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Jahrbücher

des

Vereins für mecklenburgische Geschichte
und Altertumskunde,

 

gegründet von Friedrich Lisch,
fortgesetzt von Friedrich Wigger und Hermann Grotefend.

 


 

Zweiundneunzigster Jahrgang.

herausgegeben von

Staatsarchivdirektor Dr. F. Stuhr,

als 1. Sekretär des Vereins.

 

Mit angehängtem Jahresbericht.

 


 

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Schwerin, 1928.

Druck und Vertrieb der Bärensprungschen Hofbuchdruckerei..

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Inhalt des Jahrbuchs.

  Seite
I. Das Kanzleiwesen der Grafen von Schwerin und der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin im Mittelalter. Von Dr. Wilhelm Grohmann - Alt Meteln 1
II. Der Seehafen der Stadt Rostock in seiner geschichtlichen Entwickelung bis zum dreißigjährigen Kriege. Von Dr. Kuno Voß - Rostock 89
III. Schlußbericht über die Lage der Travemünder Reede. Von Staatsarchivrat Dr. Werner Strecker - Schwerin 173
IV. Friedrich Ludwig, Erbgroßherzog von Mecklenburg-Schwerin 1778 - 1819. Von Dr. Hugo Lübeß - Schwerin 201
V. Kleinere Beiträge und Mitteilungen
1. Ein Grabower Stadtbrand von 1499. Von Staatsarchivdirektor Dr. Friedrich Stuhr - Schwerin 303
2. Mecklenburgische Karten im Hannoverschen Staatsarchiv. Von Regierungsbaurat Dr. Kurt Fischer - Wismar 306
3. Über das älteste "Hotel du Nord" in Schwerin. Von Staatsarchivdirektor Dr. Friedrich Stuhr - Schwerin 311
VI. Die geschichtliche und landeskundliche Literatur Mecklenburgs 1927/28. Von Staatsarchivrat Dr. Werner Strecker - Schwerin 315
Jahresbericht (mit Anlagen A und B) 329
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I.

Das Kanzleiwesen der Grafen
von Schwerin und der Herzöge
von Mecklenburg=Schwerin
im Mittelalter

von

Wilhelm Grohmann.

 

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Inhaltsverzeichnis.

    Seite
Einleitung: Die Ordnung Mecklenburgs durch Heinrich den Löwen im Jahre 1167 4
I. Kapitel: Die Kanzlei der Grafen von Schwerin und der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin in ihrer geschichtlichen Entwicklung 5-48
§ 1. Entstehung und Geschichte der gräflich schwerinschen Kanzlei bis zur Vereinigung der Grafschaft mit dem Herzogtum Mecklenburg (1359) 5-17
§ 2. Entstehung und Geschichte der mecklenburgischen Kanzlei bis zur Vereinigung der Grafschaft Schwerin mit dem Herzogtum Mecklenburg (1359) 17-25
§ 3. Geschichte der mecklenburg-schwerinschen Kanzlei von 1359 bis zum Tode Heinrichs IV. (1477) 25-42
§ 4. Die mecklenburgische Kanzlei und die Verwaltungsreformen unter Herzog Magnus II. 42-48
II. Kapitel: Die Organisation der Kanzlei 48-64
§ 1. Amtsstufen, Titel, Zahl, Stand und Besoldung der Kanzleibeamten 48-55
§ 2. Kanzlei und Rat 55-64
1. Die Zugehörigkeit insbesondere der Kanzler zum landesfürstlichen Rat 55-58
2. Das Zusammenwirken von Kanzlei und Rat 58-64
III. Kapitel: Die Tätigkeit der Kanzlei 64-79
§ 1. Die Tätigkeit des Kanzlers und der Kanzleibeamten 64-71
§ 2. Die mecklenburgischen Kanzleibücher 71-79
1. Die Lehnsrolle der Grafen von Schwerin 72-73
2. Die Register der mecklenburgischen Herzöge 73-79
Anlage I: Zusammenstellung des Kanzleipersonals 80-83
A. Liste des Kanzleipersonals der Grafen von Schwerin 80-81
B. Liste des Kanzleipersonals der mecklenburgischen Fürsten und der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin 81-83
Anlage II: Zusammenstellung der Kanzleivermerke unter den Urkunden der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin 84-88
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Einleitung.

Die Grafschaft Schwerin ist eine Schöpfung Heinrichs des Löwen. Sie verdankt ihre Existenz der großzügigen Kolonisationspolitik des Sachsenherzogs, welche das Ziel verfolgte, die eroberten slavischen Gebiete rechts der unteren Elbe für das Deutschtum zu gewinnen. Zu diesem Zwecke richtete der Herzog längs der neuen Slavengrenze deutsche Grafschaften ein, deren Aufgabe es war, die eroberten Gebiete mit Deutschen zu besiedeln und zu germanisieren. Die Entstehung der Grafschaft Schwerin 1 ) fiel in ein Jahr, das für die Geschichte Mecklenburgs von entscheidender Bedeutung ist. Heinrich der Löwe sah sich im Jahre 1167 genötigt, mit den obotritischen Fürsten Frieden zu schließen. Er mußte sich den Rücken frei halten für den bevorstehenden Kampf mit seinen norddeutschen Standesgenossen, die sich in dieser Zeit, erbittert über seine rücksichtslose Politik, in offener Empörung gegen ihn befanden. Er ordnete die Dinge in den mecklenburgischen Landen in der Weise, daß er die obotritischen Fürsten in den größten Teil ihrer Besitzungen wieder einsetzte. Jedoch die südwestlichen Teile des ursprünglich obotritischen Herrschaftsgebietes, die um Schwerin liegenden und sich bis Hagenow und Boizenburg erstreckenden Gebiete, erhob er zu einer selbständigen Grafschaft und stellte an ihre Spitze seinen getreuen Lehnsmann, den aus dem Braunschweigischen stammenden Gunzelin v. Hagen, der schon früher mit der Statthalterschaft über ganz Obotritien betraut gewesen war. Mecklenburg bestand also jetzt, abgesehen von den beiden kurze Zeit vorher gegründeten Bistümern Ratzeburg und Schwerin, im wesentlichen aus zwei Territorien, der Grafschaft Schwerin und dem Fürstentum Mecklenburg. Durch die Regelung von 1167 wurden die mecklenburgischen Lande in den sächsischen Lehnsverband aufgenommen.

Nach dem Sturze Heinrichs des Löwen blieben die neuen, dem Slaventum entrissenen Gebiete ihrem Schicksal überlassen. Jedoch vermochte der Zusammenbruch der welfischen Machtstellung im Norden Deutschlands das Kolonisationswerk nicht zu hindern. Mit den deutschen Kolonisten dringt auch deutsches Wesen, deutsches Recht und deutsche Sitte in die mecklenburgischen Lande ein und scheint sich früher in der Grafschaft Schwerin als in der obotritischen Herrschaft Geltung verschafft zu haben.

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1) Vgl. Witte, Mecklenburgische Geschichte, 1909, Bd. 1 S. 76/77, 88.
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Kapitel I.

Die Kanzlei der Grafen von Schwerin
und der Herzöge von Mecklenburg=Schwerin
in ihrer geschichtlichen Entwicklung.

§ 1.

Entstehung und Geschichte der gräflich=schwerinschen Kanzlei bis zur Vereinigung der Grafschaft Schwerin mit dem Herzogtum Mecklenburg. (1359.)

Die Regierungsweise der Grafen von Schwerin zeichnet sich durch den persönlichen Charakter des Regimentes aus. Wie die Fürsten der deutschen Territorien im allgemeinen, so sind auch die Grafen von Schwerin Hauptorgan und Mittelpunkt der gesamten Verwaltung gewesen. Die Angelegenheiten der Verwaltung finden grundsätzlich ihre Erledigung dadurch, daß der Fürst sie persönlich prüft und die Entscheidung im einzelnen fällt.

Die mittelalterliche Verwaltung des deutschen Fürstentums wird ferner charakterisiert durch das Fehlen von festen Residenzen. Die Urkunden der Grafen von Schwerin sind ein Zeugnis dafür, daß der Aufenthaltsort der Grafen und ihres Hofhaltes andauernd wechselte. Die Grafen zogen von Burg zu Burg. In Schwerin, Neustadt, Grabow, Wittenburg, Boizenburg usf. hatten sie ihre Schlösser, wo sie einen großen Teil ihrer Regierungshandlungen vollzogen. Durch diesen steten Wechsel ihres Aufenthaltsortes boten sie allen Untertanen Gelegenheit, sich mit Wünschen, Beschwerden und Forderungen aller Art persönlich an den Landesfürsten zu wenden. Es scheint sogar als Pflichtvernachlässigung gegolten zu haben, wenn die Fürsten es versäumten, die einzelnen Teile ihres Landes zu bereisen 1 ). Die unstete Art dieser von Ort


1) So haben die brandenburgischen Kurfürsten noch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als Berlin schon als die märkische Residenz zu gelten hatte, an der alten Sitte festgehalten, die einzelnen Provinzen ihres Landes zu bereisen. In den Anordnungen über die Hofeinrichtungen und Regimentsführung vom Jahre 1476 schreibt Albrecht Achill seinem Sohne vor, wieviel Wochen im Jahre er sich in den einzelnen Teilen der Mark aufhalten soll. Vgl. Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg, Leipzig 1908, S. 13 Anm. 3.
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zu Ort wandernden Hofhaltung war in den wirtschaftlichen und Verkehrsverhältnissen jener Zeit begründet. Die bei überwiegender Naturalwirtschaft hauptsächlich in Naturalien abgelieferten Einkünfte des Landes konnten wegen der mangelhaften Verkehrsverhältnisse nicht an einer zentralen Stelle gesammelt werden, sondern wurden in den einzelnen gräflichen Burgen abgeliefert. Hier war der natürliche Aufenthaltsort der Grafen samt ihrem Hofhalte.

Freilich gab es schon frühzeitig Lieblingsburgen, in denen sich die Grafen besonders häufig und länger aufhielten als anderswo. So scheinen sie mit Vorliebe in ihrer Schweriner Burg verweilt zu haben. Eine große Anzahl von Grafenurkunden, besonders aus den Jahren 1269 - 74, weist Schwerin als Ausstellungsort auf.

Die Grafen wurden in der Verwaltung ihres Landes unterstützt durch die Inhaber der Hofämter (Truchseß, Marschall, Kämmerer, Schenk) 1 ). Auch Geistliche und angesehene Vasallen des Landes (viri providi fideles et honesti) wurden um ihren Rat gefragt 2 ) und zu Regierungsgeschäften herangezogen. Diese ritterlichen Hofbeamten und angesehenen Vasallen des Landes verfügten wohl über wirtschaftliche Kenntnisse und besaßen meist gewiß praktischen Blick genug, um die Grafen in geeigneter Weise zu beraten und ihnen als ausführende Organe auf dem Gebiete der Verwaltung zu dienen. Aber sie waren in der Regel nicht im Besitze einer höheren geistigen Bildung und verfügten vor allem meist nicht über die notwendigen elementaren Kenntnisse des Lesens und Schreibens. Dagegen die zum gräflichen Gefolge gehörigen Hofgeistlichen beherrschten nicht nur die damalige Schriftsprache, das Lateinische, sondern besaßen auch wenigstens elementare Rechtskenntnisse, wodurch sie zu unentbehrlichen Beratern der Grafen wurden und für die Erledigung sämtlicher schriftlichen Angelegenheiten der Grafen geeignet waren. Die Entstehung einer geordneten Kanzlei gehört erst einer späteren Zeit an. Zunächst wurden die Hofgeistlichen, insbesondere die Kapläne,


1) Über die Hofämter bei den mecklenburgischen Fürsten und Grafen vgl. R. Küster, Die Verwaltungsorganisation von Mecklenburg im 13. und 14. Jahrhundert, Diss. Freiburg, 1908, Meckl. Jahrbücher (später abgekürzt M. J.-B.) 74 S. 115 ff. und Radloff, Das landesfürstliche Beamtentum Mecklenburgs im Mittelalter, Diss. Kiel, 1910, S. 6 ff. Zum erstenmal erscheint in Mecklenburg ein Hofbeamter, und zwar ein Truchseß, bei den Grafen von Schwerin im Jahre 1217. Vgl. Küster a. a. O. S. 116.
2) Vgl. Steinmann, Geschichte der mecklenburgischen Landessteuern und der Landstände bis zu der Neuordnung des Jahres 1555, M. J.-B. Bd. 88 S. 48.
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die durch ihre Funktion als Beichtväter der Grafen deren Vertrauen in besonderem Maße besaßen, gelegentlich oder dauernder dazu verwendet, das noch sehr wenig umfangreiche gräfliche Schreibewerk zu erledigen 1 ). Im 13. Jahrhundert wird, wie es scheint, das Amt eines gräflichen Notars oder Schreibers geschaffen. Der erste Notar der Schweriner Grafen begegnet uns im Jahre 1217 in der Person eines Hermann 2 ). Seit dieser Zeit scheint das Amt eines Notars am gräflichen Hofe ohne größere Unterbrechung bestanden zu haben.

Hofnotariat und Hofkapellanat sind eng miteinander verbunden gewesen. Ein großer Teil der gräflichen Hofnotare ist aus der gräflichen Kapelle hervorgegangen, ja, die als Hofnotare begegnenden Geistlichen sind meist zugleich auch noch Hofkapläne gewesen 3 ). Solange die Schweriner Grafen die Regierung über die Grafschaft gemeinsam führten, bedienten sie sich auch gemeinsamer Schreiber. Als aber 1274 Graf Gunzelin III. starb, einigten sich seine beiden Söhne Helmold III. und Nikolaus I. über die Erbschaft in der Weise, daß dieser die Lande Boizenburg, Wittenburg und Crivitz, jener dagegen Schwerin, Neustadt und Marnitz erhielt 4 ). Diese Regelung der Erbschaft brachte es mit sich, daß seit dem Jahre 1274 beide Linien besondere Schreiber beschäftigten. Infolge der Zerschlagung der Grafschaft und der damit verbundenen Trennung des ursprünglich gemeinsamen Hofhaltes konnte man sich um so länger mit einem geringen Schreiberpersonal begnügen.

Die gräflichen Hofnotare haben bald kürzere, bald längere Zeit das gräfliche Schreibewerk besorgt. Manche entschwinden sehr bald unseren Augen, andere dagegen, wie die Notare Giselbert oder Conrad, sind 15 bzw. 18 Jahre im gräflichen Hofdienst nachzuweisen. Nach Ablauf ihrer Amtstätigkeit begegnen sie


1) Über den Anteil der Hofkapläne an der Erledigung des landesfürstlichen Schreibwerkes in den übrigen Territorien, insbesondere über ihre Tätigkeit bei dem Beurkundungsgeschäft vgl. H. Breßlau, Hdb. der Urkundenlehre für Deutschland und Italien, I. Bd. 2. Aufl. 1912, S. 604 ff. Über die Beziehungen der Hofkapelle zur Reichskanzlei vgl. G. Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte, Bd. 6, 2. Aufl. (besorgt von G. Seeliger), S. 345 ff.
2) Mecklenburgisches Urkundenbuch (später abgekürzt M. U.-B.) Bd. I, Nr. 230 (1217). Das M. U.-B. reicht bis zum Jahre 1400. Die im Staatsarchiv Schwerin angefertigten Regesten des 15. Jahrhunderts werden künftig S. A. Reg. zitiert werden.
3) So wird z. B. Giselbert bald "capellanus" (M. U.-B. I, 345), bald scriptor (M. U.-B. I, 426), bald notarius et capellanus (M. U.-B. I, 340) genannt.
4) Vgl. Jesse, Geschichte der Stadt Schwerin, Bd. I 1913, S. 15.
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dann in der Regel als Domherrn des Schweriner Stiftes oder als Inhaber von Pfarrstellen. Die Grafen scheinen bewährten Schreibern absichtlich Pfarrstellen gerade in den Ortschaften verschafft zu haben, wo sich eine gräfliche Burg befand. Sie mußten es als ein natürliches Bedürfnis empfinden, in der Nähe ihrer Burgen bewährte Persönlichkeiten zu wissen, die Erfahrung in Sachen des gräflichen Schreibewesens hatten.

Es liegt im Wesen der mittelalterlichen Verwaltung, daß die Persönlichkeit des Beamten ausschlaggebend ist für die Bedeutung seines Amtes. Das gilt für alle mittelalterlichen Hofbeamten 1 ). Ihre persönlichen Eigenschaften kommen ihrem Amte zugute. Denn es gibt an den mittelalterlichen Fürstenhöfen noch keine strenge Abgrenzung der Kompetenz für die einzelnen Hofämter. Deshalb müssen uns die Persönlichkeiten der Hofbeamten in besonderem Maße interessieren. Leider sind uns nur wenige und kurze Notizen über die ältesten gräflichen Hofnotare erhalten.

Hermann. Der erste Notar der Schweriner Grafen ist, wie schon erwähnt, Hermann. Daß er zugleich auch Kanonikus des Schweriner Domstiftes war, ist nicht auffällig, war doch die Schweriner Burg, der Lieblingssitz der Grafen, kaum 15 Minuten entfernt von dem geistlichen Mittelpunkt der mecklenburgischen Lande. Wir werden noch oft darauf aufmerksam machen müssen, daß das Schweriner Domstift eine beträchtliche Anzahl der geistlichen Hofbeamten gestellt hat 2 ). Von Hermann, dem ersten gräflichen Hofnotar 3 ), erfahren wir mehr über seine geistliche Laufbahn als über seine Stellung im Hofleben. Vom Diakon 4 ) bringt er es zum Kustos 5 ) des Schweriner Stiftes.

Giselbert. Der nächste Notar ist Giselbert, ebenfalls Schweriner Kanonikus und Subdiakon 6 ). Kurze Zeit vor der


1) Vgl. Sickel, Acta Karolingorum I, 102.
2) Es liegt auf der Hand, daß diese Beziehungen zwischen Bischofssitz und Grafenburg sich auch im Urkundenwesen dieser beiden Lebenskreise bemerkbar machen. Vgl. darüber Buchwald, Bischofs- und Fürstenurkunden des 12. und 13. Jahrhunderts, Rostock 1882, S. 227 f., besonders S. 257 ff.
3) Als solcher taucht er nur M. U.-B. I, 230 auf, und zwar als Zeuge: "Hermanus tunc notarius". Die ungenaue Datierung der Urkunde und das eigentümliche "tunc" bei der Erwähnung Hermanns scheinen dafür zu sprechen, daß die Urkunde erst eine beträchtliche Zeit nach der Handlung ausgefertigt ist. Unter diesen Umständen müßte Hermann also bald nach der der Ausfertigung der Urkunde vorangegangenen Handlung aus seinem Amte als Hofnotar ausgeschieden sein.
4) M. U.-B. I, 235 (2. 7. 1217).
5) M. U.-B. I, 278 (24. 11. 1221).
6) M. U.-B. I, 270 (14. 12. 1220).
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Schlacht bei Bornhöved im Jahre 1227 1 ) findet er sich als Notar und Kaplan der Schweriner Grafen 2 ). 15 Jahre lang, von 1227 bis 1242, ist Giselbert oder Gesico, wie er gelegentlich 3 ) genannt wird, am Schweriner Grafenhofe nachzuweisen.

Albert. In den folgenden Jahren begegnet uns kein Schreiber. Von 1251 bis 1255 hat der Notar Albert die Schreibgeschäfte des Grafen Gunzelin III. besorgt. Er erscheint bald als Skriptor 4 ), bald als Notarius 5 ).

Hoger. Von 1270 bis 1275 ist Hogerus als Notar und Kaplan der Schweriner Grafen nachweisbar. Hoger muß uns deshalb besonders interessieren, weil er uns zunächst im Hofdienst der Dannenberger Grafen begegnet, von wo aus er dann später an den Hof der Schweriner Grafen gelangt. Diese Tatsache ist insofern von Bedeutung, da man damit rechnen muß, daß durch den Übertritt aus den Hofdiensten des einen Grafen in die des anderen Sitten und Gewohnheiten mit übernommen werden, die sich vor allem im Urkundenwesen bemerkbar machen können. Hoger ist zunächst Kaplan 6 ), dann Notar 7 ) des Grafen Adolf von Dannenberg gewesen. Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Grafenhäusern, die ihren Ausdruck fanden in einem Heirats- und Freundschaftsvertrag 8 ), mögen die Veranlassung gegeben haben für den Übertritt Hogers in den Hofdienst der Schweriner Grafen. Hier ist er zunächst Kaplan 9 ), bald aber auch Notar 10 ) gewesen. Später wurde Hoger Pfarrer von Grabow 11 ), blieb aber trotzdem als Hofkaplan in gräflichen Diensten. Er taucht dann noch einmal als Hofkaplan des Grafen Volrath von Dannenberg auf 12 ).

Werenbert. Neben Hoger ist auch Werenbert als Notar des Grafen Gunzelin III. und seiner Söhne tätig, und zwar scheint er der eigentliche Hofnotar dieser Zeit bei den Grafen gewesen zu sein, da er mehrfach ausdrücklich "notarius" neben


1) Die für die Geschichte Mecklenburgs so überaus wichtige Schlacht bei Bornhöved fand am 22. 7. 1227 statt.
2) M. U.-B. I, 340 (23. 6. 1227).
3) M. U.-B. I, 340 (23. 6. 1227).
4) M. U.-B. II, 667 (1251).
5) M. U.-B. II, 755 (22. 7. 1255).
6) M. U.-B. II, 845 (10. 8. 1259).
7) M. U.-B. II, 990 (15. 5. 1263).
8) M. U.-B. II, 1089 (9. 6. 1266).
9) M. U.-B. II, 1186 (19. 3. 1270).
10) M. U.-B. II, 1201 (28. 9. 1270).
11) M. U.-B. II, 1336 (12. 7. 1274).
12) M. U.-B. III, 1795 (1. 5. 1285).
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dem "capellanus" Hoger genannt wird 1 ). Als nach dem Tode des Grafen Gunzelin III. im Jahre 1274 die beiden Linien Schwerin und Wittenburg-Boizenburg begründet wurden, ging er in den Dienst der Wittenburger Linie über und scheint dem Grafen Nikolaus I. noch eine Reihe von Jahren Schreiberdienste geleistet zu haben. Auch als Pfarrer von Boizenburg 2 ) schied er nicht aus dem Hofdienst aus, sondern blieb zum mindesten noch Kaplan beim Grafen Nikolaus I. 3 ). In den folgenden Jahrzehnten haben sowohl die Schweriner wie auch die Wittenburger Grafen ihre besonderen Schreiber gehabt. Zunächst möge die Aufzählung der am Hofe der Schweriner Linie beschäftigten Schreiber folgen.

Conrad. Von 1282 bis etwa 1300 ist bei Helmold III. und seinem Sohn Gunzelin V. der schon neben Hoger als gräflicher Kaplan 4 ) auftretende Conrad tätig gewesen. Auch er war als Notar zugleich auch Angehöriger des Schweriner Domstiftes 5 ) und mag mit dem Schweriner Propst Conrad 6 ) identisch sein. 1281 erscheint er ausnahmsweise als Kaplan der Grafen beider Linien 7 ), seit 1282 8 ) ist er ausschließlich im Hofdienst der Schweriner Linie nachzuweisen.

Johann v. Warsow. Neben ihm tritt uns Johann v. Warsow zunächst als Kaplan des Schweriner Grafen Helmold III. entgegen. Beide, Conrad und Johann, bleiben auch nach Helmolds Tode (1295) unter dessen Sohn Gunzelin V. in ihrem Amte. Um 1300 sind beide noch im Hofdienst beschäftigt 9 ).

Borchard v. Crivitz. 1304 10 ) ist bei Gunzelin V. von Schwerin ein Borchard von Crivitz Notar gewesen, der noch 1307 in einer Urkunde als Kleriker Gunzelins auftritt 11 ). In diesem Jahre stirbt der Graf. Sein Bruder Heinrich III. beschäftigt um


1) z. B. M. U.-B. II, 1293 (7. 8. 1273).
2) M. U.-B. IV, 2448 (28. 4. 1297).
3) M. U.-B. IV, 2464 (11. 11. 1297). - Daß Werenbert nach der Erbschaftsregelung von 1274 wohl ausschließlich in den Diensten des Wittenburgers Nikolaus I. gestanden hat, geht auch daraus hervor, daß er nur in der Zeugenliste der Urkunde Nikolaus' I. erwähnt wird, während die bis auf die selbstverständlichen Abweichungen gleichlautende Ausfertigung Gunzelins V. (Schweriner Linie) ihn in der Zeugenliste ausläßt.
4) M. U.-B. II, 1358 (8. 5. 1275).
5) M. U.-B. II, 1472 (3. 12. 1278).
6) M. U.-B. IV, 2537 (13. 1. 1299).
7) M. U.-B. III, 1579 (21. 5. 1281).
8) M. U.-B. III, 1650 (8. 12. 1282).
9) M. U.-B. IV, 2611 (15. 5. 1300).
10) M. U.-B. V, 2929 (15. 5. 1304).
11) M. U.-B. V, 3175 (25. 7. 1307).
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1332 einen Petrus 1 ) und 1333 einen Lambertus Rochow 2 ) als Hofnotare. Ob einer dieser beiden Schreiber identisch ist mit einem ungenannten Notar, den Graf Heinrich III. um 1330 nach Lübeck zu schicken beabsichtigte, um mit den Lübeckern wegen der Mißhandlung eines gräflichen Dieners zu verhandeln, läßt sich nicht ausmachen. Jedenfalls war dieser ungenannte Schreiber "rector ecclesie" in Boizenburg 3 ).

Über das Schreiberpersonal der Wittenburger ist ebenfalls nur sehr wenig bekannt. Wir hatten gesehen, daß Werenbert nach der Erbschaftsregelung von 1274 bei Nikolaus I. von Wittenburg tätig war.

Nikolaus, Luderus. Um 1289 muß ein Nikolaus 4 ) und 1296 ein Luderus 5 ) am Hofe der Wittenburger Linie als Schreiber beschäftigt gewesen sein. Auch Hofkapläne haben gelegentlich bei der Beurkundung von Rechtsgeschäften mitgewirkt 6 ). 1323 stirbt Nikolaus I. Unter seinem Sohne Nikolaus II. begegnen um 1331 ein Martinus 7 ), 1335 ein Johannes 8 ), 1348 Bernhard Parzow 9 ) und 1349 Helmold 10 ) als Notare und Schreiber der Wittenburger Grafen.

Die Tätigkeit der eben genannten Notare wird grundsätzlich das gesamte Schreibwesen, wahrscheinlich auch das Rechnungswesen der Schweriner Grafen umfaßt haben. Außer den Urkunden sind uns nur sehr wenige schriftliche Erzeugnisse der gräflichen Verwaltung erhalten. Die in den 90er Jahren des 13. Jahrhunderts angelegte Lehnsrolle der Grafen von Schwerin über ihre linkselbischen Besitzungen, die den Bedürfnissen der Grundherrschaft und der territorialen Verwaltung entsprungen ist, wird sicherlich von einem gräflichen Schreiber angefertigt worden sein 11 ).

Auch an dem Beurkundungsgeschäft sind die Schreiber beteiligt gewesen. Die Herstellung der Urkunden lag während des 12. und 13. Jahrhunderts auch in Mecklenburg, insbesondere in der Grafschaft Schwerin, noch vorwiegend, jedoch nicht grundsätz-


1) M. U.-B. VIII, 5363 (20. 10. 1332).
2) M. U.-B. VIII, 5464 (30. 11. 1333).
3) M. U.-B. VIII, 5195 (um 1330).
4) M. U.-B. III, 2013 (15. 2. 1289).
5) M. U.-B. III, 2395 (13. 5. 1296).
6) So weist M. U.-B. V, 3050 (21. 12. 1305) folgende Aushändigungsformel auf: "datum per manus Ludolphi capellani nostri".
7) M. U.-B. VIII, 5242 (6. 5. 1331).
8) M. U.-B. VIII, 5599 (12. 6. 1335).
9) M. U.-B. X, 6824 (16. 2. 1348).
10) M. U.-B. X, 6947 (13. 3. 1349).
11) Vgl. unten Kap. 3 § 2 S. 72 f.
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lich in den Händen der Empfänger 1 ). Da ein großer Teil der Urkunden für Geistliche, bzw. für geistliche Institute ausgestellt wurde, so lag es nahe, daß die Herstellung der Urkunden sehr häufig von den schriftkundigen Empfängern besorgt wurde. Die Bittsteller reichten ausgefertigte Urkunden bei den Grafen ein und legten sie zur Besiegelung vor 2 ). Oder sie trugen ihre Anliegen den Landesfürsten vor, welche ihrerseits nach vorausgegangener Verhandlung die Empfänger mit der Ausfertigung der Urkunde beauftragten 3 ).

Die Hofnotare hatten, falls die Urkunden vom Empfänger hergestellt waren, die Aufgabe, darüber zu wachen, daß der Inhalt der ausgefertigten Urkunde mit dem übereinstimmte, was in der vorhergehenden Verhandlung gräflicherseits bestimmt worden war. Sie mußten die Grafen vor Fälschungen und Erschleichungen seitens der Empfänger schützen, die eingereichten Entwürfe auf ihre rechtlichen Konsequenzen prüfen, gegebenenfalls korrigieren oder ganz neu ausarbeiten.

Auf dieses Geschäft der Überprüfung scheint sich auch die


1) Seitdem sich das Interesse mehr und mehr dem Studium der Privaturkunden zugewandt hat, ist diese Beobachtung immer wieder gemacht worden. Für die Urkunden der Wettiner hat Posse, Die Lehre von den Privaturkunden, 1887, S. 11 ff., Empfängerherstellung nachgewiesen; für die der Merseburger Bischöfe Kehr, Merseburger Urkundenbuch Bd. I, Einl., S. 60 ff.; für die der schwäbischen Grafen Schneider, Zur Lehre von der schwäbischen Privaturkunde des 13. Jahrhunderts, Archivalische Zeitschrift, Bd. XI, 1886, S. 7 ff.; für die der Herzöge von Pommerellen Perlbach, Die Urkunden Mestwins II. von Pommerellen (1264 - 1295), Preuß.-Polnische Studien II usf. Mit besonderem Nachdruck betont diese Tatsache G. v. Buchwald für die Urkunden norddeutscher Erzbischöfe und weltlicher Territorialherren (a. a. O. S. 1 ff.). Vgl. auch die Handbücher der Urkundenlehre von Breßlau a. a. O. S. 606 Anm. 3; O. Redlich, Die Privaturkunden des Mittelalters, III. Teil der Urkundenlehre von Erben, Schmitz-Kallenberg und Redlich, 1911, S. 125 ff., und Steinacker, Die Lehre von den nichtköniglichen (Privat-) Urkunden, vornehmlich des deutschen Mittelalters, in A. Meisters Grundriß der Geschichtswissenschaften, Bd. I, 1906, S. 261 ff.
2) Vgl. z. B. Buchwald a. a. O. S. 255/6.
3) Ein recht einleuchtendes Beispiel für Empfängerherstellung ist M. U.-B. III, 2284 (1294). Diese Urkunde, welche als Aussteller die Schweriner Grafen Helmold und Nikolaus, als Empfänger den Verdener Bischof nennt, schließt mit folgender Bemerkung: "hanc dictionem vestram approbamus". Wir müssen annehmen, daß das ",approbamus" sich auf die Schweriner Grafen bezieht. Ist diese Deutung richtig, so wäre die "dictio" der Urkunde von seiten des Empfängers gemacht. Und da das Original durchgehends von einer Hand geschrieben zu sein scheint, ist es wahrscheinlich, daß die Urkunde nach der Handlung von der Hand des Empfängers ausgefertigt ist.
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datum-per-manus-Formel zu beziehen 1 ). Sie erscheint in Urkunden vieler deutscher Fürsten, "besonders häufig und regelmäßig in den Urkunden Heinrichs des Löwen und der Bischöfe und Fürsten des Nordostens im 13. Jahrhundert" 2 ). In Urkunden der Schweriner Grafen findet sie sich meines Wissens zuerst 1227 3 ), bei den mecklenburgischen Fürsten zum erstenmal 1219 in Verbindung mit dem ersten uns bekannten mecklenburgischen Notar Eustachius 4 ). Die datum-per-manus-Formel scheint mit Vorliebe in einer Zeit Verwendung gefunden zu haben, als es noch keine organisierte Kanzleien gab. Sie verschwindet seit Anfang des 14. Jahrhunderts aus den Urkunden der Schweriner Grafen wie auch der mecklenburgischen Fürsten 5 ). Über die Bedeutung dieser Formel herrscht in der Literatur im wesentlichen Übereinstimmung. Sie beweist nicht die Mundierung oder Konzipierung, "sondern nur Prüfung und Beglaubigung der betreffenden Urkunde durch den Datar, der dafür die Verantwortlichkeit seinem Herrn und anderen gegenüber übernimmt" 6 ), und bedeutet bei Empfängerherstellung im Munde der Hofnotare "geradezu die Garantie für die Richtigkeit der Urkunde im Sinne des Ausstellers" 7 ). Wir können diese Formel nur unter der Bedingung Aushändigungsformel nennen, daß wir den Begriff der


1) Über die datum-per-manus-Formel vgl. Breßlau a. a. O. I, S. 608; Redlich a. a. O. S. 138 f. und 157; Friedrich Philippi, Zur Geschichte der deutschen Reichskanzlei unter den letzten Staufern, Münster 1885, S. 18; Harald Steinacker a. a. O. S. 261; W. Erben, Urkundenlehre, I. Teil, 1907, S. 322 f.
2) Redlich a. a. O. S. 139.
3) M. U.-B. I, 340 (23. 6. 1227): "datum per manum Geselberti (et) canonici in Zwerin curie capellani feliciter. Amen."
4) M. U.-B. I, 260: "data per manum Eustachii notarii nostri feliciter. Amen."
5) Gelegentlich taucht diese Formel in der Kanzlei der mecklenburgischen Fürsten um die Mitte des 14. Jahrhunderts wieder auf, aber nur vereinzelt und in Verbindung mit ganz bestimmten Kanzleibeamten, dreimal mit Erwähnung des Notars Gottfried (1340 - 1345), M. U.-B. IX, 6084; 6328; 6448; fünfmal mit dem Notar Johannes Raboden (1346 - 1350), M. U.-B. X, 6626; 6747; 7036; 7037; 7038. Auch die Formel scriptum per manus kommt in Verbindung mit diesen beiden Notaren vor, M. U.-B. IX, 6458; X, 7008; 7124. 1366 heißt es unter einer Urkunde der mecklenburgischen Fürsten (M. U.-B. XVI, 9541) m. W. zum letztenmal: "per manus Henrici Sluz, notari nostri dilecti". In den Urkunden der Grafen von Schwerin erscheint die datum-per-manus-Formel, soviel ich weiß, nur noch zweimal im 14. Jahrhundert, M. U.-B. V, 3050 (21. 12. 1305) und M. U.-B. VIII, 5464 (30. 11. 1333).
6) Breßlau a. a. O. Bd. 1, S. 608.
7) Redlich a. a. O. S. 139. Vgl. auch ebenda S. 138 Anm. 6.
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Aushändigung nicht zu eng fassen und auch die vorausgehende Überprüfung und Besiegelung darunter begreifen 1 ). Wie die datum-per-manus-Formel selbst eine Nachahmung der päpstlichen Schlußformel zu sein scheint 2 ), so will sie auch nicht mehr als diese sagen und bildet einen Ersatz für die in anderen Urkundengebieten namentlich bei den königlichen Urkunden häufiger vorkommende Rekognitionszeile 3 ). Dabei ist zu beachten, daß sie keinen notwendigen Bestandteil der Urkunde bildet. Auch läßt sich nicht erweisen, daß die Formel bei bestimmten Situationen, etwa bei Abwesenheit der Fürsten, von dem beglaubigenden Notar hinzugefügt wurde, um damit zum Ausdruck zu bringen, daß der Regierungsakt nicht auf speziellen Befehl des Landesfürsten vorgenommen wurde 4 ). Allgemein läßt sich nur sagen, daß man bei wichtigen und feierlich vollzogenen Rechtshandlungen sich dieser Formel mit Vorliebe bediente.

Auch die Besiegelung der Urkunden wird zu dem Aufgabenkreis der Notare gehört haben. Ferner war der Notar verantwortlich dafür, daß das Siegel seines Herrn nicht mißbraucht wurde, ja, er wird sogar das gräfliche Siegel in Verwahrung gehabt haben. Jedoch die Tätigkeit der Hofnotare bei dem Beurkundungsgeschäft erstreckte sich nicht allein auf die Überprüfung, Korrektur und Besiegelung der von den Empfängern eingereichten Urkunden, sondern oftmals ist auch die ganze Urkundenherstellung von ihnen besorgt worden. Die Urkunden sind wohl niemals ausschließlich von Empfängern hergestellt. Je mehr die Empfängerausstellung zurücktrat, desto mehr erweiterte sich der Anteil der Notare am Beurkundungsgeschäft. Seit den letzten Jahrzehnten des 13. Jahr-


1) Ein einziges Mal ist mir in den mecklenburgischen Urkunden eine Formel begegnet, die folgenden Wortlaut hat: "datum in Campo Solis septimo idus Junii in manus fratrum sancti Antonii Rigardi et Wilhelmi" (M. U.-B. I, 282). Diese Formel bezieht sich, wie mir scheint, nur auf die Aushändigung. Sie nennt die Empfänger, aber nicht, wie die datum-per-manus-Formel, den ausfertigenden Schreiber des Ausstellers.
2) Redlich a. a. O. S. 138.
3) Redlich a. a. O. S. 139.
4) Diese Ansicht vertritt Posse a. a. O. S. 173 ff. Für die Grafschaft Schwerin, wie auch für das Fürstentum Mecklenburg ist diese Annahme unwahrscheinlich, ja unmöglich, da die Formel recht häufig vorkommt. Es läßt sich nachweisen, daß der Schweriner Graf bei der Ausstellung einer Urkunde, welche die datum-per-manus-Formel aufweist, zugegen gewesen ist. M. U.-B. I, 340 (23. 6. 1227) findet sich diese Formel. In die Zeugenliste derselben Urkunde wird Graf Heinrich mit folgenden Worten eingeführt: "ego Henricus donator, qui et recognitor".
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hunderts beobachtet auch Buchwald 1 ) eine "ordnende Hand" über den Schweriner Grafenurkunden.

Die Grafen von Schwerin haben in der älteren Zeit Gelegenheitsschreiber und ständige Notare verwendet, um das noch geringe Schreibwesen zu bewältigen. Sie haben sich anscheinend lange darauf beschränken können, einen oder höchstens zwei Schreiber zu beschäftigen. Ihr Territorium war von verhältnismäßig geringem Umfang, besonders seit der Erbschaftsregelung von 1274. Daraus ist es vielleicht zu erklären, daß wir erst um die Mitte des 14. Jahrhunderts die ersten Spuren einer organisierten Kanzlei entdecken können, während in anderen deutschen Territorien geistlicher und weltlicher Fürsten bereits im 13. Jahrhundert, bald früher, bald später, organisierte Kanzleien nachzuweisen sind 2 ). Das erste sichere Anzeichen für das Bestehen einer organisierten Kanzlei bei den Schweriner Grafen stammt aus dem Jahre 1354, in dem zum erstenmal ein Protonotar des Grafen Otto I. von Schwerin in der Person des Johann von Schepelitz genannt wird 3 ). Ein Kanzler erscheint zuerst 1357 bei dem Grafen Nikolaus III. von Wittenburg 4 ). Mit der Einrichtung des Amtes eines Protonotars bzw. eines Kanzlers ist eine Amtsstufenfolge geschaffen, die ein sicheres Kennzeichen dafür bietet, daß die Kanzlei organisiert ist.

Die Gründe für die Entstehung einer organisierten Kanzlei sind offenbar zum Teil in der Zunahme der allgemeinen Verwaltungstätigkeit und speziell des Beurkundungsgeschäftes zu suchen. Die Schriftlichkeit des gräflichen Geschäfts-, Verwaltungs- und Rechtslebens und die Gewohnheit der Untertanen, sich Besitz und Rechte durch Privilegien verbriefen zu lassen, bürgerten sich auch in der Grafschaft Schwerin mehr und mehr ein und steigerten die Arbeitslast der einzelnen Hofnotare. Hinzu kam das allmähliche Zurücktreten der Empfängerherstellung. Um den neuen Anforderungen zu genügen, bedurfte es der Einrichtung eines organisierten technischen Hilfsorgans der gesamten Verwaltung, mit dessen Hilfe eine festere Regelung des Geschäftsverfahrens ermöglicht wurde. Deshalb war vor allem eine Personalvermehrung und die Schaffung einer ausgeprägten Amtsstufenfolge ein dringendes Erfordernis.


1) Buchwald a. a. O. S. 324.
2) Vgl. Redlich a. a. O. S. 154. Einzelarbeiten über fürstliche Kanzleien des späteren Mittelalters sind nahezu vollständig aufgeführt bei Breßlau a. a. O. Bd. I, S. 615 Anm. 1.
3) M. U.-B. XIII, 7975 (8. 8. 1354).
4) M. U.-B. XIV, 8391 (9. 9. 1357).
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Der Unterschied zwischen Hofnotariat und Kanzlei ist offenbar mehr ein gradueller als ein prinzipieller gewesen. Während Steinacker 1 ) einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Hofnotariat und organisierter Kanzlei macht, betont Breßlau 2 ), wie mir scheint, mit Recht, daß die Funktionen der Hofnotare dieselben gewesen sind wie die der Beamten einer organisierten Kanzlei. Durch die Organisation der Kanzlei wird eine ältere Einrichtung, das Hofnotariat, weiter ausgebildet und vervollkommnet.

Der erste uns bekannte Vorstand der organisierten gräflichen Kanzlei ist der bereits erwähnte Protonotar des Grafen Otto I. von Schwerin, der Stendaler Domherr Johann v. Schepelitz 3 ), gewesen. Nach dem Tode Ottos I. im Jahre 1356 und der im gleichen Jahre erfolgten Wiedervereinigung der beiden gräflichen Linien Wittenburg-Boizenburg und Schwerin wurde Johann v. Schepelitz von Nikolaus III. und Otto II., Bruder und Neffen Ottos I., übernommen. In den Urkunden dieser beiden letzten Schweriner Grafen begegnet er 1356 gelegentlich als "ouerster scriuer" und gräflicher Rat 4 ). In demselben Jahre wird er zum Pfarrer von Wittenburg präsentiert 5 ) und ist als solcher noch in der gräflichen Kanzlei beschäftigt gewesen 6 ). 1368 vertauschte er seine Wittenburger Pfarre mit der Pfarre zu Rathenow, anscheinend um in seine ursprüngliche Heimat, die Mark, zurückzukehren 7 ). Das Amt eines Kanzleivorstandes hat Johann von Schepelitz als Pfarrer von Wittenburg offenbar nur noch kurze Zeit bekleidet. 1357 begegnet uns als Kanzler des Grafen Nikolaus III. der anscheinend aus der Grafschaft Tecklenburg stammende Werner Struwe, Pfarrherr zu Tecklenburg 8 ), welcher später bei den Verhandlungen über die Zahlungen des Kaufgeldes


1) a. a. O. S. 261: "Notariat und Kanzlei als festorganisierte Amtsstelle für die Urkundenherstellung sind eben zweierlei."
2) a. a. O. Bd. I, S. 606 Anm. 3.
3) M. U.-B. XIII, 7975 (8. 8. 1354); 8037 (10. 2. 1355).
4) M. U.-B. XIV, 8263 (30. 9. 1356). Die gräflichen Ratgeber werden hier "sworen rad" genannt. Dieser Ausdruck, der in den mecklenburgischen Urkunden äußerst selten, vielleicht hier das einzige Mal begegnet, setzt zweifellos einen Ratseid voraus, wodurch sich die consiliarii von ihren unmittelbaren Vorläufern, den an den Hof gezogenen angesehensten Vasallen des Landes (viri providi et honesti), unterscheiden. Vgl. Steinmann, M. J.-B. Bd. 88 S. 57.
5) M. U.-B. XIV, 8265 (9. 10. 1356).
6) M. U.-B. XIV, 8306 (13. 1. 1357).
7) M. U.-B. XVI, 9793 (27. 5. 1368).
8) M. U.-B. XIV, 8391 (9. 9. 1357).
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für die Grafschaft Schwerin eine bedeutende Rolle gespielt hat 1 ). Werner Struwe ist der letzte Vorstand der selbständigen Schweriner Kanzlei gewesen. Da die Schweriner Kanzlei seit der Vereinigung der Grafschaft mit dem Herzogtum Mecklenburg im Jahre 1359 in die mecklenburgische Kanzlei aufging, ist es erforderlich, die Geschichte der mecklenburgischen Kanzlei zunächst gesondert zu behandeln.

§ 2.

Entstehung und Geschichte der mecklenburgischen Kanzlei bis zur Vereinigung der Grafschaft Schwerin mit dem Herzogtum Mecklenburg im Jahre 1359.

Seit dem 13. Jahrhundert besteht auch in dem Fürstentum Mecklenburg eine Lokal- und Zentralverwaltung nach dem Vorbild anderer deutscher Fürstentümer 2 ). Deutsche Rechtsanschauungen, deutsches Lehnswesen, deutsche Sitten und Gebräuche konnten in das mecklenburgische Territorium eindringen, seitdem die obotritischen Fürsten im Anfang des 13. Jahrhunderts die Grenzen ihres Landes den nach Nord und Ost drängenden deutschen Kolonisten mehr und mehr öffneten 3 ). Auch der Brauch, über Vorgänge rechtlicher Natur Urkunden auszustellen, und die Gewohnheit der Untertanen, sich Privilegien und Rechte von den Landesfürsten verbriefen zu lassen, bürgerten sich sehr bald in Mecklenburg ein.

Das Amt eines Notars, eines ständigen Schreibers, ist am Hofe der mecklenburgischen Fürsten ungefähr um dieselbe Zeit eingerichtet worden wie bei den Grafen von Schwerin. Die Fürsten bedurften eines Beamten an ihrem Hofe, der imstande war, die fürstliche Korrespondenz und die gesamten Schreibgeschäfte der fürstlichen Verwaltung zu erledigen. 1218 erscheint in den Urkunden der mecklenburgischen Fürsten zum erstenmal ein Notar 4 ), jedoch bleibt uns sein Name verschwiegen. Vielleicht ist dieser unbenannte Notar identisch mit Eustachius, der seit 1219 5 ) als


1) Vgl. W. Strecker, Die äußere Politik Albrechts II. von Mecklenburg, M. J.-B. Bd. 78 S. 107. Quellenbelege ebenda S. 281 ff.
2) Vgl. Küster a. a. O. S. 115 ff.
3) Vgl. Witte a. a. O. Bd. 1 S. 123 ff.
4) M. U.-B. I, 244 (24. 6. 1218).
5) M. U.-B. I, 260 (1219).
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Hofnotar der mecklenburgischen Fürsten nachweisbar ist und bis zum Jahre 1233 als Schreiber beschäftigt war. Seit dem Jahre 1219 bzw. 1218 hat das Amt eines Notars ohne jegliche Unterbrechung am Hofe der mecklenburgischen Fürsten bestanden. Durchweg sind die einzelnen Notare recht lange im Hofdienst beschäftigt gewesen. So ist der Notar Rudolf von 1231 bis 1246 1 ), Arnold von 1231 bis 1242 2 ), Heinrich von 1244 bis 1269 3 ) und Gottschalk von 1266 bis 1282 4 ) nachzuweisen. Häufig sind zwei oder drei Schreiber nebeneinander tätig gewesen. Wie bei den Grafen von Schwerin, so sind auch am Hofe der mecklenburgischen Fürsten Beziehungen zwischen Hofnotariat und fürstlicher Kapelle nachweisbar. Der bereits erwähnte Heinrich war lange Zeit, bevor er zum erstenmal als "notarius" erwähnt wird, fürstlicher Kaplan und wird auch später gelegentlich "capellanus et notarius" genannt 5 ). Auch Rudolf war als Notar zugleich Kaplan 6 ).

Die Tätigkeit der mecklenburgischen Hofnotare wird im wesentlichen dieselbe gewesen sein wie die der Schreiber am Schweriner Grafenhofe. Sie hatten das gesamte Schreibwesen, wahrscheinlich auch das Rechnungswesen der Fürsten zu erledigen. Im besonderen haben sie bei dem Beurkundungsgeschäft mitgewirkt. Daß im 13. Jahrhundert auch in Mecklenburg die Urkunden zum großen Teil von Empfängerhand hergestellt worden sind, betont nicht nur Buchwald, sondern auch Kunkel 7 ). Bei Empfängerherstellung lag es den Notaren ob, die von den Bitt-


1) Vgl. Buchwald a. a. O. S. 332.
2) Vgl. Buchwald a. a. O. S. 333.
3) Vgl. Buchwald S. 334.
4) Vgl. Buchwald a. a. O. S. 338. - Eine vollständige Zusammenstellung und eingehende Besprechung der einzelnen mecklenburgischen Hofnotare bis zum Ende des 13. Jahrhunderts findet sich bei Buchwald a. a. O. S. 326 - 343.
5) M. U.-B. II, 788 (1257); II, 791 (17. 3. 1257). Vgl. auch Buchwald a. a. O. S. 334 ff.
6) Vgl. Buchwald a. a. O. S. 332.
7) Vgl. Buchwald a. a. O. S. 331: "Wie oft ich zwei Urkunden mit einem Scriptor oder Notar begegnete, so oft beinahe fand ich auch zwei Handschriften". Ähnlich heißt es bei Kunkel, Stiftungsbriefe für das mecklenburgisch-pommersche Cisterzienser-Kloster Dargun, Archiv für Urkundenforschung III. Bd., 1. Heft, 1910, S. 37: "Daß die Urkunden in der Schreibstube des Empfängers geschrieben worden sind, ist stets am wahrscheinlichsten. Das ganze 13. Jahrhundert hindurch hatten z. B. die Herren von Mecklenburg noch keine organisierte Kanzlei." Breßlau a. a. O. Bd. 1 S. 606 - 614 erhebt, wie mir scheint, mit Recht Bedenken gegen Verallgemeinerungen betreffs der Empfängerherstellung.
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stellern eingereichten Entwürfe zu überprüfen und zu korrigieren. Auf dieses Geschäft der Überprüfung werden wir auch hier die schon besprochene datum-per-manus-Formel beziehen dürfen 1 ). Gelegentlich wird aber auch die ganze Urkundenherstellung von den fürstlichen Schreibern besorgt worden sein. Auch die Besiegelung der Urkunden scheint in der Regel Sache der Hofnotare gewesen zu sein. Ein Fall ist mir bekannt, wo in der corroboratio einer Urkunde des Fürsten Borwin von Mecklenburg aus dem Jahre 1218 ein Notar mit der Ausführung der Besiegelung ausdrücklich betraut wird 2 ).

Die Hauptlandesteilung, welche nach dem Tode des Fürsten Heinrich Burwy (1227) von dessen Enkeln durchgeführt wurde und die Teilherrschaften Rostock, Werle und Parchim begründete, ist für die Entwicklung des Kanzleiwesens der Fürsten von Mecklenburg von großer Bedeutung gewesen. Während sich die Herrschaft Parchim nur wenige Jahrzehnte behaupten konnte 3 ), hat sich am Hofe der Fürsten von Rostock und Werle ein selbständiges Kanzleiwesen entwickelt. Sowohl die Fürsten von Rostock wie die werleschen Fürsten haben ihre eigenen Schreiber gehabt 4 ). Der vor der Landesteilung von den mecklenburgischen Fürsten gemeinsam verwendete Schreiber Conrad ist später in den Dienst des Fürsten Nikolaus, Stammvaters der werleschen Linie, übergegangen 5 ). Am Hofe der werleschen Fürsten hat sich dann nicht viel später als bei den Fürsten von Mecklenburg eine selbständige, organisierte Kanzlei entwickelt 6 ). Die


1) Vgl. oben S. 13 ff.
2) M. U.-B. I, 244 (24. 6. 1218): "Hanc cartam inde conscriptam mandato nostro, ut infra videtur, corroborantes sigilli nostri [munimine] notario iussimus insigniri."
3) Vgl. Witte a. a. O. Bd. I S. 166 - 68.
4) Eine Zusammenstellung der Notare der Werleschen und Rostocker Fürsten bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts findet sich bei Buchwald a. a. O. S. 344 ff.; S. 368 ff.
5) Buchwald a. a. O. S. 330.
6) Küsters Ansicht über das Kanzleiwesen der werleschen Fürsten ist, wie mir scheint, unzutreffend. Er behauptet a. a. O. S. 136, daß das Kanzleramt in den werleschen Landen bis gegen die letzten Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts noch nicht ausgebildet sei, und fährt dann fort: "Ja, wir sind wohl berechtigt anzunehmen, daß die werleschen Fürsten bis zum Jahre 1371, wo - bis auf eine Ausnahme - zum erstenmal ein Kanzler bei ihnen vorkommt, sich der mecklenburgischen Kanzler bedient haben." Er begründet seine Vermutung mit dem Hinweis darauf, daß die werleschen und mecklenburgischen Fürsten durch enge verwandtschaftliche Bande verbunden gewesen seien. Das ist nicht nur an sich unwahrscheinlich, da das Verhältnis beider Linien nicht immer als freundschaftlich bezeichnet werden kann, sondern widerspricht
(  ...  )
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Herrschaft Mecklenburg war durch die Erbschaftsregelung nach dem Tode Heinrich Burwys beträchtlich verkleinert worden. Sie umfaßte im wesentlichen nur noch die nordwestlichen Gebiete des heutigen Mecklenburg, deshalb haben die Kräfte einzelner Schreiber verhältnismäßig lange ausgereicht, um das fürstliche Schreibewerk zu bewältigen, zumal die Mündlichkeit des Verfahrens und die Sitte, Rechtshandlungen durch symbolische Akte zu vollziehen, ferner die Empfängerherstellung zunächst vorgeherrscht haben werden und ein regelrechtes Schreibbüro unnötig machten.

Das erste sichere Anzeichen für das Bestehen einer organisierten Kanzlei am Hofe der mecklenburgischen Fürsten tritt uns etwa drei Jahrzehnte früher als bei den Grafen von Schwerin im Jahre 1323 1 ) entgegen, in dem zuerst ein Protonotar des Fürsten Heinrich II. nachweisbar ist. Rothgerus war der erste Kanzleivorstand 2 ). Unter ihm haben in den Jahren 1326 - 1329 nicht weniger als 6 bzw. 7 Notare oder Schreiber z. T. nebeneinander Schreiberdienste verrichtet 3 ). Der Kanzlertitel erscheint zum erstenmal 1337 4 ).


(  ...  ) auch den Quellen. Nicht viel später als bei den mecklenburgischen Fürsten ist auch bei den werleschen Fürsten eine Amtsstufenfolge des Schreiberpersonals zu beobachten. So wird M. U.-B. VIII, 5624 (22. 11. 1335) der sonst als notarius erwähnte Michael "archinotarius", M. U.-B. IX, 6006 (1339) Johannes Sternberg als Kanzler, M. U.-B. XIII, 7573 (1. 2. 1352) Sabellius Molenbeke als "archinotarius", M. U.-B. XIV, 8454 (15. 5. 1358) Gerhard v. Stunken als "prothonotarius" betitelt usw. Es ist also durchaus unrichtig, daß die werleschen Fürsten sich der mecklenburgischen Kanzler, d. h. doch wohl der mecklenburgischen Kanzlei, für ihre Verwaltungszwecke bedient haben. Sogar die einzelnen werleschen Linien (Werle-Güstrow, Werle-Waren) scheinen ihr eigenes Schreiberpersonal gehabt zu haben. Vgl. M. U.-B. XIX, Personenregister S. 81.
1) M. U.-B. VII, 4490 (7. 12. 1323).
2) Radloff a. a. O. S. 24 irrt, wenn er das Jahr 1337 für die erstmalige Erwähnung eines Protonotars ansetzt. Rothgerus wird ausdrücklich dreimal, nicht einmal, wie Küster a. a. O. S. 135 annimmt, "prothonotarius" genannt. M. U.-B. VII, 4490 (17. 12. 1323); 4563 (9. 10. 1324); 4934 (12. 6. 1328).
3) 1324 - 1326 Heinrich Frauenburg (oder Krauenburg); 1326 - 29 Heinrich; 1327 - 29 Johannes v. Prenzlau; 1327 - 29 Meinhard; 1327 - 29 Antonius v. Plessen; 1328 Nikolaus Manteuffel (Manduuel); 1329 Hilaricus.
4) Küster a. a. O. S. 135 und ihm folgend Breßlau a. a. O. Bd. I S. 606 Anm. 1 verlegt die erste Erwähnung eines mecklenburgischen Kanzlers fälschlich in das Jahr 1320. Die betreffende Urkunde aus diesem Jahre (M. U.-B. VI, 4154), wo Berthold Rode den Kanzlertitel führt, ist als Fälschung anzusehen (vgl. Registerband des M. U. -B. Bd. XI S. 534 unter "Rode" Nr. 40). Der Fälscher hat die Amtstätig-
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Es ist vielleicht kein Zufall, daß nicht lange nach der Erwerbung der Lande Stargard, Wesenberg, Lychen und der Herrschaft Rostock durch Heinrich II., dem Begründer der mecklenburgischen Einigungspolitik 1 ), die ersten Spuren einer organisierten Kanzlei wahrnehmbar sind. Durch diese Erwerbungen wurde das mecklenburgische Territorium nahezu verdreifacht. In demselben Maße wuchsen die Anforderungen, die die Verwaltung des Landes an das Schreiberpersonal der Fürsten stellte. Auch der Rückgang der Empfängerherstellung und die Zunahme des schriftlichen Verkehrs mögen mitgewirkt haben, das Geschäftsverfahren fester zu regeln, das Schreiberpersonal zu vermehren und so die Kanzlei mit einem Kanzleivorstand an der Spitze zu organisieren.

Auf die Geschichte der mecklenburgischen Kanzlei seit der Erwähnung des ersten Protonotars bis zur Vereinigung des Herzogtums mit der Grafschaft Schwerin im Jahre 1359 sind die politischen Ereignisse dieser Jahre nicht ohne Einfluß geblieben. Der Tod Heinrichs II. (1329) bedeutete für das Kanzleiwesen einen offensichtlichen Rückschlag. Da Heinrich keine mündigen Erben hinterließ, wurde eine Vormundschaft eingesetzt, die bis zum Jahre 1336 für die unmündigen Söhne Heinrichs, Albrecht und Johann, die Regierung führte 2 ). Für das Bestehen einer festgegliederten Kanzlei während dieser Vormundschaftsregierung sind keinerlei Spuren vorhanden. Rothgerus, der Protonotar Heinrichs II., erscheint zwar noch gelegentlich in den Urkunden 3 ), hat aber offenbar das Amt eines Protonotars nicht mehr bekleidet. Auch von den zahlreichen Schreibern, die uns gerade unmittelbar vor dem Tode Heinrichs II. entgegentreten, verschwinden die meisten aus dem Hofdienst und gehen zum Teil zurück in den ausschließlichen Dienst der Kirche und ihrer Institutionen 4 ). Nur


(  ...  ) keit des späteren Kanzlers Berthold Rode anscheinend fälschlicherweise zurückdatiert. Vor 1337 findet sich in den mecklenburgischen Urkunden keine Spur von Berthold Rode.
1) Vgl. Witte a. a. O. Bd. I S. 202. Einen kurzen Überblick über die Erwerbungen Heinrichs II. in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts gibt Strecker a. a. O. S. 4 ff.
2) Witte a. a. O. Bd. I S. 202.
3) M. U.-B. VIII (5. 6. 1330) befindet er sich unter den Zeugen einer von der Vormundschaftsregierung im Namen Albrechts ausgestellten Urkunde, jedoch steht er hier außerhalb der Reihe der consiliarii.
4) Nikolaus Manteuffel als Pfarrer v. Barth (M. U.-B. VIII, 5315 S. 267); Antonius v. Plessen als Lübecker Domherr (M. U.-B. VIII, 5428, 4. 6. 1333; 5530 Nr. 15) und Meinhard als Scholastikus an St. Marien zu Rostock (M. U.-B. VIII, 5243, 9. 5. 1331), später Pfarrer zu Schwaan und Kaplan Albrechts II. (M. U.-B. IX, 5778; 6252 usw.). Im Registerband des M. U.-B. XI, S. 436 Nr. 52 wird die Ansicht vertreten,
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Johannes von Prenzlau hat nachweislich im Dienste der Vormundschaft gestanden. Er wird gelegentlich von Wipert von Lützow, einem Mitglied der Vormundschaftsregierung, bei dem Lübecker Rat beglaubigt 1 ). Die Vermutung, daß in diesen Jahren eine festorganisierte Kanzlei vielleicht gar nicht existiert hat, wird gestützt durch die Beobachtung, daß der Wismarer Stadtschreiber Heinrich von Eimbeck in dieser Zeit gelegentlich mit der Urkundenherstellung. betraut wurde 2 ).

Das mecklenburgische Kanzleiwesen wurde wieder neu belebt, als Albrecht II., der 1336 großjährig geworden war, bald nach der Übernahme der Regierung Berthold Rode an die Spitze der Kanzlei berief. Bis 1352 führte Albrecht mit seinem jüngeren Bruder Johann die Regierung gemeinsam. Bis zu diesem Jahre haben beide Fürsten sich anscheinend auch einer gemeinsamen Kanzlei bedient. Sowohl in den Urkunden Albrechts wie Johanns wie auch in denen, welche von beiden gemeinsam ausgestellt sind, finden wir durchweg dieselben Kanzleibeamten 3 ). Auf Drängen Johanns, der 1348, wie sein älterer Bruder, zum Herzog erhoben war, wurde am 25. November 1352 eine Teilung des Landes Mecklenburg durchgeführt, wobei Johann den weit geringeren Anteil, nämlich die östlichen Gebiete Mecklenburgs, Stargard und dessen Nebenländer, sowie die Länder Sternberg und Eldenburg erhielt 4 ). Durch diese Teilung zweigte sich von der mecklenburgischen Kanzlei eine besondere mecklenburg-stargardische Kanzlei ab. Ein Teil des ursprünglich von beiden Brüdern gemeinsam ver-

Z. B. M. U.-B. IX, 5373 (19. 4. 1338). Von dieser Urkunde existieren zwei Ausfertigungen, welche nach der Anmerkung des Herausgebers des M. U.-B. von dem Wismarer Stadtschreiber Nikolaus Zwerk geschrieben sind. Wismar ist bekanntlich ein bevorzugter Aufenthaltsort der mecklenburgischen Fürsten gewesen. Daraus mögen sich die Beziehungen der fürstlichen Geschäftsverwaltung zur Ratsstube der Stadt Wismar erklären.


(  ...  ) daß dieser Meinhard identisch sei mit dem um 1345 bei Albrecht als Schreiber begegnenden Markwart. Tatsächlich begegnet Meinhard 1344 (M. U.-B. IX, 6451) als Hofkaplan Albrechts II. Falls Meinhard und Markwart ein und dieselbe Person wären, hätte also Albrecht II. einen Schreiber seines Vaters später wieder zum Hofdienst herangezogen.
1) M. U.-B. VIII, 5062 (1329 - 1336).
2) M. U.-B. VIII, 5585 (1. 5. 1335). Vgl. die Anmerkung des Herausgebers des M. U.-B. Auch in der ersten Zeit Albrechts II. sind gelegentlich Urkunden von dem Wismarer Stadtschreiber gefertigt worden.
3) Wenn auch der Kanzler dieser Jahre einmal von Johann als "cancellarius fratris mei" (M. U.-B. X, 6944 Anm.) bezeichnet wird, so begegnet er doch in den meisten Urkunden Johanns als "cancellarius noster" (M. U.-B. XIII, 7496 usw.).
4) Vgl. Witte a. a. O. S. 204 f.
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wendeten Kanzleipersonals findet sich nach der Durchführung der Landesteilung ausschließlich im Hofdienst des Stargarder Herzogs Johann. So ist z. B. der seit 1349 in der mecklenburgischen Kanzlei beschäftigte Schreiber Heinrich Rode an den Stargarder Hof übergetreten. Herzog Johann wie auch die späteren Stargarder Fürsten haben bis zur Wiedervereinigung Stargards mit Mecklenburg-Schwerin im Jahre 1471 anscheinend durchweg ihre eigenen Schreiber gehabt, und nicht selten wird ein Kanzler oder Protonotar genannt, so daß die Kanzlei am Stargarder Hof vermutlich organisiert gewesen ist 1 ).

Drei Persönlichkeiten haben in der Zeit von 1323 bis 1359 an der Spitze der mecklenburgischen Kanzlei gestanden: von 1323 bis 1329 der bereits erwähnte Rothgerus, von 1337 bis 1351 Berthold Rode und seit 1352 Bertram Behr. Als Rothgerus zum erstenmal als Protonotar begegnet, konnte er schon auf eine lange Tätigkeit im Hofdienst zurückblicken. Seit 1310 ist er als Schreiber und Hofkaplan 2 ) des Fürsten Heinrich II. nachweisbar. Zugleich war er Pfarrer an St. Nikolai zu Wismar 3 ), Schweriner Domherr 4 ) und seit 1323 Rektor der Marienkirche zu Rostock 5 ). Diese Stellung bekleidete er auch noch nach seiner Amtszeit als fürstlicher Protonotar 6 ).

Berthold Rode, der zweite mecklenburgische Kanzleivorstand, stammte aus der angesehenen Rostocker Bürgerfamilie gleichen Namens 7 ). Durch den Rostocker Ratsherrn Johann Rode, der Mitglied der Vormundschaftsregierung für Albrecht II. gewesen war, ist Berthold Rode vermutlich an den Hof der mecklenburgischen Fürsten gekommen. Albrecht II. hat dann später die Beziehungen seines Kanzlers und Ratgebers zu der begüterten Rostocker Bürgerfamilie gelegentlich auszunutzen verstanden, um durch Aufnahme einer Anleihe aus einer finanziellen Verlegenheit


1) Unter dem ersten Stargarder Herzog Johann wird der oft mit Heinrich Rode als Schreiber begegnende Sander von Holle gelegentlich Kanzler genannt. (M. U.-B. XIV, 15. 11. 1357.) Eine nähere Untersuchung über das Kanzleiwesen am Stargarder Hofe gehört nicht in den Rahmen vorliegender Arbeit.
2) M. U.-B. V, 3399 (20. 5. 1310); M. U.-B. VI, 4115 (9. 5. 1320).
3) M. U.-B. VI, 4281 (1. 7. 1321).
4) M. U.-B. VII, 4843 (25. 6. 1327).
5) M. U.-B. VII, 4490 (7. 12. 1323).
6) M. U.-B. VIII, 5451 (12. 9. 1333).
7) M. U.-B. X, 6983 (11. 7. 1349). In diesem Testament des Rostocker Ratsherrn Johann Rode erscheint Berthold Rode als avunculus Johanns und wird durch diesen zum Testamentsvollstrecker bestimmt.
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herauszukommen 1 ). Als Geistlicher war er zunächst Inhaber einer von seinen Verwandten gestifteten Vikarei in Rostock 2 ), dann Pfarrer von Gadebusch 3 ) und seit 1347 Rektor an der St. Petrikirche zu Rostock 4 ). Nach 15jähriger Tätigkeit schied er aus dem Hofdienst aus. Da er nach 1351 nicht mehr urkundlich nachweisbar ist, ist er vermutlich bald gestorben.

Der Kanzlerwechsel ist zwischen dem 8. Dezember 1351 und 30. März 1352 erfolgt 5 ). Wie Berthold Rode, so ist auch sein Nachfolger Bertram Behr vor seiner Kanzlerschaft vermutlich nicht in der Kanzlei beschäftigt gewesen. Über Bertram Behrs geistliche Laufbahn ist wenig bekannt. Er gehörte dem Lübecker Domstift an 6 ) und war seit 1355 Inhaber der Vikarei auf dem Fürstenhof zu Wismar 7 ), später an St. Nikolai ebendort 8 ).

Das übrige Kanzleipersonal tritt während dieses Zeitabschnittes zunächst ziemlich stark hervor. Die zahlreichen Notare und Schreiber unter dem Protonotariat des Rothgerus wurden schon aufgeführt 9 ). Auch unter Berthold Rode begegnet uns eine ganze Anzahl von Kanzleibeamten: von 1339 bis 1340 der Schweriner Domherr 10 ), spätere Pfarrer an St. Nikolai zu Rostock 11 ) und fürstliche Hofkaplan 12 ) Helmold von Plessen; von 1340 bis 1344 der Notar Gottfried 13 ); um 1345 Markwart 14 ); 1346 bis 1350 Johannes Raboden 15 ), der als Geistlicher der Ratzeburger Diözese um 1340 das Rektorat der Schule von St. Marien zu Wismar übernommen hatte 16 ) und später als herzoglicher Hofnotar die Pfarre zu Schwaan erhielt 17 ). Seit 1349 18 ) ist auch Heinrich von Griben, der aus dem Kloster Stolp an den Hof der


1) M. U.-B. X, 7125.
2) M. U.-B. IX, 5879.
3) M. U.-B. IX, 6360.
4) M. U.-B. X, 6747.
5) M. U.-B. XIII, 7543 wird Rode zuletzt, XIII. 7594 Bertram Behr zuerst als Kanzler erwähnt.
6) M. U.-B. XIII, 8117.
7) M. U.-B. XIII, 8055. Der Kanzler wird "ad presentacionem ... domini Alberti ducis" in die Vikarei eingeführt.
8) M. U.-B. XVI, 9525.
9) Vgl. oben S. 20 Anm. 3.
10) M. U.-B. IX, 6336.
11) M. U.-B. IX, 6421.
12) M. U.-B. X, 7003.
13) M. U.-B. IX, 6084.
14) M. U.-B. IX, 6534,. Vgl. oben S. 21 Anm. 4.
15) M. U.-B. X, 6626.
16) M. U.-B. IX, 6017.
17) M. U.-B. X, 6914.
18) M. U.-B. X, 6915.
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Mecklenburger gekommen zu sein scheint 1 ), in der herzoglichen Kanzlei beschäftigt und ist bis 1359 als Notar nachzuweisen 2 ). 1358 begegnet er als Pfarrer von Boizenburg 3 ). Von 1349 bis 1352 hat auch Heinrich Rode 4 ), ein Verwandter des Kanzlers, der mecklenburgischen Kanzlei angehört, bis er dann nach der Landesteilung des Jahres 1352 an den Hof Johanns von Stargard überging. Von 1351 bis 1352 wird gelegentlich auch ein Johannes Suhm als Notar erwähnt 5 ).

Über das unter Bertram Behr arbeitende Kanzleipersonal läßt sich wenig ermitteln. Eine Anzahl von Geistlichen (pape, clerici und capellani) sind in dieser Zeit am herzoglichen Hof nachweisbar und werden gelegentlich zu den der Kanzlei obliegenden Geschäften herangezogen sein, so z. B. der spätere Kanzler Johann Schwalenberg 6 ), ebenso der später als Notar begegnende Bernhard Mallin 7 ). Den ausdrücklichen Titel "notarius" führt während der Kanzlerschaft Bertram Behrs bis zum Jahre 1359 außer Heinrich von Griben nur ein Gottschalk, Pfarrer von Gnoien 8 ).

§ 3.

Geschichte der mecklenburg-schwerinschen Kanzlei von 1359 bis zum Tode Heinrichs IV. (1477).

Durch ihre Vereinigung mit dem Herzogtum Mecklenburg fand die Grafschaft Schwerin sowie auch die gräflich schwerinsche Kanzlei im Jahre 1359 das Ende ihres Sonderdaseins. Die Schweriner Grafen überließen den mecklenburgischen Herzögen käuflich


1) M. U.-B. X, 6628 (24. 2. 1346) unterfertigt er eine Urkunde des Klosters Stolp.
2) M. U.-B. XIV, 8599, S. 448 Nr. 9.
3) M. U.-B. XIV, 8530.
4) M. U.-B. X, 6983.
5) M. U.-B. XIII, 7496; 7610.
6) M. U.-B. XIV, 8530.
7) M. U.-B. XIV, 8599.
8) M. U.-B. XIII, 7837. Wenn hier neben Gottschalk auch Bernhard Alkun, der Kammermeister und Vogt Herzog Albrechts, als Notarius, schon früher (M. U.-B. XIII. 7496) als Protonotarius bezeichnet wird, so handelt es sich in letzterem Falle offenbar um einen Schreibfehler, da neben ihm der Kanzler Berthold Rode in der Zeugenliste steht und ein aus zwei Personen bestehender Kanzleivorstand in dieser Zeit nicht existiert haben wird. Das Register des M. U.-B. Bd. XVII S. 59 (unter "Alkun") nimmt in beiden Fällen, wie mir scheint, mit Recht einen Schreibfehler an.
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die Grafschaft Schwerin 1 ) und zogen sich in die von ihren Vorfahren ererbte Grafschaft Tecklenburg zurück. Durch diesen Kauf wurden die mecklenburgischen Fürsten die unmittelbaren Rechtsnachfolger der Grafen von Schwerin.

Für die mecklenburgische Kanzlei bedeutete die Erwerbung der Grafschaft Schwerin eine beträchtliche Erweiterung ihres Zuständigkeitsbereiches, welcher im 15. Jahrhundert durch den Erbfall der werleschen und stargardschen Länder nochmals bedeutend vergrößert wurde. Deshalb werden diese Erwerbungen immerhin eine Vermehrung des Kanzleipersonals notwendig gemacht haben. Ob bei der Vereinigung Mecklenburgs mit der Grafschaft Schwerin Kanzleibeamte der gräflichen Kanzlei in die der mecklenburgischen Fürsten übernommen wurden, läßt sich nicht erweisen. Auch nach der 1436 erfolgten Erwerbung der werleschen Lande finden sich unter dem Kanzleipersonal der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin keine Persönlichkeiten, die früher der werleschen Kanzlei angehörten. Jedoch als die Vereinigung der mecklenburgischen Lande durch den Erbfall der Stargarder Lande im Jahre 1471 ihren Abschluß gefunden hatte, ist nachweislich einmal ein früherer Schreiber der Stargarder Kanzlei, namens Joachim Heydeberg 2 ), von den mecklenburg-schwerinschen Herzögen übernommen worden. Die Beobachtung, daß etwa seit der Mitte des 14. Jahrhunderts mit Ausnahme des Kanzlers verhältnismäßig selten Kanzleibeamte in den Zeugenlisten der herzoglichen Urkunden auftreten, berechtigt keineswegs zu dem Schluß, daß die Zahl der beschäftigten Schreiber nur sehr gering gewesen sei. Wir müssen vielmehr jene Erscheinung wohl darauf zurückführen, daß man sich


1) Schon 1343 hatte Albrecht II. mit dem Grafen Nikolaus II. von Wittenburg-Boizenburg einen Erbvertrag geschlossen und beanspruchte auf Grund dieser Abmachung nach dem Tode des letzten Wittenburger Grafen, der keine direkten Erben hinterließ, dessen Länder Wittenburg, Boizenburg und Crivitz. Dagegen verwahrten sich jedoch die Neffen Nikolaus II. Die Streitigkeiten um die Grafschaft erfüllten die 50er Jahre des 14. Jahrhunderts, bis am 7. Dezember 1358 (M. U.-B. VIV, 8541) ein Kaufvertrag geschlossen wurde, wonach die Grafen den Mecklenburgern die ganze Grafschaft Schwerin für die in Raten zu zahlende Summe von 20 000 Mark Silbers verkauften. Im März 1359 wurde laut Vereinbarung nach Abzahlung der ersten Rate die Grafschaft an die Mecklenburger ausgeliefert. (Vgl. Jesse a. a. O. S. 19 ff. und die ausführlichen Darlegungen Streckers a. a. O. S. 101 ff.; S. 281 ff.
2) Vor 1471 begegnete er in den Urkunden der Stargarder Herzöge, z. B. S. A. Reg. 9. 7. 1468, 26. 2. 1469 usw. Nach dem Erbfall der Stargarder Lande am 13. Juni 1471 ist er am Hofe Heinrichs IV. von Mecklenburg-Schwerin als Sekretär nachzuweisen, z. B. S. A. Reg. 19. 8. 1471; 30. 9. 1471; 14. 10. 1471 usw.
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mehr und mehr daran gewöhnte, bei der Aufführung von Zeugen sich vornehmlich auf die fürstlichen Ratgeber, namentlich auf die Hof- und Lokalbeamten (Marschall, Kammermeister, Kanzler und Vögte) zu beschränken.

Das mecklenburgische Kanzleiwesen verharrte während des späteren Mittelalters im großen und ganzen auf derselben Entwicklungsstufe, welche es durch die Organisation der Kanzlei in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erreicht hatte. Bis zu den Verwaltungsreformen Herzog Magnus II. am Ende des 15. Jahrhunderts hat die Organisation der Kanzlei nur geringfügige Veränderungen erfahren. Zur Entlastung des Kanzlers, dessen Tätigkeit sich mehr und mehr auf das gesamte Gebiet der Verwaltung erstreckte, scheinen besonders im 15. Jahrhundert die Notare, Sekretäre und Schreiber stärker zur Mitarbeit an der Erledigung verantwortungsreicher Kanzleigeschäfte herangezogen worden zu sein. Sie haben sich namentlich um die Mitte des 15. Jahrhunderts nicht nur an der Konzipierung der Urkunden beteiligt, sondern anscheinend auch bei der Korrektur und Überprüfung der Urkunden mitgewirkt 1 ). Und während der Kanzler Kröpelin (1361 - 62) das von ihm angelegte Kanzleibuch zum großen Teil noch selbst geführt hat, scheint die Führung der Kanzleibücher im 15. Jahrhundert hauptsächlich den Sekretären und Schreibern obgelegen zu haben. Je mehr diese dem Kanzler untergeordneten Kanzleibeamten zu den verantwortungsvolleren Geschäften der Verwaltung herangezogen wurden, desto größer wurde ihr Einfluß und ihre Bedeutung. Das kommt vor allem darin zum Ausdruck, daß sie gelegentlich zu den Räten der Herzöge gehörten 2 ).

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts scheint es auch das Amt eines Protonotars oder Vizekanzlers neben dem Kanzleramt gegeben zu haben, jedoch nur vorübergehend. Mit Johann Hesse, der diese Titel während der Kanzlerschaft Henning Karutzes (1440 - 1446) kurze Zeit, bevor er den Kanzlerposten selber übernimmt, gelegentlich führt 3 ), verschwinden die Bezeichnungen


1) Aus der Zeit der Kanzlerschaft Johann Schwalenbergs (1366 bis 1374) sind uns eine Anzahl von durchkorrigierten Konzepten und zu Originalen bestimmten, aber wegen notwendig gewordener Korrekturen nicht ausgegangenen Ausfertigungen erhalten. Ein Vergleich der Hände, welche die Korrekturen vornahmen, ergibt, daß zwar eine bestimmte Handschrift oftmals wiederkehrt, daß aber neben dieser auch noch verschiedene andere Hände korrigiert haben. Wir werden also annehmen können, daß außer dem Kanzler auch andere Kanzleibeamten bei der Revision gelegentlich mitgewirkt haben.
2) Vgl. unten Kap. 2, § 2, S. 57.
3) Vgl. unten S. 38 u. Kap. 2, § 1, S. 50.
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"prothonotarius" und "vicecancellarius" wieder aus der mecklenburgischen Kanzlei.

Der innere Ausbau des Geschäftsbetriebes der Kanzlei während des hier zu behandelnden Zeitabschnittes wird im wesentlichen durch die Ausbildung bestimmter Kanzleibräuche charakterisiert. Vor allem drei neue Erscheinungen treten uns entgegen: Die Anwendung der niederdeutschen Sprache in den Urkunden, das Vorkommen von Kanzleibüchern und Kanzleivermerken auf den Urkunden. Schon während der Kanzlerschaft Bertram Behrs in den 50er Jahren des 14. Jahrhunderts war die Zahl der aus der mecklenburgischen Kanzlei ausgehenden niederdeutschen Urkunden im Steigen. Wie groß das Bedürfnis, die Urkunden in der eigenen Mundart abzufassen, schon früher war, beweisen die häufig in lateinischen Urkunden vorkommenden deutschen Wörter, deren sich der Konzipient bediente, wenn ihm der entsprechende lateinische Ausdruck fehlte 1 ). Bis 1312 scheint man sich der niederdeutschen Sprache nur bei fürstlichen und Staatsverträgen, später gelegentlich auch bei anderen Urkunden bedient zu haben 2 ). Häufig fertigte man zwei Urkundenexemplare an, eins lateinisch, ein anderes niederdeutsch. Oder man stellte niederdeutsche Übersetzungen von lateinisch abgefaßten Urkunden her. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts setzte sich die niederdeutsche Sprache in den mecklenburgischen Herzogsurkunden immer stärker durch 3 ). Die lateinische


1) Z. B. domus eciam chote teuthonice dicta (M. U.-B. V, 3080; 3212) oder obstaculum teuthonice ghewere dictum (M. U.-B. V, 3163). Oft werden auch deutsche Ausdrücke latinisiert oder sie werden dem nicht ganz entsprechenden lateinischen Ausdruck hinzugefügt mit dem Zusatz: "quod vulgo, vulgariter, in vulgari dicitur" usw. Vgl. M. U.-B. XII, Reg.-Bd. S. 495.
2) Vgl. M. U.-B. XII, Reg.-Bd. S. 105 ("Deutsche Sprache").
3) Breßlau a. a. O. Bd. II, 1915, S. 388 ist der Ansicht, daß der Sieg der deutschen Urkundensprache am frühesten in Süd- und Westdeutschland um 1300, in Mitteldeutschland um 1330 und am spätesten in Niederdeutschland um 1350 vollendet ist. Was die Urkunden der mecklenburgischen Herzöge betrifft, so wird man richtiger sagen müssen, daß seit der Mitte des 14. Jahrhunderts sich der Kampf um die Sprache immer mehr zugunsten der deutschen Sprache entscheidet. Jedoch erhält sich die lateinische Sprache, namentlich in Urkunden, die für Geistliche oder geistliche Institutionen ausgestellt werden, noch recht lange. Aus den Jahren 1351 - 1355 sind uns von den aus der mecklenburgischen Kanzlei ausgegangenen Urkunden etwa 69 erhalten, von denen 51 lateinisch und nur 18, also etwas mehr als der vierte Teil, niederdeutsch abgefaßt sind. Aus den Jahren 1356 - 1360 sind 67 Urkunden Albrechts II. erhalten, davon 31 lateinisch, 36, also über die Hälfte, niederdeutsch. Dieser Statistik liegen die im M. U.-B. veröffentlichten
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Kirchensprache hat am Ende des Jahrhunderts in den Urkunden durchaus ihren Vorrang verloren. Sie wird mehr und mehr das Opfer der Verweltlichung der Kultur.

Auch Kanzleibücher sind zeitweise in der Mecklenburg-Schweriner Kanzlei geführt worden. Sie setzen nicht nur die Organisation der Kanzlei voraus, sondern deuten auch darauf hin, daß die Kanzlei wenigstens zu der Zeit, wo nachweislich solche Bücher geführt worden sind, einigermaßen ständig und regelmäßig zu arbeiten pflegte. Man betrachtet daher die Kanzleibücher als "das Kennzeichen und die Errungenschaft einer geordneten organisierten Kanzlei" 1 ). Nur wenige Registerbruchstücke der mecklenburgischen Kanzlei sind uns erhalten. Als nicht lange nach der Erwerbung der Grafschaft Schwerin Johannes Kröpelin (1361 bis 1362) an die Spitze der Kanzlei berufen wurde, hat dieser Kanzler den Brauch der Registerführung in die mecklenburgische Kanzlei eingeführt 2 ). Vor Johannes Kröpelins Amtstätigkeit sind mir keinerlei Anzeichen von Registerführung in der mecklenburgischen Kanzlei begegnet. Jedoch diese Ansätze zu einem geregelten Verwaltungsverfahren scheinen über ihre ersten Anfänge nicht hinausgekommen zu sein. Die politischen Verhältnisse Mecklenburgs in den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts, insbesondere der Kampf der Herzöge um ihre nordische Machtstellung, mögen dazu beigetragen haben, die stetige Fortentwicklung und den inneren Ausbau der Verwaltung zu hemmen. Erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts sind in der Schweriner Kanzlei wieder nachweislich Geschäftsbücher zur Kontrolle der Verwaltung geführt worden, namentlich während der Zeit, als Johann Hesse (1440 bis 1449) der Kanzlei angehörte.

Mit Johann Hesse, welcher sich um die innere Ausgestaltung des Kanzleibetriebes sehr verdient gemacht zu haben scheint, dringt auch in die Kanzlei der Mecklenburg-Schweriner Herzöge der in anderen Territorien schon längst übliche Brauch 3 ) ein, die Ur-


(  ...  ) Urkunden, die vermutlich in der mecklenburgischen Kanzlei gefertigt wurden, zugrunde. Ausgeschieden sind diejenigen Urkunden, welche nur in Form eines Regestes aus späterer Zeit erhalten sind. Mögen obige Zahlen auch unvollständig sein, das eine lehren sie doch, daß seit der Mitte des 14. Jahrhunderts die Zahl der niederdeutschen Urkunden mehr und mehr steigt, daß aber der Sieg der niederdeutschen Sprache in Mecklenburg um 1350 noch keineswegs vollendet ist.
1) Redlich a. a. O. S. 165.
2) Vgl. unten Kap. 3, § 2, S. 73 ff.
3) In Deutschland kommt dieser Brauch im 14. Jahrhundert auf, und zwar früher auf Urkunden der Territorialfürsten als in der Reichskanzlei: In Tirol zuerst 1314 (R. Heuberger, Mitt. des Instituts für
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kunden gelegentlich mit Kanzleivermerken zu versehen. Auf einer Urkunde der mecklenburgischen Herzöge ist mir ein solcher Vermerk zum erstenmal im Jahre 1446 begegnet, und zwar in der Form von "de mandato domini Jo. Hesse", etwas früher schon auf Registerabschriften, zuerst 1442 in der Form von "dominus mandauit et examinauit" 1 ). Nicht immer läßt es sich mit Sicherheit ausmachen, ob in einem Falle, wo sich unter einer Registerabschrift ein Kanzleivermerk findet, ein solcher Vermerk auch auf dem entsprechenden Original gestanden hat 2 ). Die Kanzleivermerke sind seitens der Kanzlei bzw. der Kanzleibeamten zu ihrer persönlichen Deckung dem Landesfürsten gegenüber auf Urkunden oder Registerabschriften geschrieben und begegnen auch noch nach dem Ausscheiden Johann Hesses aus der Schweriner Kanzlei gelegentlich unter Urkunden, Urkundenabschriften oder Konzepten 3 ). Als Vorläufer der Kanzleivermerke werden wir mit Redlich 4 ) die datum-per-manus-Formel ansehen dürfen, welche besonders charakteristisch ist für die Zeit, als die Kanzlei noch nicht organisiert war. Die Kanzleivermerke enthalten nicht nur wichtige Nachrichten über die Entstehung der Urkunden, sondern sind auch eine ergiebige Quelle für die Erforschung der mittelalterlichen Hofverwaltung. Besonders dort, wo sie häufig zu finden sind und die mannigfachsten Formen aufweisen, wie etwa in österreichischen und brandenburgischen Urkunden, geben sie uns erwünschten Aufschluß über das Zusammenwirken von Rat und Kanzlei 5 ).


(  ...  ) österreichische Geschichtsforschung [M. J. Ö. G.] Bd. 33 S. 433), in Österreich 1347 (O. H. Stowasser, Die österreichischen Kanzleibücher vornehmlich des 14. Jahrhunderts und das Aufkommen der Kanzleivermerke, M. J. Ö. G. Bd. 35 S. 708); in Brandenburg 1372 (Spangenberg, Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg S. 548); in der Reichskanzlei um die Mitte des 14. Jahrhunderts seit Karl IV. (Erben, Urkundenlehre I. Teil, 1907, S. 262); besonders früh sind Kanzleivermerke auf französischen Urkunden zu finden, vgl. Erben a. a. O. S. 262.
1) Vgl. Anlage 2 Nr. 13 und Nr. 2. Auf dem umgeschlagenen Buge einer Urkunde König Albrechts von Schweden aus dem Jahre 1385 befindet sich ausnahmsweise einmal der einfache Namensvermerk eines Kanzleibeamten. Vgl. Anlage 2 Nr. 1.
2) Vgl. Anlage 2 Nr. 8. Hier fehlt auf dem Original der Kanzleivermerk, während die entsprechende Registerabschrift einen solchen aufweist.
3) Vgl. Anlage 2 Nr. 20 ff.
4) A. a. O. S. 157.
5) Über die äußeren Formen der mecklenburgischen Kanzleivermerke vgl. die Vorbemerkung zu Anlage 2. Ihre inhaltliche Auswertung erfolgt in dem Abschnitt über das Verhältnis von Rat und Kanzlei Kap. 2 § 2 S. 59 ff. Allgemeine Bemerkungen über Kanzleivermerke
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Die Neuerungen im Geschäftsbetrieb der Kanzlei, insbesondere das Vorkommen der Kanzleibücher und Kanzleivermerke, sind wohl durchweg auf die Initiative der maßgebenden Persönlichkeiten der Kanzlei, vor allem bestimmter Kanzler, zurückzuführen. Daraus erklären sich die Schwankungen in der Tätigkeit der Beamten und in den Kanzleigebräuchen. Die Kanzler scheinen nicht nur das Kanzleiwesen jeweils bestimmend beeinflußt zu haben, sondern sind überhaupt die Seele der mittelalterlichen Verwaltung gewesen. Deshalb erwecken ihre Persönlichkeiten und ihre Lebensumstände ein besonderes Interesse.

Nach der Erwerbung der Grafschaft Schwerin (1359) blieb zunächst Bertram Behr an der Spitze der Kanzlei Albrechts II., jedoch nur noch kurze Zeit. Am 25. Mai 1360 begegnet er noch als Kanzler. Bald darauf fiel er bei Albrecht II. in Ungnade und wurde seines Amtes entsetzt, offenbar infolge eines Zwistes mit anderen Hofbeamten, insbesondere mit einem Getreuen des Herzogs, dem Ritter Heinrich v. Stralendorf. Es ist uns ein undatiertes Schriftstück Bertram Behrs erhalten, in welchem er sich bei dem Herzog gegen Anschuldigungen des Ritters Stralendorf verantwortet 1 ). Aus diesem Schreiben geht offensichtlich hervor, daß dem Kanzler zum Vorwurf gemacht worden ist, er habe


(  ...  ) finden sich bei Breßlau a. a. O. Bd. II S. 98 ff.; Erben a. a. O. S. 256 ff.; Redlich a. a. O. S. 167 ff. Über österreichische Kanzleivermerke vgl. z. B. G. Seeliger, Hofmeisteramt, 1885, S. 97 ff.; A. v. Wretschko, Das österreichische Marschallamt im Mittelalter, 1897, S. 162 ff.; S. 192 ff.; Stowasser, M. J. Ö. G. Bd. 35 S. 707 ff. und F. Wilhelm, Die Kanzleivermerke der österreichischen Herzogsurkunden, M. J. Ö. G. Bd. 38 S. 39 ff. Über brandenburgische Kanzleivermerke vgl. L. Lewinski, Kanzlei- und Urkundenwesen während der Regierung der beiden ersten hohenzollernschen Markgrafen, 1893, S. 74 ff.; S. 139 ff.
1) M. U.-B. XIV, 8753. Gegen drei verschiedene Vorwürfe verwahrt sich der Kanzler. Erstens weist er es zurück, daß er in Falsterbo und Skanör, dem Pfandbesitz Heinrichs v. Stralendorf, unrechtmäßigerweise für sich Zoll erhoben habe; zweitens rechtfertigt er sich wegen eines Streites mit Stralendorf betreffs Urkunden; drittens nimmt er Stellung zu dem gegen ihn erhobenen Vorwurf, daß er den Ritter wegen der Urkunden des Grafen von Tecklenburg verleumdet habe. Zu diesem dritten Punkt erklärt der Kanzler im einzelnen, was ihn veranlaßt habe, die Anschuldigungen zu erheben. "Nicht allene vmb de breue, men vmb alle bose handelinge, de my toschoven wart iegen iw, here hertoge Albert, vnd iegen andere heren, und dat gi my to eneme vngenedigen heren maket worden, dar sprak ik vmb alsodanege wort, myne ere to vor antwordende, der ik van eren nicht swigen mochte, vnd dar mende ik de mede, de my dat gemaket hadden, vnd dat togeschouen hadden iegen iw ofte iegen andere heren vnd dar in rade vnd dade mede gewesen hadde[n], vnd des doch nicht wolden bekant wesen, vnd mende dar anders nummende mede."
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gegen die Interessen seines Herrn gehandelt. Nach der Darstellung Bertram Behrs haben seine persönlichen Widersacher bei dem Herzog gegen ihn intrigiert mit dem Erfolg, daß der Kanzler in Ungnade fiel. Bertram Behrs Versuch, den Herzog von seiner Unschuld zu überzeugen 1 ), ist offenbar nicht gelungen. Fast ein Jahr scheint er vom Hofe verbannt gewesen zu sein. 1361 erscheint er aber wieder in den herzoglichen Urkunden als "clericus noster dilectus" 2 ).

An die Spitze der Kanzlei war inzwischen der Magister Johannes Kröpelin (1361 - 62) berufen worden. Er war Geistlicher der Schweriner Diözese und muß über eine umfangreiche Bildung verfügt haben 3 ). Nach Johann Kröpelin hat im Jahre 1363 wiederum Bertram Behr das Kanzleramt vorübergehend bekleidet 4 ). Da im Jahre 1366 seiner als "cancellarius bone memorie" gedacht wird, muß er spätestens in diesem Jahre gestorben sein 5 ).

Von 1366 bis 1374 war Johann Schwalenberg Kanzler am Hofe Albrechts II. Seit 1358 ist er als Hofgeistlicher 6 ), seit 1361 als Schreiber 7 ) nachzuweisen. Er gehört also in die Reihe derjenigen Kanzler, welche unmittelbar aus der Kanzlei hervorgegangen sind. 1360 begegnet er als ständiger Vikar in Lübeck 8 ), bald darauf wurde er von Herzog Albrecht dem Ratzeburger Bischof für die Besetzung der Gadebuscher Pfarre präsentiert 9 ). 1364 unternahm er eine Pilgerfahrt zum Papst nach Avignon und er-


1) Der letzte Satz seines Briefes läßt die Hoffnung durchblicken, daß es ihm gelingen möge, die Gunst des Herzogs wieder zu gewinnen: "Darvmb, gnedige here, alles dinges to mynne vnd to rechte ga ik to iw, ik Bertrame Behre, iwwe arme dener."
2) M. U.-B. XV, 8880 (6. 5. 1361).
3) Als Inhaber einer Rostocker Vikarei nahm er im Jahre 1351 sein Studium wieder auf und ließ sich zu diesem Zwecke von dem bischöflich schwerinschen Offizial Dietrich Möllner einen dreijährigen Urlaub gewähren (vgl. M. U.-B. 7509, 9. 9. 1351).
4) M. U.-B. XV, 9148 (19. 3. 1363); 9210 (27. 10. 1363).
5) In M. U.-B. XVI, 9525 wird über die Einkünfte der Wismarer Vikarei, "quam alias dominus Thydericus Zackeluitze defunctus et post eum Bertrammus Behre cancellarius noster bone memorie possidebant", neu verfügt. Diese Notiz setzt also den Tod des Kanzlers voraus. Deshalb kann Bertram Behr 1375 nicht mehr Kanzler gewesen sein, wie Küster a. a. O. S. 136 meint. Vielleicht ist M. U.-B. XVIII, 10 705, wo Bertram Behr nochmals als Kanzler erwähnt wird, eine Fälschung.
6) M. U.-B. XIV, 8530.
7) M. U.-B. XIV, 8584 Anm.
8) M. U.-B. XIV, 8803.
9) M. U.-B. XV, 8942.
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reichte zugunsten seiner Gadebuscher Kirche einen Ablaß 1 ). Schwalenberg gehörte dem Schweriner Domstift an und wurde 1372 Domscholastikus, anscheinend entgegen der Anordnung des Papstes Gregor XI., welcher zum Nachfolger des verstorbenen Schweriner Scholastikus den Rektor der Neubukower Pfarrkirche Johann Bukow bestimmt hatte 2 ). Johann Schwalenberg entfaltete am Hofe Albrechts II. als herzoglicher Rat und Kanzler eine reiche Tätigkeit. In den meisten Urkunden, die während seiner Kanzlerschaft ausgestellt wurden, tritt er als Zeuge auf. Solange er herzoglicher Hofbeamter war, scheinen seine geistlichen Berufspflichten oft stark in den Hintergrund getreten zu sein. Gelegentlich konnte er sogar den ihm vom Papst erteilten Auftrag, in einem Appellationsprozeß als Richter zu fungieren, nicht ausführen, sondern subdelegierte seinerseits einen anderen Geistlichen als Richter 3 ). Bei Herzog Albrecht scheint Johann Schwalenberg in hoher Gunst gestanden zu haben. Er wurde nicht nur in seiner geistlichen Laufbahn gefördert 4 ), sondern auch mit Pfründen ausgestattet 5 ). - Während der letzten Jahre Albrechts II., von 1375 - 79, versah Albert Konow das Kanzleramt. Dieser war mindestens seit 1369 Propst des Klosters Eldena 6 ) und ist anscheinend auch während seiner Kanzlerschaft in enger Verbindung mit dem Kloster geblieben, da wir ihn gelegentlich für dieses wirken sehen 7 ). Auch auf das materielle Wohl seines Klosters ist er sehr bedacht gewesen 8 ). Nach dem Tode


1) M. U.-B. XV, 9313. Auf dieser Reise scheint er großen Schaden erlitten zu haben. M. U.-B. XV, 9312 befiehlt Papst Urban V. dem Abt des Michaelisklosters zu Lüneburg, er solle dem Johann Schwalenberg, dem auf seiner Pilgerfahrt an den päpstlichen Hof große Nachteile zugefügt seien, "in statum debitum legiteme revocare".
2) Vgl. M. U.-B. XVIII, 10 342 und 10 343. Als Schweriner Domscholastikus trug er die Verantwortung für das gesamte Urkundenwesen des Schweriner Stiftes. Vgl. die Aufzeichnung der Gewohnheiten des Stiftes etwa aus dem Jahre 1370 M. U.-B. XVI, 10 128, S. 640.
3) M. U.-B. XVIII, 10 551.
4) Vgl. oben.
5) Vgl. M. U.-B. XVI. 9552. Hier trägt der Propst der Schweriner Kirche dem Pfarrer von Neustadt auf, den Prokurator Johann Schwalenbergs in die diesem von Albrecht II. verliehene Vikarei an der Burgkapelle zu Neustadt einzuführen.
6) M. U.-B. XVI, 9973.
7) Z. B. M. U.-B. XIX, 11 031.
8) Wenn gleich zu Beginn seiner Kanzlerschaft Herzog Albrecht II. dem Kloster Kornhebungen aus dem Dorfe Rambow schenkt (M. U.-B. XIX, 10 862), so dürfen wir diese Maßnahme wohl auf die Fürsprache des Klosterpropstes und Kanzlers zurückführen. Selbst mit eigenen
(  ...  )
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Albrechts II. im Jahre 1379 ist er unter dessen Söhnen nur noch kurze Zeit Kanzler gewesen 1 ). Seit diesem Jahre widmete er sich wieder ausschließlich dem Dienste des Klosters Eldena.

Fünf Kanzler haben während der Regierungszeit Albrechts II. (1336 - 79) an der Spitze der mecklenburgischen Kanzlei gestanden. Sie scheinen durchweg eine bedeutende Rolle im herzoglichen Hofleben und in der Verwaltung des Landes gespielt zu haben. Die meisten Urkunden erwähnen sie als Zeugen oder fürstliche Ratgeber.

Über das mecklenburgische Kanzleiwesen unter den Nachfolgern Albrechts II., Heinrich III., Magnus I., Albrecht III. 2 ) und Albrecht IV. 3 ), ist nur sehr wenig bekannt. Das Kanzleipersonal tritt in den Urkunden dieser Jahre, welche uns zum Teil in sehr geringem Umfange erhalten sind, auffallend stark zurück. Nicht einmal eine lückenlose Zusammenstellung der Kanzler ist möglich. Im Jahre 1384 begegnet uns als Kanzler Albrechts IV. und seines Oheims Magnus I. Johann Reinwerstorf 4 ), Propst zu Neukloster 5 ), welcher als solcher am 10. August 1385 von dem Schweriner Bischof Potho seiner pröpstlichen Würde entkleidet und durch einen Nachfolger ersetzt wurde 6 ). 1386 wird Detlev v. Siggen als Kanzler Albrechts III. erwähnt 7 ); Johann Brugow, welcher von Küster 8 ) irrtümlich unter den Kanzlern der Herzöge von Schwerin aufgeführt wird, war 1389 Kanzler am Stargarder, nicht am Schweriner Hofe 9 ).


(  ...  ) Mitteln hat Albert Konow das Kloster Eldena gefördert. M. U.-B. XIX, 11 061 schenkt er dem Kloster alles, was er für dasselbe aus eigener Tasche bezahlt hat.
1) M. U.-B. XIX, 11 229 (25. 11. 1379) begegnet er noch als Kanzler der drei Söhne Albrechts II., der Herzöge Heinrich III., Magnus I. und Albrecht III.
2) Albrecht III., seit 1364 König von Schweden, regierte in den Jahren 1385 - 88 und nach dem Verlust der schwedischen Herrschaft von 1395 bis 1412 in Mecklenburg.
3) Albrecht IV., Sohn Heinrichs III., sukzedierte nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1383.
4) M. U.-B. XX, 11 580.
5) M. U.-B. XX, 11 629.
6) M. U.-B. XX, 11 701. Der Schweriner Bischof sah sich zu dieser Maßnahme veranlaßt, weil Johann Reinwerstorf als Klosterpropst die ihm von Herzog Albrecht IV. präsentierte Pfarre zu Boizenburg übernommen hatte.
7) M. U.-B. XXI, 11 780; 11 789.
8) A. a. O. S. 136.
9) M. U.-B. XXI, 12 065 S. 276.
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Durch die Schlacht bei Falköping im Jahre 1389 erreichte die mecklenburgische Machtstellung im Norden endgültig ihr Ende. Der Schwedenkönig und Herzog von Mecklenburg Albrecht III., nach dem Tode seiner Brüder und seines Neffen Albrechts IV. der allein noch übrige erwachsene männliche Sproß des Schweriner Hauses, geriet in die Gefangenschaft der norwegischen Königin Margarete und wurde über sechs Jahre auf der Feste Lindholm in Haft gehalten. Johann von Mecklenburg-Stargard, welcher während der Gefangenschaft Albrechts III. zur Regentschaft im Reiche Schweden und im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin berufen ward 1 ), war durch die nordischen Händel vollauf in Anspruch genommen, sodaß Mecklenburg-Schwerin in diesen Jahren "so gut wie verwaist" war. Nachdem Albrecht III. im Jahre 1395 nach langwierigen Verhandlungen aus der Haft entlassen worden war und die Regierung in Mecklenburg-Schwerin wieder übernommen hatte, wurde das Kanzleramt von 1396 bis 1399 von Karl Hakonsson versehen 2 ). Dieser Kanzler war, wie schon der Name beweist, Schwede von Geburt. Durch die Beziehungen Albrechts III. zu Schweden wird er an den Hof der Mecklenburg-Schweriner Fürsten gekommen sein. Er war gleichzeitig Inhaber einer hohen geistlichen Würde in Schweden, nämlich des Archidiakonates von Upsala 3 ). Karl Hakonsson hat zusammen mit dem Ritter Helmold von Plessen anscheinend eine führende Rolle in der mecklenburgischen Politik gespielt 4 ).


1) Witte a. a. O. Bd. I S. 223/24.
2) Erstmalige Erwähnung als Kanzler M. U.-B. XXIII, 12 929 (3. 3. 1396), zum letztenmal begegnet er als solcher M. U.-B. XXIII, 13 445 (25. 4. 1399).
3) M. U.-B. XXIII, 13 076 (10. 3. 1397).
4) 1397 (M. U.-B. XXIII, 13 173) verhandelten die beiden Räte, mit einem Beglaubigungsschreiben Albrechts III. versehen, mit den Hansestädten, übermittelten ihnen den Dank ihres Herrn für ihre Bemühungen um seine Befreiung aus der Gefangenschaft, beschwerten sich im Namen des Herzogs wegen des Friedensbruches der Königin Margarete und baten um weitere Unterstützung gegen die Königin. Die Ratssendeboten ihrerseits trugen den beiden herzoglichen Bevollmächtigten auf, bei Albrecht III. vorstellig zu werden, daß er mit Nachdruck dem Piratenunwesen der Vitalienbrüder steuere, wodurch die Hansestädte großen Schaden erlitten hätten. 1398 (M. U.-B. XXIII, 13 330) wandten sich die Vertreter der Hansestädte ebenfalls an diese beiden mecklenburgischen Diplomaten mit der Bitte, ihren Herrn Albrecht III. zu bewegen, daß er beizeiten das Lösegeld für seine Freilassung bezahle, widrigenfalls sie Stockholm, welches den Hansestädten als Friedenspfand überliefert worden war, der Königin Margarete ausliefern würden.
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Der nächste uns bekannte Kanzler, Johannes von Bentlage, ist wieder unmittelbar aus der Kanzlei hervorgegangen. Schon 1388 war er Schreiber Albrechts III. 1 ); 1406 taucht er wieder auf als Kanzler 2 ) und scheint dieses Amt 1407 noch in Händen gehabt zu haben 3 ). Um 1388 war er Pfarrer in Buchholz 4 ). An seine Stelle als Kanzler scheint Henning Slapelow getreten zu sein, welcher 1409 den Kanzlertitel führt 5 ). Mit dem Tode Albrechts III. im Jahre 1412 schließt eine für die Erforschung des mecklenburgischen Kanzleiwesens recht wenig ertragreiche Periode ab.

Unter Johann IV. († 1422), dem Neffen, und Albrecht V. († 1423), dem Sohn Albrechts III., gelangte mit Nikolaus Reventlow wiederum eine Persönlichkeit an die Spitze der Kanzlei, welche alle für das Kanzleramt erforderlichen Eigenschaften besessen zu haben scheint. Schon bevor er in den mecklenburgischen Hofdienst eintrat, befand er sich in der geachteten Stellung eines officialis generalis, iudex und subconservator der Schweriner Kirche 6 ). Mindestens 23 Jahre, von 1415 bis 1438 7 ), hat Nikolaus Reventlow das Kanzleramt am Schweriner Hofe bekleidet und überstand zweimal den Regierungswechsel, im Jahre 1423, als die Herzogin Katharina für ihre unmündigen Söhne die Regierung übernahm, und 1436, nachdem Katharinas Sohn Heinrich IV. großjährig geworden war. Seine wissenschaftliche Ausbildung hat er vermutlich an der Erfurter Universität genossen 8 ). Er war nicht nur theologisch gebildet (Magister), sondern scheint auch über umfangreiche Rechtskenntnisse verfügt zu haben. Im Februar 1434 wurde er an der Rostocker Universität unter dem Titel Licentiatus in iure canonico can-


1) M. U.-B. XXI, 12 034.
2) S. A. Reg. 3. 12. 1406.
3) S. A. Reg. 27. 5. 1407. Am 30. 9. 1408 stiftete er für eine Vigilie und Messe 5 Mark. In der betreffenden Urkunde nennt er sich nicht mehr Kanzler.
4) M. U.-B. XXI, 12 034.
5) S. A. Reg. 19. 11. 1409.
6) S. A. Reg. 15. 4. 1413.
7) P. Steinmann, Finanz-, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Regierungspolitik der mecklenburgischen Herzöge im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, M. J.-B. Bd. 86 S. 113 beschränkt seine Amtstätigkeit auf die Jahre 1417 - 1428. Tatsächlich begegnet Nikolaus Reventlow als Kanzler schon am 3. 11. 1415 und zuletzt am 17. 4. 1438. Vgl. S. A. Reg.
8) Im S. S. 1408 war an der Erfurter Universität ein Nikolaus Reventlow immatrikuliert, der mit dem späteren mecklenburgischen Kanzler identisch sein dürfte.
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cellarius principis terre ehrenhalber immatrikuliert 1 ), eine Ehrung, welche in dieser Zeit nicht einzigartig dasteht, aber immer eine geachtete Stellung voraussetzt. Nikolaus Reventlow ist also vielleicht der erste juristisch geschulte Kanzler in Mecklenburg gewesen. Die Gewohnheit, Juristen zu Leitern der Kanzlei zu bestellen, bürgerte sich jedoch erst seit Ende des 15. Jahrhunderts in Mecklenburg ein. Reventlow gehörte zu den einflußreichsten Räten der mecklenburgischen Herzöge und wurde mit Vorliebe in den Urkunden an die Spitze der Zeugenliste gestellt. Das Kanzleramt in den Händen dieses gelehrten Mannes scheint das erste und wichtigste Hofamt gewesen zu sein. Seit etwa 1422 ist der Kanzler wieder in nähere Beziehungen zur Kirche getreten. Mehrfach tritt er uns als Schweriner Domherr in den herzoglichen Urkunden entgegen 2 ) und übt als solcher 1424 Patronatsrechte an der Vikarei der Kröpeliner Pfarrkirche aus 3 ). Um 1431 war er Archidiakon in Waren 4 ). Den Kanzlerposten hatte er 1438 noch inne. Bald darauf wird er gestorben sein, da am 14. Mai 1440 sein Nachfolger im Kanzleramt, Henning Karutze, zu ewigem Gedächtnis seines Vorgängers dem Schweriner Kapitel eine Stiftung machte 5 ).

Von 1440 bis 1446 verwaltete Henning Karutze das Kanzleramt. Schon vorher stand er in mecklenburgischen Hofdiensten, seit 1437 nachweislich als Schreiber 6 ). Vielleicht hat er aber schon früher der Kanzlei angehört 7 ). Wie Nikolaus Reventlow, gehörte auch Henning Karutze dem Schweriner Domstift an 8 ) und war um 1446 Archidiakon von Rostock 9 ), später Pfarrer an St. Jakobi daselbst 10 ). Am 30. März 1446 ist er mir zum letztenmal urkundlich als Kanzler begegnet. Zerwürfnisse mit dem Herzog Heinrich IV. scheinen nicht die Veranlassung gegeben zu haben, daß er vom Kanzleramt zurücktrat, da er auch später vielfach in


1) Vgl. Hofmeister, Die Matrikel der Universität Rostock 1889 Bd. I S. 46 unter dem angegebenen Datum.
2) Z. B. S. A. Reg. 29. 12. 1422.
3) S. A. Reg. 19. 11. 1424.
4) S. A. Reg. 12. 8. 1431.
5) Vgl. S. A. Reg.
6) S. A. Reg. 2. 2. 1437.
7) In den Schloßrechnungen der 30er Jahre begegnet er oft als Bote und Beauftragter des Herzogs, z. B. S. A. Schloßrechn. Wittenburg 1432/33 Fol. 1 a; 1433/34 Fol. 14 a; Schloßrechnungen Gadebusch 31. 5. 1436.
8) S. A. Reg. 7. 1. 1444.
9) S. A. Reg. 25. 10. 1446.
10) S. A. Reg. 1. 5. 1457.
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Diensten des Herzogs tätig war und enge Beziehungen zum Hof aufrecht erhielt 1 ).

An Henning Karutzes Stelle trat etwa im Jahre 1446 Johannes Hesse. Seit 1440 ist er als Schreiber nachzuweisen 2 ). Neben dem Kanzler Henning Karutze wird auch er seit 1444 gelegentlich Kanzler 3 ) oder Protonotar 4 ) und seit 1446 mitunter Vizekanzler 5 ) genannt. Dies ist wohl der einzige Fall, wo in der mecklenburgischen Kanzlei während des späteren Mittelalters neben dem Kanzler ein Protonotar oder Vizekanzler nachzuweisen ist. Am 21. Oktober 1449 begegnet Johannes Hesse zuletzt als Kanzler. Falls er identisch ist mit einem Studenten gleichen Namens, welcher im W.-S. 1425/26 an der Rostocker Universität als baccalaureus Pragensis immatrikuliert war, so stammt er aus Pasewalk in Pommern 6 ). 1440 war er Pfarrer in Harmsdorf 7 ). Bald darauf wurde er Pfarrer an der St. Petrikirche zu Rostock 8 ). 1444 schenkte Heinrich IV. seinem Schreiber für treue Dienste auf Lebenszeit die auf die Bewohner des Dorfes Papendorf gelegten Dienste, Beden, Ablager oder sonstigen Auflagen 9 ). Da diese Hebungen 1453 seinem Nachfolger im Pfarramt an der Petrikirche verliehen wurden 10 ), so ist er vermutlich nicht lange nach seinem Ausscheiden aus dem mecklenburgischen Hofdienst gestorben.

Von 1450 bis 1458 begegnet der Kanzlertitel m. W. überhaupt nicht. Die Kanzleigeschäfte sind in diesen Jahren vor allem von den abwechselnd Schreiber und Sekretär genannten Heinrich Bentzien und Hermann Widenbrügge besorgt worden. Heinrich Bentzien nahm durchaus die Stellung eines Kanzlers ein. Er war fast auf allen Gebieten der herzoglichen Verwaltung und Regie-


1) Am 21. 12. 1452 war er noch beteiligt an einer Abrechnung mit dem Neustädter Vogt (S. A. Schloßrechnungen Neustadt 1453 Fol. 1 a). S. A. Reg. 15. 6. 1453 nimmt Herzog Heinrich IV. eine Reihe von Kirchenmännern, u. a. auch Henning Karutze, in seinen Schutz. S. A. Reg. 1. 5. 1457 verkauft der Herzog seinem früheren Kanzler Nutzungen.
2) S. A. Reg. 10. 2. 1440.
3) S. A. Reg. 1. 6. 1444; 10. 11. 1445.
4) S. A. Reg. 26. 1. 1446; 9. 3. 1446; 25. 5. 1446.
5) S. A. Reg. 25. 7. 1446; 18. 5. 1447; 1. 5. 1449.
6) Vgl. Hofmeister a. a. O. S. 23, S. 25, jedoch auch in Erfurt waren in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nicht weniger als sechs Studenten immatrikuliert, welche Johann Hesse hießen.
7) S. A. Reg. 10. 2. 1440.
8) S. A. Reg. 1. 1. 1441.
9) S. A. Reg. 1. 1. 1444.
10) S. A. Reg. 1. 5. 1453, vgl. auch 16. 10. 1452.
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rung tätig 1 ). Den Kanzlertitel führte er erst gelegentlich seit 1459 2 ). Aber auch später wird er gewöhnlich Sekretär oder einfach Schreiber genannt. Heinrich Bentzien war um 1453 Pfarrer zu Hohen Sprenz 3 ), später Vikar an der Marienkirche zu Rostock 4 ), dann Pfarrer an St. Jakobi daselbst 5 ). Seit 1462 gehörte er auch dem Lübecker Domstift an 6 ). Seit dem Ende der 60er Jahre zog sich Heinrich Bentzien mehr und mehr aus dem Hofleben zurück, um sich seinem geistlichen Berufe zu widmen. Jedoch begegnet er später noch gelegentlich in den Zeugenlisten Heinrichs IV. und gehörte sogar noch nach dessen Tode (1477) zu den Ratgebern der drei Söhne Heinrichs IV. 7 ).

Etwa 1469 8 ) übernahm Thomas Rode das Kanzleramt. Seit 1461 gehörte er der Kanzlei an, zunächst als einfacher Schreiber 9 ), von 1467 bis 1469 als Sekretär 10 ). Schon bevor er den Kanzlerposten übernahm, spielte er eine bedeutende Rolle am Hofe Heinrichs IV., und als Kanzler scheint er der einflußreichste Hofmann und geschickteste Diplomat des Herzogs gewesen zu sein. Häufig


1) Schon als einfacher Schreiber verhandelten er und der Kanzler Johann Hesse 1448 mit dem Schweriner Bischof zwecks Aufnahme einer Anleihe. (Vgl. M. J.-B. Bd. 24 S. 222/23.). Später schickte der Herzog ihn zu den Testamentariern des Schweriner Bischofs, um wegen der Einlösung der Rostocker Orbör und der Verpfändung der Boizenburger Orbör zu verhandeln. (Vgl. M. J.-B. Bd. 24 S. 256.). Er vermittelte Geldzahlungen zwischen den Vögten und dem Herzog (S. A. Schloßrechnungen Gadebusch, 9. 3. 1449), verhandelte im Auftrage Heinrichs IV. mit dem Rat von Lübeck (S. A. Reg. 19. 8. 1458; 2. 10. 1458; 31. 3. 1461; 24. 8. 1465; 20. 1. 1467), gelegentlich auch mit dem Stralsunder Rat (S. A. Reg. 4. 11. 1466; 17. 9. 1468), gehörte zu den Räten des Herzogs (S. A. Reg. 22. 1. 1454; 17. 11. 1454; 8. 12. 1458 usw.) und war oft beteiligt an den Abrechnungen des Herzogs mit den Vögten (S. A. Schloßrechn. Neustadt 1453 Fol. 1 a; Schuldverschreibungen Fasz. 6 Nr. 192; Amtsurkund. Grevesmühlen [13. 6. 1459]; Schloßrechn. Schwerin 1458 [28. 4. 1461]; Schloßrechn. Schwaan 1460 - 63).
2) S. A. Reg. 5. 1. 1459, später auch einmal im Munde des Lübecker Domkapitels in einem Brief an den mecklenburgischen Herzog (S. A. Auswärtige Akten Lübeck, vol. II, 15. 8. 1464).
3) S. A. Reg. 15. 2. 1453.
4) S. A. Reg. 31. 10. 1461.
5) S. A. Reg. 31. 12. 1469.
6) S. A. Reg. 21. 5. 1462.
7) S. A. Reg. 4. 5. 1478.
8) Er begegnet als Kanzler schon S. A. Reg. 21. 7. 1469, nicht erst 1471, wie Steinmann M. J.-B. 86 S. 122 Anm. 108 annimmt.
9) S. A. Schloßrechn. Neustadt 1461/62 (17./18. 4. 1461).
10) Zuerst als Sekretär erwähnt 30. 3. 1467, nicht 1469 (Steinmann a. a. O. S. 122 Anm. 108).
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verhandelte er im Namen Heinrichs IV. mit dem Lübecker Rat 1 ). 1472 und 1474 entsandte ihn der Herzog zu diplomatischen Verhandlungen zum Kaiser 2 ), 1477 war er mit Aufträgen beim Papst 3 ). Auch als Sachwalt des Herzogs tritt der Kanzler gelegentlich auf 4 ). Er war Heinrichs IV. rechte Hand in fast allen Angelegenheiten der Regierung und Verwaltung und ein unentbehrlicher Ratgeber 5 ).

Wie als mecklenburgischer Hofbeamter, so brachte er es auch als Geistlicher zu hohen Würden. Zunächst war er Pfarrer an St. Nikolai zu Wismar 6 ), später erhielt er das Rektorat der Marienkirche zu Rostock 7 ). Um 1474 begegnet er als Schweriner Domherr 8 ) und Administrator des Schweriner Stiftes 9 ). Nach dem Tode Heinrichs IV. (1477) blieb er noch eine Reihe von Jahren mecklenburgischer Kanzler, bis er schließlich 1486 sein Amt niederlegte. Bald darauf wurde er Propst des neu errichteten Domstiftes an St. Jakobi zu Rostock 10 ). Bei den Unruhen, die gegen das


1) Von 1471 bis 1476 ist Thomas Rode mindestens neunmal im Auftrage des Herzogs in Lübeck gewesen. Vgl. die Einträge der Gadebuscher Schloßrechnungen dieser Jahre, z. B. Fol. 19 b (7. 11. 1474): "Thomas Roden 3 Mark, do hee reth mynes heren werff to lubke" usw.
2) S. A. Reg. 22. 11. 1472; 26. 9. 1474.
3) Krause, Allgemeine deutsche Biographie Bd. 29 S. 11.
4) S. A. Reg. 13. 3. 1474 appellierte Thomas Rode als Sachwalt des Herzogs in dessen Namen an Kaiser Friedrich III., weil die Lübecker gegen einen rechtmäßigen Zoll Exemtionen und Strafedikte erschlichen hätten. Vgl. auch S. A. Reg. 16. 3. 1474.
5) Wie unentbehrlich Thomas Rode dem Herzog war, geht aus einem Brief der Herzogin Dorothea an den Rat zu Wismar hervor. In diesem Schreiben (S. A. Reg. 24. 6. 1467) heißt es, der Herzog habe bei seiner Abreise von Schwerin seinen Familienangehörigen aufgetragen, die Antwort des wismarschen Rates auf seine Bitte, seinem Schreiber Thomas Rode ein Lehen zu übertragen, entgegenzunehmen. Der Herzog habe nun aber seinen Schreiber, obwohl er ihn nicht gut entbehren könne, nach Schwerin zurückgesandt, um die Antwort des wismarschen Rates zu erfahren.
6) S. A. Reg. 12. 3. 1472.
7) Krause, Allgemeine deutsche Biographie Bd. 29 S. 11.
8) S. A. Reg. 20. 2. 1474.
9) S. A. Reg. 10. 3. 1474.
10) Vgl. Witte a. a. O. Bd. I S. 285, ferner die lateinische Chronik über die Rostocker Domhändel M. J.-B. Bd. 33 S. 187 ff. Die Errichtung eines Domstiftes war schon zu Lebzeiten Heinrichs IV. eifrig von Heinrich Bentzien und Thomas Rode betrieben worden. Die geistlichen Hofbeamten hofften dort versorgt zu werden. Als dann 1487 die Rostocker Jakobikirche nach langen Kämpfen mit der Stadt zu einem Kollegiatstift erhoben worden war, wurden die vier großen Kanonikate, welche mit den Pfarren der Rostocker Pfarrkirchen dotiert waren, mit vier früheren mecklenburgischen Kanzleibeamten besetzt. Propst des neuen
(  ...  )
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junge Domstift von der Rostocker Bevölkerung erregt wurden, wurde er erschlagen, die übrigen Domherren, darunter der Dekan des Stiftes und frühere Kanzler Heinrich Bentzien, verjagt oder gefangen. Dieses Ereignis rief die sog. Rostocker Domfehde hervor, die schließlich mit der Entrichtung eines Sühnegeldes seitens der Rostocker und mit der Errichtung eines Sühnekreuzes für den erschlagenen Kanzler endete.

Über die sonstigen Beamten, welche von 1359 bis 1477 der mecklenburgischen Kanzlei angehörten, ist wenig bekannt. Wie bereits bemerkt wurde, tauchen sie nur gelegentlich in den Urkunden auf und verschwinden fast völlig hinter den Kanzlern. Soweit sie in den Quellen auftreten, sind sie einigermaßen vollständig in Anlage 1 zusammengestellt. Hier sollen nur diejenigen hervorgehoben werden, welche häufiger genannt werden, insbesondere die Sekretäre. Der erste Kanzleibeamte, welcher häufiger den Titel "secretarius" führte, ist Johannes Kremer, der von 1412 bis 1430 der mecklenburgischen Kanzlei angehörte 1 ). Er war zunächst Pfarrer in Boizenburg 2 ), dann in Gadebusch 3 ). Später begegnet er als ständiger Vikar an der Schweriner Kirche 4 ). Neben ihm tritt 1428 Johann Achim, Pfarrer von Wittenburg 5 ), mehrfach als Schreiber auf 6 ). Von 1427 bis 1430 gehörte er zu den Räten der Herzogin Katharina 7 ) und stand noch 1431 als Propst von Neukloster in Beziehungen zum Hofe 8 ). Später war er Pfarrer an St. Jürgen zu Wismar 9 ). Von 1430 bis 1431 ist Gerhard Brüsewitz als Sekretär nachzuweisen 10 ). Von 1450 bis 1462 gehörten als Sekretäre und


(  ...  ) Stiftes wurde Thomas Rode, Dekan Heinrich Bentzien, Scholastikus der frühere Sekretär Laurentius Stoltenborg, Kantor der herzogliche Schreiber Johannes Thun. Die Rostocker sahen in dem ganzen Unternehmen einen Versuch der Landesherrschaft zur Steigerung ihres Einflusses in der Stadt Rostock. Daraus erklärt sich ihr erbitterter Widerstand. Über die Rostocker Domfehde vgl. auch O. Krabbe, Die Universität Rostock, 1. Teil, Rostock und Schwerin 1854, S. 179 ff.
1) 22. 3. 1412 (S. A. Ribnitzer Klosterbriefe I, 98) erscheint er zuerst und zwar als "secretarius", zuletzt S. A. Reg. 3. 7. 1430.
2) S. A. Reg. 7. 11. 1428.
3) S. A. Reg. 3. 7. 1430.
4) S. A. Reg. 12. 4. 1433.
5) S. A. Reg. 11. 11. 1427.
6) S. A. Reg. 7. 11. 1428; 26. 11. 1428.
7) S. A. Reg. 11. 11. 1427; 28. 11. 1428; 25. 7. 1429; 1. 3. 1430.
8) Z. B. S. A. Reg. 22. 4. 1431.
9) S. A. Reg. 3. 5. 1435.
10) S. A. Reg. 14. 11. 1430; 12. 8. 1431.
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Schreiber Hermann Widenbrügge 1 ), von 1456 bis 1463 Johannes Raden 2 ), etwa von 1465 bis 1470 Johannes Berner 3 ), seit 1471 Joachim Heydeberg 4 ) und seit 1472 Laurentius Stoltenborg 5 ) der mecklenburgischen Kanzlei an. Hermann Widenbrügge war zunächst Pfarrer von Belitz 6 ), dann Kirchherr an St. Marien zu Rostock 7 ). Johann Raden war Pfarrer von Marnitz 8 ). Wie der Kanzler Thomas Rode, so blieben auch die beiden Sekretäre Joachim Heydeberg und Laurentius Stoltenborg nach dem Tode Herzog Heinrichs IV. im Jahre 1477 unter dessen Söhnen Albrecht V., Magnus II. und Balthasar weiterhin in der mecklenburgischen Kanzlei tätig.

§ 4.

Die mecklenburgische Kanzlei und die Verwaltungsreformen unter Herzog Magnus II. 9 )

Herzog Magnus II. (1477 - 1503) hat nicht nur das Verdienst, die durch unvernünftige und verschwenderische Hofhaltung seiner Vorfahren zerrütteten finanziellen Verhältnisse Mecklenburgs gebessert und neu geordnet zu haben, sondern er ist vor allem der Forderung seiner Zeit, die mittelalterliche Verwaltung und Regierung zu modernisieren, in weitem Maße gerecht geworden.


1) S. A. Reg. 11. 6. 1450 - 23. 12. 1462. Zu den Räten des Herzogs gehörte er auch noch später, zuletzt S. A. Reg. 29. 9. 1467.
2) Zunächst als Unterschreiber S. A. Reg. 8. 12. 1456, zuletzt S. A. Reg. 15. 8. 1463.
3) S. A. Reg. 8. 4. 1465, zuletzt S. A. Schloßrechn. Gadebusch um Neujahr 1470. Vielleicht ist Johannes Berner identisch mit dem späteren Amtmann von Gadebusch gleichen Namens, mit dem Herzog Heinrich IV. am 20. 11. 1475 durch seinen Kanzler Thomas Rode für die ganze Zeit seiner Amtmannschaft abrechnen läßt. Vgl. Schloßrechn. Gadebusch.
4) Seit der Vereinigung der Stargarder Lande mit Mecklenburg-Schwerin (vgl. oben S. 26).
5) S. A. Reg. 6. 1. 1472.
6) Er erhielt die Belitzer Pfarre 1450 auf Präsentation des Herzogs, S. A. Kirchenurk. Belitz I, 25.
7) S. A. Reg. 8. 7. 1456.
8) S. A. Schloßrechnungen Neustadt 1461 - 62 (17./18. 4. 1461).
9) Dieser Abschnitt, welcher in Kürze das weitere Schicksal der Kanzlei unter Magnus II. charakterisieren soll, beruht nicht auf eigenem Quellenstudium, sondern hauptsächlich auf den beiden Arbeiten von Steinmann, Finanz-, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Regierungspolitik der mecklenburgischen Herzöge im Übergange vom Mittelalter zur Neuzeit, M. J.-B. Bd. 86 S. 93 ff. und Endler, Hofgericht, Zentralverwaltung und Rechtsprechung der Räte in Mecklenburg im 16. Jahrhundert, Meckl.-Strelitzer Geschichtsblätter I. Jahrgang 1925, S. 118 ff.
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Getrieben von den Strömungen der Zeit, hat er das Reformwerk in Angriff genommen. Dabei haben ihm allem Anschein nach fremde Verwaltungsverhältnisse zum Vorbild gedient. Vor Übernahme der Regierung weilte er vielfach an fremden Fürstenhöfen, insbesondere in Franken und am Hofe der brandenburgischen Kurfürsten, welche mit dem mecklenburgischen durch enge verwandtschaftliche Bande verknüpft waren 1 ), und gehörte 1462 sogar dem brandenburgischen Rate an 2 ). Dort hat er sicher viele Anregungen empfangen und Erfahrungen gesammelt. Zur Mitarbeit an den Reformen zog er anscheinend mit Bewußtsein hauptsächlich Nichtmecklenburger, insbesondere Mittel- und Süddeutsche, an den Hof in der Überzeugung, daß die mittel- und oberdeutsche Kultur-, Verwaltungs- und Regierungstechnik der norddeutschen überlegen war. So stammte der Nachfolger Thomas Rodes, der Kanzler Johann Tigeler (1486 - 93), aus Waltershausen bei Gotha, sein Nachfolger Dr. Anthonius Grunwald (1493 - 1501) aus Nürnberg, der Kanzler Brand von Schönaich (1502 - 1507) und sein Neffe und Nachfolger Caspar von Schönaich (1507 - 1547) aus der Lausitz. Auch Claus Trutmann, der erste mecklenburgische Rentmeister, von 1501 bis 1502 Vizekanzler, stammte wie Tigeler aus Waltershausen 3 ). Mit Hilfe dieser Beamten, welche sämtlich der Kanzlei angehörten, hat Magnus sein Reformwerk durchgeführt.

Wenn auch viele Neuerungen der eigenen Initiative des Herzogs entsprungen sein mögen 4 ), so haben doch seine Gehilfen keinen geringen Anteil an der Neuordnung Mecklenburgs gehabt. Die organisatorische Tätigkeit Grunwalds kommt vor allem darin zum Ausdruck, daß er zu Beginn seiner Amtstätigkeit im Jahre 1493 eine Kanzleiordnung entwarf und dadurch der Kanzlei eine festere Organisation gab 5 ). Die Verdienste Tigelers, Grunwalds


1) Heinrich IV., der Vater Magnus II., hatte Dorothea, die Tochter Friedrichs I. von Hohenzollern, zur Gemahlin.
2) Steinmann, M. J.-B. Bd. 86 S. 123; Spangenberg a. a. O. S. 39.
3) Steinmann, M. J.-B. 86 S. 103/4, S. 107, ferner Endler a. a. O. S. 121.
4) Reimar Kock berichtet, daß Magnus überall in Deutschland der kluge Herzog genannt worden sei und die Angewohnheit gehabt habe, seine Räte, nachdem ein jeder seine Meinung geäußert habe, mit den Worten zu entlassen: "Wie danken juw juwes rades, wie raden nu vordom." Vgl. Steinmann a. a. O. S. 122.
5) Vgl. Steinmann a. a. O. S. 106. Wir dürfen der Veröffentlichung dieser ersten uns erhaltenen mecklenburgischen Kanzleiordnung durch Steinmann hoffentlich bald entgegensehen. Über die Bedeutung Brands v. Schönaich für die Entwicklung des Gerichtswesens vgl. Endler a. a. O. S. 121.
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und Trutmanns liegen besonders darin, daß sie es verstanden, "die neuen Bestrebungen und Ideen folgerichtig weiter auszubauen und durchzuführen und um die eine oder andere Anregung zu bereichern" 1 ).

Die mecklenburgische Kanzlei ist durch die Reformen Magnus II. nicht unberührt geblieben. Durch die Rezeption des römischen Rechtes, durch das Ende der 90er Jahre des 15. Jahrhunderts gegründete ordentliche Hof- und Landgericht 2 ), ferner durch die weitere Ausgestaltung des schriftlichen Verfahrens in der Verwaltung wurde die Arbeitslast der Kanzlei beträchtlich gesteigert. Insbesondere aber wuchsen die Aufgaben der Kanzlei durch die Zentralisation der Finanzverwaltung, womit Magnus bald nach Übernahme der Regierung das Reformwerk begann. Während es im Mittelalter eine Zentralstelle für sämtliche Einnahmen des Landes nicht gab, richtete Magnus II. in Schwerin eine Zentralkasse ein, in welche der größte Teil der Geldeinkünfte von den einzelnen Vogteien abgeführt wurde 3 ). Diese Zentralstelle war zunächst die Vogtei Schwerin, welche jedoch nur vorübergehend "die Funktion einer Zentralkasse" gehabt hat. Wahrscheinlich schon seit 1480, mit Sicherheit seit 1489 strömten die Einnahmen des Landes alljährlich zu bestimmten Terminen (von Martini bis Nikolai) in der herzoglichen Kanzlei zusammen. Die Verwaltung der Zentralkasse und die Führung der entsprechenden Rechnungsbücher hat offenbar zunächst den Sekretären und Schreibern obgelegen. Die beiden Kanzleisekretäre Johann Tigeler und Laurentius Stoltenborg scheinen abwechselnd die Rechnungsbücher geführt zu haben. Auch als Kanzler behielt Johann Tigeler diese Funktion bei, bis dann, nachdem Tigeler sich im Jahre 1493 zur Ruhe gesetzt hatte, ein besonderer Rentmeister in der Person des Claus Trutmann berufen wurde. Dieser wurde in der Verwaltung der Zentralkasse (auch Renterei oder Kammer genannt) verschiedentlich von Kanzleisekretären und -schreibern unterstützt und vertreten. Jedoch seit 1506 begegnen auch besondere dem Rentmeister unterstellte Rentschreiber. Erst in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts scheint die Renterei von der Kanzlei getrennt zu sein. "Dagegen stellte sie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch keine selbständige Behörde dar, sondern gehörte zur Kanzlei" 4 ).


1) Steinmann a. a. O. S. 123.
2) Steinmann a. a. O. S. 108, vgl. auch Endler a. a. O. S. 120 ff.
3) Für das Folgende vgl. Steinmann a. a. O. S. 102 - 104.
4) Steinmann a. a. O. S. 106/7.
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Die neuen Anforderungen, welche an die Kanzlei gestellt wurden, machten vor allem die Berufung eines Rechtsgelehrten an die Spitze der Kanzlei notwendig. Wenn auch schon in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ein Rechtsgelehrter in der Person des Nikolaus Reventlow (1415 - 1438) das Kanzleramt versehen hatte, so ist doch von einer "Tendenz der mecklenburgischen Fürsten, Juristen zu Leitern der Kanzlei zu bestellen, bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts nichts zu spüren" 1 ). 1493 wurde der Doktor der kaiserlichen Rechte Antonius Grunwald aus Nürnberg zum Kanzler berufen 2 ). Seit dieser Zeit waren die mecklenburgischen Kanzler in der Regel Juristen. Die Übergangszeit zeigt sich darin, daß Antonius Grunwald, wie auch sein Nachfolger Brand von Schönaich (1502 - 1507) von Haus aus noch Geistliche waren. Der erste Laienkanzler war Caspar von Schönaich (1507 - 1547) 3 ); jedoch schon früher gegen Ende des 15. Jahrhunderts begegnen uns Laien in der mecklenburgischen Kanzlei, z. B. der Schreiber Johannes Berskamp (1491) 4 ). Auch der Rentmeister Claus Trutmann, welcher nach dem Tode Grunwalds bis zur Wiederbesetzung des Kanzleramtes von 1501 bis 1502 zugleich auch Vizekanzler war, gehört zu den ersten Laien in der Kanzlei 5 ).

Freilich als Berufsbeamte in modernem Sinne werden wir die fürstlichen Beamten der Zentralverwaltung um 1500 (Kanzler, Sekretäre, Rentmeister und Hofmeister) 6 ) wohl kaum bezeichnen können 7 ), da das Berufsbeamtentum, welches die amtliche Tätigkeit zum Lebensberuf macht, sich erst ganz allmählich ausbildete 8 ). Daß aber die Verwaltungsreformen Magnus II. die Entwicklung des Berufsbeamtentums in hohem Maße gefördert haben, steht zweifellos fest. Das kommt auch darin zum Ausdruck, daß die Hofbeamten mehr und mehr ein festes, "meist recht hohes Jahres-


1) Steinmann a. a. O. S. 113.
2) Steinmann a. a. O. S. 106.
3) Steinmann a. a. O. S. 107.
4) Steinmann a. a. O. S. 107 Anm. 51.
5) Steinmann a. a. O. S. 107.
6) Vgl. Steinmann a. a. O. S. 109 f.
7) Steinmann, M. J.-B. Bd. 88 S. 56; Bd. 86 S. 113. Ebenda S. 107 nennt Steinmann den Rentmeister Claus Trutmann einen der ersten mecklenburgischen Beamten im modernen Sinne.
8) Vgl. G. Schmoller, Über Behördenorganisation, Amtswesen und Beamtentum im allgemeinen, speziell in Deutschland und Preußen bis zum Jahre 1710. Einleitung zu den Acta Borussica Bd. 1, Berlin 1894, S. 18, S. 31 - 33, S. 46 ff.
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gehalt" bezogen 1 ), während sie früher im wesentlichen durch weltliche oder geistliche Lehen, Exemptionen und Nutzungen aller Art entlohnt wurden. Auch Schmoller 2 ) sieht darin, daß nach und nach "an die Stelle des Unterhalts in der Familie des Herrn oder der Landdotierung die Bezahlung der arbeitsteiligen Leistungen durch Gehalte" trat, nur eine Entwicklungsstufe des modernen Berufsbeamtentums.

Die entscheidende Bedeutung der Verwaltungsreformen besteht in der allmählichen Umbildung des Rates zu einer modernen Behörde. An der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts begegnen uns zum erstenmal wirkliche Hofräte in Mecklenburg, welche sich von den consiliarii des Mittelalters (Landräten) dadurch unterscheiden, daß sie lediglich dem Fürsten verpflichtet und in der Regel Gelehrte (Juristen) waren 3 ). Sie zerfielen einerseits in "wesentliche" oder "tägliche" Hofräte, die dauernd am Hofe waren, andererseits in Hofräte "von Haus aus", die nur gelegentlich an den Hof gerufen wurden 4 ). Während im Mittelalter regelmäßige Ratssitzungen unbekannt waren, hatten sich die Hofräte nach der Hofordnung von 1504 täglich zu bestimmten Stunden "an eyne bequeme stedt, dor zu verordent", zu versammeln und alle Angelegenheiten der Herzöge, des Hofes, des Landes und der Untertanen "zuvorhoren, zuberatschlagen, zuantworten, beizulegen, zuvortragen, zurichten", ohne daß die Herzöge ständig dabei zugegen zu sein brauchten 5 ). Die kollegialische Arbeitsweise und die grundsätzlich erteilte Befugnis, selbständig Regierungshandlungen vorzunehmen und von sich aus Entscheidungen zu treffen, verliehen dem Rat den Charakter einer modernen Behörde. Die Entwicklung des Rates zu einer Behörde wurde ferner dadurch gefördert, daß bereits unter Magnus' Regierung "eine gewisse Tendenz zu festen Residenzen sich ausbildete" 6 ). Aus diesem Rat, der als zentrale Behörde zunächst Rechtsprechung und Verwaltung am Hofe erledigte, ging dann im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts ein System von Einzelbehörden hervor. Um 1658 haben wir drei


1) Steinmann, M. J.-B. 86 S. 115.
2) A. a. O. S. 31.
3) Steinmann a. a. O. S. 113.
4) Steinmann a. a. O. S. 115; vgl. auch Endler a. a. O. S. 135 f
5) Steinmann a. a. O. S. 116; vgl. auch Endler a. a. O. S. 137.
6) Steinmann a. a. O. S. 107. Schwerin, Güstrow und Stargard waren die bevorzugten Aufenthaltsorte. Jedoch noch im 16. Jahrhundert wechselte die Residenz der mecklenburgischen Fürsten hin und wieder. Vgl. Endler a. a. O. S. 137.
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Behörden: "eine richterliche, die Kanzlei 1 ), eine Zentrale für die Landesverwaltung, die Kammer, und als dritte und höchste Behörde den geheimen Rat, der später den Namen Landesregierung erhielt" 2 ).

Zu den "wesentlichen" oder "täglichen" Hofräten gehörten vor allem die Beamten der Zentralverwaltung (Kanzler, Sekretäre, Rentmeister und Hofmeister). Unter ihnen nahm der Kanzler, bis 1504 der einzige ständig am Hofe weilende Gelehrte 3 ), als leitender Staatsbeamter eine besonders einflußreiche Stellung ein. Jedoch blieben die mecklenburgischen Kanzler von Tigeler bis Caspar von Schönaich nach wie vor in engster Verbindung mit der Kanzlei. Die meisten Urkundenkonzepte sind von ihnen selbst entworfen 4 ).

Durch die Reformen Magnus II. wurden der mecklenburgischen Kanzlei zwar neue Aufgaben gestellt, jedoch scheint sie sich ihrem Wesen nach nicht verändert zu haben. Deshalb trage ich Bedenken, die Kanzlei (einschließlich der Renterei) mit Steinmann 5 ) als "zentrale Behörde" zu bezeichnen. "Eine Kanzlei ist nämlich nichts Abgelöstes für sich, sondern sie ist das Schreibbüro einer Behörde oder eines Amtes mit Behördencharakter" 6 ). Dadurch, daß sie der zentralen Behörde als Schreibbüro diente, stand sie in engsten Beziehungen zum Rat. Dieses Verhältnis von Rat und Kanzlei kommt besonders deutlich in den Kanzleiordnungen des 16. Jahrhunderts zum Ausdruck, welche zugleich auch Rats- und Regierungsordnungen sind 7 ). Die Kanzlei selbst aber blieb technisches Hilfsorgan der gesamten Verwaltung.

Die Reformen des 15. und 16. Jahrhunderts bilden im wesentlichen Institutionen fort, die im 13. Jahrhundert entstanden sind.


1) Diese Bezeichnung erklärt sich daraus, daß die Rechtsprechung, bevor sich eine selbständige richterliche Behörde vom Rate abtrennte, aus der Ratsstube in die "Kanzlei vor dem Schlosse" herausgewiesen wurde. Vgl. Endler a. a. O. S. 138.
2) Endler a. a. O. S. 139.
3) Endler a. a. O. S. 135.
4) Steinmann a. a. O. S. 105 Anm. 48.
5) Steinmann a. a. O. S. 108.
6) Andreas Walther, Kanzleiordnungen Maximilians I., Karls V. und Ferdinands I., Archiv f. Urkundenforschung Bd. 2, 1909, S. 337.
7) Vgl. die Schweriner Kanzleiordnung von 1552 (nach dem Muster der brandenburgischen Ratsordnung von 1537); die mecklenburgische Rats- und Kanzleiordnung von 1569, abgedr. bei v. Kamptz, Beiträge zum mecklenburgischen Staats- und Privatrecht, 1802, Bd. 5 S. 314 ff.; ferner die Rats- und Kanzleiordnung vom 23. 10. 1569 ebenda S. 324 ff. und die fast gleichlautende Kanzleiordnung von 1573.
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Schmoller 1 ) sieht, wie mir scheint, mit Recht das Charakteristische dieser Epoche mehr darin, "daß sie an allen Punkten nach einer festen Ordnung, nach einer Gestaltung der im Keime vorhandenen politischen und sozialen Ideen ringt, als daß sie ganz neue schöpferische Gedanken gehabt und eingeführt hätte". Nach diesem Gesichtspunkt dürfen wir wohl auch die Entstehung und den Charakter der modernen Behördenorganisation in Mecklenburg-Schwerin beurteilen.

Kapitel II.

Die Organisation der Kanzlei.

§ 1.

Amtsstufen, Titel, Zahl, Stand und Besoldung der Kanzleibeamten.

Das erste Amt am Hofe der mecklenburgischen Fürsten, welches "eine gewisse, wenn auch unvollkommene Organisation" erhielt, war die Kanzlei. Während auch in Mecklenburg die Verwaltung der anderen Hofämter auf der persönlichen Erfahrung ihrer Inhaber beruhte, bildete sich in der Kanzlei eine Tradition, welche eine festere Regelung des Verwaltungsbetriebes und eine gewisse Schulung des Beamtenpersonals ermöglichte. Eine große Anzahl mecklenburgischer Kanzleivorsteher ist aus der Kanzlei selbst hervorgegangen. Notare und Schreiber, die sich besonders bewährt hatten, wurden mit Vorliebe zum Kanzler bzw. Protonotar befördert. So konnte Rothgerus (1323 - 29), der erste mecklenburgische Protonotar, mindestens auf eine 13jährige Tätigkeit als fürstlicher Notar zurückblicken, als er etwa im Jahre 1323 an die Spitze der mecklenburgischen Kanzlei gestellt wurde. Auch die Kanzler Johannes Schwalenberg (1366 - 74), Johannes von Bentlage (1406/7), Henning Karutze (1440 - 1446), Johann Hesse (1444 - 49) und Thomas Rode (1469 - 86) waren teils kürzere, teils längere Zeit, bevor sie zum erstenmal den Kanzlertitel führten, als Schreiber in der Kanzlei beschäftigt.

Die Abstufungen in der Rangordnung des Kanzleipersonals sind das beste Kennzeichen für eine gewisse Organisation der


1) G. Schmoller, Die Straßburger Tucher- und Weberzunft, Straßburg 1879, S. 469.
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Kanzlei. Es bilden sich nach und nach drei einander übergeordnete Amtsstufen, deren Inhaber am Ende des Mittelalters die Titel Kanzler, Sekretär und Schreiber (bzw. Unterschreiber) führten. Als Kanzleivorstand und Leiter der Kanzleigeschäfte stand der Kanzler bzw. Protonotar dem Range nach über dem übrigen Kanzleipersonal. Das geht nicht nur aus den Titeln der Kanzleibeamten hervor, sondern auch aus der Reihenfolge, in welcher sie in den Urkunden als Zeugen aufgeführt werden. Fast ohne Ausnahmen stehen die Kanzleivorsteher in den Zeugenlisten vor den Notaren, oft unmittelbar vor diesen 1 ), bisweilen aber auch durch die Knappen von den Notaren getrennt 2 ). Die übergeordnete Stellung des Kanzlers kommt zum Ausdruck auch in den Aufzeichnungen über einen Kriegszug der Mecklenburger in das Stiftsland Hildesheim aus dem Jahre 1472, wonach dem Kanzler Thomas Rode drei Pferde, dem Schreiber Laurentius Stoltenborg dagegen nur ein Pferd gestellt werden 3 ).

Wie das mecklenburgische Kanzleiwesen selbst erst allmählich festere Formen annahm, so haben auch die Titel der Kanzleibeamten zunächst stark geschwankt. Sowohl am gräflich-schwerinschen Hofe wie auch bei den mecklenburgischen Fürsten wurden die Hofschreiber im 13. Jahrhundert abwechselnd "notarius" oder "scriptor", oft mit dem Zusatz "curie" 4 ), betitelt. Häufig werden sie in den Urkunden auch einfach nach ihrer geistlichen Stellung am Hofe "capellanus" 5 ), gelegentlich auch "scolaris" 6 ) benannt. Jedoch herrschte der Ausdruck "notarius" von vornherein vor und verdrängte die übrigen Bezeichnungen mehr und mehr 7 ). Die hauptsächlich wohl durch die territoriale Vergrößerung Mecklenburgs bedingte Vermehrung des Kanzleipersonals im 14. Jahrhundert machte die Berufung eines Kanzleivorstandes


1) Z. B. M. U.-B. IX, 5949; 6061; 6353; X, 6915 usw.
2) Z. B. M. U.-B. VII, 4700; 4701 usw.
3) S. A. Auswärtige Akten Hildesheim (4. - 12. 12. 1472). Es handelt sich um eine Fehde wegen Besetzung des Hildesheimer Bischofsstuhles. Vgl. darüber Witte a. a. O. Bd. I S. 273/74.
4) M. U.-B. I, 323 (3. 6. 1226); II, 1431 (19. 3. 1277); IX, 5832 (9. 12. 1337) usw.
5) M. U.-B. I, 345 (1227 - 28); 536 (1242) usw.
6) Der Schreiber des Fürsten Heinrich II., Heinrich v. Kamin (1296 bis 1300), wird bald "scolaris" (M. U.-B. III, 2396), bald "notarius" (M. U.-B. IV, 2610 [1300]) genannt. Vgl. auch M. U.-B. VI, 4195 (9. 5. 1320).
7) Der erste uns bekannte Schreiber sowohl der Schweriner Grafen wie auch der mecklenburgischen Fürsten führt den Titel eines Notars. Vgl. M. U.-B. I, 244 und 260 und M. U.-B. I, 230.
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erforderlich, welcher zunächst den Titel "prothonotarius" führte. Dieser Ausdruck begegnet, wie bereits erwähnt wurde, zum erstenmal 1323 in Verbindung mit dem fürstlichen Kaplan und Schreiber Rothgerus 1 ) und wird von diesem auch später 2 ) gelegentlich geführt. Seitdem Berthold Rode (1337 - 1351) an der Spitze der mecklenburgischen Kanzlei stand, bürgerte sich auch in Mecklenburg der Kanzlertitel, der zum ersten Male 1337 auftaucht 3 ), nach und nach ein. Jedoch wird Berthold Rode noch abwechselnd "prothonotarius" 4 ), "maior notarius" 5 ) oder "notarius (curie) 6 ), am häufigsten aber, besonders oft in der letzten Zeit seiner Amtstätigkeit, als "cancellarius" (Kantzler, kentzelere, kencellere oder kenselere) 7 ) bezeichnet. Bertram Behr (1352 bis 1360; 1363) führte in der Regel, Johannes Kröpelin (1361 - 62) recht häufig den Kanzlertitel 8 ). Die nächsten mecklenburgischen Kanzleivorsteher, von Johannes Schwalenberg (1366 - 1374) bis Henning Karutze (1440 - 1446), werden fast ausschließlich Kanzler genannt. Erst unter Johann Hesse, der von 1440 bis 1449 der Kanzlei angehörte, taucht die Bezeichnung "prothonotarius" vorübergehend wieder auf. Johannes Hesse erscheint abwechselnd als Protonotar 9 ), Kanzler 10 ), Vizekanzler 11 ) oder auch einfach als Schreiber 12 ). Heinrich Bentzien und sein Nachfolger Thomas Rode werden bald als Schreiber, bald als Sekretär, bald als Kanzler bezeichnet 13 ).

Die den Protonotaren bzw. den Kanzlern untergeordneten Kanzleibeamten wurden im 14. Jahrhundert im allgemeinen als Notare, in Urkunden, welche in deutscher Sprache abgefaßt sind, als "schriuer" betitelt. An Stelle des Notars trat im 15. Jahrhundert der Sekretär. Johannes Kremer (1412 - 1430) führt diese neue Amtsbezeichnung m. W. zum erstenmal und zwar im


1) M. U.-B. VII, 4490 (7. 12. 1323).
2) M. U.-B. VII, 4563 (9. 10. 1324); 4934 (12. 6. 1328).
3) Vgl. oben S. 20.
4) M. U.-B. IX, 5778, 5987 usw.
5) M. U.-B. XIII, 7468.
6) M. U.-B. IX, 5832, 5941, 6295 usw.
7) M. U.-B. IX, 5793, 5889, 6274; X, 6975; IX, 6458 und 6460 usw.
8) Nur drei Fälle sind mir bekannt, wo Bertram Behr "prothonotarius" genannt wird: M. U.-B. XIII, 7796, 7837; XIV, 8371. Johannes Kröpelin begegnet als Protonotar M. U.-B. XV, 8887, 9047.
9) S. A. Reg. 26. 1. 1446; 9. 3.1446; 25. 5. 1446.
10) S. A. Reg. 1. 6. 1444; 10. 11. 1445; 13. 12. 1446; 21. 10. 1449.
11) S. A. Reg. 25. 7. 1446; 18. 5. 1447; 1. 5. 1449.
12) S. A. Reg. 12. 11. 1444; 30. 1. 1446.
13) Vgl. oben S. 38/39.
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Jahre 1412 1 ). Während besonders häufig im Anfang des 14. Jahrhunderts unter Heinrich II. von Mecklenburg die fürstlichen Ratgeber als "secretarii" bezeichnet wurden 2 ), beschränkte man im 15. Jahrhundert diesen Ausdruck durchweg nur auf Angehörige der Kanzlei. Offenbar wurde der Titel "notarius" zur besseren Unterscheidung von den öffentlichen Notaren (notarii publici imperiali auctoritate) aufgegeben, wie es Lewinski 3 ) auch für Brandenburg wahrscheinlich gemacht hat. Diese Vermutung erscheint mir deshalb wohl begründet, da die mecklenburgischen Sekretäre zum Teil zugleich auch notarii publici waren, wie z. B. der Sekretär Gerhard Brüsewitz und der spätere Kanzler Heinrich Bentzien 4 ). Dem Range nach scheinen die Sekretäre den ehemaligen Notaren gleichgestanden zu haben.

Über die dritte Kategorie der Kanzleibeamten, die Kopisten und Mundatoren, erfahren wir fast gar nichts. 1456 wird einmal ein "vnderschrieber" 5 ) erwähnt namens Johannes Raden, der später sogar zu den Räten Heinrichs IV. gehörte 6 ).

Wieviel Beamte jeweils nebeneinander in der Kanzlei beschäftigt wurden, läßt sich nur ungenau bestimmen. Unter dem ersten Kanzleivorstand Rothgerus sind in den Jahren 1326 - 29 etwa sechs 7 ), unter dem Kanzler Berthold Rode in den Jahren 1349 - 51 drei bis vier Notare 8 ) nebeneinander nachweisbar. Im


1) S. A. Reg. 22. 3. 1412.
2) M. U.-B. V, 2958 ... "milites et secretarii nostri fideles"; M. U.-B. V, 3099 ... "de nostrorum consiliariorum et secretariorum bene placito" ....; M. U.-B. XXI, 11 780 ... "consiliarii et secretarii nostri" ... usw. Im M. U.-B. XXI, S. 64 (Register) wird die Ansicht vertreten, daß hier zwischen "consiliarii" und "secretarii" zu unterscheiden sei, da beide Ausdrücke durch "et" verbunden seien. Es handelt sich aber wohl nicht um eine bewußte Unterscheidung, sondern um einen Pleonasmus. Vgl. auch Steinmann, M. J.-B. Bd. 88 S. 56 Anm. 156.
3) Die brandenburgische Kanzlei und das Urkundenwesen während der Regierung der ersten beiden hohenzollernschen Markgrafen S. 59. In Brandenburg bürgert sich der Titel Sekretär an Stelle der Bezeichnung Notar erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ein. In Braunschweig seit 1542, ungefähr gleichzeitig in Württemberg, im Reich seit der Zeit Karls IV. Vgl. Spangenberg a. a. O. S. 119 Anm. 7.
4) Vgl. S. A. Stadturk. Rostock 130 (14. 11. 1430) und S. A. Reg. 10. 2. 1450. Auch der Notar Albrechts II., Martin Schütz (1373 - 74), war öffentlicher Notar. Vgl. M. U.-B. XVIII, 10 424; 10 572.
5) S. A. Reg. 8. 12. 1456.
6) S. A. Reg. 4. 5. 1462.
7) Vgl. oben S. 20.
8) Johannes Raboden (1346 - 1350), Heinrich v. Griben (1349 - 1359), Heinrich Rode (1349 - 1352) und Johannes Suhm (1351). Vgl. oben S. 24 f.
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15. Jahrhundert sind gewöhnlich außer dem Kanzler nicht mehr als zwei bis drei Sekretäre gleichzeitig nachzuweisen, so 1428 unter Nikolaus Reventlow die Schreiber und Sekretäre Johannes Kremer und Johann Achim, in den Jahren 1461 - 62 unter Heinrich Bentzien Hermann Widenbrügge, Johannes Raden und Thomas Rode 1 ).

Außerdem hatten die Fürstinnen des Landes und die erwachsenen Söhne der Fürsten bisweilen oder regelmäßig ihre eigenen Privatschreiber 2 ). In welchem Verhältnis diese zur mecklenburgischen Kanzlei gestanden haben, läßt sich nicht mit Sicherheit entscheiden. Ob auch die Landesfürsten sich ihrer gelegentlich bedienten, ist aus den Quellen nicht ersichtlich.

Die mecklenburgischen Fürsten des Mittelalters wählten sich ihr Kanzleipersonal durchweg aus der Geistlichkeit des Landes. Bei den meisten Kanzleibeamten ist nachzuweisen, daß sie dem geistlichen Stande angehörten 3 ). Unter Heinrich II. begegnet uns ausnahmsweise einmal ein Notar namens Heinrich Frauenburg, der nachweislich dem weltlichen Stande angehörte 4 ). Geistliche wurden auf kürzere oder längere Zeit zur Verrichtung von Schreiberdiensten an den Hof gerufen und scheinen während ihrer Amtstätigkeit von ihren geistlichen Pflichten "gleichsam beurlaubt" gewesen zu sein. Solange sie der fürstlichen Kanzlei angehörten, betrauten sie mit der Ausübung ihres geistlichen Amtes


1) Im übrigen vgl. Anlage 1.
2) So hören wir 1349 von einem Notar der Herzogin Euphemia, Gemahlin Albrechts II., namens Willekinus Craaz (M. U.-B. X, 7022). Als Schreiber Katharinas, der Witwe Johanns IV. († 1422), begegnet von 1446 bis 1448 Bernhard Landvogt (S. A. Reg. 16. 7. 1446; 16. 7. 1448). Als "myner frowen scriuer" bzw. "kammerscholer" werden die Schreiber der Herzogin Dorothea Nikolaus (S. A. Reg. 16. - 18. 10. 1464 - 1./2. 9. 1471) und Heinrich Tiges (S. A. Reg. 8. 4. 1476) bezeichnet. Auch die Söhne Heinrichs IV. haben ihre besonderen Schreiber gehabt. Im Dienste Albrechts und Johanns standen von 1466 bis 1471 der Sekretär Vicko Dessin (S. A. Reg. 9. 10. 1466 - 8. 5. 1471) und um 1474 Johannes Thun (S. A. Reg. 12. 11. 1474). Als Privatschreiber Magnus II. begegnen von 1470 bis 1471 Nikolaus Hertesberg (S. A. Reg. 14. - 18. 12. 1470; 21. 1. 1471) und um 1475 ein gewisser Dietrich (S. A. Reg. 11. 8. 1475). Auch z. B. in Tirol treten neben den Schreibern des Landesherrn "auch solche der jeweiligen Landesfürstin" auf. Vgl. R. Heuberger, Das Urkunden- und Kanzleiwesen der Grafen von Tirol M. J. Ö. G., Ergänzungsband IX, 1915, S. 165.
3) Ich verweise auf die einschlägigen Stellen des ersten Kapitels vorliegender Arbeit. Auch die nicht aufgeführten Notare sind durchweg als Geistliche nachzuweisen.
4) Nach M. U.-B. VI, 4534 war er verheiratet. Er verkauft hier mit Zustimmung seiner Gattin ein Erbe an einen Otto Ledege zu Wismar. Vgl. auch M. U.-B. VIII, 5059 S. 53.
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Vikare oder Stellvertreter 1 ). Jedoch scheinen sie sich auch während ihrer Amtstätigkeit bei Hofe gelegentlich um ihr geistliches Amt gekümmert zu haben 2 ).

Die Kanzleibeamten, insbesondere die Kanzler, erfreuten sich am Hofe der mecklenburgischen Fürsten einer sehr geachteten Stellung. Sie stammten zum Teil aus vornehmen Familien, so der Kanzler Bertram Behr (1352 - 60, 1363) aus der im 16. Jahrhundert ausgestorbenen Familie gleichen Namens 3 ). Auch Notare stammten häufig aus bekannten Geschlechtern, so Antonius (1327 bis 1329) und Helmold (1339 - 40) von Plessen und Heinrich von Griben (1349 - 59). Der Kanzler Berthold Rode (1337 - 51) und der Notar Heinrich Rode (1349 - 52) gehörten einer angesehenen Rostocker Ratsherrn- und Kaufmannsfamilie an 4 ).

Die Amtsdauer der Kanzleibeamten schwankte verhältnismäßig stark. Am längsten, mindestens 23 Jahre (1415 - 38), versah Nikolaus Reventlow das Kanzleramt. Thomas Rode gehörte der Kanzlei acht Jahre (1461 - 69) als Schreiber bzw. als Sekretär und 17 Jahre (1469 - 86) als Kanzler an, Rothgerus ist 13 Jahre (1310 - 23) als Notar und sechs Jahre (1323 - 29) als Protonotar nachzuweisen. Oft jedoch war die Amtstätigkeit auf kürzere Zeit beschränkt. Der Kanzler Johannes Kröpelin hat beispielsweise höchstens zwei Jahre (1361 - 62) der mecklenburgischen Kanzlei angehört. Die Gründe für das Ausscheiden der Beamten aus der Kanzlei sind meistens unbekannt. Wie die mittelalterlichen Fürsten ihre Beamten nach eigenem Ermessen beriefen, so konnten sie dieselben auch jederzeit ihres Amtes entheben. Wer sich etwas zuschulden kommen ließ, wurde durch einen anderen ersetzt. Als der Kanzler Bertram Behr 1360 bei Herzog Albrecht II. in Ungnade gefallen war, trat an seine Stelle Johannes Kröpelin 5 ). Da die Kanzleibeamten aber auch nach Ablauf ihrer Amtstätigkeit häufig noch als Zeugen in den Urkunden der mecklenburgischen Fürsten fungieren und als angesehene Prälaten und Räte oft eine


1) M. U.-B. XVI, 9552 trägt der Propst der Schweriner Kirche dem Pfarrer zu Neustadt auf, den Prokurator des Kanzlers Schwalenberg in die diesem von Herzog Albrecht II. verliehene Vikarei an der Burgkapelle in Neustadt einzuführen.
2) So hat sich der Kanzler Johann Hesse um die Instandsetzung des Pfarrhauses der St. Petrikirche zu Rostock bemüht. 1447 verpfändet er von dem seiner Kirche gehörenden Gute zu Papendorf 20 Mark sund. Bede für 250 Mark, um das Geld "an der wedeme der Kerken" zu verbauen. Vgl. S. A. Gutsurk. Papendorf; Kirchenurk. St. Petri Nr. 2.
3) Vgl. Lisch, M. J.-B. IX, S. 228.
4) M. U.-B. X, 6983 (11. 7. 1349).
5) Vgl. oben S. 31/32.
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einflußreiche Rolle im Hofleben spielten 1 ), so werden Zerwürfnisse mit dem Landesherrn nicht allzu oft der Anlaß zum Abschied aus der Kanzlei gewesen sein.

Wie die übrigen mecklenburgischen Hofbeamten, so bezogen auch die Beamten der Kanzlei offenbar kein festes Gehalt, sondern bestritten ihre Bedürfnisse zum Teil aus den geistlichen Stellen, welche sie innehatten, und aus Gebühren. Kraft ihres Patronatsrechtes waren die Fürsten in der Lage, ihren geistlichen Hofbeamten einträgliche Pfarrstellen und Einkünfte von Vikareien zu beschaffen 2 ). Auch die reichdotierten geistlichen Stifte, besonders das Schweriner, Lübecker und später auch das Rostocker Domstift, waren geeignete Versorgungsstätten für bewährte Kanzleibeamte 3 ). Ferner erhielten diese als Entgelt für ihre Tätigkeit bei Hofe Hebungen, Exemtionen und Nutzungen aller Art. Dem Schreiber und späteren Kanzler Johannes Hesse verlieh Heinrich IV. nach einer Urkunde vom 1. Januar 1444 für treue Dienste die auf die Einwohner des Dorfes Papendorf gelegten Dienste, Bede, Ablager oder sonstigen Auflagen auf Lebenszeit 4 ), und Thomas Rode erhielt als Schreiber desselben Fürsten im Jahre 1463 die Gerechtsame und Lehnware, "als wy hebben in vnseme lenen vnde vicarien to kabelstorpe in vnse voghedie to gustrowe beleghen" ebenfalls auf Lebenszeit 5 ).

Außerdem wird den Kanzleibeamten ein Teil der für die Ausfertigung der Urkunden erhobenen Sporteln zugefallen sein.


1) So z. B. die ehemaligen Kanzler Henning Karutze und Heinrich Bentzien und die Sekretäre Johann Achim und Hermann Widenbrügge.
2) So erhielten auf Präsentation der mecklenburgischen Fürsten der Kanzler Johann Reinwerstorff 1385 die Pfarre zu Boizenburg (vgl. oben S. 34 Anm. 6), der Sekretär Hermann Widenbrügge 1450 die Pfarre zu Belitz (S. A. Reg. 24. 7. 1450) usw.
3) Die Gründung des Rostocker Domstiftes im Jahre 1487 wird zurückgeführt auf das Betreiben der geistlichen Hofbeamten, insbesondere der Kanzler Heinrich Bentzien und Thomas Rode, die dort versorgt zu werden hofften. Vgl. oben S. 40 Anm. 10.
4) S. A. Urk. d. Domstifts Rostock Nr. 19. Unter dem Buge dieser Urkunde, zwischen das Siegelband eingeschoben, befindet sich ein von gleichzeitiger Hand flüchtig geschriebener Zettel, welcher ebenfalls auf eine Schenkung an Johann Hesse hinweist. Er lautet folgendermaßen: Anno domini 1444 tertia die decembris in estuario hora vesperarum quasi Jo. Hesse produxit dominum Jo. Multen et Otto Vereghhen fuere ibi testes super literam a domino Magnopolensi super liberacionem ville Pesterstorp sibi concessa[m], qui iurati deposuerunt, quod dominus dux literam huiusmodi sibi decreuit et dedit presentibus Conrado Mund, clerico Ratzeburgensis diocesis, et Johanne Helmich.
5) S. A. Reg. 24. 2. 1463.
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Daß die Kanzlei Gebühren erhob, geht aus einem indirekten Zeugnis hervor. In einer Urkunde über den Verkauf der Insel Poel durch Heinrich II. heißt es, daß die fürstlichen Notare für Bestätigungsurkunden keine Gebühren erhalten sollten 1 ). Außer den Sporteln scheinen die Kanzleibeamten auch für das Abrechnen mit den Vögten des Landes Entgelt erhalten zu haben. So werden dem Kanzler Thomas Rode einmal für eine Abrechnung mit dem Schwaaner und Neubukower Vogt Klaus Oldeswager 3 Gulden ausgehändigt 2 ). Auch sonstige Geldzuwendungen sind an die fürstlichen Schreiber gemacht worden. In dem Ausgaben- und Einnahmeverzeichnis des herzoglichen Vogtes zu Schwerin aus dem Jahre 1373 heißt es: "Item domino meo X. marc; quarum Johanni notario ducis Hinrici VI. fuerunt presentate" 3 ). Im übrigen hatten sie, wie auch das übrige Gefolge, auf den Amtsburgen der Fürsten freie Wohnung, Kleidung 4 ), Verpflegung und für ihre Pferde freie Unterkunft und Fütterung 5 ). Für Reisen und diplomatische Missionen wurden ihnen von den Vögten Reisespesen ausgezahlt 6 ).

§ 2.

Kanzlei und Rat.

1. Die Zugehörigkeit insbesondere der Kanzler zum landesfürstlichen Rat.

Die beiden Organe der landesfürstlichen Hofverwaltung und Regierung im Mittelalter sind der Rat und die Kanzlei. Während die Kanzlei in Mecklenburg spätestens im 14. Jahrhundert eine gewisse Organisation erhielt, blieb der landesfürstliche Rat,


1) M. U.-B. VI, 4025 (22. 11. 1318) heißt es: "Nos heredes seu successores nostri conferri tenebimur, non requirendo per nos, per notarios vel scriptores nostros aliquod munus vel sallarium directe vel indirecte pro eisdem collacione, litteris vel sigillo, eo quod iam satisfactum sit nobis in perpetuum pro eisdem. Ad omnem autem dubitacionem tollendam super premissa uendicione ... damus et dare volumus gratis et sine munere, vt et latini" usw. Hieraus geht auch hervor, daß die Kanzleibeamten von den Urkundenempfängern Geschenke erhielten.
2) S. A. Schloßrechn. Schwaan 1475 - 76 Fol. 1 a (26. 12. 1475). Vielleicht darf man in diesem Sinne auch eine Bemerkung in den Schloßrechnungen Boizenburg-Wittenburg 1469 - 75 Fol. 52 b (6. 11. 1474) verstehen, wo es heißt: "so gaff ik heren Thomas 4 rinsche gulden an der rekenschopp".
3) M. U.-B. XVIII, 10 424.
4) Vgl. M. U.-B. V, 3296: "pro tunica scriptoris 2 mark".
5) Vgl. besonders S. A. Schloßrechn. Gadebusch, ferner Ihde, Amt Schwerin, M. J.-B. Bd. 77, Beiheft, S. 96 ff.
6) Hierfür bieten die Gadebuscher Schloßrechnungen ein gutes
(  ...  )
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dessen Entstehung einer früheren Zeit angehört als die Entstehung einer organisierten Kanzlei 1 ), bis zum Ausgange des 15. Jahrhunderts vollkommen unorganisiert 2 ). Beide Amtsstellen standen in nahen Beziehungen zueinander und waren in ihrer Tätigkeit eng aufeinander angewiesen. Es ist mit vollem Recht darauf hingewiesen worden, daß der stets wechselnde Rat in der Kanzlei seinen Mittelpunkt hatte 3 ). Durch ihre Amtspflicht waren die Kanzleibeamten genötigt, möglichst ständig am Hofe anwesend zu sein. Ihre vielseitige Tätigkeit verschaffte ihnen in besonderem Maße Erfahrungen auf fast allen Gebieten der Verwaltung, so daß die mecklenburgischen Fürsten ihres Rates kaum werden entbehrt haben können. Der Kanzlei lag es vor allem ob, die Beschlüsse, über die sich die Fürsten mit ihren Räten geeinigt hatten, in die richtige urkundliche Form zu bringen, und zwar so, daß die Urkunde inhaltlich genau den Verfügungen des Landesherrn entsprach. Eine präzise Ausarbeitung des Wortlautes der Urkunde war aber nur möglich, wenn der ausfertigende Kanzleibeamte selbst an der vorausgehenden Beratung teilgenommen hatte oder wenigstens genaue Kenntnis von den Ergebnissen der Verhandlungen erhielt. Insbesondere die Amtspflicht des Kanzlers als verantwortlichen Leiters sämtlicher Kanzleigeschäfte machte seine Anwesenheit bei den Ratsverhandlungen erforderlich. Eine Verbindung zwischen den beiden Amtsstellen der landesfürstlichen Verwaltung und Regierung war vor allem "durch das Medium des Vorstandes der Kanzlei", nämlich des Kanzlers, geschaffen.

Die Zugehörigkeit der Kanzleibeamten zum landesfürstlichen Rate mußte also geradezu als ein dringendes Bedürfnis empfunden werden. Sie wird bewiesen durch mannigfache Zeugnisse. Da insbesondere die Kanzler recht häufig in den Urkunden als Zeugen auftreten, so ist es an sich schon sehr wahrscheinlich, daß sie dem landesfürstlichen Rate angehörten, zumal da im 14. und


(  ...  ) Zeugnis. Auf der Durchreise durch Gadebusch zu diplomatischen Verhandlungen mit dem Lübecker Rat erhielt Thomas Rode, "do he reth myns heren werff to lubke", bald 2 rheinische Gulden, bald 2, 3 oder 5 Mark. Vgl. S. A. Reg. 27. 9. 1476, 9. 5. 1472, 18. 5. 1472, 17. 3. 1474 usw.
1) In dem Territorium Mecklenburg begegnen consiliarii urkundlich zuerst 1284 (M. U.-B. III, 1744) in der Grafschaft Schwerin 1297 (M. U.-B. IV, 2452). Vgl. Steinmann, M. J.-B. 88 S. 55.
2) Vgl. Steinmann, M. J.-B. 86 S. 111, und Küster a. a. O. S. 133. Anders Radloff a. a. O. S. 31. Seine Darstellung erweckt zum mindesten falsche Vorstellungen, wenn er von dem Rat als gemeinsamen "Beratungskörper", von dem "Ratskollegium" als Behörde redet.
3) H. B. Meyer, Hof- und Zentralverwaltung der Wettiner (1248 bis 1379), Leipzig 1902, S. 25.
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besonders im 15. Jahrhundert die Zeugen mecklenburgischer Urkunden meist consiliarii waren. Bei den meisten mecklenburgischen Kanzleivorstehern läßt sich ihre Zugehörigkeit zum landesfürstlichen Rate direkt nachweisen. So begegnet der erste uns bekannte mecklenburgische Protonotar Rothgerus mehrfach in der Reihe der consiliarii 1 ), ebenso die Kanzler Berthold Rode 2 ), Bertram Behr 3 ), Johannes Kröpelin 4 ), Karl Hakonsson 5 ), Nikolaus Reventlow 6 ), Henning Karutze 7 ), Johann Hesse 8 ), Heinrich Bentzien 9 ) und Thomas Rode 10 ).

Ob auch die Notare und Schreiber, besonders diejenigen, welche häufiger in den Urkunden als Zeugen auftreten, dem Rate angehörten, läßt sich aus den Quellen nicht beweisen. Direkte Zeugnisse für ihre Zugehörigkeit zum Rate können wir auch kaum erwarten, da Aufzählungen fürstlicher consiliarii in mecklenburgischen Urkunden des 14. Jahrhunderts zwar nicht so spärlich sind, wie etwa in brandenburgischen Urkunden 11 ), aber immerhin sich ziemlich selten finden. Im 15. Jahrhundert dagegen gehörten nachweislich auch die Sekretäre meist dem fürstlichen Rate an. Die Sekretäre Johann Kremer und Johann Achim werden gelegentlich ausdrücklich als "nostri fideles consiliarii" 12 ) oder "truwe rathgeuer" 13 ) bezeichnet, ebenso erscheinen Heinrich Bentzien und Hermann Widenbrügge bald als "vse leuen getruuen rathgeuer" 14 ), bald als "de erwerdighen vnde duchtigen vnse redere vnd leuen getruuen" 15 ). Der Schreiber Johannes Raden wird einmal mit andern "unse gude manne vnde raed" 16 ) genannt.


1) M. U.-B. VII, 4900; 4934: "testes ... Ruthgerus ecclesie sancte Marie in Rosztok rector prothonotarius noster et Heinricus Bonsak famulus nostri consiliarii".
2) M. U.-B. IX, 6084, 6269; X, 6683, 6747, 7124.
3) M. U.-B. XIII, 8075; XIV, 8508.
4) M. U.-B. XV, 9098.
5) M. U.-B. XXIII, 13 330.
6) S. A. Reg 3. 6. 1417; 25. 7. 1418; 14. 1. 1425; 7. 11. 1428; 25. 7. 1429; 13. 2. 1430; 30. 11. 1435.
7) S. A. Reg. 14. 4. 1440; 9. 1. 1441; 18. 6. 1444; 3. 3. 1446.
8) S. A. Reg. 26. 1. 1446; 25. 5. 1446; 18. 5. 1447; 1. 5. 1449.
9) S. A. Reg. 22. 1. 1454; 8. 12. 1458; 4. 4. 1459; 15. 1. 1459; 15. 8. 1464.
10) S. A. Reg. 18. 5. 1472; 20. 2. 1474; 4. 5. 1478.
11) Vgl. Spangenberg a. a. O. S. 4 - 6 Anm. 4.
12) S. A. Reg. 28. 11. 1428.
13) S. A. Reg. 7. 11. 1428.
14) S. A. Reg. 22. 1. 1452.
15) S. A. Reg. 4. 4. 1459. Vgl. auch S. A. Reg. 26. 12. 1459, 8. 4. 1458 usw.
16) S. A. Reg. 4. 5. 1462.
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2. Das Zusammenwirken von Kanzlei und Rat 1 ).

Es liegt im Wesen der mittelalterlichen Kanzlei, daß sie nicht nach Art einer modernen Behörde an einem festen Orte lokalisiert war, sondern mit dem von Ort zu Ort, von Amtsburg zu Amtsburg wandernden fürstlichen Hofhalte den Herzog auf seinen Reisen durch das Land begleitete 2 ). Dasselbe gilt auch von den landesfürstlichen Räten. Sobald die Umstände es erforderten, mußte die Kanzlei in Tätigkeit treten. In Kisten oder Truhen verpackt, wird man oft Schreibgeräte, Geschäftsbücher, wichtige Schriftstücke und Urkunden mit sich geführt haben. In unsicheren und fehdereichen Zeiten konnte es dann wohl vorkommen, daß das ganze wandernde Archiv unterwegs bei Überfällen auf das herzogliche Gefolge verloren ging oder geraubt wurde 3 ). Seit der Erwerbung der Grafschaft Schwerin (1359) war das Schweriner Schloß der bevorzugte Aufenthaltsort der mecklenburgischen Fürsten. Hier scheint die Kanzlei in einer besonderen Schreibstube, die gelegentlich "schriuery" oder "scriuerie" 4 ), später aber "Meckelnburgische Cantzeley" oder auch "cancellaria dominorum ducum Magnopolensium" 5 ) genannt wurde, ihr Standquartier gehabt zu haben.

Die Kanzlei war technisches Hilfsorgan der gesamten Verwaltungstätigkeit der Landesfürsten. Der Geschäftsgang der Kanzlei beruhte auf enger Zusammenarbeit mit dem fürstlichen Rate. Das Zusammenwirken zwischen dem Fürsten und seinen Räten einerseits und der Kanzlei andererseits beschränkte sich


1) Zu folgendem Abschnitt vergleiche die demnächst im X. Bd. des Archivs für Urkundenwissenschaft S. 468 ff. erscheinende Arbeit von Spangenberg, Die Kanzleivermerke als Quelle verwaltungsgeschichtlicher Forschung.
2) Wo sich in den mecklenburgischen Schloßrechnungen einmal Aufzählungen des herzoglichen Gefolges finden, da fehlen in der Regel auch die Schreiber nicht. Vgl. die Eintragungen der Gadebuscher Schloßrechnungen vom 14. 3. 1464; 19./20. 9. 1466; 28. 10. 1466, 30. 11. 1466; 8. 1. 1467 (Thomas Rode und Heinrich Bentzien); 28. 4. 1467 usw.
3) Es existiert ein Bericht über einen Überfall des Stargarder Herzogs Ulrich auf seine Schweriner Verwandten Herzog Heinrich IV. und seinen Sohn Magnus aus dem Jahre 1467 (S. A. Hausverträge 132 a und 134). In der Aufzählung dessen, was bei diesem Überfall auf offener Landstraße verloren ging, heißt es: "Int erste heft uns de gen. unse veddere hertoge Ulrick mit den sinen ... genomen unsen waghen mit perden, unsen klederen mit unseme gerede, kleenode, so alse wii dat uppe deme waghene hadden in der lade, ock ene lade, dar wii unse breve inne hadden anrorende unse hersschopp, lande und lude ...
4) S. A. Reg. 18. 4. 1454 und 19. 4. 1470.
5) M. U.-B. I, Vorwort S. IX.
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nicht allein auf das Beurkundungsgeschäft, tritt aber hier am deutlichsten hervor. Für die Erforschung des Geschäftsganges der mecklenburgischen Kanzlei, insbesondere bei der Beurkundung, kommen, abgesehen von einigen Urkundennotizen, als wichtigste Quelle die Kanzleivermerke in Betracht. Diese Vermerke, welche besonders um die Mitte des 15. Jahrhunderts von den Beamten der ausstellenden mecklenburgischen Kanzlei gelegentlich unter die Urkunden, Konzepte und Registerabschriften geschrieben wurden, enthalten wichtige Angaben über die einzelnen Stadien des Beurkundungsgeschäftes und vermitteln uns einen Einblick in den Geschäftsbetrieb der Kanzlei.

Die wenigen mir bekannten mecklenburgischen Kanzleivermerke zeichnen sich vor anderen besonders dadurch aus, daß sie verhältnismäßig eindeutig sind, während die Interpretation beispielsweise der österreichischen Kanzleivermerke Schwierigkeiten macht, da diese zu einem Teil prädikatlos sind und infolgedessen oft nicht mit Sicherheit erkennen lassen, auf welches Stadium der Beurkundung sie sich beziehen. Die mecklenburgischen Kanzleivermerke zerfallen in zwei Gruppen. Für die erste Gruppe ist typisch der Vermerk "de mandato domini Jo. Hesse" 1 ). Mit der Person des den Beurkundungsbefehl erteilenden Fürsten ist der Name des Kanzleibeamten verbunden, welcher die Verantwortung für rechte kanzleimäßige Ausfertigung der Urkunde trug. Oft sind derartige Vermerke noch eindeutiger gefaßt, indem der Name des Kanzleibeamten mit dem Prädikat "scripsit" verbunden ist, etwa "ad mandatum (oder de mandato) domini Thomas Rode scripsit" 2 ). Daß dieses "scribere" sich auf die Konzipierung, nicht auf die Mundierung der Urkunde bezieht, geht, wie mir scheint, auch daraus hervor, daß sich derartige Vermerke gelegentlich unter Konzepten finden, und zwar sind sie von derselben Hand, welche das Konzept anfertigte, in einem Zuge mit dem Text des Konzeptes geschrieben 3 ). Wir wollen diese Gruppe der Vermerke als Kanzleiunterfertigungen bezeichnen.

Für die zweite Gruppe der Kanzleivermerke sind zwei Formen charakteristisch.


1) Vgl. Anlage 2 Nr. 13, ferner Nr. 18, 19 und 21.
2) Vgl. Anlage 2 Nr. 20, 22 - 25; 28.
3) Vgl. Anlage 2 Nr. 22, 25 u. 28. In diesen Fällen trifft die Ansicht Breßlaus a. a. O. Bd. 1 S. 609 f. Anm. 12, "daß die Notare, die sich als Schreiber einer bestimmten Urkunde nennen, diese auch wirklich geschrieben haben", nicht zu. Ficker, Beiträge zur Urkundenlehre II S.25; S. 162 wird Recht behalten, wenn er meint, daß "scribere" oder "conscribere" allgemein auch konzipieren bedeuten könne.
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1. "Dominus mandauit et examinauit" oder "dominus per se iussit et examinauit" oder "de mandato domini Hinrici Magnopolensis et per se examinatum" 1 ).

In diesen Vermerken wird des Beurkundungsbefehles seitens des Herrschers und der durch diesen vorgenommenen Revision des Beurkundungsgeschäftes gedacht.

2. "De mandato domini ducis et examinauit coram consiliariis" oder "de mandato domini Magnopolensis et examinauit cum suis consiliariis in Parchim suprascriptis" oder "de mandato domini et fideliter cum predictis consiliariis examinauit Jo. Hesse" u. ä. 2 ).

In diesen Fällen wird nicht nur des Beurkundungsbefehles und der Revision der Urkunde seitens des Herrschers gedacht, sondern es wird außerdem noch die Mitwirkung der Räte bei der Überprüfung, gelegentlich auch der Ort, wo die Revision stattfand, und selten der Name des ausfertigenden Kanzleibeamten hervorgehoben. Beide Formen dieser zweiten Gruppe der Kanzleivermerke wollen wir mit Stowasser Doppelvermerke nennen, da sie sich auf verschiedene Stadien der Beurkundung beziehen 3 ). Besonders aufschlußreich ist schließlich noch ein Kanzleivermerk, welcher folgenden Wortlaut hat: "ad mandatum domini Thomas Rode scripsit, sigillauit presentem literam et est examinata in consilio" 4 ). Hier wird also nicht nur des Beurkundungsbefehles, der Fertigung durch den Kanzler Thomas Rode und der Revision im Rate, sondern auch der Besiegelung der Urkunde durch den Kanzler gedacht.

Auf Grund der Kanzleivermerke und einiger noch anzuführender Urkundennotizen gewinnen wir für den Geschäftsgang bei der Beurkundung folgendes Bild. Der Fürst setzte mit seinen consiliarii in den Ratssitzungen den Rechtsinhalt fest und revidierte bisweilen das Konzept, ausnahmsweise wohl auch die Reinschrift. Der Kanzlei dagegen lag die formelle Fassung, die Konzipierung und Mundierung der Urkunde ob. Diese Zweiteilung bei dem Beurkundungsgeschäft kommt in den Kanzleivermerken deutlich zum Ausdruck.


1) Vgl. Anlage 2 Nr. 2 - 5; 12; 14; 17.
2) Vgl. Anlage 2 Nr. 6 - 11; 16.
3) Stowasser, M. J. Ö. G. Bd. 35 S. 713; Ergänzungsband X S. 7 ff. Eine Scheidung einerseits in Doppelvermerke, andererseits in zweifache Vermerke, wie Franz Wilhelm a. a. O. S. 41 vorschlägt, ist für die mecklenburgischen Kanzleivermerke unzweckmäßig.
4) Anlage 2 Nr. 27.
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"Der unmittelbare Entstehungsgrund der Urkunde ist der Wille des Ausstellers und sein ausdrücklicher oder selbstverständlicher Befehl, eine Urkunde herzustellen" 1 ). Da das Regiment der mittelalterlichen Fürsten, insbesondere auch der mecklenburgischen Herzöge, durchaus persönlichen Charakter trug, entstanden die Urkunden prinzipiell auf Befehl der Herrscher (de mandato, ad mandatum domini, dux per se iussit usw.), wie es fast alle Kanzleivermerke betonen, oder doch wenigstens mit deren Wissen und auf Grund sicherer Kenntnis (ex certa scientia), wie es häufig in der Korroborationsformel der Urkunden zum Ausdruck gebracht wird 2 ). Nachdem in der Ratsverhandlung die sachliche Grundlage für die Herstellung der Urkunde geschaffen war, erhielt die Kanzlei bzw. ein Kanzleibeamter den Befehl, den Beschluß des Herrschers oder der Ratssitzung in die urkundliche Form zu bringen. In vielen Fällen wird der Beurkundungsauftrag in mündlicher Form der Kanzlei übermittelt worden sein 3 ). Häufig werden aber als Grundlage für die Ausarbeitung eines Konzeptes kurze Notizen über das sachliche Detail des zu beurkundenden Rechtsgeschäftes und über die Zeugen gedient haben. Diese Aufzeichnungen werden häufig von dem Kanzleibeamten (Kanzler oder Sekretär), welcher der betreffenden Ratsverhandlung beiwohnte, gemacht worden sein 4 ). Hatte die


1) O. Redlich, Allgemeine Einleitung zur Urkundenlehre, in der Urkundenlehre von Erben, Schmitz-Kallenberg, und Redlich, I. Teil, München und Berlin 1907, S. 26.
2) Vgl. z. B. M. U.-B. XIX, 11 023: "... presentes nostras litteras de et super omnibus et singulis premissis ex certa nostra sciencia conscripsas nostri autentici sigilli munimine iussimus firmiter roborari". Ähnlich M. U.-B. XXIII, 13 374 usw.
3) Ob auch die ritterbürtigen Räte der mecklenburgischen Fürsten gelegentlich mit der Übermittlung des Beurkundungsbefehles betraut wurden, geht aus den Kanzleivermerken nicht hervor. Dagegen die brandenburgischen und österreichischen Kanzleivermerke nennen sehr häufig die Relatoren, d. h. diejenigen Persönlichkeiten, welche im Auftrage des Herrschers der Kanzlei den Beurkundungsbefehl übermittelten. Vgl. Lewinski a. a. O. S. 75 ff.; Stowasser, M. J. Ö. G. Bd. 35 S. 714 ff.; Franz Wilhelm, M. J. Ö. G. Bd. 38 S. 45 ff. Für die Reichskanzlei vgl. z. B. Th. Lindner, Das Urkundenwesen Karls IV. und seiner Nachfolger, Stuttgart 1882, S. 128 ff.
4) Es ist uns nur eine sehr geringe Anzahl solcher "Kanzleiprotokolle erhalten, so die beiden Annotationen auf der Rückseite eines ausgeführten Konzeptes vom 16. 5. 1448 (S. A. Amtsurkunden Sülze). Eine andere Aufzeichnung, die eine ähnliche Form aufweist und augenscheinlich von der Hand des herzoglichen Sekretärs und Rates Hermann Widenbrügge herrührt, steht unterhalb eines ausgeführten Konzepttextes (S. A. Gutsurkunden Dambeck [Gr.] Nr. 3).
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Kanzlei den Beurkundungsbefehl erhalten, so wurde in der Regel wohl ein Konzept 1 ), bisweilen aber aus Zeitersparnis auch gleich die Reinschrift 2 ) angefertigt. Das letztere Verfahren wird man besonders in bestimmten Fällen, wie bei Ausfertigung von Legitimationen, Bestallungen usw., angewandt haben.

Hatte der ausfertigende Kanzleibeamte das Konzept oder auch gleich die Reinschrift angefertigt, so erfolgte die Revision 3 ). Ob der Kanzler als verantwortlicher Leiter der Kanzleigeschäfte die Befugnis hatte, bei unwichtigen Sachen die Kollation und Revision selbständig zu besorgen, läßt sich nicht nachweisen, ist aber sehr wahrscheinlich 4 ). Häufig scheint die Revision durch die mecklenburgischen Fürsten selber vorgenommen zu sein. Diejenigen Kanzleivermerke, welche der Urkundenrevision gedenken, betonen fast alle, daß der Fürst an der Revision persönlich beteiligt war, z. B. die Vermerke "dominus per se iussit et examinauit" und mit besonderem Nachdruck "de mandato domini Henrici Magnopolensis et per se examinauit". Häufig wird auch zum Ausdruck gebracht, daß der Fürst die Revision "coram" oder "cum consiliariis" vornahm oder daß die Urkunde "in consilio" geprüft wurde. Besonders deutlich aber geht die persönliche Beteiligung des Fürsten bei der Urkundenrevision hervor aus der Notiz eines Briefes, welchen der herzogliche Schreiber Thomas Rode im Jahre 1466 an den Wismarer Protonotar Gottfried Parseval richtete. In diesem Schreiben heißt es: "Mitto vobis copiam littere concepte et confecte, quam dominus per se correxit, emendauit et ita conscribendam decreuit,


1) Eine Reihe von Urkundenkonzepten aus dem 14. und besonders aus dem 15. Jahrhundert sind uns erhalten, z. B. M. U.-B. XIII, 8080; XIV, 8555, 8557 b, 8596; XVI, 9865, 10 084 usw. Gelegentlich schnitt man aus den Konzepten die Siegelstreifen; vgl. z. B. M. U.-B. XVI, 9939 und XX, 11 370.
2) Das beweisen uns eine Reihe von Dokumenten im Schweriner Archiv, welche wegen notwendig gewordener Korrekturen ungesiegelt blieben und nicht ausgehändigt wurden, z. B. M. U.-B. XIII, 8113; XV, 9209, 9374; XVI, 9818, 9934; XVIII, 10 233, 10 556, 10 654, 10 532 usw.
3) Die zahlreich erhaltenen durchkorrigierten Konzepte sprechen dafür, daß eine Revision recht häufig stattfand. Vgl. oben Anm. 1 u. 2.
4) In der mecklenburgischen Kanzleiordnung von 1573 (v. Kamptz, Beiträge zum mecklenburgischen Staats- und Privatrecht, 1802, Bd. 5 S. 327) heißt es ausdrücklich, der Kanzler soll "die Conzept revidieren und zusehn, daß sie dem Beschluß gemäß ... und die wo es notig emendieren und corrigieren". Da die Kanzleiordnungen des 16. Jahrhunderts geltendes Gewohnheitsrecht fixieren, so darf man sie in diesem Punkt wohl zu Rückschlüssen für die spätmittelalterlichen Verhältnisse verwenden.
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adiciens verbum, postquam littera fuit confecta, consolatorium tale, quod ..." 1 ). In diesem Falle ordnete also der Herzog an, unter Berücksichtigung der von ihm persönlich vorgenommenen Korrekturen den Urkundenentwurf umzuändern.

Die Frage, ob sich die Revision auf das Konzept oder auf die Reinschrift bezieht, läßt sich für Mecklenburg weder nach der einen noch nach der anderen Seite mit Sicherheit entscheiden 2 ). Da recht häufig Korrekturen nötig waren, so wäre es im allgemeinen allerdings unzweckmäßig gewesen, die Reinschrift anzufertigen, bevor der Wortlaut des Konzeptes auf seine sachliche Richtigkeit geprüft war. Die Kanzleivermerke sagen über den Zeitpunkt der Revision nichts Bestimmtes aus. Jedoch die zahlreich uns erhaltenen Urkundenkonzepte, welche häufig Korrekturen aufweisen, sprechen dafür, daß in vielen Fällen das Konzept überprüft und korrigiert wurde.

Sobald die Revision erfolgt und die nötigen Korrekturen vorgenommen waren, erhielt die Kanzlei den Fertigungsbefehl, d. h. den Auftrag, die Reinschrift herzustellen 3 ). Erst dann erfolgte evtl. nach nochmaliger Prüfung der Reinschrift die Besiegelung. Die Korroborationsformeln der mecklenburgischen Urkunden weisen darauf hin, daß es zur Besiegelung der Urkunden ebenfalls in der Regel des speziellen Befehls seitens der Fürsten bedurfte 4 )

Es ergibt sich also, daß die Kanzlei bei dem Beurkundungsgeschäft unter schärfster Kontrolle des Herrschers und der landesfürstlichen Räte stand. Der Fürst konnte an sich dreimal selbst-


1) S. A. Reg. 19. 2. 1466.
2) Ficker a. a. O. Bd. II S. 59, ebenso Redlich, Privaturkunden S. 168 und für Brandenburg auch Lewinski a. a. O. S. 121 f. beziehen die Revision auf das Konzept. Vgl. auch Breßlau a. a. O. Bd. II S. 161 ff.
3) Auf der Rückseite der durchkorrigierten Urkundenkonzepte, die uns aus der Zeit des Kanzlers Johann Schwalenberg (1366 - 74) erhalten sind, findet sich häufig folgendes Zeichen , darunter oder darüber der Vermerk: "vera". Vgl. M. U.-B. XVI, 9865; XVIII, 10 310. Diese Vermerke stammen allem Anschein nach von der Hand, von welcher auch die Korrekturen des betreffenden Konzeptes herrühren. Ich vermute, daß dieser Vermerk zum Ausdruck bringen soll, daß das Konzept auf seine sachliche Richtigkeit geprüft ist und nun mundiert werden kann. Dasselbe Zeichen findet sich auch auf den im M. U.-B. XVI, 9934 und XVIII, 10 233, 10 325, 10 532 und 10 624 abgedruckten durchkorrigierten Schriftstücken.
4) Z. B. M. U.-B. XVIII, 10 187: "In quorum efficax testimonium presentem litteram testium subscripcione et sigilli nostri appensione ex certa nostra sciencia fecimus ac iussimus roborari."
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tätig in den Geschäftsgang eingreifen: Er übermittelte erstens den Beurkundungsbefehl an die Kanzlei zur Herstellung eines Entwurfes, nach erfolgter Revision erteilte er zweitens den Fertigungsbefehl zur Herstellung der Reinschrift und schließlich konnte er nach Überprüfung der Reinschrift den Vollziehungsbefehl zur Besiegelung der Urkunde geben. Die Kanzlei diente bei dem Beurkundungsgeschäft also lediglich als technisches Hilfsorgan.

Kapitel III.

Die Tätigkeit der Kanzlei.

§ 1.

Die Tätigkeit des Kanzlers und der Kanzleibeamten.

Das mittelalterliche Ämterwesen unterscheidet sich von dem modernen Behördenwesen besonders dadurch, daß es keine streng durchgeführte Arbeitsteilung, keine Zuerkennung von "Dezernaten" an bestimmte, durch Amt oder Vorbildung qualifizierte Hofbeamte oder Räte kennt. Der Aufgabenkomplex der Verwaltung ist nicht in einzelne Ressorts aufgeteilt, sondern wird von den Landesfürsten mit Unterstützung und grundsätzlich unter Hinzuziehung seiner Hofbeamten und Räte zum großen Teil persönlich erledigt. Hieraus erklärt sich die vielseitige Tätigkeit insbesondere des Kanzlers. Da die Beamten der Kanzlei als Geistliche über technische Fertigkeiten, elementare Rechtskenntnisse und über eine überragende Bildung verfügten, wurden sie mit besonderer Vorliebe zu den verschiedensten Verwaltungs- und Regierungsgeschäften verwendet.

Als landesfürstliche consiliarii wurden vor allem die Kanzler zu den Ratsverhandlungen hinzugezogen und hatten den Herrscher nach bestem Wissen und Gewissen zu beraten. Wegen ihrer Kenntnisse und Fertigkeiten bildeten sie im Rate der Fürsten "die notwendige Ergänzung zu den ritterbürtigen consiliarii". Als Zeugen und gelegentlich als Mitsiegler 1 ) traten sie für die in den Ratsverhandlungen getroffenen Entscheidungen der Fürsten ein. Auch wurden sie gelegentlich zusammen mit anderen fürstlichen Räten beauftragt und bevollmächtigt, im Namen der Fürsten


1) Z. B. S. A. Reg. 11. 11. 1427; 30. 11. 1435; 27. 9. 1436; 17. 4. 1438; 16. 5. 1451.
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Rechtsgeschäfte abzuschließen 1 ). Im Jahre 1328 nahm der Notar Meynardus im Auftrage seines Herrn den Schoß von Rostock in Empfang 2 ). Häufig wurden Kanzler oder Schreiber von den Fürsten zu den Vögten entsandt mit dem Auftrage, größere oder kleinere Geldbeträge anzufordern 3 ). Das Geld wurde ihnen dann meist wohl gegen Vorzeigung einer mit dem Siegel des Herzogs versehenen Anweisung ausgehändigt 4 ). Mit Vorliebe wurden die Kanzler mit diplomatischen Missionen betraut. Kein Hofbeamter ist in den 60er und 70er Jahren des 15. Jahrhunderts so häufig zu Verhandlungen mit dem Lübecker und Stralsunder Rat, mit dem Kaiser oder gar dem Papst verwendet worden wie die Kanzler und Sekretäre Heinrich Bentzien und Thomas Rode 5 ). Auch die Verhandlungen mit dem Schweriner Bischof in den Jahren 1447 und 1448 wegen Aufnahme von Anleihen wurden von Beamten der Kanzlei geführt und zwar von dem Schreiber Heinrich Reventlow (1447) und dem Kanzler Johann Hesse und Heinrich Bentzien (1448) 6 ). Die Verwendung der Kanzler zu den allgemeinen Verwaltungs- und Regierungsgeschäften läßt sich wohl mehr herleiten aus den Aufgaben, die sie als herzogliche Räte zu erfüllen hatten, als aus ihren Pflichten, die ihnen als Schreiber oblagen. In seiner Funktion als Schreiber hatte der Kanzler, unterstützt durch die übrigen Kanzleibeamten, den gesamten Schriftverkehr der fürstlichen Verwaltung zu bewältigen. Dabei ist zunächst festzustellen, daß, wie in der fürstlichen Verwaltung im allgemeinen, so auch speziell im Geschäftsbetrieb der Kanzlei eine strenge Abgrenzung der Kompetenz nicht zu beobachten ist. Der Kanzler hatte zwar als Vorstand der Kanzlei die Notare und Schreiber zu beaufsichtigen und war verantwortlich für eine gewissenhafte und geregelte Geschäftsführung, jedoch erledigte er die Geschäfte der Kanzlei gemeinsam mit den übrigen Kanzleibeamten. So sind beispielsweise im 15. Jahrhundert die Urkunden bald vom Kanzler, bald von den Sekretären konzipiert


1) So schlossen die beiden fürstlichen Räte Wipert v. Lützow und der Protonotar Rothgerus nach M. U.-B. VII, 4461 im Namen des Fürsten Heinrich II. einen Verkaufsvertrag mit einem Rostocker Bürger namens Johann v. d. Mölen ab: "actum et datum in ciuitate Rozstok nostro nomine per Wipertum et Ruthgerum predictos."
2) M. U.-B. VII, 4894.
3) Z. B. S. A. Reg. 14. 10. 1462; 6. 3. 1463; 8. 10. 1467; 3. - 7. 3. 1468; 28. 10. 1468 usw.
4) Vgl. Steinmann, M. J.-B. 86 S. 102 Anm. 35.
5) Belege oben S. 38 ff.
6) S. A. Reg. 12. 3. 1447 und M. J.-B. Bd. 24 S. 222/3.
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worden 1 ). Und selbst das mechanische Geschäft der Urkundenregistrierung ist gelegentlich vom Kanzler besorgt worden. Ein großer Teil der Einträge in das vom Kanzler Kröpelin 1361 angelegte Register stammt von der Hand des Kanzlers.

Zu den wichtigsten und ständigen Aufgaben der Kanzlei gehörte die Herstellung der Urkunden. Im 12. bis 13. Jahrhundert, als die Urkunden noch zu einem großen Teil von Empfängerhand hergestellt wurden, beschränkte sich die Tätigkeit der Hofnotare bei dem Beurkundungsgeschäft vor allem auf Prüfung und Beglaubigung der Urkunden 2 ). Seitdem aber die Empfängerherstellung seltener wurde, steigerte sich der Anteil der Kanzlei an dem Beurkundungsgeschäft. Entscheidungen, welche die mecklenburgischen Fürsten persönlich bzw. nach Beratung mit den consiliarii trafen, erhielten in der fürstlichen Kanzlei ihre urkundliche Form.

Während vor Entstehung einer organisierten Kanzlei das fürstliche Siegel, welches an den Urkunden zur Beglaubigung befestigt wurde, sich anscheinend im Gewahrsam der Hofnotare befand, trug in späterer Zeit der Kanzler als Vorstand der Kanzlei und Leiter der Kanzleigeschäfte die Verantwortung für rechtmäßigen Gebrauch des Siegels. Lisch 3 ) sieht in den fürstlichen Siegeln "die eigentlichen Insignien oder Amtszeichen des Kanzlers", welche dieser "notwendig allein und mit Verantwortlichkeit führen mußte". Der Kanzler verwahrte nicht nur das Siegel, sondern scheint meist auch die Urkunden selbst gesiegelt zu haben. Wo einmal in den Quellen diejenige Persönlichkeit kenntlich gemacht ist, welche die Siegelung ausführte, da ist als Siegelnder der Kanzler genannt 4 ).


1) Eine Anzahl von Urkundenkonzepten aus den 50er Jahren des 15. Jahrhunderts sind von dem Sekretär Hermann Widenbrügge (1450 bis 1462) verfaßt, dessen Handschrift wir aus einer Abrechnung mit dem Ribnitzer Vogt aus dem Jahre 1450 genau kennen. "anno 1450 ... rekende ik Hermanus Widenbrügge usw." Vgl. S. A. Schloßrechnungen Ribnitz. Die höchst charakteristische Handschrift ist identisch mit derjenigen mehrerer Urkundenkonzepte aus dieser Zeit, z. B. Stadturkunden Sülze (9. 3. 1450; 12. 3. 1450); S. A. Gutsurkunden Dambeck (Neustadt) (1. 1. 1451). Vgl. auch S. A. Gutsurkunden Steinbeck (undatiert) usw. Andererseits stellt Steinmann, M. J.-B. 86 S. 105 Anm. 48, fest, daß selbst noch unter Magnus II. und später ein großer Teil der Konzepte von den mecklenburgischen Kanzlern entworfen wurde.
2) Vgl. oben S. 11 ff., S. 18 f.
3) Kanzlerinsignien im Mittelalter, M. J.-B. IX S. 228.
4) So wird gelegentlich ausdrücklich betont, daß der Kanzler Thomas Rode die Siegelung ausführte. Vgl. den Kanzleivermerk
(  ...  )
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Der Kanzler hatte mit Hilfe seiner Beamten die gesamte private und amtliche Korrespondenz der Fürsten zu führen. Notizen über die Aufträge, die man entgegengenommen und für deren Erledigung man Sorge zu tragen hatte, finden sich gelegentlich auf Briefkonzepten 1 ). Ferner wird es Aufgabe des Kanzlers gewesen sein, seinem Herrn die Kenntnis der eingegangenen Schriftstücke zu vermitteln. Auch bei den Landtagsverhandlungen scheinen dem Kanzler bestimmte Funktionen obgelegen zu haben. Aus dem einzigen aus dem Mittelalter erhaltenen mecklenburgischen "Landtagsprotokoll" geht hervor, daß der Kanzler nicht nur über die Verhandlungen protokollierte, sondern auch die Stände mit dem Inhalt der etwa zu verhandelnden kaiserlichen Mandate oder dergleichen bekannt machte 2 ).Auch auf dem Gebiete der Finanzverwaltung waren Kanzler und Notare tätig. Das älteste Aktenstück über die Verwaltung


(  ...  ) Anl. 2 Nr. 27. S. A. Reg. 25. 5. 1473 heißt es, daß das größte Siegel durch "Thomas Roden vnsen canceller" angehängt wurde. Besonders bemerkenswert ist auch eine Notiz unter einer Abschrift in dem Register von 1361, wo der Kanzler Kröpelin zu dieser von seinem Vorgänger Bertram Behr im Jahre 1358 entworfenen Urkunde folgendes bemerkt: "licet ista littera debuisset per Dominum Bertram Beren sigillasse anno quo supra, tamen ex iussu speciali domini mei eam sigillaui feria quinta infra Penthecostes anno quo registrum incepi." Lisch a. a. O. S. 229 und ihm folgend A. Leesenberg im Wochenblatt der Johanniterordens-Balley Brandenburg 1884 S. 313 ff. folgern besonders aus dieser Stelle, daß der Kanzler im späteren Mittelalter das Siegel führte. - M. U.-B. XV, 9337 heißt es: "Et ad maiorem rei evidenciam premissorum secretum nostrum presentibus litteris est appensum, maiore nostro sigillo certe custodie deputato postea sigillando." Wir dürfen dem wohl ergänzend hinzufügen, daß das "sigillum maius" der sicheren Hut des Kanzlers anvertraut war.
1) Bezeichnend hierfür ist das Konzept eines Briefes aus dem Jahre 1477 (S. A. acta succ.), worin die Herzöge Albrecht, Magnus und Balthasar "heren Hugen, grauen to Werdenberge", bitten, er solle sich für sie beim Kaiser wegen Bestätigung ihrer Lehen und Regalien verwenden. Auf diesem Konzept befinden sich noch eine Reihe von Notizen von der Hand desselben Schreibers, wonach in derselben Angelegenheit noch geschrieben werden soll an "heren Sygmunt Nyderthorer, rytter vnd kaiserliker kamermester, heren Sigmunt Bruschenk, ritter vnd kaiserliker kamermester", ferner an "heren Johans Waldener, canczler in der römischen canczlie".
2) Vgl. Lisch, M. J.-B. Bd. 10 S. 191 ff. Auf der Rückseite einer Abschrift der landesherrlichen Privilegienbestätigung für das Land Stargard aus dem Jahre 1477 "steht eine in kleiner flüchtiger Schrift von der Hand des herzoglichen Kanzlers geschriebene Nachricht oder Notiz, die ein Landtagsprotokoll aus dem Jahre 1488 darstellt". In dieser Aufzeichnung bemerkt der Kanzler, daß durch ihn den Ständen zwei kaiserliche Mandate verlesen worden sind: "... vnde dorch my gelesen zwei keyserlike mandât".
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des Haushaltes der mecklenburgischen Fürsten stammt von der Hand des Kanzlers Bertram Behr 1 ). Dieses Schriftstück, bestehend aus 13 Blättern in Folioformat, enthält die Verrechnung der in der ersten Hälfte des Jahres 1354 für den Herzog Albrecht II. eingenommenen und ausgegebenen Gelder 2 ). Häufig lesen wir in den Urkunden, daß durch den Kanzler, Notar oder Sekretär Gelder an Gläubiger der mecklenburgischen Fürsten in deren Namen ausbezahlt 3 ) oder über eingegangene Beträge Empfangsbescheinigungen ausgestellt wurden 4 ).

Durch ihre technischen Fertigkeiten und Kenntnisse waren Kanzler und Notare in erster Linie dazu befähigt, die Fürsten in der Kontrolle des Rechnungswesens zu unterstützen. Freilich hat im Mittelalter eine regelmäßige Kontrolle der Vögte oder Geldeinnehmer durch die mecklenburgischen Fürsten bzw. durch die Kanzlei allem Anschein nach nicht stattgefunden, da in Mecklenburg bis zum Ende des 15. Jahrhunderts eine geordnete Finanzverwaltung überhaupt nicht existierte. Die Vogteien des Landes waren selbständige Wirtschafts- und Verwaltungsbezirke, welche unmittelbar unter der Person des Fürsten standen 5 ). Deshalb möchte ich die Bezeichnung der mecklenburgischen Kanzlei als "Oberrechnungsbehörde", wie etwa die Kanzlei der Wettiner von H. B. Meyer 6 ) genannt wird, vermeiden. Die mecklenburgischen Fürsten rechneten nur gelegentlich, nicht zu bestimmten Terminen, sondern nach der Amtszeit der Vögte oder über eine beliebige Reihe von Jahren oder Monaten mit den Vögten ab 7 ). Die Abrechnungen erfolgten nicht in der Kanzlei, wie z. B. durchweg in der Mark Brandenburg 8 ), sondern der Herzog ließ in der Regel die


1) Lisch, Urkunden und Forschungen zur Geschichte des Geschlechtes Behr, Bd. III, B. 1864 S. 10.
2) Vollständig abgedruckt M. U.-B. XIII, 7988, im Auszug bei Lisch a. a. O. S. 8 ff.
3) Vgl. z. B. S. A. Reg. 25. 1. 1425; 29. 1. 1425.
4) Vgl. z. B. M. U.-B. XIV, 8695; XVI, 9696, 9999. Vgl. auch M. U.-B. IX, 6245.
5) Witte a. a. O. Bd. I S. 272.
6) Hof- und Zentralverwaltung der Wettiner S. 29, 71 und 79. Über die Mosellande vgl. K. Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben Bd. I, 2 S. 1432, 1443.
7) Am 7. 2. 1474 läßt Herzog Heinrich "dorch my Thomam Roden siner gnaden scriuer" mit dem Buckower Vogt abrechnen, "von der tyd an, so langhe he siner gnaden vaghet ist gewesen". Ähnlich 9. 10. 1474 und 9. 12. 1475. Am 8. 4. 1458 wird mit Joachim Pentz, Vogt von Schwerin, ebenso am 17./18. 4. 1461 mit Vicke Koppelow, Vogt von Marnitz, über 3 Jahre, am 15. 4. 1470 mit Karsten Burren, Vogt von Schwaan, über 5 Jahre abgerechnet usw.
8) Vgl. Spangenberg a. a. O. S. 130, S. 412, S. 419.
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Vögte mit den von ihnen geführten Rechnungsbüchern zur Rechnungslegung dorthin kommen, wo er gerade sich aufhielt 1 ). Aus den in größerem Umfange besonders aus der Zeit Heinrichs IV. (1436 - 77) erhaltenen Abrechnungen geht hervor, daß der Herzog meist "dorch" oder "vermiddelst" seiner Kanzleibeamten - Kanzler oder Sekretäre - , ganz selten durch andere Personen - Zöllner, Pfarrer, Räte - mit den Vögten abrechnen ließ. Die Kanzleibeamten dienten lediglich als Beauftragte oder technische Hilfskräfte bei der Abrechnung. Sie hatten das Durchrechnen der Rechnungsbücher, welche die Grundlage der Revision bildeten, zu erledigen. Vor Zeugen stellten sie die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben der Vogtei fest. Darauf wurden über das Ergebnis der Abrechnung zwei gleichlautende Schriftstücke ausgefertigt, von denen das eine dem Vogt ausgehändigt, das andere in der Schreibstube der mecklenburgischen Herzöge, die zugleich als Archiv diente, zur Kontrolle der Verwaltung aufbewahrt wurde 2 ).

In den 50er Jahren des 15. Jahrhunderts hat gelegentlich der Sekretär Hermann Widenbrügge die Abrechnungen ausgeführt 3 ), seit etwa 1463 sind die meisten Abrechnungen durch den Schreiber und späteren Kanzler Thomas Rode vollzogen 4 ), während seit 1472 auch der Sekretär Laurentius Stoltenborg hin und wieder die Rechnungsbücher der Vögte revidierte 5 ). Gelegentlich waren auch mehrere Kanzleibeamte zusammen an der Abrechnung beteiligt 6 ).

Zu den wichtigsten Bedürfnissen einer einigermaßen geordneten Verwaltung gehört das Registraturwesen. Wie der Schriftverkehr fast der gesamten Verwaltung vom Kanzler und seinen


1) S. A. Schloßrechn. Boizenburg-Wittenburg 1462 - 68 Fol. 50 b (19. 9. 1466) heißt es: "item sede my (Wittenburger Vogt) mines heren gnaden, ik scholde kamen mit den registeren to Tzarntin ame Vrygdage dar na, dar vur ik hen, syne gnaden quam to der tiid nich etc."
2) Eine von der Hand des Sekretärs Hermann Widenbrügge am 18. 4. 1454 abgefaßte Ausfertigung schließt mit den Worten: "Des to tughe sint desser schrifte twe all ens ludende de ene vth der anderen ghesneden, der ene is Thoniesse vorbenomed, de andere by des vorberurden vnses gnedigen hern schriuery woll vorwart. Gewen to Zwerin usw." S. A. Schuldbriefe I Nr. 192. Ähnlich schließen eine Reihe von Abrechnungen.
3) Z. B. S. A. Schloßrechn. Ribnitz 1450/51 (18. 4. 1454).
4) S. A. Reg. 12. 10. 1464; 5. 1. 1465; 7. 4. 1467; 16. 6. 1469; 16. 1. 1472 usw.
5) S. A. Reg. 6. 1. 1472; 9. 7. 1472; 22. 5. 1475; 3. 11. 1475 usw.
6) S. A. Reg. 12. 10. 1463 rechnen Hermann Widenbrügge, Heinrich Bentzien und Thomas Rode, sämtlich der Kanzlei angehörend, mit dem Vogt Karsten Burren ab.
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Beamten bewältigt werden mußte, so war auch Anlage und Führung der Geschäftsbücher, welche erst eine Kontrolle der Verwaltung und eine Übersicht über die Verwaltungstätigkeit ermöglichten, Sache der Kanzlei als Hilfsorgan der gesamten Verwaltungstätigkeit der Herrscher und ihrer Räte. (Über die mecklenburgischen Kanzleibücher vgl. unten § 2 S. 71 ff.)

Wie in anderen Territorien 1 ), so war auch in Mecklenburg der Kanzler, wie es scheint, zugleich Vorsteher des fürstlichen Archives. Die archivalischen Schätze der mecklenburgischen Fürsten wurden nicht nur zum großen Teil in der Schreibstube im Schweriner Schlosse aufbewahrt, sondern auch von Beamten der Kanzlei verwaltet. Das darf man wohl aus dem Ende des 15. Jahrhunderts in der Kanzlei entstandenen Urkundenrepertorium schließen, welches die Titel führt "Registrum certarum litterarum existencium in custodia cancellarie dominorum Magnopolensium" oder "registratura der vorsigelten brieffe In der meckelnburgischen Cantzeley zu Sweryn vorwart", wie es auf dem Umschlage genannt wird 2 ). Die recht bedeutende Anzahl der erhaltenen Urkunden, welche gerade den Landesteil der mecklenburgischen Linie und die Angelegenheiten dieses Hauses betreffen, beweist uns hinlänglich, welche Aufmerksamkeit die mecklenburgischen Fürsten von je her ihrem eigenen Archive schenkten. Bei der Vereinigung der einzelnen Teilherrschaften mit dem Herzogtum Mecklenburg waren sie aufs sorgsamste darauf bedacht, auch den archivalischen Nachlaß der einzelnen Fürstenhäuser zu erwerben und ihrem Archive einzuverleiben 3 ). In dem Archive wurden auch manche für die Kontrolle der Verwaltung wichtigen Schriftstücke, Konzepte, Registerlagen, die Abrechnungen und vor allem die Rechnungsbücher der


1) Z. B. in Brandenburg. Vgl. Lewinski a. a. O. S. 125 ff.
2) M. U.-B. I, Vorwort, S. VIII, IX.
3) In dem Kaufvertrag mit dem Grafen von Schwerin vom 7. 12. 1358 (M. U.-B. XIV, 8541) fordert Herzog Albrecht II, "alle breue, de de suluen greuen vnd ere voruarenden gi ghehat hebben vnd hebben van der greueschap weghene to Zwerin". Auch bei dem Erbfall der werleschen Lande (1436) gingen die Urkunden der werleschen Fürsten wenigstens zum großen Teil in den Besitz des Schweriner Hauses über. Sie werden in dem bereits erwähnten Urkundenrepertorium unter einer besonderen Rubrik "Wenden" neben den mecklenburgischen Urkunden aufgeführt. Ob dagegen bei der Erwerbung der Lande Stargard (1471) das Archiv des Stargarder Fürstenhauses in seinem vollen Umfang dem Schweriner Archiv einverleibt worden ist, wird von Lisch (M. U.-B. I, Vorwort, S. X), wie mir scheint, mit Recht bezweifelt. Vgl. den Bericht Joachim Heydebergs an Herzog Magnus II. aus dem Jahre 1497, abgedruckt M. J.-B. X S. 196; M. U.-B. I S. X, wodurch Lischs Vermutung seine Bestätigung und Erklärung findet.
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Vögte aufbewahrt. Um das mecklenburgische Archiv haben besonders im 16. Jahrhundert die Kanzler Caspar von Schönaich und Dr. Wolfgang Ketwigk, ferner der Sekretär Samuel Fabricius und der Notar Daniel Clandrian sich bleibende Verdienste erworben 1 ).

§ 2.

Die mecklenburgischen Kanzleibücher, insbesondere die Register.

Im Vorwort zum M. U.-B. 2 ) spricht Lisch sein Bedauern darüber aus, daß die Konzeptbücher, Lehnsrollen und Register aller Art aus älterer Zeit nicht bei den Urkunden aufbewahrt und somit zum größten Schaden der mecklenburgischen Landesgeschichte verloren gegangen sind. Mit dieser Bemerkung setzt Lisch voraus, daß im Mittelalter auch in Mecklenburg Geschäftsbücher zur Kontrolle der Verwaltung geführt wurden. Diese Voraussetzung ist allein schon auf Grund der allgemeinen Erwägung berechtigt, daß die spätmittelalterliche Verwaltung besonders größerer Territorien sich kaum vorstellen läßt ohne Geschäftsbücher, welche Kontrolle und Übersicht über die Verwaltungstätigkeit ermöglichten. Je mehr sich die deutschen Territorien zu selbständigen staatlichen Gebilden ausgestalteten, desto größer wurde das Bedürfnis der Verwaltung nach solchen Geschäftsbüchern. Besonders die Finanzverwaltung machte Aufzeichnungen, Steuerverzeichnisse, Rechnungsbücher und dgl. erforderlich 3 ). Lehenbücher unterrichteten über den Besitzstand der Fürsten und die militärischen Pflichten der fürstlichen Vasallen 4 ). Die wichtigste Gruppe der Geschäftsbücher der Verwaltung sind die eigentlichen Kanzleibücher, insbesondere die Register.

Die Anfänge der Registerführung an deutschen Fürstenhöfen fallen in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die Registerführung bürgerte sich in den landesfürstlichen Kanzleien etwa


1) Vgl. M. U.-B. I, Vorwort, S. VIII - XI.
2) S. VIII.
3) Solche urbarialen Aufzeichnungen und Bücher, welche den Bedürfnissen der Finanzverwaltung Rechnung trugen, wurden besonders früh in den frühentwickelten Territorien Österreich, Steiermark, Tirol, Savoyen und Bayern angelegt und geführt. Vgl. Redlich a. a. O. S. 158 ff.
4) Ein Verzeichnis der deutschen Lehenbücher, Lehenregister und ähnlicher Aufzeichnungen findet sich bei Lippert, "Die deutschen Lehenbücher", Leipzig 1903, S. 124 ff.
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um dieselbe Zeit wie in der Reichskanzlei ein 1 ). Unter Register im diplomatischen Sinne verstehen wir "Bücher, in welchen Kopien oder Auszüge der auslaufenden Schriftstücke einer Kanzlei eingetragen werden" 2 ). Durch die Registrierung der auslaufenden Schriftstücke wahrten sich die Fürsten den Überblick über die eigenen Verfügungen und konnten sich jederzeit zu politischen oder rechtlichen Zwecken auf die Register berufen.

Wie bereits angedeutet wurde, ist es mit der Überlieferung der mecklenburgischen Geschäfts- und Kanzleibücher schlecht bestellt. Jedoch die wenigen uns erhaltenen Überreste legen Zeugnis davon ab, daß auch in der mecklenburgischen Kanzlei der Brauch, Geschäftsbücher zu führen, wenigstens zu bestimmten Zeiten nicht unbekannt war. Abgesehen von einer Anzahl von Rechnungsbüchern aus dem 15. Jahrhundert, die von den fürstlichen Lokalbeamten geführt wurden und deshalb von unserer Betrachtung ausgeschlossen werden sollen, sind uns nur eine Lehnsrolle der Grafen von Schwerin, zwei Registerhefte und ein Lehnsregisterheft der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin erhalten.

1. Die Lehnsrolle der Grafen von Schwerin.

Über die Lehnsrolle der Grafen von Schwerin, welche eine allerdings wohl unvollständige Zusammenstellung der linkselbischen Besitzungen der Grafen enthält, können wir uns kurz fassen, da sie bereits mehrfach abgedruckt und eingehend besprochen worden ist 3 ). Sie ist in der Form einer Urkunde abgefaßt. Das Pergament war von vornherein zu klein geschnitten, sodaß der Schreiber auch die Rückseite benutzen mußte. Die Lehnsrolle ist von den Herausgebern in 91 Paragraphen aufgeteilt. Die Para-


1) Vgl. Breßlau a. a. O. Bd. I S. 104 ff. In der Reichskanzlei wurden zuerst unter Heinrich VII. Register geführt (Breßlau S. 131 ff.). An deutschen Fürstenhöfen läßt sich der Brauch der Registerführung zuerst (1311 - 13) bei Erzbischof Balduin v. Trier, noch früher bei dem Grafen von Hennegau nachweisen (Breßlau S. 142 ff.).
2) Redlich a. a. O. S. 162. Vgl. auch Breßlau a. a. O. Bd. I S. 103 Anm. 2. Hier finden sich weitere terminologische Bemerkungen und kritische Auseinandersetzungen mit dem Sprachgebrauch anderer Diplomatiker.
3) Zuerst veröffentlicht von Masch im Vaterländischen Archiv für Niedersachsen, 1838, Heft 1, S. 96 - 104 nach einer recht ungenauen Abschrift vom Original. Den ersten Abdruck nach dem Original lieferte v. Hammerstein, Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen, 1857, S. 6 ff. Vgl. auch M. J.-B. Bd. 25 S. 132 ff. Abgedruckt ist die Lehnsrolle ferner im M. U.-B. III, 2421, wo sich auch eine eingehende Besprechung findet.
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graphen 1 - 86 scheinen in einem Zuge von einem Schreiber geschrieben zu sein, §§ 87 - 88 sind von demselben Schreiber, aber wohl zu anderer Zeit hinzugefügt worden. Dagegen §§ 89 - 91 stammen, wie es scheint, von einer zweiten Hand.

Aus welchem Jahre die uns vorliegende Lehnsrolle stammt, läßt sich schwer bestimmen. Aus dem ersten Satze könnte man schließen, daß sie in der ersten Regierungszeit des Grafen Helmold II., also ungefähr 1274 oder 1275, geschrieben sei 1 ). Jedoch die Untersuchungen Maschs, v. Hammersteins und vor allem Lischs haben ergeben, daß aus inneren Gründen die Lehnsrolle in der Gestalt, wie sie uns vorliegt, später abgefaßt sein muß 2 ). Es hat die größte Wahrscheinlichkeit für sich, daß die Rolle, wie sie uns erhalten ist, nicht lange nach dem Regierungsantritt des Grafen Gunzelin V., also Ende 1296 oder im Jahre 1297, "als die Vasallen zur Muthung ihrer Lehne geladen wurden", von einem älteren durchkorrigierten Exemplar abgeschrieben und am Schluß vom Grafen Gunzelin fortgesetzt ist 3 ).

2. Die Register der mecklenburgischen Herzöge.

a) Aus der Zeit des Kanzlers Johannes Kröpelin (1361 - 62) sind uns zwei Registerhefte erhalten; beide haben Folioformat. Sie werden im Schweriner Archiv unter "Schuldbriefe I, 23/24" aufbewahrt.

Das erste Heft besteht aus einer sechs Bogen starken Lage, anscheinend aus Baumwollpapier 4 ). Die 24 Seiten des Heftes, welche keinerlei Numerierung von gleichzeitiger Hand aufweisen, sind sämtlich beschrieben. Die Lage ist geheftet mit einem zusammengedrehten Papierfaden. Da das Heft durch keinen Einband geschützt war, haben sich die beiden äußeren Blätter von dem Heftverband abgelöst und werden bei dem Registerheft verwahrt.

Wie aus der Überschrift hervorgeht, ist dieses erste mecklenburgische Register am 20. März 1361 von dem Protonotar und Kanzler Johannes Kröpelin angelegt worden. Die Überschrift, die aber offenbar nicht von der Hand des Kanzlers herrührt, lautet: "Incipit registrum, inchoatum per Johannem Crö-


1) Der erste Satz lautet: "Hec sunt bona, que comes Helmoldus de Zwerin mortuo patre suo comite Gunzelino in pheodo suis hominibus porrexit.
2) Vgl. von Hammerstein a. a. O. S. 5 f. und M. U.-B. III S. 657/59.
3) So Lisch im M. U.-B. III, 2421 S. 658.
4) Lisch, M. J.-B. Bd. 9 S. 228.
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pelin, prothonotarium illustris principis domini Alberti ducis Magnopolensis etc. sub anno incarnacionis domini MCCCLX primo, sabbato ante dominicam Palmarum". Da Johannes Kröpelin an demselben Tage urkundlich zum erstenmal als mecklenburgischer Kanzleibeamter und zwar als Kanzleivorstand begegnet 1 ), so ist die Vermutung wohl berechtigt, daß die Anlage des Registers auf die Initiative des neuen Kanzleichefs zurückzuführen ist. Das Register enthält 31 Abschriften von Urkunden, welche größtenteils in der Zeit von März bis Juli 1361 ausgestellt worden sind. Im M. U.-B. sind aus diesem Zeitabschnitt außer den im Register enthaltenen nur drei Urkunden abgedruckt, welche im Register fehlen. Daraus können wir ersehen, daß in dieser Zeit ein recht beträchtlicher Teil der Urkunden registriert sein wird.

Der achte Eintrag trägt das Datum vom 6. Juni 1358. Jedoch bemerkt der Kanzler dabei, obgleich sein Vorgänger Bertram Behr die Urkunde noch hätte besiegeln müssen, so habe er doch auf besonderen Befehl seines Herrn am 20. Mai 1361 das fürstliche Siegel angehängt 2 ). Diese Urkunde ist also auch erst 1361 ausgehändigt. Der achtzehnte Eintrag ist die Abschrift von einer Urkunde aus dem Jahre 1359. Bei der fünfundzwanzigsten Abschrift fehlt jegliche Datierung. Im übrigen stammen die Urkunden aus dem Jahre 1361. Der fünfzehnte Eintrag, eine Verpfändungsurkunde, ist augenscheinlich zum Zeichen der Kassation durchstrichen. Der neunzehnte Eintrag enthält nur den Anfang einer Urkunde und ist ebenfalls durchstrichen. Der Herausgeber des M. U.-B. hält es für wahrscheinlich, daß das betreffende Konzept überhaupt nicht mundiert worden ist 3 ).

Das zweite aus der Zeit des Kanzlers Kröpelin stammende Register ist dem ersteren durchaus ähnlich. Es bestand ursprünglich aus einer sieben Bogen starken Lage aus Linnenpapier, wie es scheint 4 ). Jedoch von den letzten sieben unbeschriebenen Blättern sind drei abgetrennt, sodaß das Heft jetzt nur noch aus vierzehn beschriebenen und acht unbeschriebenen Blättern besteht. Es hat, wie auch das ältere Heft, Folioformat und ist in ebenderselben Weise mit einem zusammengedrehten Papierfaden ge-


1) M. U.-B. XV, 8853 (20. 3. 1361).
2) Licet ista littera debuisset per Dominum Bertram Beren sigillasse anno quo supra (6. 6. 1358), tamen ex iussu et mandato speciali domini mei eam sigillaui feria quinta infra Penthecostes anno quo registrum incepi.
3) M. U.-B. XV, 8820 (1361).
4) Vgl. Lisch, M. J.-B. Bd. IX S. 228.
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heftet. Auf den frei gebliebenen Blättern finden sich mitunter Zeichnungen und Sprüche von der Hand späterer Schreiber.

Das Heft enthält im ganzen 23 Abschriften von Urkunden Albrechts II., welche größtenteils während der Zeit vom 6. Februar bis 31. Oktober 1362 ausgestellt wurden. Von den in dieser Zeit in der herzoglichen Kanzlei ausgestellten Urkunden sind uns nach dem M. U.-B. 27 erhalten, von denen sich 18 Abschriften im Register finden. Man registrierte also mit Auswahl. Der achte Eintrag ist die Abschrift von einer Urkunde, welche als Datum den 22. November 1360 aufweist. Der Kanzler Kröpelin schickt dieser Kopie folgende Bemerkung voraus: "Item sequens litera decreta fuit ante tempus meum, sed tempore meo est sigillata. Cuius tenor talis est" (es folgt die Abschrift). Es handelt sich also hier um einen ganz ähnlichen Fall, wie er uns schon oben in dem älteren Register begegnet ist. Ferner sind in dieses Registerheft noch vier Urkunden aus dem Jahre 1360 und 1361 aufgenommen (Eintrag 7 - 10). Der siebzehnte Eintrag betrifft die Bestätigung eines Verkaufes seitens Johann v. Moltkes durch Albrecht II. In diesem Falle ist außer der Bestätigungsurkunde auch der Anfang der Moltkeschen Verkaufsurkunde mitgeteilt.

Beide Hefte sind so eingerichtet, daß die vier Ränder der einzelnen Seiten meist durch vertikale und horizontale Linien von der zu beschreibenden Fläche abgegrenzt und in der Regel frei gelassen sind. Mitunter haben die Schreiber aber auch über den Rand geschrieben. Auf die freigelassenen Ränder sind im 16. Jahrhundert von der Hand des späteren Kanzlers Caspar von Schönaich (1507 - 47) kurze Inhaltsangaben der einzelnen Urkunden und alle möglichen Randglossen, die sich auf den Inhalt der Abschriften beziehen, geschrieben worden, ein Zeichen, daß die Registerhefte auch noch in späterer Zeit praktische Dienste leisteten. Offenbar von der Hand Caspar von Schönaichs stammen auch die Unterstreichungen wichtiger Stellen in den einzelnen Kopien, besonders der Namen, Daten und Zahlen.

Grundsätzlich sind die Urkunden in ihrem vollen Wortlaut, nicht etwa in der Form kurzer Auszüge, registriert worden. Gelegentlich finden sich jedoch Kürzungen, besonders der Intitulatio und des Schlußprotokolls 1 ). Da die meisten Einträge von der Hand des Kanzlers Kröpelin stammen, so müssen sie zum größten Teil in den Jahren 1361 - 62 gemacht sein, in welchen er der mecklenburgischen Kanzlei angehörte.


1) So in Heft 1 Eintrag Nr. 11, 19, 25; in Heft 2 Eintrag Nr. 8, 10, 12, 16.
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Die Abschriften beider Registerhefte lassen sich ihrem Inhalte nach nicht unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt zusammenfassen, sondern betreffen die verschiedensten Gebiete der Verwaltung und Regierung. Es sind Abschriften von Bestätigungs-, Verpfändungs-, Belehnungs-, Vertrags-, Schenkungsurkunden usw. Beide Hefte sind weder als "Konzept-" 1 ) noch als "Copeibücher" 2 ), sondern als allgemeine Register zu bezeichnen, da sie durchgehends Abschriften von Urkunden enthalten, welche einerseits die verschiedensten Gebiete der Verwaltung und Regierung betreffen, andererseits in der herzoglichen Kanzlei ausgestellt worden sind. Die Bezeichnung "registrum", wie sie sich in der Überschrift und unter dem achten Eintrag des älteren Heftes findet, entspricht durchaus der heutigen Terminologie.

Die Reihenfolge der Abschriften in beiden Registern ist nicht immer chronologisch. Die chronologische Anordnung ist im ganzen in dem zweiten Registerheft etwas strenger durchgeführt als in dem ersteren. Über die Frage, ob die Registrierung der Urkunden auf Grund der approbierten Konzepte oder nach den Reinschriften erfolgte, besitzen wir keine eindeutigen Zeugnisse. Jedoch hätten die Reinschriften als Grundlage der Registrierung gedient, so müßte sich in den Registern eine einigermaßen chronologische Anordnung der Abschriften beobachten lassen. Die beiden Register erwecken durchaus den Eindruck, als ob sie in aller Muße zusammengeschrieben wären. Man sammelte offenbar die Konzepte und fertigte die Abschriften an, wann sich gerade Zeit und Gelegenheit dazu fand. Es ergibt sich also als sehr wahrscheinlich, daß die Registrierung auf Grund der Konzepte erfolgte, und zwar ohne Rücksicht auf den Zeitpunkt des Ausganges der Originale 3 ).

b) Ein weiteres uns erhaltenes Kanzleibuch stammt aus der Kanzlei Heinrichs IV. (1436 - 77) und unterscheidet sich wesentlich


1) So Lisch, M. J.-B. Bd. 9 S. 228 und Leesenberg a. a. O. S. 315. Beide Register machen keineswegs den Eindruck, als wenn sie Konzeptbücher wären, da sich verhältnismäßig wenig Korrekturen finden.
2) Als "Copeibücher" werden sie im M. U.-B. gewöhnlich bezeichnet.
3) Auch in der Reichskanzlei wurde höchstwahrscheinlich nach den approbierten Konzepten registriert. Vgl. Breßlau a. a. O. Bd. I S. 136/138 und G. Seeliger, Die Registerführung am deutschen Königshofe bis 1493, M. J. Ö. G., Ergänzungsband III, S. 318, S. 322, ebenso in den landesfürstlichen Kanzleien. Für die Mark Brandenburg vgl. Lewinski a. a. O. S. 83, S. 107 und S. 109; für Tirol vgl. R. Heuberger, M. J. Ö. G. Bd. 33 S. 437; für Österreich vgl. Stowasser, M. J. Ö. G. Bd. 35 S. 695, Bd. 38 S. 71; für die Mark Meißen vgl. Lippert, Neues Archiv für Sächsische Geschichte Bd. 25 S. 229; für das Ordensland vgl. Lukas, Das Registerwesen des deutschen Ordens, Diss. Königsberg 1921, handschriftlich, usw.
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von den beiden besprochenen Registerheften. Es wird im Schweriner Archiv aufbewahrt unter den Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefen und trägt die aus späterer Zeit stammende Signatur P. 93. Das Buch oder Heft besteht aus einer fünf Bogen starken Papierlage und einem Umschlagbogen, ebenfalls aus Papier. Die Lage hat Folioformat und ist mit einem schmalen Pergamentstreifen geheftet. Die Ränder der einzelnen Seiten des Heftes sind meist freigelassen, jedoch gelegentlich haben die Schreiber über den Rand geschrieben. Auf der oberen Seite des Umschlagbogens und auf den Rändern der einzelnen Seiten finden sich kurze Inhaltsangaben der Kopien, die zum Teil von der Hand des späteren Kanzlers Caspar von Schönaich, zum Teil aber auch von gleichzeitiger Hand stammen. Caspar von Schönaich hat, wie es scheint, auch die ersten beiden Blätter numeriert (fol. 1; fol. 2). Die einzelnen Einträge sind durchweg recht sorgfältig geschrieben. Besonders eine Hand, von welcher ein großer Teil sämtlicher Abschriften stammt, zeichnet sich durch peinliche Sauberkeit aus 1 ). Neben dieser begegnen noch mehrere andere Handschriften. Sehr flüchtig ist ein Eintrag auf dem letzten beschriebenen Blatt geschrieben. Ein längerer Passus, welchen der Schreiber in der Eile ausließ, ist auf dem linken Rande nachgetragen. Unter den einzelnen Abschriften finden sich häufig Kanzleivermerke, welche teils in einem Zuge mit dem dazu gehörigen Eintrag unter die Abschrift geschrieben worden sind, teils von einer anderen Hand nachgetragen wurden.

Das Registerheft enthält Abschriften oder Auszüge von 22 Urkunden, welche in den Jahren 1442 - 47 ausgestellt wurden. In den meisten Fällen ist Heinrich IV. der Aussteller. Jedoch sind auch Abschriften von einigen wichtigen Urkunden, welche für den Herzog ausgestellt wurden, in das Register aufgenommen: Abschriften von zwei Urkunden Kaiser Friedrichs III. für Heinrich IV., ferner von zwei Urkunden, worin zwei Lehnsmannen des Herzogs bekennen, daß dieser ihnen Burg und Schloß Gnoien bzw. Dömitz überantwortet habe. Die Urkundenabschriften betreffen mit wenigen Ausnahmen Belehnungen mit Grund und Boden, Einkünften und Gerechtsamen. Wir werden diese Abschriftensammlung vielleicht am besten als Sonderregister, speziell als Lehnsregister bezeichnen können 2 ).

Zu einem Teil sind die Urkunden in ihrem vollen Wortlaut, bisweilen nur mit Kürzungen im Titel und in der Endformel ab-


1) Von dieser Hand stammen offenbar die Einträge 1, 2, 4 - 6, 12 - 19 und 22.
2) Vgl. O. Redlich a. a. O. S. 161.
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geschrieben. Fast die Hälfte (10 von den 22 Urkunden) ist dagegen nur in der Form von Regesten in das Registerheft aufgenommen. Die Abschriften sind keineswegs chronologisch angeordnet. So weist die achte Abschrift fast das späteste Datum von allen Einträgen auf (22. Februar 1447). Daraus geht offenbar hervor, daß zum wenigsten die Einträge 8 - 22, wahrscheinlich aber auch die ersten 7, frühestens aus dem Jahre 1447 stammen können, obgleich die meisten Abschriften ein früheres Datum tragen. Näheres läßt sich nicht ermitteln über die Frage, wann das Register angelegt ist bzw. wann die einzelnen Abschriften in das Register eingetragen wurden.

Bei der Registrierung dienten offenbar auch hier die approbierten Konzepte, nicht die Reinschriften als Grundlage. Das ergibt sich allein schon aus dem Umstand, daß die meisten Einträge, wie bereits bemerkt wurde, oft mehrere Jahre nach Ausfertigung der Urkunden gemacht wurden, als die Originale längst in dem Besitze der Empfänger waren. Die Vermutung, daß, wie in der Reichskanzlei und meist auch in den landesfürstlichen Kanzleien, so auch in der mecklenburgischen Kanzlei durchweg die Konzepte als Vorlage bei der Registrierung dienten, wird noch verstärkt durch die Beobachtung, daß einige Konzepte aus der Mitte des 15. Jahrhunderts ausdrücklich den Registrierungsbefehl "registretur" aufweisen 1 ).

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Es erhebt sich schließlich noch die Frage, ob die wenigen uns erhaltenen Registerbücher oder Hefte die einzigen in ihrer Art sind, welche aus der mecklenburgischen Kanzlei hervorgegangen sind. Diese Frage ist sicherlich zu verneinen. Freilich wird man sich vielfach damit begnügt haben, die Urkundenkonzepte zu sammeln und sorgfältig aufzubewahren. Sie bildeten einen dürftigen Ersatz für die zur Kontrolle der Verwaltung fast unentbehrlichen Register. Jedoch wie bereits erwähnt wurde, sind uns einige Konzepte aus der Mitte des 15. Jahrhunderts erhalten, auf denen sich der Registrierungsbefehl "registretur" findet. Das deutet darauf hin, daß auch um 1450 in der mecklenburgischen Kanzlei registriert wurde.


1) Vgl. die Notiz S. A. Amtsurkunden Sülze, 10. 8. 1448; Stadturkunden Sülze, 9. 3. 1450; Gutsurkunden Steinbeck, ca. 1450; Debita passiva (undatiert). Auf einer Urkunde Herzog Heinrichs IV. vom 5. 4. 1444 (S. A. Schuldbriefe I Nr. 70) findet sich ausnahmsweise auch einmal der Vermerk "Registrata", welcher offenbar von gleichzeitiger Hand stammt.
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Ferner befindet sich im Schweriner Archiv "ein in Pergament geheftetes, hinten, auch sonst defektes Convolut", welches "einige Register über die Güter im Toitenwinkel und dessen Pertinenzien wie auch verschiedene Kopien der von den Moltken ausgestellten Pfandverschreibungen" aus den Jahren 1441 - 73 enthält. Wie das Lehnsrepertorium des Schweriner Archivs (unter "Toitenwinkel") fernerhin angibt, ist das Buch 123 Folien stark, von denen Fol. 113 und 122 fehlen. Leider ist eine nähere Untersuchung dieses Registers nicht möglich, da es zur Zeit im Schweriner Archiv trotz aller Bemühungen nicht aufzufinden ist. Die Frage, ob dieses Register aus der mecklenburgischen Kanzlei hervorgegangen ist, läßt sich vorläufig nicht mit Bestimmtheit beantworten. Überhaupt ist es nicht ausgeschlossen, daß noch weitere Register der mecklenburgischen Herzöge aus dem späteren Mittelalter irgendwo unentdeckt und im Verborgenen ruhen, wie bis vor kurzem etwa die Register der Grafen und Herzöge von Cleve-Mark, welche von Ilgen in einer Privatbibliothek aufgefunden wurden 1 ). Wenn uns auch nur wenige Bruchstücke von mecklenburgischen Registern erhalten sind, so dürfen wir jedenfalls aus der mangelhaften Überlieferung nicht den verfrühten Schluß ziehen, daß der mecklenburgischen Kanzlei im Mittelalter der Brauch der Registerführung fremd gewesen sei.

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1) Vgl. Ilgen, Die wiederaufgefundenen Registerbücher der Grafen und Herzöge von Cleve-Mark, Mitteilungen der königlich preußischen Archivverwaltung Heft 14.
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Anlage I.

Zusammenstellung des Kanzleipersonals 1 ).

A. Liste des Kanzleipersonals der Grafen von Schwerin.

     Hermann, Notar, 1217.
     Giselbert, Notar (auch scriptor genannt), 1227, 1235.
     Albert, Notar (auch scriptor genannt), 1251 - 55.
     Hoger, Notar, 1270; Hofkaplan bis 1275 2 ).
     Werenbert, Notar, 1270 - 74 3 ).
 
Linie Schwerin (stirbt 1344 mit Graf Heinrich III. aus). Linie Wittenburg - Boizenburg (1274-1356).
Conrad, Notar, 1282 - 84; Hofkaplan bis 1300. Werenbert, Notar, 1282, Hofkaplan bis 1297.
Borchard v. Crivitz, Notar, 1304. Luderus, Notar, 1289.
Petrus v. Bützow, Notar, 1332. Nikolaus, Notar, 1296.
Lambertus Rochow, Notar, 1333. Gerhard, Notar, 1323 - 25.
~~~~~~ Martin, Notar, 1331.
  Johannes, Notar, 1335.
  Bernhard Parzow (Passow),1349.
  Helmold, Notar, 1349.
   
Otto I., Sohn Gunzelins VI. von Wittenburg, regiert zu Schwerin 1344 - 56.
Albert Foysan, Notar, 1349; 1353 (später noch Hofkaplan).
Johannes v. Schepelitz , Protonotar, 1354 - 56.

1) In folgende Listen sind alle diejenigen Personen aufgenommen, welche in den Urkunden durch Titel und Amtsbezeichnung als Kanzleibeamte der Grafen von Schwerin bzw. der Fürsten und Herzöge von Mecklenburg gekennzeichnet sind. Den Namen der Kanzler, Protonotare, Notare und Sekretäre ist regelmäßig der Titel beigefügt. Die Zahlen begrenzen den Zeitraum, in welchem die betreffenden Personen urkundlich als Kanzler, Protonotare usw. begegnen. Den Namen der Kanzleibeamten, welche in den Urkunden einfach als Schreiber bezeichnet sind, ist kein besonderer Titel beigefügt.
2) Vorher Kaplan und Notar bei den Grafen von Dannenberg.
3) Vgl. die Notare der Wittenburger Linie.
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Wiedervereinigung der beiden gräflichen Linien unter Nikolaus III. und seinem Sohn Otto II. im Jahre 1356.

Johannes v. Schepelitz, ouerster schriuer 1356 1 ), Notar, 1357.

Werner Struwe, Kanzler, 1357.

B. Liste des Kanzleipersonals der mecklenburgischen Fürsten und der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin.

I.

Die mecklenburgischen Hofnotare bis zur erstmaligen Erwähnung eines Kanzleivorstandes (1323) 2 ).

  1. Eustachius, Notar, 1219.
  2. Conrad, Notar (auch scriptor gen.), 1226 - 44.
  3. Rudolf, Notar, 1231 - 46.
  4. Arnold, Notar, 1242.
  5. Berthold, Notar, 1248.
  6. Heinrich, Notar, 1256 - 65.
  7. Johannes, Notar, 1266 - 69.
  8. Gottschalk, Notar, 1266 - 79.
  9. Heinrich v. Kamin, Notar (auch Scholar gen.), 1296 bis 1300.
  10. Johann, Notar, 1297.
  11. Johannes Vogel, Notar, 1305 - 7.
  12. Nikolaus, Notar, 1310.
  13. Rothgerus, Notar, 1310 - 1323.
  14. Christian v. Dolla, Notar, 1313.

II.

Das mecklenburgische Kanzleipersonal seit dem erstmaligen Auftreten eines Kanzleivorstandes (1323)
bis zum Tode Herzog Heinrichs IV. v. Mecklenburg-Schwerin (1477).

  1. Rothgerus, Protonotar, 1323 - 29 3 ).
       Heinrich Frauenburg, Notar, 1324 - 26.
       Johannes v. Prenzlau, Notar, 1327 - 29; 1334.

1) Vgl. oben.
2) Die Angaben über die Amtszeit der mecklenburgischen Hofnotare bis 1300 sind z. T. der zuverlässigen Zusammenstellung von Buchwalds, Bischofs- und Fürstenurkunden des 12. und 13. Jahrhunderts, entnommen.
3) Vgl. oben Nr. 13.
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   Heinrich, Notar, 1326 - 29.
   Meinhard, Notar, 1327 - 29.
   Antonius v. Plessen, Notar, 1327 - 29.
   Nikolaus Manteuffel, Notar, 1328.
   Hilaricus, Notar, 1329.

  1. Berthold Rode, Kanzler (auch Protonotar, 1351 maior notarius genannt), 1337 - 51.
       Helmold v. Plessen, Notar, 1339 - 40.
       Gottfried, Notar, 1340 - 44.
       Markwart, Notar, 1345.
       Johannes Raboden, Notar, 1346 - 50.
       Heinrich v. Griben, Notar, 1349 - 51.
       Heinrich Rode, Notar, 1349 - 51.
       Johannes Suhm, Notar, 1351.
  2. Bertram Behr, Kanzler (gelegentlich auch Protonotar genannt), 1352 - 60; 1363.
       Heinrich Rode, Notar, 1352 1 ).
       Gottschalk, Notar, 1353.
       Heinrich v. Griben, Notar, 1359 2 ).
       Bernhard Mallin, Notar, 1359 - 60.
  3. Johannes Kröpelin, Kanzler(auch als Protonotar erwähnt), 1361 - 62.
  4. Johannes Schwalenberg, Kanzler, 1366 - 74.
       Heinrich Sluz, Notar, 1366.
       Martin Schütz, Notar, 1373 - 74.
  5. Albert Konow, Kanzler, 1375 - 79.
       Albert Schweder, 1377.
       Johann Wittenburg, Notar, 1380.
  6. Johann Reinwerstorf, Kanzler, 1384.
       Johann Möller, 1385 3 ).
  7. Detlev v. Siggen, Kanzler, 1386.
       Johannes v. Bentlage, 1388.
       Arnold Kran, Notar, 1395 (schon früher Hofgeistlicher).
  8. Karl Hakonsson, Kanzler, 1396 - 99.

1) Seit der mecklenburgischen Landesteilung (25. 11. 1352) im Dienste Johanns von Mecklenburg-Stargard.
2) Vgl. oben unter II, 2.
3) Wird M. U.-B. XX, 11 653 als ausfertigender Kanzleibeamter erwähnt.
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  1. Johannes v. Bentlage, Kanzler, 1406 - 7 1 ).
  2. Henning Slapelow, Kanzler, 1409.
       Johannes Roggentin, 1409.
  3. Nikolaus Reventlow, Kanzler, 1415 - 38.
       Johannes Kremer, Sekretär und Schreiber, 1412 - 30.
       Johann Achim, 1428.
       Gerhard Brüsewitz, Sekretär, 1430 - 31.
       Henning Karutze, 1437.
  4. Henning Karutze, Kanzler, 1440 - 46 2 ).
       Johannes Hesse (seit 1440 als Schreiber, seit 1444 als Kanzler, Protonotar oder Vizekanzler erwähnt).
       Johann Mack, 1443 - 44.
  5. Johannes Hesse, 1444 - 49 abwechselnd als Kanzler, Protonotar oder Vizekanzler erwähnt 3 ).
       Heinrich Reventlow, 1447.
       Heinrich Bentzien, Sekretär seit 1447.
  6. Heinrich Bentzien, Kanzler, 1459; 1464. Als Vizekanzler 1459 erwähnt; sonst Sekretär oder Schreiber genannt 4 ).
       Hermann Widenbrügge, Sekretär, 1450 - 62.
       Johannes Raden, 1456 - 63.
       Thomas Rode, Schreiber und Sekretär, 1461 - 69.
       Johann Berner, 1465 - 69.
  7. Thomas Rode, Kanzler, 1469 - 1486.
       Johann Berner, 1469 - 70 5 ).
       Joachim Heydeberg, Sekretär seit 1471 6 ).
       Laurentius Stoltenborg, Sekretär seit 1472.

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1) Vgl. oben unter II, 8.
2) Vgl. oben unter II, 12.
3) Vgl. oben unter II, 13.
4) Vgl. oben unter II, 14.
5) Vgl. oben unter II, 15.
6) Vor der Vereinigung Stargards mit Mecklenburg-Schwerin in der Kanzlei der Herzöge von Mecklenburg-Stargard nachweisbar.
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Anlage II.

Zusammenstellung der Kanzleivermerke unter den Urkunden der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin.

Die Kanzleivermerke sind die wichtigste Quelle für die Erforschung des Geschäftsganges einer mittelalterlichen Kanzlei. Sie finden sich unter Urkunden der mecklenburgischen Herzöge seit dem Jahre 1442 auf Originalen, Konzepten und Abschriften. Sie bilden keineswegs einen notwendigen Bestandteil jeder Urkunde, sondern treten nur gelegentlich auf. Die Vermerke sind stets lateinisch formuliert, auch in solchen Urkunden, deren Text in deutscher Sprache abgefaßt ist. Auf Originalen und Konzepten sind die Vermerke in der Regel von der Hand desselben Schreibers geschrieben, von welchem auch der Text der betreffenden Urkunde stammt. Auf Registerabschriften sind sie gelegentlich von anderer Hand nachgetragen. Sämtliche Kanzleivermerke, die mir auf Originalen begegnet sind, stehen rechts auf der äußeren Seite des umgeschlagenen Buges. Auf Registerabschriften und Konzepten befinden sie sich rechts unter dem Text.

Die unten folgende Zusammenstellung der mecklenburgischen Kanzleivermerke, die ich habe ermitteln können, ist nach chronologischen Gesichtspunkten angefertigt. Außer dem genauen Wortlaut der Vermerke ist regelmäßig Datum, Inhalt und Fundort der betreffenden Urkunde, unter welcher mir ein Kanzleivermerk begegnet ist, angegeben.


Datum Inhalt der Urkunde Fundort Kanzleivermerk

1.
1385 20. I.
Schwaan
Albrecht, König v. Schweden, verleiht dem Rostocker Bürgermeister Johann von der Aa Dorf und Höfe Lütten-Klein. M. U.-B. XX, Nr. 11 653 Jo. Mollr.
2.
1442 -
Wilsnack
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, verleiht dem Jaspar Ganz, Herrn zu Putlitz, und seinem Bruder die Dörfer Rebzin, Menzendorf und Möllenbeck. Gedr. M. J.-B. XXV, S. 315
S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 XII.
dominus mandauit et examinauit.
3.
1443 -
Schwerin
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, verleiht Gerd Bassewitz Hof und Dorf Körchow. S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 XV. r. dominus per se et examinauit.
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Datum Inhalt der Urkunde Fundort Kanzleivermerk

4.
1443 29. IX.
Schwerin
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, verleiht Johann Bassewitz Hof und Dorf Levetzow, den Hof zum Kalenberg und den Wenthof. S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 XIV. dominus per se iussit et examinauit.
5.
1443 4. XII.
Schwerin
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, verleiht der Ehefrau Wedegen v. Zülows 70 Mark lüb. Pfennige in dem Dorfe Stralendorf zum Leibgedinge. S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 XVI. dominus per se iussit et examinauit.
6.
1443 10. XII.
Rostock
Herzog Heinrich IV. bestätigt nach empfangener Huldigung den Rostocker Bürgern die Gerechtsame der Stadt. S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 XI. de mandato domini et fideliter cum predictis consiliariis examinauit Jo. Hesse.
7.
1443 11. XII.
Rostock
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, spricht Rostock frei aus der Reichsacht, mit Vollmacht von Kaiser Friedrich III. S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 IX. dominus per se mandauit coram predictis etc.
8.
1444 1. I.
Schwerin
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, schenkt die auf die Dorfleute des Dorfes Papendorf gelegten Dienste, Beden und Ablager oder sonstigen Auflagen seinem getreuen Schreiber Johannes Hesse, z. Zt. Kirchherrn zu St. Petri in Rostock, auf Lebenszeit. Orig. S.A.Domst. Rost. Nr. 19. Abschrift in Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 III. de mandato domini per se et examinauit coram consiliariis in Wissmaria. Der Vermerk fehlt auf dem Original.
9.
1444 12. IX.
-
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, bekennt, daß vor ihm und einigen seines Rates der Knappe Gottschalk Preen zu Bibow die Hälfte seines Besitzes in den Dörfern Bibow, Breesen, Ventschow und Jesendorf dem Johann Bassewitz für 2000 Mark lüb. aufgelassen hat. Der Herzog belehnt letzteren mit den genannten Gütern. S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 IV. de mandato domini ducis et examinauit coram consiliariis.
10.
1445 1. X.
Rehna
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, verleiht den fürstlichen Anteil des Dorfes Bentze (Gerichtsbarkeit usw.) an seinen Kammermeister Otto Vieregge, jedoch mit Vorbehalt der Bede. S.A.Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 V. de mandato domini et examinauit coram consiliariis supradictis.
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Datum Inhalt der Urkunde Fundort Kanzleivermerk

11.
1446 26. I.
Rostock
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, eignet dem Kloster Marienehe die Dörfer Gr. und Kl. Retze zu mit allem Zubehör und nimmt das Kloster in seinen Schutz. S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 VI. de mandato domini Magnopolensis et examinauit cum suis consiliariis in Parchim suprascriptis.
12.
1446 11. III.
Plau
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, belehnt Wulf v. Oldenburgs Ehefrau Katharina mit Gülte und Pacht aus dem Dorfe Tolzin und Siraue. S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 XVII. dominus per se iussit et examinauit.
13.
1446 17. III.
Schwerin
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, verkauft wiederkäuflich dem Propst, Dekan, den Domherrn und Vikarien der Kirche zu Schwerin 4 Mark lüb. jährl. Gülte aus der Bede in dem Dorfe Warnitz. Orig. S.A. Bistum Schwerin Nr. 138. de mandato domini Jo. Hesse.
14.
1446 12. IV.
Neustadt
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, belehnt Heinrich Grapen und seine Ehefrau Katharina mit allen ihren Gütern in Mecklenburg. S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 XVIII. dominus per se iussit et examinauit.
15.
1446 25. V.
Rostock
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, erlaubt seinem Getreuen Arnd Hasselbeck, seine verpfändeten Güter zu gebrauchen. S.A. Lehnsakten, Lehns- und Konsensbriefe P. 93 XIX. de mandato domini et examinauit.
16.
1446 25. VII.
Doberan
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, verpfändet an Claus Kosse zu Teschow 43 Mark 4 Schill. sund Bede, 6 Scheffel Hundekorn usw. im Dorfe Cammin und höchstes Gericht und Dienst des ganzen Dorfes. Orig. S.A. Gutsurkunden Cammin (Güstrow). de mandato domini Magnopolensis et examinauit coram predictis consiliariis.
17.
1446 11. XI.
-
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, verkauft wiederkäuflich dem Prior und Konvent des Klosters zu Marienehe 15 Mark lüb. jährl. Gülte aus seiner Bede im Dorfe Klein-Schwaß (Kirchspiel Biestow) für 300 Mark lüb., womit er 20 Mark lüb. jährl. Gülte der genannten Bede eingelöst hatte. Orig. S.A. Klosterurkunden Marienehe. de mandato domini Hinrici Magnopolensis et per se examinauit.
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Datum Inhalt der Urkunde Fundort Kanzleivermerk

18.
1447 3. VIII.
Güstrow
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, bewilligt auf Bitten seines Vizekanzlers Johann Hesse, daß dem Arnd Landesberger 20 Mark sund. Rente aus dem Dorfe Papendorf für 250 Mark wiederkäuflich verkauft werden dürfen. Orig. S.A. Gutsurkunden Papendorf. de mandato domini Magnopolensis Hinricus Bentzien.
19.
1448 8. IX.
Schwerin
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, leiht, nachdem seine Vorfahren den Lützows, herzoglichen Marschällen, wohnhaft zu Grabow, Schloß, Stadt und Land Grabow für 6000 Mark lüb. verpfändet hatten, von den jetzigen Lützows noch 1000 rh. Fl. dazu auf dasselbe Pfand. Orig S.A. Amtsurkunden Grabow. de mandato domini ducis Hinricus Bentzien.
20.
1454 8. XI.
Ribnitz
Heinrich d. ä. von Stargard und Heinrich IV., Herzoge von Mecklenburg, bescheinigen den Empfang von 910 Rhein. Gulden der Summe, die ihnen die Städte Stralsund, Greifswald und Demmin mit ihren Mitlobern schulden. Orig. Stadtarchiv Stralsund, Schrank VI, 5. de mandato dominorum ducum supradictorum Hinricus Bentzin subscripsit.
21.
1454 25. XI.
Ribnitz
desgl. den Empfang von 450 Rhein. Gulden. desgl. de mandato dominorum ducum Mangnopolensium etc. Hinricus Bentzin.
22.
1461 11.V.
Rostock
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, bestätigt für sich und seine Söhne den Bürgermeistern und Ratmännern der Stadt Rostock alle ihre Privilegien. Er gelobt den Rostockern, sie zu beschirmen, so daß man sie nicht außerhalb der Stadt vor Gericht ziehen darf. Konzept S.A. Stadturkunden Rostock. ad mandatum domini Thomas Rode scripsit.
23.
1461 -
Lübeck
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, bekennt, dem Lübecker und Schweriner Domherrn Cord Loste auf die diesem schon verpfändete Bede zu Lübberstorf 40 Mark lüb. geliehen zu haben, so daß die Lösungssumme nun 240 Mark beträgt. Orig. S.A. Gutsurkunden Lübberstorf. ad mandatum domini Thomas Rode scripsit.
24.
1466 18. VII.
Schwerin
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, verkauft wiederlöslich den Gebrüdern v. Sperling 22 Mark Bede in Zickhusen für 300 Mark. Orig. S.A. Schuldbriefe I Nr. 257. de mandato domini Thomas Rode scripsit.
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Datum Inhalt der Urkunde Fundort Kanzleivermerk

25.
1469 25. IV.
-
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, konsentiert, daß die Smeker dem Kloster zu Marienehe ihre Güter, Hufen, Höfe usw. zu Elmenhorst (Vogtei Schwaan) mit Gerichten, Diensten und aller Gerechtigkeit verkauft haben. Kopie oder Konzept S.A. Klosterurkunden Marienehe. ad mandatum domini Thomas Rode subscripsit.
26.
1471 8. V.
-
Albrecht und Johann, Herzöge von Mecklenburg, bekennen, daß ihnen der Bischof Johann v. Ratzeburg 300 Mark lüb., die dieser ihnen schuldig war, bezahlt hat, und quittieren ihm darüber. Der Herzog Johann siegelt für beide. Orig. S.A. Bistum Ratzeburg copiale II Nr. 00. de mandato eorundem illustrium et altigenitorum praedictorum Alberti et Johannis fratrum SlaviaeInferioris etc. Vicko Dessin secretarius eo rundem m. p.
27.
1471 16. VII.
Neubrandenburg
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, bestätigt Güter, Eigentum und alle Privilegien, Briefe oder Instrumente der Stadt und der Einwohner von Neubrandenburg. 2 gleichzeitige Abschriften S.A. Stadturkunden Neubrandenburg. ad mandatum domini Thomas Rode scripsit sigillauit presentem litteram et est examinata in consilio.
28.
1474 24. V.
Tempzin
Heinrich IV., Herzog v. Mecklenburg, bekennt, schuldig zu sein Heinrich Hagenow, Gebietiger des St. Antonius-Hofes zu Tempzin, insgesamt 120 Guld. Konzept S.A. debita passiva (Akten). Laurencius Stoltenborch scripsit.
29.
1476 23. IV.
Wismar
Heinrich IV., Herzog v Mecklenburg, sowie dessen Söhne Albrecht, Magnus und Balthasar heben die von Kaiser Friedrich ihnen bewilligten Wasserzölle zwischen Rostock und Warnemünde, Wismar und Poel für alle Zeit auf, nachdem die Städte Rostock und Wismar sie als ihren Privilegien widerstreitend erwiesen haben. Druck auf Papier ca. 1620 - 30 S.A. Stadturkunden Rostock. ad mandatum et ad decretum praefatorum dominorum omnium contentorum ad tenorem earum literarum cum clausula apposita post datum literae e[i]usdem sunt conscripta et sigillata, quod ego Thomas Rode contestor manu propria.
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II.

Der Seehafen der Stadt Rostock
in seiner geschichtlichen Entwickelung
bis zum dreißigjährigen Kriege

von

Kuno Voß.

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Inhaltsverzeichnis.

    Seite
Vorwort   92
I. Kapitel: Die Kämpfe Rostocks um das Mündungsgebiet der Warnow 93-98
II. Kapitel: Die Geschichte des Rostocker Seehafens bis zum Ausbruch des dreißigjährigen Krieges 98-148
§ 1. Die Lage des Rostocker Seehafens in der ältesten Zeit 98-108
Bedeutungserklärung der Wörter "Tief" und "fangen". Zusammenhang zwischen Haffdüne und Hafen. Bisherige Forschung. Die wirkliche Lage.
§ 2. Der Hafen im 14. und 15. Jahrhundert 109-124
Verlegung des Hafens. Untersuchung über die Anlage des Tiefes A. Quelleninterpretation der bisherigen Forschung. Die Zeit zwischen 1325 und 1485. Der Durchstich vor Krekeshovet 1485/6.
§ 3. Die großen Hafenbauten des 16. Jahrhunderts 124-148
a) Die Zeit zwischen 1485 und 1570. 124-128
Der herzogliche Erlaß von 1519. Das "neue Tief neben der Heiden". Zustand des Hafens um 1570.
b) Die Zeit zwischen 1570 und 1616. 128-148
Jochim Barchmann, der Schuster, "fängt" das "neue" Tief und baut den Heidekanal. Peter Hase bietet dem Rat einen venetianischen Bagger an. Johann tor Balck erbaut die Haffdüne, "fängt" den Breitling und rät, über den ganzen Breitling ein Bollwerk zu "schlagen". Fortsetzung der Arbeiten im Sinne Johann tor Balcks: Das große Breitlingsbollwerk.
III. Kapitel: Die Arbeiten zur Sicherung des Rostocker Hafens 149-167
§ 1. Das Tief und seine Reinhaltung 149-154
Selbstreinigung, Baggern mit "plog" und "kellen". Sauberhalten des Tiefs.
§ 2. Die Bollwerke 154-164
Zweck von Bollwerken im Hafenbau. Die Verhältnisse im Gebiete des Rostocker Seehafens. Die Molen sind Steinkisten-Bollwerke. Ihr Aussehen und ihre Bauweise.
§ 3. Die Haffdüne 164-167
Mittel gegen Flugsand und Wasser. Verstopfen von Durchbrüchen.
Übersicht über die gewonnenen Ergebnisse 168-169
Anhang: Bericht über den heutigen Zustand des ältesten Rostocker Hafens an der See (mit Karte) 170-172
Übersichtskarte
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Vorwort.

Über den Rostocker Seehafen ist bereits vor einiger Zeit eine historische Abhandlung erschienen. Es ist der in den Beiträgen zur Geschichte der Stadt Rostock, Bd. XII, S. 1 - 16, im Jahre 1924 gedruckte Aufsatz von Ludwig Krause: "Die alten Warnowmündungen und der ursprüngliche Rostocker Hafen zu Warnemünde". Diese Schrift hat den Anstoß gegeben zu der vorliegenden Arbeit. Im Laufe des Studiums der Quellen zur Geschichte der Stadt Rostock im 16. Jahrhundert fand sich ein so umfangreiches, von der bisherigen Forschung unbenutztes Material zur Geschichte des Rostocker Seehafens, daß es lohnend erschien, die durch den Tod Krauses unterbrochenen Forschungen wieder aufzunehmen und den Versuch zu machen, die Entwickelung dieses Hansehafens von den Anfängen bis zu jenem Zeitpunkt zu schildern, wo der Hafen den erst 1903 verlassenen Zustand erhielt. Dieser Zeitpunkt wurde, wie sich herausstellte, etwa bei Beginn des dreißigjährigen Krieges erreicht.

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Kapitel I.

Die Kämpfe Rostocks um das Mündungsgebiet der Warnow.

Rostock wurde vor 1218 zur Stadt erhoben 1 ), in jener Zeit machtvollster Entfaltung des Deutschtums, die durch den "Zug nach dem Osten" und die Gründung der Städte für die ganze weitere Geschichte des deutschen Volkes von so nachhaltiger Bedeutung ward. Rostocks schnelle Entwickelung im ersten Jahrhundert nach Gründung der Stadt ist ein anschauliches Beispiel für jene Tage des Wachsens und Blühens aus der Fülle der ungebrochenen Volkskraft: Nicht mehr als ein Menschenalter vergeht, und der Gründungsstadt mit der Kirche des heiligen Petrus gliedern sich zwei weitere Städte an, jede mit besonderem Markt und besonderer Pfarrkirche, jede von Mauern und Türmen umgeben 2 ). Erst viele Jahrhunderte später konnte die Stadt den Raum, den sie in schneller Entwickelung bis etwa 1250 einnahm, überschreiten, erst als im neunzehnten Jahrhundert eine neue Zeit neue Blühkraft gab.

Daß Rostock in kurzer Zeit eine der ersten Städte des jungen Koloniallandes wurde, beruht auf der günstigen Lage an dem Ostseefluß und den aus dieser Lage sich ergebenden Handelsmöglichkeiten mit den neu erschlossenen Gebieten des Ostens. Aus den Urkunden ersieht man, daß in der kurzen Zeitspanne von der Gründung bis 1252 der größere Teil jener Handelbeziehungen ange-


1) Vgl. zu dem ganzen Abschnitt:
Koppmann, Geschichte der Stadt Rostock, 1887.
Ludwig Krause: Die alten Warnowmündungen und der ursprüngliche Rostocker Hafen zu Warnemünde (Beiträge z. Gesch. d. Stadt Rostock (B. G. R.), XII, 1920/23, S. 1 - 16).
Friedrich Barnewitz: Geschichte des Hafenortes Warnemünde, 2. Aufl. 1925, S. 57 ff.
Max Hauttmann: Das Rostocker Stadtbild (1924).
2) Koppmann, Geschichte ... S. 2 ff. Hofmeister, Beitr. z. Gesch. d. Stadt Rostock, IV, 4, S. 1 ff. Püschel: Das Anwachsen der deutschen Städte (Abhdlg. f. Verk.- u. Seegesch., ed. Dietr. Schäfer, IV, Berlin 1910). Krause, Topographie ... S. 33. B. G. R. XIII. 1925.
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knüpft ist, die in späterer Zeit den Reichtum Rostocks gesichert haben 1 ).

Für eine solche Handelsstadt mußte, wie Barnewitz richtig sagt, "die ungestörte Verbindung mit dem Meere eine Lebensfrage" sein. "Rat und Bürgerschaft richteten also ihr Hauptaugenmerk darauf, die Rechts- und Besitzverhältnisse auf der Unterwarnow und an ihren Ufern in einer für die Stadt günstigen Weise zu regeln, womöglich das ganze Mündungsgebiet dem fürstlichen Herrschaftsbereich zu entziehen und zum Stadtgebiet zu machen" 2 ). Mit diesen Worten hat Barnewitz treffend das gekennzeichnet, was für die ersten Jahrhunderte der eigentliche Inhalt der Rostocker Ausdehnungspolitik gewesen ist: Der Erwerb und die Sicherung des gesamten Mündungsgebietes des Warnowflusses.

Den ersten bedeutenden Schritt zur Erreichung dieses nächstliegenden Zieles tat die Stadt im Jahre 1252. Geschickt die Geldnöte der mecklenburgischen Fürsten benutzend, schloß Rostock damals mit Heinrich Borwin III. gegen gewisse Geldzahlungen einen Vertrag (25. 3. 1252), der folgende für die weitere Entwickelung Rostocks als Hafenstadt wichtige Privilegien enthielt 3 ): a) Die Privilegien Borwins I. vom Jahre 1218, welche den Bürgern lübisches Recht und Zollfreiheit gewährten, wurden bestätigt. Sie wurden auch auf die inzwischen hinzugekommene Stadterweiterung ausgedehnt. b) Der Fürst trat die später so genannte "Rostocker Heide" gegen Zahlung von 450 M an die Stadt ab. Das "marinum litus" dieses Gebietes sollte sich vom "Stromgraben" im Osten "usque ad orientalem ripam sive ad aquam fluminis Warnemunde" erstrecken, d. h.. wie wir noch sehen werden 4 ), bis zum Ostufer jenes Warnowarmes, der etwas westlich des heutigen Rettungsschuppens damals in die Ostsee mündete 5 ) und wohl schon seit längerer Zeit von den Rostockern als Hafenmündung benutzt wurde. c) Sollte in diesem "ihrem Hafen" durch unvorhergesehenen Zufall ein Schiff stranden, so wollte der Fürst keinen Anspruch mehr darauf machen. Dem Handel aber sollte dortselbst bis auf die zollpflichtigen Waren völlige Freiheit gewährt sein. d) Die Fischereigerechtig-


1) Vgl. Koppmann, Geschichte ... S. 4 - 6.
2) Barnewitz, a. a. O. S. 58.
3) 25. März 1252, Meckl. Urk.-Buch (M. U.-B.) 686. Vgl. zum folgenden: Barnewitz, a. a. O. S. 58 ff. Krause, a. a. O.
4) Vgl. S. 102 ff.
5) Siehe D auf der Karte im Anhang.
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keit auf der Warnow von der Petribrücke bis hin nach Warnemünde sowie außerhalb des Hafens sollte an die Stadt fallen 1 ). Damit also war das östliche Mündungsgebiet der Warnow in die Hand der Stadt gekommen.

Der Hafen selbst aber, "portus ipsorum", "ihre" schon seit langem gewohnheitsmäßig benutzte Durchfahrt in die See, war durch diesen Vertrag noch nicht Eigentum der Stadt geworden. Nach wie vor blieb das Hoheitsrecht beim Fürsten 2 ). So mußte die Stadt ihr Augenmerk darauf richten, auch den Hafen selbst mit allen seinen Rechten in ihre Gewalt zu bekommen. Zwölf Jahre später erreichte sie dies Ziel: Am 12. Oktober 1264 übertrug ihr der gleiche Borwin III. auch die Rechte an "ihrem Hafen" zu Warnemünde mit all seiner Nutznießung 3 ). Damit hat die Ausdehnungspolitik der Stadt einen entscheidenden Erfolg errungen. Die einzige der Mündungen, welche damals für größere Schiffe befahrbar gewesen ist 4 ), war Rostocker Macht unterstellt.

Nunmehr setzte eine längere Periode der Ruhe ein, in der keine Neuerwerbungen gemacht wurden. Nach Verlauf von zwei Menschenaltern wurde jedoch noch einmal all das Erworbene und damit das Bestehen der Stadt wieder in Frage gestellt. Es spielten damals jene bekannten Kämpfe um den Besitz des Warnowmündungsgebietes, die von Krause und Barnewitz in allen Einzelheiten beschrieben sind 5 ). Auf die Ereignisse, welche historisch bedeutsam geworden sind, muß hier kurz eingegangen werden.

Das Rostocker Land geriet im Jahre 1302 auf einige Zeit in Abhängigkeit vom Dänenkönig Erich Menved, der die Politik des großen Waldemar, die ganze Ostsee zu einem dänischen Gewässer


1) Krause nimmt a. a. O. S. 1 an, daß im Falle der Verleihung der Fischereigerechtigkeit unter "Warnemunde" das Kirchdorf zu verstehen sei, während die übrigen Stellen der Urkunde sich auf den Rostocker Seehafen (unser D) bezögen. Das ist doch wohl kaum anzunehmen. In diesem Sinne würde "bis nach Warnemünde" bedeuten "bis zum Bootsgraben". Die Fischereigerechtigkeit der Rostocker sollte sich also bis zum Bootsgraben erstreckt und dann hinter Warnemünde, an der See, wieder angefangen haben. Viel näherliegend ist doch, daß den Rostockern die Gerechtigkeit auf Warnow, Breitling, Hafen und Seegebiet vor ihrem Hafen verliehen wurde.
2) Daß "portus ipsorum" nur so interpretiert werden kann, zeigt der gleich folgende Vertrag vom 12. Okt. 1264, in dem Borwin den Rostockern jenen "portus ipsorum" als Eigentum überläßt. Vorher zeigt "ipsorum" also nur den Besitz, nicht aber das Eigentum an.
3) M. U.-B. 1021.
4) Vgl. S. 122.
5) Vgl. zum folgenden Krause, a. a. O. S. 7 - 14; Barnewitz, a. a. O. S. 67 - 88.
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zu machen, wieder aufnahm 1 ). Als die Rostocker dem König Erich und seinen bundesgenössischen Turniergästen 2 ) 1311 den Einzug in die Stadt verweigerten, beschloß der König, die widerspenstige Stadt zu demütigen. Da er selber jedoch durch anderweitige Händel abgerufen wurde, machte er den Fürsten Heinrich "Leo" von Mecklenburg zum Statthalter 3 ). Dieser blockierte noch im gleichen Jahre 1311 den Hafen, indem er beiderseits der Warnow einen mit Wall und Graben versehenen hölzernen Turm errichtete, die beide durch eine über das Wasser geschlagene Brücke verbunden wurden 4 ). Das Tief aber wurde durch Steine verstopft. Diese Maßregel, die in kurzer Zeit den völligen Niedergang der Stadt bedeuten mußte, konnte natürlich nur mit Krieg beantwortet werden. So sagten die Rostocker dem Dänenkönig auf, verjagten seinen Vogt, sandten ein Heer die Warnow hinab und vernichteten die Türme nach kurzer Belagerung. Um aber dieses wichtige Gebiet in Zukunft fest in der Hand zu haben, wurde auf der Ostseite des Tiefes wieder ein Turm errichtet, diesmal aus Stein, mit dem Material der Ruinen des Kirchturms von Fürstlich-Warnemünde und des Petriturms von Rostock, der sich damals gerade im Bau befand 5 ). Aber schon am 9. September fiel die Burg nach dreimonatiger Gegenwehr in die Hand des Statthalters Heinrich "Leo", den Erich mit der Belagerung beauftragt hatte. Und nun schien Rostocks Schicksal besiegelt: Die Feste wurde mit vier 6 ) starken Türmen umgeben, die unter sich mit Wall, Graben und Mauern verbunden waren. Sie hieß nunmehr die "Danskeborg". Es war eine großartige Wasserburg, "derghelik nen


1) Vgl. dazu auch Schäfer, Die deutsche Hansa, S. 34.
2) Barnewitz, a. a. O. S. 72 und 72, 5.
3) 6. Sept. 1311, M. U.-B. 3484.
4) Siehe die bei Barnewitz angegebenen Quellen, a. a. O. S. 75, 4 u. 5, S. 78, 2.
5) Krause, a. a. O. S. 9.
6) Krause meint a. a. O. S. 12, über die Zahl der Türme schwankten die Quellen. - Tatsächlich ist es so: Alle Quellen, einschließlich Detmar, berichten von vier Türmen. Detmar kommt nach der ersten Erwähnung der Burg (S. 199) noch einmal auf dieselbe zurück und macht nun aus den vier Türmen fünf (S. 215). Das ist für einen Kenner der Laiengeschichtsschreibung, wie sie im Norden von Detmar und Korner, im Süden von Königshofen betrieben wurde, ganz erklärlich. Das Bestreben dieser Historiographen ist es, möglichst bunt und prächtig zu schildern. Da geschieht es leicht, daß eine Burg einen Turm mehr bekommt, als es den Tatsachen entspricht. Die zweite Nachricht Detmars (auf S. 215) ist also nicht als vollwertig zu betrachten. Die Zahl der Türme der Danskeborg ist vier gewesen. (Chroniken dt. Städte, IX., Leipzig 1884.)
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in all den landen was" 1 ). Am 7. Dezember mußte auch die Stadt selbst sich ergeben und dem dänischen König Treue schwören: Rostock war auf den Stand von 1252 zurückgeworfen. Zwar wurde die Sperrung des Hafens wieder aufgehoben. Die "Danskeborg" aber blieb bestehen. Und damit waren die Pläne, deren Verwirklichung die Stadt im 13. Jh. zugestrebt hatte, gescheitert.

Äußere Ereignisse kamen schließlich der Stadt in ihrer bedrängten Lage zu Hilfe. Im Verlaufe der Jahre 1315 - 20 hatte sich Fürst Heinrich "Leo" zum Herrn über das ganze Land Mecklenburg in seiner heutigen Ausdehnung gemacht und sich als Nachfolger der ausgestorbenen Herren des "Landes Rostock" huldigen lassen (13. Nov. 1319) 2 ). Durch seine langwierigen Kämpfe war er jedoch so in Schulden geraten, daß er schließlich, um Geld zu erlangen, der Stadt Zugeständnisse machen mußte. Am 24. September 1322 3 ) verzichtete er im Vertrag zu Gadebusch zugunsten der Stadt Rostock auf die Warnowmündung und gab die Erlaubnis zum Abbruch der Danskeborg. Es wird berichtet, daß der Preis, den die Rostocker dem Fürsten zu zahlen hatten, sehr groß gewesen sei 4 ). Aber das Objekt war des hohen Preises wert. Die Burg wurde sofort abgebrochen 5 ), und der Seehafen war wieder unbestrittener Besitz der Rostocker.

Schon im folgenden Frühjahre kam die Stadt infolge der andauernden Geldschwierigkeiten des Fürsten zu einem neuen Erfolg, der sie mit einem Schlage an das Ziel ihrer langjährigen Wünsche brachte: Am 11. März 1323 verkaufte der Fürst das Dorf Warnemünde mit Grund und Boden und allen Rechten bis an die Grenze von Diedrichshagen an Rostock 6 ). Damit war das ganze Mündungsgebiet der Warnow vom Stromgraben im Osten bis


1) Detmar, a. a. O. S. 199. Über die vermutliche Lage der Burg siehe Anhang S. 172.
2) M. U.-B. 4145.
3) M. U.-B. 4377. "dat wy ... der menen Stadt tho Rostock vorcoft hebben dat Hus unde den Thorn (Burg und Leuchtturm!) to Warnemunde, also dat sy dat (nur "dat Hus"!) breken scholen." Vgl. dazu Lindeberg, Chron. Rost. 1576, IX, 1 zu 1322: "... lassen allein den neuen Turm oder die Leuchte stehen". Latomus, Gen. chron. Megapol. (Westphalen, Mon. ined. IV) 1610 "ohn die Leuchte ..." (Der Zusatz "so noch stehet" beruht natürlich auf einem Irrtum! Der Chronist denkt an die Leuchte bei A, weiß also offenbar nichts mehr vom ältesten Tief D).
4) Detmar, a. a. O., Kap. 527 S. 215.
5) Kämmereirechnung von 1325: "area, ubi turris quondam steterat" (M. U.-B. 4608 S. 255). Vgl. dazu Anm. 3 dieser Seite.
6) M. U.-B. 4424: "Praeterea trans fluvium Warnowe .... villam Warnemunde cum proprietate ... pleno jure Lubicensi."
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nach Diedrichshagen im Westen einschließlich jenes Hafens, den Fürst Heinrich Borwin III. im Jahre 1261 in Fürstlich-Warnemünde angelegt haben soll 1 ), Eigentum der Stadt Rostock geworden.

Kapitel II.

Die Geschichte des Rostocker Seehafens bei Warnemünde bis zum dreißigjährigen Kriege.

§ 1.

Die Lage des Rostocker Seehafens in der ältesten Zeit.

Über die Lage des Rostocker Seehafens in der ältesten Zeit sind bereits Untersuchungen veröffentlicht 2 ). Für die Darstellung der ersten Jahrhunderte ist also eine Auseinandersetzung mit den früheren Forschungsergebnissen erforderlich. Über die spätere Entwickelung des Hafens liegen noch keine Arbeiten vor. In den betreffenden Abschnitten kommen demnach die Ereignisse zur Darstellung, die zum überwiegenden Teil der Forschung noch unbekannt sind.

Bevor wir jedoch beginnen, müssen zum Verständnis des Folgenden einige Bemerkungen vorausgeschickt werden. Zunächst eine Erklärung des Wortes "Tief". Mit diesem Worte bezeichnen die Küstenbewohner Durchbrüche eines Wassers durch einen Landstrich, sei es nun Durchbrüche durch größere Landmassen, wie es z. B. Tiefs gibt zwischen Rügen und dem Festlande und zwischen den Inseln des dänischen Archipels 3 ), sei es, daß Durchbrüche durch Haffdünen damit gemeint sind, wobei das Memeler und Danziger Tief als Beispiele herangezogen werden mögen. Es ist dabei gleichgültig, ob diese Durchbrüche eine natürliche oder künstliche Ursache haben, ob sie, wie im Falle einer Haffdüne, vom Meere oder vom Festlande her durch einen Fluß erfolgt sind: stets wird das aus


1) Barnewitz S. 56 Anm. 3: "Im Jahre 1261 soll auch von Heinrich Borwin III. der Hafen von Warnemünde angelegt sein. S. Hane, Übersicht ... 1804 S. 98; Raabe, Meckl. Vaterlandskunde T. II Bd. 3 S. 89. Beide ohne Quellenangabe. 1325 besteht jedenfalls schon ein Hafen in Warnemünde. Denn von Rostock wird im Jahre 1325 laut M. U.-B. 4608 S. 254 "Warnemunde et portus ibidem" erworben.
2) Vgl. S. 93, Anm. 1.
3) S. auf der Seekarte (Ausg. 1873, verm. v. "Pommerania" u. "Blitz"): Krogshage-Tief bei Gjedser. Schmettau, Karte des Herzogtums Meckl.-Schwerin, 1788: "Binnendüpe" im Ribnitzer Bodden.
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solchen Ursachen entstandene Gebilde mit dem Namen "Tief" belegt werden können. Diese Definition zeigt, daß das Wort verschiedenartige Bedeutungen haben kann. Man wird dies für die weitere Untersuchung im Auge behalten müssen. Denn innerhalb der von uns untersuchten Jahrhunderte sind durch die der Unterwarnow vorgelagerte Düne Durchbrüche der verschiedensten Art erfolgt. Alle aber werden von den Schreibern jener Quellen, auf denen sich unsere Arbeit aufbaut, mit dem einen Namen "das Tief" oder gar bunt durcheinander "das neue Tief" bzw. "das alte Tief" benannt, woraus Krause geschlossen hat, daß es wahrscheinlich unmöglich sein werde, jemals diese Frage zu klären 1 ).

Ähnlich verhält es sich mit dem Worte "fangen". "Das Tief wurde gefangen", so heißt es in den Quellen überaus häufig. Barnewitz sagt, mit "fangen" sei das "Zurückdämmen und Befestigen der lockeren Ufermassen" gemeint 2 ). Auch Krause faßt es so auf 3 ). Nach dem Wörterbuch von Grimm 4 ) wird "fangen" bei Gewässern in der Bedeutung "Einfangen, Eindämmen, Einfassen" gebraucht. Als Beispiel ist eine Stelle aus der "Carolina" (169) angeführt: "Fließend ungefangen Wasser". Danach ist die Erklärung von Barnewitz und Krause nicht falsch; das Befestigen der Ufer im Gebiete des Hafentiefs kann mit "fangen" bezeichnet werden. In den Rostocker Quellen wird jedoch in diesem Sinne das Wort niemals gebraucht. Hier kommt es in zwei weiteren Bedeutungen vor, die weder in dem Wörterbuch von Grimm noch in dem von Schiller-Lübben belegt sind 5 ). Zunächst ein Beispiel für eine umumfassendere Bedeutung des Wortes "fangen": Als im Oktober 1582 beim Radelsee ein Tief durchbricht, bemerkt der Ratsschreiber, damals sei "alle Arbeit mit Fangung und Säuberung des Tiefes verdorben". Das Wort Säuberung beweist, daß hier von dem Verderb des Hafentiefs (A) gesprochen wird. Es ist infolge des Dünendurchbruches nicht mehr "gefangen", also "ungefangen". Diese Auffassung muß zunächst Wunder nehmen, da das Hafentief doch ein ganz bestimmter, örtlich begrenzter Wasserlauf ist, der mit dem womöglich weit von ihm entfernten Dünendurchbruch nur infolge des ihn durchströmenden Wassers Zusammenhang hat. Hier muß also eine Bedeutungsübertragung stattgefunden haben von den Wassern, die das Hafentief durchströmen auf das Tief selbst,


1) Krause, a. a. O. S. 16 oben.
2) Barnewitz, a. a. O. S. 62 Anm. 2.
3) Krause, a. a. O. S. 16.
4) Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. III Sp. 1313.
5) Schiller und Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, V 197.
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ein Vorgang, der ja in der deutschen Sprache häufig stattfindet 1 ). "Das Tief fangen" bedeutet also, allen seinen Wassern, d. h. allen Wassern der Warnow einschließlich ihres Boddens das freie Fließen verwehren und ihnen nur den einen Ausweg durch das Hafentief freigeben. Mit dieser Maßnahme verfolgte man eine bestimmte, hafenbautechnisch sehr wichtige Absicht: Das ausströmende Wasser sollte das Fahrwasser von Sand und Schlick säubern, und es ist erklärlich, daß diese Selbstreinigung 2 ) des Flusses um so mächtiger wirkte, je mehr Wassermassen sein Bett durchströmten, daß sie dagegen mehr oder weniger versagen mußte, wenn an einem anderen Orte die Warnowfluten Gelegenheit hatten, ins Meer zu gelangen. Deshalb hat man stets versucht, Durchbrüche der Düne möglichst schnell wieder zu verstopfen. Man wußte: Eine "schlimme" Haffdüne bedeutete ein "schlimmes" Tief und konnte Ursache vollkommener Versandung werden 3 ). Als in der Domfehde 4 ) der Feind sich des Warnemünder Gebietes bemächtigt hatte, wurde von ihm die Haffdüne zum Schaden der Stadt durchstochen. Bezeichnend ist der Zusatz des Chronisten, mit dem diese Tat begründet wird: "Damit das Wasser überall ginge" 5 ), heißt es in der Chronik. Man war also schon im 15. Jh. sich dieses Zusammenhanges zwischen Düne und Hafentief wohl bewußt: Nur die "gefangenen" Wassermassen vermochten das Tief sauberzufegen. Dies ist das Kernproblem aller Arbeiten am Rostocker Seehafen gewesen. Wir werden im Laufe der Darstellung sehen, wie alle Arbeit in diesem Sinne getan wird: Die Wasser des Flusses immer mehr noch einzufangen, um ihnen größere Gewalt zu geben. Es ist bemerkenswert, daß selbst noch im Jahre 1837 eine Flußregulierung unter diesem Gesichtspunkt stattgefunden hat: Der "Durchstich" des Pagenwerders 6 ). Da Barnewitz und Krause das Wort "fangen" in dieser ursprünglichen, weiteren Bedeutung nicht kennen, sondern es einschränken auf Arbeiten an den Ufern des Hafentiefes und es demnach erklären als ein Eindämmen der lockeren Ufermassen am Tiefe A, so ist es erklärlich, daß sie zu unrichtigen Schlußfolgerungen gelangten.

In den Rostocker Quellen wird "fangen" noch in einer dritten Bedeutung verwendet: Wenn das "ungefangene" Wasser des


1) Der sogenannte Subjektswechsel.
2) Vgl. S. 149 ff.
3) Vgl. S. 127.
4) Barnewitz, a. a. O. S. 93 ff.
5) Vgl. S. 117.
6) Barnewitz, a. a. O. S. 287.
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Hafen-Tiefes wiederum gefangen wird, indem z. B. ein Durchbruch verstopft wird, so wird auch das Verstopfen dieses Dünendurchbruches "fangen" genannt, und zwar wird es nunmehr übertragen auf den ja gleichfalls mit dem Worte "Tief" bezeichneten Durchbruch. "Das Tief wurde gefangen" kann also unter Umständen auch in übertragener Bedeutung gebraucht werden und ist dann als Verstopfen eines Dünendurchbruches auszudenken. Als z. B. im Jahre 1459 bei B ein Durchbruch erfolgt, der nun "neues Tief" genannt wird, da wird es gefangen, indem man es mit versenkten Kisten, Strauchwerk u. dgl. verstopft 1 ). Und als 1581 die Herren des Rates nach Warnemünde fahren, um den Durchbruch "nebenst der Heiden" (E), gleichfalls "das neue Tief" genannt, anzusehen und über die notwendigen Arbeiten zu beraten, da macht der Ratsschreiber den Zusatz "Und solches alles zur abschaffung (!) und dempfung (!) des neuen Tieffs" 2 ). Da im weiteren dann wieder von dem "fangen" dieses Tiefes gesprochen wird, so ist es hier gleichfalls in der übertragenen Bedeutung "verstopfen, zuschütten" gebraucht.

Das "fangen" eines Dünendurchbruches bewirkte natürlich gleichzeitig das Einfangen der Wasser des Hafentiefes in dem weiteren Sinne. So haben wir denn im Jahre 1582 beide Bedeutungen des Wortes nebeneinander. In den Quellen wird berichtet, daß am 14. Juli 1582 das "neue" Tief "gefangen" wurde. Aus dem Zusammenhang ergibt sich, daß einige der Schreiber die Zuschüttung des Durchbruchtiefes, des "neuen Tiefes nebenst der Heiden" (E) meinen, daß andere aber die dadurch bewirkte Einfangung des Warnowwassers und somit die "fangung" des gleichfalls "neues Tief" genannten 3 ) Hafentiefs "A" im Auge haben. Dieses Beispiel ist wohl geeignet, die verschiedenen Bedeutungen der Begriffe "Tief" und "fangen" zu veranschaulichen, gleichzeitig aber auch eine Vorstellung davon zu vermitteln, mit welchen Schwierigkeiten die Forschung bei der ungenauen und ungleichen Ausdrucksweise der Quellen zu kämpfen hat. Erst aus der Fülle und dem Zusammenhang der Quellen heraus war es möglich, in das verwirrende Durcheinander, an dem die bisherige Forschung gescheitert war, Klarheit zu bringen.

Zunächst die Ergebnisse der früheren Forschung: "Am Seegestade zwischen Warnemünde und Markgrafenheide finden sich mehrere Stellen, die den Beinamen "Altes Tief" führen, und na-


1) Vgl. S. 116.
2) Rost. Ratsarchiv: Ratsprotokoll (R. Pr.) 1581 Febr. 15.
3) Vgl. S. 125.
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mentlich sind östlich ganz unzweifelhafte Spuren alter Hafenwerke, sowohl in der See als in den Wiesen", so schreiben Lisch und Mann in ihrem Aufsatz "Beiträge zur älteren Geschichte Rostocks" im Jahre 1856 1 ). Bei der Erklärung der Quellen, die über Rostocks Hafen in der ältesten Zeit etwas aussagen, kommen sie aber doch zu dem Ergebnis, daß der Schiffsverkehr in historischer Zeit stets durch den später so genannten "alten Strom", das von uns mit A bezeichnete Tief 2 ), gegangen sei. Von den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an hat sich dann Ludwig Krause, wie aus seinen im Rostocker Ratsarchiv befindlichen hinterlassenen Akten hervorgeht, mit dieser Frage beschäftigt. Er ist im Verlaufe seiner Forschungen zu der Ansicht gekommen, daß der ursprüngliche Hafenort Warnemünde nicht mit dem Kirchdorf gleichen Namens gleichzusetzen ist. Als Krause dann in der ersten Auflage des Buches von Barnewitz "Die Geschichte des Hafenortes Warnemünde" 3 ) von den in der Nähe des heutigen Rettungsschuppens befindlichen alten Steinkisten-Bollwerken 4 ) erfuhr, nahm er diese Mitteilung auf und veröffentlichte die Ergebnisse seiner Arbeiten 1923 in einem Zeitungsaufsatze und in den "Beiträgen zur Geschichte der Stadt Rostock" 5 ). Diese Veröffentlichungen haben den Hauptanstoß zu der vorliegenden Untersuchung gegeben. Krause geht aus von dem schon erwähnten Vertrag Borwins III. (1252), worin jener Fürst der Stadt Rostock die Heide "secus marinum litus usque ad orientalem ripam siue ad aquam fluminis Warnemunde" 6 ) verkauft. Da hierbei von dem "portus ipsorum", von "ihrem" Hafen die Rede ist, der dann 1264 unter Stadtrecht gestellt wird 7 ), das Kirchdorf Warnemünde nach 1264 aber noch 59 Jahre fürstlich bleibt, also erst im Jahre 1323 in städtischen Besitz kommt 8 ), so könne, sagt Krause, der Rostocker Hafen am "flumen Warnemunde" und das Kirchdorf Warnemünde in jener Zeit nicht das-


1) Lisch, Jahrb. d. Ver. f. Meckl. Gesch. (J. M. G.) XXI S. 25 - 26.
2) Siehe die verschiedenen Flußläufe auf der im Anhang beigegebenen Karte.
3) Barnewitz, Geschichte des Hafenortes Warnemünde, 1. Aufl., S. 3 f.
4) Die Bollwerke, die Barnewitz in der ersten Auflage seines Buches noch für wendischen Ursprungs hielt, bestanden aus aneinandergesetzten, mit Steinen und Strauchwerk gefüllten Kisten (s. S. 154 ff.). Die Warnemünder nennen dies Bollwerk noch heute "de ollen kisten" (s. Krause, a. a. O. S. 6).
5) Vgl. S. 93, Anm. 1.
6) M. U.-B. 686.
7) M. U.-B. 1021.
8) M. U.-B. 4424.
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selbe gewesen sein. Diese Feststellung ist sicherlich richtig und ein unzweifelhaftes Verdienst der Krauseschen Arbeit. Bedenklich aber ist Krauses Versuch, die Örtlichkeit des Rostocker Hafens festzulegen. Er führt das bei Barnewitz beschriebene Bollwerk an und sagt dann: "Da haben wir den gesuchten ältesten Seehafen an der Warnowmündung, den Warnemünder Hafen der Fürstenurkunden von 1252 und 1264" 1 ). Mir scheint dies keine einleuchtende Beweisführung zu sein. Sie ist auch ohne Zweifel erst durch die Beschreibung des alten Kistenbollwerks veranlaßt, denn - dessen muß man sich stets bewußt bleiben - die von Krause herangezogenen Quellen sagen zwar mit Gewißheit aus, daß der Rostocker Hafen nicht identisch gewesen ist mit dem Kirchdorf Warnemünde, nicht aber, daß dieser Hafen nicht am "Alten Strom", also an dem von uns so genannten Tief A gelegen habe. Es wäre durchaus möglich, daß mit der "orientalis ripa ... fluminis Warnemunde" das Ostufer des "Alten Stroms" gemeint ist (A), daß also auf dieser Ostseite die Rostocker ihre Hafenhäuser hatten, während jenseits, auf dem Westufer, das Kirchdorf Warnemünde gelegen war. Ebenso ist aus dem bloßen Vorhandensein jenes Kistenbollwerks zunächst noch gar nichts zu entnehmen, und so ist die Annahme Krauses um nichts stichhaltiger als die von Barnewitz, daß die "ollen Kisten" Reste des "alten Hafens der Wenden" seien 2 ). Es müßten also weitere Beweise für Krauses Ansicht erbracht werden, denn der einzige von ihm angeführte, auch das Rostocker Gewett stände auf diesem Standpunkt - im Jahre 1909! - , ist doch wohl nicht ernst zu nehmen 3 ).

Krauses Vermutung, der alte Rostocker Hafen habe nicht am Tiefe A gelegen, wurde dann durch Friedrich Barnewitz, der sich in der zweiten Auflage seines Buches 4 ) diese Ansicht zu eigen machte, durch eindeutige Beweise, die er jedoch merkwürdigerweise alle nebenbei, in Anmerkungen liefert. zur Gewißheit gebracht 5 ). Er teilt eine Stelle aus den Kämmereirechnungen des Jahres 1323 mit 6 ), worin die Rede davon ist, daß nunmehr "Warnemünde et portus ibidem", Warnemünde und der Hafen daselbst im Besitz von Rostock sei. Das deutet darauf hin, daß es


1) Krause, a. a. O. S. 6.
2) Vgl. S. 102, Anm. 3.
3) Krause, a. a. O. S. 6. Krause führt eine Bekanntmachung des Rostocker Gewetts aus dem Frühjahr 1909 an und schließt dann: "Also das Gewett nimmt diese Steinkisten auch für die alten Warnemünder Hafenbauten".
4) Barnewitz, a. a. O. S. 62 ff.
5) Barnewitz, a. a. O. S. 87, Anm. 1; 55, Anm. 2; 77, Anm. 5.
6) Vgl. S. 98, Anm. 1.
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damals im Gebiet der Breitlingsnehrung zwei Häfen gegeben hat, einen, den die Rostocker von alters her benutzten und seit 1256 besaßen, und einen andern, den sie mit Warnemünde bekamen 1 ). Wichtiger ist eine zweite Quellenstelle, die Barnewitz anführt 2 ). In dem Kämmereiregister von 1325 wird eine Wiese genannt, "pratum dictum Mandel" mit dem Zusatz "apud aream, ubi turris quondam steterat" 3 ), bei dem Gelände, wo früher der Turm gestanden hat. Dieser Turm, die oben genannte Danskeborg 4 ), war 1323 abgerissen 5 ) und hat nach dem übereinstimmenden Bericht aller Chronisten auf dem Ostufer der Warnowmündung gestanden 6 ). Da nun jedoch östlich des "Alten Stroms" (A) sich von je die "Vogtswiese" erstreckt hat, die Vogtswiese, die in demselben Kämmereiregister des Jahres 1325 bereits erwähnt wird, so kann die Danskeborg nicht auf dem Ostufer des Tiefes A gestanden haben. Sie ist vielmehr an einem anderen der weiter östlich gelegenen Warnowausläufe zu suchen. Die weitere Frage wäre nun, wo dieser östliche Warnowauslauf sich befunden hat.

Es hat östlich des Tiefes A noch mindestens vier Mündungen oder Durchbrüche gegeben 7 ): Das "alte Tief" gleich östlich des


1) Vgl. S. 98.
2) Barnewitz, a. a. O. S. 77, Anm. 5.
3) Vgl. S. 97, Anm. 5.
4) Vgl. S. 96.
5) Vgl. S. 97.
6) Z. B. Kirchbergs Reimchronik (Chronicon Mecklenburgicon, in Westphalen, Mon. ined., Lpzg. 1739 - 45, Tom IV, 594 ff., geschr. 1378) Cap. CXLVII, S. 797 (nach der Zerstörung der beiden Türme wird der eine wieder aufgebaut): "ich meyn dy Burg geyn Ostin wart .. " Die Ostburg also ist die Danskeborg.
7) Vgl. z. folg.: Krause, a. a. O. S. 4 - 6; Barnewitz, a. a. O. S. 31, 32. Dazu die Karte im Anhang. Das Tief D ist Krause und Barnewitz noch unbekannt gewesen. Mir lagen zur Untersuchung folgende Quellen vor:
1631 Plan v. Rost. mit Wmde. (Geh. u. Haupt-Arch., Schwerin).
1696 Lust, Gründl. Abriß d. Stadt Rostock Heyde (Schw., neuere Kopie in Rost. Vgl. B. G. R. II 1, S. 25 ff.).
1719 Karte v. Rost. u. Wmde.:
    1. N. N., erste Fassung. (Schwer.),
    2. Zülow, zweite Fassung, Pause von 1, vermehrt (Rost. Ratsarchiv),
    3. Isenbarth, flüchtige Pause von 1, über 2 hinaus vermehrt (Rost.).
1748 Kopie von Isenbarth. Mitget. v. Barnewitz, a. a. O. S. 64.
1748 Karte von Möller (Rost.). Vgl. B. G. R. III, 2 S. 29 ff.
1778 Hafenbuch des Zimmermeisters Diercks (Rost.). Vgl. B. G. R. III, 2 S. 29 ff.
(  ...  )
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"Stroms" (siehe Karte: B), das "alte Tief" bei der "hohen Düne" (C), den Ausfluß beim Radelsee (E) und womöglich noch einen am "heiligen See" 1 ). Der letztere scheidet natürlich ohne weiteres aus. Die beiden ersten, von den Warnemünder Fischern 2 ) bis in die neueste Zeit so benannten "alten Deepe" kommen am ehesten in Betracht, und es ist nur die Frage, für welches der beiden man sich entscheiden soll. Das westliche Tief (B) ist auf allen Karten vor 1903 3 ) als langgestreckter Teich, ähnlich einem alten Flußlauf, zu sehen. Das östliche, C, soll dort gelegen haben, wo der Breitling am weitesten an die Düne heranreicht, beim sogenannten "Fulen Urt" 4 ). Die Fischer nennen noch heutzutage diese Gegend "Olle depe" und erzählen, daß man an dieser Stelle früher habe ins Meer fahren können. Als nun das Buch von


(  ...  ) 1770/80 Wiebeking, Meckl. Landesaufnahme (Schw.). Entwurf zu:
1788 Schmettau, Karte des Herzgt. Meckl.-Schw., Druck.
1796/1809 Karte von Tarnow, zwei Expl. (Rost.).
1877/1879 Preuß. Landesaufnahme, Druck.
1888 Karte v. d. Unterwarnow u. d. Breitling (Rost. Hafenbauamt)
Vor 1903 Karte d. Stromgebiets der U.-Warnow von Rost. bis durchs Seegatt (Rost. Haf.-B.-Amt).
Bemerkung zur Datierung der Karten von 1719: Eingehende Untersuchung ergab, daß die Schweriner Karte (Papier, unaufgezogen) das Original ist. Tiefe Furchen zeigen, daß Pausen von ihr entnommen wurden. Einige Furchen sind sehr ungenau. Die Farben sind im Vergleich zu den beiden andern Karten frisch. - Die Karte von Zülow (auf Leinen, daher gedunkelt, auf Holz aufrollbar) stimmt mit der vorigen überein. Das Schiff im NO. von Warnemünde sowie die Windrose beweisen das. Zusätze (Nr. 123 - 128 sowie einige Bezeichnungen auf Warnemünder Gebiet) zeigen, daß diese Fassung später zu setzen ist. - Die Umrißlinien der Karte von Isenbarth (auf Leinwand, Farbe gedunkelt) weichen von denen der beiden vorhergehenden Karten ab, doch entsprechen sie genau den ungenauen Pausenfurchen der Schweriner Karte. Das Schiff auf See ist durchkopiert, doch mit entgegengesetzter Fahnenstellung. Windrose ohne sorgfältige Lilienzeichnung. Gegenüber Zülow noch ein weiterer Zusatz (Nr. 129). Somit ergibt sich, daß die Schweriner Karte das Original, Isenbarth eine erweiterte zweite Auflage, Zülow eine sehr oberflächliche, erweiterte Kopie ist.
1) S. Krause, Die Rostocker Heide (B. G. R. XIII, 1926 S. 49/50).
2) Barnewitz, a. a. O. S. 30, 2.
3) Z. B. Preuß, Landesaufnahme 1877, Hgg. 1879. 1903 finden die großen Hafenumbauten statt.
4) Barnewitz verlegt a. a. O. S. 32 den "faulen Ort" nach dem Radeldurchbruch (E). Ob es sich hier um eine Verwechselung mit dem "Priewerder" (Fauler Werder) handelt? Der "Priewerder" lag nach Tarnow bei der "Radel" (s. Karte im Anhang), nicht. wie Barnewitz a. a. O. S. 182 schreibt, nahe den Pinnwiesen. Der "Faule Ort" war die Breitlingsbucht bei C (Rostocker Straßenfischer, Möller a. a. O., Lust a. a. O. ["Faul Holtz" und "Faul Ort"], Barnewitz auf S. 183).
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Barnewitz mit seinem Bericht von den alten Molenbauten westlich des Rettungsschuppens erschien, griff Krause diesen Hinweis auf, entschloß sich für das östliche Tief (C) und vertrat die Ansicht, daß hier das alte Fahrwasser und damit auch die Stelle zu suchen sei, an der vorzeiten die Danskeborg gestanden habe. Er fügte eine Kartenskizze bei, auf der das Fahrwasser als durch jene schmalste Landstelle gehend verzeichnet wird. An der Mündung dieses Tiefes in die Ostsee sind die "Kisten" als Molen wiedergegeben; Barnewitz folgt dann in der zweiten Auflage seines Buches dieser Ansicht 1 ).

Hierbei ist Krause jedoch ein Irrtum unterlaufen. Auf einer alten Karte des Rostocker Ratsarchivs, die er unzweifelhaft gekannt hat 2 ), ist nämlich bei C ein kleiner Graben gezeichnet, der bis an die Dünen heranreicht. Diesen Graben nahm Krause, unterstützt durch die Aussagen der alten Fischer, als den Rest des gesuchten ältesten Tiefs an und brachte es nun, wie man aus seiner Skizze ersieht, mit dem von Barnewitz beschriebenen Kistenbollwerk an der See in Verbindung. Doch hat weder er noch Barnewitz daran gedacht, zu prüfen, ob dieser Graben denn überhaupt mit jenen alten Kisten in Verbindung steht.

Diese Verbindung besteht jedoch nicht! Das Bollwerk befindet sich wohl 500 m östlich jenes Grabens, etwas westlich vom Rettungsschuppen. C aber befindet sich etwas östlich der sogenannten "Hohen Düne". Besser gesagt, jenes Tief lief genau durch die Osthälfte des am weitesten nach Osten gelegenen Flugschuppens ("Halle VII"). Wenn also das bei Barnewitz beschriebene Bollwerk den Rest einer früheren Mole darstellt - und eine andere Deutung der "ollen Kisten" ist gar nicht möglich - , so mußte der auf sie zugehende Warnowauslauf weiter östlich als "C" zu suchen sein.

Ein solcher Flußarm ist auf einer von Tarnow 3 ) gezeichneten Karte von 1809, die sich im Rostocker Ratsarchiv befindet, angegeben. Sowohl den Einlauf dieses mit D bezeichneten Tiefes als auch seinen Auslauf in die See, der genau auf die Gegend der "alten Kisten" gerichtet ist, hat Tarnow als "olles Fohrwater" bezeichnet. Den Mittellauf nennt er "olle Düpe". Damit war die Lage eines vor dem Warnemünder Strom (A) als Fahrwasser benutzten Tiefes, vielleicht des ältesten überhaupt, bekannt. Der


1) Barnewitz, a. a. O. S. 62.
2) Karte von Möller im Rost. Rats-Archiv (1748?). Nach dieser Karte hat Krause, wie aus seinem Nachlaß hervorgeht, eine Kopie angefertigt.
3) Karte von Tarnow 1796/1809, zwei Expl. im Rost. Rats-Archiv. Vgl. Kohfeldt "Rostock im Jahrzehnt 1780 - 1790", Rostock 1918.
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auch auf der Schmettauschen Karte 1 ) angeführte, wenn auch nicht benannte Flußlauf gleicher Gestalt war damit gleichfalls erklärt. Inzwischen hat sich herausgestellt, daß auf der sogenannten Wiebekingschen Karte 2 ), die zwischen 1770 und 1780 angefertigt wurde und den Entwurf zu der Schmettauschen Ausgabe bildete, derselbe Graben und gleichfalls am Ein- und Auslauf mit der Benennung "Altes Fahrwasser" zu finden ist. Ich begab mich nunmehr an jene Stelle der Küste, wo die "Alten Kisten" sich befinden, um womöglich den alten Flußlauf wiederzufinden. An Hand der Karte gelang es sofort 3 ). Daß dieser alte Wasserlauf wirklich jenes älteste Tief gewesen ist, an dessen Ufer einst der Kampf um die Danskeborg getobt hatte, ist nunmehr leicht zu erweisen. Es gibt nur vier Mündungen, die mit dem Namen "depe" bezeichnet sind: A, B, C und D. Das Tief A fällt nach den bisherigen Ausführungen ohne weiteres aus 4 ). Von den übrigen dreien ist nur D auf den Karten von Schmettau und Tarnow als "Olles Fohrwater" bezeichnet. Es besteht somit sehr große Wahrscheinlichkeit, daß D der älteste Hafen der Stadt Rostock gewesen ist. Folgende Erwägungen machen dies zur Gewißheit: Angenommen, unsere Vermutung sei falsch, dann müßte D vor oder nach dem von uns gesuchten ältesten Rostocker Tief als Durchfahrt und Hafen gedient haben. D könnte z. B. schon lange vor der Einwanderung der Deutschen, von den Wenden etwa, als Hafen benutzt sein. Die Rostocker hätten dann später einen anderen Mündungsarm oder Meeresdurchbruch zum Hafen gemacht, etwa B oder C. Diese Annahme ist jedoch völlig unhaltbar. Sie setzt voraus, daß die Zeichner des 18. Jh. ein altes Wendentief auf ihren Karten "Olles Fohrwater" genannt hätten, das schon um 1300, zur Zeit der Kämpfe um die Danskeborg, nicht mehr benutzt wurde und somit seit jener Zeit kein Fahrwasser mehr war, eine Durchfahrt also, über deren Geschichte und Lage nie etwas in der Überlieferung erwähnt wird, die außerdem im 18. Jh. längst dem Interesse entrückt ist. Der älteste Rostocker Hafen aber, jenes Tief, an dessen Ufern die Danskeborg gestanden hatte und die Kämpfe sich abspielten, die in der Rostocker Geschichtsschreibung nicht geringen Raum einnahmen, dieser oft genannte und geschichtenumsponnene Hafen müßte jener Annahme nach von den Zeichnern zugunsten eines sonst unbekannten, dem damaligen Interesse durchaus fernen wen-


1) Schmettau, a. a. O.
2) Wiebeking, Meckl. Landesaufnahme 1770/80. Entwurf zu Schmettau, a. a. O.
3) Siehe Ausgrabungsbericht im Anhang, S. 170 ff.
4) Vgl. S. 102 ff.
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dischen Tiefs vernachlässigt sein. Das alles ist außerhalb jeder Wahrscheinlichkeit und somit die Annahme, D habe schon lange vor dem ältesten Seehafen der Rostocker als Tief gedient, als falsch abzulehnen. Freilich ist es nicht ausgeschlossen, daß das Rostocker Tief direkt aus dem Wendentief hervorgegangen ist. Von diesem Fall aber abgesehen, wo ja D als ursprüngliches Wendentief am Ende doch zu dem von uns gesuchten ältesten Rostocker Seehafen wird, müssen wir sagen, daß unmöglich D, da es im 18. Jh. noch als "Olles Forwater" bezeichnet wird, vor dem ursprünglichen Hafen der Rostocker bestanden haben kann. Aber auch nachher nicht. Zwar könnte man behaupten, die Lage des ältesten Hafens sei, nachdem er von D abgelöst war, in den folgenden Jahrhunderten in Vergessenheit geraten, D aber sei dann um 1580 1 ) durch A ersetzt; die Erinnerung an dieses vorletzte Fahrwasser D habe sich erhalten und sei so Anlaß zu der Bezeichnung auf den Karten des 18. Jh. geworden. Doch auch diese Annahme läßt sich leicht widerlegen: Wie an anderer Stelle ausgeführt wird, hat D als Hafen infolge seiner Lage und seines gewundenen Laufes sehr erhebliche Nachteile, die eines Tages zur Verlegung an einen anderen Ort führen mußten 2 ). Bei C aber ist, wie man aus der Karte ersieht, eine um vieles bequemere Durchfahrt. Es ist wohl kaum anzunehmen, daß ein besserer Hafen zugunsten eines schlechteren aufgegeben ist. So wenig, wie etwa B mit seinem guten Boden und seiner w-ö gerichteten Küste durch D ersetzt sein kann. Demnach muß D älter sein als C und B. Da ferner nach 1323 der Stadt Rostock bereits das ganze Mündungsgebiet der Warnow einschließlich des alten Stroms A 3 ) mit seinen günstigeren Hafenbedingungen 4 ) zur Verfügung stand, ist es ebensowenig denkbar, daß noch nach diesem Zeitpunkt bei einer Hafenverlegung das um vieles ungünstigere D dem guten Tiefe A vorgezogen wäre. Wenn also D als "olles Fohrwater" bezeichnet wird, dann muß es schon vor 1323 "Fohrwater" gewesen sein. Wir haben demnach in D wirklich den ältesten Rostocker Seehafen wiedergefunden. Da an seinen Ufern die 1323 noch bestehende Danskeborg gelegen hat, so ist zu hoffen, daß zu der einen Entdeckung eines Tages noch eine weitere kommt: Die Auffindung der Reste der alten dänischen Zwingburg 5 ).


1) Vgl. S. 110 mit Anm. 3.
2) Vgl. S. 110.
3) Vgl. S. 97.
4) Vgl. S. 109.
5) Eine Beschreibung des Tiefs in seinem heutigen Zustand sowie Bemerkungen über die vermutliche Lage des Danskeborg finden sich S. 170 ff.
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§ 2.

Der Rostocker Hafen im 14. und 15. Jahrhundert.

Als Rostock im Jahre 1325 in den Besitz des ganzen Warnowgebietes gekommen war, hätte einer Verlegung des Hafens nach dem Westen an die noch heute benutzte Stelle (A) nichts im Wege gestanden. Krause meint denn auch, sie wäre bald darauf erfolgt 1 ). Einige Gründe für die Verlegung sind von den bisherigen Bearbeitern dieses Themas angegeben 2 ): Der Boden im Warnemünder Gebiet war, wenn erst ein gut ausgetieftes Flußbett vorhanden war, wegen seiner härteren Struktur für einen Hafen besser geeignet als der sandige Untergrund im Osten 3 ). Auch war im Westen im Gegensatz zu dem Sumpfgelände des Ostens mehr Ausdehnungsmöglichkeit vorhanden. Zunächst aber war, wie es auch mündlich überliefert ist 4 ), der "Alte Strom" (A) an seinem Auslauf noch ein sehr flaches, oft genug hin- und herpendelndes Rinnsal, während sich das "Alte Tief" D in einem einigermaßen brauchbaren Zustand befand. Auch scheint die Frage des Baugeländes erst im 14. Jahrhundert brennend geworden zu sein. Bis dahin haben offenbar die wenigen "boden" der Rostocker Bürger am Tiefe D genügend Platz gehabt 5 ). Der meines Erachtens wichtigste Grund aber, der über kurz oder lang zu einer Verlegung führen mußte, ist von den bisherigen Bearbeitern nicht genannt! Es ist ein schiffahrtstechnischer Grund. Vergegenwärtigt man sich auf der Karte die Lage dieses ältesten Hafens - die Küste hat NO-SW-Richtung, die Mündung läuft gar fast genau von O nach W - , so sieht man, daß diese Lage in einem Lande mit vorherrschend westlichen Winden für einen Hafen nicht günstig war: Der vorherrschende Wind und demnach auch die vorherrschende Wellenrichtung waren direkt gegen den Hafenmund gerichtet. Das war sowohl für die Hafenanlagen als auch für die Schiffahrt eine stete große Gefahr. Den Hafenmund freilich konnte man durch entsprechende Maßnahmen einigermaßen schützen. Das hat man auch getan. Wir haben das Bollwerk bereits oben kennen gelernt 6 ). Es ist eine meisterhafte Lösung des schwierigen


1) Krause, a. a. O. S. 16.
2) Krause, a. a. O. S. 15/16.
3) Im Westen findet sich ein toniger Sand, die sogenannte "Klei". S. Barnewitz, a. a. O. S. 24.
4) Krause, a. a. O. S. 15.
5) Über die "Boden" der Bürger siehe S. 120 mit Anm. 3.
6) Vgl. S. 102 mit Anm. 4.
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Problems, in dieser gefährdeten Lage ein Bollwerk vor den Hafenmund zu bauen. Die Gefahr für die Schiffahrt aber blieb nach wie vor bestehen. Es muß bei starkem Westwind recht schwierig gewesen sein, das Schiff sicher in den Schutz der Mole hineinzusteuern. Ständig war Gefahr, von der Brandung ergriffen und gegen die Küste getrieben zu werden. Je größer und damit auch je schwerfälliger die Schiffe im Laufe der nächsten Jahrzehnte wurden, desto schwieriger mußte es werden, die Mündung sicher zu treffen. Dies scheint mir das allerwichtigste Moment zu sein, das eines Tages darauf hinführen mußte, den Hafen nach dem Westen zu verlegen, wo die Küste genau WO-Richtung hatte und deshalb den vorherrschenden Winden nicht so ausgesetzt war wie im Osten. Ganz bestimmte Notwendigkeiten drängten demnach darauf, das alte Tief, das 1256 in den Besitz der Rostocker gekommen war, aufzugeben und weiter westlich ein neues Tief anzulegen: Je mehr der Handel der hansischen Stadt sich entwickelte, je mehr im Zusammenhang damit die Schiffe an Umfang zunahmen, desto mehr mußte sich die Notwendigkeit herausstellen, einen für diese veränderten Zeitverhältnisse geeigneteren Hafen zu gewinnen 1 ). Wann hat nun diese Verlegung stattgefunden?

Überblickt man den überlieferten Schatz an Akten, die für diese Frage zur Verfügung stehen, so ist man zunächst durch das bunte Durcheinander der Bezeichnungen für die verschiedene Tiefe völlig verwirrt 2 ). Es gilt also zunächst einen festen Punkt zu gewinnen und von hier aus dann vorsichtig weiter zu arbeiten. Betrachten wir die Karte von Vicke Schorler, eine Abbildung der Stadt Rostock und der Ortschaften an der Unterwarnow bis Warnemünde aus dem Jahre 1582 3 )! Hier ist zu sehen, daß der Ort Warnemünde samt Kirche und Vogtei unzweifelhaft an dem zu jener Zeit als Mündungshafen benutzten Tief, dem später "Alter Strom" genannten Warnowarm A gelegen ist. Die Bollwerke, der reiche Schiffsverkehr auf dem Wasser und der Leuchtturm lassen keinen Zweifel darüber aufkommen, daß wir hier das Hafentief Rostocks vor uns haben. Zu allem Überfluß steht über dem Orte zu lesen: "Conterfei von dem Rostocker Schiffhafen Warnemünde 1582.". Dieses ist der erste durchaus feststehende Punkt unserer Untersuchung.


1) Daß diesem Streben zur Verlegung des Hafens eine andere Kraft hemmend entgegenwirkte, wird weiter unten noch gezeigt werden. Siehe S. 122 f.
2) Vgl. Krause, a. a. O. S. 16 oben.
3) Vgl. Dragendorff, Vicke Schorlers Darstellung d. Stadt Rostock. B. G. R. IV, 1 S. 31 ff.
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Weitere und in gleicher Weise unbezweifelbare Ergebnisse in der Zeit vor 1582 zu gewinnen, ist schon bedeutend schwieriger: Im Jahre 1485 schließt die Stadt einen Vertrag mit dem Holländer Alhard Johansen 1 ) "van wegen des depes unde haven halven vor Rozstock belegen, nameliken to Warnemunde", daß er soll "maken unde suweren (austiefen, baggern, säubern) dat depp unde haven ... van nedden der Munde vp, dar de huse (!) anghan, allent lynck unde lanck betthe buthen de bollwerk (!) in de apenbaren see ..." Von dort aber bis zu de "winden (!), dede steyt negest deme torne, dar de luchte (!) vppe steyt", soll das Tief "vefftich ellen wit" gemacht werden und von dort bis dahin, "dar de husze kert", so weit, daß zwei Schiffe beieinander vorbeifahren können. Daraus geht hervor, daß hier ein schon bestehender, mit Hafenwerken (Winde, "luchte", Bollwerke!) versehener Hafen der Stadt Rostock getieft und evtl. auch ausgebaut ("gemaket") werden soll. Die Örtlichkeit dieses Hafens zu bestimmen, ist schwieriger. Der Name Warnemünde besagt nichts, da ja auch der östliche Hafen Warnemünde genannt wurde. Die Häuser würden auf einen feststehenden Ort hindeuten. Da jedoch auch zu anderer Zeit, wie wir noch sehen werden 2 ), "boden" der Bürger erwähnt werden, die unzweifelhaft am alten Seehafen D und nicht im ehemaligen Fürstlich-Warnemünde, also am Tief A, gelegen haben, so beweist auch dies nichts. In dem gleichen Vertrage ist jedoch auch die Rede davon, daß Alhard seine Arbeiten auch vor "Gruckeshovet" ausführen soll 3 ). Wenn es also gelänge, den Ort "Gruckeshovet" festzulegen, dann wäre damit auch die Lage jenes Hafentiefs von 1485 bestimmt. Schon Koppmann hat sich darum bemüht, ohne jedoch zu einem Ergebnis zu kommen 4 ).

In den Gewettsrechnungen des 16. Jh. ist der Name häufiger genannt, bemerkenswerterweise in sämtlichen vier germanischen Ablautsstufen (Krekeshövet, Kriegsheupt, Krackshovet und Grukeshovet) 5 ). Aus gelegentlichen Zusätzen ist die ungefähre Lage zu ermitteln: Nach einer Gewettsrechnung des Jahres 1513 hat das "heupt" am "depen haken" gelegen 6 ). Aus andern Quellen


1) Koppmann, B. G. R. III, 1 S. XIII ff. und S. 67/8. Alhard Johansens Herkunft, für Koppmann noch unbekannt, konnte nunmehr erwiesen werden: Gewetts-Rechnungen im Rost. Rats-Arch. (G. R.) 1484/5 "Deme Hollendere, de dat Dep maken schall, vor vij Weken Kost 4 m."
2) Vgl. S. 120 mit Anm. 3.
3) S. Koppmann, B. G. R. III, 1 (1900) S. 68.
4) Koppmann, B. G. R. III, 1 (1900) S. XVI.
5) e, i, a, u (o) (nehme, nimmst, nahm, genommen).
6) G. R. 1513, 2. Sonntag nach Johanni: "vp deme depen haken steen to bringende vp Grekeshovet".
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ist nachzuweisen, daß der "depe haken" jener Teil des Stromes war, der am "Pagenwerder" vorbeifließt 1 ). Mit "Krekeshovet" muß man also ein Stück Land bezeichnet haben, das als Ost- oder Westufer des "depe haken" genannten Stromendes in den Breitling vorsprang (hovet = Vorsprung). Für den vorliegenden Fall würde diese ungefähre Fixierung genügen. Da jedoch später noch einmal auf "Krekeshovet" zurückzukommen ist, so soll die Untersuchung zu Ende geführt werden. Für weitere Bestimmung muß die Sprachwissenschaft herangezogen werden. Das Wort "kreke", in den vier Ablautsstufen in sämtlichen germanischen Sprachen belegt 2 ), hat die Grundbedeutung "krumm, gebogen, gebuchtet". Da Krekeshovet den Gewettsrechnungen zufolge am Wasser (Breitling) gelegen war, so wird hier Kreke Flurnamenbedeutung haben, also "Bucht", "Winkel", "Ecke". In der Tat wird das Wort in dieser Bedeutung in sämtlichen mit dem Niederdeutschen verwandten Sprachen gebraucht 3 ). Die "kreke" bei Warnemünde müßte also eine Breitlingsbucht nahe der "Pagenwerder"-Stromeinfahrt sein. Gleich östlich dieses Gebietes befindet sich eine Bucht, die von den sogenannten "Pinnwiesen" und dem "Gänsewerder" 4 ) westlich umgrenzt wird. Bei den Rostocker "Straßen"-Fischern führt sie den Namen "Pinner Krüh" 5 ). Es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, daß wir in "Krüh" eine Form des Wortes "Kreke" vor uns haben;


1) Original-Rechnungszettel (meistens Lohnzettel, abgek.: O. R. Z.) 1621, Juli 16.: "Auf dem krummen Haken am Strom bei dem Pagenwerder Kisten gesenkt." O. R. Z. 1616, Apr. 3.: "Das Wrack auf die flecke gegen Pagenwerder gebracht" und hiermit in Verbindung: O. R. Z. 1617, Okt. 14.: "an dem alten gesunkenen Wrackpram aufm Tiefen Haken im Strom ..."
2) Für die E- und I-Stufe (Krekeshovet und Kriegsheupt): hd. nd. krickel (Wirbel), mnd. krickelmore, krekeling (Kringel), dän. krig (Winkel), schw. krig (Biegung, Ecke, Winkel, Bucht), nw. krik, krikje (Krümmung), mengl. crike, creke, engl. creek (Krümmung, Bucht), holl. kreek (Bucht), ostfries. kreke, krike (gewundener Bach). Schiffahrtstechnisch schon bei Krünitz, Enzyklopädie, Bd. VIII, S, 460: Creek = Schlupfhafen.
Für U-Stufe (Grukeshovet): nhd. krücke, an. krokr (haken), dän. krog (Krücke, Biegung, Ecke, Haken). Vgl. auch den Berliner Straßennamen "Am Krögel".
Für die A-Stufe (Krakeshovet): hd. krakel und krack (Haken), an. krakr, kraki (Stange mit Haken am Ende), dän. krage (II) (wie krakr).
Vgl. Grimm, a. a. O. V Krücke. Falck u. Torp, Dänisch-norw. ethym. Wörterbuch I: krog, krage (II), krig (II). Schiller-Lübben: Mittelniederdeutsches Handwörterbuch: kroke, krake, kruke, krekeling.
3) Vgl. Anm. 2, vor allem die e-Stufe.
4) Vgl. Barnewitz, a. a. O. S. 182. Dazu die Karte im Anhang.
5) "Karte des Stromgebietes der Unterwarnow von Rostock bis durchs Seegatt", Rostocker Hafenbauamt. Undatiert, nach dem Hafenumbau von 1903.
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freilich ist sie entstellt, denn die Fischer haben die Bedeutung des alten Wortes schon lange verloren. "Pinner Krüh" heißt also "Pinner Bucht". Die südwestlichste Begrenzung dieser Kreke, ihr "hövet", ein in den Breitling vorspringender Landzipfel, wurde demzufolge "Krekeshovet" genannt. Die Westseite dieses Zipfels war also Ostufer des "depen hakens", des Eingangs zum "Alten Strom" (A). Alhard Johansen hat also, dieser Untersuchung zufolge, 1485 am Tiefe A gearbeitet.

Mit dieser Feststellung kommt man jedoch in Gegensatz zu den Forschungsergebnissen von Krause. Er sagt 1 ): "Bei der Zerstörung Warnemündes durch die Herzöge 1487 in der Rostocker Domfehde kommt meines Wissens der später für A öfter angewandte Name "das neue Tief" zum ersten Male vor 2 ). Denn neben der Zerstörung und Sperrung des alten (!) Tiefs wird in diesem Kampfe zwischen den Fürsten und der Stadt auch noch ein neues Tief erwähnt, indem die Chronisten melden, die Fürsten hätten das alte Tief durch die hineingeworfenen Steine des Leuchtturms, das neue Tief dagegen durch eingerammte Pfähle gesperrt. Man hatte also damals mindestens schon mit dem Bau einer neuen Durchfahrt bei dem heutigen Warnemünde begonnen (A), wenn auch das alte Tief (nach Krause: C) offenbar noch die Haupteinfahrt war, da das Leuchtfeuer bis dahin ja noch immer bei der "Hohen Düne" stand (bei C also, nach Krauses Ansicht 2 ). Vermutlich hat der damalige Niederbruch der Leuchte und der sie umgebenden Mauer, die Vernichtung des Bollwerks 3 ) und Verstopfung der Durchfahrt mit dazu beigetragen, den Hafen nun endgültig nach der Ortschaft zu verlegen und den dortigen Warnowarm endgültig zur Hauptmündung auszugestalten". Bis zum Jahre 1485 sind also nach Krause zwei Orte des Namens Warnemünde festzustellen, der Rostocker Seehafen und das ehemalig fürstliche Kirchdorf.

Diese Ausführungen können unmöglich richtig sein. Gesetzt, die Erwähnung des umschanzten Leuchtturms bezöge sich wirklich auf den ältesten Hafen (den Krause ja bei C annimmt), dann würde dies im Widerspruch stehen zu dem, was oben aus dem von Koppmann veröffentlichten Vertrag der Stadt Rostock mit Alhard


1) Krause, a. a. O. S. 16.
2) Die "Hohe Düne", ein Restaurant ungefähr 500 Meter von C entfernt. Zu C s. S. 106.
2) Die "Hohe Düne", ein Restaurant ungefähr 500 Meter von C entfernt. Zu C s. S. 106.
3) Das Bollwerk haben die Feinde niedergebrannt, was Krause vorher unerwähnt läßt.
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Johansen (1485 ) 1 ) zu entnehmen war. Die Ausdeutung jener Quelle hatte es gewiß gemacht, daß 1485 der "Alte Strom" (A) Seehafen von Rostock war. Hier hat sich neben den anderen Hafenwerken auch der Leuchtturm befunden. Krause behauptet nun, der Leuchtturm habe bei C gestanden und jener "älteste Hafen" sei damals noch in voller Benutzung gewesen. Will man also nicht in Widerspruch geraten zu der von Koppmann veröffentlichten Urkunde des Jahres 1485, so müßte man auch für A einen Leuchtturm annehmen. Man könnte dann die Zweiheit der Anlagen gleich Krause und Barnewitz daraus erklären, daß es außer dem alten Hafen schon einen neuen bei A gab, der gerade im Bau war. Eine derartige Annahme aber ist unhaltbar. Sofort würde sich die Frage ergeben, weshalb denn nicht auch von der Zerstörung dieses neuen bzw. im Bau befindlichen Leuchtturms (A) in den Chroniken erzählt wird. Sollten die Feinde den Leuchtturm des alten Hafens zerstört, den der Neuanlage aber unbehelligt gelassen haben? Das ist völlig undenkbar! Zudem behauptet Krause, dieser Hafen, genannt das "neue Tief", sei von den Feinden durch eingerammte Pfähle versperrt. Ist denn das auch nur einigermaßen wahrscheinlich? Man denke: Innerhalb der bewegten Kriegsläufte werden von den Feinden quer durchs Tief Pfähle gerammt, eine Arbeit, die in jener Zeit selbst im Frieden sehr mühsam und langwierig gewesen ist. Der gleiche Erfolg wäre zudem um vieles einfacher, schneller und nicht minder gründlich durch die Versenkung von ein oder zwei Schiffen erreichbar gewesen, ein Mittel, das damals öfter angewandt wurde, um den Feinden den Hafen zu sperren. Die Nachricht Krauses ist also unwahrscheinlich, und man ist geneigt anzunehmen, daß es sich hier um eine falsche Ausdeutung der Quellen handelt.

Der Text der wichtigsten, von Krause benutzten Quelle 2 ), von deren Worten die übrigen Quellen wesentlich nicht abweichen 3 ), lautet folgendermaßen: "Alse de vorsten de Munde nu inne hadden, do lethen se id nu vul dale breken, allent dat dar was, de luchten, de mure vor der luchten wart geworpen in dat (!!) depe und dat bolwarck mede unde vorbrenden dat bolwarck wenthe up dat water, und dat nye dep wart uthgesteken (!!), de huse de gedecket weren mit tegel, worden afgedecket, de tegel wart von dar geforet, de huser angesticket und vorbrant wente in de grunt."


1) Vgl. S. 111.
2) "Van der Rostocker Veide" ed. Krause, 1880, S. 4.
3) Ungnad, Amoenitates hist.-dipl.-jurid., 1749 - 1754: S. 1000/1 und 732; Latomus, a. a. O. S. 420; Rost. Univ.-Bibl.: Mss. Meckl. O. 55, anno 1487.
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Daraus scheint also hervorzugehen, daß es 1487 zwei Tiefe gab. Das eine führte den Namen "neues Tief". Hierauf gründete Krause seine Vermutung, daß es sich hier um das Tief A handle, das ja auch später, z. B. in dem von Krause erwähnten Aufruf der Herzöge (1519), das "neue Tief" genannt wird. Ist nun auch die Bezeichnung "neues Tief" mit dem offiziellen Namen des Tiefes A identisch, so spricht doch gegen die Gleichsetzung der beiden die Tatsache, daß der Leuchtturm, der zwei Jahre vorher in dem Vertrag mit Alhard Johansen ausdrücklich genannt wird 1 ), bei dem "neuen Tief" der vorliegenden Quelle keine Erwähnung findet. Da nun, wie schon gesagt, nicht anzunehmen ist, daß der Leuchtturm des einen Tiefs zerstört, der andere aber geschont worden ist, andrerseits gleichfalls nicht, daß nur die Zerstörung des einen Leuchtturms berichtet wurde, so erweckt dies den Anschein, daß das hier mit "neu" bezeichnete Tief nicht identisch gewesen ist mit dem von Johansen ausgebaggerten Tiefe A. Was ferner die Pfähle anlangt, die erstaunlicherweise von den Feinden vorne im "neuen" Tief eingerammt sein sollen, so handelt es sich hier, wie man leicht sehen kann, um einen Deutungsfehler: Das Wort "uthsteken" bedeutet "durchstechen", wie etwa das Durchstechen eines Dammes 2 ), nicht aber das "Einrammen von Pfählen", wie es von Krause erklärt wird. Da aber auch die nunmehr richtiggestellte Wortbedeutung noch keine Klarheit verschafft, so wenden wir uns vorerst dem anderen in der Quelle genannten Tiefe zu. "Dat Dep" besitzt den Leuchtturm, besitzt auch die Hafenwerke, die wir bei dem andern Tief vermißten. Es liegt also nahe, dieses Tief mit dem von dem Holländer 2 Jahre zuvor ausgebaggerten Tief A gleichzusetzen. Dies zu tun ist man umso mehr berechtigt, als in der Quelle, was man zunächst sehr leicht übersieht, überhaupt nicht, wie Krause berichtet, von dem "alten Tief", sondern einfach von "dem Tief" gesprochen wird. Es wäre also zu untersuchen, ob nicht der Schreiber das Tief A einfach "das Tief" genannt hat, wie ja auch später neben dem amtlichen Namen "neues Tief" häufig die Bezeichnung "das Tief" zu finden ist, oder, was gleichfalls zum Ziele führen würde, ob denn das in der Quelle genannte "neue Tief" nicht überhaupt ein Durchbruch ist, ein kurz vorher entstandenes "neues" Tief, wie sie ja oft genug bei Sturmfluten die Haffdüne durchbrachen. Daß dies letztere der Fall war, ist in der Tat an Hand der Akten zu erweisen. Wenden wir uns also zunächst dieser Frage zu.


1) Vgl. S. 111.
2) Schiller u. Lübben, Mittelniederdeutsches Handwörterbuch S. 463.
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In der Gewetts-Rechnung von 1459 lesen wir, daß am Donnerstag vor Weihnachten eine Sturmflut die vor Rostock gelegene Haffdüne durchriß, so daß hier ein "neues" Tief ausbrach. Die Wetteherren fuhren nach Warnemünde, um zusammen mit dem Hafenzimmermeister "to besende dat nye (!!!) dep, wat guden raden dar to vyndende, dat me id mochte wedder fangen" 1 ). Daß hier tatsächlich von einem Durchbruch, also einem wirklich "neuen" Tief die Rede ist, und daß demnach "fangen" hier als "schließen", "verstopfen", "zudämmen" aufzufassen ist, läßt sich leicht aus den Gewettsrechnungen erweisen. Das folgende sind wörtliche Zitate aus den Gewettsrechnungen der betreffenden Jahrgänge. Für "nye dep" ist jedesmal die Abkürzung ND. gesetzt. 1459 "palholt tom ND." / 1461 "pale tom tüne vor (!) dem ND." / 1465 "vor ene olde schute, de senket wart vor (!) dem ND." / 1467 "do dat sant dragen wart in de kisten by dem ND." / "struke vppet (!) ND." / "Sten vppet ND." / "do de sten vort wart van der hawene (!) na (!) dem ND." / 1469 "do de Mundere sant drogen ower (!) vppet (!) ND.". Weiterhin bis 1479 fortgesetzt "holt" "struke" "lem" "soden" und "sten" "vppet nye dep". Aus dem allen ergibt sich, daß im Jahre 1459 infolge einer Sturmflut ein Tief durch die Haffdüne gebrochen ist, das nun die Bezeichnung "neues Tief" führt, und daß man sich in den nächstfolgenden Jahren bemüht, es wieder zu beseitigen, zu "fangen" wie der technische Ausdruck lautet: Es wird ein Schiff davor versenkt, Material aller Art zur Verstopfung herbeigeschafft. Sogar Kisten werden gebaut und mit Sand gefüllt 2 ). Da die Warnemünder den Sand "hinüber" - tragen auf das Tief, so muß es gleich östlich des "Stroms" (A) gelegen haben. Wahrscheinlich war es die spätere "Olle Deepe", die oben mit B bezeichnet wurde 3 ).

Wir kommen jetzt zurück zu unserem Ausgangspunkt. Das von den Chronisten erwähnte "neue Tief" ist also der Durchbruch von 1459 (B). Alles, was von ihm berichtet wird, ist, daß er durchstochen wird. Jetzt endlich, nachdem man von den jahrzehnte-


1) G. R. 1459. Auch die folgenden Zitate stammen aus den Gewettrechnungen der betr. Jahrgänge.
2) Daß Kisten mit Sandfüllung zum Verstopfen von Durchbrüchen benutzt worden sind, habe ich im Sommer 1926 selbst feststellen können. Bei dem Tiefe E sind an der auf der Karte bezeichneten Stelle mit Sand gefüllte Kisten versenkt.
3) Dieser Durchbruch wird auch am Anfang des 16. Jahrhunderts gelegentlich noch als "neues Tief" erwähnt. Die Bauern fahren "Struke" hin, um es wieder zu verstopfen. Es gibt also damals zwei neue Tiefe, B und A. So ist es auch 1582, wo A und E nebeneinander "neues Tief" genannt werden. Vgl. S. 99.
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langen Bemühungen der Rostocker gehört hat, es zu verstopfen, versteht man die ganze Bedeutung dieses Wortes, begreift, welchen Schabernack die Feinde der Stadt damit gespielt haben, daß sie diese Arbeit zunichte machten. Überblickt man nun die übrigen Quellen, die, wie gesagt, alle ziemlich gleichen Wortlaut haben, so ergibt ein Zusatz der einen Quelle allen wünschenswerten Aufschluß: "Es wurde auch das neue Tief ausgestochen (!), daß das Wasser überall (!) ginge" 1 ). Wie schädlich das "Überallgehen" des Wassers für die Brauchbarkeit des Hafens war, ist bereits oben in den Vorbemerkungen zum Kapitel II gesagt 2 ). Damit ist der Beweis geschlossen: Das in jener Quelle "dat nye dep" genannte, vorher gefangene Tief wird von den Feinden wieder durchstochen, das andere aber, welches "dat dep" genannt wird, eben das Hafentief, wird durch die hineingeworfenen Steine der Leuchtturmschanze für die Schiffahrt unbrauchbar gemacht. Dies Hafentief ist also gleich dem in jener Urkunde von 1485 genannten 3 ). Damit fallen auch die Ergebnisse, die Krause aus seiner Annahme folgert: Das Nebeneinander von Kirchdorf und Hafenort Warnemünde, von dem Krause spricht, ist 1485 nicht mehr erweisbar, also vermutlich schon lange vorüber.

Wir müssen nun versuchen, auch aus der Zeit vor 1485 sichere Kunde zu bekommen. Wir haben das Tief D, den ältesten Rostocker Hafen, verlassen, als im Jahre 1325 die Danskeborg von den Rostockern geschleift wurde. Nur den Leuchtturm hat man damals stehen lassen 4 ). In den folgenden Jahrzehnten hat sich außer den üblichen Ausbesserungen nichts ereignet, was auf eine Veränderung des Bestehenden hindeuten würde 5 ). Erst aus dem Jahre 1411 werden Bollwerksneubauten gemeldet 6 ). Es ist nicht ausgeschlossen, daß damals jenes Tief gebaut wurde, das zwischen dem ältesten Tief D und dem späteren A vermutlich nur kurze Zeit 7 ) als Hafen benutzt wurde. Es ist jenes C genannte Tief, über dessen früheres Bett in der neuesten Zeit die Flughalle gebaut ist. Für seine Benutzung als Hafen sind folgende Gründe anzuführen: Noch heute besteht bei den Fischern eine Überliefe-


1) Ungnad, a. a. O. S. 733.
2) Vgl. S. 99 f.
3) Vgl. S. 111, Anm. 1.
4) Vgl. S. 97, Anm. 3.
5) Z. B. Kämmerei-Rechnungen des Rost. Rats-Arch. (K. R.), 1394: "ad bolwerck reparandum"; 1395, Dez. 18. (M. U.-B. 8696): "ad refectionem bolwerck" usw.
6) G. R. 1411/12 "do se dat bolwerck velleden". Über das "Fällen" der Bollwerke s. S. 158.
7) Vgl. S. 119.
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rung, daß man an dieser Stelle vorzeiten habe ins Meer fahren können 1 ). Natürlich könnte diese Überlieferung auf einer Verwechselung mit dem nur 500 m weiter östlich liegenden Tief D, dem ältesten Hafen, beruhen. Jedoch geht aus Resten, die nach Aussage von Baggerarbeitern 2 ) bei Instandsetzung des Seeflugplatzes 1914 - 1918 an jener Stelle des Breitlings in Gestalt von Pfählen zutage gefördert sind, hervor, daß wir hier eine alte Hafenanlage vor uns haben. Auch am Strande liegen - am Fuße der Buhnen - an dieser Stelle heute noch Findlinge, deren Vorhandensein nur so erklärt werden kann, daß sie bereits vor dem Bau der Buhnen hier gelegen haben - als Reste alter Hafenwerke. Denn andrerorts ist zum Bau der Buhnen stets nur Holzwerk verwendet worden. Damit würde übereinstimmen die Aussage der Fischer, daß vom Breitling her eine tiefe Rinne auf diesen Ort zugegangen sei. Der Name dieser Örtlichkeit ist "Ful Urt" 3 ). Er deutet darauf hin, daß hier früher ein Gewässer sich befunden haben muß, das später langsam verlandet ist. Die Wiesen jener Gegend hießen im 18. Jh. die Faulholz- und Faulortswiesen 4 ). Endlich ist auf einer Karte des 18. Jh. an dieser Stelle ein kleiner Graben angegeben, an dessen Ufer bollwerksähnliche Gebilde gezeichnet sind. Diese Karte ist es, die seinerzeit Krause zu der Annahme veranlaßte, hier sei der älteste Rostocker Hafen zu finden 5 ). Immerhin, ein Hafen ist hier gewesen, das geht aus den oben angeführten Gründen wohl hervor, und da bereits nachgewiesen wurde 6 ), daß er zeitlich nicht vor dem Tief D benutzt sein kann, und es anderseits auf der Hand liegt, daß nicht nach dem Ausbau des Tiefes A auf den Osten zurückgegriffen ist, so müßte diese Anlage in der Zwischenzeit erfolgt sein. Wann das geschah, das läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Immerhin soll das, was aus den Quellen zu ermitteln ist, berichtet werden.

Die Überlieferung ist zunächst nur karg. Lange Zeit lassen sich nur Ausbesserungsarbeiten an Bollwerk und "Luchte" nachweisen. Die erste Unterbrechung dieser eintönigen Berichte liefert das schon erwähnte Jahr 1411, wo ein Neubau des Bollwerks


1) So hat mir der Rostocker Straßenfischer Reincke im Sommer 1926 erzählt. Vgl. auch Krause, a. a. O. S. 6.
2) Sommer 1926 Arbeiter der Firma Ladewig u. S., Rostock. - Ebenso der Steuermann des Dampfers "Warnemünde", Rostock.
3) "Faul" als Beiwort für verlandende Gewässer kommt sehr häufig vor. S. Schiller u. Lübben, a. a. O. V 547. S. a. z. B.: Mi. V. Kgl. Samml. f. dt. Volkskunde, V, 2, 1918 unter "Faule See".
4) Vgl. S. 105, Anm. 4.
5) Vgl. S. 106 mit Anm. 2.
6) Vgl. S. 108.
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nachweisbar ist. Es bestände also die Möglichkeit, daß kurz vorher bei C ein Durchbruch der Haffdüne erfolgt war und dieses nun infolge seines kurzen, geraderen Laufes dem unbequemeren D gegenüber als Durchfahrt benutzt wurde. Hiermit in Zusammenhang zu bringen wäre dann die Nachricht des Jahres 1418, daß die Wetteherren das "dep vorslogen". Da dies "Zudämmen" bedeutet 1 ), so wäre zu jener Zeit aus den an anderer Stelle erläuterten hafenbautechnischen Gründen 2 ) ein Tief verstopft worden. Vermutlich also hat man damals das bisher benutzte Tief D zugedämmt. Etwa von 1410 ab wäre also C auf ein Dutzend Jahre als Hafen benutzt. Eine so kurze Zeit ist auch durchaus wahrscheinlich. Nur so wäre es zu verstehen, daß dieses Tief, das nach Überlieferung und Funden einmal ein Hafen gewesen sein muß, auf den Karten des 18. Jh. neben seinem historisch weit bedeutsameren Nachbarn zwar angegeben, aber nicht wie jenes mit dem Namen "olles Fohrwater" benannt ist. Und so auch würde es sich erklären, daß aus dem noch nicht sehr alten Bollwerke Material für die Bauten bei A genommen werden konnte, wie wir noch sehen werden 3 ). Dies wäre über das Tief C zu sagen. Doch muß betont werden, daß diese Ergebnisse nicht wie die vorher gewonnenen unzweideutig gewiß sind.

Ganz klar zu erkennen ist die geschichtlich bedeutsamere Verlegung des Hafens vom Osten nach dem Warnemünder Strom (A). Es war bereits oben darauf hingewiesen, welche treibenden Kräfte am Werke waren, die über kurz oder lang eine Verlegung forderten 4 ). Es war auch gezeigt, daß wegen der bequemen Lage 5 ) noch einmal ein ostwärts gelegenes Tief, das Tief C, an die Stelle von D getreten ist. Schließlich gab eine Sturmflut den letzten Anstoß zur Verlegung nach A. Das Unwetter ereignete sich im Winter 1420 und zerstörte das Hafenbollwerk 6 ). Die Quellen berichten, daß am Donnerstag vor Oculi (20. Febr.) 1421 die Wetteherren hinausfahren, den Schaden anzusehen. Man entschließt sich, ein neues Tief zu bauen. Um Pfingsten fahren die Bürgermeister mit mehreren des Rates nach Warnemünde. Sie "beseghen dat bolwerck vnde


1) G. R. 1418/9. "vorslogen" bei Schiller u. Lübben, Mnd. Handwb. S. 522 "vorslân", 5.
2) Vgl. S. 100 f.
3) Vgl. S. 120.
4) Vgl. S. 109 f.
5) Ein hemmendes Moment gegen die endgültige Verlegung nach dem Westen wird S. 122 f. genannt.
6) G. R. 1420/1. "It. des neghesten daghes na sunte Nicolaus daghe, do dath Bolwerck wedder braken was."
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dat dep by den krumpalen to makende" 1 ). Es soll also bei den "Krumpalen" ein Tief und Bollwerk gemacht werden. Daß tatsächlich eine Verlegung erfolgt, kann man aus einer Reihe von Nachrichten erweisen. Eine Burg, die "Spugeborch" genannt 2 ), wird abgerissen. Die "boden" der Bürger werden "verslan" 3 ), d. h. abgebrochen, an anderer Stelle noch im gleichen Jahre wieder aufgebaut und von Abgesandten der Stadt besichtigt 4 ). Ein neues Bollwerk wird gebaut, "kisten" werden "gefällt" 5 ) und schließlich 1423 das "nige" Bollwerk obenauf der Länge nach "bebredet" 6 ). Damals also ist es fertig geworden. Um Elisabeth wird die Arbeit "gelecht". Es wird eifrig "geplogt", d. h. gebaggert, und das Holz wird von dem "olden Bollwerck" genommen, vermutlich um es noch zu den Werken an dem "neu" angelegten Tief A zu benutzen. Dies wird 1424 berichtet. 1437 wird dann das ganze "olde bolwerck" durch Meister Berthold "aufgenommen" 7 ). Eine solche Wiederbenutzung alten Baumaterials ist auch anderweitig überliefert 8 ). 1427 ist man bereits wieder mit dem Bau einer neuen Burg beschäftigt. Sie führt wiederum den Namen "Spugeborch". Mehrere Jahre wird an ihr gearbeitet. 1437 und 1439 wird sie als "nye borch" in den Rechnungen genannt 9 ). Alle diese Nachrichten zeigen deutlich, daß im Jahre 1421 eine Verlegung des Hafens mitsamt allen seinen Einrichtungen vorgenommen ist. Wohin diese Verlegung erfolgt ist, kann man leicht feststellen: Daß 1485 das Tief A als Hafen benutzt wurde, war schon oben gesagt 10 ). In der Zeit von 1421 - 1485 lassen sich in den jetzt reicher


1) G. R. 1420/1. "do de weddemestere de borgere anwiseden, dat bolwerck to makende by den krumpalen"; Di. n. pfgst.: "... beseghen dat bolwerck vnde dat dep by den krumpalen to makende (!)".
2) G. R. 1421/2. So. v. Sim.: "Item de spegeborch dale to nemende". Um Maria: "Item to besende de borch dale to nemende, dat dep unde dat nige (!!) bolwerk." Andrerorts heißt die Burg Spugeborch. (Vgl. G. R. 1427.)
3) G. R. 1421/2 "de weddeherren reden up den strant, de boden to vorslande". "Vorslan" nach Schiller u. Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch Bd. V S. 446 ff.: "abbrechen". Vgl. auch Sch. u. L., Handwb. S. 522.
4) G. R. 1422/3 "do de borgermeistere dat dep unde der borger boden beseghen".
5) Das "Fällen" der Kisten bedeutet "Senken", s. S. 158 f.
6) G. R. 1423/4. "Item 2 m kostede, dat bolwerck lanck to bebredende" (mit Brettern belegen).
7) G. R. 1437/8. "It. Oleue deme repere iij mr vor nogendredech touwe, do mester Bertholt dat olde bolwerck vpnam."
8) Vgl. S. 161.
9) G. R. 1439 "to deme dore der nyen borch".
10) Vgl. S. 117.
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fließenden Quellen keine Verlegungen mehr nachweisen. Somit kann die Verlegung des Jahres 1421 nur nach dem mit A bezeichneten Tief erfolgt sein. Hierfür sprechen auch noch folgende Tatsachen: Am Eingange des Tiefes A, am Pagenwerder, werden 1455 Arbeiten erwähnt. Und die Burg wird bereits 1433 auf dem Westufer des Tiefes A bezeugt 1 ).

Im Jahre 1421 wird also der Rostocker Seehafen vom Osten der Haffdüne nach dem Westen verlegt, und von nun an ist das bisherige Kirchdorf Warnemünde Hafenort der Stadt Rostock. Um 1450 sind die Arbeiten am Tiefe A erledigt, und man wendet sich anderen Aufgaben zu: Die Dünen werden in Pflege genommen. 1452 werden längs des Strandes Weiden gepflanzt und die Bauern fahren "tünroden" heran, aus denen Zäune geflochten werden. Diese Arbeiten erstrecken sich über mehrere Jahre 2 ). Bemerkenswert ist, daß damals bereits die ganze zu Rostock gehörige Küste unter Schutz genommen wurde und nicht nur die nächste Umgebung des Tiefs. So wurde 1457 zur Verstopfung eines Durchbruches ein Damm an der Küste vor Diedrichshagen gebaut. Im Osten aber wurde die Düne bis hin zum heiligen See mit Zäunen versehen. Man hat also bereits in der Mitte des 15. Jh. in richtiger Einschätzung der Bedeutung, die der Zustand der Haffdüne für das Hafentief besitzt, planmäßigen Dünenschutz betrieben! Das ist weit früher, als bisher die Forscher angenommen hatten. Wir werden im Laufe dieser Untersuchung sogar auf die Aussaat von Strandhafer stoßen. Von 1458 ab werden dann wieder neben den Dünenarbeiten Bollwerksbauten erwähnt. Bemerkenswert ist, daß Arbeiten am Pagenwerder stattfinden. Die nächsten Jahrzehnte bleibt dann alles beim alten 3 ), bis man auf einmal 1484 auf den Vermerk stößt, daß 4 M ausgegeben wurden für 7 Wochen Kost, "deme Hollender, de dat depp maken (!) schall". Damals also ist Alhard Johansen schon in Rostock. Im Februar des folgenden Jahres wird dann der uns schon bekannte Vertrag 4 ) mit ihm geschlossen. 1486 ist bereits von Säuberarbeiten mit einem neuen (!) "ploch", doch wohl einem der neu angefertigten "Instru-


1) Warnemünder Landgütergartenbuch, Fol. 8 a R. R. Arch. unter Warnemünde I a (Befestigung) Vol. I, Fasc. 6 a und 7.
2) G. R. 1452/3. "... vor 2 c potwiden raschen tor nyenhagen / demsuluen vor iij c vj voder tunroden und x stigen potwiden .. den dregeren to lone, de de widen patenden". S. n. Pasch.: "It. den dregeren to tunende." Ebenso die folgenden Jahre bis 1462.
3) Über die üblichen Hafenarbeiten ist im dritten Kapitel der vorliegenden Abhandlung gesprochen.
4) Vgl. S. 111 f.
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menta" des Holländers die Rede. Dann aber fehlen bis in die neunziger Jahre alle Nachrichten. Die Quellen sind, wie es scheint, samt und sonders in den Wirren der Domfehde verloren gegangen.

Bevor wir nun diesen Abschnitt über die Geschichte des Rostocker Seehafens im 14. und 15. Jh. beschließen, muß noch auf eine Stelle jenes öfter genannten Kontraktes mit Alhard Johansen vom Jahre 1485 1 ) eingegangen werden, die nicht ohne weiteres verständlich ist und uns noch weitere Aufschlüsse über die Beschaffenheit des Rostocker Seehafens in diesem Zeitabschnitt geben wird. Jener Vertrag von 1485 fordert von Alhard, daß er "instrumenta" bauen lassen soll, die ihm dazu dienen können, die Mündung des Tiefes (vom "Bootsgraben" bis hin zur See) auszubaggern. Doch ist dies nicht die einzige Bedingung. "Ok overst umme de grunt by Gruckeshovet hefft Alhardt dem rade lovet", so heißt es weiter, "dat he wil laten maken instrumenta (!), ... dede to der grundt denen moghen mede van dar tho bringende". Diese Zusatzbedingung ist doch sehr auffallend! Nachdem Alhard bereits für das letzte Ende des alten Stroms Werkzeuge angefertigt hat, damit das Fahrwasser auszutiefen, sollen, um den Grund vor Grukeshovet fortzuschaffen, noch besondere "instrumenta" gebaut werden!! Was liegt näher, als anzunehmen, daß es sich hier um eine ganz besondere Arbeit gehandelt hat, eine Arbeit, die mit dem gewöhnlich für Baggerarbeiten verwendeten Geschirr nicht bewältigt werden konnte! Es ist in der Tat keine andere Erklärung für diese auffallende Bedingung möglich! Damit aber wird eine andere Annahme um vieles wahrscheinlicher, die sich schon vorher im Verlaufe der Studien mehr und mehr in mir gefestigt hatte, daß nämlich in den ältesten Zeiten die Schiffe mit Ausnahme der kleineren Boote 2 ) den Breitling im großen NO-NW-Bogen überquerend, von Osten her, etwa durch das heutige "Pinnerloch", in den "Warnemünder Strom" gefahren sind 3 ). Von jenem ältesten Breitlingsfahrwasser ist mir zuerst im Sommer 1926 durch den Kapitän Schmidt 4 ) berichtet, dessen Aussagen sich auch in anderen Fragen als wertvoll und zuverlässig erwiesen haben 5 ). Karten bestätigen diese Über-


1) Vgl. S. 111 f.
2) Die Boote konnten auch durch die sog. "olle Warnow" fahren. (S. Karte am Anhang, Westufer von Pagenwerder.)
3) Das "Pinner Loch" ist auf der beigegebenen Karte bei A/2 zu finden.
4) Kapitän Schmidt-Rostock ("Unkel Andreas"), gest. Spätsommer 1926.
5) Vgl. S. 145.
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lieferung. Auf einer Tiefenkarte des Jahres 1888 aus dem Besitz des Rostocker Hafenbauamts ist jenes Fahrwasser noch zu erkennen. Es war der ursprüngliche Haupttiefenzug des Breitlings 1 ). Er lief in ständiger Durchschnittstiefe von mindestens 2 m von der Oldendorf-Petersdorfer Ecke ("Breitlingsecke") beginnend in NO.-Richtung auf die "Mövenflecken"-Halbinsel zu 2 ). Man sehe auf der Karte die durch a, b, c bezeichnete Richtung. Bei c fand eine Gabelung statt. Die eine Tiefe (e) ging an dem Westufer der "Mövenflecken"-Halbinsel entlang auf das Tief C zu. Die schon erwähnte Rinne 3 ) wie auch das Tief D gehörten zu diesem Tiefenzug. Der andere Zug war auf Pagenwerder gerichtet (d) und fand über A1 seine Fortsetzung im Warnemünder Strom (A). Reste dieses Fahrwassers zeigen noch die Karten des 18. Jahrhunderts 4 ) in dem Krekesheupter Wiesengebiet, also bei A1. Es ist ungefähr die Gegend, wo auch heute wieder eine östliche Durchfahrt besteht, das sogenannte "Pinner Loch" 5 ). Danach sind in der frühesten Zeit alle Schiffe, die das Warnemünder Hafentief benutzen wollten, gezwungen gewesen, durch A1 ihren Weg zu nehmen, ein Umweg, der sicherlich hemmend jenem Streben, den Hafen vom Westen nach dem Osten zu verlegen 6 ), im Wege gestanden hat. Als dann schließlich die endgültige Verlegung nach A erfolgt war, mußte man darauf sehen, diesen Umweg zu beseitigen, und so hat im Jahre 1485 Johansen den Auftrag bekommen, Werkzeuge zu bauen, die geeignet seien, den "Grund" vor Krekeshovet fortzuschaffen. Er hat also vermutlich durch das Untiefengelände östlich Pagenwerders einen Durchstich gemacht 7 ) und bis ins offene Breitlingswasser eine Fahrrinne geschaffen. Da hiermit der


1) Hierbei ist von dem heutigen Fahrwasser abgesehen! Barnewitz, a. a. O. S. 24 spricht davon, daß nach Geinitz die Furche des diluv. Warnowbettes zwischen Warnemünde und der Rostocker Heide zu suchen sei. Es wäre möglich, daß sie dem hier genannten Tiefenzug a, b, c, e entspricht.
2) Nach der Karte von Möller, a. a. O.
3) Vgl. S. 26, 1.
4) Wiebeking, a. a. O., Tarnow, a. a. O. Diese Karten sind der im Anhang beigegebenen Orientierungskarte zugrundegelegt.
5) An dieser Stelle hat es dreimal Durchfahrten gegeben: Zuerst ist hier der ursprüngliche Warnemünder Strom (A/1), später der von Johann tor Balck freigelassene Pinngraben (s. S. 142), dann im 19. Jh. der heute noch bestehende Durchstich, der wieder den Namen Pinngraben oder Pinnerloch führt.
6) Vgl. S. 109 f.
7) Dreimal also ist in diesem Gebiete ein "Durchstich" erfolgt: zuerst 1485/6 (A/2), dann 1837 die heutige Einfahrt in den "Strom", später der Pinngraben. Von drei "Durchstichen" wußte auch der schon genannte Kapitän Schmidt zu berichten.
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"depe haken" 1 ), der Strom bei Pagenwerder, eine andere Richtung bekam, wurde er jetzt auch der "neue Haken" genannt. Dieser Durchstich hatte aber eine zwiefache Biegung, und so bekam er den Namen "dubbelter haken". In der Tat wüßte ich die Namen "neuer" und "dubbelter haken" nicht anders zu erklären, als daß ein ursprüngliches, hakenförmiges Fahrwasser eine neue und nunmehr zwiefach gebogene Gestalt bekommen hat 1 ). Genau so verhält es sich mit dem Namen "neues Tief". Vor 1485 - und das ist bemerkenswert - ist der Name für A nicht nachzuweisen. Die Verlegung im Jahre 1421 nach A erfolgte ja auch in einen schon bestehenden 2 ), wenn auch bis dahin wohl wenig benutzten 3 ) Hafen. Wenn nun nach 1485 A den offiziellen Namen "das neue Tief" trägt, so muß Alhard Johansen auch wirklich etwas Neues geschaffen haben: Er machte durch seine Arbeit vor Krekeshovet die südliche Durchfahrt frei. Erst hierdurch wurde der "Strom" bei Warnemünde ein den neuzeitlichen Verhältnissen angepaßtes Tief. Er lebte nunmehr als "neues Tief" in dem Gedächtnis der Leute fort.

§ 3.

Die großen Hafenbauten des sechzehnten Jahrhunderts.

a) Die Zeit zwischen 1485 und 1570.

Nach 1485 stößt die Darstellung der Geschichte des Rostocker Hafens auf erhebliche Schwierigkeiten. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts sind die Quellen vieler Jahre, ja ganzer Jahrzehnte, verloren gegangen, vor allem die Gewettsrechnungen, neben denen die anderen Quellen dieser Zeit noch eine untergeordnete Rolle spielen. In dem ganzen Zeitraum von 1485 bis 1553 sind von diesen Rechnungen nur die Jahrgänge 1494/5, 1502 - 22, 1525/6,


1) Daß der "depe haken" beim "Pagenwerder" liegt, wurde oben bereits bewiesen (s. S. 112, Anm. 1).
G. R. 1514 "by den depen haken";
O. R. Z. 1614, Okt. 14. "aufm Tiefen Haken im Strom";
O. R. Z. 1624, Juli 19. "3 prame mit Sandes vom tieffen haken geliefert";
O. R. Z. 1621, Juli 9. "kisten so auffm krummen haken sollen gesenkt werden";
O. R. Z. 1625/6, Dez. 11. "bei dem dubbelten haken kisten gesenkt";
1635, April 9. "auf dem neuen haken ..."
1) Daß der "depe haken" beim "Pagenwerder" liegt, wurde oben bereits bewiesen (s. S. 112, Anm. 1).
G. R. 1514 "by den depen haken";
O. R. Z. 1614, Okt. 14. "aufm Tiefen Haken im Strom";
O. R. Z. 1624, Juli 19. "3 prame mit Sandes vom tieffen haken geliefert";
O. R. Z. 1621, Juli 9. "kisten so auffm krummen haken sollen gesenkt werden";
O. R. Z. 1625/6, Dez. 11. "bei dem dubbelten haken kisten gesenkt";
1635, April 9. "auf dem neuen haken ..."
2) Vgl. S. 98, Anm. 1.
3) Vgl. S. 109 f.
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1541/2 erhalten, und auch diese sind lückenhaft und für die Geschichte des Hafens ohne Bedeutung. Die überlieferten Nachrichten geben nur Auskunft über die üblichen Hafenbauarbeiten, wie sie im dritten Teil dieser Arbeit geschildert werden 1 ). Für die geschichtliche Darstellung kommt nur ein einziges, freilich bemerkenswertes Aktenstück in Frage, ein Erlaß der Herzöge Heinrich und Albrecht von Mecklenburg, gegeben in Güstrow Montag nach Kantate (23. Mai) 1519. Es ist ein im Entwurf erhaltenes Rundschreiben 2 ) der Herzöge an ihre "Verwandte und Vndertanen, geistlicke unde wertlicke", worin aufgefordert wird, für den durch eine Sturmflut verwüsteten Rostocker Seehafen "NNN" Stücke "Eichen oder Buchenholzes" zu liefern. Dieses Aktenstück ist deshalb wichtig, weil es die amtliche Bezeichnung des Hafens überliefert: "Unser haven vor Rostock, genennet dat nyge diep" heißt es in dem Schreiben. In der Tat ist diese Bezeichnung "dat nyge dep" auch weiterhin in dem amtlichen Sprachgebrauch der Urkunden, z. B. auch in den Testamenten, der Name für jenes Tief A 3 ). Aber auch sonst ist der Inhalt jener "Missive" bemerkenswert: Es stände zu befürchten, so schreiben die Herzöge, daß dieser Hafen "endlich ganz zunichte gemacht und unwiederbringlich verderbet würde", falls man nicht sofort tatkräftige Gegenmaßregeln ergriffe. Denn - und dies ist ein sehr bemerkenswerter Zusatz - "solckes nicht alleine gemelter vnserer Stadt eine ewige verwustunge, sunder ock unsern landen und luden, ock andern ummegesettenen einen ewigen vorderffliken nhadeil und schaden wolde infuren". Die Herzöge haben also die


1) Vgl. S. 149 ff.
2) Rostocker Ratsarchiv: U.-Warnow II, Vol. I, 1501 - 1600.
3) Folgendes Beispiel ist für den erhaltenden Geist der Urkundensprache sehr bezeichnend: Ungefähr von den sechziger Jahren des 16. Jh. ab, also ca. 75 Jahre nach Erbauung des "neuen" Tiefes A durch Alhard Johannsen, hat es im Osten der Düne bei E einen Durchbruch gegeben. Jahrzehntelang wird er in den Akten als "neues Tief" geführt. Dennoch wird 1582 in einem Kontrakt, den der Rat mit dem Bruder des Peter Hase (s. S. 138 ff.) schließt, von der Säuberung des "neuen" Tiefes gesprochen, wo es sich ganz zweifellos um "das" Tief (A) handelt. (In dem Kontrakt vom gleichen Tage, der mit Peter Hase geschlossen wird, spricht man von "dem" Tief.) Und 1608 wird in der Neuen Cassen Rechnung vom Mai 22 bei der ersten Erwähnung des "Meister Gert Ottsen aus Ambsterdam" von dem "neu bestallten Meister zum neuen Tief" gesprochen. Obwohl es seit über 40 Jahren damals ein jüngeres "neues" Tief gibt. - Es mag bei dieser Gelegenheit erwähnt werden, daß es noch heutigen Tages bei alten Rostockern üblich ist, die Mittelstadt im Gegensatz zur Altstadt die Neustadt zu nennen, obwohl inzwischen seit zwei Menschenaltern eine andere Neustadt herangewachsen ist.
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Bedeutung des Rostocker Hafens für den Wohlstand auch des ganzen Hinterlandes richtig erkannt und greifen in diesen schweren Tagen des Jahres 1519 selber helfend ein, indem sie einen Aufruf an die umwohnenden Besitzer richten, der bedrängten Hafenstadt zu helfen. Mehr noch: einer der Herzöge hat sich, wie aus dem Schreiben hervorgeht, selbst nach Warnemünde begeben, um den Schaden in Augenschein zu nehmen. Dabei hat er feststellen müssen, daß die Stadt das Unheil unmöglich aus eigener Kraft tragen könne. Der Aufruf der Herzöge geht sogar so weit, auch die freie Anfuhr mit den eigenen Pferden bis zum "nigen Diep" zu verlangen (und zwar bis zum Tage Petri Pauli, 29. Juni) 1 ) und schließt mit den Worten: Und Ihr mögt Euch "des nicht weigern, noch vns solckes geringen notdurftigenn temeliken Begerens affschlagen, wo wy uns der angetogedenn mercklichen Notturfft nha to jw gentzliken vorlaten und geneigt sin willen, gegen jw mit besunderem gnedigen Willen to bedenken. Datum ..." usw. So schließt dieses wertvolle Schriftstück.

Wir wenden uns nun der Geschichte der großen Hafenbauten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu und betrachten zunächst einen Vermerk im Rechnungsbuch des "Alten Kasten" 2 ) aus dem Jahre 1574. "Vthgifft Geldt thom Buwte des Nien Depes zu Warnemunde anno 74 neben der Heiden 200 fl." heißt die Überschrift der einen Seite, und an anderer Stelle steht geschrieben: "To erbuwinge des nyen Depes" und "thom Buwte des nien Depes tho Warnemunde nebenst der Heiden". Danach hat es damals ein Durchbruchstief "neben" der Heide gegeben. In den nächsten Jahren wird ständig an seiner "Dämpfung" gearbeitet. Bemerkungen auf Rechnungszetteln aus späterer Zeit


1) Da das Schreiben Cantate abgesandt wird, also im Mai, sind bis zum 29. Juli nur wenige Wochen Frist. Es spielt hierbei übrigens auch ein sozialer Grund mit: "... Petri Pauli nestkunftig alse to der bequemesten vnnd lidelikesten tydt, wyle die armen lude in des nicht vele hebben touersumen."
2) O. R. Z. 1585, Dez. 10. "2 große helden schlosse (Schlösser an Ketten) so bei dem Diepe gebraucht". (Beischrift: "der radel vor den Boom gelecht".) Kehrseite: "nach dem nien depe 2 grote helden schlote vordinget". Man hat also damals dort auch einen Baum gehabt, um das Tief zu versperren. Daß tatsächlich Schiffe hindurchgefahren sind, beweist eine Notiz aus G. R. 1581. Damals müssen die Wetteherren hinausfahren, um "Schuten" zu retten, die im Eise "bei der Heide" festgefroren sind.
O. R. Z. 1617, Dez. 23. "... alles was Michel Baden bei seinem neuen Werk gebrauchet, vom Neuen Tiefe geholet und zu Warnemünde auf die Vogtei geliefert. It. dem Knecht, so die retschafft von der Markgrafenheide (!) in das boht tragen geholfen."
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weisen darauf hin, daß es bei der Markgrafenheide, bei der Radel, also am westlichen Rande der Heide gelegen hat. Es ist das auf der beigefügten Karte mit E bezeichnete Tief. In der Tat sind an jener Stelle noch heute, wie ich im Sommer 1926 feststellen konnte, mit Sand gefüllte Kisten zu finden, Reste jener Bollwerksarbeiten, durch die man vorzeiten den Durchbruch "gefangen" hat. Wann dieser Durchbruch stattgefunden hat, war aus den Quellen nicht zu ermitteln. Da eine Schädigung der Haffdüne durch eine Sturmflut unmittelbar vorher nicht nachweisbar ist, so muß man annehmen, daß der Durchbruch schon seit langem bestanden hat. Das wird auch durch einige Nachrichten aus der Zeit vor 1574 bestätigt. Als 1572 vom Rat ein Bote nach Stralsund geschickt wird, fahren ihn die Warnemünder in einem Boot zum "Neuen Tief" 1 ). Aber schon 1568 wird ein "neues Tief" genannt, welches kaum mit A identifiziert werden kann 2 ), und bereits am Anfang des Jahrzehnts werden Ausbesserungsarbeiten an der Düne gemacht. 1564 wird vom Rat ein Meister von auswärts gerufen, vermutlich aus Holland, dem klassischen Lande der Wasserbaukunst. Der Fremde soll "dat deep" "fangen", doch scheint dies Vorhaben nicht ausgeführt zu sein, denn noch im folgenden Jahre wird über die Dringlichkeit dieser Arbeiten im Rate gesprochen. Obwohl es aber heißt, daß die Düne "gemacht" werden müsse, und beschlossen ist, eine Abordnung des Rats solle sich "hinausbegeben", "zu ratschlagen, wie man der Düne helfen möchte", so scheint sich doch die Ausführung immer weiter hinausgezogen zu haben. Auch 1569 kommt ein Holländer nach Rostock, Harmenß van Enckhusen, um das "neue Tief zu fangen", aber da wieder im folgenden Jahre von den "gebreken des depes" gesprochen wird und auch in den Rechnungen nichts von den Arbeiten des Holländers erwähnt wird, so scheinen auch diese Verhandlungen ergebnislos verlaufen zu sein. In der Folgezeit versandete der Hafen, da ja das Tief nicht "gefangen" war, vollkommen. Kaum ein Boot könne noch in den Hafen herein, so heißt es in der "Deliberatio" der Rostocker auf dem Landtag


1) G. R. 1572. "Eyn erbar radt ßende j baden vth, de Warnemunder brochten (en) mith j bothe by nach vp(t) nige dep; j Warnemunder ginck myth deme baden bei thome Stralßunde."
2) Rost. R.-Arch., Rats-Protok. (R. Pr.)-Extrakte, 1568, Juli 5., und N. wö. Rost. Nachr. u. Anz. 1838 S. 390: "Per sententiam werden denen Warnemünder Strandtfischern und Binnenfischern limites gesetzt, wie weit ein jeder gegen das alte und neue Tieff, item auff dem Breitling zu fischen vergönnet sei." Da hier zweifellos von Warnemünde, also vom Tief A aus gerechnet ist, so ist das alte Tief A oder C, bzw. D, das neue Tief aber E.
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am 19. Oktober 1571 1 ). So weit sei es nun gekommen, daß man jährlich 4000 fl. für seine Wiederherstellung auswerfen müsse, und insgesamt würden die Hafenneubauten mindestens 100 000 fl. verschlingen 2 ). Diese Hafenneubauten nahmen die Stadt während des letzten Jahrhundertviertels in Anspruch. Die Aufgaben, die der Lösung harrten, waren folgende: Das Durchbruchstief mußte abgefangen und verstopft, die Düne erhöht und gefestigt werden; der Hafen aber war so zu vertiefen und auszubauen, daß eine derart starke Versandung in Zukunft unmöglich gemacht wurde. Das Gedeihen der Stadt hing ab von der glücklichen Vollendung dieser Aufgaben.

b) Die Zeit zwischen 1570 und 1616.

Am 3. Mai 1572 wurde im Rate beschlossen, fortan solle während des ganzen Sommers ein Ratsherr zwei oder drei Tage wöchentlich sich in Warnemünde aufhalten und die Arbeit beaufsichtigen. Es besteht also die Absicht, in Zukunft unter ständiger Überwachung der Verwaltungsbeamten die Arbeit tatkräftiger und stetiger fortzuführen. Diese Absicht ist auch aus anderen Maßnahmen ersichtlich: 1572 wird beschlossen, das Breitlingsbollwerk vor "Krekeshovet" weiter auszubauen. Auch das Ostbollwerk vorne an der See wird verlängert, nachdem im Jahre 1577 eine schwere Sturmflut große Verwüstungen an den Hafenbauten angerichtet hat. Es ist bezeichnend, daß der ersten Besichtigung am 6. Juli 1578 die ältesten Warnemünder beiwohnen, damit deren Ratschläge bei der weiteren "Hinausschlagung" des Bollwerkes gehört werden können. Auch die umfangreichen Arbeiten an der Haffdüne deuten auf die jetzt einsetzende größere Betriebsamkeit des Rates. Bemerkenswert sind zwei "Missiven" des Jahres 1574. Am 18. und 19. Dezember 1574 werden Schreiben an den Herzog versandt mit der Bitte "um etlichen Dannensamens, dessen die Stadt zur beseihung etlicher wöster Plätze in der Rostocker Heiden und fürnemlich der Haffdünen und zur Erhaltung des Tiefs benötigt seien" 3 ). Ob Tannensamen geliefert oder gar ob sie ausgesät sind, ist nicht mit Gewißheit zu sagen. Immerhin werden im nächsten Jahre an den Dünen umfangreiche Arbeiten vorgenommen: Die hohen Sandberge, die sich an der Westseite des Stroms beim Leuchtturm aufgetürmt


1) Rost. Rats-Archiv: Landtags-Acten de annis 1560 - 71.
2) Vgl. S. 135 mit Anm. 1.
3) Rost. Rats-Archiv: Missiven, 1574, Dez. 18. und 19. Beide ziemlich gleichen Inhalts.
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hatten, werden eben "gedragen". Vierzehn Tage dauert die Arbeit unter Mitwirkung aller Warnemünder. Dann schaffen die Diedrichshäger Mist herbei, um das weitere Fliegen des Sandes zu verhindern, vielleicht auch, um das Anwachsen sandflughemmender Gewächse zu ermöglichen 1 ). Schließlich sei noch eines Ereignisses des Jahres 1578 gedacht: der für die Rostocker Schiffahrt sehr bedeutsamen Erbauung des Rostocker Petriturms. Am 1. April wurde Laurens Junge mit einem Beglaubigungsschreiben ausgeschickt, um aus Gotland Holz für die Errichtung des Turmes zu besorgen 2 ). Das Holz war von Friedrich II. von Dänemark geschenkt, offenbar zur Sicherung der Schiffahrt, denn in dem Beglaubigungsschreiben an den Statthalter von Wisby heißt es, daß das Holz gebraucht werde zur "Erbauwinge einer Spitzen allhier in der Stadt Rostock, so dem gemeinen sehefahren Manne eine besondere Kunde und Nachrichten zur Sehefahrt geben wirt". Wer einmal draußen auf See gewesen ist und diesen zehnthöchsten Kirchturm der Welt in der Ferne hat grüßen sehen, wenn ringsum nichts als Wasser den Horizont berührte, der weiß, daß diese "Spitze" in der Tat ein Schiffahrtszeichen ersten Ranges ist. Diese Ereignisse bilden die Einleitung zu dem 1579 einsetzenden Zeitabschnitt, der zweifellos die Glanzzeit des Rostocker Hafenbaues bildet. Es wurden Pläne entworfen und ausgeführt, so großzügig, wie sie, gemessen an den Mitteln jener Zeit, von den Enkeln nicht wider erreicht sind. Zum ersten Male bildet die Fürsorge für den Seehafen der Stadt einen ständigen Verhandlungsgegenstand in den Ratssitzungen, zum ersten Male auch werden Männer bekannt, die entscheidend den Gang der Arbeiten in Warnemünde beeinflussen. Der erste dieser Männer ist Jochim Barchmann, der Schuster.

Gelegentlich einer Ratsverhandlung (am 14. März 1579) mit den "verordneten Bürgern" über den Zustand der von ihnen verwalteten Landgüter tritt Jochim Barchmann, der Verordnete der Müggenburg 3 ), auf und sagt unter anderem, er wolle einen "Graffen" der Stadt zum Besten in die Heide "ziehen" und "das Depf zugleich buwen".


1) G. R. 1575, Juni 24. "Alle de Warnemunder de drogen de hogen Santberge euen by der Luchte, se drogen auer 14 Dage." Okt. 2. "De Diderichsheger fehrden den Meß vp de Haffdünen, ock (!) by der Luchten, dar de Barge euen maket werden (!). Niegels vnd en Man tho sick, de schowen tho Warnemünde den Meß vth den Stellen, se arbeideden 4 Dage. Ock hulpen se Meß mit vp de Berge schaben."
2) R. Pr. 1578, Apr. 1. Laurenß Junges Beglaubigungsschreiben für Gothlandfahrt.
3) Ein Hof in der Rostocker Heide.
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Dem Bürger wird erklärt, daß der Rat so bald wie möglich mit ihm über diesen Punkt sprechen wolle 1 ).

Dies ist die erste Nachricht, daß Jochim Barchmann dem Rate anbietet, das Durchbruchstief E zu beseitigen. Daneben ist es die früheste Urkunde von einer Kanalanlage, die für die Instandsetzung des Tiefes noch von großer Bedeutung werden sollte und bis auf den heutigen Tag für den Personen- und Güterverkehr in die Heide hinein diese Bedeutung noch nicht ganz eingebüßt hat: Die Nachricht von der Erbauung des Torfgrabens (K), jenes Kanals, der aus dem Breitling bei Markgrafenheide bis zum großen Torfmoor sich erstreckt. Die bisherige Forschung hat die Erbauung dieses Kanals ins 18. Jahrhundert hinein verlegt 2 ). Glücklicherweise ist uns eine Urkunde aus dem Jahre 1587 erhalten, die alle etwaigen Zweifel zerstört und gleichzeitig auch über die Wichtigkeit dieses Grabens für die Bauten an der See jede wünschenswerte Auskunft gibt 3 ). Es ist ein Brief des Ratsherrn Dr. Friedrich Heine an den Rat folgenden Inhalts: Der Rat habe ihn aufgefordert, alle die Unkosten, die er mit dem weiland Bürgermeister Thomas Gerdes für die Errichtung des "neuen Grabens in die Heide" aufgewandt habe, anzugeben. Bekanntlich habe er und Gerdes im Jahre 1579 (also im Jahre der oben mitgeteilten Ratsverhandlung), nachdem nach mehrmaligen Verhandlungen die Frage der Einträglichkeit des von Jochim Barchmann vorgeschlagenen Grabens verneint war, auf eigene Unkosten die Verfertigung des Grabens übernommen, und zwar unter der Bedingung: Würde sich später herausstellen, daß der Graben sich bezahlt mache, so solle die Stadt ihnen alle auf ihn gewendeten Unkosten erstatten, falls nicht, dann sollten sie "außer dem Schaden auch den Schimpf behalten". In diesen acht Jahren (1579 - 1587) sei aber der Nutzen des Kanals erwiesen: Von St. Jakob Ziegelhofe würden für die Herabführung des Torfes (!) jährlich 50 fl. entrichtet, von Jochim Barchmann 100 (!), der andere Ziegelhof müsse gleichfalls jährlich 100 fl. geben, so daß hieraus zusammen jährlich allein 250 fl. Einnahme sich ergäben, ohne das, was die zu zahlen hätten, die als Privat-Personen ihren Torf (!) aus der Heide (!) führten. Zu all dem


1) Alle folgenden Zitate stammen, soweit nicht besonders vermerkt, aus den Ratsprotokollen der betr. Jahrgänge und werden deshalb in der Regel nicht mehr gesondert in den Anmerkungen erwähnt.
2) Krause: Die Rostocker Heide, S. 15 (B. G. R. XIV 1926). Leider ist die Quelle nicht angegeben, auf die Krause seine Behauptungen stützt.
3) Dieses Stück fand sich unter ungeordneten Akten und ist nunmehr unter "Akten Warnemünde, Neues Tief" eingeordnet worden.
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käme die Verbilligung der Holzbeschaffung, wie man denn auch Korn und anderes den Graben hinabschaffen könne 1 ), zu welchem allen man früher Pferde und Wagen hätte brauchen müssen. Zudem sei es ohne den Graben ein unmöglich Ding gewesen, dieses Jahr (1578!) das Neue Tief zu fangen, wofern man nicht etliche tausend Fuder Wasen (Faschinenbündel, Reisigwerk) hätte aus der Heide holen können. Aus allen diesen Gründen möge der Rat die verordneten Bürger der gemeinen Kasse beauftragen, ihm und den Erben des Bürgermeisters Gerdes die Unkosten, "so auf Verfertigung des neuen Grabens aus dem Breitling ins Torfmohr (!) aufgewandt wurden", zu erstatten. Dieses Schreiben ist in mehrfacher Hinsicht wertvoll für unsere Untersuchung. Zunächst seien noch einmal die Worte unterstrichen, die von seiner Bedeutung für die Einfangung des Neuen Tiefs E im Jahre 1587 zeugen: Etliche tausend Fuder Faschinenbündel sind damals den Graben hinabgeführt. Man ersieht hieraus recht eindrucksvoll, welche Anstrengungen man damals gemacht hat, die Hafenanlagen wieder instandzusetzen. Der Brief zeigt auch, daß der Rat Barchmanns Vorschlag vom 14. März 1579 abgelehnt hat. Er wäre niemals zur Ausführung gekommen, wenn nicht der Ratsherr Dr. Heine, einer der reichsten Männer der Stadt 2 ), eine größere Weitsichtigkeit besessen hätte als seine Amtsgenossen: Er faßt den Entschluß, den Kanal auf eigene Faust zu bauen, gewinnt einen Partner und setzt sich mit Barchmann in Verbindung. Wie aus dem Schreiben und auch aus den Gewettsrechnungen ersichtlich ist, wurde der Graben noch im gleichen Jahre in Angriff genommen. Daß diese Anlage sich infolge der Prahm- und Bootsgelder gut bezahlt gemacht hat, zeigen die im Brief genannten Summen. Zudem sind die Unkosten nicht groß gewesen, da ein gut Teil derselben von der Stadt getragen werden mußte. Jochim Barchmann hatte nämlich mit seinem Kanalplan gleich zwei Dinge im Auge gehabt: Der Kanal sollte zur Erschließung der Heide dienen 3 ). Die Menge der beim Bau des Grabens ausgestochenen Grassoden aber wie auch die gewonnene Erde sollten zur Fangung des Tiefs und zum Bau der Haffdüne verwandt


1) Damals war ja die Heide zu einem großen Teil noch Kulturland.
2) Als z. B. der Ratsherr Heinrich Gerdes "durch nachlessigkeit zu schaden gerathen" und deshalb seine Güter verkaufen mußte, hat sich "D. Friedrich Heine darhin vorfüget und die güeter sembtlich vmb 4300 fl. ... gekauft". (R. Pr. 1579, sept. 9).
3) Neben Wald und Feld sollten vor allem die großen Torflager ausgebeutet werden. B. weist in einer Ratssitzung auf die Einträglichkeit der "Torfgruben" hin; aber ohne Erfolg.
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werden. Es liegt auf der Hand, daß dadurch der Bau bedeutend wohlfeiler wurde.

Im Jahre 1579 finden umfangreiche Arbeiten an der Haffdüne statt. Meister Claus Jendrick, der Zimmermeister, arbeitet mit seinem Volke den größeren Teil des Jahres auf der Düne. Außerdem hat man dort einen "sodensteker" oder "grewer" angestellt. Daneben werden ständig Arbeiten am "Graben" genannt und aus dem Zusammenhang der Nachrichten ergibt sich, daß es sich darum handelt, die bei dem von Dr. Heine unternommenen Bau des Torfgrabens gewonnenen Rasensoden und Erdmassen an die Düne zu fahren. Diese Arbeit wird von den Bauern getan. Auf der Düne wird von der Ausschachtungserde ein Wall errichtet, dessen Oberfläche mit den Soden belegt wird. Dazwischen aber - und das ist wichtig, weil auch hier wie bei der Anlage des Torfgrabens die bisherige Forschung bedeutend spätere Daten annahm - wird Hafer gesät 1 ). Am Strande werden Buhnen gebaut. Demgemäß ist schon damals, wie wir schon an anderer Stelle feststellen konnten 2 ), alles das zum Schutz der Düne getan, was im 19. Jahrhundert als ganz neue Errungenschaft gefeiert wurde. Diese Dünenarbeiten werden auch noch im folgenden Jahre fortgeführt. Außerdem werden umfangreiche Anpflanzungen von "pardtwiden" vorgenommen 3 ).

Im Herbste dieses Jahres 1580 tritt der Rat mit Jochim Barchmann aufs neue in Verhandlung, daß er das "Neue Tief" fangen soll. Am 30. September beschließt man, wegen Barchmanns "Angebent, das neue Tief zu fangende", Abgeordnete nach Warnemünde zu schicken, die seine Vorschläge anhören und ihre Brauchbarkeit prüfen sollen. Am 17. Oktober heißt es in den Ratsprotokollen des gleichen Jahres: "wegen der zwischen (!) dem neuen Tief und Warnemünde gelegenen Haffdüne beschlossen, mit Barchmann dem Schuster zu reden, welcher sich angegeben, eine Düne zwischen dies und künftigen Weihnachten zu machende, danach vff künftigen Pfingsten das Tief zu fangende". Diese Stelle zeigt eindeutig, daß es sich um Fangung eines Durchbruches (E) handelt. Wichtig ist, daß Barchmann den Auftrag bekommt, zuerst die Haffdüne zu bauen und dann erst das Tief


1) G. R. 1579, Juni. "Andreas de greuer de hadde 2 greuer tho sick; sesetteden soden vp vor lanck strandes vp de haffdunen ... vor j scheffel haferen gegeuen 6 ß, den seiheden de groffer twischen di sohden."
2) Vgl. S. 121.
3) Z. B. G. R. 1580. "Achim Schütten vnd sinen nabarn abgekoffte 17 stigen pradtwiden, so by der haffdüne gesettet, jeder stige vor 8 ß: 5 fl. 16 ß."
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zu fangen. Man wußte sehr wohl, daß ohne Instandsetzung der Haffdüne alle andere Arbeit vergeblich war. Barchmann versucht trotz dieses Auftrages zuerst das Durchbruchstief zu fangen, was ihm später schwere Vorwürfe im Rate eingetragen hat 1 ). Den Auszügen aus den Ratsprotokollen zufolge müßten dann die "Punkta Contracti" am 19. Dezember 1580 geschlossen sein; doch ist im folgenden Jahre von einer Tätigkeit Barchmanns nirgends die Rede. Die Verhandlungen des Herbstes sind also ergebnislos verlaufen. Im Frühjahr kommt man noch zweimal auf Barchmanns Anerbieten zurück. Im Februar werden zur Besichtigung des Durchbruches einundzwanzig Herren vom Rate nach Warnemünde geschickt, "und solches alles zur Abschaffung (!) und Dämpfung (!) des Neuen Tiefs" 2 ). Im Mai wird gleichfalls eine Abordnung beschlossen, um "daselbst alle Gelegenheit zu besichtigen und ihren guten Rat mitzuteilen, wie und wasserleigestalt mit dem neuen Tief verfahren werden soll". Hierauf müssen die Verhandlungen bis zum nächsten Jahre ins Stocken geraten sein, aus welchem Grunde, habe ich nicht ermitteln können. Inzwischen aber hat sich der Rat um einen auswärtigen Baumeister bemüht und am 18. Januar 1582 fahren die Bürgermeister in Begleitung "des lübischen Baumeisters" mit mehreren des Rates nach Warnemünde "na dem Nyen Depe vnd dat besehen / daran wedder vp Warnemunde" 3 ). Der Name des Lübeckers war Peter Hase. Am 17. Februar 1582 verhandelt der Rat darüber, ob man nun Hase oder Barchmann zur Fangung des Tiefes nehmen soll. Es wird beschlossen, daß der lübische Baumeister und zugleich mit ihm - als ein Aufseher - Jochim Barchmann angestellt werden soll. Barchmann bekommt den Auftrag, sofort mit den Arbeiten zu beginnen. Im März ist Peter Hase wieder in Rostock und am 12. geschieht eine neue Besichtigung. Diesmal werden die Mängel des "alten und neuen" Tiefs, also doch wohl des Hafens wie auch des Durchbruches, in Augenschein genommen. Am Tage darauf werden dann im Rate die Abschlußverhandlungen geführt. Es wird fest beschlossen, "mit dem neuen Tiefe zu verfahren", und man spricht mit Hase, daß er zugleich mit Barchmann das neue Tief fangen soll. Auch sollen zur Beförderung der Arbeit zwei Herren des Rates als Lohnherren abgeordnet werden: Michael Breide und Nikolaus Bolte. Da also infolge der umfangreichen


1) Vgl. S. 141.
2) Dies ist Beweis, daß es sich um Verstopfung eines Durchbruches handelt und nicht um Uferbefestigung des Hafens. S. dazu S. 134, Anm. 3.
3) Diese Nachricht bestätigt aufs neue, daß an einem außerhalb Warnemündes befindlichen "neuen Tief" gearbeitet werden soll.
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Bauten in Warnemünde von nun an mehr Arbeiter dort tätig sein müssen, so werden ganz andere organisatorische Maßnahmen notwendig, als der bisherige Betrieb mit den etwa fünfzehn ständig in Warnemünde arbeitenden Leuten erforderte. Nachdem diese Punkte in der Ratsverhandlung festgelegt sind, wird Jochim Barchmann vorbeschieden und mit ihm ein fester Vertrag gemacht 1 ). Mit der Arbeit wird sofort begonnen. Schon am 15. März fahren die Herren der Verwaltung in die Heide hinaus, um zu sehen, "welches Holz Barchmann schlagen ließ und wie es auf den Dünen stand". Auch während der folgenden Wochen werden Besichtigungsfahrten gemacht, und immer ist der Schuster bei der Arbeit. Aus den Bemerkungen dieser Fahrten geht - im Zusammenhang mit den anderen Nachrichten - wiederum hervor, daß diese Arbeiten sich auf das Durchbruchstief E "neben der Heide" bezogen haben: Ständig fahren zu dieser Zeit die Herren durch die Heide auf den Arbeitsplatz und fahren dann schließlich "vth der Heide ower dat Dep vp (!) Warnemunde" 2 ). Die Arbeiten Barchmanns beziehen sich also nicht, wie die bisherige Forschung angenommen hat, auf das Zurückdämmen der lockeren Ufermassen des Tiefes A. Auffallend ist, daß niemals Peter Hase als Mitarbeiter erwähnt wird. Da später Barchmann im Rate sagt, er habe das Tief gefangen, das der lübische Baumeister habe fangen sollen, so muß Peter Hase an der Ausführung seines Auftrages vom 12. März gehindert sein. Erst im August tritt er wieder in Rostock auf, nun aber mit einem ganz neuen Plan: Er bietet dem Rat einen Bagger an. Wir werden noch davon hören 3 ).

Am 11. April wird vom Rate einhellig ein wichtiger Entschluß gefaßt: Da die Arbeit keinen Verzug leide, so solle "in diesem Jahre alle Arbeit am Graben liegen" bleiben und dem "neuen Werke am neuen Tiefe" zugute kommen. Zudem solle für diesmal nicht nach den Häusern und Wohnungen, sondern nach dem Reichtum eines jeden Bürgers eine Steuer erhoben werden. Die beiden Lohnherren sollen sich deshalb mit den Quartiermeistern in Verbindung setzen. Man sieht also, und man wird es auch noch weiterhin beobachten, in jeder Weise, in Ver-


1) B. soll 3 Thaler wöchentlich und "nach Vorrichtung des Werckes des Newen Tieffes, da es bestendig sein würde ... 600 Thaler ... und von allem Holze die Lohe" als Lohn haben. (R. Pr. 1582, Febr. 17).
2) G. R. 1582, Mai 3. "Ich vnde Jacob in die Heide gefahren na deme Roffershagen. Dar betalt ... Van dar gefahren tho Jochim Barchmann vp dat deep, dar bethalt ... Vnd wy lethen vns mit dem pram auer na Warnemunde setten vnd, wie wi darhen gefahren (!), vor kost vthgegeuen." - So auch Mai 7. und Juni 1.
3) Vgl. S. 138.
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waltung, Organisation und Finanzierung werden jetzt Neuerungen getroffen, die zeigen, daß der Rat zu tatkräftigem Handeln entschlossen ist. Aus den Rechnungen ist ersichtlich, daß die Vermögenssteuer dieses Jahres 2500 fl. eingebracht hat, das waren zusammen mit dem, was aus dem "Alten Kasten" bewilligt war, 5500 fl., die nun für die Arbeit zur Verfügung standen. In den vorhergehenden Jahrzehnten beliefen sich die Aufwendungen für den Hafen höchstens auf ein Zehntel dieser Summe 1 ). Nach diesen Ratsbeschlüssen geht die Arbeit schnell vorwärts, denn die Zahl der Mitarbeiter Jochim Barchmanns wächst ständig. Waren es am 7. April noch 28 Mann, so sind es schon zwei Tage nach dem Ratsbeschluß etwa 40 und im Mai steigt die Zahl gar auf 70, für die damalige Zeit sicher eine stattliche Arbeiterschar. Zudem hatte man außer den Ungelernten auch Fachleute beschafft: Drei "Sodensteker" werden in den Rechnungen genannt, daneben ein "Wrosensetter". Am 9. Mai werden mit den "Pramherren" Verhandlungen angeknüpft, "damit zur Beförderung des neuen Tiefes Erde, Steine und, was mehr dazu nötig, möchte dahin geschafft werden". Für jeden beladenen Prahm sollen ihnen 2 fl. vergütet werden. Am 11. Mai kommt ein neuer wichtiger Plan zur Annahme: "Die Hundsburg soll nach dem neuen Tieff gebracht werden, dasselbe damit zu fangen" 2 ). Da man zur Einfangung des Tiefs eine große Menge Füllmaterial gebrauchte, Erde und Steine aber - nachdem nun der Heidekanal fertiggestellt war - in der erforderlichen Menge nicht zu beschaffen waren, so ist man demnach auf den Gedanken gekommen, Erde und Steine des längst verfallenen und unbenutzt daliegenden Hundsburggrundstückes an den Seestrand zu schaffen 3 ). Man nimmt nun sofort wieder Verhandlungen mit den Prahmherren auf, und zwei Tage später kommt ein neuer Vertrag mit ihnen zustande, demzufolge ihnen für jeden beladenen Prahm 1 1/2 fl. - also 1/2 fl. weniger, als zuerst ausbedungen war - zugesagt werden. Doch wird hinzugefügt: "Im Falle die Pramschuwer und sie selbst damit nicht bleiben konnten, alß wollte man ihnen Zulage thun". "Und sollten solche Präme die Erde der Hundsburg holen und nach dem Neuen


1) 1553: 550 fl.; 1554: 492 fl.; 1555: 67 fl.; 1556: 379 fl.; 1568: 62O fl.; 1569: 499 fl.; 1752: 673 fl.; 1573: 479 fl.
2) Die Hundsburg wurde also nicht, wie Krause und Barnewitz meinten, als Uferbefestigung für den Hafen verwandt.
3) Ohne diese Hinschaffung wäre die Einfassung des Tiefes wohl unmöglich gewesen. Da ja auch der Kanalplan von Jochim Barchmann stammt, so ist es nicht ausgeschlossen, daß auch diese Idee von ihm ausgedacht wurde.
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Tiefe bringen". Am 14. Juni sind bereits 21 Arbeiter mit den Aufräumungsarbeiten auf der Hundsburg beschäftigt. Die Zahl der Arbeiter am Tief E ist inzwischen auf 100 gestiegen. Tag und Nacht wird gearbeitet, wie die Rechnungen berichten, und so müssen besondere Vergünstigungen an die Arbeiter verteilt werden 1 ). Am 14. Juli endlich ist das Tief gefangen. So groß ist der Eindruck dieses Werkes auf die Zeitgenossen, daß in sämtlichen Chroniken davon die Rede ist 2 ). Und auch der Urheber dieses Werkes wird genannt: "Anno 1582 wartt das neue Tieff vor Warnemünde gefangen von einem Schumacher, Jochim Berckmann genannt" 3 ). In der Woche darauf ist der gesamte Rat in Warnemünde, um das Werk anzuschauen. Bei dieser Gelegenheit wird die Haltbarkeit erwiesen: Der Schulzenknecht von Willershagen verdient sich einen ß als Preis, "dat he dat erste Stucke Holtes vorde awer dat nige Dep" 4 ). Das war die Probe auf die Tauglichkeit dessen, was Barchmann gemacht hatte. Sie war bestanden. Und so liest man denn auch in den Chroniken, er habe das Tief gefangen, "also daß man mit Wagen und Pferden darüber fahren konnte". Freilich war hiermit noch nicht die Arbeit beendet. Nur an einer bestimmten Stelle war das Durchbruchstief überbrückt, das Wasser gefangen. Das übrige Bett bedurfte noch weiterer Aufschüttung, und so gehen die Arbeiten noch weiter fort bis gegen Ende September. Am 1. Oktober erscheint Barchmann vor dem Rat, um seinen Lohn für die vollendete Arbeit zu fordern. Er erklärt, "wie mit ihm wegen des neuen Tiefes gehandelt. Alles, was zur Dempfung (!) und Fangung des Tiefes gehörig, das habe er verschafft, und es sei nun wohl sicher." Demnach bäte er um die ihm zugesagten 600 Taler. Am 3. Oktober wird dann von den Kastenherren "geschlossen", daß man Barchmann auf die zugesagten 600 Tlr. vorerst 400 Tlr. geben wolle. Sollte sich aber herausstellen, daß das neue Tief nicht beständig wäre, dann solle er auch nicht mehr bekommen.

Aber schon während dieser Lohnverhandlungen ist Jochen mit einem neuen Plane herausgekommen. Er sagt, "er habe auch das


1) Rost. Rats-Arch.: Akten U.-Warnow II. B. Vol. II, Fasc. I, 1582: "Ablohnunge des Arbeidesvolkes bei dem Gebewte des Diepfs zu Warne Munde de anno 1582."
2) "Rost. Chronik v. 1311 - 1586", Hs., Rost. Rats-Arch. 1582, Juli 14. Ungnad, a. a. 1152. Das Datum (Juli 4.) ist falsch.
3) Die Namen Barchmann und Berckmann kommen nebeneinander vor. Die hier angeführte Quelle meint übrigens "fangen" in dem umfassenden Sinne und somit, daß (durch Verstopfung von E) das "neue Tief" A gefangen wurde.
4) G. R. 1582, Juli 23.
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alte Tief (A) besichtigt, und obwohl dasselbe zwischen den Bollwerken jetzt tief genug sei, so wäre doch vorne im Seheschlage eine zerteilte Banke, dieselbe wolle er mit einer Harke wegbringen" 1 ). Auch am nächsten Tage wird hierüber verhandelt. Die "Eidge" soll von den beiden Bollwerken aus mittels "Spillen" durch das Tief gezogen werden 2 ). Man sieht also, kaum ist die eine Arbeit beendet, da erscheint dieser unruhige Geist vor dem Rate mit dem Plan zu einer neuen. Hierbei spielt übrigens auch Eifersucht mit auf Peter Hase aus Lübeck. Hase war nämlich, nachdem er seinen Auftrag vom 12. März des Jahres ganz zugunsten Barchmanns abgetreten hatte 3 ), im August aufs neue vor dem Rat erschienen und hatte eine "Suwerkunst", einen Bagger, im Modell vorgeführt 4 ), mit der er das Hafentief gegen eine hohe Entschädigung austiefen wollte. Das weitere hierüber werden wir noch später erfahren. Damals ist noch keine Entscheidung gefallen, aber ganz zweifellos hat dies den Schuster, der anderen auswärtigen Baumeistern Arbeit und Ruhm mißgönnte, veranlaßt, nun auch seinerseits, nachdem seine erste Aufgabe erledigt war, mit einem von ihm erdachten "Suwerinstrument" aufzutreten. Da es sich um genau jene "Flecken vor dem Gate" handelte, deretwegen der Rat


1) R. Pr. 1582, Okt. 1. "Außerdem habe er das alte Tief besichtiget und obwohl es nun zwischen den bolwercken jetzt tief genug gemacht sei, so wäre doch vorne im seheschlage eine zertheilte banke; dieselbe wolle er mit einer barke wegbringen." Daß es sich hier nur um das Tief A handeln kann, geht daraus hervor, daß auch Peter Hase dieselbe "zerteilte", also aus zwei Teilen bestehende "Banke" am Hafenmund fortsäubern soll. R. Pr. 1582, Aug. 20.: "die flecken vor dem gate ..." Aug. 27.: "die flecken für der sehe"; ebd.: "um der beiden flecken willen solch Instrument zu machen ..." Daß Hase am Hafentief arbeitet (also an A), wird unter anderem auch aus einer Bürgschaftserklärung seines Bruders Hans erwiesen, worin von dem Tiefe wieder, da es sich um eine Urkunde handelt (s. S. 125 mit Anm. 3), als von dem "Neuen Tiefe" gesprochen wird. 1582, Okt. 19.: "das Instrument ... zu dem newen Tiefe nutzlich". Am gleichen Tage wird eine Bestallungsurkunde für Peter Hase ausgefertigt, wo von dem (!) bzw. "unserem" Tief gesprochen wird. Wir haben hier also den Fall, daß in ein und demselben Jahre der Seehafen drei Bezeichnungen hat: "Dat deep", "dat niege dep" und "dat olle dep"!
2) R. Pr. 1582, Okt. 2. "... daß er das alte Tief mit einer Eidge wollte seubern, also daß auf beiden Seiten durch eine Spille diese Egge durch das Tief gezogen werden könnte."
3) Vielleicht hat man ihm den Auftrag wieder entzogen, auf Betreiben von Barchmanns mächtiger Freundschaft (Dr. Heine!). Hase ist während seines Wirkens in Rostock ständig durch Quertreibereien an seiner Arbeit gehindert oder gestört worden.
4) Vgl. S. 139, Anm. 1.
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mit Peter Hase in Verhandlungen stand 1 ), so ist der Beweggrund Barchmanns ziemlich durchsichtig. Aber während noch diese Verhandlungen laufen, vom 3. bis 4. Oktober, da tobt an der mecklenburgischen Küste ein fürchterlicher Weststurm, und am 4. ist bereits wieder neben dem gerade "zugemachten" ein "neues" Tief entstanden, "welchen Durchbruch man gefährlicher erachtete als den ersten". Die neue größere Gefahr erforderte neue größere Mittel, auch neue erfahrene Männer. Im Laufe des Spätherbstes noch entschließt man sich, einen kundigen Mann von auswärts kommen zu lassen. Es ist Johann tor Balcke, der Holländer. Bevor wir jedoch hierzu übergehen, muß von dem Rivalen Jochim Barchmanns erzählt werden, von Peter Hase, dem "Meister der Süwerkunst".

"Doselbst ein Meister aus Lübeck anhero gekommen," so heißt es in den Ratsprotokollen im August 1582, "so zu Rate eine Kunst übergeben, wesserleigestalt das Tief und Flecken für der Sehe konten gesäubert werden" 2 ). "Er wolle damit uff ein mal eine Elle diep auß der Diepe Sandt und Dreck holen und eine reine und saubere Diep halten. Auch die Flecke vor der Gate zu Warnemünde wegbringen mit lichter Arbeit und ringer Unkosting. Derselbe ist durch zwei des Rates nach Warnemünde gefahren worden und ist ihm alle Gelegenheit erst gezeigt worden". In den nächsten Tagen finden Verhandlungen statt, aus denen näheres über Peters Angebot zu ersehen ist. Peter hat, wie er behauptet, den Bagger in Venedig 3 ) gebraucht, wo er auch jetzt noch jährlich zu tun habe. Außerdem habe er vor etlichen Jahren ein kleineres "Instrument" in Lüneburg 4 ) geliefert. Dafür habe er 300 Tlr. bekommen, zu


1) Vgl. S. 137, Anm. 1.
2) R. Pr. 1582, Aug. 25.
3) Das S. 139, Anm. 1 angeführte Modell, ein Löffelbagger, entspricht der Skizze zufolge genau den in Venedig gebräuchlichen Baggern, die dann später von Bonajuto Lorini verbessert wurden. Vgl. Krünitz, a. a. O. XXI. S. 36 und G. Hagen, Kupfertafeln zum Handb. d. Wasserbaukunst, Berlin 1865, Teil III; Seeufer und Hafenbau, IV. Bd., Tafel XXXIX, Fig. 203 a.
4) Peter Hase hat, wie ich einer freundlichen Mitteilung des Lüneburger Archivdirektors Herrn Dr. Reinecke entnehme, in Lüneburg gearbeitet. Lüneburger Stadtarchiv: Soldmeisterrechnung 1574 B 158. "150 daler syn vth beuel eines erbaren rathes Peter Haszen van Venedigh (!) gegeuen, wo men desz mith eme einsz geworden. Dayeghen er sich erbot, ein Kunststucke vnd Instrument antorichtende, dardorch mith geringem volcke vnd vnkosten mehr alsz mit deme plogende (über das "plogen" s. S. 151) dath santh vth der Ouw liderlich konte gebracht vnd de dupe gemaket werden. Und alsz die viserunge aller schafflun daruf von gedachtem meister by Everth Langen snitker isz vorfertiget worden,
(  ...  )
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Venedig aber habe er jährlich 1500 fl. "zu heben". Das Rostocker Werk werde er für 1500 fl. liefern, doch stehe er gut dafür, daß man damit "im Tiefe zu Warnemünde, so woll bei Sommer alß winter tage, wan es gutt Witter ist, in igliche Stunde oder zum hochsten in einer Stunde vnd ein vierthel durch vier Personen auß der Grundt vier Mhall ein Fhaden langk vnd einen Fhaden breitt vnd drei Quartier einer Ellen tieff Erde oder Sandt nhemen vnd also dasselbe sieben oder achte Ellen tieff machen khonne". Sollte aber das Instrument nicht ganz und gar "beständig" sein, so wolle Peter der Stadt allen daraus erwachsenen Schaden ersetzen. Zur Sicherung dieser Summe werde er einen Bürgen stellen. Gleichzeitig übergibt er dem Rate ein Modell 1 ) seiner Kunst, von dem der Ratsschreiber eine flüchtige Federskizze seinem Protokoll beifügt.

Am 14. September wird über Hases Anerbieten im Rate verhandelt. Es sei ihnen allen bewußt, so spricht der worthabende Bürgermeister, "welch ein schedtlich Tieff zu Warnemünde und da dasselbe in der Zeidt mit Fleiße nicht solte gewartet werden, würde es dieser guten Stadt großen Schaden geben, da eß hin und wieder im Reiche Denemarken und sonsten ruchtig würde, und obwohl teglichs daran gearbeitet würde, so schloge doch der Seeschlagk solches alles wiederumb zu. Wan dan einer sich von Lübeck bei dem Rate angegeben, der zu Venedigh eine Seuberkunst gebreuchet" und nun auch in Rostock dieses Werk bauen wolle, so habe er mit ihm gehandelt, "weil denn an dem Tiefe der Stadt mercklich und hoch gelegen, und da man dasselbe solte zukommen lassen, würde der ganzen Stadt Frohling und Plog dadurch gelecht sein". Hase werden 1200 Tlr. zugesagt, doch muß er sich verpflichten, den Bagger in keiner anderen Stadt mehr zu verkaufen. Nach der Sturmflut Anfang Oktober finden die Verhandlungen mit der Bestallung Peter Hases ihren Abschluß. In der Bestallungsurkunde sind die schon bekannten Bedingungen festgesetzt. Der Preis ist auf 1050 fl. hinabgedrückt, außerdem wird verlangt, der Meister solle selber mit dem Instrumente solange arbeiten, bis seine Brauchbarkeit erwiesen sei. Die für die Stadt sehr günstigen Aussichten waren des hohen Preises wohl


(  ...  ) isz dieselbige einem erb. rathe uf deme rathusze in ogenschein gebracht und vorgestellet vnd darnach vff die Cemmerie gesettet worden." S. 63: "24  Euerth Langen deme snitker vor die vieszerunge touerfertigende."
1) Hans Hase 1582, Sept. 15.: "... auch Euer erbar Weisheit hat gesehn dat werk indt kleine, darbei man erkennen mag, wen es inß große wirdt gemacht, das ime (dem Tief) kann geholfen werden."
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wert. Dennoch ist die Angelegenheit anders verlaufen, als man gehofft hatte. Eine Chronik 1 ) meldet folgendes: Den 10. Nov.... hat Ein Erbarer Rat ... ein sonderlich eisern Instrumente von ihm machen lassen, damit er zu jedesmal 6 Ctr. schwer Erde auß dem Tiefe säubern können. Wan aber der Grund madig gewesen, so hette es im Tiefe sehr nutzig gewesen. Aber weil es Haffsand war, wart das Instrument durch das harte Schraubent zerbrochen und mußte man es bleiben lassen. Doch mußte ihm ein Erbarer Rat allen erlittenen Schaden außrichten. Das Instrument, damit er die Erde aus dem Tiefe nahm, liegt annoch auf der Louinge 2 ).

Außer mit Barchmann und Hase, dessen Wirksamkeit für das Tief ja freilich ohne Folgen blieb, hat aber der Rat noch weitere Schritte unternommen, um den Hafen wieder instandzusetzen. Vor allem der Durchbruch 3 ) machte ihm schwere Sorgen. Fast jede Woche, anfänglich gar mehrmals wöchentlich, wird über diesen Gegenstand beraten. Die Haupteinnahmequellen der Stadt, Schiffahrt und Heide, sind gleichermaßen bedroht. Zunächst glaubt man, das Werk Barchmanns habe nicht standgehalten. Nach einigen Tagen aber erfährt man, daß der Durchbruch, "so gefangen, zwar Bestand gehabt, doch habe der Seheschlag nebenan zwei Ronnen gemacht". Diese seien so gefährlich, daß zu befürchten stände, die Rostocker Heide käme noch ganz und gar zunichte, wenn dem nicht "vorgebaut" würde. Da sich die Gelegenheit bietet, werden einige holländische Schiffer mit hinaus an die See genommen. Sie erteilen den Rat, "zunächst das kleinere Loch zu dämpfen". Das große müsse sofort an beiden Enden mit Pfählen verrammelt werden, um ein weiteres "Ausreißen" zu verhindern. Andernfalls stände zu fürchten, daß jenes Land "ein Wasser mit dem Breitling" werde. Der Sturm hat massenhaft Seetang an den Strand geschlagen. Die Holländer erzählen, bei ihnen zu Hause baue man Dämme aus dem Tang. Schließlich unterhandelt man mit einem von ihnen. Nach seinen Angaben soll im Herbste "das kleine Loch" gefangen werden. Dabei soll Jochen Barchmann in der holländischen Kunst des Deichbaus unterrichtet werden. Am 28. Oktober bekommt der Holländer für seinen Rat, "wo men dat Dyp mit Dancke fangen konde und wo men de Deunen damit bauen konte",


1) Rost. Chronik von 1311 - 1586, a. a. O, 1582, Nov. 10.
2) Die "Louinge" war im Rathause eine Laube auf der Marktseite. Nur der Korb, der Löffel, wird dort oben gelegen haben. Denn die ganze Maschine war zweifellos zu groß. Hierfür spricht auch die Mitteilung der Chronik, die von einem "eisernen" Instrument berichtet. Peter Hases Instrument war aber zum überwiegenden Teil aus Holz. Nur der Korb bestand aus Eisengeflecht.
3) Vom 4. Okt. 1582, vgl. S. 138.
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16 fl. In der gleichen Zeit spielen die Verhandlungen mit Peter Hase wegen seiner Suwerkunst. Der Rat arbeitet also ernsthaft daran, die eingerissenen Schäden zu beseitigen. Und nun setzt sich - trotz Barchmanns Freundschaft mit dem machtvollen Dr. Hein - allmählich die Überzeugung durch, daß man sich für die seit der Sturmflut noch um vieles schwierigere Aufgabe einen Fachmann, der über eingehende Kenntnisse und lange Erfahrung verfügt, kommen lassen müsse. So wird denn "am 27. November geschlossen, daß Christoff Kerkow, wegen des neuen, wiederumb ausgebrochenen Tiefes zu Warnemünde nach der heiden (!) ins Niederland verreisen solle, daselbst einen erfahrenen Mann zu erkundigen, so mit den vordiken (!) und dergleichen ausgebrochenen diken (!) wüßte umzugehen". Aus irgendwelchen Umständen ist diese Reise dann unterblieben. Vielleicht hatte man sich schon schriftlich nach einem Meister umgesehen. Elf Tage später wenigstens ist schon ein Holländer in Rostock und wird auf Befehl eines ehrbaren Rates zu Rostock angenommen, die Haffdüne zu bauen. Es ist Johann tor Balck(e), auch Johann van der Balcke genannt. Er hat dem Rostocker Hafen auf zwei Jahrhunderte die endgültige Gestalt gegeben. Als Lohn ist ihm zugesagt "wenn er auf dem Lande arbeitet 3 fl. und wenn er in dem Wasser arbeitet alle Weke 4 fl.". Am 18. Dezember fahren die Ratsherren "mit dem nigen Baumeister hinaus, de Gebreke des Landes vor der Heide zubesehen". Und dann geht es sofort an die Arbeit. Am 2. Januar ist bereits die erste Besichtigung dessen, "was der Hollender gemaket".

Nach den Mißerfolgen des Jahres 1582 und wahrscheinlich unter dem Einfluß der Holländer geht man zunächst an den Bau der Haffdüne, um sie vor weiteren Durchbrüchen zu schützen. Ohne den Ausbau der Haffdüne werde alle Arbeit vergebens sein, so heißt es in dem Ratsprotokoll vom 18. Februar 1583. "Daß aber die Bürger hin und wieder gingen und ihre faule Mundt hätten, das wäre mehr denn wahr. Das verursache sich aber alles daher, daß Barchmann nicht, wie des Rates und der Bürger Meinung gewesen, die Haffdüne zuerst gebessert, sondern das neue Tief gefangen habe". Darum also müsse nunmehr zuerst die Haffdüne gebaut werden. Aus diesem Protokoll geht wieder einmal hervor, daß die Hafenangelegenheit damals die Gemüter gar sehr zu Haß und Gunst erregt hat. Johann tor Balck und Peter Hase haben das an ihrem eigenen Leibe - im wörtlichen Sinne des Wortes - erfahren müssen 1 ). Johann der Holländer


1) Vgl. S. 143 f.
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arbeitet an der Erhöhung der Haffdüne. Der jetzt sehr rührige Rat ist des öfteren in Warnemünde, den Fortgang der Arbeiten zu besichtigen, und als im Mai des Jahres wiederum holländische Schiffe im Hafen liegen, da fahren die Herren mit dem "fremden holländischen Schiffer nach dem deepe, um seine Meinung über die nötigen Arbeiten zu hören". Und wie die Aufsicht durch die Verwaltung, so wird auch die Organisation der Arbeit durch den neuen Meister jetzt besser: Vom Sommer ab wird neben dem Bau der Düne die Befestigung der Ufer in Angriff genommen. Der Breitling soll "gefangen" werden, so ist der Plan des Meisters. Die Ufer sollen durch Reisigwerk geschützt und stellenweise auch gewisse Teile des Breitlings durch diese Werke zur Gewinnung eines einheitlicheren, weniger gefährdeten Ufers von dem Hauptgewässer abgeschnitten werden. Da man bei der Senkung des Reisigs, der sogenannten "Wasen", zunächst Steine zur Beschwerung gebrauchte, so war der technische Ausdruck hierfür "mit Wasen und Steinen awerfangen". Bei einer Summierung der Wasenbündel, soweit sie der Anzahl nach in den Rechnungen angeführt sind, ergibt sich, daß allein vom Januar 1583 bis zum Januar 1585, also in genau zwei Jahren, eine halbe Million Wasenbündel in den Faschinenwerken Johanns des Holländers verarbeitet worden sind. Rechnet man dazu nun alles, was in den folgenden Jahren weiterhin verbraucht ist, bis zu jenem schon genannten Jahre 1587, wo nach dem Zeugnis Dr. Heines in einem Jahre mehrere tausend Fuder Wasen den Torfgraben hinab gefahren sind, dann ermißt man, welche ungeheure Arbeit damals geleistet wurde. Während Johann im Januar 1583 noch mit 22 Mann arbeitet, sind es im nächsten Jahre schon 50. Damals machte er ein Probestück, "bei Krekeshovet den Breitling überzufangen". Es wird also jene Tiefe (A1), die durch die Arbeit des Alhard Johansen hundert Jahre zuvor überflüssig und damit schiffahrtstechnisch gesprochen schädlich geworden war, da sie die Kraft des Wasserstroms lähmte 1 ), geschlossen und das ganze Gebiet vor Krekeshovet zusammengefaßt, "gefangen". Nur für die Fahrt in die Heide wird den Booten und Prähmen eine Rinne freigelassen, das sogenannte "Pinnerloch" oder der "Pinngraben", dessen Name zuerst im Jahre 1614 genannt wird. Am 10. Oktober ist das Probestück fertig 2 ).


1) Zweck aller Hafenbauten war, das Wasser möglichst zusammenzuhalten, damit das Tief durch die Wassermassen ausgespült wurde. Das wurde aber durch die breite Einfahrt vor Krekeshovet verhindert. - S. auch Barnewitz, a. a. O. S. 286/7.
2) Rechnung des Warnemünder Vogts Hinrik Boddiker Okt. 1582: Die Herren Bürgermeister und eine Anzahl Bürger kamen hinaus, an-
(  ...  )
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Im September 1585 wird in einer Ratsverhandlung darüber gesprochen, ob nun, nach Fertigstellung der Probe, nachdem die "struke", "so über den Breitling verarbeitet werden", verbraucht seien, weiter gearbeitet werden solle. Man beschließt, die Arbeit unter Johanns Leitung fortzusetzen und hierüber einen Vertrag aufzustellen 1 ). Auf Grund des Vertrages, dessen Wortlaut im Bestallungsbuch des Rostocker Ratsarchivs erhalten ist, wurde dann "Johann thor Balcken die Haffdüne zu bessern und zu bauen, auch den Breitling mit Wasen überzufangen, bestellet und angenommen" 2 ).

Von nun an geht die Arbeit ununterbrochen, Sommer und Winter, vorwärts. Im Winter, zur "Wadelzeit", d. h. wenn infolge des Vollmondes die Sträucher am besten für Faschinen zu gebrauchen waren, werden "Struke" gehauen und in den übrigen Tagen "Wasen" davon gebunden 3 ), an den Kanal gefahren und von da an den Bestimmungsort geschafft. Im Sommer werden sie dann weiter verarbeitet. Inzwischen ist Johanns Stellung


(  ...  ) zusehen "dat angefangene Gebuwte, mit den Wasen und Stenen vp Krekeshovet avertofangende, so Johann de Hollender hefft angefangen." Daß diese Arbeit oft quer durch das Wasser ging, ersieht man leicht aus den Rechnungen, da Johann laut Arbeitskontrakt (s. S. 141) bei Wasserarbeiten statt der gewöhnlichen 3 fl einen fl mehr bekommt. Heißt es z. B. im März 1583, daß Johann 4 fl bekäme, "weil er nun am Hoefede arbeitet", so ist dies ein Beweis dafür, daß jene Arbeit am "Hoefede" ("Krekeshovede") im Wasser stattfand.
1) Die Bürger fügen hinzu, er solle aber während der Arbeit "fleißig Aufsicht haben und nicht so viel spazieren gehn".
2) Johann bekommt sieben "Orthdaler" wöchentlich. Wie vormals dem Schuster, so wird auch Johann freigestellt, für diese Arbeit an "Haffdüne, Breitling und Niendepe" so viele Tagelöhner anzunehmen, wie für die Arbeit erforderlich seien. Solle er aber mit seiner "Süwerkunst" im "Oldendepe", also im Hafentief, arbeiten, so würde er hierfür besonders bezahlt werden. Demnach hat also auch der Holländer dem Rat eine Baggermaschine angeboten. Sie ist aber andrerorts nie belegt, also auch wohl nie in Tätigkeit gewesen. Die Kündigung des Meisters soll laut Vertrag ein viertel Jahr vorher erfolgen. Damit er aber am ganzen Strande desto bessere Aufsicht haben könne, soll ihm und seinen Erben jener Platz auf der Markgrafenheide, den er sich ausgesucht habe, von 1586 ab auf 12 Jahre ohne jede Pension zu "Ackerwerck, Hüdung und Weide" überlassen werden. Er soll den Platz mit einem "Grafen" umziehen. Nach Ablauf der 12 Jahre aber soll ihm von der Stadt für jede Rute 1 1/2 ß lüb. gegeben werden. (Rost. Rats-Arch.: Bestallungsbuch Fol. 48 ff.)
3) Einen weiteren Beleg für diesen Brauch fand ich in Neue Cassen Rechnung (N. C. R., Rost. Rats-Arch.) 1614, Jan. 31.: "Hans Luschen selb 6 für 3 Wochen Arbeit in der Heide, Wasen zu werben, wanns wadel gewesen und Pfahle zu klöwen und zuzurichten, wenn es außerhalb wadels gewesen."
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beim Rate gefestigt. Strenge wird dafür gesorgt, daß er vor Übergriffen Einheimischer geschützt ist. In der "Alten Kasten Rechnung" von 1586 liest man z. B., daß am 14. Juli zwei Wächter nach Warnemünde geschickt werden, die "den schomaker griefen scholden, der Johann van der Balcken geschlagen hatte" 1 ). In dem gleichen Jahre wird Johann nach Gester (Gjedser) geschickt, "um Kundschaft zu holen". Leider war nicht zu ermitteln, um was für eine Kundschaft es sich gehandelt hat. Als im Jahre 1587 im Oktober beschlossen wird, das Westerbollwerk weiter in die See hinauszustrecken, da bereden die Verwalter den Plan mit dem Holländer, obwohl dieser Bau in das Arbeitsgebiet des Meisters Claus, des Hafenzimmermeisters, gehörte. Nachdem im Frühjahr dies Bollwerk gesenkt ist, bekommt Johann dafür, daß er "mit seiner Kunst und fleißiger Beförderung mit Rat und Hilfe angewandt", zu einer "Verehrung" 50 fl. In der Zwischenzeit hatte sich freilich das Vertrauen zu ihm noch weiter festigen müssen, da er im Sommer endlich das neue Tief (E) gefangen hat. Aus dem Mai des Jahres wird berichtet, daß er angefangen habe, vor dem neuen Tief auf dem Breitling einen "halben Moon" zu machen. Ganz zweifellos ist es das Werk, von dem Dr. Heine in dem schon genannten Schreiben betreffs des Markgrafenheider Kanals 2 ) spricht. Johann hat also mit einem halbmondförmigen Faschinenwerk, das er im Breitling vor dem Durchbruch anlegte, das Tief gefangen. Neujahr des nächsten Jahres fügt eine Sturmflut erneut der Düne großen Schaden zu und Johann wird am 10. Januar vor den Rat geladen, um dort Vorschläge zum weiteren Schutz der Düne zu unterbreiten. Johann rät, vorne in der Brandung "Vorzäune" zu machen. Daneben aber hat er noch einen weiteren Plan: Von "Krekeshovet" ab, so meint er, solle man quer über den ganzen Breitling auf den "Winkel", also auf das Oldendorfer Ufer ("Breitlingseck") zu, ein Bollwerk schlagen. So würde man bei Sturmfluten die durch das Hafentief eindrängenden Wassermassen von der Heide abhalten und auch bei Auslauf des Stromes eine noch größere Zusammenfassung der strömenden Fluten und damit eine bessere Reinigung des Strombettes erreichen. Das Tief also sollte noch weiter eingefangen werden. Diesen Plan hat Johann nicht mehr zur Ausführung bringen können. Schon im nächsten Jahre muß er Rostock verlassen haben. Weshalb er ging, ist nicht festzustellen. Die Arbeit, auch diejenige an der Haffdüne, war noch nicht vollendet; der Vertrag war noch


1) Der Name des Schusters ist nicht genannt.
2) Vgl. S. 130.
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nicht abgelaufen. Möglich, daß er sich den ständigen Anfeindungen der Einheimischen gegen den "Utlandschen" entzogen hat. Denn noch im Jahre 1588 tut in einer Ratsversammlung Claus Nettlenbladt dem Holländer "viel Speit" an und behauptet, jener betröge die Stadt. Wie dem auch sei, in den Rechnungen des Jahres 1589/90 wird er zum letzten Male erwähnt und bekommt einen Rest (!) von 75 fl. 20 ß und 6 pfg. ausgezahlt 1 ). Sein bisheriger Aufseher, Jochim Augstin, leitet die Arbeit in seinem Sinne weiter; aber natürlich sind diese Arbeiten, soweit sie sich um Instandhalten des bestehenden Zustandes handelt, historisch nicht mehr von Belang. Eine Frage nur bliebe offen! Ist der großzügige Plan des Holländers, den ganzen Breitling nach Süden hin mit einem Bollwerk zu überqueren, nach seinem Weggang zur Ausführung gekommen? Es gibt Gründe, die dafür sprechen: Mündlicher Überlieferung gemäß soll früher ein derartiges riesenhaftes Bollwerk bestanden haben. Mir wurde dies von zwei verschiedenen Seiten berichtet: Der im Spätsommer 1926 verstorbene Kapitän Schmidt ("Unkel Andreas") versicherte mir, früher habe es einen Treidelweg an der Warnow entlang gegeben, der längs dem Gehlsdorfer Ufer über den ganzen Breitling hinweg bis nach Warnemünde geführt habe. Diesen Weg hätten die Pferde benutzt, welche die Schiffe warnowauf- bzw. -abwärts schleppten. Auch der älteste Rostocker "Straßen"-Fischer, Reincke 2 ), erzählte mir von diesem Bollwerk. Danach hat sein 1796 geborener Vater noch "hinter dem Bollwerk", also östlich davon, gefischt. Er hat um die alten Kisten herumfahren müssen, auch sind noch heute vereinzelte Pfähle zu finden, an denen die Fischer sich zuweilen die Netze zerreißen. Da aber auf den Karten des 18. Jahrhunderts als Breitlings-


1) Rost. Rats-Arch.: Rechnungen "Neue Cassa" (N. C. R.) 1589/90: "den 28 Juni Johan van der Balcke ahn auffgelaufenen und hinderstelligen Wochenlohn von Catedra Petri an zu rechnen, wahr der 5. sept., bis vff Michaelis, ist der 29. sept. dieses laufenden 89. Jahres. sein 31 Wochen, vor die Woche 2 fl. 8 ß, in alles entrichtet 72 fl. 16 ß. Item wegen Johan van der Balcke noch zum Rest (!) Claus Huenemordern entrichtet 3 fl. 4 ß 6 pfg. Darunter 1 fl. 30 ß 6 pfg., so Johann obbemeltes Frawe selbst entfangen. Sa. der Ausgabe, so Johann van der Balcke sein hinderstellige Wochenlohn zum Rest (!) bekommen 75 fl. 20 ß 6 pfg." Man könnte ja auch annehmen, Johann sei gestorben. Doch heißt es dann stets, "NN nagelatne wedewe". Z. B. N. C. R. 1596/7, Aug. 23.: "margareten, seligen Jochim Augstin widwen an ihres Mans verdienter halbjeriger Besoldung entrichtet 16 fl 16 ß usw. Aug. 26 Jochim Augstin selig widwen ... vorehret".
2) Ludwig Reincke, Rostock, Fischerbruch 25, im März 1927 80 Jahre alt.
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bollwerk stets nur 112 Kisten angeführt sind, die sich kaum bis zur Mitte des Breitlings erstrecken, und auch in dem Verzeichnis des Stadtzimmermeisters Diercks 1 ) die gleiche Anzahl genannt wird, so schien das ganze um so mehr ins Reich der Fabel verwiesen werden zu müssen, als mir von Fachleuten ein solches Riesenunternehmen als für damalige Zeiten unmöglich hingestellt wurde. Und doch hat um 1600 ein solches Breitlingsbollwerk bestanden! Diese Feststellung ist wohl die schönste Frucht, die aus wochenlangem Durchsuchen verstaubter, bislang unbeachteter Rechnungszettel 2 ) mir erwachsen ist. Rostock hat demnach in der Zeit vor dem dreißigjährigen Kriege im Interesse seines Hafens ein Werk vollbracht, das alles später Geleistete an Großartigkeit überragt. Der Bau des Bollwerkes währt von 1592 bis etwa 1616. Zunächst wird von "Krekeshovet" ab gebaut. Das dauert acht Jahre. Im Jahre 1600 aber, am 28. März, fahren die Kastenherren "nach Georg Moltke, um etzliche Veltstene zu behuff des neuen Bollwerkes, so von seinem (!) Lande nach dem Krekeshöwet soll geschlagen werden, bei ihme zu werben". Hieraus geht deutlich hervor, daß das Bollwerk vom "Moltkenlande" aus gebaut werden soll. Auch ein Originalrechnungszettel vom 12. Juni gleichen Jahres beweist dies: "das nye Bollwerck to makende van Moltenlande aff". Natürlich muß noch ein Beweis erbracht werden, daß tatsächlich das Bollwerk von "Krekeshovet" auf das "Moltenland" zu, bzw. das Bollwerk vom Moltenlande "aff" in Nordsüdrichtung über den ganzen Breitling sich erstreckt hat. Dieser Beweis ist schnell zu liefern: Das "Molten-" bzw. "Moltkenland" ist natürlich das der Familie Moltke gehörige Land. Die Familie hatte außer Toitenwinkel das ganze südliche Breitlingsufer, also die Dörfer Oldendorf, Petersdorf und Petz in Besitz 3 ). Das Bollwerk ist also in Nordsüdrichtung verlaufen. Da nun die Fis