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Verein für mecklenburgische Geschichte und
Altertumskunde

 
 

Mecklenburgische

   

Jahrbücher

 
 
   

Gegründet von Friedrich Lisch

 
 
 
 
   

102. Jahrgang 1938

 

Schwerin in Meckl.

Druck und Vertrieb der Bärensprungschen Buchdruckerei
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Herausgegeben vom Staatsarchivdirektor
Dr. Strecker, Schwerin
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Inhalt.

Seite
I. Die Reise des D Lucas Bacmeister nach Österreich im Jahre 1580. Von Oberstaatsanwalt a. D. Walther Bacmeister, Stuttgart - Sillenbuch 1
II. Kloster Sonnenkamp zu Neukloster in Mecklenburg. Von Dr. phil. Albrecht Volkmann, Ravensburg (Württ.) 31
III. Wismars schwedische Regimenter im Nordischen Kriege. (Fortsetzung und Schluß zu Jahrbuch 101 S. 101-156.) Von Staatsarchivrat Dr. Georg Tessin, Schwerin 201
IV. Die geschichtliche und landeskundliche Literatur Mecklenburgs 1937 - 1938. Von Staatsarchivdirektor a. D. Dr. Friedrich Stuhr, Schwerin 253
Jahresbericht (mit Anlagen A und B) 271
Mitgliederverzeichnis nach dem Stande vom 1. Oktober 1938 277
Vignette
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I.

Die Reise

des D. Lucas Bacmeister

nach Österreich im Jahre 1580

von

Walter Bacmeister

Vignette
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Als ich vor Jahren einmal den Handschriftenkatalog der Württ. Landesbibliothek in Stuttgart durchsah, stieß ich auf den Namen meiner Familie. Natürlich forschte ich weiter nach und fand eine große Anzahl von Briefen und andern handschriftlichen Nachrichten, hauptsächlich aus dem 16. Jahrhundert. Der Sammelumschlag, der diese Handschriften birgt, trägt die Bezeichnung "Bacmeisterscher Briefwechsel". Er enthält zwei Aktenbündel von verschiedenem Umfang; das eine ist überschrieben mit: "I. Briefwechsel des D. Lucas Bacmeister in Rostock † 1608", das andere mit: "II. Briefwechsel von Lucas Bacmeister d. J. in Rostock † 1630 und andern Mitgliedern der Bacmeister'schen Familie".

Das erste der beiden Bündel enthält etwa dreimal soviel Schriftstücke als das zweite. Sie sind nicht geordnet, weder nach der Zeit der Abfassung, noch nach dem Inhalt, noch nach den Verfassern oder Empfängern.

Von Fachgelehrten sind diese Briefe schwerlich ausgewertet worden. Angehörige der Familie Bacmeister haben sie wohl seit Jahrhunderten nicht zu Gesicht bekommen. Und doch ist es mit gerade auch für diese wichtig und wertvoll, zu wissen, daß Briefe von und an ihren Ahnherrn D. Lucas Bacmeister, weiland Professor der Theologie an der Universität Rostock und Pastor an St. Marien daselbst, vorhanden sind. Dieser Lucas Bacmeister, genannt der Ältere, von welchem alle heute noch lebenden Träger seines Namens abstammen, ist am 18. Oktober 1530 in Lüneburg geboren. Er studierte in Wittenberg Theologie. Auf Empfehlung Philipp Melanchtons, seines Lehrers, und des David Chyträus berief ihn der Rat der Stadt Rostock i. J. 1562 zum Professor der Theologie an der Universität und zum Pastor an der Kirche St. Marien in Rostock. Lucas B. verheiratete sich in erster Ehe i. J. 1560 mit Johanna Bording, Tochter des Jacob Bording, Professors der Medizin an der Universität Kopenhagen und Königlichen Leibarztes, und der Johanna Nigrona, einer Patrizierstochter aus Genua. Mit ihr hatte er zehn Söhne und eine Tochter. Nur die Nachkommen-

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schaft seines jüngsten, i. J. 1584 geborenen Sohnes Heinrich, Stadt-Syndikus und Herzoglich Braunschweigisch-Lüneburgischen Rats in Lüneburg, blüht heute noch. Lucas B. starb, hochangesehen als Theologe und hochverehrt von seinen Mitbürgern, am 9. Juli 1608 in der Stadt seines Wirkens. Welch hohes Ansehen er genoß, kann daraus entnommen werden, daß er achtmal zum Rektor der Universität berufen wurde und an mehreren Gesandtschaften der Stadt Rostock teilnahm. Seine Bedeutung als Theologe mag daraus erhellen, daß er eine Anzahl von theologischen Büchern veröffentlichte, auch an der Abfassung der Concordienformel erheblich beteiligt war und daß im Jahre 1579 die evangelischen Stände des Erzherzogtums Österreich unter der Enns an ihn mit der Bitte herantraten, ihnen in ihren kirchlichen Nöten und Wirrnissen zu helfen. Lucas B. kam dieser Bitte i. J. 1580 nach.

Von dieser Reise nach Österreich soll im Nachstehenden die Rede sein. Sie war - für die damalige Zeit - schwierig und umständlich und hielt den Reisenden viele Monate von seiner Familie ferne. Wir erhalten über diese Reise ein anschauliches Bild durch die schriftlichen Nachrichten des Reisenden selbst. Außer dem oben erwähnten "Bacmeister'schen Briefwechsel" fand ich noch zwei weitere stattliche Großbände mit 362 und 456 handschriftlich geschriebenen Blättern in Aktengröße 32:21 in der Stuttgarter Landesbibliothek, die sog. "Acta Austriaca", vor.

Auch diese hat der württembergische Staat in seiner Landesbibliothek durch die Jahrhunderte wohl verwahrt und sie mir jetzt in entgegenkommender Weise zu uneingeschränktem Gebrauch überlassen. Es sei hierfür der Württ. Landesbibliothek auch an dieser Stelle verbindlichst gedankt.

Auf welche Weise die Bacmeister'schen Familienbriefe und die Acta Austriaca in den Besitz des württembergischen Staates gelangt sind, ist unbekannt und wird sich wohl auch nicht mehr ermitteln lassen. Als Herausgeber der Acta Austriaca wird Joh. Bacmeister bezeichnet. Dieser Johannes Bacmeister, Doktor und Professor der Medizin und Physicus Ordinarius an der Universität und in der Stadt Tübingen (1680-1748) 1 ) , war ein Ururenkel des Lucas B. Er fand die Handschriften zur glücklichen Stunde und "suchte sie aus dem Staube hervor" in Dassow in Mecklenburg. Es ist anzunehmen, daß sie ein Urenkel


1) Zwei Bilder von ihm befinden sich in der Universität Tübingen.
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des Lucas B., Johannes B., besessen hat. Dieser starb am 9. September 1692 als Pastor in Dassow. Er war auch mit einer Pastorentochter von Dassow, Elisabeth Katharina Tarnow, seit 1675 verheiratet.

Der Theologe Joh. Georg Schelhorn erhielt von dem Tübinger Professor Johannes Bacmeister die Acta Austriaca. Er berichtet hierüber in seiner Schrift "Apologia pro Petro Paulo Vergerio 2 ) episcopo Justinopolitano adversus Joannem Casam Archiepiscopum Beneventanum", Ulm und Memmingen 1754, in dem Abschnitt "Accedunt monumenta quaedam inedita". Schelhorn überließ - habent sua fata libelli! - diese Akten seinem Freunde Bernhard Raupach, Prediger zu St. Nicolai in Hamburg, zur literarischen Verwertung. Und Raupach machte hiervon ausgiebigen Gebrauch.

Er gab nämlich ein mehrbändiges Werk über die Entwicklung der evangelischen Bewegung in Österreich heraus, von welchem sich ein Band in der Hauptsache mit der Reise des Lucas B. nach Österreich und dessen Tätigkeit daselbst in umständlicher, heute kaum mehr genießbarer Weise befaßt. Einen großen Teil der Acta Austriaca hat Raupach einfach wörtlich herübergenommen und zum Abdruck gebracht. Der Titel dieses i. J. 1738 bei Theodor Christoph Felginers Witwe in Hamburg verlegten vierbändigen Werkes lautet: "Erläutertes Evangelisches Oesterreich, oder: Zweyte Fortsetzung der Historischen Nachricht von den Schicksalen der Evangelisch-Lutherischen Kirchen in dem Ertz-Hertzogthum Oesterreich, in welcher die Anno 1580 auf Verordnung der Evangelischen Stände in Oesterreich unter der Enns angestellte Visitation ihrer Kirchen, aus D. Lucas Backmeisters sel. als hiezu von Rostock nach Oesterreich beruffenen Theologi geschriebenen Acten umständlich erzehlet wird. In historische Ordnung gebracht, und ans Licht gestellet von Bernhard Raupach, Prediger zu S. Nicolai in Hamburg." Vorangestellt ist dem Werk ein von C. Friderich Fritzsch, Hamburg 1737, angefertigter Kupferstich des Lucas Bacmeisterus. Raupach widmet sein Werk dem Professor der Medizin Johann Bacmeister in Tübingen u. a. mit folgenden Worten:


2) Pietro Paolo Vergerio (um 1497-1564), ein Italiener, war Bischof in Kroatien. Er brach mit Rom und entfloh aus Italien; 1553 wurde er von Herzog Christoph von Württemberg als herzoglicher Rat nach Tübingen berufen. Er verfaßte zahlreiche Streitschriften.
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"Wie mich übrigens bey der Ausarbeitung dieser Schrift mehrmalen nicht ohne Bewegung und Vergnügen erinnert, was der gütige Gott auf des alten D. Backmeisters, als eines rechtschaffenen Theologi Kindern und Nachkommen vor ein liebreiches Auge gehabt, und wie dieselben sich nicht in Mecklenburg und dessen angrenzenden Gegenden allein, sondern auch im Lüneburgischen, im Hannoverischen, im Würtenbergischen, im Darmstädtischen, im Bremischen, in Ost-Friesland und anderswo unter vielfachen geist- und leiblichen Segen ausgebreitet haben, auch nicht wenige derselben herrliche Werkzeuge göttlicher Gnaden zum Besten der Kirchen und des gemeinen Wesens gewesen, und noch sind."

Ein großer Teil der Acta Austriaca ist von Lucas B. selbst mit schöner, gleichmäßiger, eindrucksvoller Schrift geschrieben. Vieles, besonders die an seine Amtsbrüder und an Gelehrte gerichteten Schreiben, ist in lateinischer Sprache abgefaßt. So auch das eigentliche Reisetagebuch, das im ersten Band auf den Blättern 130-158 enthalten und von eines andern Hand mit "Diarium Autographicum" überschrieben ist. Von Lucas zum Teil selbst geschrieben sind die Verhandlungsniederschriften der in Niederösterreich vorgenommenen "Visitationen". Erheblichen Raum aber nehmen die Briefe von Lucas ein, die er während seines Aufenthalts in Österreich geschrieben und empfangen hat; die ersteren sind wohl als Entwürfe anzusehen, die Lucas aufbewahrt und nach Rostock zurückgebracht hat.

Von Briefen an in Österreich selbst wohnhafte Angehörige des Adels und des geistlichen Standes findet sich eine große Anzahl vor. So u. a. an Christoph von Mammingen, Gabriel Stein zu Schwartzenau, Landmarschall von Roggendorf, Veit Albrecht von Pucheim, Sigismund von Landau, Frhr. zum Hauß und Rappottenstein auf Dirrenthrut und Ebental, Röm. Kaiserl. Maj. Rat, Hartmann zu Liechtenstein, Wolf Christoph von Enzerstorf zu Enzerstorf im Langen Thal, Röm. Kaiserl. Maj. Rat, Hans Wilhelm von Losenstein auf Schallaburg; an die Geistlichen Friedrich Stock (Stockius) in Kloster Katzelstorff, Mauritius Kaßhofer zu Pechtstal, Martin Piscator zu Trübswinkel, D. Christoph Reiter (früheren katholischen Pfarrer) in Rosenberg, Bilibaldus Ramsbeck in Stain; an Johann Baptist Schwartzentaler, J. U. Doktor und Professor in Wien; an seinen Arzt in Wien Dr. Lobschütz, mehrere an Landschaftssekretär Christian Talhamer daselbst. Eine ganze Anzahl von Briefen sind an seine Amtsbrüder D. David Chytraeus und D. Simon

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Pauli in Rostock sowie an den Rat der Stadt Rostock, an D. Polycarpus Leiser, Pastor und Superintendent in Tübingen, und an den Kanzler und Professor der Universität Tübingen D. Jacob Andreae gerichtet, der in der Geschichte des Protestantismus eine bedeutende Rolle gespielt hat. Von an fürstliche Personen gerichteten Schreiben sind vorhanden zwei Briefe an Herzog Ulrich zu Mecklenburg. Der erste davon ist in Horn am 8. März 1580 geschrieben. Es wird vom Verlauf der Reise, der derzeitigen Unterkunft, den Schwierigkeiten der Lucas B. übertragenen Aufgabe und den allgemeinen Zeitereignissen berichtet. Der zweite eigenhändig von Lucas geschriebene Brief vom 24. Mai 1580 aus Horn schildert das langsame Fortschreiten der Arbeit. Mehrere Einfälle der Türken werden erwähnt. Ein an "Herrn Johannsen den Jüngeren, Herzog zu Schleswig-Holstein" unter dem 5. Januar 1581 aus Rostock gerichteter Brief schildert rückschauend die Reise nach Österreich im allgemeinen.

*

Doch nun zur Reise des Lucas Bacmeister selbst!

Um verstehen zu können, weshalb Lucas sich zu einer dreiviertel Jahr lang dauernden Reise außer Landes überhaupt entschloß, ist es nötig, sich ein Bild über die damals in Österreich herrschenden kirchlichen Zustände zu machen. Sie waren verworren und höchst ungut.

Die Lehre Luthers hatte auch in Österreich Einzug gehalten. Heftiger Widerstand wurde ihr entgegengebracht. Aber sie war nicht mehr zu unterdrücken, mochte auch König Ferdinand befehlen, jeder, wer es auch sei, habe die lutherische Sekte zu verlassen, und es seien Luthers "pesthauchende Schriften" der Obrigkeit auszuliefern. Auch Bluturteile, wie das gegen den Wiener Kaspar Tauber, der am 17. September 1524 enthauptet und dessen Körper dann verbrannt wurde, und das gegen Dr. Balthasar Hubmayer, der in Wien am 10. März 1528 als "Ketzer und Aufrührer" den Tod durch Feuer erlitt und dessen Frau, "ein kühnes starkes Weib", das ihren Mann zum Ausharren angeeifert hatte, und das mit einem Stein um den Hals von der großen Brücke in die Donau hinabgestoßen und ertränkt wurde, vermochten die Bewegung nicht mehr aufzuhalten. Lebhaft trat auch in Österreich der Adel für die neue Lehre ein. Der Kirchengeschichtsforscher Theodor Wiedemann meint zwar in seiner "Geschichte der Reformation und Gegen-

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reformation im Lande unter der Enns" (Prag 1879, Bd. I, S. 75), der Adel sei, "wie in Deutschland, so auch in Österreich nur aus Sucht, Verlangen und Liebe zum Kirchengute zur neuen Lehre übergetreten. Liebe zum Evangelium, Verlangen nach dem gereinigten Gottesworte waren nur Aushängeschilde. um die räuberischen Eingriffe in das Kirchengut zu decken". Ob diese Behauptung in ihrer Allgemeinheit der geschichtlichen Wahrheit entspricht, möchte ich sehr bezweifeln. Die Stände in Niederösterreich selbst (der Stand der Herren und der Ritterschaft) forderten, daß die neue Lehre frei verkündet werden dürfe. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts beherrschte sie auch nahezu ganz Niederösterreich, und als Kaiser Maximilian II. (1564-76) die Regierung antrat, war nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung katholisch.

Aber - schwere Mißstände herrschten im kirchlichen Leben, gleichermaßen auf evangelischer wie auf katholischer Seite. Die Prediger litten unter Armut; sie hatten keine geregelten Einkünfte, keine gleichmäßige, oft höchst ungenügende Ausbildung, "nicht zu sagen von denen, die weder der griechischen noch der hebräischen Sprache kundig waren". Abgesehen von den Streitigkeiten der beiden Bekenntnisse untereinander herrschten unter diesen selbst, insbesondere auf protestantischer Seite, die verschiedensten Auffassungen über die neue Lehre. Eine ganze Reihe von Parteien hatte sich in Österreich unter den Anhängern von Luthers Lehre gebildet, die sich heftig befehdeten. Da war die Partei der strengen Lutheraner mit dem Prediger Erhard Schnepf in Jena an der Spitze; die Partei der Wittenberger, die unter Melanchthons Leitung arbeiteten; die der Stancarianer; die der Neutralen oder Zweihänder, eine halb lutherische, halb katholische Partei und vor allem die Partei des Flacius, die sog. Flacianer. Diese besonders starke und rührige Partei, die sich nach dem Professor der hebräischen Sprache in Wittenberg Matthias Flacius nannte (einem Istrier, der eigentlich Vlacich hieß), machte Lucas B. bei seinem Aufenthalt in Österreich besonders viel zu schaffen. Die Auseinandersetzung mit dieser Partei und ihrer Lehre nimmt einen erheblichen Teil der vorhandenen Urkunden in Anspruch.

Flacius hatte die Lehre Luthers, daß Gott alles allein im Menschen wirke, dahin ausgedehnt: der Mensch könne an dieser Wirksamkeit Gottes selbst nicht mitwirken, denn die Erbsünde sei "die Substanz des Menschen"; sie sei nicht bloß "Accidenz", etwas Unbedeutendes und Geringfügiges. Daraus ergebe sich,

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daß der Mensch ein Geschöpf des Teufels und gar nicht erlösungsfähig sei.

Diese Lehre von der Erbsünde bewegte die Gemüter der damaligen Zeit in einer für uns Heutige fast unbegreiflichen Weise. Lucas B. stand auf Seite der Lutheraner und bekämpfte die Auffassung des Flacius. Aber gerade deshalb wurde er hinwiederum von den Flacianern heftig angefeindet.

Es ist anzuerkennen, daß man sich von oben her Mühe gab, diesen Mißständen, dieser unseligen deutschen Zerrissenheit und Streitsucht zu begegnen. Man schrieb, beriet, berief Versammlungen, Concile und Visitationen. Sie vermochten nichts Dauerndes und Gutes zu schaffen.

Auch in Niederösterreich wurden eine Reihe solcher Visitationen abgehalten. Die Visitatoren zogen monatelang in Wagen von Ort zu Ort, von Pfarrhof zu Pfarrhof - auf evangelischer wie katholischer Seite -, um Ordnung in die geradezu trostlosen kirchlichen und die ebenso erbarmungswürdigen Schulverhältnisse zu bringen. Aber die Uneinigkeit blieb bestehen, ja sie wuchs noch. Dabei drohte noch beständig eine Gefahr von außen, der Türke.

So waren die Verhältnisse in Östereich unter der Enns, als sich die beiden Stände des Erzherzogtums hilfesuchend an D. Chytraeus in Rostock wandten, der sich schon einmal vor zwölf Jahren in ihrem Lande selbst ihrer Sache angenommen hatte und in achtmonatiger angestrengter Tätigkeit die Angelegenheiten der evangelischen Kirche zu ordnen suchte. D. David Chytraeus (1531-1600), der seinen deutschen Namen Kochhafe ins Griechische wie viele Gelehrte der damaligen Zeit übersetzt hatte, stammte aus Ingelfingen in Württemberg. Er war einer der berühmtesten Theologen der damaligen Zeit, seit 1550 "ein mächtiger Pfeiler der Universität Rostock, dessen Rat und Ansehen bis Antwerpen und Schweden reichte". Als er am 25. Juni 1600 das Zeitliche gesegnet hatte, hielt ihm Lucas B. die (noch vorhandene) Grabrede am 29. Juni, dem Tag Petri und Pauli, in der Pfarrkirche zu St. Jacob in Rostock 3 ) .


3) Krabbe, David Chytraeus, S. 449. An der Berufung des Chytraeus auf die Professur in Rostock hatte übrigens nicht unwesentlichen Anteil D. Jacob Bording der Ältere, damals Leibarzt des Herzogs Heinrich von Mecklenburg, der spätere Schwiegervater von Lucas B., der den Chytraeus dem Herzog wärmstens empfahl. M. Krey, Andenken an die hiesigen [Rostocker] Gelehrten aus den drei letzten Jahrhunderten, drittes Stück, Rostock 1813, S. 15.
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Nun sollte (wieder einmal) Abhilfe geschaffen werden durch eine gründliche "Kirchen-Visitation, die zu allen Zeiten für ein notwendiges und nützliches Mittel gehalten wurde", und es sollte den Österreichern ein zu solcher Visitation "geschickter Mann verschafft werden". Und zwar machten die Stände selbst "drei berühmte Theologen" namhaft: Martin Chemnitius, Lucas Bacmeisterus und Simon Pauli. Sollte Chemnitius ablehnen, den sie in erster Linie haben wollten, so sollte Chytraeus "sein Heil bei D. Backmeistern versuchen". Martin Chemnitz (1522-86), der aus Treuenbrietzen in der Mark Brandenburg stammte, war damals Professor in Braunschweig. Er hat in Braunschweig-Wolfenbüttel gemeinsam mit Jakob Andreae die Reformation durchgeführt. Er schlug die Berufung "wegen seines Alters, Schwachheit und Ungeschicklichkeit ganz und gar ab". Nun fiel die Wahl auf Lucas B. Dieser besaß die für die bevorstehende Aufgabe notwendigen Eigenschaften: in allen theologischen Fragen der damaligen Zeit wohlbewandert, gleichermaßen als Kanzelredner angesehen, wie als Seelsorger beliebt, war er im Grunde seines Wesens eine friedfertige, ausgleichende Persönlichkeit. Doch konnte er, wenn es nötig war, auch tüchtig zupacken. Wir wissen, daß er einmal von der den Predigern damals kirchenrechtlich eingeräumten Befugnis, den förmlichen Kirchenbann auszusprechen, Gebrauch machte: dies widerfuhr im Jahre 1565 einem gewissen Boldewan, der von Lucas B. wegen seines liederlichen Lebenswandels, allen wohlgemeinten Warnungen trotzend, von der Kanzel zu St. Marien aus in den öffentlichen Bann getan wurde 4 ) .

Um Lucas abzuholen und nach Österreich zu geleiten, wurde der österreichische Gesandte Herr Wolfgang Christoph von Mammingen aus Nußdorf a. d. Traisen nach Rostock gesandt, der dort am 24. Dezember 1579 ankam. Die Universität und Herzog Ulrich willigten in die Beurlaubung Lucas' gerne ein; "nur dem Rat der Stadt Rostock fiel es etwas beschwerlich, daß die Kirche daselbst ihres vornehmsten Predigers und Seelsorgers so lange müßte beraubet sein". An Stelle eines vollen Jahres, das Lucas als "Superintendent" nach dem Wunsche der Österreicher ihrer Kirche sollte überlassen werden, einigte man sich auf neun Monate.

Zuvor wurde von Chytraeus und Lucas ein Arbeitsplan ausgearbeitet. Beide standen in theologischen wissenschaftlichen


4) M. Krey, Andenken usw., Viertes Stück, 1814, S. 35, woselbst auch der Wortlaut des Bannes mitgeteilt wird.
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Fragen wie in kirchenpolitischen Anschauungen einander nahe.

Bei der vorzunehmenden "Besserung" der Kirchen in Österreich würden hauptsächlich folgende Punkte zu beachten sein:

1. Die reine Lehre auf Grund der Augustana und deren einträchtiger Vortrag;

2. Die Bestellung der reinen Kirchenceremonien nach der von Professor Camerarius (Leipzig) i. J. 1568 abgefaßten und in Österreich eingeführten Kirchenagenda;

3. Das Examen der Prediger;

4. Das Examen der Schulmeister und Besserung des Schulwesens;

5. Die Veranstaltung jährlicher Visitationen der Kirchen und Schulen;

6. Die Verwaltung der Kirchengüter;

7. Die Entscheidung in Ehesachen und anderen Kirchenhändeln;

8. Die Einrichtung eines Kirchengerichts oder Consistorii (Raupach, 2. Teil des Erläuterten Evang. Österreichs, Beilage Nr. 3 S. 11).

Am 16. Januar 1580 trat Lucas mit Wolfgang Christoph von Mammingen die Reise an. Als Gefährten nahm er M. Joachim Wermer, einen Hamburger, und seinen noch nicht ganz 18 Jahre alten Sohn Jakob mit, der sich bisher auf dem holsteinischen Gymnasium zu Bordesholm aufgehalten hatte. Als "Amanuensis", der zugleich die Obliegenheiten eines Dieners zu versehen hatte, wurde noch Johannes Hertel aus Hessen beigezogen. Nicht leicht mag Lucas B. der Abschied geworden sein. Denn außer seiner damals 37 Jahre alten Frau Johanna ließ er sechs Kinder im Alter zwischen sechzehn und einem Jahr zurück. Auch war die Reise für die damaligen Verhältnisse weit und mühsam. Und schwer war die bevorstehende Aufgabe. Aber bei dem hohen Pflichtbewußtsein und dem starken Gottvertrauen, das Lucas B. besaß, stellte er alle persönlichen Rücksichten und Erwägungen hinter die Sache zurück.

Der erste Tag der Reise ging nur bis zur Fürstlichen Residenzstadt Güstrow, wo die Reisenden von dem Herzog empfangen und "sowohl des Mittags als des Abends zur Tafel genötigt wurden." Herzog Ulrich sprach mit Lucas eingehend über dessen Berufung und "begehrte insonderheit, daß er ihm aus

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Österreich bisweilen von dem dortigen Kirchenzustand durch Briefe Nachricht geben mögte."

Von Güstrow ging es über Plauen, Wittstock, Ruppin, Spandau nach Berlin, wo man am 22. Januar ankam. Schon am 23. wurde die Reise fortgesetzt. Vielleicht hätte sich Lucas weniger beeilt, wenn er schon damals gewußt hätte, was er in Österreich nur zu genau erfahren mußte, daß man dort oft übermäßig lange warten ließ, bis von höheren Stellen die erbetenen Bescheide und Beschlüsse eingingen. Am 23. Januar reiste man bis Lauenburg weiter; am 24., einem Sonntag, hielt Lucas seinen Gefährten und den andern Gästen in der Herberge eine Predigt, worauf sie sich zu Wagen setzten, um am selben Tage Frankfurt an der Oder zu erreichen. Hier verweilte Lucas drei Tage, die er, wie auch sonst auf seiner Reise, dazu benutzte, Amtsgenossen und Gelehrte zu besuchen. Ihre Namen werden in dem von Lucas' eigener Hand geführten, in lateinischer Sprache abgefaßten Reisetagebuch (Blatt 122-150 der Act. Austr. I) genauestens mitgeteilt. Sie hier alle aufzuzählen, würde zu weit führen. In Frankfurt hatte Lucas eine Besprechung mit dem Professor der Theologie Andreas Musculus (eigentlich Mäusel), einem berühmten Kanzelredner, dem Verfasser des Buches "Vom zerluderten, zucht- und ehrverwegenen pluderichten Hosenteufel", das damals Berühmtheit erlangte.

Am 28. Januar brachen die Reisenden von Frankfurt a. O. auf, erreichten am 29. die schlesische Grenze und trafen, ihren Weg über Freistadt, Polkwitz, Lüben und Neumarkt nehmend, am 1. Februar in Breslau ein. Wahrend des dreitägigen Aufenthalts "an diesem schönen und volkreichen Ort" wurde mit einer Reihe von namhaften Persönlichkeiten Umgang gepflogen, so mit dem Doktor und Professor der Heiligen Schrift Esaias Heidenreich, "der D. Backmeistern mit aller brüderlichen Freundlichkeit aufnahm", mit dem Rektor M. Peter Vincentius, mit dem Stadtsyndikus D. Albert Ursinus, einem gebürtigen Lübecker u. a. mehr. Lucas traf hier auch mit dem Freiherrn Helmgard Jörger, Kaiserl. Rat und Regenten der Niederösterreichischen Lande, zusammen, der ihn mit nach Österreich berufen hatte und mit dem er nun eingehend über die bevorstehende Visitation sich beredete. Dann ging es weiter über Brieg, Neisse, Ziegenhals, Zugmantel, über das Gesenke nach Einsiedel, Kastell Engelsberg. Am 9. Februar überschritten die Reisenden die Grenze nach Mähren und langten noch am selben

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Tag in Olmütz an. Am 10. Februar fuhren sie bis Wiskau, am 11. bis Brünn. Am 12. erreichten sie die Stadt Znaim, "an deren schöner Lage, ihren Gärten und Weinbergen, mit welchen sie allenthalben umgeben war, sie sich recht ergötzen mußten. Doch unser Theologus freuete sich am meisten darüber, als er hörte, daß hieselbst die reine Lehre des Evangelii frei und ungehindert gepredigt wurde." Am 13. Februar betrat die Reisegesellschaft zum erstenmal den österreichischen Boden. Nachdem sie über den die Grenze zwischen Mähren und Österreich bildenden Fluß Thaya 5 ) sich hatten setzen lassen, kamen sie über Retz nach der Stadt Horn. Diese dem evangel. Freiherrn Veit Albrecht von Pucheim zugehörige Stadt sollte zunächst bis auf weiteres unserm Reisenden zum Aufenthalt und zur Vorbereitung für seine weitere Sendung dienen. Man stieg bei dem Ratsherrn Conrad Pfannensturz ab.

Zunächst aber erwartete Lucas nähere Anweisung über die von ihm vorzunehmenden Visitationsgeschäfte von Wien, die aber lange auf sich warten ließ. Er benutzte die Zeit der Muße, um mit den Predigern in Horn in nähere Fühlung zu kommen; so besuchte er den Pastor Laurentius Becher, den M. Augustus Fischer, Rector M. Simon Schultz, David Hauenschildt, Christoph Reuter in Rosenberg u. a. m. Die beiden Stände bezeugten ihm ihre Freude über seine glückliche Ankunft und baten ihn, "falls ihm an seiner bequemen Bewirtung etwas ermangeln sollte, ihnen sogleich solches zu melden, damit es mögte gebessert werden." Lucas B. ließ durch Herrn von Mammingen melden, er habe sich keines Mangels zu beklagen; vielmehr habe er für alle Güte zu danken. Aber in der Sache selbst geschah lange nichts. Er mußte hören, daß dies nichts Seltenes sei; es vielmehr öfters geschehe, daß "wenn politische Händel vorfielen, die Religions-Geschäfte solange zurückstehen und verschoben werden müßten". Endlich ward auf den 18. März eine Zusammenkunft von geistlichen und weltlichen Abgeordneten in Horn anberaumt. Die Vorbereitungen zu diesem "Convent" traf mit Lucas der Stände-Obersekretarius Christian Talhamer, der sich bereits eingestellt hatte. Teilnehmen sollten an geistlichen Abgeordneten aus jedem Viertel des Erzherzogtums je ein Theologus; ferner wegen seines Alters und seiner Erfahrung der Prediger zu Rosenberg Christoph Reuter und der Pastor von Horn, Laurentius Becher;


5) Die sog. Mährische Thaya, einem Nebenfluß der March.
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die "Herren Politici" waren vertreten durch zwei Abgeordnete des Herrenstandes: Nicolaus Freiherrn von Pucheim nebst Veit Albrecht Freiherrn von Pucheim zu Horn und durch zwei Mitglieder aus dem Ritterstand: Hans Georg Kufstein und Wolfgang Christoph von Mammingen, den Reisebegleiter von Lucas Bacmeister.

Diese Personen trafen nun zur ersten Zusammenkunft in Horn am 19. März ein, mit Ausnahme des alten Christoph Reuter, der "am Podagra krank lag". Die Tagung fand im Schlosse des Freiherrn Veit Albrecht von Pucheim statt. Der Convent dauerte bis zum 21. März. Er wurde auf 12. April vertagt, nachdem "die Herren Politici eine besondere Freude über den erwünschten Anfang, noch mehr aber darüber bezeugt hatten, daß sie unter den Theologis eine solche christliche Einigkeit wahrgenommen hatten."

In Wirklichkeit aber scheint die Einmütigkeit nicht allzu groß gewesen zu sein. Denn die Flacianer regten sich schon von Anbeginn an, und eine ganze Anzahl von Predigern aus ihren Reihen hatten ihre Bedenken schriftlich geäußert: die im Convent Beratenden hätten gar kein Recht, in ihr geistliches Amt ihnen hineinzureden. Wobei sie nicht versäumten, sich selbstgerecht darauf zu berufen, sie allein seien die Hüter der richtigen, reinen Lehre.

Die Zwischenzeit bis zum zweiten Convent in Horn wurde von Lucas fleißig ausgefüllt, durch Schreiben von Briefen, Ordination eines Predigers Petrus Hudt in der Kirche zu Eckendorf, Vorbereitung eines Urteils in einer Ehescheidungssache des Wentzel Kürschner im Dorfe Wapoltenreut, dem "sein Weib Anna ohne gegebene Ursache vorsätzlich davongegangen und ihn mit seinen kleinen Kindern verlassen hatte, auch, ungeachtet sie öffentlich citieret worden, dennoch sich nicht wieder eingefunden, sondern nun bis ins fünfte Jahr abwesend bliebe."

Die zweite Zusammenkunft der Abgeordneten in Horn fand am 15. April und den folgenden Tagen statt. Zwischen diesen beiden Conventen machte Lucas zur Kräftigung seiner Gesundheit, die notgelitten hatte, einen Abstecher über Garsch, Langenwieß, Crems nach Nusdorf an der Traisen, dem Rittersitz des Herrn von Mammingen, von dem er aufs freundlichste aufgenommen und "aufs liebreichste bewirtet wurde". Am 30. April folgte er einer Einladung des Stephan Feyertagers auf dessen Schloß Hasendorff. Überall empfing er die Geistlichen der verschiedenen Gemeinden, die sich bei ihm Rat holten.

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Gleichzeitig betrieb er die Fortsetzung der Visitationssache. Er wird wohl nicht allzu freudig in die Zukunft gesehen haben: denn die Flacianer machten ihm aufs neue Schwierigkeiten und wandten sich an den ständischen Ausschuß in Wien. Der Prediger zu Wilfersdorf, Andreas Lang, verfaßte ein äußerst gehässiges, gegen Lucas persönlich sich richtendes Schriftstück: man habe diesen fremden Doktor, den Lucas Backmeister, gerufen und ihm Leute beigegeben, die entweder um des Bauches willen oder aus Furcht beigestimmt, und hätte die echten Predikanten ausgeschlossen. Auch von anderen wurde Lucas hart angegriffen, so von Volmar in Michelhausen und, als er in Grafenwert sich aufhielt, von Joachim Magdeburgius selbst, der nicht säumte "sein Gift und seine Galle gegen ihn auszuschütten."

Der dritte Convent wurde dann auf den 15. Mai gleichfalls in Horn anberaumt. Zu Beginn dieser Tagung hielt Lucas B. auf Wunsch der Abgeordneten eine Predigt. Auch die Pfingstpredigt fünf Tage hernach wurde ihm übertragen. Bei der Versammlung flackerte sofort wieder der alte Streit wegen der Erbsünde auf und erregte die Gemüter. Lucas suchte zu beschwichtigen und mahnte, sich wenigstens auf der Kanzel des Streitens zu enthalten. Auch sonst fehlte es nicht an Arbeit. Briefe, in denen er um Rat gefragt wurde, gingen ihm zu; theologische Bedenken und Anliegen der verschiedensten Art wurden ihm vorgetragen. So fragt einmal ein Feld- und Kriegsprediger zu Tottes in Ungarn namens Johann Schubhardt brieflich an, ob sich ein Christ mit einem Türken in einen Kampf auf Leben und Tod mit gutem Gewissen einlassen könne. Ob ein Christ, der einen Türken bei einer Art Zweikampf mit einem scharfen Spieße getötet habe, selig stürbe und ähnliches mehr.

Im Juni 1580 mußte Lucas auf Befehl der Stände nach Radaun reisen. Der Weg führte ihn am 1. Juni 1580 mit seinem Sohn Jakob und M. Wermer über Weickendorff, Stockerau, Spitlern an Wien vorbei. Lucas nahm auf Weisung der Stände seinen Aufenthalt im Schlosse des Joachim von Landau Freiherrn zum Haus und Rapotenstein. Da Jakob heftig erkrankte, ließ man aus Wien den Dr. Benjamin Lobschütz, "Professor an der Universität Wien, evangelischer Religion, auch berühmten Practicus daselbst", kommen, dessen Kunst den Kranken allmählich wieder herstellte. Mit einem aus Wien herbeigerufenen Ausschuß von drei Männern aus

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dem Herren- und ebenso vielen aus dem Ritterstand wurden, nachdem Lucas zuerst eine Predigt gehalten hatte, wieder mehrere theologische Fragen durchgesprochen, so wieder einmal die immer wiederkehrende von der Erbsünde. Noch zweimal predigte Lucas auf dem Schloß seines gastlichen Gönners, wozu sich "sowohl aus Wien als andern benachbarten Örtern wider Vermuten eine gar große Menge Zuhörer einstellete". Auch der Doktor Lobschütz fand sich wieder ein und blieb über Nacht "wegen des noch kranken kleinen Backmeisters" da. Am 20. Juni reiste Lucas mit Talhamer nach Wien, bei dem er abstieg, um "diese berühmte Stadt einmal zu sehen", insonderheit aber um dem Herrn Land-Marschall oder wenigstens den Verordneten der beiden Stände seine Aufwartung zu machen. Am 21. Juni kehrte Lucas wieder nach Radaun zurück, nachdem ihm Talhamer am Abend zuvor ein Gastmahl bereitet hatte, an dem "viel wackere Männer, wie auch einige gottselige Matronen unter lauter erbaulichen und angenehmen Gesprächen vergnügt teilnahmen."

In der Folge gab es wieder Schwierigkeiten, und es wurde Lucas B. - zweifellos infolge der Wühlereien der gegnerischen Seite - nahe gelegt, sich des Predigens auf dem Schlosse zu enthalten. Lucas nahm die Gelegenheit wahr. sich in einem besonderen Schreiben an den Landmarschall zu verteidigen.

Endlich sollte zur eigentlichen Visitation durch eine Kommission von vier Männern geschritten werden. Lucas B. sollte den Vorsitz führen; weiter wurden berufen M. Alexius Bresnicerus (Bresnicer), Pfarrer zu Veldsperg, Christophorus Reuter, Prediger zu Rosenberg und M. Fridericus Stockius (Stock), Pfarrer zu Katzelstorff. Ab 11. Juli sollte die Prüfung in allen vier Vierteln des Erzherzogtums vorgenommen werden. Was denn auch geschah.

Mit großer Umständlichkeit wird in den Acta Austriaca hierüber berichtet. Aufs genaueste werden die Namen und persönlichen Verhältnisse der zu Prüfenden, ihre Amtssitze und die Namen der Angehörigen des Herren- und des Ritterstandes aufgeführt. Eine wahre Fundgrube für Familienforscher!

Die Prüfungen begannen am 11. Juli im Viertel Ob Mannhartsberg und wurden am 6. August beendigt. Das Ergebnis war: "Die Erkenntnis und die Geschicklichkeit vieler Prediger war sehr mäßig. Man mußte einige derselben gar erinnern, sich die Augsburger Confession zu kaufen und ihre Theologie besser zu lernen."

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In der folgenden Zeit wurden weitere Visitationen abgehalten; so die zweite im Viertel Ob Wienerwald auf dem Schloß Schallaburg unweit Losdorff vom 12. bis 23. August; die dritte im Viertel Unter Wienerwald, die in Radaun vom 2. bis 6. September stattfand, und die vierte und letzte im Viertel Unter Mannhartsberg vom 13. bis 22. September in Feldsberg, welche Stadt dem Röm. Kaiserl. Rat Hartmann von Lichtenstein zu Veltsperg auf Eisgrub "zugehörte".

Nach stattgehabter Prüfung mußte der Geprüfte die Deklaration über die Erbsünde, so wie sie von Lucas abgefaßt worden war, unterzeichnen und sich verpflichten, dem künftigen Consistorium Gehorsam zu leisten und sich in Lehre und Leben christlich und untadelhaft zu verhalten.

Manchesmal nahm die Prüfung stürmische Formen an. Die Prediger waren zum Teil mangelhaft vorgebildete Personen, oft fanatische Flacianer. Es kam vor, daß sich einige nicht entblödeten, die von Lucas verfaßte Deklaration und die Prüfung selbst als ein Werk des Teufels zu bezeichnen. So wundert es nicht, wenn Lucas einmal von Radaun aus an Herrn Albrecht von Pucheim nach Horn schrieb, er werde wegen der Deklarationsschrift von der Erbsünde "hochbeschwert und verunglimpft"; "bin also ein wohlgeplagter Mann in Österreich, muß es aber Gott und der Zeit befehlen und mit Geduld tragen, in Hoffnung, daß Gott nach seiner Weisheit und Güte unser Werk wohl weiß zu corrigieren und alles zum besten zu wenden."

Nochmals war ein Besuch in Wien nötig, da Lucas dort den Verordneten ein Gutachten darüber erstatten sollte, welche Schritte dienlich seien "zur Beförderung des angefangenen Werkes, zum Besten der österreichischen Kirchen und zur Herstellung eines rechten Consensus unter den Predigern, wie auch zur Einrichtung eines ordentlichen Kirchenregiments." Zu diesem Zwecke hielt er sich vom 23. September bis zum 14. Oktober in Wien auf, wo er wiederum bei dem Obersekretarius Talhamer zu Gaste war. Den an ihn ergangenen ehrenvollen Auftrag, selber die Stellung eines Superintendenten in Österreich zu übernehmen, der "über die gesamten Prediger im Lande die Aufsicht hätte und alles in Ordnung hielt" glaubte er ablehnen zu sollen. Seine Stellung in Rostock war ihm wohl wichtiger, und für seine zahlreiche Familie konnte er besser sorgen, wenn sie dort verblieb.

So war denn seine Zeit in Österreich abgelaufen. Wie man ihn durch den Herrn von Mammingen seinerzeit in Rostock

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hatte abholen lassen, so wurde ihm nun als Begleiter für die Rückreise Herr Christian Talhamer beigegeben. Am 14. Oktober verließ er Wien, um am 17. von Horn aus mit Talhamer die Heimreise anzutreten.

Über Dorf Aichen, Bistritz in Mähren, Neuhaus, Tabor, Beneschau, Besenick führte sie der Weg nach Prag, wo sie am 22. Oktober ankamen. Nachdem sie Prag, insbesondere auch das Schloß, auf welchem damals Kaiser Rudolf II. Hof hielt, besichtigt hatten, setzten sie am 24. die Reise über Raudnitz, Leitmeritz, Aussig und Pern fort und erreichten am 27. Oktober Dresden. Dort traf Lucas B. in der Herberge, in der er mit seinen Begleitern einkehrte, mit den beiden berühmten Theologen D. Jakob Andreä und D. Polykarpus Lyserus zusammen. Mit diesen beiden Gelehrten hatte Lucas schon vorher im Briefwechsel gestanden und ihnen von Österreich aus über seine dortige Tätigkeit berichtet.

Die Sehenswürdigkeiten Dresdens ließen sich unsere Reisenden nicht entgehen. Am 29. Oktober folgten sie einer Einladung des Herrn Burchard Grafen von Barby, kurfürstlichen Statthalters, wobei nebst andern Gästen auch der Sohn Luthers, D. Paul Luther, kurfürstlicher Rat und Leibmedicus, zugegen war. Die weitere Reise ging über Meißen nach Torgau, "allwo unser Doktor durch Briefe und Nachrichten von dem erwünschten Zustand seiner Familie zu Rostock erfreuet war." Dann wurde wieder in Wittenberg Halt gemacht. Über Belzig weiterreisend erreichte man am 3. November Alt-Brandenburg und am 4. November Nauen.

Hier hat das handschriftliche Reisetagebuch ein Ende. Es darf vermutet werden, daß Lucas mitsamt dem österreichischen Gesandten Talhamer den Weg über Güstrow genommen hat, um daselbst seinem Landesherrn Herzog Ulrich mündlichen Bericht über seine Reise zu erstatten. Denn Talhamer hatte, wie aus einem Schreiben des D. Chytraeus an Herzog Ulrich vom Tage Martini 1580 zu entnehmen ist 6 ) , diesem als Geschenk der beiden österreichischen Stände "zwei schöne türkische Ross sampt einem Türken verehrt". Nach mehrtägigem Aufenthalt am Hoflager des Herzogs trafen die Reisenden am 9. November 1580 wohlbehalten in Rostock ein.

Damit fand die fast zehn Monate dauernde Reise des Lucas B. äußerlich ihr Ende. Wie schwer seine Aufgabe im fremden


6) Krabbe, David Chyträus, 1870, S. 369.
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Lande war, haben wir gesehen. Leid und Freud war während seiner Abwesenheit in seiner Familie eingekehrt. Am 28. Juli war sein zweitjüngstes Söhnchen Matthäus im zarten Alter von nicht ganz fünf Jahren gestorben. Sein Rostocker Amtsbuder D. Simon Puli drückt ihm in einem Briefe vom 20. August 1580 seine Teilnahme zu dem Heimgang des "dulcissimi filioli Matthaei" aus: "Dominus eum tibi dedit, Dominus eum abstulit, et in coelestem patriam transtulit . . . Reditum tuum expectant non tantum tui, sed etiam Ecclesia et Ministerium apud nos. Habes domi gravidam uxorem, de cujus difficultatibus morbisque post partum tibi melius constat, quam mihi." Auch die andern Amtsbrüder und Freunde nahmen herzlichen Anteil an diesem Trauerfall. David Chyträus schreibt an ihn von Rostock am 20. August 1580 am Ende seines Briefes: "De filiolo tuo Matthaeo Paulini versus tantum, qui me olim mirifice recrearunt adscribamn." Mit dem genannten Paulinus wird zweifellos der Amtsbruder des Briefempfängers Professor D. Simon Pauli gemeint sein. Die Verse lauten also:

   Gratuler, an doleam? dignus utroque puer,
Cujus amor lacrymas, et amor mihi gaudia svadet.
   Sed gaudere fides, flere jubet pietas.
Laetor, obisse brevi functum mortaba sec'lo,
   Ut cito divinas perfrueretur opes.
Ne terrena diu contagia mixtus iniquis
   Duceret in fragili corporis hospitio.
Sed nullo istius temeratus crimine mundi
   Dignius aeternum tenderet ad Dominum.
Ergo DEO potius quam nobis debitus infans etc.

Folgende Übersetzung im Vermaß der Urschrift sei versucht:

   Soll ich betrauern dich, Kind, soll ich mich freuen für dich?
Meine Liebe zu ihm erfüllt mich mit Trauer und Freude;
   Diese der Glaube gebeut, jene die Liebe erheischt.
Kurz nur währte sein Leben, doch sollt ich mich deshalb nicht freuen?
   Denn schon frühe ward ihm göttliche Gnade zuteil.
Kurz nur mußte er tragen die Mängel des irdischen Lebens,
   Und dem zerbrechlichen Leib ward hier nur flüchtige Rast.
Schuldlos war sein Leben von keiner Sünde beladen:
   Reiner schwingt sich empor seine Seele zum Herrn.
Mehr als uns ist das Kind dem ewigen Gotte gegeben.

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Von einem andern der Rostocker Freunde liegt ein weiterer teilnehmender Brief vor: am 20. August 1580 schreibt Joachimus Bansoninus an Lucas; er tröstet ihn und fügt hinzu, daß seine Gattin "post paucos menses, quod faustum et felix sit, pariet".

Dieses freudige Ereignis trat schon einen Monat später ein. Am 28. September 1580 schenkte Johanna einem Knäblein das Leben, das zur Erinnerung an das vor kurzem heimgegangene Kind ebenfalls auf den Namen Matthäus getauft wurde. Dieser Matthäus Bacmeister wurde ein hochangesehener Arzt, der verschiedene Schriften medizinischen Inhalts verfaßte. Auch eine solche über die Pest, die in jener Zeit oft furchtbar wütete. Er selbst starb in Ausübung seines Berufes als Stadtphysikus in Lüneburg am 7. Januar 1626 an dieser Krankheit.

Aus den vorliegenden Nachrichten ist zu ersehen, welch hohes Ansehen D. Lucas Bacmeister als Theologe und als Mensch allseitig genoß. Er war das Haupt der Visitation; er erfreute sich überall, wo er weilte, freundlicher und ehrenvoller Aufnahme bei hohen Behörden, bei den regierenden Herren und bei vielen seiner Amtsgenossen. Es ist deshalb gar nicht verwunderlich, zu erfahren, daß sein Begleiter auf der Heimreise, der österreichische Gesandte Talhamer, nicht nur die Aufgabe hatte, Lucas "wiederum sicher zu seinem ordentlichen Amt und Gemeine zu bringen"; er hatte zugleich von den beiden Ständen den Befehl erhalten, "in ihrem Namen dahin zu arbeiten und auszuwirken, daß Lucas mit Genehmhaltung des Herzogs von Mecklenburg und des Rats der Stadt Rostock, wie auch mit gutem Willen seiner Gemeine sein bisheriges Amt daselbst niederlegen und hingegen den evangelischen Österreichern zu einem beständigen Superintendenten überlassen werden mögte." Talhamer widmete sich seiner Aufgabe mit großem Eifer und nicht ohne Geschick: er brachte den Herzog so weit, daß dieser nicht abgeneigt war, Lucas nach Österreich abermals zu entsenden. Aber bei der Stadt Rostock hatte der gewandte Österreicher kein Glück. Der hohe Rat gab dem Herzog mit aller Ehrerbietung zu verstehen, daß er mit ihm nicht einer Meinung sei und auch nicht gesonnen wäre "seinen Theologum den Österreichern mit gutem Willen zu einem beständigen Superintendenten zu überlassen". Und bei Lucas selbst erging es dem Gesandten nicht besser. Wie schon erwähnt: eine abermalige Trennung von der Familie oder deren Übersiedlung in die unsicheren, verworrenen österreichi-

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schen Verhältnisse erschien für Lucas offenbar unerträglich. So ist es verständlich, wenn er ablehnte und dies damit begründete, daß er "keine billige Ursach hätte. seine Kirche und Gemeine, welcher er nun bei 19 Jahre gedient und die ihm die Zeit über viel Ehr und Gutthat erzeiget und mit so herzlichem Verlangen seine Wiederkunft begehret, jetzund dergestalt wieder zu verlassen; wie es ihm dann auch seiner eigenen Gelegenheit nach beschwerlich sein würde, in diesem seinem Alter mit Weib und Kindern an einen solchen fernen fremden Ort sich zu begeben". Er wies auch auf die wenig erfreulichen allgemeinen Zustände in Österreich selbst hin, die "sowohl im weltlichen als geistlichen Wesen jetziger Zeit also gestallt, daß er keinen sonderlichen Willen und Neigung wieder dahin hatte". Lucas B. scheute sich auch nicht, als man abermals in ihn drang, auf die unerquicklichen kirchlichen Verhältnisse in Österreich, auf die Uneinigkeit der beiden Stände untereinander, auf "die Trägheit und Schläfrigkeit in den Sachen der Religion und auf die lässige Führung der Negotia, die die Herren selbst urgieret hätten" hinzuweisen. Auch der weitere Versuch, ihn wenigstens auf einige Jahre für Österreich zu gewinnen, blieb ohne Erfolg. Und Talhamer, so freudig und voller Hoffnung er nach Rostock gekommen, sein mag, so mißvergnügt trat er hingegen seine Rückreise nach Österreich an, als er erfahren mußte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren.

Auch schriftlich legte Lucas B. nochmals in einem Briefe vom 23. Nov. 1580 den Verordneten der beiden Stände dar, weshalb er ihrem Rufe nicht zu folgen und ihr "beständiger Superintendens" nicht werden möge. In einem Schreiben an Wolf Christoph von Mammingen auf Nusdorff vom selben Tage weist er darauf hin, daß er auch zu Hause allerlei Verleumdungen ausgesetzt sei, daß man ihn als einen "Miedling, Geitzhals, untreuen Prediger, der seine Schäfflein um Geldes und mehrern Genies willen schändlich verließe", bezeichnet habe. Allenfalls hätte er sich darauf eingelassen, nochmals auf einige Zeit nach Österreich zurückzukehren, um "das angefangene Werk der Visitation und Verordnung des Kirchenwesens durch Gottes Gnad zu vollenden". Aber zu einer endgültigen oder auch zu einer einige Jahre dauernden Tätigkeit, wie Herr Talhamer sie herbeizuführen beauftragt gewesen sei, könne er sich nicht entschließen.

Dies ist begreiflich. Denn es blieb Lucas nicht verborgen, wie sich die Dinge in Niederösterreich weiter entwickelten.

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Gleich nach seiner Abreise aus Österreich fingen die Streitigkeiten erneut an; die Flacianer regten sich mächtig. Mehrere seiner Mitarbeiter fielen von ihm ab und gingen ins Lager der Flacianer über, die die Oberhand gewannen. Friedrich Stock, einer der Mitvisitatoren, sprach sich gegen die "Declaration" aus und zog seine unter diese gesetzte Unterschrift zurück. "Dies war das Signal für den Abfall von der Declaration 7 ) ." Im Jahre 1581 erschien sogar eine von etlichen 40 österreichischen Pfarrern unterzeichnete Gegenschrift "Repetitio, d. i. Wiederholung der Norma Christlicher Lehr usw." Weitere Gegenschriften wurden veröffentlicht und selbst auf die Kanzeln wurde der Streit getragen.

In diese verworrenen Zustände vermochte auch der auf Veranlassung von Lucas von den Ständen nach Niederösterreich als Superintendent im Jahre 1582 berufene Conrad Becker (Pistorius) aus Braunschweig keine Ordnung zu bringen. Er gab den Ständen zu verstehen, er "lasse sich nicht foppen", verließ noch im selben Jahre Östereich und wurde Superintendent in Hildesheim.

Bei dieser Sachlage ist es begreiflich, daß Lucas B. bei seinem Entschlusse festblieb, nicht mehr nach Östereich zurückzukehren. Damit aber hörten seine Beziehungen zu diesem Lande und seine Sorge um die evangelische Lehre dort nicht auf. Aus zwei an Hartmann von Liechtenstein unter dem 8. Juli und 19. Oktober 1581 gerichteten Briefen 8 ) erfahren wir, daß Lucas mehrere andere Personen für die Berufung an seiner Stelle vorgeschlagen hat.

Auch wissenschaftlich beschäftigte er sich noch weiterhin mit den Zuständen der evangelischen Kirche in Österreich. Mehrere Gutachten, die von Senat, Decan und anderen Professoren der theologischen Fakultät der Universität Rostock unterzeichnet sind, liegen aus dem Jahre 1586 vor. Da sie Verbesserungen und Zusätze von der Hand Lucas' aufweisen, ist es sehr wahrscheinlich, daß er auch ihr Verfasser war.

In diesen letzten Schriftstücken der Acta Austriaca finden wir noch einige spärliche Nachrichten über seine persönlichen Verhältnisse. So schreibt er an Wolf Christoph von Mammingen am 23. Oktober 1581 9 ) u. a.: "Ich bin noch


7) Wiedemann a.a.O. Bd. I. S. 419.
8) Acta Austr. Bd. II, Bl. 361, 362, 366.
9) Acta Austr. Bd. II, Bl. 368-70.
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samt den meinen gottlob gesund und wohlauf . . . allein daß die infection der Rest allenthalben eingerissen, aber allhie noch durch Gottes gnädige Verschonung bisher leidlich gewesen."

Schwere Schicksalsschläge blieben Lucas B. in der Folgezeit nicht erspart. Der schwerste war der am 29. Juli 1584 erfolgte Tod seiner Gattin Johanna. Vier Wochen vorher, am 3. Juli, mußten beide Ehegatten miteinander den Tod des erst drei Jahre alten Söhnchens Petrus erleben. Lucas teilt dies in mehreren uns erhaltenen, noch nirgends veröffentlichten Briefen seinen Freunden und Gönnern in Österreich mit. Einer dieser Briefe, an Hans Wilhelm von Losenstein auf Schallaburg vom 31. Januar 1585 10 ), sei im Anhang im Wortlaut mitgeteilt, da hierdurch gleichzeitig ein einprägsames Bild vom Briefstil jener Zeit und der dem Verfasser eigenen bezeichnenden Ausdrucksweise gewonnen wird. Hans Wilhelm von Losenstein hatte sich um die Fortbildung der männlichen Jugend erhebliche Verdienste erworben. Er hat, wie die Herren von Pucheim in Horn und wie Frau Susanna von Teufel in Katzelsdorf, in Losdorf um das Jahr 1574 eine Lateinschule errichtet. Es war die bedeutendste Gründung dieser Art.

Auch seinem Sohne Jakob, der ihn auf der Reise nach Österreich begleitet hatte, mußte Lucas B. sechs Jahre später ins Grab schauen. Jakob B. war Professor der hebräischen Sprache an der Universität Rostock. Er starb erst 29 Jahre alt, drei Monate nach seiner Verheiratung.

Die zweite Frau, Katharina, Tochter des Ratsherrn Nicolaus Beselin, verwitwete von Herwerden, die Lucas B. geheiratet hatte, wurde ihm am 9. Januar 1593 durch den Tod entrissen. Diese Ehe und eine dritte mit Anna Vischer von Alost in Flandern blieben kinderlos. Sein Leben war nach der Reise nach Österreich seinem theologischen Lehramt an der Universität und der Betreuung seiner Gemeinde an St. Marien in Rostock gewidmet. Es war damals in den 70er und 80er Jahren des 16. Jahrhunderts in Rostock ein reiches gottesdienstliches Leben, bei welchem Kirchengesang und Kirchenmusik eifrig gepflegt wurden. Schon vor seiner Reise nach Österreich hatte Lucas B. i. J. 1577 das sog. Ferbersche Gesangbuch mit 214 niederdeutschen Liedern herausgegeben, "das bis 1651 immer neue Ausgaben in Wittenberg,


10) Acta Austr., Bd. II, Bl. 396.
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Magdeburg, Dortmund, Hamburg, Lüneburg, Barth, Greifswald und Stettin erlebte." 11 ) Wahrscheinlich ist er auch der Dichter des Gesangbuchliedes: "Ach leve Her im höchsten thron". Auch als sangeskundiger Beförderer und Vorredner von Joachim Burmeisters "Geistlichen Psalmen-Harmonien" (Rostock 1601) ist Lucas B. nachgewiesen. 12 )

Am Ende der Beschreibung der Reise des D. Lucas Bacmeister nach Niederösterreich drängt sich uns unwillkürlich die Frage nach ihrem Erfolge auf.

Th. Wiedemann gibt 13 ) seine Meinung dahin ab: "War die Visitation unternommen worden, um ein Kirchenregiment einzusetzen, Disziplin und Einigkeit herzustellen, so war dieser Zweck gründlich vereitelt und zwar durch den unbeugsamen Starrsinn der Prediger und das Schwankende, Uneinige der Stände. Ein großer, und zwar der gelehrte Teil der Prediger, blieb der flacianischen Lehrmeinung ergeben, ein Teil der Stände, und zwar der wohlbegüterte einflußreiche Teil, huldigte ebenfalls der Anschauung, daß die Erbsünde die Substanz der menschlichen Natur sei und stand auf Seiten der Prediger . . . Diese Zwietracht wurde durch die Visitation bloßgelegt und veranlaßte den Kaiser (1581), die Entscheidung in geistlichen Angelegenheiten der niederösterreichischen Regierung und dem Landmarschallamt zu entziehen und dem Reichshofrat zu unterbreiten."

Zu einem gleichfalls abfälligen Urteil über die "Visitationsreise" kommt der evangelische Theologe Eduard Böhl 14 ), der sich ganz auffallend für die Flacianer, also für die heftigsten Gegner von Lucas B., erwärmt und sich zu folgendem Satze versteigt: "Bacmeister war Parteimann, und es war ein Glück für die Kirche, daß man ihn auf gute Manier wieder los wurde." Hierzu ist zu bemerken: wenn diese Beurteilung der Tätigkeit des Rostocker Theologen richtig ist, wie ist dann zu erklären, daß die Stände alle Anstrengungen machten, Lucas B. zu bestimmen, wieder nach Österreich zurückzukehren und "ständig ihr Superintendent" zu werden?


11) D. Bachmann, Geschichte des evangelischen Kirchengesangs in Mecklenburg, 1881. S. 60, 82.
12) Derselbe in "Blätter für Hymnologie", Jahrg. 1886, Nr. 12, S. 185.
13) a.a.O., Bd. I, S. 418.
14) Eduard Böhl, Beiträge zur Geschichte der Reformation in Österreich, S. 420 ff.
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Übrigens setzt sich Böhl selbst mit seinem abfälligen Urteil in Widerspruch, sofern er weiterhin sagt: "Nur das war erreicht, daß auf der Kanzel die "disputierlichen Phrasen (von Substanz und Accidens) gemieden werden sollten." Ferner spricht Bohl bei "Zusammenfassung der statistischen Resultate" von "der nicht fruchtlos gewesenen Visitation".

Ich meine, wenn durch die Visitationsreise des Lucas B. erreicht wurde, den Streit der Theologen von der Erbsünde von der Kanzel zu verbannen, dann ist außerordentlich viel erreicht worden. Denn auf die Kanzel gehört nicht der Zank der Theologen, sondern einzig und allein Gottes Wort.

Im Gegensatz zu der Ansicht Wiedemanns und Böhls steht das Urteil von Otto Krabbe. Er sagt in seiner Lebensbeschreibung des David Chyträus (S. 369) über die Tätigkeit des D. Lucas B. folgendes:

"Im Januar 1580 begab sich Bacmeister nach Österreich, wo er bis gegen Ende des Jahres blieb und eine erfreuliche und gesegnete, von allen anerkannte Tätigkeit entwickelte. Chyträus aber hatte die Freude, daß in Österreich wie in Steiermark die Stände mit ebenso großem Mute als mit Standhaftigkeit und Freudigkeit für die evangelische Wahrheit eintraten und der immer drohender heranrückenden katholischen Reaktion mit Entschiedenheit sich entgegensetzten."

Ein neuerer Kirchengeschichtsforscher, M. F. Kühne, spricht sich über das Wirken des Lucas B. in Österreich dahin aus: 15 )

"Nachdem uns durch eine glückliche Fügung die Visitationsakten Bacmeisters, seine Tagebücher und Briefe aus jenen Tagen erhalten geblieben sind, und der Charakter des gütigen und geduldigen Mannes, eine rara avis in der damaligen Theologenwelt, klar erkannt werden kann, ist es über jeden Zweifel erhaben, daß ihn tatsächlich das Mitleid mit der bedrängten Kirche bewog, seine Arbeit fortzusetzen. Ganz anderer Ansicht waren aber darüber sowohl die Flacianer, als die Anhänger der Konkordie. Sie konnten sich nur einen Erklärungsgrund für die Handlungsweise Bacmeisters denken: die Habsucht, welche ihn bewogen habe, das von den Ständen zu erwartende Honorar nicht fahren zu lassen."

Gewiß ist richtig, daß ein sichtbarer unmittelbarer äußerer Erfolg der Tätigkeit des Lucas B. in Niederösterreich offenbar nicht beschieden war. Allzu eifrig waren die Gegner am Werk,


15) M. F. Kühne, D. Wilhelm Friedrich Lutz, S. 207.
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um sein Wirken zu hindern und seine Aufbauarbeit zu zerstören. Und zwar waren es nicht allein die Gegner auf katholischer Seite (deren Gegnerschaft begreiflich ist), nein, es gab Widersacher - jammervoll genug! - im eigenen Lager. Die unselige deutsche Zerrissenheit, die geistliche Zanksucht, das ewige Hadern, der Mangel an Selbstzucht und die vielfach auf evangelischer Seite zutage tretende Unfähigkeit, die Lehre Martin Luthers in ihrer ganzen Größe zu erkennen und sich tapfer hinter sie zu stellen, - dies war es, was Lucas B. um die sichtbaren Früchte seines selbstlosen Strebens, seines unermüdlichen Eifers und seines redlichen Willens, der evangelischen Sache zu dienen, brachte. Aber seine Tätigkeit war nicht, wie Wiedemann darstellt, nur negativ, nur die Schaden bei den Evangelischen heraushebend, die "Zwietracht bloßlegend". Sein Wirken reichte weiter; es ging tiefer.

In der geistigen Welt bleibt kein Tun verloren, das auf reinem Streben sich aufbaut. So kann auch Lucas Bacmeisters Tätigkeit nicht spurlos, wertlos und erfolglos gewesen sein, mag sich die Wirkung auch nicht offenkundig gezeigt haben. Ein so reines Wollen, ein so hoher sittlicher Ernst, so reiches Wissen hat gewiß - die vorliegenden Nachrichten sind dessen Zeugnis - bei vielen der evangelischen Glaubensgenossen in jenem Lande tiefen Eindruck gemacht, ihren Glauben gestärkt, ihn belebt und seine Träger zu standhaftem Zusammenhalten bestimmt.

Den Sinn und Wert dieser "Visitationsreise" möchte ich also deuten: hier handelte es sich letzten Endes nicht um bloße Theologenstreitigkeiten und kirchliche Verwaltungsmaßnahmen. Hier wurde Luthers Sache und Sendung weitergeführt. Hier wurde der Kampf zwischen zwei Weltanschauungen ausgefochten. In diesen gewaltigen Kämpfen und Stürmen jener Zeit hat sich Lucas Bacmeister zur Weltanschauung der neuen Lehre, wie Luther sie selbst lehrte, bekannt. Hier ging er, allen Anfeindungen trotzend, unbeirrt seinen Weg, mochten ihn auch die Gegner als "der reinen Lehre Widersacher" noch so heftig bekämpfen.


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Anhang.

Schreiben Bacmeisters an Hans Wilhelm von Losenstein.

Wolgeborener gnädiger Herr! Euer Gnaden seien meine underthenige gantzwillige Dienste neben meinem andächtigen gebett jederzeit zuvor, und nachdem jetzundt ein gewisser Rostockerischer Potte in Österreich abgefertigt wird, hab ich nicht underlassen sollen, E. G. mit meinem underthenigen Schreiben zu besuchen und gegen dieselbe mich abermal dankbar zu erzeigen für die vielfeltige hohe gutthaten, so mir von E. G. widerfaren, welcher ich die Zeit meines Lebens pillich nicht vergessen sol und wil; weil auch E. G. in irem negsten gnädigen Schreiben an mich gethan in gnedigem Gemüt gegen meine wenige Person, auch in meinem abwesen genugsam erkleret, hob ich mich gleichsfals bey dieser gelegenheit underthenigen erzeigung verhalten sollen. Und solle mir nichts liebert sein, den zu erfaren, das es E. G. sampt allen den Jrigen zu guter Gesundheit und aller glückseligen wolsein ergehen mochte, das auch in den österreichischen Evangelischen Kirchen, insonderheit aber in E. G. loblichen Herschafft, Kirchen und Schulen ein guet friedsam wesen wer. Es komen beiweilen allerley Zeitung heraus, die nicht gar wol klingen. Der almechtige barmhertzige Gott wolle umb seines namens ehre willen sein reines wort neben christlichem fried unter den lerern alda gnediglich erhalten, darumb ich in teglich bitte. Dieser orten haben wir Gott lob noch zur Zeit beide im geistlichen und weltlichen Stande guten friede. Es erreget der teuffel auch wol zuweilen etwas streits von der Erbsünd, wie noch newlich in der nehe allhier zu Bart, nur sechs meil weges von hinnen gelegen, da einer von den Pomerischen Fürsten Hertzog Bogislaff gemeiniglich Hoff hält, beschehen; es ist aber bald durch Gottes gnad und christliche mittel gestillet, wie auf beyverwartem abdruck, den ich E. G. Pastoren Herrn Balthasarn zuschicke, zu erfahren. Wolt Gott, das ein solcher weg auch in den österreichischen Kirchen konnte getroffen und angestellet werden.

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E. G. kan ich auch underthenig nicht verhalten, das mich der almechtige Gott den negstverschienen Sommer mit einem schweren Haußcreutz besucht und mir meine hertzliebe Haußfraw in einer hefftigen Brustkrankheit den 29. July und vier Wochen zuvor ein feines Kneblein bey dreien Jaren alt genommen, worüber ich in hertzlich große Betrübniß neben meinen Kindern, der noch acht im Leben sein, geraten bin. Muß aber das Creutz mit Gedult von dem Hern, der über uns zu gebieten hat und unser gnediger Vater ist und bleibt sowol im unglück als im glück, annehmen und tragen, und mich der gewissen seligen hoffnung der frelichen aufferstehung und des ewigen lebens trösten. Sonsten hat derselbige mein barmhertziger Gott mich sampt den meinen noch bisher in solcher trübsal mit gnaden erhalten und gesterket. Er füge uns weiter zu, was sein heiliger will und was nutz und selig ist. Desselben gnadenreichen schutz und schirm ich auch E. G. sampt dero christlichen hertzlieben gemahl und kindern zu einem fröhlichen glückseligen Newen Jar, langer gesundheit und heilsamer regierung, mich auch zu E. G. gnedige gewogenheit underthenig bevehle. Bitte auch E. G. Pastoren, Herrn Balthasarn Masco, meinetwegen freundlich zu grüßen. Datum Rostock den 31. Januarii stylo vetere A° 1585. - Dem wolgeborenen hern, Hern Hans Wilhelm Hern zu Losenstein auff Schallaburgk, meinem gnedigen Hern.


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Quellen und Schrifttum.

  1. Acta Austriaca, ed. Johannes Bacmeister, Dr. und Professor der Medizin in der Stadt und Universität Tübingen, 2 Bde. handschriftlich mit 362 und 456 Blättern in der Württ. Landesbibliothek, Stuttgart.
  2. Bernhard Raupach, Erläutertes Evangelisches Österreich oder Zweyte Fortsetzung der Historischen Nachricht von den vornehmsten Schicksalen der Evangelisch-lutherischen Kirchen in dem Ertz-Herzogtum Österreich usw., 1738.
  3. Johann Georg Schelhorn, Apologia pro Petro Paulo Vergerio, Episcopo Justinopolitano adversus Joannem Casam, Archiepiscopum Beneventanum, 1754.
  4. Georg Ernst Waldau, Geschichte der Protestanten in Österreich, Steiermarkt, Kärnthen und Krain vom Jahre 1520 biß auf die neueste Zeit. Erster Band 1784.
  5. M. Krey, Andenken an hiesige Gelehrte aus dem 16., 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, enthaltend biographische Notizen, 1.-5. Stück, Rostock 1812-1815.
  6. Johann Bernhard Krey, Andenken an die Rostockschen Gelehrten aus den drei letzten Jahrhunderten, 1.-8. Stück, Rostock 1816, nebst Anhang hiezu, Rostock 1816.
  7. Julius Wiggers, Kirchengeschichte Mecklenburgs, 1840.
  8. Otto Krabbe, die Universität Rostock im 15. und 16. Jahrhundert. 1. und 2. Teil, 1854.
  9. Otto Krabbe, David Chyträus, 1870.
  10. Theodor Wiedemann, Geschichte der Reformation und Gegenreformation im Lande unter der Enns, 1. Band, Prag 1879.
  11. Gustav Trautenberger, Kurzgefaßte Geschichte der evangelischen Kirche in Österreich, Wien 1881.
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  1. M. F. Kühne, D. Wilhelm Friedrich Lutz, Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich, 5. Jahrg. (1884) S. 193 ff.
  2. Karl von Otto, Geschichte der Reformation im Erzherzogtum Österreich unter Kaiser Maximilian (1564-1576), Jahrbuch für die Geschichte usw. 10. Jahrg. (1889) S. 1 ff.
  3. Eduard Bohl, Beiträge zur Geschichte der Reformation in Österreich, 1902.
  4. Georg Loesche, Geschichte des Protestantismus im vormaligen und im neuen Österreich, 1930.
  5. Karl Schmaltz, Kirchengeschichte Mecklenburgs, 2 Bde. 1935 und 1936.
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II.

Kloster Sonnenkamp
zu Neukloster in Mecklenburg.

von

Albrecht Volkmann.

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Kloster Sonnenkamp in Neukloster - Rekonstruktionsplan
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Inhaltsverzeichnis.

Vorwort 35
I. Geschichte des Klosters Sonnenkamp.  
  1. Vorbedingungen der Klostergründung 37
  2. Klosterverfassung und inneres Leben 40
  3. Gründung Sonnenkamps. - Geschichte bis zur Säkularisation 44
  4. Kurzer Überblick über die Geschichte bis zur Gegenwart 55
II. Der Bau.  
  1. Die Vorbedingungen.
    a) Die abendländische Klosteranlage 57
    b) Das Frauenkloster 63
    c) Der Backsteinbau und seine Anfänge 72
  2. Baubeschreibung.
    a) Die Kirche.
      aa) Der Außenbau 85
      bb) Das Kircheninnere 93
    b) Der Glockenturm 96
    c) Die Propstei 98
    d) Das Braunshaupt 102
  3. Rekonstruktionsversuch der Gesamtanlage und Grabungsbericht 103
III. Neuklosters Stellung in der Kunstgeschichte.  
  1. Die Frage nach holländischen Vorbildern 135
  2. Zisterziensische Vorbilder? 146
  3. Der Dom zu Güstrow 149
  4. Kirchen der mecklenburgischen Umgebung Neuklosters 153
  5. Neukloster und Ratzeburg 158
    a) Der Dom zu Ratzeburg 158
    b) Das Ratzeburger Planschema in Sonnenkamp. - Grundriß und Bauentwicklung Neuklosters 162
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  6. Neukloster, Westfalen und die Zisterzienser 169
    a) Die Chorbildung 170
    b) Die Giebelbildung 175
    c) Dreifenstergruppe - Pfeiler - Konsolen 181
  7. Märkisch-normannische Beziehungen 186
Anhang.  
  1. Die Propsteigiebel 188
  2. Glasgemälde 189
  3. Beschreibung des fürstlichen Hauses zu Neukloster, 13. November 1610 191
  4. Auszug aus Friedrich Lischs Bericht zur Vorbereitung der Restaurierungsarbeiten an der Klosterkirche, 30. Mai 1862 193
Literatur 195
Abbildungsverzeichnis 199
Abbildungen 1-45

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Vorwort.

Die vorliegende Arbeit wurde angeregt durch eine Seminarübung des Kunstgeschichtlichen Instituts der Universität Rostock, die im Sommersemester 1934 unter der Leitung von Herrn Professor Dr. Richard Sedlmaier stattfand. Sie beschäftigte sich mit der Klosterkirche in Doberan und ließ als wünschenswert erscheinen, auch die Doberan vorausgehenden Backsteinbauten von Mönchs- und Nonnenkirchen aus der Kolonisationszeit des 13. Jahrhunderts einer näheren Betrachtung zu unterziehen. In Neukloster, dessen Bearbeitung ich übernahm, hat das Kunstgeschichtliche Institut dann in den Jahren 1935-36 Ausgrabungen durchgeführt, die ich in meiner Eigenschaft als Assistent des Instituts zu leiten hatte. Sie gaben eine willkommene Möglichkeit, die Nachforschungen auch nach dieser Richtung hin auszudehnen und ihre Ergebnisse für die Lösung der Aufgabe zu verwerten.

Zu danken habe ich einer großen Anzahl von Persönlichkeiten und Amtsstellen, ohne deren unermüdliche Hilfsbereitschaft die Durchführung der Arbeit undenkbar gewesen wäre. An erster Stelle gebührt dieser Dank meinem verehrten Lehrer, Herrn Prof. Dr. Richard Sedlmaier (Rostock), der die Arbeit durch vielerlei Hinweise förderte und dem Verfasser stets mit Rat und Tat hilfsbereit zur Seite stand. An nächster Stelle habe ich Herrn Oberbaurat Dr. Kurt Fischer (Schwerin) zu danken, der vor allem bei den Grabungen durch Vermittlung bei den zuständigen Stellen und tatkräftige Mitarbeit zum Gelingen beitrug und seine bau- und grabungstechnischen Erfahrungen in selbstloser Weise zur Verfügung stellte. Der frühere Denkmalpfleger der Baudenkmäler der geschichtlichen Zeit in Mecklenburg, Herr Ministerialrat A. F. Lorenz, jetzt in Potsdam, lieh aus den Beständen des Denkmalamtes Pläne, Zeichnungen und Photographien bereitwilligst her. Die Herren Staatsarchivdirektor Dr. Strecker und Staatsarchivrat Dr. Tessin machten mir in entgegenkommender Weise die Akten des Schweriner Geh. und Hauptarchivs zu-

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gänglich, während Herr Landrat Dr. Schumann (Wismar) und Herr Bürgermeister Beltz (Neukloster) durch Bereitstellung von Geldmitteln die Grabungen ermöglichten, die von Arbeitsmännern des Reichsarbeitsdienstes 3/61 Neukloster mit großer Liebe zur Sache durchgeführt und von Herrn Oberfeldmeister Kindt (Neukloster) stets mit Interesse verfolgt wurden. Ferner danke ich Herrn Propst Walther (Neukloster), der mir mehrfach wochenlange Gastfreundschaft gewährte und ebenso wie Herr Oberforstmeister von Bronsart als Hausherr auf dem Grabungsgelände der Arbeit stets wohlwollende Förderung angedeihen ließ.

Von größtem Wert waren für mich weiterhin die mehrfachen finanziellen Unterstützungen meiner Studienreisen nach Dänemark, Schweden, Holland und Frankreich, die mir durch die Güte des Herrn Regierungsbevollmächtigten an der Universität Rostock, Herrn Ministerialrat Dehns, zuteil wurden und für die ich ihm zu großem Dank verpflichtet bin.

Diese ausländischen Studien wurden an Ort und Stelle in überaus zuvorkommender Weise unterstützt vor allem durch die Hilfsbereitschaft des Herrn Dr. M. D. Ozinga vom Reichsbüro für Denkmalpflege in 's Gravenhage und der Herren Professoren van der Leeuw und Lindebom in Groningen, die beide zum Gelingen der Studienreise nicht wenig beigetragen haben. In Schweden war es vor allem das Reichsarchiv in Stockholm, das mir durch Herrn Amanuensis Birger Lindén Aktenauszüge für die Schwedenzeit Neuklosters zugänglich machte; in Riga Herr Architekt W. Bockslaff, der Photographien des Domes eigens anfertigte und auch sonst mit seinem Rat zur Verfügung stand.

Schließlich gebührt noch ganz besonderer Dank meinem Freunde cand. phil. Wolfgang Müller (Rostock), der während der Ausgrabungen und auf mehreren Studienreisen mein unermüdlicher treuer Kamerad war, manchen wertvollen Baustein zum Ganzen lieferte und die Grabungsergebnisse in zahlreichen vorzüglichen Aufnahmen festhielt.

Der Verfasser.     


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I. Geschichte des Klosters Sonnenkamp.

1. Vorbedingungen der Klostergründung.

In dem Rest des Obotritenlandes, der bei Niklots Fall noch bestand und in dem Neukloster gelegen ist, trat nach langen Kämpfen und wiederholten Aufständen der Wenden endlich 1167 eine Beruhigung ein, indem Niklots Sohn Pribislaw sich mit Heinrich dem Löwen aussöhnte und sein Land von ihm zu Lehn nahm. Schon vorher war der Wendenfürst zum Christentum übergetreten. Pribislaws Sohn, Heinrich Borwin I., der nach seines Vaters Tode 1178 zur Herrschaft kam, war ein Freund des Deutschtums. Er selbst war in zwei Ehen mit deutschen Frauen verheiratet 1 ) . Während seiner Regierungszeit begann die Besiedelung des Landes durch Deutsche, die den endgültigen Anschluß an das deutsche Volkstum und deutsche Kultur zur Folge hatte.

Drei Ströme deutscher Kolonisten haben wir bei dieser großen Kolonisationsbewegung zu unterscheiden: den westfälischen, den ostfälischen und den märkischen 2 ) . Helmold spricht 3 ) für Wagrien von Friesen und Holländern, doch gehörten diese schon einer früheren Generation an. In das alte Obotritenland gelangten zunächst westfälische Ansiedler, vornehmlich, wie es scheint, aus dem Bistum Münster. Während am Ende des 12. Jahrhunderts erst einige schwache Ansätze zur stärkeren Durchsetzung der Bevölkerung mit dem deutschen Element sichtbar werden, läßt sich mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts eine ganz bedeutende und plötzliche Zunahme des Deutschtums


1) Wigger: Stammtafeln d. Ghzgl. Hauses v. Meckl. (Jahrb. des Vereins für meckl. Geschichte und Altertumskunde. 50/1885. S. 142 f.)
2) Schmaltz: Die Kirchenbauten Mecklenburgs, Schwerin 1927, S. 16 ff; S. 33 ff.
3) Helmold: Chron. Slav. (Mon. Germ. Script. XXI), Lib. I, S. 55.
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feststellen, die auf ein planmäßiges Vorgehen zurückgeführt werden muß 4 ). Auch der wendische Adel nahm deutsche Elemente in sich auf, die sich bald die unbedingte Vorrangstellung zu verschaffen wußten und nach kurzer Zeit den eingesessenen wendischen Adel ganz zurückdrängten.

Doch ebenso wichtig wie die Einwurzelung des Deutschtums am Hof und im Adel war es, daß die religiöse und kulturfördernde Arbeit der Kirche von Deutschen geleistet wurde. Dies gilt namentlich von den Klöstern.

Für die Errichtung eines vorgeschobenen Feldklosters wie Sonnenkamp waren verschiedene Gründe maßgebend: religiöse, sodann wirtschaftliche und kulturelle, endlich politische und soziale. Aber es war nicht so, daß diese einzelnen Interessen auf die Träger eines solchen Unternehmens verteilt gewesen wären, daß also etwa der Bischof nur das Emporblühen des kirchlichen Stützpunktes, der Fürst nur die politische Zelle, die ihm hier entstand, im Auge gehabt hatte, sondern es lag in der Natur der Sache, daß Kirche, Fürsten und Adel in ähnlicher Weise auf allen diesen Teilgebieten sich Erfolg erhofften.

Um mit der Kirche zu beginnen, so war ihr am wichtigsten selbstverständlich das Religiöse, handelte es sich doch in jener Zeit um die endgültige Bekehrung der Slawen zum Christentum, um ihre innere Gewinnung und Unterweisung im Geiste der neuen Lehre. Um diese Erziehungsarbeit leisten zu können, brauchte die Kirche Stützpunkte, Kraftzentren, aus denen gewissermaßen gesammelte religiöse Intensität ihre Strahlen nach allen Seiten aussenden konnte, und das eben waren die Klöster. In erster Linie kamen hier natürlich die Konvente der Benediktiner und Prämonstratenser in Betracht, da sie die Möglichkeit hatten, ihre Mitglieder im unmittelbar missionarischen und Seelsorgedienst einzusetzen, während dies den Zisterziensern und den Frauenklöstern insgemein nicht gestattet oder nicht möglich war. Diese waren also in kirchlicher Hinsicht mehr Etappe beim Kampf gegen das Heidentum, aber auch in dieser Stellung doch von beträchtlichem Wert, wenn auch nur als vorbildliche Gemeinschaften des Glaubens und der Sitte.

Jedoch lag das religiöse Interesse an den Gründungen keineswegs allein auf seiten der Kirche. Vielmehr war es


4) A. Rudloff: Gesch. Mecklenburgs v. Tode Niklots bis zur Schlacht bei Bornhöved, Berlin 1901, S. 114. Witte, Meckl. Gesch. I, S. 119 ff.
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auch den Fürsten und nicht weniger dem Adel völlig ernst mit dem, was die Klöster als ihre eigentlichste, innerste Aufgabe ansahen: das Lob Gottes, die Pflege und Vertiefung des religiösen Lebens, der Welt zu entsagen, um der Welt zu dienen. Fürsten und Edle wetteiferten darin, einen großen Teil ihrer Güter der Institution zu opfern, die durch Predigt. Gebet, Fürbitte und Liebeswerke sich um das Heil der Menschheit mühte 5 ). Die religiöse Inbrunst aller Volkskreise war außerordentlich groß, war es doch die Zeit, in der der hl. Franz von Assisi und die hl. Clara, St. Dominikus und St. Elisabeth von Thüringen lebten und in heiligem Eifer die Herzen der Menschen für Christus und seine Kirche zu gewinnen suchten. Die Zahl der Klostergründungen steigt am Anfange des 13. Jahrhunderts ins Unermeßliche, alljährlich entstehen eine große Menge neuer Niederlassungen, vor allem Frauenkonvente, deren es allein innerhalb des Zisterzienserordens gegen neunhundert gegeben haben soll, hauptsächlich in Deutschland und Frankreich 6 ). Dabei handelte es sich allerdings keineswegs um eigentliche Ordensgründungen von Citeaux, sondern in der Mehrzahl um solche Klöster, die zwar die Gewohnheiten des Zisterzienserordens freiwillig für sich verbindlich machten, jedoch in keinem organisatorischen Zusammenhang mit dem Orden standen.

Nächst der Kirche waren es die Fürsten, die die Klostergründungen förderten. Ihnen kam es natürlich neben der religiösen auf die politische wie auch die kulturelle und wirtschaftliche Wirkung an. Wenn auch nicht immer ausschließlich Deutsche zum Konvent zählten, so war doch in jedem Fall die entscheidende Mehrheit und die geistige Führung deutsch und sorgte dafür, daß das den Wenden mit blutigen Opfern wieder abgerungene Gebiet nun dem deutschen Volkstum für immer erhalten blieb. Solche Erwägungen verstanden sich bei den deutschen Grafen, die unter Heinrich dem Löwen und in seiner Nachfolge deutsche Kolonialpolitik im Osten des Reiches trieben. Aber auch ein Mann wie der weitsichtige Heinrich Borwin I. erkannte die geistige und wirtschaftliche Überlegenheit des


5) Schon Thomas Nugent: The history of Vandalia, London 1769, II, pag. 70, entnimmt der Tatsache, der Gründung Sonnenkamps durch das mecklenburgische Fürstenhaus, daß dieses besonderen religiösen Eifer an den Tag gelegt habe.
6) Vgl. Heimbucher: Die Orden und Kongregationen der kath. Kirche, 3. Aufl. 1931 Bd. I, S. 356.
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Deutschtums völlig an und förderte es als Wende im wendischen Lande 7 ).

In kultureller Hinsicht war das Wirken der Klöster besonders wertvoll in einer Zeit, in der die Bildungsmittel fast allein in den Händen der Geistlichkeit lagen. Noch war das Schreiben und Lesen im wesentlichen auf den Klerus beschränkt, aus ihm gingen also die fürstlichen Schreiber hervor; in seiner Hand waren Predigt und Schule, in seinen Reihen und seiner Umgebung geschickte Baumeister, Handwerker und Gärtner.

Nicht zu unterschätzen ist auch die wirtschaftliche Bedeutung der Klöster, waren sie es doch, die durch ihre Arbeit beträchtliche Gebiete wirtschaftlich nutzbar machten. Was das in einem solchen Lande "des Schreckens und der wüsten Einöde", wie es in der Neuklosterschen Bestätigungsurkunde des Bischofs Brunward von Schwerin 8 ) heißt, besagte, können wir Heutigen kaum noch ermessen: es war ein völlig neuer Anfang, mühsamste, entsagungsvollste Arbeit in Urwald und Sümpfen. Außer der eigenen Kultivierungsarbeit hatten die Klöster die Aufgabe, für die Ansetzung von Kolonisten zu sorgen.

Neben der Kirche und den Fürsten nahmen auch, vorzugsweise jedoch erst in späterer Zeit, die Adligen des Landes ein Interesse an den Klöstern und bedachten sie mit Spenden, "um ihrer Seligkeit willen". Einmal verpflichteten sie sich so die Klöster, die sie dafür in ihre "communio omnium bonorum", d.h. in die Gemeinschaft ihrer guten Werke und Gebete aufnahmen; ferner sicherten sie ihren eigenen unverheirateten Söhnen und Töchtern dadurch Plätze in den Stiftern. In vielen Landschaften gab es geradezu Familienklöster, die nur den Mitgliedern ganz bestimmter eingesessener adeliger oder patrizischer Geschlechter offen standen, wie es heute vor allem in Hannover noch der Fall ist 9 ).

2. Klosterverfassung und inneres Leben.

Während seines ganzen Bestehens hat Kloster Sonnenkamp unter der Regel des hl. Benedikt († 529) gestanden, des Vaters alles abendländischen Mönchtums. Ihre Weisheit der Seelenführung und ihre Menschenkenntnis ist so groß, daß sie noch


7) Witte a.a.O. S. 123.
8) Meckl. Urk.Buch (M.U.B.) Nr. 255 vom Jahre 1219.
9) z.B. Medingen, Ebstorf, Wienhausen in Hannover.
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heutigentages den Söhnen und Töchtern des hl. Benedikt zur Richtschnur ihres Lebens dienen kann. Ihre Grundhaltung ist das alte benediktinische "ora et labora"; die drei Gelübde, auf die sich der benediktinische Mönch und die benediktinische Nonne verpflichten, sind die conversio morum, die oboedientia und die stabilita loci. Sie sind die Grundpfeiler des gesamten klösterlichen Lebens. Man begibt sich also Zeit seines Lebens in ein bestimmtes Kloster, unterstellt sich im vollkommenen Gehorsam der Führung des Abtes oder Priors, der als Stellvertreter Christi angesehen wird, und gelobt, sich mit dem ganzen inneren und äußeren Sein den ungöttlichen Dingen ab-, den göttlichen zuzukehren.

Als zu Ende des 11. Jahrhunderts die cluniazensische Reform wieder einer starken Verweltlichung Platz gemacht hatte, taten sich ein paar Männer zusammen, die dieser Veräußerlichung Einhalt gebieten und zu der Strenge der alten Askese zurückkehren wollten. Sie fanden sich in einem Kloster im Tal von Citeaux in Burgund zusammen und lebten wieder ganz streng nach der Regel des hl. Benedikt, die durch die Bestimmungen der Charta charitatis im einzelnen ergänzt wurde. Nach anfänglich geringem Erfolg blühte der neue Orden, dessen Hauptmerkmal seine straffe militärische Organisation und seine strenge Verpflichtung zu harter Handarbeit waren, durch den Eintritt des hl. Bernhard von Clairvaux in ungeahntem Maße auf und verbreitete sich in fast allen Ländern Europas. Wie der Benediktinerorden schon von Anfang an auch Frauenklöster gehabt hatte, so entwickelte sich auch bei den Zisterziensern nach und nach ein weiblicher Zweig, der allerdings erst am Anfang des 13. Jahrhunderts vom Generalkapitel anerkannt wurde. Die Mehrzahl aller Frauenklöster jedoch, die nach der Zisterzienserregel lebten, gehörte dem Orden nicht an, da diesem ein allzu starkes Anwachsen der Zahl der weiblichen Glieder nicht erwünscht war. Die innere Verfassung der Frauenklöster beider Orden war ziemlich die gleiche und kann daher gemeinsam hier kurz beschrieben werden.

Im Gegensatz zu den Männerklöstern bestand bei den Frauenkonventen als hervorstechendster Zug eine Teilung der Gewalten. Die eigentliche Leitung der klösterlichen Gemeinschaft wie auch die Ordnung aller inneren Angelegenheiten lag in den Händen der Äbtissin oder, wo es eine solche nicht gab, der Priorin. Sie war die "domina", die eigentliche Hausherrin. Da sie jedoch bei den damaligen schwierigen Verhältnissen als

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Frau nicht den gesamten Verwaltungsapparat in Händen haben konnte, ihr außerdem die Priesterwürde fehlte, so war ihr ein männlicher Berater zur Seite gestellt, der die geistliche Leitung der Nonnen als Beichtvater in der Hand hatte, die hl. Eucharistie feierte und im übrigen den äußeren Geschäftsverkehr regelte. Ihm zur Seite standen in Neukloster noch drei weitere Geistliche zum Beichthören und Messelesen 10 ).

Wie in allen Klöstern, so gab es auch in Sonnenkamp eine große Anzahl von Ämtern, die von der Priorin vergeben wurden, so zuerst das Amt der subpriorissa, die die Priorin zu vertreten hatte und vielfach als Mitsprecherin für die Klostergemeinde auf Urkunden erscheint; sodann das der celleraria, der die gesamte Hauswirtschaft samt der Kasse unterstand, ferner das Amt der Siechenmeisterin, der Gesangsmeisterin, der Novizenmeisterin, der Bibliothekarin, Gästemeisterin, Pförtnerin und andere mehr 11 ).

Allem voran soll im klösterlichen Leben der Gottesdienst stehen, darum werden die nächtlichen Metten, sodann die morgendlichen Laudes, die Tagesgebetszeiten der Prim, Terz, Sext und Non, das Abendgebet der Vesper und das Nachtgebet der Complet mit großer Andacht und Ausführlichkeit gehalten. Drei bis vier Stunden des Tages nehmen diese Gebetsgottesdienste etwa ein, dazu kommen die tägliche Feier der hl. Messe und die ausführlichen Gebete vor und nach den Mahlzeiten, ferner geistliche Lesungen und Betrachtungen und privates Gebet. Da aber außerdem Handarbeit eine ausdrückliche Bestimmung der Klosterregel war 12 ), so muß man schließen, daß zum Müßiggang keine Zeit blieb und daß das Klosterleben keineswegs bequem war, sondern im Gegenteil außerordentlich anstrengend.

Die Gottesdienststunden gaben dem Tag seine Einteilung und seinen festen Rhythmus, wie überhaupt alles fest und streng geordnet war. Nach der Complet mußte völliges Schweigen herrschen, aber auch am Tage sollte die Nonne nur das Nötigste reden und im übrigen ihre Gedanken auf die göttlichen Dinge und auf ihre Arbeit richten. Niemals durfte die Nonne das Kloster verlassen, nur der Priorin und der Schwester Kellnerin war wegen ihrer Ämter größere Freiheit ge-


10) M.U.B. 4036-38; 11406; 12475.
11) ebd. 10259.
12) Die Mönchsregel des hl. Benedikt, Beuron 1926, cap. 48.
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stattet. Besuch durften die Klosterfrauen nur durch ein Fenster sprechen, in der Kirche saßen sie auf einem besonderen Chor, so daß sie mit der Außenwelt fast gar nicht in Berührung kamen. Wie Stahlberg 13 ) berichtet, unterhielten die Neuklosterer Nonnen auch eine Art Erziehungsanstalt für Töchter angesehener Familien unter Leitung einer Schulschwester, ferner ein Siechenhaus, in dem wohl nicht nur Kranke des Klosters, sondern auch solche von auswärts Aufnahme und Pflege fanden. Genau geregelt war auch der Wochendienst in der Küche sowie derjenige der Vorleserinnen bei Tisch wie auch beim Chorgebet. Ebenso stand die Rangordnung der Nonnen untereinander ein für alle Mal fest und zwar ging es nicht nach Alter oder Stand, sondern nach dem Tage des Eintritts in die Klostergemeinde 14 ).

Eigentum durften die Nonnen unter keinen Umständen besitzen, alles sollte allen gemeinsam sein, jede sollte von der Gemeinschaft das Wenige zugeteilt bekommen, was sie an Kleidung und kleinen Gebrauchsgegenständen benötigte 15 ). Die Zulassung von Privateigentum kam erst in späterer Zeit auf und ist ein deutliches Zeichen für den Verfall der Klosterzucht.

Das Moment der Gemeinschaft wurde ferner aufs stärkste betont durch das Leben in gemeinsamen Wohn- und Schlafräumen. Gemeinsam verbrachte man täglich viele Stunden im Gotteshaus, gemeinsam hielt man im Kapitel die Beratungen und geistlichen Belehrungen ab, gemeinsam waren die Mahlzeiten im Refektorium, gemeinsam der Schlaf im Dormitorium: die einzelnen sollten lernen, sich selbst ganz aufzugeben, allem Eigenwillen zu entsagen, dafür aber den Willen Gottes ganz in sich wirken zu lassen und Liebe zu üben in der Gemeinschaft der Schwestern. Eine solche Gemeinschaft gleichgesinnter, nach hohen Idealen strebender Menschen konnte in der Tat für die neu bekehrten Slawen ein leuchtendes Vorbild sein von Glaube und Liebe, von christlicher Zucht und Sitte, solange der rechte Geist unter ihnen lebendig war und sie das tatsächlich in die Wirklichkeit umsetzten, was ihnen im Prolog der Regel des heiligen Benedikt zur Aufgabe gemacht war: "Was an ihnen Gutes ist, schreiben sie nicht ihrem eigenen Können, son-


13) J. Stahlberg: Geschichte des Kirchspiels Neukloster, Neukloster 1900, S. 11.
14) Regel des hl. Benedikt a.a.O. cap. 63.
15) ebda. cap. 33.
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dern dem Wirken Gottes zu; sie preisen den Herrn, der in ihnen wirkt, und sprechen mit dem Propheten: "Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib die Ehre.""

3. Gründung Sonnenkamps.
Geschichte bis zur Säkularisation.

Um das Jahr 1211 wurde, bedingt durch alle die im Vorausgegangenen erwähnten allgemeinen Verhältnisse, in Parkow, dem heutigen Parchow bei Westenbrügge durch den Wendenfürsten Heinrich Borwin I. das erste Nonnenkloster des Landes gegründet und der Gottesmutter und dem Evangelisten Johannes geweiht 16 ). Schon 1171 hatte der erste Schweriner Bischof, Berno, sich verpflichten müssen, in seinem Bistum ein Nonnenkloster zu errichten. Dies geschah auch, und zwar in der Stadt Bützow, der wichtigsten Stadt des Stiftslandes 17 ). Aber nur kurze Zeit scheint sich diese Stiftung gehalten zu haben, wir wissen von ihr nur dadurch, daß die Tatsache in Urkunden des Klosters Rühn von 1232 und 1239 erwähnt wird 18 ).

Der Ruhm, das älteste Nonnenkloster des Landes gewesen zu sein, bleibt somit bei Kloster Sonnenkamp, der Gründung des obotritischen Fürstenhauses. Die Reimchronik des Ernst von Kirchberg 19 ) berichtet uns, daß Heinrich Borwin das Kloster

               " . . . . Sunnevelt
vf eyn stad, waz Klus 20 ) genant
by Westingenbrucke nahe irkant"

gebaut habe und daß es dort

"nicht lengir me wan achte iar"

geblieben sei. Tatsächlich lag das Kloster, wie aus der Stiftungsurkunde von 1219 hervorgeht 21 ), ursprünglich in der Nähe von Westenbrügge, eben in Parkow, also noch ein recht großes Stück Wegs von der späteren endgültigen Ansiedlung


16) M.U.B. 254 und 255.
17) M.U.B. (398); 420; 498.
18) Fr. Schlie: Die Kunst- u. Geschichtsdenkm. d. Ghzgts. Meckl.-Schwerin, III, 2. Aufl. 1900, S. 445.
19) Westphalen: Monumenta inedita IV., S. 765 (cap. CXXI), siehe Lisch, Meckl. Jahrb. 33, S. 3 ff.
20) = Klause?
21) M.U.B. 254.
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entfernt. Aber was das von Kirchberg angegebene Gründungsdatum 1225 betrifft, so stimmt es mit der urkundlichen Überlieferung nicht überein. Daß der Fehler in der Reimchronik liegt, geht schon gleich aus Kirchbergs Worten selbst hervor:

"Dyse geschicht geschach also
by babist Innocencio.
von Stouf der keysir Frederich
dy wyle hielt daz romische rich."

Innozenz III. starb aber bereits 1216, so daß für die Gründung etwa acht Jahre vor dem urkundlich belegten Datum 1219 volle Gewißheit besteht, während 1225 nicht in Frage kommt.

Ein weiterer Fehler in Kirchbergs Chronik findet sich bei der Erwähnung der Ordenszugehörigkeit der Klosterjungfrauen. Es heißt da:

"dy jungfrowen warin gentzlich so
des ordens von Cistercio."

Dies entspricht der bisherigen fast allgemeinen Annahme, daß die Nonnen zu Neukloster von vornherein nach der Zisterzienserregel gelebt oder gar dem Zisterzienserorden angehört hätten. Das war jedoch nicht der Fall, wie schon David Franck 22 ) feststellte und wie Rudloff 23 ) bereits vor mehr als dreißig Jahren erneut angedeutet hat. Er meinte, die Nonnen von Sonnenkamp hätten die Regel des Ordens von Citeaux "wohl von vornherein" befolgt, wären aber Benediktinernonnen gewesen. Dies sind jedoch zwei Dinge, die sich nicht miteinander vereinigen lassen: entweder die Nonnen waren ein freier Konvent von "Zisterzienserinnen", die der Regel St. Benedikts und den Gewohnheiten von Citeaux folgten, oder sie waren Benediktinerinnen, - dann folgten sie den Gewohnheiten von Citeaux nicht. Daß das Letztere wirklich der Fall war, geht mit Bestimmtheit aus der Tatsache hervor, daß das Kloster als ein Konvent nach der Regel des hl. Benedikt gegründet wurde, während von den consuetudines Cisterciensium fratum nicht die Rede ist, daß die Nonnen vielmehr erst nach dem Konzil von Lyon (1245) die Gewohnheiten von Citeaux offiziell angenommen haben. Dies ergibt sich eindeutig aus


22) Des Alt- und Neuen Mecklenburgs Erstes Buch, von Mecklenburgs Heydenthum, Leipzig und Güstrow 1753, Lib. IV. cap. VI. S. 39: Die Neuklosterer Nonnen waren Benediktiner Ordens.
23) a.a.O. S. 116.
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dem Schutzbrief des Papstes Clemens IV. von 1267 24 ), worin dieser "institutionem Cisterciensium fratrum, a vobis post concilium generale susceptum" ausdrücklich erwähnt. Als concilium generale kommt aber in diesem Zusammenhang nur das letzte vor dem Datum des Schutzbriefes liegende von 1245 in Frage 25 ), so daß nunmehr feststeht, daß Sonnenkamp als Zisterzienserinnenkloster frühestens seit 1245 gelten kann. Aber nicht nur das. Vielmehr macht es die Tatsache, daß das Kloster erst 1254 daran denkt, sich durch die Teilnahme an allen geistlichen Gütern des Zisterzienserordens diesem näher zu verbinden 26 ), wahrscheinlich, daß Sonnenkamp sogar erst anfangs der fünfziger Jahre des 13. Jahrhunderts zisterziensischen Gewohnheiten bei sich Einlaß gewährt hat. Die erste überlieferte Erwähnung des Klosters als "Cysterciensis ordinis" geschieht erst im Jahre 1267 27 ). Daß die Erkenntnis dieser Sachlage für die Baugeschichte des Klosters von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist, liegt auf der Hand und wird im folgenden noch weiter zu behandeln sein.

Es gilt nun, sich noch der wichtigen Frage zuzuwenden, woher denn die ersten Nonnen für Sonnenkamp gekommen seien, der Stammkonvent, den jede Neugründung benötigt, um das Klosterleben in gebührender Zucht und Ordnung fest einzuführen und dessen Herkunft bei den Zisterzienserklöstern für die Filiation so wichtig geworden ist. Wenn auch die Bedeutung dieser Angelegenheit für Benediktinerklöster bei weitem nicht so groß ist, so kann man doch gerade für die Baugeschichte unter Umständen wichtige Schlüsse daraus ziehen. Leider läßt sich die Herkunft der ersten neuklosterschen Nonnen nicht eindeutig bestimmen. Gewiß ist nicht von der Hand zu weisen, daß sie sehr wohl aus dem verhältnismäßig nahe gelegenen Bergen auf Rügen gekommen sein können. Aber auch die Hypothese Rudloffs 28 ), daß sie aus dem ebenfalls nicht weit entfernten Arendsee in der Altmark stammten, hat etwas für sich, zumal da die zweite Gemahlin Heinrich Borwins, Adelheid, die Mit-


24) M.U.B. 1120.
25) Der gleichen Ansicht ist, wie er mir brieflich mitteilte, der als Kunst- und Ordenshistoriker bekannte Pater Gilbert Wellstein S. O. Cist. in Marienstatt.
26) M.U.B. 728.
27) ebd. 1112.
28) Rudloff a.a.O. S. 116.
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stifterin des Klosters, wahrscheinlich eine märkische Prinzessin war.

Weiter mag an dieser Stelle Gelegenheit genommen werden, ganz kurz auf die kirchliche Stellung eines Klosters wie Sonnenkamp einzugehen. Da es sich hier um eine mehr landschaftliche Gründung handelt, die nicht in enger Beziehung zu einer großen Ordensgemeinschaft stand, da außerdem das Kloster zeit seines Bestehens einfaches Priorat blieb und nicht zur selbständigen Abtei erhoben wurde, so ist ersichtlich, daß es zu der großen Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, die sonst im Wesen der Benediktinerklöster liegt, nie gelangt ist. Auch als das Kloster die Zisterzienserregel annahm, blieb es unter direktem bischöflichen Einfluß, wie es bei vielen Benediktiner-Frauenklöstern noch heute der Fall ist. Es ist anzunehmen, daß der Konvent bei Einführung der zisterziensischen Gewohnheiten versucht hat, als regelrechtes Glied in den Orden aufgenommen zu werden, womit es der unmittelbaren Leitung des Bischofs entzogen und dem nächstgelegenen Zisterzienser-Männerkloster, also Doberan, unterstellt worden wäre. Vor allem dürfte sich die mächtige Abtei Doberan selbst darum bemüht haben, da ein großer Machtzuwachs für sie damit verbunden gewesen sein würde. Wirklichkeit geworden ist dies nicht, obgleich schon allein in der Tatsache der Annahme der Zisterzienserregel durch Sonnenkamp zu Beginn der fünfziger Jahre eine Einflußnahme Doberans zweifellos gesehen werden muß, durch die sich das moralische Schwergewicht ohne Frage auf der Seite Doberans wesentlich verstärkte.

Über den Grund der Wegverlegung von Parchow sind wir nicht genau unterrichtet. Vielleicht ist an der Meinung Kirchbergs, daß die schlechte Beschaffenheit des Ackers, d. h. wohl: die noch nicht genügend durchgeführte Kultivierung der Feldmark, der Grund gewesen sei, doch etwas Wahres, obgleich es von Schlie bezweifelt wird 29 ). Den wichtigeren Grund scheint mir jedoch Witte 30 ) anzudeuten, wenn er "das aus Parchow zurückverlegte 31 ) Kloster Sonnenkamp" erwähnt. In der Tat scheint die Stiftung eines Nonnenklosters auf einem so vorgeschobenen Posten, wie es die Neubukower Gegend damals noch war, doch etwas zu gewagt gewesen zu sein;


29) Schlie a.a.O. S. 446.
30) H. Witte: Jegorows Kolonisation Mecklenburgs im 13. Jahrhundert, Breslau 1932, S. 221.
31) Sperrung hier.
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denn die Einordnung der slawischen Bevölkerung in die deutsche und christliche Lebensordnung war damals offenbar noch gar nicht so ganz abgeschlossen. Das geht u. a. aus einer Urkunde des Bischofs Brunward von Schwerin von 1236 hervor, in der er von der "Verwüstung durch die einst von dort vertriebenen Slawen" spricht 32 ). Damit würde ferner zusammenstimmen, daß man, wie Stahlberg 33 ) erwähnt, das Kloster in die schützende Nähe einer Befestigung, eben der Burg Cuszin, verlegen wollte, die zwar schon in wendischer Zeit angelegt worden war, jetzt aber eine fürstliche und von Deutschen befehligte Besatzung erhalten hatte.

Von der Ansiedelung in Parchow wissen wir so gut wie nichts mehr. Zu Lischs 34 ) Zeiten hieß noch eine in der Feldmark von Parchow gelegene, von Moor umgebene Erhöhung "Auf dem Kloster" und ein Bach dicht dabei der "Klosterbach", - das waren die letzten Reste. Außerdem wissen wir, daß Alverich, der seit 1219 im neuen Kloster als Propst wirkte, auch schon im alten tätig war: er wird auch 1218, also noch vor der formellen Neugründung, schon als Propst bezeichnet 35 ). Nebenbei sei erwähnt, daß im Jahre 1210 ein Priester Alverich als Pfarrer von Proseken bei Wismar genannt wird 36 ), und es ist zu vermuten, daß es sich bei der geringen Anzahl von Geistlichen, die sich damals noch im Lande befanden, hier um den späteren Parkower bzw. Neuklosterer Klosterpropst des gleichen Namens handelt.

1219 fand also die Umsiedelung des Klosters an den alten wendischen Ort Cuszin statt, der von nun an den Namen des Kloster, Sonnenkamp oder "Sunnevelt", Campus Solis, trug, bis dieser nach 1250 von der Bezeichnung "Neukloster", "Novum Claustrum", "Nigenkloster" verdrängt wurde, in der eine letzte Erinnerung an die Zeit des "Alten Klosters" in Parchow bis heute erhalten geblieben ist.

Die erste Urkunde des Klosters 37 ) von 1219 gibt uns Kunde von der Begabung Sonnenkamps durch den Fürsten mit einer Reihe von Dörfern und Rechten, nachdem er bereits früher ge-


32) Vgl. A. Rütz: Neukloster in der Geschichte, (Meckl. Monatshefte, Rostock 1931), S. 3 f.
33) a.a.O. S. 7.
34) Mecklenburg in Bildern, III., S. 57.
35) M.U.B. 239 und 244.
36) M.U.B. 197.
37) M.U.B. 254.
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meinsam mit seinen Söhnen Heinrich und Nikolaus und seiner Gemahlin Adelheid dieses Kloster errichtet hatte. Als Fundus der Stiftung werden hier genannt: das Dorf Cuszin, die beiden heute nicht mehr bestimmbaren Dörfer Marutin und Gusni, letzteres mit dem dabei gelegenen See, dann Parchow (ubi primo claustrum situm fuit), das 26 Hufen umfaßte, ferner ein Dorf von 17 Hufen, das ein gewisser Zurizlaw gehabt hatte, 6 Hufen in Malpendorf samt der Hälfte der Mühle und der halben Meeresfischerei (piscature prope mare), der See bei Wichmannsdorf, 30 Hufen in Brunshaupten samt der halben Meeresfischerei, 8 Hufen in Klein Schwaß, 6 Hufen in Kamin, dann Golchen mit der Mühlstätte und Fischereigerechtigkeit, die Fischerei zu Mödentin, 10 Hufen in Kastahn, 20 Hufen in Techentin mit dem See und dem anliegenden Walde, ferner Roggentin und die Kirche zu Kessin. Durch Verzicht des Klosterpropstes Alverich und seiner Verwandten Adelheid zu Gunsten des Klosters kamen noch die Dörfer Hilgendorf (Minnowe) und Wohlenhagen hinzu. Schließlich hatte ein gewisser Hermann mit Genehmigung des Fürsten dem Kloster eine jährliche Kornabgabe von 3 Drömt aus seiner Kröpeliner Mühle überwiesen. - Es ist ersichtlich, daß schon die ältesten Besitzungen des Klosters z. T. weit nach Osten reichten, bis über Rostock hinaus (Roggentin).

Diese Stiftung wurde noch im gleichen Jahre bestätigt durch eine Urkunde des Bischofs Brunward von Schwerin 38 ), in der auch der Zweck der Klostergründung angegeben wird. Der Bischof wünschte nämlich, daß dadurch "dieses Land des Schreckens und der wüsten Einöde um so leichter Einwohner erlange und das rohe und unwissende Volk durch den Eintritt der Gläubigen im Glauben gefestigt werde." Offenbar also sollte hier ein Siedelungsmittelpunkt geschaffen werden und um diese Tätigkeit des Klosters noch besonders anzuspornen, verlieh Brunward dem Kloster von vornherein alle Zehnten von den Dörfern, die in Zukunft auf dessen Boden angelegt werden würden. Daß der Erfolg nicht ausblieb, zeigen in einer Urkunde 39 ) von 1235 die deutschen Namen einer Reihe neugegründeter Dörfer: Lutbrechtisthorp (Lübbersdorf), Luderestorp (Lüdersdorf), Reineresthorp (Reinstorf), die ihre Namen höchstwahrscheinlich von den "Lokatoren", d. h. den vom Klo-


38) ebd. 255.
39) M.U.B. 429.
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ster mit der Leitung der Siedelungsarbeit betrauten Männern haben. Ferner werden hier als Klosterbesitz erwähnt die Zehnten zu Kuszin, Perniek, Nevern, Parchow, Malpendorf, Brunshaupten, Kamin, Golchen, Dämelow, Klein Schwaß, Roggentin und Techentin. Wie schon die Urkunde des Bischofs von 1219 andeutet, wird das Kloster auf eigene Kosten und durch eigene Arbeit den Wald gerodet und das Land kultiviert haben. Da jedoch die Nonnen in strenger Klausur lebten und die harte Rodungsarbeit nicht selbst verrichtet haben dürften, so muß man annehmen, daß diese durch eigene Arbeiter des Klosterhofes, durch Konversen 40 ), und sodann vor allem durch die herbeigerufenen Kolonisten unter Leitung und im Auftrage des Klosters geschehen ist. Diese eigene Kolonisationstätigkeit ist bei Frauenklöstern sehr selten; vielmehr werden Nonnenkonvente meist erst dann angelegt, wenn die Lage des neuerschlossenen Landes einigermaßen sicher und ruhig geworden ist und man voraussehen kann, daß der Bestand der Niederlassung keinen allzu harten Proben mehr ausgesetzt wird. Daß dieser Gesichtspunkt bei Sonnenkamp nicht von vornherein ausschlaggebend war, haben wir bereits oben gesehen.

Die dem Kloster zugewendeten Schenkungen waren außerordentlich umfangreich, man muß also dieser Niederlassung eine große Bedeutung beigemessen haben. Natürlich bestanden die Ländereien zum großen Teil aus unwirtlichen Waldgebieten, und man mußte erst etwas aus ihnen machen. Aus anderen Besitzteilen waren jedoch von vornherein Abgaben einzuziehen. Auch ließ man es sich angelegen sein, den Klosterbesitz möglichst zu arrondieren; wir hören im Laufe der Jahrzehnte mehrfach von Austausch, von Ankauf, Verkauf und Schenkung einzelner Besitzteile, so 1231 Verkauf von Kastahn, (1233) Schenkung von Degetow 41 ). Im Jahre 1271 wurde das Kloster vom Landding befreit und erhielt die niedere Gerichtsbarkeit auf seinen Besitzungen, auch ein Drittel der Einkünfte des hohen Gerichts 42 ). 1311 ward ihm die hohe Gerichtsbarkeit für einen Teil seiner Güter gewährt 43 ). 1362 etwa ist, auf den Besitzstand gesehen, der Höhepunkt erreicht, indem das Kloster 30 Dörfer und 4 Wirtschaftshöfe inne hat, wozu noch mehrere kleinere


40) Vgl. M.U.B. 10259.
41) M.U.B. 387. 412.
42) ebd. 1215.
43) ebd. 3500.
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Besitzungen, besonders Hufenbesitz in 6 Dörfern, kommen 44 ). Einen flüchtigen Einblick in die Art der Verwaltung der Klostergüter bekommen wir übrigens für die Zeit des Höhepunktes durch eine Urkunde von 1371 45 ), in der wir über die Zahl der Konversen des Klosters unterrichtet werden. Es waren in jener Zeit insgesamt sieben, die z. T., offenbar zur Leitung der Betriebe, auf die verschiedenen Außendörfer und Höfe verteilt waren.

Man könnte sich denken, daß mit diesem Besitz nun zugleich ein verschwenderisch großes Einkommen verbunden gewesen wäre. Aber allzu großartig dürfen wir uns das nicht vorstellen, da auf einem solchen Kloster damals zugleich außerordentliche Lasten lagen. Waren sie es doch, die durch ihre Almosen die Not der Armen zu lindern hatten, bei ihnen suchten und fanden Kranke und Hilfsbedürftige Pflege und Unterstützung; vor allem aber dienten sie für durchziehende große Herren mit ihrem Gefolge als Absteigequartier und Wirtshaus. Oft lagen diese Gäste mit ihrem gesamten Troß den Klöstern wochenlang zur Last und verbrauchten auf diese Weise das mühsam zusammengesparte Klostergut. Vom 16. Dezember 1319 bis 24. Mai 1320 empfing Neukloster z.B. allein sieben fürstliche Besuche, unter ihnen den Grafen von Holstein mit 52, den Bischof von Havelberg mit achtzehn Pferden 46 ). Beide blieben über Pfingsten dort, während der eigene Landesherr mit seiner Gemahlin und entsprechendem Gefolge zu Ostern zu Besuch im Kloster geweilt hatte. Alle diese Besuche kosteten das Kloster allein 998 Scheffel Hafer für die Gastpferde 47 )! Im gleichen Jahre oder vielleicht nur in 33 Wochen desselben wurden, wie Stahlberg berechnet 48 ), nicht weniger als 2270 Scheffel Korn und 300 Seiten Speck für Hoch und Niedrig verwendet. Wenn bei solcher Belastung dann in späteren Jahrzehnten noch schlechte Bewirtschaftung dazukam, so nimmt es nicht wunder, wenn die Einnahmen mit den Ausgaben nicht mehr recht in Einklang zu bringen waren. Es kam noch hinzu, daß, wie bei Doberan, die beschlagnahmten Einkünfte aus den Lüneburger Salinenanteilen fortfielen, so daß nun vollends das Bargeld fehlte,


44) ebd. 9104.
45) ebd. 10259.
46) M.U.B. 4139.
47) ebd.: vgl. auch K. Schmaltz: Kirchengeschichte Mecklenburgs, 1935, I. S. 207 Anm.
48) Stahlberg a.a.O. S. 14.
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das bekanntlich auch bei großen landwirtschaftlichen Betrieben sowieso meist knapp ist. So kam es denn, daß das Kloster mehr und mehr in Schulden geriet, 1371 hatte es deren nicht weniger als 3600 Mk. lübisch, eine für damalige Zeit sehr hohe Summe 49 ).

Zunächst wurde der Klosterpropst mit der Ordnung der Verhältnisse beauftragt. Doch weder er noch seine Nachfolger hatten Erfolg damit, bis endlich durch Papst Gregor XII. eine Kommission unter Vorsitz des Hamburger Dompropstes 50 ) eingesetzt wurde, worauf allmählich, anscheinend vor allem durch Verkauf von Klostergut, die Schulden abgetragen werden konnten.

Über das Durchschnittsmaß hinausgehende wichtige oder glänzende Ereignisse scheinen Neukloster im Laufe seiner mittelalterlichen Geschichte nicht beschieden gewesen zu sein, jedenfalls spiegelt sich in den überlieferten Urkunden nichts davon. Einmal, am 5. August 1236, finden wir allerdings eine glänzende Versammlung von Bischöfen, Prälaten und weltlichen Großen dort, unter ihnen den Erzbischof Gerhard von Bremen in eigener Person 51 ), ein Datum, das für die Baugeschichte unter Umständen von Wichtigkeit sein kann. Noch öfters hören wir, wie schon berührt, von vornehmem Besuch. Auch tritt Sonnenkamp insofern als wichtig hervor, als seine Pröpste zu allen Zeiten häufig unter der Zahl der führenden Prälaten des Landes erscheinen, wenn es sich um die Ausfertigung wichtiger Urkunden handelt. Sie hatten ferner von Amts wegen das Archidiakonat inne über die vom Kloster gegründeten neuen Kirchen, ein Recht, das in gleicher Weise auch der Abtei Doberan verliehen worden war 52 ). Der Bezirk umfaßte die Dörfer Neukloster, Nakensdorf, Babelin, Brunshaupten, Techentin und Kessin, wovon die Pfarre von Nakensdorf vor 1271, die von Bäbelin vor 1306 vom Kloster auf seinem Grund und Boden begründet worden waren 53 ). Ferner werden wir noch einige Daten bei der Behandlung der Baulichkeiten zu erwähnen haben, wie die Ausstellung der Reliquien auf dem Nonnenchor, mit deren Besuch im Jahre 1399 zum Zwecke der Geldsammlung für eine Bauvornahme ein vierzigtägiger Ablaß


49) M.U.B. 10259. Etwa 300 000 unserer heutigen Reichsmark.
50) M.U.B. 10165. 10259.
51) ebd. 458.
52) ebd. 3595.
53) M.U.B. 1215. 3079. 3595.
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durch die Bischöfe von Schwerin und Ratzeburg erteilt wurde 54 ). Im übrigen scheint jedoch das Leben des Klosters, wie es in der Natur der Sache liegt, einen ruhigen Fortgang genommen zu haben, so daß nur die schon erwähnten wirtschaftlichen Veränderungen, wie Käufe und Verkäufe, Stiftung von Renten und ähnliches erwähnt werden, dazu auch gelegentlich die Erwerbung der Teilnahme an den guten Werken des Klosters, die aber ihrerseits wieder meist mit den Stiftungen in Zusammenhang steht 55 ).

Von den erwähnten Reliquien scheint sich nach der Sitte der Zeit eine erhebliche Menge im Besitze der Klosterkirche befunden zu haben. Es werden genannt Reliquien vom Holz des Kreuzes Christi, vom Gewande und den Windeln des Herrn, von der Milch, den Haaren, dem Kleide, dem Grabe der Jungfrau Maria, vom Haupte Johannes des Täufers, vom Stabe Petri, von mehreren Aposteln wie auch von den heiligen Nicolaus, Vincentius, Mauritius, Margaretha, Caecilia, Katharina, Elisabeth und anderes mehr 56 ).

Wie bei fast allen Klöstern, so macht sich auch bei Sonnenkamp gegen Ende des Mittelalters eine wachsende Verweltlichung bemerkbar. Mehr und mehr wurden die geistlichen Stifter jetzt zu Versorgungsanstalten für die unversorgt gebliebenen Angehörigen der eingesessenen Adels- und Patriziergeschlechter und gingen ihrem eigentlichen geistlichen Zweck in wachsendem Maße verloren. Viele Bestimmungen der Ordensregel wurden mit großer Laxheit gehandhabt. So hatte das 33. Kapitel der Regel: "Si quid debeant Monachi proprium habere?" bestimmt: "Praecipue hoc vitium radicitus amputandum est de Monasterio; . . . quippe quibus nec corpora sua nec voluntates licet habere in propria potestate . . . Omniaque omnibus sint communia, ut scriptum est, nec quisquam suum aliquid dicat vel praesumat" 57 ). Trotzdem gaben oft wohlhabende Eltern ihren Töchtern reiche Mitgift mit ins Kloster, die ihnen zeit ihres Lebens zum Nießbrauch frei stehen und erst nach ihrem Tode dem Kloster verfallen sollte. Der Fleischgenuß war nach der Regel (cap. 39) gänzlich untersagt. Trotzdem hören wir im Jahre


54) ebd. 13493.
55) ebd. 2751; 3037. 3114. 6013.
56) ebd. 13493.
57) Vgl. den lat. Text der Regel in "Archiv für kath. Kirchenrecht 54/1885, S. 107.
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1546 sogar von einer Beschwerde der Nonnen beim Herzog über den Propst Henning Pentz wegen zu geringer Fleischlieferungen an die Küche der Nonnen. Der Propst verpflichtet sich darauf, von jetzt an statt der drei Ochsen jährlich vier in die Nonnenküche zu liefern und zehn Schlachtschweine statt der bisherigen halben Speckseite pro Person und Jahr. So war es äußerlich kein allzu merkbarer Wechsel, als im Kloster im Jahre 1555 die Reformation endgültig eingeführt wurde, nachdem der Herzog schon 1552 den lutherischen Pastor Joachim Reimers nach Neukloster berufen hatte. Neue Mitglieder durften nun nicht mehr in den Konvent Neuklosters aufgenommen werden. Wahrscheinlich bekamen, wie anderswo, die Neuklosterschen Nonnen bis zu ihrem Lebensende eine Pension ausgesetzt. Bei der Visitation von 1568 58 ) waren jedenfalls noch Jungfrauen im Kloster, ebenso im Jahre 1581, als Herzog Ulrich in einem Brief die Klosterjungfrauen zur Herausgabe des gesamten "Kirchenornats" aufforderte. Dieser Zumutung widersetzte sich die überhaupt lange als Anführerin der "papistischen" Gruppe im Kloster in Erscheinung tretende Klosterjungfrau Anna v. der Lühe ganz entschieden und zum großen Ärger des Herzogs. Bei der Visitation von 1592 dagegen war das Kloster schon ganz von den Nonnen verlassen, und man hört schon vom Abbruch von Klostergebäuden und dem nach und nach einsetzenden Verfall.

So geht die Geschichte dieses ältesten und zweifellos um die deutsche Kulturarbeit in Mecklenburg höchst verdienten Nonnenstiftes wenig rühmlich zu Ende, sehr im Gegensatz zu anderen Nonnenklöstern, wie etwa dem in Wienhausen, dessen Insassen mit dem Mute der Verzweiflung und innerster Überzeugtheit an ihrem Glauben und ihren Überlieferungen festhielten und erst nach jahrelangem Kampfe vom Herzog mit Gewalt gezwungen wurden, sich der Reformation zu fügen 59 ). Bei der Lage der neuklosterschen Verhältnisse jedoch ist es kaum ein Wunder, daß im Bewußtsein der Nachwelt dessen Verdienste fast vergessen sind, während man sich ihrer später eingerissenen Fehler und Schwächen gern und mit Nachdruck erinnert. Die Aufgabe des Historikers jedoch ist es, der Gegenwart zu sagen, wie die Vergangenheit in Wirklichkeit war, das Kleine klein,


58) Visitationsprotokolle o. 1568 u. 1592 im Geh. u. Hauptarchiv Schwerin.
59) Habicht: Celle und Wienhausen, Bln. 1930, S. 41. - Vgl. auch Neukirch: Kloster Wienhausen, Wienhausen 1927.
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aber auch das Große groß zu nennen. Und daß in der Tat die Idee, die hinter einer solchen klösterlichen Gemeinschaft gestanden hat, groß war, braucht selbst im Hinblick auf eine so bescheidene Geschichte, wie die des Klosters Sonnenkamp, nicht erst ausführlich bewiesen zu werden. Denn solange die Klosterfrauen wirklich an dem festhielten, was ihre eigentliche Lebensaufgabe war, solange war ihr Leben ein opferndes Dienen, ohne Bangen um den eigenen Vorteil, ein Dasein nur für den Anderen, Hingabe im Dienst für die große Idee. Vorbilder im Gebet, in der Liebe, in der Selbstzucht und Selbstverleugnung sind sie ihren Zeitgenossen gewesen und haben dadurch zu ihrer Zeit in der Stille ihrer Geborgenheit ihre Aufgabe erfüllt 60 ).

4. Kurzer Überblick über die Geschichte bis zur Gegenwart.

Nach der Reformation von 1555 wurde der gesamte Klosterbesitz vom Landesherrn eingezogen und aus dem bisherigen Klostergut das Amt Neukloster gebildet, das bis 1829 hier bestanden hat. Herzog Ulrich besaß es bis zu seinem Tode 1603, darauf ging es an seinen Bruder Karl über. Dieser starb schon 1610,. danach erfolgte die Ämterteilung von 1611, wodurch Neukloster an Herzog Hans Albrecht kam, der es jedoch 1625 an seinen Bruder Adolf Friedrich abtrat. Die Klostergebäude wurden nun zu einem fürstlichen "festen Haus" gemacht, das samt dem ganzen Amt von einem Amtshauptmann verwaltet wurde.

Schon etwa hundert Jahre nach der Aufhebung des Klosters erfolgte ein zweites einschneidendes Ereignis für den Ort: im


60) Anmerkungsweise soll hier noch ein kurzes Wort über die Herkunft der Nonnen Sonnenkamps gesagt werden. Wie zu erwarten, gehörten sie meist dem mecklenburgischen Landadel an, mehrfach kehren die Namen o. Preen, v. Bibow, v. Bernstorff, v. Plate etc. wieder. Namentlich die Priorinnen stammen fast ausnahmslos aus Adelsfamilien. Des weiteren werden wir jedoch auch über andere Beziehungen unterrichtet, die dem Kloster Novizen zubrachten, und zwar handelt es sich dabei um Patrizierfamilien der Städte Lübeck und Wismar. Namentlich aus Lübecker Familien hat eine außerordentlich große Anzahl von Nonnen gestammt, auch hier läßt die Wiederkehr mancher Namen auf enge Verbundenheit gewisser Familien mit dem Kloster schließen, so z. B. bei der Familie Schepenstede (M.U.B. 8298. 11251). Ferner werden Namen genannt wie Jach (8064), Küle 8384), von Stade (9221), Lange (9668), Nydinck (11202), Zobbe (3972). Aus Wismar Smeker (8526), Kröpelin (9896) u. a.
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Westfälischen Frieden von 1648 mußte Herzog Adolf Friedrich das Amt, nachdem ihm während des Dreißigjährigen Krieges vielerlei Schaden zugefügt worden war 61 ), an Schweden abtreten. Über den Grund zur Abtretung gerade des Amtes Neukloster ist man sich nie ganz einig gewesen. Stahlberg meint, daß wohl vor allem der Holzreichtum dieses Amtes dafür bestimmend gewesen sei 62 ). Gewiß mag das mitgewirkt haben. Entscheidender wird ein Grund gewesen sein, der sich aus einem "Memorial" im Reichsarchiv zu Stockholm ergibt, das im Jahre 1651 verfaßt wurde. Es wird dort von dem Deputat des Superintendenten zu Wismar gesprochen, das dieser früher aus "den andern umbliegenden Ämbtern hat bekommen", nunmehr aber "vor etzlichen Jahren dasselbe vom Ambt New Closter ihm gegeben ist, nachdemmahl die umbliegende Ämbter sein wüste gewesen und daß daß Closter noch ferner hat etwaß abtragen können" 63 ). Es wird hier also deutlich davon gesprochen, daß im Gegensatz zu den umliegenden Ämtern das Amt Neukloster noch etwas an Einkünften abwarf. Das also dürfte der wahre Grund für die Abtretung des abgelegenen Neuklosterer Gebietes gewesen sein.

In Neukloster wurde nun ein kgl. schwedisches Amtsgericht eingerichtet. Landesherren in dieser Periode waren: Christine, die Tochter Gustav Adolfs, Karl X., Karl XI., Karl XII., danach dessen Schwester Ulrike Eleonore, Adolf Friedrich, Gustav III. und Gustav IV., unter dem das Amt Neukloster mit Wismar und Poel 1803 zunächst auf hundert Jahre an Mecklenburg verpfändet wurde. Seitdem verblieb das Gebiet der Stadt und Herrschaft Wismar bei seinem Stammlande Mecklenburg, da Schweden im Jahre 1903 auf die Einlösung verzichtete. 1833 wurde das Amt Neukloster mit dem Amte Warin vereinigt. Die alte Propstei, die seit Aufhebung des Klosters als "Ambtshaus", "Herrenhaus" und "Pächterhaus" gedient hatte, wurde vor nicht langer Zeit, als die Domäne Neukloster aufgelöst war, nach gründlichem Durchbau ihrer neuen Bestimmung als Forstamt übergeben, das seinen Sitz noch heute hier hat 64 ).


61) Stahlberg a.a.O. 24 ff.
62) ebd. S. 26.
63) Reichsarchiv Stockholm, Wismariensia, Vol. 77, S. 5, Absatz 6.
64) Über die Verhältnisse der im einzelnen uns hier nicht näher interessierenden neueren Zeit vgl. Stahlberg a.a.O., S. 33 ff.
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II. Der Bau.

1. Die Vorbedingungen.

Bevor wir an die Betrachtung der Anlage unseres Bauwerkes gehen, ist es nötig, daß wir uns über die strukturellen Vorbedingungen klar werden. Drei Hauptmomente sind zu beachten: einmal, daß es sich um ein Kloster im Bezirke des abendländischen Christentums handelt, was eine ganz bestimmte Formgebung voraussetzt; ferner steht hier ein Frauenkloster zur Betrachtung, was wiederum gewisse Abgrenzungen nötig macht, und endlich ist es die Besonderheit des Backsteinbaues, die bei der technischen sowohl wie bei der kunstgeschichtlichen Betrachtung von der größten Bedeutung ist.

a) Die abendländische Klosteranlage.

Während in der ältesten Zeit des Christentums die Askese zunächst nur in der Form des Anachoretentums gepflegt wurde, kam seit dem ersten Drittel des 4. Jahrhunderts in Oberägypten durch den hl. Pachomius das Koinobitentum auf 65 ), wobei sich die Mitglieder einer solchen Lebensgemeinschaft zu unbedingtem Gehorsam gegen den Abt verpflichteten, gleiche Tracht trugen und in einer gemeinsamen, von einer Mauer umschlossenen Niederlassung wohnten. Im Osten entwickelte sich hieraus die dort noch heute übliche Anlage, bei der die Wohngebäude der Mönche sich in weitem Rechteck um einen Hof gruppieren, während die geostete Kirche in der Mitte steht; ihr westlich vorgelagert ist die τράπεζα, das Refektorium, zwischen Kirche und Refektorium ein Brunnen 66 ).

Abweichend von dieser sogenannten Lawrenanlage entwickelt sich im Westen die sogenannte Klaustralanlage, wahr-


65) Vgl. u. a. Karl Müller: Kirchengeschichte, Tübingen, I. Band, 2. Aufl. 1929, I. Halbband S. 480 ff.
66) Vgl. u. a. H. Brockhaus: Die Kunst in den Athosklöstern, Leipzig, 1. Aufl. 1895.
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scheinlich als Ergebnis der Vereinigung von syrischer Klosteranlage mit dem römisch-hellenistischen Wohnbau 67 ). Hier schließt sich an die ebenfalls geostete Kirche im Süden, seltener im Norden, ein etwa quadratischer Kreuzgang, der auf den drei freien Seiten von den Wohngebäuden der Klosterinsassen umgeben ist. Wahrscheinlich hat schon der hl. Benedikt das Kloster in Monte Cassino so angelegt 68 ), bestimmt ist die Klaustralanlage in dem vom hl. Philibert in Jumièges bei Rouen 655 gegründeten Kloster nachweisbar 69 ). Das bekannteste Beispiel einer solchen Anlage für das frühe Mittelalter ist der St. Gallener Plan von ca. 820, auf dem die Geordnetheit des gesamten Komplexes vortrefflich klar wird 70 ): an der Südseite der Kirche schließt sich östlich der Schlafraum der Mönche an, der später in den Oberstock verlegt wurde, während im Erdgeschoß hier Sakristei, Kapitelsaal, Auditorium, Gang, Abtkapelle und Parlatorium (Fraterie) sich anschlossen. Im Südtrakt liegen das Calefactorium und das weiträumige Refektorium, in der Südwestecke die Küche, im anschließenden Westbau Keller und Vorratsräume sowie die Pforte. Die Kapitelversammlungen haben hier noch im Nordflügel des Kreuzganges stattgefunden.

Dieses Schema können wir mit geringfügigen Abweichungen von nun an durch das ganze Mittelalter bis in die neue und neueste Zeit hinein verfolgen: auch im 20. Jahrhundert sind noch viele Klöster nach diesem Grundplan errichtet worden, der sich als den Bedürfnissen des monastischen Lebens am meisten entsprechend erwiesen hat. Tatsächlich ist die Anordnung auch sinnvolle das Zentrum der Klostergemeinde ist selbstverständlich das Gotteshaus, in dem sie täglich viele Stunden zubringt. Ihm zunächst liegt aus praktischen Gründen die Sakristei zur Vorbereitung der Gottesdienste und Aufbewahrung der kultischen Geräte und Gewänder. Es folgt der Kapitelsaal als eine zu geistlicher Unterweisung und ernster Beratung bestimmte,


67) So Fendel, Jos., in seiner Bonner Dissertation "Ursprung und Entwicklung der christlichen Klosteranlage", 1927, von der leider nur das Kapitel über die frühmittelalterlichen Anlagen zugänglich ist. F. erklärt das Entstehen des Kreuzganges aus dem Peristyl des antiken Wohnhauses (S. 13 f.). Sonst vgl. S. 17/18.
68) Vgl. G. Hager in Zschr. f. chr. Kunst XIV/1901, S. 97 ff.
69) Vgl. J. v. Schlosser: Die abendländ. Klosteranlage im frühen Mittelalter, Wien 1889, S. 11.
70) Abbildung u. a. in v. Hardegger, Schlatter etc.: Baudenkmäler der Stadt St. Gallen, 1922, Abb. 15.
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fast noch gottesdienstliche Stätte, in der u. a. auch ein Teil des klösterlichen Morgengebetes gehalten zu werden pflegt. Dann zur Arbeit bestimmte Räume, worauf als größter Gemeinschaftsraum das Refektorium in größerem Abstande zur Kirche folgt. Vielfach ist er in ungemeiner Schönheit gestaltet, sieht doch der Mönch im gemeinsamen Essen nicht nur die Erfüllung leiblicher Notwendigkeiten, sondern zugleich ein Abbild der mensa coelestis, und im Raum ein Gleichnis des Abendmahlssaales zu Jerusalem. So kommt auch ihm fast kultische Bedeutung zu. Vor ihm ist meist als Ausbau am Kreuzgang das Brunnenhaus zu finden, wo man sich vor und nach der Mahlzeit die Hände waschen konnte und wo regelmäßig das Schneiden der Tonsur (daher auch selbst "Tonsur" genannt) vorgenommen wurde. Auf das Refektorium folgt die Küche, die mit gutem Grund möglichst weit vom gewöhnlichen Zugang zur Kirche angelegt ist, der sich meist neben der Sakristei am Nordende des östlichen Kreuzgangarmes befindet. Die "profansten" Räume, zu denen wohl gelegentlich auch einmal Fremde Zutritt haben müssen, liegen dann im letzten Teil der Anlage gleich neben der Pforte, die sich ihrerseits wieder meistens dicht neben dem westlichen Kirchenportal befindet.

Schule, Wirtschaftshof, Handwerker-Arbeitsstätten, Gasthaus, Krankenhaus, Gärten usw. liegen um das eigentliche Klaustrum herumgruppiert, das als Mittelpunkt der Gesamtanlage erscheint. Das Ganze ist von einer hohen Mauer umgeben, die nur an einer Stelle von der Pforte durchbrochen ist. Hier findet sich vielfach ein Pforthaus, in dem neben der Durchfahrt eine Pförtnerzelle und eine Kapelle untergebracht sind.

Diese Grundanlage der Klöster ist von den Benediktinern bereits zu vollendeter Höhe geführt worden, leider sind vollständige Anlagen aus der ältesten Zeit nicht erhalten. Doch zeigen Beispiele wie Hirsau, Alpirsbach, Maria-Laach noch deutlich genug, was geleistet worden ist.

Die Zisterzienser folgen seit 1098 hierin den Benediktinern nach, indem sie einfach das alte Schema übernehmen, wie sie ja überhaupt nichts Neues, sondern nur die Wiederherstellung der alten benediktinischen Strenge im Auge hatten. Von ihnen erbaute Anlagen sind uns noch in großer Vollständigkeit erhalten, so Bebenhausen, Maulbronn, Loccum, Pforta, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Sie reichen mit ihren großen Anlagen auch weit bis in den Norden, da ja die Koloni-

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sation des nordostdeutschen Raumes 71 ) mit ihrer Hauptblütezeit zusammenfällt. Leider ist von diesen Bauten meist außer der Kirche nichts Wesentliches erhalten, da sie, nach der Reformation überflüssig geworden, vielfach verwahrlosten und nach und nach gänzlich abgebrochen wurden. Doch sind sie, wie etwa in Doberan und Alvastara (Schweden), nach den vorhandenen und ausgegrabenen Resten sowie nach Analogie anderer Bauten meist mit großer Sicherheit rekonstruierbar.

Die Zisterzienser sind auch insofern von großer Bedeutung für den Klosterbau gewesen, als es bei ihnen eine Reihe strenger Bestimmungen gab, die die Anlage des Baues betrafen 72 ). Das hängt mit ihrer Entstehung und ursprünglichen Aufgabe zusammen.

Am Ende des 11. Jahrhunderts stand das Mönchtum in einer Periode inneren Verfalls. Doch wie zu Zeiten Benedikts von Aniane und dann wieder der cluniazensischen Reform standen auch jetzt Männer auf, die sich gegen diese Entwicklung zur Wehr setzten. Es war ihr Glück, daß nach anfänglich langsamer und wenig aussichtsreicher Wandlung ein Mann zu ihnen stieß, der als einer der größten Ingenien der gesamten Religionsgeschichte bezeichnet werden muß: Bernhard, der spätere hl. Abt von Clairvaux 73 ). In ihm trafen sich die Anlagen zum mystisch-beschaulichen und praktisch-aktiven Leben in einer so glücklichen Weise, daß er die Frömmigkeit der folgenden Jahrhunderte entscheidend zu bestimmen vermocht hat.

Wesentlich war für seine Reform - und damit erweist er sich als getreuer Sohn der alten Kirche und insbesondere seines Ordensvaters Benedikt - die Bedeutung der Doppelheit der Betätigung des Menschen entsprechend seiner geist-leiblichen Doppelanlage, das ora et labora. Ist für ihn auch der menschliche Körper nur das Lasttier, das die Aufgabe hat, die Seele zu tragen, so muß er doch zu eben dieser Tätigkeit fähig erhalten werden, indem er straff in Zucht gehalten wird. Durch körperliche Arbeit muß er gestählt, aber auch vor Überwucherung über die Seele bewahrt werden. Er darf nur Diener,


71) Vgl. F. Winter: Die Zisterzienser im nord-östl. Deutschland, 3 Bde., 1869.
72) Vgl. H. Rüttimann: Der Bau- und Kunstbetrieb der Cisterzienser unter dem Einfluß der Ordensgesetzgebung im 12. und 13. Jahrh., Dissertation Freiburg/Schweiz 1911.
73) Vgl. Fr. Heiler: Der Katholizismus, München 1923, S. 110 ff.
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Gefäß, Tempel des Geistes sein. Darum fordert Bernhard streng asketisches Leben, Abtötung der fleischlichen Begierden, Herrschaft des Geistes über den Leib. Die körperliche Arbeit überwiegt die geistige, weil Bernhard in der geistigen Betätigung ein Einfallstor für den Satan sieht. Künstlerische und wissenschaftliche Tätigkeit werden aufs Äußerste eingeschränkt, es gelten nur das Gebet als Zuchtmittel des Geistes und die körperliche schwere Arbeit als Zuchtmittel des Leibes. Von einer unerhört rücksichtslosen Strenge sind diese Bestimmungen, und man möchte glauben, daß damit aller Kultur, aller Kunst, aller Einflußnahme auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens die Existenzmöglichkeit entzogen wäre. Das Gegenteil ist der Fall 74 ).

Wie ist das möglich? Ganz einfach, ja selbstverständlich infolge des Gesetzes von actio und reactio. Die zurückgedrängten geistigen Kräfte hatten sehr bald das Bedürfnis, aus ihrer Einengung herauszutreten, und taten das mit der ganzen Wucht elementaren Gestaltungswillens. Was aber die Großartigkeit der Leistungen zisterziensischer Kunst eigentlich hervorgebracht hat, war nicht der künstlerische Genius allein, sondern eben sein Zusammenwirken mit der klösterlichen Zucht des Leibes und Geistes. Der Zwang zur Zurückhaltung, zur Besinnung auf das Wesentliche, zum Ausdrücken des Größten in der schlichtesten Form bringt eben die herrlichsten Kunstwerke hervor. Die klösterliche Stille hat den menschlichen Geist zu sich selbst gebracht, hat ihn in abgeschiedener Andächtigkeit Gott, das "höchste Gut", allein anschauen und verherrlichen lassen, hat ihn auch andererseits frei und ledig gemacht von seinem äußeren Selbst und von dem allzu Vielen der "Welt" draußen. Eine ungemeine Konzentration, ein andauerndes Stehen vor dem ewigen Gott, der zugleich höchste Liebe, höchste Tugend, höchste Weisheit und höchste Schönheit ist, - dies alles hat die Gedanken und Sinne dieser Künstler in einem Maße geläutert und emporgehoben, wie es in der Tat dem betrachtenden Beschauer späterer Zeiten unerreichbar scheinen möchte. In diesen Werken ihrer großen Blütezeit haben sich die großen Mönchs-Künstler weit über ihre eigenen "menschlichen" Möglichkeiten erhoben und uns einen Abglanz dessen vermittelt, der in einem Lichte ist, "da niemand zukommen kann".


74) Dazu: Dehio und v. Bezold, Kirchl. Bauk., Stuttg. 1892, I, 519.
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Der Grund dafür, warum wir uns in einem längeren Exkurs näher in das Wesen zisterziensischer Gesinnung einzufühlen gesucht haben, ist naheliegend. Ohne Zweifel haben die Zisterzienser durch ihre weltweite Organisation und ihre regelmäßigen Zusammenkünfte im Mutterkloster Citeaux in besonderem Maße als "Zwischenträger" die Verbindung der neukultivierten Länder mit der alten Heimat der Kolonisten im Süden und Westen aufrechterhalten und sind mit ihren Bauten vorbildlich für andere Baumeister des Nordens und Ostens geworden. Gewiß hat auch Neukloster, wenn auch vielleicht nicht unmittelbar, unter ihrem Einfluß gestanden. Wesentlich war für ihre Ausbreitungsmöglichkeit, daß ihre strenge, herbe Einfachheit der Strenge und Herbheit der Menschen sowohl als auch des zunächst ärmlich scheinenden Baumaterials, des Backsteins, entgegenkam und durch dieses Zusammen ungemein große Wirkungen erzielte.

Alle künstlerischen Ausdrucksmittel wurden nach Möglichkeit beschnitten: monumentale Turmanlagen, harmonisch klingende Glockenwerke, jeglicher Schmuck an Gebäuden, Gestühlen, Geräten, Gewändern: dies alles wurde verboten. Nichts schien übrig zu bleiben. Und doch: die Maße, die Proportionen, der bloße Raum als solcher - das waren die künstlerischen Möglichkeiten, die blieben. Und wie wurden sie genutzt! Die nordischen Zisterzienserkirchen bezeugen es 75 ).

Die Ausdehnung einer Klosteranlage nach dem gewohnten Schema war natürlich nur da möglich, wo das Gelände es zuließ, also vor allem bei den Feldklöstern. War Sumpf oder Wasser in der Nähe, so mußte man sich gelegentlich damit befreunden, geringe Abweichungen in der Anlage zuzulassen. Brennend wurde diese Frage dann vor allem bei den Bettelorden, die sich in den engen Straßen der Städte mit einem dürftigen Plätzchen an der Stadtmauer begnügen mußten. Die Anlagen zumal der Franziskaner, bei deren Bauten fast regelmäßig der vierte Kreuzgangflügel fehlt, zeigen diese Beschränkungen mit aller Deutlichkeit.

Der Vollständigkeit halber sei noch einer besonderen Abart der Klosteranlage gedacht, die seit 1084 durch die Karthäusermönche aufkam. Ihrem Charakter als Einsiedlerorden entsprechend haben sie keinen geschlossenen Baukomplex, sondern


75) Vgl. Paul Hoffmann: Nordische Zisterzienserkirchen, Dr.-Ing.-Dissertation Dresden 1912.
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um die Kirche, an die sich das Hauptgebäude mit Kapitelsaal, Bibliothek und Refektorium anschließt, liegen lauter kleine, abgesonderte Häuschen für jeden einzelnen Mönch, eine Anlage, die wieder mehr dem östlichen Lawrensystem entspricht.

b) Das Frauenkloster.

Neben der alten Sitte, daß Asketen und Jungfrauen zusammenlebten, gab es seit dem 3. Jahrhundert n. Chr., vor allem im Osten, auch Gemeinschaften von Jungfrauen, die sich zu asketischem Leben zusammengeschlossen hatten 76 ) und die teilweise unter Leitung einer Älteren in kleinen Kreisen lebten, teilweise aber auch schon in besonderen Jungfrauenhäusern, die mit einer Kirche verbunden waren. Sie gaben sich ganz dem Gebet und dem Gesang der Psalmen wie auch der Lesung der hl. Schrift hin und führten mit strengem Fasten ein Leben, das im übrigen vor allem mit Handarbeiten für Bedürftige der christlichen Gemeinde angefüllt war.

Zu allen Zeiten der Kirchengeschichte ist das jungfräuliche Leben als besonderer, geachteter kirchlicher Stand erhalten geblieben. Bekannt ist, daß die Schwester des hl. Benedikt von Nursia, die hl. Scholastika, gleich ihrem Bruder ein Kloster gründete, und seitdem hat es neben den Männerklöstern auch immer Frauenklöster gegeben, deren Insassen unter einer festen Regel ein gottgeweihtes Leben führten.

Ist es schon unter den Männerklöstern nur eine sehr kleine Zahl, deren Anlage aus ältester Zeit überliefert ist, so ist unsere Kenntnis der Frauenklöster noch weit unvollständiger und reicht mit Sicherheit nicht weiter als bis ins 9. Jahrhundert. Das ist auch nicht zu verwundern, denn im allgemeinen waren die Frauenstifter nicht mit so aufwendigen Bauten versehen wie die Anlagen der männlichen Orden, so daß sie die Jahrhunderte weniger leicht überdauern konnten. Der Grund für die bescheidenere Ausführung der Nonnenbauten liegt wohl vor allem darin, daß die Nonnen beim Bau nicht selbst Hand anlegen konnten wie die Mönche, sondern auf fremde, bezahlte Arbeitskräfte angewiesen waren. Da verbot sich eine allzu stolze Großartigkeit meist von selbst.

Der Entwicklung des Typs der cluniazensischen, hirsauischen, zisterziensischen sowie der Bettelordens-Anlage bei den Männerklöstern tritt infolge der anderen Bedingungen bei den


76) Vgl. K. Müller a.a.O. S. 477.
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Frauenklöstern nicht eine entsprechende Entwickelung zur Seite, sondern eine viel einfachere: die Entwickelung des Nonnenkloster-Baues im Gegensatz zum Mönchskloster. Diese Entwickelung schließt sogar auch die späteren Bettelorden mit ein, die bei den Männerklöstern so ganz andere Wege gehen, als es bei den Bauten der "Feldklöster" geschah.

Bezeichnend und wichtig für die Nonnenklosteranlagen sind vor allem fünf Dinge:

  1. die Notwendigkeit der Einrichtung eines dritten Komplexes neben Klausur und Wirtschaftsgebäuden: der Gebäude für Klosterpropst und die übrigen Geistlichen 77 );
  2. als Folge der strengeren Klausur die besondere Gestalt der Nonnenempore;
  3. Verzicht auf viele Nebenaltäre und Kapellen, meist auch auf das Querschiff, da nicht viele Geistliche zur Verfügung standen;
  4. fast völlige Freiheit von Ordensbauvorschriften, da die Frauenklöster zum größeren Teil keiner Kongregation oder Ordensverband angehörten, sondern direkt dem Bischof unterstanden 78 ); endlich läßt sich
  5. für die Frauenklöster des Zisterzienserordens sagen, daß im Unterschied zu den Männerklöstern des Ordens die Kirchen fast immer zugleich als Pfarrkirchen dienten, also auch aus diesem Grunde sozusagen einen "öffentlichen" und einen "privaten" Teil verlangten. Vielfach wurden einfach schon bestehende Pfarrkirchen 79 ) dem neugegründeten Konvent übertragen und nachträglich eine Nonnenempore eingebaut.

Was die genannte Anlage eines dritten Baukomplexes betrifft, so haben wir ein anschauliches Beispiel dafür in den eben schon genannten Klöstern von Mühlberg a. E. (Kloster Güldenstern) und Marienstern (O.-L.), von denen das letztere


77) So außer Neukloster selbst (wovon weiter unten ausführlicher zu sprechen sein wird) Hl. Kreuz in Rostock (Pläne auf dem Hochbauamt Rostock), Mühlberg a. E. (Inv. d. Prov. Sachsen 29, S. 126), Marienstern O/L (s. u. Rauda S. 207), Seligenporten (Inv. Bayern II, 17: Gesamtanlage).
78) Vgl.: Sächsische Frauenklöster des Benediktiner- und Zisterzienserordens, in F. Rauda: Die Baukunst der Benediktiner und Zisterzienser im Kgr. Sachsen (Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Meißen X, 2; 1918) S. 193 ff.
79) So Rehna (Schlie a.a.O., Bd. II S. 435).
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von vornherein dem Zisterzienserorden angehörte und noch heute angehört, während Mühlberg wie Neukloster nur der Regel folgte, aber nicht zu den Ordensgliedern zählte. Allerdings gehören beide Anlagen nicht in ihrem heutigen Bestande der Gründungszeit des 13. Jahrhunderts an, sondern haben ihre Baulichkeiten natürlich im Laufe der Jahrhunderte ergänzt und vervollständigt. Trotzdem kann man bei dem konservativen Sinn, der bis ins 16. Jahrhundert herrscht und an den alten Bauschematen festhält, ohne Bedenken diese Anlagen als Parallelen heranziehen.

Vom Kloster Mühlberg, das 1227 gegründet und 1232 oder 1233 erstmalig geweiht wurde, ist ein Lageplan aus dem Jahre 1820 erhalten, der im wesentlichen den auch noch heute vorhandenen Bestand wiedergibt 80 ). Aus ihm sind die drei Baugruppen klar ersichtlich: Kirche mit sehr schöner und regelmäßiger Klausuranlage (im Norden), nördlich anschließend eine geschlossene Wirtschaftshof-Anlage mit dem "Schafhof" als Anhang, westlich von der Klausur, etwas abseits, die schöne spätgotische Propstei, die wohl sicherlich eine romanische Vorgängerin gehabt hat, die man an ähnlicher Stelle wird suchen dürfen.

Ähnlich liegen die Dinge in Marienstern. Dort ist die Klausur südlich an die Kirche gebaut, nördlich liegt für sich die Propstei und das Gästehaus, westlich der Wirtschaftshof.

Nicht ganz so klar erkennbar ist die Lage beim Hl. Kreuzkloster in Rostock, da es sich hier um eine städtische Anlage handelt, so daß Wirtschafts- und Nebengebäude nicht so stark ins Gewicht fallen 81 ). Immerhin ist östlich von der Klausur ein besonderer Hof mit Nebengebäuden und Pforthaus klar erkennbar, ebenso hebt sich die an der Süd-Ost-Ecke gesondert gelegene Propstei klar von dem übrigen Baukomplex ab.

Wie sich drei Baugruppen nebeneinanderstellen, ist auch einer Ansicht des 17. Jahrhunderts von Seligenporten im Bezirksamt Neumarkt (Oberpfalz) 82 ) zu entnehmen, ohne daß allerdings die einzelnen Gebäude in ihrer Zweckbestimmung eindeutig zu erkennen wären. Jedenfalls ist klar ersichtlich, daß sich nörd-


80) Ino. d. Proo. Sachs. Bd. 29, Fig. 147.
81) A. F. Lorenz: Die Universitätsgebäude zu Rostock, Rostock 1919.
82) Inv. Bayern Abt. II, Bd. 17, Fig. 186.
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lich an die Kirche die Klausur anschließt; dann folgt östlich ein von Gebäuden umschlossener Hof, von dem aus das Torhaus südlich nach außen führt. Die Gebäude dieses Komplexes sind anscheinend Wohngebäude, während es sich bei der dritten, nochmals östlich anschließenden Gruppe von Gebäuden offenbar um Stallungen und andere Wirtschaftsgebäude handelt. Als Propstei dürfte das im Süden des Mittelhofes einzeln neben dem Tor liegende Haus gedient haben, wie auch in Marienstern die Propstei dicht bei der Pforte gelegen ist.

Als weitere Besonderheit der Nonnenklosteranlage hatten wir eine ganz typische Erscheinung im Aufbau der Kirche bezeichnet: die Nonnenempore, die in ihrer besonderen Form auf Notwendigkeiten der strengen klösterlichen Disziplin zurückgeht. Die Klausur ist bei den Zweitorden im allgemeinen viel strenger als bei den Männern. Die Nonnen dürfen mit der Außenwelt nur durch ein Gitter in Verbindung treten, nur die Vorsteherin und ihre engsten Helferinnen haben etwas mehr freie Beweglichkeit. Selbst im Gottesdienst sollen die Nonnen der Außenwelt unsichtbar bleiben, während die Mönche im Ostchor ihrer Kirche für jedermann zu sehen sind 83 ).

Ehe man sich endgültig dafür entschied, der Nonnenempore ihren festen Platz im Obergeschoß des zu diesem Zweck in zwei Stockwerke aufgeteilten Hauptschiffs der Kirche zu geben, hat man vielfach herumprobiert. Außer dem Einzelfall Enkenbach sind es vor allem drei Typen von Lösungen, die gefunden wurden:


83) Die umgekehrte Anordnung, d. h. Frauenchor im Ostchor der Kirche, Mönchschor auf abgetrennter, erhöhter Empore, ist mir bis zum 14. Jahrh. nur in je einem Fall bekannt geworden. Auf erstere weist Rauda (a.a.O. S. 199) hin, und zwar handelt es sich um das Prämonstratenserinnenkloster Enkenbach bei Kaiserslautern. Hier sind Chor und Vierung durch einen Lettner vom Hauptschiff abgetrennt, Zugang vom Kloster her erfolgt durch einen im Obergeschoß des zugebauten ehemaligen Seitenschiffs gelegenen Gang. - Das Gegenbeispiel ist die Katharinenkirche der Franziskaner in Lübeck. Hier ist der Ostchor der Kirche durch eine Mönchsempore in zwei Geschosse geteilt, wie es sonst im Westteil der Kirche bei den Frauenklöstern der Fall ist. Unten befindet sich ein kryptenartiger Unterchor mit Gewölbe und Altären sowie teilweise wertvoller Wandmalerei. Dieser Unterchor hat als Begräbnisstätte gedient. (Inventar Lübeck Band IV 1 S. 39.) Zum Ganzen der Nonnenchor-Frage vgl. auch Hans Thümmler: Die Stiftskirche in Cappel und die Westwerke Westfalens, Münster 1937.
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  1. Einbau einer Nonnenempore in einen Querschiffarm, so in St. Michael in Hildesheim 84 ) und wahrscheinlich auch in Ichtershausen i. Thür. 85 ).
  2. Einbau in eines der Seitenschiffe, wie in Arendsee in der Mark, bzw. Verwendung der Seitenschiffsempore, wie in der Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode. Von diesen Lösungen läßt sich sagen, daß sie die organische Einfügung in den Gesamtbau vermissen lassen, da eine Konzentration dieser Nonnenkirchenbauten auf das Kernstück, eben den Andachtsraum der Nonnen selbst, nicht erreicht ist; dieser ist vielmehr zur akzessorischen Nebensache gemacht. Der
  3. Typ ist überzeugender und hat auch die endgültige Lösung vorbereitet: man brachte, wie in der Neuwerkskirche in Goslar, in Paulinzella und Vessera i. Thür. 86 ), die Empore am Westende des Langhauses an, wie es schon alter Tradition entsprach 87 ). Das erlaubte sowohl eine genügende Betonung des Nonnenchores im Ganzen des Gebäudes wie auch seine künstlerische Einbeziehung in die Gestaltung der Westteile der Kirche.

Daß diese an sich glückliche Lösung trotzdem nicht lange beibehalten wurde, dürfte vor allem daran liegen, daß einerseits die größer werdenden Konvente mit diesem ihnen zugewiesenen Platz rein räumlich nicht mehr auskamen, daß aber andererseits auf diese Weise der Nonnenchor vom Hochaltar allzu weit, nämlich durch die gesamte Länge des Hauptschiffes, getrennt war, die Nonnen also dem Hochamte nur schwer folgen konnten. Zur Aufstellung eines eigenen Altars auf der Empore gab es bei dieser Lösung aus Platzmangel kaum eine Möglichkeit. Die folgende Entwickelung ist daher durchaus konsequent. Sie erkennt die Überflüssigkeit von Querhaus und Seitenschiff und die Notwendigkeit der Einräumigkeit für die Nonnenkirche. Die Westempore wird je nach der Größe des Konvents mehr oder weniger weit nach Osten vorgezogen, womit der Raum zwischen Nonnenchor und Hochaltar sich verringert, oft nimmt der Frauenchor über die Hälfte der Gesamtlänge für sich in


84) Vgl. A. Holtmeyer: Die Cisterzienserkirchen Thüringens, Jena 1906, S. 306.
85) Ebd. S. 312.
86) Ebd. S. 306.
87) karolingisch etwa Centula (s. Hamann, Gesch. d. Kunst, Bln. 1935, S. 220).
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Anspruch. Die Seitenschiffe fallen damit folgerichtig fort, der Raum unter dem Chor wird Sepultur. Das Querschiff bleibt bei besonders aufwendigen Bauten noch bestehen, so in Neukloster und Mühlberg, desgleichen in Blankenau und Blankenheim i. Reg.-Bez. Kassel 88 ), jedoch nur selten später als bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. Die einfache einschiffige Kirche, wie sie auch die Franziskaner im Anfang lieben, setzt sich durch und hat mit ihrer schon von außen an der Fensterstellung erkennbaren Zweigeschoß-Teilung der westlichen Kirchenhälfte vor allem für die Zisterzienserinnen noch sehr zahlreiche Beispiele aufzuweisen 89 ).

Obgleich nicht geleugnet werden kann, daß dieses Schema für den Zweck, für den es gedacht war, große Vorteile bot, kann doch nicht übersehen werden, daß eine wirklich künstlerisch befriedigende Lösung der Bauaufgabe auf Grund dieses Schemas nur recht selten gefunden wurde. Einerseits verboten, wie schon oben angedeutet, Sparsamkeitsgründe wohl vielfach, wirklich monumentale Planungen durchzuführen, wie es so oft bei den Mönchsklöstern der Fall gewesen ist. Andererseits machte die Tatsache der Abkapselung der Nonnen es schwierig, eine einheitliche und großzügige Raumgestaltung zu treffen, da der kastenartige Emporenbau ein Zusammenschmelzen des Raumes zu einem Einklang grundsätzlich fast unmöglich machte. Eine überzeugende Lösung war nur dann zu finden, wenn es gelang, den Nonnenchor in der Gesamtdisposition so stark zurücktreten zu lassen, daß dadurch der Gesamtraum in seiner Wirkung als Einheit nicht gestört wurde, wiederum aber nicht so stark, daß er nicht als neben dem Hochaltar wichtigstes und beherrschendes Stück des Innenraumes ohne weiteres erkennbar gewesen wäre. Vorbedingung dazu war eine bedeutende Höhe des Hauptschiffes, durch die die verhältnismäßig geringe Höhe der Empore für das Ganze nicht allzu stark ins Gewicht fiel und wodurch der Gesamtraum vom Laienschiff aus noch gut überblickbar wurde. Weiterhin war Voraussetzung dazu, daß der Nonnenchor einen nicht zu weiten Raum des Kirchenschiffes einnahm, jedenfalls weniger als die Hälfte der Länge.


88) Dehio: Handb. d. dtsch. Kunstdkm., Mitteldtschld., 1922.
89) Die meckl. Klöster Dobbertin, Rühn, Rehna, Zarrentin; Helfta (Pr. Sachs.); Himmelpforten, Seligenporten, Himmelkron, Mariaburghausen (Bayern); Sonnenfeld u. Roda i. Thür.; Haidau (Rg.-Bz. Kassel); Marienstern O/L u. viele andere mehr.
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In vorbildlicher und wirklich künstlerisch befriedigender Weise erfüllt sind diese Bedingungen in der Zisterzienserinnen-Klosterkirche Seligenporten im Bez.-Amt Neumarkt (Oberpfalz) 90 ), deren Westbau ins Ende des 13. Jahrhunderts fällt, während der Chor erst der Hochgotik angehört. Alle von uns aufgestellten Forderungen sind hier erfüllt; trotz größter Schlichtheit ist eine überzeugend einheitliche Gesamtwirkung entstanden. Eine luftige Weite, gehaltene Ruhe und dabei doch entschiedene Zielstrebigkeit nach dem Hochaltar hin bezeichnen diesen Raum, der mit seinem wertvollen Chorgestühl von der Wende des 13. Jahrhunderts als eine der bedeutsamsten uns erhaltenen Nonnenkirchen gelten muß.

Dabei müssen wir uns jedoch darüber im klaren sein, daß wir mit unseren an den Raum gestellten Anforderungen einen wichtigen Punkt des Programms für einen Nonnenkirchenbau noch unberücksichtigt gelassen haben, indem wir uns einseitig auf den Standpunkt des nur den unteren Teil des Kirchenschiffes betretenden Laien stellten. Dessen künstlerisch-formale Bedürfnisse mochten damit zu befriedigen sein; das kann jedoch von vornherein noch keineswegs in der gleichen Weise für die gelten, für die die Kirche ja recht eigentlich gebaut war: die Nonnen selbst, die die Kirche stets nur aus der Perspektive des Frauenchores zu sehen bekamen. Für sie war zweifellos die Erscheinungsform des Teiles der Kirche, den sie selbst für den täglichen Gottesdienst zu benutzen pflegten, mindestens ebenso wichtig wie die Wirkung des Gesamtraumes. Ohne Zweifel war für diesen selbst ebenfalls eine gewisse Geschlossenheit in sich zu fordern. Das vergrößerte aber die Planungsschwierigkeiten für den Architekten in hohem Maße, da hier die Gefahr des Auseinanderreißens des einen Raumes in deren zwei besonders fühlbar wurde. Tatsächlich ist eine wirkliche Lösung dieses Problems in keiner Zeit gefunden worden und kann vielleicht auch nicht gefunden werden, da hier zwei sich entgegenstehende Forderungen miteinander vereinbart werden müßten. Es gab nur zwei Möglichkeiten: die eine war, die Folgerungen aus der Tatsache zu ziehen, daß es sich eben in erster Linie um eine Nonnenkirche handelte, weshalb einzig die Erfordernisse des klösterlichen Lebens hier als entscheidend anzusehen waren. Aus solchem Gedankengang entstanden Teillösungen von höchstem künstlerischen Reiz, die in


90) Inv. Bayern II, 17, S. 253 ff.
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der Tat auf ihre Weise den Bedürfnissen des Konventes voll Genüge trugen und Gemeinschaftsräume von großer intimer Einheitlichkeit schufen. Das Musterbeispiel hierfür ist der Nonnenchor von Wienhausen (Hann.), der zugleich durch seine Deckenmalerei, die diesen Eindruck der Einheitlichkeit ungemein fördert, große Berühmtheit erlangt hat. Hier ist der Frauenchor völlig als alleinstehender Wert für sich behandelt, gegen das spätere Kirchenschiff hin ist er gänzlich abgeschlossen. so daß die Zusammengehörigkeit beider Bauteile nur noch von außen erkennbar ist. Auf gemeinschaftliche Raumwirkung ist hier vollkommen verzichtet. Die andere Möglichkeit war, aus künstlerischen Gründen den Versuch einer Verschmelzung beider Teile zu wagen, was nur unter Hintansetzung der Bedürfnisse der Klostergemeinde geschehen konnte, die dann in ihrer eigenen Kirche leicht eine Aschenbrödel-Rolle spielen mußte. Bei den Bauten dieses Typs kann man niemals ganz das Gefühl verlieren, der Andachtsraum des Konventes sei irgendwie zugunsten eines mehr oder weniger "heterogenen" Zwecks "beiseitegestellt", als sei er aus der ihm zukommenden zentralen Stelle verdrängt und zur Nebensache geworden. Zu diesem Typ gehört der Großteil der uns erhaltenen Bauten, als Beispiel mögen etwa Ribnitz (Meckl.) 91 ) und Ebstorf (Hann.) 92 ) dienen. Das oben angeführte Seligenporten gibt auch in diesem schwierigen Punkte der Gestaltung eine verhältnismäßig gute Lösung, da hier durch die Höhe des gesamten Kirchenraumes die Nonnenempore in das Ganze mit einbezogen ist.

Warum die Lösung der Chorfrage in Enkenbach nur ein Einzelfall geblieben ist und sich nicht durchsetzen konnte, ist nicht leicht zu sagen. Durch Verwendung des Lettners wäre eine Abschließung der Nonnen leicht zu erreichen gewesen, wie es ja in Enkenbach selbst auch tatsächlich der Fall ist und wie es sich in unzähligen Männerklöstern und Stiftskirchen in ähnlicher Weise findet. Allerdings hätte man, um eine völlige Abschneidung von der Umwelt zu erreichen, auch die Querhausarme durch lettnerartige Bauglieder abtrennen müssen und dadurch die Verwendbarkeit des Kirchengebäudes vermindert. Der Hauptgrund wird jedoch der Wunsch gewesen sein, den Hauptchor mit dem Hochaltar für die feierlichen gottesdienstlichen Handlungen freizuhalten, die für die Laiengemeinde


91) Schlie a.a.O. Band I, S. 358 ff.
92) Noch nicht inventarisiert.
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sichtbar sein und von einer größeren Anzahl von Geistlichen vollzogen werden sollte. So mußten sich die Nonnen, obwohl sie "Herr im Hause" waren, doch eine gewisse Zurücksetzung gefallen lassen.

Vom Verzicht in bezug auf monumentale Raumgestaltung ist schon gesprochen worden. Zweifellos hat der oben genannte Grund, daß nur wenige Geistliche zur Verfügung standen, infolgedessen nur wenige Altäre aufgestellt zu werden brauchten, hier stark mitgesprochen. Der Gegensatz zu einem Männerkloster wird hier besonders deutlich. In vielen Mönchsklöstern sind die Hälfte der Insassen, wenn nicht mehr, Priester, die täglich ihre heilige Messe lesen. Da die Vorschrift bestand, daß an jedem Altar nur täglich eine Messe gelesen werden durfte, so war es nicht zu umgehen, eine sehr große Anzahl von Altären aufzustellen, oft vierzig und mehr. Dazu brauchte man Platz: eine Anlage, wie die zu Citeaux 93 ) 1193 geweihte, kommt dem entgegen. In Nonnenklöstern beschränkt sich diese Zahl naturgemäß sehr stark; so hat Neukloster im Jahre 1318 außer dem Propst noch vier Priester, die Beichtseelsorge ausüben und die im Laufe der Zeit gestifteten Meßstipendien verwalten 94 ). Ähnliche Verhältnisse finden sich in allen Frauenklöstern.

Zum Beschluß dieses Abschnittes muß noch einem Irrtum entgegengetreten werden, der sich ziemlich allgemein in der Literatur festgesetzt hat. Es handelt sich dabei um die Ansicht, die wohl zuerst Ostendorf ausgesprochen hat 95 ), daß bei der Mehrzahl der Nonnenklöster der Hauptbau - anders als bei den Mönchsklöstern - im Westflügel der Klostergebäude gelegen habe, da ja auch der Chor der Nonnen im Westteil der Kirche lag. Dieser Ansicht haben sich K. Gruber 96 ) und F. Rauda 97 ) angeschlossen. Trotzdem kann hiervon nicht die Rede sein. In Einzelfällen mag das wohl zutreffen, bei allen von uns bisher herangezogenen Beispielen ist es nicht der Fall, vielmehr findet sich, soweit es sich überhaupt um fertige und vollständige Baukomplexe handelt, überall das Bestreben, sich dem oben aufgezeigten allgemeinen Schema der Klausuranord-


93) Holtmeyer a.a.O. Fig. 41.
94) M.U.B. 4036. 4037. 4038.
95) "Denkmalpflege", Jahrg. 1905, S. 122.
96) Bilder zur Entwickelungsgeschichte einer deutschen Stadt, München 1914, S. 7.
97) a.a.O. S. 197.
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nung anzupassen und es in der Regularität möglichst weit zu bringen. Daß gerade unser Beispiel Neukloster in etwas eine Abweichung von diesem Grundplane bringt, liegt an besonderen örtlichen Verhältnissen und kann nicht als Gegenbeispiel dienen.

c) Der Backsteinbau und seine Anfänge.

Verschiedene Länder des Abendlandes sowohl als auch des nahen Ostens, aber auch verschiedene Zeitalter streiten sich um den Vorrang, die Entstehung des Backsteinbaus oder doch wenigstens die einer eigentlichen Backsteinkunst gesehen zu haben.

Es ist dieser Frage ein vielleicht allzu großes Gewicht beigelegt worden, wobei wohl auch ein gewisser Lokalpatriotismus bei dem einen oder anderen Forscher eine Rolle gespielt haben mag. Heute ist dagegen ein allzu schnelles Urteilen über das Wo? und Woher? zunächst einmal der Erkenntnis gewichen, daß, bevor es möglich sein wird, zu einem endgültigen Schluß zu kommen, noch mancherlei Vorfragen zu klären sein werden, so z. B. die Frage der Verwendung von Backsteinen im Profanbau in der Zeit vor der Neuverwendung im monumentalen Kirchenbau. Doch wird man hier bei dem großen Mangel an Urkunden und überlieferten Baudenkmälern dieser Zeit nur schwer zu eindeutigen Ergebnissen kommen können. Als sicher kann vorläufig nur gelten, daß die Backsteinbauweise, die in verschiedenen Techniken schon im Altertum bekannt gewesen ist, niemals völlig ausstarb, sondern nur hinter anderen Bauweisen zurückgetreten ist; daß sie jedoch in einer Zeit fruchtbarer kolonisierender Ausdehnung und innerlichen Wachstums der germanischen Völker einschließlich der Langobarden durch diese Völkerschaften in Ländern, in denen es an natürlichen Bausteinen mangelte, wieder in großem Maßstabe aufgenommen und ihrer großartigen Vollendung entgegengeführt worden ist. Welche der germanischen Völker dabei ausschlaggebend gewesen sind, ist dabei letzlich gleichgültig; daß sie es waren, ist dagegen außerordentlich bedeutsam und zum inneren Verständnis sowohl des Volkes als auch der Kunst von großer Wichtigkeit. Daß hierbei, zumal was die Lombardei anbetrifft, Anregungen mancherlei Art von außen her ihre sicherlich nicht unbedeutsame Rolle gespielt haben, bedarf kaum der Erwähnung, wie ja überhaupt die germanisch-deutsche Kultur niemals ihre Höhe hätte erreichen können,

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wenn sie nicht zu allen Zeiten ein gutes Stück ihres Wesens, um mit Pinder zu sprechen, von ihrer "guten Herkunft", d. h. von der reifen Kultur der Antike, mitgebracht und übernommen hätte. Das Entscheidende bei diesem Übergang vom Alten zum Neuen ist das gierige Aufnehmen des alten Formengutes durch die jungen, unverbrauchten Völkerschaften des Nordens, die nun in ihrem jugendlich stürmischen Vorwärtsdrängen zunächst durch Nachahmung, mehr und mehr aber durch Erfüllung des Altüberlieferten mit ihrem eigenen Geist ein wesensmäßig völlig Neues und Bedeutsames schufen.

Trotz der Tatsache jedoch, daß in der Betrachtung der Entwickelung des nordischen Backsteinbaues im einzelnen noch vieles im Fluß ist, soll versucht werden, in aller Kürze das bisher Erreichte und Erarbeitete darzustellen und gewisse Gesichtspunkte für die Betrachtung des ganzen Fragenkomplexes aufzuzeigen. Wir folgen dabei zunächst im wesentlichen den Ausführungen Wachtsmuths 98 ).

Der älteste uns bekannte Backsteinbau befindet sich in Ägypten. Es ist der aus Nilschlamm-Ziegeln errichtete Bau des sogen. Menesgrabes 99 ). Es ist um 4000 v. Chr. entstanden und vermutlich eines der ältesten ägyptischen Königsgräber. In seiner äußeren Hülle ist es aus lufttrockenen Ziegeln aufgeführt worden, seine Gliederung läßt eine rein konstruktive und stoffgemäße Behandlung erkennen. Die Umfassungswände besitzen als Schmuck eine abgetreppte Nischengliederung, die wir auch an den Backsteinbauten Babyloniens wiedertreffen. "Sie ist das kennzeichnende Merkmal für die Schmückungsart eines Ziegelbaues, da sich die Vor- und Rücksprünge aus dem Mauerverband entwickeln und mit Hilfe von Voll- und Halbziegeln ohne Verhau- und Bruchstücke leicht ausführen lassen" 100 ). Eine Nachfolge hat diese Bauweise jedoch in Ägypten anscheinend nicht gefunden.

In Babylonien, dessen älteste Ruinen aus der Zeit um 2500 v. Chr. stammen, sind sämtliche Bauten aus Mangel an Naturstein aus Backsteinen oder lufttrockenen Lehmziegeln aufgeführt worden. Auch hier findet sich der konstruktive Charakter der Formgebung wieder, sämtliche Schmuck- und Zierglieder stehen im engsten Zusammenhang mit dem Mauer-


98) F. Wachtsmuth: Der Backsteinbau, Leipzig 1925.
99) Vgl. L. Borchardt: Das Grab des Menes, Ztschr. f. ägypt. Sprache und Altertumskunde, Bd. XXXVI, Leipzig 1898, S. 87 ff.
100) Wachtsmuth a.a.O. S. 6.
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werk und bilden mit ihm ein einheitliches Ganzes. Auch sind die Ziegel hier nicht nur zur Herstellung eines Mauermantels verwendet. sondern die Mauern sind mit dem Ziegelmaterial vollkommen durchgemauert. Das Ziegelformat beträgt meist 33 X 33 X 7,5 cm, nur selten sind die Steine länglich geformt 101 ). Lange Zeit hindurch wurde der Ziegel in gebranntem und ungebranntem Zustande nebeneinander gebraucht 102 ), bis schließlich die eindeutig erkannten Vorzüge des gebrannten Ziegels mit seiner größeren Haltbarkeit diesen die Überhand gewinnen ließen 103 ).

Die vielseitige Verwendung des Backsteins in Babylonien hat dort schon zur Entstehung einer echten Backsteinbaukunst geführt. Mit Recht sagt Wachtsmuth 104 ), daß die Massigkeit und Flächigkeit babylonischer Bauwerke von keinem Backsteinbau späterer Zeit je wieder in dem Maße erreicht worden sind. Hier ist in vorbildlicher Weise aus dem Werkstoff heraus geformt worden, fremde, aus dem Hausteinbau kommende Elemente wurden backsteingemäß umgebildet.

Demgegenüber bedeutet die Entwickelung des Backsteinbaus im Morgenland in der Folgezeit in konstruktiver Hinsicht einen Abstieg, wenn auch in formaler Hinsicht von den assyrischen und persischen Baumeistern, die den Backstein nur mehr zur Verkleidung gebrauchen, Großes geleistet worden ist. Das gilt in noch höherem Maße von den islamischen Bauten, deren formale Idee sich im 8. Jahrhundert n. Chr. endgültig durchsetzte. Hier kommt das freie Formenspiel zu vollendeter Ausprägung, doch eben nur in bezug auf die schmückende Mauerhülle, wovon das Konstruktive, der Mauerkern, nicht berührt wird.

Das Abendland hat den Backsteinbau vom Morgenland übernommen und zunächst zu keiner spezifischen Ausformung gebracht. Vielmehr war das ureigenste Baumaterial des Abendlandes von vornherein der Hau- und Werkstein, dem sich in großer Mannigfaltigkeit künstlerische Einzelformen abgewinnen ließen. Bis in die Spätantike war die griechische Formensprache im Abendland vollkommen beherrschend und ließ neuen Materialien und damit notwendig neuen Formen aufs Ganze


101) Ebd. S. 53.
102) Ebd. S. 27.
103) Rich. Haupt: Kurze Geschichte des Ziegelbaus, Heide i. H. 1929, S. 4.
104) a.a.O. S. 38.
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gesehen keinen Raum. Aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert sind das Amphitheatrum Castrense und der sogen. Tempel des Deus Rediculus 105 ) fast die einzigen Beispiele römischer Backsteinarchitektur. Von ihnen läßt sich mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, daß sie unter Beeinflussung durch morgenländische Werke entstanden sind, da die Römer in dieser Zeit in ihren Kämpfen in Palästina und Syrien sowie gegen die Parther genug Gelegenheit hatten, die Backsteinbauweise dort kennenzulernen. War doch damals die Zeit, in der morgenländische und abendländische Kultur sich aufs stärkste ausgetauscht und weithin miteinander verschmolzen haben. Zur Nachfolge der Bauten dieser Periode gehört die sogen. Basilika in Trier, die aus dem ersten Viertel des vierten Jahrhunderts stammt.

Ein zweites Mal nimmt der Backsteinbau in Italien im 6. Jahrhundert einen Anlauf, der jedoch wieder in den Anfängen stecken bleibt und nicht imstande ist, das Terrain in größerem Ausmaße für sich zu gewinnen. Vor allem wichtig sind hier die ravennatischen Bauten. Auch in diesem Fall dürfte die Anregung vom Morgenland ausgegangen sein, da ja Ravenna im Anfang des 5. Jahrhunderts als Sitz der weströmischen Kaiser in besonders enge Berührung mit dem Osten gekommen ist. "Die Backsteinbauten Ravennas 106 ) des 5. und 6. Jahrhunderts führen uns zu Lösungen, die sich im Abendland durch ihre Eigenart und Besonderheit vor allen bisherigen wesentlich hervortun. Das Äußere dieser Bauten ist schlicht und einfach, fast roh in der Formensprache . . . Es sind keine neuen Motive, die die Kunst dieser Zeit ersinnt, . . . sondern es sind alles Erscheinungen, die ihren Ursprung bereits im Morgenland gefunden haben und dort verwertet worden sind. Sie sind durch die Byzantiner nach Ravenna gebracht worden und bilden hier den Grundstock zur Selbständigkeit des abendländischen Backsteinbaues."

Zum drittenmal findet im 11. und 12. Jahrhundert mit dem Beginn der Kreuzzüge eine Einflußnahme des Orients auf den Okzident statt, nachdem auch in den dazwischenliegenden Jahrhunderten des frühen Mittelalters die Verbindung und gegenseitige Einwirkung von Ost und West niemals aufgehört hatte. Die Erwähnung der Sarazenenzüge und ihre


105) a.a.O. S. 49.
106) Ebd. S. 41.
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Festsetzung in Unteritalien und Spanien mögen genügen, um den ganzen Komplex der arabisch-maurischen Kultur und ihrer Wirkungen für das Abendland ins Gedächtnis zu rufen. Es ist begreiflich, daß die großartigen Bauten, die die Kreuzritter, zumal auch gerade die Ordensritter, im Orient sahen, sie zu ähnlichem anspornten und daß ihnen die Übernahme des Backsteins in ihr natursteinarmes Gebiet geradezu erlösend erschienen sein muß. Während man sich jetzt im Mutterlande der Backsteinkunst, um mit Wachtsmuth 107 ) zu reden, durch die Hintenanstellung des konstruktiven Gedankens und die Bevorzugung der Formen von der wahren Aufgabe des Backsteinbaus abwendete, wurde nun der mittelalterliche norddeutsche Backsteinbau Träger der eigentlichen Backsteinidee, des konstruktiven Gedankens.

Wir sind bis hierher den klaren und einleuchtenden Ausführungen Wachtsmuths gefolgt und überblicken in großen Zügen die Entwickelung des Backsteinbaus bis gegen 1100. Nach Haupts Ansicht entsteht 1134, spätestens 1142 in Segeberg der älteste erhaltene norddeutsche monumentale Backsteinbau 108 ). Was liegt zwischen 1100 und 1134? Hat sich der norddeutsche Backsteinbau wirklich selbständig gebildet, wie Haupt will, oder steht er in einer Entwicklungsreihe? Hier ist der kritische Punkt, wo die Einigkeit der gelehrten Ansichten aufhört.

Der Nestor der Geschichtsschreibung der norddeutschen Backsteinarchitektur, Friedrich Adler, hat in dem seinerzeit grundlegenden Werk: "Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates" 109 ) zum ersten Male wesentliche Teile des Materials der Forschung zugänglich gemacht. Er hielt dafür, daß der Backsteinbau in Holland entstanden sei, was er vor allem mit der holländischen Siedelung in Brandenburg im 12. Jahrhundert im Zusammenhang sieht. An die Spitze der gesamten norddeutschen Backsteinarchitektur stellte er die Prämonstratenserkirche in Jerichow.

Sehr entschieden trat dem entgegen Karl Schäfer in einer Untersuchung über eben die Jerichower Kirche im Centralblatt der Bauverwaltung 110 ). Schäfer wies nach, daß die Jerichower Kirche kein Anfangsglied ist, daß sie vielmehr einer ent-


107) a.a.O. S. 52.
108) Haupt a.a.O. S. 74.
109) Berlin 1862 und 1898.
110) Jahrgang 1884, S. 150 ff. und 516 ff.
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wickelten, gereiften Bauweise angehört und gegen 1200 zu datieren ist. Damit war zwar der Bau, den Adler zum Angelpunkt seiner Ausführungen gemacht hatte, für die Frage der ersten Entstehung der Backsteinbaukunst unseres Gebietes ausgeschieden. Dagegen ist damit die gesamte holländische Frage, Zu der Adler auch später noch wichtiges Material in seinen gesammelten Aufsätzen 111 ) beigebracht hat, noch keineswegs im negativen Sinne endgültig gelöst.

Sehr wichtige Gesichtspunkte hat Otto Stiehl in seinem Buch "Der Backsteinbau romanischer Zeit" 112 ) dem gesamten Komplex gegenüber aufgestellt. Er leitet die gesamte nordische Backsteinarchitektur aus der Lombardei her. Für ihn sind Ratzeburg und Lübeck die ältesten deutschen Denkmäler, während sich die großen dänischen Monumente eine weit spätere Datierung gefallen lassen müssen.

Gar nichts von lombardischem Einfluß wollte Richard Haupt wissen. Er ist der Ansicht, daß Bischof Vizelin von Oldenburg/ Holstein oder dessen Mitarbeiter, der Chorherr Volchardt, die eigentliche Backsteinbaukunst erfunden habe 113 ); die 1134 anzusetzende Kirche in Segeberg sei das älteste erhaltene datierbare Monument: Wagrien sei die Heimat der nordischen Backsteinbaukunst.

Kurt Meyer 114 ) und Paul Eichholz 115 ) gelang es 1912, nachzuweisen, daß der Brandenburger Backsteindom 1165-80 erbaut sein müsse, bzw. daß im jetzigen Bau beträchtliche Reste des ursprünglichen enthalten seien. Damit rückten sie, wie es auch Haupts Ansicht war, die Entstehung weit über die ursprünglich vor allem von Stiehl angenommene späte Datierung zurück.

Sehr beachtlich scheinen mir die leider noch weithin unberücksichtigt gebliebenen grundsätzlichen Ausführungen von Frans Vermeulen in seinem Handbuch zu sein 116 ). Er macht auf den hier und da in Holland nachweisbaren Gebrauch von Backsteinen nicht nur im 12., sondern mit Wahrscheinlichkeit schon


111) "Zur Kunstgeschichte", Berlin 1906.
112) Leipzig 1898.
113) Zeitschrift für Geschichte der Architektur, Jahrg. V, 1911 bis 1912, S. 72 u. 121 ff.
114) Ebd. Jg. I, S. 179 ff.
115) Inventar Brandenburg 11/3, S. 225 ff.
116) Handboek tot de Geschidenis der Nederlandsche Bouwkunst, 's Gravenhage 1928, S. 271.
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im 10. Jahrhundert aufmerksam (Deventer) und weist auf wichtige Übereinstimmungen in der Formgebung zwischen einigen niederländisch-friesischen Dorfkirchen und St. Nikolaus in Brandenburg hin. Auch das Hinlenken des Blickes auf die mögliche Vermittelungstätigkeit der Prämonstratenser kann von Wichtigkeit sein.

Leonie Reygers hat in ihrer Dissertation 117 ) in teilweisem Anschluß an dänische Forscher wie Mogens Clemmensen vor allem den dänischen Kreis der Backsteinkunst einer eingehenden Untersuchung unterzogen und ist dabei überzeugend zu dem Ergebnis gekommen, daß die Datierungen etwa von Reifferscheid 118 ) viel zu spät und die Anfänge der dänischen Backsteinarchitektur bereits in die Zeit Waldemars des Großen zu setzen sind. Danach ist der Beginn eines Baues wie Sorø mit Bestimmtheit schon um 1160 anzusetzen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt in seiner Dissertation Jan Steenberg 119 ), leider jedoch anscheinend ohne Kenntnis der Reygersschen Arbeit. Er stellt in einer Übersicht 120 ) Brandenburg und Ratzeburg an die Spitze der Bauwerke und datiert sie von 1160/70, während er Segeberg erst 1180/1200 entstanden lassen sein will. Für Ringsted und Sorø läßt er das Anfangsdatum ca. 1160 gelten. Von großem Interesse ist sein Hinweis auf den Fund schwarzer und roter Backsteinfliesen bei Gelegenheit der Ausgrabungen der St. Laurentiuskirche in Roskilde; Kirche und Mosaikfußboden werden gleicherweise auf etwa 1125 datiert, was den Zeitpunkt des ersten Auftretens des Backsteins im Norden noch weiter zurückrückt. Die Arbeiten sind jedoch noch nicht abgeschlossen, auf ihren Ausgang darf man gespannt sein.

Nach all den widerstreitenden Ansichten und Meinungen bekannter Forscher, die Jahrzehnte lang über das Gebiet des Backsteinbaues gearbeitet haben, ist es schwer möglich, sich eine eigene Meinung zu bilden. Es muß daher versucht werden, an Hand der Tatsachen und Überlieferungen das am besten Bezeugte herauszukristallisieren und zu einer Gesamtschau zusammenzuordnen. Das wird aber nur möglich, wenn man die


117) Die Marienkirche in Bergen auf Rügen, Greifswald 1934.
118) Heinr. Reifferscheid: Kirchenbauten in Mecklenburg, Straßburg 1910.
119) Studier i Dansk og Nordtysk Teglstenarkitektur i 13. Aarhundrede, Kopenhagen 1935.
120) Ebd. S. 58.
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ganze Erscheinung "Backsteinbau" nicht, wie es bisher meist geschah, auseinanderreißt, sich streitet um Lombardei oder Bayern oder Niederlande oder Dänemark oder Brandenburg oder Wagrien, sondern das Ganze miteinander sieht und die Enge der Verknüpftheit der einzelnen Teile des Reiches untereinander und auch sogar des ganzen Abendlandes nicht unterschätzt, daß man also nicht die Unbekanntheit von Tatsachen oder hier etwa Bauwerken, die sich in einem Teil des Reiches befinden, für andere Landesteile von vornherein allein deshalb voraussetzt, weil sie in diesen letzteren nicht oder doch nicht mehr nachweisbar sind.

Unbestrittene Tatsache ist, daß vornehme, aufwendige kirchliche Bauwerke im alten deutschen Kulturland bis in das 12., ja 13. Jahrhundert hinein fast ausschließlich aus Naturstein, meist Tuff, errichtet worden sind und daß in den ersten Zeiten der Kolonisation der nördlichen und nordöstlichen Gebiete auch dort monumentale Bauten weithin in diesem Material entstanden. Haupt 121 ) nennt für Schleswig-Holstein eine große Zahl von Beispielen, so den Turm von Wesselburen (Holstein), ferner die Dome in Schleswig und Ripen, St. Johann in Schleswig, Spandet, Hoirup und andere 122 ). Für das damals noch dänische Lund (in Schonen) ist noch im Anfang des 13. Jahrhunderts der Tuff auf dem Seewege vom Rhein herbeigeschafft worden, und mit ihm kam die rheinische Formgebung. Für Holland sind vor dem 11. Jahrhundert die Oktogonkapelle auf dem Valkhof in Nymwegen und die St. Walburgiskirche zu Groningen zu nennen, für das 11. Jahrhundert St. Lebuinus in Deventer, St. Jan und St. Peter zu Utrecht. Auch im 12. Jahrhundert ist der Tuffstein das bevorzugte Material in den Niederlanden 123 ), so wurde das Prämonstratenserkloster Mariengaarde 124 ) um 1170 in Tuff erbaut. Von großem Interesse ist im übrigen, daß daneben noch bis ins 13. Jahrhundert hinein Kirchen und Klostergebäude von großer Schönheit aus Holz aufgeführt wurden und zwar, wie das Beispiel der Abtei Rolduc zeigt 125 ), nicht nur als vorläufiger Notbau, sondern noch nach mehr als dreißig Jahren nach der Gründung von 1104.


121) Inventar von Schleswig-Holstein, Band VI, S. 24.
122) Inventar Schleswig-Holstein V, S. 33 ff.
123) Vermeulen a.a.O., Band I, S. 266.
124) Ebd. S. 272.
125) Annales Rodenses, bei Ernst: Hist. de Limbourg, S. 46.
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Unbestreitbar ist aber auf der anderen Seite auch die Tatsache, daß seit dem Anfang des 9. Jahrhunderts in Spuren die Verwendung von Backstein, die aus antiken Traditionen herstammt 126 ), in allen Jahrhunderten hier und dort nachweisbar ist. Und mag auch das Material teilweise verschieden sein, je nach dem in der betreffenden Gegend vorgefundenen Grundstoff, mögen die Abmessungen der Backsteine voneinander abweichen: das alles kann überhaupt nicht ins Gewicht fallen gegenüber der entscheidenden Tatsache, daß die Möglichkeit der Herstellung künstlicher Steine bekannt war und von ihr Gebrauch gemacht wurde, daß man also von einer Neuerfindung des Backsteinbaus etwa im Anfange des 12. Jahrhunderts nicht reden kann.

Im Jahre 821 ließ Einhard in Michelstadt eine Kirche erbauen 127 ), die aus Backsteinen errichtet wurde, desgleichen 828 die in Seligenstadt, die gerade neuerdings 128 ) in würdiger Weise neu hergerichtet worden ist. Diese Backsteine sind, obgleich im altrömischen quadratischen Format 129 ), nicht römischen, sondern karolingischen Ursprungs 130 ). Ja, sogar der Backsteinbrenner, bei dem sie bestellt wurden, ist uns überliefert. Er hieß Egmulenus.

In St. Lebuinus in Deventer wurden während der Restaurierungsarbeiten (1915-20) der jetzigen Hallenkirche des 15. Jahrhunderts die Überreste der durch Bischof Bernulf 1040 geweihten Basilika aus Tuffstein gefunden. Die Pfeiler im Turm hatten jedoch einen noch viel älteren Kern von Backsteinen im Format von 28×14×7 cm. Dieser Backsteinkern muß, wie Vermeulen zweifellos richtig vermutet, von der 937 durch Bischof Balderik geweihten Kirche stammen, die St. Lebuinus voraufging.

In Köln sind Backsteine des altrömischen bzw. karolingischen Formats an den Kirchen St. Caecilien, St. Panthaleon, St. Maria im Kapitel verwendet, in Trier am Dom Unserer Lieben Frauen, ca. 1030. Die von Vermeulen in diesem Zusammenhange genannten Ziegel der Valkhofkapelle in Nymwegen haben anderes Format und stammen erst von einer Restauration des 14. Jahrhunderts.


126) Adler a.a.O. S. 63.
127) Vermeulen a.a.O. S. 268.
128) Deutsche Kunst und Denkmalspflege, 1936, S. 254 ff.
129) 51×51×7 cm.
130) K. Schäfer. Vgl. bei Vermeulen S. 269.
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Die friesischen romanischen Backsteinkirchen (Britswert, Huins, Mantgum, Schrard) sind in ihrer Einfachheit schwer datierbar. Vermeulen tritt für eine Datierung von etwa 1100 bis spätestens Mitte des Jahrhunderts ein 131 ).

Hierzu tritt neuerdings die schon oben erwähnte Nachricht, daß bei den Ausgrabungen der ehemaligen St. Laurentiuskirche in Roskilde (Dänemark) Backsteinfliesen gefunden wurden, die von ca. 1125 zu datieren sind 132 ).

Gewiß: das Material ist vorläufig gering und verstreut und es ist fraglich, ob sich jemals eine vollständigere Beweiskette wird erbringen lassen. Das hängt von den erhaltenen Denkmälern und etwa zufälligen künftigen Funden ab. Aber .eine Tatsache scheint mir ein schlechterdings unumstößlicher Beweis dafür zu sein, daß der Backstein wenn nicht im 10., so doch im frühen 11. Jahrhundert nicht nur in den Niederlanden bekannt war. sondern auch das Brennen desselben dort geübt wurde: der oben genannte Fund in Deventer, auf den m. E. auch Vermeulen viel zu wenig Wert gelegt hat. Wenn man unterstellt (und das Recht dazu kann nicht abgestritten werden), daß zum mindesten im 9. Jahrhundert Backsteine im "karolingischen Format" hergestellt wurden und daß man solche im Anfang des elften Jahrhunderts noch verwendete, so ist es ganz entscheidend wichtig, daß man in Deventer den Beweis dafür hat, daß, wenn nicht gar schon 937, so doch spätestens 1040, also im zweiten Viertel des 11. Jahrhunderts, erstmalig und vorläufig einzig der Backstein in dem ganz neuen Format auftaucht, das dann mit geringfügigen Abweichungen im ganzen Mittelalter beherrschend geworden ist. Es muß damit als bewiesen gelten, daß man in den Niederlanden schon im zweiten Viertel des 11. Jahrhunderts das Brennen von Backsteinen geübt und dieselben selbstverständlich auch zu Bauten, sei es kirchlicher, sei es profaner Art, ver-


131) Adler a.a.O. S. 98 f; Vermeulen a.a.O. I, 325.
132) Steenberg a.a.O. S. 18 und 197. - Neuerdings hat M.D. Ozinga in "Handelingen van het zestiende Nederlandsche Philologen-Congres", Groningen 1935, S. 28, auf folgendes hingewiesen: Galbertus von Brügge berichtet in seiner Passio Caroli comitis, daß die St. Donatuskirche daselbst bereits vor 1127 Backsteingewölbe besaß, wobei wir allerdings wohl kaum an eine durchaus gewölbte Kirche zu denken haben, sondern eher an Chor- oder Seitenschiffsgewölbe. (Veröffentlicht in Histoire du meurtre de Charles le Bon par Galbert de Bruges (Collection de textes pour servir á l'etude et á l'enseignement de l'histoire), publ. par Henri Pirenne, Paris 1891, p. 60.)
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wendet hat. Das mag vor allem bei weniger aufwendigen Bauten geschehen sein, dies entzieht sich beim Fehlen alles weiteren Materials leider vorläufig unserer Kenntnis. Seltsam verhält sich hierzu die Äußerung Adlers 133 ), der meint, es sei oberflächlich, wenn man den Standpunkt vertrete, daß der Ziegelbau in Deutschland, das natürlich damals die Niederlande mit umfaßt, seit der Römerzeit nicht ausgestorben sei. Er selbst gibt zu dieser Behauptung die besten Beweisstücke an die Hand 134 ).

Weiterhin ist ein Gedankengang von Wichtigkeit, den ebenfalls schon Adler 135 ) angedeutet hat, der aber erst von Vermeulen 136 ) zu Ende gedacht und ausgewertet wurde. Sie weisen hin auf die friesisch-niederländischen romanischen Backsteinkirchen in Aalsum, Janum, Raard, Wijns, Britswert, Schingen, Jorwert, Schalsum und Hogbeinetum. Vermeulen nimmt dazu noch die Tuffkirchen in Ginkerk, Hantum, Marrum, Wetsens und Wierum. Dabei sind besonders zwei Momente interessant, die hier zuweilen vorkommen: an den aus Westturm, oblongem Langhaus, quadratischem Chor und Apsis bestehenden Kirchen findet sich das "Absetzen der Mauern nach außen hin" 137 ) und die Verwendung zarter halbrunder Lisenen an der Apsis: beide Momente kommen an der St. Nikolauskirche der Altstadt von Brandenburg vor, die Vermeulen zwischen 1166 und 1170 ansetzt, während Adler sie um 1150 entstanden sein läßt. Wie dem auch sei, so ist doch die Folgerung wichtig, die Vermeulen hieraus zieht. Seiner Meinung nach geht es schwerlich an, zu sagen, daß dieser Kirchentypus mit den besagten Einzelheiten aus der Mark nach Friesland herübergebracht und dort erst in Tuffstein nachgeahmt worden sei. Im Gegenteil: die Tuffsteinkirchen in Friesland beweisen, daß dieser Kirchentyp dort einheimisch war, bereits bevor die Backsteinkirche St. Nikolaus in Brandenburg gebaut wurde, also vor 1166. Aber dann würde es auch mehr als wahrscheinlich, daß die friesischen Backsteinkirchen desselben Typs ebenfalls der brandenburgischen Kirche voraufgehen, daß darum also diese Form von Friesland nach der Mark herübergebracht


133) a.a.O. S. 69.
134) Ebd. S. 69 und 98 f.
135) Ebd. S. 99.
136) a.a.O. S. 271/272.
137) Adler a.a.O. S. 99. Vermeulen spricht von dem "versmalde halfronde koor", S. 271.
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wurde und daß bereits um 1150 in den nördlichen Niederlanden eine nicht unbedeutende Backsteinarchitektur bestand.

Mit der von Helmold berichteten Kolonisation der Mark durch Holländer und Friesen, die unter Albrecht dem Bären um 1150 stattfand, würde sich das sehr gut vereinigen lassen, ja, beides scheint sich notwendig zu ergänzen. Mag man auch mit Rudolph 138 ) annehmen, daß Helmold im einzelnen in seinen Zahlenangaben, die die Kolonisation betreffen, vielfach übertrieben hat, so steht doch fest, daß man beachtliche Einwanderung aus diesen Gebieten annehmen muß. Der Name "Fläming", der noch heute einer ganzen Gegend anhaftet, ist dessen Zeuge. Und daß die Einwanderer ihre überlieferten Stilformen einfach mitgebracht und im Siedelungsgebiet dort weitergebaut haben, wo sie in der Heimat aufgehört hatten, ist eine Tatsache, die auch aus späterer Zeit überliefert und an noch erhaltenen Baudenkmälern 139 ) abzulesen ist.

Neben Brandenburg würde hier an sich das wagrische Gebiet seine Behandlung finden müssen, dessen Wichtigkeit für die Gesamtentwickelung zuerst Richard Haupt erkannt hat 140 ). Seine Interpretation der "Vizelinskirchen", der früheren Stiftskirche in Neumünster, vor allem aber der Kirche zu Segeberg muß jedoch als durch die neueste Forschung überholt angesehen werden. Vor allem hat Alfred Kamphausen 141 ) das Problem unterdessen so gründlich und einleuchtend erörtert, daß wir an dieser Stelle auf die Ausführungen dort verweisen können.

Neben die Frage, ob die Backsteinbauweise von Holland nach den östlichen Nachbarländern gelangt sei, muß jedoch für den Fall ihrer Bejahung die weitere gestellt werden: auf welche Weise denn in Holland selbst die Verwendung des Backsteins aufgekommen ist. Hierfür lassen sich vorläufig nur Mutmaßungen aufstellen, deren Wahrscheinlichkeitsgrad erst noch


138) Th. Rudolph: Die niederländischen Kolonien der Altmark, Berlin 1888, S. 29 ff.
139) Vgl. die Bauten der westfälischen Kolonisation in Mecklenburg im 13. Jahrhundert.
140) Haupt: Kurze Gesch. des Ziegelbaus. Weitere Literatur siehe dort.
141) Die Baudenkmäler der deutschen Kolonisation in Ostholstein und die Anfänge der nordeuropäischen Backsteinarchitektur, Neumünster/Holst. 1938 (Bd. 3 der Studien zur schleswig-holsteinschen Kunstgeschichte, herausgegeben vom Landesdenkmalsamt und der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinsche Geschichte.) Kamphausens Buch ist erst nach der Vollendung der vorliegenden Arbeit erschienen.
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wird nachgeprüft werden müssen. Von entscheidendem Interesse ist hierbei die Frage, ob die Hauptsche These in dieser Form richtig ist, daß das Kennzeichen dieser eigentlichen und wirklichen neuen Kunstgestaltung die Mauerung im durchgehenden Verband ist, die in der Tat dem Wesen der Ziegelbaugestaltung im besonderen Maße zu entsprechen scheint; und weiterhin, ob diese Bauart zuerst in Wagrien erscheint und ausschließlich auf den Backstein beschränkt ist. Von neuem müssen wir uns bei dem Versuch der Aufhellung des hier noch herrschenden Dunkels nach den Niederlanden wenden.

Wir erinnern uns hier nochmals der Tatsache, daß in dem niederländisch-friesischen, später von Backsteinbauten durchsetzten Gebiet ursprünglich der Tuffsteinbau geherrscht hatte, der oft den Ziegelbauten "zum Verwechseln ähnlich" sah 142 ). Diese Ähnlichkeit im äußeren Charakter spricht stark dafür, die Tuffsteinbauweise auch ideenmäßig dem frühen Backsteinbau weit näher zu bringen, als es bisher geschehen ist. Die Wahrscheinlichkeit dieser Überlegung wird in hohem Maße verstärkt dadurch, daß, wie schon oben dargelegt wurde, einerseits die Formate und Verwendungsweise beider Steinsorten einander außerordentlich ähneln, andererseits aber auch sogar der durchgehende Mauerverband in Holland nicht dem Backstein allein vorbehalten geblieben, sondern auch beim Tuffsteinbau verwendet worden ist, so bei der Barbarossakapelle in Nymwegen. Damit ist natürlich noch nichts für die Priorität des durchgehenden Mauerverbandes beim Tuffsteinbau dem Ziegelbau gegenüber bewiesen, denn die Verwendung dieses Verbandes bei der Barbarossakapelle liegt ja etwa vierzig Jahre nach dessen Auftreten am Backsteinbau. Indessen ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, der in den Niederlanden früher zur Reife gebrachte Tuffsteinbau möchte auch in bezug auf den durchgehenden Mauerverband, der zum mindesten für die 1180er Jahre als nicht allein backsteingemäß nachgewiesen werden kann, dem sich entwickelnden Backsteinbau zum Vorbild gedient haben. Diese Annahme wird weiterhin dadurch gestützt, daß ein für unser Auge so typisch "backsteinmäßiger" Mauerverband wie der Ährenverband schon sehr früh, um 1080, an dänischen Tuffsteinbauten vorkommt, so an der Kirche Unserer Frauen in Roskilde 143 ), so daß hier


142) Haupt, Inventar Schleswig-Holstein V, S. 34.
143) Beckett: Danmarks kunst, I, S. 51; Reygers: Marienkirche in Bergen auf Rügen, S. 78.
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ein unmittelbares Hinübergleiten des Tuffsteinbaus in den Backsteinbau nachgewiesen werden kann. Parallel der Entwickelung beim Backstein ist auch die Tatsache, daß bei den Tuffsteinbauten des 11. und 12. Jahrhunderts zunächst die "Kistwerk"-Technik angewendet wurde, die aus einer Innen- und Außenwand von Tuffsteinen besteht, deren Zwischenraum mit Mörtel und Bruchsteinen ausgefüllt wurde, so in Diever (Drente), Spankeren, Doetinchem (Gelderland) etc.

Ferner berichtet wiederum Haupt 144 ), daß man an den meisten Tuffbauten des dort behandelten Bezirkes beobachten könne, wie an ihnen selbst nachträglich der Ziegel zugezogen worden ist, um am Tuff zu sparen oder ihn ersetzen zu können. So sind in vielen Kirchen die Schiffe mit Ziegeln vollendet, Z. B. in Bröns, Roagger, Reisby, Ballum, Witting, auch Pellworm und Veitum. Zu Schatz ist Ziegel und Tuff nebeneinander zu beobachten, desgleichen auch an der St. Annenkirche in Aalsum in Holländisch-Friesland, die von Vermeulen in das dritte Viertel des 12. Jahrhunderts datiert wird 145 ). Dies erweist erneut die nahe Verwandtschaft beider Bauarten. Erinnern wir uns aber der Tatsache, daß diesem in Schleswig-Holstein beobachteten Neben- und Ineinander von Tuff- und Ziegelbau in Holland ein Nebeneinander von Tuff- und Ziegelbau bzw. ein Übergehen vom Tuff- zum Ziegelbau vorangeht, so ist der Schluß wohl nicht voreilig, daß der in den Niederlanden heimische und vorherrschende Tuffsteinbau bei der Entstehung des mittelalterlichen Backsteinbaus Pate gestanden hat. Die Einzelheiten dieses Entwickelungsganges aufzuzeigen, wird erst möglich sein, wenn ausführlichere örtliche Untersuchungen aus den in Frage kommenden niederländischen Gebieten vorliegen.

2. Baubeschreibung.

a) Die Kirche.

aa) Der Außenbau.

Die Klosterkirche 146 ) (Abb. 1 u. 2) ist eine Kreuzanlage mit nur einem, nördlich angefügten und seither abgerissenen Seitenschiff. Die Gesamtlänge beträgt 51,0 m, die Breite des


144) a.a.O. IV, S. 36.
145) Kalf in "Jaarversl. Rijkscomm. Monumentenzorg 1918 en 1919, I, Seite 100 ff.
146) Zum Ganzen vgl. den Plan zu Beginn der Arbeit.
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Chores und des Langhauses je 10,90 m, die Erstreckung des Querhauses von Norden nach Süden ist 30,30 m, seine Breite 10,90 m. Die Höhe des Baues bis zum Dachansatz beträgt 16,50 m. Der Chor ist rechteckig geschlossen und gleich der Nord- und Südfassade des Querhauses und der Westseite des Langschiffes von einem als gleichseitiges Dreieck mit Seitenlänge von 11 m gebildeten Giebel bekrönt. Alle senkrechten Kanten des Baues bis auf die von Langhaus und südlichem Querschiff gebildete Ecke (Abb. 10) und die Westseite des südlichen Querhauses sind mit Ecklisenen von 83 cm Breite versehen, um das ganze Gebäude läuft unter dem Dachansatz ein auf wechselnd gebildeten Konsölchen ruhender Rundbogenfries, dessen Zwischenräume weiß verputzt sind. Desgleichen sind alle vier Giebel (Abb. 1, 2 u. 13) mit einem steigenden Rundbogenfries geziert. Die acht Wände des Querhauses und des Chores sind außer der Chorostfront von je zwei durch eine Doppelblende zu einer Gruppe verbundenen, unterspitzbogigen Fenstern durchbrochen, die (vom oberen Ende des Sockels an gerechnet) von der 74. bis zur 124. Steinschicht reichen. Die zwei Teile der Doppelblende ruhen zwischen den Fenstern in Höhe des Bogenansatzes gemeinsam auf einer von glasierten Formsteinen gebildeten Konsole. Die Fenstergruppen sitzen an der Süd- und Nordfront des Querhauses in der Mitte, an den übrigen Seiten von Chor und Querhaus jedoch, der inneren Gewölbemitte entsprechend, etwas nach der Mitte der Vierung hin verlagert. Der Winkel der Verjüngung der Fenstergewände nach innen zu beträgt 30 Grad. Die Chorostseite ist hervorgehoben durch ihre Dreifenstergruppe (Abb. 1), die in der Mitte der Mauer von der 32. bis zur 126. Steinschicht reicht, deren seitliche Fenster jedoch 13 Schichten niedriger sind. Diese Fenstergruppe ist, wie die übrigen von einer Doppelblende, so hier entsprechend von einer dreifachen Blende umgeben, die zwischen den Fenstern von je einer Konsole getragen wird. Die Steinsetzung der Fensterumrahmung wie auch des im Fensterrücksprung angebrachten, 13 cm Durchmesser aufweisenden Rundstabes ist abwechselnd aus gewöhnlichem Backstein und aus dunkelrotbraun glasierten Steinen gemauert.

Das Giebelfeld (Abb. 4) ist mit einem vertikal angeordneten Fischgrätenmuster aus abwechselnd glasierten und nicht glasierten Steinen ausgefüllt. Es wird senkrecht in sieben Felder geteilt, die durch acht, je zwei Bögen des steigenden Rundbogenfrieses zusammenbindende, aus glasierten Steinen beste-

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hende Halbrundstäbe, die dem Fischgrätenmuster aufgelegt sind, gebildet werden. Die einzelnen Stäbe umgreifen mit ihrem unteren Ende das an der unteren, wagerechten Seite des Giebeldreiecks entlanglaufende Gesims und werden von diesem zusammengebunden; ihre oberen Endigungen weisen schlichte Knospenkapitellchen auf, auf denen der steigende Rundbogenfries ruht. Unter den frei hängenden Bogen des Frieses befinden sich aus glasierten Steinen gebildete Vierpaßblenden, oben in der Mitte eine Achtpaßblende, deren inneres Feld weiß getüncht ist. - Unter der Dreifenstergruppe findet sich in der Mitte eine rechteckige, nach oben gestellte Blendnische von einem Stein Tiefe, deren Abmessungen etwa 80:60 cm betragen. Die Höhe des stark erneuerten Sockels ist durchschnittlich 1 m.

An der südlichen Außenwand des Chores sind unter der Fenstergruppe die Reste einer ehemaligen Ostkapelle des südlichen Querschiffes erhalten. Dicht unter der Fensterbank läuft wagerecht die Spur des Dachfirstes eines nach Süden abfallenden Pultdaches entlang, dessen Schrägansatz auch noch an der Ostwand des südlichen Querhauses erkennbar ist. Die Lisene der inneren Wandecke ist in der Höhe des Dachansatzes abgeschnitten. In einer Entfernung von 2,70 m von der südöstlichen Ecke des Chores fällt die Spur des Dachansatzes senkrecht nach unten und geht bei der 40. Steinschicht in eine jetzt zu einem Strebepfeiler verarbeitete Mauerverzahnung (Abb. 19) der ehemaligen Ostwand der Kapelle von 1,10 m Stärke über. In dem Raum von der genannten Mauerverzahnung bis zur inneren Ecke befinden sich zwei spitzbogige Blendnischen von 3,40 bzw. 3,36 m Höhe.

Die Ostwand des südlichen Querschiffes weist unten ebenfalls zwei spitzbogige Blendnischen von 3,40 bzw. 3,26 m Höhe auf, jedoch mit dem Unterschied gegen die vorigen, daß die südliche der beiden Nischen in einen vorgeblendeten Mauerkern eingearbeitet ist.

Der Südgiebel des Querhauses (Abb. 2) ist in gleicher Weise wie der Ostgiebel mit Fischgrätenmuster geziert, doch ohne Belag mit Rundstabwerk. In den Ecken ist je ein Achtpaßornament aus Glasursteinen angebracht, unter je vier der Konsölchen des Rundbogenfrieses je ein Vierpaß, alle in der Innenfläche weiß verputzt. Unten in der Mitte befindet sich ein rundbogiges Portal von 2,90 m Breite, in dessen Gewände eine doppelte Stufung von zwei Rundstäben begleitet erscheint, die ein aus einem auf der Spitze stehenden, gleich-

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seitigen Dreieck gebildetes Kapitell tragen. Sie sind durch ein von unten ausgekehltes Gesims verkröpft. Nach oben hin wird der Rundbogen der Tür begleitet von einer Lage hochkant gestellter Ziegel, die wiederum von einer Flachschicht bedeckt sind. Der obere Abschluß der Seitenwand in Höhe des Dachansatzes wird durch ein in gleicher Weise um den ganzen Bau laufendes Gesims hergestellt, das mittels eines im Halbkreisprofil gebildeten, aus einer Schichtlage bestehenden Wulstes und eines über diesen überkragenden, nach unten geöffneten Kehlsteines gestaltet ist. In gleicher Weise ist auch der Abschluß der Giebelfelder nach oben hin gestaltet.

Die Westseite des südlichen Querhauses (Abb. 10) hat ebenfalls eine Zweifenstergruppe, deren Konsole sich jedoch im Gegensatz zu den anderen aus einfachen, blockigen Formelementen zusammensetzt. Im Bereiche des Erdgeschosses ist, von der inneren Ecke an in fast der gesamten Breite, ein Mauerkern vorgeblendet (Abb. 3, 10, 11), der sich 29 Schichten über den Sockel erhebt und in den drei Spitzbögen eingeschnitten sind. Zwischen Fenstergruppe und Blendbögen befindet sich nahe an der inneren Ecke eine Tür, deren Gewände durch Kehlen und Birnstäbe profiliert ist. Die ganze Wand unterscheidet sich von den anderen dadurch, daß die Lisenen nur oben im Ansatz vorhanden, jedoch nicht heruntergeführt sind.

Das gleiche ist an der inneren, östlichen Ecke der Südwand des Langhauses der Fall (Abb. 10 und 15). An der Stelle, an der die Lisene heruntergeführt sein müßte, befindet sich, bis zur Höhe der 82. Schicht deutlich sichtbar, eine Baunaht, viereinhalb bis fünf Steinlängen von der Ecke entfernt. Der ganze obere Teil der Wand ist aufgeteilt durch acht schlitzartige, durch einen Rücksprung im Gewände gegliederte Spitzbogenfenster, die über der 63. Steinschicht 147 ) beginnen und mit der Spitze der über dem Abschlußbogen liegenden Steilschicht bis zum Bogenfries reichen. Über dem Fries liegt das Dachgesims, das hier in der Weise gebildet ist, daß über einer vorspringenden Schrägschicht ein im Viertelkreise gehaltener Wulst vorkragt, der seinerseits noch zwei gewöhnliche Steinschichten trägt.

Drei Schichten unter der Fensterstellung liegt die obere Endigung von zwei spitzbogigen Türen (Abb. 15), die die Kirchenwand unter den Mauerteilen zwischen dem (von Osten gerechnet) zweiten und dritten bzw. fünften und sechsten Fenster durchbrechen. Die Breite dieser Türen entspricht mit 14 Stein-


147) Also ca. 6,30 m hoch.
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schichten der Höhe des gerade verlaufenden Türgewändes; der Spitzbogen ist gedrückt, er ist gebildet aus einer Schicht von Ziegeln, die derart hochkant gestellt sind, daß ihre kürzesten Flächen nach vorn zu liegen kommen. Ihre unteren Kanten sind abwechselnd eingekehlt und mit einer Kugel oder Schelle besetzt.

In der untersten Zone der Südwand nach Westen hin sind drei spitzbogige, kleine Fensteröffnungen, von denen jedoch zwei dem 19. Jahrhundert angehören. Halblinks (nach Westen) unter der östlichen der Spitzbogentüren des Oberstocks befindet sich eine jetzt zugemauerte rundbogige Türöffnung von 21 Steinschichten Höhe.

An der Westwand der Kirche (Abb. 13) ist der ganze Giebel im 19. Jahrhundert völlig erneuert worden, einschließlich des Gesimses. Darunter sitzt ein Rundbogenfries von 18 Bögen, der im Süden und Norden in je eine Lisene übergeht, deren Breite 73 cm beträgt und die bis zum Boden heruntergeführt sind. Der Sockel, auf den sie unten auftreffen, ist neu. Die Wandfläche ist von der 46. Schicht vom Sockel an bis unter den Rundbogenfries von drei gleich hohen, schmalen, unterspitzbogigen Fenstern durchschnitten, in deren Rücksprung ein aus abwechselnd glasierten und unglasierten Ziegeln bestehender Rundstab liegt. In der Höhe von der 12. bis zur 32. Steinschicht sind je unter dem nördlichen und dem südlichen Fenster der Dreifenstergruppe zwei kleine, spitzbogige Fenster untergebracht, deren Gewände in einfacher Schräge von 120 Grad verläuft. Sämtliche Fenster haben über dem unterspitzen Bogen nur eine einfache Steilschicht. - Unter dem nördlichen Fenster eine neue Tür, über der noch der Dachansatz eines früher hier anstoßenden Gebäudes sichtbar ist.

Auf der nördlichen Langhauswand (Abb. 16) beginnt die Reihe der acht schlitzartigen, spitzbogigen Fenster über der 68. Steinschicht über dem Erdboden und endigt, wie auf der Südseite, dicht unter dem Rundbogenfries. In den Rücksprung ist ein Rundstab eingelegt, der, wie auch die Kanten des Fenstergewändes und die Steilschicht des Spitzbogens, aus abwechselnd glasierten und unglasierten Steinen gebildet ist.

Bis zu einer Höhe von 35 Steinschichten ist die Wand in ihrer ganzen Länge um einen Stein dicker als darüber. Die Verstärkung ist nach oben zu jetzt mit einer Schieflage abgedeckt. Diese Mauerverstärkung wird durch eine aus sechs gedrungen erscheinenden Rundbögen bestehende Arkadenreihe

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gegliedert, die um einen Stein einspringt, so daß die verstärkte Mauer mit ihrer Bogenreihe als Vorblendung erscheint. Die Breite der Arkadenbögen beträgt 3,13 m. Sie werden durch fünf kurze, massige Pfeiler getrennt, die unten von einem Sockel getragen werden und oben mit einem im Halbkreisprofil vorspringenden, wulstigen Kämpferband abschließen. Der Abschluß des Sockels ist gebildet von einer nach oben geöffneten Viertelkreis-Schmiege, die auf einem vorspringenden, desgleichen im Viertelkreis gebildeten Untersatze ruht und seinerseits ein wulstiges Band im Halbkreisprofil trägt. Die Arkadenbögen sind zugemauert. Die Ecklisenen dieser Wand laufen von oben an nur bis zur Mauerverstärkung, die westliche geht schon in Höhe des Fensteransatzes in eine jetzt strebepfeilerartig erscheinende Mauerverstärkung über. In der östlichen Ecke, zum Querhaus hin sitzt fünf Schichten über der Schieflage eine zugemauerte Tür mit Flachbogen und abgefaster Kante. In der Höhe zwischen der Schieflage und der genannten Tür finden sich in regelmäßigen Abstanden von ca. fünf Steinlängen Vermauerungen von Balkenlöchern, von vier Steinschichten Höhe.

Die Westwand des nördlichen Querhausflügels (Abb. 7 u. 9) hat wieder, wie auch diejenige des südlichen, das Motiv der Zweifenstergruppe, die durch eine Doppelblende zusammengefaßt ist. Nur ist hier die Konsolenbildung wieder reicher, im Gegensatz zur rein geometrischen Bildung dort. Unmittelbar nördlich an die Fenster schließt sich ein aus fünf Seiten des Achtecks gebildetes Treppentürmchen an, das sich bis zum Dachansatz in die Höhe, seitlich bis 1,25 m von der Nordwestecke des Querhauses erstreckt. Die Ecken des Türmchens sind aus glasierten Ziegeln gebildet, die auch zu einem einfachen Querband dekorativ verwendet sind. Unten in der Ecke ist die Wand des Querhauses durch einen vierfach gekanteten Spitzbogen von 2,87 m Breite und 4,10 m Höhe durchbrochen, der jetzt zugemauert ist. Der Kämpfer dieses Bogens ist gebildet aus einem Halbrundwulst mit Kehle und Platte darüber.

Die Lisene der inneren Ecke ist, ebenso wie die westliche der nördlichen Langhauswand, nur bis zur Höhe der Sohlbänke der Langhausfenster heruntergezogen. Unter ihr ist ein Dachansatz sichtbar, der schräg nach Norden abfallend bis über die lotrechte Verlängerung der Nordkante des vorbeschriebenen Spitzbogens geführt ist, in Höhe der Schieflage der Mauerverstärkung an der Langhauswand.

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Die Nordseite des Querhauses entspricht in allem vollständig der Südseite.

Die Ostseite weist ebenfalls wieder die Zweifenstergruppe auf (Abb. 1), im übrigen wird sie bestimmt durch die in der Ecke zur Chorwand liegende Sakristei. Diese setzt in der Mitte der Wand an und führt ihre Nordmauer bis zur 46. Schicht über dem Sockel empor, von wo an die Dachschräge bis zur Sohle der Fenster der nördlichen Chorwand hinaufführt. Die Fensteranlage der Ostwand des nördlichen Querschiffes entspricht der der Ostwand des südlichen Querhauses. Das Wandstück, das neben der Sakristei nach Norden zu übrig bleibt, weist die Spuren einer ehemaligen Durchbrechung auf, und zwar findet sich bis zur Höhe der 42. Schicht über dem Sockel die Vermauerung eines Rundbogens mit einem Durchmesser von drei Metern. Das Wandstück ist jetzt von zwei neuen Fenstern durchbrochen und wird von einem Strebepfeiler gestützt. Die Lisene an der Nordecke hat nach Süden zu in Höhe von der 18. bis zur 28. Schicht einen Einschnitt von der Breite eines halben Steines.

Die Sakristei ist von Westen nach Osten 7,14 m und von Süden nach Norden 4,65 m lang, auf beiden Seiten durch Lisenen gegliedert, denen sich im Osten auf dem Halbgiebel ein steigender Rundbogenfries zugesellt. Auf der Nordseite befinden sich zwei, auf der Ostseite ein kleines rundbogiges Fenster, dessen Gewände aus zwei hintereinanderliegenden dicken Viertelkreiswulsten bestehen. Das östliche Fenster ist jedoch neu.

Die Chornordwand entspricht im übrigen der Chorsüdwand. Um die Ostwand des nördlichen Querschiffes, die Sakristei und die Chornordwand zieht sich regelmäßig ein dem alten nachgebildeter neuer Sockel von sieben Schichten Höhe.

Das Dach des Chores und Querhauses ist mit sogenannten Mönchen und Nonnen, das Dach des Langhauses mit modernen Ziegeln gedeckt. Der jetzige Dachreiter über der Vierung stammt von der Restauration des Jahres 1865.

Mit dieser trockenen Aufzählung des Tatbestandes sind wir uns natürlich klar in keiner Weise der tatsächlichen Erscheinung dieses Kirchenbaues gerecht geworden zu sein, die ja nicht ein Zusammen vieler Einzelheiten, sondern eine wohl in mannigfache Einzelformen abgewandelte, aber im Grunde doch durchaus einheitliche, formgewordene Idee ist. Gewiß setzt das angewendete System des Kreuzschemas der Gestaltung ganz bestimmte Grenzen. Aber nun: was ist

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innerhalb dieser Grenzen geschehen, was hat ein genialer Geist, wenn auch durch stoffliche Schranken gehemmt, aus dem Material gemacht! Gerade durch demütige Einspannung in das vom Material her Gegebene erreicht er höchste Ausdruckskraft der architektonischen Form an sich. Klare und einfache Massengliederung in Chor, Querhaus und Ostkapellen weiß er zu verbinden mit einer zarten Auflockerung des Blockmäßigen durch Einstellung schmalgliedriger Fenstergruppen, die trotz der Endigung im Unterspitzbogen noch ganz und gar nicht die großen Wandflächen auflösen wollen, vielmehr ihre tektonische Massigkeit in herrlicher Gegensätzlichkeit betonen. Fest und klar ist hier der seinem Wesen nach blockige und kantige, nach außen hin glatte und unangreifbare Backstein Schicht für Schicht aufeinandergetürmt, zäh und bewußt aus dem spröden und armen Material einer nicht reich gesegneten Gegend etwas Hochgemutes und Edles geschaffen. Gerade die Zurückhaltung und zuchtvolle Keuschheit der Formgebung, die Wohlabgewogenheit der Verhältnisse sind die Mittel, mit denen so Großes erreicht wurde. Nichts ist hier, um mit Pinder zu sprechen, gewollt, was nicht deshalb auch gekonnt wäre.

Von besonderer Schönheit sind die Giebelgliederungen, allen voran die der Chorostwand (Abb. 1, 4, 5), die selbst zwar nicht ganz im Verhältnis des goldenen Schnittes, doch ihm sehr nahe kommend - etwas breiter und gelagerter und auch hierin "romanisch" - gehalten ist. Über der vom mittelsten Fenster überhöhten Dreifenstergruppe, die durch eine höchst absonderliche, dreiteilige Blende mit Konsolen zusammengefaßt ist, erhebt sich, auf einem schmalen Gesims ruhend, das orgelpfeifenartig ansteigende feinnervige Stabwerk, das wie ein dünnes Gitter das aus abwechselnd schwarzgrün glasierten und unglasierten Ziegeln bestehende Fischgrätenmuster der Giebelwand überzieht. Im Maßverhältnis des gleichseitigen Dreiecks ist der Giebel geformt, in gleichmäßigem Schrittwechsel steigt, im Zusammenklang mit dem ihn begleitenden Stabwerk, der Rundbogenfries empor, klar und prägnant gliedernd teilen die Rundlisenen das Giebelfeld. Nichts vom ungestümen Hinaufschießen der Gotik, nichts von ihrer Wandvernichtung, nichts von den Übertreibungen ihrer Schmuckfreudigkeit. Fest und in stolzer Hochstreckung, erfüllt von gebändigter Kraft und innerlichster Klarheit steht das ganze Bauwerk vor uns. Sein in sich ruhendes Schwingen zeugt von einer inneren Musikalität, deren Wesen einzig und allein in der feierlich-ruhig tragenden

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Bewegtheit des gregorianischen Chorals ihren formalen Ausdruck bekommen hat. Das ist edelste Deutschheit, so sieht das Ideal christlicher, deutscher Ritterschaft aus, dem gerade in jener Zeit in Walther von der Vogelweide und all ihren anderen Blüten beredte und begeisterte Sänger erwuchsen. Das ist nicht ein Zwittergebilde "Übergangsstill", sondern in der Tat Klassik, Klassik der spätstaufischen Kaiserzeit. So wird ein Bauwerk Ausdruck deutschen Wesens, wie es sich selbst im Ideal sah: fest und klar, stolz und demütig, hochgemut, aber nicht hochmütig, der eigenen Kraft und des eigenen Wertes bewußt, zuchtvoll und zurückhaltend - alles das sind Begriffe, die zur Idee des Deutschen gehören, wenn sie auch in ihrem Zusammensein nur an Gipfelpunkten des Daseins der Nation offenbar werden.

bb) Das Kircheninnere.

Das Innere der Kirche kann durch das nördliche und südliche Querhausportal betreten werden, während der jetzige Zugang von Westen früher nicht bestand. Der Raumeindruck des Ganzen wird zunächst beherrscht von der Tatsache, daß die Kirche zweigeteilt ist in einen gewölbten Bezirk, der Chor, Querhaus und Sakristei umfaßt, einerseits, und das flachgedeckte Langhaus (Abb. 8) andererseits. Das macht sich, wie wir früher gesehen haben, schon nach außen hin in der verschiedenen Fensterstellung (Abb. 15) zwangsläufig bemerkbar und gibt dem Raum auch innen eine etwas überraschende Uneinheitlichkeit. Während die Langhausdecke von der letzten Restaurierung stammt, sind die Gewölbekonstruktionen gute alte gratige, busige Kreuzgewölbe mit kuppeliger Überhöhung, die zweifellos aus der Erbauungszeit stammen. Ihre Bemalung ist neu, während die Bemalung der Gurtbögen nach vorhandenen Resten des 15. Jahrhunderts nur erneuert worden sein dürfte. Die Gurtbögen werden, dem romanischen System entsprechend, von Lisenen getragen, auf denen sie durch Vermittelung von schlichten Kämpfergesimsen aus Kehle und vorstoßendem Halbrundprofil ruhen. Die Gewölbegrate selbst werden in verschiedener Weise heruntergeführt: meist setzen sie etwas unvermittelt auf dem Kämpfergesims selber auf, in zwei Fällen, am südwestlichen Vierungspfeiler, wurden Konsolen daruntergelegt. Beim nordwestlichen Vierungspfeiler endlich ist eine Bereicherung durch Einlegung eines Rund-

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dienstes in die Pfeilerecken hinzugefügt. so daß die Gewölbegrate auf den Kapitellen dieser Runddienste aufsitzen.

Die schmal und flach in die Höhe ziehende Ostwand des Chores, durch gespitzten Schildbogen nach oben zu abgeschlossen, wird von einer Höhe von 3,50 m an durch die Dreifenstergruppe durchbrochen, die bänderartig sich mit der Spitze der sie abschließenden Steilschicht bis dicht unter den Schildbogen hinaufzieht. Die Steine des Schildbogens sind, wie auch an den anderen Gewölbeteilen, abwechselnd weiß und rot bemalt, so daß ein farbiger Ton den ganzen Raum nach oben hin abschließt. Die drei Fenster sind, wie auch außen, in einer dreifachen Blende mit zwei Konsolen zusammengefaßt. Auch hier im Rücksprung ein Rundstab, der beim Mittelfenster einen Kämpferring trägt. Ebenso entsprechen bei allen Doppelfenstern des Chores und Querhauses den äußeren Konsolen auch solche innen. Sie tragen die Doppelblenden der Fenster und sind gebildet aus einem nach unten abgeschrägten, kantigen untersten Glied, einem zylinderförmigen, kurzen, mit einem Ring bekrönten Mittelteil, der seinerseits von einem schlichten Blattkapitell überhöht wird. Auf diesem sitzt ein Deckstein, der aus Schmiege und Kante besteht.

Die Chorsüdwand ist glatt von oben bis unten, während die Ostwand des südlichen Querflügels unten ehemals von zwei spitzbogigen Öffnungen durchbrochen war, die jetzt zugemauert sind. Sie haben einen Rücksprung und tragen einen Kämpfer aus vorkragender Kehle und Viertelkreisstab. Der teils zugemauerte, teils abgeschlagene Sockel scheint ebenfalls aus einem Viertelkreis gebildet gewesen zu sein.

Die Westwand dieses Querhausflügels ist unten glatt, die zwei Fensteröffnungen stammen aus neuer Zeit. In Höhe der hier wie auch im nördlichen Querschiff eingebauten hölzernen Empore findet sich eine spitzbogige Tür, deren Höhe außen 2,60 m, innen 2,10 m beträgt; die Ecken der Gewände sind ausgekehlt. Die Tür ist jetzt zugesetzt.

Die Ostseite des nördlichen Querschiffes weist in ihrem unteren Teile zwei Besonderheiten auf, und zwar von Norden aus zunächst einen Mauereinsprung, der aus einem Spitzbogen mit abgefaster Vorderkante besteht. In der nördlichen Ecke des Einsprunges ist ein abgefaster, dreiseitiger Eckdienst, mit abgetrepptem Kapitell, auf dem der Rest einer gotischen Birnstab-Gewölberippe ruht, die sich nach Osten zu in der Vermauerung verläuft. Der gegenüberliegende Eckdienst ist nicht mehr sicht-

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bar wohl aber ein Teil der darauf ruhenden entsprechenden Gewölberippe.

Unmittelbar südlich anschließend an diesen Mauereinsprung befindet sich ein zweiter, von 2,30 m Breite, der jedoch rundbogig geschlossen ist und den Charakter einer einfachen Einblendung hat. Neben ihm nach Süden eine kleine Mauernische für Altargeräte.

Die Westwand des nördlichen Querschiffes ist besonders hervorgehoben durch einen gespitzten Scheidbogen, der sich an den nordwestlichen Vierungspfeiler anlehnt, er hat von innen zwei Rücksprünge und tragt den gewöhnlichen Kämpfer. Die Sockelbildung besteht hier aus einfachem Vorsprung, mit Viertelkreisrundung bedeckt.

Daneben nach Norden zu führt eine kleine Treppe in den Treppenturm und auf die Gewölbe.

Der eben erwähnte nordwestliche Vierungpfeiler hat, wie bereits oben angedeutet, als einziger in den drei Ecken dünne Runddienste aufzuweisen, die oben in schlichte kleine Kapitelle ausmünden.

Das nach Westen hin anschließende Langhaus weist im Innern an der nördlichen und südlichen Außenmauer Arkadenstellungen auf (Abb. 8), nach Norden die auch außen sichtbaren sechs, davon von Osten her vier im Zusammenhang sichtbar, während die westlichen zwei durch eine die ganze Kirche bis zu ca. einem Drittel der Höhe nord-südlich durchteilende Quermauer in einem besonderen Raume abgetrennt sind, der von der Westempore überdeckt wird. Der im Hauptraume sichtbare Teil der Südmauer ist ebenfalls durch vier Arkadenbögen aufgeteilt, die jedoch durch eine dazwischenliegende, ehemals nach außen führende Tür zu je zwei gruppiert und im Gegensatz zur Nordseite nur Blendbögen sind. Der hinter der erwähnten Quermauer liegende Raum ist in der Mitte von Westen nach Osten durch eine Mauer halbiert, desgleichen nochmals der hierdurch entstandene südwestliche Eckraum, der seinerseits durch eine Süd-Nord-Mauer in zwei Räume geteilt wird, deren östlicher von einem gratigen Gewölbe überdeckt ist. Von diesem Raume führt eine neue Tür in das Langhaus, wie auch eine neue Tür von dem flach gedeckten nordwestlichen Eckraum in das Langhaus führt.

Kehren wir bei der Beschreibung in das Langhaus zurück, so fallen vor allem an den Vierungspfeilern nach Westen zu in Höhe der Kämpfer abbrechende Eckverstärkungen auf, die

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jedoch nur anderthalb Steine breit sind. Die auf beiden Seitenwänden über den Arkadenstellungen aufsitzenden triforienartigen "Schmuck"-Galerien verraten sich durch ihr völlig unmotiviert erscheinendes Dasein als Werke des neugotischen Verschönerungsdranges des 19. Jahrhunderts.

Die beiderseitigen acht Fenster sind im Inneren nicht mit Rundstäben belegt. sondern ihre Gewände sind nur aus Rücksprung und 120-Grad-Schräge gebildet. Die drei Westfenster sind dagegen, ebenso wie außen, durch Rundstäbe geziert, die ehemals aus abwechselnd glasierten und unglasierten Steinen bestanden, wovon Spuren noch deutlich erkennbar sind.

Der frühere gesamte Raumeindruck ist durch die verschiedenen Einbauten und Vermauerungen nur mehr schwer vorstellbar. Der heutige Eindruck ist trotz der oben erwähnten, etwas peinlich empfundenen Uneinheitlichkeit von Chor und Querhaus einerseits und Langhaus andererseits doch von außerordentlicher Schönheit. Vor allem ist es das bei aller Festigkeit und Kantigkeit doch stark empfundene Emporsteigen des Raumes, das im ganz wörtlichen Sinne "erhebend" wirkt, ein Eindruck, der durch die sehr hoch hinaufgezogenen Gewölbe noch unterstützt wird. Mit einer selbstverständlichen leichten Gefälligkeit schwingen sich die Gurtbogen von einer Seite zur anderen.

Von der Westempore aus erkennt man erst recht die große Höhe des Raumes, obwohl er durch Aufschüttung schon mehr als einen halben Meter seiner Höhe eingebüßt hat; ursprünglich betrug die Höhe bis zum Scheitel des Gewölbes genau das Doppelte der Breite des Langschiffes. Durch den einheitlichen Fluß des Langhauses, dem sich erst im Querschiff ein Riegel vorschiebt, bekommt das Ganze eine Längung, die bei anderen, durchgehend gewölbten Bauten der gleichen Zeit nicht empfunden wird. Wir werden darauf in späterem Zusammenhang noch zurückkommen.

Eine Besonderheit bilden die seltsamen rechteckigen, hochgestellten Mauerblenden, die sich zwischen den Spitzungen sämtlicher Fenster des gesamten Baues befinden. Sie sind jetzt weiß getüncht und mit einem aufgemalten Kreuz verziert, ihr ursprünglicher Sinn ist jedoch bisher nicht feststellbar gewesen.

b) Der Glockenturm.

In einer Entfernung von ca. 45 m südöstlich von der Kirche entfernt steht der massige, achteckige Glockenturm (Abb. 14) von

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ca. 12 m Höhe, der aus abwechselnd vier gleichen breiteren und vier gleichen schmäleren Seitenwänden besteht. Er ist mit einem einfachen vierseitigen und in der Mitte spitz zulaufenden Dach gedeckt, dessen vier Ecken über den vier schmalen Turmwänden in der Mitte abgebrochen sind, so daß am unteren Dachende ein Achteck entsteht. Bis zur halben Höhe sind die Ziegel von dunklerer Färbung als weiter oben. Der Mauerverband ist nicht einheitlich. Unten ist überwiegend der wendische Verband benutzt, obgleich nicht regelmäßig; darüber liegt eine ständig den Verband wechselnde, mehrere Schichten umfassende Zone, während mit dem Beginn der helleren Steine der Verband schichtweise nur Läufe oder nur Binder aufweist.

Während die vier Schmalseiten in ihrem unteren Teil einfache, ungegliederte spitzbogige Öffnungen zeigen, die, außer auf der Nordwestseite, jetzt zugemauert sind, befinden sich an der breiten Ost- und Westseite je zwei spitzbogige Blenden, die mit Mauerwerk ausgefüllt und zwischen denen westlich die Reste einer Mauerverzahnung sichtbar sind, während östlich eine im wendischen Verbande aufgeführte Mauer, von 2,20 m Höhe und vier Steine dick, noch jetzt rechtwinklig anschließt. Die Nord- und Südseite des Turmes werden in ihrem unteren Teil von einer großen Spitzbogenöffnung durchbrochen, die im Norden vermauert, im Süden aber offen ist.

Unter dem Dach befinden sich an den Schmalseiten je zwei schmale, rundbogige Fenster von 25 Steinschichten Höhe, an den Breitseiten je vier, die jeweils in Gruppen zu zwei durch einen runden Mittelpfosten zusammengehaltenen Fenstern vereinigt sind. Sie sind ebenfalls 25 Steinschichten hoch. Dicht unter den Südfenstern sind zwei Wappen angebracht, die dem Herzog Ulrich von Mecklenburg und seiner Frau Elisabeth, geb. Prinzessin von Dänemark, zugehören. Durch sie wurde der Turm 1586 durch Aufbau des jetzigen oberen Teiles in seine heutige Form gebracht.

An die Kanten der Süd- wie der Nordseite lehnen sich etwas halbschräg nach außen Strebepfeiler an, die mit im Verband der Turmwand gemauert sind.

Im Inneren entsprechen an allen Mauern mit Ausnahme der westlichen und der östlichen spitzbogige Mauerblenden bzw. -Öffnungen dem äußeren Bestande. An der West- und Ostwand befinden sich jedoch nicht, wie außen, zwei schmale, sondern je ein breiter Blendbogen. Sämtliche Blendbögen sind hier zu

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Schildbögen gemacht, ohne daß jedoch ein Gewölbe auf ihnen ruhte.

In den Schildbogen der südwestlichen Schmalseite war ehemals eine schmale Tür eingelassen, während sämtliche anderen Bogen, auch die jetzt als Türen benutzten im Nordwesten und Süden, ursprünglich geschlossen waren. In den Mauerkern des nördlichen Bogens ist ein schmales rechteckiges Fensterchen eingebrochen.

Über der 39. Mauerschicht von unten springt die Mauer um 1 1/2 Steinbreiten zurück. Auf dem Rücksprung liegen wagerecht Deckenbalken auf, die den Glockenstuhl tragen. Eine Schicht unter diesem großen Rücksprung verläuft horizontal rings um den ganzen Bau noch ein zweiter, schmalerer Rücksprung von bis zu 2 cm Breite, der jedoch in den Ecken jeweils auf 0 zurückgeht.

Das Innere des Turmes bildet jedoch nicht einen einheitlichen Mittelraum, sondern wird weithin ausgefüllt durch einen zweiten, kleineren Turm, der aus acht gleich breiten Seiten gebildet wird und im Südwesten, also gegenüber der zugemauerten Tür des Außenturmes, seinerseits eine Tür besitzt, die in das etwa quadratische Innere führt. Die Höhe des Innenturmes reicht bis unter die Deckenbalken, so daß der Glockenstuhl von ihm mitgetragen wird. Auf der Nord-, Süd-, Ost- und Westseite hat der Innenturm je einen schmalen, rechteckigen Fensterschlitz; Schildbogenansätze, die denen der gegenüberliegenden Außenturmwand entsprächen, sind nicht vorhanden, vielmehr sind die Wände des Innenturmes außen wie innen völlig glatt. Das Mauerwerk ist auch hier, wie am Außenturm, nicht einheitlich. Die Steine sind von der gewöhnlichen Größe (29 X 14 X 8,5). Der Innenraum des inneren Turmes ist nach oben hin offen.

c) Die Propstei.

Das jetzige Forstamt, schon von Stahlberg 148 )) wohl mit Recht als mit der alten Klosterpropstei identisch erklärt, liegt in etwa 100 m Abstand südlich von der Kirche, nahezu parallel mit ihr, jedoch ein wenig von Nordosten nach Südwesten in der Achse verschoben. Im Laufe der Jahrhunderte ist an diesem Gebäude vielerlei geändert worden, außen sowohl als auch innen. Der Außenbau ist immerhin im wesentlichen erhalten


148) Stahlberg a. a. O. S. 12.
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bzw. wiederhergestellt worden, während das Innere durch einen Durchbau vom Jahre 1904 völlig verändert wurde, infolgedessen hier außer Betracht fällt.

Die Maße des Gebäudes sind: Länge im Norden 46,36 m, im Süden 45 m; Breite im Osten 14 m, im Westen 14,60 Meter. Über dem Erdgeschoß liegt ein zweites Stockwerk, während sich im Treppengiebel der Ost- und Westseite deren fünf bzw. sechs übereinandertürmen.

Das Erdgeschoß des Ostgiebels (Abb. 21) ist sockelartig zu einem Ganzen zusammengefaßt. Rechts und links ist je ein Fenster, jetzt mit Flachbogen, weiter nach innen sind zwei höhere Türblenden zu sehen, die jetzt zugemauert sind, ebenfalls mit Flachbogen.

Der 1. Stock ist mit den weiteren Geschossen zusammen zum Giebel hinzugezogen. so daß das Ganze einen breiten, mächtig lastenden Eindruck macht.

Der ganze Giebel ist in fünf Blendbögen eingeteilt, von denen die äußersten, I und V, gleich hoch liegen; II und IV wiederum gleich, jedoch um eine Stufe erhöht. Die mittlere Blende, III, überragt ihrerseits II und IV um ein Geschoß. Die äußersten Blenden umfassen drei Geschosse und schließen mit Spitzbogen ab. In jedem Geschoß sind zwei kleine Spitzbogenblenden bzw. -fenster, die in der Mitte durch den Mittelpfosten der sie umfassenden Fensterblende getrennt werden, so daß in jedem Geschoß ein kleines Fenster mit dem unter und über ihm sitzenden wiederum durch eine letzte, schmale, spitzbogige Blende nochmals eng zusammengefaßt erscheint.

Das wiederholt sich bei den drei mittleren Blendfenstern, nur daß die Teilung durch den Mittelpfosten erst ein Stockwerk höher einsetzt, während im ersten Geschoß bei II und IV ein Flachbogenfenster mit umrahmender breiter Spitzbogenblende zu sehen ist. Abschließende Spitzbogen sind bei den drei großen Mittelblenden nicht erhalten.

Rechts und links von den äußersten Blenden sind oben je zwei wappenschildförmige, jetzt weiß ausgetünchte Blendnischen angebracht.

Die Formen der Fenster und Türen der nördlichen Hauptfront sind fall alle modern, nur nach Westen hin, kurz vor der Mauerverzahnung, an der ehemals das Quergebäude ansetzte, finden sich vier kleine, spitzbogige Fenster im Oberstock. Eine

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Mauerverzahnung findet sich übrigens auch an der Ostecke des Hauses in Fortführung der Giebelwand nach Norden zu, wie auch 10,67 m nach Westen zu an der Hauswand.

Eines der interessantesten Stücke des Gebäudes ist der westliche Teil der nördlichen Hauswand, der den unteren Teil der Giebelwand bildet, die dem, wie schon gesagt, hier ursprünglich ansitzenden Quergebäude zugehörte, und zwar in der Weise, daß die jetzt sichtbare Seite die frühere Innenwand darstellt, während die alte Außenseite jetzt vom Inneren der ehemaligen Probstei her sichtbar ist.

Von außen stellt sich dieser Gebäudeteil jetzt so dar, daß über dem verbauten und erneuerten Untergeschoß vier Mauerblenden (Abb. 22) sichtbar sind, von denen, von Osten her, die 1., 3. und 4. von einer leicht geknickten Geraden bedeckt werden, während die zweite, türgroße Blende eine doppelte Stufung mit abgefaster Kante aufweist, jetzt zugemauert und mit einem kleinen Fenster versehen.

In den beiden äußersten Blendnischen befindet sich je ein Doppelfenster, dessen beide Teile nicht mit Spitzbogen, sondern mit geraden, kantigen, halbrautenförmigen Spitzen schließen. Der Mittelpfosten ist einen Stein stark, als Kämpfer trägt er einen quer liegenden, nach unten etwas abgerundeten einfachen Backstein.

Das dritte Fenster von Osten her ist auch doppelt, jedoch sind die beiden Fensterteile oben rund geschlossen, der Mittelpfosten ist ohne Kämpferstein gebildet.

Auf der innen im Oberstock des jetzigen Forstamtes liegenden früheren Außenseite des alten Giebels, deren Breite 10,70 m beträgt, wiederholt sich, was das Innere der Fenstergliederung betrifft, die eben beschriebene Anordnung (Abb. 23). Jedoch sind hier die Rücksprünge der drei Doppelfenster spitzbogig und mit einem dickwulstigen Rundstab versehen. Mittelpfosten, Rundstab und die den Spitzbogen bildende Steilschicht sind aus abwechselnd scharrierten und glasierten Ziegeln gebildet, der den Spitzbogen abschließende Wulst im Halbrundprofil ist ganz aus glasierten Steinen. Er ruht an beiden äußersten Enden auf kleinen Konsolen, die jeweils zwischen den Fenstern doppeltes Ausmaß annehmen. An der Konsole, die östlich vom zweiten Bogen von Westen liegt und die ebenfalls doppelte Breite hat, ist deutlich erkennbar, daß ehemals der wulstige Bogen auch um den späteren, jetzt zugemauerten Türeinsprung geführt hat.

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In der dritten Schicht über dem Wulst verläuft ein deutsches Band, das einzige, das in ganz Neukloster noch existiert. Über ihm erstreckt sich eine Glasursteinschicht über die Giebelwand, auf die eine Rohsteinschicht folgt, was sich noch zweimal wiederholt. Dann folgt die Balkenlage des jetzigen Dachstuhles.

Die Ecken der Wandstücke zwischen den Fenstern sind abgefast, die Kämpfersteine der Mittelpfosten nach unten zu im Viertelkreis abgerundet.

Die Rückwand des ehemals hier ansitzenden Quergebäudes, des sogenannten Braunshauptes, ist noch erhalten, und zwar bis über die Höhe des Erdgeschosses hinauf. Eine Tür ist hier eingebrochen, durch die man an die Westseite der Probstei gelangt.

Der Westgiebel, der insgesamt, infolge des abfallenden Geländes, sieben Fensterreihen übereinander aufweist, wird an den Ecken von zwei starken, nach oben zu vierfach abgetreppten Strebepfeilern gestützt, denen sich nach Süden zu, an der Ecke der an der Südseite anschließenden jetzigen Terrasse, noch ein dritter zugesellt.

Drei Öffnungen durchbrechen im untersten Stockwerk, dem Kellergeschoß, die Wand: von Norden her zuerst eine flachbogige Tür, dann in der Mitte eine spitzbogige Tür in flachbogiger Blende, endlich nach Süden zu ein breit lagernder, jetzt zugemauerter und mit einem kleinen Fenster versehener Rundbogen, dessen Gewände aus breiten Viertelkreissteinen besteht. - Im Erdgeschoß sind nach Norden zu ein modernes, in der Mitte und nach Süden zu drei flachbogige Fenster.

Im ersten Stock drei spitzbogige Luken in abgefaster, flachbogiger Blende, davon die mittelste einfach, die anderen beiden als Doppelluken mit abgefastem Gewände, während die Mittelpfosten eckig sind.

Der Ziergiebel beginnt hier im Gegensatz zum Ostgiebel erst mit dem Dachansatz und besteht aus fünf nebeneinander stehenden spitzbogigen Mauerblenden, bei deren mittelster der Spitzbogen z. T. abgeschlagen ist. Die Abtreppung ist hier dreifach, jeder Blende entspricht eine Stufe. Die kurzen äußeren zwei Blenden zeigen eine Abfasng, im Inneren eine doppelte Blendluke. Die drei anderen bestehen aus doppeltem Rücksprung mit abgefasten Ecken. Die im Inneren gelegenen Luken bzw. Blendluken sind als Doppelluken gestaltet; sie liegen bei der 2. und 4. Blende dreifach übereinander und haben über sich, im Spitzbogen der Blende, ein Tondo. Die mittelste Blende

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umfaßt vier Stockwerke, der Spitzbogen ist, wie gesagt, z. T. abgebrochen.

Der Südseite der Propstei ist von Westen her bis über die Hälfte der Hausfront eine 5,50 m breite Terrasse vorgelagert. Über der Terrasse zieht sich im Erdgeschoß eine Reihe großer, spitzbogiger Fenster hin, denen nach Osten zu eine Reihe moderner Fenster folgt. Im Obergeschoß befinden sich von Westen her sieben spitzbogige Blenden mit neueren kleinen Fenstern darin, weiterhin nach Osten zu sieben flachbogige Fenster. Hier ist alles sehr stark restauriert.

Gut erhalten sind dagegen die unter dem Hause sich hinziehenden großen, gewölbten Keller, deren östlicher Teil einige Stufen niedriger liegt als der westliche. Die Kreuzrippen der Gewölbe bestehen im Querschnitt aus drei Seiten eines Achtecks. Die unter der jetzigen Terrasse liegenden Teile der Keller sind von den unter dem Gebäude selbst liegenden durch große Schildbogen abgeschieden, die unter der südlichen Hausmauer entlang laufen. Die nach Osten hin gelegenen, tiefer ausgeschachteten zwei Keller laufen in west-östlicher Richtung parallel und sind jeder von drei Gewölbesystemen überspannt. In sich sind sie durch dünnere Zwischenmauern noch mehrfach unterteilt. Die Innenmauern sind teilweise durch einfache Spitzbogenblenden gegliedert, mehrere kleine Wandschränke sind ausgespart. Die Lichtzuführung geschieht durch Fensterschächte.

d) Das Braunshaupt.

Von dem bereits erwähnten, an der Westseite der Nordfront der Probstei ansetzenden Quergebäude ist noch ein Teil des Erdgeschosses, jetzt zu Ställen verbaut, vorhanden. Die Nord- und Westseite ist im Erdgeschoß ganz erhalten, letztere zeigt im Inneren einige Fensternischen, in der Nordost-Ecke einen "Eckdienst" eines ehemals hier aufsitzenden Gewölbes, der aus drei Seiten des Achtecks gebildet ist. Die Fenster selbst sind neueren Datums, ebenso, mit einer Ausnahme, die Innen-wände des Gebäudes.

Vom Glockenturm aus führt, an der Stelle des früher erwähnten Maueransatzes auf der Westseite ansetzend, eine Geländeschwelle, die durch Mauerreste gebildet wird, in gerader Linie in ca. 24 m Länge nach Westen, biegt dort kurz nach Norden, um sogleich nach Westen weiter zu führen, bis sie nach ca. 20 m in einem Winkel von 40 Grad nach Nordwesten abbiegt und nach ca. 6 m aufhört.

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Dies sind alle Spuren und Überreste, die sich von den alten Gebäuden des Klosters Sonnenkamp über der Erde sichtbar erhalten haben. Im Folgenden soll, so weit es sich mit Hilfe von alten Inventaren und Nachgrabungen feststellen ließ, gezeigt werden, wie man sich den Baubestand z. Z. der Säkularisation des Klosters vorzustellen hat.

3. Rekonstruktionsversuch
der Gesamtanlage und Grabungsbericht.

Wir haben uns im Vorangehenden über Geschichte und Lebensbedingungen des Klosters Sonnenkamp unterrichtet; wir haben uns die Vorbedingungen für die Errichtung eines abendländischen Frauenklosters im Backsteingebiet vergegenwärtigt, haben die erhaltenen Teile des Baues uns in der Baubeschreibung vor Augen gestellt. Damit haben wir das wesentliche Material für die Aufgabe gewonnen, die nun im Folgenden gelöst werden soll: uns auf Grund des vorhandenen Materials ein möglichst getreues Bild des ehemaligen Baubestandes Sonnenkamps zu rekonstruieren.

Für diese Arbeit stehen fünf verschiedene Arten von Quellen zur Verfügung:

1) Der heutige restliche Baubestand;
2) Pläne seit der Mitte des 19. Jahrhunderts;
3) Ansichten seit dem 17. Jahrhundert;
4) Die ersten Inventare von 1589, 1610, 1613 und 1704;
5) Die Ergebnisse der im Herbst 1935 und Frühjahr 1936 vom Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Rostock durchgeführten Ausgrabungen 149 ).

Nachdem wir uns im vorigen Kapitel mit der ersten dieser Quellen beschäftigt haben, liegt es am nächsten, sich die Gesamtsituation an Hand einer Karte überschauend zu vergegenwärtigen.

Ein Plan des heutigen Zustandes kann uns nur wenig sagen, allzu gering sind die Baureste, die sich bis in unsere Tage erhalten haben. Die Skizzen von 1849 und 1888 hingegen 150 ) ergänzen das heutige Bild schon ganz wesentlich (Fig. I u. II). Es heben sich drei Baugruppen der Gesamtanlage heraus:


149) Vgl. Albr. Volkmann, "Kloster Sonnenkamp", in: "Deutsche Kunst und Denkmalpflege", Jahrg. 1937, S. 206 ff.
150) Im Forstamt zu Neukloster.
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Figur I. - Der ehemalige Klosterbezirk nach einem Plan von 1849
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Figur II. - Der ehemalige Klosterbezirk, Ausschnitt aus einem Plan von 1888
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die Kirche, der hufeisenförmige Hof der Forstmeisterei im Süden der Kirche, östlich davon der Wirtschaftshof. Diese Dreiheit erinnert sofort an das, was wir in dem Kapitel über das Frauenkloster aufzeigen konnten: Klausur, Probstei, Wirtschaftshof. Davon ist der letzte Teil von vornherein klar und eindeutig bestimmt, eine letzte Scheune ist bis heute erhalten geblieben, desgleichen ein Kutscherhaus, in seiner heutigen Form allerdings auch erst neueren Datums; das übrige ist am Anfang unseres Jahrhunderts vom Erdboden verschwunden. Nicht schwer ist weiter der zweite Teil zu bestimmen: die Propstei lag immer gesondert von der Wohnung des Konventes und umfaßte stattliche Gebäudeteile. Wir finden sie zweifellos in der heutigen Forstmeisterei mit ihren prachtvollen Giebeln und den mächtig gewölbten Kellern wieder 151 ). Es bleibt als dritter und wichtigster Bauteil der eigentliche Konventbau, der im Zusammenhang mit der Kirche zu liegen pflegt: hier versagt sowohl der heutige Baubestand als auch der Plan von 1849 völlig: nicht ein Stein steht aus alter Zeit mehr sichtbar über der Erde als Überrest der hier vermuteten Gebäudezüge. Das ca. 100 m lange und halb so breite Gelände von der Kirche bis zum Forsthaus und von der heutigen Gewerbeschule im Westen bis zum Glockenturm im Osten ist mit Gräbern, hohen Bäumen, Gebüsch und einem kleinen Fichtenwäldchen bedeckt, die keine Reste der alten Baulichkeiten mehr sehen lassen.

Es ist ohne weiteres gegeben, daß die Wohngebäude des Konventes an der Südseite der Kirche gelegen haben müssen: soviel läßt auch der heutige Zustand der Südmauer der Kirche noch zweifelsfrei erkennen. Die Türen in der Höhe eines Obergeschosses (Abb. 15) sprechen deutlich genug, desgleichen die drei Bogenmauerungen an der Westwand des südlichen Querhauses, bei denen es sich augenscheinlich um Schildbögen handelt. Nach Westen zu ist eine gewisse Grenze für die Erstreckung der Gebäude durch das zum sogenannten Jungfernteich abfallende Gelände bzw. durch diesen selbst gesetzt; im übrigen sind Richtpunkte nicht gegeben. So ist es notwendig, andere Anlagen zum Vergleich heranzuziehen, um die fehlenden Richtpunkte von hier zu gewinnen.

Ein typisches Beispiel einer mittelalterlichen Klosteranlage ist das Zisterzienserkloster Loccum im Hannoverschen, das sich in der Arbeit von U. Hölscher über Loccum abgebildet findet.


151) Vgl. Stahlberg S. 12.
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Alle Anforderungen, die an einen mittelalterlichen Klosterbau zu stellen waren. sind bei ihm erfüllt, projizieren wir ihn in Gedanken auf unseren Plan von Neukloster, so ergibt sich in Umrissen ungefähr die Art der Anlage, wie sie ähnlich wohl auch hier bestanden hat: im Süden der Kirche ein Kreuzgang, daran im Osten, Süden und Westen die Wohngebäude der Nonnen. Da jedoch die typische Tatsache der Dreiteilung der Klostergebäude bei Frauenklöstern zunächst nicht bekannt war oder doch nicht beachtet wurde, gerieten schon Lisch 152 ) und Stahlberg 153 ) bei einem Rekonstruktionsversuch in größte Schwierigkeiten, als es sich darum handelte, die Art der Verbindung der Kirche mit dem noch stehenden einzigen Überrest der Klostergebäude, dem Forst- bzw. damaligen Herrenhaus der Domäne Neukloster festzustellen. Der damals noch stehende nördliche Gebäudeteil des "Hufeisens" am Forsthof konnte ja deshalb nicht zuverlässig in die Erörterung einbezogen werden, weil er offenbar in seinem damaligen Bestande nicht mehr mittelalterlichen Ursprungs war. So hatte man die Schwierigkeit vor sich, die beiden ca. 100 m von einander entfernt liegenden Bauteile Kirche und Forsthaus irgendwie ohne Mittelglied in Zusammenhang zu bringen. Demzufolge behandelt Lisch den ganzen Raum zwischen den beiden Gebäuden als "den Klosterhof", eine Vorstellung, deren Unmöglichkeit dem Kenner mittelalterlicher Klosteranlagen von vornherein klar ist: Das Forsthaus wird von ihm zum "Haupthaus", also doch wohl Wohngebäude der Nonnen gemacht. Daraus ergibt sich für ihn die Notwendigkeit, einen "langen" Kreuzgang anzunehmen, der im Osten vom Forsthaus zur Kirche geführt habe. Es ist ersichtlich, daß der Versuch einer Rekonstruktion ohne genaue Kenntnis paralleler Anlagen wie auch ohne genügende Einsichtnahme in die überlieferten schriftlichen Quellen von vornherein zum Scheitern verurteilt sein mußte. Hieraus ergab sich die Notwendigkeit der Durcharbeitung des gesamten oben genannten Materials.

Ehe wir uns der Rekonstruktion der ganzen Klosteranlage zuwenden, wollen wir uns mit der früheren Erscheinung des Hauptbaues, der Klosterkirche, beschäftigen. Wie erwähnt, läßt der heutige Zustand der Kirche allein schon gewisse Rückschlüsse auf ihre frühere Erscheinung zu. Sie wer-


152) Meckl. Jahrb. III, S. 152 ff.
153) a.a.O. S. 12.
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den ergänzt durch fünf Zeichnungen von W. Stern aus dem Jahre 1854 154 ).

Beginnend im Norden läßt das Vorhandensein der Arkadenbögen der Nordmauer sogleich erkennen, daß hier einst ein Seitenschiff angesessen hat, dessen Scheidbogen zum nördlichen Querhausflügel ebenfalls noch erhalten ist. Die Breite dieses Seitenschiffes, die ungefähr durch den Ansatz des Treppentürmchens am Querschiff gegeben ist, konnte durch Nachgrabung an drei Stellen genau ermittelt werden. Sie beträgt 3,80 m, zuzüglich einer Breite von 1,10 m für die Mauerfundamente. Auch das Fundament der westlichen Abschlußmauer konnte freigelegt werden. Die Anschlußstelle derselben an das Hauptschiff ist noch jetzt deutlich sichtbar.

Eine Schwierigkeit bereitet die Feststellung des Abschlusses des Seitenschiffes nach oben zu. Einerseits verlangt der Scheidbogen zum Querhaus (Abb. 9) deutlich nach einer Wölbung. auch des Seitenschiffes, andererseits geht aus der Tatsache des Vorhandenseins von Balkenlöchern über den Arkaden am Äußeren der nördlichen Hauptschiffwand unbestreitbar hervor, daß das Seitenschiff in der Ausführung nicht gewölbt gewesen, sondern von einer Holzbalkendecke abgeschlossen worden ist. Dies wird dadurch um so sicherer, daß die Balkenlöcher ein beachtliches Stück tiefer ansitzen, als der Scheitel des Scheidbogens liegt. Letzterer kann also konstruktionsmäßig nicht mit der Balkenlage zusammengehören, da diese den Scheidbogen überschneidet. Was das für die Baugeschichte zu sagen hat, werden wir später sehen. Wir haben uns also im Norden des Hauptschiffes ein niedriges Seitenschiff mit Holzdecke zu denken, dessen Dachansatz noch jetzt im Ansatz zu verfolgen ist.

Während bis hierher die Sachlage ziemlich eindeutig war, konnte man das von den interessantesten Teilen der Grabungen um die Kirche, denen an den Ostteilen, nicht von vornherein sagen. Hier ergibt der Bestand von heute zunächst für die Ostseite des nördlichen Querhauses neben der heutigen Sakristei das frühere Vorhandensein einer nicht vom ersten Bau stammenden Kapelle mit Rippengewölbe. Um die Gestalt dieser Kapelle näherhin zu bestimmen, wurden hier Grabungen angestellt, die zu dem Ergebnis führten, daß es eine Kapelle mit 5/8 Chorschluß (s. Plan; vgl. S. 94) gewesen ist, deren Sohle 0,90 m unter dem Erdboden lag 155 ). Es ist also anzunehmen,


154) Im Landesamt für Denkmalpflege, Schwerin.
155) Größte Breite und Tiefe im Lichten 3,27 X 2,63 m.
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daß es sich hierbei um eine Grabkapelle gehandelt hat und daß das Grab selbst sich zwischen der tiefliegenden Sohle und der jetzigen Höhe des Kirchenfußbodens befunden hat. Wessen Gräber hier gelegen haben, läßt sich nicht mehr feststellen. Dagegen fanden sich im Bauschutt gut erhaltene Rippensteine, die zusammen mit dem im Inneren der Kirche erhaltenen Eckdienst und Gewölbeansatz eine Rekonstruktion des Gewölbes erlauben.

Hier kommen wir an einen Punkt, der für die ursprüngliche Gesamtanlage von großem Interesse ist, der jedoch nach den vorhandenen Resten kaum völlig geklärt werden kann. Wir sahen oben bei der Beschreibung dieses Bauteiles, daß sich auf der Innenseite der Ostwand des nördlichen Querschiffes, südlich neben dem Ansatz der eben besprochenen Kapelle eine Rundbogennische größeren Ausmaßes befindet, die den Eindruck macht, als habe hier einstmals eine Koncha angesessen oder ansitzen sollen, wie sie sich bei zahlreichen romanischen Kirchen findet. Dies wäre natürlich für die stilistische Wertung von großer Wichtigkeit. Zur Ausführung gekommen sein kann diese Koncha jedoch schon deshalb nicht, weil die Sakristeimauer, die gerade von außen auf die Mitte des Bogens zuläuft, mit der Kirchenmauer im Verband gemauert ist, mithin aus der ursprünglichen Bauzeit stammt und für eine Koncha keinen Raum läßt. Außerdem läßt die Tatsache, daß sich innen neben dem Bogen eine Nische für die Meßgeräte befindet, den ziemlich wahrscheinlichen Schluß zu, daß es sich hier um eine im Spätmittelalter eingebrochene Wandvertiefung lediglich für die Aufstellung eines Seitenaltares handelt 156 ).

Im Süden des Chores finden sich noch jetzt eine Mauerverzahnung und Schildbögen (Abb. 19), die darauf hindeuten, daß sich hier ehedem eine der heutigen nordöstlichen Sakristei entsprechende Kapelle befunden habe. Eine Nachgrabung förderte die noch vorhandenen Mauerreste zutage, die die Vermutung bestätigten. Sie lagen in rechteckigem Grundriß ganz dicht unter der Erdkrume (Abb. 25) in einer Stärke von 110 cm, die Ost-Westmauer der Seitenkapelle läuft genau auf


156) Es soll angemerkt werden, daß im Zusammenhang mit der Möglichkeit einer Nebenkoncha am nördlichen Querhaus vorübergehend die Vermutung auftauchte, daß etwa der ganze Kirchenbau ursprünglich noch im spätromanischen System mit Rundapsis auch am Hauptchor angelegt gewesen sein könne. Doch haben Nachgrabungen an der Chorostwand keinerlei Spuren zutage gefördert, auch ist der Mauerverband dieser Wand durchgehends im besten Zustand erhalten, so daß diese Hypothese bald beiseite getan werden konnte.
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den Pfeiler zwischen den beiden Scheidbögen-Vorlagen an der Ostmauer des südlichen Querhauses zu 157 ). Es bestand also eine Verbindung zum Querhaus, nicht jedoch zum Chor, da hier nur Schildbögen des ehemaligen Gewölbes vorhanden sind. Fußboden, Altarstein oder dgl. fand sich in der Kapelle nicht mehr vor; dagegen ist auch hier der Ansatz zum Dach der Kapelle an der Mauer sowohl des Querhauses als auch des Chores noch deutlich erkennbar. Die innere Ecklisene ist wegen der Kapelle nur bis zu diesem Dachansatz heruntergezogen.

Dieser in der Ecke zwischen Chor und Querhaus gelegenen Ostkapelle mußte sich nach Ausweis der am Querhaus vorhandenen Scheidbogenöffnung südlich eine zweite angelehnt haben, über deren Ausdehnung jedoch zunächst nichts zu sehen war. Durch die auch hier vorgenommene Grabung stellte sich bald mit Sicherheit heraus, daß neben der ersten, zweijochigen, sich eine zweite, einjochige Ostkapelle befunden hat, deren sehr breit gelagerte Fundamentfelsen noch an Ort und Stelle liegen. Hier handelt es sich nicht, wie bei dem spätgotischen "Chörlein" am nördlichen Querschiff, um einen späteren Anbau mit 5/8 Chorschluß, sondern hier befand sich, wahrscheinlich von Anfang an, eine quadratische, einjochige Kapelle mit Öffnung nach dem Querhaus, die sich an die andere Kapelle seitlich anlehnte und die im Osten gerade geschlossen war. Da einerseits die Bogenöffnung nach dem Querschiff kleiner ist als bei der benachbarten Kapelle und da andererseits an der entsprechenden Stelle des nördlichen Querhausflügels ursprünglich keine Ostkapelle angesessen hat, bleibt immerhin die Möglichkeit offen, daß es sich auch hier um einen späteren Anbau, vielleicht des späteren 13. Jahrhunderts, handelt. Die Dachform läßt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen.

Wir wenden uns zur Südfront der Kirche. Auch hier zeigt der Zustand der Kirchenmauer, und zwar der Südwand des Hauptschiffes wie auch der Westwand des südlichen Querhauses (Abb. 3, 10, 15), von vornherein, daß durchgreifende Abbrüche den alten Zustand völlig verändert haben. Zwei Stockwerke lassen sich an beiden Mauern ohne weiteres unterscheiden: im oberen spitzbogige Türen, im unteren ein kleines Fenster und eine rundbogige Tür am Langhaus, drei spitze, vorgeblendete Bögen am Querhaus.


157) Maße der nördl. Kapelle 5,80 X 3,20 m, der südlichen 3,10 X 3,20 m im Lichten; die nördliche mit einem, die südliche mit zwei Gewölben über quadrat. Grundriß versehen.
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Da sich Reste von Arkadenstellungen, wie sie sich im Norden finden, hier nicht zeigen, das Mauerwerk sich vielmehr durchgehends in bester Ordnung befindet, so ist ersichtlich, daß ein Seitenschiff sich an dieser Südseite niemals befunden haben kann. Vielmehr steht fest, daß hier der Kreuzgang entlanggeführt hat, eine Vermutung, die durch die Grabungen in vollem Maße bestätigt worden ist. Hiervon wird weiter unten die Rede sein. In diesem Zusammenhang interessieren nur die Türen, von denen die oberen am Hauptschiff leicht zu erklären sind. Sie zeigen an, daß in dieser Höhe die Nonnenempore lag, die das gesamte Hauptschiff in zwei Stockwerke teilte und zu der diese Türen den Zugang vom Kreuzgang aus vermittelten. Die untere Tür hingegen führte in den Raum unter der Empore, der vermutlich auch hier, wie so häufig, als Begräbnisstätte, "Sepultur", benutzt wurde.

Wie diese Nonnenempore angelegt war, läßt sich mit annähernder Sicherheit sagen, da noch bis ins 19. Jahrhundert Reste derselben erhalten gewesen sind. Aus den genannten Zeichnungen von W. Stern geht hervor, daß auf dem durch die Arkadenstellungen an den Innenwänden der Kirche gebildeten schmalen Vorsprung Balken gelegen haben, die den ganzen Kirchenraum quer durchzogen und auf denen die Dielen der Nonnenempore auflagen. Im nordwestlichen Vorraum ist dies noch heute am Aufgang zur jetzigen Empore deutlich erkennbar. Allerdings scheint es sich bei der Zeichnung von 1854 um eine nachreformatorische Empore zu handeln, wenigstens teilweise, denn im "Register der Einnahmen und Ausgaben für die Erbauung der Kirche Neukloster" von 1583/84 158 ) heißt es: "Der Zimmermeister Jochim Veye hadt den Chor niedergenohmen 159 ) und den neuwen Janck sampt m. g. F. und Herrn Stuell gefertiget" und vorher: "dem Schnidtker wegen des Ganges in der Kirche zu machen . . .". Hiernach könnte vermutet werden, daß damals der gesamte Nonnenchor abgebrochen worden sei. Daß dies jedoch nicht der Fall war, beweist die Tatsache, daß Lisch in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zum mindesten einen Teil davon noch selbst gesehen hat 160 ). Er berichtet: "Im Westen der Kirche ist der hohe Chor der Nonnen mit Stühlen aus Eichenholz gehauen. Es sind noch 32 Sitze vorhanden." Es scheint also, als wäre der


158) Geh. und Hauptarchiv Schwerin, Eccl. Neukloster.
159) Sperrung hier.
160) Meckl. Jahrb. 3/1838 (2), S. 149.
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östliche Teil der Nonnenempore 1583 abgebrochen worden, während der westliche noch in den 1830er Jahren bestand. Der Zimmermeister J. Veye hat also wohl östlich vom Rest des Nonnenchores an der Nord- und Südseite der Kirche einen "Janck", eine Art seitlicher Empore, angebracht, um das Hauptschiff auch für die Gemeinde benutzbar zu machen. Er hat diese Empore in Höhe der bisherigen gehalten und mit deren Rest im Westen der Kirche verbunden; diesen Zustand scheint die Zeichnung von 1854 161 ) wiederzugeben. Wie weit die Nonnenempore nach Osten vorgezogen war, laßt sich mithin nicht mehr sicher feststellen. Gewiß ist nur, daß sie bis mindestens unter das zweite Fensterpaar des Langauses von Osten her gerechnet sich erstreckte, da sich hier noch die eine der Zugangstüren vom Kreuzgang aus befindet.

Die Sepultur muß wohl sicher durch eine Stein- oder Fachwerkwand von dem öffentlich zugänglichen Teil der Kirche abgetrennt gewesen sein, da sie durch eine Tür mit der Fremden unzugänglichen Klausur in Verbindung stand.

Wofür die Tür im ersten Stockwerk des südlichen Querhauses (Abb. 11 oben) bestimmt war, ist leider nicht eindeutig sicher. In dem schon erwähnten Register von 1583/84 heißt es, daß ein neues Gestühl für den Fürsten "unter dem Gewölbe" angefertigt worden ist. Das kann wohl nur heißen: in einer gewissen Höhe in dem gewölbten Teil der Kirche, also eine hölzerne Privatempore für den Landesherrn. Ob der Ausdruck "neues" Gestühl ein altes voraussetzt, ist nicht ganz sicher, aber durchaus denkbar. Die Nonnenklöster standen ja in einem viel engeren Verhältnis zur Stifterfamilie, als die Mönchskonvente, so daß es sehr wohl möglich ist, daß die fürstliche Familie sich im 14. Jahrhundert - hierauf deuten die Formen der Tür - einen Betstuhl hat einbauen lassen, um von hier aus mit ihren Gästen dem Gottesdienste zu folgen. Später, im 18. Jahrhundert scheint sich der Betstuhl jedoch woanders befunden zu haben. Im Inventar von 1704 heißt es S. 90 so: "An westlichen Theile (scil. der Kirche) südewerts ist noch eine fertige Windeltreppe, wodurch man nach den Herrn-Stuhl gehet." Diese Windeltreppe ist ebenfalls 1583/84 erbaut worden 162 ), damals genannt "der Windelstein bei der Kirchen". Diese Wendeltreppe ist auf der Zeichnung von 1854 noch eingezeich-


161) Vgl. den Querschnitt des Langhauses.
162) Nach dem obengenannten Register.
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net, Abbruchspuren von ihr finden sich neben der rundbogigen Tür zur Sepultur.

Von der Gesamtwirkung der Kirche im Mittelalter in bezug auf ihren Innenraum können wir uns natürlich nur ein Bild machen, wenn wir uns die Inneneinrichtung zu rekonstruieren versuchen. Nur geringfügige Reste sind davon bis auf unsere Tage erhalten geblieben. Mit mindestens sechs Altären werden wir zu rechnen haben: dem Hochaltar, einem in jeder der drei Ostkapellen, einem in der Nische des nördlichen Querhauses, einem auf dem Nonnenchor; vielleicht noch mit einem siebenten in der jetzigen Sakristei, deren frühere Benutzung nicht ganz feststeht. Nur von zweien der Altäre sind uns Reste erhalten. Das Triptychon ist vielleicht auf dem Nonnenchore aufgestellt gewesen, dort hat jedenfalls schon 1430 163 ) zu Ehren der Gottesmutter ein Licht gebrannt 164 ). Am 1. Mai dieses Jahres wurde nämlich eine Stiftung gemacht von jährlich 24 Schilling lübisch für "unser leven vrowen lychte, dat da bernet alle daghe uppe dem kore der vrowen". 1443 besteht ein Licht am heiligen Grabe, das offenbar, wie noch heute so häufig in römisch-katholischen Kirchen, aus Holzfiguren aufgebaut gewesen ist und zu Passionsandachten verwendet wurde. Vom Bestehen eines Hl.-Kreuz-Altares hören wir ebenfalls aus einer Stiftungsurkunde von 1430 über eine Vikarie, die mit einer Rente von 20 Mk. lübisch ausgestattet wurde 165 ), während eine solche am Altar des Apostels Johannes, die 1434 errichtet wurde, nur 12 Mk. lübisch an Rente einbrachte 166 ). Von einer Orgel, die damals durchaus nicht in allen Kirchen vorhanden war, hören wir in einer Urkunde vom 22.4.1431 167 ), in der bestimmt wird, daß die Hochmesse Unserer Lieben Frau "auf der Orgelen gesungen werden" soll.

Der schönste Schmuck der Kirche war aber zweifellos die Reihe der herrlichen bunten Glasfenster mit figürlichen Darstellungen, die zum großen Teil noch erhalten sind und von denen später ausführlicher die Rede sein wird. Sie sind be-


163) Orig.-Urk. im Schweriner Archiv.
164) Dies Licht kann natürlich damals noch nicht vor dem jetzigen Marienaltar gebrannt haben, da dieser erst viel später entstanden ist.
165) Orig.-Urk. vom 1.8.1430 im Schweriner Archiv.
166) Orig.-Urk. vom 6.6.1434.
167) Orig.-Urk. im Schweriner Archiv.
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stimmend für das Licht, in dem der gesamte Kirchenraum zur Wirkung kommt. Es sind in alter Zeit noch mehr gewesen, als heute. Lisch 168 ) berichtet 1838, daß sich "noch vor einiger Zeit" in der Mitte des Fensters über dem Hochaltar "zwischen den beiden fürstlichen Wappen ein altes Gemälde der Dreieinigkeit, wie Gott Vater den Sohn am Kreuz im Schoße hält und über beiden die Taube schwebt", befunden habe. Nach ihm 169 ) und nach Ausweis der Zeichnungen von 1854 scheinen sich damals die Glasgemälde in den nördlichen Fenstern des Hauptschiffes befunden zu haben. Vielleicht muß hieraus geschlossen werden, daß ursprünglich die doppelte Anzahl von Glasgemälden vorhanden war, von denen die Hälfte im Laufe der Zeit verloren gegangen ist.

"An Schnitzwerk finden sich noch Weinlaub- und Traubenverzierungen am Chorstuhle" (Abb. Schlie Bd. III, 455) "neben dem Altare und Verzierungen von Menschenköpfen an den alten Stühlen des Konvents auf dem oberen Chore" 170 ). "Links vom Altare steht der Chorstuhl für die männlichen Geistlichen des Klosters aus Eichenholz gehauen mit acht Sitzen, an den Seiten mit geschnitztem Eichenlaube verziert; auf der Leiste der Überdachung ist die Anbetung der Maria in alter Malerei dargestellt; in der Mitte steht unter einer gotischen Nische ein Marienbild, und zu beiden Seiten auf der langen, schmalen Leiste knien betend die Heiligen mit übergeschriebenen Namen in gotischer Minuskel" 171 ). Zusammen mit dem oben schon erwähnten Chorgestühl auf dem Nonnenchor, das der Zahl der Konventsglieder entsprechend mindestens aus 54 Sitzen bestanden haben muß, ergibt all dies schon ein einigermaßen deutliches Bild vom Zustand der Kirche am Ausgange des Mittelalters. Jedenfalls entspricht der jetzige Zustand größter Kargheit und nüchterner Kühle, die sich in allen Dingen nur auf das Allernotwendigste beschränkt, nicht dem, was in früheren Tagen von fleißigen Künstlern und frommen und schönheitliebenden Stiftern beabsichtigt und geschaffen worden war.

Im Nordwesten der Kirche befand sich ein Anbau, dessen Umrisse erst durch die Grabung zutage gefördert werden konn-


168) a.a.O. S. 149.
169) Ebd. S. 147.
170) Ebd.
171) Ebd. S. 148.
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ten. Er lehnte sich an die Westwand des Seitenschiffes und noch an einen Teil der Westwand des Hauptschiffes an, das westliche Ende seiner einzig erhaltenen Südmauer ließ sich nicht mehr genau feststellen. Der ganze Anbau bestand anscheinend nur aus einem einzigen Raum, der mit Fußbodenbelag im Fischgrätenmuster versehen ist und in dessen Nordostecke sich die Reste einer Kaminaufmauerung fanden. Es kann sich hierbei nur um die im Inventar von 1610 an dieser Stelle genannte "Cantzley" handeln, die damals wohl der Verwaltung der fürstlichen Domäne gedient hat. Der ursprüngliche Verwendungszweck ist nicht mehr bekannt, möglicherweise dürfen wir hier ein Torhäuschen für den Zugang zur ehemaligen Klausur vermuten, der in vielen Klöstern sich an dieser Stelle befunden hat.

Nachdem nun die Kirche mit ihren ehemaligen Anbauten uns vor Augen steht, gehen wir an die Rekonstruktion der ganzen Klosteranlage, die sich im Süden und Südosten der Kirche befand. Die oben erwähnten Vermutungen und Rekonstruktionsversuche Lischs führten zunächst insofern in die Irre, als die Versuchung nahe lag, sich anfangs von ihnen leiten und verführen zu lassen. Doch wurde sehr bald deutlich, daß die Rekonstruktion so zu keinem Ergebnis führen würde, daß man sich vielmehr bei den geplanten Grabungen an das gewöhnliche Klosterschema halten müsse, wenn dies auch bis dahin für die Neuklostersche Anlage nicht bezeugt war. Danach hatte also im Süden der Kirche ein um einen etwa quadratischen Hof liegender Kreuzgang mit drei Gebäudeflügeln stehen müssen mit etwa der überlieferten Anordnung der Räume, wie sie uns aus vielen Klosterbauten bekannt ist. Nach der Schildbogenbreite im Westen des südlichen Querhauses mußte sich etwa die Breite des gewölbten Kreuzganges voraussagen lassen. Ferner wurde aus der Tatsache des Vorhandenseins eines ausgesprochenen Außenportals an der Hauptfront des südlichen Querschiffes geschlossen, daß der Kreuzgang dieses Portal irgendwie in einem Knick umgangen haben müsse. Gleichzeitig mit der Arbeit an der gotischen Ostkapelle des nördlichen Querhauses wurde also hier an der Südwestecke des südlichen Querhauses die Grabungsarbeit mit dem Aufwerfen von Suchgräben begonnen, um zunächst den Kreuzgang in seiner Breite festzustellen und ihn dann weiter zu verfolgen. Die Arbeiten fanden im Herbst 1935 und Frühjahr 1936 unter Leitung des Verfassers statt.

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Figur III.
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Formstein=Fundstücke
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Es fand sich sogleich eine Ansatzstelle, von der aus der weitere Verlauf zu erschließen war, und zwar handelte es sich um die Bestätigung der Vermutung, daß der Kreuzgang in einem Knick das Querhaus umlaufen haben müsse. Nach dem Hauptschiff zu verfolgt fand sich nicht nur ein bedeutendes Stück der Kreuzhofmauer des Kreuzganges in aufgehendem Mauerwerk samt der nordöstlichen inneren Ecke (Abb. 28), sondern auch ein gut erhaltener Rest des in opus spicatum gemusterten Kreuzgangfußbodens. Die Breite des Kreuzganges beträgt hier am Querhaus 2,40 m, die der Außenmauer 0,40 m. Der nördliche Kreuzgangflügel wurde noch einmal am Westende der Kirche gesucht und auch hier in derselben Breite wie östlich (2,40m) festgestellt. Hier fand sich ebenfalls noch Fußbodenbelag im Fischgrätenmuster, ferner eine nach dem Hofinneren gerichtete schmale Fundamentsteinlage von ca. 30 cm Breite, die auf das Vorhandensein eines Strebepfeilers schließen läßt. Daneben eine 1,20 m breite Hochkantmauerung von Ziegeln, die andeutet, daß hier eine Tür vom Kreuzgang in den Kreuzhof geführt hat. Ursprünglich wurde, dem gewöhnlichen Schema gemäß, vermutet, daß der Kreuzgang in Höhe der Westwand der Kirche nach Süden abbiegen würde. Dies bestätigte sich jedoch nicht (vgl. Plan), vielmehr läuft die Hofmauer des nördlichen Flügels 2,90 m über die westliche Kirchenmauer hinaus, ohne daß der End- und Eckpunkt noch auffindbar wäre. Die Ecke ist vielmehr herausgebrochen bzw. durch Baumwurzeln zerstört. Da jedoch unmittelbar hinter der Abbruchstelle sich Fußboden in der ganzen Breite des Kreuzganges erhalten hat, der also nur dem westlichen Flügel angehören kann, so ist trotz dieses Mangels die Ecke mit Sicherheit rekonstruierbar. Auch fand sich die Gegenwand der Hofmauer des Nordflügels; sie bildet einfach die Verlängerung der Südwand der Kirche nach Westen zu und bricht nach 6,30 m ab.

Die weiteren Bemühungen galten der Festlegung des Kreuzgang-Ostflügels. Dessen Außenwand konnte des Südportals wegen nur dicht neben dem Portal, nach Westen zu, vermutet werden, und es fand sich auch tatsächlich bei sehr genauer Untersuchung eine letzte Spur des Maueransatzes als kaum merkbare senkrechte Linie am Mauerwerk des südlichen Querschiffes, unmittelbar neben dem Portal. Eine Verzahnung zur Kreuzgangmauer besteht nicht, ein Zeichen dafür, daß diese nicht mit im Verbande, also erst später an die Kirche angebaut worden war. Von der südlichen Querhausmauer ausgehend ließ

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sich die Außenwand des östlichen Kreuzgangflügels in einer Länge von 10,20 m in aufgehendem Mauerwerk feststellen; der Ansatz an die Kirche ist nicht ganz rechtwinklig, so daß hierdurch die ganze Anlage des Kreuzganggeviertes schiefwinklig wird. Die Fluchtlinie dieser Außenmauer wurde durch den Fund zweier weiterer Mauerreste bestätigt, nachdem eine Anzahl von Anstichen negatives Ergebnis gehabt hatte. Durch die Benutzung dieses Geländes zum Begräbnisplatz bis ins 19. Jahrhundert hinein ist hier der Boden außerordentlich oft und gründlich aufgegraben worden, die störenden Mauerreste wurden dabei ausgehoben 172 ). Noch weniger hat sich von der Hofmauer dieses Flügels erhalten, nur an zwei Stellen ließ sie sich nachweisen. Die Breite des Ganges konnte nach dem Fund in der Nordostecke mit ziemlicher Sicherheit vermutet werden; sie beträgt 3,40 m 173 ).

Das Nächstliegende war nun, den Grundmauern des Gebäudeflügels nachzugehen, der sich nach dem üblichen Schema im Osten des östlichen Kreuzganges hätte befinden müssen. Ausführliche Nachgrabungen, die sich nach und nach über das gesamte in Frage kommende Gelände erstreckten, führten zu einer Fehlanzeige. Offenbar hat sich hier wirklich kein Gebäude befunden - ein Parallelfall zu dem im Zisterzienserinnenkloster zum Hl. Kreuz in Rostock noch heute vorhandenen Zustand.

Der Anschluß des Ostflügels zum Südflügel wurde zunächst nicht aufgefunden, aber es fanden sich Mauerreste vom Ostteil des Südgebäudes, zunächst die nach dem Glockenturm zu liegende Nordost-Ecke, die noch in einer Höhe von 12 Steinschichten im Erdboden lag (Abb. 26). Verunklärt wurde die Lage hier durch die Reste einer Friedhofsmauer, die sich ein wenig nördlich von dem jetzt ermittelten Verlauf der Hofmauer des südlichen Kreuzgangflügels und mit dieser parallel gehend


172) Daß die guten, alten Mauersteine auch oft zu Neubauten ausgebrochen wurden, zeigt eine Notiz einer Baurechnung von 1696 im Geh. u. Hauptarchiv Schwerin, wo es heißt: "1800 alte Mauersteine auß den alten Fundamenten außzubrechen 2 Thl."
173) Einen Anhalt dafür, wie der Aufbau des Kreuzganges ausgesehen haben mag, kann der noch erhaltene in Rehna (Abb. 44) geben, der aus etwa der gleichen Zeit stammt (nach 1254) und dieselbe Gewölberippenform aufweist, wie die teilweise in Neukloster gefundene (ältere). Vgl. Fig. III, Nr. 5.
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fand. Diese Friedhofsmauer, die, wie später dem Inventar von 1704 entnommen werden konnte, dem 17. Jahrhundert angehört, war so fest gebaut, daß man zunächst durchaus eine spätmittelalterliche Hausmauer in ihr vermuten konnte. Die Nachgrabungen ergaben dann aber mit Sicherheit, daß es sich um keine ursprüngliche Mauer handeln konnte. Einmal war die Fundierung für eine Hausmauer zu schwach, außerdem zeigte sich beim tieferen Graben, daß unter der Fundierung erst der Mauerschutt des alten Baues lag. So blieb es vorläufig völlig undurchsichtig, wo der Verlauf des vermuteten Südbaues zu finden sein würde, da auch das Ziehen von Suchgräben zur Feststellung der Hofmauer des Südflügels weiter nach der Kirche zu völlig ergebnislos geblieben war.

Erschwert wurde die Arbeit weiterhin dadurch, daß aus den schriftlichen Quellen keine eindeutige Klarheit über den früheren Bestand zu gewinnen war, während der Rekonstruktionsversuch Lischs geradezu in die Irre führen mußte. Da über einem anderen Teil des ehemaligen Gebäudekomplexes jetzt die sogen. Gewerbeschule steht und Nutzgärten liegen, während ein anderer von einem Wäldchen bestanden ist. so schien die Grabungsarbeit hier an einen kritischen Punkt gekommen zu sein, der erst überwunden werden mußte, wollte man das Ganze zu einem positiven Ende führen. So gingen neben der Grabung die Erwägungen des Textes der Inventare des 17. Jahrhunderts her sowie eine nochmalige Durchprüfung des geringen vorhandenen älteren Abbildungsmaterials. Wir wollen auch hier in unserem Vorgehen dem Wege folgen, den die Arbeiten s. 3. selbst gegangen sind.

Das Inventar von 1704, sonst das ausführlichste, war hier leider nicht mehr benutzbar, da die in Frage kommenden Bauteile damals bereits zerfallen oder abgerissen waren. Es mußten also diejenigen von 1610 und 1613 zugrundegelegt werden 174 ). Beide nehmen ihren Ausgang vom "Herrenhaus", das noch am Ende des 19. Jahrhunderts diesen Namen führte, während es 1610 "das Newehaus" heißt, 1704 dagegen das "große Ambthauß". Unter ihm geräumige Keller, Back- und Brauhaus. Wir haben hier das jetzige Forstamt vor uns, das von uns oben als Propstei der Klosterzeit erkannt worden war.


174) Das Inventar von 1613 ist auch dadurch interessant, daß es viele Gegenstände der inneren Einrichtung des Hauses aufführt.
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Die Einteilung der Räume stimmt z. T. noch heute mit der Beschreibung der Inventare überein, ohne daß wir in diesem Zusammenhange näher darauf einzugehen hätten. Auch hat der gründliche Durchbau von 1904 vieles sehr geändert. 1610 heißt es: "NB das in diesen Gebeude die fürstliche Gemecher sein." Ferner berichten die Inventare:

1610 1613 1704
Daran ein Quergebeude, daß Brunßhövet genandt, drey Gemecher hoch. Ferner im öbersten Platze querüber ein   Haus, Braunshaupt genant. Das Neue Gebäude hat Eingangs vom Ambtplatze her.

Hieraus geht eindeutig hervor, daß es sich um den an das Propsteigebäude angebauten ("daran" 1610) Querflügel ("querüber" 1613) handelt, der den Eingang vom Platz her ("Eingangs vom Ambtplatze her" 1704) hatte. Die Beschreibung fährt dann 1610 fort: "drey Gemecher hoch", demnach hat es sich hier einst um ein großes Gebäude mit Erdgeschoß und zwei Stockwerken gehandelt. Leider ist die Beschreibung von 1610 nur sehr kurz und summarisch und geht auf die Innenräume nicht ein. 1613 sowohl als auch 1704 werden im Braunshaupt, auf das 1704 der Name "Neues Gebäude" übergegangen war, nur wenige Räume angeführt, 1613 zehn, 1704 sieben, was anzeigt, daß damals schon die oberen Stockwerke mehr oder weniger heruntergenommen gewesen sein müssen. Heute steht selbst das Erdgeschoß nicht mehr ganz, der südliche, ehemals an das Haupthaus grenzende Teil wurde Ende des 19. Jahrhunderts bis auf die rückwärtige (westliche) Wand abgerissen, das übrige zu Stallungen umgebaut. Das Erdgeschoß läßt sich auf Grund der sehr genauen Beschreibung von 1704 und der vorhandenen Reste ziemlich sicher rekonstruieren; ein Eckdienst in der Nordost-Ecke der ehemaligen sogen. Großen Stube läßt noch heute erkennen, daß diese Räume einstmals mit Gewölben versehen waren. Auch befanden sich unter dem Hause große gewölbte Keller. 1613 heißt es: "Vnter diesem Hause eine Gefengnus. . . . Hirbei ein Celler". Die Kellerräume sind 1904 wegen Einsturzgefahr zugeschüttet worden.

Wichtig für die Gesamtanlage wird nun vor allem der folgende Passus, der sich mit den Gebäuden beschäftigt, die den Übergang zu den eigentlichen ehemaligen Klausurgebäuden bildeten. Hier besteht ziemliche Unklarheit im einzelnen. Es folgt auf die Beschreibung des Braunshauptes:

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1610 1613 1704
Daran eine gemaurete Anlehnung . . ., daran eine kleine Hofestube, zwey Stender hoch, mit Flomstein gedecket, von 9 Gebinden und in Scherwerke gemauret, - daran das alte Haus, zwey Gemecher hoch, das unterste durchaus und das oberste in Holzwerke gemauret - daran eine gemaurete Anlehnung, darin des Cantzlers Losamente.




Das alte Haus, worauf Hertzogh Sigißmund pflegt zu liegen, auf der rechten Hant des Platzes, ist aus der Grunt gemauret bis über die Kuchmeisterey, das oberste ein Holtzwergk gemauret.. (Anm.: In diesem "alten Haus" gibt es neben anderen Stuben und Kammern eine "Küchmeisterey" und eine "alte Küche".)
Nechst an dem Neuen Hauße nordtwerts stehet die alte Küche . . . Die Giebel-Mauer nach dem Neuen Hauße hat zwey Borsten. Das Dach auf dieser alten Küchen . . . ist süderseits von Lübschem Dache, nordenseits von Zungendach. Neben der Küche nordtwerts ist das Gefäng-nuß . . . Diß gantze Gebäude ist unten Mauerwerk, das obere Stockwerk aber in Holtz mit Steinen ausgemauret. Von der alten Küche und bis an das statt der gewesenen Küchenmeisterey gebaute kleine Hauß . . . ist eine . . . Wandt.

Aus dieser Stelle der Inventare läßt sich Verschiedenes schließen. Einmal wird sicher, daß im rechten Winkel zum Braunshaupt, gegenüber dem Probsteigebäude, ein dritter Flügel gestanden hat, der mit den beiden anderen ein Hufeisen bildete. Ob er sich unmittelbar an das Braunshaupt angeschlossen hat, wird nicht ganz klar 175 ). 1610 werden noch zwei Gebäudeteile dazwischen genannt: eine "Anlehnung" und eine "kleine Hofestube". Wir werden darauf gleich weiter unten zurückkommen. Ferner wird durch die Erwähnung der Nord- und Südseite des Daches nochmals unzweifelhaft sicher, daß sich das Gebäude in seiner Länge von Osten nach Westen erstreckt hat. Wir hören weiter, daß das Haus im Westen, "nach dem Neuen Hauße" (1704) eine Giebelmauer hatte" denn die "alte Küche" von 1704 ist ohne Frage mit einem Teil des "alten Hauses" identisch, das ja 1613 außer der "alten Küche" auch die "Kuchmeisterey" unter seinem Dache beherbergte, während es 1704 heißt: "Weilen die alte Kuchmeisterey über Hauffen gefallen, ist an deren Stelle ein klein Hauß gebauet, alwo man von Süden hineingehet". Das


175) Vgl. unter Anm. 183.
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Alte Haus war unten "durchaus", im Oberstock aber nur "in Holzwergk" gemauert, also nicht ganz so groß und massiv, wie das Braunshaupt und das "Ambtshaus". 1610 noch hatte es eine gemauerte "Anlehnung", des "Cantzlers Losamente", das jedoch nicht näher lokalisiert wird. Noch auf den Plänen von 1849 und 1888 ist die Anlage eines dritten Flügels in diesem Gebäudekomplex erkennbar; auch ein Steindruck der Tiedemannschen Hof- und Steindruckerei zu Rostock aus dem Anfange des 19. Jahrhunderts und eine Zeichnung von Schumacher zeigen an dieser Stelle noch ein einstöckiges Gebäude, das wohl zum mindesten auf den Grundmauern des Alten Hauses gestanden haben muß. Heute ist nichts mehr zu sehen, der Platz ist mit einem Fichtenwäldchen bestanden.

Gerade diese unklare Stelle wurde jedoch für die Rekonstruktion des Ganzen so wichtig, fragte es sich doch, ob etwa hier der noch immer nicht gefundene Südflügel der Klausur zu suchen sei. Das Gebäude verlief ja in der gleichen Richtung, die auch für das noch hypothetische Südgebäude des Konventbaues angenommen werden mußte. Allerdings hätte auch dies noch eine übermäßige Nord-Süd-Erstreckung des Kreuzhofes ergeben, für die aber immerhin in Rühn eine Parallele nachweisbar gewesen wäre. Die weitere Betrachtung der Inventare wies auch hier den Weg zur Lösung. Während das Inventar von 1704 weiterhin nur noch die oben genannte Friedhofsmauer erwähnt und einen "kleinen abgebauten Ort ohne Thür und Dach", fahren die anderen beiden nach Beschreibung des "Alten Hauses" folgendermaßen fort:

1610 1613
"Jegenüber ein langk gemaurtes Gebeude, das lange Kornhaus genandt, . . . unten durchaus gewelbet und oben ein Kornboden.
Hinter dem Kornehause ein steinern vndt unten gewelbtes Gebeude, das Rauchhaus genandt, . . . daran die Küche, durchaus gemauret . . . , daran die kleine Hofestube, zwey Stender vndt Gemecher hoch, mit Flomstein gedecket, von neun Gebinden, in Scherwerke gemauret." 
Zwischen diesem Haus und der großen gewelbten Hoefestueben ist eine Maur . . .
Hirnegest das Haus, worin die ermelte große Hoefestuebe, ist aus der Grunt gemauret, . . . die Lenge vom Jumpferndeich bis an den kleinen Garten . . .
Zu Endest der Hoefestueben der Kirchengang . . . Ferner hirnegest ein Losament, der Color (aus "Calefactorium"?) genant.
Oben diesem Hause ist der lange Korneboden . . .
Die Kuchen ist aus der Grunt gemauret . . .
Im Fleischhause . . . 
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    In der Posteiden-Cammer . . .
Bei der Kuchen die kleine Hoefestuebe ist in Holtzwergk gemauret, von sieben Gebinten, mit Floemensteinen gedecket . . ."
Folgen einige Gemächer und Kammern.

Hieraus geht mit Sicherheit hervor, daß "jegenüber" dem Alten Haus ein zweites Haus gestanden hat, und zwar erstreckte es sich "die Lenge vom Jumpferndeich bis an den kleinen Garten". Der Jungfernteich ist aber nichts anderes, als der später sogenannte "Mühlenteich", der noch lange den Namen "Jungfernteich" geführt hat und noch heute, freilich verkleinert, sich an der Westseite der Klosteranlage entlangzieht. Da der Jungfernteich sich selbst an der Westseite entlangzieht, kann die Ortsbezeichnung "vom Jungfernteich bis an den kleinen Garten" nur eine West-Ostrichtung meinen, da sie in diesem Zusammenhang sonst sinnlos würde. Der "kleine Garten" muß sich also nicht weit vom Glockenturm, westlich von diesem befunden haben. Damit ergibt sich aber eine Erstreckung des "Kornhauses" in west-östlicher Richtung, d. h. "jegenüber" und parallel dem Alten Haus sowohl als auch der Kirche 176 ). Da dieses Gebäude mehrfach als "langk", "durchaus gewelbt", "groß", "aus der Grunt gemauret" bezeichnet ist, handelt es sich ganz zweifellos um einen langen Trakt, der zu den eigentlichen alten Klausurgebäuden gehört. Mit ziemlicher Sicherheit läßt sich sagen, daß die "große gewelbte Hoefestuebe", die hier ganz an der im Klosterschema kanonischen Stelle liegt, mit dem Refektorium der Nonnen identisch ist, das in Hl. Kreuz in Rostock in ganz ähnlicher Weise, heute leider unterteilt und in seiner Längenwirkung zerstört, an dieser Stelle gelegen ist.

Hiermit stimmen die Grabungsergebnisse völlig überein. Nachdem die eben beschriebene Sachlage deutlich geworden war, konnte mit sehr viel größerer Sicherheit an die Grabung gegangen werden, da ganz bestimmte Ergebnisse mit ziemlicher Gewißheit zu erwarten waren.


176) "Hovestube", "Kirchengang", Küche und "Posteidenkammer" sind auch im Jahre 1619 noch vorhanden (Inventar 1619 im Schweriner Archiv), 1696 dagegen nicht mehr, da in diesem Jahre ein "Gelind" (1697: "Scherwandt") zwischen Kirchhof und "Ambtshaus" gesetzt und mit Steinen und Kalk ausgemauert wird (Schweriner Archin, Schwed. Rentkammer Nr. 526).
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Unterdessen hatte sich auch an der oben (S. 115) erwähnten Nordost-Ecke des Südgebäudes der Anschluß einer nach Süden laufenden Mauer gefunden, die teils in aufgehendem Mauerwerk, teils in Fundamentlagen zu erkennen war. Nach einem Verlauf von 13,50 m Länge nach Süden endigt sie in einer nach Westen zu biegenden Ecke, die durch einen nach Süden hin vorgelegten Strebepfeiler gestützt wurde. Der weitere Verlauf nach Westen bricht nach 1,70 m aus und findet sich erst bei 10,30 m, von Osten her gerechnet, wieder, für eine Strecke von 4,80 m Länge. In der Südost-Ecke, bei dem genannten Strebepfeiler, fand sich ein stark verwitterter Rest von Fischgrätenmuster-Fußboden. An der tief ausgeschachteten, wohlerhaltenen und mit einem Eckdienst versehenen Nordost-Ecke kam nun auch der Anschluß des Kreuzgang-Ostflügels zutage, mit innerer und äußerer Wand, innerer Ecke und Paviment, so daß sich das nach dem Inventar berechnete Südgebäude der Klausur nach und nach klar erkennen und in Zusammenhang mit den anderen Bauteilen stellen ließ.

Damit war zugleich der Verlauf der Hofmauer des Kreuzgang-Südflügels festgelegt, deren Gegenmauer mit Wahrscheinlichkeit in einer Entfernung der gewöhnlichen Kreuzgangbreite zu suchen war. Tatsächlich fand sich auch ein schwacher Rest des Ansatzes dieser Mauer an der östlichen Außenmauer des Südgebäudes. Fast unmöglich war es allerdings, die beiden Mauern dieses Kreuzgangflügels in ihrem weiteren Verlaufe festzustellen, da in der ganzen Länge sich bei beiden Mauern nur geringe Reste im Erdboden erhalten haben. Dazu kam noch, daß an dieser Stelle große Bäume, die zu schonen waren, ihre riesigen, dicken Wurzeln weit ausstrecken, wodurch die Arbeit mit der Hacke ungemein erschwert wurde. Hätten nicht die beiden Richtpunkte im Osten festgelegen, nach denen man sich aber bei der Schiefwinkeligkeit der ganzen Anlage auch nicht mit völliger Sicherheit richten konnte, so wären diese geringen Reste wohl kaum aufgefunden worden. Aber bevor sie ans Tageslicht kamen, wurde ein anderer und sehr erfreulicher Fund gemacht, durch den dann die Suche nach den Resten des Südkreuzganges sehr erleichtert wurde. Dicht an dem Fichtenwäldchen fanden sich nämlich die wohlerhaltenen Reste eines spätromanischen Bündelpfeilers 177 ), der in seiner Ziegelstruktur noch klar erkennbar war (Abb. 20 a). Sogleich bekam die


177) Auf kreuzförmigem Grundriß mit Halbrundvorlagen und Eckstäben.
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"große gewelbte Hoefestube" ein ganz anders klares Gesichte denn daß dieser Pfeiler hier nicht allein gestanden haben könne, war von vornherein anzunehmen. Tatsächlich fand sich auch später noch der Rest eines zweiten. Da es sich aber ausdrücklich um einen großen, langen Raum handelt, kann man ohne Bedenken im Osten bis zur aufgefundenen Quermauer eine Pfeilerhalle, das Refektorium, ergänzen, bei der Größe des Konventes dürfen wir auch nach Westen zu zweifellos noch zwei oder drei Pfeiler annehmen. Die Nord- und Südmauer dieses Raumes ließ sich nun unter Zuhilfenahme der im Osten gefundenen Mauerreste leicht ergänzen, vom südlichen Kreuzgangflügel fanden sich die schon genannten beiden Reste, ebenso auch an zwei Stellen Paviment von ihm. Die wirkliche Länge der Westerstreckung dieses Flügels konnte leider nicht mehr ermittelt werden, da Fundament- und Mauerreste völlig fehlen. Auf jeden Fall darf man diese Erstreckung nicht zu kurz annehmen, da ja im Inventar ausdrücklich gesagt ist, daß das Gebäude bis zum Jungfernteich gereicht habe. Über das Aussehen eines später in diesem Raume eingezogenen Gewölbes sind wir durch die aufgefundenen Birnstabrippen des 14. Jahrhunderts sowohl wie auch durch die Entfernungen zwischen den Pfeilern und den Außenwänden des Refektoriums ausreichend unterrichtet. Über die Gestaltung des Ostgiebels des Südbaues, dessen Fundament wir aufgefunden hatten, läßt sich gleichfalls Bestimmtes sagen, und zwar auf Grund des Merianschen Stiches von 1653 (Abb. 29 a) bzw. dessen Nachzeichnung aus dem 18. Jahrhundert 178 ). Hier ist an der betreffenden Stelle ein einfacher fünfstufiger Staffelgiebel gezeichnet, der wohl zweifellos, wie es auch bei dem Probsteigiebel der Fall ist, der Wirklichkeit entspricht, während die köstlich primitive Darstellung der Zeichnung des gleichen Albums der Rostocker Universitätsbibliothek mit ihrem prächtigen Renaissance-Giebel (Abb. 29 b) wohl nur einen Hinweis auf das Vorhandensein eines steinernen Giebels überhaupt gibt.

Die Disposition der Innenräume im Ostteil dieses Flügels ist annäherungsweise durch zwei querlaufende Mauerzüge gegeben (vgl. Plan). Ob sie im einzelnen ausreicht, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Die Verunklärung gerade dieser Stelle durch spätere Zubauten ist derart, daß es schwer hält, den ursprünglichen Zustand noch sicher zu greifen. Mit Bestimmtheit läßt sich nur der Zusammenhang der vom Alten


178) In der Universitäts-Bibliothek Rostock.
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Haus herkommenden Mauer mit der Südmauer des Refektoriums aufzeigen. Bei beiden Mauerzügen ist zweifellos alte mittelalterliche Mauerung erhalten.

Gleichzeitig mit den Grabungen im Osten des Südflügels fanden auch solche in der Nordwest-Ecke der Anlage und am Südende des in seinem Verlaufe annäherungsweise vermuteten Kreuzgang-Westflügels statt. Hier mußte um die Gewerbeschule herumgegraben werden, wobei man vermutete, daß die Schule selbst, das frühere Pfarrwitwenhaus, auch auf alten Fundamenten stehe. Mit Sicherheit hat sich dies jedoch nicht ermitteln lassen. Hier war vor allem die Frage, ob sich die Tiefe des Westteiles des Gebäudes werde feststellen lassen. Durch Nachsuchen mit der Sondierstange in der Verlängerung der südlichen Kirchenmauer und der darüber hinausgeführten Kreuzgangmauer stieß man in einer Entfernung von 17,40 m bis 19,80 m von der Kirchenecke auf ein außerordentlich starkes Fundament des nordwestlichen Eckpfeilers des westlichen Gebäudetraktes. In einer Entfernung von wenigen Metern davon südlich fanden sich an zwei Stellen Reste von aufgehendem Mauerwerk in 1,20 m Stärke mit festem Fundament (1,40 m), alles in der Fluchtlinie parallel zum östlichen Kreuzgang. Sehr bald fand man auch ein Mauerstück, das der Ostwand dieses Baues angehörte und zugleich die innere Wand des westlichen Kreuzganges bildete. An dieser Stelle wurde ferner ein recht wichtiger Fund gemacht: es wurde unter vielen anderen Ziegelresten ein Stein mit eingeritztem "M" in gotischer Majuskel gefunden, der zur Datierung dieses Bauteiles wichtig sein kann.

Einen schwierigen Punkt bildet trotz teilweise schöner Funde die Südwestecke des Kreuzganges. Wenig entfernt von dem Übergang in den Südflügel wurde der Verlauf des westlichen Ganges sehr klar ermittelt: innere und äußere Mauer (Abb. 27) fand sich mit dazwischenliegendem, gut erhaltenen Paviment, nördlich davon zwei weitere Stellen. Dagegen bricht nach Süden zu alles ab außer einem kleinen Mauerrest in der Verlängerung der inneren Kreuzgangmauer des Westflügels. Dafür findet sich etwas südöstlich von hier ein zunächst völlig unmotiviert im Gelände liegender Block von 1,30 X 1,60 m Umfang, aus fest gemauertem Ziegelwerk. Er steht mit keinem der übrigen Bauteile mehr in Verbindung. Da er aber an der längeren Ost- und Westseite nur glattes Mauerwerk zeigt, an der Nord- und Südseite hingegen Abbruchspuren, so scheint kaum

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eine andere Rekonstruktionsmöglichkeit vorhanden zu sein als die im Plan eingezeichnete. Denkbar wäre höchstens noch, daß es sich um das Fundament einer Treppe zum Obergeschoß handeln könne, die man sich in einer solchen ausgebauten Ecke des Kreuzganges gut vorstellen könnte, etwa in ähnlicher Weise wie im St. Annenkloster in Lübeck. Sicheres läßt sich jedoch hierüber nicht mehr aussagen.

Das lange Kornhaus, der Refektoriumsbau, ist somit als Ganzes einigermaßen sicher umschrieben, das gleiche gilt in ganz großen Umrissen vom Westtrakt. Fast unentwirrbar aber erscheint die durch die Beschreibung des Inventars in Bezug auf die Einzelteile dieser beiden Bauten gegebene Situation, da es hier einerseits an der nötigen Klarheit in der Baubeschreibung fehlt, wir aber andererseits nicht in die Lage gesetzt sind, das Fehlende durch Fund an Ort und Stelle zu ergänzen.

Die Ausdrucksweise des Inventars von 1610: "Hinter dem Kornehause ein steinern und unten gewelbtes Gebeude, das Rauchhaus genandt, . . . daran die Küche, durchaus gemauret . . ., . . . daran die kleine Hofestube, zwey Stender und Gemecher hoch, mit Flomstein gedecket, von neun Gebinden in Scherwerke gemauret", läßt keine klare Vorstellung von der Aufeinanderfolge der Räume gewinnen. Immerhin darf bei dem grabungsmäßig festgestellten Fehlen eines Osttraktes am Kreuzgang als sicher angenommen werden, daß es sich bei dieser Beschreibung um Räume des Westtraktes handelt. Auch ist im Inventar von 1613 nach der Stelle: "Zu Endest der Hoefestueben der Kirchengang . . . Ferner hirnegest ein Losament, der Color genant . . . Oben diesem Hause ist der lange Korneboden" ein offenbarer Hiatus in der Beschreibung: dieser Teil des Gebäudes, der durch den über dem Ganzen liegenden "Korneboden" zusammengefaßt wird, ist damit in der Beschreibung abgeschlossen, Küche, Fleischhaus und "Posteidenkammer" liegen nach Westen zu, wie es in der Beschreibung von 1610 heißt: hinter dem Kornhaus; ein unter einem anderen Dache liegender neuer und selbständiger Bauteil 179 ). Daß an dieser Stelle die Küche, d. h. die alte


179) Die Frage, ob noch 1653 Refektoriums- und Küchenbau unmittelbar aneinander anschlossen, scheint nach Ausweis des Merianschen Stiches verneint werden zu müssen. Hier scheinen zwei in einer Achse verlaufende, ost-westl. orientierte Gebäudeteile getrennt nebeneinander zu stehen. Auch hier sieht man, wie durch Niederreißen oder Einfallen einzelner Bauteile der Baubestand dauernd verändert wurde.
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Klosterküche, liegt. stimmt mit dem Klosterschema bestens überein. Daß es 1610 heißt: "ein steinern und unten gewölbtes Gebeude" beweist, daß es sich in der Tat auch hier um alte, gewölbte Klosterbaulichkeiten handelt. Wenn weiter 1610 gesagt wird: "Von dem Rauchhause bis an die Kirche eine außgezogene Mauer", so kann das nur heißen, daß das "Rauchhaus" dasjenige Gebäude ist, das von den Gebäuden des Westtraktes am nächsten nach der Kirche zu liegt. Das bedeutet aber nichts anderes, als daß die Beschreibung von 1610 vom langen Kornhaus weit nach hinten zu dem der Kirche zunächst liegenden Gebäudeteil springt, um dann, von Norden nach Süden fortschreitend, die Räume der Reihe nach aufzuzählen: Rauchhaus, südlich davon die Küche, wieder südlich (oder südwestlich) die sog. Kleine Hofestube. Die Beschreibung von 1613 geht anders vor: anschließend an das lange Kornhaus "die große Hofestube", die Küche, das Fleischhaus (das "Rauchhaus" von 1610), daran eine kleine Pastetenküche. Hiernach springt sie zurück zur Küche, um den dort befindlichen weiteren Anbau, die kleine Hofestube, zu nennen. Als was das gewölbte Rauchhaus ursprünglich gedient hat und in welchem Ausmaß wir es uns zu denken haben, ist nicht gesagt und kann sehr verschieden sein: vielleicht handelt es sich sogar um das alte Laienrefektorium oder das Kapitelhaus, das sich wohl, in Ermangelung des kanonischen Ostflügels, im Erdgeschoß des Westflügels befunden haben wird. Näheres läßt sich darüber nicht aussagen.

Was die Bauart aller hier genannten Gebäude betrifft, so ist zu sagen, daß sie nach Angabe der Inventare mit Ausnahme des Alten Hauses, das unten gemauert, oben in Fachwerk gebaut war, alle durchweg aus Stein errichtet und auch wohl alle mit steinernen Giebeln versehen waren. Beim Probsteigebäude sind uns die beiden schönen Giebel bis heute erhalten geblieben, nach der Beschreibung der "Alten Küche" im Inventar von 1704 wird man auch annehmen dürfen, daß es sich, wenn gesagt wird: "die Giebel Mauer nach dem Neuen Hauße hin hat zwey Borsten", um einen Staffelgiebel handelt, wie ihn uns der Meriansche Stich von 1653 für den Refektoriumsbau und der Tiedemannsche Steindruck aus dem Anfange des 19. Jahrhunderts für den südlichen Anbau der Propstei bezeugen. Bei einer Rekonstruktion wird man sich also etwa an bis heute wohl erhaltene Beispiele dieser Art halten dürfen, wie sie etwa in Kloster Wienhausen zu finden sind.

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Figur IV - Kloster Sonnenkamp um 1550
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Schematische Plan=Skizze: Kloster Sonnenkamp um 1550
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In bezug auf die mehrfach genannte "kleine Hofestube" darf vielleicht doch eine Vermutung ausgesprochen werden, die nicht der Grundlagen entbehrt. 1610 heißt es nach der Beschreibung des Braunshauptes: "Daran eine gemaurete Anlehnung, . . . daran eine 180 ) kleine Hofestube, zwey Stender hoch, mit Flomstein gedecket, von neun Gebinden, in Scherwerke gemauret, - daran das alte Haus." Es muß auffallen, daß es dann später, bei Beschreibung des Küchenkomplexes, heißt: ". . . daran die 180 ) kleine Hofestube, zwey Stender und Gemecher hoch, mit Flomstein gedecket, von neun Gebinden, in Scherwerke gemauret." Da nun das Nordende des Braunshauptes mit der Anlehnung und dem Übergang zum Alten Haus, wie auf dem Plan ersichtlich, dem Küchenkomplex des Konventbaues räumlich sehr nahe liegt; da aber ferner, wie wir sahen, die Beschreibung des Rauchhauses, der Küche und der kleinen Hofestube von Norden nach Süden, also zum Braunshaupt hin führt, so darf es als ziemlich wahrscheinlich angenommen werden, daß die genannten beiden "kleinen Hofestuben" miteinander identisch sind, zumal ihre Beschreibung völlig übereinstimmt und zwei "kleine Hofestuben", dicht nebeneinander gelegen und trotzdem in der Bezeichnung nicht voneinander unterschieden, sehr unwahrscheinlich sind. Auch heißt es in der ersten Beschreibung "eine" kleine Hofestube, das zweite Mal aber "die" kleine Hofestube, also offenbar zurückbezogen auf die schon einmal genannte. Damit ergäbe sich die für die Rekonstruktion wichtige Lage, daß diese kleine Hofestube die Verbindung zwischen Probsteikomplex und Konventbau herstellen und die beiden zu einem Ganzen zusammenbinden würde. Da 1613 die kleine Hofestube in Verbindung mit dem Braunshaupt nicht mehr erscheint, nach der Beschreibung der Küche jedoch als aus nur "7 Gebinten" bestehend genannt wird, darf angenommen werden, daß in der Zwischenzeit ein baufällig gewordener Teil von 2 Gebinden niedergerissen worden ist, wie wir ja überhaupt in diesen Jahrzehnten mit dauernden größeren und kleineren Veränderungen des alten Baubestandes rechnen müssen. Die so rekonstruierte Anlage dieses Bauteiles ist auf der beigefügten schematischen Zeichnung 181 ) angedeutet; genau wird sie sich beim Fehlen von Bodenfunden nicht mehr nachweisen lassen. Die Rekonstruktion der kleinen Hofestube kann nur als Ver-


180) Sperrung hier.
180) Sperrung hier.
181) Figur IV.
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such gelten, der nach Maßgabe der im Inventar niedergelegten Angaben die einzelnen Räume nach der größten Wahrscheinlichkeit einander zuordnet.

Obgleich keine weiteren Schlüsse für die Rekonstruktion daraus gezogen werden können, darf eine Stelle des Visitationsprotokolls von 1592 182 ) doch wenigstens genannt werden. Es heißt dort: ". . . Es ist auch augenscheinlich, daß der Kirchoff übel zugerichtet, diewiel die Cappelle abgebraken, und mit Dornen und andern Unkrude und Nesseln . . . durchwachsen . . . Es vorfelt auch die Sacristey oder Gerbekammer beynha gahr darnider. Ist auch nötig, daß sie wiederumb bestiegen und gebessert werde . . ." Leider ist nicht näher gesagt, um was für eine "Kapelle" es sich gehandelt hat, und auch über die Lage der Gerbekammer nichts, doch geht aus der Notiz hervor, daß die Baulichkeiten des Klosters damals schon zum Teil verfielen.

Vom "Alten Haus" ist schon mehrfach die Rede gewesen 183 ). Da die Reste des Alten Hauses unter dem Fichtenwäldchen liegen und da ferner hier im Laufe der Jahrhunderte mehrfach neu gebaut worden ist, ließ sich nicht mehr als der äußere Verlauf der Umfassungsmauern bei der Grabung ermitteln, ferner eine Zwischenmauer und zwei weitere Eckansätze. Bei dem im Südosten des Gebäudes mag es sich vielleicht um den Ansatz der gemauerten "Anlehnung" handeln, die im Inventar von 1610 genannt wird und "des Cantzlers Losamente" enthalten hat. Wesentlich ist die gute Erhaltung des östlichen Mauerzuges,


182) Schweriner Archiv, Kirchenvisitationen, A. Neukloster.
183) Es hat nach den älteren Inventaren im Westen die sog. "Alte Küche", im Osten die sog. "Küchmeisterey" und andere Räume enthalten. Im Inventar von 1715, S. 34, heißt es: "Nechst an dem neuen Hause (d. i. Braunshaupt) nordostwerts stehet die alte Küche". Das bestätigt die Annahme unseres Planes, daß Braunshaupt und Altes Haus Ecke an Ecke und nicht Wand an Wand aneinandergegrenzt haben. Die alte Küche hat, nachdem schon 1691 (Schweriner Archiv, Akten der schwed. Rentkammer 526, S. 115) in einer Eingabe an die Regierung der Wunsch ausgesprochen worden war, "daß das alte verfallene und ganz unbrauchbare Gebäude, so daselbsten zwischen der Kirche und dem großen Wohnhaus lieget", das eines Tages "über Haufen fallen" werde, abgebrochen werden möge, anscheinend noch bis 1793 allein gestanden, nachdem die benachbarte Küchmeisterei in der Tat schon "über Haufen gefallen" und ein kleines Gebäude an ihrer Stelle errichtet worden war. 1793 wird die Küche zum "Abbruch inventiert" (Inv. 1793 S. 56) und ist 1828 (Bericht des Baumeisters Kern, Schweriner Archiv, Amt Neukloster, Acta commißoria Nr. 3 sub V) nicht mehr vorhanden, wie überhaupt in diesem Jahre mehrere Veränderungen berichtet werden.
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der, nach Art und Stärke des aufgefundenen Mauerwerkes zu urteilen, sicher einen massiven Steingiebel getragen hat, wie es auch von der Westwand dieses Gebäudes berichtet wird 184 ). Leider reicht auch die schon oben angeführte "primitive Zeichnung" des Albums in der Rostocker Universitätsbibliothek mit ihren verschiedenen Andeutungen von Giebeln nicht zur Rekonstruktion aus. Die Giebelwand setzt sich ohne Unterbrechung des Mauerverbandes über die Nordost-Ecke nach Norden zu fort, in ganz wenig nach Osten zu veränderter Richtung und trifft, wieder in guter, ungestörter Mauerung mittelalterlichen Verbandes, auf die Südmauer des Refektoriumsbaues. Eine Gegenmauer zu dieser Wand hat sich durch Grabung nicht feststellen lassen, mit deren Hilfe man ein Gebäude hätte rekonstruieren können, das Altes Haus und Refektorium an dieser Stelle miteinander verbunden hätte. So bleibt die Möglichkeit, anzunehmen, daß hier, wie es in anderen Nonnenklöstern (Güldenstern 185 ) erhalten ist, ein an eine feste Mauer angelehnter gedeckter Gang von den Probsteigebäuden bzw. Wohngebäuden der Klostergeistlichkeit zum Konvent führte, der die Geistlichen auch bei nassem Wetter zur Ausübung ihrer seelsorgerlichen Tätigkeit trocken in die Konventsgebäude gelangen ließ.

Ein das Karree vollendendes viertes Gebäude am Probsteihof, an dessen Ostseite, ließ sich nicht mehr nachweisen, obgleich sowohl am "Alten Haus" eine Mauer nach Süden abzweigt und wir auch am Probsteigebäude die Mauerverzahnung eines breiten Gebäudeteiles noch heute einwandfrei erkennen können. Doch läuft der besagte Maueransatz am Alten Haus nicht direkt auf die Verzahnung des Probsteigebäudes zu; auch müßte jede Spur der Fundamente dieses Gebäudetraktes in der Erde verschwunden sein. Nachbohrungen mit der Sondierstange verliefen ergebnislos.

Eine klare Sachlage ist hingegen in Bezug auf die Verbindung gegeben, durch die der ostwärts abseits liegende Turm mit dem Refektoriumsbau zusammenhing. Der Verlauf der Verbindungsmauer ist durch eine Bodenschwelle noch deutlich erkennbar, außerdem ist im Westen des Turmes die Ansatzstelle dieser Mauer noch sichtbar, die dem nach Osten führenden, noch vorhandenen Mauerzuge entspricht. Nach dem Befunde des letz-


184) Inventar 1704. s. oben S. 125.
185) Inventar der Provinz Sachsen, Band 29.
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teren zu urteilen, der im wendischen. Verbande gemauert und zweifellos älter ist als der Turm, muß man annehmen, daß auch der Mauerteil zwischen Turm und Refektoriumsbau in der gleichen Form bestanden hat. Offenbar ist der Turm in diese alte Mauer, die die Umfassungsmauer des gesamten Klosterbezirkes ist, später hineingesetzt worden, denn nach Formgebung und Mauerung ist er wahrscheinlich erst in das 15. Jahrhundert zu setzen.

Aus der Baubeschreibung des Turmes 186 ) geht schon hervor, daß wir es hier mit einem sehr verwickelten Baubestande zu tun haben, der vor allem durch das Vorhandensein von zwei ineinanderliegenden Türmen hervorgerufen wird. Das bereitet der Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes große Hindernisse.

Zweifellos ist, daß der äußere Turm vor 1586 von Herzog Ulrich erhöht worden ist; abgesehen von der deutlich erkennbaren Grenze verschiedener Steinsetzungen in der halben Höhe wird dies durch die oben bereits erwähnten Wappen dieses Herzogs und seiner Gemahlin Elisabeth, geb. Prinzessin von Dänemark († 1586), bewiesen. Der Befund außen und innen stimmt hierin überein.

Die Schwierigkeit ist nun folgende: der äußere Turm hat innen ganz deutliche Ansätze, die mit Bestimmtheit auf eine ur-sprüngliche Bestimmung für ein achtteiliges Gewölbe hindeuten, das jedoch sichtlich nie zur Ausführung gekommen ist. Es erhebt sich die Frage, wie dieser Tatbestand mit dem Vorhandensein des inneren Turmes 187 ) in Einklang zu bringen ist und damit die weitere Frage, welchem der beiden Türme die zeitliche Priorität zuzuerkennen ist.

Eines scheint zunächst festzustehen: das Vorhandensein der Gewölbeansätze im Innern des Außenturmes und deren Fehlen am Äußeren des Innenturmes beweist, daß das Ganze nicht von vornherein ein einheitlicher Bau gewesen ist. Es wäre daher zu fragen, was dafür sprechen könnte, daß der eine oder der andere Bau der frühere ist. Wir können jedoch das Verfahren abkürzen durch die folgende einfache Überlegung, die auf der Tatsache gründet, daß der äußere Turm im Westen die Ansatzstelle der ehemaligen Kloster-Umfassungsmauer zeigt, die


186) S. o. S. 96 ff.
187) Dieser innere Turm weist seinerseits weder außen, noch innen derartige Ansatzstellen auf.
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im Osten sogar noch, wie oben schon gesagt, erhalten ist. Solche Ansatzstellen fehlen am inneren Turm, der Mauerverband ist hier vielmehr völlig glatt und unberührt. Das beweist, daß der innere Turm niemals mit der Umfassungsmauer, die, wie wir sagten, dem Mauerverbande nach älter sein muß als beide Türme, in direktem Zusammenhang gestanden haben kann. Folglich kann es sich bei dem inneren Turm nur um einen späteren Einbau handeln, dessen Zweckbestimmung noch zu ergründen wäre.

Der Tatbestand ist also hiernach der, daß man, nach dem Mauerverband zu schließen, im 15. Jahrhundert, in die alte Nmfassungsmauer, in der Nähe des Pfortenhauses, was später noch ausführlicher zu berichten sein wird, einen kleinen, achtseitigen Ziegelbau mit der Bestimmung für ein achtteiliges Gewölbe baute, dessen Zugang von Südwesten durch eine an einer Schmalseite gelegene Tür vom äußeren Hofbezirke des Klosters aus erfolgte. Die vier Breitseiten liegen genau in den vier Himmelsrichtungen. Der Durchmesser des Oktogons beträgt ca 8 m. seine Höhe bis zum vermutlichen ursprünglichen Dachansatz ca. 4 m. Nachrichten über die ursprüngliche Verwendung des Baues, der jetzt in veränderter Gestalt als Glockenturm dient, existieren nicht. Es ist gefragt worden, ob es sich um einen Wachtturm handeln könne; das ist jedoch schon wegen der ursprünglich zu geringen Höhe unwahrscheinlich. Auch sind dafür die Rückwände der Blendbögen nicht stark genug. Andere meinten, es werde das Bauwerk ein Brunnenhaus gewesen sein; doch ist nichts von einer Quelle oder Leitung zu entdecken, außerdem liegt der Brunnen seit sehr langer Zeit in den unteren Gewölben der Propstei. Die Volkssage meinte, hier sei der Ausgang eines unterirdischen Ganges gewesen, der von der Probstei hierher geführt habe. Auch dieser Möglichkeit wurde nachgegangen, aber die Nachgrabungen haben einwandfrei ergeben, daß der äußere und der innere Turm auf Felsenfundamenten stehen, unter denen der unberührte Erdboden liegt. Von einem Zugang zu einem unterirdischen Gang kann keine Rede sein. Vielmehr handelt es sich bei diesem vermutlich um Kellerräume der jetzt abgerissenen Flügel des Probsteihofes, die der Volkssage Nahrung gegeben haben.

Das Wahrscheinlichste bleibt, daß es sich bei dem Oktogon um eine Kapelle handelt, deren spezielle Bestimmung und deren Schutzheilige allerdings wohl nicht mehr sicher festzustellen sind. Als nächste Parallele erscheint die kleine achtseitige St. Annen-

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kapelle in Havelberg 188 ). Sie war die Kapelle des Hospitals St. Gertrud und St. Annen und stammt aus dem 15. Jahrhundert. Das Innere ist nicht gewölbt. sondern mit gerader Holzdecke auf Tannenholzbalken versehen. Darüber ein steiles Zeltdach. Stichbogen, schwache Eckvorlagen, Backsteinformat 27 X 14 X 8,5-10 cm. Bei unserem Neuklosterschen Bau kann es sich sowohl um eine Sühnekapelle gehandelt haben als auch um ein Heiligtum für eine besonders verehrte Reliquie. Schließlich ist es auch denkbar, daß er bei der Nähe des Torhauses eine Pfortenkapelle hat darstellen sollen, wie sie bei Zisterzienser-Mannsklöstern vielfach nachweisbar ist. Endlich entbehrt es nicht einer verhältnismäßig großen Wahrscheinlichkeit, daß es sich um eine Friedhofskapelle handelt, zumal, wie auch noch jetzt, schon im 16. Jahrhundert an der Nordseite des Baues der Friedhof für die Einwohner Neuklosters und der umliegenden Dörfer gelegen hat.

Bei den im Kirchen-Visitationsprotokoll von 1568 genannten "Mengeln" wird auch erwähnt, daß "die Kirche und der Thurmb vhast tachloß und der Thurmb umbhero offen" war. Desgleichen wird im Inventar von 1589 189 ) der "Klock-Torm" genannt; die Erhöhung der "Mauerkapelle" muß also schon, wahrscheinlich seit kurz vor 1568, bestanden haben. Die schon S. 127 angeführte Notiz aus dem Visitationsprotokoll von 1592 damit in Zusammenhang zu bringen und die dort genannte Kapelle mit unserem Oktogon zu identifizieren, ist also nicht möglich. Bei ihr handelt es sich vielleicht um eine der Ostkapellen des südlichen Querhauses.

An beiden Teilen der Mauer, in der der Glockenturm bzw. die "Mauerkapelle" steht, haben zum mindesten vom 17. bis zum 19. Jahrhundert nach Süden zu kleinere Gebäude gestanden, deren Bestimmung gewechselt zu haben scheint. 1610 ist zwischen Klausurbau und "Klocke-Thurmb" kein Bau-Zwischenglied genannt, es heißt lediglich bei der Beschreibung des Turmes: "daran ein klein gemauertes Kalckheuschen, allernegest" - ohne Zweifel nach Osten zu - "des Hauptmanns Stall, der Bauwknechte Heubude, der Bauwmuhmen Schlafkammer, in Holtzwerke gemauret, mit dobbelten Holstein bedecket, nach hofewerts eine Anlehnunge in Holtzwerke gemauret und mit


188) Inv. Brandenburg I, 1: Westpriegnitz, S. 120 f.
189) Angehängt an den "Auszug des Ambtsregisters Neukloster Judica - Trinitatis 1589".
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Ziegel behenget." Während 1613 der Turm merkwürdigerweise überhaupt nicht erwähnt wird, anscheinend vergessen. nennt das Inventar von 1704 nach Erwähnung des Turmes, worin "unten ist ein Gefängnis, wofür eine alte Tür mit Hängen, Überfall und Krampe. Über der Thür ist ein eisern Gitter" - einen Holzstall, offenbar denselben, der 1610 und 1613 als "des Hauptmanns Stall" aufgeführt ist. "Hiebey des Pförtners Wohnung", die anscheinend nur aus Vorraum und Stube bestand, von der aus direkt eine alte Tür ins Pforthaus führte. Dieses wird in allen drei Inventaren als "aus der Grunt gemauret" bezeichnet und war mit Hohlsteinen (1610 und 1613) bzw. Zungensteinen (1704) bedeckt. Es hatte ein großes Tor mit zwei Flügeln und einer "durchgehenden Pforten mit eisern Hespen, Krampen vnd Klingken vnd 2 große vorhangende Schlosser" (1613). 1704 sind die Torflügel als "von eichenen Plancken" gefertigt bezeichnet. Im Inventar von 1737 (S. 35) heißt es vom Torhaus: "In dem Thurm des Thorhauses sind an Lücken südwerts 3, westwerts 1, nordwerts 1, ostwerts auch 1, ingleichen 1 halb zugemauerte Thüre, so vordem vom Thurm nach dem daranstoßenden Boden gegangen." Und 1776: "Der Thorwegs-Thurm ist von Mauersteinen massiv ausgeführt." Es ist wahrscheinlich, daß das Torhaus auf der mehrfach angeführten Zeichnung auf der Rostocker Universitätsbibliothek in dem Gebäude ganz links dargestellt sein soll. Die Zeichnung könnte in diesem Falle dem wirklichen Zustande nahekommen.

Die Inventare fahren sodann in der Beschreibung des Kloster-Bauhofes fort, die nur teilweise mit den Plänen von 1849 und 1888 übereinstimmt. Heute sind hier nur noch zwei Gebäude erhalten, nämlich ein kleines Kutscherhaus gleich neben der Einfahrt und auf der anderen Seite nach dem Sonnenberg hin eine große Scheune. Doch handelt es sich bei beiden um Bauten neueren Datums, die jedoch etwa an der gleichen Stelle stehen wie die alten. Im großen und ganzen dürfte der Eindruck, den die noch im vorigen Jahrhundert stehenden Gebäude gemacht haben mögen, von demjenigen des 17. Jahrhunderts und auch selbst des Mittelalters nicht sehr verschieden gewesen sein, im einzelnen waren immerhin Verschiedenheiten vorbanden. Der frühere Bestand geht in seiner den Inventaren ungefähr zu entnehmenden Anordnung aus der beigefügten Skizze hervor (Fig. IV). Die Inventare stimmen überein bis auf einen im Jahre 1610 erwähnten "Viehstall von 14 Gebinden,

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durchaus in Holzwerke gemauret, mit Reihe und Stroh gedecket", der zwischen der "großen Scheuer von 13 Gebinden" und dem großen Marstall genannt wird. Es bleibt fast nur die Möglichkeit, anzunehmen, daß dieses Gebäude im rechten Winkel zum Marstall zwischen diesem und dem "Alten Bauhaus" stand, d. h. von Norden nach Süden, an der Stelle, an der 1613 und 1704 nur eine Mauer mit Tordurchfahrt und Tür genannt wird. Bei den meisten dieser Baulichkeiten handelt es sich um schlichte Gebäude, die "in Holtzwerke" oder "Scherwercke" aufgeführt waren und die Zeiten nicht überdauern konnten. Nur bei einigen, so beim großen und kleinen Marstall, hören wir, daß sie "durchaus gemauret" waren, der letztere sogar mit Blendziegeln geziert. Von ihm existiert noch eine anspruchslose Zeichnung (Abb. bei Schlie III, 464), die etwa eine Vorstellung des Baues vermittelt, der sich bis an das Ende des 19. Jahrhunderts erhalten hat. Nach Stahlberg 190 ) soll der kleine Marstall mit dem durch die Erträgnisse der Reliquienausstellung von 1399 ermöglichten Neubau identisch gewesen sein 191 ), worauf eine alte Steininschrift hingewiesen haben soll. Den Bauformen nach wäre dies nicht von der Hand zu weisen.

Wir hören von der teilweise wechselnden Bestimmung dieser Bauten, es handelt sich um das Verwaltergebäude, die Ställe und Scheunen, Räume für Knechte und Mägde, die Wohnung des Landreiters, des Gärtners, des Rentmeisters und ähnliches. Man bekommt bei der Durcharbeitung dieser Inventare einen hübschen Einblick in all die vielseitigen Bedürfnisse eines großen Wirtschaftsbetriebes dieser Zeit. An die Tatsache, daß das fürstliche Amt in Nachfolge der einstigen Klostergerichtsbarkeit die Justiz ausübte, erinnert das Gefängnis, das unten im Turm untergebracht war, während es sich 1613 noch in den Gewölben unter dem "Braunshaupt" befand. Ein anderer Zeuge für diese Gerichtshoheit ist die an einer Stelle des Inventars von 1704 sich findende lakonische Bemerkung: "Gegen diesen Hauße über aufm Platze stehet der Bauernzwingker von zwei Brettern an zwei eichenen Pfahlen mit eisernen Bollen".

Der Vollständigkeit halber muß noch ein Wort über das auf den Plänen von 1849 und 1888 eingetragene kleine Gebäude westlich vom Glockenturm gesagt werden. Von einem an dieser Stelle gelegenen Bau ist in den Inventaren von 1610 und 1704


190) a.a.O. S. 13.
191) M.U.B. 13493.
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nicht die Rede, während ja, wie bemerkt, in der Beschreibung von 1613 leider der Glockenturm selbst überhaupt vergessen worden ist. Offenbar hat es sich um einen erst im 18. Jahrhundert oder gar im 19. Jahrhundert hier errichteten schlichten Stallbau gehandelt, der noch bis in dieses Jahrhundert hinein gestanden hat und der sogar auf einer alten Postkartenansicht aus dem Anfange des 20. Jahrhunderts noch zu sehen ist. Nach der mündlichen Überlieferung in Neukloster hat es sich um einen Hühnerstall gehandelt, für den westlich Reste des alten Refektoriumsbaues verwendet worden sind; in der Tat ist das Gebäude auch auf einer im Hochbauamt Wismar befindlichen, leider sehr stark zerstörten Lageskizze von 1872 als für Federvieh bestimmt eingetragen. Auf demselben Plan ist nördlich vom "Braunshaupt", das hier die "Schafferei" genannt wird, ein kleines Gebäude angegeben, das auch auf der Tiedemannschen Lithographie und der Schumacherschen Zeichnung zu sehen ist; es ist als "Schweinehaus" bezeichnet. An der Stelle, an der nach den alten Inventaren Wohnung und Ställe des Landreiters standen, befand sich 1872 die Wohnung des Gerichtsdieners, an Stelle des "Alten Hauses" ein Ochsen- und Torfstall.

So steht am Ende dieses Teiles unserer Betrachtung trotz mancher durch das Fehlen von Nachrichten und Spuren am Ort bedingten Unvollkommenheiten doch das Ganze der Baulichkeiten des Klosters Sonnenkamp in einem ziemlich abgerundeten Bild (Fig. IV und V) vor uns: als Hauptakzent die Klausur selbst, die sich im Süden an die Kirche anlehnt; damit wahrscheinlich doppelt verbunden wiederum südlich der Komplex der Gebäude um den Probsteihof und endlich, nach einer durch Turm-Kapelle und Pfortenhaus vermittelten Überleitung, der "Kloster-Bauhof", d. h. der Komplex der Wirtschaftsgebäude für das Klostergut. Wir erkennen hiernach in der Neuklosterschen Anlage die typische Anordnung für Frauenklöster, wie sie bereits weiter oben 192 ) für Mühlberg a. Elbe, Marienstern (O.-L.) und andere aufgezeigt wurde.



192) Vgl. S. 64 mit Anmerkungen.
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Figur V - Kloster Sonnenkamp Rekonstruktion
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III. Neuklosters Stellung in der Kunstgeschichte.

Um bei dem fast völligen Fehlen sicherer Baudaten eine Einordnung des Neuklosterschen Hauptbaues, der Klosterkirche, vornehmen zu können, ist es notwendig, die in Frage kommenden Bauweisen und Bauten der zeitlichen oder örtlichen Nähe Sonnenkamps zu prüfen, vor allem, soweit sie fest oder doch annähernd datierbar sind, um von hier aus Anhaltspunkte für eine stilkritische Betrachtung zu gewinnen.

1. Die Frage nach holländischen Vorbildern.

Zur Behandlung dieser Frage regte eine Abbildung der Kirche von Zuidbroek in der niederländischen Provinz Groningen, nicht weit von Nieuweschans an der deutsch-holländischen Grenze, an, die dem Verfasser bei der Durchmusterung der für Neukloster etwa als Vorbilder in Fragen kommenden Backsteinbauten in die Hand kam 193 ). Die Höhenproportion, die Behandlung der Giebel, die schlitzartigen Spitzbogenfenster, die Verwendung des Fischgrätenmusters ließen von vornherein auf nahe Zusammenhänge mit unserem Bau schließen.

Eine Untersuchung an Ort und Stelle ließ bald erkennen, daß es sich bei den groningisch-friesländischen Backsteinkirchen um eine fest umgrenzte Gruppe handelt, in deren Bezirk typische Merkmale der Formgebung innerhalb der Spanne von etwa einem Jahrhundert immer wiederkehren. Es mag genügen, diese Gruppe durch einige wenige typische Beispiele im Folgenden zu kennzeichnen, als deren erstes die den Hl. Sebastian und Fabian geweihte Kirche in Leermens (Groningen) (Abb. 35) dienen soll.

Es ist ein kleiner Bau von gedrungenen, breit lagernden Verhältnissen mit Querschiff und rechteckigem Chorschluß. Das


193) M. Hausmann: Alt-Hollands Kirchenbauten, Bremen o. J. S. 66. - Weitere Literatur s. S. 146.
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Typische und bei all diesen Bauten in ähnlicher Weise Wiederkehrende ist die dekorative Behandlung der Außenmauern, das tiefe Eindringen der schmuckmäßig verwendeten Blendnischen in den Mauerkern. Die Chornord- und Südseite sind durch je fünf die ganze Höhe einnehmende rundbogige Blendnischen gegliedert, deren Bögen von vier dazwischenliegenden, mit eckigen Kapitellen versehenen Rundstäben getragen werden. Während die westlichen drei Nischenfelder von je einem, zusammen eine überhöhte Dreifenstergruppe bildenden, leicht angespitzten Fenster durchbrochen werden, das in nochmaliger doppelter Abkantung in den Mauerkörper eindringt und von Rundstäben begleitet ist, sind die zwei östlichen mit je einem tief eingeschnittenen Blendfenster versehen, dessen Fläche im Fischgrätenmuster bzw. Flechtwerk ornamentiert ist. Die Ostwand wird bis zur Höhe des Dachansatzes in ähnlicher Weise durch fünf Blenden mit Rundstablisenen gegliedert, doch nimmt hier die überhöhte Dreifenstergruppe die drei mittleren Blenden in Anspruch. Der Giebel wird ebenfalls von Blenden gegliedert, hier sieben an der Zahl, die sich in die Höhe staffeln. Die mittleren drei sind gleich hoch. Auch sie sind durch Rundstablisenen getrennt, außerdem haben sie im Rücksprung je einen Fensterstab, wodurch die Teilungen der Blendenfelder als dreiteilige Bündelstäbe mit Kleeblattgrundriß erscheinen und ein sehr stark plastisches Bild ergeben. Die kleinsten, äußersten Blenden haben unten nach außen eine winkelförmige Erweiterung, die ebenfalls ringsherum doppelt abgekantet ist, ohne das Rundstabmotiv. Die Flächen sind auch hier im Fischgrätenmuster bzw. Flechtwerkmuster gehalten. Das oberste Stück des Giebeldreiecks ist über den drei gleich hohen mittleren Blenden durch wulstige Stäbe rautenförmig unterteilt, ein Motiv, das auch in Deutsch-Friesland, etwa in Pilsum, vorkommt und möglicherweise mit Erinnerungen an den Fachwerkbau zusammenhängt. Das früher gleichseitige Dreieck des Giebels ist durch Restauration jetzt stark überhöht worden, wodurch der ganz stark massig-gedrungene Eindruck des Ganzen etwas beeinträchtigt wird. Das Dachgesims, das um die die Ecken bildenden Wandteile läuft, wird aus Wulst und Kehle gebildet, am Querhaus befindet sich als bescheidener Schmuck ein Rundbogenfries. Das Mauerwerk ist in keinem regelmäßigen Verbande ausgeführt, wodurch das Ganze einen unexakt-schwerfälligen Charakter bekommt. Der teilweise vorhandene wendische Verband ist nicht konsequent durchgeführt,

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die großen spitzbogigen Fenster an der Nord- und Südseite des Querhauses sind Zutaten der entwickelteren gotischen Zeit.

Im Inneren wird die Kirche von achtteiligen kuppeligen Gewölben mit rundstabförmigen und in einem Ring zusammenlaufenden Rippen überdeckt, eine Tatsache, die, zumal das Gebiet zum Bistum Münster gehörte, auf unmittelbaren westfälischen Einfluß schließen läßt, in ähnlicher Weise, wie im Mecklenburg der westfälischen Kolonisationszeit. Die Kirche wird von Vermeulen 194 ) in das zweite Viertel des 13. Jahrhunderts verwiesen, wir werden sie jedoch bei ihrer so durchaus im Romanischen stehenden Grundhaltung und Einzelausformung selbst in dieser von der großen Straße abseits liegenden Gegend kaum später als um 1220 datieren können.

In einer Gruppe von Bauten, zu der u. a. Garmerwolde (Abb. 40), Ten Boer und Winschoten (Abb. 39) gehören, fällt vor allem die Gleichartigkeit des Ostgiebelmotivs ins Auge - und doch heben sie sich andererseits wieder deutlich gegeneinander ab. Als viertes Beispiel gehört dazu die Kirche zu Zuidbroek (Abb. 36 und 37). Bei allen vier Bauten begegnet, wie schon in Leermens, ein System von fünf Blenden, das die Chorostwand bis zum Dachansatz gliedert und in Garmerwolde bis zur Erde heruntergeführt ist, während es bei den anderen Bauten in Höhe der Fensterbank abschließt. In den drei mittelsten Blenden eine, in Garmerwolde überhöhte, Dreifenstergruppe mit Rundstab im Rücksprung der Fensterrahmung.

Der Giebel ist in Garmerwolde und Ten Boer derart behandelt, daß in die Mauermasse sechs steigende Blenden eingeschnitten sind, deren beide mittelste gleich hoch sind und von denen sich I und VI, II und V wie auch III und IV in der Formgebung entsprechen. I und VI liegen außen und sind die niedrigsten, von einer eckigen mittleren Stufe überhöht, mit innen eingelegtem Rundstab; II und V sind mit Unterspitzbogen geschlossen, in Ten Boer ist eine seitliche Erweiterung angebracht wie in Leermens, auch hier Rundstab. III und IV sind mit Kleeblattbögen geschlossen, ebenfalls mit Rundstäben versehen. Das obere Giebeldreieck wird in Garmerwolde von einem Tondo, in Ten Boer von einem Rautenmuster, ähnlich dem von Leermens, geschmückt. In Zuidbroek 195 ) ist das öst-


194) Handboek I, S. 331.
195) Vgl. M. Hausmann a.a.O.
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liche Giebeldreieck durch drei einfache, spitzbogige, großflächige Blenden gegliedert und mit steigendem Rundbogenfries verziert.

An den Giebeln der nördlichen Querschiffe von Garmerwolde (Abb. 40) und Zuidbroek (Abb. 36) tritt nun ein weiteres Motiv auf, das, zunächst dem anderen ähnlich erscheinend, doch aus entgegengesetzter Gesinnung entspringt. Hier wird das Giebelfeld durch ein System von Rundstablisenen gegliedert, die nicht durch Eindringen ins Mauerfleisch, sondern durch Auflegen eines netzartigen Stabwerkes auf die Maueroberfläche wirken, zusammengebunden durch einen steigenden Spitzbogenfries. Die Maueroberfläche wird von im Fischgrätenmuster gesetzten Steinen gebildet. Die Parallele zum früher beschriebenen Ostgiebel von Neukloster 196 ) ist ohne weiteres ersichtlich.

Dies Motiv ist, in einem krisenhaften Übergangs- bzw. Versuchszustand verharrend, nun auch in Ten Boer zu finden, wo es, allerdings ohne den Bogenfries, die Situation kompliziert und zwar im ausgesprochen verunklärenden Sinne. Die oben beschriebene Giebeldreieckseinteilung wird nämlich zusammengehalten durch einen an den Dachseiten entlanglaufenden Wulststab, von dem senkrecht Halbrundstäbe zwischen den vorhin beschriebenen Blenden I und II einerseits, V und VI andererseits herunterführen. Dagegen werden die Kleeblattblenden durch von Halbrundstäben gebildete unterspitze Blendbögen umrahmt, die in gleicher Fläche und im gleichen System mit den Halbrundstäben der Dachschrägen liegen. So liegt hier über bzw. zwischen dem Blendensystem noch ein System von Halbrundstäben, das das Blendensystem zusammenhalten soll.

Klar und durchdacht ist dies jedoch erst in dem schon genannten Winschoten (Abb. 39), wo bei aller Kompliziertheit die Sachlage völlig einsichtig zutage tritt. Hier ist der Giebel durch einen steigenden Spitzbogenfries von 22 Bögen geschmückt, deren dreimal zwei, einmal drei, einmal vier, einmal drei und wieder dreimal zwei von einer von der 2., 4., 6., 9., 13., 16., 18. und 20. Frieskonsole senkrecht nach unten laufenden Rundstablisene zusammengeordnet werden. Von den so entstehenden neun Giebelfeldern werden das 2., 3., 7. und 8. durch einfache, spitzbogige Blendnischen geschmückt, während die


196) S. o. S. 86 f.
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(breiteren) Nischen in 4, 5 und 6 durch Kleeblattbogen geschlossen und mit Eckstab versehen sind. Die mittelste Nische endlich ist in dem Felde zwischen dem Kleeblattbogen und den vier Bögen des steigenden Spitzbogenfrieses durch ein Tondo mit einbeschriebenem Vierpaß geziert. Die innere Entwickelungslinie von Leermens (ca. 1220) bis etwa zur Jahrhundertmitte scheint also über Garmerwolde, Zuidbroek und Ten Boer nach Winschoten zu führen, wo uns gegenüber dem als schwerfällig bezeichneten Leermens ein zwar um das Querschiff verminderter, aber in der formalen Haltung weit veredelter, geklärter, fortgeschrittener Bau entgegentritt. Hiernach käme Ten Boer ca. 1240/45 zu stehen, wodurch wir allerdings in starken Gegensatz zu Vermeulen kommen, der S. 205 den Bau zu den "romanischen Dorfkirchen" der Gegend rechnet (um 1220), während er Leermens, wie bereits gesagt, in das 2. Viertel des Jahrhunderts setzt. Doch dürfte ein Blick auf die Rückständigkeit der Formen in Leermens und deren Fortgeschrittenheit in Ten Boer genügen, um die Berechtigung unserer Datierung zu erkennen.

Allgemein muß hier gesagt werden, daß die Vermeulenschen Datierungsversuche unter einer gewissen Unsicherheit leiden. So wird Leermens S. 207 Anm. 1 in den Anfang, dagegen S. 331 in das 2. Viertel des 13. Jahrhunderts gerückt, Garmerwolde jedoch, das offenbar Leermens gegenüber stilistisch fortgeschritten ist, um 1200 datiert. Zweifellos wird man bei dem Fehlen fast sämtlicher urkundenmäßigen Anhaltspunkte mit den Datierungen sehr vorsichtig zu Werke gehen müssen.

Die Kirchen zu Zuidbroek, Ten Boer und Winschoten zeigen neben den bisher genannten Gemeinsamkeiten weiterhin alle das Motiv der Kreisblenden mit eingelegtem Rundstab, das am Chor von Zuidbroek noch durch einen einbeschriebenen Vierpaß vermehrt wird. Auch taucht in Zuidbroek (Abb. 37) und Ten Boer der Kleeblattbogen als Krönung der Türumrahmung auf, die ihrerseits als Ganzes in eine Spitzbogenblende hineingestellt ist. Gemeinsam ist diesen drei Kirchen ferner die Einteilung der gesamten Außenmaueroberfläche durch teilweise schon strebepfeilerartig verstärkte Lisenen in mehrere Felder mit je vier Fenstereinschnitten 197 ), deren beide äußere jedoch nur Blendnischen sind, während die beiden inneren wirkliche Fensterdurchbrüche aufweisen. Blenden und Fen-


197) Für Zuidbroek vgl. Vermeulen I, Abb. 190.
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ster sind mit Rundstäben versehen, die bei Garmerwolde und Zuidbroek auch im unteren Geschoß des Blendensystems zu finden sind. In Zuidbroek sind sie im Untergeschoß allerdings derart gestaltet, daß bei je zwei zusammengehörenden Blendbögen die Rundstäbe in der Mitte, wo sie sich treffen, nicht bis hinunter durchgeführt sind, eine Erscheinung, die sich u. a. auch in Termunten findet, wo sie allerdings in ihrer Abruptheit durch das Einfügen von auffangenden Konsolen gemildert ist.

Die Tendenz zur Wandgliederung macht sich bei diesen Kirchen auch im Inneren bemerkbar; Termunten und Ten Boer sowohl, als auch besonders Zuidbroek (Abb. 41) und das etwas ältere Stedum (Abb. 42) können hier als Beispiel dienen. Termunten, eine ehemalige Kreuzkirche 198 ), von der jedoch nur noch der Chor und ein Teil des Querschiffes steht, zeigt über einem die Wand horizontal teilenden Rund- bzw. Spitzbogenfries eine bedeutsame Zusammenfassung der Dreifenstergruppen, die durch Blendarkaden erreicht wird, deren Träger z. T. als Vollsäulen vor der Wand abgerückt stehen und so den Eindruck eines Laufganges vermitteln. In Ten Boer ist von besonderem Interesse eine Säulen-Blendgalerie, bei der die sehr nachlässig gearbeiteten Blendnischen mit alternierenden Säulen und Konsolen wechseln. In Stedum dagegen sehen wir die vollständige und gleichmäßige Aufteilung der gesamten Mauerflächenteile in vier Blendarkadenstellungen, die durch schlanke Rundstäbe mit Kapitellen und auf ihnen ruhenden Spitzbögen gebildet werden, in ähnlicher Art, wie es sich auch im Chor von Zuidbroek findet. In letzterem ist, was Hauptschiff und Querhaus betrifft, das Motiv noch dadurch bereichert, daß jede Blendarkade von einem doppelten Spitzbogen mit Zwischen konsole bekrönt wird. Der Eindruck des Gliederns und Aufteilens alles irgendwie Aufteilbaren wird noch verstärkt durch das achtteilige Kuppelgewölbe, das in Zuidbroek und Stedum wie auch in vielen anderen Kirchen dieser Gruppe den Raum überdeckt. Auch hier Aufspaltung, Schmückung, Belebung. Es ist das gleiche Gewölbe, das uns schon in Leermens begegnete, nur ist in Zuidbroek wie auch etwa in Bierum der Gewölbering noch besonders reich gestaltet.

Über den Grundriß dieser Kirchen wurde bereits gesagt, daß es sich in mehreren Fällen um Kreuzkirchen handelt. so


198) Vermeulen a.a.O. S. 207 und 382.
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in Termunten, Garmerwolde, von dem nur noch Chor und Querschiff stehen, Leermens, Zuidbroek und Stedum. Die eine Gruppe, zu der Zuidbroek gehört, läßt das Querschiff nur eine halbe Jochbreite über die Breite des Langhauses hinausgehen, während in Garmerwolde und Stedum die Abseiten des Querschiffes nahezu im Grundriß quadratisch sind. Seitenschiffe besitzen diese Kirchen durchgehends nicht. Vermeulen spricht 199 ) im Anschluß an Dehio u. v. Bezold 200 ) die Vermutung aus, daß es sich bei der Erscheinungsform der Saalkirche mit Querschiff um einen Typ handele, der in Verbindung mit westfranzösischen Kirchen entstanden zu denken wäre, daß diese holländisch-friesischen Bauten als verkleinerte Nachahmungen südwestfranzösischer Bauten erschienen. Hierfür spricht in der Tat, vergleicht man einen Bau wie Stedum oder Zuidbroek etwa mit der Kathedrale von Angers (Anjou), vieles, wenngleich die Formgebung der Details gewiß nicht auf diesem Wege erklärt werden kann.

Schon oben wurde bei Erwähnung der achtteiligen Kuppelgewölbe auf stilistische Beziehungen zu Westfalen hingewiesen. In der Tat lassen sich diese Beziehungen auch in der übrigen Formgebung der groningisch-friesischen Kirchenbauten des 13. Jahrhunderts aufzeigen. Zuidbroek und die ihm verwandten Bauten weisen so ziemlich den gesamten Formenapparat auf, der uns bei der westfälischen und angrenzenden mittelrheinischen Bauweise des Übergangsstiles begegnet. Nur sind diese Formen gemäß dem anderen Material und dem fast durchweg nur provinziellen Können der Baumeister einesteils in den Backstein "übersetzt", d. h. zur Kunst der Flächenbehandlung geworden, auf der anderen Seite geht ihnen der kühne künstlerische Schwung der Großbauten ab. Immerhin darf man bei der Beurteilung dieser Bauten nicht ungerecht sein: Kirchen, wie gerade die zu Zuidbroek und die ihr sehr ähnliche, 1872 abgebrochene zu Scheemda-Eexta, wie auch, darf man der Rekonstruktion von C. H. Peters 201 ) folgen, die romanische St. Martinikirche zu Groningen sind fraglos aus wirklich großer Gesinnung und auch unzweifelhaft großem technischen und künstlerischen Können heraus entstanden und lassen sich in ihrer Eigenart nur verstehen aus der Formung in


199) a.a.O. S. 206 und 423.
200) Vgl. Kirchl. Baukunst des Abendlandes II, S. 385.
201) Vgl. die Abb. bei Vermeulen a.a.O. II, Abb. 130.
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der Nachfolge einer bereits früher vorhandenen Ziegelbaukunst.

Im einzelnen sind es mehrere typische Bauformen Westfalens und der Rheinlande, die wir im Groningischen wiedertreffen. Zunächst der Kleeblattbogen, der außer an den Portalen von Zuidbroek und Ten Boer an den Giebeln von Ten Boer, Winschoten und Garmerwolde wiederkehrt, um nur bei den besprochenen Beispielen zu bleiben. Das Zuidbroeker Portal entspricht mit seiner Einsetzung in einen spitzbogigen Blendrahmen weitgehend dem Nordportal an der St. petruskirche zu Recklinghausen 202 ) und dem Nord- und Westportal von St. Jakobi zu Lippstadt 203 ). Die Datierung der betreffenden Bauteile von St. Petrus-Recklinghausen ist etwa auf 1247 204 ), die von St. Jakobi-Lippstadt auf ca. 1240/50 anzusetzen. - Ferner finden wir im Groninger Bezirk die im Rheinland so beliebten Kreisblenden, für die wir aus der Fülle der Beispiele nur auf Groß St. Martin in Köln, auf Maria Laach, auf das ehemalige Dormitorium in Altenberg 205 ) hinweisen. Im Groningerland ist das Kreisfenster in Zuidbroek, Winschoten, Ten Boer, Garmerwolde, Termunten angewendet und unterstreicht, wie etwa in Ten Boer, den Rhythmus des aufgeteilten Mauerkörpers auf eindrucksvolle Weise. Sodann die starke Flächengliederung, die im Gegensatz steht zu der großflächigen, stärkerer Auflockerung der betreffenden Bauglieder nur schwer zugänglichen Behandlung des Mauerwerkes im säch-sischen Bezirk: am Rhein und in Westfalen finden wir das schon in der romanischen Zeit überall. Alles muß in der spätromanischen und Übergangszeit dem Schmuck, der Belebung, Aufteilung, Gruppierung der Mauerwände dienen: Bogen-friese, Flach- und Rundlisenen, einzelne Blendnischen oder Gruppen von solchen, Zwerggalerien und Blendgalerien, Fensteröffnungen, Vielpaßöffnungen oder -blenden: im holländischen Bezirk gaben Kirchen wie die 1224 geweihte der Zisterziensernonnen zu Roermond 206 ) oder die älteren Unserer Lieben Frauen und St. Servatius zu Maastricht 207 ) die besten Vorbilder in bezug auf den rheinischen Formenschatz ab. Mit


202) Kunstdenkmälerinventar der Prov. Westfalen, Bd. 40 a, S. 27.
203) Ebd., Bd. 37, S. 69.
204) Dehio-Gall I, 342.
205) Kunstdenkmälerinventar der Provinz Rheinland V/2, S. 51.
206) Vermeulen Abb. 24.
207) Daselbst Abb. 21 und 22.
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Ihm verbindet sich das typisch backsteinmäßige Spielen mit verschiedenen Arten der Steinsetzung im Fischgräten- oder Flechtmuster zu einem großen Reichtum der Form, der bei der Abgelegenheit des in Frage stehenden Gebietes zweifellos überrascht.

Aber es will scheinen, als genüge die Herbeiziehung westfälischer Vorbilder für den Gewölbebau, solcher aus dem Rheinland und Westfalen für die Mauerbehandlung noch nicht völlig, um die Erscheinung der groningisch-friesischen Kirchen zu erklären. Vielmehr ist es nicht von der Hand zu weisen, daß auch Einflüsse auf die künstlerische Gestaltung von Nordosten auf dem Seewege von Dänemark her nach unserem Gebiete gedrungen sind. Daß tatsächlich zwischen dem friesischen Küstenland und Dänemark Beziehungen bestanden haben müssen, auch solche künstlerischer oder doch wenigstens handwerksmäßiger Art, muß durch das Auftauchen eines absolut groningisch-friesischen Baues wie der Sogn-Kirke in Viborg 208 ) als bewiesen gelten. Mit Recht macht Steenberg auf die überraschenden Übereinstimmungen mit der Formgebung des Kirchleins von Leermens aufmerksam. Es ist nur außerordentlich zu bedauern, daß das Giebelfeld der Chorostwand uns nicht erhalten geblieben ist, es kann kaum bezweifelt werden, daß es dem der groningischen Kirchen sehr ähnlich gesehen haben muß. Und doch ist ein anderer Ton in dem Ganzen, der nur auf die Eigenart eines dänischen Meisters zurückgehen kann. So sehr beide Bauten sich ähneln in Bezug auf die Fünfteilung der Wandfläche, die Verwendung der Dreifenstergruppe, die leichte Anspitzung der drei Fenster im Gegensatz zu den übrigen Bögen, die in der Rundung verbleiben, Anwendung von Rundbogen und Rundlisenen - so wenig entsprechen sie sich in bezug auf den Reliefgrad, der bei Leermens so überaus stark und betont ausgebildet ist, während er in Viborg keinerlei Rolle spielt. Daß aber die Tatsache, daß der Reliefgrad nicht betont wird, in diesem Zusammenhange in der Tat "dänisch" ist, geht aus der Betrachtung von genuin-dänischen Bauten wie Sorø, Kallundborg und Ringsted hervor, die noch vor der großen Einflußwelle liegen, die sich dann in Løgum, Vitskøl und den ältesten Bauteilen des Roskilder Domes seit den 1190er Jahren bemerkbar macht. Ein Blick auf die Gestaltung der Giebelfelder, die uns noch wieder-


208) Vgl. Steenberg a.a.O. S. 157.
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holt zu beschäftigen haben werden, genügt, um die Gegensätzlichkeit der beiden Willensrichtungen zu erfassen. Beide gliedern, beide bedienen sich der Fenster, der Rundstäbe, der Senkrechten. Und doch: von dem Aufreißen des Mauerfleisches, dem tiefen Eindringen in den Körper und dem Durchkneten seiner Teile, dem tausendfach wiederholten Abtasten und Umspielen der Einzelglieder, wie es in Leermens und seinen älteren rheinischen Vorbildern der Fall ist, kann in den Giebelfeldern von Sorø und Ringstedt keine Rede sein: sparsamer Schmuck, kühle Zurückhaltung, "romanisches" Stehenlassen des unberührten Mauerkernes, den man mit einem Netzwerk aus dickwulstigen Rundstäben, die auf dem nackten Mauerfleisch aufliegen, überzieht - das ist hier die Losung. Nicht leidenschaftliches Zerfleischen und Zerstören gilt hier. sondern starkes Bedecken, Beschützen, Bewahren.

Nicht immer jedoch stehen sich beide Prägungen so klar und eindeutig gegenüber, vielmehr gibt es Beispiele für die mehr oder weniger starke Verschmelzung beider. Die Tatsache, daß dies gerade in Bezug auf einige Bauten unseres holländisch-groningischen Gebietes gilt, gibt Anlaß zu der Vermutung, daß, wie oben angedeutet, die Herübernahme von gewissen Formen und Auffassungen nicht nur den gewöhnlichen west-östlichen, sondern in Einzelfällen auch den ost-westlichen Weg gegangen ist. An einem Beispiel wollen wir klar zu machen versuchen, was gemeint ist. Wieder handelt es sich um die Giebelform, und zwar eine, die in dieser präzisen Ausformung am nördlichen Querschiff in der Domkirche zu Ripen bereits Mitte des 12. Jahrhunderts zuerst auftritt und während einer mehr als hundertjährigen Geschichte des Giebels an gewissen Orten im Prinzip unverändert vorkommt. Gemeint ist die Form, für die soeben als Beispiele Sorø und Ringsted angeführt wurden. Typisch ist für diese Form, daß eine völlig glatte Giebelfläche, die gelegentlich durch Fischgrätenmuster oder Flechtwerk belebt ist, an den zwei Dachkanten von einem steigenden Bogenfries gerahmt wird, und daß von den unteren Endigungen der Bogen, meist alternierend, senkrechte Rundstäbe nach unten führen, wo sie, meist durch Verkröpfungen mit ihm verbunden, auf den den Giebel unten begrenzenden Rundstab, ein Gesims oder dergleichen aufstoßen. Das Bezeichnende ist also hier, daß die völlige Flächigkeit bewahrt bleibt und das Stabwerk nur einen einfachen, stabgitterartigen Überzug bildet. Von Ripen aus können wir dieses Motiv, wenn dies schon

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vorweggenommen werden darf, über Ringsted (seit ca. 1160) (Abb. 43), Sorø (um 1165), Ratzeburg-Querhaus (ca. 1180/1200) (Abb. 33), Ratzeburg-Vorhalle (ca. 1200/1215) (Abb. 32) und Riga-Dom (1215) (Abb. 34) bis nach Neukloster verfolgen. In ähnlicher Form, aber nicht mit Rundstäben, sondern schmalen, kantigen Lisenen tritt der Giebel in Carlow b. Ratzeburg 209 ) (wahrscheinlich vor 1230) auf, wieder mit Rundlisenen ca. 1240/45 in St. Nikolai in Treuenbrietzen 210 ), 1251 in Stift Börstel (Hann.) 211 ). Das in diesem Zusammenhang Entscheidende ist jedoch, daß wir das Motiv in einzelnen Beispielen auch im Groninger Gebiet finden, und zwar in der reinen Ausformung in Zuidbroek und Garmerwolde am nördlichen Querhaus und, in Verbindung mit dem eigentlich groningisch-friesischen Motiv, am Ostgiebel (Abb. 39) von Winschoten. Zeitlich handelt es sich, wie wir sahen, um Bauten etwa der dreißiger bis fünfziger Jahre des 13. Jahrhunderts. Der Fall Winschoten ist deshalb besonders interessant und lehrreich, weil beide Typen hier in völlig klarer Ausformung neben- und ineinander liegen. Auch diese Tatsache des Ineinander mag als Beweis für die Behauptung gelten, daß es sich bei Winschoten in der Tat um das Ende einer Entwickelungsreihe handelt, wenigstens was den hier in Betracht gezogenen engen Bezirk betrifft. Daß also von Dänemark ausgehende Einflüsse hier ihre Hand im Spiele haben, dürfte nach dem vorliegenden Material nur schwer bezweifelt werden können.

Es wird deutlich geworden sein, daß es sich bei den groningisch-friesischen Kirchen um eine in sich geschlossene Gruppe von Bauten handelt, die nur in einzelnen Fällen sich über rein provinzielle Bedeutung herausheben. Den wesentlichen Formenschatz erhielten sie aus dem rheinisch-westfälischen Bezirk, in beschränktem Maße fand ein Austausch mit dänischem Ideengut statt. Die hier in Frage kommenden Bauwerke liegen jedoch auch zeitlich so, daß sie, wie wir später noch genauer begründen werden, als Anreger für die Bauten Neuklosters nicht in Frage kommen können. Vielmehr muß gesagt werden, daß es sich bei der groningisch-friesischen Gruppe um eine im Material begründete Parallelentwickelung zur dänisch-norddeutschen handelt. Beide sind echt backsteinmäßig gebaut, ihre überkommenen Hausteinformen sind in den Back-


209) Vgl. Anm. 238.
210) Hamann, Lehnin, Abb. 79.
211) Innentar Hannover IV, 3, Abb. 95.
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stein umgedacht, und beide führten, da der Werkstoff spröde ist, zu ähnlichen Ergebnissen, die auf den ersten Blick auch auf eine unmittelbare stilistische Verwandtschaft schließen lassen. Seine weitere große Entwickelung hat der Backsteinbau jedoch fast ausschließlich in Norddeutschland gefunden, wo uns, zumal in der Mark Brandenburg, eine Überfülle köstlichster und von sprühendem Ideenreichtum zeugender Denkmäler erhalten geblieben ist 212 ).

2. Zisterziensische Vorbilder?

Im geschichtlichen Teil sahen wir, daß Neukloster nicht von vornherein ein Zisterzienserinnenkloster war, sondern daß die Nonnen zunächst nur nach der benediktinischen Regel lebten und die zisterziensischen Gewohnheiten erst nach dem Konzil von Lyon, 1245, annahmen. Damit scheint im Widerstreit zu liegen, daß der Bau der Kirche mit seiner schlichten Turmlosigkeit nun in der Tat auf den ersten Blick irgendwie "zisterziensisch" aussieht. Diese Schwierigkeit zu klären, wollen wir uns im Folgenden bemühen, wenn auch die eigentliche Lösung erst durch Betrachtung des westfälischen Kirchenbaus erfolgen kann 213 ).

Schon Holtmeyer hat festgestellt 214 ), daß das einzige, was bei den Nonnenkirchenbauten eine besondere Entwickelungsmöglichkeit geboten habe, die Nonnenempore gewesen sei, und wir selbst haben in dem Kapitel über das Frauenkloster den Gegensatz "Männerkloster-Frauenkloster" formuliert und weniger Gegensätze in der Bauweise der weiblichen Zweige der verschiedenen Orden gesehen. Es muß nun allerdings gesagt werden, daß eine Eigentümlichkeit der Zisterzienser-Mönchsbauten, die sie in Gegensatz zu den Benediktinern stellt, auch auf die weiblichen Zisterzienserbauten übergegangen ist, in der Folgezeit aber auch auf fast alle anderen Nonnenbauten: die


212) Abbildungsmaterial zu den groningisch-friesischen Bauten findet sich in den Tafelbänden zu Dehio und v. Bezold, "Kirchl. Baukunst des Abendlandes": ferner Ysendick: Documents de I'art dans les Pays-Bas, Brüssel, 1880-89, mit Supplementband, Utrecht 1905-14; Kloot-Mejburg: Onze ouden dorpskerken, Rotterdam 1912; "Die Denkmalpflege" 1913 S. 26 ff; Ztschr. f. Denkmalpflege 1929, S. 108 ff; C. H. Peters: Oud Groningen Stad en Lande, Groningen-s'Gravenhage 1921; Vermeulen: Handboek I, Tekst en Platen, 1928.
213) Vgl. unten S. 169 ff.
214) a.a.O. S. 306.
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Turmlosigkeit und die prinzipielle allgemeine Einfachheit in der Bauausführung. Da letztere aber, zum mindesten für die Zeit der Romanik und Frühgotik, im Backsteingebiet schon durch die Art des Baumaterials gegeben erscheint, so ist es nicht leicht zu scheiden, was "nordisch", was "zisterziensisch", was "backsteingemäß" ist; denn es wird auch für unseren Bezirk in ähnlicher Weise gelten, was F. Vermeulen 215 ) für den holländisch-friesischen Bezirk in Bezug auf die Zisterzienser und Ihre Eigenart gesagt hat: "Er moet in het sobere, praktische karakter der Cisterciensen toch wel iets gelegen hebben, dat paste bij onzen landaard, en waardoor de bevollking der Nordsee-kusten zich tot deze monniken aangetrokken voelde. Omgekeerd zal dit waterland, met zijn eenzame, onontgonnen oorden, maar ook met zijn aanslibbingen en polders, mer zijn uitzicht op aanzienlijk grondgewin en med zijn geharde, arbeidzame bewoners, een begeerenswaard gebied zijn geweest voor kloosterlingen, in wier orderegelö naast boetpleging en versterving, handenarbeid en landbouw een eerste plaats innamen." Die verschiedenen inneren Intentionen und Möglichkeiten des Landes sowohl als auch der Bewohner, des Baumaterials und der Ordensregel verschmelzen sich also in diesem Falle, verbrüdern sich, um aus dem Gemeinsamen heraus etwas Großes und Neues zu schaffen. Ähnliches gilt ja auch für die Zisterzienserkunst im allgemeinen, von der A. de Dion sagt, sie habe sich, wie auch die jesuitische, unabsichtlich, wie von selbst herausgebildet 216 ), dadurch nämlich, daß der Orden als solcher den erfinderischen Geist seiner Baumeister in gewisse Schranken gewiesen habe. "Mais comme les architectes et les contremaîtres étaient presque toujours des frères; comme en 1135 Saint-Bernard envoya Archard, maître des novices de Clairvaux, inspecter les constructions des monastères français et allemands; comme le chapitre général continua á surveiller et á diriger chaque monastère, il se torma rapidement une tradition, qui donna un caractère uniforme á toutes ces constructions."

Es kann in der Tat nicht geleugnet werden, daß Einflüsse von zisterziensischer Seite beim Kirchenbau in Sonnenkamp möglich gewesen sind, direkte sowohl als auch indirekte. Man


215) a.a.O. S. 161 f.
216) Etude archéologique sur l' abbaye de Notre-Dame des Vaux de Cernay. Publication de la Sociéte Archéologique de Rambouillet, Bd. XVIII, S. 13.
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muß sich die Situation klar vor Augen stellen, in der Gründung und Aufbau des Klosters vor sich gingen. Das Land war ringsum "voll Schrecken und grausen Einöden", es war die Zeit, in der nach und nach in unserem Gebiete die ersten Städte aufwuchsen. Die Nachbarschaft, an die die Nonnen von Sonnenkamp sich halten konnten, war anfangs im wesentlichen Doberan, das dem Zisterzienser-Orden angehörte und gleich Neukloster vom Fürstenhaus stark gefördert und beschützt und mit Vorrechten bedacht wurde. So erscheinen denn auch der Doberaner Abt und dortige Mönche in zahlreichen Fällen in Urkunden, die Neukloster betreffen, als Zeugen. Wir sprachen schon früher von der Wahrscheinlichkeit, daß Doberan nicht unbeteiligt daran war, daß Sonnenkamp 1245 die consuetudines Cisterciensium annahm und 1254 in die Gemeinschaft der guten Werke des Zisterzienser-Ordens aufgenommen wurde. Da aber Doberan selbst bis 1232 an seiner Kirche baute 217 ), so ist es um so wahrscheinlicher, daß zwischen beiden Bauvorhaben gewisse Beziehungen bestanden haben. Dies wird durch folgende Tatsache fast zur Gewißheit: in Doberan wurde bei den Restaurierungsarbeiten 1892/94 eine Reihe von geformten Backsteinen gefunden, die sich am heutigen Bau nicht unterbringen lassen und die von der alten Kirche von 1232 stammen müssen. Einige von ihnen 218 ) ähneln aber solchen, die in Neukloster gefunden wurden, ganz auffallend, während zwei Stücke in der Form mit den Neuklosterer Exemplaren fast völlig übereinstimmen.

Allerdings war es den Zisterziensern in Doberan durch die Ordensbauvorschrift 219 ) untersagt, Bauleute zu Nicht-Ordensbauten zu entsenden, und Sonnenkamp war ja eine Benediktinerinnensiedelung unter Aufsicht des Bischofs von Schwerin. Doch könnte vielleicht gerade das Verbot darauf schließen lassen, daß ein solches Entsenden hin und wieder vorgekommen ist und wohl am ehesten in solchen Gegenden, in denen die Bevölkerung noch dünn und wenig kultiviert, das Zisterzienserkloster aber einer der wenigen Kulturmittelpunkte war, an denen sachverständige Kräfte zum Aufführen größerer Bauten zu bekommen waren. So bleibt es, sieht man nur auf das Allgemeine, bei Feststellungen, die weder nach der einen,


217) M.U.B. 406. Schlie a.a.O. III, S. 556.
218) Abb. Schlie a.a.O. nach S. 564, Nr. 24, 25, 27 und 28.
219) Rüttimann, H.: Der Bau- und Kunstbetrieb der Cisterzienser, Freiburg/Schweiz 1911.
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noch nach der anderen Seite hin eindeutige Durchschlagskraft besitzen, und wir werden, wie schon oben angedeutet, die Frage erst im westfälischen Zusammenhang weiter verfolgen können.

Auf das Turmproblem und die Frage der Gestaltung der Ostpartie werden wir bei der Behandlung des Grundrisses noch einzugehen haben.

3. Der Dom zu Güstrow.

Der Dom zu Güstrow weist in Chor und Querhaus einige Ähnlichkeiten mit Neukloster auf. Da wir eine erste Urkunde über den Dom vom Jahre 1226 haben, die vom Sohne Heinrich Borwins I., Heinrich von Rostock, dem Mitbegründer Sonnenkamps, ausgestellt ist, liegt es nahe, nach etwaigen Zusammenhängen zwischen beiden Kirchen zu fragen und sie gegebenenfalls für die Fixierung der Baugeschichte Neuklosters auszuwerten.

Sowohl Reifferscheid 220 ) als auch Schmaltz-Gehrig 221 ) sind bei der Auswertung der vorhandenen Urkunden zu dem Ergebnis gekommen, daß die Gründung des Domstiftes Güstrow mit der Absicht eines erstmaligen völligen Neubaues der Domkirche durch die Stiftungsurkunde von 1226 stattgefunden habe 222 ) und daß die These von F. E. Koch 223 ) und F. Schlie 224 ), es handele sich um die Gründung eines Domstiftes bei einer schon vorhandenen älteren Kirche, nicht aufrechterhalten werden könne. Dieser Ansicht hat sich neuerdings auch Helmuth Eggert 225 ) angeschlossen. In Bezug auf die Datierung von Chor und Querschiff allerdings gehen die Meinungen auseinander. Da die Übereinstimmungen zwischen Güstrow und Sonnenkamp gerade in einer Verwandtschaft der Stilstufe (nicht so sehr der Details) des nördlichen Querhauses im Gegensatz zum südlichen liegen, müssen wir uns mit dieser Frage kurz auseinandersetzen.


220) a.a.O. S. 172.
221) K. Schmaltz-Oskar Gehrig: Der Dom zu Güstrow, Güstrow 1926, S. 10.
222) M.U.B. 323.
223) Zur Baugeschichte des Doms zu Güstrow, in Meckl. Jahrb., Jg. LVI, S. 63 ff.
224) a.a.O. IV, S. 187/188; 197; 202.
225) Der Dom zu Kammin, Diss. Greifswald, 1935, S. 52 ff. Anderer Ansicht ist Hoffmann, Meckl. Jahrb. 94, S. 115 f.
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Aus einer Urkunde von 1243 226 ) geht hervor, daß der Ritter Heinrich Grube "unum tremodium ad luminaria ecclesie, ad edificia ecclesie secundum" bestimmt. Eggert interpretiert dies wohl richtig dahin, daß man annehmen müsse, es sei zu einem Zeitpunkt, in dem bereits Geld für die Beleuchtung der Kirche gestiftet werde, der Bau schon zu einem gewissen Abschluß gelangt. Dasselbe hatten schon früher Schmaltz-Gehrig 227 ) aus dieser Urkunde herausgelesen und gefolgert, daß der Chor vollendet gewesen sei. In einer Urkunde vom 11. 7. 1246 228 ) bestätigt Papst Innozenz IV. das Statut des Güstrower Stiftes mit der Maßgabe, daß die Stiftsherren, die sich nicht an die Residenzpflicht halten, ihrer Einkünfte verlustig gehen sollten. Und am 20. 8. 1246 werden die Kanoniker angewiesen, in Güstrow zu residieren 229 ). Daraus folgert Eggert, wiederum zweifellos richtig, man habe einen solchen Befehl nur erlassen können, "wenn der Güstrower Kirchenbau einigermaßen zu einem Abschluß gekommen war, den Kanonikern also wirklich Gelegenheit gegeben war, ihre an die Kirche gebundenen gottesdienstlichen Pflichten zu erfüllen", und weiter, daß es demnach ziemlich feststehe, daß die erste Bauperiode (seit 1226) zwischen 1243 und 1246 abgeschlossen worden sei. Auf die Frage, welche Bauteile hier in Frage kommen können, geht Eggert in diesem Zusammenhange noch nicht ein.

1275 hören wir von der Stiftung zweier Vikarien an zwei Altären 230 ). Schmaltz-Gehrig vermuten, daß es sich dabei um Altäre im Querhaus handele; dieses habe man sich, wenn auch ohne Wölbung, demnach 1275 schon als in Gebrauch genommen vorzustellen. Dann fehlen auf den Bau bezügliche Nachrichten bis 1293, wo wir erfahren, daß Propst Gottfried in seinem Testament einen Betrag zur Vollendung der noch unfertigen Kirche bestimmte 231 ). 1303 232 ) und 1306 233 ) hören wir wiederum vom Bau der Kirche. Die Weihe des ganzen Baues fand vermutlich 1335 statt 234 ).


226) M.U.B. 547.
227) a.a.O. S. 11.
228) M.U.B. 584.
229) M.U.B. 585.
230) M.U.B. 1371.
231) Daselbst 2221.
232) Daselbst 2867.
233) Daselbst 3103.
234) Eggert a.a.O. S. 57 f.
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Schon F. E. Koch hatte auf Beziehungen stilistischer Art zwischen Güstrow und dem Dom zu Kammin aufmerksam gemacht 235 ). Diesen Zusammenhängen ist Eggert nachgegangen und hat in höchst interessanten Darlegungen die Verbindung des Kamminer Baus mit den Domen von Hamburg und Bremen und darüber hinaus mit Münster und Osnabrück nachgewiesen. Er fragt nun im weiteren, welcher Teil des Güstrower Domes zur Baugruppe Hamburg-Kammin gehöre. S. 56: "Übereinstimmende Stilelemente sind die schlanken Dreifenstergruppen, die Gewölbedienste des Nordquerschiffes, das achtrippige Domikalgewölbe im westlichen Chorjoch und die von Rundstäben begleiteten Gurtbögen. Nach dem Vorgang von Hamburg und Kammin kann man diese Teile erst nach 1250 datieren. Für die festgestellte erste Bauzeit von 1226 bis 1246 kommt sie also nicht in Frage. Für diesen Bauabschnitt bleibt nur die Vierung und der südliche Querschiffarm. Bestätigt wird diese Ansicht durch den sehr schlechten Ansatz der Gurtbögen auf den Vierungspfeilern." "Für die zweite Bauzeit bleiben also die Gurtbögen der Vierung, das nördliche Querschiff und die beiden Chorjoche." Die Datierung dieser Teile, die urkundlich nicht gesichert sei, müsse zwischen 1246, dem Abschluß der ersten, und 1293, dem Beginn der letzten Bauzeit liegen.

Diese Betrachtung der Dinge würde die höchst sonderbare Lage ergeben, daß ein Domstift seine Kirche in der Weise zu bauen beginnt, daß zunächst das südliche Querhaus in Angriff genommen wird, das möglicherweise flach gedeckt gewesen wäre und in das die Fenstergruppen wahrscheinlich erst später hineingebrochen worden wären. Das Portal im Süden ist ausgesprochen fortschrittlich-frühgotisch, während wir in dem späteren, "zwischen 1246 und 1293" anzusetzenden Bauteil des nördlichen Querhauses ein ausgesprochen spätromanisches Portal hätten. Neben dem südlichen Querhaus hätten wir uns dann nördlich "die Vierung" zu denken, jedoch ohne die Gurtbögen, d. h. neben dem südlichen Querhaus in einer Entfernung von ca. 9 m zwei einsam aufragende Vierungspfeiler.

Eine solche Situation ist doch wohl nur sehr schwer denkbar. Abgesehen davon, daß es ganz allgemein üblich war, eine Mönchs- oder Chorherrenkirche mit dem am nötigsten gebrauchten Teil, dem Chor, zu beginnen, sprechen in der Tat die stilistischen Unterschiede zwischen Nord- und Südportal


235) Meckl. Jahrbücher LVI, S. 65 f.
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schlagend gegen diese Auffassung Eggerts. Die Tatsache, daß der Ansatz der Gurtbogen auf den Vierungspfeilern sehr schlecht ist, erscheint als Begründung nicht ausreichend. Ebensogut kann es sich hier um die Ausführung einer anderen Art von Gewölben handeln, als sie ursprünglich beabsichtigt waren. so daß sie nun teilweise etwas unvermittelt auf den Gewölbediensten sitzend erscheinen. Andererseits aber wird man sich den Erkenntnissen Eggerts über die Zusammenhänge der Kamminer und Güstrower Fenstergruppen mit Hamburg-Bremen bzw. Münster-Osnabrück kaum verschließen können. Am ehesten wird die Sachlage wohl dadurch geklärt, daß man annimmt, daß es sich in Güstrow und Kammin nicht um ein Tochter-, sondern um ein Schwester-Verhältnis handelt, in dem diese beiden Bauten zu Hamburg stehen, vielleicht sogar um ältere Schwesterbauten, die, von Billerbeck, Münster und ähnlichen Bauten ausgehend, durch direkt von Westfalen mit der allgemeinen Kolonialbewegung hierher gekommene Kräfte errichtet worden sind. Die später zu erörternde Sachlage in Neukloster würde diesen Tatbestand nur bestätigen. Damit würde, zum mindesten für Güstrow, eine Rücksichtnahme auf die späte Datierung von Hamburg und Osnabrück hinfällig werden, und es könnte, mit den Umfassungsmauern von Chor und Querschiff im Norden nicht lange nach 1226 beginnend und anfangs nur langsam gefördert, der Bau der Ostteile bis ca. 1246 fertig gewesen sein. Dafür, ob wir uns im Querhaus auch ursprünglich Domikalgewölbe vorzustellen haben oder nur eine vorläufige Flachdecke, existieren keine Anhaltspunkte. Für das Chorostjoch werden wir das Gewölbe nach Analogie des Westjoches annehmen dürfen. F. E. Koch 236 ) und mit ihm Reifferscheid 237 ) nehmen an, daß es später der gotischen Erweiterung zum Opfer gefallen sei.

Die Übereinstimmungen zwischen Sonnenkamp und Chor und Querhaus des Domes zu Güstrow sind offensichtlich, aber doch nur mehr allgemeiner Natur. Die Proportionen der Giebelwände entsprechen sich völlig, selbst die Abmessungen weichen nur ganz geringfügig voneinander ab. Die Dreifenstergruppen kehren in Neukloster in der Chorostwand wieder, auch sind die Fensterrücksprünge in vielen Fällen durch eingelegten Rundstab bereichert. Die Fenster sind im allgemeinen in Gü-


236) a.a.O. S. 75.
237) a.a.O. S. 177.
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Mecklenburgische Kirchen der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts
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strow schmaler und weit stärker zugespitzt als in Neukloster. Die Rundbogenportale ähneln sich sehr stark, allerdings ist das Güstrower um einen Rücksprung und Rundstab reicher, auch weichen Kämpfer- und Sockelbildung voneinander ab. Beiden Bauten ist auch das Lisenensystem und die Verwendung der Rundbogenfriese gemeinsam, wie auch die Mauerung im wendischen Verband. Die Giebelbildung jedoch wie auch die Formen sämtlicher typischen Details haben nichts miteinander zu tun. Die Ähnlichkeiten beschränken sich auf die allgemeine Zeitstufe, wobei den Neuklosterschen Formen im allgemeinen eine größere Herbe und Gehaltenheit zukommt, die ein noch stärkeres Festhalten am Alten dokumentieren und aus anderen Zusammenhängen erklärt werden müssen.

4. Kirchen der mecklenburgischen Umgebung Neuklosters.

Eine Gruppe von Kirchen, die im Kern aus den Bauten von Rühn, Rehna (Abb. 18 und 44), Neuburg (Abb. 45) und Neubukow (Abb. 24) besteht und zu der sich später noch einige andere Bauten hinzugesellen, weist mit dem neuklosterschen Bau mancherlei Übereinstimmungen auf, wenn sie auch sämtlich an Vielfalt und Aufwendigkeit hinter Sonnenkamp zurückbleiben. Die Einzelheiten gehen aus der als Beilage gegebenen Übersicht hervor, der noch die datierten Kirchen von Marlow und Döbbersen bei Wittenburg, ferner auch Wittenburg selbst, Carlow im Lande Ratzeburg, Klütz, Proseken und der ältere Bau des Schweriner Domes hinzugefügt sind.

Gleichheit herrscht bei sämtlichen Bauten in Bezug auf die allgemeinen Formungen: alle haben das Lisenensystem, bei allen ist Scharrierung der hervorgehobenen Bauteile festzustellen, alle haben bereits auch spitzbogige Fenster, alle Rundstäbe in verschiedener Verwendung, an Fenstern bzw. Portalen. Bei allen Bauten findet sich der sogenannte wendische Verband, überall der Gebrauch von Glasur. Der Chorschluß ist allgemein flach, das Steinformat 27,5 (26)-29,5 X 8,5-9,5 X 13-14 cm. Außer in dem hierin ganz absonderlichen Döbbersen ist überall, soweit überhaupt erhalten, die Dreifenstergruppe verwendet, zum mindesten an der Chorwand. Gemeinsam sind allen Bauten auch Konsolen, meist glasiert und als Träger des Rundbogenfriese dienend, während sie in Neukloster selbst wie auch in

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Carlow (Ratzeburg) 238 ), Brüssow und Strasburg (Kr. Prenzlau) 239 ), desgleichen in Brohm 240 ) die doppelten oder dreifachen Blendbögen abzufangen haben, die hier die Zwei- oder Dreifenstergruppen zusammenschließen. In Mölln (Lauenb.) 241 ) und Fürstenwerder (Uckermark) 242 ) sind diese Fensterblenden-Konsolen noch reicher als Doppelkonsolen gebildet.

Das Querhaus ist als besondere Auszeichnung Neukloster vorbehalten, dagegen treten Seitenschiffe auch in Neuburg und Marlow auf, und zwar im Norden und Süden, während Neukloster sich mit einem einzigen, nördlichen, begnügt.

Das Dreieckskapitäl an den Rundstäben im Portalgewände ist der ganzen Gruppe mit Ausnahme von Wittenburg und Carlow eigentümlich, es findet sich außerhalb dieser Gruppe nur vereinzelt, wie etwa in Plau, und darf als besonderes Kennzeichen angesprochen werden. Dem dänischen Trapezkapitäl verwandt, erscheint es doch konsequenter und in sich geschlossener als dieses. Vorbilder für diese Ausformung gab es in unserem Gebiet in der Ratzeburger Vorhalle, wo das Dreieckskapitäl am Mittelpfeiler auftritt.

Die Entstehung des Dreieckskapitäls erhellt aus einer Zusammenstellung von Reststücken (teilweise abgebildet bei Schlie II, 541) des alten Schweriner Domes im Museum zu Schwerin: der zuerst beim Backsteinbau noch zu Ziergliedern verwendete Haustein ist zu einem stark plastisch durchgearbeiteten Kelchkapitäl mit Knospen gestaltet worden: der Kelch öffnet sich in Dreiecksform mit der Spitze nach unten. In ähnlicher Weise ist die Verarbeitung zuerst noch in glasierten Ziegel übertragen, wie auch die Südportale von Gadebusch und Schwerin das Hausteinmotiv des gedrehten Wulststabes in Backsteinmaterial aufweisen. Ein weiterer Schritt der Entwickelung führt zu einer Vereinfachung der in den Backstein übertragenen Hausteinform, wobei die Dreiecksform immer deutlicher erscheint, während die Knospenblätter fast völlig verschwinden. Den Endpunkt der Entwickelung zeigt das Kapital am Schweriner Domportal und an den Portalen sämtlicher Kirchen dieser Gruppe. In ähnlichem Entwickelungsgang dürften Kapitäle wie die der Pfeiler von Gadebusch, Klütz, Neu-


238) Innentar Holstein Bd. VI, S. 133 und 335.
239) Inv. derProv. Brandenburg, Bd. III, 1, S. 22 bzw. 343.
240) Inv. von Meckl.-Strelitz Bd. I, 2, S. 455.
241) Inv. Lauenburg S. 115.
242) Inv. Brandenburg, Bd. III, 1, S. 57.
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bukow und Ratzeburg entstanden sein. - Das an den Portalrundstäben der Ratzeburger Vorhalle und des dortigen Hauptbaues auftretende Klauenkapitäl ist dagegen an unseren Bauten nicht verwendet, wenn auch das Chorsüdportal von Neubukow deutliche Nachklänge davon aufweist (Abb. 24) und auch selbst das Kapital des Eckstabes am nordwestlichen Vierungspfeiler von Neukloster damit im Zusammenhange stehen mag.

Sind die Fenster bei all diesen Bauten mit Ausnahme von Döbbersen bereits gespitzt, so hat sich diese Spitzung, die von den technischen Bedürfnissen der Gurtbogengestaltung zuerst eingeleitet wurde, in den unteren Teilen der Bauwerke, an den Portalen, erst langsam durchgesetzt, am spätesten wohl und durchaus nicht allgemein an den Bogenfriesen. In Neukloster, Rehna, Neuburg, Döbbersen und Wittenburg finden sich Rundportale, während die Portale in Schwerin, Proseken, Neubukow, Klütz und Marlow bereits spitz sind. Die Arkadenbogen in Neukloster, Neuburg und Marlow sind dagegen noch rund und schwer gedrückt.

Ganz eng verwandt sind zweifellos die Portale von Neubukow und Proseken (Abb. bei Schlie II S. 322), die beide spitz und in teilweise glasierten und oben abgetreppten vorgeblendeten Mauerkern eingesetzt sind, auch beide außer Rundstäben mit Dreieckskapitäl die Zahnkante im Türsturz aufweisen, die, bereichert durch das Schellenornament, auch an den Nonnenchortüren (Abb. 12) von Neukloster auftritt. Auch die Gewohnheit, zwei Schichten glasierte mit zwei Schichten unglasierter Ziegel an den Schmuckstellen abwechseln zu lassen, ist Neubukow und Proseken vorzugsweise gemeinsam. Dagegen findet sich eine Flachschicht außer in Neukloster nur noch in Klütz, Marlow und Wittenburg.

Den besonderen Schmuck Neuklosters, das Stabwerk am Ostgiebel, finden wir in der gesamten Umgebung in dieser Ausformung nicht. Eine ähnliche Form weisen die Ostgiebel von Wittenburg (Abb. bei Schlie III, S. 53) und Carlow (vgl. Anm. 238) auf: die Flachlisene, die den Giebel senkrecht gliedert. Doch ist in diesen Fällen eine Entwickelung aus einer Reihe von Blendbögen des Giebelfeldes ebensowohl denkbar, zumal diese eckigen Lisenen noch weit mehr dem Körper des Giebelfeldes anzugehören scheinen, als das bei Rundlisenen der Fall ist. Immerhin muß es zu denken geben, daß gerade das im ratzeburgischen Lande gelegene Carlow, wie schon erwähnt, noch eine weitere Eigentümlichkeit Neuklosters ebenfalls auf-

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weist, die es sonst in der ganzen Gegend des mittleren und westlichen Mecklenburg nicht wieder gibt: die Konsolen, die zwischen den Fenstern der Dreifenstergruppe zwei Endigungen der dreifachen Spitzbogenblende abfangen. Diese Tatsache verdient unsere besondere Aufmerksamkeit besonders deshalb, weil wir gesehen haben, daß auch noch andere Verbindungsfäden ins Ratzeburgische bzw. nach Ratzeburg selbst hinüberführen.

Mit Neubukow endlich- und mit ihm allein-verbindet Neukloster noch eine bezeichnende Einzelform, die wiederum nach Ratzeburg, und zwar nach der Vorhalle hinüberreicht: das Fischgrätenmuster (opus spicatum) (Abb. bei Schlie III, 484).

Was das Gewölbe anlangt. so finden sich gratige Gewölbe außer in Neukloster selbst im Chor von Neuburg, in Proseken, Klütz und Döbbersen. Rühn ist durchaus flach gedeckt, desgleichen das Schiff von Neukloster und Neuburg. Die übrigen Bauten haben ihre Rippengewölbe z. T. erst später bekommen.

Die Datierung aller dieser in der Einzelform mit Neukloster mehr oder weniger verwandten Kirchen begegnet großen Schwierigkeiten. Als feststehend können nur zwei sehr späte Bauten gelten: Marlow mit 1244 243 ) und Döbbersen mit 1255 244 ). Das Weihedatum des älteren Schweriner Domes vom 15.6.1249 verliert dadurch etwas an Wert, daß nicht feststeht, wie lange vor dieser Weihe der Teil mit dem erhaltenen Südportal etwa schon fertiggestellt gewesen ist. Erinnert man sich an die Verwandtschaft mit Gadebusch und hält man mit Reifferscheid an der Entstehung der Gadebuscher Kirche nicht allzu lange nach 1203 fest 245 ), so möchte man geneigt sein, das Portal verhältnismäßig viel früher als die Weihe, etwa um 1225 anzusetzen. Dazu käme, nimmt man gleichfalls mit Reifferscheid 246 ) die Entstehung der ältesten Teile der Kirche in Rehna vor der zwischen 1230 und 1236 erfolgten Klostergründung an, dieser Bau wenigstens mit einem terminus ante quem, der immerhin schon weiterhelfen kann.

In bezug auf die übrigen Bauten tappt man, was das Urkundenmaterial angeht, ziemlich im Dunkeln. Neuburg wird


243) Reifferscheid S. 154; Meckl. Jahrb. XXIV, S. 345; Schlie, I, S. 398-400.
244) M.U.B. 752.
245) Reifferscheid S. 77.
246) Daselbst S. 35 f; Meckl. Jahrb. XV, 287 ff: Schlie, II, 430 ff.
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1219 erstmalig als Kirchdorf erwähnt 247 ), Carlow 1230, Proseken 1222; Rühn wurde gegründet 1232, Rehna, wie gesagt, zwischen 1230 und 1236, Neubukow erwähnt erst um 1260 248 ) - es wäre ein Spiel mit Möglichkeiten, wollte man den Versuch machen, an diese Zahlen anknüpfend die Bauten zu datieren. Immerhin steht für einige der Bauten somit wenigstens ein Datum ante quem non fest, so für Neukloster und Rühn, für Schwerin wenigstens ein terminus post quem non.

Als Ergebnis unserer Betrachtung können wir folgendes buchen: in der näheren und weiteren Umgebung Neuklosters gibt es, westlich bis nach Ratzeburg hin, eine größere Gruppe von Kirchen, von denen Neubukow und Marlow am weitesten nach Osten vorgeschoben sind, die untereinander und mit dem Bau von Neukloster mannigfache Übereinstimmungen aufweisen. Marlow, das nicht im engeren Sinne zu dieser Gruppe gehört, ist wegen der festen Datierung mit in die Betrachtung einbezogen worden. Von diesen Bauten ist, abgesehen von dem nur in Resten erhaltenen Schweriner Dom, Neukloster der weitaus monumentalste, während es sich bei den anderen um Kloster-, Stadt- oder Dorfkirchen minder großer Bedeutung handelt. Neuburg und Neukloster, beide in der Urkunde von 1219 erstmals erwähnt, besitzen gemeinsam das früheste Datum der ganzen Gruppe, wenn man aus dieser Erwähnung auch noch nicht ohne weiteres auf eine Bauvornahme, wenigstens nicht monumentaler Art, schließen darf. Das späteste, aber dafür feste Datum liegt bei Döbbersen: 1255, wenn man die vielleicht zufällig so spät fallende erste Erwähnung Neubukows von 1260 außer Betracht läßt. Zwischen 1219 und 1255 wird also die Errichtung der in Frage stehenden Bauten zu denken sein. Als Mittelglied, an das sich eine stilkritische Betrachtung halten kann, darf Marlow mit dem Datum 1244 gelten.

Bei allen diesen Erwägungen wird fraglos klar, daß der Bau von Neukloster in irgendeinem Sinne dieser Bautengruppe zugehört, sei es, daß er als einer der frühesten Bauten auf die übrigen stilbildend eingewirkt hat, sei es, daß er gewisse formale Ausprägungen, die im Lande bereits geläufig waren, seinerseits übernommen hat. Es erübrigt sich, die oben bereits genannten Übereinstimmungen hier nochmals zusammenzustellen; dagegen muß betont werden, daß trotz dieser Übereinstimmungen in vielen Einzelheiten noch so viel


247) M.U.B. 254.
248) M.U.B. 874.
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Unterschiedliches an dem neuklosterschen Bau den übrigen Bauten des Landes gegenüber bleibt, daß er seine Erklärung als ein aus der ländlichen Umgebung seines Bezirkes erwachsenes Werk nicht finden kann. Sowohl die großzügige Gesamtanlage, die festliche Höhe und Weite des Baues, als auch so bedeutsame Einzelformen wie Rundstabwerk, Fischgräte, Fensterkonsolen, Schellenornament und anderes mehr weisen aus dem engen mecklenburgischen Gebiet hinaus in größere Zusammenhänge kunstgeschichtlicher Entwickelung.

5. Neukloster und Ratzeburg.

a) Der Dom zu Ratzeburg.

Des Domes zu Ratzeburg wurde schon verschiedentlich Erwähnung getan, und in der Tat wird man bei der Betrachtung des neuklosterschen Baues immer wieder auf ihn zurückkommen müssen. Auch bei Steenberg taucht der Name Neuklosters im Zusammenhange mit dem von ihm herausgestellten Ratzeburger Meister mehrfach auf 249 ). Diese hier anscheinend bedeutsame Kirche soll uns etwas näher beschäftigen.

Wir haben es beim Ratzeburger Dom mit einer gewölbten, kreuzförmigen Pfeilerbasilika des gebundenen Systems zu tun, deren Langhaus einschließlich des Chores fünf, deren Querhaus drei etwa quadratische Joche umfaßt. Der Chor hat im Osten eine eingezogene Apsis, im Norden und Süden je eine gerade abschließende, mit dem Querhaus in Verbindung stehende tonnengewölbte, oblonge Nebenkapelle, die möglicherweise früher östliche Apsidiolen besessen haben 250 ).

Die Kirche 251 ) (Abb. 33) weist durchgehends das Lisenensystem auf, außer am Oberbau des Turmes. Um Hauptschiff, Querhaus, Chor und Apsis zieht sich ein Rund- bzw. Kreuzbogenfries, von einem teils einfachen, teils doppelten deutschen Band


249) a.a.O. S. 85 f, 138, 154, 162, 164.
250) Inv. Meckl.-Strelitz II, S. 76.
251) Maßangaben nach dem Inv.: Länge des Hauptschiffes ohne Mauern 60,57 m; ganze Länge der Kirche mit den Mauern 64,44 m; Länge des Hauptschiffes bis zum Querschiff 37,17 m; Breite des Hauptschiffes und des Querhauses 8,28 m; Lange des Querschiffes mit den Mauern 31,37 m; Breite der Seitenschiffe 4,28 m; ganze Breite der Kirche mit der Kapelle einschl. der Mauern 29,43 m, ohne Kapelle 22,57 m; größte Höhe des Hauptschiffes 17,29 m; größte Höhe der Seitenschiffe 8,28 m: ganze Höhe der Kirche bis zum First 26,00 m; bis zum Hauptgesimse 15,16 m; Turmhöhe ca. 48,00 m.
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begleitet. Der Fries wird getragen von flachen Lisenen, die in den Ecken, zwischen den Zweifenstergruppen und jeweils zwischen den beiden Fenstern der Zweifenstergruppen aufsteigen. An der Ostapsis und an den Giebelfeldern des Querhauses und der Vorhalle finden sich Rundlisenen. Die Schenkelseiten der Giebel sind mit schräglaufendem Kreuzbogenfries geziert, der mit den Rundlisenen nicht in organischem Zusammenhang steht.

Die Fenster sind sämtlich rundbogig, mit Rücksprung und Rundstab und geschrägter Laibung. Sie wurden 1880 stark restauriert, die Sohlbänke tiefer gelegt, haben aber sonst wohl die ursprüngliche Form behalten. Im Inneren des Querhauses finden sich rundbogige Öffnungen zum Dachraum der Seitenschiffe, Doppelfenster mit gemauerten romanischen Zwischensäulchen. In der Apsis sind drei Fenster, deren mittelstes überhöht ist, jedoch wahrscheinlich in dieser Form neueren Datums.

Ursprüngliche Portale sind nur im Westbau erhalten: ein rundbogiges mit drei Rücksprüngen und Rundstäben mit Klauenkapitäl hinter der Vorhalle, in der Vorhalle nach Süden zu ein gleiches, von herumgezogenem Sockel umrahmt. Im Norden des Turmes findet sich ein kleines Portal, ähnlich eingefaßt wie das der Vorhalle, doch ist dessen Echtheit "nach den geschehenen Eingriffen fast in allem verwischt. In ihm einige scharrierte Steine und ein Klauenkapitäl" 252 ). Die drei anderen Portale sind früh- bzw. hochgotisch.

Im Inneren gehören deutlich Chor und Querhaus mit dem ersten Joche des Schiffes durch die gleiche Behandlung der Kanten zusammen: überall die Gliederung nach dem "sächsischen" Profil, d. h. daß die Ecke im Viertelkreis abgerundet, der Viertelkreis aber beiderseitig durch je zwei Ecken begleitet wird. Es ist die gleiche Gliederung, die sich überall im sächsischen Gebiet findet, so in Braunschweig, Goslar, Königslutter. Damit werden wir zum mindesten für diesen Bauteil nach Sachsen verwiesen; dem entspricht auch der Grundriß nach dem gebundenen System, wobei das Vorhandensein der Ostkapellen eher auf Königslutter, als auf den sonst meist als Vorbild angeführten Braunschweiger Dom hinweist. Dieselbe Abhängigkeit von Königslutter gilt wahrscheinlich für den Dom zu Lübeck 253 ).

Als zweite Gruppe gehören die beiden übrigen Langschiffsjoche, das zweite und dritte von der Vierung aus, zusammen,


252) R. Haupt im Inventar S. 78.
253) Haupt: Dome der Nordmark S. 30; Steenberg a.a.O. S. 201.
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die beide an den Pfeilern die gleiche "lübische" Kante aufweisen wie der Dom in Lübeck. Da aber der Dombau in Lübeck 1173 anfing, so kann, wie Steenberg 254 ) mit Recht folgert, das Lübecker Langhaus nicht viel älter als aus den achtziger Jahren sein, vorsichtiger gesagt, frühestens aus dem Ende der siebziger Jahre. Dieses Datum muß also, wegen der Formengleichheit, auch für das zweite und dritte Langhausjoch von Ratzeburg gelten. Das paßt aufs Beste zu der Tatsache 255 ), das Bischof Evermod (1154-78) am östlichen Ende des südlichen Seitenschiffes begraben wurde: der frühere Bauabschnitt, Chor, Querhaus und östliches Langhausjoch, ist 1178, vielleicht schon seit längerer Zeit, fertig gewesen, um 1180 begann der zweifellos anzunehmende zweite Bauabschnitt. Das stimmt weiterhin zusammen mit dem von Leonie Reygers für den Bau der Ostteile von Sorø festgestellten Datum von ca. 1165 nebst den folgenden Jahren 256 ), da die Behandlung des Nordgiebels von Sorø wohl fraglos auf die Behandlung der Querhausgiebel von Ratzeburg eingewirkt hat. Nähere Datierungen werden sich für die Geschichte des ersten und zweiten Bauabschnittes nicht geben lassen; man wird kaum berechtigt sein, wesentliche Teile der Bauausführung schon im Anschluß an das Gründungsdatum des Domes (11.8.1154) anzusetzen. Steenberg neigt zu der Ansicht, daß der Ratzeburger Dombau in den 60er Jahren des 12. Jahrhunderts begonnen habe, möglicherweise etwas früher als der Dombau zu Brandenburg. Das würde im wesentlichen mit dem oben Gesagten übereinstimmen.

Die Westpartie wird man wiederum zeitlich etwas von der zweiten Bauperiode abgrenzen müssen: eine Vereinfachung im Schmückenden ist eingetreten, der wesentliche Wert auf das Konstruktive der großen Baumassen gelegt. So wenigstens bei dem eigentlichen alten Turmunterbau selbst. Aber vielleicht ist es doch mehr: ein Suchen nach neuer Form, denn daneben zeigt sich auch eine neue und trotzdem, wenn man auf die übrigen Teile des Baues sieht, konservative Ornamentfreude. Im Inneren des Turmbaues begegnet neben der einfachen Kante der schlichte kantonierte Pfeiler. An den Portalen jedoch, dem großen südlichen und dem kleinen nördlichen, war eine unver-


254) Steenberg a.a.O. S. 202.
255) Inventar S. 65.
256) Reygers a.a.O., S. 83 f.
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kennbare eigene Hand am Werk, die allerdings nicht ohne das Vorangegangene denkbar ist: das typische Klauenkapitäl, das an den Portalen des Hauptbaues und der Vorhalle übereinstimmt, klingt schon an einem Pfeiler des zweiten Bauabschnittes an. Die Übereinstimmung der Portale am Westteil des Hauptbaues und an der Vorhalle zeigt deutlich die unmittelbare Zusammengehörigkeit dieser beiden Bauteile.

Die Vorhalle (Abb. 32) interessiert uns im Hinblick auf die mehrfach berührten Zusammenhänge mit Neukloster ganz besonders. Es ist im übrigen der Bau, um den Steenberg mit guten Gründen die Arbeiten seines "Ratzeburgmeisters" gruppiert, worauf hier nur hingewiesen werden kann.

Es handelt sich bei der Vorhalle um einen etwa quadratischen Bau, dessen vierteiliges Gewölbe auf einem Bündelpfeiler mit vierpaßförmigem Grundriß und in die Winkel eingestellten Rundstäben ruht. Im Süden befanden sich ehemals zwei rundbogige Portale, deren östliches jetzt verschwunden ist; an seine Stelle sind zwei rundbogige Fenster getreten. Um das erhaltene westliche Portal, das rundbogig und aus Ecken und Rundstäben mit Klauenkapitälen gebildet ist, zieht sich der Sockel rahmend herum. Von diesem steigen Ecklisenen auf, die durchsteckten Rundbogenfries tragen. Über ihm ein doppeltes deutsches Band, das den Übergang bildet zu dem im Fischgrätenmuster gehaltenen und mit Rundlisenen belegten Giebelfeld. Wie bei den Querhausgiebeln, so stehen auch hier Rundlisenen und schräglaufender Kreuzbogenfries nicht in organischer Verbindung, sondern stoßen hart aufeinander. Der Fries der Giebelschrägen wird begleitet von einem doppelten deutschen Band. Drei der Rundlisenen werden in ihrem Lauf nach oben unterbrochen durch ein Ornament, das schon an der Südseite des Querhauses anklingt: es ist ein großer Kreis, in den ein Kreuz einbeschrieben ist, dessen vier Endigungen in kleine Kreise auslaufen und dessen Kreuzpunkt ebenfalls von einem Kreis gebildet wird. Die zwischen den Kreuzarmen liegenden Lücken werden ihrerseits je von einem kleinen Kreis ausgefüllt, der durch Stäbe in Diagonalrichtung mit dem Außenring verbunden ist. Unter dem Kreisornament finden sich zwei Sechspässe.

Ein Vergleich dieses Giebels mit dem nördlichen Querhausgiebel des Domes zu Riga 257 ) (Abb. 34) lehrt, daß beide aus


257) Wilh. Neumann: Der Dom zu Riga, Riga 1912, Abb. 7.
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denselben Grundmotiven bestehen, ebenso wie auch der Ostgiebel von Neukloster. Hat auch, wie gesagt, der Werkmeister des Ratzeburger Giebels noch nicht jene organische Verbindung mit dem Bogenfries gefunden, die in Riga und Neukloster vorhanden ist, so ist doch die Übereinstimmung, was das in diesem Zusammenhang völlig neue Vorhandensein von Bogenfries, Fischgräte und Stabwerk betrifft, so eindeutig, daß engste Beziehungen zwischen den drei Bauwerken angenommen werden müssen.

Der Plan des Rigaer Domes, dessen Bau seit 1215 in Gang kam, ist fraglos sächsischen Ursprungs: er hat anfangs ganz nach dem gebundenen System ausgeführt werden sollen, wonach Chor und Querhaus denn auch gebaut wurden. Backsteinbaumeister konnten hingegen nicht aus Sachsen mitgebracht werden, - so wird sich Bischof Albert, ein ehemaliger Bremer Domherr, vermutlich an Bischof Philipp von Ratzeburg gewandt haben 258 ), mit dem er eng befreundet war und der ihn mehrfach bei seinen Reisen nach Deutschland vertreten hat. Es ist höchst wahrscheinlich, daß dieser noch vor seinem 1215 erfolgten Tode die künstlerischen Verbindungen nach Riga hin vermittelt hat. Wenn also angenommen werden darf, daß Ratzeburger Kräfte seit 1215 in Riga arbeiteten, so ist der Schluß zwingend, daß die Vorhalle und damit auch der Westbau von Ratzeburg 1215 beendet waren. Dann muß aber auch weiterhin gesagt werden, daß auch der neuklostersche Giebel in unmittelbarer Folge darauf, d. h. nicht lange nach der Neubegründung des Parkower Nonnenklosters in Cuszin 1219, errichtet sein muß, d. h. also wohl kaum später als um 1225.

b) Das Ratzeburger Planschema in Sonnenkamp - Grundriß und Bauentwickelung Neuklosters.

Die Kirche des Klosters Sonnenkamp hat einen kreuzförmigen Grundriß nach quadratischem Schema und besaß, wie der Augenschein lehrt und die Grabungen bestätigt haben, ein nördliches Seitenschiff. In der Nordost- und Südostecke befand sich je eine zweijochige Kapelle mit übereinstimmendem Grundriß, gleich dem Chor ohne Apsis, mit Flachschluß. Am südlichen Querhausarm befand sich eine zweite Ostkapelle, einjochig, mit geradem Chorschluß, die, wie die benachbarte, sich nach dem Querhaus hin öffnete, während die nordöstliche Kapelle durch


258) Das. S. 3.
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eine Tür vom Chor her zu erreichen ist. Nördlich von der nordöstlichen Kapelle befand sich eine in gotischer Zeit angebaute Kapelle mit 5/8 Chorschluß.

Rundbogige Portale sind in der Nord- und Südwand des Querhauses, ihre Laibungen werden durch wechselnde Kanten und Rundstäbe gebildet. Zum ehemaligen Seitenschiff leitet ein spitzer Bogen über, der mit dem nordwestlichen Vierungspfeiler in Zusammenhang steht. Der letztere weist, im Gegensatz zu den übrigen Vierungspfeilern, in den Ecken, in denen die Gewölbegrate ansetzen, je einen von unten bis zum Kämpfer durchgezogenen Eckrundstab auf, der sich auch in der entsprechenden Ecke nach dem Langhaus zu findet, wo er mit einem Kapital abschließt und keinen Gewölbeansatz zu tragen hat. Chor und Querhaus sind von grätigen Kuppelgewölben bedeckt.

Das Langhaus ist genau dreimal so lang wie der Chor bzw. die Vierung und besitzt die gleiche Breite mit diesen. Im Norden hat es eine sechsfache Arkadenstellung zum ehemaligen Seitenschiff hin. Ihren fünf Zwischenpfeilern entspricht im Süden der (von Osten gerechnet) erste, dritte, vierte und fünfte Pfeiler der Blendarkaden, während anstelle des zweiten eine jetzt zugemauerte Tür sitzt. Aus der früher gegebenen ausführlichen Baubeschreibung erinnern wir hier ferner noch an die deutliche Baunaht, die sich zwischen Querhaus und Langhaus befindet. - Einen Westturm besitzt die Kirche nicht.

Aus diesem Sachverhalt geht zunächst einmal mit Sicherheit hervor, daß das Ganze unter keinen Umständen ohne Unterbrechung in einem Zuge zustande kam 259 ); vielmehr weist die Baunaht ganz zweifelsfrei auf eine Bauunterbrechung hin. Aber mehr noch, wenigstens was das Langhaus anbetrifft: es hat auch eine entscheidende Planänderung stattgefunden. Das folgt mit Gewißheit einmal aus der verschiedenen Höhe der Seitenschiff-Scheidbogen (Abb. 9) zum Querhaus und zum Langhaus, zum zweiten aber aus dem Vorhandensein der Pfeilervorlagen an der Westseite der Vierungspfeiler, die jetzt als Mauerverstärkungen erscheinen, im Pfeilersystem aber nicht anders denn als Schildbogenansatz für Gewölbe erklärt werden können. Dazu der oben erwähnte Rundstab, der in diesem Zusammenhang nur als Unterlage für den Ansatz eines Gewölbegrates gewertet werden kann.


259) Dagegen Reifferscheid a.a.O. S. 28.
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Es ist also früher einmal auch für das Langhaus ein Gewölbe beabsichtigt gewesen, jedoch bevor man mit der Hinaufführung der jetzigen Langhaushochmauern begann; denn deren acht gereihte Fenster beweisen, daß zu dieser Zeit der Gewölbeplan bereits fallen gelassen war; vielmehr sind diese Fenster natürlich von vornherein auf Flachdecke berechnet gewesen. Baunaht und Planänderung fallen hier also zusammen.

Es kann auch weiterhin mit fast völliger Gewißheit gesagt werden, wie der ursprüngliche Plan gewesen ist. Die Gewölbeansätze des Mittelschiffes haben die gleiche Höhe und Form wie die von Chor und Querschiff. Da im übrigen die Größenverhältnisse des Langhauses so sind, daß es genau noch drei Gewölbejoche von den Ausmaßen der in Chor und Querhaus jetzt tatsächlich vorhandenen aufnehmen könnte, so ist es kaum zu bezweifeln, daß das Langhaus im gleichen System hat gewölbt werden sollen. Bezieht man nun das ehemalige Seitenschiff, dessen Breite auf Grund der Ausgrabungen feststeht, in dieses System mit ein, so zeigt sich, daß auf je ein Gewölbe des Mittelschiffes je zwei des Seitenschiffes, nach den nördlichen Arkaden berechnet, entfallen würden. Es muß danach als sicher gelten, daß der ursprüngliche Plan für die Klosterkirche der einer gewölbten Kreuzkirche des gebundenen Systems gewesen ist, anscheinend jedoch von vornherein nur mit einem nördlichen Seitenschiff. Jedenfalls ist von einem ursprünglich geplanten südlichen Seitenschiff keine Spur geblieben, denn die südlichen Arkaden im Langhaus sind nur Blendarkaden, und es läßt sich nicht nachweisen, daß sie ursprünglich durchgemauert gewesen waren. Auch fehlt jede Spur eines Scheidbogens zum südlichen Querschiff.

Warum aber hat diese Kirche, wenn sie doch ursprünglich eine Benediktinerinnen- und keine Zisterzienserinnenkirche war, keinen Westturm, wie es doch sonst allgemein üblich gewesen und auch bei dem nicht weit entfernten Bergen auf Rügen der Fall ist? Diese Frage läßt sich nicht ganz eindeutig entscheiden. Am wahrscheinlichsten dürfte die Annahme sein, daß man ursprünglich im Westen der Kirche, wo das Gelände noch nicht wie jetzt abgegraben war, einen Turm ähnlich wie in Ratzeburg plante, der jedoch, dem Gang des Baues nach, zuletzt zur Ausführung gekommen wäre. Nachdem man aber, wie später zu ersehen sein wird, den Bau notdürftig und vereinfacht zu Ende geführt hat, verzichtete man - wenigstens vorläufig - auf den kostspieligen Turmbau, der dann, nach An-

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nahme der Zisterzienserregel im Jahre 1245, aus prinzipiellen Gründen nicht mehr ausgeführt wurde.

Nebenbei nur sei bemerkt, daß auch Benediktinerinnenkirchen nicht immer mit angebauten Glockentürmen versehen sind. So befindet sich in Bergen (Bez.-Amt Neuburg an der Donau), dessen dritter Bau um 1190 geweiht wurde, ein spätromanischer Glockenturm vom Anfange des 13. Jahrhunderts in 4 m Entfernung vom südlichen Seitenschiff. -

Das Nebeneinander der beiden Bogenformen im Seitenschiff zum Querhaus und zum Langhaus hin gibt Anlaß zu Zweifeln, ob die beiden Formen an dieser Stelle gleichzeitig entstanden sind. Es würde naheliegen anzunehmen, daß die Rundbogen der Portale und Sakristeifenster mit denen der Seitenschiffsarkaden zusammengehören, vielleicht auch mit dem der rundbogigen Blendnische in der Ostwand des nördlichen Querhausflügels, der spitzbogige Scheidbogen aber mit den spitzen Formen der Fenster und des Gewölbes.

In diesem Zusammenhang erinnern wir uns der Tatsache, daß sich eine Unebenheit im äußeren Aufbau der Hochmauern bei ca. der 70. bis 75. Mauerschicht über dem Sockel am Chor und Querhaus findet, etwa in Höhe der Sohlbänke der Querhausfenster: die Lisenen werden in dieser Höhe an der West-, Süd- und Nordseite des Querhauses nach oben bis zu einem halben Stein, am Chor und an der Ostseite des Querhauses nach unten bis zu einem halben Stein schmäler. Z. T. bleibt die Anzahl der Steine, die für die Breite einer Lisene benutzt wird, - drei Binder - erhalten, trotzdem tritt ein kleiner Wechsel in der Breite ein, was auf Benutzung eines etwas veränderten Steinformates zurückzuführen ist. Bei der nördlichen Lisene der Chorostwand ist übrigens kein plötzlicher, sichtbarer Wechsel festzustellen, vielmehr wird die Lisene allmählich und kaum merkbar nach unten zu schmäler, von 3 Steinbreiten auf 21/2 verringert. Was hier im einzelnen für Verbauungen und Veränderungen stattgefunden haben, läßt sich nicht mehr feststellen. Bestehen bleibt die Tatsache einer gewissen "Naht" in Höhe der 70. bis 75. Steinschicht. Da die spitzbogigen Fenster aber alle über, die rundbogigen Fenster - in der Sakristei - und Portale bzw. Arkaden jedoch unterhalb dieser Grenze liegen, dürfte die Annahme nicht von der Hand zu weisen sein, es habe hier eine weitere Baustockung, die vor der anderen liegen müßte, stattgehabt. Bekräftigt wird diese Annahme durch die Be-

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schaffenheit der Baunaht an der südlichen Langhausseite: diese ist bis dicht unter den Türen zum Nonnenchor mit dem Querhaus gleichzeitig und im Verband aufgemauert worden, nach weiter oben hin dann nur noch eine Mauerrücklage für die Vierungspfeiler, die, wie die Chor- und Querhausmauern, nur bis zur Höhe der Quernaht, d. h. etwa der jetzigen Sohlbänke der Chor- und Querhausfenster emporgeführt wurden. Gemeinsam ist diesen Bauteilen die an sich im Hinblick auf die Portale verwunderliche Erscheinung, daß sie alle die Benutzung des glasierten Ziegels noch nicht kennen, der dann an den oberen Teilen so gern und mit so viel Geschmack verwendet ist.

Es ergibt sich demnach das folgende Bild für den Gang der Bauentwicklung (Fig. VI): zu Beginn des Baues wurde der Grund gelegt für eine fast noch in allen Teilen rundbogig-romanische zweischiffige Kreuzbasilika des gebundenen Systems mit durchgehender, gratiger Wölbung. Davon wurden ausgeführt: Chor und Querhaus bis etwa zur Höhe der jetzigen Fenster-Sohlbänke; die nördlichen Langhausarkaden; die südliche Langhauswand bis etwa zur Höhe der Sohlbänke der Nonnenchor-Türen; vermutlich in ähnlicher Höhe nördliche Seitenschiffs-Außenwand und westliche Langschiffsmauer. In diesem ganzen Bauabschnitt - mit Ausnahme der Sakristeitür - gab es nur Rundbogen und keine Verwendung glasierter Ziegel. Ohne Frage wird zu dieser Zeit als Scheidbogen zwischen Seitenschiff und Querschiff auch ein den Seitenschiffsarkaden angepaßter Rundbogen die Verbindung der beiden Schiffe hergestellt haben.

Nach einer Bauunterbrechung - wieviel Zeit dazwischen liegt, läßt sich nicht sagen - übernimmt ein anderer Werkmeister die Leitung: er ist mit der Glasurtechnik vertraut, er liebt den Schmuck einzelner Bauteile, die Verwendung des Spitzbogens ist ihm selbstverständlich. Die etwas gedrückten Seitenschiffsarkaden sind seiner "modernen" Art nicht mehr gemäß: er beabsichtigt, unter Beibehaltung des Wölbungsgedankens, die Aufführung neuer, höherer, spitzbogiger Arkaden. Der Anfang dazu wird im Querhaus gemacht, wo er die ursprünglich runde Bogenöffnung durch eine erste höhere und spitzbogige ersetzt. Von ihm werden auch die mit gleichgearteten Kämpfern versehenen spitzbogigen Öffnungen zu den südlichen Ostkapellen herrühren. Der Weiterbau geht zunächst im Chor und Querhaus vonstatten, die zuerst fertiggestellt und

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Figur VI. Die Bauentwicklung der Klosterkirche
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dem Gottesdienst übergeben werden sollen: hier zeigt sich die ganze hohe Kunst dieses schmuckfreudigen Meisters, der mit seinen edel ausgereiften Ziergiebeln und formschönen Konsolen dem ganzen Bau die entscheidende Note gegeben hat. Wir wollen ihn der Einfachheit halber den "Giebelmeister" nennen.

Dem Wirken dieses Künstlers wurde jedoch weit vor Vollendung seiner Pläne, wir wissen nicht, durch welche Ereignisse, ein Ende gesetzt. Es hat viel für sich, den Tod des Begründers und schenkfreudigen Förderers der jungen Siedelung, Heinrich Borwins l., der 1227 starb, als Grund für die Bauunterbrechung anzunehmen, denn Nonnenklöster waren ja noch mehr als Mönchsklöster auf die Unterstützung und Hilfe weltlicher Großen angewiesen. Mit dem Datum 1227 würde aufs beste unsere im Zusammenhang mit den ratzeburgischen und Rigaer Bauten genannte Giebeldatierung um 1225 zusammenstimmen. Auch wird die Vollendung wenigstens eines wesentlichen Bauteiles um diese Zeit durch die Erwähnung der "ecclesia" von Neukloster in zwei Urkunden nahegelegt, die aus den Jahren 1231 260 ) und 1235 261 ) stammen. - Zu dem Stocken des Baues mögen die allgemeinen politischen Schwierigkeiten der Zeit beigetragen haben. Einzelheiten lassen sich nicht mehr nachweisen. Jedenfalls mangelte es wohl an Zeit, Interesse und Geld seitens der beteiligten Personen, so daß der Bau sicherlich eine ganze Reihe von Jahren liegen geblieben ist. Leicht wird man sich nicht entschlossen haben, auf die großzügige Vollendung des so großartig begonnenen Werkes zu verzichten: finanzielle Gründe werden den Hauptanteil daran haben.

Der Weiterbau - vielleicht ist wirklich das vielgenannte Datum des 5. August 1236 der Tag der endgültigen Weihe des ganzen Baues 262 ) - mußte sich, als er endlich in Gang kam,


260) M.U.B. 387.
261) M.U.B. 429.
262) M.U.B. 458, Schlie III. 447; dagegen Reifferscheid S. 30. - Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Bischof von Schwerin seine hohen Gäste - es befand sich unter ihnen sogar der ihm übergeordnete Erzbischof v. Bremen - zu jener Besprechung nach Sonnenkamp gebeten hätte, wäre dort noch alles im Bau gewesen, zumal es dann gewiß an Platz zur standesgemäßen Unterbringung der vielen hohen Persönlichkeiten gemangelt hätte. Vielmehr ist es weit wahrscheinlicher, daß ein konkreter Anlaß eben gerade Neukloster als Treffpunkt ausersehen ließ, und da dürfte wohl nichts näher liegen als eine feierliche, in Gegenwart von Erzbischof und Bischöfen vollzogene Kirchweihung.
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wesentlich beschränken. Der Gedanke der Wölbung von Mittel- und Seitenschiff wurde aufgegeben, die Hochmauern des Langhauses vielmehr mit ihren einfach gereihten Fenstern von vornherein auf schlichte Flachdecke eingerichtet. Auch das Seitenschiff wurde nur mit Holz bedeckt, auf den vom "Giebelmeister" bereits erweiterten Scheidbogen zum Querschiff wurde dabei keine Rücksicht genommen. Die Fenster wurden im Anschluß an den vorhergehenden Bauabschnitt durch Glasursteine und im Norden und Westen auch noch durch schlichte Rundstäbe in den Rücksprüngen bereichert. Konsolen finden keine Verwendung mehr, auch sonst fällt alle reichere Formgebung fort, nur ein großes, schlichtes Kreuz, wie es auf dem Stahlstich vom Anfange des 19. Jahrhunderts zu sehen ist 263 ), schmückte den westlichen Giebel. Man merkt deutlich, daß der mit so großen Hoffnungen begonnene und auch noch weitergeführte Bau nun unter dem Druck widriger Verhältnisse mit geringen Mitteln schlecht und recht beendet und möglichst rasch unter Dach und Fach gebracht werden mußte, was denn auch immerhin noch auf einigermaßen gute Art geschehen ist. Die Datierung dieses Bauteiles auf rund 1240 oder kurz davor wird auch durch die zeitliche Ansetzung der Glasfenster gerechtfertigt, die nicht vor 1235 und nicht nach 1245 entstanden sein können und bei deren Anbringung das Langhaus fertig gewesen sein muß (vgl. Anhang 2).

Über den Hergang des Baues haben wir damit Klarheit erlangt, soweit sie sich heute überhaupt noch schaffen läßt. Es bleibt nun noch die Frage nach dem Woher der Formen und der Meister. Es liegt wohl am nächsten, die Betrachtung hierüber mit dem schon so oft genannten Ratzeburg zu beginnen. Nach dem, was sich über den anfänglichen Plan einer gewölbten Kirche nach dem gebundenen System für Neukloster ergeben hat, muß damit gerechnet werden, daß Ratzeburg nicht nur für die Formgebung etwa des Giebels, m. a. W. für den "Giebelmeister" vorbildlich gewirkt hat, sondern auch schon für die Grundrißgestaltung, da ja Ratzeburg ebenfalls eine gratig gewölbte Kirche des gebundenen Systems ist, die sogar, gleich Neukloster, auch zwei rechteckig geschlossene Ostkapellen aufzuweisen hat; auch hier Lisenensystem, schlichte Kämpfergestaltung, Rundbogigkeit, Ähnlichkeit im Typ der Portale,


263) Also nicht das Giebelkreuz, das jetzt am Westgiebel zu sehen ist und der letzten Instandsetzung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts entstammt.
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die auch aus wechselnden Ecken und Stäben gebildet sind; auch das gleiche Material, der gleiche Mauer verband ist verwendet, ebenso das Dreieckskapitäl, das wahrscheinlich von hier überhaupt erst nach Mecklenburg eingedrungen ist. Aber nicht nur das: auch auffällige Ähnlichkeiten in den Abmessungen zeigen sich zwischen beiden Kirchen, wenn man in Ratzeburg Turm und Apsis abschneidet:

  Ratzeburg Neukloster
Hauptschifflänge 50.00 m 50.20 m
Hauptschiffbreite 11.60 m 11.00 m
Chorbreite 11.60 m 11.00 m
Querschifflänge 31.37 m 30.50 m
Querschiffbreite 11.40 m 11.00 m
Ostkapellenlänge   6.75 (5.90) m   6.80 ( 5.80) m
Ostkapellenbreite   5.80 (4.50) m   4.50 (3.20) m
Gesamthöhe bis zum Dachfirst 15.16 m 16.50 m

Sehr interessant ist hierbei der Vergleich der Höhenmaße: während in fast allen übrigen Abmessungen der Neuklostersche Bau um ein Geringes hinter dem von Ratzeburg zurückbleibt, übertrifft er ihn an Höhe nicht unbeträchtlich, um 1,34 m. Es zeigt sich deutlich die mit der Zeit mitschreitende höhere und schlankere Gestaltung der Proportionen gegenüber dem noch rein romanischen, obgleich auch schon augenscheinlich sich "reckenden" Bau von Ratzeburg. Im übrigen muß man, bei den sonstigen engen künstlerischen Beziehungen zwischen den beiden Bauorten, annehmen, daß auch die weitgehende Übereinstimmung der Maße wie des Planschemas nicht zufällig ist, sondern auf bewußter Übernahme von Ratzeburg her beruht. Damit sind jedoch noch keineswegs alle Fragen gelöst.

6. Neukloster, Westfalen und die Zisterzienser.

Neben Ratzeburg machen sich zwei Kunstbezirke den Rang streitig, die Neuklosterschen Bauformen entscheidend beeinflußt zu haben: die Zisterzienserbaukunst und Westfalen; ob etwa beiden ein Anteil gebührt und in welchem Maße? Was in dem

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Abschnitt über die zisterziensische Frage allgemein und grundsätzlich gesagt wurde, muß hier im Zusammenhang mit der Betrachtung der übrigen Möglichkeiten noch erweitert werden.

Was Westfalen betrifft. so verkünden wir keine Neuigkeit, wenn wir feststellen, daß Sonnenkamp mitten in einem Gebiete liegt, das in unserem Zeitraum, der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, mannigfach und aufs engste mit diesem alten deutschen Kulturland zusammengehangen hat, dessen Einwirkungen sich auf Schritt und Tritt in den Kunstdenkmälern nachweisen lassen. Zu viele sind der Beispiele, von der schlichten, einschiffigen Dorfkirche bis zur städtischen Hallenkirche westfälischer Provenienz, als daß an diesem kulturellen Mutter-Tochter-Verhältnis zwischen Westfalen und Mecklenburg gezweifelt werden könnte. Neu mag dagegen für uns die Frage sein, ob auch Sonnenkamp selbst, das als Ordensbau heimischen und bodenverwurzelten Bauweisen von vornherein ferner zu stehen berechtigt wäre, vom westfälischen, nach Mecklenburg verpflanzten Kirchenbau abhängig ist.

Was die Lösung dieser Frage so schwierig macht, ist die Tatsache, daß gerade Westfalen und die Zisterzienser in vieler Hinsicht ähnliche Neigungen in der Gestaltung haben, wenn auch, wie etwa in den Proportionen, nicht zu übersehende Unterschiede bestehen. Was bei diesen bewußte Hinneigung zum Einfachen, Schweren, Festen, Gloßblockigen aus dem Prinzip ihres Ordens heraus ist, das ist jenem durch seine Art von Land und Leuten eigentümlich, es ist ihm landschafts- und rassenmäßig bedingt. Die Dinge liegen hier ähnlich wie im Friesisch-Groningischen, für das wir oben die Worte Vermeulens anführten.

a) Die Chorbildung.

Noch nicht geklärt ist die wichtige Frage der Neuklosterschen Chorbildung, des Flachchores: hier liegen wesentliche Probleme, denn Ratzeburg hat den Rundchor.

Es ist bekannt, daß der Flachchor sich besonderer Beliebtheit bei den Zisterziensern erfreut hat 264 ), hat doch höchstwahrscheinlich schon die Gründungsabteikirche, "Cîteaux I", diese Chorform besessen. Hier wirkt wohl vor allem das allen monastischen Reformkongregationen, so u. a. auch den Hirsauern, eigene Streben nach mönchischer Einfachheit auf die


264) H. Rose: Cisterzienserbaukunst S. 89 ff.
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Bauform. Aber daß St. Peter und Raul in Hirsau (fertig 1091) bereits vor Gründung des Zisterzienser-Reformordens den flachen Chorschluß hatte, beweist, daß letzterer durchaus keine Besonderheit nur der Zisterzienser ist, wenn er sich auch bei ihnen öfter als anderswo findet.

Der Grundriß von Fontenay, der nahezu mit Gewißheit das Schema von Clairvaux II. wiedergibt 265 ), ist in seiner Einfachheit und klaren Übersichtlichkeit die am weitesten verbreitete Grundrißform für Zisterzienserkirchen geworden. Aber es gibt auch die noch größere Vereinfachung in der Chorbildung, eine, die nicht nur auf den bald weithin üblichen Kapellenkranz verzichtet, sondern auch auf die nördlichste und südlichste Ostkapelle und nur den flach geschlossenen Chor mit je einer nördlichen und südlichen "Ostkapelle" aufweist, in Deutschland wohl zum erstenmal in Marientha (Braunschweig) 266 ) vertreten, das 1138 gegründet wurde. Das aber scheint auf den ersten Blick die Chorform Neuklosters zu sein, allerdings mit dem Unterschied, daß hier die nördliche Kapelle nur einen Eingang vom Chor aus hat und sich an die südliche eine zweite, kleinere und vielleicht erst etwas später angebaute Ostkapelle anschließt. So spricht auch Burmeister 267 ) im Hinblick auf die neuklostersche Gestaltung von einem "zisterziensischen Grundriß mit sehr reduzierter Choranlage". Übrigens macht schon er zugleich darauf aufmerksam, daß "während des Baues eine erhebliche Planänderung vorgenommen wurde". Aber die Deutung der neuklosterschen Choranlage als "zisterziensisch" begegnet deswegen nicht unerheblichen Schwierigkeiten, weil sich ja eben herausgestellt hat, daß Sonnenkamp nicht nur nie wirklich zum Zisterzienser-Orden gehört, sondern sogar die Gewohnheiten von Cîteaux erst spät, nach Beendigung des Baues, im Jahre 1245, angenommen hat. Die gleichzeitigen Kirchen der beiden zisterziensischen Mannsklöster der Gegend, Doberan und Dargun, vermögen aber über die damaligen Chorgestaltungen keine Auskunft mehr zu geben, da sie beide durch gotische Neubauten ersetzt worden sind. Andererseits aber ist es auch nicht möglich, die nördliche "Ostkapelle" als "Ostkapelle" im Sinne der zisterziensischen Choranlage anzusprechen, eben weil sie, wie schon berührt, nicht systemmäßig mit dem Querschiff in Verbindung steht. Das aber ist für den Be-


265) Ebda. S. 91.
266) Inventarwerk des Hzgt. Braunschweig Bd. I S. 127 ff.
267) "Mecklenburg", Berlin 1926, S. 16.
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griff der "Ostkapelle" konstitutiv. Wahrscheinlich ist der Raum, wie auch heute noch, immer als Sakristei verwendet worden.

Wenn somit unwahrscheinlich ist, daß die Chorform in Sonnenkamp unmittelbar von den zisterziensischen Bauten übernommen wurde, so muß der nächstliegenden anderen Möglichkeit um so stärkere Beachtung geschenkt werden: es ist die Herübernahme aus dem Westfälischen im Zuge der allgemeinen Wanderung von Westfalen nach dem Nordosten. Das schließt natürlich keineswegs aus, daß zisterziensische Formen auf den westfälischen Bereich eingewirkt haben und so mittelbar nach Mecklenburg gedrungen sind. Wie liegen die Dinge in Westfalen um diese Zeit?

In Westfalen ist damals die Aufnahme und Verarbeitung des Systems der Hallenkirche in vollem Gang. Außer den Klosterkirchen, die nur gelegentlich die Hallenform aufweisen (so Metelen, Kr. Steinfurt), haben fast alle Neubauten von einigermaßen bedeutenden Ausmaßen seit Plettenberg 268 ) die Hallenform übernommen, die dann ja auch hier am frühesten konsequent durchgeführt ist. Von hier aus hat sie u. a. auch schon im ersten Viertel des Jahrhunderts ihren Weg nach Mecklenburg (Gadebusch etc.) gefunden.

An diesen Hallenkirchen nun findet sich flacher und apsidialer Chorschluß gleichberechtigt nebeneinander. Auch vorher war der flache Chorschluß hier schon in nicht klösterlichen Basilikaanlagen da, so in Rhynern 269 ) Kr. Hamm, das etwa aus dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts stammt 270 ), aber mit dem Weiterschreiten ins neue Jahrhundert erobert er sich seine Stellung neben dem Rundchor immer mehr. Daß der eckige Chor auch schon zu Anfang des Jahrhunderts mit deutschen bzw. westfälischen Baumeistern aus Westfalen hinauswandert, beweist der Bau von St. Maria in Wisby der mit seinen unverkennbar westfälischen runden östlichen Altarnischen am Querschiff, Osttürmen und Flachchor 271 ) unmittelbar auf westfälische Vorbilder, etwa Langenhorst 272 ) hinweist. Den rein romanischen Bauformen dieser ältesten Teile von St. Maria nach gehört der Bau in die Zeit um 1200, zum mindesten liegt die Weihe um oder vor 1225, da in diesem


268) H. Rosemann in Zeitschrift für Kunstgeschichte I, 203 ff.
269) Inv. Kr. Hamm Bd. I, 85.
270) Dehio-Gall: Handbuch, Berlin 1935, S. 359.
271) Roosval: die Kirchen Gotlands, 1912, S. 106.
272) Inv. Westf. Bd. 17 S. 57 ff.
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Jahre schon von einer geschehenen Kirchweihe berichtet wird 273 ). Man kann demnach bei Bauten mit flachem Chorschluß in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts keinesfalls nur Zisterzienser als Vorbilder zulassen, zumal wenn zugleich westfälische Einflüsse möglich und naheliegend sind, da Westfalen diese Chorform sehr geschätzt hat.

Daß sich der Flachchor auch bei den westfälischen Zisterziensern findet, ist ganz natürlich: es ist ein Zusammenfließen der lokalen und der ordensmäßigen Traditionen. Ein wichtiges und lehrreiches Beispiel ist Marienfeld (Kr. Warendorf), besonders deshalb, weil es klar bezeugte Baudaten aufzuweisen hat und wir noch heute den alten Bestand im wesentlichen erhalten vor uns haben 274 ). Marienfeld ist die einzige erhaltene Zisterzienserkirche Westfalens 275 ), erbaut von 1202-1222.

Die Klosterkirche ist ein einschiffiger verputzter Backsteinbau mit kreuzförmigem Grundriß und, mit einer Ausnahme, kuppeligem Kreuzrippengewölbe: es sind die frühesten Rippen in Westfalen 276 ). Die betonten Architekturteile, wie Gewölberippen, Pfeiler, Säulen, Fensterfassungen etc. sind aus Haustein gebildet, alles übrige aus Backsteinen im Format 29 X 14 X 10 cm, dem sog. "Mönchsformat". Die Gewölbekompartimente haben etwas überquadratischen Grundriß, der Flachchor besteht aus 1 1/2 Quadraten. Die Nord- und Südseite des Chores hatten ursprünglich je drei kleine Seitenkapellen, die aber beim Neubau des gotischen Chorumganges fielen. Die Gurt- und Schildbögen der Gewölbe ruhen im Chor auf Diensten mit Vorlagen auf halbkreisförmigem Grundriß, die ziemlich weit heruntergezogen, dann aber von Konsolen abgefangen sind. Im Langhaus ruhen die Gewölbe unmittelbar auf "Konsolenbündeln" mit primitiven Blattkapitälen. Die ursprünglichen Fenster des Langhauses sind im westlichen Teil der Südseite erhalten: es waren einfache, rundbogig geschlossene Zweifenstergruppen. Im Querhaus zeigen sich an der Nord- und Südfront bereits spitzbogig geschlossene Fensterrahmen; diese Fassaden weisen je eine Dreifenstergruppe auf, die mit schlanken Ecksäulchen mit Schaftringen versehen sind.


273) Roosval a.a.O.
274) Inv. Westfal. Bd. 42 S. 206 ff; W. Tröller: Die Zisterzienserkirche in Marienfeld in Westf., Diss. Münster 1930, gedruckt 1935.
275) Dehio-Gall a.a.O. S. 368.
276) ebda. S. 369.
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Die einschiffige Kreuzanlage, bei Zisterzienser-Mannsklöstern höchst selten, hat in Westfalen schon früher in Gebrauch gestanden. Beispiele sind die Kirche des freiweltlichen adeligen Stiftes in Vreden 277 ), die vielleicht unmittelbar anregend auf Marienfeld gewirkt hat 278 ), und die ehemalige Kanonissenstiftskirche in Asbeck (Kr. Ahaus) 279 ), die mit Langenhorst 280 ) die ausgezogene Altarnische gemeinsam hat, ein ursprünglich rein spätromanischer Bau mit gotischen Zutaten. Auch der jetzige gotische Bau von Liesborn, das bis 1131 Frauen-, von da an Männerkloster war, geht auf eine romanische einschiffige Kreuzanlage zurück 281 ). Die einschiffige ehemalige Kirche der Zisterzienserinnen zu Welver (Kirchwelver) im Kreise Soest 282 ) ist um 1200 entstanden, dagegen ist das Schema für Dorfkirchen erst gegen Mitte des 13. Jahrhunderts vereinzelt übernommen worden, so in Oestinghausen (Kr. Soest) 283 ).

Damit wird zweierlei klar: einmal, daß der Grundriß Neuklosters, der auf Zweischiffigkeit im gebundenen System angelegt ist, sicher nicht auf westfälische Nonnenbauten zurückgeht, die die von vornherein im System einschiffige Kreuzanlage bevorzugen; andererseits aber, daß auch Marienfeld, der einzige erhaltene Zisterzienserbau Westfalens, trotz der "verstümmelten" Zweischiffigkeit als Vorbild für den Grundriß kaum in Frage kommt, da die Spitzbogenarkaden von Marienfeld trotz der früheren Bauzeit ein weiter fortgeschrittenes stilistisches Gepräge haben als die rundbogigen Seitenschiffsarkaden von Neukloster. Dadurch wird die Ansicht bestätigt, daß es sich bei der ursprünglichen Planung Neuklosters um keine westfälische oder zisterziensische oder westfälisch-zisterziensische, sondern um eine vom sächsischen Schema Ratzeburgs herkommende Anlage handelt. Es ist sogar keineswegs von der Hand zu weisen, daß auch in Sonnenkamp, wie in Ratzeburg, ursprünglich am Chor eine Rundapsis geplant oder ausgeführt gewesen ist, die beim Weiterbau durch den neuen


277) Dehio-Gall I, 414; Inv. 11, S. 85.
278) s. den in der Kryptenanlage noch erhaltenen flachgeschlossenen Chor von 1 1/2 Joch Länge.
279) Inv. 11, S. 21; Dehio-Gall S. 413.