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Verein für mecklenburgische Geschichte und
Altertumskunde

 
 

Mecklenburgische

   

Jahrbücher

 
 
   

Gegründet von Friedrich Lisch

 
 
 
 
   

101. Jahrgang 1937

 
 
   

Beiheft

 

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Die Geschichte
der mittelalterlichen Selbstverwaltung
in den mecklenburgischen Landstädten

 

 

von

 

Wolf-Heino Struck

Dr. phil.

 

 

Rostock 1938


Eduard Klinz Buchdruck=Werkstätten Halle (Saale), Dölauer Straße 14

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Meinen Eltern

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Inhaltsverzeichnis

Seite
Vorwort 7
Kapitel 1: Die Entstehungsgeschichte der mecklenburgischen Landstädte und die Hauptquellen zur Kenntnis ihrer ältesten Verfassung 11
A. Die Entstehungsgeschichte 11
   § 1. Übersicht über die Gründungszeit und die Entstehungsweise der Städte 11
   § 2. Der kolonisationsdeutsche Charakter des mecklenburgischen Städtewesens 15
B. Die Hauptquellen der ältesten städtischen Verfassung 19
   § 1. Die Stadtrechte 19
   § 2. Die durch den Kolonisationszusammenhang bedingte Rechtsverwandtschaft 23
Kapitel 2: Das Verhältnis von Stadt und Staat in Mecklenburg während des Mittelalters 35
A. Die Grundzüge der landstädtischen Verfassung in der ältesten Zeit 35
   § 1. Die ursprünglichen Bestandteile der Selbstverwaltung in den Landstädten 35
   § 2. Die Rechte des Landesherrn in den Landstädten 45
      1) Der Zusammenhang von Stadt und Vogtei 46
      2) Sonstige landesherrliche Rechte in den Städten 57
B. Die Verselbständigung der Städte und die Vermehrung ihrer Rechte im Laufe des Mittelalters 67
   § 1. Die Veränderungen in der städtischen Gerichtsverfassung 67
   § 2. Die Geltendmachung eines eigenen Besteuerungsrechtes 83
   § 3. Die Erlangung der landesherrlichen Regalien 87
   § 4. Das Übergreifen der Städte auf das Kirchen= und Schulwesen 92
   § 5. Die Erringung politischer Selbständigkeit 98
C. Das Ergebnis der Entwicklung: die in der Hand des Landesherrn verbliebenen Rechte 103
Kapitel 3: Der innere Aufbau der bürgerlichen Selbstverwaltung während des Mittelalters 106
A. Der Rat 106
   § 1. Die Befugnisse des Rates 106
      1) Die Vertretung der Stadt nach außen 106
      2) Die Rechtspflege 107
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Seite
      3) Die innere Verwaltung 111
         a) Allgemeines 111
         b) Die Ordnung des städtischen Wirtschaftslebens 116
         c) Die Aufsicht über die gewerblichen Genossenschaften 122
         d) Die Wohlfahrtspflege im engeren Sinne 128
         e) Die Verwaltung des Polizeiwesens 137
      4) Die Sorge für die militärische Sicherung der Stadt 141
      5) Die Verwaltung des Gemeindehaushalts 152
   § 2. Die Verfassung des Rats 170
      1) Bestellung, Amtsdauer und Zahl der Ratsherren 170
      2) Die Ratsämter und die Unterbeamten der Stadt und des Rats 176
      3) Die Einkünfte des Rats (Amtsentschädigungen) 184
B. Die Gemeinde 186
   § 1. Der Erwerb des Bürgerrechts 186
   § 2. Pflichten und Rechte der Bürger 199
      1) Gerichtliche, militärische, wirtschaftliche Pflichten und Befugnisse 199
      2) Der Anteil der Bürgerschaft und ihrer Gliederungen an der Stadtregierung 202
         a) Die soziale Zusammensetzung des Rats 202
             Nachweis einer handeltreibenden Oberschicht in einer Reihe von Städten 202
             Ihr Verhältnis zum Rat 209
             Untersuchung über das Vorkommen oder fehlen eines Patriziats 213
         b) Der Anteil der Bürgerschaft an der Gemeindegewalt neben dem Rat 223
Quellen 243
Literatur 244
Abkürzungen 246
Register 247
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Vorbemerkung

Die Jahrhunderte haben stets ihrem Grundgedanken auch in der Form der städtischen Verfassung und Verwaltung Ausdruck verliehen. Dennoch gilt es Vergangenes immer wachzurufen, um daraus zu lernen, nicht zu sklavischer Nachahmung, sondern zu festerer Stütze des eigenen Standortes. Große Zeiten treten nahe aneinander heran, sind aber groß gerade durch ihre eigene geschichtsbildende Kraft. Von den Schlacken unangemessenen Fremdgutes gereinigt ist der Grundgedanke jener Städteordnung, um dessen willen der Freiherr vom Stein mit Leidenschaft im Rahmen des nationalen Befreiungskampfes ihre Durchführung betrieb: der Wille, durch Gewährung von Selbstverwaltung von abseitsstehendem Nörglertum fort und zu Staats= und Volksbejahung und Gemeinschaftsarbeit hinzuführen, heute im deutschen Gemeindegesetz wieder erweckt worden.

Der Stadt des Mittelalters fehlte diese klare Einordnung in ein größeres, kraftvolleres Ganzes. Bei den auf sich gestellten Gemeinden des dem Deutschtum zurückgewonnenen Gebietes war damals jedoch das gleichermaßen Notwendige vorhanden: die Fähigkeit, eigenverantwortlich Aufgaben zu übernehmen und zu lösen. Und das Gemeinschaftsleben hat hier - neben den noch vorwiegend dynastisch ausgerichteten Staatsgebilden - im Rahmen des freilich oft zeitbedingt engen Blickfeldes einen Höhepunkt gehabt, an den Stein anknüpfte, wenn er das politisch Wertvolle dieser zu seiner Zeit ja vielfach erstarrt und verzopft fortlebenden altdeutschen Welt in die Idee des Volksstaates einzuspannen suchte.

Die vorliegende Arbeit beschränkt sich wegen der andersartigen Verfassung der Strelitzer Städte (Brandenburger und Stendaler Recht) auf die Städte im Gebiet des früheren Mecklenburg=Schwerin. Die Sache forderte weiter, nur die Landstädte zu behandeln. Denn als bedeutende, nicht allein in ihrem Wirtschaftsleben über die Landesgrenzen hinausgreifende Seestädte nahmen Rostock und Wismar eine andere, eine unabhängigere Stellung zur Landesherrschaft ein als die sogenannten Landstädte. Sie zeigen aus diesem Grunde auch ein entwickelteres Gemeindeleben. Damit hängt wieder innerlich zusammen: sie besitzen ein ungleich reicheres Quellenmaterial, das die Dar=

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stellung der Verfassungszustände der Landstädte erdrückt hätte und überdies schon weitgehend von Sonderuntersuchungen ausgeschöpft ist. Es galt gerade, einmal für die infolge engerer Verhältnisse und eines den Archivalien meist mißgesinnten Geschickes quellenarmen Landstädte 1 ) das Material zur Geschichte ihrer Selbstverwaltung gesondert zusammenzutragen.

Als zeitlicher Endpunkt der Arbeit ist etwa das Jahr 1500 gewählt 2 ) Denn damals - unter Herzog Magnus - setzt eine neue Epoche ein. Die überkommenen Verhältnisse des Mittelalters haben sich mit der neuen obrigkeitlichen Staatsanschauung auseinanderzusetzen und werden, teilweise zwar durch die sich noch festigenden ständischen Rechte gestützt, in den folgenden Jahrhunderten jedoch durch jene Idee und die auf ihre Verwirklichung, auf die Schaffung eines geschlossenen Territorialstaats gerichteten landesherrlichen Bestrebungen weitgehend verwandelt.

Natürlich hat, genau genommen, jede Stadt ihre eigene Verfassungsgeschichte. Zunächst könnte es daher als das Richtige erscheinen, jeder Landstadt eine eigene Untersuchung zu widmen. In Wahrheit ist es zweckmäßig, ja m. E. notwendig, die Landstädte gemeinsam, nach systematischem Gliederungsprinzip zu behandeln. Die Landstadt ist auch im M. A., wenn schon gewisse Unterschiede obwalten, ein in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht abgerundetes Phänomen. Und das gleiche gilt infolge der Herrschaft dreier sich sehr ähnelnder Stadtrechte auch für das Rechtsleben. Nur bei der systematischen Anlage konnte ermüdenden Wiederholungen und kein verfassungsgeschichtliches Interesse bietenden Einzelheiten aus dem Wege gegangen werden. Gewisse Fragen waren nur unter Vereinigung des gesamten Materials zu behandeln. Schließlich ließ sich aus der in Bruchstücken auf die einzelnen Städte verteilten urkundlichen Überlieferung eine Anschauung von der landstädtischen Selbstverwaltung des Mittelalters als Ganzem lediglich dadurch gewinnen, daß man die Einzelzeugnisse, soweit es methodisch zulässig war, zu einem Bilde vereinigte.

Indes ist bei dieser zusammenfassenden Behandlungsweise zu beachten, daß Möglichkeit und Art der Schlußfolgerung frei von jedem Schema sind. Daher bedarf es eines Hinweises darauf, daß die Analogieschlüsse von Ort zu Ort in vieler Hinsicht vor den Mediatstädten haltmachen müssen. Auf deren verfassungsgeschichtliche Besonderheit näher einzugehen habe ich aber ver=


1) Vgl. unten S. 182.
2) Über den Anfangstermin vgl. S. 18.
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zichtet 3 ), da sie fast ausschließlich aus den neuzeitlichen Quellen ersichtlich ist und, bisher in der Literatur nahezu ganz übersehen, durchaus eine Sonderuntersuchung verdient.

Bis 1400 lag das Quellenmaterial der Arbeit nahezu vollständig im Meckl. Urkundenbuch gedruckt vor. Den Zugang zu den in Betracht kommenden Urkunden der folgenden Zeit eröffneten ein Repertorium des 18. Jahrhunderts betr. die städtischen Privilegien und die Sammlung "Städtische Urkunden", beides im Geheimen und Hauptarchiv zu Schwerin. Zu den Urkunden treten im 15. Jahrhundert in mehreren Städten als wichtige Quelle die städtischen Amtsbücher hinzu. Manche Aufschlüsse wurden endlich dadurch erzielt, daß ich wenigstens aus der 1. Hälfte des 16. Jahrhundert die Quellen der eigentlichen Aktenzeit eingehend berücksichtigte 4 ).

Das Thema ist in der Literatur nur gestreift. Als erster ist der Rostocker Rechtshistoriker G. Böhlau mit seinem Meckl. Landrecht 5 ) zu nennen. Aber ihm war noch die Mehrzahl der Quellen unbekannt, und da seine eigentliche Absicht auf die Darstellung des zu seiner Zeit geltenden - freilich historisch tiefverwurzelten - Rechts gerichtet war, erscheint die Stadtverfassung des Mittelalters in starker Verkürzung. Riecks Schilderung des "Städtischen Lebens in Mecklenburg im Mittelalter" (1899 und 1900) ist dann ein Beispiel dafür, wie sehr man sich bei der Behandlung dieses Gegenstandes an die beiden Hansestädte zu halten pflegte. An Vorarbeiten - wenigstens für ein Teilgebiet - liegen die Dissertationen von Hoffmann und Krüger vor 6 ). K. Hoffmanns für die städtische Siedlungsgeschichte grundlegende Arbeit "Die Stadtgründungen Mecklenburg=Schwerins in der Kolonisationszeit vom 12. bis zum 14. Jahrhundert" 7 ) betrachtet an Hand der Gadebuscher, Parchimer und Güstrower Stadtrechtsurkunde, sich so quellenmäßig beschränkend, die ältesten Verfassungszustände der 3 Städte. K. Krüger gibt in seiner Dissertation "Die Verfassungsgeschichte der Stadt


3) Sie ist angedeutet S. 22, 46, 47 Anm. 93, S. 142 Anm. 286 und 171 Anm. 482. Ferner sei auf die Abrisse der meckl. Stadtgeschichten im Bd. 1 des Deutschen Städtebuches hingewiesen, dessen Erscheinen für Anfang 1938 angekündigt ist.
4) Doch sind die Belege, die ich 1937 bei der Bearbeitung von mir übernommener meckl. Stadtgeschichten für das Deutsche Städtebuch in den Akten zu diesem und jenem Punkt noch gesammelt habe, in der Regel nicht mehr aufgenommen.
5) 3 Bde, 1871-80.
6) Erwähnen möchte ich außerdem die Geschichte Plaus von Fr. Lisch (Jb. 17), die Schwerins von W. Jesse und die Parchims von K. Augustin.
7) Rostocker Preisschrift, Jb. 94, 1930, S. 1 ff.
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Güstrow bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts" 8 ) zum ersten Mal eine Monographie über die Verfassungsgeschichte einer Landstadt. Dabei mußten jedoch Fragen, die bei einer Betrachtung der gesamten mecklenburgischen Landstädte auftreten und beantwortbar sind, unbeachtet bleiben, und für Güstrow selber waren noch manche Aufschlüsse aus den von Krüger nicht benutzten Akten und Amtsbüchern des 16. Jahrhunderts zu gewinnen.

Mein Dank gebührt vor allem den Archivaren des Geheimen und Hauptarchivs zu Schwerins Herrn Staatsarchivdirektor i. R. Dr. Stuhr, der mich auf die Akten der landesherrlichen Städtepolitik im 18. und 19. Jahrhundert hinwies und damit letztlich die Anregung zu dieser Arbeit gegeben hat, Herrn Staatsarchivdirektor Dr. Strecker, der mir mit steter Liebenswürdigkeit die Schätze des Archivs zur Verfügung stellte, und Herrn Staatsarchivrat Dr. Steinmann für wertvolle Hinweise und Auskünfte. Ferner danke ich besonders meinem verehrten Lehrer, Herrn Professor Dr. Schüßler, für seine Hilfsbereitschaft und Beratung. Für eine Beihilfe zu den Druckkosten habe ich dem mecklenburgischen Gauamtsleiter für Kommunalpolitik, Herrn Stadtrat Crull, zu danken. Die Beihefte für die Vereinsmitglieder wurden als Mehrexemplare auf Kosten des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde gedruckt; dafür und für die Aufnahme der Dissertation unter dessen Veröffentlichungen bin ich dem Leiter des Geschichtsvereins zu Dank verpflichtet.

   Schwerin (Meckl.), September 1937.


8) Jb. 97, 1933, S. 1 ff.
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Kapitel 1:

Die Entstehungsgeschichte
der mecklenburgischen Landstädte und die
Hauptquellen zur Erkenntnis ihrer ältesten Verfassung

A. Die Entstehungsgeschichte

§ 1.

Übersicht über die Gründungszeit und Entstehungsweise der Landstädte

Die Niederwerfung 1 ) des Polabenstammes und die ihr folgende Errichtung der Grafschaft Ratzeburg im Jahre 1139 leiteten die Eindeutschung des bis dahin rein wendischen Mecklenburg ein. Schon war die Grafschaft das Ziel einer langsam rinnenden deutschen Einwanderung geworden 2 ), als 1160 Herzog Heinrich der Löwe den Obotritenfürsten Niclot besiegte, die wendische Inselburg Schwerin seinem sächsischen Getreuen Gunzelin von Hagen übergab und damit den festen Grund für die friedliche Ausbreitung deutschen Volkstums in Mecklenburg legte. Um 1170 bedeckte den Westen Mecklenburgs bis nach Schwerin bereits "ein zusammenhängendes, wenn zunächst auch stellenweis noch dünnes Netz deutscher Kolonistendörfer" 3 ). Östlich der durch den Schweriner See und die Wismarer Bucht gebildeten Grenze zertraten freilich die blutigen Kämpfe Heinrichs des Löwen mit Niclots Söhnen Pribislav und Wertislav wieder die ersten unscheinbaren Keime deutscher Siedlung. 1167 in seine Herrschaft durch Heinrich den Löwen fast ungeschmälert wieder eingesetzt, hat Pribislav planmäßig sein Land gegen deutschen Zustrom abzusperren versucht. Wenn sein Nachfolger Heinrich Burwy I. auch den vom Vater eingeschlagenen Weg verließ, so verhinderten


1) Über den Gang der Kolonisation vgl. H. Witte, Meckl. Gesch., Bd. 1, Wismar 1909, S. 57-144, H. Böhlau, Meckl. Landrecht, Bd. 1, 1871, S. 9-20.
2) H. Ernst, Die Kolonisation Mecklenburgs im 12. und 13. Jahrhundert (Beitr. z. Gesch. Meckl. hrsg. v. Fr. Schirrmacher, Bd. 2, 1875) S. 62 ff.
3) H. Maybaum, Die Entstehung der Gutsherrschaft im nordwestlichen Mecklenburg, Bln.=Stuttg.=Lpzg. 1926, S. 5.
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eine Besiedlung doch weiter die kriegerischen Wirren, in die der Sturz Heinrichs des Löwen das Land verwickelte. Erst die dänische Herrschaft brachte dem Lande die langersehnte Ruhe. Nun lebte die Einwanderung wieder auf. Die eigentliche Periode der Germanisation brach an und setzte sich nach Abschüttelung der Dänenherrschaft unter der Förderung der Landesherrschaft fort; im 13. Jahrhundert war über die nationale Zugehörigkeit des Landes bereits entschieden 4 ).

In jener Zeit, da das Deutschtum sich den mecklenburgischen Raum zurückeroberte, und in engem Zusammenhang mit der Besiedlung des Landes ist das mecklenburgische Städtewesen entstanden 5 ). Nach der Gründung Schwerins im Jahre 1160 6 ) als erster mecklenburgischer Stadt durch Heinrich den Löwen trat - dem Stocken der Kolonisation entsprechend - eine über fünfzigjährige Pause ein. Erst ins Jahr 1218 fällt als nächste Stadtgründung die von Rostock 7 ). Dann aber folgen die Gründungen schnell aufeinander, so daß mit dem Jahre 1275 die eigentliche Periode der mecklenburgischen Städtegründungen bereits abgeschlossen ist 8 ). Nur noch 7 Nachzügler kommen seit dem Ausgang des 13. und im 14. Jahrhundert hinzu. In späterer Zeit hat sich die Zahl der mecklenburgischen Städte nur ganz unwesentlich vermehrt 9 ).

Die Mehrzahl der ältesten mecklenburgischen Städte ist vermutlich aus Siedlungen deutscher Kaufleute hervorgegangen 10 ).


4) Vgl. Witte, S. 121 ff., Maybaum, S. 7.
5) Eine Zusammenstellung der Daten, an denen der Stadtcharakter der mecklenburgischen Städte urkundlich belegt ist, gibt das M.U.B. Bd. 12, S. 496 f. Zur Städtegründung vgl. Böhlau, S. 26-37 und 64 ff. Ferner K. Hoffmann, Die Städtegründungen Meckl.=Schwerins in der Kolonisationszeit vom 12.-14. Jahrh. (Jb. 94, 1930, S. 1 ff.).
6) Über das Datum (Sommer 1160) vgl. J. Heydel, Das Jtinerar Heinrichs des Löwen (Niedersächs. Jb. Bd. 6, 1929), S. 49, 121, 151.
7) M. U. B. 1, 244.
8) In der Zeit von 1218 bis 1250 wurden 13, von 1250 bis 1275 16 Städte gegründet. Vgl. Hoffmann a.a.O. S. 151.
9) Im 15. Jahrhundert sind Rehna und Lübz zu Städten geworden und im 19. Jahrhundert wurden schließlich noch Doberan und Ludwigslust, die ihre städtische Entwicklung fürstlicher Gunst verdanken, zu Städten erhoben.
10) Nach L. Krause (Zur Rostocker Topographie in: B. G. R., Bd. 13, 1924, S. 26 f.) ist Rostock aus einer Kaufmannssiedlung entstanden. Zu dem gleichen Ergebnis kommt Hoffmann bei Schwerin, Parchim, Plau, Wismar und Boizenburg (a.a.O. S. 156 u. 160 f.). Wie P. Steinmann ausführt (Jb. 95, S. 216 in einer Besprechung von Fr. Techen, Geschichte der Seestadt Wismar 1929), ist Wismar jedoch wahrscheinlich eine Gründung aus frischer Wurzel. Bei Boizenburg ist m. E. die gleiche Entstehungsweise möglich. Die Erwähnung eines Boizenburger Zolls und Scheffelmaßes reicht nicht aus, um die Annahme einer für die (  ...  )
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Da diese Niederlassungen - abgesehen von Boizenburg - dann möglicherweise in die Zeit vor der Germanisation, als noch der slawische Staat über dem Lande herrschte, zurückreichen, ist die Frage aufgeworfen worden, nach welchem Rechte die Kaufmannssiedlungen währenddessen lebten. Hoffmann vertritt den Standpunkt, die kaufmännischen Fremdkolonien seien der bestehenden slawischen "Marktorganisation" 11 ) "nach slawischem Recht organisch eingegliedert gewesen" 12 ).

Worauf stützt sich diese Behauptung? Im Jahre 1299 erließ Nikolaus von Werle der Stadt Plau die Lieferung von einem Pfund Pfeffer und die Stellung eines Lehnspferdes 13 ). Hoffmann bringt diese Nachricht mit der von H. F. Schmidt geschilderten slawischen Fronhofswirtschaft zusammen; und da man "Lieferung von Pfeffer überhaupt nur von Kaufleuten, die mit dem Fernhandel in Verbindung standen, verlangen konnte" 14 ), standen demnach die Kaufmannssiedlungen "auch in slawischer Zeit in einem bestimmten Rechtsverhältnis zur Landesherrschaft", sie waren "also dienst= und abgabepflichtig" 15 ).

Einer solchen Ausdeutung jener Urkunde kann jedoch nicht zugestimmt werden. Schon die Geringfügigkeit der Leistung macht es unwahrscheinlich, daß sie in einem inneren Zusammenhang mit der Anlage der Kaufmannssiedlung stand. Auch heißt es in der Urkunde, daß diese Verpflichtung "in agris" der Stadt ruht, was wenig zu dem von Hoffmann behaupteten Wesen dieser Last als Verpflichtung einer Kaufmannskolonie paßt. Daher liegt es viel näher, andere Zusammenhänge zur Erklärung heranzuziehen. Parchimer Bürger zahlten laut einer Urkunde von 1339 als Lehnsrekognition (pro servitio) für das Dorf Böken eine Abgabe von 1 Pfund Pfeffer an die Küche der Fürsten von Werle 16 ). Der Besitzer des Dorfes Herzfeld verkaufte 1343 duas libras pyperis de taberna 17 ). Abgaben von Handels=


(  ...  ) Stadtgründung maßgebenden Kaufmannssiedlung zu sichern; in Dömitz bestand 1237 (M.U.B, 1, 466), also schon vor Erwähnung der Stadt (1259) ebenfalls eine Elbzollstätte (der Dannenberger Grafen), doch ist die Stadt nach Hoffmann, S. 160 vermutlich aus einem Dorf hervorgegangen. Auch weist der Boizenburger Stadtplan auf eine Gründung aus frischer Wurzel.
11) Vgl. unten S. 16 f.
12) Hoffmann, S. 175.
13) M. U. B. 4, 2585 A.
14) Hoffmann, S. 105 und 163.
15) Hoffmann, S. 163. In dem Referat von A. Schlenger über Hoffmanns Arbeit (Vj. Soz. W. Gesch. Bd. 26, 1933, S. 367) erscheint daher diese Gruppe von Städten als "durch Stadtrechtverleihung an eine dem Landesherrn dienst= und abgabepflichtige Kaufmannskolonie gegründet"!
16) M. U. B. 9, 5958.
17) M. U. B. 10, 7375.
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artikeln wie Pfeffer und Safran an den Landesherrn sind z. B. im Ordensland bei Schulzen und Krügern durchaus gebräuchlich 18 ). Wahrscheinlich ist demnach jene Verpflichtung dadurch entstanden, daß die Stadt eine Lehnsrekognition oder die Abgabe eines Krugs oder Dorfschulzenamts bei Ankauf der zahlreich von ihr erworbenen Dörfer übernahm.

Lediglich bei Rostock besitzen wir wirklich sicheren Anhalt für das Bestehen einer Kaufmannssiedlung bereits in wendischer Zeit; diese war aber nicht dem slawischen Recht unterworfen. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts, als das Land noch einen durchaus wendischen Charakter trug, waren hier deutsche Kaufleute ansässig geworden; abgesondert wohnend konnten sie auch "ihre eigenen inneren Angelegenheiten unter sich nach ihren heimischen Anschauungen und heimischem Recht regeln" 19 ); die erste erhaltene Urkunde der Stadt (von 1218) enthält keine Verleihung, nur eine Bestätigung des lübischen Rechts 20 ). Sollten auch Schwerin und Parchim als kaufmännische Niederlassungen bereits vor der Eindeutschung des Gebietes vorhanden gewesen sein, so haben sie vermutlich ebenfalls ein beschränktes rechtliches Eigenleben geführt 21 ). Vielleicht erklärt sich daraus das eigene Stadtrecht Schwerins und ebenso der Stadt Parchim, die ein besonderes vom Schwerin=Güstrower abweichendes Stadtrecht empfing, obwohl sie fast zu gleicher Zeit wie Güstrow von Heinrich Burwy mit Stadtrecht bewidmet wurde.

Die für die Kolonisationszeit charakteristische Entstehungsweise einer Stadt ist die Gründung aus frischer Wurzel. Sie hat auch für das mecklenburgische Städtewesen eine bedeutende Rolle gespielt. Man hat darunter freilich nicht Anlage in öder und unbewohnter Gegend zu verstehen; diese Gründungen suchen vielmehr sämtlich Anlehnung an bereits vorhandene


18) H. Plehn, Gesch. d. Kreises Straßburg in Westpreußen 1900, S. 45.
19) Krause, S. 26.
20) Vgl. P. Meyer, Die Rostocker Stadtverfassung (Jb. 93, 1929), S. 43.
21) Ebenso betont R. Koebner, Deutsches Recht und deutsche Kolonisation in den Piastenländern (Vjs. S. W. G. Bd. 25, 1932), S. 348, Anm. 1, "daß, wo immer die ansässigen hospites in innerer Beziehung zum Markte stehen, sie bereits deutsche Marktgemeinden repräsentieren". Für Meckelnburg gilt vielleicht auch ein andrer Satz R. Koebners (Jahresber. z. deutschen Gesch. 1929, S. 326): "in den slawischen Grenzgebieten Deutschlands . . . haben diese kaufmännischen Fremdkolonien eine besondere Bedeutung gewonnen; aus ihrer Umgestaltung ist das Städtewesen der deutschen Kolonisation, die Stadt nach deutschem Stadtrecht hervorgegangen".
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Siedlungen, meist eine Burg oder ein wendisches Dorf 22 ). Ihr gemeinsames Kennzeichen ist aber, wie der Stadtgrundriß mit seiner regelmäßigen Straßenführung und dem rechteckigen oder quadratischen Marktplatz vielfach noch heute erkennen läßt, der bautechnische Gründungsakt, die Errichtung nach einem vorher entworfenen Plane 23 ).

Bei der dritten Gruppe von Städten fehlt eine solche Planung. Man kann sie als gewachsene Städte bezeichnen 24 ), da sie aus Dörfern, in welchen sich mit der Zeit den Städten ähnliche Wirtschaftsverhältnisse herausbildeten, hervorgingen. Doch liegt bei ihnen insofern ebenfalls eine Gründung vor, als sie ihren Stadtcharakter in der Regel erst der Stadtrechtsverleihung verdankten. Diese Gruppe ist in Mecklenburg zwar die zahlreichste 25 ), die ihr angehörenden Städte haben aber während des Mittelalters am wenigsten Bedeutung zu erlangen vermocht.

§ 2.

Der deutsche Charakter des mecklenburgischen Städtewesens

Im Zusammenhang mit dem Bestreben, die Bedeutung der deutschen Einwanderung für die Neuordnung des 13. und 14. Jahrhunderts auf dem Kolonialboden herabzuwerten oder gänzlich zu streichen, unternehmen es neuere slawische Forscher, zu leugnen, daß das Städtewesen in Ost=Mitteleuropa seinen Ursprung der deutschen Einwanderung verdanke. So wirft Jegorov der modernen Stadtplanforschung methodologische Verfehlung vor; das Axiom von dem deutschen Ursprung aller Städte des Koloniallandes bilde bei ihr den nicht durch Spezialuntersuchungen einer Revision unterzogenen Ausgangspunkt. Es sei aber notwendig, über die Betrachtung des Stadtplans auf seinen ursprünglichen Kern hin "einen absolut entschlossenen Schritt weiter in die Vergangenheit zurück" zu tun. Indem Jegorov dann auf die vielfach zu beobachtende Siedlungskontinuität hinweist, glaubt er sich den Weg zu der "präexistenten slawi=


22) Schröder=Künßberg, Lehrb. d. deutsch. Rechtsgesch., 7. Aufl. 1932, S. 681, Hoffmann, S. 165 und 167.
23) Auf den Gründungsvorgang wird in anderem Zusammenhang (u. S. 220 ff.) einzugehen sein.
24) In Anlehnung an E. Hamm, Die Städtegründungen der Herzöge von Zähringen 1932.
25) 16 Gründungen aus frischer Wurzel stehen 17 der dritten Gruppe gegenüber (Außer den 13 bei Hoffmann, S. 160 aufgezählten noch Kröpelin Rehna und Lübz).
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schen Stadt" gebahnt zu haben 26 ). Was ist von dieser Jegorovschen Entdeckung zu halten? 27 ).

Bereits seit längerem hat die deutsche Forschung sich von der Theorie einer allgemeinen Verachtung der Wenden bei den deutschen Siedlern und ihrer Vernichtung und Vertreibung in der Kolonisationszeit 28 ) abgewandt und eine Aufsaugung der dünnen wendischen Restbevölkerung durch die deutsche Einwanderung angenommen 29 ). Der Städteforschung fällt damit die Aufgabe zu, den siedlungsgeschichtlichen Zusammenhang der deutschen Stadt mit eventuellen slawischen Parallelerscheinungen zu untersuchen.

Trotz durchaus vorherrschender Naturalwirtschaft hatten sich doch Handel und Verkehr im Slawenland bereits eine Marktorganisation geschaffen. Unter der slawischen "civitas" haben wir uns allerdings nicht eine Stadt, sondern eine Burg vorzustellen, die als Sitz eines slawischen Kastellans oder als Tempelstätte diente 30 ). Aber in ihrem Schutze hatten sich slawische Dörfer vielfach zu Märkten entwickelt. So erzählt Helmold 1150 von Oldenburg, dem Haupthandelsplatz der Wagrier, daß "neben dem Wall der alten Stadt am Sonntage alles Volk zum Markte zusammen zu kommen pflegte". 1163 wird ein ähnlicher Sonntagsmarkt in Plön erwähnt. Als drittes wagrisches Handelsemporium wird uns Lübeck genannt 31 ). Ebenso treffen wir slawische Märkte in Mecklenburg. An einem Markttage bot man bei der Obotritenfeste Meklenburg 700 gefangene Dänen zum Kauf 32 ). In der Knytlingasage wird eine wahrscheinlich bei Gnoien gelegene wendische Kaufstadt genannt 33 ). Ein reger Marktverkehr bestand im wendischen Marktort Rostock, dem späteren Dorf "Wendische Wik" 34 ). Wendische Marktflecken


26) Jegorov Bd. 1, S. 397.
27) Vgl. auch die ablehnenden Ausführungen von Witte, Ein krit. Nachwort, S. 53 ff.
28) H. Ernst, S. 23, 35 und passim, darauf fußend W. Salow, Die Neubesiedlung Mecklenburgs im 12. und 13. Jahrhundert, Programm des Gymnasiums zu Friedland, 1896, besonders S. 9 und 11.
29) Vgl. besonders W. Ohnesorge, Ausbreitung und Ende der Slawen zwischen Niederelbe und Oder (Lübische Ztschr., 1910, Bd. 12, S. 113 ff., 1911, Bd. 13, S. 1 ff., bes. S. 135) und das grundlegende Werk von H. Witte, Wendische Bevölkerungsreste in Mecklenburg 1905, s. auch H. Witte, Meckl. Gesch. 1, S. 138 f.
30) Ohnesorge, Kultur der alten Wagrier, Lübecker Bucht, 1. Jg. 1926, S. 40 und R. Koebner a. a. O. Vjs. S. W. G. Bd. 25, S. 348, Anm. 2.
31) Ohnesorge, Kultur der alten Wagrier, S. 170.
32) Helmold II, 109.
33) Fr. Wigger, Meckl. Annalen bis zum Jahre 1066, 1866, S. 127.
34) Krause, S. 21 f.
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haben anscheinend auch bei Marlow, bei der Burg Werle 35 ) und vielleicht in Altendorf bei Boizenburg 36 ) gelegen.

Wenn allen diesen Marktorten auch die Lage bei einer wendischen Burg gemeinsam ist, so wird man darum doch nicht mit Hoffmann annehmen können, daß "in der Regel . . . bei jedem Mittelpunkt eines Burgbezirks wohl auch ein Marktplatz" bestand 37 ), wenn auch zugegeben werden soll, daß die Quellen uns nicht alle wendischen Märkte überliefern. Nicht aufrechtzuerhalten ist aber vor allem die sich daran anschließende Behauptung, es bestände insofern eine Kontinuität von slawischer Marktorganisation und deutschem Städtewesen, als später neben der landesherrlichen Burg einer Vogtei - die räumlich dem früheren slawischen Burgbezirk entspräche - regelmäßig auch eine Stadt gelegen habe 38 ).

Nun betont allerdings auch Hoffmann, "eine direkte Entstehung der Stadt aus einem slawischen Marktplatz . . . bei keiner mecklenburgischen Stadt nachweisen" zu können 39 ). Der grundsätzlich deutsche Siedlungscharakter des Städtewesens kann demnach auf Grund der vorhandenen Quellen nicht bezweifelt werden.

Doch würden wir uns bei der Abwehr der Jegorovschen Behauptung lediglich mit Ergebnissen der Siedlungsgeschichte verteidigen, so wären wir in den gleichen Fehler verfallen, den Jegorow begangen hat 40 ). Die entscheidende Frage, die zu beantworten Jegorov unterlassen hat, ist vielmehr die, ob die


35) Auch dort treffen wir die Bezeichnung Wiek für eine Ortschaft an. Wigger, S. 126.
36) Schlie, Bd. 3, S. 122.
37) Hoffmann, S. 174.
38) A.a.O. S. 176 f. Jene Darstellung Hoffmanns geht sehr weit angesichts der Tatsache, daß nur bei 4 von den 38 deutschen Städten die Existenz eines früheren wendischen Marktortes vermutet wird und bei 2 Marktorten (Werle und Mecklenburg) keine Stadt entstand. Weder ist die Unterstellung einer Fortfetzung der wendischen Burgbezirke durch die deutschen Vogteien berechtigt - man sehe sich nur das Verzeichnis der alten "terrae" bei Wigger, S. 122 ff. an; eine große Anzahl der wendischen terrae hat keine Nachfolger in deutschen Vogteien gefunden -, noch hat später in jeder Vogtei eine Stadt gelegen, z. B. nicht in den Vogteien Mecklenburg und Eikhof.
39) A.a.O. S. 177.
40) Die vorhin zitierte negative Feststellung Hoffmanns reicht natürlich nicht aus, den siedlungsmäßig deutschen Ursprung jeder Stadt zu sichern, zumal der Beweis, daß das der städtischen Entwicklung als Ausgangspunkt dienende Dorf deutsch war, nicht immer erbracht ist (z.B. nicht bei Sülze, Goldberg, Schwaan und Laage). Auch greift Jegorov ja gerade die Methode der Stadtplanforschung an. S. ferner die Besprechung der Hoffmannschen Arbeit von W. Füßlein, H. Z. Bd. 148, 1933, S. 371.
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Slawen bereits eine Institution gekannt haben, die der deutschen Stadt im verfassungsrechtlichen Sinn ähnelte 41 ).

Über die rechtliche Lage der slawischen Märkte in Mecklenburg fehlt alles Material. Bei der großen Verwandtschaft aller ehemaligen Slavenländer 42 ) müssen jedoch die außermecklenburgischen Forschungsergebnisse berücksichtigt werden. Der polnische Forscher Maleczynski ist bei der verfassungsgeschichtlichen Untersuchung der polnischen Märkte 43 ) zu dem Ergebnis gekommen, daß zwar die Institution der Stadt im Sinne der westlichen Auffassung des 12. und 13. Jahrhunderts als selbständiger Verwaltungs= und Gerichtsbezirk in größerem Maßstab erst aus dem Westen, besonders aus Deutschland nach Polen gelangte; man könne "jedoch nicht behaupten, daß solche Einrichtungen kleineren Ausmaßes in Polen gänzlich unbekannt gewesen wären" 44 ). "Das Städtewesen der Kolonisation erscheint ihm als jüngere Stufe polnischer Markt= und Marktsiedlungsorganisation" 45 ). Doch ergibt eine Nachprüfung, wie sie Koebner angestellt hat: der wendische Markt ist keine selbständige Gemeinde, "kein Siedlungsraum und eben darum auch keine Stadt gewesen; der Fürst hat ihn lediglich seinen Monopoleinrichtungen vorbehalten" 46 ). Ebenso fehlte den polnischen Märkten eine gerichtliche Immunität 47 ). Eine fortgeschrittenere Verfassung werden wir auch für die slawischen Handelsplätze in Mecklenburg nicht annehmen können.

Seit der Kolonisation erhob sich auf der Grundlage deutscher Rechts= und Wirtschaftsverhältnisse statt des bisherigen wendischen ein deutsches Staatswesen, dessen wesentliches Merkmal


41) Ähnlich ist es ja mit der präge des römischen Ursprungs des deutschen Städtewesens. Ausschlaggebend ist, daß jenen Siedlungen in der Verfassung des fränkischen Reiches die rechtliche Selbständigkeit fehlte. "Daneben spielt die Konstanz des Namens und der Siedlung als solche keine entscheidende Rolle, auch nicht die der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse." (Cl. Frhr. v. Schwerin, Grundzüge der deutschen Rechtsgesch., S. 184.)
42) Hierauf weist besonders H. F. Schmidt hin (Die sozialgeschichtliche Erforschung der mittelalterlichen deutsch rechtlichen Siedlung auf polnischem Boden, Vjs. S. W. G. Bd. 20, S. 301 ff., bes. 303 f. und 350).
43) Karl Maleczynski, Die ältesten Märkte in Polen und ihr Verhältnis zu der Kolonisation nach deutschem Recht, Breslau 1930.
44) Maleczynski a. a. O. S. 129.
45) Koebner, Vjs. S.W. G. Bd. 25, S. 316.
46) Ebenda S. 347 f. Nach Mal. stellten die Marktorte nämlich während der Marktzeiten einen gerichtlichen Immunitätsbezirk unter einem besonderen Marktrichter dar; "innerhalb dieser kurzen Zeitdauer, während eines oder mehrerer Tage nahm der Markt den Charakter einer westlichen Stadt an" (Maleczynski a. a. O. S. 83 u. 139).
47) S. die kritisch=polemischen Bemerkungen von Wojciechowski als Anhang zu Mal. S. 180-84 und Koebner, S. 348, Anm. 1. Vgl. auch W. Maaß in der Anzeige von Mal.'s Werk, Vjs. S. W. G. Bd. 21, S. 339.
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neben dem Lehnswesen die selbständige Gemeinde war 48 ). Eine Untersuchung der städtischen Verfassung in Mecklenburg findet hierdurch ihren zeitlichen Ausgangspunkt bestimmt 49 ).

B. Die Hauptquellen der ursprünglichen städtischen Verfassung

§ 1:

Die Stadtrechte

Hauptquelle für unsere Kenntnis der ältesten Verfassung der mecklenburgischen Landstädte sind die Stadtrechte 50 ), mit denen die Städte bei ihrer Gründung oder bald nachher bewidmet wurden. Am verbreitetsten war das lübische Recht; zu seinem Geltungsbereich gehören ebenso die Städte im Westen Mecklenburgs, wie die in der Herrschaft Rostock 51 ). Nach lübischem Recht lebten Boizenburg, Dömitz, Gadebusch, Gnoien, Grevesmühlen, Grabow 52 ), Marlow, Neubukow 53 ), Neukalen,


48) Ähnlich schon K. Hegel, Gesch. d. meckl. Landstände bis zum Jahre 1555, Rostock 1856, S. 10.
49) Die epochale Bedeutung der deutschen Stadtgründung unterstreicht auch J. Pfitzner, Das Ringen zwischen Ost= und Westeuropa (Z. d. Ver. f. d. Gesch. Schlesiens, Bd. 62, 1928) S. 215 ff.
50) Eine gute Übersicht gab schon C. H. von Kamptz, Civilrecht der Herzogtümer Mecklenburg, I, 1, 1805, S. 152-293, dann Böhlau 1, S. 26 ff. und 64 ff. und schließlich W. Böttcher, Gesch. der Verbreitung des lübischen Rechts. Diss. Greifswald 1913, S. 64 ff.
51) In der Herrschaft Rostock tritt daneben auch das Rostocker Recht auf. So wurde 1290 der Stadt Gnoien die Befugnis bestätigt "omni iure Rostoccensi gaudere et frui". M.U.B. 3, 2070. Doch ist das Rostocker Recht mit dem lübischen identisch, wie sich u. a. aus M. U. B. 2, 794 ergibt.
52) Wenn auch die bisherige Auffassung Grabow keinem Stadtrecht zuzählt (Hoffmann, S. 190), so sichern doch mehrere Zeugnisse von Berufungen der Stadt an den Rat zu Lübeck (das älteste vom Jahre 1325, M.U.B. 7, 4679), die Geltung des lübischen Rechts auch für diese Stadt, zumal sie die gleiche Verteilung der Gerichtsfälle kennt (M.U.B. 9, 3891) wie die übrigen Städte lübischen Rechts. Der 1351 in einer Zeugenreihe erwähnte Betekinus prefectus in Grabowe ist wohl als Landvogt anzusehen, da auf ihn Adlige folgen und wir sonst nie von einem Schulzen, wie er in den märkischen Städten vorkommt, in Grabow hören.
53) 1435 August. 13. läßt jemand vor dem Neubukower Rat sein Hab und Gut auf, "also he hefft bynnen deme Lubeschen rechte to Bukowe". (Neubukower Stadtbuch Fol. 22 b, vgl. auch Crull, Jb. 56, S. 78, Anm. 3, der von einer "Inscription des dortigen Zeugenbuches" spricht; (  ...  )
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Ribnitz, Rostock, Stavenhagen, Sülze, Wismar und Wittenburg. In anderen Städten galt das Recht der Stadt Schwerin. Es war in entwickelterer Fassung der Stadt Güstrow verliehen und dann auf fast alle Städte der Herrschaft Werle=Güstrow übertragen worden, nämlich an Bützow, Krakow 54 ), Malchin, Malchow, Penzlin, Röbel, Teterow, Waren 55 ) und wahrscheinlich auch Schwaan 56 ). Die dritte Stadtrechtsgruppe bilden die Städte des Parchimer Rechts. Außer Parchim selber gehören ihr Goldberg und Sternberg an 57 ); mit dem gleichen Recht war Plau bewidmet worden 58 ). In einer Gruppe von 9 Städten galt anscheinend kein bestimmtes Stadtrecht 59 ); es sind dies fast sämtlich Mediatstädte, bei denen sich darin ihre mangelnde Herauslösung aus dem landrechtlichen Verband zeigt.

Bei der Zugrundelegung des Stadtrechtes für die Betrachtung der städtischen Verfassung - nicht nur jener in der ältesten Zeit - muß ein Unterschied zwischen den Städten gemacht werden, je nachdem ob wir von ihnen wirklich eine Stadtrechtsurkunde besitzen, oder nur die Geltung eines Stadtrechtes erschließen. Es wäre verfehlt, wenn man in letzteren ohne weite=


(  ...  ) wie aus dem Zusammenhang hervorgeht, ist damit die von uns angeführte Notiz des Neubukower Stadtbuchs gemeint; Böttcher aber mißversteht dies und erfindet a. a. O. S. 82 unter Berufung auf Crull ein "Schweriner" Zeugebuch.)
54) "Da dies bisher nur vermutet wurde, ist hier auf eine Urkunde von 1437 hinzuweisen (Stadt. Urk. Krak. A. Schw.), in der die Herzöge von Meckl. der Stadt die Privilegien bestätigen, die sie "den . . . Radtmannen unnd Borgeren unser Stadt Güstrow gegeven hebben."
55) Die Geltung des Schwerin=Güstrower Rechtes in Waren konnte bisher nur gemutmaßt werden. Keine Stütze dieser Vermutung bildet die von Hoffmann, S. 144, herangezogene Verleihung einer Zunftrolle durch den Rat vom Jahre 1334. Dies war nur ein Ausdruck städtischer Autonomie und wurde von Städten lübischen und parchimschen Rechts ebenso in Anspruch genommen. Zugunsten der Vermutung spricht jedoch, daß Nikolaus von Werle auch seine übrigen Städte mit Schwerin=Güstrower Recht bewidmete. Eine der Literatur bisher unbekannt gebliebene Urkunde vom 6.1.1474 gewährt glücklicherweise unbedingte Sicherheit über die Zugehhörigkeit Warens zum Schweriner Rechtskreis. In dieser Urkunde bestätigt Herzog Heinrich der Stadt ihren Anteil am Stadtgericht, von dem er ausdrücklich erklärt, daß die Stadt ihn "na uthwisinge desz Swerinschen rechtes" besitze. Die Urkunde ist in einer ungefähr gleichzeitigen notariell beglaubigten Kopie überliefert (A. Schw. Spec. civ. Waren, Jurisdiktion). - Daher ging auch der Rechtszug von dort nach Güstrow, vgl. u. S. 72.
56) Vgl. Böttcher a. a. O. S. 74.
57) Auf dem Gebiet des Familienrechts brauchte auch Brüel am Ausgang des 16. Jahrh. Parchimer Recht. (Lisch, Jb. 21, S. 64 und Böhlau, Bd. 1, S. 70, Anm. 36).
58) Ohne daß aber Plau im Tochterverhältnis zu Parchim gestanden hätte (Böhlau a.a.O. Bd. 1, S. 34, Anm. 18).
59) Es sind dies: Brüel, Crivitz, Hagenow, Laage, Lübz, Neustadt, Rehna, Tessin und Warin.
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res die aus den Stadtrechtsurkunden rechtsverwandter Städte ablesbaren Verfassungsverhältnisse voraussetzen würde, da es nicht ausgeschlossen ist, daß das betr. Stadtrecht jenen Städten nicht im vollen Umfange zuteil wurde oder dort eine Wandlung durchgemacht hat, Abweichungen, die sich bei einigen Städten nachweisen lassen.

Die Bewidmungsurkunden von Malchin, Malchow, Penzlin und Röbel enthalten mit unerheblichen Abweichungen das Schweriner Recht in der gleichen Form und Vollständigkeit, wie es 1228 der Stadt Güstrow bestätigt wurde 60 ). Bei den anderen Städten dieses Rechtsgebietes fehlen Stadtrechtsurkunden. Nach Urkunden des 14. und 15. Jahrhunderts stimmten Krakow und Bützow nicht völlig mit dem Verfassungstyp des Schwerin=Güstrower Rechts überein. Von Teterow wissen wir, daß den Ratsherren 1272 analog jenem Recht der Friedeschilling zugewiesen wurde 61 ).

Eine vollständige Fassung des Parchimer Rechts ist von Goldberg erhalten 62 ). Eine solche ist offenbar auch für Sternberg ausgestellt worden, wenn wir von dieser Stadt auch nur eine Bestätigung jenes Rechts vom Jahre 1309 63 ) haben, die als Ersatz der durch Brand vernichteten älteren Urkunden ausgefertigt ist; daß die Verfassung der Parchims entsprach, ergibt sich sowohl aus der gleichen Verteilung der Gerichtsgefälle, wie sie uns schon in dieser Urkunde berichtet wird, als auch aus der wörtlichen Übernahme einer Zunftordnung durch den Sternberger Rat 64 ).

Ein methodisches Problem besonderer Art stellen die Städte des lübischen Rechtskreises. Keine mecklenburgische Landstadt hat einen Rechtskodex empfangen, wie ihn Lübeck an entferntere Städte seines Rechts hinausgehen ließ. Das Gadebuscher Privileg von 1225 gibt nur das ältere lübische Recht wieder 65 ). Die Geltung des entwickelteren Rechts ist lediglich aus kurzen Bestätigungen 66 ) oder gar nur aus beiläufigen Bemerkungen 67 ) bekannt. Ich halte es für wahrscheinlich, daß


60) M. U. B. 1, 449; 1, 433; 2, 987; 2, 911; 1, 359.
61) M.U.B. 2, 1261.
62) M.U.B. 1, 599.
63) M.U.B. 5, 3293.
64) Vgl. u. S. 115.
65) M.U.B. 1, 315, dazu H. Reincke=Bloch, Der Freibrief Friedrich I. für Lübeck und der Ursprung der Ratsverfassung in Deutschland (Lüb. Zeitschr. Bd. 16, 1914.) S. 8 f.
66) So bei Boizenburg (M.U.B. 2, 1127), Neukalen (2, 713), Wittenburg (7, 4430 und 13, 7711), Grevesmühlen (14, 8516).
67) z. B. bei Sülze (M.U.B. 4, 2489), und Dömitz (v. Kamptz, Civilrecht 1, 2, Cod. dipl., S. 127).
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die Übertragung des lübischen Rechtes in erster Linie die Gerichtsorganisation und das Zivil= und Strafrecht betraf 68 ). Hierin mit der großen Handelsstadt auf gleichem Fuße zu leben war für die Ansiedler erstes Bedürfnis und zweifellos ein wichtiges Stück städtischer Freiheit. Eine gleiche politische Unabhängigkeit, wie sie jene reichsfreie Stadt besaß, hat aber der Landesherr natürlich nicht verleihen wollen. Mit Recht vertritt A. Semrau 69 ) die Auffassung, daß das städtische Willkürrecht nicht durch die Ausstattung mit lübischem Recht, sondern durch die Größe des Gemeinwesens bedingt war. Ebenso darf man auf der Seite der Landstädte zwar eine Tendenz vermuten, sich den inneren Verfassungsverhältnissen Lübecks anzunähern, doch die Befugnisse des Rats brauchten nicht denen gleich gewesen zu sein, die sich etwa in den lübischen Rechtsmitteilungen finden 70 ).

Aber auch die vollständige Schwerin=Güstrower und Parchimer Stadtrechtsurkunde ist keine ausreichende Quelle für die Erforschung der ursprünglichen städtischen Selbstverwaltungsrechte. Die Organisation der Gerichtsverfassung hat in ihr keine Regelung gefunden. Ergänzend treten hier die Aussagen anderer Urkunden und die überlieferten Zeugenreihen hinzu. Die Begrenzung der städtischen Selbstverwaltung ergibt sich in der Hauptsache erst aus einer Berücksichtigung des Aufbaues und Wirkungskreises der landesherrlichen Verwaltung. Zur Erklärung mancher Erscheinung der mecklenburgischen Stadtverfassung verdient ferner der durch die Kolonisation gegebene Zusammenhang, dem wir uns jetzt zuwenden wollen, Beachtung.


68) Das ergibt sich aus dem Wortlaut der Urkunden. Boizenburg soll z. B. "bruken so dane schickinge des rechten, als de statt Lubke bruket in allen saken unde sentecien" (M.U.B. 2, 1127). Bei Wittenburg wird unterschieden zwischen dem lübischen Recht und omne ius civile proprietatemque ac libertatem, quod uel quam ab antiquo a nostris progenitoribus . . . habuerint in aquis pascius . . ." (M.U.B. 7, 4430). Bei der Bestätigung des lübischen Rechts an Wismar i. J. 1266 heißt es: conferimus et indulgemus eidem ut eo iure quod ciuitas Lubicensis fruitur, in iudiciis quibuslibet libere ac integre perpetuo pociatur (M.U.B. 2, 1078); hier wie bei Gadebusch (M.U.B. 2, 1216) wird das Willkürrecht zusätzlich verliehen.
69) A. Semrau, Die mittelalterl. Willküren der Altstadt und der Neustadt Elbing. Mitt. d. Copernik. Ver. Thorn, Bd. 34, 1926, S. 2. Vgl. auch o. Anm. 68.
70) So seine im lübischen Recht niedergelegte genau geregelte Aufsicht über Wege und Straßen, wie über die Privatgrundstücke (Frensdorff, Die Stadt= und Gerichtsverf. Lübecks, S. 132 f.) oder die sich in Lübeck findende Kontrolle der Zünfte durch Morgensprachsherren aus dem Rat (vgl. unten S. 127).
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§ 2:

Die mit der Kolonisation gegebenen Rechtszusammenhänge

Die Kolonisation war, wie wir sahen, eine Eindeutschung des Landes. Wir dürfen daher vermuten, daß gerade im Recht sich Eigenarten aus der Heimat der Kolonisten wiederfinden. Bei einer derartigen Untersuchung der Rechtsverwandtschaft der mecklenburgischen Städte mit dem Mutterlande werden wir auch das Landrecht heranziehen müssen; hat doch z. B. W. Reincke bei Lübeck und Hamburg betont, daß sie in allen wesentlichen Rechtssätzen: der Gerichtsverfassung, des Gerichtsverfahrens und des Strafrechts auf dem gemeinsamen Mutterboden des sie umgebenden Holstenlandrechts ruhen 71 ).

Es hat seinen Grund in der Kolonisation, wenn in Meckl.=Strelitz, das zur Zeit der Besiedlung der Mark Brandenburg angehörte, Bauernhaus und Kirche eine andere Bauweise als in Meckl.=Schwerin zeigen. In Meckl.=Schwerin herrscht das niedersächsische Bauernhaus vor, in Brandenburg und Stargard der märkische Bautyp, der selbst ein Sonderfall des mitteldeutschen oder fränkischen Gehöftes ist 72 ). Ebenso überwiegt in Mecklenburg=Schwerin der westfälische Kirchenbau, in Stargard und der Mark dagegen der ostfälisch=märkische 73 ). Die Kolonisation von Stargard erfolgte wesentlich von der Mark aus. Dagegen steht für Mecklenburg=Schwerin nach den Ergebnissen der modernen Dialektgeographie "die Tatsache einer mächtigen Einwandererwelle aus dem holsteinischen Westen fest" 74 ). Von Wichtigkeit für die Bestimmung der Herkunft der mecklenburgischen Kolonisten ist ferner die Erforschung der Flurnamen, die bisher allerdings nur für den Nordwesten Mecklenburgs durch W. Neu=


71) H. Reinicke, Die Herkunft des hamburgischen Stadtrechts, zugleich ein Beitrag zur Geschichte des lüb. Rechts (Ztschr. d. Ver. f. hamb. Gesch., Bd. 29, 1928, S. 219-246) bes. S. 237 ff. Luise von Winterfeld (Versuch über die Entstehung des Marktes und den Ursprung der Ratsverfassung in Lübeck, Lüb. Ztschr., Bd. 25, 1929, S. 365 ff., S. 440 f.) sieht freilich gerade in der Gerichtsverfassung, besonders in dem Nebeneinander des geistlichen Sendgerichts, des Vogt= und des Ratsgerichts den Einfluß von Soest als grundlegend an. Doch wird m. E. für das Vogtgericht als solches Reinckes Auffassung bestehen bleiben können.
72) Vgl. Folkers in C. A. Endler und J. U. Folkers, Das mecklenburgische Bauerndorf, 1930, S. 44 f. und 90 ff. Vgl. auch W. Peßler, Das altsächsische Bauernhaus in seiner geographischen Verbreitung, 1906, S.
73) K. Schmaltz, Die Kirchenbauten Mecklenburgs, 1927, Kap. 3 und 4. Vgl. J. U. Folkers, Die mittelalt. Ansiedlungen fremder Kolonisten in Nordwestdeutschland, Volk u. Rasse, 2. Jg. München 1927, H. 5, S. 113 u. H. 8, S. 157.
74) H. Teuchert, Der mecklenburgische Sprachraum, 1929, S. 11 und 15.
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mann unternommen ist 75 ). Nordniedersachsen waren es nach Neumann, "die im 12. und 13. Jahrhundert in einem breiteren Streifen an der Küste entlang in das ehemals slawische Gebiet deutsche Kultur und deutschen Siedlerfleiß brachten" 76 ). In andern Gebieten Mecklenburg=Schwerins mag freilich eine umfangreiche Einwanderung aus anderen Gebieten Niedersachsens oder aus Westfalen stattgefunden haben 77 ). Nach Folkers haben wir als Begründer und Bewohner unserer Hagendörfer "in der Hauptsache niedersächsische, insbesondere westfälische Einwanderer anzusprechen" 78 ). Doch faßt Folkers hier westfälisch im Sinne des Mittelalters und rechnet demnach auch den Regierungsbezirk Osnabrück und das Herzogtum Lauenburg zu Westfalen.

Diese z. T. noch nicht abgeschlossenen 79 ) Untersuchungen werden durch eine vergleichende Betrachtung der mecklenburgischen Gerichtsverfassung bestätigt und ergänzt.

In der Kolonisationszeit bestand bezeichnenderweise ein Gerichtszusammenhang mit den westlich gelegenen Gebieten. Die ältesten dem Deutschtum gewonnenen Gebiete waren die von Heinrich dem Löwen geschaffenen Grafschaften Ratzeburg und Schwerin. Die deutschen Siedler lebten dort nach Ratzeburger 80 ) bzw. Schweriner 81 ) Recht. Während jedoch das Ratzeburger Recht bald nach der Zerschlagung der Ratzeburger Grafschaft unterging, breitete sich das Schweriner Recht bei der weiteren Besiedlung Mecklenburgs über das ganze Land aus und wurde


75) W. Neumann, Die Flurnamen des Amts Grevesmühlen, Diss. Rostock, 1931.
76) Neumann, S. 149. Zahlreiche Flurnamen aus jener Gruppe, deren Vorkommen innerhalb des niederdeutschen auf bestimmte Gebiete begrenzt ist, finden sich im Nordwesten Mecklenburgs wie in Holstein.
77) Fr. Lisch vertrat die Auffassung, die Hauptmasse der mecklenburgischen Kolonisten stamme aus Westfalen, namentlich aus den Grafschaften Mark und Ravensberg (Jb. 13, 1848, S. 113), bzw. aus der Grafschaft Mark und dem Bistum Münster (Jb. 39, S. 97). Endler (Die bäuerl. Bevölkerung Mecklenburgs vor d. 30 j. Krieg, 1934, S. 30) erschließt aus den Familiennamen (auf Grund von Quellen seit Mitte d. 15. Jahrh.): "Im westl. Mecklenburg haben wir im Norden starken Holsteiner Zuzug, während der südl. Teil mehr aus Hannover seine Bewohner erhielt".
78) Folkers in Endler=Folkers a.a.O. S. 14.
79) Das Ergebnis der von H. Teuchert angestellten Untersuchung über die west= und ostfälischen Bestandteile der mecklenburgischen Mundarten liegt noch nicht vor.
80) Trotz Aufhörens der Grafschaft Ratzeburg behielt die Ritterschaft in der Vogtei Wittenburg zunächst das Ratzeburger Landrecht bei (M. U. B. 2, 1504); ebenso war es 1309 noch im Lande Gadebusch in Geltung (M.U.B. 5, 3353). Vgl. auch F. Wigger, Der Erbstreit um das Gut Pastow, ein Beitrag zur Kenntnis des Schweriner Rechts, Jb. 47, 1882, S. 28 f.
81) F. Fabricius, Über das schwerinische Recht in Pommern (Hans. G. Bll. Jg. 1894, S. 1 ff.).
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in allen ländlichen Verhältnissen herrschend 82 ), ja es drang außerdem weit in Pommern vor. Von Wichtigkeit ist nun der noch im 16. Jahrhundert bekannte charakteristische Rechtszug des Schweriner Rechts: bei Zweifeln sollte man in Pommern, wie die Stadt Stralsund berichtete, "erstlich an das Kerspel zur Putte, von dannen an uns, von uns an das borglehn zu Loytze, von dem vor den stapel oder das buch zu Schwerin und endlich von Schwerin an die Sieben Eichen . . ." appellieren 83 ). Die Gebiete Schweriner Rechts hatten also ihren Oberhof in Sieben Eichen, dem lauenburgischen Kirchdorf zwischen Büchen und Mölln 84 ). Einst hatte Heinrich der Löwe das Sadelband mit Siebeneichen selbst in der Hand behalten. Die genannte höchste Gerichtsinstanz ist deshalb wahrscheinlich mit dem herzoglichen sächsischen marcding, von dem wir im 12. Jahrhundert mehrfach hören 85 ) und das noch im 13. Jahrhundert eine gerichtliche Überordnung über Mecklenburg besessen haben muß, identisch 86 ). Das mecklenburgische landrechtliche Gerichtswesen stand also in Beziehung zum Gebiet des welfischen Herzogtums und später zu Sachsen=Lauenburg.

Es ist zwar sicher, daß das Schweriner Recht nur eine unbedeutende Veränderung des sächsischen Landrechts darstellt 87 ); aber die norddeutsche Gerichtsverfassung bot ja im Mittelalter keineswegs ein einheitliches Bild. Es gilt heute als erwiesen, daß Eike von Repkow im Sachsenspiegel nur die ländliche Gerichtsverfassung Ostsachsens 88 ) beschrieb 89 ) und daß sich diese in wich=


82) Wigger, Jb. 47, S. 30.
83) Fabricius a.a.O. S. 15.
84) Fabricius, S. 16, Anm. 2.
85) Beispiele für die Kompetenz des Markdings über Mecklenburg bieten mehrere Bistumsurkunden, in denen Herzog Heinrich teils eine Verpflichtung, teils eine Befreiung in Ansehung der "placita nostra, que marcding vocantur" aussprach. S. die Beispiele bei Wigger, Bischof Berno von Schwerin, Jb. 28, S. 228 u. 229. Auch in Braunschweig kommt das marcding vor. Heinrich der Löwe bezeichnet als eines der Rechte, "que iure ducatus nos contingunt" das "forense placitum quod vulgo marcthinc vocatur" (F. J. Kühns, Geschichte der Gerichtsverfassung und des Prozesses i. d. Mark Brandenburg, Bd. 2, Berlin 1867, S. 88. Vgl. auch Schröder=Künßberg, Rechtsgeschichte, S. 603, Anm. 63).
86) In den Stadturkunden für Parchim, Plau und Goldberg wurde Befreiung von dem Marcding ausgesprochen (vgl. M.U.B, 1, 319). Vgl. ferner das Privileg der Mannen im Lande Wittenburg vom 1. Juli 1345 (M.U.B. 9, 6552): "were ock, dat se en recht schulden, dat schollen se schelden vor der hertoghen van Sassen malc uppe sin recht".
87) Schröder=Künßberg, Rechtsgesch., S. 732, Anm. 65.
88) Unter Ostsachsen wird das Gebiet östlich, unter Ostfalen das westlich der Oker verstanden.
89) S. Schröder=Künßberg, Rechtsgesch., S. 722, auch K. Beyerle, Die Pfleghaften (Z. S, S. germ. Abtl., Bd. 35, 1914, S. 212 ff.) und F. Phi= (  ...  )
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tigen Punkten von der Gerichtsverfassung Ost= und Westfalen und Holsteins unterschied. Die Unterschiede betreffen vor allem die volksrechtlichen Bestandteile in Gerichtspersonal und Gerichtsverfahren und die sachliche Kompetenz der Gerichte 90 ). Hier zeigt Mecklenburg deutliche Abweichungen von Ostsachsen und der damit verwandten Mark Brandenburg.

In der Mark Brandenburg wurde auf dem Landding das Urteil von Schöffen gewiesen 91 ). Anders in Holstein und Ostfalen, sowie in Teilen Westfalens und Engerns. Die Stellung und Funktion der Gerichtspersonen im holsteinischen Kirchspielgericht 92 ) ist allerdings nicht ganz einheitlich. Nach dem Holstenlandrecht sind nur Dingvogt und Affinder (auch Findsmann oder Dingesmann genannt) Amtspersonen, der Vörsprake ist nur Vertreter der Gerichtspartei. In den zwei späteren Dingformularen ist auch der Vörsprake Amtsperson geworden und hegt im Wechselgespräch mit dem Dingvogt das Gericht 93 ). Nur in den Marschen fanden alle Kirchspielleute das Urteil; im allgemeinen waren sie in die besonders bestimmten Urteilsfinder und den Umstand geschieden 94 ). Das westfälische Goding 95 ) wich in Bezug auf Verfahren und Gerichtspersonen nur wenig von Holstein ab. Im Stift Münster war wie in Holstein jedermann grundsätzlich zum Urteilsfinden berechtigt, während in anderen Gebieten eine besondere Klasse von Dingpflichtigen das Urteil


(  ...  ) lippi, Sachsenspiegel und Sachsenrecht, M.J.Ö.G., Bd. 29, 1908, S. 225 f., derselbe, Zur Geschichte Sachsens im hohen Mittelalter, M.J.Ö.G. 35, 1914, S. 209 ff.
90) Auf den Schultheiß und die Streitfrage über die Kompetenz des Gografen braucht hier nicht eingegangen zu werden; da diese Beamten auf dem Kolonialboden neben den landesherrlichen Verwaltungsbeamten nicht auftreten.
91) C. Bornhak, Preuß. Staats= und Rechtsgesch., S. 22 f.
92) Das Kirchspielgericht wird hier als Beispiel gewählt, da über es mehr Nachrichten als über das an Bedeutung früh abnehmende Goding vorhanden sind.
93) Vgl. W. Carstens, Die Landesherrschaft der Schauenburger und die Entstehung der landständischen Verfassung in Schleswig=Holstein (Ztschr. d. Gesellsch. f. schleswig=holst. Gesch., Bd. 55, 1926), S. 352/355.
94) Die Eingesessenen des Gerichtsbezirks übernahmen auf Grund einer Wahl oder nach einer gewissen Reihenfolge das Amt der Urteilsfinder. Vgl. V. Pauls, Die holst. Lokalverwaltung im 15. Jahrh. (Ztschr. d. Gesellsch. f. schleswig=holst. Gesch., Bd. 43, 1913), S. 64 f. und H. Kuhn, Zur Geschichte der Volksgerichte in Holstein (Arch. f. Beitr. z. dt. Priv. Recht, H. 5, 1926), S. 1 f. und 19.
95) J. Bartmann, Das Gerichtsverfahren und die Aufnahme des römischen Rechts im Stifte Münster (Beyerle, Beitr., Bd. 2, H. 3, 1908), H. Sauer, Die Ravensbergischen Gogerichte und ihre Reform im 16. Jahrhundert, Diss. Münster, 1909.
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zu finden hatte 96 ). Ständige oder gar beamtete Fürsprecher gab es in Westfalen nicht; der vom Gografen bestimmte "Vorsprech" war nur Prozeßvertreter einer Partei 97 ). Bei der Urteilssprechung bediente sich die Gerichtsgemeinde eines Urteilsweisers, der aber vom Gografen ernannt wurde. An ihn richtete der Gograf die Urteilsfrage, er beriet daraufhin mit dem Umstand und brachte dann das Urteil ein 98 ). Auf verwandte Verhältnisse treffen wir im Gogericht Engerns 99 ) und im Landgericht Ostfalens 100 ).

Aus den Zeugnissen über das mecklenburgische Gerichtsverfahren 101 ) geht nun dessen Ähnlichkeit mit den eben behandelten Gebieten deutlich hervor, besonders auffallend mit Holstein und Ostfalen, da der Fürsprech hier wie dort eine amtliche Stellung einnahm und ein Schöffenstand fehlte. In einem amtlichen Bericht von 1651 102 ) ist uns eine Beschreibung der Förmlichkeiten des Ratzeburger Landgerichtes erhalten. Der Vorsprak leitete das Gericht, er begann mit einer feierlichen Hegung im Wechselgespräch mit dem Dingsmann. Dann wurden aus jedem Dorf 1 bis 2, insgesamt etwa 20 oder 24 Personen zu Findesleuten erwählt, die über die nun vorgebrachten Klagen zu urteilen hatten. Das Urteil wurde vom Dingsmann eingebracht. Zum Schluß sprachen Vorsprach und Dingsmann das gehegte Recht wieder auf. Die fürstlichen Beamten setzten zwar das Gericht


96) Nämlich die sog. Sattelmänner (C. Stüwe, Untersuchungen über die Gogerichte in Westfalen, S. 65); im Stifte Osnabrück wurden die Urteilsfinder aus den Schöffen oder Kurgenossen bestimmt, vgl. C. Stüwe, Gesch. d. Hochstiftes Osnabrück, Bd. 1, S. 85.
97) Sauer a.a.O. S. 26.
98) Bartmann a.a.O. S. 27. Sauer a.a.O. S. 22.
99) W. Kinghorst, Die Grafschaft Diepholz zur Zeit ihres Überganges an das Haus Braunschweig=Lüneburg, Diss. Münster, 1912, S. 127. H. A. Oppermann, Deutsches Gerichtsverfahren im 17. Jahrh., Ztschr. f. dt. Recht, Bd. 11, 1847, S. 78 ff.
100) G. Oehr, Ländliche Verhältnisse im Herzogtum Braunschweig=Wolfenbüttel im 16. Jahrh. Hann. u. Leipzig 1903, S. 99.
101) Solche Zeugnisse stammen freilich ebenso, wie die der vorhin genannten Gebiete fast sämtlich erst aus dem 16. u. 17. Jahrh., seitdem die Schriftlichkeit im Gerichtsverfahren die altdeutsche Mündlichkeit verdrängt hatte. Daß die darin überlieferten Zustände denen des Mittelalters entsprechen, wird man jedoch nicht bezweifeln können, da sie z. T. als auf uraltem Brauch beruhend hingestellt werden und unverkennbar den Charakter altertümlicher, aber mehr und mehr verfallender Institutionen tragen.
102) Vgl. Beyer, Beitr. z. Gesch. d. Volksgerichte, Jb. 14, S. 123 f. Abgedruckt auch bei A. Horn, Zur Gesch. des Kirchspiels Selmstorf, Bd. 2, Schönberg, 1925, S. 4 ff., ferner von G. Ringeling in: Quellen der Heimat, hersg. vom Heimatbund für das Fürstentum Ratzeburg, 1928, Reihe D, H. 6, S. 8 ff.. Beiden war die frühere Veröffentlichung Beyers anscheinend unbekannt.
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an und sorgten für die Vollstreckung der Urteile, sie waren aber nicht Richter, sondern brachten nur "wieder die Untertanen Ihre auffgesetzte Mangel" vor. Die Verhältnisse im übrigen Mecklenburg weichen hiervon etwas ab. Die völlige Ausschaltung des landesherrlichen Beamten aus der Leitung des Gerichts, die deutlich eine Verwandtschaft des Ratzeburger Landgerichts etwa mit Hannover 103 ) und auch mit Holstein 104 ) erkennen läßt, finden sich sonst nicht wieder. Auch wird nach Berichten von 1551-53 im Fürstentum Schwerin z. T. noch die gesamte "Burschop in die Vindinge gewiset" 105 ). Überall sind jedoch der Findesmann, der anstelle des Ratzeburger Dingsmanns das Urteil einbrachte, und der Vorsprach notwendige Gerichtspersonen 106 ).

Nicht anders ist im wesentlichen Gerichtsverfahren und Gerichtspersonal in den mecklenburgischen Städten beschaffen. Der Vorsprach war auch in ihnen früher dem Richter nicht untergeordnet, sondern stand ihm zur Seite bei der feierlichen Hegung und Schließung des Dings 107 ).

Im Gegensatz zu den Städten der Mark, Ostsachsens, der Lausitz usw. 108 ) kannten die mecklenburgischen Städte keinen Schöffenstand 109 ). Die zwei Gerichtsassessoren aus dem Rat kontrollierten nur die Verhandlungsführung des Richters 110 ). Das Urteil wurde aber von dem Umstand der Bürger gefun=


103) In Hannover war die richterliche Tätigkeit der Amtleute und des Landgerichts ganz ähnlich abgegrenzt. Vgl. E. von Meier, Hannoversche Verfassungs= und Verwaltungsgesch., 1660-1866, Bd. 2, Lpzg. 1899, S. 255.
104) Daß der holstein. Dingvogt fehlt, ist bedeutungslos; denn in den Kolonisationsgebieten übt der landesherrliche Vogt auch richterliche Tätigkeit aus; hiervon macht allerdings das Ratzeburger Landgericht eine bemerkenswerte Ausnahme.
105) Vgl. Jb. 14, S. 128 f.
106) Vgl. die Anlagen Jb. 14, S. 136 ff.
107) Jb. 14, S. 154, 156, 174. In Kröpelin wird 1335 ein "Nicolaus prolocutor" (Vorsprach) als Zeuge bei einer Verpfändung hinter dem Richter genannt. (M.U.B. 8, 5456.)
108) Vgl. R. Schranil, Stadtverfassung nach Magdeburger Recht, S. 369. Für die stargardischen Städte, die ebenfalls dieser Gruppe zugehören, vgl. z. B. M.U.B. 22, 12492.
109) Allerdings werden 1252 und 1301 (M.U.B. 2, 708 u. 5, 2749) neben dem Rat "scabini" im Titel aufgeführt. Die zweite Urkunde scheidet jedoch als Quelle aus, da sie vom Markgrafen Otto von Brandenburg aus Wusterhausen an die Rostocker Ratmannen gerichtet ist und demnach offenbar nicht auf unmittelbarer Anschauung der Rostocker Verfassung beruht, sondern die märkischen Verhältnisse überträgt. Die sich auf Ribnitz beziehende Urkunde von 1252 rührt zwar vom eigenen Landesherr her, mit den "scabini" sind aber wohl die Gerichtsbeisitzer aus dem Rat gemeint, die hier einmal gesondert von den consules erscheinen.
110) Vgl. unten S. 70.
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den 111 ). So heißt es in einer Urkunde von 1466 über eine beim Grabower Stadtgericht angebrachte Klage: "dat heft vor gherychte weset unde is vor de borghere ghewyset, de vunden, id muchte sunder broke nycht wesen" 112 ). Daher erschien ursprünglich auch die gesamte Bürgerschaft zu den Verhandlungen des Stapelgerichts 113 ), erst im Laufe des 16. Jahrhunderts, mit der Verdrängung des altdeutschen Gerichtsverfahrens, wurde die Öffentlichkeit aufgehoben. Dem ländlichen Findesmann entsprachen ein oder zwei Deputierte der Gerichtsgemeinde, der Deelsmann, Findelsmann oder die Ordelsleute, die das von dem Umstand gefundene Urteil einbrachten; sie wurden "under die Burgher geschickt, dat se ein Ordel schulden finden" 114 ).

Auch im Aufbau der städtischen Gerichtsverfassung Mecklenburgs bemerken wir die gleichen Zusammenhänge 115 ). Ähnlich wie in dem Fehlen eines Schöffenstandes und in der weitgehenden Erhaltung von Elementen der Volksrechte weicht Mecklenburg auch auf diesem Gebiet u. a. von der Mark Brandenburg in entscheidender Weise ab. Im allgemeinen kannten die Städte in Deutschland im 12. und 13. Jahrh. eine Teilung der Gerichtsbarkeit zwischen einem Vogt als Hochrichter


111) Ebenso in Lübeck, vgl. F. Frensdorff, Stadt= und Gerichtsverf. Lübecks, S. 174. L. v. Winterfeld irrt, wenn sie in Bezug auf Lübeck von einer Verschmelzung der Schöffenfunktion mit dem Ratsamt spricht. (Lüb. Ztschr. 25, 1929, S. 443.) Die Verhältnisse in Westfalen und speziell in Dortmund waren doch andersartig, da dort der Rat wirklich als Urteilsfinder im Gericht tätig war. Vgl. F. Philippi, Zur Verfass. gesch. d. westfäl. Bischofsstädte 1894, S. 69 und F. Frensdorff, Dortmunder Statuten und Urteile, 1882, S. LIX und LXIV, bes. Anm. 2. Ebenso ursprünglich in der Mark Brandenburg, C. Bornhak, Gesch. d. preuß. Verwalt. Rechts. Bd. 1, 1884, S. 50 f.
112) L.U.B. 11, 31.
113) Dies zeigte sich insbes. dort, wo das "Etting" in seiner pol. Bedeutung weiterlebte, (u. S. 58 f.).
114) Vgl. Jb. 14, S. 160. (Bericht von 1557.) Bei Güstrow sind von 1529 an Gerichtsakten erhalten. (R. A. Gü. Abt. 1 K. III, a, 2 c.) Nach Angabe des Klagegegenstandes fahren die Akten stets etwa fort: "Hieruff hebben die Burger funden und teilt . . .", am Schluß ist außerdem jedesmal angegeben, wer Deilsmann gewesen ist. Ähnlich wurden im Protokollbuch des Malchiner Untergerichts von 1581-82 hinter jeder Klagesache die Namen der beiden "Ordels Leute" angeführt. (Jb. 14, S. 167.) In Schwerin fällte die Bürgerschaft das Urteil, "so der Vindelsman deme Gerichte einbringen muß" (nach Hövisch, vgl. die Schwerinsche Chronik von Hederich, S. 69).
115) Es genügt hier die Feststellung der Verwandtschaft sowohl mit Holstein wie mit Ostfalen. Ob mehr holsteinische oder ostfälische Beeinflussung vorliegt, soll hier nicht entschieden werden. Doch sei darauf hingewiesen, daß sich in Mecklenburg die holsteinische Unterscheidung von Goding - wahrscheinlich je eins in Holstein, Stormarn und Wagrien - und Kirchspielgericht nicht findet.
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und einem Schultheißen als Niederrichter 116 ). Siegfried Rietschel hat darauf aufmerksam gemacht, daß in zwei Gebieten die Kompetenzgrenze des Vogtes nach unten nicht in gleicher Weise bestimmt war 117 ). In den Bischofsstädten Schwabens befand sich nur die Zivilgerichtsbarkeit in der Hand des Schultheißen. Und in einem bestimmten Gebiet Niedersachsens war "der advocatus sowohl in Zivil= wie in Strafsachen der einzige Stadtrichter . . ., neben dem kein Schultheiß vorkommt" 118 ). Dieses niedersächsische Gebiet umfaßt Ostfalen, das östliche Engern und Nordalbingien; ihm gehören also Braunschweig, Lüneburg, Hamburg, Lübeck und die schleswig=holsteinischen Städte an, während die östlich und westlich davon gelegenen Städte wieder den Schultheiß als Unterrichter aufweisen 119 ). Es entspricht unseren bisherigen Beobachtungen über die mecklenburgische Gerichtsverfassung, wenn sich auch die mecklenburgischen Städte dem schultheißlosen Gebiet anreihen. Für die Städte lübischen Rechtes war die Gerichtsverfassung Lübecks maßgebend; in Lübeck war das Vogtgericht zuständig für alle Rechtsstreitigkeiten und alle Rechtsverletzungen. Der Vogt hielt die gebotenen wie die ungebotenen Dinge 120 ). Aber auch in den Städten Parchimer und Schweriner Rechts berichtet keine Urkunde von der etwaigen Existenz eines Schulzen als Ortsobrigkeit und als städtischen Niederrichters 121 ). In den Städten Stendaler und Brandenburger Rechts, also auch in Stargard, erscheint dagegen ein Schulze als Niederrichter, auch steht er in fast allen städtischen Urkunden an der Spitze der Konsuln 122 ).

Auf dem Gebiet des Gerichtswesens zeigten also Stadt= und Landrecht gemeinsame Beziehungen zur Heimat der Kolonisten. Einer gesonderten Untersuchung bedarf jedoch die Herkunft jener im Stadtrecht verankerten Regelungen, die die Städte als einen eigenen Rechtskreis vom Lande trennten. Städtisches Besitzrecht, eheliches Güterrecht und die Befugnis zu selbständiger Recht=


116) Schröder, Rechtsgesch., S. 686.
117) S. Rietschel. Das Burggrafenamt und die hohe Gerichtsbarkeit in den deutschen Bischofsstädten während des frühen M. A. Lpz. 1905, S. 307 ff. und 247 f.
118) Rietschel a. a. O. S. 308.
119) Für Westfalen vgl. F. Philippi, Z. Verfass. gesch. d. westfäl. Bischofsstädte, S. 59 ff., für die Mark Brandenburg C. Bornhak, Gesch. d. preuß. Verwalt. rechts, Bd. 1, S. 42 ff.
120) F. Frensdorff, Die Stadt= u. Gerichtsverf. Lübecks, S. 82 f.
121) Vgl. u. S. 58 f.
122) Z. B. "schultetus, consules et cives" in Pölitz (P.U.B. 3, 1688 und 1928). "schultetus scabini et universitas burgensium von Püritz (P.U.B. 2, 1228). Vgl. auch F.J.Kühns a.a.O. Bd. 2, S. 182, 191, C. Bornhak a.a.O. 1, S. 46 f.
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setzung sind meist aus anderen Quellen als das Landrecht der städtischen Umgebung geschöpft; sie sind vielfach den Rechten anderer Städte entlehnt. In die hier bestehenden Zusammenhänge vermag vor allem das eheliche Güterrecht Einblick zu gewähren; gerade auf dem familienrechtlichen Gebiet werden die Stadtbewohner am wenigsten von den aus der Heimat gewohnten Normen abgewichen sein 123 ).

Auf dem Gebiet der beerbten Ehe hatte sich in westfälischen Städten, namentlich in Soest und Münster, die allgemeine Gütergemeinschaft mit Halbteilung entwickelt, die sich dann über ganz Norddeutschland verbreitete und das Sachsenspiegel= und Magdeburger Recht, das an der alten volksrechtlichen Verwaltungsgemeinschaft festhielt, in ihrem Geltungsraum stark beschränkte 124 ). Es ist daher fast selbstverständlich, daß dem westfälischen System auch die mecklenburgischen Städte zufielen. Sowohl für das Schweriner wie das Parchimer Stadtrecht wird diese Tatsache durch stadtrechtliche Bestimmungen erwiesen 125 ); Lübeck, dem sich natürlich die mecklbg. Tochterstädte anschlossen, folgte unmittelbar der Stadt Soest 126 ). Allerdings fehlten geringe Unterschiede nicht. So hat es Bedeutung, daß eine Sooster Bestimmung, die bei der Teilung des Erbes zwischen dem überlebenden Ehegatten und den Kindern den Mann bevorzugte, in Lübeck, Braunschweig und Schwerin keine Aufnahme gefunden hatte 127 ).

Auch die Rechtsverhältnisse bei Auflösung einer unbeerbten Ehe waren in Norddeutschland verschieden geregelt. Lübeck huldigte dem Soester System, das bei kinderloser Ehe nur Verwaltungsgemeinschaft mit statutarischer Erbportion und keine Errungenschaftsgemeinschaft kannte 128 ). Dem folgten auch die lübischen Tochterstädte in Mecklenburg 129 ). In Parchim herrschte dagegen auch bei unbeerbter Ehe die allgemeine Gütergemein=


123) Ebenso F. Frensdorff, Dortmunder Statuten, S. CLXXIII. Vgl. auch R. Hübner, Grundzüge d. dt. Priv. R., Lpzg. 1930, S. 672.
124) R. Schröder, Das eheliche Güterrecht Norddeutschlands und der Niederlande, 1874, S. 2 ff., 103 ff.
125) Für das Schweriner Recht vgl. M.U.B. 1, 433, § 18, für das Parchimer Recht 1, 319: Item concedimus, ut ea, que herewede dicuntur et muliebria que wiberade vocantur, minime dentur, sed hereditas est per medium dividenda.
126) Vgl. W. Draeger, Das alte lübische Recht und seine Quellen, Hans G. Bll. Jg. 1913, S. 47 f.
127) W. Draeger a.a.O. S. 47. Für das Schweriner Recht s. den "Codicillus jurium megapolensium" v. J. 1589, hrsg. von H. Böhlau (Ztschr. f. R., Bd. 10, 1872), S. 150 f.
128) Vgl. F. Frensdorff, Verlöbnis und Eheschließung nach hansischen Rechts= und Geschichtsquellen. Hans. G. Bll. Jg. 1918, S. 64 f. und R. Schröder a.a.O. S. 23 f.
129) C. A. von Kamptz a.a.O. S. 626 f., Bd. 2.
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schaft 130 ), die Parchimer Städte gehörten damit zum System der Gütergemeinschaft, der sog. Dortmunder Gruppe 131 ). In der Schweriner Stadtrechtsurkunde ist die Intestaterbfolge bei unbeerbter Ehe nicht geregelt. Das Schwerin=Güstrower Recht stimmt in seinen erbrechtlichen Grundsätzen übrigens insofern auffallend mit dem Braunschweiger Recht überein 132 ), als nach beiden Stadtrechten Heerwede und Frauengerade bei der Erbteilung als Voraus gegeben wurden 133 ) und beide Stadtrechte nur die Witwe bei Wiederverheiratung zur Erbteilung mit den Kindern verpflichteten 134 ).

Das Vorbild von z. T. außermecklenburgischen Städte macht auch die Regelung des städtischen Besitzrechtes in Mecklenburg


130) S. Anm. 125.
131) Schröder a.a.O. S. 43. Auch die Städte in der benachbarten Mark Brandenburg gehörten z. T. dieser Gruppe an, z. T. jedoch dem System des Sachsenspiegels und des Magdeburger Rechts. Schröder a. a. O. S. 53 f.
132) Träfen die Vermutungen von Schröder zu, so wäre allerdings auf dem Gebiet der unbeerbten Ehe ein verschiedenes System in beiden Städten herrschend gewesen. Während Schröder Braunschweig zu den Städten mit Alleinerbrecht rechnete (a.a.O. S. 41), nahm er an, (a.a.O. S. 53 und 67 Anm. 107), bei unbeerbter Ehe hätten die Städte Schweriner Rechts ursprünglich das altsächsische System - vertreten durch den Sachsenspiegel und das Magdeburger Recht - befolgt. (Diese Auffassung übernahm dann auch von Buchka "Das statutarische eheliche Güter= und Erbrecht in Mecklenburg=Schwerin" Mckl. Zeitschr. f. Rechtspflege und Rechtswiss. Bd. 10, S. 38, Anm. 11.) Doch läßt das Braunschweiger Recht, wie Schröder selbst betont (a.a.O. S. 41, Anm. 17), keine ganz sichere Antwort zu, und bei Schwerin beruht Schröders Auffassung auf einem Irrtum. Schröder begründet sie nämlich damit, daß das Landrecht der Insel Rügen, wo Schweriner Recht die allgemeine Rechtsnorm bildete, bei unbeerbter Ehe ein dem Sachsenspiegel verwandtes System kannte. Dies Schweriner Recht ist aber nicht das Stadtrecht, wie Homeyer einst glaubte, und Schröder von ihm übernahm, sondern ein nur unbedeutend verändertes sächsisches Landrecht, das, wie wir sahen, als Schweriner Recht bezeichnet wurde. Dagegen geht aus dem Kommentar von Hövisch zum Schweriner Recht von 1592 die allgemeine Gütergemeinschaft hervor (vgl. C. A. von Kamtz a.a.O. Bd. 2, S. 640); bei dem konservativen Charakter des ehelichen Güterrechts gibt dies Zeugnis möglicherweise das ursprüngliche Recht wieder; doch ist bei dem Zustand der Quellen für das Mittelalter ein Gegensatz von Schwerin und Braunschweig in dieser Frage nicht zu beweisen.
133) Vgl. für Schwerin den Kommentar von Hövisch zum Schweriner Recht bei von Kamptz Bd. 2, S. 645, Anm. 3. Über das Braunschweiger Recht vgl. Schröder, S. 42. Außer im Magdeburger Recht war es nur in westfälischen Städten rechtens, Herwede und Gerade zu geben.
134) Vgl. Schröder a.a.O. S. 126 f., 154 und 165. Ferner M.U.B. 1 433, § 18 u. 19. Aus dem § 19 folgt m. E. daß der Mann bei Wiederverheiratung seinen Kindern nur Ausspruch zu tun brauchte. In Lübeck war auch der Mann zur Sachteilung verpflichtet. Vgl. das alte lübische Recht, hrsg. v. J. Fr. Hach, Lüb. 1839, codex 1 § 7.
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verständlich. Im allgemeinen geschah die Anlage einer Stadt in der Weise, "daß ein Grundeigentümer ein genügendes Stück Land unter einer Anzahl von Ansiedlern aufteilt und es ihnen gegen einen festen, nicht zu erhöhenden Zins von den einzelnen Hofstätten erblich überläßt" 135 ). Heinrichs des Löwen Gründungen nehmen in den Bedingungen der Ansiedlung jedoch eine Sonderstellung ein; in Braunschweig 136 ), in Lübeck 137 ) und ebenso in Schwerin wurde ein Gründerleihezins nicht erhoben 138 ). Es ist sehr wahrscheinlich, daß Schwerin und Lübeck als Vorbild gedient haben, wenn ebenso den in der Folgezeit angelegten mecklenbg. Städten eine Verpflichtung zur Zahlung eines solchen Leihezinses anscheinend nicht auferlegt wurde 139 ). Die Städte Mecklenburg=Schwerins traten damit in Gegensatz zu den märkischen wie zu den stargardischen Städten, die von der Leistung des "Wortzinses" nicht befreit waren 140 ).

Auf eine Verwandtschaft mit Soest und Lübeck scheint es zu deuten, wenn das Schwerin=Güstrower Recht wie jene Städte ein autonomes Strafrecht und die Zusatzstrafe von 3 mr. kannte 141 ). Ebenso stellt die im Parchimer Recht und 1263 für die Städte Güstrower Rechts getroffene Bestimmung, daß ein Bürger seinen


135) Fr. Keutgen, Untersuchungen über den Ursprung der deutschen Stadtverfassung, Lpzg. 1895, S. 118. R. Hübner, Grundzüge des deutschen Privatrechts, S. 360. In Westfalen genoß nur Dortmund Zinsfreiheit. Vgl. H. Hallermann, Die Erbleihe an Grundstücken in den westfälischen Städten bis 1500. (Gierkes Untersuchungen zur Deutschen Staats= und Rechtsgeschichte, H. 135, Bresl. 1905, S. 51.)
136) W. Varges, Die Gerichtsverfassung der Stadt Braunschweig b. z. J. 1374, S. 18 und H. Kleinau, Der Grundzins in der Stadt Braunschweig bis 1350, Lpz. rechtswiss. Studien H. 40 1929, S. 73 u. 89.
137) F. Frensdorff, Stadt= und Gerichtsverf. Lübecks, S. 10 f. Ob bei Lübeck die Befreiung von der öffentlich=rechtl. Zinszahlung in die Zeit Heinrichs des Löwen oder Friedrich Barbarossas fällt, ist nach L. von Winterfeld a.a.O. S. 450 f. ungewiß.
138) Vgl. S. Rietschel, Die Städtepolitik Heinrichs d. Löwen (H. Z. Bd. 102, 1909, S. 257 ff.), S. 258.
139) Eine ausdrückliche Befreiung von der Zinszahlung enthalten die Urkunden nicht. Es heißt in ihnen nur, daß der Grund und Boden zu freiem Besitz verliehen sein soll (vgl. für das Schwerin=Güstrower Recht 1, 359 § 26, für das Parchimer Recht 1, 319 § 1, für das lüb. Recht z. B. Altkalen, 1, 684 und Gnoien 2, 2070).
140) C. Bornhak a.a.O. Bd. 1, S. 42 und Riedel, Die Mark Brandenburg i. J. 1250, Bd. 2, S. 303.
141) Hach, 1 § 82. Über die Verwandtschaft von Lübeck und Soest vgl. Reinke a.a.O. S. 234. Über Schwerin s. M.U.B, 1, 359, § 10. Andere Strafen für Übertretungen der Willküren wurden in Halle und Magdeburg angewandt: in Magdeburg 36 mr, in Halle 5 mr, verbunden mit einjähriger Verbannung aus der Stadt, vgl. R. Schranil, Stadtverf. nach Magdeb. Recht, S. 190 f. u. 343.
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auswärtigen Schuldner in der Stadt anhalten darf 142 ), nicht einen bewußten Ausdruck der Städtepolitik der mecklbg. Landesherren dar, wie es Hoffmann auffaßt 143 ), sondern nur die Übernahme eines üblichen Schuldrechtsatzes; wir finden diese Festsetzung im ottonischen Stadtrecht von Braunschweig wieder 144 ). Und auch die Institution des "magister civium" hat in Städten Ost= und Westfalens und in Köln ihre Parallele. Diese und ähnliche Zusammenhänge sind nicht unerheblich für die richtige Würdigung der Anfänge der städtischen Selbstverwaltung, denen wir uns im folgenden Abschnitt zuwenden wollen.


142) S. § 6 des Parchimer Rechts, Für das Schweriner Recht vgl. den Zusatz des Schreibers im Stiftungsbrief der Stadt Penzlin von 1263 (M.U.B. 2, 987).
143) A.a.O. S. 186.
144) U.B. der Stadt Braunschweig 1, Nr. 2, § 14 u. 15.
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Kapitel 2:

Das Verhältnis von Stadt und Staat in Mecklenburg während des Mittelalters

A. Die Grundzüge der landstädtischen Verfassung in der ältesten Zeit

§ 1:

Die ursprünglichen Bestandteile der Selbstverwaltung in den Städten

Aufgabe dieses Abschnittes soll es sein, die Verfassung der mecklenburgischen Landstädte bis ca. 1275, dem Abschluß der eigentlichen Gründungsperiode, zu schildern.

Die Quellen lassen die Anfänge der städtischen Selbstverwaltung in der ältesten mecklbg. Stadt im Dunkeln. Das Schweriner Recht ist uns nicht in der Gestalt, wie es Heinrich der Löwe 1160 Schwerin verliehen hatte 1 ), erhalten. Seit Reincke=Blochs Untersuchung 2 ) steht fest, daß die "Jura zuerinensis civitatis", welche den Städten Güstrow, Malchin, Malchow, Penzlin und Röbel in fast gleichlautenden Stadtrechtsurkunden verliehen wurden, bereits entwickeltere Verhältnisse widerspiegeln, als sie ursprünglich in Schwerin bestanden haben können 3 ).

Das Güstrower Privileg von 1228 4 ), das den Gründungsurkunden der übrigen Städte Schweriner Rechts zugrunde liegt, nennt als Organe der Stadt den magister civium und die consules.

Man darf annehmen, daß der magister civium schon bei der Gründung Schwerins vorhanden war. Die magistri civium, Bauermeister und "burrichtere" im altdeutschen Mutterland der Siedler, in den Städten Engerns, Ost= und Westfalens und in


1) Daß Schwerin wirklich ein Stadtrecht bei der Gründung empfangen hat, geht mit einiger Sicherheit aus Saxo Grammaticus, Historia Danica XIV (zum J. 1164) hervor. Vgl. auch H. Böhlau, Beitr. z. Schweriner Stadtrecht. (Ztschr. f. Rechtsgesch. Bd. 9, 1870, S. 267).
2) H. Reincke=Bloch: Der Freibrief Friedrichs I. für Lübeck und der Ursprung der Ratsverfassung in Deutschland (Lüb. Ztschr. Bd. 16, 1914, S. 16 ff.).
3) Vgl. dazu S. 43 ff.
4) Vgl. u. S. 38 f.
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Köln, stellen verwandte Erscheinungen dar. Es erinnert an die Verhältnisse von Schwerin, wenn in (dem zwischen 1185-1206 gegründeten) Hameln der Bauermeister den städtischen Interessenten die Hirten für ihre Herden zu bestellen und andere Verrichtungen zum Nutzen des Gemeindegutes auszuführen hatte; doch stand die Aufsicht über die Ämter dort dem Schultheißen zu 5 ).

Frensdorff hat einst den advocatus im Braunschweiger Hagenrecht, den mag. civium in Hannover und Schwerin und den Hildesheimer magister civilis in Parallele zueinander und mit dem Bauermeister im Sachsenspiegel gestellt 6 ) und wahrscheinlich gemacht, daß in deren Gericht die Anfänge der städtischen Selbstgerichtsbarkeit wahrgenommen wurden 7 ).

Ratsherren hat es dagegen in der Mitte des 12. Jhs. noch nicht gegeben. Die in der neueren Forschung 8 ) betonte Bedeutung der Gottesfriedensbewegung für die Entwicklung der Stadtverfassung ist jedoch zu berücksichtigen, will man ein Bild von deren Anfangsstadium gewinnen. Denn "von Heinrich dem Löwen . . . wissen wir bestimmt, daß er in allen seinen Städten den Gottesfrieden hat beschwören lassen" 9 ). Darum treffen wir in Schwerin ebenso wie im Braunschweiger Hagen und in Lübeck als Grundlage der Bürgerfreiheit den Satz: "Stadtluft macht frei" 10 ). Darum begegnet in Schwerin ferner der Haupt= und Handverlust, die typischen peinlichen Strafen des Gottesfriedens 11 ). Indem die Bürger als Genossen gleichen Rechtes den


5) U.B. des Stiftes und der Stadt Hameln, herausgeg. von O. Meinardus, Bd. 1, 1887, Einl. S. 29, 44 f. und 48. Ferner Bd. 2, 1903, herausg. v. E. Fink, Einl. S. 23.
6) F. Frensdorff, Studien z. Braunschw. Stadtrecht 2 (Nachrichten v. d. Kgl. Ges. d. Wiss. zu Göttingen, 1906), S. 293 f.
7) Wir wissen, daß dem Braunschweiger advocatus ein "judicium" zustand (Keutgen, Urk. z. städt. Verf. Gesch. Nr. 151 § 4), daß der Hildesheimer mag. civilis "in civili jure in officiis eorum" (sc. der Handwerker) richtete (vgl. J. K. Kames, Die weltl. Gerichtsbark. i. d. Stadt Hildesh. während des MA., Diss. 1910, S. 13 f.) und der mag. civium in Hannover in Konkurrenz mit dem dortigen Vogt über die Maße eine Kontrolle ausübte und dabei eine Polizeistrafe von 5 ß verhängen konnte (vgl. F. Frensdorff, Hans. G. Bll. 1882, S. 9, Anm. 6).
8) H. Meyer, Freiheitsroland u. Gottesfrieden (Hans. GBll. 56. Jg. 1931, S. 5 ff.), ders. Bürgerfreiheit u. Herrschergewalt unt. Heinr. d. Löwen (H. Z. 1933, Bd. 147, S. 277 ff.), L. v. Winterfeld, Gottesfrieden u. dtsch. Stadtverf. (Hans. GBll. 52. Jg. 1927, S. 8 ff.).
9) H. Meyer, Bürgerfreiheit, S. 304 u. 306. Vgl. auch F. Fabricius, Das Schwerinische Recht, S. 19.
10) Vgl. Rietschel, H. Z. 102, S. 269 und § 23 des Schweriner Stadtrechts.
11) L. v. Winterfeld, Gottesfrieden u. dtsch. Stadtverf. S. 13 ff. und § 1 u. 2 des Schweriner Rechts (M.U.B, 1, 359).
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Frieden geloben, sind sie aktiv berufen, den Friedensbrecher zu verfolgen. Diese Teilnahme an der Wahrung des Gottesfriedens ist aber von Anfang an in die Hand eines Bürgerausschusses gelegt, aus dem dann vermutlich der Rat hervorgegangen ist 12 ).

Allein über das ursprüngliche nebeneinander von Stadtleitung, magister civium und Bürgern in Schwerin kann man nur Vermutungen anstellen 13 ). Auf gesicherter Quellengrundlage stehen wir erst bei Gadebusch. Die Gründungsurkunde von 1225 14 ), die der Stadt "eandem libertatem" verlieh, "quam Fridericus quondam Romanorum imperator Lubicensis indulsit", zählt auch die damit verbundenen städtischen Selbstverwaltungsrechte auf. Die Polizeiaufsicht über die wichtigen Nahrungsgewerbe der Bäcker, Schlachter und Krüger ist wahrscheinlich in die Hände der Bürgerschaft gelegt; von den dabei erkannten Strafen erhielt die Stadt zwei Drittel und der landesherrliche Richter ein Drittel. Der Friedensschilling, der beim Abschluß von Grundstücksgeschäften gegeben wurde, kam der Stadt und dem Richter zu gleichen Teilen zu. Der erblose Nachlaß fiel, wenn sich binnen Jahresfrist niemand dazu meldete, zur Hälfte an die Stadt, zur Hälfte an die Richter.

Die Gründung von Gadebusch kann jedoch nicht als Stadium auf dem Wege der Entwicklung der städtischen Selbstverwaltung gelten 15 ). Lübecks Verfassungszustand hatte um 1225 die durch das Barbarossaprivileg von 1188 bezeichneten Zustände bereits weit hinter sich gelassen 16 ). Wenn Gadebusch nicht einmal alle Rechte erlangte, die Friedrich Barbarossa 1188 Lübeck gewährte oder bestätigte 17 ), so möchte man darin eine Äußerung landesherrlicher Politik oder Mangel an bürgerlicher Initiative erblicken; auch später wurden einzelnen Städten ähnlich geminderte Selbstverwaltungsbefugnisse, wie diesem aus einem Dorf auf=


12) H. Meyer, Freiheitsroland, S. 53 Anm. 161, ders. Bürgerfreiheit, S. 296 u. 299. "Auf dem Grunde des städtischen Gottesfriedens" ist nach H. Meyer die Ratsverfassung erwachsen. Die 24 "coniuratores fori" in Freiburg (Br.) stellen nach L. v. Winterfeld, Lüb. Ztschr. Bd. 27, S. 429 ff. einen auf die beschworene Friedenseinung zurückgehenden und von der Gemeinde auf Amtszeit bestellten Geschworenenrat dar; sie sind die "gleich bei der Gründung eingesetzte" kommunale Behörde, der als vornehmste Aufgabe 1120 "die Aufbewahrung des erblosen Gutes und die Marktpolizei übertragen wurde".
13) Vgl. dazu S. 44 f.
14) M.U.B. 1, 315.
15) Dies geschieht bei Hoffmann a.a.O. S. 195 f.
16) Fr. Rörig, Hansische Beiträge d. deutschen Wirtschaftsgeschichte, Bresl. 1928, S. 18.
17) Im Barbarossaprivileg war z. B. das Recht der "kore", das sich in Gadebusch nicht findet, "eigentlich im vollen Umfang enthalten". Rörig a.a.O. S. 19.
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gestiegenen Landstädtchen verliehen. Das auch lübischrechtl. Rostock kannte 1218 bereits die Ratsverfassung 18 ). Der Rat übte dort wahrscheinlich von Anbeginn ein allgemeines Verordnungsrecht in Marktangelegenheiten 19 ). Ferner: in den um die gleiche Zeit gegründeten Städten Güstrow und Parchim war die Selbstverwaltung bereits zu vollendeterer Ausbildung gelangt.

In beiden Städten begegnet das städtische Willkürrecht. In Parchim überließ die Gründungsurkunde von 1225/26 mit der Zuweisung der Einkunft, "qui vulgo sonat inninghe", an die cultores 20 ) einen wesentlichen Zweig städtischen Lebens autonomer Regelung. Wenn auch dem Wort "inninghe" die Bedeutung Einung, Willkür 21 ) fehlt 22 ), und demnach in dem Recht der "inninghe" nicht ein allgemeines Willkürrecht, sondern eigentlich nur die Befugnis enthalten war, über die Zulassung zum Markte zu bestimmen 23 ), so befähigte die Gesamtverleihung des Innungsrechtes an die Stadt die städtischen Behörden doch, den einzelnen Gewerben das Recht des Verkaufs auf dem städtischen Markt für ihre Produkte zu gewähren und in der Folge Innungen (in dem nun daneben gültigen Wortsinn) sei es zu


18) M.U.B. 1, 244.
19) Vgl. P. Meyer, Jb. 93, 1929, S. 54.
20) M.U.B. 1, 319 § 2.
21) Diese Auffassung vertrat Böhlau a.a.O. S. 73, Anm. 50. Sie ist auch von Hoffmann übernommen (Jb. 94, S. 196). Daß der Plauer Stadtschreiber in einer Glosse zum Stadtrecht vom J. 1553 aus jener Bestimmung die getarnte Regierungsbefugnis des Rates herleitete, vermag jene Ansicht nicht zu stützen, da die Glosse auch in anderer Hinsicht den ursprünglichen Sinn des Stadtrechts mangelhaft wiedergibt; so begreift sie den an gleicher Stelle im Stadtrecht vorkommenden Friedeschilling mit unter die genannte Erklärung, sodaß noch Lisch, Jb. 17, S. 39 dafür eine falsche Interpretation gab.
22) Keutgen, Ämter und Zünfte, S. 212 hält es für nicht unmöglich, daß unter dem Wort in diesem Fall auch die Bußen für Gewerbevergehen einbegriffen waren. Doch war das Innungsgeld in Parchim, Plau usw. nur eine einmalige Zahlung (bei Eintritt in das Amt), so daß der von Keutgen unternommene Versuch, diese Ansicht durch eine von ihm angenommene Parallele zur Wiener Neustadt zu stützen, wo (sich jährlich wiederholende) Zahlungen vermutlich in einer Ablösung des Gewettes ihren Ursprung haben (ebenda S. 156 bes. Anm. 405), unberechtigt ist.
23) So im allgemeinen Keutgen a.a.O., S. 204 ff. u. 211. Auf die Zünfte bezogen bedeutet das Innungsrecht der Obrigkeit demnach die Zulassung des einzelnen in den Verband durch Erteilung der Gewerbekonzession. Dies ist auch die übliche Bedeutung des Wortes in Monnicks Berichten vom Jahre 1514. Meistens wird hier unter den Gebräuchen der Zünfte auch die Abgabe de innighen oder vor die innyghe genannt. (Vgl. Jb. 57, S. 174, 205, 237, 246, 248.) Bei Gnoien heißt es: alle ampte, die veylunge hebben, geuenn vor die innung vier schilling Sundesch (Jb. 57, S. 193). Bei den Plauer Ämtern findet sich die Wendung: item 6 gude ß inn die innigenn und 3 punt waß int ampt Jb. 57, S. 254).
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organisieren, sei es wenigstens mit Statuten zu versehen. Erteilte doch bereits zwischen 1230 und 1240 der Parchimer Rat der Fischerzunft eine Amtsrolle 24 ).

Im Schweriner=Güstrower Recht von 1228 hatte die städtische Autonomie einen umfassenden Ausdruck gefunden. Die Ratsherren hatten das Recht, ad communem usum Anordnungen zu treffen 25 ). Außerdem ist von den statuta civitatis die Rede, auf deren Übertretung eine Strafe in Höhe von 3 mr stand 26 ). Davon sollten 2/3 der Stadt zufallen; mit der Selbstgesetzgebung war demnach wahrscheinlich eine kommunale Willkürgerichtsbarkeit verbunden.

Es wurde schon darauf hingewiesen, daß in Parchim das Zunftwesen der städtischen Obrigkeit untergeordnet war. Nicht nur hatte der Rat das entscheidende Privilegium des Zunftzwanges zu vergeben 27 ), er übte auch die Aufsicht über die Zünfte. Schon die Plauer Schlachterrolle von 1306 - ähnlich die Fischerrolle von 1307 28 ) - enthält die Bestimmung: Gehorcht ein Zunftmitglied den Anordnungen der Älterleute nicht, so soll es vor den Rat geführt und für sein Vergehen "secundum arbitrium et deliberationem consulum" gestraft werden 29 ).

Im Schwerin=Güstrower Recht führte der magister civium die Aufsicht über die Zünfte. Doch hatte anscheinend auch der landesherrliche Vogt Anteil an der Marktverwaltung 30 ).

Ein altes städtisches Recht war auch die Verwaltung der Allmende. Nach dem Güstrower Privileg hatte der magister civium die Aufsicht über den Stadthirten zu führen 31 ).

Beide Rechte sprachen ferner den Städten Gebiete der freiwilligen Gerichtsbarkeit zu. Da der Friedeschilling, der für die Friedewirkung bei einer Grundstücksübertragung zu geben war, ganz dem Rat gehören sollte 32 ), erfolgte die Auflassung der Grundstücke offenbar von Anfang an vor dem Rat. Ihre Eintragung in ein Stadtbuch wird uns aus so früher Zeit noch nicht berichtet. Wahrscheinlich stellte man zunächst nur auf Antrag


24) M.U.B. 1, 384.
25) M.U.B. 359, § 24.
26) Ebenda § 10.
27) Das Innungsgeld begegnet in Plau schon in der Schlachterrolle von 1306 und der Fischerrolle von 1307 (M.U.B. 5, 3108 und 3164).
28) Der betreffende "wedderwillige", der die Zahlung der ihm von den Amtsmeistern auferlegten Strafe verweigerte, sollte "den broke na rade des rades beteren" (M.U.B. 5, 2164).
29) M.U.B. 5, 3108.
30) Vgl. u. S. 61.
31) M.U.B. 1, 359, § 14.
32) Im Parchimer Recht § 2, im Güstrower § 11.
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der Parteien besondere Handfesten aus 33 ). Für sie waren vermutlich von Anbeginn die Ratsherren die zuständige Behörde. Wenigstens läßt sich wohl der Rat, nicht aber das landesherrliche Gericht bei der Beurkundung von Rechtsgeschäften nachweisen 34 ). Auch bei Rentenbestellungen, die z. B. in Bremen nach Paul Rehmes Vermutung 35 ) in der ältesten Zeit vor dem Gericht vorgenommen wurden, wandte man sich in den Landstädten schon früh an den Rat; 1303 beurkundete der Güstrower einen vor ihm erfolgten Rentenkauf 36 ).

Nach Schweriner=Güstrower Recht bewahrte der Rat außerdem den erbenlosen Nachlaß für ein Jahr. Meldete sich dann kein Erbe, so fiel der Nachlaß an den Landesherrn 37 ).

Im Gadebuscher Privileg von 1225 ist nur von Befugnissen der cives die Rede, bei der Behandlung der Güstrower Selbstverwaltungsbefugnisse mußten wir dagegen schon mehrfach der consules gedenken. Ihr Vorkommen in der Güstrower Stadtrechtsurkunde von 1228 ist zwar im Vergleich zu mancher Stadt Altdeutschlands verhältnismäßig früh 38 ), aber es überrascht andererseits nicht; tritt uns der Rat in Braunschweig doch ebenfalls um diese Zeit 39 ), in Rostock schon 1218 und in Lübeck gar 1201 40 ) entgegen. Auch bei Parchim bestand die Ratsverfassung bald nach, wenn nicht schon zur Zeit der Stadtgründung. Freilich nennt die Stiftungsurkunde von 1225/26 den Rat noch nicht, aber das hier erwähnte Gemeindeorgan, die cultores 41 ), befand sich schon im Besitz der dem Rat zukommenden Rechte, und in der Fischerzunftrolle, die nach Ansicht der Herausgeber "eher um


33) So wurde in Bremen erst 1438 ein Grundbuch geschaffen und bis dahin die Auflassung durch Ausfertigung von Handfesten beurkundet. Auch stand es bis 1433 "in der Willkür der Beteiligten, die Ausfertigung eines Auflassungsbriefes herbeizuführen oder eine Auflassung unverbrieft zu lassen". P. Rehme, Stadtrechtsforschungen T. 1, S. 43 f.
34) Vgl. u. S. 42, Anm. 64.
35) P. Rehme a.a.O. S. 38.
36) M.U.B. 5, 3212.
37) M.U.B. 1, 359, § 17. Wie das Stadtrecht von Freiburg im Breisgau lehrt, ist dies ja eines der ältesten Selbstverwaltungsrechte deutscher Städte.
38) Nach F. Philippi, Zur Verfass. gesch. d. westfäl. Bischofsstädte, S. 55 sind die ersten consules für Osnabrück 1231, für Paderborn 1238, für Minden 1244 zu belegen.
39) Vgl. § 14 des Braunschweiger Hagenrechtes von 1226 (Fr. Keutgen, Urk. z. städt. Verf. gesch. Nr. 151). Zur Datierung vgl. W. Varges, Die Gerichtsverf. d. Stadt Braunschweig, S. 13.
40) L.U.B. 1, 9.
41) Hoffmann, Jb. 94, S. 94 ff. hat darauf aufmerksam gemacht, daß die cultores als Leiter der Besiedlung in der Urkunde von den cives unterschieden werden.
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das Jahr 1230 als um 1240" verfaßt ist, begegnen dann auch die consules 42 ).

Ob die Besetzung der Ratskollegien vielleicht zunächst unter Mitwirkung landesherrlicher Beamter vor sich gegangen ist, läßt sich nicht entscheiden 43 ).

Diese Selbstverwaltungsbefugnisse Parchims und Güstrows fanden mit den Stadtrechten dann im wesentlichen auch in den bald darauf gegründeten Städten gleichen Rechts Eingang.

Über die Städte lübischen Rechts wissen wir weniger. In ihnen erscheint ebenfalls um diese Zeit der Rat an der Spitze der städtischen Verwaltung: 1241 in Boizenburg 44 ) und Wismar 45 ), 1252 in Ribnitz 46 ), 1262 in Sülze 47 ), 1271 in Gadebusch 48 ), 1280 in Kröpelin 49 ) und 1283 in Neubukow 50 ) usw., d. h. überall bald nach und z. T. gleichzeitig mit dem ältesten Zeugnis über die Existenz der Stadt. Das Recht, Willküren (statuta oder statuta arbitraria) zu errichten, wurde 1266 an Wismar 51 ), 1271 an Gadebusch 52 ) verliehen. Am Ausgang der hier behandelten Epoche hat dieses Recht nachweislich auch Rostock besessen 53 ); ob die Stadt sich dabei auf eine besondere Verleihung berufen konnte, muß bei der Unzulänglichkeit der Quellen dahin gestellt bleiben.

Der Friedeschilling stand nach lübischem Recht zwar zur Hälfte dem Vogt zu, aber die Auflassung geschah in Lübeck schon Anfang des 13. Jahrhunderts nicht auf dem echten Ding, sondern vor dem Rat 54 ). Auch in den beiden mecklenburgischen


42) M.U.B. 1, 384: Hoc institutum (sc. die Zunftrolle) ab universitate consulum probatum et inventum. Die nächste Urkunde, in der Parchimer Ratsherren bezeugt sind, stammt vom Jahre 1240 (M.U.B. 1, 508); vgl. auch das Zeugnis von 1282 über das Alter des Rathauses (u. S. 43).
43) Vgl. u. S. 170 f.
44) M.U.B. 1, 529.
45) Das älteste Wismarer Stadtbuch von etwa 1250-1272, hrsg. von Fr. Techen, Wismar 1912. S. XVII.
46) M.U.B. 2, 708.
47) M.U.B. 2, 960.
48) M.U.B. 2, 1078.
49) M.U.B. 2, 1553.
50) M.U.B. 3, 1658.
51) M.U.B. 2, 1078.
52) M.U.B. 2, 1216.
53) Vgl. die Beispiele bei H. Böhlau a.a.O. 1, S. 77, Anm. 73.
54) In Lübeck fanden schon im ersten Jahr der Stadtbuchführung, 1227, Auflassungen vor dem Rat statt. P. Rehme lehnt deshalb - wohl mit Recht - die Ansicht Frensdorffs (Stadt= u. Gerichtsverf. S. 86) ab, daß das iudicare de cespitalitatum proprietatibus, das nach dem ältesten lat. Text des lüb. Rechts (1227-43) auf dem echten Ding zu geschehen hatte, nicht nur die streitige, sondern auch die freiwillige Gerichtsbarkeit über Grundbesitz in sich begreife, und vertritt die Anschauung, "daß die Auf= (  ...  )
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Seestädten verwaltete der Rat diesen Zweig der freiwilligen Gerichtsbarkeit und zwar mindestens, seitdem uns die Stadtbücher vor Augen treten, d. h. in Wismar seit etwa 1250 55 ) in Rostock seit 1257 56 ). Über das Auflassungswesen der Landstädte lübischen Rechtes läßt sich mangels Quellen für diese Zeit noch nichts Gewisses aussagen; wie in den Städten der beiden übrigen Rechtsgebiete wurden auch hier schon früh Rechtsgeschäfte vor dem (Rat verhandelt und von ihm beurkundet 57 )

Bei den Städten wurde nach Gierkes Ausspruch 58 ) "zum ersten Mal die in einer Gesamtheit lebende unsichtbare Einheit als Gewaltherrin gedacht". Stadtgebiet und Bürgerschaft wuchsen zur Stadt als Rechtseinheit zusammen 59 ). Sie findet ihren Ausdruck in Stadtsiegel und Rathaus, die zugleich die Wahrzeichen der städtischen Selbstverwaltung darstellen.

Das Siegel der Stadt Schwerin kommt zum ersten Mal 1255 vor 60 ). Das Gadebuscher Siegel ist nach Ansicht der Herausgeber mindestens so alt wie die Urkunde von 1225 61 ). Das erste Grevesmühlener Siegel befindet sich an einer Urkunde von 1276 62 ). Bald danach treten auch die Siegel der übrigen Landstädte auf 63 ). Gegenstand der Besieglung sind zum großen Teil Urkunden, in denen der Rat vor ihm oder in seiner Gegenwart von Bürgern und Auswärtigen abgeschlossene Rechtsgeschäfte bezeugt 64 ). Bei zwei Urkunden handelt es sich um von der Stadt eingegangene Verpflichtungen 65 ). Weitere zwei


(  ...  ) lassung bereits im Jahre 1227 vor dem Rate stattfinden mußte." (Vgl. P. Rehme, Das Lüb. Oberstadtbuch 1895, S. 110 u. 44).
55) Das älteste Wismarer Stadtbuch S. XVII.
56) Stadtbuchbl. von 1257/58, hsg. v. E. Dragendorff (B.G.R. Bd. 3. 1903, S. 1 ff.).
57) Vgl. Anm. 64.
58) O. Gierke, Genoss. sch. Recht, Bd. 2, 1873, S. 733.
59) Vgl. O. Gierke, Genoss. sch. echt, Bd. 1, 1868, S. 311 f. u. Bd. 2, S. 585 ff. Vgl. auch R. Hübner, Grundzüge des dt. Priv. R. S. 136: So erwuchs zuerst die Stadt zur selbständigen körperschaftlich verfaßten politischen Gemeinde mit anerkannter eigener Rechtspersönlichkeit.
60) M.U.B. 2, 759.
61) M.U.B. 1, 315.
62) M.U.B. 2, 1385. Das zweite Grevesmühlener Siegel begegnet 1283. M.U.B. 3, 1692.
63) Und zwar bis 1300 folgende Siegel: 1283 das von Neukalen, M.U.B. 3, 1680; 1289 das von Sülz 3, 2035; 1293 das von Parchim 3, 2203; und Güstrow 3, 2238; 1296 von Wittenburg 3, 2384; 1297 von Dömitz 4, 2458; 1298 von Röbel, 4, 2506; 1300 von Neustadt 4, 2639.
64) Vgl. M.U.B. 3, 1692 (Grevesmühlen), 3, 1680 (Neukalen), 3, 1884 (Gnoien), 3, 2203 (Parchim), 3, 2238 (Güstrow).
65) M.U.B. 2, 1385 (Grevesmühlen), 4, 2639 (Neustadt).
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Urkunden stellen nach Lübeck gerichtete Schreiben dar 66 ). In drei Fällen hängt das Stadtsiegel an Urkunden, in denen der Rat neben anderen Personen als Zeuge von Vertragsabschlüssen wirkt 67 ).

Das Rathaus, die Stätte der städtischen Selbstverwaltung, tritt uns ebenfalls schon um diese Zeit entgegen. In Parchim hatte bis zur Vereinigung von Alt= und Neustadt im Jahre 1282 jeder Stadtteil ein Rathaus. Laut der Vereinigungsurkunde des Jahres stand auf dem Markt der Altstadt bereits "a primevo" das theatrum, et ad quod consules conveniunt" 68 ). Am Ende des hier behandelten Zeitraums begegnet das Rathaus ferner in Sternberg, Plau und Güstrow 69 ).

Zum Abschluß dieses mit dem ursprünglichen Schweriner Recht eingeleiteten Abschnitt soll noch die Frage aufgeworfen werden, ob das Güstrow erteilte Privileg von 1228 wenigstens die derzeitigen Verfassungszustände von Schwerin wiedergibt. Hoffmann vertritt die Ansicht, daß bei der Übertragung des Schweriner Rechts auf Güstrow eine allgemeine "Neugestaltung des Schweriner Rechts auf Güstrow eine allgemeine "Neugestaltung und Umgruppierung der Kräfte" stattgefunden habe, "daß die Schwerin=Güstrower Ratsverfassung in der Form, wie sie uns überliefert ist, unter dem Einfluß von Lokatoren, denen die Anlage der Stadt übertragen war, entstanden ist" 70 ).

Prüfen wir hier nur die Quellen und lassen die Frage nach dem Gründungsvorgang beiseite 71 ). Zunächst: es ist wahrscheinlich, daß auch Schwerin 1228 schon die Rechtsverfassung kannte. Zwar begegnen uns die Schweriner consules erst 1271 72 ). Daraus läßt sich aber kein Schluß ziehen, da in älterer Zeit die consules oft einfach als cives bezeichnet werden. In Zeugenreihen treten Güstrower consules auch erst 1264 auf 73 ). Zeugenreihen von cives besitzen wir nun bei Schwerin aus den Jahren 1244 und 1255 74 ). Da beide aus 6 Zeugen bestehen, von


66) 2, 759 (Schwerin), 4, 2458 (Dömitz).
67) 3, 2035 (Sülze), 3, 2384 (Wittenburg), 4, 2506 (Röbel).
68) Vgl. 3, 1598.
69) Zeugen der Plauer Schlachterrolle von 1306 sind die consules pro tempore in consistorio residentes. (M.U.B. 5, 3108). 1306 sind in Sternberg Statuten ausgestellt presentibus consulibus tunc in consistorio constitutis (M.U.B. 5, 3061). Am Schluß einer Güstrower Ratsurkunde von 1308 heißt es: actum et datum Gustrov, in nostro consistorio. (M.U.B. 5, 3213).
70) Vgl. Jb. 94, S. 123 f. u. 198 f.
71) Vgl. darüber u. S. 220 f.
72) M.U.B. 2, 1213.
73) M.U.B. 2, 1015.
74) M.U.B. 1, 565 und 2, 759.
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denen 3 in beiden Urkunden vorkommen, und der Rat auch später zunächst aus 6 Personen bestand 75 ) wird man die Existenz des Rats für diese Zeit voraussetzen können. Eine solche Zeugenreihe von cives liegt aber auch aus dem Jahre 1178 vor 76 ). Das Auftreten dieser 5 als Vertretung der Bürger (de civibus) erscheinenden Zeugen bestärkt die obige Vermutung 77 ) über das Vorhandensein eines älteren Gemeindeausschusses. Man darf in ihnen sicher noch nicht den Rat erblicken, aber sie weisen doch bereits auf die späteren 6 Ratsherren hin.

Wie steht es nun mit den obrigkeitlichen Rechten des Rats? Läßt es sich wahrscheinlich machen, daß sie bei der Gründung Güstrows gegenüber denen von Schwerin vermehrt wurden?

Der entscheidende Punkt ist die Stellung des magister civium. Hat wirklich, wie Hoffmann behauptet, der Güstrower Rat seine Stellung erst durch Zurückdrängung des magister civium erworben? Die Bestimmung des Güstrower Privilegs lautet: "Si decreverint consules, super officia civitatis magistrum civilem ordinare, et excedant subditi, due partes consulibus, tercia potestati, nil magistro civium deputetur. Civium est eligere magistrum talem". Die Worte "si excedant subditi" sind sicher nicht dahin aufzufassen: Der Rat glaubte mit der Möglichkeit rechnen zu müssen, daß die Bürger sich gegen dies Recht der Einsetzung des magisters civium empören 78 ). Es ist damit nur bestimmt, an wen die im Zunftgericht auferlegten Strafen fließen sollen 79 ).

Ebensowenig Beweismaterial vermag der Vergleich mit den Parallelzuständen in Braunschweig zu liefern. Wenn im Art. 4 des Braunschweiger Hagenrechts der Bürgerschaft das Recht verliehen wird, sich einen Vogt zu wählen 80 ), so wird damit ein Gegensatz zu dem bisher stadtherrlichen Recht, der Stadt neben dem Vogt oder Richter einen 2. Vogt zu setzen, zum Ausdruck


75) W. Jesse, Geschichte der Stadt Schwerin, Bd. 1, S. 75.
76) M.U.B. 1, 125. Die Urkunde ist verfälscht, in der Zeugenreihe aber anscheinend nicht (vgl. A. Kunkel, Die Stiftungsbriefe für das meckl.=pommersche Zisterzienserkloster Dargan, Arch. für Urk. forsch. 3, 1911, S. 41 u. 76, Anm. 1).
77) S. 36.
78) So Hoffmann a.a.O. S. 119.
79) So auch schon Krüger, Jb. 97, Anm. 88, der aber ohne Nachweis den magister civium als einen "bedeutungsvollen Faktor der ursprünglich auf dörfliche Verhältnisse zurückgehenden Verfassung in Schwerin" bezeichnet (a.a.O. S. 19), obgleich (vgl. Hoffmann, S. 20 f.) Schwerin aus einer Marktniederlassung hervorgegangen ist.
80) Fr. Keutgen, Urk. Nr. 151 (v. J. 1150).
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gebracht 81 ); die Bürgerschaft wird aber nicht im Gegensatz zum Rat gestellt. Denn dieser bestand noch gar nicht. Hoffmann übersieht die Entstehungsweise des Hagenrechts. Art. 4 ist alt. Er stammt aus der Zeit, da die Ratsverfassung noch unbekannt war. Art. 14 dagegen, der die consules nennt, ist ein Zusatz des 13. Jhs. 82 )

Wie im Hagenrecht war der mag. civium noch durch die Bürger zu wählen. Dem Rat kam - die selbstverständliche Funktion der Obrigkeit, als die der Rat um diese Zeit doch auch anderwärts auftritt - das ordinare zu. Wenn hier die Bestellung eines magister civium von der Entscheidung des Rates abhängig gemacht wird, so kann man darin einen Hinweis erblicken, daß diese Einrichtung Altdeutschlands auf Kolonialboden noch schneller an Bedeutung eingebüßt hat. Sie mag zum alten Schweriner Recht gehört, aber bereits aufgegeben worden sein. In dem Krakower Privileg, das sich ausdrücklich auf die Rechte der Stadt Güstrow bezieht 83 ), wird der magister civium nicht mehr erwähnt.

Wenn schließlich der Güstrower Rat den Friedeschilling ganz erhält, während er nach dem Barbarossaprivileg in Lübeck noch zur Hälfte dem Vogt zukam, so kann auch aus letzterem auf den damaligen Zustand von Schwerin kein Schluß gezogen werden, da in den Jahren 1225/26 der Lübecker Rat im übrigen bereits "in vollem Besitz der ganzen obrigkeitlichen Gewalt" war 84 ).

Es besteht also, um zusammenzufassen, kein Grund für die Annahme, daß Güstrow nicht die Verfassungsbestimmungen übernommen hätte, die in Schwerin zur Zeit der Gründung jener Stadt in Geltung waren 85 ).

§ 2:

Die Rechte des Landesherrn in der Stadt

Von Rehna abgesehen, das unter der Herrschaft des dortigen Nonnenklosters zu einer Stadt - jedoch ohne geschriebene Rechte - erwuchs, stellen sämtliche Städte landesherrliche Grün=


81) Ebenso erhielt die Dammstadt Hildesheim 1196 das Privileg: Idem advocatus . . . secundarium advocatum eis non constituet, sed magistrum civilem habebunt, quem eligerint (Doebner, U.B. von Hildesheim 1, 49, S. 22).
82) Vgl. Frensdorff, Studien, S. 288 f.
83) Vgl. o. S. 20, Anm. 54.
84) Rörig a.a.O. S. 21. Auch das Auflassungswesen lag bereits in der Hand des Rats (vgl. o. S. 41).
85) Ähnlich äußerten sich Reincke=Bloch (Lüb. Z. 16, S. 18, 27 u. 31) und Rörig (a.a.O. S. 25).
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dungen dar 86 ). Nur vier Städte gerieten während des Mittelalters in Hintersässigkeit 87 ). Mit wenigen Ausnahmen waren die mecklenburgischen Städte demnach von Anfang an, wie auch während des gesamten Mittelalters in ihrer Selbstverwaltung ausschließlich durch die Rechte des Landesherrn begrenzt. Zur Wahrnehmung dieser Rechte fehlte im mittelalterlichen Mecklenburg eine ausgebildete Zentralbehörde, der Schwerpunkt der landesherrlichen Machtausübung lag vielmehr bei den lokalen Verwaltungsbezirken. Das Verhältnis der Städte zu der landesherrlichen Lokalverwaltung verdient daher besondere Beachtung.

1. Der Zusammenhang von Stadt und Vogtei.

"Das Territorium bestand aus einer Anzahl Ämter, die vollkommen selbständig, unabhängig und ohne Berührung miteinander, nur durch die Person des Herrschers zusammengehalten wurden" 88 ). An der Spitze des als Vogtei und später als Amt bezeichneten Bezirks steht als Vertreter des Landesherrn der Vogt oder Amtmann. Sein Wirkungskreis hat den bei der Vogteiverfassung der deutschen Territorien 89 ) üblichen großen Umfang: polizeiliche, finanzielle, militärische und richterliche Funktionen waren in seiner Hand vereinigt. Als Inhaber der Sicherheitspolizei übte er das Geleitsrecht. Er bot die Untertanen zur Landwehr 90 ) und zu allen Dienstleistungen auf und überwachte deren Ausführung. Seine finanzielle Tätigkeit bestand vor allem in der Erhebung der Bede; bei Nichtzahlung konnte er zur Zwangseintreibung oder Pfändung schreiten. Namentlich aber lag dem Vogt die Verwaltung der gesamten Gerichtsbarkeit ob 91 ). Er berief zum gebotenen Ding, leitete


86) Die in der älteren Literatur vertretene Ausfassung, daß Brüel hiervon eine Ausnahme mache, ist irrig. Die angeblich durch Reimar von Plessen 1340 ausgestellte Gründungsurkunde hat als eine Fälschung aus dem Anfang des 16. Jahrh. zu gelten, wie Beyer bei der Edition M.U.B. 9, 6054 S. 264 nachwies.
87) Nämlich Brüel, Marlow, Penzlin und Sülze.
88) Rud. Ihde, Das Amt Schwerin, Gesch. seiner Steuern, Abgaben und Verwaltung bis 1655, Rostocker Diss. 1910 auch Beih. zu Jb. 77, S. 90. Vgl. auch P. Steinmann, Finanz=, Verwaltungs=, Wirtschafts= und Regierungspolitik der meckl. Herzöge im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, Jb. 86, 1922, S. 101. Für den folgenden kurzen Überblick über die Vogteiverfassung s. auch die Zusammenstellungen von R. Küster, Die Verwaltungsorganisation von Mecklbg. im 13. u. 14. Jahrh., Jb. 74, 1909, S. 138 ff. und W. Radloff, Das landesfürstl. Beamtentum Mecklbgs. im Mittelalter, Diss. Kiel, 1910, S. 39 ff.
89) Vgl. Schröder, Rechtsgeschichte, S. 662.
90) Vgl. Maybaum a.a.O. S. 95.
91) Beyer a.a.O. (Jb. 14) S. 108 ff.
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die Verhandlungen, verkündete das Urteil und sorgte für dessen Vollstreckung. Da im Mittelalter die richterliche Funktion auch eine umfangreiche Verwaltungstätigkeit einschloß, waren die richterlichen Befugnisse von zentraler Bedeutung für die Machtstellung des Vogtes.

Die Terminologie der Urkunden, welche die Stadt und das sie umgebende Land gemeinsam als Vogtei bezeichnet 92 ), spricht dafür, daß auch die Städte nicht vollkommen außerhalb der Vogteiverwaltung gestanden haben. Unsere Aufgabe wird deshalb darin bestehen, zu untersuchen, welcher Art und von welcher Bedeutung für die städtische Selbstverwaltung die Zusammenhänge waren, die zwischen Stadt und Vogtei bestanden.

Im Mittelpunkt der Untersuchung wird dabei die Frage nach einem etwaigen instanziellen oder personellen Zusammenhang von Stadt und Vogtei auf dem Gebiet der Gerichtsverfassung stehen müssen.

Es ist sicher, daß die mecklbg. Städte einen besonderen Gerichtsbezirk bildeten 93 ). Bei der Gründung im Jahre 1225 wurde der Stadt Gadebusch die Vergünstigung erteilt: "Quinunque ipsorum (sc. civium) super aliquo crimine seu causa quacunque conveniatur, coram illiu iudice purgabit absque aliqua captione" 94 ). Bei der Verleihung des lübischen Rechtes an Boizenburg im Jahre 1267 behielt sich der Landesherr vor, "dat neen unser Amptlude, he sy Münter, Töllner edde Jöde, wohnende in unser Stadt Boyssenborg derff antwerden vorr dem Richter des sülven Lübeschen Rechtes" 95 ). Der Stadt Grabow, in der ebenfalls lübisches Recht galt, bestätigte 1317 Markgraf Waldemar von Brandenburg ihr Privilegium: "dicti quoque cives nostri . . . extra civitatem de cetero in provinciale iudicium tahi non debent, nec super aliqua causa ad huiusmodi iudicium conveniri" 96 ). Bei den Städten Schwerin=Güstrower Rechts finden wir die Exemtion vom Landgericht nicht besonders ausgesprochen; doch folgt sie schon aus der Tatsache des besonderen Stadtrechts 97 ). Sie erstreckte sich auch auf das Gebiet der


92) Als Beispiele seien genannt: Advocacia in Sywan et territorium ibidem adiacens (M.U.B. 13, 8073), Stadt und Land und de gantze vogedie to Crywitz (ebenda).
93) Von den Mediatstädten gilt dies nur in beschränktem Umfang.
94) M.U.B. 1, 315.
95) M.U.B. 2, 1127.
96) M.U.B. 6, 3891.
97) G. v. Below, Zur Entstehung der deutschen Stadtverfassung (H. Z. 69, 1888), S. 207.
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Kriminalgerichtsbarkeit, da nach einem eigenen städtischen Strafrecht gerichtet wurde. In dem Parchimer Recht kommt die Bildung eines besonderen Strafgerichtsbezirkes darin zum Ausdruck, daß der Stadt der dritte Teil der Brüche auch der magnarum causarum verliehen wurde 98 ). Da die Städte auf dem Gebiet der hohen Gerichtsbarkeit eine vom platten Land gesonderte Stellung einnahmen, waren sie auch im Besitz eines eigenen Galgens. Dies wissen wir z. B. von Bützow 99 ).

Ist damit das Fehlen eines sachlichen Zusammenhanges mit dem Landgericht festgestellt, so bleibt doch die Möglichkeit bestehen, daß der Verwalter der Gerichtsbarkeit nach Landrecht, der Landvogt, zugleich die Gerichtsbarkeit in der Stadt teilweise oder in vollem Umfange ausübte.

In der Mark Brandenburg war während der ältesten Zeit der Vogt des flachen Landes auch Richter im Stadtgericht; später wurde dann ein besonderer Stadtvogt eingesetzt, oder der Schulze erlangte auch die hohe Gerichtsbarkeit 100 ). Für die Gerichtsverfassung der mecklbg. Städte sind besonders aufschlußreich einige Urkunden vom Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts, in denen zwischen einem "advocatus minor" oder "subadvocatus" und einem "advocatus maior" im Stadtgericht unterschieden wurde. Bei der Verleihung von einem Drittel der Gerichtsgefälle an die Stadt Güstrow i. J. 1293 wird davon ausgenommen: "advocato tamen minore semper suos quator solidos capiente, qui ad capiente, qui ad eum pertinere videntur" 101 ); da die sich daran anschließende Bestimmung von der richterlichen Tätigkeit des "advocatus" schlechthin redet 102 ), ist dieser wahrscheinlich als advocatus maior anzusprechen. Dem Rat der Stadt Malchin wurde 1302 das Recht verliehen, "ut in absencia nostrii advocati maioris aut minoris unus con-


98) M.U.B. 1, 319, §3.
99) In J. 1317 (M.U.B. 6, 3935) wird der "locus" erwähnt, "in quo cives nostri Butzowenses malefactores suos solent pro suis maleficiis jugulare".
100) C. Bornhak a.a.O. 1, S. 46 ff. Vgl. auch die Beispiele bei Kühns a.a.O. Bd. 2, S. 178 ff. u. Bd. 1, S. 184 f. Die von Kühns vertretene Ansicht, die Bürger hätten ursprünglich auch vor dem Landding zu Recht stehen müssen, wird von Bornhak als Regelfall mit Recht abgelehnt.
101) M.U.B. 3, 2200.
102) Iudicio sicquidem presidere non debet solus advocatus, nisi saltem una vel duabus personis de civitatis concilio coassumptis.
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sulum excessus et causas iudicii iudicet" 103 ). Um 1325 schreibt die Stadt Gadebusch wegen der "sententiae duorum advocatorum" an den lübischen Oberhof 104 ); vielleicht sind auch hierunter Ober= und Untervogt zu verstehen. In Zeugenreihen begegnen beide Vögte ferner noch bei mehreren anderen mecklenburgischen Städten 105 ).

Das Nebeneinander eines advocatus maior und minor herrschte auch in pommerschen Städten mit lübischem Recht. Bei der Gründung der Stadt Treptow a. R. zu lübischem Recht i. J. 1287 bestimmten die Gründer: "Et nos minorem advocatum in ipsa civitate non ponemus, nisi de consulum ipsius consilio et consensu" 106 ). Als Stargard a. J. 1292 das Magdeburger mit dem lübischen Recht vertauschte, wurde die Anordnung getroffen: "subadvocatus de consilio maioris advocati una cum consilio praefatae civitatis statuetur." 107 ). In der Bestätigung des lübischen Rechtes für die Stadt Barth i. J. 1325 findet sich die Bestimmung :"volumus eciam nos et nostri heredes et debemus dictum civitati subadvocatus congruum subrogare, cum eis fuerit oportunum" 108 ). Das gleiche Recht wurde 1325 der Stadt Loitz verliehen 109 ).

Wie haben wir uns diese Doppelbesetzung des Gerichts zu erklären?

Die bisherige mecklbg. Literatur ist darauf teils nicht aufmerksam geworden, teils hat sie unrichtige Erklärungen gegeben 110 ). Es ist aber - um das Ergebnis vorwegzunehmen -


103) M.U.B. 5, 2796.
104) M.U.B. 7, 4679. Vgl. auch 3 2222.
105) Vgl. u. S. 50.
106) P.U.B. 3, 1423.
107) P.U.B. 3, 1622.
108) P.U.B. 6, 3900.
109) P.U.B. 6, 3901.
110) Beyer, Beitr. z. Gesch. d. Volksger. Jb. 14, S. 111 führt aus, daß in den Städten an die Stelle des "gewöhnlichen fürstlichen Vogts . . . erst im 16. Jahrh. ein besonderer, von dem Landesherrn eingesetzter Stadtvogt trat". Nach Jesse, Gesch. d. Stadt Schwerin, S. 74, ist in Schwerin um 1225 der Vogt (advocatus) lediglich Stadtrichter, d. h. Vorsitzender des Stadtgerichtes. Die von ihm dann (a.a.O. S. 86) aufgezählten Vögte sind aber, wie eine Nachprüfung ergab, alle Inhaber der Landvogtei. - Krüger, Jb. 97, S. 26 schreibt im 2. Kap. seiner Gesch. d. Güstr. Stadtverfass., das die Zeit vom 13. bis zum Ende des 15. Jahrh. umfaßt: "Der Vogt verwaltete das Land Güstrow und die Stadt als stadtherrlicher Beamter. Daher war er . . . Richter für die Stadt". In dem "advocatus minor" sieht Krüger einen Unterbeamten des Vogtes, dessen Aufgabe nur in der Eintreibung landesherrlicher Einkünfte aus der Stadt bestand. Um 1500 wurde dann nach Krüger das städtische Gericht "vom landesherrlichen Richter" geleitet (Jb. 97, S. 72); ob Krüger hiermit einen besonderen Stadt= (  ...  )
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m. E. unzweifelhaft, daß es sich hier um ein Nebeneinander von Stadt= und Landvogt im Stadtgericht handelt. Der Richter des platten Landes, der "advocatus maior" hat in dieser Zeit noch gerichtliche Tätigkeit in der Stadt geübt. Später ist dann in der Regel der Landvogt aus dem Stadtgericht ausgeschieden, der "advocatus minor" wurde zum alleinigen Stadtrichter.

Der Beweis für diese unsere Auffassung wird freilich dadurch erschwert, daß fast immer den Vögten das Beiwort "maior" oder minor" fehlt 111 ). Doch ergibt sich die richterliche Tätigkeit des advocatus minor schon aus der angezogenen Malchiner Urkunde. Seine Identität mit dem eigentlichen Stadtrichter ist aus folgenden Gründen wahrscheinlich. Um 1297/98 treffen wir im Rostocker Stadtbuch einen "Deithart subadvocatum" 112 ); 1283 wird aber eine Verfestung durch das Rostocker Gericht vorgenommen "sedente pro tribunai Dethardo advocato" 113 ). Die 4=Schillingseinkunft des advocatus minor in der Güstrower Urkunde von 1293 entspricht der Wette, die dem städtischen Richter nach lübischem Recht zukam 114 ).

Da in einer Güstrower Urkunde von 1229 115 ) vor dem minor advocatus" ein Baroldus "advocatus" auftritt und 1273 116 ) ein "Henricus advocatus in Robele" vor einem "Hermannus minor advocatus in Robele" steht, dürfen wir jene als advocati maiores ansehen. Sowohl Baroldus wie Henricus aber lassen sich als Landvögte nachweisen 117 ), sodaß


(  ...  ) vogt gemeint hat, dessen Auftreten er sonst mit keinem Wort Erwähnung tut, bleibt ungewiß! Auch in der Gesch. der Rost. Stadtverf. v. P. Meyer ist die so notwendige Unterscheidung von Stadt= und Landvogt außer Acht gelassen (vgl. z. B. Jb. 93, S. 49, 52 f.). - Dabei hielten schon die Herausgeber der ersten Bände des mecklbg. Urkundenbuchs diese 2 Vögte auseinander und gaben in dem Register v. Bd. 4 unter "Stadtgericht" auch bereits die richtige Erklärung für den Beinamen maior und minor, ohne sie allerdings zu begründen.
111) Die Bezeichnung "Stadtvogt" ist mir nicht vor dem 15. Jahrhundert begegnet, zum ersten Male 1432 im Schwerin. Stadtbuch fol. 16 b. (spec. civ. Arch. Schw.).
112) M.U.B. 4, 2469.
113) M.U.B. 3, 1671. Auch sind die im Rostocker Stadtgericht auftretenden Vögte und die Inhaber der Landvogtei niemals ein und dieselbe Person.
114) Vgl. F. Frensdorff, Stadt= und Ger. verfass., S. 83. In der Bestätigung des lüb. Rechts für Wismar sagt der Landesherr (M.U.B. 2, 1078): ac nos pertinebunt iudicia quatuor solidorum.
115) M.U.B. 1, 369.
116) M.U.B. 2, 1295.
117) Jener Henricus ist sicher identisch mit dem miles Henricus de Vlotow advocatus de Robele in einer Urkunde von 1270 (M.U.B. 1190); (  ...  )
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demnach auch die Gleichsetzung von advocatus maior und Landvogt berechtigt ist 118 ).

Damit ist zugleich erwiesen, daß um 1300 in einigen Städten Mecklenburgs Land= und Stadtvogt nebeneinander das Gericht verwalten 119 ). Es muß aber noch die Frage beantwortet werden: Dürfen wir annehmen, daß der Landvogt einmal alleiniger Richter im Stadtgericht war 120 )?

Ich stelle zu dem Zweck diejenigen Daten zusammen, an denen ich zum ersten Mal in einer Stadt den Stadtrichter erwähnt finde; das bezeugte oder mutmaßliche 121 ) Gründungsjahr der Stadt ist zum Vergleich in Klammern beigefügt. In den Urkunden werden genannt: im Jahre 1229 Johannes minor advocatus" in Güstrow 122 ) (1226), 1273 "Betramnus de Malechowe minor advocatus, Hermannus minor advocatus in Robele, Henricus minor advocatus in Wesenberge" 123 ) (1235, 1261, um 1263?), 1305 ein "Hinricus quondam subadvocatus" in Goldberg 124 ) (1248), 1300 "Hinricus Drosenowe advocatus" in Plau 125 ) (1226) und 1333 "Heghel advocatus" in Neubukow 126 ) (1260). Wenn in einigen Städten der Untervogt


(  ...  ) auch sonst begegnet er stets unter den Rittern (vgl. M.U.B. 1282, 1347). Baroldus zählt 1227 zu den milites castellani de Guzstrowe (M.U.B. 1, 344, 1235-36 begegnet er unter den Rittern als dapifer (M.U.B. 1, 433 u. 449). Eine solche Standes= und Amtsstellung ist für Stadtvögte nicht bezeugt.
118) Vgl. auch für Pommern O. Franke, Abr. d. Gesch. d. Strals. Stadtverf., Baltische Stud. Jg. 20, H. 2, 1866, S. 22 u. 56 f.
119) Ebenso vertritt Georg Waitz (Schlesw.=holst. Gesch. Bd. 1, Gött. 1851, S. 107) für die verfass. rechtl. ähnl. Städte Schlesw. Holst. die Auffassung: "in der ersten Zeit sind die Vögte wohl regelmäßig auch den an der Burg liegenden Städten . . . vorgesetzt gewesen."
120) In den Kolonisationsgebieten hat sich das Verhältnis von Stadt und Land auf dem Gebiet der Gerichtsverfassung in verschiedener Weise entwickelt. In Mazovien waren z. B. die Gerichtsbücher der Städte gleichzeitig Bücher der Landgerichte, und Land= und Stadtrichter oft eine und dieselbe Person (vgl. K. Maleczynski, Die ältesten Märkte in Polen, S. 127). In der Oberlausitz waren die städtischen Erbvögte auch Inhaber der Gerichtsbarkeit in den sie umgebenden ländlichen Gerichtsbezirken. (Vgl. W. Jecht, Neue Unters. z. Gründungsgesch. d. Stadt Görlitz u. z. Entst. d. Städtewesens i. d. Oberlausitz, Neues Lausitzer Mag. Bd. 95, 1919, S. 59.)
121) Nach Hoffmann a.a.O. (Jb. 94, S. 1 ff.).
122) M.U.B. 1, 369.
123) M.U.B. 2, 1295.
124) M.U.B. 5, 2992.
125) M.U.B. 4, 2629. Wir haben in ihm den Stadtvogt zu erblicken, da er in der Zeugenreihe hinter "Everhardus Sartor, civis in Plawe" genannt wird.
126) M.U.B. 8, 5406. Heghel ist Stadtvogt, da er 1336 (M.U.B. 8, 5698) hinter einem Kröpeliner Bürger und dem Kröpeliner Stadtvogt aufgeführt wird.
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auch erst längere Zeit nach deren Gründung bezeugt ist, so wird man doch auf Grund seiner frühen Erwähnung in Güstrow, Röbel und Wesenberg zu dem Schluß kommen, daß die Stadtrichter wahrscheinlich bereits bei der Gründung der Städte eingesetzt wurden. Dafür spricht außerdem die angeführte Gründungsurkunde Treptows von 1287, in der ein besonderer Stadtrichter als Selbstverständlichkeit erscheint.

Wie schon der Name sagt, war der subadvocatus dem Landvogt untergeordnet 127 ). Über die Abgrenzung ihrer Zuständigkeit fehlte es jedoch an jeglichen urkundlichen Nachrichten. P. v. Nießen, der sich mit dieser Frage bereits in Bezug auf Pommern befaßt hat, kommt für die pommerschen Städte mit Einschluß derer, in denen lübisches Recht galt, zu der Auffassung, daß noch bis 1325 "die Großvögte . . . auch in den Städten das Gericht an Hals und Hand innegehabt haben" 128 ). Doch vermag von Nießen für diese Zuständigkeit einen sicheren Beweis nicht zu liefern. Auch steht einer solchen Teilung die lübische Gerichtsverfassung entgegen, die ja anders als die Magdeburgs keine Verteilung der gerichtlichen Zuständigkeit kennt. Ich möchte daher annehmen, daß dem Landvogt auf Grund seiner mächtigen Stellung, die vielleicht an die slawische Kastellanatsverfassung anknüpft 129 ), die Befugnis zukam, sämtliche Gerichtssitzungen zu leiten, und daß er in der ältesten Zeit den Vorsitz in den echten Dingen geführt hat. Daß der advocatus minor aber schon früh der eigentliche Stadtrichter war, folgt meines Erachtens aus der ihm nach der bereits herangezogenen Güstrower Urkunde von 1293 allein zustehenden Wette von 4 ß. Wurde diese doch nach dem verwandten lübischen Recht in der Hauptsache als Strafe für Verstöße gegen die Gerichtsordnung auferlegt 130 ).

Auch in der Erhebung der landesherrlichen Steuer bestand ein Zusammenhang zwischen Stadt und Vogtei.

Sehr wahrscheinlich war die sog. alte oder ordentliche Bede als jährliche Steuer bereits bei der Kolonisation in Stadt und Land eingeführt 131 ). Auf dem Lande wurde der einzelne Bauer


127) Das kommt auch in der Art seiner Ernennung zum Ausdruck, vgl. u. S. 61 f.
128) P. v. Nießen, Groß= oder Landvögte in Pommern bis 1325, S. 75 u. 81.
129) Vgl. Witte, Meckl. Gesch. T. 1, S. 20.
130) Hach, Das alte lüb. Recht 1, 59, 40, 30, 37. F. Frensdorff, Stadt= u. Ger. Verfass., S. 83 u. 175.
131) Vgl. die Ausführungen von P. Steinmann, Die Gesch. d. mecklbg. Landessteuern und Landstände bis zur Neuordnung des Jahres 1555 (  ...  )
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unmittelbar vom Landesherrn besteuert 132 ). Nicht anders denkt sich die herrschende Auffassung auch die Steuererhebung in den Städten; als Beweismittel dient ihr eine Güstrower Urkunde vom Jahre 1264 133 ). Die Urkunde besagt jedoch nur, daß der Landesherr der Stadt Güstrow im Jahre 1264 das Recht verlieh, die Bede als ein Jahresfixum von 100 mr. zu leisten, und sich selber verpflichtete, diesen Betrag nicht zu erhöhen 134 ). Welchen Charakter die petitio vorher hatte, ob durch diese Verleihung die Einzelbesteuerung der Bürger oder die Unbestimmtheit einer jährlich neu von Stadt= und Landesherrn zu vereinbarenden Gesamtsteuer beseitigt wurde, läßt sich aus der Urkunde nicht erkennen. Keineswegs folgt aus ihr, daß die Bede bis 1264 in Güstrow durch den Landesherrn oder dessen Vogt von den einzelnen Bürgern eingezogen wurde. Der Wortlaut steht dieser Ansicht sogar entgegen, da ja nicht ausdrücklich dem Rat, sondern den "civibus in Guzstrowe commorantibus" ein Recht verliehen wird.

Für unsere Anschauung, daß wahrscheinlich, wie in Güstrow, so in allen Städten, von jeher oder doch sehr früh, der Rat befugt war, die Steuerbeträge einzuziehen, spricht sowohl die Tatsache, daß die spätere außerordentliche Bede nach den ältesten Registern ebenfalls fast überall vom Rat eingesammelt wurde, wie die Nachrichten des 13. Jahrhunderts über einzelne Städte. In der weniger bedeutenden Stadt Grevesmühlen, die uns erst 1262 als oppidum entgegentritt 135 ), war diese Art der


(  ...  ) (Jb. 88, 1924), S. 29. Auch G. v. Below, Probl. d. Wirtsch. gesch., S. 626 u. 634.
132) A. Brennecke, Die ordentlichen direkten Staatssteuern Mecklbg. i. Mittelalter (Jb. 65, 1900), S. 77 f. Bei der ordentlichen Bede finden sich nur Ansätze zu dem ius subcollectandi der Gutsherren (vgl. a.a.O. S. 91 f.).
133) Nach Brennecke a.a.O. (Jb. 65, S. 60) ist die Orboer "eine Gesamtbesteuerung, die an die Stelle der Einzelbesteuerung getreten ist". Fr. Techen, Die Bede in Mecklenbg. b. z. J. 1385, Jb. 67, bemerkt, S. 60, die Güstrower Urkunde lasse erkennen, "daß (der Orboer) zum Teil ein anderer Modus vorangegangen, wobei der Landesherr die Bürger direkt besteuerte". Noch weiter geht P. Steinmann a.a.O. Jb. 88, S. 25. Seiner Auffassung tritt in Güstrow 1264 ein Fixum "an die Stelle der Einzelumlage und der Erhebung durch den Landesherrn". Ähnlich urteilt K. Krüger, Jb. 97, S. 50 f., daß die Bede "wohl durch seinen (des Landesherrn) Vertreter, den Vogt, von den einzelnen Bürgern eingezogen wurde".
134) M.U.B. 2, 1015: "Nos (Nikolaus von Werle) . . . dilectis civibus in Guzstrowe commorantibus . . . contulimus petitionem pro C marcis annis singulis persolvenais, ita tamen quod prefatum numerum petitionis in perpetuum non excedant".
135) M.U.B. 2, 963.
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Steuererhebung bereits 1267 üblich 136 ). Und in Rostock wurde die Bede schon vor der Fixierung im Jahre 1262 vom Rat erhoben 137 ). Ob die alte Bede etwa hier und da anfangs durch Einzelbesteuerungen der Bürger aufgebracht wurde, oder stets Gesamtbesteuerung der Stadt erfolgte, muß angesichts der Quellenlage dahin gestellt bleiben 138 ). Im 14. Jahrhundert wenigstens erscheint bei allen Städten diese Steuer in einen festen Betrag, die sog. Orboer, umgewandelt und ihre Leistung als eine Obliegenheit des Rats 139 ). Weiter erstreckt sich jedoch im allgemeinen die Lösung der Stadt von der Vogtei nicht. Es blieb Regel, daß die Orboer an den Vogt gezahlt werden mußte 140 ); bei der Verpfändung der Vogtei stand diese Einnahme daher dem Pfandinhaber zu 141 ).


136) M.U.B. 2, 1107.
137) P. Meyer a.a.O. S. 62.
138) Daß der Landesherr oder seine Beamten je von Rostock oder Wismar Bede im Sinne einer Bürgersteuer erhoben haben, ist nach Techen (a.a.O. Jb. 66, S. 60) durchaus unwahrscheinlich, "vielmehr wird hier der Schoß älter sein als die Orboer". Vgl. auch u. S.
139) Der Stadt Ribnitz wurde 1311 (M.U.B. 5, 3483) das Recht bestätigt, daß die Stadt nur 20 mr Bede zu geben habe, que quidem pensio nullatenus debet futuris temporibus augmentari. Ähnlich 1345 Crivitz und Wittenburg (M.U.B. 9, 6542 und 6553). Brennecke a.a.O. Jb. 65, S. 66 f. legt zwar eine Neubukower (M.U.B. 12, 7685) und eine Marlower (M.U.B. 15, 9091) Urkunde vom Jahre 1352 bzw. 1362 dahin aus, daß der Landesherr noch um diese Zeit in jenen Städten bei der ordentlichen Bede die Einzelbesteuerung der Bürger vornahm, diese Ansicht ist m. E. aber durch den Text der Urkunde nicht gesichert. Der Herzog verleiht dem Ritter, dem er den Schoß von Neubukow verpfändet hat, das Recht, "dat se dit schod moghen panden edder panden laten". Daß er die Erlaubnis erteilt habe, im Notfall auch Pfändung in der Stadt vorzunehmen, geht aus der Urkunde aber nicht mit Deutlichkeit hervor. Ähnlich bei Marlow.
140) Daß das Geld nicht an den Vogt, sondern an eine landesherrliche Zentralkasse abgeliefert wurde (Radloff a.a.O. S. 55), ist unrichtig. Aus den von Radloff angezogenen Urkunden folgt nur, daß in Rostock die Bede durch besondere Beauftragte abgefordert wurde. Brennecke a.a.O. S. 89 irrt, wenn er diese Tatsache verallgemeinert; die Vogtei war vielmehr Sammelstätte auch für die ordentliche Bede der Landstädte. Vgl. für Schwerin Ihde a.a.O. S. 23. Für Malchin vgl. die Malchiner Chronik, bearb. v. Fr. Brockmann, 1902, S. 60. Doch wurden diese Einkünfte in einigen Fällen vom Landesherrn geistlichen Stiftungen zugewiesen. Vgl. Groth, Jb. 57, S. 171, 190, 241, und Krüger Jb. 97, S. 51.
141) 1361 verpfändet der Landesherr die Vogtei Grevesmühlen mid deme scote der stad (M.U.B. 15, 8853), 1378 verpfändet Bernhard von Werle Stadt und Land Waren myt deme schote (M.U.B. 19, 11119). Bei der Verpfändung von Stadt und Land Teterow i. J. 1380 wurde der Pfandinhaber an unse schotte to den rathmannen gewiesen (M.U.B. 21, 11261). Der Inhaber der Vogtei Gnoien sollte die Orboer alle Jahr am St. Martinstag von deme rade to Gnoyen heben (M.U.B. 24, 13117). (  ...  )
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Ob der Landvogt anfänglich alle Städte zu den öffentlich=rechtlichen Leistungen, wie Ablager 142 ) und Landwehr herangezogen hat, darüber sagen, so viel ich sehe, die Quellen nichts Bestimmtes aus. P. von Nießen hält es für ausgemacht, daß ursprünglich den Großvögten die Städte ihrer Bezirke in der defensio terrae unterstanden und daß "somit der Großvogt zunächst Führer der städtischen Aufgebote" gewesen ist. Erst allmählich, anfangend 1264, habe seine Stellung "mit der immer allgemeiner werdenden Erbauung von Mauern durch die Städte selbst" an Bedeutung verloren 143 ). Einen schlüssigen Beweis ist Nießen aber schuldig geblieben. In Mecklenburg stellten die Städte, seitdem sie von der Mitte des 14. Jahrhunderts an zum Abschluß von Landfrieden hinzugezogen wurden, gesonderte Aufgebote 144 ). Zum Burg= und Brückendienst sind die Städte wahrscheinlich von früh an nicht verpflichtet gewesen. Den Bürgern lag dafür die Anlage und Erhaltung der Stadtbefestigung ob 145 ).


(  ...  ) Es stellt eine Ausnahme dar, wenn der Landesherr sich 1356 bei der Verpfändung Schwerins den Bedebezug vorbehält. (M.U.B. 14, 8263).
142) Vgl. z. B. für Parchim aus d. J. 1377 (M.U.B. 18, 11026). Das Verzeichnis bei Jhde a.a.O. S. 47 ist unvollständig. Der geheime Sekretär Simon Pauli gibt dem Landesherrn 1611 auf Grund der Akten, besonders eines Verzeichnisses der Schweineablager die Auskunft, "daß die sembtlichen Landstedte außerhalb Güstrow und Schwerin, weill allda die Fürstlichen Hoffhaltungen seien, dem Regierenden Landesfürsten Abläger zu entrichten schuldig". (Acta venatoria vol. 1 A. Schw.).
143) P. v. Nießen a.a.O. S. 76 f.
144) Vgl. F. A. Rudloff, Pragmatisches Handbuch der Mecklbg. Gesch. 2. T., 1785, S. 412. Vgl. auch M.U.B. 13, 7524, 7731, 7911. Dagegen unterstand in Holstein nach Pauls a.a.O. Zeitschr. d. Gesell. f. Schlesw. Holst. Gesch. Bd. 43, S. 196, noch damals das städtische Aufgebot dem Amtmann.
145) Krüger a.a.O. (Jb. 97), S. 34, schließt aus der Urkunde (M.U.B. 1, 223) von 1226, in der dem Güstrower Kollegiatstift Freiheit von (Bede, Zoll, Heeresfolge und) Burg= und Brückenbau gewährt wird: also hatten die Bürger in Güstrow alle diese Pflichten wahrscheinlich auch zu erfüllen; denn eine Befreiung wäre sicherlich im Stadtrecht als besonderes Vorrecht hervorgehoben worden. Doch liegt hier eine Verkennung des Stadtrechts zu Grunde. Das Stadtrecht ist nicht nur Aufzeichnung der städtischen Freiheiten. Auch landesherrliche Reservatrechte sind in ihm niedergelegt (vgl. § 8, 9 u. 17 des Güstrower Stadtrechtes). In beiden Hinsichten bietet das Stadtrecht jedoch keine vollständige Aufzählung. Die angezogene Urkunde hat natürlich gar keine Beweiskraft, da die Bürger zu Stadtrecht saßen, das Kollegiatstift aber nicht zum Stadtgebiet gehörte. In keinem späteren städtischen Privilegium finde ich nun eine Befreiung vom Burg= und Brückenwerk ausgesprochen, obgleich dies in der Neuzeit doch zweifellos der Fall war. Auch sind die städtischen Häuser nur der Stadt pflichtig (vgl. u. S. 144 u. 199). Beim Ankauf eines Dorfes zu Stadtrecht durch die Stadt Plau wurde i. J. 1292 (M.U.B. 3, 2165) den Bewohnern die (  ...  )
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Vermutlich wurden wichtigere Verwaltungsgeschäfte von einigen Städten in der ersten Zeit nur unter Beteiligung der Landvögte vorgenommen. Wir besitzen von vier Städten Urkunden, die ein Zusammenwirken von Vogt und Stadt berichten. 1274 erneuern "advocatus, consulatus, ceterique concives in Ribenitz" einen mit dem Kloster Bersenbrück in Westfalen geschlossenen Vertrag 146 ). 1285 bezeugen "advocatus, consules civitatis in Raceburch" die Auszahlung der Entschädigung an vom Domkapitel zu Ratzeburg gelegte Bauern 147 ). In einer 1336 von den Pfarrern zu Recknitz und Pölchow, sowie dem Laager Rat ausgestellten Urkunde über den Verkauf des halben Dorfes Vippernitz an das Kloster Dargun wird überliefert, daß drei Personen, die neben dem Verkäufer Renten aus jenen Dorfgrundstücken bezogen, diese aufgelassen haben (dimiserunt) "ac . . ore et manu fide data promiserunt videlicet Alberto advocatu, Johanni Plonies . . (folgen 5 weitere Namen) consulibus in Lawe necnon . . . (2 Namen), civibus ibidem", sich aller ihrer Rechte zu begeben 148 ). In Schwerin schließlich begegnet der Vogt 1298, 1328 und 1340 neben dem Rat bei der Erledigung von Stadtangelegenheiten 149 ). Daß es sich in allen eben genannten Urkunden wirklich um den Landvogt, und nicht um den Stadtvogt handelt, kann bei der Dürftigkeit der Nachrichten freilich nur vermutet werden 150 ).


(  ...  ) Befreiung vom Burg= und Brückendienst gewährt (ebenso 1306, M.U.B. 5, 3220). Da werden die Bürger ebenso davon befreit gewesen sein. Bei dem Übergang des Dorfes Tebbezin auf die Stadt Güstrow i. J. 1293 (M.U.B. 3, 2200) wurden die Einwohner verpflichtet, ihre bisherigen Dienste von jetzt ab "ad emendationem civitatis consulibus" zu tun. Von anderen Pflichten, die sie etwa gemeinsam mit oder in Vertretung der Stadtgemeinde zu tragen hatten, erfahren wir nichts. Unsere Annahme im Text kann daher als gerechtfertigt gelten.
146) M.U.B. 2, 1340.
147) M.U.B. 3, 1816.
148) M.U.B. 8, 5679.
149) In einer Urkunde von 1298 Dez. 28. (M.U.B. 4,2528) findet sich die bemerkenswerte Formel: "Nos advocatus, consules et commune civitatis in Zwerin presentibus recognoscimus et protestamur, quod nichil iuris vel proprii habeamus in molendinis adiacentibus nostre civitati"; Vogt und Rat stellen 1328 gemeinsam ein Zeugnis aus (M.U.B. 7, 4962) "Nos Hinricus Rosenhaghen, advocatus et consules civitatis Zweryn"; Vogt und Rat richten zusammen ein Schreiben an den Rat zu Lübeck (M.U.B. 9, 6031: In cuius rei testimonium sigille advocati predicti et nostre civitatis presentibus sunt appensa).
150) Entscheidend für mich war, daß es sich bei Schwerin geradezu erweisen läßt. Der in den beiden letzten Schweriner Urkunden genannte advocatus Heinrich Rosenhaghen wird 1343 Juni 4. als armiger (M.U.B. 9, 6309), 1342 Nov. 12 als famulus (M.U.B. 9, 6354) bezeichnet, 1350 (  ...  )
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Die Städte nahmen demnach in mancher Hinsicht früh eine Sonderstellung innerhalb der Vogteien ein. Aber noch hatte der Vogt eine politisch überragende Stellung inne. Man bedenke, daß auch die bedeutenderen Städte damals den Mauerring gegenüber den in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft befindlichen Burgen der Vögte noch nicht geschlossen hatten, also militärisch nicht auf eigenen Füßen standen. Man erinnere sich, daß der Landvogt den Städten im Gerichtswesen übergeordnet war und in dieser Stellung ihnen gegenüber die stadtherrliche Gewalt vertrat.

2. Sonstige landesherrliche Rechte in den Städten.

In dem Verhältnis von Stadt und Vogtei erschöpften sich die landesherrlichen Rechte in den Landstädten nicht. Mit der Wahrnehmung einer Reihe von Befugnissen hatte der Landesherr nicht eigentlich zur Vogtei gehörige Beamte betraut.

Zunächst sei das Stadtgericht nochmals erörtert, da es ebenfalls in der Vogteiverwaltung nicht völlig aufging und eine Betrachtung unabhängig von der Frage erfordert, welche Befugnisse zunächst noch dem Landvogt und welche schon dem Stadtvogt zustanden.


(  ...  ) zählt er zu den Burgleuten (M.U.B. 10, 7057) und begegnet so häufig im Gefolge der Schweriner Grafen, auch außerhalb der Stadt, daß - lassen sich auch für den Knappenrang Parallelen bei den Stadtvögten, allerdings auch nur aus dem 13. Jahrh., beibringen (vgl. u. S. 62 Anm. 174) - er eine Stellung bekleidete, die für Stadtvögte nie belegt ist und auch kaum in Frage kommt. Unzutreffend ist die Ansicht Fr. Lisch's Jb. 42 S. 99 f., daß das Amt des advocatus in Schwerin mit dem Auftreten der Bürgermeister eingegangen, Rosenhaghen der letzte Vogt gewesen sei; er war vielmehr einer in der Reihe der Schweriner Landvögte.
Der Laager Vogt Albrecht und der in der Ratzeburger Urkunde genannte Bertholdus advocatus werden zwar im M.U.B. als "(Stadt=)Vögte" bezeichnet, vgl. Bd. 11, S. 391, Sp. 2, Bd. 4, S. 124, Sp. 1. Diese Auffassung ist aber bei dem Fehlen weiterer Zeugnisse nicht zwingend. Auf Grund der Schweriner Urkunden neige ich zu der Ansicht, daß wir auch hier den Landvogt vor uns haben. Ich möchte es ferner aus dem Grunde vermuten, weil in Rostock die gleiche Wendung advocatus consulesque nur in der ersten Zeit, zweimal 1257, einmal um 1267 begegnet (M.U.B. 2, 786, 2, 794, 2, 1106. P. Meyer Jb. 93 S. 52 f.), d. h. zu einer Zeit, da hier der Landvogt noch Einfluß gehabt haben kann. Die Ribnitzer Urkunde erwähnt in der Zeugenreihe den Vogt nicht besonders; auf drei Geistliche folgen dominus Gregorius miles de Jorcke, Sigerus militis, dann die Ratherren; Gregor de Majorke war Landvogt von Rostock (vgl.: M.U.B. 3, 1143: 1268, nicht mehr 1279, vgl. das bei P. Meyer Jb. 93, S. 53, Anm. 58 zitierte Stadtbuchfragment.) Vielleicht ist der andere Ritter als Ribnitzer Landvogt aufzufassen.
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Als eigener Gerichtsbezirk hatte die Stadt auch ihre eigene Gerichtsstätte; in der Regel war dies der Markt 151 ).

Da die Stadt nur einen Ausschnitt aus dem Landgericht darstellt, stimmte sie mit ihm in der Organisation überein 152 ). Gebotenes und ungebotenes Ding bestanden nebeneinander. Unsere Nachrichten über das alte echte Ding gehören allerdings erst der Neuzeit an und sind auf wenige Städte beschränkt. Aber das Vorkommen des echten Dings in norddeutschen Städten mit ähnlicher Verfassung 153 ) rechtfertigt es, jenen spärlichen Zeugnissen eine allgemeinere Bedeutung für das Mittelalter beizumessen; wie vielfach das Gerichtsverfahren, so hat sich in diesem Punkt offenbar auch die Gerichtsverfassung in einigen Städten mit Zähigkeit bis tief in die Neuzeit erhalten.

Nach einem Bericht des Stadtvogts zu Malchin an Herzog Adolf Friedrich vom 29.2.1612 wurden dort "auf uhralten hergebrachten gebrauch und gewohnheitt jehrlich zwei unterscheidliche Tage, welche von alters der Etting genannt, . . . gehalten" 154 ). In Plau hegte der Stadtvogt nach Zeugnissen aus den Jahren 1616/17 vier Mal jährlich am Tage nach dem Vierzeiten=Feste im Namen des Landesherrn das Etting oder Quartalsgericht 155 ). In Parchim ward noch bis zur Aufhebung des Stadtgerichts im Jahre 1848 um Michaelis unter dem


151) So in Parchim schon 1282 (M.U.B. 3, 1598). Ebenso sollte in Güstrow nach einer Urkunde von 1270 (M.U.B. 2, 1182) der Vogt nur "in foro, in loco tribunalis" Anklage erheben dürfen. Krügers Schluß Jb. 97, S. 26 f., daß der Ort des Gerichts demnach bis dahin nicht feststand, ist m. E. unberechtigt. Der Vogt, wie jeder andere (advocatus seu alius quicunque esset) soll durch die Urkunde nur in allen Rechtssachen an das gerichtliche Verfahren vor der Gerichtsgemeinde gebunden werden. - Über den Markt als Gericht H. G. Gengler, Deutsche Stadtrechtsaltertümer S. 122 f. J. W. Planck, Das deutsche Gerichtsverfahren im M. A. Bd. 1, S. 125.
152) Vgl. G. v. Below, Der Ursprung der deutschen Stadtverfassung, S. 89 ff.
153) Das echte Ding findet sich während des M. A. z.B. in Rostock, Lübeck, Lüneburg und Braunschweig. Auch die Bezeichnungen sind ähnlich. In Lübeck hieß es Echtding (Frensdorff, Stadt= u. Ger. Verf., S. 83 ff.) in Lüneburg Eddagh (W. Reinecke, Gesch. d. Stadt Lüneb. 1933, Bd. 1, S. 331 ff.), in Braunschweig Echteding (UB. d. Stadt Braunschweig, 1, S. 167, 176, 179), in Rostock trug das ungebotene Ding einer Nachricht von 1564 zufolge wie in Malchin die Bezeichnung Etting (H. Mann, B. G. R. 1, 1895, S. 13 f.).
154) Siehe die Anlage bei Beyer (Jb. 14, S. 180).
155) S. d. Anlage ebenda S. 182 f. "Wan auch einer vor dem burgerrecht klagen wollte, so durfte ers vorher nicht dem Richter noch dem burgermeister klagen". Vgl. auch F. Lisch, Gesch. d. Stadt Plau (Jb. 17), S. 37.
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Vorsitz des Stadtrichters "öffentlich unter dem Läuten der großen Glocke ein sog. Bürgerrecht gehegt" 156 ).

Das echte Ding hatte einen bestimmten Kompetenzbereich. Alles übrige wurde auf den sonstigen Gerichtssitzungen erledigt; der Richter konnte zu dem Zweck einen Gerichtstermin ansetzen, auch die Parteien waren vermutlich berechtigt, eine Verhandlung zu beantragen. In Parchim waren nach einer Urkunde vom Jahre 1282 der Dienstag und Freitag für Gerichtssitzungen bestimmt 157 ). Das erste erhaltene Teterower Gerichtsprotokollbuch von 1590-1603 überliefert uns z. B. dies Nebeneinander des 3 mal im Jahr gehaltenen "Ettings" und den übrigen, Zwischen diesen Terminen liegenden Gerichtssitzungen 158 ).

Es kann kein Zweifel sein, daß das Stadtgericht ursprünglich für alle Rechtsfälle zuständig war, also sowohl die Kriminal= wie die Zivilgerichtsbarkeit vor dieses Forum gehörte. Daß sowohl die niedere wie die hohe Strafgerichtsbarkeit landesherrlich war, darf für die Städte lübischen Rechtes aus der Gerichtsverfassung Lübecks geschlossen werden 159 ). Bei den Städten Schweriner Rechts läßt sich das Gleiche aus der in der Stadtrechtsurkunde enthaltenen Bruchtabelle erkennen 160 ). Bei den Städten Parchimer Rechts geht die landesherrliche Ausübung auch der niederen Gerichtsbarkeit daraus hervor, daß die Stadt nach der


156) Vgl. Beyer a.a.O. S. 147.
157) Bei der Zusammensetzung der Alt= und Neustadt Parchim wurde bestimmt: "verum eciam iudicium ut prius tertiis feriis in antique civitatis foro, in foro autem nove civitatis sextis feriis sit habendum" (M.U.B. 3, 1598). Doch ist später der Neustädter Gerichtstermin fortgefallen. Cordesius berichtet 1670 (Cleemann, Chronik der Stadt Parchim, S. 37): "So oft es noththut, wird Dingstags Stapelrecht . . . öffentlich unter dem Rathause gehalten".
158) Spec. civ. Teterow, A. Schw.
159) F. Frensdorff, Stadt= u. Ger. Verf., S. 82. Hoffmann läßt die Möglichkeit offen, daß in dem aus einem Dorf entstandenen Gadebusch ein Schulze, "der bereits als Dorfrichter die niedere Gerichtsbarkeit innegehabt haben mochte, die niedere Gerichtsbarkeit auch in der Stadt" besaß. (Jb. 94, S. 193.) Ich halte dies bei der Natur der lübischen Gerichtsverfassung für ausgeschlossen. Auch sollte doch nach dem Privileg von 1271 die "vadiatura quinque solidorum" dem Landesherrn gehören.
160) Vgl. M.U.B. 1, 359, § 1-6. Daß das Gericht über Hals und Hand (§ 1 u. 2) jemand anders als dem Landesherrn, dem allgemeinen Inhaber des Blutbanns um jene Zeit zukam, wird man nicht annehmen können. Ebenso gingen auch die Brüche de plaga nigra und pro alapa (§ 4 u. 5) ausschließlich an die potestas (von der an den Verletzten zu zahlenden Buße abgesehen). Die Zuständigkeit des Stadtgerichts ist ferner dadurch gesichert, daß den Städten Schweriner Rechts erst später an den Brüchen des Nieder= und Hochgerichts ein Anteil zugesprochen wird.
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Stadtrechtsurkunde bei allen Strafsachen bis zu 4 ß ein Drittel der Brüche erhalten soll 161 ).

Nur innerhalb der Handwerksämter war die niedere Strafgerichtsbarkeit dem Stadtgericht entzogen und dem Amt, sowie dem ihm übergeordneten Rat vorbehalten 162 ). Verstießen dagegen Personen, die nicht dem Amt angehörten, gegen die Amtsordnung, so konnte die Klage auch beim Stadtvogt anhängig gemacht werden. Wer die Amtsartikel der Malchiner "Haken" (v. 1500) verletzte, den durften die Zunftmitglieder "vor de Richtere 163 ) eschen und . . . denne laten to broke efte wette deylen, dat de Richtere eren broke dar van up nemen"; ein "butenman" konnte das Amt nur "dorch vorloff der richtere besaten" 164 ).

Eine weitere Einschränkung der Gerichtsbarkeit des Stadtvogts ergab sich aus dem Recht des Rats, über die von der Gemeinde beschlossenen Willküren zu richten.

Andererseits griff aber auch das Stadtgericht in den Bereich des Gemeindelebens über. Im Rahmen der Rechtsprechung wurden ja im Mittelalter zahlreiche Verwaltungsaufgaben erledigt. Das zeigt sich zunächst in der Kompetenz des echten Dings. Auf dem Lübecker echten Ding wurde Recht gesprochen "de tribus articulis, scilicet de hereditatibus, de cespitalitatum proprietatibus et de reipublicae necessitati-


161) M.U.B. 1, 319, § 3: Item tertia pars de vadiis magnarum causarum, sicuti de pugna infra civitatem supra IV solidos cedet in usus civitatis. Unbegründet ist die Behauptung Hoffmanns Jb. 94, S. 193, daß "nur die causae magnae erwähnt" sind, und die sich daran anschließende Folgerung, daß "die niedere Gerichtsbarkeit nur von dem landesherrlichen Vogt ausgenutzt wurde". In der Urkunde von 1309, die der Stadt Sternberg das Parchimer Recht bestätigte (M.U.B. 5, 3293), wird dieser Anteil an den Gerichtsgefällen als ein Drittel de omnibus excessibus, qui in ipsa civitate Sterneberghe seu in campo civitatis contingunt, bezeichnet. Unter den excessus versteht man aber sämtliche Strafsachen, die daher auch in die excessus minores und maiores gegliedert werden (vgl. für Güstrow M.U.B. 3, 2200 v. J. 1293).
162) In der Regel kommt den Zünften nur eine niedere Strafgerichtsbarkeit mit Ausschluß der Fälle von Blut und Blau zu; in Parchim und Plau scheinen auch solche Strafsachen in der Zunft abgeurteilt zu sein. (Vgl. unten, S. 125). Der Rat war den Ämtern, falls sie nicht etwa dem Stadtvogt unterstanden, in Amtssachen als polizei= und sühnegerichtliche Instanz übergeordnet, doch war den Amtsgenossen der Rechtszug zum Stadtgericht nicht völlig abgeschnitten. Vgl. auch C. Wehrmann, Die älteren lüb. Zunftrollen, Lüb. 1864, S. 131.
163) D. h. wohl der Stadtrichter und die beiden Beisitzer aus dem Rat.
164) Vgl. die Amtsrolle (Städt. Urk. Malchin A. Schw.). Reichte die Hilfe des Gerichts nicht aus, so sollte sich das Amt jedoch an den Rat wenden.
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bus" 165 ). Unter dem Vorsitz des Vogtes wurde also auch über das geurteilt, was zum Wohl der Stadt etwa notwendig war 166 ). Eine durchaus ähnliche Gerichtsbarkeit besaß das echte Ding in mecklenburgischen Städten. In Parchim konnte auf dem jährlichen Bürgerrecht "nach vorgängiger einfacher Meldung und Nennung des Beklagten jeder Bürger . . . seine Klagen anbringen" 167 ); doch war die Beratung von Gemeindeangelegenheiten zur Zeit dieser Nachricht dem echten Ding in Parchim schon lange genommen. Auf dem Plauer Quartalsgericht konnte "wegen Acker, Garten, Wischen und allerhand Veltgewalt" geklagt werden. Auch waren vor ihm die Ratsherren "Recht zu geben und zu nehmen schuldig". Ferner wurde dort "wegen dessen, was in Embtern verfallen muchte", verhandelt 168 ). In Malchin wurden nach dem bereits genannten Bericht auf dem Etting "der Statt mangel von den vier Gewerken und Freyheiten angebrachtt" 169 ).

Wir bemerken also ein teilweises Zusammenfallen von Stadtgericht und städtischer Verwaltung. Die Marktpolizei bietet im Schwerin=Güstrower Recht ein verwandtes Bild. Auf Betrügerei durch Führung doppelter Maße stand die Todesstrafe 170 ), d. h. es wurde über den Schuldigen im Stadtgericht erkannt. Damit ist allerdings noch nicht gesagt, daß die Marktpolizei, die dauernde Nachprüfung des Maßwesens, Sache des Gerichts war, aber wenigstens ist es wahrscheinlich, daß der Stadtrichter an der Überwachung des Handels teil hatte. Auch geht dieses Zusammenwirken von Rat und Stadtvogt in der Aufsicht über das Maßwesen aus der Stadtrechtsurkunde von Röbel eindeutig hervor. Die Verteilung der gerichtlichen Gefälle wurde hier danach bemessen, wer von ihnen - der Rat oder der Stadtrichter - den Gebrauch unrechten Maßes entdeckte 171 ).

Über die Bestellung des Stadtvogtes geben die Urkunden keine klare Auskunft. Der Landesherr hat dies Recht wahr=


165) Hach 1, § 3. Vgl. auch Fr. Frensdorff, Gerichtsverfass., S. 83 f.
166) F. Frensdorff, Stadt= u. Ger. Verfass., S. 84 deutet die rei publicae necessitates dahin, daß das lübische Recht auf dem echten Ding "die hier versammelte Gemeinde über Maßregeln zum Nutzen der Stadt beraten und beschließen läßt". L. v. Winterfeld rechnet hierzu wohl mit Recht noch das Blutgericht (Lüb. Ztschr. 25, 1929, S. 407).
167) Beyer a.a.O. S. 143.
168) S. die Anlage bei Beyer a.a.O. S. 181.
169) Ebenda S. 180.
170) M.U.B. 1, 359 § 8.
171) M.U.B. 2, 911, § 28.
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scheinlich teils selber geübt, teils dem Landvogt überlassen 172 ). Bei Verpfändungen der Vogtei ging es zum Teil mit der Einkunft aus den Gerichtsgefällen auf den Pfandinhaber über 173 ). Schon früh war es anscheinend vielfach üblich oder gar rechtens, das Amt des Stadtrichters mit Bürgern der betreffenden Stadt zu besetzen oder es sogar einem Mitglied des Rates zu übertragen 174 ). Dadurch verschob sich natürlich der Charakter des Stadtgerichtes zugunsten der städtischen Selbstverwaltung. Eigenartig sind die Verhältnisse in Sülze. Die Rostocker Patrizierfamilie Coppmann läßt sich fast ein Jahrhundert im erblichen Besitz der Sülzer Stadtvogtei nachweisen.

Die Sülzer Ratsherren werden 1277 175 ) zum ersten Mal namentlich aufgeführt. Unter ihnen steht auch ein "Hermannus Coppman". Dieser Name kommt dann nicht wieder im Rat vor, wohl aber tritt 1289 176 ) als Zeuge unter den "cives sed tunc consules de Sulta" ein "Hermannus antiquus


172) Vgl. die Urkunden der Pommerschen Städte, oben S. 49.
173) 1368 war den Seestädten Lübeck usw. die Vogtei Wittenburg verpfändet worden (L.U.B. 3, 662). Zwei Jahre darauf treffen wir den lübischen Vogt Hinrich Kerkhof dort als Stadtrichter an. Er bezeichnet sich in einem Schreiben an den Rat zu Lübeck als ex vestri gracia in Wittenborgh advocatus (M.U.B. 16, 10065).
174) Möglicherweise ist schon der 1228 (M.U.B. 1, 359) unter den Güstrower cives (hier = Ratmannen) genannte Hinricus advocatus der Stadtvogt. Das Gleiche ist vielleicht für den Kröpeliner Albertus advocatus anzunehmen, der 1250 (M.U.B. 1, 642) mit anderen als Kröpeliner Bürger (wahrscheinlich ebenfalls = Ratsherr), bezeichnet wird; die Groß= bzw. die Kleinschreibung des advocatus spricht weder für noch wider diese Annahme, da beide Urkunden nur in Transsumpten erhalten sind. Aber Alberus wird 1264 ausdrücklich als advocatus de Cropelin bezeichnet (2, 1018); auch der Kröpliner Untervogt Hermann Ledege von 1336 (M.U.B. 8, 5456) erscheint 1339 (M.U.B. 8, 5680) als "civis in Kropelin". Er wird als discretus vir bezeichnet; wie sein Bruder, der uns als locator bekannt ist (M.U.B. 9, 6424), führte er ein Siegel (M.U.B. 9, 6472). Ebenso war der advocatus Thomas (M.U.B. 7, 4568) Ribnitzer Bürger und vielleicht sogar Ratsherr (M.U.B. 7, 5007, 6, 4147). Und danach erscheint der subadvocatus Dietrich Drogespot als Bürger in Ribnitz (M.U.B. 7, 4825 u. 8, 5522). Auch "Hinricus subadvocatus et Hinricus quondam subadvocatus" in Goldberg v. J. 1305 (M.U.B. 5, 2992) werden als "cives nostri" d. h. als Bürger von Goldberg, bezeichnet. Zu den 1345 bestätigten Privilegien des Rats und der Bürger zu Crivitz, die "se ie hebben gehad van oldinghes here uth", gehörte auch die landesherrliche Verpflichtung, "nynen voget to settende an de stat unde dat land, he en sie geboren an der statt edder deme lande" (M.U.B. 9, 6542). Dagegen gehören die 1273 (M.U.B. 2, 1295) auftretenden Stadtvögte von Malchow, Röbel und Wesenberg nicht dem Bürgerstande an, da sie als Knappen bezeichnet werden. Auch Richbert, der Röveler Stadtvogt vom J. 1276 (M.U.B. 2, 1396) war famulus (M.U.B. 3, 1695 u. 2, 1283).
175) M.U.B. 2, 1444.
176) M.U.B. 3, 2035.
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advocatus" und 1298 177 ) unter den Ratsherren ein "Hermannus Advocatus" auf. Es besteht danach zweifellos die Möglichkeit, daß diese drei Namen sich auf dieselbe Person beziehen, d. h., daß Hermann Coppmann Stadtvogt war. Bestärkt wird diese Vermutung durch folgende urkundliche Nachrichten. Die Erbauseinandersetzung über den Nachlaß des Rostocker Bürgermeisters Arnold Coppman vom 15. April 1336 178 ) enthält in Bezug auf dessen Neffen Bernhard die Bestimmung: "optinebit omnes redditus in molendino et in advocacia et in censibus de areis perpetuis, quos invicem in oppido Sulta habuerunt, pro usibus suis disponendos". Arnold, als Ratsherr 1291 zum ersten Mal genannt 179 ), hatte schon mit dem Vater dieses Bernhard, der ebenfalls Bernhard hieß, Güter in Sülze besessen; 1308 fand er seine Kinder erster Ehe ab mit dem vierten Teil "bonorum omnium que frater suus Bernardus et ipse habent communiter in Sultha" 180 ). Da auch diese Güter von 1308 gemeinsam innegehabt wurden, sind sie wahrscheinlich mit den 1336 aufgeführten Besitzungen identisch. Erst im Jahre 1373 ging dieser Coppmannsche Besitz in fremde Hände über, Berndt Coppman 181 ) verkaufte damals für 210 mr alles, "was er in der Stadt zur Sulten gehabt als richte und broke uff 4 schillinge und darunter, auch funff Wörde, die iedes jares geben 8 sundische schillinge" nebst Kornhebungen aus der Sülzer Mühle 182 ). Wie diese Besitzungen eventuell von Hermann Coppman in Sülze auf den Rostocker Zweig der Familie übergegangen sind, läßt sich allerdings nicht feststellen. Auch bleibt es nur Vermutung, daß die Rechte der Coppmans in Sülze auf Locatortätigkeit zurückzuführen seien 183 ).


177) M.U.B. 4, 2489.
178) M.U.B. 8, 5656.
179) M.U.B. 3, 2122.
180) M.U.B. 5, 3261.
181) Es wird derselbe sein, der in der Urk. von 1336 genannt ist, wenigstens schließt er noch 1359-73 einen Vertrag mit seinem Bruder Konrad über Sülzer Besitz. (M.U.B. 14, 8699, vgl. auch Bd. 11, S. 376).
182) M.U.B. 18, 10502.
183) Hoffmann, Jb. 94, S. 66 f. hält dies für sehr wahrscheinlich, doch ist es nicht zu übersehen, daß die Coppmans ihre Begüterungen in Sülze z. T. nachweislich erst nach Bestehen der Stadt erworben haben. So kaufte der Rostocker Ratsherr Arnold Copman 1267 ein Salzhaus in der Saline (M.U.B. 1124), das er vor 1289 allerdings wieder aus den Händen gab (M.U.B. 3, 2035). 1274 verkaufte Siegfried von Stralsund an jenen Copmann bona sua in Sülze, wiederkäuflich nach 3 Jahren (M.U.B. 3, 1318).
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Außer der Gerichtsbarkeit war der Landesherr in den Anfängen des mecklbg. Städtewesen noch im vollen Besitz wichtiger Regalien 184 ). Das Zollwesen war noch landesherrlich. Landesherrliche Zollstätten bestanden u. a. in den Städten Dömitz 185 ) und Boizenburg 186 ).

Dem Landesherrn stand ferner ausschließlich das Münzprägungsrecht zu. In der ältesten Zeit besaßen die Landesherren zahlreiche Münzstätten. Als 1325 bei der Verleihung der Münzgerechtigkeit an Rostock sämtliche Münzstätten der Herrschaft Rostock geschlossen wurden, traf dies Schicksal u. a. die dort gelegenen Städte Ribnitz, Sülze, Tessin, Marlow und Kröpelin 187 ). Eine landesherrliche Münze bestand auch in Gadebusch 188 ), in Dömitz 189 ) und in Boizenburg 190 ).

Anscheinend in allen Städten hatten sich die Landesherren den Mühlenbann, das ausschließliche Recht zur Anlage von Mühlen, vorbehalten 191 ). Im Laufe der Zeit erfolgte dann vielfach eine Veräußerung der Mühlen an Klöster oder an Grundherren aus der Umgegend der Städte. 1295 verkaufte Fürst Nikolaus von Werle dem Kloster Neuenkamp das Eigentum an der Mühle in Plau 192 ). Im gleichen Jahre schenkte Nikolaus von Werle dem Kloster die Mühle in Goldberg 193 ). Landesherrlich war dagegen noch 1331 die Mühle bei Krakow 194 ) und bis 1299 die Mühle in Gnoien 195 ). Bei den


184) Wir behandeln die Regalienverwaltung getrennt von der Landvogtei, da sie in Mecklenburg wahrscheinlich ebenso wie in Brandenburg (vgl. Bornhak a.a.O. S. 34, O. Hintze, Die Hohenzollern und ihr Werk, S. 58) besondern nicht dem Vogt unterstellten Beamten übergeben war.
185) M.U.B. 1, 466, 3, 2127.
186) M.U.B. 1, 530, 5, 1127. Vgl. auch S. 87 ff.
187) M.U.B. 7, 4675. Freilich ist aus der Urkunde nur zu entnehmen, daß der Landesherr dort das Münzrecht besaß, aber nicht, in welchen der Städte er es wirklich ausübte.
188) M.U.B. 1, 315 (1225).
189) M.U.B. 3, 2127 (1291).
190) M.U.B. 2, 1127 (1267). Bald darauf i. J. 1279, verzichteten die Grafen von Schwerin auf die Ausübung des Münzrechtes in den Ländern Boizenburg und Wittenburg; in Zukunft sollten dort Hamburger und Lübecker Pfennige die Landesmünze bilden (M.U.B. 2, 1504). Vgl. auch W. Jesse, Der wendische Münzverein, Lübeck 1928, S. 65 ff. bes. S. 73.
191) Doch wurden der Stadt Stavenhagen 1282 (M.U.B. 3, 1630) ihre Privilegien - lüb. Recht, 71 Hufen usw. - cum molendinis construendis bestätigt. Da aber diese Gerechtsame in der langen formelhaften Reihe der "prata, pascua . . .", steht, kann nicht viel Gewicht auf ihre Verleihung gelegt werden.
192) M.U.B. 3, 2335.
193) M.U.B. 3, 2336.
194) M.U.B. 8, 5250.
195) M.U.B. 3, 2001.
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Städten Güstrower Rechts ergibt sich der landesherrliche Mühlenbann aus dem § 9 des Stadtrechtes. Der Mühlenbann war mit einem Zwangsrecht verbunden und machte sich daher auch in der Richtung geltend, daß bestimmte Mühlen ein jede Konkurrenz ausschließendes Mahlrecht erhielten. So wissen wir aus dem Jahre 1304 196 ), daß die Bewohner von Neubukow dem Mahlzwang unterliegen, aber ihr in drei Tagen nicht abgemahlenes Korn auf andere Mühlen bringen durften. Ebenso erfahren wir 1302 von dem Bestehen des Mahlzwanges in Gadebusch 197 ). Den Moltkes gewährte der Landesherr 1315 für ihre Mühle zu Detershagen den Mahlzwang über die Stadt Kröpelin 198 ), 1290/91 verkaufte Nikolaus von Werle den Rittern Johann und Gerhard von Bardenfleth die große Mühle vor Penzlin mit dem Mühlenbann auf eine halbe Meile 199 ). Marlow wird dagegen 1459 mit den übrigen Privilegien das Recht bestätigt: "Ock mogen se mahlen tho welcken möhlen de en negesten ist, sonder Broecke" 200 ).

In der Gesamtbeurteilung der ältesten städtischen Selbstverwaltung darf auch die Tatsache nicht übersehen werden, daß bei der Stadtgründung territorialpolitische Gesichtspunkte in einem stärkeren Maße zur Verwirklichung kommen konnten, als in einem späteren Stadium des Städtewesens. Es leuchtet ein, daß die Anlage einer Stadt dem Landesherrn bedeutende Vorteile in Aussicht stellte. Zunächst in finanzieller Hinsicht. In der städtischen Bede, in den Münzstätten und Gerichtsgefällen der Städte taten sich neue Einnahmequellen auf; die Zolleinkünfte mußten mit dem Einzug von Handel und Verkehr eine erwünschte Vermehrung erfahren, ja dadurch wurde das Land überhaupt erst erschlossen; die völlige Ausnutzung des Grund und Bodens war an den Bestand eines über das gesamte Territoriums verbreiteten Städtewesens gebunden. Nicht anders in militärischer Hinsicht. Die größere Einwohnerzahl der bald mit Wehranlagen umgebenen Städte bot Gelegenheit, die Verteidigungsfähigkeit des Landes beträchtlich zu heben: das Städtewesen mußte im ganzen genommen als Steigerung der landesherrlichen Macht erscheinen.

Die Anlage der Städte wird sich daher der Gunst der Landesherren erfreut haben 201 ). Sie wurde nachweislich sogar von


196) M.U.B. 5, 2927.
197) M.U.B. 5, 2777.
198) M.U.B. 6, 3774.
199) M.U.B. 10, 2730.
200) v. Kamptz, Zivilrecht 1, 2 Cod. dipl., S. 170.
201) Es zeigt sich bei der Gründung und Forderung der Städte der ältesten Zeit ein Zug territorialer Wirtschaftspolitik. 1298 verspricht (  ...  )
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ihnen betrieben. 1244 bezeichnet der Landesherr sich als Gründer der Stadt Neukalen 202 ) und erwarb auch deren Grund und Boden vom Kloster Dargun 203 ). In der Parchimer Stadtrechtsurkunde spricht der Landesherr davon, daß er selber Ansiedler von fern und nah herbeigerufen habe 204 ). Für den Beginn des Städtewesens müssen wir eine weitergehende innere Abhängigkeit der Bürgerschaft vom Landesherrn annehmen, als sie jemals später während des Mittelalters bestand. Gerade im Anfang bedurfte man seiner. Er gab den Grund und Boden und die Rechte an Feld, Wald und Wasser. Bei ihm hatte man vor allem um Gewährung des freien Stadtrechts anzusuchen; in diesem Punkt werden denn auch die Anzeichen einer landesherrlichen Städtepolitik vor allem sichtbar. Abgesehen vom Westen Mecklenburgs, wo sich der überragende Einfluß Lübecks bemerkbar macht, schritten die Landesherren zur Durchführung einer stadtrechtlichen Einheit. In der Herrschaft Rostock wurden die Städte mit lübischem Stadtrecht, in der Herrschaft Werle mit Schweriner, in der Herrschaft Parchim=Richenberg mit Parchimer Stadtrecht bewidmet. Auch die später uns entgegentretende Erscheinung, daß Rostock, Güstrow und Parchim als Oberhöfe der Städte dieser Gebiete erscheinen, mag ihren Ursprung in einer landesherrlichen Anordnung aus der Zeit der Stadtgründung haben.

Suchen wir jetzt das Bild der ältesten städtischen Verfassung uns noch einmal vor Augen zu stellen. Die städtische Selbstverwaltung stand erst in ihren Anfängen, die Stadt war auf einen engen Kreis von gemeindlichen Aufgaben beschränkt. Landesherrliche Beamte verwalteten jene Gebiete, wie Gericht, Münze, Zoll, Mühle, von denen das städtische Leben in Abhängigkeit stand. Bei der überragenden Stellung des Landvogtes waren die Städte vor allem von jeder politischen Unabhängigkeit weit entfernt.

Die folgende Zeit sollte jedoch wichtige Veränderungen bringen. Sie ist gekennzeichnet durch das zum großen Teil erfolgreiche Ringen der Städte nach Erweiterung ihrer Selbstverwaltung und nach Selbstbestimmung auf wirtschaftlichem


(  ...  ) Nikolaus von Rostock der Stadt Sülze z. B. - ampliationen ac profectum praetacte civitatis nostre in omnibus diligentes -, für einen Kanal zwischen der Reknitz und der Trebel und für einen Damm zwischen Sülze und Tribsees zu sorgen.
202) M.U.B. 1, 564.
203) Vgl. M.U.B. 1, 684.
204) Vgl. M.U.B. 1, 319.
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und politischen Gebiet und dementsprechend durch ein fortwährendes Abbröckeln der Stellung des Landesherren in der Stadt.

B. Die Verselbständigung der Städte und die Vermehrung ihrer Rechte im Verlaufe des Mittelalters

§ 1:

Die Veränderungen in der städtischen Gerichtsverfassung

Eine genaue Feststellung der Wandlung der städtischen Gerichtsverfassung stößt auf Schwierigkeiten. Es läßt sich vielfach nicht mit Sicherheit angeben, in welche Zeit das Aufkommen dieser oder jener Erscheinung der Gerichtsverfassung zu datieren ist.

Doch läßt sich soviel erkennen: die städtische Gerichtsverfassung der mecklbg. Landstädte veränderte sich im Laufe der Zeit in wichtigen Punkten. Das Stadtgericht wurde mehr und mehr in das städtische Eigenleben einbezogen. Die Stadtverwaltung ordnete es sich allmählich unter.

Die Ausscheidung des Landvogtes aus dem Stadtgericht kann zeitlich nicht genau festgelegt werden. Doch haben die später sog. amtsfreien Städte - die Mediatsstädte brachten es dagegen ihrem Wesen nach niemals zur Unabhängigkeit vom Landvogt - meist wahrscheinlich noch vor Mitte des 14. Jahrhunderts die Vogtei auf dem Gebiete der Gerichtsbarkeit, d. h. an der entscheidenden Stelle gesprengt 205 ). Eine Urkunde scheint aller=


205) Das Nebeneinander eines advocatus maior und minor begegnet in der 2. Hälfte d. 14. Jahrh. nicht mehr. Auch in anderen ostdeutschen Kolonisationsgebieten trat bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts die gleiche Veränderung ein. Die von P. v. Nießen a.a.O. S. 71 für die Tätigkeit des Landvogts im Pommerschen Stadtgerichten beigebrachten Urkunden rühren sämtlich aus dem Anfang des 14. Jahrh. her. Im Anfang bzw. im Laufe des 14. Jahrh. schloß sich auch das Stadtgericht der brandenburgischen Städte gegen das Landgericht ab. Bornhak a.a.O. 1, S. 47, Schröder, Rechtsgeschichte, S. 688, Anm. 41. In den osteuropäischen Kolonialstädten hat der "advocatus provincialis" noch während der ersten Hälfte des 14. Jahrh., in Breslau bis 1337 die großen Dinge in der Stadt geleitet. Vgl. F. Karge, Über die mittelalterliche Verfassung der osteuropäischen Kolonialstädte, Diss. Halle 1912, S. 53 ff. In seiner Untersuchung der Neumark kommt P. v. Nießen zu dem Ergebnis, die Städte seien bei der Lokalisation nicht als eigene Gerichtssprengel konstituiert worden, erst die gelegentlich der Bedeverträge (1281) erfolgte Zusage an einige Städte, daß sie stets einen belehnten, in ihren Mauern wohnenden Richter haben sollten, habe dann allmählich auch die übrigen (  ...  )
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dings dagegen zu sprechen. 1385 erscheint ein Vicke Velehoven als "advocatus dicti opidi Gnewesmolen et iusticiarius fori secularis ibidem" 206 ), er hatte die Stellung als Landvogt inne, wie sich aus anderen Urkunden 207 ) ergibt. Doch braucht aus dieser Urkunde noch nicht auf gerichtliche Tätigkeit des Landvogts im Stadtgericht geschlossen zu werden 208 ). Einem solchen Schlusse steht außerdem eine Urkunde vom Jahre 1356 entgegen, in welcher der Grevesmühlener Rat sich geradezu selber als Träger der Gerichtsbarkeit bezeichnet 209 ).

Noch bevor das Stadtgericht gänzlich aus dem Verbande der Vogtei ausschied, hat es seinen rein stadtherrlichen Charakter aufgegeben. Die Städte erwarben früh sowohl einen Anteil an dort einkommenden Bruchgeldern, wie das Recht, zwei Ratsherren als Beisitzer abzuordnen. Schon in die Parchimer und Plauer Stadtrechtsurkunde ist die Bestimmung aufgenommen, daß ein Drittel der Bruchgefälle der Stadt zukommen solle 210 ). In Lübeck ordnete wahrscheinlich bereits das Privileg Kaiser Friedrichs von 1188 211 ) die Halbierung der Gerichtsgefälle zwischen Vogt und Bürgern an. Schon während des 13. Jahrhunderts zählte sie zu den Eigentümlichkeiten des lübischen Rechts 212 ). Bei den mecklenburgischen Städten begegnet diese Verteilungsweise zuerst in Gadebusch im Jahre 1225 213 ) und


(  ...  ) Städte von der richterlichen Tätigkeit des Landvogts befreit. Vgl. auch P. Nießen, Gesch. d. Neumark im Zeitalter ihrer Entstehung und Besiedlung, Landsberg 1905, S. 499, Anm. 1, 507, 523 f.
206) M.U.B. 20, 11707.
207) 1391 ist er Vogt der Vogtei Grevesmühlen (M.U.B. 22, 12295). Vgl. auch M.U.B. 21, 12224, 22, 12791.
208) Unter dem forum secularis ibidem kann auch das Landgericht verstanden werden. Wenn jener als Vogt der Stadt bezeichnet wird, so mag darin lediglich der sonst noch aufrecht erhaltene Zusammenhang der Stadt mit der Vogtei zum Ausdruck kommen. 1379 nennt der Grevesmühlener Rat einen Gerhard Möller "nostre civitatis advocatus" (M.U.B. 19, 11206). Möglicherweise ist dies der Stadtvogt.
209) Als die Ratsherren von Grevesmühlen 1356 den Ankauf eines Hauses in und eines Gartens vor der Stadt durch das Kloster Rheinfeld genehmigen, bestimmen sie u. a. (M.U.B. 14, 8219): preterea excessus homicidii, mutilacionis membrorum, furti seu alii qualescunque maiores vel minores auf hiis similes, qui in dictis area et orto et edificiis intraque ipsius arei et, ipsius orti perpetrati fuerint, per consules . . . et non per alium seu alios, iure civili consuetudinario iudicabuntur.
210) M.U.B. 1, 319 u. 428, § 3.
211) L.U.B. 1, 7. Dazu Frensdorff, Stadt= u. Ger. Verf., S. 43 f. Zur Datierung Rörig, Hansische Beitr., 1928, S. 11 ff.
212) Hach, Das alte lüb. Recht, 1, 90.
213) M.U.B. 1, 395. Es wird hier jedoch nur die Drittelung zwischen (  ...  )
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darauf in Wismar in der Bestätigung des lübischen Rechtes vom Jahre 1266 214 ). Als Bestandteil des lübischen Rechtes wird sie in allen mecklbg. Städten dieses Rechtskreises während des 13. Jahrhundert Eingang gefunden haben 215 ). Die Städte Schwerin=Güstrower Rechts erlangten anscheinend dagegen erst seit Ausgang des 13. Jahrhunderts einen Anteil an den Gerichtsgefällen. 1293 erhielt Güstrow ein Drittel des gesamten Gerichts 216 ), nachdem bereits 1270 der gleiche Anteil für gewisse Vergehen auf die Stadt übergegangen war 217 ). 1299 verpfändete Nikolaus von Werle der Stadt Malchow für 400 Mk den dritten Teil aller Gerichtsbarkeit in der Stadt und auf der Feldmark 218 ). Das gleiche Anrecht erwarb Malchin im Jahre 1302 219 ). Später ist dieser Verteilungsmodus für fast sämtliche Städte Schwerin=Güstrower Rechts charakteristisch 220 ), ohne daß wir aber sonst von einer besonderen Verleihung hören. Der Anspruch auf den dritten Teil der im Gericht erkannten Brüche gehörte auch zu den im Jahre 1345 der Stadt Crivitz bestätigten Privilegien 221 ).


(  ...  ) Kläger, Vogt und Stadt erwähnt, wie sie lübischem Rechte entsprach. Doch erlitt Gadebusch insofern eine Minderung, als nach dem Privileg von 1271 dei vorsathe und bei Klagen um Hals und Hand der Landesherr zwei Drittel, die Stadt aber nur ein Drittel der Buße erhalten sollte.
214) M.U.B. 2, 1078.
215) Während des M. A. läßt sie sich noch 1370 in Wittenburg (M.U.B. 10, 10065) und 1455 in Ribnitz nachweisen (vgl. Bestätigung der Ribnitzer Privilegien, Städt. Urk. Ribn. A. Schw.: "Vortmehr so geve wy vry und quyt dat halve Richte und den halven bröcke, de gebröcken und gychtet und delet worden na lubschem Rechte, vor dem stapel des gerichts"). In Gnoien finde ich die "halbe Jurisdiktion" in einem Bericht des Stadtrichters von 1660 erwähnt (spec. civ. iurisdict. Gnoien A. Schw.). Halbscheid an den Gerichtsbrüchen besaßen z. B. nach allerdings jungen Akten auch Grabow und Boizenburg (Acta betr. d. Anteil d. Cämmereien an d. Erhebg. d. Bruchkassen d. großherzogl. Stadtgerichte, 1825/26, Städt. Dep. Generalia Vol. 4 A. Schw.). Es handelt sich in diesen Fällen aber sicher um altes Recht, denn die Erhebung von Brüchen spielte in der Neuzeit eine mehr und mehr abnehmende Rolle.
216) M.U.B. 3, 2200.
217) M.U.B. 2, 1182.
218) M.U.B. 4, 2574.
219) M.U.B. 5, 2796.
220) In Bützow begegnet er in dem Jurisdictionsprivileg von 1449 (Städt. Urk. Bütz. A. Schw.), in Schwerin läßt sich diese Verteilung der Gerichtseinkünfte im 16. Jahrh. nachweisen (vgl. Jesse, Gesch. d. Stadt Schwerin, S. 82 f.). Der Herzog Heinrich geriet über diesen Anteil an den Gerichtsgefällen mit der Stadt Waren in Zwist, bestätigte ihr aber 1474 das Recht, "dat drudden dell an unnßem richte (to) Warne an broke, clage unnde aller averfaringe, grot ofte cleyne, to ewigen tiden to hevende unnde to borende" (vgl. auch o. S. 20, Anm. 55).
221) M.U.B. 9, 6542.
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Die Einrichtung der Beisitzer aus dem Rat erscheint im lübischen Recht zuerst in dem Codex von 1263 222 ). Als ihre Aufgabe wird die Aufsicht über die Unparteilichkeit der Rechtspflege bezeichnet. H. Reincke erblickt allerdings in diesem Gerichtsbeisitz zweier Ratsherren eine ursprüngliche Befugnis der Städte mit lübischem Recht; jener Brauch sei zufolge der Übernahme der Gerichtsverfassung des holsteinischen Landrechts im lübischen Recht von vornherein enthalten gewesen 223 ). Doch ist auch nicht ausgeschlossen, daß das Ratsassesorat mit dem Anteil an den Gerichtsgefällen in Verbindung stand 224 ). Den Städten Parchimer Rechts, in denen jener Anteil ähnlich früh bezeugt ist, scheint die Anteilnahme des Rats am Stadtgericht ebenfalls nicht erst besonders verliehen zu sein. Die Städte Schwerin=Güstrower Rechts erwarben die Befugnis, zwei Ratsherren zum Stadtgericht zu deputieren, gemeinsam mit ihrem Anteil an den Gerichtsbrüchen 225 ). Auch nach der Bestätigungsurkunde der Crivitzer Privilegien von 1345 sollte der Vogt nicht ohne die Teilnahme des Rats richten 226 ). Aus bloßen Beisitzern sind die "Richteherren" des Rats vermutlich noch im 14. Jahrhundert zur Gleichberechtigung mit dem Vogt bei der Leitung des Gerichtes aufgestiegen; in Rostock werden sie sogar seit 1341 in Urkunden und Akten vor diesem aufgeführt 227 ) und in Wismar hat sich die gleiche Rangänderung zwischen 1338 und 1343 vollzogen 228 ).

Nach mittelalterlichem Rechtsgang kam dem Rat bald ein weiteres Recht zu. Das im Gericht gefundene Urteil konnte im Mittelalter durch Urteilsschelte angefochten werden. Im Gegensatz zu der fränkischen Zeit, wo die Scheltung eines Urteils durch Zweikampf zwischen dem Finder und dem Schelter des Urteils ausgetragen wurde, fiel im hohen Mittelalter in solchem Fall die Entscheidung dem nächsten höheren Gericht zu 229 ). Hier wirkte sich nun ebenfalls das rechtliche Sonderleben der Städte aus. Vom Stadtgericht wurde an den Rat um Rechtweisung


222) Hach, Das alte lüb. Recht 1, 90.
223) H. Reincke, Ztschr. d. V. f. Hamb. Gesch., Bd. 25, 1929, S. 239 f.
224) Die Stellung der Ratsbeisitzer war nicht so unbedeutend, wie Reincke aus dem holstein. Recht folgert.
225) über Malchin u. Güstrow vgl. oben S. 48. Die Malchower Ratsherren erhielten 1299 das Recht, ut, universos excessus mediante nostro advocato iudicent.
226) M.U.B. 9, 6542.
227) Vgl. M.U.B. 5, S. XVII ff. P. Meyer, Jb. 93, S. 74.
228) Fr. Techen, Gesch. d. Seestadt Wismar, S. 28.
229) Frhr. Cl. v. Schwerin, Grundz. d. dt. Rechtsgesch., S. 201 f.
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appelliert 230 ). Und meinte eine Partei, auch das vom Rat gewiesene Urteil sei nach dem Stadtrecht zuwider, so konnte sie es entweder erneut aufs Haus, d. h. an den Rat schelten oder, falls die Gemeinde, wie meist, einer Stadtrechtsfamilie angehörte, durch den Rat um Entscheidung bei der Mutterstadt anfragen lassen 231 ). Neben solcher Appellation an den städtischen Oberhof findet man, daß der Rat sich von dort Rechtsbelehrung in schwierigen Fällen holte 232 ); bei der fast lediglich mündlichen Rechtsüberlieferung mußte dies Bedürfnis beim Rat häufig auftreten.

Bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts bestimmte das lübische Recht 233 ): "Wert in den steden oder in den wicbelden dar unse recht is gevunden, jemende en ordel togedelt, dat wist men vor den rat ofte he dat bescheldet; wert it eme den so ghevunden van deme rade, dat it eme nicht recht ne dunket, so mach het beschelden vort vor unsen rat (d. h. nach Lübeck)". Neben Lübeck nahmen in Mecklenburg=Schwerin noch Güstrow, Parchim, Rostock und Schwerin die Stellung von städtischen Oberhöfen ein. Lübeck bildete naturgemäß den Oberhof für die mit lübischem Recht bewidmeten Städte, urkundlich oder aktenmäßig z. B. bezeugt für Rostock 234 ), Wismar 235 ), Grevesmühlen 236 ),


230) So z. B. in Hildesheim, wo das erste Zeugnis der Schelte an den Rat allerdings erst aus dem Jahre 1449 stammt (J. K. Kames, Die weltl. Gerichtsbark, i. d. Stadt Hildesheim während d. M. A., 1910, S. 56). J. W. Planck, D. dt. Gerichtsverfahr, im M. A. 1879, Bd. 1, S. 285 führt aus: "In vielen der bedeutenderen Städte ist es dem Rat gelungen, für sich das Ansehen einer dem Stadtgerichte in diesem Sinne übergeordneten Gerichtsversammlung zu erringen." Doch haben anscheinend fast sämtliche mecklenburgischen Landstädte, die einem Stadtrechtsverbande angehörten, vielfach also ausgesprochene Kleinstädte, den Rechtszug an den Rat gekannt (Vgl. u. S. 75). Dagegen ist es in Magdeburg dem Rat nicht gelungen, die angedeutete politische Stellung zu erringen, der Schöffenstuhl blieb der lebendige Träger des Magdeburger Rechts. (Planck a.a.O. S. 216).
231) Wenigstens ist in unseren Städten das Recht der Urteilsschelte auf die Parteien (und den Richter selbst) beschränkt. Vgl. Frensdorff, Stadt= und Ger. Verfass., S. 175, Anm. 31. Dagegen wird der Rechtszug an die Mutterstadt vom Rat vermittelt. Bereits im J. 1309 willkürte der Rostocker Rat, daß niemand sich direkt nach Lübeck wenden solle (M.U.B. 5, 3302).
232) Eine Reihe der im folgenden zu nennenden Rechtsanfragen nach Lübeck gehören hierher.
233) Hach, 2, 61 und 62. Zur Datierung F. Frensdorff, Das alte lüb. Recht, Lpzg. 1872, S. 11 u. 39.
234) Schon in den Jahren 1270/71 begegnet hier der Rechtszug (M.U.B. 3, 1636). 1358 stellte der Landesherr es den Ratsherrn frei, ob sie im einzelnen Falle eine Appellation nach Lübeck zulassen wollten. (M.U.B. 14, 8533.)
235) M.U.B. 13, 7862 (vor 1354). 14, 8677.
236) M.U.B. 15, 8909 (1359).
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Ribnitz 237 ), Wittenburg 238 ), Grabow 239 ), Dömitz 240 ), Boizenburg 241 ) und Gadebusch 242 ). Doch wandten sich Kröpelin 243 ) und Neukalen 244 ) - Städte der Herrschaft Rostock - in Zweifelhaften Rechtsfällen zunächst nach Rostock. An den Güstrower Rat fand die Berufung statt von Waren, Malchin, Krakow, Malchow, Teterow 245 ). Der Rechtszug nach Parchim ist uns von Goldberg überliefert 246 ). Nach Schwerin appellierte Schwaan 247 ).

Der Rechtszug an die Mutterstadt war von erheblicher Bedeutung für die städtische Selbständigkeit. Er erhielt den Städten ihr rechtliches Eigenleben. Mit der Appellation traten die Städte


237) M.U.B. 13, 7559. (1351-70?)
238) M.U.B. 16, 10065 (1370).
239) M.U.B. 7, 4679 (um 1325) und L.U.B. 9, 677.
240) Vgl. das Stadtprivileg von 1505, bei v. Kamptz a.a.O. 1, 2, Cod. dipl., S. 128.
241) A. L. J. Michelsen, Der ehemalige Oberhof zu Lübeck und seine Rechtssprüche, Altona 1839, Nr. 109, 136, 216.
242) 1572 wird in einem Prozeß ausgeführt: edder gy moten uns vorgunnen, datt wy itt nha lubeck appelern (Spec. civ. Stadtsachen Gadebusch A. Schw.).
243) Vgl. u. Anm. 249.
244) Vgl. M.U.B. 10, 7138 (vor 1351) u. 25, 14507: Der Rat schreibt um 1360 nach Lübeck wegen eines Rechtsstreites mit der Bitte um Entscheidung: preterea noverit vestra honesta sollercia, quod testimonium ante dictum a sepedicta domina semel nobiscum et semel in Rozstoch est redargutum und coram vobis propalatam.
245) Vgl. Güstrower Ger. Buch, 1536 ff. (R. A. Gü.), auch die Anlagen bei Beyer a.a.O. S. 152 u. 156.
246) Vgl. die Anlage bei C. Duge, Urkundliche Nachrichten über Goldberg und Umgegend, Gadeb. 1883, T. 2, S. 136.
247) Das Verzeichnis der 1530 verbrannten Schwaaner Stadtprivilegien enthält den Satz: item wann recht werth geholden to Szwan vor dem stapel der Stadt, unde dar nicht wurde gesloten, szo mach me dat recht schelden vor dem radt darsuluest, unde darvan appelliren to Swerin (vgl. M.U.B. 10, S. 623, Sp. 1). Unzutreffend ist die Auffassung, daß Crivitz noch im Jahre 1544 nach Schwerin appellierte (so der anonyme Verf. d. Aufs. über die innere Entwickl. d. mecklbg. Städte im M. A., namentlich der Seestädte in: Mecklenburg, Mon. schr. f. d. allg. Landeskunde, Jgg. 1863, Schwerin, S. 70). Der Rat erklärte in jenem Jahre ausdrücklich, "dat wy allhir tho Criwitz sassenth Recht, alse den Sassenspiegel hebben, und kein uthscheldende Recht, . . . is ok von olders her, dat alhie tho Criwitz keine sake vor dem stapel thop Schwerin gescholden noch gerechtfertigt worden" (vgl. Jb. 14, S. 154). Krüger, Jb. 97, S. 73, schreibt, von den Urteilen des Güstrower Rats konnte "wie es scheint, an das Ratsgericht in Schwerin" Berufung eingelegt werden. Ein solcher Rechtszug, obgleich dafür in der Übertragung des Schweriner Rechts auf Güstrow eine Erklärung gefunden werden könnte, hat jedoch sicher nicht bestanden. Niemals wird in den Güstrower Gerichtsakten eine Appellation nach Schwerin erwähnt. Die im Güstrower Gerichtsbuch aufgezeichneten Ratsbeschlüsse von 1537 über die Appellation vom Rat sind auf eine (  ...  )
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aus den territorialen Grenzen heraus 248 ). Ein einigendes Band schlang sich um die Städte gleichen Rechtes.

Das Ratsobergericht ist in den Landstädten später bezeugt als der Rechtszug an den Oberhof. Man könnte danach vermuten, daß jene oben genannte Bestimmung des lübischen Rechts damals noch keine allgemeine Geltung besaß und daß der Rat erst mit der Zeit die Autorität erwarb, um als Zwischeninstanz zwischen Stadtgericht und Oberhof zu fungieren. In einigen Städten scheint in der Tat der Rechtszug noch während des 14. Jahrhunderts unmittelbar vom Stapel ausgegangen zu sein 249 ). Nach Techen hatte der Wismarer Rat, wenn das Urteil des Vogtgerichts gescholten war, "sicher seit dem Erwerb der Gerichtsbarkeit (1373), vielleicht aber auch schon früher" darüber zu erkennen 250 ). Der Rostocker Rat nahm jedoch zweifellos bereits vor Ankauf der städtischen Gerichtsbarkeit (1358) eine obergerichtliche Stellung ein 251 ). Von den aus dem 14. Jahrhundert


(  ...  ) Berufung an den Landesherrn zu beziehen; 1539 wurden ausdrücklich Bestimmungen in Bezug auf die Appellation "fur das furstliche hoffgerichte" getroffen (vgl. Krüger a.a.O. S. 73 Anm. 462). Krüger verweist für seine Ansicht auf die Mitteilung Böhlaus über ein Schweriner Urteilsbuch (Ztschr. f. R., Bd. 9, 1870, S. 278). Dieses "Urteillbuch des Rats zu Schwerin" (Käm. Bibl. U.B.R.) verzeichnet im Jahre 1540 zwei Urteile in einer Rechtssache Güstrower Bürger, doch kommt dem in unserer Frage nicht die geringste Bedeutung bei. Erstens ist es nicht einmal sicher, daß es sich bei den in diesem Gerichtsbuch verzeichneten Prozessen um Verfahren nach Schweriner Stadtrecht handelt (vgl. Böhlau a.a.O. S. 279 f.). Unterstellt man dies aber, so kann es sich doch bei den (wenigen) in dem Buch verzeichneten Urteilen nicht um Dokumente eines Rechtszuges handeln, sind doch in mehreren Fällen Kläger und Beklagte auf dem Lande wohnhaft. In einer Rechtssache ist der Beklagte in Parchim ansässig, von wo doch sicher kein Rechtszug stattfand, wie dessen auch in den beiden Güstrower Bürger betreffenden Urteilen keine Erwähnung getan wird.
248) Hatten ursprünglich wenigstens im östl. Mecklenburg die Stadtrechts= und Teritorialgrenzen übereingestimmt, so veränderte sich dies schon 1256 durch Beseitigung der Herrschaft Parchim=Richenberg und bald weiter durch neue territoriale Veränderungen.
249) Vgl. die Kröpeliner Privilegienbestätigung von 1371 (M.U.B. 19, 11081): und darumme schal me to rechte komen to Kropelin vor unsen voget und vor die ratmanne und latent sick entscheiden, alse ein Lubisch recht tosecht . . . Were ock dat den rathmannen edder den borgern to Kropelin vor dem Lubischen rechte iennich ordel worde togedhelet, dat en unrecht duchte wesen, dat mogen see schelden und suken to Rostogk vor dem rade edder anders, wer se dat von rechte suken scholen uppe ere recht also lange, bet se dar midt lubschen rechte umme untscheden werden. Für Wittenburg vgl. M.U.B. 16, 10065.
250) Techen, Gesch. d. Seestadt Wismar, S. 45.
251) Vgl. M.U.B. 5, 2770 ("1301-1350"). Das älteste Rostocker Scheltungsregister des Rats beginnt 1391; K. Koppman, B.G.R. 3, 1903, S. XIX.
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erhaltenen Anfragen der Landstädte beim Oberhof läßt nur die Neukalener Urkunde von 1360 den Rat als dem Stadtgericht übergeordnete Instanz erkennen 252 ). In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ist der Rechtszug vom "richte" an den Rat auf Grund der gleichen Quelle für Grabow 253 ) und Boizenburg 254 ) gesichert. Bei Boizenburg läßt sich diese Einrichtung aber wahrscheinlich ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen 255 ). Wenn der Rat in der Malchiner Bürgersprache um 1400 anordnete: "Eyn islick schal sich hir nogen laten an rechte" 256 ), so darf man annehmen, daß schon damals eine Berufung vom Stapel an den Rat stattfand 257 ). Bei den übrigen Landstädten liegen die Zeugnisse meist aus noch jüngerer Zeit vor. Der Parchimer Stadtrezeß von 1481 bestimmte über die richterliche Amtsführung der Ratsherren: "Item alle ordelle schale se vorkundigen unde affgeven bynnen ver weken" 258 ). "Der Stadt Parchimb sonderbare Statuta und Recht", aufgezeichnet um 1520 259 ) enthalten eine Reihe von Bestimmungen über die Urteilsschelte vor dem Rat. Der Rat als Obergericht tritt uns in Güstrow erstmalig 1503 entgegen 260 ). Nach Eintragung


252) Vgl. oben S. 71, Anm. 244. Zwar hatte der Grabower Rat um 1325 (M.U.B. 7, 4679) in einem Lübeck zur Beurteilung vorgelegten Rechtsfall über einen Kauf eine Entscheidung gefällt, aber ob die Sache vom Stapel an den Rat gekommen war, läßt sich nicht erkennen.
253) Vgl. die Schreiben des Grabower Rates nach Lübeck vom Jahre 1466 und 1495 (L.U.B. 9, 677 und 11, 31).
254) Die Nachrichten rühren aus den Jahren 1479, 1481 und 1491 her. (Michelsen, Der ehemalige Oberhof zu Lübeck, Nr. 109, 136 und 216.) Es handelt sich bei der Appellation nach Lübeck immer um ein "geschulden ordell van dem ersamen rade to Boytzenburg".
255) Der Rat berichtet 1361 April 2.: "do quemen de dre ratman weder to uns uppe dat rathus, dar bleue wy vort sittende an deme richte, wante id was enes richtedaghes". (M.U.B. 15, 8858.) Diese gerichtliche Tätigkeit des sitzenden Rates hat man m. E. als oberrichterliche anzusehen, da der Stadtrichter nicht genannt wird und die Sitzung im Rathaus stattfand.
256) M.U.B. 24, 13728, Art. 7.
257) Akten über diesen Rechtszug sind erst seit 1581 erhalten. Vgl. Jb. 14, S. 167.
258) R. A. Parchim, Urk. Nr. 121.
259) Käm. Bibl. Varia Mecklenburgica Manuscripta (Kl. 108), Nr. 43 U.B.R. In der Aufzeichnung (nur in Abschrift vorhanden) heißt es: ist bey Hanß Danckeß und Simon Schniedes, der beden Burgermeister tiden, erstlich in den gebrauch gekomen. Nach Cleemann, Chronik der Stadt Parchim 1825, S. 386 ist H. Danckes 1509 Ratsherr und Simon Schmidt 1502 und 1516 Bm. Im Kämmereiregister von 1511 (R. A. Parchim, vgl. Fol. 7b) begegnen beide als Bürgermeister. Da 1531 nach Cleemann a.a.O. ein neuer Bürgermeister auftritt, müssen die Statuten zwischen 1511 und 1531 entstanden sein.
260) Vgl. die Eintragung auf Fol. 1 a des Güstrower Schoßbuches von 1503 ff. (R. A. Gü. Abt. 4, H 2): item appellans a sententia deffini- (  ...  )
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im Kämmereiregister von 1521/22 gab er viermal im Jahre seine Urteile bekannt 261 ). In Bützow begegnet der Rat als Instanz über dem Stapel zuerst in der Bützowschen Polizeiordnung vom 11. Dez. 1508 262 ).

Ferner läßt sich die Appellation an den Rat nachweisen 263 ): in Röbel (1537) 264 ), Krakow (1537), Malchow (1540) 265 ), Teterow (1544) 266 ), Waren (1553) 267 ), Neustadt (1574) 268 ), Wittenburg (1589) 269 ), Gadebusch 270 ), Schwerin (1593) 271 ) und Sternberg (1603) 272 ). Mag nun der Rechtszug an den Rat im allgemeinen noch nicht im 13. Jahrhundert z. Zt. der angeführten Bestimmung des lübischen Rechts in Geltung gewesen sein, so wäre es andererseits unberechtigt zu glauben, daß es sich bei den Städten, bei denen erst derartig späte Nachrichten vorliegen, nicht um ein schon im Mittelalter vorliegendes Gewohnheitsrecht handele. Denn man muß berücksichtigen, daß unsere Hauptquelle Gerichtsakten, insbesondere Protokolle des Ratsobergerichts darstellen und daß das Aktenwesen zumal in Gerichtssachen sich erst im 16. Jahrhundert durchsetzte.

Die Institution des Ratsobergerichtes gab dem Rat die Stellung eines entscheidenden Interpreten des städtischen Rechtes.


(  ...  ) tiva per oonsulatum pronunciata dabit eidem consulatui 2 1/2 mr, quas insimiliter diuidere solent persone consulatus.
261) A. Schw. Vorderstädt. Arch. III A vol. 2. sabbato Pasce 1523 steht unter den Ausgaben der Stadt an den "Bodenknecht": 6 ß, szo de Radt vier mall yme Jar upgeit, ordel aftoseggende. Sabbato post decollationis Johannis baptiste ist eingetragen: 6 alb. dem bodel, tho Ropende, szo de Radt upginck.
262) Es heißt dort (Bärensprungs Gesetzessammlung, T. 4, 1779, S. 10): dat wenere wol menth, klage tho hebbenden jeghen den andern, van welcken Sacken weghen, so schal man so dane Sacke mit Recht ynt erste vor den Stapel bringen unde vorfolgen, und dächte denne, dat he dorch dat ordel beschweret were, mag he syn Recht scholden tho Erkenntnisse unses Rades tho Bützow.
263) Bei jeder Stadt habe ich mich auf einen Beleg, in der Regel das älteste Zeugnis beschränkt.
264) Güstrower Gerichtsprotokollbuch v. 1536 ff. R. A. Gü.
265) S. d. Anlage bei Beyer, Jb. 14, S. 156 ff.
266) Gü. Gerichtsprot. b.
267) Ebenda.
268) Jb. 14, S. 165.
269) Vgl. Ztschr. f. Rechtsgesch. Bd. 10, 1871, S. 144.
270) Spec. civ. Gadebusch Jurisdiktion, Arch. Schw. Der Rat schreibt betr. eines Prozesses am 6. Sept. 1593: Wie das solche Sache alhier fur uns, dem Rahdte, ordentlicherweise noch nicht kommen, besondern litis pendentia in dem Niedergerichte für die Burgerschafft schwebet.
271) Vgl. Hövisch in Hederichs Chronik, S. 69.
272) S. die Anlage Jb. 14, S. 172.
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Denn das Ratsobergericht unterschied sich von dem Stapel und dem Niedergericht des Rats dadurch, daß in ihm nicht durch die Bürger, sondern durch den sitzenden Rat selber Recht gesprochen wurde 273 ). Wie der Bützower Stadtrichter um 1600 angab: "ym nyderrychte vor dem Stapel wird nycht hoher und wyder procedertt als summarischer Wyse . . . So es wychtyge und twyuellhaffte Sachen seyn, so moge eyner dar van appeleren . . . ann den Ratt" 274 ). Das Ziel war eben, die Anwendung des Stadtgerechtes in möglichster Reinheit zu gewinnen. Das vom Rat verkündete Urteil konnte daher, wie bereits erwähnt, wieder an den Rat, "auf das Haus", gescholten werden; doch suchte der Rat dem durch Erhöhung der für die Appellation zu erlegenden Gebühr entgegen zu wirken 275 ). Übrigens nahm auch der Stadtrichter keinen Anstand, ein vom Gerichtsumstand gefundenes Urteil, wenn es ihm Unrecht dünkte, an den Rat zu bringen 276 ). Es beweist dies die Autorität, die man dem Rat in der städtischen Rechtspflege einräumte 277 ).

Ward das landesherrliche Stadtgericht auf solche Weise mit der Zeit völlig eingespannt in die städtische Verwaltung, so erlangte der Rat auch hier und da unmittelbar Einfluß auf dessen Besetzung 278 ). Dagegen scheint nur in wenigen Städten der Versuch gemacht zu sein, die städtische Gerichtsbarkeit selber kauf= oder pfandweise in die Hand der Stadt zu bringen. Während den beiden Seestädten Rostock und Wismar dieser Erwerb auf die Dauer gelang, ist es bei den Landstädten dazu nicht gekommen. Klaus Kerdorp, Bürger zu Sternberg, erlangte nach einer Urkunde von 1345 die Vogtei über den Stadt= und Landbezirk Sternberg; es ist aber fraglich, ob die Urkunde


273) Vgl. z. B. die Anlagen bei Beyer, Jb. 52, S. 155 ff., 165 f., 168.
274) Vgl. Crull, Z. Schwerin. Stadtrecht, Jb. 56, S. 84.
275) Vgl. Die Parchimer Statuten v. Anfang d. 16. Jahrh.: So man von dem Stapel ein ordell up dadt hueß scheldet, dat is 3 ß lübsch. So die herrn dadt ordell wedder affgeven, undt werdt thom andern male geschulden, so iß edt 30 ß.
276) 1529 heißt es in Güstrower Gerichtsakten über einen Prozeß: Dit hefft de Stadtvaget up den sitzenden stul des Rats geschulden. (R. A. Gü. Abt. 1 K III, a, 2c: aus dem schwartzen Buche.)
277) Vgl. auch Frensdorff, Stadt= u. Ger. Verf., S. 177.
278) Fürst Nikolaus von Werle gewährte 1293 (M.U.B. 3, 2234) dem Kloster Doberan das Recht, eine Kornpacht aus der Mühle zu Parchim sine nostro et sine civitatis Parchem advocato vel iudice zu pfänden. Eine Grabower Urk. von 1466 (L.U.B. 11, 31) spricht von dem Stadtvogt als dem "richtevaghede der herren und des rades to Grabow". 1590, Sept. 2. schreiben Bürgermeister und Rat zu Malchin beim Ableben des Stadtrichters an den Landesherrn, es sei "in solchem fall alhier gebreuchlich, daß vom Erb. Radte hieselbst wegen des am gerichte habenden dritten theils zwien (  ...  )
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vollzogen wurde 279 ). Nur Parchim hat, zum ersten Male im Jahre 1375 und noch wiederholt im 15. Jahrhundert, die dortige Vogtei "mit allem broke und richte in der stad thu Parchim und in dem lande" pfandweise besessen 280 ), bis es Anfang des 16. Jahrhunderts von dem Landesherrn endgültig aus diesem Besitz verdrängt wurde. Außer bei Parchim und Sternberg hören wir bei keiner Landstadt davon, daß der Landesherr seine Gerichtsgewalt der Stadt oder einem ihrer Bürger ausgeliefert hat. Wohl aber haben zahlreiche Städte eine weitgehende Verengerung der Zuständigkeit des Stadtgerichts und eine Erweiterung der eigenen gerichtlichen Befugnisse herbeigeführt.

Seit der Gründung haben die Stadtgemeinden wahrscheinlich die Befugnis gehabt, die Allmende, die ihnen zu freiem Eigentum verliehen war, selbständig zu verwalten. Ihnen lag daher ob: der Brücken=, Wege= und Straßenbau, die Erhaltung der öffentlichen Gebäude inner= und außerhalb der Stadt und die Verwaltung der städtischen Feldmark 281 ). In der ältesten Zeit scheint aber eine allgemeine Gerichtsgewalt der Stadt in Bezug auf die Allmende zunächst noch gefehlt zu haben. Bestimmte doch ein der Stadt Güstrow von Nikolaus von Werle im Jahre 1270 ausgestelltes Privileg u. a.: "siquis plancas civitatis seu municionem pecorum furtive detulerit vel auferret et deprehensurus daret aliquid pro emenda, tercia pars civitati dabitur, particule due nobis" 282 ).Doch erhält schon 1282 der "nuntius" der Schweriner Ratsherrn das Recht, in dem Buchholz, an dem der Stadt ein Nutzungsrecht verliehen wird, ebenso wie der landesherrliche Vogt Personen wegen Holzverwüstung (pro devastatione lignorum) festzunehmen 283 ). Überhaupt hören wir in Bezug auf die äußere Allmende am frühsten von einer gerichtlichen Zuständigkeit der Stadt. Nach der Bestätigungsurkunde des Stadtrechts, wahrscheinlich aus den Jahren 1365-75 284 ) war der Krakower Rat berechtigt,


(  ...  ) dazu qualifizierte Persohnen vorgeschlagen, davon eine von E. F. G. . . . erwehlet und verordnet werde". Die Besetzung des Stadtrichteramtes wurde auch zunächst weiter im Sinne dieses Berichts gehandhabt (Spec. civ. Stadtvogt Malchin, A. Schw.).
279) M.U.B. 9, 5698.
280) Vgl. M.U.B. 18, 10757, ferner K. Augustin, Gesch. d. Stadt Parchim, Parchim 1926, S. 26 f.
281) Jenes Recht findet seinen Ausdruck z. B. in der städtischen Straßenpolizei, in der Erhebung eines Brückenzolls und in den Bürgerpflichten.
282) M.U.B. 2, 1182.
283) M.U.B. 3, 1650.
284) Die Urkunde (Städt. Urk. Krakow A. Schw.) ist undatiert, Hoffmann (Jb. 94, S. 141) läßt sie im Jahre 1317 abgefaßt sein. Wahr= (  ...  )
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Grenzverrückungen, unbefugtes Abhauen von Holz und andere Beschädigungen der städtischen und privaten Grundstücke ohne den Vogt zu richten, die Brüche fielen ihm allein zu 285 ). In das Jurisdiktionsprivileg des Bischofs Nikolaus von Schwerin für die Stadt Bützow vom Jahre 1449 ist die Bestimmung aufgenommen: "over allen Holtvroke unde scaden, de in des Rades Holteren, Wischen, Watern unde weiden schege, des gunnen wy, dat de Rad dat wonliken achten und mogeleke Vorbote na der Menheit wilkore van den Handdadigen upboren moge unde entfangen, Sunder id were, dat id an dat Hogeste als an Hand unde an Hals rorede edder dar jenegerleye andere auervaringe, de unseme Richte to queme, vallende worde" 286 ). In Parchim war es nach einem Bericht des Rats von 1589 Aufgabe der Wetteherren, das Abhüten von Korn, das Abhauen von Eichen= und Buchenholz und die Überschreitung der jährlich vom Rat festgesetzten Korn=, Holz= und Bierpreise zu bestrafen 287 ).

Durch die kommunale Willkürgerichtsbarkeit ist mithin in diesen Städten 288 ) der landesherrlichen Gerichtsgewalt die niedere Gerichtsbarkeit in einem bestimmten Bezirk völlig entzogen. Die Malchiner Bürgersprache von 1400 verbot jegliche Schädigung der gemeinen Mark 289 ). Die Gemeinde hat hier wahrscheinlich ebenfalls das Markengericht geübt.

Möglicherweise hängt es mit dieser städtischen Befugnis zusammen, wenn nach Quellen des 16. Jahrhunderts bei einigen Städten auch die Zivilgerichtsbarkeit über bürgerlichen Grundbesitz - nach altem lübischen Recht, wie wir sahen, ein Gegenstand des einst unter dem Vorsitz des Vogts gehegten echten Dings - in der Hand des Rates liegt. Denn sowohl für diesen Zweck, wie zur Verwaltung der niederen Strafgerichtsbarkeit in der Stadtmark war in jenen Städten ein besonderes Bürger= oder Kämmereigericht geschaffen. In Ribnitz bestand ein Bürger= oder Kämmereigericht 290 ), das über Kauf und Verkauf von


(  ...  ) scheinlicher ist aber die von Beyer Jb. 32, S. 108 Anm. vorgenommene Datierung ins Jahr 1366. Von der Hand Lisch's erhielt die Urkunde seinerzeit den Vermerk 1365-75: diese Datierung ist hier übernommen.
285) Zitiert bei Hoffmann, Jb. 94, S. 142.
286) Stadt. Urk. Bützow A. Schw. gedr. in Mantzels Bützowische Ruhestunden, 20. T., 1765, S. 7 ff.
287) S. Codicillus . . . Ztschr. f. R., Bd. 10, S. 143.
288) Weitere Beispiele, S. 79.
289) M.U.B. 24, 13728, Art. 12: Nummenth schal der stadt weyde affplogen edder der stadt holte afhouwen efte der stadt watere bevisken; alias fiat iustitia.
290) C. A. Tott, Gesch. d. Stadt und des Klosters Ribnitz, Ribn. 1835, (  ...  )
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städtischem Grundbesitz, über Mietsstreitigkeiten, Schadenleistungen und Felddiebstahl urteilte. Ebenso gab es in Schwerin nach dem Bericht von Hövisch aus dem Jahre 1593 291 ) ein besonderes Bürgergericht, das in Gegenwart einer Anzahl Bürger unter dem Vorsitz der beiden Kämmerer gehalten wurde und vor das alle Streitigkeiten wegen Kauf, Verkauf und Verpfändung von Gärten und Äckern gehörte, sowie Feldfrevel, Korndiebstahl und Schlägereien in den Scheunen und zwischen den Schlagbäumen. Auch Güstrow kannte nach Besser 292 ) als ein Gericht mit ähnlicher Zuständigkeit das Bürgergericht oder den "Teilsman". In Plau gehörten nach Zeugenaussagen v. J. 1616 293 ) Klagen "was die Stattguetter an Ecker, wischen, garten usw. belangt", vor die Bürgermeister; konnten aber diese die Sache nicht entscheiden, so verwiesen sie die Parteien an das Bürgerrecht; vor dem Richter allein durften solche Klagen nicht angebracht werden.

Aus der verwaltenden Tätigkeit des Rats entsprang wahrscheinlich auch die ausgedehnte hohe und niedere Gerichtsbarkeit, in deren Besitz sich der Rat seit dem 16. Jahrhundert über die städtischen Gebäude, Befestigungsanlagen, Armenhäuser und überhaupt auf der Stadtfreiheit nachweisen läßt 294 ). In weitgehender Übereinstimmung läßt sich diese Sondergerichtsbarkeit des Rats u. a. beobachten in Schwerin 295 ), Güstrow 296 ),


(  ...  ) S. 68. P. Kühl, Gesch. d. Stadt und des Klosters Ribnitz, Neubrandenburg, 1933, S. 238.
291) Vgl. den Abdruck d. Schwerin. Rechtes, wie es von Christiano Hovischen, gewesenen Ratsverwandten daselbst in seinem Amtsstande erfahren (1593, bei Hederich, Schwerinische Chronica, S. 66).
292) Besser a.O. S. 222.
293) Vgl. die Anlage bei Beyer, Jb. 14, S. 182 ff.
294) 1662 begründete der Güstrower Rat seine Gerichtsbarkeit in den Toren und bei den Mauern damit, daß "sie dieselben gebaut und in Stand erhalten müssen". Vgl. Gustroviensia Mss, Käm. Bibl. Nr. 82 U.B.R.
295) Gleichzeitig mit der Bürgersprache wurde in Schwerin jährlich "der Stadt Friheyt, Darinn ein Ersam Rath datt Hogste und Sideste hefft", bekannt gegeben (vgl. dazu u. S. 113). Der Rat zählt als seine Gerichtsbarkeit 1586 auf: datt Rahtthuß, under dem Rahthuß, deß Radeß Boden, de Boden an dem Kerckhaue, De Brottscharen, de Fleschschranken, Den Badstauen, dat Fronenhuß, twischen den Schlachböhmen, den Tegelhoff, de Schapborck, dann den Stadtgraben, die Stadttore u. Wälle und die Armen= und Siechenhäuser.
296) Der Gerichtsgewalt des Güstrower Rats unterlag nach einem Verzeichnis von 1575 auf Grund ihrer "wohlhergebrachten, langwierigen, geruhsamen possession und Gerechtigkeit" das Rathaus, der Weinkeller und alle Wohnungen, die am Rathaus gebaut waren, alle 4 Tore, die Wälle, alle Mühlen, die der Stadt eigentümlich zustehen, die Badstuben, die Hirtenstuben, der Heiligengeisthof und St. Jürgens Ackerhof. (Güstrower Prot. b. Nr. 3, R. A. Gü.)
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Plau 297 ), Crivitz 298 ), Ribnitz 299 ). Damals, im 16. und 17.Jahrhundert, stellte dieser Zustand durchaus herrschendes Gewohnheitsrecht dar. Es ist daher zu vermuten, daß der Rat sich dieses Vorrecht schon während des Mittelalters zu erwerben gewußt hat. Freilich, 1449 ist dieses Stadium in Bützow noch nicht erreicht. Für die städtischen Gebäude bestand noch keine Immunität vom Stadtgericht, dem Rat kamen lediglich bei dort begangenen Vergehen statt des sonstigen einen Drittels 2/3 der Bruchgefälle zu 300 ).

Ebenso entzog sich der Rat selber der Rechtsprechung des Stadtgerichts. In Bützow durfte der Rat nach dem Privileg von 1449 Streitigkeiten unter sich und den Ratsknechten richten, soweit sie nicht an Hals und Hand gingen. Das Forum der Bürgermeister war in Güstrow im 17. Jahrhundert die Kanzlei oder das Land= und Hofgericht, während Vergehen der Ratsherren vom gesamten Rat abgeurteilt wurden 301 ).

Ferner schmälerte es die Kompetenz des Vogtes, wenn das 'iudicare de rei publicae "necessitatibus", soweit es eine Aufsicht über die Gemeindeangelegenheiten enthielt, vielfach dem echten Ding mit der Zeit entzogen wurde und auf den Rat 302 ) und eine ohne Mitwirkung des Vogts tagende Bürgerversammlung überging. So bestimmte man in Parchim für die Beratung der Stadtangelegenheiten einen besonderen Termin; während das unter dem Vorsitz des Stadtrichters gehegte Bürgerrecht Michaelis stattfand, wurden die Gravamina der Bürger vom Senat am Peterstage (22. Febr.) gehört; diese Trennung ist vermutlich schon im Mittelalter vorgenommen 303 ).


297) Der Plauer Stadtvogt schreibt 1616 dem Herzog Hans Albrecht, bei den gerichtlichen Anmaßungen des Rats bleibe ihm nichts "dann allein das ploße Straßengericht innerhalb Thores" (spec. civ. Plau iurisdictio A. Schw.).
298) Allerdings kann ich dies erst im 17. J. belegen (spec. civ. Crivitz A. Schw.).
299) Vgl. die Ribnitzer Gerichtsrolle von 1631 bei 1631 bei Kühl, Chronik der Stadt und des Klosters Ribnitz, S. 241.
300) Dieser erhöhte Bruchanteil kam dem Rat zu: auf dem Rathause in und auf den Toren und Mauern", "in dem stavene, in des Vronenuse und des Herden Huse". Der Bischof fährt ausdrücklich fort: "wor wy unde unse nakomeninge dat to pennyng broke richten efte richten laten."
301) Gustr. Mss. Käm. Bibl. U.B.R. Nr. 82. Bericht von 1662. Dagegen behauptete der Plauer Stadtvogt noch 1616, daß die Ratspersonen dem Bürgerrecht unterworfen wären. Jb. 14, S. 181.
302) Vgl. f. Lübeck: Frensdorff, Stadt= u. Gerichtsverf. S. 86.
303) Ältestes Zeugnis ist der Stadtrezeß von 1623 (vgl. u. S. 225). An späteren Nachrichten: Cordes' Chronik von 1670 bei Cleemann, Chronik d. Stadt Parchim, S. 38. Doch war schon 1534 der Peterstag ein städtisches Fest (u. S. 184 Anm. 588).
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Von erheblicher Bedeutung war es dann weiter, daß der Rat sowohl vor Eingehung eines Prozesses im Stadtgericht, wie bei dessen Vollstreckung gerichtliche Befugnisse erhielt. Vielfach bürgerte es sich nämlich ein, daß die Parteien, bevor sie sich ans Stadtgericht wandten, den Rat zwecks Herbeiführung einer gütlichen Einigung aufsuchten, oder sogar vereinbarten, die gesamte Streitsache vor dem Rat abzumachen 304 ). So erfahren wir, daß der Ribnitzer Rat 1340 eine Sühne zwischen dem Mörder und den Verwandten eines Erschlagenen aufrichtet 305 ), daß er sich Mitte des 14. Jahrhunderts zwecks gütlicher Auseinandersetzung bei Lübeck Rechtsbelehrung holt 306 ). Laut dem Stadtbuch hat der Parchimer Rat verschiedentlich Schlichtungen in Privatstreitigkeiten vorgenommen 307 ).

Die Mitwirkung bei der Vollstreckung der im Stadtgericht ergangenen Urteile zeigte sich in verschiedener Weise. Pfändungen durfte der Richter nur im Beisein von Ratsherren durchführen 308 ). Die Einweisung in ein Grundstück nach Richterspruch erfolgte durch "Richt und Rat". Die Verfestung war vermutlich im allgemeinen Sache des Gerichts, doch ist 1356 eine Verfestung allein durch den Parchimer Rat ausgesprochen 309 ). Nach Hövisch' Aufzeichnung von 1593 wurde in Schwerin das peinliche Halsgericht, das der Hinrichtung vorherging, in Gegenwart des gesamten Rats unter Vorsitz des worthaltenden Bürgermeisters gehegt 310 ). Den Scharfrichter sollte der Stadtvogt in Güstrow nur im Beisein der vom Rat verordneten Richteherren annehmen 311 ).

Der Rat fühlte sich als der eigentliche Wahrer der städtischen Rechtsordnung. Der Parchimer Rat hatte nach dem Rezeß von 1481 das Recht, Diebe, Mordbrenner und Totschläger von sich aus ergreifen und aburteilen zu lassen, nur die übrigen Kriminalfälle mußte er vor dem Stapel verfolgen 312 ). Allerdings


304) Vgl. Planck, Das dt. Gerichtsverfahren im M. A. Bd. 1, S. 38 u. 41.
305) Vgl. Ribnitzer Klosterchronik, ed. Techen, S. 96.
306) M.U.B. 13, 7559.
307) M.U.B. 13, 8170 nebst Anmerkung. 1589 wird die Einschaltung der Sühnegerichtstätigkeit des Rats neben der des Stadtrichters auch von mehreren anderen Städten berichtet. Vgl. Codicillus. Ztschr. f. R., Bd. 10, S. 140 f.
308) Vgl. das Crivitzer Privileg von 1345.
309) M.U.B. 14, 8230.
310) Hederich a.O. S. 70.
311) Vgl. Art. 1 der Scharfrichterordnung des Güstrower Rats (Mitte des 16. Jahrh.) (R. A. Gü. Abt. 1, M. I).
312) R. A. Parchim, Urk. Nr. 121.
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nahm der Parchimer Rat ja infolge pfandweisen Besitzes der Vogtei eine Sonderstellung ein. Aber daß der Rat geradezu sich als Richter bezeichnet, finden wir z. B. auch in Grevesmühlen 313 ). Vornehme Bürger ließen sich in Güstrow nach dem Bericht des Rats "zu solchem officio (scil. des Stadtrichters). . . . nicht gebrauchen" 314 ).

Diese ganze Entwicklung war nur möglich, weil es an einer klaren und eindeutigen Abgrenzung der Kompetenz des Rats und des Stadtrichters mangelte. Auch unterschieden sich daher die Verhältnisse der einzelnen Städte nicht wenig. In Bützow war das Gericht auf dem Markt, das sich in Güstrow der Rat zuschrieb, in der Hand des Landesherrn verblieben 315 ).

Übrigens war der Stadtvogt wohl überall weiterhin in der Zivil= und in der hohen und niederen Kriminalgerichtsbarkeit in den ihm durch den Rat gezogenen räumlichen Grenzen zuständig. Ferner hat der Stadtvogt gerade an der Regelung des Gewerbewesens, von der man meist annimmt, daß sie völlig dem Rat zustand, in einigen Städten am Ausgang des Mittelalters einen Anteil besessen. Man darf dies aus der Verteilung des Innungsgeldes, wie sie der landesherrliche Sekretär Monnick 1514 berichtet, schließen. In Wittenburg erhielten bei den Schuhmachern Stadtvogt und Rat ie 6 ß innigsgelt 316 ), bei den Schrödern teilten sie sich diese 12 ß mit den Älterleuten des Amtes 317 ). Die gleiche Verteilung findet sich bei den Schuhmachern und Schrödern in Neustadt 318 ). Bedingung für die Aufnahme eines Handwerkers in das Malchiner Schneideramt war, "dat hie hebbe die borgerschop vann rade ader inninge vam vagede" 319 ). Die Ämter in Laage entrichteten mit Ausnahme


313) Vgl. oben Anm. 209.
314) 1642 äußert der Rat über den Stadtvogt, er sei ein iudex pedaneus und selber als Bürger einem Ehrb. Rat mit Eid und Pflicht verwandt; indem Schneider, Schuster, Bäcker, Barbierer und Haken dazu genommen worden und vornehme Leute zu solchem officio sich nicht gebrauchen lassen (Besser a.O. S. 398). Daß zum Stadtvogt in der Tat ein vereidigter Bürger genommen wurde, ergibt sich u. a. aus dem Ratsprotokoll von 1627, aus dem man zugleich ersieht, daß es auch vordem so gehalten wurde.
315) Als Bischof Nikolaus von Schwerin 1449 die Grenzen der Jurisdiktion in Bützow bestimmte, ordnete er an, "dat . . . allen averfang, die in den Vlesscharen in den Brotscharen und in den waningen under dem Radhuse schude, wy und unse nakomelinge richten efte richten laten, na older wohnheit twe uthe deme Rade to Butzow, wene de Borgermestere und Rad darto voget, daby tonemende" (Städt. Urk. Bützow, A. Schw.).
316) 6 ß deme Stadtvagede, 6 ß deme rade innigsgelt (Jb. 57, S. 267).
317) Vgl. Jb. 57, S. 270.
318) U. a. "4 witte deme stadtvagede" (Jb. 57, S. 259).
319) Jb. 57, S. 205.
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der Schlachter, die an den Rat zahlten, die Gebühr für die Gewerbekonzession an den Stadtvogt 320 ). Ebenso sollte nach dem Krakower Stadtprivileg von 1365-75 der Vogt von 8 ß der "inninghe" 4 behalten 321 ).

Eine ausschließliche Gerichtsherrschaft des Rates bestand dagegen in den Kämmereidörfern, bei deren Ankauf er meist die niedere und später auch die hohe Gerichtsbarkeit gleichzeitig mit erwarb 322 ). Als Parchim 1240 das Dorf Bichern kaufte, behielt der Landesherr seinem Gericht nur manus et capitis amputatio vor 323 ). Im 14. und 15. Jahrhundert erwarben die Städte dagegen auch meist die hohe Gerichtsbarkeit 324 ). Die Parchimer Ratsordnung vom 30.3.1620 bestimmte: "Es soll alle Jahr auf einen gewissen Tag in den Stadtdörfern ein Gerichtstermin von dem worthaltenden Bürgermeister, zwei Herren des Rates und dem Sekretär gehalten werden" 325 ).

§ 2:

Die Geltendmachung des eigenen Besteuerungsrechts

Im Laufe des Mittelalters gelang es den Städten, den Kreis der städtischen Verwaltung nach allen Richtungen zu erweitern und den Landesherrn und seine Vertreter mehr und mehr aus der Stadtverwaltung herauszudrängen.

Die Selbständigkeit der Städte in der Gestaltung ihres Haushaltswesens wird dadurch deutlich bekundet, daß sie auf finanziellem Gebiet ein eigenes Besteuerungsrecht über die Bürger in Anspruch nehmen.

Möglicherweise ist die städtische Steuer erst erhoben, nachdem die ordentliche Rede der Städte aus einer jährlichen Einzelbesteuerung in einen fixen Pauschalabtrag umgewandelt war. 1264 war es in Güstrow zur Fixierung der Bede gekommen 326 ). Seit 1292 tritt uns dort die städtische Steuer


320) a.O. S. 181.
321) Städt. Urk. Krakow. Arch. Schw.
322) Werden Dörfer zu Stadtfeldmark gelegt, so hing es von den an dem Dorf vom Rat erworbenen Rechten ab, ob er allein oder das Stadtgericht für diesen Teil der Feldmark Gerichtsstand war.
323) M.U.B. 1, 508.
324) Beispiele für Güstrow, Jb. 97, S. 57. Es zeigt sich somit in Bezug auf die Städte die gleiche Steigerung der patrimonialen Gerichtsbarkeit, wie sie Maybaum, Entstehung der Gutsherrschaft S. 54 ff. u. bes. S. 71 f. für die Klöster und ritterlichen Grundherrschaften verfolgt hat.
325) R. A. Parchim, Urk. Nr. 71, unter falschem Datum bei Cleemann, Chronik, S. 369.
326) Vgl. o. S. 53.
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entgegen 327 ). Auch erscheint die Orboer in Güstrow stets als ein Teil der Bürgersteuer, des Schosses 328 ). Als unzweifelhaft kann das Hervorgehen des Schosses aus der alten Beede jedoch nicht gelten 329 ). So begegnen städtische Steuern bereits 1274 in Sülze 330 ) und 1298 in Schwerin 331 ), bevor wir dort Nachrichten über eine etwaige Umwandlung der Bede in einen Pauschalbetrag besitzen.

Eine städtische Steuer läßt sich ferner 1327 in Boizenburg 332 ), seit 1351 in Parchim 333 ), 1356 in Grevesmühlen 334 ), 1368 in Malchin 335 ) nachweisen. 1461 beurkundete der Ribnitzer Rat im Stadtbuch, daß der Stadtvogt "exaccionem suam" entrichtete "de anno presente de et pro omnibus bonis suis" 336 ). 1481 begegnet der Schoß auch in dem kleinen Neubukow 337 ). In anderen geringen Städten scheint sich dagegen kein Selbstbesteuerungsrecht entwickelt zu haben 338 ).


327) Fürst Nikolaus von Werle verkaufte im Jahre 1292 an die Stadt: annuatim de collecta communi, que vulgariter Schot dicitur, 40 marcarum redditus commune monete de parte nos legitime contingente. M.U.B. 3, 2171.
328) 1318 verpfändete der Landesherr 30 mr redditus a consulibus nostre civitatis Guzstrowe de eorum consagittatione, quod Scot, dicitur in vulgo in festo nativitatis Sancti Johannis Baptiste tollendos. M.U.B. 6, 3995.
329) Falls die ordentliche Rede von jeher als eine Gesamtsteuer erhoben ist, hat die im vorigen Satz erwähnte Tatsache natürlich keine Beweiskraft, da das Alter der städtischen Steuern ja weit über 1292 hinausgehen könnte. Auch gab es in Rostock schon um 1260 eine regelmäßig erhobene, direkte Steuer (vgl. W. Staude, Die direkt. Steuern d. Stadt Rostock, Jb. 77, S. 133) während die Bede erst im Jahre 1262 auf eine Pauschalsumme von 250 mr festgesetzt wurde (oben S. 54).
330) M.U.B. 2, 1318. Die "bona" unterliegen der collecta et exactio.
331) M.U.B. 16, 9801. Es ist von der Verpflichtung der Schweriner Bürger ad collectas vel talia die Rede.
332) 1327 (M.U.B. 25, 14045) bezeugt der Boizenburger Rat die Schenkung einer Badstube nebst Haus an der Kloster Scharnebeck und verkauft gleichzeitig eine benachbarte Wurt cum exaccione, que scot dicitur eiusdem stuve, domus et aree.
333) Vgl. u. S. 85.
334) M.U.B. 14, 8219. Hier werden Bede und Schoß nebeneinander als Bürgerpflicht genannt.
335) M.U.B. 16, 9801. Die Bürger waren zu den talliis seu exactionibus, vulgo schot dictis verpflichtet.
336) Ribn. Stadtb. Nr. 1, fol. 46 (RA Ribn.).
337) 1481 soll der Käufer einer Wurt, ein Vikar, davon "alle iar deme rade to Bukow 4 schillinghe to schate" geben (Neubukow. Stadtb., fol. 34 a A. Schw.).
338) 1514 heißt es bei Monnick über Tessin, Jb. 57, S. 190 "die rat hefft nicht intonemen als dat schott, dat is 18 Sd. margk" (Schoß hier im Sinne von Orboer). Über Laage a.O. S. 179: Die rath hefft keyn innemen als orbar. Ebenso Goldberg a.a.O. S. 241.
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Wohl in den meisten bedeutenden norddeutschen Städten, u. a. auch in Lübeck 339 ), Wismar 340 ) und Rostock 341 ) setzte sich die städtische Steuer aus zwei Bestandteilen, dem Vorschoß und dem Hauptschoß zusammen. Der Vorschoß stellt eine Personalsteuer 342 ), der Hauptschoß dagegen eine reine Vermögenssteuer dar, die sowohl vom beweglichen, wie vom unbeweglichen Vermögen erhoben wurde.

In den größeren Landstädten bestand der Schoß ebenfalls nicht nur aus einer primitiven Grundsteuer, sondern aus den gleichen Elementen, wie in jenen Städten. Das Steuerwesen, wie es in Güstrow während des Mittelalters herrschte, kennen wir aus dem Stadtrezeß von 1384 343 ). Danach sollte zunächst "en yeslik syn vorschot gheven, alse he dus langhe dan heft, alse dat en sede unde pleghe ys". Daneben gab es "dat andere schot, dat scal en yeslik van der mark dre penninghe gheven by synen eden." Später muß das Besteuerungssystem jedoch einer Änderung unterworfen sein; in dem Güstrower Schoßbruch von 1503-59 344 ) geschah die Veranlagung nach anderen Gesichtspunkten 345 ). Die älteste Quelle für die städtische Steuer in Parchim stellen die 1351 einsetzenden Stadtbucheintragungen dar. Die Eintragungen über Verpfändungen lauten dort meist folgendermaßen: "N. N. obligavit domum suam quam inhabitat Y. Y. pro x marcis Lubic., ad quam satisfacere promisit." Die Schlußformel hat wahrscheinlich den Sinn, daß der betr. Verpfänder, z. T. gemeinsam mit einer dritten Person 346 ), für den Schoß aufzukommen verspricht 347 ). Legen


339) J. Hartwig, Der Lüb. Schoß bis zur Reformat.zeit, Staats= u. soz. wiss. Forsch., Bd. 21, H. 6, 1903, S. 90 ff.
340) Vgl. Fr. Techen, Die Bürgersprechen der Stadt Wismar, S. 79 ff.
341) Vgl. W. Staude, Jb. 77, S. 137: Schoß = Vorschoß - Pfennige von der Mark.
342) Das Wesen des Vorschoßes liegt in der gleichmäßigen Belastung aller Steuerpflichtigen.
343) M.U.B. 20, 11577.
344) R. A. Gü., Abt. 4, H. 2.
345) Nach einer Eintragung am Schluß des Schoßbuches aus der Mitte des 16. Jahrhunderts traf die Bürgersteuer damals Häuser, Buden u. Handwerker.
346) So z. B. M.U.B. 13, 7443 n, 7623/24, 7989.
347) Im Rostocker Haus= und Leibrentenbuch findet sich bei Haus= und Renteverkäufen jene Gewährleistungsformel mit dem ausdrücklichen Zusatz pro collecta, vgl. M.U.B. 13, 7605 (1352): dictus Godscalcus satisfaciet civitati pro collecta, 14, 8297 (1357): dicti tutores satisfacient civitati pro collecta (vgl. auch M.U.B. 17, S. 568 "satisfacere"). Jene Formel begegnet mit Beginn der Eintragungen im Stadtbuch, zum 1. Mal am 1. Februar 1351 (M.U.B. 13, 7413; ferner 7442, 7459, 7463 usw.). Ausdrücklich genannt wird die städt. Steuer erst 1373 (M.U.B. 18, 10419).
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wir diese Auffassung zugrunde, so werden demnach in Parchim von der städtischen Steuer erfaßt: Häuser 348 ), Buden 349 ), Badstuben 350 ), Äcker 351 ), Hopfenhöfe 352 ), Getreidespeicher 353 ), Fischwehren 354 ) und wahrscheinlich auch das bewegliche Vermögen 355 ). Ende des M. A. besteuerte man in Parchim zweifellos das gesamte Vermögen. In dem Stadtrezeß von 1481 wurde gefordert, daß der Rat über "dat Schot dat de borgere bringen unde geven nach werde erer gudere" Register führen solle 356 ). Vielleicht bestand bereits damals neben dieser Vermögenssteuer noch der Vorschoß. Wenigstens hatten die Bürger nach der ältesten Parchimer Bürgersprache, deren Niederschrift dem 16. Jahrhundert angehört, an Steuer von jedem Gulden 4 Pfg und 5 Pfg Vorschoß zu geben 357 ).

Bei den übrigen Städten ist das im Mittelalter angewandte Steuersystem nicht völlig aufzuklären 358 ). Von der Erhebung einer indirekten Steuer hören wir während des Mittelalters aus keiner mecklbg. Landstadt 359 ).


348) M.U.B. 13, 7413, 14, 8271.
349) M.U.B. 14, 8270.
350) M.U.B. 13, 7442 n.
351) M.U.B. 14, 8188.
352) M.U.B. 13, 7989.
353) M.U.B. 13, 7461 u. 14, 8273.
354) M.U.B. 13, 8147 u. 14, 8187.
355) M.U.B. 23, 13034 (1396/97): Ludolphus Voddowe obligavit omnia bona sua in civitate Parchimensi et extra, mobilia et immobilia, Ywano de Belowe pro CC mr. L., pro quibus fideiussit et idem Ludolphus vult servare eundem Ywanum indempnem illius promissi.
356) R. A. Pa. Urk. Nr. 121.
357) R. A. Pa. Urk. Nr. 163. Vgl. § 6: Scholenn die Borger erer eigenen Bewillinge na zwischenn Winachten und Vastelavennde vonn einem Jderrn guldenn 4 Pfg und 5 Pfg. vorschot entrichten edder der Pandunge gewerdich seinn.
358) Es geht jedoch z. T. aus den Anm. auf S. 84 hervor, da in ihnen häufig von der Besteuerung der "bona" gesprochen wird. Daß darunter nicht nur Liegenschaften zu verstehen sind, darf vor allem dann vermutet werden, wenn wie bei Ribnitz diese Steuer "de omnibus bonis" entrichtet wird. Die durchaus unterschiedlichen Steuereingänge in der Schoßliste des Malchiner Haushaltsbuchs lassen vermuten, daß es sich dabei um eine Vermögenssteuer handelte. Besitzer von Buden werden ausdrücklich unter den Zahlern genant. - Nach Art. 8 der Grevesmühlener Bürgersprache von 1608 sollte ein jeder Bürger und Einwohner "sin Guth na oldem Gebrucke vor ieder Marck twe Pennige recht vorschoten" (Belg, Chronik, S. 186).
359) G. v. Below (Das ältere deutsche Städtewesen und Bürgertum 1925, S. 87), nennt die Akzise die "spezifisch städtische Steuer", die zugleich "die wichtigste städtische Steuer das M. A. hindurch" geblieben sei. Doch trifft dies auch für die größeren norddeutschen Städte nicht zu. "In Lübeck war die Bürgerschaft ein erklärter Gegner indirekter Abgaben." "Die Akzise wird erst im 15. Jahrh. zur ständigen Steuer." J. Hartwig, Der Lüb. Schoß, a.O. S. 210.
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Der staatsfreie Raum, das Gebiet der städtischen Autonomie, in dem es keine Unterordnung unter den Staat gab, wurde ferner dadurch verbreitert, daß die einst dem Landesherrn vorbehaltenen Regalien in den Städten allmählich zum großen Teil an die aufstrebenden Gemeinwesen übergingen.

§ 3:

Die Erlangung der landesherrlichen Regalien

Betrachten wir zunächst das Zollwesen. Wenn auch die Landesherren bei der Errichtung neuer Zollstätten an die Einwilligung des Königs gebunden waren, so hatten sie doch das Recht der Nutznießung und freien Verfügung darüber 360 ) Besonders früh haben die mecklb. Landesherren anscheinend die Brücken= oder Wegezölle den Städten überlassen. Diese Abgabe wurde als Kostenbeitrag zur Anlage und Besserung von Brücken und Wegen erhoben. Für den Inhaber war mit ihr eine Verpflichtung zur Unterhaltung der Wegestrecken usw. verknüpft. Die Stadt Malchin treffen wir bereits i. J. 1283 im Besitz des dortigen Brückenzolls; die Stadt befreit in diesem Jahre das Kloster Dargun gegen eine Geldentschädigung und für geleistete Spanndienste "a solucione theolonei, quod quidem census pontis, vulgo vero bruckepenninke dicitur" 361 ). 1292 362 ) verlieh Nikolaus von Werle der Stadt Malchow die lange Brücke bei der Stadt. Damit oder bald darauf scheint der dortige Brückenzoll in die Verwaltung der Stadt übergegangen zu sein; denn 1309 363 ) befreit sie die Johanniterritter zu Mirow "ab omni theoloneo nostrorum pontium, semitarum et transitu civitatis Malchow" 364 ). 1286 bestätigte Fürst Wizlav II. von Rügen den Verkauf der "Hohen Brücke" über die Recknitz durch die von Dechow an die Stadt Ribnitz 365 ). Doch stand der hier erhobene Zoll noch 1329 dem Landesherrn zu; Heinrich der Löwe vermachte ihn damals dem Ribnitzer Kloster 366 ). 1334


360) E. Wetzel, Das Zollrecht d. dt. Könige v. d. ältesten Zeiten b. zur goldenen Bulle (Gierkes Unters., H. 43, 1893) S. 60 ff., 141 f.
361) M.U.B. 3, 1645.
362) M.U.B. 3, 2160.
363) M.U.B. 5, 3341.
364) Ebenso gewährte der Rat zu Malchow 1356 (M.U.B. 14, 8204) dem Kloster Doberan gegen 20 mr Entschädigung "quod currus eorum absque precio pontus sive denariis cum, quibus tale pontus solet renovari, licite Malchowe debeat transire". Vom Durchgangszoll erteilt jedoch später wieder der Landesherr eine Befreiung (M.U.B. 13, 7968).
365) M.U.B. 3, 1846.
366) Vgl. die Chroniken des Klosters Ribnitz, bearb. v. Fr. Techen, Schwerin 1909, S. 84. Der Zoll war 1310 vorübergehend an Bernhard Kopman von König Erich von Dänemark veräußert worden (M.U.B. 5, 3393).
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setzte sich die Stadt dann in den Besitz einer jährlichen Einkunft von 7 mr aus ihm 367 )), und 1455 erstreckte sich die Bestätigung der städtischen Privilegien auch auf den "tollen van der hoghe brughen", als eine anscheinend alte Einkunft der Stadt 368 ). Als dann 1471 auf dem Reichstage zu Regensburg Heinrich IV. von Mecklenburg von Kaiser Friedrich neue Zölle zu Grevesmühlen und Ribnitz verliehen wurden 369 ), kam es zur Aufhebung des alten Zolles in Ribnitz; die Stadt wurde dafür 1474 mit dem neuen vom Kaiser erlangten Zoll durch den Landesherrn bewidmet 370 ).

Ferner erwarben einige Städte den in ihnen erhobenen Durchgangszoll. Die Erhebungsstätten dieses Zolls lagen an den Hauptverkehrsstraßen und meist in den Städten. Ursprünglich trug er gebührenartigen Charakter, wurde aber mit der Zeit lediglich zu einer Besteuerung des Handelsverkehrs aus Finanzrücksichten 371 ). Die Stadt Grevesmühlen hatte bereits 1267 den dortigen Durchgangszoll erworben 372 ). Daß die Stadt Parchim den Durchgangszoll am Orte zu erlangen verstanden hatte, bezeugt eine städtische Zollrolle aus der Zeit "vor 1359" 373 ). Der Stadt Güstrow wurde im Jahre 1359 mit der Befreiung vom Durchgangszoll wahrscheinlich auch die Zollerhebung zugestanden 374 ).

Eine dritte Art Zoll war das Geleit oder Geleitsgeld, ein Entgelt für das Geleitsrecht des Landesherrn, bzw. für seine Pflicht, für die Sicherheit der Straße durch Stellung bewaffneter Begleitung oder eines berittenen Geleitsmannes zu sorgen. Die Städte von einiger Bedeutung haben im Umkreis der Stadt das Geleitsrecht selber besessen. So bestimmt die Malchiner Bürgersprache um 1400 375 ): "Eyn islick schal sick waren, dat he des rades leyde nicht breke". Ebenso enthielt die Bestätigungsurkunde der Ribnitzer Stadtprivilegien aus dem Jahre 1455 die


367) Die Chroniken des Klosters Ribnitz, S. 28 u. S. 92.
368) Städt. Urk. Ribnitz (A. Schw.).
369) Vgl. die lüb. Ratschronik von 1438-82 in: Die Chroniken d. dt. Städte, Bd. 31, T. 1, Lpzg. 1911, S. 101.
370) Städt. Urk. Ribnitz (A. Schw.).
371) Vgl. auch Th. Sommerlad, Die Rheinzölle im M. A., Halle 1894, S. 44 ff.
372) Fürst Heinrich von Mecklbg. verkaufte der Stadt Grevesmühlen "theolonium nostrum, quod habent ibidem et in villa Dartzow, necnon in flumine Sobenitz usque in Traviam" (M.U.B. 2, 1122).
373) M.U.B. 14, 8552. Doch sind die einzelnen Bestimmungen nicht vom Rat getroffen (die Rolle spricht vom "forum istud" statt "nostrum"), sondern sind einem Vertrage der Fürsten von Werle mit Brandenburg entnommen, das sehr begünstigt erscheint (vgl. auch Anm. im M.U.B.).
374) M.U.B. 14, 8691. Vgl. auch Krüger (Jb. 97), S. 54.
375) M.U.B. 24, 13728.
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Bestimmung: Vortmehr so schälen de Borgermeister und Rath der vorbenomten Stadt vollenkamen mechtig wesen, vollenkamenes leydes to leydende, welich af und an, so ferne alse der vorbenomeden stadt ere scheide und vryheit kehret 376 ). Parchim gewann mit der Erwerbung des herzoglichen Anteils an dem Gericht in Stadt und Land auch das Geleitsrecht in diesem Gebiet 377 ).

Auf den städtischen Märkten wurden außerdem Marktzölle gefordert. Der Stadt Friedland wurde der Marktzoll 1282 verliehen 378 ). Eine Verleihungsurkunde an eine Stadt Meckl.= Schwerins besitzen wir nicht. Die Städte sind hier jedoch großenteils in den Besitz des "Stättegeldes" gelangt, das in ihnen als eine Art Marktzoll von den auf dem Markt ausstehenden Händlern erhoben wurde. Laut dem Hebungsverzeichnis der Stadt Parchim steht der Stadt jene Markteinkunft schon in der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. zu 379 ). Güstrow läßt sich am Anfang 380 ), Malchin am Ende 381 ) des 16. Jahrhunderts im


376) Städt. Urk. Ribnitz (A. Schw.).
377) Vgl. die Urk. von 1460 Jan. 16, R. A. Pa., Urk. Nr. 99, ähnlich 1465, Nr. 103.
378) M.U.B. 2, 1617.
379) M.U.B. 16, 10129 (nach 1370). Laut dem Schoßregister von 1653 (R. A. Pa.) nahm die Stadt auf Jnvocavit 12 ß, auf Cantate 1 fl. 16 ß, auf Michaelis 7 fl. Stättegeld ein.
380) Nach dem Güstrower Hauptrezeß von 1704 (Beil. z. d. Rost. N. u. Anzeigen 1825, 31. Stück, S. 121) sollten das Stättegeld alle, sowohl Einheimische als Auswärtige, die in den Jahrmärkten oder sonst auf dem Markte zu gewissen Zeiten Buden aufschlagen, zu erlegen haben. Diese zwei Arten Stättegeld unterschied man schon Anfang des 16. Jahrh. Erstens wurde auf dem Jahrmarkt (der "Kerckmisse") Stättegeld erhoben. Das Güstrower Schoßbuch von 1503 enthält auf der Innenseite des Vorderdeckels eine aus dem Anfang des 16. Jahrh. stammende Eintragung: Stedegelth to gevende Ihn der Kerckmisse nha gewanheith. Diese Gebühr, die von den verschiedensten Händlern zu geben war, wurde von 3 Ratsherrnpaaren gesammelt und mit anderen städtischen Einkünften im Schoßbuch hinter der Schoßliste des vorherigen Jahres unter der Rubrik "in nundinis", "Jm Jarmarkede Stedegelth" u. ä. verzeichnet (vgl. auch u. S. 161). Es findet sich dort bereits das Kerckmissengeld von 1505 gebucht, während die Abrechnung über andere Einnahmen erst Anfang 1506 eingetragen sind. Das von den in der Stadt vorhandenen Ämtern zu zahlende Stättegeld wurde getrennt hiervon entrichtet. Neben der genannten Eintragung auf dem Deckel des Schoßbuchs ist vermerkt: notandum, dat alle ampte uppe de Schateltydt scolen Ere stedegelt unnd thidthgelt unuorthogerlick utgheuen und entrichten. Auch verzeichnen die Ratseinkommenregister von 1535/75 (R. A. Gü.) Stedegelth von den Knochernhauern, Schuhmachern, Haken und Schmieden, ledegelth von den Bäckern und tydthgelth von den Wollwebern: Einnahmen, die im Schoßbuch fehlen.
Da das Stättegeld in Güstrow schon zur Zeit unserer ältesten Nachrichten über die Einkünfte der Stadt begegnet, ist es unzweifelhaft, daß das Recht auf dessen Bezug bereits aus dem Mittelalter stammt. Die (  ...  )
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Besitz des Stättegeldes nachweisen. Vermutlich ging nur wenigen Städten diese Gerechtigkeit ab 382 ).

Besonders stark wurde das einst dem Landesherrn ausschließlich zustehende Münzprägungsrecht von den Städten durchlöchert. In Rostock stand die fürstliche Münze schon seit den fünfziger Jahren des 13. Jahrh. unter der Verwaltung der Stadt, 1325 ging sie dann mitsamt dem alleinigen Münzprägungsrecht in der Herrschaft Rostock in den Besitz der Stadt über 383 ). 1359 verpfändete Herzog Albrecht seine Münze in der Stadt Wismar; eine spätere Einlösung erfolgte nicht 384 ). Ebenso haben einige der Landstädte seit der 1. Hälfte des 14. Jahrh. das Münzrecht geübt. Schon in den Jahren 1332/33 finden sich "denarii Gustrowenses" urkundlich erwähnt 385 ). Als weiteres urkundliches Zeugnis dessen ist uns der Auftrag erhalten, den die Stadt Parchim 1384 ihrem Münzer gab: "luttike witte penninghe tho slande, der veere enen witten penningh scolen ghelden" 386 ). Bei anderen Städten legen erhaltene Münzen Zeugnis ab von der einstigen städtischen Unabhängigkeit. Danach haben im 14. Jahrh. außer Parchim und Güstrow auch die Städte Malchin und Teterow Wittenpfennige geschlagen 387 ).


(  ...  ) Bemerkung von K. Krüger, Verf. gesch. d. Stadt Güstrow, Jb. 97, S. 54: "Der Marktzoll wurde dem Rat möglicherweise auch in späterer Zeit nicht überlassen", ist somit sowohl für die Neuzeit, wie für das Mittelalter zu berichtigen.
(  ...  ) Der Malchiner Rat hatte nach dem städtischen Hauptregister von 1585 Stedegeldt von 3 Jahrmärkten zu erheben (spec. civ. Stadtsachen Malchin, A. Schw.).
382) Der Dömitzer Rat erhielt 1531 1/3 des Stättegeldes (spec. civ. A. Schw.). Dagegen stand dem Malchower Rat nach dem Vergleich zwischen Rat und Bürgerschaft von 1626 das Stättegeld "von alters her" zu d. Rost. Nachr. u. Anzeigen 1827, Nr. 30, S. 118). 1781 lieferten sämtliche Städte Berichte über die in ihnen erhobenen Marktabgaben an die Regierung (Acta gen. betr. die Abgaben, welche den Landleuten von den zu Markt bringenden Produkten teils in den Toren, teils auf den Märkten abgefordert werden, 1781/1868, Min. d. Inn. Komm. Abt.). Danach erhielt z. B. in Penzlin der Bürgermeister von jedem Marktwagen 2 ß, von den Salzwagen 1/4 Scheffel Salz, an Jahrmarktstagen wurde von den Stadtsprechern 1 ß Baumgeld im Tor erhoben.
383) M.U.B. 7, 4675. Vgl. auch P. Meyer a.O. Jb. 93, S. 70.
384) F. Techen, Gesch. d. Seestadt Wismar, S. 28.
385) M.U.B. 8, 5318, 5454.
386) M.U.B. 20, 11626.
387) O. Örtzen, Die mecklbg. Münzen d. großh. Münzkab. T. 2, Schwerin 1902, S. 53 und 101 ff. Vgl. auch Jesse, Der wendische Münzverein, S. 68. In der Prägung richteten sich die Landstädte nach den Rezessen des wendischen Münzvereins (ebenda S. 89 f.). Die Münzen der Stadt Gnoien sind als Rostocker Münzen zu betrachten (Örtzen a.O. S. 93). Evers, Gesch. d. Münzwesens in Mecklbg.=Schwerin, T. 2, 1799, S. 20 ff. bestritt seinerzeit, daß die uns erhaltenen städt. Münzen wirklich den (  ...  )
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Auch besitzen wir städtische Hohlpfennige aus dem Ende des 14. Jahrh. von der Stadt Grevesmühlen 388 ). Doch haben wir von den Landstädten keine Urkunde über eine Verleihung des Münzrechtes. Möglicherweise haben sie dies Recht auch nicht erlangt und, ähnlich wie die Stadt Rostock vor der Erwerbung der Münzgerechtigkeit im Jahre 1325 389 ), Münzen geprägt, ohne sich dafür auf ein Privileg stützen zu können 390 ).

Seit dem 14. Jahrh. war das Judenschutzrecht durchweg in die Hände der Landesherren gekommen 391 ). Auch auf diesem Gebiet trat im Laufe des 14. Jahrh. eine Veränderung zugunsten der Städte ein. Parchim befand sich um 1370 im Besitz des Judenschutzrechtes 392 ). 1378 verpfändete Johann von Werle dieses Recht für 150 mr. der Stadt Malchin 393 ).

Im Laufe des 14. und 15. Jahrh. durchbrachen die größeren Städte auch den Mühlenbann. Allerdings waren die Stadtmühlen schon vielfach in den Besitz von Klöstern oder Rittern gelangt. Aber ein Ankauf durch die Städte ist uns erst aus jüngerer Zeit bekannt, während vermögende Bürger schon im 13. Jahrhundert Anteile an den Stadtmühlen besaßen 394 ). Für 60 lüb. mr. verkaufte Herzog Johann von Mecklbg. im Jahre 1367 dem Sternberger Rat die Mittelmühle zu Sternberg 395 ). Der Parchimer


(  ...  ) Städten zuschreiben seien. Doch besteht kein Grund, die sich deutlich als städtisch gebenden Münzen den Landesherren zuzuweisen. Vgl. auch G. C. Masch, Jb. 15, S. 335 ff.
388) O. Örtzen a.O. T. 1, 1900, S. 38. Dadurch wird auch die Angabe von H. H. Klüver, Mecklbg. Geschichte, Bd. 2, S. 210, erklärlich, daß Grevesmühlen einst Münzrecht gehabt habe. In Sternberg scheint dagegen Ende des 14. Jahrh. noch eine landesherrliche Münze vorhanden gewesen zu sein. Ein wegen Falschmünzerei verurteilter Münzer schwört dort 1394 dem Fürsten Balthasar von Wenden, "myme heren" (M.U.B. 22, 12650).
389) Vgl. O. Oertzen, 1, S. 11.
390) "Sie haben eben Münzen geschlagen, ohne dazu berechtigt zu sein". O. Oertzen a.O. T. 2, S. 52.
391) Schröder, Rechtsgesch., S. 648. In Boizenburg unterstanden die Juden schon 1267 dem Landesherrn (M.U.B. 2, 1127).
392) Nach dem Einkommensverzeichnis der Stadt Parchim ("nach 1370", M.U.B. 16, 10129) hatten die Juden zwei Mal im Jahr dem Rat 15 mr Schutzgeld zu entrichten. - Im Parchimer Stadtb. ist um 1350 mehrmals vom Judenviertel die Rede. Vgl. Anm. zu M.U.B. 14, 8188.
393) Der Landesherr bekannte (M.U.B. 19, 11113), "dat wy . . . hebben all use ioden tho Malchin . . . wiszet an use leven truwen radtmanne tho Malchin myt aller pleghe, broke, richte und rechticheyt, den ratmannen tho donde liker wysz, alsze us vor dan hebben". - Juden werden 1331 in Malchin erwähnt (M.U.B. 8, 5273, S. 238).
394) So in Sülze die Kopmans und in Malchow die dortigen Patrizierfamilien.
395) M.U.B. 16, 9622.
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Rat kam 1377 in den Besitz der Burgmühle 396 ). Der Stadt Malchin wurde 1294 vom Landesherrn die Mühle vor der Stadt an der Peene, die sog. Zachowmühle, verliehen 397 ). Um 1434 erwarb die Stadt außerdem die Krebsmühle, deren Mahlgang der Außenmühle zugelegt wurde, und 1451 kaufte sie für 1000rhein. fl. und 600 mr. sundischer Münze vom Kloster Doberan auch dessen in der Stadt belegene Mühle mit allem Zubehör 398 ). Der Stadt Güstrow gehörten am Ausgang des Mittelalters drei Wassermühlen. Die benachbarte Gleviner Mühle ging bereits im Jahre 1323 zusammen mit dem gleichnamigen Dorf in den Besitz der Stadt über, und im Jahre 1452 veräußerte der Doberaner Konvent der Stadt Güstrow die Mühle vor dem Mühlentor und die Mauermühle 399 ). Die Bestätigungsurkunde der Ribnitzer Privilegien enthielt die Bestimmung, Rat und Bürger dürften "uppe bequemelcken steden buwen, holden und hebben to dem minsten twe Wyndmöllen, der to brökende to der Stadt und Meinheit beste, like andere Möhlen der Ebdissen und des Closters" 400 ). Anderen vergleichsweise nicht unbedeutenden Städten wie Schwerin 401 ), Plau 402 ) und Bützow 403 ) ist die Erwerbung der Mühlengerechtigkeit jedoch nicht gelungen.

§ 4:

Das Übergreifen der Landstädte auf das Kirchen- und Schulwesen

Den pommerschen Städten Barth und Loitz ist bereit 1325 das Recht, Schullehrer= und Küsterstellen zu besetzen, verliehen worden 404 ). Selbst die bedeutenden mecklenbg. Städte blieben dahinter zeitlich zurück. Als erste mecklbg. Stadt erwarb Wismar 1331 das Patronat an der dortigen Marien= und Nikolaikirche 405 ). 1337 gewährte Fürst Albrecht II. dem Rostocker Rat


396) M.U.B. 19, 11026.
397) M.U.B. 3, 2290, die Herren von Werle bestätigten der Stadt 1374 diesen Besitz (M.U.B. 18, 10672).
398) Städt. Urk. Malchin (A. Schw.). Die Mühle lag bereits Mitte des 14. Jahrh. zu Stadtrecht, gehörte aber dem Kloster Doberan (M.U.B. 16, 9801).
399) M.U.B. 7, 4475. Krüger a.O. S. 52.
400) Städt. Urk. Ribnitz (A. Schw.).
401) H. Beltz, Die Schweriner Kornmühlen (Jb. 96, 1932), S. 98, 96 u. 117 f.
402) F. Lisch, Gesch. d. Stadt Plau (Jb. 17), S. 85 ff. u. 90.
403) Fr. Schildt (Jb. 47), S. 152 f.
404) P.U.B. 6, 3900 und 3901.
405) M.U.B. 8, 5265.
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das gleiche Recht für die Pfarrschule an St. Marien 406 ). Die mecklenbg. Landstädte besaßen dagegen nur ausnahmsweise während des Mittelalters ein Schulpatronat. Nur in Crivitz und Güstrow lassen sich Stadtschulen nachweisen. Am 27. Februar 1493 verlehnten Bürgermeister und Ratsmannen zu Crivitz "unse schole tho Crivize mit eren tobehöringe deme vorsichtigen Nicolao Stopman" 407 ). In Güstrow erscheint 1537 die Schule an der dortigen Markt= oder Pfarrkirche 408 ) als "Ratsschule" 409 ), die allerdings sicher an Bedeutung hinter der Stiftsschule zurückstand 410 ). Auffällig ist, daß der Parchimer Rat 1305 einen magister als "nostrorum scholarium rector" bezeichnet 411 ), obgleich das Patronat an den Schulen in Alt= und Neustadt 1249 dem Priester der Marienkirche verliehen war 412 ).

Keine mecklbg. Landstadt hat, so weit ich sehe, im Mittelalter das Pfarrwahlrecht erworben 413 ). Wohl aber erhielt vielfach der Rat das Patronat an einzelnen geistlichen Stellen, die teils er selber, teils bemittelte Bürger an Haupt= oder Nebenaltären der Kirchen und an Kapellen der Stadt gestiftet hatten 414 ). Der Rat übte dies Recht z. T. in Konkurrenz mit einem Geistlichen. Das Recht, die Zernowsche Vikarei in Röbel zu verleihen, steht dem Archidiakon und dem Rat zu 415 ). Der Parchimer Rat wechselte in der "conatio" der Bartholomäuskapelle mit dem


406) M.U.B. 9, 5778.
407) Die Urkunde ist veröffentlicht bei Schnell, Unterrichtswesen, Bd. 1, S. 106 f.
408) Zum ersten Mal wird diese Kirche 1308 erwähnt. M.U.B. 5, 3211.
409) M. G. R. 45, 1909, S. 142.
410) Mitte des 16. Jahrhunderts beschwerten sich die Visitatoren sogar, daß der Rat die Domschule mehr als seine eigene Schule begünstige. J. Fr. Besser a.O. S. 332.
411) M.M.B. 5, 3026.
412) Vgl. M.U.B. 1, 336, 10, 7200 und 7235.
413) Wir finden vielmehr die Stadtkirchen teils in geistlichen Händen, teils in den Händen des Landesherrn. Die Landesherren hatten z. T. das Patronatsrecht in Gadebusch (M.U.B. 15, 8942), Domkapitel bezw. Klöster übten das Präsentationsrecht zu Grevesmühlen (M.U.B. 14, 8394, S. 198), zu Ribnitz (M.U.B. 16, 9625) und zu Wittenburg (M.U.B. 14, 8265). Im Jahre 1563 erscheint der Güstrower Rat als Patron der dortigen Pfarrkirche (vgl. den Küstereid d. J. Prot. b. R. A. Gü.). Es ließ sich jedoch nicht feststellen, ob der Rat diese Stellung schon im M. A. innehatte. Auch kann sie ihm nicht unbestritten zugekommen sein. Mitte d. 17. Jahrh. hatte wenigstens der Herzog das Patronat, denn am 17. Nov. 1662 wechselte er sein Patronat an der Pfarrkirche gegen das des Rates am Heiligen=Geist und St. Jürgen aus (R. A. Gü., Abt. 1, G II a).
414) Doch bestimmten die Stifter auch häufig Geistliche zu ihrem Nachfolger in der Ausübung des Patronatsrechtes. Vgl. M.M.B. 13, 7934, S. 476 (Grabow), 16, 9604 (Sternberg), 16, 9674 (Laage).
415) M.U.B. 5, 2997.
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St. Georgenpfarrer ab 416 ). Häufiger war jedoch die ausschließliche Präsentationsberechtigung des Rats. So besaß der Parchimer Rat nach einem Verzeichnis seiner Kirchenlehen aus dem Ende des 14. Jahrh. das Patronat über 9 Vikareien teils an der St. Georgs=, teils an der St. Marienkirche 417 ). Zahlreich sind auch die Vikareien, an denen der Güstrower Rat das Präsentionsrecht hatte; namentlich im 15. Jahrh. trugen die Stifter von Altarpfründen mit Vorliebe ihm das Patronat auf 418 ). Ähnliche Rechte erwarben viele Städte. Der Rat von Gadebusch erhielt 1330 an der Heiligen=Geist=Haus=Vikarei das Recht der Präsentation des Pfründenkaplans 419 ). Ebenso hatten der zu Sülze 420 ) und der Rat zu Boizenburg 421 ) Patronatsrechte an Vikareien. Nach einer Aufzeichnung von 1472 übte der Ribnitzer Rat das ius patronatus über die dortige Kapelle des Heiligen=Geist=Hauses aus 422 ).

Auch außerhalb der Stadt erlangte der Rat Patronatsrechte. Der Johanniterorden zu Mirow und Nemerow verkaufte 1356 das Patronat über eine Vikarei an der kleinen Kirche zu Mirow an den Rat der Stadt Röbel 423 ). Der Parchimer Rat hat "nach 1360" das Patronat über die Dorfkirche in Güschow 424 ). Der Güstrower Rat erhielt 1449 "de Leenwahre" einer Vikarei in der Kirche zu Recknitz 425 ).

Wenn auch die Urkunden meist nur von dem Patronat des Rats sprechen, so konnte in diesem Recht, wie A. Schultze betont hat 426 ), häufig auch eine Treuhänderschaft über die Pfründstiftung zum Ausdruck kommen, mit der über das echte Patronat


416) M.U.B. 10, 6964. An einem Altar an der St. Georgenkirche sollte der "plebanus antique civitatis cum adiutorio consulum" das Patronat haben, M.U.B. 3, 2203 (1293).
417) M.U.B. 14, 8814. Vgl. auch 6, 4199, 8, 5040 u. 14, 8793.
418) 1359 erwarb der Rat das Patronat an zwei Vikareien in der Pfarrkirche (M.U.B. 9, 5849). 1391 u. 1393 u. 1393 wurde ihm das Vorschlagsrecht an je einer Vikarei in der Dom= und der Pfarrkirche übertragen. M.U.B. 22, 12360 und 12539. Ferner war der Rat zum Patron bestimmt in Vikareienstiftungen von 1418, 1430, 1438, 1457 (zwei Vikareien), 1484, 1519 (Dipl. Gustr., S. 158, 162, 166, 174 und 178, 192, 198); doch behielten sich die Stifter meist für sich oder gar für den Mannesstamm der Familie das Patronat vor.
419) M.U.B. 8, 5129, vgl. auch 5388.
420) M.U.B. 8, 5644.
421) M.U.B. 8, 5644 u. 9, 6310.
422) Städt. Urk. Ribnitz A. Schw.
423) M.U.B. 14, 8207 und 13, 7545, S. 127.
424) M.U.B. 14, 8814.
425) Dipl. Gustr. S. 169 f.
426) Vgl. A. Schultze, Stadtgemeinde und Kirche im M. A. in: Festschr. f. A. Sohm, 1914, S. 124.
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hinausgehende Befugnisse verbunden waren. Während das echte Patronat nach kanonischem Recht nur die Befugnis enthielt, einen geeigneten Geistlichen dem Bischof oder dem sonst zur Investitur Berechtigten zu präsentieren, scheint das auf privatrechtlicher Verfügung beruhende Patronat in einigen Fällen den Rat berechtigt zu haben, die Besetzung der vakanten Stellen ohne geistliche Beteiligung vorzunehmen 427 ). Die gottesdienstliche Tätigkeit und die sonstige Stellung des Pfründners einer gestifteten Vikarei wurde z. T. gemeinsam mit dem Rat geregelt 428 ). Auch konnte nach dem Willen des Stifters dem Rat die Aufsicht über die Erfüllung seiner geistlichen Obliegenheiten eingeräumt sein 429 ). Mehrfach wird das Recht des Rates genannt, für eine zweck= und bestimmungsmäßige Verwaltung der der Vikarei zugelegten Einkünfte zu sorgen 430 ).

Als Treuhänder von Stiftungen griff der Rat noch in ein anderes ursprünglich von der Kirche beherrschtes Gebiet über: in die Fürsorge für Arme und Kranke 431 ). Von größerer Bedeutung war hier freilich noch die Übernahme der Leitung des Spitalwesens durch die städtische Behörde 432 ).

Neben diesen auf privatem Schenkungswillen beruhenden Recht bemächtigte sich die Stadtgemeinde auch als Genossenschaft


427) So erhielt - freilich das einzige mir in den Landstädten bekannte Beispiel - der Parchimer Rat in einer Stiftung des Jahres 1360 das Recht, sacerdotem ad unum annum eligendo; si dignus fuerit et se bene rexerit, prout, ipsis provisoribus videbitur expedire, ipsum diucius poterunt obtinere et eundem mutare, quociens et quando ipsis visum fuerit expedire (M.U.B. 14, 8793).
428) M.U.B. 5, 2997. Deren Vereinbarungen wurden dann meist dem Diozesan=Bischof zur Bestätigung vorgelegt (vgl. M.U.B. 8, 5644).
429) Über zwei im J. 1489 an der Güstrower Pfarrkirche gestiftete Meßpfründen bestimmte das Kapitel der Domkirche: si aliqua negligentia aut defectus per dictos vicarios et officiciantes in prefatis missis observandis committetur, ex tunc consulatus Gustrowensis prefatis Domino Decano et Capitulo huiusmodi negligentiam et defectum intimabit ad effectum emendandi et corrigendi (Dipl. Gustr., S. 195).
430) Vgl. z. B. das Testament des Parchimer Bürgers Hermann Koß von 1379 (M.U.B. 19, 11219): . . . item lego testamentabiliter trecentas marcas Lubicenses, quas tenentur consules civitatis Parchem, ad perpetuam vicariam in choro novo ecclesie beati Georgii restaurandam et per meos testamentarios et heredes secundum consilium consulum civitatis Parchem certos redditus cum dicta pecunia comparandos. In Betreff einer Vikarei in der Güstrower Pfarrkirche von 1457 wurde angeordnet, daß, falls einige der Einkünfte zurückgekauft würden, die Vikare sofort für das Kapital andere Einkünfte secundum dictamen consulatus Gustrowensis erwerben sollten (Dipl. Gustr., S. 177). Vgl. ferner M.U.B. 9, 6241.
431) Vgl. M.U.B. 3, 2203 (v. J. 1293).
432) Darüber u. S. 132 ff.
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der kirchlichen Dinge; außerordentlich früh hören wir von der Betätigung der Stadtgemeinde bei der Verwaltung des kirchlichen Vermögens, der pfarrkirchlichen Fabrik (Bau und Baufonds) 433 ). Es wird dafür das Laienamt der Kirchgeschworenen, Juraten oder Provisoren, geschaffen. Ihre Aufgaben und Befugnisse werden aus folgenden Urkunden ersichtlich. Um 1290 ersuchten die Gadebuscher Ratsherren den Rat von Lübeck die Ausfuhr der Ziegel und des Kalkes, wie sie von den Juraten der Jakobi=Kirche zu Gadebusch in Lübeck gekauft seien, zu gestatten 434 ). In Rostock verkauften 1302 die Juraten des Petrikirchspiels "de consensu parochianorum S. Petri" für 100 mr. wiederkäuflich 10 mr. Rente in Kirchenbuden 435 ). Im Jahre 1368 wurde angeordnet, die Kirchenvorsteher zu Plau sollten hinfort keinen Küster mehr ohne Wissen und Willen des Pfarrers und Kaplans annehmen 436 ). Die Provisoren der Marien= und Georgenkirche in Parchim verkaufen 1351 Leibrenten 437 ). Ihnen werden in großer Zahl Wohnhäuser und Grundstücke verpfändet 438 ).

Die "Vorstender der gotshuse", die "kerckswaren" und "gotshusluden" der Berichte Monnicks vom Jahre 1514 439 ) sind zweilos identisch mit den eben behandelten Juraten, vielleicht sind jedoch die Provisoren der Hospitäler in die "gotshuslude" einbegriffen 440 ). Wir erfahren aus der Aufzeichnung Monnicks noch


433) Nach A. Schutze, Stadtgemeinde u. Kirche, S. 29 war dies das Gebiet, "auf dem die Stadtgemeinde wohl zuerst sich autonom betätigte".
434) M.U.B. 3, 2088.
435) M.U.B. 5, 2801.
436) M.U.B. 16, 9837.
437) M.U.B. 13, 7989.
438) M.U.B. 13, 7473. ("Provisores et iurati" ist als Doppelbezeichnung aufzufassen.) Vgl. ferner M.U.B. 13, 7591, 7625 und 7764 n., 19, 10918.
439) Die Bezeichnungen "kerckswaren" und "vorstender der gotshuse" sind in der Aufzeichnung weniger gebräuchlich. Jene ist nur bei Laage, Schwaan und Dömitz (Jb. 57, S. 179, 182 und 262), diese nur bei Waren und Röbel (a.a.O. S. 225 u. 230) verwandt.
440) Eine unzutreffende Vorstellung von den Aufgaben der "gotshuslude" haben K. Krüger, Jb. 97, S. 77 und Groth, der Herausgeber der Monnickschen Berichte. Nach Krüger wäre es ihre Aufgabe gewesen, die dem Rat aus seinem Vikarienpatronat erwachsene Befugnis, die der Kirche vermachten Stiftungen als Treuhänder zu verwalten, auszuüben. Daß diese Auffassung durchaus irrig ist, ergibt sich aus unseren vorherigen Ausführungen über die Juraten als Vertreter der Gemeinde bei der Verwaltung der Kirchenfabrik, nicht etwa als Verwalter kraft Delegation einer Ratsbefugnis, von der kaum nachzuweisen sein würde, daß der Rat sie vor dem ersten Vorkommen der Juraten und in allen Städten wirklich erwarb, und die ebenso anderen Stiftungstreuhändern zustand. - Groth, Jb. 57, S. 319, übersetzt in seinem Glossar "Gadshus" mit (  ...  )
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näherem über dies Amt. Es wurde von Bürgern der betr. Stadt bekleidet; hier und da war ihnen für die laufenden Geschäfte ein Mitglied aus dem Rat beigeordnet 441 ). Ihre Bestellung erfolgt in den meisten Städten durch den Rat ohne Mitwirkung des Pfarrers 442 ). Über ihre Verwaltung mußten sie vor dem gesamten Rat 443 ), in einigen Städten auch vor dem Pfarrer allein 444 ) oder unter seiner Beteiligung 445 ) Rechnung ablegen 446 ).

Die Zahl der Kirchenvorsteher betrug wahrscheinlich im M. A. meist zwei 447 ). Zu Provisoren scheinen stets angesehene Bürger gewählt worden zu sein. Einer der beiden Provisoren der Marienkirche in Parchim von 1351 begegnet als Ratsherr 448 ), unter den drei Koniuraten der St. Georgenkirche von 1561 befindet sich der Stadtvogt und ein Mitglied des Rats 449 ).


(  ...  ) "frommen Zwecken gewidmete Häuser (Spitäler, Siechenhäuser usw.)" und die "Gadeshuslude" als "Vorsteher derselben". Er schränkt dadurch den Begriff in unrichtiger Weise ein, nicht nur wurde "Gadeshus" und "Gadeshuslude" auch im Sinne von Kirche und Kirchenvorsteher gebraucht (Schiller=Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, Bd. 2, S. 128), es kommen auch bei Monnick z. B. in Gnoien (Jb. 57, S. 190) "gotshußlude van unser lieven frowen", d. h. an der dortigen Marienkirche und ebenso an der Kirche der 14 Nothelfer, an der Heil. Kreuzkapelle usw. vor. Außerdem treten in einigen Städten ja nur "kerckswaren" auf, sodaß die Identität ziemlich gesichert ist. Wenn hier und da auch Gotteshausleute am St. Jürgen=Hospital erwähnt werden (Jb. 57, S. 190 und 197), so ist zu bedenken, daß die Hospitäler meist eine eigene Kapelle oder Kirche besaßen. Immerhin mögen deren Vorsteher in diesen Fällen zugleich die Hospitalverwaltung geführt haben; auch in der Mark Brandenburg wurde Ende des 16. Jahrh. von den Kirchenvorstehern die Hospitalverwaltung mitbesorgt (H. Weizsäcker, Zur Gesch. d. Kirchenpatronats., S. 15).
441) Vgl. z. B.: Jb. 57, S. 184: "by itzlichem gotshuse ist ein ratmann neven twen gemeynen burgeren" (Ribnitz), ebenso S. 252.
442) Jb. 57, S. 184, 190, 197, 230, 234, 240, 243, 248, 252, 254, 258, 259, 270, 272. In Waren, Goldberg, Boizenburg, Wittenburg wurden die Gotteshausleute durch Rat und Pfarrer gemeinsam ernannt (Jb. 57, S. 225, 241, 264, 268). In dem kleinen Bukow machte sich bei deren Einsetzung auch ein Einfluß der übrigen Kirchgemeindemitglieder geltend (a.a.O. S. 275).
443) Jb. 57, S. 190, 234, 248, 252, 259, 272.
444) So besonders in den kleinen Städten, Jb. 57, S. 179, 182, 189.
445) Jb. 57, S. 195, 225, 230, 240, 243, 254, 258, 264, 268, 270.
446) In Teterow (Jb. 57, S. 197) waren die Gotteshausleute 1514 jedoch nicht gewohnt, über ihre Vermögensverwaltung Rechenschaft abzulegen. Bei Parchim ist von 1503 an das Hauptbuch der dortigen St. Georgenkirche erhalten. (Cleemann, Urk. S. 501 ff. A. Schw.).
447) 1351 erscheinen je 2 Provisoren an der Georgen= und Marienkirche zu Parchim, 1364 2 Karckschwarenn der Karckertho Lawe. (M.U.B. 13, 7402 b und 15, 9316.)
448) Vgl. M.U.B. 13, 7989.
449) Vgl. Urk. Nr. 140 R. A. Pa.
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Die auf allen den genannten Gebieten den Städten gelungene Verbreiterung ihrer Selbstverwaltung legt zugleich Zeugnis ab von der Hand in Hand mit ihr gehenden wirtschaftlichen Erstarkung und politischen Machtsteigerung der Landstädte.

§ 5:

Die Erringung politischer Selbstständigkeit

Das Erstarken der Städte kommt deutlich in der Vergrößerung ihres Landbesitzes zum Ausdruck. Die den Städten bei der Gründung zugewiesene städtische Feldmark genügte nicht mehr, nachdem die Zahl der Ansiedler gewachsen und oft eine Neustadt neben der alten Gründung entstanden war. Die Städte kauften daher umliegende Dörfer und erwarben vom Landesherrn die Erlaubnis, sie zur Feldmark legen zu dürfen, Parchim und Plau trieben eine großartige Ankaufspolitik. Die Parchimer Feldmark wurde im Laufe der Zeit durch zehn Dörfer vergrößert 450 ). In der Plauer Feldmark gingen 6 Dörfer unter 451 ). Bei Sternberg lassen die Flurnamen "Zarnekow", "Demelow", "Lukower Feld" mit seiner "Dorfstätte" noch heute erkennen, daß die Stadtfeldmark erst allmählich aus den Fluren verschiedener Dörfer zusammengewachsen ist 452 ). Fast jede mecklbg. Stadt hat mindestens ein Dorf erworben und der städtischen Feldmark zugelegt 453 ). Die größeren Städte gelangten außerdem in den


450) Schon 1240 hatte die Stadt das Dorf Bichern erworben (M.U.B. 1, 508) und vor 1256 auch Wozlabin (M.U.B. 2, 767), im 14. Jahr wurden ferner die Dörfer Grambow (M.U.B. 5, 3375), Lübow, Voddow, Brokow, Klokow und Slepkow von der Stadt angekauft (M.U.B. 16, 9449) Vgl. auch den in Anm. 454 zitierten Aufsatz von K. Augustin.
451) Vgl. Schildt, Die untergegangenen Dörfer Mecklenburgs=Schwerins, Jb. 56, S. 175 ff. und Lisch, Jb. 17, S. 48 ff.
452) Vgl. auch M.U.B. 5, 3293.
453) Gadebusch kaufte 1309 das Dorf Zwemin, das zur Stadtfeldmark und zu lüb. Recht gelegt wurde. (M.U.B. 5, 3299.) Fürst Heinrich II. von Mecklbg. überließ 1297 für 300 mr den Hof Poischow an Grevesmühlen (M.U.B. 10, 7236). Gnoien erwarb das Dorf Conerow (M.U.B. 10, 7008), Bützow das Dorf Zernin (M.U.B. 5, 2789). Vgl. ferner M.U.B. 12, S. 125 unter "Dorf" und S. 497 unter "Stadtfeld" sowie die Übersicht bei C. W. A. Balck, Güter und Ämter der mecklbg.=schwerinschen Domänen. Schwerin 1901, S. 17.
Lappe erklärt diese Legung der Dörfer freilich völlig anders. (J. Lappe, Die Wüstungen der Prov. Westfalen, S. 80.) Seiner Ansicht nach liegt dem "ein systematisches Vorgehen der Stadtherren" zugrunde; sie hätten um die Zahl der wehrfähigen Bevölkerung in den von ihnen gründeten Städten zu heben, die Dorfbewohner gezwungen, nach der Stadt abzuwandern. Diese Ausführungen lassen sich jedoch bei keiner Landstadt urkundlich belegen. Zwar mag der Landesherr, indem er der Stadt volles Eigentum am Dorf verlieh, und es zu Stadtrecht legte, dabei nicht (  ...  )
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Besitz mehrerer Kämmereidörfer 454 )).

Die ersten Befestigungswerke der Städte scheinen z. T. auf Anordnung der Landesherren oder unter deren Zustimmung errichtet zu sein. Für Plau, Sülze und Schwerin machen dies Urkunden aus dem Ende des 13. und der 1. Hälfte des 14.Jahrhunderts wahrscheinlich 455 ). Wenn auch die Erhaltung der städtischen Wehrkraft und die militärische Sicherung der Stadt überall einen Zweig der bürgerlichen Selbstverwaltung darstellte 456 ), so blieb die Mehrzahl der Landstädte doch in militärischer Hinsicht noch weiterhin im Schatten der landesherrlichen Burgen. Die größern unter ihnen zeichneten sich jedoch durch erfolgreiches Selbständigkeitsstreben, durch Erringung weitgehender militäri= Unabhängigkeit aus. Sie lösten die städtische Befestigung aus dem störenden Zusammenhang mit der Burg und schlossen auf diese Weise die städtischen Wehranlagen nach allen Seiten ab; schließlich nötigten sie den Landesherrn sogar zur Aufgabe seiner


(  ...  ) nur städtischen Wünschen nachgegeben, sondern selber die stärkere Befestigung der Stadt im Auge gehabt haben; Fürst Prisbislav bezeugt 1240, daß die Stadt Parchim das Dorf Bichern nostro consilio et voluntate gekauft habe; Sülze wird die Forderung der Stadtbefestigung bei der Verleihung des Dorfes Symen 1298 (M.U.B. 4, 2489) ausdrücklich als Bedingung auferlegt. Daß dies aber durch Vermehrung der städtischen Bevölkerung mittels Einpflanzung des Dorfes in die Stadt erfolgte, geht aus der Urkunde nicht hervor, vermutlich wurden die Dorfbewohner durch die Legung zu Stadtrecht nur mit dem bisher dem Landesherrn geschuldeten Dienste an die Stadt gewiesen. (So ausdrücklich bei Güstrow, M.B.U. 3, 2200.) Auch geht doch überall der Erwerb eines Dorfes auf Ankauf durch die Stadt zurück. Röbel gab zum Beispiel 1284 309 mr für 12 Hufen im Dorfe Kussekow, Gadebusch 3600 mr für das Dorf Zwemin, das Dorf Symen hatte die Stadt Sülze von den Rittern de Goldenboge käuflich erworben. Als Zweck der Dorfankäufe mit dem Recht auf Legung der Bewohner wird die Vergrößerung der Feldmark angegeben, so bei Plau und Parchim (M.U.B. 3, 2199, 5,3375); da hier Verteilung des Gebietes unter sämtliche städtischen Hausbesitzer erfolgte, kann von der Einpflanzung eines Dorfes also sicher keine Rede sein. Das gilt auch für die Baugilden, die in Bezug auf die Nutzung von der Stadt erworbener Dörfer in einigen Städten seit Ausgang des Mittelalters nachweisbar sind (vgl. u. S. 103). Die Feldmark jener Dörfer ist offenbar bei ihrer Niederlegung unter sämtliche Erbenbesitzer verteilt und die Baugilde vielleicht Rechtsnachfolger der alten gemeinen Erben der Stadt. (Ebenso Gierke, Genoss. Recht, S. 680 ff., G. v. Below, Art.: Bürgerrecht, Hdw. b. d. Staatswiss., Bd. 2, 1890, S. 798. Die Zahl der Gildegenossen ist viel zu groß, als daß sie etwa den ehemaligen Dorfbewohnern entsprechen könnte.)
454) Für Parchim vgl. K. Augustin, Aus d. Gesch. d. städt. Grundbesitzes, Führer z. mecklb. Städtetag in Parchim, 1927, Parchim, S. 43 ff. Für Güstrow vgl. Krüger, Jb. 97, 46 ff. Die Kämmereidörfer lagen nicht zu Stadtrecht. Sie steuerten später auch zum ritterschaftlichen Kataster.
455) Vgl. u. S. 43.
456) Vgl. u. S. 43 f.
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Burg. 1310 erlangte die Stadt Parchim die Berechtigung, den Übergang zwischen der Stadt und dem fürstlichen Schloß durch eine steinerne Mauer zu verbauen 457 ). Die Burglehen wurden systematisch von der Stadt aufgekauft 458 ). 1377 erwarb sie dann den Burgwall des damals schon verfallenen fürstlichen Hauses mit den restlichen Burglehen 459 ). Ribnitz erhielt im Jahre 1311 das Recht, "domum pristinam sitam in nostra curia et constructam super murum oppidi" zu zerstören und so wieder aufzubauen, daß zwischen Haus und Mauer ein Weg freibliebe 460 ). Die Bürger von Malchin machten kurzen Prozeß und rissen zwischen 1365 und 1372 461 ) das Schloß der Werleschen Fürsten nieder; Fürst Johann verkaufte ihnen dann den Wall und die Stätte des niedergebrochenen Hauses zu Stadtrecht unnd versprach, fernerhin niemals wieder in der Stadt eine Burg zu bauen. Mit diesen Erfolgen, die ihre Ergänzung in der geschilderten Erweiterung des Stadtgebietes fanden, hatten die Städte den Schritt zu einer selbständigen militärischen Macht getan. Die größeren Städte wußten anscheinend ein eigenes Befestigungsrecht durchzusetzen. Bei dem späteren Ausbau der Befestigungswerke, etwa der Anlage von Landwehren, durch Parchim und Güstrow findet sich nichts über eine Einholung landesherrlicher Zustimmung.

Am Ende des 14. Jahrh. nahmen die Landstädte an Kriegen des Landesherren anscheinend nicht aus dem Grunde, weil sie sich zur Heeresfolge verpflichtet fühlten, sondern als selbständige Bündnispartner teil. So verbindet sich am 18. Mai 1391 die Stadt Grevesmühlen und die Mannschaft der Vogtei mit den Herzögen von Mecklbg. zur Befreiung von König Albrecht aus der Gefangenschaft 462 ). Ebenso vereinigten sich am 24. Mai des Jahres die Mannschaft der Vogtei und die Stadt Schwerin mit den Herzögen von Mecklbg. und den Städten Wismar, Rostock, Bützow und Sternberg gegen die Königin Margarete von Norwegen 463 ). eine gleiche militärische Unabhängigkeit wie Rostock oder Wismar, eine Aufrichtung der Militärhoheit in ihrem ge=


457) M.U.B. 5, 4316.
458) Vgl. M.U.B. 13, 7671 und 18, 10503.
459) M.U.B. 19, 11026. Die Stadt bedang sich gleichzeitig aus, daß der von ihr abgetretene lange Hof nicht zu ihrem Nachteil befestigt werde.
460) M.U.B. 5, 3483.
461) M.U.B. 16, 9394 und 18, 10334.
462) M.U.B. 22, 12295.
463) M.U.B. 22, 12298. Auch die Urkunden, in denen das städtische Aufgebot bestimmt wurde und uns überliefert ist, sind Landfriedensbündnisse, in denen die Städte als Verhandlungspartner auftraten. Vgl. M.U.B. 13, 7524, 7731 und 7911.
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samten Umfange vermochten die Landstädte jedoch kaum oder höchstens vorübergehend zu erreichen.

Wir berührten hiermit bereits das seit der Mitte des 14.Jahrhunderts zu beobachtende politische Hervortreten der Landstädte. Bis dahin waren die Landfrieden ein Werk der Fürsten. Die Landstädte wurden nicht zu deren Aufrichtung herangezogen 464 ). Das Landfriedensbündnis vom 20. Februar 1353 vereinbaren dagegen die Herzöge Albrecht und Johannes von Mecklenburg und Otto Graf von Schwerin gemeinsam mit Lübeck, Rostock und Wismar, sowie den Landstädten Grevesmühlen, Gadebusch, Sternberg, Ribnitz, Gnoien, Schwerin, Wittenburg und Neustadt 465 ). Als am 11. Juli 1363 Fürst Johann von Werle mit Herzog Albrecht von Meckl. auf 5 Jahre einen Landfrieden auf der Grundlage des Kyritzer Landfriedens abschloß, gelobten neben den Vögten und Manen auch die Werleschen Städte Parchim, Malchin und Teterow und die mecklenburgischen Schwerin, Ribnitz und Gnoien 466 ), an den Landfriedensvertrag vom 31. Oktober 1388 zwischen dem Fürsten von Werle und Herzog Albrecht von Mecklbg. nahmen die Ratmannen von 15 Landstädten teil 467 ). Ja, die Städte schritten jetzt sogar zu selbständigen Bündnissen untereinander; als mit dem Ableben Johanns IV. von Werle=Goldberg dessen Linie erlosch, einigten sich 1374 die Städte Parchim, Malchin, Teterow und Laage dahin 468 ), dem Nachfolger jede Untertanenpflicht zu verweigern, bevor er nicht ihre wohlerworbenen Privilegien bestätige; keine der Städte wollte eine Landbede vor gemeinsamer Vereinbarung zahlen. Wir dürfen in diesen Vorgängen die Anfänge der städtischen Teilnahme an den landstädtischen Versammlungen erblicken, deren Geschichte in den mecklenbg. Teilherrschaften bereits in den siebziger und achtziger Jahren des 13. Jahrh. beginnt 469 ).

Die Städte fühlten sich am Ausgang des 14. Jahrhunderts kräftig genug, gegen die raublustigen Feinde ihres Handels zu gewalttätiger Selbsthilfe zu schreiten. Als sich die Seestädte 1385 mit König Albrecht vereinigten, um die gefährlichsten Ritterburgen zu brechen, erschlugen die Malchiner Bürger den Maltzahn auf Schorßow, seit 1375 Pfandherr des Landes Malchin 470 ),


464) Rieck, Städt. Leben in Mecklbg. in den Zeiten des M. A. S., T. 2, S. 4. Ferner P. Steinmann a.a.O. Jb. 88, S. 24 Anm. 55.
465) M.U.B. 13, 7717.
466) M.U.B. 15, 9174.
467) M.U.B. 16, 9560.
468) M.U.B. 20, 10635, ferner 18, 10191.
469) Vgl. P. Steinmann a.a.O. Jb. 88, S. 50.
470) Vgl. Schlie, Bd. 5, S. 89 f.
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den die Lübecker Chronik zu den "Hovedluden der rovere" zählt 471 ). Die Güstrower schlugen 1366 dem fehdelustigen Hans Preen auf Davermoor den Kopf ab. Sein Vater und sein Sohn mußten der Stadt und dem Fürsten Lorenz von Werle Urfehde schwören. Ebenso 1373 Bernd Gamm, dessen Burg Bülow bei Güstrow die Güstrower Bürger im gleichen Jahre "zerhauen und zerbrochen" hatten 472 ). Die Stadt Parchim führte in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts eine Reihe von erfolgreichen Fehden 473 ). Auch in den anarchischen Zeiten des 15. Jahrhunderts verbanden die gemeinsamen Interessen die Städte miteinander 474 ).

Die politische Verselbständigung der Städte fand schließlich ihren Ausdruck in einer Änderung des Verhältnisses von Stadt und Vogtei. Die früher das Land netzartig überspannenden Vogteien waren immer mehr von privaten Besitzrechten durchlöchert, infolgedessen räumlich zusammengeschmolzen und in ihrer Bedeutung gesunken. Auch waren sie vorübergehend zum großen Teil an Private verpfändet 475 ) und gingen so des Rückhaltes am Landesherrn verloren. Die Städte dagegen wuchsen an Bedeutung. Außerdem lockerte sich weiter ihr Zusammenhang mit den Vogteien 476 ). Die städtische Gerichtsbarkeit war unabhängig von ihnen geworden. Während die alte oder ordentliche Bede meist noch späterhin an den Landvogt gezahlt wurde, floß die eigentliche Landessteuer, die außerordentliche Bede,


471) M.U.B. 20, 11665 n. Noch im Jahre 1385 versöhnte sich dieser Gewalttat wegen sowohl der Landesherr (M.U.B. 20, 11665), wie der Bruder des Erschlagenen Heinrich von Maltzahn mit der Stadt. (M.U.B. 25, 14692): umme Moltzane mynen broder, de my van en del der radluden unde borgheren aveslaghen wart.)
472) Vgl. F. Lisch (Jb. 15), S. 61 f.
473) 1352 verglichen sich die Bürger mit den Rittern Gebr. Barner, denen sie im Verlauf von Streitigkeiten das Dorf Lenschow niedergebrannt hatten (M.U.B. 13, 7648). 1395 berichtet die Detmarchronik von großen Kriegen" der Stadt mit den Prignitzer Rittern (M.U.B. 22, 12749) und 1397 ihre Fortsetzung von einem Rachezug gegen Lenzen mit verhundert scutten und dusend weraftich (M.U.B. 23,13182), eine freilich übertriebene Zahl. Vgl. ferner K. Augustin, Gesch. der Stadt Parchim, S. 34 ff.
474) 1457 (L.U.B. 9, 469, S. 467) versammelten sich außer den Vertretern Rostocks und Wismars die Bürgermeister und Ratmannen von Güstrow, Sternberg, Schwerin, Gadebusch, Wittenburg, Crivitz, Grabow, Grevesmühlen und Parchim in Lübeck, um sich bei den mecklenb. Herzögen über schwere Straßenräubereien, an denen sich selbst die Vögte von Wittenburg und Boizenburg beteiligt hatten, zu beschweren und über Schutzmaßnahmen zu beraten.
475) Vgl. die Übersicht bei C. W. A. Balck, Finanzverhältnisse in Mecklenburg=Schwerin, Bd. 1, 1877, § 33/34.
476) Eine gänzliche Trennung trat anscheinend im 14. Jahrh. noch nicht ein. Privilegienbestätigungen sind z. gr. Teil an die Städte und die Mannen der Vogteien gemeinsam gerichtet.
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in der Regel in eine Zentralkasse 477 ). Als dann die landesherrliche Lokalverwaltung auf der Grundlage der Ämterverfassung neu organisiert wurde 478 ), standen nicht nur die grundherrlichen Gerichtsbezirke 479 ), sondern auch die Städte neben den fürstlichen Ämtern 480 ).

C. Das Ergebnis der Entwicklung: Die in der Hand des Landesherrn gegenüber den Städten verbliebenen Rechte

Schon bei der Gründung waren den Städten die Allmendeverwaltung, Zweige der freiwilligen Gerichtsbarkeit und die Aufsicht über das Gewerbewesen zugewiesen. Ein großer Teil von ihnen hatte außerdem das Recht, Statuten zum Wohl der Stadt zu erlassen, und die Willkürgerichtsbarkeit erhalten. Zu diesen meist von Anfang an besessenen Befugnissen erwarben die Städte im Laufe der Zeit nicht allein bedeutende Rechte hinzu, es gelang ihnen auch, aus dem so erweiterten Umkreis der in ihre Verwaltung übergegangenen Rechte den landesherrlichen Einfluß immer mehr zu verdrängen. Schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts befinden sie sich im Besitz weitgehender politischer Selbständigkeit, der Anteil des Landvogtes an der städtischen Verfassung wird fast völlig geschwunden sein. Gewiß trug die Stadt noch Verpflichtungen gegenüber dem


477) Die Städte und Ämter sind in den ältesten Landbederegistern getrennt aufgeführt. Das von den einzelnen Städten aufgebrachte hußgeld wurde meist an den Landesherrn unmittelbar vom Rat abgeliefert. (Vgl. Rentereireg. von 1505/6, 1511/12, 1512/14, 1514/16 A. Schw.)
478) Der Grund zu der Einteilung des Landes in Ämter ist anscheinend in der 1. Hälfte des 15. Jahrh. gelegt. Vgl. W. Raabe, Mecklbg. Vaterlandskunde, T. 2, 1863, S. 829 f. (d. h. Ämter im Sinne von Domanialbezirken.)
479) Darüber Maybaum a.a.O. S. 95.
480) Dieses Bild bietet die Gemeindeverfassung am Anfang des 16. Jahrh., wahrscheinlich war es schon während des 15. Jahrh. nicht anders. H. Krause (System der landständischen Verfassung Mecklenburgs in der 2. Hälfte des 16. Jahrh., Rostock 1927, S. 176 f.) erblickt in gewissen Betätigungen des Amtmanns um die Mitte des 16. Jahrh. im ritterschaftlichen und städtischen Gebiet Reste des ursprünglichen Zustandes, wo das Amt als unterer landesherrlicher Verwaltungsbezirk auch die Stände erfaßte; doch stellen m. E. diese Zustände schon Auswirkungen einer rückläufigen Bewegung dar, hervorgerufen durch die mit Herzog Magnus am Ausgang des 15. Jahrh. einsetzende Intensivierung der Hoheitsrechte.
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Landesherrn, sie war zur Leistung der ordentlichen Steuer, zur Erbhuldigung und Heeresfolge verpflichtet, ein landesherrlicher Beamter verwaltete das Stadtgericht. Wie umfassend erscheint jedoch dagegen das Gebiet, auf dem die mittelalterliche Stadt sich betätigte 481 )! Die den Städten zustehenden Rechte schrieben sich zwar vom Landesherrn her, aber sie wurden auch von ihm anerkannt; wie die Stadt bei jedem Regierungswechsel die Erbhuldigung zu leisten hatte, so verpflichtete sich der neue Landesherr zur Achtung und zum Schutz der städtischen Privilegien. Insofern den Städten damit immer von neuem die Befugnis zugesichert wurde, ihre Verwaltung zu eigener Verantwortung zu führen, läßt sich das mittelalterliche Städtewesen als eine Zeit mit durchaus herrschender Selbstverwaltung kennzeichnen.

Bezeichnend für das Städtewesen des Mittelalters ist aber zugleich, daß es ungenau bleibt, wenn wir diesen Begriff bei der Behandlung der mittelalterlichen Städtefreiheit einführen. Heute spielt sich die Selbstverwaltung nur im Rahmen der Staatsgesetze ab 482 ); die mittelalterliche Stadt fühlte sich "wenigstens nicht vornehmlich als Organ des umfassenderen Verbandes" 483 ) und verwaltete Gebiete, denen der Stadt seine Aufmerksamkeit auf die Dauer noch nicht zugewandt hatte 484 ). Wir verbinden heutzutage mit dem Begriff Selbstverwaltung notwendig sein Korrelat, die Staatsaufsicht 485 ); im Mittelalter unterlag anscheinend weder die Finanzverwaltung noch irgendein anderer Zweig der Tätigkeit des Stadtrats einer geregelten Aufsicht durch das übergeordnete Staatswesen 486 ).

Doch ging die Verbindung der mecklenburgischen Landesherren mit dem Städtewesen ihres Territoriums während des Mittelalters niemals ganz verloren. So scheinen die Landesherren hier und da die städtische Wehrorganisation, der sie ja im eigenen Interesse hohe Bedeutung beimessen mußten, gefördert zu


481) Vgl. unten S. 106 ff.
482) H. Peters, Grenzen der kommunalen Selbstverwaltung in Preußen, 1926, S. 36.
483) G. v. Below, Der deutsche Staat des Mittelalters, Bd. 1, Lpzg. 1914, S. 302.
484) Vgl. G. v. Below, Die Entstehung der dt. Stadtgemeinde, Düsseld., 1889, S. 4, ders. Die städt. Verwaltung d. M. A. als Vorbild der spät. Territorialverwaltung, H. Z., n. F., Bd. 39, S. 438 ff.
485) Vgl. W. von Grumbkow, Die Geschichte der Kommunalaufsicht in Preußen, Bln., 1921, S. 4 f.
486) Die Berichte des herzogl. Sekretärs Monnick vom J. 1514 erwähnen in keinem Fall die Notwendigkeit einer Rechnungslegung des Rats über die Verwaltung des städtischen Vermögens vor einem herzoglichen Beamten. Vgl. u. S. 155 f.
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haben 487 ). Vor allem nahmen sie als oberste Richter die Beilegung innerstädtischer Konflikte vor. Die Vereinigung der Alt= und Neustadt Parchim im Jahre 1282 erfolgte unter Beteiligung des Landesherrn und erfuhr seine Bestätigung 488 ). In einem Zwist zwischen dem Güstrower Domkapitel und dem Rat waren der Landesherr und der Kamminer Bischof Schiedsrichter 489 ). Lorenz von Werle verglich 1384 die Streitigkeiten zwischen dem Rat und der Bürgerschaft in Güstrow 490 ).

Auch an der Aufrechterhaltung dieser Übereinkommen blieb der Landesherr beteiligt. 1384 behielt er sich in Güstrow erneutes richterliches Eingreifen vor, falls sich jemand von den Bürgern oder der Meinheit gegen die getroffene Entscheidung auflehnen würde 491 ). 1313 drohte er, über Rat und Übertreter Gericht zu üben, falls sich der Rat in der Bestrafung von der Vereinbarung zuwiderhandelnden Bürgern nachlässig erweisen würde 492 ). Wer als Verletzer des Parchimer Vertrages von 1282 durch den Rat oder andere cives probi er honesti überführt wurde, sollte an den Landesherrn und die Stadt 30 mr. geben 493 ).


487) Monnicks Bericht von 1514 zufolge waren die Landesherren in Boizenburg und Wittenburg an den Gildebierausgaben der Schützenzünfte neben dem Rat beteiligt; vgl. Jb. 57, S. 267 u. 268.
488) M.U.B. 3, 1598.
489) M.U.B. 6, 3636.
490) M.U.B. 20, 11577.
491) M.U.B. 20, 11577: Wenn einer "wolde hyr sik nicht ane noghen laten unde horens dem rade, zo wolde wy den olden broke myd deme nyen nemen, alse wy hogheste mochten unde nenerleye gnade edder toghift darby don.
492) M.U.B. 6, 3636: Quod si neglexerit, ipsi consules rei pro reatis excessus huiusmodi habebuntur, delinquens vero in potestate dominorum terre Gustrowensis erit iuxta eorum arbitrium puniendus.
493) M.U.B. 3, 1598.
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Kapitel 3:

Der innere Aufbau der bürgerlichen Selbstverwaltung in Mecklenburg während des Mittelalters

A. Der Rat

§ 1:

Die Befugnisse des Rates

Die Vermehrung der städtischen Rechte und die Entfaltung des städtischen Lebens kam verfassungsrechtlich vor allem der leitenden städtischen Behörde zugute. Zur Zeit der ausgebildeten städtischen Selbstverwaltung lag in der Hand des Rates eine große Zahl von Befugnissen.

1. Die Vertretung der Stadt nach außen

Als Vertreter der Gemeinde nach außen : in ihrem Verhältnis zum Landesherrn, zu anderen Gemeinden und zu Privatpersonen entwickelte der Rat eine vielseitige Tätigkeit. Im Namen der Stadt oder an der Spitze der Bürger huldigte er dem neuen Landesherrn. Er entrichtete jährlich die Orboer. Bei Landfrieden war der Rat Mitgelober. Politische Bündnisse, an denen die Stadt teilnahm, wurden durch ihn abgeschlossen. Bei Streitigkeiten der Fürsten persönlicher oder politischer Natur wirkte er als Schiedsrichter 1 ), bei Waffenstillständen als Bürge 2 ). Verpflichtungen, welche die Stadt gegen Auswärtige übernahm, wurden vielfach selbständig von den Konsuln eingegangen 3 ).


1) 1316 versprechen die Fürsten von Werte, etwa ausbrechende Streitigkeiten mit dem Fürsten Heinrich von Mecklenburg der Entscheidung der Parchimer und Sternberger Mannen und Ratsherren zu unterwerfen (M.U.B. 5, 3824). Die Ratsherren von Güstrow und Waren wurden 1354 neben den landesherrlichen Räten zu Schiedsrichtern bestellt für den Fall, daß Streitigkeiten zwischen den Werleschen Fürsten und den Herzögen von Mecklenburg entstehen sollten (M.U.B. 13, 7881 u. 7919).
2) Die Ratmänner von Parchim und Malchin wie die von Güstrow und Waren verbürgen sich 1344 für ihre Fürsten in dem Waffenstillstand mit Pommern (M.U.B. 9, 6392 u. 6393).
3) Die Ratmannen von Parchim kaufen 1318 zwei Hufen zu Gischow (M.U.B. 6, 4010), 1266 kaufen sie die Hälfte von 6 Dörfern (M.U.B. 16, 9449). Ähnlich erwirbt der Rat von Gadebusch Hufen (M.U.B. 14, 8760), er befreit auch von den Bürgerpflichten (vgl. M.U.B. 13, 8149).
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endlich war der Rat dazu berufen, die Interessen eines jeglichen Bürgers auch über das städtische Weichbild hinaus wahrzunehmen; eine umfangreiche Gruppe von Ratsurkunden bilden die uns vor allem im Lübecker Archiv erhaltenen Fürschreiben. Wenn die Bürger auswärts Rechte in Anspruch zu nehmen hatten, stellte der Rat Beglaubigungsschreiben für sie aus 4 ). Er verwandte sich für gefangene Bürger 5 ). Auf das Zeugnis der Werkmeister hin erließ er Fürschreiben für wandernde Handwerksgesellen 6 ) und für Handwerker, die sich in anderen Städten niederzulassen beabsichtigten 7 ).

2. Die Rechtspflege.

Von wesentlicher Bedeutung unter den Befugnissen des Rates war sein Anteil an der Verwaltung des Rechtswesens. Da die Stellung des Rats auf dem Gebiet der streitigen Gerichtsbarkeit schon an anderer Stelle behandelt ist 8 ), sei hier lediglich auf die freiwillige Gerichtsbarkeit eingegangen.

Daß die Auflassung nach Schweriner und nach Parchimer Recht schon von Anbeginn dem Rat zukam, haben wir bereits gesehen 9 ). In den Städten lübischen Rechts herrschte in dieser Hinsicht kein einheitlicher Rechtszustand. Bei den größeren Landstädten dieses Rechtsgebietes war der Rat zuständig 10 ), in den unbedeutenderen scheint aber die Auflassung vor Gericht stattgefunden zu haben 11 ).


4) Vgl. M.U.B. 13, 7770 u. 7786; 16, 9671.
5) Vgl. M. U. B. 14, 8812.
6) Die wendischen Städte hatten 1354 gewillkürt, daß kein Geselle ohn eine solche Legitimation in einer fremden Stadt Aufnahme finden sollte (M.U.B. 13, 7904). Die Fürschreiben für Gesellen waren z. T. auf bestimmte Zeit beschränkt, so sollte ein Schreiben des Güstrower Rats nur für ein viertel Jahr Geltung haben (M.U.B. 16, 10127).
7) 1385 erteilte z. B. der Parchimer Rat dem Pergamentmacher Nikolaus ein Echt= und Leumundszeugnis und ersuchte den Rat zu Lübeck, ihn als Meister zur Ausübung seines Amtes zuzulassen (M.U.B. 20, 11675). Andere Beispiele: M.U.B. 20, 11678 u. 11718.
8) Vgl. oben S. 68 ff.
9) Vgl. oben S. 38 f.
10) Am frühesten ist dies für Grevesmühlen belegt; 1310 bezeugt der Grevesmühlener Rat, daß ein Bürger Güter rationabiliter coram nobis resignavit (M.U.B. 5, 3360, vgl. auch 15, 8909). Ebenso erfolgt in Ribnitz und Grabow die Übereignung der Grundstücke vor dem Rat (vgl. den Codicillus von 1589 Ztschr. f. R., Bd. 10, S. 116 u. 120).
11) So berichtet Marlow 1589: ". . . halten wir, daß die verkauften Güter, wenn sie bezahlet, vor Richt und Rath müssen verlassen werden" (Codicillus a.a.O. S. 116). In Sülze und Wittenburg geschahen Verkäufe ebenfalls vor Richt und Rat, die Verlassung (offenbar = Auflassung) sowie die Eintragung ins Stadtbuch erfolgte dagegen "in Gegenwärtigkeit des Rats" bzw. "für' m Stadtbuch" (Codicillus a.a.O. S. 122 u. 123).
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An die Auflassung der Grundstücke schloß sich deren Eintragung ins Stadtbuch an. In den meisten, wenn nicht in allen Landstädten wurde im M. A. ein Stadtbuch gehalten. Der "liber civitatis Sulte" wird schon 1287 erwähnt 12 ). Vom Malchiner Stadtbuch ist ein Bruchstück der Jahre 1331/32 erhalten 13 ). Die Eintragungen des Parchimer Stadtbuchs beginnen mit dem Jahre 1351 14 ). Die Urkunden nennen ferner die Stadtbücher von Neukalen (1341) 15 ), Malchow (1366) 16 ), Grevesmühlen (1393) 17 ) und Sternberg (1399) 18 ). Das Ribnitzer Stadtbuch beruft sich in den Jahren 1476/86 auf eine Eintragung des "liber civitatis in Marlowe" 19 ). Auf das Güstrower Stadtbuch wird in den Urkunden häufig verwiesen, so 1374, 1385, 1418, 1457, 1471 20 ); doch ist erst das 1506 einsetzende Stadtbuch auf uns gekommen. Im 15. Jahrhundert sind die uns erhaltenen Stadtbucher von Schwerin, Neubukow und Ribnitz angelegt 21 ).

Stadtbuchbehörde war im Mittelalter zweifellos der Rat 22 ). Daß die Parteien von vornherein gezwungen waren, die Auflassung eines Grundstücks beurkunden zu lassen, ist unwahrscheinlich. Vermutlich fiel der Beurkundungszwang mit der Errichtung der Stadtbücher zusammen 23 ) - freilich wissen wir bei keiner Landstadt, wann dort zum ersten Mal zur Anlage eines Stadtbuchs geschritten ist. In der Malchiner Bürgersprache


12) M.U.B. 2, 1912.
13) M.U.B. 8, 5273.
14) Vgl. M.U.B. 1, S. XLIII.
15) M.U.B. 9, 6163.
16) M.U.B. 16, 9467.
17) M.U.B. 22, 12503.
18) M.U.B. 23, 3468.
19) Ribn. Stadtb. Nr. 1, RA Ribn.
20) M.U.B. 18, 10516; 20, 11668; Dipl. Gustr. S. 158, 173, 183.
21) Vgl. unten S. 182. Eine erschöpfende Behandlung der erhaltenen Stadtbücher und ihrer Stellung im Liegenschaftsrechte muß einer Sonderuntersuchung vorbehalten bleiben.
22) Schon der Name, die nicht seltene Bezeichnung als liber consulum (vgl. z. B. Dipl. Gustr. S. 158 u. 162) läßt das erkennen. Daher war auch der Stadtschreiber Buchführer (vgl. unten S. 181). Die Verwaltung des Stadtbuchs durch den Rat geht ferner aus den Berichten der Städte von 1589 hervor (vgl. Ztschr. f. R. Bd. 10, S. 115 ff., 120 ff.). Die Eintragungen im Stadtbuch sind dagegen oft so knapp, daß ich z. B. im 1. Parchimer Stadtbuch den Rat nur 1410 und 1428 ausdrücklich als Zeuge bzw. Verfasser des eingetragenen Rechtsgeschäfts genannt finde (Cleemann, Urk. S. 490 u. 495 A. Schw.). Anders ist jedoch die Buchungsmethode der uns erhaltenen Bruchstücke des Neukalener Stadtbuchs; vgl. etwa 1414: nos consules huius civitatis protestamur in libro nostro quod N. N. coram nobis dedit, (vgl. Lisch über das alte Stadtbuch von Neukalen Jb. 43, S. 11, Nr. 13 des Urk. Anhangs).
23) So in Bremen vgl. oben S. 40, Anm. 33.
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war die Anordnung getroffen worden: "Wol dar wil kopen edder vorpanden, he sy geistlick edder wertlick, stande erue, acker, garden, edder wiske, de schal dat laten schriuen uppe der stadt boek; anders schal idt vorbraken gudt wesen" 24 ). Ein solcher Stadtbuchzwang wird eine allgemeine Erscheinung gewesen sein, da die Verpflichtung zur Beurkundung durch den Rat nach der Polizeiordnung von 1516 sogar in Bezug auf hypothekarische Belastungen gelten sollte 25 ) und sie außerdem 1589 in den Berichten der Städte als herrschendes Gewohnheitsrecht erscheint 26 ).

Bei Gelegenheit der Auflassung oder auch bei der Eintragung nahm der Rat zweifellos eine Prüfung der Rechtsbeständigkeit des Geschäfts vor. Er betrachtete es insbesondere als seine Aufgabe, über die Beobachtung des bei Grundstücksgeschäften geltenden Gewohnheitsrechts wie z. B. des Vorkaufsrechts der Blutsfreunde, des Näher= und Marktlosungsrechts 27 ) sowie über die Einleitung anderer Rechte Dritter 28 ) zu machen.

Während das Stadtbuchwesen in Rostock, Lübeck und Wismar schon früh eine reiche Entfaltung zeigt 29 ), ist das der Landstädte nicht so vielseitig, da, soviel wir wissen, in ihnen überall lediglich ein Stadtbuch geführt wurde. Aber auch hier erfolgte nicht nur der Abschluß von Grundstücksgeschäften vor dem Rat. Das Parchimer Stadtbuch enthält zwar hauptsächlich Verpfändungen, doch sind daneben in ihm auch Verschreibungen von Leibrenten, Stiftungen und Vermächtnisse eingetragen. Die Stadtbücher von Neubukow, Neukalen, Ribnitz und Schwerin verzeichnen in großer Zahl Erbaussprüche, Schuldverschreibungen, Leibzuchtbestellungen und ähnliche Abreden, bei denen man meist Haus= oder Grundbesitz zum Pfand setzte 30 ). In Ribnitz sollte nach der Bürgersprache von 1588 niemand Erbschichtung


24) M.U.B. 24, 13728 Art. 16.
25) Vgl. § 5 der Polizeiordnung, Jb. 57, S. 281.
26) Vgl. Codicillus a.a.O. S. 116, 118, 120, 121 (Waren, Penzlin, Malchow, Plau, Laage).
27) Vgl. Codicillus a.a.O. S. 113/123, ferner v. Kamptz, Bd. 2, S. 377/419.
28) In Güstrow bestand 1589 eine Ordnung, die der Bürgerschaft jährlich vorgelesen wurde, daß kein Nichtbürger "liegende oder stehende Gründe" an sich bringen konnte und ebenso kein Bürger dies ohne Einwilligung des Rates tun durfte, damit den Kirchen, den Hospitalien und dem Rathaus an ihren darin stehenden jährlichen Hebungen und Pachten nichts entzogen würde (Codicillus a.a.O. S. 121).
29) In Rostock liefen z. B. neben den Haus= und Rentebüchern noch die Witschopbücher für Erbschichtungen, Testamente usw. her (vgl. M.U.B. 13, S. XI).
30) Nur von diesen Städten sind uns wenigstens für einen Teil des Mittelalters die Stadtbücher erhalten, vgl. unten S. 244, 1351 berichtet der Wittenburger Rat von Erbgut, das "in unseme swornen buke" verzeichnet sei (M.U.B. 13, 7456).
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halten "ane Willen des Rades" 31 ). Während des 16. Jahrhunderts wurde es den Bürgern sogar häufig zur Pflicht gemacht, Testamente in Gegenwart von Ratsmitgliedern zu errichten. Dieser Zwang bestand wahrscheinlich im Mittelalter aber noch nicht. Im Gegensatz zu der Veräußerung und Verpfändung von Grundstücken wurden sonstige Rechtsgeschäfte wohl nur auf Antrag der Parteien ins Stadtbuch eingetragen. Bedurfte es doch einer besonderen Ratsanordnung, daß letztwillige Zuwendungen an die Geistlichkeit nur im Beisein des Rats erfolgen sollten 32 ). Im übrigen wurden solche Rechtsgeschäfte aber häufig durch Urkunden verbrieft. Mehrfach läßt sich in den Landstädten eine beurkundende Tätigkeit des Rats bei der Errichtung von Testamenten feststellen 33 ).

Außerdem wurden der Rat oder einzelne seiner Mitglieder sehr häufig als Zeugen bei Rechtsgeschäften herangezogen, da ihr Zeugnis mit besonderer Glaubwürdigkeit ausgestattet war 34 ).

Mit dieser freiwilligen Gerichtsbarkeit hängt die übrige Tätigkeit des Rates auf den genannten Gebieten eng zusammen. Nach dem Schwerin=Güstrower Recht verwaltete der Rat das erblose Gut auf ein Jahr 35 ). Bei beerbter Ehe sah er auf die Befolgung der erb= und familienrechtlichen Bestimmungen des Stadtrechts 36 ). Für die Innehaltung der in dieser Hinsicht ins Stadtbuch aufgenommenen Verpflichtungen wird er sich eingesetzt haben. Auch das Vormundschaftswesen, die Bestellung von Vormündern, falls hierüber keine testamentarische Verfügung getroffen war, und die Beaufsichtigung der vormundschaftlichen Verwaltung hat dem Rat schon im Mittelalter obgelegen. 1441 wird in Neubukow einem Kinde eine an dessen Vormünder zu zahlende Rente verschrieben; stirbt einer der Vormünder, so soll der Rat "vormunderen unde vorstan" 37 ). 1449 bestimmte der Neubukower Stadtvogt den Rat zum Vormund für seine Frau und seine Kinder 38 ). Der Wittenburger Rat schützte nach seiner


31) Vgl. § 29 der Bürgersprache bei v. Kamptz 1, 2, S. 334.
32) Vgl. unten S. 139 f.
33) Vgl. M.U.B. 6, 4199 von 1320 (Parchim); 7, 4985 von 1328 (Goldberg); 10, 6952 von 1349 (Schwerin).
34) über die Tätigkeit des Rates als Zeuge bei Verträgen vgl. Frensdorff, Stadt u. Gerichtsverfassung, S. 186 f. und J. W. Planck, Deutsches Gerichtsverfahren im M. A., Bd. 2, S. 72. Das Parchimer Recht (vgl. oben S. 86, Anm. 2) enthielt im § 32 die Bestimmung: "obwoll Gericht und Rat zeuget, so konnen frame unberuchtigte burger auch woll zeugen, alleine sie mußen daß mitt rechte befestigen. Das darff E. E. Raht nicht thuen, dan Sie sind befestigte leute."
35) Vgl. o. S. 40.
36) Vgl. Frensdorff, Stadt u. Gerichtsverfass., S. 157 f.
37) Vgl. Neubukower Stadtbuch Fol. 28.
38) Ebd. Fol. 31 a.
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Erklärung die Kinder bei den Erbverträgen der Eltern, wenn sie dem Gebrauch nach ins Stadtbuch geschrieben waren 39 ). Die Errichtung besonderer Kinderbücher, in denen die Abfindungen und Ausstattungen von Kindern verzeichnet wurden, geschah erst seit dem 16. Jahrhundert 40 ). Auch eine regelmäßige Rechnungslegung der Vermünder scheint der Rat im Mittelalter noch nicht durchgeführt zu haben 41 ).

3. Die innere Verwaltung.

a) Allgemeines.

Der Rat war ferner Organ der Gemeinde auf dem Gebiet der inneren städtischen Angelegenheiten. Dieser ausgebreitete Kompetenzbereich stand dem Rat aber nicht nur als Vertreter der Bürgergemeinde zu. Indem er zur Leitung der städtischen Verwaltung berechtigt war, nahm er vielmehr zugleich gegenüber der Bürgerschaft eine obrigkeitliche Stellung auf allen jenen ihm zustehenden Gebieten ein 42 ). Als Obrigkeit dehnte er seine fürsorgliche Tätigkeit fast auf das gesamte bürgerliche Leben aus.

In drei Formen prägte sich diese obrigkeitliche Gewalt des Rates aus. Er errichtete Statuten unter Androhung von Strafen bei deren Übertretung, er nahm ein allgemeines Aufsichtsrecht über das gemeindliche Leben in Anspruch, und schließlich richtete er über die Vergehen gegen die städtischen Willküren.

Einer näheren Darlegung bedarf nur die Gesetzgebung. Schon das Schwerin=Güstrower Recht bestimmte im § 24, die Bürgerschaft solle befolgen, was die Ratsherren zu der Stadtgemeinde Bestem anordneten. Die wichtigste Form dieser Ratsverordnungen stellen die sog. Bürgersprachen dar, eine Sammlung von Stadtgesetzen, die der Bürgerschaft jährlich ein= oder zweimal 43 ) kund=


39) Codicillus a.a.O. S. 153.
40) So in Ribnitz 1559 (R. A. Ribnitz).
41) In Ribnitz bestimmt dies erst ein Zusatz zur Bürgersprache aus dem Jahre 1631 (v. Kamptz 1, 2 S. 335). Der Bützower Rat verordnete in der Vormundschafft Herrn Ordenunge vom 2. Sept. 1603 zwei Ratsmitglieder zur Abnahme der Vormundschaftsrechnungen, da die Vormünder bisher mit dem Mündelgute gleich ihren eigenen Gütern geschaltet und gewaltet hätten (H. Böhlau=C. Dugge, Einheimischer u. fremder Rechtsgang, S. 9, Anm. 3), über Plau vgl. Jb. 17, S. 41.
42) Über die herrschaftlichen und genossenschaftlichen Elemente in der Verfassung der Landstädte vgl. unten S. 236 ff.
43) In Malchin war es nach Aussage vom Magistrat und Bürgerschaft von 1612 gebräuchlich, daß die Bürgersprache des Jahres zweimal abgelesen wurde. Die Verlesung fiel hier - wahrscheinlich von jeher - mit der Tagung des echten Dings zusammen (spec. civ. Malchin Stadtsachen A Schw., vgl. auch die Anlage (  ...  )
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getan wurden. Während aus Wismar schon seit 1345 Bürgersprachen erhalten sind 44 ), rührt bei den Landstädten nur die Bürgersprache von Malchin aus der Zeit ungebrochener landstädtischer Autonomie her, sie ist von den Herausgebern auf die Zeit um 1400 datiert 45 ). Die uns aus anderen Landstädten erhaltenen Texte stammen dagegen erst aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert.

Das Güstrower Ratsarchiv bewahrt an Güstrower Bürgersprachen außer hochdeutschen vermutlich sämtlich nicht vor dem 17. Jahrhundert entstandenen Texten zwei niederdeutsche Fassungen, die wahrscheinlich um die Mitte des 16. Jahrhunderts niedergeschrieben sind 46 ). Die Einrichtung selber weist in Güstrow


(  ...  ) Jb. 14, S. 180). Die Güstrower Bürgersprache v. 1561 wurde ebenfalls zweimal jährlich verlesen (vgl. Anm. 46), die Warener Bürgersprache von 1713 kam nach uraltem Gebrauch am 26. Febr. zur Verlesung. In Ribnitz wurde die "Borgerspracke" jährlich "up cathedra Petri" (22. Febr.) "der Borgerschop van dem oldesten Borgermeister vam Rathhuse vorgesprocken" (so 1585: v. Kamptz 1, 2, S. 332, ebenso noch 1652: vgl. das Tagebuch des Ribnitzer Bürgermeisters David Hinrichs von 1652/68, abgedruckt bei R. Kühl, Geschichte der Stadt Ribnitz, S. 247). Ebenso fand die Verlesung der Plauer Bürgersprache von 1707 nur einmal im Jahr, auf Lätare, statt (vgl. Jb. 17, S. 354).
44) Friedr. Techen, Die Bürgersprachen der Stadt Wismar, S. 4.
45) M.U.B. 24, 13728, Anm.
46) Zunächst findet sich im Protokollbuch Nr. 4 (R. A. Gü. heute als Bruchbuch 1561-1584 aufgeführt), das Michaelis 1561 angelegt wurde, ein Text (im folgenden als A bezeichnet) mit der Überschrift: Nachfolgende Burspragke und Stadtgebade willen ein Erbar Rath Jglichs, insunderheit by dem högsten geholden hebben: Jarlichs uff Sonntags für Margarethen und Sonntags fur Nativitatis Marie abzulesen . (ed., aber mit häufigen Lesefehlern J. F. Besser a.a.O. S. 267 ff.). Die 2. Bürgersprache (B), die mit einem hochdeutschen Text in einem Hefte vereint ist (vgl. R. A. Gü. Abt. 1 P 1, 1 b, dort auch die übrigen hochdeutschen Texte), trägt das Vorwort: Eines Erbaren Rades hiersulvest gewöhnliche Buhrsprake und Stadtgebade.
Besser hält den Text der im Protokollbuch verzeichneten Bürgersprache für "wahrscheinlich aus dem 15. Jahrhundert herstammend" (a.a.O. S. 232). Das ist schon wegen des Weinschankprivilegs des Rats von 1486, auf das eine Bestimmung offenbar Bezug nimmt, unmöglich. Auch Krüger (Jb. 97, S. 78) sieht in dieser Bürgersprache die ältesten erhaltene Aufzeichnung. Sie gehöre "dem Anfang des 16. Jahrhunderts an; gewisse Bestimmungen könnten aus den Jahren 1503, 1508 oder 1512 und 1537 stammen" (a.a.O. Anm. 492). Im Güstrower Archiv ist auf dem Heft mit B "1541?" vermerkt. Alle diese Datierungen sind jedoch zu früh.
Daß Text A älter als B ist, darf als sicher gelten: in A fehlen einige in B enthaltene sichtlich einer jüngeren Zeit angehörende Artikel und dazu beobachten die späteren hochdeutschen Bürgersprachen die Textanordnung von B. Doch kann von dieser Vergleichung bei der Zeitbestimmung abgesehen werden, da beide Aufzeichnungen in den meisten Artikeln - lediglich unter Abweichung in der Anordnung - übereinstim= (  ...  )
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jedoch ein höheres Alter auf. Das ergibt sich nicht nur aus dem Titel der ältesten Bursprake 47 ), ich finde auch die "gemeine Baursprach" der Stadt schon 1536 erwähnt 48 ).

Die Parchimer Statuten - das Wort "Baursprache" behielt hier seine alte Bedeutung als Bürgervollversammlung - liegen aus dem 16. und 17. Jahrhundert in drei verschiedenen Fassungen vor 49 ). Ein niederdeutscher Text trägt keine Zeitangabe, er muß jedoch nach seinem Inhalt, der bedeutend altertümlicher ist als jener der Statuten vom 3. März 1603, dem 16. Jahrhundert angehören. Auch sind die Statuten von 1603 ebenso wie eine spätere Fassung des 17. Jahrhunderts in hochdeutscher Sprache geschrieben 50 ).

Die Schweriner "Affspröecke" von 1586 51 ) geht nach den Eingangsworten 52 ) auf einen alten, nicht mehr erhaltenen Text von 1531 zurück. Auf der Bürgersprache von 1586 beruht dann wieder die von 1649 53 ).


(  ...  ) men und insbesondere beide jene für die Datierung wesentlichen Artikel enthalten. Als terminus post quem ergibt sich das Jahr 1547. Denn die in den beiden Bürgersprachen vorkommenden Verbote, die Wiesen auf der Freiheit nicht vor Assumptionis Mariae zu mähen und des Nachts, "devile dat korn noch im Felde", kein Vieh auf der Saat zu hüten, wurden erst in dem "affscheydt van der gemeynheit" im Jahre 1547 beschlossen (vgl. Art. 15 u. 16, Abt. 1 P I, 1 b R. A. Gü.). Höchst wahrscheinlich sind die vorliegenden Formulare der Bürgersprache nicht vor Ausgang der 50er Jahre entstanden, da sie auch von Bürgerkindern Gewinnung des Bürgerrechts verlangen, was vor dieser Zeit nicht als üblich angenommen werden kann. Es ist zu vermuten, daß Text A in dem Jahre 1561, in dem er ins Protokollbuch verzeichnet wurde, auch abgefaßt ist. B verdankt seine Entstehung dann vielleicht einer bald darauf vorgenommenen Textrevision, bei der die Bürgersprache mehr der damals gebräuchlich werdenden Form angepaßt wurde - am Anfang die Mahnung zu christlichem Lebenswandel und das Verbot, nichts Arges über Standespersonen zu sagen - und bei der die nach den Stadtbränden von 1503, 1508 und 1512 als besonders wichtig an den Anfang gestellten Anordnungen zur Feuerverhütung und über das Verhalten bei Feuerausbruch ans Ende gerückt wurden.
47) Vgl. Anm. 46.
48) R. A. Gü. Abt. 1 G III, a 1: Der Rat verbietet der Bürgerschaft am 2. Nov. 1536, "der gemeinen baursprach zuwidder außerhalben der gesatzten pale und dhoren" zu kaufen.
49) R. A. Parchim Urk. Nr. 163.
50) Der Abdruck bei Cleemann, Chronik, S. 157 ff., angeblich v. J. 1623, ist in den Akten nicht aufzufinden.
51) A. Schw. spec. civ. Schwerin, Stadturkundenbuch von 1651 p. 1332 ff.
52) Bei W. Jesse, Geschichte der Stadt Schwerin, Anhang, S. 34, Anm. 54.
53) Gedruckt bei Jesse a.a.O. S. 77 f. Sie stimmt abgesehen von einer Veränderung der Strafen und dem Fortfall der plattdeutschen Sprache und einer geringen Erweiterung mit der "affspröcke" von 1586 überein; doch ist bezeichnenderweise der Art. 2 über die Wachtpflicht durch eine andere Bestimmung ersetzt.
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An ferneren Bürgersprachen sind bisher bekannt geworden: die von Neukalen (um 1703) 54 ), Grevesmühlen (1608) 55 ), Waren (1713), Boizenburg und Ribnitz (1588) 56 ). Außerdem wird 1608 die Bürger= oder Baursprache in Grabow erwähnt 57 ).

Es ist kaum zu bezweifeln - beginnen auch die auf uns gekommenen Formeln erst mit dem 16. Jahrhundert -, daß die Institution der Bürgersprache in den meisten soeben genannten Städten dem Mittelalter angehört 58 ). Die Texte wandelten sich oft. Es ist daher eine allgemeine Erscheinung, daß frühere veraltete Fassungen der Bürgersprachen selten aufbewahrt wurden 59 ). Manche Bestimmungen in den vorhandenen Bürgersprachen sind jungen Datums und erst unter dem Einfluß der landesherrlichen Ordnungen entstanden, andere dürften aber noch dem Mittelalter angehören und der selbständigen Verordnungsgewalt des Rats entsprungen sein 60 ).

neben die Bürgersprachen als allgemeine Gebote treten die Einzelverordnungen des Rates. Der Parchimer Rat erließ z. B. "vor 1359" eine Willkür wegen Kündigung von Mietswohnungen 61 ). Wie weitgehend die Handlungsfreiheit der Bürger durch Ratsverordnungen eingeschränkt wurde, veranschaulicht die Ribnitzer Klosterchronik. In seinem Streit mit dem Kloster traf der Rat eine Reihe von Verboten: er untersagte z. B. den Arbeitern, für das Kloster Dienste zu verrichten, den Fischern, ihm


54) Bei Schliemann, Zur Gesch. d. Stadt Neukalen, Arch. f. Landeskde. Jg. 12, 1862, S. 555 f.
55) Bei Friedr. Belg. Chronik der Stadt Grevesmühlen 1936.
56) Bei v. Kamptz 1, 2, S. 317 ff., 336 ff., 326 ff., 332 ff. Dort auch Texte von Bürgersprachen der übrigen Städte, die jedoch jüngeren Datums als die hier angeführten sind.
57) Spec. civ. Grabow. A. Schw.
58) Bei der allgemeinen Leseunkenntnis war im Mittelalter mündliche Bekanntmachung in allen Dingen, die den Bürgern zur Kenntnis kommen sollten, der übliche Weg. Als z. B. die Ratsherren von Neurödel 1389 mit dem Kloster Dobbertin einen Vertrag schlossen, versprachen sie, sie wollten "ok desse vorscreuenen stucke een und alle witlik doen alle iar der meenheyt meenleken . . ., up dat hyrna nynerleye twydracht tuschen der stad und dem proueste unde syneme godes hus vorscreuen noed sy". (M.U.B. 21, 12089.)
59) Auch von Lübeck und Hamburg fehlen daher ältere Gesetzespublikationen dieser Art. Vgl. Frensdorff, Stadt= u. Gerichtsverfass., S. 164. Die Ribnitzer Bürgersprache von 1588 stellt die Erneuerung einer älteren dar, die uns nicht erhalten ist. Nicht anders, wie schon erwähnt, bei der Schweriner Bürgersprache von 1586.
60) Dies gilt vor allem für die Texte des 16. Jahrhunderts. In den jüngeren Bürgersprachen können die sicherheitspolizeilichen Anordnungen und die Bestimmungen, die den militärischen Schutz der Stadt bezweckten, in erster Linie aus dem Mittelalter herrühren.
61) M.U.B. 14, 8552.
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Fische zu verkaufen und den Bürgern allgemein, das Kloster aufzusuchen und sich dort eine Grabstätte zu wählen 62 ).

Diese Gesetzgebungsmacht des Rates findet ferner ihren Ausdruck in den Statuten, die er den Zünften der Stadt erteilte 63 ). Im Vergleich zu den bezeugten und besonders Ende des Mittelalters bestehenden 64 ) Zünften ist die Zahl der erhaltenen oder Quellenzeugnissen zufolge ausgestellten Zunftrollen allerdings nur gering 65 ). Wir erwähnten bereits, daß zwischen 1230-40 die Meister und Brüder der Fischerzunft in Parchim mit Bewilligung und nach Anordnung des Rates die älteste uns bekannte Zunftordnung aufrichteten 66 ). Sie wurde im Wortlaut von der Stadt Sternberg in der Brüderschaftsordnung der Schuster und Bäcker vom Januar 1306 67 ) und in der Amtsordnung der Schmiede von 1365 68 ) übernommen. 1306 September 8 erteilte der Rat zu Plau den dortigen Schlachtern 69 ) und 1307 Mai 6 den Fischern 70 ) eine Zunftordnung. Der Rat von Waren gab 1334 Mai 27 den Leinewebern 71 ) und 1472 den Fischern


62) Chroniken des Klosters Ribnitz, S. 26 f. u. 90 f.
63) So gewährte der Bischof Nikolaus von Schwerin dem Rat der Stadt Güstrow 1549, wie bisher "alle wonlike wilkore tuschen den Ampten und unsen borgeren to ewigen tyden tohebbende" (Städt. Urk. Bützow A. Schw).
64) Vgl. unten S. 233.
65) Daß der Rat im Mittelalter nicht für sämtliche Zünfte Amtsrollen ausgestellt hat, läßt sich zwar durch die geringe Anzahl der erhaltenen Zunftrollen noch nicht streng beweisen; denn zahlreiche Zunftordnungen sind sicher im Laufe der Zeit verloren gegangen. So ist der Amtsbrief, den nach der Aussage des Schusteramts von 1631 Nov. 15 (Spec. civ. Malchin, Schuster A. Schw.) der Malchiner Rat ihm 1379 erteilt haben soll, nicht erhalten, ebensowenig die Zunftrolle der Schneider und Gewandscherer zu Ribnitz von 1475, auf die sich das Amt 1573 April 1 beruft (spec. civ. Ribnitz, Schneider A. Schw.) oder das 1438 von "einem Erbaren Raht gehabte" Privileg des Hakenamts zu Güstrow (Generalia d. Zünfte, Verzeichn. der Ämter in Güstrow aus der Mitte des 17. Jh. A. Schw.). In der Rolle des Malchiner Hakenamts von 1500 heißt es ausdrücklich, der Rat wolle sie privilegieren "myt eneme vullen ampte unde rechte ghelik vo andere ampte unser stadt van unsen vorfarden unde uns zin beghavet" (Städt. Urk. Malchin A. Schw.). Dennoch müssen wir bei der geringen Zahl uns bekannter Amtsrollen annehmen, daß nicht alle Zünfte im M. A. nach solchen geschriebenen Statuten gelebt haben. - Dadurch ist jedoch die Möglichkeit einer Einflußnahme des Rats auf sie noch nicht ausgeschlossen.
66) Vgl. oben S. 38.
67) M.U.B. 5, 3061.
68) M.U.B. 25, 14577.
69) M.U.B. 5, 3108.
70) M.U.B. 5, 3164.
71) M.U.B. 8, 5525.
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eine Amtsrolle 72 ). 1463 stellte der Röbeler Rat den Wollwebern eine Zunftrolle aus 73 ). Der Malchiner Rat verlieh im Jahre 1500 dem Hakenamt Statuten 74 ).

Auf dem Gebiet der inneren städtischen Verwaltung übte schon im Mittelalter der Rat jene umfangreiche fürsorgliche Tätigkeit 75 ), deren Äußerungen am Ausgang des Mittelalters von der Landesherrschaft übernommen wurden und nun in den Polizeiverordnungen einen neuen Ausdruck erhielten.

b) Die Ordnung des städtischen Wirtschaftslebens.

Unter den zahlreichen Aufgaben, die dem Rat auf dem Gebiet der inneren Verwaltung oblagen, stellt die Ordnung des städtischen Wirtschaftslebens eine der wichtigsten dar. Die Bürgersprachen enthalten manche Anordnungen dieser Art. Vor allem in den Zunftordnungen traf der Rat eingehende wirtschaftliche Bestimmungen, die natürlich auch für das gesamte Wirtschaftsleben der Stadt von Belang waren.

Die wirtschaftliche Tätigkeit des Rates war in erster Linie Versorgungspolitik. Der Rat suchte zu diesem Zweck zunächst die ausreichende Belieferung mit Lebensmitteln und anderen unentbehrlichen Gütern sicherzustellen.

Die Städte gelangten schon früh in den Besitz von Fischereigerechtsamen, die sie dann später noch zu erweitern verstanden 76 ). Der Fischereibetrieb lag in den Händen der Fischerzünfte 77 ) oder eines einzelnen Pächters. Anderen Personen war das Fischen auf städtischen Gewässern dann meist verboten 78 ). Der Rat hatte es demnach in der Hand, durch die


72) über das Fischeramt in Waren vgl. Rostocker Zeitung Nr. 359 v. 5.8.1902.
73) Vgl. die Anlage Jb. 13, S. 351, Nr. 55.
74) Stadt. Urk. Malchin (A. Schw.).
75) Eine zusammenfassende Darstellung der Tätigkeit der deutschen Stadtgemeinden auf diesem Gebiet liefert W. Varges, Die Wohlfahrtspflege in den deutschen Städten des Mittelalters, Preuß. Jb., Bd. 81, 1895, S. 250 ff.
76) Vgl. M. U. 1, 319, § 13, 1, 449, § 26 u. 3, 1957. Man unterschied die piscatio maior von der piscatio minor (vgl. M.U.B. 4, 2153). Den Städten wurde nur letztere gewährt.
77) 1514 wurden Fischerzünfte erwähnt in Ribnitz, Waren, Krakow, Plau, Sternberg und Parchim (Jb. 57, S. 188, 230, 241, 248, 251 u. 257).
78) Vgl. § 6 der Parchimer Bürgersprache (Cleemann a. O. S. 158), ebenso § 32 der Ribnitzer Bürgersprache (v. Kamptz, 1, 2, S. 334). Die Konfirmationsurkunde der Ribnitzer Privilegien von 1455 enthält die Bestimmung, "dat nümandt binnen=offte butenman fischen mag, offte schall uppe der Stadt Watern offte ströme, edder Egendöhme, effte dar Vische vorköpen, effte vöhren, sünder des Raths vorben. willen" (Städt. Urk. Ribn. A. Schw.).
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Fischer oder den Pächter eine ausreichende Fischversorgung der Stadt zu erreichen. Nach der Plauer Fischerrolle von 1307 79 ) sollte jeder von den Fischern, der "van gunst wegen des eddeln herrn Niclawsen von Werlen und des rades der stadt Plawe" auf dem See fischen durfte, "alles, dat he fanget, die grothen mit den cleynen und die cleinen mit den grothen . . . thom marckede tho Plawe bringen und syne vische tho kope bieden . . . thor gnugsamkeit der inwaner und gesten". Wenn der Landesherr 1375 bei der Verleihung der Gewässer der Müritz an die Gebrüder Regendanz diese verpflichtet, "van desseme watere . . alle weken to twen tiden, alzo middeweken unde vridage, viske . . . to kope uppe deme markede to Rabel" zu bringen 80 ), so mag dahinter eine Abmachung mit der Stadt, die deren Fischversorgung zum Ziele hatte, stehen. Der Güstrower Rat machte es dem Pächter des Gutower Sees zur Bedingung, sämtliche von ihm gefangenen Fische auf den städtischen Markt zu bringen 81 ).

Die Deckung des städtischen Fleischbedarfs war gewerbemäßig Aufgabe der Schlachter, doch spielte die Selbstversorgung daneben eine große Rolle. Besonders in den kleinen Städten wird fast jeder Bürger sich selbst Vieh gehalten haben. Ihm stand dafür die städtische Weide und für die Schweinemast der Stadtwald zur Verfügung. Die Gemeinde hielt dann den Hirten 82 ); um eine Beschädigung der Felder auszuschließen, geboten die Schweriner und Güstrower Bürgersprache, daß jeder sein Vieh von dem Stadthirten treiben lassen sollte 83 ). In größeren Städten reichte jedoch das selbst aufgezogene Vieh nicht zur Bedarfsdeckung aus. Es trat hier die Einfuhr vom Lande hinzu. Der Rat suchte anscheinend dabei die Selbstversorgung zu fördern und den Zwischenhandel mit Fleisch durch die Schlachter zu hemmen 84 ).


79) M.U.B. 5, 3164.
80) M.U.B. 18, 10675.
81) Vgl. Punkt 9 der Pachtbestimmungen vom Anfang des 16. Jahrh. Prot. Buch Nr. 3, Fol. 3 b R. A. Gü., doch mit der Einschränkung: dem heuptmann (= Pächter) auf seinen tisch tzimliche speisze fische unbenommen.
82) Vgl. M.U. B. 1, 359, § 14.
83) Besser a. O. S. 271; Jesse a. O. S. 77, § 4.
84) Dem diente zweifellos die Bestimmung der Güstrower Bürgersprache: De knakenhower schälen an Marktdagen in de Stadt keen lebendig Veh kopen. (Besser a.a.O. S. 271). Das gleiche Ziel verfolgte der Rat in Rostock. R. Ahrens, Die Wohlfahrtspolitik des Rostocker Rats bis zum Ende des 15. Jahrh. (B. G. R. 15, 1926), S. 21.
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Ebenso wird die Versorgung der Stadtbewohner mit Brot der Aufsicht des Rats unterworfen gewesen sein. Als Beleg dessen vermag ich jedoch nur die Statuten des Bäckeramts in Woldegk, einer Stargardischen Landstadt, anzuführen 85 ).

Die Güstrower Bürgersprache untersagte ferner das Aufkaufen von Obst in der Stadt durch die "Appelhaken" 86 ), wahrscheinlich um hieran keinen Mangel entstehen zu lassen. Dem Malchiner Hakenamt gewährte der Rat in der Rolle von 1500 kein Handelsmonopol; "mitborgheren efte buten luden" war es vielmehr erlaubt, "in der kerckmisse unte to sunte Johans markede . . . dre vulle daghe lank solt effte zoltene ware uppe deme markede" zu verkaufen, auch durften die Bürger "durch dat gantze jar des Sonavendes allerley ghesolten ware veyle hebben van vro morghen an beth dat de zeiger twelve sleit uppe myddach", ferner durften Bürger und Gäste "des Sonavendes by punden botteren vorsellen up deme markede" 87 ). In Güstrow und Parchim übernahm der Rat durch Errichtung einer Salzbude 88 ), aus der dann von einem städtischen Beamten oder dem Pächter 89 ) an die Kleinhändler oder sonstigen Käufer die nötigen Mengen abgegeben wurden, die Sorge für das stete Vorhandensein eines dem Gemeindebedarf entsprechenden Salzvorrats 90 ).

Die ausreichende Belieferung war jedoch nur ein Teil der Versorgungspolitik. Daneben mußte das Bestreben treten, dem Kunden eine reelle Bedienung zu gewährleisten, die Sorge für die Güte der gelieferten Ware und für richtiges Maß und Gewicht. Wenn der Stadt Plau im Stadtrecht ein eigenes Scheffelmaß verliehen 91 ), wenn in Waren das Linnen "secundum consulum et civitatis mensuram" gewebt wurde 92 ), so kann man annehmen, daß dem Rat die Herstellung übereinstimmender Maße und Gewichte oblag. Außerdem geboten vieler=


85) Vgl. M.U.B. 13, 8088 (1355).
86) Besser a. O. S. 271.
87) Stadt. Urk. Malchin A. Schw.
88) Die Soltbude kommt in Güstrow seit 1535 im Ratseinkommenregister (1535-75 R. A. Gü. Abs. 2 E VIII, 1) vor. Für Parchim vgl. eine Eintragung des Parchimer Stadtbuchs, wonach i. J. 1538 ein Haus verlassen wird, "in der langen straten tussken Peter Mekelnborch und der Szolttbode belegen".
89) In Güstrow war die Salzbude an den "bodenknecht" verpachtet.
90) Nach dem Stadtrezeß v. 30. März 1630 will der Parchimer Rat, "da die Salzbuden früher gefallen, Vorsehung tun, daß am Salz kein Mangel erscheine." Spec. civ. Parchim Stadtrecht A. Schw. Im allgemeinen vgl. H. G. Gengler a. O. S. 201.
91) M.U.B. 1, 428.
92) M.U.B. 8, 5525.
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orts die Bürgersprachen, daß jedermann "echte Mathe, Schepel, Ellen, Gewichte und Lode" haben sollte 93 ).

Ebenso richtete der Rat sein Augenmerk auf die Güte der Erzeugnisse. Die Malchiner Bürgersprache schärfte ein: "Eyn islick schal geven vulle mathe, de bruwer scholen bruwen gudt ber unde de becken backen gudt broth" 94 ). Solche Forderungen, Qualitätsware in den Handel zu bringen, finden sich nicht nur in den meisten Bürgersprachen 95 ), sondern auch in den Zunftrollen 96 ).

Die Forderung der Güte und richtigen Gewichts mußte durch eine soziale Preispolitik ergänzt werden, die Versorgung der Stadt mußte zu vertretbaren Preisen geschehen. Das Krakower Stadtprivileg von 1365/75 enthielt die Anordnung, der Wademeister solle an bestimmten Tagen einen Korb Fische an diejenigen Personen, die der Rat bezeichnen würde, billiger verkaufen, "uppe dat de borger yn vißke thokopende nycht lyden mogen noth" 97 ). Nach einem Bericht der Stadt Parchim von 1589 setzte der Rat dort "jährlich den Kornkauf, Holzkauf und Bierkauf 98 ). Die Güstrower Bürgersprache verpflichtete die Bäcker, das Brot und die Brauer, das Bier "na Inkoop des Korns" zu berechnen 99 ), auch errichtete der Rat von sich aus Brot= und Fleischtaxen 100 ). Gehören diese Zeugnisse auch nicht mehr dem Mittelalter an, so erweisen andere, daß die städtische Behörde auch schon damals Preispolitik getrieben hat. In der Zunftordnung der Warener Leineweber von 1334 legte der Rat die Preise für die verschiedenen Arten und Breiten Leinewand fest 101 ). Der Malchiner Rat bestimmte in der Bürgersprache


93) So z. B. die Güstrower Bürgersprache, § 3 der Ribnitzer, § 4 der Neukalener, § 7 der Parchimer Bürgersprache (Besser a. O. S. 270, v. Kamptz, 1, 2, S. 332, Arch. f. Landeskde., Jg. 12, S. 555 u. Cleemann, Chronik, S. 158.
94) M.U.B. 24, 13728, Art. 14.
95) Für Schwerin vgl. oben S. 102, Anm. 53. Die älteste Parchimer Bürgersprache (aus dem 16. Jh.) ermahnt die Wollweber "ere Laken . . . vonn guder wulle 32 ellen die lenge 9 quarter die breide zu machen (vgl. Art. 7 der Urk. Nr. 163 R. A. Pa.).
96) In der Rolle des Malchiner Hakenamts von 1500 heißt es, die Haken "scholen hebben ware veyle straff= unde laster losz, dar mede ze ereme kopmanne könen nachdon" (Städt. Urk. Malch. A. Schw.). Die Artikel des Woldegker Bäckeramts v. 1355 enthalten genaue Angaben, wie das Weizenbrot beschaffen sein soll (M.U.B. 13, 8088).
97) Stadt. Urk. Krakow, A. Schw.
98) Codicillus, Ztschr. f. R. 10, S. 143.
99) Besser a. O. S. 271.
100) Vgl. Protokollbuch 1608 und 1611 (R. A. Gü). Mit der Aufstellung der Brottaxe waren 2 Ratsherren beauftragt.
101) M.U.B. 8, 5525.
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(um 1400) Maß und Preis des zum Dachdecken ja viel begehrten Rohrs 102 ).

Im allgemeinen Interesse war es schließlich verboten, jemand Waren durch Überbieten abspenstig zu machen: "Niemandt schall kopen, dar Ein ander hofft uppgedinget, by Brocke thein schilling" 103 ). Jeder sollte unmittelbar vom Händler kaufen können. Der "Vorkauf" war deshalb unter Strafe gestellt 104 ).

Die wirtschaftspolitische Tätigkeit des Rats sah ihr Ziel aber nicht allein in der Versorgung des städtischen Verbraucherkreises, als Gegengabe für die mancherlei Beschränkungen suchte er dem Handwerker und dem Händler sein festes Einkommen zu sichern. Die zuletzt angeführten Bestimmungen kamen auch dem einzelnen Handwerker zugute, wenn er sich mit Rohstoffen eindecken wollte. Wie der Rat über die Erteilung des Bürgerrechts entschied 105 ), so wird er auch die Aufnahmen in die Zunft kontrolliert und eventuell einer Überfüllung des Amtes vorgebeugt haben 106 ). Die Bürgersprachen verbieten im Interesse der städtischen Händler den Gästen, untereinander Handel zu treiben, und den Bürgern, mit den Fremden Kompagniegeschäfte einzugehen 107 ). Der Rat besaß ferner selber gewisse wirtschaftliche Vorrechte, die er in dem Wirtschaftsleben der Stadt zur Geltung brachte. Der Güstrower Rat hatte 1486 von den Landesherren das Monopol des Ausschankes von Wein und anderen ausländischen Getränken erhalten 108 ); er untersagte daher jedermann, diese Getränke feilzubieten 109 ).

In dem Erlaß von Verordnungen durfte sich jedoch diese Wirtschaftspolitik nicht erschöpfen. Es mußte auch für deren Durchführung und Einhaltung Sorge getragen werden.


102) Vgl. Art. 13 (M.U.B. 24, 13728).
103) § 9 der Schweriner Bürgersprache.
104) Über den Vorkauf und eine weitere Absicht, die man mit dessen Verbot verfolgte, vgl. unten S. 121.
105) Vgl. unten S. 186 f.
106) Wir besitzen allerdings nur aus Neubrandenburg, einer stargardischen Landstadt, einen Beleg dafür; in dem Schlachterprivileg von 1290 (M.U.B. 3, 2068) bestimmte der Rat, "quod plura macella in civitate nostra ammodo non edificentur. Item quod nullus comparet, aut acquirat officium, quod vulgariter dicitur vleschwerk, nisi aliqua macella per mortem alicuius aut, alio casu vacante."
107) Vgl. § 8 der Parchimer Bürgersprache: Schall gast mit gast nicht hanndelnn, ock kein Borger mit des frombdenn Penning kopen, by vorlust der waren (R. A. Pa. Urk. Nr. 163), ebenso nach der Güstrower Bürgersprache von 1561. (Bei Besser a.a.O. S. 269 sinnentstellend statt "Gastes Penning": gersten penning).
108) Städt. Urk. Gü., A. Schw.
109) Besser a. O. S. 270.
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Der Rat hatte das Recht, selbst oder gemeinsam mit dem Stadtrichter auf die Befolgung der wirtschaftspolitischen Anordnungen zu sehen 110 ). Eine wirksame Aufsicht war nur möglich, wenn der Handel sich vor der Öffentlichkeit abspielte. Der Vorkauf war deshalb verboten. Nach der Plauer Fischeramtsrolle von 1307 wurde Vorkauf mit 1 ß gebüßt 111 ), die Ribnitzer Bürgersprache von 1588 setzte auf ihn eine Strafe von 5 mr. 112 ). Alle Waren mußten auf den Markt gebracht und dort in den festgesetzten Marktzeiten feilgeboten werden. Die Zunftrolle des Malchiner Hakenamtes von 1500 bestimmte daher: "wyl wol van unsen mitborgheren soll efte ghesolten ware des Sonavendss veyle hebben, dat schall he to markede voren myt eneme waghene" 113 ). Ebenso geboten die Bürgersprachen, alles auf den öffentlichen Markt kommen zu lassen und nicht vor den Toren zu kaufen 114 ). Auf dem Markt hatte jedes Gewerbe seinen bestimmten Verkaufsplatz 115 ) und war daher leicht zu


110) Wenn der Wademeister in Krakow die Befolgung der angeführten Bestimmung versäumte, durfte der Rat mit Zustimmung des Vogtes seinen Wagen anhalten und pfänden. Über den Fischfang ohne Erlaubnis des Rates sollte die städtische Obrigkeit in Ribnitz selber "na lübschem rechte" richten (Städt. Urk. Krakow u. Ribn. A. Schw.).
111) M.U.B. 5, 3164.
112) v. Kamptz, 1, 2, S. 334.
113) Städt. Urk. Malchin A. Schw.
114) Vgl. die Bürgersprachen von Parchim (§ 23), und Schwerin (§ 8) (Cleemann a. O. S. 161, Jesse a. O. S. 77). Die Güstrower Bürgersprache bestimmt: "Niemand schall einigerlei Waaren unterhalf den Dören unde gesettende Palen kopen sundern up dem Markde." Das Verbot des Vorkaufs war nicht nur auf Herstellung der Öffentlichkeit, sondern auch gegen das Kaufen über den eigenen Bedarf hinaus in der Absicht, damit zu handeln, gerichtet. Diese letztere Bedeutung hatte das Wort Vorkauf wahrscheinlich in dem Artikel der Güstrower Bürgersprache: "niemand schall dem andern vorkop doenn". Bestand daneben doch die schon zitierte Bestimmung. (Über die verschiedenen Formen, in denen die Quellen den Vorkauf kennen, vgl. Gengler a. O. S. 174 ff. und Fr. Techen, Die Wismarer Bürgersprache, S. 180).
115) Vermutlich gehörten auch die Verkaufsstände in zahlreichen Städten dem Rat, der sie dann an die einzelnen Gewerbe vermietete. Der Malchiner Rat hatte nach Registern von 1585 ff. Pachteinnahmen aus der "Hakebude" und den "Brotscharren" (spec. civ. Malchin Stadtsachen, A. Schw.). In Parchim, wo fast sämtliche Marktstände Stadteigentum waren, behielt sich der Rat bei den Schustern für den Fall, daß er deren Stände durch Bauten verbessern ließ, das Recht vor, die von den Benutzern zu entrichtende Gebühr zu erhöhen (M.U.B. 16, 10129). Soweit die Gewerbetreibenden in Genossenschaften zusammengeschlossen waren, losten sie wohl häufig die einzelnen Plätze an denen ihnen obrigkeitlich zugewiesenen Verkaufsbänken unter sich aus. Die dafür an den Rat zu entrichtende Gebühr, das Latelgeld, begegnet im Parchimer Schoßregister von 1653 (R. A. Pa.). - Allerdings scheint in Parchim nach M.U.B. 16, 10129 ein Marktzwang z. T. nicht bestanden zu haben. Es heißt dort: "Item quilibet pistorum (  ...  )
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kontrollieren. Für rechtes Gewicht sorgte der Rat durch Aufstellung einer Stadtwage, auf der wahrscheinlich für größere Warenmengen Wägezwang bestand 116 ). Salz= und Honighandel waren in Parchim an die Benutzung des städtischen Salz= und Honigmaßes gebunden 117 ). Die städtische Wirtschaft beruhte zum wesentlichen Teil auf den Genossenschaften städtischer Gewerbetreibender. Auch die Art der Aufsicht des Rats über das Wirtschaftsleben hing daher in vieler Hinsicht von seinem Verhältnis zu den gewerblichen Genossenschaften ab.

c) Die Aufsicht über die gewerblichen Genossenschaften.

Im Mittelalter war den Zünften in mancher Hinsicht Selbständigkeit eingeräumt. So scheinen sie in ihren eigenen Angelegenheiten ein mehr oder weniger beschränktes Recht der Gesetzgebung besessen zu haben. In einer Willkür von 1372 118 ) einigten sich z. B. die Schweriner Wollweber über die Art der Besiegelung ihrer Tücher, sie stellten Bedingungen auf, an deren Erfüllung sie die Zulassung zu ihrem Amte knüpften; ferner bestimmten sie, daß wer dem anderen Vorkauf mit der Wolle täte, oder sonst einen seiner Mitbrüder übervorteilte, "in den broke na rade, lere und wisze unses amtes to Swerin" stehen sollte. Der Inhalt der Zunftrollen geht wohl z. T. auf die Beliebung der Zunft zurück 119 ). Auch war in ihnen meist nur, was im Augenblick notwendig erschien, geregelt und das übrige der Rechtsbildung in der Zunft und späterer Entscheidung vorbehalten.


(  ...  ) tenetur dare termino quolibet consulibus sex denarios sive in foro steterit sive in domo." Bei Schwerin bestand dieser Marktzwang nicht für die Schelfvorstadt, vgl. M.U.B. 3, 1766 (1284): Et qui scalam inhabitant, diem fori non habebunt per se, sed in foro civitatis necessaria comparabunt iure civium, . . .; alias autem inter se pre foribus et in domibus suis emere poterunt et vendere, sicut hactenus facere consueverunt.
116) Eine Wismarer Bürgersprache (von 1374) ordnete an, daß Waren über ein Lispfund auf der Ratswage gewogen werden mußten (M.U.B. 9, 6762). Ebenso herrschte wahrscheinlich in Rostock Wägezwang auf der Stadtwage (K. Ahrens, B.G.R. 15, S. 11). Unter den Landstädten wird während des M. A. eine Ratswage nur in Parchim und Malchin (vgl. die Notizen über Einnahmen "de libra" etwa 1482) genannt. In Parchim wurde "nach 1370" (vgl. M.U.B. 16, 10129) von jedem 10. "Stein" ein Obulus als Gebühr erhoben; der servus consulum entrichtete dem Rat jährlich 40 ß "de libra".
117) Vgl. M.U.B. 16, 10129.
118) M.U.B. 18, 10815.
119) Vgl. für Lübeck C. Wehrmann, Die älteren Lübeckischen Zunftrollen, 1864, S. 59.
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Außerdem hatten die Ämter eine - allerdings ebenfalls verschieden weitgehende - Befugnis der Selbstverwaltung. Sie waren vermögensfähig, bezogen Einkünfte und Renten 120 ), aus Gerichtsgefällen 121 ), aus den Aufnahmegeldern der Lehrlinge und Meister und aus Handelsgeschäften 122 ), und bestritten damit ihre Ausgaben für kirchliche Zwecke 123 ), für gemeinsame Betriebsmittel (z. B. Walkmühlen) 124 ), für Kriegsausrüstung 125 ) und die nicht unerheblichen Kosten der Gildefeste. Die Vermögensverwaltung war Sache der Zunftvorstände, die darüber in der Regel den Ämtern jährlich Rechenschaft abzulegen hatten 126 ). Auch scheinen diese sich im allgemeinen ihre Vorsteher, die Älterleute, Werk= und Gildemeister 127 ), frei gewählt zu haben 128 ). Deren Befugnisse stellten demnach zugleich Selbst=


120) Vgl. Jb. 57, S. 229, 264, 204.
121) Vgl. Jb. 57, S. 265.
122) So kauften die Schuhmacher in Crivitz, Laage und Sternberg nach Monnick gemeinsam rohe Häute, gerbten sie und verkauften se dann wieder; von dem Erlös des Leders bezahlten sie das Bier in der Pfingstgilde (vgl. Jb. 57, S. 253, 250 u. 181).
123) Vgl. Jb. 57, S. 231, 271, 309, 260.
124) Bei den Wollwebern in Grevesmühlen gab 1514 ein neuer Amtsmeister "7 gude mrk tho nottorfft der walckemolenn tho buwenn" (Jb. 57, S. 273).
125) Vgl. unten S. 145 f.
126) Vgl. z. B. Jb. 57, S. 198, 205, 248, 256, 273.
127) Die Gildemeister nahmen eine leitende Stellung eigentlich nur in Bezug auf die Gilden oder Feste der Zünfte ein. Doch ging ihre Bedeutung z. T. auch darüber hinaus. So besichtigen in Parchim bei den Schneidern die vier Amtsmeister und zwei Gildemeister das Werkstück (vgl. Jb. 57, S. 257). Fr. Techen hat schon bei Wismar und anderen Hansestädten darauf hingewiesen, "daß die Namen Werkmeister und Älterleute keineswegs unterschiedslos zur Bezeichnung der Vorsteher von Ämtern anzuwenden sind" (Jb. 55, S. 55, Anm. 1). Das trifft auch für die mecklenburgischen Landstädte zu. Auch hier standen bei den größeren Ämtern Werkmeister und Älterleute nebeneinander. Bei Monnick heißt es über die Plauer Schuhmacher: Die werckmeister, die dit ampt vor synnt, moeten denn olderluden reckenschop doenn (Jb. 57, S. 245). Die Schröder in Neustadt hatten zwei Älterleute und einen Werkmeister (Jb. 57, S. 259). Der Röbeler Rat einigte sich 1463 mit den "olderluden, werkmesteren, ghildemestern unde meynen kumpanen des wullenwerkes" über die Abfassung der Zunftrolle (vgl. Jb. 13, S. 351). Bei den Schmieden und Schrödern in Grevesmühlen werden Schaffer genannt (Jb. 57, S. 273; vermutlich = Werkmeister). Wie die Befugnisse der Werkmeister und Älterleute gegeneinander abgegrenzt waren, läßt sich nicht angeben. Nach Techen a. O. waren Einrichtung und Namengebung in Wismar stetem Wechsel unterworfen.
128) Die Röbeler Wollweber hatten nach dem Privileg von 1291 das Recht, sich ihre Werkmeister frei zu wählen (M.U.B. 3, 2102). Bei Monnick ist die Formel üblich: "Wenn eyner tho eynen nien werckmester (bzw. oldermann) gekarhen werdt . . ." (vgl. Jb. 57, S. 174, 176, 232 f., 261, 266). Die Wahlen fanden teils auf ein Jahr, teils auf Lebenszeit statt.
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verwaltungsrechte der Genossenschaft dar. Die Aufnahmebedingungen in ein Amt bestanden in der Hauptsache aus Verpflichtungen gegenüber dem Amt selber, wie: mehrmaliges Eschen des Amts, Vorlegung des Gesellenzeugnisses 129 ) und des Echtebriefs 130 ), Anfertigung eines Meisterstücks 131 ), Leistung der Werkkost und der Aufnahmegebühr. Das Amt hatte darüber zu entscheiden, ob sie als erfüllt anzusehen waren. So hatten bei den Malchiner Schuhmachern die "olderlude" Macht, jemandem, der ein schlechtes Meisterstück anfertigte, "thouorwyßennde, bet dat hie solcks lehret" 132 ). Wie sie hier auf die Güte des Werkstücks sahen, so scheinen die Amtsvorsteher auch über die Markterzeugnisse der Zunftgenossen die Warenschau geübt zu haben. Die Werkmeister des Röbeler Wollweberamts durften Anordnungen "de pannis eligendis et reiciendis" treffen 133 ). Die Zunftrolle der Plauer Schlachter von 1306 enthält den Satz: "Preterea si aliquis carnificum carnes suas vendiderit contra prohibitionem magistrum, 2 solidos vadiabit", die Amtsmeister hatten also das Recht, etwa wenn ein Überangebot herrschte oder falls Grund zur Beanstandung der Güte des Fleisches vorlag, den Fleischverkauf zu verbieten. Die Ämtersachen wurden in den jährlich ein bis viermal stattfindenden Morgensprachen oder in außerordentlichen Zusammenkünften verhandelt, die Leitung hatten hier die Amtsvorsteher 134 ). Die weiteren Rechte, welche die Zunft in Bezug auf die Regelung


129) Vorlegung des "dienstbrieffs" wird nach Monnick bei den Schmieden in Schwerin und Ribnitz, bei den Bäckern in Malchin und den Schuhmachern in Wittenburg gefordert (Jb. 57, S. 176, 187, 201, 269). Doch konnte diese Verpflichtung durch 1-2 Tonnen Bier abgelöst werden.
130) Den Geburtsbrief forderten nach Monnicks Aufzeichnung die Kürschner (als Verpflichtung der Lehrlinge) und Bäcker in Malchin und die Schröder in Waren (Jb. 57, S. 205, 201 u. 228). Schon früh bildeten sich in dieser Hinsicht feste Bedingungen heraus. Wer das Wollweberamt in Röbel gewinnen wollte, sollte "van unberuchteghen, erliken, framen luden uthgekamen wesen unde ghebaren van alle synen veer anen, de nicht wendes, nicht lynewefers, nicht pypers, nicht eghens synt ghewesen, szo syck dat behoret in en werk" (Jb. 13, S. 352, ähnlich die Malchiner Hakenrolle von 1500).
131) Dies wird 1514 bei zahlreichen Zünften verlangt (vgl. Jb. 57, S. 203/205, 226 f., 232, 255).
132) Vgl. Jb. 57, S. 204. Bei den Schuhmachern in Röbel heißt es: Darnha leht hie die schoe dem gantzenn ampte beßehenn (Jb. 57, S. 231).
133) M.U.B. 3, 2102; gemäß der Plauer Fischerrolle von 1307 konnten die Amtsmeister jedem Händler verbieten, tote Fische zu verkaufen (M.U.B. 5, 3164).
134) Die Statuten des Fischeramts zu Parchim verboten, daß jemand in conventu fratrum contra magistros fraternitatis insurrexerit (M.U.B. 1, 284).
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der eigenen Angelegenheiten besaß, ergeben sich aus der ihr zustehenden Gerichtsbarkeit.

Der Warener Rat sprach 1334 den Vorstehern der Leineweber das Recht zu, bei Verstößen gegen die Ordnung in der Zunft Strafen bis zu 1ß zu verhängen 135 ). Auch in der Plauer Schlachterrolle von 1306 ist von dem iudicium der magistri carnificum, in der Fischerrolle von 1307 von dem "gerichte der meister" die Rede, denen die Zunftmitglieder zu gehorchen hatten. Zwar enthalten beide Privilegien keine Angabe, auf welche Fälle und wie weit sich die richterliche Kompetenz der Amtsvorsteher erstreckte, doch kann man nach dem Inhalt dieser Zunftrollen wie der Statuten der Fischerbrüderschaft zu Parchim vermuten, daß die Amtsmeister in Plau und die Fischer in Parchim nicht nur eine gewerbegerichtliche Zuständigkeit besaßen, sondern auch über sonstiges ordnungswidriges Verhalten 136 ): Unmäßigkeit im Trinken, Beleidigungen, Diebstahl unter Zunftmitgliedern, ferner Mißhandlungen, anscheinend sogar über Verletzungen bis zu blut und blau 137 ) zu urteilen hatten.

Über allen diesen Rechten der Zünfte erhob sich jedoch die übergeordnete Gewalt des Rates. Diese Überordnung hat auch in den städtischen Privilegien Ausdruck gefunden. Man denke an das Gericht der "cives" über die Vergehen der Bäcker, Schlachter und Krüger im Gadebuscher Recht von 1225, an die Überordnung des vom Rat in Konkurrenz mit der Bürgerschaft ernannten magister civium im Schwerin=Güstrower Recht. Laut der Bestätigungsurkunde der Krakower Stadtprivilegien von 1365-75 sollte der Krakower Rat "alle ampte" haben "na stedeliker wyse und wylkor".

Die Verfassung der Ämter war wie die Vergabung des Zunftzwanges 138 ) vom obrigkeitlichen Willen abhängig. Die Ämter legten dem Rat ihre Beliebungen zur Bestätigung vor und


135) M.U.B. 8, 5525.
136) Dafür, daß diese Vergehen von dem Amt selber abgeurteilt wurden, spricht u. a., daß in vielen Fällen als höchste Strafe der Zunftausschluß angeordnet ist, der doch als typische Disziplinarstrafe der Zunft gelten muß. Auch fallen die Strafen zum größeren Teil oder ganz an die Zunft.
137) Zwar bezog sich in Lübeck die Selbstgerichtsbarkeit der Zünfte nicht auf "blau und bloet" (vgl. Frensdorff, Hans. G. Bll. 1907, S. 13), ebensowenig wie z. B. das Amt der Kannen= und Grapengießer zu Wismar das Gericht über "blud und blaw unde stekene wunden" hatte (M.U.B. 23, 11889 n). Doch zugunsten unserer Auffassung spricht daß in der Plauer Schlachterrolle sich die Zuweisung von 2/3 der auferlegten Bußen an die Zunft zweifellos auch auf Verletzungen "ad effusionem sanguinis" bezieht.
138) Vgl. oben S. 38 f.
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erblickten in ihr die Voraussetzung für deren Gesetzeskraft 139 ). An den Rat wandten sie sich mit der Bitte um Erteilung von Statuten und Privilegien 140 ). Zwar beriet der Rat die Artikel der Rolle mit dem Amt und berücksichtigte auch evtl. schon bestehendes Gewohnheitsrecht, doch konnte er hierbei seine eigenen wirtschaftlichen Interessen und die der Stadt zur Geltung bringen.

Da ein neues Zunftmitglied an den Rat das Innungsgeld zu entrichten hatte, darf man annehmen, daß der Rat bei dessen Aufnahme ins Amt mitzuwirken hatte 141 ).

Wie die Selbstgerichtsbarkeit der Zünfte mit der Erteilung der Zunftrollen vom Rat verliehen war, so lehnte sie sich auch an ihn als die übergeordnete und entscheidende Instanz an. Wenn in Plau die Handwerker den Anordnungen der Ältermänner nicht gehorchten, griff der Rat richtend ein 142 ). Ebenso lieh er in Malchin den Haken seine obrigkeitliche Gewalt, wenn jemand zum Nachteil des Amts den Bestimmungen der Rolle zuwider handelte und "de haken wolde wrevelik entzitten" 143 ).

Überhaupt unterlag das Zunftwesen der Oberaufsicht des Rats. Wenn auch die Warenprüfung in der Regel Sache der Zunft war, so suchte der Rat doch deren gewissenhafte Durchführung häufig dadurch zu sichern, daß er die mit der Prüfung beauftragten Amtsvorsteher in Eid nahm 144 ). Durch diese


139) In der Parchimer Fischerrolle (M.U.B. 1, 384) heißt es: Noverit unusquisque, quod hoc institutum ab universitate consulum probatum et inventum et consensu eorundem omnium huic fraternitati datum debet ab unoquoque confratre invioliabiliter observari.
140) So beginnt die Plauer Fischerrolle von 1307 (M.U.B. 5, 3164): "Wy burgermeister und radtmanne der stadt Plaw . . . hebben . . . ehrer (sc. der Fischer) bede bevolbordet . . . und eher en sonderlick recht und eindracht geuen vormiddelst disser iegenwartigen schrift . . ." Ähnlich lauten die Eingangsworte der Plauer Schlachterrolle von 1306 (M.U.B. 5, 3108). Vgl. ferner die Wendung der Warener Leinweberrolle v. 1334 (M.U.B. 8, 5525): Hinc est, quod cum maturi deliberatione consilie linteorum textoribus ad petitiones eorundem quandam iustitiam contulimus et in presentibus perpetualiter in hunc modum conferimus, ut . . ."
141) Bei den Schuhmachern in Schwerin wurde der Echtebrief des Bewerbers "vor dem rade unde ampte" gelesen und der Handwerker erst danach "in dath ampt gestedet" Jb. 57, S. 176. Ein solcher enger Zusammenhang zwischen den Ämtern und der Obrigkeit zeigt sich ferner - nicht nur in den kleinen Städten - in der Teilnahme des Rats oder der Bürgermeister an der Werkkost (vgl. Jb. 57, S. 174, 180 f., 184, 186, 263) und an der Besichtigung des Meisterstücks (vgl. Jb. 57, S. 269).
142) Vgl. oben S. 38.
143) Vgl. die Hakenamtsrolle von 1500.
144) In Schwerin wurden nach der Aufzeichnung der Ortsgebräuche v. 1513 die Werkmeister des Bäckeramts vom Rat vereidigt (Jb. 57, S. 175). Ebenso in Rostock, vgl. R. Ahrens B. G. R. 15, S. 18 f. Dies wird man auch für das Schuhmacheramt in Schwerin annehmen müssen, da (  ...  )
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Vereidigung verwandelten sie sich gewissermaßen aus Organen der Zunft zu Unterbeamten der Ratsobrigkeit im Gewerbewesen.

Die Teilnahme von Ratsmitgliedern an den Morgensprachen, in denen am besten eine Kontrolle der Zunftautonomie möglich war, ist jedoch nur hier und da bezeugt. Das lübische Recht verlieh dem Rat zwar die Befugnis, zwei seiner Mitglieder in die Morgensprache der Zunft zur Überwachung der Versammlung und ihrer Beschlüsse zu senden 145 ). In den mecklenburgischen Städten mit lübischem Recht läßt sich die gleiche Praxis aber lediglich für Wismar 146 ) und Rostock 147 ) belegen, es bleibt also zweifelhaft, ob der Rat auch in den übrigen Städten die Morgensprache überwachte 148 ). Ebenso fehlt für Parchim und seine Tochterstädte in dieser Hinsicht ein Quellenzeugnis. Was die Städte Schwerin=Güstrower Rechts betrifft, so begegnet in Schwerin bei den Schuhmachern ein Ratsgeschworener 149 ) und waren den Ämtern in Güstrow Hauptleute aus dem Rat zugeordnet 150 ), während in Güstrower Tochterstädten von einer Teilnahme des Rats an den von den Älterleuten abgehaltenen Morgensprachen nichts erwähnt wird. Unter den Städten, die kein besonderes Stadtrecht hatten oder deren Stadtrecht unbekannt ist, wissen wir nur von Laage, daß bei den Knochenhauern einer "uth dem rade . . . inn dat ampt plecht tho gaenn thor morgenspraecke" 151 ). Man muß demnach


(  ...  ) deren 6 Werkmeister als "swarenn" bezeichnet werden (Jb. 57, S. 176). doch wurden die Amtsmeister nicht überall durch den Rat vereidigt. Denn die Städte Güstrow und Neubrandenburg schlagen 1513 anläßlich der geplanten Polizeiordnung vor, daß die Ämter jeder Stadt "gezworen olderlude umme vormydinge zwarer terynge gelick andern stedern, mögen hebben" (Jb. 57, S. 153).
145) Frensdorff, Hans. G. Bll. 13, S. 11.
146) 1345 verbieten die Wismarer Ratsherren den Ämtern, ihre Morgensprachen ohne Abgesandte des Rats zu halten (M.U.B. 9, 6531;
vgl. auch Techen, Hans. GBll. 1909, S. 511).
147) M.U.B. 24, 13734.
148) Daß die Gewohnheit der Mutterstadt übernommen wurde, ist nicht ohne weiteres anzunehmen.
149) Vgl. Jb. 57, S. 176.
150) Vgl. Jb. 57, S. 235 ff. Krüger, Jb. 97, S. 75. Von den acht Zünften in Güstrow wird nur bei dem Haken= und dem Knochenhaueramt nicht die Anwesenheit von "des amts hovetman uth deme rade" erwähnt. Beschlüsse der Ämter waren an die Zustimmung des Hauptmannes aus dem Rat gebunden; so beschließen die Kürschner 1540 eine neue Satzung über Aufnahme in ihr Amt und das Verhalten beim Gildefest; vgl. fol 3 b u. 5 b. ihres von 1527-1651 reichenden Protokollbuchs (R. A. Gü.).
151) Jb. 57, S. 182. Auch in der Stadt Neubrandenburg, die Brandenburger Recht hatte, sollten Zunftzusammenkünfte nur unter Anwesenheit von zwei Ratsherren stattfinden. Vgl. M.U.B. 3, 2068 (1290).
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vermuten, daß die Morgensprachen der Handwerker nicht in allen Städten einer strengen Aufsicht durch den Rat unterworfen waren 152 ).

d) Die Wohlfahrtspflege im engeren Sinn.

Mit der Wohlfahrtspflege betreten wir ein Gebiet, in dem sich die Tätigkeit der Kirche und der Stadt begegnet und kreuzt.

Die Schulen waren im Mittelalter in der Regel kirchliche Anstalten, doch sahen wir bereits, daß einige Landstädte ein Schulpatronat in Anspruch nahmen 153 ).

Über die Ordnung des Gesundheitswesens in den mecklenburgischen Landstädten wissen wir nur wenig.

Badestuben begegnen in mehreren Landstädten. Das Eigentum daran hatte teils die Stadt, teils eine Privatperson. Die 1337 in Schwerin genannte Badstube war städtisches Eigentum 154 ), ebenso gehörten die in Güstrow erwähnten zwei Badstuben, der "Steinstaven" 155 ) und der "Mollenstauen" 156 ), Anfang des 16. Jahrhunderts der Stadt 157 ). Auch Malchin hatte ein städtisches Bad, das an den "balneator" verpachtet wurde. 1481 ließ der Rat die "stuba" neu herrichten 158 ). In Parchim gab es anscheinend dagegen, den Verhältnissen in Rostock antsprechend 159 ), keine städtischen Bäder, da die Besitzer der im 14. Jahrhundert im Stadtbuch aufgeführten Badstuben selbständig über sie verfügen 160 ). Die 1327 in Boizenburg vorkommende Badstube stand im Privatbesitz eines Ratsherrn und


152) Allerdings ist zu diesem Ergebnis einschränkend zu bemerken, daß uns als Quelle ausschließlich die Berichte Monnicks zur Verfügung stehen, die nicht immer sämtliche Gewohnheiten des Zunftlebens genau verzeichnen.
153) Vgl. oben S. 94.
154) Der Rat verkaufte damals "partem stupe nostre in Zuerin" (M.U.B. 9, 5763).
155) Diese Badstube kommt zum erstenmal 1385 vor (M.U.B. 20, 11643). 1419 wird die "Badstoverstrate" genannt (Dipl. Gustr. S. 157).
156) 1426 wird der St. Georgsbrüderschaft zu Güstrow eine Rente verkauft aus einem Haus "ante valuam molendinorum iuxta stubam (!) vulgariter den molenstauen" (vgl. Rechnungsbuch der Georgsbrüderschaft, Registrum protocollorum fraternitatis R. A. Gü. Urk. Schrank).
157) Nach dem Einkommenreg. v. 1535 ff. (R. A. Gü. Abt. 2) zahlten Stein= u. Mollenstaven jährlich 8 fl. Pacht an den Rat.
158) Vgl. Malchiner Haushaltsbuch.
159) Vgl. R. Ahrens, B. G. R. 15, S. 44.
160) Vgl. M.U.B. 13, 7442 nebst Anm.
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nach dessen Tode seiner Tochter 161 ). Bei einer Badstube in Goldberg ist der Eigentümer zweifelhaft 162 ).

Die Wasserversorgung erfolgte in den Landstädten während des Mittelalters wohl nicht selten noch in der primitiven Form, daß die Bürger sich ihren Bedarf aus den der Stadt benachbarten fließenden Gewässern schöpften 163 ). Der Rat wird es in diesem Fall nicht völlig an Vorkehrung zur Erhaltung ihrer Sauberkeit haben fehlen lassen 164 ).

Die Zahl der Brunnen ist bei dem Stande der mittelalterlichen Technik wohl nur gering gewesen. Eine erhebliche Bedeutung hatten die öffentlichen Brunnen, die eine größere Zahl von Haushaltungen, meist die einer ganzen Straße, mit Wasser versorgten. Wir erfahren von ihnen vor allem dadurch, daß man sie bei Stadtbucheintragungen zur Lagebezeichnung verwandte. So setzt jemand 1432 in Neubukow sein Wohnhaus, "dat hornehus (Eckhaus) teghen deme zode", zum Pfande 165 ). Ähnlich läßt eine Aufzeichnung im Parchimer Stadtbuch darauf schließen, daß in Parchim öffentliche Brunnen bestanden 166 ); doch erwähnt hier das Stadtbuch daneben vier Brunnen im Privateigentum 167 ). Eine Wasserleitung hat im Mittelalter keine Landstadt besessen 168 ).

Die öffentlichen Brunnen wurden wahrscheinlich nicht aus städtischen Mitteln, sondern von den Interessenten unterhalten. In Güstrow gab es 1536 in jedem Tor einen von dem betreffen=


161) M.U.B. 25, 14045.
162) Zwar verpfändet ein Gerhard Distelow Hebungen aus ihr, er bezeichnet sie aber als "stupa opidi" (M.U.B. 8, 5167).
163) So beschwert sich 1538 der Herzog bei dem Güstrower Rat, daß das Wasser hinter dem Schloß - der Stadtgraben führte auch um das Schloß - "daraus wir auch teglichs kochen, Brauwen und Backen lasszen müssen, gantz unfletigk und vol schleymes und dreckes worden ist" (R. A. Gü. Abt. 2 I 1 a).
164) Das Güstrower Kämmereiregister von 1518/19 enthält z. B. zweimal Ausgaben, "alsze de Radt de graven szüvern leth" (R. A. Gü. Abt. 2).
165) Vgl. Neubukower Stadtb. fol. 15 a A. Schw.
166) M.U.B. 14, 8187 n.: N. N. obligavit domum suam in opposito putei.
167) M.U.B. 13, 8170 (mit Nutzungsrecht der Nachbarn).
168) Rostock hatte schon in der ersten Hälfte des 15. Jh. Borne angelegt, denen vor der Stadt befindliche Teiche durch Röhren Wasser zuführten (Ahrens a.a.O. S. 42 f.). Auch Kiel hatte bereits im M. A. eine Wasserleitung (Th. Klüver, Beitr. z. Gesch. d. Gemeindeorganismus in Kiel, S. 40). Am Eingang des 16. Jhs. versah sich jedoch Güstrow ebenfalls mit einer Wasserleitung. Bereits die Kämmereiregister v. 1521-23 enthalten Lohnzahlungen an den "Pipenlegger".
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den Stadtviertel in baulichem Stand zu haltenden Sod 169 ). Bei Parchim ist zu vermuten, daß die Verpflichtung der Kaveln 170 ) zur Erhaltung der Brunnen, wie sie Cordes im Jahre 1670 in seiner Chronik erwähnt 171 ) und wie sie bis in die jüngste Vergangenheit in Parchim anzutreffen war 172 ), auch schon während des Mittelalters bestand 173 ). Diese selbstverwaltende Tätigkeit der Bürgerschaft stand aber zweifellos unter der Aufsicht des Rats. Auch über die in der Stadt befindlichen Privatbrunnen hat der Rat wegen ihrer Bedeutung für die Allgemeinheit Aufsicht geführt. So schärfte die Ribnitzer Bürgersprache von 1588 jedem die Reinhaltung seines Sods ein 174 ).

Bei der Kleinheit der meisten mecklenburgischen Städte ist es verständlich, wenn uns in ihnen im Mittelalter kein städtischer Arzt begegnet. Z. T. werden die Geistlichen ärztliche Tätigkeit ausgeübt haben, nur aus Parchim hören wir 1441 von einem "mester Hinrich de arste" 175 ). In Schwerin, Bützow und Güstrow hielten sich der Bischof bzw. der Herzog Ärzte 176 ).

Die Fürsorge für Arme und Kranke konzentrierte sich während des Mittelalters im wesentlichen in den Hospitälern. Fast in jeder mecklenburgischen Landstadt lassen sich ein oder mehrere Hospitäler nachweisen 177 ). In der Regel beherbergten die bedeutenderen der Landstädte ein Haus zum Heiligen Geist und


169) Der Rat verlangt 1536 (R. A. Gü. Abt. 2 G III a 1), daß "die verendele ider den ßott in seinem dhore wie alwegen gescheen und gewonlick in besserung halten." Vielleicht waren mit dieser Aufgabe die Sodherren betraut (vgl. unten S. 228, Anm. 879).
170) Die Stadt zerfiel in 24 Unterabteilungen, die Kaveln, darüber unten S. 229 f.
171) Bei Cleemann, Chronik, S. 44.
172) Vgl. J. Heussi, Beschreib, u. Statistik der Vorderstadt Parchim. S. A. aus d. Arch. f. Landeskde. 1859, S. 12.
173) Den ältesten Hinweis auf die Einrichtung der Kavelbrunnen stellt m. W. eine Eintragung von 1534 im Parchimer Stadtbuch dar, in der jemand eine Scheune verläßt "twischen Bernd Trostes woeste stede unn dehm sode up dehm Sassenhagen belegen" (R. A. Pa. 2. Stadtb.). Sassenhagen ist der Name für eine der Kaveln. Er kommt in dieser Bedeutung schon 1540 vor.
174) Vgl. § 37 der Bürgersprache: Ein iewelick schal sinen Sot holden reine und fertig" (v. Kamptz 1, 2, S. 334).
175) Vgl. Cleemann, Urk. A. Schw. S. 440 (Notiz im Parch. Stadtb.). Bei G. Willgeroth, Die meckl. Ärzte von den ältesten Zeiten bis z. Gegenw., Schwerin 1929, S. 188, hebt die Ärzteliste Parchims erst mit dem 1618 verstorbenen Stadtphysikus D. Jageteufel an.
176) G. Willgeroth a.a.O. S. 20, 188 u. 351. Z. T. waren diese Ärzte im Hauptberuf Geistliche (a.a.O. S. 351 Anm. 1).
177) Selbst in kleinen Städten wie Sülze oder Laage bestand ein Hospital (M.U.B. 8, 5644) bzw. eine St. Georgskapelle (M.U.B. 15, 10082).
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ein St. Georgshospital 178 ). Doch waren die Verhältnisse z. T. auch andere. In Parchim bestand neben dem Heiligen Geisthaus eine Nikolai=Kapelle 179 ). Grevesmühlen 180 ) und Gnoien 181 ) kannten kein Heiligen=Geisthaus, sondern nur ein St. Georg= und ein St. Nikolaus=Hospital.

An Gründungsurkunden von Hospitälern kenne ich nur eine, über die Errichtung des Heiligen Geisthauses zu Grabow im Jahre 1339 182 ). In der Regel setzen die Urkunden, durch die wir von ihnen hören, ihr Bestehen voraus. Solche Zeugnisse sind bereits seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts vorhanden. Das Heiligen Geisthaus kommt in Parchim zum ersten Male 1265 vor 183 ), in Schwerin 1283 184 ), in Ribnitz 1295 185 ), in Röbel 1298 186 ), in Güstrow 1308 187 ). "Um 1283" werden St. Georgen= und St. Nikolaus=Hospital in Grevesmühlen 188 ), 1286 das St. Georgs=Hospital zu Bützow 189 ), 1288 das zu Sternberg 190 ), zwischen 1288 und 1291 das zu Schwerin 191 ), 1298 die Nikolai=Kapelle bei Parchim 192 ) und das St. Georgshospital bei Plau 193 ), 1313 das Hospital in Güstrow 194 ) genannt 195 ).


178) Das gilt von Güstrow, Schwerin, Sternberg, Plau und Röbel. Der Ausdruck "hospitale" scheint in diesen Städten während des M. A. nur für das St. Georgshospital verwandt worden zu sein, da er oft ohne jegliche nähere Bezeichnung auftritt und dem Heiligen Geist entgegengestellt wird. Vgl. M.U.B. 3, 2045: "Item hospitalibus . . . Gneves. molen et Zwerin et ibidem sancto Spiritui". Vgl. auch M.U.B. 3, 1952. Ähnlich war der Sprachgebrauch in Wismar (Fr. Techen, Das Haus zum Hl. Geist zu Wismar, Jb. 91, 1927, S. 156 Anm. 7). - M.U.B. 4, 2532 kann dagegen nicht angeführt werden, da die Urkunde in Rom ausgestellt ist.
179) Vgl. M.U.B. 3, 1850 u. 4, 2521.
180) M.U.B. 3, 1706, 1952, 2045.
181) M.U.B. 10, 7084.
182) M.U.B. 9, 5938.
183) M.U.B. 2, 1048.
184) M.U.B. 3, 1672.
185) M.U.B. 3, 2311.
186) M.U.B. 4, 2486.
187) M.U.B. 5, 3211.
188) M.U.B. 3, 1706.
189) M.U.B. 3, 1842.
190) M.U.B. 3, 1952.
191) M.U.B. 3, 2045.
192) M.U.B. 4, 2521.
193) M.U.B. 4, 2584.
194) M.U.B. 6, 3597. Die Angabe K. Krügers, Verfassungsgesch. d. Stadt Güstrow, Jb. 97, S. 76, der St. Jürgen werde erst 1343 erwähnt, ist irrig, da das 1313 genannte Hospital mit ihm identisch ist.
195) Die von F. Meffert, Caritas und Krankenwesen bis zum Ausgang des Mittelalters, Freiburg i. Br. 1927, S. 237 gebrachte Tabelle besteht, was Mecklenburg angeht, nur aus fehlerhaften Angaben.
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Das Heiligen Geisthaus war allgemein Armen und Kranken zu helfen bestimmt 196 ), während der St. Jürgen als Unterkunft für die Aussätzigen diente, wegen der Ansteckungsgefahr des Aussatzes lag dies Hospital deshalb im Gegensatz zum Heiligen Geisthaus außerhalb der Stadt 197 ). neben diesen Hospitälern werden in Malchin 198 ) und Parchim 199 ) noch eine Reihe kleinerer Armenhäuser genannt.

Das Spitalwesen erlebte im Laufe des Mittelalters in allen Städten eine weitgehende Verbürgerlichung. Zwar erhielt sich "die kirchliche Struktur des Spitals . . . das ganze Mittelalter unbestritten und unangezweifelt" 200 ), aber mit der Entwicklung der Städte zu politischen Körperschaften trat fast überall in den "Leitungskräften und der Ausgestaltung des inneren Betriebes" eine völlige Kommunalisierung ein 201 ).


196) Das Heiligen=Geisthaus zu Güstrow diente zur Erquickung der Armen, qui in plateis deferuntur ad eandem (M.U.B. 9, 6493 u. 6241). Ähnlich das Hl. Geisthaus in Ribnitz (M.U.B. 4, 2532 v. J. 1299) und Grevesmühlen (M.U.B. 8, 5129 v. J. 1330). Die nach diesen Urkunden anzunehmende weitgehende Armen= und Krankenpflege wurde mit der Zeit jedoch völlig verdrängt durch das Pfründensystem, d. h. die Institution des Einkaufs in das Hospital auf Lebenszeit. Schon 1312 kauft sich ein Parchimer Bürger in das Hl. Geisthaus ein (M.U.B. 5, 3524), ebenso 1331/32 ein Bürger in das Hl Geisthaus zu Malchin (M.U.B. 8, 5273). Vgl. ferner für Wismar Techen Jb. 91, S. 158, für Lüneburg E. Zechlin, Lüneburgs Hospitäler im Mittelalter, Diss. Berlin 1907 S. 24.
197) Vgl. für Güstrow M.U.B. 6, 3597, für Schwerin M.U.B. 10, 6952. Ebenso war die St. Nikolaikapelle in Parchim für die Aussätzigen bestimmt (M.U.B. 4, 2521): "Apud leproses in capella beati Nicholay extra civitatem", später wohnten dort jedoch Arme (M.U.B. 13, 7444; 19, 11219). Diese Entwicklung zum Armen= u. Altersheim machten übrigens auch die St. Georgshospitäler nach dem Erlöschen des Aussatzes durch. 1404 wird ein Wohltäter des St. Georgspitals zu Güstrow als laicus prebendarius in curia sancti Georgii bezeichnet (Dipl. Gustr. S. 155).
198) Vgl. Cleemann, Chronik, S. 336.
199) 1338 errichtete der Ratsherr Gerlach Dempzin ein edificium lapideum für 12 Arme (M.U.B. 9, 5847).
200) Vgl. S. Reicke, Das deutsche Spital und sein Recht im Mittelalter, Kirchenrechtl. Abhandl. hg. v. U. Stutz, Hft. 111/114, 1932, Teil 2, S. 287; vgl. auch Teil 1, S. 198 ff. Den ununterbrochenen Zusammenhang der Wohltätigkeitsanstalten mit der Kirche betont auch H. Gürsching, Evangel. Hospitäler, Studien z. Rechtsgesch. der vereinigten Wohltätigkeitsstift. Memmingen 1930, S. 117 ff., 136 ff. u. 216 f.
201) Vgl. bes. S. Reicke a.a.O. S. 196/277. Auch G. Uhlhorn, Die christl. Liebestätigkeit im Mittelalter, S. 206 ff. u. 450 ff.; J. Hashagen, Staat u. Kirche vor der Reformation, Essen 1931, S. 406 f.; H. Roeseler, Die Wohlfahrtspflege d. Stadt Göttingen i. 14. u. 15. Jh. Diss. Freiburg i. Br. 1917, S. 69 ff. u. 73 ff.; E. Zechlin, Lüneburgs Hospitäler im Mittelalter, S. 14 f.
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Beides, die Bewahrung des kirchlichen Charakters 202 ), wie, was für uns wichtiger ist, die Übernahme der Anstaltsleitung durch die Stadt und ihre Organe läßt sich auch bei unseren Städten beobachten. Allerdings wissen wir bei dem Fehlen von Stiftungsurkunden nicht, auf wessen Initiative hier die Errichtung der Spitäler zurückgeht. Vermutlich ist jedoch schon daran das Bürgertum hervorragend beteiligt gewesen. Ging doch die Gründung des Heiligen Geisthauses in Grabow von einem Grabower Bürger aus 203 ). Sicher leiteten sich die Einkünfte der Spitäler zum großen Teil aus bürgerlichen Zuwendungen her. Der Güstrower Ratsherr Jakob Wörpel ließ vor 1342 das Heiligen Geisthaus zu Güstrow aus Steinen aufbauen und stattete es mit reichen Mitteln aus 204 ). Der Malchiner Ratmann Gerlach Dempzin schenkte 1338 den Armen im Heiligen Geist eine Badestube zu Seelbädern und das nötige Holz zur Feuerung 205 ). Die Zahl einfacher Rentenstiftungen durch Bürger ist beträchtlich 206 ). Solche Aufwendung eigener Mittel zur Errichtung und Erhaltung der Spitäler und die allgemeine Richtung der Zeit mögen der Bürgerschaft den Rechtsgrund ihres Eindringens in das vorher von der Kirche beherrschte Spitalwesen geliefert haben. Von einer geistlich=weltlichen Mischverwaltung hören wir nur aus Röbel. Dort wurde 1298 das Heiligen Geisthaus unter die gemeinsame Verwaltung des Archidiakons und des Rates gestellt 207 ). in allen übrigen Fällen zeigte sich eine unbeschränkte Spitalherrschaft der Stadtgemeinde. Betreffend 5 den Armen in St. Jürgen zu Plau geschenkten Hufen bestimmte 1298 der Schweriner Bischof, daß "der Rat zu Plau den Armen zum Besten solchen Hufen zu ewigen Zeiten vorstehen" sollte 208 ). Herzog Albrecht von Mecklenburg vereignet 1360 Landbesitz, der zum Unterhalt der Armen im Heiligen Geisthof zu Gadebusch bestimmt war, dem dortigen Rat 209 ). 14 Hufen zu Pastin, deren Einkünfte der Sternberger Nikolaus Wamekow dem Heiligen Geisthaus in Sternberg zuwenden will, verleiht Herzog Johann von Meck=


202) Auch mecklenburgische Hospitäler besaßen Asylrecht, Friedhofsrecht und Anstaltsseelsorge. Vgl. M.U.B. 14, 8426 (Hl. Geisthaus in Ribnitz). Die Parchimer Konsuln sprechen 1329 von der potestas ecclesiastica, videlicet domus sancti Spiritus in Parchim (M.U.B. 8, 5040).
203) M.U.B. 9, 5938.
204) M.U.B. 9, 6241.
205) M.U.B. 9, 5847.
206) M.U.B. 4, 2486; 5, 3524; 10, 6946; 19, 11219, S. 436.
207) M.U.B. 4, 2486.
208) M.U.B. 4, 2485.
209) M.U.B. 14, 8760.
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lenburg 1359 "viris prudentibus nostre civitatis Sternebergh consulibus . . ad utilitatem et ad manus sancti Spiritus ibidem . . iugiter possidendos", der Rat soll auch befugt sein, diese Ländereien nach Belieben zu verkaufen und zu verpfänden 210 ).

Nach S. Reicke 211 ) bestand in der mittelalterlichen Spitalverwaltung eine Dreiteilung der Leitungsbefugnis: die obere Leitung hatte der Rat, in die eigentliche Verwaltung teilten sich eine besondere Ratsdeputation, die Pfleger, und der ihnen im Regelfall untergeordnete Spitalmeister, der häufig zu den Spitalinsassen gehörte. Die Verwaltung der Spitäler stimmt jedoch, soweit sie aus den Urkunden erkennbar ist, nicht in allen mecklenburgischen Landstädten mit diesem auch anderwärts lokalen Abweichungen unterliegenden Bilde überein.

Der Spital= oder Hofmeister, der nach Reike das Amt eines Hauswarts bekleidete und außerdem die Ackerwirtschaft des Spitalhofes zu besorgen hatte, läßt sich in Mecklenburg nur selten nachweisen. Ich finde ihn 1353 am Heiligen Geisthaus in dem Flecken Dargun 212 ) und 1496 in Parchim 213 ) erwähnt, ferner wird uns mehrfach der Hofmeister am St. Georgshospital in Güstrow genannt 214 ). In Anbetracht dieser wenigen Zeugnisse ist es nicht ausgeschlossen, daß bei den Landstädten das Spitalmeisteramt oft fehlte 215 ).

Häufig treten uns dagegen die Pfleger, in den Urkunden als Vorsteher provisores, tutores, procuratores bezeichnet, entgegen 216 ). "Den Vorstenderen des Hilligen Geistes" in Grabow


210) M.U.B. 14, 8588, vgl. auch 8366 u. 8409. Doch scheint das Hl. Geisthaus in Wittenburg zunächst von seinen Erbauern, den von Lützow, verwaltet zu sein, vgl. M.U.B. 22, 12280.
211) A.a.O. Teil 2, S. 53/116.
212) M.U.B. 13, 861.
213) In dem Kaiserbederegister von 1496 ist unter den Steuernden "de hoffmester tom hilgen geiste" aufgeführt. Vgl. die Abschrift in den Histor. Arbeiten von Archivrat Beyer Vol. 3 fasc. 1 A. Schw.
214) Im Jahre 1345 entsagte der Pfarrer "ecclesiae antique civitatis Guzstrowe" allen Pfarrechten, die ihm bisher an St. Jürgen in Güstrow zukamen; als Entschädigung sollte ihm der "magister dicte curie, qui pro tunc fuerit", jährlich 4 mr zahlen. (M.U.B. 9, 6592.) Der Hofmeister wird ferner 1404 und 1471 genannt. Vgl. Dipl. Gustr., S. 155 u. 182 f.
215) So ist auch nach K. Schmidt, Gesch. d. Sternberger Hospitalien, Jb. 55, S. 143 ein ständiger Hofmeister bei dem Hl. Geisthospital nicht angestellt gewesen. Auch S. Reicke betont a.a.O. Teil 2, S. 55 f., daß bei den Spitälern kleinerer Städte eine der drei Verwaltungsinstanzen fehlen konnte.
216) S. Reicke a.a.O. Teil 2, S. 97, wie Techen Jb. 91, S. 187 führen zwar aus, daß diese Bezeichnungen zuweilen auch für die Hofmeister verwandt werden, eine Reihe von Umständen (der Charakter der von den (  ...  )
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übereignet 1365 Herzog Albrecht von Mecklenburg Landbesitz 217 ). "Domui sancti Spiritus in Gnevesmolen et eius tutoribus" werden Güter, den "provisoribus sancti Nicolai" in Parchim Häuser 218 ) verpfändet. Die Vorsteher des St. Georgshospitals in Güstrow sind befugt, ihnen zustehende Einkünfte von den Pflichtigen "cultores" zu pfänden 219 ). in diesen Urkunden kommt vor allem die Vertretung nach außen und die Verwaltung des Spitalvermögens zum Ausdruck. Die Provisoren hatten aber auch für die bestimmungsmäßige Verwendung der Einkünfte zu sorgen. Von einer "den armen luden, begheuenen prouenern to sunte Jurien" in Neubukow zustehenden Rente ist angeordnet: "de vorstenderen scholenen de pennighe in de hende delen unde gheuen" 220 ). Nach dem Willen Henneke Bichermanns zu Parchim sollen die Vorsteher des von ihm gestifteten Armenspeichers "dessen spiker van desseme inghelde beteren, wanne unde wo vake des behoff unde nod is, unde de armen lude mede spisen unde laven unde vurynghe thughen unde schikken, alse se best könen" 221 ). Dem "servitori pauperum ac debilum" am Heiligen Geist zu Malchin soll von dessen Provisoren eine Präbende gereicht werden 222 ). Bei ihnen kauft sich ein Malchiner Bürger in das Heiligen Geisthaus ein, nach seinem Tode sollen die Provisoren die Pfründe den Armen geben 223 ). Die Pfleger hatten das Recht, über die Aufnahme von Armen und Kranken zu bestimmen. Die Vorsteher des genannten Parchimer Armenspeichers erhielten vom Stifter die Befugnis, "in dessen spiker arme lude in unde uth tho settende, wanne unde wo en dat nutte dunket" 224 ). Die Aufsicht über die Anstaltsseelsorge hatte freilich in erster Linie der Patron des betr. Pfarramts. Nur an einer Vikarei an der Kapelle des St. Georgspitals zu Güstrow erhielten die Provisoren 1471 mit dem Hofmeister das Präsentationsrecht 225 ).


(  ...  ) Provisoren abgeschlossenen Rechtsgeschäfte, die zu dem üblichen Aufgabenkreis der Pflege gehören, und ihr Vorhandensein in der Mehrzahl, während Reicke immer nur von einem Spitalmeister spricht) schießen jedoch m. E. die Annahme aus, daß in einer der im folgenden aufgeführten Urkunden unter den provisores etc. der Hofmeister zu erblicken sei.
217) M.U.B. 14, 8195.
218) M.U.B. 13, 7744.
219) M.U.B. 14, 8269 u. 8276.
220) Neubukower Stadtb. fol. 4 a.
221) Cleemann, Urkunden, S. 444 vom Jahre 1416 (A. Schw.).
222) M.U.B. 9, 5847 (1338).
223) M.U.B. 8, 5273 (1331/32); vgl. ferner für Güstrow M.U.B. 10, 6700.
224) Vgl. Anm. 221.
225) Die Stifterin einer Kommende ordnete an, daß nach ihrem Tode duo provisores dicte curie Sancti Georgii pro tempore per Consulatum (  ...  )
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Stand und Zahl der Provisoren waren nicht überall gleich. Die Zahl wechselt in den Urkunden von 2 bis 5. Als Pfleger erscheinen Bürgermeister, Ratsherren und angesehene Bürger, einmal (in Parchim) neben anderen auch ein Geistlicher 226 ). Am Armenspeicher von Hans Muchow in Parchim wirkten 1449, 1450 und 1459 der Bürgermeister Brand Smid und Albert Muchow als Provisoren 227 ). Von den beiden "borgeren to Parchem unde vorstenderen des hilghen ghestes darsulues", die 1410 dessen Mühlengut an einer Parchimer Mühle verpachten, ist der an erster Stelle genannte Heyne Dambeke als Ratsherr nachzuweisen 228 ). Daß die Provisoren am Heiligen Geisthaus in Sternberg Mitte des 14. Jahrhunderts dem Rat angehörten, geht aus einer Urkunde von 1357 hervor, in der Herzog Johann von Mecklenburg das Eigentum von 2 1/2 Hufen auf der Feldmark Pastin verlieh, "sancto Spiritui atque consulibus in Sterneberch seu provisoribus, qui pro tempore fuerint pro eodem" 229 ). Zu Provisoren am Heiligen Geisthaus versprach der Güstrower Rat 1342 nach dem Tode von dessen Stiftern zwei seiner Mitglieder zu ernennen 230 ).


(  ...  ) Gustrovensem deputati, una cum magistro curie pro tempere existente huiusmodi ordinationem seu ius presentandi perpetuis temporibus obtinebunt (Dipl. Gustr., S. 182).
226) Zu Vorstehern eines Armenspeichers bestimmte der Stifter 1416 den Pfarrer von St. Georg, die beiden Bürgermeister und zwei seiner Verwandten (Cleemann, Urk., S. 494). Ihnen wird 1426 ein Haus verpfändet (ebd. S. 397).
227) Cleemann, Urk., S. 463, 467 u. Cleemann, Chronik, S. 337.
228) Cleemann, Urk., S. 116 f. u. 397 f. (1426).
229) M.U.B. 14, 8409.
230) Vgl. M.U.B. 9, 6241: ad quod procurandum seu recipiendum, tollendum sive exponendum specialiter duos de nostro consistorio constituemus, qui premissa taliter ordinabunt, procurabunt et disponent, sicut sibi retribui cupiunt a deo in presenti vita pariter et eterna, et nobis singulis annis de perceptis et expositis reddent racionem. Wenn der Rat erst jetzt, obgleich das Hl. Geisthaus schon 1308 (M.U.B. 5, 3211) genannt wird, zwei seiner Mitglieder zu Verwaltern einsetzt, so könnte man allerdings annehmen, daß es sich lediglich um Treuhänder der in jener Urkunde gemachten Stiftung handelt. Doch verhält es sich damit anders. Die Einsetzung von Provisoren erscheint als durchaus begründet, wenn man annimmt, daß das Spital inzwischen verfiel und die Errichtung aus Stein im Jahre 1342 einer Neuanlage gleichkam. Diese Vermutung hat aber viel Wahrscheinlichkeit. Schon 1333 sticht der Camminer Bischof davon, daß es "addeo sit exilis in reditibus, quod pauperes ibidem languentes minnime refici valeant ab infirmitatibus eorundem" (M.U.B. 8, 5460). Bekräftigt wird diese Anschauung auch dadurch, daß die Stifter zunächst selber vom Rat ausdrücklich zu "provisores" bestimmt werden und erst danach die Einsetzung von zwei Ratsherren Geltung haben solle. Vgl. M.U.B. 9, 6493.
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1353 wird ein Ratsherr als Provisor am dortigen St. Georgsspital bezeichnet 231 ).

Die Aufsicht über die Spitalverwaltung hatte zweifellos der Rat. Veränderungen in der Vermögenssubstanz, im Grundbesitz des Spitals, bedurften seiner Genehmigung 232 ). Vor ihm hatten die Pfleger in Güstrow jährlich Rechnung zu legen 233 ). Er übte im allgemeinen die Oberaufsicht auch dann, wenn die Pflegschaftsverwaltung zunächst den Stiftern oder deren Verwandten zustand 234 ).

e) Die Verwaltung des Polizeiwesens.

Auf dem weiten Gebiet der Sittenpolizei kennen wir aus den mecklenburgischen Landstädten nur Verordnungen der städtischen Obrigkeit, durch die sie dem Luxus zu steuern suchte. Die Malchiner Bürgersprache wies jeden an, "dat gesette van den kosten" zu halten 235 ). In Parchim bestand 1514 für Hochzeiten "eyn gesette, dat menn nicht hoger alls tho 20 vathenn bidden mag uthgenamhen die junckfrowen 236 ). Der Güstrower Rat hatte vor 1313 ein statutum erlassen "de numero feminarum tempere purgacionis mulierum invitandarum" 237 ).

Die größeren deutschen Städte brachten schon im Mittelalter der Beschaffenheit der Straßen, Wege und Plätze regeres Interesse entgegen. Bereits im 13. Jahrhundert begann man hier mit der Pflasterung wenigstens der Hauptstraßen 238 ). Die Instandhaltung der Straßen innerhalb der Stadt gehörte in der Regel zum Pflichtenkreis des einzelnen Bürgers; jeder hatte den Damm vor seinem Hause in Ordnung zu halten. Jedoch mußte überall dort, wo private Anlieger fehlten, die Stadt für die


231) M.U.B. 25, 14377.
232) 1327 wurden 6 Morgen Acker per provisores domus sancti Gheorii ante Godebutz de benivolo consulum ibidem consensu verkauft. M.U.B. 7, 4866.
233) Vgl. Anm. 230.
234) So heißt es 1338 in Malchin von den Nachfolgern der Stifter eines Armenhauses: Si quod absit, aliquis negligens inveniatur in amministratione premissorum, extunc consules predicti cogere deberent eundem (M.U.B. 9, 5847).
235) M.U.B. 24, 13728 Art. 10.
236) Jb. 57, S. 254.
237) M.U.B. 6, 3636. Da sich aber dadurch das Güstrower Domkapitel in seinen Rechten gekrankt fühlte, mußte der Rat gemäß der Entscheidung des Landesherrn und des Camminer Bischofs diese Verordnung im J. 1313 zurücknehmen und versprechen, niemals wieder ähnliche die Freiheit der Kirche mindernde Statuten zu veröffentlichen.
238) Vgl. H. G. Gengler a.a.O. S. 81; W. Varges, Preuß Jahrb. 91, S. 257 ff.
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Anlegung und Erhaltung aufkommen 239 ). Sie übernahm daher die Pflasterung des Marktes, des Platzes am Rathaus, der Torwege und der Zufahrtsstraßen. Verbreitet ist das Steinpflaster in den Landstädten während des Mittelalters sicher nicht gewesen, doch bezeugen Eintragungen im Malchiner Haushaltsbuch vom Ende des 15. Jahrhunderts 240 ), im Kämmereiregister Güstrows von 1522 241 ) und Parchims von 1539 242 ), daß der Rat dort Mittel für die Pflasterung aufwandte. Man kann danach wohl vermuten, daß dort wenigstens die Hauptstraßen am Ausgang des Mittelalters ein Steinpflaster aufwiesen.

Auch bei einigen Landstädten können wir erschließen, daß sie im Mittelalter der Sauberkeit der Straßen und Märkte ihre Aufmerksamkeit zuwandten. Zwar enthält die Malchiner Bürgersprache keine Bestimmungen in dieser Richtung, aber aus Bruchstücken, des Malchiner Stadtbuchs von 1331/32 wissen wir, daß z. B. für die Reinigung des Fischmarktes gesorgt wurde 243 ). In Güstrow war Anfang des 16. Jahrhunderts der Büttel vom Rat mit der Reinigung des Marktes beauftragt 244 ). Die Schweriner Bürgersprache von 1586 befahl: Ein Jglicher schall sin aeß uth der Stadt Bringen lathenn 245 ). Desgleichen verbot die erneuerte Ribnitzer Bürgersprache von 1588, "den Meß aver den Ronstein" und "das Aas . . . up de Strat" zu werfen, jeder sollte sein Aas aus der Stadt schaffen lassen und seine Schweine und anderes Vieh von den Kirchhöfen fern halten 246 ).

Eine städtische Baupolizei hat es in Ansätzen ebenfalls schon im Mittelalter gegeben. Das lassen Eintragungen des Parchimer Stadtbuchs erkennen, denen zufolge der Parchimer Rat den Bürgern gehörende Speicherplätze gegen städtische Gebäude und


239) Varges a.a.O. S. 259. Für Rostock vgl. K. Ahrens a.a.O. S. 32 ff.
240) 1481 steht unter den Ausgaben: 10 lüb. ß pro labore uppem damme. 1483 ist notiert: 1 mr vor brugghent.
241) Vgl. das Register der Einnahmen und Ausgaben von 1522: 4 1/2 ß dem Steynbrugger vor 3 daghe gebruggeth yme Gleuynschen dhor.
242) R. A. Pa: Item de sten brugger by den rath huße 8 ß ber und 2 punt botter un 1/2 fl ane 3 ß tho lone. Item mester peter 9 ß Ion unde 1 punt botter un 13 kane ber, don he vor dem krutzedor bruggede.
243) M.U.B. 8, 5273. Eine Stiftung enthält die Bestimmung: . . . de predictis redditibus forum servabit mundum, ubi pisces vendentur.
244) Vgl. Kämmerei=Reg. v. 1518: 3 alb. den bodell vor 3 kanen Byr dath marcket Reyne thomakende. Ebenso im Kämm.=Reg. v. 1521/22: Sabb. post Invocavit 1522 2 alb dem bodell dat marcket Reyne to makende. (und öfter).
245) Vgl. § 7 (Jesse a.a.O. S. 77).
246) v. Kamptz 1, 2, S. 332, § 20, 26 u. 38. Diese Verfügungen könnten jedoch auch erst unter dem Einfluß der Polizeiordnung v. 1572, die ebenfalls auf Reinhaltung der Straßen drang, entstanden sein (P. G. S. Bd. 5, S. 47).
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anlagen abgrenzte 247 ) und Verträge und Entscheidungen über den Tropfenfall 248 ) und Wasserlauf 249 ) in einer besonderen Rubrik "stillicidia et semita" aufzeichnete. Auch aus dem Schweriner Stadtbuch kann man Beispiele dafür anführen 250 ).

Vermöge seiner Oberaufsicht über die städtischen Grundstücke sah der Rat es als seine Aufgabe an, zu verhüten, daß bürgerliches Grundeigentum dem Stadtrecht entzogen wurde. In zahlreichen deutschen Städten war es verboten, "Immobilien an Gotteshäuser zu übertragen" 251 ). Nicht anders in mecklenburgischen Landstädten. Schon kurze Zeit nach der Gründung des Nonnenklosters in Ribnitz stellte der dortige Rat die Forderung, daß ein Testament zugunsten des Klosters nur mit seiner und der berechtigten Erben Einwilligung Gültigkeit haben sollte 252 ). Der Güstrower Rat erkannte 1345 ein Vermächtnis zu geistlichen Zwecken nicht an, "quod, quia talis domus in eorum esset sita proprietate, dictus Johannes Gutiar non posset eam ad usus ecclesiasticos legare vel donare, nisi de ipsorum licencia speciali" 253 ). Der Malchiner Rat erwirkte 1460 eine landesherrliche Anordnung, daß bei Verlust des Vermögens und bei Strafe der Verweisung der Dawiderhandelnden aus der Stadt die Einwohner keine liegenden Gründe weiter an Geistliche vermachen sollten, außer wenn solche Überlassung mit Rat und Willen der städtischen Obrigkeit geschehe, da dann die Erben das überlassene Grundstück wieder einlösen konnten 254 ). Die Brüche bei Verletzung dieser Anordnung verliehen die Herzöge in einer weiteren Urkunde ebenfalls dem Rat 255 ).

Wo der Rat in den Übergang städtischer Grundstücke in geistliche Hand willigte, blieben dieselben weiter dem Stadtrecht unterworfen. In Anerkennung dessen und als Gegenleistung für die Befreiung von den bürgerlichen Abgaben und Diensten hatten die Geistlichen dann dem Rat einen festen Geldsatz zu entrichten 256 ).


247) M.U.B. 13, 8171 u. Anm.
248) M.U.B. 13, 7556; 8173 u. Anm.
249) M.U.B. 13, 8172. Im Parchimer Stadtbuch findet sich für Fälle dieser Art eine besondere Rubrik "stillicidia et semita".
250) So 1424 und 1425. Stadtb. A. Schw. fol. 2 a und fol. 2 b.
251) Frensdorff, Stadt= u. Gerichtsverfass., S. 133 f.
252) M.U.B. 8, 5034 und die Chroniken des Klosters Ribnitz, S. 22 (zum Jahre 1329).
253) M.U.B. 25, 14241.
254) Städt. Urk. Malchin (A. Schw.).
255) Ebenda.
256) Nach M.U.B. 25, 14241 wird diese Abgabe entrichtet "pro recognitione ea, qua dicta domus praedictis consulibus est et fuit, subiecta." Vgl. ferner unten Anm. 308.
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Die Malchiner Bürgersprache bezeugt, daß die Obrigkeiten der mecklenburgischen Landstädte den Ausbruch von Feuersbrünsten durch Ermahnung zur Vorsicht zu verhüten suchten und auch Maßnahmen zur Feuerbekämpfung trafen 257 ). Im Parchimer Kämmereiregister von 1511 sind zweimal Ausgaben für Feuerhaken gebucht 258 ). Die zahlreichen Feuersbrünste, welche die mecklenburgischen Städte immer wieder in Asche legten 259 ), lassen die Feuerpolizei aber als nicht fortgeschritten erscheinen. Reimar Kock kann sich eine Landstadt des 16. Jahrhunderts nicht anders vorstellen "als mit lehmeden Husen und Strohdaken" 260 ). Erst Ausgang des Mittelalters zeigen sich Bestrebungen der Magistrate, durch baupolizeiliche Bestimmungen einzugreifen. Und so wünschte der Malchiner Rat bei der Beratung der Polizeiordnung im Jahre 1512, man solle die Strohdächer niederreißen lassen 261 ). Und der Güstrower Rat, unter dem Eindruck der großen Brände in der eigenen Stadt Anfang des 16. Jahrhunderts 262 ), schlug damals vor, Strohdächer und Scheunen in den Städten zu verbieten 263 ), wie er auch eingehende Bestimmungen zur Feuerverhütung und Bekämpfung in der Bürgersprache von 1561 264 ) traf.

Der inneren Sicherheit diente z. B. die Kontrolle der Wirte; Nichtbürger sollten nur mit Vorwissen des Rats zur Miete angenommen werden 265 ). Fast alle Bürgersprachen machten die Bürger für die von ihnen beherbergten Gäste verantwortlich. Für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit wirkt der Rat ferner dadurch, daß er den städtischen Wachen einen besonderen Schutz angedeihen ließ 267 ).


266) Vgl. § 4 der Malchiner u. Ribnitzer, § 29 der Grevesmühlener, § 9 der Neukalener Bürgersprache. Die Ribnitzer Bürgersprache gebot in § 24: Nemant schal lopen mit vordecktem Antlathe.


257) Jene Bürgersprache schärfte den Bürgern ein, auf ihr Feuer acht zu geben und Viehfüttern und Korndreschen nicht bei offenem Licht vorzunehmen; außerdem forderte der Rat von jedem Bürger den Besitz einer 13 Fuß hohen Feuerleiter (M.U.B. 24, 13728 Art. 2 u. 3).
258) R. A. Pa. fol. 3 und 4 b.
259) Rieck, Städt. Leben i. Meckl. 1, S. 15.
260) Vgl. die lübischen Chroniken in niederdeutscher Sprache herausg. von F. H. Grauthoff, Teil 1, 1829, S. 436. Jedoch begegnen in Städten wie Parchim und Malchin auch während des M. A. Steinhäuser.
261) Jb. 57, S. 165.
262) Nämlich in den Jahren 1503, 1508 u. 1512. Vgl. Schultz, Jb. 44, S. 33 ff.
263) Jb. 57, S. 163 f.
264) Besser a.a.O. S. 267 ff.
265) Vgl. § 10 der Schweriner und § 44 der Ribnitzer Bürgersprache.
267) Vgl. unten S. 144 f.
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4. Die Sorge für die militärische Sicherung der Stadt.

Während der mit Fehden und Kriegen angefüllten Zeiten des Mittelalters, in denen die Stadt außerdem weitgehend auf sich selbst gestellt war, bildete die militärische Sicherung der Stadt, die Sorge für die städtischen Wehrmachtverhältnisse, einen besonderen und bedeutenden Zweig der Ratstätigkeit.

Schon früh umgaben sich die Städte mit einer Befestigung. Anfangs erfüllte diesen Zweck ein Plankenzaun, wahrscheinlich durch Wall und Graben verstärkt 268 ). 1252 wird uns der "locus Kalant cum valle ac stagno adiacentibus" genannt 269 ). Die Güstrower Altstadt war bereits 1248 durch "munitiones" geschützt 270 ), doch bestand die Befestigung noch 1270 aus Planken 271 ). Von der Wehranlage der Stadt Schwerin finden in einer Urkunde des Jahres 1284 ein Stadttor, der Stadtgraben und die Umfriedung Erwähnung 272 ). Doch wurde noch 1313 ein Vertrag zwischen dem Bischof, den Grafen von Schwerin und der Stadt über den Weg längs der Planken der Stadt vereinbart 273 ), und Boizenburg war noch 1327 von Planken umgeben 274 ). Das primitive Plankenwerk wurde jedoch bald durch widerstandsfähigeres Material ersetzt. Zunächst wurden die Tore aus festem Steinmaterial aufgeführt, dann schützte man auch die gesamte Stadt durch steinerne Mauern. Rostock ging um 1265 dazu über und war "um 1300 . . . bereits rings mit einer festen Stadtmauer umgeben" 275 ). Ähnlich früh tat Wismar diesen Schritt 276 ). Die Landstädte standen zum Teil den großen Seestädten nicht nach. Laut einer Urkunde von 1288 hatte die Stadt Plau schon Stadtmauern (murs) und einen


268) Ähnlich auch in anderen norddeutschen Städten, vgl. G. L. v. Maurer, Gesch. d. Stadtverfass. i. Deutschl., Bd. 1, Erlangen 1869, S. 112 ff., Gengler a.a.O. S. 5 ff.
269) M.U.B. 1, 684.
270) M.U.B. 1, 607.
271) M.U.B. 2, 1162.
272) M.U.B. 3, 1766.
273) M.U.B. 6, 3582. Die Urk. zeigt, wie ängstlich die Bürger darüber wachten, daß die bis nahe an die Wallanlagen herantretenden Domherrenhöfe den Zugang zu den wichtigen Wehranlagen nicht versperrten. Vgl. auch W. C. Hübbe, Jb. 61, S. 3 ff.
274) Das Kloster Scharnebeck sollte nach Anordnung des Boizenburger Rats den Durchgang über die von ihm erworbene Wurt "propter reparationem plancarum, quociens necessitas exegerit," gestatten (M.U.B. 25, 14045).
275) Vgl. W. Freynhagen, Die Wehrmachtsverhältnisse der Stadt Rostock im Mittelalter, Jb. 95, S. 11 f. u. 93 f.
276) Fr. Techen, Bürgersprachen d. Stadt Wismar, S. 42.
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Stadtgraben (fossatum, quod muros civitatis circuit) 277 ). Die Stadtmauern von Güstrow (moenia) werden 1293 zum erstenmal genannt 278 ). Ribnitz besaß 1311 ebenfalls eine Stadtmauer 279 ). 1331 nennt eine Schweriner Urkunde die Brüder des Klosters Reinfeld "rectores molendinorum sitorum apud muros civitatis" 280 ). Doch war die Ummauerung damals anscheinend bei Schwerin noch nicht abgeschlossen 281 ). Im Jahre 1340 schenkte nämlich Graf Heinrich von Schwerin dem Rat, "die gedachte Stadt mit Mawr und andern Festungen zu befesten", ein (wahrscheinlich westlich) 282 ) an die Stadt grenzendes Terrain, die Bollbrücke 283 ). 1344 wird die Stadtmauer erneut erwähnt 284 ). Zahlreiche Quellenbelege und ebenso die Stadtsiegel 285 ) geben uns Kunde von der Ummauerung der meisten mecklenburgischen Landstädte 286 ).

Die verschiedensten Maßregeln wurden daneben zur Sicherung der Stadt und zur Sturmabwehr getroffen. Die Stadtmauern setzte man in Parchim 287 ) wie in Güstrow und Malchin 288 ) durch Anlage von Wiekhäusern in besseren Verteidigungszustand. Mutmaßlich Mitte des 14. Jahrhunderts erbaute Parchim eine Landwehr um seine Feldmark und errichtete dort, wo sie von den Landstraßen durchschnitten wurde, zwei Warttürme, Kiekindemark und die Steinburg, die, seit dem 18. Jahrhundert als Fangelturm bezeichnet, noch heute vorhanden ist 289 ). 1481 werden "muren, torne, horchvrede, landweren, welle" als


277) M.U.B. 3, 1957.
278) M.U.B. 3, 2200.
279) M.U.B. 5, 3483.
280) M.U.B. 8, 5264.
281) Allerdings erscheint mir Jesses Darstellung a.a.O. S. 46: "1331 schon finden wir eine Mauer bei der Binnenmühle erwähnt", zu eng. Die Binnen= oder Grafenmühle - sie war 1292 in den Besitz des Klosters Reinfeld übergegangen (M.U.B. 4, 2525/7) - wird vielmehr hier im Gegensatz zu der von der Stadt weit entfernten Bischofsmühle als bei der Stadtmauer gelegen bezeichnet.
282) Näheres bei H. W. C. Hübbe, Jb. 61, S. 10.
283) M.U.B. 9, 6065.
284) M.U.B. 9, 6432, . . . in fossato sito inter Scelmonem Zwerinensem (d. i. die Schelfvorstadt) et murum civitatis.
285) Sie weisen vielfach Tore und Mauerteile auf. Vgl. M.U.B. 4, Tafel Nr. 100 ff.; 10, Tafel Nr. 252 ff.; 24, Tafel Nr. 474 ft. Nr. 474 ff.
286) Nur wenige kleine Mediatstädte entbehrten einer Befestigung.
287) Wiekhäuser werden in dem Kämmerei=Reg. von 1522 erwähnt, vgl. fol. 3 a.
288) Ein Bericht des Bürgerausschusses v. 10. März 1612 (spec. civ. Malchin Stadtsachen, A. Schw.) führt 16 Wiekhäuser an.
289) Vgl. K. Augustin, Aus der Gesch. d. städt. Grundbesitzes (in Parchim), Führer z. Meckl. Städtetag 1927, S. 44 f. Auch waren die (  ...  )
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