zurück zur Metadatenansicht auf dem Dokumentenserver
zurück
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen   zur nächsten Seite zur letzen Seite
Dokument dauerhaft verlinken Metadaten auf dem Dokumentenserver anzeigen

Jahrbücher

des

Vereins für meklenburgische Geschichte
und Alterthumskunde,

 

gegründet von                  fortgesetzt von
Geh. Archivrat Dr. Lisch. Geh. Archivrath Dr. Wigger.

 


 

Zweiundsiebzigster Jahrgang

herausgegeben
von

Geh. Archivrath Dr. H. Grotefend,

als 1. Sekretär des Vereins.

 


Mit angehängtem Jahresberichte.

 

 

Auf Kosten des Vereins.

 

 

Schwerin, 1907.

Druck und Vertrieb der Bärensprungschen Hofbuchdruckerei.
Kommissionär: K. F. Koehler, Leipzig.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen   zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen   zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Inhalt des Jahrbuchs.


Seite
I. Auswärtige Politik des Herzogs Adolf Friedrich I. von Mecklenburg-Schwerin in den Jahren 1636-1644. Von Richard Stehmann 1 -84
II. Die Begründung und Entwickelung der kirchlichen Organisation Mecklenburgs im Mittelalter. Von Pastor K. Schmaltz, Sternberg 85 -270
III. Die Immunität der Kirchendiener und des Kirchenguts in Mecklenburg. Von der Reformation bis zum Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts. Mit 2 Beilagen. Von Ministerialdirektor z. D. Otto Raspe 271 -332
IV. Der Sterbetag der Herzogin Katharina von Mecklenburg. Ein Nachtrag zur Stammtafel des Großherzoglichen Hauses. Von Archivar Dr. Hans Witte 333 -334

 

Vignette

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen   zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen [ Seite 1 ] zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite
zum übergeordneten Dokument zum nächsten Dokument Dokument dauerhaft verlinken Metadaten auf dem Dokumentenserver anzeigen
zum übergeordneten Dokument zum nächsten Dokument Dokument dauerhaft verlinken Metadaten auf dem Dokumentenserver anzeigen

I.

Auswärtige Politik

des Herzogs Adolf Friedrich I. von Mecklenburg=Schwerin

in den Jahren 1636-1644.

Von Richard Stehmann.


 

Einleitung.

E s ist bekannt, wie sehr der große Krieg, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts alle deutschen Verhältnisse beeinflußt und umgestaltet hat. Sein Abschluß hat die neue Zeit eingeleitet und ist im weitesten Sinne ihr Fundament geworden. Aber bis heute besitzen wir noch keine umfassende Darstellung des westfälischen Friedens. 1 ) Es fehlt an den Vorarbeiten, ohne die eine solche


1) Die betreffenden Werke der polyhistorischen Zeit sind Materialiensammlungen und als sekundäre Quellen von großer Wichtigkeit, so:
"Négociations secrètes touchant la paix de Münster et d'Osnabrug, ou recueil général des préliminaires, instructions, lettres, mémoires etc. concernant ces négociations depuis 1642 jusqu'en 1648 avec les dèpêches de Mr. de Vautorte et autres pièces an sujet du même traité jusqu'en 1654 incl. 4 T. A La Haye 1725 26f.
G. H. Bougeant, Histoire des guerres et des négociations, qui précédèrent le traité de Westphalie, composée sur les mémoires du comte d'Avaux. Par. 1727. 1751.
Derselbe: Histoire du traité de Westphalie. 2 T. 1744. 1751.
J. G. v. Meiern, Acta pacis Westphalicae publica. 6 Bd. Hannover 1734-36.
Derselbe: Acta pacis executionis publica. 2 B. Hann., Gött. 1736. 38 f. u. a.
Vgl. Dahlmann - Maitz, Quellenkunde der deutschen Geschichte Quellen und Bearbeitungen systematisch und chronologisch verzeichnet. 7. Auflage, bearbeitet von E. Brandenburg. Leipzig 1906. S. 525 ff.
(  ...  )
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 2 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

nicht möglich ist. 1 ) Denn die Forderung, die wir heute an jede Gesamtdarstellung der deutschen Geschichte machen müssen, gilt auch hier vor allem als unerläßliche Bedingung: Eine Darstellung eines in alle Verhältnisse des deutschen Reiches eingreifenden Ereignisses setzt eine eingehende Erforschung der Geschichte der einzelnen Territorien voraus.

Derartige Vorarbeiten in Bezug auf den westfälischen Frieden sind nun von besonderer Wichtigkeit für das gesamte Norddeutschland. Zwar fand dieses bei den Zeitgenossen nicht dasselbe Interesse wie der Süden und Westen, denn die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich, von den Bewegungen des Auslandes abgesehen, damals trotz aller Zersplitterung immer noch auf das ohnmächtige Kaiserhaus.

Aber Mecklenburg und Pommern, ganz Nieder= und Obersachsen waren der Tummelplatz der Streitenden in den letzten Kampfesjahren. Sie waren zugleich der Teil des Reiches, in dem zuerst Friedensgedanken entstanden und Friedensverhandlungen gepflegt wurden. Für die Erhellung des Zeitraumes vom Prager bis zum westfälischen Frieden ist daher die Geschichte der Territorien im Norden des Reiches von der größten Bedeutung.


(  ...  ) Von Darstellungen neuerer Zeit, die ein Gesamtbild zu entwerfen suchen, ist G. Winter, Geschichte des dreißigjährigen Krieges, Berlin 1893 (bei W. Oncken, Allgem. Gesch. in Einzeldarstellungen) als zu wenig eingehend, nicht in Betracht zu ziehen. Die ausgezeichnete Darstellung von M. Ritter, Deutsche Gesch. im Zeitalter der Gegenreformation und des 30jähr. Krieges 1555-1648 (bei H. von Zwiedineck=Südenhorst, Bibliothek deutscher Geschichte 1877 ff), Stuttgart 1877 ff, ist leider bis heute noch nicht für den Zeitraum von 1635-1648 fortgeführt. F. Philippi, Der westfälische Friede, Ein Gedenkbuch, Münster 1898 bringt einen Abdruck des Friedensinstrumentes, im übrigen kulturgeschichtlich treffende Schilderungen. Daß eine unabhängige, geschweige umfassende Darstellung am wenigsten bei M. Koch, Geschichte des deutschen Reiches unter der Regierung Ferdinands III., Wien 1865 ff., zu finden ist, wissen wir seit lange durch die scharfe Kritik, die Erdmannsdörffer (Zur Geschichte und Geschichtschreibung des dreißigjährigen Krieges, Hist. Zeitschr., her. von H. von Sybel, Bd. 14, I) mit Recht an dieser blinden Parteiarbeit geübt hat. Endlich möge von allgemeineren Arbeiten hier noch der Überblick erwähnt werden, den K. Th. Heigel (Das westfälische Friedenswerk von 1643 bis 1648, Zeitsch. für Gesch. und Pol., her. von H. von Zwiedineck=Südenhorst, Bd. 5 p. .410 ff. 1888) gibt, schon wegen der zusammenstellenden Quellencharakteristik, die diesem kurzen, mehr feuilletonistischen Artikel vorangeht.
1) Immerhin ist eine Fülle von Untersuchungen einzelner Verhältnisse und Territorien vorhanden, die in diesen Kreis gehören. Als Beispiel seien nur angeführt:
(  ...  )
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 3 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Freilich kommen da nicht so sehr innere Landesangelegenheiten als vielmehr die auswärtige Politik jener Territorien in Betracht.

Vor 1644 bildete Hamburg den Mittelpunkt aller Verhandlungen zwischen den europäischen Großmächten. Hier waren Graf d'Avaux, der Franzose, und der Vertreter Schwedens, Johann Adler Salvius, die größten Diplomaten ihrer Zeit, tätig. Und um sie herum, werbend, vermittelnd und intriguierend versuchten Engländer, Niederländer und kaiserliche Bevollmächtigte, suchte die ganze Schar kleinstaatlicher Interessenten und Zwischenträger ihre Zwecke zu erreichen, die teils selbstsüchtiger Natur waren, teils aus der allgemeinen, immer wachsenden Friedenssehnsucht entsprangen. Dort hat man damals des öfteren auch mecklenburgische Gesandte erblickt, als Träger der Wünsche und Absichten des Schweriner Herzogs Adolf Friedrich I.

Die Lübecker Witte und von Werdenhagen, die zugleich in seinem Dienste waren, wie vor allem sein Geheimsekretär Simon Gabriel zur Nedden haben so manches Mal an der Tafel des schwedischen Legaten gesessen und seine feinsinnige Liebenswürdigkeit kennen gelernt, wie sie in derselben Stadt auch wieder dem kaiserlichen Vertreter ihre Bitten vorzutragen hatten. Der Eifer dieses Schweriner Fürsten war lebhaft und wirksam genug, ihn an dem großstaatlichen Getriebe teilnehmen zu lassen. Zudem waren die Leiden seines Landes so furchtbar, daß immer neue Anstrengungen, Abhülfe zu schaffen, begründet erscheinen mußten. So wurde Mecklenburg durch den dreißigjährigen Krieg in die großen europäischen Streitfragen derart hineingezogen, daß eine Darstellung dieser seiner Politik in jenen Jahren auch geeignet erscheinen mag, ein Licht auf die allgemeinen Verhältnisse zu werfen, auf die Interessensphären wie auf das politische Leben der rivalisierenden Machtfaktoren Schweden, Habsburg, Dänemark.

Wie ein tätiger, wohlmeinender Fürst unter unsäglichen Schwierigkeiten die durch die Verhältnisse ermöglichte einheitliche


(  ...  ) K. R. Melander, Die Beziehungen Lübecks zu Schweden und Verhandlungen dieser beiden Staaten wegen des russischen Handels während der Jahre 1643-1653. (Hist. Arkisto 18, 1 ff.)
W. Langenbeck, Die Politik des Hauses Braunschweig=Lüneburg in den Jahren 1640 und 1641. (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, her. v. Hist. Ver. f. Nieders. Bd. 18) Hannover und Leipzig 1905.
H. Freiherr von Egloffstein, Bayerns Friedenspolitik von 1645 bis 47. Beitr. z. Gesch. d. westf. Friedensverhandlungen, Leipzig 1898. [Eine in darstellende Form gebrachte treffende Urkundenpublikation.]
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 4 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Verwaltung des ganzen Herzogtums behauptete und, trotz der durch den Krieg herbeigeführten, sich allmählich fast bis ins Unerträgliche steigernden Zustände von Land und Leuten, zugleich, weit entfernt, den Dingen mutlos den Lauf zu lassen, selbständig in die Friedensverhandlungen eingriff, sollen die vorliegenden Abschnitte zu schildern suchen. Ihre Erweiterung und Ergänzung, durch die eine zusammenhängende Darstellung der auswärtigen Stellung Mecklenburgs von 1630-1644 sich ergeben würde, bleibt der Zukunft vorbehalten.

 


 

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 5 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Benutzte Akten und häufiger angeführte Literatur.

1. Akten des Großherzoglichen Geheimen und Haupt=Archivs zu Schwerin:

A. F.: Acta, die Friedensverhandlungen während des dreißigjährigen Krieges in Deutschland betreffend. Fasc. 2. Ex Archivo Suerinensi.

A. R.: Acta, die Reichstagssachen betreffend. Vol. VII. Ex Arch. Suerin. 1639-44.

A. T.: Acta Tutelae, Curatelae et Veniae Aetatis Principum Mecklenburgensium, Vol. VII. - IX. Fasc. I-III, 1636 ff.

Sues.: Suecica, Vol. IV. Ex Arch. Suerin.

Vien.: Viennensia, Vol. II. Ex Arch. Suerin.

2. Häufiger angeführte Literatur:

de Beehr, Rerum Mecklenburgicarum libri VIII. Lipsiae 1741.

Barthold, Geschichte des großen deutschen Krieges vom Tode Gustav Adolfs . . . . Stuttgart 1843.

Beyer, C., Geschichte der Stadt Laage, Jbb. 52. (1887.)

Ders., Kulturgeschichtliche Bilder aus Mecklenburg. 1903. [Mecklb. Gesch. in Einzeldarstellungen, herausgegeben bei Süsserott in Berlin 1901 ff.]

von Chemnitz, Geschichte des schwedischen Feldzugs in Deutschland. 3. u. 4. T. Stockholm 1855/59.

Cordesius, Chronicon Parchimense. Rostock 1670.

Eddelin, M. P., De Bello Tricennali et Statu Dobranensi, oder kurzer und wahrhaftiger Bericht, wie es in

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 6 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Mecklenburg im dreißigjährigen Kriege, allermeist aber zu Doberan anno 1637 und 1638 dahergegangen. Doberan 1649. Handschriftlich. (In der mecklb. Ritter= und Landschaftsbibliothek zu Rostock unter: V. f. 44.)

David Franck, Altes und Neues Mecklenburg, Güstrow und Leipzig 1756. (Nur angeführt unter A. und N. Mecklb.)

Helbig, Wallenstein und Arnim, Dresden 1850.

Informatio Facti et Juris, in Vormundschaftssachen der Fürstin Eleonore Marie 1641. Nur angeführt unter: Inf. F. et J.

Jahrbücher des Vereins für Mecklb. Gesch. und Altertumskunde 1835 ff. Nur angeführt unter: Jbb.

Krafft, Geschichte des Hofgerichtes in Mecklenburg. (Bei Ungnaden Amoenitates . . . Ratzeburg 1749 ff.)

Kretzschmar, Joh., Gustav Adolfs Pläne und Ziele in Deutschland und die Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg; Hannover und Leipzig 1904. [Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, herausgegeben vom historischen Verein für Niedersachsen, Bd. 17.]

Lisch, G. E. F., Geschichte der Stadt Plau, Jbb. 17 (1852).

Ders., Dorothea von Levetzow oder der Mensch in der Not, Jbb. 16 (1851).

Londorp, Acta Publica, IV. und V. Teil.

Lorentzen, Dr. Th., Die schwedische Armee im dreißigjährigen Kriege. Leipzig 1894.

von Lützow, K., Beitrag zur Charakteristik des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg=Schwerin. Auszug aus seinen Tagebüchern. Jbb. 12 (1847).

Ders.: Mecklenburgische Gesch. III (Berlin 1827 ff.).

Odhner, Die Politik Schwedens im westfälischen Friedenskongreß. Gotha 1877. (Deutsche Übersetzung.)

Prodromus und Refutatio . . . 1641. (Gedr. Gegenschrift Adolf Friedrichs in der Vormundschaftsstreitsache. Angeführt unter Pr.(odr.) und R.(ef.) . . . .

Pufendorf, S. von, Schwedische und deutsche Kriegsgeschichte. 1688 f.

Raabe, Mecklenburgische Vaterlandskunde III: Abriß der mecklenburgischen Geschichte. Wismar 1896.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 7 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Rikskansleren Axel Oxenstiernas Skrifter och Brefvexling II. A., VI. B.: Johan Baners Bref 1624-41. Stockholm 1893. Nur angeführt unter: RAO, B. VI.

Rönnberg, Heinrich, Forschungen, mitgeteilt von Präpositus Gammelin: Die Kriegsleiden der Stadt Kröpelin. Ostseebote, Jahrgang 13 (1892), 30. Juli ff.

Schäfer, Geschichte Dänemarks, V. Gotha 1902.

Theatrum Europaeum . . . Frankfurt 1670, gedruckt bei Balthasar Christof Wusten.

Wagner, Dr. R., Studien zur Geschichte des Herzogs Christian Ludwig von Mecklenburg=Schwerin, I. Teil, Jbb. 70. 1905.

de Westphalen, Joach., Monmuenta inedita rerum Germanicarum praecipue Cimbricarum et Megapolensium, Lips. 1739-45: Tom. IV, 5, Georgii Westphalii Diplomatarium Mecklenburgicum.

Winter, G., Geschichte des dreißigjährigen Krieges. Berlin 1893. (Bei W. Oncken, Allgem. Gesch. in Einzeldarstellungen.)

 


 

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 8 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

1. Kapitel.

Die Zustände in Mecklenburg während des dreißigjährigen Krieges.

Als Gustav Adolf im Sommer 1630 seinen Fuß auf deutschen Boden setzte, lebten die rechtmäßigen Herzöge von Mecklenburg, Adolf Friedrich I. und Johann Albrecht II. in der Verbannung. Wegen ihrer zweideutigen Haltung Christian IV. gegenüber, die eine freundschaftliche Gesinnung für den damals reichsfeindlichen Dänenkönig zu bekunden schien, hatten sie 1628 ihre Lande verlassen müssen. An ihrer Stelle war Wallenstein durch kaiserliche Belehnung Herr Mecklenburgs geworden. Ihre Sache schien völlig aussichtslos. Siegreich flatterten des Kaisers Fahnen über ganz Norddeutschland.

Da waren es allein die schwedischen Waffen, die ihnen helfen konnten und geholfen haben. 1 ) Bereits im Sommer 1631 hatte Gustav Adolf die kaiserlichen Heere aus den Ostseegebieten verdrängt. Seine Erfolge ermöglichten den Herzögen die Rückkehr in ihr Land, kamen aber auch ihnen teuer zu stehen, denn auf Grund des engen Bundes, den sie mit dem Könige am 29. Februar 1632 in Frankfurt am Main schließen mußten, hatten sie für die Zeit des Krieges den Schweden die Insel Poel, sowie Wismar und Warnemünde abzutreten und bei den letztgenannten Orten die Anlage eines schwedischen Seezolles zu gestatten, von dem ihnen nur ein geringer Anteil überlassen wurde. 2 )

Diese Zugeständnisse mußten bald zu einer unerträglichen Bedrückung des Landes führen, und es ist begreiflich, daß die


1) Otto Schulenburg, die Vertreibung der mecklenburgischen Herzöge Adolf Friedrich und Johann Albrecht durch Wallenstein und ihre Restitution. Dissert. Rostock 1892. p. 113 ff. Dr. Otto Grotefend, Mecklenburg unter Wallenstein und die Wiedereroberung des Landes durch die Herzöge. Jbb. 66, p. 269 ff.
2) Die Bündnisakte, aus 21 Artikeln bestehend, ist abgedruckt bei Joachimus de Westphalen, Monumenta inedita rerum Germanicarum praecipue Cimbricarum et Megapole sium: Tom. IV., 5, Georgii Westphalii Diplomatarium Mecklenburgicum, p. 1199 ff. - Eingehend handelt darüber: Kretzschmar, Joh., Gustav Adolfs Pläne und Ziele in Deutschland und die Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg: Beilagen I, 11, p. 316 ff. Hannover und Leipzig 1904. - [Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, herausgegeben vom Historischen Verein für Niedersachsen, Band XVII.] Vorarbeit zu einer bevorst. größer. Publikation über d. Heilbronner Bund, zu der Verf. von d. tgl. sächs. hist. Kommission beauftragt worden ist.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 9 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Mecklenburger Herzöge nach dem Niedergange der schwedischen Machtstellung das Beispiel der größeren Nachbarn, Kur=Sachsen und Brandenburg, nachahmten und noch im Sommer 1635 dem Prager Frieden beitraten. 1 ) Damit wurden sie aus Feinden des Kaisers Feinde Schwedens. Der Bund von 1632 war zerrissen. Der schwedische Reichskanzler Oxenstierna erließ Drohbriefe an die Mecklenburger Herzöge. Er kündigte ihnen "den roten Hahn auf den Dächern" an. 2 ) Kein Wunder, wenn Schweden dem abtrünnigen Bundesgenossen zürnte, um den es sich Verdienste erworben zu haben glaubte.

Die neue Angliederung an das Reich, die neue Freundschaft Habsburgs brachten den mecklenburgischen Landen den gewünschten und erhofften Schutz nicht. Der Kaiser kümmerte sich nicht um das fern gelegene Land. Seine Heere schonten es in keiner Weise. Sie arbeiteten im Gegenteil nur der schwedischen Verwüstung vor.

Als Oxenstierna im September 1635 von Magdeburg, wo er zuletzt sich aufgehalten hatte, nach Wismar zurückging, das in den Händen der Schweden geblieben war, ließ er Dömitz, Schwerin und Poel besetzen, um die schwedische Operationsbasis zu sichern und zu verhindern, daß sächsische Truppen dort festen Fuß faßten. 3 )

Ein Versuch des sächsischen Generals Baudissin im Oktober den Feinden Dömitz zu entreißen, wurde durch Baner vereitelt, der rechtzeitig aus dem Lüneburgischen herbeieilte und die Sachsen vor Dömitz am 1. November empfindlich schlug. 4 ) Der Kurfürst selbst rückte im November nach Grabow, von da weiter nach Mecklenburg hinein und besetzte Parchim und Plau. 5 )


1) Auf den vermittelnden Einfluß des Kurfürsten von Sachsen hin bestimmte Artikel 14 des Friedensinstrumentes, daß der Kaiser die Herzöge von Mecklenburg wieder zu Gnaden annehmen und anerkennen werde, wofern sie den gegenwärtigen Friedensschluß annähmen. Als Johann Georg ihnen je ein Exemplar des Instrumentes zugehen ließ, beeilten sich beide ohne weiteres Abwägen ihren Beitritt zu erklären. Das Prager Friedensinstrument bei Londorp, Acta Publica IV, Buch 3, pag. 458 ff. Im übrigen de Beehr, Rerum Mecklenburgicarum, liber VII, cap. III, pag. 1304/5.
2) Jbb. d. Ver. f. M. Gesch., Bd. 68, 1903: Balck, Mecklenburg im dreißigjährigen Kriege.
3) Samuel von Pufendorf, Schwedische und deutsche Kriegsgeschichte. Buch VII. § 86.
4) Theatrum Europaeum. Frankfurt, gedruckt bei Balthasar Christof Wusten 1670. Teil III, pag. 580. Pufendorf, a. a. O. § 97. Der Sieg der Schwedischen am 1. Nov. bei Dömitz auch R. A. O., B. VI, pag. 244.
5) R. A. O., B. VI p. 244, Baner in Malchin am 3. November, in Kummerow am 10. Nov., a. a. O. p. 250; Die Kurhessen besetzen Parchim und Plau, letzteres am 3. Nov. - Theatr. Eur. p. 580 u. p. 587. Cordesius, Chronicon Parchimense, Rostock 1670. p. 79.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 10 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Die Kaiserlichen unter Marazin standen in Pommern und strebten eine Vereinigung mit den sächsischen Regimentern an. 1 ) Baner hatte sich gegen diese gewandt und sie in mehrfachen Gefechten und Scharmützeln, 2 ) so bei Goldberg und am 7. Dezember bei Kyritz, geschlagen und endlich aus Mecklenburg herausgedrängt. Doch vermochte er ihre Verbindung mit Marazin nicht zu hindern. Sie erfolgte am 21. Dezember bei Sandow in der Mark. Nur Plau blieb in Mecklenburg in sächsischen Händen. 3 )

So wurde Mecklenburg der Hauptschauplatz des Krieges. Das schwere Los, das über sein Land heraufbeschworen wurde, hoffte Adolf Friedrich um diese Zeit dadurch abwenden zu können, daß er Verhandlungen zwischen Schweden und dem Kurfürsten von Sachsen anbahnte und Schweden auf jede Weise zur Annahme des Prager Friedens zu bewegen suchte. Diese eifrigen Bemühungen des Herzogs, der auch persönliche Anstrengung wie Reisen nicht scheute, zwischen Oxenstierna und Johann Georg eine Vereinbarung herbeizuführen, 4 ) faßt man unter dem Namen einer ersten mecklenburgischen Friedensvermittelung zusammen. Sie blieb erfolglos. 5 ) Als völlig gescheitert konnte sie im Sommer 1636 gelten.

Das Jahr 1636 brachte zunächst den mecklenburgischen Ländern eine Erleichterung. Die Hauptmacht der Schweden verließ das Land. Sie teilte sich in drei Heersäulen. 6 ) Hermann Wrangel ging nach Pommern, Alexander Lesle nach Westfalen und Baner nach Sachsen. Aber befreit war man damit von den Schweden nicht. Die an den verschiedenen Orten zurückgebliebenen Truppen, die Mecklenburg im Besitze Schwedens erhalten sollten, trieben die Bedrückung nach Gefallen weiter. Inzwischen hatte Johann Georg von Sachsen Werben, Havel=


1) Pufendorf a. a. D. § 116 und 118. Theatr. Eur. p. 605.
2) R. A. O., B. VI, S. 251.
3) Theatr. Eur. p. 605. Pufendorf a. a. D. § 118. R. A. O., B. VI, p. 254. Baner in Goldberg am 28. Nov., in Boeck bei Waren am 3. Dez. (a. a. D. p. 256), in Waren am 4. Dez. (a. a. D. p. 258); Herz. Ad. Friedrich von Mecklb. macht Waffenstillstandsvorschläge. Baner in Meyenburg am 5. Dez. (a. a. D. p. 259), in Kyritz am 7. Dez.; Kyritzer Sieg am 7. Dez. (a. a. D. p. 261).
4) R. A. O., B. VI, S. 265.
5) Die Lit. darüber vergl. Kap. III, Anm. 2.
6) de Beehr, Rer. Mecklenburgicar. VII, pag. 1319. Beehr ist hier im Gegensatz zu David Franck (Altes und neues Mecklenburg), dem eigentlich alles nachgeprüft werden muß, als recht zuverlässig zu betrachten. Er stützt sich, vom Theatrum Europaeum abgesehen, auf einheimische Quellen.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 11 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

berg, Rathenow und Brandenburg zurückerobert. Um eine weitere Ausdehnung der feindlichen Macht nach Norden zu hindern, vor allem, um Dömitz im Besitz zu erhalten, eilte Baner, der schon früher Lesle wieder an sich gezogen hatte, zurück und nahm am 6. September in und um Parchim Stellung, wie es heißt, mit über 20000 Mann zu Roß und zu Fuß. 1 ) Obwohl das Heer nur bis zum 13. blieb, litt die Stadt schwer. Es folgte am 24. September 1636 die für Schweden glückliche Schlacht bei Wittstock. 2 ) Wieder zog Baner davon. Er rückte mit Lesle erobernd durch Brandenburg und Thüringen weiter nach Süden vor. Dem mecklenburger Lande aber fiel zusammen mit der Priegnitzer Mark und dem Ruppiner Kreise die schwere Aufgabe zu, über 3000 kranke und verwundete Soldaten, die er zurückgelassen hatte, zu verpflegen.

Daß der Fürst und die Untertanen diesen unbequemen Gästen, von denen sie für die Zukunft nur das Böseste erwarten konnten, nicht gerade freundlich entgegengesehen haben, und daß, wie berichtet wird, mancher Ort seine Tore scheinbar grausamerweise auch Schwerkranken verschlossen hielt, wird man nicht unbegreiflich finden. 3 )

Die Hoffnung auf eine Befreiung des Landes durch kaiserliche Bundesgenossen mußte man völlig aufgeben. Es wäre übrigens auch kaum eine Befreiung gewesen. Am 17. Oktober wurde Plau durch die Obersten Plato und Mortaigne zurückerobert. Damit war Mecklenburg wieder vollständig in die Gewalt der Schweden gefallen. 4 )

Eine Änderung trat im folgenden Jahre ein. Nach schwerer Brandschatzung Kursachsens ging Baner, von den Verbündeten in die Enge getrieben, im Juni 1637 nach Pommern zurück, dessen Besitz jetzt nach dem am 20. März 1637 erfolgten Tode des letzten Herzogs für die Schweden von größter Bedeutung war. 5 ) Er bewerkstelligte jenen berühmten Rückzug, der sein Talent als Taktiker glänzend zeigte.

Die kaiserlichen, brandenburgischen und sächsischen Truppen folgten dem raschen Gegner. Gallas eroberte am 23. Juli


1) Cordes, p. 79.
2) R. A. O., B. VI, p. 340.
3) v. Chemnitz, Gesch. des schwed. Feldzugs in Deutschland, III. Teil, 1. Buch, Kap. XIII, p. 64.
4) v. Chemnitz, a. a. O. Jbb. 17, p. 213.
5) R. A. O., B. VI 410 ff.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 12 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Parchim und plünderte es aus. 1 ) Dann gerieten die Gegner in Pommern aneinander, aber es gelang den Verbündeten nicht, das schwedische Heer weiter zurückzudrängen oder ihm erhebliche Verluste zuzufügen. Daher gingen die Kaiserlichen im September über Demmin und Malchin nach Mecklenburg zurück. Torstenson folgte ihnen über die Peene nach Gnoien und Dargun, mußte aber, ohne ihren Marsch aufhalten zu können, unverrichteter Sache wieder abziehen. Gallas blieb einige Tage um Goldberg und Sternberg und traf im September mit den Brandenburgern und Sachsen unter Vitzthum und Klitzing zusammen. Diese waren von der Mark aus vorgedrungen und eroberten im August Dömitz und Plau. 2 ) Aus ihren Reihen verstärkt, rückte Gallas von neuem über die pommersche Grenze. Bei diesem Hin= und Herziehen der Heere wurde der ganze fruchtbare Landesstrich südlich der Ostsee von Boizenburg etwa bis Stettin binnen wenigen Wochen völlig ausgeplündert. Und was noch erhalten blieb, mußte zu Grunde gehen, als Baner seine Winterquartiere in Vorpommern und Gallas die seinigen in Sachsen, Lauenburg und Mecklenburg nahm. 3 ) Den Befehl, die Hauptlast der kaiserlichen Armee, die sonst nach Schlesien gerückt wäre, für den Winter nach Mecklenburg zu legen, hatte der neue Vizereichskanzler Kurtz überbracht, der aus diesem Grunde zu Gallas gereist war. 4 )

Die furchtbare Lage, in die sein Land geriet, veranlaßte Herzog Adolf Friedrich, seine Bemühungen um den Frieden zu erneuern. Er knüpfte mit den feindlichen Generälen, die in und um Mecklenburg lagen, neue Verhandlungen an. 5 )

Kein Amt war im Lande, das nicht mit fünf bis acht Regimentern belegt worden wäre. Nur Schwerin, Güstrow, Bützow und Rostock sollten zunächst von Einquartierung frei bleiben, weil der Herzog in ihnen eigene Garnisonen hielt. Im folgenden Jahre griffen die Schweden, die durch neue Hülfskräfte verstärkt worden waren, die Kaiserlichen an. Sie trieben sie zurück und machten sich zu Herren in Mecklenburg, worauf das Heer des Kaisers ein festes Lager in der Umgegend von Dömitz bezog. 6 ) Auch nahmen sie die von ihnen früher als Zollstation und wichtigen Truppenlandungsplatz erbaute Warnemünder


1) Cordes, a. a. O. Juli, p. 80.
2) Theatr. Eur, p. 824. R. A. O., B. VI p. 434.
3) R. A. O., B. VI p. 542.
4) Brief zur Neddens an Pistorius, 15. Januar 1638. Vien.
5) Siehe Kap. 3.
6) Theatr. Eur. p. 95 a.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 13 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Schanze wieder, 1 ) die der Sachse Vitzthum am 7. März 1638 erobert hatte, und die von den Rostockern demoliert worden war. 2 ) Vitzthum war bei dem Kampfe ums Leben gekommen. Die letzten kaiserlichen Schwadronen wurden hier im oberen Mecklenburg von Wismar aus bei Grevesmühlen und Sternberg vernichtet oder zerstreut. 3 ) Bei Malchin umringte Baner zehn Kompagnien und 500 Reiter der Feinde. Was sich nicht gefangen gab, wurde niedergehauen, die Stadt geplündert. 4 )

Es ist schwer, ein klares Bild der Kriegslage dieses Jahres zu gewinnen, da sich die Berichte des Theatrum Europaeum und Pufendorf nicht ganz vereinigen lassen 5 ) mit den Berichten Baners an seinen Reichskanzler. Wenn von Beehr a. a. O. p. 1346 mit Berufung auf das Theatrum Europaeum von einem größeren, für die Kaiserlichen unglücklichen Gefecht bei Grabow erzählt, so bringen weder jenes noch Pufendorf noch Baners Briefe eine Nachricht davon. Jedenfalls war, als im November Gallas die nördlichen Striche verließ, um sich nach Schlesien und Böhmen zu wenden, und als später auch Baner aus Mecklenburg hinaus und über die Elbe ging, dieses Land in jenem Jahre, in dem es fast ausschließlich den Kampfplatz gebildet hatte, in das tiefste Elend gestürzt worden.

Es ist ein Scharmützelkrieg, den man in allen Teilen des Landes führte. Kleinere Abteilungen griffen einander an und suchten den Gegner zu vernichten. Daher ist kein Amt und kein Ort zu nennen, der nicht schwer gelitten hätte oder gar verschont geblieben wäre. Der unausgesetzte Wechsel schwedischer und kaiserlicher Soldaten ließ keine Gegend zur Ruhe kommen. Und dabei wetteiferten Freund und Feind in der Verwüstung des Landes. Aber der Schweden Faust lastete doch jetzt noch grausamer als die ihrer Gegner auf deren unglücklichen Lande. 6 ) Mecklenburg wurde 1638 an Korn, Vorrat und Vieh total verwüstet, und Baner schrieb im September an Oxenstierna: "In diesen Landen ist nichts als . . . Sand und Luft und gar genau ein wenig dürre Gras übrig sondern alles vom Feinde bis auf den Erdboden verheert und verzehret. . . ." 7 ) Noch bis Anfang


1) Dahin zielender Vorschlag Baners in R A. O., B. VI, p. 526.
2) Theatr. Eur. III, p. 920 f.
3) Theatr. Eur. III, p. 961 f.
4) a. a. O. p. 973. Details R. A. O., B. VI pp. 554, 564 f; Baner in Neukloster 3. Nov. 1638 (a. a. O. p. 565).
5) Theatr. Eur. a. a. O. Pufendorf a. a. O., X. Buch, § 20-28.
6) Cordes a. a. O. Jbb. 17, p. 220.
7) R. A. O., B. VI, p. 564. R. A. O., B. VI, p. 582.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 14 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Januar 1639 hielt sich der schwedische Feldherr in Mecklenburg. Als er dann aufbrach, rückte er vor Dömitz und ließ es beschießen. Es war neben Plau die einzige Stadt im Lande, die noch den Kaiserlichen gehörte. Aber die Besatzung ergab sich nicht. 1 ) Baner mußte abziehen. Er ging über die Elbe, zog ins Brandenburgische hinein und folgte dem Gegner darauf nach Schlesien und Böhmen. Alsbald machten sich die zurückgebliebenen Schweden daran, die letzten von den Kaiserlichen besetzten festen Plätze zu erobern. 2 ) Anfang August nahm der Kommandant von Wismar, Lillje Sparr, Plau ein, in das viele vom Adel und viele Bauern der Umgegend sich und ihre Habe geflüchtet hatten. Dömitz zu erobern, gelang ihm jedoch nicht. Die kaiserliche Besatzung dieser Festung hatte sich im Mai durch einen Ausfall einiger Waren= und Proviantschiffe auf der Elbe bemächtigt und hielt die Belagerung Sparrs von Ende September bis Anfang Oktober aus. 3 ) Wohl gelang es Sparr am 27. September sich eines Vorwerks jenseits der Elbe, und am 2. Oktober vorübergehend der Stadt zu bemächtigen, aber das Heranrücken eines brandenburgischen Heeres zwang ihn, den Sturm auf das Schloß abzubrechen und sich zurückzuziehen.

Seitdem hörte Mecklenburg im wesentlichen auf, Mittelpunkt der Kriegsereignisse zu sein. Noch einmal wurde im Februar 1640 von schwedischer Seite ein Versuch gemacht, Dömitz zu nehmen. Aber es gelang nur, einen Teil der Besatzungstruppen in der Nähe der Stadt empfindlich zu schädigen. 4 )

An dem Besitz von Dömitz war jedoch den Schweden sehr viel gelegen, nicht bloß weil es die Elbe beherrschte, sondern weil es der stärkste Platz des ganzen Landes war. 5 ) Daher eröffneten schwedische Truppen, die aus verschiedenen pommerschen und mecklenburgischen Garnisonen zusammengezogen worden waren, unter der Leitung des damaligen Gouverneurs von Wismar, Obrist Erich Hansson Ulfsparr, im Juli 1643 die Belagerung von Dömitz. Diesmal sollten endlich ihre Wünsche Erfüllung finden. 6 )


1) Theatr. Eur. IV, p. 87. R. A. O. B. VI., p. 582. Brief Baners vom 22. I. 1639.
2) Theatr. Eur. IV. p. 71. Pufendorf a. a. O. XI, § 22.
3) Theatr. Eur. IV, p. 72. Pufendorf a. a. O. § 22.
4) Theatr. Eur. IV, p. 221/2.
5) v. Chemnitz, a. a. O. IV. Teil, III. Buch, Kap. 11. Zu Anfang 1643 waren in Niedersachsen nur noch Halberstadt und Einbeck, Wolfenbüttel und Dömitz an der Elbe in der Gewalt des Kaisers. v. Chemnitz a. a. O. III.. Buch, p. 2.
6) a. a. O. Kap. 48 und 58. Pufendorf a. a. O.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 15 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Am 11. August ergab sich die Stadt und am 11. Oktober endlich auch die Festung.

War Mecklenburg schon in der ersten Periode des Krieges im einzelnen arg heimgesucht worden - man denke an das grausige Geschick Neubrandenburgs im Jahre 1631 - und hat es auch später noch manches erleiden müssen, so bildet doch der Zeitraum vom Prager Frieden bis zum Jahre 1643 den Höhepunkt der Leiden und Bedrückungen, die das unglückliche Land zu erdulden gehabt hat. In diesen Jahren wurde sein Wohlstand durch die Heereszüge der feindlichen Heere und ihre Kämpfe, wie durch die lang andauernden Einquartierungen völlig vernichtet. Es wurde geradezu zu einer Wüste gemacht, in der alle Kulturarbeit von neuem beginnen mußte. Grauenerregend ist die Schilderung, die schon Mitte September 1637 Simon Gabriel zur Nedden, der Geheimsekretär Adolf Friedrichs, dem Herrn von Rohr in einem Privatschreiben entwirft. 1 ) "Sonsten aber ist's überall im ganzen Lande so elend, daß es nicht zu beschreiben stehet, beide kriegende Teile hausieren so schrecklich mit den Leuten, als wenn sie keine Christen wären, morden, rauben, plündern, sengen, brennen, schneiden den Leuten Nasen, Ohren und die Sohlen von den Füßen weg, tractieren sie mit schwedischen Trunken, schänden Frauen und Jungfrauen, verschonen nicht der Toten in den Gräbern, wie denn Illustrissimi nostri in Gott ruhende gnädige Frau Mutter schon zweimal aus ihrer Grabstätte herausgeworfen. . . . Alles Vieh ist aus dem Lande schon weg. ."

Wie Räuber hausten beide Armeen in diesem Lande. Von Parchim berichtet der Chronist 2 ) neben dem Frevel an Lebenden die völlige Ausraubung aller Lebensmittel, alles Gutes. Über 370 Wagen mit Korn, Hausgerät, Lebensmitteln, Gold, Silber, Leinengerät und Kleidern sollen damals aus der Stadt weggeführt worden sein. Die Bewohner wurden ohne Ausnahme aller Habe und aller Mittel des Unterhalts beraubt. Aber damit war für sie das Elend auch nur dieses einen Jahres nicht erschöpft. Der Generalstab der Hatzfeldischen Armee kam dauernd nach Parchim, und schon die für seine Verpflegung geforderten monatlichen Kontributionen mußten eine Erholung der Stadt unmöglich machen. Überdies wurde sie im Herbst 1637, als die Schweden aus Pommern von neuem vordrangen, auf drei Wochen


1) rief zur Neddens an von Rohr, 13. September 1637. Vien.
2) Cordes, Chron. Parchimense p. 80 f.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 16 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Lagerort für drei schwedische Regimenter unter den Obristen Schlange, Dörfling und Heuking. Während zugleich die Pest, die die Schweden mit in die Stadt brachten, furchtbar unter der Bürgerschaft aufräumte, ging das letzte Hab und Gut verloren, so daß beim Abzuge der Schweden "kaum ein Ochse" übrig geblieben war.

Doberan, gerade am entgegengesetzten Teile im Norden des Landes an der Ostsee gelegen, erging es nicht besser. Die Kaiserlichen hausten hier seit dem 5. Oktober 1637 so, "daß es einen Stein in der Erden hätte erbarmen können". 1 )

"Das Weibervolk, so sie überkommen, haben sie geschändet, den Schreiber Servatius Soumann mit einem Seile oder Schnur um den Kopf gewrogelt, ihm und vielen den schwedischen Trunk von Mistwasser und anderer unreinen Materie eingegeben und ihnen hernacher mit den Knien aufs Leib gestoßen, daß das Mistwasser und die andere unreine Materie zum Munde hat wieder herausspringen müssen, . . . . einen Müllerknecht im Backofen verbrannt und den Küster Jochim Koepmann gar ums Leben gebracht, auch alles mit sich hinweggenommen" . . . .

Im Jahre 1638, als Johann Baner in Mecklenburg mit dem schwedischen Kriegsheer zu Neukloster und Wismar im Herbst Quartier nahm . . . . "ist alles erst recht angangen, Adel und Unadel, Geist= und Weltliche, Bürger und Bauern, Mann und Weib, Herr und Knecht, Alt und Jung, Gelehrt und Ungelehrt sind ohne Unterschied von den undisciplinierten schwedischen Völkern übel tractieret, sehr gejaget, heftig geschlagen, böslich verwundet, gänzlich beraubet, . . . . . unchristlich barbarisch auf mancherlei unaussprechliche Art und Weise gemartert, gepeiniget, unschuldig und erbärmlich getötet, um zu bekennen, wo das Ihre und sonsten Vieh, Geld und Gut zu finden sei. Viele haben von Frost und Hunger (der so groß gewesen, daß auch ein Teil der Leute der verstorbenen und umbgebrachten Menschen Fleisch, Gott erbarm es, gefressen haben) verschmachtet und auf den Gassen, auf dem Felde, in den Hölzern, in den Morästen liegen bleiben müssen. 2 )


1) M. P. Eddelin, De Bello tricennali et statu Dobranensi, oder kurzer und wahrhaftiger Bericht, wie es in Mecklenburg im dreißigjährigen Kriege, allermeist aber zu Doberan, insonderheit anno 1637 und 1638 dahergegangen, darin auch von des Herzogs Adolf Friedrich Geburtstag, Gemahlinnen, Kindern und Bedienten etc. zu finden. Doberan am Dreifaltigkeitstage 1649. Handschriftlich in der mecklb. Ritter= und Landschaft=Bibliothek zu Rostock. V. f. 44.
2) Die ähnliche Schilderung in einem Briefe Adolf Friedrichs vom 23. J. 1639 (Jbb. 31 p. 36): "Es ist nunmehr mit den armen Leuten
(  ...  )
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 17 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Keine Wintersaat ist gesäet, und die Sommersaat ist auch nicht bestellet worden, weil an Korn, Menschen und Vieh großer Mangel vorhanden gewesen. Die fürstlichen Ämter, die kleinen Städte, die Dörfer sind eine geraume Zeit leer gestanden, denn man allda nicht sicher sein können, und was noch an Menschen, hohes und niedriges Standes erhalten worden, das hat sich zum Teil in Rostock und Wismar aufgehalten, zum Teil aber in ander Königreiche und Fürstentümer ernähren müssen" . . . .

Ein ähnliches Schicksal erfuhr das benachbarte Kröpelin. Wismar, der Hauptwaffenplatz der Schweden, lag in der Nähe und wurde eine furchtbare Geißel für die Stadt. Unaufhörlich wurde sie von Einquartierung betroffen. 1 )

Beyer schreibt in seiner Geschichte der Stadt Laage von den Zuständen dieser Stadt: "Im Jahre 1637 liegt sie im Sterben, 1638 ist sie tot". 2 )

In Sternberg wurden im August 1638 das Gerichtshaus und viele Häuser der Hofgerichtsverwandten von den Kaiserlichen zweimal hintereinander geplündert. 3 ) Furchtbar wütete auch dort wie in ganz Mecklenburg die Pest. 4 ) Im Sommer 1638 starb die ganze Stadt aus und war über ein halbes Jahr lang völlig verödet, da die wenigen, die am Leben blieben, flohen. Unter den Flüchtenden befand sich der Landrichter Joachim von Lützow, der von Sternberg nach Schwerin ging, hier aber nicht eingelassen wurde, weil in seinem Hause die Pest war. 5 ) Er starb mit seiner Frau in der Vorstadt im Gießhause.

Plau hatte von 1635 bis 1639 allein fünf Belagerungen abwechselnd durch schwedische, sächsische und kaiserliche Truppen zu überstehen. 6 ) Aus den aktenmäßig zusammengestellten "Nachrichten über Leiden der mecklenburgischen Pastoren im großen Kriege und über den Pfarrantritt nach dem Kriege" geht hervor,


(  ...  ) dahin geraten, daß diejenigen, die übrig geblieben, nicht allein Mäuse, Katzen, Hunde und ganz unnatürliche Sachen zur Stillung des Hungers genießen, sondern daß auch an unterschiedlichen Orten Eltern ihre Kinder gefressen, und ein , Mensch vor dem andern nicht sicher ist . . ."
1) Ostseebote, Jahrgang 13, 1892, 30. Juli ff. Die Kriegsleiden der Stadt Kröpelin, mitgeteilt von Präpositus Gammelin nach den Forschungen von Heinrich Rönnberg.
2) Beyer, Gesch. der Stadt Laage, Jbb. 52 p. 272.
3) Krafft bei Ungnaden, Amoenitates. . . . . p. 432/3.
4) Jbb. 12 p. 254 und 301 ff. und Jbb. 12 p. 354 mit Urkunden Sammlung Nr. 35 p. 366f.
5) Ungnaden, a. a. O.
6) G. C. F. Lisch, Geschichte der Stadt Plau, Jbb. 17 (18 52). Plau Während des dreißigjährigen Krieges, p. 196 ff.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 18 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

daß nur wenige ihn überlebt haben, und daß jedenfalls alle in den Jahren 1637 und 1638, wenn sie nicht zu Grunde gingen, fliehen mußten oder ihre Pfarre verließen, weil ihre Gemeinden sich zerstreut hatten. 1 )

Der Pastor in Suckow, Chr. Werner, starb, als er nach Parchim fliehen wollte, 1638 auf der Straße an der Pest. In Ruchow starb 1637 der Prediger Bernhard Calander mit all den Seinen. Die Kirche wurde völlig verwüstet und die eingepfarrten Gutshöfe geplündert und zerstört. 2 )

Simon Gabriel zur Nedden, den wir schon einmal hörten, schreibt über den Zustand des Landes im November 1639. 3 ) ". . . Es ist dieser Orts eine so elende Zeit, daß man auch privatim wohl Frieden halten und mit innerlichen dissydiis sich nicht defatigiren möchte. Nam peste, fame, militia premimur et consumimur, die elende Leute, so wenig deren noch auf dem Lande sein, ernähren sich gleich den Schweinen mit Eicheln und fressen daran Ungesundheit und den Tod. In den Städten ist kein Brot mehr zu bekommen; da noch etwas ist, nehmens die Soldaten mit Gewalt, und deren sind leider noch so viel, daß sie wie das Ungeziefer wachsen und zunehmen, und die See schmeißt uns alle Jahr neue ins Land, daß keine Besserung dies Orts zu hoffen, wann auch droben lauterer Friede wäre. Darum kann uns auch dies Orts nicht geholfen werden, wenn nicht ein Universalfried gestiftet wird . . ." Die Folge der allgemeinen Verwüstung und Entkräftung waren Hungersnot und Seuchen. "Die neuen Krankheiten gehen hier mächtig im Schwange, und viele wackere Leute starben darin weg, - in Städten und Dörfern ist kein Haus zu finden, dar nur Leute vorhanden, deren die meisten nicht krank sein sollten. Das Korn auf dem Felde ist meist von den Mäusen aufgefressen . . . . " 4 )


1) Mecklenb. Gesch. in Einzeldarstellungen, Berlin 1901 ff. C. Beyer, Kulturgeschichtliche Bilder aus Mecklenburg: Der Landpastor im evangelischen Mecklenburg (1903), Anhang I und II p. 30-46.
2) Auch Tüzen starb 1638 aus; die dortige Pfarre wurde später mit Fahrenholz vereinigt. Vergl. ferner den Bericht Pastor Stephan Schröders von Belitz, ebenso den des Pastor Joachim Schröder von Klenow (bei Ludwigslust). Herzog Adolf Friedrich ließ sich die Fürsorge für die Pastoren stets sehr angelegen sein und suchte ihnen zu helfen, wo er konnte. "Seine Arbeit geschah hier mehr im Stillen und gelangte weniger in die Öffentlichkeit. Beyer, Kulturgesch. Bilder, a. a. O. p. 38. Dort ist einer seiner Erlasse auf diesem Gebiete abgedruckt.
3) zur Nedden an Pistorius Nov. 1639. Vien.
4) zur Nedden an Pistorius im Juli 1640. Ebenda.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 19 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Am schlimmsten hauste die Pest im Sommer 1638.

"Die Wintersaat für 1637 und die Sommersaat für 1638 waren nicht bestellt; Vorräte und Geld fehlten, die Wohnungen und Mobilien waren verwüstet und ärmlich. So fand die Krankheit das Land und wütete hier namentlich im August und September auf eine nie erhörte Weise. Ganze Städte und Ämter starben fast ganz aus; in den meisten Dörfern blieben nur zwei bis drei Menschen am Leben." 1 )

Gleichwohl hörten nicht einmal die Requisitionen und Kontributionen der Schweden im Lande auf. Man preßte, wo irgend nur noch ein Tropfen zu erwarten war.

Noch 1642 war dies verwüstete Land stetig durch Militärauflagen und Einquartierung gepeinigt, so daß der junge mecklenburgische Prinz Karl, der jüngere Sohn Adolf Friedrichs, selbst nach Schweden geschickt wurde, um Abhilfe von diesen fortwährenden Bedrückungen zu erwirken. 2 ) Seine Sendung hatte aber keinen Erfolg. - "Die Geschichte kennt wohl kaum ein so furchtbares und allgemeines Elend, wie das, welches gegen Ende des dreißigjährigen Krieges, namentlich im Jahre 1638 Mecklenburg beherrschte. Die Würgengel des Krieges, des Hungers und der Pest hausten in Vereinigung auf nie erlebte Weise und brachten das Land dem völligen Untergange nahe. Fast alle Landgüter und Dörfer waren abgebrannt und verwüstet, die Saaten nicht bestellt, die Tiere sämtlich geschlachtet oder durch die Seuche gefallen, die Menschen gestorben; sehr viele Dörfer hatten gar keine, die meisten nur einige Bewohner, viele Familien starben ganz aus". . . . . 3 )

"Wer war der Unglücklichste in jener grausigen Zeit?

Der Tote, der Gemordete, der Verhungerte sicherlich nicht; aber unter den Lebenden? Eine müssige Frage! Die Not traf jeden Einzelnen, der nicht hinter den Mauern größerer Städte geborgen war, in der höchsten Steigerung, es handelte sich nur darum, wer sie ertragen konnte" . . . . 4 )

Herzog Adolf Friedrich war die Natur dazu. Er ist recht eigentlich ein Kind dieser harten Zeit, wenn er auch vor Ausbruch des Krieges geboren wurde.


1) S, Lisch, Gesch. der Stadt Plau, Jbb. 17 p. 192,
2) Cotmann an Pistorius 24. November 1642. Vien.
3) Lisch. Dorothea von Levetzow oder der Mensch in der Not. Jbb. 16, p. 204 (1851).
4) Beyer, Gesch. d. Stadt Laage, a. a. O.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 20 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Selbst hart, nichts weniger als seelisch zart veranlagt, muß er zugleich körperlich eine außerordentliche Zähigkeit und Widerstandskraft besessen haben. Er war ein trinkfester Herr, wovon er bei Gelegenheit in seinen Tagebüchern selbst drastisch erzählt. 1 ) Ohne aus dem Lande zu weichen, hat er Not und alle Seuchen, den ganzen Krieg mit angesehen und noch um zehn Jahre überlebt.

Schroff, unnachgiebig, mitunter aufbrausend konnte er sein. Das erfuhren wohl viele, die häufiger mit ihm in Berührung kamen. Er war kein Fürst, der leicht Gnade für Recht ergehen ließ. 2 ) Und nicht zum besten ist das Verhältnis zwischen ihm und seinem ältesten Sohne Christian gewesen, dem die gleiche Halsstarrigkeit vom Vater überkommen war. 3 )

Aber unter der rauhen Schale barg der Herzog, jedenfalls anders geartet als sein Nachfolger, eine Persönlichkeit, die aus jeder Zeile, aus jeder Handlung spricht, die, treu ihren sittlichen Forderungen, überall den guten Willen eifrig in die Tat umzusetzen strebte und im Mißlingen, in eigener Not, im Jammer des anvertrauten Landes in einem unverwüstlichen Gottvertrauen Trost fand. So gewann er immer wieder neue Hoffnung in all den Wirren, die jene dunklen Jahre mit sich brachten.

Dieser unerschütterliche Kindesglaube eines Fürsten, der oft rücksichtslos, ja roh, und gewalttätig werden konnte, wirkt rührend und wie ein reinigender Luftzug durch jene grausamen Tage. Den hoffnungsfreudigen Mut im Unglück hatte Adolf Friedrich schon in der Zeit des Exils bewiesen, als Wallenstein im Lande herrschte. Wie sein Bruder wurde er damals Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft und erhielt den Namen "der Herrliche in Tugenden" mit dem Zeichen "Betonienkraut". Er trat damals wohl zuerst mit Wilhelm von Kalchum, genannt Lohausen, in Verbindung, der derselben Gesellschaft angehörte und dem Herzoge


1) Vgl. das Zusammentreffen der Herzöge mit König Gustav Adolf 1620 auf mecklenburgischem Boden. Jbb. I p. 139:
26. Mai: ". . . . Auf den Abend um vier Uhren ist der König bei mir wieder angelanget, hat allerhand mit meinem Bruder und mir discuriert, daß wir uns sollen fürsehen für den Dänen, haben die ganze Nacht mit ihm saufen müssen . . .
27. . . . Mein Bruder und ich, haben ihm (dem König) das Geleit auf sein Schiff geben, da haben wir unmenschlich gesoffen; sein also mit guter Vertraulichkeit und cortoisie geschieden. Unser Herr Gott geleite ihn."
2) Vgl. die Tagebuchnotizen über die Verurteilung und Hinrichtung Samuel Plessens im Juli 1618. Jbb. 12, p. 68.
3) Vgl. Dr. R. Wagner, Studien zur Geschichte des Herzogs Christian. I. Teil, Jbb. 70, p. 191 ff.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 21 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

in freudiger Anerkennung seines Beitritts ein Exemplar seines Buchs: Von Catilinischer Rottierung etc. sandte, wofür am 22. Dezember 1629 brieflich eine herzliche Dankesantwort erfolgte. Das Schreiben ist sorgfältig stilisiert "und besonders erfreulich, weil der Fürst darin, trotz seiner mißlichen Lage in der Verbannung, eine freudige Zuversicht ausspricht" . . . . 1 )

Die Verbindung mit Lohausen brach nicht wieder ab. Am 5. Mai 1630 hatte der Herzog Wilhelm von Lohausen als Gast bei sich. Er ließ durch seinen Marschall mit ihm wegen Bestallung verhandeln. 2 ) Der Oberst sagte am 29. Juni dem Herzoge Dienst zu und wurde durch Handschlag in Pflicht genommen. Seit 1632 in schwedischen Diensten, wirkte er doch schon 1634 für Adolf Friedrichs Interessen. 1636 löste er alle Beziehungen zu Schweden und war seit dem 30. Juli d. J. allein in mecklenburgischen Diensten und meistens als herzoglicher Kommandant der Stadt Rostock beschäftigt. 3 ) Im Frühling 1639 finden wir ihn an dem von Adolf Friedrich vergeblich versuchten Handstreich auf die in kaiserlichen Händen befindliche Stadt Plau beteiligt, der dahin zielte, den Kommandanten Warasiner zum Abzug zu bewegen und die Festung zu schleifen, um sie für beide Parteien unbrauchbar zu machen. 4 )

Lohausen ist, wie manche anderen höheren Offiziere, die den schwedischen Dienst quittierten, bekannt als Anhänger der sogenannten dritten Partei, die gegen Ende 1639 im Reiche hervortritt und eine bewaffnete Mittelpartei bildete "mit der Spitze gegen die Einmischung der Fremden in deutsche Angelegenheiten, aber auch gegen den von den Jesuiten beeinflußten Kaiser". 5 ) Nun behauptet Pufendorf in seiner schwedischen Kriegsgeschichte in ganz auffallender Weise ähnliche Tendenzen vom Herzog Adolf Friedrich. 6 ) Er berichtet, daß um dieselbe Zeit, da Landgraf Wilhelm von Hessen starb, also im Herbst 1637, der Herzog von Mecklenburg mit neuen Anschlägen umgegangen sei und Soldaten habe werben lassen, um sein Land sowohl von


1) Jbb. 2, p. 190 und 209.
2) Siehe Adolf Friedrichs Tagebücher unter 1630 ff. Jbb. 12, p. 99 f. - von Lützow, Mecklb. Geschichte III, p. 260 und 272.
3) v. Schaumburg, Wilh. v. C., gen. Lohausen, 1866, p. 139 ff; 165 ff.
4) Jbb. 17, p. 222.
5) Lorentzen, Dr. Th., Die schwedische Armee im dreißigjährigen Kriege. Leipzig 1894, p. 81 und 97.
6) Pufendorf, Schwed. Geschichte. IX § 33.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 22 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

den kaiserlichen als von den Schweden zu befreien. In dem später zu schildernden Vormundschaftsstreit suchte die Herzogin=Witwe die Schweden hauptsächlich dadurch für sich zu gewinnen, daß sie ihrem Schwager vorwarf, neue Werbungen gegen Schweden vorgenommen zu haben. 1 )

Es ist hier nicht der Ort, die Frage nach der diesbezüglichen Stellung Adolf Friedrichs akttenmäßig zu entscheiden. Nach dem vorliegenden Material bleibt jedenfalls unsicher, wie weit die Werbungen des Herzogs gegangen sind, wenn auch sicher ist, daß er zu solchen, wie auch zu Waffen= und Munitionsankäufen schritt, und daß er die Besatzungen der Hauptstädte Mecklenburgs und die Rostocks nach Möglichkeit zu verstärken suchte. 2 ) Aber aus dem Angegebenen läßt sich kaum ein anderer Schluß ziehen, als daß Adolf Friedrich für die erwähnte Mittelpartei durch seinen Generalmajor Lohausen und unter dessen Einfluß in ihrem Sinne tätig war.

Jedenfalls weist jener Handstreich auf Plau, an dem Lohausen teilnahm, deutlich auf eine derartige Politik des Herzogs hin; er gewinnt daher an allgemeinem Interesse. Es zeugt von außerordentlicher Energie, wenn Adolf Friedrich in jener für Mecklenburg traurigsten Zeit, mitten unter anderen Unternehmungen, wie den Friedensvermittelungen und dem Prozeß über die Vormundschaft, sich einem Unternehmen anschloß, das neues Leben in die dumpfen Zustände des Reiches zu bringen geeignet war.

Wir sehen, wie der Herzog in den Jahren seit dem Prager Frieden unermüdlich bald auf diesem, bald auf jenem Gebiete tätig war für das Wohl des Landes und für sein eigenes Wohl. In der Tat erforderten die Zustände des Landes eine schleunige Aufbesserung, da sie sich täglich verschlimmerten.

Selbst der fürstliche Haushalt wurde aufs empfindlichste mitgetroffen. Der Ertrag der Domänen, von dem der Hof abhing, ging bis auf nichts zurück, und Barmittel befanden sich in dieser Zeit nur spärlich in der fürstlichen Schatulle. Der Herzog war völlig abhängig von den Bewilligungen der Stände. 3 ) Aber auch


1) Mehrfach in den betreffenden Akten zu finden, u. a. Adolf Friedrich an Salvius, den 21. Februar (alten Stils) 1639.
2) Vgl. den Auszug aus seinen Tagebüchern Jbb. 12.
3) Es ist gewiß keine Phrase, wenn während der Jahre nach 1636 aus den Briefen Adolf Friedrichs fortwährend die Sorge um den Unterhalt der eigenen Familie und ihre standesgemäße Existenz entgegentönt. An die Witwe Lohausens, die sich an ihn um Beistand gewandt hatte, schrieb er Anfang 1640, daß es für ihn unmöglich sei, auch nur 100 Rthlr. aufzubringen, geschweige denn die verlangten 2000, "indem wir aus unserm Lande nicht eines Hellers Wert zu genießen und unsere
(  ...  )
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 23 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

wenn diese wollten, konnten sie ihm damals kaum eine Unterstützung gewähren. Waren doch alle wirtschaftlichen Quellen verschüttet! -

Wir haben die Kriegsereignisse der Jahre 1635 bis 1643 in Mecklenburg und die durch jene hervorgerufenen Zustände kulturellen und wirtschaftlichen Niederganges zu schildern versucht, um die großen Schwierigkeiten hervorzuheben, die sich der Aufgabe, das Land aus der tiefsten Zerrüttung zu neuem Wohlstande zu erheben, fast unüberwindlich entgegenstellten. Adolf Friedrich war in seiner derben Rücksichtslosigkeit und seinem unerschütterlichen Gottvertrauen, in seiner Unermüdlichkeit und der Hartnäckigkeit, mit der er seine Ziele zu verfolgen pflegte, wohl geeignet dazu, das mecklenburgische Land wieder besseren Zeiten entgegenzuführen. Diesem Ziele näher zu kommen, schien der erste und nächste Schritt die Vermittelung des Friedens zwischen den kämpfenden Parteien zu sein, die im Reiche schon mehrere Male, auch von Adolf Friedrich selbst, versucht worden war.

Denn solange der unheilvolle Krieg dauerte, konnte das unglückliche, durch seine langgestreckte Lage an der Ostsee Schwedens Macht schutzlos ausgesetzte Mecklenburg, das aus tausend Wunden blutete, sich unmöglich wieder erheben.

Wie unendlich schwierig auch diese Aufgabe war: der erste Schritt zu ihrer Ausführung schien schon getan, wenn die Geschicke beider Mecklenburg von derselben Hand gelenkt wurden, wenn es dem Herzog gelang, beide Regierungen miteinander zu vereinigen. Und dieser Augenblick trat ein, als Herzog Johann Albrecht II. am 3. Mai 1636 das Zeitliche segnete. Mit rücksichtsloser Entschlossenheit ergriff Adolf Friedrich mit der Vormundschaft für den nachgelassenen unmündigen Neffen auch die Regierung über das Güstrower Land.

 


 


(  ...  ) Tafel zur Notdurft nicht mehr halten können" (Jbb. 31, p. 37/8.) - 1644 konnte er für die Reise seines ältesten Sohnes kein Geld mehr aufbringen und befahl, Sorge zu tragen, daß sich Christian seinen Lebensunterhalt als Offizier selbst verdiene. (Jbb. 70, p. 203.)
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 24 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

2. Kapitel.

Der Streit um die Vormundschaft bis 1637.

Herzog Johann Albrecht II. von Mecklenburg=Güstrow hat seine Wiedereinsetzung nur um wenige Jahre überlebt. Er starb im besten Mannesalter am 3. Mai 1636.

David Franck, ein Geschichtsschreiber Mecklenburgs im 18. Jahrhundert, dessen Fleiß so viel Wahres und Falsches mischt, sagt von ihm, er habe sich die vielen Bekümmernisse, die noch täglich über ihn und sein Land kamen, derart zu Herzen genommen, daß er in der Blüte seiner Jahre dahingesiecht sei. 1 )

Er war in dritter Ehe mit Eleonore Maria, einer Prinzessin aus dem Hause Anhalt, vermählt gewesen. Diese Frau, eine lebhafte Anhängerin des reformierten Bekenntnisses, hatte ihren ebenfalls reformierten Gemahl nach und nach dahin zu bestimmen vermocht, daß er in seiner letztwilligen Verfügung ihr für die Zeit der Unmündigkeit seines Sohnes und Nachfolgers Gustav Adolf, dessen leibliche Mutter sie war, die Vormundschaft und Regierung des Güstrower Landesteiles übergab, ja weiterhin sogar verfügte, daß als Regierungsräte dort nur solche Männer angestellt sein sollten, die der reformierten Religion zugetan seien. 2 )

Zu Mitvormündern waren der Landgraf Wilhelm von Hessen, Kurfürst Georg Wilhelm von Brandenburg und Herzog Ludwig von Anhalt, Eleonore Marias Bruder, ausersehen, sämtlich Kalvinisten. Auf diese Weise sollte also einmal Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg=Schwerin von der Regentschaft ausgeschlossen werden, mit dem Johann Albrecht sich niemals gut verstanden und manchen Streit gehabt hatte. Vor allem aber dachte man allen Ernstes daran, dem reformierten Bekenntnisse in Mecklenburg=Güstrow, dem man schon einige Stützpunkte verschafft hatte, zu möglichster Verbreitung und zum Siege zu


1) Altes und Neues Mecklenburg, Buch XIII, Kap. XX, 2, pag. 180.
2) Brief Adolf Friedrichs vom 7. Mai 1636, Vien. Wenn der bestimmende Einfluß hier wörtlich kalvinistischen Ministern in Güstrow zugeschoben wird, so ist damit indirekt doch nur die Herzogin gemeint, die übrigens zunächst ähnlich verfährt. Man wahrte vor vollem Ausbruch des Streites die Höflichkeit und vermied es, direkt, wie später, zu beschuldigen, wohl weil man noch auf Nachgiebigkeit rechnete.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 25 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

verhelfen. 1 ) Daß ein Vorgehen dieser Art, wenn auch immer mit dem geheiligten Nimbus der Willensvollstreckung eines Toten umgeben, auf heftigen Widerstand stoßen und einen schweren Konflikt herbeiführen mußte, konnte nach der Natur der Angelegenheit, nach der Auffassung jener Zeit und nach dem lebhaften, ja heftigen Temperament des Schweriner Herzogs, der zugleich ein eifriger Lutheraner war, nicht zweifelhaft sein.

Noch vor dem Ableben Johann Albrechts war das Gerücht von einem Testamente mit besonderen Bestimmungen laut geworden, und, wie es zu geschehen pflegt, so war, was man als ein strenges Geheimnis hatte hüten wollen, im Lande bekannt geworden und die Kunde davon auch über die Schweriner Landesgrenze gedrungen. Adolf Friedrich hatte Zeit gefunden, ein planmäßiges Handeln vorzubereiten. Er war fest entschlossen, sein gutes Recht als "der nächste Agnat und gesetzlicher Vormund" sich weder durch Testament noch Frauenlist rauben zu lassen. Sofort nach dem Eintreffen der Todesanzeige 2 ) begab er sich am 6. Mai nach Güstrow auf das Schloß und erklärte, daß er die Vormundschaft in vollem Umfange übernehmen wolle. Eleonore sprach ihren Dank aus, bat aber, von irgend welchen Maßnahmen abzustehen, da nach dem Testamente ihres Gatten jene Rechte und Pflichten ihr übertragen worden seien.

Obwohl die Testamentseröffnung erst am 2. Juni erfolgen sollte, ließ der Herzog ohne weiteres Rentamt und Kanzleien schließen, nahm die öffentlichen Siegel an sich und vereidigte die Besatzungstruppen. Den Landständen beider Mecklenburg, die nach Güstrow berufen worden waren, wurde am 14. Mai im großen Saale des fürstlichen Schlosses mitgeteilt, daß Herzog Adolf Friedrich die vormundschaftliche Regierung angetreten habe. Man forderte von ihnen Treueid und Handschlag, den alle, auch


1) Beweis dafür ist die wohl nicht zu bezweifelnde Angabe David Francks, daß damals drei reformierte Geistliche sich in Güstrow aufhielten, und das Vorhandensein einer reformierten Knabenschule dort, die Johann Albrecht gegründet und mit den Einkünften eines Amtes dotiert hatte. Den reformierten Geistlichen untersagte Adolf Friedrich dann jegliche Amtsführung, die Schule sowie die Schloßkirche ließ er schließen. (A. u. N. Mecklb., a. a. O. p. 184.)
2) A. T. Vol. VII, Fasc. 1, Vol. I, pars 1, Nr. 2: "Acta und Handlungen, wie sie von den mecklenburgischen Ständen und Landschaft aufgezeichnet so bei Bestellung des jungen Prinzen . . . . in Majo 1636 vorgangen." Vgl. dazu den abweichenden Bericht des Notars Simon Hinze a. a. O. Vol. I, pars 1, Nr. 6; ferner: Informatio Facti et Juris p. 4; Prodromus und Refutatio, p. 19. David Franck, A. u. N. Mecklb., Lib. XIII., p. 182 unklar!
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 26 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

die Güstrower Regierungsbeamten und Angestellten, leisteten, ausgenommen einige Reformierte, unter ihnen der Kanzler Johann Albrechts II., Deichmann. 1 )

Auf die bittere Beschwerde und den Protest der Herzogin=Witwe brachten die Güstrower Landräte und einige Mitglieder der Ritterschaft die Entschuldigung vor, sie hätten nicht anders zu handeln gewußt, da man ihnen vorher von dem Testamente ihres verstorbenen Fürsten nichts gesagt habe. Trotzdem erklärten gleich danach die sämtlichen Landstände noch einmal ausdrücklich, es bei dem getanen Handschlage bewenden lassen zu wollen. Damit aber hatte Adolf Friedrich einen guten Schritt vorwärts getan, denn, indem ihm Ritterschaft und Landschaft zufielen, sollte der zu erwartende Streit eine für ihn günstige Wendung nehmen. Es war nun nicht mehr der Fürst, es war das ganze Land, das der Vollstreckung eines ungewöhnlichen und unbilligen Testaments widersprach und sie zu hindern suchte. Dem Verlangen der Stände aber mußten Kaiser und Reich, wenn dieser Streit weitere Kreise in seine Wirren hineinziehen sollte, in ganz anderer Weise Rechnung tragen als den Wünschen eines Einzelnen.

Die Herzogin=Witwe aber war zu nichts weniger als zum Nachgeben bereit! Wie ihr Schwager das seinige, so wollte sie das ihr durch legale, also unanfechtbare Testamentsverfügung gewordene Recht durchsetzen. Ihre Hartnäckigkeit und Zähigkeit hat sich durch nichts ermüden lassen, und, wie wir sehen werden, beinahe den Sieg errungen. Zunächst geberdete sie sich ganz als Regentin. Sie behielt zum Beispiel die Landesakten zurück, die sie von Lübeck, wo sie zuletzt aufbewahrt worden waren, nach ihrem Schlosse hatte bringen lassen, und die Adolf Friedrich mehrfach vergebens einforderte. Ja, sie ging später so weit, daß Sie auf öffentlich ausgeschriebenem Landtage an Ritter= und Landschaft Abmahnungs= und Protestschreiben gegen die Übernahme der Vormundschaft durch ihren Schwager richtete. Daß sie nicht daran dachte, den ihr zugewiesenen Witwensitz Strelitz zu beziehen, braucht kaum erwähnt zu werden.

Adolf Friedrich hatte am 15. Mai dem Kaiser von dem Tode seines Bruders und der neu übernommenen Regierung, sowie von dem Testament und allen Einzelheiten Mitteilung gemacht und um gnädige "Konfirmation" gebeten.


1) Den Vorgänger desselben im Güstrower Kanzleramte, Johann Cothmann, wie auch Hartwig von Passow hatte Johann Albrecht aus seinen Diensten entlassen, obwohl sie während der Zeit seiner Verbannung bei ihm ausgeharrt hatten. Adolf Friedrich nahm beide wieder an.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 27 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Inzwischen wurde am 2. Juni in Güstrow das Testament des Herzogs in feierlicher Form eröffnet. Unmittelbar nach der Verlesung erfolgte der Protest Adolf Friedrichs und die Verwahrung der Herzogin=Witwe gegen ihren Schwager. Somit war der Streit um die Regierung in Güstrow offen ausgebrochen. Jede Partei war entschlossen, ihr Recht zu verfechten.

Die Lage war in der Tat verwickelt. Dem Testamente war seine Berechtigung an und für sich nicht abzustreiten, und wer dem toten Buchstaben, wer dem formalen Rechte allein folgte, mußte sich für Eleonore Maria entscheiden. Demgegenüber gab es jedoch triftige Gründe, deren Berechtigung nicht wohl außer Acht gelassen werden konnte. Bei der Wichtigkeit, die damals konfessionelle Fragen hatten, konnte das streng lutherische Herzogtum es kaum mit Gleichmut hinnehmen, wenn durch das Testament der Versuch gemacht wurde, der Verbreitung der reformierten Lehre Vorschub zu leisten. Hieraus erklärt sich auch die Einmütigkeit, mit der das ganze Land dauernd für Adolf Friedrich eingetreten ist. Ferner galt ein weibliches Regiment in Mecklenburg für etwas Unerhörtes. Die Einsetzung der Regierung Eleonore Marias wurde daher als ein Verstoß gegen das Herkommen abgelehnt. Endlich aber schien in der Zeit eines schweren Krieges und bei der eigentümlichen Stellung, die Mecklenburg zu den kriegführenden Parteien einnahm, nichts wünschenswerter zu sein, als eine straffe, wenn möglich einheitliche Leitung beider Mecklenburg.

Es ist hier nicht der Ort zu prüfen, auf welcher Seite das größere Recht war, ebensowenig den Streit, soweit die inneren Angelegenheiten des Landes durch ihn berührt wurden, des weiteren zu schildern. Für uns ist er nur insofern von Wichtigkeit, als er auf die äußere Politik Herzog Adolf Friedrichs von großem Einfluß war. Er stellte sich als ein neues Hindernis dem Bestreben in den Weg, das Mecklenburger Land in den bösen Jahren des Krieges nach Möglichkeit vor Schaden zu bewahren. Da zudem der Vormundschaftsstreit auch den Schweden willkommenen Anlaß bot, sich in die Verhältnisse Mecklenburgs einzumischen, der Kaiser, der Reichshofrat, später das Kurfürstenkollegium Veranlassung erhielten, Stellung zu diesem Streite zu nehmen, so ist er auch für die allgemeine Geschichte jener Zeit von Bedeutung.

Gleich in den ersten Tagen nach dem Tode des Bruders, noch vor der Testamentseröffnung, hatte Adolf Friedrich das streng lutherische Kursachsen um Unterstützung seiner Sache beim Kaiser

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 28 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

gebeten. Johann Georg I. sandte schon am 28. Mai ein Schreiben in diesem Sinne an Ferdinand II. Er gab zu, daß in der "Polizeiordnung" des Reiches die durch Testament verfügte Vormundschaft jeder andern vorgezogen werde, wies aber auf den Bericht Adolf Friedrichs hin, wonach im mecklenburgischen Hause durch Herkommen, Erbverträge und Landesreversalen eine abweichende Gewohnheit herrsche. Auch die vereinigten Landstände Mecklenburgs sandten am 7. Juni eine Petition an den Kaiser, in der sie gleichfalls dringend für die Regentschaft des Schweriner Herzogs, hauptsächlich aus Gründen der Religion und der Aufrechterhaltung des Friedens im Lande, eintraten. An demselben Tage wandte sich Adolf Friedrich zum zweiten Male an seinen kaiserlichen Herrn mit der Bitte um schnelle Bestätigung seines Verfahrens gegenüber dem letzten Willen seines Bruders. Die Gründe und Erwägungen, die ihn zur Übernahme bestimmt hatten, wurden dabei ausführlich wiederholt. Auch für ihn wie für den Kurfürsten standen die religiösen Interessen im Vordergrund, doch waren sie für ihn nicht, wie für die Ritter= und Landschaft, schlechthin entscheidend: Ihm galten andere wichtige Momente daneben, und zwar solcher Art, von denen er auch hoffte, daß sie den Kaiser zu seinen Gunsten bestimmen helfen würden. Sie gipfeln in der Unzuträglichkeit einer Nebenregierung seiner Schwägerin, die die Verwaltung und Finanzen, die Landeswohlfahrt und endlich nicht zum wenigsten die Gesamtheit der fürstlichen, über beide Landesteile gemeinsam und ungeteilt auszuübenden Rechte und Befugnisse, wie die Oberhoheit über Rostock, die Herrschaft über die Landeskirche, die Verwaltung der kirchlichen wie der weltlichen Gerichtsbarkeit, das Recht der Besteuerung, das Recht, die Stände zu versammeln, und das Münzrecht und vieles andere aufs schwerste gefährde. Und wie anders konnte grade hier der einzige Ausweg gefunden werden, wenn nicht in der alleinigen Regierung desjenigen Mannes, der seit lange die Zügel in einem Teile des Landes in Händen hielt! Gemeinsam übrigens war diesen Gesuchen noch die eifrige Betonung der Tatsache, daß der Kurfürst von Brandenburg die Mitvormundschaft abgelehnt hatte. Man suchte durch sie die Unbilligkeit des Testamentes zu erhärten und in dem Leser die Überzeugung hervorzurufen, daß der Kurfürst Georg Wilhelm sich aus demselben Grunde, der Adolf Friedrich zur Übernahme der Regentschaft und Vormundschaft bewog, veranlaßt gesehen habe, die Mitvormundschaft an der Seite der Herzogin Eleonore Maria abzulehnen.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 29 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Inzwischen war diese nicht müssig geblieben, wenn auch die Furcht des Schweriners, sie möchte schon im Frühjahr 1636 beim Kaiser vorstellig geworden sein, sich als unbegründet erwies. Adolf Friedrich war anfangs geneigt, die Widerstandskraft seiner Schwägerin zu unterschätzen. Er meinte, es handele sich lediglich um eine Weiberlaune, der man durch nachdrücklichen Widerspruch leicht ein Ende bereiten könne. In diesem Sinne suchte er damals immer wieder auffordernd und warnend Eleonore Maria zur Erfüllung ihrer "Pflicht" zu bewegen. Sie sollte den jungen Herzog Gustav Adolf ausliefern und den ihr zugewiesenen Witwensitz beziehen; andernfalls, so drohte er, werde seine oft mißbrauchte Geduld sich endlich erschöpfen und zuletzt seinem Zorne Platz machen.

Wohl fehlte es nicht an Versuchen einer Vermittelung. Herzog August von Braunschweig=Lüneburg und der Kurfürst von Brandenburg, der dazu den Markgrafen Sigismund entsandte, machten unter Zustimmung beider Parteien schon im Juli einen ersten Aussöhnungsversuch, aber er scheiterte sehr bald an der Hartnäckigkeit, mit der die Gegner auf ihrem Rechte bestanden. Adolf Friedrich glaubte nun nicht mehr an die Möglichkeit eines gütlichen Übereinkommens. Er hatte nun seine Schwägerin und ihren festen, unnachgiebigen Sinn erkannt. Es galt, den seinigen dagegen zu setzen und zu zeigen, wer sich dauernd als der stärkere erwies. Die Herzogin=Witwe aber dachte nicht daran, sich einschüchtern zu lassen. In dem Bewußtsein ihres guten Rechtes suchte sie ihre Regentschaft zur Anerkennung zu bringen, und als dem Herzoge endlich die Geduld riß und er gegen sie, da sie aus der Residenz Güstrow nicht weichen wollte, rücksichtslos vorging, richtete sie ihre lauten Klagen über die Mecklenburger Grenze hinaus an Kaiser und Reich, an die fremden Mächte, an Freund und Feind, an Vornehm und Gering und entfaltete dabei eine staunenswerte, rastlose Tätigkeit.

In Wien vertrat als Nachfolger des Herrn Vom Holtz seit 1613 Jeremias Pistorius von Burgsdorff als bestallter ständiger Agent die Interessen beider Mecklenburg. Auf die Mitteilung Adolf Friedrichs vom Tode des Herzogs in Güstrow und dem die Interessen Schwerins und des Luthertums gefährdenden Testament erklärte der Gesandte sofort, mit allen seinen Kräften für Adolf Friedrich eintreten zu wollen. Ohnehin war er durch den eingetretenen Todesfall Johann Albrechts II. seiner Dienstpflicht gegenüber dem Güstrower Lande entbunden. Die Herzogin=Witwe aber, die ihn wohl als einen treuen Anhänger ihres

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 30 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Schwagers kannte, hat, soviel wir wissen, niemals einen Versuch gemacht, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Als er seines Herzogs Schreiben erhielt, war Pistorius grade im Begriff gewesen, nach Regensburg zum kaiserlichen Hoflager abzureisen. Er nahm nun dorthin die neue Aufgabe mit, eine baldige kaiserliche Bestätigung der von Adolf Friedrich ergriffenen Vormundschaft zu erwirken. Alles aber schien sich nach des Herzogs Wunsch gestalten zu sollen. Bereits am 11. Juni 1636 sandte Ferdinand II. aus Linz eine Erklärung nach Schwerin, die es bei der von Adolf Friedrich unternommenen Regentschaft bewenden ließ, der Gegenpartei zum Protest eine Frist von drei Monaten setzte, danach aber, falls kein Widerspruch erfolge, weitere günstige Schritte in der Richtung der erbetenen Konfirmation in Aussicht stellte. 1 )

Die der Herzogin gesetzte Frist verging, ohne daß sich jemand meldete. Adolf Friedrich konnte daher mit Recht glauben, seiner Sache sicher zu sein. Als am 28. September Pistorius dem Reichsvizekanzler Peter Heinrich von Stralendorf ein Memorial übergab, in dem auf Grund der seit dem 11. September verflossenen Frist um die ersehnte Bestätigung angehalten wurde, tat er es wohl in dem frohen Bewußtsein, seinem Herzoge in einer glücklichen Sache haben dienen zu können, deren schnelle Erledigung seinem Eifer alle Ehre machen würde. Das Memorandum wurde auch ohne alle Einwendung angenommen, und der Gesandte wartete nun auf die Ausfertigung der Bestätigung, was bei dem damals recht langsamen Gange aller Kanzleigeschäfte immerhin einige Wochen in Anspruch nehmen mußte. Aber Woche auf Woche verging, und es wurde November, ohne daß Pistorius eine Antwort erhielt. Er forschte nach, ob vielleicht inzwischen ein Protest der Gegenpartei eingelaufen war, aber er erfuhr nichts darüber. Er bat und trieb unablässig an, endlich die verheißene Bestätigung auszufertigen. Man beruhigte ihn immer wieder mit der Versicherung, daß am Hofe dem Testamente kein Wert beigelegt werde. Nur mangele es noch an dem Befehle zur Ausfertigung des Bestätigungsschreibens. 2 )

Noch rätselhafter mußte diese Verzögerung erscheinen, als Mitte Oktober Adolf Friedrich in einer anderen Angelegenheit zwei kaiserliche Mandate unter Ferdinands II. Hand und Insiegel


1) Abgedruckt: Inf. F. et J. Beilagen p. 1/2 Nr. I. David Francks a. a. O. p. 184 gemachte Angabe, der Kaiser habe am 11. Juni von Linz aus Adolf Friedrich zum Vormund bestätigt, ist also falsch.
2) Pistorius an den Herzog vom 29. November 1636. Vien.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 31 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

erhielt, in der indirekt seine Vormundschaft anerkannt wurde. 1 ) Der Herzog mußte aus ihnen schließen, daß der Kaiser ihr bereits die Bestätigung erteilt habe. Dringend bat er daher Pistorius um Übersendung des Schriftstückes, das er längst in dessen Hand wähnte. Er gab sorgfältig den Weg an, auf dem es ihm zugeschickt werden solle. Ja er kam auf die Vermutung, daß das Schreiben bei der damaligen Unsicherheit der Wege verloren gegangen sei. Doch dies für ihn so wichtige kaiserliche Mandat, das ihn endlich in den Besitz der Vormundschaft gesetzt hätte, war überhaupt noch gar nicht ausgefertigt worden. Beide, der Herzog und sein Gesandter, wußten damals noch nicht, was sich ihnen hemmend in den Weg gestellt hatte, wußten nicht, daß ihre anfangs von Erfolg gekrönten Bemühungen noch kurz vor Erreichung des Zieles durch die Maßnahmen der rastlos tätigen Herzogin zum Scheitern gebracht worden waren.

Eleonore Maria hatte im Herbst 1636 einen ihrer Anhänger, Kay Sehestett, an den König Christian IV. von Dänemark mit der Bitte um Unterstützung ihrer Rechte gesandt, aber der König hatte wenig Lust bezeigt, zu ihren Gunsten einzuschreiten. Erst auf Bitten des Herzogs Franz Albrecht von Sachsen=Lauenburg, des eifrigen Freundes und späteren Schwiegersohnes Eleonorens, ließ er sich, wie auch Herzog Friedrich von Holstein=Gottorp, zuletzt zu einer Vermittelung bereit finden. Er sandte im November 1636 seinen Kanzler Reventlow an Adolf Friedrich und machte ihm Vorschläge, die dahin gingen, daß Eleonore den jungen Prinzen bis zum fünften Jahre behalten, dann aber gehalten sein sollte, ihn herauszugeben. Adolf Friedrich war damit einverstanden, falls die Herzogin=Witwe genügende Bürgschaft gebe, daß der Knabe während der Frist nicht außer Landes geschafft werde, sondern bei ihr in Rostock bleibe.

Christian IV. fand dies "nicht gar unbillig" und erklärte, mehr könne er nicht verlangen. Eleonore Maria aber wollte davon nichts wissen. Sie verlangte unbedingte Unterstützung ihrer Ansprüche und lehnte jede Vermittelung ab, bei der sie nur verlieren könnte. Mit um so größerem Nachdruck beschloß sie jetzt ihre Angelegenheit in Wien zu betreiben. Sie hatte ihren Bruder, Christian von Anhalt, dazu vermocht, eine ausführliche Denkschrift an den Kaiser zu verfassen, in der er, nach


1) Es handelte sich um einen Prozeß mit einem Herrn von Buchwald, eine Mecklenburg=Güstrower Angelegenheit, die Adolf Friedrich nichts anging, wenn man ihn nicht als Vormund in Mecklenburg=Güstrow anerkannte. Cothmann an Pistorius 23. Oktober 1636.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 32 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Schilderung der Veranlassung des Streites, die Bitte aussprach, der Kaiser möge seine Schwester rechtlich hören und danach erst sein Urteil fällen. Wiewohl schon im August 1636 entstanden, kann sie kaum innerhalb der für Einlegung des Protestes festgesetzten Frist von drei Monaten in Wien eingelaufen sein, denn nach des Pistorius Bericht war die Stimmung des kaiserlichen Hofes während jener ganzen Zeit dem Herzog günstig. Auch haben wir keine Kunde davon, wann und wie sie an den Kaiser gelangt ist und ob Herzog Christian sie selbst übergeben hat. Aber schon in der ersten Hälfte des November finden wir diesen Fürsten in Regensburg tätig, um mit allen Mitteln die Ansprüche seiner Schwester durchzusetzen. Geld und gute Worte bei einem und dem anderen Mitgliede des Reichshofsrats haben dann wohl allmählich einen Stimmungsumschwung in der Frage der Güstrower Vormundschaft angebahnt. Vor allem und zuerst scheint Dr. Söldner beeinflußt worden zu sein, der die Ausfertigung der Bestätigung für Adolf Friedrich verzögerte und Zeit gewinnen half. Über alles dies ist der Kaiser Ferdinand II. vielleicht nicht mehr unterrichtet worden. Er starb schon am 15. Februar 1637.

Die Tatsache, daß nach dem Linzer Schreiben vom 11. Juni 1636 keine weitere Willensäußerung in der Mecklenburger Streitsache bis auf diese Zeit erfolgt ist, legt den Schluß nahe, daß Ferdinand II. bei seiner Auffassung zu gunsten Adolf Friedrichs trotz der gegenteiligen Auffassung seiner Umgebung verblieben ist.

Nicht war es Christian von Anhalt allein, dessen brüderlicher Eifer eine Umstimmung am Wiener Hofe bewirkte, wenn er auch den ersten Anstoß dazu gab. Vielmehr hat Eleonore Maria vieles selbst getan, eine Wendung herbeizuführen. Schon am 28. September 1636 wandte sich die Herzogin bittend und klagend an den Kaiser. Zugleich aber richtete sie Schreiben an die Kaiserin, die Kurfürstin von Bayern, an die Gemahlin Herzog Julius Heinrichs von Sachsen, an die Herzogin von Gonzaga, die großen Einfluß auf die Kaiserin ausübte, an die Gräfin von Schlick, die ihren Mann für die Sache der Mecklenburgerin gewinnen sollte, und endlich an eine Frau Poplin, der Herzog Franz Albrecht ganz besonderen Einfluß zuschrieb. 1 ) In ihren Schreiben ging Eleonore Maria von der Rechtsgültigkeit des Testamentes aus: an allen deutschen Fürstenhöfen gelte die Gewohnheit, die Bestimmungen eines letzten Willens allen andern


1) Die Witwe des ersten Fürsten Lobkowitz.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 33 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

vorgehen zu lassen. Johann Albrecht habe seinen letzten Willen bei klarem Verstande niedergelegt, und daher seien Adolf Friedrichs Handlungen als unerhört und widerrechtlich anzusehen. Die fürstliche Frau ging aber über all das wie über Selbstverständliches verhältnismäßig kurz hinweg. Mit feinem, weiblichen Instinkte verwandte sie alle Kraft darauf, das Bejammernswürdige ihrer Lage zu schildern, wie man sie, eine Witwe, wider alles Menschenrecht von ihrem Kinde trennen, wie man sie gewaltsam aus den schützenden Mauern der Residenz hinaus nach dem Witwensitz Strelitz vertreiben wolle, einem offenen, unbewehrten Orte. Damit aber setze man sie schwerer Gefahr aus, denn bei der Soldateska sei der Respekt auch gegen Fürst und Standesperson gesunken. Allerdings war dies nicht ganz der Wahrheit gemäß. Ausdrücklich hatte ihr Adolf Friedrich gestattet, ihrer persönlichen Sicherheit halber nach Rostock statt nach Strelitz zu ziehen. Aber man nahm es damals nicht so streng mit der Wahrheit. Auch der Herzog scheute sich nicht, gelegentlich eine Unwahrheit zu sagen, und in maßlosen Übertreibungen gefallen sich nach der Sitte der Zeit beide Gegner. Indes Eleonore suchte das Mitleid des Wiener Hofes mit der verfolgten, schutzlosen Witwe, wie den Unmut der fürstlichen Frauen wegen Verletzung der einer Herzogin schuldigen Rücksicht auf alle Weise zu erregen. Und mit Erfolg. Möglich, daß auch an Geschenken und Versprechungen nicht gespart wurde. Kurz, schon im Beginn des Jahres 1637 stand der Reichshofrat auf einem ganz anderen Standpunkte, als er ihn im Sommer des vorhergehenden Jahres eingenommen hatte. Und auf diesen wohlvorbereiteten Boden sandte die fürstliche Witwe nun den früheren herzoglich Güstrowschen Rat Johann Milden, ihren Glaubensgenossen, einen Mann, der nach dem Tode Johann Albrechts durch sein "unverantwortliches" Betragen Adolf Friedrich derartig verletzt hatte, daß dieser ihn hatte verhaften lassen. Doch war es Milden gelungen, wider gegebenes Wort seiner Haft zu entkommen und im Dienste des schwedischen Generals Baner eine Anstellung zu erlangen. Milden war wie kaum ein anderer geeignet, die Sache seiner Herrin zu führen. Persönlich verletzt von Adolf Friedrich, ein leidenschaftlicher Kalvinist, bot er seinen ganzen Scharfblick, seine rücksichtslose Entschlossenheit auf, um der Sache seiner Herrin und seines Glaubens zum Siege zu verhelfen. Es war gewagt, daß er unmittelbar aus schwedischen Diensten sich an den kaiserlichen Hof begab, aber er hatte sich mit Empfehlungsschreiben des Herzogs von Braunschweig und des fürstlichen Hauses Anhalt

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 34 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

zur Genüge ausrüsten lassen und trug zahlreiche andere Schreiben an einflußreiche Persönlichkeiten des Hofes, in denen er speziell beglaubigt wurde, bei sich, so an den englischen Gesandten Grafen Arundel und an den Vertreter der Niederlande Voppius von Aizema, welch letzterer bereitwillig seine Hülfe versprach. Milden befand sich am 20. Dezember in Regensburg. Er fand die Verhältnisse hier dermaßen günstig, daß er in einem an die Herzogin gerichteten Brief dringend davor warnte, sich in Verhandlungen mit Adolf Friedrich einzulassen.

Aber solange Ferdinand II. lebte, konnte Eleonore Maria an dem Erfolge ihrer Bemühungen zweifeln. Doch erreichte es Milden, daß ihm die Eingaben der Gegenpartei, mit Ausnahme des Linzer Dekretes, mitgeteilt wurden und daß man andererseits die Klagschriften der Herzogin dem Schweriner Vertreter in Abschrift aushändigte, daß also der Streit den Charakter eines Prozesses annahm. Vor allem aber gelang es ihm, der Mehrzahl der Reichs=Hofräte die Überzeugung beizubringen, daß nach dem Tode Johann Albrechts seine Witwe kraft des Testaments schon im Besitze der Vormundschaft gewesen sei.

Adolf Friedrich wollte dagegen auch den Schein, als ob er einen Prozeß zu führen gedenke, vermeiden. Er brachte keine Klage gegen seine Schwägerin ein, sondern ließ auf Rat des Pistorius durch ihn gegen ein prozessualisches Verfahren protestieren. Seine Forderung war lediglich auf Bestätigung seiner Vormundschaft gerichtet. Im übrigen schaltete und waltete der Herzog trotz aller beunruhigenden Nachrichten, die von Pistorius einliefen, im Vertrauen auf die Haltung Kaiser Ferdinands II. im Güstrower Lande als Regent und Vormund seines Neffen und ließ sich auch nicht durch die Umtriebe des Herzogs Franz Albrecht einschüchtern, der unaufhörlich schrieb, mahnte und persönlich bei dem Kurfürsten von Brandenburg, bei Johann Georg von Sachsen, bei dem Könige von Dänemark, dem Herzoge von Holstein und anderen wegen Unterstützung der Herzogin vorsprach, ja sogar den General Baner, als jener im Herbste 1636 mit seiner ganzen Armee in Mecklenburger Landen lag, um schwedische Hülfe für Eleonore Maria bat. Wenn Baner sich zunächst noch nicht einmischte, so war doch dieses skrupellose Vorgehen, das, unbekümmert um Landeswohlfahrt, die eigenen Interessen verfolgte, ganz dazu angetan, in Adolf Friedrich den letzten Rest von Rücksicht und Langmut zu ersticken. Schon früher hatte er der Herzogin=Witwe um sie zu bewegen, aus Güstrow zu weichen, jegliche Ausübung ihres Religionsbekenntnisses, auch den privaten Gottesdienst ver=

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 35 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

weigert, den er ihr nur auf ihren Leibgedingsämtern gestatten wollte. Nachdem er den kalvinistischen Kanzler Deichmann aus der Stadt verwiesen hatte, brach er am 27. Januar 1637 gewaltsam in die Gemächer der Herzogin ein und bemächtigte sich des kleinen Gustav Adolf, der vergeblich in dem Armen seiner Mutter Schutz suchte. Der junge Herzog wurde nach Bützow gebracht und hier mit den Kindern Adolf Friedrichs im lutherischen Glauben erzogen. Natürlich benutzte die Herzogin=Witwe diesen Gewaltakt, um von neuem gegen den verhaßten Schwager laute Klage zu erheben und das Mitleid für sich zu erwecken.

In diesem Augenblicke trat nun die entscheidende Wendung in dem mecklenburgischen Vormundschaftsstreite ein. Am 15. Februar 1637 schied Kaiser Ferdinand II. aus dem Leben. Sein Nachfolger Ferdinand III. nahm in dem Mecklenburger Vormundsstreit einen völlig anderen Standpunkt ein. Schon Ende Dezember 1636 hatte Milden der Herzogin die frohe Nachricht senden können, daß der junge deutsche König großes Mitleid mit ihrer Lage empfinde. Grade an ihn hatten sich die Fürsprecher der Herzogin mit der Bitte um Unterstützung gewandt. Herzog Christian von Anhalt war noch immer tätig, und nachweislich haben Herzog Julius Heinrich von Sachsen und seine Gemahlin für Eleonore Maria eifrig das Wort geführt. Der Reichshofrat war inzwischen zum größten Teil für sie gewonnen worden. 1 ) Auf Widerstand stieß Milden nur noch bei dem Reichsvizekanzler Peter Heinrich von Stralendorf, der, ein geborener Mecklenburger, dem Schweriner Herzoge geneigt war, und dann aus dessen Erklärungen, wie aus denjenigen des Kurfürsten von Sachsen sich die Auffassung gebildet hatte, daß auf Grund von Familienpakten und kaiserlichen Privilegien es keinem Mecklenburger Herzog gestattet sei, letztwillig einen fremden Fürsten, geschweige eine Frau zum Vormund für seine Kinder einzusetzen. Von Stralendorf betonte auch Milden gegenüber, daß Adolf Friedrich im Besitze sei, die Landschaft ihm gehuldigt, auch ein kaiserliches Dekret ihn bereits vorläufig anerkannt habe. Auch sei die Herzogin=Witwe mit ihrer Gegenklage zu spät gekommen. Schwerlich werde sich für sie etwas tun lassen. Als der Agent Eleonorens


1) Daß Mildens Angaben von der Übereinstimmung aller Räte in ihrer Parteinahme für Eleonore Maria nicht der Wahrheit entsprechen, bezeugt er selbst durch gelegentliche Bemerkungen, so in seinem Briefe vom 18. Februar 1637 an die Herzogin: "Es wird ein harter Knoten zu lösen sein. . . . Herzog Adolph hat etzliche Räte trefflich bestochen, die seine Partei so steif halten, daß es unaussprechlich ist."
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 36 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

ihm die Gründe auseinandersetzte, aus denen Herzog Adolf Friedrich von der Vormundschaft und Regentschaft ausgeschlossen worden sei, 1 ) und versicherte, daß keine Familienpakten gegen die weibliche Vormundschaft sprächen, meinte der Kanzler freilich, daß man in diesem Falle wohl der Herzogin die Vormundschaft, insbesondere die Erziehung ihres Sohnes nicht verweigern dürfe, doch müßte Adolf Friedrich die Verwaltung aller ungeteilten Hoheiten gelassen werden. Im allgemeinen glaubte nun Milden gewonnenes Spiel zu haben. Schließlich konnte ja der eine Mann, wenn auch in der ersten Stellung des heiligen römischen Reiches, das Kollegium, dessen Mehrheit sich für die Herzogin aussprach, nicht überstimmen.

Gegen Ende des Jahres 1636 hatte sich auch Herzog Franz Albrecht an den kaiserlichen Hof begeben, um die Sache der Herzogin zu führen. Sei es, daß der junge König gewisse Stimmungen und Auffassungen aus seiner näheren Umgebung am Hofe, wie es leicht erklärlich ist, für seine ersten Regierungshandlungen übernahm, sei es, daß er sich durch die Vorstellungen der Freunde und des Gesandten Eleonorens hatte überreden lassen, sei es, daß er von ihrem Rechte überzeugt war oder sich doch als Schirmer der Witwen und Waisen zeigen wollte: bereits am 11. Februar 1637 erging ein Mandat Ferdinands III. an den Herzog Adolf Friedrich, das ihm gebot, von jeder Gewalt gegen die Herzogin und ihre Dienerschaft abzustehen. Am 21. März erfolgte schon ein zweites Inhibitoriale, das dem Schweriner neue Gewalttätigkeiten verwies, ihn aufforderte, seinen Neffen der Mutter wieder zuzustellen und diese ruhig in ihrer Residenz, wie auch ihre Diener und Räte dort ungekränkt zu lassen, im übrigen aber das kaiserliche Endurteil zu erwarten.

Adolf Friedrich glaubte indes bei der damaligen politischen Lage, der kaiserlichen Majestät ungestraft Trotz bieten zu können. Er kümmerte sich nicht um die kaiserlichen Mandate, sondern ließ gerade damals seinen Neffen, der bisher noch in Güstrow verblieben war, nach Bützow bringen.

Man ist in der Hitze des Kampfes so weit gegangen, ihn zu verdächtigen, daß er das Kind an einen ungesunden und durch seine Sumpfluft gefährlichen Ort habe bringen lassen, um sich so seiner zu entledigen. Was an diesem Vorwurf ist, lehrt jedoch die Tatsache, daß seine eigenen Söhne in Bützow erzogen


1) Hier können, wenn auch sicherlich in starker Übertreibung ihrer Bedeutung, nur die alten, zwischen Adolf Friedrich und seinem Bruder noch schwebenden Streitsachen gemeint sein, auf die auch das Testament fußt.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 37 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

wurden. Der junge Herzog wurde bald darauf schwer krank, Adolf Friedrich gestattete jedoch außer der Mutter weder ihren fürstlichen Verwandten noch ihren Bedienten, die sich nach dem Befinden erkundigten, den Zutritt zu dem Knaben. Wohl nicht ohne Grund hegte der Herzog den Argwohn, daß man diese Besuche zur Entführung des Kindes benutzen könne, das ja nach den beiden letzten kaiserlichen Edikten Eleonore Maria übergeben werden sollte. Daß diese und andere Vorkommnisse den Gegensatz immer mehr verschärften, liegt auf der Hand. Und wenn bei einem solchen peinlichen Auftritte in Bützow auf Seiten der Beamten Adolf Friedrichs der Ausruf gefallen sein soll: "Wenn zwanzig Fürsten dahin kämen und hundert kaiserliche Mandate mit sich brächten, so werde ihr Herr doch nicht parieren, noch sich von seinem Rechte abdringen lassen", 1 ) so ist dies sehr wohl glaublich und für des Herzogs Anschauung äußerst bezeichnend. Die Zeit war hart und der Schweriner Herzog ein leidenschaftlicher Mann. Ganz besonders erbittert war Adolf Friedrich gegen Franz Albrecht von Sachsen, der sich in seinem Eifer für die Sache der Herzogin dazu hinreißen ließ, Unwahrheiten über ihn zu verbreiten, und unter anderm behauptet hatte, Ritter= und Landschaft seien von Adolf Friedrich zur Huldigung gezwungen worden. Adolf Friedrich zieh ihn nicht nur öffentlich der Lüge, sondern verbot ihm auch den Durchzug durch Bützow und den Aufenthalt in Güstrow, wo er vorher ohne Erlaubnis im Schloß Wohnung genommen hatte.

Unter dem Eindruck der immer neu einlaufenden Klagen entschloß sich der Kaiser, mit noch größerer Entschiedenheit gegen den Herzog aufzutreten. Seine nächsten drei Dekrete an Adolf Friedrich vom 1. April, 4. und 19. September schlugen einen schärferen Ton an und setzten ihm zugleich zwei und dreimonatige Fristen, vor deren Ablauf er alles, was er zur Begründung seiner Handlungsweise und seiner Forderungen vorbringen könne, einsenden solle.

Doch Adolf Friedrich, überzeugt von seinem Recht, unterwarf sich nicht, sondern entschloß sich, seinen Hofjunker Chr. August von Rohr mit einer "Gegennotdurft" an den kaiserlichen Hof zu senden. Er war jedenfalls durch seinen Vertreter davon unterrichtet worden, daß die Mitglieder des Reichshofrates, trotz ihrer Neigung für Eleonore, doch noch manches Bedenken hegten. Es waren besonders drei Tatsachen, an die sie sich stießen: das


1) Inf. F. et J. p. 103.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 38 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

warme Eintreten Johann Georgs von Sachsen für Adolf Friedrich, die einmütige Haltung der mecklenburgischen Ritter= und Landschaft und vor allem der Umstand, daß Kurbrandenburg die ihm durch das Testament angebotene Vormundschaft abgelehnt hatte. Milden drängte daher bei seiner Herrin immer wieder darauf, diesen letzten eigentlichen Stein des Anstoßes nach Möglichkeit bei Seite zu räumen und den bedeutenden Einfluß Brandenburgs für sich nutzbar zu machen. 1 ) Die Herzogin=Witwe wandte sich daher an den Kurfürsten Georg Wilhelm und bat ihn, die Ablehnung der Mitvormundschaft derart zu begründen, daß sie keinesfalls eine Anerkennung des Rechtes Adolf Friedrichs einschließe. Der Kurfürst gab am 28. Februar 1637 ihrem Drängen und Bitten nach, indem er sich beim Kaiser in einem übrigens sehr vorsichtig gehaltenen Schreiben günstig für die Herzogin aussprach. 2 ) So gute Wirkung dieses Schreiben auch für die Witwe hatte, Adolf Friedrich hoffte damals auf eine viel wirksamere Weise des Kaisers Gunst, die sein Ungehorsam in dieser Streitsache verscherzt hatte, wiederzugewinnen. In der Ausnutzung einer neuen Gelegenheit, die sich ihm bot, einen unmittelbaren Frieden zwischen den kämpfenden Parteien zu vermitteln, schien ihm die Möglichkeit gegeben, den ersehnten Frieden zu erlangen und sich dadurch große Verdienste um Kaiser und Reich zu erwerben.

 


 


1) Milden schrieb am 4. Februar 1637 an Eleonore Maria: "Wenn's zu erhalten eine Möglichkeit wäre, wollen Euer Fürstlichen Gnaden sich äußerst bemühen, daß Kur=Brandenburg nur einmal an Ihre Majestät deswegen schreiben und Euer Fürstlichen Gnaden Sach recommandieren möge, es ist unsäglich, wie viel solches Euer Fürstlichen Gnaden fürtragen und für Herren Adolph setzen würde". A. T. Vol. VIII, Fasc. II, Vol. II, pars 1.
2) A. T. a. a. O. Nr. 56.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 39 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

3. Kapitel.

Herzog Adolf Friedrichs Friedensvermittelungsversuche 1637 und 1638.

In der Zeit, die dem Kongreß zu Münster und Osnabrück vorausgeht, sind die verschiedensten Versuche gemacht worden, einen Frieden zwischen dem Hause Habsburg und Schweden herbeizuführen. 1 ) Auch Herzog Adolf Friedrich hatte sich schon im November 1635 auf ein solches Unternehmen eingelassen und, vom schwedischen Reichskanzler aufgefordert, die Vermittlerrolle übernommen. 2 ) Die Unterhandlungen kamen jedoch im Sommer 1636 ins Stocken. 3 ) Auch an einem ähnlichen Versuche, den Brandenburg vom Mai 1636 bis zum August 1637 durch den Markgrafen Sigismund machte, war er beteiligt gewesen, aber jener verlief ebenfalls ohne Erfolg. Bald aber gestalteten sich die Aussichten für den Frieden günstiger.

Nach dem Tiefstande seiner Macht 1635 begann sich Schweden seit dem glücklichen Gefecht bei Dömitz am 1. November n. St. 1635 und dem Waffenstillstande von Stuhmsdorf allmählich aber stetig wieder zu erholen, und seit dem Wittstocker Siege im September 1636 war der alte Glaube an das Waffenglück der schwedischen Macht wieder lebendig geworden. Doch war man sich im schwedischen Lager gleichwohl bewußt, daß die Tage Gustav Adolfs vorüber seien, und es ist ein Kennzeichen großer


1) Alle in diesem Kapitel angeführten Aktenstücke finden sich in den "Acta, die Friedensverhandlungen während des dreißigjährigen Krieges in Deutschland betreffend". Fasc. 2 Ex Archivo Suerin. (Abgekürzt A. F.) Vgl. Odhner, Die Politik Schwedens im westfälischen Friedenskongresse; p. 51 ff Gotha 1877.
2) Odhner a. a. O. p. 30/31. - Khevenhiller, Ann. Ferdinand II., Tom. XII, p. 1982 f., Chemnitz, Gesch. des schwedischen Krieges in Deutschland, III. Teil, Kap. II, III und XI. - Pufendorf, Schwed. Gesch. VII, § 105 ff. und VIII, § 49 und 77. - Londorp, Acta Publica, IV. Teil, Buch III, Kap. 51-71 (p. 523-553). Nach Londorp de Beehr, Rerum Mecklenburgicarum, lib. VII, Kap. III, pag. 1312-1318.
3) Im November 1636 verhandelte Adam Heinrich Penz als Gesandter des Herzogs Adolf Friedrich mit Baner über die Wiederaufnahme der Friedenstraktaten. Vgl. Baners Bericht R. A. O., B. VI, p. 350. S. 350. - Über den Anteil, den Hans Georg v. Arnim an den Verhandlungen im Sommer 1636 hatte, vgl. Irmer, H. G. v. Arnim S.334.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 40 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Klugheit der Reichsregierung, daß sie, voran A. Oxenstierna, entschlossen war, sich lieber durch einen vorteilhaften Frieden einen Teil der eroberten Gebiete zu sichern, als das Ganze noch einmal der Entscheidung des Schwertes anzuvertrauen. So hat Schweden auch in seinem eigenen Interesse in diesen Jahren eine Beendigung des Krieges angestrebt. Und wenn es zu weiteren Kämpfen gezwungen wurde, in denen ihm noch große Erfolge beschieden waren, so verdankt es den reichen Siegespreis, den es zuletzt davontrug, nicht am wenigsten der verfehlten Politik des Gegners, der, anstatt realen Erwägungen zu folgen, in abenteuerndem Hochmute alles von der Entscheidung des Schwertes erwartete. Das Schicksal hat hier die Kurzsichtigkeit gestraft und eine kluge Mäßigung durch reiche Erfolge belohnt. 1 )

Wenn die österreichische Politik im Jahre 1637 jeden Friedensgedanken weit von sich wies, so lag der Grund offenbar in dem Umstande, daß sich die Lage auf dem Kriegsschauplatze zu Gunsten Habsburgs geändert hatte. Baner, der nach dem Siege bei Wittstock einen verheerenden Zug nach Thüringen, Hessen und Sachsen unternommen hatte, mußte im Sommer 1637 vor der Übermacht der Kaiserlichen und ihrer Verbündeten nach Pommern zurückweichen und die Verbindung mit Wrangel jenseits der Finow suchen. 2 )

Überall drangen die kaiserlichen Truppen nach Norden vor. Wohl wußte sich Baner der drohenden Einschließung zu entziehen, aber während er sein ermattetes Fußvolk um Stettin sammelte, bemächtigten sich die Kaiserlichen unter Gallas des größten Teiles von Pommern und Mecklenburg. 3 )

Herzog Adolf Friedrich, der eine neue Verwüstung seines Landes vor Augen sah, sandte den Schweriner Regierungsrat B. Plüskow und Joh. von Berg an den kaiserlichen Generalissimus und ließ um möglichste Schonung für sein Land bitten.

Als Plüskow nach Güstrow heimkehrte, brachte er die überraschende Nachricht mit, daß Gallas zu Friedensverhandlungen ermächtigt sei und wünsche, Adolf Friedrich möchte die Vermittlerrolle übernehmen. Der schwedische Resident Grubbe und vor kurzem auch noch der Feldmarschall Wrangel hatten bereits


1) Es ist ein Verdienst Odhners a. a. O. Kap. I u. Kap. III dieses aus nüchterner Überlegung entstandene Friedensstreben der schwedischen Diplomatie erwiesen zu haben.
2) Barthold, Gesch. des großen deutschen Krieges vom Tode Gustav Adolfs. (Stuttgart 1843.) II. Teil. Das Urteil ist einseitig parteiisch. Nur als reichhaltige Materialiensammlung ist das Werk noch benutzbar.
3) Pufendorf Suec. IX § 14. Barthold a. a. O.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 41 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

ein Gesuch um Vermittelung an den Herzog gelangen lassen, aber jener hatte ihm Folge zu leisten Bedenken getragen, da er auf ein Entgegenkommen der Kaiserlichen nicht glaubte rechnen zu können. Unter den günstig veränderten Verhältnissen rieten ihm jetzt die Güstrower Regierungsräte, den Antrag in Erwägung zu ziehen und baten ihn zugleich, er möge in die Nähe kommen, um über "dieses hochwichtige Werk" Rats zu pflegen. 1 )

Als der Herzog ihrer Bitte nicht nachkam, sandten sie schon Tags darauf, am 12. September, den Kapitän G. Christian Rheiner mit einer von ihnen selbst im Namen des Herzogs abgefaßten Instruktion an Baner und Wrangel ab, in der der Vorschlag zu einer Friedensvermittelung von dem Herzog gemacht und zugleich die Schonung der mecklenburgischen Lande sowie Exemtion der beiden Residenzen und einiger anderer Ämter als Vorbedingung gefordert wurde. 2 )

Man wird die ganze drängende Not der Zeit in Berücksichtigung ziehen müssen, um die Fälschung zu entschuldigen, deren sich jene Männer schuldig machten, da sie im Interesse des erstrebten Friedens den Herzog zu raschem Eintritt in die Friedensvermittelung geradezu zwangen. Wohl waren sie nächst ihm mit der Sorge für das Landeswohl, nicht nur für das des Güstrower Teiles, betraut, aber sie waren persönlich nicht wie der Fürst vor den Gefahren dieser fürchterlichen Zeit geschützt. 3 ) Kein Wunder, wenn sie es für notwendig halten, über den Kopf ihres Herrn hinweg die Verhandlung zu beginnen, um den Frieden, der dem Lande Mecklenburg Erlösung von erneuter Verwüstung verhieß, herbeizuführen.

Kein Weg war im Lande sicher. Beim besten Willen konnte Adolf Friedrich Schwerin nicht sobald verlassen. Von Stunde zu Stunde wurde die Lage drückender, denn Baner rückte heran. Kaum blieb den besorgten Räten, denen die Angst um Leib und Leben die Feder führte, während sie für das Wohl der Heimat arbeiteten, etwas anderes übrig, als eigenmächtig den entscheidenden Schritt zu wagen, zumahl sie überzeugt waren, daß der Herzog mit dem Plane nicht unzufrieden seien werde.

Daß Adolf Friedrich nichts lieber sah, als solche Friedensverhandlung zwischen den streitenden Mächten, und nichts sehn=


1) . . . an den Herzog, 11. September 1637.
2) Die dritte Residenz Bützow ist hier nicht erwähnt.
3) Wenn sie auch für ihn sein Regiment in Güstrow führten, so zog er sie doch bei allen wichtigen Anlässen zur Beratung heran; besonders der Kanzler Cothmann stand ihm nahe, ja er war geradezu des Herzogs rechte Hand, wie er denn fast alle Instruktionen und andere Schriftstücke aufsetzte.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 42 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

licher wünschte, als selbst das Werk fördern zu können, das beweisen die schon erwähnten früheren Versuche, die er in dieser Richtung unternommen hatte. Er hoffte, auf diesem Wege schnell allem Elende Mecklenburgs ein Ende zu machen und sich den Dank zugleich des unglücklichen deutschen Vaterlandes zu erwerben. Aber gerade das Scheitern jener Versuche mahnten ihn zu Vorsicht und Zurückhaltung. Man hatte Sich daher am Schweriner Hofe nicht ganz so eilig für die Anträge der Räte entscheiden können. Es galt doch das "Für" und "Wider" abzuwägen. 1 ) Auf der einen Seite hoffte man, daß die Vermittelung den Herzog mit beiden kriegführenden Parteien in nahe Verbindung bringen werde, und daß sie, um ihn sich wohlgeneigt zu erhalten, alles tun würden, sein Land zu schonen. Überließ man die Vermittelung anderen Fürsten, war dann nicht zu befürchten, daß Mecklenburg und sein Fürstenhaus stark zur Entschädigung Schwedens herangezogen werden würden, da nach ausdrücklicher Erklärung der Schweden der Feldzug Gustav Adolfs zum guten Teile auf die Wiedereinsetzung der Herzöge gerichtet gewesen war? 2 )

Schon um dieser Gefahr zu begegnen, schien es am besten, wenn Mecklenburg sich durch die Vermittelung die streitenden Mächte zum Danke verpflichtete. Gegen den Eintritt in die Verhandlungen sprach aber zunächst die Tatsache, daß Kurbrandenburg doch ausdrücklich vom Kaiser mit der Vermittlerrolle betraut worden war. Ohne besonderen Auftrag Ferdinands III. erschien daher das Anknüpfen von Friedensverhandlungen bedenklich. Und Gallas hatte keine ausdrückliche Vollmacht vorgezeigt. Er bekannte selbst bald darauf, eine solche nicht zu besitzen. Seine Erklärungen konnte lediglich seine persönliche Neigung zum Frieden diktiert haben. Von den Schweden brachte Rheiner auch nicht mehr als freundliches Entgegenkommen. Sie erklärten gleichfalls, Vollmachten zur Unterhandlung über den Frieden von ihrer Regierung nicht erhalten zu haben, wenn sie auch versicherten, daß die Krone einen angängigen Frieden nicht ausschlagen werde. 3 ) Das Schlimmste aber war, daß die Annahme


1) Beweis dafür ist ein bei den Akten befindlicher halber Bogen ohne Namen und Datum, auf dem die Gründe für und wider dargelegt sind. Im Folgenden ist der Inhalt kurz wiedergegeben.
2) Diese Erwägung hat sich im westfälischen Frieden als nur zu wahr bewiesen.
3) Baner selbst scheint kaum recht an erfolgreiche Friedensverhandlungen mit dem Kaiser geglaubt zu haben. Vgl. R. A. O., B. VI, p. 489 u. 514 f.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 43 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

eines dem Feinde auch nur unnachteiligen Friedens von Österreich nicht erwartet werden konnte. Denn man kannte die Politik des Wiener Hofes.

Diese und andere Erwägungen hielten den Herzog Adolf Friedrich von der Annahme der Vermittlerrolle zurück. Er schrieb an Gallas vorsichtig und ausweichend. Aber noch an dem selben Tage, am 18. September 1637, hat er sich zum Zeichen, wie sehr ihn der Plan wieder anregte, an die beiden Bevollmächtigten Schwedens auf deutschem Boden, an Steno Bielke, den Gouverneur in Alt=Stettin, und an Joh. Adler Salvius in Hamburg gewandt und angefragt, ob Schweden ernstlich geneigt sei, die Hand zum Frieden zu bieten. Salvius antwortete umgehend. Er schickte zum Beweise, daß es Schweden Ernst mit seinen Verhandlungen sei, seine Vollmacht ein. 1 ) Zugleich aber stellte er als Vorbedingung für die Verhandlung an den Herzog das Ansinnen, den Kaiser dahin zu bringen, daß er einen Spezialgesandten mit unzweifelhafter Machtbefugnis und klarer Instruktion zu diesem Zwecke abfertige, da sonst aller Zeit= und Kostenaufwand vergeblich bleiben werde.

Während die im Auftrage Brandenburgs von dem Markgrafen Sigismund geführten Verhandlungen ohne Aussicht auf Erfolg blieben, trat Adolf Friedrich nun in ein Unternehmen ein, dem seine Person in der Tat eine gewisse Bürgschaft auf glücklichen Ausgang zu gewähren schien. 2 ) Denn eine schnelle


1) Auszug aus der Vollmacht des Salvius, gegeben in Stockholm 24. April 1637. - ". . . . In mandatis propterea dedimus ac commisimus, sicuti et vigore harum in mandatis damus ac committimus Nostro consiliario . . . .Dn. Joh. Salvio . . ., eique plenam ac tantae rei sufficentem potestatem tribuimus, ut si aliqua occasio cum Caesarea Maiestate Eius tractandi offeratur, eam nomine Nostro decenter acceptet; et iis, quos Caes. Maiestas Sua ad hanc rem legitimis ac sufficientibus mandatis ac plenipotentia instructos constituit aut imposterum constituere poterit, commissariis, vel ipse, vel per subdelegatos suos congrediatur, tractet, agat ac statuat de viis, mediis ac conditionibus omnibus quibus propositus utrinque scopus, amicitiae nimirum ac pacis redintegratio obtineri ac stabiliri possit. Quidquid igitur dictus legatus Noster cum alterius partis commissariis aut eorum subdelegatis in hunc finem sive per se, sive per suos subdelegatos tractaverit, egerit et statuerit, id Nos omni meliori modo ratum gratumque habituras vigore Eorum Regia ac inviolabili fide promittimus . . . . ."
2) Salvius an Herzog Adolf Friedrich, 23. September 1637: "Markgraf Sigismund, f. Gn., haben zwar eine Vollmacht, aber nur ad praeparatiora und doch darin nicht weiter als ad locum et tempus.
(  ...  )
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 44 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Beendigung des Krieges war seit langem das dringendste Bedürfnis für Mecklenburg, das nur im Frieden wieder erträgliche wirtschaftliche Zustände gewinnen konnte. Des Herzogs eigenstes Interesse forderte den Friedensschluß. Hintergedanken waren von ihm nicht zu befürchten. Und indem man seine Person als Vermittler wählte, vermied man den leidigen Aufschub und die Gefahr, wie sich das eben bei dem brandenburgischen Vermittelungsversuche gezeigt hatte, in den Vorbereitungen stecken zu bleiben. Da man von den früher erwähnten Verhandlungen, die Adolf Friedrich im Jahre 1635 wegen einer Vermittelung zwischen Schweden und Sachsen geführt hatte, ausging, und die Punkte, über die damals schon eine Einigung erzielt worden war, als erledigt betrachtete, so war man eigentlich schon mit Hülfe des Herzogs beim Beginn über die Hälfte des schwierigen Weges dem Ziele nahe. Denn man konnte sogleich in die Beratung über die drei Hauptpunkte eintreten, die, bisher unerledigt, in der Satisfaktion Schwedens, der Befriedigung der Soldateska und einer allgemeinen Amnestie bestanden. Wiederholt ließ auch in der nächsten Zeit die schwedische Regierung dem Herzog versichern, daß ihr niemand lieber zur Anknüpfung der Friedensverhandlungen sei als gerade er. 1 ) Noch Mitte Mai 1638 wurde zum Beispiel von schwedischer Seite versichert, daß, ob auch Dänemark und Venedig sich als Vermittler angeboten hätten und angenommen worden seien, man in Schweden den mecklenburgischen Herzog doch gern dabei behalten möchte, da er früher im Jahre 1635 "das Fundament gefaßt habe und der Sachen zum Besten kundig sei." 2 ) Es ist daher, auch ohne Berücksichtigung ähnlicher Versicherungen des Kaisers, nicht richtig, wenn Odhner sagt: 3 ) "Unter allen Friedensvermittlern, die zu Ende des Jahres 1636 ihre Dienste anboten, begegnete die schwedische Regierung keinem mit größerem Vertrauen als dem Herzog August von Braunschweig=Lüneburg. 4 )


(  ...  ) Was nun damit in 6 Monaten hero vor edele Zeit vergebens zugebracht worden, ist E. f. Gn. nicht unbekannt. Wir hoffen also wenig gutes mehr von dannen."
1) Salvius an den Herzog am 24. Jan./3. Febr. 1638, am 30. März/9. April 1638, Relation zur Neddens am 18./28. Mai 1638 A. F.
2) Nach der erw. Relation zur Neddens, 18./28. Mai 1638.
3) a. a. O. p. 55.
4) Durch die völlige Unkenntnis dieser zweiten wichtigen Teilnahme Adolf Friedrichs an der Friedenspolitik wird Odhners lichtvolle Darstellung teilweise (p. 55 ff.) unklar und schief, wenn er auch die Wirksamkeit der Herzöge von Sachsen=Lauenburg betont, die neben der mecklenburgischen verläuft und sie überdauert.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 45 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Im Interesse seiner Vermittelung sandte der Herzog Adolf Friedrich den Regierungsrat Hartwig von Passow und den Kanzler Cothmann in den ersten Tagen des November 1637 an Gallas. Die Folge war, daß der kriegsmüde General einen höheren Offizier mit dem mecklenburgischen Vermittelungsvorschlage nach Wien schickte, um den Kaiser für ihn zu gewinnen. Und als bald darauf die Nachricht kam, daß der Reichsvizekanzler Dr. Graf Kurtz nach Norden unterwegs sei, da war das wohl die beste Unterstützung, die Adolf Friedrich im Augenblicke seiner Sache wünschen konnte. Alle Welt verfolgte diese Reise, die schnell auch in Frankreich, England und Holland bekannt wurde, mit der größten Spannung. Das Gerücht ging, Graf Kurtz sei zu Friedensunterhandlungen abgesandt worden. Niemand wußte freilich etwas Bestimmtes über seine Sendung. Aber der Herzog glaubte, jener sei vom Kaiser hauptsächlich an ihn abgefertigt. 1 )

Inzwischen wurden diese kaum angebahnten Unterhandlungen durch den drohenden Abschluß eines neuen französisch=schwedischen Bündnisses schwer gefährdet. Der schwedische Reichskanzler war im Jahre 1636 zu Wismar mit dem Franzosen St. Chaumont über ein Bündnis einig geworden, dem er jedoch aus klugen, politischen Gründen bisher die schriftliche Bestätigung vorenthalten hatte. 2 ) Einige Wochen vor dem Auftauchen des mecklenburgischen Projektes nun war Salvius aus Schweden die Ratifikation gesandt worden mit dem Befehl, sie dem französischen Gesandten in Hamburg Grafen d'Avaux "in Gottes Namen" auszuliefern, weil man sie ein und ein halbes Jahr vergeblich zurückgehalten habe. Wohl waren noch einige Einwürfe zu erledigen gewesen, aber jetzt mußte die letzte Erklärung der beiden Kronen täglich erfolgen. Von der Auslieferung des Ratifikationsinstrumentes aber hing es ab, ob Frankreich und Schweden fortan gemeinsam oder getrennt verhandeln würden. Im ersteren Falle war Adolf


1) Im Postscr. lit. Adolf Friedrichs vom 27. November 1637: "Kais. Majestät hat einen eigenen Legatum, den H. Gr. Kurtz zu Beförderung der Friedenstraktaten von dero Hof abgeschickt, welcher in gar kurzem zu uns gelangen wird."
2) Oxenstierna hatte sich (1636) bewegen lassen, in Wismar einen neuen Bundesvertrag mit Frankreich zu schließen. Dieser Traktat wurde jedoch so wenig als der in Compiègne 1635 verabredete von der Regierung ratifiziert; der Kanzler wollte nämlich durch diese Verträge dem Feinde zeigen, daß die alte Freundschaft zwischen Schweden und Frankreich noch ungeschwächt bestünde, aber er wollte nicht, daß Schweden sich definitiv mit Frankreich verbände, ehe jede Aussicht auf einen vorteilhaften Separatfrieden dahin wäre.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 46 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Friedrichs Vermittelung und überhaupt die Hoffnung auf schnelle Beendigung des Krieges als gescheitert anzusehen.

Wenn Salvius als Trost dagegen geltend machte, daß diese Verbindung zweier Großmächte die Gegenpartei nur um so schleuniger zum Frieden treiben werde, so wußte dieser scharfblickende Mann wohl selbst am besten, daß das nichts als eine diplomatische Phrase war. Der Schweriner Herzog drang dagegen eifrig in Salvius, die Ratifikation zurückzuhalten und ließ zugleich durch den schwedischen Rat und Hofmarschall Ad. Heinrich Pentz neue Friedensvorschläge an Axel Oxenstierna gelangen. Er wies insbesondere Salvius darauf hin, daß Gallas wegen der Schweriner Vermittelung nach Wien gesandt habe, und bat, diese neue, erfolgversprechende Möglichkeit der Übereinkunft der schwedischen Reichsregierung zu berichten. Salvius fand des Herzogs Gründe so durchschlagend, daß er fürs erste von der Aushändigung der Ratifikationsurkunde Abstand nahm und, wie erwähnt, seine Vollmacht an den Herzog sandte, um zu erkennen zu geben, daß er allein imstande sei, falls es zu Verhandlungen käme, für seine Regierung den Frieden abzuschließen. Als nun die Reise des Reichsvizekanzlers von Wien nach Norden bekannt wurde, ohne daß der Schleier über ihren Zweck und ihr Ziel sich lüftete, gelangte auch er zu der Überzeugung, daß es den Kaiserlichen dieses mal mit dem Frieden ernst sei. Er hielt es nun ebenfalls für das beste, wenn Graf Kurtz ankäme, unter mecklenburgischer Vermittelung unmittelbar mit dem kaiserlichen Vizekanzler zu verhandeln und abzuschließen. Als Ort schlug er Lübeck vor. So wurde den Franzosen, deren Interessen zu vertreten das nordische Reich bis zu allerletzt nicht die geringste Lust hatte, noch im letzten Augenblick von den Schweden gezeigt, daß man auch ohne sie zum Frieden mit dem Kaiser gelangen könne. Aber Eile tat not. Salvius wurde von allen Seiten, nicht nur von Frankreich, zur Auslieferung des Ratifikationsinstruments gedrängt. Immer größere Versprechungen machte ihm d'Avaux, nur um das Bündnis zum Abschluß zu bringen. Salvius geriet in eine schwierige Lage. Er legte daher dem Herzog nahe, durch einen Kurier den Grafen Kurtz um Beschleunigung seiner Reise bitten zu lassen.

Die fürstlichen Räte in Güstrow fanden das bedenklich. Sie machten mit Recht darauf aufmerksam, daß man noch gar nicht sicher wisse, ob Kurtz mit einem Auftrage nach Mecklenburg kommen werde. Diese Männer bewiesen also eine größere Ruhe und Besonnenheit als der schwedische Diplomat. Als Adolf

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 47 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Friedrich im Einverständnisse mit ihnen wenigstens bei Gallas anfragte, wohin sich Kurtz begeben werde, erhielt er die lakonische Antwort, der Reichsvizekanzler sei in Berlin, und ob er ins Lager komme, sei noch zweifelhaft. Tags darauf (18./28. Dezember 1637) freilich kam dann doch aus dem kaiserlichen Hauptquartier, damals bei Loitz, die Nachricht, daß Graf Kurtz dort eingetroffen sei. Der Herzog nahm das für ein günstiges Zeichen. Sogleich sandte er in das kaiserliche Lager und beeilte sich, Salvius von dieser Sendung in Kenntnis zu setzen.

Dieser trieb nur immer zur Eile an und bat zugleich, wenn etwas aus dem mecklenburgischen Plane werden solle, Hamburg statt Lübeck als Ort der Verhandlung zu wählen. Er fügte hinzu, ein Bürger der Stadt halte für Kurtz schon eine passende Wohnung bereit. Zunächst aber solle jener seine Vollmacht vorweisen. 1 )

Um einen Druck auf den kaiserlichen Gesandten auszuüben und ihn zu rascherem Eintritt in die Verhandlung zu veranlassen, appellierte jetzt Adolf Friedrich bei Gallas und dem Reichsvizekanzler nicht mehr, wie früher, nur an die kaiserliche Friedenssehnsucht, sondern faßte dort an, wo er allein auf Empfindlichkeit und Empfänglichkeit stoßen konnte: Er wies auf die bevorstehende französisch=schwedische Allianz und auf ein damals schwebendes weiteres Bündnisprojekt zwischen Schweden, Frankreich, England und Holland hin. Aber alles war umsonst. Die vom Grafen Kurtz den mecklenburgischen Gesandten erteilte Antwort, die in den Akten nicht enthalten ist, muß nichtssagend gewesen sein. Sie bezeichnen sie als zu allgemein und zu unbestimmt gehalten. Und bald danach ging der Reichsvizekanzler, von dem man so viel erwartet, dessen Bewegungen Furcht und Hoffnungen begleitet hatten, zurück, ohne ein Wort vom Frieden gesprochen zu haben. 2 ) Übrigens schrieb Salvius


1) Seine Schreiben, die die Lage besonders klar erkennen lassen, siehe im Anhange I.
2) Bei Ohdner findet sich, wie gesagt, von dem allen keine Spur. Er scheint die erste Reise des Grafen Kurtz garnicht zu kennen, sonst hätte er sie nicht übergangen, zumal auch Pufendorf sie bespricht. (Vgl. Pufendorf IX, § 62.) Dort erfahren wir einiges über die Mission des Grafen. Er sollte Winterquartiere besorgen. Was er weiter bei Kurbrandenburg wollte, wissen wir nicht. - Salvius schreibt an den Herzog am 21./31. Januar 1638: "Von Graf Kurtzen Commission ist nicht allein das ganze Reich, sondern auch alle umliegende Königreiche vollgewesen Jetzt ist er davon nach Wien, da er herkommen, und hat nicht ein Wort vom Frieden, sondern nur wie hiesige evangelische Stände je länger
(  ...  )
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 48 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

später 1 ) die Schuld daran, daß diese erste Reise des Grafen Kurtz, der schon damals, wie alle Welt wisse, Vollmacht gehabt habe, vergeblich, ja "ohne jeden Anfang" gewesen sei, der "Schulfuchserei" des brandenburgischen Grafen Schwarzenberg zu, der den kaiserlichen Reichsvizekanzler von "seiner guten Intention" mit dem Vorgeben abgebracht habe, man brauche keinen Frieden mit Schweden, da man sie schon im Sack habe!

Daß Schweden seit langem nicht mehr viel Hoffnung auf die habsburgische Friedensfreudigkeit setzte, haben wir gesehen. Es hatte sich entschlossen, die Ratifikation übergeben zu lassen, und war wohl dem Zögern seines Gesandten deshalb noch nicht entgegengetreten, weil es noch günstigere Bedingungen von Frankreich erpressen zu können hoffte, und weil es die äußerste Gelegenheit, einen Separatfrieden mit Österreich zu erreichen, nicht unversucht lassen wollte. 2 )

Jetzt mußten diese Rücksichten fallen. Man konnte nach der Haltung, die der Gegner eingenommen hatte, nicht mehr an Österreichs Ernst zum Frieden glauben. Von Frankreich hatte man, was man erhalten konnte. Den Bogen nutzlos zu überspannen, wäre eine Torheit gewesen, die sich Schwedens Lenker und Vertreter damals nicht zu schulden kommen ließen. Bisher hatte Salvius immer wieder durch Erhebung von allerhand Schwierigkeiten sowohl bei der Regierung in Schweden als beim französischen Gesandten in Hamburg nicht ohne Mühe die Auslieferung der Ratifikation aufgeschoben in der unzweifelhaften Hoffnung, die Gegenpartei werde endlich ernst machen und die Hand zum Frieden bieten. In dieser Hoffnung war Salvius von verschiedener Seite hohen Orts bestärkt worden. Die Tatsache, daß aber nun seit so langer Zeit keine befriedigende Erklärung des Kaisers erfolgt war, hatte die Reichsregierung in dem lange gehegten Verdacht bestärkt, daß die Wiener Politik nur dahin strebe, Zeit zu gewinnen und Frankreich und Schweden auseinanderzuhalten. So war denn der Entschluß gereift, die Ratifikation nun endlich auszuliefern und die lange umgangene Verbindung mit Paris herzustellen. 3 ) Gleichwohl wollte Salvius bis zum letzten Augenblick versuchen, zu einem Separatfrieden mit dem


(  ...  ) je mehr durch den Krieg und Armeen verheert und verdorben werden sollen, mitgebracht" . . . (Letzteres bezieht sich auf das, was Kurtz für die Winterquartiere anzuordnen hatte.)
1) Relation zur Neddens, Mai 1638. A. F.
2) Vgl. Odhner a. a. O. p. 57, Anmerkung.
3) Salvius an den Herzog 5./15. Dezember 1637. A. F.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 49 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Kaiser zu gelangen. Er trieb und drängte den Mecklenburger, wie er nur konnte, zur Vermittelung, wobei er immer wieder sich anheischig machte, die Ratifikation ferner zurückzuhalten, vorausgesetzt, daß jener bald von der anderen Seite in den noch unerörterten drei Hauptpunkten Schwedens Entgegenkommen erlangen werde. 1 ) Adolf Friedrich sandte noch einmal von Passow und Cothmann an Gallas, der bei Sternberg stand, und ließ ihm melden, daß das neue Bündnis zwischen Schweden und Frankreich, das man vermeiden wollte, nun in Hamburg ratifiziert werden müsse, falls sich nicht ungesäumt ein kaiserlicher Bevollmächtigter mit annehmbaren Bedingungen zeige. Gallas, der genügend Vollmacht zum Verhandeln zu haben behauptete, sandte alsbald den kaiserlichen Generalquartiermeister Hubalt Ruck nach Schwerin. Dieser begann denn auch im Namen des Feldmarschalls, aber ohne Beglaubigung, am 27. und 29. Januar 1638 Verhandlungen mit dem Herzoge. Gallas wünschte zunächst die Spezialvollmacht Salvius' einzusehen; Adolf Friedrich hoffte sie zu erhalten und versprach, sie dann ins Lager zu schicken. 2 ) Dagegen ließ er nun auch ernstlich durch Ulrich Pentz bei dem kaiserlichen General um Mitteilung der seinigen anhalten, um endlich in die Verhandlungen eintreten zu können. Zugleich wurde für Salvius ein Sicherheitsbrief erbeten, während an von Passow und Cothmann der Befehl erging, sich mit allen einschlägigen Akten in Schwerin einzustellen. Der Herzog hoffte wohl, Salvius noch dazu zu bewegen, sich in die Nähe Schwerins zu begeben. Die Antwort, die Pentz zurückbrachte, die auch von Ruck speziell mündlich wiederholt wurde, lautete recht verheißungsvoll. Gallas habe in der Friedensangelegenheit noch einmal eine eilige Post an Ferdinand III. gesandt, worauf in zwölf Tagen Antwort ein=


1) "Da aber E. f. Gn. einige mehre Versicherung vom Gegenteil wußten und getraueten sich, das Werk zu einer eilfertigen Resolution . . . zu bringen, daß man daraus sähe, daß mit Bestand darauf zu bauen wäre, so wollte ich mich noch einmal, Gott gebe, was ich darüber hazardieren sollte, unterwinden, einen Einwurf in die Allianztraktaten zu finden, daß sie annoch eine Weil aufgezogen werden möchten." A. F. a. a. O.
2) Salvius hatte am 13. Sept. 1637 neue Vollmacht und Instruktion erhalten. Vgl. Odhner, a. a. O. p. 56 und 57 Anmerk. Vgl. auch den Eingang des im Anhang abgedruckten Schreibens des Legaten vom 2./12. Dez., wo es heißt: "Ich habe noch eine ganz vollkommene, untadelhafte Vollmacht auf mich allein gerichtet . . ." Wenn also Pufendorf a. a. O. IX § 62 sagt: "Solche (d. h. unmittelbare) Traktaten könnte zwar Oxenstierna eingehen, der keinen unbeschränkten Befehl hatte, Salvius aber war an seine Ordre gebunden und durfte solches vor sich, nicht wagen" . . . so ist das, wie die Tatsachen beweisen, nur Kombination.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 50 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

treffen müsse. Man erwartete im Lager jetzt allen Ernstes von Wien Vollmacht zur Verhandlung auf Grund von Bedingungen, die für Schweden annehmbar waren. War man doch im österreichischen Lager des Treibens herzlich müde. Nur seine Spezialvollmacht sollte Salvius vorzeigen; Gallas wollte dann gern auch eine beglaubigte Abschrift der kaiserlichen Vollmacht mitteilen. 1 )

Inzwischen hatten auch die Herzöge von Lauenburg eine Vermittelung zwischen den streitenden Mächten versucht. 2 ) Herzog Franz Albrecht hatte im Frühjahr 1637 die Überzeugung gewonnen, daß der Kaiser zum Frieden neige und sich auf annehmbare Friedensbedingungen einlassen werde. Er begab sich daher nach Hamburg und begann Verhandlungen mit Salvius und dem Franzosen St. Chaumont, deren Haltung ihn in seiner Hoffnung bestärkte. Von da reiste er sodann selbst nach Wien. Daraus, daß er dort nichts erreichte, geht durchaus nicht hervor, daß man in Wien den Frieden nicht wünschte, zumal seine Brüder später erfolgreicher waren. Vielmehr liegt die Annahme nahe, daß man seine Person nicht ernst nahm und das deutlich zu verstehen gegeben hat.

Als er zurückkam, erhielt Salvius statt der erwarteten kaiserlichen Bedingungen einen Entschuldigungsbrief, in dem der Herzog erklärte, daß er die Vermittelung aufgegeben habe. Sie wurde aber von seinen Brüdern Julius und Franz Karl, unterstützt durch ihren eifrigen Rat Dr. H. Mithoff, im August 1637 wieder aufgenommen. Als diese sich an Salvius mit der Bitte wandten, seine Vollmacht einsehen zu dürfen, gab er diese zwar nicht heraus, aber er legte ihnen die in Berlin gedruckte Vollmacht Bielke's vor und gab ihnen genau an, worin die seinige von jener abwich, so daß die Herzöge über deren Inhalt nicht im Zweifel sein konnten. Überdies waren inzwischen die von Axel Oxenstierna mit Adolf Friedrich von Mecklenburg gepflogenen Verhandlungen von 1635 veröffentlicht worden. Aus ihnen konnten die Lauenburger die Bedingungen ersehen, ohne deren Erfüllung die Schweden sich nicht zu einem Frieden verstehen wollten.

Im Verlaufe der Verhandlungen, die nun die lauenburgischen Herzöge anknüpften, setzte Mithoff eine Schrift auf, deren Vor=


1) Salvius trug nach seinem Schreiben an den Herzog vom 24. Jan. 1638 kein Bedenken, die seinige auszuantworten, wenn er die kaiserliche dagegen sehen werde.
2) Wir folgen unabhängig von Odhner (a. a. O. p. 55 ff.) ganz der Darstellung, die Salvius in dem Schreiben vom 24. Januar 1638 davon gibt. Über Mithoff u. Franz Alb. vgl. Baner R. A. O., B. VI, 514.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 51 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

schläge nach Ansicht der Herzöge geeignet waren, einen Vergleich zwischen Schweden und Österreich zu stande kommen zu lassen. Sie wurde an Salvius gesandt, der sie wohl las, aber eine Antwort bis zur Anknüpfung der definitiven Unterhandlungen der beiden Mächte sich vorbehielt. Auf diese Unterhandlungen arbeiteten Anfang 1638 Mithoff und die beiden Herzöge in Wien mit allem Eifer hin.

Während in solcher Weise Adolf Friedrich von Mecklenburg und die sachsen=lauenburgischen Herzöge getrennt von einander die Friedensunterhandlungen in Gang zu bringen sich bemühten, war am 27. Januar 1638 der königlich schwedische Sekretär Schmaltz in Hamburg mit dem ausdrücklichen Befehl an Salvius eingetroffen, das Ratifikationsinstrument des französisch=schwedischen Bündnisses auszuliefern. Salvius konnte nicht wohl länger zögern. Noch am 12./22. Februar 1638 hatte er an Adolf Friedrich berichtet, daß er durch allerhand Verhandlungen mit dem französischen Gesandten die Aushändigung jenes Instruments verzögert habe.

"Weil aber von Friedenstraktaten noch nirgends etwas einkommt", schrieb er jetzt, "so besorge ich mich nicht unbillig, ich werde als ein Diener kein kgl. Befehl länger übersitzen können, sondern endlich demselben zu Folge gemelte Ratifikation notwendig ausliefern müssen."

Auf der Gegenpartei hat man sich diese Gelegenheit, die letzte, die sich bot, unter Vermeidung des französisch=schwedischen Bündnisses einen Separatfrieden mit Schweden zu schließen, entgehen lassen. Wer weiß, ob man sie nicht mit Absicht verpaßt hat! Denn Graf Kurtz, der nun zum zweiten Male nach Norddeutschland kam, ging bald zu Verhandlungen nach Dänemark, und wir wissen, daß Christian IV. sich dem Kaiser schriftlich verpflichtet hatte, "wenn Schweden seine angebotene Vermittelung und den Frieden nicht annähme, seine Waffen mit denen des Kaisers zu vereinigen. 1 ) Nimmt man hinzu, daß in Wien die Politik nach der augenblicklichen Kriegslage täglich wechselte, und daß das Jahr 1637 auf dem Felde für die Kaiserlichen Erfolge gebracht hatte, so ist bei dem Laufe der oben dargestellten Vermittelungsversuche, bei der unzweideutigen Aufrichtigkeit Schwedens in dieser Beziehung der Gedanke naheliegend, daß Habsburg dahin neigte, Christian IV. beim Wort zu nehmen und den Weg des Friedens ganz wieder zu verlassen. Indessen ist eine Ent=


1) Vgl. Odhner a. a. O. p. 58 und Anm. daselbst.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 52 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

scheidung hier unmöglich, und immerhin könnte richtiger sein, was Odhner meint, daß Kurtz den Auftrag hatte, entweder Separatfrieden zu schließen oder die niedersächsischen Stände und Christian IV. zum Bündnis mit dem Kaiser zu bewegen.

Wenn am 18./28. Februar 1638 von dem mecklenburgischen Gesandten 1 ) aus Wien die Nachricht eintraf, daß Graf Kurtz und Herzog Franz Karl zu Sachsen=Lauenburg nach Norden unterwegs seien "mit vollkommener Vollmacht, den Frieden abzuschließen", wenn Gallas, von Adolf Friedrich nochmals zur Eile angetrieben, endlich am 21. Februar/3. März mit der frohen Botschaft aufwarten konnte, daß Franz Karl mit kaiserlicher Resolution bereits bei Salvius eingetroffen sei, dem der Reichsvizekanzler mit Vollmacht folge, so läßt sich nicht mehr entscheiden, ob darin wirklich ein ernster Gesinnungsumschwung des Kaisers zu sehen war, oder ob es sich nur darum handelte, den Abschluß zwischen Schweden und Frankreich aufzuhalten. Denn am 24. Februar/6. März 1638 wurde mit der Übergabe der Ratifikation in Hamburg der Bündnisvertrag zwischen Frankreich und Schweden abgeschlossen, der "ein diplomatisches Meisterstück von Salvius und d'Avaux", obgleich nur für drei Jahre bindend, den Grund zu dem engen Bunde legte, der seitdem bis zum Ende des Krieges Schweden und Frankreich vereinigte. Dieser Vertrag, "der außer der Bestätigung des Wismarschen Traktates von 1636 verschiedene neue Artikel enthielt, wurde ein Programm für die gemeinsame Politik der beiden Mächte in Deutschland." 2 ) Die Wahrheit dieser Worte Odhners lehrt die Folgezeit bis zum endlichen Frieden! Aber wenn derselbe Verfasser kurz vorher von Salvius sagt, er habe von Frankreich "durch Vorspiegelung eines Separatfriedens" mit dem Kaiser die günstigsten Bedingungen zu erreichen gewußt, so irrt er. Ohdner sah ganz richtig das auffallende Zögern des schwedischen Vertreters; da er aber von den Vermittelungsversuchen, die Mecklenburg in jenen Tagen machte, keine Kenntnis hatte, so hielt er jenes Zögern des schwedischen Gesandten, obwohl er den Ernst der schwedischen Friedenslieben betonte, lediglich für einen diplomatischen Schachzug und geriet dadurch mit sich selbst in Widerspruch. Unrichtig ist auch seine Darlegung, wenn er nach der Erzählung des Bündnisses, auf die Rückkehr der Lüneburger überleitend, schreibt:


1) Es ist wohl von Rohr gemeint, der im November 1637 dorthin gesandt wurde (vgl. Kapitel 4, Seite 64) und dort Anfang 1639 starb.
2) Odhner, a. a. O. p. 57.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 53 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

"Indessen hörten die separaten Friedensverhandlungen darum nicht auf. Gerade zu der Zeit, wo der Traktat mit Frankreich abgeschlossen wurde, kamen die lauenburgischen Herzöge und Mithoff von Wien nach Hamburg zurück, nachdem sie den Auftrag des Kaisers, mit Salvius zu unterhandeln, bekommen hatten."

Die Tatsachen stellen sich, wie wir sehen, anders. Franz Karl von Lauenburg ist vor der erfolgten Ratifikation am 24. Februar/6. März in Hamburg eingetroffen, und sodann hängt seine wie Kurtz'ens und der übrigen Ankunft von Wien sicherlich mit jener zweiten eiligen Post, die Gallas der Friedensunterhandlungen wegen an den kaiserlichen Hof abgehen ließ, zusammen.

Weiteres läßt sich nicht mit Sicherheit erkennen.

Aber wenn der Lauenburger wirklich, wie Gallas sagt, schon am 21. in Hamburg war, also drei Tage vor der bedeutungsvollen Stunde des Bündnisschlusses, so wird die von ihm mitgebrachte schriftliche Erklärung des Kaisers wohl nicht viel deutlicher und besser gewesen sein als alle früheren, die bisher in dieser Beziehung von Wien abgegangen waren. Hätte der Kaiser ernstlich jene Friedensliebe bekundet, so hätte Salvius unzweifelhaft auch jetzt noch das Ratifikationsinstrument der Allianz mit Frankreich in der Tasche behalten. "Nur mit Widerwillen entschloß sich die schwedische Regierung, diesen Schritt zu tun, denn abgesehen davon, daß er Schweden an einem Separatfrieden verhinderte, machte er dessen Politik und Absichten bei den deutschen Ständen verdächtig. Schweden hatte bis jetzt nur einigen Ersatz für seine Aufopferung verlangt, nun aber sollte es zugleich die Interessen Frankreichs, die offenbar auf Eroberungen hinausliefen, befördern." 1 )

Klarer als Odhner es hier ausspricht, lassen sich die in der schwedischen politischen Tendenz wurzelnden Gründe für unsere Darstellung gar nicht zusammenfassen! -

Der neue mecklenburgische Versuch, zu vermitteln, war auch diesmal vergeblich geblieben. Man hatte ihn ernst genommen, man war vor allem von schwedischer Seite auf die Unterhandlung eingegangen, aber an dem Hochmute Habsburgs, das sich zu einem redlichen Friedensschluß nicht entschließen konnte, war er gescheitert. Wenn Salvius am 9. März 1638 dem Herzoge brieflich anheimgab, die schwedische Regierung noch einmal zu einer unmittelbaren Unterhandlung mit dem nun in der Nähe befindlichen Grafen


1) Odhner a. a. O. p. 56.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 54 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Kurtz "eilends" aufzufordern, da die Ratifikation des in Hamburg am 6. März zwischen Frankreich und Schweden geschehenen Schlusses: nicht anders als gemeinsam zu traktieren, noch auf zwei Monate aufgeschoben worden sei, so war das nur ein höfliches Trosteswort für die vergebens angewandte Mühe. So hat es der Herzog auch aufgefaßt. Jener Vorschlag ist von ihm nicht berücksichtigt worden. Anders lag die Sache mit einem kaiserlichen Schreiben, das am 20./30. März in Schwerin anlangte und am 5. März, also einen Tag vor dem Hamburger Vertrag zwischen Schweden und Frankreich, aus Preßburg abgesandt worden war. Hierin wurde Adolf Friedrich mitgeteilt, daß kürzlich eine aussichtsvolle "Eröffnung" zu ernsten Verhandlungen zwischen Habsburg und Schweden erreicht worden sei, bei denen Mecklenburg sich gefallen lassen möge, seine erprobten Dienste zu leisten. Zum Verständnis dieses Briefes mag dienen, daß er an den bisher dargestellten mecklenburgischen Vermittelungsversuch, also an die letzte eilige Post Gallas', anknüpft, da Ferdinand III. sein Wohlwollen für Adolf Friedrichs bisherige Arbeit ausspricht, zweitens daß er mit jener "Apertur" unzweifelhaft auf die lauenburgischen Bemühungen in Wien hinweist, und daß er am Tage vor dem Abschlusse der drohenden schwedisch=französischen Allianz, also ohne Kenntnis von ihr, verfaßt wurde.

Seine tatsächliche Bedeutung sinkt damit erheblich. Von Schwedens Teilnahme an den Verhandlungen war nicht mehr die Rede. Und auf den guten Willen dieser Macht kam es doch vor allem an, sollte der Abschluß eines unmittelbaren Friedens zustande kommen. Herzog Adolf Friedrich hat in seinen optimistischen Friedenshoffnungen diesen Gedanken nicht aufkommen lassen und die kaiserliche Aufforderung zur Vermittelung höher bewertet, als sie verdiente. Noch am Tage, da er das Schreiben erhielt, trug er in sein Tagebuch die Bemerkung ein: "Habe ein Schreiben von seiner kaiserlichen Majestät empfangen, darin sie mir gnädigst aufgetragen, daß ich wegen des Friedens mit der Krone Schweden traktieren soll." 1 ) Man hat aus dieser Notiz den Schluß gezogen, der Kaiser habe "am 5. März 1638 in einem eigenhändigen Brief dem Herzog Adolf Friedrich den Auftrag erteilt, wegen des Friedens mit der Krone Schweden zu traktieren." 2 )


1) von Lützow, Beitrag zur Charakteristik des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg=Schwerin. Jbb. XII p. 106.
2) Raabe, Mecklenburgische Vaterlandskunde 2. A. III, Abriß der mecklenburgischen Geschichte, p. 316. Der Verf. hat den wahren Sachverhalt nicht durchschaut, da er die Akten nicht kannte und nur scheinbar unzweideutigen Wortlaut der Tagebuchstelle benutzte.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 55 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Mit Unrecht. Der Kaiser, der noch keine Kenntnis davon hatte, daß die Allianz bereits abgeschlossen worden sei, versuchte lediglich durch den Schein, als sei er bereit, mit Schweden Friedensverhandlungen anzuknüpfen, die beiden Mächte auseinander zu halten.

Wenn man sich um die Vermittelung gerade an den Mecklenburger wandte, so geschah dies, weil er wegen seiner Bemühungen, das Friedenswerk zu fördern, sich bereits einen Namen gemacht hatte, und weil seine Wahl den Schweden eine gewisse Bürgschaft zu geben schien, daß es sich nicht blos um einen diplomatischen Winkelzug handele.

Herzog Adolf Friedrich war in seiner Friedenssehnsucht nur zu sehr geneigt, an redliche Absichten des Wiener Hofes zu glauben Noch einmal schien sich ihm die Gelegenheit zu bieten, durch die Übernahme der Vermittelung seinem schwergeprüften Lande Frieden und damit die Rettung aus dem Verderben zu bringen.

Ohne das Spiel des Wiener Hofes zu durchschauen, nahm er in seinem naiven Optimismus den Brief wie er war, besser gesagt, wie er klang, und übertrieb zudem die Bedeutung der ihm in demselben zugedachten Rolle in seiner Einbildungskraft, wie der Vergleich des Eintrags in sein Tagebuch mit dem Hauptinhalt des kaiserlichen Schreibens erkennen läßt. Er überlegte nicht, daß das französisch=schwedische Bündnis inzwischen geschlossen worden war, sondern er verließ sich einfach auf die Worte des römischen Kaisers, die eine glückverheißende "Friedensapertur" verkündeten und baute darauf neue Hoffnungen. Alsbald wandte er sich unter Mitteilung des kaiserlichen Antrags an die Güstrower Regierungsräte, deren Rat er in allen wichtigen Angelegenheiten anzuhören pflegte, und forderte von ihnen ein Gutachten über die Frage, ob und wie weit Mecklenburg die Vermittelung des Friedens weiter übernehmen solle und könne. Die Räte mahnten zur Vorsicht. Zunächst müsse man abwarten, was die Geschäftsträger des Kaisers ihm des weiteren für Eröffnungen machen würden. Im übrigen schlugen sie vor, inzwischen General Gallas brieflich auszuholen. Vielleicht daß man über jene kaiserliche "Apertur" Aufklärung erhalten könne. Adolf Friedrich handelt in diesem Sinne.

Sobald im April 1638 die Nachricht kam, daß Graf Kurtz im kaiserlichen Hauptquartier eingetroffen sei, sandte er sogleich Ulrich von Pentz dorthin, um in der Friedensangelegenheit die Vermittelung zu übernehmen. Der Reichsvizekanzler, der jetzt zum zweiten Male im kaiserlichen Feldlager weilte, trat nun sofort

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 56 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

in lebhaften Verkehr mit dem Mecklenburger. Rasch folgten einander mehrere ausführliche Schreiben. Ja es müssen bald auch persönliche Zusammenkünfte stattgefunden haben, wie aus den Akten geschlossen werden kann. Die Versprechungen des Reichsvizekanzlers, seine Zuvorkommenheit in betreff der mecklenburgischen Spezialforderungen auf Dömitz und die Boizenburger und Warnemünder Zölle haben das ihrige getan, den Herzog willfährig zu machen, wenn auch die Zukunft zeigte, wie wenig ernst sie gemeint waren, und Salvius, als zur Nedden bei ihm war, vor drohenden kaiserlichen Ränken gegen das Schweriner Fürstenhaus, wohl in etwas übertriebener Weise, zu warnen mehrfach Gelegenheit nahm. 1 ) Die Lage hatte sich im Frühjahr 1638 völlig verändert.

Bisher wollte der Kaiser den Schweden hauptsächlich aus zwei Gründen nicht entgegenkommen. Er glaubte nach der günstigen Kriegslage, wie Schwarzenberg es ja deutlich aussprach, sie "bald im Sack zu haben", und war überzeugt, daß zwischen Frankreich und Schweden ein Bund nicht zustande kommen könne. Von beidem trat das Gegenteil ein. Mit jedem Tage fast wurden die Schweden im Felde glücklicher, und der 6. März brachte das schwedisch=französische Bündnis, das bis zum Frieden nicht wieder zerriß. Sein Abschluß leitete recht eigentlich die allgemeinen Friedensverhandlungen ein. Sie begannen von jetzt ab ihren schleppenden Gang, um erst nach zehn langen Jahren ihren Abschluß zu finden.

Aber nun war es der Kaiser, der, begreiflicherweise erschreckt, die allgemeinen Unterhandlungen, die Schweden jetzt forderte, auf jede Weise zu umgehen und öffentlich wie insgeheim Sonderverhandlungen mit Schweden anzubahnen strebte. Im geheimen sollte der mecklenburgische Herzog als Vermittler dienen, öffentlich sollte Dänemark, dessen Vermittelung beiderseits endlich angenommen worden war, diese Wünsche befördern helfen.

Es ist bekannt, wie lange Schweden sich gegen eine Vermittelung des dänischen Königs, die er wiederholt dem Kaiser und Schweden hatte antragen lassen, gewehrt hat. Man kannte Christian IV. in Stockholm nur zu gut. Zuletzt aber war seine Vermittelungen nicht zu umgehen gewesen. Die lauenburgischen Bemühungen begann Schweden schon jetzt als wenig erfolgversprechend zu betrachten, wie sie denn Ende 1639 überhaupt zurückgewiesen wurden. 2 ) Dem Schweriner Herzoge hat die nordische


1) Salvius machte zur Nedden in dieser Beziehung sehr interessante Andeutungen. S. die Relation des Geheimsekretärs v. 18. Mai im Anhange II.
2) Salvius an den Herzog 30. März 9. April l638. A. F. Vgl. Odhner, a. a. O. p. 65 und Anmerkung daselbst.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 57 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Macht, wie gesagt, in dieser Beziehung, wenigstens äußerlich, stets eine günstigere Gesinnung bewahrt.

In Ulrich Pentz's Instruktion für Kurtz und Gallas wurde dem Wiener Hof ein verspätetes Anknüpfen zum Vorwurf gemacht: Salvius habe sich auf die Mitteilung des Herzogs bedauernd geäußert, daß die sehr erwünschte Erklärung des Kaisers nicht ein oder zwei Monate früher, also vor Auslieferung der Ratifikation, eingekommen sei, da er überzeugt sei, daß man in diesem Falle schon jetzt Frieden haben würde.

Was der mecklenburgische Gesandte von dort zurückbrachte, ob er vielleicht gar von dem kaiserlichen Kanzler einen direkten Vorschlag für seinen Herrn erhalten hat, wieder Sonderverhandlungen einzufädeln und zu vermitteln, wissen wir nicht, da keine Relation über den Erfolg seiner Mission berichtet. Genug, schon am 4./14. Mai wurde der Geheimsekretär des Herzogs, Simon Gabriel zur Nedden, mit einem von den Güstrower Regierungsräten verfaßten, von Adolf Friedrich unterzeichneten Memorial an Salvius nach Hamburg abgeschickt. In ihm findet sich klar und deutlich der alte Vorschlag, unmittelbar und separat zu verhandeln, erneuert, aber mit einer Zuversicht, wie sie kaum während der hoffnungsfreudigen Tage vor Aushändigung der Ratifikation des französisch=schwedischen Bündnisses zu Tage getreten war. Forderte dieses, gemäß eines Vorschlags von Kaiser und Kurfürstenkollegium in Regensburg, gemeinsame Verhandlungen mit dem Kaiser für Schweden in Lübeck und Frankreich in Köln, so wies die mecklenburgische Note nun zur Aufdeckung der Gesinnung Frankreichs auf die Lage in Köln hin, wo der päpstliche und der kaiserliche Deputierte sich bereits seit vierzehn Monaten aufhielten, ohne daß während dieser Zeit aus Frankreich jemand sich eingestellt hätte. 1 ) Unmöglich könne sich Schweden durch die Hamburger Allianz ein= für allemal die Hände gebunden haben, gleichsam nur für das französische Interesse zu arbeiten. Jetzt sei die beste Gelegenheit einen schnellen Frieden zu erhalten, da ein kaiserlicher und ein schwedischer Gesandter, beide mit unbeschränkter Vollmacht, sich nahe beieinander befänden.

Adolf Friedrich erbot sich nochmals als Vermittler und schlug als Verhandlungsort Lübeck vor. Er war überzeugt, daß sich der Erfolg zeigen werde, wenn es nur erst zu einer Zusammen=


1) Dabei sollte ein französischer Agent in Lübeck und ein schwedischer in Köln ohne Votum den Verhandlungen beiwohnen, um die gegenseitigen Übermittelungen zu besorgen.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 58 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

kunft käme. Es ist nicht denkbar, daß der Herzog zu diesem Vorgehen ganz aus sich heraus bewogen worden ist. Vielmehr ist sicherlich von österreichischer Seite ein starker Antrieb erfolgt, wenn wir ihn auch nicht direkt aktenmäßig nachweisen können.

Von dem Plane, den zur Nedden brachte, wollte der schwedische Legat zunächst nichts wissen. Er verschanzte sich immer wieder hinter das neue Bündnis und sein Gewissen. "Secretissime" ließ er endlich doch verlauten, daß, wenn Graf Kurtz ein Projekt nach dem früher (1635) von Adolf Friedrich aufgesetzten entwerfen und darin die drei Hauptpunkte, Amnestie und Satisfaktion der Krone Schweden wie der Soldateska in annehmbarer Weise "erläutern" werde, so sei er selbst bereit, innerhalb zwanzig Tagen persönlich darüber Ratifikation aus der Heimat einzuholen.

Zur Nedden rühmt sich, dieses überraschende Entgegenkommen dadurch herbeigeführt zu haben, daß er Salvius während eines zweiten Besuches die Unbeständigkeit der Franzosen, besonders in ihren Bündnissen, vor Augen geführt habe. Salvius habe schließlich ihm zustimmen müssen und erklärt, er habe selbst schon einen Vers nach Schweden geschrieben, der ihm einst an deutschen Universitäten zu Ohren gekommen sei: Qui non vult falli, fugiat consortia Galli!

Es ist unzweifelhaft, daß die Männer, die in Christinens Namen die Regierung in Stockholm führten, ja daß der schwedische Reichsrat in seiner Mehrheit bis vor kurzem immer wieder unmittelbar mit dem Kaiser über einen Frieden sich hatten einigen wollen. Andererseits wissen wir, daß sich Schweden gezwungen sah, den vielgescheuten Bund mit Frankreich einzugehen und daß dieser seit seiner Verwirklichung am 6. März 1638 ununterbrochen fortgedauert hat und zum Fundament des westfälischen Friedens geworden ist. Da ist die Tatsache dieses Geheimpunktes, den zur Nedden am 18. Mai in seiner Relation mit nach Hause brachte, doppelt interessant zum Verständnis der Politik Schwedens und zur Beleuchtung der österreichischen Hauspolitik, die trotz aller Winkel= und Schachzüge, in der Sucht, alles zu erreichen, den nächstliegenden wahren Vorteil verkannte.

Zunächst indessen schien der neue Versuch einer Vermittelung einen Erfolg zu versprechen.

Herzog Adolf Friedrich wurde durch die Mitteilung Salvius' natürlich veranlaßt, sofort und voll Eifer einen Weg weiter zu verfolgen, den er zu seinem und seines Landes Wohl so gerne längst eingeschlagen hätte, und der sich ihm wider Erwarten nun in der glücklichsten Weise darbot.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 59 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Die Güstrower Räte von Passow und Cothmann wurden alsbald nach Schwerin berufen und erhielten hier ihre Instruktion für die Verhandlungen mit dem kaiserlichen Abgesandten. Besondere Schwierigkeiten bei den Verhandlungen über ein Abkommen zwischen Schweden und Österreich mußte in erster Linie die Frage nach der "Satisfaktion", nach der Entschädigung Schwedens, bereiten.

Seit Gustav Adolf war es ein feststehender Satz der schwedischen Politik, daß, um die zur Sicherheit des eigenen Landes nötige Herrschaft über das baltische Meer behaupten zu können, das Königreich eine gesicherte Stellung an der deutschen Küste gewinnen müsse. In erster Linie kam jetzt, da Schweden für sein Eingreifen in den deutschen Krieg als Frucht seiner Siege eine Entschädigung beanspruchen durfte, nach dem Tode seines letzten Stammesfürsten (März 1637) das Herzogtum Pommern in Betracht, das Schweden seit den dreißiger Jahren mehr oder weniger in Besitz hatte, ganz abgesehen davon, daß "ohne Pommern Schwedens übrige Besitzungen in Deutschland ihm mehr eine Last als eine Verstärkung werden mußten". 1 ) Wenn auch die Bevölkerung gemäß der früheren Abmachungen zwischen beiden Ländern in dem Kurfürsten von Brandenburg ihren neuen Landesherrn erblickte und anerkannte, so führte der feierliche Protest Georg Wilhelms und die dadurch veranlaßte Auflösung der einheimischen pommerschen Zwischenregierung nur eine solche Lage der Dinge herbei, "daß die schwedische Regierung sich nicht nur für berechtigt, sondern geradezu für verpflichtet halten mußte, die Verwaltung zu übernehmen." 2 ) Während Schweden entschlossen war, den Besitz Pommerns zu behaupten, setzte Österreich alles daran, jede Abtretung deutschen Bodens an das nordische Reich zu hintertreiben. Denn eine solche bedeutete einen unzweideutigen endlichen Sieg der feindlichen Waffen. Noch dachte man in Wien garnicht daran, daß man, um den Frieden zu gewinnen, Opfer bringen müsse. Die allgemeine Ansicht war hier vielmehr durchaus die, daß es mit der Zeit sicher gelingen werde, den Feind über die Ostsee zurückzutreiben. An der Frage der Entschädigung der Krone Schwedens sind alle früheren Verhandlungen, die über Formalien hinausgelangten, wie die Versuche, die Adolf Friedrich machte, um zwischen Kursachsen und Schweden 1635/6 zu vermitteln,


1) Odhner a. a. O. S. 22.
2) Odhner S. 37.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 60 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

gescheitert. Leichter war es, die Forderungen der schwedischen Soldateska zu befriedigen. Die Kaiserlichen hatten schon verlauten lassen, sie würden für den Fall eines Friedens die Leute an sich ziehen und zufrieden stellen.

Auch bei der schwedischen Forderung allgemeiner Amnestie mochten sich nicht unüberwindliche Schwierigkeiten erheben. Wenn Schweden auch entschlossen war, für die verbündeten und exkludierten Stände einzutreten, so handelte es sich dabei doch nicht um eine entscheidende Frage der schwedischen Politik. Daher konnte Salvius zur Nedden gegenüber geradezu äußern, diese Sache solle so geordnet werden, wie es der Herzog von Mecklenburg im Interesse der Evangelischen für gut finde. Er hatte aber gleich, indem er damit auf den Angelpunkt der Verhandlungen hinwies, hinzugefügt und zwar so deutlich und bestimmt, daß er nicht mißverstanden werden konnte, Schweden werde sich, abgesehen von der Geldfrage, nur durch Lehnsübertragung Pommerns befriedigen lassen. Er begründete diese Forderung, um sie dem Kaiser annehmbarer zu machen, mit dem Hinweis auf die wachsende Größe Brandenburgs, das zuletzt selbst dem Kaiser gefährlich werden würde.

Für den Vermittler erwuchs also die Aufgabe, zwischen den streitenden Mächten eine Einigung in der Entschädigungsfrage herbeizuführen. Adolf Friedrich war sich der Schwierigkeiten, die die Entschädigungsfrage in sich barg, wohl bewußt. Da er nicht von vornherein die Verhandlungen an dieser Klippe scheitern lassen wollte, war sein Bestreben darauf gerichtet, zunächst den Punkt der Abtretung deutscher Gebiete garnicht zu berühren. Hoffnungsvoll wie er trotz aller herben Enttäuschungen immer wieder in die Zukunft sah, erwartete er, daß, wenn man sich über die anderen Punkte geeinigt habe, auch in dieser wichtigen Frage eine Vereinbarung möglich sei.

Daher schweigt die Hauptinstruktion, die er Passow und Cothmann mitgab, ganz über die Entschädigungsfrage, ja sie berührt nicht einmal direkt jenen Geheimpunkt Salvius', sondern verweist schlechthin auf die allgemeinen Verhandlungen und bittet, diese baldmöglichst unter mecklenburgischer Vermittelung in Lübeck von seiten Schwedens und des Kaisers beginnen zu wollen. Mit Leichtigkeit kommt er dabei auch über die Schwierigkeiten hinweg, die das französisch=schwedische Bündnis seinen Versuchen, einen Separatfrieden zwischen Österreich und Schweden herbeizuführen, in den Weg stellte. Er begnügt sich mit der Bemerkung, man sei überzeugt, daß Schweden sich gewiß nicht durch die Allianz auf einmal allen

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 61 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

freien Handelns beraubt habe und daher für den Fall guter Bedingungen ohne Rücksicht auf Frankreich in Lübeck Frieden schließen werde. Nur in einem Nachtrag wurde die Entschädigungsforderung Schwedens, die Salvius noch kurz vorher, wie gesagt, gegen zur Nedden mit Hinweis auf Pommern erhoben hatte, behandelt, aber nur für den Fall sollten die Gesandten auf diese Frage eingehen, daß Graf Kurtz von dieser Äußerung des schwedischen Gesandten in Hamburg gehört haben sollte. Der Herzog verwies in diesem Nachtrag auf seine eigenen früheren Äußerungen, besonders auf seine Stellungnahme bei dem Vermittelungsversuch von 1635. Aus dessen Verlaufe gehe hervor, daß er von einer Abtretung Pommerns nie etwas habe wissen wollen. Der Herzog betonte sogar, Salvius habe sicherlich eine so weitgehende Forderung nur aufgestellt, um sie in der Verhandlung auf ein billiges und mögliches Maß zurückzuführen. Hierdurch sollte also die Vorstellung erweckt werden, als handele es sich nur um einen Vorschlag, wie ihn der Kaufmann liebt, um bei Kauf und Verkauf nicht zu kurz zu kommen.

Adolf Friedrich mochte in genauer Kenntnis der Verhältnisse und der Bedingungen schwedischer Politik immerhin noch jetzt, unter der Voraussetzung, daß der Kaiser Ernst machen werde, günstige Aussichten für einen Separatfrieden erhoffen, aber er mußte wissen, daß Schweden nach seinen letzten Erfolgen und durch das Bündnis mit Frankreich zu neuer Stärke gelangt, niemals in einen Frieden willigen werde, der ihm nicht Pommern als Siegespreis brachte. Wenn er sich nun den Anschein gab, als wenn er glaube, daß Schweden mit sich handeln lassen werde, so ließ er sich von dem Wunsche leiten, die Parteien zunächst nur einmal zusammen zu bringen. In der Folge, so hoffte er, werde es ihm gelingen, durch kluge Vermittelung sie nachher auch über das schlimme Hindernis hinwegzuführen.

Mag man über seine Leichtgläubigkeit und Kurzsichtigkeit, wie sie bei Gelegenheit des kaiserlichen Schreibens vom 5. März 1638 zum Vorschein kamen, abfällig urteilen, diese Hoffnung, daß er imstande sein werde, alle Schwierigkeiten der Verhandlung durch seine Vermittelung zu überwinden, diese Hoffnung, die dem heißen Wunsche entsprang, sein Land aus allem Jammer und Elend zu erretten, hat etwas Rührendes an sich, und indem sie immer wieder so natürlich echt und elementar hervortritt, erweckt sie eine Freude an dieser Persönlichkeit, die ihr auch bei Handlungen zu folgen vermag, deren Keime schon ihre Aussichtslosigkeit offenbaren.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 62 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Über die folgenden Verhandlungen wegen eines Separatfriedens sind wir nicht unterrichtet. Auch wissen wir nicht, woran sie eigentlich scheiterten.

Die beiden Güstrower Räte gingen zunächst zum Reichsvizekanzler Grafen Kurtz, von ihm zu Salvius. Von Hamburg zurückgekehrt, haben sie noch einmal Mitte Juni das kaiserliche Feldlager bei Grabow aufgesucht. Was haben sie gebracht, was erreicht? Wir wissen es nicht. Tatsächlich war es dem Herzoge noch einmal gelungen, die Verhandlung über einen Separatfrieden in Fluß zu bringen. Und daß die geheime Eröffnung Salvius' im Mai ernst gemeint war, wird auch von anderer Stelle bestätigt.

Pufendorf erzählt bei Gelegenheit der Lauenburger Bemühungen von 1638: 1 ) "Eben dieses (der Vorschlag zum Separatfrieden) trug der Herzog von Mecklenburg schriftlich und durch einen Minister vor. Es mißfiel auch Salvius nicht . . . . Dem Herzoge von Lauenburg wurde öffentlich zur Antwort gegeben, man müsse die Partikular=Traktaten aufgeben und nach einem allgemeinen Frieden trachten . . . . Doch heimlich gab Salvius Vertröstung, er wolle sich auf alle Weise bemühen, Partikular=Traktaten zu verschaffen, wenn er wüßte, daß der Kaiser dieselben wirklich verlange . . . . Deswegen bat er auch den Herzog von Mecklenburg, wegen des Projektes zwischen Oxenstierna und Kursachsen (1635) mit dem Grafen Kurtz zu reden".

Noch am 19. Juni richtete Salvius an Adolf Friedrich die dringende Bitte, "alles in integro zu behalten", womit doch wohl die Separatunterhandlung gemeint ist.

Allein sie blieb ohne Erfolg. Sie wurde völlig abgebrochen, als Graf Kurtz in den letzten Tagen des Juni vom Kaiser die Nachricht erhielt, daß er auch in Verhandlungen wegen eines allgemeinen Friedens einwilligen möge. 2 ) Es ist nicht klar, wem der größere Teil der Schuld an dem Abbruch dieser Verhandlungen zufällt. Die Behauptungen der Parteien stehen einander gegenüber. Wenn eine Vermutung erlaubt ist, so scheint es, als wenn diesmal Salvius, nachdem nicht sofort günstige Anerbietungen von der österreichischen Seite erfolgten, sich hinter die bindende Kraft des französischen Bündnisses und seine offizielle Instruktion zurückzog und sich auf keine weiteren Verhandlungen über einen Separatfrieden einließ.


1) Schwedische Kriegsgeschichte, X § 65.
2) Adolf Friedrich an Oxenstierna und an Salvius am 20./30. Juni 1638. A. F.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 63 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Adolf Friedrich, der im Interesse seines Landes auch nach dem Scheitern seines Lieblingsplanes mit allen Mitteln versuchte, die Hand im Spiele zu behalten, tat von nun an nach Kräften sein Bestes, daß die allgemeinen Friedensverhandlungen ernstlich aufgenommen und fortgeführt würden. Er war entschlossen, an den Verhandlungen in Lübeck persönlich teilzunehmen und hatte deshalb schon mit Bürgermeister und Rat dieser Stadt wegen einer passenden Wohnung für sich und für sein Gefolge Abrede treffen lassen. Aber auch aus dem Kongreß in Lübeck ist nichts geworden.

Wie allgemein auch der Wunsch nach dem Frieden werden sollte, die ersehnten Verhandlungen kamen nicht von der Stelle. Und noch sechs lange Jahre vergingen, ehe die Hoffnungen der Verwirklichung näher rückten, ehe dieses unselige Friedenswerk endlich seinen trägen Gang vorwärts nahm und es dem Herzoge vergönnt wurde, den westfälischen Kongreß zu beschicken.

 


 

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 64 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

4. Kapitel.

Das Ende des Vormundschaftsstreites.

Während des Vermittelungsversuches hatte der Vormundschaftsstreit seinen Fortgang genommen. Die Herzogin=Witwe von Mecklenburg=Güstrow zeigte sich im Herbst 1637 plötzlich sehr entgegenkommend. Sie schrieb damals an den Kaiser, wenn man Bedenken habe, der Religion wegen ihr den jungen Prinzen zuzustellen, bäte sie, zu verfügen, daß jener dem evangelisch lutherischen Herzoge August von Braunschweig=Lüneburg bis zur Erledigung des Hauptstreites übergeben werde. Ihre kluge Nachgiebigkeit trug gute Früchte. Der Kaiser ging sofort auf das Anerbieten ein. Er ersuchte den Herzog von Braunschweig, sich den Knaben von Adolf Friedrich übergeben zu lassen, und sandte diesem am 19. Oktober 1637 den Befehl, den jungen Herzog an die Gesandten des Beauftragten auszuliefern. Zugleich erging am 19. Oktober ein kaiserliches Mandat, durch das allen Beamten, Zollverwaltern und dem Rentmeister von Mecklenburg=Güstrow befohlen wurde, die Landeseinkünfte bis auf weitere kaiserliche Entschließung oder rechtlichen Entscheid an die Herzogin auszuliefern. Obwohl der Kaiser in dem früher erwähnten Schreiben vom 19. September 1637 dem Herzog zur Verantwortung eine dreimonatige Frist gesetzt hatte, war er durch das Drängen der Gegenpartei nun nach nicht mehr als einem Monat zu jenen beiden Edikten vom 19. Oktober verleitet worden! Kein Wunder, wenn der Herzog von bitterem Groll erfaßt und zu immer schrofferem Auftreten geneigt wurde. Die braunschweigischen Gesandten, die seinen Neffen zu holen kamen, mußten unverrichteter Sache heimkehren. von Rohr aber erhielt Anfang November zum zweiten Male den Auftrag, in der peinlichen Angelegenheit an den kaiserlichen Hof zu gegen. Zugleich sollte er, nach einem von Pistorius gegebenen Rat, in aller Stille sich auch an den Hof des Kurfürsten von Bayern begeben, um diesen zu gewinnen. Aber ehe er noch in Wien eintraf, war Milden ihm schon zuvorgekommen und hatte Kurbayern und Kurmainz in das Interesse seiner Herrin zu ziehen gesucht. Die Partei Eleonorens zeigte sich überhaupt der des Herzogs überlegen. Sie arbeitete im allgemeinen schneller und

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 65 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

wirksamer. Zudem verfügte sie über zahlreichere Kräfte. Milden vor allem war unermüdlich und sehr verschlagen. Er sagt von sich, er habe täglich Memorialia zu übergeben, denn für den kaiserlichen Hof heiße es mit Recht: Jura vigilantibus sunt scripta. 1 ) Und Pistorius verrät uns über seine Gegner: "Sie feiern nicht und spendieren dabei tapfer, sie nehmen's, wo sie wollen und bezahlen hernach wieder, wie sie können . . . ." 2 ) Was konnte dieser rastlosen Tätigkeit gegenüber eine neue Gegenschrift Adolf Friedrichs, wenn auch noch so weitläufig, ausrichten, die von Rohr nach Wien brachte! Was Adolf Friedrich hatte von Anfang an vermeiden wollen: der Streit um die Vormundschaft war längst zu einem verwickelten Rechtshandel geworden, ja noch mehr, die Sache stand 1638 sogar auf dem Punkte, daß der Mecklenburger sich beklagen konnte, daß er nicht, wie es in jedem Prozesse Rechtens sei, behandelt werde. Wenn, trotz der dem Herzog gestellten dreimonatigen Frist, der Kaiser zu entschiedenen Mandaten gegen ihn griff, so mag das teilweise damit zusammenhängen, daß der Vizereichskanzler von Stralendorf, der bisher immer noch auf Seiten der Schweriner Partei gestanden hatte, am. 18. Oktober 1637 gestorben war. Wenigstens war dies die Ansicht des Pistorius.

Jedenfalls mußte der Herzog jetzt einsehen, daß er seine Hoffnung auf Bestätigung seiner Vormundschaft endgültig aufzugeben habe. So blieb ihm nur übrig, auf dem Wege des Prozesses sein Recht durchzusetzen. Da mußten beide Parteien gleichmäßig gehört werden, ehe das endgültige Urteil fiel.

Im Sommer 1637 waren auch König Wladislaus von Polen, der auf Bitten Eleonorens seine gewichtige Stimme abgeben zu müssen glaubte, weil mit drei kaiserlichen mandatis restitutoriis bishero nichts verrichtet sei 3 ) und Erzbischof Anselm Casimir von Mainz 4 ) für die Herzogin Witwe beim Kaiser vorstellig geworden. Am wirksamsten aber hatte sich die bereits erwähnte Eingabe Brandenburgs erwiesen. So gelang es dem Drängen Eleonorens den kaiserlichen Hofrat dahin zu bestimmen, daß ein Pönalmandat gegen den Herzog beschlossen wurde. 5 )


1) Brief vom 24. Januar/3. Februar. A. T. Vol. VIII Fasc. II Vol. II pars 1.
2) Brief vom 6./16. Januar 1638. Vien.
3) A. T. a. a. O. No. 122.
4) A. T. a. a. O. No. 124.
5) El. M. an Kurbrandenburg, 4. Okt. 1637. Georg Wilh. an El. M. 16. Okt. 1637. A. T. a. a. O. No. 128 und 130.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 66 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Der Beschluß kam indes aus unbekannten Gründen nicht zur Ausführung. Der Kaiser entschloß sich vielmehr dazu, den mecklenburgischen Streit der Beurteilung des Kurfürstenkollegiums zu unterbreiten, da die Sache "Statum publicum concernire". Unterdessen sollte alles im alten Stande gelassen werden. Das war im Herbst 1637. Das folgende Jahr sah die Kaiserlichen zurückweichen und ihre Gegner wieder im vollen Besitze des nördlichen Küstenstrichs. Und nun wurde Adolf Friedrichs Stellung auch im Lande schlechter. War er bisher tatsächlich im Güstrowischen Herr gewesen, so verstand Eleonore, die Schweden, die noch Güstrow besetzt hielten, auf ihre Seite zu ziehen und die kalvinistische Propaganda unter den Schutz der Fremden zu stellen. Ja es gelang ihr in der Folge mit schwedischer Hülfe, das Güstrower Schloß wieder in Besitz zu nehmen, nachdem sie alle Schweriner Räte, als letzten den Hofmeister Adolf Friedrichs, von Ihlefeld, der dort bisher noch ein Zimmer gehabt hatte, vertrieben hatte. Baner, dessen Hülfe sie durch den Oberstleutnant Meyer hatte anrufen lassen, 1 ) sandte ihr, wie David Franck 2 ) erzählt, noch am 24. November 1639 einen Schutzbrief aus Leitmeritz. So unterstützt, konnte sie schon den ernstlichen Plan fassen, ihren jungen Sohn dem Schwager mit List oder Gewalt wieder zu entreißen. Inzwischen war am 28. August 1638 schon wieder ein neues kaiserliches Dekret ergangen, das dem Herzoge eine Frist von drei Monaten zur Unterwerfung setzte: 3 ) anderenfalls werde die Publikation des Endurteils erfolgen. Wie es schien, war dieses schon zu Beginn des Jahres 1638 verfaßt worden. Mit Recht konnte Adolf Friedrich dies ganze Verfahren, weil er nicht einmal gehört worden war, anfechten. Er erteilte daher Pistorius zunächst den Auftrag, beim Kaiser alles aufzuwenden, daß ihm zu einer Verteidigungsschrift noch eine weitere Frist von drei oder vier Monaten gewährt werde, da bei der Vertreibung der Schweriner Räte aus Güstrow alle Akten und Dokumente in die Hände der Gegenpartei gefallen seien und daher ihm nicht mehr zur Verfügung ständen. Hiernach wurde die Verteidigungsschrift unterm 26. November 1638 eingesandt. 4 )


1) Vgl. R. A. O., B. VI, p. 680.
2) a. a. O. p. 222 und 227. Vgl. auch Pr. u. Ref., Beilage V.
3) Der Herzog sollte "paritionem dociren," noch dazu "sub poena praeclusionis!"
4) Inf. Jur. et F., Beilage No. XII. Sie trägt das Datum: Schwerin, den 26. November 1638, und nicht: Schwaan, den 6. November 1638, wie Franck a. a. O. 205 angibt.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 67 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Sie gipfelte in der Forderung, daß seine Anklägerin gegen ihn, der "in possessione" sei, den Rechtsbeweis zu führen habe und überhaupt zunächst zur Übergabe einer ordentlichen Klageschrift anzuhalten sei, auf die dem Gesetze nach die Verteidigung erfolgen könne. Auch wurde gebeten, in dieser Angelegenheit die Kurfürsten um ihr Gutachten zu ersuchen, wie ja bereits früher beschlossen worden sei. 1 ) Als aber Pistorius nach Einlauf der mecklenburgischen Akten die Bitte mündlich wiederholte, antwortete man ihm, daß die meisten Kurfürsten schon für die fürstliche Frau Witwe entschieden hätten. Es sei daher von einer Befragung des Kurfürstenkollegiums für seine Partei nichts zu hoffen. Daß dies nicht den Tatsachen entsprach, können wir heute feststellen. Wie wir wissen, hatte sich Georg Wilhelm von Brandenburg sehr zurückhaltend ausgedrückt. Er hatte lediglich auf Bitten Eleonore Marias darauf gedrungen, daß man dem Rechte und der Billigkeit zum Siege verhelfe. Das war keine eigentliche Parteinahme, denn Adolf Friedrich war sicher ebenso sehr von der Rechtmäßigkeit seiner Forderungen überzeugt, wie seine Schwägerin.

Hinsichtlich Kurköln und Kurmainz hatte der Schweriner Gesandte 2 ) seinem Herrn geschrieben, daß sie auf seiner Seite stünden, und daß zu hoffen sei, daß sie das ganze Kollegium zu seinen Gunsten beeinflussen würden. Das ist für Kurmainz gerade das Gegenteil wie im vorhergehenden Jahre, und dieser schnelle Stellungswechsel zum wenigsten auffällig. Kursachsen hatte, wie schon gesagt, stets mit Adolf Friedrich gehalten, und von den übrigen Kurstimmen, so Bayern, ist wenigstens niemals eine absprechende Meinung laut geworden. Dann im März 1639 hören wir von Adolf Friedrich die Behauptung, sämtliche Kurfürsten hätten sich seinen Gesandten gegenüber erklärt, daß sie seiner Sache recht geben müßten, wenn ihr Bedenken nur eingefordert würde.

Die Folgezeit lehrt, daß Adolf Friedrichs Behauptung im allgemeinen der Wahrheit mehr entsprach, als die Versicherung der kaiserlichen Beamten.

Mit dem Vormundschaftsstreit aufs engste verbunden war nun die Erledigung einer anderen Angelegenheit.

Der Herzog hatte bei Ferdinand III. um Belehnung nachzusuchen und zwar, da er als Vormund seines Neffen auftrat,


1) Lit. Pist. vom 4. Mai 1639. Vien.
2) Es war Barthold von Plessen und sein Subdelegierter Heinrich Friedrich; vgl. dessen Brief an Pistorius. Vien. 14./24. April 1638.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 68 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

für beide Mecklenburg. Er hatte dies im Herbst 1636 getan und am 12. August 1637 sein Gesuch wiederholt, aber am 5. November 1637 nur die übliche Empfangsbescheinigung für seine Eingabe, zugleich mit dem Bescheid, vor dem 5./15. Februar 1638 wieder einzukommen, erhalten. Er wiederholte die Mutung demgemäß im folgenden Jahre durch seinen Gesandten von Rohr. "Weil aber der Streit wegen der Vormundschaft noch nicht entschieden war," erhielt er im Januar 1639 nur die Belehnung für den Schweriner Landesteil. Adolf Friedrich begnügte sich aber im Interesse der Vormundschaft über seinen Neffen mit diesem Entscheid nicht, sondern forderte weiter die gleichzeitige Belehnung für Schwerin und Güstrow. Er ließ dies durch seine Gesandten folgendermaßen begründen. Aus allen Lehnbriefen gehe hervor, daß man immer nur dem nächsten männlichen Agnaten die Vormundschaft übertragen habe. So sei es auch unter anderm bei seiner und seines verstorbenen Bruders Minderjährigkeit, als Herzog Karl für sich und für sie beide belehnt worden sei, gehalten worden. Überhaupt so lange das fürstliche Haus bestehe, sei es nicht vorgekommen, daß ein "Weibsbild" den Lehnsempfang gefordert oder der Regierung sich angemaßt habe. Der Reichshofratspräsident war jedoch anderer Meinung. Er erklärte, wenn man bisher in Mecklenburg anders verfahren habe, so hänge dies damit zusammen, daß Testamente, wie das jetzt vorliegende, bisher nicht vorgekommen seien. Gebühre dem letzten Willen einer Privatperson Ehre, um wie viel mehr dem eines Fürsten. Herzog Adolf Friedrich in der gewünschten Weise belehnen, hieße nichts anderes, als auch seine Vormundschaft bestätigen.

Adolf Friedrich gab sich jedoch mit der Abweisung nicht zufrieden. Im Frühjahr 1639 sandte er an Pistorius, denn von Rohr war kurz vorher gestorben, ein Memorial zur Aushändigung mit der erneuten Bitte um Belehnung für sich und den minderjährigen Gustav Adolf. Auch dieses Gesuch blieb ohne Wirkung, und wenn im Herbst 1641 eine besondere Gesandtschaft Adolf Friedrichs in Regensburg wiederholt darum anhielt, so hat sie doch wieder nur eine Empfangsbescheinigung ihres Gesuches erhalten.

In dieser Frage hat man am Wiener Hofe nicht nachgegeben, und noch 1649, als der Herzog von allen Ständen des Reiches bei Gelegenheit der Friedensverhandlungen als legitimer Vormund anerkannt worden war, war die Angelegenheit nicht erledigt. 1 )


1) Pistorius an Adolf Friedrich 12./22. September 1649. Der Herzog ist anerkannt, niemand kann in Wien etwas wider die Gesamt= (  ...  )
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 69 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Für Eleonore Maria schien jetzt gegen Ende 1638 die Zeit gekommen, die ihr die Erfüllung ihrer Wünsche bringen sollte.

Im Lande hohe schwedische Offiziere, die für sie Partei nahmen und Hülfe leisteten, und im Reiche der deutsche Kaiser und der Reichshofrat, der ihre Sache durch Dekrete und mit der Feder verfocht.

Wahrhaftig, diese reformierte Fürstin konnte sich rühmen, die beiden Mächte, deren Gegensatz die zweite und grausigere Hälfte des großen Krieges beherrschte, in ihrem Dienste friedlich vereint zu sehen!

Eleonore meinte endlich den lang erstrebten, mit kluger Berechnung und entschlossener Tatkraft vorbereiteten Sieg in den Händen zu halten. Voll Ungeduld wandte sie sich mit einer Reihe von Briefen an den kaiserlichen Hof, an die fürstlichen Damen, die sie anfangs um Beistand angefleht hatte, und auch unter andern an den neuen Vizereichskanzler, den Grafen Kurtz. Da der Termin verstrichen sei, während dessen Adolf Friedrich sein Vorgehen hätte rechtfertigen müssen, - sie wußte offenbar nichts von seiner Eingabe am 26. November - da er vor allem unterdessen den kaiserlichen Mandaten keinen Gehorsam geleistet habe, solle nunmehr, so beantragte sie, die Veröffentlichung des kaiserlichen Endurteils erfolgen. Ja, ihre Forderungen gehen weiter. Sie verlangte bereits eine Exekution gegen den Herzog, unbekümmert um die schweren Gefahren, die damit über das unglückliche mecklenburger Land heraufbeschworen wurden.

Sie begnügte sich aber nicht allein mit Bittschreiben. Zur Beförderung und Vertretung ihrer Forderungen sandte sie Ende 1638 einen gewissen Zacharias Quetz nach Wien, der nachher auch auf dem Regensburger Reichstage für sie tätig war.

Es ist undenkbar, daß die Herzogin alle die aus Gesandtschaften, so auch wieder aus dieser neuen, entstehenden Kosten; den ganzen Aufwand für die nötigen Geschenke und das damals unerläßliche, häufige "Spendieren" aus eigenen Mitteln oder eigenem Kredit hat leisten können. Man wird wohl annehmen müssen, daß auch der fürstlich anhaltische Schatz für den guten kalvinischen


(  ...  ) belehnung haben. "Wenn ich aber täglich sehe und erfahre, daß Fürsten und Stände des Reiches, welche auch ihre Regalia vor diesem gesucht, noch wirklich nicht belehnet worden, fast täglich einkommen, die Lehen nach dem Instr. Pacis innerhalb Jahr und Tag von dem Schluß an zu rechnen, requiriren, teils die wirkliche Investitur, teils Indulta bis auf künftigen Reichstag suchen, so halte ich für notwendig, daß dergleichen auch von E. f. Gn. geschehe. -" Vien.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 70 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Zweck mit angegriffen wurde. Jedenfalls haben Adolf Friedrich bei weitem nicht ähnliche Geldmittel zur Verfügung gestanden, obgleich auch er "tapfer spendiert" hat. 1 ) Dafür hatte er als unschätzbaren Vorteil das Land, und zwar beide Mecklenburg auf seiner Seite. Noch einmal, am 24. Januar 1639, verwendete sich der lutherische Kurfürst von Sachsen 2 ) für den Herzog beim Kaiser. Er wies darauf hin, daß Ferdinand die Absicht gehabt habe, die Kurfürsten zu Rate zu ziehen, und indem er bat, diese Absicht auszuführen, warnte er dringend, den Herzog ungehört zu verurteilen, damit er nicht gerechten Grund habe, sich wegen Rechtsverweigerung mit Fug zu beschweren. Zum mindesten sei jener bis zu erfolgtem Urteil der Kurfürsten in dem Besitze von Vormundschaft und Regentschaft zu belassen. Auch Christian IV. von Dänemark, der schon im vorhergehenden Jahre an den Kaiser das Ersuchen gerichtet hatte, den Herzog im Besitze zu lassen oder wenigstens bis zur Entscheidung des Kurfürstenkollegiums, von allen strengen Mandaten abzusehen, wiederholte jetzt, im Januar 1639, seine Fürsprache. Nur daß sie, weil ihm keine Antwort geworden war, viel schroffer ausfiel. Man müsse annehmen, so schrieb er, daß es in diesen schweren Kriegszeiten mehr im Interesse Ferdinands liege, Fürsten und Stände des römischen Reiches in Treue und Gehorsam zu erhalten, als sie durch allzu schleunige, ungerechte Prozesse zu erbittern. Der Kaiser sei aber dem Herzog Adolf Friedrich, einem vornehmen Stand und Mitglied des Reiches, mit herben Exekutionsmandaten über den Hals gekommen und habe ihm nicht einmal Abschriften von den Eingaben der Gegenpartei mitgeteilt. Wenn man aber einem Angeschuldigten die Forderung auf Mitteilung der Anklage versage, so zerstöre man damit die ganze Justiz samt allen Gesetzen, Reichsabschieden und Konstitutionen! Noch schlimmer aber sei es, daß man gegen einen nicht Vorgeladenen und nicht Verhörten vor dem Entscheide des Kurfürstenkollegiums und auf einseitigen Bericht des Klägers hin einen Urteilsspruch erlassen habe. Er gebe dem Bedenken des Kaisers anheim, welches Mißtrauen, was für "weitläufiges Nachdenken" derartige Maßnahmen bei den übrigen Ständen erwecken könnten. Christian IV. forderte endlich noch einmal, alles


1) . B. erhielten Dr. O. Melander von Schwarzenthal und Dr. J. Gebhard, Reichshofräte, und der Reichshofratspräsident jeder noch bei Lebzeiten von Rohr's 300 Reichstaler, blieben dem Herzoge aber doch zuwider. Pistorius an Adolf Friedrich 1./11. Januar 1640. Vien.
2) Johann Georg an den Grafen von Trautmannsdorf, den 24. Jan. 1639. Vien.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 71 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

auf das Gutachten des Kurkollegiums ankommen zu lassen und bis dahin nichts zu unternehmen. Er forderte dies, so betont er nachdrücklich, nicht nur für sich, "sondern für alle übrigen hohen Anverwandten des mecklenburgischen Hauses."

Christian IV. spielte hier mit die Macht der Nation, der er feindlich wie keiner andern gesinnt war, deren damalige gebietende Stellung an der Ostsee ihn stets mit Neid erfüllt hatte, deren Zurückdrängung, ja Unterwerfung sein Lieblingsplan blieb, 1 ) - er spielte die Macht Schwedens dem Kaiser gegenüber aus und legte sie in eine Wagschale mit der seinigen. 2 )

Aber wenn er glaubte, die beabsichtigte Einschüchterung zu erreichen, so irrte er sich, denn man hatte nach der Kriegslage jener Jahre keinen Grund in Wien sich vor den Schweden zu fürchten.

Den gesteigerten Bemühungen der Herzogin=Witwe und ihrer Leute gelang es zunächst, wenigstens einen Teil ihrer Forderungen durchzusetzen. Ein kaiserliches Mandat vom 7. Mai 1639 erteilte dem Herzog August von Braunschweig=Lüneburg den Auftrag, Adolf Friedrich noch einmal zum Gehorsam zu mahnen. Dem Mandat war das unter demselben Datum ausgefertigte Endurteil in der mecklenburgischen Streitsache beigefügt, das der Herzog, wenn sein Mahnen fruchtlos bleiben sollte, sogleich zu überreichen hatte. Danach sollte er das fürstliche Mündel abfordern und an seinem Hofe erziehen lassen. Da Herzog August lutherisch war, so nahm man Adolf Friedrich den Hauptgrund, den er für seine Forderung der Vormundschaft immer vorgebracht hatte, denselben Grund, der Ritter= und Landschaft auf seine Seite getrieben hatte. Ferdinand III. wies zunächst die Einwendungen, die der Schweriner Herzog am 26. November 1638 gegen das Testament erhoben hatte, 3 ) zurück und erkannte sodann den Inhalt des Testamentes Johann Albrechts II. in der Hauptsache an. Die Witwe wurde also Vormünderin


1) Vgl. Schäfer, Gesch. Dänemarks, Band V.
2) Neben kleinen Fürstenhäusern, die an dieser Stelle nicht in Betracht kommen können, war Schweden nah mit dem mecklenburgischen Hause verwandt. König Gustav I. jüngste Tochter Elisabeth war mit Herzog Christoph von Mecklenburg vermählt. Die einzige Tochter aus dieser Ehe, Margarethe Elisabeth, die also mit König Gustav Adolf Geschwisterkind war wurde die erste Gemahlin Johann Albrecht II. von Mecklenburg. Von ihr stammt jene Christ. Margarethe, die Herzog Franz Albrecht von Sachsen heiratete, während, wie mehrfach erwähnt, des Prinzen Gustav Adolf leibliche Mutter Eleonore Maria war!
3) Vgl. p. 66.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 72 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

ihres jungen Sohnes und Regentin von Mecklenburg=Güstrow. Die Mitvormundschaft aber fiel, da Wilhelm von Hessen in zwischen gestorben war, dem Fürsten Ludwig von Anhalt und dem Kurfürsten von Brandenburg zu, obwohl letzterer sie abgelehnt hatte. Die Erziehung des jungen Herzogs sollte in die Hände Augusts von Braunschweig, des Stiefschwiegersohnes der Herzogin gelegt werden. So war es wirklich dahin gekommen, daß der Kaiser einen Reichsfürsten, ohne ihn gehört und ohne die Entscheidung der Kurfürsten hinzugezogen zu haben, verurteilt und dadurch "incognita causa" seiner Ansprüche auf die Vormundschaft und Regentschaft in Güstrow für verlustig erklärt hatte.

Das hatte Adolf Friedrich bis zum letzten Moment nicht erwartet. Er war aufs tiefste ergrimmt, und die meisten seiner Standesgenossen teilten seine Gefühle. Aber nicht nur, daß der kaiserliche Hof die dem Fürsten gebührende Rücksicht aus dem Auge gelassen hatte, das Recht des Einzelnen überhaupt schien mit Füßen getreten worden zu sein. Voll Erbitterung schrieb der Herzog am 15. Oktober 1639 an seinen Agenten, daß er geringer als der geringste Bauersmann seines Landes behandelt worden sei, welchen er vermöge aller Völkerrechte und der natürlichen Billigkeit so lange bei seinem Besitze schütze, bis sein Gegenteil ein besser Recht erweise.

Am 10. Oktober 1639 erhielt Eleonore Maria das von Adolf Friedrich so langersehnte kaiserliche Tutorium, die Bestätigung ihrer Vormundschaft und Regentschaft. 1 ) Demgemäß ergingen auch im Beginn des Oktober von Wien die Befehle an alle Beamten des Güstrower Landesteiles, an die Stadt Rostock und an die Schweriner Regierungsräte in Güstrow, nicht länger Befehle von Adolf Friedrich anzunehmen und alle Akten auszuliefern. Zugleich wurde am 4. Oktober an Herzog Adolf Friedrich ein Exekutorialmandat abgesandt, das ihm gebot, bei kaiserlicher Ungnade und Strafe von tausend Mark lötigen Goldes binnen sechs Wochen Gehorsam zu leisten.

Adolf Friedrich war im Urteil das Recht der Berufung zugestanden worden. Es war selbstverständlich, daß er davon Gebrauch machte. Aber weniger als je dachte der Erzürnte daran, in der Zwischenzeit dem kaiserlichen Mandate zu gehorchen Er drückt das bezeichnend so aus: "Bis dahin müssen wir's Gott und der Zeit befehlen."


1) Inf. F. et J.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 73 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Am 30. August 1639, als die Wogen der ersten Erregung sich wohl etwas gelegt hatten, trug er die Sache einem allgemeinen mecklenburgischen Landtage vor. Er erhielt hier den Rat, den Versuch eines gütlichen Vergleiches zu machen, und Adolf Friedrich hat eingewilligt. Das macht der Überlegung dieses sanguinischen Charakters alle Ehre. Er war imstande, trotz seiner Empörung einen Weg, der ihm nach den letzten Ereignissen der widerlichste sein mußte, zu betreten, weil er ihm politisch rätlich erschien und ihm im Augenblick Hoffnung gab, weiter zu kommen. Er glaubte dadurch die Exekution aufhalten zu können.

Die Witwe ging darauf ein, schob aber den Termin klug hinaus, bis das kaiserliche Mandat vom 4. Oktober, bei Ungnade und einer Strafe von 1000 Mark Goldes binnen sechs Wochen sich zu verantworten, zur Veröffentlichung gelangt war.

Der Vermittelungsversuch selbst zerschlug sich sehr bald, weil, wie vorauszusehen, beide Seiten schon in der Frage der Konfession und Erziehung des fürstlichen Mündels gleich wenig nachzugeben geneigt waren. Daß die Herzogin=Witwe aber vorschützte, sie könne sich wegen des kaiserlichen Urteils in keinen Vergleich einlassen, es sei ihr dies vom Wiener Hof aus widerraten worden, konnte die Kluft nur erweitern. Adolf Friedrich erfuhr sehr bald, daß derartiges weder vom Kaiser noch von seinen Räten jemals ausgesprochen worden war und daher von einem der Agenten Eleonorens erfunden und ausgestreut sein mußte. Der Reichshofratspräsident gab ausdrücklich zu verstehen, daß solche "üblen Reden" weder vom Kaiser noch von seinen Räten stammten, vielleicht habe es Zach. Quetz geschrieben. 1 ) Er fügte hinzu, sie seien auch niemals auf den Gedanken gekommen, die reformierte Religion in Mecklenburg einführen zu lassen. Nur deshalb, weil die Herzogin kalvinisch sei, könne man aber nicht von der Vollstreckung des Testamentes absehen. Überhaupt habe man den ganzen Handel gründlich satt und würde froh sein, wenn er sich beilegen lasse. Aber zu einer Urteilskassation und Restitution in integrum könne man sich nicht entschließen. Es bleibe daher nur das Mittel gütlichen Vergleichs, und nichts sähe man am Hofe lieber, als wenn ein solcher einträte! 2 )


1) Dieser tritt jetzt als treibende Kraft besonders hervor. Die Reichshofratsprotokolle vom 4. und 13. Oktober 1639 in A. T. vol. IX A Fasc. 3a vol. II, pars II Nr. 56 und 61.
2) Pistorius an den Herzog, Wien, den 19./29. Februar 1640 Vien.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 74 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Man sieht, die Stimmung am Wiener Hofe war schon anders geworden, und Eleonorens beste Tage waren gerade in dem Augenblick vorüber, wo sie glaubte, ihr Ziel erreicht zu haben. Aber dies kam ihr damals nicht zum Bewußtsein, da sie die tatsächliche Herrschaft im Lande immer mehr in ihre Hände zu bekommen schien. Schon 1638 hatte der Eifer dieser Frau nicht gescheut, während sie in Wien alle Hebel in Bewegung setzte, durch eine eigene Gesandschaft die schwedische Regierung um Unterstützung ihrer Ansprüche zu ersuchen. Sie wurde hier kurz und scharf mit dem Bescheide abgewiesen, das Testament sei ohne Vorwissen und Billigung der Krone Schwedens entstanden und mit kaiserlicher Hülfe zur Vollstreckung gelangt. Daher habe Schweden mit ihm nichts zu tun.

Merkwürdig ist aber, daß Eleonore Maria trotz dieser deutlichen Ablehnung der schwedischen Regierung seit dieser Zeit und teilweise schon vorher die dauernde Hülfe schwedischer Truppen, schwedischer Offiziere, ja Baners selbst gefunden hat. Schon vor der Austreibung der Schweriner Regimentsräte, im Beginn des Jahres 1639, hatte der Kommandant von Wismar in Güstrow durch Offiziere Baners alle mecklenburgischen Besatzungstruppen abgeschafft, eine für Adolf Friedrich empfindliche Maßregel, weil ihm dadurch die Möglichkeit, in Güstrower Verhältnisse einzugreifen, genommen war. Von diesem Augenblicke an war Eleonorens Herrschaft gesichert gewesen. Dem Kalvinismus war Vorschub geleistet worden. Ja, die Herzogin=Witwe und Franz Albrecht von Sachsen hatten ungestört in Güstrow eine neue Leibkompagnie aufgestellt. Stolz rühmte sich Franz Albrecht, von dem Pistorius sagt, er pflege aus einer Mücke eine Elefanten zu machen, 1 ) er sei kaiserlicher Statthalter der Güstrower Lande, habe "Urteil und Sentenz" gegen den Schweriner Herzog in den Händen und die Exekution zu verrichten. Seine Stellung wurde weiter durch die Vermählung mit Christine Margaretha, der Stieftochter Eleonorens, am 11. Februar 1640 gefestigt. Und das alles geschah unter den Augen der Macht, die für die lutherische Sache wie kein anderer Staat unter ihrem großen Könige eingetreten zu sein, mit Recht behauptete, der Macht, die seit 1630 bis zum Frieden der erbittertste Gegner des Hauses Habsburg blieb!

Wenn es allein das schwedische Heer war, nicht die schwedische Regierung, die die kalvinistische Herzogin, den Schützling Habs=


1) Pistorius an Adolf Friedrich, 7./17. März 1638. Vien.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 75 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

burgs, stützte, so nimmt es nicht wunder, wenn Adolf Friedrich durch eine Enthüllung dieser sonderbaren Sachlage eine rasche Abänderung herbeiführen zu können hoffte. Als sein Gesandter Johann von Berg, über dessen Mission an anderer Stelle zu berichten ist, im Februar 1639 nach Schweden ging, wurde er auch beauftragt, 1 ) die schwedische Regierung über die Stellung ihrer Truppen zum Vormundschaftsstreit in Kenntnis zu setzen. Der Herzog konnte hoffen, auf diesem Wege Eleonore Marias Stellung zu erschüttern, zum wenigsten den Besitz Güstrows wieder zu erlangen.

Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Von Berg besorgte, als er in Jönköping zuerst mit der Reichsregierung in Berührung kam, sofort, daß man sich sehr ungern in die mecklenburgischen Händel einmenge, und der Beschluß der Regierung bewies ihm, daß diese Empfindung begründet gewesen war, indem sie die Frage der Vormundschaft mit Stillschweigen überging. Aber während der Audienzen, die dem Gesandten gewährt wurden, kam zuletzt doch auch die Güstrower Frage mehrfach zur Sprache, und da zeigte sich, daß die schwedischen Reichsräte ohne Ausnahme auf Adolf Friedrichs Seite standen. Sie hielten ihn für die Vormundschaft berechtigt, aber sie überließen es ihm, seine Sache selbst zu verfechten. Ausdrücklich erklärten sie, daß Schweden ihm nichts in den Weg legen werde, aber als von Berg ihnen gerade heraus sagte, daß man in Güstrow den Kaiser oder vielmehr den Reichshofrat als Richter und Schweden zur Vollstreckung des Urteils gebrauche, und die Frage an sie richtete, wie sich das zusammen reime, suchte man hinter verlegenen Ausflüchten Schutz.

Von Berg bat dringend um eine schriftliche Antwort, aber er mußte sich mit dem Gehörten begnügen.

Die Regierung wollte offenbar ihrem Feldherrn, dem sie so viel verdankte, mit der größten Vorsicht begegnen. Auch im Beginn des nächsten Jahres kam von Berg bei Gelegenheit einer zweiten Sendung nicht zum Ziele. Die schwedische Regierung gab wohl ihr großes Mißfallen an dem Verlaufe des mecklenburgischen Vormundschaftsstreites kund, wollte sich aber nach wie vor nicht einmischen. Nur gab sie die Vertröstung, sie lasse die Kalvinisten in Güstrow nicht aufkommen und könne Herzog Franz Albrecht nicht gestatten, daß er in Mecklenburg sich aufhalte, geschweige denn, daß er dort Grundbesitz erwerbe. Ja,


1) Adolf Friedrich an von Berg, 28. März 1639. Suec. Vol. IV.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 76 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

im geheimen teilte sie mit, sie wolle ihn beim Kopf nehmen und wie den Feldmarschall von Arnim 1 ) aufheben, da er Konspirationen mit dem Feinde habe und Schweden feindlich gesinnt sei. Auch muß damals an die schwedischen Befehlshaber die Aufforderung ergangen sein, in dem mecklenburgischen Streit nicht weiter Partei zu nehmen, sondern sich neutral zu verhalten, wie ein Schreiben an den Kommandanten in Wismar aus dem Jahre 1640 beweist. 2 ) Dem ist dann auch Folge geleistet worden, und im Sommer 1640 ist die Schweriner Regierung wieder in den Besitz des Güstrower Schlosses gelangt. 3 )

Adolf Friedrich hat gegen die kaiserliche Entscheidung am 1. November 1639 in einer Schrift Berufung eingelegt, die den Titel "Deductio Causalium oder Deductio Nullitatis" führt und im Januar 1640 dem Kaiser selbst übergeben wurde.

Sie legte noch einmal, weitläufig ins einzelne gehend, Ursache und Verlauf des ganzen Handels dar und gipfelte in der Zurückweisung aller bisherigen kaiserlichen Mandate, weil sie rechtswidrig seien. "Ja, es mag . . . sein, was es wolle, dadurch Sie, kaiserliche Majestät, gegen mich verleitet und hintergangen, so ist und bleibet doch immer wahr und unbeweglich, daß, weil darauf me inaudito et non servato juris ordine verfahren, alles, was darauf gegen mich angeordnet, von keinem Bestande sei . . ." 4 )

Der Vorsitzende des geheimen Rates, der Graf von Trautmannsdorf, versprach auf des Herzogs Bitte, dessen Sache zu vertreten, sobald sie an den geheimen Rat komme. Auf die Verhandlungen im Reichshofrate einzuwirken, erklärte er sich außerstande. 5 )

Im März 1640 sandte Adolf Friedrich Dr. Abraham Kaiser, den nachherigen mecklenburgischen Gesandten auf dem westfälischen Friedenskongresse, zu dem Kurfürstentage, der nach Nürnberg berufen worden war. Hier ließ er seine Sache mit Nachdruck führen. Auch seine Bundesgenossen rührten sich tatkräftig für


1) Johann Georg von Arnim, geb. 1583 in Boitzenburg, nacheinander in schwedischen, polnischen, kaiserlichen und sächsischen Diensten, wurde 1637 auf seinem Schloß Boitzenburg aufgehoben und nach Stockholm in Haft gebracht, entfloh 1638, gestorben 1641 in Dresden. Vgl. Dr. G. Irmer, Hans Georg von Arnim. Leipzig 1894. Bes. Beziehungen zu Adolf Friedrich. p. 334 ff. und P. 343.
2) v. Bergs 2. Relation, Stockholm, d.29. August 1640. Suec. Vol. IV.
3) Inf. F. et J. p. 158.
4) Ded. Caus. Punkt 17. A. T. Vol. VII Fasc. I.
5) Schreiben vom 2. Nov. 1639. Vien.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 77 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

ihn. Von Christian IV. von Dänemark wissen wir, daß er noch am 14. April sich beim Kaiser wie beim Kurfürstenkollegium für den Herzog aufs wärmste verwandte.

Und endlich winkte ihm der Erfolg. Das Kurfürstenkollegium sprach sich nach Prüfung der Ansprüche beider Parteien für den Herzog aus und richtete an den Kaiser ein Schreiben zu seinen Gunsten.

Inzwischen hatte der Kurfürstentag in Nürnberg im Februar 1640 vom Kaiser die Berufung eines Reichstages gefordert, der dann noch im selben Jahre in Regensburg zusammentrat. Von Adolf Friedrich und dem Lande wurden der Kanzler Cothmann und ein Herr von Behr dorthin gesandt. Aber vergebens suchen wir diese im Theatrum Europaeum in der Liste zu der bekannten Abbildung der Session vom 3./13. September 1640. Wohl findet sich der Anhalter Gesandte Dr. Milagius und Zach. Quetz, die beide das Interesse Eleonorens vertraten, unter den Gesandten. 1 ) Auch hier wieder war die Witwe schneller gewesen, da sie nicht wie ihr Schwager Verhandlungen mit den Landständen zu führen hatte, um Geld bewilligt zu erhalten.

Quetz und Milagius taten übrigens bei Beginn des Reichstages im Interesse der Witwe einen Schritt, der zum Schaden Mecklenburgs gereicht und Verwirrung angerichtet hat.

Als sie mit ihrer Vollmacht und Legitimation etwas spät angekommen waren, hatten die vier Fürstenhäuser Baden, Württemberg, Hessen und Pommern 2 ) sich betreffs der Reihen=


1) Vgl. Bild und Namensliste bei Winter, G., Geschichte des dreißigjährigen Krieges. Berlin 1893. [Oncken, Allgemeine Gesch. in Einzeldarstellungen.]
2) Wer vertrat Pommern auf diesem Reichstage, nachdem seit 1637 der letzte Stammesherzog verstorben war und Schweden wie Brandenburg Ansprüche erhoben? Wir wissen, daß auf dem späteren allgemeinen Friedenskongreß die pommerschen Landstände selbst zwei Bevollmächtigte in Osnabrück hatten (Dr. Fr. Runge und Markus von Eickstedt), die eifrig in Tätigkeit gewesen sind. Vgl. M. Wehrmann, Gesch. von Pommern, II. Bd., Gotha 1906 p. 137 ff. [Allgemeine Staatengeschichte, III. Abteilung, deutsche Landesgeschichten: V. Werk.] - 1640/1, während der Verhandlungen in Regensburg, finden sich unter den anwesenden Ständen zwei Pommern vertreten, P.=Stettin und P.=Wolgast, gemäß alter Gliederung. Vgl. Londorp, Acta Publ. IV, 866 bei Gelegenheit der ersten Sitzung u. ff. Wer vertrat sie? Weder Odhner a. a. O., Wehrmann a. a. O., O. Melmström, Bidrag till svenska Pommerns historia 1630-1653, Diff. Lund 1892, noch die sonst zitierte und herangezogene Literatur bringt Aufschluß darüber. Einen Hinweis, der allerdings Bestätigung verlangt, gibt nur Albert Georg Schwartz, Versuch einer
(  ...  )
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 78 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

folge in Sitz und Stimme bereits auf eine gewisse Alternation geeinigt. Um nun nicht rückständig zu bleiben und zugleich, auf bequeme Weise den sich verspätenden Schweriner Rivalen den Rang abzulaufen, scheute Quetz sich nicht, am 11. und 12. September 1640 vor der zweiten Sitzung, als sei er für ganz Mecklenburg bevollmächtigt, mit Pommern, Württemberg, Hessen und Baden wegen der Session einen Vergleich einzugehen, der, allerdings ausdrücklich nur für diesen Reichstag gemeint, folgende Alternation der fünf Häuser einführte:

1.   Pommern,     Württemberg,    Hessen,    Baden,    Mecklenburg.
2.   W. B. M. H. P.
3.   M. W. P. H. B.
4.   P. W. M. B. H.
5.   W. H. B. M. P. 1 )

In der dreizehnten Sitzung am 1./11. Oktober 1640 protestierten die Gesandten Adolf Friedrichs, Kanzler Cothmann und Landrat Kurt Behr, die vierzehn Tage vorher eingetroffen waren, feierlich gegen eine Neuerung, die ohne Vorwissen Adolf Friedrichs geschehen und, da er Vormund für Mecklenburg=Güstrow sei, auch für diesen Landesteil keine Gültigkeit haben könne.


(  ...  ) Pommersch= und Rügiauischen Lehn=Historie, Greiffswald 1740, wo es unter dem Jahre 1640, pp. 1057/8, heißt: "Man war schwedischerseits bedacht, sich das Herzogtum Pommern und dessen zubehörige Lande sonst zu versichern . . . . Es räumte zwar der Kaiser den brandenburgischen Gesandten auf dem Regensburger Reichstage 1640 Sitz und Stimme wegen Pommern ein. Aber das konnte, bei gegenwärtiger der Sachen Bewandtnis, nicht entscheiden, wer Pommern haben oder behalten sollte." Schwartz beruft sich auf die ältere Arbeit von E. S. Schurtzfleisch, Origines Pommeranic., Wittenberg 1673, die in not. b zum § 9 ausführt: "A. 1641 Fridericum Wilhelmum Patris in septemviratu et Pomerania successorem, legatos ad comitia dimisisse, qui respectu ducatus Pomeraniae, Stettinensis et Wolgastensis, ratione quorum A. 1551 Duces ipsi pacti sunt mutuam successionem, sedendi suffragandique dignitatem habuerunt." - Nimmt man aber zu diesen Äußerungen, daß unter den Unterfertigten im Reichsabschiede 1641 für Pommern lediglich angegeben ist: "Vor wegen . . . . Friedrich Wilhelms . . . . als Herzogen in Pommern . . . . wegen Pommern=Stettin Urban Kaspar von Freilitsch, wegen Pommern=Wolgast Matthaeus Wesenbecius" (vgl. Neue . . . Sammlung der Reichsabschiede, Frankfurt a.M. bei E. Koch 1747, III 569) daß also zwei bekannte Brandenburger Beamte, die Gesandten des Kurfürsten hier als Vertreter beider Pommern sich finden, so ist das sich ergebende Resultat kaum noch zu bezweifeln. Schweden ist nachweislich nicht auf diesem Reichstage gewesen, und von Gesandten der pommerschen Landstände dort keine Spur. So. bleibt nur Brandenburg, und die übereinstimmenden Nachrichten bestätigen dies.
1) Londorp, Acta Publica, IV, 874, V. 724/25.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 79 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Mecklenburg hatte seit alters die Oberstelle vor jenen vier Fürstenhäusern inne, 1 ) und die Schweriner Gesandten erhielten Befehl, den Reichstagsberatungen nicht eher beizuwohnen, als bis Quetz entfernt worden sei. Da dies nicht geschah und auch die vier alternierenden Häuser auf den Protest Mecklenburg=Schwerins nicht eingingen, so haben Behr und Cothmann an diesem Reichstage wohl überhaupt nicht teilgenommen. 2 ) Der hier entstandene Sessionsstreit aber spielte noch 1645 in Osnabrück eine traurige und für den schleppenden Gang der Friedensverhandlungen bezeichnende Rolle.

Es wirft einen Schatten auf die Anhalterin, daß sie neben diesen öffentlichen Bemühungen, die ihr keiner verdenken wird, auch Wege einzuschlagen suchte, die von Verleumdung und Doppelzüngigkeit nicht weit entfernt waren. Während sie Adolf Friedrich öffentlich beim Kaiser wegen vertraulicher und gefährlicher Korrenspondenz und Freundschaft mit Schweden anklagte, 3 ) soll sie durch ihre Leute und durch Gesandten der Generalstaaten ihn in Stockholm "einer sehr gefährlichen Correspondence und der Krone Schweden nachteiliger Consiliorum mit dem Kaiser und dem Könige von Dänemark" beschuldigt haben. 4 ) Aber jetzt nützte ihr weder großer Eifer noch Intrigue mehr. Der Bogen war überspannt worden und gesprungen, und mit jedem Augenblicke gewann der Schweriner Herzog in dem Streit um die Vormundschaft auch außerhalb der Landesgrenze an Boden. Wie die Dinge lagen, konnte der Kaiser es nicht gut auf einen Bruch mit den Kurfürsten ankommen lassen. Dazu war auch der ganze Handel nicht angetan. Im Januar 1641 setzte er in Regensburg eine Kommission mit der Aufgabe ein, den


1) Adolf Friedrich an v. Berg, 6./16. November 1640. Suec. IV. Vgl. Prodromus künftiger Refut. § 35 ff. (Hier finden sich Angaben über Mecklenburgs Stellung auf früheren Reichstagen.)
2) Vgl. Londorp, Acta Publ., Tom. IV und V, a. a. O. und IV, 914 ff. Die Schweriner Gesandten sind hier nach dem 11. Oktober in keiner Sitzung wiederzufinden, und so wird D. Franck wohl recht haben, wenn er (a. a. O. p. 245) berichtet, die Schweriner Gesandten hätten nicht stimmen, auch nicht den Reichsabschied unterschreiben wollen, weil sie mit den alternierenden Häusern, besonders mit Württemberg in Streit geraten seien. In den von ihm dafür angezogenen Stellen der Acta Publica findet sich freilich von diesem allem nichts. Vgl. auch de Beehr a. a. O. p. 1368 ff.
3) In der letzten Klageschrift, auf die sie noch ein kaiserliches Mandat vom 20. August 1640 aus Regensburg gegen den Herzog erreichte.
4) Adolf Friedrich an von Berg, 6. November 1640. Suec.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 80 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Vormundschaftsstreit gütlich zu begleichen. Die Kommission, die aus Juristen bestand, unter denen sich der Reichshofratspräsident Freiherr von der Recke und der Vizereichskanzler Dr. Graf Kurtz befanden, hatte die Vollmacht, die Gesandten beider Parteien vor sich zu fordern, und sie, wenn möglich, zu versöhnen. 1 )

Sie stieß auf Schwierigkeiten, denn beide Parteien suchten jetzt ihr Recht in langatmigen Druckschriften zu erhärten. Eleonore in der Informatio Facti et Juris, der Schweriner Herzog im Prodromus und der Refutatio. Diese Druckschriften gingen auch den Kurfürsten zu. Nach genommener Einsicht entschieden diese in einem dem Kaiser eingereichten Gutachten vom Anfang des Jahres 1642 dahin, daß die Eingaben der Herzogin=Witwe unbegründet und Adolf Friedrich in der Vormund= und Regentschaft zu schützen und zu erhalten sei, bis ein gütlicher Ausgleich oder rechtlicher Austrag erfolge.

Damit waren alle bisherigen Handlungen des Herzogs gerechtfertigt. Nicht lange darauf kam Franz Albrecht bei einer Kriegsexpedition in Schlesien ums Leben, und damit schwand die Seele der Opposition. So lange er lebte, hatte Quetz auf seinen Befehl sich jedem Gedanken eines gütlichen Ausgleichs eifrig widersetzt. Auf das kurfürstliche Gutachten entschloß sich Ferdinand III., dem Könige von Dänemark, dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog Friedrich von Holstein aufzutragen, nochmals eine Aussöhnung zwischen Adolf Friedrich und seiner Schwägerin zu versuchen. Die Erteilung dieses Auftrags zog sich bis Januar 1643 hin, da für den Fall, daß der Ausgleich fehlschlüge, alle Akten beider Parteien zur gegenseitigen rechtlichen Auswechselung im Reichshofrate noch einmal zusammengeschrieben werden mußten. Außerdem fehlte es wieder am Gelde; die Schreibgebühren beliefen sich auf über 130 fl.; Adolf Friedrich sandte kein Geld; Pistorius mußte schließlich das Geld auslegen. Endlich am 2./12. August 1643 sandte Pistorius den Auftrag und die Prozeßakten nach Schwerin. Noch während des Jahres 1642 hatten, nach Franck, auf Adolf Friedrichs Ersuchen hin auch die mecklenburgischen Landräte und die Gesandten der Seestädte die Herzogin=Witwe zum gütlichen Vergleich zu bewegen gesucht. Sie hatten ihr vorgestellt, wie sehr die Residenz Güstrow darunter zu leiden habe, daß dort kein Fürst residiere. Schon damit Gustav Adolf in Güstrow weiter erzogen werden könne, müsse sie die Residenz räumen.


1) Vgl. Prodr. u. Ref. Beilage Nr.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 81 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Als sie nun auch zu ihrem Schmerz sehen mußte, wie der Kaiser, der bisher ihre ganze Hoffnung gewesen war, seine Meinung änderte, brach wohl allmählich die Widerstandskraft dieser tatkräftigen Frau. Sie entschloß sich, Güstrow dem Gegner zu überlassen. Am 3. Juli 1644 konnte der Rat der Stadt Güstrow dem Herzoge Adolf Friedrich berichten, "daß die fürstliche Frau Wittibe sich gänzlich nach I. f. Gn. Wittiben=thuembs Ampt Strelitz begeben," und zwar in dem Augenblicke, als gerade der dänisch=schwedische Konflikt ausbrach, der den Streit von neuem anzufachen geeignet war.

Der Schweriner hatte gesiegt. Man würde fehlgehen, wollte man annehmen, daß nur persönliche Motive diesen Mann bewogen haben, seinen Willen so hartnäckig durchzusetzen.

 


 

Anhang I.

Der schwedische Gesandte in Hamburg Johann Adler Salvius an Herzog Adolf Friedrich I. von Mecklenburg=Schwerin, (Originale im Großherzoglichen Geheimen und Hauptarchiv zu Schwerin unter A. F.) Vgl. oben p 47.

1.                                                           Hamburg, den 2./12. Dezember 1637.

Durchlauchtigster . . . .

Nachdem Euer fürstlichen Gnaden Trompeter weg war, fiel mir ein, Euer fürstlichen Gnaden etwas näher zu advisieren, daß ich bin nicht allein mit Herrn Bielke in einer Commission zusammen, sondern habe noch eine ganz vollkommene, untadelhafte Vollmacht auf mich allein gerichtet, da der kaiserlichen Majestät gefiele, jemanden herabzuschicken, den Frieden ohne Weitläufigkeiten oder solemniteten zu schließen. Sollte nun der Herr Graf Kurtz bald an Euer fürstlichen Gnaden kommen, und Sie vernehmen würden, daß er raisonnable und annehmliche conditiones mitbrächte, benebenst einer untadelhaften Vollmacht vom Kaiser, bitte ich untertänigst mir solches eilends wissen zu lassen. Es ist aber hoch nötig, daß alles sehr geheim gehalten werde noch zur Zeiten. Denn sein Abzug von Wien ist schon in Frankreich, Holland, England kund worden, und werden selbige Könige und Staaten sich mächtig befleißigen, zu hindern, daß Schweden nicht absonderlich schließe. Maßen dann der französische Ambassadeur allhier

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 82 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

mir schon sieben Tonnen Goldes offeriert, nur daß ich die Ratifikation ausliefern möge. Die Englischen erbieten sich auch auf ein ehrliches mit mir zu schließen . . . . Derowegen stehet nun alles darauf, daß Graf Kurtz bald komme, aber gute conditiones bringe. Sonsten wissen Euer fürstlichen Gnaden gnädigst wohl, daß das Geld ist unsern Armeen sehr lieb und nötig, und ich möchte deswegen bald Ordre kriegen, mit der Extradierung fortzufahren. Schweden kann die continuation des Krieges so gar hoch nicht schaden, als dem lieben Deutschland, bevorab anjetzo dem sächsischen Kreise! Derowegen solche momenta temporis hoch zu beobachten. Dieses aber alles deponiere ich so offenherzlich in sinum Euer fürstlichen Gnaden, bitte es secretissime zu halten.

 

2.                                                           Hamburg, den 29. Dez. 37/8. Jan. 38.

Durchlauchtigster . . . .

Euer fürstlichen Gnaden gnädiges Schreiben vom 23. Dezember habe ich den 28. dito spät zu recht erhalten und daraus mit mehrerem verstanden, daß Euer fürstlichen Gnaden Geheimeräte ins kaiserliche Lager an den Herrn Vizereichskanzler Graf Kurtz das bewußte geheime negotium zu fördern, abgefertigt, von deren Verrichtung Sie mir dann unverzügliche vertrauliche communication gnädigst verheißen, begehrende, daß ich inmittelst rem integram allhier behalten wolle, in guter Hoffnung, Gott werde Gnade und Segen zu einer allerseits gewünschten perfection verleihen. Zur untertänigsten Antwort dürfen Euer fürstlichen Gnaden ganz nicht zweifeln, daß die königliche Majestät und Krone Schweden zum rechtschaffenden Frieden wohl geneigt, inmaßen Sie denselben zu erlangen keine einzige occasion bishero aus den Händen gehen lassen. Sie stehen aber an ihrem Ort in großem Zweifel, ob auch dem Gegenteil ein gleichmäßiger Ernst dabei sei, weil er so gar langsam mit seiner Resolution einkommt und haben Euer fürstlichen Gnaden aus der eingeschlossenen kaiserlichen Erklärung vor Württemberg hochvernünftig abzunehmen, was Hoffnung von der Universalamnestie (so doch der prinzipalste Punkt im Frieden) übrig sein muß. Bishero habe ich noch alles allhier in integro behalten, ohnangesehen Frankreich und England durch ihre hiesigen Gesandten gleichsam täglich sehr hart das contrarium getrieben. Besorge aber sehr, dafern der Herr Graf Kurtz sich nicht bald mit genüglichen Conditionen herauslasset, daß ich es nicht länger werde halten können. Sage derowegen Euer fürstlichen Gnaden untertänig hohen Dank, daß Sie mir seine Erklärung gnädigst

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 83 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

zusagen, bitte, daß solches so schnell wie möglich geschehen möge, damit ich daraus sehen könne, ob er auch zu solchem Friedenstraktat wie sich's gebühret, bevollmächtiget, und wie weit er in den Conditionen zu gehen ermächtigt, wonach die Resolutionen auch dieserseits alsdann gefasset werden müssen. Vorhin habe Euer fürstlichen Gnaden ich ratione loci an Lübeck gedacht, könnte es aber zu Hamburg sein, wäre es so viel besser und bequemer. Denn hier hat man beiderseits das Postwesen an der Hand, welches zur Förderung der Traktaten, da etwas hin und her zu referieren nötig, sehr dienlich ist. Ein E. Rat dieser Stadt hat auch schon ein logiment vor hochwohlgedachten Graf Kurtz bestellet, und da Euer fürstlichen Gnaden geruheten, jemand der Ihrigen dabei zu haben, könnte das ganze Werk so viel geschwinder durchgearbeitet und nächst göttlichem Beistande in der Stille abgehandelt werden. Wozu . . . .

 


 

Anhang II.

Der mecklenburgische Geheimsekretär zur Nedden berichtet über den Erfolg einer Gesandtschaftsreise nach Hamburg zu Salvius im Frühjahr 1638 an den Herzog Adolf Friedrich in der Relation vom 18./28. Mai 1638. (Original im Großherzoglichen Geheimen und Haupt=Archiv zu Schwerin unter A. F.) Vgl. oben p. 58.

Die folgende Stelle aus derselben bringt Äußerungen des Legaten, die, übertrieben oder nicht, die Stellung Mecklenburgs und des Schweriner Herzogs zum damaligen Kaiserhofe treffend kennzeichnen. "Er (Salvius) wolle nicht sagen, wie gefährliche consilia gegen Euer fürstlichen Gnaden selbsten vorgingen, des Stifts Bützow wären Sie nicht gesichert und würde es in kurzem eingezogen werden, die Komturei Mirow sollte auch in kurzem dem Grafen von Schwarzenberg eingeräumt werden. Die Lehen hätten Euer fürstlichen Gnaden noch nicht empfangen und sollten auch Euer fürstlichen Gnaden nicht belehnet werden, es seien denn allerhand höchst präjudicierliche Sachen versprochen.

In der Vormundschaftssache hätten Ihre fürstlichen Gnaden dem Kaiser einen Schimpf und Ungehorsam in nicht Abfolgung des Pupilli, wie am kaiserlichen Hofe vorgegeben würde, erwiesen; solche contumacia müßte mit Ernst gestraft und der Güstrowsche

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 84 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Teil von Ihrer kaiserlichen Majestät und deren Ministris selbsten administrieret, auch der fürstliche Pupillus von Ihro educieret werden. Die Elbzolle könnten und sollten nicht restituieret werden, die beschehenen Vertröstungen wären nur lautere Aufzüge, und wenngleich die Restitution auf eine Zeitlang, wie doch nicht zu hoffen, erfolgete, so würden doch solche Assignationes darauf geschehen, daß Ihre fürstlichen Gnaden nichts davon zu genießen hätten, zumalen dieselbe und deren Intraden von etlichen hochmeritierten kaiserlichen Offizieren auf eine Zeitlang schon ausgeboten und erhalten wären. Andere Gefährlichkeiten mit vorhabender Occupation Euer fürstlichen Gnaden eigener Residenzen diesmal zu geschweigen. Welches alles nicht effectuieret würde, weil die Schweden in totum noch nicht gedämpfet und sie sich die Gedanken machen, daß Euer fürstlichen Gnaden denselben leicht wieder zutreten möchten, von denen Sie mehr guts als von ihnen empfangen; Euer fürstlichen Gnaden hätten an etlichen benachbarten Kurfürsten und Grafen nicht gar gute Freunde und sich wohl vorzusehen, denn es würde viel Böses gegen Sie am kaiserlichen Hofe durch dieselben prakticieret . . .

. . Das Stift Bützow sei den Herzogen zu Sachsen zugesagt, wenn sie die Capitularen contentieren. Die Belehnung wird daher diffikultieret, weil Ihre fürstlichen Gnaden kaiserlichen mandatis in der Vormundschaft nicht parieren und den Herzog von Braunschweig, der den Pupillum abholen sollen, schimpflich abgewiesen, und wäre sonsten Eure fürstlichen Gnaden am kaiserlichen Hofe in dem Praedicament, daß Sie kein devoter Fürst wären; Mirow sollte conte de Negro Monte eingeräumt werden" 1 ) . . . .

 

Vignette

1) Nach der gleichlautenden Äußerung oben wohl kein anderer als Graf Schwarzenberg!
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 85 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite
zum nächsten Dokument zum übergeordneten Dokument zum nächsten Dokument Dokument dauerhaft verlinken Metadaten auf dem Dokumentenserver anzeigen

II.

Die Begründung und Entwickelung
der kirchlichen Organisation Mecklenburgs im Mittelalter.

Von

Pastor K. Schmaltz , Sternberg.

~~~~~~~~~

D ie Christianisierung Mecklenburgs ist von Wigger in seiner grundlegenden Arbeit über den ersten Bischof von Schwerin, Berno (M. Jbb. 28) behandelt worden. Auch andere, wie Ernst und Salow in ihren Arbeiten über die Germanisierung Mecklenburgs, Wiesener in seiner Pommerschen Kirchengeschichte zur Wendenzeit, haben sie gestreift, neuerdings wieder Rudloff im 3. Hefte der mecklenburgischen Geschichte in Einzeldarstellungen ihr längere Abschnitte gewidmet; über die ersten Anfänge des Bistums Ratzeburg haben wir eine wertvolle Arbeit von Hellwig (Jahrbb. des Vereins für Geschichte des Herzogtums Lauenburg VII, 2, 1 - 26). Aber alle diese Darstellungen, so manches sie bringen, über die eigentliche Christianisierung des Landes und der Bevölkerung verbreiten sie wenig Licht. Die Begründung der Bistümer und Domkapitel, der Übertritt der Landesfürsten, die mehr oder minder zwangsweisen Massentaufen der Bevölkerung bilden doch nur den Anfang derselben. Die eigentliche Christianisierung des Volkes aber beginnt erst da, wo es wirklich unter dauernde lokale Beeinflussung und Erziehung von Seiten der Kirche kommt, ohne welche die Massentaufen jeder Wirkung entbehren, mit anderen Worten erst dann und dort, wo Kirchen gebaut und Priester dauernd an ihnen stationiert werden, um die Erziehung des zwangsgetauften Volkes in die Hand zu nehmen. Wie und wann aber die Kleinarbeit der Kirchenerrichtung und Pfarrgründung begonnen hat, nach welchen Grundsätzen sie geschah, wie sie allmählich vorgeschritten ist, welchen hemmenden und fördernden Einflüssen sie unterlag, und zu welchem Ziele sie geführt hat, darüber bieten die bisherigen Arbeiten wenig genug.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 86 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

In diese Lücke möchte die gegenwärtige Arbeit eintreten, zugleich aber die Entwickelung des mecklenburgischen Parochialsystems im Mittelalter über das Ziel der Christianisierung des Landes hinaus bis zu seiner vollen Ausbildung verfolgen. Für einen Teil desselben, das Bistum Ratzeburg, sind wir dabei in der günstigen Lage, ein völlig ausreichendes urkundliches Material zu haben. Für das übrige Mecklenburg ist dieses leider recht lückenhaft. Indes wird es zum Teil ergänzt durch die steinernen Urkunden, welche die mittelalterlichen Kirchenbauten selbst darstellen, und die jetzt in dem großen Schlie'schen Werke für Mecklenburg=Schwerin vollständig beschrieben vorliegen. Freilich ist in der Ansetzung von Bauten rein nach Stilmerkmalen die größte Reserve zu beobachten - um nur eins zu nennen, ist Schlie meistens geneigt, die Bauten des Uebergangsstiles reichlich früh anzusetzen -Immerhin gewähren sie auch bei Beobachtung der größten Vorsicht für unsern Zweck manche dankenswerten Daten. Weiter aber lassen sich aus den Größenverhältnissen und der Lagerung der Kirchspiele mancherlei Schlüsse ziehen, wobei allerdings die Voraussetzung ist, daß im allgemeinen die Kirchspielsgrenzen unverändert geblieben sind, und das ist, wie ein Blick in das Ratzeburger Zehntregister von 1230 zeigt, in der Tat der Fall. Dasselbe ergibt sich aus dem Visitationsprotokoll von 1541/42, soweit dasselbe über die zu den einzelnen Kirchen eingepfarrten Ortschaften Auskunft gibt, was es allerdings nicht immer und auch dann bisweilen nicht vollständig tut. Veränderungen späterer Zeit sind meist nur Zusammenlegungen kleinerer Kirchspiele, wobei doch jeder Kirche die ihr zugehörigen Ortschaften geblieben sind. Neugründungen von Kirchspielen haben nach der Reformation so gut wie garnicht mehr stattgefunden. Es ist der Arbeit eine Kirchspielskarte von Mecklenburg beigegeben, auf der das Parochialsystem, wie es im Ausgange des Mittelalters war, rekonstruiert ist. Die Abweichungen desselben von dem heutigen sind ihres Ortes in der Arbeit begründet. Endlich lassen Sich auch noch aus den Patronatsverhältnissen gelegentlich wertvolle Schlüsse ziehen. Nimmt man alles dies zusammen, so dürfte auch für das Mecklenburg, welches nicht mehr zum Ratzeburger Sprengel gehört, soviel Material vorhanden sein, daß sich ein einigermaßen zuverlässiges Bild der Entwickelung herstellen läßt.

Über die Zitierungsweise in der nachfolgenden Arbeit bemerke ich, daß die Jahrbücher des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde mit "M. Jbb.", das große Schlie'sche Werk: Kunst= und Geschichtsdenkmäler Mecklenburgs

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 87 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

einfach mit "Schlie" zitiert werden, und daß die eingeklammerten Zahlen die Nummern der Belegurkunden im Mecklenburgischen Urkundenbuch (M. U.=B.) geben.

Seit der Katastrophe des Jahres 1066 waren die Wendenlande östlich der Elbe auf fast zwei Menschenalter wieder sich selbst und ihrem Heidentum überlassen gewesen. Das Vordringen der christlichen Kirche und der deutschen Macht war nicht nur ins Stocken geraten, sondern in eine Rückwärtsbewegung umgeschlagen. Der Elbstrom und die Sachsengrenze bildeten wiederum die Grenze beider. Allmählich aber bereitete sich in der Stille mit dem Wachsen der deutschen Volkskraft eine neue Vorwärtsbewegung gegen die Slavenländer vor. Bald nach dem Beginn des neuen Jahrhunderts finden wir die deutsche Macht überall wieder im Vordringen. Zugleich erwachte von neuem der Missionstrieb, der fast ganz geruht hatte. Noch auf den christlichen Polenkönig, der eben Pommern unterworfen hatte, gestützt, unternahm der zugleich von dem Eifer des Missionars und der praktischen Umsicht des Kirchenfürsten beseelte Bischof Otto von Bamberg im Jahre 1124 seinen ersten Missionszug in das Land der Pommern. Schon 4 Jahre darauf, bei seiner zweiten Reise, war es nicht mehr Polen, auf das er sich stützte, sondern die wachsende deutsche Macht, an deren Spitze der Sachsenherzog Lothar stand, der nach dem Tode des letzten Saliers auch die Königskrone gewonnen hatte. Die feierliche Annahme der christlichen Religion, Massentaufen und die Errichtung einer ganzen Anzahl von Kirchen war das erfolgreiche Resultat dieser beiden Missionszüge. Pommern galt seitdem als christliches Land. Freilich fehlte noch viel daran, daß es das in Wirklichkeit wurde; noch lange dauerte es, bis die mühsame Arbeit der Christianisierung des Volkes vollendet war, und noch am Ende des 12. Jahrhunderts klagte man in Dänemark, die Pommern hätten nur den Namen des Christentums, in Wahrheit seien sie noch Heiden. Immerhin war hier das Heidentum für immer gebrochen und schritt die Christianisierung, wenn auch langsam, so doch stetig fort. Zur selben Zeit (im Jahre 1126) begann im Westen Mecklenburgs der Bremer Kanonikus Vizelin seine Wirksamkeit unter den wagrischen Wenden Ostholsteins, freilich zunächst ohne nennenswerten Erfolg, bis das Erstarken des sächsischen Stammes und sein erneutes Vorwärtsdringen zu Anfang der vierziger Jahre des zwölften Jahrhundert die Kraft der Wagrier brach und eine umfangreiche Einwanderung deutscher Bauern die deutsche Herrschaft für immer sicherte. Von Süden

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 88 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

her drängte die junge Kraft Albrechts des Bären von der Nordmark aus über die Elbe. Die Mark Brandenburg kam von neuem unter deutsche Herrschaft und die märkischen Wendenbistümer Havelberg und Brandenburg erwachten zu neuem Leben. Auch hier wie in Wagrien begann eine zahlreiche deutsche Einwanderung die wendische Bevölkerung zu durchsetzen, wurden Kirchen gebaut und das Land der christlichen Kirche gewonnen. So von allen Seiten isoliert, mußte endlich auch für Mecklenburg die Stunde schlagen. Unaufhaltsam drängten die Sachsen vorwärts; Wagrien war unterworfen. Unmittelbar darauf - um 1142 - besetzten sie das westliche Mecklenburg, das Land der Polaben, und errichteten hier eine neue Grenzgrafschaft, die Grafschaft Ratzeburg. Aber auch hier blieben Sie nur für kurze Zeit stehen. Zwanzig Jahre darauf ward das Obotritenland den sächsichen Marken hinzugefügt und organisiert und die Anerkennung der Hoheit des Sachsenherzogs bis zu dem pommerschen Demmin getragen. Auch hier folgte die Christianisierung der politischen Bewegung. Die alten, seit fast 100 Jahren ruhenden Bistümer Oldenburg, Ratzeburg und Mecklenburg erstanden von neuem. Wagrien zuerst, dann Polabien und endlich auch das östliche Mecklenburg ward Schritt für Schritt mit Kirchen und Priestern besetzt und der abendländischen Kirche hinzugefügt.

Mit der Christianisierung Wagriens begann diese große Vorwärtsbewegung der christlichen Kirche, von Westen nach Osten Mecklenburg durchdringend. Es ist dieselbe Bewegung, es sind dieselben Verhältnisse und Kräfte, welche sich hier und weiterhin auswirken. Es ist daher angezeigt, die Erörterung über die Christianisierung Mecklenburgs mit einer kürzeren Betrachtung Wagriens, von der uns Helmold ein anschauliches Bild gibt, zu beginnen. Mancherlei wertvolle Fingerzeige werden sich dabei für die weiteren Untersuchungen ergeben.

~~~~~~~~~~~

I.

Die Begründung der wagrischen Kirche

(Bistum Oldenburg=Lübeck).

Im Herbst 1126 war Vizelin als mit der Wendenmission beauftragter Sendling des Erzbischofs von Bremen (dedit ei legationem verbi Dei in Sclavorum gente vice sua idololatriam exstirpandi. Helmold I, 46) mit zwei Genossen in Lübeck bei

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 89 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite
dem Wendenfürsten Heinrich erschienen mit der Bitte um die Erlaubnis, innerhalb seines Gebietes

predigen zu dürfen. Heinrich, selbst ein Christ, hatte die drei opferwilligen Männer ehrenvoll aufgenommen und ihnen die Kirche in Lübeck - die einzige im Wendenbereich noch bestehende, und auch sie wie es scheint zur Zeit unbesetzt - zugewiesen. Alles hatte sich aufs beste angelassen. Jedoch ehe die Arbeit aufgenommen werden konnte, vereitelte der Tod Heinrichs (am 22. März 1127) das ganze Unternehmen. Seine Söhne gerieten in Krieg, wiederum war das Wendenland von Wirren erfüllt; Vizelin und seine Genossen konnten nicht wagen, das Werk anzugreifen.

Jahrelang saß er nun hart an der Grenze des Wendenlandes als Pfarrer seiner Wartestation Wippendorf im Gau Faldera mit der mühsamen Arbeit beschäftigt, die verwilderte halbheidnische deutsche Bevölkerung der Umgegend zu reformieren. Allmählich sammelte sich eine klösterliche Genossenschaft von Priestern und Laien um den heiligen Mann, die unter seiner Leitung in strenger Askese lebte und aus der sich das Stift Neumünster entwickelte. Aber mit der Predigt zu den Wenden zu gehen war keine Gelegenheit. Ein erneuter Versuch in Lübeck, wo die Priester an den dortigen sächsischen Kaufleuten immerhin einigen Halt und Schutz hatten, die Arbeit wieder aufzunehmen, scheiterte. Die beiden Sendlinge Vizelins, Ludolf und Volkward, hatten sich kaum dort niedergelassen, da machte ein räuberischer Überfall der Rügener den Ort in Flammen aufgehen. Die beiden Glaubensboten mußten sich glücklich schätzen, unversehrt nach Faldera entkommen zu sein. Auch die Herrschaft des Dänen Knut Laward über Wagrien war zu kurz, um eine wirkliche Besserung der Lage herbeizuführen. Über den Wiederaufbau der Kirche in Lübeck kam man nicht hinaus. Und kaum war Knut der Eifersucht seines Vetters zum Opfer gefallen (am 7. Jan. 1131), so waren die beiden truculentae bestiae, wie Helmold sie nennt, Pribislav und Niklot, die nach dem Tode der Söhne Heinrichs an der Spitze der Wagrier und Obotriten erschienen wieder oben auf, und an Missionstätigkeit war nicht zu denken.

Erst als Kaiser Lothar die Wenden wieder zur Unterwerfung gebracht hatte - das Jahr steht nicht genau fest; Jensen (Schleswig=holsteinsche Kirchengeschichte, I, 202) nimmt 1134 an - konnte wieder ein Schritt vorwärts getan werden, indem Lothar auf Vizelins Rat, nun schon im Wendengebiete, die Veste Segeberg anlegte und in ihrem Schutze ein Stift gründete, das er dem Vizelin überwies. Auch die nun von

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 90 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

neuem wiederhergestellte Kirche in Lübeck ward ihm übergeben. Das neue Stift ward von Vizelin von Neumünster aus besetzt und gleich diesem zu einer Kongregation regulierter Priester ausgestaltet. So hatte man nun an zwei Stellen im Wendenlande Fuß gefaßt, an beiden unter dem Schutze der Deutschen, hier der Kaufmannskolonie, dort der Burgbesatzung und der sich um die Burg wohl bald ansiedelnden deutschen Bauern. Die Tätigkeit der Priester wird sich aber in der Hauptsache noch auf diese beschränkt haben, von Missionsbemühungen wird nichts berichtet und noch weniger von Erfolgen; mit Ingrimm sahen die Wenden auf den Kahlkopf, der dem Kaiser geraten hatte, ihnen die Zwingburg ins Land zu setzen. Der Fortschritt war demnach zunächst ein sehr bescheidener, und noch einmal sollte er wieder ganz in Frage gestellt werden.

Beide Stationen wurden von neuem zerstört, als Pribislav den nach dem Tode Kaiser Lothars ausbrechenden welfisch=staufischen Kampf zu einer erneuten Erhebung gegen die deutsche Herrschaft benutzte. Wieder ging das Suburbium von Segeberg in Flammen auf, mit ihm Kapelle und Stift. Sogar einer der Genossen Vizelins, der Priester Volker, fand dabei den Tod. Zur selben Zeit fiel Lübeck einem Einfall des Crutonen Race zum Opfer; es wurde zerstört. Glücklich entkamen die dortigen Priester nach Neumünster (1138). Nach fast zwölfjährigen Bemühungen stand somit die Christianisierung Wagriens wieder da, wo sie gewesen war, als Vizelin sie in Angriff genommen hatte. Aber dieser harrte aus, und nun erfolgte der Umschwung, freilich wohl in ganz anderer Weise, als er gehofft haben mochte.

Heinrich von Badewide, der als Lehnsmann des von König Konrad mit Sachsen belehnten Albrecht des Bären das Grafenamt in Holstein an Stelle des welfisch gesinnten Adolf von Schaumburg verwaltete, brachte ein Heer zusammen und durchzog im Winter 1138 /39 verwüstend das ganze Plöner, Lütjenburger und Oldenburger Land. Was er verschont hatte, zerstörten im folgenden Sommer die durch diesen Erfolg kühn gemachten holsteinischen Bauern. Auch der Burgwall von Plön, die Hauptveste Wagriens, fiel in ihre Hände und ward geschleift. Nach Helmold hausten sie so, daß das ganze Land zur Einöde wurde. So schlimm ist es nun freilich, wie aus anderen Notizen Helmolds hervorgeht, in Wirklichkeit nicht gewesen. Immerhin hatte sich die langaufgehäufte Erbitterung in einem furchtbaren Schlage Luft gemacht und war die Widerstandskraft des Wagrischen Wandervolkes fortan gebrochen, und als Graf Adolf

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 91 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

im Gefolge des Frankfurter Friedens nach Holstein zurückkehrte, stand er vor der Aufgabe, die teilweise verödeten Striche Wagriens wieder zu bevölkern und endgültig der deutschen Herrschaft zu sichern. Er zeigte sich ihr gewachsen. Graf Adolf ist der erste Fürst, der in größerem Maßstabe eine deutsche Kolonisation auf wendischem Boden ins Werk gesetzt hat. Holsteiner, Westfalen, Holländer und Friesen siedelten sich auf seine Einladung in Wagrien an; Lübeck ward von neuem aufgebaut (im Jahre 1143). Nur die Umgegend von Lütjenburg und Oldenburg bis an die Kieler Bucht einerseits und die von Lübeck andererseits blieb von der Einwanderung vorläufig noch ganz unberührt. Hier hielt sich das unterdrückte wendische Volkstum noch lange Zeit. Die Umgegend von Plön aber blieb zunächst nach Helmold ohne Einwohner, was jedoch ebenfalls cum grano salis zu verstehen ist, verrät er doch selbst später, daß es an einer wendischen Bevölkerung nicht ganz fehlte.

Mit diesem Umschwung war nunmehr ein ganz neuer Boden geschaffen, auf dem Vizelin seine Arbeit wieder aufnehmen konnte. Freilich war sie nun zum guten Teil eine andere geworden; anstatt Wenden zu bekehren, hatte er jetzt in erster Linie für die kirchliche Versorgung der Einwanderer zu sorgen. Mit Hülfe des Grafen ward das Segeberger Stift in dem benachbarten Högersdorf wiederhergestellt, in Segeberg selbst aber eine Pfarrkirche gebaut und aus dem benachbarten Neumünster besetzt. Die weitere Tätigkeit Vizelins schildert Helmold mit den Worten: "Domnus quoque Vicelinus novellae ecclesiae sibi commissae sollers curator, omni studio enisus est, ut ecclesiae locis opportunis aedificarentur, providens eis de Faldera (Neumünster) tam sacerdotes quam reliqua altaris utensilia (I, 58). Giesebrecht nimmt danach (Wend. Gesch. III, 13) die tatsächliche Errichtung einer Reihe von Kirchen in den ersten Jahren nach 1143 an. Haupt jedoch (Vizelinskirchen S. 131) zieht das in Zweifel, fragt, wer denn diese Kirchen geweiht habe, und meint, diese ganzen Schilderung Helmold gehöre vielleicht doch erst in die Zeit nach 1149, als Vizelin Bischof geworden war. Indes steht doch schon nach Helmold, welcher (I, 69) erzählt, daß Vizelin sofort nach seiner Bischofsweihe die Stiftskirche zu Högersdorf, die Pfarrkirche zu Bornhöved und einen Altar in Lübeck geweiht habe, wenigstens die Gründung dieser Kirchen in der Zeit vorher fest, und die Tatsache, daß wir bei den 1147 von wendischen Streifscharen überfallenen Friesen in Süsel einen Priester namens Gerlav finden, unter dessen Führung sie sich

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 92 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

tapfer in ihrer munitiuncula verteidigen, läßt darauf schließen, daß jene Einwanderer von Anfang an mit Priestern versehen waren, die sie entweder mitbrachten wie 1106 die von Erzbischof Friedrich in den Wesermarschen angesiedelten Holländer (cf. Jensen=Michelsen: Schlesw.=holst. Kirchengesch. I, 194 f.), oder durch Vizelin erhielten. Diese Friesen in Süsel scheinen nämlich damals erst vor kurzem eingerückt gewesen zu sein, da, als jener Überfall erfolgte, gerade der größere Teil derselben in die Heimat zurück gegangen war "propter ordinandum peculium illic relictum". Hatten diese Einwanderer aber Priester, so wird es auch sehr bald an schnell errichteten Holzkirchlein nicht gefehlt haben. Immerhin wird die Schilderung Helmolds nicht auf die ersten Jahre nach 1143 beschränkt werden dürfen, sie faßt die gesamte Tätigkeit Vizelins vom Beginn der Einwanderung bis zu seinem Tode kurz zusammen. Und wenn sie auch anfangs einen kräftigen Anlauf genommen haben mag, so kam sie doch bald genug wieder in's Stocken.

Das gute Einvernehmen nämlich, welches bis dahin zwischen Vizelin und dem Grafen geherrscht hatte, dauerte nicht lange. Die zwischen dem Herzoge und dem bremischen Erzstift bestehende Gegnerschaft hatte auch für die kirchlichen Dinge Wagriens die mißlichsten Folgen. In Bremen war 1149 der energische und hochstrebende Hartwig von Stade auf den erzbischöflichen Stuhl gelangt. Er war entschlossen, alles daran zu setzen, den alten Glanz desselben wiederherzustellen. Schon als Domherr hatte er die größten Opfer für denselben gebracht. Kaum zur Regierung gelangt, ging er daran, die drei seit einem Jahrhundert ruhenden slavischen Suffraganbistümer Bremens zu erneuern. Ohne sich zuvor mit der weltlichen Macht in Einvernehmen zu setzen, weihte er den Vizelin zum Bischof von Oldenburg, einen gewissen Emmehard für Mecklenburg; ein höchst unbesonnener Schritt, da er für die notwendige Dotation der erneuten Bistümer auf die Freigebigkeit der Fürsten angewiesen war. Und Heinrich der Löwe war nicht gewillt, irgend etwas in seinen Wendenländern geschehen zu lassen, zu dem er nicht seine Zustimmung gegeben hatte. Er antwortete sofort damit, daß Graf Adolf auf seinen Befehl dem neuernannten Bischofe alle Zehnten sperrte, und daß er die Forderung stellte, dieser solle das Bistum aus seiner, des Herzogs Hand empfangen - ein ohne Frage unbilliges Verlangen, da von Temporalien, welche der Bischof aus seiner Hand zu empfangen gehabt hätte, noch garnicht die Rede und es überdies

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 93 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

ein neuer und unerhörter Eingriff in die Rechte des Königs war, wenn der Herzog die Verleihung des Bistums für sich beanspruchte. Vergebens bemühte sich Vizelin um die Freigabe der ihm zustehenden Zehnten. Da weder er noch sein Erzbischof in der Investiturfrage nachgeben wollten, war nichts zu erreichen und es kam wie Heinrich von Witha vorausgesagt hatte: facite voluntatem eius (des Herzogs), ut aedificentur ecclesiae in Sclavia et dirigatur cultus domus dei in manibus vestris; alioquin frustrabitur labor vester (Helmold I, 69). Der Kirchenbau, die Errichtung von Pfarren kam ins Stocken, überall fehlten die Mittel. Es konnten nur die schon begonnenen Kirchen zu Bornhöved und Lübeck sowie die Klosterkirche in Högersdorf vollendet werden. Ein Versuch, die direkte Missionierung der Wenden wieder aufzunehmen, hatte geringen Erfolg. Helmold (I, 69) berichtet, daß Vizelin in Oldenburg gepredigt und ein kleines hölzernes Sanctuarium in der Nähe des Burgwalles errichtet habe, aber nur wenige Wenden seien der Einladung zur Taufe gefolgt, und es hat den Anschein, als ob auch dieser Versuch nur vorübergehend war und nicht zur Errichtung einer ständigen Station in Oldenburg geführt hat. Eine Pfarre konnte nicht errichtet werden, da der Graf weder Pfarrhufen hergab noch die Zahlung des Wendenzehnten zuließ, und dem Bischof die Mittel fehlten, dort einen ständigen Priester aus seiner Kasse zu erhalten.

Schon nach einem Jahre sah sich Vizelin daher doch genötigt, den Forderungen des Herzogs nachzugeben; er empfing (Ende 1150) das Bistum "per virgam" aus seiner Hand. Zugleich schenkte der Herzog das am Ploener See gelegene Dorf Bosau und Graf Adolf gestand die Hälfte des Zehnten zu. Aber auch jetzt noch litt das Werk Vizelins unter der fortdauernden Gegnerschaft des Herzogs und des Erzbischofes, und Graf Adolf war ebenfalls kein eifriger Förderer desselben; ihn mochte es von vornherein widerwillig machen, daß die zu erwartende Dotierung des Bistums garnicht anders als auf seine Kosten geschehen konnte. So kam es denn auch, daß diese immer wieder hinausgeschoben wurde, und Vizelin auf Bosau angewiesen blieb. Hier hatte er aber sogleich Kirche und Pfarre errichtet und einen seiner Genossen, den Priester Bruno, als Pfarrer hingesetzt. Wie oben bemerkt, war der pagus Plunensis, zu dem auch Bosau gehörte, nach Helmold bis dahin verödet (desertus) geblieben, d. h. er besaß wohl nur eine spärliche wendische Bevölkerung. Nun aber zogen nach und nach auch hierher deutsche Ansiedler und besetzten die

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 94 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

umliegenden Orte. Fleißig predigte ihnen Vizelin und ermunterte sie, in der von Räubereien der Wenden unsicheren Gegend auszuhalten. Von eigentlicher Wendenpredigt ist wiederum nicht die Rede. (Helmold I, 75).

Es war die letzte Tätigkeit Vizelins; ein erneuter Schlaganfall, den er im Juni 1152 erlitt (Böhmer: Vizelin S. 68), fesselte ihn für den Rest seines Lebens ans Lager. Am 12. Dezember 1154 starb er zu Neumünster.

In demselben Jahre war endlich der Streit um die Investitur der Wendenbistümer zwischen dem Erzbischof und Herzog auf dem Hoftage zu Goslar zu einem vorläufigen Entscheid gekommen. König Friedrich gestand seinem Vetter, Heinrich dem Löwen, auf dessen Macht er sich stützte, das von ihm beanspruchte Recht der Investitur zu. So war es denn der Herzog, der nach Vizelins Tode den Nachfolger bestimmte. Er übertrug das Bistum dem Braunschweiger Domscholastikus Gerold, und obgleich der Erzbischof diesem die Konsekration weigerte, erschien er im Winter 1155/56 in seinem Bistum und nahm die Verwaltung desselben in die Hand.

Er begann seine Amtsführung damit, daß er das Epiphaniasfest in Oldenburg beging. Es sah dort noch immer trostlos aus. Die Stadt war gänzlich ohne Bewohner und hatte nur jenes kleine, von Vizelin gebaute, verlassene Kapellchen. Nur wenige Wenden fanden sich zur Festfeier zwischen den Schneehaufen, die es umgaben, ein, unter ihnen der alte Pribislav, dessen Einladung auf seinen benachbarten Sitz der Bischof folgte. Von da aus drang er weiter in das noch von Wenden bewohnte Gebiet vor, zerstörte einen Hain des Prove und versuchte schließlich auf einer Versammlung zu Lübeck das Wendenvolk zur Annahme der Taufe zu bestimmen. Charakteristisch und bekannt sind die bitteren Klagen über die unsichere Lage und die unerträgliche Bedrückung, mit denen seine Aufforderung beantwortet wurde. Der alte Pribislav erklärte, wenn hier Erleichterung eintrete, wenn man den Wenden sächsische Rechte geben wolle, so seien sie bereit, das Christentum anzunehmen und die kirchlichen Pflichten und Lasten - Kirchenbau und Zehnten - zu leisten. Davon aber war nicht die Rede. Auf einer herzoglichen Provinzialversammlung in Artlenburg wurde noch einmal über die Christianisierung der Wenden verhandelt, aber daran, ihre Lage zu erleichtern, dachte man nicht. Der Herzog, dessen Kassen infolge des eben beendeten Römerzuges leer waren, bedurfte des Geldes und so wurden die Wenden weiter ausgesogen. Daß

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 95 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

unter diesen Umständen ihre Christianisierung nur geringe Fortschritte machen konnte, ergibt sich von selbst. Dagegen erreichte Gerold jetzt vom Herzog und Grafen eine wenn auch schmale Dotation des Bistums, die letzterer dem Bischof um Eutin anwies; es war eine schon - von Holländern - besiedelte Gegend, und daher war in Eutin schon eine Kirche vorhanden. Auch in Oldenburg selbst wurde jetzt eine Pfarre errichtet und ein ständiger Pfarrer dorthin gesetzt, jener Bruno, der früher Pfarrer in Bosau gewesen war, aber nach Vizelins Tode das Wendenland wieder verlassen hatte - ein nicht sehr günstiges Zeichen für die Ausdauer und Zuversicht der Gehülfen des Wendenbischofs. - Zum erstenmal hören wir hier jetzt wieder von eigentlicher Missionsarbeit. Helmold erzählt von Bruno: vocavit gentem Sclavorum ad regenerationis gratiam, succidens lucos et destruens ritus sacrilegos (I, 83). Zum Begraben ihrer Toten auf dem Friedhofe und zum Besuch des Gottesdienstes mußten sie freilich durch den Befehl des Grafen gezwungen werden, und auch die Unterweisung scheint mangelhaft genug gewesen zu sein. Da Bruno die wendische Sprache nicht beherrschte - dabei gehörte er zu Vizelins Genossen und war schon Pfarrer unter den Wenden gewesen! - las er ihnen in derselben aufgeschriebene Predigten vor. Immerhin war es doch etwas, was geschah. Ja, wahrscheinlich war es noch viel, wenn auch nur in dieser Weise etwas für die Bekehrung der Wenden getan wurde. Helmold würde es wohl kaum des Berichtens für wert gehalten haben, wenn er nicht darin schon eine hervorragende Leistung gesehen hätte. Indes fühlte sich der einsame Priester unter der wendischen Bevölkerung so unglücklich, daß auf sein Bitten Graf Adolf die Stadt zu einer sächsischen Kolonie machte: "ut esset solatium sacerdoti de populo, cuius nosset linguam et consuetudinem." Nun kam es auch zum Kirchenbau: et factum est hoc (die Anlegung der Kolonie) novellae ecclesiae non mediocre adiumentum. Siquidem aedificata est ecclesia honestissima in Aldenburg . . . . et dedicata est ecclesia a pontifice Geroldo . . . . ."

Nach Grundlegung der Oldenburger Kirche bestimmte Gerold den Grafen zur Errichtung einer Kirche (Alten=Krempe) im Gau Süsel. "Crevit igitur opus Dei in Wagirensi terra, et adiuverunt se comes et episcopus ope vicaria (I, 83). In bestem Einvernehmen mit einander bestimmten sie weiter in Lütjenburg und Ratekau "atria aedificandis ecclesiis, alle drei Kirchen in noch von Wenden bewohntem Gebiete. Helmold

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 96 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

schließt die Schilderung, nachdem er den Wiederaufbau der Burg und die Gründung der Stadt Ploen, wo ebenfalls, wie aus I, 94 hervorgeht, zu Ende der Regierungszeit Gerolds eine Kirche bestand, berichtet hat, mit dem Satze: "et recesserunt Sclavi, qui habitabant in oppidis circumiacentibus et venerunt Saxones et habitaverunt illic. Defeceruntque Sclavi paulatim in terra" (I, 83).

Im Jahre 1163 erlebte Gerold noch die Einweihung des Domes zu Lübeck, wohin seit etwa 1160 der Sitz des Bistums verlegt worden war, und die Errichtung des dortigen Domkapitels. Im selben Jahre starb er. Von seinem Nachfolger Conrad berichtet Helmold nicht, daß er die kirchliche Einrichtung seines Sprengels weiter ausgebaut habe, und in den Jahren des wieder ausgebrochenen Investiturstreites, welche der Bischof, von der Übermacht des Herzogs gezwungen, als Verbannter fern von seiner Diözese zubringen mußte, wird auch nichts in dieser Richtung geschehen sein. Erst als Conrad im Herbst 1168 sich dem Herzog unterwarf und nun zurückkehren durfte, ward die Lage wieder günstiger. Mit dem Jahre 1171 bricht dann Helmolds Chronik ab; sein Fortsetzer Arnold läßt uns leider über den weiteren Fortschritt der Kirchenerrichtung im Dunkeln. Erst bei Bischof Dietrich (1186-1210) erwähnt er flüchtig (V, 11) "consecrationes ecclesiarum", jedoch ohne jede genauere Angabe.

Was nun das nähere bei der Errichtung dieser Kolonisationspfarren betrifft, so war man nicht ohne Vorgang. Bei der seit einigen Menschenaltern auf altdeutschem Boden in den zahlreichen Wald= und Marschgegenden kräftig vorwärtsschreitenden inneren Kolonisation scheint sich bereits ein ziemlich feststehendes Herkommen für die Errichtung von Kirchen gebildet zu haben. Als Erzbischof Friedrich von Bremen im Jahre 1106 einen großen Teil der Wesermarschen zur Besetzung und Urbarmachung durch unter Erbzinsrecht anzusetzende Bauern an ein Konsortium von 6 holländischen Unternehmern vergab, wurde sofort auch die kirchliche Versorgung der neuen Siedelungen in's Auge gefaßt; die Ansiedler dürfen Kirchen bauen wie sie wollen, haben sie aber mit je einer Hufe zu dotieren; der Erzbischof gibt zu ihrem Unterhalt nur den Zehnten des Zehnts dazu. Die Ansiedler bringen ihre eigenen holländischen Priester mit (cf. A. Meitzen: Siedelung und Agrarwesen der Westgermanen u(c). II, 344 ff). Ebenso wirft Erzbischof Wichmann von Magdeburg, als er 1159 Flamänder in Gr.=Wusterwitz ansiedelt, eine Hufe für die zu erbauende Kirche aus. Ebenso verfährt er bei der Besiedelung

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 97 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

von Pechau, und Abt Arnold von Ballenstedt macht es bei der Besetzung von Naundorf an der Muldemündung mit Flamändern nicht anders. Beachtenswert ist, daß diese Bestimmungen schon im voraus bei dem Abschluß mit den Unternehmern, welche die Ansiedler zu beschaffen haben, getroffen werden, bei der Besetzung also sofort eine Pfarrhufe reserviert wird. (Die betr. Urkunden sind abgedruckt in Heinemann: Albrecht der Bär. S. 468 ff. Nr. 39, 40, 41). Ja, die kirchliche Versorgung der Ansiedler gehörte so sehr zu den notwendigen Bedingungen, daß 1171 der Abt von Helmarshausen bei seinem Bischof darum anhalten mußte, daß er das vom Kloster mit großen Kosten neu angelegte Dorf Langenthal (Kreis Hof=Geismar) aus dem entfernten Herstelle aus= und in das nähere Deisel einpfarre, da die Ansiedler "gravi labore longioris viae" abgeschreckt werden würden und dann das Kloster die Kosten der Rodung umsonst gemacht habe (Meitzen a. a. O. II, 325). Der Kirchenbau selbst liegt, wie jener Vertrag von 1106 zeigt, und wie sich auch aus den anderen Urkunden ergibt, den Ansiedlern selbst ob; er ist nicht Sache des Bischofs oder des Grundherrn.

Standen nun die Einzelheiten der Pfarrerrichtung im Mutterlande bereits herkömmlich fest, so handelte es sich in Wagrien nur um ihre Übertragung auf die Verhältnisse der wendischen Kolonisationsgebiete. Wir finden darüber bei Helmold zwar nur einige wenige zufällige Notizen, doch genügen sie, um die Sache klarzustellen.

Nach dem Rat, den Heinrich v. Witha dem Vizelin gibt (I, 69), ist dieser bei dem Bau von Kirchen von dem guten Willen des Herzogs resp. des Grafen abhängig. Zu Gerolds Zeit finden wir, daß dieser zusammen mit dem Grafen atria aedificandis ecclesiis bestimmt. Damit stimmt, daß nach der epistula Sidonis Vizelin für einige Orte den Bau von Kirchen bestimmt hat. Die Errichtung eines Kirchspiels und die Bestimmung des Kirchortes war also zunächst Sache des Bischofs; da aber in dem eroberten Lande der Herzog, oder an seiner Stelle der Graf der Eigentümer des gesamten Grund und Bodens war, so war der Bischof faktisch auf den guten Willen dieses angewiesen, der Grund und Boden zum Kirchenbau wie zur Ausstattung der Pfarre zu geben hatte. Ja, wie wir schon im voraus sagen können, da das Kirchen= und Pfarrgut nicht Lehen sondern Eigentum sein mußte, fast alles Land aber, auch wo es nicht direktes Eigentum des Grafen war, doch von ihm zu Lehen ging, so war, was allerdings für diese älteste Zeit noch

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 98 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

kaum in Betracht kommt, auch der ritterliche Grundbesitzer, der zu einer Pfarrgründung willig war, an die Zustimmung des Landesherrn gebunden, der das Eigentum an der Pfarrdos schenken mußte, und der dabei sich häufig das Patronat vorbehielt.

Was dann den Kirchenbau selbst anbetrifft, so spricht der Brief Gerolds an die Bauern ("universi cives ad ecclesiam Burnhovede pertinentes") der Bornhöveder Gemeinde (I, 91) von ihrem Eifer "in construendis ecclesiis", während sie in der Zahlung des Zehnten säumig seien. Die Baupflicht lag also auch hier nicht dem Patron, d. h. in jener ältesten Zeit zumeist dem Landesherrn, oder dem Bischof ob, sondern den Gemeinden.

Hatte aber die Gemeinde die Baupflicht, so mußte von vornherein feststehen, wer zur Gemeinde gehörte, und so ergibt sich, wenigstens für die deutschen Gemeinden, daß das Kirchspiel sofort bei seiner Einrichtung nach außen abgegrenzt wurde. Auch die Zehntpflichtigkeit machte das notwendig, und überdies war im übrigen Deutschland, aus welchem die Kolonisten kamen, die feste Pfarreinteilung schon längst so eingebürgert, daß eine Zugehörigkeit zur christlichen Kirche ohne die zu einer bestimmten Kirche undenkbar erschien. Sie ist denn auch hier, wie die obenerwähnte Adresse jenes Schreibens an die Bewohner von Bornhöved zeigt, selbstverständlich. Wie es in dieser Beziehung in den rein wendischen Gebieten stand, erhellt aus Helmold nicht.

Was endlich die Frage betrifft, woher der Klerus der neugegründeten Pfarren kam, so hat man meist angenommen, daß die Ansiedler sich ihre Priester mitgebracht hätten, wie es nachweisbar z. B. jene Holländer taten, die Erzbischof Friedrich um 1106 in der Wesermarsch ansiedelte. Nach Helmold scheint es hier jedoch kaum so, wenigstens erzählt er, wie Vizelin um die kirchliche Versorgung der Ansiedler bemüht gewesen sei: providens eis de Faldera tam sacerdotes quam reliqua altaris utensilia. Hiernach wäre wenigstens die Mehrzahl der Priester unter Vizelin aus Neumünster hervorgegangen, und auch jener tapfere Süseler Priester Gerlav (I, 64), den man als einen von den Ansiedlern mitgebrachten in Anspruch nehmen zu können glaubt, kennt den Charakter der Wenden viel zu gut, um weit her zu sein. Die übrigen aber, die Helmold nennt, stammen alle aus dem Neumünster=Segeberger Kreise. Vizelin mußte sich also in der Hauptsache seinen Klerus erst selbst heranziehen. Dem entspricht denn auch, daß, als Neumünster sich nach Vizelins Tode von dem neugegründeten Bistum trennte - wie es ja von vornherein zu Hamburg gehörte -, und nun die Segeberger

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 99 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Kongregation die einzige im Bistum war, sofort Mangel an Priestern eingetreten zu sein scheint. Wenigstens erreichte Gerold bei seinen vergeblichen Bemühungen Neumünster zurückzugewinnen doch dies, daß der Erzbischof dem Präpositus von Neumünster befahl: "ne penitus retraheret manum a subsidio novellae ecclesiae huius (Gerolds) sed subveniret episcopo tam in personis quam in ceteris adiumentis." Und Gerold machte sofort davon Gebrauch, indem er Oldenburg und Altenkrempe - allerdings beides Wendenpfarren - mit Neumünsterschen Klerikern besetzte.

Überblicken wir nun, was sich um 1171 nach Helmold als das Resultat 45jähriger Arbeit darstellt, so sind es, abgesehen von jener allgemeinen Bemerkung über Kirchenbauten aus den vierziger Jahren, nicht viel mehr als zehn Pfarrkirchen, die sich als bestehend nachweisen lassen und zwar: I. aus Vizelins Zeit: (Neumünster scheidet, weil nicht zum Bistum gehörig aus) Segeberg, Lübeck, Bornhöved, Bosau und vermutlich Süsel und Eutin. II. aus Gerolds Zeit: Oldenburg, Altenkrempe, Plön, Lütjenburg, Ratekau. Indes können das unmöglich alle Kirchen sein, die bis dahin existierten. Schon der Umstand, daß die ganze Umgegend von Ahrensboek, in welcher man den Pagus Dargunensis Helmolds sieht, und welcher nach ihm mit Westfalen besiedelt war, danach ohne Kirche sein mußte, zeigt, daß wir noch weitere Kirchen zu suchen haben - Kirchen, die sich vermutlich unter jener allgemeinen Bemerkung Helmolds verbergen, und hier bieten uns die versus antiqui de Vizelino eine erwünschte Ergänzung:

"ecclesiis positis accrevit turba fidelis
Aldenburg, Sarow, Plunen, Burnhavede, Bosow
cum Zlameresthorp, Suslen, Wensina, Todeslo."

Dazu erwähnen sie den Porokensis Ecbrecht, doch vermutlich den Priester von Preetz. Endlich sagt die epistula Sidonis, daß Vizelin selbst die Kirchen von Segeberg, Högersdorf, Lübeck, Bornhöved und Oldesloe geweiht und vor seinem Weggange (wohin?) die Plätze für einige andere bestimmt habe. Hiernach würden für Vizelin noch folgende 6: Sarau, Schlamersdorf, Warder (=Wensina), Oldesloe, vielleicht Preetz, und das, wie es nach Helmold scheint, aber auch nur scheint, erst Gerold zugewiesene Ploen in Anspruch zu nehmen sein. Doch beanspruchen auch diese Notizen nicht alle Kirchen Vizelins zu geben; unmöglich könnten sonst in den versus Segeberg und Lübeck fehlen.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 100 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Nun ist freilich die Glaubwürdigkeit dieser Nachrichten arg angefochten und auch Jensen (I, 206, abgeschwächt II, 288) zweifelt noch. Indes hat es R. Haupt (Die Vizelinskirchen, 1884) von baugeschichtlichen Unternehmungen ausgehend unternommen, nicht nur diese, sondern noch eine ganze Reihe weiterer Kirchen dem Vizelin mit großer Zuversicht zu vindizieren. Es sind dies die Kirchen zu Lebrade, Selent, Neukirchen, Pronstorf, Ratekau, Leezen, Gleschendorf, Eutin, Curau und Gnissau, sodaß also dem Vizelin allein 22 Kirchen zuzuschreiben wären. Indem wir diese Aufstellungen Haupts und seine Beweisführung prüfen, wird sich, wie ich hoffe, auch die Glaub- oder Unglaubwürdigkeit jener angezweifelten Nachrichten herausstellen.

An den Granitkirchen Bosau, Warder, Pronstorf, Ratekau, Süsel und Neukirchen, welche bei ziemlich gleichen Maßen die völlig übereinstimmende Anlage, gewölbten quadratischen Chor mit halbrunder Apsis, breiteres flach gedecktes Gemeindehaus und runden Westturm, zeigen, sowie an den größeren mehrschiffigen Ziegelbauten der Kirchen von Neumünster, Oldenburg, Segeberg, Lübeck (Dom) und Eutin und ihrer engen Verwandtschaft untereinander erweist Haupt die Existenz einer von Segeberg ausgehenden planvollen und einheitlichen Bautätigkeit rein romanischen Stils, die sich von allen jüngeren Bauten deutlich abhebt, einesteils durch die eigentümliche Anlage der aus Granitfindlingen erbauten Landkirchen, andrerseits durch die Anwendung des reinen Segeberger Gipses als Mörtel, und eine in diesem Material arbeitende Stucktechnik. An diese abgeschlossene Gruppe von Kirchen schließen sich als mehr oder minder sicher auch zu ihr, und zwar 1) zu den Granitkirchen gehörig Bornhöved, wo nur das Schiff, Sarau und Preetz, wo nur die Chöre teilweise noch erhalten sind, Selent, wo das Schiff noch aus Granit und in den charakteristischen Maßen von 10 . 16 m besteht, Leezen, dessen abgerissene Kirche nach Bildern und Notizen wohl hierher zurechnen ist, Lebrade, dessen alte Granitkirche zwar nicht mehr steht, das aber "ganz von Anfangskirchspielen eingeschlossen" ist, Curau, dessen abgebrochene Kirche aus Feldsteinen mit Gipsmörtel bestand, und endlich die ehemalige Kirche von Gleschendorf, die ebenfalls aus Granit war und eine "runde" Apsis hatte. Endlich gehört hierher die eigentümliche auf dänische Vorbilder zurückgehende Rundkirche von Schlamersdorf. An die Ziegelbauten schließen sich vermutungsweise: Ploen, Oldesloe und sehr unsicher Gnissau, deren alte Kirchen nicht mehr erhalten sind.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 101 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Unter diesen baulich ältesten Kirchen des Bistums sind, soweit der noch vorhandene Bestand es feststellen läßt, sämtliche von Helmold, Sido und den versus als von Vizelin erbaut bezeichneten Kirchen, dazu noch ein Ueberschuß von 8 weiteren, von denen wenigstens 3 (Pronstorf, Ratekau, Neukirchen) mit Sicherheit zu dieser Gruppe gehören, und daher, wenn die ersteren Vizelinsgründungen sind, mit höchster Wahrscheinlichkeit ebenfalls ihm zuzuweisen sind. Haupt tut dies denn auch, von folgender Erwägung ausgehend: "Wann sind unsere Bahnhöfe gebaut? In der Regel, als die Eisenbahnen angelegt wurden, und die Kirchen, als die Leute Christen wurden und kirchliche Ordnung erhielten. Die Einführung kirchlicher Ordnung im westlichen Teile Wagriens unter Vizelins Bistum fand statt 1149-54; daß die von ihm geordneten Gemeinden auch damals ihre Kirchen erhielten, ist der nächste Schluß." Ganz richtig! nur fragt sich, ob die gegenwärtig noch stehenden Kirchengebäude wirklich aus Vizelins Zeit stammen und nicht etwa alle oder teilweise erst an die Stelle der ersten, bei der Einführung kirchlicher Ordnung errichteten Bauten getreten sind. Läßt es sich wahrscheinlich machen, daß eben diese Bauten Werke Vizelins sind?

Deutlich läßt sich innerhalb der von Haupt umgrenzten Gruppe von Bauten eine innere Entwicklung erkennen, nach welcher die Segeberger Kirche infolge ihrer unentwickelten Stucktechnik zeitlich vor die aus Feldsteinen erbauten Landkirchen zu stehen kommt, welche diese in ausgebildeter Form zeigen (Beispiele: Bosau, Neukirchen, Süsel. (cf. Haupt, S. 77 u. 51 f.) Ebenso steht die Segeberger Kirche am Anfange der Ziegelbauten und ist der Lübecker Dom, die Eutiner Kirche und vielleicht auch die Oldenburger ebenfalls als jünger zu betrachten (S. 80 f. cf mit 43 ff. und 53 f. 64 ff.).

Durch diese Beobachtung sieht sich Haupt genötigt, mit dem Bau der Segeberger Kirche "in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts" hinaufzugehen. Er ermöglicht dies durch eine Untersuchung über das erste Auftreten des Ziegelbaus in unseren Gegenden. Indem er dann Helmolds Notizen über Segeberg betrachtet, kommt er zu dem Resultate: "sie ist nicht 1156, nicht 1147, nicht 1139-40 gebaut, sondern 1134-38 auf des Kaisers Anordnung, also, worauf auch ihr baulicher Charakter hinweist, von Sachsen" (p. 144 f.). Allein er muß dabei zu bedenklichen Mitteln greifen. Freilich, daß 1138, wie er annimmt, bei der Zerstörung des suburbium von Segeberg, wobei nach Helmold (I, 55) ibi oratorium novum et monasterii recens structura

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 102 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

igne consumpta sunt, die Mauern und Gewölbe der Steinkirche stehen geblieben seien, ist nicht undenkbar. Aber die Deutung des Satzes "Porro forensis ecclesia in curam parrochiae ad radices montis posita est" (I, 58) "Die Pfarrkirche also hatte der Bischof vom Kloster getrennt. Er legte sie zur Stadt, d. h. ließ sie bei der Stadt", entspricht kaum dem, was Helmold sagen will. Existierte schon eine forensis ecclesia im Unterschiede vom Oratorium des Klosters, so brauchte sie nicht erst ad curam parrochiae gelegt zu werden, und überdies müßte man bei dieser Deutung des posita est das ad radices montis zu parrochiae ziehen - eine höchst eigentümliche Bezeichnung der Parochie; gehörte denn die Burg nicht zu ihr? und die umliegenden Dörfer? - Helmold kann nur sagen wollen: es wurde nun für den Markt Segeberg eine eigene Pfarrkirche am Fuße des Berges erbaut. Dann aber ist jenes erste Oratorium im Brande von 1138 nach Helmolds Ansicht wirklich untergegangen. Wir werden also zunächst sagen müssen, daß die Kirche frühstens damals, nach 1139, erbaut worden ist. Nun gesteht aber Haupt selbst, "daß es überkühn erscheint, eine gewölbte romanische Basilika dieser Art in diesen Gegenden so bestimmt der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts zuzurechnen". Und m. E. ist es durchaus unwahrscheinlich, daß ein solcher Bau sofort am Fuße einer in unsicheres, halbunterworfenes Gebiet vorgeschobenen, eben errichteten Befestigung entstanden sein soll. Wenn man bedenkt, wie lange es z. B. in Schwerin oder Doberan dauerte, bis es zu ansehnlicheren Bauten kam, wird man diese frühe Ansetzung schon aus diesem Grunde als unglaublich zurückweisen müssen. Ja selbst 1139/40 scheint dafür noch reichlich früh. War es, wie Helmold berichtet, eine Pfarrkirche, welche damals erbaut wurde, so hatten (vergl. S. 97 f.) die Pfarrkinder die Baupflicht. Schwerlich aber werden diese sobald nach den Verwüstungen Pribislavs und vor dem eigentlichen Beginn der deutschen Einwanderung in der Lage gewesen sein, einen so stattlichen Bau zu errichten. Vermutlich wird man noch weiter herunter zu gehen und den Beginn des Baues in das Jahr 1156 zu setzen haben. I, 83 erzählt Helmold nämlich von Gerold: Quia autem congregatio clericorum non habebatur in Aldenburgensi episcopatu, praeter eam quae erat Cuzeline, . . . . annuente duce fecit eos transmigrare Segeberch ad locum primae fundationis, quatenus in sollempnitatibus, quando pontificem oportet esse in populo, haberet in clero supplementum . . . . . Et fecit illic domum episcopus. Da

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 103 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Oldenburg zu abgelegen war, hatte offenbar Gerold zu Anfang seines Episcopats, ehe er den Gedanken der Verlegung seines Sitzes nach Lübeck faßte, den Plan, Segeberg zu seinem Sitz und die Segeberger Kirche zur Domkirche zu machen, die Högersdorfer Kongregation aber zum Domkapitel. Daher verlegte er diese dorthin zurück und baute sich hier "domum". Dazu gehört aber auch die Domkirche. In diese Jahre wird daher der Bau der Kirche zu setzen sein, wobei noch zu beachten sein dürfte, daß die leider abgerissene Kirche des mit Segeberg rivalisierenden Stiftes Neumünster, welche nach Helmold (I, 93) 1163 geweiht wurde, nach den vorhandenen Zeichnungen (Haupt p. 40 ff.) ein einfacherer und fast altertümlicherer Bau gewesen ist, als die von Segeberg, es also auch um dieser willen kaum geraten ist, höher als 1156 hinaufzugehen.

Haupt verlangt nun freilich: wer später als er datiere, müsse erstens zeigen, was aus dem alten Gebäude geworden ist, zweitens "wann eine Kirche wie diese neu zu bauen Anlaß und drittens die Mittel vorhanden waren," müsse viertens "ihre Altertümlichkeit gegenüber den sonst Gerold zugeschriebenen Bauten erklären", solle endlich fünftens Süsel, Bosau, Neukirchen usw. "sämtlich aus der Vizelinischen Zeit streichen und neu bestimmen." Aber die erste Forderung erledigt sich leicht; war jenes alte Kirchengebäude, wie wahrscheinlich, eine Holz-, d. h. Fachwerk oder Bohlenkirche, so mußte sie beim Neubau einer steinernen vollständig verschwinden. Die zweite ist schon erfüllt, die dritte beantwortet sich durch den Hinweis auf die Mittel der Högersdorfer Kongregation und die des Bischofs, der eben seine Dotation erhalten hatte. Um die beiden letzten wird es sich im folgenden handeln.

Allerdings müssen nun sämtliche sog. Vizelinskirchen - vielleicht bis auf die von Schlamersdorf - aus der Vizelinischen Zeit gestrichen werden. Sehen wir, wie es sich damit verhält. Ich beginne mit Oldenburg: "Die großartige Schlichtheit dieser Kirche, dieses Domes, sagt Haupt (p. 148) ist hier nur bei absichtlicher Einschränkung in der Zeit von 1150, geschweige später zu erklären". Allein um diese Behauptung mit Helmold in Einklang zu bringen, muß er ihm die schändlichste Gewalt antun. Dieser erzählt (I, 69), wie Vizelin in der Zeit seines Konflikts mit dem Herzog und Grafen in Oldenburg den Wenden ziemlich vergeblich gepredigt habe, und schließt: Dedit autem episcopus pecunicam caesoribus lignorum ad impensas sanctuarii, et ceptum est opus fabricae prope vallum urbis antiquae, quo

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 104 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

omnis terra die dominica propter mercatum convenire solebat. Um den Dombau in Vizelins Hände zu spielen, macht Haupt daraus: "Den Bau des sanctuarii ließ er (Vizelin) sogleich in Angriff nehmen, welches in der Burg angelegt, 1156 der einzige brauchbare Raum im Innern derselben gewesen sein soll", (wo in aller Welt steht geschrieben, daß Vizelins sanctuarium im Innern des Burgwalles gelegen hat? hier und I, 82 gewiß nicht.) "Und man begann das opus fabricae, die Kirchenfabrik, am Walle, neben dem Markte; d. h. den Dombau." Helmold berichtet also, offenbar ohne es selbst zu wissen, von zwei verschiedenen Bauten, dem des sanctuarium und dem des Doms. Haupt läßt nun Vizelin Backsteine herstellen, Gips aus Segeberg holen u(c). Freilich auf die Frage, woher er die Mittel und Kräfte zu dem großen Bau nahm, da "guter Wille", wie er selbst gesteht, "weder bei den Wenden noch bei den Brüdern zu Wippendorf" war, und Vizelin sich gerade in der prekärsten Lage befand, - Zwang konnte er nicht anwenden, und sein einziges subsidium war eben Wippendorf, - bleibt er die Antwort schuldig. Dennoch war, als Gerold 1156 dort Epiphanias feierte, "das Meiste vollendet" und dieser "konnte nach Beseitigung des Schnees in dem halbvollendeten Dom Messe lesen. Das berichtet Helmold I, 82 mit den Worten: Erat autem urbs deserta penitus, non habens moenia vel habitatorem nisi sanctuarium parvulum, quod s. m. Vicelinus ibidem erexerat. Illic in asperrimo frigore inter cumulos nivis officium peregimus! - Gerold brauchte den Bau nur zu vollenden." Über diese Auslegungskünste ein weiteres Wort zu verlieren ist überflüssig. Den wirklichen Beginn des Baues der Domkirche erzählt Helmold I, 83 im Zusammenhang mit der Ansiedelung von Sachsen in Oldenburg: Et factum est hoc novellae ecclesiae non mediocre adiumentum. Siquidem aedificata est ecclesia honestissima in Aldenburg. Er datiert die Wiederaufrichtung des Cultus divinus an diesem Orte auf etwa 90 Jahre nach Gottschalks Tode, also ca. 1156 und berichtet dann noch, daß Gerold die (vollendete) Kirche geweiht habe, was, da dieser 1163 starb, bis dahin erfolgt sein muß.

Nachdem sich so für die beiden, abgesehen von Neumünster ältesten Ziegelkirchen der Segeberger Bauschule ihre Entstehung unter Gerold und nicht mehr unter Vizelin als das nach den Quellennachrichten Anzunehmende erwiesen hat, wende ich mich zu den granitenen Landkirchen. Daß hier die 6 Bosau, Warder, Pronstorf, Ratekau, Süsel und Neukirchen so eng zusammen=

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 105 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

gehören, daß mit einer aus ihnen zugleich alle auf einen engbegrenzten Zeitraum festgelegt sind, ergibt der Baubefund. Haupt geht nun davon aus, daß Vizelin 1150 Bosau erhalten habe, um sich Kirche und Haus daselbst zu bauen, und daß er 1152 dort in der - jedenfalls schon vollendeten - Kirche seine letzte Messe gelesen habe. Also sei die Kirche damals erbaut. Aber wer sagt, daß der Bau Vizelins die jetzt stehende Kirche ist? Gewiß liegt diese Annahme nahe, - aber sobald sich zeigt, daß eine dieser 6 Kirchen erst bedeutend später gebaut ist, wird diese Annahme im Zusammenhang mit der unsers Erachtens notwendigen Datierung der Segeberger Kirche auf 1156 und folgende Jahre höchst unwahrscheinlich. Und das ist in der Tat der Fall; die Kirche in Ratekau ist nach Helmold I, 83 erst unter Gerold, oder gar noch später, da er nur berichtet, daß dieser dort und in Lütjenburg "atria aedificandis ecclesiis" bestimmt habe, gebaut worden. Haupt hilft sich wieder (p. 135 f.) durch eine sehr willkürliche Auslegung. Er behauptet, der Name Ratekau sei hier wie einige Sätze vorher Süsel nicht für den Ort sondern den Gau, "die Gegend" genommen, Gerold habe, nachdem in Ratekau selbst längst eine Kirche bestand, nun in der Umgegend, im Gau, etwa die Kirchhöfe in Gleschendorf und Curau bestimmt. - Leider hat Haupt dabei übersehen, daß Helmold dort bei Süsel ausdrücklich sagt, daß er den Gau (und nicht den Ort) meine "in pago qui dicitur Susle" und dann erzählt, daß der beabsichtigte Kirchenbau bei Alten=Krempe angebahnt worden sei, hier aber sagt: opportunum videbatur, ut aedificaretur ecclesia in Lutelenburg et Rathecowe, et abierunt illuc episcopus et comes et signaverunt atria aedificandis ecclesiis. Ist Lütjenburg auch etwa als Gauname gemeint? Dort weiß auch Haupt (p. 155 cf p. 9) von keiner weiteren Kirche des 12. Jahrhunderts als der in Lütjenburg selbst, es ist also doch wohl der Ort gemeint - dann aber auch bei Ratekau. Oder warum unterläßt es Helmold zu sagen, an welchen Orten des "Radegaues" diese atria bestimmt worden sind, was er doch beim Süselgau getan hat? - Weil er überhaupt nicht von den Gauen - wenn es überhaupt solche waren - spricht, sondern von den Orten. Steht es also nach Helmold fest, daß erst Gerold die Errichtung der Ratekauer Kirche angeregt hat, so wird die ganze Gruppe von Landkirchen, der sie angehört, in seine Zeit hinabzurücken sein. Und in der Tat sehe ich nicht, was sich dagegen einwenden ließe, sobald man zwischen der Errichtung des Kirchspiels und dem Bau einer steinernen Kirche

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 106 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

als zwei Dingen unterscheidet, die nicht notwendig, ja man kann vielleicht sagen in jenen Zeiten selten, zusammenfallen. Bis auf Ratekau handelt es sich bei diesen 6 Kirchen um deutsche Kolonistenkirchen. Wie oben gesehen, lag die Kirchenbaupflicht auf den Gemeinden. Ist es nun auch nur wahrscheinlich, daß die jungen Kolonistengemeinden sofort in den ersten Jahren so stattliche, mit dem Luxus hochragender (cf. Neukirchen) Türme ausgestattete Bauten errichtet haben - in den ersten Jahren, wo sie mit dem Bau ihrer eigenen Häuser und Wirtschaftsgebäude, mit der Neueinrichtung und z. T. auch Urbarmachung der Äcker genug zu tun hatten? Kirchliche und weltliche Obrigkeit pflegten den Kolonisten diese erste schwere Zeit durch den Erlaß der Abgaben auf 3-10 Jahre zu erleichtern - und da sollen diese Gemeinden kapitalkräftig genug gewesen sein, solche Bauten aufzuführen? Ist es nicht von vornherein als wahrscheinlich anzunehmen, daß man sich zunächst mit schnell errichteten Fachwerkbauten behalf - wie Vizelin in Oldenburg - bis sich die Verhältnisse konsolidiert hatten und man zum Bau stattlicherer Kirchen schreiten konnte? Sehr deutlich zeigt sich dies in Mecklenburg als das durchgehende. In dem ganzen, bis Ende des 12. Jahrhunderts kirchlich organisierten Teile des Ratzeburger Sprengels sind hier nicht mehr als vielleicht 2-3 Kirchenbauten, die mit einiger Wahrscheinlichkeit vor das Jahr 1200 angesetzt werden können. Es dauerte meist ein bis zwei, ja oft genug noch mehr Generationen, ehe man zum Bau steinerner Kirchen schritt (vergl. unten).

Sehen wir uns also genötigt, mit diesen Kirchenbauten bis in die Zeit Gerolds herunterzugehen, so werden wir allerdings auch nicht gut weit über diese hinabgehen dürfen. Ging diese Bautätigkeit von Segeberg aus und nahm sie ihren Aufschwung mit der Zurückverlegung des Stiftes aus Högersdorf dorthin, dem Plane Gerolds Segeberg zum Mittelpunkt seines Bistums zu machen und den Bauten, die dadurch notwendig wurden, so mag sich diese Segeberger Bauschule wohl noch eine zeitlang weiter gehalten haben, als mit der Verlegung des Bistums nach Lübeck Segeberg wieder von seiner Höhe zur Unbedeutendheit zurücksank, bald aber mußte sie von dem Einfluß des mächtig aufstrebenden Lübeck ganz zurückgedrängt werden. Ihre Blüte wird mit der Regierungszeit Gerolds (1155-63) zusammenfallen und man wird daher ihre Erzeugnisse mit mehr Recht Gerolds= als Vizelinskirchen nennen können, ohne damit behaupten zu wollen, daß nun auch alle schon unter Gerold gebaut sein müssen.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 107 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Ist nun aber auch der Bau dieser Gruppe von Kirchen erst unter Gerold anzusetzen, so sind wir nach dem Gesagten doch berechtigt, gerade daraus den Schluß zu ziehen, daß die Einrichtung der Kirchspiele, denen sie angehören, um 10 bis 20 Jahre weiter zurückliegt, mithin in die Zeit Vizelins fällt, wo nicht, wie bei Ratekau, das Gegenteil ausdrücklich bezeugt ist. Demnach würden wir die Errichtung der Pfarren Bosau, Warder, Pronstorf, Süsel und Neukirchen dem Vizelin zuzuschreiben haben. Bedenken erweckt nur um seines Namens willen Neukirchen, das nach Analogie aller Zusammensetzungen mit "Neu" eine spätere Gründung sein muß, als die Nachbarkirchen. Jedoch macht es die Lage seines Kirchspiels zu Lütjenburg (cf. Haupt p. 137) wahrscheinlich, daß es älter als dieses ist, also spätestens in die Anfangszeit Gerolds gehört. Die neben der "Neuen" als ältere in Betracht kommende Kirche ist Eutin, dessen Umgegend bald nach 1143 von Holländern besiedelt ward; 1147 waren sie dort, und (Helmold I, 63) Eutin selbst (Utinensis civitas) durch die Festigkeit der Lage vor der Zerstörung durch den Wendeneinfall geschützt. Hatte Süsel damals einen Priester, so wird das offenbar schon weiter entwickelte Eutin nicht ohne Kirche gewesen sein, obgleich sie unter den Vizelin zugeschriebenen fehlt. Man denke überdies an die oben erwähnten Holländerkolonien, bei deren Gründung sofort auch die kirchliche Versorgung vorgesehen ward. Die jetzige stattliche Kirche gehört allerdings erst in die Zeit Gerolds oder seiner Nachfolger.

An diese 5 Kirchen, von denen drei auch durch die versus als vizelinisch bezeugt werden, schließen sich nun auf Grund des Baubefunds mit einiger Wahrscheinlichkeit Sarau, Preetz und Bornhöved, alle drei ebenfalls durch die versus bezeugt und, allerdings sehr unsicher, Selent, Leezen und Lebrade. Von Curau und Gleschendorf, die selbst Haupt (p. 159) dem Gerold zuzusprechen geneigt ist, darf zunächst wohl abgesehen werden. Besonderer Erwähnung bedarf noch der Rundbau von Schlamersdorf, den Haupt (p. 137) auf die dänischen Einflüsse unter Knudt Lawards Regierung (ca. 1129) zurückführen möchte. Allein einerseits ist die Gründung einer dänischen Kirche mitten im Wendenland, über zwei Meilen von Knudts Burg, dem späteren Segeberg, zu jener Zeit sehr unwahrscheinlich, zumal nicht einmal bei Segeberg selbst von einem Kirchenbau die Rede ist. Andrerseits zählen die versus die Kirche zu den von Vizelin gegründeten; Helmolds Erzählung von der Lage Vizelins in dem ersten Jahrzehnt nach 1126 aber schließt es, wenn sie richtig ist, aus, daß

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 108 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

er damals eine Kirche im Wendenlande gegründet hat. So werden wir doch in die Zeit nach 1143 herabzugehen haben. Unter den dänischen Rundbauten, auf die die Kirche zurückzugehen scheint, läßt sich nur die von Bernde auf Seeland einigermaßen datieren, etwa auf 1150-80 (cf. Haupt p. 31 ff.). Diese aber zeigt schon den Spitzbogen des beginnenden Übergangstiles. So mag denn die Kirche in Schlamersdorf immerhin bereits unter Vizelin, aber jedenfalls nicht vor 1143 erbaut sein. Dänischer Einfluß bei ihrem Bau ist auch in dieser Zeit nicht ausgeschlossen.

Wir kommen nun zu den übrigen Stadtkirchen, die für Vizelin in Anspruch genommen werden. Von Eutin ist schon die Rede gewesen. Ohne Zweifel gehört die Einrichtung des Kirchspiels Vizelin an und zwar vor 1147; es war zudem eins der größten Kirchspiele und zeigt schon dadurch sein Alter an. Gerold baute sich nach 1156 "civitatem et forum Uthine fecitque sibi domum illic." (Helmold I, 83). Die Kirche (Haupt p. 64 ff. und 156 ff.), baulich zwischen der von Segeberg und der jüngeren von Alten=Krempe stehend, gehört wohl der Zeit Gerolds an, wie auch Haupt geneigt ist anzunehmen, wenn sie nicht noch ein wenig mehr herabzurücken ist. Nachrichten über ihre Erbauung fehlen, wenn sie nicht vielleicht in Helmolds "fecitque sibi domum illic" eingeschlossen ist. Über die untergegangenen Kirchen von Ploen und Oldesloe wissen wir (cf. Haupt p. 71 f.) zu wenig, um Schlüsse ziehen zu können. Da sich indes die versus inbezug auf die übrigen Kirchen, die sie Vizelin zuschreiben, als zuverlässig erwiesen haben, werden auch diese beiden ihm angehören. Bei Oldesloe ist es überdies durch seine Bedeutung als Saline wahrscheinlich. Ploen's Kirche ist nach einer alten, leider unkontrollierbaren Nachricht (cf. Haupt S. 153 ff.) 1151 gebaut; 1152 war die Burg noch nicht wiederhergestellt. Nach Helmold ist es dann während der Regierungszeit Gerolds geschehen, und bestand dort, wie sich aus dem Verbot des Bischofs, an den Sonntagen Markt zu halten, da es den Gottesdienst störe, ergibt, eine Kirche. Da sie eine der ecclesiae stationales ist, wird sie schon Vizelin angehören.

Was aber wird nun aus den sonst der Zeit Gerolds zugeschriebenen Kirchenbauten wie Alten=Krempe und vor allem dem Dom in Lübeck? Steht nicht von letzterem das Jahr der Weihe 1163 fest? Und ist er nicht, mit der Kirche von Segeberg verglichen, die ihm nun etwa gleichalterig würde, entschieden der jüngere Bau? Aber ist denn, muß wieder gefragt werden, die jetzige Domkirche jener 1163 geweihte Bau? Glücklicherweise

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 109 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

haben wir eine Antwort auf diese Frage: die Pöhlder und Magdeburger Annalen bemerken zu 1163, es sei eine hölzerne Kirche gewesen, die damals geweiht sei. (Haupt (p. 166) bezweifelt allerdings die Richtigkeit dieser Angabe aber ohne Grund. Sollte sie richtig sein, meint er, so war diese hölzerne Kirche wohl "ein schnell errichtetes Schiff am schon vollendeten Chor." Das kann man ihm ruhig zugeben, denn - der Chor steht nicht mehr, und der gegen die Segeberger Kirche als jünger erscheinende Teil des Domes ist eben der Steinbau des Schiffes. Wann aber dieser in Angriff genommen oder vollendet ist, wissen wir nicht. Somit rücken die von Haupt Gerold zugeschriebenen Bauten ohne jede Schwierigkeit ein wenig weiter hinab in die Zeit seiner nächsten Nachfolger.

Fassen wir nun das Ergebnis dieser weiteren Erörterungen zusammen, so verbergen sich in jener allgemeinen Bemerkung Helmolds, Vizelin habe die Versorgung der Einwanderer mit Kirchen und Priestern beschafft, allerdings noch eine ganze Reihe von Kirchen, sodaß wir nun dem Vizelin mit ziemlicher Sicherheit die Einrichtung folgender 14 Pfarren zuzuschreiben berechtigt sind: Segeberg, Bornhöved, Schlamersdorf, Sarau, Pronstorf, Warder, Oldesloe, Lübeck, Süsel, Eutin, Neukirchen, Bosau, Ploen und Preetz, wozu als fünfzehnte allenfalls, wie es die versus tun, noch Oldenburg mit seinem sanctuarium gerechnet werden mag. Wir sehen die ganzen im Laufe der Jahre 1143-54 von Deutschen besetzten Striche Wagriens (vergl. dazu A. Gloy: Der Gang der Germanisation in Ostholstein, S. 17-37) in diesem Zeitraum auch mit einer Zahl ziemlich gleichmäßig verteilter Kirchen besetzt. Die Kirchspielseinteilung ist offenbar fertig. Eine Lücke zeigt sich nur zwischen Segeberg, Oldesloe und Pronstorf einer- und Lübeck andrerseits, aber diese Waldgegenden sind erst später kolonisiert worden. In rein wendischem Gebiet lagen von allen Vizelinskirchen wohl nur die von Oldenburg und Preetz und wenigstens zu Anfang auch die von Ploen. Die beiden weiter in dasselbe vorgeschobenen Kirchspiele Lebrade und Selent dem Vizelin zuzuschreiben fehlt es an genügendem Anhalt. Vermutlich gehören sie erst in die Zeit seiner Nachfolger.

Gerold (1156-63) fügte die Kirchen in dem bisher rein wendisch gebliebenen Teilen, d. h. Oldenburg, Lütjenburg, Alten=Krempe und Ratekau hinzu. Hier ließ man es zunächst bei je einer Kirche in einer ganzen Landschaft bewenden - offenbar (cf. Oldenburg u. Alten=Krempe) mangelte es auch an Priestern, die bereit waren in diese Gegenden zu gehen und die sprachlichen

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 110 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

und sonstigen Schwierigkeiten, die dort zu überwinden waren, auf sich zu nehmen. An unter deutscher Bevölkerung eingerichteten Kirchspielen gehören Gerold oder seinen nächsten Nachfolgern, außer den vermutungsweise ihm zugeschriebenen Lebrade und Selent, noch die von Rensefeld, dessen Kirche ebenfalls noch dem 12. Jahrhundert angehört, und vielleicht Gnissau, Gleschendorf und Nüchel (cf. Haupt p. 27 u. 156) zu; d. h. die Vervollständigung des Kirchennetzes im deutschen Gebiet und die Füllung der Lücke zwischen Eutin, Lütjenburg und Oldenburg. Zugleich erwacht unter ihm etwa 10 Jahre nach Beginn der Kolonisation ein lebendiger Bautrieb, der die große Mehrzahl der neugegründeten Kirchspiele mit stattlichen Kirchen versieht.

Wir sehen also eine planmäßige, Hand in Hand mit der Kolonisation und mit derselben gleichzeitig fortschreitende kirchliche Organisation. Die Kirchorte werden von Bischof und Landesherrn gemeinschaftlich bestimmt, letzterer gibt das Eigentum der Pfarrdos und zwar wenn wir, wie wahrscheinlich, die Bestimmungen bei der Anlage jener Holländerkolonien in der Mark und an der Weser als das allgemein übliche und daher auch hier zutreffende ansehen dürfen - die eigentümliche Anlage der Feldmark bei den deutschen Gewanndörfern mit ihrer bestimmten Hufenzahl bedingt es, daß die Aussonderung einer Pfarrhufe sofort bei Anlage des Dorfes vorgesehen wurde, wenn man nicht erst einen der eben angesetzten Bauern wieder ausweisen wollte - sofort bei der Besetzung des Ortes mit deutschen Kolonisten. Hand in Hand damit geht die Abgrenzung der Kirchspiele, die schon um der Zehntlieferungen und der Kirchenbaupflicht willen nötig war. Letztere liegt den Gemeinden ob. Anfangs begnügt man sich, den noch unfertigen wirtschaftlichen Verhältnissen entsprechend, mit aus Holz und Lehm errichteten Notkirchen; nach 10 bis 20 Jahren treten an ihre Stelle stattliche Steinbauten. Im Wendengebiet schreitet die Entwickelung der Organisation langsamer vor. Hier begnügt man sich noch lange mit je einer Kirche an dem Hauptorte einer ganzen Landschaft, und wird die reichlichere Versorgung, abgesehen von dem Widerstand der Wenden, durch den Mangel an geeigneten, des Wendischen mächtigen Priestern gehemmt.

Von den 56 vorreformatorischen Kirchen des Bistums Lübeck sind somit in den ersten 17 Jahren der Missionsbemühungen vor Beginn der deutschen Kolonisation nur 2 Kirchen gegründet, im ersten Jahrzehnt der Kolonisation steigt diese Zahl auf 14-17 (unter Vizelin), im Laufe der nächsten Jahrzehnte

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 111 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

(unter Gerold und seinen Nachfolgern im 12. Jahrhundert) auf ca. 26 (wobei die Lübecker Kirchen nur als eine gezählt sind. - cf. Haupt, p. 9). Zwischen ca. 1200 und 1259 (Register der Kirchen von 1259 Haupt p. 6 ff., Urk.=Buch des Bist. Lübeck 142) kommen zu diesen 26 ältesten Kirchen 33 weitere hinzu - es ist die Zeit der erneuten Kolonisationsbewegung. Damit ist die kirchliche Organisation im wesentlichen abgeschlossen. Die nächsten 70 Jahre bis ca. 1330 bringen noch 6 Nachzügler. Von da ab bis zur Reformation ist nur noch eine Kirche neubegründet worden.

Wir werden sehen, wie die Entwickelung in Mecklenburg im ganzen den gleichen Lauf nahm.

 

~~~~~~~~~~~

II.

Die Begründung und der Ausbau der polabischen
Kirche bis zum Ende des 12. Jahrhunderts

(Bistum Ratzeburg).

So anschaulich das Bild ist, das uns Helmold über die Einführung der kirchlichen Organisation in Wagrien gibt, so dürftig sind seine Angaben schon über die Ereignisse im benachbarten Polabenlande, welches den Westen Mecklenburgs einnahm. Indes sind hier glücklicherweise urkundliche Nachrichten genug vorhanden, um eine einigermaßen klare Vorstellung der Entwickelung zu gewinnen.

Im Jahre 1139 hatte Heinrich von Badevide als Graf von Holstein die Herrschaft des aufständischen Pribislav durch einen mit Energie geführten Feldzug zertrümmert. Wagrien war zu Holstein geschlagen worden und Pribislav seiner Herrschaft entsetzt. Von einem Versuche, sich in der zweiten Hälfte seines Machtbereiches, in Polabien, noch zu halten, nachdem ihm Wagrien entrissen war, hören wir nicht. Schon seit 1093 wird hier, in das Polabenland vorgeschoben, wie Segeberg in das der Wagrier, die alte Grenzburg der sächsischen Macht, Ratzeburg, mit ihrer deutschen Besatzung über der Botmäßigkeit des Wendenfürsten gewacht haben. Ihr mußte jetzt bei seinem Sturze das Polabenland ohne weiteres zufallen und so konnte denn, als es sich drei Jahre darauf darum handelte, den durch Adolf von Schaumburg

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 112 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

aus Holstein verdrängten Heinrich von Badevide für diesen Verlust zu entschädigen, über Ratzeburg und das Polabenland ohne weiteres verfügt werden. Heinrich erhielt es unter dem Titel einer Grafschaft von Ratzeburg.

Die neue, auf wendischem Boden errichtete Grenzgrafschaft umfaßte die Länder Ratzeburg, d. h. die nördliche Hälfte von Sachsen=Lauenburg, Boitin, Gadebusch und Wittenburg. Die, obgleich westlich der Sachsengrenze gelegene, doch von Wenden besetzte Landschaft Sadelbande und das an sie anstoßende Land Boizenburg mit den beiden Elbübergängen von Artlenburg und Boizenburg dagegen scheint unter der unmittelbaren Herrschaft des Sachsenherzogs geblieben zu sein. Östlich und nördlich an die Grafschaft grenzte das Gebiet der Obotriten, deren Fürst Niklot sich in kluger Erwägung der Lage mit den deutschen Grafen - von Adolf von Holstein wird es uns ausdrücklich berichtet - gutzustellen suchte und wenigstens für den Augenblick Frieden zu halten entschlossen war. Dunkel dagegen sind die Verhältnisse der im Südosten an die Grafschaft grenzenden Länder Jabel und Weningen. Gehörten sie noch zu Polabien? oder zur Herrschaft Niklots? Standen sie unter der des Herzogs, oder hat dieser schon damals aus ihnen die Grafschaft Dannenberg gemacht? Non liquet.

Das ganze Gebiet, welches Heinrich von Badevide erhielt, war wendisch. Nur um die Ratzeburg und das in ihrem Schutze gelegene Kloster mochten sich schon einige Deutsche angesiedelt haben. Größeren Umfang besaß diese Siedelung jedenfalls nicht. Heinrich wird sich zunächst damit begnügt haben, den Herzogs= und Grafentribut von seinen neuen Untertanen einzutreiben und zu diesem Zwecke die Hauptburgen des Landes mit sächsischen Kriegsmannen zu belegen. Auch die um 1143 in Wagrien beginnende deutsche Einwanderung kann ihm noch nicht wesentlich zu gute gekommen sein. Es gibt nämlich ein deutliches Zeichen dafür, daß wenigstens bis zum Jahre 1147 hier noch alles beim alten geblieben ist. Als in diesem Jahre Niklot auf die Kunde von dem gegen ihn beabsichtigten Kreuzzuge seinen Feinden zuvorkam und in deren Gebiet einbrach, wandte er sich nicht gegen das ihm vor der Tür liegende Polabien, sondern gegen Lübeck und die eben von deutschen Kolonisten besetzten Striche Wagriens, indem er seine ganze Wut plündernd und brennend an diesen ausließ. Hier bei den unfertigen Verhältnissen der zwischen den Wenden in isolierten Haufen sitzenden, kaum festgewordenen deutschen Bevölkerung war offenbar die schwache

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 113 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Stelle seiner Gegner, und hier erkannte er in der beginnenden Verdrängung der Wenden von ihrem alten Grund und Boden die Hauptgefahr für sein Volk. Polabien dagegen blieb unbelästigt, offenbar weil es hier noch keine nennenswerte deutsche Einwanderung gab, an der er seine Rache kühlen konnte. Den Besatzungen der Burgen war nichts anzuhaben, die ausgesogene wendische Bevölkerung aber war einesteils des eigenen Stammes und versprach andernteils keine Beute.

Auch von Bemühungen zur Einführung des Christentums kann zunächst noch kaum die Rede sein. Kümmerlich fristete in der heidnischen Umgebung das Kloster auf dem St. Georgsberge sein Dasein. Seine Kirche wird die einzige im Lande gewesen sein. Nur in den sicherlich von sächsischen Kriegsmannen besetzten Burgen Gadebusch und Wittenburg dürfen wir vielleicht noch je einen Kaplan für die kirchlichen Bedürfnisse eben jener Besatzungen vermuten. Es war kein Vizelin da, der hier die Mission in Angriff nahm, und den sächsischen Grafen und Kriegern lag die Bekehrung des Wendenvolkes gänzlich fern. Wie oft klagt Helmold darüber!

Auch der Kreuzzug von 1147, das törichtste Unternehmen des Jahrhunderts, den widerstrebenden Fürsten von einem schwärmerischen Mönche, der die Verhältnisse nicht kannte, aufgenötigt, brachte noch keine wesentliche Änderung. Vor Dobbin kam er zum Stillstand. Den weltlichen Großen war weder an der Ausrottung noch an der Bekehrung der Wenden gelegen. Mit beiden schädigten sie sich selbst: Quare invenimur dissipatores vectigalium nostrorum (I, 65) läßt sie Helmold in Bezug auf das erstere sprechen. Aber auch die Einführung des Christentums lag kaum in ihrem Interesse, da dann außer ihnen auch die Kirche den schon halb ausgedrückten Schwamm mit ihren Steuern auszupressen ein Recht erhielt. So war denn das ganze Resultat des großen Unternehmens nicht mehr, als daß die Besatzung des belagerten Dobbin durch Einnahme der Taufe die Freiheit erkaufte, um nach Abzug des Kreuzheeres sofort wieder ins Heidentum zurückzufallen. Und Helmold klagt über diesen und die nächsten Wendenzüge Heinrichs des Löwen (I, 68): Quotiens offendissent eum Sclavi, admovit eis martiam manum, dederuntque ei pro vita simul et patria quicquid exigere voluisset. In variis autem expeditionibus, quas adhuc adolescens in Sclaviam profectus exercuit, nulla de christianitate fuit mentio sed tantum de pecunia. Erzbischof Adalbert, dem die Mission in diesen Gegenden zustand und der

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 114 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

an dem Kreuzzuge teilgenommen hatte, sah sich denn auch nicht in der Lage, Erfolge für die Mission ausnutzen zu können.

Erst sein Nachfolger, der energische und hochstrebende Hartwig von Stade, griff das ins Stocken geratene Werk wieder an. 1 ) Ihn erfüllten die Träume seines großen Vorgängers Adalbert von einem umfassenden nordischen Patriarchat, zu denen die gegenwärtige Lage des Erzbistums allerdings in traurigem Gegensatze stand. Quia (sc. ecclesia Hamburgensis) iam suffraganeos habere desierat (70) -wie er selbst sagt, beschloß er als ersten Schritt die Wiederaufrichtung der alten wendischen Bistümer. Was ihn erfüllte, war mehr hierarchischer Ehrgeiz als der in Vizelin lebendige Trieb. Wir erwähnten schon, daß er am 11. Oktober 1149 in Rossefelde die beiden Bischöfe für Oldenburg und Mecklenburg, Vizelin und Emmehard, weiht. Et missi sunt in terram egestatis et famis, ubi erat sedes Sathanae et habitatio omnis spiritus immundi (Helmold I, 69). Für das Bistum Oldenburg war dieser Schritt wie wir sahen nicht ohne Vorbereitung. Es war hier die Entwickelung in der Tat soweit vorgeschritten, daß die Errichtung eines Bistums zu rechter Zeit kam. Für Mecklenburg aber war bisher nichts geschehen; das Bistum stand rein auf dem Papier. War auch Emmehard willig, in Vizelins Spuren zu treten, so war er doch in derselben Lage wie dieser von 1126 bis 1143, ja in noch ungünstigerer, da er nicht einmal wie dieser in Faldera=Neumünster eine an der Grenze des zu erobernden Gebietes gelegene Operationsbasis besaß. Auch an Mitteln wird es gänzlich gefehlt haben. Dazu kam endlich auch hier die Gegnerschaft des Herzogs, die der ohne jede Verständigung mit ihm getane Schritt des Erzbischofs notwendig hervorrufen mußte. Hatte er die Konsekration der beiden Bischöfe nicht hindern können, so beanspruchte er nun das Hoheits= und Investiturrecht über die auf dem Erwerb seines Schwertes errichteten Bistümer. Er erkannte die Geweihten nicht an und enthielt ihnen alle kirchlichen Einkünfte vor. Bei Vizelin sahen wir, wie er in kurzem durch diese Maßregeln zur Fügsamkeit genötigt ward. Emmehard scheint fest geblieben zu sein. Aber die Folge war, daß er auf jede Wirksamkeit und alle Einkünfte verzichten mußte, und in der Tat geht aus der Urkunde Barbarossas für das Bistum Schwerin


1) Für die hier gegebene Darstellung konnte die Arbeit Prof. Hellwigs in M. Jbb. 71 leider nicht mehr berücksichtigt werden. Doch vermag ich ihm in dem frühen Ansatz der Errichtung des Bistums Ratzeburg (schon 1149) nicht zu folgen; 1153 scheint mir der früheste Termin.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 115 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

(91.) hervor, daß es durch ihn nicht zu einer Aufnahme der Missionstätigkeit innerhalb seines Sprengels gekommen ist. Vielleicht hat er Mecklenburg überhaupt nicht betreten. Man hat es Hartwig zum Vorwurf gemacht, daß er die von ihm ernannten Bischöfe ohne Unterstützung und Mittel ließ. Am Willen wird es ihm nicht gefehlt haben. Allein, selbst vom Herzog bedrängt, war er garnicht in der Lage, etwas für seine Suffragane tun zu können.

Auffallend ist es nun, daß Hartwig damals nicht auch für Ratzeburg einen Bischof weihte. Der Satz Wagners (Wendenzeit 154 cf. Wigger M. Jbb. 28, 68): "Für Ratzeburg fand sich nicht sogleich eine geeignete Persönlichkeit", erklärt die Sache nicht. Mußte nicht für Ratzeburg, das unter der Herrschaft eines deutschen Grafen stand, wo in dem Kloster auf dem St. Georgsberge ein, wenn auch schwacher Anfang schon gemacht war und die sächsischen Besatzungen in den Burgen auf die Dauer nicht ohne geistliche Versorgung bleiben konnten, der Zeitpunkt für die Wiedererrichtung des Bistums weit eher gekommen erscheinen als für Mecklenburg? Warum weihte Hartwig, wenn er nur zwei Männer hatte, die zur Übernahme der schwierigen Posten bereit waren, den Emmehard für Mecklenburg und nicht für Ratzeburg? In seinem Verhältnis zum Herzog kann der Grund nicht gelegen haben, da sein ganzes Vorgehen ohne Rücksicht auf diesen war. Er kann nur in den Ansprüchen gelegen haben, welche das Bistum Verden, gestützt auf eine ad hoc gefälschte Urkunde Karls des Großen (1.), auf Polabien machte, und welche Hartwig nicht sogleich zurückzuweisen imstande war. Ja, es wird sich weiter unten zeigen, daß es wahrscheinlich nicht nur Ansprüche waren, die Verden erhob, sondern daß unter seiner Leitung schon ein Anfang mit der Errichtung von Kirchen gemacht war.

Erst 5 Jahre später kam es zur Wiedererrichtung des Bistums und nun ist diese ein Werk nicht des Erzbischofs, sondern des Herzogs. Der Herzog hatte in der Frage der Investitur völlig gesiegt. Auf dem Hoftage zu Goslar hatte König Friedrich I. seinem Vetter Heinrich das königliche Recht der Investitur für die Länder jenseits der Elbe abgetreten (56), ihn ermächtigt, dort Bistümer zu errichten und aus dem Reichsgut - als solches gelten also trotz Wigger (M. Jbb. 28, 72) ohne weiteres die von Heinrich unterworfenen Wendenlande - zu dotieren. Nun erst, nachdem er seine Ansprüche durchgesetzt hatte, war Heinrich für die Errichtung neuer Bistümer zugänglich. Unmittelbar nach dem Hoftage, noch bevor er Norddeutschland

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 116 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

verließ, um dem König auf seinem Römerzuge zu folgen, ernannte er den ihm von Wichmann von Magdeburg empfohlenen Magdeburger Probst Evermod zum Bischof von Ratzeburg (Arnold Lubic. IV. 7) und ward, wie es scheint, auf einer zur Ordnung dieser Angelegenheiten gehaltenen Versammlung (Helmold I, 77, M. U.=B. 59) das neue Bistum mit 300 Hufen dotiert, die Heinrich von Ratzeburg zu diesem Zwecke vor dem Herzog aufließ. Nach Helmold (ebendas.) wäre zugleich auch die Dominsel dem Bischof abgetreten und ein Zehntvertrag zwischen diesem und dem Grafen vereinbart worden. Ähnlich berichtet die Einleitung des Ratzeburger Zehntregisters von 1230 (59 B; 75). Indes ist es sehr fraglich, ob alle diese Abmachungen schon in das Jahr 1154 fallen, da Helmold häufig sehr summarisch berichtet und auch die Einleitung des Zehntregisters die Zeiten stark verwechselt (59 B Note). Die Schenkung der Dominsel scheint z. B. erst nach 1158 erfolgt zu sein, da sie in der Dotationsurkunde (65) fehlt. Dasselbe aber möchte von dem Zehntvertrage gelten, der das berühmte Ratzeburger Besetzungsrecht enthält und sich damit als in den Zusammenhang der deutschen Kolonisation gehörig gibt. Nun aber erscheint diese noch 1158 (65) nicht als im Gange, sondern lediglich als geplant. Aber auch in betreff der Dotierung des Bistums mit 300 Hufen kam es jetzt erst zu vorläufigen und allgemeinen Abmachungen. Mit Sicherheit darf aus der päpstlichen Bestätigung desselben vom 21. Januar 1158 (62) geschlossen werden, daß bis dahin die 300 Hufen dem Bischof noch nicht angewiesen waren, da sie auch hier nur in der unbestimmten Form "trecentos mansos cultos et incultos etc." figurieren. Wären sie schon angewiesen gewesen, so würde Evermod ohne Zweifel ebenso wie Berno von Schwerin (124) seinen Besitz in genauerer Bestimmung haben bestätigen lassen. Nach der Einleitung des Zehntregisters wären diese Abmachungen vor dem Aufbruche des Herzogs nach Italien unter Mitwirkung - consentiente et fideliter cooperante - des Erzbischofs getroffen worden, und dementsprechend nimmt Hellwig an, man, d. h. Hartwig und der Herzog, habe sich nun unter Wichmanns Vermittelung leicht über die Person des nach Ratzeburg zu sendenden Bischofs geeinigt (Archiv des Vereins f. Gesch. des Herzogtums Lauenburg VII, 2 S. 7). Das ist schwerlich richtig. Zwischen Hartwig und dem Herzog bestand damals der schärfste Gegensatz. Erst 1158 kam es durch Vermittelung des Kaisers zu einer notdürftigen Aussöhnung. Dehio (Hartwig, Exkurs IV) nimmt geradezu an, Evermod sei von Hartwig im Gegensatz zum

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 117 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Herzog ernannt worden. Aber das ist ebenso undenkbar; Heinrich würde dann gegen ihn dasselbe Verhalten eingeschlagen haben wie gegen Vizelin und Emmehard. Das Richtige scheint mir Hauck (K. G. Deutschlands IV, 617 f) zu treffen, indem er meint, die Ernennung sei vom Herzog ausgegangen, und zwar ohne daß Hartwig überhaupt gehört worden sei. Aber von wem ist Evermod dann geweiht worden? Wigger meint von Wichmann von Magdeburg (M. Jbb. 28, 77). Schwerlich, und höchstens in Vertretung des zuständigen Erzbischofs. Aber wer war das? Ob es Hartwig war, das war ja eben streitig, da Verden auf Mecklenburg Ansprüche erhob und in Ratzeburg wohl schon Fuß gefaßt hatte - also der Erzbischof von Mainz? Hartwig hat ihn sicherlich nicht geweiht und hätte es auch nicht getan, weigerte er sich doch kaum ein Jahr darauf, den vom Herzog für Oldenburg ernannten Gerold zu weihen (Helmold I, 79). Aber da seine Zuständigkeit ja eben fraglich war, so wird der Herzog sicherlich ganz ohne ihn vorgegangen sein; Hartwig konnte dadurch, daß Heinrich sich auf die Seite der Verdener Ansprüche stellte, auf das bequemste ganz ausgeschaltet werden. Er war machtlos.

Das neue Bistum war also lediglich ein Werk des Herzogs und seiner Vasallen. Nicht allzuschnell schritt seine Errichtung vorwärts. Die Teilnahme des Herzogs an der Romfahrt und anderes trat dazwischen, sodaß es im Jahre 1154 wohl noch nicht weiter kam, als daß Evermod in Ratzeburg seinen Sitz nahm - im Dezember beteiligt er sich an der Beisetzung Vizelins - und daß ihm ein solcher durch Übergabe des alten Klosters auf dem St. Georgsberge beschafft wurde (Hellwig a. a. O. S. 8 u. 10). Die Mönche zogen ab und an ihrer Stelle Evermods Genossen, die Priester des Prämonstratenserordens, ein. Ende 1157 war die Einrichtung des Bistums jedenfalls soweit vorgeschritten, daß in Ratzeburg ein Kanonikerstift dieses Ordens bestand, welches in der am 21. Januar 1158 auf des Herzogs Wunsch ausgestellten päpstlichen Bestätigungsurkunde (62) die Rechte eines Domkapitels, speziell das der Bischofswahl erhielt. Als Sprengel des neuen Bistums nennt die Urkunde "Molendina, Sadenbandiam atque Polabiam totam et integram cum ecclesiis et earum decimis atque subiectis sibi pleoibus".

Inzwischen aber hatte auch Hartung nicht geruht und die Durchsetzung seiner Sache betrieben. Am 13. März desselben Jahres erreichte er die Anerkennung seiner Ansprüche auf Mecklenburg von seiten des Kaisers (63) und unter der Ver=

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 118 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

mittelung dieses kam es nun auf dem Hoftage zu Augsburg zu einem notdürftigen Ausgleich zwischen ihm und dem Herzog. Hartwig erkannte das Geschehene - die Ernennung Evermods, die Errichtung des Bistums - an, dafür ward ihm das Metropolitenrecht über Ratzeburg zugestanden und ließ der Herzog die Ansprüche Verdens fallen. Und nun endlich kam es zu einer wirklichen Ordnung der Verhältnisse des neuen Bistums. Im Herbst des Jahres kam der Herzog mit den Bischöfen der wendischen Bistümer sowie dem von Verden, den Grafen der wendischen Gebiete und deren Gefolgsmännern in Lüneburg zusammen. Hier ward die Dotationsurkunde für Ratzeburg ausgestellt (65). Jetzt sind dem Bischof jene 300 verheißenen Hufen wirklich angewiesen - das Land Boitin und eine Reihe von Dörfern am Ratzeburger See - Hartwig gab seine Zustimmung und ordnete, nachdem seine Metropolitenrechte auch von der Kurie anerkannt waren (67, 69), seinerseits die Verhältnisse der drei Wendenbistümer zum hamburgischen Erzstuhle (70).

Sehen wir nun, was sich aus dieser Dotationsurkunde für den Stand des Bistums und seiner Organisation ergibt.

Nun ist freilich ihre Echtheit noch immer umstritten und keine völlige Einigung erzielt. Das jedoch scheint allgemein zugestanden, daß der Grundstock als echt anzusehen ist. Ich schließe mich der von Buchwald (Bischofs= und Fürstenurkunden § 48, S. 181 ff.) begründeten Ansicht an, daß sie als eine mit Wissen des Ausstellers um 1189 durch einige Zusätze gefälschte Innovation der echten Dotationsurkunde von 1158 ist, und meine, daß es nicht ohne Aussicht ist, die Einschübe als solche zu erkennen. Jedenfalls geben die Bestimmungen, die uns hier vor anderen interessieren, die über die Zurückweisung der Verdener Ansprüche und über die Patronate der bereits bestehenden oder noch zu errichtenden Kirchen keinerlei Anlaß zu Zweifeln an ihrer Echtheit.

Es ist Hartwig wie gesagt gelungen, die Haltlosigkeit der Ansprüche, welche der Bischof von Verden vermittelst einer gefälschten Urkunde Karls des Großen auf die Wendenlande erhoben hatte, siegreich zu erweisen. Wenn nun trotzdem dem Verdener mit der Zuweisung zweier Elbwerder eine Entschädigung zugebilligt wird, so ist man versucht zu vermuten, daß derselbe doch noch weitere und besser begründete Ansprüche gehabt haben muß. Hatte sich sein Sprengel faktisch doch schon über die Elbe hinaus erstreckt und war von hier aus schon etwas zur Begründung der kirchlichen Organisation geschehen? In Frage kommen kann hierfür außer Ratzeburg selbst, wo mit dem

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 119 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Kloster und der sächsischen Burg schon länger eine sächsisch=christliche Niederlassung bestand, nur die Sadelbande, der einzige Teil des Ratzeburger Sprengels, welcher westlich der Sachsengrenze gelegen vielleicht schon länger in den Händen der Deutschen war, und nicht mehr zur Grafschaft Ratzeburg gehörte, sondern unter unmittelbarer Herrschaft des Herzogs stand. Dem wichtigen und vielbenutzten Elbübergange von Artlenburg gegenüber gelegen, von dem aus die Straße nach Ratzeburg und weiter in die Wendenlande hineinführte, hatte diese Landschaft naturgemäß zuerst der deutschen Einwanderung, die diese Straße ziehen mußte, offen gestanden. Um 1158 war sie nach der Dotationsurkunde - insuper omnes tam fundatas quam fundandas (sc. ecclesias) per totam Sadelbandiam - nicht mehr ohne kirchliche Organisation und es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß diese nicht erst durch Evermods Tätigkeit begründet worden ist. Im Zehntregister von 1230 (M. U.=B. 375, S. 377) heißt es nämlich von der Sadelbande: ubi de quadam pessima consuetudine quatuor tantum modii siliginis pro decima dantur. Nun berichtet aber Helmold (I, 91, vergl. die Dotationsurkunde, M. U.=B. 65), daß den Ansiedlern im neubegründeten Bistum Ratzeburg wie in den übrigen Wendenbistümern sofort der volle Zehnt auferlegt wurde, daß dagegen die altchristlichen Holsaten im Erzbistum Hamburg nur einen Pauschalzehnten von 6 modii von der Hufe (Helmold I, 91, vergl. Jensen=Michelsen a. a. O. II, 246) zahlten. Auch der Sadelbandische Pauschalzehnt wird daher wie der etwas höhere holsteinische älterer Herkunft sein und sich als schon bestehendes Recht wie dort gegenüber der vollen Zehntforderung gehalten haben. Hätte aber die Bevölkerung, die ihn zahlte, kirchlich zu Hamburg gehört, so würde sie auch den höheren Pauschalzehnt von 6 modii gezahlt haben. Sollte es Verden gewesen sein, von dem aus hier die ersten Schritte zur Christianisierung getan worden sind, und sollte diese Ausdehnung des Verdener Sprengels in Einverständnis mit dem Herzog und im Zusammenhang mit dem zwischen ihm und Hartwig von Bremen bestehenden Gegensatz erfolgt sein?

Immerhin kann auch die Errichtung dieser ersten Sadelbandischen Kirchen nicht allzulange vor 1154 erfolgt sein. Zur Zeit des Zehntregisters (375) bestanden in der Sadelbande 4. Kirchspiele: Siebeneichen, Lütau, Geesthacht und Kuddewörde - Hohenhorn ist kein eigenes Kirchspiel, es gehört zu Geesthacht. Von diesen sind zweifelsohne die beiden ersten mit ihren 18 und

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 120 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

16 zum großen Teil wendischen Dörfern gegenüber den kleineren letzten beiden, die nur 8 und 7 Orte, welche zudem ausschließlich deutschnamig sind, umfassen, als die älteren anzusehen, wie das übrigens auch der Anlage des Zehntregisters, das allemal die jungen Kirchspiele ans Ende stellt (siehe darüber weiter unten S. 127 f.), entspricht. Auch die Lage der ersten beiden an der Heerstraße von Artlenburg nach Ratzeburg spricht für ihr Alter. In ihnen werden wir die 1158 bereits bestehenden Kirchen zu suchen haben. Nun gibt uns aber das Zehntregister noch einen weiteren Anhalt, indem es bei Lütau bemerkt, Graf Reinold (von Artlenburg), welcher vor Demmin gefallen sei, habe die Äcker des Dorfes zehntfähig und =pflichtig (decimales) gemachte d. h. die deutsche Agrarverfassung eingeführt; 1230 stellt es sich denn auch als ein großes Doppeldorf von 24 Hufen - 23 und die Pfarrhufe - dar. Da Graf Reinold 1164 im Kampfe fiel, kann dies nicht wohl früher als höchstens im Anfange der vierziger Jahre gewesen sein - eben zu der Zeit, als die deutsche Einwanderung in Wagrien begann und die Grafschaft Ratzeburg errichtet ward. Diese Maßregel maß aber weiter in Zusammenhang mit deutscher Einwanderung in die Sadelbande stehen, indem entweder Lütau selbst mit Deutschen besetzt ward, oder die wendischen Bauern nach dem Vorbilde benachbarter deutscher Gemeinden deutsches Recht erhielten. 1 ) Es ist aber höchst unwahrscheinlich, daß Lütau, der Haupt= und älteste Kirchort der Sadelbande, darin ein Nachzügler gewesen ist. Seine Umwandlung in ein deutsch verfaßtes Dorf durch den Befehlshaber von Artlenburg, der auch wohl für die Sadelbande das Kommando führte und Lütau, wie es scheint, als Allod besaß, wird vielmehr den ersten Schritt zur Germanisierung der Landschaft gebildet haben. Somit hat auch hier die deutsche Einwanderung schwerlich vor 1142 begonnen. In ihrem Gefolge


1) Es ist doch sehr unwahrscheinlich, daß diese Zehntbarmachung, wie Hellwig (M. Jbb. 69, 317 Anm. 2 u. Archiv des Vereins f. lauenb. Geschichte, VII, 1 S. 134) meint, einfach dadurch erfolgte, daß die wendischen Zeitpächter zu Erbpächtern gemacht wurden. Der bisherige Wendenzehnt, der nicht nur Kornzehnt war, sondern außer 3 Maß Hartkorn noch 1 Schilling, 1 Topp Flachs und 1 Huhn (65) auf die Hakenhufe betrug, war der wendischen Wirtschaftsweise mit ihrem geringen Ackerbau angepaßt. Den deutschen Kornzehnt einfach an seine Stelle setzen, würde wahrscheinlich eine Verminderung der Einnahmen bedeutet haben. Seine Einführung setzt die des ausgedehnteren deutschen Ackerbaues, d. h. die Einführung der deutschen Wirtschaftsverfassung, voraus, kann somit nur im Zusammenhange mit deutscher Einwanderung erfolgt sein.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 121 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

sind dann auch die beiden ersten Kirchen in Lütau und Siebeneichen erbaut worden.

Aber nicht nur die Sadelbande war schon in den Bereich der kirchlichen Organisation hineingezogen, als sie dem Ratzeburger Sprengel zugewiesen wurde, auch in den Winkel zwischen Bille und Elbe, die heutigen Vierlande, war die Kirche bereits vorgedrungen. Hier bestand das Kirchspiel Bergedorf, wie es scheint als einziges und, nach den Ortsnamen zu urteilen, vorwiegend deutsches. Es gehörte zum Hamburger Sprengel. Durch die Bestimmung der Dotationsurkunde, daß der Ratzeburger Sprengel bis an die Billemündung reichen solle, fielen auch die Vierlande in seine Grenzen und dementsprechend wies Hartwig bald daraus das Kirchspiel Bergedorf diesem zu (75 u. 76). Auch diese Zuweisung stützt wiederum die Annahme, daß etwaige ältere Kirchen in der Sadelbande nicht dem Hamburger Sprengel zugehört haben können.

Kehren wir zur Dotationsurkunde zurück. Wie weit im übrigen die Errichtung von Kirchen vorgeschritten war, läßt sich nur vermuten. Aus den Bestimmungen über Kirchengründung und Patronat läßt sich nicht entnehmen, ob schon weitere Kirchen bestanden. Genannt wird außer St. Georgsberg nur noch die von Nusse. Beide geben sich schon durch den enormen Umfang ihrer Kirchspiele als Anfangskirchen. Wahrscheinlich waren sie die einzigen bereits bestehenden. An direkten Zeugnissen fehlt es. Helmolds Angabe (I, 91),daß Graf Heinrich eine Menge Westfalen in Polabien angesiedelt habe, welche Kirchen gebaut hätten, ist zeitlich zu unbestimmt ,um daraus Schlüsse für das Jahr 1158 ziehen zu können. Nun finden sich allerdings in den Grenzbestimmungen des Landes Boitin (65) die beiden deutschen Ortsnamen "manhage" und "bunistorp", die darauf hinzuweisen scheinen, daß schon damals deutsche Ansiedler bis an die Ostgrenze des Landes Boitin vorgedrungen waren, und unter den Bifchofshöfen finden wir im Lande Dassow, also noch weiter nordwärts "Bischopestorp", ein Name, der auch hier nicht nur deutsche Kolonisation voraussetzen würde, sondern sogar daß der Ort um 1158 schon längere oder kürzere Zeit in Händen des Bischofs gewesen wäre. Nun fehlt aber Bischofsdorf noch 1171 in der unverdächtigen Urkunde (101), durch welche der Herzog, wie 1158 versprochen, die curiae episcopales von Heerfolge, Markding und Burgwerk befreit. Es war also damals noch garnicht im Besitz des Bischofs, unter dessen Höfen es zuerst 1174 in der Urkunde 113 erscheint, aber auch diese gehört zu den unechten Innovationen von 1189 (Buchwald a. an O § 48).

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 122 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

In der Dotationsurkunde ist Bischofsdorf also fraglos späterer Einschub. Dasselbe aber gilt dann auch von "Manhage", welches in der sonst gleichlautenden Grenzbeschreibung der Urkunde 113 noch fehlt, und dann doch wohl auch von Bunistorp. Die scheinbaren Spuren deutscher Besiedelung erweisen sich also als irrig, und von Kirchen im Lande Boitin wird daher auch nicht die Rede sein können. Nicht anders wird es mit den Ländern Gadebusch, Wittenburg, Boizenburg stehen. Höchstens in den Hauptorten Gadebusch und Wittenburg selbst könnten schon Kirchen bestanden haben. Und die Länder Jabel und Wehningen hatten sicher noch keinen christlichen Priester gesehen. Aber auch im Lande Ratzeburg selbst kommen nur ganz wenige Kirchen neben St. Georgsberg und Nusse überhaupt in Frage. Das erstere Kirchspiel war noch 1194 (154) von so enormer Größe, daß es die späteren von Krumesse, Grönau, Berkentin, Behlendorf, Schmilau und Ziethen ganz oder zum Teil umfaßte, d. h. das ganze Gebiet zwischen der Stecknitz und dem Ratzeburger See sowie die im Süden und Südosten um denselben gelegenen Dörfer. Und Nusse ist 1194 außer Bredenfelde noch das einzige Kirchspiel westlich der Stecknitz gewesen. Noch 1230 (375) umfaßte es das später gegründete Sandesneben=Linau mit; Siebenbäumen bestand überhaupt noch nicht, und einige westlich der Stecknitz gelegene Dörfer finden wir bei dem inzwischen von St. Georgsberg abgezweigten Berkentin. Es kämen also nur das eine oder andere der 1194 südlich oder östlich von Ratzeburg gelegenen Kirchspiele in Frage; es sind dies die 7 Schlagsdorf, Karlow, Mustin, Seedorf, Sterley, Gudow und Bredenfelde. Letzteres liegt allzu nahe an Nusse, um als Anfangskirche gelten zu können; von den benachbarten beiden Sterley und Seedorf käme auch nur eins in Frage (siehe darüber weiter unten; Schlagsdorf und Karlow aber liegen schon zu weit ins Wendenland vorgeschoben, als daß man an sie denken könnte. Es bleiben also nur Gudow, Sterley und vielleicht Mustin als möglicherweise um 1158 schon bestehend übrig, und in der Tat haben sie neben St. Georgsberg die altertümlichsten Kirchen des Landes. In Gudow und Sterley findet sich sogar der von den Vizelins= oder richtiger Geroldskirchen her bekannte Gipsstuck. Sie sind jedoch nicht mehr wie diese rein romanisch, sondern zeigen den beginnenden Übergangsstil, dürften also nach dem für Wagrien gewonnenen Ergebnis doch jünger sein als 1158 (Haupt=Weißer Lauenburg. Baudenkmäler S. 69f., 137f., 169 f.). Immerhin könnte die Errichtung der Kirchspiele bis in diese Zeit zurückreichen.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 123 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Es waren noch wenige Kirchen, die das neue Bistum besaß, außer Nusse, St. Georgsberg und Bergedorf, Lütau und Siebeneichen allenfalls noch im Ratzeburgischen Gudow, Sterley und Mustin, vielleicht dazu noch Gadebusch und Wittenburg, also im ganzen 10 Kirchen; wahrscheinlich ist aber diese Zahl auch noch fast um die Hälfte zu hoch gegriffen. Es war kaum ein Anfang gemacht.

Aber man war jetzt zu energischem Vorgehen entschlossen. Es werden daher in die Dotationsurkunde sofort Bestimmungen über die Errichtung weiterer Kirchen und deren Patronat aufgenommen. Weitere Kirchen sollen auf Grund von Vereinbarung zwischen Bischof und Grundherrn errichtet und mit je 4 Hufen ausgestattet werden. Das Patronat soll im allgemeinen dem Grundherrn, im Lande Boitin, in Nusse, St. Georgsberg in der Sadelbande und Gamme aber dem Bischof zustehen. Erstere Bestimmung versteht Hellwig dahin, daß Bischof und Grundherr je 2 Hufen herzugeben gehabt hätten - und sieht das dann in den Angaben des Zehntregisters im allgemeinen ausgeführt. (M. Jbb. 69, 328f.) Allein in letzterem irrt er nachweislich. Die Angaben des Zehntregisters über den Besitz der Kirchen beziehen sich nicht ohne weiteres auf den Besitz der Hufen selbst, sondern nur auf den des Zehnten. Ein Beispiel mag genügen. Hellwig sagt: "Klütz und Thomashagen waren mit je 4 Hufen ausgestattet." (S. 329). In Wirklichkeit war Klütz, wie aus der Pfarrtaxe (4120) hervorgeht, nur mit 2 Hufen dotiert. Jene "4 Hufen vom Bischofsteil" im Zehntregister, zu welchem übrigens noch "ebensoviel vom Teil des Grundherrn" kommen, wollen also nicht sagen, daß die Kirche 4 Hufen vom Bischofsteil besessen habe, sondern nur den Zehnt von diesen Bischofshufen. Hellwig verwechselt eben Zehnt= und Grundbesitz. Der Bischof aber hatte ja überhaupt keinen Grund= sondern nur Zehntbesitz in den Dörfern der Landesherrn oder der Allodbesitzer. Er hätte allemal jene zwei Hufen, die Hellwig ihm zuweisen will, vom Grundherrn erst kaufen müssen -- dann aber auch allen Analogien zufolge ein Recht auf das Compatronat gehabt (vergl. dazu 284). Da aber der Grundherr das Patronat allein haben soll, so ist er auch als der anzusehen, der die 4 Dotalhufen zu geben hat. Der Bischof gibt prinzipiell nur den Zehnt von denjenigen Dotalhufen, die aus dem ihm zehntpflichtigen Teil der Dorfhufen genommen sind. Wie sich nun hiernach die Verhältnisse faktisch gestaltet haben, wird unten weiter zu erörtern sein. Hier ist noch zu bemerken, daß die Kirchenbaupflicht auch hier wie in

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 124 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Wagrien der Gemeinde oblag. Eine besondere Bestimmung ward darüber nicht in die Dotationsurkunde aufgenommen, so selbstverständlich war es. Man folgte eben einfach dem längst und überall bestehenden Herkommen. Hellwig irrt auch hier, wenn er (Archiv des Vereins f. lauenb. Gesch. VII, 2S. 17) den Bischof die Kirchen bauen läßt und zwar von den Überschüssen des Zehnten. Diese Bestimmungen nun beziehen sich überall zunächst nur auf die beabsichtigten deutschen Siedelungsdörfer, denn jetzt faßte man eine umfassende Verdrängung der Wenden durch Einführung deutscher Bauern in's Auge - die Dotationsurkunde spricht diese Absicht unumwunden aus. Für etwaige in wendischen Dörfern zu errichtende Kirchen traf man die Bestimmung, daß der dort stationierte Priester den dritten Scheffel des Wendenzehnten haben solle; an eine Ausstattung mit Grundbesitz scheint hier nicht gedacht zu werden. Jedenfalls aber geht aus diesen Bestimmungen der Wille hervor, auch in rein wendischen Gebieten Kirchen zu errichten, und sich nicht auf die deutschen Siedelungen zu beschränken. Wie weit diese Absicht zur Ausführung gekommen ist, wird sich später herausstellen.

Endlich wird der Zehnt im ganzen Sprengel dem Bischof zugewiesen. Nur den der Sadelbande und Gamme hat der Herzog noch, solange es dem Bischof genehm ist. Den Zehntvertrag zwischen dem Bischof und dem Grafen mit dem berühmten Ratzeburger Besetzungsrecht möchte ich daher nicht schon 1154 ansetzen, sondern gleichzeitig mit oder bald nach Ausstellung der Dotationsurkunde.

War also um 1158 alles noch in den ersten Anfängen, so sollte es nun bald kräftig vorwärts gehen. Im Jahre 1160 wurde der letzte selbständige Wendenfürst Mecklenburgs, Niklot, niedergeworfen. Er verlor im Kampf sein Leben. Seinen Söhnen blieb nur die östliche kleinere Hälfte seines Gebietes, trotz ihrer Unterwerfung. Aus dem größeren westlichen ward eine neue Mark gebildet, die Hauptburgen der Obotriten mit sächsischen Kriegern belegt und so die Grenzlinie um einige Meilen weiter nach Osten vorgeschoben. Waren bisher die Besatzungen der Burgen Gadebusch und Wittenburg die letzten vorgeschobenen Posten des Deutschtums gewesen und das Ratzeburger Land unmittelbar etwaigen Wendeneinfällen ausgesetzt, so rückte es nun in die zweite Linie; die Lage wurde eine ungefährdetere, und nun scheint auch der Strom der deutschen Einwanderer sich in größerem Umfange hierher ergossen zu haben. So machte denn auch die Entwickelung des Bistums einen Schritt vorwärts. Im

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 125 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Jahre 1167 (88) wurden seine Grenzen, namentlich nach Osten, genau festgelegt. Hierbei tritt uns zugleich eine bedeutende Gebietsveränderung zuerst entgegen, die wahrscheinlich schon im Jahre 1160 stattgefunden hatte (siehe darüber weiter unten. 1 ) Ratzeburg gab das Land Schwerin an das inzwischen errichtete gleichnamige Bistum ab und tauschte dafür das nördlich von Gadebusch gelegene und bis an die Ostsee reichende Land Bresen ein. Nun, im Jahre 1167, scheint auch die Kolonisation in vollem Gange. War 1158 vom Zehnt als einer erst in Zukunft einzuführenden Einrichtung die Rede gewesen, dagegen vom Wendenzins als dem bei der gegenwärtigen Lage gegebenen, so werden nun die Einkünfte aus dem Zehnten zwischen Bischof und Kapitel geteilt, zugleich auch für Boitin ein eigenes Besetzungsrecht geschaffen. Zum erstenmal begegnen uns hier urkundlich die Länder Gadebusch und Wittenburg, letzteres schon mit dem deutschen Namen. Unter den Zeugen der hierüber ausgestellten Urkunden erscheint zuerst Graf Bernhard von Ratzeburg allein; im Jahre vorher hatte sein Vater Heinrich noch gelebt (cf. M. U.=B. 86 n.) und so mag hierher Helmolds Angabe gehören, mit der er das Kapitel über den Zehnt der Holsaten einleitet: "Porro Heinricus comes de Racesburg,. . . adduxit multitudinem populorum de Westfalia, ut incolerent terram Polaborum . . . . Et aedificaverunt ecclesias et subministraverunt decimas fructuum suorum ad cultum domus Dei. Et plantatum est opus Dei temporibus Heinrici in terra Polaborum, sed temporibus Bernhardi filii eius abundantius consummatum." (I, 91). Und einige Jahre später schließt Helmold sein Werk mit dem triumphierenden Bericht, daß das ganze ehemalige Wendenland von der Eidermündung bis Schwerin, einst insidiis horrida et pene deserta, jetzt dante Deo gleichsam zu einer Sachsenkolonie geworden ist. Et instruuntur illic civitates et oppida et multiplicantur ecclesiae et numerus ministrorum Christi."

Freilich sind diese Worte im Hochgefühl des endlich errungenen Sieges geschrieben und daher nur cum grano salis zu verstehen. In Wirklichkeit war es doch noch lange nicht soweit. Zwar redet Helmold an verschiedenen Stellen davon, daß das Land durch die fortwährenden Kriege, durch Auswanderung und Vertreibung der Wenden menschenleer geworden sei, und


1) Auch hier kann ich Hellwichs Ansicht in derArbeit in M. Jbb. 71. nicht folgen.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 126 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

nimmt die Dotationsurkunde (65) die Vertreibung der wendischen Bevölkerung in Aussicht.

Aber zur Ausführung ist diese Maßregel doch nur in sehr beschränktem Sinne gekommen. Nach den grundlegenden Untersuchungen von Hellwig (M. Jbb. 69, 291--350) und Witte (Vgl. M. Jbb. 70, p. 153) ist die bisher herrschende Meinung, daß die wendische Bevölkerung teils durch die fortwährenden Kriege dezimiert, teils von den Siegern zur Auswanderung genötigt und durch eine rein deutsche ersetzt worden sei, als ein für allemal abgetan erwiesen und gezeigt, daß erstere vielmehr im Lande geblieben ist. Dünn, wie sie auch abgesehen von den Kriegsverlusten war, bot sie noch überreichlich Raum für deutsche Einwanderung. Mit dieser starken Beschränkung aber können wir Helmolds Schlußworten als sicher entnehmen, daß damals, um 1170, die Einwanderung in vollem Gange war und die Errichtung von Kirchen und Pfarren mit ihr Hand in Hand ging. Es bedurfte also auch hier wie in Wagrien der ersteren, um die letztere vorwärts zu bringen.

Wir rechnen diese erste Periode deutscher Kolonisation bis zum Ende des 12. Jahrhunderts und beginnen die zweite mit der Dänenzeit und der Eröffnung auch der obotritischen Länder für die Einwanderung. Ihren Höhepunkt wird diese erste Periode in den siebziger und achtziger Jahren des Jahrhunderts gehabt haben. Die Wirren nach dem Sturze des Löwen und die deutsch=dänischen Kämpfe waren der Einwanderung wenig günstig. Doch scheint sie auch in dieser Zeit nicht gänzlich ins Stocken gekommen zu sein.

Wir kommen nun zu der Frage: Lassen sich die im Laufe dieser Kolonisationsperiode errichteten Kirchen und Kirchspiele noch ermitteln? und ist vielleicht innerhalb derselben noch eine Unterscheidung von älteren und jüngeren möglich? - also der Gang der Entwickelung noch aufzuzeigen? Glücklicherweise besitzen wir zwei wertvolle Urkunden aus dem Beginn der neunziger Jahre, aus denen sich für beträchtliche Teile des Bistums diese Fragen mit einiger Sicherheit beantworten lassen, den Teilungsvertrag zwischen Bischof Isfried und seinem Kapitel über die Stiftsgüter und Zehnten von 1194, und den Zehntvertrag desselben Bischofs mit Graf Heinrich von Dannenberg für die Länder Jabel und Wehningen.

Die erstere Urkunde (154) führt im Lande Ratzeburg 8 Kirchspiele auf: St. Georg, Schlagsdorf, Mustin, Seedorf, Sterley, Gudow, Bredenfelde und Nusse, als solche in denen das Kapitel

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 127 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Besitz hat. Es fragt sich zunächst, ob außer diesen 8 damals noch weitere Kirchspiele bestanden. Schon oben (S 122) sahen wir, daß westlich vom Ratzeburger See 1194 nur die drei Kirchspiele Nusse, Bredenfelde und St. Georg vorhanden waren. Im übrigen Teil des Landes kämen die 1230 im Zehntregister außer den genannten ausgeführten Kirchspiele Büchen, Mölln, Schmilau und Karlow in Frage. Von diesen wird das kleine, nur drei Dörfer umfassende Heidekirchspiel Büchen kaum schon 1194 bestanden haben, geschweige, daß es zu den älteren Kirchspielen gehört hätte. Schmilau kann ebenfalls noch keine Kirche gehabt haben, da es andernfalls das Kirchspiel von St. Georg, zu welchem 1194 noch Zieten gehörte, in zwei getrennte Stücke zerrissen hätte. Auch Mölln wird noch kein eigenes Kirchspiel gewesen sein. Der Ort war da - 1194 wird Alt=Mölln genannt -, aber er soll erst von Waldemar dem Sieger, also nach 1204, Stadtrecht erhalten haben (Haupt=Weißer: Lauenb. Denkmäler S. 111 ff.). Seine stattliche Kirche ist offenbar, wenn auch bald nach 1200, doch schon für eine städtische Gemeinde gebaut, und überdies umfaßt das kleine Kirchspiel 1230 nur drei Dörfer, welche später gelegt und in der Stadtfeldmark aufgegangen sind, zu der sie wohl schon bei Gründung derselben gelegt waren. Zudem begegnet eins derselben, Pinnow, 1194 noch unter den Kirchspieldörfern von Bredenfelde. Sonach bleibt nur Karlow übrig, ein großes Kirchspiel, das eine unverhältnismäßige Lücke lassen würde und daher 1194 wohl vorhanden war, obgleich es kein direktes Zeugnis dafür gibt, denn seine Kirche (Lisch, M. Jbb. VII, B, 72) ist erst im 13. Jahrhundert erbaut.

Ein indirekter Beweis läßt sich indes doch für die Existenz der Karlower Kirche führen. Vergleicht man in der Urkunde von 1194 und im Zehntregister die Reihenfolge der Provinzen, sowie innerhalb derselben die der Parochieen, soweit es möglich ist, so stellt sich heraus, daß es dieselbe ist = eine Ausnahme macht allein Parum, das 1194 die achte, 1230 die vierte der Wittenburger Pfarren ist. Ja selbst innerhalb der einzelnen Pfarren ist die Reihenfolge der Dörfer, soweit sie sich kontrollieren läßt, in beiden Urkunden zum großen Teil - in 7 von 13 Fällen - dieselbe. Weiter stellt sich heraus, daß die 1194 nicht genannten und vermutlich erst später errichteten Pfarren im allgemeinen im Zehntregister am Ende jeder Provinz hinter den Pfarren von 1194 stehen. Eine scheinbare Ausnahme macht hier St. Georg auf dem Berge, das 1194 voran steht, im Zehntregister aber ziemlich am Ende - es war eben inzwischen in verschiedene

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 128 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

neue Kirchspiele zerschlagen worden und rückte so vom Anfang an das Ende der Ratzeburger Pfarren. Das alles kann nicht zufällig sein und erklärt sich, wenn dem Vertrage und der Urkunde von 1194 ein Zehntregister zu Grunde liegt, das uns mit den späteren Ergänzungen in erneuter Ausarbeitung in dem von 1230 noch vorliegt. Zu den von Hellwig (M. Jbb. 69, 299 ff.) genannten Quellen des letzteren wäre also dieses noch hinzuzufügen, wie es denn ja von vornherein unwahrscheinlich ist, daß für die jährlich zu erhebenden Zehnten erst um 1230 ein Register angelegt worden sein soll, und man sich zwei Menschenalter hindurch ohne ein solches beholfen habe - was für eine Geschäftsführung würde das voraussetzen! Es findet sich aber noch eine weitere Bemerkung im Zehntregister von 1230, die sich ebenfalls am einfachsten dadurch erklären läßt, daß der Verfasser ein älteres Register direkt als Vorlage bei der Niederschrift benutzte. So erklärt es sich nämlich, daß er die beiden jüngst errichteten Pfarren im Ratzeburgischen, Büchen und Mölln, am Ende nachzutragen vergaß und von den in seiner Vorlage vielleicht schon nachgetragenen Pfarren, in welche das St. Georgenkirchspiel zerschnitten war, derselben folgend sofort zur Provinz Wittenburg weitereilte, dann aber seinen Irrtum bemerkte und nun die vergessenen Pfarren Büchen und Mölln am Rande nachtrug. Auch die Verwirrung, die in dem Abschnitte Gadebusch dadurch entstanden ist, daß die Pfarren durch Einschiebung der Schweriner Pfarre Eixen in zwei Gruppen auseinander gerissen sind, die jede ihre eigene Überschrift haben, ist wohl ähnlich zu erklären und auf Rechnung des Bearbeiters zu setzen (Vergl. darüber weiter unten).

Kehren wir nun zur Provinz Ratzeburg zurück und suchen das Zehntregister, wie es um 1194 vorlag, soweit es die Parochien betrifft, wiederherzustellen, so haben sicher in ihm gestanden: St. Georg, Schlagsdorf, Mustin, Seedorf, Sterley, Gudow, Bredenfelde und Nusse, und zwar abgesehen von St. Georg, das im Zehntregister von 1230 ans Ende gerückt ist, genau in der Reihenfolge des letzteren. Die im Zehntregister folgenden Kirchspiele Berkentin, Krumesse und Grönau fehlten noch, ihre Dörfer gehörten 1194, soweit sie in der Urkunde dieses Jahres aufgeführt sind, noch zu St. Georg. Dann aber haben die am Schlusse und sogar am Rande nachgetragenen Kirchspiele Mölln und Büchen erst recht noch nicht im Register von 1194 gestanden, und damit stimmt, daß, wie oben gezeigt, das eine sicher, das andere aller Wahrscheinlichkeit nach 1194 noch nicht bestanden

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 129 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

hat. Anders aber steht es nun mit dem letzten der für 1194 als möglicherweise vorhanden bezeichneten Kirchspiele, mit Karlow. Es hat im Zehntregister von 1230 seinen Platz an zweiter Stelle zwischen Schlagsdorf und Mustin und wird also zu den älteren und schon 1194 vorhandenen gehören. In der Urkunde von 1194 fehlt es natürlich, da das Kapitel dort keinen Besitz hatte.

Wir kommen also für das Jahr 1194 auf 9 Kirchspiele im Lande Ratzeburg. Es fragt sich nun, ob aus diesen noch ein oder das andere als jünger wie die übrigen ausgeschieden werden kann, und so vermutungsweise die Zahl der in den sechziger und siebziger Jahren errichteten zu finden ist, und das ist in der Tat für eins derselben, nämlich Seedorf, der Fall. Abgesehen von den beiden ältesten Kirchspielen St. Georg und Nusse, welche einen bedeutend größeren Umfang als die übrigen haben und sich schon hierdurch als die ältesten erweisen, zeigen nach dem Zehntregister von 1230 fast alle 1194 bestehenden einen ziemlich gleichen Umfang, nämlich von 11-14 Dörfern. Nur Schlagsdorf mit seinen 9 Dörfern ist ein wenig kleiner. In Bredenfelde ist hierbei nach der Urkunde 154 (Pinnow) Mölln, in Gudow Büchen eingerechnet. Die beiden aneinandergrenzenden Parochien Sterley und Seedorf mit ihren nur je 7 Dörfern und nahe aneinanderliegenden Kirchen machen allein eine Ausnahme. Zusammen ergeben die beiden 14 Dörfer, also nicht mehr als Gudow. Das legt die Vermutung nahe, daß hier ein großes Kirchspiel in zwei kleinere zerschlagen ist, und diese Vermutung verstärkt sich bei Betrachtung der Kirchen: die von Sterley ein großer weiträumiger Feldsteinbau mit nur spärlicher Verwendung von Ziegelsteinen an den Gewandungen der Fenster und Türen, von fast denselben Dimensionen wie die Kirchen von St. Georg und Mustin; die von Seedorf eine nur halb so große Ziegelkirche; jene ein Bau des besten Übergangsstiles, diese schon mit starker Neigung zum gotischen; dabei beide in der eigentümlichen breiten Turmanlage miteinander verwandt. (Haupt=Weißer a. a. O. S. 169f. u. 163 f.). Das alles hat den Anschein, als ob erstere noch für das ganze ungeteilte Kirchspiel gebaut, die zweite aber nachträglich für das abgetrennte kleinere. Da jedoch auch die Kirche von Sterley ihrem Stil nach kaum vor den 80er Jahren gebaut sein kann, so werden wir die Abtrennung von Seedorf als 1194 erst soeben geschehen anzusehen haben.

Sind sonach aus den 1194 bestehenden 9 Kirchen Seedorf als jünger, St. Georg und Nusse als älter als ca. 1160-80

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 130 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

auszuscheiden, so bleiben nunmehr als im Verlauf der Kolonisationsbewegung dieser beiden Jahrzehnte gegründete Kirchen die 6 folgenden: Bredenfelde, Gudow, Sterley, Mustin, Karlow und Schlagsdorf, alle von annähernd gleicher Größe und gleichmäßig über das Land verteilt, offenbar die Ausführung eines wohlüberlegten und einheitlichen Organisationsplanes und daher in einem Zuge errichtet. Bei diesem Resultate aber wird es höchst wahrscheinlich, daß 1158 bei der Dotierung des Bistums wenigstens im Ratzeburgischen noch keine weiteren Kirchen bestanden als die beiden damals dem Bistum geschenkten Nusse und St. Georg.

Wenden wir uns nun der Urkunde folgend ostwärts zum Lande Wittenburg, so begegnen uns hier bis auf Pritzier alle 1230 vorhandene Kirchspiele schon im Jahre 1194; aber auch dieses ist ohne Zweifel schon vorhanden, da es 1230 nicht am Ende nachgetragen ist, sondern zwischen Hagenow und Vellahn steht. Wir finden also 1194 hier die 10 Kirchspiele Zarrentin, Neuenkirchen (Lassahn noch umschließend), Döbbersen, Parum (einen Teil von Gammelin noch umfassend), Wittenburg (noch einschließlich Dreilützow), Hagenow, Pritzier, Vellahn, Körchow, Camin. Wir versuchen nun auch hier wenigstens vermutungsweise noch bis in die Zeit, mit welcher Helmold abbricht, vorzudringen.

Wenden wir uns wieder an das Zehntregister von 1230 um Auskunft und betrachten die Reihenfolge der Kirchspiele, so fällt zunächst auf, daß hier Parum nicht wie 1194 an letzter Stelle, sondern vor Wittenburg steht. Da jedoch, wie wir gesehen, der Verfasser des Zehntregisters ein älteres einfach abschrieb, so wird hier seine Reihenfolge die ursprüngliche sein, gegenüber jener Vertragsurkunde, die sich an ein Zehntregister nur anlehnte. Welches Prinzip verfolgt nun das Register in der Aufeinanderfolge der Pfarren? Zarrentin, Neuenkirchen, Döbbersen - die Pfarren im Westen des Landes, wie sie von Südwest nach Nordost aufeinanderfolgen; das scheint ein bestimmtes topographisches Prinzip. 1 ) Aber nun springt die Reihenfolge über Wittenburg weg nach Osten: Parum -, holt dann Wittenburg nach, gibt nun das an letzteres südöstlich anschließende Hagenow, die südlich diesem benachbarten Pritzier und Vellahn und springt dann nach


1) Ein solches wird auch bei dem Lande Ratzeburg deutlich innegehalten, wo das Register ursprünglich mit dem Zentrum, St. Georg begann, dann die östliche Nachbarpfarre Schlagsdorf brachte und von hier aus die im Kreise um St. Georg gelegenen Pfarren der Reihe nach aufzählte bis dieselbe mit Nusse schloß.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 131 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Norden zurück und holt die in der Mitte ausgelassenen Pfarren Körchow und Camin nach. - Das Prinzip scheint verlassen und an seine Stelle Regellosigkeit getreten. Aber es scheint nur. Parum und Wittenburg bildeten ursprünglich zusammen eine Parochie, und daß sie in dem 1194 vorauszusetzenden Register getrennt sind, ist schon das Resultat einer Entwicklung. Beweis: das Patronat von Parum stand dem Pfarrer von Wittenburg zu (Visitationsprot. v. 1541), was sich nur daraus erklärt, daß Parum einst zur Wittenburger Parochie gehört hat, sein Pfarrer also eigentlich als Vikar des Wittenburger Pfarrers gilt (vergleiche dazu im weiteren Verlauf der Arbeit Parchim=Lanken=Möderitz=Klockow; Sanitz=Dänschenburg; Ribnitz=Kuhlrade; auch Gadebusch=Roggendorf= Salitz und Marlow=Wulfshagen). Neben dem großen Kirchspiel Wittenburg mit seinen 12 Orten steht also das einst zu ihm gehörige kleinere Parum mit seinen 7 Dörfern. Dann folgt das Wittenburg südostwärts benachbarte, große, 11 Orte umfassende Hagenow und neben ihm steht wieder ein kleineres, nur 8 Dörfer umfassendes Nachbarkirchspiel. Daran schließt sich dann die große Vellahner Parochie mit ihren 14 Dörfern und neben ihr stehen wieder zwei kleinere mit je 8 und 7 Dörfern, Körchow und Camin. Die Sache ist klar: wie Parum ein jüngeres Tochterkirchspiel von Wittenburg ist, so sind es Pritzier von Hagenow, Kamin und Körchow von Vellahn. Wir blicken hier auf eine noch ältere Form des Zehntregisters, in der nur die Pfarren Zarrentin, Neuenkirchen, Dobbersen, Wittenburg, Hagenow und Vellahn in wohlgeordneter topographischer Reihenfolge standen, und der gegenüber die von 1194 schon als zweite Rezension anzusehen ist, bei welcher jedoch nach anderem Prinzip verfahren ist wie 1230, die jüngeren Pfarren nicht ans Ende gestellt, sondern neben die, von denen sie abgetrennt waren - also an demselben Ort, wo ihre Dörfer schon gestanden hatten. So steht denn auch im Ratzeburgischen das jüngere Seedorf neben seiner Mutterpfarre Sterley.

Es ergibt sich also für die Entwickelung der Kirchenerrichtung, daß man bei der Vornahme der ersten kirchlichen Einteilung in dem schon dichter mit Deutschen besiedelten und an das Land Ratzeburg grenzenden Westen und Nordwesten eine Reihe von Pfarren der dort gefundenen Durchschnittsgröße von 9-13 Dörfern anlegte, nämlich Zarrentin, Döbbersen und Neuenkirchen, weiterhin aber in noch wesentlich wendischem Gebiet sich mit den drei Riesen=Kirchspielen Wittenburg, Hagenow und Vellahn begnügte, von denen dann bald im Laufe etwa der achtziger Jahre die

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 132 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

kleineren, nur 6-8 Orte umfassenden Kirchspiele Pritzier, Körchow, Camin und Parum abgezweigt wurden. Eine Bestätigung findet diese Vermutung in der alten, für eine Landkirche ganz ungewöhnlich großen Kirche zu Vellahn, welche deutlich zeigt, daß dieser Ort in der ältesten Zeit eine viel größere Bedeutung gehabt haben muß als später. Es ist ein unersetzlicher Verlust und eine nicht genug zu beklagende Barbarei, daß diese zweifellos älteste und ehrwürdigste Kirche Mecklenburgs im Jahre 1882 (!) abgerissen worden ist, um einem Neubau Platz zu machen. Glücklicherweise sind wir über den alten Bau wenigstens einigermaßen orientiert (Schlie III, 86 ff., cf. M. Jbb. 59, 27 f). Er war ein reiner Felsenbau aus unbehauenen Steinen in Form einer dreischiffigen, flachgedeckten Basilika, ohne Frage (trotz Krüger) ursprünglich mit quadratischem Chor und halbkreisförmiger Apsis, nach den Zeichnungen Krügers bis auf die beiden schwachstechenden Fenster in der Westwand des Mittelschiffes noch rein rundbogig, die Dimensionen im Mittelschiff im Lichten 21,75 m X 7 m. Sie bleiben zwar anscheinend beträchtlich hinter denen der alten Hauptkirche des Bistums, St. Georgsberg, zurück, aber diese ist nur einschiffig, und rechnete man auf die Breite der einstigen oder wenigstens ursprünglich geplanten Seitenschiffe in Vellahn auch nur je 2,5 m, so erhält man eine Grundfläche von 261 qm, inklusive eines quadratischen Chors sogar 310 qm im Lichten für Vellahn, gegen 246 qm in St. Georgsberg. Freilich, ob die Seitenschiffe je wirklich zur Ausführung gekommen sind, ist fraglich. Vermutlich geriet der Bau schon ins Stocken, als das Kirchspiel durch die Errichtung der kleineren Pfarren in der Nachbarschaft in den achtziger Jahren an Umfang verlor.

Noch auf eins darf hier vielleicht hingewiesen werden, nämlich, daß das Patronat der so als älter ermittelten Pfarren landesherrlich ist (für Zarrentin M. U.=B. 703; für Neuenkirchen, Döbbersen und Vellahn: Visit.=Prot. von 1534; für Wittenburg M. U.=B. 703; für Hagenow M. U.=B. 1033. Bei Döbbersen liegen die Dinge nicht ganz klar; nach M. U .=B. 320 war es mit der Kirche um 1226 im Besitz des Klosters Zeven, nach dem Zehntregister aber erscheint es als Allod des Corvus.) Dagegen sind die 4 kleineren Pfarren Parum, Camin, Körchow und Pritzier wenigstens 1534 nicht mehr landesherrlich. Nun aber haben die landesherrlichen Pfarren gegenüber den ritterlichen von vornherein die Vermutung des höheren Alters für sich. Wie wir in Wagrien gesehen und später im Lande Breesen (284) sehen werden, sind es Bischof und Landesherr, welche zusammen

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 133 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

die erste planmäßige Besetzung des Landes mit Kirchen vornehmen. Der Landesherr verfügte dabei schlechthin über die Patronate aller zu errichtenden Kirchen (284), und so finden wir, daß in dieser älteren Zeit der Kirchengründung selbst auf Allodialgütern gegründete Pfarren, wie Mustin, nicht unter dem Patronat des Allodbesitzers sondern des Landesherrn stehen (4794 Mustin; dieses ist nach M. U.=B. 375 cf. Hellwig M. Jbb. 69, S. 315 als Allod anzusehen). Auch hieraus würde sich ein weiterer Beweis für die jüngere Entstehung der drei kleineren Wittenburger Pfarren ergeben. Indes könnte auch das Patronat erst später in ritterliche Hände übergegangen sein, und da die drei Kirchdörfer nach dem Zehntregister nicht Allode sondern landesherrliche - oder Lehn-? - Dörfer zu sein scheinen, so ist das nicht ganz unwahrscheinlich, wenngleich es immerhin als ein merkwürdiger Zufall angesehen werden müßte, daß es gerade die 3 jüngeren Patronate sind, die später von den Landesherrn vergeben wurden.

Schlechter als über Wittenburg sind wir über das Land Gadebusch orientiert. Während die Urkunde von 1194 bis dahin die "Provincia" und "parrochia" ausdrücklich nennt, in welcher die Kapitelsdörfer liegen, heißt es hier einfach "In provincia Godebuz: Ganzowe etc.", ohne daß eine Parochie namhaft gemacht wird. Da es jedoch im folgenden wieder heißt "In provincia Szuerin: in parrochia Exem:", so dürfte die Vermutung naheliegen, daß bei Gadebusch ein "in parrochia Godebuz" infolge der Identität der Namen von Provinz und Kirchspiel ausgefallen ist, und die dann genannten Dörfer alle dem Gadebuscher Kirchspiel angehören, und das tun in der Tat 3 von ihnen; zwischen denselben aber findet sich Roggendorf, das 1230 selbst als Kirchdorf erscheint und Radegast, welches 1230 zum Kirchspiel Gr.=Salitz gehört. Indes sind diese beiden Kirchspiele 1230 so klein - 4 resp. 3 Orte umfassend -, daß sie unmöglich zu den Anfangskirchspielen gehören können. Überdies hat in beiden nach dem Visitationsprotokoll von 1534 der Kirchherr zu Gadebusch das Patronat, woraus mit höchster Wahrscheinlichkeit hervorgeht, das beide Filialen von Gadebusch sind. Im Jahre 1194 werden sie daher wirklich noch ohne Kirchen und zu Gadebusch gehörig gewesen sein. Es fragt sich nun, ob 1194 noch weitere Pfarren im Lande Gadebusch bestanden; 1230 finden sich die weiteren Rehna, Vietlübbe und Pokrent. Die ersten beiden sind ursprünglich landesherrlichen Patronats (M. U.=B. 467 und 7804), das letztere

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 134 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

fehlt 1534 unter den herzoglichen Patronaten, wird also von vornherein ritterlichen Ursprungs sein, wofür auch die geringere Größe seines Kirchspiels - 1230 : 6 Orte - spricht. Erstere beiden sind höchst wahrscheinlich als schon 1194 bestehend anzusehen. Schon der Umstand, daß sie landesherrlichen Patronats sind spricht dafür. Zudem macht Rehna, neben dem zweiten Burgwall des Landes Gadebusch angelegt, und 1230 ein Kirchspiel von 23 Ortschaften (die jetzige Pfarre Grambow mit umfassend), durchaus den Eindruck eines Anfangskirchspiels, und Vietlübbe mit seinen 9 Kirchspielsdörfern ist schon um seiner alten Kirche willen, die schwerlich viel nach 1200 gebaut ist, eine Gründung des 12. Jahrhunderts (Schlie II, 490f.).

An das Land Gadebusch schließt sich die einzige Pfarre der Grafschaft Schwerin an, welche zum Ratzeburger Sprengel gehört, Eixen. Sie bestand schon 1194; ihr Kirchspiel umfaßt 1230 8 Ortschaften. Das Patronat scheint ursprünglich dem Bischof zugestanden zu haben (1674). Später besaß es der Johanniterorden.

Wir hätten also um 1194 im Lande Gadebusch die 3 Kirchspiele Gadebusch, Rehna und Vietlübbe, dazu die auch im Vertrage von 1194 an dieses sich anschließende Schweriner Pfarre Eixen. Vergleichen wir nun mit diesem Ergebnis die Angaben des Zehntregisters, so fällt hier die schon oben berührte Verwirrung auf, die dadurch entstanden ist, daß sich Eixen zwischen die Gadebuscher Pfarren einschiebt. Auch sie erklärt sich am einfachsten durch die Annahme, daß der Verfasser jenes ältere vorausgesetzte Register vor sich hatte und abschrieb. Dieses enthielt die Kirchspiele Gadebusch, Rehna, Vietlübbe, Eixen. Der Schreiber beabsichtigte es hier wie bei der Provinz Ratzeburg zu machen. Er ließ zunächst Gadebusch aus, weil es inzwischen in mehrere Kirchspiele zerteilt war, deren Dörfer erst von einander geordnet werden mußten, um es wie St. Georg mit seinen Töchtern am Ende nachzubringen, schrieb dann Rehna und Vietlübbe von der Vorlage ab und gedankenlos - wie er auch nach Hellwig war - gleich auch Eixen. Nun erst erinnerte er sich an die nachzutragende jüngere Pfarre Pokrent und die zu zerteilende von Gadebusch und mußte sie unter neuer Überschrift nachbringen; diesmal jedoch nicht erst am Rande wie oben Büchen und Mölln. Ist die auffällige Unordnung im Zehntregister so richtig erklärt, so dient der Befund desselben zugleich zur Bestätigung des oben vermuteten, daß um 1194 nur die 4 Pfarren Gadebusch, Rehna, Vietlübbe und Eixen bestanden. Von ihnen

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 135 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

aber werden wieder die beiden ersteren ihres enormen Umfanges willen als gegenüber den beiden kleineren letzten - von 23 und 20 gegenüber 9 und 8 Ortschaften - als die älteren anzusehen sein.

Soweit die Länder der Grafschaft Ratzeburg! Nordwärts an sie schloß sich das Stiftsland Boitin, dem wir uns nun zuwenden.

Auch das Licht, das die Urkunde von 1194 (154) auf dieses - damals von dem Umfange der jetzigen drei Kirchspiele Schönberg, Herrnburg und Selmsdorf - wirft, ist leider für unsern Zweck recht dürftig. Das geht zwar aus ihr hervor, daß auch dieses Gebiet um 1194 als großenteils germanisiert anzusehen ist, es werden, scheints, überall schon Zehnten erhoben, wenigstens in den 12 Dörfern, welche die eine Hälfte des Landes - der halbe Zehnt sollte dem Kapitel zustehen - ausmachten; 5 von ihnen haben sogar deutsche Namen, eines "Niendorf", läßt aus seinem Namen auf spätere Gründung und dementsprechend auf eine schon um etwas weiter zurückliegende Hauptperiode der Kolonisation schließen. Auch hier wird diese in den 70er Jahren liegen und durch die Nähe des aufstrebenden Lübeck begünstigt gewesen sein, doch zeigt die Karte von Witte, daß hier mehr wie anderswo sich wendische Dörfer mit wendischer Flurverfassung gehalten haben. Aber über den kirchlichen Stand des Landes läßt uns die Urkunde von 1194 im Dunkeln, sie nennt keine Parochie, obgleich das Land natürlich 1194 sicher kirchlich organisiert gewesen sein muß. Gab es vielleicht nur eine Pfarre für das ganze Land, und erschien dadurch die Nennung der Parochie überflüssig? Auch die übrigen Nachrichten geben wenig Aufschluß. Im Zehntregister fehlt das Land Boitin ganz. Schönberg als Ort begegnet uns zuerst 1219 (M. U.=B. 250), um 1235 war es Pfarrort; sein Pfarrer (plebanus) tritt in diesem Jahre als Zeuge auf (441). Im Verzeichnis der Pfarrtaxen von 1335 (5613) finden wir dann alle 3 Pfarren Schönberg, Herrnburg und Selmsdorf. Für Herrnburg haben wir noch in der 1319 aufgenommenen Taxe ein um weniges früheres Zeugnis (4093). Das ist alles. Auch der Baubefund der Kirchen hilft wenig weiter; die von Selmsdorf ist ein neugotischer Putzbau, die von Schönberg ein durch verschiedene Brände arg entstellter hochgotischer Ziegelbau in wendischem Verband, also vermutlich der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts angehörig; er wird errichtet sein, als Bischof Markward (1309-35) die bischöfliche Residenz von Dodow dorthin verlegte. Nur die Herrnburger Kirche ist wenigstens im Chor ein Werk

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 136 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

des Übergangsstiles 1 ) und zwar wie es scheint des mittleren, -sodaß die Kirche etwa 1200 bis 1250 gebaut sein mag. Zur Zeit des Zehntregisters wird das Kirchspiel also schon bestanden haben; aber auch schon 1194? Ein Blick auf die Karte, auf die sehr ungleiche Größe der drei Kirchspiele und ihre Lage zu einander lehrt zweifelsohne, daß die drei nicht einem gleichzeitigen einheitlichen Plane entstammen, sondern daß Schönberg mit seinen heute 23 Kirchspielsortschaften gegenüber den kleinen Kirchspielen von Herrnburg und Selmsdorf mit ihren 7 und 8 Außenorten das ältere ist und ursprünglich die einzige Pfarre des Landes Boitin war. Es wäre zwar naheliegend, anzunehmen, daß das an der Stelle der alten Löwenstadt gelegene Herrnburg die älteste


1) Da die Kirche meines Wissens noch nicht beschrieben ist, mag hier eine kurze Beschreibung stehen. Sie ist ein Ziegelbau; der quadratische Chor (im Innern ca. 6 X 6 m) ein Bau des Übergangsstiles, das etwas breitere Schiff (im Innern ca. 14,50 X 9 m) frühgotisch, der wenig schmälere Turm (außen ca. 10 X 10 m) spätgotisch, alle drei mit Satteldächern versehen.
Der Chor hat einen mit Viertelstab und Hohlkehle abschließenden Sockel, Ecklisenen, an der Nord= und Südseite ein Sims aus rechtwinkligem Vorsprung, Karnies und Wulst, an der Ostseite eine doppelte Stromschicht; darüber der Giebel mit aufsteigendem Rundbogenfries. Das Giebelfeld zeigt eine Kreuzblende zwischen zwei kleineren Blenden mit Kleeblattbogenschluß An der Nordseite sind 2, an der Südseite 1 kurzes spitzbogiges Schlitzfenster mit einfach schräger Leibung (das Südfenster ist enstellt), an der Ostseite 3 spitzbogige weit auseinandergerückte Schlitze ebenfalls mit einfach schräger Leibung, der mittelste etwas höher. Die spitzbogige Priesterpforte ist zugemauert, der Verband ist wendisch (d. h. je 2 Läufer und 1 Binder). Im Innern ist der Chor jetzt ungewölbt, hat jedoch in den Ecken noch je einen von Rundstäben flankierten Einsprung, ist also auf Wölbung angelegt. Der Triumphbogen ist spitzbogig. Im Norden führt eine stichbogige Tür in die mit einem Tonnengewölbe geschlossene Sakristei.
Das Schiff zeigt stellenweise noch einen mit zwei Viertelstäben abschließenden Sockel und ein einfaches Sims mit Schräge und rechtwinkligem Vorsprung. Die Fenster, ursprünglich auf jeder Seite 3, weit spitzbogig und mit wie es scheint außen einfach rechtwinkliger Leibung, sind sehr entstellt. An der Südseite wie Nordseite unter dem mittelsten in wenig vorspringendem Mauerkern, sowie im Westen in den Turm führend, liegt je ein spitzbogiges Portal, dessen Leibung 3 stark abgefaste Rücksprünge bilden. Zwischen den Fenstern stehen schwache Strebepfeiler. Im Innern fehlt jede Spur etwaiger einstiger Wölbung. Innen zeigen die Fensterleibungen, soweit sie noch erkennbar sind, eine breite Schräge und einen schmalen Rücksprung. Der Verband ist vorwiegend wendisch.
Der Turm hat ein spitzbogiges Portal mit 6 abgefasten Rücksprüngen und ist dreigeschossig; im zweiten Geschoß sind je zwei Doppelfenster mit Stichbogenschluß, im dritten je vier kleinere Fenster, ebenfalls mit Stichbogenschluß; Verband unregelmäßig.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 137 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Pfarre sei. Allein nachdem diese verfehlte Gründung Heinrichs des Löwen schon nach einjährigem Bestande wieder eingegangen war, kann hier nicht einmal eine dörfliche Niederlassung mit einer Pfarre fortbestanden haben - falls überhaupt schon eine Kirche gebaut war -, da sonst das Kirchspiel sich mindestens mit Schönberg in die Orte des Landes Boitin teilen müßte. Aber auch 1194 scheint an der Stelle der alten Löwenstadt noch kein Dorf wieder erstanden gewesen zu sein; darauf deutet die eigentümliche Benennung des Ortes in der oft genannten Urkunde (154), wo er als Grenzbestimmung auftritt: "Lenzkowe cum omnibus suis attinentiis usque ad amnem prope urbem quae dicitur Urbs Dorninorum". Schwerlich kann in einer Urkunde das Bauerndorf Herrnburg mit "urbs" bezeichnet sein; es war keine urbs, sondern eine villa. Dagegen wird die Bezeichnung sofort klar, wenn dort zwar kein Bauerndorf aber noch die alte freilich verlassene, mit Wall und Graben umzogene Stadtstelle, die urbs, lag. Ist sonach Herrnburg wahrscheinlich erst zwischen 1194 und 1230 entstanden und das Kirchspiel eingerichtet, so ist dasselbe für Selmsdorf zu vermuten. Bis in die neunziger Jahre hinein also wird Schönberg wirklich die einzige Kirche des Landes gewesen sein. Ihre Gründung aber mag in die Zeit der blühendsten Kolonisation fallen, welche, wenn auch vom Grafen und nicht vom Bischof ausgegangen, doch um 1170 auch die Gebiete des letzteren schon erreicht haben muß (cf. oben).

Über die Verhältnisse in den übrigen Teilen des Bistums läßt uns nun die Urkunde von 1194 leider völlig im Dunkeln. Für die Sadelbande und Boizenburg sind wir daher völlig auf das Zehntregister angewiesen, können jedoch diesem hier nur höchst unsichere Vermutungen entnehmen.

In der Sadelbande erscheinen in ihm neben den beiden älteren Kirchspielen Lütau und Siebeneichen die beiden kleineren Geesthacht und Kuddewörden mit je 7 und 8 deutschnamigen Ortschaften, also wohl sicher Kolonisationskirchspiele, die vielleicht schon dem 12. Jahrhundert angehören.

Wie die Sadelbande, so scheint auch das Land Boizenburg während der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unmittelbar unter dem Herzoge gestanden zu haben. Die erste kirchliche Nachricht stammt aus einer Urkunde von etwa 1217 (231), welche den Pleban Siegfried von Boizenburg als Zeugen aufführt. Auch das Zehntregister ist hier unzureichend. Die letzte Seite desselben, auf welcher die Zehnten des Landes Boizenburg stehen, ist so arg abgescheuert, daß von den anscheinend 19-20 Ortschaften

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 138 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

2-3 ganz fehlen, andere teils überhaupt nicht, teils nur unsicher zu identifizieren sind. Überdies fehlt hier die Kirchspielseinteilung. Zwar werden die Ortschaften in 3 Absätzen aufgeführt, aber die identifizierbaren Dörfer stehen in ihnen so regellos durcheinander, daß nicht daran zu denken ist, daß die 3 Abschnitte 3 Kirchspiele zu bedeuten haben. Die ersten beiden Absätze scheinen vielmehr die bischöflichen Zehnthufen, der letzte die vom Bischof verliehenen Zehnten aufzuführen. Und doch muß eine Kirchspielseinteilung bestanden haben, wo Zehnten gezahlt wurden. So sind wir genötigt, noch um hundert Jahre herabzugehen und die Pfarrtaxe von 1335 (5613) zu Rate zu ziehen. Nach dieser bestanden 1335 im Lande Boizenburg die 5 Pfarren Boizenburg, Gresse, Zweedorf, Zahrensdorf, Granzin, alle bis auf Gresse nach dem Visitationsprotokoll von 1534 landesherrlichen Patronats. Von diesen Kirchorten scheinen im Zehntregister Gresse und Zweedorf zu fehlen, - wobei jedoch möglicherweise Zweedorf sich noch unter zwei der nicht identifizierbaren Namen verbergen kann. Etwas weiter bringt uns vielleicht aber die Beobachtung, daß 1230 überhaupt keine der im Kirchspiel Boizenburg westlich der Boize gelegenen Ortschaften, sowie keine der Kirchspiele Zweedorf und Nostorf genannt scheinen. Es scheint danach, als ob diese Heidegegend damals ebenso wie die erst später urbar gemachte Teldau überhaupt noch so gut wie unbewohnt gewesen ist; und so werden wir vermuten dürfen, daß Zweedorf, wenn es überhaupt schon bestand, doch um 1230 noch nicht Kirchort war. Aber wie stand es mit Gresse? Daß es nicht zu den Anfangskirchspielen gehört, läßt sich vermuten, da es ritterlicher Herkunft zu sein scheint. Auch der Baubefund der Kirchen bringt uns wenig weiter. Granzin und Gresse sind Bauten der Barockzeit, Zweedorf ein Fachwerkgebäude, das nicht mehr ins Mittelalter hinaufreicht. Die Kirche in Boizenburg ist vielleicht ein Bau der Übergangszeit gewesen. Lisch beschreibt den alten Chor derselben (M. Jbb. 27, 216), er sei "von Feldsteinen mit Ziegeln erbauet", habe aber schon früh große spitzbogige Fenster erhalten. An der südlichen Chorwand sei ein Stück "Ziegelfries in Kleeblattform, einem Dreipaß ähnlich" zu sehen. Danach kann es sich höchstens um einen Bau des späteren Übergangsstiles handeln. Nur das Schiff der Kirche zu Zahrensdorf, ein uralter Granitbau, reicht wohl mit einiger Sicherheit noch in das 12. Jahrhundert hinauf. (Schlie III, 139) 1 ). Dieses Kirchspiel dürfte also für 1194


1) Leider ist hier, wie oft in dem großen Schlie'schen Werk, die Baubeschreibung völlig ungenügend. Nach einer gütigen Mitteilung des
(  ...  )
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 139 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

gesichert sein. Boizenburg selbst begegnet uns zwar schon 1158 in der Dotationsurkunde (65), jedoch in einem Zusammenhang, der den Verdacht hat, Einschub zu sein, an unverdächtiger Stelle dagegen 1171 (101). Seit Alters Hauptort - hier lag schon ein wendischer Burgwall - und Elbübergang (146) wird es zweifelsohne schon früh eine Kirche gehabt haben, und da zu ihr ein umfangreiches Landkirchspiel gehört, ist es kein nachgeründetes städtisches, wie z. B. Mölln und Lauenburg, sondern gehört in die erste kirchliche Organisation hinein. So werden wir Zahrensdorf und Boizenburg als in unserer Periode gegründete Kirchspiele ansehen dürfen, dann aber auch Granzin, da sonst eine auffallende Lücke zwischen ihnen und Zarrentin entstehen würde, die sich nicht etwa wie bei Zweedorf daraus erklären ließe, daß die Gegend noch Wald und Heide gewesen und erst durch die deutsche Einwanderung bevölkert worden sei. Das Kirchspiel umfaßt beinahe ausschließlich Orte schon wendischer Herkunft und unter ihnen liegt das schon 1171 (101) dem Stifte Ratzeburg gehörige bischöfliche Tafelgut Bennin. Alle drei sind landesherrlichen Patronates (Visit. 1534).

Südöstlich an Boizenburg stößt der zwischen Elbe und Rögnitz gelegene Derzing, damals - zum größten Teil wildes Sumpfland, zum kleineren eine unfruchtbare sandige Erhebung - spärlich von Wenden bewohnt. Hierhin kam die Kolonisation erst spät im 13. Jahrhundert. Das ganze 12. Jahrhundert hindurch ruht tiefes Dunkel auf der Landschaft - schwerlich wird ein Priester des Ratzeburger Sprengels bis hierhin vorgedrungen sein. Aber auch in dem nordostwärts angrenzenden rechtselbischen Teil der Grafschaft Dannenberg, den Ländern Jabel, zwischen Sude und Rögnitz (= Walerowe M. U.=B. 190), und Wehningen, zwischen Rögnitz und Elde, wird es kaum anders gewesen sein. Auch hier zunächst tiefes Dunkel: nicht einmal das Jahr und die Veranlassung der Errichtung dieser Grafschaft durch Heinrich den Löwen ist bekannt. Seit 1157 begegnet uns Graf Volrad von Dannenberg in den Urkunden, vermutlich ein Bruder Heinrichs von Badwide. Im Jahre 1158 taucht zuerst das Land Wehningen auf und zwar in der


(  ...  ) Herrn P. Ahrens=Zahrensdorf hat das Schiff auf jeder Seite 4 schwachstechende Schlitzfenster, deren Leibungen ebenso wie die der rundbogigen Portale an der West= und Südseite aus Feldsteinen bestehen. Die Kirche ist der von Gudow im Ratzeburgischen nahe verwandt, welche Haupt (Denkmäler Lauenburgs S. 69 ff.) als eine der wenigen noch aus dem 12. Jahrhundert stammenden bezeichnet.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 140 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Dotationsurkunde; hier lag die curia episcopalis Malk - leider ist die Stelle mehr als verdächtig. Unverdächtig dürfte dagegen die Nennung von Malk unter den bischöflichen Dörfern in der Urkunde von 1171 (M. U.=B. 101) sein. Erst zwanzig Jahre weiter gewinnen wir einen dürftigen Einblick in die Verhältnisse der beiden Länder Jabel und Wehningen. Zwischen 1190 und 1195 einigten sich Bischof Isfried und Graf Heinrich von Dannenberg über die Zehnten dieser Landschaften; der Vertrag liegt uns vor (M. U.=B. 150). Graf Heinrich hatte an den Bischof die Forderung gestellt, daß dieser ihn mit dem gesamten Zehnt des kulturfähigen Bodens (quidquid in terra Jabele et Waninge incoli ac inhabitari posset) - auch sie wie der Derzing waren Sand, Heide und Moor - belehne. Nach längeren Verhandlungen einigte man sich dahin, daß der Graf den gesamten Zehnt des Landes Wehningen erhalten solle, ausgenommen den bischöflichen Besitz Malk, sobald er deutsche Kolonisten ins Land gebracht haben würde, bis dahin (quamdiu Sclavi illam terram incolerent) aber dem Bischof der Wendenzehnt zustehen solle. Für das Land Jabel aber ward ausgemacht, daß. der Graf es innerhalb von 10 Jahren zehntbar machen und dann den halben Zehnt als Lehen erhalten solle. Noch also gab es hier keine deutsche Einwanderung. Der Plan ist offenbar, zunächst das Land Jabel zu kolonisieren und dann erst Wehningen in Angriff zu nehmen. Die Kolonisten kamen also von Westen und nicht etwa von Süden bei Dömitz über die Elbe gehend. Sie werden den alten Straßen folgend bei Artlenburg oder Boizenburg den Strom überschritten haben. Bis an die Sude, welche das Land Jabel vom Lande Wittenburg trennt, waren die letzten Ausläufer der Kolonisation und mit ihr die kirchliche Organisation gedrungen. Hier am Rande der weiten Jabeler Heide hatten sie Halt gemacht. Nun sollte auch diese, soweit sie anbaufähig war, in Angriff genommen werden. Aber der Plan mißlang. Sei es, daß die deutschen Kolonisten den dürren Heideboden mieden, solange anderswo günstigere Gelegenheit war, sei es, daß die Grafen sich nicht imstande sahen, die Ausführung ins Werk zu setzen, genug, noch um 1230 ist die Jabeler Heide rein wendisch. Wie es mit Wehningen stand, ist leider aus dem Zehntregister nicht recht zu erkennen. Immerhin, da der Allodbesitzer von Malliß als Inhaber des gesamten Zehnten des Dorfes bezeichnet wird, schienen wenigstens Anfänge deutscher Kolonisation gemacht zu sein. Auch die kirchliche Lage bleibt ziemlich dunkel. Für Jabel ist nicht einmal das sicher, ob es

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 141 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

dort um 1230 überhaupt schon einen sacerdos parochialis gab, denn die bezügliche Stelle des Zehntregisters ist einfach der Dotationsurkunde (M. U.=B. 65) entnommen und kann als erst in Zukunft anzuwenden aufgefaßt werden. Dagegen ist 1230 die kirchliche Versorgung des Landes Wehningen offenbar schon weiter vorgeschritten; es begegnen uns (M. U.=B. 375 p. 376) zwischen 1229 und 1235 hier die Priester von Dömitz und Malk - übrigens zugleich das erste Mal, daß Dömitz auftaucht. Dömitz, eine landesherrliche Pfarre (Visit. 1534), wird noch nicht lange Kirchort gewesen sein, sondern von den deutschen Grafen erst im Zusammenhange mit der deutschen Einwanderung seine Kirche erhalten haben. - Anders aber könnte es mit Malk, welches bald darauf in Eldena aufgegangen ist, stehen. Malk war die villa episcopalis in Wehningen, welche dem Bischof seit 1171 und vielleicht schon länger als Eigentum gehörte. Ward hier eine Pfarre errichtet, so hatte damit der Landesherr nichts zu tun, sie war lediglich Werk des Bischofs. Bei der Kolonisation hatte der Landesherr auch für die kirchliche Versorgung der von ihm herbeigeholten Ansiedler Sorge zu tragen, wenn solche seinem Rufe Folge leisten sollten. Überall, wo wir auf landesherrliche Kolonisation stoßen, ist er es daher, der Grund und Boden für Kirche und Pfarre gibt. Somit fiel für den Bischof während der Kolonisation die Veranlassung fort, von seinem eigenen Besitz zur Pfarrgründung herzugeben. Anders lag es vor derselben in rein wendischem Gebiet, für dessen kirchliche Versorgung bei dem deutschen Landesherrn wenig Interesse zu finden war. Hier hieß es für den Bischof vom eigenen Besitz opfern, wenn eine Kirche und Pfarre zustande kommen sollte. Wir erinnern uns, wie in Wagrien die auf dem bischöflichen Gute Bosau von Vizelin ohne die Unterstützung des Grafen Adolf erbaute Kirche auf längere Zeit die einzige war, welche in wendischer Umgebung und nicht im Gefolge deutscher Einwanderung errichtet ward. So mag auch Malk als Kirchort älter sein als die Kolonisation und vielleicht schon dem 12. Jahrhundert angehören. Und wenn wir einen Blick auf die Karte werfen und die eigentümlich langgedehnte Gestalt des Malker, späteren Eldenaer Kirchspiels, die des anstoßenden von Konow, das wie von dem ersteren abgenommen aussieht, und die Lage Malks dicht an der Grenze des letzteren betrachten, so erscheint es allerdings, als ob Malk ursprünglich Kirchort für einen weiteren Umkreis als den des jetzigen Eldenaer Kirchspiels gewesen sei. Aber wann seine Kirche errichtet ist, und ob vielleicht zugleich

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 142 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

mit ihrer Erbauung auch für die Wenden des Landes Jabel ein Priester angestellt wurde, bleibt im Dunkeln.

Uns bleibt nun noch übrig, einen Blick auf die Länder Dassow, Klütz und Bresen zu werfen, welche seit 1160 zum Ratzeburger Sprengel gehörten.

Die ersteren beiden waren um diese Zeit größtenteils unbewohntes Waldgebiet. Ebenso zog sich im Süden des Landes Bresen an der Grenze der Obotriten gegen die Polaben ein breiter Waldstreifen entlang, die späteren Kirchspiele Börzow, Diedrichshagen und Friedrichshagen bedeckend. Die eigentliche Kolonisation und kirchliche Organisation erfolgte erst im 13. Jahrhundert, und es ist fraglich, ob diese Länder im 12. überhaupt schon auch nur eine Kirche besessen haben. Im Lande Klütz stand jedenfalls noch 1222 (284) keine Kirche. Anders im Lande Dassow: die beiden Kirchspiele Dassow und Mummendorf die 1230 (375) hier bestanden, waren sicher auch 1222 schon vorhanden, da in der landesherrlichen Auseinandersetzung mit dem Bischof über Zehnten und Pfarren die Errichtung von Pfarren hier übergangen wird, während sie für Bresen und Klütz ausdrücklich geregelt wird. Aber ob die beiden Pfarren über das Jahr 1200 zurückreichen?

Evermod wird in den ersten beiden Jahrzehnten seiner Tätigkeit Mühe genug gehabt haben, für die kirchliche Versorgung der Grafschaft Ratzeburg und ihrer deutschen Einwanderer aufzukommen, als daß er schon an die Besetzung dieser entlegenen wendischen Landstriche hätte denken können. Wir erinnern uns, daß bis 1194 eine Kirche für das ganze Stiftsland hatte genügen müssen. Und deutsche Einwanderer werden in dieses unter der Herrschaft des Obotritenfürsten stehende Gebiet nicht sobald eingezogen sein. Eine erste Spur von solchen fände sich in dem Namen des bischöflichen Tafelgutes "Biscopestorp" in der Urkunde 113 vom Jahre 1174; allein, wie dieser Name in der Dotationsurkunde (65) sicher späterer Einschub ist, so kann er es auch hier sein, da auch diese Urkunde zu den unechten Innovationen von 1189 gehört. Sicher ist jedenfalls, daß das Dorf erst nach 1171 in den Besitz des Bischofs gekommen ist, denn es fehlt noch unter den curiae episcopales in dem vom Herzog für diese im genannten Jahre ausgestellten Freibrief (101). Spärlich sind auch die sonstigen Nachrichten: im Jahre 1163 (78) bestätigt Erzbischof Hartwig eine Schenkung des Herzogs von zwei im Lande Dassow gelegenen Dörfern an das Lübecker Domkapitel, aber die Namen derselben werden nicht genannt; ebensowenig in

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 143 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

der Bewidmungsurkunde des Herzogs vom folgenden Jahre (82). Sie waren also noch nicht angewiesen. Später, um 1210, finden wir Seedorf bei Dassow im Besitz des Kapitels und daneben das Nachbardorf Johannsdorf (534, 535, 201, 554). Nach dem Zehntregister, in welchem noch ein Johannes, d. h. doch wohl der Germanisator, Lokator und Schulze des Dorfes, als Zehntempfänger einer Hufe in Johannstorf erscheint, kann wenigstens dieses erst vor kurzem germanisiert worden sein, wie denn überhaupt im Zehntregister noch in 5 Dörfern des Landes Dassow die Gründer und Namengeber selbst als Zehntempfänger auftreten. Nimmt man dazu, daß Kaiser Friedrich im Jahre 1188 (143) der Stadt Lübeck omnimodum usum silvarum Dartzchowe et Cliuz schenkte und König Waldemar diese Gerechtsame noch 1202 (173) bestätigte, so erscheint es als ziemlich sicher, daß die eigentliche Kolonisation des Landes Dassow erst nach 1200 begonnen hat. Ziehen wir hieraus den Schluß für die kirchliche Versorgung, so mag vielleicht Dassow selbst, der Hauptort des Landes, mit seinem Burgwall schon im 12. Jahrhundert seine Kirche erhalten haben, schwerlich aber auch Mummendorf, dessen kleineres Kirchspiel im Westen und Norden von dem größeren Dassow umfaßt wird. - Das Kirchspiel Dassow reichte 1230 mit Bünstorf auf der einen Seite in das jetzige Schönberger hinein und auf der andern gehörte auch Roggendorf zu ihm - es erscheint danach deutlich als das ältere. Der Baubestand beider Kirchen ergibt leider nichts; beide gehören erst dem 13. Jahrhundert an und zwar wohl erst der Mitte desselben. Beide Kirchen sind übrigens ursprünglich landesherrlichen Patronates (5948 und Visit. 1534).

Noch unzureichender sind wir über die Verhältnisse im Lande Bresen unterrichtet. Daß hier die 3 bischöflichen Dörfer villa Lubimari, Maliante und Gressowe lagen (65, 101, 113), daß dem Schweriner Bistum hier 30 Hufen versprochen waren (100, 141), aber wohl kaum jemals angewiesen worden sind, ist alles, was wir aus dem 12. Jahrhundert wissen. Im Jahre 1210 begegnet uns der Pfarrer von Proseken (197). Zwölf Jahre darauf war man bei der Errichtung weiterer Pfarren: in Hohenkirchen war eben der Friedhof geweiht. In Proseken stand natürlich schon eine Kirche; ob auch in Gressow schon? Hier verhandelten Fürst und Bischof unter einem Baum, nicht wie dort in der Kirche. Im Zehntregister finden wir außer Hohenkirchen und Proseken noch Gressow, Beidendorf und Grevesmühlen als Kirchorte. Von diesen ist Beidendorf jedenfalls erst vor

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 144 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

kurzem germanisiert oder gegründet, da hier der Namengeber des Dorfes Bege noch als Zehntempfänger erscheint. Proseken und Grevesmühlen aber könnten als Kirchorte älter sein. Burgwälle sind zwei vorhanden, der eine zwischen Woltersdorf und Stoffersdorf im Kirchspiel Proseken, der andere bei Kühlenstein schon im Klützer Walde. Danach möchte man die von Proseken für eine vor der deutschen Einwanderung errichtete Burgwardkirche halten. Für das höhere Alter der von Grevesmühlen spricht, daß ihr umfangreiches Kirchspiel (1230 umfaßt es 17 Ortschaften) mit Wohlenhagen (jetzt Kirchspiel Hohenkirchen) einerseits bis an die See und mit Kastahn (jetzt Kirchspiel Diedrichshagen) andrerseits bis an den südlichen Grenzwald reicht, also die ganze Breite des Landes einnimmt. Doch vergleiche über letzteres weiter unten.

Nachdem wir nun den ganzen Umkreis des Ratzeburger Sprengels durchwandert und den Versuch gemacht haben, die am Ende des 12. Jahrhunderts vorhandenen Kirchen festzustellen, sowie einen Einblick in die Entwickelung des Pfarrnetzes zu gewinnen, bedarf noch die Frage einer kurzen Erörterung, ob und inwieweit sich diese lediglich an die deutsche Einwanderung anschließt, ob die Kirchen, wie es z. B. Ernst in seiner Arbeit über die Kolonisation Mecklenburgs behauptet, nur in Orten mit deutschen Einwohnern erbaut worden sind, oder auch in wendischen Orten und direkt für die wendische Bevölkerung. Stellen wir auf Grund der Arbeit Hellwigs über das Zehntregister (M. Jbb. 69) und der Witte'schen Karte den Tatbestand soweit möglich zusammen.

Von den bis 1200 vorhandenen Kirchorten der Grafschaft Ratzeburg sind nach Hellwig als landesherrliche deutsche Besetzungsdörfer anzusehen: Schlagsdorf, Sterley, Gudow, Bredenfelde, Nusse, Neuenkirchen, Parum, Vellahn, Körchow, Rehna, Vietlübbe (a. a. O. S. 316-28). In allen diesen Besetzungsdörfern nimmt Hellwig neben dem Kern der deutschen Bauern eine wendische Kossatenbevölkerung an, und in der Tat zeigt bei den im Mecklenburgischen gelegenen die Wittesche Karte noch nach 1400 Spuren dieses wendischen Bevölkerungsteiles in Vellahn und sehr stark in Körchow, nicht mehr dagegen in Schlagsdorf, Neuenkirchen, Vietlübbe und Rehna. Nicht als Besetzungsdörfer, aber um der von ihnen unterschiedenen wendischen Dörfer gleichen Namens willen doch sicher deutsch erscheinen Karlow (doch könnte auch dies ein Doppelbesetzungsdorf mit Abgang von 4 Hufen sein) und Seedorf. In ersterem gibt die Karte ebenfalls keine wendischen Reste mehr, über letzteres sagt sie nichts aus.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 145 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Fraglich ist die Bevölkerung in den Allodialkirchdörfern Mustin und Döbbersen. Hellwig sieht den Allodialbesitz als in dubio wendisch an, und Döbbersen zeigt allerdings auf der Karte noch stärkere Reste von Wenden, liegt jedoch in deutschen Hufen, und nach der im Zehntregister angegebenen Hufenzahl - 12 -möchte man es für ein Normaldorf halten, in dem der Allodbesitzer selbst die Freihufen bebaut.

Fraglich ist die Bevölkerung ebenfalls in den landesherrlichen Dörfern Zarrentin und Pritzier. Besetzungsdörfer sind sie nicht. Beide liegen später in deutschen Hufen und Zarrentin zeigt keine Reste wendischer Einwohner mehr, wohl aber Pritzier. Ersteres, an der Landstraße von Ratzeburg nach Wittenburg gelegen, könnte vielleicht schon vor der Aufstellung des Ratzeburger Besetzungsrechtes, d. h. vor ca. 1160, mit Deutschen besetzt sein - letzteres schwerlich. Eigentümlich liegt die Sache endlich in Camin. Hier war vor 1194 (154) gedrittelt, d. h. der Zehnt nach dem Besetzungsrecht zwischen Landesherrn, Bischof und Lokator geteilt worden; 1194 erhielt dann das Kapitel das bischöfliche Drittel des Zehnten. Im Zehntregister hat es danach richtig den von 7 Hufen - der von der achten ist der Kirche gegeben -, der Zehnt der 4 bischöflichen Freihufen aber, welchen der Lokator erhalten sollte, ist noch in den Händen des Bischofs. Die Besetzung des Dorfes mit deutschen Bauern scheint also nicht zustande gekommen zu sein. Hat man sich damit begnügt, die wendische Agrarverfassung in die deutsche überzuführen, aber die wendischen Bauern im Besitz zu lassen? Reste wendischer Bewohner zeigt die Karte.

Ziehen wir das Resultat, so haben jene 9-14 Ortschaften umfassenden Kirchspiele durchweg deutsche Kirchorte - fraglich ist es nur bei Mustin, Zarrentin und Döbbersen, doch auch hier wahrscheinlich. Ihre Kirchen werden in der Tat erst von den deutschen Ansiedlern zunächst für sich selbst gebaut worden sein, wie denn auch die Karte in den Dörfern dieser Kirchspiele verhältnismäßig wenig wendische Reste zeigt. Man kann sie als Kolonisationskirchspiele bezeichnen. Zu ihnen wird auch Eixen zu rechnen sein. Anders steht es mit den Riesenkirchspielen Rehna, Gadebusch, Wittenburg, Hagenow, Vellahn. In den Städten Gadebusch, Wittenburg , Hagenow ist natürlich die wendische Bevölkerung bald ganz verschwunden, ebenso in Rehna. In Vellahn dagegen haben sich Reste gehalten. Letztere beide sind zur Zeit des Zehntregisters Besetzungsdörfer. Hier aber darf man vielleicht vermuten, daß wie in Oldenburg die Kirche noch für die wendische Bevölkerung errichtet ward, dann aber die deutsche Besiedelung

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 146 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

nach sich zog. Bei den kleineren Nachzügler=Kirchspielen Camin, Körchow, Pritzier scheint, wie das Beispiel von Camin zeigt, die Errichtung zwar mit der Inangriffnahme der Kolonisation, aber noch vor der Ankunft der deutschen Ansiedler erfolgt zu sein; die Bevölkerung blieb hier weitaus überwiegend wendisch.

Wie es in der Sadelbande stand, läßt sich leider aus dem Zehntregister nicht erkennen. Dort galt das Ratzeburgische Besetzungsrecht nicht mehr. Doch glaube ich nach dem oben Gesagten von Lütau annehmen zu dürfen, daß es trotz Hellwig dem Kern nach deutsch war. Die beiden kleineren und jüngeren Kirchspiele Geesthacht und Kuddewörde dürfen jedenfalls als wesentlich deutsch angesehen werden.

Ähnlich undeutlich sind die Verhältnisse im Lande Boizenburg. Granzin scheint nach dem Zehntregister mit seinen 24 Hufen, von denen ein gewisser Wilhelm zwei vom Bischofsdrittel zehntfrei hat, ein Doppelbesetzungsdorf analog den ratzeburgischen zu sein, nur daß hier der Bischof natürlich weniger Hufen zehntfrei zu geben hatte. Nach der Karte weist das Dorf keine wendischen Spuren mehr auf. Wir werden daher Granzin zu den Kolonisationskirchspielen rechnen dürfen. Über Zahrensdorf gibt das Zehntregister nichts. Nach der Karte liegt es in deutschen Hufen, hat aber noch nach 1400 sehr starke Reste wendischer Bevölkerung.

Als fraglos für rein wendische Bevölkerung errichtet darf die Kirche von Malk und, wenn sie schon da war, die von Jabel angesehen werden. Dasselbe wird auch für die etwaigen Bresener Kirchen Grevesmühlen und Proseken, und vielleicht auch für Dassow gelten, obgleich es 1230 als Besetzungsdorf erscheint.

Endlich ist noch ein Wort über die Dotierung der Pfarren zu sagen. Pogrammmäßig sollten es 4 Hufen sein. Tatsächlich sind es oft weniger gewesen. Das Zehntregister gibt uns darüber freilich, wie oben ausgeführt, keine sichere Auskunft. Es sind aber aus der Zeit um 1320 eine Reihe von Pfarrtaxen erhalten, in denen die Dotalhufen angegeben sind. Unter ihnen sind die von fünf Pfarren unserer Periode. Von diesen sind drei, Wittenburg, Hagenow und Döbbersen mit 4 Hufen dotiert (4095, 4098, 4096), zwei, Karlow und Parum, mit 2 Hufen (4094, 4097). Dabei scheint in der Regel von je zwei Dotalhufen die eine aus den Zehnthufen des Bischofs, die andere aus denen des Landesherrn genommen zu sein (siehe im Zehntregister die Wittenburger Hufen in Lehsten, die Hagenower in Dammetz, die

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 147 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Parumer und Karlower. Döbbersen, wo von den 4 Hufen nur eine aus den Zehnthufen des Bischofs genommen ist, ist Allod, hier war also nicht mit dem Landesherrn über die Dotierung zu verhandeln). - Nimmt man dies als Regel in den landesherrlichen Kirchdörfern, so dürften nach dem Zehntregister unter diesen weiter nur noch Schlagsdorf, Sterley und Nusse mit 4, Seedorf, Gudow, Bredenfelde, Zarrentin, Neuenkirchen, Pritzier, Vellahn, Körchow und Camin aber nur mit 2 Hufen dotiert worden sein. Natürlich wurden alle Dotalhufen zehntfrei gegeben.

Überblicken wir nun die Entwickelung der Pfarrorganisation im Bistum Ratzeburg von seiner Gründung im Jahre 1154 bis zum Ausgang des Jahrhunderts, so ergibt sich uns nach den vorstehenden Ausführungen folgendes: Als das Bistum gegründet ward und noch bei seiner Dotierung im Jahre 1158 bestanden, wie es scheint, nur die Pfarren St. Georg und Nusse im Ratzeburgischen, Bergedorf in den Vierlanden, Lütau und Siebeneichen in der Sadelbande - letztere von Verden übernommen -, sowie vielleicht Kapellen in den Burgen von Gadebusch und Wittenburg. Nach der Niederwerfung Niklots im Jahre 1160 und der Hinausschiebung der Grenzlinie nach Osten kam in der Grafschaft Ratzeburg und in den Ländern Boitin und Boizenburg die deutsche Einwanderung in Fluß und mit ihr begann die Errichtung von weiteren Pfarren nach einem einheitlichen und wohlüberlegten Plan. Bischof und Landesherr errichteten zusammen, soweit die Einwanderung reichte, Kirchspiele von ziemlich gleicher Größe, 9-14 Dörfer umfassend. So kamen im Lande Ratzeburg zu den beiden alten Riesenkirchspielen die Kolonisationskirchspiele Bredenfelde, Gudow, Sterley, Mustin, Karlow, Schlagsdorf. Im Lande Wittenburg wurden die Kolonisationskirchspiele Döbbersen, Neuenkirchen, Zarrentin errichtet. An sie schloß sich im Lande Boizenburg Granzin und vielleicht Zahrensdorf. Weiter gegen Osten und Norden, wo die deutsche Kolonisation noch spärlich war oder noch garnicht Fuß gefaßt hatte, begnügte man sich zunächst mit der Errichtung der Riesenkirchspiele Rehna, Gadebusch, Hagenow, Vellahn und des etwas kleineren Boizenburg. Ebenso ließ es der Bischof selbst im Stiftslande mit der Errichtung einer Pfarre, der von Schönberg, bewenden. Von den 5-7 Kirchen des Bistums um 1158 stieg die Zahl also - etwa bis zum Tode Evermods (1178) - auf 24-26. Mit dem weiteren Zufluß von Kolonisten und deren weiterem Vordringen kamen dann im Lauf der achtziger Jahre, oder erst um 1190 - unter der Regierung Bischof Isfrieds - noch hinzu die kleineren

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 148 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Kirchspiele von Seedorf im Ratzeburgischen, Camin, Körchow, Pritzier und Parum im Wittenburgischen, welche zwischen die älteren großen Wendenpfarren eingeschoben wurden, das Kolonisationskirchspiel Vietlübbe im Lande Gadebusch und Eixen im Schwerinschen - vielleicht auch jetzt erst Zahrensdorf im Lande Boizenburg. In diese spätere Zeit werden endlich wohl auch die reinen Wendenkirchen zu Malk (und Jabel??) im Dannenbergischen, zu Dassow, Grevesmühlen und Proseken im Lande Bresen gehören, die wir vermutungsweise noch in das 12. Jahrhundert datiert haben. Die Gesamtzahl wuchs damit auf 31-36. Das ganze Land, soweit es mit deutschen Kolonistendörfern durchschossen war, war von einem wohlgeordneten System von Pfarren bedeckt. Nur in den öden wendischen Gebieten des Südostens war die kirchliche Versorgung noch ganz zurückgeblieben, und nicht viel weiter war sie wohl im nördlichen Wendenlande Dassow=Bresen vorgeschritten.

 

~~~~~~~~~~~~

III.

Die Anfänge der kirchlichen Organisation im Bistum Mecklenburg=Schwerin bis zum Ende des 12. Jahrhunderts

(Berno; das erste Jahrzehnt Brunwards).

Am 10. Oktober 1149 hatte Erzbischof Hartwich in Harsefeld einen gewissen Emmehard zum Bischof für das ruhende Mecklenburger Bistum geweiht und Helmold berichtet von ihm wie von seinem für Wagrien bestimmten Genossen Vizelin: "missi sunt in terram egestatis et famis, ubi erat sedes Satanae et habitatio omnis spiritus immundi" (I, 69). Allein der zwischen Hartwich und dem Herzog ausbrechende Konflikt um die Investitur der Wendenbistümer scheint dem Emmehard den Zutritt in seine Diözese verschlossen zu haben. Er hat sie schwerlich jemals betreten. Die einzigen Spuren von ihm finden sich in Mitteldeutschland (54, 55), und dort scheint er auch im Jahre 1155 (60) gestorben zu sein. In Norddeutschland war er so vergessen, daß man nicht einmal sein Todesjahr notierte. Das Vorgehen Hart=

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 149 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

wichs war hier völlig gescheitert und die tatsächlichen Anfänge des mecklenburgischen Bistums knüpfen sich nicht an den Namen Emmehards, sondern an den des Cisterziensermönches Berno. Grundlegend für die Wirksamkeit dieses Mannes, des eigentlichen Apostels von Mecklenburg, ist bisher die gründliche Arbeit von Wigger (M.Jbb. 28,3-278) gewesen. Ihr folgen auch noch die neueren Darsteller wie Rudloff. Dieser Arbeit zufolge wird Berno im Jahre 1155 oder 1156, nach Emmehards Tode, vom Herzog im Gegensatz zu den Ansprüchen des erzbischöflichen Stuhles berufen und vom Papste konsekriert, der Sitz des Bistums schon 1158 oder früher - nach anderen erst 1160 - von Mecklenburg nach Schwerin verlegt. Bernos erster Haupterfolg ist dann die Taufe Pribislavs, welche Wigger in das Jahr 1163, andere erst um 1167 setzen. Um 1167 erreicht er auf einer Zusammenkunft in Demmin seine Anerkennung als Landesbischof von den pommerschen Fürsten und dem sich jetzt dem Herzog ergebenden und von diesem restituierten Pribislav. Zwischen den beiden Jahren 1160 und 1167 liegt dann eine erfolgreiche missionarische Tätigkeit, die von Schwerin ausgehend bis Demmin vordringt. Gegen diese Darstellung hat nun jüngst Hauck in einer Anmerkung zum 4. Bande seiner Kirchengeschichte Deutschlands (S. 622 f.) begründeten Widerspruch erhoben (vergl. übrigens auch Klempin Pommer. Urkb. I, zu Nr. 53, wo sich dieselbe Auffassung freilich ohne Begründung findet), nach welchem sich der Gang der Ereignisse doch wesentlich anders gestaltet. Beide, Wigger wie Hauck, stützen sich auf die einzige Quelle über die Wirksamkeit Bernos, die Urkunde Barbarossas für das Bistum Schwerin von 1170 (91), verstehen sie aber ganz verschieden. Da der Inhalt dieser Urkunde aller Wahrscheinlichkeit nach auf den Empfänger, auf dessen Wunsch sie ausgestellt ist, d. h. Berno selbst zurückgeht, so ist sie allerdings als eine Quelle ersten Ranges anzusehen. Aber was berichtet sie? Es handelt sich wesentlich um das Verständnis zweier Sätze. Von dem Beginn der Wirksamkeit Bernos sagt sie: quidam pauper spiritu monachus nomine Berno, sola fide Christi armatus et domini Apostolici Adriani auctoritate et benedictione roboratus gentem paganorum Traisalbinam . . . . primus praedicator . . . . aggressus est. Sie erzählt weiter, daß Berno von Schwerin aus missionierend bis Demmin vorgedrungen sei, "ubi a principibus terrae illius: Bugezlavo, Casemaro, Pribezlavo benigne suscipitur et ipsorum electione et gloriosi ducis Saxoniae Henrici constitutione primus gentis illius

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 150 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

episcopus efficitur." Wigger versteht den ersten Satz von der Einsetzung Bernos durch den Herzog und seiner Weihe als Bischof durch den Papst 1156, setzt die Wahl zum Bischof in Demmin, von welcher der letztere Satz berichtet, in das Jahr 1167 und versteht diese electio als Anerkennung Bernos durch die Landesfürsten, nachdem er schon seit 1156 zum Bischof geweiht und vom Herzog als solcher eingesetzt war. Hauck bemerkt nun hierzu: "Die Urkunde sagt nicht, daß Bern von Hadrian zum Bischof geweiht worden sei; denn benedictio ist nicht consecratio." Das ist zwar an sich richtig, doch zeigen immerhin die von Wigger (S. 94, Anmerk. 2) angeführten Stellen, namentlich die aus Helmold I, 82, daß tatsächlich doch bisweilen benedictio auch im Sinne von consecratio gebraucht wurde. Dennoch hat Hauck hier recht. Entscheidend dafür ist m. E., daß die Urkunde Berno an dieser Stelle nicht Bischof, sondern mit einer gewissen Emphase "pauper spiritu monachus" nennt und erst bei Erwähnung der Demminer Zusammenkunft sagt "episcopus efficitur". Auch kann das efficitur an der letzteren Stelle schwerlich die bloße Anerkennung durch die Wendenfürsten bedeuten, und was soll hier die " Einsetzung" durch den Sachsenherzog, wenn diese in Wirklichkeit schon 10 Jahre vorher vor der päpstlichen Konsekration stattgefunden hatte und Berno schon eine solche Zeit unter dem Schutze desselben erfolgreich als Bischof gewirkt hatte? In Wirklichkeit sagt die Urkunde, daß der einfache Mönch Berno, für sein Vorhaben vom Papste autorisiert und gesegnet, als Missionar in Mecklenburg gewirkt habe, und zwar von Schwerin aus, bis er in Demmin durch gemeinsames Zusammenwirken der Wendenfürsten und des Sachsenherzogs zum Bischof gemacht wurde. Wann hat nun dieses Demminer Ereignis stattgefunden? Offenbar nicht erst 1167, denn schon 1160 (70) ist Berno Bischof. Aber auch nicht früher als 1160, denn bis dahin war nicht Pribislav sondern sein Vater Niklot princeps illius terrae - so auch Hauck (a. a. O.). Die einzige frühere Erwähnung Berno's als Bischof, die in der Ratzeburger Dotationsurkunde (65), steht dem nicht entgegen, da sie auch abgesehen von der Kaiserurkunde den gewichtigsten Bedenken unterliegt und einer der Hauptanstöße ist, die zu der Erkenntnis geführt haben, daß die Dotationsurkunde gefälscht ist. Propter paganorum barbariem hatte Herzog Heinrich, wie er selbst sagt (88), den Sitz des Bistums von Mecklenburg nach Schwerin verlegt. Wigger meint zwar, das passe nur auf die Zeit vor Niklots Tode, könne also schon 1158 stattgefunden haben: nach dem Tode Niklots

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 151 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

"zogen sofort niederländische Kolonisten in Mecklenburg ein, war also von der Wildheit der Barbaren dort nicht mehr die Rede." Aber wie ist es denn diesen Kolonisten ergangen? Ich denke die Tatsachen reden hier deutlich genug davon, wie exponiert Mecklenburg auch nach 1160 noch lag, während Schwerin, schon durch seine Lage unvergleichlich geschützter, seit eben diesem Jahre Mittelpunkt der sächsischen Marken=Verwaltung war. Vor 1160 aber war Schwerin so gut wie Mecklenburg in den Händen Niklots und der barbaries paganorum. Weit wahrscheinlicher als die Annahme Wiggers ist, daß die Verlegung des Bischofssitzes von Mecklenburg nach Schwerin im Zusammenhang mit den Maßregeln erfolgt ist, durch welche nach Niklots Untergang das Obotritenland in sächsische Verwaltung überging und nun hier eine neue Mark mit einer Kette von Grenzburgen entstand, die ihr militärisches Zentrum wie den Mittelpunkt der Verwaltung in Schwerin erhielt. Jene Stelle in der Ratzeburger Dotationsurkunde, nach welcher Berno schon 1158 Bischof von Schwerin gewesen sein müßte, aber ist ebenso sicher als Fälschung anzusehen wie das unmittelbar darauf folgende "Geroldus Lubicensis episcopus". Lübeck war 1158 zweiselsohne noch nicht Sitz des wagrischen Bistums, ja es hatte aller Wahrscheinlichkeit zufolge nach dem Brande im vorhergehenden Jahr und der Gründung der Löwenstadt noch garnicht wieder angefangen zu existieren. Haben wir aber die Kaiserurkunde richtig verstanden, so ist Berno überhaupt erst im Jahre 1160 im Zusammenhang mit den eben erwähnten Ereignissen zum Bischof ernannt worden. Dazu stimmt nun auch Helmolds Darstellung (I, 87), der seine Ernennung nach dem Wiederaufbau Schwerins und der Verteilung der Obotritenburgen unter die Heerführer des Löwen berichtet. Allerdings sagt er hier von ihm: "qui defuncto Emmehardo Magnopolitanae praesedit ecclesiae." Emmehard aber war schon 1155 gestorben. Allein da keine der norddeutschen Annalen, sondern nur die Würzburger sein Todesjahr kennen, wird es auch Helmold unbekannt gewesen sein. Er wußte vermutlich nur, daß Emmehard gestorben war, als der Herzog dem Berno das Bistum übertrug. Von weitaus größerer Wichtigkeit ist nun aber die Frage, ob eine Zusammenkunft in Demmin, wie die in der Kaiserurkunde geschilderte, für das Jahr 1160 überhaupt annehmbar ist, eine Zusammenkunft, auf welcher sich die Pommernfürsten genötigt sahen, an Stelle ihres eigenen Landesbischofes den des Sachsenherzoges anzuerkennen. Helmold berichtet von einer Teilnahme der Pommern an dem Auf=

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 152 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

stande Niklots von 1160 nichts. Nach ihm scheint es, als ob mit des letzteren Tode der Krieg so ziemlich zu Ende gewesen sei. Dieser aber fand schon statt, als das sächsische Heer noch ganz im Westen des Landes, bei Mecklenburg, stand. Von weiteren militärischen Aktionen wird außer dem kargen "dux igitur demolitus omnem terram", das man sich so weit oder so eng vorstellen mag, wie man will, nichts berichtet und der Friedensschluß mit den Worten "post haec redierunt filii Nicloti in gratiam ducis" abgetan. Aber Helmold ist über den Krieg überhaupt schlecht unterrichtet; er erwähnt nicht einmal die Teilnahme der Dänen, welche von der Warnowmündung her vordrangen. Hier tritt nun Saxos Bericht ein (763-67), und dieser erzählt, die Dänen hätten auf die Nachricht, daß die Flotten der Rugier und Pommern sich der Warnowmündung nahten, den Rückzug angetreten und nun noch ihrerseits einen Verheerungszug nach Rügen gemacht. Ist auch diese Notiz nur sehr dürftig, so geht doch aus ihr hervor, daß die Pommern mit Niklot im Bunde gewesen waren und ist ein Friedensschluß, in dem die Pommernfürsten schon damals die Oberherrschaft des Löwen anzuerkennen sich entschlossen, nichts Unwahrscheinliches. Auch die Schilderung, die Helmold von dem Feldzuge von 1164 gibt, berichtet von keiner Unterwerfung derselben und die dänischen Quellen behaupten, der Herzog habe sich mit dem Versprechen der Pommern, ihn im ruhigen Besitz des Obotritenlandes lassen zu wollen, begnügt. Trotzdem erscheinen die Pommernfürsten im Jahre 1166 als seine Lehnsmänner, ohne daß gesagt wird, wann sie es geworden sind - vermutlich eben schon 1160. Pribislav, nach Helmold sich in die Wälder zurückziehend, mag schließlich Zuflucht bei seinen Verbündeten in Demmin gefunden, und hier mögen die Friedensverhandlungen durch Bernos Vermittelung zu dem Resultate geführt haben, daß die drei Fürsten politisch die Hoheit des Herzogs anerkannten und kirchlich sich dem von diesem neu zu gründenden Bistum unterstellten, dessen Grenzen somit auch ohne Berücksichtigung älterer Ansprüche Kammins den größten Teil Vorpommerns umfassen sollten, eben so weit wie des Herzogs Hoheit reichte. Die Wahl Bernos mochte dabei zwar einerseits zu den vom Herzog gestellten Bedingungen gehören, andererseits aber es den Wendenfürsten willkommen sein, den langjährigen, mit den Verhältnissen und Stimmungen vertrauten Missionar zum Bischof zu erhalten, anstatt eines unbekannten deutschen Prälaten. Hat aber diese Wahl Bernos zum Bischof schon 1160 stattgefunden, so folgt daraus weiter, daß Pribislaw schon

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 153 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

damals Christ war. Über das Jahr seiner Taufe hat man hin und her geraten. Die einzige Nachricht über dieselbe setzt sie auf den 29. April 1164, aber dieselbe ist weit über 100 Jahr jünger, durchaus unzuverlässig, und Wigger hat gezeigt, daß dieses Jahr ausgeschlossen ist. Indem er nun an dem Datum festhält, möchte Wigger die Jahreszahl in 1163 ändern. Andere bevorzugen es, das Jahr der endgültigen Unterwerfung Pribislavs, 1166/67, zu vermuten. Irgendwelchen Halt an Urkunden oder Quellen haben diese Vermutungen nicht. Helmold schweigt gänzlich über Pribislavs Bekehrung. Nach ihm sollte man glauben, daß er auch nach 1167 noch Heide geblieben sei - oder aber längst Christ war. Aber ist das letztere irgendwie wahrscheinlich zu machen? Und war überhaupt in Mecklenburg unter Niklots Herrschaft eine Wirksamkeit als Missionar, wie sie Berno nach der Kaiserurkunde ausgeübt haben soll "idola comminuens, ecclesias fundans" möglich? Ich glaube, beides kann bejaht werden. Unter dem Einflusse Helmolds, der Pribislav von Wagrien und Niklot bei ihrer ersten Erwähnung (nach 1131) fanatische Heiden "truculentae bestiae christianis valde infesti" nennt, hat man bisher in Niklot den letzten bewußten und leidenschaftlichen Vorkämpfer des wendischen Heidentums gesehen. Wieder ist es Hauck, der (a. a. O. p. 596 f.) an der Berechtigung dieser Auffassung Zweifel äußert, indem er auf eine Reihe von entgegenstehenden Tatsachen hinweist, zunächst für Pribislav von Wagrien darauf, daß er die Kirche in Lübeck bestehen ließ, zur Familie Gottschalks gehörte und sich 1156 (Helmold I, 82) als Christ benimmt - von einer Taufe ist auch hier nicht die Rede -, sodann für Niklot, daß sein Sohn Wartislav ein Christ war (Annal. Palid. z. 1164 S. 93) und daß er "nach einer guten Quelle" auch "den christlichen Namen Nikolaus" führte (ebendort zu 1160 S. 92). Hauck scheint es danach nicht für ausgeschlossen zu halten, daß schon Niklot die Taufe und somit wenigstens äußerlich das Christentum angenommen hat. Wenn sich nun auch letzteres nicht erweisen läßt - der christliche Name Nikolaus, den ihm die Annales Palidenses geben, ist doch ein recht unsicheres Zeichen, kann auch eine bloße Mundgerechtmachung des wendischen Niklot sein, oder sollte etwa "Niklot" umgekehrt aus dem christlichen Nikolaus entstanden sein? - so lassen sich doch für eine dem Christentum wesentlich günstigere Stellung Niklots, wie ich glaube, noch einige andere Beobachtungen anführen. 1. Helmold berichtet zwar von einem Wiedererstarken des Heidentums unter der Herrschaft Pribislavs und Niklots,

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 154 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

aber nichts von Verfolgungen, die von diesen beiden in Scene gesetzt worden wären (I, 52). 2. Er bringt überhaupt keine christenfeindliche Tat Niklots vor, vielmehr, wenn man von jener Charakteristik absieht, erscheint dieser durchaus nicht als heidnischer Fanatiker. Immer wieder hebt Helmold sein gutes Verhältnis zu Graf Adolf von Holstein hervor (I, 57, 62, 66, 71, 86.), das zuletzt als wirklich freundnachbarliches erscheint: "Ab eo die firmatae sunt amicitiae inter comitem et Niclotum habueruntque frequentius colloquium Lubeke sive Travenemunde pro commodis utriusque terrae." 3. Mit Hülfe Adolfs warf Niklot im Jahre 1152 einen Aufstand der Kessiner und Circipaner nieder, wobei von den Verbündeten ein "fanum celeberrimum cum ydolis et omni superstitione" - vermutlich der Tempel des Goderak bei Kessin - zerstört wurde. Auch wenn man diese Tat allein den Holsteinern zuschreibt, so duldete sie doch Niklot, ja sie erbitterte ihn so wenig, daß Helmold gerade von dieser Unternehmung ab die engere Freundschaft mit dem Holsteiner Grafen datiert (I, 71). 4. Auch aus der Antwort, welche Niklot bei Gelegenheit jener Arltenburger Versammlung im Namen seines Volkes auf die Forderung des Herzogs, das Christentum anzunehmen, gab (Helmold I, 83), spricht, wie man sie auch verstehen möge, keine Feindschaft gegen dieses, sondern eher die Anerkennung desselben als der Verehrung des Himmelsgottes. 5. Endlich, und das scheint das Entscheidende zu sein, waren von den drei Söhnen Niklots zum mindesten zwei Christen, nämlich Wartislav und Prislav. Die Vermutung aber, daß ersterer erst in der sächsischen Gefangenschaft nach 1160 Christ geworden sei, hat nichts für sich. Eine wirkliche Bekehrung in dieser Lage hätte einen vollständigen Wechsel der Überzeugung bedeutet und den Übertritt in das sächsische Lager eingeschlossen. Dazu aber stimmt es nicht, daß Wartislav seinen Bruder zum Aufstande gegen die Sachsen anstiftete. Aber auch eine bloße Scheinbekehrung mit der in ihr liegenden Spekulation auf Rehabilitierung stimmt schlecht zu letzterem. Der andere aber, Prislav, war zweifelsohne schon 1160 Christ. Saxo (XIV, 759, 760) läßt ihn zwar um seines Christentums willen von seinem Vater Niklot aus Mecklenburg vertrieben werden, fügt jedoch als zweiten Grund hinzu, daß er als Schwager Waldemars demselben verdächtig gewesen sei. Hier haben wir den wahren Grund der Vertreibung zu suchen. Die Ehe seines Sohnes mit einer christlichen Dänenprinzessin - vermutlich bei jener Kriegsfahrt geschlossen, auf der Niklot dem Dänen Swen ein Dritteil seines

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 155 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Reiches erkämpfen half - ist sicher nicht gegen Niklots Willen zustande gekommen. Verdächtig wird ihm Prislav erst geworden sein, als dessen Schwager Waldemar mit dem Löwen ein Bündnis schloß und diesen zu Unternehmungen gegen die Wenden zu bewegen suchte. Da begann er den Verräter im eigenen Hause zu fürchten.

Faßt man alle diese Momente zusammen, so hat die bei unserer Deutung der Kaiserurkunde zugrundeliegende Voraussetzung, daß Pribislav schon vor 1160 Christ gewesen sei, alle Wahrscheinlichkeit für sich. Er wäre der einzige Sohn Niklots gewesen, der es nicht war. So erklärt es sich übrigens auch auf das einfachste, daß Helmold nichts von seiner Taufe berichtet. Sie lag eben vor der Zeit seiner persönlichen Beobachtungen. Ja selbst für Niklot ist es darnach durchaus nicht unwahrscheinlich, daß er getauft war. Eine treffliche Illustration zu seinem Verhalten im ganzen, wie zu seinem Verhältnis zum Grafen Adolf würden wir dann gerade in unseren Tagen in dem Verhalten Hendrik Witbois haben. Auch Witboi ist Christ, und hier wie dort handelt es sich um ganz ähnliche Verhältnisse und Kulturzustände. Jedenfalls aber darf Niklot nicht zu dem fanatischen Vorkämpfer des wendischen Heidentums gemacht werden, als den man ihn aufgefaßt hat.

Damit ist aber zugleich auch die Antwort auf die zweite Frage gegeben, ob eine missionarische Wirksamkeit Bernos unter ihm möglich war. Sie muß bejaht werden, ja wenn in der Kaiserurkunde von der Beseitigung von Götzenbildern durch Berno, die vor 1160 stattgefunden haben müßte, die Rede ist, so hat selbst das nichts Unwahrscheinliches - wir brauchen nur an jene Zerstörung des Haupttempels der Kessiner im Jahre 1152 zu denken. - Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß hier der Goderaktempel bei Kessin gemeint ist. Die Abschaffung dieses Kultes und seine Ersetzung durch den heiligen Godehard aber schreibt Arnold von Lübeck (V, 24) ausdrücklich dem Berno zu. Auf seine Veranlassung mag die Zerstörung des Tempels erfolgt sein. Hier haben wir aber dann auch eine von den Kirchen, die Berno nach der Kaiserurkunde vor 1160 gegründet haben soll und zugleich ein neues Datum für den Beginn seiner Wirksamkeit. Wir dürfen annehmen, daß er schon vor 1152 von Schwerin aus sein Werk begonnen hatte. Auch das vetus cimiterium, das 1186 (M. U.=B. 141) in Schwerin erwähnt wird, dessen Reste 1892 ausgegraben wurden und ein wendisches nach christlicher Sitte angelegtes Leichenfeld ergaben (M. Jb. 58, 228), und das

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 156 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

eine schon ältere Christengemeinde dort bezeugt, findet nun ungewungen seine Erklärung, während ohne das die Vermutung einer wendischen Christengemeinde in Schwerin vor der sächsischen Invasion etwas Prekäres behielt: Wer sollte sie gegründet und zusammengehalten haben? Und endlich fällt von hier aus auch noch ein Licht auf eine bisher unerklärte Tatsache. Für das unter sächsischer Verwaltung stehende Polabien hatte der Herzog 1154 das Ratzeburger Bistum gegründet. "Aus unbekannten Gründen aber schob sich das Ratzeburger Missionsfeld auch in das Reich Niklots ein, wo es den Burgbezirk Schwerin mit umfaßte. "(Rudloff: Germanisierung S. 3 f., cf. M. U =B. 88). Wie kam der Herzog dazu, an diesem einen Punkte den Ratzeburger Sprengel in das Gebiet Niklots übergreifen zu lassen? Nun ist die Antwort gegeben. Unter Bernos Leitung bestand hier schon eine Christengemeinde - vermutlich die einzige außerhalb der Grafschaft Ratzeburg. Es war das Natürliche, daß sie dem neuen Bistume angeschlossen ward, um in ihm den nötigen Rückhalt zu finden. Hier haben wir die zweite der von Berno vor 1160 gegründeten Kirchen, und zudem einen Beweis, daß eine nur auf das Wort und die Überredung einer reinen Persönlichkeit gegründete Missionswirksamkeit auch nach dem unglückseligen Kreuzzuge von 1147 nicht ohne Erfolg war. Wer kann sagen, ob nicht bei fortdauernden ruhigeren Verhältnissen, an denen es Niklot offenbar gelegen war, auf dieser Grundlage eine Christianisierung und Germanisierung der mecklenburgischen Wenden so gut wie die der Pommern immer noch möglich gewesen wäre auch ohne die Blut= und Eisenpolitik des Herzogs? Die Ansätze dazu waren vorhanden, und jedenfalls ist das Urteil Salows (Neubesiedelung Mecklenburgs S. 5), daß Vizelins geringe missionarische Erfolg den Beweis gegeben hätten, daß die Wenden durch die "Predigt und die stille Überredung der höheren Kultur" nicht zu gewinnen waren, nichts als ein unzureichender Versuch, die "Realpolitik" des Sachsenherzogs gegenüber den Wenden zu rechtfertigen. Freilich, in einem Menschenalter wird kein ganzes Volk nur durch die Predigt aus Überzeugung christlich. Nicht das ist das Tragische an Niklots Schicksal, daß er die geschichtliche Lage verkennend als letzter Vorkämpfer der wendischen Nation und Religion sich und sein Volk ins Verderben stürzt, sondern daß er, die Lage wohl erkennend und bestrebt sich ihr anzupassen, durch die skrupellose Politik des Löwen in den Untergang getrieben ward. Selbst durch Helmolds Schilderung, der den Herzog so unverblümt bewundert, scheint das deutlich genug hindurch. Auch wenn

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 157 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Wiesener (Kirchengeschichte Pommerns S. 141) bei Gelegenheit der Berufung Bernos sagt: "dem scharfsichtigen Sachsenherzoge kommt das Verdienst zu, die hervorragende Befähigung der Cisterzienser zur Lösung der großen Kulturaufgaben unter den Wenden zuerst erkannt zu haben", so muß dieses Verdienst dem Herzog jetzt abgesprochen werden. Nicht der Herzog hat den Cisterzienser gerufen, sondern dieser stand schon längst aus eigenem Antriebe in der Arbeit, als der große Herzog noch an keine anderen Kulturaufgaben unter den Wenden dachte als die, von ihnen einen möglichst hohen Tribut zu erpressen. Als er dann bei Errichtung der obotritischen Mark im Jahre 1l60 genötigt war, auch an deren kirchliche Versorgung zu denken, war hier der Cisterzienser so wenig zu umgehen, wie ein Jahrzehnt vorher Vizelin in Wagrien. Er war der Mann, der die erste mühevolle und entsagungsreiche Arbeit getan hatte, der die Verhältnisse wie kein anderer kannte und wie kein anderer das Vertrauen der Wendenfürsten besaß. Und nicht der Herzog zog dann den Orden der Cisterzienser ins Land, sondern der Ordensbischof.

Sind diese Ausführungen stichhaltig, so ergibt sich nun freilich ein von der durch Wigger begründeten Anschauung wesentlich abweichender Verlauf der Dinge.

Schon vor 1152, vielleicht bald nach dem Kreuzzuge von 1147, hatte der Cisterziensermönch Berno aus dem sächsischen Kloster Amelungsborn die Mission unter den mecklenburgischen Wenden aufgenommen. Von der gleichen inneren Nötigung wie einst Paulus getrieben: dazu ist Christus gestorben, daß die Lebenden nicht mehr sich selbst leben, sondern dem der für sie gestorben ist (M. U.=B. 124), war er den Bahnen Vizelins gefolgt. Wie einst Winfried hatte er sich in Rom Autorisation und Segen des Papstes zu seinem Vorhaben geholt und war dann ins Wendenland gezogen. Die Grenzen des unmittelbaren sächsischen Machtbereiches hinter sich lassend, hatte er sich in Schwerin, einer der Hauptburgen Niklots, niedergelassen und von hier aus ein Jahrzehnt oder darüber unter manigfachen Schwierigkeiten Mission getrieben. Arnold von Lübeck berichtet von Schlägen, Backenstreichen und Gewalttat, die er dabei hatte leiden müssen. Obgleich der törichte Kreuzzug von 1147 die Aussichten einer friedlichen Mission wesentlich verschlechtert haben mußte, scheinen doch die Verhältnisse nicht ganz ungünstig gewesen zu sein. Berno erfuhr von dem wendischen Fürstenhause, wenn nicht direkte Unterstützung, so doch zum mindesten keine Feindschaft. Es scheint sogar fast, als ob dasselbe - vielleicht bei

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 158 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

der Übergabe von Dobbin, mit der jener Kreuzzug geschlossen hatte - das Christentum angenommen gehabt habe. Wenigstens waren Niklots drei Söhne Christen. So war es Berno gelungen, in Schwerin selbst eine wendische Christengemeinde zu sammeln, war unter seinem Einfluß das Heiligtum des Goderak in Kessin zerstört worden und auch dort vermutlich ein Kirchlein - wohl nach Art jenes hölzernen Sanctuariums, das Vizelin in Oldenburg errichtet hatte - erbaut. So waren, während die Bemühungen des Erzbischofes um die Widererrichtung des Schweriner Bistums an dem Widerstande des Herzogs gescheitert waren und Hartwich nach dem Tode des von ihm geweihten Emmehard diesem einen Nachfolger zu geben aufgab, im Wendenlande selbst in der Stille die ersten lebenskräftigen Keime einer zukünftigen Kirche entstanden. Freilich waren es noch bescheidene Anfänge, doch immerhin nicht aussichtslose, und sie waren gemacht ohne jede Förderung von Seiten des Sachsenherzogs, ja man kann wohl sagen trotz desselben, da seine Politik der Erpressung gegenüber den Wenden die Arbeit der Mission nur erschweren konnte. Aber wie heutzutage die Hereros wohl zu unterscheiden wissen zwischen der unpolitischen selbstlosen Tätigkeit der Missionare und dem Vorgehen der Händler, Kolonisten und der fremden Regierung, die ihr Gebiet annektiert hat, so werden auch damals die Wendenfürsten zu unterscheiden gewußt haben. Berno erscheint in der Kaiserurkunde als der Mann ihres Vertrauens, vielleicht sogar als der Vermittler des Friedens zwischen ihnen und dem Herzoge.

Niklot selbst war in klarer Erkenntnis seiner Lage auf ein gutes Verhältnis zu den deutschen Nachbarn bedacht, gegenüber aufständischen Stämmen stützte er sich auf sie. Mit der Unterwerfung unter den Sachsenherzog scheint er sich ernstlich abgefunden zu haben. Aber die Verhältnisse waren stärker als er: zwischen das unter Waldemar mächtig aufstrebende Dänemark und die gewaltig um sich greifende Macht Heinrichs des Löwen gestellt, ward er schonungslos zerrieben. Das Jahr 1160 brachte die Katastrophe. Wider seinen Willen ward Niklot in den Aufstand hineingetrieben; er selbst fiel im Kampfe, seine Söhne wurden bis in das Gebiet der mit ihnen verbündeten Pommernfürsten zurückgedrängt und schließlich zur Unterwerfung genötigt. Sie mußten zufrieden sein, die Osthälfte ihres einstigen Besitzes zurückzuerhalten, während in der Westhälfte, dem eigentlichen Obotritenlande, eine neue sächsische Mark organisiert ward, deren Grenze wahrscheinlich mit dem Fulgenbache bei Brunshaupten beginnend über Neukloster an die Warnow ging und dann dem

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 159 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Laufe der Mildenitz folgend, schließlich in den meilenweiten Waldungen nordwärts von Malchow die Müritz erreichte (siehe über diese alte Grenzlinie Rudloff M. Jbb. 61, 356). Zum militärischen und administrativen Mittelpunkte der neuen Mark ward Schwerin gemacht, dessen Burg wiederhergestellt und auf dessen Suburbium eine deutsche Stadt angelegt ward. In die Hauptburgen des Landes, Ilow, Mecklenburg, Quetzin und Malchow, wurden sächsische Besatzungen gelegt, der Oberbefehl über das Ganze einem der tüchtigsten Mannen des Herzogs, Gunzelin von Hagen, anvertraut. Mit der Begründung dieser neuen sächsischen Mark trat nun an den Herzog auch die Notwendigkeit heran, für ihre kirchliche Versorgung Anstalt zu treffen. Er tat es, indem er nun erst an die ihm schon 1154 vom Kaiser zugestandene Wiederaufrichtung des alten mecklenburgischen Bistums ging. Das Gebiet der Burg Schwerin ward wieder vom Bistum Ratzeburg getrennt, diesem dafür im Lande Bresen ein Ersatz gegeben, und Schwerin zum Sitz des erneuten mecklenburgischen Bistums bestimmt. Für den neuen Stuhl konnte kein anderer in Betracht kommen als der Mann, der die erste Arbeit getan hatte, Berno. Er ward - vermutlich gehörte es mit zu den Bedingungen des Friedensschlusses - auch von den verbündeten Wendenfürsten als Bischof anerkannt, und sein Sprengel über ihr Gebiet, soweit es der Oberhoheit des Herzogs unterworfen war, ausgedehnt, d. h. nicht nur über die den Söhnen Niklots verbleibenden Landschaften, sondern auch auf die pommersche Herrschaft Demmin mit den Ländern Tollense, Plot, Loiz, Tribsees und Circipanien. Letztere war zwar schon längst dem pommerschen Bistum zugewiesen, doch scheint es, als ob dieses bis dahin noch keine Schritte getan hatte, um sie zu christianisieren. Nur in Demmin selbst, dem Sitze Kasimars, den schon Otto von Bamberg auf seiner zweiten Missionsreise berührt hatte, wird eine Kirche bestanden haben, aber nicht einmal das ist aus den Quellen zu erweisen. Jedenfalls war jetzt von Ansprüchen des pommerschen Bischofs nicht weiter die Rede. Es verlautet auch nichts von Einsprüchen, die von seiner Seite aus erfolgt wären. Zur Ausstattung des neuen Bistums wurden wahrscheinlich schon damals (Helmold I, 87), wie früher für Oldenburg und Ratzeburg, 300 Hufen bestimmt. Mit der tatsächlichen Anweisung derselben hatte es jedoch wohl auch hier noch gute Weile, wenn nicht die Dotationsurkunde von 1171 (M. U.=B. 100 A) schon weiter zurückliegende Anweisungen beurkundet. Das ist jedoch nicht anzunehmen, da die hier den Schenkungen hinzufügte Bemerkung

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 160 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

"interposita astipulatione eorum, quorum beneficia antea fuerunt" voraussetzt, daß die angewiesenen Dörfer und Gebiete bis dahin Lehen Gunzelins oder der Wendenfürsten gewesen sind, was 1160 noch nicht der Fall war, sondern erst seit 1167. Berno empfing das Bistum aus der Hand des Herzogs, ihm leistete er den Eid. Seine Konsekration wird er ohne Zweifel durch Erzbischof Hartwich erhalten haben, da derselbe sich damals für den Augenblick nicht in offener Opposition zum Herzoge befand und noch in demselben Jahre die Stellung der drei jungen wendischen Bistümer zum Hamburg=Bremischen Erzstuhle ordnete (M. U.=B. 70).

So fand sich Berno durch die Ereignisse des Jahres 1160 auf einen ganz veränderten Boden gestellt. Aus einem Missionar, dessen Einfluß und Erfolg lediglich in seiner Persönlichkeit lag, war er zum Bischof über eine Reihe mit den Waffen unterworfener heidnischer Stämme und ihre halbheidnischen Fürsten geworden. Freilich, die materielle Grundlage seines Bistums bestand größtenteils vorläufig noch aus Versprechungen, und selbst den Bischofszehnt, den er von den Wenden zu erheben berechtigt war, wird er kaum in der Lage gewesen sein in größerem Umfange einzuziehen. Auch an Priestern fehlte es; denn wenn sein Orden ihm aus seiner Mitte auch einige Gehülfen der Mission zubringen mochte, einen Pfarrklerus zu stellen, worauf es jetzt ankam, war er nicht in der Lage, da die Ordensstatuten dem Cisterzienser strikte verboten, Pfarrdienste zu tun. Er war vorläufig ein General ohne Heer und Mittel. Dennoch ist ein realer Machtzuwachs nicht zu leugnen, insofern als jetzt die politische Macht des Herzogs hinter ihm stand, und er in einem großen Teile seines Sprengels unter dem unmittelbaren Schutze seiner Kriegsmannen arbeitete. Zudem eröffnete sich ihm jetzt ein neues Feld, indem sofort nach der Einrichtung der neuen Grenzmark deutsche christliche Einwanderer auch hierher gezogen wurden. Schwerin selbst wird, wie schon erwähnt, zu einer deutschen Kolonie gemacht und in Mecklenburg siedelte der dortige Befehlshaber, Heinrich von Schota, holländische Bauern an, die vermutlich ihren eigenen Priester schon mitbrachten. Auf der anderen Seite freilich muß der Krieg die ohnedies schon schwierige Lage der Mission im Wendenvolke selbst noch ungünstiger gestaltet haben. Dazu kam, daß der Friede nur von kurzer Dauer war. Schon 1163 brach der Aufstand unter Führung der Söhne Niklots von neuem aus und die folgenden Jahre sind mit Kämpfen ausgefüllt, in denen wenigstens die deutschen Kolonien nun Mecklenburg wieder

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 161 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

zu Grunde gingen, bis endlich um Neujahr 1167 der durch eine Koalition seiner Gegner in Sachsen bedrohte Herzog sich zu einem Schritte entschloß, der einen dauernden Friedensstand herbeiführte. Die 1160 errichtete Grenzmark ward wieder aufgelöst, nur ein kleiner Teil derselben als Grafschaft Schwerin an ihren bisherigen Befehlshaber Gunzelin von Hagen gegeben; alles übrige - also weit mehr als ihm der Friede von 1160 gelassen hatte erhielt Pribislav, der überlebende von den Söhnen Niklots, aus des Herzogs Händen als Lehen zurück, um von nun an ihm dauernde Treue zu halten.

Für Berno und seine Aufgaben waren diese 7 Jahre ungünstig genug gewesen und von Fortschritten auf kirchlichem Gebiete wird kaum die Rede sein können. Doch muß in diese Jahre die in der Kaiserurkunde (91) hervorgehobene "Bekehrung" der dem Schweriner Sprengel zugewiesenen pommerschen Gebiete fallen, vermutlich sofort in die ersten drei noch friedlichen Jahre (1160-62) unmittelbar nach der Unterwerfung der Pommernfürsten, worauf auch der Tenor der Urkunde weist, die diesen Erfolg Bernos mit "et ita demum" unmittelbar an seine Einsetzung zum Bischof anknüpft. Übrigens kann es sich hierbei nur um ziemlich belanglose Massentaufen "religiosi principis Casemari auxilio" handeln. Wie oberflächlich diese sog. Bekehrung war, zeigt schon der eine Umstand, daß noch 1172 im ganzen pommerschen Circipanien keine einzige christliche Kirche bestand.

Nachdem nun aber in den Slavenländern Frieden eingetreten war, richtete sich Bernos Blick im Zusammenhang mit der herzoglichen Politik sofort auf eine neue Sprengelerweiterung. Es handelte sich um die Insel Rügen. Doch auch Dänemark streckte nach ihr die Hände aus. Im Jahre 1168 kam es zu einem gemeinsamen deutsch=dänischen Unternehmen, an welchem Berno persönlich teilnahm. Aber die Früchte desselben entgingen ihm. Wenngleich in den päpstlichen Bestätigungsurkunden noch längere Zeit hindurch die halbe Insel Rügen als zum Schweriner Sprengel gehörig genannt wird, kam sie tatsächlich von vornherein unter die politische wie kirchliche Herrschaft der Dänen. 1 ) -


1) Wiesener a. a. O. p. 150 u. 154 will aus der Kaiserurkunde eine Missionsreise Bernos nach Rügen vor dem Kriegszuge von 1168 und ebenso eine zweite nach demselben ins Jahr 1169 fallende herauslesen. Ich finde nichts davon. Die Urkunde sagt nicht, daß Berno selbst auf einer Missionsreise die Erfahrung von der Unbekehrbarkeit der Ranen
(  ...  )
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 162 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Für Mecklenburg aber begannen mit 1167 eine Reihe von Friedensjahren, in denen auch die kirchliche Organisation bedeutende Fortschritte machte. Nachdem noch in diesem Jahre die Grenze zwischen dem Schweriner Bistum und seinem westlichen Nachbar Ratzeburg endgültig festgelegt worden war (88), wurden 1169 (90 und 96) die kirchlichen Abgaben der Wenden vom Herzog reguliert und den zur Dotation der Wendenbistümer gehörigen 300 Hufen Stiftsland Bede= und Zinsfreiheit gewährt. Das folgende Jahr brachte die kaiserliche Bestätigung des Bistums (91) und wieder ein Jahr weiter, am 9. September 1171, konnte die Domkirche geweiht werden 1 ) Bei dieser Gelegenheit ward nun auch dem Bistum Schwerin die Dotationsurkunde vom Herzog ausgestellt. Endlich war also Berno in den tatsächlichen Besitz der versprochenen 300 Hufen gelangt, es waren ihm außer dem Lande Bützow eine Reihe von einzelnen Dörfern und Landstrecken teils bei Schwerin und in der Grafschaft, teils im Gebiete Pribislavs im Lande Jlow, teils endlich im pommerschen Teil des Sprengels angewiesen worden. Ein Teil der Dotation ward dem hier zum erstenmal erwähnten Domkapitel zugewiesen und zugleich vorläufige Bestimmungen über die Verteilung der Zehnten zwischen diesem und dem Bischof getroffen.

So war nun die äußere Begründung des Bistums zum Abschluß gekommen. Nun galt es den inneren Ausbau. Hier sah sich Berno ganz ungleichartigen Verhältnissen gegenüber, insofern der kleinere Teil seines Sprengels jetzt unter unmittelbarer deutscher Herrschaft und der Einwanderung deutscher Bauern offen stand, während der bei weitem größere unter seinen, wenn auch christlichen, doch einheimischen Fürsten diesen im großen und ganzen noch verschlossen blieb. In Wagrien und Polabien hatte, wie wir gesehen, die Christianisierung auf der Grundlage der deutschen Einwanderung schnelle Fortschritte gemacht und war dagegen in den von dieser noch nicht berührten Gegenden sehr zurückgeblieben, teilweise noch kaum in Angriff genommen. Nicht nur die Unempfänglichkeit der Bevölkerung, sondern vor allem


(  ...  ) durch die Predigt gemacht habe, sie konstatiert einfach dieselbe. Ebensowenig sagt sie etwas von einem Aufenthalt Bernos auf Rügen im Jahre 1169. Die Worte, welche Wiesener auf einen solchen deutet, sind einfacher auf eine der Zwangstaufe folgende aber noch in den Zusammenhang des Unternehmens von 1168 gehörige Unterweisung zu beziehen.
1) Schlie (II, 522 und 545) macht aus der Weihe irrtümlich die Grundsteinlegung. Aber dedicatio ist immer Kirchweih nach Vollendung des Baues oder wenigstens des Chores.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 163 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

der Mangel an Priestern und Missionaren, die des Wendischen mächtig waren, und es unter der volksfremden Bevölkerung aushielten, hatte das Werk nur langsam fortschreiten lassen. Ähnlich stand es auch hier.

In der Grafschaft Schwerin mehrte sich die deutsche Bevölkerung. Schon um 1171 erscheint Helmold das Land bis Schwerin, also das westliche Drittel der Grafschaft, als im wesentlichen deutsch (II, 13 Schluß). Mit schonungsloser Entschiedenheit hielt der Graf die wendischen Einwohner in Ruhe: jeden Wenden, der sich außerhalb der Straßen herumtrieb und nicht ausweisen konnte, befahl er ohne weiteres aufzuknüpfen. Dennoch bedeutet diese Maßregel keine Ausrottung derselben. Die Wittesche Karte zeigt, in wie starkem Maße noch im 15. Jahrhundert wendische Reste in der Grafschaft nachweisbar sind; gering sind sie allerdings in der westlichen Hälfte. Hier scheint die deutsche Einwanderung am stärksten gewesen zu sein. Aber selbst hier hatten einzelne Ortschaften und sogar Kirchdörfer auch damals noch keine deutsche Agrarverfassung. Was für die Wenden von Kl.=Brütz urkundlich feststeht, daß ihnen im Jahre 1220 (266) deutsches Recht verliehen wurde, wird daher nur als einer von vielen Fällen anzusehen sein, von denen uns keine urkundlichen Nachrichten vorliegen. Da übrigens noch im Jahre 1217 (230) das Dorf Sülstorf, der spätere Mittelpunkt der gleichnamigen Pfarre, nicht mit deutschen Kolonisten besetzt, sondern erst vor kurzem, wie es scheint, vergeblich für solche vermessen und ausgeworfen war, so scheint die Kolonisationsbewegung des 12. Jahrhunderts im Süden Schwerins nicht über das Kirchspiel Pampow hinaus vorgedrungen zu sein, und auch im Osten des Schwermer Sees, im Lande Silesen, hatte sie schwerlich schon Fuß gefaßt. Zwar meint Ernst (a. a. O. S. 28 u. 65) auf Grund von M. U.=B. 151, die Kolonisation des Landes Silesen müsse 1191 als im wesentlichen abgeschlossen angesehen werden, da dem Bistum damals schon nur der halbe Zehnt daraus noch zustand, die andere Hälfte aber, wie er ergänzt, auf Grund eines Vergleiches dem Grafen. Allein diese Ergänzung ist falsch. Dieselben Worte stehen schon in der Schweriner Dotationsurkunde (100 A) und bedeuten hier nichts anderes als, daß von dem de iure dem Bischofe zustehenden ganzen Zehnt die eine Hälfte zur Ausstattung des Kapitels bestimmt wird. Also nicht der Graf ist der Besitzer der anderen Hälfte, sondern das Kapitel. In der Dotationsurkunde handelt es sich zunächst ausgesprochener Maßen um den Wendenzehnt (Bischofszins). Sobald der (deutsche) kirchliche Zehnt eingeführt

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 164 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

sein wird, sollen andere Bestimmungen getroffen werden. Wiederholt nun M. U.=B. 151 einfach diese Worte, so ist zu schließen, daß 1191 der deutsche Zehnt noch nicht eingeführt war. Sie kehren aber auch noch 1211 (202) unverändert wieder. Im Jahre 1220 (270) dagegen gibt Graf Gunzelin dem Kapitel "medietatem decimae de mea parte in terra Zelesen", wozu M. U.=B. 347 zu vergleichen ist, wo Graf Heinrich dem Kapitel quartam partem decimae in terra Zylazen a me detentam zurückgiebt. Inzwischen also, d. h. vermutlich zwischen 1211 und 1220, ist zwischen Bischof und Grafen ein Zehntvergleich zustande gekommen, nach welchem der Graf die Hälfte des Zehnten erhält, von ihr aber wieder die Hälfte an das Kapitel abzugeben hat. Danach wird vermutlich auch die Kolonisierung des Landes Silesen und damit zugleich wohl auch die Einrichtung von Pfarren in demselben erst in den Beginn des 13. Jahrhunderts fallen. So mag bis zum Tode Bernos (1191) in der Tat nur der westlich und südwestlich vom Schweriner See gelegene Teil der Grafschaft germanisiert sein und seine erste kirchliche Organisation erhalten haben.

Die einzige direkte Nachricht, welche wir über die letztere haben, ist außer der Erwähnung der Schweriner Pfarre das Vorkommen der Pfarrer von Stück und Cramon neben dem des schon nicht mehr zur Grafschaft gehörigen Viecheln als Zeugen um 1178 (125). Im übrigen sind wir auf Vermutungen angewiesen. Als Brunward 1222 (280) die Verehrung des heiligen Blutes in Schwerin ordnete, bestimmte er, am Himmelfahrtsfeste sollten alle Priester "provinciae Suerinensis, preter illum de Parlin," mit ihren Reliquien und Pfarrkindern wallfahrend im Dom zu Schwerin erscheinen. Für die Entbindung der Perliner von dieser Pflicht wird die Entfernung von Schwerin - über 15 km in der Luftlinie - maßgebend gewesen sein; ist diese Vermutung richtig, so lagen alle damals vorhandenen Pfarren Schwerin näher. Danach würden Warsow und Meteln auszuscheiden haben, wofür des weiteren auch spricht, daß beide in einer Gegend liegen, deren kirchliche Organisation noch lange zurückgeblieben ist, da die Kolonisation dort erst nach 1230 größere Fortschritte machte. Warsow liegt zwischen dem Ratzeburger Kirchspiel Gammelin, dessen Dörfer, soweit sie schon vorhanden waren, 1230 noch zu den entfernten Kirchen von Hagenow und Parum gehörten, und Sülstorf, wo die Kolonisation und Errichtung der Pfarre erst um 1227 (230) stattfand. Meteln auf der anderen Seite liegt in dem großen Waldgebiet, das sich vom

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 165 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Schweriner See her, das Land der Polaben von dem der Obotriten trennend, durch die Kirchspiele Dambeck, Eixen, Friedrichshagen und Dietrichshagen nordwestwärts zieht, deren Dörfer 1230 zum größten Teile ebenfalls noch nicht vorhanden waren. Es gehört also auch zu einer Gegend, deren Kolonisation erst in das 13. Jahrhundert fällt. Weiter aber kommt sicher auch das zwischen die alten Pfarren eingekeilte Kirchspiel Gr.=Trebbow in Wegfall. Schon seines sehr geringen Umfanges wegen gehört es nicht zu den Anfangspfarren. Somit bleiben für 1222 außer Perlin und den schon 1178 bezeugten Cramon und Stück noch die Pfarren von Gr. Brütz, Stralendorf, Pampow und allenfalls Plate, falls dieses überhaupt noch zur provincia Suerinensis zu rechnen ist. In Wittenförden bestand zwar seit 1217 (237) eine Kapelle mit Friedhof, doch gehörte es nach wie vor zum Kirchspiel des Domes. Da nun Graf Heinrich den Bau dieser Kapelle veranlaßt hatte um der weiten Entfernung der Wittenförder selbst von Schwerin willen, so mußten die noch weiter entlegenen Dörfer der Kirchspiele Gr.=Brütz, Stralendorf, Pampow und Perlin damals schon anderweitig kirchlich versorgt gewesen sein, also das eine oder andere derselben seine Kirche gehabt haben. Von ihnen aber dürften weiter Perlin und Stralendorf schwerlich als Anfangskirchspiele gelten können, ersteres weil, wie es scheint, von Anfang an ritterlichen Patronates, letzteres seiner geringen Größe wegen und weil es von dem größeren Pampow teilweise umfaßt wird, also aus diesem herausgeschnitten erscheint. Endlich könnte noch Plate als Bernskirche in Frage kommen, wenn die Annahme des M. U.=B., welcher Schlie folgt, daß das im M. U.=B. 151 als Ort eines Schiffahrtszolles genannte Plate das unsere ist, zu halten wäre. Aber ein Schiffahrtszoll in Plate am Störkanal um 1191??! Sollte dieses Plate nicht vielmehr in dem Plate an der Jeetzel zu suchen sein, nahe dem in jener Urkunde mit ihm verbundenen Naulitz (bei Lüchow)? Zudem liegt das Stör=Plate an keiner älteren größeren Straße, wohl aber dessen Filiale Banzkow, über welche die Straße Wittenburg=Crivitz führt, und deren alte, leider nicht mehr stehende Kirche (von Lisch beschrieben in M. Jbb. 27, 202 ff.) mit der von Wittenförden (Lisch in M. Jbb. 18, 288 f.) zusammengehörte und nach der Schätzung von Lisch vermutlich aus der Zeit von 1217 stammte. Rische (Geschichte der Grafschaft Schwerin S. 17) nimmt es daher als sicher an, daß um 1230 Banzkow als Kirchort des jetzigen Kirchspiels Plate bestanden habe. Das mag vielleicht zutreffen. Schwerlich aber wird es schon zu den Kirchspielen des 12. Jahrhunderts zu rechnen sein,

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 166 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

sondern vielmehr in die der Kolonisierung des südlichen und östlichen Teils der Grafschaft im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts folgende Errichtung von Kirchspielen hineingehören. Als älteste Pfarren bleiben sonach neben Schwerin, Stück und Cramon die von Gr.=Brütz und Pampow. Landesherrlichen Patronates sind von ihnen nachweisbar Brütz 1 ) und Pampow (Visit. 1534). Auch Cramon sieht Schlie (II, 647) als landesherrlich an, doch fehlt es im Visitationsprotokoll von 1534. Das Patronat von Stück ist im 17. Jahrhundert in den Händen der Raben (Schlie II, 632), aber ob von Anfang an? Ursprünglich gehörte Kirchstück zum Besitz des Bistums (1766). Die Kirche mag also eine unmittelbare Stiftung Bernos sein. - Kirchenbauten aus dem 12. Jahrhundert sind nicht mehr vorhanden. Selbst die Reste des Übergangsstiles, welche sich in den Chören von Stück und Perlin sowie am Dom von Schwerin finden, zeigen die entwickeltere Stufe des 13. Jahrhunderts.

Bezeichnend ist nun aber, daß von diesen 4 in Bernos Zeit zurückzudatierenden Landkirchen nach der Witte'schen Karte zwei, die von Stück und Brütz, in Orten mit Pauschalbede, eine, die von Pampow, in einem Orte mit wendischen Hufen und nur die letzte, die von Cramon, in einem Orte mit deutscher Agrarverfassung, in dem übrigens auch noch im 15. Jahrhundert beträchtliche Reste wendischer Einwohner zu konstatieren sind, stehen. In deutlichem Unterschiede von dem Verfahren im Ratzeburgischen sind also hier die Kirchen vorwiegend in wendischen Orten errichtet worden. Es ist der Wendenmissionar Berno, dessen Hand wir hier spüren.

Bis zum Ende seiner Amtsführung hatten sich die kirchlichen Verhältnisse schon soweit entwickelt, daß die provincia Suerinensis als besonderer Archidiakonatsbezirk dem Dompropst zugewiesen (151) und ordentliche Generalsynoden gehalten werden konnten (122). Auch auf die theologische Bildung seines Klerus war Berno bedacht; er brachte eine Bibliothek zusammen (158), und wenn auch der Scholastikus des Domkapitels erst 1217 namentlich erwähnt wird, so dürfte doch zweifelsohne schon unter ihm eine Domschule zur Ausbildung des künftigen Klerus bestanden haben.


1) Schlie (II, 506) will die von Halberstadt als Stifter der Kirche in Brütz angesehen wissen. Allein nach einer von ihm selbst (ibid.) angeführten Urkunde von 1456 hat erst Herzog Heinrich ihnen das Patronat verliehen; es war also ursprünglich landesherrlich und befindet sich auch schon 1534 wieder in den Händen der Herzöge.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 167 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Vielleicht darf der Magister Heribertus, welcher 1178 (125) unter den Domherrn erscheint, als Rektor derselben angesehen werden. Zunächst freilich werden Domherrn und Pfarrer aus Alt=Deutschland gekommen und zum Teil mit den deutschen Kolonisten eingewandert sein. Ob sich unter dem Dom= und Pfarrklerus wenigstens gegen Ende des Jahrhunderts auch Wenden befanden, entzieht sich leider der Beurteilung, da wir nur christlichen oder deutschen Namen bei den Priestern begegnen, unter ersteren sich aber auch Wenden verbergen könnten. Immerhin kann es nur in ganz verschwindendem Maße der Fall gewesen sein. Man hat es von Brunward, Bernos Nachfolger, behauptet, der unter diesem seit 1178 (125) als Domherr erscheint, daß er wendischer Herkunft gewesen sei (Lisch, Meckl. Urk. III, 51; Usinger, Deutsch=dänische Geschichte S. 269), allein mit Recht ist es schon von Grimm (in Schirrmacher, Beitr. zur mecklenburgischen Geschichte I: die mecklenburgische Kirche unter Brunward S. 2) angezweifelt worden. Seine deutsche Verwandtschaft (510, 421, 391, 440), sein deutscher Name sprechen entschieden dagegen. Vielmehr, da er die Mönche von Amelungsborn als "fratres mei" bezeichnet (257), darf er mit Rudloff (Germanisierung S. 91) wie Berno als Amelungsborner Cisterzienser angesehen werden. Dagegen spricht nicht, daß er schon lange Kanonikus in Schwerin gewesen ist, denn es war nach den Statuten der Cisterzienser einem Ordensbischof gestattet, zwei Brüder als seine vertrauten Begleiter mit sich zu nehmen. Wie es denn überhaupt scheint, als ob Berno aus den Kreisen seiner Ordensbrüder manche Missionshelfer gekommen sind (257), wozu herangezogen werden mag, daß es später bei Beginn der preußischen Mission durch Christian von Oliva gerade die deutschen Cisterzienserklöster waren, aus welchen derselben so viele Mitarbeiter zuströmten, daß schließlich die Ordensoberen gegen das überhandnehmende Verlassen der Klöster Maßregeln ergreifen zu müssen meinten (Hauck, K.=G. D. IV, 643).

Wenden wir uns nun zu dem Gebiete, welches Pribislav im Jahre 1167 zurückerhalten hatte, so lagen hier die Verhältnisse für ein schnelles Fortschreiten der Christianisierung, wie schon erwähnt, wesentlich ungünstiger als in der Grafschaft Schwerin. Eine deutsche Einwanderung, an welche sich dieselbe hätte anlehnen können, gab es vorläufig noch nicht. Ernst (a. a. O. S. 69ff.) behauptet zwar, daß sich im Lande Ilow von 1160-63 her die deutsche Einwanderung gehalten habe und nimmt ein weiteres allmähliches Einströmen von Deutschen schon von 1167 ab an.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 168 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Er redet von Resten deutscher Kolonien, die bei der Gründung von Doberan in dessen Gebiet und weiterhin bis an die Warnow noch vorhanden waren, wozu er die villa Germari und duae villae Brunonis (122) sowie die sog. schwarzen Dörfer rechnet, zu denen Parkentin und Wilsen gehören. Allein, daß im Lande Ilow zwischen 1160 und 1163 eine deutsche Einwanderung stattgefunden habe, ist gänzlich unerweislich. Wir hören nur, daß die Burg Ilow mit sächsischen Kriegsmannen belegt war; das ist aber keine Einwanderung. Daß schon von 1167 ab vereinzelte deutsche Ansiedelungen in dem wendischen Mecklenburg stattgefunden haben, ist nicht undenkbar, aber es fehlt bis auf das Gebiet von Doberan an allen Spuren. Daß aber auf dem letzteren schon zwischen 1160 und 1163 deutsche Niederlassungen entstanden seien, ist von vornherein höchst unwahrscheinlich, da es außerhalb der sächsischen Grenzlinie und des Schutzes der sächsischen Burgen lag. Die Dörfer des Germar und Brun aber treten erst 7 Jahre nach der Klostergründung auf. Es sind in jenen Männern weit wahrscheinlicher die vom Kloster zur Besetzung mit deutschen Bauern engagierten Lokatoren zu sehen als etwaige deutsche Vorbesitzer. Und endlich jene 14-15 schwarzen Dörfer mögen freilich als deutsche der eigentlichen Kolonisation voraufgehen, aber auch dann bleibt für ihre Besetzung immer noch der fast 40jährige Zeitraum von 1167-1204 wahrscheinlicher als die Jahre 1160-63. Sie hätten noch weiter wie die Brunsdörfer von der sächsischen Grenze entfernt gelegen.

Von deutscher Einwanderung ist also zunächst noch nicht die Rede. Vielmehr hören wir, daß Pribislav die zerstörten Burgen Mecklenburg, Ilow und Rostock wiederaufbaute und sich bemühte, die infolge der langdauernden Kriegsverwüstungen unstet gewordene wendische Bevölkerung wieder seßhaft zu machen. An eine Herbeiziehung deutscher Kolonisten dachte er nicht (Helmold II, 14 Schluß). Berno hatte es also ausschließlich mit Wenden zu tun. Wie langsam und schwierig aber unter diesen die Christianisierungsarbeit war, beweist am deutlichsten, daß noch 1219 Brunward es ausspricht, auch er habe wie jener Götzenbilder zu beseitigen, und das rohe Wendenvolk müsse erst durch die Einwanderung von Christen zum Glauben gebracht werden (255). 1 ) Aber nicht nur in der geringen Zugänglichkeit der Wenden


1) Die Echtheit der Urkunde ist zwar von Buchwald (Bischofs= und Fürstenurkunden 250f., 288 ff.) bestritten. Doch liegt auch hier auf jeden Fall eine echte Urkunde zu Grunde und beziehen sich die Fälschungen nur auf einzelne Angaben.
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 169 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

lagen die Schwierigkeiten, mit denen Berno zu kämpfen hatte, sondern vor allem wohl trotz einzelner Gehülfen aus seinem Orden in dem Mangel an Priestern. Deutsche Priester, die des Wendischen mächtig waren, waren selten, und allein unter den Wenden auszuhalten, erforderte eine Entsagungswilligkeit, zu der nicht jeder fähig war. Man denke an die Schilderungen Helmolds aus Wagrien, speziell in Oldenburg. Etwas anderes sind Missionsreisen mit ihrem kürzern oder längern Verweilen an einem Orte und ihrer immer wiederkehrenden Rückkunft zum Ausgangspunkt, etwas anderes ein jahrelanges Ausharren als Priester an einem mitten in heidnischer fremdsprachiger Umgebung gelegenen Kirchlein; letzteres aber war nicht Sache der Missionsgehülfen aus dem Cisterzienserorden. Um so höher sind die Namen der deutschen Priester zu schätzen, die diesen entsagungsvollen Dienst geleistet haben, eines Marsilius von Lübow, Hartmann von Buckow (152, Thiedwig von Rostock und Heinrich von Goderak (147).

So wird man sich nicht wundern dürfen, daß die Christianisierung hier nicht so schnelle Fortschritte machte wie im Ratzeburger Sprengel, wo sie ihren Rückhalt an der deutschen Einwanderung hatte. Es fehlte an geeigneten Stützpunkten für die Mission. Solche aber schuf Berno sich in den beiden Klostergründungen, die auf sein Betreiben in den Jahren 1171 und 1172 zustande kamen, der von Doberan und Dargun. Deutlich sieht man das aus der Übertragung der kirchlichen Versorgung der ihnen zugewiesenen Landstrecken an die neugegründeten Klöster. Sie waren als Ausgangspunkte der geplanten Mission gedacht, wie wir denn bei der Gründung von Dargun hören (111), daß bis dahin im ganzen pommerschen Circipanien noch keine Kirche errichtet war. Ähnlich wird es auch später noch in manchen Gegenden Mecklenburgs gestanden haben.

Die wenigen direkten Notizen über von Berno gegründete Kirchen sind schnell aufgezählt. Im Jahre 1178 bestand in Viecheln eine Kirche (125), 1189 in Rostock und Goderak (- Kessin) (147), 1192 in Lübow und Alt=Buckow (152). Dazu läßt sich aus M. U.=B. 3116 ausrechnen, daß die Kirche von Kröpelin etwa um das Jahr 1186 gegründet sein muß. Nimmt man dazu die Klosterkirchen von Doberan und Dargun selbst, so hat man mit diesen 8 alle Kirchen, von denen es direkte Nachrichten gibt. Aber diese Nachrichten sind mehr oder weniger zufällige Notizen. Es fragt sich doch, ob das wirklich alles ist, was Berno erreicht hat, oder ob man noch mit einiger Sicherheit auf eine

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 170 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Reihe weiterer Kirchen schließen kann, die ihm ihren Ursprung verdanken. Es wird sich empfehlen, die einzelnen Landschaften Mecklenburgs daraufhin durchzugehen. Vorausgeschickt werden aber mag hier die Bemerkung, daß alle Pfarren, welche als ursprünglich ritterschaftlichen Patronates erscheinen, von vornherein als jünger auszuscheiden sind, da der deutsche Adel erst seit 1189 sich in bemerkenswerter Zahl in der Umgebung der Wendenfürsten zu zeigen beginnt (cf. 147, 152, 197 mit 239, 244 usw.), vorher aber nur ganz vereinzelt. Wo aber aus dem Grundbesitz wendischen Adels vor dem Eindringen des deutschen Rechtes Pfarren gegründet sind, da fiel das Patronat, soweit es sich nachweisen läßt, den Landesherrn zu 1 ).

Ich beginne mit dem Stiftslande Bützow, über dessen Umfang man Wigger M. Jbb. 28, 204-211 vergleichen möge. Dieser meint (ebendort S. 277): "Es läßt sich erwarten, daß in des Bischofs Stiftsland Bützow die kirchliche Organisation schon einige Fortschritte gemacht hatte; aber freilich war diese Gegend durch den Einfall der Circipanier (1179) schwer betroffen und die Gründung des (versprochenen) Klosters daselbst bisher verhindert." Aber auch dieses schon stark eingeschränkte Urteil scheint mir noch zu optimistisch zu sein. Vielleicht ist zu Bernos Zeit noch keine einzige Kirche im Stiftslande begründet worden. Im Jahre 1229 (M. U.=B. 365) sagt nämlich Brunward bei Dotierung einer zweiten Priesterstelle an der Kirche in Bützow: "preter ea, quibus ecclesiam Butzowensem in consecratione ipsius dotavimus". Darnach hat erst Brunward die Kirche in Bützow geweiht und dotiert. Man könnte nun annehmen, es handle sich dabei nicht um die erste Kirche, sondern etwa um einen anstelle der ersten Notkirche tretenden Steinbau, allein da die Konsekration mit der Dotation verbunden ist, muß an die Begründung der Pfarre gedacht werden. Zudem findet sich keine Spur, daß Berno sich je in Bützow, diesem Hauptort seines Stiftslandes, aufgehalten habe. Die erste Erwähnung des Ortes, abgesehen von der Dotations= und den Bestätigungsurkunden des Bistums, die hier nichts besagen, ist aus dem Jahre 1224: M. U.=B. 300, eine Urkunde Brunwards ist, von hier datiert. Nun gibt es zwar ein Chemnitzsches Regest (127), nach welchem Heinrich Borwin im Jahre 1179 dem Heinrich von Bützow -


1) Vergl. Levin bei Dargun, das von Rochill gegründet ist (799), dessen Patronat aber 1241 (527, 604) offenbar der Landesherr hat. Ebenfalls eine Gründung Rochills ist Schorrentin (Schlie I, 594). Auch hier ist das Patronat landesherrlich (Visit. 1534).
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 171 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

vermutlich dem dortigen Kastellan des Bischofs - das halbe Schloß Marlow mit 9 dazu gehörigen Dörfern verleiht, und wir hätten demnach schon unter Berno einen deutschen Ministerialen als Kastellan in Bützow, was an sich nichts Unwahrscheinliches hat, dann aber vermutlich doch auch eine Kirche und Kaplan. Allein das Regest gehört schwerlich in das Jahr 1179. Einesteils war damals Borwin garnicht in der Lage, so, wie es hier geschieht, die Vogtei Marlow zu verleihen, da sie garnicht in seinen Händen, sondern in denen seines Vetters Nikolaus von Rostock war. Anderenteils scheint ein Clandriansches Regest aus einer Urkunde von 1210 (192) auf dieselbe Urkunde zurückzugehen. Hier werden jene 9 Dörfer namentlich aufgeführt und es finden sich unter ihnen solche mit deutschem Namen, wie Halemerstorp. Daß es um 1179 schon deutsche Dörfer bei Marlow gegeben habe, erscheint aber als ausgeschlossen. Somit wird die genannte Belehnung überhaupt erst um 1210 stattgefunden haben und jenes Jahr, das Chemnitz angibt, ein Irrtum sein. Mag aber immerhin schon zu Bernos Zeit in Bützow ein Kastellan und neben ihm ein Kaplan gewesen sein, der aus dem Wendenzehnt seine Besoldung erhielt (man erinnere sich an Vizelins erstes Kirchlein in Oldenburg, das bald wieder verwaist stand), zur Errichtung einer eigentlichen Pfarre kam es erst unter Brunward. Nun ist Bützow als Hauptort aber fraglos die älteste Pfarre des Stiftslandes, was übrigens auch aus der Größe ihres Kirchspiels hervorgeht, das die im Laufe der Kolonisation des 13. Jahrhunderts im Stiftslande gegründeten um mehr als das Doppelte übertrifft. Zu Bernos Zeit bestand also jedenfalls außer vielleicht in Bützow dort noch keine Kirche. Auch Warin beginnt erst in der späteren Zeit Brunwards, von 1229 (363) ab, als häufiger Aufenthaltsort der Bischöfe hervorzutreten. Vorher begegnet uns der Ort wie Bützow nur in den Bestätigungsurkunden des Bistums.

Wenden wir uns nun westwärts zur Herrschaft Mecklenburg. Sie umfaßte im Schweriner Sprengel die drei Länder Mecklenburg, Brüel und Ilow (=Buckow).

Im Lande Mecklenburg bestanden, wie oben erwähnt, die beiden Pfarren Lübow und Viecheln, erstere mit ihrer um der Wende des 12. zum 13. Jahrhunderts erbauten eigenartigen Backsteinkirche - jedenfalls dem ältesten Bauwerk im Lande Pribislavs und Burwys -, wenn der Ausdruck gestattet ist, die Hofkirche der Wendenfürsten. In ihrem Kirchspiel lag die Burg Mecklenburg selbst. Nach Bischof Boguphals Aussage (M. Jbb.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 172 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

27, 128, cf. 45, 13) wurde der Burgwall Mecklenburg von den Wenden nach dem Orte Lübow benannt. Dieser war also fraglos einst der Hauptort des ganzen Burgwardes, und da die wendischen Burgen nur in Kriegszeiten bewohnt waren, wird Lübow als die Hauptresidenz Pribislavs - soweit diese Bezeichnung überhaupt für jene Zeit schon anwendbar ist - zu gelten haben. Es ist also der Hauptort des Burgwardes, an welchem die Kirche errichtet ward. Beide Kirchen, Lübow und Viecheln, waren landesherrlichen Patronates (Visit. 1534). Denn auch in Viecheln, wo später die Plessen im Besitze desselben sind, haben sie es nur als landesherrliches Lehen (7421). Schlie, (II, 287f.) sieht freilich diese, speziell den angeblich schon mit Heinrich dem Löwen ins Land gekommenen Helmold von Plessen als Begründer der Kirche an. Indes ist die Tradition, daß dieser Helmold die 7 Kirchen von Viecheln, Brüel, Müsselmow, Holzendorf, Herzberg, Wamkow und Bibow begründet habe, eine gänzlich haltlose Sage. In Bibow sind unstreitig die von Bibow Gründer und Patrone der Kirche (Schlie III, 472), in Brüel die Landesherrn (ibid. 286 f.) usw. Und jener Helmold selbst entbehrt durchaus der geschichtlichen Wirklichkeit. Der erste urkundlich nachweisbare Plessen begegnet uns nicht vor dem Jahre 1262 (989).

Viecheln und Lübow scheinen aber auch die beiden einzigen Pfarren zu sein, die in Bernos Zeit hinaufreichen. Die kleinen ritterschaftlichen Kirchspiele Goldebee, Zurow, Jesendorf, Bibow welche sich in schmalem Zuge zwischen den größeren landesherrlichen Pfarren Alt=Wismar (=Hornstorf), Lübow und Viecheln einerseits und dem Klostergebiete von Neukloster andererseits hindurchziehen, scheiden nach dem oben Gesagten von vornherein aus. Außerdem charakterisieren sie sich schon durch ihre geringe Größe und ihre Lage als jüngere Gründungen. Endlich fehlen, abgesehen von Bibow, dessen Pfarrer 1282 (1596) erscheint, bis ins 14. Jahrhundert jegliche Spuren ihrer Existenz. In Neukloster, dem Orte des wendischen castrum Kuthin (91), kann noch 1219 bei Begründung des Nonnenklosters keine Pfarre bestanden haben, da sonst die Pfarrkirche als dem Kloster geschenkt oder den Landesherrn reserviert hätte erwähnt werden müssen (254, 255 cf. mit der Urkunde für das Kloster Zarrentin 703). Auch in dem ganzen dem Kloster zugewiesenen Besitz kann noch keine Kirche gewesen sein, da sonst die von Kessin nicht die einzige gewesen wäre, die ihm überwiesen wurde. Zudem spricht Brunward es geradezu aus, daß die Gründung zur Ausbreitung des

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 173 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

christlichen Glaubens unter den heidnischen Wenden erfolge (255). Bäbelin, das vielleicht auch noch zum Lande Mecklenburg zu rechnen ist, hat erst durch Neukloster eine Kirche erhalten (454 cf. mit 3079, 3595, 4153).

Somit kämen neben Lübow und Viecheln nur noch Alt=Wismar und Mecklenburg selbst in Frage. Die Kirche des ersteren, urkundlich zuerst 1260-72 (906) erwähnt, ist sicher nicht älter als der Hafen, welcher im Jahre 1211(202) vorhanden war, wahrscheinlich aber - wenn Buchwalds scharfsinnige Vermutung richtig ist, daß M. U.=B. 100, B aus dem Jahre 1189 stammt -, hat der Hafen schon damals bestanden und wäre es nicht ausgeschlossen, daß dort schon eine Kirche war. Immerhin macht es dagegen bedenklich, daß 1219 (254, 255, 256) bei der Gründung von Neukloster zwar die Pfarrer der umliegenden Kirchspiele von Lübow, Neuburg und Buckow zugegen waren, aber kein Pfarrer von Alt=Wismar.

Mecklenburg selbst aber mit seinem ganz besonders kleinen Kirchspiel - es umfaßte ursprünglich nur Mecklenburg und Moidentin (Schlie II, 282, 266), und beides sind nach der Witteschen Karte nur wendische Tagelöhnerdörfer - kann schwerlich als Anfangspfarre angesehen werden, zumal die Burg selbst bis zur deutschen Einwanderung als im Frieden unbewohnt anzusehen ist. Um 1223 (299) war Mecklenburg allerdings bereits ein selbständiges Kirchspiel. 1 )

Im Lande Brüel erscheint dieses selbst 1222 (282) als Pfarre; möglicherweise ist sie als eine der alten wendischen Burgwardpfarren anzusehen (vgl. über diese weiter unten. Freilich, ob sie schon in Bernos Zeit hineingehört, bleibt recht fraglich.

Den nordöstlichen Teil der Herrschaft Mecklenburg bildete das Land Ilow, die spätere Vogtei Buckow. (Über ihre Ostgrenze vergl. Rudloff M. Jbb. 61). Hier lagen 10 teils dem Bischof, teils dem Kapitel gehörige Dörfer. Wigger (M. Jbb. 28, 277) nennt hier als von Berno begründete Kirchen die von Neuburg und Buckow und bemerkt: "Auch auf den Gütern des Bischofs und des Kapitels wurden gewiß früh christliche Kolonisten angesiedelt. Neben diesen lagen die Ilowschen Güter des Klosters Doberan." Er nimmt also hier schon zu Bernos Zeit eine Einwanderung von Deutschen an und eine infolgedessen verhältnis=


1) Schlie (11, 281) irrt, wenn er Mecklenburg erst nach 1360 selbstständige Pfarre werden läßt. Er hat es übersehen, daß es M. U.=B. 299 "plebanus Magnopolensis" heißt und nicht wie bei den Vorzeugen "capellani curiae".
Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 174 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

mäßig weit vorgeschrittene Christianisierung. Um die Ermittelung der dem Bistum gehörigen Dörfer hat er sich viele Mühe gegeben (S. 211 ff.), jedoch mit wenig Erfolg. Von den später als im Besitz des Bistums erscheinenden Dörfern Biendorf, Moitin, Questin, Wischuer, Gagzow, Lischow mit Vogelsang, Güstow, Zarfzow mit Wendisch=Zarfzow und Rawensberge, die jedoch zum Teil schon früh in andere Hände gekommen oder an Ministerialen als Lehn vergeben worden sind, kommen nur drei (Moitin, Lischow und Questin) mit Sicherheit unter den Dörfern der Dotationsurkunde vor. Zu identifizieren sind aus ihr noch Alt=Ilow und vermutungsweise Panzow; die übrigen bleiben dunkel. Sie sind vermutlich später bei der deutschen Einwanderung in den Feldmarken deutscher Dörfer untergegangen. Da diese untergegangenen wendischen Namen aber noch 1211 (202) unverändert wiederkehren, sind sie offenbar auch damals noch nicht von "christlichen Kolonisten", d. h. Deutschen, besetzt gewesen. Auch eine Kirche findet sich auf keinem dieser geistlichen Dörfer, mit Ausnahme des später im Besitz des Kapitels befindlichen Biendorf, in welchem Wigger Nistiz oder Curivitz der Dotationsurkunde vermutet. Wann die Kirche gegründet ist, bleibt unsicher, und leider auch, unter wessen Patronat sie stand. Im Visitationsprotokoll von 1534 fehlt sie, war also damals nicht landesherrlich, 1550 dagegen wird sie vom Herzog besetzt (cf. Schlie III, 534). Hatte das Patronat dem Kapitel gehört? Jedenfalls aber ist es unwahrscheinlich, daß die Kirche älter ist als der deutsche Name des Ortes. Auch für die Doberanschen Güter im Lande Ilow: Farpen, Rybenitze Redentin und Polaz kommt eine deutsche Besiedelung in so früher Zeit noch nicht in Frage: 1177 (122) waren sie noch nicht im Besitz des Klosters; erst Burwy hat sie denselben geschenkt (152). Beachtet man nun, daß erst 1218 (239) Doberan sich von Burwy das Ansiedelungsrecht geben läßt, und 1230 (380) von Brunward den Zehnt von Redentin und Farpen, 1232 (406) auch den von Polaz erhält, so scheint die Besetzung dieser Orte mit Deutschen und damit das Zehntpflichtig werden derselben erst zwischen 1218 und 1230 zu liegen und ist jedenfalls nicht allzuweit über 1218 hinaufzurücken. Waren aber bis zum Ende der Zeit Bernos und darüber hinaus selbst die Kloster= und Bistumsgüter noch nicht germanisiert, so wird überhaupt eine Ansiedelung von Deutschen im Lande Ilow bis zum Ende des Jahrhunderts in irgend erheblichem Umfange nicht stattgefunden haben, zumal sich nicht die geringsten Spuren einer solchen nachweisen lassen.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 175 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Wie weit ist nun die kirchliche Organisation vorgeschritten, ehe die deutsche Einwanderung und mit ihr die Periode massenhafter Kirchgründungen kam?

Betrachten wir zunächst die Kirchspiele nach Lage und Größe. Das von Neuburg umfaßte noch im 13. Jahrhundert das jetzige Dreveskirchener (363); zu dem von Alt=Buckow muß ursprünglich noch das Neu=Buckower gehört haben, da letzteres um 1220 überhaupt noch nicht vorhanden war (Schlie III, 488). Auch Form und Lage beider zeigt ihre einstige Zusammengehörigkeit. Beachtet man das, so ist Anordnung und Größenverhältnis der Ilowschen Kirchspiele ebenso charakteristisch wie die der Mecklenburger: im Westen folgen von Süden nach Norden die drei großen Kirchspiele Neuburg, Buckow und Gaarz aufeinander mit je 14 bis 29 Ortschaften, alle drei schon zur Wendenzeit hervorragendere Orte - Neuburg mit seinem gewaltigen Burgwall, der schon 1171 (Helmold II, 14 Schluß) bestanden haben muß, und auf dem in der Tat wendische Scherben gefunden sind, (Schlie II, 243 f.); Buckow, der Ort, dessen Namen das Land neben dem seines alten Burgwalles Ilow trug, und der wie Lübow für das Land Mecklenburg hier der Sitz der wendischen Verwaltung war, endlich Gaarz, ebenfalls mit einer wendischen Burganlage (Schlie III, 722). Diesen drei großen Kirchspielen vorgelagert ziehen sich an der Ostgrenze des Landes gegen das zum Lande Rostock gehörige Gebiet der Abtei Doberan und die spätere Vogtei Schwaan entlang die kleinen, nur je 2 bis höchstens 9 Ortschaften umfassenden Kirchspiele Bäbelin, Mulsow, Westenbrügge, Biendorf, Brunshaupten und, zwischen Gaarz und Buckow eingekeilt, Russow. Es ist ohne weiteres deutlich, daß letztere die jüngeren nachgegründeten sind und erst der eigentlichen Kolonisationszeit angehören, die ersteren drei aber sich als ältere, auf die wendische Burgwardverfassung zurückgehende Kirchgründungen von ihnen abheben. Die Kirchen von Bäbelin und Brunshaupten sind zudem nachweislich erst von Neukloster ausgegangen, also nach 1219, und Mulsow gehört als, wie es scheint, von Anfang an ritterlichen Patronates (Schlie III, 496 f.) ebenfalls erst in spätere Zeit. Biendorf und Westenbrügge weisen schon durch ihre deutschen Namenformen auf die Kolonisationszeit hin, und Russow mit seinem Kirchspiel von nur 4 Ortschaften ist zu klein, um als Anfangskirchspiel gelten zu können.

Es kommen also außer dem für 1192 (152) gesicherten Buckow nur Neuburg und Gaarz als Bernskirchen in Frage.

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 176 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

Aber auch sie sind doch wohl als dem ersteren gegenüber jünger anzusehen. Schon das wäre auffallend, daß in jener Versammlung von 1192 (152) der Priester von Neuburg gefehlt hätte, während seine beiden Nachbarn von Buckow und Lübow erschienen waren. Zudem liegt Alt=Buckow mit seiner Kirche so dicht an der Grenze seines alten, aus denen von Alt= und Neu=Buckow gebildeten Kirchspiels nach Neuburg zu und bildet dagegen genau den Mittelpunkt der drei Ilowschen Kirchspiele Neuburg=Drewskirchen, Mulsow und Buckow, daß man annehmen muß, es sei einst für diesen ganzen Umkreis als einzige Kirche erbaut worden. Sicher aber gehört auch das Neuburger Kirchspiel schon um seines enormen Umfanges willen nicht erst zu denen der großen Kolonisation. Damals erhielt es eben aus diesem Grunde schon seine Filiale (363). Die Kolonisationskirchspiele, wie wir sie im Ratzeburgischen kennen gelernt haben, und wie sie uns auch im Schwerinschen wieder begegnen werden, sind alle kleineren Umfanges. So wird die Neuburger Kirche in die letzte Zeit Bernos oder die erste Brunwards zu setzen sein, und dasselbe wird dann auch für Gaarz gelten. Urkundlich begegnet uns Neuburg zuerst 1219 (254), Gaarz 1230 (380) als Pfarrort. - Die Kirche von Buckow aber, wie sie die älteste bezeugte ist und am Hauptort errichtet, war einst die einzige für das ganze nach ihm genannte Land. Alle drei sind übrigens, wie es für Anfangskirchspiele selbstverständlich ist, landesherrlichen Patronates (Neuburg: 3096; Alt=Buckow: 4025; Gaarz: Visit. 1534).

Indem wir uns nun weiter ostwärts wenden, verlassen wir das Gebiet der Obotriten und betreten mit der Abtei Doberan das der Kessiner. Doberan war im Jahre 1171 auf Bernos Betreiben von Pribislav begründet worden. Neben den Interessen seines Ordens leitete Berno dabei, wie schon gesagt, die Absicht, in der Ordensniederlassung einen neuen Stützpunkt der Mission und Christianisierung zu gewinnen. Das Gebiet, welches Pribislav derselben überwies und für dessen kirchliche Versorgung sie nach Berno's Anordnung aufzukommen hatte, lernen wir aus dem ihr von letzterem 1177 gegebenen Bewidmungsbriefe kennen (122). Es ist das Gebiet der jetzigen 5 Kirchspiele Kröpelin, Steffenshagen, Doberan, Rethwisch und Parkentin. Damals, also 7 Jahre nach dem Einzuge, gab es hier außer Doberan (=Althof) selbst 7 Ortschaften wendischer Herkunft und Namens, dazu in "Cubanze", d. h. wohl der Gegend von Kröpelin, 4 Dörfer, das des Bruze, des Germar und zwei des Brun, letztere drei offenbar schon nach den deutschen Lokatoren genannt, denen sie zur Besiedelung zuge=

Seite dauerhaft verlinken Seite als Digitalisat öffnen Seite 177 zur ersten Seite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite zur letzen Seite

wiesen waren. Aber auch unter den Dörfern wendischen Namens mag schon das eine oder andere als deutsch angenommen werden, wenn auch einzelne, wie Stülow und Hohenfelde noch nach 100 und mehr Jahren wendisch waren und auch auf der Witteschen Karte noch wendische Hufen zeigen, da unter ihnen Doberan ausdrücklich von der villa Slavica Doberan unterschieden wird. Jedenfalls hat dies für die beiden ältesten Kirchorte der Abtei, Kröpelin und Parkentin, zu gelten, da die Kirchen naturgemäß dort gebaut sein werden, wo sich deutsche, d. h. christliche Bauern niedergelassen hatten, für die die kirchliche Versorgung die conditio sine qua non ihres Kommens war. Letzteres zeigt auf der Karte überhaupt keine wendischen Spuren mehr und neben ersterem findet sich ein Wendfeld, das sicherste Zeichen, daß der Ort selbst mit Deutschen besetzt war. Jene 4 Dörfer in Cubanze verschwinden mit Kröpelin zwischen 1192 und 1209 (152 u. 191) aus dem Besitz des Klosters, kehren jedoch noch 1230 (380) in der Zehntbestätigung Brunwards, ebenfalls mit Kröpelin zusammen, wieder, während in der Zehntbestätigung von 1273 (1297) alle 5 endgültig verschwunden sind. Man wird sie auf der späteren Feldmark der Stadt Kröpelin bezw. denen der nicht im Klosterbesitz befindlichen Dörfer des Kröpeliner Kirchspiels, Hanshagen und Detershagen zu suchen haben (cf. Wigger M. Jbb. 28, 238 u. Rudloff M. Jbb. 61, 272 ff). Da nun das Kirchspiel Kröpelin diese bald nach 1192 aus dem Besitz von Doberan gekommenen Orte umfaßt und die Pfarre dem Bannrecht des Abtes unterstand, so ist sie ohne Frage noch vor diesem Besitzwechsel vom Kloster aus gegründet worden. Noch etwas weiter hinaufrücken ließe sich ihre Gründung, wenn die 1306 (3116) gemachte Aussage des Kröpeliner Pfarrers Ludolf Glauben verdient, daß er selbst die Pfarre ca. 40 Jahre verwaltet habe und seine Vorgänger ca. 80 Jahre, was auf das Jahr 1186 führen würde. Nun lag das Kloster aber nach dem Überfall von 1179 bis zur Neubesetzung im Sommer 1186 in Trümmern. Wir werden also mit der Pfarrgründung entweder über 1179 hinauf oder über 1186 hinunter zu gehen haben. Die Wahrscheinlichkeit spricht für das erstere, da ja die kirchliche Versorgung der schon um 1177 hier nachweisbaren deutschen Ansiedler unumgänglich war und in eben jener Urkunde von 1177 zum mindesten in Aussicht genommen wird. Dürfen wir aber von Kröpelin annehmen, daß hier zwischen 1171 und 1179 eine Kirche gebaut ward, so spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß dassel