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III.

Augusta,

Prinzessin von Meklenburg=Güstrow,

und die

Dargunschen Pietisten.

Von

Heinrich Wilhelmi.


I.

Kirchliche Zustände in Meklenburg

im Anfange des 18. Jahrhunderts.

A ls in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts der Pietismus in Meklenburg auftrat, hatten seine Pioniere den allertraurigsten Eindruck von den kirchlichen Zuständen des Landes. Es schien ihnen Alles todt und wüste. Die Lehre von der Bekehrung zu Gott - war Geistlichen und Laien ein unaufgedecktes Geheimniß. Die Facultät zu Rostock - haderhaftigen und ketzermacherischen Sinnes, unbekehrte, gottlose Leute, denen nichts weniger als die Frömmigkeit am Herzen lag, und nichts mehr zuwider sein konnte als jener Rumor, den die energische Verkündigung des göttlichen Worts von Buße und Glauben in den Herzen anrichtet. Eines Sinnes mit diesen die Geistlichkeit, weltlich, fleischlich und todt, unfähig Leben zu erwecken, einzig auf irdischen Vortheil aus und feind aller wahren Gottseligkeit. So waren denn die Gemeinden versunken in die Selbstgerechtigkeit und Sicherheit einer pharisäischen Rechtgläubigkeit, eines seelenverderblichen Hirnglaubens, da der Getaufte sich nicht scheut ein weltförmiges, unfrommes Leben zu führen;

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denn am Quartalstage wird durch Beichte und Absolution leichte Abrechnung erzielt, und der Genuß des Abendmahls verleiht schnellen Trost gegen unbequeme Regungen des Gewissens. - Dies schien den eingewanderten Pietisten die Situation.

Wer die Schwierigkeiten kennt, die sich einem abschließenden Urtheil über die moralischen und religiösen Zustände einer gegebenen Zeit in den Weg stellen, wird es uns zu gute halten, wenn wir zu dieser Darstellung nicht mit einem runden Ja oder Nein Stellung nehmen.

Nach den entsetzlichen Verwüstungen des 30 jährigen Krieges war mit Energie die Wiederherstellung des kirchlichen Lebens in Angriff genommen worden. Im Schwerinschen Landestheil folgte zwar auf die Anfänge Adolf Friedrichs die 34jährige, kirchlich unfruchtbare Regierung Christian Ludwigs I. († 1692). Ungleich besser stand es aber im Güstrow'schen Theile. 41 Jahre lang herrschte hier der fromme und eifrige Gustav Adolf († 1695), der unermüdlich war in seiner kirchlichen Restaurationsarbeit. Vor allem galt es Zucht und Ordnung in die völlig verwilderten Gemeinden zu bringen. Ein gewisser gesetzlicher Character konnte darum nicht wohl vermieden werden, den auch noch die beide Landestheile umfassende Regierung Friedrich Wilhelms (Erläuterung von 1708) trägt. Freilich wußte niemand besser als die Leiter der Bewegung, daß die Arbeit mit der Disciplinirung nicht gethan sei. 1 ) Und welche Hindernisse waren zu überwinden! Schon hatten die beklagenswerthen Zerwürfnisse zwischen den Ständen und den Herzogen begonnen, die unter Carl Leopold


1) Dafür nur ein Beispiel. Im Jahre 1692 den 26. April stiftete der Geh. Rath Joach. Friedrich v. Vieregge zu Zapkendorf die bis heute bestehende Zapkendorfer Betstunde. In der Stiftungs=Urkunde (Güstrower Domarchiv) erklärt er, daß er es für seine obrigkeitliche Pflicht als Gutsherr von Zapkendorf und Mirendorf c. p. erkenne, für das Seelenheil seiner Unterthanen mitzusorgen, und deshalb den Pastor Joh. Ant. Koch zu Recknitz ersucht habe, er möge jährlich von Michaelis bis Ostern wöchentlich einen Tag festsetzen, "da er nach Anleitung des heiligen Catechismus Lutheri und dessen Fragestücken bei meinen Bedienten außer denen Befehlshabern, und allen meinen Unterthanen, auch freien Leuten, Gesinde und erwachsenen Kindern eine Catechismus=Untersuch= und Examinierung bei meinem An= und Abwesen allhier auf meinem Hofe zu Zapkendorf anstellen und solche Andacht allemahl mit einer kleinen Betstunde anfangen und mit dem öffentlichen Kirchensegen endigen könne." Dafür habe er ihm zu seiner Ergetzlichkeit, da ein Arbeiter seines Lohnes würdig, jährlich 1 Drömpt Roggen und 1 Drömpt Gerste ad dies utriusque vitae als ein Salarium constituiret. (Müller, Chronik der Pfarre zu Recknitz, Manuscr.)
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zu einer fast vollständigen Anarchie führten. Dazu kamen die unaufhörlichen Kriegsnöthe. Unser Land war der bequeme Kriegsschauplatz für alle Zwiste der nordischen Mächte. Truppendurchzüge, Gefechte, Contributionen, Einquartierungen, Erpressung von Rekruten, Plünderungen nahmen kein Ende. Auf viele Millionen wurde der Schade berechnet; aber nicht nur blieben die materiellen Verluste ohne Ersatz: die Unruhe und Unsicherheit, die Demoralisirung und Desorganisation war durch nichts zu vergüten. Es war fast unmöglich, in solchen Zeitläuften eine übel beschaffene Landeskirche zu reorganisiren.

Die Theologen zu Rostock waren bis über die Mitte des XVII. Jahrhunderts hinaus die eigentlichen Führer jener praktisch=religiösen Richtung in der lutherischen Kirche gewesen, von welcher einer schul= und verstandesmäßigen Orthodoxie bewußte und erfolgreiche Opposition gemacht wurde. Hier hatte sich in wissenschaftlicher Beziehung die geistige Freiheit der Reformatoren unverkürzt erhalten. Von hier ergingen die Wächterrufe vor Spener, und hier fanden Speners Anfänge den freudigsten Widerhall. Hier waren in Bezug auf Cultus, Verfassung, Askese mannigfach die späteren Bestrebungen des Pietismus antecipirt worden. Aber während dieser um die Wende des Jahrhunderts eine deutsche Universität nach der andern gewann, schien gleichzeitig in Rostock ein radicaler Umschlag erfolgt zu sein. - Nun standen die Rostocker Theologen allein neben den Wittenbergern (und Straßburgern) im Streit gegen die neue Frömmigkeit. Die "Rostockschen Principia" galten für den crassesten Ausdruck eines religionsleeren Kirchen= und Theologenthums, einer seelengefährlichen Buchstabencorrectheit des theologischen Meinens, und ihre Vertreter als die "Aufruhrmacher des baltischen Strandes". Solche Leute also waren an die Stelle jener "fortgehenden Kette der Speneri ante Spenerum", des "ehrwürdigen Chorus der Rostocker Lebenszeugen" (Tholuck) getreten! Jetzt trieben da die "Heroen des unwandelbaren Buchstabens" (Wiggers) ihr Wesen! Da kann es einen freilich nicht wundern zu lesen, daß bald "fast alle" Prediger des Landes "dieser kalten, öden, äußerlichen Richtung angehörten und den neu erwachenden lebensfrischen und liebevollen Geist der Spenerschen Schule und der Universität Halle, ja selbst die großartigen Bestrebungen eines A. H. Francke mit blindem Haß verfolgten." 1 ).


1) Lisch, Graf Heinrich XXIV. Reuß zu Köstritz 1849. S. 4.
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Indeß dies aus dem Munde der pietistischen Gegner stammende Urtheil bedarf ganz wesentlicher Einschränkungen. Schon Tholuck, welchem gewiß niemand schlechte Voreingenommenheit für die damalige Orthodoxie beimessen wird, hat auf den wesentlichen Unterschied zwischen dieser späteren, Rostockischen Orthodoxie und der früheren extremen in anderen Facultäten hingewiesen 1 ). Von den Vertretern der älteren Streitorthodoxie, den Schelwig und Meyer, und den gleichzeitigen Wittenbergern sagt er, sie hätten das Heil nur in der Vertretung der traditionellen Lehre gesehen und in der Ueberspannung der Gegensätze (während selbst ihnen keineswegs die Erkenntniß dessen, was Herzensfrömmigkeit ist, gemangelt habe). Dagegen von jenen Späteren: "Die Epigonen des alten Streitergeschlechts, ein Val. Löscher, Wernsdorff, Cyprian, Fecht im 2. und 3. Decennium des folgenden Jahrhunderts vertreten schon eine durch den Pietismus hindurchgegangene und beziehungsweise gereinigte Orthodoxie". Sie waren zwar "streng in der Lehre, aber unter dem wärmeren Anhauche der Spenerschen Richtung", indem sie im praktischen religiösen Leben den Antrieben Speners nachgaben, in der Lehre freilich alle charakteristischen Sätze des Pietismus bestritten, jedoch ohne die "zelotische Absperrung (jener früheren) vor jedem, was in der Theorie oder in der kirchlichen Praxis den Anstrich der Neuerung an sich trug".

Wir behalten uns vor, an anderer Stelle ausführlich nachzuweisen, wie in der That Fecht, die Seele der Rostocker Facultät im Anfang des 18. Jahrhunderts, mit Unrecht als das "Beispiel des Ausbundes von zelotischer Orthodoxie" durch die Geschichte geht. Er gehört zu denen, welche wie V. E. Löscher nicht der Pietät überhaupt sich entgegenstellten, sondern veritas et pietas auf ihr Panier geschrieben hatten und mit beiden aufrichtig Ernst machten. Gleichen Sinnes war die Mehrzahl der von Gustav Adolf in kirchliche Lehr= und Regierämter berufenen Männer und ein tüchtiger Stamm ihrer Schüler, wie Krackevitz, Superintendent Schaper in Güstrow, die frommen Theologen aus der Nachkommenschaft des Magisters Hermann Becker zu Rostock, die man in Halle für Gesinnungsgenossen ansah. "Practisches Christenthum" war hier so gut die Losung wie bei den Pietisten, nur mit der Cautel: "wobei aber auch die Liebe zur göttlichen Wahrheit nicht zu vergessen". Und freilich sind es nun nicht selten


1) Academisches Leben u. s. w. II., S. 77, 83, 165. Das kirchliche Leben des XVII. Jahrhunderts II, S. 17.
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damit zusammenhängende Bedenklichkeiten, die sich mit der Schwierigkeit der äußeren Lage verbinden, um die größeren practischen Unternehmungen dieser Männer zu vereiteln.

Es soll ihnen unvergessen bleiben, daß sie mit allem Nachdruck sich des religiösen Jugendunterrichts angenommen und der Landeskirche zwei vortreffliche Kirchenbücher geschenkt haben, den Catechismus und ein Gesangbuch, von welchen jener noch heute im Gebrauch ist und so sehr jenen wärmeren Anhauch der Spenerschen Richtung zeigt, daß er als pietistisch konnte angefochten werden, während das Gesangbuch ebenfalls die Grundlage unseres heutigen bildet.

Die Anregung, welche die kirchliche Frömmigkeit durch Spener erfahren hat, ist trotz der Polemik im Einzelnen allerdings von der meklenburgischen Orthodoxie sympathisch aufgenommen worden und von Einfluß auf dieselbe gewesen. Es war nicht die Schuld der Fecht und Krackevitz, wenn ein Theil ihrer Schüler nur den Gegensatz erfaßte und damit aus den Bahnen der practischen Frömmigkeit ausbog, in denen seit mehr als 100 Jahren die Rostocker Facultät sich bewegt hatte. Die Meister unterschieden sorgfältig den sectirerischen "Grillenpietismus" von dem berechtigten Bestreben Spener's die praxis pietatis, das thätige Christenthum, zu fördern. Sie hatten gewissenhaft darnach getrachtet, dem Berechtigten des Pietismus gerecht zu werden, seine Vorwürfe zu beherzigen und die Schäden abzustellen. Nur gegen die angepriesenen neuen Mittel hatten sie Bedenklichkeiten erst genährt, dann offen ausgesprochen, und der bunten Gefolgschaft von Indifferentisten und Enthusiasten, von allerlei sonderbaren Heiligen, welche sich an eines Spener Fersen hefteten, hatten sie entschiedenen, zum Theil leidenschaftlichen Widerstand entgegengesetzt. Und mit Halle waren sie dabei zerfallen, von wo aus bald nicht mehr mit Spener's Vorsicht und Behutsamkeit operirt wurde. Allein sie selbst verkannten darüber nicht, und Fecht spricht es mehrfach aus, daß Glieder ihrer eigenen Partei sich oft durch Verwerfung jeder hervortretenden Frömmigkeit als Pietismus versündigten. Vielen war eben nur das "Nein" verständlich geworden. Dazu standen die Jüngeren unter dem Einfluß der verstandeskalten Wolffischen Philosophie. So konnte es kommen, daß nach Fechts Tode und Krackevitzens Weggang Wortführer auftreten durften, deren Ton und Art an die schlechtesten Beispiele irreligiöser Streitorthodoxie erinnern. Die Gegner der Darguner zwischen 1736 und 1752 verdienen zum Theil diesen Vorwurf.

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Der Pietismus war in Meklenburg kirchengesetzlich durch die Erläuterung zur Kirchenordnung verworfen: es sollten keine Lehrer berufen werden, "die mit denen heutiges Tages immer mehr um sich fressenden Syncretistischen, Indifferentistischen und Pietistischen, auch Enthusiastischen, chiliastischen, terministischen und andern Fanatischen Lehren befleckt sind." Es war gelungen, diesen Besitzstand wenigstens äußerlich aufrecht zu erhalten. Man that sich nicht wenig darauf zu gut, daß "der große Gott Unserem Lande die Gnade gethan, solche Rotten und Spaltungen, als anderwärts vielfältig entstanden, davon abzuwenden." Noch nie war man bisher auf einen offenen, organisirten, nachhaltigen Widerstand solcher Elemente. gestoßen. Diese gute Ordnung war der Trost gewisser Kirchenmänner in den politischen Wirren, ein Trost, den sie sich um Alles in der Welt nicht wollten rauben lassen, und über dessen leidenschaftlicher Vertheidigung sie nur zu leicht das Recht des Gegners, die eigenen Schwächen übersahen.

Allein daß die Mehrzahl der Geistlichen des Landes zu diesen einseitig Orthodoxen gehört und gehalten habe, ist nicht erweislich. Im Gegentheil liegen manche Zeugnisse vor, aus denen hervorgeht, daß die Losung "practisches Christenthum" keineswegs vergessen war.

So erklärt ein Correspondent der Acta ecclesiastica (Weimar 1740, S. 320), welcher den Pietisten durchaus nicht ungünstig gesinnt ist, daß ihr Urtheil über die hiesige Kirche zu weit greife. Wenn auch gleich Manche sein möchten, denen dieses und jenes etwan fehle, so seien doch wahrhaftig manche rechtschaffene Knechte Gottes hier. Wer in Rostock gewesen sei, wer die dasigen Lehrer, insonderheit unsern frommen Becker gekannt habe und noch itzo kenne, wer die Umstände wisse, wie sie ihr Amt führen, wem die Prediger in Güstrow bekannt seien, - der werde nach der Wahrheit sagen müssen, daß auch bei uns redliche und getreue Männer gefunden würden, die das Wort Gottes in seiner rechten Kraft predigten und in Segen arbeiteten.

In Segen - so wenig sie im Stande waren, Unwissenheit, Aberglauben, geistige Rohheit abzuthun und Gemeinden herzustellen, wie sie dem Ideal auch nur einer landeskirchlichen Sehnsucht entsprechen. Denn auch wer bereit ist, sehr verschiedene Grade des religiösen Interesses und des christlichen Verständnisses nicht bloß in den Kauf zu nehmen, sondern ohne Rückhalt als berechtigt in einer das ganze Volk umschließenden Religionsgenossenschaft anzuerkennen, wird einen höheren Durchschnitt fordern, als ihn jene Zeit erreicht zu haben scheint.

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Direct auf dies Ziel nun, einen höheren Durchschnitt des religiösen Lebens der ganzen Gemeinde, war die Arbeit der orthodoxen Geistlichen gerichtet. Dadurch unterscheidet sie sich grundsätzlich von der pietistischen Methode. Diese geht überall auf äußerliche Scheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen aus. Sie stellt die Gemeinschaft der Heiligen einseitig in Gegensatz zur "äußerlichen Kirche" vor. Das ist ihr separatistischer Zug. Es sollen Einzelne gefaßt, erweckt, als Fromme aus der gottverlassenen Menge herausgehoben werden. Daher der unruhige Eifer ihrer Erweckungspredigten. Davon ist bei den damaligen meklenburgischen Geistlichen nichts zu spüren. Durch Lütkemann und H. Müller war ihre Predigtweise gereinigt von dem gelehrten Kram und rhetorischen Schnörkelwerk. Sie war gemeinverständlich, und statt theologisch fromm geworden. Aber da sie nicht eine zweigetheilte Zuhörerschaft von Frommen und Unfrommen vor sich sieht, sondern nach dem Urtheil der Liebe lauter Christen (wenn auch schwache und unlautere darunter sind), so beabsichtigt sie nicht sowohl einen Bußact hervorzurufen, eine Umwälzung, gleich derjenigen, welche der sich bekehrende Nichtchrist erfährt, als vielmehr die tägliche Buße, die Buße als Zustand. Die Prediger kamen sich nicht vor wie Missionare, sondern sie trieben bei ihren Gemeinden, "so nicht Juden und Heiden ohne Wort des Evangelii waren, sondern auf selbiges erbauet", die Predigt von der Sinnesänderung in entsprechender, - vielleicht zu zahmer Weise. Dabei hatte man sich so sehr darein gefunden auf Hoffnung zu säen und Gott, der ins Verborgene schaut, alles Andere vertrauensvoll zu überlassen, daß man nach den Früchten der Buße weniger, als gut war, fragte, ja wohl den für vermessen achtete, der die bezügliche Frage aufwarf. Es wird an dieser frommen Resignation die natürliche Bequemlichkeit nicht ohne Antheil gewesen sein. Indeß erzählt Fecht gelegentlich von einer damals in Meklenburg verbreiteten Sitte, daß der Pastor nach der Predigt einen Theil der Zuhörer zurückbehielt und das Gehörte wiederholte, severa inprimis ad sanctitatis studium adhortatione; so daß es also an Aufmerksamkeit auf diesen Punkt und selbst an religiösen Zusammenkünften außer dem officiellen Gottesdienst nicht gefehlt hat.

Hinsichtlich der Früchte ist aber noch Eins zu erwägen. Wenn sich zur Zeit des Katholicismus und in Kreisen des Pietismus sehr bald religiöses Leben an Früchten nachweisen läßt, so werden wir, ohne unbillig zu sein, nicht übersehen

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dürfen, daß in diesen Fällen bestimmte, äußerlich erkennbare Manieren und Werke als Maßstab dienen, welche diesen Weisen der Frömmigkeit nun einmal eigenthümlich sind, und für dieselben außer ihrem wirklichen Werth noch einen besonderen, einen Bekenntnißwerth repräsentiren. Solche typische Frömmigkeitsäußerungen, welche uns sofort ins Klare setzen, ob Frömmigkeit vorliegt oder nicht, statuirt das kirchliche Lutherthum grundsätzlich nicht. Die religiöse Erziehung der Jugend und das selbstverantwortliche religiöse Leben des Einzelnen in der von Gott gewiesenen bürgerlichen Stellung bilden da neben der Aufrechterhaltung der reinen Lehre (als der Garantie für jene) das Hauptinteresse. Wenn daher jene ersten beiden direct ihre Frömmigkeit mit einander messen wollen, kann das Lutherthum überall nicht als Dritter concurriren, weil es nicht will. Darum ist ihm die Liebe nicht minder pars altera pietatis, aber es will sie vor allem in den Wegen des gottgesetzten Berufs bethätigt wissen. Diese Form der Liebesbethätigung allein achtet das Lutherthum für wesentlich, alle andern wechseln mit den Bedürfnissen und Sitten der Gesellschaft. Wie heute die lutherischen Gemeinden weit und breit sich an die Form der in Vereinen wirkenden inneren Mission gewöhnt haben, so bestand damals (neben Resten der mittelalterlichen Form: Stiftungen und Vermächtnissen) die Form der heute so bedeutungslosen kirchlichen Collecten im sonntäglichen Gottesdienste. Die alten Currendenbücher, wie das der Gemeinde zu Schorrentin und das zu Recknitz, weisen eine zahllose Menge von solchen kirchlichen Sammlungen auf, in erster Linie für kirchliche Bauten im eigenen Lande, dann für bedürftige Geistliche, aber auch für Lutheraner in der Diaspora oder für Loskaufung von Christensklaven aus türkischer Gefangenschaft. Ueber die Höhe der Beitrage fehlen uns leider aus der früheren Zeit die Nachrichten; 1751 kamen in Schorrentin jedesmal zwischen 10 und 23 1/2 Schill. ein, eine Summe, welche bei der notorischen Armuth der damaligen Bevölkerung nicht zu klein erscheinen wird.

Freilich kann man in ärmeren Gegenden unter den bez. Currenden auch Subscriptionen lesen, wie die folgende 1 ):

"Mit den restirenden Collecten acht es mir wie meinem Vicino Herrn Pastori Suckoviensi: die Becken vor Kritzkow und Boitin sind gekündiget, sie sind ausgesetzet, sind wiederholt ausgesetzt; aber es ist nichts eingekommen. Ich sorge,


1) Acten der Parchimschen Superint. (Bestallung Zachariae's).
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daß es in Zukunft mit mehreren (wegen der großen Vielheit) gleich also ergehen werde. So viel mir möglich, will ichs zu verhüten suchen und desfalls allen Fleiß anwenden.

Marnitz d. 3. Sept. 1757.

A. H. v. Sieden P."                  

Und im Großen und Ganzen soll nicht geleugnet werden, daß die Orthodoxen auf dem Gebiet der christlichen Liebesthätigkeit am allermeisten den Tadel der Pietisten verdient und einer energischen Aufrüttelung aus einem (daß ich so sage) gottvertrauenden Leichtsinn bedurft haben. Allzusehr hatte ihre passive Frömmigkeit sich gewöhnt, nicht nur das eigene Elend, sondern auch das des Nächsten aus Gottes Hand als selbstverständlich hinzunehmen, ohne sich ernsthaft zu besinnen, was davon mehr der eigenen Nachlässigkeit seinen Ursprung oder doch sein Ueberhandnehmen verdankte.

So hätte sich auch hinsichtlich der Kirchenzucht trotz der engen Verbindung von Kirche und Staat und trotz der lutherischen Schonung der Individualitäten mehr erreichen lassen. Seit Gustav Adolf und seit der "Erläuterung" bestanden überaus strenge Bestimmungen, aber sie wurden nicht durchgeführt. Gewiß haben die Pietisten in dieser Hinsicht übertriebene und thörichte Ansprüche erhoben, indem sie übersahen, daß alt eingewurzelte Uebelstände nur allmählich abgestellt werden können, und indem sie eine der Kirchenleitung nicht geziemende Gewaltsamkeit forderten. Indeß überstieg die Duldsamkeit der Behörde doch oft das durch solche Rücksichten gebotene Maß. Im Consistorium war Krackevitz für energisches Durchgreifen, aber des nachsichtigen Fecht Einfluß überwog, so daß die Geistlichen nicht immer den nöthigen Rückhalt an der Behörde fanden. Einzelne sehr hervortretende Verfehlungen, wie die gegen das 6. Gebot, wurden zwar mit Strenge geahndet. Doch auch da thaten Standesunterschiede und Geld mehr, als sich rechtfertigen läßt. Für 4 Thlr. konnte man unschwer von der Regierung Erlaß der Kirchenbuße erhalten (1720). Ja Franck erzählt, daß Anno 1687, als in Sternberg eine Summe für eine neue Orgel gesammelt werden sollte, die Prediger die Kirchenbuße in Geldstrafen zu dieser Orgel verwandelt, hätten, indem er die so eingekommenen Beträge mit Namen aufführt!

Eine weitgehende, gegenseitige Connivenz zwischen Geistlichen und Gemeinden war herrschend. Denn auch die Gemeinden trugen (wie noch heute) viele Unregelmäßigkeiten im Leben und Amtiren ihrer Pastoren mit außerordentlicher Nachsicht. Als es sich im Jahre 1750 darum, handelte, den

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altersschwachen, kindischen Pastor Seedorf in Brudersdorf zu emeritiren, ergab sich aus dem Verhör der Gemeinde, daß er seit 3 Monaten nicht mehr gepredigt hatte. Als er noch predigte, ließ er das Vaterunser aus und verlas das Evangelium, ungeachtet die Gemeinde bereits der Gewohnheit nach auf den Knien gelegen. Er reichte den Kelch vor den Oblaten, und zwar mit unconsecrirtem Weine oder auch ganz leer. Ein Kind wollte er zweimal taufen und exorcirte das bereits getaufte. Dennoch, als die Gemeinde befragt wurde, ob sie ihn behalten wolle, antwortete sie einstimmig: sie wollten noch Geduld mit ihm haben; sie hätten ihn jung gehabt, so wollten sie ihn auch alt haben.

In den Gemeinden war weit verbreitet jenes verhängnißvolle Mißverständniß der Rechtfertigungslehre, als gewährleiste sie dem kirchlich Correcten die ewige Seligkeit, unangesehen die Bewährung des Glaubens im christlichen Wandel. Ueberaus freche Reden dieser Art werden von den Pietisten angeführt. Es ist jene Gefahr, welche Spenern sogar eine Correctur der kirchlichen Lehrweise wünschenswerth erscheinen ließ. Damit stand in Zusammenhang die Erstarrung der kirchlichen Institutionen zu leerem Formelwesen, über die auch Fecht klagt. Welche abergläubische Hartherzigkeit im christlichen Volke herrschend war, läßt sich ersehen aus den Vorurtheilen, welche man noch gegen Ende des Jahrhunderts zu widerlegen hatte, als die Regierung sich bestrebte, die Pflicht der Hülfeleistung an Selbstmördern und anderen Verunglückten den Gemeinden zum Bewußtsein zu bringen 1 ).

Die Verhältnisse einer Landgemeinde (Vellahn) im Anfang des 18. Jahrhunderts hat Archivar Dr. Schildt im Jahrgang 47 dieser Jahrbücher (S. 242-250) einer eingehenden Darstellung gewürdigt. Er nennt das kirchliche Leben derselben "fast musterhaft" und bezeugt, daß die meisten beschriebenen Verhältnisse überall im Lande wiederkehren. Das Gegenstück dazu, die Schilderung des kirchlichen Lebens einer Stadtgemeinde, ließe sich mit größter Ausführlichkeit geben nach den handschriftlichen "Nachrichten von Sternbergischen Kirchen= und dahin gehörigen Sachen, zusammengetragen von David Francken, Pastore daselbst" 2 ). Wir werden uns hier mit einigen charakteristischen Zügen begnügen müssen.


1) Mantzel, meklenb. Casualbibliothek 1789. I. Bd., S. 179 ff., 200 ff. II. Bd., S. 139.
2) Durch gütige Vermittelung des Herrn Pastors lic. theol. Schmidt eingesehen.
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Die im 30 jährigen Kriege völlig zerfallene kirchliche Sitte 1 ) war verhältnißmäßig schnell wiederhergestellt worden. Die Arbeit von zwei Menschenaltern war nicht vergeblich gewesen. Man staunt über die Gewalt, welche diese Sitte bereits wieder erlangt hatte. (So klagt der v. Hobe auf Jürgenstorf, seine Unterthanen könnten keine Dienstboten bekommen, weil der Pastor denen das Abendmahl verweigere, welche bei einem durch den Commissarius angestellten Pastor eingesegnet seien.) Die gute Ordnung der kirchlichen Gemeindeverhältnisse war für die Einzelnen Gewissenspflicht. In Sternberg wollte der Küster Läsch von seinem Vorsatz eine Deflorirte zu freien nicht abgehen. Die Pastoren widersetzten sich dem, weil dergleichen Leute nicht einmal unter Handwerkern gelitten würden. Sie hatten die Gemeinde auf ihrer Seite: wenn der Küster krank oder verreist wäre, so müßte dessen Frau die heil. Gefäße zum Kranken tragen; es sei aber nicht erlaubt, daß eine solche Person sie anrühre. Obwohl es dem Küster gelang, anfänglich den Superintendenten Krackevitz für sich einzunehmen und von der Dömitzer Regierung 2 Copulations=Mandate zu erhalten, setzten es die Geistlichen theils durch ihre guten Gründe theils durch 2 Säcke auserlesenen Obstes an die Geheimräthin v. Wulffradt durch, daß er abgesetzt wurde (1721). Auch sonst wußten die dortigen Pastoren ihre Stellung und Rechte zu wahren, wie sie sich denn von dem Superintendenten einen beweibten Küster nicht aufdrängen ließen, nachdem sie einmal den Plan gefaßt hatten die Wittwe des verstorbenen bei der Küsterei zu erhalten (1731).

Indeß schon an vielen Stellen begann das Gebäude der kirchlichen Sitte aufs neue zu zerbröckeln. Nicht nur forderten die Ritter die Privatcommunion als altes Vorrecht: die Gebildeten überhaupt gingen statt vierteljährlich kaum noch alle Jahre zum Tisch des Herrn 2 ). Der Hochmuth offenbarte sich in der Kleidung, indem z B. bereits etliche


1) Das Chronicon Parchimense des M. Mich. Cordesius (Rostock 1670) giebt dafür mannigfaltige Belege.
2) Wollte Gott aber, sagt Dav. Franck, daß dieser böse Unterschied, da die Vornehmen meinen, daß sie das heil. Abendmahl nicht so oft als die Geringen brauchen dürfen, der einzige und größte Mangel in unserer Kirche wäre, und man nicht überhaupt mit dem gottseligen Juristen Brunnemanno zu klagen hätte: omnis cultus nobler consistit in auditu concionum et usu sacrae coenae singulis annis 3. aut 4. vicibus repetito, wiewohl auch verschiedene unter uns sein, die kaum einmal des Jahres zum Abendmahl gehen, ja auch ein und ander, der in etlichen Jahren nicht zugegangen.
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von bürgerlichem Stande in der Klagezeit der heiligen Passion mit bunten Köpfen in der Kirche erschienen statt mit schwarzem Bande, den Adeligen nachahmend, welche zuerst die von den Vätern überkommene modestie fahren gelassen hatten. Die Streitigkeiten um den Vortritt, welche die Honoratioren der 15., 17. oder 20. Hofrangklasse mit einander auszufechten hatten, wie Bürgermeister und Stadtvogt, Fähnrich und Licent=Einnehmer, entwickelten sich mit Vorliebe in der Kirche und hatten bei den Unterlegenen nicht selten andauernde Enthaltung vom Gottesdienst zur Folge.

"Die Wollust sitzet gleichfalls hie auf dem Thron. Das Gesöff und darauf erfolgende Geschrei der Handwerksgesellen, welche des Nachts vielfältig tumultuiren, ist nicht abzubringen. Zwar hat der Burgemeister und Stadtvogt Schaller, da sie es vor seiner eigenen Thüre einmal zu grob gemacht, etliche in Arrest bringen lassen, weil aber dies Volk, so sich seiner Sünden wie die zu Sodom rühmet, Miene gemacht, als wollte es davon laufen und seine Meister ohne Arbeit lassen, so ist des Ueberlauffens der Meistere soviel geworden, daß man nachhero Bedenken getragen ihrem heidnischen Muthwillen Grenzen zu setzen. So sind auch unter denen Meisteren selbst einige dem Gesöff gar sehr ergeben." "Die fleischliche Unzucht ist hier auch nicht unbekannt, wie denn nicht leicht etliche Jahre nacheinander verstreichen, daß nicht ein stuprum sollte entdecket werden; zu geschweigen der heimlichen Sünden, die wohl im Schwange gehen und auch von denen insgeheim gesaget werden, die Andern zum erbaulichen Exempel gesetzet sind". Versagte der Geistliche wegen Mangels eines Aufgebotscheines oder dergl. formeller Bedenken die Trauung, so hielt sich der gemeine Mann nicht verbunden auf die Trauung zu warten, sondern "war so keck", das eheliche Zusammenleben zu beginnen und sich auch den Geistlichen gegenüber als verehelicht auszugeben. Dann erfolgte wohl 6 Tage Arrest bei Wasser und Brot, Copulation "der Verbrechere ohne Zeitverlust" auf dem Rathhause in Gegenwart des Gerichts und Taxation dieser von ihnen unterfangenen unanständigen That öffentlich von der Kanzel, "und daß sich Andere bei großer Strafe dafür hüten sollen". (Consistorialrescript vom 2l. November 1721).

"Was sonsten noch für Laster im Schwange gehen, davon wäre viel zu sagen und würde man mit leichter Mühe Exempel anführen können, die erwiesen, daß bei uns eben dergleichen Laster, wie Paulus von den Heiden Röm. 1 saget, ohngeachtet wir Christen heißen, anzutreffen." Unfriede be=

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sonders zwischen Eltern und Stiefkindern ist sehr häufig. Zwei Drescher melden sich zur Beichte, bestehlen aber ihren Brodherren in der Nacht vom Freitag auf den Sonnabend, und "damit derselbe soviel weniger Verdacht auf sie werfen möchte, sagen sie ihm, was für ein heiliges Werk sie fürhätten. O schändliche Heuchelei!"

Der Besuch der Gottesdienste ließ in Sternberg selbst zu wünschen übrig, in den Wochengottesdiensten waren oft kaum 10 Zuhörer. Selbst der Rector Plötzius kam gar selten zur Kirche, mehrmals betrunken, prügelte die Knaben während des Gottesdienstes und enthielt sich 6 Jahre lang des Abendmahls. Viel besser ist Franck mit den in Sülten Eingepfarrten zufrieden, welche nicht nur fleißige Kirchengänger, sondern auch aufmerksame Zuhörer sind. An ihnen erkennt er, daß Gott auch in seiner Gemeinde noch aufrichtige Diener hat. "So findet sich auch ein merklicher Unterschied in der Mildgebigkeit zu Gottes Ehren zwischen denen zu Sülte und zu Sternberg. Denn so bringet der Klingebeutel zu Sülte jährlich etwa 12 Thlr; die beiden aber, so zu Sternberg umgehen, werfen nicht viel über 40 aus, da doch diese Gemeinde 10mal stärker als jene ist. Noch mehr äußert sich solcher Unterschied, wenn Collecten auf fürstliche Verordnung gesammlet werden, da die Sternbergische nur zuweilen auf 1/4, zur anderen Zeit auf 1/3 übertrifft."

Noch waren freiwillige Gaben an die Geistlichkeit verbreitete Sitte. Als Rector Franck 1714 seine Haushaltung anfing, sind ihm sehr vielfältige Culinaria gesandt worden. "Und ob zwar solches nachhero abgenommen, so sind doch nur die schlechten Zeiten, die seitdem eingefallen, daran allermeist schuld." "Durch die Execution werden die Einkünfte, welche sonst der Hof gehabt und im Lande rouliren lassen, jetzo ins Hannoversche und Wolfenbüttelsche geschleppt." "So liegt es freilich bei vielen wohl nicht am guten Willen, sondern es fehlet vielmehr am Vermögen, einige Liebeswerke zu erweisen. Zudem so läuft das Land so voller starken Bettler, welche die Einwohner dergestalt aussaugen, daß für unsere Hausarmen, als für welche an den Bettagen hieselbst in der Kirche eine Collecte vor den Thüren gesammlet wird, wenig nachbleibet, wie denn solche Beisteuer einige Zeit her noch nicht ein Mark lüb. ausgeworfen. Es bleiben aber dennoch auch etliche, welche wohlzuthun und mitzutheilen nicht vergessen. So muß man verschiedenen unter hiesigen Bäckern nachrühmen, daß sie ihre Seelsorger insonderheit gegen den

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hohen Festtagen mit Weißbrot versorgen. Wenn der Ahlfang reichlich ist, findet sich auch gegen uns noch manches mildgebiges Herz. Insonderheit pflegen die Vornehmen, als Adeliche, Bürgermeister und Rathspersonen, auch was sonst wohlhabende Bürger sein, sich gegen Weihnachten und Neujahrstag durch ihre Gutthätigkeit zu distinguiren. Darinnen ihnen auch die von Sülte nicht nachgeben. Dahero denn sowohl hie als anderswo der Brauch ist, daß denen Wohlthätern von uns Predigern am Neujahrs tage ein besonderer Segen gewünschet wird. Doch dieses sind nur Kleinigkeiten. Es sind aber noch wichtigere Merkmale vorhanden, die da zeigen können, daß, obgleich wir nicht mit dem Papstthum lehren, daß dergleichen gute Werke zur Erlangung der Seligkeit etwas beitragen, dennoch auch unter uns Zuhörer gefunden werden, die an Stiftungen ad pias causas denen Ihrigen, welche sie doch mit Versprechung einer dadurch verdienten Seligkeit hiezu reizen, nichts nachgeben." Er führt Beispiele von Renten= und Capital=Schenkungen an Kirche und Schule an.

Wie überall im Lande wurde auch in Sternberg das Reformationsfest am 31. Oktober 1717 mit besonderer Feierlichkeit begangen. An diesem wie am folgenden Tage wurden je 3 Predigten gehalten in zahlreichen Versammlungen. Nach vollendetem Gottesdienst zog die Schützenzunft mit ihrer Fahne auf, rangirte sich unter ihrem Hauptmann auf dem Markt, ging mit ihrem Spiel zum Pastiner Thor hinaus und schoß daselbst Salve, worauf am Abend die Fenster des Rathhauses und der umherstehenden Häuser illuminiret wurden; das Ministerium ward von dem gesammten Rath auf dem Rathhause tractiret und Alles mit herzlicher Danksagung zu Gott für die bishero erwiesene Gnade und erhaltene evangelische Freiheit abgeschlossen.

Ueber den Cultus giebt Franck nur spärliche Nachrichten. Auf die Erhaltung der Kirchgebäude konnten die armen Gemeinden wenig oder nichts verwenden. Aber auch an der geziemenden Ordnung und Reinlichkeit scheint es hier oft gefehlt zu haben. Die Pastoren kleideten sich nicht mehr in der "Gerbekammer" unter Beistand des Küsters an, sondern "nachdem die Meßgewande, so vormals hier sehr kostbar waren, mit der Zeit abgeschafft, bereiten sie sich in ihren eigenen Häusern ohne eines Küsters Beihülfe zum Gottesdienst oder legen ihre gewöhnliche Krause, Röcke und Kragens an." Vielfache Störungen erfuhr der Gottesdienst durch das schlechte Verhältniß zwischen den Pastoren und den Schul=

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collegen (Rector und Cantor), welche abwechselnd das Singen zu versehen hatten und es nicht nur an der bürgerlichen Ehrbarkeit, sondern oft am gewöhnlichsten Anstand fehlen ließen. Sie verließen die Kirche nach dem Gesang oder schliefen unter der Predigt, sie kamen zu spät oder gar nicht. Besondere Tücke übten sie in der Wahl des Kanzelverses, welche ihnen zustand. Fühlten sie sich durch die Predigt irgendwie getroffen, so stimmten sie Verse an wie: Und wenn des Satans Heer mir ganz entgegen war, oder: Trotz dem alten Drachen u. s. w. -

Schlimme Folgen hatte die kirchliche Obstructionspolitik des Herzogs Carl Leopold. Zunächst behielt er die Superintendenten an seinem Hoflager und verbot ihnen die Präsentation und Introduction neuer Pastoren. Fielen die Superintendenten von ihm ab, so verbot er den Pastoren, diesen meineidigen Bösewichtern zu gehorchen, und ernannte Gegensuperintendenten (wie Zander in Güstrow gegen Stieber). Der kaiserliche Commissarius konnte es nur durch jahrelange Bemühungen, Mandate, Executionen, Einsperrungen von den renitenten Geistlichen erreichen, daß sie seinen Superintendenten bei Einführungen assistirten (z. B. zu Bernitt und Baumgarten). Kam wirklich eine Wahlhandlung zu Stande, so bot sie Anlaß zu unglaublichen Unordnungen (z. B. die Dobbertiner Pfarrwahl 1738 bei Franck a. a. O. Buch 18, S. 218 ff., 228, 234, 293). Da keine kirchliche Aufsicht war, so that zuletzt Jeder, was er wollte. Ein Anhänger Carl Leopolds giebt in der Maske des Küsters Gaudonis Statzii Salphenii 1743 eine Schilderung von den Zuständen auf einer ritterschaftlichen Pfarre. Er übertreibt ohne Zweifel bedeutend. Allein, mit einem Fuße wenigstens steht er auf dem Boden der Wirklichkeit.

Der Küster schreibt an seinen ritterschaftlich gesonnenen Pastor, welcher dagegen aufgetreten war, daß Carl Leopold von jedem neu Anzustellenden die Unterschrift eines Doctrinalreverses verlangte: "Ihr Eifer wird sie nächstens erhöhen. Erinnern Sie sich meiner, ich bitte demüthigst darum, wenn Sie das Steuerruder der Kirche dieser Lande führen! Sie werden - es ausrichten können, daß mir meine Würste und Eier wiedergegeben werden. Der Hochwohlgeborene Herr, an den Sie geschrieben, hat sie mir bisher entzogen. Er gebraucht gewisse Hufen mit vielem Vortheil unter den Aeckern seines Hofes. Seine Bedienten müssen ihnen den Namen von wüsten Hufen beilegen, - damit bin ich nach den ewigen unwandelbaren Grundgesetzen des Landes bezahlet, damit bin ich gesättiget." Dann wieder: "Sie

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rufen ängstlich hin und wieder in Ihrem Schreiben über Abweichungen und Veränderungen der Kirchenordnung, über Landes=Kirchen=Gesetz=widrig (ist doch dies Wort fast fürchterlich, als wie horribilicribrifax, wenigstens bestehets aus mehr Silben), und wer bindet sich an dies Gesetz, das Sie so genau beobachtet wissen wollen? Sinds Ew. HochwohlEhrwürden oder sind's Se. Hochwohlgeboren? Ich fürchte, Keiner von Ihnen werde Steine aufheben dürfen, sie auf Andere zu werfen. In der Kirchen=Ordnung heißt es Folio 165: Die Pfarrherrn sollen das Amt frühe um 8 anfahen, damit das Volk nüchtern zur Kirche komme und Gottes Wort mit mehrer Andacht höre und bete. Haben Sie, Herr meklenb. Prediger, jemalen dieser löblichen Anordnung Gehorsam geleistet? Muß ich nicht mit dem Geläute warten, bis es Sr. Hochwohlgeboren gefällig? Ließ selbige nicht verwichenen Ostern Ihnen sagen, Sie hätten mit Ihren hohen Gästen den Thee noch nicht eingenommen, der Gottesdienst müßte bis 11 Uhr ausgestellet werden? Nahm nicht der Bauer seinen Thee häufig im Kruge ein? Hätten wir nicht statt der Worte: so essen wir und leben wohl, singen mögen: so saufen wir und leben wohl? Wie nüchtern war ein großer Theil des Volks, da es zur Kirche kam? Wie nachdrücklich eiferten Sie wider diese Landes=Kirchen=Gesetz=widrige Gewalt? Wie kläglich thaten Sie über diese Abweichungen, über diese Veränderungen? Wie schrieen Sie: was dürfen die Landesgesetze qua politica für Kraft behalten, wenn sie erst qua ecclesiastica ihre Gewalt verloren hatten? Jedoch, Sie hießen nicht Johannes, sondern Diotrephes. Sie befürchteten sich, Sie würden Heuschrecken und wilden Honig essen müssen. Ein guter Wildbraten und Glas Moseler Wein schmeckt besser. Sie schlichen sich mit ernsthaften Schritten zum Hof hinauf. Sie wurden als ein: Prediget mir sanft, weissaget mir Täuscherei, mit einer gnädigen Miene empfangen. Und wie kömmt itzo Saul unter den Propheten? Wie wird der Herr meklenb. Prediger jetzo ein so gestrenger Eiferer nicht für den Herrn, sondern für die Landes=Kirchen=Gesetze? Sie werden mir erlauben zu antworten: schriftlich, aber nicht mündlich sein Glaubensbekenntniß ablegen, heißt unchristlich; trunken aber und nicht nüchtern zur Kirche kommen, heißt heilig oder - der Branntweins=Brennerei und Brauerei von Sr. Hochwohlgeborn zuträglich." - - -

In jener Zeit behauptete niemand mehr, was einst die Extremen den Pietisten entgegengerufen hatten: daß ecclesiae status florentissimus sei. Auch die Gegner der Pietisten in

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Meklenburg geben sich keinen Illusionen hin über den Zustand ihrer Gemeinden. Aber sie stehen noch fest auf der Position ihrer Väter: in den empirischen Kirchen, den Landeskirchen, dem Coetus vocatorum die wirkliche Kirche zu haben. Sie vertheidigen noch diesen weitherzigen, "kirchlichen" Standpunkt, und sie sind gerade mit dieser Seite der von ihnen vertretenen Wahrheit nie den Pietisten unterlegen, durch deren ganzes Denken und Thun ein unkirchlicher Zug geht. Wohl aber ist die damit zusammenhangende Anschauung von dem höheren religiösen Werthe der Wahrheit als der Frömmigkeit im engeren Sinne (praxis pietatis), um der Uebertreibung willen, mit welcher die Orthodoxie ihn vertrat, dem deutschen Volk verdächtig geworden. Der indifferentistische Zug in der Denkart des Pietismus hat in der Neologie, welche vor der Thüre wartete, um ihn hinauszutragen, sich erst vollständig ausgewirkt und den Sieg davon getragen.

Wenn auch die orthodoxe oder antipietistische Richtung die Herrschaft behauptete, so war doch Meklenburg damals weniger frei von stärker pietistisch beeinflußten Elementen, als es scheint. Bereits vor den Dargunern lasse sich eine ganze Reihe von Ansätzen pietistischer oder verwandter Frömmigkeit beobachten. Das frühste Beispiel ist Pastor Haering zu Plau, welcher zuerst die Zuträglichkeit der Verbindung von Privatbeichte und Abendmahl bestritt. Mehrmals ging er sammt seiner Frau ohne vorherige Beichte zum Tisch des Herrn. Von seinem Collegen denuncirt, wurde er auf einen Spruch der Wittenberger hin abgesetzt (c. 1690). Auf Speners Einladung begab er sich nach Berlin, und da gerade Schade gegen den Beichtstuhl aufgetreten war, betheiligte er sich an diesem Kampf 1 ).

Die Hallenser Facultät, mit welcher die Rostocker in fast unausgesetzter Fehde lagen, wurde kaum von einem Landeskind besucht, außer zu kurzem Aufenthalt auf der gelehrten Reise (so Krackevitz). Nicht so selten war es dagegen, daß ausländische Theologen, die zu Halle oder auf einer anderen pietistischen Universität vorgebildet waren, nach Meklenburg verschlagen wurden, wie der aus Speyer stammende Stieber und der Pastor Rohrberg zu Lohmen, patria et studiis Halensis. So mögen auch Laien auswärts mit


1) Durch eine Schrift von 1698: Deutliche Vorstellung des rechten Gebrauchs der Privat=Beichte und Absolution; gegen ihn trat Krackevitz in die Schranken. Vgl. Dalmer, Krackevitz S. 39, 65 ff. Fecht, Lectiones theolog. S. 346.
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pietistischen Kreisen in Berührung gekommen sein, wie einige Rostocker Mediciner und Juristen, welche Francke als Gesinnungsgenossen betrachtete. Schon 1719 war das Freylinghausensche Gesangbuch "mehr denn zuviel" 1 ) bekannt geworden, wenn auch noch nirgends in öffentlichem Gebrauch; ja in Rostock hatte man "an einer den Studiis gewidmeten Person ein gar betrübtes Exempel erlebt, indem dieselbe durch den Gebrauch dieses Buches und dessen unzeitige Beliebung soweit verfallen, daß alle Mittel, dieselbe wieder Zurechte zu bringen, bis diese Stunde vergeblich angewendet worden."

Als Vertreter einer solchen etwas stärker pietistisch angehauchten Frömmigkeit unter den Geistlichen ist unter andern der schon erwähnte David Franck zu nennen, Präpositus in Sternberg, der Verfasser des Alten und Neuen Meklenburgs. Seine Biographie am Schlusse dieses Werks zeigt, daß er die entscheidenden Impulse seines religiösen Lebens von Spener empfangen hat. Er hielt große Stücke auf Fecht, mit dem er stets in Verbindung blieb, stand jedoch in dem späteren Streit mit voller Entschiedenheit auf Seiten der Darguner. In seinem Geschichtswerk kommt diese Parteistellung freilich nur gebrochen zum Ausdruck: Franck war keine polemische Natur. Von den Dargunern war er als Gesinnungsgenosse geschätzt (sein Sohn zählte zu ihren Jüngern), und in Sternberg selbst fand eine "Erweckung" statt.

Ebendahin gehört ein Geistlicher, welcher noch heute im Munde des Volkes lebt als "dei dulle Magister", Mag. Simon Ambrosius Hennings, Pastor zu Recknitz bei Lage. Gleich Franck ein Schüler Fechts, stand er früh mit Halle in Verbindung und bemühte sich vornehmlich im Sinne des Pietismus und nach der Richtschnur der Erläuterung eine strengere Kirchenzucht durchzuführen, indem er den Rittern die Privatcommunion versagte und die weltlichen Lustbarkeiten zu Fastnacht u. s. w. durch Ausschluß vom Abendmahl abzustellen suchte. Dabei war er ein Anhänger der Wiederbringungslehre, der zufolge die Verdammten nicht endloser Unseligkeit verfallen sind. Auffallender Weise war davon dem Consistorium nichts bekannt, obwohl der Präsident desselben, Carmon, Hennings Schwager war. Darauf verfehlt nicht hinzuweisen ein anderer Vertreter derselben Irrlehre, Magister


1) Vorrede des "Kerns" bei Bachmann, Geschichte des evangelischen Kirchengesangs in Meklenburg, S. 217 ff.
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Ludwig Gerhard in Parchim 1 ), der wegen seines 1727 herausgegebenen Systema Apocatastaseos in eine Untersuchung verwickelt wurde. Er entzog sich derselben durch Auswanderung. Schon 1719 hatte er aber in Rostock einen Kreis von Gesinnungsgenossen (Laien) gefunden. Sein eigenes Auftreten hat nach Franck's Zeugniß "viele verführt". Und nach dem übereinstimmenden Zeugniß unverdächtiger Gewährsleute gab es dazumal im Verborgenen nicht wenige Anhänger derartiger schwärmerischer Lehren des unkirchlichen Pietismus; die Darguner z. B. sagen: "Siehe dergleichen Irrthümer sind mit großen Haufen im Meklenburgischen gewesen, ehe die Dargunischen Herrn Prediger dahin gekommen, und es ist doch kein Lärmen darüber entstanden. Da man es aber treulich aufgedecket und weggeschaffet, so reget sich der Teufel auf allen Seiten" 2 ). Die Darguner konnten es wissen; denn sie hielten Verbindung mit diesen Stillen im Lande, die, zum Theil wohl unzufrieden mit der politischen Parteinahme der Geistlichkeit, in den Geheimnissen der Wiederbringung und in der erträumten Herrlichkeit des 1000jährigen Reiches Trost fanden 3 ).

Bemerkenswerth ist nun die offenbare Sympathie, welche jener Gerhard bei Carl Leopold, dem Schirmherrn der Orthodoxie, fand. Das wird auch dem verwunderlich erscheinen, welcher durch Lisch's 4 ) Mittheilungen über den inneren Werth dieser Schirmherrschaft orientirt ist. Des


1) "Ei ich habe wohl gehöret, daß die Alten die Gerechtigkeit blind, und mit beständig verdeckten Augen haben zu malen pflegen. Allein diese Mode wird nun wohl zum Theil abgeschaffet sein. Denn ist es etwa ein Anverwandter, so kann die Justitia freilich nicht sehen, so ist sie blind, das ist wahr! Sie spricht alsdann: siehe Du diesen meinen Schwager nicht, so will ich Deinen Schwager wieder nicht sehen. Allein kommt Mag. Gerhard, siehe so thut die liebe Justitia ihre Augen sparrweit offen, und sie siehet wohl doppelt." (Gerhard an Carl Leopold.)
2) Anmerkungen über des Herrn Dr. Rusmeyer Schrift etc . von einem außerhalb Meklenburgs lebenden evang.=luth. Prediger. 1738. (Das Material ist von den Dargunern geliefert.) Wir citiren diese wichtige Schrift fortan: Anonymus.)
3) Vereinzelt treten noch auf: der Cantor zu Rehna, Chr. Heinr. Kessel, der 1704 wegen "großer Verlaufung in doctrinalibus et moralibus" abgesetzt, aber dann doch wieder zu Gnaden angenommen ward (Frahm, Geschichte der Rehnaer Schule, 1871, S. 29), sowie der Schäfer Asmus Hansen, welcher 1704 eine Christus=Vision gehabt haben wollte (Hennings De donis administrantibus etc. 1710), endlich noch Gustavus von Bernhard, ein meklenb. Edelmann, welcher 1719 in Folge eines 40tägigen Fastens zu Plön verstarb (J. Henr. Burgmann, nöthige Erinnerung u. s. w. 1747, S. 108 ff.).
4) Heinrich XXIV. Reuß.
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Herzoge innere Gleichgültigkeit gegen Lehre und Cultus der lutherischen Kirche trotz des stets bewahrten Scheines der Orthodoxie und trotz des zeitweilig angenommenen Scheines devotester Frömmigkeit und leidenschaftlichen dogmatischen Interesses, seine gleichzeitigen Unterhandlungen mit den pietistischen Führern in Halle wegen Reorganisation des meklenburgischen Kirchenwesens und mit Rom wegen Uebertritts, der offenbare Mißbrauch, welchen er mit kirchlichen Dingen trieb, um sich so oder so Vortheile durch dieselben zu verschaffen (denn alle seine Gedanken concentrirten sich um die politische Machtfrage), seine Unklarheit, sein Wankelmuth und sein Eigensinn genügen nicht zum Verständniß seines Verhaltens zu Gerhard, dessen Maßregelung er nicht nur (allerdings in sehr discreter Weise) zu hindern suchte, - mit dem er auch später noch in Verbindung blieb. Carl Leopold war nicht eigensinnig um des Eigensinns willen und verstellte sich nicht aus Gefallen an der Heuchelei. Dazu waren von Gerhard keinerlei äußere Vortheile zu erhoffen. Der Grund liegt tiefer, in des Herzogs innerer religiöser Stellung. Den edlen religiösen Zug seines Herzens können selbst die Gegner nicht in ihm verkennen. Aber dieser edle Zug ist mißleitet und verkümmert. Es scheint fast nichts davon übrig geblieben zu sein, als abergläubische Neugier und die Neigung, durch schwülstige Nichtigkeiten unklare religiöse Gefühle in sich zu erregen. Zu keiner Kirche steht Carl Leopold in einem inneren Verhältniß, zur lutherischen so wenig als zur römischen. Ob er die Ceremonien der evangelischen Kirche peinlich, ja mit Uebertreibung beobachtete, ob er gleich darauf sie mit Füßen trat, ob er katholisch wurde, - das war ohne Bedeutung für ihn. Dagegen zu den schwärmerischen Erscheinungen auf religiösem Gebiet hatte er eine starke Wahlverwandtschaft. Je mehr ein religiös beanlagter Mensch die Fesseln einer allgemeinen Sittenordnung verabscheut, um so mehr pflegt er hinzuneigen zu besonderen Frömmigkeitsübungen, geheimnißvollem Gottesdienst und hohen Speculationen, willkürlichem mönchischem Leben und außerordentlichen guten Werken. Dies ist schon bei Carl Leopolds Anknüpfung mit Halle zu beobachten. Zwar sehen auch dabei deutlich genug äußere, finanzielle und politische Motive unter den religiösen hervor. Das hindert jedoch nicht, daß er zugleich bestimmte religiöse Lieblingsideen um ihrer selbst willen verfolgt. Unfähig zu glauben und recht zu thun, flackert immer wieder die Sehnsucht nach unausdenklichen Aufschlüssen über göttliche Dinge und nach besonderen reli=

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giösen Erfahrungen, nach einem wunderbaren Innewerden Gottes in ihm auf. Die gesammte Correspondenz mit Francke, Callenberg und dem Grafen Reuß (1726-28) giebt davon Zeugniß. Er phantasiert da von "dem von Anfang verborgenen Geheimniß", "Christus in uns", von der "neuen Creatur, dorinnen Gerechtigkeit wohnet", von einer mystischen Wiedergeburt, dazu von einem Reich Gottes, worunter er für sein Theil eine geheime Brüderschaft solcher Wiedergeborenen zu verstehen scheint, und welches seiner Meinung nach mit besonderen Wunderkräften ausgerüstet ist. Es ist jene Stufe der religiösen Entwicklung, auf welcher das Subject von der Unruhe des Gewissens und zugleich von dem Bestreben umgetrieben wird, die unheimliche, sittlich inhaltlose, göttliche Wundermacht in seinen Dienst zu nehmen. - In dieser Richtung liegen seine Versuche, auf die lutherische Lehre Einfluß zu gewinnen durch Reverse über die Lehre von der Wiedergeburt und vom Abendmahl, welche Geistliche und Candidaten ihm ausstellen mußten. Dieser Neigung sollten vornehmlich die Hallenser dienstbar werden. Allein er hatte sich in ihnen getäuscht. Sie wiesen ihn auf viam practicam und das einfache Gotteswort und wollten weder von seinen mystischen Lieblingsschriften noch von seinen hohen speculationibus etwas wissen. Und wenn er bereits 1707 etwas Besonderes an sich selbst wollte erfahren haben, so ließ Francke das nicht als die gerühmte Wiedergeburt gelten, weil des Herzogs bisherige Lebensführung allzu laut das Gegentheil verkündete. Vielmehr verwies er denselben auf den methodischen Bußproceß. Davon wollte Carl Leopold freilich nichts hören. Dennoch hat er mit dem Abbruch jener Correspondenz den Pietismus nicht aufgegeben. Einer seiner besonderen Günstlinge, der Vice=Präpositus Clasen zu Ribnitz, war des sectirerischen Pietismus so sehr verdächtig, daß ihn das Güstrower geistliche Ministerium (1735) darob denunciren konnte. Der Herzog ließ ihm nur eine generelle Erklärung rechtgläubig zu sein abfordern. Er zog mehrere Männer aus den pietistischen Kreisen in seine nächste Umgebung (Hofprediger Menckel, Secretair Waldschmid, Garnisonprediger Richter). Durch sie hat er noch lange Jahre Verbindung mit Halle und andern Sitzen pietistischer Frömmigkeit unterhalten, auch mit Zinzendorf, mit den Gichtelianern. Er hat diese Gedanken bis in seine letzten Lebensjahre festgehalten. Zeugniß dessen ist die Berufung des pietistischen Cantors Beatus aus Malchin nach Dömitz, der religiöse Briefwechsel mit dem ehemaligen Legationscancellisten zu Regensburg

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Stanislaus Ferdinand Anton von Mayerhoff 1 ) und die Herausgabe der von Bachmann (a. a. O. S. 241 ff.) erwähnten "Zugabe" zum Kirchengesangbuch (1747). Daher stammen denn auch die Sympathien für L. Gerhard.

So wäre Carl Leopold auch gerne bereit gewesen, später den Dargunern zu helfen, wenn er nur im übrigen seine Rechnung dabei gefunden hätte. Denn lediglich aus Politik hielt er alle diese Liebhabereien aufs äußerste geheim und erschien als Hort der Orthodoxie, voll Eifers, "daß überall nach Maßgebung göttlichen Worts, derer symbolischen Bücher und Unserer Kirchenordnungen gewissenhaft, lauter und unanstößig verfahren werde", - weil eben die sehr einflußreiche und dem Fürstenhause treu ergebene Landesgeistlichkeit orthodox war. So wenig ist es begründet, daß zwischen beiden eine Geistesgemeinschaft bestanden hätte 2 )! Vielmehr stand Carl Leopold mit seinen Sympathien auf Seiten des sectirerischen oder Laien=Pietismus, wenn er auch in dieser Richtung keinen nennenswerthen Einfluß auf die Entwicklung der Landeskirche geübt hat.

 


 

II.

Augusta, Herzogin zu Meklenburg-Güstrow.

In zwei edlen Frauengestalten hat das aussterbende Haus Meklenburg=Güstrow eine schöne Nachblüthe erlebt und durch sie einen weitreichenden, segensreichen Einfluß auf die geistige Entwicklung nicht nur Meklenburgs gewonnen. Für weitere Kreise ist die älteste Tochter des letzten Herzogs, Christine, von größerer Bedeutung, als Stammmutter des


1) Relig. Luth. im Schweriner Archiv. M. war ehedem kathol. Priester gewesen; er gab vor, in Carl Leopold virum quadratissimum zu sehen, um das Melchisedekische Priester= und Königthum der Endzeit aufzurichten!
2) Lisch a. a. O. S. 4 und ihm folgend E. Boll, Geschichte Meklenburgs II., S. 422, welcher Carl Leopold dermaßen mißversteht, daß er meint, derselbe habe sich durch die Anknüpfung mit Halle bei seiner hyperorthodoxen Landesgeistlichkeit insinuiren wollen!
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bekannt als princesse de Dargouhn, hat als Patronin des Pietismus in der meklenburgischen Kirchengeschichte einen hervorragenden Platz zu beanspruchen. Sie rief die Pietisten ins Land, sie war ihnen ein starker Schutz, eine eifrige und treue Freundin. Durch ihren geistlichen Sohn, Herzog Friedrich den Frommen, kam ihre Sache zum Siege und übte einen dauernden Einfluß auf die religiöse Entwicklung des meklenburgischen Volkes.

Das elterliche Haus der Prinzessin ist von Delitzsch 1 ) eingehend und liebevoll beschrieben worden. In Gustav Adolf von Meklenburg=Güstrow verband sich eine grüblerische Gewissenhaftigkeit und eine etwas düstere Frömmigkeit mit einer gewissen sittlichen Schlaffheit. Nach dem Vorbilde Herzog Ernsts des Frommen entwickelte er eine vielseitige Thätigkeit zur Hebung des kirchlichen Lebens in der Weise der lebendigen Rechtgläubigkeit und in regem Verkehr mit Spener. Das jüngst veröffentlichte Protocollum der von ihm berufenen Generalsynode von 1659 zeigt seinen Eifer und seinen Ernst im schönsten Lichte. Doch vermochte er nicht, sein persönliches Leben nach diesen Grundsätzen gleichmäßig zu gestalten.

Als Prinzeß Augusta (geb. 27. December 1674) im 22. Lebensjahre stand, verlor sie den Vater. Das Land fiel größtentheils an den Schweriner Herzog Friedrich Wilhelm. Die verwittwete Fürstin Magdalena Sibylla behielt ihren Sitz im Güstrower Schlosse, das nun kein Herrscherhaus mehr war. Vierundzwanzig Jahre der Wittwenschaft hat Augusta hier mit ihrer Mutter getheilt. Seit im Jahre 1702 Prinzessin Magdalena heimgegangen war, lebten die beiden fürstlichen Frauen allein miteinander. Erst in einem Alter von 45 Jahren wurde Augusta durch den am 22. September 1719 erfolgten Tod der Mutter selbständig.

Ueber die geistige Entwicklung der Prinzessin in diesen 45 Jahren besitzen wir nur spärliche Nachrichten. Von Natur war sie "mit vielen Gaben gezieret". Ohne Zweifel hat sie eine umfassende und gründliche Bildung genossen. Ihr Stil und ihre markige Handschrift sind dafür Zeugen. Sie war munteren, schnell fassenden Geistes; durchgreifend bis


1) Aus dem Stammhause der Großherzogin [Augusta]. Urkundl. mekl. Geschichten. Rostock und Schwerin 1850 (Zu dem ganzen Abschnitt vergl. Wigger, Aus dem Leben Herzog Friedrichs des Frommen, Jahrb. 45, S. 95 ff.)
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zur Rücksichtslosigkeit, wo sie sich im Rechte glaubte; offen und wahr; treu im Lieben und im Hassen. "Aufs Sorgfältigste war sie in der evangelischen Wahrheit erzogen." Ihr Religionslehrer war Heinrich Witsche; aus Lübek stammend, war derselbe bis 1682 Pastor in Plau und wurde von da an die Kirche zum heil. Geist in Güstrow berufen. Er hat von Spener das Lob eines "sehr rechtschaffenen, wackeren Geistlichen, der eine gründliche Erkenntniß des wahren Christenthums" habe 1 ). Im Jahre 1694 hatte Witsche nämlich Spener besucht und für ihn gepredigt. Schon damals schrieb dieser an Francke: "Ich liebe den Mann herzlich und finde ein theures göttliches Pfund in ihm" 2 ). Augusta selber rühmt später von ihm 3 ), er habe sonderliche Gaben von Gott gehabt mit Kindern und jungen Leuten umzugehen; seine Anleitung habe sie oft zum Gebet getrieben. Als vor dem ersten Abendmahlsgenuß große Angst und Sorge wegen ihres Seelenheils in ihr aufstieg, sei Witsche, dem sie dies berichtet, zum Weinen bewegt gewesen; als sie aber den zweiten Tag nach der Communion von der auf ihr Gebet und Ringen erfolgten Freudigkeit berichtete, habe der treue Seelsorger sich über die Maßen gefreut. Im Ganzen aber war sie sich bewußt 4 ), seinen Anweisungen nicht gefolgt zu sein, obwohl er ihr den Weg zur Seligkeit ebenso gezeigt wie ihre späteren frommen Prediger. Sie habe sich vielmehr an den (nachherigen) Superintendenten Hahn 5 ) gehalten, der ihr "niemalen von dem rechtschaffenen thätigen Christenthum gesagt, sondern dero Alamodisches gebilligt und gut geheißen". Alamodisches Christenthum ist soviel wie "Cavallierer=Christenthum" 6 ), eine Frömmigkeit "ohne Fleiß, ohne Eifer aufs Gute", die sich nur äußerlich in den herkömmlichen kirchlichen Bahnen bewegt.

Daß Augusta trotz der Jugendfreundschaft mit dem frommen Pfuel, dem Lehrer ihrer Schwestern 7 ), und trotz der Verehrung, welche sie dem milden Schaper widmete, eine mehr weltliche Richtung einhielt, zeigt auch eine Aeuße=


1) Brief an Christine 1695. Gräfl. Bibliothek zu Wernigerode.
2) Kramer, Beiträge zur Geschichte A. H. Francke's, S. 313.
3) Brief an Christine 1725. Gräfl. Bibliothek zu Wernigerode.
4) Molzahn an Tiedemann. 16. April 1737. Schwer. Arch. Jördensd. Kirchenacten.
5) Julius Ernst Hahn, geb. zu Grabow 1677, studirte in Rostock und Leipzig bis 1700, ward Pastor zu Grevesmühlen 1701, an St. Georg zu Parchim 1704. 1709 Domprediger zu Güstrow. Als Senior Ministerii verwaltete er nach Schaper's Tode (1734) die Güstrowsche Superintendentur, † 1751.
6) Burgmann, Nöthige Erinnerung etc ., S. 25.
7) Delitzsch a. a. O. S. 88 ff.
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rung des Hofpredigers G. F. Stieber. Dieser freilich nicht ganz zuverlässige Zeuge war in Speyer geboren, in Güstrow erzogen, hatte in Rostock und Halle studirt, war dann Pagenhofmeister und Bibliothekar in Güstrow gewesen, seit 1712 Hofprediger (Dr. theol. 1722). Herzogin Magdalene Sibylla hatte ihn berufen, da sie seiner "wahrhaften, gründlichen Pietät und Gottgelassenheit" versichert war, und ihr Absehen ging dahin, daß er u. a. auch "Uns und Unsrer Princesse Liebden auf gnädigstem Verlangen auf die Theologischen Fragen, so ihm proponiret würden, Gottes Wort und dessen gesunder Auslegung gemäß antworten" solle 1 ). Schon in Güstrow hatte er jedoch kein rechtes Verhältniß zur Prinzessin gewinnen können. Er führt das darauf zurück, daß er gegen das "eingerissene solenne Tanzen bei Hofe am Sonntag und in den betrübtesten Zeiten und angehenden Gerichten und Bedruck des lieben Meklenburgs" gepredigt habe.

Durch diese Freude am Irdischen und durch den Mangel an energischer Selbstzucht war natürlich keineswegs religiöses Interesse, häufige und gründliche Beschäftigung mit Gottes Wort und ein frommes Gefühlsleben ausgeschlossen. Vielmehr berichtet derselbe Gewährsmann 2 ), die Gnade Gottes habe sich an der Prinzessin "nicht unkräftig erwiesen, so daß dieselbe jederzeit eine ungemeine Begierde gehabt, in dem Erkenntniß Gottes zu wachsen, daher sie auch eine unermüdete Lectüre geliebet und sich in vielen christ=fürstlichen Tugenden geübet, daß sie dannenhero in besonderem Ruhm und Hochachtung bei evangelischen Lehrern vor diesen gestanden." Aber mit so hohen Gaben waren auch große Versuchungen verbunden. "Denn außer einigen ganz besonderen natürlichen Gemüthsneigungen, möchte schonen denen zartesten Jahren einiger Same gewisser Lehren unvermerkt beigebracht sein, wozu denn kommt, daß auch gewisse Lehrer und Personen 3 ), welche in der evangelischen Kirchen ganz ungleich angesehen werden, bei derselben in besonderer Achtung gestanden. Wie sie überdem auch ein gar gnädiges Gemüth hat, daß, so sie jemand dero Hulde und Vertrauen recht würdiget, solche übermäßige Gnade sonderlich im Anfang


1) Concept der Vocation. Schwer. Archiv, Apanagial=Acten vol. 38 A.
2) In einem der 3 von Stieber verfaßten, handschriftlichen Berichte über die Dargun'schen Begebenheiten (für Herzog Carl Leopold), welche im Schweriner Archiv (Acten der Superintendenten, Generalia) erhalten sind. Der 3., ausführlichste auch in der Rostocker Universität=Bibliothek. Mss. theoll. 134, Nr. 6.
3) s. unten.
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gar leicht von Anderen zu ihren eigenen Nebenabsichten oder zu Weitläuftigkeit und Neuerungen können gemißbrauchet und auf Abwege verleitet werden. Will auch eben nicht sagen, daß eine unermüdete lecture allerhand geistlicher Schriften von verschiedenen Meinungen wohl etwa ein Gemüth, so es nicht recht befestiget, etwas irre, confus und ungewiß machen könnte". -

Auf Grund eines Vergleichs, der am 9. August 1717 zwischen der Prinzessin und dem regierenden Herzog Carl Leopold zu Stande gekommen war 1 ), behielt sie von dem Witthum ihrer Mutter das ehemalige Cistercienser=Kloster und Amt Dargun. Dasselbe war ihr im Falle des Hintritts der verwittibten Frau Herzogin überlassen "mit allen Heb= und Nutzungen, Recht und Gerechtigkeiten, Holzungen, Jagden, juribus patronatus, hohen und anderen Jurisdiction und sonst allem, in der Maß wie der verwittibten Herzogin Durchl. es anjetzo inne haben, nutzen und gebrauchen". Die Einkünfte sollten ihr zu 6000 Thlrn. angerechnet, und dieser Betrag jährlich von den aus der Renterei bezogenen Aliment=Geldern gekürzt werden. (Diese betrugen noch 1000 Thlr. über die genannte Summe, welchen Rest die Prinzessin aus dem Amt Neukalden erhielt) 2 ). Die "Aptirung" und Instandhaltung des "fürstlichen Hauses" übernahm Augusta, ebenso jegliche Ausfälle in den Revenuen durch casus fortuitos, wie Krieg, Brand, Mißwachs, Viehsterben. Der Herzog behielt sich die Territorial=Hoheit, die Regalia u. a. vor.

Das Schloß war von Johann Albrecht II. und Gustav Adolf ausgebauet und als Sommerresidenz benutzt worden. Etwa ein Jahr nach dem Tode der Herzogin siedelte Augusta dahin über 3 ). Ein zahlreicher Hofstaat folgte ihr, den der Hofmarschall von Bülow als "Gouverneur" leitete. Ihm zur Seite stand der Kammerjunker Carl Friedrich von Moltzahn (seit 15. Juni 1719, wirklicher Kammerjunker 15. Mai 1721, Gouverneur 1726), ein in Pommern begüterter Edelmann 4 ). Dessen Mutter fungirte als Oberhofmeisterin, die Fräulein


1) Rost. Univ. Mss. Meckl. B. 702. No. 53.
2) Dazu traten noch Hebungen aus dem Elbzoll und aus dem Amt Stavenhagen. Cfr. Apanagial=Acten vol. 38 A und Franck a. a. O. XVIII., S. 72.
3) Nach der Darg. Pfarrkirchen=Rechnung am 1 . August 1720, nach Franck a a. O. S. 200 am 18 ., nach Delitzsch S. 99 am 28 . August.
4) Als Molzahnsche Güter werden in der Correspondenz erwähnt: Tützpatz, Schoffow, Gültz, Sarow, Hagen, Osten, Ganscherow, Begerow, Dentzerow.
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von Bähren und von Grabow als " Kammer=Fräulein" (Hofdamen) 1 ).

Aus dem elterlichen Hause hatte Augusta die Vorliebe für eine reiche fürstliche Hofhaltung mitgebracht. Für die Küche wurden die Delicatessen aus Hamburg bezogen 2 ). Aus ihrem gut besetzten Marstall pflegte die Prinzessin fürstlichen Gästen Meilen weit Pferde entgegen zu schicken. Streng hielt sie auf Etikette. Ihr Großneffe Graf Heinrich Ernst von Stolberg mußte bei seinem Besuch 1740 im Orte dem Reisewagen entsteigen und in der 6spännigen Gallachaise sich ins Schloß begeben. Das Bewußtsein fürstlichen Anstandes erfüllte in hohem Maße ihre Dienerschaft, wie denn der Leibkutscher späterhin sich schämte, seine Herrin zur Betstunde zu fahren, "imgleichen der Gärtner nicht länger Gesellen halten zu können, als ein durch seiner Fürstin Bekehrung beschimpfter Meister, im Stande zu sein vermeinte". Zuweilen überschritt auch wohl der fürstliche Stolz das rechte Maß. Der weiland Amtmann Schmidt hatte (1700) mit einem Aufwand von 3000 Thlrn. ein Schulhaus gebaut und die Orgel in die Schloßkirche geschenkt, welche noch jetzt im Gebrauch ist. Vorne an dem Orgelchor war sein Wappen in Bildhauerarbeit angebracht, und darunter mit goldenen Buchstaben sein Name. Dicht daneben befand sich der fürstliche Stuhl. Kaum war die Prinzessin angekommen, so ließ sie Namen und Wappen entfernen und die Brüstung neu anstreichen. Denn sie fand, der sel. Amtmann habe Hochmuth gezeiget und sich zu nahe an das fürstliche Geblüt


1) Dazu trat der Hofprediger, der Secretär, der secretair du cabinet (Schreiber), 1 Kammerdiener, 1 Mundschenk, 1 Mundkoch, 4 Laquaien (von dener der eine zugleich Organist, der andere "Mousicandt" war), 1 Hofschlächter, 2 Kutscher, 2 Vorreiter, 2 Feuerböter, 1 Winterfeuerböter, 1 Küchenbauer (zugleich Nachtwächter) und Küchenweib. Endlich 1 Kammerfrau, 3 Kammerjungfern, 2 Stubenmädchen, 1 Castellanin, 1 Kehrmädchen, 2 Waschmädchen, 1 Näh= und Spinnmädchen, 1 Silbermädchen, 1 Waschfrau. In dem Personalverzeichniß der Hofgemeinde, welches 1736 dem neu antretenden Hofprediger überreicht wurde, finden sich außerdem noch ein Pagenhofmeister mit 2 Pagen, der "aus pitié angenommene" Otto von Pouresé, ein Hofstaatinformator, ein Hofküchenmeister, Schirrmeister, Tafeldecker, Hofbäcker und noch 3 Jungfern. Damals war Moltzahn "Hofmeister" oder Gouverneur, sein Schwager v. Halberstadt Kammerjunker und außer ihm noch ein Cavalier von Grabow. Neben Fräul. von Grabow war ein Fräul. von Moltzahn Hofdame. Alles in Allem, mit Kindern und Dienstboten, etwa 150 Personen.
2) Wir finden erwähnt: Kastanien, Taschenkrebse, Muscheln, Anchovis, Lachs, Stöhr, Sardellen, Leidiger Lerchen, Trüffeln u. a. Englische Austern kosteten das Hundert 1-1 1/3 Thlr. - Für 24 Pfd. Kaffeebohnen wurden 14 Thlr. gezahlt.
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gesetzet. Das Epitaphium sollte in die Rökenitzer Pfarrkirche versetzt werden; allein der Pastor verbat sich das große Ding, weil es das ohnedem spärliche Licht allzu sehr beschränken würde. Als sich der Schwiegersohn des Verstorbenen beim Herzog beschwerte, war Augusta sehr ungnädig; doch juristische Gutachten fielen zu des Gegners Gunsten aus, mit dem sie endlich sich verglichen zu haben scheint 1 ).

Das Darguner Schloß liegt auf dem Areal und besteht zum Theil noch aus den Gebäuden des alten Cisterzienser=Klosters. Die schöne alte Klosterkirche ist die Schloßkirche, an welcher Stieber wirkte. Nur wenige Häuser bildeten mit dem Schlosse das alte Dargun. Unmittelbar daran stieß das Pfarrdorf Rökenitz, welches heute mit jenem vereinigt, den Flecken Dargun ausmacht. An der kleinen, unscheinbaren Pfarrkirche stand seit 1696 Pastor Johann Dietrich Fabricius, Nachfolger seines Vaters. Obwohl kränklich - er mußte "mit dem medico essen und trinken, welches auch einige Unkosten erfordert" - entwickelte er großen Eifer. Er begnügte sich nicht damit, den sonntäglichen Gottesdienst mit geziemender Feierlichkeit 2 ) abzuhalten. Besondere Aufmerksamkeit widmete er dem Schulwesen, über welches er der Prinzessin ausführlich berichten mußte. Denn sobald sie in Dargun Residenz genommen hatte, wandte sie diesen Dingen anhaltende Fürsorge zu. Es gab nämlich im Orte zwei Schulen, deren eine vom Cantor, die andere vom Küster gehalten wurde. Aber es gab keine Schulordnung. Fabricius bat dringend um eine solche und machte specificirte Vorschläge, welche für die Kenntniß des damaligen Volksschulwesen in Meklenburg von Belang sind.

Fabricius fordert zunächst, daß eine gewisse Zeit gesetzt werde, wannehe die Kinder in die Schule kommen, etwa Sommers von 7-11 und von 1-4, Winters von 8-12 und von 1 bis Dunkelwerden. "Etliche Leute sind sehr träge ihre Kinder in die Schule zu schicken, und habe durch noch so freundliches und auch wohl ernstliches Zureden bei manchen nichts ausrichten können. Zum Theil hat es geheißen, der


1) Schwer. Arch., Darg. Kirchenacten, und gütige Mittheilungen des Herrn Landdrosten von Pressentin zu Dargun.
2) Wie es scheint, war noch der Meßornat im Gebrauch. Die Kirche besaß 2 Meßgewande von silbernem Mohr und 2 Meßhemden; dazu war Vorhanden "ein weißer Atlassener oder vielmehr Tuch von 6 Ellen, denen Communicanten fürzuhalten" (1720). Die Statistik der in Meklenburg vorhandenen Meßgewänder in dem Protocoll der Generalsynode von 1659, S. 17, ist nicht vollständig.
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Priester will unsere Kinder zu lauter Doctores machen, zum Theil fehlt es ihnen auch an dem wöchentlichen Schulschilling, daß sie klagen, sie haben kaum so viel Brod, daß sie ihren Kindern geben können, woher sie das Schulgeld nehmen sollen? welches auch wol wahr ist, und wäre eine hohe Gnade, wenn Ihro hochfürstl. Durchlaucht für die notorische arme Kinder in diesem Punkte zu sorgen gnädigst geruhen wollten". Andere Eltern, welche ihre Kinder zurückhielten, sollten das Schulgeld doch bezahlen (Forderung der Generalsynode von 1659. Protoc. S. 12.). Im Sommer scheint bis da keine Schule gehalten zu sein. Die Schule beginnt nämlich Montags nach dem Gnoienschen Markt, "da die Leute ihren Kindern nothdürftige Kleidung, auch wohl ein Büchlein gekauft, weil sie denn zu jeder Zeit etwas Geld für den Flachs lösen". Vorher wird es von der Kanzel verkündet, und der Pastor ist stets "vorhero auf beide Dörfer (Glasow und Dörgelin, welche eingepfarrt waren) herumb gereiset, und so wol große als kleine Kinder für sich gekriecht und im Lesen und Beten examinirt, die großen Kinder über Feld nach der Schulen zu schickens ermahnt, die kleinsten Kinder von 5-6 Jahren von denen beiden Frauens unterrichten lassen, da einer jeden in einem Dorf die kleinen Kinder angewiesen werden, welche sie denn auch mit allem Fleiß unterrichtet haben". Fabricius wünscht, daß die Schule mit Gebet, Morgensegen und =gesang eröffnet werde, zu Zeiten mit einem Hauptstück des Katechismus und Verlesung eines Capitels der Bibel; geschlossen dagegen mit Danksagung gegen Gott und anderen Gebeten, insonderheit für die drei Hauptstände der Christenheit, - "es fehlet uns aber an einer Bibel in der Schulen, die doch wohl billig da sein müßte". Ferner sollte jedes Kind ein Gebetbuch haben, darin die Gebete verzeichnet würden, die es gelernet, damit Pastor und Schulmeister ihren Fleiß damit beweisen könnten, auch damit es die Eltern wiederholten mit den Kindern und so selbst lernten. Der Katechismus müßte nicht bloß dem Buchstaben nach gelehrt werden, sondern auch der Verstand. "Cantor und Küster müßten in der gesetzten Schulzeit sich keiner, auch nicht der geringsten Hausarbeit annehmen", dabei sich im Unterricht aller Geduld befleißigen, "insonderheit wenn Pastor die Schule visitiret". Er klagt auch über den Kirchenbesuch der Kinder, sie liegen des Sommers bei den Gänsen und Pferden, daß Sünde und Schande ist. Es wäre von Dorfschaftswegen für den Sonntagnachmittag ein Mann zum Hüten anzustellen. - Von Zeit zu Zeit müßte ein Examen gehalten werden.

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Bei den Akten liegt des Pastors "Schulkinderbüchlein", in welchem er jedem Kinde eine Seite angewiesen und nach dem jedesmaligen Examen die Fortschritte verzeichnet hat. Endlich hatte er eine vom Cantor zu führende "Schultabelle" eingeführt mit folgenden Rubriken: Name; Alt; Ingenium ("ziemlich", "hartes"); Versäumnisse; kleiner und erklärter Katechismus; biblische Sprüche; gelernte Psalmen (einer kann 20); Lesen: 1) gedruckt, 2) Briefe; Schreiben: 1) Buchstaben, 2) Zusammen, 3) Vorschrift ("hat Eine"); Rechnen ("etwas", "nichts"); Mores ("ungehorsam", "willig, unachtsam"); Mangel (?).

Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts war selbst in der evangelischen Kirche die Bibel "beinahe eine Seltenheit"; wegen ihres hohen Preises wurde sie von wenigen gekauft. Die Cansteinsche und die Lemgoische Bibelanstalt erst schafften darin durch billige Preise Wandel. Im Auftrag der Prinzessin hat Fabricius auch in dieser Beziehung eifrig gearbeitet. Nach einem Bericht vom 15. December 1725 hat er in diesem und dem vorhergehenden Jahre 56 Bibeln in seiner Gemeinde ausgetheilt. Nun sind im Ganzen 78 Bibeln in der Gemeinde vorhanden, - er hat also nicht mehr als 22 vorgefunden, davon in dem Dorfe Glasow 3, in Dörgelin keine 1 ). Zum Schluß beantragt Fabricius, die Prinzessin möge denen, die keine Bibel bezahlen können, von den Exemplaren des neuen Testaments, so ihre hochf. Durchlaucht binden lassen, einige austheilen.

Es ist immerhin auffallend, daß aus keiner der anderen Gemeinden des Amtes ähnliche Berichte vorliegen.

Trotz ihrer eifrigen Theilnahme an dieser kirchlichen Arbeit kam die Fürstin zu keiner religiösen Befriedigung. Auch nach den Berichten im "Geistlichen Archiv" zu Wernigerode handelt es sich dabei in erster Linie um die Mitteldinge: am Dargunschen Hofe lebte man in "steter Gleichstellung der Welt", ohne doch die rechte evangelische Freiheit des Gewissens zum Gebrauch der irdischen Güter erlangt zu


1) Bei diesem Dorfe bemerkt er: Der Schulz will keine Bibel haben; Hans Maaße, der junge Schulz, hat eine Hauspostille, womit er sich behelfen will, und stehet nicht zu bereden, daß er eine Bibel nehmen will. Von einem Rökenitzer heißt es: "Zeterbarg, ein Schwede, kann nicht Deutsch lesen, seine Frau kann wohl lesen, aber sie können keine Bibel bezahlen". "Jacob Brands gab zur Antwort, wozu ihm die Bibel nütze wäre: er könnte nicht lesen, seine Frau und Kinder könnten sich wohl ohne Bibel behelfen. Jürgen Bohm gab zur Antwort, er könnte nicht viel lesen, und seine Frau nicht sehen, und denen Kindern müßte man solch Buch nicht in die Hände geben."
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haben. Das Gewissen der Prinzessin war durch irgend einen Einfluß befangen, sei es nun durch die Erinnerung an Witsche's Vorbild und Unterweisung, sei es durch den Verkehr mit ihrer Schwester Christine. Jedenfalls fand sie sich in einem peinlichen Zwiespalt, sie fühlte "Schläge des Geistes Gottes" beim Gebrauch der Mitteldinge, "exempli gratia als Serenissima vor ihrer Bekehrung mit einem gewissen dänischen Officier gespielet". Stieber vermochte weder diesen Conflict zu lösen, noch zu verhindern, daß die Beunruhigte neben ihm geistlichen Rath suchte. Er muß nicht den rechten Ton gefunden haben in seinem Kampf gegen jene verderbliche Neigung nach etwas Besonderem in der Frömmigkeit, welche ihm Schritt für Schritt den Boden abgewann. Schon ziemlich früh scheint eine Verbindung zwischen Dargun und Herrenhut bestanden zu haben 1 ). Mehr noch waren es jene weitverbreiteten Lehren vom 1000jährigen Reich und besonders von der Wiederbringung, in welcher Augusta jetzt Trost suchte, und denen sie sich bald rückhaltlos, wenn auch nicht öffentlich, hingab.

Leider ist uns der Briefwechsel zwischen Augusta und ihrer Schwester Gräfin Christine v. Stolberg nicht zugänglich gewesen: Aus ihm müßte sich ein klares Bild dieser Stimmungen und Bestrebungen ergeben. So sind wir einstweilen auf das beschränkt, was gelegentlich und andeutungsweise emanirt. Von Christine steht fest, daß sie nicht nur für ihre Person bis an ihr Ende die Ewigkeit der Höllenstrafen verwarf, sondern auch mit Johann Wilhelm Petersen, dem hauptsächlichsten Vertreter der Apokatastasis, in regem Briefwechsel stand und ihn zu ihren Gewissensräthen zählte. Auch Augusta hat persönliche Beziehungen zu ihm unterhalten. Das geht hervor aus ihrem Briefwechsel mit dem Sohn dieses "weit berühmten Doctors der heil. Schrift", dem Baron August Petersen von Greiffenberg 2 ), nach dem Tode des Freundes, den sie "allezeit sehr lieb und werth gehalten habe wegen seiner großen Erfahrung und ausnehmenden Gottseligkeit, auch anderen Gaben, damit er in der Erkenntniß der Wahrheit vor vielen Andern von Gott ist begnadiget worden". Der Sohn dankt ihr für die seinem Vater er=


1) Aus dem Nachlaß der Prinzessin bewahrt das Schweriner Archiv die Abschrift eines Briefes von Zinzendorff vom 22. November 1731, sowie Nachrichten über die Organisation der Herrenhuter Gemeinde, welche in Dargun am 20. Februar 1732 eingetroffen sind.
2) Schweriner Archiv, Apanagialacten der Prinzessin (v. J. 1727 und 1728).
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wiesenen hochfürstl. Hulden und Gnaden, die sie ihm verschiedene Jahre vor seinem Ende und beständig bis an dasselbe erzeiget. Auf die Bitte um Rückgabe einiger "Handbriefe von Unserer Frau Schwester Christine zu Gedern Liebden an den seel. Herrn Vater" erwidert er, er habe noch 3 Briefe gefunden, worunter einer von Christine (also wohl 2 von Augusta!); die übrigen wolle der Pächter schon an Hellwig geschickt haben.

Hellwig war nämlich der Vermittler dieser Correspondenz und offenbar die Seele der damals in Dargun herrschenden schwärmerischen Gottseligkeitsbestrebungen.

"Jacob Christian Hellwig. Blumberg. - March." ist am 24. Juni 1703 unter dem Rectorate Fechts zu Rostock immatriculirt worden 1 ). Im Jahre 1715 finden wir ihn in Güstrow, wo er als Pagenhofmeister oder als Informator scheint Anstellung gefunden zu haben. Auf den hochfürstlichen 85 jährigen hohen Geburtstag der verwittweten Herzogin wollte er "seine demüthigste Gratulation in allertiefster Unterthänigkeit ablegen" in einem langen gereimten Lobliede 2 ) auf die Herzogin und ihren verstorbenen Gemahl.


1) Nach gütiger Mittheilung des Herrn Dr. Hofmeister in Rostock. - Sein Name findet sich unter den Respondenten von Krackevitz Sylloge und in derjenigen von Fecht, beide 1705, wo er als Berolinensis bezeichnet wird. In demselben Jahr gab er eine von Z. Grapius verfaßte Abhandlung "contra autores des Geheimnisses der Wiederbringung" heraus als Inaugural=Disputation.
2) Schweriner Archiv, Fürstl. Haus. XVI b. Augusta, die Erbin von Gustav Adolfs "Fürstengeist", besingt er darin folgendermaßen:

Und Du, Durchlaucht August', darff sich die Feder rühren,
Die Furcht und Scham zugleich in Demuth angeflammt,
So laß mich Deinen Thron zugleich mit gratuliren,
An diesem hohen Fest, das selbst vom Himmel stammt,
Laß einen Blick zugleich durch Deine Augenballen
Auf meine Niedrigkeit und schlechte Zeilen fallen.

Zwar blendt Dein Fürstenglantz mein dunkles Augen=Licht,
Der durch Großmüthigkeit und tausend Helden=Gaben
Gleich wie ein heller Blitz durch schwarze Wolken bricht,
Daß hohe Häupter selbst ein wahres Muster haben,
So Weißheit, Majestät, ja allen Ruhm der Welt
Als wie ein Wunderwerck in sich entschlossen hält.

Dein Ruhm bedarff es nicht, es ist auch nicht zu sagen,
Was durch des Himmels Schluß in Deiner Brust gedrückt,
Das Auge schaut mit Luft, doch kann man's nicht ertragen,
Man findet bei ihm Furcht, da man nur Gnad' erblickt,
Es ist, ich weiß nicht was, in Deinem Geist geleget,
Das recht was Göttliches in seinem Anblick heget.
(  ...  )
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Trotz dieser Verse fand er Gnade bei der Prinzessin und wurde von ihr am 28. April 1719 (noch zu Lebzeiten ihrer Mutter) zum Secretär ernannt 1 ). Er hatte das ganze Finanzwesen und einen großen Theil der Correspondenz zu verwalten. Daß er ein sorgfältiger und geschickter Geschäftsmann war, zeigen seine bei den Apanagialacten erhaltenen vierteljährlichen Rechenschaftsberichte. Er hat aber darüber hinaus Jahre lang einen bedeutenden persönlichen Einfluß auf die Prinzessin geübt. Er hat "mit Trotzen und Maulen alles erzwingen können, daß es nach seinem Kopfe gehen müssen" 2 ). Diese Stellung verdankte er hauptsächlich seiner Bereitwilligkeit, die Petersenschen und andere schwärmerische Meinungen zu adoptiren, und der Geschicklichkeit, sie zum eigenen Vortheil auszunutzen. Daß er Petersens Freund


(  ...  )
Laß dann der Thorheit zu, daß Sie sich unterfängt,
Was unbeschreiblich heist, schattirt nur auszudrücken,
Hier findt die Hoheit selbst mehr, als Sie glaubt und denkt,
Weil alle Majestät hie läst den Sitz erblicken,
So daß der Himmel fast recht mercklich prophezeyt,
Dir sey, ich glaube fest, ein Königreich bereit.

Die Nachwelt glaubt es kaum, was wir mit Augen sehen,
Wovon die höchste Kunst doch nicht nach Würden spricht,
Man rühmt von Fürsten offt, was niemals ist geschehen,
Hie ist es Kunst genug. Wenn man sein Amt verricht,
Und vom Original, das alles zeigt im Leben,
Dem todten Contrefait kan ein'ge Gleichheit geben.

Ich schreibe nicht erdicht, die Wahrheit lieget da,
Ein Mecklenburg kann sich zum Zeugen selbst aufstellen,
Der ganze Hof spricht hie ein allgemeines ja.
Ja großer Helden Witz muß selbst dies Urtheil fellen,
Daß Fürstlicher Verstand, ich rede nicht zu frey,
Bei andern nur durch Ruhm, hie in der Wahrheit sey.

Wohlan! so blühe auch, Du Mecklenburgsche Krone,
An diesem Freudentag der theuren Hertzogin!
Gott setze Dich zum Ruhm und Deinen Stuhl zum Throne,
Und gebe bey dem Reich Dir auch erleuchten Sinn,
Ein solches Regiment der ganzen Welt zu zeigen,
Davon kein Alterthum der grauen Zeit mag schweigen.

Mein Geist verstummet zwar; doch bleibt Dein hoher Ruhm,
Dem auch die Kronen selbst ja alle Ehr' erweisen;
Dein Hoff, die Stadt, ja auch das ganze Fürstenthum
Muß Deine Herrligkeit und grosse Gnade preisen,
Drum wird von Jedermann der Schluß mit Recht gemacht,
Es sei AUGUSTA mehr denn Kronen werth geacht.
1) Am 21. März 1729 erhielt er Wegen seiner "Uns bis anhero geleisteten unermüdeten, treuen Dienste" den Titel Hofrath mit einem Gehalt von 70 Thlr. quartaliter, seit 1734 auf 75 Thlr. erhöht.
2) Anon. S. 60. Stieber, Walch. illustr. S. 32, 60.
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war, geht aus dem oben erwähnten Briefwechsel hervor. Stieber und die Darguner stimmen in diesen Anschuldigungen völlig überein. Jener sagt 1 ), daß schon seit 1720 eine verderbliche sectirerische Richtung in Dargun von großem Einfluß gewesen sei und ihn selbst bei Seite geschoben habe. Es sei schon damals "ein Gewirre und Bedruck" in der Hofgemeinde gewesen, ein großes Kirchenübel. Die Darguner aber haben nicht nur in der angeführten anonymen Schrift, sondern im J. 1742 in einem eigenen Anhang zu einer zweiten Schrift desselben Verfassers 2 ) ganz specificirte Aussagen gemacht. Endlich nennt die erste der Darguner Relationen im "Geistlichen Archiv" der Gräfl. Stolbergschen Bibliothek zu Wernigerode 3 ) als Hindernisse der "Ausbreitung des Reichs Gottes" d. h. des Pietismus in Meklenburg: "die ehemalige sog. große Frömmigkeit, so bei vielen noch eine rechte Pest ist: die aller Orten eingerissene Wiederbringungslehre, als welche das ganze dasige Christenthum ausgemachet, die guten Funken ersticket und denen, so solche sonderlich am Hofe getrieben, alles nach ihren Absichten in Verwirrung zu bringen Gelegenheit gemacht; wobei das zugleich getriebene gezwungene (?) Christenthum verschiedenen Weltleuten odios geworden." Ebenso ist in der zweiten Relation 4 ) die Rede von "Leuten, die in dortiger Gegend die Wiederbringung aller Dinge, Erlösung aus der Hölle und andere Petersensche Sätze vertheidigen", wobei unmißverständlich auf Hellwig hingedeutet wird.

Als seinen Gesinnungsgenossen nennen die Darguner "einen gewissen Prediger in Meklenburg", welcher nach Stiebers handschriftlichem Berichte Mag. Hennings in Recknitz war. Stieber erwähnt ebenda Hellwigs Frau. Im Walch. illustr. (S. 87) spricht er gelegentlich von "einem Dürftigen von Adel, namens Pogurisis, so zuvor in der Grafschaft Witgenstein in allen dasigen Lehren und Neuigkeiten erzogen". Es ist das jener im Hofstaat erwähnte Pouresé, vielleicht identisch mit einem in den Rechnungen auftretenden Powitsch. Man wird nicht fehl gehen, wenn man auch ihn


1) A. a. O. S. 13 f., 25, 52, 107, 67.
2) Geprüfte Prüfung oder Untersuchung der sogen. Aufrichtigen Prüfung u. s. w., S. 429 ff.
3) Von unbekannter Hand, aber auf Autopsie beruhend, Frucht einer Reise nach Meklenburg, etwa im September 1740 verfaßt.
4) Vom Mai 1737, von der Hand des Herrn von Caprivi. Ein noch älterer Reisebericht aus Meklenburg von demselben Verfasser, der bereits am 29. Januar 1737 in einem Tagebuch erwähnt wird, scheint leider verloren zu sein.
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zu Hellwigs Kreise zählt. Vielleicht ist auch jener Schumann, den L. Gerhard als Chiliasten nennt, derselbe, welcher in Dargun als Hofstaatinformator lebt. Er wurde hier 1730 angestellt "wegen seiner guten Wissenschaft im wohleingerichteten Schulwesen, sonderlich aber auch wegen seiner angerühmten Erfahrung im rechtschaffenen Wesen des Christenthums". 1 ).

Was nun die lehren Hellwigs betrifft, so hat er (nach Aussage der Darguner) 15 und mehr Jahre lang "die Seelen im Circul herumgeführt". "Bald hat man ihnen bei der Einsicht ihrer vermeinten Geheimnisse das Zeugniß gegeben, daß sie nun Bräute des Lammes wären, bald aber auch ihnen solches, wenn der Kopf nicht gestanden, hinwieder abgesprochen und sie auf solche Weise vergeblich gequälet, geäffet und aufgehalten." Neben Wiederbringung und 1000jährigem Reiche lehrte er eine "himmlische Menschheit des Erlösers nebst der, so er aus Maria angenommen". Unmittelbare Offenbarungen spielten eine große Rolle. Er selbst behauptete welche zu haben, deren Ergebnisse "Aussprachen" waren. Er schrieb diese auf groß Regal=Papier sauber auf 2 ). Dann wieder hatte er Erscheinungen, durch die ihm in lateinischer Sprache wichtige Dinge offenbart wurden. Die heilige Schrift erklärte er in willkürlichem Allegorisiren und nannte die ordentliche, gründliche Erklärung abschätzig "philosophiren". Dazu trat völliger Antinomismus: Glaube könne auch bei offenen Schanden und Lastern bestehen; Gesetz müsse man nicht predigen, sondern nur Liebe, und mit dem Ungläubigen in Freundschaft leben: "Gott werde seine Creatur schon selbst retten, wenn erst die Zeit da sei". "Sie wollen, man solle sich an das Wort Gottes halten ohne Erfahrung von Buße, Glaube, Rechtfertigung etc . in der Seele. Unsere symbolischen Bücher nennen sie spottweise den Scheffel, worunter das Licht steckt. Obrigkeitliche Gewalt und die Stände überhaupt halten sie für unrechtmäßig (?), und hegen mit einem Wort fast alle anabaptistische Irrthümer." Hellwig empfahl dabei die Petersenschen und L. Gerhardschen Schriften, die Berleburgische Bibel 3 ), die Schriften des englischen Böhmianers Bromberg und anderer "unordentlicher Separatistischer Geister" wie eine Pièce:


1) Sein Gehalt betrug neben freier Wohnung und Garten - jährlich 30 Thlr. ! Dabei war er verheirathet. Einmal erhielt er die Präsentation zu einer Pfarre. Er hat sich, wie es scheint, später der pietistischen Bewegung nicht angeschlossen.
2) Leider sind bei den Acten keine davon erhalten.
3) Die Wahrheit dieser Angabe erhellt aus den Rechnungen in Augusta's Apanagialacten. Schwer. Arch.
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"Grund und Summa der Lehre der Wahrheit nach der Gottseligkeit . . . . nebst dem Geheimniß der Weisheit", aus welcher Sätze angeführt werden, welche die gnostische Ansicht von der Ehe enthalten, die damals weit verbreitet war unter den Schwärmern 1 ). -

Wir können nicht nachweisen, wie weit alle diese einzelnen Angaben begründet sind, in denen schwärmerische und orthodoxistische Sätze in räthselhaftem Durcheinander auftreten. Weder Hellwig noch die Prinzessin haben je ja oder nein dazu gesagt. Jedenfalls ist die allgemeine Richtung seines Einflusses außer Zweifel. Es handelt sich um den ausgesprochen kirchenfeindlichen, sogen. Laienpietismus. Schon damals war Dargun eine Station für allerhand gottselige Reisende und fromme Industrieritter, an denen jene Zeit so reich war. Angebliche Propheten wurden von Hellwig brüderlich aufgenommen, gehauset und verpflegt. Einer davon (ein Bauer) wurde jedoch als im Kopfe verwirrt erkannt, und zwar daran, daß er einem Manne öffentlich die Perruque abriß mit dem Vorgeben, es sei Sünde dergleichen zu tragen 2 ). Uebrigens für jene Zeit doch kein über allen Zweifel erhabenes Kennzeichen geistiger Gestörtheit. Wenigstens hat Aepinus noch am 10. August 1725 in einem ausführlichen Gutachten beweisen müssen, daß es keine Todsünde sei, wenn ein Pastor und Rector Communicanten oder Schüler zulasse mit Perruquen, geschwänzten Haaren oder blauen Mänteln.

Leider geben auch die handschriftlichen Documente von Hellwigs religiösem und theologischem Verkehr mit der Herzogin keinen näheren Aufschluß bezüglich seiner Lehre. Dennoch verlohnt es sich einen Blick auf diese Denkmäler der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit einer meklenburgischen Fürstentochter zu werfen.

Augusta verstand zwar nach ihrer eigenen Aussage kein Latein, aber seit 1710 3 ) hatte sie begonnen das Griechische zu lernen um das Neue Testament in der Ursprache lesen zu können 4 ). Ja sie hat sogar, die Elemente des Hebräischen erlernt. Die Zeugnisse ihres erfolgreichen Fleißes sind in


1) Ritschl, Gesch. des Pietismus, I., S. 427 ff.
2) Geprüfte Prüfung, S. 433.
3) Delitzsch a. a. O., S. 102.
4) Die Neigung das Neue Testament im Urtext zu lesen war dazumal häufig bei gebildeten Laien, so daß der Buchhändler Lipper in Lüneburg schon 1693 ein griechisch=deutsches Lexicon herausgeben konnte für "Teutsche, welche sonder vorhergehende mühsame Begreiffung der Lateinischen Sprache" den Grundtext wollten verstehen lernen (Großh. Bibl. in Ludwigslust), - besonders bei Frauen. Vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S. 133, 181.
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der Rostocker Universitäts=Bibliothek 1 ) aufbehalten und schon von Delitzsch benutzt worden. Derselbe schreibt einen Theil dieser Arbeiten der pietistischen Zeit zu. Ich weiß nicht, auf welche positive Angaben er sich dabei vielleicht stützt. Die Handschriften selber zeigen nirgends eine Jahreszahl. Ihrer übrigen Beschaffenheit nach können sie nur zum kleinsten Theil später als zur Zeit der Blüthe Hellwigs entstanden sein. Zwar über eine Reihe von Jahren müssen sich diese Arbeiten erstreckt haben; das zeigt schon ihr bedeutender Umfang. Sie bestehen aus einem alphabetisch angelegten Vocabelbuch in Folio zur griechischen Uebersetzung des alten Testaments (LXX); aus Präparation und Uebersetzung sämmtlicher Evangelien und Episteln des Kirchenjahrs nebst einigen anderen wichtigen Stellen der Schrift; aus Uebersetzungen der damals als Schullectüre dienenden Homilien des Macarius, aus ausführlichen exegetischen Abhandlungen über Röm. 9, Joh. 6 u. a. m. Ferner hat Delitzsch auch darin ohne Frage recht gesehen, daß diese Arbeiten in zwei verschiedenen Perioden ihres Lebens von der Prinzessin verfaßt sind. Nur so erklärt sich die Verschiedenheit ihrer eigenen Handschrift, die anfangs schön und zierlich, später ausgeschrieben und weniger sorgfältig ist. Ohne Uebergang stehen beide Schreibweisen nebeneinander, wie sich am besten an dem LXX=Lexicon beobachten läßt. In demselben Buche nun treten auch zwei verschiedene Handschriften ihrer Lehrer auf, von welchen die spätere Hellwigs Hand ist. Nach ihrem Aufhören ist die Arbeit nur in unbedeutender Ausdehnung fortgesetzt. Daraus folgt, daß Augusta nach Elementarstudien in Güstrow diese Arbeiten mit voller Energie unter Hellwigs Leitung in Dargun wieder aufgenommen hat. Eben dasselbe zeigen Notizen in den beiden andern Büchern. An Stellen nämlich, welche von Augustas Hand geschrieben sind, liest man zuweilen: "dieses übersetzet von Mons. H.", oder: "merkliche Redensart, welches der H. H. hinzugesetzet", oder bloß: H. H. = Hofrath Hellwig. - Später ließ die pietistische Bewegung der Fürstin wenig Muße zu solchem zeitraubenden gelehrten Beschäftigung.

Aus den theologischen Abhandlungen hat Delitzsch einige Proben mitgetheilt. Es ist natürlich schwer zu sagen, wieweit die Fürstin selbständig gearbeitet hat, und wieweit hier Aufzeichnungen aus und nach Vorträgen ihrer Lehrer vorliegen 2 ).


1) Mss. Mekl. B. 501, 502, 503.
2) Die Abhandlung über Joh. 6 dürfte z. B. aus Bibelstunden geflossen sein, welche der Hofprediger Zachariae Anfang 1743 auf Befehl der Fürstin über die Reden Jesu nach Johannes gehalten hat.
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Der Geist frommer Rechtgläubigkeit geht durch sie alle hindurch. Die eigenthümliche Lehrweise der späteren Darguner tritt so wenig hervor, als die Irrthümer, welche Hellwig vorgeworfen werden. Wohl aber erkennt man in dem, was Hellwig sicher zugehört, eine Neigung zu abstrusen, etymologischen Spielereien, frostige prätentiöse Reflexionen über den Nutzen der griechischen Sprache, einen weitschweifigen, altklugen Stil und eine auffallende Unfähigkeit, "erbauliche" Bemerkungen zu machen, Frömmigkeit als Stimmung zum Ausdruck zu bringen, - Züge, welche übereinstimmen mit dem, was sonst über ihn feststeht, wie auch mit dem Charakter seiner Schriften.

Der Hofprediger Stieber war gegen diesen übermächtigen Günstling machtlos. Grollend sah er zu, wie ein "vermessener, unerfahrener, ehrsüchtiger und eigennütziger Bedienter" sich die Dargunsche Einsamkeit zu Nutze machte, "indem er bei seinem wankelmüthigen Sinn in Religionssachen, unter solchem heiligen Scheine lauter Parteilichkeit und Banden machte, zu seinem größten Vortheil, aber zu desto größerem Nachtheil der Herrschaft. - Es kam dahin, daß unterm Vorwand der Pietät, oder wie man zu reden pflegte: das Gute zu befördern, allmählich mehr und mehr das fürstliche Gemüth von der Liebe des evangelischen Kirchen= und Lehramts bei immerwährendem Tadeln, Richten und Lästern, auch durch heimliche Unterredungen und Winkelpredigten der Hauptperson dieses verlarvten Spiels möchte abgezogen werden zu ihrem Interesse und Absichten". Indeß trotz alledem verblieb Stieber in Dargun, ein Repräsentant der Orthodoxie, welcher, von dem wärmeren Anhauch des Pietismus keineswegs unberührt geblieben, doch keinen Glauben für seinen Glaubenseifer fand. Sein unzuverlässiges, intriguantes Wesen machte ihn zuletzt bei allen Parteien verhaßt.

Leider waren die übrigen Vertreter der herrschenden Richtung, welche in den Gesichtskreis der Prinzessin fielen, nicht geeignet diesen Schaden gut zu machen. Wir kennen ihr Urtheil über den Senior Hahn in Güstrow. Seine spätere Polemik ist wenigstens nicht fein. Die Gutheißung auch des elendesten Machwerks, wenn es nur gegen den Pietismus gerichtet war, kann ihm nicht zur Empfehlung gereichen. Kühl bis ans Herz hinan erscheint der Präpositus des Darguner Cirkels, (v.) Suckow in Neukalen, von tadelloser Loyalität und Orthodoxie, ein Mann des Prinzips und der Paragraphen. Die ihm untergebenen Pastoren aber waren theils alt und

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abgängig, theils bekommt man von ihren Persönlichkeiten im Verlauf der Geschichte einen so wenig günstigen Eindruck, daß die Geringschätzung, welche die Fürstin ihnen widmete, verzeihlich erscheint.

 


 

III.

Die fremden Prediger.

In Wernigerode war unterdessen der Pietismus, welcher in seiner Spenerschen Gestalt durch den Hofprediger Neuß begründet worden war (1695), ins zweite Stadium getreten. Joh. Liborius Zimmermann wurde 26jährig zum Hofprediger berufen und vertrat mit großem Erfolg den späteren Halleschen Pietismus. Eine große Erweckung fand statt, die wenigstens im gräflichen Hause bleibende Folgen hatte. Christinens Sohn, Christian Ernst, und wieder sein Sohn, Henrich Ernst, "der geistliche Herr", repräsentiren in der ansprechendsten und reinsten Weise beide Formen des Pietismus. Der Segen ihrer Frömmigkeit ist dem Hause und der Grafschaft Stolberg=Wernigerode bis heute erhalten geblieben. Mit beiden, dem Neffen wie dem Großneffen, stand Augusta in einem regen und innigen Verkehr. Bei einem Besuch des älteren Grafen im Jahre 1733 erbat sie von ihm "einige tüchtige, gottesfürchtige Subjecta" für zwei vacante Pfarren ihres Patronats.

Die von dem Grafen empfohlenen Candidaten erschienen. Bereits durch ihre ersten Predigten lernten "Serenissima und verschiedene Hofbedienten . . . den Unterschied der Rührungen und einer wahren Bekehrung kräftig einsehen und rangen bis zur Versicherung der Vergebung der Sünden . . . . Als die Prinzessin . . . . überzeugt worden, ihr bisheriger Zustand sei nur Rührungen gewesen, hat sie ferner geforschet, auf den Ernst und dessen Wirkung bei denen, so zu gleicher Ueberzeugung gelanget, genau Acht gegeben, und als ihr der treue Gott das Sendschreiben an den Bischof von

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Laodicaea nach dem Nachdruck des Grundtextes lebendig gemacht, hat sie solches als die Beschreibung ihres Zustandes mit vielen Tränen Anderen bezeuget, und nicht eher geruhet, bis sie sich entschlossen, da ihr nur Tod oder Leben vorgehalten wurden, letzteres zu erwählen, auch mit Verlust alles Ansehens bei Menschen und dergleichen", (1. Relation im geistl. Archiv zu Wernigerode.)

Dies ist die Bekehrung nach dem Schema des "Bußkampfes", welche die Prinzessin erfahren hat.

Seit der Zeit war sie nicht nur persönlich getrost, voll Friedens und ihres Heiles gewiß. Sie setzte ihre ganze mächtige Energie daran, um in Consequenz dieser, im 59. Jahr erlebten Umwandlung die gleiche Wohlthat auch ihren Verwandten und Bekannten, Bediensteten und Unterthanen zu Theil werden zu lassen. All ihre Kraft und Zeit wandte sie auf dies Werk, das sie durch Regierungsmaßregeln (besonders durch Ausübung des Kirchen= und Schulpatronats), durch eine ausgedehnte Correspondenz und persönliche Einwirkung zu fördern suchte: "Ausbreitung des Reiches Gottes in Meklenburg". Sie vergaß darüber nicht für ihre eigene Seele zu sorgen. Niemand konnte treuer sein im Besuch des öffentlichen Gottesdienstes wie der privaten Erbauungsstunden. Staunenswerth ist ihre Belesenheit in der Schrift. Bis in ihr hohes Alter (sie erreichte das 82. Jahr) blieb sie voll Liebe für die Ihren, voll treuer Fürsorge für ihre Umgebung, mildthätig gegen Arme und Elende, brennend im Eifer für das Reich Gottes, dem einmal eingeschlagenen Wege getreu.

Wie auch das Urtheil ausfallen mag über den kirchlichen und theologischen Werth der Lehre, welcher sie anhing, der Lehrer, unter deren Einfluß sie stand -: die Prinzessin von Dargun hat in der Form dieses Pietismus erst die lebendige, christliche Frömmigkeit gefunden, und was in ihr wirksam war in selbstlosem Eifer für ihren Heiland und die durch ihn Erlösten, das ist der ewige Gehalt des Christenthums, die göttliche Macht des heiligen Geistes, soweit menschliche Augen darüber Gewißheit haben können. Die Lauterkeit und Wahrheit ihrer Frömmigkeit war durch das Urtheil über Theologie und Praxis ihrer Pastoren nicht berührt.

Mag Stieber mit Recht darüber klagen, daß der Hof sich nicht früher auf seine und der frommen Prediger zu Güstrow Predigt hin bekehrt habe, daß man nun die Schuld auf die Prediger schiebe statt auf die eigene Hartherzigkeit,

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ja sich nicht entblöde zu reden, als wenn alle meklenburgischen Prediger "unbekehrte Priester", ihre Verkündigung "todter Buchstabe" gewesen sei. Wie gewöhnlich und wie so ganz menschlich ist diese Irrung, daß kräftig Erweckte so völlig in die Gewalt dessen kommen, der sie erweckt hat, daß sie in der Schätzung der übrigen Diener am Wort, ja der ganzen Kirche den rechten Maßstab verlieren! Verbindet sich doch immer wieder natürliche Sympathie und das ästhetische Urtheil mit dem geistlichen zu einem halbwahren Geschmacksurtheil, wo nicht klare, durchreflectirte Ueberzeugung die Herrschaft bewahrt! -

Die Begebenheiten im Einzelnen sind folgende:

Kaum eine Viertelstunde vom Darguner Schloß liegt das Dorf Levin. Der dortige Pastor war 1732 verstorben. Bei der fürstlichen Patronin ging eine Bewerbung nach der andern ein; gar beweglich bittet J. H. Lockewitz aus Satow, der bereits an mehreren Stellen Hauslehrer gewesen ist, ihn "armes Waysenkind" zu präsentiren. Aber die Prinzessin war entschlossen, fremde Candidaten aufzustellen. "Fast von allen Orten her" sind "christliche Subjecta gesuchet worden". Zwei "von einem vermeintlich sicheren Orte" vorgeschlagene haben fettere Pfarren erhalten - einer von diesen war der gefährliche Tuchtfeld; doch war dieser schon ins Wittgensteinsche berufen. So wurden denn die von Wernigerode empfohlenen Candidaten präsentirt, "zwei geübte und geschickte Subjecta, die Uns ihrer ungefärbten Gottseligkeit wegen von guter Hand gar sehr sind angerühmt worden", Jacob Schmidt und Henning Christoph Ehrenpfort. Beide hatten sich erst auf der Reise kennen und als gleichgesinnte Diener Eines Herren lieben gelernt. Miteinander wurden sie von dem Superintendenten Schaper zu Güstrow examinirt 1 ) und am 3. Ostertage präsentirt. Die Motive der Auswahl waren beim Volk dieselben, welche es heute bestimmen: "der Haußmann pfleget meistens auf die Stimme zu sehen"; man machte gelegentlich den Umstand, daß ein Candidat gewählt war, als Beweis geltend dafür, - daß er eine starke Stimme habe. Schmidt, von der Gemeine erkoren, wurde von Schaper


1) Dies Tentamen fand nicht immer vor der Wahl statt; der kaiserl. Commissarius stellte in Baumgarten drei untentirte Candidaten auf; P. Herder zu Dobbertin hatte in seiner Vocation die Bedingung: "falls er im Examen tüchtig befunden würde"; ebenso in mehreren anderen Fällen im Klostergebiet. (Mss. Mekl. der Rost. Univ.=Bibl. H .41, Nr. 12.)
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eingeführt und erhielt unter dem 7. April 1733 von der Fürstin eine schriftliche Vocation. Sie betonten derselben, daß sie "nicht ohne sonderbare Direction des großen Gottes und der gnädigen Bewegung seines guten Geistes" ihn aufgestellt habe. Das Gnadenjahr der Wittwe reichte noch bis zum XI. p. Trin.; soweit ist wenigstens vom Präpositus die Aufwartung bestellt gewesen. Bis dahin besoldete die Fürstin Schmidt aus eigenen Mitteln, ersetzte ihm auch später, als er die Landwirthschaft anfaßte, die Kosten der Einsaat, c. 150 Thaler. Auch pflegte sie jeden neu angestellten Prediger einzukleiden (c. 50 Thlr.) und trug die sämmtlichen Präsentationskosten.

Jacobus Schmidt war geboren den 11. Juni 1701 zu Wassersleben im Wernigerödischen. Er hatte in Wittenberg studirt. Wir finden ihn 1732 als "Catecheta auf dem Lande", seines Vaters vacirende Pfarre verwaltend, ohne jedoch sein Nachfolger zu werden. Seine Gegner wollten das auf "seine widrige Conduite und gantz besonderes Naturel" schieben, aber Graf Stolberg erklärte selbst (an Carl Leopold 5. October 1736), daß er ihm nach Landesconstitutionen, trotz Anhaltens der Gemeinde, seines Vaters Pfarre nicht habe geben können, aber ihn darum nicht von andern habe ausschließen wollen. Daß er in Wittenberg studirt hatte, machte ihn zur Anstellung unfähig. Denn den brandenburgisch=preußischen Theologen war der Besuch dieser Universität seit 1662 untersagt (erneuert und verschärft 1729 und 1736), und im Wernigerödischen, das seit 1714 enge mit Preußen verbunden war, richtete man sich strenge nach dieser Verordnung 1 ). Stieber sagt von Schmidt, er sei, ob er gleich das Ansehen nicht so habe, dennoch älter als sein Schwager Ehrenpfort, etwas gelehrter, habe auch im Amte den Vorzug und predige, "so er recht darauf meditire, mehrentheils gründlicher" als dieser. Er bemühe sich "subtiler und verborgener zu sein". Er hat sich im späteren Streit thunlichst zurückgehalten. An der Polemik hat er sich nur durch Abfassung eines Theils der Dargunschen Schutzschrift betheiligt. Nur eine Predigt ist von ihm erschienen. Doch kann man annehmen, daß Ehrenpfort's Arbeiten nicht ohne seine Beihülfe entstanden sind. In den Verhören vor dem Consistorium macht er den Eindruck eines vorsichtigen und scharfsinnigen Mannes 2 ). -


1) Nach gütiger Mittheilung des Herrn Archivrath Dr. Jacobs in Wernigerode.
2) Im Jahre 1759 wurde er Präpositus zu Gnoien, (  ...  )
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Die ebenfalls benachbarte Pfarre zu Groß=Methling galt damals für eine "schlechte Pfarre", eine Pfarre, "wobei nur das Kummerbrod ist". In der That wurde sie 1735 nur mit 35 Schill. zur Reichssteuer (Römermonate) herangezogen 1 ). Bereits seit zwei Jahren war der alte Pastor Holst zu Gr. Methling unfähig, sein Amt ordentlich zu versehen; den Gottesdienst hielt längst der Küster; der Pastor verwaltete die Sacramente in seinem Hause. Nun machte ein Schlaganfall ihm auch das unmöglich. Die Berufung eines Adjunctus konnte nicht länger hinausgeschoben werden. Die Fürstin stellte den "abgegangenen" Ehrenpfort auf, zugleich mit "einem alten und im Christenthum wohlerfahrenen Schulmeister" Adam Schumann (dem Hofstaat=Informator) 2 ). Ersterer wurde gewählt, eingeführt und unter dem 26. April 1733 vocirt "wegen seiner von Gott empfangenen geheiligten Gaben und sehr gründlichen Erfahrung des thätigen Christenthums".

Dieser zweite fremde Prediger stammte aus Peina im Stifte Hildesheim, wo er auch bis dahin als Informator gestanden. Er war damals etwa 28 Jahre alt und von auffallend hoher Gestalt. Graf Stolberg entschloß sich nur, ihn herzugeben, weil er ihn, der seiner Länge halber schon unterschiedliche Male von den Werbern verfolget worden, nicht wohl conserviren konnte. Jünger, feuriger, leidenschaftlicher als Schmidt, gab er mehr Anstoß und fand mehr Anerkennung. Er ist "teutscher" und "schläget öfters massiver heraus" (Stieber). Persönlich genoß er die Gunst des Darguner Hofes in noch höherem Maße als Schmidt. Diese größere Gunst wird aber wohl nicht nur darauf zurückzuführen sein, daß er häufig und gar natürlich von der geistlichen Braut=Liebe vorm Frauenzimmer gepredigt, als er zur


(  ...  ) wo er am 5. März 1777 verstarb. In seiner zahlreichen Nachkommenschaft sind unserem Lande eine lange Reihe der tüchtigsten Männer, besonders Juristen und Theologen erwachsen. -
1) Während Rökenitz 1 Thlr. 7 Schill., Altkalen 1 Thlr. 24 Schill., Hohenmistorf 1 Thlr. 31 Schill. 6 Pf., Gorschendorf 1 Thlr. 43 Schill. 6 Pf., Brudersdorf 2 Thlr., Jördensdorf 2 Thlr. 5 Schill., Levin 2 Thlr. 24 Schill., Polchow sogar 3 Thlr. 39 Schill. 6 Pf. abgaben. (Schorrentiner Currendenbuch.) Doch ist nicht jedesmal erkennbar, ob die Abgabe des Colonus eingerechnet ist, welche z. B. in Rökenitz noch 14 Schill. extra betrug. - Eine ähnliche Anschauung von den Besoldungsverhältnissen der Pfarren der Neuenkalenschen Präpositur giebt die Repartitionstabelle der Beiträge zu den Kosten eines "Superintendenten=Wagens" (Vorspannpferde mußte der Ort liefen, welchen der Superintendent besuchte).
2) Gr.=Methling war also damals noch Wahlpfarre.
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Heirath schreiten wollte, wiewohl ihm allerdings eine Neigung zu derlei Bildern eignete. Er war der streitbarste und fruchtbarste der Darguner Prediger. Seine zahlreichen Schriften sind von sehr verschiedenem Werthe. Im Ganzen wird Stieber so Unrecht nicht haben, wenn er meint, es habe ihm am "genugsamen theologischen Erkenntniß" gefehlt 1 ). -

Mittlerweile war auch Pastor Fabricius zu Rökenitz dienstunfähig geworden. Weil "von vielem Meditiren und Mediciniren sein Körper als ein 64jähriger Mann, der ohnedem schon zur Colic und Steinschmerzen geneigt ist, immer mehr und mehr verdorben werde", bat er im Februar 1733 "unterthänigst und wehmüthigst" die Prinzessin wolle mit ihm "eine gnädigste commiseration tragen" und in ihrer "hochangeborenen, fürst=mildesten mütterlichen Gnade" ihm einen von seinen beiden Söhnen substituiren. Sie versprach ihm, "gnädigst getreue Fürsorge für die Seinigen zu tragen; und ob es auch scheinen möchte, daß Ihre Durchlauchtigkeit solches in Ihro Herzen verbergen würde, so wollten dieselben dennoch gewißlich daran gedenken". Er starb bereits vor Ehrenpforts Einführung in Gr.=Methling. Die bekümmerte Anna Helena Pritzburen, verwittwete Fabricen, erneuerte die Bitte ihres Gemahls in mehreren Eingaben. Auch die "sämmtlichen Eingepfarrten der Röknitzer Kirche" schlossen sich ihr an, ohne, wie es scheint, einer Antwort gewürdigt zu werden. Dieselben wandten sich nun noch am 19. Mai 1734 an Herzog Carl Leopold, klagend: sie sollten wieder einen "Fremdling", und zwar alleine aufgestellt, erhalten; sie würden "zu ihm kein rechtes Vertrauen und Lieben in Ewigkeit nicht haben und erlangen", und baten um Schutz des Wahlrechts. Sie wünschten einen von den Söhnen des Fabricius. Aber der Herzog wollte sich nicht einmischen. Er übersandte die Bittschrift nicht einmal an Augusta. Bei dieser war durch den Einfluß der Wernigerödischen Prediger noch keineswegs der ältere schwärmerische gebrochen. Beide Richtungen vertrugen sich anfangs. Hellwig hatte sich möglichst an die neuen Prediger angeschlossen, und wenigstens Schmidt war nach seinem eigenen Geständniß auf die Lehren von der Wiederbringung und vom 1000jährigen Reich eingegangen, "so daß er selbst davon an seiner Seelen einige Zeit her Schaden gelitten". So nennt auch die 1. Relation


1) Er ist 24 Jahre in Dargun geblieben. Im Jahre 1757 wurde er Dav. Franck's Nachfolger in Sternberg, feierte da noch sein 50jähriges Jubiläum und starb im 78. Lebensjahre am 1. December 1782, nachdem er seine Generation und seine theologische Richtung überlebt hatte.
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als Hinderniß für die Ausbreitung des Reiches Gottes in Meklenburg u. A.: "die List der Schlange, welche auch die neuen Prediger von der falschen Wieberbringungslehre zu überreden gesucht". Sie waren solchen Versuchungen zugänglich, obwohl gerade die in Wernigerode geltende Frömmigkeit vor andern pietistischen Spielarten den Ruhm dogmatischer Correctheit voraus hat 1 ). Allein ihr völlig auf die Praxis gerichteter Blick sah in jeder Regung eine gute Bewegung: so ließen sie es zu, daß unter ihrem Namen die alten schwärmerischen Elemente sich mehr hervorwagten 2 ). Die Pastoren haben für diesen zeitweiligen Mangel an rechter Nüchternheit bitter büßen müssen. Diese Lage der Sache erklärt es aber, wie die Fürstin die Röknitzer Pfarre zunächst dem "elenden Wiederbringer Mag. Hennings" antragen konnte. Doch Gott "dirigirte sein Herz, die ihm angetragene Vocation abzuschlagen". Nun wurde Ehrenpfort solitarie präsentirt und introducirt. (Vocation vom 18. März 1734.) Bald darauf wurde er auch zum "Hofdiaconus" ernannt, um seinem amtlichen Wirken im Schloß und in der Schloßgemeinde eine rechtliche Grundlage zu geben 3 ). -

Entschieden und schnell auf der betretenen Bahn vorschreitend, beschloß die Fürstin, auch Groß=Methling wieder mit einem Gesinnungsgenossen der neuen Prediger zu besetzen. An ihrem Hofe lebte als Pagenhofmeister der Candidat August Hövet aus Güstrow. Er hatte in Rostock mit einem Stipendium der Prinzessin unter Krackevitz studirt und von diesem ein gutes Zeugniß erhalten. Er war Schwiegersohn des Mag. Hennings. Die Fürstin hatte ein besonderes Wohlgefallen an ihm, da er "in solcher Station (an ihrem Hofe) erst zu Gott gezogen worden", ein Dargunscher Neophyt war. Compräsentirt wurde der nachherige Pagenhofmeister Joh. Bernhard Lange aus Sorau 4 ). Da Schaper unterdessen verstorben war, reisten beide auf fürstliche Kosten nach Schwerin, wo sich Carl Leopold damals aufhielt, und ließen sich von dem Superintendenten Siggelkow und dem Hofprediger Menckel tentiren. Der Herzog gestattete die Präsentation zweier statt dreier Candidaten, und Hövet wurde gewählt. (Vocation vom 28. Juni 1734.) Die Pfarrhebungen


1) Tholuck, Geschichte des Rationalismus. I. Abth., S. 33.
2) Vgl. dazu Anonym. S. 61. Walch. illustr. S. 36, 100.
3) Brief Stieber's vom 22. Januar 1735; doch findet sich kein Concept der Vocation in den betr. Canzleiacten.
4) Gestorben zu Dargun 29. März 1737, nachdem er in großem Segen nicht nur an seinen Schülern, sondern auch in der Gemeinde gearbeitet hatte.
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behielt der Emeritus, der Adjunctus erhielt aus der Hofcasse ein Gehalt von 150 Thlrn. - eine sehr gute Besoldung, wenn man erwägt, daß ein Rostocker Professor damals 200 Thlr. bezog. Nachdem Holst Anfang 1735 verstorben war, behielt Hövet neben dem Genuß der Pfarre sein früheres Gehalt als Zulage. Den Rechnungen der Hofcasse zufolge wurde er auch sonst mit Geschenken reich bedacht. Nicht nur hatte die Fürstin wie immer die Besetzungskosten getragen und ihn eingekleidet: sie richtete ihm auch auf dem Schlosse die Hochzeit aus; 1734 erhielt er zu einem Pferd 22 Thlr., im folgenden Jahre für ein Cariol und Pferd 32 Thlr., 1736 zur Einsaat 12 Thlr. 24 Schill. Auch ein neues Pfarrhaus wurde ihm mit bedeutenden Kosten erbaut 1 ). -

Ueber die erste Wirksamkeit der "Fremdlinge" fehlt es leider an ausführlichen gleichzeitigen Nachrichten, die über jeden Zweifel erhaben wären. Die beiden Relationen im "geistlichen Archiv" sind nicht vor 1737, die erste erst 1740 verfaßt. Manches wird da verblaßt sein, wiewohl ihre. Glaubwürdigkeit im Allgemeinen um so weniger angezweifelt werden kann, als sie mit großer Offenheit der "Nebenmeinungen" gedenken, denen man in Dargun zeitweilig Beifall geschenkt hatte. Leider fehlt aber der Darstellung die Ausführlichkeit. Aelter ist der Abfassung nach Hempel's mit Vorsicht zu benutzende "Unpartheiische und aufrichtige Historie des Kirchen=Zustand es bei der Gemeine zu Dargun im Meklenburgischen von Anno 1733 bis zu Ausgang des Jahres 17 35", welche E. Neumeister im Jahre 1737 mit einer häßlichen Vorrede veröffentlicht hat 2 ).


1) 1752 wurde er nach Brudersdorf versetzt, 1758 Präpositus zu Dargun und Röknitz, 1768 emeritirt, † 1775. Außer einer Predigt (s. unten) und einem Theil der Schutzschrift hat er 1749 und 1757 zwei Abhandlungen über die Namen unseres Heilandes veröffentlicht, die ihm im Neuen und Alten Testament beigelegt werden.
2) Bei G. Th. Adamsen, Ausführliches Antwortschreiben u. s. w. Neumeister war der Meinung, darin "dieser tollen Heiligen eigenes Geständniß" zu haben, von einem, "der der Bußkämpferei selber zugethan ist". Darin freilich täuschte er sich. Andererseits ist wohl auch Rusmeyers Urtheil (Die Kraft Christi, S. 182 ff.) nicht ganz zutreffend, wenn er den Verfasser "ganz unparteiisch" nennt, "einen redlichen Mann, der Gott fürchtet und die Wahrheit liebt", "keinen Feind von obbemeldeten Predigern" und geschickt ihren Sinn recht zu fassen. Aber daß er von Rusmeyer ein "guter Freund" gewesen, ist allerdings richtig. Es war nämlich der Dr. med. Joachim Jaspar Johann Hempel, Practicus in Neubrandenburg. Mit dem Darguner Hof verschwägert - er hatte nämlich eine Kammerjungfer der Herzogin gefreit -, erfuhr er Von der letzteren vielfache Gnadenbezeugungen, zu deren Erlangung sein Freund und Verwandter Hellwig (  ...  )
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Stieber hatte "von vielen Zeiten her" die dortige Mittwochs=Predigt eingehen lassen. Mit seinem Consens wurde dieselbe von den Wernigeröder Candidaten übernommen, und auch fortgesetzt nach ihrer Anstellung in Levin, bez. Gr.=Methling. "Weil sie nun vielen Acceß bei Ihro Hochfürstl. Durchlaucht hatten, proponirte der Herr Pastor Schmidt, daß zur Vereinigung der Gemüther im Christenthum die Privat=Versammlungen und Erbauungen vieles contribuirten. Die hiebei vorfallenden Schwierigkeiten wurden bei Seite gesetzt 1 ) und ward beschlossen, daß Ehrenpfort . . . . alle Montage in dem hochfürstl. Speisesaal eine Erbauungsstunde halten mußte, worinnen Anfangs und beim Ende ein Gesang gesungen und ein beliebiges Capitel aus der heil. Schrift erklärt und ad praxim der Buße und des Glaubens vorgetragen ward. Am Dienstag hielt Herr D. Stieber in der Schloßkirche mit den Kindern ein Katechismus=Examen. Am Mittwoch blieben die Predigten; am Donnerstag hielt der Herr Pastor Ehrenpfort in seinem


(  ...  ) ihm sicher nützlich war. Für eine Disputation, welche er überreichte, wurden ihm 20 Thlr. gezahlt (1733), am 30. September 1734 wurde er zum Hofstaats= und Amtsarzt bestellt (für ihre Person hatte die Fürstin einen Arzt in Hamburg). Er war als solcher verpflichtet, jährlich viermal in Dargun zu erscheinen, wofür er 50 Thlr. erhielt nebst einer jedesmaligen Reisevergütung von 4 Thlrn. extra. Als seine Mutter durch eine Feuersbrunst betroffen worden, erhielt sie eine Unterstützung von 30 Thlrn. Rücksichten der Dankbarkeit mußten darum auf seine Handlungsweise von Einfluß sein. Indeß nach dem Zerwürfniß zwischen Hellwig und den Dargunern trug der ärztliche Hausfreund kein Bedenken, das, was er gelegentlich erkundet und notirt hatte, ihrem gemeinsamen Freunde Rusmeyer in Greifswald zuzustellen. Von welchem es dann Neumeister erhielt und in den Druck gab. Auf gemachten Vorhalt soll Hempel selbst bekannt haben, "daß er hierunter einen Judas=Tück bewiesen und Unrecht gethan, dem äußerlichen Vorgeben nach solches bereuet und sich anheischig gemacht zu revociren". Auch soll er bezeugt haben, daß er die Relation nur an Rusmeyer geschickt, und zwar nicht zur Veröffentlichung, sowie, daß Manches mit eingeschaltet sei, was er nicht referirt habe (?). (Zachariae an Graf Henrich Ernst v. Stolberg, cfr. Anonym. S. 51 ff.) Hempel hat wohl durch diesen Widerruf sich bei Amt und Brod erhalten wollen. Allein vergebens. Seit Ostern 1738 fehlt er in den Besoldungslisten. Trotz dieses Schwankens kann man ihn als Zeugen nicht ganz verwerfen. Soweit wir ihn controliren konnten, haben wir ihn zuverlässig gefunden. Widerlegt ist er in keinem Punkt. Er war in der Lage zu wissen, was geschah, und hatte kein Interesse, direkt zu lügen. Auch mögen merkwürdige Dinge genug geschehen sein, so daß es nicht nöthig war, welche zu erfinden. Dem Litterarhistoriker der späteren Controverse, J. H. Burgmann, wäre es zugekommen, die Glaubwürdigkeit Hempels ernsthaft zu untersuchen, statt mit Achselzucken daran vorüberzugehen.
1) Durch die oben erwähnte Ernennung Ehrenpforts zum Hofdiaconus.
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Hause eine Erbauungsstunde für seine Gemeinde, worin auch die Durchl. Prinzessin mit denen von Adel, auch einige von dero Bediensten sich mit einfunden. Am Freitage hatte die Durchl. Prinzessin in ihrem Eßsaal wiederum eine Singstunde 1 ), worinnen drei Lieder nur allein gesungen wurden". Durch den "erbaulichen Montag" nun war die Herzogin "bekehrt" worden, ebenso der Hofmeister v. Moltzahn und zwei "adliche Dames" (seine Schwester, die Kammerjunkerin v. Halberstadt, und das Hoffräulein v. Grabau) "nebst unterschiedlichen Bürgern und geringeren Standes". Und dies so, daß sie "von dem Verderben des Herzens empfindlich überzeugt wurden und über ihr Elend Leid trugen, worauf sie Christum im Glauben ergriffen, dadurch sie dann in eine herzliche Freude geriethen und das Zeugniß von der Kindschaft Gottes in ihrer Seele empfingen". Diese nun wurden von Schmidt und Ehrenpfort als "Neu=Bekehrte und Wiedergeborene" angesehen, und jeder dazu gerechnet, der öffentlich und frei sagte, daß er "Buße und Glauben erfahren". "Die liebten sich besonders unter einander, kamen öffentlich zusammen und beteten mit einander". Die andern galten als "Unbekehrte", von ihnen hielten sich die "guten Seelen" abgesondert als von der "Welt", um nicht in ihr Gespräch von weltlichen Geschäften oder gar in Scherz und Narrentheidungen verflochten zu werden und so an ihrem Heil sich zu beschädigen. Die daraus sich ergebende starre Zerfällung der Gemeinde in Bekehrte und Unbekehrte beherrschte auch die Predigt. Auf die Unbekehrten wurde mit hartem Drohen und Schelten das Gesetz angewandt und die Verdammniß vorgestellt, daß sie vor Trauer vergehen, ja Schlag und Unglück kriegen möchten. Dazu kamen unvorsichtige Angriffe gegen die Art der Heilsverkündigung, welche die "Fremdlinge" in Meklenburg vorfanden. Es kam ihnen vor, als ob hier das Werk der Bekehrung nicht genugsam betrieben wäre, ja als ob es völlig unbekannt, ein "Geheimniß" für die armen Gemeinden geblieben sei. Das könnte nur Schuld der Geistlichen sein, dieser unbekehrten Bauch= und Suppenprediger, Wölfe, - Satansapostel. Wenn auch der Gebrauch dieser Ausdrücke auf der Kanzel nicht feststeht, - im täglichen Leben bediente man sich ihrer im Kreise der Bekehrten unbedenklich. Dazu kam das zeitweilige Eingehen auf Hellwigs schwärmerische Ideen und gewisse Willkürlichkeiten


1) Ueber die "Singestunden" vgl. Kramer, Leben A. H. Francke's, II, S. 357. 108.
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in den Ceremonien: Vernachlässigung der vorgeschriebenen Perikopen wie der Gebetsformeln (Vaterunser und Kirchengebet), Verwerfung des Kniebeugens beim Namen Jesu, Abänderungen in der Absolutionsformel, die Einführung ungewohnter Gesangbücher mit "hüpfenden Melodien und zweideutigem Inhalt" 1 ); an Unsicherheit und Inconsequenz leidende Versuche energischer Kirchenzucht, die nicht an der "Erläuterung der Kirchen=Ordnung" von 1708 orientirt waren; endlich die "erste Hitze und Unerfahrenheit im ersten Jahre ihres Amts bei gutem Wetter und Glück."

"Da sich bald anfangs einige Seelen gründlich zu Gott bekehrten, verdroß es den Feind; als Zauberer, Trunkenbolde, Ehebrecher und die Neues bringen wurden sie verschrieen, auch von Kanzeln" (2. Relation). Den letzten Vorwurf hatten sie lediglich sich selbst zuzuschreiben: sie waren es, die eben ihre Lehre als eine andere (und somit neue) der landesüblichen gegenüberstellten. Der Verdacht der Zauberei entstand durch Zusammenwirken ihrer seltsamen Ausdrücke, der fremdartigen Frömmigkeitszustände und des grenzenlosen Aberglaubens. Hat man doch noch 1744 alles Ernstes eine Untersuchung angestellt, ob im Dargunschen Bekehrungspulver in Bier oder Zettel auf Butterbrod eingegeben würden 2 )! "Die Einfältigen (unter denen, welche sich bekehrten) gaben ebenfalls Gelegenheit zu vielen Lästerungen. Denn wenn sie in Traurigkeit über ihr Sündenelend waren und in solchem Zustand bisweilen ausgingen, so hieß es von ihnen, daß sie Jesum suchten. Geschah es, daß sie an einem Ort, da sie dann waren, eine Freude in ihren Seelen empfunden, da hieß es dann: sie hätten Jesum gefunden, da denn der eine ihn auf dem Wege, der andere auf der Wiesen, noch andre anderswo angetroffen, wodurch gräuliche Lästerungen entsprungen. Dieses gab auch Gelegenheit, daß von vielen Erscheinungen geredet ward, wozu aber die lieben einfältigen Seelen Gelegenheit gaben, als welche die Freude in Christo mit bildlichen Ausdrücken an den Tag gaben. Und da sie mit denjenigen, die nicht gleichen Sinnes waren, nicht gerne umgingen und allerlei Redensarten sich haben entfallen lassen, so ist dadurch ein Haß erweckt".


1) Petersen's Stimmen aus Zion, das Wernigerödische und das Tundersche Gesangbuch.
2) In einem aus Friedberg in der Wetterau datirten Bericht heißt es, daß die Salzburger Emigranten von den Katholiken u a. "Brieflein=Fresser" gescholten wurden (Hagenbach, K.=G. des 18. und 19. Jahrhunderts, 1848, S. 64).
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Hempel berichtet einen Fall, der den Mangel an geistlicher Nüchternheit bei den neuen Predigern und ihren schnell geworbenen Anhängern treffend illustrirt. "Zu der Zeit begab sich, daß ein Bäcker in Dargun (es war der Hofbäcker Görtz) sammt seiner Frauen in melancholische Raserei verfiele, als die bereits lange Zeit uneinig gelebt hatten. Wie sie nun geschrieen, daß sie verloren und verdammt wären, haben die Bekehrten nicht weislich geurtheilt und gesagt: sie wären in dem Bußkampf, weswegen auch der Herr Pastor Ehrenpfort hingehen müssen. Wie er sie nun in vorgemeldten Umständen gefunden, hat er sie, wie gesagt wird, gelassen" (d.h. er urtheilte ebenfalls, daß sie im Bußkampf stünden, den man nicht stören dürfe. Er müsse seine Zeit währen. Je gründlicher er durchgemacht werde, desto besser. Vorzeitige Tröstung könne das ganze Werk der Bekehrung vereiteln. An Wahnsinn kam ihm kein Gedanke). "Von dem kranken Mann wird gesagt, daß er auf die Dörfer gelaufen und Jesum gesucht. Die Frau ist in den Brunnen gesprungen, sich zu ersäufen, und wie sie daraus errettet, hat sie, sich zu ermorden, zwo Wunden am Leibe gestochen. Woraus das böse Gerücht entstanden, daß der Engel Gabriel diese Person in Abrahams Schoß tragen wollen, habe sie aber in Brunnen fallen lassen, und was des gottlosen Geschwätzes noch mehr geworden. Diese Leute gehörten zu der Gemeine des Herrn Dr. Stieber's, der sie denn auch fleißig besuchet. Bei dessen freundlichen Zureden und bei dem Gebrauch der Medicamenten des Herrn Dr. Lembken sind sie durch göttliche Gnade wieder genesen".

Der Hofprediger hatte sich anfangs freundlich zu den neuen Predigern gestellt, ja - nach ihrem Bericht - selbst angefangen, ernstlicher Buße zu predigen, und nachher geäußert: er habe nach der anderen Prediger Methode gepredigt. Bald aber habe er sie in Predigten falsche Apostel geheißen, die an der Bekehrsucht laborirten und auf Erscheinungen führten, die betreffenden Sprüche auf sie angewandt und ein vielfältiges Wehe mit größter Heftigkeit über sie ausgerufen, so daß bei dem allem weiter nichts gefehlt, als daß er sie nur mit Namen genannt. Dazwischen deprecirte er wieder und versprach Besserung, und trieb's dann doch weiter (2. Relation). Obwohl er sich seiner Zeit bereit erklärt hatte, die Leitung zweier wöchentlicher Betstunden zu übernehmen, wünschte die Fürstin später, daß der Hofdiaconus die eine halte. In einer Eingabe vom 22. Januar 1735 bat Stieber nun um Schutz bei seinem Amte und seiner

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Vocation; weil bei solchem Vorhaben auch die Einfältigsten merkten, daß limites ecclesiae et sacra möchten turbiret und weitere Folgerungen besorgt werden, könne er die Betstunden nicht eröffnen, ehe Ehrenpfort sich schriftlich reversiret habe, daß bei "angemutheten Betstunden nicht die Absicht sei . . . . daß die weitaussehenden principia und Absichten der sogen. Philadelphischen, Zinzendorfischen, Tuchtseldischen und Wittgensteinischen Secte allmählich eingeführt und die Gemüther unter gutem Schein praeparirt werden sollten". Gewiß ein sehr plumpes Verfahren für einen Hofprediger. Die sachliche Berechtigung wird man ihm jedoch nicht platterdings absprechen können, wenn man sich der Berufungsgeschichte der Pastoren entsinnt. - Am selben Tage noch ward ihm der Bescheid, er sei von Abhaltung der Betstunden dispensirt. Um diese Zeit scheint jene Geschichte mit dem melancholischen Bäcker sich zugetragen zu haben. Wenigstens wurde Stieber "durch die vorfallenden Umstände bewogen" wider allerlei vorfallendes übles Geschwätz und ausgebreitete Erscheinungen heftig zu eifern. Wie er nun dabei nicht allemal auf allen Seiten in göttlichen Schranken blieb, verließen die Vornehmsten unter den Bekehrten seine Schloßkirche fast gänzlich, besonders da sie ihn desfalls vorher erinnert hatten. Es geschah bisweilen, daß, wenn Herr Dr. Stieber zur Kirche gegangen, ihm einige von den Vornehmsten entgegen gekommen, sich in die Kutsche gesetzt und nach des Herrn Pastors Ehrenpfort seiner Predigt gefahren". (Hempel.) Welchen Zorn diese "Wahlfahrten" bei dem Hofprediger erregten, zeigt der Wuthausbruch im Walchins illustratus S. 53 ff.

Bald nach Pfingsten wollte die Prinzessin communiciren. Da stellte Stieber sich "spröde" und begegnete ihr sehr irrespectueuse, nachdem er auch schon bei der vorigen Communion sich gegen Sie höchst unanständig aufgeführt und mit Secten und Teufelslehre um sich geworfen. "Dieses habe Ihre Durchlaucht bei ihrem Beichtgehen sehr geschmerzt, zumal er Ihnen noch dazu bei der Communion den Kelch in den Mund gestoßen, ob aus Versehen oder Vorsatz, lasse man Gott über". Bei diesem letzten Besuche gab er deutlich zu verstehen, er könne sie nicht wohl zum Abendmahl annehmen, ohne daß sie sich kategorisch erkläre. Am Tage darauf meldete er sich krank und unfähig den Gottesdienst abzuhalten; wollte aber denselben Abend verreisen, wenn die Prinzessin mit der Communion warten wolle, u. s. w. Die Kammerjunkerin v. Halberstadt wies er direct ab, weil sie nach Röknitz zur Kirche gefahren (Anonym. S. 84). Da

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er nun schon mehrfach mit seinem Weggang gedroht hatte, auch bezeugt, er habe von hoher Hand ordre auf Alles in Dargun wohl Acht zu geben und Bericht davon zu erstatten, entschloß sich die Fürstin "ohne einiges Menschen An= und Zurathen" und ließ ihm mündlich durch ihren Hofmeister seine Entlassung ankündigen. "Darüber er in große Wuth gerathen, ganz desperat gefragt: wo er denn hin solle? und dem Hofmeister gedroht, daß ihn die Rache Gottes, Donner und Blitz treffen würde" (2. Relation). Er nahm diese mündliche Demission nicht an und erhielt sie dann einige Tage darauf schriftlich (datirt vom 18. Juni 1735, abgedruckt in den Meklenburgischen Jahrbüchern, Bd. 45, S. 97 ff.) 1 ). Wenn man Stieber selbst glauben darf, so haben Junge und Alte bitterlich geweinet, als er "gewaltthätig verdrungen" wurde.

Die Abweisung vom Abendmahl wird in der Entlassungs=Urkunde nicht erwähnt. Stieber (Walch. illustr. S. 79 ff., 147) leugnet direct, daß er die Herzogin 2 ) oder die Frau v. Halberstadt abgewiesen, wohl aber der letzteren Mann, jedoch wegen offenbarer, landkundiger Laster, nicht wegen Kirchfahrens. Es dürfte die ganze Angelegenheit etwas über's Knie gebrochen sein; denn es muß auffallen, daß Zachariae (Bußkampf S. 22) nichts Besseres darüber zu sagen weiß, als: "ist eine Remotion geschehen, so wird eine hohe Standesperson . . . . genugsam Ursach dazu gehabt haben. Wem soll sie denn Rede und Antwort dafür geben? Ist es nicht ein recht unverschämtes Beginnen?"

Stieber wurde von seinem Amte "befreit und gänzlich dimittirt" wegen des von ihm "alle die Jahre unseres Hierseins" erhobenen "beständigen Widerspruchs gegen alle wahren guten und Werke Gottes auf öffentlicher Kanzel mit überaus unanständlichen Ausdrücken und Worten vor dem heiligen Angesichte Gottes" und verweigerter Aenderung, weil sich die Fürstin, nachdem Gott sie "nun den Weg der wahren Buße und des Glaubens geführt, daß sie des Herrn Wege erkennt und darin steht", nicht länger "solcher offen=


1) Zu dem Ganzen vergl. Walch. a. a. O. S. 553 ff. (der jedoch, obwohl er aus Dargunschen Quellen schöpft, von der vorangängigen Neigung der Prediger zur Sectirerei nichts erwähnt), und die schon mehrmals citirte Gegenschrift (Stieber) Walchius illustratus 1742, die nicht ganz zu verwerfen, aber doch sehr vorsichtig zu gebrauchen ist.
2) Daß er aber dieselbe nicht ohne Weiteres habe absolviren wollen, giebt er in dem mittleren seiner drei Berichte bei den Generalacten über die Superintendenten (Schwer. Archiv) ausdrücklich zu!
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baren Lästerung gegen den Herrn und seiner Heilsordnung mitschuldig machen will. Dabei wir Euch übrigens der erbarmenden Liebe Gottes übergeben, daß dieselbe Euch endlich noch als einen Brand aus dem Feuer erretten und Ihr Eure Seele als eine Ausbeute noch davon tragen möchtet".

Er begab sich nach Wismar und wurde von Herzog Carl Leopold zum Superintendenten und Kirchenrath ernannt. Allein er konnte keine Urkunde über diese Ernennung erhalten und sein Amt nicht antreten. Darüber zerfiel er mit dem Herzog und leistete der Aufforderung des Commissarius Christian Ludwig Folge, den Herzog zu verlassen. Doch auch so gelangte er nicht zur Ausübung der Superintendentur, denn die Stände verweigerten ihm die Anerkennung. Er starb als Mitglied des Consistorii 1755. -

In Wiederbesetzung der Hofpredigerstelle war die Fürstin Augusta nicht durch die vielen Umständlichkeiten genirt, welche sonst in den Verhandlungen mit Herzog und Superintendenten ihre Geduld auf harte Proben stellten. "Nach der gnädigen Handleitung Gottes und seines guten Geistes, mit herzlichem Gebet und Anrufung seines Namens, ohne jemandes Einreden und Zurathen", war sie mit ihrem Herzen und Gemüth sonderlich auf Carl Heinrich Zachariae 1 ) gefallen, seit 1730 Diaconus an der Oberpfarrkirche St. Silvester zu Wernigerode. Die Wirksamkeit Liborius Zimmermanns am dortigen gräflichen Hofe hatte die Herrschaft veranlaßt auch für die Stadt nach einem "treuen Knecht" auszuschauen. So war Zachariae nach Wernigerode gekommen, wo er "gewaltig predigte, so daß es Viele gleich anfangs an ihren Herzen wohl fühlten". Daneben hielt er Privaterbauungen in der Nicolai=Schule und mit den Erweckten in seinem Hause. Hier ließ er Frauen, ja sogar Kinder laut beten 2 ). Am Hofe war er sehr persona grata, nur aus besonderer Freundlichkeit überließ ihn der Graf seiner Tante 3 ). Kaum in Dargun angelangt, bat


1) Geb. 1698 "Baudaci in vico ducatus Crosnensis in Silesia"; 1726 Pastor zu Tauchart in Thüringen.
2) So berichtet der Salfeldsche Hofrath Walbaum in seinen zu Wernigerode erhaltenen äußerst werthvollen Tagebüchern, beim Jahr 1733 (über Walbaum vergl. Kramer, Leben A. H. Francke's, II, S. 293).
3) Bereits im Juni begannen die Verhandlungen. Walbaum hörte in Halle, wie die Prinzessin Augusta von Meklenburg zu Dargun sehr rechtschaffen und muthig sei, ihren bösen Hofprediger abgesetzet und den Herrn Zachariae an dessen Stelle vocirt habe, der aber nebst denen guten Wernigerodern darüber sehr betreten sei. Im Juli nimmt er in Wernigerode an den Besprechungen und Gebet über diese Angelegenheit Theil. "Der eine rechtschaffene Seiler . . . . . war des Herrn Zachariae wegen auch bei uns". Am 1. August (  ...  )
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Zachariae den Grafen zum Gevatter (neben der Prinzessin, dem Hofmeister und der Frau von Halberstadt).

An Besoldung waren für Zachariae 400 Thlr. ausgesetzt (Stieber hatte 350 Thlr bezogen), dazu Wohnung, Wiesen, Garten, Accidentien, 3 Drömpt Roggen und 3 Drömpt Gerste vom Bauhofe. Ebenso war die Reisekostenvergütung sehr reichlich bemessen. In Meklenburg rechnete man damals die Meile 16 Schillinge Fuhrlohn. (Schorr. Curr.) Zachariae erhielt 100 Thlr. N 2/3, dann aber nach Ausweis der Rechnungen noch weitere 40 Thlr. zur Ergänzung seiner Reisekosten, wie auch die Zeche seiner Fuhrleute mit 9 Thlrn. 19 Schill. aus fürstlicher Casse bestritten wurde. Dem entsprach auch im übrigen die Aufnahme, welche er in Dargun fand. "Ich merke in allen", schrieb ihm Helwig (?), "Gottes sonderbare Führung und Handleitung; darin freue ich mich um so vielmehr und preise ihn von ganzem Herzen. Der Herr gebe Ihnen viel Gnade und segne ihren Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit! Amen. Anbei ergehen 100 Thlr. N 2/3 zu denen Reisekosten, die Ihro Hochfürstl. Durchlaucht gar gerne übernehmen. Ew. HochEhrwürden möchten damit die Fracht bedingen. Das Ausgelegte wird dankbarlich erstattet werden. Meine gnädige Herrschaft verlangen sehr nach Dero baldigen Ueberkunft, weil sie jetzo hirtenlos sein und nur petitione den Gottesdienst müssen verrichten lassen; der Herr wird Ihren Weg dirigiren und bald zu Uns richten, darnach wir uns alle sehnen u. s. w."

Im Herbst bezog Zachariae sein Pfarrhaus, das mit einem Aufwand von 60 Thlrn. neu in Stand gesetzt war. Die Fürstin wünschte eine officielle Einführung und erbat von Carl Leopold bereits im September eine bez. ordre an den Nienkaldenschen Präpositus oder an Ehrenpfort (abgedr. Jahrb. Bd. 45, S. 98 ff.). Der Herzog verlangte, daß das hiezu destinirte Subjectum sich zuvörderst persönlich bei ihm einfinde. Allein trotzdem wollte glaubhaft verlauten, daß ermeldtes Subjectum sich des Predigtamtes und Kirchendienstes daselbst allbereit werkthätlich unterzogen haben solle. Diese "wider Unsere Landesherrliche Territorial= und Episcopal=Jura unduldentlich angehende Emergentien, im Fall es sich damit also würklich verhalten sollte", konnten dem Herzog "nichts anders als gerecht=empfindlichst sein",


(  ...  ) notificirte Herr Zachariae der Herrschaft schriftlich. Wie er nunmehro im Namen des Herrn entschlossen sei die Vocation anzunehmen. Am 19. August erfolgte diese.
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und mußte er nach dem Amte, "worin er von Gott gesetzet, solches Gewissens halber erinnern"; wünschte also zuverlässige Nachricht, "Wohero die persönliche Sistirung des vocati extranei noch zur Zeit unterblieben und folglich die von Ew. Liebden Selbst angesuchte Gebühr= und ordnungsmäßige Introduction in Anstand gekommen". Die Fürstin entgegnete: Zachariae sei kein Novitius mehr, sondern schon 10 Jahre im Amt; deshalb sei persönliche Sistirung unnöthig, wie auch Einführung, die sie nur "der Erbauung wegen" verlangt habe, denn die Gemeine bestehe nur aus domestiquen, und finde dabei keine Berührung mit territorialen und episcopalen Sachen statt. Der Herzog gab sich mit diesem sehr deutlichen Bescheid zufrieden.-

So waren Ende 1735 vier pietistische Prediger in und um Dargun. Der letzthinzugekommene war der bedeutendste unter ihnen. Er trieb das Werk der Buße "heftiger und noch eifriger denn die vorigen" (Hempel). Sein Vortrag war noch lebhafter, noch feuriger und eifriger, sein Trieb zur Buße geschah mit noch größerer Schärfe, und man spürte also auch noch immer mehrere Erweckungen" (Acta eccles. Weim. 1740, S. 318). "Er redete bisweilen bei 2 Stunden und darüber mit starker Stimmen, und man kann nicht merken, daß er davon sollte matt gemacht werden" (Hempel). Alle Tage der Woche, den Sonnabend ausgenommen, wurden mit "Erbauungsstunden" besetzt. Indeß dieser neue Aufschwung ist nicht in jeder Hinsicht eine einfache Fortsetzung der bisherigen Bewegung gewesen. Der Hinzutritt Zachariae's war in einer bestimmten Beziehung von der segensreichsten Bedeutung für die Darguner. Die Erhörung ihres Gebets, daß er zur rechten Stunde solchen Posten antreten könne, hat "den dasigen Knechten Gottes zu neuem Ernst, Verbindung, gänzlicher Abschmelzung aller Nebenmeinungen und deren Besiegung bei Herrschaft und Bedienten und merklichen Segen reichlich gedienet" (1. Relation). Zachariae vermochte es also, die Bewegung zu säubern von den unreinen Elementen, welche ihr bis dahin angeklebt hatten, und durch welche verderbt zu werden sie in großer Gefahr war. Er hat die Darguner zurückgerufen von den Nebenmeinungen des sectirerischen Pietismus und ihnen die Bahn des kirchlichen Pietismus deutlicher vorgezeichnet. Er ist es aber auch, der den Bußkampf in das Centrum ihrer Gedanken und ihrer Wirksamkeit gestellt hat. Nüchterner und erfahrener zumal als Ehrenpfort, energischer als Schmidt, wurde er von jetzt an der anerkannte Leiter ihres Vereins.

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Er wird von Hellwig "das Haupt dieser neu erfundenen Bekehrung" genannt 1 ). Seine Schriften bezeugen das nicht minder als seine spätere Laufbahn: nach Augusta's Tode wurde ihm die Parchimsche Superintendentur übertragen. (1756. † 21. October 1782.) Hofcantor Rudolph sagt von ihm: "Mein lieber Hofprediger ist ein wackerer, munterer Wächter auf Zions Mauern; er schreiet oft so viel Lärm, daß Manchem die Ohren und Herzen wehe thun; von Manchen bekömmt er aber schlechten Lohn. Wenn er mir aber so ein Geschrei macht, daß mich's angehet, so danke ich Gott herzlich dafür. Denn meine vorigen Wächter ließen mich manchmal schlafen, und da erschlief ich mir nichts Gutes; ich hab's wohl erfahren". (An Graf Henr. Ernst 17. Februar 1737.) -

Der jugendliche Eifer der greisen Fürstin that sich kein Genüge damit, daß nun die vacanten Stellen mit "redlichen", "rechtschaffenen" Geistlichen besetzt waren. Die größere Zahl der Gottesdienste, besonders aber die spezielle Seelenpflege, die angestrebte intime Controle des Entwicklungsganges eines jeden Erweckten, Bußfertigen, Bekehrten machten eine Verstärkung der pastoralen Kräfte nöthig. Die Fürstin beschloß, "ohne Beschwerung der Gemeinde und Kirche", d. h. aus eigenen Mitteln, ein paar fromme Studenten der Theologie anzustellen, die gleich den Katecheten in Wernigerode den Pastoren zur Hand gehen sollten. Auch war der Plan, auf diese Weise in einer Weiteren Gemeinde Fuß zu fassen: einer sollte auf dem fürstlichen Hof in Küsserow (Parochie Altkalen) und auf den andern angrenzenden Verwalterhöfen stationirt werden, um bei den jungen und alten Unterthanen (d. i. Leibeigenen) im Katechisiren und andern Verrichtungen gebraucht zu werden, "umsovielmehr, weilen wir wegen der schlechten Seelensorge, da die Leute nicht so zur wahren Erkenntniß Gottes geführet werden, an den Pastor Sarcander ein Großes auszusetzen haben". Dies theilte die Fürstin dem regierenden Herzog (unter dem 16. Februar 1736) mit und erbot sich, die betr. Subjecta zum Examen zu schicken. Eine Antwort desselben findet sich nicht. Doch muß er seine Genehmigung ertheilt haben, denn im folgenden Jahr trafen die Candidaten Leonhard und Merck ein, von welchen letzterer noch 17. August 1740 als "Adjudant" des Hofpredigers erwähnt wird. Er hat auch dessen Kinder unterrichtet. Ersterer mag in Küsserow gewirkt haben, wenn sich Sarcander das hat gefallen lassen. Im Frühjahr aber (1737) wurde er


1) Vergl. Burgmann, Nöthige Gegenantwort, Vorrede, S. 8., Anm.
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Pageninformator. Ihrer Wirksamkeit wird z. B. gedacht bei der Bekehrung des Mörders Ritter 1738 (vergl. auch Jahrbücher Bd. 45, S. 171).

Einen "bekehrten" Hofcantor erhielt die Prinzessin aus Wernigerode. Die Stelle war bisher sehr gering gewesen. Ihr bisheriger Inhaber Dennert (Theologe, denn wegen seiner Geschicklichkeit im Predigen war er berufen worden) hatte nur 4 Thlr. jährlichen Gehalt bezogen neben dem "gewöhnlichen Deputat" von 1 Drömpt Roggen und 1 Drömpt Gerste. Seit die Hofhaltung nach Dargun verlegt war, hatte er statt eines wöchentlich 3 Gottesdienste zu versehen. Deshalb erhielt er im Jahre 1722 auf seine flehentliche Bitte - 4 Thlr. Zulage. Nach dem Tode des Alten mußte sich der Hofprediger an den Grafen Stolberg um Ersatz wenden (5. Juni 1736): Der Gesuchte muß sich wahrhaftig bis zu Christo bekehrt haben, von der Musik so viel verstehen, daß er die Melodieen der Halle'schen Lieder treffen und singen kann, und tüchtig sein einer mäßigen teutschen Schule vorstehen zu können. Ich weiß, Sie halten mir darin meine Einfalt zu Gute, und die Noth dringet uns." Im August langte der frühere Tischlergeselle Jacob Rudolph an, bisher unweit Halle im Schuldienste. Für ihn wurde das Gehalt auf 40 Thlr. erhöht 1 ) nebst einer Zulage von 20 Thlrn. fürs Orgelschlagen. Ebensoviel hatte er als Reisegeld erhalten, dazu 3 Thlr., um sich noch im Singen präpariren zu lassen, und 4 Thlr. zur Anschaffung einer Perruque oder sonst nöthiger Bekleidungsgegenstände: "Redliche Seelen sehen zwar auf das Aeußerliche nicht, allein es sind viele Widerwärtige und Spötter an unserm Hofe, die kein Auge haben das Inwendige zu erkennen, und folglich nur Alles nach dem Aeußerlichen dijudiciren. Daher sähe doch gerne, daß er wenigstens ein ganz Röckchen hätte" (Zachariae). Rudolph's in Wernigerode erhaltene Briefe geben mehrfach erwünschte Aufschlüsse über die Darguner Bewegung. Erst in Dargun ist er seines Heils "versichert" worden. Bald nach seiner Ankunft daselbst hat sich dies in seinem Innern vollzogen, denn am 17. Februar 1737 giebt er schon von dem Abschluß des Bekehrungserlebnisses seinem gräflichen Gönner Kunde. Hier


1) Diese unverhältnißmäßige Erhöhung des Gehalts erklärt sich wahrscheinlich daraus, daß das Schulgeld (welches einen wesentlichen Theil der Besoldung zu bilden pflegte) Vielen oder den Meisten erlassen wurde (siehe unten: Das religiöse Leben in Dargun).
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haben wir den treuen Abdruck der Stimmung einer wesentlich unter Zachariae's Einfluß stehenden Seele. Wenn die Darguner nicht wörtlich so predigten, - so wurden sie von ihren besten Schülern verstanden.

"Hochgeb. Graf,
Gnädiger Graf und Herr!

Ew. Hochgräfl. Gnaden mir sehr angenehmes vom 16. December 1736 empfing den 18. Februar a. c. mit größestem Vergnügen, und wurde sehr erfreuet, daß ich auch durchs Jesum leben soll; ach ich will auch gerne in keinem andern das Leben haben, denn er ist selbst das Leben und in ihm finde ich auch kein jämmerliches, elendes und kurzes Leben, sondern ein ewiges, himmlisches, seeliges, freudenvolles, vergnügtes und mit aller Seligkeit begabtes Leben. Es freuet mich recht sehr, daß mich mein Jesus aus dem Tode zum Leben bracht hat; gelobet seist du mein Immanuel, daß du mir meinen Tod gezeiget, gelobet seist du, daß du mich durch den Tod so betrübtest, gelobet seist Du, liebes Jesulein, daß du mich so erschrecket hast durch die innere Erinnerung meines Elendes, gelobet seist du, daß ich ein Kind der Höllen wurde, gelobet seist du, daß ich ein Abscheu wurde in meinen Augen, gelobet seist du, daß du mich beugtest als einen Wurm, gelobet seist du, daß du mir keine Ruhe ließest in meiner Heuchelei, gelobet seist du, daß du den Frieden, welchen ich mir selbst nahm, nicht ließest, sondern machtest mir selbigen nicht nur verdächtig, sondern gabst mir auch an Statt des mir selbst gemachten Friedens desto größere Höllenangst, gelobet seist du vor das Sprüchlein Jer. 3., 12, 13, welches du zu meinem Trost aufschreiben lassen, gelobet seist du vor die Gnade, daß ich nun glauben lernete, wie du dein Angesicht nicht vor mir, vor mir, ja vor mir nicht verbergen wolltest, gelobet seist du, daß du mir mein Wünschen um Gnade und Leben endlich erhörtest und sprachst: Du solt leben, ja zu mir sprachst du: Du solt leben, du armer, böser, gottloser Rudolph, Du solt leben, Du Werkheiliger, Du solt leben, Du Heuchler, Du solt leben! gelobet seist du, daß du mir auch Gnade gabest, daß ichs glauben konnte, daß mir (der ich den Tod werth mich achtete) das Leben zu theil wurde! Ach es fiel mir da das Loos aufs beste Fleckgen, es fiel dahin, wo Leben lag, Leben suchte ich, das Leben wurde mir getroffen. Das machst du, du warst Ursach des Lebens, ich die Ursach des

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Todes, ach wärst du nicht mein Bruder worden, wo wäre ich geblieben; hättest du nicht des Vaters Grimm getragen, mich hätte er erdrücket; hättest du dem Tode nicht die Macht genommen, er hätte mich bezwungen und verschlungen. Gelobet seist du, daß du mich außerhalb Halle so getragen und so viel Geduld erwiesen, gelobet, daß du meine öftere Trägheit übersehen, gelobet, daß du endlich mich nach Meckelnburg geführet, gelobet, daß du mich sonderlich jetziger Zeit so herrlich versichert, daß du mein Vater, Bruder, Bräutigam, König, Hirte, Mutter, Gluckhenne, Friedefürst, Immanuel, Joel (= Goel?), Eia und alles bist! Nun, von Dir müsse mein Lob=Reden, Denken, Tichten und Trachten sein. In dir müsse sich nun freuen mein Herz und Sinn. Gelobet seist du, daß du mich in deinen Weinberg berufen! Gelobet seist du daß du mir meinen lieben Hofprediger Zachariae geschenket! Nun Jesus müsse ganz mein, ganz mein, ganz mein, und ich müsse auch ganz, ganz, ganz sein sein. Amen! Amen! Amen! Ich schlage Ihnen jetzo den Spruch auf im Schatzkästgen 160. Und wissen Sie, was Gott thun will? Mit Lust, mit Lust will er Ihnen Gutes thun. Denken Sie einmal, mit uns will Gott einen Bund machen; wir arme, elende Würmer, Sünder und Uebelthäter, mit Gott sollen wir im Bund kommen, mit dem ewigen, heiligen, gütigen, barmherzigen, reichen Gott, der macht einen Bund mit uns, o Ehre! Ehre! Ehre! Ich schäme mich und freue mich doch, mit Gott im Bunde. Victoria! Hallelujah! Tod, Hölle, Teufel, Welt, Sünde, Victoria! hie Bund des Herrn, hie Bund mit Gott, was willt Du arme Bettelwelt mir deinen Bund anbieten? Hie ein besserer Bund, nun mag sich einmal der Teufel mucken, wir haben einen starken Bundesgott. Die Welt muß sich verstecken, wenn wir nur vom Bunde lallen, das lassen Sie einen Bund sein. Was sind wir nun? Bundesgenossen, ja Eigenthümer Gottes, und Gott ist auch unser Eigenthum; was sind wir nicht vor reiche, herrliche, selige Christen! und der Bund ist durch Blut gemacht, mit Blut unterschrieben, ein Salzbund, der nicht verwesen kann. Meine Frau schickt Ihnen auch den Spruch mit: Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark! Wachet! der Feind ist listig und schläft nicht; wachet der Herr kommt als ein Dieb, selig ist der da wachet und hält seine Kleider u. s. w. Steht im Glauben, denn die Waffen müssen nie aus der Hand geleget werden. Seid männlich und seid stark, ja! ja! mit Gott wollen wir über die Mauern springen, mit unsern Bundesgott wollen wir

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alle Macht des Satans zerschlagen. Was mein Amt in der Kirche anlanget, komme ich sehr gut zurechte, und wenn ich je worinne fehlen sollte, hat man mit mir Geduld.

(Hier folgen eine Reihe von Einzelnachrichten, über seine Schule, die Fürstin, den Hofprediger und Anderes. Dann schließt Rudolph:) Ich kann versichern, ich habe Jesum viel lieber als in Bruckdorff und Plannena und schäme mich manchmal vor meinem Heilande, wenn ich ans Vorige gedenke; doch es soll vergessen sein, und mein Heiland hat michs versichert. Ich kann nicht leugnen, ich hatte immer alte Adams=List gegen den Heiland, und ich hielt ihm immer vor, da ich so müßte unter den Bauern leben, so müßte ers mit mir so genau nicht nehmen, welches eine rechte Grobheit des trägen alten Adams war. Jesus aber hat doch dem alten Adam wollen das Maul stopfen und hat mir nicht nur schöne Gelegenheit geschenket alleine zu sein, sondern auch andere Fromme um mich zu haben und eine reiche lautere Verkündigung des Worts, und nun habe ich keine Entschuldigung mehr. Nun solls auch durch die Gnade meines lieben Heilandes recht wohl gehen, dazu helfe mir Gott! Dieses beiliegende Briefgen bitte doch Johann zu geben; ich weiß nicht, ob er Jesum verlohren, oder ob er mich nicht mehr liebet, daß er mir noch nicht einmal geschrieben. Die Bekehrung gehet jetzo bei uns göttlich; denn wir merken nichts. Jesus sei und bleibe nun und in Ewigkeit Dero Liebe, Freude und Trost! Mir aber sei er nicht weniger, als der ich mich ihm höchst verpflichtete zu sein

Jesus Schäflein  

Darguhn den 17. Februar

Jacob Rudolph. 1

1737.



1) Nach dem Tode der Herzogin kam Rudolph als Waisenhauscantor nach Neustadt im Jahre 1756, wurde dann Rector daselbst. Er beschäftigte sich auch mit Vorbereitung junger Leute zum Lehrerberuf. (Das landesherrliche Schullehrerseminar. Festschrift 1882. S. 2.) Von 1773 an lebte er pensionirt (48 Thlr., Speisung aus der Hofküche) bei seiner Tochter in Ludwigslust.
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IV.

Geheime Untersuchungen.

Die neuen Prediger beherrschten vollständig die Situation in Dargun. Der von ihnen geübte allgemeine Einfluß war zunächst kein ungünstiger. Für Kirche und Schule geschah ganz Erhebliches. Das Hofleben ward ein ernstes und gehaltvolles. Doch schon die Berufung von Fremden in gute und von Landeskindern vielbegehrte Pfarrstellen, dann ihre rumorende Wirksamkeit in den Gemeinden, der schroff erhobene Anspruch ausschließlicher Christlichkeit, die besonderen Lehren und Manieren, die Umwandlung des Hofes unter offenkundiger Opposition des Hofpredigers, dazu der "außerordentlich tendre Umgang" der neuen Geistlichen mit dem Hofe, - das alles mußte sehr bald die Umgegend alarmiren.

Vor allem den benachbarten Predigern waren die Ankömmlinge im höchsten Grade unsympathisch. Die meklenburgischen Pastoren jener Tage hatten ein sehr starkes Corporationsbewußtsein und ein unbeugsames, an den Gesetzen orientirtes Rechtsgefühl. Als 1735 auf Betreiben der Stände ihre Immunität gröblich verletzt, und sie rechtswidrig zur Reichssteuer herangezogen waren, schickten sie sich an beim Corpus evangelicorum in Regensburg Schritte zu thun. Alle Confratres des Neukalenschen Cirkels sind gleicherweise tief entrüstet über die erlittene Execution, auf welche sie es hatten ankommen lassen, und begrüßen freudig die "höchst ersprießliche Erfindung" der Appellation. Allein Schmidt und Ehrenpfort, gleichgültig gegen juristische Gesichtspunkte, haben sich im Gebet die fromme Ueberzeugung zuwege gebracht, daß man dem Kaiser geben müsse, was des Kaisers ist, und ohne gerade von der Aktion sich auszuschließen, lassen sie merken, daß die Sache sie wenig interessirt. Dies wird um so verständlicher, wenn man aus den Rechnungen ersieht, daß die Fürstin ihnen (und nicht etwa allen Predigern ihres Patronats!) die Steuer ersetzt hat. Mit Beziehung darauf bemerkt Sarcander in Altkalen: "Daß der Clerus Meklenburgensis mit den Juden zu Christi Zeit gar quadrire; also kann ich auch das dictum Matth. 22, 21 hier gar nicht als applicable ansehen; . . . . ich habe aus meinen eigenen Mitteln, ohne daß mir, wie unserer etlichen

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geschehen, das Geld dazu vorgegeben, noch vor mich bezahlet worden, ob man sich gleich auf den Aufschluß Gottes durchs Gebet berufet", die eingetriebene Summe entrichtet (Schorrentiner Currendenbuch).

Abgesehen von diesem tief gehenden Unterschiede in der ganzen Denkweise, auch soweit die religiösen Dinge nicht in Betracht kommen, mußte es auch social für die Fremdlinge sehr schwer sein, sich in den Kreis der Amtsbrüder einzuleben. Es gab keine regelmäßigen Zusammenkünfte der Consynodalen. Zu bestimmten Zwecken wurden sie, aber anscheinend oft in Jahren nicht, vom Präpositus zusammengerufen. Die segensreichen Präpositur=Synoden, welche heute dem Neuzuziehenden ein schnelle Einleben ermöglichen, sind erst 1769 1 ) durch Herzog Friedrich im Anschluß an Bestimmungen der Kirchenordnung eingeführt. Bei dem gegenseitigen Mißtrauen zwischen alten und neuen Predigern war ein brüderlicher Verkehr schwer möglich. Uebrigens suchten die Darguner solchen auch gar nicht, wenn man nach dem sehr wenig höflichen Verhalten urtheilen darf, welches sie gelegentlich in Rostock für angezeigt hielten.

Endlich muß man zu einer gerechten Würdigung des Folgenden im Auge behalten, daß die seit 1720 am Darguner Hofe beliebten Geheimlehren schwärmerischer Art bis dahin nur dem Hofprediger bekannt gewesen waren. Seit aber Helwig, Schmidt und Ehrenpfort als ein "Drei=Klee=Blatt treuer Freunde" 2 ) zusammenstanden, war durch die Predigten der eifrigen jungen Männer mancherlei davon an die Oeffentlichkeit gedrungen. Diese doch nicht unbegründeten Gerüchte ließen sich durch die klärende Wirksamkeit Zachariae's nicht plötzlich wieder aus der Welt schaffen. Sie wirkten nach.

Die Pastoren der Synode hatten bereits lange vor Stieber's Demission ein amtliches Einschreiten gegen die Fremdlinge zu provociren gesucht. In dem Currendenbuch der Schorrentiner Kirche sind ihre bezüglichen ersten Auslassungen erhalten. Den Anfang machte Christian Heinrich Pauli, Pastor zu Gorschendorf. Er schrieb am 9. Februar 1735: "Gott schaffe Recht Allen, die Unrecht leiden, und erbarme sich unseres armen Landes, im Leiblichen und Geistlichen, insonderheit da unser meklenburgisches Zion durch Pietisten, Quäker und Fanaticos unter vielen Teufelslarven in der Nachbarschaft will verwüstet werden, und Niemand


1) Nicht 1773. Wiggers, Kirchengeschichte, S. 228.
2) Carmen auf Hempel's Hochzeit. Walch. illustr. S. 52.
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vor dem Riß stehen, noch sich um den Schaden Josephs bekümmern will." Die entfernter von Dargun wohnenden Pastoren gingen auf diese Andeutungen nicht ein. Schmidt und Ehrenpfort schwiegen zuwartend. Der 70jährige Senior Caspar Mantzel in Jördensdorf votirte: Gott lasse im Frieden sein Wort noch ferner schallen, "damit nicht etwa bittere Wurzeln unter uns aufwachsen und Unfrieden anrichten, und Viele durch dieselbigen verunreiniget werden; sondern daß das Wort Gottes nach dem Exempel unserer Vorfahren, die ihr Amt als evangelische Prediger redlich ausgerichtet haben, möge lauter und rein gelehret und geprediget werden, nach Maßgebung der heiligen Schrift, der Augsburger Confession und ferneren Inhalts unserer Symbolischen Bücher: auch wir ohne phantastische Deuteleien einzig und allein dabei beruhen, und nicht meineidig werden an der uns ertheilten Vocation und bei unserer Ordination an heiliger Stelle geschehenen Verpflichtung, insonders an Eidesstatt desfalls geleisteten theuersten Ja=Worts. Soviel denn nach der richtigem Regul der heilsamen und keinen irrigen Zusatz leidenden Lehre einhergehen, über diese sei Friede und über den Israel Gottes!" Der ehrwürdige, streitbare alte Herr wußte augenscheinlich selbst nicht recht, von was für Irrlehren eigentlich die Rede war. Hövet beantwortete den eingeschränkten Friedenswunsch Mantzel's mit einer ähnlichen, beziehungsreichen Einschränkung: "Der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre der Gläubigen Herzen und Sinn in Christo Jesu!"

- Dies zwingt J. F. Sarcander zu Alt=Kalen zu einer Berichtigung: "Die Enge des Raumes als auch die Betrübniß über das abermalige harte Verfahren mit unserm theuersten Landesherrn wollen nicht verstatten, meine innerliche Herzensmeinung von unserm gegenwärtigen verderbten Zustande zu entdecken. Derowegen subscribire ich unsers Ehrw. Herrn Senioris (Mantzel) Subscription und wünsche, daß Gott sich aller Menschen (und nicht allein der Gläubigen) erbarme".

So kam die Currende an den Präpositus Jacob Sigismund (von) Suckow zu Neukalen zurück. Derselbe meldete unverweilt "den überall beschrieenen Greuel" nach Wismar, und konnte bald darauf an Stieber schreiben: "Gott hat solches ohnlängst gelingen lassen, daß es gar sehr apprehendiret worden, so daß in contestirter Tendresse ein inneres Verlangen die vorgefallene Greuel specificirt zu sehen, hat wollen bezeiget werden." In Folge dessen setzte er eine

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Currende in Umlauf, durch welche er die Consynodalen zu specificirtem Bericht aufforderte. Aber weder Stieber hielt es für gerathen den Denuncianten zu machen, solange er in den Diensten der Fürstin stand 1 ), noch schickten die Consynodalen die Currende zurück. Suckow argwöhnte bereits, sie sei von "Widrigen" aufgefangen. Erst Mitte April war sie wieder in seinen Händen. Die meisten Eonsynodalen wissen nichts Specielleres 2 ).

Von wirklicher Bedeutung ist nur die Subscription Seedorffs, der, eingekeilt zwischen die drei Pietisten- so liegt Brudersdorf zwischen Levin, Röknitz und Methling - von ihrem Leben und Lehre, wenn Einer, zuverlässigen Bericht geben konnte. Seine Aussagen sind um so werthvoller, als er den Eindruck eines nüchternen, nicht feindseligen Mannes macht. Er schreibt unter dem 4. April 1735:

"Wie sehr die wahre Buße, Bekehrung und Gottseligkeit zu lieben und jedermann zu recommendiren ist, da dieselbe in Heiliger Schrift gegründet, so sehr ist die fanatische Buße und Bekehrung, der Bußkampf und das heuchlerische Wesen zu verwerfen, weil es in Heiliger Schrift nicht gegründet ist. Wir haben leider Exempel davon in unsrer Nachbarschaft bei den Neulingen. Ihr vornehmstes Hauptwerk ist die Bekehrung und der Buß=


1) Späterhin war er nicht so zartfühlend, wie er uns glauben machen will. In seinen bez. handschriftlichen Berichten bei den Akten finden sich viele hämische und absichtlich zweideutig gefaßte Details.
2) Zum Beispiel Mantzel; aber das hindert ihn nicht, "in allen Stücken seine deduction weiterzustellen in der schon in ideâ concipirten Warnung an die liebe Gemeinde Gottes zu Jördensdorf", und dazu folgenden Vorschlag zu machen: "Mein, als nach Gottes heiligem Willen des Aeltesten in unserm Synodo, Rath ist: Unser Hochwerthgeehrter Herr Präpositus setze eine zulängliche Zahl Thesium Anti-Pietistico-Fanatico-Enthusiastico-Chiliastico-Schismaticarum auf, ex scriptura sacra et Libris Symbolicis, nach jetziger Sachen Beschaffenheit, auch absonderlich einige Anti-Judaico-Papistico-Ethnico-Muhamedanicas de statu animarum beatarum Separatarum; eas non esse in Paradiso terrestri, sed in sinu Abrahae sive in coelesti patria, communiciere sie mit uns Synodalibus, lasse sie auf Befehl unseres gnädigsten regierenden Landesherrn et Summi Episcopi durch Dero Rostockische Facultät censiren. Convocetur Synodus: da ein jeder einzeln auf sein gutes Gewissen und Seligkeit kann protocollmäßig gefragt werden, was er aufrichtig, redlich, unverschraubt und nicht tockmäuserisch von jeder Thesi halte? Da sich denn finden muß, wie ein jeglicher vel juxta vel contra sc. sacram et L. Symb. gesinnet und wessen Geistes Kind er sei. Wer alsdann obversa fronte gehen, sich dessen weigern und mit uns nicht halten will, exesto usque ad palinodiam. Und dieses Protocollum rei sic gestae werde geschrieben auf die Nachkommen und in öffentlichen Druck gegeben u. s. w."
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kampf. Ein solcher Bußkampf, der nicht alleine in ängstlichem und verzweifeltem Ringen und Durchbrechen bestehet, sondern der auch in gewissen Arten und terminis geschlossen ist, darinnen man zum wenigsten 1/4 Jahr zubringen muß, mit solcher Angst und Schrecken, daß man nicht weiß, was man thun oder lassen soll, öfters nicht essen oder trinken mag; eine solche Bekehrung, darauf, Wenn man endlich durch die enge Pforte durchgedrungen, lauter heimliche Süßigkeit und Seligkeit folgen, und (man) einen solchen festen Fuß setzet, daß man nicht leicht wieder sündigen könne, und so man etwa sündiget, einem von Gott nicht zugerechnet werde, sondern bekehrt bleibet, welches erschrecklich ist und endliche Sicherheit nach sich ziehet. Gewiß, diese Reformatores gehen weiter als ihre Autores. Conf. Spener's Reden von der Buße und Bekehrung, und Franke von der Bekehrungs=Art und denen in der Bekehrung zu setzenden terminis. Aus diesem falschen Fundament fließet es nun, daß Alle, die nicht auf diese Art bekehret (i. e. fanatice), die sind Teufels Kinder und, wenn diese sterben, nicht selig zu preisen sein; auch können unbekehrte Lehrer, die nicht durch ihren Bußkampf und durch die enge Pforte nicht gegangen sind, Andere nicht bekehren, sondern müssen gemieden werden als Wölfe, Diebe, Räuber und Mörder. Ihre Gemeinen nun werden unterschieden in Bekehrte und Unbekehrte. Denen (ihrer Meinung nach) Unbekehrten wird immer der Fluch, denen Fanatisch=Bekehrten aber immer der Segen angekündigt; wer nur mit ihnen und ihrer Lehre hält, der ist bekehrt, er mag im übrigen sein, wie er will. Ihre Bekehrte werden für Allen erhoben, die Andern verachtet. Daher entstehet geistlicher Hochmuth . . . . . . Diese Heiligen meinen, wir widersetzeten uns der wahren Buße und Bekehrung, uns wäre angst, wir möchten zu fromm werden; aber man widersetzet sich nicht der wahren Buße, Bekehrung und Gottseligkeit, sondern der falschen Buße und heuchlerischen Gottseligkeit. Man merkt überdem viele Unbeständigkeit bei diesen Heiligen. Bald behauptet man die Vollkommenheit absolute, bald secundum quid und insoweit, daß man von Sünde der Herrschaft (d. i. von der herrschenden Sünde) frei werden könne. Jetzt will man ein Mädchen nicht zum Abendmahl nehmen, wie ex vicinia spargiret wird, es sei denn auf ihre Art bekehrt; schreibet aber die Obrigkeit desselbigen Mädchens als einer Unterthanin an den Prediger einen ernstlichen Bedrohungsbrief, so heißt es, das

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wäre falsch, das Mädchen könne wohl zum Abendmahl kommen, man wäre nicht anders als andere Prediger. Man weiset auch einen Menschen vom Beichtstuhl als ein verfluchtes Teufelskind, hernach nimmt man ihn ohne einigen Wortwechsel an. Ist das nicht Unbeständigkeit? O es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch die Gnade Ebr. 13, 9. Aergerlich und sündlich ists auch für öffentlicher Gemeinde, darüber jedermann klaget, und von den Reformirten entlehnt ist, wenn sie sich nicht beugen für den Namen Jesu, sondern es für eine Abgötterei halten. Der barmherzige Gott ändere doch dieses Wesen! und wo es nicht geändert wird, so werden ganze Gemeinen be= (ver=) kehret werden, theils aus Interesse, theils aus Furcht und Gesetzlichkeit, welches keine wahre Bekehrung ist, dawider Franck selbst schreibet in einem Sendschreiben, darinnen die Quästion erörtert wird, wie ein Prediger seine Zuhörer aufs beste zur Bekehrung bringen möge. Gott erhalte unser Herz bei dem Einigen, daß wir seinen Namen fürchten und in reiner Lehre beständig bleiben und diesem Pharisacismo desto mehr entgegengehen mit täglicher wahrer Herzensbuße, Bekehrung und mit einem rechtschaffenen Wesen in Christo! Die Zeit leidet es nicht, ein Mehreres zu schreiben, weil man mit der Festarbeit zu thun hat, und wenn man dem täglichen Gerüchte glaubete, so möchte man ganze Bogen voll schreiben können".

Die Vorwürfe, welche hier den Dargunern gemacht werden, sind im Ganzen als begründet anzusehen. Hinsichtlich der "Nebenmeinungen" hat Seedorff dem Gerüchte sogar weniger geglaubt, als er hätte glauben dürfen 1 ) Er beschreibt den Bußkampf richtig aus der Praxis (vergl. Rudolph's Brief). Ihn hervorzurufen, griffen jene zu scharfer, einseitig gesetzlicher Predigt. Nach Bußkampf und Durchbruch machten sie ihre Gemeindeeintheilung, und nur die solches erlebt hatten, waren im Grunde würdig zum Abendmahl zu gehen; doch wagten sie hiermit nicht vollen Ernst zu machen, - daher die getadelte "Unbeständigkeit". Die kirchliche Sitte achteten sie gering - um dafür ihre eigenen, nicht weniger in Aeußerlichkeiten verlaufenden, frommen Manieren einzuführen.


1) Gerade das, was er davon anführt, daß den Gläubigen die Sünden nicht zugerechnet werden, das heißt hier: gar nicht als Sünden gelten, wird nicht zuverlässig von den Dargunern bezeugt.
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Am 16. März 1735 standen vor dem Herzog zu Wismar ein gewisser Reinhold Wilh. Moberg und ein Schweriner Bürger Wilh. Bühring und wurden von dem Rath Wolff einem Verhör unterworfen. Es erhellt nicht, welcherlei Motiv oder welche höhere Gewalt sie nach Wismar zu gehen veranlaßt hat Sie waren in der Altkalenschen Gemeinde bei dem Schulzen Hans Schütte zu Damm gewesen. Das Gespräch kam auf die drei neuen Prediger. "Sie hätten ein so groß Unglück, äußerte die Schulzenfrau, daß sie sich neu bekehren sollten, und wüßten nicht, was das für ein Glaube wäre, den sie annehmen sollten". Die sich dazu verstünden, "müßten ganz gebückt den Kopf an den Ofen legen und so lange beten, bis sie Gott und Jesum nicht mehr nennen könnten und in Ohnmacht niedersünken. " "Es gingen noch wohl tollere Sachen vor, addendo: O mien leef Kind, unse ganze Hofstaat, ock Laqueyen un übrige schullen nu all so syn". Die Hofgänger müßten früher zur Arbeit auf den fürstlichen Hof kommen - um sich bekehren zu lassen. "Die Prediger hätten ein Ding an der Wand wie ein Kalb, das brülle, wenn die Bekehrung recht gewesen sei", und im Nebenzimmer sei zugleich ein "so wunderliches Geschrachtel und Lärmen", daß man nicht wüßte, was es sei; es zeigten sich Dinger darin, die hätten Krähen= und Teufelsfüße. Die Bekehrten brauchten nicht zu arbeiten, sie litten dennoch keinen Mangel.

Eine Denunciation auf Hexerei in aller Form.

Carl Leopold sah sich veranlaßt, zunächst Suckow zu sich zu bescheiden, der am 22. März in Wismar erschien und für den Senior Hahn, den Visitationssecretair Knegendorff und sich selbst ein Untersuchungscommissorium erwirkte. Zur Aufnahme der Kirchenrechnungen sollten sie sich nach Dargun begeben und dabei geheime Erhebungen anstellen, indem sie eine geheime Zusammenkunft der umwohnenden Pastoren veranlaßten, die erweisliche nähere Bewandtniß erkundeten und speciell jene Schulzenleute vernähmen. Dem Berichte über das alles sollten sie ihr eigenes Votum anfügen (d. d. Wismar 23. März 1735. Generalacten).

Die Commission trat zusammen und hielt (26. April) in der Kirche zu Altkalen ein Verhör. Dasselbe ergab gar nichts. Der Schulze suchte Ausflüchte wie ein rechter niedersächsischer Bauer: "Die Sache sei vor ihm zu hoch, gehe über seinen Verstand; es wäre so insgemein gesprochen worden; er könnte es nicht gewiß sagen, von wem er es gehört; daß er es aber gehört hätte, wäre wahr u. s. w." Von Be=

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kehrungspulver vermeldet die Frau: "Se schöhlen gantz unwirß darna wahren, dat se ock den Kop vör Angst in dat Küssen stecken möhten"; von den Dingen zu reden, sei abseiten der Fürstin bei Strafe eines Backenstreichs oder auch einer Geldstrafe (10 Thlr.) untersagt. Unter dem 8. Mai sandte die Commission das Protokoll ein, indem sie ihr Votum dahin abgab: der Herzog möge eine öffentliche außerordentliche Untersuchungscommission einsetzen. Beigefügt waren ferner zwei Stücke einer "Sammlung einiger Nachrichten vom obschwebenden Kirchenübel im Dargunischen", - schriftliche Berichte der Pastoren. Suckow hatte seine liebe Noth dieselben zusammenzubringen. Von den meisten waren ihm weitschichtige "Refutationes der irrigen Lehre" eingesandt worden. Die hatte er zurückgegeben und recensiones dictorum et factorum verlangt. So konnte er vor der Hand nur Sarcander's und seinen eigenen Bericht einsenden. Am 17. Juni war er in der Lage, ähnliche von Pauli, Pristaff und dem stud. theol. Alb. Heinr. Fabricius zu Lelkendorf (dem zweiten Sohn des verstorbenen Darguner Pastors) vorzulegen.

Diese "Sammlung einiger Nachrichten" wäre besser ungesammelt geblieben. Sie gehört zu dem Allerunerquicklichsten, was in der ganzen Streitsache geschrieben ist: auf dem Grunde gewisser richtiger Beobachtungen ein Gebäude abgeschmackter und boshafter Verläumdungen über die neuen Prediger. Nicht so zwar, als ob die Berichterstatter das alles, oder auch nur zum Theil es erfunden hätten. Sie verwahren sich dagegen ausdrücklich: "daß dieses alles von wahrhaften und glaubwürdigen Personen vernommen und gehöret, auch nichts weiter dazu gesetzet, noch viel weniger erdichtet, solches bezeuge an Eides Statt. Gottfried Pristaff, Pastor zu Schorrentin." Wir mißtrauen nicht so feierlichen Versicherungen. Um so greller tritt die kritiklose Leichtgläubigkeit hervor, sowohl hinsichtlich des Wem? als des Was? - Wir lassen es nicht außer Acht, daß die lutherische Kirche jener Tage von Sectirern und Schwärmern jeder Art beständig in Athem gehalten wurde. Trotzdem ist es schwer, sich zu überreden, daß dem Verfahren der Pastoren ein reiner Eifer zu Grunde liegt, wenn man sieht, wie auf die Aussagen von Holzschlägern, Schäferfrauen, aufsässigen Küstern, des und des "Mannes", der und der "Frau" ganz unbedenklich läppische, abergläubische, unfläthige, höchst gravirende Dinge über Amtsbrüder denuncirt werden. Der wirkliche Anlaß, welchen die Darguner gegeben haben, das

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blinde Vorurtheil gegen sie und ein nicht unbegründeter Neid genügen nicht, dies Verfahren psychologisch verständlich zu machen. Der Fall steht in jener Zeit nicht vereinzelt da 1 ). Es offenbart sich eben noch in solchen Vorkommnissen jene "größere Ohnmacht des inneren sittlichen Factors in Angelegenheiten der Amtsehre", von welcher Tholuck (Akad. Leben I. S. 29, 300) in Bezug auf das Mittelalter, ja bis Mitte des 17. Jahrhunderts spricht.

Wir unsrerseits können nicht wohl umhin, eingehende Proben dieser Denunciationen zu geben. Nicht allein um die Culturstufe gewisser Elemente des gleichzeitigen geistlichen Standes zu charakterisiren; es ist auch Pflicht der Gerechtigkeit gegen die "fremden Prediger". Wir haben keinen Schleier über die geheimen Verirrungen der Darguner gedeckt, - mit einem Theil ihrer Gegner steht es, moralisch angesehen, leicht noch übler. Die Darguner haben sich zu Urtheilen über die damalige Pastorenschaft hinreißen lassen, welche in ihrer Allgemeinheit ungerecht sind; dennoch hatten diese Urtheile einen anderen Ursprung als frevlen Hochmuth und Selbstüberhebung. Die "Sammlung" läßt uns sehen, welcher Art ihre nächsten Nachbarn waren.

Der erste Berichterstatter ist Präpositus Suckow selbst. Er berichtet zunächst von dem neuen Bekehrungs=Modus: Der Inspector Lotzow aus Wolkow (Parochie Levin) und der Tagelöhner Peter Stein bringen den "Trescher" Thies (Matthias) Stein vor den Herrn Präpositus. Der Thies Stein befindet sich im Bußkampf: er tritt auf "mit ungemein erblaßtem Angesicht und zitternden Gliedern". Etwas beruhigt, erzählt er "unter ängstlichen Geberden, Händewringen und hertzlichem Seufzen seine habende Noth". Auf dem Kirchweg ist er mit Neubekehrten in Disput gerathen über einige ihrer Lehren, "die er nach dem Katechismus nicht richtig befunden. Insbesondere da der Pastor Schmidt und seine Neubekehrten bei Nennung des Namens Jesu die Kniee nicht beugten, mit Vorgeben: Wiedergeborene hätten Jesum im Herzen und wären daher an solchem Bücken und Beugen nicht gebunden, mit Beifügung, der Pastor sagte: es ließe die Bückenden als wie die Vögel duckten, wie man nach selbigen würfe". Ohne weiteren Anlaß traten nun Angstanfälle bei Thiesen auf. Er träumte, der Böse wolle ihn holen, und dieser Traum setzte sich im Wachen fort. Er verfiel in Tobsucht. Nun sei Pastor Schmidt geholt, aber der habe gar wenig geredet, "weil sie nun nicht so


1) Vergl. z. B. Dalmer, Krackevitz, S. 56 f.
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dreist mehr wären wie hiebevor, weil ihnen bewußt, daß nach ihren Worten und Werken geforscht würde". Doch forderte Schmidt ihn auf "fleißigen kämpfen", erklärte es für eine "Anfechtung der Bekehrung": so gehe es, wenn man der Bekehrung widerstrebe; die Bekehrung könne sich nun wohl mit einem hitzigen Fieber anmelden, man solle den Arzt holen. Damit reiste er ab, ohne dem Geängsteten das geringste tröstliche Wort zu geben. Dieser meint noch jetzt, "die Bekehrung säße ihm in der Brust, beklemme das Herz und liefe davon etwas in alle Glieder, ja durch Mark und Bein, welches unaussprechliche Marter und Angst verursache." "Bekehrung" nenne er sein Leiden, weil alle bekehrten es durchzumachen hätten. - Ueberhaupt, wenn diese Pastoren auf ihre Frage: ob Einer schon bekehrt sei? die Antwort erhielten: "Ja, denn sie ihre Sünde herzlich bereueten und suchten in wahrem Glauben an ihren Erlöser Gnade und Vergebung bei Gott", so sei ihre Rede: "Ei was, das sei der allgemeine Schnack, damit wolle man in den Himmel laufen, man liefe aber zur Hölle u. s. w." Man müsse fühlen, was es heiße, durch die enge Pforte gehen. Der Teufel, welcher noch in den Unbekehrten wohne, müsse herausbekehrt werden u. s. w.

Betreffend die Wirksamkeit der unbekehrten Geistlichen hat ein "Holländer'' ein Gespräch mit Schmidt gehabt. Auf die Frage: wann und von wem er bekehrt sei, hatte jener geantwortet: vom vorigen Pastor. Darauf Schmidt: "ob er ihm wolle ein Paar Schuhe machen?" Das könne er nicht. "So sei es auch mit den vormaligen und den in der Nachbarschaft itzo vorhandenen Lehrern, die bekehren wollten und wären unbekehrt." (Nach Sarcander soll derselbe sich haben vernehmen lassen, sein Vater wäre auch so ein Wolf gewesen nemlich ein orthodoxus.)

Die vermeintlich Unbekehrten hätten schlechten Trost im Beichtstuhl. Wenn ein jeder seine Beichte sprechen wolle, sage der Pastor: "es wäre ja genug, daß Einer das ärgerliche Plapperwerk verrichte, er könne sie nicht alle plappern hören". Er halte dann eine Verdammungspredigt (jene Beichtrede, auf welche dem Pietismus alles ankam) "mit dem Schluß der conditio der Bekehrung", worauf er die Vergebung der Sünden lediglich verkündige.

Sarcander 1 ) weiß von den Halle'schen Spruchkapseln, deren eine er als corpus delicti einsendet. Aus den ge=


1) übrigens keineswegs ein ganz unzweifelhafter Charakter.
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zogenen Sprüchen weissage der Pastor, ob einer im Bußkampf stehe. "Sonsten kann man von ihrer Bekehrung nichts sonderliches erfahren, indem Alles sehr cachiret wird". Ein Jeder müsse anzeigen, wann und wo er "seinen Jesum" gefunden hat; da habe ihn dann der Eine beim "Hexelskum", der Andre auf dem Feld beim Dornbusch gefunden; dann wieder habe ihn Einer verloren und suche ihn mit großem Jammer, Andere zu Hülfe rufend 1 ). Dafür lasse sich denn auch der Engel Gabriel sehen in weißer Gestalt, lasse sich mit "Wein und Gebackenes bewirthen", und - was sonst die boshafte Zunge eines "guarde-de-robe-Mädchens" ausstreuen mochte, nichts ist hier verschwiegen. Die Bekehrten sind ihren Eltern ungehorsam, indem sie "plötzlich einen raptus kriegen und zum Priester laufen, auch bei Nacht", trotz aller Verbote.

Viele Beschwerden gehen auf die Behandlung des Cultus. Manches davon ist später gerichtlich festgestellt. Die vorgeschriebenen Evangelien vernachlässigten die Pietisten zu Gunsten unverständlicher Texte aus der Offenbarung; sie sängen den Glauben nicht mit; statt des Katechismus ließen sie chiliastisch verwendbare Sprüche memoriren. Wenn sie einmal eine "gute Predigt" anfingen, so sagten sie hinterher: sie gehe nur die Bekehrten an. Die Absolutionsformel und der Friedenswunsch würden so verändert, daß die "Unbekehrten" ausgeschlossen würden: Der Friede Gottes bewahre mein und der Gläubigen Herz und Sinn (oder gar: mich und meine Gläubigen. Ehrenpfort). Bei einer großen Communion vor der Ernte habe Ehrenpfort gesagt: er müsse sich wundern, wie das unbekehrte Volk so häufig käme; er hielte davor, sie würden sich den Teufel am Halse fressen (oder: sie würden sich am Abendmahl todtfressen). Das Vaterunser achteten sie gering, beteten es auch nicht bei Tische, noch ein anderes bekanntes Tischgebet, sondern brächten "unter viel Husten und Stöckereien ein gar langes Gebet hervor", ein freies nämlich, das die Leute nicht verstünden. Vor Serenissimo Episcopo - das mußte auf den Herzog wirken! - bezeugten sie schlechte Devotion. Schmidt z. B. lebe der Meinung, daß das Jus episcopale mit dem


1) Ehrenpfort, Predigt und Taufe, S. 55: "Entziehet sich die Empfindung des Friedens bei ihm (dem Kinde Gottes), so ist es als wie ein Kind, wenns von der Mutter Brust entwöhnt werden soll. Es jammert und ächzet, suchet und seufzet so lange, bis der Friede wieder im Herzen ist". "Jesum suchen" ist ein häufiger Ausdruck in den Darguner Correspondenzen.
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Jus patronatus verknüpft wäre. "Unsere Kirchenordnung nennen sie unseren Abgott und binden sich gar nicht daran, sondern was vom Hofe gut geheißen wird, das ist ihre Kirchenordnung."

Von dogmatischen Irrthümern erwähnt Sarcander die Lehre von einem ewigen menschlichen Leibe Christi und den Chiliasmus. Von den Dingen zu reden sei zwar gefährlich, "aber wir vertrauen Gott und verlassen uns auf unsern theuern Landesfürsten als unserem Episcopo". Sarcandern hat die Fürstin durch seine Frau verwarnen lassen, weil er gegen die "Neulinge" gepredigt. Doch die Frau Pastorin hat geantwortet: sie redete mit ihrem Manne nicht von dergleichen Sachen, und er auch nicht mit ihr, was er predigen wollte; er werde sich selbst defendiren. Er ist schon in offenbarer Ungnade, indem er "nicht einmal 8 vom Winde umgeschlagene Tannen erhalten kann zum Cabinet für seine Bibliotheque, da doch andere Leute viele hundert bekommen".

Pastor Pauli in Gorschendorf ist derjenige, welcher die von Franck XVIII, S. 137 f. mitgetheilte Qualification der Aufführung der Darguner ersonnen hat als "unchristlich, gotteslästerlich, pietistisch, enthusiastisch und fanatisch, ja gar teufelmäßig". So verhalte es sich - dem Gerüchte nach. Die Gewährsleute sind: der Fadenholzschläger Kruse aus Dörgelin, den er im Holze getroffen hat, und eine Weberfrau, aus deren Mund er die allerbösesten Dinge berichtet. Er war ein Strudelkopf. Noch 20 Jahre später, als längst durch Herzog Christian Ludwigs Verordnung vom 6. August 1748 den Predigern untersagt war, "Privatanmerkungen und ungebührliche Urtheile" in die Currende zu schreiben, "auch keine Affecte gegen ihre Mitbrüder zu äußern", wurde es diesem hitzigen Herrn schwer an sich zu halten, so daß der Senior Sarcander ihm die "Einschreibung seines unnöthigen Eifers" verweisen mußte. (29. November 1753. Schorr. Curr.)

Charakteristisch ist die von Pauli erwähnte Taufe im Namen des Teufels. Bald sollen die Darguner die kirchliche Taufe so genannt haben, bald sie selbst so vollzogen haben. Letzteres erschloß das Volk aus gewissen willkürlichen Entstellungen des Formulars, wie in Dargun so auch anderwärts. - Auch seien schon blutige Schlägereien zwischen bekehrten und unbekehrten Kindern vorgekommen. Siegten letztere, so folge ein Strafgericht. Beim Siege der bekehrten aber hieße es: das sei recht, die Frommen müßten die Gottlosen vertilgen.

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Manches Besondere bietet der Schorrentiner Bericht. Da lesen wir von Vertheilung "kleiner Bücher" (der Halleschen Tractätlein), aus welchen die Pietisten auch auf der Kanzel vorlesen; von dem "heiligen Kuß", von Zulassung einer "bekehrten" Reformirten (Französin) zum Abendmahl. Vom Quäckerpulver weiß er Entsetzliches zu berichten: es soll von der Beschaffenheit sein, daß, wenn Etwas von selbigem nur auf einen Stuhl gestreut wird, und der Mensch darauf sitzen geht, so schlägt solches, sobald es nur warm wird, ins Geblüt und verursacht Angst und Schmerzen, daß man gar rasend davon wird. Die Weiber laufen allenthalben in die Häuser, die Leute zu bekehren. Ehrenpfort besonders, doch auch Hövet, fallen öfter in einen saloppen, würdelosen Ton, im Bestreben volksthümlich zu reden. So jener: "wenn er der Unbekehrten Kinder taufe, so nütze denen es ebenso viel, als wenn er sie s. v. im Kuhdreck steckte", und zu einer Frau, welche ein kirchliches Zeugniß verlangte: "er wolle ihr zwar den Schein geben, durch welchen sie könnte ad Sacra admittiret werden; aber es werde derselbe sie nicht selig machen, indem sie, woferne sie sich nicht bekehrte, das Abendmahl so empfangen würde, als die Sau den Trank". Die Taufe verrichte Ehrenpfort "ohne Ehrerbietung". Hövet aber hat auf der Kanzel gebetet: "Ach Gott, laß dichs doch einmal ein rechter Ernst sein, daß du die Leute bekehrest."

Doch genug. Die übrigen Pastoren schwiegen, auch Seedorff, aus Furcht vor der Ungnade der Patronin, meint Suckow in seinem Begleitschreiben vom 17. Juni 1735. Das Unwesen nehme zu, es sei eher Qwackerismus als gemeiner Pietismus.

So wenig nun diese Documente ihre Verfasser ehren, und so viel plumpe Mißverständnisse, Uebertreibungen und boshafte Erfindungen sie enthalten, so bestätigen sie doch jedenfalls, daß die fremden Prediger mit unweiser Rücksichtslosigkeit gegen die bestehende kirchliche Sitte aufgetreten waren und eine subjective Frömmigkeit an ihre Stelle zu setzen suchten, deren Centrum ein eigenthümlicher Bekehrungsvorgang war, und in deren Schutz allerlei besondere Lehren ihr Haupt erheben durften. Dagegen wird es nicht unmotivirt erscheinen, wenn Carl Leopold (Wismar, 23. Juni 1735) sich unzufrieden bezeigte "mit generalen und ungewissen Anzeigen und Herümbtragungen bei solchen höchsten Wichtigkeiten und leicht abzusehenden schwierigsten Folgen". Er verlangt "beeidigte, unverwerfliche Zeugen", und committirt deshalb den Präpositus, "attention darauf zu nehmen, ob und wie desfalls ein ge=

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nughafter legaler Beweis durch redliche Zeugen oder sonstige Ueberführung" vorhanden sei, und darüber zu berichten. Ein solcher Bericht ist nicht erstattet worden.

 


 

V.

Erste Druckschriften der Darguner.

Im September desselben Jahres sandte die Herzogin an den regierenden Herzog 1 ) mehrere "Tractätgens, die auff meine depence habe drucken laßen, an einem Orte, da sie nicht würden verfälscht werden", "damit Ew. Liebden desto mehr versichert werden möchten, daß ich keine Lehrer berufen, die in irgend einer irrigen und falschen Lehre, die wider Gott und sein heiliges Wort liefe und also mit Recht eine neue Lehre zu schelten sei, sondern daß sie die lautere, reine evangelische Lehre predigen, dero Endzweck nach Gottes Willen und Befehl ist, daß die Seelen durch wahre Herzensbuße und lebendigen Glauben, der in einem göttlichen Wandel sich thätig erweiset, selig werden sollen". Für den Herzog hat sie "zu viel Egard und Ergebenheit", um ihm zu gönnen, daß er "durch etwanige übele Impressions Sich an Knechten Gottes und Hinderung Seiner Werke einigermaßen zu versündigen" sollte veranlaßt werden. Diese "Tractätgens" waren ohne Zweifel drei Predigten ihrer Geistlichen, welche im Beginn des Sommers erschienen sind 2 ). Dieselben sind nicht nur "in einigen Stücken weiter ausgeführt", sondern sorgsam zur Veröffentlichung zurecht gemacht: es fehlen in ihnen gerade die charakteristischen Wendungen, von denen wir nach dem Vorangegangenen nicht bezweifeln können, daß sie in Dargun gang und gäbe, ja entscheidend waren. Es


1) Der Brief abgedruckt Jahrbücher, Band 45, S. 98 ff.
2) I. Ehrenpfort, Eine predigt und Taufe u. s. w. Alten=Stettin. 1735. II. Schmidt, Eine Predigt vom Gebet u. s. w. ebenda. III. Hövet, Die Gewißheit bey denen Wiedergeborenen, daß sie Gottes Kinder seynd u. s. w., ebendaselbst. (Wieder abgedruckt in Wiggers, Zeugnisse von Christus aus der Meklenb. Kirche 1847, S. 201-215.)
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ist nur von "wahrer Buße" und "wahrer Herzensbuße" die Rede, nicht ein einziges Mal vom "Bußkampf", während dieser Ausdruck doch schon für dieso Zeit durch Seedorff's Bericht sicher gestellt ist. Wir hören von "Wiedergeburt" und "Bekehrung", aber nicht von "Durchbruch" u. s. w. Von den "Nebenmeinungen", welche damals (vor Zachariae's Ankunft) ohne Zweifel noch herrschten, fehlen auch die leisesten Spuren.

Ehrenpfort warnt davor, aus der heiligen Taufe falschen Trost zu fassen: Dadurch werde die Taufe zu einem Strick, an welchem der Teufel viele Tausende ins ewige Verderben ziehe. Nicht daß er die Kräftigkeit der heiligen Taufe in Zweifel zöge: die Taufe ist ihm allerdings das Bad der Wiedergeburt, aber er behandelt das, was die Taufe giebt, als eine absolut einfache, numerisch einzelne Größe, die man schlechtweg hat oder nicht hat. Durch die kleinste bewußte Sünde ist sie absolut verloren, "verschüttet", bis auf die Spur. Wer sie so verloren hat, für den hat die Taufe natürlich gar keinen positiven Werth mehr; er ist völlig wie ein Heide, wie Einer, an dem die Gnade nie wirksam geworden ist; er kann sich in keinem Sinne mehr auf die Taufe berufen. Von der göttlichen Zusage und Verheißung, die dem Abgefallenen noch tröstlich ist, hat Ehrenpfort kein Bewußtsein mehr: nur eine Verpflichtung legt die ehedem empfangene Taufe dem Gottlosen auf, die Verpflichtung, sich zu bekehren. Da aber dies eine reine Forderung ist, keine Gabe, zudem eine solche Forderung, welche dem Heiden gegenüber ganz ebenso gilt, - so ist klar, daß die Wirkung der Taufe durch den absolut gefaßten "Fall" (lapsus) schlechterdings aufgehoben wird.

Demnach liegt in der Berufung auf die Taufe durchaus kein Hinderniß, die Forderung der "Bekehrung" zu erheben und sie an Alle zu richten, welche derselben bis dahin noch nicht nachgekommen sind. Denn es wird kaum Einer sein, der nicht irgendwie und irgendwann seinen Taufbund übertreten und folglich ungültig gemacht hätte. Ohne Beachtung der bleibenden grundleglichen Bedeutung der Taufe für das ganze Christenleben innerhalb einer christlichen Gemeinde, ohne eine Anknüpfung an das Wirken des göttlichen Geistes während der Jugendzeit und unter vollständiger Vernachlässigung seiner stillen, allmählichen Arbeit an allen Gliedern einer Gemeinde Jesu Christi, wird nun der Wiedereintritt in den Taufbund durch die wahre Herzensbuße beschrieben, ganz wie die ruckweise Zurechtbringung des rohesten Heiden oder eines groben Verbrechers, mit angelegentlicher Hervor=

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hebung des Bewußten, des Fühlens und Empfindens, und mit Vorliebe für allerlei fremdartige mystische Phrasen. Wer diesen Proceß nicht so erfahren hat, wird angewiesen, sich für unbekehrt und noch unter dem Zorne Gottes stehend anzusehen. Der Weg einer allmählichen Belebung des Guten, welches im Getauften schlummert, kommt nicht in Betracht. Nicht ein stufenweises Heranwachsen zu bewußtem Glaubensleben, nicht Evolution, sondern ausschließlich Revolution des religiös=sittlichen Bestandes führt zum Heil.

Die Buße besteht aus Reue und Glauben. In jener soll die Seele ihr grundverderbtes, böses Herz und wie sie allerdings ganz todt und blind sei, mit inniger Scham, Demuth und Wehmuth vor Gott und Jesu Christo aufrichtig erkennen, beweinen und bekennen, sich für "meineidig durch Abfall von Gott und der in der Taufe erlangten Gnade verlustig" achten. Sie hat zwei Stadien: 1) die "guten Ueberzeugungen und Rührungen", 2) die "kindliche Reue" d. h. die Zerknirschung. Es wäre nun gefährlich, wenn man in der Zerknirschung nicht verweilen wollte aus Furcht vor der Verzweiflung. Eine solche Furcht ist grundlos. Denn die Zerknirschung ist kein glaubenloser Zustand, sondern, sobald ein Mensch den "redlichen Entschluß " faßt, sich und sein ganzes Herz "an Gott zu übergeben, damit es bekehrt werde", sobald ist schon der Glaube nach seinem Anfang in ihm entzündet. Die Entwicklungsstufen des Glaubens sind folgende: 1) Vermehrung der Zerknirschung; 2) Hunger und Durst nach der Gnade; 3) Hoffnung auf Gottes Hülfe, welche "bei manchen durch vielerlei Kämpfe wider den Unglauben nach und nach erst fest gemacht werden muß"; 4) Gewißheit der Sündenvergebung, "indem die Früchte derselben sich hervorthun".

Also: ehe der Glaube die Rechtfertigung oder doch die Gewißheit derselben zu Stande bringt, werden in ihm drei Stadien beschrieben, in welchen er sein eigenstes Werk nicht thut, sondern dazu dient das Verweilen in der Reue (im Bußkampfe) möglich zu machen. Denn wäre die Reue ohne Glauben, so müßte man aus ihr hinaus und zum Glauben hintrachten. Nun aber kann man ohne Gefahr der Verzweiflung in ihr verweilen, bis der harte Sinn recht zermalmt ist. Dem Interesse, dies einleuchtend zu machen, dient die ganze Auseinandersetzung. Das beherrschende ist die praktische Methode der Bekehrung: bewußter, einmaliger (wenn auch wiederholbarer) Bekehrungsact für jeden Christen in reinlich gesonderten, erkennbaren Momenten

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(Rührungen, Reue; Glaubensringen, Vergewisserung). Zu diesem Zweck wird der Glaube nicht mehr einfach als die Zuversicht (fiducia) beschrieben, welcher Erkenntniß und Beifall vorausgehen, sondern es wird in verwirrender Weise der Name Glaube dem werdenden Guten im Menschen überhaupt beigelegt, und dann doch mit diesem "Glauben" operirt, als sei er der Zuversicht gleichwerthig. Dies führt weiter dazu, die Zuversicht vom Glauben zu scheiden, und nun zwei Stufen im Glauben anzunehmen. Wie mir scheint, wird dadurch die lutherisch=kirchliche Vorstellung von "Glauben" gesprengt.

Es ist unmöglich, den großen religiösen und sittlichen Ernst, die Warme Frömmigkeit zu verkennen, welche sich in dieser wie in den beiden andern Predigten ausspricht. Das ist viel, aber es nicht Alles. Die orthodoxe Theologie betrachtet mit großer Weitherzigkeit alle Gemeindeglieder, die sich zu Gottes Wort und Sacrament halten und nicht durch offenbare Sünden das Gegentheil beweisen, als wirklich Gläubige. Sie behandelt den Berufenen rechtlich als Erwählten. Denn Gott allein vermag ins Herz zu sehen. Heuchelst du, so heuchelst du auf eigene Gefahr. Die wesentliche Verantwortung wird in das Gewissen des Einzelnen gelegt. Die lutherische Kirche ist gleich weit entfernt von der Beichtcontrole der römischen und der Policirung der calvinischen. Darnach hat sich ihre Praxis gestaltet, sie absolvirt den Bekennenden, sie spendet das Sacrament dem Begehrenden, sie predigt ihnen allen als Gläubigen und "Heiligen", wie Paulus 1 ), sie begräbt Jeden, den sie überhaupt als den ihren begräbt, "in der gewissen Hoffnung der Auferstehung zum Leben". So zu urtheilen scheint den Orthodoxen nicht nur ein Gebot der Nothwendigkeit, weil wir Niemanden ins Herz sehen können. sondern auch eine Pflicht der Liebe. Die Leipziger theol. Facultät sagt in einem später zu erwähnenden Erachten, daß man bei den in der Beichte Reue und Glauben Bezeugenden wirkliche Buße "ex judicio christianae charitatis praesupponiren und nicht erst fragen" solle, ob sie Buße


1) I. Corinth. I, 3 nach P. Pauli's v. Gorschendorf treffender Bemerkung. Aehnlich argumentirt schon Calvin gegenüber separatistischen Bestrebungen (Ritschl, Geschichte des Pietismus, I, S. 79) und Spener selbst in "Der Klagen über das verdorbene Christenthum Mißbrauch und rechter Gebrauch u. s. w." 1684 (vgl. Fecht Historia et Examen novae Theol. Indiff. S. 442, 449 ff.). Zur Stellung der Orthodoxen vergl. z. B. Fecht, Lectiones theol. in . . . Syllogen etc. S. 556. Institutio pastoralis S. 130: ut quilibet bonus, ita et Christianus praesumitur, donec probetur contrarium.
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gethan, wie Schmidt pflegte. Dasselbe judicium liege der kategorischen Absolutions=Formel zu Grunde und werde verletzt durch die declarative. Die Orthodoxie ist durchaus optimistisch, tief pessimistisch dagegen der Pietismus der jüngeren Hallenser. Dieser betrachtet die Christenheit als die von Gott abgefallene Menschheit, die Orthodoxie dagegen sieht in ihr das werdende Gottesreich 1 ). So betet Ehrenpfort zum Anfang und zum Schluß für "alle diese Seelen", daß sie mögen "erweckt werden" Gott in gehöriger Ordnung zu suchen, und daß sie diejenigen Gnadenschätze zu genießen bekommen, "welche du ihnen schon in der heiligen Taufe vormals geschenkt hast", - die sie aber ganz verloren haben. Denn die Masse der Gemeinde ist unbekehrt, todt, gottlos, Welt im biblisch=absoluten Sinne. Von ihnen werden die Gläubigen scharf unterschieden, in demselben Eingangsgebet: "Segne auch Deine Kinder, die unter uns sind u. s. w.". "Alle diese Seelen", und ihnen gegenüber: "wir" (S. 82), "Wir", die wenigen Bestimmten, Bekannten, welche die Buße dann und dann, da und da, so und so durchgemacht haben, die "Kinder Gottes", die "Redlichen", die "Rechtschaffenen", die "Gerechtfertigten", die "Bekehrten". Zwischen beiden stehen wiederum nicht solche, die still wachsen, schwanken, unklare, zu wenig erweckte, schwache oder sich scheu zurückhaltende Christgläubige: dazwischen giebt es nur solche, welche in der "Buße", und zwar in dem und dem Stadium derselben (Rührungen, Reue, Glaubenskampf) stehen und vom Geistlichen beobachtet, berathen, geleitet werden. Für jede dieser Classen wird nun besonders gepredigt. Man könnte gesonderte Gottesdienste für jede ansetzen. Wenigstens aber erhält jede ihren abgegrenzten Theil der Predigt; das hieß: das Wort Gottes recht theilen. (II. Tim. 2, 15.) Die principielle Bedeutung dieser Anschauung ist die, daß der Masse der Getauften der Christenname streitig gemacht, daß die Kirche als Volkskirche aufgegeben und auf das Conventikel reducirt wird.

Es ist ein ungeheurer Schritt von der kirchlichen zu dieser übrigens schon von Großgebauer vertretenen Auffassung. "Diese abstracte Scheidung zwischen Wiedergeborenen und Nichtwiedergeborenen, wie sie innerhalb der Kirche nicht nachweislich, bildet einen abstoßenden Charakterzug des Hallischen Pietismus" (Tholuck, Geschichte des Pietismus, S. 20). Und wie erst, wenn man mit dieser abstracten Scheidung


1) Hoßbach, Ph. J. Spener. 2. Aufl., S. 304.
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Ernst machte in concreto in der socialen und pfarramtlichen Praxis? Der Kreis, aus welchem die Darguner kamen, lehrte mit aller Energie so. Z. B. Lau, Hofprediger in Wernigerode: "Es ist daher auch ferner nichts gewisser, als daß, so oft ein Prediger vor seine Gemeinde tritt, er insgemein den größten Haufen derselben als Heuchler und Maulchristen ansehen muß 1 ). Hofdiaconus Ulitzsch zu Stolberg: "Die lutherische Kirche krimmelt und wimmelt von Heuchlern" 2 ). Schmidt=Levin erklärte später in einem Verhör vor dem Consistorium, daß er "bei seiner Ankunft zu der Gemeinde nach Levin alle erwachsene Personen vor Unwiedergeborene gehalten und also genennet".

Nichts hat die Dargunschen Gemeinden wie die meklenburgische Geistlichkeit so sehr gegen die Fremdlinge aufgebracht, als dies Absprechen des Christennamens dem Ganzen der etablirten Kirche gegenüber. Diese Anschauung ist aber die einfache Consequenz jener Bekehrungsschablone. Hängt die Gewißheit des Christenstandes von der Durchmachung der verschiedenen Stadien jener Methode ab, so ist für mich selber nicht nur eine Bekehrung "in der Ordnung" unerläßlich; ich kann auch keinen für einen rechten Christen achten, von dem ich nicht weiß, daß er sie durchlaufen hat. Und dies zu wissen, schien nicht eben schwierig. Man kargte in diesen Kreisen nicht mit der Aussprache der intimsten geistlichen Erlebnisse. Man war überzeugt, daß, wenn auch der Heil. Geist zuweilen verborgen an den Herzen arbeite, er doch nicht unterlassen werde, von der vollendeten Bekehrung deutlich Kunde zu geben. Und wo man diese Kunde nicht erhielt, war sofort das Urtheil da. Jene Unduldsamkeit, in welcher die alte Orthodoxie einem Reformirten und Katholiken das Prädicat "selig" nicht zugestehen wollte, wird vollständig aufgewogen durch den Anspruch auch der besten Pietisten wie A. H. Francke an jeden Gegner: vor allem Buße zu thun, - ausgehend von der Voraussetzung, daß Widerspruch gegen seine Weise und sein Werk nur von einem Unbekehrten ausgehen könne. Die gleiche Taktik befolgen die Darguner, indem sie jeden Gegner ihrer Methode für einen Gegner der Frömmigkeit, des "Guten" und Gottes überhaupt ausrufen, und als Bekennerleiden sich das anrechnen, was sie sich durch ihre


1) Schriftmäßige Beantwortung. S. 64.
2) Reidemeister, Nöthige Anmerkungen, S 19. Aehnlich klingende Aeußerungen kirchlicher Männer, wie des mit Luther so eng befreundeten Hieron. Weller (Tholuck, Geist der Wittenberger Theologen, S. 100) haben ein anderes Dilemma im Auge.
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sehr menschlichen Irrthümer und Fehlgriffe zugezogen hatten. Für jeden Gegner haben sie im Grunde nur die eine Antwort: er solle Buße thun und sich bekehren! Wer nicht zu ihnen hielt, war eo ipso unbekehrt und gottlos.

Wir werfen noch schnell einen Blick auf die beiden andern Predigten vom Jahre 1735.

Schmidt's Predigt über das Gebet verräth weniger Feuer, hat eine mehr verständige Haltung, zeigt indeß dieselbe Lehrart. Er beklagt, daß der "meisten" (Christen) Gebet ein Plappern sei, "da sie auch nicht einmal wissen was sie anbeten . . . . . Christus sagt solches selbst: Ihr wisset nicht, was ihr anbetet!" - Welche Anwendung des Schriftworts! Ganz genau entspricht sie dem Vorwurf Stieber's, daß die Darguner die Gemeinden hantiren wollten, als die Apostel die noch unbekehrten Juden und Heiden tractiret, da sie noch außer der Gemeinschaft der Kirche Gottes waren. Er betrachtet: 1) was annoch Unbekehrte, 2) was rechtschaffen Bußfertige, 3) was allbereits Gerechtfertigte beim Gebet zu merken haben. Zu den Unbekehrten gehören neben den offenbaren Sündern besonders die Weltehrbaren, die insgeheim den Sünden wissentlich dienen. Dies sind einfach alle diejenigen, welche den methodischen Bußweg nicht zurückgelegt haben: "Kömmt es auf ihr Herz an, so können sie nicht sagen, daß sie jemals ihre Sünden recht gefühlet, die Gnade Gottes in Christo recht gesuchet, noch weniger, daß sie eine Vergebung der Sünden geschmecket oder Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist in sich empfunden haben". Sie sollen in ihr "Kämmerlein gehen" d. h. von Sünden, Welt und Geschäften sich losreißen, sich in solcher Entziehung von Allem recht in die Stille der Selbstprüfung begeben und um Bekehrung bitten. Die Bußfertigen sollen den Verkehr mit Weltkindern thunlichst meiden und "vor das rechte Kämmerlein, ich meine das Herz des Herrn Jesu", gehen und da anklopfen, so wird ihnen aufgethan und sie können hineingehen, wiewohl - "als wahrhaftig Bußfertige seid ihr schon in dem Herzen Jesu, aber ihr wisset es noch nicht, darum müßt ihr so lange anhalten mit Klopfen, bis ihr eingelassen und gewiß seid, dieser treue Heiland habe euch in seine Gemeinschaft aufgenommen". Dies ist bezeichnend. Nach kirchlicher Denkweise würde das: "ihr seid schon in dem Herzen Jesu" als Aufforderung gemeint sein, die quälenden Zweifel hindanzusetzen und sich dieser frohen Botschaft: "ihr seid schon" zuversichtlich zu getrösten. Aber das ist nicht im Ent=

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ferntesten die Meinung. Die Angeredeten "wissen es nicht", obwohl er es ihnen sagt, und er sagt es gar nicht, damit sie es "wissen". Sie "wissen" es erst, wenn sie durch ein besonderes Erlebniß, den "Durchbruch" oder, wie es später heißt: die "Publication" der Rechtfertigung des gewiß gemacht werden. - Gerechtfertigt heißen endlich die, welche "nach vorhergegangenem Leidetragen über ihren Sünden nunmehro den versprochenen Trost Christi geschmecket und das Zeugniß des Heiligen Geistes im Herzen wirklich empfinden, daß sie Gottes Kinder sind". Nach dem "Schmecken" heißen sie also erst gerechtfertigte; sie sind es aber nach dem Obigen schon während des Buß=, genauer Glaubenskampfes. Die Rechtfertigung im Sinne der Methode ist also hier etwas Anderes als die Rechtfertigung nach kirchlichem Sprachgebrauch.

Hövet handelt von der "Gewißheit bei denen Wiedergeborenen, daß sie Gottes Kinder sind". Im Tone weicher und inniger, theilt er mit seinen Freunden das unerquickliche Schwanken der theologischen Begriffe und die Vorliebe für mystische Phrasen: "sich immer tiefer in Jesum setzen"; "sich in Christi Versöhnungsschoß legen"; einen Andern bekehren heißt: "das Herz des Nächsten in die Wunden Jesu zerfließend machen"; die Gläubigen beten sich in Jesum hinein; der Abgefallene muß "in sein Nichts hineingehen und wieder zu Christum kommen;" den Gerechtfertigten ruft gar Christus zu: "kommt, ihr, meine Freunde, die ihr mich kennet, . . . . holet stets neues Blut aus meinen Wunden". Ebenso findet sich wieder die Bußkampf=Heilsordnung und die entsprechende Classification der Gemeinde im Schlußwunsch: "Die Gnade unsers Herrn Jesu sei mit euch allen, und bleibe bei denen, die ihn fürchten und lieben bis ans Ende". Noch ein anderer echt methodistischer Zug tritt vereinzelt auf: "Ach Herr Jesu, öffne doch diesen Augenblick einem jeden die Augen u. s. w."

Ueber die beiden ersten Predigten erschien nun in der Leipziger "Fortgesetzten Sammlung auserlesener Materien zum Bau des Reichs Gottes" (31. Beitrag) eine Recension (von Hövet?), welche viel böses Blut in Meklenburg machte. Es war da u. a. gesagt: "Gott lässet in einigen Gegenden unseres Landes, sonderlich in und um Dargun, sein Wort mit mehrerer Kraft und größerem Segen an denen Seelen anjetzo verkündet werden, als etwa sonst geschehen. Dannenhero denn auch die Leiden, welche das Evangelium ordentlich zu begleiten pflegen, die aldortigen Knechte Gottes betreffen.

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Sie müssen sich, obwohl ohne schuld, von Andern vielfältig verlästern lassen". Dennoch kam es in diesem Jahre 1735 abgesehen von dem academischen Programm des Rostocker Rectors Detharding auf den Tod Mantzels zu Jördensdorf (siehe unten) noch zu keiner öffentlichen Bestreitung ).

Dagegen thaten die Darguner einen weiteren Schritt, um den ausgestreuten Gerüchten zu begegnen und ein in ihrem Sinne authentisches Material zur Beurtheilung ihrer Lehre herzustellen. Gleich nach Neujahr 1736 veröffentlichte Ehrenpfort: "Das Geheimniß der Bekehrung" 2 ). Ein Geheimniß heißt ihm die Bekehrung nicht an sich, sondern "bei der heutzutage so äußerst verderbten Christenheit"; denn wird einmal ernst und lauter Buße gepredigt und mit Erfolg, so erregt es das größte Aufsehen, Lästerung, Verfolgung. Das beweist, "daß die Bekehrung zu Gott bei den mehresten Christen heutzutage, ja auch bei den meisten Lehrern 3 ), was ihre Kraft betrifft, ein Geheimniß sei, welches sie nicht verstehen noch verstehen wollen und können, darum weil sie selbige nicht erfahren haben".

Diese Schrift bezeichnet nicht nur insofern einen Fortschritt gegenüber den drei Predigten, als in ihr alle dort noch vermißten eigenthümlichen Kunstausdrücke der Darguner auftreten, als Bußkampf, Durchbruch, Bekehrte. Während die Predigten einen methodistisch=artigen Bekehrungsproceß ergaben, und auf Grund desselben eine besondere Beurtheilung der Gemeinde, treten im "Geheimniß" die religiösen Motive dieser Lehrweise deutlicher hervor. Die Wahrnehmung einer sträflichen Lauheit und Gleichgültigkeit im christlichen Leben, bei der Masse der sich kirchlich Gebahrenden traf bei den Nach=Spenerschen Pietisten noch mit einer zweiten


) Von Suckow verfaßte Anmerkungen zu Ehrenpforts Predigt und das Eilfertige Schreiben des Constantinus Orthodoxes (Stieber) an Timotneum Alethophilum von den Irrthümern Schmidts und Ehrenpforts (Burgmann, Nöthige Gegenantwort, Vorrede S. 13 ff. Walchius illustr. S. 130) wurden nur handschriftlich verbreitet. Letztere Schrift möchte mit einem der oben erwähnten titellosen Stieberschen Berichte identisch sein.
2) Das Geheimniß der Bekehrung eines Menschen zu Gott, schrifftmäßig entdecket Und nach vorhergehender Summarischen Beschreibung in VII. Punkten ordentlich vorgestellet" (Alten=Stettin, verlegt und zu haben im Buchladen des Waysenhauses).
3) So sagt der schon oben erwähnte Ulitzsch: "Das magst du als eine unumstößliche Wahrheit annehmen, daß die allermeisten Prediger auf dem ganzen Erdboden blinde und unbekehrte Leute sind, die von dem höchst wichtigen Werke der Bekehrung durchaus nicht recht urtheilen können"; spricht von "Satans=Aposteln" u. s. w.
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Wahrnehmung zusammen, welche sie an sich selber machten, und welche leicht noch bedenklicher war: sie fanden es ausnehmend schwer, zum Glauben zu gelangen; sie vermochten gewöhnlich lange Zeit nicht die volle Gewißheit ihres Glaubens und Glaubensstandes zu erreichen. Sie wurden vom Zweifel an sich selbst in dauernder Aufregung erhalten. Die naive Zuversicht des sein selbst gewissen Glaubens der Reformatoren war dahin. Das Eindringen einer weltlichen, naturwissenschaftlichen und historischen Bildung und manches Andere, erschwerte die Entscheidung. Darum suchte man nach neuen, greifbaren Garantien des Christenstandes. Der protestantische Gegensatz gegen Rom ließ es nicht zu, diese Garantien in den guten Werken zu sehen, so nahe man nicht selten hieran streifte. Der unkirchliche, sectirerische Pietismus fand sie im unmittelbaren Verkehr mit der jenseitigen Welt, indem er dies bald mystisch wandte, bald von Engelserscheinungen, unmittelbaren Einsprachen des göttlichen Geistes und dergleichen verstand. Die kirchlich=gesinnten Elemente des Pietismus trugen zwar Bedenken, diesen Weg gänzlich zu verwerfen (wie die Orthodoxen forderten), allein sie vermieden ihn so viel möglich und mit wachsender Entschiedenheit. In diesen Kreisen suchte man Garantien des Gnadenstandes zu gewinnen, indem man sich der Gesundheit und Tragfähigkeit seiner Wurzeln versicherte. Man begann die Aufgrabung, Bloßlegung und genaueste Untersuchung dieser Wurzeln: die Kritik des Bekehrungsvorgangs. Da liegt das religiöse Interesse der Darguner: "der Mensch muß die darin (in der beschriebenen Bekehrung) enthaltenen Stücke lebendig und wahrhaftig in seiner Seelen erfahren". Will sagen: er muß sie Stück für Stück, eins nach dem andern, "in der Ordnung" durchleben. Die lutherische Dogmatik ihrerseits hatte ein schulmäßiges Schema des Bekehrungsprocesses aufgestellt, wie es sich durch die Reflexion auf den Ausgangs= und Zielpunkt und auf die Mittel ergab. Sie arbeitete dasselbe bis ins Kleinste aus. Aber nie wäre es ihr eingefallen, einer Bekehrung in concreto Wahrheit und Gültigkeit abstreiten zu wollend weil sie nicht bewußter Weise nach dem Schema sich vollzogen hatte. So thaten aber die Pietisten 1 ). Denn von ihnen wurde aus einer Anzahl von Fällen eine "Ordnung" abstrahirt, und von ihrer


1) Und zwar nicht bloß ihren orthodoxen Gegnern gegenüber, sondern z. B. auch einend Zinzendorf. Vgl. Tholuck, Gesch. des Piet., S. 35. Hagenbach, Kirchengeschichte des 18. und 19. Jahrb., I, S. 412.
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Beobachtung Leben und Tod abhängig gemacht. Hier galt es eine feste Reihe von scharf gesonderten Zuständen zu durchlaufen. Ein Kampf bezeichnete jedesmal den Uebertritt aus einem Zustand in den andern. Ein solcher Proceß kann selbstverständlich nicht ohne deutliches Vorwissen des Menschen sich vollziehen. So war ein über allen Zweifel erhabenes Kriterium des Heilsstandes gegeben: das Erlebniß einer bewußten stufenweisen Umwandlung, welche Bekehrung heißt. Es war leicht möglich, die Construction dieses Processes an die Heil. Schrift anzulehnen, da eben Schmerz über die Sünde und gläubige Aneignung der Gnade unveräußerliche Momente einer wahren Bekehrung sind. Luthers Lehrweise bot für die ganze Tendenz der Pietisten einen willkommenen Anknüpfungspunkt. Betont er doch immer und immer wieder die Nothwendigkeit einer Gewißheit des Heils gegenüber der gewissenquälenden Lehre von der Unsicherheit unserer endlichen Erlösung in der römischen Kirche. Was wollten sie denn anders als eben dies? Aber nach reformatorischer Lehre liegt die Gewißheit im Glauben selbst, er ist die gewisse Zuversicht und nichts Anderes. Hier dagegen liegt die Gewißheit des Glaubens im Bewußtsein seiner normalen Entstehung: "zwar in dem Stande der Anfechtung oder in der geistlichen Dürre fühlet die gläubige Seele den Frieden nicht, aber sie weiß doch gewiß, daß sie ihn in gehöriger Ordnung erlanget, auch ihn durch boshaftige Sünden nicht verschüttet hat" (S. 80, 88). Der sehr nahe liegende Einwand, daß mir bei der Reflexion über mein Bekehrungserlebniß erst recht endlose Scrupel entstehen, wird nicht erhoben. Und doch müssen die so erwachsenden Gewissensqualen weit schrecklicher sein, als die päpstliche Lehre sie hervorruft, weil sie entstehen angesichts der Forderung der Gewißheit, während der Papst die Gewißheit verbietet.

Die einzige Garantie des eigenen Gnadenstandes ist also, daß man eine solche Bekehrung zu Gott erfahren hat, da man "durch Buße zum Glauben und durch den Glauben zur Vergebung der Sünden und zum Genuß der Gnade Gottes gekommen". Darnach muß man sich fragen, wenn man sich selber prüfen will, ob man auch im Stande sei selig zu sterben (S. 24). Der Glaube macht selig, aber außerhalb dieser Ordnung giebts keinen Glauben. "Wer sich hievon nichts zu besinnen weiß, siehe der kann nur sicherlich denken, daß sein vermeinter Glaube eitel sei". Denn der getaufte Christ ist vor diesem Vorgang gleich den Heiden "ohne Gott" und geistlich todt. Wer kann es einer

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Gemeinde Christi verdenken, wenn sie die Anwendung folgender Titulaturen auf die Mehrzahl ihrer Glieder nicht ratificiren mag: elender Sklave Satans, verfluchtes Teufelskind (S. 83), ja: Braut des unreinen Geistes (S. 97) 1 )? Eines Unbekehrten Wissen von Gott und Christenthum ist - vom Teufel 2 ). Die sittliche Inferiorität desselben zeigt sich darin, daß ihm das Gefühl abgeht für die Sündlichkeit der sog. Mitteldinge, wie ein "christliches Räuschgen", mit Tanzen und Spielen die Zeit passiren, im Scherze lügen und den Nächsten aufziehen, Nothlügen u. s. w. Die Verwerfung dieser Mitteldinge gehört demnach zu den negativen Kriterien der Bekehrung: der kann nicht für bekehrt gelten, der sie nicht verwirft. Auch die besten Werke des Getauften, der noch nicht bekehrt ist, folglich sein Singen und Beten, sind lauter Sünde.

Ehrenpfort betont zwar sehr, daß in der Art der Erweckung, in Maß und Dauer der Traurigkeit und Freude Verschiedenheiten sich fänden, in der Hauptsache aber verliefen alle Bekehrungen gleich. Diese "Hauptsache" offenbart sich jedoch bald als ein ganz detaillirter und sehr verwickelter Entwicklungsgang.

Die Entstehung der Reue wird wie in der oben erwähnten Predigt geschildert. "Es ist aber solcher Bußkampf zweifach. Der erste kommt vor in der Reue, der andere aber bei dem Glauben". Im ersten heißt es "rein ab" von Hochmuth, Eigenliebe, Schoßsünden, denn diese widersetzen sich der Erkenntniß der Sünde und der Absagung aller Dinge. "Aber wer da nur unter Gebet und Flehen getrost kämpfet und sich in der Ordnung Gott überlässet, der wird auch hierin schon zum Siege gelangen, das ist: die Reue wird zu Stande kommen, so daß er nichts als Sünde und Verdammniß in sich fühlet". Zwar ist das Maß der Traurigkeit verschieden; Treue beweist jedoch, wer unruhig und ängstlich ist über das Maß seiner Traurigkeit; - die Seele muß eben "von aller sonst eingebildeten Gerechtigkeit sein ganz nackend ausgezogen und in die geistliche Armuth (versetzt werden), da man nichts als Schande und Unflath auf sich fühlet. . . . . Dieses werden recht gegründete Christen". Dagegen ist es


1) Vgl. Mekl. Kirchen=Gesangbuch Nr. 282, V. 2.
2) Vor dem Consistorium hat sich Ehrenpfort ungeschickt genug - dahin erklärt, er verstehe dies metonymisch, daß nämlich nicht diese Wissenschaft selbst, sondern nur ihr unvermeidlicher Mißbrauch vom Teufel sei (vergl. auch Ehrenpfort, Abgenöthigte Beantwortung u. s. w. S. 129 ff., 163, 166 ff., 196 ff., 212).
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geradezu gefährlich, vor der Zeit "Friede zu machen", seine Traurigkeit für zu groß zu halten und in Folge dessen nicht "fein tief graben" zu wollen. Da hat das Gebäu keinen Bestand, denn da ist der Sinn des alten Adams in kindlicher Reue nicht recht gebrochen und getödtet; die Sündenwunde nicht rein ausgescheuret; der Wurm, so in dem Obste stecket, nicht recht getödtet; daher kein Wunder ist, wenn's mit dem Christenthum keinen Bestand hat, oder wenn sie in ihrem Christenstande "wie Krüppel" sind, d. h. unlauter, "damit gehen sie so hin, und wenn sie nicht bald zur ersten Buße zurückkehren, sind sie fast nicht zu bessern", "weil es im Anfange und gleichsam im Zuschnitt versehen ist".

Mit der Abbitte der Sünden unter Vorhalten des im Glauben angeeigneten Verdienstes Christi ist noch keineswegs die Rechtfertigung erfolgt. Zu ihrem Vollzuge ist eine gewisse, nicht näher bezeichnete Stärke des Glaubens erforderlich, welche in dem zweiten Bußkampf "Christo an" erlangt werden muß. Der natürliche Unglaube widersetzt sich, und öfters muß die Seele mit der Verzweiflung ringen. Während des Kampfes hat die Seele nur vereinzelte "süße Empfindungen", Gnadenblicke, welche zwar Trost und "gewisse Hoffnung", aber noch immer nicht Gewißheit, noch keine "himmelfeste" Versicherung der erlangten Rechtfertigung bringen. "Daher, wenn sie vorbei sind, findet sich die Seele wieder in dem vorigen schmerzlichen Gefühl ihrer Sünde, das ist in der Buße". Ist aber der Glaube soweit gestärkt, daß er Christi Verdienst ergreifen kann, so macht er gerecht und bringet Vergebung der Sünden. "Dieses nennet man den Durchbruch", nämlich die himmelfeste Versicherung der Rechtfertigung, so daß nicht der geringste Zweifel übrig bleibt. Wer das erfahren hat, heißt im intimen Sprachgebrauch "bis zu Christo" bekehrt, während die Anfänger nur "bis zur Traurigkeit" bekehrt sind. Von der im Durchbruch erfolgten Rechtfertigung im Himmel unterscheidet Ehrenpfort endlich noch deren "Publication im Gewissen, also daß die Seele es wohl weiß und empfindet, daß sie gerechtfertigt sei". In der gefühlsmäßigen Vergewisserung, daß sie "Bräute Jesu Christi" sind, empfinden die Gläubigen den süßen Seelenfrieden und die Freude im Heiligen Geist, welche besonders im Anfange "dergestalt die ganze Seele erfüllet, daß sie auch in die äußeren Sinne ausbricht und der Leib daran mit theilnimmt". "Das ist dann der Liebeskuß, welchem der Bräutigam Jesus seiner Braut, der gerechtfertigten Seelen, giebt". Diesen Frieden soll man nicht

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"zurückbeten", meinend, es sei zu viel. "Nein, man sauge getrost, so lange die Mutter was giebet". Weiterhin aber soll man diese Freude "fein über sich führen" zum Lobe Gottes, und "fein in sich einführen" zur Heiligung. Denn in der Rechtfertigung hat die Seele "Gott als ihren Vater, Jesum als ihren Bräutigam, den Heil. Geist als ihre holde Mutter" kennen gelernt; in Folge dessen eine wahre und innige Liebe zu Gott angezündet ist. Sie lebt so als eine neue Creatur nach Gottes Willen, seine Gebote haltend. Nur daß die Wurzel der Sünde in ihr nicht ausgerottet wird, durch deren Reizungen die Heiligung unvollkommen bleibt. -

Den Inhalt dieser Schrift zusammengehalten mit den übrigen Ergebnissen unserer Untersuchung, wird kaum mehr ein Zweifel bestehen über den methodistischen Charakter der Dargunischen Lehre (gewisse Zeit des Bußkampfes und Zeit des Durchbruchs, überhaupt Schematisirung der religiösen Processe und Messung jedes Einzelnen an diesem Schema). Auch hier wird der Kundige jene Neigung zu allerlei unkirchlichen Weisen, fromm zu sein, bemerkt haben und die beginnende Auflösung des lutherischen Glaubensbegriffes, indem das zuversichtliche Vertrauen von dem Glauben als solchem losgelöst wird. Den Bußkampf betreffend, offenbart diese Schrift, daß der Gedanke mit hineinspielt, man könne durch eine der Rechtfertigung vorangehende Buße als solche das Böse in besonderer Weise in sich ertödten, was gewiß eine evangelische Anschauung nicht ist. Diese dem sectirerischen Pieltsmus angehörende Anschauung erscheint jedoch hier zuletzt. Zachariae hat sie bald abgestellt.

 


 

VI.

Eingreifen des Consistoriums und Krisis in Dargun.

Das Ansehen des Rostocker Consistoriums war zur Zeit Carl Leopolds ein sehr zweifelhaftes, politisch finden wir es auf Seiten des Herzogs, dem auch die Verwaltung der kirchlichen Angelegenheiten bis zuletzt rechtlich zustand. Da im

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Uebrigen die Gewalt in der Hand des kaiserlichen Commissarius war, fehlte dem geistlichen Gericht oft der weltliche Arm um seinen Decreten Geltung zu verschaffen. Dazu wurden, wie die Räthe (1734) klagten, die wichtigsten Sachen von der Regierung abgefordert (bei welcher dann die Acten liegen blieben) und viele andere an die Justiz=Canzleien gezogen. Jedoch war es das nicht allein, wodurch das Ansehen des Consistoriums erschüttert worden war. Seine Geschäftsführung zeigt eine auffallende Unregelmäßigkeit, für die man allerlei besondere Gründe muthmaßte. Franck (Nachrichten von der Schule in Sternberg) schiebt die ärgerliche Nachlässigkeit und Verschleppung in einem Fall von 1727 auf die Trägheit und das Alter des Fiscalis, berichtet aber daneben, dieser selbst habe erzählt, die Sache sei liegen geblieben, nachdem der Angeschuldigte an den Directorem Consistorii Jacob Carmon einen lateinischen Brief gerichtet und ihm, als einem besonderen Liebhaber der Poesie, eine Anzahl Epigramme gemacht habe auf Bilder der Gelehrten im Rostocker Concilio! In einem Fall von 1744 wider den Rector Plötzius, welcher in der Kirche in frecher, ja unfläthiger Weise Aergerniß gegeben hatte, ging "Fiscalis Martini was langsam zu werk, weil er nicht wußte, woher er die Unkosten nehmen sollte; als er aber erfuhr, daß Rectori noch 80 Thlr. bei der Oeconomie restirten: so ließ er sowohl dieses restans als auch das currens mit Arrest belegen und griff darauf den Proceß mit mehrerem Ernste an". In einem dritten Fall zog sich die Untersuchung gegen einen Cantor, welcher unsittlicher Handlungen mit Schulmädchen bezichtigt und hoch verdächtig war, durch 4 Jahre hin. Immer wieder erhielt er Dilation zur offenen Verwunderung selbst seines Advocaten, bis er endlich entsetzt und Landes verwiesen wurde. "Inzwischen war es vielen sehr anstößig, daß die Gerechtigkeit so laulicht gehandhabt wurde". Grell sticht davon ab der Eifer und die Betriebsamkeit, mit welcher die Maßregeln gegen die Darguner getroffen wurden. Man mag das daraus erklären, daß es sich hier um Fragen der reinen Lehre handelte, dort bloß um den Wandel. Allein in solcher Langmuth gegen unchristlichen Wandel bei solchem Eifer um die Lehre spricht sich doch nicht eine gesunde Auffassung der Lebens=Bedingungen einer christlichen Gemeinde aus. -

Neben Carmon (seit 1718) war noch ein zweiter Jurist im Consistorium, Christian Hinrich Engelke (23. April 1735), der dies hohe Kirchenamt durch Kauf an sich gebracht hatte.

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Der einzige Theologe war der 63 jährige, stark schwerhörige Professor Franz Albert Aepinus, ein Schüler Fecht's, ein tüchtiger Logiker nach der Weise des 17. Jahrhunderts (Assessor Consistorii seit 1731) 1 ).

Gleich im Anfang des Jahres 1736 2 ) regte sich das Consistorium, um "die vermeintliche Ketzerei in herbis zu ersticken" (1. Relation). Ein Leviner Gemeindeglied, welches bei Schmidt nicht mehr zur Beichte gehen wollte, hatte den Anlaß gegeben, daß dieser zum 26. Januar 1736 citirt wurde. Zachariae begleitete ihn und beschrieb die Reise unmittelbar darauf (d. d. Dargun, 31. Januar) in einem Briefe an die Gräfin Sophie Charlotte von Stolberg, des Grafen Christian Ernst Gemahlin: "Wir waren kaum herein, so war die ganze Stadt davon voll; denn die dasigen zwölf Prediger, welche beständig und öffentlich wider uns predigen, machen uns dem Volk nur bekannt, daß es begierig wird uns zu sehen und zu sprechen". Von Mittwoch bis Freitag waren sie da und doch nicht leicht eine Stunde allein, ja sie sind keine Nacht vor 12 Uhr ins Bett gekommen vor Andrang der heilsbegierigen Seelen. Während Schmidt im Consistorium war, hat Gott dem Hofprediger Gnade geschenkt, mit Manchem etwas Gutes zu reden. "Wir haben durch Gottes Gnade unterschiedliche Seelen kräftig gerühret und erwecket zurückgelassen, wir haben unsere Kniee gemeinschaftlich mit ihnen mitten unter den Pseudo=Orthodoxen gebeugt". "Eine Seele, die in Altona unter die Mennoniten gerathen und in Böhmische Dinge gar sehr verwickelt war, wiesen wir wieder zurecht . . . . Seinem Vater, einem Schuster, bei welchem wir logirten, und der vor vielen Jahren durch den sel. Spener in Berlin erweckt und in Rostock oft ist vorgefordert und sehr verfolgt worden, half Gott von einigen Nebenmeinungen, nämlich der Wiederbringung und dem Peterschen (Petersenschen) vermeinten Reiche. Wir schlugen etwas davon in der Bibel auf, und er konnte Alles gar bald fassen, weil er einen feinen Verstand hatte; wie er denn durch die vielen Examina, die er bereits um des Namens Jesu willen ausgehalten, überaus ordent=


1) Geb. zu Wanzka 15. November 1673; Magister und Privatdocent zu Rostock 1690; 1710 Dr. theol.; 1712 ordentlicher Professor der Logik; 1721 der Theologie; gest. 1750.
2) Später wird zwar einmal eine schriftliche Verantwortung Schmidt's d. d. 14 December 1735 erwähnt. Da aber ihre Veranlassung nicht deutlich wird, und sie selbst mir nicht zu Gesichte gekommen ist, übergehe ich sie (Schmidt's Verhör im Februar 1737).
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liche Begriffe von einem jeden Glaubensarticul bekommen hatte. In der Lehre von der Rechtfertigung, von Buße und Glauben war er sonderlich sehr accurat. Die Nebendinge aber hat ihm der Herr Magister Henning [s], dessen Küster er einige Zeit gewesen, aufgehangen. Er hat es aber in die Länge nicht bei ihm aushalten können, weil er ihn so gedrückt, und also den Küsterdienst wieder aufgegeben und ist zurück nach Rostock gezogen" 1 ). Schmidt besonders warnte den Gastfreund vor jenen Nebenmeinungen "mit dem aufrichtigen Bezeugen, daß er selbst davon an seiner Seele einige Zeit her Schaden gelitten". Der Frau redeten sie die Reinigung nach dem Tode aus: "So hat ja wohl der Teufel recht tumm gehandelt, daß er uns nach Rostock citirt".

Vor dem Consistorium hat Schmidt Vormittags und Nachmittags erscheinen müssen und in dem 7 stündigen Verhör gegen hundert Fragen zu beantworten gehabt. "Der Herr hat ihm aber Mund und Weisheit gegeben, seinen Namen mit Freudigkeit zu bekennen, so daß sie allem Ansehn nach nicht bald einen wieder herein citiren werden". "Die Hauptsache war, daß man die Bekehrung nicht leiden will. Zum wenigsten hat man begehrt, daß sich der Herr Pastor Schmidt des Wortes "Bekehrung" enthalten soll. Er hat sie aber mit ihrer eigenen meklenburgischen Kirchenordnung tapfer widerlegt, die sie aber an ihrer Seite in diesem Stücke anfänglich nicht annehmen wollten, unter dem Praetext, es werde das Phil. Melanchthon mit eingeschaltet haben. Denn sie treibet die Buße noch höher, als wir sie treiben, und will das Wort Buße, weil es dunkel sei, nicht leiden, sondern erwählet durchgehends dafür das Wort "Bekehrung". Als aber der Herr Pastor Schmidt mit Nachdruck in sie gedrungen und gefragt: ob sie die Kirchenordnung als ein öffentlich recipirtes Buch, darauf auch die Prediger selbst bei Antritt des Amtes promittiren müßten, annähmen oder nicht? hat man stille geschwiegen. Wie sie sich denn auch nicht geschämt, die auf solche Weise von der Bekehrung handelnden Stellen aus den symbolischen Büchern zu verwerfen mit dem Vorgeben, man müsse sich derselben um des Aergernisses willen enthalten. So läßt Gott die Leute fallen, die sonst Abgötterei mit den symbolischen Büchern zu treiben schienen. Da der Herr Pastor Schmidt aber durchaus nicht von dem Worte


1) Dieser fromme Schuster hieß Joachim Schönfeldt und war von 1720-26 Küster zu Reckenitz.
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"Bekehrung" abstehen wollte, hat der alte Doctor und Professor Aepinus, dem als einem Theologen die Sache vom Consistorium aufgetragen war, der sich auch alle Fragen, um sie verfänglich machen zu können, sorgfältig vorher aufgeschrieben hat, geseufzet und gesaget: Nun, das sei Gott geklagt, es ist bisher in diesem Lande so reine gewesen, und wir haben bei den Auswärtigen Ruhe davon gehabt u. s. w. 1 ). Zuletzt sind sie sehr häßlich geworden, haben sich gegen den Herrn Pastor Schmidt entschuldigt, daß sie solches vermöge der Consistorialordnung thun müßten. Der Herr Dr. Aepinus ließ ihm nach Hause leuchten, mich durch ihn grüßen und ersuchen, ich würde ihm doch wohl die Ehre des Besuchens geben. Ich wußte anfänglich nicht, was ich thun sollte; endlich half mir Gott zum Schluß nach Ps. XV, 1. 4 2 ), und blieb weg. - Man war im Consistorium stutzig geworden, da der Herr Pastor Schmidt hatte etwas dreiste zu reden angefangen: Man sähe ihn als Verführer an, stellte daher eine solche verfängliche Inquisition gegen ihn an, er sähe hier Kläger und Richter in einer Person; er wisse die Vortheile wohl, wie er ihnen bald echappiren könne, wolle es aber jetzt noch nicht thun u. s. w. Sie haben einander angesehen und gesagt, sie wüßten es freilich wohl, wie es im Lande stehe. Und eben das macht ihnen den größten Schmerz, daß es ihnen an der Macht fehlet. Sie fingen sonst gerne von der Execution an. Mir war u. a. sehr erwecklich, daß, da sie sich mit dem Bruder Schmidt bis in die achte Stunde des Abends herumschleppeten und es nicht müde wurden, obschon des Dr. Aepinus Frau am Tode lag, wie man sich mit dem Herrn Jesu zu Jerusalem bei seinen Leiden ebenermaßen die ganze Nacht herumgeschleppet und den Schlaf verleugnet, obwohl diese fleischlichen Leute sonst commode Tage und fleischliche Ruhe gar sehr geliebet. Wie groß ist nicht die Feindschaft wider den Herrn Jesum! - Doch Gott hat uns auf der Rückreise dafür überschwänglich erquickt. Denn bei dem Herrn Rittmeister v. Moltzahn (Bruder des Darguner Hofmeisters) in Teschau hatte sich schon Abends vorher eine große Anzahl


1) Die Darstellung dieser Angelegenheit ist stark einseitig. Auch öffentlich, in seiner Schrift "Der Bußkampf", ist Zachariae auf diese Verhandlung in hämischer Weise zurückgekommen. Darüber interpellirt, hat Schmidt laut Protocolls vom 27. Febr. 1737 zugegeben, daß Zachariae seine bez. Erzählung mißverstanden habe.
2) Wer wird wohnen in Deinen Hütten? - Wer die Gottlosen nichts achtet, sondern ehret die Gottesfürchtigen (!).
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Seelen nebst ihrem eigenen Pastor (Berner in Camin) versammelt gehabt, ein Wort des Evangeliums von uns Armen zu hören, und haben bis in die Nacht verzogen. Wir konnten aber nicht kommen, weil wir aufgehalten wurden. Unterdessen erfuhren wir mit Freude zum Voraus, sobald wir folgenden Tages im Mittage ankamen, wie Gott am dasigen Pastor kräftig arbeite, der auch mit Begierde zu dem Ende die kleinen Büchlein liest. Er hatte in großer Bewegung u. a. bezeugt, wie Mancher wohl schon fast ein Jahr nach der Versicherung der Vergebung der Sünden gerungen und könne sie nicht erlangen". Abends versammelten sich über 60 Personen colloquendo über Matth. V, 2-6. Alle waren sehr aufmerksam, "an einigen merkte man eine kräftige Bewegung". Den Pastor Berner besuchen sie am anderen Tage und beten mit ihm; er ist wieder sehr bewegt und verspricht nach Dargun zu kommen: "Gott helfe doch dem lieben Manne; ich an meinem Theile habe dem lieben Gott ein besonderes Dankfest, woferne es mit ihm zu Stande kommt, gelobt; denn so rückt das Evangelium immer näher an Rostock heran".

Die Untersuchung scheint auf Grund mangelhafter Informationen angestellt zu sein. Wenn auch die Darguner mit den Begriffen "Bekehrung" und "Bekehrte" besondere Vorstellungen verbanden, so war man in Rostock doch nicht im Stande, die Differenz auf eine scharfe Formel zu bringen. Die Ausmerzung dieser Ausdrücke aus dem religiösen Sprachgebrauch konnten da nichts helfen. Dagegen blieb die Anregung in Rostock und Teschow nicht ohne Folgen. "Der Herr Pastor Schmidt hatte sich eine geraume Zeit her von Gott, weil er diese Reise thun müßte, eine Seele dafür zur Ausbeute ausgebeten": nun waren in Rostock nicht weniger als sechs Seelen erweckt. Ebenso hat Berner am Tage nach jenem Besuch "mit großem Nachdruck und zu jedermanns Erbauung gepredigt". Er schien sich der Dargunschen Sache zuwenden zu wollen.

Im Frühjahr (1736) entstanden auch in Hövets Gemeinde Mißhelligkeiten, und zwar aus Anlaß einer Beichthandlung. Wie der Pietismus überhaupt, so behandelten die Darguner die Feier des Heil. Abendmahls mit dem größten Ernst. In Consequenz der Scheidung zwischen Wiedergeborenen und Unwiedergeborenen waren sie überzeugt, daß nur jene würdige Gäste seien. Dies praktisch durchzuführen, fehlte ihnen aber der Muth. So begnügten sie sich, in den Beichtreden einen ausgedehnten Gebrauch von der Vorstellung des unwürdigen Abendmahlsgenusses zu machen. Die Ge=

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meinden, gewohnt im Abendmahl vorzugsweise Trost und Stärkung zu suchen, wurden nun wohl erschreckt, aber nicht, um weiterhin dem Tadel und der Warnung Recht zu geben, - ihr Schrecken setzte sich in Rathlosigkeit und bald in Erbitterung um. "Sie wüßten nicht mehr, was sie glauben sollten; auf solche Art müßten sie verzweifeln". Beide Theile verstanden sich gar nicht. Das Volk konnte das "neue Wörterbuch" der Pietisten nicht verstehen, und diese verachteten die religiöse Terminologie des Volkes, in welcher sie das Vehikel geistloser Veräußerlichung erblickten. Als Hövet fragte: ob sie ihren durch Sünde verlorenen Taufbund wieder haben wollten? erhielt er zur Antwort: das wüßten sie nicht; wie er weiter fragte: ob sie sich bekehren wollten? schwiegen sie stille. Dem Amtsjäger Burmeister, der während der Rede den Kopf geschüttelt und gelacht hatte, verweigerte Hövet die Absolution 1 ). Dieser nun beschwerte sich beim Consistorium. Hövet weigerte sich der Citation Folge zu leisten und forderte (der Consistorial=Ordnung sowohl als dem Herkommen zuwider) schriftliche Mittheilung der Klagepunkte und schriftliche, proceßmäßige Verhandlung. Hierin fand er die energische Unterstützung seiner Fürstin. Sie bewog den Herzog Carl Leopold, gleich nach dem ersten Zeugenverhör den Gang des Verfahrens zu unterbrechen und die Akten einzufordern (25. Juli 1736). Ein Streit unter der ihm treu ergebenen Geistlichkeit lag nun nicht in Carl Leopolds Interesse. Ebensowenig wollte er es mit der Prinzessin verderben. Deshalb versuchte er, die Untersuchung stillschweigend niederzuschlagen: er behielt einstweilen die Akten. -

Inzwischen war es bereits in Dargun selbst zu einer Krisis unter den "Bekehrten" gekommen. Die beiden ursprünglich verschiedenen Bestandtheile des frommen Kreises, der schwärmerische und der methodistische, traten aus einander. Auch nach Zachariae's Ankunft hatten die Prediger und ihr Anhang mit den sectirerischen Elementen nicht gebrochen, obwohl sie für ihre Person den "Nebenmeinungen" entsagt hatten. Wir sahen Schmidt und Zachariae in Rostock bei einem Separatisten ihr Absteigequartier nehmen und gegen ihre orthodoxen Gegner, ja Vorgesetzten, nicht einmal die landläufige Höflichkeit beobachten. Das kalte, bald feindselige Benehmen der einheimischen Geistlichkeit hatte sie ohne viel Bedenken Anschluß suchen lassen, wo sie ihn fanden. Aber es wurde immer schwerer, in Gutem mit dem bisherigen


1) Ausführlich erzählt: Dargunsche Schutzschrift 1739, S. 270 ff.
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Häresiarchen Hofrath Hellwig auszukommen. Denn ihn wurmte der Einfluß und die Geltung, welche jene am Hofe gewannen. Auch noch jetzt trachtete er mit den alten Mitteln zu regieren, aber "es ist nicht mehr practicable gewesen". Sie wiederum glaubten schon vor Zachariae's Berufung Grund zu haben, an der Lauterkeit des Günstlings zu zweifeln; sie haben bei genauerer Prüfung wohl gesehen, "daß sein Grund nicht tauge", und ihn auch ermahnt: er hat es aber immer auf Laodicaea geschoben. Zachariae nun hatte ihnen die Augen geöffnet über die Gefahr, in welche sie sich und ihre Sache durch die Theilnahme an den schwärmerischen Irrthümern gebracht hatten. Durch ihn wurde anstatt der "Nebenmeinungen" der Bußkampf das Alles beherrschende "Interesse". Wir sahen ihn in Rostock mit Schmidt gegen die Nebenmeinungen auftreten.

Aber diese Wandlung hat nicht der ganze Kreis der Frommen in Dargun mitgemacht. So bereitwillig die Herzogin und ihre nächste Umgebung, insonderheit die Moltzahnsche Familie, darauf eingingen, so entschieden fühlten sich andere Glieder dadurch zurückgestoßen. Hennings z. B. zog sich von ihnen zurück, und wurde von nun an als unbekehrt angesehen. Hofrath Helwig warnte diesen und jenen vor der Traurigkeit des Bußkampfs und ließ sich gegen Zachariae vernehmen: "er mache sich aus der Traurigkeit über die Sünde und aus der Freude über die Vergebung der Sünde nichts". Zum offenen Bruch aber brachte es erst die Frau Hofräthin. Bei einer scharfen Beichtrede des Hofpredigers entfernte sie sich in Aufsehen erregender Weise aus der Kirche (noch 1735). Von da an enthielt sich das Ehepaar des Sacraments drei Jahre lang und auch fast ganz der Kirche.

Diese Absage hatte recht unangenehme Folgen für die Dargunschen Prediger. "Da diese Dinge vom Thron gestoßen, hat sich die Hölle entzündet". Der Dr. Hempel verfaßte nun seinen "unparteiischen" Bericht, durch welchen Dr. Mich. Christ. Rusmeyer zu Greifswald bewogen wurde, sich der Dargunschen Frage zu bemächtigen 1 ). Rusmeyer war Pietist, aber im möglichst innigen Anschluß an das orthodoxe System. Aus dieser seiner Parteistellung und seinen heftigen Conflicten mit den Genuin=Orthodoxen schließt Barthold 2 ),


1) "Der Umgang Christi, welchen er in den Tagen seines Fleisches mit denen verschiedenen Arten von Menschen . . . gepflogen hat". Greifswald. 1736.
2) Raumer, Hist. Taschenbuch, 1853, S. 232.
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Rusmeyer habe "die verbrüderten Darguner beredsam vertheidigt". Hiervon ist aber das Gegentheil wahr. Zwar hatte er anfangs Sympathien für sie gehabt, auch in ihren gedruckten Predigten nichts Anstößiges gefunden. Aber das änderte sich bei näherer Bekanntschaft. Der Bußkampf, den sie treiben, scheint ihm völlig schriftwidrig, und noch mehr die gewaltthätige Art, wie sie ihn treiben. Ihnen zum Spiegel stellt er Christi Lehrweise und heilige Pädagogik kurz, klar und anmuthig dar, damit "die, welche so heftig auf solchen Bußkampf bestünden, es prüfen und darnach in ihrer sonst guten Absicht sich möchten zurecht weisen lassen". Milde und freundlich zeigte sich Christus gegen jedermann, auch gegen die offenbaren Sünder. Wohl mahnte er zur Bekehrung, aber nicht so, daß er "gewisse Modells" vorschrieb, wonach sie in ihrer Bekehrung sich zu richten hätten. Die gegentheilige Praxis sei die der Heuchler, deren "Bekehrsucht" ein Werk des Fleisches sei. - Rusmeyers Schrift wurde nun von Hellwig "fleißig ausgestreuet". Die Darguner haben sie ganz besonders übel genommen; einer soll sie mit auf die Kanzel gebracht und von da widerlegt haben; ein anderer habe sie in heiligem Zorn mit Feuer verbrannt. Es sei gewesen, "als wenn der Blitz der göttlichen Wahrheit auf einmal unversehens in die Finsterniß der Heucheley hineingeschlagen". Das ist sehr erklärlich, wenn man bedenkt, daß hier der ältere, Spenersche Pietismus gegen den methodistischen Bruder aus Halle auftritt. Es entsprach ihrem eigenthümlich verzwickten Vertheidigungssystem, wenn die Darguner doch nicht selbst antworteten, sondern es vorzogen, kurze Anmerkungen darüber zu veröffentlichen, die sie von "einigen auswärtigen Knechten Gottes" wollten erhalten haben 1 ). Diese constatiren denn mühsam 10 Falsa ("Unwahrheiten überhaupt"), 4 Heterodoxa (Irrlehren), 8 Errores exegetici, 7 Contradictoria (sich selbst widersprechende Stellen), 3 Injuriae in Christum ("Ausdrücke, welche wider die Ehre Christi anstoßen") u. s. w. Einen so thörichten Angriff zurückzuweisen konnte dem weit überlegenen Greifswalder Professor nicht schwer werden. Gerade weil er selbst von pietistischen Grundlagen ausging, zeigte sich Rusmeyer als der gefährlichste Gegner der Darguner in dem Anhang zu seiner 1737 erschienenen Schrift: "Die sonderbare Krafft Christi, die Heucheley zu entdecken". Er bekennt, selbst diesen Weg der Bekehrung erfahren zu haben;


1) In Zachariae's Bußkampf. Vorrede, S. 25.
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aber es sei ihm nie beigefallen, daß das ein allgemeiner Weg für alle Bekehrten sei. Mit vollkommener Sicherheit zeigt er unter Verzicht auf theoretische Erörterungen den methodistischen Charakter des Bußkampfes auf und die Vergeblichkeit des Bemühens, auf diesem Wege die gesuchte Heilsgewißheit zu erlangen. Die dagegen gerichtete, mehrfach erwähnte Schrift des Anonymus 1 ) sucht durch Verwischen und Ableugnen der entscheidenden Bestimmungen dem Angriff zu begegnen.

Hellwigs Stellung am Dargunschen Hofe war, wie sich denken läßt, immer unerquicklicher geworden. Sein Amt war ihm zwar verblieben, aber es war keine Freude mehr dabei. Jedoch "von einem guten Gehalt wird niemand ohne Noth emigriren", sagt er, "absonderlich von einem solchen Ort, wo das rechtschaffene Wesen recht floriren soll". Als nun in der Schrift des Anonymus seine Schwarmgeisterei aufgedeckt wurde, war seines Bleibens nicht länger. Im Sommer des Jahres 1738 ging er davon, nur von wenigen zurückbleibenden Gesinnungsgenossen betrauert. Er hat "nicht einmal von der Herrschaft Abschied genommen". An seine Stelle trat Philipp Braunschweig, "Ihro Königl. Kaiserl. und Katholischer Majestät wirklicher Rath und Ihro Hochfürstlicher Durchlaucht zu Meklenburg bestallter Hofrath". Nachdem er am 25. September 1738 bestellt war, legte er am 30. October seinen Diensteid ab, nicht als ob es dessen bedurft hätte, sondern "zum Ueberfluß, der eingeführten Gewohnheit gemäß " 2 ).


1) Anmerkungen über des Herrn Dr. M. Chr. Rusmeyer's Schrift, so den Titul führet: Die sonderbare Kraft u. s. w. . . . . . . von einem außerhalb Mecklenburg lebenden Prediger. Wernigerode 1738.
2) Von seiner Hand ist das Concept des nachträglich erbetenen Abschieds an seinen Vorgänger (d. d. 15. November 1738). Denn Hellwigs eigener bezüglicher Entwurf, der schwache Leibes=Constitution und häufige Krankheit als Motive der gnädigsten Erlassung angab, war nicht gebilligt worden. In dem von der Fürstin genehmigten Concept heißt es, daß sie seine Dienste insoweit in Gnaden erkenne; "jedoch können Wir euch bei dieser Gelegenheit auch nicht verbergen, wie Uns die seit einigen Jahren von euch unverantwortlich erregte, ungegründete Irrungen und confusions in Religionssachen, vermittelst welcher ihr den durch eine evangelische Lehre unter Gottes Gnade hieselbst gestifteten Segen zu stören, und manche Seele unter der Hand vom Guten abzuhalten euch nicht entblödet habt, höchst mißfällig gewesen, und das um so viel mehr, je näher Uns die Ehre Gottes und die Ausbreitung seines Reiches am Herzen liegen. Indessen, da die guten Vermahnungen (Correctur von der Fürstin Hand: Vorstellungen oder Erinnerungen) bei euch nichts verfangen wollen, Wir aber über die Gewissen zu herrschen nicht berechtigt sind, so haben Wir solchen euren Unfug, wie euch wohl bekannt sein wird, bisher mit großer Geduld (  ...  )
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Der Name Hellwigs war in Dargun gewissermaßen verflucht. In ihrem griechischen Lexikon hatte die Fürstin an zwei Stellen längere exegetische Excurse eingefügt. Da dieselben aus dem Munde des Hofraths stammten, und die Fürstin das Recht des geistigen Eigenthums gewissenhaft wahrte, hatte sie einst darunter geschrieben: "remarques Hofrath Helwig" und "remarques . . . . H." Diese Notizen sind jetzt sorgfältig ausradirt und kaum mehr lesbar, - nicht einmal der Name des Gehaßten sollte ihr vor Augen kommen. Zugegeben, daß dies etwas Kleinliches hat, - Hellwig seinerseits that, was er vermochte, um sich in schlechter Erinnerung zu halten. Er begab sich nach Rostock ins Hauptquartier der Feinde und ließ bald unter dem Datum: "Geschrieben auf der Pilgrimschaft den 1. August 1739" ein anonymes Pamphlet erscheinen: "Des seligen Mannes Gottes Lutheri Zeugniß gegen das sog. Geheimniß der Bekehrung in 9 Sätzen; sammt einer kurzen Beschreibung der neuen Propheten, in gebundener Rede, aus eigener genughafter Erfahrung verfasset von einem Dargunschen Emigranten". (61 S.) Hier tritt er, seiner Vergangenheit uneingedenk, in der blanken Waffenrüstung der Orthodoxie auf. Die kurze Beschreibung in gebundener Rede, d. h. in holperichten Alexandrinern, welche er von den Dargunern liefert, giebt uns weder von seinem Geschmack noch von seinem guten Herzen einen vortheilhaften Begriff.

"Ists etwa Heiligkeit", fragt er,
"Wenn man den Liebes=Geist in Bitterkeit verkehret,
Und doch von Andachts=Gluth als wie ein Ofen brennt? etc ."

Gott selbst habe sich gegen sie erklärt durch seinen "Donnerkeil, der durch einen unglücklichen Schlag den 22. Mai 1737 den schönen Bauhof leider getroffen und alle neue Zimmer in die Asche geleget, die alten angrenzenden aber gänzlich verschonet. Vielleicht zum Merkmal, daß die bisherige Lehre


(  ...  ) und Nachsicht getragen und die Sache Gott befohlen, ohne daß Wir Uns Unsers Rechts hätten bedienen und durch eine selbstveranlaßte Trennung der Sache auf einmal ein Ende machen wollen. Da es sich nun aber dergestalt hat fügen müssen, daß ihr von selbst und aus freien Stücken um eure Demission bei Uns angehalten habt, haben Wir um desto leichter in eure gebetene Entlassung einwilligen können, weil Wir es billig als eine göttliche Direction und Providenz anzusehen haben, welche Uns auf die Art von dem bisherigen Gewissenszwange mit guter Manier auf einmal hat frei machen wollen. Der gnädige und barmherzige Gott wolle euch Zeit und Raum zur wahren Umkehrung gönnen, und Buße zum Leben schenken".
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des christlichen Glaubens auch die Feuerprobe halten und gegen solche Erfindungen schon bestehen werde". Oder vielleicht zum Merkmal, erwidern die Darguner mit berechtigtem Spott, "daß das neue Wesen des Geistes, welches der Herr Hofrath sonst vorgegeben, an ihm verschwunden, und nichts als der alte Adam bei ihm übrig geblieben".

 


 

VII.

Besetzung der Jördensdorfer Pfarre.

Seit 37 Jahren war Caspar Mantzel Pastor in Jördensdorf bei Teterow und auch Senior Darguno-Neo-Caldensis gravissimus. Er war ein pastor vigilantissimus 1 ). Nicht leicht ließ er einen Andern auf seinen Predigerstuhl, und so besorgt war er um das Seelenheil der ihm Anvertrauten, daß er vom Sterbelager aus an seine Gemeinde eine Kanzelverwarnung richtete, die Darguner betreffend, die er Wölfe und falsche Propheten nannte. Innige Liebe seiner Pfarrkinder belohnte ihn, und insgesammt erklärten sie: Sie wollten es, weil die ganze Gemeinde zu diesem Sterbefall etwas zu sagen hätte, mit unserm Herrn Gott an S. Michaelistage ausmachen, daß er noch nicht sterben sollte. Indeß am 30. September 1735 nahm ein sanfter, seliger Tod ihn hinweg. In dem maßlos panegyrischen Leichenprogramm wird (wiewohl ohne Namen) ein sehr wenig ansprechendes Bild von den Dargunensibus entworfen, dessen vorherrschende Farben Heuchelei, geistlicher Hochmuth, Verachtung der Gnadenmittel, Werkheiligkeit und Perfectionismus nebst Halsstarrigkeit sind. Sie werden hier gewissermaßen den Manen Mantzel's geopfert.

Die Gemeinde Jördensdorf war außer dem Hauptorte selbst und Schlakendorf ritterschaftlich, die Pfarre dagegen


1) Von dem noch besonders hervorzuheben ist, daß er non circum circa circiter vagatus fuit, natürlich praeterquam ad viciniores, quorum familiaritate utebatur, recreationis instar lubenter!
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fürstlich. Das Patronat stand der Herzogin Augusta zu. Als Eingepfarrte werden erwähnt: v. Lehsten=Lunow, Lieutenant v. Blücher=Sukow, Frau v. Kardorff=Remlin, Hauptmann v. Levetzow=Klenze und vornehmlich Hauptmann v. d. Kettenburg=Schwetzin. Diese waren voll Besorgniß, es möchte jemand von den Dargun'schen Irrgeistern unternehmen, sich der Gemeinde als deren Pastor aufzudrängen, da sie ja schon Mittel zu finden gewußt, sich in das gottselige Gemüth der Durchlauchtigsten Prinzessin Augusta einzuschmeicheln. Deshalb erging eine Petition an Augusta, sie möge für diesmal den Eingepfarrten die Präsentation überlassen. Nichts konnte der Fürstin ferner liegen. "Wegen der Wichtigkeit dieser Gemeinde und Kirche, in welcher eine ziemliche Anzahl von der noblesse miteingepfarrt sind, und daher groß ist", beschloß sie einen älteren, erfahrenen Geistlichen anzustellen. Einen solchen hatte sie neben Ehrenpfort damals schon gefunden in dem Pastor Lickefett 1 ) zu Kl.=Ilsede bei Peina im Hildesheimischen, einem "aufrichtigen evangelisch=lutherischen, von ganzem Herzen bekehrten und in andern zum Predigtamt nöthigen erforderten Stücken begabten Manne". Es war der Fürstin nicht zu viel, den Hofmeister v. Moltzahn selbst zu Carl Leopold zu senden, um dessen Erlaubniß zu erwirken. Diese wurde denn auch mit einer in Wismar nicht eben gewöhnlichen Schnelligkeit nach scharfer theologischer Prüfung des Lickefett ertheilt.

Der Präpositus Suckow zu Neukalen erhielt das Commissorium praesentandi. Die Patronin drang auf den Vollzug der Wahl, Suckow aber machte Schwierigkeiten aller Art, obwohl ihm die Prinzessin mit expressen Boten spät Abends und früh Morgens drangsalirte. Endlich wurden der 8. und 9. Sonntag nach Trinitatis zur Intimation, resp. Präsentation festgesetzt.

Unterdessen hatten die aufwartenden Prediger erklärt, daß kein einziger von ihnen der Präsentation beiwohnen werde, als einer Handlung, durch welche bekanntes Dargunsches malum ecclesiae propagiret werde. Um die Eingepfarrten zufrieden zu stellen, hatte andrerseits der Hofmeister v. Moltzahn an den Hauptmann v. d. Kettenburg geschrieben, der betreffende Candidat habe in Wismar ein "überaus


1) Lickefett stand in Verbindung mit den frommen Höfen zu Ebersdorf, Saalfeld, Wernigerode. Am 22. September 1736 hielt er seine Abschiedspredigt in Kl.=Ilfede und siedelte nach Salzgitter über, wo wir ihn noch 1740 finden.
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favorables" Urtheil erhalten; ja Stieber habe geäußert, er wünsche, es könne das ganze Land mit solchen Candidaten besetzt werden. Dies, schrieb v. Moltzahn, "versichere er vor Gott".

Am Vorabende der Intimation kamen nun zwei der Edelleute zum Jördensdorfer Küster und fragten, ob er über die Präsentation etwas Schriftliches habe. Den betreffenden Zettel von Suckow lasen sie, und Lehsten steckte ihn in die Tasche, sagend, sie wollten nach dem Herrn Präpositus reisen und über den Zettel mit ihm sprechen, er würde ihn am Abende wieder erhalten. Da aber der Küster am Abend keinen Zettel wieder gekriegt, so hat er sich nicht anders zu rathen gewußt, also wäre er diese Nacht selber zu dem Herrn Präpositus nach Neukalen gereist, und demselben die Umstände, wie es ihm mit dem Zettel und den beiden Herrn vom Adel gegangen, vorgestellet, und um einen andern Zettel zur Intimation gebeten. Suckow aber weigerte sich dessen, denn bei ihm hatten die Eingepfarrten "stark protestirt" in einer notariell insinuirten Protestation und wider praesentandos excipiret, bis ihre dubia gehoben seien, auch erklärt, daß sie zu Carl Leopold reisen würden. Suckow schob die Handlung in der That auf, und alle Betheiligten wandten sich an Carl Leopold. Dieser stellte sich auf Seiten der Prinzessin und übertrug dem Pastor Berner an Stelle des Präpositus die Präsentation.

Die Eingepfarrten aber blieben bei ihrem Vorsatz, sich keinen Dargunschen gefallen zu lassen, zumal sie durch Briefe von Aepinus und dem Professor der Theologie Burgmann in Rostock in der Ansicht bestärkt wurden, daß jene Irrlehrer, zum mindesten aber höchst verdächtig seien.

Am 9. nach Trinitatis (29. Juli) erschien der Herzogliche Commissarius Pastor Laurentins Heinrich Berner von Camin, und aus Dargun die Präsentanden nebst Pastor Schmidt, Hofmeister v. Moltzahn, Kammerjunker v. Grabow, Amtmann Heidemann, zwei Jägern und anderen Dienern. In Jördensdorf fanden sie nicht einen von den Geistlichen des Cirkels, vollzählig dagegen die Eingepfarrten (mit anderen Edelleuten, 9-10 Herren) und eine große Schaar "mit große Prügels" bewaffneter Bauern, 5-600, zum Theil auch aus fremden "Caspeln". Sie waren nach ihrer eigenen Aussage so zahlreich erschienen, weil die Prinzessin unrechte Prediger einsetzen wolle; solches wollten sie durchaus nicht wissen, es möchte auch kommen, wie es wollte; sie wollten einen Prediger haben, der "von unserer Lehre wäre"

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und von einem Superintendenten oder Präpositus eingesetzt würde, aber keinen von den Dargunern, weil der selige Pastor Mantzel sie ermahnt, dagegen sich äußerst zu bestreben. Jedoch nach andern Berichten sollten die Adligen befohlen haben, das Mannsvolk (nämlich die zum Abendmahl gewesen) solle allein kommen, und das Frauenvolk daheim bleiben. Zunächst legten nun die Eingepfarrten durch ihren Notar Protest ein gegen die Wahl wegen des überstürzten Verfahrens; dazu seien die Präsentanden der Irrlehre beschuldigt, und zur Leitung der Handlung nicht die "gebührenden Personen" geschickt. Würde dem Protest nicht Folge gegeben, so möchten üble Suiten daraus entstehen. Berner nahm das Schriftstück nicht an, weil die Gründe nichtig seien: Alles, was bisher gegen jene Prediger geschrieben sei, wären lauter Schnackereien gewesen, die auf nichts hinausliefen. Moltzahn aber schickte seinen Bedienten an die Adligen: sie möchten von der Güte sein und geben ihm die Ehre ihrer Besuchung auf der Wedem (Pfarre), worauf sie durch den Informatorem zu Klenz antworteten, der Hofmeister möchte ihnen die Ehre thun und besuchen sie auf dem Kirchhofe, so wollten sie alles Gute miteinander sprechen; welches er declinirte. Vielmehr wählte er das Schulzenhaus zum abouchement, welches sie sich gefallen ließen. Hier wurden noch einmal alle Gründe erschöpft, und die Eingepfarrten, welche schon am 26. März um "baldmöglichste" Erhörung ihres bez. Gesuchs gebeten hatten, fanden jetzt, daß "die Gemeine noch ümb einen Prediger nicht verlegen wäre". Der Hofmeister gab jedoch nicht nach und bat sie, "die Herren Nobiles möchten so gut sein und bleiben hier und hören nur aus Neulichkeit die Männer an". Doch fanden sie das präjudicirlich und reisten nach dem Zeugniß der Notare, begleitet von diesen, sogleich ab. Zwischenein aber waren sie auf dem Kirchhof bei den Bauern gewesen und hatten diese noch mehr in Harnisch gebracht. Der Notar mußte den vorerwähnten Moltzahn'schen Brief laut vorlesen und darauf die Antwort Stieber's: "es wäre ihm so lieb, als wenn ihm einer 10 Thlr. gegeben, daß ihm das kund gemacht wäre, indem der Herr v. Moltzahn solche groben Lügen im Dargunschen ausgebreitet; er wolle Jeden, der solchen Lügenbrief von Herrn v. Moltzahn bekommen würde, warnen, denselben nicht zu glauben, und er sollte sich als ein nobilis nur schämen, daß er mit solchen Unwahrheiten zu Werke ginge"; - worauf der Edelmann aus Klenze rief: nun hätten sie gehört, was die Dargun'schen vor Leute wären, - ob sie solche wollten? "Nein, und

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wollten sie solche Ketzer in Stücke zerreißen", lautete die Antwort der Menge, die fest entschlossen war, sich der "Quäker" 1 ) und "Hexenmeister" zu erwehren.

Den im Pfarrhaus versammelten Dargunern schien die Lage gefährlich, besonders Berner zeigte lebhafte Furcht; aber die Darguner Cavaliere sagten, sie "ständen für Alles", und solcher Gestalt gezwungen, setzte sich Berner mit dem Amtmann an die Spitze des wohlgeordneten Zuges, dem man der Menschenmenge halber die Hofjäger ("ohne Stock, Schießgewehr und Peitsche") zum Platzmachen vorantreten ließ. Die Bauern umstanden dichtgedrängt die Kirchthüren, verweigerten den Zutritt: "die Kirche wäre ihre", und nahmen eine drohende Haltung an. Der Amtmann aber hielt, vor Drohworten zurückzugehen, "für Ew. Hochfürstl. Durchlaucht, wie auch des regierenden gnädigsten Landesfürsten und Herrn hochfürstlichen Respects unverantwortlich zu sein", und befahl den Jägern "mit aller Gelassenheit" die Thür aufzumachen, - wie er berichtet. "Nur hinan! nur hinan!" soll er nach Andern den zurückweichenden Jägern zugerufen haben, und so drangen diese rücksichtsloser vor. Da fiel im Gedränge von dieser oder von jener Seite der erste Schlag, und sofort war die Schlägerei allgemein. Alles schrie ringsher: Schlagt zu! Schlagt die Quäker=Priester todt! wir wollen hier keine Quäkers haben! schlagt die Schelme alle die Köpse entzwei! - "welches sie denn auch einigermaßen in der That erfüllet, indem Herr Pastor von Camin ein großes Loch oben auf den Kopf und ich (Heidemann) selber gleichfalls eine starke Contusion gegen den Kopf bekommen, daß es also wenig gefehlet, daß wir beide nicht bald todt zur Erde nieder gefallen". Sie waren von den Bauern ganz umringt und in sie eingekeilt, und obzwar die alten Leute sich des Pastors wenigstens jammern ließen und riefen: schonet des Mannes! so war dem glaubenseifrigen Haufen kein Einhalt mehr zu thun. Auch die Jäger wurden arg zerschlagen. Den Uebrigen war es geglückt, gleich beim ersten Anblick des traurigen Handels sich zum Pfarrhaus mit der Flucht zu retiriren. Doch wurde auch der Hofmeister geschmäht und bedroht, und die Flüchtigen bis zum Pfarrhaufe verfolgt, wo des Hofmeisters "Frantzose" mit entblößtem Degen unter dem


1) Dieser Ketzername bezeichnete kaum eine dem Volk bereits geläufige Vorstellung. Es hatte ihn von seinen Predigern, die ihn wie schon vorher in ihren Denunciationen, so ohne Zweifel auch von der Kanzel zur Bezeichnung der Pietisten verwandten, als Verächter der Gnadenmittel.
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Thorwege Wache hielt. Man konnte an keine Fortsetzung der Wahl denken. Die Bauern behaupteten das Schlachtfeld und benahmen sich wie siegreiche Wilde. Berner's l'erruque hatten sie auf einen Stock gesteckt und warfen sie nebst einem seiner "Händschen" auf den Priesterhof. Zwei Stunden "nach verübter Raserey" fuhr Heidemann mit den Dargunschen ab unter dem höhnischen Geschrei des Volkes: diesmal wollten sie die Quäker noch fahren lassen, da fahren die Quäker und Bekehrten hin! Berner's Wunden waren mit Wein ausgewaschen worden, und auch er reiste nun in großer Schwachheit unter der grausamen Lästerung des Volkes ab.

Zur Anklage wie zur Vertheidigung wurde beiderseits ohne Verzug begonnen diese Vorgänge klar zu stellen durch Berichte der Augenzeugen sowie durch eiligst angeordnete Zeugenverhöre (am 31. Juli zu Schwetzin, am 1. August zu Dargun). Die Erhebungen beider Parteien differiren besonders über den Antheil der Adligen an dem "unvernünftigen Tumult". Diese selbst wollen erst hinterher "mit vielem Mißvergnügen" gehört haben, "daß sich Herr v. Moltzahn nebst denen praesentandis und seiner übrigen Folge mit den Bauern auf dem Kirchhofe verunwilligt, und daß die Sache gar zu Thätlichkeiten gekommen, indem die von Dargun Gekommenen mit Gewalt in die Kirche eindringen wollen". Das Dargun'sche Verhör dagegen ergiebt, daß "eine Stimme von weitem gerufen habe: schlagt zu", auch wollen einige Zeugen die Edelleute damals noch neben der Kirche gesehen haben; die Kirche aber haben sie beim Herannahen des Zuges jedenfalls verlassen, und da das Schlagen angefangen, einer zum andern gesagt: nun schlagen sie all! und sind fortgegangen. Mochten sie auch die moralischen Urheber sein: zu beweisen war ihnen nichts.

Die Prinzessin gab ihrer gerechten Entrüstung zunächst Ausdruck in Briefen an den kaiserlichen Commissarius Christian Ludwig wie an den Herzog Carl Leopold, indem sie diesen wie beiläufig fragte, ob sie sich an den Kaiser wenden solle; denn sie wußte wohl, daß nichts den Herzog zu thätiger Hülfe bewegen werde, wenn nicht der Abscheu gegen kaiserliche Einmischung. Ja, um nichts zu versäumen, wandte sie sich noch besonders an den Hofrath des Herzogs, Wolff, der sich beeiferte, umgehend sie seiner Dienstwilligkeit wegen der priesterlichen Widerwärtigkeiten zu versichern.

Im übrigen wußte man sich in Dargun das Ereigniß schon zurecht zu legen. Die armen Bauern sind "durch den gottlosen Clerum aufgebracht und zur Sünde gereizt". An

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die Vertheilung der Schläge knüpften sich gar erbauliche Betrachtungen. Es war zwar auf die Knechte Gottes gemünzt gewesen, und doch ist nicht einem ein Haar gekrümmt. Gott hat offenbar das Volk mit Blindheit geschlagen, daß sie keinen haben finden können. Die Schläge trafen keinen der dabei gewesenen Knechte und Kinder Gottes, sondern nur beide fürstliche Commissarien (Berner und Heidemann) und dabei verordnete Jäger.

Mit Berner hatten Zachariae und Schmidt bereits im Januar angeknüpft (s. o.). Der damals erhaltene Anstoß wirkte bei ihm weiter. Den Halle'schen Candidaten Heilersieg, welchen der Rittmeister v. Moltzahn auf Teschow zu Ostern ins Haus nahm, empfing Berner sehr zuvorkommend. Er selber hielt die erste Erbauungsstunde und verwies die Seelen ordentlich an den Hallenser, "gerade als ob er selbst die Stunden halte". Doch für seine Person stand er noch immer außerhalb des engeren Kreises der "Bekehrten". Er sei dazumal nicht rechtschaffen gewesen, heißt es, er habe ein rechtschaffenes zum Himmel gerichtetes Christenthum unmöglich zu sein erachtet. So dem Eindruck der neuen Frömmigkeit bereits unterstellt und mit seinen Gedanken an sie gefesselt, aber noch im Schwanken, war er nach Jördensdorf geführt und hier wider Willen ein Blutzeuge der noch nicht völlig ergriffenen Sache geworden. Das gemeinsame Leiden verband ihn mit der Sache der Darguner. Bald ward er gänzlich "von der Welt abgezogen und nach kurzem ernstlichen Ringen zum seligen Frieden mit Gott gebracht", fand auch den Muth "sich, uxore quidem primum Satana, für die Sache Gottes freimüthig zu declariren. Er ist sonst ein starker hypochondriacus und arbeitet nunmehro in Segen", 1740 1 ).

Bei der herzoglichen Regierung zu Wismar kam indeß die Angelegenheit in Fluß. "Wegen der criminellesten Wüthereien und Thätlichkeiten" committirte der Herzog den Justizcanzleirath Willebrandt und Dr. Amsel 2 ) zur Inquisition in loco, indem er sie mit einem "scharffen Poenal=Befehl" an die Edelleute ausrüstete, welches ohne Gruß und Gnadenerbietung abgefaßt war und ihnen bei 1000 Thlrn. Strafe gebot, ihre Unterthanen zu sistiren. Da jedoch kein Geld


1) "Die Pfarre in Camin hat Gott anstatt Jördensdorf besetzt. Wir hätten denken sollen, daß Gott so etwas herausbringen würde". (Zachariae an Henrich Ernst.)
2) Ueber ihn Boll, Gesch. Meklenburgs, II, S. 217.
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vorhanden war, beschloß man, die Expedition bis nach der Ernte aufzuschieben. Am 5. October trafen die Commissare wirklich am Orte der That ein. 28 Zeugen wurden verhört, ohne daß sich etwas "von Anstiftern und eigentlichen Thätern" ergab. Keiner konnte oder wollte etwas Gewisses aussagen. Die Adligen aber weigerten sich förmlich, ihre Unterthanen zum Verhör zu stellen, da inzwischen auch Christian Ludwig Bericht eingefordert habe, und sie nun nicht, ohne die Ehrerbietung gegen den Kaiser zu verletzen, etwas in der Sache vornehmen könnten. Der herzoglichen Commission blieb nichts übrig als nach vierzehn Tagen das Feld zu räumen.

Die Prinzessin forderte dringend die Fortsetzung des Criminalverfahrens; ferner, daß Stieber, Aepinus und Burgmann (die nach Berner's Ausdruck mit ihrem Uriasbrief die ganze Sache angesponnen hatten) ernstlich zur Rechenschaft gezogen würden, weil sie die eigentliche Gelegenheit zu diesem entstandenen Unwesen gegeben durch ihre respective grobe Antwort und schriftliche herbe Bezichtigung, welche sie den das Reich Gottes mit rechtschaffenen Predigern gebührendem Ernst und gehörigem Fleiß suchenden Predigern anhalsen wollen. Die, welche etwas gegen sie wollen, sollen selbiges nicht nur mit herben Worten ausblasen, sondern rechtlicher Art nach ordentlich beibringen und probiren, wofern sie nicht für verhaßte Diffamandten und unzeitige Ketzermacher gehalten, einfolglich denen Strafen, so das wahrhaft land= und friedenstörende crimen der Ketzermacherei von Rechts wegen nach sich ziehen muß, nicht subject sein wollen". So bestürmte sie den Herzog. Allein in den durch Berner vermittelten Unterhandlungen wollte sie den geforderten Preis für die Hülfeleistung nicht zahlen: diplomatische Unterstützung beim Könige von Dänemark, und erklärte endlich, es sei ihr alle Freudigkeit benommen und sie halte es nicht für Gottes Willen gemäß, sich weiter mit dem Herzoge Carl Leopold einzulassen.

Christian Ludwig, mit Augusta befreundet, aber ihrer religiösen Richtung keineswegs zugethan, ließ sich in die Streitsache nicht verflechten. "Die politici", heißt es in einem Brief aus Schwerin vom 6. December 1736, "sind zu gescheut und glauben nicht blindlings Alles, was böse Prediger lästern". In dieser Gesinnung hielt sich der Commissarius streng auf dem Boden des Rechts, d. h. er blieb unthätig, weil er incompetent war. Während des Jahres 1737 ruhte der Streit völlig. Die benachbarten Prediger

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verwalteten die Pfarre für die Accidentien 1 ) und das Meßkorn; der Acker wurde verpachtet, und das Pfarrhaus dem Pächter zur Wohnung überlassen.

Inzwischen waren die Gegner nicht unthätig. Die guten Beziehungen zwischen Dargun und Schwerin schienen geeignet, Carl Leopold's Eifersucht zu erregen. Suckow meldete (17. December 1737), daß von Seiten des Commissars ein merklicher Unterschied gemacht werde zwischen den Dargunern und den Neukalen'schen Predigern: "Wir müssen die Anfechtung sofort mit dem größten rigeur übernehmen, sie aber im Dargun'schen werden, wo nicht gar von der Anfechtung, doch von der strengen Gewalt eximiret". So bat er denn um Committirung zur Aufnahme der Kirchenrechnung, da Ehrenpfort Kirchengelder ohne genügende Sicherheit an Hofbediente verliehen haben solle 2 ), und um Einsetzung eines Interimspredigers zu Jördensdorf, weil man von Dargun einen Prediger de facto einsetzen zu wollen scheine (?). Gleichzeitig bot Professor J. L. Engel in Rostock seinen Bruder Carl Christian zum Pfarrverweser an: er sei ein Pathenkind des Herzogs und könne als Grabower mit Juda sagen: der Herzog gehört uns nahe zu, habe auch seine Treue bereits dadurch bewiesen, daß er eine adlige Anstellung ausgeschlagen. Wiewohl nun die Edelleute sich ausdrücklich mit dem Candidaten Engel zufrieden erklärten, auch gar beweglich vorstellten, wie die Ungnade der Durchlauchtigsten Fürstin, wann sie in solchem Maße noch ferner, wie die Umstände es geben, fortdaure, ohnfehlbar zur Verdammniß vieler Seelen in dieser Gemeinde gereichen würde, konnte Engel dennoch die Pfründe nicht erlangen. Denn das Patronatsrecht der Fürstin erschien unanfechtbar, weil vertragsweise auf Lebenszeit überlassen.

Da entschlossen sich im folgenden Jahre (1739) die Eingepfarrten, sich an die Prinzessin zu wenden, um "der unverdienten Ungnade enthoben zu werden". Die Antwort,


1) Nach dem Tode der Wittwe Mantzel's hatten Anfangs die Söhne es durchgesetzt, daß die Accidentien für sie - die Rostocker Professoren! - aufgehoben würden.
2) Uebrigens waren in Neukalen selbst die Vorsteher piorum corporum seit einigen Jahren abgebrannt und seit 8 Jahren keine Aufnahme der Register geschehen! Man war in Geldsachen sehr harmlos. Am 12. Juli 1735 berichtet Pastor Pauli zu Gorschendorf, daß er zweimal die Römermonate im Betrage von 1 Thlr. 34 Schill. 6 Pf. nebst Executionsgebühren (31 Schill.) Dürftigkeit halber, weil er's sonst nicht aufzubringen wisse, - vom Kirchengelde genommen (Schorrentiner Currendenbuch).
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welche sie erhielten, drückte die lebhafteste Genugthuung aus über die geleistete Abbitte und Veränderung der sentiments. Das wollten die Adligen aber durchaus nicht wahr haben, widerlegten es auch schleunigst durch die That. Aus Ribnitz ward ein "Mann" berufen Namens Schwartz 1 ) mit Frau und zwei Kindern. Er erhielt Wohnung zu Pohnstorf und galt als Informator des Herrn v. d. Kettenburg. Zugleich sollte er den verwaisten Predigtstuhl verwalten. Er predigte ungehindert. Noch galt es, ihn angemessen zu besolden. Die "fürstlichen" Kirchenvorsteher wurden vergeblich aufgefordert, ihm die Hälfte des üblichen Salarium von der Kirche an den Pastor mit 4 1/2 Thlrn. zu bewilligen, oder gleich ihren "adligen" Collegen das Geld aus dem Klingebeutel zu diesem Zwecke einzubehalten. Auf die Bitte, sie möchten dem Menschen Hühner oder Eier geben aus Liebe, weil er auch für sie predige, entgegneten sie bedächtig: "solches wüßten sie noch nicht". Alle derartigen Leistungen, auch das Abholen des Prädicanten, verbot bald das Darguner Amt. Da nun pendente lite inter patronum et parochiales nur die landesfürstliche Hoheit die Pfarre ad interim besorgen lassen kann, diese aber außer Zweifel in kirchlichen Sachen Carl Leopold zustand, so war die Anzeige an Christ. Ludwig wie die Bitte "um einige Schwarzbürger " 2 ) fruchtlos. Auch ein Besuch, den Christian Ludwig gerade in jenen Tagen in Dargun abstattete, hat diese Sache wenigstens nicht gefördert, (Franck a. a. O. 18, S. 283. 251. 254.) Einstweilen blieb Schwartz unangefochten.

Erst im Januar 1743 entsann sich Carl Leopold wieder der Jördensdorfer Angelegenheit und suchte von Dömitz aus (wo er seit 1741 residirte) in ihren Gang einzugreifen. Durch ein Handschreiben eröffnete er der Fürstin seine "itzt hegende Meinung" in dieser Sache "nebst einer angehängten Drohung", worauf sie ihm jedoch unter dem 17. Februar ganz gewaltig zu dienen wußte (abgedruckt Anhang Nr. 1). Daneben entsandte er den Stud. theol. Schultz aus Boizenburg, der sich anheischig gemacht hatte, durch die Macht seiner Predigt die Pfarre zu Jördensdorf zu erlangen. Schwartz aber verweigerte ihm die Kanzel, wenn er kein fürstliches Mandat vorweise; denn zum Predigen sei er (Schwartz) be=


1) Derselbe, welcher bei der berüchtigten Predigerwahl zu Dobbertin am 1. Juli 1738 mit aufgestellt gewesen war. Er hat später eine Pfarre in Pommern erhalten, Franck a. a. O. 18, S. 221. 224.
2) Welche zur Aufrechterhaltung der Ruhe im Lande von dem kaiserl. Commissarius in Sold genommen waren.
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stellt. Ueberhaupt meint der Superintendent Zander 1 ), "der gute Schultz sei nicht derjenige, der diese wichtige Sache auf eine gute Art in's Feine bringe".

Endlich, nach zwölfjähriger Vacanz knüpften die Eingepfarrten im Oktober 1747 aufs Neue Unterhandlungen mit der Fürstin an: sie seien mit Allem zufrieden, wenn sie nur einen Meklenburger und ordentlich examinirten Prediger erhielten. Auch in Dargun war man indes ruhiger geworden. Augusta acceptirte die vorgeschlagenen Candidaten: Drepper, den Hauslehrer Berner's, Chr. Wilh. Schmidt, Hauslehrer in Neukloster bei dem Pastor Zastrow, und Franck, Sohn des Sternberger Präpositus. Lebten sie doch alle bei Predigern, welche ihr als gläubig bekannt waren. Franck insonderheit hatte sich schon zwei Jahre vorher durch eine Predigt bekannt gemacht, in welcher er die "wahre Bekehrung" als ein bewährtes Mittel gegen die Rinderpest anpries (Franck a.a.O. 18, S. 349). Nun aber erhob Zander auf Carl Leopolds Befehl den seiner Zeit von Hahn nicht gründlich untersuchten Einwand gegen das Patronatsrecht der Prinzessin. Aber der Tod des Herzogs (28. November) unterbrach die bez. Verhandlungen. Der neue Herzog Christian Ludwig ertheilte unverzüglich den Befehl zum Examen und zur Präsentation, ließ es auch dabei bewenden, obgleich Zander ihm sein besseres Patronatsrecht nachwies, - er wollte der Sache ein Ende machen. Zwei Monate zögerte der Superintendent, - dann prüfte er die Candidaten. Schmidt fiel durch wegen Unwissenheit im Griechischen und allerlei pietistischer Aeußerungen. Die beiden andern hätten wohl die Schulen der sectirerischen Pietisten betreten, seien aber durch gute Erkenntniß der Wahrheit vor Verleitung bewahrt geblieben. Wieder vergingen vier Monate. Endlich im September 1748, nachdem Zander unendliche Amtsgeschäfte abgewickelt und sich der Forderung der Fürstin: in Ihrem Namen zu präsentiren, mit Erfolg widersetzt hatte, kam es zur Wahl, aus welcher


1) Seit Schapers Tode 1734 hatte der Director des Güstrower Ministeriums Hahn die Diöcese verwaltet. Im Jahre 1741 übernahm sie (an des abtrünnigen Stieber's Statt berufen) der Superintendent und Consistorialrath Enoch Zander, geb. 11. October 1678 zu Gr.=Brütz als Sohn des dortigen Pastors. Er bezog die Universität Wittenberg 1698, trat in Condition bei dem v. Strahlendorf=Stieten bei Wismar 1701, hörte nach seinem Examen noch Fecht in Rostock, wurde ordinirt und seinem Vater adjungirt 1703. - Gestorben 25. April 1753. Auch er hatte neben der seinigen zeitweilig noch die Rostocker Superintendentur (Meklenb. Distrikt) zu verwalten.
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Franck als Pastor hervorging. Seine "freimüthige" Predigt hatte großen Eindruck gemacht. Adel und Gemeinde lauschten seiner Rede mit großer Aufmerksamkeit und unter vielen Thränen. Vor den Kirchthüren aber priesen sie Gott, daß Er ihnen einen solchen Lehrer geschenkt hätte, denn sie hätten niemalen solches gehört. Die Ordination, welche damals getrennt von der Wahl erfolgte, war jedoch am 11. October noch nicht vollzogen 1 ). Bei Francks Anzuge scheint der Zustand der Gemeinde doch so trostlos nicht gewesen zu sein, wie man denken sollte. Ein tüchtiger Schulmeister war für die besseren Elemente ein Halt gewesen. Es waren sogar einzelne "Bekehrungen" vorgekommen. Die Kirchenrechnung haben die Vorsteher nach ihrer Art rühmlich geführt, so daß die beiden größten Glocken umgegossen, eine Schuld von 350 Thlrn. abbezahlt und die Kosten der Besetzung ohne Mühe von der Kirche getragen werden konnten. Franck wurde jedoch seines Lebens in Jördensdorf nicht froh. Er verfiel in Irrsinn und war deshalb mehrmals (1757 und 1764) in Untersuchung.

Die Fürstin aber war voll Lob und Dank gegen Gott. "Die Hülfe des Herrn", schreibt sie an den Grafen Henrich Ernst von Stolberg, "die Er mir bei der Predigerwahl erzeiget, werden Sie von Dero Frau Mutter erfahren haben. O! wie groß! und heilig! ist Gott!"

 


 

VIII.

Der literarische Streit.

Indem wir die Jördensdorfer Angelegenheit bis ans Ende verfolgten, haben wir dem Gang der Ereignisse vorgegriffen. Schon vorher war ein litterarischer Streit entbrannt, durch den fast allein die Darguner im Gedächtniß der Nachwelt geblieben sind. Dennoch bringen wir ihn erst


1) Die Vocation vom 25. September ist wieder ganz nüchtern, geschäftsmäßig, wörtlich mit derjenigen Mantzel's vom 14. September 1698 übereinstimmend.
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jetzt zur Sprache in der Ueberzeugung, daß er in Wahrheit nebensächlich war, und weit weniger beiträgt zur Kenntniß jener religiösen Bewegung, als die geschilderten Gemeindeverhältnisse. Wir theilen daraus nur das Nothwendigste mit, soviel nämlich, als erforderlich ist zur Vorbereitung, des wichtigsten Abschnitts dieser Abhandlung, des Capitels über das religiöse Leben in Dargun.

Der theologische Schriftenkrieg hat zum Streitobjekt den "Bußkampf".

Die Frage nach einem Kampf in der Buße als dem eigentlichen Bekehrungsvorgang (also im Unterschiede von dem Kampfe zwischen Geist und Fleisch, wie er in dem bereits Bekehrten beobachtet wird,) war durch eine Reihe von Wendungen der Bekenntnißschriften nahegelegt und bereits im 17. Jahrhundert z. B. zwischen Calov und Musaeus controvers gewesen. Mit Letzterem neigte überhaupt diejenige Richtung in der Orthodoxie, welche mit Ernst lebendiges Christenthum pflegte, der Annahme eines solchen Kampfes zu. So sagt Fecht 1 ): Aus der allmählichen Bekehrung des Menschen, ja aus der Erfahrung gehe klar hervor, daß es einen gewissen Kampf zwischen Geist und Fleisch gebe, nicht nur nach vollendeter Bekehrung, sondern im Anfang der Bekehrung selbst, so daß bald der Geist siege und der Mensch bekehrt werde, zuweilen aber auch das Fleisch gewinne und die angefangene Bekehrung verhindere. Wenn Calov das gegen Musaeus in Abrede genommen habe, so trete er theils mit der notorischen Erfahrung in Widerspruch, theils thue er das mit solchen Beweisgründen, "die heutzutage von keinem Orthodoxen gebilligt würden".

Inzwischen hatten sich die mancherlei mystischen Schwärmer des "Bußkampfes" bemächtigt und die Theorie dahin ausgebildet, daß durch denselben das Böse ausgerottet werden müsse, ehe das wahrhaft Gute entstehen könne. Die Entwurzelung der Erbsünde durch Verzweiflung und Höllenangst im Gewissen war da Bedingung einer wahren Bekehrung. Der Bußkampf in diesem Sinne sollte sich in dem schlechtweg Unwiedergeborenen und mit dessen natürlichen Kräften vollziehen. In dieser faßlicheren Gestalt war er in die Praxis der frommen Kreise übergegangen. Die kirchlich


1) Nachlaß III, 2. Lectiones in controversias recentiores praecipuas S. 96 ff.; cfr. Disputatio de precibus pro Conversione sui ipsius von 1704. Sylloge disp. 28, § 9.
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gerichteten Pietisten wollten weder dahin mitgehen, noch auch den selbst erlebten Bußkampf aufgeben, an welchem sie, wie oben gezeigt, ein ganz besonderes praktisches Interesse hatten. Als daher nun die Orthodoxen dem Bußkampf einen weit heftigeren Widerstand entgegensetzten (nachdem sie erfahren hatten, welcherlei Irrthümern er zum Vehikel geworden war), suchten die kirchlichen Pietisten durch theologische Cautelen ihre Theorie von der mystischen abzugränzen; denn der Unwiedergeborene als solcher durfte unter keiner Bedingung Subjekt des Bußkampfes werden. Entweder man schloß sich nun gleich Lau 1 ) der orthodoxen Auffassung an und machte den von außen wirkenden Heiligen Geist zum Subjekt des Bußkampfes, oder man nahm an, der Kämpfende sei auf Grund der "Anfänge des Glaubens" eigentlich schon bekehrt und wisse es nur noch nicht. So die Darguner Vertheidiger der Bußkampfpraxis. Werden die Anfänge des Glaubens schon als wirklicher, vor Gott thatsächlich gerecht machender Glaube betrachtet, zugleich aber von der im Durchbruch erst zu erreichenden Gewißheit getrennt, so ist offenbar der lutherische Glaubensbegriff als einer fiducia, die ja keine halbgewisse sein kann, aufgelöst. Aber das war nicht zu vermeiden, da man eben den Bußkampf als Periode festhalten wollte und die Gemeinden auffordern, etwas dazu zu thun und in dem Kampfe zu verharren, nicht aus ihm herauszueilen. Das hätte ja zur offenbaren Verzweiflung geführt, wenn man nicht versichern konnte, daß es ein guter Zustand sei und der eines Gott=Gefallenden, also Gläubigen, denn - ohne Glauben kann Gott niemand gefallen.

Die orthodoxen Gegner der Darguner gaben ihrerseits ohne Weiteres zu, daß gegen einen "Bußkampf" im Sinne Fechts nichts einzuwenden sei, wiewohl sie den Ausdruck wegen des seither häufig gewordenen Mißbrauchs verwarfen; auch sonst seien früher unbeanstandete Worte später von der Kirche verpönt worden wegen des Irrthums, der sich historisch an sie geheftet hatte. Weil nun die Pietisten dies nicht wollten gelten lassen, vielmehr steif bei dem Worte "Bußkampf" blieben, weil sie ferner Anfangs über den Bußkampf in Ausdrücken sich bewegt hatten, welche nach Entwurzelung der Erbsünde klangen, dann aber diesen Sinn ihrer Worte nicht widerriefen, sondern leugneten, witterten


1) Schriftmäßige Beantwortung der Frage: ob es nothwendig die Zeit seiner Bekehrung zu wissen u. s. w. 2. Aufl. Jena 1734. (Auch in Lau's Sämmtlichen erbaulichen Schriften I, 1740. S. 499 ff.)
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die Orthodoxen immer wieder die verhaßte schwärmerische Meinung hinter solchen wohllautenden Erklärungen. Anlaß dazu fand sich mehr als genug bei der theologisch=unbesonnenen Redeweise der Pietisten und ihrer ausgesprochenen Vorliebe für starke und fremdartige, kritiklos aus allerlei frommen Büchern aufgerafften Phrasen und bei ihrer hartnäckigen Rechthaberei, in welcher sie ihren Gegnern nichts nachgaben. Dogmatisch leugneten zwar die Orthodoxen nur was die Darguner selbst nicht lehrten: daß der Unwiedergeborene als solcher Subject des Bußkampfes sei; in der Hitze des Kampfes aber griffen sie nicht selten auf die Argumente Calovs zurück. Dadurch schwächen sie die Kraft ihres berechtigten Widerstandes gegen die Aufstellung des Bußkampfes als Regel (Methodismus) und gegen die Gefährdung des Glaubensbegriffs. Nur im Vorbeigehen erinnern sie daran, daß der Bußkampf eine bedenkliche Verwandtschaft mit der papistischen Lehre von der contritio verrathe 1 ).

Und doch ist die Verwandtschaft der Bußkampflehre mit dem mittelalterlichen System unverkennbar. Die "genugsame Reue" ist Bedingung der Gnade. Freilich wird sie hier nicht als Liebe Gottes über Alles aus eigenen Kräften beschrieben, sondern sie ist eingefügt in die evangelische Heilsordnung. Aber es wird die Reue neben und vor den Glauben geschoben als eine Leistung, für deren Zustandekommen der Mensch verantwortlich ist. Die Alleingenugsamkeit des irgendwie zu Stande gekommenen reuevollen Glaubens wird thatsächlich geleugnet. Reue und Glaube sind wieder zu coordinirten Mitteln des Heils geworden. Die durch Luther erworbene Concentration des Bekehrungsvorgangs in die Entzündung des Glaubens wird wieder gesprengt, um zuletzt in die "moralische Ausbesserung" zu zerfallen. Die Sündenvergebung hat ihren evangelischen Platz im Beginn der Bekehrung verloren. Sie erfolgt erst, nachdem das neue gute Leben eine gewisse Entwicklung durchgemacht, eine gewisse Kraft erlangt hat. Das ist mittelalterliche Lehre, auch wenn auf das Allersorgfältigste jede Spur von Mitwirkung aus natürlichen Kräften ausgeschlossen wird. Denn die Gewißheit des Glaubens hinsichtlich der Sündenvergebung ist ihrer Entstehung nach nicht abhängig gedacht von einer Sündenerkenntniß überhaupt, sondern von einer bestimmten Inten=


1) z. B. J. C. Burgmann, Theolog. Abhandlung von Bußkampf, 1737, S. 104.
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sität der Abwendung vom Bösen und Zuwendung zum Guten, von einem leidenschaftlichen Sündenschmerze und einem fortgesetzten bittenden Verlangen. Es ist die feinste Wiederaufnahme der mittelalterlichen Lehre, aber es ist eine solche in voller Bestimmtheit.

So hat denn die Polemik der Orthodoxen keinen rechten Halt und keine rechte Einheit. Weil die Orthodoxen die eigentliche Meinung ihrer Gegner nicht scharf ins Auge fassen, sondern dahinter und daneben alle möglichen anderen doctrinären Abweichungen suchen, haben die Darguner den Vortheil, durch Bekenntniß der symbolischen Lehre sie Schritt für Schritt zurückzutreiben. Denn wenn der Pietismus auch, genau nach Fechts Divination, in seinen breiten Massen dem dogmatischen Indifferentismus und dem Naturalismus verfiel, so hat doch seine Wernigerodisch=Dargunsche Spielart mit ganzer Energie sich auf kirchlichem Boden zu halten gesucht, überzeugt, daß sie in ihrem Methodismus nicht Anderes lehre als die evangelisch=lutherische Wahrheit. Die Orthodoxen gehen nun deshalb so sehr fehl, weil sie bei ihren Gegnern das gleiche theoretische, dogmatische Interesse voraussetzen, welches sie selbst belebt. Darum erscheint ihnen der von jenen gezeigte Eifer für die Frömmigkeit nur als Deckmantel irriger Lehren. Dadurch thun sie den Pietisten Unrecht und verbauen sich selbst die Möglichkeit sie zu verstehen und da zu bestreiten, wo sie wirklich Verkehrtes anstreben und lehren.

Es würde sich nicht verlohnen, die ganze Masse der bez. Streitschriften - es sind etwa 60 - zu analysiren oder auch nur aufzuzählen [h]1) 1 ). Wir begnügen uns damit, den Gang der Controverse zu umreißen.

Der erste Gegner, welcher den Dargunern erstand, war der Professor Joh. Christian Burgmann zu Rostock 2 ). Er ließ am 23. Januar 1736 ein Exercitatio theologica de luctu poenitentium, vulgo vom Bußkampf, öffentlich vertheidigen, in welcher die Darguner, wenn auch nicht genannt, so doch deutlich bezeichnet waren. Er billigt hier Fechts bez.


1) Eine Litteraturgeschichte des Streites bis 1740 siehe bei Joach. Henrich Burgmann, Nöthige Gegenantwort u. s. w. 1740 (Vorrede). Die reichste Sammlung der bez. Schriften (33 in 5 Bänden) besitzt die Regierungsbibliothek in Schwerin.
2) Geb. zu Rostock den 25. April 1697, studirte er in Rostock, Jena und Wittenberg; 1722 Privatdocent; 1724 Prediger zum Heil. Geist; 1726 Doctor; 1730 Prof. ord. der Metaphysik; 1735 der Theologie; 1756 Dir. Min., Senior der Universität. Gest. 18. Januar 1775 (Krey, Andenken, I, 21). - Burgmann, Aepinus und Herm. Christ. Engelken (an dem Streite unbetheiligt) bildeten die theologische Facultät.
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Lehre, verwirft den Ausdruck "Bußkampf", bestreitet die gleichzeitige Entstehung der Reue und des Glaubens und skizzirt mit derben Strichen die methodistische Praxis, welche in Halle geübt werde. Er zeigt sich als einen nicht gerade liebenswürdigen, aber vorsichtigen und unterrichteten Gegner, mit welchem eine Verständigung nicht unmöglich gewesen wäre. Allein der Charakter persönlicher Verbitterung, welchen der Streit gleich von Anfang an nicht ohne Schuld der Darguner angenommen hatte, ließ es zu einer ruhigen, sachlichen Erwägung nicht kommen. Ehrenpfort hatte die Bekehrung ein Geheimniß genannt, sofern sie hie zu Lande unbekannt sei. Burgmann begnügte sich nicht diese Insinuation zurückzuweisen, er bezeichnete auch in seinem Responsum an die Jördensdorfer Eingepfarrten die Darguner ohne Einschränkung als Irrlehrer. Die Facultät ihrerseits approbirte nicht nur dies Urtheil, sie beging auch die große Unvorsichtigkeit eine anonyme Schrift (Stiebers) gegen die Darguner ohne gründliche eigene Prüfung, ja ohne den Verfasser zu kennen (ihrer eigenen Aussage nach), zum Druck zu befördern; dieser "aus einem besonders vergalleten Gemüth unter unverantwortlicher Approbation der theologischen Rostocker Facultät herausgekommene Mischmasch" (wie sich die Prinzessin Auguste ausdrückt) ist die "Gemäßigte Vertheidigung des Meklenburgischen Lehrambts u. s. w. Rostock und Neubrandenburg 1736".

Durch die öffentliche Billigung dieses Pamphlets verdarben sich die Rostocker Professoren ihre Position für den ganzen Streit. Die Darguner erhielten nun leicht von der Juristen=Facultät zu Frankfurt eine Rechtsbelehrung, der zufolge sie berechtigt waren exceptionem suspecti judicis gegen jene zu erheben. Indem dieselbe Rechtsbelehrung andere, übertriebene Forderungen des Dargunischen Zornes zurückwies, hatten die Darguner den weiteren Vortheil, nicht mit dem ungemäßigten Ausdruck des frisch verletzten Hochmuths vor die Oeffentlichkeit treten zu müssen. Hatten doch die Frankfurter erklären sollen, jene Schrift errege die Unterthanen gegen die Obrigkeit und die Zuhörer gegen ihre Lehrer - zum Aufruhr! und dergleichen.

Gleicher Unvorsichtigkeit machte sich leider das Güstrower geistliche Ministerium schuldig, wenn es die übelgerathene Schrift des Cand. minist. Rampe gegen Ehrenpfort 1 ) mit


1) Schriftmäßige Prüfung der in - Ehrenpforts - predigt von der Taufe und sog. Geheimniß der Bekehrung vorkommenden - Irrthümer. Güstrow 1737.
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seinem "Consens und approbation" versah. Selbst Burgmann 1 ) wünscht Rampe eine etwas weniger ausschweifende und gedehnte Schreibart und gesteht, daß derselbe sich nicht immer im Charakter des bündigsten Widerspruchs halte. In dieser überaus elenden Schrift werden in breitem Predigtstil zahllose Ketzereien widerlegt, nachdem sie auf dem Wege der Ideenassociation mit beliebigen Worten Ehrenpforts in Verbindung gebracht worden sind 2 ). Solche Angriffe machten auf Augusta um so mehr einen abstoßenden Eindruck, als sie sich bewußt war, durch ihre Prediger und speciell durch Zachariae der Gefahr des kirchenfeindlichen Laienpietismus entrissen und wieder für die kirchliche Frömmigkeit gewonnen zu sein. Nun schien es ja offenbar, daß man sich in Rostock eben der lebendigen Frömmigkeit als solcher widersetze.

Endlich erschien als Gegenstück zu der mehrfach erwähnten Leipziger Recension eine Anzeige der Burgmannschen Streitschrift in den Hamburger Berichten von gelehrten Sachen (LVIII. Stück): Gesindel werden die Darguner hier genannte eine rechte Pest eines wahren, freudigen und vernünftigem Gottesdienstes. Die Prinzessin zeigte sich höchst aufgebracht über dies unglimpfliche Urtheilen der Hamburgischen Gazettenschreiber. Sie wandte sich zweimal an den König von Dänemark, bis dieser unter scharfer Bedrohung die Hamburger zum Widerruf zwang: "daß Alles, was von den sog. Separatisten oder Sonderlingen und von der gnädigen Aufnahme, so diese Leute gewissen hohen Orts genossen haben sollten, ganz irrig und ohne allen Grund sei" 3 ).

Durch die Bestimmtheit, mit welcher die Gegner den Dargunern weitaussehende Irrthümer vorwarfen, besonders aber wohl durch den Jördensdorfer Skandal war die öffentliche Meinung in hohem Grade gegen dieselben eingenommen 4 ).


1) Nöthige Gegenantwort. Vorrede S. 29.
2) Als Curiosum folgende Beweisführung: "Zu Zeiten der Avosiel sind die Täuflinge mit Wasser besprenget (nicht untergetaucht), denn im Hause des Cornelius waren keine großen Wasserflüsse oder Ströme, in welchen Petrus taufen konnte. So hat auch das Volk zu Zeiten Johannis des Täufers mit Beiseitsetzung aller Scham und Zucht ins Wasser des Jordans nicht steigen und sich taufen lassen mögen".
3) Acta eccles. Weimar 1740. S. 321, 485.
4) In Rostock erschien in dem Jahre 1736 "Die Pietisterey im Fischbeinrocke oder die doctormäßige Frau", eine nicht sehr geistreiche Satire über Frömmelei, aus dem Französischen übersetzt und etwas den Verhältnissen angepaßt. Verfasserin dieser "Lumpen=Schmieralie" (Ehrenpfort) soll Frau Gottsched gewesen sein. Voll, (  ...  )
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Wenigstens hielt es Zachariae für nöthig, sogar dem Grafen Stolberg gegenüber zu betheuern, daß er in allen Stücken sich zu den symbolischen Büchern bekenne (1. November 1736). Jedenfalls mußte zur Aufklärung des Publicums etwas geschehen. Zachariae trat mit seiner Hauptschrift hervor, dem "wohlgegründeten Bußkampf" 1 ). Es ist nicht ohne Grund, wenn ein Gegner von dem Verfasser sagt, es gehe ihm wie dem Midae, dem Alles, was er anrührete, unter den Händen zu Gold ward; denn so mag er kaum das Wort luctari, agon u. s. w. irgendwo erblicken, so sieht er gleich seinen Bußkampf, den er im Kopfe hat. - Seine Polemik speciell gegen Rusmeyer erregte selbst die ernste Mißbilligung der Halleschen Führer 2 ). In der That erinnert sie zuweilen an die schlechtesten Muster. Sachlich führt sie nur insofern über die Ehrenpfortschen Sätze hinaus, als sie gegenüber der schwärmerischen Abart des Bußkampfes mehr Vorsicht zeigt, auch mystische und sonst fremdartige Wendungen vermeidet. Das beherrschende religiöse Interesse liegt zu Tage im zweiten Theil: von der Wenigkeit derjenigen, die da selig werden. Eben weil deren wenige sind, bedürfen wir einer göttlichen Versicherung, daß wir, daß eben ich aus ihrer Zahl bin. (Dieser Blick auf die Masse, welche verloren geht, und von welcher ich mich zu sondern habe, ist bezeichnend, wenn man auf Luther hinüberblickt, der es nicht mit sich und der Masse, sondern mit sich und Gott zu thun hat.)

Der Schriftenwechsel, welcher sich an Zachariae's Buch anschließt, und ganz Niedersachsen von Pommern bis Ostfriesland in Mitleidenschaft zieht, concentrirt sich um die Fragen: 1) ob die vorkommende Gnade den Glauben im Sinne der Zuversicht (nicht als wesentlich blos historischen) mittheile, und 2) ob sofort mit dem Anfang der Reue der Anfang des Glaubens verknüpft sei. Beides bejahen mit


(  ...  ) Geschichte Meklenburgs, II, S. 431. Handschriftlich wurde verbreitet Ernst Boddin's, Stud. jur. und gekrönten Poëten in Rostock, Pietistischer Trödelkrahm im Rostocker Pfingstmarkt, ausgeleget bei Gelegenheit der Dargunischen Streithändel über den Bußkampf (Schweriner Regierungs=Bibliothek).
1) "Der in Gottes Wort und unsern Symbolischen Büchern wohlgegründete Bußkampf wurde aus dringenden Ursachen dargethan, mit Zeugnissen Alter und Neuer Evangelisch=Lutherischer Lehrer bestättiget und dem Drucke überlassen von Carl Heinrich Zachariae, Fürstl. Meklenb. Hofprediger zu Dargun". Peina. Gedruckt bei Phil. Joh. Neubauer. 1736. Zu finden in Wernigeroda bey dem Buchbinder Hartmann und in Dargun bei dem Hof=Cantor Rudolph.
2) Brief des Cellarius vom 31. August 1737. Wernigerode.
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Zachariae Johann Friedrich Bertram 1 ), die theologische Facultät zu Königsberg 2 ), Adrian Reerschem 3 ) u. a. m.

Dagegen wollen es "in Ewigkeit nicht zugeben" Joh. Christ. Burgmann 4 ), Adamsen 5 ), Kohlreiff 6 ), Joach. Henrich Burgmann 7 ) u. a.

Man wird dies sehr spitzige Fragen nennen. Allein einmal gefährdete allerdings ihre Bejahung die Reinheit der Lehre. Dann aber ist wohl zu beachten, daß die Orthodoxen sofort in ganz anderem Tone sprechen, wenn einer, obwohl er in diesen theoretischen Punkten Zachariae beistimmt, doch den praktischen Mißbrauch des Bußkampfes ausdrücklich und bestimmt abschneidet. Dies ist der Fall gegenüber der Schrift Bertrams, der ungleich bedeutendsten Vertheidigung des Bußkampfes. Von Bertram werden, wenn auch nur schüchtern, Zachariae's dogmatische Ausführungen gebilligt; aber dann warnt er sowohl vor der Verwerfung des Bußkampfes (welche den Ernst der Buße beeinträchtigen könnte) als vor seinem landläufigen Mißbrauch ganz im Speciellen: vor dem Zwang, vor Bemessung der Dauer und Stärke, vor Uebertreibung, äußeren Geberden, dem Spielen mit der Verzweiflung, Teufelsvisionen, Verachtung der Andern, welche keinen Bußkampf erfahren haben. Aus Pietät vornehmlich gegen A. H. Francke hält der Verfasser die Ausdrücke Bußkampf, Durchbruch u. s. w. fest; wie Zachariae sucht er dabei den Anschluß an das kirchliche System, aber das methodistische Interesse fehlt ihm. In Folge dessen ist die ihn betreffende Polemik (besonders in den Hamburger Berichten von gelehrten Sachen geführt) durch ihren anständigen und ruhigen Ton auffallend. Hätte Zachariae in Bertram's Weise geschrieben und so deutlich der falschen Praxis entsagt, so wäre die Hitze des Streites sofort erheblich gesunken. Aber er konnte das nicht, weil, damals wenigstens, gerade die metho=


1) Eines evang. Theologi . . . Bedenken über zwo kürzlich aufgeworfene theologische Fragen: I. vom Bußkampf, II. von Bestimmung der eigentlichen Zeit, wenn einer bekehret worden. Bremen 1738.
2) Gutachten vom 1. September 1738 (abgedruckt bei Burgmann, Nöthige Gegenantwort, Vorrede S. 87-98).
3) Zeugniß der Wahrheit vom Bußkampf. Aurich 1739.
4) Anhang zu der 1737 erschienenen Uebersetzung seiner Exercitatio.
5) Pseudonymer Pamphletist, dessen Machwerk der bekannte E. Neumeister 1737 sammt der Hempelschen "Unparteiischen und aufrichtigen Historie" herausgab: Ausführliches Antwortschreiben u. s. w.
6) Die Wunderdinge in der Vertilgung des jüdischen Jerusalems. Ratzeburg 1738.
7) In der Vorrede zur "Nöthigen Gegenantwort u. s. w." 1740; z. B. S. 104.
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distische Praxis ihm die Hauptsache war. Diese methodistische Praxis charakterisirt die Darguner.

Weit complicirter, heftiger und noch ärmer an positiven Ergebnissen ist der Schriftenwechsel, welcher Ehrenpfort betrifft und dem wir unter Uebergehung anderer (des Hövetschen u. s. w.) Nebenconflicte noch kurze Aufmerksamkeit schenken. Er geht aus von Ehrenpforts ersten, oben besprochenen Veröffentlichungen, zieht weiterhin die vor dem Consistorium verhandelten Gegenstände wie die bez. Rechtsfragen in sich hinein und verläuft endlich im Sande. In Ehrenpforts ersten Schriften hatte man neben dem Bußkampf mit größerem oder geringerem Rechte noch eine Anzahl anderer Lehrabweichungen ausfindig gemacht, und dadurch wurden fast alle Fragen, die je durch den Pietismus controvers geworden waren, aufs Neue verhandelt: die theologia irregenitorum, die Wirksamkeit unbekehrter Prediger, Unterschied von Gesetz und Evangelium, Mitteldinge, u. s. w. Da dieselben für die Darguner nicht charakteristisch sind und ihnen mehr als selbstverständliche Voraussetzungen denn als Streitobjecte gelten, so lassen wir die bez. Erörterungen außer Betracht. Was in den Streitschriften die Consistorialuntersuchung betrifft, wird bei dieser erwähnt werden.

Im geistlichen Ministerium zu Güstrow war der heilige Haß gegen die Ketzer größer als die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit. Nachdem es die von Rampe geschärften Pfeile auf die Darguner abgeschossen hatte, sah es sich nach neuen Waffen um. Sechs Sätze (die aber im Grunde wieder nur auf vier hinauskommen) wurden aus Ehrenpforts Schriften ausgezogen und der theologischen Facultät zu Rostock zur Begutachtung vorgelegt. Die von Aepinus verfaßte "Belehrung" 1 ) trat mit einer Vorrede des befriedigten Ministeriums ans Licht. "Man muß sich über das elende Zeug wundern", urtheilte die Prinzessin und dankte es dem Güstrower Ministerium wenig, daß es "aus unterthänigster Devotion gegen die Schilde auf Erden" allerlei Rücksichten zu nehmen erklärte 2 ). Die Schrift von Aepinus trägt ganz den Charakter jener hülflosen Polemik, die oben gekennzeichnet


1) Eine nach der Heil. Schrift und symbolischen Lehr=Büchern der Evangelisch=Lutherischen Kirchen abgefaßte gründliche Belehrung der Hochwürdigen Theol. Facultät zu Rostock über VI Fragen und Irrige Lehr=Puncte, welche in des Herrn Henning Chr. Ehrenpfort, Pastor zu Röcknitz und Dargun, Gedruckten Schriften befindlich, Nebst der Vorrede des Rev. Ministerii zu Güstrow. Rostock 1737.
2) Theologische Schutzschrift u. s. w. des Güstrower Ministeriums. Rostock 1739. S. 17.
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ist. Es wurde Ehrenpfort nicht schwer in seiner "Abgenöthigten Beantwortung" 1 ) eine Reihe falscher Voraussetzungen und ungegründeter Anschuldigungen darin nachzuweisen. Andere besser berechtigte Vorwürfe suchte er durch oft recht sophistische Erklärungen seiner ersten Worte zu entkräften. An bissigen Ausfällen bleibt er seinen Gegnern nichts schuldig. Sogar der den Dargunern besonders gewogene ältere Moser mißbilligt seine "hitzige Schreibart" 2 ). Schlecht gerathen ist Ehrenpforts Versuch, es den Orthodoxen auch in der Ketzermacherei gleich zu thun und an ihnen selbst eine imposante Reihe von Irrlehren aufzudecken. In wortreicher Weitschweifigkeit aber übertrafen ihn seine Gegner noch. Zunächst erschien M. Bernh. Henr. Rönnbergs, P. P. O., "Aufrichtige Prüfung" (1739) der Abgenöthigten Beantwortung. Hier handelt es sich bereits großentheils darum, ob gewisse von beiden Parteien verworfene Sätze in Ehrenpforts ersten Schriften zu lesen gewesen oder nicht, z. B. daß ein Unbekehrter aus eigenen Kräften den Entschluß fassen könne sich ganz Gott zu übergeben. Magister Joach. Henrich Burgmann endlich in seiner oft angeführten "Nöthigen Gegenantwort auf des Herrn Pastors Ehrenpforts So genannte Abgenöthigte Beantwortung u. s. w. 1740" bemüht sich (nach einer litterarischen Einleitung von 176 Seiten) auf fast 500 Seiten die Schrift seines Gegners nach allen Regeln der Kunst logisch zu seciren! Beide Streiter setzen den Kampf bis gegen 1750 fort, ohne weitere Antworten zu erzielen 3 ).

Von Dargun aus erschienen nur noch erbauliche Schriften, besonders war Zachariae fruchtbar an Predigten 4 ). Fast in allen diesen Schriften werden die Hauptpunkte der eigenthümlich Dargunschen Lehre ausgesprochen: die Gleichstellung des gefallenen Christen mit dem "natürlichen Menschen", die besondere Zeit der Buße, die Eintheilung der Gemeinde nach dem Bußkampfe. Allein im Ausdruck ist eine Ab=


1) Dargun, zu finden bei dem Herrn Hofcantor Rudolph. 1738.
2) Lexicon der jetzt lebenden Theologen. S. 457.
3) Burgmann, Nöthige Erinnerungen u. s. w., Predigt. 1747. Rönnberg, Dissertatio inauguralis de cognitione peccati etc. 1749.
4) Von ihm sind erschienen: 1732 Die rechte Gestalt des Wahren Herzensglaubens. 1734 Eine rechte evangelische Bitte. 1742 Unterschied der wahren und falschen Buße. 1743 Jesus als die Himmelsleiter. 1747 Die seligmachende Erkenntniß Christi. 1748 Das Gut, welches die Gerechten haben. 1751 Von der Advocatur des Heil. Geistes. 1753 Vierfaches Zeugniß. 1761 Erbauliche Schriften, I. Theil. 1708 Gläubige als gute und fruchtbare Bäume.
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schwächung unverkennbar: die Worte Bußkampf und Durchbruch, welche so viel Anstoß gegeben hatten, sind vermieden, und wer nicht von dem Streite herkommt und dadurch einen geschärften Blick mitbringt auch für leise Andeutungen, wird kaum etwas an diesen Predigten auszusetzen finden.

 


 

IX.

Consistorial=Untersuchung und Ausgang des Streits.

Wir sahen wie das gegen Schmidt und Hövet eingeleitete Consistorial=Verfahren im Juli 1736 thatsächlich suspendirt wurde. Zu Neujahr 1737 schickte die Prinzessin Augusta Zachariae's Bußkampf an den regierenden Herzog zur Vertheidigung "der hiesigen Geistlichen". Sie war dabei gewiß, daß die göttliche Wahrheit dergestalt in Sr. Liebden Seele einstrahlen werde, daß er erkennen werde, was Wahrheit und Lüge sei. Zum Gutachten aufgefordert, wollte Stieber (damals noch in Wismar) als reus, hartangestochener und kolikbehasteter, über die Schrift sich nicht auslassen. Siggelkow dagegen erklärte, dieselbe verstoße nicht eben gegen die analogiam fidei, "und sollte ich meinen, daß, wenn die streitenden Parteien sich einander selbst ohne passionibus hören und bedeuten sollten, der Streit nicht so tief einreißen würde". Freilich aber stimme die Schrift nicht aller Dinge mit der Aussage und Deposition vor dem Consistorium überein: "wem man nun am meisten trauen solle und könne, lasse ich dahin gestellt sein. Doch will ich zu meinem Theil das Beste hoffen und urtheilen" (10. Januar 1737). Der Herzog befahl, die Untersuchung beim Consistorium wieder aufzunehmen.

Nun erfolgten weitere Vernehmungen der Darguner Priester wegen ihrer "dem öffentlichen Druck außerhalb Landes und ohne Censur übergebenen Predigten und Schriften", nicht weniger wegen ihrer "pro concione und sonsten vorgetragenen Lehrsache und geäußerter, als anstößig

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und verdächtig befundener Redensarten", Hövet, welcher sich dem Erscheinen vor dem geistlichen Gericht nicht mehr länger entziehen konnte, gab in dem Verhör vom 20. und 21. Februar zu, gesagt zu haben: die "Unbekehrten" müßten singen: der Teufel ist mein Hirt u. s. w. Er wollte sich dagegen nicht erinnern der Wendungen: "verfluchte Satanspfaffen", "die unbekehrten Priester habe der Teufel eingesetzt" u. a. m.

Dann bestand Schmidt ein ebenfalls zweitägiges Verhör. Jener von Suckow erwähnte Thies Stein aus Levin war auf seinen Wunsch vom Parochialverbande dispensirt worden und wollte sich nun von seinem neuen Parochus Seedorf=Brudersdorf nicht wieder trennen. Dagegen war er bereit, sich persönlich mit Schmidt auszusöhnen, von dessen Bekehrungsart er nicht nur krank, sondern auch arm geworden sei; doch habe ihn auch ein toller Hund damals sehr erschreckt. Diese Geschichte gab jedoch nur den Anlaß. Die Verhandlung war beherrscht von der Frage nach der Theologia irregenitorum, welche den Räthen die Hauptlehre zu sein schien, "wodurch die sog. Pietisten und Antipietisten discerniret und erkannt würden". So sehr dies zur Zeit Fechts zutreffen mochte, für den späteren Pietismus, wenigstens für den Darguner Methodismus hat dieser Lehrpunkt nur secundäre Bedeutung. Die betr. Inquisition ist daher resultatlos. Denn wenn auch der in Wittenberg gebildete Schmidt dort keine Vorliebe für die Rostockischen Principia gefaßt hat, so will er sie doch nicht geradehin verwerfen, wie es von Fechts Gegnern mit großer sittlicher Entrüstung geschehen war. Die Frage interessirt ihn einfach nicht: es sind ihm Subtilitäten, mit welchen er verschont zu bleiben bittet. Die Empfindung eines tiefgreifenden Unterschiedes trotz der wenig differirenden dogmatischen Aussagen veranlaßt nun den Fragesteller (Aepinus), in immer neuen Anläufen dem Inquisiten zuzusetzen, ob er nicht bekennen wolle. Aber in dem fraglichen Punkte hatte er nun einmal nichts zu bekennen. Ebensowenig Interesse verräth er für die absolute Verwerfung der Mitteldinge. Sowie die Rede aber auf den Bußkampf kommt, wird er wärmer. Das Consistorium gesteht ihm zu, daß wahre Buße ohne Angst, Furcht und Schrecken vor Gott nicht sein könne. Allein es sei nicht von Jedem eine genaue Explication über seine bez. Erfahrung zu fordern. (Schmidt erklärt, sie auch nur von den Klügeren, nicht von den Einfältigen zu fordern.) Ferner seien zu bedenken die von der Schrift erzählten zahlreichen Bekehrungen,

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bei denen ein solcher Proceß sich gar nicht finde, sondern wo man nur immer evangelische Reden, ohne von denen zu Bekehrenden eine Angst zu fordern, befinde. Schließlich wird er (wie schon Hövet) zu strikter Beobachtung der Kirchenordnung nebst Erläuterung ermahnt, zu unmißverständlicher Rede und Bündigkeit, sowie zum Stillschweigen. Die Worte Bekehrte und Unbekehrte soll er nicht zu Secten=Namen werden lassen, sondern auch Synonyma gebrauchen, endlich Gesetz und Evangelium in genere predigen und die Anwendung auf sich selbst einem Jeden überlassen.

Schriftliche Verhandlung und Einsicht in die Protocolle (vor ausgemachter Sache) wird verweigert. Beides schlug auch Carl Leopold der Prinzessin trotz häufigen Anhaltens immer wieder ab. Derartige Kirchensachen sollten dem Herkommen wie der Consistorial=Ordnung zufolge ohne Weitläuftigkeiten kurz und bündig, summarisch erledigt werden. Die Verhandlungen waren deshalb bloß mündliche, indem Fragen und Antworten ad protocollum genommen wurden, letztere eventuell nach Dictat des Angeschuldigten. Die Darguner aber ließen nicht ab in ihren Bestrebungen, ein ausführliches schriftliches und proceßmäßiges Verfahren herbeizuführen.

Aehnlich verlief ein mit Ehrenpfort angestelltes Verhör. Er erhielt gleiche Ermahnungen (nicht sowohl als Urtheil, wie als Abschied, conclusum), speciell noch die, seine Erbauungsstunden bei fiscalischer Anklage zu unterlassen bis zu fürstlicher Verfügung. Ein Verbot, welches Carl Leopold trotz der eindringlichsten Vorstellungen aufrecht erhielt "bis auf Weiteres". Den Kindern Gottes zu Dargun aber schien es ein Beweis sonderlicher göttlicher Fürsorge, daß dies Verbot nur an Ehrenpfort gerichtet war, dessen Gemeindeglieder ja leicht ins Schloß zu den dortigen Zusammenkünften gehen konnten.

Während aber das Consistorium bisher die Untersuchung summarisch geführt und mit einem conclusum geschlossen hatte, fing es nun an, den proceßmäßigen Weg einzuschlagen, für welchen doch die Unterlagen nicht zureichend waren. Es übergab die aufgelaufenen Akten (20. April 1737) dem regierenden Herzog mit dem Vermerk, die Kosten ihrer Versendung an eine auswärtige Facultät zum Spruch müßten von den Kirchen des Landes getragen werden, und schrieb zu diesem Zweck eigenmächtig eine Umlage von 1 Thlr. von jeder Kirche aus. Die Gegner der Darguner in der Neu=

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kalenschen Synode baten Gott, das Werk des Consistoriums vom Himmel herab zu seines Namens Preis befördern zu wollen 1 ). Einer von ihnen bemerkt dazu: "Es wird wohl precaution müssen gebraucht werden, daß diese Currende den Dargunischen Irrgeistern nicht in die Hände gerathe". Aber das hatte seine Schwierigkeiten; denn "der Köster von Brudersdorf ist ein gottloser Kerl, der will die Currenden nirgend anderswohin als nach Methling oder Levin bringen", und hat sie neulich dem Altkalenschen Küster unversiegelt auf dem Röknitzer Markt eingehändigt. Allein die Umlage wurde keineswegs überall mit so uneigennützigem Jubel begrüßt. Das Consistorium hatte nicht nur ohne Befehl des Herzogs, ganz auf eigene Hand den Thaler ausgeschrieben, es hatte dazu noch für die parchimsche Diöcese sich an den Senior Geuder gewandt und damit den herzoglichen Superintendenten Siggelkow übergangen. Sofort beschwerte sich dieser beim Herzoge, indem er auch hervorhob, daß viele Kirchen nicht einen einzigen Thaler ausstehen hätten und das Klingebeutelgeld bei weitem nicht zureiche, Wein und Brod zum Abendmahl und andere Nothwendigkeiten zu besorgen, während andere Kirchen wieder viel Geld hätten. Vom Herzoge scharf zurechtgewiesen, entschuldigte sich das Consistorium demüthigst und bat, jenes Ausschreiben nicht zurücknehmen zu müssen, weil das zur "äußersten Prostitution seiner ohnedem ziemlich geschwächten Autorität" gereichen würde 2 ).

Die drei Prediger zeigten sich sehr überrascht, als sie auf den 18. Juni zur Rotulation der Akten zwecks Versendung derselben citirt wurden. Sie hatten gemeint, mit jenem Conclusum sei die Angelegenheit abgethan. Sehr energisch beklagte sich die Prinzessin bei Carl Leopold, forderte die Protocolle zu schriftlicher Verantwortung und drohte, andernfalls würden sich die Geistlichen auf dem in diesen Landen sonst gebräuchlichen Wege Rechtens zu helfen suchen (13. Juni). Carl Leopold hatte noch immer, wo möglich, die Sache beilegen wollen. Jetzt geschah, was er gefürchtet hatte: die eine der streitenden Parteien drohte sich von ihm abzuwenden und bei der kaiserlichen Commission Hülfe zu


1) Schorrentiner Currendenbuch.
2) Dieser Bitte scheint nicht gewillfahrt worden zu sein. Aus einigen Präposituren erhielt das Consistorium zwar den eingesammelten Thaler, in andern aber wurde er den Kirchen wieder zurückgegeben, und in Grabow z. B. lag das eingekommene Geld noch im Jahre 1744 ohne Verwendung da und wurde von den Pastoren für die abgebrannte Kirche begehrt, wiewohl vergeblich.
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suchen. Das mußte um jeden Preis verhindert werden. Sobald er einen Brief so bedenklichen Inhalts erhalten hatte, übersandte er umgehend das Ehrenpfort betreffende Protocoll und versprach die Akten nicht verschicken zu lassen, sondern die Sache niederzuschlagen. Die Drohung wegen des Rechtsweges, erklärte er weiter, sei ihm nicht verständlich, er könne den eigentlichen Sinn dieser Proposition nicht penetriren. Denn trotz verschiedener nachtheiliger Zeitungen und Discurse könne er sich nicht vorstellen, daß die Prinzessin oder die Prediger bei ihrer "von Deroselben uns angepriesenen Gottesfurcht unser hohes Jus circa sacra im Geringsten schmähen und also bei unseren friedensbrecherischen Feinden und Landes=Turbatoribus" anhängig werden wollten. Allein schon vor diesem Gesinnungsaustausche, am 4. Juni, hatten die drei Prediger ihre Appellation bei dem "durch die Reichsgesetze höchst verpönten", von Carl Leopold cassirten 1 ) und verabscheuten Hof= und Landgerichte zu Güstrow mittels eines notariellen Documentes vorbereitet. Sie gingen nun auf diesem Wege weiter, Anfangs ungerne (wie sie sagten), aber unentwegt, weil der Wille Gottes dahin zu gehen schien. Die Herzogin hatte nämlich die Hoffnung aufgegeben, durch Carl Leopold etwas zu erreichen; so trug sie kein Bedenken, radical mit ihm zu brechen 2 ). Er seinerseits (10. Juli 1737) verhehlte ihr weder seinen Grimm über den "albernen Einfall der Appellation", mit welcher sie sich seinen guten Absichten schnurstracks entgegengesetzt habe, noch den Eindruck, welchen ihr letztes Schreiben auf ihn gemacht habe, daß nämlich aus demselben in allen Zeilen ein unerträglicher geistlicher Hochmuth hervorblicke. Die directen Beziehungen zwischen beiden fürstlichen Persönlichkeiten hörten damit einstweilen auf 3 ).

Das Güstrowsche Land= und Hofgericht hatte inzwischen die Appellation wegen des "ungewöhnlichen modus procedendi" angenommen. Trotzdem erhielten die Prediger vom Consistorium eine weitere Citation ad inrotulandum acta. Sie antworteten sofort durch eine erneute Appellation 4 ).


1) Durch Patent vom 5. December 1736.
2) Vergl. dazu ihren Brief an den Grafen Stolberg vom 2. December 1737 (Wernigeroder Archiv).
3) Die schon bei Jördensdorf erwähnten Unterhandlungen durch Berner führten zu keinem befriedigenden Abkommen, da man in Dargun Bedenken trug sich ganz der oft wechselnden Laune des Selbstherrschers anzuvertrauen, und dieser seinerseits zu keiner thätigen Hülfe zu bewegen war, ehe nicht die Appellation zurückgenommen sei.
4) In dem betr. Aktenstück nennen sie das Güstrower Gericht ein judicium immediate superius und sagen: von ihrer Appellation gegen die frühere (  ...  )
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Es entspann sich nun zwischen beiden Gerichtshöfen einer jener Competenzconflicte, an welchen die gute alte Zeit einen solchen Ueberfluß hatte 1 ). An Anlaß fehlte es nicht. Existirte doch das Hofgericht in den Augen des Consistoriums überhaupt nicht mehr, weil es von Carl Leopold aufgehoben war 2 ). Aber abgesehen davon hielt das Consistorium eine Appellation in diesem Falle für unzulässig, weil durch die Consistorialordnung ausgeschlossen: Sachen die Lehre und das Leben betreffend sollten inappellabel sein. Das Land= und Hofgericht erklärte die Appellation als formale (propter modum procedendi) anzunehmen. Das Consistorium aber versandte ganz unbekümmert die Akten, indem es sie in contumaciam pro rotulatis annahm, an das Lübeker Ministerium zum Gutachten und Spruch; dafür wurde es selber (und Aepinus speciell) vor das Landgericht geladen und ihm aufgegeben, weiterer Schritte sich zu enthalten und die Akten einzusenden. Diese kamen unterdessen von Lübek zurück. "Zur Eröffnung derselben 3 ) werden die Prediger trotz Appellation citirt und ihnen procuratores gestellt, um das zu verhoffende schlimme Urtheil vor Ihnen anzuhören! wie sie aber mit allen gewöhnlichen Ceremonien die Akten eröffnen, finden sie dieselben ihnen wieder zurückgesandt und nur einen Brief vom Lübeker Ministerium darin gelegt", worin die Betheiligung an der Sache wegen zuvieler Amtsgeschäfte abgelehnt und zu gütlicher Beilegung aufgefordert war. "Dieses hat eine große Confusion bei ihnen erweckt und zeiget augenscheinlich, wie Gott so treulich über sein Wort und seine Knechte hält, auf daß offenbar werde, wie der rechte Gott sei zu Zion, und daß nicht zu Schanden werden Alle, die auf ihn hoffen. Solchen großen Gott haben wir, die wir glauben. Wohl uns des feinen, ja des gewaltigen Herrens!"

Die Darguner appellirten wieder und wandten sich mit einer Darstellung des Sachverhalts an die kaiserliche Com= [FN]


(  ...  ) Vorladung sei "das Respensum solitum per specialem supplicam allbereits unterthänigst exhibiret". Diese beiden Stellen sind (laut Registraturvermerks in den Consistorialakten) im Original "Vermittelst einer Linie deliret" worden und "dieses Papier" so auf der Post zurückgeschickt, curiositatis gratia aber copia dieser sonderlichen Charteque behalten.
1) Franck a. a. O. Buch XVIII, S 214 f. zählt die einzelnen rechtlichen Schritte genau auf.
2) "Sonderlich merkwürdig ist es, daß alles dieses Verfallen des Land= und Hofgerichts in des regierenden Herzogs Namen geschieht und die Mandate darinnen ausgefertiget werden wider seinen Willen, woraus die sonderbare und noch wohl nie erhörte Gerichte Gottes zu erkennen sind", (Augusta an den Grafen Stolberg 2. December 1757.)
3) Augusta a. a. O.
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mission (15. October 1737), vor deren Forum einstweilen der Competenzconflict weiter ausgefochten wurde. Auf den ersten Bericht des Consistoriums wies der Commissarius Christian Ludwig das Hofgericht an, sich in seinen Schranken zu halten und "ein so neuerliches und zu Nichts als Unheil und Confusion gereichendes Betragen schlechterdings einzustellen und sich in die Darguner Sache nicht mehr im Geringsten einzumischen". Sehr aufgebracht zeigt sich darüber die Fürstin. "Bedaure von Herzen, schreibt sie an Christian Ludwig 1 ), daß Dero fürstliches Haus, auf welchem die augenscheinlichen Gerichte Gottes schon ruhen, das Maß nun vollends durch Versündigung an unschuldigen Knechten Gottes und der Sache seines Reiches recht vollmachen soll". Der Commissarius aber entgegnete kühl, daß, was die Fürstin von Verlust der fürstlichen Jurium und göttlichen Gerichte (welche uns Menschen ohnedem verborgen bleiben) sage, auf gegenwärtigen Casus nicht wohl zu appliciren sei. Er gab die Appellation nicht frei.

Nach dem Mißerfolg in Lübek waren die Akten nach Leipzig an die theologische und juristische Facultät versandt worden, die Protocolle und Drucksachen sammt den Appellationsschriften. Die Gutachten (21. Februar und April 1738) waren den drei Darguner Predigern ungünstig. Die theologische Facultät hält sie für schuldig: 1) der Injurien sowohl gegen die fürstliche Untersuchungscommission (irrespectueuse Ausdrücke in den Appellationsschriften) als auch gegen Amtsbrüder (Suppenprediger, verfluchte Satanspfaffen u. s. w.); 2) verdächtiger Lehren und Redensarten (gesetzliche und evangelische Buße, Theologia irregenitorum, Adiaphora u. s. w.); 3) willkürlicher Abweichungen von der Kirchenordnung (besondere Zusammenkünfte, Nichtbeobachtung der Beichtordnung, declarative Absolutionsformel, freie Texte). Die juristische Facultät verurtheilt sie daraufhin zu einem nachdrücklichen Verweis und in die Kosten. Die Akten sollen ihnen auf Verlangen vorgelegt werden.

Die Verurtheilten ihrerseits erschienen weder zur Publication, noch unterwarfen sie sich dem Spruch. Sie gedachten sich vielmehr an den Reichshofrath zu wenden. Vor dem Consistorium fürchteten sie sich nicht im geringsten. Trotz des Verbotes gab Ehrenpfort seine "Abgenöthigte Beantwortung" heraus (1738) 2 ). Da wurde das Toben der


1) Jahrbücher, Bd. 45, S. 104.
2) s. oben: Der lit. Streit.
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Geistlichen und des Consistoriums immer heftiger und wollten mit dem Pastor Ehrenpfort fort (Augusta). Das Consistorium confiscirte die Schrift in Rostock, citirte wieder den Verfasser und forderte von dem Cantor Rudolph, Welcher die Schrift vertrieb, die vorrangigen Exemplare ein wegen "aller nur ersinnlich gewesenen Anzüglichkeiten und Lästerungen". Allein, obwohl es betheuerte mit bestem Gewissen vorgegangen zu sein, "von Partialität soweit entfernt als der Ost von Abend", erreichte es nichts damit, als daß es von der Fürstin hart angelassen wurde. Als nun das Leipziger Responsum im Druck erschien, ließen die Darguner eine ausführliche Widerlegung, die Dargunische Schutzschrift (Altona 1739), ausgehen 1 ). Sie folgen hier dem Responsum Satz für Satz, und man muß gestehen, daß sie vielfach mit Glück Oberflächlichkeiten und Wortverdrehungen in dem officiellen Schriftstück nachzuweisen versucht haben. Es giebt keine andere Entschuldigung für die Leipziger Facultät, als daß sie, über den Werth der vorgelegten Akten in Irrthum, für bewiesene Zeugenaussagen genommen hat, was zum Theil leere Anschuldigungen waren. Allein auch in diesem Fall ist das Recht keineswegs rein auf Seiten der Darguner. Sophistische Zurechtrückung ihrer eigenen früher gebrauchten Wendungen und offenbare Verdrehung gegnerischer Aeußerungen findet sich in ihrer Gegenschrift nicht minder.

Von Dargun aus wurde Facultät gegen Facultät gestellt: zwei Gutachten der (pietistischen) Königsberger Theologen (vom 1. September und 6. October 1738) sprachen Zachariae sowohl als Ehrenpfort frei. Die Rührigkeit der Fürstin warb immer neue Bundesgenossen. Sie begnügte sich nicht mit Rechtsverwahrungen und gelehrter Polemik. Mit diesen Mitteln schien man nicht aus der Stelle zu rücken. Sie schlug auch den diplomatischen Weg ein und wandte sich sowohl an ihren Neffen, den König Christian VI. von Dänemark, als auch an den gewaltigen Schutzpatron Hallescher Frömmigkeit, Friedrich Wilhelm I. von Preußen, trotz des alten Grolls, den sie gegen das Brandenburgische Haus hegte 2 ). Beide Monarchen kamen aus Achtung gegen die Fürstin und aus Liebe zu der gemeinsamen Sache der Frömmigkeit


1) Vom juristischen Gesichtspunkt aus wurde das Responsum von dem älteren Moser angegriffen, welcher seiner Zeit in der Frankfurter Facultät für die Darguner eingetreten war (Diss. de formula absolutionis confitentium, 1739, und andere Schriften).
2) Jahrbücher, Bd. 46, S. 118.
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ihr sofort zu Hülfe. Von dem Dänenkönig liegen drei, von Friedrich Wilhelm zwei Intercessionsschreiben 1 ) an Herzog Christian Ludwig vor. Jener, mehr das formale Recht betonend, mißbilligte entschieden den ganz extraordinären modum procedendi des Consistoriums; Friedrich Wilhelm nahm besonders mituntergelaufene Angriffe auf preußische Theologen übel und argwöhnte, daß man die drei Prediger lediglich deshalb verfolge, weil sie in Halle studirt hätten. "Gott segne die beiden Könige überschwenglich davor", schreibt die Fürstin. "Ich hoffe, sie werden hier alle mächtig ins Gedränge kommen, bin aber versichert, Gott wird was Großes herausbringen, und solches dabei zu gewinnen, will man gerne und mit Freuden leiden". Indeß auch ohne die Intercession würde Christian Ludwig nicht gelitten haben, daß die Feinde der Prediger "durch Uebertretung göttlicher und menschlicher Gesetze ihr Müthlein an ihnen kühlten". Durch keine Intercession aber kam er so ins Gedränge, daß er jener sehr zweifelhaften Appellation hätte strakten Lauf lassen sollen. Er ermahnte vielmehr das Consistorium ganz allgemein zur Unparteilichkeit, die Fürstin aber, daß sie ihre Prediger zur Parition gemessen anweisen wolle. Und um so weniger that er etwas zu Gunsten der Darguner, als die Prinzessin sich nun durch den dänischen Gesandten in Wien an den Kaiser selbst wandte. Dadurch wurde nach Christian Ludwigs Meinung die Sache mehr und mehr intricat, da es eine ausgemachte Sache sei, daß ad summa imperii judicia in Religions= und Doctrinalsachen der Recursus nicht statt habe 2 ).

Die wiederholten Intercessionen brachten nur die armen Consistorialräthe ins Gedränge: sie wußten vor Promemorien, Intercessionen und Aktenversendungen zuletzt weder aus noch ein und baten den kaiserlichen Commissarius flehentlich, sie endlich zufrieden zu lassen; sie hätten von der Sache nur unsägliche Mühe, Verdruß und Befeindung gehabt, davon jedermann sehr gerne entohniget sei; auch hätten sie so wie so mehr als genug Arbeit, gegen welche ihr gar zu schlechtes und geringes Einkommen landeskündigermaßen keine Proportion habe. Das Consistorium gab somit den ruhmlosen Kampf auf, ohne daß (soviel ersichtlich ist) der Verweis acceptirt, noch die Kosten von den Verurtheilten erstattet waren.


1) Friedrichsburg, 29. August und 21. October 1738; 12. Januar 1739. Berlin, 2. September und 8. November 1738.
2) An den König von Dänemark vom 28. Januar 1739 (Generalakten).
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Eng verbunden mit den Dargunern war seit der Jördensdorfer Katastrophe Pastor Berner zu Camin. Er war schon Anfang 1737 vom Consistorium beunruhigt worden. Weil er mit der Wirthschaft beschweret war, seine Hausgenossen daher Morgens früh und Abends spät an der Arbeit sein mußten, er also denselben nicht allezeit mit Unterricht zu ihrer Seligkeit an die Hand gehen konnte, hatte er dazu schon seit vielen Jahren eine gewisse Stunde angesetzt und zwar am Freitag, Morgens zur Sommerzeit von 6-7, zur Winterzeit von 8-9. In dieser Stunde wurde ein Morgenlied gesungen, der Catechismus und die Ordnung des Heils erklärt, dann wieder einige Verse gesungen, worauf ein Jeder an seine Arbeit ging. Allmählich hatten sich dazu auch andere Besucher, aus dem Dorfe, gefunden. Da wurde er vom Consistorium angewiesen, sub poena einer fiscalischen Aktion, diese Betstunden streng auf seine Hausgenossen zu beschränken, die Hausandachten beim Rittmeister v. Moltzahn in Teschow dagegen aufzuheben. Allein Berner hatte sehr nützliche Beziehungen zu Herzog Carl Leopold, so daß er von anderen Geistlichen auch wohl spottweise des Herzogs Consistorialrath genannt wurde 1 ). Er kehrte sich deshalb einfach nicht an das Consistorialverbot. Die Gunst des Herzogs half ihm auch durch, als er seinen Kathenmann, den Schneider Ahrens, nicht eben sanft, "mit einer ziemlichen Reitpeitsche" durchgeprügelt hatte: das Consistorium durfte die 20 Thlr., zu welchen es ihn verurtheilt hatte, auf herzoglichen Befehl nicht executive einziehen.

Berner setzt also die Arbeit an seiner Gemeinde in der bisherigen Weise fort, unterstützt durch den oben erwähnten Heilersieg, wie durch die Gunst der eingepfarrten Gutsherren, welche Schulen anlegten und Bibeln austheilten. Gottes Wort hatte in etwa drei Jahren eine Gemeinde von 100 und mehr Seelen gezeugt, theils Gott suchende, theils gläubige. Denn diese Unterscheidung wurde strenge durchgeführt. Wernigerodische Besucher (1740) trafen zu Teschow 20 Schnitter auf dem Felde, unter denen 15 waren, welche mit großer Freudigkeit von der ihnen in Christo widerfahrenen Gnade zeugten, 3 Bußfertige, 2 Rohe. Ein andermal fanden sie unter 67 Schnittern, Bindern u. s. w. 51, welche Christum kannten, während die übrigen noch in der Buße oder in Rührungen standen. In einer Abendversammlung waren


1) Aus seiner Correspondenz mit dem Archivarius Tiedemann geht hervor, daß er ein Wachsamer Kundschafter des Herzogs war.
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unter 126 Personen: 100 Gläubige, 15 Bußfertige. Man sang da, betete gegen die Wände an knieend, wiederholte die Predigt, und zum Schluß faßte ein Gemeindeglied, etwa eine Jungfer, das Verstandene in ein freies Gebet zusammen. "Einige, besonders der 83 jährige Gale, beteten mit vieler Gnade und Fassung des Herzens". Der Gutsherr selbst cum uxore (geb. v. Grabau) und Kindern waren von Herzen bekehrt, so auch die 23 Domestiquen, - unico saltem horum excepto, eo tamen contrito! In Camin selbst waren erst 20 Seelen bekehrt, welche die Predigtwiederholungen besuchten, die Berner in seinem Hause an Sonntagnachmittagen im Winter abhielt, weil da kein Catechismusexamen abgehalten wurde. Ein bekehrter Küster war angestellt. Im Pfarrhause waren nur der Pastor und seine Frau bekehrt, die Bekehrung seiner Töchter wird erst 1742 gemeldet. "Der Haus=Präceptor Herr Merlitz (ein Meklenburger) ist todt, wurde aber sehr geschüttelt", wie auch die Organistenfrau und ihre Tochter, erzählen jene Besucher. Camin=Teschow wurde eine Art Mittelpunkt für die Bewegung. In der nahen Hohen=Sprentzer Gemeinde wirkte bei dem Kammerjunker v. Drieberg der aus Strelitz gebürtige Candidat Pauli in Segen und hatte große Hoffnung den ganzen Hof zur lebendigen Erkenntniß Gottes zu führen. Berner selbst verkündete gelegentlich das Evangelium in seiner Vaterstadt Waren auf dem Rathhaufe. Benachbarte Prediger ließen sich stärker oder schwächer von ihm beeinflussen. Andere befehdeten ihn, "wohl merkend, daß das gräuliche Papstthum, so ihnen im Herzen sitzet, Noth und Gefahr laufe bei so hellem Schein des Evangeliums". In öffentlichen Schriften wurde er zwar noch nicht durchgehechelt, aber sonst hatte der Teufel einen recht galligen Grimm auf ihn 1 ). Der Satan, berichtet er selbst, tobe wider diese gesegnete Führung des Amtes ("welches ihm zwar nicht verdenke, weil er den Schaden fühlet") und wolle das Werk Gottes stören, nämlich der Senior Hahn zu Güstrow habe sich hinter die noch widrig gesinnten fürstlichen Unterthanen hiesiger äußerlicher Kirche gestecket und ihrer 12, die in den größten Gräueln der Heiden lebten, nach Güstrow bestellt. Hier habe er von ihnen allerhand schändliche Lästerungen eingenommen und ans Consistorium gesendet, welches sich ein Vergnügen daraus machen werde, ihn ad Acheronta zu relegiren.


1) Zachariae an Graf Stolberg 28. Januar 1738.
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Nun war Berner heftig und jäh und sah nicht recht nach seinen Worten. Er selbst bekennt sich zu Äußerungen wie: er wolle und müsse verdammt sein, wenn sein Vorfahr ohne wahre Buße und Glauben selig geworden sei. Er habe vermöge seiner Maladie an der auffliegenden Hitze seinen stärksten Feind in sich, mit welchem er täglich streite und sich vor Gott beuge. Seine Sprache in Briefen, Bitt= und Vertheidigungsschriften ist die heftigste; zumal gegen das Consistorium zu Rostock nimmt er kein Blatt vor den Mund. An Tiedemann schreibt er, aus dem Abfall Stiebers, "des gott= und gewissenlosen Dr. der Finsterniß, könne Serenissimus urtheilen, wie freundlich es die hochberühmten Orthodoxen mit Ihnen meinen. Summa: ein Heuchler ist weder Gott noch Fürsten treu. O, daß sie sich entweder bekehrten oder auf gegenseitigen Fall alle in dem Saltzenen Haff bei Wismar lägen! Zeigen Sie es doch Serenissimus gelegentlich an"! Mit dem Güstrower Amt, als einer Behörde des Commissarius, stand Berner gleich den andern Pastoren so schlecht als möglich. Er muß unglaubliche Dinge erdulden. Einen seiner Pfarrbauern, schreibt er, hätten sie ihm schon ruinirt, nun gehe es an den andern. Den Amtsküchenmeister Vorkampf daselbst betrachtete er als ein besonderes Werkzeug des bösen Feindes. Ihm schrieb er wegen jenes Bauern einen Brief, in dem es heißt: "Ist es auf den gänzlichen Ruin hiesiger Pfarre abgesehen, wie es fast scheinet, so ist es ja denn noch immer Zeit, dergleichen christliches Unterfangen ins Werk zu setzen. Ew. Hochedlen bedenken doch, daß dieser arme Mann ein Glaubensverwandter von Sie, der sich auch nicht zu Gott bekehren will" u. s. w.

Einen sehr anschaulichen Bericht über Berner und sein Haus verdanken wir seinem ehemaligen Freunde und Confessionarius, dem Pastor Clasen zu Lage, einem ehrlichen Manne. Er hat der natürlichen Abneigung des Niedersachsen gegen die Darguner Art den prägnantesten Ausdruck gegeben: Er wolle es nicht "an den Klockreiff hängen, was er für Traurigkeit und Freude gehabt". Wir theilen aus seinem Berichte das Wesentliche um so mehr mit, weil wir über keines der anderen Pfarrhäuser eine ähnliche Quelle haben.

Auf Erfordern des Consistoriums sollte Clasen, welcher am Sonntag Oculi Berner die sacra gereicht hatte, über die damals gehaltene Predigt Berner's berichten, und was unter ihnen sonst vorgefallen sei. Er berichtet, wie Berner

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Anfangs mit Heilersieg's privati conventus gar nicht zufrieden gewesen, und er (Clasen) ihm zur Inhibition gerathen habe. Er sei aber nachgehends von diesem Studioso zu der bekannten Meinung von dem sog. Bußkampfe gezogen worden, "welches zu Anfangs daraus merken können, daß ich nicht mehr gefordert seine Kinder, wie ich ihm und seinen Vorfahren gethan, zu taufen, sondern er solchen actum selber zweimal verrichtet (vielleicht daß ich als unbekehrter Priester zu unheilig denen Neubekehrten ihre Kinder zu taufen), völlig aber darin bestärket, da er einmal über Tisch, als ich ihm das Abendmahl gereichet, in Gegenwart unterschiedlicher Leute sagte: so gewiß als er den Braten entzwei schnitte, so gewiß glaubte er einen Kampf in der Buße". Bei späteren Begegnungen rühmte Berner: "was er nun vor eine Freudigkeit bei sich empfünde, daß er der Vergebung seiner Sünden versichert, welche Freudigkeit auch so groß bei ihm, daß er auch ümb Christi willen gerne seinen Kopf wollte unter das Rad legen (vielleicht daß er damals aus dem Bußkampf gekommen), wobei ihn warnte, nicht zu vermessen zu sein, nicht auf die innerliche Empfindung zu bauen, die könnte vergehen". An Fastnacht bat Berner den Berichterstatter um Darreichung des Sacraments, erklärte aber selber dabei predigen zu wollen, "weil es der Kirchenordnung gemäß und NB. die Beschaffenheit der Sachen es erforderte". "Dieses kam mir zwar Anfangs sehr seltsam und verdrießlich vor, daß ich, der ich sowohl zu seiner als auch zu seiner Vorfahren Zeit mehr als 20 Jahre her die Predigt daselbst verrichtet und so manche gefährliche und beschwerliche Reise dahin gehabt, nun zur Danksagung sollte von der Kanzel gewiesen werden, darumb nur, daß ich ihrer Bekehrung nicht wollte beistimmen, und hergegen der Stud. Heilersieg, der diese Zerrüttung leider daselbst angerichtet, immer die Kanzel betreten, als er noch bis diese Stunde thut . . . . Gleichwohl aber, ümb ihnen zu zeigen, daß man mehr bekehret, als sie, überwand mich und reisete auf abermal freundliches Ansuchen Dom. Oculi nach Cammin und ließ mich vor diesesmal die Absetzung vom Predigen sowohl als vom Kindertaufen im Pfarrhause gefallen". Nach dem Beichtverhör wohnte er der Predigt bei, indeß nur zum Theil, "denn so überfiel mich, da kaum der andere Theil der Predigt war angefangen, ein gar schmerzhaftes Seitenstechen, daß ich mich aus dem Beichtstuhl nach der Sacristey retirirte, allwo der Stud. Heilersieg sich ein klein Kohlfeuer gemacht, und mußte in den Schmerzen über eine Stunde aushalten, da die Pre=

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digt sich so lange verzog". Die Predigt ging an mit hartem Drohen und Schelten gegen die, welche sich nicht bekehren wollten, die wenigen Gläubigen wurden mit vielen Ausdrückungen sehr erhoben und getröstet und ihnen Sprüche mitgegeben. Nach dem Gottesdienst lag Clasen auf dem Ruhebette und hörte "halbschlafend halbwachend allerhand Discurs, wie dieser und jener anfinge sich rechtschaffen zu bekehren, und wurden die Prediger nicht vergessen, daß auch die Frau Pastorin sagte: wenn nur erst die Prediger sich möchten bekehren! Endlich kam man an die Specialia, daß die Frau Pastorin . . . sagte: wie redlich nun die Frau Pastorin Höveten, Herrn Magister Hennings seine Tochter, wäre, wie herzlich sie vor ihren Vater betete, daß Gott ihn einmal möchte bekehren. Auf welchen Discurs losbrach und bat: sie möchte nicht andere Leute richten; die Kinder handelten öffentlich wieder das vierte Gebot und brächten noch den alten Mann in die Erde, welches die Kinder müßten vor Gottes Richterstuhl verantworten. Worauf zwar die Frau Pastorin nach Frauenart Eins und das Andere erwiderte, daß man Christum müßte bekennen, als ich ihr vorhielt: daß man andere unschuldige Leute nicht müßte verdammen, so verwies doch sie und Andere erst das vierte und achte Gebot zu lernen, wozu Ehrn Pastor Berner ganz stillschwieg". Sie sprachen nun vom Bußkampf, den zu lehren Berner in Abrede nahm. Clasen leitete ihn "von Melinaeo, einem Papisten", her und von dem "bekannten alten Franck aus Halle", und wären dergleichen motus schon im vorigen Saeculo erreget, die mir wohl bekannt; und daß, was nun in Meklenburg aufgewärmt würde, mir niemand sollte lernen, hätte es bereits an den Schuhen zerrissen. Es käme mir der Bußkampf vor als ein päpstlicher Ablaß; wem der Papst Ablaß mittheilte, der hätte Vergebung der Sünden: so auch, wenn einer aus dem Bußkampf heraus wäre". Als nun die Rede auf das Predigen des Gesetzes kam, fürchtete Clasen von ihrem Vorwalten Verstockung und Uebermuth, während Berner antwortete: "Den Leuten nicht scharf predigen, sondern sanft, das hieße Polster unter den Armen legen, las uns aus Lutheri Vorrede in Ep. ad Rom. etwas vor, wie dieselbigen, die also predigten, Bauch=Pfaffen genennet würden u. s. w. Ergo, sagte ich, bin ich auch ein Bauchpfaffe, ein Unbekehrter? worauf niemand antwortete. Ehrn Pastor blieb dabei, daß er wollte predigen und den Leuten scharf die Wahrheit sagen; er hätte schon seit Weihnachten so und soviel bekehret; ich könnte nicht einen einzigen rechtschaffenen

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Christen aus meiner Gemeinde aufweisen. Meine Antwort war: ich prahle nicht, Gott kennet die Seinen". - Endlich kam die Rede wieder auf Magister Hennings, von welchem einer der anwesenden Candidaten sagte, er wolle von der Buße nichts wissen. "Ja", sagte ich, "von der Art Buße, weiß ich, als ihr prediget, will er nicht wissen, sondern nur von der, die Christus und die Apostel geprediget. Soll ich mich", fuhr ich ferner fort, "von dem Teufel erst ängsten, martern, quälen und plagen lassen bis zur Verzweiflung?" Ehrn Pastor sagte als scherzweise: ich möchte es mal versuchen. Worauf antwortete: Ich bete im Vaterunser: Führ uns, Herr, nicht in Versuchung! Hierauf nahm ich freundlich Abschied und recommendirte dem Ehrn Pastor Berner die Liebe: er möchte nicht Andere neben sich verachten. Seine Antwort war: er wollte ferner des Satans Reich zerstören und Gott Seelen zuführen. Dem Stud. Amtsberg wünschte zu seiner Reise nach Halle Glück mit der Verwarnung: er möchte sich hüten, damit er nicht völlig ins Satans Siebe käme. Welches er schon versucht zu haben vermeinte. Reisete darauf, ohne ein bißgen Brod des Tages gekostet zu haben, meine Straße". - -

Jene von dem Senior Hahn inquirirten Gemeindeglieder hatten nun noch viel seltsamere Dinge zu berichten. Sie gingen nur mit Grauen zur Kirche, weil sie da Höllenbrände und Teufelskinder, ungläubig und Unchristen sich mußten nennen lassen, "da sie doch den Christennamen in der That zu führen sich befleißten; er hingegen von sich rühme, daß er einen wahren, lebendigen Glauben in sich habe, welches ihnen bei dem beständigen entsetzlichen Schelten des Pastors unbegreiflich sei". Ein Zeuge hat aus seinem Munde gehört, daß alle ihre Eltern zum Teufel gefahren sind, und ist darüber herzlich betrübt, "indem ihm von seinen Eltern bekannt gewesen, daß sie gut lesen können und andächtig zu Gott gebetet". Berner soll weiter gesagt haben, in ganz Schwerin sei nur ein Christ, und zwar ein Schneider, - was er selbst später dahin restringirte: mehrere seien ihm daselbst nicht bekannt. Diese und ähnliche Dinge deponirten sie auch vor dem Consistorium, welches sie auf Denunciation des Güstrower Ministeriums ex officio verhörte (3. April 1739). Handgreifliche Mißverständnisse etwas crasser Aeußerungen des Pastors, die in ihrem Zusammenhang vollberechtigt gewesen sein mochten, und die Klagen über Forderung eines Bußkampfes, nicht consequent durchgeführte Abendmahlsverweigerung den sog. Unbekehrten gegenüber, fremdes Gebet, das

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in keinem Buche stünde, u. dergl. bilden die Hauptgegenstände. Die Deponenten selbst verrathen wahrhaft traurige geistliche Zustände.

Wegen dieses "betrübten modus procedendi" wandte sich Berner, sobald er davon erfahren hatte, an Carl Leopold. Trotzdem erfolgte im Herbst seine Citation, welcher er nach einigem Sträuben dann auch Folge leistete und sich zu einem zweitägigen Verhör stellte. Bei dieser Gelegenheit hat er in Rostock hin und her von 5 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends Christum bezeugt, wobei er sich an einem Orte nicht über eine halbe Stunde aufgehalten. Vornehmlich aber zeugte er in der Vernehmung selbst von seiner Bekehrung vor "seinen ehemaligen verderblichen Lehrern und Mitbrüdern in Sünden". Das Protocoll zeigt, daß man ihn mit Grunde nur der Hitze und des Uebereifers bezichtigen konnte. Auch er erhielt einen "interimistischen Abschied" mit Ermahnungen zur Bescheidenheit, Einstellung der Betstunden, Enthaltung von eigenmächtiger Kirchenzucht. Indeß er dachte nicht daran, sich damit zufrieden zu geben. Sechszehn falsche Zeugen habe man gegen ihn aufgeführt, die zum Theil wie das dumme Vieh unter harten Bedräuungen von dem Güstrower Ministerium mit Zuziehung der Beamten und des hiesigen gottlosen Amtmanns seien nach Rostock hineingetrieben worden. Sie seien dann von den Studenten in Aepinus Haufe aufgehetzt und durch Engelke feindselig inquirirt worden. Haarsträubende Dinge berichtet er von diesen Zeugen in seiner "Gerechten Abbildung einiger meiner mich verklagender Zuhörer". Ein Religionsspötter und Raufbold ist der erste, der seine eigenen Eltern schlägt. Der zweite ein Säufer, der sich erhenken will, wenn man ihm nicht zu trinken giebt, und der jedem Vorhalt mit der frechen Rede begegnet: mein Glaube muß mir helfen! Seiner Seligkeit ist derselbe so gewiß, daß er meint: wenn er mitten im Saufen todt bleibe, so sterbe er selig. Einer meinte, ein Jeder werde seines Glaubens leben, und wenn er auch an eine alte Sau glaube, so werde er auch selig. Der vierte ist so dumm wie ein Vieh. Natürlich gehen diese "Christen" nicht zum Abendmahl und geben weder Meßkorn noch Opfer; sie haben einen Bund, daß sie keinem Bekehrten einen Dienst thun wollen; wer dagegen handelt, muß eine Tonne Bieres verlegen; so wagte der Pfarrbauer nicht, dem Küster den Mist zu fahren, weil sich dessen Sohn bekehrt habe. Dabei wird an den Bußtagen ohne Scheu gearbeitet. Die hohen Festtage sind in dieser verwilderten Gemeinde zu Sauf= und Spieltagen geworden. Eins ihrer

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gotteslästerlichen Lieder ist Berner leider bekannt geworden. Es hebt an:

Laßt uns fein lustig sein, weil wir noch leben;
Kommen wir nicht in Himmel, so kommen wir daneben.

"Welches im letzten Pfingstfest auf öffentlicher Straße so geschrien wurde, daß die Luft davon erschallete". In jeder Hinsicht nimmt Rohheit überhand. Oft giebt es Schlägereien, und die Knechte zu Prangendorf, bewaffnet mit Sensen und Steinen, lachten den friedestifterischen Pastor aus, als er sie zu sich forderte.

Wenn wir auch annehmen wollen, daß Berner stark aufträgt, - das kann füglich nicht bezweifelt werden, daß hier die Situation diese ist: ein Prediger der Gottseligkeit gegenüber "gotteslästerlichen Reden und heidnischem Leben". Jeder muß ihm beistimmen, daß es keine gläubige Trunkenbolde, Vatermörder, Hurer, Lästerer, Schriftspötter giebt, und ihn entschuldigen, wenn er einmal aufbraust Aeußerungen gegenüber wie: sie glaubten an Gott=Vater, Sohn und Geist, und das sei der rechte Glaube; wenn man das glaube, so möchte man thun, was man wolle, so würde man doch selig, absonderlich wenn man in die Kirche und zum Abendmahl gehe. - Als Carl Leopold auf Berners Betreiben die Akten einforderte (2. December 1739), erklärte denn auch das Consistorium, daß noch zur Zeit kein rechter Begriff von allem und keine wahre idée der rechten Umstände deren Vorwürfe gegen ihn ausfündig gemacht werden könne, so zornig es sonst auch gegen Berner war. Hatte er doch gefragt: ob ein solches Verfahren mit der bekannten spanischen Inquisition nicht eine große Gleichheit habe, - "welche Anzapfung aber recht detestable; wüßte er, wie es mit der spanischen Inquisition beschaffen, er würde sich schämen, ein hochfürstliches Gericht, das Gott, seinen gnädigsten Souverain und Gerechtigkeit gehörig veneriret und liebet, so spröde zu tractiren". Das Consistorium erhielt die Erlaubniß sein Verfahren fortzusetzen, und bald ertönen Berner's Hülferufe aufs Neue vor seinem Landesherrn (Juli 1740): man suche ihn ums Leben zu bringen, "zu welchem Ende mir zu der Zeit, wenn ich am schwächsten bin und stark mediciniren muß, die entsetzlichsten Decreta zugefertiget, ja Executor und Soldaten ins Haus gelegt werden, wie denn solches geschehen zur Zeit meiner Pirmonter Brunnencur im abgewichenen Monat". Seine Gegner in der Gemeinde hielten ihn für verurtheilt, für einen erklärten Ketzer, kamen nicht zum Abendmahl noch zur

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Kirche und legten es darauf an, ihm das Leben in Camin unerträglich zu machen. Die gottlosen fürstlichen Bauern werden in volle Wuth gegen ihn gesetzt, daß sie zuschlagen sollen: "Gott weiß, daß ich nicht lüge". Er erklärte, ebenfalls appelliren zu wollen. Es scheint, daß, um dies zu verhindern, Carl Leopold ihm endlich wirksamen Schutz bot: er befahl ihm in seiner Praxis fortzufahren und stellte ihn so gegen fernere Angriffe des Consistoriums sicher. (September 1740.)

Der Proceß wurde nicht wieder aufgenommen. Bis zu seinem 1752 erfolgten Tode wirkte Berner ungestört und mit ungemindertem Eifer, auch nicht ohne Erfolg. So sind im Jahre 1741 in Teschow vom 4. bis letzten Februar 20 Seelen zum Frieden gekommen. Die Allerruchlosesten liegen weinend und betend zu den Füßen des Lammes, ja es ist so eine Generalerweckung, daß auch Kinder von 6 bis 7 Jahren mit großer Begierde, wo nur gebetet wird, zulaufen, um ihre Kniee mit beugen zu können. Unter den Bewohnern des Ortes sind nur noch 10 Seelen, die auf dem Scheideweg stehen; die übrigen sind alle Gläubige oder redlich Bußfertige. Von letzter Sorte haben sie von Anfang der Erweckung kein Exempel, daß sie nicht zum Ziel in der Rechtfertigung gekommen 1 ). Ein Prediger aus Bützow (Vorast) ist von dem Liebesfeuer so angezündet, daß er mit weinenden Augen abgereist und versichert, sich redlich zu Gott zu bekehren, so er auch als redlicher Mann gehalten. Dann kamen wieder im Jahre 1742 10 Seelen in Teschow innerhalb acht Tage zum Frieden, 4 in Camin. "Wie es scheinet, so möchte anjetzo der Teufel aus unsern Grenzen weichen müssen". Der theuren Schweinehirtin Kasten aus Kätewin Mann ist gläubig geworden, die Frau hat ihn sich von Gott in stundenlangem Gebet abgerungen, seine zwölfjährige Tochter ist Ostern zum Frieden gekommen und hat ihn zur Buße eingeladen. Seine Frau fand ihn vor der Thüre liegen und beten, legte sich zu ihm und betete: Herr Jesu, du kannst ja, ach so löse diesem doch seine Banden und mache ihn frei! - plötzlich sprang der Mann auf, fiel ihr um den Hals und schrie: Gnade, Gnade, ach, wie ist mir, Gnade! -

Wir sahen den Herzog Carl Leopold im Jahre 1743 in die Jördensdorfer Sache wieder eingreifen. Um diese Zeit macht sich überhaupt bemerklich, daß er den kirchlichen


1) Moltzahn an Wallbaum, 22. März 1741. Wernigerode.
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Dingen thätige Aufmerksamkeit zuwendet. Schnell folgen sich Verordnungen an die Geistlichen, bei willkürlicher Bestrafung, ja bei totaler Remotion das Kirchengebet nicht auszulassen und in allen Stücken der Kirchenordnung strictissime nachzuleben, auch die Ungehorsamen anzuzeigen 1 ). Diese wiederholte Einschärfung weist auf Unordnungen hin, welche eingerissen waren. Indeß kann man dieselben nicht mit Gewißheit auf das Eindringen des Pietismus zurückführen. Es ist wahrscheinlich, daß Gleichförmigkeit in den Kirchen des Landes nie bestanden hat, wenigstens seit dem 30jährigen Kriege nicht. Denn in den Verhören berufen sich die Darguner fast bei jeder an ihnen getadelten, vorschriftswidrigen Kirchenpraxis auf den Gebrauch, welchen sie in ihren Gemeinden vorgefunden hätten. Auch sonst ist die Klage allgemein über die Willkürlichkeiten im Gottesdienst und die Undurchführbarkeit nicht nur der "Erläuterung", sondern der Kirchenordnung selbst. Damals wandte Carl Leopold auch den Dargunern noch einmal seine Fürsorge zu.

Er entsandte wieder eine geheime Commission zur Inquisition wegen Verleugnung des Taufbundes und Verschlucken von Zetteln (1743). Es kam nichts dabei heraus, als ein letzter Austausch gereizter Briefe mit Augusta. Das Consistorium ließ sich nicht bewegen, die Sache wieder aufzunehmen 2 ).

Die letzten Nachwirkungen der Pfarrbesetzungsconflicte und der Consistorialuntersuchungen zeigen sich bei der Neubesetzung der Pfarren zu Brudersdorf und Groß=Methling 1749-51 und 1752-53. In jenem Falle erschöpfte sich der "abgeschmackte Superintendent" Zander in "ganz unvermutheten neuen Hindernissen", bis er sich endlich bereit finden ließ, den des sectirerischen Pietismus verdächtigen Hövet dem geistesschwachen Pastor Seedorff ohne einigen ferneren Anstand zu substituiren. Da die Angelegenheit keine neuen Motive bietet, unterlassen wir, näher über ihren Verlauf zu berichten.

Ernsthafter ließ sich die Groß=Methlinger Pfarrbesetzungsfrage an 3 ). Der Pageninformator Ludolph Balthasar Leonhardt hatte sich erst in Dargun bekehrt und war vornehmlich


1) 28. März 1742; 31. October 1744; 9. Juli 1746; wiederholt von Herzog Christian Ludwig 22. December 1747 und 16. Juli 1748.
2) Daß im Consistorium keine Thätigkeit verspürt werde, bildete seit 1739 ein gravamen der Stände. Aepinus, Die Geschichte von Meklenburg, III, S. 189.
3) Vergl. dazu Jahrb., Bd. 45, S. 152 ff.
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an der Erweckung des Jahres 1745 betheiligt gewesen 1 ). Von der Fürstin zum Nachfolger Hövets vocirt, wurde er vom Güstrower Ministerium examinirt und untauglich zum Predigtamt befunden (1752). Wenn er auch die Bibel fleißig gelesen, die Sprüche memoriter inne habe und einige Kenntniß der lateinischen und griechischen Sprache besitze, so sei er doch weder ein Theologus systematicus noch ein Theologus orthodoxus. Herzog Christian Ludwig, welcher inzwischen die Regierung angetreten hatte, erholte von der theologischen Facultät zu Jena ein Gutachten über das Examensprotocoll, welches unter Walch's, des Freundes der Darguner, Einfluß sehr milde ausfiel, indem es alle irgendwie bedenklichen Aeußerungen des Candidaten indifferentiirte und zurecht zog.

Dies "Bekleistern" seitens der Jenenser erfüllt die Rostocker Facultät, welche sich darüber äußern sollte, mit lebhafter Entrüstung. Die Rostocker wollen so grobe Brocken, als sich laut des Protocolls bei dem Candidaten wirklich befunden, nicht übergehen und widerrathen die Anstellung. Denn vor allem der Bußkampf verwirrt den Begriff der Buße und pflegt mit bedenklicher Praxi verbunden zu sein. Ganz entschieden weigern sie sich, eine zweite Prüfung mit Leonhardt vorzunehmen. Sie wollen ihm wenigstens nicht den Weg ins Amt bahnen, wenn auch, wie sie sehr bezeichnend hinzusetzen, "Ew. Herzogliche Durchlaucht ja Alles in Dero höchsten Gewalt [haben], hinfolglich auch Subjecta, welche HöchstDieselben wollen, ins Predigtamt zu setzen; es ist Denenselben an unsern geringen Gutachten im Geringsten nichts gelegen" (2. September 1752).

Hierauf versuchte der Herzog einen andern Weg. Er communicirte dem Leonhardt das Güstrower Protocoll zu näherer Erklärung. Ueber diese Erklärung wurde der Senior Becker in Rostock 2 ) zu einem Bedenken veranlaßt. Denn von dem Sprößling einer Familie, welche von jeher ernster Frömmigkeit von Herzen ergeben gewesen war, mochte man ein glimpfliches Urtheil erwarten. Allein "nach aufmerksamer Beleuchtung aller in Actis bemerkten Umstände sowohl, als auch der vorhin bekannten und nunmehro erklärten Sätze und unter einer vor Gott angestellten Prüfung meiner Absichten nicht weniger als meiner Fähigkeit in theologischen Wissenschaften, bei untermischten Seufzern um Weisheit, Red=


1) Ueber seinen Bericht von derselben vergl. unten.
2) Peter Becker, Pastor zu St. Jacobi, Dir. Min. und Senior der Universität.
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lichkeit, Wahrheitsliebe und Abscheu vor die Lust, Andern Irrthümer aufzubürden", hat sich sein Urtheil endlich dahin "ausgelenket", daß Leonhardt auch so weder anzustellen noch zum zweiten Mal zu prüfen sei".

Aber alle Beredsamkeit Becker's war umsonst. Der Herzog, der sich durch ein Versprechen Augusta gegenüber gebunden hatte, war entschlossen, die unangenehmen Folgerungen, welche aus der Verweigerung der Ordination allerdings entstehen würden, zu vermeiden. Er ließ daher den Pagenhofmeister eine ganz allgemeine eidliche Verpflichtung auf die Lehre der Bekenntnißschriften unterzeichnen, und befahl dann die Vornahme der Präsentation "ohne weiteren Einwand und Anstand", weil die Sache sich hiedurch gewandelt und also die vormaligen Bedenklichkeiten sich erlediget hätten.

So leichten Kaufes sollte aber Leonhardt doch nicht zu seiner Pfründe kommen. Ueber die erwähnte Verfügung empfand nämlich Superintendent Zander solche beängstende Unruhe in seinem Gewissen, daß er sich "ohnmöglich enthalten konnte, Sr. Herzogl. Durchlaucht dagegen in niedrigster Ehrfurcht demüthigste Vorstellung zu thun". Er erkühnte sich, die Gründe, welche ihn zu gehorsamen verhinderten, dem gerechtesten Landesvater zur gnädigsten und gewissenhaftesten Beherzigung vor Gott mit der alleräußersten Demüthigung vorzulegen. Der Eintritt in's geistliche Amt könne überhaupt nicht durch Reverse eröffnet werden, sondern lediglich durch ein genaues Examen. Erst nach einem solchen sei der Revers an seinem Platze. Sonst könne ja Jeder in seinem Wahn einen Revers ausstellen, Herrnhuter, Quäcker und alle möglichen Sectirer. "Ein Herrnhuter schwöret freudig und willigst darauf, daß er der Schrift und symbolischen Büchern gemäß lehren wolle und lehre; er glaubets nie, wenn er dem ohngeachtet die abscheulichsten Irrthümer vorbringet, daß er meineidig werde. Denn er schreiet immer, seine Lehre, seine Irrthümer, seine verdammliche Hypotheses kommen mit der Bibel und mit den symbolischen Büchern der evangelisch=lutherischen Kirche überein." Zander verlangt deshalb einen "pünktlichen" Widerruf des Candidaten, d. h. Absage der einzelnen Irrthümer.

Als der Superintendent so die Sache auf allerlei Weise zu trainiren und in's Weite zu spielen suchte, beantragte Augusta, die mit jugendlicher Energie sich des Schützlings annahm, flugs die Ernennung eines Stellvertreters bei der verweigerten Amtshandlung. Allein dazu mochte sich der

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Herzog doch nicht verstehen. Vielmehr wurde Leonhardt jetzt nach Schwerin befohlen (4. Dec.) 1 ).

Hier fand eine Art Disputation statt in Anwesenheit des Schweriner Ministerii, Zander's und Hahn's aus Güstrow und des Dr. Rönnberg, des alten Gegners der Darguner, damals Rector scholae zu Wismar. Leonhardt berichtet: "Ich bekam daselbst annoch den allerhärtesten Stand, so daß alle die Umstände, die daselbst auch mit mir vorgingen, mir viele Seufzer und Thränen erpresset, so daß ich bis itzt nie ohne Beugung des Herzens daran gedenken kann, und der gnädige Gott mir alles Versehene, da ich auf allen Seiten hart gedränget wurde, aus Gnaden vergeben wolle." Nach langen Verhandlungen nämlich vermittelt der Herzog einen Vergleich. Leonhardt erklärte sich zu einem solchen bereit, wenn es nicht gegen sein Gewissen gehe oder er von Gottes Wort dadurch abzuweichen genöthigt würde. "Ey behüte Gott!" entgegnete Christian Ludwig, "daß solches geschehen sollte." So unterzeichnete denn der durch so viele Zunöthigung Geängstigte am 19. Dec. im Zimmer des Herzogs einen "pünktlichen" eidlichen Revers, in welchem er aber auch in jedem Punkt die Thesen der Gegner anerkennt und somit einen vollständigen Widerruf leistet. "Diesen Revers", bemerkt er selbst darauf, "habe verschiedener Punkte wegen mit herzlicher Reue unterschrieben und mit dem Erfolg vieler vergossener Thränen. Der Herr wolle mir es aus Gnaden verzeihen und meiner hierunter begangenen Sünde nicht ewiglich gedenken!"

Einstweilen begab er sich mit dem definitiven Präsentations=Befehl nach Dargun. Aber schon auf der Reise schlug ihm das Gewissen wegen der voreiligen Unterschrift. Kaum angekommen, schrieb er an den Herzog und bat ihn flehentlich, statt des unterschriebenen einen etwas veränderten Revers unter Annullirung des ersten genehmhalten zu wollen, sonst könne er mit ruhigem Gewissen die Vocation nicht annehmen. Die Veränderungen betrafen vornehmlich die Erleuchtung der Unwiedergeborenen, die gratia praeveniens und den Bußkampf. Letzteren hatte er im ersten Revers, sofern er in den Unwiedergeborenen verlegt werde, einfach verworfen. Im zweiten behauptet er ihn unter bedeutungsvollem Stillschweigen über das Subject des Kampfes 2 ).


1) Augusta vergütet ihm die Reise mit 12 Thlrn.
2) Am 29. Dec. 1752 schreibt die Fürstin an den Grafen Stolberg: "Beten Sie dort mit allen Gläubigen für uns hier; der Satan läßt seine List und (  ...  )
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Auf Grund entgegenkommender Erklärungen des eben zum Consistorialrath beförderten Rönnberg scheint Leonhardt seinen ersten Revers zurückerhalten zu haben, wenn anders das in den Methlinger Pfarrakten vorfindliche Exemplar das Original ist. Ob Zander von diesem Tausche Kenntniß gehabt hat, steht dahin. Leonhardt wurde bald darauf präsentirt und eingeführt (1753, Febr.) 1 ). Die Prinzessin hatte durch den Erbprinzen dies zu Stande gebracht und damit den thatsächlichen Sieg ihrer Sache entschieden. So empfindlich die moralische Niederlage sein mochte, welche Leonhardt erlitten hatte: er war präsentirt worden, obwohl er seine Sondermeinungen offen ausgesprochen und, wenn auch nicht eben wie ein Held, doch schließlich festgehalten hatte. Die Rostocker waren trotz des formellen Sieges thatsächlich ab= und zur Ruhe verwiesen. Es entschied in der That der freie Wille des Herzogs über diese Fragen. Das wurde offenbar, sobald Herzog Christian Ludwig die Augen zugethan hatte. Gleichzeitig war Zachariae durch der Prinzessin Tod verfügbar geworden: ohne die geringsten Schwierigkeiten rückte er in die Parchimsche Superintendentur ein, Ehrenpfort in die Sternberger Präpositur, Hövet in das Darguner Pfarramt, Schmidt in die Gnoiensche Präpositur (zwischen 1756 und 59). Denn Herzog Friedrich der Fromme hatte die Zügel ergriffen.

 


 

X.

Das religiöse Leben in Dargun.

"Seelenhunger" kennzeichnet den "rechtschaffenen" Geistlichen, d. h. der Eifer, in möglichst vielen Gemeindegliedern nicht sowohl die vorhandene Erkenntniß und christliche Frömmigkeit zu stärken und zu mehren, zu klären und zu vertiefen, als vielmehr in ihnen einen völligen Bruch mit ihrem [FN]


(  ...  ) Tücke mächtig über uns aus. Weswegen, weil es etwas darüber zu thun giebt, mich nur kürzlich . . . . herzlich empfehle."
1) Leonhardt erhielt von der Fürstin die Kosten der Introduction ersetzt mit 15 Thlrn. 32 ßl., ferner 30 Thlr. zur Einrichtung und eine jährliche Zulage von 30 Thlrn.
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bisherigen Leben in der Christenheit hervorzurufen und nach Durchlaufung eines Umänderungsprocesses ("der Ordnung wahrer Buße und Glaubens") sie den wenigen "Redlichen", "Rechtschaffenen", "Kindern Gottes" sicher beizuzählen.

Solche Erlebnisse wurden niedergelegt in ausführlichen Bekehrungsgeschichten, von denen aus der Zeit des Pietismus bändereiche Sammlungen vorliegen. Der religiöse Ernst, welcher sich in denselben ausdrückt, wird von jedem Aufrichtigen anerkannt und geschätzt werden. Doch ist darüber nicht zu vergessen, daß es sehr menschliche Erzeugnisse sind, über welche selbst ein Vertheidiger des Bußkampfes (Bertram) so urtheilt: Unvorsichtigerweise mache man ein Kennzeichen der wahren Bekehrung daraus, wenn einer die Zeit seiner Bekehrung zu bestimmen und "zu solchem Ende allerhand Historien zu erzählen weiß, daran doch nicht selten entweder vorsätzlicher Betrug oder doch ungegründete Einbildung und affectirte Nachäffung Anderer den größten Theil hat." Diese Historien wurden eifrig verzeichnet, hin und wieder versandt und ausgeschrieben. "Sie kommen bisweilen den Legenden der Heiligen gleich, damit man sich im Papstthum divertiret." Als Quelle für das Verständniß der religiösen Bewegung sind sie indeß werthvoller als die dogmatischen Streitschriften. Auch aus Dargun sind dergleichen vorhanden.

Von der Hand des oben genannten Pagenhofmeisters Leonhardt haben wir "einen (hand)schriftlichen Aufsatz von der Bekehrung verschiedener Seelen, welche Gott am Ende des 1745. Jahres bald nacheinander in der Ordnung wahrer Buße in der Dargunschen Hofgemeinde zum Frieden gebracht" 1 ). Die fünfzehn Bekehrungsgeschichten, welche dieser "Aufsatz" enthält, gewähren einen Einblick in die Praxis des Bußkampfes.

In diesen Erzählungen ist zunächst die Stellung des Bekehrungsvorganges zum Worte Gottes beachtenswerth. Den zu Bekehrenden fehlt es in keinem Falle an der billig zu fordernden religiösen Erkenntniß nach dem lutherischen Katechismus. Nicht wie den Paulus plötzlich die Klarheit umleuchtet, daß der Verfolgte der Messias ist, nicht wie Luther die Sündenvergebung, die Glaubensgerechtigkeit entdeckt - Regionen des Christenglaubens, die ihm neu und fremd waren -, von solchen gegen das Vorleben naturgemäß sich mächtig absetzenden, sprungweisen Fortschritten


1) Pfarrarchiv zu Gr.=Methling.
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der religiösen Erkenntniß ist hier nicht die Rede. In der Regel sind es auch nicht grobe Sünden, aus denen die Neophyten aufgeschreckt wurden, indem ihnen daran ihr tiefes, handgreifliches Elend zum Bewußtsein kam, und so eine geistige Revolution in ihnen hervorgerufen wurde. Es sind, wie oft eigens bemerkt wird, christlich erzogene und wohl unterwiesene, ehrbare Leute, die mit mehr oder weniger Ernst, im Fallen und Aufstehen, aber aufrichtig im Gebrauch der Gnadenmittel gestanden haben, hoffend durch Gottes Gnade um Christi willen zum Leben einzugehen. Nun aber erscheint ihnen ihre Bekehrung nicht als Fortsetzung ihres bisherigen Christenstandes und das Wort Gottes, welchem sie diese Bekehrung zuschreiben, nicht als gleichartig mit demjenigen, das sie bisher gehört und auf welches sie ihre Hoffnung gegründet haben 1 ). Auch die Predigt der wiedergeborenen Geistlichen wirkt wenig oder nichts, bis Gottes Geist durch plötzliches Eingreifen irgend einen Spruch oder Liedervers mit magischen Kräften ausstattet, so daß er, nun nicht sowohl durch seinen oft ziemlich nichtssagenden Inhalt, als durch jene eigenthümliche Energie einer göttlichen Mitwirkung das Herz wandelt, zerknirscht oder aufrichtet 2 ). Es fehlt das Vertrauen auf die allmähliche, intellectuell vermittelte Wirksamkeit des göttlichen Wortes. Wie man, wo es galt einen Beschluß zu fassen, nicht gerne sich offen auf die vernünftige Ueberlegung der Sache im Lichte des göttlichen Wortes verließ, sondern es frömmer hielt, in der Schrift zu "däumeln" oder einen Spruch aus dem Halleschen Spruchkästlein zu "ziehen" und aus diesem Orakel wohl oder übel Gottes Willen herauszuklauben; wie man statt der lectio continua oder der kirchlichen Perikopen oder statt ver=


1) "Wobei sie liebloser Weise vergessen des vorigen treuen Unterrichtes ihrer Lehrer, Eltern und Vorfahren, ja Gottes selbsten, der zu keiner Zeit sich unbezeugt läßt und genugsamen Unterricht zum wahren Christenthum gegeben, . . nicht anders, als wenn sie selbst aus dem Heidenthum allererst zum Christenthum gebracht und zu einer ganz andern Religion kommen wären". (Stieber.)
2) So tritt eine eben Bekehrte zu Leonhardt in die Stube mit den Worten: Ich freue mich in dem Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide bärdet. Er fragt sie, wer ihr den Spruch geschenket. Illa: Der liebe Heiland hat es gethan und mir seiner Gnade dabei versichert. Ego: Ob sie den Spruch nicht auch vorhin gewußt hätte. Illa: Ja, aber da wäre er ihr wie tot gewesen, nun aber wäre er ihr eine Quelle des Lebens worden, daß sie sich als eine begnadigte Sünderin erkennete und fühlete.
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nünftiger Wahl eines passenden Schriftworts sich an "geschenkte Sprüche" hielt: - dieselbe Anschauungsweise spricht sich aus in dem Gebrauch, welchen man im Bekehrungsprocesse vom Worte Gottes machte, sowohl im Beginn des Bußkampfes, als auch im Momente des Durchbruchs. Es ist das aber nicht nur eine Verdünnung und Austrocknung der mächtig sprudelnden Quelle des Heils. Es liegt darin eine Schwächung des Bandes, welches das Leben des evangelischen Christen an die Schrift und die Wortverkündigung fesselt. An die Stelle sicherer Gebundenheit und langsamen, gleichmäßigen Ziehens tritt ein abwechselndes Knüpfen und Lösen, ein unruhiges Hin= und Herzerren an diesem Bande. Der Glaube an die Einwohnung des göttlichen Geistes im Worte der Kirche, die orthodoxe Anschauung vom religiösen Worte der Gnadenmittel ist grundsätzlich aufgegeben, wenn so die Wirksamkeit des Wortes auf Momente eingeschränkt wird.

Weniger in lehrhaften Aeußerungen als in dieser Praxis ist es dann begründet, wenn immer wieder der Vorwurf des "Fanatismus" und der "Enthusiasterei" gegen die Darguner erhoben wird. Darum läßt auch das Consistorium nicht ab, in dieser Richtung zu inquiriren. Vergeblich war das aber deshalb, weil die Darguner kein klares Bewußtsein von dieser ihrer Stellung hatten. Sie sind aufrichtig von ihrer Orthodoxie überzeugt. Denn sie verwerfen die Formeln der kirchlichen Lehre nicht. Aber sie sind unsicher, sprechen bald so, bald anders, wollen weder die kirchlichen Sätze noch ihre bewährte Praxis aufgeben. Auch muß man zugeben, daß dieser Schade im religiösen Leben der Bekehrten nicht gleichmäßig und überall herrschend hervortritt. In tief gegründeten und geistesmächtigen Persönlichkeiten wie Augusta und Zachariae sind nur Spuren davon zu beobachten. Die Fürstin stand so sehr in beständiger Lesung der Schrift, war so sehr unter unausgesetztem Einfluß der Predigt, daß jene bedenklichen Manieren, ohne ihr Schaden zu thun, nebenhergehen konnten. Die Weise ihrer eigenen Frömmigkeit ist die kirchlich=orthodoxe geblieben: eine durch den Pietismus belebte Orthodoxie. Sie fand sich in derselben Frömmigkeit, in welcher sie erzogen war, angeregt, belebt, gefestigt, gewiß gemacht. Sie nimmt auf das Bestimmteste in Abrede, daß sie nun einer andersartigen Gottseligkeit zugefallen sei. Dies ist nicht nur subjectiv recht geredet, sondern in ihr sowohl als auch in anderen Anhängern der Darguner Bewegung hat es sich thatsächlich so verhalten. Nachdem die erste Auf=

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regung sich gelegt hat, kommt die Bewegung im Ganzen wie im Einzelnen auf eine Kräftigung des religiösen Bewußtseins überhaupt hinaus. Die Leitung der Bewegung lag in den Händen von Geistlichen, welche große Stücke auf ihre Rechtgläubigkeit hielten. Dadurch wird der sonst so oft beobachtete feindliche Gegensatz gegen die organisirte Kirche von vornherein ausgeschlossen. Der Gedanke des allgemeinen Priesterthums gewinnt keinen merklichen Einfluß, abgesehen etwa von dem Gebete der Laien in den Betstunden, - ein Gebrauch, der übrigens unter Niedersachsen keine Aussicht auf Einbürgerung hatte. Die besonderen Merkmale pietistischer Frömmigkeit treten im Laufe der Jahre mehr und mehr zurück, auch in Dargun selbst. Es kommt also in Meklenburg nicht zu der consequenten Durchführung der kirchenfeindlichen Grundgedanken des Pietismus, dem sog. "Laienpietismus". Auch der Kampf mit den Orthodoxen drängte die Darguner nicht in dies Lager; er diente ihnen im Gegenteil zu mehrerer Aufmerksamkeit auf sich selbst, so wenig sie das wahrhaben wollten; nur um so eifersüchtiger hielten sie auf den Ruhm der Rechtgläubigkeit.

Diese allmähliche Abschleifung der Schärfen kann man auch bei der zweiten hervorstechenden Eigenthümlichkeit dieser Bekehrungsgeschichten beobachten, dem methodistischen Bußproceß. Ohne nennenswerthe Variation hat hier zunächst jeder Bekehrte die Schablone durcherlebt, auf jeder Station die vorgeschriebenen Phrasen benutzt und endlich eine ihn und den Kreis der Bekehrten zufriedenstellende Stimmung in sich zuwege gebracht. Jeder ist am einen Tage der "größte" Sünder, "verloren", hat die Sünde gegen den Heil. Geist begangen, um am zweiten in ein ebenso schrankenloses Seligkeitsgefühl umzuschlagen. Gegen diesen Umwandlungsproceß tritt das thätige Christenthum, die Beweisung der Liebe und Geduld, die Nachfolge Christi, die Präcisität - alles das tritt zurück. Es braucht nur an A. H. Francke erinnert zu werden, um den Abstand dieser zweiten Generation von den Urhebern des Pietismus erkennen zu lassen. Denn so sehr Francke den Ernst der Bekehrung betont, ist ihm doch der Beweis des Glaubens durch thätige Liebe die Hauptsache. Die Moral, welche Leonhardt aus den von ihm berichteten Bekehrungen zieht, ist die, "daß allerdings eine gewisse Zeit ist und sein muß, da eine Seele der Gnade Gottes wahrhaft und gewiß versichert werde, welches eben der Punkt ist, der auch sonst wohl bestritten und geleugnet worden ist". Zwar mögen Viele nicht

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das Datum behalten, wie auch bei den Dargunern geschehen, "weil sie wohl nicht in den Kalender gesehen und den Tag eigentlich bemerket haben; jedoch wußten sie das alles genau zu sagen, bei welchen Worten, zu welcher Zeit des Tages und an welchem Orte die Versicherung ihnen geschehen sei, und das ist sodann auch schon genug; indeß ist nicht zu leugnen, daß sodann doch ein gewisser Tag gewesen sein muß, da dies alles mit der Seele vorgegangen." Gegen die Triftigkeit dieses Schlusses wird sich freilich nichts einwenden lassen.

Allein, wenn man auch noch i. J. 1745 so in Dargun dachte, so war doch schon die Zeit abzusehen, wo man wieder den Hauptnachdruck auf das thätige Christenthum, den regelmäßigen Wandel legen mußte. In der Regel kommen so heftige religiöse Krisen nur in erregten Zeiten und Gemeinschaften durch Nachahmung zu Stande, im Verlauf ausgedehnterer Erweckungen. Dergleichen ereigneten sich in Dargun im Anfang der Wirksamkeit der fremden Prediger, ferner i. J. 1739 (bloß Erweckung, ohne daß Einer sich wirklich bekehrte). Im März 1741 geht es "sparsamer", nach Pfingsten fand eine unbedeutende Erweckung statt. Dann folgte die große Erweckung von 1745, von welcher alle Briefe der Zeit voll sind. Sie ist die letzte. Die Ursachen liegen wohl nicht so sehr ferne. Die Prediger blieben nicht ewig jung, die Gemeinden gewöhnten sich auch an ihre aufregende Predigtweise, die besonders Empfänglichen waren durch die schnell sich folgenden Erweckungen der ersten zwanzig Jahre absorbirt. Die folgende Generation, in dieser Atmosphäre erzogen, hatte ohnedies die Bekehrung bereits in der Kindheit erlebt. In Folge dessen vergaßen die Einen über den täglichen Aufgaben des Christenlebens den Bußkampf und seine ehemalige Werthschätzung, die Andern vergaßen ihn in der Trägheit des alltäglichen Lebens. Und die Veteranen der ersten Zeiten sahen mit Kopfschütteln die Veränderung und sehnten sich zurück nach den vergangenen Tagen der ersten Liebe 1 ).


1) 1752 klagt Cantor Rudolph, daß er zwar durch Gottes Barmherzigkeit noch an seinem Schulseile fortziehe und noch immer als in der Saatzeit arbeite; aber, wenn er sich oft begierig nach reifen Früchten umsehe, könne er kaum Blüthen merken. Den Bau des Reichs Gottes in Dargun betreffend, so finde sich doch noch immer hie und da Frucht der Lippen, die den Namen des Herrn bekennen und seine große Gnade, die er zur Errettung der Seelen erzeiget, rühmen und preisen. Wir behalten doch noch immer Proben, daß das Wort Gottes seine alte (  ...  )
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Leonhardt zählt die Bekehrten von 1745 der Reihe nach auf. Er hebt hervor, wie Einer dem Andern nacheiferte, ein Eifer, der theilweise den Charakter kindischer Eifersucht annimmt. Der Lebensstellung nach waren es ein Arzt 1 ), ein Jüngling, ein Knabe, zwei adelige Fräulein, eine Kammerjungfer, neun Dienstmädchen, Ammen u. dergl., also vorzugsweise ledige Frauenzimmer. Die beiden Fräulein waren die Töchter des Kammerjunkers v. Halberstadt, welche fromm erzogen, aber noch nicht wahrhaft wiedergeboren waren. Die Mutter war voll Freude über die Töchter: "könnte ich im Loben ganz vor im zerfließen, wie gerne thäte ich es", schreibt sie an Wallbaum; "am 21. ward die älteste ihrer Seligkeit so gewis, daß sie nicht mehr zweibeln konnte, wen Sie es auch probeiren wolte, um sich nicht zu bedrigen." Drei der Neubekehrten waren Kinder des Hofpredigers: seine älteste Tochter, die Hofdemoiselle der Herzogin, sein ältester, damals 17jähriger Sohn Traugott, der spätere Bützower Professor, und noch ein 10jähriger Sohn.

Die Bekehrungsgeschichte des 10jährigen August Ernst Friedrich Zachariae ist nach seinem 1747 erfolgten Tode sammt einer Beschreibung seines Endes als Tractat gedruckt 2 ) und verbreitet worden. Da wir in den Akten über Erweckungen der Kinder, von denen man in Dargun noch heute spricht, sonst nichts Näheres gefunden haben 3 ) , geben wir das Wesentliche dieser Geschichte nach Leonhardt. Es giebt keine anschaulichere Darstellung der ganzen Unnatur des Bußkampfes. - Der Knabe war schon oft überzeugt gewesen, daß er sich bekehren müsse, hatte auch zu beten angefangen, aber er war ziemlich wild und flüchtig, und so gingen diese guten Regungen bald vorüber. Nun aber hat Leonhardt ein genaues Examen mit ihm angestellt, wie es mit seiner Bekehrung zugegangen, und da wußte er ihm Alles genau,


(  ...  ) Kraft noch hat, daß es Seelen erwecken, gläubig, gerecht, heilig und selig machen kann.
1) Der Arzt war Joh. Andr. Stange, Hempels Nachfolger. Er hatte in Halle die Waisenhausschule besucht und auch daselbst studirt. seit dem 10. Febr. 1745 war er als Hofmedicus bestellt mit 200 Thlrn. Gehalt. Gleich in der ersten Predigt erweckt, zog er zu Zachariae in's Haus, wodurch er allem schädlichen Umgang entzogen wurde. "Er hielt sich nicht nur für den größten Sünder, sondern fühlte sich in der Wahrheit also" (stereotyp). Am 19. Nov. kam er zum Frieden. Ein Jahr später wurde er zum Leibmedicus ernannt mit dem Range eines Hofraths und bouche en cour; 1750 sein Gehalt auf 300 Thlr. erhöht.
2) Ein Berliner Druck unter den nachgelassenen Brochuren der Fürstin im Schweriner Archiv. Ein Stettiner Druck wird von Zander erwähnt (Brudersdorfer Pfarrakten ebenda).
3) Kindererweckung in Teschow s. oben, in Demmin weiter unten.
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von Stück zu Stück ordentlich zu erzählen, daß sich Leonhardt darüber verwunderte und vollkommen versichert war, es sei keine Verstellung, sondern Wahrheit. Er ist kaum 1 1/2 Tag in der Buße gewesen, da ihn Gott seiner Gnade versicherte. Wie er nämlich gesehen, daß sein Bruder so freudig wäre und mit dem Herrn Dr. so ernstlich betete, so gab ihm das eine heilsame Verwundung, daß er anfing bitterlich zu weinen. Er gedachte dabei, der liebe Gott würde ihn nun wohl nicht annehmen wollen, weil er bisher nicht mehrern Ernst gebraucht hätte. Er empfand dabei in seiner Seele große Angst und Furcht, ewig verloren zu werden und in die Hölle zu kommen. Er bat deswegen flehentlich Gott, er möchte doch noch seine Macht und Liebe an ihm beweisen, daß er doch ja nicht verloren ginge, welches geschah Sonntag, den 21. Nov. Seines Papa's Studirstube machte er zur Betstube, welche er diese beiden Tage gar oft betreten. Er bat Gott inständigst, er möchte doch diese Rührungen nicht wieder lassen vergebens vorbeigehen. Als er des Sonntags früh abermals beten wollte, wollte ihm der Feind immer was in den Weg legen; er bat aber den lieben Gott, daß er ihm möchte alle Hindernisse aus dem Wege räumen. In der Kirche zerfloß sein Herz und Auge mit Thränen, und Gott schenkte ihm den Spruch: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Joh. 6, 37. Nach der Predigt ging er wieder hin an den gewöhnlichen Ort zu beten, und im Hingehen begunte er eine Freudigkeit zu fassen. Er wollte sie aber nicht für die Versicherung annehmen, weil er noch nicht recht Buße erfahren. Darauf kriegte er große Noth und Angst. Bei Tische konnte er so lange nicht verweilen, bis sie aufgestanden, sondern er ging wieder hin zu beten. Vor der Nachmittags=Predigt betet er wieder und gehet darauf in die Kirche. Als er aber kaum dahin gekommen, trieb ihn abermals Kummer und die Angst so hart an, daß er wünschet, die Kirche möchte erst wieder aus sein, damit er in seinem bedrängten Herzen mit Gebet und Flehen Luft bekommen möchte. Doch er kann so lange nicht dauren, er gehet aus dem Kirchenstuhl heraus und gehet in die Sacristei und fängt da an bitterlich zu weinen und überlaut zu beten, so daß er meinet, alle Leute müßten es in der Kirche hören. (NB. Die Sacristei ist von der Gemeine etwas entfernt, daher ein solches nicht leicht zu besorgen ist.) Wie ich von der Kanzel nach gehaltener Predigt in die Sacristei kam, und niemand von uns wußte, daß der kleine Sohn indessen so gerungen, so erzählte der Herr Hofprediger gegen mich, daß

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zwei Seelen wieder wären zum Frieden gekommen, nämlich sub Nr. 5, 6. Dies schnitt ihm nun sehr ins Herz, daß ihm wieder einer wäre zuvorgekommen. Nach der Predigt war Erbauungsstunde bei dem Herrn Hofprediger. Er ging mit hinein, aber voller Unruhe, und gedachte, er habe die allergrößeste Sünde begangen, die drängte ihn jetzo recht. In der Stunde sagte der Herr Hofprediger unter andern: So lange der Mensch noch unbekehrt, wäre er ein Teufelsnest und diente dem Teufel. Das schnitte sein Herz recht, daß es blutend wurde. Nach der Stunde redete der Hofmeister Hochwohl. jemand an, ob er sich nicht auch aufmachen wollte, da dachte er: ach sollte der dir wohl wieder vorkommen? Sein Bruder war freudig; das beugte ihn sehr, daß er so nicht sein könnte. Er ging darauf wieder hin zu beten und trug es Gott vor: ob er ihn denn noch länger wollte ein Teufels=Nest sein lassen, daß er der Sünde und Welt noch länger dienen sollte. Er betete noch immer weg, bis er zu Tische gerufen wurde. Nach Tische kamen einige gläubige Seelen bei dem Herrn Hofprediger zu ihrer Erweckung zusammen; zu diesen sagte sein Papa, daß sein Sohn in kräftigen Rührungen wäre, ob es aber zu Stande kommen würde, wollte er erst sehen. Dies bewegte sein Herz wiederum, daß er gedachte: ach solltest du denn wohl zurücke bleiben? Das wolle doch Gott in Ewigkeit nicht geschehen lassen! Die folgende Nacht hat er beim Aufwachen oft gebetet. Als er des Morgens aufstand, kriegte er neue Noth, weil er sich nicht genug mit Gottes Wort beschäftigte. Er fing aber wieder an zu beten und wiederholte es so oft, daß er wohl sechs= bis achtmal nach einander betete. Endlich schlug er einen Spruch auf, und da kriegte er Jes. 49, 14-16: Zion spricht, der Herr etc . Er ging' darauf zum Dr., der fragte ihn, ob er hätte Vergebung der Sünde bekommen; ille: nein, er hatte wohl einige Freudigkeit gekriegt, aber das möchte wohl noch nicht der rechte Friede sein. Der Dr. antwortete: er solle es nur annehmen. Darüber ging er wieder hin zu beten. Im Gebet kriegte er eine ganz besondere Freudigkeit. Wie er herunter und wieder zum Dr. kam, sagte er ihm den Spruch, und daß er in den Worten: Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet, wahren Frieden in seiner Seele bekommen hätte. Im Hause wollten sie es noch nicht glauben, daß dem so wäre; aber er war so getrost, daß er offenherzig bezeugte, er wäre des Friedens so gewiß, daß er, ehe er daran zweifeln könnte, wohl seinen Kopf hergeben wollte. Bei dem Dr. wurde indessen mit ihm und seinen Bruder

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das Lied gesungen: Sei fröhlich im Herrn, du heilige Seele! Seine Mama kam auch hinzu und sah seine Freudigkeit. Es war auch solcher Tag der Anmeldungstag, da sich verschiedene Personen zur Beichte bei dem Herrn Hofprediger anmeldeten. Da nun auch Gläubige darunter waren und im Hinweggehen das Jauchzen und Singen und Beten hörten, traten sie auch in die Stube und wohneten der Hochzeitsfreude mit bei, sungen, beteten und lobten mit einander. Das heißt wohl recht: aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein Lob zubereitet. Herr, du hast deinen Namen sehr herzlich in der Welt gemacht; denn als die Schwachen kamen, hast du gar bald an sie gedacht. Nun, sein Name werde gepriesen! -

Sämmtliche Bekehrungen finden in der Hofgemeinde statt und stehen offenbar unter dem Einfluß des häuslichen Lebens in Zachariae's Familie, an welchem fünf der Bekehrten unmittelbar theilnehmen. Beispiel, Predigten, Erbauungsstunden, seelsorgerliche Gespräche und die ganze, ausschließlich religiöse Atmosphäre wirkten zu dem einen Zweck mächtig zusammen. Auch etwas gewaltsame Mittel traten hinzu. So, wenn nach der Erbauungsstunde der Hofprediger ein junges Mädchen im Beisein Anderer fragt, ob sie nicht auch wolle dem Herrn Jesu das Herz geben, auf ihre Zusage aber die Gemeinde zum Zeugen dessen aufruft. Deutlich zeigen diese Geschichten, wie trotz aller theoretischen Auseinandersetzungen über die gleich anfängliche Verbindung des Glaubens mit der Reue, doch von Letzterer ein bestimmter Grad erfordert wird, ehe es überhaupt erlaubt ist, sich der Gnade Gottes zu getrösten. Ganz prägnant spricht es Ehrenpfort aus, wenn er die orthodoxen Geistlichen hart anläßt, weil sie solcher welche ihnen ihre Sündennoth klagen, zum zuversichtlichen Vertrauen auf Jesum wiesen, ehe sie "noch recht reuig" seien 1 ).

Die Bekehrten besuchten regelmäßig den öffentlichen Gottesdienst, wie die Erbauungsstunden in den Pfarrhäusern. Außerdem versammelten sie sich in kleineren Kreisen noch bei diesem oder jenem Einzelnen, um gemeinsam zu beten oder zu lesen. Waren fromme Fremde zu Besuch, wie die bekehrten Officiere aus Demmin und Anclam, so kamen keine andern als religiöse Angelegenheiten zur Sprache, und man trennte sich nicht, ohne mit einander gebetet zu haben. Nur in diesem engsten Kreise ergriffen Frauen und Jungfrauen


1) Abgenöthigte Beantwortung u. s. w. S. 156.
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das Wort, wenn sie etwa von dem leitenden Geistlichen zu beten aufgefordert wurden. War man dann auseinander gegangene so notirte der Eine oder der Andere in seinem Tagebuch, ob das Gebet herzlich oder weniger herzlich, dürr, kalt u. s. w. gewesen war. Andere als diese religiöse Geselligkeit war verpönt; Spiel und Tanz kamen auch bei Hofe nicht mehr vor 1 ). Ebenso exclusiv verhielt man sich in der Wahl der Lectüre. Die Fürstin besaß eine bedeutende Bibliothek, deren Taxwerth auf 1571 Thlr. 24 ßl. angegeben wird und von welcher ein besonderer Catalogus vorhanden war. Ihre biblischen Studien haben wir erwähnt. Die von Benjamin Lindner in Salfeld besorgte Lutherausgabe 2 ) wurde in den Kreisen der Erweckten viel gelesen; die Familie Halberstadt hatte allein auf drei Exemplare pränumerirt. Man findet einzelne Exemplare noch jetzt in der Darguner Gemeinde. Daneben wurden alle neu erscheinenden Schriften aus Halle gelesen. Besonders geschätzt waren die Schriften von Arndt, Steinmetz, Statius, Lütkemann. Ferner erhielt die Herzogin, was an erbaulichen Schriften in Kopenhagen, Wernigerode, Berlin und sonst erschien. Ein Convolut solcher kleiner Schriften im Schweriner Archiv enthält Stücke von sehr verschiedenem Werth und Geist: neben Aufsätzen von Fresenius mancherlei alberne, mystische Reimereien. Von schwärmerischen Schriften wurde die Berleburger Bibel, die im Erscheinen war, bis zuletzt bezogen (in acht Exemplaren). Aber es läßt sich kein Einfluß dieser bedenklichen Bücher wahrnehmen. Alles Andere trat zurück gegen die Schriftlectüre.

Den Mittelpunkt des Kreises bildete nicht bloß durch ihre weltliche Stellung, sondern ebensosehr durch ihr geistiges Uebergewicht die Fürstin. Wer Briefe wie die ihrigen schreiben kann, ist keine Schablonennatur und ist unfähig, sich mehr als etwa vorübergehend von einem Andern beherrschen zu lassen. Es ist ihrem innersten Wesen entsprechend, wenn sie immer wieder den Grundsatz der Gewissensfreiheit, des unantastbaren Rechtes einer eigenen Ueberzeugung hervorhebt. Sie war bereit, der ganzen Welt gegenüber diese


1) Indeß wurde in den letzten Jahren der Fürstin wieder mehr auf Musik gegeben: 1749 wird ein "musicalischer Flügel" aus Güstrow erstanden für 24 Thlr. und 10 Thlr. werden an seine Reparatur gewandt; 1753 erhalten sogar fünf Bergleute zu einem Recompens vor ihr Musicieren 4 Thlr.
2) Sie erschien in 9 Bänden von 1738-1742. Der VIII. Theil enthält ein sehr gutes Bild der Fürstin und ein Akrostichon auf ihren Namen.
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Freiheit zu mainteniren, und sie hat Proben dieses Muthes gegeben. Dies freie Handeln nach den Antrieben des eigensten Wesens kleidet sich bei ihr in religiöse Form: "Es ist was Besonderes", schreibt sie an Graf Henrich Ernst 4. Jan. 1747, "und alle Zeit vor mich erfreulich, daß fast beständig mir was ins Gemüth fallen muß, wodurch ich innerlich angetrieben werde, dieses oder jenes zu thun, welches denn immer à propos und zu rechter Zeit gethan ist, daraus die sonderbare Leitung Gottes wahrnehmen kann." Aber das ist, wie bei Herzog Friedrich, doch nur eine durchsichtige Verhüllung einer ganz modernen Betrachtungsweise, himmelweit verschieden von der Sitte der orthodoxen Theologen des XVII. Jahrhunderts, das Gutachten der Facultäten einzufordern, wenn es sich darum handelte, der Berufung zu einem neuen Amte zu folgen, - oder von der Weise ihres eigenen Vaters, sich von Gewissensräthen auf Schritt und Tritt abhängig zu machen. Es hat Grund, wenn Rudolph berichtet: "Was anlanget meine theure Fürstin, so ist sie männlich und stark" (1737). Rastlos drang sie vorwärts, ihr geistliches Wachsthum war die Freude der Freunde. "An meiner gnädigsten Fürstin", schreibt Zachariae (1738), "thut Gott große Gnade, und Ihr geistliches Wachsthum kommt schnell. Alle Hebungen, so der Herr mit Ihnen vornimmt. sind Ihnen gesegnet. Und je länger Sie ehedessen in eigenen Wegen herumgetappet, je angenehmer ist Ihnen nun der einfältige Weg des Evangeliums, ja je fleißiger preisen Sie Gott mit innigsten und erhabenen Herzen für die selige Führung. Sie wissen von weiter nichts als von Jesu dem Gekreuzigten, und es gehe wie es wolle (wie sie denn sogar von Ihren eigenen Leuten sehr viel erdulden müssen), so lassen Sie sich doch nicht an dem gläubigen Besitz und Genuß Ihres Heiles stören. Sie sind es also allein werth, daß Sie mit dem herrlichen Evangelium Christi recht voll gefüllt werden. Mein Jesus, laß doch ihrem gesegneten Exempel noch viele Andere aus den Hohen dieser Welt folgen!" Dabei keine Spur eines ängstlichen, kopfhängerischen Wesens. Neben dem Ernste der Ueberzeugung bewahrte sie sich eine zarte, echt weibliche Empfindung und einen feinen Humor. Völlig natürlich ergeben sich ihr bei jedem Anlaß geistliche Gedanken. Eine Auseinandersetzung wegen der Dotalgelder ihrer Schwester Christine schließt sie mit den Worten: "Gottlob, daß wir ein gewisses und wahrhaftiges Erbe haben, das uns behalten wird im Himmel, da die Diebe nicht nachgraben noch stehlen können". Und bei Uebersendung einer Sammlung

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von Schriften über die meklenburgische Verfassungsangelegenheit erwähnt sie eine verbotene Schrift über diesen Gegenstand und fährt fort: "Wir, die wir glauben, sind glücklich, daß die Beschreibung aller Grundgesetze, Statuten und Gerichte, ja die ganze Verfassung von unserm christlichen Zions= und himmlischen Jerusalems=Lande als vom Reiche der Gnaden und der Herrlichkeit unseres Königs völlig zu haben und keiner Inhibition unterworfen sind". -

Man kennt die Gefahren einer Geselligkeit, welche von den natürlich=menschlichen Verhältnissen absieht und sich auf rein religiöse Grundlagen stellt. Eine innerlich unwahre Ausgleichung der Standesunterschiede hat einen um so häßlicheren Rückschlag zur Folge. Frommes Streberthum ist von allen das widerwärtigste. Indeß die Fürstin war durch die mit Helwig gemachten Erfahrungen gewarnt und wußte alle Klippen umsichtig zu vermeiden 1 ). Für das sociale Leben am Hofe verweisen wir auf den im Anhang mitgetheilten Bericht Wallbaums. Daß die Dienerschaft zum großen Theil dem "neuen Glauben" zufiel, ist wohl natürlich. Sollten neue Personen in Dienst genommen werden, so erhielten bekehrte den Vorzug. Aber die Prinzessin hielt mit aller Strenge auf Zucht und gute Sitten. Als der Mundkoch Oestmann sich an dem Laquaien Neumann vergriffen hatte, sah sie sich "Gewissens halber" genöthiget, demselben seinen Abschied zu ertheilen. Rudolph, der Cantor, berichtet bei seiner Ankunft von dem freundlichen Entgegenkommen der Bekehrten: er habe rechte herzliche und kindliche, einfältige Kinder Gottes angetroffen; im Singen komme er gar wohl zurecht, indem der Herr Hofprediger sich immer nach ihm richte, "und die deshalb was zu sagen hätten, sind kindlich gegen mich, daß ich also ohne Furcht alle meine Arbeit verrichte".

Das Verhältniß der Herzogin zu ihren Geistlichen ist bis an ihr Ende dasselbe geblieben. In jeder Noth hatten sie an ihr eine Helferin. Schmidt und Ehrenpfort wurden von Feuersbrünsten betroffen: die Herzogin ersetzte den Brandschaden mit je 40 Thlrn. Vom Tage des Leipziger Urtelspruchs (21. Februar 1738) ist das Project des neuen,


1) Sie hielt Vornehm und Gering in Respect. Mit unverhohlener Aengstlichkeit bittet Frau v. Halberstadt um Geheimhaltung einer Nachricht: "Weil unsere liebe Fürstin in dem fal was eigen seint, was so an ihnen geschriben wirt, wen sie solges durch den dritten wieder zu hörren krichten, die es doch leicht, ohne Arch daraus zu haben, thun könnten". (20. Mai 1744.)
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zweistöckigen Leviner Pfarrhauses datirt, welches noch heute steht, ein Denkmal der unerschütterlichen Treue, mit welcher die Fürstin an ihren geistlichen Vätern festhielt. Mußten Beiträge zum Reisewagen des Superintendenten gegeben werden, so wurden sie aus der Hofcasse angewiesen. Die Herzogin sorgte dafür, daß die bekehrten Pastoren ohne Nahrungssorgen sich ihrem geistlichen Amte widmen konnten, während z. B. die Pastorin Pauli zu Gorschendorf klagen muß, daß ihr lieber Mann gleich einem Knecht und Tagelöhner arbeiten, sich dennoch in Schulden setzen, auch seine Kinder zu nichts Tugendhaftem anführen, seine Zeit mit Kummer hinbringen und die Seinen (event.) in bitterer Armuth sitzen lassen müsse (1735). Allein auch in dieser Hinsicht mildert sich späterhin bei der Herzogin die anfängliche Ausschließlichkeit: gelegentlich erhält auch der orthodoxe alte Seedorff ein Gnadengeschenk von 12 Thlrn. (1746). Am nächsten hat der Fürstin Zachariae gestanden. Bei ihm erstreckt sich ihre Fürsorge mehrfach auch auf seine Kinder und über der Herzogin Lebenszeit hinaus: sie hat ihn mit einem Legat von 200 Thlrn. bedacht.

Allzu empfindlich wurden die Geistlichen daher von den Verfolgungen der Gegner nicht betroffen, und Stieber, welcher sein Amt darüber verloren hatte, entwirft eine glänzende Schilderung von dem üppigen Leben der "geistlichen cavaliers" 1 ): "Haben jetzo viele arme Unterthanen und Einwohner Meklenburgs, auch des Dargunischen Amts, bei diesen betrübten Zeiten kaum das liebe Brot: so essen diese Prediger mit ihren lieben Frauens oft das Niedlichste, was fürstliche Tafeln zieret, und was den lüsternen Appetit des Fleisches stillen kann. Delicatessen, Wildbraten, Oesters, allerhand Weine und andere Erquickungen, Thee und Caffee bei angenehmer, erweckter Conversation sind ihnen bei diesen betrübten Jahren nicht rar. Aber die armen Bauern müssen bei ihrem Elend nicht einmal einen Trost hören, sondern werden als Unbekehrte und Verdammte zur Höllen gewiesen, wie es heißet: draußen sind die Hund . . . Was andere Lehrer in Meklenburg von ihren Einkünften in vielen Jahren, ja oft Zeit Lebens nicht anschaffen können, das haben diese schon in den ersten Jahren. Anständige Meubles, à la modische Kleider, französische Betten, Seidenstoffe, galante Aufführung ihrer Frauens trotz denen, die höheren, auch


1) Gemüßigte Vertheidigung des meklenburgischen Lehrambts u. s. w., S. 37 ff.
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adlichen Standes sind, in Gutschen fahren, sich divertiren, ansehnliche Visiten geben und annehmen, sind Dinge, deren sie sich billig wider alle meklenburgischen Lehrer zu rühmen haben". -

Ein inniger brieflicher und persönlicher Verkehr verband die Niederlassungen des Pietismus durch ganz Deutschland und darüber hinaus. Directe Correspondenz wurde von Dargun aus unterhalten mit Wernigerode, Salfeld und Ostfriesland, sowie mit mehreren pommerschen und meklenburgischen Geistesverwandten. An jedem Orte wurden Nachrichten von dem Gange des Reiches Gottes daselbst von Zeit zu Zeit zusammengestellt und in Umlauf gesetzt. Durch solche Berichte wie auch durch die Aufzeichnungen zuverlässiger Sendlinge (wie Hrn. v. Caprivi, Hofrath Wallbaums), welche von Zeit zu Zeit die frommen Niederlassungen bereisten, erstreckte sich der geistige Verkehr noch auf eine Menge anderer Orte, wie Kopenhagen, Glückstadt, Kloster Bergen, Jauer und Schweidnitz. Diese "Nachrichten vom Reiche Gottes" sind mit einziger Vollständigkeit erhalten in dem geistlichen Archiv des Grafen Heinrich Ernst v. Stolberg=Wernigerode, und zu ihnen gehören die oft angeführten zwei Relationen über Dargun oder vielmehr über "Ausbreitung und Hindernisse des Reiches Gottes im Herzogthum Meklenburg". Am innigsten war das Verhältniß mit Wernigerode. Dahin correspondirten Rudolph, Zachariae und die Fürstin selber. Und zwar tritt der Verkehr mit ihrem Neffen Christian Ernst immer mehr zurück gegen den herzlichen Austausch mit seinem Sohn Heinrich Ernst, dem "geistlichen Herrn". An ihn ist weitaus die Mehrzahl der 29 Briefe gerichtet, welche von Augustens Hand aus den Jahren 1736-52 in Wernigerode erhalten sind. In denselben spricht sich die gleiche liebevolle, zarte Theilnahme an allem, was den Grafen und die Seinen betrifft, aus, welche wir aus Wigger's Darstellung ihres Verhältnisses zu Herzog Friedrich und dessen Familie kennen. Auf einen Dankesbrief des jungen Grafen nach einem Besuch in Dargun entgegnet die Fürstin: "Warum so vielen Dank und wofür so viele Erkenntlichkeit? Ich habe Ihnen ja überaus wenig Liebe erzeigen können, obgleich mein Herz voller Aufrichtigkeit und Ergebenheit vor Ihnen ist. Sie in meinem Gebet täglich vor Gott zu gedenken, werde in meinem Gemüthe recht angetrieben". Sie sucht ihn zu trösten, wenn "sein guter und himmlischer Wind ihm seine sanfte und angenehme Anwehung entzogen hat".

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Nachdem der Graf lange nicht geantwortet hatte, schrieb sie: "Eines Sohnes leichtes Verbrechen kann eine Mutter noch leichter vergeben, wenn sie sich erinnert, wie viele Schulden ihr Gott vergiebet, dessen Bild sie an sich nehmen soll, und also kann sie die negligeance ihres sonst geliebten Sohnes gerne vergessen. Weil aber Sohn und Mutter miteinander vertraulich umgehen müssen, so muß nur offenherzig gestehen, daß ich mich zwar über Dero Stillschweigen gewundert habe, und glaubete, wenn des Herrn Vaters Befehl das Schreiben nicht veranläßt hätte, wäre es noch wohl was ausgefetzt geblieben Aber die Versöhnung ist vollkommen wieder da". Nun übersendete ihr der Graf einen Band seiner Gedichte, da schreibt sie: "Das Verbrechen, wenn es künftig also und auf solche Art ausgesöhnt wird, mag immer geschehen".

Was beider Orten an interessirenden Schriften erbaulichen wie polemischen Inhalts erschien, wurde natürlich ausgetauscht. Aber auch sonst, was erfreuen konnte; so werden im Jahre 1746 von der Fürstin 21 geräucherte Aale für die Mutter des Grafen, 6 für den Hofprediger Lau auf die Post gegeben. (Porto: 5 Thlr. 12 Schill.!) Fast jedesmal aber sendet Augusta einen Spruch aus dem Spruchkästlein oder auch ein Capitel aus der Schrift für den Grafen, für seinen kranken Kammerdiener u. s. w., in diesem Punkt der Manier ihres Kreises Tribut zahlend.

Dieser Verkehr wurde durch mehrfache Besuche der Stolbergischen Verwandten in Dargun belebt. Wir kennen den für die Inoculirung des Pietismus in Meklenburg bedeutungsvollen Besuch des Grafen Christian Ernst im Jahre 1733. Er wiederholte denselben in Begleitung des Herrn v. Caprivi, welcher schon das Jahr zuvor in Dargun gewesen war, Ende 1737 oder Anfang 1738. Graf Henrich Ernst war im August und September 1740 und dann wieder im Juni 1745 in Dargun. Auf der ersten Reise war er begleitet von dem Salfeldischen Hofrathe Wallbaum, in dessen Tagebuch sich eine sehr instructive Beschreibung der Reise wie des Aufenthalts zu Dargun findet (abgedruckt Anhang Nr. 2). -

Bekannt ist der scharfe Gegensatz, in welchem trotz ihrer innigen Verwandtschaft die Herrenhuter und Pietisten zu einander standen. Obwohl die Darguner ganz in Zinzendorf'scher Weise tändelnd von Jesu Wunden u. s. w. reden, sind sie doch von einem wahren Haß gegen die Herrenhuter erfüllt. Was sie an denselben auszusetzen haben, ist ihr

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sectirerisches Wesen, die Absonderung von der allgemeinen Kirche und die Aufrichtung besonderer religiöser Gemeinschaften. Die Darguner beweisen auch in diesem Stück, daß sie der evangelisch=kirchlichen Richtung des Pietismus angehören 1 ).

"Gott könnte mir nichts Härteres auflegen", schreibt Moltzahn (1742), "als wenn er es geschehen ließe, daß ich selber einen falschen Herrenhuter und Irrgeist meinen armen Leuten in Pommern aufbürden sollte". Er spricht (1749) von "Herrenhutischer Pest", rechnet diese "Schlangenbrut" unter die Feinde des Kreuzes Christi und fährt fort: "Bis hieher hat der barmherzige Gott unsere theuerste Prinzeß wie auch rechtgläubigen, liebenswürdigen Erbprinzen in dem erlaubten Haß gegen diese schädliche Seele erhalten"; sie hat bewiesen, "daß sie einen Ekel an dergleichen Leuten hat, welche vorgedachte nur defendiren". Was darüber ausgesprengt ist, ist Lüge; die Darguner wollen bei der Orthodoxie im Leben, Leiden und Sterben bleiben.

Von Dargun aus war auch in Anklam ein Häuflein Rechtschaffener gesammelt. Unter diesen hatten die Zinzendorfer eine betrübte Zerrüttung angerichtet. Aber durch Zachariaes Eingreifen hatten sie ihre Ab= und Irrwege eingesehen und bekannt, und waren nun wieder recht herzlich (1741). "Gott bekehre doch diese schädliche Pestilenz, ich meine Zinzendorf" - seufzt Moltzahn. Weil sie der Bußkampf=Praxis widersprachen, galten sie unbesehens für unbekehrt. Der Graf voran: "Herr Jesu, erbarme Dich über diesen armen Zinzendorf und gieb im gesunde Augen, die was taugen, damit er sein Elend einsehe und um Gnade der Buße betteln lerne, welches ihm von Grund des Herzens gönne und wünsche" 2 )


1) Dazu kam, daß Zinzendorf gerade die Lieblingslehre der Darguner mit aller Entschiedenheit bestritt. In seiner "Predigt von dem Bußkampfe Für uns" 1741 lehrt er, daß Jesus Christus den Bußkampf an unserer Stelle durchgerungen hat. Das mußte den Dargunern als seelengefährlicher Irrthum, als frevelhafter Leichtsinn erscheinen.
2) Am ausführlichsten spricht sich Frau v. Halberstadt aus (an Wallbaum): "Was kömmt die Leute an, daß sie uns beschuldigen, wir hielten es mit den Herrn Hutern? Alle die Sie Ehedem allhir als Kinder gottes haben kennen lernen, ist es woll nicht mall im Sinne gekommen, und euserlich nicht den geringsten Schein darzu gegeben, ja da der feint manges unter Kinder Gottes hir hat bringen wollen, so ist der Haß zu den HErrn Hutern geblieben, zu sagen gegen ihr bößes, so dem Klahren Worte Gottes entgegen stehet, mit dehnen armen Verführten Leuten an sich hat man alle Zeit ein großes mitleiden gehabt, und Ihrre wahre Bekehrung von Hertzen gewünschet. Ich entsage mir willich und von (  ...  )
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Die "Unionsgesinnung" - sonst ein hervorstechender Charakterzug des Pietismus - tritt bei den Dargunern nicht bloß ihren directen Gegnern gegenüber sehr zurück, sondern überhaupt (vergl. z B. die harten Urtheile über Socinianer und Jesuiten bei Ehrenpfort: Abgenöthigte Beantwortung u. s. w. S. 141 ff.). Ans Ruder gelangt durch Herzog Friedrich haben sie Herrenhuter und Rationalisten weidlich gemaßregelt.

Die Zahl der "Kinder Gottes" betrug um 1740 in der 150 Seelen zählenden Hofgemeinde etwa 40, in Levin gegen 30, ebensoviel in Röknitz. Dazu ein kleines Häuflein in Gr.=Methling. Weitere Statistiken fehlen leider. Erheblich wird diese Zahl auch nie überschritten sein. Doch ist die Zahl der eigentlichen Bekehrten durchaus nicht der Maßstab für die Wirkung und Bedeutung der pietistischen Bewegung in Meklenburg.

Wenn Nippold sagt 1 ): "Ebenso mattherzig wie hochmüthig, ebenso phrasenreich wie thatenarm hat die zweite Generation des Pietismus sich in ihre eigene Weltflucht zurückgezogen und jeder Einwirkung auf das große Allgemeine entsagt", - so gilt das im Allgemeinen auch vom Darguner Pietismus.

Eine wortreiche, leidenschaftliche, aber ganz in sich selbst zurückgebogene Frömmigkeit sprach sich in dem oben mitgetheilten Briefe Rudolphs aus. Denselben Charakter trägt die Correspondenz des Hofmeisters v. Moltzahn mit Wallbaum 2 ); sie ist dazu von einer Weinerlichkeit und Wehleidigkeit, die bei einem meklenburgischen Edelmann seltsam berührt. So schreibt er: "Der Herr treibe Sie ferner durch seinen guten Geist beständig für uns arme Mecklenburger zu beten. Wir thun in der Kraft Jesu ein Gleiches und wollen mit allen rechten, echten Gliedern gemeinschaftlich leiden,


(  ...  ) gantzem Hertzen allen Herren Hutschen weßen, es mach Nahmen und Schein haben. Wie es will, mir ist es gleich greulich, es sehe Schwartz oder Weis aus, der Teufel sticht doch dahinter, den habe ich in der heillichen Taufe ein mahl entsachget, und ob ich leider an meiner Seite den herlichen Bund verlassen und gebrochen, so ist er doch an Gottes Seiten veste geblieben, und ich bin durch seyne Erbarmung in der Ordnung wahrer Buße oder Sinnesenderuug in diesen alten Gnaden Bund zum Kinde Gottes wieder auf= und angenommen; durch Gottes Macht werde ich auch im Glauben bis ans Ende meines Lebens erhalten werden, das Traue ich meinem lieben Erlöser zu, der mich arm Wurm bis hiher so treulich fort geschlept, der wirt sich ferner meiner Schon annehmen" u. s. w.
1) Einl. in die K.=Gesch. des 19. Jahrh., S. 149.
2) Gräfl. Stolb. Archiv in Wernigerode.
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freuen, kämpfen, streiten, siegen, überwinden Teufel, Welt, das böse Fleisch und Blut. O Herr Jesu, der du das Wollen in uns gewirkt, schenke auch Kraft zum Vollenbringen, damit der Teufel unser nicht spotte; erhalte, stärke, vermehre täglich in uns den Glauben, besonders in mich Unmündigen, so werden wir dir nicht zur Schande, sondern zur Ehre leben und erfahren, wie gut es die Erlöseten des Herrn haben". Nicht anders als albern wird man Aeußerungen nennen können, wie diese: "Wäre meine gnädige Fürstin ein Herr, so würde sie Salfeld nicht unbesuchet lassen, vor Dames ist das Reisen beschwerlicher; des Herrn Wille geschehe, unverhofft kommt oft, Amen", oder wenn er einen Hamburger Kaufherrn, dem er Geld zu schicken hat, in dem Geschäftsbrief "wie einen Bürger Zions tractiret, der aus eigener Erfahrung weiß, was Buße, Glaube, Wiedergeburt zu bedeuten haben" - ohne sicher zu wissen, ob jener wirklich ein Bürger Zions sei, und dann vor Wallbaum seine bezüglichen Scrupel mit unverkennbarem Behagen ausbreitet; oder wenn er berichtet, daß der gläubige Müller gestorben ist: "helfen Sie uns wieder einen gläubigen Müller erbetteln".

Dieser läppische Ton zieht sich auch durch die Briefe anderer Correspondenten hindurch. So freut sich der Kammerjunker v. Halberstadt herzlich, daß Wallbaum "als ein volles und gesegnetes Faß, so Jesus selbst erfüllet, in Salfeld angekommen ist", und gar seine Gemahlin, Moltzahns Schwester, schreibt: "Der 84. Psalm, so sie in meiner Stube - nach dem Hebräischen lasen, Schmeckte mir damals recht gut und auch noch, wenn ich dar angedenke. Ich gönne ihnen gerne die Gnade, so der Heiland selbst in sie geleget, und Wohrdurch sie als ein fruchtbohrer rebe vor ihm zum Preise stehen. Aber das schöne Pasälterlein Gönne ich Ihnen nicht gantz allein".

Ungleich würdiger ist dagegen die Schreibart in Zachariae's Briefen. Er Wenigstens hat diesen Ton nicht angegeben. Dagegen ist das Benehmen Leonhard's bei der Methlinger Pfarrbesetzung ein bezeichnendes Beispiel dafür, wie schwer es den späteren Pietisten war, sich zu einer innerlich freien und festgegründeten Sittlichkeit zu erheben (vgl. Hoßbach, Ph. J. Spener, 2. Aufl., S. 304).

Auch der Vorwurf des Hochmuths kann im Großen und Ganzen nicht zurückgewiesen werden. Schon bei der Darstellung der Anfänge zu Dargun haben wir eine Gemeindebeurtheilung gefunden, welche mit der Liebe, die Alles zum Besten kehret, sich nicht verträgt. In dem litterarischen

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Streit ist die Grobheit und Rechthaberei der Orthodoxen nicht abstoßender als der geistliche Hochmuth der Pietisten. Unter dem Ausdruck "meklenburgisches Zion" hatte man ehedem einfach die lutherische Kirche in Meklenburg verstanden. Die Darguner brauchen ihn gleichbedeutend mit "Dargun". Eigenthümlich ist das Verfahren der Pastoren bei der Eintragung der Gestorbenen ins Kirchenbuch. Leonhard in Gr.=Methling bezeichnet ganz consequent nur Kinder unter 2 Jahren mit dem Prädicat "selig"; von älteren Personen ausschließlich diejenigen, welche ihm als "Bekehrte" bekannt sind. Doch liegt hier nicht der perfectionistische Irrthum zu Grund. Die Bekehrten betrachteten sich keineswegs als Heilige und Vollkommene, sondern gestehen in sehr starken Worten die Fortdauer der sündigen Triebe in ihren Herzen ein. Moltzahn sagt: "Gott lerne besonders mich Unmündigen die evangelischen Vortheile und Befehle recht fassen und gläubig ausüben, ich sage zu allem ja und amen, weiß auch, daß vor einem Gottlosen nirgends Ruhe Trost, Erquickung zu hoffen und finden, als in denen offenen Wunden Jesu und dessen Gerechtigkeit, welches durch seine Gnade mein Element und Alement sein und bleiben soll trotz Sünde, trotz Teufel, trotz höllische Pforten, ich bin nun ein seliges Gotteskind worden". Wohl aber begegnet die Vorstellung von einer Unverträglichkeit der irdischen Dinge mit der Frömmigkeit. So gilt Leonhard bei einer erweckten Frauensperson ihre Verlobung als Hinderniß der Bekehrung, weil ein solches, ehe die Seele zum wirklichen Frieden in der Rechtfertigung gelanget, oft große Hindernisse zu machen pfleget. Dieselbe hat dann auch sorgfältig alle Zerstreuungen vermieden, entschlug sich auch zu der Zeit gänzlich der geschehenen Verlobung, weil sie erst ihre Sache mit dem himmlischen Bräutigam wollte richtig machen. Als ob nicht die Liebe zu Gott und die Brautliebe auf zwei ganz verschiedenen Gebieten lägen! Dem entsprechend scheint in diesen Kreisen eine unnatürliche Gleichgültigkeit die rechte Stimmung eines Freiwerbers zu sein. Die Frau v. Halberstadt berichtet (1. Juli 1745) über Herzog Friedrichs Heirathsangelegenheit, derselbe sei noch ganz gewiß in seinem Gemüth, daß es göttliche Direction sei; davon habe er gar viele Proben: "Dabei seint Sie von Anfang gleichgültig gewesen, es geschehe oder nicht, und so finden Sie auch noch; nichtes als der Wille Gottes erfreuet ihn; ich kann nicht sagen, wie kindlich und zuversichtlich dieser liebe Herr im Gebet mit Gott umgehet". - Es gehörte in diesen

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Kreisen zum guten Ton, das große Ganze der Kirche verloren zu geben und sich ungeheuer zu verwundern, wenn man einmal unvermutheter Weise einen gottseligen Mann antraf. Auch die Zukunftshoffnungen für Meklenburg, welche zuweilen ausgesprochen werden, tragen zum Theil diesen resignirten Charakter. Diese hochmütige und zugleich mattherzige Stimmung der Bekehrten möchte mit der übermäßigen Betonung des Bekehrungsvorgangs eng zusammenhangen. Im Bußkampf und Durchbruch konnte sich leicht die ganze religiöse Leistungsfähigkeit erschöpfen. Der Durchschnittsmensch (und wie viele erheben sich über den Durchschnitt?) überhebt sich, wenn er zu tragen unternimmt, was dem Genius zukommt. Gewiß giebt es auch einen religiösen Genius, und die ihn haben, durchleben die religiösen Processe in der elementaren Gewalt und in der scharfen Folge der Momente, wie ein Augustin und Luther. Aber während der Genius aus solchen Erlebnissen Riesenkräfte gewinnt, verbraucht der, welcher im Schweiß seines Angesichts ihn copiren will, seine schwachen Kräfte in nutzloser Anstrengung.

So sehr nun in den angegebenen Zügen der Darguner Pietismus das Gepräge der zweiten Generation trägt, so entschieden haben sich einzelne Persönlichkeiten, zumal die Prinzessin, über diese Wasserlinie erhoben. Ihr ist der Pietismus Befreiung von kirchlicher Aeußerlichkeit und zugleich von thatenloser gelehrter Speculation gewesen. Er hat sie von dem "Grillenpietismus" befreit und ihre ganze Thatkraft angeregt, sie zu einem, das ganze ihr zugängliche Lebensgebiet umfassenden, Wirken begeistert. Welche Energie sie in der Besetzung der geistlichen Stellen entfaltete, haben wir gesehen. Aber neben der fast männlichen Energie ist ihre zarte, wahrhaft geheiligte Nächstenliebe ein hervortretender Zug im Charakter der Fürstin. Diese Liebe war nicht eingeschränkt auf die gleichgesinnten Verwandten in Schwerin und Wernigerode; sie umfaßt gleichermaßen den beklagenswerthen regierenden Herrn und den lauen Commissarius. Noch weniger ließ sie sich auf die Bekehrten und die Geistlichen eingränzen. Jeder hatte ein Anrecht daran, und am meisten der Bedürftigste. Ihre eifrigste Thätigkeit galt den Unmündigen, Armen und Elenden jeder Art. Daran hinderte sie weder die nun einmal nicht wegzuläugnende sträfliche Gleichgültigkeit der alten Streit=Orthodoxie, noch separatistischer Hochmuth. Sie nimmt Theil an den humanen und Samariter=Bestrebungen, durch welche der Pietismus ein wesentliches Element der Religion Jesu der Christenheit

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wieder ins Gedächtniß gerufen hat. Auch in ihr lebte jene Gesinnung, die A. H. Francke in den unvergleichlichen Worten ausgedrückt hat: "Ich habe es meines Theils für besser gehalten, mit dem Samariter mich meines Nächsten anzunehmen als mit dem Priester und Leviten in der Speculation vorbeizugehen; danke Gott, daß ich dabei gelernt habe, wie armen Leuten zu Muth ist, welches ich sonst nicht gewußt" 1 ). Sie begnügt sich nicht bekehrt zu sein und Jesum in mystischer Einigung mit ihm zu genießen, sie begnügt sich nicht Tanz und Spiel abzuschaffen und im Gefühl eigener Frömmigkeit "zu beseufzen und beklagen anderer Leute Sünd", sie vergeudet nicht ihre Kraft in zielloser, selbstquälerischer Selbstbeobachtung: sondern sie arbeitet.

In erster Linie steht Augusta's Thätigkeit für die Volksschule. Im Jahre 1733 hatte die Hofcasse nur 4 Lehrerbesoldungen zwischen 3 und 5 Thlrn. zu tragen für die Lehrer zu Upost, Damm, Darbein und für den Schloßküster. Um die Mitte der vierziger Jahre werden Gehalte zwischen 4 und 12 1/2 Thlrn. ausgezahlt an Küster, resp. Schulmeister zu Jördensdorf, Gr.=Methling, Glasow, Upost, Dörgelin, Levin, Röknitz, Damm, Darbein, Brudersdorf, Barlin, Küsserow, den Schloßküster, daneben besondere Remunerationen für Abhaltung der Sommerschule in Finkenthal und Altkalen. Nicht, daß nicht schon Schulmeister in den meisten dieser Ortschaften gewesen wären, wiewohl auch neue Stellen fundirt wurden, wie zu Glasow und Dörgelin; es waren Schulmeister da, aber zum Theil solche, die nach Ausweis der Quittungen kaum zu schreiben verstanden! Wenn es noch im Anfang dieses Jahrhunderts wenigstens in den Aemtern Mirow und Strelitz die Regel war: nur da, wo der Schulmeister Küster ist, stehet es hie und da wirklich so, daß er von seinem Dienste leben kann 2 ), so konnte 70 Jahre früher das Schulamt gewiß nicht mehr als Nebenberuf sein, ein wenig einträglicher und darum vernachlässigter Nebenberuf, welchen z. B. der alte Küster Klänhammel zu Brudersdorf für ein einmaliges Abstandsgeld von 6 Thlrn. an den neuen Schulmeister Rieck aus Magdeburg abtrat! Aehnliche Verträge wurden mit den Küstern zu Gr.=Methling und Levin geschlossen, deren Schulen von jungen Handwerkern übernommen wurden, welche die Fürstin zu Lehrern hatte ausbilden lassen. Leider ist nicht bekannt, wo sie ausgebildet


1) A. H. Francke, Segensvolle Fußstapfen des noch lebenden Gottes u. s. w., 1709, S. 93.
2) Patriot. Archiv. 1804, VI, 2, S. 61.
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wurden. Wahrscheinlich in Dargun selbst durch die Geistlichen und den Cantor Rudolph, der dies ja auch noch später in Neustadt fortsetzte. So sehr lagen diese jungen Leute der Herzogin am Herzen, daß sie drei davon noch in ihrem Testamente bedachte, damit ihre Ausbildung vollendet werden könne. Andere Lehrer wurden aus dem Auslande bezogen, und ihnen nicht nur Reisekosten, Zoll, Einsaat ersetzt, Kleider geschenkt, sondern auch noch bald eine Kuh (6 Thlr.), bald ein Bett (17 Thlr. 43 Schill.). Abgängige Schulmeister und Wittwen derselben, auch solche "alte unbekehrte Schulmeister, so sie nicht los werden können" und die doch durch "recht gläubige und gegründete Leute" ersetzt werden sollten, erhielten Gnadengehalte. Wo durch die neue Einrichtung Unbilligkeiten entstanden, wurden berechtigte Ansprüche befriedigt. So empfand der Röknitzer Küster den Ausfall an Accidentien sehr, welcher durch Anstellung von Schulmeistern in den eingepfarrten Ortschaften entstand. Hatte er doch nur ein Jahresgehalt von 4 Thlrn.! Auf die bezügliche Supplik Ehrenpfort's schrieb die Fürstin: "Dieses billiche Begehren des Ehrn Pastoris E. vor dem Röknitzer Küster wird hiemit aplaudirt, und kann nur der Befehl darüber ausgefertigt werden. Darguhn, den 9. November 1735. Augusta, H. z. M" Es ward ihm eine Zulage von 8 Thlrn., gewiß ein reichlicher Ersatz. Aber sie begnügte sich nicht damit, Schulmeister eingesetzt zu haben. Sie traf Verfügung, "daß die Kinder ohne Unterschied, sie seien aus ihrem Amt oder aus fürstlichen oder adligen Dörfern, so dahin eingepfarret, ohne Schulgeld zu geben unterrichtet werden könnten (1. Relation). Auch wo es an Lehrmitteln fehlte, half die Fürstin. Für Levin werden 1747 Buchstabirbücher bewilligt (24 Stück zu 1 Thlr. 24 Schill.). Zu demselben Zweck sind 1750 5 Thlr. 32 Schill. verausgabt. Zur Fortbildung der Lehrer hatte sie Conferenzen angeordnet 1 ).


1) Ueber diese giebt eine Bittschrift des von Augusta 1740 eingesetzten Schulmeisters Friedrich Padderatz zu Darbein vom 28. September 1792 interessanten Aufschluß. Er schreibt: "Zu den Lebzeiten der nunmehro höchstseligen Fürstin Augusta zu Dargun geboten höchstdieselben Ihren sämmtlichen Schulhaltern und schulhaltenden Küstern (sogar war der Dargunsche Cantor diesem hohen Befehl mit unterworfen), daß sie alle Monat eine Zusammenkunft halten mußten. Hohe Absichten waren diese, daß die Schullehrer sich unterredeten von dem Schulwesen; und wer die beste Methode anzugeben wußte, wie den Kindern am besten und leichtesten die Wahre Gottesfurcht und der Weg zur Seligkeit beizubringen war, demselben wurde gefolgt. War einer oder anderer, welcher hie oder da einen Mißverstand über eine Schriftstelle hatte, der gab solches offen= (  ...  )
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Wie es in diesen Schulen zuging, darüber enthält der Briefwechsel Rudolphs einige Nachrichten. Die neuen Lehrer waren nicht nur von einer lebendigeren, bewußteren Frömmigkeit beseelt als die alten: sie waren auch technisch, besser geschult und hatten eine wirkliche Begeisterung für ihr Amt. Es war ihnen ein Gottesdienst. "Ich bin herzlich erfreuet", schreibt Rudolph, "daß mir Gott eine solche Frau gönnet, die ihn von Herzen fürchtet, sie ist mir eine gute Hülfe in meiner Schule; ob sie schon keinen Fuß in die Schulstube setzet, so merke ich doch oft, wie ihr Gebet mir zum Segen gereichet; ja wenn ich durch viele Arbeit ganz ermüdet bin, so sucht sie doch auf alle Art und Weise mich zu ermuntern, damit ich nicht etwa möchte schläfrig werden, welches mir sehr gut ist. Mein Vater weiß es alles wohl zu machen; ich nahm mir eine fromme, doch allezeit krank gewesene Frau, und als ich sie zwei Wochen gehabt, legte sie auch Gott recht gefährlich aufs Krankenbette, um mich zu prüfen. Allein jetzo merke ich, wie Gott auch dem Leibe nach uns nicht verlassen noch versäumen kann, indem sie nun fast noch gesunder wird als vorhero, welches uns beide zum Lobe Gottes ermuntert". Der Mann, welcher so spricht, war der erste in Meklenburg, welcher sich der Ausbildung von Volksschullehrern widmete. Man kann dem Lehrerstande nichts Besseres wünschen, als daß dieser Geist ihn ihm lebendig bleibe. - Ueber seine Schularbeit berichtet Rudolph: "Den 20. August (1736) fing ich im Namen Gottes im ordentlichen Cantor=Hause an Schule zu halten, und ist solche anjetzo 37 Kinder stark; finde aber zum Theil sehr großes Elend bei Kindern und Eltern, auch sogar, daß sie sich sehr fürchten, man werde die Kinder verführen; jedoch hat michs nicht geschrecket, sondern mein Gott giebt mir Freudigkeit mich des gekreuzigten Christi nicht zu schämen, und sollte die Verfolgung noch besser kommen". Ein halbes Jahr später: "Meine Schule ist auf 70 Kinder stark, welche ich täglich 6 Stunden mit Lust und Freude informire und streue meinen Hausherrn viel Samen aus;


(  ...  ) herzig an, damit Sachverständige darüber eine bessere Bedeutung geben konnten. Zweites hohes Absehen war darauf gerichtet, wenn Kinder durch Umzug der Eltern oder durch der Kinder Dienen von einem Ort zum andern kamen, bei einerlei Schulordnung blieben und durch Umlernung oder Unwissenheit nicht versäumt wurden. Damit nun diese Zusammenkunft einem nicht beschwerlicher werde als dem andern, ging es reihweise um". Seit Augusta's Tode haben sich Viele aus unlauterem Grunde davon zurückgezogen, und Padderatz bittet nun in Vollmacht etlicher Schulhalter um Erneuerung dieses Befehls.
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ich sehe aber noch nicht aufgehen; ich glaube aber, es käumet schon, und einmal werden wirs sehen, was mein Vater aus meinem Acker wird vor Früchte einsammeln können. Ich finde zwar von Eltern und Kindern ziemlich Widerstand; allein, weil sie doch im Aeußerlichen, was anlanget Lesen, Schreiben und Rechnen, ziemlich zunehmen, so locke ich dadurch die Kinder und Eltern an mich; und wollen sich die Eltern gefallen lassen, daß die Kinder etwas lernen, so müssen sie sich auch gefallen lassen, daß sie Gottes Wort hören". Ein Jahr später (1738): "In meiner Schule hat sich noch kein Kind bekehret, ach daß Gott erbarme!" Von eigentlichen Bekehrungen seiner Schüler weiß er auch späterhin nichts zu melden; nach 1752 kann er kaum Blüthen merken, geschweige reife Früchte. Man wird daraus eher zu seinen Gunsten einen Schluß machen, daß er nämlich nicht in einer nervösen, treiberischen Art auf Bekehrung gedrungen, sondern ein allmähliches Wachsthum der religiösen Erkenntniß angestrebt habe. Sein Hauptabsehen ging darauf, deutlich, verständlich, "einfältig" zu lehren. Als er einst dem Grafen Henrich Ernst nichts Sonderliches zu berichten wußte, stellte er eine Katechisation mit sich und dem lieben Gott an und überschickte sie dem Grafen in einfältigem Herzen: "ich bin aber gewiß, daß es zu einfältig nicht ist, denn ich lerne noch alle Tage daran, wie ich den Rath Gottes von meiner Seligkeit einfältiger fassen möchte".

Je weniger wir Spuren von ungesundem Wesen in der Thätigkeit dieser Lehrer gefunden haben, um so betrübender ist es uns, daß Superintendent Zander noch 1750 scheel sah zu dieser Reorganisation des Schulwesens. Er beklagt sich, daß die neuen Schulmeister ohne Billigung und Prüfung durch den Prediger, geschweige Superintendenten, angestellt seien (6. Juni 1750 an Herzog Christian Ludwig). Seine Einsprache hatte jedoch keine Folgen.

Augusta war ferner bedacht durch Vertheilung guter christlicher Bücher für die Volksbildung zu sorgen. Wir erinnern uns ihrer Bestrebung für die Bibelverbreitung im Anfange ihres Dargunschen Aufenthalts. Die Summen, welche für Bücher ausgegeben wurden, waren ganz bedeutende, z. B. im Jahre 1735: 100 Thlr. Leider läßt sich nicht mit Sicherheit erkennen, zu welchem Zweck die jedesmalige Anschaffung erfolgte. Ihrer eigenen Bibliothek, die zum größeren Theil von Gustav Adolph vererbt gewesen sein wird, scheint sie nur Einzelnes einverleibt zu haben, wie

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eine französische Bibel in zwei Folianten aus der Krackevitzschen Auction (24 Thlr.), ein griechisches Neues Testament, einen Eusebius, Hübners Zeitungslexicon u. a. Das Meiste wurde ausgetheilt: "so Ihro hochf. Durchl. verschenket haben", in erster Linie Hallische Bibeln, Neues Testament, Spruchkästlein. Gleich im Jahre 1733 kommen 30 Bibeln nach Levin und Gr.=Methling. Dazu mehrfach Sendungen von Tunderschen Gesangbüchern, aber nur in den ersten Jahren (bis 1735); Tractätchen von Lau in Wernigerode, Arnds Wahres Christenthum und Postillen von Heinrich Schubert 1 ). Noch 1750 werden 50 Hallische Bibeln angekauft, und 1752 auf 50 Exemplare von Großgebauers Schriften pränumerirt.

Mit besonderer Sorgfalt nahm sich die Fürstin der Kranken an. Auch hierzu ging der Anstoß von Halle aus, von wo nicht nur einzelne Medicamente, sondern ganze Haus=, Reise= und Feldapotheken vertrieben wurden. Augusta richtete eine Cabinetsapotheke ein, welche ihre Medicamente 2 ) aus Halle bezog. Von 1733 bis 38 sind für Hallische Medicinen c. 350 Thlr. ausgegeben worden. Auch die Pastoren hatten Medicamente zum Austheilen. Es ist offenbar, daß aus diesem frommen Mediciniren jene Gerüchte vom Bekehrungspulver entstanden sind. Auch eine Hallische Wartefrau verschrieb die Fürstin zu einer Zeit, als sie selbst noch gesund und keiner besonderen Pflege bedürftig war. Es scheint, daß sie eine Art von Gemeindediaconie eingerichtet hat 3 ). Das Interesse für das leibliche Wohl erhellt auch aus folgender Stelle eines Briefes von Moltzahn (10. Mai 1742): "Dem leiblichen Rath wollen wir auch gerne folgen, welches beiderlei Geschlecht hier und zu Camin per mandatum angekündiget; sie verstehen sich alle dazu und wollen sich auch in diesen Stücken gerne bessern; ich thue es auch und befinde mich Gottlob besser". Was für eine sanitäts=


1) Zeugniß von der Gnade und Wahrheit in Christo (Epistelpredigten), Halle 1741.
2) Das Hauptmittel war die von dem Arzt Richter erfundene concentrirte Essentia dulcis gegen Epilepsie, Contractur, Podagra, Stein, Zahnschmerz, Scorbut u. s. w. u. s. w., von welcher das Loth nicht Weniger als 8 Thlr. kostete. A. H. Francke, Segensvolle Fußstapfen. 1709, I. Fortsetzung, S. 57 ff.; II, 15; III, 20 ff.; IV, 18 ff.; V, 51 ff., VI. 117 ff. Gründliche Beantwortung der unglimpflichen Censur, 1709, S. 13, 83, 92, 194 ff.
3) Es war im Jahre 1746. Die "Wahrtsfrau" erhielt für Pflege täglich 4 Schill. Allerdings hat die Fürstin im Jahre 1743 einige Wochen Bett und Kammer hüten müssen wegen zweimaligen starken Schwindels, der sie sehr angegriffen und abgemattet hatte; der Arzt schrieb es überflüssigem Geblüt zu. (Moltzahn an Wallbaum.)
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polizeiliche Vorschrift gemeint ist, war nicht festzustellen 1 ). - Uebrigens hören die Halleschen Medicamente Ende der vierziger Jahre auf.

Man erinnert sich in Dargun noch der Speisungen der Armen, welche Augusta im dortigen Schloß veranstaltete. Zu Weihnachten wurden von der Hoscasse 240 Thlr. ins Cabinet geliefert zu Weihnachtsgeschenken. Ausdrücklich wird erwähnt, daß auch an arme Kinder Weihnachtsgeschenke ausgetheilt wurden. Der Hofjude Seeligmann wie der Schutzjude Benedix erhielten öfter kleine Geldgeschenke bei Anlaß des Laubhüttenfestes, Krankheit u. s. w. Für herumziehende Arme wurden dem Almosenpfleger Organisten Dittmer quartaliter 10 Thlr. ausgezahlt. Die Zahl der hülfsbedürftigen gottseligen Pilger, welche in Dargun Station machten, ist Legion. Mehrmals erschien der griechische Abt Polyides vom Berge Achos und collectirte zur Wiederloskaufung gefangener Christensclaven (50 Thlr., 37 Thlr) 2 ). Ein lutherischer Prediger aus Virginien erhält 30 Thlr. zur Anlegung einer lutherischen Kirche. Ein junger Studiosus bei dem Bekehrungswerk der Juden erhält zu diesem Werk 20 Thlr. im Jahre 1736. Ebenso 1746 die Halleschen Judenmissionare Schultz und Bendewitz. Dazu das ganze Heer salzburgischer Emigranten, ungarischer und böhmischer Refugiés, "Wittwen und sich für bekehrt ausgebende Juden", deutsche und dänische Studenten (zu Büchern), Abgebrannte, "peregrirender Baron aus dem Durlachischen", ein Canonicus de Costae, "eine gewisse adlige Frau v. Buttlern aus Bartau", "ein sogen. türkischer Prinz" (20 Thlr). Nicht jeder Schwindler wurde entlarvt wie der Jesuitenzögling v. Schenck aus Mainz (Moltzahn an Wallbaum 1743). Wenn man damit die genauen Aufzeichnungen Wallbaums über die Gäste am Sal=


1) Vielleicht die auch in der Reformationszeit von Wittenberg aus empfohlene secubatio?
2) Theocletos Polyides, Abt zu Polyanien in Macedonien und Archiecclesiarcha in Sancto Monte, genoß auch der Gunst des Herzogs Adolph Friedrich zu Meklenburg=Strelitz und ließ im Jahre 1736 in Neubrandenburg die deutsche Uebersetzung seiner "Heiligen Posaune des Glaubens der Apostolischen, Allgemeinen, heiligen und rechtgläubigen griechischen Orientalischen Kirchen Christi u s. w." erscheinen, welche den europäischen Christen von der Kirche seiner Heimath zuverlässige Kunde geben sollte. In diesem Werk findet sich auch das Bild des Abtes (Llust Vibl.). Auch nach Schwerin pflegte er zu kommen zu Herzog Christian Ludwig, dem er sein im Jahre 138 erschienenes Werk: "Die Administration des heiligen und göttlichen Abendmahls derer Griechen, wie solche von dem sel. Vater Joh. Chrysostomo ist geordnet u. s. w." widmete.
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felder Hofe vergleicht, ahnt man den Umfang der gottseligen Bettelei jener Tage. Andere, wie der lahme gläubige Schuster Bohn zu Anklam, erhalten regelmäßige Unterstützungen.

Wie die Judenmission 1 ) unterstützte Augusta auch die indische Mission. So 1735: "Zum Behuf des Missionswerkes in Mabaren, sonderlich für den malabarischen Priester Aaron 30 Thlr.", und 1736: "zu dem malabarischen Bekehrungswerk, zur Erziehung zweier Schulknaben nach Halle übermachen müssen - 20 Thlr.". Die von Halle ausgehenden Missionare pflegten, wie aus ihren Tagebüchern hervorgeht, über Wernigerode und zuweilen über Dargun zu reisen, eine Station der "geistlichen Karawanenstraße" 2 ).

Vor allem aber waren es die elendesten unter den Menschen, die todeswürdigen Verbrecher, welchen sich die Bruderliebe der Pietisten zuwandte. An ihnen beobachtete man den Bekehrungsprozeß in seiner vollen Schärfe. So nahe wie hier lag nicht so oft verzweiflungsvolle Reue und seligste Glaubensgewißheit zusammen. Berichte über die Hinrichtung solcher Neubekehrten bilden einen wesentlichen Theil der erbaulichen Litteratur jener Tage 3 ). Mit einer uns unangenehm berührenden Offenheit und Ausführlichkeit wird da zuerst die ganze Scheußlichkeit einer gottverlassenen Existenz und dann die Bekehrung geschildert. Die Freude an dem wiedergefundenen Schäflein läßt oft die nöthige Nüchternheit vermissen. Allein immerhin spricht sich ein demüthiger, liebevoller Sinn aus in dem Bemühen um diese armen Sünder. Auch in Dargun kam die Bekehrung eines Missethäters vor, des Raubmörders Ritter, dessen erbauliches Ende in einem Tractat beschrieben wurde. (Bekehrung und herrliches Ende Chr. Fr. Ritters u. s. w., Magdeburg 1739. - Neuerdings wieder aufgelegt.) Seine Bekehrung ist eine Art Paradigma des Bußkampfes.

Den Cultus betreffend, haben wir schon oben von den Veränderungen berichtet, welche in Dargun beliebt wurden,


1) Zu Weihnachten 1753 heißt es in den Rechnungen: "Vor den hiesigen gläubigen Juden" 8 Thlr.
2) Förstemann, Graf Christian Ernst zu Stolberg=Wernigerode, Hannover 1868 (als Manuscript gedruckt), S. 137.
3) Vergl. besonders J. J. Moser, Selige letzte Stunden 31 Personen, so unter des Scharfrichters Hand gestorben, Stuttgart, Frankfurt und Leipzig 1753; Woltersdorf, Der Schächer am Kreuz, 2 Bde., 1753; C. F. S., Merkwürdiges Leben und seliges Ende einer jungen Dienstmagd A. Paulsen, welche wegen begangenen Kindsmords auf Femern den 30. December 1774 enthauptet wurde, Lübeck und Flensburg.
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von der Gleichgültigkeit gegen die dem Volk vertrauten Formen und Formeln, von der Bemühung durch ihre Veränderung theils eigenen Scrupeln, theils der größeren Erbaulichkeit Rechnung zu tragen, theils leerer Veräußerlichung entgegenzuwirken. Die freien Betstunden verdrängten allmählich die traditionellen kirchlichen Nebengottesdienste wie die Katechismusexamina. Hörten dann die Betstunden, die ja rein an die geeigneten Persönlichkeiten geknüpft waren, früher oder später auf: so stand der Hauptgottesdienst des Sonntags einsam und verwaist da. Mit der Privatbeichte fiel der officielle gleichmäßige Verkehr des Pfarrers mit jedem Gemeindeglied; die Besucher der Vorbereitungsstunden ließen sich nicht controliren; der Pastor aber stand denjenigen, die nicht sonst mit ihm verkehrten, um so viel ferner. Die Geistlichen mit ihren Anhängern, insonderheit die Pfarrfrauen, verneigten sich nicht beim Namen Jesu, standen nicht auf während der Consecration der Elemente, - mit diesem Zeichen der Ehrfurcht fiel bei Vielen die Ehrfurcht selbst dahin; beim Abendmahl aber kamen sich die Nicht=Communicirenden noch überflüssiger vor als vorhin, und die Neigung, nach der Predigt die Kirche zu verlassen, erhielt einen neuen Impuls. Die Furcht vor Veräußerlichung und geistlosem Formelwesen gab Veranlassung, das Vaterunser mit allerlei eigenen Zuthaten zu verbrämen und zu verschnörkeln, den Inhalt des Kirchengebets in freien Wendungen vorzutragen, den Glauben nicht mitzusingen, die Taufformel umzubiegen, die Verlesung der Passionsgeschichte durch Predigten über einzelne Sprüche daraus zu ersetzen, überhaupt zu vergessen, daß für das langsame und schwerfällige ungebildete Volk Form und Inhalt nicht zu trennen sind. Es scheint, der Rationalismus fand auf diesem Gebiet wenig mehr zu thun. Wie er den Spuren des Pietismus folgte, zeigt ein in der Casualbibliothek Mantzel's aufbehaltenes Vaterunser des Candidaten Brinckmann, in welchem die Fürbitte für das herzogliche Haus bei der zweiten Bitte untergebracht ist! (1792. III. Bd., S. 57 ff.) Ganz verwerflich war ferner die Einführung fremder Gesangbücher, wie des Tunderschen und des Petersenschen, wenn sie auch nur in den Erbauungsstunden gebraucht wurden. Nach Stieber freilich sind sie auch ohne der hohen Obrigkeit Vorbewußt den Gemeinden aufgedrungen worden.

Leider besitzen wir keine Nachricht, wieweit man diese Veränderungen consequent durchgeführt hat. Der Eine wird dies, der Andere jenes, heute das Eine, morgen das Andere

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verändert haben. Aber eben die Willkürlichkeit war das Ueble: seit jener Zeit sind die Gemeinden neugierig, wie es wohl der neue Pastor macht! Wie ein Gesinnungsverwandter der Darguner, der Superintendent Hauber 1 ) zu Stadthagen, es zu machen pflegte, hat Wallbaum in seinem Tagebuch verzeichnet. In Dargun wird es ähnlich zugegangen sein: "Vor dem Altar wurde an der Statt der Epistel ein Capitel aus dem Neuen Testament von dem Leben Christi und das Evangelium wie gewöhnlich verlesen, anstatt des gebräuchlichen Glaubens einige Verse aus einem ändern arbitrairen Liede gesungen. Der Auftritt bei der Predigt geschah mit einem Gebet, darauf er das Vaterunser nicht eben nach allen gebräuchlichen Ausdrücken, sondern auch mit Zusätzen und nach seinem Herzen wie allemal betete. Ueber das Evangelium predigte er nicht, sondern über Psalm 136. Bei Administration des Abendmahls bediente man sich auch einiger Freiheit, that e. g. vor demselben das Seufzerchen: Hier komme ich, mein Hirte u. s. w. Auf der Kanzel wurden dennoch die Materien des gewöhnlichen Kirchengebetes und Fürbitten in ein Herzensgebet gefaßt". - Solchem Verfahren gegenüber wollte es nicht viel sagen, wenn man in Dargun den Amtspförtner beorderte, daß er auf gehörige Ordnung bei den Kindern hinter der Kanzel sehe, während vor und nach der Zeit Augustas hier mancherlei Ausschreitungen vorkamen 2 ), wie damals allgemein im Lande.

Es lag in der besonderen Schätzung der Privaterbauung und gewisser Lieblingsmeinungen, "weniger nöthiger Glaubensartikel", eine versteckte Geringschätzung des öffentlichen Gottesdienstes und der öffentlichen Lehre, welche nicht ohne Einfluß auf den "großen Haufen" bleiben konnte. Die Orthodoxen merkten es wohl, daß man hier ohne directe Polemik die Hauptmasse des Systems bei Seite schob und "immer nur moralisirte", daß man der religiösen Aufklärung entgegen trieb, deren Wesen die Loslösung des frommen Subjects von der Kirche ist. Bisher hatten sich diese Tendenzen einer Emancipation der Frömmigkeit von der Kirche nicht recht hervor gewagt; wo sie sich zeigten, war es dem Consistorium


1) Vergl. über ihn: Nachrichten von dem Charakter und der Amtsführung rechtschaffener Prediger und Seelsorger, Halle 1777, 6. Band, S. 134 ff. Er gehört gleich Giese und Seydlitz zu den später nach Dänemark berufenen pietistischen Geistlichen.
2) Mittheilung des Herrn Landdrosten v. Pressentin. Unglaubliche Dinge erzählt in dieser Beziehung Franck in seinen Nachrichten von der Schule zu Sternberg in Meklenburg=Schwerin.
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gelungen, sie zu unterdrücken, Die Darguner hatten das Glück, durch den Einfluß der Fürstin und die Machtlosigkeit der Behörden sich in ihrer Stellung zu behaupten und in den Gemeinden Fuß zu fassen. Gar leicht lernten nun diese, sich der neuen Freiheit bedienen, ohne der neuen Gebundenheit sich zu unterziehen.

Die Zurückstellung der Dogmen und die willkürliche Behandlung des Gottesdienstes war um die Mitte des 18. Jahrhunderts überhaupt nicht mehr geeignet die Gemeinden zu erschrecken. Trotz des Streites mit den Orthodoxen, die vielleicht durch ihre Anhänglichkeit an Carl Leopold und durch demagogische Versuche in seinem Interesse die Sympathien nicht nur des Adels, sondern auch des Bürgerthums verloren hatten, fanden die Darguner später mehr Sympathien. Man interessirte sich nicht für jenen spitzfindigen Schulstreit, man glaubte nicht, daß diese eifrigen, beredten frommen Männer seelengefährlichen Irrthum brächten. Als Zachariae zum Superintendenten von Parchim ernannt war, begrüßte ihn der dortige Bürgermeister und Rath auf das Herzlichste: "Der gute Ruf von Ew. Hochwürden ungefärbter Gottesfurcht, besonderen Leutseligkeit und erbaulichem Vortrag im Lehren verspricht uns die Erfüllung unseres Wunsches. Unsere Herzen sind dannenhero Ihnen zu aller Hochachtung, Liebe und Freundschaft gewidmet, und tragen wir ein wahres Verlangen nach Dero - Gott gebe glücklichen - Ankunft allhier" 1 ).

Ueber den Einfluß des Darguner Pietismus auf das kirchliche Leben des meklenburgischen Volkes im Allgemeinen wird sich nicht füglich urtheilen lassen, ehe wir eine quellenmäßige Darstellung der Regierungs= und Kirchenpolitik des Herzogs Friedrich, der damaligen Geistlichkeit wie der Universität Bützow besitzen. Hier ist nur auf Eins aufmerksam zu machen: wenn auch der Darguner Pietismus nach seiner methodistischen Praxis an sich als eine besonders bedenkliche Spielart des Pietismus erscheint, so ist er doch durch den Widerstand, welchen er fand, an die von Gott gesetzten Schranken frühzeitig erinnert und durch die Undurchführbarkeit seiner Forderungen bald erheblich herabgestimmt worden. Andrerseits befähigte ihn nicht nur die unzweifelhafte Lauterkeit seiner hauptsächlichsten Vertreter, sondern ebenso sehr sein geringes Interesse für andere, dem deutschen Wesen besonders unsympathische pietistische Forderungen (Adiaphora) wirklich


1) Parchimsche Superintendentur=Acten.
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zu werden, was er sein wollte: eine Anregung zur Verinnerlichung der Frömmigkeit überhaupt. Das meint Aepinus (vgl. III, S. 247), wenn er von Herzog Friedrich sagt: "Seine Denkart in der Religion glich mehr der Denkart eines rechtschaffenen Spener's, als derer, welche dem Aug. Herm. Frank aus Halle folgen wollten". -

 


 

XI.

Ausbreitung des Pietismus in Meklenburg bis 1756.

Mit dem Todesjahr der Prinzessin beginnt für den Pietismus die Periode seiner Herrschaft in Meklenburg: in demselben Jahr kam ihr Schüler Herzog Friedrich zur Regierung. Allein schon vorher hatte sich der Pietismus von Dargun aus hierhin und dorthin verbreitet. Wir schließen mit einer Uebersicht über die uns bekannt gewordenen Spuren seiner Verbreitung in Meklenburg bis 1756, indem wir auch die angrenzenden pommerschen Districte mit berücksichtigen.

In Dargun selbst und den nahen, mit pietistischen Geistlichen versehenen Ortschaften Levin und Methling, später Brudersdorf, hat die Zahl der erklärten Anhänger kaum 200 Seelen überschritten. In Brudersdorf trat nach 1766 und 67 eine Erweckungsperiode ein durch den Dienst des Pastors Merian. Dagegen ist in dieser ganzen Gegend der tiefgreifende Einfluß der Pietisten bis heute wirksam in dem kirchlichen Sinne und in den Resten privater religiöser Uebungen, welche man hier antrifft oder noch bis vor Kurzem antraf. - Daneben war "der Besuch theils ungebrochener, theils gnadenhungriger Seelen zu Dargun und Camin sonderlich eine schöne Gelegenheit zu guten Fischzügen". Auf diesem Wege kamen nicht nur einzelne Seelen zum Frieden, es entstanden auch neue kleine Gemeinschaften, wie zu Anklam durch den Schuster Bohn. Anderwärts, wie in Jördensdorf (1746), veranlaßten die neu angestellten

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Lehrer kleine religiöse Bewegungen. Mit Rostocker Stillen im Lande hatte Zachariae 1736 angeknüpft und 6 Erweckungen erzielt; im Jahre 1741 geht es daselbst "ganz herrlich". Jedenfalls muß im geistlichen Ministerium um die Mitte des Jahrhunderts die gegnerische Stellung zu Halle einer sympathischen gewichen sein, sonst wären in das Ministerialgesangbuch von 1745 nicht so zahlreiche Lieder pietistischer Herkunft aufgenommen worden 1 ). "Auch in dem blinden, finsteren Orte" Strelitz gab es einzelne Fromme, welche, ohne Dargun zu kennen, die methodische Bekehrung erlebt hatten und dann mit Dargun in Verbindung traten 2 ). In Malchin 3 ) bildeten der Cantor Beatus (Theologe) und seine Frau einen Sammelpunkt für einige ernste, fromme Seelen; als er darob in Untersuchung gerieth, interessirte sich die Herzogin Augusta lebhaft für ihn. Gleichwohl kam er hernach in Dömitz zeitweilig in großes Elend, wenn ihm auch die von Ditmar votirte Folter erspart blieb. 1744 erhielt er von Carl Leopold das Rectorat zu Dömitz.

In Demmin faßten die Darguner festen Fuß durch Heilersieg, welcher im Jahre 1740 als Rector und Frühprediger dahin kam. Im Sommer 1741 fand eine Erweckung statt, die sich auch auf ein benachbartes Dorf ausdehnte. In letzterem wurden 30 Seelen erweckt. Ein ganzes Häuflein Gläubiger schloß sich eng zusammen. Der Bürgermeister, ehedem schon in Halle erweckt, bekehrte sich aufs Neue. Der "Aputheker" kam gleich nach Pfingsten zum Frieden, und zwar auf der Straße nach Rostock. Auch ein Officier, der Lieutenant v. Groeben, war darunter; derselbe war "überaus redlich und fein". Im Spätherbst wird sogar von einer Kindererweckung berichtet: "Die Kinder schreiben sich einander, ermahnen sich zur Buße, wovon ich (Augusta) einige Briefe gesehen, kommen in der Kirche zusammen und beten". Wieweit pietistische Häuflein in Wolgast, Pasewalk u. a. O. ihren Ursprung auf Dargun zurückführen, ist nicht ersichtlich. Dagegen ist Anklam schon mehrfach als Filiale erwähnt. Soldaten aus dem Goetze'schen Regiment daselbst, insonderheit der Capitain v. Diepenbroik, werden genannt. Vor allem aber sind die Moltzahnschen Güter in Meklenburg und Pommern Pflanzstätten der Frömmigkeit. Durch


1) Bachmann, a. a. O., S. 203 ff.
2) Moltzahn an Wallbaum 15. October 1740. Wernigerode.
3) Die Anklage wegen Pietismus, welche dem etwas "weitläuftigen" Pastor Sigismundi daselbst widerfuhr, war durch absichtliche Verstellung desselben veranlaßt: er wollte seinen einfältigen Collegen damit zum Besten haben!
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den aus dem Ansbachischen gebürtigen Hauslehrer in Teschow, Doederlein, wurde in Tützpatz bei Treptow (welches bis 1787 zu Meklenburg gehörte) im Jahre 1741 der Anfang mit Erweckung zweier Seelen gemacht. Es war in einer bis Mitternacht sich hinziehenden Betstunde. Später finden wir ihn daselbst als Pastor (1745). Außerdem wirkte dort seit 1742 und nach 1744 der stud. Bötger, der anfangs allerlei Nebenmeinungen hegte, aber von Zachariae davon abgebracht, ein gutes Werkzeug geworden war. Die ganze ausgedehnte Begüterung der v. Moltzahn in Vorpommern wurde in die Bewegung hineingezogen. Zahlen fehlen.

In nächster Nähe von Teschow war es besonders Klein=Sprentz, das Gut des Kammerjunkers v. Drieberg, wo der Pietismus Wurzel schlug. Im Jahre 1743 hatte hier eine große Erweckung stattgefunden. Trotz der Bemühungen des Pastors Dürfeldt zu Hohen=Sprentz (der anfangs dem Pietismus geneigt gewesen war), des Superintendenten Zander und des Consistoriums scheint es nicht gelungen zu sein, die Privatgottesdienste "in einem dazu aptirten Zimmer des Sonnabends Nachmittags" zu stören. Sie mußten es geschehen lassen, daß daselbst "fremde Lieder gesungen, die Orgel gespielt und von einem studioso ihrer Secte (Jacob Becker, in Halle gebildet, nachdem er in Klein=Sprentz mit den Kindern des Gutsherrn erzogen war) Erbauungspredigten gehalten wurden, wozu ohne Unterschied Alle, die da wollten, sich einfinden konnten". Es gab kein Mittel gegen den "hier im Lande immer mehr und mehr sich unter der Hand ausbreitenden sectirerischen Pietismus". Der "von Herzen gläubige" Kammerjunker war übrigens ein hochfahrender Mann, der sich gegen seinen Küster benahm, wie es weder einem Edelmann nach einem "Kinde Gottes" ziemt (1747, 1750).

Mit außerordentlicher Aufmerksamkeit verfolgte man im Kreise der Bekehrten die Entwicklung jenes Pastors Vorast zu Bützow, der durch Berner erweckt worden war. Als Landeskind, als in Rostock erzogen und Aepinus Hausgenosse, als ein "recht artiger, anstendlicher Mann, so was gelernet, auch nach hiesiger Orthodoxen Art priesterlich gelebet, mit welchen sie sich noch was gewußt", war er eine um so werthvollere Erwerbung. Sein offener Zutritt zu der "Dargunschen und Caminschen Partei" (März 1741) erregte unbeschreiblichen Rumor in der ganzen Stadt, besonders unter den Vornehmen, die ihn sehr geschätzt hatten, verdroß dagegen gar sehr "alle bösen Prediger in Mecklenburg". Dieser Groll wuchs noch, als nicht nur einzelne Gemeindeglieder, sondern sein College

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Luger 1 ), der sonst nicht das beste Gerücht gehabt hatte, sich ihm anschloß, mit ihm betete und gewaltig predigte, so daß die Güstrower, wo sein Vater Pastor war, "bald bersten wollten". Erst nach langem Ringen war Vorast zum Frieden gekommen, dann aber war er "von Herzen glücklich und arbeitete im Segen", und kehrte sich an nichts. Er hatte, wie er sagt, "der Welt auf ewig gute Nacht gesagt, alle Bande der Menschenfurcht zerrissen und war in Gott getrost entschlossen, Hohn und Spott, Wuth und äußerste Verfolgung eher zu leiden, als in dem angefangenen Werk des Herrn nachzulassen". Und das, ohne seine dogmatische Ueberzeugung verändert zu haben; er verdammte seine Gemeinde nicht, sondern sagte bloß: fast Alle wären in der Gewalt des Teufels u. s. w. Die Veränderung, die mit ihm vorgegangen, sei nur die, daß er von jenen redlichen Knechten Gottes entzündet sei, mit gleichem Eifer zu predigen, und nun nicht bloß Gottes Wort predige, sondern auch in rechter Ordnung und reinem Leben die Kraft des Wortes verkündige. Er stand in lebhaftem Verkehr mit dem Erbprinzen Friedrich, in dessen Nachlaß sich eine Reihe von geschriebenen Predigten Vorast's befinden (1751-55).

Von den Gliedern des Schweriner Hofes waren mehrere der religiösen Richtung des Erbprinzen gefolgt, vornehmlich der Kammerjunker v. Both mit seiner Mutter und die Hofdame v. Sperling, welche letztere indeß 1746 den Hof verlassen mußte, weil sie nicht tanzen wollte. Sie fand in Dargun eine Zufluchtsstätte bei der Fürstin. Ferner ein Herr v. Restorff junior, von welchem ein ausführlicher Bericht über eine Reise vorliegt, die er 1748 nach England unternommen hat, überall die pietistischen Niederlassungen besuchend. Er erzählt interessante Details über sein Zusammentreffen mit Whitefield, Whesley u. A.

Als Gesinnungsgenossen werden in den Briefen der Darguner noch eine Reihe von Pastoren erwähnt, 1741 Pastor Zernotitzky 2 ) zu Neuenkirchen und Präpositus zu Schwan. Dieser war vom Schlag gerührt worden und in Folge dessen einige Tage sprachlos und weinend gewesen. Als er den Gebrauch der Zunge wieder hatte, sagte er, er


1) Luger, Sohn des Güstrower Gegners der Darguner und selbst Verfasser von Streitschriften.
2) Treuer Anhänger Carl Leopolds, der 1737 und 38 durch mehrwöchentliche militärische Execution und Personalarrest in Schwerin gezwungen werden mußte, an der Ordination von Geistlichen theilzunehmen, welche der Kaiserl. Commissarius präsentirt hatte (Bernitter Kirchenacten). Er stammte aus Nürnberg.
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sei in verdammlichem Zustande und seiner Seligkeit nicht gewiß, und predigte allen Besuchern Buße. "Thut der Herr nicht große Wunder, Gnade, Liebe und Barmherzigkeit an diesem Lande, welches so viele Jahre in dem Geschrei (und zwar mit Recht) gewesen, daß es unfruchtbar sei?" Weiterhin ließen jedoch die Seinen keinen Gläubigen mehr zu ihm. - 1745 bekehrte sich Pastor Birkenstädt in Federow (bei Waren) bei den Worten: Wunderbar, Rath u. s. w. Im Jahre 1747 wird zuerst Pastor Zastrow in Neukloster als Pietist erwähnt. Auch von ihm finden sich handschriftliche Predigten in Herzog Friedrichs Nachlaß. Im Jahre 1749 heißt es, das Reich Gottes schreite trotz aller Unruhen vor: der Pastor zu Lage, die Geistlichen in Kladow und Doberan bekehrten sich 1 ).

Auch unabhängig von den Dargunern finden sich Spuren pietistischen Geistes. Man wird dahin die im Jahre 1746 in Sternberg eingetretene Erweckung zählen können, obwohl man in Dargun es so ansah, daß der Träger derselben, Präpositus Franck, erst durch seinen Sohn (s. b. Jördensdorf) erweckt worden sei. Denn einmal war derselbe schon vorher offenbar dem milden kirchlichen Pietismus zugethan. Dann aber findet sich hier ein Anlaß zu einer religiösen Bewegung, der über die Thätigkeit eines aufregenden Predigers und über die Einwirkung eines auf die Frömmigkeit concentrirten Familienlebens wie bei Zachariae hinausführt. In Sternberg gaben allgemeine Calamitäten, welche die Stadt betroffen hatten, den Anstoß dazu, daß die Leute sich auf den Ernst der Zeit besannen und nach Höherem Begehr trugen. Nachdem kurz zuvor die Stadt eingeäschert war, wurden die Gemüther durch eine mörderische Epidemie (rothe Ruhr) tief erschüttert, und nun fand das Wort des treuen Seelsorgers eine bessere Statt denn je zuvor. Wir lassen den Bericht, welchen er an den Superintendenten erstattet hat, im Anhang folgen (Nr. 3).

Schon im Jahre 1741 und 1743 wird aus Güstrow über eine ähnliche Bewegung berichtet, welche von einem Informator Mallien angeregt war, der mit seinem Principal, dem Bürgermeister Schöpfer, Erbauungsstunden hielt, "worüber das dortige Ministerium bald bersten will und alle Sonntag von denen Kanzeln stürmen, das Volk zu erregen, so ihnen auch einmal gelungen; vernünftige Leute werden


1) In Lage war Pastor Carl Leopold Schultz (seit 1747); in Kladow: Chr. Friedr. Hast aus Schwerin (seit 1740); in Doberan: Franz Wilh. Seemann (seit 1745).
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des Polterns schon überdrüssig und fangen an nach der Wahrheit zu forschen" (Moltzahn). Diese Zusammenkünfte fanden noch 1747, und zwar bei Abend und Nacht statt 1 ).

In Boizenburg hatte sich um den Steuereinnehmer Neuendahl ein Häuflein ernster Christen, zumeist aus dem Handwerkerstande, gesammelt; sie lasen an den Abenden der Sonn= und Festtage zwischen 7 und 9 Uhr in Schubert's Postille, sangen Lieder aus den Stimmen aus Zion oder aus den gewöhnlichen Gesangbüchern, beteten und zogen Sprüche aus dem Spruchkästlein. Neuendahl und seine Frau ermahnten die Theilnehmer, sich zu bekehren und Gottes Wort gemäß zu leben, Tanz und Kartenspiel zu meiden. Daraus entstand allerlei Gerede. Die Burschen riefen den Mädchen auf der Straße nach: Mein Geist begehret Dein Fleisch, pust den Krüsel (Hängelampe) ut! Als gar die Prediger von der Kanzel dagegen eiferten, wurden dem Neuendahl Abends die Fenster eingeworfen, und am folgenden Tage Aehnliches bei seinem Schwiegervater versucht, zu dem sich die Geängstigten geflüchtet hatten. Ein dabei arretirter Zimmergeselle wurde vom Rath wieder freigegeben, aus Furcht vor der tobenden Volksmenge. Am folgenden Tage neue Zusammenrottungen. Haufen von 20-40 vermummten Burschen, geschwärzten Gesichts, durch künstliche Bärte und Buckel unkenntlich, durchzogen mit großen Prügeln die Stadt; als der Stadtdiener sie fragte, was sie machten, erwiderten sie: ob die Straße nicht frei wäre vor Schelmen und Diebe, auch vor ehrliche Leute, um darauf zu gehen? Man stellte Verhöre an, aber ohne daß etwas Uebles gegen die Frommen auch nur behauptet wäre. Die Regierung brauchte nicht einzugreifen, denn der abwesend gewesene Bürgermeister Mahnke erklärte, er werde Alles leicht ordnen; die Hauptschuld hätten die Prediger, aber auch Neuendahl müsse sich ruhig verhalten und keine Fremden zulassen, wenn er sich mit den Seinen erbaue (1753).

Endlich verdient noch Neustadt erwähnt zu werden, nicht sowohl wegen der Wirksamkeit des Cantors Rudolph (s. oben) selbst, als wegen der Umstände, durch welche sein Vorgänger im Rectorat ihm diesen Platz räumte. Der sehr tüchtige Rector Ziehl nämlich erlag dem populär gewordenen Pietismus, - gewiß in Meklenburg ein einzig dastehender Fall und ein bemerkenswerthes Gegenstück zu den Jördens=


1) J. H. Burgmann, Nöthige Erinnerungen, Wismar und Güstrow 1747.
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dorfer Begebenheiten. "Sein Unglück war 1 ), daß er in einer Zeit wirkte, wo ein mystischer Zeitgeist, der insonderheit vom Hofe ausging, bei den Bewohnern Neustadts Wurzel geschlagen hatte. Ein frommer Regent, der damals das Scepter über Meklenburg führte, suchte denselben in der Absicht zu begünstigen, um dadurch sein Volk zu beglücken. Unter der Maske der Frömmigkeit suchte eine Menge von Frömmlern von diesem edlen Fürsten irdische Vortheile zu gewinnen, und wurde so von Manchem getäuscht, den die Zeit späterhin entlarvte. Eine Menge Theologen schlichen sich von Sachsen her (denn die Sachsen standen besonders in dem Ruf der Heiligkeit) in unser Vaterland und nahmen die besten geistlichen Pfründen in Besitz. Rudolph, ein Günstling und Schützling des Hofes, der aus Dargun hierher gezogen und dem vom Fürsten auf dem alten Schloß eine Wohnung angewiesen war, eröffnete in der jetzigen Gerichtsstube dieses Gebäudes eine Schule, und dies [wurde] nicht allein gelitten, sondern von den damaligen Seelenhirten, mit denen Ziehl nicht gut stand, begünstigt. In dem Verruf der Ketzerei, und dieser in dem Ruf der Heiligkeit, verlor jener einen großen Theil seiner Schulkinder, die man diesem, der sich durch den regelmäßigen Besuch der damals bei den Predigern 2 ) üblichen Betstunden Liebe und Ansehen erwarb und erhielt, anvertraute in dem Glauben, daß die Schüler seiner Schule in den Himmel kämen, dem aber die andern gesetzmäßig entgingen. Dieser Verfolgung überdrüssig und von Nahrungssorgen gequält, überließ Ziehl das Feld und sein Amt seinem Gegner und begab sich (September 1757) nach Wismar, wo er als Cantor angestellt wurde".

Eine Reihe von Angehörigen des meklenburgischen Adels haben wir in die Bewegung verflochten gesehen; besonders hervorragend bethätigten sich die Mitglieder der Familie v. Moltzahn (Hofmeister, Rittmeister und der Landrath auf Cummerow) nebst den verschwägerten Halberstadt, Meklenburg und Grabau; ferner die Familie Drieberg (ein Hauptmann, ein Kammerjunker, ein Hoffräulein; ein Lieutenant v. Drieberg wird nicht als gläubig anerkannt) nebst den verschwägerten Jasmund. Einzelne Persönlichkeiten aus den Ge=


1) Aus Ratich's (Rector in Neustadt, † 1831) "Schulnachrichten", mitgetheilt durch die Güte des Herrn Pastor Kleiminger daselbst.
2) Frese, von 1716-73, und Leppin, von 1757-82. letzterer mit Berner befreundet und vorher Frühprediger in Demmin, Heilersiegs Nachfolger, ohne Zweifel pietistisch gesonnen.
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schlechtern v. Zepelin 1 ), Both, Restorff, Sperling, v. d. Mülbe schlossen sich an. Allein der Eifer dieser frommen Edelleute konnte ihren Mangel an Einfluß nicht ersetzen. Im Ganzen und Großen blieb die Ritterschaft in einer abwehrenden Stellung dem Pietismus gegenüber. Weder den Pastoren, noch den Gemeinden, noch endlich den Kirchenpatronen verdankt er seinen späteren allgemeinen Sieg in der meklenburgischen Kirche, sondern lediglich dem Einfluß des Herzogs Friedrich des Frommen. -

Am 9. Mai 1756 2 ) ging die 81jährige Prinzessin Augusta ein zu ihres Herrn Freude. Entkräftet vom Alter und von öfteren Anfällen eines "Stickhustens" 3 ), schlummerte sie sanft ein. Bis zuletzt war sie in der Gemeinschaft des Herrn und seiner Kinder geblieben, voll mächtigen Glaubens und einer sorgenden Liebe, die sich in vielen Einzelheiten ihres Testaments ausspricht. "Sie ging mit freudigen Schritten der Ewigkeit entgegen". Wir können ihr Leben und unseren Bericht nicht schöner ausklingen lassen, als indem wir ihn schließen mit einem Urtheil aus königlichem Munde über unsere - eine wahre! - Heldin.

In der Correspondenz der Königin Sophie Magdalene von Dänemark (geb. Markgräfin von Bayreuth=Culmbach, Gemahlin König Christian VI.,) mit dem Grafen Christian Ernst v. Stolberg=Wernigerode 4 ) wird mehrfach der Prinzessin Augusta Erwähnung gethan. Auch der verstorbene König hat sehr viel Liebe für sie gehabt, und da einmal ein Gerücht kam, sie sollte gestorben sein, hat er sie herzlich beweint. Ihre Briefe bewahrt die Königin als ein Kleinod und liest sie öfters zu vieler Erbauung. Nach ihrem Tode aber schreibt sie an den Grafen:


1) Andreas Friedrich, vgl. Fromm, Geschichte der Familie v. Zepelin, 1876, S. 226-37.
2) Der 9. Mai ist ihr Todestag nach dem Schorrentiner Currendenbuche, wie auch laut der Inschrift auf dem Sarge der Prinzessin im Dom zu Güstrow, nicht der 6. Mai (Raabe, Meklenb. Vaterlandskunde, II. S. 923, 1067). Ihr Alter hat genau betragen 81 Jahre 4 Monate 12 Tage. Der Sarg ist mit dem Crucifix, dem meklenb. Wappen und dem Spruch Joh. 11, 25, 26 geschmückt.
3) Sie ließ um deswillen Nachts jemand bei sich wachen: "an die Wittwe Wierum vor die Nachtwache bei Ihro hochf. Durchl. das Osterquartal gezahlet 8 Thlr." (Apanagial=Acten 1755).
4) Von 1734-69 reichend. Gräfl. Bibliothek in Wernigerode.
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Mein lieber Herr Graf!

Ich komme Ihnen hiedurch von Herzen zu condoliren über daß absterben unserer Lieben Princesse Auguste zu Meklenbourg, es ist mir dieser Todesfall recht sensible, indem ich diese Princesse alß eine mutter geliebet, und ob Sie Gott schon ein hohes alter Erreichen laßen, so deucht mir doch Ihr Tod noch viel zu früh zu seyn und daß wir eine so Gottseliche Princesse, die mit Ihrem Gebet und Exempel soviel gutes in der welt gethan, missen sollen, Sie hat überwunden, und Eine herrliche Crone Erlanget, Gott gebe uns die Gnade Ihren Glauben und rechtschaffenen wesen recht nach zu wandeln, so werden wir Sie vor gottes throne mit Freuden wieder sehen. Diese Liebe nunmehr Selige Princesse hat auch an Meiner Seele durch Ihren guten rath viel gutes geschafft, dan Sie hatte Große Erkändnüß und erfahrung in geistlichen Sachen, der Herr Erquicke Sie auch hievor vor seinem angesicht, Ihnen Mein Lieber Herr Graf wolle der höchste nach Seele und Leib Stärken und vor allen Betrübten begebenheiten Künftig bewahren und viele jahre gesund Erhalten, ich werde stets seyn

meines lieben Herrn Grafen

Hirschholm d. 26 juny beständig Affectionirte
1756. Sophie Magdalene.

 

Bilder von der Herzogin sind uns drei bekannt geworden. Ein Oelgemälde von "G. F. Herzog 1752" 1 ) ist im Besitz Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs und ist im Schweriner Schloß im sog. Kirchengang aufgehängt. Die Fürstin ist in weiß damastner Robe mit Spitzen und rothem Hermelinmantel dargestellt, einen Orden mit rothen Adlern und Löwen auf der Brust. Die weißen Haare sind von einer Haube bedeckt. Die sehr bestimmten, markigen Gesichtszüge haben einen lebhaften und freundlichen Ausdruck. Ein zweites Oelbild von demselben Maler vom Jahre 1748 (in meinem Besitz) ist steif und hart gegen das erste. Der


1) Herzog erhielt für seine Portraits das Stück 6 Thlr., und war auch 1750 in Dargun beschäftigt, in welchem Jahr er 44 Thlr. 24 Schill. und dann wieder 9 Thlr. 10 Schill. bezog.
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