollen für Studenten allein, die anderen für ein größeres Publikum sein" 144 ). Es trieb ihn dazu, die Missionsfrage zur Sache der theologischen Fakultät zu machen, und da Krabbe die Initiative nicht ergreifen wollte, hielt er es für seine Pflicht einzuspringen, um so mehr, "als michs drängt und sticht, dem schlechten Institutwesen, soviel ich kann, sein Ende zu bereiten. Ich habe es schon Wyneken für Nordamerikas lutherische Gemeinden, ich habe es Birkenstock in Hamburg für die Heidenwelt zugesagt, ich habe es in meinem Herzen dem Herrn gelobt, dahin zu wirken, daß Theologen ausgehen zu predigen, wo ER ihrer bedarf, und nicht in elendem Stundenlaufen und Hofmeistern ein Gespötte der Welt und des Teufels werden. Ein lutherisches Missionsseminar ist nun vollends so gut wie ein Faustschlag ins Angesicht des Doktor Martinus" 145 ). Hofmann schloß sich dem norddeutschen Missionsverein an, weil er einen lutherischen Missionseifer, der "aus einem lutherischen Kirchenleibe" stammte, in Rostock nicht vorhanden glaubte. Er hielt sich an Pastor Willebrand und Professor Karsten in Rostock, von denen er eine Wiederbelebung der lutherischen Landeskirche Mecklenburgs allein erwartete. Von solchen Männern hoffte er, wenn über kurz oder lang der Missionsverein Norddeutschlands gesprengt werde, daß sie Neues im Lande schaffen könnten. Karsten beabsichtigte, in einer Missionsbeilage seines Mecklenburger Kirchen- und Schulblatts in diesem Sinne zu wirken. Gegen Ende des Jahres 1842 entstand dann in Ludwigslust ein zweiter Missionsverein, dem der Großherzog beitrat. Das Verdienst dieser Gründung gebührte


143) Ch. Schmid, S. 10.
144) Ebd. S. 13, Brief vom 7. Dezember 1842.
145) Ebd. S. 13 f.
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Kliefoth. Hofmann war es durchaus nicht gleichgültig, ob den Heiden das Evangelium im lutherischen oder calvinischen Sinne gelehrt wurde, und er beabsichtigte, sobald das Seminar in Hamburg mit reformierten Lehrern besetzt würde, sich von ihm loszusagen 146 ). Ihm widerstrebte namentlich, Handwerkern auf mechanische Weise die Mittel zur Heidenbekehrung und zur Bildung von Christengemeinden in der Heidenwelt beizubringen. Er meinte, daß die lutherische Kirche nur lutherische Theologen aussenden dürfe 147 ). Es kam dann aber doch zu keiner Trennung, obwohl Brauer, der Inspektor des Hamburger Missionshauses, und Pastor Rautenberg aus Hamburg sich auf einer Versammlung in Rostock im Mai 1843 anfangs barsch und wegwerfend gebärdeten, während Mallet aus Bremen auf einer späteren Versammlung in Hamburg "dem falschen Kirchengeiste, wie er sich bei den holländischen Reformierten und den preußischen Lutheranern zeige", entschieden entgegentrat 148 ). Das Interesse für die Heidenmission blieb immer stark; es wurde fleißig gesammelt, und 1843 war die Einnahme doppelt so groß wie im Jahre vorher. Im Juni 1844 fand eine Versammlung der norddeutschen Missionsgesellschaft statt, zu der der Rostocker Verein mehrere Anträge gestellt hatte. Man wünschte, die Missionsschule eingehen zu lassen, zu Predigern künftig nur Studierte zu nehmen und die anderen im Wichernschen Gehilfeninstitute vorzubilden. Brauer sollte als beständiger Sekretär der Gesellschaft mit der Leitung der eigentlichen Missionstätigkeit betraut werden 149 ).

Die Früchte dieser Bestrebungen hat Hofmann nicht mehr geerntet, denn im nächsten Jahre verließ er die Stätte seiner segensreichen Wirksamkeit. Aber er hatte noch die Freude, daß ein mecklenburgischer christlicher Edelmann dem Rostocker Komitee ein ihm für die Förderung mecklenburgischer Missionstätigkeit vor Jahren übergebenes Kapital von 1000 Talern, das auf 1200 angewachsen war, zur Unterstützung solcher, die sich zum Missionsdienste ausbilden wollten, unter der einzigen Bedingung überließ, daß der Verein unter der Richtschnur der Augsburgischen Konfession bliebe. Einige andere


146) Ch. Schmid, S. 21.
147) Ebd. S. 23.
148) Ebd. S. 42. Friedrich Ludwig M. (1792 - 1865), seit 1827 Prediger an S. Stephani in Bremen. A. D. B. 20 S. 170.
149) Ebd. S. 63, 68.
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Edelleute erboten sich, für Theologiestudierende, die sich dem Missionsdienste widmen wollten, zwei Stipendien, jedes zu 75 Talern jährlich, zu stiften 150 ).

Sehr verdienstlich war auch die Mitwirkung Hofmanns bei der Gründung des Vereins für innere Mission, die im Oktober 1843 vor sich ging. Der Großherzog übernahm das Protektorat, Präses wurde der Minister von Lützow, den eigentlichen Vorsitz im Generalkomitee führte Karsten, Hofmann wurde Sekretär, Senator Passow Schatzmeister 151 ). An diesen Verein schlossen sich im Laufe der Zeit Rettungsanstalten für die verwahrloste Jugend, ferner ein Unternehmen, um die im Winter müßig gehenden Matrosen nicht der Torheit und Rohheit anheimfallen zu lassen, und manches andere an, bei dem Hofmann seine unermüdliche Hand im Spiele hatte. Auch das Mecklenburgische Kirchenblatt, das für wissenschaftlich gebildete Leser bestimmt war, wurde unter seiner Mitwirkung umgestaltet. Es sollte künftig die Lebensfragen und Lebenserscheinungen der gegenwärtigen, vornehmlich der mecklenburgischen Kirche besprechen, die ersteren in einer zum voraus festgestellten Folge von Aufsätzen, die letzteren mit besonderer Rücksicht auf die beiden Missionstätigkeiten. Krabbe lieferte eine Abhandlung über das Wesen der Offenbarung, Karsten eine rügende Beurteilung der seit einigen Jahren im Lande geltenden Synodalordnung 152 ). Im Sommer 1844 konnte ein Grundstück zur Errichtung eines Rettungshauses nach Wichernschem Vorbild gekauft werden. Darauf entwickelte sich die segensreiche Anstalt von Gehlsdorf, die Anfang April 1845 bezogen wurde. Die ganze Einrichtung des Hauses "ist durch freiwillige Gaben Rostocks und seiner Umgebung zusammengekommen. Von Garten und Ackerland umgeben, liegt es reizend an der Warnow, diesen Strom samt der Stadt weithin überschauend" 153 ).

So zeigt sich, von allen Seiten betrachtet, die Wirksamkeit Hofmanns in Rostock als anregend und höchst verdienstlich. Daß es ihm selbst leid tat, die mecklenburgische Hochschule so schnell wieder zu verlassen, wurde schon hervorgehoben. Es war schwer, eine ihn ersetzende Persönlichkeit zu finden. Hofmann lag daran, bei den Vorschlägen für die Wahl seines


150) Ch. Schmid, S. 69.
151) Ebd. S. 47.
152) Ebd. S. 57.
153) Ebd. S. 69, 92.
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Nachfolgers mitzuwirken. Er hoffte im Juli 1845, das Ministerium werde die Weisung an die Fakultät, Vorschläge für die Wiederbesetzung der Professur zu machen, noch vor den Sommerferien ergehen lassen. Gleichwohl verzögerte sich die Weisung, und Hofmann konnte nicht mehr tun, als mit Krabbe zusammen eine Liste aufstellen. Auf ihr standen die Namen Baumgarten, Delitzsch, Thiersch, Wieseler, Huther, Dietrich. Hofmann und Krabbe waren am meisten für Baumgarten, bis Erkundigungen dessen nur mittelmäßige Dozentengabe feststellten. Man mußte einsehen, "daß zu viel gegen ihn spreche und noch mehr ohnehin gegen ihn vorgebracht und benützt werden" würde 154 ). So einigte man sich auf Heinrich Thiersch 155 ), den die Zeitungen als Nachfolger von Harleß in Erlangen genannt hatten. Hofmann meinte, das Konzil, das die Vorschläge der Fakultät zu begutachten und weiterzugeben hatte, werde "gleich beifallen", wenn auch ihm selbst um diesen Nachfolger "nicht recht wohl zu Sinne" war, so lieb er ihn habe. Thiersch kam indessen nicht nach Rostock, sondern statt seiner wurde Franz Julius Delitzsch 156 ) 1846 zum ordentlichen Professor für das alte Testament berufen. Auch er siedelte wenige Jahre darauf nach Erlangen über, wo er, neben dem ihm geistesverwandten Hofmann lehrend, gleichwohl die diesem eigenartige Geschichtsauffassung und Dogmatik ablehnte 157 ).

Vignette

154) Ch. Schmid, a. a. O. S. 96 f. Baumgarten wurde später, 1850, der Nachfolger Delitzschs. Vergl. H. H. Studt, Michael Baumgarten, 1891, 1, S. 87.
155) A. D. B. 38 S. 17.
156) A. D. B. 47, S. 651.
157) Ebd.
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III.

Das "Petermännchen"-Bild
im Schweriner Schloß und
seine ursprüngliche Bedeutung

von

Ernst Friedrich v. Monroy.

 

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Als Burggeist des Schweriner Schlosses ist heute das "Petermännchen" allen Schwerinern und darüber hinaus in ganz Mecklenburg bekannt. Wossidlo schätzte die Zahl der Sagen, die sich um diese Gestalt gebildet haben, auf über zweihundert 1 ). Das Männchen lebt heute in der allgemeinen Vorstellung so, wie das Sandsteinbild in einer Nische des Schloßhofes es darstellt, das im Zusammenhang mit dem Ausbau des Schlosses (1843 - 57) von Pettersen gefertigt wurde. Dies Standbild zeigt es als einen Mann von zwergenhafter Bildung in der Tracht des Dreißigjährigen Krieges: einem federgeschmückten Schlapphut, der Mühlsteinkrause, einem vorn geknöpften engen Wams mit Schlaufen am Gürtel, an dem der Schlüssel und der Dolch hängen, weiten Hosen und gespornten Reiterstiefeln. Das verrunzelte Gesicht ist mit Schnurr- und Knebelbart geschmückt, und in den Händen hält die Gestalt Stelzen. Die Devise auf dem Sockel: Quid si sic - wörtlich: Was, wenn so? - betrifft nach der Sage die wechselnde Farbe seines Rockes, durch die der Geist dem Lande und dem Fürstenhause bevorstehende Ereignisse ankündigt. Gewöhnlich ist er grau gekleidet; wird er schwarz gekleidet gesehen, so steht Unglück bevor, während rot Glück bedeutet. Die Worte wären danach etwa zu übersetzen: Was geschieht, wenn ich so gekleidet erscheine?


1) Vgl. Walter Josephi, Die Sammlungen und die Prunkräume des Schloßmuseums, Führer durch das Mecklenburgische Landesmuseum in Schwerin, 3. erw. Aufl. Schwerin o. J., S. 38 ff., wo die Sagen nach Mitteilungen Wossidlos zusammengestellt sind. Josephis Deutung des Bildes kommt dem eigentlichen Sachverhalt bereits sehr nahe. Das Standbild des Schloßhofes ist abgebildet im Schloßwerk, hg. von Stüler, Prosch und Willebrandt, Berlin 1867, S. 2 und bei Schlie, Die Kunst- und Geschichtsdenkmäler des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin, Bd. II, S. 620.
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Die älteste schriftliche Nachricht von einem Burggeist im Schweriner Schlosse, die uns erhalten ist, ist eine Aufzeichnung von Erzählungen des damals schon verstorbenen Kammerlakaien Gardemin durch einen And. Br. Heymann, der sie offenbar nach dem Bericht von Gardemins Frau aufschrieb. Das Dokument, heute im Geheimen und Hauptarchiv zu Schwerin, ist betitelt: "Nachricht von dem sich ehedem in dem hochfürstl. Schloße zu Schwerin öfters sehen laßenden sogenandten Kleinen Mängen, wie es der seel. Daniel Gardemin, gewesener Cammer-Laquay bey des hochseel. Herrn Hertzoges Friederich Wilhelm hochfürstl. Durchl., gar ofte an seine Frau, die itzige Witwe Castellanin Gardeminen hieselbst erzehlet." Es ist vom 12. November 1747 aus Bützow datiert. Eingangs wird die äußere Erscheinung des Geistes mit folgenden Worten beschrieben: "Eß were nemblich solche Positur nur gantz klein gewest, älterlich, mit Runzeln, aber nicht fürchterlich von Angesichte, einen etwas langen, weißen, spitzen, fast biß auf die Brust hangenden Bahrt, kurtze, graue, krause Haare, ein Calotgen auf dem Kopfe und ein Krägelgen ümb den Halß, einen langen biß auf die Füße hangenden schwartzen Rock mit gantz engen Ermeln, forne eines guten Finger breits mit Weiß aufgeschlagen, etwas große und forne breite Schue anhabend" 2 ). Dann erzählt der Berichterstatter von den verschiedenen Begegnungen Gardemins mit dem Geiste bei Gängen im Schlosse.

Man hat diese Nachricht, Dehn folgend, immer unbedenklich auf das "Petermännchen" bezogen, ohne zu beachten, daß sie ausdrücklich von dem "Kleinen Mängen" spricht, also den Namen "Petermännchen" nicht kennt, und daß ferner die ausführliche Beschreibung der äußeren Erscheinung des Männchens mit der Vorstellung, die das Standbild gibt, in keinem Punkte übereinstimmt, die kleine Gestalt und die verrunzelten Gesichtszüge ausgenommen. Zwischen 1747, dem Datum des Protokolls, und etwa 1860, dem des Stand-


2) Erstmalig benutzt von Dehn, Mecklenburgische Volksbibliothek, 1844, I, 2, S. 3 ff. Im Wortlaut abgedruckt von Lisch, Mecklbg. Jb. V, S. 58 ff., und von Jesse, Geschichte der Stadt Schwerin (Schwerin 1913 ff.), Anm. 68.
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bildes, hat sich die Vorstellung von dem Burggeist also gewandelt; erst in diesem Zeitraum hat die Gestalt die Züge und den Namen angenommen, mit denen sie bis heute lebendig ist. Worauf gehen diese zurück?

Pettersens Standbild benutzt eine Darstellung, die sich heute im Schweriner Schloßmuseum befindet. Sie stammt nach stilistischen Kennzeichen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und ist Grau in Grau im Rund auf die Füllung einer Schranktüre aus Tannenholz gemalt, die 70 cm hoch und 67 cm breit ist und wohl aus dem alten Schlosse stammt. Auf dem marmorierten Rahmen, auf dem sich noch das Türschloß befindet, ist die Devise: Quid si sic verzeichnet. Aus dieser Darstellung hat der Bildhauer die Figur selbst kopiegetreu übernommen; er hat nur den Schlüssel, das Abzeichen des Schloßbewahrers, hinzugefügt und die Stelzen, wohl aus Gründen der Standfestigkeit, neben die Figur gestellt. Außerdem sind bei der Umsetzung in Stein einige auffällige Einzelheiten des gemalten Bildes weggefallen: hier erscheint das Bild des Zwerges noch einmal in einem runden Wölbspiegel am rechten Bildrand; zwischen seinen gespreizten Beinen steht der Name: D. SPIES; im Mittelgrund steckt eine Hellebarde in der Erde, und im Hintergrund ist eine Berglandschaft flüchtig angedeutet.

Dies Bild kann zu der Zeit, als das Protokoll abgefaßt wurde, noch nicht als Darstellung des Schloßgeistes gegolten haben, da die Nachricht sonst sicher darauf Bezug genommen hätte. Es kann aber auch von vornherein nicht so gemeint gewesen sein. Denn die Attribute für eine Darstellung des "Petermännchens" müßten der Sage entnommen und noch in ihr nachweisbar sein; in den vielen Sagen aber, soweit sie uns bekannt geworden sind, ist weder von dem Spiegel noch von den Stelzen die Rede. Sie haben auch nichts mit dem "Petermännchen" zu tun, sondern hängen mit der ursprünglichen Bedeutung des Bildes zusammen.

Die Verbindung eines Bildes mit einem kurzen Sinnspruch war dem 16., 17. und 18. Jahrhundert unter dem Namen "Emblem" geläufig. Die "Emblematik" bildete eine eigene ausgedehnte Literaturgattung; es gibt Tausende von

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Emblematabüchern aus dieser Zeit 3 ). Die Sinnsprüche, meist Sentenzen antiker Autoren oder einfach Sprichwörter, wurden gleichnisweise, "symbolisch", mit einem Sinnbild illustriert, das zu dem Wort in einer möglichst "tiefsinnigen", entlegenen und gelehrt erdachten Beziehung stehen sollte. Sie waren ursprünglich als Vorlagen für das Kunstgewerbe gedacht, wurden dann aber immer mehr zu illustrierten Moralbüchern ausgesprochen lehrhafter Prägung. Daneben sind sie in ihrer sorgfältigen Ausstattung oft Meisterwerke der hochentwickelten Buchkunst besonders des 16. Jahrhunderts; die Illustrationen sind oft vollgültige kleine Bilder, so wie die Bilder jener Zeit vielfach mit emblematischen Hinweisen und Anspielungen durchsetzt sind und mehr gelesen als angesehen werden sollen.

Zu diesen Emblematabüchern gehört der "Nucleus Emblematum" des Magdeburgers Gabriel Rollenhagen, der von dem nach Deutschland ausgewanderten Niederländer Crispin de Passe mit Kupferstichen ausgestattet und 1611 in Köln verlegt wurde. Der Oktavband enthält hundert runde Embleme mit lateinischen Devisen im Rand und jeweils einem erklärenden lateinischen Distichon darunter. Das 22. Emblem illustriert die Devise unseres Bildes mit der Darstellung eines Zwerges, der trüben Blickes an sein Spiegelbild die Frage richtet: Quid si sic? 4 ) - sehe ich so, auf Stelzen, größer aus?, und das darunterstehende Distichon:

Quid si sic? forsan cubito sim longior, heuheu.
Non ars Naturae, corrigit, Ingenium

zieht daraus die Moral: Nie kann die Kunst die Weisheit der Natur übertrumpfen. Im Hintergrunde eine Berglandschaft mit einer lustigen Gesellschaft in einem Planwagen - wohl eine Andeutung der geselligen Freuden, von denen der Zwerg zu seinem Kummer durch seine Gestalt ausgeschlossen ist.


3) Vgl. Karl Giehlow im Jahrbuch der kunsthistor. Sammlungen des Allerh. Kaiserhauses, Wien 1915, und Ludwig Volkmann, Bilderschriften der Renaissance, Leipzig 1924.
4) Die Herkunft des Satzes aus dem Phormio des Plautus hat Lindenauer nachgewiesen, Mecklbg. Ztg. 1914, Febr. 5 (nicht 4., wie Jesse angibt); doch ist der Sinn des Wortes nach Art der Emblematik völlig verändert.
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Der Zusammenhang dieses Stiches mit dem vermeintlichen "Petermännchen" -Bilde ist augenfällig und braucht nicht umständlich bewiesen zu werden. Nicht nur die Rundform und die Devise, sondern auch die Haltung der Figur und besonders gewisse Einzelheiten der Tracht, der Federhut mit der Agraffe, die Halskrause, das enge Wams mit der Knopfreihe stimmen genau mit dem Stiche überein. Das Schweriner Bild ist also keine Darstellung des Schloßgeistes, sondern eine Kopie nach dem Emblem Rollenhagens. Nur aus dessen Sinnzusammenhang sind die dem "Petermännchen" fremden Motive, der Spiegel und die Stelzen, zu verstehen.

Die genaue Nachbildung der erwähnten Einzelheiten macht die Abweichungen umso auffallender, die sich der Kopist gestattet. Die Vereinfachung der Hintergrundslandschaft ist wohl aus der geringen Qualität der Kopie zu erklären; aber sicher nicht ohne Absicht hat der Kopist aus dem mit geschlitzten Hosen und Strümpfen geckenhaft bekleideten Zwerg des Stiches einen Kriegsmann mit Dolch oder Schwert und hohen Reiterstiefeln mit Stulpen gemacht 5 ). Der jugendliche Zwerg des Stiches hat zudem die für Verwachsene bezeichnenden etwas verquollenen Gesichtszüge, wie etwa die Hofzwerge auf den Bildnissen des Velasquez sie zeigen; im Bilde ist daraus ein ganz anderes, ältliches, fast hageres Gesicht geworden. Geradezu gegen den Sinn des Emblems aber verstößt die Blickrichtung des Mannes in der Kopie, der nicht in den Spiegel, sondern geradeaus sieht. Alle diese Unterschiede weisen in eine Richtung. Offenbar ist das Emblem von dem Kopisten zu einem Bildnis, und zwar zu dem eines Kriegsmannes umgestaltet worden. Die Tracht wurde entsprechend geändert und der Bildniskopf eingefügt, der nun in Vorderansicht gegeben wurde - zugunsten der Deutlichkeit des Bildnisses, aber auf Kosten der des emblematischen Sinnes.


5) Die Reiterstiefel geben zugleich eine Bestätigung der Datierung in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, in der sie so getragen wurden; ein späterer Kopist hätte die Tracht kaum im Sinne dieser, sondern seiner eigenen Zeit abgeändert. Das Bild kann also nicht allzulange nach 1611 entstanden sein.
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Wie alle anderen Abweichungen der Kopie vom Vorbild, so ist auch die letzte Zufügung des Kopisten aus dem Bildnischarakter des Bildes zu verstehen. Mit der Hellebarde im Mittelgrund des Schweriner Bildes, die im Stiche fehlt, ist ein Spieß gemeint. Das Motiv illustriert nach Art der sogenannten "redenden Wappen" den Namen D. SPIES, der zwischen den gespreizten Beinen des Männchens am unteren Bildrand verzeichnet ist. Man hat ihn bisher immer für die Signatur des Künstlers gehalten 6 ); aber seine Größe und der auffallende Ort seiner Anbringung betonen ihn zu nachdrücklich, als daß er die Signatur eines durchaus mittelmäßigen Kopisten sein könnte. Zudem wird er nochmals durch den Spieß illustriert, der nicht wie ein Künstlerzeichen in einer Ecke angebracht, sondern bildmäßig einkomponiert ist. Das alles macht sehr wahrscheinlich, daß er als Unterschrift des Bildes zu deuten und auf den Dargestellten zu beziehen ist. Solche Hinweise auf den Namen des Dargestellten finden sich in Bildnissen der Zeit häufig; es hängt das mit der verbreiteten Sitte der persönlichen Sinnbilder, "Impresen" genannt, einem Zweig der Emblematik, zusammen 7 ).

Wer dieser Spies gewesen ist, wird sich kaum mehr ermitteln lassen. Es liegt nahe, ihn, vielleicht als Hofzwerg, am Schweriner Hofe Adolf Friedrichs I. zu suchen. Aber in den Rentereirechnungen der fraglichen Zeit kommt sein Name nicht vor, und bei dem bescheidenen Zuschnitt des Hofes ist es nicht wahrscheinlich, daß ein Hofzwerg überhaupt gehalten wurde. Daß er sich unter dem "Daniel der Maler" verbirgt, der von 1614 - 23 vom Hofe besoldet und häufig für Anstreicherarbeiten bezahlt wurde, ist nach dem eben Gesagten nicht


6) Zuletzt Gehrig in Thieme-Beckers Künstlerlexikon, XXXI, S. 376.
7) So gibt es etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, von dem Dr. Tulp, der in Rembrandts "Anatomie" dargestellt ist, ein um 1640 entstandenes Bildnis (Gal. Six, Amsterdam), das ihn mit einer Tulpe als Hinweis auf seinen Namen in der Hand darstellt. Vgl. Ludwig Volkmann, Von der Bilderschrift zum Bilderrätsel, Ztschr. für Bücherfreunde 1926, S. 65 ff., wo viele Beispiele solcher Namenssinnbilder angeführt sind.
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anzunehmen. Die Kopie braucht ja überdies garnicht in Schwerin selbst entstanden zu sein.

Und überhaupt ist diese Frage für uns nicht mehr von Belang; denn die Beziehung auf den Dargestellten wurde in der Folgezeit ebenso vergessen wie der ursprüngliche emblematische "Geheimsinn" des Bildes, der, ohne Erläuterung schon an sich dunkel, durch die Umwandlung des Emblems zum Bildnis noch weiter verschleiert worden war. Es blieb das Bild eines Zwerges zurück, rätselhaft seinem Bedeutungsinhalt, auffallend seinem Gegenstand nach. Erst als die Volksphantasie sich seiner bemächtigte und es mit den Erzählungen von einem zwergenhaften Geist im Schlosse in Verbindung brachte, bekam es einen neuen, bis heute lebendigen Sinn. Der Zeitraum, in dem das geschehen sein muß, läßt sich, wie schon gesagt, auf die etwa 100 Jahre eingrenzen, die zwischen dem Bützower Protokoll (1747) und dem Sandsteinbild des Schlosses liegen. Aber das sind nur die äußersten Grenzen. Lisch spricht von der "seit Menschengedenken und länger" bekannten Petermännchensage (1850); und daß man gleichzeitig das Standbild im Schloßhofe aufstellen ließ, setzt bereits eine gewisse Überlieferung voraus. Wir können den Zeitraum danach auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts beschränken - also eine verhältnismäßig sehr kurze Zeit. In der Schnelligkeit und Unbedenklichkeit, mit der die Volksphantasie ihre Vorstellung dem Bilde anpaßte, übersah, was dieser Deutung widersprach, und aufnahm, was sie bestätigte, liegt das eigentliche sagengeschichtliche Interesse des Falles. Vermutlich hat erst das Bild zu der Benennung Anlaß gegeben: der Berg im Hintergrunde wurde zum Petersberg bei Pinnow, dem Wohnsitz der "Ünnerirdschen", und so das "sogenandte kleine Mängen" des Protokolls zum "Petermännchen". Die vielen Geschichten ferner, die den Geist im Umgang mit Waffen und Soldaten zeigen, setzen doch wohl das kriegerisch ausgestattete Petermännchen erst des Bildes voraus. Es bezeichnet die enge Verbindung des Bildes mit der Sage, daß es selbst Gegenstand einer Geschichte wurde: es soll nach einem Gelage auf unerklärliche Weise plötzlich auf der angeblichen Kamintüre erschienen sein. Erst dieser greifbare Anhaltspunkt machte eben aus der etwas

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blassen und allgemeinen Vorstellung des Protokolls eine wirkliche Gestalt mit bestimmten, sehr bezeichnenden, fast persönlichen Zügen. Das Bild wurde so zum Kristallisationspunkt der vielerlei Sagen, die sich um diese Gestalt bildeten. Kann es nicht mehr, wie bisher, als Beleg für das Alter der Sage gelten, so gewinnt es als Beispiel für die unbefangen gestaltende Kraft der Volksphantasie in einer nachweislich verhältnismäßig kurzen und jungen Zeit eine neue, nicht weniger wesentliche Bedeutung. -

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Stich von Crisp. de Passe in Rollenhagens Nucl. Embl., 1611. Kupferst.-Kab. Dresden, B 420, N. 1.
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IV.

 

Rerik

 

von

Willy Krogmann.

 

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Nachdem Robert Beltz 1934 in einem in den "Mecklenburgischen Monatsheften" 1 ) erschienenen Aufsatz die Vermutung ausgesprochen hatte, daß der früher Schloßberg genannte Schmiedeberg im Ostseebad Alt-Gaarz der Überrest der Burganlage der alten nordischen Handelssiedlung Rerik sei, und dann nach den Grabungen im Mai 1935 zu der Überzeugung gelangt war, daß er in dem auf einen natürlichen Kieshügel aufgeschütteten Burgwall tatsächlich Rerik wiedergefunden habe, hat der Reichsstatthalter und Gauleiter von Mecklenburg Friedrich Hildebrandt, als er der Gemeinde Alt-Gaarz nach der Eingemeindung von Wustrow mit Wirkung vom 1. April 1938 das Stadtrecht verlieh, Alt-Gaarz in Rerik umbenannt. Damit ist ein Name aus der Frühzeit der deutschen Geschichte der Vergessenheit entrissen, zugleich aber auch die Frage nach seiner Bedeutung aufgeworfen worden.

In seinem Aufsatz "Rerik, die Wikingerburg" 2 ) hat sich Walther Matthey als erster um eine Antwort bemüht. Er findet an der Nordküste der dänischen Insel Seeland eine Ortschaft Rörvig, deren Lage ihn ganz auffällig an die von Alt-Gaarz erinnert, da sie, wie er behauptet, an einer schmalen Durchfahrt zu einem breiten Haff liegt. Ferner begegnet ihm auf der norwegischen Insel Viken, und zwar angeblich ebenfalls an einer schmalen Durchfahrt, der Ort Rörvik. Den dänischen und norwegischen Namen, den er als "Hafenbucht an einer schmalen Durchfahrt" erklärt, gleicht er mit Rerik. "In


1) S. 322 ff.
2) Rostocker Anzeiger 58. Jahrg. (1938) Nr. 77.
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der Mundart friesischer Seefahrer", meint er, "die nicht selten von Dorstede rheinaufwärts bis Mainz gelangten, konnte wohl das nordgermanische Rörvik zu Rerik werden."

Einen zweiten Deutungsversuch hat Robert Beltz selbst in seinem Aufsatz " Rerik und Thrasiko. Zwei Namen unserer frühesten Geschichte" 3 ) unternommen. Schon in seiner ersten Veröffentlichung hatte er gemeint, daß der Name Rerik schwedisch klinge, und bemerkt, daß in Schweden fast gleiche Namen vorkämen. Auch jetzt betont er, daß im Nordgermanischen verwandte Namensformen allgemein seien, wobei er auf die Personennamen Berik, Horich, Roric, Ruric und Göttrik verweist. Ein nord. + Rörekr liegt seines Erachtens Rerik voraus. Klar ist ihm das zweite Glied -rik = germ. + rika- "mächtig, reich". In re- scheint ihm jedoch eine Verkürzung vorzuliegen. Vielleicht soll es aus + reiki- "Reich, Herrschaft", entstanden sein, sodaß der ganze Name "an Herrschaft mächtig" oder "großmächtig" bedeuten würde. "Daß ein Personenname als Ortsname eintritt", erklärt er noch, "hat nichts Befremdendes und ist gerade in slawischem Sprachgebiet allgemein. Die Namen auf -an (Schwaan, Rogahn, Vellahn usw.) und -un (Dargun usw.) sind durchgängig ursprünglich Personennamen."

Beide Deutungen befriedigen nicht. Vollends die Ansicht von Robert Beltz ist aus sprachlichen Gründen unannehmbar. Sie scheitert schon daran, daß der Ortsname nicht als Personenname angesprochen werden darf. Der Hinweis auf slawische Ortsnamen, die Personennamen darstellen, ist ohne Belang, da Rerik ja nicht slawisch, sondern germanisch ist. Im Germanischen werden aber Personennamen nicht unmittelbar als Ortsnamen gebraucht. Überdies könnte selbst ein Personenname + Rerik nicht "an Herrschaft mächtig" oder "großmächtig" bedeuten. Ich sehe nicht, wie Beltz sich die Entstehung von re- aus + reiki- denkt. Wir brauchen uns um diese Herkunft aber umsoweniger zu bekümmern, als es im Germanischen ein + reiki- überhaupt nicht gibt. Die Grundform von nhd. Reich ist vielmehr german. + rikja-.


3) Monatshefte f. Mecklenburg 1938 S. 220 ff.
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Anfechtbar ist auch die Erklärung Walther Mattheys, selbst wenn wir ganz davon absehen, daß die von ihm vorgetragene Deutung des dänischen und norwegischen Namens auf das frühere Art-Gaarz keineswegs zutreffen würde. Zwar läßt sich die Annahme, daß Rerik aus der altnord. Entsprechung von dän. Rörvik, norw. Rörvik entstellt sei, nicht unmittelbar widerlegen, doch ist nicht ersichtlich, weshalb eine solche Umbildung erfolgt sein sollte. Daß Matthey sie auf Rechnung friesischer Seefahrer setzt, erhärtet sie jedenfalls nicht, da das Friesische keine besonderen Voraussetzungen für den Lautwandel bietet. Mag man aber auch zugeben, daß sie allenfalls möglich ist, so wird man einer Deutung des Ortsnamens den Vorzug geben müssen, die von der überlieferten Form Rerik ausgeht. Daß sie zur Annahme einer Verderbnis keinen Anlaß bietet, glaube ich jedoch zeigen zu können.

Der Name Rerik wird nur zweimal in den Einhard zugeschriebenen Fränkischen Reichsannalen erwähnt. In ihnen wird unter dem Jahre 808 berichtet, daß der Dänenkönig Göttrik gegen den mit Karl verbündeten Obodritenfürsten Thrasiko 4 ) zu Felde zog, vor seiner Rückkehr einen Handelsplatz an der Seeküste zerstörte, der "lingua danica" Rerik hieß und dem Reiche durch die Zahlung von Abgaben großen Vorteil brachte, die Kaufleute von dort fortführte und zu Schiff mit dem ganzen Heere nach dem Hafen Sliesthorp (= "Dorf an der Schlei") gelangte. Außerdem wird unter dem Jahre 810 angegeben, daß Thrasiko auf Anstiften König Göttriks in Rerik ermordet wurde.

Die Angabe, daß Rerik ein dänischer Name gewesen sei, wird durch die geschichtlichen Ereignisse gestützt. Offenbar hat König Göttrik die Kaufleute nach Haithabu verpflanzt und die Handelsstadt im Gebiete der Obodriten wenigstens teilweise zerstört, weil seine Landsleute und der Ort nach seinem Feldzug gegen Thrasiko gefährdet waren.


4) Daß Thrasiko ein Germane gewesen sei, läßt sich gegen Beltz aus seinem germanischen Namen nicht erschließen. Ebensowenig spricht ja das Auftreten keltischer Namen im germanischen Bereich für keltisches Volkstum.
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Bei der Bestimmung der dänischen Namensform müssen wir bedenken, daß der Schreiber der Fränkischen Reichsannalen ihre Lautung mit den Mitteln seiner Schreibweise wiedergab und daß sie vielleicht schon von seinen Gewährsleuten mundgerecht gemacht worden war. Hatten sie auch keinen Anlaß, ein -vik in ein -ik zu verwandeln, so braucht doch das -e- nicht ursprünglich zu sein. Hinter einem langen e namentlich kann auch altdän. ø oder øy stehen, das einem geschlossenen ø zum mindesten schon sehr nahe stand, wozu es sich bald entwickelte. Da es im Althochdeutschen für diesen Laut kein Zeichen gab, war der Ersatz durch e nur geboten.

Überprüfen wir den germanischen Wortschatz, so sind wir in der Tat gehalten, hinter dem überlieferten Rerik ein altdän. + Røyrik oder daraus entwickeltes + Rørik zu suchen, was übrigens hinsichtlich des ø ja auch Matthey und Beltz wollen. Nur ein altdän. + Røyrik läßt sich nämlich sprachlich rechtfertigen. Ja, es findet sogar im altengl. -ryric = + -rieric "Rohr" seine unmittelbare Entsprechung.

Das altenglische Wort ist im Gedicht über den Walfisch in der Zusammensetzung sæx-ryric "Seerohr" belegt. In ihm heißt es Vers 8 ff., daß das Aussehen des Wales einem rauhen Felsen gleiche und daß es sei, als ob an der Küste des Meeres, von Sanddünen umgeben, das größte Seerohr (særyrica mæst) schwanke, sodaß die Seefahrer glaubten, daß sie mit den Augen auf irgendeine Insel schauten.

Altengl. -ryric ist eine Ableitung von german. + rauza- "Rohr" in got. raus, altisländ. reyrr, altschwed. rør. neuschwed. rør, neugutn. royr, neudän. rør, mittelniederdeutsch, althochdeutsch ror. Der vielfach anzutreffende Vergleich mit althochdeutsch rorahi "Röhricht" 5 ) ist allerdings unzutreffend, da das Germanische kein Kollektivsuffix auf -k- kennt. Daß wir es bei altengl. -ryric nicht mit einem Kollektivum zu tun haben, lehrt ja auch die pluralische Verwendung. In Wahrheit teilt der Ausdruck mit Pflanzennamen wie altengl.


5) Vgl. Grein-Köhler, Sprachschatz der angelsächsischen Dichter (1912) Sp. 564a; Holthausen, Altenglisches etymologisches Wörterbuch (1934) S. 259.
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cammoc, neuengl. cammock "Schwefelwurzel, Himmelsdill, Roßkümmel, Saufenchel (Peucedanum off.)" und altengl. hassuc, neuengl. hassock "rauhes Gras" das deminutive Suffix german. -ika-,-uka-. Daß dieses auch den nordischen Sprachen nicht fehlte, zeigen etwa altschwed. stjælke "Stengel" neben ablautendem mittelengl. stalke und Kosenamen wie altisländ. Sveinki, Brynki, Gjuki = altengl. Gifeca, mittelhochdeutsch Gibeche. German. + rauzika- ist genau so wie altengl. cammoc und hassuc ein Pflanzenname. Das Suffix bringt nur zum Ausdruck, daß es sich beim "Rohr" um dünne "Röhren" handelt.

Der Ortsname Rerik = + Røyrik ist demnach nicht durch "Röhricht", sondern einfach durch "Rohr" wiederzugeben, wobei jedoch zu bedenken ist, daß es sich bei ihm trotzdem um eine kollektive Bezeichnung handelt. Er entspricht dem häufigen deutschen Namen Rohr, den beispielsweise ein Ort im Kreise Schleusingen trägt, für den er 816 als Ror und 824 und 826 dativisch als Rora, Rore bezeugt ist 6 ).

In Übereinstimmung mit Rerik = + Røyrik "Rohr" werden auch die von Matthey angezogenen Ortsnamen dän. Rörvig und norw. Rörvik als "Rohrbucht" zu verstehen sein. Mattheys Auffassung kommt umsoweniger in Betracht, als die beiden Orte in Wahrheit gar nicht an einer röhrenförmigen Durchfahrt liegen.

Sachlich ergeben sich keine Bedenken gegen unsere Deutung des Namens Rerik = + Røyrik. Das Schilfrohr (Phragmites communis Trin.) ist als "Brakwasserröhricht" an geschützten Buchten der Ostsee gut entwickelt und fehlt sogar an der Nordseeküste nicht. Auch der altenglische Beleg zeugt ja hiervon. An der ostpreußischen Küste ist die salzliebende Vegetation zwar wenig ausgebildet, da im wesentlichen nur Dünen und Steilabstürze mit einer schmalen Sandstrandzone die Küste begleiten, doch finden sich in Pommern, Mecklenburg und Schleswig-Holstein Salzsümpfe und salzige Wiesen mit Brackwasser-


6) Vgl. Förstemann-Jellinghaus, Altdeutsches Namenbuch II. 1 (1910) Sp. 551 f.
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röhricht in recht beträchtlicher Ausdehnung 7 ). In Pommern begegnet es so im brackigen Wasser der ostpommerschen Strandseen, vor allem jedoch an den Ufern des Stettiner Haffs, in den Bodden der Insel Rügen und hinter dem Darß. In Mecklenburg treffen wir es beispielsweise an der Wismarschen Bucht und gerade auch am Salzhaff. Das letzte Vorkommen läßt die Ansicht von Beltz über die Lage von Rerik somit wenigstens als möglich erscheinen. Daß heute Schilfrohr nur noch spärlich am Hafen des früheren Alt-Gaarz wächst, ist ohne Bedeutung, da es ihm um 800 durchaus sein Gepräge gegeben haben kann.

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7) Vgl. Kurt Hueck, Pflanzengeographie Deutschlands (1935/36) S. 29 f.; Willi Christiansen, Pflanzenkunde von Schleswig-Holstein (1938) S. 55 ff.
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V.

 

Adolf Friedrich von Schack
und Anselm Feuerbach.

 

Orginalbriefe des Künstlers
und seiner Mutter
im Mecklenburgischen Geheimen
und Hauptarchiv zu Schwerin.

 

Herausgegeben von

Walter Josephi.

 

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Im Jahre 1935 übersandte in Ausführung einer letzten Bestimmung des Preußischen Generalleutnants Hans v. Schack in Kassel 1 ) seine Witwe, Frau Marie v. Schack, dem Geheimen und Hauptarchiv zu Schwerin einige Konvolute von Papieren. Der wertvollste Teil der Gabe sind 304 Briefe (auch Quittungen und Verpflichtungsscheine) bildender Künstler, Dichter und Gelehrter an Adolf Friedrich, nachmaligen Grafen v. Schack, den bekannten Münchener Dichter und Sammler 2 ). Dabei sind durch Inhalt oder Zahl besonders bedeutungsvoll die Briefe


1) Hans v. Schack aus dem lauenburgischen Hause Müssen, ein entfernter Verwandter des ersten Grafen v. Schack, wurde am 27. Juni 1853 zu Landsburg/W. geboren. Er trat im Februar 1871 aus dem Kadettenhause als Leutnant in das Füs.-Regt. 36 ein und wurde 1885 in den Generalstab versetzt, in dem er bis 1894 verblieb. 1899 wurde er Oberst und Kommandeur des Inf.-Regt. 13 in Münster i. W., 1902 Kommandeur der 68. Inf.-Brigade. 1906 erhielt er den Charakter eines Generalleutnants und wurde zu den Offizieren der Armee versetzt, 1907 verabschiedet. Im Weltkriege war er vom 4. August 1914 bis 8. November 1917 Kommandeur der Stellv. 43./44. Brigade, sodann der 44. Brigade. Von Frankreich des Mordes von mehr als 3000 Gefangenen durch vorsätzliche Ausbreitung des Fleckfiebers im Gefangenenlager Niederzwehren angeklagt, wurde er am 9. Juli 1921 ehrenvoll vom Reichsgericht zu Leipzig freigesprochen. Er starb am 9. Dezember 1934 zu Kassel. Unter den von ihm hinterlassenen Papieren befindet sich eine bisher nicht veröffentlichte Biographie und Würdigung des Grafen Adolf Friedrich v. Schack.
2) Adolf Friedrich v. Schack aus dem mecklenburgischen Hause Zülow, geb. 2. August 1815 zu Schwerin/M. als Sohn des Wirkl. Geh. Rats und nachmaligen mecklenburgischen Gesandten am Bundestage zu Frankfurt/M. Christoph v. Schack, Herrn auf Brüsewitz und Zülow in Mecklenburg, trat nach abgelegter Referendarprüfung in den preußischen und dann in den mecklenburgischen diplomatischen Dienst. Nach seinem Ausscheiden 1851 bildete er sich auf Reisen, widmete sich literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten und siedelte 1854 auf Wunsch des Königs Maximilian II. nach München über. Neben seinen Dichtungen wurde er vornehmlich durch die hauptsächlich in den Jahren 1857 bis 1874 in seiner 1856 erworbenen Villa in der Briennerstraße geschaffene spatere Schack-Galerie bekannt. Durch Cabinetsordre des Kaisers und Königs (  ...  )
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von Böcklin, Bodenstedt, Feuerbach, Grosse, Gregorovius, Heyse, Lenbach, Ludwig, v. Marées, Neureuther und Steinle.

Wenn aus dieser umfangreichen Sammlung hier nur die Briefe des Malers Anselm Feuerbach 3 ) und seiner Stiefmutter Henriette Feuerbach 4 ) veröffentlicht werden, so liegt der Grund einmal in der regen Anteilnahme, die die Allgemeinheit schon zu Lebzeiten dieses großen, aber damals verkannten Malers an seinem Verhältnis zu seinem Auftraggeber nahm, noch gesteigert nach dem Ableben Feuerbachs, als nach einer noch wenig beachteten Gedächtnisausstellung in der Berliner National-Galerie 1880 eine Reihe vielgelesener Veröffentlichungen erschien 5 ) und gar die Jahrhundert-Ausstellung Ber-


(  ...  ) Wilhelm I., Berlin, 22. November 1876, wurde er in den preußischen Grafenstand erhoben. Nach langjährigem Augenleiden 1880 völlig erblindet, aber dennnoch aus seiner Erinnerung literarisch weiter schaffend, starb er am 14. April 1894 zu Rom. Vergl.: Adolf Friedrich Graf von Schack: Ein halbes Jahrhundert. Erinnerungen und Aufzeichnungen. 2. Aufl. Stuttgart 1889. Meine Gemäldesammlung. 7. Aufl. Stuttgart 1894. Gesammelte Werke in 10 Bänden. 3. Aufl. Stuttgart 1897 ff. Dr. Carl Schröder: Mecklenburg und die Mecklenburger in der schönen Literatur. Berlin 1909, S. 223 ff. P. Krause: Die Balladen und Epen des Gr. Schack. Diss. Breslau 1915; Fr. Nemitz: Gr. Schack als Lyriker. Diss. Rostock 1921; A. Weigt: A. Fr. v. Schack als Dramatiker. Diss. Breslau 1921.
3) Geb. 12. Sept. 1829 zu Speyer, gest. 4. Jan. 1880 zu Venedig.
4) Henriette Feuerbach, geb. Heydenreich (geb. 13. August 1812 zu Ermetzhofen in Franken, gest. 5. August 1892 zu Ansbach), heiratete 1834 den Gymnasiallehrer in Speyer, späteren Prof. der Archäologie in Freiburg Anselm Feuerbach (1798 - 1851) in dessen zweiter Ehe. Vergl. über sie Erika Schippel: Henriette Feuerbach. Eine Studie zur Geistesgeschichte des 19. Jahrh. Jena 1930 (Jenaer Germanistische Forschungen, Heft 14); Hermann Uhde-Bernays: Henriette Feuerbach. Ihr Leben in ihren Briefen. Berlin-Wien 1913.
5) Julius Allgeyer: Anselm Feuerbach. 1. Ausgabe Bamberg 1894, 2. Aufl. Berlin und Stuttgart 1904. (Im Folgenden wird die 2. Auflage zitiert mit "Allgeyer"). Anselm Feuerbach: Ein Vermächtnis. Mit Nachwort von Hermann Uhde-Bernays München 1924 (Erste Ausgabe bei Gerold, Wien 1882); Ed. Heyck: Anselm Feuerbach (Künstler-Mon. LXXVI) Bielefeld 1905; Anselm Feuerbachs Briefe an seine Mutter. Herausgegeben von G. J. Kern und Hermann Uhde-Bernays. 2 Bände. Berlin 1911 (zitiert "Briefe"); Anselm Feuerbachs Briefe an seine Mutter. In einer Auswahl von Hermann Uhde-Bernays Berlin 1912 (zitiert: "Uhde-Bernays: Briefe"); ferner das mit sechs Heliogravüren und 324 Abbildungen von Werken Feuerbachs ausgestattete Werk von Hermann Uhde-Bernay: Feuerbach. Beschreibender Katalog seiner sämtlichen Gemälde. München 1929 (zitiert "Uhde-Bernays: Feuerbach"). Z. Zt. erscheinen die Briefe an die Mutter in neuer Auswahl von Anni Paul-Pescatore.
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lin 1906 ihn selbst der Nachwelt als einen ganz Großen vorgeführt hatte. Andererseits handelt es sich gerade bei den Feuerbachbriefen um einen Komplex innerlich zusammenhängender Schreiben, deren Gegenseiten überraschend gut durch die 1911 veröffentlichten Briefe des Künstlers an seine Mutter und die Schack-Briefe bei Allgeyer festgestellt werden können. Es erschien daher als eine kunsthistorische Notwendigkeit, durch eine wortgetreue Herausgabe die erhebliche Lücke im Ringe der aufschlußreichen Brief-Veröffentlichungen aus dem Feuerbach-Kreise zu schließen, zumal erst dadurch eine selbständige Beurteilung des Feuerbach - v. Schack-Problems ermöglicht wird 6 ).

Der hier bearbeitete Teil der Briefsammlung umfaßt:

von Anselm Feuerbach vier Briefe an v. Schack, zwei Briefe an die Mutter 7 ), einen Vertragsabschluß mit v. Schack;

von Henriette Feuerbach 8 ) einen Brief an Julius Allgeyer, 27 Briefe an v. Schack, vier Zahlungsquittungen für gelieferte Gemälde,

denen aus inhaltlichen Gründen ein Brief Jos. Victor Scheffels an v. Schack beigefügt wird.

Die im Folgenden wiedergegebenen Briefe des Künstlers und die meisten seiner Mutter entstammen den "Jahren der Überwindung", wie Uhde-Bernays treffend die Schaffenszeit der Jahre 1863 bis 1867 benennt 9 ); sie haben dadurch eine gesteigerte Bedeutung, daß sie in Verbindung mit den ihnen beiliegenden Geldquittungen die sämtlichen zwölf von


6) Die Briefsammlung ist bisher nur vom letzten Secretär des Grafen von Schack, Georg Winkler, für einen Aufsatz: "Anselm und Henriette Feuerbach und ihre Beziehungen zum Grafen Schack" (Die Kunst für Alle, XVIII. Jahrg. München 1903, S. 107 ff u. 139 ff.) benutzt worden, doch verbot ihm der zur Verfügung stehende Raum eine Herausgabe. Wenn sich bei der jetzigen wortgetreuen Herausgabe der für das Verständnis der Briefe unerläßliche verbindende Text mit der Darstellung Winklers berührt, so ergibt sich dies aus der Gebundenheit der Materie.
7) Die Briefe fehlen in den Berliner Veröffentlichungen.
8) Die Briefe fehlen bei Hermann Uhde-Bernays: Henriette Feuerbach, da sie dem Herausgeber vom Besitzer, dem Generalleutnant Hans von Schack, damals nicht zur Verfügung gestellt werden konnten (Uhde-Bernays: Henriette Feuerbach, S. 484).
9) Uhde-Bernays, Briefe S. 172.
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Schackschen Erwerbungen Feuerbachscher Gemälde behandeln 10 ). Diese Gemälde sind:

Schack-Galerie 11 ), 1938:

Nr. 31: Bildnis einer Römerin. (1862).
Nr. 32: Pietà. 1863.
Nr. 33: Garten des Ariost. (1862).
Nr. 34: Madonna. (1863).
Nr. 35: Badende Kinder. (1864).
Nr. 36: Francesca und Paolo. 1864.
Nr. 37: Musizierende Kinder von einer Nymphe belauscht. 1864.
Nr. 38: Laura in der Kirche. (1865).
Nr. 39: Familienbild. 1866.
Nr. 40: Hafis am Brunnen. 1866.
Nr. 41: Ricordo di Tivoli. (1868).

Ferner wurde von v. Schack erworben, doch später wieder abgegeben: Romeo und Julia. 1864.

An Quittungen liegen den Briefen bei diejenigen für

Nr. 33: Garten des Ariost. 1000 Gulden, ausgestellt am 8. Januar 1863.
Nr. 31: Bildnis einer Römerin. 400 Gulden, ausgestellt am 6. Februar 1863.
Nr. 35: Badende Kinder. 600 Gulden, ausgestellt am 25. März 1864.
Nr. 38: Laura in der Kirche. 2000 Gulden, ausgestellt am 23. April 1865.

Dazu kommt noch die Urkunde, durch die sich Anselm Feuerbach am 28. November 1866 verpflichtet, für den Preis von 3500 Gulden die Ölgemälde "Medeas Abschied" und "Ein Mädchen mit einem singenden Knaben" 12 ) zu liefern, unter gleichzeitiger Empfangsbestätigung von 300 Gulden Vorschuß.

*

10) Über die Schack-Galerie vergl. an neuerer Literatur insbesondere: Verzeichnis der Schackgalerie. Mit Erläuterungen ihres Begründers und Äußerungen der Künstler. Herausgegeben von Ludwig Justi. München 1923 (die hier zitierte vierte Auflage 1930).
11) Schack-Galerie München. Zweite veränderte Auflage, Berlin 1938 (Amtliche Ausgabe der Verwaltung der Staatl. Schlösser und Gärten in Berlin).
12) Es handelt sich um Schack-Galerie, 1938, Nr. 41: Ricordo di Tivoli, das seinen Namen wechselte.
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Ein kühler Ton zieht sich durch die Briefe Anselm Feuerbachs an seinen Gönner, ein Hauch tiefer Mutterliebe und warmen Dankgefühls durch die Schreiben der Mutter. Sie voll zu verstehen und zu werten, bedarf es vor allem der Kenntnis von Anselm Feuerbachs Briefen an die Mutter. Aus ihnen ersteht dem Leser eine seltsam überreizte, seelisch zerrissene, in sich widerspruchsvolle Persönlichkeit, ein hochgenialer Künstler und Könner, aber unzufrieden mit aller Welt und nicht zuletzt und nicht zum wenigsten mit sich selbst, welch Depressions-Gefühl immer wieder von Übersteigerungen der Selbsteinschätzung abgelöst wird.

Von diesem in sich selbst gegensätzlichen und daher sozial äußerst schwierigen Charakter des Sohnes hebt sich in vollendetem Gegensatz ungemein sympathisch die abgeklärte Denkweise der Stiefmutter ab, deren Leben einzig und allein der Förderung des Sohnes geweiht war und die nur hierin ihren Lebenszweck sah. Im klaren Erkennen der charakterlichen Schwächen des Sohnes, ererbt vom nervös reizbaren Vater, übernahm sie zwangsläufig die Aufgabe, zu mildern, auszugleichen, zu versöhnen, Wege wieder zu eröffnen, die durch Jenes Impulsivität verschüttet waren. Zumal als der Münchener Sammler in das Leben des Sohnes und damit auch in das ihrige getreten war, als dann wieder dunkle Wolken aufstiegen, die den soeben erst mühsam errungenen Erfolg wieder zu beschatten drohten, wuchs diese Mutterliebe zu fast tragischer Größe. Hatte sich doch kaum jemals zuvor die Wesensverschiedenheit der Beiden so offenbart wie jetzt, noch niemals in solcher Stärke ihr gegensätzliches und doch auf dasselbe Ziel gerichtetes Handeln.

Adolf Friedrich v. Schack trat auf die Lebensbühne dieser beiden eng verbundenen Menschen als Retter aus unsagbarer Qual nach dem Durchleben jener Jahre 1861 und 1862, "die in ihrer Not den Gipfel menschlichen und künstlerischen Leidens bildeten" 1 ). Aber obwohl v. Schack dem gereiften Künstler niemals die Frohn des Bilderkopierens auferlegte, wie etwa dessen römischen Genossen Lenbach und v. Marées, faßte schon bald eine Verstimmung Feuerbachs gegen seinen Auftraggeber Fuß, die Uhde-Bernays aus der seelischen Perspektive des Künstlers mit folgenden Worten charakterisiert: "Er sah die Inferiorität des ohnedies kurzsichtigen Sammlers, der im


1) Uhde-Bernays, Briefe, S. 173.
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Kreise der Freunde in München gerne als der edle Mäzen gepriesen sein wollte, sogleich, ging aber auf seine Bestellungen ein, solange zwischen ihm und dem Grafen halbwegs ein Verständnis bestand" 2 ).

Diese aus der Denkweise Feuerbachs gut formulierte, in Wahrheit keineswegs zutreffende Auffassung von Art und Wesen des Münchener Sammlers wurde von der Mutter vielleicht geteilt; jedoch war die Mutter von Anfang bis Ende beherrscht von einem tiefen Dankgefühl gegen den Retter, in dem sie in echt fraulicher Weise auch für sich selbst einen Ratgeber sah. Sie fürchtete den Bruch, sie, die des Sohnes Wesensart nur allzu gut kannte 3 ). Hatte sie es doch erlebt und sollte es noch weiter erleben, daß noch nie eine Gemeinschaft des Sohnes von wirklicher Dauer gewesen und daß er von fast allen, denen er im Leben näher getreten - Scheffel, Böcklin, Lenbach, Marées, Fiedler und anderen - mehr oder weniger in Unfrieden schied oder doch zu ihnen in Gegensatz trat. So wurden denn die Briefe der Mutter in dem gleichen Maße, wie des Sohnes Verstimmung gegen v. Schack zunahm, zu immer stärkeren Versuchen auszugleichen, wobei sie auch wohl vor Unwahrheiten oder doch wenigstens Umbiegungen der Wahrheit nicht zurückschreckte, bis schließlich der vollzogene Bruch das Mutterherz jene schönen Worte finden ließ, in denen sich die tiefe Enttäuschung über des Sohnes Verhalten mit ihrer nie versagenden Dankbarkeit gegen den einstigen Retter vereinte.

In Kunst- und Literaten-Kreisen 4 ) hat man, vornehmlich nach v. Schacks Ableben, über sein sammlerisches Können und sein Förderertum gegenüber dem Künstlernachwuchs abgeurteilt und dabei übersehen, daß die Schack-Galerie als die herrlichste Privatsammlung deutschen Kunstschaffens des 19. Jahrhunderts eine so laute Sprache vom Wollen und Können ihres Schöpfers redet, daß es eigentlich gerade in München schwer fallen müßte, sie zu überhören. Man vergaß auch, daß er weit mehr junge Talente erkannte als verkannte, wußte auch nicht,


2) Uhde-Bernays, Briefe, S. 177.
3) Erika Schippel, S. 29, Anm. 177.
4) Besonders Allgeyer (1894) und Wyl, letzterer durch seine Ende 1895 in der nordamerikanischen Zeitung "Der Westen" erschienenen Aufsätze über Lenbach, später in Buchform veröffentlicht siehe Anm. 5).
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daß manche der jungen Leute damals, als v. Schack ihnen jene Ausbildungs- und Schaffensmöglichkeit gewährte, sich in den Briefen an ihn ganz anders ausgesprochen hatten, als sie es viel später als anerkannte Künstler taten 5 ). Ebenso verschloß man sich der Tatsache, daß fast noch immer das Mäcenatentum als Kehrseite ein Aufgeben des uneingeengt freien künstlerischen Schaffens nach der einen oder anderen Seite mit sich brachte. Wieweit dabei v. Schack aus Eigenem handelte oder guten Beratern folgte, ist nach außen gleichgültig.

Hier handelt es sich aber nicht um einen Fall Böcklin, v. Marées oder Lenbach, sondern um Feuerbach, und da ist von vorne herein festzustellen, daß durch die nunmehr im Wortlaut veröffentlichten Briefe der Mutter an v. Schack das Problem in ein neues Licht tritt, daß hier erstmalig eine Kronzeugin volle Wortfreiheit erhält, die man wohl kannte, deren Mund aber in dieser Sache bisher fast verschlossen war, und daß es erst jetzt möglich wird, dem Verhalten eines Mannes, den Mecklenburg zu seinen großen Kulturträgern zählt, gerecht zu werden.

Der Konflikt Feuerbach - v. Schack hatte in seinen verschiedenen Phasen jeweils verschiedene Ursachen; aber der eigentliche Grund lag tiefer, er lag vor allem in der charakterlichen Veranlagung des Künstlers. Die im jungen Maler schon früh sich entwickelnde Auflehnung, die schließlich zum Haß auf seinen Auftraggeber wurde, erscheint dem Fernstehenden um so unverständlicher, als ja Feuerbachs Verhältnis zu seinem Gönner eigentlich das idealste war, welches überhaupt einem Künstler beschieden sein kann: der Künstler reichte Skizzen und Entwürfe ein von Bildern, die er zu malen beabsichtigte, und nach diesen bestellte der Sammler 6 )! Zum Verständnis muß man also tiefer schürfen, muß die seelische Gesamteinstellung des Künstlers in den Vordergrund stellen, wie sie der Nachwelt in letzter Nacktheit aus den Briefen an die Mutter entgegentritt. Feuerbach war als


5) Die nach dem Tode v. Schacks veröffentlichten Äußerungen Franz von Lenbachs (in Buchform: Franz von Lenbach: Gespräche und Erinnerungen. Mitgeteilt von W. Wyl. Stuttgart und Leipzig 1904, S. 45 ff.) schmälern nicht die Beweiskraft der vom Standpunkt des zeitgenössischen Erlebens niedergeschriebenen Lenbachschen Briefe im Geh. und Hauptarchiv zu Schwerin.
6) Vergl. S. 118, Anm. 7.
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höchstkünstlerische Persönlichkeit von einer genial-manischen Besessenheit mit daraus sich ableitenden schwersten seelischen Gleichgewichtsstörungen 7 ). Schon allein die Tatsache, daß die Beziehungen zum Besteller eine gewisse Einengung, einen Zwang mit sich brachten, genügte, wenn auch wohl zunächst von ihm selbst nicht gefühlt, im Unterbewußtsein eine Gegenströmung aufkommen zu lassen, die sich bald nach außen auswirkte. Einen guten Vergleich bietet die Persönlichkeit des Hans v. Marées 8 ), da dessen Seelenleben ähnlichen Schwankungen unterlag, bei dem aber die Auswirkungen noch explosiver und folgenschwerer auftraten als bei Feuerbach, da doch letzterer dauernd unter dem Einfluß der liebevoll ausgleichenden Mutter stand. Ein Gegenbeispiel zu den so gearteten "Römern" ist Franz Lenbach, obwohl er doch eigentlich am meisten unter den Kopier-Aufträgen v. Schacks hätte leiden müssen. Die im Geh. und Hauptarchiv befindlichen 18 Briefe von Lenbachs italienischer und spanischer Tätigkeit beweisen, mit welcher seelischen Ruhe sich die unkomplizierte Natur dieses sich emporringenden großen Künstlers mit der sich immer wieder erneuernden Kopierfrohn abfand, wie der Künstler geradezu eine Freude gewann an seiner sich mit jedem Auftrage steigernden Beherrschung der Maltechnik und wie er schließlich mit ganz einfachen, ruhig-sachlichen Worten und ohne jedwede seelische Emotion weitere Kopier-Aufträge ablehnte, als er für ein nur noch selbständiges künstlerisches Schaffen die Stunde gekommen wähnte 9 ).

Für Feuerbach mit seinem sehr ausgesprochenen Geltungsbedürfnis war noch wesentlich, daß seine Gemälde nicht öffent-


7) Erika Schippel, a. a. O. S. 60, spricht von einem pathologischen Fallen Feuerbachs aus einem Extrem ins andere und stellt die Auffassung der Mutter fest, "daß der Mensch Anselm dem Künstler nicht ebenbürtig sei". (Vergl. dazu Henriette an Allgeyer am 18. März 1866, bei Uhde-Bernays: Henriette Feuerbach, S. 253).
8) Im Geh. und Hauptarchiv liegen acht Briefe des Malers Hans von Marées an seinen Münchener Auftraggeber, die hierfür charakteristisch sind.
9) Madrid, 23. März 1868: "Mit Copieren mache ich hiermit den Schluß, obwohl ich jetzt mein finanzielles Glück machen könnte auf diesem Wege. So wurden mir gestern 8000 Frs. geboten, falls ich eine Copie nach Carl V. wiederholen wollte. Ich lehnte alle Aufträge in der Art ab, weil ich jetzt mein produktives Ziel zu verfolgen das größte Bedürfnis habe. Auch ging's noch weiter in einem Museum zu arbeiten über meine Kräfte."
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lich ausgestellt würden, sondern in einer Privatgalerie verschwänden 10 ).

Auf der anderen Seite darf man nicht verkennen, daß auch v. Schack, der in hohem Maße sich die Allüren und die Denkweise eines jener großen, ganz von oben herab kunstfördernden Grandseigneurs des 18. Jahrhunderts gewahrt hatte, manche Eigentümlichkeiten besaß, die bei öfterer Wiederholung auf die Künstlermentalitäten aufprallten. War doch auch v. Schack Künstler, ebenso wie Feuerbach, aber ebenso seiner eigenen Überzeugung nach ein verkannter 11 ). Auch er war eitel, und somit stieß bei Ausübung seines Gönnertums Eitelkeit auf Eitelkeit, übersteigertes Selbstgefühl auf ebensolches. Das mußte sich auf die Dauer auswirken, noch mehr aber dadurch, daß v. Schack - wahrscheinlich durch Notwendigkeit oder Erfahrungen dazu gezwungen - gewisse den Künstlern unangenehme Geschäftsgrundsätze hatte und diese allerdings sehr bestimmt, vielleicht sogar verletzend, in Erscheinung treten zu lassen pflegte. Bei den Gemälde-Bestellungen nahm er vielfach die ihm vorgelegten Entwürfe und Skizzen nicht einfach zur Ausführung an, sondern er verlangte Abänderungen; auch nahm er für sich das Recht in Anspruch, die Größe des zu schaffenden Gemäldes und damit den künstlerischen Maßstab zu bestimmen, und zwar meist in abminderndem Sinne gegenüber den für einen Privatsammler allzu monumentalen Planungen der Künstler 12 ). Gelegentlich drängte er auch wohl,


10) Im Brief an die Mutter, Rom, 17. Dec. 1865 (Briefe, II, S. 145) spricht er dies geradezu aus: "Soll ich dazu geboren sein, der ich lebend bin, daß meine besten Werke in die Münchener Galerie gehen und nach meinem Tode Früchte bringen? ...... Meine Bilder in München haben mir noch nicht eine Bestellung eingetragen, das ist, weil nichts ausgestellt wird, was doch alle Künstler verlangen müssen".
11) Meine Gemäldesammlung. S. 354 Anm.
12) Es ergibt sich dies besonders klar aus drei der im Geh. und Hauptarchiv befindlichen Original-Briefe Buonaventura Genellis, in denen er sich bereit erklärt, sein Gemälde "Hercules bei Omphale" "in der von Ihnen angegebenen Größe, auch so rasch und fleißig, wie mir möglich, zu vollenden" (Weimar, 25. Dec. 1859), ferner über das zu schaffende Gemälde "Bacchus und die Bacchantinnen" mitteilt: "Es versteht sich, daß ich die von Ihnen erwähnten Veränderungen vornehmen werde, obschon dies nicht leicht ist" (Weimar, 7. Dec. 1862), um dann einige Tage später zu vermelden: "Seit Ihrem letzten Schreiben gab ich mir viel Mühe, die Musen auf dem Schlachtbilde anders zu komponieren, so auch die vier Pferde; ich glaube nicht, daß sie just besser geworden sind, ich bin schon zufrieden, daß sie mir eben nicht schlechter zu werden scheinen" (Weimar, 20. Dec. 1862).
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wenn die Künstler mit der Erfüllung und Ablieferung allzu säumig waren 13 ), und stand dazu noch in dem Rufe, durch Drückung der Preise die Notlage der Künstler, vor allem der jungen, noch nicht anerkannten, auszunutzen, wie er auch grundsätzlich für sich das Recht in Anspruch nahm, Bilderpreise einseitig von sich zu bestimmen 14 ).

Alle diese Eigentümlichkeiten spielen im Falle Feuerbach eine große Rolle. Wenn also Feuerbach, durch dessen Briefe an die Mutter sich wie ein roter Faden neben einer immer wiederkehrenden Preis-Überschätzung seiner Bilder der Zorn über v. Schacks Bilderpreise zieht, am Abende seines Lebens als eigentlichen Grund für den Bruch mit seinem Auftraggeber angab, daß er von v. Schack mehr oder weniger auf genreartige Darstellungen beschränkt worden sei 15 ) und daß er bei seinem Plane, mit dem "Gastmahl des Plato" die große historische Idee als Mittelpunkt seines Schaffens zu hegen und zu bilden, auf Abneigung, richtiger gesagt, auf die Bedingung gestoßen sei, die lebensgroß empfundene und groß gedachte Composition in Drittels-Lebensgröße auszuführen 16 ), so gab der Künstler in Wahrheit nur einen vereinzelten Punkt aus dem ganzen großen Komplex der Unstimmigkeiten wieder und verlegte den "Moment, wo unsere Wege auseinander gingen", um zwei Jahre zu früh.


13) Die im Geh. und Hauptarchiv befindliche Abschrift eines Schreibens v. Schacks, München, 8. Oct. 1867, an den Maler Heinrich Ludwig in Rom, erweist, in eine wie große Erbitterung der Sammler wegen der Unzuverlässigkeit Böcklins und vor allem des Hans v. Marées kam.
14) Die im Geh. und Hauptarchiv aufbewahrten Künstler-Quittungen für 83 Gemälde lassen erkennen, daß v. Schack an und für sich zwar nicht hoch, aber auch nicht abnorm niedrig zahlte, daß er aber sehr bestimmt zwischen Kunstwerken von älteren, bereits zur Geltung gekommenen Malern und von jüngeren, wie auch noch nicht anerkannten unterschied. Die Bilderpreise Feuerbachscher Arbeiten sind nach dem vorstehenden Briefwechsel: 1863. Bildnis einer Römerin. 400 Gulden; Pietà. 2000 Gulden; Garten des Ariost. 1000 Gulden; Madonna. 600 Gulden. 1864. Badende Kinder. 600 Gulden; Francesca und Paolo. 600 Gulden; Musizierende Kinder. 800 Gulden; Romeo. 1000 Gulden. 1865. Laura in der Kirche. 2000 Gulden. 1866. Familienbild - -; Hafis am Brunnen. - - 1868. Ricordo di Tivoli. 1300 Gulden. (1 südd. Gulden gleich etwa 1,70 Mark, doch damals von weit höherer Kaufkraft).
15) Vergl. S. 118. Anm. 7.
16) Ein Vermächtnis. S. 90.
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Wie dem auch sei, Eines kann man als sicher hinstellen: eine Künstlerpersönlichkeit wie die Feuerbachs konnte sich keinesfalls in einen Zwang des Mäzenaten- und Gönnertums einordnen, und somit war es aus seiner Denkweise heraus vollkommen berechtigt, wenn er über die Zeit der v. Schackschen Aufträge schrieb: "Meine Vergangenheit war eine Kette kleinlichsten Hereinhackens, Dareinredens, Abhaltens. Dies hat jetzt aufgehört. Ich gehöre nur noch meiner Kunst" 17 ).

Wie groß das Elend des jungen Künstlers vor dem Eingreifen v. Schacks war, geht aus einem Schreiben hervor, das Jos. Victor Scheffel, der dem Künstler außer der Stiefmutter vielleicht Nächststehende 1 ) am 17. April 1867 an v. Schack richtete und das mit den Künstlerbriefen in das Geh. und Hauptarchiv gekommen ist.

Jos. Victor Scheffel an Adolf Friedrich von Schack.

Karlsruhe, 17. April 1867.

Hochverehrter Freiherr!

Ihr vielfach bewährter künstlerischer Sinn, die zarte Fühlung eines dichterischen Gemütes und die hohe und freie Lebensstellung, die ein günstiges Geschick Ihnen zuwies, ermutigen den Ihnen persönlich Unbekannten, vertrauensvoll eine Angelegenheit zu Ihrer Kenntnis zu bringen, indem ich die innere Berechtigung zur Bitte um Mitwirkung aus dem uns gemeinsamen großen Anteil an Schicksalen und Erfolgen des Maler Anselm Feuerbach in Rom zu schöpfen mir gestatte.

Es ist ein Kapitel aus "Künstlers Erdenwallen", wie es die Nornen jedem als Lebensschatten ordnen, der im Sonnenlicht Lorbeer tragen will.

Im Jahr 1854 wurde ich mit dem jung aufstrebenden, in Erfindungskraft wie coloristischer Bravour unverkennbaren Talent Anselm Feuerbachs nahe befreundet. Er stund dem alten knorrigen Landschafter Schirmer, welcher damals als


17) Brief vom November 1869. (Ein Vermächtnis, S. 112).
1) Über die Beziehungen Jos. Victor Scheffels zu Feuerbach gibt Näheres v. Scheffel: Aus den Tridentiner Alpen, im "Frankfurter Museum", herausgegeben von Theodor Greizenach, 1856, Nr. 11 - 16; Anselm Feuerbach: Ein Vermächtnis. S. 58 und 62 ff; Julius Allgeyer, II, Personen-Verzeichnis.
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neuernannter Direktor hier eine Kunstschule zu gründen hatte, als permanente Verlegenheit im Wege; für einen Schüler waren die Leistungen zu eminent, und Meister duldete der Alte nicht neben sich. In bescheidendster, beinahe erniedrigender Form eines Stipendiums, d. h. des Auftrags, für etliche hundert Gulden die Assunta von Tizian in Venedig zu copieren, wurde der schon selbständige junge Meister veranlaßt, nach Italien abzugehen, damit hier Platz ward für Düsseldorfer Freunde Schirmers 1 ).

Als er jenen Auftrag trotz herrschender Cholera mit größtem Erfolg zu Venedig vollzogen, ging er 1856 nach Rom. Ich selbst habe im Jahr 1855 historischer Studien halber in Venedig, dort und in den tridentinischen Alpen schwere Zeiten brüderlich mit ihm geteilt. Mein Beruf wies mich nach Deutschland zurück.

Auf Neujahr 1858, als ich in der Fürstlich Fürstenbergischen Bibliothek zu Donaueschingen von Laßbergs altdeutsche Handschriften zu ordnen hatte, erhielt ich von einem römischen Kunstgenossen meines Freundes, dem Kupferstecher Allgaier 2 ), den beiliegenden Brief.

Es ging daraus hervor, daß ein Herr Landsberg in Rom, momentane Verlegenheiten Feuerbachs benützend, ihm sein in Rom entstandenes, großes und ernst gemeintes historisches Werk: "Dante und die edeln Frauen von Ravenna" mit Beschlag belegt und ihm somit in rücksichtslos eigennütziger Weise die Möglichkeit entzogen hatte, die Heimat von dem in Rom gekräftigten Wuchs seiner Schwingen zu überzeugen 3 ).


1) Das Verhältnis Joh. Wilh. Schirmers (1807 - 1863), Malers und Akademieprofessors in Düsseldorf, sodann in Karlsruhe, zu Anselm Feuerbach bespricht letzterer kurz in seinem "Vermächtnis", S. 57 nicht ganz so schroff. (Vergl. auch Allgeyer, II, Personen-Verzeichnis).
2) Julius Allgeyer (1829 - 1900), Kupferstecher und Radierer, Freund und Biograph Anselm Feuerbachs.
3) Das Gemälde befindet sich in der Kunsthalle zu Karlsruhe. (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 184 und Abbildung 165). Die Schilderung des Vorganges bei Allgeyer (I, Seite 361 - 378) weicht erheblich von der Scheffelschen Darstellung ab. Darnach war der Besteller des Dantebildes ein deutscher Musiker und Kunstfreund mit Namen v. Landsberg, der in Rom Musiksoiréen veranstaltete und dessen Salon ein Treffpunkt prominenter Fremden wurde. Das Gemälde sollte im Blickpunkt des Musiksalons aufgehängt werden, und Feuerbach hatte hiervon sehr viel von sich erhofft. Es gab aber persönliche Differenzen, und v. Landsberg war (  ...  )
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Der Notruf war zu durchdringend, um mich in der stillen Clause des Donaueschinger Bücherfriedens nicht mächtig aufzurütteln.

Es waren 800 fl. rheinisch nötig, das Bild aus den Hebräerklauen zu befreien.

Am 13. Januar 1858 schickte ich diese Summe an den Banquier Müller zu Carlsruhe mit der Aufforderung, den betreffenden Wechsel unmittelbar nach Rom abgehen zu lassen.

Am 3. Februar 1858 erhielt Ans. Feuerbach vom Consul Kolb 4 ) die achthundert Gulden ausbezahlt und war in großem Jubel, seinen Dante und seine edeln Frauen aus schnöder Schuldhaft erlöst über die Alpen spedieren zu können. - Das Bild ging durch die deutschen Städte bis Berlin, überall wohlverdiente Anerkennung gerntend, den Ruhm des jungen Talents bekräftigend 5 ). Später wurde es für 3000 fl angekauft, Eigentum des Großherzogs von Baden 6 ).

Jener Schritt, den ich damals, als deus ex machina im Stillen eintretend, tat, war für die Aufrichtung der Lebenshoffnung und künstlerischen Frische meines Freundes ein entscheidender.

Es ist natürlich, daß ich, so lang er die ringenden und strebenden Jahre nicht überwunden, nie an jene Schuld mahnte. Ich war mit meinem Bücherstaub, meiner Poesie und meinen Wanderungen "im Innern von Deutschland" vollauf zufrieden.

Inzwischen haben sich meine Verhältnisse namhaft geändert. Meine Mutter, die 1865 starb, hat mir die Sorge für einen Bruder hinterlassen, der nicht gehen kann, mein Vermögen, großenteils in österreichischen Papieren angelegt, ist entwertet, und ich muß langsam aus dem fröhlich fahrenden Poeten mich zum diligens pater familias metamorfosieren.

Dem guten Anselm Feuerbach aber möchte ich, da ich das Peinigende und künstlerisch Lahmlegende dieser Dinge kenne, keinen Tag fröhlichen Schaffens mit Sorgen belasten durch Heimforderung der 800 fl.


(  ...  ) abgereist, ohne irgend welche Verfügung über das Bild zu treffen, so daß der Künstler weder die Stimmung noch die Mittel hatte, das Bild zu vollenden. Auch Feuerbach selbst schildert den Vorfall in seinem "Vermächtnis", S. 88 und 96, anders als Scheffel.
4) Bankier in Rom und Kgl. bayer. Consul, gest. 1868.
5) Auch hier weicht Allgeyer, I. S. 394 - 414 in der Schilderung der Schicksale des Dantebildes in Deutschland von Scheffel ab.
6) Friedrich, Großherzog von Baden, geb. 1826, Regent 1852 bis 1858, Großherzog 1858 - 1907.
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Eine innere Stimme sagt mir, daß Sie, hochverehrter Freiherr, als groß denkender Protector hier ohne Schwierigkeit und selbst ohne Benachteiligung einschreiten können.

Mein Wunsch und meine Bitte wäre:

"Sie wollen von den Kaufpreisen der Ihrem Museum in den nächsten Jahren anwachsenden Bilder Anselm Feuerbachs seine Schuld von achthundert Gulden balde oder langsam, wie es Ihnen conveniert, in der Weise amortisieren, daß wir eines Tages dem Künstler seinen Schuldschein vom 3. Februar 1858 als "überwundenen Standpunkt" zurückstellen können".

Ich meinerseits verzichte auf alle Zinsen des seit 1858 unverzinst gebliebenen Capitals und bitte, wie auch Ihre Entschließungen ausfallen mögen, um vollkommene Discretion.

Es wird übrigens niemand bereitwilliger und dankbarer die vorgetragenen Tatsachen sowie ein etwaiges fait accompli anerkennen als der Meister Feuerbach selbst.

Als urkundliche Nachweise des Vorgetragenen erlaube ich mir beizulegen:

  1. Sechs Briefe des Kupferstechers Allgaier und des Maler Feuerbach von 1857 - 1860.
  2. Die Bescheinigung des Bankhauses Müller in Carlsruhe und Kolb in Rom über die von mir angewiesenen 800 fl. und A. Feuerbachs Schuldschein.
  3. In Carton den Stich des Bildes "Dante und die Frauen von Ravenna".

Ich hoffe, daß Sie, hochverehrter Freiherr, in dieser Zusendung keine Zudringlichkeit, sondern ein Zutrauen erkennen wollen, und glaube, daß diese Sache in irgend einer Ihrer edeln Protectorgesinnung entsprechenden Form arrangiert werden kann.

Die Schriftstücke darf ich mir, nach genommener Einsicht, zurückerbitten.

Möge dieser Anlaß mich zugleich Ihnen persönlich vorgestellt haben, der ich, wie auch Ihre Auffassung desselben sich gestalten mag, mit größter Hochachtung und Verehrung mich nenne

Ihren ergebenen Diener            
Dr. Jos. Victor Scheffel.    

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Was v. Schack auf diesen Brief Scheffels antwortete, bringt die Briefsammlung nicht, doch war es bei den 1867 immerhin schon recht gespannten Beziehungen zwischen Künstler und Auftraggeber für letzteren wohl kaum noch möglich, die Abwälzung der Schuldsumme auf neue Bilderankäufe von sich aus vorzunehmen, zumal er voraussehen konnte, bei Feuerbach, dessen ununterbrochenes Thema gegenüber seiner Mutter die mangelhaften Preise v. Schacks waren, kein Verständnis zu finden. Er hat daher, wie sich aus einem im Geh. und Hauptarchiv befindlichen Schreiben Scheffels, Heidelberg, 8. Mai 1867, ergibt, die Sanierungsverhandlung dem Gläubiger zugeschoben. Scheffel teilt ihm nämlich mit, daß er bei Henriette Feuerbach, "einer sehr gediegenen und ängstlich für das Wohl ihres Sohnes sorgenden Frau" vorgesprochen habe und eine Einigung in folgendem Sinne erfolgt sei: "Von der in diesem Sommer durch Ihre ausdauernde und maecenatische Güte der Frau Feuerbach zukommenden großen Summe 1 ) soll der Betrag von vierhundert Gulden als Abtragung der Hälfte jenes römischen Darlehns an mich zurückgelegt werden. Die andere Hälfte von vierhundert Gulden soll im Lauf der nächsten zwei bis drei Jahre amortisiert werden. . . . Meine Bitte an Sie, hochverehrter Herr, geht nun dahin, daß Sie bei Übersendung des Betrages für die Medea und Idylle von Tivoli der Mama Feuerbach mit zwei Zeilen andeuten, daß auch Sie damit einverstanden sind".

Aber Feuerbach wurde vertragsbrüchig, die "Medea" wurde von ihm weder im Sommer 1867, wie offensichtlich alle Beteiligten erwarteten, noch später geliefert, und somit wurde Scheffel in die unangenehme Lage versetzt, seine Rechte unmittelbar gegen Feuerbach wahrzunehmen. Das geht hervor aus einem Brief Feuerbachs an die Mutter, Rom, 6. Dec. 1868: "Die Angelegenheit mit Scheffel wird glatt abgemacht, sowie meine Summen zusammen sind, es ist so recht, da ich mich doch geistig ganz von ihm abgelöst habe" 2 ). Eine jahrelange Freundschaft aus goldener Jugendzeit, vielleicht die einzige wirkliche, die der egozentrische Feuerbach gehabt hat, war zu Ende!

*

1) Siehe Feuerbachs Verpflichtungsschein v. 28. Nov. 1866 (S. 152).
2) Briefe, II, S. 223.
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Die eigentlichen Briefe Feuerbachs und seiner Mutter setzen am Schluß des Jahres 1862 ein, also zu einer Zeit, da die Not des in Rom erfolglos schaffenden Künstlers aufs höchste gestiegen war: Henriette Feuerbach bietet dem Münchener Sammler durch einen Mittelsmann die in Deutschland befindlichen Gemälde des Sohnes zu Kauf an.

Henriette Feuerbach an Julius Allgeyer

[Heidelberg] 7. December 1862.    

Lieber Herr Allgeyer!

Ich war im Begriffe, Ihnen zu schreiben, als Ihr Briefchen nebst Einlage hier eintraf. Ich wollte Ihnen mitteilen, daß Anselms Iphigenie in Berlin ihm eine goldene Medaille eingebracht hat. Die Anzeige steht in der Nationalzeitung vom 3. Dec. Die große Medaille haben zwei Bildhauer bekommen, die kleine neun Maler, unter welchen Anselm eine der ersten Stellen einnimmt. Freilich wäre der Ankauf besser gewesen, indes mag diese erste öffentliche Anerkennung ihre Früchte auch tragen.

Als ich Ihnen meine letzten Sturmzeilen schrieb, lieber Herr Allgeyer, hatte ich schweres Herzeleid und war wie im Fieber. Indessen habe ich mich wieder zusammengerafft und meine Last wieder aufgenommen. Anselm hatte mir in seiner Desperation persönlich wehe getan, was ich ihm zwar nicht übel nehme, aber doch schwer verschmerze, um so mehr, als es mir ohnedem so sehr Kummer macht, daß ich nicht mehr ausrichten kann.

Vor allem also nun den innerlichsten und innigsten Dank, der sich aber von selbst versteht. - Bitte schreiben Sie nochmal an Ihren trefflichen und wohlmeinenden Freund in München 1 ) - ich will es später wohl selbst tun, aber für heute brauchte ich mehr Zeit, an eine mir fremde Person zu schreiben, als an Sie, und ich bin sehr heftig mit einer Arbeit für Prf. Roeber gedrängt, die bis Neujahr fertig sein muß, so daß ich die halben Nächte sitze und studiere.

Von vacanten Bildern ist da:

  1. die Iphigenie (an der taurischen Küste über das Meer hinblickend - sitzende Kolossalfigur. Geringster

1) Theodor Heyse, (1803 - 1884), Philologe, Oheim des Dichters Paul Heyse.
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Preis 3000 fl., vielleicht auch 2500 - doch sage ich das nur). Mit der Berliner Medaille gekrönt 2 ).

  1. zwei Kindergruppen, jedes zu 10 Figuren, halb Lebensgröße. 1. Balgende Knaben 3 ); 2. Ständchen. Allerniedrigster Preis jedes 1000 fl 4 ).
  2. 2 Portraitstudien. Weibliche Halbfiguren, etwas über Lebensgröße, jede 400 fl 5 ).
  3. ein neues Bild, Ariosts Garten, Architekturbild mit 30 kleinen Figuren. 1000 fl. (Eben in Stuttgart angekommen) 6 ).

Ein kleiner Studienkopf für Frankfurt ist unterwegs von Rom.

Die Iphigenie ist unterwegs hierher von Berlin. Sie soll im Frühling nach Paris, bis dahin gedenke ich sie in Frankfurt aufstellen zu lassen. Die Portraitstudien erwarte ich gleichfalls jeden Tag. Eine davon glaube ich anbringen zu können. Die Kinderbilder stehen gepackt in Frankfurt, und ich wollte sie eben auch hierher kommen lassen. Man nannte sie in Frankfurt wegen ihrem goldgrünen Colorit "die grünen Kinder".

Die Madonna ist verkauft 7 ), und ich kann sie nicht zurückbekommen, da der Eigentümer, Herr E. Rothpletz in Aarau, sie sehr liebt. Ich sollte aber denken, daß bei den enormen Fortschritten, die Anselm in den letzten zwei Jahren gemacht hat, eine neue Madonna viel besser ausfallen würde als die Copie der alten, die er freilich jetzt nicht haben kann.


2) Erste Fassung, vollendet 1862, wurde Eigentum von Dr. Konrad Fiedler in München, jetzt im Landesmuseum zu Darmstadt (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 223 und Abbildung 190).
3) Vollendet 1860, wurde Eigentum des Kunstvereins zu St. Gallen (vergl. S. 118), jetzt in der Städt. Kunstsammlung zu St. Gallen (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 195 und Abb. 162).
4) Vollendet 1860, wurde Eigentum des Rechtsanwalts von Harder in Mannheim, jetzt im Kestner-Museum zu Hannover (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 194 und Abbildung 161).
5) Eine dieser Porträstudien muß das Bildnis einer Römerin (Nanna) (1862) sein, wie eine Ankaufsquittung über 400 Gulden vom 6. Februar 1863 beweist. (Schack-Galerie, 1938, Nr. 31; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 219 und Abb. 197; Justi, S. 33).
6) Vollendet 1862 (Schack-Galerie, 1938, Nr. 33; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 224 und Abbildung 221; Justi, S. 35).
7) Vollendet 1860, verkauft an Oberst Rothpletz in Aarau, später in der Gemälde-Galerie zu Dresden (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 196 und Abbildung 178).
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Er arbeitet gegenwärtig an einer Pietà: der Leichnam, die Mutter und drei knieende Frauen. Lebensgröße. Es soll sein Bestes sein, sagten mir Freunde, die in Rom waren 8 ).

Dies ist alles, was ich heute in Eile auf Ihren lieben Brief antworten kann. Wenn der edle und hilfreiche Kunstliebhaber etwas von den vakanten Bildern zur Ansicht zugeschickt haben will, so bitte ich nur um ein Wort. Oder, soll ich die Madonna bestellen, so wird dies mit aller Vorsicht bestens geschehen.

Die Sache bei Kolb hoffe ich ausgeglichen zu haben, indem ich die Schuld auf mich nahm. Antwort habe ich noch keine.

Mit den herzlichsten Grüßen und besten Wünschen

Ihre             
Henriette Feuerbach.

Ich öffne meinen Brief nochmals, um hinzuzufügen, daß die etwaige Sendung eines oder des andern Bildes nach München nicht mit einer öffentlichen Ausstellung verbunden sein dürfte, weil diese älteren Bilder nicht ohne ein neues, welches die Fortschritte zeigt, in einer Kunststadt auftreten sollen. Es dünkte mich am besten, man ließ es bei dem Anerbieten des Herrn Baron Schack, und Anselm malte eine neue Madonna um den genannten Preis, damit der Herr Baron den jetzigen Grad von Anselms Künstlertum beurteilen lernt und nicht durch eine ältere Richtung, wie sie in der Madonna und in den Kinderbildern herrscht, irre geführt wird.

- Nicht daß diese Bilder nicht schön und lieblich wären - aber seine neuen Sachen sind nicht mehr Coloritnachahmung der Alten wie diese. -

Dies Schreiben, das durch Vermittlung von v. Schacks altem Freunde Theodor Heyse dem Sammler zugestellt wurde, wird für die Beziehungen v. Schacks zu dem in Rom schaffenden Feuerbach zur Grundlage. Die Aufnahme dieser Beziehungen, in deren Mittelpunkt jener Brief steht, werden von den verschiedenen Beteiligten gleichartig dargestellt. v. Schack selbst erwähnt nur kurz, daß er, auf einer Ausstellung durch Feuerbachs Dantebild auf den ihm gänzlich unbekannten Künstler aufmerksam geworden, sodann durch


8) Vollendet 1863. (Schack-Galerie, 1938, Nr. 32; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 227 und Abbildung 210; Justi, S. 27.)
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Vermittlung der Mutter an ihn herangetreten sei und darauf zu allererst "Garten des Ariost" und "Porträt einer Römerin" erworben habe 1 ). Der Künstler selbst bestätigt in seinen Lebenserinnerungen die Richtigkeit, verwechselt aber das Dantebild mit seinem "Ariost" 2 ). Eingehenderes gibt Allgeyer 3 ); dieser habe sich um die Jahreswende 1862/1863 an Theodor Heyse in München, einen Bewunderer Feuerbachs, mit der Bitte um weitere Empfehlung des jungen Künstlers gewendet und sei von ihm am 5. Dec. 1862 aufgeklärt, daß zunächst und vorläufig nur Baron v. Schack in Frage komme, mit dem er auch bereits gesprochen habe; Herr v. Schack wolle gern eine kleine Wiederholung der Aarauer Madonna haben und sei bereit, dafür 600 Gulden zu zahlen 4 ). Sodann wünsche der Münchener Sammler ein vollständiges Verzeichnis aller in Deutschland befindlichen, verkäuflichen Feuerbach-Arbeiten mit Angabe des Gegenstandes, der Größe, des Minimalpreises und des dermaligen Aufenthaltsortes.

Der hoffnungsfreudige Brief der Mutter vom 7. Dec. 1862 ist demnach die Ausführung der Wünsche des Sammlers.

Nach diesem ersten Briefe zeigt die Sammlung des Geh. und Hauptarchivs eine Lücke, da schon vor dem nun folgenden direkten Briefe der Mutter unmittelbare Beziehungen von Feuerbachscher Seite aufgenommen sein müssen. Liegt doch bei den Akten die Quittung Henriette Feuerbachs vom 8. Jan. 1863 über den Geldempfang für das für 1000 Gulden erworbene Gemälde "Der Garten des Ariost", das demnach das erste der für die Schack-Galerie erworbenen Werke Feuerbachs ist. Die Quittung für den zweiten damaligen Ankauf, "Bildnis einer Römerin" (Nanna), auf 400 Gulden lautend, trägt das gleiche Datum wie der nachfolgende Brief, der übrigens auch auf die inzwischen erfolgte feste Bestellung einer Wiederholung der Rothpletzschen Madonna Bezug nimmt.


1) Meine Gemäldesammlung S. 100.
2) "Ein Vermächtnis" S. 89; das Gemälde erhielt in der Schack-Galerie die Benennung "Garten des Ariost".
3) Allgeyer, II, S. 3 ff., der auch erwähnt, daß Feuerbach unmutig über die von seiner Mutter viel zu niedrig gestellten Geldforderungen gewesen sei.
4) Schack-Galerie, 1938, Nr. 34; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 228 und Abbildung 179; Justi, S. 32.
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Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack

Heidelberg, 6. Februar 1863.      

Hochgeehrter Herr Baron!

Mit dem größten Danke erlaube ich mir, Ihnen anliegend die Quittung für die mir gütigst übersandte Summe zu übermachen 1 ). Es ist, wie wenn Ihre großmütige Teilnahme meinem Sohne auch anderwärts Segen gebracht hätte. Ich habe die zweite römische Studie nicht zurückerhalten, sondern Nachricht, daß sie verkauft ist. Ein wenig Sonnenschein wird das sich entfaltende Talent gewiß schnell zur Reife bringen. Bis jetzt hat es ihn ganz entbehrt.

In dem letzten Briefe aus Rom, den ich vor zehn Tagen erhielt, schreibt mein Sohn, daß die Madonna längstens in drei Wochen zur Absendung bereit sein würde, also denke ich, daß Sie, geehrter Herr Baron, die Meldung sehr bald erhalten werden. Jedenfalls werde ich meinem Sohne so wie Ihre früheren auch dies letzte gütige Schreiben sogleich nach Rom senden, und wenn die Absendung noch nicht erfolgt sein sollte, so wird sie sicherlich nicht auf sich warten lassen.

Da Sie mir erlauben, Ihnen von Zeit zu Zeit neue Bilder zur Ansicht zu übersenden, so soll es an mir gewiß nicht fehlen. Ich werde dann allemal gleich bemerken, in welchen Verein oder welche Ausstellung sie von München aus gehen können. Dabei erlaube ich mir hinzuzufügen, daß, wenn Sie auch die Güte haben wollen, den Transport von hier aus zu übernehmen, die Wegsendung doch stets auf Kosten der Adresse geht, an die sie gerichtet ist.

Ich erwarte in den nächsten Monaten mehrere Sachen. Zunächst ein kleineres Bild "Die Poesie" 2 ), welches mit der Iphigenia auf die Pariser Ausstellung soll, die 1. Mai beginnt und zu der die Sendungen zwischen dem 20. März und 15. April eintreffen müssen. Vielleicht reicht die Zeit, es Ihnen zuerst noch vorzulegen. Dann sind zwei weibliche Halbfiguren fertig, und für die Brüsseler Ausstellung im August soll ein größeres Bild kommen, welches noch in Arbeit ist, eine sogenannte


1) Quittung der Mutter vom 6. Februar 1863 über 400 Gulden für ein Bild, "eine römische Frau darstellend".
2) Das Gemälde wurde später von Henriette Feuerbach "Römische Improvisatrice" benannt (vergl. Brief v. 12. Nov. 1863).
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Pietà, Maria, die sich über den Leichnam wirft, zur Seite zwei bis drei knieende Frauengestalten 3 ).

Mein Sohn schreibt mir, es sei das beste Bild, das er bis jetzt gemalt habe. Ein Graf Orloff hat ihm den Vorschlag gemacht, mit nach Petersburg zu gehen, er konnte sich aber nicht entschließen und meint, lieber arm in Rom bleiben zu wollen. Es wird auch wohl so besser sein. Ich habe den stillen Glauben, daß Ihre Dazwischenkunft, geehrter Herr Baron, den Wendepunkt in dem Schicksal des jungen Künstlers bezeichnet, und dann werden Sie gewiß selbst noch Freude an Ihrer Tat haben.

Mit dem Ausdruck der aufrichtigsten und dankbarsten
Hochachtung

Henriette Feuerbach.         

 

Anselm Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Rom, 15. Februar 1863.     

Hochgeehrter Herr!

Ich erlaube mir, Ihnen anzuzeigen, daß ich das von Ihnen bestellte Bild "Die Madonna" den 9. Februar von Rom abgeschickt habe, begleitet mit dem Wunsche, daß es sich Ihres Beifalles erfreuen möge. Ich habe der Symmetrie halber noch einen Kinderkopf hinzugefügt. Ich bitte Sie, das Bild trotz des eingeschlagenen Zustandes vorerst nicht firnissen zu lassen und den Rahmen, statt ihn zu vergolden, nur bronzieren zu lassen, da die Farbe desselben, so wie er jetzt ist, harmonisch zum Ganzen wirkt und eine neue Vergoldung dem Eindruck des Bildes nur schaden würde.

Zugleich möchte ich Ihnen aussprechen, wie sehr ich erfreut bin, den Ariost und das Portrait in Ihrem Besitze zu wissen, da es für uns Künstler so wichtig ist, in wessen Händen die Werke bleiben, als der Ort, wo, und die Art, wie dieselben entstehen.

Was meine gegenwärtigen Arbeiten betrifft, so habe ich außer einigen Halbfiguren ein größeres Bild, eine Pietà. Es ist der Vollendung nahe, doch fand ich noch nicht Zeit und Muße, die letzte Hand anzulegen, obgleich es alle Künstler, die es bis jetzt gesehen, für mein bestes Bild erklären. - Sollte


3) Schack-Galerie, 1938, Nr. 32; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 227 und Abbildung 210; Justi, S. 27.
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ich Gelegenheit finden, dasselbe photographieren zu lassen, dann werde ich mir erlauben, Ihnen ein Exemplar zuzusenden.

Indem ich Ihnen, hochgeehrter Herr, für das freundliche Interesse, welches Sie für mein Wirken und Schaffen haben, von Herzen danke, verbleibe ich

mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebener            
Anselm Feuerbach.        

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 26. März 1863.   

Hochgeehrter Herr Baron !

Entschuldigen Sie, wenn ich Sie mit diesen Zeilen behellige. Ich bin in Sorgen wegen der Sendung des kleinen Bildes nach Paris. Herr Herdtle hat mir aus Stuttgart gemeldet, daß er die Liste habe nach München unter Ihrer Adresse abgesandt, schreibt aber nichts über den Transport nach Paris. So bitte ich denn sehr, wenn Sie, geehrter Herr Baron, keine nähere Meldung von Stuttgart haben, das Bild bald dahin, Stuttgart, zurückzusenden (Adr. Hr. Herdtle und Peters, Römischer Kaiser), da es für die Frankfurter Sendung nun doch zu spät ist. Ich denke, der Stuttgarter Verein wird die Besorgung als sich von selbst verstehend übernehmen, da ich außerdem die unmittelbare Sendung nach Frankfurt verlangte.

Nicht minder bin ich über die Ankunft der Madonna unruhig, und wenn es nicht unbescheiden wäre, möchte ich wohl um ein Wort der Benachrichtigung bitten. Zugleich füge ich die Bitte hinzu, daß Sie die Güte haben möchten, von dem dafür bestimmten Betrage, ehe Sie ihn nach glücklicher Ankunft des Bildes absenden, die Summe von 48 Gulden an Herrn Hanfstengl (Photographische Anstalt) 1 ) gütigst auszubezahlen, die mein Sohn schuldet.

Leider habe ich noch keinen Brief von Rom und bin recht kummervoll.

Mit dem Ausdruck der vollkommensten Hochachtung

Henriette Feuerbach,   
geb. Heydenreich.       


1) Kunstverlag in München.
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Die große Lücke zwischen diesem Briefe vom 26. März 1863 und dem in der Sammlung nächstfolgenden vom 12. November 1863 wird überbrückt durch eine Empfangsbestätigung v. Schacks vom 10. April 1863 an Henriette Feuerbach über die "Madonna" unter gleichzeitiger Überweisung von 552 Gulden sowie der quittierten Hanfstänglschen Rechnung über 48 Gulden. Der Sammler stellt dabei fest, daß das "Bildnis einer Römerin" und die "Madonna" nach demselben Modell (Nanna) geschaffen sei und warnt vor Monotonie 1 ).

Es liegt aber bei den an v. Schack gerichteten Briefen eine Abschrift des berühmtesten aller an die Mutter gerichteten Briefe Anselm Feuerbachs, des Rom, 4. Juni 1863 datierten, unzweifelhaft dazu bestimmt, den Mäzen mit des Künstlers Not und Ringen näher bekannt zu machen 2 ). Aber sie ist eine Tendenz-Abschrift, denn es wurde weggelassen, was auf v. Schack ungünstig wirken, vielleicht sogar den so dringend gewünschten Ankauf der "Pietà" zu nichte machen könnte.

Bis zum November 1863 fehlen in der Schweriner Briefsammlung Schreiben, die Lücke füllen die bereits veröffentlichten Brieffolgen aus. Aus diesen ist schon am 10. August 1863 3 ) die erste negative Einstellung Feuerbachs gegen den Münchener Retter ersichtlich, da er der Mutter schreibt: "Mit Herrn v. Schack bitte ich Dich, fein und klug zu sein. Er spekuliert auf die "Pietà" und will sie billig haben, weil ich in Not bin. Beiliegendes Konzept hat mir jemand aufgesetzt, im Falle Du mündlich mit ihm zu sprechen kommst, was Du ungefähr zu sagen hast, was ich Dir geschrieben. Du mußt anscheinend auf seine Ideen eingehen und doch meinen Vorteil im Auge behalten. Sage ihm, daß ich die Idee gut finde, Francesca da Rimini, daß ich geneigt bin, das Bild zu malen, zwei lebensgroße Halbfiguren zum Preise von zwölfhundert Gulden 4 ). Und bitte ihn, mir einen Vorschuß von 600 Gulden sofort zukommen zu lassen".


1) Allgeyer, II, S. 467. Vergl. die zahlreichen Gemälde mit Wiedergabe des Modells Nanna Risi bei Uhde-Bernays: Feuerbach.
2) Briefe, II, S. 96.
3) Briefe, II, S. 102.
4) "Francesca und Paolo". 1864. Schack-Galerie, 1938, Nr. 36; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 240 und Abbildung 225; Justi, S. 36.
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Schon bei diesen Bestellungen erscheint die Neigung v. Schacks, Abänderungen in den Entwürfen und an den Größen auszubedingen, denn Anselm schreibt seiner Mutter, Rom, 24. Sept. 1863: "Schreibe an Herrn v. Schack wenig Zeilen. Nämlich ich hatte die "Francesca" lebensgroß und halbe Figuren entworfen, nun aber ist mir durch Deinen Brief sein Wunsch bekannt, und ich werde sie sofort umkomponieren. Als ganze Figuren und dreiviertel lebensgroß" 5 ).

Inzwischen hat v. Schack bei einem Aufenthalt in Heidelberg, August 1863, die "Pietà" angekauft 6 ). Die Mutter hat gemäß Ermächtigung des Sohnes durch Schreiben, Rom, 22. August 1863, dafür einen Preis von 2000 Gulden gefordert 7 ), ungeachtet Anselm im Schreiben vom folgenden Tage seine ursprüngliche Forderung von 3000 Gulden wieder für angemessen erklärt 8 ). v. Schack ist auf jenen Preis eingegangen.

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 12. November 1863.   

Geehrtester Herr Baron!

Mein Sohn hat mich beauftragt, Ihnen Nachricht über die Francesca zu geben, und ich will dies mit seinen eigenen Worten tun:

"Francesca ist ziemlich weit vorgerückt, und ich darf wohl sagen, daß es eines meiner lieblichsten Bilder wird. Willst Du so gut sein, an Herrn Baron von Schack, da Du doch die Korrespondenz in der Hand hast, die Bitte zu stellen, das Bild mir so lange hier zu lassen, bis er selbst hierher kommt, was ja wohl, wie ich höre, im Laufe dieses Winters noch geschehen wird. Es ist in der verlangten Größe, und ich möchte es ganz fein vollenden, damit ich Ehre und Herr von Schack Freude daran haben kann. Du darfst sagen, daß ich mit voller Liebe und Freude daran arbeite, aber ich möchte auch, daß es Herr von


5) Briefe, II, S. 109.
6) Allgeyer, II, S. 46; Briefe, II, S. 106.
7) Briefe, II, S. 106. Die Angabe Allgeyers (II, S. 47), v. Schack habe den Preis von 3700 auf 2000 Gulden herabgedrückt, ist unrichtig.
8) Briefe, II, S. 106.
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Schack zuerst in meinem Atelier sähe, und daß ich es nicht gleich einsargen muß".

In Anselms Brief sind noch allerlei Andeutungen, die mich auf ein Zerwürfnis mit Herrn Böcklin schließen lassen 1 ). So traurig es ist, einen Freund zu verlieren, so ertappe ich mich diesem Verhältnis gegenüber doch fast auf einem Gefühl von leiser Zufriedenheit. Ich habe immer die Meinung nicht unterdrücken können, als verleitete der Einfluß des Herrn Böcklin meinen Sohn zu einem größeren Grade von Rücksichtslosigkeit, als dessen von Natur weich angelegtes Gemüt eigentlich vertragen konnte. Ich fühle es an dem Ton seines Briefes, daß er mit ganzem vollem Vertrauen erst jetzt wieder zu mir zurückkommt, und ich will dies Vertrauen zu seinem eigenen Besten gewiß so gut benützen, als ich nur immer vermag.

Die Poesie habe ich unter dem Titel "Römische Improvisatrice" an den Kölnischen Kunstverein verkauft für 300 Taler 2 ). Die Iphigenie ist in Wien und geht dann nach Leipzig, wo ich ihr bis zum Frühling Quartier erbeten habe 3 ). Anselm denkt auch bereits an die Berliner Ausstellung, ist aber über den Gegenstand noch im Unklaren. Eine Bianca Capello scheint neben der Francesca einstweilen flüchtig entworfen zu sein 4 ).

Diese Notizen erlaube ich mir, Ihrer gütigen Teilnahme gewiß, beizufügen. Ich bin ruhig wie nie über Anselms Weg,


1) Der Verkehr mit Arnold Böcklin (1827 - 1901) war zuerst rege. (Briefe, II, S. 82f); aber bereits am 28. Oct. 1863 schreibt Feuerbach an seine Mutter: "Ich habe auch mit Herrn Böcklin und Konsorten für immer gebrochen". (Briefe, II, S. 111). Dazu Angela Böcklins drastische Schilderung des Bruchs in Böcklin-Memoiren, hrsg. von Ferd. Runkel. Berlin (1910) S. 105.
2) Das Gemälde kam in das Eigentum von Jacob Winter in Köln (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 229 und Abbildung 208).
3) Die erste Fassung der "Iphigenie". gemalt 1862, wurde Eigentum des Dr. Konrad Fiedler in München und befindet sich jetzt im Landesmuseum zu Darmstadt (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 223 und Abbildung 190).
4) Briefe, II, S. 112: "Für Stuttgart kannst Du eine "Bianca Capello" anmelden, welches Bild bereits grandios entworfen ist und welches ich unmittelbar nach der "Francesca" in Angriff nehme . ." (Rom, 28. Oct. 1863). "Bianca Capello" wurde vom Grafen Palffy in Preßburg erworben und befindet sich jetzt in der Kunsthalle zu Hamburg (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 235 und Abbildung 203).
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ich glaube, er ist auf dem rechten, guten, und Ihnen möge Gott und Ihr eigen Bewußtsein lohnen, daß Sie sich im allerschlimmsten, im eigentlich verhängnisvollen Moment seiner angenommen haben. Er wird es nie vergessen und ich noch weniger, daß er Ihnen Leben und Kunst schuldig geworden ist.

Mit dankbarster Hochachtung   
Henriette Feuerbach.        

 

Im vorstehenden Schreiben tritt zum ersten Male das Ausgleichbestreben der Mutter auf, denn die einschlägige Stelle des Briefes an sie lautete:

"Francesca ist sehr weit und wird eines meiner lieblichsten Bilder, welches ich überall rasch verkaufen würde. Willst Du die Güte haben, Herrn v. Schack zu schreiben, daß Du nun doch einmal die Korrespondenz in der Hand hast und in persönlichen Beziehungen stehst? In dem Sinne: eine zweite Zeichnung zu schicken, ist ein Irrtum, da ich am Bilde vollauf zu tun habe, und dann die Bitte, da er selbst nach Rom kommt, mir das Bild so lange zu lassen, bis er es hier gesehen, damit ich nicht genötigt bin, immer alles gleich einzusargen, und etwas Schönes zu zeigen habe für die Fremden, die mich besuchen. Das Bild ist in der verlangten Größe, und ich will es so vollenden, als wenn es für mich selbst wäre. Herr v. Schack wird mir den Wunsch, auf ein paar freundliche Zeilen von Dir, gern gewähren, da es nicht mehr als billig ist.

Zugleich kannst Du sagen, daß ich mit voller Liebe und Freude daran arbeite, und wenn ich das Bild vorderhand behalte, kann ich immer wieder kleine Feinheiten anbringen, die bei einer übereilten Verpackung verloren gehen. Das Bild soll eines meiner besten werden in seiner anspruchslosen Einfachheit" 5 ).

In dieser Weise setzt die vermittelnde Tätigkeit der Mutter ein, und es gelingt ihr in der Tat, das von Anfang an über den neuen Beziehungen schwebende Verhängnis um immerhin ein halbes Jahrzehnt hinauszuschieben. Daher ersieht man nur aus Feuerbachs Briefen an die Mutter, wie fort-


5) Briefe, II, S. 111.
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schreitend in seinem Seelenleben das Gefühl der Einengung, vor allem aber jene Stimmung Platz greift, die er mit dem Satz kennzeichnete, "daß für Schack arbeiten, die Zeit vergeuden hieße" 6 ). Schon im Schreiben Rom, am Neujahrstage 1864, heißt es: "Herr v. Schack hat mir Herrn Lenbach, der soweit ein bescheidener Mann und intimer Freund Böcklins ist und bei Schack alles gilt, quasi zur Beaufsichtigung meiner Arbeiten geschickt. Ich bin nicht kleinlich und mache doch, was mir gefällt, und denke an nichts mehr als an meine Kunst, sonst würde mir Rom und all die Kombinationen mit der Zeit unerträglich" 7 ).

 

Jedoch der Auftraggeber merkt wenig von allen diesen Stürmen unter der Oberfläche: v. Schack schreibt unter dem 14. November 1863 der Mutter, daß er nunmehr dem Sohne den Auftrag zu "Francesca" und zur "Nymphe, welche zwei musizierende Knaben belauscht" erteilt habe und dafür den Preis von je 600 Gulden festsetze. Gleichzeitig spricht er den Wunsch aus, die "Madonna" wegen ihres ihm unsympathischen Kopftypus dem Künstler zurückzugeben, der sie dann neu für die Münchener Sammlung zu malen habe 1 ).

Der Künstler sieht in derartigen Wünschen seines Bestellers sowie in dessen angeblich niederen Preisen einen unzulässigen Eingriff in sein Künstlertum und schreibt am Neujahrstage 1864 verärgert an die Mutter: "Ich bin zu alt, um unter Aufsicht zu stehen, ich verlange nichts, als daß mir die Bezahlung für meine Arbeiten regelmäßig zukommt. . . Ist Herr v. Schack wirklich der Mann, für den ich ihn halte, so werden ihn meine Worte und Werke sein System verändern heißen, denn so habe ich keine ruhige, glückliche Stunde" 2 ).


6) Uhde-Bernays, Briefe, S. 178.
7) Briefe, II, S. 115. Franz Lenbach (1836 - 1904) war damals in Rom mit Kopier-Aufträgen v. Schacks beschäftigt. Von seinem italienischen und nachher spanischen Aufenthalt befinden sich 14 Briefe im Geh. und Hauptarchiv.
1) Allgeyer. II, S. 469; die Gegenüberstellung der sog. Aarauer (jetzt Dresdener) und der Münchener Madonna bei Uhde-Bernays: Feuerbach, Abb. 178 und 179, ist lehrreich.
2) Briefe, II, S. 116.
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Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 17. Januar 1864.   

Geehrtester Herr Baron!

Auf Ihre gütige Sendung erlaube ich mir, Ihnen anliegend die Quittung zu übermachen 1 ). Meinen Dank wage ich kaum mit Worten auszusprechen aus Furcht, Ihnen langweilig zu werden. Sie kennen ihn ja wohl, und ich wüßte immer nur das Eine zu wiederholen, nicht das Einzelne, sondern das Ganze, so bitte ich Sie, zwischen den Zeilen zu lesen.

Ich würde Ihnen, geehrter Herr Baron, schon früher Nachricht gegeben haben, wenn ich nicht, zum erstenmal in meinem Leben, ziemlich schwer krank gewesen wäre. Ein sorgsamer Arzt und meine gute Natur haben mir darüber hinweggeholfen, und ich genieße jetzt das mir neue, schwächlich-egoistische Behagen einer regelmäßigen Reconvalescenz.

Von Anselm sind während dieser Zeit zwei kurze Briefe eingelaufen, worin er sich gesund, heiter und " arbeitswütig" meldet. Er hatte nach dem letzten Briefe die Absicht, Ihnen selbst unmittelbaren und ausführlichen Bericht über seine Arbeiten zu erstatten. Mir schrieb er nur kurz, daß er besonderes Glück bei der Arbeit habe, die Francesca zu seiner Befriedigung fertig, das Kinderbild in der Anlage außerordentlich wohl gelungen sei 2 ) und daß er auch bereits die Nymphe glücklich aufgezeichnet habe 3 ). Er glaube, diesmal ganz sicher zu sein, daß die Bilder zu Ihrer Zufriedenheit würden, denn er arbeite ganz aus dem Herzen. Dann sagt er noch, daß er für jetzt alle großen und weitaussehenden Pläne in den Hintergrund drängen wolle, um einige Sicherheit im Leben zu gewinnen. Als Stern für seine späteren Jahre leuchte ihm, zum vollen Ausdruck seines Talentes, eine schöne Idee vor: "Das Gast-


1) In der Sammlung des Geh. u. Hauptarchivs nicht vorhanden. Quittung für die "Pietà".
2) "Badende Kinder" (1864) Schack-Galerie, 1938, Nr. 35; Justi, S. 30; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 249 und Abb. 218. Dazu ein Brief von Lenbach im Geh. und Hauptarchiv, Rom, 19. Febr. 1864: Feuerbach habe gesagt, "daß das Bild ,badende Kinder'... schon abgeschickt sey(n). Also wieder ohne mir was zu sagen. Ich fürchte, er kommt ins Schnellmalen, und ich glaube aber, daß der Genuß des Beschauers im Verhältnis steht zur Lust und Liebe, die der Künstler bei Ausführung eines Gemäldes hat".
3) "Musizierende Kinder von einer Nymphe belauscht". 1864. Schack-Galerie, 1938, Nr. 37; Justi, S. 37; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 233 und Abbildung 229.
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mahl des Platon", für jetzt aber sei der Gedanke genügend 4 ). Auch für mich ist er sehr lieb und meint, recht fleißig sein zu wollen, um mich einmal nach Rom holen zu können. Von Herrn Lenbach schreibt er, daß es ein sehr liebenswürdiger, bescheidener Mann sei, den er gerne habe 5 ).

So denke ich nun, ist er auf recht gutem Wege. Da meine Tochter 6 ) sich in den letzten Wochen auch besser befindet, so ist das neue Jahr mir freundlich entgegengekommen. Möge es auch Ihnen, Herr Baron, ein recht gesegnetes sein.

Mit der dankbarsten Hochachtung
Henriette Feuerbach.        

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 1. März 1864.   

Hochgeehrter Herr Baron!

Anliegenden Brief meines Sohnes 1 ) habe ich heute erhalten und beeile mich, Ihnen denselben zugleich mit diesen Zeilen zu übersenden. Daß er offen und ohne Adresse hierher kam, ist ein Formfehler, den Sie wohl dem Künstler verzeihen werden müssen, so wie mir, daß ich ihn gelesen habe. An mich selbst hat Anselm in der letzten Zeit einige Male sehr lieb und vernünftig geschrieben. Er lebt in der Hoffnung, daß die neuen Bilder zu Ihrer Zufriedenheit sein würden, und meint, das Beste, was er kann, getan zu haben 2 ).


4) "Gastmahl des Plato", zunächst auch oft "Symposion" genannt (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 290 und Abb. 263); das Gemälde, das zwei Jahre später in den Verhandlungen zwischen Feuerbach und v. Schack eine große Rolle spielen sollte, wurde ursprünglich Eigentum des Fräulein Marie Röhrs in Hannover, kam 1890 in die Karlsruher Galerie. Der Gedanke, das "Symposion" zu schaffen, spielte schon seit Jahren im Leben Feuerbachs eine Rolle und nahm zeitweilig fast Zwangscharakter an.
5) Vergl. dazu den wirklichen Wortlaut der Briefstelle auf S. 113.
6) Emilie Feuerbach (1827 - 1873), die ältere, bei der Stiefmutter in Heidelberg lebende unverheiratete Schwester Anselms.
1) Feuerbach übersandte den Brief an v. Schack offen als Einlage in den Brief an die Mutter, Rom, 23. Febr. 1864 (Briefe, II, S. 120) mit der Bitte, ihn vor Weitersendung zu lesen.
2) Die betreffende Stelle in seinem Brief an die Mutter, Rom, 8. Jan. 1864, hatte aber wesentlich bestimmter gelautet (Briefe II, S. 119): "Herr v. Schack werde ich sehr liebenswürdig schreiben, so daß du ganz der lästigen Schreiberei überhoben bist, das Bild wird ihn ganz befriedigen, so wie die "Kinder" und die "Nymphe", die unter Brüdern das Dreifache wert sind . . . Wenn Herr v. Schack einigermaßen pünktlich ist, so darfst du versichert sein, daß ich die Bilder dergestalt malen und schicken werde, daß es wie eine Rente ist".
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Ich hätte Ihnen wohl früher darüber gemeldet, wenn ich nicht wieder rückfällig unwohl geworden wäre. Im Frühling wünschte ich wohl, meinen herbstlichen Plan, nach München zu kommen, auszuführen. Ich möchte dies aber nicht in Ihrer Abwesenheit tun und bitte Sie deshalb sehr, mir gütigst eine Woche im April oder Mai zu bestimmen, in welcher ich Ihre Galerie in Ruhe und Sammlung betrachten kann.

In der Frankfurter Süddeutschen Zeitung vom (ich glaube) 20. oder 21. Februar ist Ihre Gemäldegalerie in feiner, charakteristischer Weise erwähnt und eine eingehende Besprechung angekündigt, worauf ich mich freue. Die Illustrierte Leipziger Zeitung will Anselms Portrait und Lebenslauf bringen. Es sind mir Notizen abverlangt worden. Warum ist nur die Allgemeine Augsburger so still?

Noch eine kleine Frage habe ich auf dem Herzen, über die ich Sie ganz gelegentlich um Ihren gütigen Rat bitte. Man hat mich aufgefordert, etwaige unverkaufte Bilder an eine Münchener Kunsthandlung zu schicken, deren Inhaber zu meinem Entsetzen Rumpelmeier heißen soll, weshalb ich mich bis jetzt nicht entschließen konnte. Ich habe noch einen unverkauften Studienkopf (das alte Modell), der schön gemacht, aber weniger ansprechend ist. Soll ich ihn dem Herrn Rumpelmeier schicken oder nicht?

Verzeihen Sie die Mühe, die ich Ihnen mit unsern Angelegenheiten mache.

Mit der aufrichtigsten und dankbarsten Hochachtung

Henriette Feuerbach.          

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 11. März 1864.     

Geehrtester Herr Baron!

Anliegend übersende ich Ihnen die Quittung 1 ) über das von Ihnen gütig übersandte Geld mit meinem wärmsten, fast möchte ich sagen gewohntem Danke. Es macht mich sehr glücklich, daß Sie mit dem neuen Bilde zufrieden sind und daß somit Anselm sich über seine Leistungen nicht in Täuschung hält. Das unterwegs befindliche Kinderbild ist nach seiner


1) Es scheint eine Quittung für "Francesca und Paolo" gewesen zu sein (vergl. Brief Henriette Feuerbachs an Adolf Friedrich von Schack vom 12. Nov. 1863 auf S. 110); diese Quittung fehlt unter den Briefen.
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Meinung die beste Arbeit, die er je gemacht hat 2 ). Er fühlt sich in raschem Fortschritt begriffen, weil er in Gemütsruhe und ohne Sorgen arbeiten kann, das danken wir Ihnen allein.

Es ist ein tröstlicher Gedanke, daß die Werke der Kunst die politischen Stürme überdauern, und einen solchen Trost kann man wohl jetzt notwendig brauchen. Der Tod des Königs von Baiern 3 ) in dieser verhängnisvollen Zeit, deren Opfer er wohl geworden ist, hat etwas sehr Ergreifendes. Er hatte es doch immer gut gemeint, und gar viele, die jetzt mit so großer Sicherheit politisieren, würden es an seiner Stelle vielleicht auch nicht besser fertig gebracht haben. Bei uns hier ist stets große Aufregung, es kommt mir aber oft vor, als ginge es denen, die das Wort führen, mehr aus ihrem ehrgeizigen Verstande als aus liebevoll begeistertem Herzen. Jedenfalls ist unser Großherzog der wärmste und opferfreudigste von allen badischen Politikern.

An Herrn Humpelmeier werde ich jetzt mit besserem Vertrauen eine Studie schicken.

Mit dem Ausdruck der dankbarsten und wärmsten Hochachtung

Henriette Feuerbach.          

 

Anselm Feuerbach an seine Mutter.

Rom, 1. Mai 1864 1 ).     

Liebe, teure Frau Mutter!

Ich kann nur wenig schreiben, da ich erst im nächsten Brief bestimmt sagen werde, ob und wann ich Rom verlasse. Ich denke täglich darüber nach und werde mit allem ins Klare kommen und Dir dann berichten. Deine lieben Weihnachtsgaben haben mir eine wahrhaft rührende Freude verursacht. Später mehr.


2) Für das Gemälde "Badende Kinder" (vergl. Brief Henriette Feuerbachs an Adolf Friedrich v. Schack vom 17. Jan. 1864) liegt unter den Briefen eine Quittung über 600 Gulden, ausgestellt von Henriette Feuerbach, Heidelberg, 25. März 1864. Der Besteller war wegen des bläulichen Kolorits mit diesem Gemälde unzufrieden. (Meine Gemäldesammlung S. 114).
3) Maximilian II. (1848 - 1864).
1) Der Brief fällt in die Lücke der Berliner Briefausgabe zwischen dem 26. März und dem 14. Mai 1864; er wurde vermutlich von der Mutter mit Brief vom 3. Juni 1864 dem Käufer deshalb eingesandt, weil sie sich nicht der peinlichen Aufgabe der Preiserhöhung des Nymphen-Bildes selbst unterziehen wollte.
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Lasse Dir heute nur die herzlichsten Grüße sagen, damit Du nicht länger warten mußt.

Ich hoffe, in kürzester Zeit ins Klare zu kommen. Kurz will ich Dir das Geschäftliche mitteilen.

Die S. Galler Sache kommt mir sehr erwünscht 2 ), und ich darf also bis Ende Mai dieses Geld nebst dem für das letzte Bild von H. v. Schack sicher erwarten. - Er hat für jetzt Spanien aufgegeben bis zum Herbst. - Du wirst ihm 3 ) hoffentlich meinen letzten Brief geschickt haben, worin ich ihn bat, den Preis des Bildes auf 800 Gulden 4 ) zu stellen. - Nach Berlin schicke ich nichts. - Da Herr v. Sch. sehr vielfach in Anspruch genommen war auch anderwärts, so habe ich von selbst verständlich das Interesse gar nicht berührt, welche Dinge denn schriftlich besser festgestellt werden können.

Im Juni schickt er mir auch Firdusi 5 ), bis dahin bin ich noch bestimmt hier. - Er war täglich bei mir, und es ist über seine Güte gar nichts zu sagen. - Ich habe unter seinen Augen verschiedene Entwürfe gemacht und kenne jetzt, was er will. - Er kommt schon Ende Mai nach München, bis dahin trifft auch das neue Bild ein. Ich male für ihn jetzt Romeo und Giullitta, die Balkonscene, ein Bild, welches größer wird als Francesca 6 ). Ich hoffe, noch vor Anbruch der heißen Zeit sehr weit damit zu kommen. - Das andere größere Bild hängt ganz von meinem Gutdünken ab nebst andern Aufträgen 7 ). Ich selbst habe gebeten, nichts zu übereilen, damit wir einig werden über den Gegenstand, ob es ein Bachanal, ob es Othello,


2) Henriette Feuerbach hatte das Gemälde "Balgende Knaben", gemalt 1859 und durch Schreiben vom 7. Dec. 1862 v. Schack zum Kauf angeboten (siehe S. 103), endlich an den Kunstverein zu St. Gallen verkauft.
3) v. Schack, wegen des Nymphen-Bildes.
4) Verbessert aus 1000.
5) Adolf Friedrich v. Schack verfaßte die metrische Übersetzung der Dichtungen des Firdusi (Persien, geb. um 940), und zwar "Heldensagen von Firdusi", Berlin 1851, und "Epische Dichtungen aus dem Persischen des Firdusi", 2 Bde., Berlin 1853, beide Werke vereinigt in 2. vermehrter Auflage unter dem Titel "Heldensagen von Firdusi", Berlin 1865.
6) Vollendet 1866 und an v. Schack verkauft, doch später von diesem an Oberstabsarzt Dr. Solbrig in München weiter gegeben jetzt im Städt. Museum zu Eisenach (Uhde-Bernays: Feuerbach Nr. 243 und Heliogravüre V).
7) In Verbindung mit der weiteren Ausführung im Schreiben vom 15. Juni 1864 (S. 124): "Was das größere Bild anlangt, so habe ich den Gegenstand "Petrarca sieht Laura in der Kirche" (  ...  )
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der die Geschichte erzählt etc. wird. Das hängt ganz von uns ab, und ich werde, wenn ich im Klaren bin, selbst an H. v. Sch. schreiben, auch die Preise so einrichten, wie es der Sache und den Verhältnissen angemessen ist. Du siehst daraus, daß unser Verhältnis sehr liebenswürdig sich gestaltet hat. - Wie es auch nicht anders möglich ist zwischen Naturen, die offen und klar daliegen. - Der Baseler Herr wünscht auch eine Wiederholung der Nymphe 8 ) und versprach mir, das Maß zu schicken, ich werde natürlich H. v. Sch. zuliebe viel verändern. Ich warte noch auf Näheres.

Du siehst daraus, liebe Mutter, daß sich meine Sachen klar gestalten - ich kann nur heute nicht genau bestimmen, wie ich mich einteile, da ich nicht genau sagen kann heute, ob nicht eine totale lokale Veränderung durchaus wünschenswert ist. - Einstweilen beginne ich ruhig, da ich noch sechs Wochen volle Zeit ohne Hitze habe, dann werde ich Dir ausführlich schreiben. -

Ich sende Dir mit diesen Zeilen nur die herzlichsten Grüße und meinen Dank für Deine lieben Gaben. - Das Nähere im


(  ...  ) gewählt", beweist diese Stelle, daß der vielfach gegen v. Schack erhobene Vorwurf, er habe die Fähigkeiten Feuerbachs durch Ablenken in das Genre und insbesondere in das literarische Genre mißbraucht und lahmgelegt, ungerechtfertigt ist. Überhaupt ermöglichen die hier veröffentlichten Briefe, über diesen Einzelfall hinaus in fast allen Fällen festzustellen, daß der Vorschlag des Themas vom Künstler ausging. - "Ariosts Garten" war ebenso wie "Dante mit den edlen Frauen von Ravenna" schon vor der Bekanntschaft mit v. Schack entstanden, und manche der später so befehdeten Genre-Darstellungen malte der Künstler nicht nur mehrmals (Romeo, Nymphe, Francesca, Familienbild, Hafis), sondern er ließ v. Schack sogar die zweite Fassung erwerben (Badende Kinder, Ricordo). Gegenüber jener Verurteilung des v. Schackschen Einflusses erscheint zutreffender Carl Neumanns Beurteilung: "Dann (nach dem Dante-Bilde) beginnt aber durch lange Jahre, gemessen an der späteren Hochleistung Feuerbachs, eine Kleinarbeit, mit Hin- und Hermodulieren und Steigern gleicher oder ähnlichen Motive, Einzelhalbfiguren, Kinderstudien und Kinderbilder, mit Landschaft, auch mit Architektur, die gelegentlich zu Gruppen und Genrekompositionen zusammenwachsend deutlich die oft mühsame Durchgangsbewegung zum großen Feuerbachstil erkennen lassen". (Der Maler Anselm Feuerbach, Heidelberger Universitätsreden 7, Heidelberg 1929, S. 10).
8) Zuerst für die Sammlung Thurneysen in Basel für 1000 Gulden erworben (Briefe, II, S. 124: Rom, 14. Mai 1864), sodann in der Öffentl. Kunstsammlung in Basel (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 234 und Abbildung 230).
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nächsten Briefe - ich bin jung und gut conserviert und habe Wünsche im Herzen, die sich realisieren müssen, denn bis jetzt ist mein Leben viel zu geängstigt. -

Liebe, gute Mutter, sei herzlichst gegrüßt, behalte mich lieb, denn ich verdiene es sicher. Ich beeile mich, den Brief abzusenden.

Dein treuer Anselm.     

An Scheffel schreibe ich.

 

In Wirklichkeit liegen aber die Verhältnisse so, daß Feuerbach schon mit dem Gedanken an einen Bruch mit v. Schack spielt, ohne aber die Ausführung zu wagen. So schreibt er der Mutter, Rom, 26. März 1864: "Mein Leben ist, bei den Preisen, so beunruhigt und sorgenvoll, daß ich mir täglich vorsagen muß: ,Halte aus'. Und ich halte nur aus, weil ich, wenn ich alles aufgebe, vielleicht aus dem Regen in die Traufe geriete, auch könnte ich meine hiesigen Verhältnisse, ohne einen physischen und moralischen Mord zu begehen, nicht abbrechen, und was draußen zu erwarten ist, das habe ich vor dreieinhalb Jahren gesehen - Konfusion und Dreck" 1 ), und weiter, Rom, 14. Mai 1864: "Daß ich unter den jetzigen Verhältnissen noch nicht ganz brechen kann, wirst Du einsehen, zumal ich von unserer badischen Sache absolut nichts mehr wissen will" 2 ). Bald aber treten sogar allerlei Hinterhältigkeiten auf und, obwohl v. Schack am 25. Juni 1864 bei seiner Bildbestellung die Bedingung gestellt hatte 3 ), daß Wiederholungen der Bilder nicht gemacht werden dürften, schreibt Feuerbach doch am 20. September 1864 gerade über das unter dieser Bedingung vergebene Gemälde: "Das Bild Romeo halte ich, obgleich quasi vollendet noch zurück, weil ich es kopieren will und vielleicht den Winter es nach England verkaufen kann. Herr v. Schack braucht nichts davon zu wissen" 4 ), kommt allerdings schon im nächsten Satz mit der Bemerkung darauf zurück: "Bis Ende October schicke ich es ab, und ich hoffe, er wird es anständig honorieren, da die Figuren beinahe


1) Briefe, II, S. 122.
2) Briefe, II, S. 124.
3) Vergl. S. 125.
4) Allgeyer, der im Falle Feuerbach - v. Schack erklärter Gegner des Sammlers ist, läßt aus dem Briefe die bedenklichen Worte "und vielleicht den Winter es nach England verkaufen kann. Herr v. Schack braucht nichts davon zu wissen" fort. (II, S. 25).
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lebensgroß sind", und weiter am 20. Oct. 1864: "Romeo werde ich nochmals zu meiner Genugtuung malen, es braucht es niemand zu wissen" 5 ), und er tut es auch und verkauft diese ihm untersagte Wiederholung (1866. (Jetzt bei Baron Born in Budapest 6 ).)

Aber auch diese Differenzen bleiben einstweilen noch latent. Der Münchener Sammler weiß nichts davon und meldet der Mutter durch Schreiben vom 2. Juni 1864 das Eintreffen der "Nymphe, welche zwei singende Knaben belauscht", weist dafür 600 Gulden an und spricht seine höchste Zufriedenheit mit diesem Gemälde aus 7 ). Da vorher schon "Francesca" sowie "Badende Kinder" in München eingetroffen waren, sind die v. Schackschen Aufträge erledigt, so daß der Sammler am 25. Juni 1864 dem Künstler den Auftrag zur Schaffung des Gemäldes "Romeo und Julia" durch die Mutter zukommen läßt 8 ).

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 3. Juni 1864.   

Geehrtester Herr Baron!

Ihre gütige Sendung habe ich gestern Abend empfangen und lege hier dankbarst die Quittung bei 1 ). Von meinem Sohn erhielt ich bereits Nachricht seit Ihrer Anwesenheit in Rom, und, auf Ihr wohlwollendes Verständnis zählend, wage ich es, Ihnen den Brief im Original 2 ) zu übersenden, damit Sie sich selbst überzeugen können, welchen Einfluß Ihr so sehr wohltätiges persönliches Nahetreten geübt hat. Daß der Brief so formlos ist, wird Sie nicht stören. Anselm würde freilich böse werden, wenn er erführe, daß ich sein Vertrauen verletze, doch ist es vielleicht gut so.

Es liegt noch ein früherer ungesiegelter Brief meines Sohnes an Sie, geehrter Herr Baron, bei mir, welcher unmittelbar nach Ihrer Abreise von München hier ankam. Ich würde ihn nicht erwähnen, wenn ich nicht spätere Vorwürfe fürchtete. An-


5) Briefe, II, S. 130; auch diese Stelle läßt Allgeyer, II. S. 26, bei der Wiedergabe des Briefes fort.
6) Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 264.
7) Allgeyer, II. S. 469.
8) Allgeyer, II. S. 472. (Vergl. S. 125.)
1) 600 Gulden für "Nymphe" mit Schreiben v. Schacks vom 2. Juni 1864 an Henriette Feuerbach übersandt.
2) Vom 1. Mai 1864.
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selm fragt darin bittweise, ob Sie nicht vielleicht die Nymphe etwas höher als den festgesetzten Preis anrechnen möchten. Ich kann mich nicht entschließen, diesen Brief nachträglich zu schicken, ohne daß Sie es ausdrücklich verlangen, und bitte, diese Notiz als eine solche zu betrachten, auf die ich, wenigstens von mir aus, keinen Wert legen möchte, und die ich nur, um irgend ein späteres Mißverständnis zu vermeiden, hier gelegentlich anführe. Ich habe nur hinzuzufügen, daß ich nichts wünsche, als Sie möchten Anselm nicht böse deshalb sein. Es ist meine stete Sorge, daß er recht bis auf den Grund der Seele einsehen soll, wie viel Dank er Ihnen schuldig ist - den Dank für seine ganze künstlerische Existenz, was ja viel mehr ist als gewöhnlich menschliches Leben.

Was mich betrifft, so ist indessen das schwere Leid über mich verhängt worden, eine Woche nach dem Tode meiner lieben Nichte ihren Vater, meinen einzigen teuern Bruder, zu verlieren. Mit ihm ist meine Stütze und Seelenheimat und alle liebe Jugenderinnerungen zu Grabe gegangen. Ich bin so traurig, daß ich nicht recht Kraft habe, an eine Reise zu denken, gebe ich mir aber Mühe, mich zu sammeln; vielleicht glückt es noch bis zu dem von Ihnen bestimmten Zeitpunkt. Mein Verlust ist erst zehn Tage alt und für mich ganz unersetzlich. Die einzige Freude, die mir bleibt, ist Anselms Gelingen, und ich möchte das gerade nicht mit getrübten Augen sehen.

Verzeihen Sie mir, wenn der Brief nicht so ist, wie er sein sollte, um meiner jetzigen Gemütsstimmung willen.

Mit der dankbarsten Hochachtung

Henriette Feuerbach.      

Als Erklärung zu Anselms Brief noch: ich habe eines der Kinderbilder, die in Köln waren, "die balgenden Knaben" an den Kunstverein in St. Gallen verkauft.

 

Der hier erwähnte noch frühere Brief lag bereits mehr als zwei Monate bei der Mutter, denn er war ihr als Einlage eines Schreibens, Rom, 24. März 1864, zugegangen. Anselm hatte dazu geschrieben: "Besorge den Brief, nachdem Du ihn gelesen, umgehend .... Das neue Bild ist das Beste, was ich gemalt 1 ), ich hätte es gern in Berlin gehabt, doch wozu am Ende? Ich habe den Preis erhöht, ich bin es


1) Gemeint ist die "Nymphe", die v. Schack mit 600 Gulden honoriert hatte.
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mir selbst schuldig, es ist so wie so ein Geschenk, wie mir's immer geht" 2 ). Feuerbach kommt noch einmal, Rom, 26. März 1864, auf diese Einlage zurück: "Meinen letzten Brief mit dem an Herrn v. Schack wirst Du erhalten und besorgt haben. Das Bild steht bereit und ist ein wahres Kleinod .... Ich hoffe, daß Herr v. Schack mir sofort einen großen Auftrag gibt, er ist es mir wirklich schuldig, da er Sachen in Händen hat, die unter Brüdern das Doppelte wert sind" 3 ). Immer wieder schneidet Feuerbach das gefährliche Thema an, so Rom, 14. Mai 1864: "Daß ich unter den jetzigen Verhältnissen noch nicht ganz brechen kann, wirst Du einsehen" 4 ), und Rom, 17. Mai 1864, wo er daran erinnert, daß Thurneysen für die Wiederholung der "Nymphe" in halber Größe der an v. Schack gelieferten Erstausführung 1000 Gulden gezahlt habe: "Ich verlasse mich darauf, daß Du die Sache in Ordnung bringst, um so mehr, da ich den Brief aus Rücksicht auf Dich habe über Heidelberg gehen lassen" 5 ).

Nunmehr muß die Mutter wohl oder übel von der nachträglich einseitig vorgenommenen Preiserhöhung für die "Nymphe" nach München Mitteilung machen, aber sie behält den an v. Schack gerichteten Brief des Sohnes und wendet sich an Schack mit eigenen milderen Worten, unter Beziehung auf den späteren Brief des Sohnes vom 1. Mai 1864 an sie selbst, den sie der Einfachheit halber v. Schack vorlegt.

v. Schack antwortet unter dem 8. Juni 1864 an Henriette Feuerbach, daß er beabsichtige, die Gemälde Anselms in der Weise zu honorieren, daß dieser nicht nur in eine sorgenlose Lage versetzt werde, sondern sogar noch zurücklegen könne. "Allein ich muß es mir durchaus vorbehalten, den Preis eines jeden Gemäldes, wenn es vollendet ist, selbst nach dem Grade der Ausführung zu bestimmen". Hinsichtlich der "Nymphe" erklärt er, daß das Bild allerdings verdiene, etwas höher als mit 600 Gulden bezahlt zu werden, aber die Differenz gleiche sich gegen die etwas überzahlten Gemälde "Madonna" und "Badende Kinder" aus 6 ).


2) Briefe, II, S. 121.
3) Briefe, II, S. 122.
4) Briefe, II, S. 124.
5) Briefe, II. S. 125.
6) Allgeyer, II. S. 471.
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Nun ergreift Feuerbach selbst im Ärger darüber, daß die Mutter die Weitergabe seines Briefes versagt hat, das Wort und erhöht von sich aus nachträglich den Preis für die "Nymphe", offenbart dabei aber eine merkwürdige Unsicherheit, indem er als neuen Preis für das bereits gelieferte und bezahlte Gemälde "tausend" einsetzt, dies Wort aber wiederum sehr leserlich durchstreicht und darüber "800" schreibt.

 

Anselm Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Rom, den 15. Juni 1864.   

Hochgeehrter Herr Baron!

Ich erlaube mir, Ihnen zu melden, daß mein Bild Romeo und Julie sehr weit vorangeschritten ist. Ich täusche mich nicht, wenn ich Ihnen sage, daß dasselbe an Ausdruck, Innigkeit und Farbe alles andere, was Sie von mir besitzen, hinter sich lassen wird. - Ich will den Rahmen, der zur Vollendung notwendig ist, bestellen und das Bild, um nichts zu übereilen, den Sommer über hier lassen, ab und zu daran vollenden, es im Herbste hier einige Tage ausstellen und dann versenden. Sollten Sie, geehrter Herr Baron, mir irgend etwas mitzuteilen haben, so bitte ich Sie, die etwaigen Briefe direkt in meine Wohnung gütigst adressieren zu wollen, da ich für die nächste Zeit, der Ruhe und Stille bedürfend, alle Besuche und Besucher von meinem Atelier fern halten werde.

Was das größere Bild anbelangt, so habe ich den Gegenstand "Petrarca sieht Laura in der Kirche" gewählt 1 ).

Ich werde dasselbe noch in diesem Monat entwerfen, die Figuren in Francesca-Größe, auch kann ich bald genau das Format bestimmen.

Ich habe dies gewählt, weil es neu und reicher ist an Motiven als jene andern besprochenen Gegenstände. - Ich will Laura darstellen unter andern Frauen in reichem Costüm in Andacht versunken, umgeben von singenden und rauchfaßschwingenden Chorknaben. Der junge Petrarca seitwärts an eine Säule gelehnt, welcher im Anschauen das empfindet, was trotz Eisenbahn und Photographie alle Zeiten hindurch der wahre Hebel der Kunst und Poesie gewesen ist und immer sein wird. - Ich hoffe, hochgeehrter Herr Baron, daß Sie meine Wahl als glücklich erachten.


1) (1865). Schack-Galerie, 1938, Nr. 38; Justi, S. 34; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 251 und Abbildung 219.
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Beiläufig erwähne ich, daß ich den Preis der Nymphe auf 800 Gulden erhöht habe, nicht als ob ich mit meinen Bildern handeln wollte, und dies gewiß am wenigsten mit Ihnen, sondern in der Voraussetzung, daß größere Werke zu beginnen sind, zu welchen, abgesehen der sich steigernden Auslagen, totale Sammlung und Stille notwendig sind. Sie werden gewiß bei der Preisfeststellung der neueren Werke meine Ansprüche mäßig und gerecht finden, so daß Sie sowohl wie ich vollkommen zufriedengestellt sein werden.

Indem ich Sie bitte, mir Ihr ferneres Wohlwollen gütigst bewahren zu wollen, füge ich noch hinzu, daß ich Firdusi mit großer Freude entgegen sehe.

N. B. Es sind Mittel gefunden, den Preis der Kisten zu ermäßigen.

Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebener            
Anselm Feuerbach.       

 

v. Schack ist entgegenkommend: er schreibt am 25. Juni 1864 der Mutter, daß er sich entschlossen habe, den Preis der "Nymphe" auf 800 Gulden zu erhöhen, warnt aber zugleich vor unzeitigen Forderungen, da der Sohn durch v. Schack normal mehr als 3000 Gulden jährlich verdienen könne. Gleichzeitig macht er die feste Bestellung auf "Romeo und Julia" sowie "Petrarca wie er Laura in der Kirche erblickt" unter der Bedingung der Nichtwiederholung für andere. Dem Briefe ist eine Einlage gleichen Datums und ungefähr gleichen Inhalts für den Maler beigelegt, doch setzt der Besteller darin noch für "Romeo" 1000 - 1200 Gulden, für "Petrarca" 2000 - 2500 Gulden als Preis fest 1 ).

Henriette Feuerbach ist über diesen Entschluß hoch erfreut und schreibt am 24. Juli an Fräulein Charlotte Kestner in Basel 2 ): "An Herrn v. Schack in München hat Anselm einen großen Gönner. Er hat ihm jährlich 3 - 4000 Gulden Bestellungen garantiert" 3 ).


1) Allgeyer, II, S. 472.
2) Tochter von Goethes Lotte (1788 - 1877).
3) Abschrift des Briefes im Geh. und Hauptarchiv. Nach Angabe derselben befand sich damals der Brief im Besitz der Geheimrätin v. Miaskowski in Leipzig und trägt die Orts- und Zeit-Angabe: Heidelberg, 24. Juli 1864 sowie den Poststempel 27. Juni. Ort und Zeit sowie die hier aufgeführten beiden Sätze fehlen in der Wiedergabe des Briefes bei Uhde-Bernays: Henriette Feuerbach, S. 239.
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Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 30. September 1864.   

Geehrtester Herr Baron!

Endlich habe ich Nachricht von Anselm erhalten und bin eilig, Ihnen den Inhalt des ziemlich kleinen Briefes mitzuteilen.

Anselm ist krank gewesen, wie er schreibt, an einer tödlichen Hirnentzündung vorbeigestreift, durch die rasche Hülfe des Generalstabsarzt der französischen Armee, Dr. Costanoz, aber glücklich gerettet worden. Dann war Anselm etwa zwanzig Tage auf dem Lande, noch ziemlich schwach und bei seiner Rückkehr - seine eigenen Worte - "fand ich mein armes Modell todkrank, also mußte ich hülfreich beistehen" 1 ).

"Das Bild Romeo halte ich, obgleich quasi vollendet, doch noch etwas zurück des gelegentlichen Corrigierens wegen. In der zweiten Hälfte October werde ich es abschicken. Bitte Herrn von Schack um Entschuldigung wegen des Zögerns und daß ich noch nicht geschrieben. Es kommt alles mit der Zeit. Das größere Bild ist noch immer nicht angefangen 2 ). Es wird figurenreich, und ich habe immer Furcht, mich zu übereilen, doch wird es allmählich herauskommen. Bis jetzt ist die rechte Begeisterung noch nicht da. Ich glaube, daß im nächsten Jahre eine gründliche Luftveränderung nötig sein wird. Im October will ich noch einige Tage hinaus".

Dies ist das Wesentliche des Briefes. Der französische Arzt will im October über Heidelberg kommen und mich besuchen. Ich muß mich beruhigen, da ich nichts anders tun kann, und mich seiner Wiederherstellung und seines Wunsches nach Luftveränderung getrösten. Gott gebe, daß ich Anselm noch einmal gesund, in schöner Tätigkeit und in richtigen Verhältnissen wiedersehen darf, sei es in Rom oder sonst irgendwo. Nebenbei ist es auch ein gar trostreiches und wohltuendes Gefühl, daß ich Ihnen gegenüber so ganz aufrichtig sein darf, ohne beängstigt sein zu müssen, meinem Sohne zu schaden. Ich sehe eigentlich jetzt erst ganz ganz deutlich ein, wie schwer, fast


1) Brief von Lenbach an v. Schack ohne Ort und Zeit im Geh. und Hauptarchiv: "Nachdem Feuerbach mehre Wochen zur Erholung und der unausstehlichen Hitze wegen in Tivoli war, arbeitet er jetzt wieder an "Romeo und Julia" (und denkt in drei bis vier Wochen damit fertig zu werden). ... "Petrarca in der Kirche" ist noch nicht angefangen".
2) "Laura in der Kirche".
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unerträglich diesem Schicksal gegenüber mein hülfloses Alleinstehen war.

Nach Ankunft des Romeo gedenke ich dann auch die langersehnte Reise nach München auszuführen. Hoffentlich wird es nicht allzu spät im Jahre, und wenn auch, so hat dies für mich nicht so viel zu bedeuten. Ich freue mich sehr, um so mehr, als diese projektierte Reise - Sie werden lachen - die erste wirkliche Vergnügungsreise in meinem Leben ist. Vielleicht trifft es sich auch, daß ich ein wenig gute Musik hören kann, was mir sehr wohltun würde 3 ). Bei der Musik fällt mir ein Aufsatz aus der Allgemeinen Zeitung ein, der mich neulich in Verwunderung gesetzt hat. Der Verfasser ist Herr Nohl, der sich als entscheidender und einflußreicher Mann vom Fach geltend zu machen scheint. Er predigt das Evangelium der Mäßigkeit im Lernen. Darüber bin ich nun eben nicht erstaunt, aber daß er es in München vermag, wundert mich. Herr Nohl war zwei Jahre hier, und ich kenne ihn ziemlich. Was mich betrifft, so mag ich nicht von dem Glauben lassen, daß der Geist erst dann frei werden kann in der Kunst, wenn durch das fleißige Studium Theorie und Technik untertänig geworden sind.

Vergeben Sie den geschwätzigen Brief.

In steter Hochachtung und Dankbarkeit

Henriette Feuerbach.   

 

Auch in diesem Briefe hat die Mutter zur Schönfärberei gegriffen, denn der Sohn hatte, Rom, 20. Sept. 1864, über den "Romeo" erheblich anders geschrieben (vergl. S. 120/12 1 ). Reine Erfindung der Mutter ist die Bitte um Entschuldigung wegen der Verzögerung und des Nichtschreibens.

Bald darauf ist "Romeo" in München eingetroffen, von dem Feuerbach der Mutter unter dem 20. Oktober 1864 gemeldet hatte, daß das Bild morgen abgehe, beinahe naß verpackt 1). Seiner eigenen Bewertung: "Die Güte des letzten Bildes liegt in der Reinheit des Seelenausdrucks, und ich weiß zum Voraus, daß man das Beste darin übersehen wird... Ich mache Dich auf den Kopf Romeos aufmerksam, als gelungen im Ausdruck", wird aber von v. Schack nicht beigepflichtet,


3) Über das musikalische Talent Henriette Feuerbachs, ihre "eigentliche Gabe", siehe Erika Schippel, S. 19 ff. sowie Uhde-Bernays: Henriette Feuerbach.
1) Briefe, II, S. 129.
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denn er spricht der Mutter in einem Schreiben vom 4. Nov. 1864 sein Mißbehagen an diesem Werke aus, das er denn auch später wieder weggibt; aber gleichwohl weist er den Preis für das Gemälde in Höhe von 1000 Gulden an 2 ).

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 22. November 1864.   

Geehrtester Herr Baron!

Mit großem Kummer schicke ich Ihnen die inliegende Quittung. Ihre freundlichen, gütigen Worte sind freilich trostvoll, aber sie trösten mich nicht, weil ich es sehr unrecht von meinem Sohne finde, daß er Ihnen ein mangelhaftes Bild schickt. - Unrecht - undankbar! Und je gütiger und milder Sie sind, desto größer ist seine Schuld.

Ich habe ihm geschrieben, wie ich glaubte, daß es am eindringlichsten wirken möchte. Da diese Zeilen Sie doch jetzt nicht in München treffen, so füge ich für heute nichts weiter bei.

In der dankbarsten Hochachtung und Verehrung, aber mit großer Betrübnis

Ihre ergebenste        
Henriette Feuerbach.   

In der großen Berliner Publikation der Briefe Feuerbachs an die Mutter findet sich eine Lücke vom 24. Okt. 1864 bis zum 3. Februar 1865, die durch das nachstehende Schreiben überbrückt wird.

 

Anselm Feuerbach an seine Mutter.

Ohne Ort und Zeit.

[Rom, kurz vor 12. Januar 1865] 1 ).

Liebe Mutter!

Meine letzten Zeilen wirst Du erhalten haben. Ich beeile mich, Deinen letzten freundlichen Brief rasch zu beantworten. Ich bitte Dich, mir nicht davon zu sprechen, mir die 100 fl. zu schicken, wer denkt daran, ich wollte, es wären 1000. -


2) Allgeyer, II. S. 474.
1) Der Brief trägt, wie vielfach Feuerbachsche Schreiben, weder Orts- noch Zeit-Angabe, doch weist der Bahnpoststempel "Paris -Strasbourg 12. Jan. 65" den aus Rom gesandten Brief in die Nähe dieses Datums. Er ist wohl nur wegen der Bemerkung über die Gemälde-Sendung an v. Schack ausgehändigt worden und kam daher nicht nach Berlin, sondern in den Nachlaß des Grafen von Schack.
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Da ich sehr viel und ausführlich zu schreiben habe, so muß ich noch warten, bis der Ruhepunkt in meinen Arbeiten eingetreten ist, jetzt habe ich keine Stunde Zeit. - Zum 15. Febr. geht ein ganz ausgezeichnetes Bild von mir nach München 2 ), so bist Du also vor allem gesichert. - Ich kann erst in etwa 14 Tagen alles sagen, was zu sagen ist. Ich arbeite auch abends und bitte Dich, alle Testamentsideen vor der Hand ad acta zu legen, so weit sind wir noch nicht, und wir werden später noch ruhige, vergnügte Tage haben, einstweilen Geduld, ich selbst habe sie ja nötiger als Ihr. - Das Portrait werde ich heute oder morgen haben, tausend Dank, es macht mir mehr Freude, als wenn es eine Uhr - mit Brillanten wäre.

Der Großherzog 3 ), hat mich auch grüßen lassen, später mehr davon, das russische Bild sehr zur Zufriedenheit etc. Das beste ist das große (unleserlich). Meine Fortschritte steigern sich von Tag zu Tag, darum brauche ich Ruhe, Geduld und Heiterkeit.

Sei herzlichst gegrüßt und erwarte einen großen Brief Ende dieses Monats. Gruß Emilie.

Dein treuer Sohn.   

 

Es folgt sodann unter dem 3. Februar 1865 ein Dank des Sammlers an die Mutter; von Schack fügt hinzu, sie möge den Sohn grüßen und ihm sagen, wenn sein neues Bild recht ausgezeichnet wäre, so würde ihm die Kunst für seinen "Romeo" Absolution erteilen 1 ).

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 6. März 1865 1 ).   

Geehrtester Herr Baron!

Ich habe die ganze Zeit her auf Anselms versprochenen langen Brief gewartet, um Ihnen mit dem Dank für die gütige Übersendung der englischen Zeitung zugleich neue Nachrichten von Rom schreiben zu können. Bis jetzt ist aber nichts eingetroffen als ein kleines Zettelchen, in welchem Anselm die Absendung


2) "Laura in der Kirche".
3) Friedrich, Großherzog von Baden, geb. 1826, Regent 1852 bis 1858, Großherzog 1858 - 1907.
1) Allgeyer, II. S. 475.
1) Der Brief wurde erst mit dem vom 23. März 1865 an v. Schack abgesandt.
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des Bildes und eines Briefes an mich auf Ende Februar oder Anfang März anzeigt 2 ). Ihren Auftrag wegen Art und Weise des Transports habe ich natürlich sogleich nach Rom besorgt. So bin ich nun eigentlich in dem Fall zu sagen, daß ich nichts zu sagen habe, denn die Spannung und Ängstlichkeit, mit der ich an das Bild denke, ob es auch wirklich so gut sein wird, als Anselm glaubt, will ich des Weiteren doch lieber für mich behalten.

Von der seltenen und interessanten Sendung, welche Ihnen aus dem Orient zukam, habe ich in der Zeitung gelesen und mich sehr darüber gefreut, mehr noch über bevorstehende zweite Auflage des Firdusi: mit der ersten habe ich mich diesen Winter viel beschäftigt. - Eine wundersame Welt, in die man sich ganz versenken muß, um sie recht begreifen und genießen zu können. Wie schön, tief und klar, voll kräftigen fremden feinen Blütenduftes ist die Übersetzung! Sie sind ein glücklicher Mann, Herr Baron! Ein so vergeistigtes, der Schönheit zugewandtes Leben ist doch gewiß glücklich, weil auch die Schmerzen fruchtreichen Gewinn bringen.

Hier geht es sehr unpoetisch zu und wird nie Ruhe. Viele freuen sich über die unfeinen Vorgänge in Mannheim. Ich denke mir im Stillen, daß die Sache unseres edlen Großherzogs doch nicht mit Hülfe der Straßenjungen sollte ausgefochten werden.

Bei uns ist seit drei Tagen Frühlingswetter, und Ihr Neubau wird nun bald beginnen. Möge er recht gesegnet sein und Ihnen die Freuden bereiten, die eine über das eigene Leben hinausreichende Idee allein gewähren kann -.

Mit der aufrichtigsten und wärmsten Hochachtung

Henriette Feuerbach.   

 

Anselm Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Rom, den 17. März 1865.   

Hochgeehrter Herr Baron!

Ich erlaube mir, Ihnen anzuzeigen, daß ich das große Bild den 10. März nach München abgeschickt habe, nicht als Eilgut, da die Kiste groß und schwer ist 1 ). Ich bitte Sie, das Bild nicht zu hoch zu placieren und den Rahmen gütigst reich und breit


2) Rom, 3. Febr. 1865 (Briefe, II. S. 131).
1) "Laura in der Kirche".
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bestellen zu wollen, erst dann wird die Architektur die richtige Wirkung machen.

Was die Durchführung anbelangt, so werden Sie sich selbst überzeugen, daß ich weder Zeit noch Mühe gespart habe. Namentlich waren die Vorstudien vielfältig, da die Verzierungen und Mosaiken alle im Geiste der Zeit sein mußten. Wenn Sie das Bild genau durchgehen, werden Sie sie alle ächt finden.

Die Photographie, welche ich Ihnen gelegentlich, wenn es Ihnen Freude macht, zusenden werde, ist überaus gelungen und sieht aus wie eine Miniatur der Epoche.

Meiner Mutter habe ich mehre Pläne mitgeteilt, vielleicht daß es ihr vergönnt ist, meine Bilder in München zu sehen.

Der freundlichen Aufnahme meines Bildes im voraus gewiß, bitte ich Sie, hochgeehrter Herr Baron, mir Ihr Wohlwollen fernerhin gütigst bewahren zu wollen, und verbleibe

mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebener            
Anselm Feuerbach.        

Für das Verhältnis zwischen Künstler und Besteller, wie es sich durch den ganzen Briefwechsel zieht, ist charakteristisch daß der Künstler in diesem Brief an v. Schack mit keinem Worte seinen Herzenswunsch, v. Schack möge das "Gastmahl des Platon" in Auftrag geben, erwähnt, aber schon am folgenden Tage an die Mutter schreibt: "Vorausgesetzt, daß mein Bild anständig bezahlt ist und Du Herrn v. Schack siehst, so sage ihm, daß ich das "Symposion" auf die würdigste Weise gelöst habe und daß es mein Wunsch ist, es lebensgroß auszuführen, doch wünsche ich nicht, daß viel darüber geredet wird, wofür ich meine Gründe habe. Will er darauf eingehen, und mir auf vier Jahre in regelmäßigen Raten das zukommen lassen, was mir zum Malen und Leben reichlich gebührt, so ist das Bild nach Abfluß des Termines sein Eigentum, und er bekommt, statt rascher, zerstückelter Gedanken, ein Werk, gereift durch die Zeit und von ewiger Dauer" 1 ).

Das, was die Mutter aus diesem Auftrage macht, ist erstaunlich kurz, vielleicht weil sie annimmt, daß bei den ungeheuren Abmessungen dieses Gemäldes ein Privatmann als Besteller überhaupt nicht in Frage kommen kann,


1) Briefe, II S. 133.
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Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

[Heidelberg], 23. März 1865.   

Den anliegenden Brief 1 ), geehrtester Herr Baron, hatte ich geschrieben und wieder liegen lassen, weil es mir überflüssig vorkam, ihn abzuschicken. Nun traf heute ein Zettelchen von Anselm ein, in welchem er meldet, daß die Absendung des Bildes am 10. dieses Monats erfolgt sei 2 ). Er selbst scheint über die Wirkung seiner Arbeit ruhig und sicher; was mich betrifft, so gestehe ich, daß ich voll Angst bin um Ihretwillen und um Anselms willen. Es wäre unsäglich traurig, wenn das Bild nicht gut wäre! Ich mag es nicht ausdenken und bringe den Gedanken doch auch nicht aus dem Sinne. Das Ruhigsein ist etwas, was ich, so alt ich bin, noch immer nicht gelernt habe.

Anselm fügt hinzu, daß ihm gelungen sei, eine seit Jahren im Herzen getragene Idee, das Gastmahl des Platon, in würdiger und glücklicher Weise zu skizzieren 3 ).

Ihre nächsten Zeilen, geehrter Herr Baron, werden entscheiden, ob ich mich reisefertig machen soll, nach München zu gehen. Wenn das Bild gut ist, dann komme ich zu der Zeit, in welcher Sie es am geeignetsten halten. Ist es nicht gut - dann freilich wird es mit meinem Mut nicht zum besten beschaffen sein.

Indem ich für mein eiliges Geschreibsel um Verzeihung bitte, mit der gewohnten aufrichtigsten Hochachtung und Ergebenheit

Henriette Feuerbach.   

v. Schack beruhigt durch Schreiben vom 26. März 1865 die Mutter und spricht seine Überzeugung aus, daß Anselm allen Fleiß auf das Bild verwendet habe. Gleichzeitig erbittet er eine, wenn auch nur flüchtige Skizze des "Gastmahls des Platon" 1 ).

Des Bestellers Zuversicht wird nicht enttäuscht, das Gemälde "Laura in der Kirche" ist in München eingetroffen, und v. Schack schreibt der Mutter am 20. April 1865: "Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß das neue Bild


1) Vom 6. März 1865.
2) "Laura in der Kirche".
3) Vergl. S. 115, Anm. 4.
1) Allgeyer, II. S. 476.
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Ihres Herrn Sohnes mit großer Feinheit und Sorgfalt ausgeführt ist und ich ganz davon befriedigt bin .... In der Anlage sende ich Ihnen 2000 Gulden für das Gemälde" 2 ).

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

[Heidelberg, 23. April 1865] 1 )   

Geehrtester Herr Baron!

Ihr freundliches Schreiben hat mich von einer großen Sorge befreit, und ich danke Ihnen auf das allerherzlichste. Ich weiß selbst nicht, weshalb ich diesmal so überaus ängstlich war. Die Quittung über die mir gütigst übersandte Summe lege ich bei. Ihren Auftrag wegen einer Skizze des Symposions habe ich denselben Tag, als ich Ihren letzten Brief erhielt, sogleich nach Rom befördert. Die 2000 fl. gehen heute durch Wechsel ab. Anselm will bei größerer Hitze auf ein paar Wochen nach Neapel, um frische Anschauungen zu sammeln.

Was meine Reise nach München betrifft, so eilt es mir damit nicht im mindesten. Ich möchte nicht, daß Ihnen, geehrter Herr Baron, durch mein Kommen die geringste Unbequemlichkeit erwachsen sollte. Ich habe dort keinen anderen wirklichen Grund, als Anselms Bilder zu sehen. Ob im Mai, Juni, Juli oder August gilt mir gleich. Mein Reisegeld habe ich eingesiegelt zurückgelegt. Nur möchte ich nicht gerade zu einer Zeit nach München, wo etwa meine alten Freunde Siebolds nicht anwesend wären, auf die ich mich freue. Es wird für mich von Bekannten ein Zimmer in einem Privathaus besorgt, wo ich wohlfeil und ungestört für eine Woche sein kann. So bitte ich also, Sie möchten so freundlich sein, mir im Laufe dieses Sommers nur mit ein paar Worten sagen, wann ich kommen soll. Ich wünschte auch nicht, Ihre Galerie in Zerstörung zu sehen. Da ich durchaus keine andere Reise vorhabe, so läßt sich der bestgeeignete Zeitpunkt auswählen.

Ein seit zwanzig Jahres ersehntes kleines Glück hat sich dieser Tage für mich verwirklicht. Es hat sich der Anfang zu einem Musikverein bei mir gebildet, der recht viel verspricht 2 ). Wir haben ein doppelt besetztes schönes Gesang-


2) Abschrift im Geh. und Hauptarchiv.
1) Ort und Tag sind festgelegt durch die dem Briefe anliegende Quittung der Henriette Feuerbach, Heidelberg, 23. April 1865, über 2000 Gulden für das Gemälde "Petrarca, wie er Laura zum erstenmal erblickt".
2) Vergl. S. 127, Anm. 3.
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quartett, und das Einstudieren und Stimmenschreiben ist mir wie eine zweite Jugend. Nur soll noch eine Violine und Cello aufgetrieben werden. - Dann läßt sich viel Schönes ausführen. Die Musik nimmt sich in meinen Zimmern bei offenen Fenstern gut aus. Amseln und Nachtigall singt mit. Welch rührend herrlicher Frühling!

Ich schreibe recht in Eile. Verzeihen Sie mir! Nehmen Sie alle meine unausgesprochene Dankbarkeit freundlich auf. Sie steht nicht in, sondern zwischen den Zeilen. Auf Ihre neuen Bücher freue ich mich unbeschreiblich.

Ihre ergebenste         
Henriette Feuerbach.

Noch eine Frage muß ich hier beifügen. Es wurde mir neulich von Karlsruhe aus ein Wink, daß es höchsten Orts günstig vermerkt werden würde, wenn Anselm ein Bild dort ausstellte. Anfangs wollte ich dies nach Rom berichten, nachher aber fiel mir ein, daß es vielleicht schicklicher sein würde, mit einem nicht verkäuflichen den Anfang zu machen. In diesem Sinne stelle ich vorerst die ganze Sache Ihrem Ermessen anheim. Im Fall Sie geneigt wären, eines der Bilder während Ihres Baues auf eine oder zwei Wochen nach Karlsruhe zu senden, so würde dies nach allen Beziehungen vorteilhaft sein. Aber ich möchte Sie nicht darum bitten, weil es auch nicht geradezu nötig ist, sondern: ich teile Ihnen die Sache nur mit, wie sie vorliegt, und bitte Sie um Ihren Rat und ihre Willensmeinung.

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 9. Mai 65.   

Geehrtester Herr Baron!

Anselm hat geschrieben (sein Brief hat sich mit der Geldsendung gekreuzt), daß er die Pause des Gastmahls durch Herrn Klose geschickt habe; ich verstehe aus dem Brief aber nicht recht, ob über Karlsruhe und hier oder direkt nach München. Im Falle des ersteren werde ich sie Ihnen, geehrter Herr Baron, unverzüglich übersenden.

Anselm schreibt dann noch, daß sein Palast verkauft sei und er mit 20 Bildern Ende Mai auf der Straße sitze, wie er sich ausdrückt. Ich hoffe, es soll so schlimm nicht werden. Er denkt von selbst daran, eines seiner Bilder gelegentlich

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nach Karlsruhe zu schicken, und so bitte ich, die diesen Punkt berührende Stelle meines vorigen Briefes als nicht geschrieben zu betrachten.

Nach Stimmung und Andeutung des ganzen Briefes muß ich nur immer von neuem im Stillen sagen: könnte ich doch nach Rom! Ich glaube, es wäre wirklich ein Segen für ihn. Freilich dann für Emilie fast das Gegenteil. Wie schwer ist es, das Richtige zu tun! Ich stehe fortwährend zwischen meinem Überfluß von gutem Willen und meinem Mangel an dem inneren und äußeren Vermögen zur Ausführung ratlos und ohnmächtig, weil mir eine Art von praktischer Geschicklichkeit abgeht, welche die beiden versöhnen könnte.

Über meine Reise nach München erwarte ich, wie ich schon erwähnt, Ihre Bestimmung. Mir ist jede Zeit recht, da ich gar nichts vorhabe.

Mit dankbarster und wärmster Hochachtung

Ihre ergebenste          
Henriette Feuerbach.   

Der vorstehende Brief der Mutter vom 9. Mai 1865 nimmt auf einen Brief des Sohnes an sie Bezug, der sich jedoch in der großen Berliner Veröffentlichung nicht findet; dagegen bringt das Berliner Werk unter dem 30. April 1865 ein Schreiben des Künstlers an die Mutter, worin Anselm sie ermahnt, seine Forderungen bei v. Schack wegen des Gemäldes "Gastmahl des Platon" zum Ausdruck zu bringen. Diese Forderungen sind in der Hauptsache:

  1. Das Bild wird lebensgroß ausgeführt.
  2. Herr v. Schack gewährt eine Lieferfrist von 3 Jahren.
  3. Herr v. Schack zahlt 9000 Gulden, und zwar in 3 Jahresraten von je 3000 Gulden.

"Das und keine andere sind die Bedingungen, unter denen ich mich der Aufgabe unterziehe. Ich bitte, sie pünktlich mitzuteilen" 1 ).

Die Mutter führt nichts von diesem Auftrage aus, verrät aber in dem vorstehenden Briefe nach München, welch große Sorge sie erfaßt hat.

Der impulsive Künstler, vielleicht durch den Konflikt mit der Mutter und durch die Sorge um die Verwirklichung


1) Briefe, II, S. 134.
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seines Herzenswunsches, das "Gastmahl des Platon" malen zu können, seelisch zermürbt, reist in die Heimat, um, wie immer in Augenblicken innerer Zerrissenheit und depressiver Stimmungen, bei der liebevollen und warmherzigen Frau Beruhigung zu suchen. Sie treffen sich nicht im Mutterhause, weil Anselm Heidelberg nicht liebt, sondern in Baden-Baden.

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Baden-Baden, 15. Mai 1865.   

Geehrtester Herr Baron!

Anselm ist hier. Er hat einen raschen männlichen Entschluß gefaßt und ist plötzlich abgereist, um sich bei mir zurecht zu finden. Er ist sehr lieb, sehr vernünftig, voll rücksichtlosen Vertrauens. Es ist alles gut und alles richtig, nur muß er sich in der Stille erholen und ausheilen. Ich bin ihm hierher entgegen, und weil ihm die feierliche Stille, die hier jetzt noch herrscht, sehr wohl zu tun scheint, so bleibe ich 8 bis 10 Tage mit ihm hier. Er muß gepflegt und versorgt werden. Dann kommt er direkt von hier zu Ihnen nach München und erst später nach Heidelberg. Ich bin so glücklich, als ein Mensch nur sein kann, weil ich ihm gründlich wohl tun kann.

Anliegend schicke ich Ihnen, geehrter Herr Baron, die Pause des Gastmahls nebst Anselms besten Grüßen und der Bitte, sie vor der Hand niemandem zu zeigen. Er hat die Aquarellstudie bei sich, die er Ihnen dann selbst mitbringen wird. Mir scheint sie von großer Wirkung und besonders tief und fein in der Auffassung der Idee.

Wenn ich es aussprechen darf, so möchte ich sagen, daß mir Anselm jetzt als gereift erscheint und daß menschlich und künstlerisch alles gewonnen ist.

In Eile und Aufregung und im ganzen vollen Bewußtsein, daß Sie ihn gerettet haben,

Ihre ergebenste

H. Feuerbach.             

 

Der Sohn hat sich demnach mit der Mutter ausgesprochen, und somit übermittelt Henriette Feuerbach jetzt allerdings nur in diplomatischer Wunschform das, was sie nach dem Briefe des Sohnes vom 30. April 1865 dem Sammler als Forderung hatte vorbringen sollen: den Antrag an v. Schack,

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das "Gastmahl des Platon" malen zu lassen und dabei die Bedingungen des Künstlers auf Größe, Zeit und Bezahlung anzunehmen. Die Mutter hat aber in echt weiblicher Taktik vorerst nur die Pause gesandt, die Bedingungen aber zurückgehalten. Erst im folgenden Brief greift sie dies heiße Eisen an.

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Baden, 21. Mai 65.   

Geehrtester Herr Baron!

Gestern Morgen traf über Heidelberg Ihr Brief ein, und die von hier letzten Dienstag abgesandte Pause des Gastmahls wird wohl indes gleichfalls in Ihren Händen sein.

Wie gerne eigne ich mir Ihren freundlichen Glückwunsch zur Ankunft meines Sohnes an! Sie ist auch ein wirkliches Glück, so eine Art Markstein, den Gemütsreife, Einsicht und bewußter Wille sich selber gesetzt haben. Es ist jetzt alles gut und recht und verünftig, Sie werden das finden wie ich.

Anselm wünscht Sie in München aufzusuchen, und zwar bald, weil er später in Karlsruhe dem Großherzog aufwarten soll, der ihn durch Herrn Steinhäuser 1 ) auf wirklich feine und liebenswürdige Weise dazu auffordern ließ. Auch möchte Anselm die Berliner Kunst und Künstler ein wenig in der Nähe sehen. Würde Ihnen sein Kommen gegen Ende der nächsten Woche, also in ohngefähr 8 Tagen, störend sein?

Geehrter Herr Baron, Anselm tritt Ihnen diesmal mit einem künstlerischen Herzenswunsch nahe. Sie waren so gütig und freundlich, von Anfang an meine rückhaltlose Offenheit im guten Sinne aufzunehmen. Darauf vertrauend will ich Ihnen auch jetzt ohne Zögern im voraus sagen, daß mein Sohn das sehnliche Verlangen hegt, sein Symposion bestellt zu bekommen. In diesem Wunsche möchte er Ihnen die Aquarellstudie vorlegen, die, wenn auch wenig ausgeführt, in klarer und schöner Kunstgestaltung den Gegensatz und die Versöhnung des geistigen und sinnlichen Lebens recht in der Tiefe erfaßt und wiedergibt. Die Composition ist für Lebensgröße berechnet, und die Größe des Bildes schon jetzt ganz genau bestimmbar.

Daß hier eine Arbeit vorliegt, die Zeit und Ruhe braucht, ergibt sich wohl von selbst. Anselm meint, wenn der gütige Besteller des Bildes ihm für einen gewissen Zeitraum eine be-


1) Karl Steinhäuser (1814 - 1879), Bildhauer in Karlsruhe.
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stimmte, in regelmäßigen Raten verteilte Vorauszahlung gewähren wollte, so würde dadurch die Existenz eines Werkes ermöglicht, welches als bleibendes Denkmal seiner Blütenzeit und als voller Ausdruck seines Talentes doch wohl gelten dürfte. Er glaubt, den spätesten Termin auf drei Jahre ansetzen und den jährlichen Bedarf für Leben und Arbeit auf 3000 fl. rechnen zu müssen. Nach dieser Frist würde das Werk dann dem Eigentümer überliefert werden. Ob die Schätzung des Bildes einen höheren Wert erreichen sollte, würde Ihnen überlassen bleiben, wenn Sie, geehrter Herr Baron, dieser Eigentümer wären.

Dies ist vorläufig, was ich zu melden habe, und ich tue es mit zaghaftem Herzen, und doch wieder freudig, weil ich von der Skizze ganz wunderbar ergriffen bin und zugleich so glücklich über die große Veränderung zum Guten, die in Anselm vorgegangen ist.

Sie dürfen wirklich Vertrauen zu ihm haben.

Anselm weiß, daß ich schreibe, obschon er mich nicht eigentlich beauftragt hat. Seien diese Zeilen zum Segen!

In treuer dankbarster Gesinnung

Henriette Feuerbach.   

 

Der mit immerhin begrenzten Geldmitteln rechnende, von den Künstlern und überhaupt den Münchenern finanziell stark überschätzte Mäzen erwidert, daß der Preis von 9000 Gulden für das "Symposion" weit über den Kreis hinausgehe, den er sich für seine Bestellungen gezogen habe; er sei aber bereit, dafür 4500 Gulden zu zahlen, auch, noch nebenher Aufträge zu erteilen, so daß der Künstler innerhalb der drei Jahre seine Einnahmen verdoppeln könne 1 ).

Selbst in dieser Gefahrenzone schaltet sich der Künstler aus den Verhandlungen aus, und die Mutter muß dessen ablehnende Antwort übernehmen. Aber auch jetzt noch nicht will sie den Faden abreißen lassen; ihre Diplomatie bringt den Sohn so weit, daß sie dem Sammler zwei neue Vorschläge machen kann, von denen das Gemälde "Unsichtbare Musik" anscheinend keine Verwirklichung gefunden hat, während "Hafis am Brunnen" zu einer der Perlen der Schack-Galerie wurde 2 ).


1) Schreiben vom 24. Mai 1865, Allgeyer, II S. 477.
2) 1866. Schack-Galerie, 1938, Nr. 40; Justi, S. 31; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 262 und Abbildung 231.
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Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Baden, 28. Mai 1865.   

Geehrtester Herr Baron!

Nach mehrtägiger tiefer und ernstlicher Überlegung hat mir Anselm heute endlich aufgetragen und erlaubt, Ihr geehrtes Schreiben zu erwidern. Möchten Sie die gegenwärtigen Zeilen nicht hart aufnehmen. Ich kann nichts tun, als die Wahrheit schreiben. Anselm glaubt, die Ausführung des Gastmahls unter den von Ihnen gestellten Bedingungen nicht unternehmen zu können. Er wünscht, daß ich Ihnen seine Gründe darlege, und so bitte ich um kurze Geduld für meine Erörterung, die mir schwer wird, da ich so gerne in dem Fall sein möchte, Ihnen nur Erfreuliches und Ihren Wünschen Gemäßes schreiben zu können.

Anselm war seit Jahren gewohnt, die Idee des betreffenden Bildes als eine Hauptaufgabe seines Lebens zu betrachten, die, würdig gelöst, seinen Namen an andere Namen reihen könnte, denen nachzufolgen sein Bestreben ist. Er meint: ein solches Werk, welches ganzer, vollkommener Gesamtausdruck des künstlerischen Talentes sei, würde gültiger für die Nachwelt sein als eine Reihe kleinerer Bilder, die dieses Talent nur von einzelnen Seiten offenbaren. In diesem Sinne war der Vorschlag gemacht, die von Ihnen gütigst für Bestellungen bestimmte Summe mehrere Jahre für eine größere Ausführung zu sammeln.

Die Erfordernisse eines Werkes wie das in Rede stehende sind, so wie Anselm arbeitet, sehr beträchtlich. Akt- und Modellstudien, einzeln und in Gruppen, Leinwand, Farben, Gewänder und andere Vorrichtungen würden im geringsten Anschlag die Summe von 1500 fl. erreichen. Die Zeit der ununterbrochenen Arbeit eines Bildes von 24 - 25 lebensgroßen Figuren doch wohl zwei Jahre in Anspruch nehmen. Was die Raschheit und Leichtigkeit betrifft, mit welcher Anselm arbeitet, so meint er sie nicht als Verringerung der Anstrengung der physischen und psychischen Kräfte, sondern nur als eine schnellere Verzehrung derselben gelten lassen zu dürfen. Er ist des Glaubens, daß dieses projektierte Bild, welches vor der Hand wieder in den Hintergrund der Gedanken zurücktreten muß, in der Art und Weise vollendet, wie er es im Sinne hat, einen Wert erhalten würde, mit welchem seine geäußerten Wünsche nicht in unbescheidenem Verhältnis stehen dürften.

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Diese Auseinandersetzung soll indes nur als eine Entschuldigung des anfänglichen Vorschlags und der gegenwärtigen Weigerung gelten. Die nun folgende Bitte lautet einfach: Sie, geehrter Herr Baron, möchten zwei andere Vorschläge in Erwägung ziehen. "Hafis am Brunnen unter den Rosen, während die wasserholenden Mädchen auf- und absteigen" oder "Die unsichtbare Musik im Sturm von Shakespeare - (Die drei Seeleute schlafend und die musizierende Geniengruppe schwebend"). Sollten Ihnen diese Ideen nicht genehm sein, so bittet Anselm, ihm Ihre Wünsche mitzuteilen, und er wird Ihnen dann durch Zeichnung oder Aquarellstudie den Plan eines größeren Bildes vorlegen, welches er um den Preis von 3000 fl. in dem nächsten Winter zu Ihrer Zufriedenheit auszuführen hofft. Es ist sein ernstlicher und sehnlicher Wunsch, daß Sie ihm um seiner Weigerung willen nicht ungeneigt werden möchten. Er ist sich der Dankbarkeit, die er Ihnen schuldig ist, vollkommen bewußt, aber er sagt mit so entschiedender Überzeugung, es sei ihm in dieser Weise das, was andere tun oder können, unmöglich, daß mir nichts übrig bleibt, als es mit klaren, dürren Worten auszusprechen.

Möchte Ihr Unwohlsein nicht von langer Dauer sein. Wir bleiben noch einige Tage hier, da Anselm sich sichtlich erholt und es mir gelungen ist, uns sehr billig, fast wie zu Hause, einzurichten. Ende dieser Woche werden wir nach Heidelberg gehen. Vor Ihrer Abreise nach Spanien wird wohl eines von uns oder wir beide noch die Freude haben, Sie in München zu begrüßen.

Nehmen Sie den Brief, der mir sehr hart gewesen ist, gütig auf von

Ihrer ergebensten           
Henriette Feuerbach.   

Anselm bittet gelegentlich um Zurücksendung der Pause. Diotima ist doch nicht anwesend, sondern nur durch die Erzählung des Sokrates eingeführt.

 

v. Schack muß aber vorher doch noch einmal geschrieben und noch einmal auf das Angebot des "Gastmahls" zurückgekommen sein; dabei hat er einen Maßstab unter Lebensgröße verlangt, eine bei den damaligen beschränkten Verhältnissen des zur Galerie gewordenen Bürgerhauses begreifliche Forderung. Hatte doch die erste Fassung des "Gastmahls", so wie es nachher wurde, die Abmessungen von 3:6

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Metern. Feuerbach legt aber aus künstlerischen Gründen gerade auf seine Bedingung der Lebensgröße einen ganz besonderen Wert, ohne dabei allerdings einzusehen, daß damit für den Durchschnitts-Privatsammler der Ankauf schon allein praktisch eine Unmöglichkeit wird, für v. Schack schon deshalb, weil für die an und für sich überfüllten Räume noch einige Aufträge auf Groß-Kopien laufen. Der Münchener Sammler stößt also bei seiner Bedingung auf schroffste Ablehnung des Künstlers, der in seinen künstlerischen Ansichten gegenüber diesem seit Jahren gehegten Wunsche unerschütterlich beharrt.

Wieder begibt sich die Mutter auf das Feld der Diplomatie: sie glaubt zwar nicht mehr daran, daß v. Schack dies Gemälde von riesiger Monumentalität bestellen werde, aber sie macht doch noch einen Versuch.

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Mondtag Morgen.      
(Vermutlich Baden-Baden,
29. Mai 1865)      

Geehrtester Herr Baron!

Ich antworte umgehend.

Anselm sagt, er könne das Bild nicht unter Lebensgröße malen, ohne Idee und Wirkung der Composition zu zerstören, und es bedürfe die Ausführung so vieler innerer Kraft und äußerlicher Erfordernisse, daß er nicht wagen könnte, sie zu unternehmen, wenn ihm nicht Zeit und Mittel zu ganz ruhiger und auch ununterbrochener Arbeit zu Gebote stünden. Die Studien müßten in Italien gemacht werden, das Ganze ließe sich dann wohl überall zusammenstellen, wenn alles reif sei. Anselm denkt sich in Baden-Baden gerne niederzulassen. Die Diotima müßte natürlich hinein, und würde überhaupt noch manche Verbesserung nötig sein.

Wenn Sie, geehrter Herr Baron, einen kleineren, weniger weit aussehenden historischen Gegenstand für genehmer halten, so wird es wohl daran nicht fehlen. Anselm hat allerlei Ideen mitgebracht. Er muß eben dann das Gastmahl dahin zurückverlegen, wo es seit sechs Jahren gewohnt hat, wenn nicht der Großherzog die Idee einer großen Bestellung hegt, was wir nicht wissen.

Im Fall noch eine Hoffnung für das Symposion bei Ihnen ist, dann wäre es vielleicht besser, Anselm käme noch

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vor Ihrer Abreise schnell einen Tag nach München, weil die Audienz sich nicht lange mehr verschieben läßt und Anselm Ihnen gern vorher seine Pläne vorgetragen hätte. Im andern Fall hat die Reise natürlich nicht Eile. Von mir ist jetzt nicht die Rede.

Verzeihen Sie den schrecklichen Brief, aber ich wünschte eine abermalige Kreuzung zu verhüten, und was ich schreiben mußte, habe ich doch hoffentlich deutlich ausgedrückt. Ach - hätten Sie nur die Skizze gesehen!

In gewohnter Gesinnung und mit Anselms besten Grüßen

Ihre ergebenste        
Henriette Feuerbach.  

Anselm will noch hier Ihre Bestimmung abwarten, dann verlassen wir Baden.

 

Es mag befremden, daß die Mutter noch einmal es unternahm, v. Schack zur Bestellung des "Symposion" zu veranlassen, obwohl sie sich doch über die Schwierigkeiten klar war. Allein sie verstand den Sohn, hatte mit ihm die Symposion-Frage eingehend erörtert und kannte dessen Gedankengänge von schier manischer Besessenheit, die Carl Neumann in guter Charakterisierung folgendermaßen darlegt: "Die Bilder kleineren Formats, das Genre und historische Genre gaben ihm keine dauernde Befriedigung. Sein Herz schrie nach dem Lebensgroßen ... Und so mündet diese Leidenschaft in ein Riesenwerk, einerlei, daß niemand es bestellt hatte, niemand es wünschte, aber die Erfüllung eines Gedankens, der ihm wachend und träumend seit Jahrzehnten gelockt hat, er malt das Platonische Gastmahl" 1 ).

v. Schack ist nicht verärgert, er bestellt vielmehr nach den ihm eingesandten Skizzen und Entwürfen von den beiden ihm bereits durch Schreiben vom 28. Mai 1865 angebotenen Gemälden das des "Hafis am Brunnen" 2 ), dann aber sogleich nach ebenfalls eingesandter Skizze ein "Familienbild", welch letzteres Feuerbach selbst wohl auch als "Mutter mit Kindern am Brunnen" oder als "Frau am Brunnen" benennt 3 ).


1) Carl Neumann: Der Maler Anselm Feuerbach (Heidelberger Universitätsreden 7, Heidelberg 1929, S. 12).
2) 1866. Schack-Galerie, 1938, Nr. 40; Justi, S. 31; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 262 und Abbildung 231.
3) 1866. Schack-Galerie, 1938, Nr. 39; Justi, S. 30; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 265 und Abbildung 240.
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Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 17. Juli 1865.   

Geehrtester Herr Baron!

Anselm versichert Sie durch mich seiner vollkommenen Bereitwilligkeit. Er nimmt Ihre Aufträge mit Freuden an und will mit aller Kraft sein Bestes tun, um Ihre Befriedigung zu erwerben. Er ist selbst sehr entzückt von der Zeichnung der Mutter mit den Kindern.

Wir beide sagen Ihnen den herzlichsten Glückwunsch zu Ihrer so nahe bevorstehenden Reise nach Spanien. Ich werde nun wohl mit meinem lange ersehnten München bis zu Ihrer Rückkehr im Herbste warten. Mit Anselm, hoffe ich mit Überzeugung, werden Sie von nun an nur Ursache zur Zufriedenheit haben. Er ist vom besten Willen und von rechtem Eifer beseelt, alles recht und gut zu machen, im Leben wie in der Kunst.

Die innigsten guten Wünsche

Ihre ergebenste        
Henriette Feuerbach.   

 

Diese Lösung ist zwar im Sinne der Mutter eine glückliche, im Herzen des Sohnes jedoch frißt der Grimm gegen seinen angeblichen Quälgeist und Ausbeuter noch weiter. Immer wieder kommt er in den Briefen an die Mutter auf v. Schack zurück, in immer krasseren Formen macht er seiner Einstellung gegen ihn Luft. "Los von Schack!" das ist kurz gesagt das Leitmotiv seiner Wünsche, die dabei in seltsamer Weise von der Neigung, sich aufs Neue mit v. Schack zu verbinden, durchkreuzt werden. "Ich werde Dir Näheres mitteilen über Schack, meine Stellungnahme, doch warte ich, bis ich mir klar geworden bin, was ich zu tun habe", schreibt er am 7. September 1865 von Scheffels Landgut Seon bei Radolfzell, aber gleich darauf erweist sich sein Gefühl als Haßliebe, denn er wütet gegen Lenbach, "der sich zwischen mich und Schack früher oder später stellen wird" 1 ). Und nicht viel anders zeigt sich das Gegensätzliche zu diesen Abbruchswünschen in einem Schreiben an die Mutter vom 17. Dec. 1865: "An Herrn v. Schack habe die Güte zu schreiben, daß es mit den Bildern ausgezeichnet steht und daß ich sie zugleich im Frühling senden werde und ihm, da ich die


1) Briefe, II. S. 136.
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nächsten Winter in Paris sein werde, genau meine Wünsche in einem Briefe bezeichnen werde. - ... Den Preis, den wir festgesetzt haben, werden wir einhalten müssen, allein, wenn ich diese letzten Bilder ihm überlasse, bin ich genötigt, andere Bedingungen zu machen. Ich werde ihn bitten, mir jährlich vom September an fünftausend Gulden zu bewilligen, für diese Summe liefere ich ihm jährlich ein größeres Werk und habe bereits für nächstes Jahr einen überaus glücklichen geistreichen Gegenstand, zu welchem ich ihm, wenn er darauf eingeht, ein Aquarell übersende. - Vielleicht, wenn ich es seiner Diskretion anheim stelle, honoriert er mir auch schon jetzt den "Hafis" besser" 2 ).

Immer ist es die Mutter, an der alle diese inneren Zerrissenheiten, Unstimmigkeiten und verstiegenen Geldforderungen anprallen; Feuerbach selbst bringt in seinem nächsten Brief an v. Schack nichts von diesem seelischen Auf und Ab.

 

Anselm Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Rom, den 4. März 1866.   

Hochgeehrter Herr Baron!

Ihrem geehrten Schreiben vom 19. zu Folge, habe ich mich entschlossen, mich auf vergoldete Leisten zu beschränken. Ich werde beide Bilder in einer Kiste etwa Ende Mai versenden. Ich erlaube mir zugleich, ein kleines Rahmenmodell einzusenden, wie ich es nach reiflicher Überlegung für das große Bild "Hafis" am zweckmäßigsten gefunden habe, damit die hochaufsteigende Landschaft durch den Rahmen selbst eine angenehme Unterbrechung habe. Sie würden mich, hochgeehrter Herr Baron, sehr verbinden, wenn Sie ein ähnliches Modell wenigstens für das große Bild sofort gütigst bestellen wollten, damit der Rahmen bei Ankunft des Bildes zur Aufstellung desselben bereit sei.

Ich schreibe in mêtre die genauen Maße, so daß kein Irrtum stattfinden kann.

Die Höhe des großen Bildes "Hafis" ist 2 mêtres, 40 centimêtres;
die Breite 1 mêtre 40 centimêtres.

Dieses ist die Bildfläche, welche auf keiner Seite vom Rahmen überschnitten werden darf. Dann ist eine Leiste von


2) Briefe, II. S. 144.
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der Breite von 15 millimêtres um das ganze Bild, welche hinter den Rahmen kommt.

Die Höhe der "Frau am Brunnen" ist 1 mêtre 36 centimêtres.
Die Breite 1 mêtre 59 centimêtres.

Die gleich breite Leiste ist auch um dieses Bild. Die Breite des Rahmens wünschte ich 20 centimêtres. Ich gebe diese Dinge so genau an, weil ich weiß, wie wichtig eine geschmackvolle Einrahmung ist für gewisse Bilder, deren Reize in der ganzen Situation liegen.

Ich werde auf acht Tage nach Neapel gehen, um mich zu erfrischen und Pompeji zu studieren, da ich eine überaus glückliche Idee zu einem großen Bilde "Anakreon" habe. Nach meiner Zurückkunft werde ich unmittelbar an die letzte Vollendung Ihrer Bilder gehen, welche schon jetzt einen heiteren Eindruck gewähren und Ihnen gewiß Freude machen werden. Sie sind größer ausgefallen, als es ursprünglich meine Absicht war.

Indem ich Ihnen, hochgeehrter Herr Baron, die Bestellung der Rahmen nochmals empfehle, bitte ich Sie um Ihr ferneres Wohlwollen und verbleibe

mit ausgezeichneter Hochachtung           
Ihr ergebener      
Anselm Feuerbach.  

Den Tag der Absendung werde ich Ihnen anmelden.

 

Trotz dieses kühl-höflichen Schreibens ist der Kampf jetzt in seine entscheidende Phase eingetreten: Feuerbachs durch Ablehnung seines "Gastmahls" .qualvoll überreiztes Selbstgefühl 1 ), gleichzeitig seine Hoffnungslosigkeit gegenüber dem, was er seit Jahren als das Höchstschaffen in seinem Leben ansieht, veranlaßt ihn schon zwei Tage nach jenem äußerlich so leidenschaftslos-geschäftsmäßigen Brief, seiner Erbitterung gegen v. Schack in einem an diesen gerichteten Schreiben Luft zu machen, dessen Konzept er einem ebenfalls am 6. März 1866 geschriebenen Briefe an die Mutter beilegt: "Ich schicke Dir inliegend das Konzept eines Briefes


1) Brief an die Mutter, Rom 20. Febr. 1866: "Mein Name ist mit Rom identisch, und es wird kaum später ein Fremder von Bedeutung mein Atelier nicht besuchen" (Briefe, II S. 151).
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an Herrn v. Schack, welches mir Herr Rothpletz 2 ) (dies ganz unter uns) nach reiflicher Besprechung entworfen hat. Der Brief geht mit diesem ab. Ich habe nichts beizufügen, urteile selbst. - Es ist mir unmöglich, in dieser zerstückelten Weise fortzufahren, und somit habe ich den letzten Versuch gewagt, meine Sache in ein meinem Talent angemesseneres Fahrwasser zu bringen - lies selbst" 3 ).

Auf diesen Brief an v. Schack, dessen Konzept sich in der Tat im Feuerbachschen Nachlaß gefunden hat und daher an die National-Galerie in Berlin gekommen ist 4 ), blickte Feuerbach in seinen seit 1876 aus abgeklärterer Lebenserfahrung geschriebenen Lebenserinnerungen folgendermaßen zurück: "Schon jahrelang stand das "Gastmahl des Plato" in meiner Seele. Ich faßte mir ein Herz, um Herrn Baron v. Schack meinen Wunsch zu eröffnen. Es war dies im Jahre 1865, und er zeigte sich bereit, auf die Idee an und für sich einzugehen, aber nur unter der Bedingung, daß das Bild in Drittels-Größe ausgeführt würde. Hierzu wollte ich mich nicht verstehen; ich konnte es nicht. Das Bild war groß empfunden und gedacht; es mußte groß ins Leben treten oder gar nicht. - Ein Briefentwurf an Herrn Baron v. Schack, datiert 6. März 1866, welcher mir kürzlich durch Zufall in die Hände kam, hat mir diesen Vorgang wieder lebhaft vergegenwärtigt. Es ist darin die Rede von innerer Entwicklung, von monumentalen Taten, von Erlösung des Talents und vom Triumph der Kunst, und zuletzt wird versucht, Herrn Baron v. Schack zu überzeugen, daß über die Dimensionen gewisser Bilder nicht das Belieben des Bestellers oder des Künstlers, sondern die Natur des künstlerischen Gedankens entscheiden müsse. - Mit so viel jugendlicher Torheit 5 ) und künstlerischer Weisheit konnte niemand als Anselm Feuerbach im Jahre des Heils 1866 einem so einflußreichen Freund und Förderer der Kunst, wie Herr Baron v. Schack sich erzeigte, gegenübertreten 6 ). Die Lektüre dieses Briefes hat mir wirkliche Erheiterung gewährt. Ob derselbe so oder anders geschrieben abgeschickt


2) Oberst in Zürich, nach Angabe der Briefe näher mit Feuerbach verkehrend und Käufer mehrerer Werke des Künstlers. (Vergl. S. 103, Anm. 7).
3) Briefe, II, S. 152.
4) Abgedruckt bei Allgeyer, II, S. 478.
5) Der Künstler stand damals im 37. Lebensjahre.
6) Vielleicht ein Einschiebsel Henriette Feuerbachs.
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wurde, ist mir nicht mehr erinnerlich. Jedenfalls ließ die Wirkung nichts zu wünschen übrig. - So kam denn endlich nach längerem stillen Kampfe der Moment, wo unsere Wege auseinandergingen. Herr Baron v. Schack war in seinem vollen Rechte als Kunstliebhaber, ich war es auch im Drange meines Talents. Von meinen Bildern für die Schacksche Galerie waren die in den ersten Jahren eingelieferten die besten und freudigsten. Dies ist bezeichnend. Ich denke mit ungeschmälerter Anerkennung und uneigennützigem Bedauern an diese Vorgänge zurück, doch ohne Reue. Ich konnte nicht anders" 7 ).

Ganz so glatt, wie es dem Künstler in der Erinnerung erscheint, geht aber die praktische und noch weniger die seelische Lösung von Schack nicht vor sich. In Wirklichkeit wächst die Erbitterung in ihm noch, vermutlich in Wahrheit sogar noch weit stärker, als dies aus den Briefen an die Mutter entgegentritt, die in dieser Beziehung - wie schon früher manchmal - nicht auf seiner Seite steht. Schon am 18. März 1866 klagt er über die noch an v. Schack zu liefernden Arbeiten: "Der Gram, daß nun diese Bilder wieder nach München müssen, frißt mir innerlich herum" 8 ), und daneben beherrscht ihn - eine seltsame Seelische Dissonanz - eine wahre Sehnsucht nach der Antwort v. Schacks, so daß sich bis zu ihrer Ankunft mit Brief der Mutter vom 27. April 1866 durch eine große Reihe der Schreiben der Gedanke an diese Antwort zieht. Gegensätzlich ist auch die Bemerkung zur Mutter im Briefe: Rom, 30. März 1866: "Daß ich mich bei aller Dankbarkeit aus den Schackschen Verbindlichkeiten heraussehne, ist ja natürlich, doch werde ich nicht so dumm sein, sie nicht vorderhand beizubehalten" 9 ).

v. Schack hat inzwischen der Mutter die Antwort auf Anselms Brief vom 6. März zukommen lassen, in der Hauptsache nur kurz und nebensächlich; er schreibt am 20. April 1866: "Die darin herrschende Verwirrung wird Ihnen sogleich auffallen, auch brauche ich die faktischen Unrichtigkeiten, die er enthält, nicht hervorzuheben." Er erklärt sich bereit, eventuell weitere Bestellungen bei Feuerbach zu machen, "aber auf das ,Symposion' in der Größe von 18 Fuß kann ich mich überhaupt nicht einlassen (weil ich keinen


7) Ein Vermächtnis, S. 90 f.
8) Briefe, II, S. 156.
9) Briefe, II, S. 158.
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Platz habe, um es aufzustellen 10 ) am wenigsten aber unter den aufgestellten Bedingungen, welche unter dem Scheine, als seien sie leichter, in der Tat noch größere Anforderungen an mich stellen, als die im vorigen Jahre gemachten" 11 ).

Henriette Feuerbach antwortet darauf einerseits v. Schack unter dem 21. April 1866 mit Worten der Vermittlung und Versöhnung: "Anselm lebt in einer Atmosphäre der Künstlerillusionen, die die Wirklichkeit, auch die schwerste und härteste, nicht hat zerstören können. Er sieht die Bedeutung seines künstlerischen Schaffens von innen heraus in einem ganz anderen Lichte als das äußerlich überschauende und urteilende Verständnis, welchem er in seinem brennenden Arbeitsdrang gegenübersteht. Ich kann ihn nicht schelten, daß sein "Symposion" seine Seele erfüllt. Er wäre kein Künstler, wenn seine Ideen in der Phantasie sich dem Maße des Gegebenen fügen würden. In der Wirklichkeit müssen sie es ja doch. Wollte Gott, er könnte sein Talent in einem großen Werke bezeugen! Darin ist er drei Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen. - Zürnen Sie ihm deshalb nicht, sondern bedauern Sie ihn. Solche Entsagungsschmerzen sind die empfindlichsten, denn sie lassen einen dauernden Schaden zurück. - Was Anselms Irrtum Ihnen gegenüber betrifft, so handelt es sich hier um dieselbe Illusion in anderer Form. Sie sind vollkommen berechtigt, das Anforderung zu nennen, was er in dem Gefühl seines Künstlerberufs als Vorschlag und Anerbieten Ihnen entgegen bringt. Das Wort "Übereinkunft" ist zu übersetzen: "Im Vertrauen auf das bisherige Verhältnis". Für solche Übereilung kann ich nur Ihre Verzeihung erbitten. Möchten Sie nicht allzu bitter den naiven Glauben tadeln, den zu zerstören ja völlig in Ihrer freien Macht liegt. - Ich hoffe, Anselms Bilder werden so gut sein, daß sie Sie nicht veranlassen, Ihre Hand von ihm abzuziehen. Wäre dies aber auch der Fall, so glauben Sie, daß weder ich noch mein Sohn je auch nur


10) Die erste Fassung des "Gastmahls des Plato" hat die Abmessungen von 3:6 Metern, die zweite ist sogar 4,00:7,50 Meter groß. In seinen Briefen an Hedwig Dragendorff in Rostock klagt v. Schack wiederholt über die fehlende Unterbringungsmöglichkeit bei Neuerwerbungen. Die spätere Schack-Galerie wurde, nachdem in den 60er Jahren am alten Hause ein Erweiterungsbau vorgenommen war, erst 1871 - 1874 von Lorenz Gedon (1843 - 1883) erbaut.
11) Allgeyer, II, S. 480.
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einen Augenblick vergessen werden, daß Sie in der schlimmsten Zeit sein Retter geworden sind" 12 ). Andrerseits gibt sie v. Schacks Antwort dem Sohne weiter, der ihr darauf unter dem 27. April 1866 schreibt:

"Meinen letzten Brief wirst Du erhalten haben, ich Deinen mit Schacks Antwort. Ich habe nichts Besseres erwartet und mich gar nicht alteriert, ich weiß schon lange, daß es eitle Mühe ist, die Menschen sich größer zu denken, als sie sind" 13 ).

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 4. September 1866.   

Geehrtester Herr Baron!

Ich erwidere Ihren gütigen Brief erst heute, weil ich den Abschluß meiner Verhandlung mit Herrn Allgeyer abwarten wollte, um Ihnen zugleich mit dem Dank für Ihre gütige Sendung definitive Antwort wegen der Photographienangelegenheit sagen zu können.

Allgeyer tritt gern und willig zurück ohne Groll und Bitterkeit. Er freut sich, daß Anselms Ruf durch Herrn Hanfstängl mehr gefördert wird, als ihm selbst dies möglich gewesen wäre. Somit ist diese Sache erledigt. Herr Hanfstängl 1 ) hat indes an mich geschrieben, und ich trage meine Antwort zugleich mit dem gegenwärtigen Briefe zur Post. Außerordentlich dankbar bin ich für Ihren Rat wegen der Procente. Herr Hanfstängl hat in seinem Briefe diesen Teil des Geschäftes gar nicht erwähnt. Ich setze nun die von Ihnen mir angegebene Bedingung fest und bitte zugleich um ein Freiexemplar von Anselms Bildern. Allgeyer hat mich beschworen, ich sollte auf Kontrolle dringen, was ich aber zunächst auf keinen Fall tun werde, da ich gar nicht weiß, wie das zu machen wäre, und ich glaube, daß man sich in dieser Hinsicht wohl auf die Rechtlichkeit des Herrn Hanfstängl wird verlassen müssen. Indes werde ich für Anselms eigenes Wort noch Raum lassen, und dann ist ja noch immer Zeit, das Nötige zu bestimmen. Nach Rom habe ich Ihr gütiges Schreiben und Herrn Hanfstängls Brief in Abschrift geschickt. Die ganze Sache


12) Das Schreiben hat sich nur im Entwurf erhalten und ist abgedruckt bei Allgeyer, II, S. 481 und bei Uhde-Bernays: Henriette Feuerbach, S. 255 ff.
13) Briefe, II, S. 167.
1) Kunstverleger in München.
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kommt mir höchst günstig und erfreulich vor sowohl für die einzelnen als auch im allgemeinen, weil dies die einzige Art ist, der Welt zum Trost die Kunst zu erhalten 2 ). Der Segen Ihres Werkes, der sich fort und fort lebendig entwickeln wird.

Anliegend die Quittung mit dem herzlichsten und besten Dank.

Mit der wärmsten Hochachtung

Henriette Feuerbach.   

 

Die Mutter ist von ihres Sohnes Beständigkeit nicht voll überzeugt; sie greift am 8. Oktober 1866 wieder bestimmend ein und sucht das Verhältnis in genau derselben Weise, wie es früher gewesen, wiederherzustellen; sie bietet "Medeas Abschied", "Lesbia mit dem Vogel" sowie die "Idylle aus Tivoli" an und hat damit Erfolg.

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Mittwoch, 8. October 1866.   

Geehrtester Herr Baron!

Ich war eben im Begriffe, Ihnen zu schreiben, als Ihr gefälliges Schreiben eintraf.

Herr Hanfstängl hat mir auf mein Verlangen der 25 pct. geantwortet, daß er lieber die Sache aufgeben würde, als auf diese Forderung eingehen, die ihm offenbaren Schaden zufügen würde. Er hätte mit Herrn Lenbach auf 10 pct. accordiert, und das sei das Äußerste, was er auch meinem Sohne anbieten könne. Ich habe erwidert, daß ich im Namen meines Sohnes einstweilen auf dieselben Bedingungen, die er mit Herrn Lenbach abgeschlossen, eingehen wolle, bis mein Sohn spätestens im Frühling hierher käme und sich mit ihm persönlich verständigen könnte.

Nun ist Anselm seit drei Tagen hier - ganz unerwartet angekommen. Er will zunächst nach Berlin und dann nach


2) Der in Feuerbachs Briefen immer wieder auftauchende Wunsch nach photographischen Reproduktionen seiner Werke hatte in einem Brief an die Mutter, Rom, 4. Januar 1866 (Briefe, II, S. 149) folgenden Ausdruck gefunden: "Wenn heute ein photographisches Werk vorhanden wäre meiner sämtlichen Werke, die dadurch Verbreitung hätten, so stünde mein Ruf in ganz Europa da, das weiß ich, und ich hätte Ehre und Geld, und alle Gemütsalterationen, die mich ruinieren, wären wie Streu verschwunden, es fehlt mir der Anwalt, dessen Interesse es nicht ist, mich in der Verborgenheit zu halten" - ein Seitenhieb auf die Schacksche Privatgalerie, der mehrfach in Feuerbachs Äußerungen wiederkehrt.
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München, um Ihnen seine mitgebrachten Sachen selbst vorzulegen. In Beziehung auf Hanfstengl scheint ihm allerdings die Controle am Herzen zu liegen. Er sagt, die Blätter müßten durch eine Vertrauensperson gestempelt werden. Sie sind sehr gütig und freundlich, daß Sie diese Sache selbst übernehmen wollen, die Ihnen vielleicht Mühe und Verdruß machen wird. Könnte man dies Geschäft nicht einem zuverlässigen Geschäftsmann übertragen?

Anselm hat sehr schöne Sachen mitgebracht. - Außer dem umcomponierten Gastmahl: einen schlafenden Anakreon, dem Frauen einen Lorbeerkranz in der Laube aufsetzen. Anselm hält die Composition geeignet für ein kleines feines Kabinetstück. Viel bedeutender - ja ich darf wohl sagen, von wunderbarer und großartiger Wirkung ist ein Abschied der Medea. Meeresstrand mit Felsen (nach der Natur in Porto d'Anzio), 7 Ruderknechte, die das Schiff ins Meer schieben, Medea im Mondlicht unheimlich und düster mit den Kindern am Strande wartend; in der Ferne eine in Trauer versenkte verhüllte Dienerin, am Wege sitzend. Ich glaube, daß die Einfachheit und Gewalt der Darstellung einzig und ergreifend ist und wirken muß 1 ). Weiter hat Anselm eine Lesbia mit dem Vogel 2 ) von großer Anmut und Lieblichkeit, Kniestück, Lebensgröße. (Die Medea ist auf halb Lebensgröße berechnet.) Dann eine Idylle in einer Tivoligrotte 3 ).


1) Das Gemälde (Uhde-Bernays: Feuerbach. Nr. 293 u. Abb. 259) wurde von Schack bestellt auf Grund eines Verpflichtungsscheins Feuerbachs vom 28. Nov. 1866 (siehe S. 152), ist aber nicht an ihn geliefert worden. Es wurde erst 1870 vollendet und kam 1879 durch Ankauf König Ludwigs II. von Bayern in die Neue Pinakothek zu München (Ein Vermächtnis S. 141).
2) Vollendet 1868, kam ins Eigentum von Dr. Lobstein in Heidelberg und dann (nach Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 288 und Heliogravüre VI) in den Berliner Kunsthandel.
3) (1868). Schack-Galerie, 1938, Nr. 41; Justi, S. 29; Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 285. Dies Angebot steht teilweise im Widerspruch zu Henriette Feuerbachs Schreiben an Jul. Allgeyer vom 1. Dez. 1866 nach einem Besuch der Münchener Schack-Galerie: "Von seinen Bildern hat mir nur die Pietà einen großen Eindruck gemacht. Er geht in dieser Genremanier zu Grunde, wenn er nicht würdigere Aufgaben bekommt. Darüber bin ich mir ganz klar - leider er auch" (Uhde-Bernays: Henriette Feuerbach, S. 258). Das angebotene "Ricordo" ist bereits eine zweite Fassung; die erste vom Jahre 1867 kam aus dem Besitz Dr. Conrad Fiedlers in München in die National-Galerie zu Berlin (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 279 und Abbildung 236).
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Dies sind ohngefähr die Hauptsachen, und ich wage zu sagen, daß Sie Freude und Gefallen daran haben werden. Ich meine, es ist das Beste, was ich von Anselm gesehen habe, obgleich es nur flüchtige Aquarellskizzen sind.

Daß ich halb und halb vorhabe, mit Anselm in München zusammenzutreffen, getraue ich mir kaum auszusprechen aus Furcht, daß wieder etwas dazwischen kommen möchte.

Herzlich wünsche ich, daß diese Zeilen Sie in heimatlicher Behaglichkeit und Heiterkeit treffen möchten. Anselm empfiehlt sich Ihnen durch mich zu freundlichem Empfang nach einigen Wochen.

Mit der wärmsten Hochachtung           
Henriette Feuerbach.  

 

v. Schack stellt das Sachliche über das Persönliche: er gibt Auftrag zu "Medeas Abschied" und dem "Idyll von Tivoli" 1 ) und Anselm Feuerbach stellt unter Aufgabe aller seiner Grundsätze den nachstehenden Verpflichtungsschein aus.

Ich verpflichte mich hierdurch, zwei Oelgemälde - Medea's Abfahrt in halber Lebensgröße und Ein Mädchen mit einem singenden Knaben in voller Lebensgröße - nach den vorgelegten Skizzen für 3500 Gulden auszuführen. Abschläglich hierauf habe ich schon dreihundert Gulden erhalten.

München, den 28. November 1866.
Anselm Feuerbach.            


1) Allgeyer, der den ganzen Fall Feuerbach-v. Schack einseitig vom Standpunkt seines bewunderten Künstler-Freundes beurteilt, ist nicht bekannt, daß Feuerbach am 28. November 1866 einen einheitlichen Verpflichtungsschein für die Lieferung von "Medeas Abschied" und dem "Ricordo di Tivoli" unterzeichnet hat; seine Angaben von einer finanziellen Streitigkeit zwischen Künstler und Besteller, die dann später im Hinblick auf die angebliche Zurücknahme der Bestellung der "Medea" durch eine Nachlieferung des "Ricordo" ausgeglichen seien, ist also nicht in vollem Umfange richtig (Allgeyer, II S. 62 f.). Allerdings lagen beim Abbruch des Verhältnisses in der Rechnungsführung der Mutter einige Unstimmigkeiten vor, die v. Schack unter Hinweis auf die nicht erfolgte Lieferung der "Medea" in seinem Briefe vom Dezember 1868 berichtigte (Vergl. S. 162). Dabei verwechselt Allgeyer (II S. 63 und 158) auch den "Abschied der Medea" (jetzt in der Neuen Pinakothek zu München) mit "Medeas Flucht" (Medea einen Knaben an der Hand führend); jetzt als nur untermaltes Gemälde in der National-Galerie zu Berlin.
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Trotz Feuerbachs Einstellung gegen v. Schack hat doch die Auftragerteilung zunächst die seelische Spannung des Künstlers gelöst, denn schon 4 Wochen später, Rom, Weihnachtstag 1866, schreibt er seiner Mutter 1 ): "Übermorgen beginne ich die "Medea" und nach der Untermalung derselben das "Ricordo" ganz frisch auf neuer Leinewand ... Sodann kannst Du Herrn von Schack gelegentlich sagen, daß ich keinerlei Übereilung dulde..."

Doch diese Stimmung ist nur von kurzer Dauer; schon am 31. Dezember 1866 schreibt er der Mutter:

"Die Schackschen Sachen werde ich mäßig weiterfördern, ohne Hast, möchten es die letzten sein!" 2 ), und weiter Rom, 1. Februar 1867: "Wenn ich nicht befürchtet hätte, Dich zu kompromittieren oder unpolitisch zu handeln, so hätte ich schon jetzt mit Herrn v. Schack abgeschnitten, das ewige Rücksichtnehmen und doch Sichärgernmüssen und Zukurzdabeifahren muß nun sein Ende erreichen. Ich werde keine Dummheit begehen, aber, da er nicht Wort hält, so könnte es diesmal sein, daß auch ich meines nicht halte .. Ich muß mit Herrn v. Schack auf höfliche Weise loskommen, es wird alles werden, liebe Mutter, und rasch" 3 ).

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 1. Mai 67.   

Geehrtester Herr Baron!

Ich war seit längerer Zeit ziemlich unwohl an einer bösen Grippe, was freilich keine Entschuldigung, sondern nur eine Erklärung meiner Saumseligkeit ist. - Verzeihen Sie mir gütigst. Es soll nie wieder geschehen.

Was Herrn Hanfstengl betrifft, so scheinen sich meine früheren Erfahrungen zu realisieren, die ich längst im Gedächtnis bei Seite gelegt hatte. Vor mehreren Tagen, als Anselm in München war, machte Herr H. eine Aufnahme seines Portraits für das Künstleralbum, was Anselm für frei annahm, nebst einem Blatt, welches er mir überließ. - Damals sagte er, Herr Hanfstengl würde Abdrücke für 4 fl. machen (die schon


1) Briefe, II, S. 184.
2) Briefe, II, S. 187.
3) Briefe, II, S. 188.
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unerhört teuer für die Größe des Bildes gewesen wären). Da die Verwandten in Nürnberg es wünschten, bestellte ich noch drei Abdrücke, die dann auch mit einer Rechnung von 43 fl. ankamen - für die "Aufnahme" 22 fl., für jedes einzelne Blatt (Großquart) 7 fl. - Auf meine Einsprache hat H. nicht geantwortet, sondern Wechsel geschickt - schließlich habe ich die Rechnung natürlich bezahlt, konnte die Geschichte aber doch lange nicht verschmerzen. An Allgeyer will ich sogleich schreiben und ihm das Ergebnis alsogleich mitteilen.

Von Anselm habe ich wenige, aber heitere Nachrichten. Er schreibt nur, daß er dämonisch fleißig sei 1 ).

Indem ich nochmals herzlichst um Vergebung bitte, mit wärmster Hochachtung Ihre ergebene

Henriette Feuerbach.     

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 19. Dezember 67.   

Geehrtester Herr Baron!

Mein Dank für Ihre gütige herrliche Sendung kommt spät. Verzeihen Sie. Es ist nicht meine Schuld. Ich war an einer Halsentzündung ziemlich krank, und das Paket blieb liegen, bis ich wieder fähig ward, mich um meine Angelegenheiten zu bekümmern. Ihre Güte hat mich sehr gerührt, und die schönen Blätter machen mir Freude, mehr als ich heute auszusprechen vermag. Auch Anselm wird sich freuen, seine Arbeiten so gut beisammen zu haben. Ich sage Ihnen in unser beider Namen den allerherzlichsten Dank.

Anselm ist, so viel ich weiß, im Begriff, die Singenden Kinder, welche fertig sind, an Sie abzusenden 1 ). Die "Medea" meinte er im Laufe des Januar zu Ende zu bringen. Die Untermalung des lange ersehnten und geträumten Gastmahls, das nun Wirklichkeit wird, hat ihn aufgehalten und auch, wie ich glaube, die politischen Ereignisse, die eine ruhige Arbeitstimmung nicht aufkommen ließen.


1) Brief an die Mutter, Rom, 22. März 1867 (Briefe, II, S. 192): "Ich habe in letzter Zeit eine daemonische Tätigkeit als Mensch und Künstler entfaltet".
1) Es handelt sich um das "Ricordo di Tivoli", dem v. Schack dann die Bezeichnung "Idylle von Tivoli" gegeben hat (v. Schack: Meine Gemäldesammlung, S. 119).
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Ich werde Ihm morgen schreiben und um genaue Auskunft über Ihre Bilder bitten und dann die Antwort ungesäumt an Sie gelangen lassen.

Entschuldigen sie, geehrter Herr Baron, den schlechten Brief, und möchten Ihnen die Feiertage, die Sie mir durch Ihr Geschenk so schön erhellt haben, auch Ihnen freundlich sein.

Anselm hat diesen Sommer das Portrait meiner Freundin Charlotte Kestner in Basel gemalt, welches sehr schön geworden ist 2 ). Nebenbei ist die vollkommene Versöhnung mit Böcklin zu Stand gekommen, was mich sehr freut 3 ).

Leben Sie wohl, geehrter Herr Baron, und verzeihen Sie meine Saumseligkeit.

Mit aufrichtigster Hochachtung            
Henriette Feuerbach.   

 

Aber bald flammt Feuerbachs Erbitterung gegen seinen Auftraggeber wieder auf, als letzterer - nicht mit Unrecht, denn seit Abschluß des Vertrages und der Aushändigung der Anzahlung sind bereits 15 Monate verflossen und Feuerbach hatte schon am 1. Februar 1867 der Mutter geschrieben: "Das eine "Ricordo" steht da, aber ich kann mich nicht entschließen, es abzusenden, es geht mir wider die Natur" 1 ) - an die Ausführung und Ablieferung des "Ricordo di Tivoli" mahnt. Feuerbach schreibt, Rom, 23. März 1868 der Mutter: " .. nur manchmal komme ich über die ewige Trödelei der Verhältnisse in eine so chargierte Rage, die mich einmal unversehens ins bessere Leben befördern wird, wie neulich, als ich am "Symposion" weitermalen will und mich dieser orien-


2) Das Bildnis der Charlotte Kestner, 1867 in Basel gemalt, wurde Eigentum der Familie Merian-Burckhardt in Basel (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 283 u. Abb. 250). Auch hierbei hat es Konflikte gegeben, denn Feuerbach schreibt der Mutter, Rom, 8. Nov. 1867 (Briefe, II. S. 195): "In der Kestnersache ist es unter meiner Würde, auch nur ein Wort zu verlieren; sollte ich die Geduld verlieren, so schicke ich Ihr persönlich einige Nägel zum Sarge, die schon bereit liegen. Überhaupt wird's jetzt bald Funken geben, und ich bin des lästigen Maskentragens satt".
3) "Briefe an die Mutter", bringen über diese Aussöhnung nichts, vielmehr wird darin Böcklin zum letzten Male am Neujahrstage 1864 erwähnt.
1) Briefe, II, S. 190.
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talische Blechritter, der Schack, .... an das "Ricordo" mahnt, wo ich also wieder da mich anstrengen muß" 2 ), und noch heftiger am nächstfolgenden Tage: "Ich habe das "Ricordo" für Schack glänzend herausgerissen, also auch dieses abgemacht. Ich glaube, daß es das letzte mal ist, daß dieser trübe orientalische Perlenfischer mein Meer befährt" 3 ).

Die Mutter ist aufs tiefste erregt; noch einmal versucht sie auszugleichen und schreibt dem erzürnten Mäzen:

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Frankfurt, Ostersamstag.   
(11. April 1868).        

Geehrtester Herr Baron!

Ihr geehrtes Schreiben wurde mir hierher nachgeschickt, wo ich über den Charfreitag mich aufhielt, um meine Passion - die Matthäuspassion von Bach zu hören.

Es befremdet mich sehr, daß Sie keinen Brief von meinem Sohn erhalten haben, da er mir doch schrieb, er hätte Ihnen geschrieben, und daß er auf Ihre Mahnung augenblicklich alles hätte liegen und stehen lassen, um letzte Hand an die "Singenden Kinder" zu legen, die nun fertig seien.

Ich komme morgen nach Hause und will dann gleich Ihren Brief im Original nach Rom schicken.

Ich muß sehr bedauern, daß Anselm sich lässig gezeigt hat, und fürchte, daß um des "Gastmahls" willen noch manches hat zurückstehen müssen, Mein Sohn hat sich so heftig angestrengt und aufgeregt mit dem großen Bilde, daß er bedenklich krank geworden ist. Seit 6 Wochen aber hat er es ganz in Ruhe gelassen, da die Untermalung vollendet ist. Die "Kinder" aber waren, glaube ich, schon um Neujahr bis auf die letzte Hand vollendet.

So bitte ich herzlich um Verzeihung in Anselms Namen. Er wird jetzt gewiß alles tun, um Ihre Wünsche zu befriedigen.

In der aufrichtigsten Hochachtung, eiligst

Ihre ergebenste         
Henriette Feuerbach.   


2) Briefe, II, S. 208.
3) Briefe, II, S. 209.
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Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 11. September 68.   

Geehrtester Herr Baron!

Werden Sie mir gütigst eine Frage erlauben?

Ich bin unruhig, ob das im April von Rom aus an Sie abgesandte Bild meines Sohnes auch wirklich angekommen und ob Sie es zu Ihrer Zufriedenheit vorgefunden haben. Anselm hat es vor seiner Abreise hierher spediert, und es müßte also bald, nachdem Sie, geehrter Herr Baron, nach Spanien abgingen, eingetroffen sein 1 ).

Mein Sohn ist vor vierzehn Tagen bereits wieder nach Rom fort. Seine begonnenen Arbeiten haben ihm keine Ruhe gelassen, und Heidelberg war diesesmal nur eine kleine Villegiatur. Freilich ist die Reise dafür etwas weit, doch ist er auch 10 Tage in Dresden gewesen, wo es ihm ausnehmend gut ging.

Ich füge nichts hinzu, weil ich nicht sicher wissen kann, ob meine Zeilen Sie in München treffen.

In steter getreulicher Hochachtung und Dankbarkeit

Henriette Feuerbach.      

 

Die latente Katastrophe wird jetzt offenbar: alles, was die Mutter aufgebaut zu haben hofft, fällt in Trümmer, und der Sohn schreibt ihr, wiederum alles Peinliche und Unbequeme der Mutter zuschiebend, aus Rom, den 16. October 1868: "Sollte von Schack nichts oder Unangenehmes kommen, so verschone mich damit, und Du übergehe es mit Stillschweigen, ich will nichts mehr hören" 1 ). In diese Stimmung fällt ein Brief v. Schacks an die Mutter vom 22. Oct. 1868, in dem der an sich schon verärgerte Sammler seiner Kritik an dem "im Laufe des Sommers eingetroffenen" Ricordo-Gemälde Ausdruck gibt: "Dasselbe gehört zu seinen besseren Bildern und würde sogar, wenn das Kolorit der reizvollen Komposition entspräche, zu seinen allerbesten gezählt werden müssen; aber in der Farbe leidet es wieder wie manche seiner anderen Arbeiten an einem kalten, ins Grünliche gehenden Ton .... Ich bitte Sie jedoch, das Gesagte nicht so


1) Es handelt sich um das "Ricordo di Tivoli".
1) Briefe, II. S. 219.
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aufzufassen, als ob ich mit dem Bilde unzufrieden wäre, im Gegenteil ist es mir lieb, dasselbe zu besitzen, nur glaubte ich, die erwähnte Schattenseite nicht verschweigen zu dürfen" 2 ). Henriette Feuerbach ist aufs tiefste bekümmert, und das um so mehr, als sie aus ihrer genauen Kenntnis der mehr genialen als praktischen Lebensäußerungen des Sohnes und aus Gesprächen mit ihm nicht den Eindruck gewonnen hat, daß er - zum mindesten nicht in absehbarer Zeit - die von ihm vor fast genau zwei Jahren eingegangene Verpflichtung auf Lieferung des Gemäldes "Medeas Abschied" einhalten wird. Dies ist für sie um so niederdrückender, als sie ja mit Jos. Victor Scheffel ein Abkommen zur Schuldentilgung getroffen hat, das in erster Linie auf dem Kaufpreise für "Medea" und "Ricordo" gegründet ist; sie sieht also, daß durch den Vertragsbruch auch Scheffel in Mitleidenschaft gezogen werden wird 3 ). Vor allem aber in der Erkenntnis von des Sohnes Wesen und seiner Denkweise dem Retter und langjährigen Gönner gegenüber ist ihre Mutterliebe aufs tiefste getroffen, und so kommt es zu dem schönen Mutterbriefe, in dem sie blutenden Herzens von dem Sohne abrückt, nicht ohne auch diesmal noch ein versöhnendes, vermittelndes Wort zu finden. Dabei ist es nur ein Irrtum, wenn die Mutter Werke des Sohnes als unterwegs und damit als vollendet bezeichnet, die in Wirklichkeit noch vor der Vollendung stehen. Denn weder der "Orpheus" noch das "Symposion" waren trotz Feuerbachs Ankündigung vom 13. November unterwegs, sondern befanden sich nach dem Schreiben an die Mutter vom 28. December 1868 noch in Rom, wobei das erstere als vollendet gemeldet wird ("doch schicke ich es nicht vorderhand"), während das "Symposion" erst Ende Januar fertig werden soll 4 ).


2) Allgeyer, II, S. 482, irrt, wenn er dies Gemälde mit "Hafis" identifiziert, das bereits am 15. Mai 1866 mit dem "Familienbild" von Rom abgesandt war (Briefe, II. S. 170). In Wirklichkeit tritt der von Schack beanstandete grünliche Ton zu allererst im "Ricordo" auf, wie Allgeyer, II, S. 63 nachweist. Der Sammler nennt denn auch in seinem Schreiben vom Dec. 1868 (siehe S. 162) unter den von ihm zur Rückgabe angebotenen Werken keineswegs "Hafis", wohl aber unter besonderer Betonung ("mit Freuden") das "Ricordo".
3) Siehe S. 101.
4) Briefe, II, S. 225.
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Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Heidelberg, 24. November 68.   

Verzeihen Sie, geehrtester Herr Baron, daß ich Ihre gütige Brief- und Katalogsendung erst heute beantworte. Ich war beinahe vier Wochen in Nürnberg unter steter Angst und Sorge um einen nahe verwandten Kranken; und dann nach meiner Rückkehr bin ich selbst unwohl geworden und erhole mich nur nach und nach.

Indem ich Ihnen vorerst den herzlichsten Dank ausspreche für das Gemäldeverzeichnis, welches mich durch seine Bereicherung sehr interessierte, komme ich in zweiter Linie auf Ihren Brief, welcher die Ankunft von Anselms Bild meldet. Ich bin natürlich sehr betrübt, daß es nicht ganz nach Ihrem Wunsche ist. Leider ist mein tiefes Bedauern das einzige, was ich darüber sagen kann, denn Sie werden wohl glauben, daß ich meinem Sohne in künstlerischen Dingen nichts einreden kann. Er ist in so großer, fast fieberhafter Tätigkeit, daß es mich fast mit Sorge erfüllt. Er achtet es an der Zeit, mit aller Anstrengung die höchste Palme zu erringen und zugleich eine gesicherte Zukunft für seine künftigen Jahre zu gewinnen.

Ich fürchte, daß er die Medea nicht mit der Pünktlichkeit fertig machen wird, welche ich wünschte. Bei seinem letzten Hiersein erklärte er mir nach langem Hin- und Herreden, daß das Bild den doppelten Wert des Preises hätte, um welches er es versprochen, und daß er um seiner Existenz willen nebenher arbeiten müsse, was er nur immer erreichen könne, um so viel zurückzulegen, daß er in einigen Jahren durch den Besitz eines kleinen Vermögens Existenzsicherheit erworben habe. Es sind denn auch vier Bilder unterwegs, die nach Köln, Hamburg und Bremen gehen. Der Orpheus 1 ) kommt nach Dresden, das Symposion nach Berlin. Er hofft, durch diese Gesamtbeschickung seinen Namen auf die Höhe zu bringen, nach der er strebt - ob mit oder ohne Recht, das wage ich nicht zu bestimmen.

Nach alter Gewohnheit und im Vertrauen auf Ihr gütiges richtiges Verständnis sage ich Ihnen die Wahrheit bis in die letzten Consequenzen. Ich mag meinen Sohn weder anklagen noch entschuldigen. Es ist nun einmal so. Erreicht er sein Ziel, so wird man sagen, daß er recht hatte, im Gegenteil wer-


1) Jetzt in der Österreichischen Galerie in Wien (Uhde-Bernays: Feuerbach, Nr. 289 und Abbildung 256).
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den ihm die Flügel schmelzen, wie es so vielen andern vor ihm geschehen ist und nach ihm geschehen ist (!) Ich muß zusehen, es geschehen lassen und kann nichts tun als mittelbar durch geistige und körperliche Pflege wohltuend auf ihn einzuwirken suchen.

Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht über diesen Brief? Ich bin unschuldig. Läge es an mir, Sie sollten die schönsten Meisterwerke haben, ohne einen Gedanken an hohen oder niederen Preis, weil ich fühle, daß unsere Dankbarkeit nie groß genug sein kann - aber ich bin machtlos dem künstlerischen Schaffen meines Sohnes gegenüber.

Sie dürfen glauben, daß mir dieser Brief sehr schwer geworden ist, und ich hätte wohl auch früher geschrieben, wenn es nicht so gewesen wäre.

Haben Sie Nachsicht! Ich glaube, wenn diese Schaffperiode erst überstanden ist, so wird Anselm sich über manches beruhigen, was ihn jetzt so sehr quält, und dann auch in manchem anders handeln, als er es jetzt tut.

Noch einmal bitte ich um Entschuldigung für alles äußerliche und innerliche Ungenügende dieses Briefes.

Mit aufrichtigster Hochachtung und Dankbarkeit

Ihre ergebene      
Henriette Feuerbach.  

 

Dennoch versucht die Mutter noch einmal in rein geschäftsmäßiger Weise den Bruch zu kitten: sie bietet dem Sammler anstelle der nicht fertiggestellten "Medea" ein Vorkaufsrecht auf die in Deutschland befindlichen Werke des Sohnes an, ja, sie greift zu dem letzten, bedenklichsten Mittel, v. Schacks angebliche Neigung zum Billigkaufen auszunutzen und ihm sogar Preisermäßigungen in Aussicht zu stellen. Dies nicht nur hinter dem Rücken des Sohnes, sondern ganz im Gegensatz zu dessen Absichten und Hoffnungen. Hatte er ihr doch erst am 13. November 1868 gerade zu den damals bevorstehenden Deutschland-Sendungen erklärt: "Ende November kommen vier Bilder (ich habe noch ein Frühlingsbild gemalt). Ich bitte inständig, lasse alle Lumpereien fahren und sei ein gewandter Agent meiner Sache. Die Arbeiten sind tadellos und dieses Jahr will ich reich werden .... Wenn Du diese Bilder siehst, so wird es Dich wie ein Hauch des Genius berühren, und überhaupt wird

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es manchem klar werden, warum ich auf der Welt bin ..... "Frühlingsbild" 5000 Frank, "Lesbia" viertausend, "Bianca Capello" viertausend, die anderen drei jedes fünftausend, "Orpheus" viertausend Thaler usw" 1 ).

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

Ohne Ort und Zeit,         
(Heidelberg, nach dem 28. Nov. 1868).

Geehrtester Herr Baron!

Es sind mir von Rom vier bis fünf Bilder angemeldet, die über hier in die Welt gehen sollen. In der Allg. Ztg. 28. Nov. Beilage habe ich selbst erst die Gegenstände der Bilder erfahren. Außer dem Symposion und dem Orpheus werden sie alle über hier gehen. Da nun die Medea noch nicht fertig ist, so frage ich an, ob Sie, geehrter Herr Baron, vielleicht zu einem oder dem anderen der bezeichneten Bilder (bezeugte Nummer der Allg. Zt.) Lust tragen. In diesem Fall haben Sie die Vorhand, und glaube auch den Preis ermäßigen zu dürfen. Seit meinem letzten Brief habe ich gar keine Ruhe mehr gehabt.

Auch möchte ich Sie freundlichst bitten, in den Rechnungen nachzusehen. Ich bin nicht ganz mit den meinigen, d. h. ich weiß nicht recht, ob und was auf dem letzten Bilde noch steht. Anselm braucht es nicht - ich schreibe nicht deswegen. Aber ich muß Neujahr meine Rechnung für ihn schließen, deshalb möchte ich im Klaren sein.

Mit voller Hochachtung         
H. Feuerbach.   

Verzeihen Sie den eiligsten aller Zettel.

Der Artikel ist, glaube ich, von Prof. Holtzmann, der kürzlich in Rom war 1 ).

v. Schack ist über die Medea-Angelegenheit empört, auch wohl der ewigen Preis-Streitigkeiten müde, zumal allein er (in seiner Denkweise) das Recht hat, die Gemälde-Preise festzusetzen. Es darf daneben als selbstverständlich angenommen werden, daß ihm in der Feuerbach nicht wohlgesinnten Münchener Umwelt allerlei Äußerungen des in


1) Briefe, II, S. 220.
1) Adolf Holtzmann (1810 - 1870), Professor des Sanskrits und der deutschen Sprache in Heidelberg.
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dieser Hinsicht recht unvorsichtigen Künstlers zugetragen wurden, und somit hat sich auch bei ihm ein tüchtiges Maß von Verärgerung angesammelt, die in einem Briefe an Henriette Feuerbach explosiv zum Ausdruck kommt. Dieser wichtige Brief ist undatiert, muß aber Anfang December 1868 geschrieben sein, da er die Antwort auf den vorherigen Brief ist. Herr v. Schack schreibt in diesem für die Feuerbachsche Angelegenheit ausschlaggebenden Briefe: "Es war auf den ausdrücklichen Wunsch Ihres Sohne, daß ich seit Jahren so viele Gemälde, darunter auch zuletzt die Medea bei ihm bestellte; nur die Absicht, ihn auf seiner Künstlerlaufbahn zu fördern, leitete mich dabei, keineswegs aber das Verlangen nach dem Besitz so vieler Arbeiten von ihm, denn ein großer Teil der für mich gemalten Bilder war durchaus nicht so ausgefallen, daß sie mich zu neuen Bestellungen reizen konnten; mehrere von diesen Bildern habe ich überhaupt nur aus Rücksicht für Ihn und um ihn nicht wieder in eine mißliche Lage zu bringen, angenommen, während ihr Kunstwert so gering war, daß ich sie hätte zurückweisen müssen. - Unter diesen Umständen richtet sich das jetzige Benehmen Ihres Sohnes wohl von selbst; ich will mich nicht weiter darüber auslassen und bitte Sie nur, ihm in meinem Namen Folgendes mitzuteilen: Wenn er den Wert seiner Arbeiten so hoch anschlägt, wie Sie schreiben, so bin ich hierüber ganz anderer Meinung und werde mich vielmehr recht freuen, ihm einen großen Teil der für mich gemalten Bilder, namentlich das letzte 1 ), sodann "Romeo und Julia", die "Madonna" usw. für einen geringeren Preis, als ich dafür gezahlt, zurückzugeben; es wird ihm dann ja gewiß nicht fehlen, sie mindestens doppelt so teuer zu verkaufen, und es ist damit sowohl ihm wie mir gedient. - Was die zwei zuletzt bestellten Bilder, "Medea" und "Idylle aus Tivoli", betrifft 2 ), so war der Preis davon zusammen auf 3500 Gulden bestimmt. Von dieser Summe habe ich bereits 1300 Gulden bezahlt (worüber ich Quittungen aufbewahre), und ich kann die "Idylle aus Tivoli" allerhöchstens auf 1000 Gulden veranschlagen. Bin übrigens, wie gesagt, jeden Augenblick mit Freuden bereit, sie zurückzugeben. - Es tut mir leid, durch


1) Ricordo di Tivoli.
2) Noch am 31. Dec. 1867 rechnete v. Schack bestimmt mit der Lieferung von "Medeas Abschied" (Brief an Hedwig Dragendorff in Rostock, Abschrift im Geh. und Hauptarchiv).
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Ihre Mitteilungen zu den obigen Äußerungen genötigt worden zu sein, und ich füge hinzu, daß sich dieselben nur auf das Benehmen Ihres Sohnes beziehen, daß mir aber an der Vortrefflichkeit Ihrer Absichten nie ein Zweifel aufgestiegen ist. - Ihr gütiges Anerbieten wegen der vier bis fünf schon in der Allgemeinen Zeitung besprochenen Bilder, die Sie aus Rom erwarten, nehme ich mit Dank an. Ich möchte sehen, ob eines darunter ist, das ich statt der "Medea" wählen könnte, und bitte Sie, mir die Bilder mit Eilfracht hierher zu schicken, mir auch den Preis derselben anzugeben. Den Transport hierher und sodann von hier an den Bestimmungsort werde ich bezahlen" 3 ).

Damit ist das Ende da; es ist dies der letzte wichtige v. Schacksche Brief in Feuerbachscher Angelegenheit, denn der noch folgende vom 19. Dez. 1868 gibt der Mutter nur Anordnungen für die Expedierung der neuen Rom-Sendung, doch fügt v. Schack in sichtlicher Verärgerung noch den Satz hinzu: "Was das Verhalten Ihres Sohnes betrifft, so werden Sie es selbst nicht billigen; übrigens steht es ganz in seiner Macht, meine Meinung über ihn wieder in eine günstigere umzuwandeln" 4 ).

Und nun erhebt sich die Mutter zu ihrer ganzen seelischen Höhe: es kommt zu ihrem Schlußbriefe, offensichtlich in größter Aufregung und Pein geschrieben, ohne Angabe von Ort und Zeit. Die Mutter, die Jahr für Jahr nichts anderes tat, als auszugleichen, abzuschleifen, wiedereinzurenken, nimmt in rührendster Mutterliebe eine Schuld auf sich, die zu begehen sie die allerletzte gewesen wäre.

 

Henriette Feuerbach an Adolf Friedrich von Schack.

(Heidelberg, vermutlich December 1868).  

Geehrtester Herr Baron!

Ich habe Ihren Brief in ängstlicher Bewegung geöffnet. -Vergeben Sie, wenn ich nur mit wenigen Worten erwidere.

Mein Sohn hat die Ausführung der Medea nicht verweigert; nur verzögern will er sie. Der Grund ist, wie ich kürzlich von Augenzeugen hörte, hauptsächlich die Größe des angelegten Bildes, welche über die verabredeten Dimensionen hin-


3) Allgeyer, II. S. 483.
4) Allgeyer, II. S. 485.
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auszugehen scheint. Vielleicht mag dies auf einer Seite zu seiner Entschuldigung dienen, wenn es ihn auch auf der andern als Vorwurf trifft 1 ).

Was die früheren ungenügenden Bilder betrifft, so ist es seit lange im Stillen mein Wunsch, sie gegen bessere ausgetauscht zu wissen. Hätte ich das Vermögen, ich würde sie Ihnen ohne einen Moment Bedenken abnehmen. Da dies nicht der Fall ist, so muß ich in dieser Beziehung um Geduld bitten. Wenn es irgend in meiner Macht liegt, werde ich sorgen, diesem Übel abzuhelfen.

Noch wage ich zu bitten, meinen ungeschickten Brief in milderem Sinne auszulegen. Ich bin ja schließlich doch an Ihrer schlimmen Meinung von Anselm schuld. - Ich hätte schweigen oder eine Entschuldigung anstatt meiner rücksichtslosen Aufrichtigkeit bringen sollen. Nächstes Jahr wäre Anselm von selbst auf die Vollendung des Bildes verfallen und der Verzögerung wäre nicht mehr gedacht worden.

So ist es nun! Und für meinen Fehler bin ich genügend hart gestraft. Möchte die Zeit Ihren Unwillen mildern und möchten Sie glauben, daß ich noch nicht einen Moment die große Verpflichtung, die mein Sohn und ich mit ihm Ihnen schulde, aus dem Sinn verloren habe. Mein einziger Trost ist heute der Gedanke, daß doch vielleicht noch eine Zeit kommen könnte, in welcher es Ihnen, abgesehen von allen persönlichen Beziehungen, eine Freude und Befriedigung sein dürfte, dem Talente förderlich und hülfreich gewesen zu sein. Und Anselm ist nicht undankbar - wenn auch zuweilen rücksichtslos in egoistischer Künstlerleidenschaft.

Die Schuld des gegenwärtigen Mißverständnisses liegt an mir allein. Was ich vermitteln sollte, habe ich zer-


1) Die Angabe der Mutter ist zutreffend, denn kurz zuvor (Rom, 6. Dec. 1868) hat ihr der Sohn, allerdings unter Außerachtlassung des doch von ihm selbst unterzeichneten Verpflichtungsscheins vom 28. Nov. 1866 geschrieben: "Macht Schack einigermaßen erträgliche Preise, so kann ich dann noch vor meiner Reise die "Medea" vollenden, wo nicht, male ich noch zwei kleinere Bilder, die ich in Berlin verkaufe" (Briefe, II, S. 223). Fast noch peinlicher wird v. Schack, der ja kein Freund der monumentalen Maßstäbe seiner Beauftragten war, die hier auch von der Mutter angeführte, aber vermutlich schon vorher dem Besteller bekannt gewordene Tatsache empfunden haben, daß der Künstler über sein Angebot "halbe Lebensgröße" (vergl. S. 152) und seinen auf dies Angebot fußenden Verpflichtungsschein einfach hinweggegangen ist und in Wirklichkeit lebensgroß entworfen hat.
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rissen. In diesem Gefühle bitte ich Sie, meine heutigen Zeilen mit Nachsicht zu beurteilen, nach der Gesinnung, nicht nach dem Wortlaut.

Mit dem Ausdruck vollkommenster Hochachtung

Ihre ergebene            
Henriette Feuerbach.   

 

"Und Anselm ist nicht undankbar": Worte der Mutter, damals unwahr, von ihr selbst nicht geglaubt und nur dazu bestimmt, den tiefen Riß im Charakterbilde des heißgeliebten Stiefsohnes notdürftig zu übertünchen. In Wirklichkeit verschwindet der früher fast in jedem Briefe Feuerbachs an die Mutter genannte Name des Münchener Mäzens in dem Vierteltausend Briefe, die von jetzt an noch an die Mutter ergehen werden, sei es von Rom, Berlin, Wien oder Venedig. Nur zweimal noch taucht in ihnen der Gedanke an den Münchener Sammler auf, der einst das Leben des Künstlers in geordnete Bahnen lenkte, beide Male mit mißtönendem Klange 1 ), und erst in dem nach Anselm Feuerbachs Tode erschienenem "Vermächtnis" finden sich Ansätze einer gerechteren Würdigung 2 ).

Aber der Hauptleidtragende, v. Schack selbst? In seinem Werke "Meine Gemäldesammlung" findet er Worte höchster Anerkennung für den bereits Dahingeschiedenen, dessen verbittertes Naturell er verständnisvoll aus der ihm dauernd gewordenen Verhöhnung und Mißachtung durch die Mitwelt ableitet. Aber mehr als dem Künstler zollt v. Schack jener Frau seine Verehrung, "die, obgleich nur Stiefmutter des Verblichenen, ihm gewesen, was selten eine Mutter ihrem Sohne, die während seines ganzen Lebens mit aufopfernder Liebe und unter Entbehrungen aller Art ihm seine dornige


1) Rom, März 1870 (Briefe, II, S. 245): "Schack, Fiedler, die ganze Menagerie ist hier"; Berlin, 16. Mai 1874 (Briefe, II, S, 318): "Zugleich hat Schack den "Romeo" im Kunstverein ausgestellt, man kann eben nicht allen Affen, die Gottes Sonne bescheint, ins Gesicht spucken und ihnen die Rippen brechen."
2) Sofern nicht auch hier wie so oft im "Vermächtnis" eine Einfügung oder Milderung der Mutter als Bearbeiterin vorliegt. Sie selbst schreibt auf die Nachricht von der schweren Erkrankung v. Schacks am 23. Sept. 1886 an Emma Ribbeck: "Ich möchte ihm so gerne noch etwas Liebes erzeigen und weiß nicht, wie ich es anstellen soll" (Uhde-Bernays, Henriette Feuerbach, S. 433).
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Laufbahn geebnet hat, und der allein es verdankt wird, daß seine Kraft nicht schon viel früher unter dem Drucke der ungünstigen Verhältnisse erlegen ist. In noch höherem Sinn, als es der treffliche Künstler selbst war, verdient sie, eine Zierde der Nation zu heißen; denn vor der hohen Tugend, welche diese Frau gezeigt hat, erhebt sich selbst der Genius von seinem Thron, um ihr den ersten Platz einzuräumen" 3 ) 4 ).

 

Vignette

3) S. 100 - 125.
4) Nach einem Schreiben des Münchener Kunstschriftstellers Friedrich Pecht (1814 - 1903) an Henriette Feuerbach, München, 28. Nov. 1871 (Abschrift im Geh. u. Hauptarchiv), hatte die Mutter die Wiederaufnahme der Beziehungen zu v. Schack versucht, die bei diesem auf günstigen Boden fielen, aber nicht zu neuen Bilder-Ankäufen führten. Diese Tatsache wie auch der ganze hier veröffentlichte Briefwechsel widerstreitet der bei Uhde-Bernays: Henriette Feuerbach, S. 163, ausgesprochenen Vermutung, daß die Mutter aus ihrer Erkenntnis von dem "Zugrundegehen in dieser literarischen Genremanier" (vergl. S. 151, Anm. 3) "den Abbruch der Beziehungen (zu v. Schack) im stillen betrieb". Allerdings ist es erst durch die hier im Wortlaut veröffentlichten Briefe möglich geworden, die Stellung der Mutter im v. Schack-Konflikt klar zu erkennen.
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VI.

 

Die geschichtliche
und landeskundliche Literatur
Mecklenburgs 1938 - 1939

 

von

Friedrich Stuhr

 

Vignette
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Bibliographie.

  1. Stuhr (Friedrich), Die geschichtl. u. landeskundl. Literatur M.'s 1937 - 1938. M. Jahrb. 102, 1938, S. 253 - 270.

Quellen.

  1. Helmold's Slavenchronik, hrsg. vom Reichsinstitut für ältere deutsche Geschichtskunde (Scriptores rerum Germ., in usum scholarum ex Mon. Germ. hist. separatim editi). 3. Aufl., bearb. von Bernhard Schmeidler. Hannover (Hahn'sche Buchh.) 1937. XXXII u. 284 S.
  2. Nordmann (V. A.), Die Wandalia des Albert Krantz. Eine Untersuchung. Annales Academiae Scientiarum Fennicae, B, XXIX, 3. Helsinki 1934. 294 S.

Vorgeschichte.

  1. Becker (Julius), Robert Beltz zum 85. Geburtstage; Verzeichnis seiner Schriften. M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 171 S. 93 - 98.
  2. Merschberger (G.), Robert Beltz, 85 Jahre alt. Germanen-Erbe 4. Jg., 1939, H. 3 S. 90 - 92.
  3. Bastian (W.), Robert Beltz. Zeitschr. M. 34 Jg., 1939, H. 2 S. 61 - 63.
  4. Becker, Verzeichnis der von Robert Beltz verfaßten Schriften. M. Monatsh. 15. J., 1939, H. 171 S. 95 - 98.
  5. Buddin (Fr.), Professor Beltz und das Land Ratzeburg. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 65 - 70.
  6. Becker (Julius), Unsere Vorfahren in vorgeschichtlichen Zeiten, ihre Kultur u. Kunst: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 53 - 62.
  7. Schüßler (Hermann), Die Feldmark Hornshagen u. ihr Reichtum an vorgeschichtlichen Funden. Zeitschr. M. 34 Jg., 1939, H. 2 S. 97 - 101.
  8. Hollmann (Bruno), Zur Vorgeschichte des Amtsgerichtsbezirkes Güstrow. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, Sonderheft S. 7 - 11.
  9. Becker (Julius), Die Besiedelung der Rostocker Gegend in vor- und frühgeschichtlichen Zeiten. M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 174 S. 257 - 263.
  10. Becker (Julius), Schiffe u. Schiffahrt in vor- u. frühgeschichtlichen Zeiten. Monatsh. f. M. 14. Jg., 1938, H. 163 S. 276 - 280.
  11. Asmus (Wolfgang-Dietrich), Tonwaregruppen u. Stammesgrenzen in M. während der ersten beiden Jahrhunderte nach der Zeitenwende: Forsch. zur Vor- und Frühgesch. aus dem Museum vorgeschichtl. Altertümer in Kiel, 5. Bd. Neumünster (K. Wachholtz) 1938. 144 S., 8 Tafeln.
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  1. Asmus (W.-D.), Die westgermanischen Kulturgruppen im unteren Elbegebiet zur frühen nachchristlichen Zeit. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 148 - 154.
  2. Bastian (Willy), Zu frühgeschichtlichen Karten.: M., Werden u. Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 43 - 52, Karte 6 A - D.
  3. Staecker (Arthur), Steinzeitliches aus dem Kreise Ludwigslust. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 94 - 97.
  4. Becker (J.), Steintänze u. Steinkreise. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 123 - 133.
  5. Asmus (Gisela), Die anthropologische Stellung der jung-steinzeitlichen Ostorfer Schädel und Skelette. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 87 - 93.
  6. Janssen (Hans-Luitjen), Die glaubensgeschichtliche Bedeutung des jung-steinzeitlichen Grabes von Blengow, Kr. Wismar. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 78 - 87.
  7. Sprockhoff (Ernst), Ein Frauengrab der älteren Bronzezeit von Lübz. Zeitschr. M. 34, Jg., 1939, H. 2 S. 101 - 109.
  8. Padberg (Wolfgang), Die Ausgrabung bronzezeitlicher Hügelgräber bei Kogel (Kreis Hagenow) in M. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 109 - 122.
  9. Jacob-Friesen (K. H.), Die symbolgeschichtliche Bedeutung eines Ornaments auf den langobardischen Gefäßen M.'s u. Osthannovers. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 140 - 148.
  10. Becker (Julius), Der große Waffenfund in der Warnow bei Schwaan. Germanen-Erbe 4. Jg., 1939, H. 1 S. 1 - 9.
  11. Becker (Julius), Die Waffenfunde in der Warnow bei Schwaan. Elbinger Jahrb., H. 15, 1938, S. 124 - 143.
  12. Schwantes (G.), Die Urnenfriedhöfe von Typus Rieste u. Darzau. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 134 - 140.
  13. Hollmann (Bruno), Denkmale der wendisch-wikingischen Zeit: M., Werden u. Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 53 - 58, Karte 6 D.
  14. Hollmann (Bruno), Zwei Wikingerfunde aus M. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 155 - 159.
  15. Knorr (Heinz A.), Die slawischen Messerscheidenbeschläge. Mannus, 30. Jg., 1938, H. 1 S. 479 - 545.

Geschichte.

  1. Maybaum (Heinz), Die territoriale Entwicklung M.'s: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 63 - 70.
  2. Tessin (Georg), Das Werden des m. Staates: M., Werden u. Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 89 - 93, Karte 10.
  3. Griewank (Theodor), M. und das Reich: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 309 - 317.
  4. Kozierowski (Stanislaus), Atlas der geographischen Namen des westlichen Slaventums. [4 Karten 1:300000, Stralsund, Eutin, Neustrelitz, Schwerin]. Posen 1937.
  5. Jordan (Karl), Die Bistumsgründungen Heinrichs des Löwen. Untersuchungen zur Gesch. der ostdeutschen Kolonisation: Schriften des Reichsinstituts für ältere deutsche Geschichtskunde (Mon. Germ. hist.), Bd. III. Leipzig (Hiersemann) [1939]. XII u. 137 S.
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  1. Endler (C. A.), Die Grafen von Schwerin. Monatsh. f. M. 14. Jg., 1938, H. 165 S. 387 - 390.
  2. Ringeling (Gerhard), Seegeltung der Hansa. Monatsh. für M., 14. Jg., 1938, S. 281 - 286.
  3. Graf zu Stolberg-Wernigerode (Otto), M. im Kampf um den Osten. M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 169 S. 35 - 43.
  4. Babendererde (Paul), M. u. die nordischen Reiche (1300 - 1400); Blütezeit der m. Seestädte (1300 - 1600): M., Werden und Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 65 - 68, Karte 8.
  5. Lübeß (Hugo), Kaiser Karl IV. u. die nordischen Pläne M.'s; Sein Besuch in der Hansestadt Wismar (1375). M. Schulztg. 70. Jg., 1939, H. 7 S. 145 - 147.
  6. Struck (Gustav), M. u. der Norden: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 303 - 308.
  7. Duderstadt (Henning), Von der Warnow zur Moldau; Wechselwirkungen zwischen M., Böhmen und Mähren. M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 172 S. 138 - 140.
  8. Henning-Thies, Völlkerringen im Ostseeraum. Leipzig (W. Goldmann [1939]. 143 S.
  9. Rothhardt (Helmut), Der Kampf Lübecks gegen die Ausübung des Strandrechtes im Ostseeraum [darin Lübeck-M. S. 55 - 57]. Diss. Halle-Wittenberg. Würzburg (Mayr) 1938. 85 S.
  10. Greve (Fritz), Die Politik der deutschen Mittelstaaten u. die österreichischen Bundesreformbestrebungen bis zum Frankfurter Fürstentag (1861 - 1863). Diss. Rostock. Rostock (Hinstorff) 1938. 121 S.

Fürstenhaus.

  1. Nordman (V. A.), Albrecht, Herzog von Mecklenburg, König von Schweden. Annales academiae scientiarum Fennicae, B XLIV, 1. Helsinki (Finnische Literaturgesellschaft) 1938. 344 S.
  2. Hofmeister (Adolf), Genealogische Untersuchungen zur Geschichte des pommerschen Herzogshauses. [betr. auch das m. Fürstenhaus u. die Grafen von Ratzeburg u. Schwerin]. Pomm. Jahrb. Bd. 31, 1937, S. 35 - 112; Bd. 32, 1938, S. 1 - 115.
  3. Königin Luise von Preußen. Pastell eines unbekannten zeitgenössischen Malers, vermutlich aus den letzten Jahren der Königin. Velhagen & Klasings Monatsh. 52. Jg., 1938, H. 7 S. 91 - 92.
  4. Hahl (Albert), Herzog Adolf Friedrich zu M. Deutsche Kolonial-Ztg. 50. Jg., 1938, H. 11 S. 373.

Familien- und Personengeschichte.

  1. Gothaische genealogische Taschenbücher 1939, Gotha (Justus Perthes). 1. Der fürstl. Häuser (Hofkalender), 176. Jg. - 2. Der gräflichen Häuser, Teil B, 112. Jg. - 3. Der freiherrlichen Häuser, Teil B, 89. Jg. - 4. Der adeligen Häuser, Teil A, 38. Jg. - 5. Der adeligen Häuser, Teil B, 31. Jg. [Neuaufnahmen von m. Familien finden sich darin nicht].
  2. Koerner (Bernhard), Deutsches Geschlechterbuch 105. Bd.: M. Geschlechterbuch 4. Bd. Görlitz (Starke) 1939. 800 S. [Fam.: Bol-
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brügge, Einkopf, Engel, Fromm, Jahn, Kolbow, Neckel, Schliemann, Schmidt (v. Schm., Schm. zur Nedden, Schm.-Sibeth), Steinkopf, Tilse, Wildfang].

  1. M.'er bauen am Reich. Aus einer dem Führer 1937 vom Gauleiter Friedrich Hildebrandt überreichten Mappe: M., Werden u. Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 406 - 410.
  2. Die Ahnen des deutschen Volkes. 1. m. Bd.: Dorfsippenbuch Boitin u. Lübzin. 348 S. - 2. m. Bd.: Dorfsippenbuch Groß Upahl, Karcheez u. Hägerfelde. 203 S. Goslar (Blut u. Boden Verlag) 1939.
  3. Von den alten Familien zu Mestlin: Quellen zur bäuerl. Hof- u. Sippenforschung, 20. Bd. Goslar 1938. 92 S.
  4. v. Marchtaler (Hildegard), Heiraten auswärtiger Geistlicher auf Hamburger Gebiet von 1583 - 1800. [betr. auch 14 m. Geistliche]. Fam.-Gesch. Blätter 36. Jg., 1938, Sp. 169 - 184.
  5. Kröplin (O.), Wie der Schulamtskandidat Robert Beltz nach M. kam. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 63 - 64.
  6. Beltz (Hans) Professor Robert Beltz u. die Lehrer. M. Schulzeitung 70. Jg., 1939, H. 5 S. 115 - 116.
  7. Fischer (K.), Erinnerungen an den Lateinunterricht bei Professor Beltz. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 2 S. 65 - 66.
  8. Beltz (Hans), Aus der Ahnenforschung der m. Lehrersippe Beltz. M. Schulztg. 70. Jg., 1939, H. 3 S. 65 - 67.
  9. Brücknerscher Familienverband, 11. Bericht, 1. Jan. 1939. 61 S.
  10. Blauert (Rudolph), Dr. Deterding, seine Bedeutung für M. u. Deutschland. M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 172, S. 182 - 188.
  11. Brill (E. H.), Erinnerungsblätter aus der Lebensbeschreibung der gelehrten Familie Detharding (Deiterding, Deterding), u. deren kulturelles Wirken in M. M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 172, S. 189 - 195.
  12. Diestel (Karl Heinz), Stamm- u. Familientafel des lauenburgm.'schen Geschlechtes Diestel. Rostock (Heinedruck) 1938.
  13. Feilcke (Kurt), Stammbaum der Familie Feilcke, Linie III: Groß Godems. [Mit Übersichtstafel u. Nachtr. zur Linie II: Stresendorf.] 1939. 48 S. Druckort fehlt.
  14. Mitt. des Geschlechtsverbandes v. Flotow. Nr. 2, Mai 1938; Nr. 3, Okt. 1938; Nr. 4, Febr. 1939.
  15. Friederichs (Hans), Unsere Helden. Den Manen der Kriegsgefallenen aus den Sippen Friederichs, Friedrichs, Friedrichsen, Friederici. Frankfurt a. M. (Erich Imbescheidt) 1938. 42 Blatt.
  16. Wentz (Gottfried), Karl Koppmann (Stadtarchivar zu Rostock, † 1905]. Korr.-Blatt f. nied. Sprachforschung, Jg. 1939, H. 52/2 S. 64 - 67.
  17. 50 Jahre Peitzner - Hof Drieberg 1888 - 1938. Schwerin (Bärensprungsche Buchdruckerei) [1938]. 20 S.
  18. Droß, (Friedr. Wilh.), Paul Pogge, ein m. Afrikaforscher. Monatsh. f. M. 14. Jg., 1938, H. 166 - 168 S. 436 - 50, 484 - 94, 532 - 43.
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  1. Kleine Biographie der drei großen Kolonialpioniere M.'s. [Pogge, v. Wißmann, Hz. Adolf Friedrich z. M.] Monatsh. f. M. 14. Jg., 1938, H. 168 S. 544 - 545.
  2. Stammfolge Priepke in der deutschen Roland-Wappenrolle, Nr. 85. M.'e Fam. Der deutsche Roland, 24. Jg., 1936, H. 11 S. 58.
  3. v. Raven'sche Fam.-Nachr., Nr. 49, 1939. Darin: 18. Geschlechtsfolge.
  4. Finger (Willi), Fritz-Reuter -Erinnerungen in Tribsees. Sonderdruck aus der Grimmer Kreis-Ztg. 1938, Nr. 253, 254, 256 u. 258.
  5. [Buddin, Fr.], Heinrich Arminius Riemann, Lützower Jäger 1813. [Briefe]. Mitt. d. Heimatb. f. d. Fürst. Ratzeburg, 20. Jg., 1938, Nr. 3 S. 41 - 44.
  6. Bouché (Anni), Heinrich Arminius Riemann über Schönberg. Mitt. d. Heimatb. f. d. Fürst. Ratzeburg, 20. Jg., 1938, Nr. 3 S. 45 - 46.
  7. Roering (Hans), Gesch. der Familie Roering. Burg Stargard (H. Niemann) 1936. 42 S.
  8. Mitt. über die Gesch. der Familien Rosenow Nr. 45, Aug. 1938, S. 641 - 652.
  9. Rötger (Rudolf), Die Nachkommen des Thilo Rötger, † 20. Sept. 1642. Begleitbuch zur Stammtafel. Glückstadt (J. J. Augustin) 1939. 161 S.
  10. Meyer (Ernst), Aus der Arbeit über Heinrich Schliemann. M. Schulztg. 69. Jg., 1938, H. 13 S. 290 - 293.
  11. Meyer (Ernst), Schliemann, der Auslandsdeutsche, Monatsh. f. M. 14. Jg., 1938, H. 166 S. 455 - 459.
  12. Schlüter (Franz), Urkl. Geschichte des stadthannöverschen Geschlechts Schlüter, [auch in M.]. Bd. 1 u. 2. Rostock [in Maschinenschrift] 1930 - 1931.
  13. Schmidt-Sibeth (Fr.), Stammtafeln der Fam. Schmidt (v. Schmidt, Schmidt zur Nedden, Schmidt-Sibeth.) Heidelberg (Winter) 1932.
  14. Schmidt'sches Familienblatt. [Nachrichten des Fam.-Verbandes "Fam. Jacob Schmidt-Burg"]. Bad Doberan-Kröpelin (Alex Michaels) Nr. 1 - 3 (1937 - 1939).
  15. Schramm (Arthur), [Familie] Schramm [auch in M.]. Glendale Calif. 1938. 18 S.
  16. Stammfolge Schultz in der deutschen Roland-Wappenrolle, Nr. 84. M.'e. Fam. Der deutsche Roland, 24. Jg., 1936, H. 11 S. 57 - 58.
  17. Hasse (Friedrich), Der Ingenieur Heinrich Seidel u. sein Werk. Zeitschr. d. Ver. f. d. Gesch. Berlins, 55. Jg., 1938, H. 3 S. 97 - 107.
  18. Stahr (Kurt), Aus dem Stahrenkasten. 10. Jg., 1939, Blatt 24 S. 263 - 362. [betr. auch M.]
  19. v. Kieckebusch (Werner), Geschichte des Geschlechts v. Stülpnagel. Berlin (Verlag: Die Wehrmacht) 1938. XV u. 460 S. [betr. auch M.]
  20. Neese (Wilhelm), Schulerinnerungen an Wossidlo. M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 170 S. 73 - 75.
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  1. Ringeling (G.), Wossidlo zum 80. Geburtstag. M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 170 S. 48 - 51.
  2. Richard Wossidlo zum Gruß! 18 Aufsätze über sein Leben und sein Werk, ihm dargeboten zu seinem 80. Geburtstag. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 1 S. 1 - 56.
  3. Nachrichtenblatt des Fam.-Verbandes v. Zepelin (v. Zeppelin) Nr. 4, April 1939.

Kulturgeschichte, Volkskunde.

  1. Tscharnke (Hans), M.'s Bevölkerungsbild und seine Entstehung: M., Werden und Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 212 - 243, Karte 24.
  2. Schulz (Ernst), Bevölkerungsgeschichtliches aus M.: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 79 - 86.
  3. Krüger (Rud.) u. Gieske (E.), Das kulturelle Gesicht M.'s: M., Werden und Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 300 - 309, Karte 29.
  4. Witte (Hans), Die geschichtliche Zeit, kulturgeschichtlich gesehen: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 71 - 78.
  5. Zimmer (Norbert), Volksdeutsche Heimatkunde M.'s. Monatsh. für M. 14. Jg., 1938, H. 166 S. 466 - 470.
  6. Endler (C. A.), Aufgaben und Ziele der m. Volkskunde. M. Monatsh. 15 Jg., 1939, H. 170 S. 52 - 55.
  7. Stammer (Martin) und Endler (Carl August), Volkskundliches aus M.; Sprache, Sage, Sitte, bäuerliche Kultur: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 167 - 180.
  8. Festschrift Richard Wossidlo zum 26. Jan. 1939 [16 volkskundliche Beiträge]. Neumünster (Karl Wacholtz) 1939. 188 S.
  9. Schulz (Erwin), Der volkskundliche Gehalt der plattdeutschen Werke John Brinckmans. Diss. Rostock. Rostock (Adlers Erben) 1937. 65 S.
  10. Schulz (Erwin), Ein Arbeitstag in Wossidlos Forschungsstätte. M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 170 S. 64 - 68.
  11. Gräbke (Hans Arnold), Wossidlo und sein Museum. Zeitschr. M. 34. Jg., 1939, H. 1 S. 40 - 41.
  12. Endler (C. A.), Das m. Bauernmuseum "Wossidlo-Sammlung". Monatsh. für M. 14. Jg., 1938, H. 165 S. 407 - 409.
  13. Tscharnke (Hans), M. Bauerntum im 19. und 20. Jahrh.: M., Werden und Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 116 - 130, Karte 14.
  14. Endler (Carl August), Der m. Bauer: M., Werden und Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 110 - 116, Karte 13.
  15. Duderstadt (Henning), M. Landarbeitertum. Schriftenfolge Gau M. "Landschaft, Volkstum, Kultur", H. 4/5, Schwerin (Nied. Beob.) 1938. 122 S.
  16. Wulff (Hermann), M.'s Seeschiffahrt im neuen Deutschland. Monatsh. für M. 14. Jg., 1938, S. 299 - 305.
  17. Wiegandt (Max), Die Auswanderung aus M. nach Übersee: M., Werden und Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 244 - 256.
  18. Endler(Carl August), Die Juden in M.: M., Werden und Sein eines Gaues (vg. Nr. 130), S. 257 - 262).
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  1. Folkers (Johann Ulrich), Verbreitung der Hausformen: M., Werden und Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 287 - 291, Karte 28.
  2. Engel (Franz), Hausmarkenbuch der Domanialämter Gadebusch und Rehna (Mecklb.). Quellen zur bäuerlichen Hof- und Sippenforschung, 6. Bd. Hannover (Engelhard) 1938. 58 S.
  3. Wossidlo (Richard), M. Sagen. Seestadt Rostock (Carl Hinstorff) 1939. 1. Bd., S. 1 - 246: Wilde Jagd, Fru Waur, Zwerge, Riesen, Unholde, Lindwurm, Schlangen, Teufel, Teufelsbündner. 2. Bd., S. 247 - 458: Draak, Kobold, Hexen, Werwolf, Moorriden.
  4. Schlüter (Ernst), Die Sage von der zukünftigen Schlacht bei der Lewitz. Zeitschr. M. 33. Jg., 1938, H. 3/4 S. 101 -102.
  5. Fornaschon (Hermann), Nochmals die alten Volkstänze. Zeitschrift M. 33. Jg., 1938, H. 3/4 S. 107 - 110.
  6. Siems (Friedrich), Volkslied und Volkstanz in M.: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 181 - 188.
  7. Der Hexenprozeß in Dodow vom Jahre 1700. [gegen Cath. Barb. Frawe, gedr. nach Patr. Archiv Bd. IV, 1802, St. 1 u. 2]. Mitt. d. Heimatb. f. d. Fürst. Ratzeburg 20. Jg., 1938, Nr. 3 S. 53 - 56; 21. Jg., 1939, Nr. 1 S. 3 - 5.
  8. Michaelis (Rudolf), Ein Hexenprozeß in Güstrow gegen den Jungen Hans Everts aus Glasewitz (l664 - 68). M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 171 S. 105 - 114.
  9. Kruse (Erich), Zur Gesch. der Juden in den Seestädten Wismar und Rostock. M. Schulztg. 69. Jg., 1938, H. 14 S. 325 - 328.
  10. Witte (Hans), Judenunruhen in M. 1819. M. Monatsh. 15. Jg., 1939, H. 172 S. 161 - 163.
  11. Barnewitz (Hans W.), Bützow im Spiegel seiner Flurnamen: 100 Jahre Bützower Ztg., Bützow 1939.
  12. Buddin (Fr.), Flurnamen von Grieben. Mitt. d. Heimatb. f. d. Fürst. Ratzeburg, 20. Jg., 1938, Nr. 2 S. 27 - 31.
  13. Zinck (Ulrich), Was die Flurnamen der Lewitz erzählen. M. Schulztg. 70. Jg., 1939, H. 1 S. 14 - 17.

Siedlung.

  1. Maybaum (Heinz), Wiederbesiedlung: M., Werden und Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 59 - 64, Karte 7.
  2. Engel (Franz), Zur Siedlungsgeschichte M.'s.: M., Werden und Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 263 - 275, Karten 25 - 26.
  3. Fiesel (Ludolf), Geschichtliche Grundlage des m. Städtewesens: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 101 - 110.
  4. Folkers (Johann Ulrich), Die ländlichen Siedlungen: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 91 - 100.
  5. Kasch (Walter), Streusiedlung und Streubesitz in M.; bäuerliche Neusiedlungen: M., Werden und Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 280 - 287, Karte 27.
  6. Müller (Marta), M.'er leisteten in Polen Kulturarbeit. Rostocker Anzeiger vom 28. Juni 1939, Nr. 148, 1. Beiblatt.
  7. Müller (Marta), M.'er in Mittelpolen. "Deutsche Arbeit", Zeitschrift des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland, 39. Jahrg., 1939, H. 5 S. 202 - 213.
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Landeskunde.

  1. Mecklenburg, Werden u. Sein eines Gaues, hrsg. von Richard Crull. Bielefeld u. Leipzig (Velhagen u. Klasing) 1938. XVI u. 417 S. fol., 32 Karten.
  2. Mecklenburg, ein deutsches Land im Wandel der Zeit. Im Auftrag des m. Staatsministeriums hrsg. von Ernst Schulz. Rostock (Carl Hinstorff) 1938. 317 S.
  3. Gerdessen (Herbert) und Krueger (Carola), Der Weg zur M.- Karte und die geschichtliche Entwicklung der M.-Karte: M., Werden u. Sein eines Gaues (vergl. Nr. 130), S. 1 - 4, Karte 1.
  4. Jessen (Otto), M.'s Lage, Grenzen und geographische Gliederung: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 15 - 24.
  5. Gerdessen (Herbert), M.'s typische Landschaften: M., Werden u. Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 314 - 318, Karte 30.
  6. Kerst (Manfred), Typische Stadtformen: M., Werden u. Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 318 - 319, Karte 31.
  7. Ihnen (Kurt) und von Huene (P. F.), Die bodenkundliche Übersichtskarte von M. 1 :500000 [mit farb. Karte)]. Mitt. aus der m. geol. Landesanstalt H. 43, 1936, S. 47 - 55.
  8. Gerdessen (Herbert), Boden als Naturgabe: M., Werden und Sein eines Gaues, S. 4 - 10 (vgl. Nr. 130), Karte 3.
  9. Erhardt (Albert), Bemerkenswerte Tierverbreitung in M.: M., Werden u. Sein eines Gaues (vgl. Nr. 130), S. 34 - 41, Karte 5.
  10. Schulze (Paul), Die Herkunft der m. Tier- und Pflanzenwelt: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 43 - 48.
  11. Friederichs (Karl), Ein Blick auf die Verbreitung der Insekten in M.: M., Werden u. Sein eines Gaues(vgl. Nr. 130) S. 42 bis 43, Karte 5.
  12. von Arnswaldt (Georg), M., das Land der starken Eichen und Buchen. Schriftenfolge Gau M. "Landschaft, Volkstum, Kultur", H. 6. Schwerin (Nied. Beob.) [1939]. 87 S.
  13. v. Arnswaldt (Georg), Der m. Wald und der Naturschutz in M.: M., ein deutsches Land im Wandel der Zeit (vgl. Nr. 131), S. 217 - 228.
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